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cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. Oktober 1998

20

NATO

EINE NEUE VISION FÜR EUROPA
Rede von Verteidigungsminister Cohen

KOSOVO

"ES IST HÖCHSTE ZEIT FÜR DEN KOSOVO!'
von John Shattuck

SANKTIONEN

SANKTIONEN SOLLEN GEMEINSAME
VISION WIDERSPIEGELN
Rede von Stuart Eizenstat

USA-DEUTSCHLAND

CLINTON GRATULIERT SCHRÖDER
UND DANKT KOHL
Erklärung anläßlich der Bundestagswahl

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1998
Proklamation des Präsidenten

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�KOSOVO
7. Oktober 1998

"Es ist höchste Zeit für den Kosovo!"
von John Shattuck

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von John Shattuck, dem Abteilungsleiter für Demokratie,
Menschenrechte und Arbeitsfragen im US-Außenministerium, der erstmals am 1. Oktober 1998 in der Financial
Times erschienen ist.

Slobodan Milosevic kündigt jetzt bereits seit Wochen
ein Ende des Konflikts im Kosovo an. Aber das brutale
Vorgehen seiner Sicherheitskräfte wird fortgesetzt, und
es gibt immer mehr Berichte über Massaker an
Zivilisten. Anfang September reiste ich mit Senator
Bob Dole im Rahmen einer Menschenrechtsmission in
den Kosovo. Wir wurden dort nicht nur Zeugen von
Verletzungen der Menschenrechte, sondern auch
einer bevorstehenden humanitären Katastrophe. Die
Welt sollte sich nicht von der Rhetorik des
jugoslawischen Präsidenten täuschen lassen. Sie hat
mit der bitteren Realität im Kosovo wenig zu tun.
Das Regime von Milosevic scheint zur Bestrafung der
Zivilbevölkerung im Kosovo entschlossen.
Die
Zerstörung geht weit über legitime Polizeiaktionen
hinaus. Die Gewalt hat die Form einer Strafe und
keinen Zufallscharakter.
Häuser werden innen
angezündet, während die Nachbarhäuser stehen
bleiben. Die Regierungstruppen schikanieren täglich
Zivilisten und vernichten die Infrastruktur, die ihr Leben
erträglich macht. Die daraus resultierende Geißel der
Zerstörung wird bei weitem nicht durch die Behauptungen der Regierung gerechtfertigt, Terroristen festzunehmen".
Seit Beginn der Kämpfe sind Hunderttausende aus
ihren Häusern geflohen. Die große Mehrheit bleibt
weiterhin im Kosovo, wo sie Tag und Nacht unter
freiem Himmel kampiert - kurz vor Wintereinbruch,
angesichts Temperaturen um den Gefrierpunkt und mit
nur begrenztem Zugang zu Nahrungsmitteln und
Obdach. Einige Familien kehren tagsüber in ihre
Dörfer zurück, nur um Nachts wieder in die Berge zu
fliehen. Wir sahen in den Gesichtern der Kinder
Anzeichen für Unterernährung. Wenn die interna-

AMERIKA DIENST 20

tionalen Hilfsorganisationen nicht sofort Schritte
unternehmen und eingreifen, könnten Zehntausende
diesen Winter verhungern oder erfrieren.
Die lauernde humanitäre Katastrophe, die jetzt den
Kosovo bedroht, ist nur ein Symptom für die politische
und militärische Krise, die die Region erneut destabilisieren und den bosnischen Friedensprozeß unterminieren könnte. Herr Milosevic hat diese Krise größeren Ausmaßes herbeigeführt. Er muß die zu ihrer
Beilegung erforderlichen Schritte unternehmen. Trotz
seiner Behauptungen, er befürworte die Rückkehr der
Vertriebenen in ihre Häuser, haben seine Sicherheitskräfte unter der Zivilbevölkerung ein Klima großer und
alles durchdringender Angst geschaffen.
Herr Milosevic muß die brutalen Angriffe seiner
Regierung auf Städte und Dörfer einstellen und die
Sicherheitskräfte abziehen. In der Zwischenzeit sollten
die politischen Vertreter der Albaner und die KosovoBefreiungsarmee alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen, um das Sterben der Zivilisten und ihre
Unterdrückung zu beenden und der internationalen
Gemeinschaft Informationen über vermißte Serben
zukommen zu lassen. Albaner und Serben werden
gleichermaßen von unabhängigen forensischen
Untersuchungen profitieren, da keine Seite der
anderen Glauben schenkt. Wir dürfen nicht zulassen,
daß das Leid der Trauernden noch durch Propaganda
verstärkt wird.
Die Vereinigten Staaten verstärken den Druck auf
Milosevic. Vergangene Woche bewirkte die amerikanische Führungsrolle bei den Vereinten Nationen eine
entschiedene Resolution des UN-Sicherheitsrats, die
einen Waffenstillstand, den Abzug der Sicherheits-

Seite 1

�kräfte sowie direkten, ungehinderten Zugang des
Roten Kreuzes und anderer humanitärer Organisationen verlangt. Gleichzeitig schließt die NATO ihre
Vorbereitungen für Militäraktionen ab, falls sich diese
als notwendig erweisen sollten.
Im Kosovo reagieren die Vereinigten Staaten direkt auf
die Bedürfnisse der Vertriebenen, unter anderem mit
Hilfe in Höhe von über 40 Millionen Dollar für drängende humanitäre Erfordernisse. Der amerikanische
Botschafter Christopher Hill leitet die internationalen
Bestrebungen zur Herbeiführung einer Lösung, dank
der die Menschen im Kosovo innerhalb von Jugoslawien eine autonome Regierung erhalten.
Es gibt andere Initiativen, deren sich die Vereinigten
Staaten weiterhin bedienen, um Druck auf Herrn
Milosevic für eine gerechte und friedliche Beilegung
des Konflikts auszuüben. Seit Ausbruch des Konflikts
im Frühjahr haben wir mit unseren internationalen
Partnern zusammengearbeitet, um die Sanktionen
gegen Serbien zu verschärfen und insbesondere den
internationalen Aufkauf von Serbiens veralteter
Infrastruktur zu stoppen - Aufkäufe, die Milosevic das
erforderliche Geld zur Finanzierung dieses und eines
zweiten Kosovo verschaffen würden.
Die Vereinigten Staaten verstärken auch den Aspekt
der Gerechtigkeit. In Den Haag hat der Internationale
Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien
Gerichtsbarkeit über den Kosovo, und die Vereinigten
Staaten haben ihre finanzielle Unterstützung für die
Ermittlungen bei der Verfolgung der Verbrechen dort
erhöht. Die Vereinigten Staaten unterstützen ferner
die Bemühungen des Sicherheitsrats, Milosevics
unzulängliche Zusammenarbeit zu verbessern.

*

Seite 2

Die Vereinigten Staaten verstärken ihre Unterstützung
für die demokratisch gewählte Regierung von Montenegro, und arbeiten darauf hin sicherzustellen, daß
Montenegro seine Grenze zum Kosovo wieder öffnet.
Die Bereitschaft der montenegrinischen Regierung,
den Flüchtlingen zu helfen und mit den internationalen
humanitären Hilfsorganisationen sowie dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien
zusammenzuarbeiten, beweist, daß es eine demokratische Lösung für diejenigen gibt, die dazu bereit sind.
Was bis heute im Kosovo geschehen ist, erreicht noch
nicht die Größenordnung von Bosnien. Aber die
jüngsten Berichte über Massaker an Zivilisten zeigen,
daß das Potential für eine ähnliche Katastrophe - ein
Srebenica oder Omarska - real ist und die internationale Gemeinschaft zu weiteren Aktionen veranlassen sollte. Wo immer wir hingingen, sahen wir
zerbombte, zerstörte und manchmal noch brennende
Städte, in denen nur noch Rudel wilder Hunde, schwer
bewaffnete Polizei und Armeeeinheiten zu finden
waren. Wir erfuhren, daß die serbischen Behörden
begonnen hatten, Zivilisten zusammenzutreiben und
Männer und Jungen von Frauen und Kindern zu
trennen.
Was Senator Dole und ich gesehen haben, unterstreicht, was im Kosovokonflikt für die Menschen unter
Milosevics Herrschaft auf dem Spiel steht. Auch für die
internationale Gemeinschaft steht sehr viel auf dem
Spiel. Ebenso wie im Falle Bosniens kann letztlich nur
eine starke internationale Reaktion Milosevic dazu
veranlassen, das Richtige zu tun. Auf lange Sicht
können nur demokratische Institutionen und die
Respektierung der grundlegenden Menschenrechte
die Basis für die Staaten des ehemaligen Jugoslawien
schaffen, ihren angemessenen und friedlichen Platz in
der europäischen Staatengemeinschaft einzunehmen.

*

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�USA-DEUTSCHLAND
7. Oktober 1998

Clinton gratuliert Schröder und dankt Kohl
Erklärung anläßlich der Bundestagswahl

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 27. September 1998 von Präsident Clinton
anläßlich des Wahlergebnisses in Deutschland abgegebene Erklärung.

Heute hat das deutsche Volk erneut sein demokratisches Recht ausgeübt, seine Regierung zu wählen.

beiden Regierungen werden weiterhin engagiert an
einer umfassenden politischen Agenda arbeiten.

Ich gratuliere Gerhard Schröder zu seinem Wahlsieg.
Wir beide haben dieses Frühjahr in Berlin und diesen
Sommer in Washington konstruktive Gespräche
geführt. Ich sehe der engen Zusammenarbeit mit ihm
erwartungsvoll entgegen. Deutschland ist einer der
engsten Verbündeten der Vereinigten Staaten. Unsere

Ferner möchte ich Helmut Kohl auch im Namen aller
Amerikaner meinen Dank aussprechen. Während
seiner 16-jährigen Amtszeit hat er einen historischen
Beitrag zur Einheit seiner Nation, zur Stärkung der
euroatlantischen Gemeinschaft und zum weltweiten
Frieden geleistet.

* * * * *

AMERIKA DIENST 20

Seite 1

�SANKTIONEN
7. Oktober 1998

Sanktionen sollen gemeinsame Vision widerspiegeln
Rede von Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir in gekürzter Form die Rede, die der Staatssekretär für
wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart
Eizenstat, am 8. September 1998 vor der Task Force des Senats für Wirtschaftssanktionen gehalten hat.

Unseres Erachtens stellen Sanktionen, einschließlich
Wirtschaftssanktionen, die richtig geplant und im
Rahmen einer einheitlichen Strategie durchgesetzt
werden, ein wertvolles Instrument für die Förderung
amerikanischer Interessen und die Verteidigung
amerikanischer Werte dar.
Wenn Sanktionen angemessen und unter entsprechenden Bedingungen eingesetzt werden, können sie bedeutende
politische Ziele der Vereinigten Staaten voranbringen.
Herr Vorsitzender, ich möchte hierfür einige Beispiele
nennen: Ohne Wirtschaftssanktionen hätte sich
Serbien nicht an den Verhandlungstisch gesetzt, um
den Krieg in Bosnien zu beenden; der Irak wäre nicht
in seiner Fähigkeit eingeschränkt, Erdöl zu verkaufen
und Massenvernichtungswaffen zu beschaffen; Libyen
würde nicht wegen seiner Weigerung isoliert, die des
Attentats über Lockerbie Verdächtigen auszuliefern,
und Südafrika hätte vielleicht nicht der Apartheid ein
Ende gesetzt. Diese Sanktionen hatten einen gewissen Erfolg, weil sie Bestandteil eines integrierten
multilateralen Sanktionsregimes sind oder waren.
Auch unilaterale Sanktionen spielen eine wichtige,
aber stärker begrenzte Rolle. Unsere gegen Kuba,
Iran, Sudan, Nigeria und Burma verhängten unilateralen Sanktionen dienen unerläßlichen amerikanischen
Interessen. In den letzten Jahren hat jedoch die
Häufigkeit, in der wir auf unilaterale Wirtschaftssanktionen zurückgegriffen haben, explosionsartig
zugenommen. Einer Erhebung des Nationalverbands
der Hersteller zufolge haben die Vereinigten Staaten
seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 92 Mal unilaterale Wirtschaftssanktionen verhängt - 62, also über die
Hälfte davon, seit 1993. Dem Exportrat des Präsidenten zufolge sind derzeit gegen fünf Länder die

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eine oder andere Form von Wirtschaftssanktionen in
Kraft. Natürlich müssen wir uns fragen, ob wir auf dem
richtigen Weg sind. Die meisten der seit 1993 verhängten Sanktionen waren vom Kongreß per Gesetz
verlangte Maßnahmen, für die es keinen Ermessensspielraum gab. Im Gegensatz dazu waren nur drei der
seit 1993 verhängten 62 unilateralen Wirtschaftssanktionen von der Regierung entsprechend dem
Gesetz über wirtschaftliche Befugnisse bei internationalen Notfällen (International Emergency Economic
Powers Act - IEEPA) unter Einsatz der Amtsgewalt des
Präsidenten dem Ermessen überlassen - die Verschärfung des US-Embargos gegen den Iran 1995 und
die Verhängung eines umfassenden Embargos gegen
den Sudan in November 1997. Darüber hinaus setzte
der Präsident nach Feststellung bestimmter faktischer
Vorbedingungen im Fall Burma erneut unter dem
IEEPA seine Amtsgewalt ein, um im Mai 1997 ein
neues Investitionsverbot für Burma zu verhängen, wie
es das Gesetz verlangt.
Herr Vorsitzender, heute möchte ich zuerst zwei Fälle
ansprechen, bei denen flexible Sanktionen aufgrund
der dem Präsidenten vom Kongreß verliehenen
außerordentlichen Befugnisse Wirkung zeitigten - das
Helms-Burton-Gesetz (Libertad-Gesetz) und das
Gesetz über Sanktionen gegen den Iran und Libyen
(Libya Sanctions Act - ILSA). Jeder dieser Fälle zeigt,
wie wir die Flexibilität des Präsidenten, beispielsweise
die Aussicht auf eine Aussetzung, einsetzen konnten,
um die Ziele des Statuts effektiv umzusetzen. Anschließend möchte ich die übergeordneten Prinzipien
darlegen, die nach Ansicht der Administration die
amerikanische Sanktionsgesetzgebung leiten sollten.
Zum Abschluß werde ich einige spezifische Bemerkungen zu anhängigen Gesetzen machen und die Ideen

Seite 1

�der Administration darlegen, welche Gesetze ihre
Prinzipien zur Sanktionspolitik am besten verkörpern
würden.
Das Helms-Burton- und das ILSA-Gesetz stießen auf
heftigen Widerstand unserer Verbündeten. Wir fanden
jedoch in jedem Fall einen Weg zum Abbau der
Spannungen und zur Förderung der Ziele dieser
Gesetze.
Lassen Sie mich mit dem Helms-Burton-Gesetz
beginnen.
Wie Sie wissen, habe ich mich weltweit entschieden für
das Libertad-Gesetz verwendet. Die Aussetzung von
Titel III war der EU behilflich, im Dezember 1996 eine
gemeinsame Position zu beziehen, die jede Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und politischen
Beziehungen zu Kuba an konkrete Veränderungen der
kubanischen Menschenrechtsbilanz bindet. Ferner
stimmte sie zu, sich entschiedener für die Unterstützung der Demokratie auszusprechen. Ich freue mich
auch, daß wir dieses Gesetz und die Möglichkeit einer
Aussetzung von Titel IV nutzen konnten, um andere
Nationen zur stärkeren Unterstützung der Ziele dieses
Gesetzes zu veranlassen. Die Aussicht auf einen
Nachtrag zu Titel IV zum Erhalt einer Aussetzung
veranlaßte die EU am 18. Mai dieses Jahres, neuen
Disziplinen zuzustimmen, die Investitionen in illegal
enteignetes Eigentum weltweit, einschließlich in Kuba,
beschränken.
Die mit der EU am 18. Mai erzielte Übereinkunft
errichtet erstmals multilaterale Disziplinen unter den
wichtigsten kapitalexportierenden Ländern, Investitionen in Eigentum zu verhindern oder abzuschrecken,
das unter Verletzung des Völkerrechts enteignet
wurde.
Diese Beschränkungen werden illegale
Enteignungen entmutigen und Investoren warnen, "ihre
Hände von solchem Eigentum zu lassen". Die Übereinkunft wird auch jedem Land, das wiederholt illegale
Enteignungen vornimmt - wie Kuba - eine klare und
unmißverständliche Botschaft senden, daß es keine
normalen Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Staaten
mehr unterhalten kann.
Diese Botschaft ist in Havanna zweifelsohne angekommen. Castro versteht ihre Bedeutung und die
ernsthafte Bedrohung, die sie für sein Regime darstellt.
Er verurteilte die Übereinkunft als "eine Internationalisierung der Prinzipien des abscheulichen HelmsBurton-Gesetzes" und kritisierte sie als "Pakt ...
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union mit dem Ziel einer Stärkung der
Blockade gegen Kuba". Dies zeigt das Ausmaß
dessen, was wir durch die Zusammenarbeit mit Europa
gegen Castro erreicht haben. Castro weiß nur zu gut,
daß diese Übereinkunft eine effektive multilaterale
Unterstützung einiger der Kernprinzipien darstellt, auf

Seite 2

denen das Helms-Burton-Gesetz basiert und die große
Auswirkungen auf Investitionen in Kuba haben werden.
Über ihre Auswirkungen auf Kuba hinaus werden die
strengen Maßnahmen jedoch gegen alle Länder
angewandt, die - wie Kuba - eine lange Bilanz von
wiederholten Enteignungen unter Umgehung des
Völkerrechts aufweisen. Alle Anfragen nach diplomatischer Unterstützung durch die Regierung und Fürsprache oder Förderung durch die Wirtschaft wie
Risikoversicherung, Darlehen oder Subventionen,
werden überprüft um sicherzustellen, daß die Transaktion kein illegal enteignetes Eigentum beinhaltet.
Falls enteignetes Eigentum im Spiel ist, werden
Unterstützung und Hilfe verweigert, und dieses
Eigentum wird einer öffentlichen Liste von Liegenschaften hinzugefügt, bei denen Investitionen aktiv
entmutigt werden. Es wird erst Unterstützung oder
Hilfe gewährt, falls und nachdem diese Prüfung
vorgenommen wurde.
Ferner möchte ich darauf hinweisen, daß die Europäische Union unter besonderer Erwähnung Kubas jetzt
erstmals schriftlich eingeräumt hat, daß eines der vom
Castro-Regime eingesetzten Hauptinstrumente zur
Massenenteignung von Eigentum amerikanischer
Staatsbürger "im Widerspruch zum Völkerrecht zu
stehen scheinf.
Dieses Eingeständnis ist eine
außerordentliche Leistung, denn es stellt die erste
kollektive Bestätigung der Europäer seit der kubanischen Revolution dar, daß Kuba sich an der illegalen
Verstaatlichung amerikanischen Eigentums beteiligt
hat.
Herr Vorsitzender, dieses Ergebnis wäre nicht erzielt
worden, wenn wir nicht die Möglichkeit einer Aussetzung von Titel IV gehabt hätten. Unseres Erachtens
verdient unser Erfolg bei der Erlangung dieser Fortschritte mit den Europäern bei Eigentumsdisziplinen
ernsthafte Überlegungen von Seiten des Kongresses,
eine gezielte Aussetzung von Titel IV vorzunehmen.
Castro wäre natürlich begeistert, wenn die Übereinkunft nie umgesetzt würde. Wir müssen zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß das nicht passiert.
Wenn Titel IV nicht geändert wird, um diese gezielte
Aussetzung vorzunehmen, werden diese wichtigen
neuen Beschränkungen von Investitionen in Kuba nie
durchgesetzt.
Bei der Ausarbeitung des ILSA-Gesetzes verlieh der
Kongreß seiner großen Besorgnis über das iranische
Programm zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme sowie über die
Unterstützung terroristischer Aktivitäten durch den Iran
Ausdruck. Der Kongreß bat die Administration um die
Entwicklung eines multilateralen Konsenses für die
Bewältigung dieser Probleme. Der Kongreß war
weitblickend genug, gleichermaßen Bestimmungen
über die Verhängung und die Aussetzung von Sanktionen in ILSA aufzunehmen. Diese Bestimmungen

AMERIKA DIENST 20

�zielten auf zunehmende multilaterale Zusammenarbeit
ab, und die dem ILSA innewohnende Flexibilität
gestattete uns, diese Zusammenarbeit zu erreichen.
Seit ILSA Gesetzeskraft verliehen wurde und im
Rahmen der Verhandlungen, die mit dem jüngsten
Gipfel zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union ihren Höhepunkt fanden, setzten
wir diese Instrumente mit großem Erfolg ein. Wir
erzielten bedeutende, verbesserte Zusammenarbeit
bei unseren im Zusammenhang mit dem Iran stehenden Belangen mit der EU, mit der wir ohnehin bereits
auf hoher Ebene zusammengearbeitet haben. Die EU
verschärfte ihr Kontrollsystem für Mehrzwecktechnologie im Hinblick auf den Iran, und Rußland richtete
erstmals einen Gesetzesrahmen und detaillierte
Bestimmungen für ein umfassendes Exportkontrollsystem ein. Die Umsetzung hat bereits begonnen,
aber wir sind uns bewußt, daß eine dauerhafte und
konsequente Durchsetzung für die Russen wesentlich
ist. Wir werden den Implementierungsprozeß weiterhin genau verfolgen.
Unsere Sorge über den Iran besteht nach wie vor. Der
Iran entwickelt weiterhin Massenvernichtungswaffen
und ihre Trägersysteme, wie die jüngsten iranischen
Raketentests unter Beweis stellen. Der Iran fördert
auch weiterhin terroristische Vereinigungen. Wir
werden Investitionen von Europäern und anderen
ausländischen Unternehmen im Iran nicht unterstützen, solange der Iran diese Aktivitäten fortsetzt.
Wir werden unseren Unternehmen auch in Zukunft
solche Investitionen untersagen.
Bis der Iran sein Verhalten ändert, ist es besonders
wichtig, auf der "Nachschubseite" eines Problems wie
der Herstellung von Massenvernichtungswaffen tätig
zu werden, daß heißt, dem Iran Zugang zu sicherheitsempfindlichen Materialien und Technologie zu verweigern, indem wir eng mit den Ländern zusammenarbeiten, die potentielle Quellen für diese Gegenstände
sind. ILSA trägt dem durch seine Betonung multilateraler Zusammenarbeit Rechnung. Wir haben die im
ILSA-Gesetz enthaltenen Forderungen im Hinblick auf
die EU, Rußland und Malaysia erfüllt, deren Unternehmen sich an den South Pars-Investitionen im Iran
beteiligten.
Die jüngste Entscheidung der Außenministerin im Fall
South Pars reflektiert die Einschätzung, daß die
Aussetzung im nationalen Interesse, die der Kongreß
in Abschnitt 9c des Gesetzes aufnahm, bei weitem der
wirksamste Weg ist, den amerikanischen Interessen im
allgemeinen zu dienen, die grundlegenden Ziele des
ILSA zu fördern, die Fähigkeit des Iran zum Erwerb
von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme sowie seine Fähigkeit zur Unterstützung von
Terrorismus einzuschränken.

AMERIKA DIENST 20

Die Administration bemühte sich auf höchster Ebene
erfolglos, Frankreich, Rußland und Malaysia zu
bewegen, ihre Unternehmen von Investitionen in das
South Pars-Ölfeld abzuhalten. Wir untersuchten
eingehend die im ILSA enthaltenen sechs Sanktionen
und kamen zu dem Schluß, daß Sanktionen den South
Pars-Deal nicht erfolgreich stoppen könnten.
Die Befugnis der Außenministerin zur Vornahme einer
Aussetzung, die ihr klugerweise vom Kongreß verliehen wurde, hat zur Konsolidierung der von uns mit der
EU und Rußland erzielten Ergebnisse bei der Stärkung
der internationalen Zusammenarbeit beigetragen,
gegen das gefährliche und abzulehnende Verhalten
des Iran vorzugehen und hat die Grundlagen für
weitere Fortschritte auf diesem entscheidenden Gebiet
geschaffen. Sie hat uns bei der Vermeidung eines
größeren Disputs mit unseren Verbündeten und
Freunden geholfen, der zu handelspolitischen Vergeltungsmaßnahmen und einer eingeschränkten Zusammenarbeit bei Massenvernichtungswaffen und
anderen Bestrebungen hätte führen können. Die
Aussetzung hat unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit
mit den Europäern, den Russen und den Malaysiern
bei einer Vielzahl bilateraler und multilateraler Anliegen
verbessert. Beispiele sind:
Die russische Zusammenarbeit bei Nichtverbreitung, Fortschritte bei internen Wirtschaftsreformen und die Ratifizierung des START IIVertrags.

Die Beilegung von Differenzen über das
Helms-Burton-Gesetz, einschließlich neuer
Disziplinen zur Abschreckung von Investitionen in illegal enteigneten Besitz auf der ganzen Welt, was ich bereits angesprochen habe.
Multilaterale Zusammenarbeit im Hinblick auf
den Irak zur weiteren Isolierung von Saddam
Hussein und zur Befolgung der Verpflichtungen gegenüber dem UN-Hochkommissar für
Flüchtlinge.
Fortschritte im Kosovo und in Bosnien, wo
Kooperation unserer NATO-Verbündeten
wesentlich ist, sowie bei anderen Fragen der
europäischen Sicherheit.
In krassem Gegensatz dazu hätte die Entscheidung
zur Verhängung von Sanktionen unsere Bestrebungen
zur Erlangung multilateraler und bilateraler Zusammenarbeit unterminiert, die Fähigkeit des Iran zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen einzuschränken,
und der South Pars-Deal wäre nicht gestoppt worden.
Herr Vorsitzender, ich möchte hervorheben, daß wir
bei Nichtverbreitungsfragen bereits ein sehr hohes
Maß an Zusammenarbeit mit unseren europäischen
Verbündeten pflegen. Wie in der beim Gipfel bekannt-

Seite 3

�gegebenen gemeinsamen Erklärung der Vereinigten
Staaten und der EU zur Nichtverbreitung dargelegt,
unternimmt die EU allein und gemeinsam mit uns
zusätzliche Schritte zur weiteren Stärkung ihrer Politik
in diesem Bereich. Dies umfaßt die Verpflichtung der
EU, der Weiterverbreitung (einschließlich Raketenträgersystemen) vor allem im Hinblick auf den Iran
hohe Priorität einzuräumen und Engagement für
verstärkte Bestrebungen zur Vermeidung des Transfers von Mehrzwecktechnologie zu zeigen, wo das
Risiko einer Abzweigung für Massenvernichtungsprogramme besteht.
Jetzt möchte ich auf die Situation in Indien und Pakistan zu sprechen kommen. Wie Sie wissen, beschäftigen wir uns erneut ernsthaft mit Indien und Pakistan
gleichermaßen in dem Bestreben, bei unseren Nichtverbreitungsanliegen echte Fortschritte zu machen.
Der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott, der
bei unseren Kontakten mit der indischen und pakistanischen Regierung die Führungsrolle innehat, nahm an
mehreren produktiven Sitzungen mit den designierten
Vertretern beider Regierungen teil. Als Ergebnis
dieser diplomatischen Bestrebungen scheinen wir
Fortschritte bei der Definition der Prinzipien, die die
amerikanischen Beziehungen zu Indien und Pakistan
nach der Beendigung der Atomtests untermauern, bei
der Darlegung unserer Nichtverbreitungs- und anderen
Ziele sowie bei der Erörterung von Schritten und
Aktivitäten zu machen, die zur Erlangung dieser Ziele
erforderlich sind.
Ferner setzen wir die im Glenn-Zusatzartikel enthaltenen Sanktionen entschlossen und korrekt um. Obwohl
es noch verfrüht ist, die Auswirkungen dieser Sanktionen auf Wirtschaftswachstum oder Geschäftsvolumen
in den jeweiligen Ländern zu quantifizieren, ist klar,
daß sie zu beträchtlichen wirtschaftlichen und politischen Kosten für beide Länder führen werden.
Der Mangel an einer flexiblen Befugnis zur Aussetzung
von Sanktionen unter dem Glenn-Zusatzartikel hat
unsere Fähigkeit eingeschränkt, Indien und Pakistan
zur Zusammenarbeit mit dem Ziel der Vermeidung
eines Rüstungswettlaufs auf dem Subkontinent zu
ermutigen. Es geht uns nicht darum, um des Bestrafens willen zu bestrafen, sondern darum, das
Verhalten beider Regierungen zu beeinflussen. Aber
unsere Fähigkeit zur Einflußnahme setzt mehr Flexibilität voraus. Wir möchten nicht, daß den Bevölkerungen
beider Länder - insbesondere den Armen und Benachteiligten - oder amerikanischen Unternehmen unnötig
viel Schaden zugefügt wird. Daher freuen wir uns, daß
der Senat im Juli eine offensichtlich unbeabsichtigte
Konsequenz des Sanktionsgesetzes korrigiert hat - die
Verhinderung der Bereitstellung von Krediten für
Agrargüter.

Seite 4

Wie die jüngsten Debatten im Senat zeigen, teilen die
Administration und der Kongreß den Wunsch nach
mehr Übereinstimmung, Flexibilität und Effektivität des
Sanktionsregimes gegen Indien und Pakistan. Es ist
unerläßlich, daß wir auf dieser starken Grundlage die
erforderlichen Veränderungen unserer Politik und
Gesetze vornehmen.
Aus diesem Grund unterstützen wir entschieden die
Verabschiedung des Brownback-Robb-Zusatzartikels
durch den Senat, der dem Präsidenten mehr Flexibilität
bei der Verhängung von Sanktionen gegen Indien und
Pakistan gibt, im Idealfall würden wir noch weiter
gehen und die Befugnis zur Aussetzung aller derzeit
verhängten Sanktionen vorziehen. Natürlich werden
wir erst dann diese Befugnis zur Aussetzung von
Sanktionen nutzen, wenn substantielle Fortschritte bei
der Erreichung unserer Nichtverbreitungsziele gemacht wurden oder falls bestimmte Sanktionen
ernsthafte negative und unbeabsichtigte Konsequenzen hätten, beispielsweise ein bevorstehender finanzieller Zusammenbruch, der zu einem wirtschaftlichen
Chaos und politischer Instabilität führen könnte.
Ferner wünschen wir uns zusätzliche Flexibilität zum
Schutz gegen völlig unangemessene Auswirkungen
der Sanktionen gegen ein Land im Vergleich zu einem
anderen; im Idealfall sollten die Sanktionen auf Indien
ungefähr dieselben Auswirkungen wie auf Pakistan
haben, wobei letzteres eine schwächere Wirtschaft hat
und abhängiger von Geldern internationaler Finanzinstitutionen ist, gegen die unter dem Glenn-Zusatzartikel Einspruch erhoben werden muß.
Vor diesem Hintergrund halten wir es weder für
ratsam, noch könnten wir Bestrebungen unterstützen,
die Schritte zu kodifizieren oder als Gesetz zu verabschieden, die Indien und Pakistan unternehmen
müßten, um von Sanktionen befreit zu werden, oder
spezifische Aktionen Indiens und Pakistans mit der
Aufhebung bestimmter Sanktionen zu beantworten.
Obwohl zwischen der Administration und dem Kongreß
beträchtliche Übereinstimmung hinsichtlich unserer
Nichtverbreitungsziele besteht, würde es unser
Streben nach Wandel stark erschweren, wenn per
Gesetz bestimmte Bezugsgrößen errichtet würden.
Indien und Pakistan würden auf einen solchen Ansatz
auch nicht positiv reagieren. Solche Schritte gesetzlich
zu verankern, würde den Eindruck erwecken, daß
Indien und Pakistan unter Druck handeln, um die
Aufhebung amerikanischer Sanktionen zu bewirken.
Das würde unsere Chancen beträchtlich schmälern,
die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.
Die Geschichte des Einsatzes unilateraler Sanktionen
durch unser Land zeigt klar und deutlich, daß sich in
den meisten Fällen das Verhalten des Ziellandes nicht
ändert oder daß wir bestenfalls einen Beitrag zu
Verhaltensänderungen oder einer Veränderung der
Politik leisten, jedoch nicht der entscheidende Faktor
sind. Es braucht Zeit, bis Sanktionen Wirkung zeigen.

AMERIKA DIENST 20

�Sie mögen einen hohen Preis von den amerikanischen
Interessen verlangen. Somit sind Sanktionen kein
Allheilmittel, kein Patentrezept, und sie haben ihren
Preis.
Sanktionen müssen effektiv sein
Das erste und wichtigste Prinzip, das unsere Sanktionspolitik leiten sollte, ist die Effektivität von Sanktionen bei der Erlangung des gewünschten Ergebnisses,
das Verhalten zu ändern, das Gegenstand der Sanktionen ist. Wenn Sanktionen zum falschen Zeitpunkt
und auf die falsche Art und Weise eingesetzt werden,
können sie die Erlangung unserer Ziele tatsächlich
behindern und die politischen Ziele der Vereinigten
Staaten unterminieren. Ich hatte meine ersten direkten
Kontakte mit Wirtschaftssanktionen, als ich im Weißen
Haus unter Präsident Carter mit dem fatalen Getreideembargo gegen die Sowjetunion nach ihrem
brutalen Einmarsch in Afghanistan befaßt war. Die
Absicht war löblich, aber da wir kein Getreidemonopol
hatten und keine internationale Übereinkunft erzielten,
erreichte das Embargo nicht seine Ziele und verlangte
den amerikanischen Landwirten und den amerikanischen Interessen einen hohen Preis ab. Das ist allzu
oft der Fall. Unilaterale Sanktionen fordern von
unseren Landwirten und Unternehmen einen hohen
Preis und Härten - oft ohne entsprechende Auswirkungen auf die Erlangung unserer außenpolitischen
Ziele. Darüber hinaus senden Sanktionen, die ineffektiv sind, den amerikanischen Interessen mehr
abverlangen als dem sanktionierten Land und selbst
unter unseren engsten Verbündeten keine breite
Unterstützung finden, keine Botschaft amerikanischer
Entschlossenheit oder amerikanischen Engagements.
Sie senden vielmehr eine Botschaft amerikanischer
Irrelevanz. Sanktionen, die leicht umgangen oder
verhindert werden können, die lediglich verhängt
werden, um "eine Erklärung abzugeben", sind unter
Umständen nicht nur sinnlos zur Erlangung unserer
Ziele, sondern mindern und unterminieren langfristig
den Wert von Sanktionen als außenpolitisches Instrument insgesamt.
Die Bedeutung von Einvernehmen unter den
Nationen
Unsere Außenpolitik ist am effektivsten, wenn sie
Zusammenarbeit und Konsultation zwischen der
Administration und dem Kongreß widerspiegelt. Die
Entscheidung zur Verhängung von Wirtschaftssanktionen - oder zur Aufhebung oder Aussetzung
möglicher Maßnahmen oder bereits verhängter
Sanktionen - sollte eine einvernehmliche Beziehung
zwischen der Exekutive und der Legislative
widerspiegeln. Wir müssen die besondere Rolle
respektieren, die jede Gewalt in der Außenpolitik spielt.
Der Kongreß teilt sich mit der Exekutiven die Verantwortung für die Gestaltung unserer Außenpolitik. Bei

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wirtschaftlichen Maßnahmen kommt dem Kongreß
eine klare Rolle zu, die wir respektieren. Gleichzeitig
ist der Präsident verantwortlich für die Umsetzung der
Außenpolitik und den Umgang mit ausländischen
Regierungen. Daher muß Sanktionsgesetzgebung
diese jeweilige Verantwortung in Betracht ziehen.
Sanktionsgesetze sollten umfassende Ziele darlegen,
jedoch Flexibilität bieten, auf eine sich ständig verändernde und entwickelnde Situation zu reagieren und
dem Präsidenten die notwendigen Befugnisse geben,
spezifische amerikanische Aktionen auf die Bewältigung unserer außenpolitischen Ziele zuzuschneiden.
Wie Außenministerin Albright sagte, darf es keinen
stereotypen Ansatz zur Sanktionspolitik geben.
Einvernehmen zwischen den einzelnen Regierungsgewalten drückt sich in der Sanktionsgesetzgebung
durch die Aufnahme von Bestimmungen über die
Flexibilität des Präsidenten in die Gesetze aus,
einschließlich einer umfassenden Befugnis zur
Aussetzung bestimmter Sanktionen. Der Kongreß
spricht, aber letzten Endes kann nur der Präsident alle
zu einem gegebenen Zeitpunkt relevanten außenpolitischen Fragen abwägen und unsere auf eine
spezifische Situation zugeschnittene Antwort geben.
Die Macht des Kongresses in punkto Ausgaben und
Kontrolle stellt ein mehr als adäquates Instrument für
die Gestaltung unserer Außenpolitik dar, aber diese
Macht sollte nicht eingesetzt werden, um die Amtsgewalt des Präsidenten zu behindern, nach seinem
Ermessen zu handeln. Gesetze, die den Präsidenten
zur Verhängung von Wirtschaftssanktionen ermächtigen, sollten ihn auch ermächtigen, nicht zu handeln
oder bereits ergriffene Maßnahmen auszusetzen,
wenn dies im nationalen Interesse liegt.
Wenn unsere Politik effektiv sein soll, müssen wir
zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß unsere
Sanktionen angemessen, einheitlich und so angelegt
sind, daß sie auf breite internationale Unterstützung
stoßen. Es muß besser strukturierte, systematische
Diskussionen zwischen der Exekutive und dem
Kongreß geben, wenn Sanktionen eine Option sind.
Die Bestrebungen dieser Task Force und diese
Anhörung an sich sind, Herr Vorsitzender, ein gutes
Beispiel dafür, wie die beiden Zweige der Regierung
zusammen eine effektive und prinzipienorientierte
Sanktionspolitik ausarbeiten sollten, die wirklich zur
Förderung unserer übergeordneten nationalen Interessen beitragen kann.
Wirtschaftssanktionen sollten nicht als erstes
Mittel angesehen werden
Das zweite Prinzip, das unsere Diskussionen leiten
sollte, lautet, daß Wirtschaftssanktionen nicht als
erstes Mittel zur Verteidigung unserer Interessen
angesehen werden sollten. Unsere erste Aktionslinie
gegenüber anderen Ländern sollte in der aggressiven
Ausschöpfung aller verfügbaren diplomatischen

Seite 5

�Optionen bestehen. Aus diesem Grund ist Engagement allgemein die bevorzugte Strategie zur Beeinflussung eines gewissen Verhaltens. China ist ein
gutes Beispiel. Die wegen der Ereignisse auf dem
Platz des Himmlischen Friedens verhängten Sanktionen sind noch in Kraft und reflektieren unsere Besorgnis über die Menschenrechtsbilanz Chinas und
andere Praktiken, aber durch ein allgemeineres
Engagement haben wir erreicht, daß das chinesische
Verhalten sich auf verschiedenen Gebieten den
international akzeptierten Normen stärker annähert.
Verfügbare Optionen reichen von symbolischen
Maßnahmen, wie dem Rückruf eines Botschafters oder
der Verringerung der Zahl der Botschaftsmitarbeiter
über die Verweigerung der Visaerteilung für bestimmte
Personen bis zu offizielleren Maßnahmen wie konzertierten Aktionen mit gleichgesinnten Ländern. Es sollte
nur dann zu Wirtschaftssanktionen gegriffen werden,
wenn alle anderen verfügbaren Optionen aggressiv
verfolgt wurden und scheiterten oder sich als unzureichend oder unangemessen erwiesen haben. Wir
dürfen nicht vergessen, daß die Macht positiver
Anreize oft stärker zur Erreichung unserer Ziele
beiträgt. Aktionen wie die Belohnung gewünschten
Verhaltens, die Bereitstellung von Hilfe und Unterstützung zum Beispiel im Bereich der Menschenrechte, bei
der Einführung moderner Rechtssysteme oder andere
Maßnahmen zur Unterstützung von im Übergang zur
Demokratie befindlichen Ländern können wirksame
Instrumente zur Erlangung unserer Ziele sein.
Multilaterale Sanktionen sind effektiver
Drittens. Wenn es durch diplomatische Initiativen und
positive Anreize nicht gelungen ist, das Verhalten
eines Landes zu ändern, das unseres Erachtens den
amerikanischen Interessen zuwiderläuft, stellen
Sanktionen eine Option dar. Sanktionen mit breiter
multilateraler Unterstützung sind am effektivsten.
Multilaterale Sanktionen üben den stärksten internationalen Druck auf den Anstoß erregenden Staat aus.
Sie demonstrieren eine einheitliche internationale
Absicht. Aufgrund ihres multilateralen Charakters sind
sie schwerer zu umgehen oder zu unterminieren. Sie
halten den Schaden für die amerikanische Konkurrenzfähigkeit möglichst gering und verteilen die
Kosten der Sanktionen gerechter auf alle Länder. Wir
sollten alles in unserer Macht Stehende zur Entwicklung eines multilateralen Sanktionsregimes unternehmen, wann immer solche Maßnahmen in Betracht
gezogen werden, und einen vernünftigen Zeitraum für
die Bildung eines internationalen Konsenses über
solche Sanktionen vorsehen.
In der heutigen interdependenten Weltwirtschaft ist die
Fähigkeit der Vereinigten Staaten, einem Zielland
wesentliche wirtschaftliche Vorteile vorzuenthalten,
stark eingeschränkt. Es gibt nur wenige Produkte und
Dienstleistungen, für die die Vereinigten Staaten der
einzige Lieferant sind. Ebenso wichtig ist vielleicht,

Seite 6

daß die Welt auch im Hinblick auf politische und
sicherheitspolitische Anliegen zunehmend multipolar
wird und den Vereinigten Staaten dadurch immer
weniger Druckmittel zur Verfügung stehen. Wir
können im Alleingang viel erreichen, und es wird
Zeiten geben, in denen wir im Alleingang handeln
müssen, aber wir können mit Unterstützung anderer
weitaus mehr erreichen.
Darüber hinaus müssen wir uns auch bewußt werden,
daß unilaterale Maßnahmen, insbesondere solche, die
von anderen als "extraterritoriar kritisiert werden,
unsere Bestrebungen zur Gewinnung multilateraler
Unterstützung komplizieren. Sie zielen nicht nur auf
das Land ab, dessen Verhalten wir ändern wollen,
sondern auch auf andere Staaten, einschließlich
unserer Verbündeten, die mit dem Zielland Geschäfte
tätigen. Die Vereinigten Staaten sind traditionell gegen
solche Sanktionen, wenn sie von anderen verhängt
werden - beispielsweise die Gesetzgebung von 1977,
die amerikanische Unternehmen bestrafte, die sich an
den Boykott Israels durch die arabischen Länder
hielten.
Multilaterale Unterstützung ist von Bedeutung, wenn
Wirtschafts- und Handelssanktionen ein wirklich
effektives Mittel für die Beeinflussung von Politik und
Verhalten anderer Länder sein sollen. Bosnien, der
Kosovo, Zypern, Irland und der Nahe Osten haben
deutlich gezeigt, daß die Führungsrolle der Vereinigten
Staaten bei der Lösung von Konflikten unerläßlich ist.
Wir haben die Pflicht zu führen, und wir werden das mit
allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln tun. Aber in
der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges müssen
wir auch erkennen, daß wir zwar eine unerläßliche
Kraft für Frieden und Stabilität sind, die drängenden
weltweiten Probleme jedoch nicht auf eigenen Faust
lösen können.
Bei entscheidenden Fragen können Konsultationsmechanismen mit Ländern, die unsere Ziele teilen,
eine große Hilfe darstellen. Obwohl solche Mechanismen keine Ergebnisse garantieren, garantiert ihr
Fehlen fast mit Sicherheit, daß wir keine multilaterale
Unterstützung gewinnen können.
Wir müssen zu unilateralem Vorgehen bereit sein
Viertens. Wenn es uns nicht gelingt, ein multilaterales
Regime aufzubauen und wichtige nationale Interessen
oder Werte auf dem Spiel stehen, müssen wir zu
unilateralem Vorgehen bereit sein. Wir dürfen nicht
zulassen, daß andere Länder durch ihre Untätigkeit ein
Veto gegen den Einsatz von Sanktionen durch die
Vereinigten Staaten einlegen.
Vor diesem Hintergrund muß unsere Hauptüberlegung
bei der Verhängung sämtlicher unilateraler Sanktionen
darin bestehen, ob sie effektiv und Bestandteil einer
kohärenten Strategie zur Verhaltensänderung sind, ob

AMERIKA DIENST 20

�sie zu unseren Bestrebungen beitragen, multilaterale
Unterstützung für unsere politischen Ziele zu
gewinnen, anstatt sie zu beeinträchtigen, und ob sie im
Einklang mit unseren internationalen Verpflichtungen
und humanitären Prinzipien stehen. Bei der Verhängung bestimmter Sanktionen müssen wir den Nutzen
gegen die Kosten abwägen. Die Analyse darf natürlich
nicht auf ökonomische Interessen beschränkt sein,
sondern muß das gesamte Spektrum politischer und
sicherheitspolitischer Interessen in Betracht ziehen, die
vielleicht nicht sofort offensichtlich sind oder nicht
quantifiziert werden können, wie beispielsweise die
Förderung der Menschenrechte. Gleichzeitig dürfen
wir auch nicht vergessen, daß handelspolitische
Maßnahmen nicht die einzige Art von Sanktionen sind.
Uns steht eine Vielzahl anderer Maßnahmen zur
Verfügung, die manchmal viel wirksamer sind. Dazu
können die Verweigerung der Visaerteilung, der
Widerstand gegen eine Teilnahme an internationalen
Sportereignissen und Besuche von Delegationen des
Kongresses zählen, um die Aufmerksamkeit auf das
Problem zu lenken.
Der wichtigste Maßstab für die Effektivität von Sanktionen sind ihre Auswirkungen auf das Ziel. Wir müssen
davon ausgehen können, daß sie effektiv um- und
durchgesetzt werden und daß sie insgesamt nicht
mehr Schaden anrichten als das Unrecht, das sie zu
beheben trachten. Mögliche negative Auswirkungen
auf gefährdete ausländische Bevölkerungen müssen
ausreichend

berücksicht werden.

Falls möglich,

müssen wir bei jedem Sanktionsregime versuchen,
das Anstoß erregende Land selbst oder besser noch
die ärgerniserregenden Körperschaften oder Einzelpersonen zu treffen, anstatt Unternehmen in
Drittländern.
Jetzt möchte ich die von den Bundesstaaten und
Kommunen verhängten Sanktionen ansprechen. Wir
verstehen die Sorgen und die Frustration, die zu
kommunalen Sanktionsmaßnahmen führen. Verschiedene Regierungen auf der ganzen Welt zeigen
ein Verhalten - beispielsweise der Mißbrauch von
Menschenrechten in Burma - über das die Öffentlichkeit zu Recht entrüstet ist. Wenn unser Land sich mit
einem solchen Verhalten befaßt, ist es jedoch wichtig,
daß wir mit einer Stimme sprechen. Einzelne oder
inkonsequente Aktionen könnten den Eindruck
hinterlassen, die Vereinigten Staaten seien gespalten
und könnten - was noch wichtiger ist - die Verfolgung
unserer allgemeinen außenpolitischen Ziele stören.
Aus diesem Grund ist es unseres Erachtens von
Bedeutung, daß die Bundesregierung und die Regierungen der Bundesstaaten sich bei diesen Fragen
genau abstimmen. Wir möchten mit den Bundesstaaten eine Partnerschaft aufbauen, um eng an diesen
Fragen zusammenzuarbeiten. In jüngster Zeit haben
wir Bestrebungen unternommen, um genau solche
produktiven und kooperativen Beziehungen aufzubauen.

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Maßnahmen der Bundesstaaten und Kommunen oder
der Bundesregierung müssen im Einklang mit unseren
internationalen Verpflichtungen stehen. Sanktionen,
die unsere Handelspartner als nicht mit unseren
rechtlichen Verpflichtungen - sei es in der Welthandelsorganisation oder in bilateralen Verträgen vereinbar oder als "extraterritorial" kritisieren, unterminieren allzu oft unsere Bestrebungen zur Mobilisierung
multilateraler Hilfe, wirken sich negativ auf andere
multilaterale Ziele aus und geben anderen Anlaß, die
guten Absichten der Vereinigten Staaten bei der
Erfüllung internationaler Verpflichtungen in Frage zu
stellen. Anstatt mit unseren Freunden und Verbündeten Druck auf Anstoß erregende Staaten auszuüben,
ihr Verhalten zu ändern, wenden wir dann Zeit und
Energie für die Lösung dieser Dispute auf.
Herr Vorsitzender, zusammenfassend kann man
sagen: Wenn unsere Politik effektiv sein soll, müssen
wir zusammenarbeiten - Administration, Kongreß,
Bundesstaaten und Kommunen sowie die Wirtschaft
und Nichtregierungsorganisationen - um sicherzustellen, daß unser Einsatz von Sanktionen angemessen und einheitlich erfolgt und internationale
Unterstützung erhält.
Jüngste Gesetzesinitiativen
In den letzten Monaten erörterte der Kongreß verschiedene Gesetzesvorlagen, die sich mit Sanktionsfragen befassen. Sie reichen von umfassenden
Sanktionsreformen wie dem Lugar/Hamilton/CraneSanktionsreformgesetz und dem Dodd-Sanktionsrationalisierungsgesetz von 1998 über den Vorschlag
von Senator Glenn bis zu solchen, die Sanktionen als
Instrument für die Sicherung eines bestimmten politischen Ziels einsetzen möchten, beispielsweise das
Wolf-Specter- oder das Nickels-Gesetz, die sich mit
wichtigen Fragen der Religionsfreiheit befassen, dem
Sanktionsgesetz über die Nichtverbreitung iranischer
Raketen und verschiedenen Gesetzesvorlagen zur
Situation in Indien und Pakistan.
Wir haben versucht, auf den zahlreichen Konzepten
von Senator Lugar und den Kongreßabgeordneten
Hamilton und Crane sowie den Senatoren Glenn,
Dodd, Robb, Brownback und anderen aufbauend
einen Vorschlag zu unterbreiten, der unseres Erachtens einen wertvollen Beitrag leisten würde. Wir
sind überzeugt, daß wir durch Zusammenarbeit einen
echten Beitrag zur Verbesserung des Einsatzes von
Sanktionen zur Erlangung unserer außenpolitischen
Ziele leisten können.
Viele der Ideen in den von ihnen dargelegten Vorschlägen sind gute Beispiele für die Art von Bestrebungen, die wir zur Verbesserung des Dialogs zwischen
Kongreß und Administration bei Sanktionsfragen
unternehmen müssen. Sanktionspolitik sollte besonnen und überlegt sein und alle Faktoren in Betracht

Seite 7

�ziehen, die für die Entscheidung über Sanktionen
relevant sind. Wir begrüßen die von diesen Senatoren
und Kongreßabgeordneten übernommene Führungsrolle.

nen zu verhängen. Wie Senator Lugar in seinem Brief
zu dieser Gesetzgebung feststellte, kann Inflexibiltät
bei ansonsten löblichen Bestrebungen genau die Ziele
vereiteln, die das Gesetz erreichen will.

Obwohl unsere Ansichten in vielerlei Hinsicht den
im Lugar/Crane/Hamilton(LCH)-Gesetz dargelegten
entsprechen, haben wir im Hinblick auf spezifische
Bestimmungen dieses Gesetzes wesentliche Differenzen, die die Administration von seiner Annahme
abhielten. Unserer Ansicht nach sollte ein Vorschlag
über Sanktionsreformen eine gemeinsame Vision von
Administration und Kongreß zur Sanktionspolitik
reflektieren, die in klaren verfahrensorientierten und
inhaltlichen Richtlinien für beide Zweige der Regierung
verkörpert ist. In seinem gegenwärtigen Entwurf
würde das LCH-Gesetz der Exekutiven viele bindende
und belastende Beschränkungen im Hinblick auf ihre
Handlungsfreiheit im außenpolitischen Bereich auferlegen und ihr nur begrenzte Flexibilität einräumen.
Obwohl das Gesetz auf den ersten Blick auch dem
Kongreß vergleichbare Beschränkungen auferlegt,
macht die Fähigkeit des Kongresses, einen Nachtrag
zu Gesetzen zu verabschieden, Regeln zu verändern
oder zukünftige Gesetze zu verabschieden, die
Vorrang haben - beispielsweise durch die Sprachregelung "ungeachtet aller anderen Gesetze" - es
weniger wahrscheinlich, daß sich das Gesetz als
praktische Beschränkung des Kongresses erweist. Mit
anderen Worten: Das Gesetz würde der Exekutiven
mehr starre Beschränkungen als der Legislativen
auferlegen, obwohl die explosionsartige Zunahme von
Sanktionen in den letzten Jahren großenteils auf den
Kongreß und nicht auf den Präsidenten zurückzuführen ist. Wie ich bereits erwähnte, kamen 59 von
62 der in den letzten fünf Jahren verhängten Sanktionen vom Kongreß.

Weil die Bestrebungen zur Reform unserer Sanktionspolitik eine gemeinsame Vision von Administration und
Kongreß widerspiegeln sollten, die in klaren verfahrensorientierten und inhaltlichen Richtlinien für beide
Zweige der Regierung verkörpert sind, begrüßen wir
insbesondere diese Gelegenheit zu einem Meinungsaustausch mit Ihnen über unsere Ideen zu Sanktionen.
Das unserem Ansatz zugrundeliegende Prinzip ist das
einer Symmetrie zwischen den beiden Zweigen. Mit
anderen Worten: Der Kongreß sollte der Exekutiven
nicht mehr Vorschriften machen als sich selbst.
Multilaterale Sanktionen
Schließlich sollten jede Sanktionsreformgesetzgebung
und jeder Präsidialerlaß eine eindeutige Erklärung
beinhalten, daß solche Richtlinien sich nur auf unilaterale Wirtschaftssanktionen beziehen. Eine solche
Erklärung würde unsere große Präferenz multilateraler
Sanktionen und unsere Ansicht unterstreichen, daß
vom UN-Sicherheitsrat verhängte Sanktionen die
kollektive Beurteilung widerspiegeln sollten, daß eine
Situation besonders gravierend ist und die Verhängung
globaler Sanktionen rechtfertigt - die zeitlich nicht
beschränkt sind und keine Unantastbarkeit von
Verträgen erlauben. Im Gegensatz dazu erfordern
unilaterale Sanktionen eine andere Struktur und ziehen
beispielsweise in Betracht, daß die Verhängung
unilateraler Sanktionen einen unangemessenen Preis
von den amerikanischen Interessen fordert. Die
Erklärung könnte feststellen, daß unser Ansatz zu
unilateralen Wirtschaftssanktionen aus diesen
Gründen nicht im Zusammenhang mit der Verhängung
multilateraler Sanktionen steht. Das ist von Bedeutung, weil multilaterale Sanktionen beispielsweise nicht
dieselben Merkmale aufweisen sollten wie zeitlich
begrenzte Bestimmungen, die auf unsere heimischen
unilateralen Sanktionsmaßnahmen Anwendung finden.

Wir würden die Gelegenheit begrüßen, weiterhin eng
mit dem Kongreß an einem Vorschlag zu Sanktionsreformen zusammenzuarbeiten, der bedeutende
Richtlinien für Administration und Kongreß gleichermaßen enthält und dem Präsidenten die notwendige
Flexibilität gibt, jede Sanktionsgesetzgebung effektiv
zu gestalten, einschließlich der Freiheit, keine Sanktio-

* *

Seite 8

*

AMERIKA DIENST 20

�NATO
7. Oktober 1998

Eine neue Vision für Europa
Rede von Verteidigungsminister Cohen

SKOPJE - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die US-Verteidigungsminister William S. Cohen am
26. September 1998 beim Treffen der südosteuropäischen Verteidigungsminister in Skopje in Makedonien
gehalten hat.

Minister Kitanoski, sehr geehrte Amtskollegen, verehrte Gäste und Beobachter, meine Damen und
Herren,
gestatten Sie mir, Verteidigungsminister Kitanoski für
die Veranstaltung dieses äußerst wichtigen Treffens
hier in Skopje zu danken. Es ist mir eine große Ehre,
heute mit so vielen Persönlichkeiten zusammenzukommen, die sich so stark für ein friedliches und
stabiles Europa einsetzen.
Unsere Bestrebungen erinnern an die Worte des
Historikers Edward Gibbon: "Es ist die Pflicht des
Patrioten, sich ausschließlich für die Förderung des
Ruhms seines Landes einzusetzen. Aber es ist die
Pflicht des Philosophen, über den Ruhm seines
Landes nachzudenken." Ich fühle mich geehrt, hier in
dieser Gruppe von Philosophen zu sein.
Ein amerikanischer Präsident sagte einmal über
Südosteuropa: "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der
Weltgeschichte muß jede Nation zwischen verschiedenen Lebensweisen wählen... Eine Lebensweise ist
gekennzeichnet von freien Institutionen, garantierter
Freiheit und Freiheit von Unterdrückung... Die zweite
Lebensweise basiert auf Terror, Schikane und der
Unterdrückung individueller Freiheiten."
Der US-Präsident, der diese Worte sprach, war Harry
S. Truman, als er 1947 der amerikanischen Unterstützung für die Souveränität und Freiheit dieser Region
Ausdruck verlieh. Fünf Jahrzehnte später, nach einem
langen und bitteren Kalten Krieg, veranstalten wir
dieses Treffen unter Staaten, die erneut diese erste
Lebensweise anstreben - ein Leben in Freiheit.

AMERIKA DIENST 20

Tatsächlich kommen wir zu einem Zeitpunkt zusammen, an dem eine neue Vision von Europa Realität
wird: Ein in Frieden und Demokratie geeintes Europa;
ein Europa, in dem Sicherheit nicht durch Bomben und
Gewehrkugeln, sondern durch Vertrauen und Transparenz garantiert wird; ein Europa, das die sich zum
gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte bietenden
Chancen ergreift.
Wir bauen die Säulen dieses neuen Europas auf
vielerlei Weise. Beim NATO-Ministertreffen in Lissabon erörterten wir während der letzten drei Tage einige
der von unserem Bündnis erzielten erstaunlichen
Leistungen. Unser Bündnis sät die Saat militärischer
Zusammenarbeit über unsere Grenzen hinaus und
fördert wirtschaftliche und politische Stabilität.
Durch die NATO-Erweiterung reichen wir Ungarn,
Polen und der Tschechischen Republik die Hand der
Unterstützung und Stabilität und erweitem die Demokratie auf ganz Europa. Wir haben bereits mehrmals
darauf hingewiesen, daß die NATO gegenüber ihren
neuen Mitgliedern eine Politik der Offenen Tür verfolgt.
Diese Tür ist jedoch nur über eine steile Treppe zu
erreichen, und niemand weiß das besser als die neuen
Mitglieder, die wir im kommenden Jahr willkommen
heißen werden. Aus diesem Grund stellen wir sicher,
daß sowohl das Bündnis als auch die neuen Mitglieder
bereit sind. Unsere gegenseitigen Verpflichtungen
stellen das feierlichste Gelöbnis dar, das ein Land
abgeben kann.
Eine weitere tragende Säule dieses neuen Europas ist
die Partnerschaft für den Frieden. Die PfF ist ein
unerläßlicher Grundstein für regionale Stabilität und
kooperative Sicherheit und wird das auf viele Jahre

Seite 1

�hinaus bleiben. Obwohl die Partnerschaft die Nationen
auf eine potentielle NATO-Mitgliedschaft vorbereitet,
sollte sie auch als Selbstzweck betrachtet werden.
Denn die NATO-Verbündeten sind für die Partnerstaaten als Ratgeber auf Gebieten tätig, die von der
Ausbildung im Bereich der Friedenssicherung bis zur
Umsetzung von Verteidigungsreformen reichen.
Ich freue mich, daß drei NATO-Verbündete hier
vertreten sind, die uns bei dieser wichtigen Aufgabe in
Südosteuropa unterstützen - Griechenland, Italien und
die Türkei. Erst letzte Woche zeigte sich dieser Geist
auf bemerkenswerte Weise, als Soldaten aus 27
Partnernationen gemeinsam am Manöver "Cooperative
Best Efforf auf dem Übungsgelände von Krivolak nicht
weit von hier teilnahmen. Sie arbeiteten Seite an Seite
und tauschten ihre Kenntnisse über Friedenssicherung, Hilfs- und Flüchtlingsoperationen aus. Obwohl
sie verschiedene Uniformen trugen, waren sie durch
ein gemeinsames Ziel geeint.
Sie sind die wahrhaftige Verkörperung der Partnerschaft für den Frieden. Und die Partnerschaft wird uns
weiterhin zusammenbringen, während wir uns für die
Erlangung unserer anderen Ziele einsetzen:
Regionale Ausbildungszentren,
ein Konsortium der Verteidigungsakademien
und
die Einrichtung eines regionalen Luftraumnetzes.
Die dritte Säule des neuen Europas wird genau hier in
Südosteuropa gebaut, während wir noch mehr Zusammenarbeit und Stabilität anstreben. Aus diesem
Grund ist dieses Ministertreffen so entscheidend. Wir
stehen wirklich an einer Wegscheide, an einem Punkt,
der nicht weniger zentral ist als der, an dem unsere
Vorgänger vor 50 Jahren standen. In dieser Region
bleiben einige der größten Herausforderungen bestehen, und in dieser Region besteht das größte Potential
für Fortschritt.
Wir haben bereits mit der Förderung von verstärkter
militärischer Zusammenarbeit begonnen. Und wir
fördern mehr Vertrauen und Offenheit durch praktische
Maßnahmen zur Verringerung von Unsicherheit und
zur Stärkung des Vertrauens. Wir haben seit unserem
letzten Treffen in Sofia auch auf vielen anderen
Gebieten Fortschritte gemacht.
Die Multinationale Friedenstruppe Südosteuropa stärkt
die Beziehungen zwischen unseren Ländern. Diese
südosteuropäische Brigade ist nicht nur eine Kraft für
Frieden und Stabilität, sondern auch für Zusammenarbeit und Offenheit.

Seite 2

Diese Brigade, die einem zivilen Lenkungsausschuß
untersteht, wird die zivile Kontrolle über das Militär
fördern. Sie wird ein Forum bieten, um konkrete
Chancen der militärischen Zusammenarbeit zu
erörtern. Und sie wird den beteiligten Ländern gestatten, aus erster Hand Erfahrungen mit Übungen in
einem NATO-Umfeld zu sammeln. Die Brigade ist nur
eines von vielen ausgezeichneten Beispielen für
unsere Zusammenarbeit.
Die Stellvertretenden Verteidigungsminister trafen in
Albanien und die Verteidigungsminister in Slowenien
zusammen, um die letztes Jahr vereinbarten Ziele
anzustreben. Unsere Experten im Bereich gemeinsamer ziviler und militärischer Katastrophenbereitschaft trafen in den Vereinigten Staaten zusammen,
um unsere Fähigkeiten grenzüberschreitender Hilfe
weiterzuentwickeln. Und diesen Sommer trafen sich
mehr als 150 Regierungsvertreter in Rumänien bei
einem sehr erfolgreichen Seminar über vertrauensbildende Maßnahmen.
Wir verbessern auch die Zusammenarbeit auf Gebieten wie Grenzkontrolle und der Operation ALBA unter
Führung der Italiener - vielleicht das Kronjuwel bei
unserem Streben nach Stabilität - während unsere
Länder zusammentreffen, um dem krisengeschüttelten
Albanien zu helfen.
Jede dieser Aktionen unterstreicht die direkte und
enge Verbindung zwischen unseren Bestrebungen zur
Förderung von Offenheit und Transparenz und
unseren Bestrebungen zur Förderung der Demokratie.
Jedes Mal, wenn unsere Streitkräfte zusammen üben,
jedes Mal, wenn wir uns zu Gesprächen wie diesem
treffen, verstehen wir einander besser.
Verständnis geht mit Vertrauen einher. Und dieses
Vertrauen wiederum bringt Sicherheit hervor. Sicherheit stärkt Demokratie, die wiederum zu mehr
Verständnis und Vertrauen zwischen den Nationen
führt. Es ist ein sich selbst verstärkender Zyklus von
Transparenz und Demokratie. Meines Erachtens
waren unsere Bestrebungen zur Förderung und
Verlängerung dieses Zyklus in ganz Südosteuropa
erfolgreich, weil wir uns nicht auf leere Worte, sondern
auf konkrete Initiativen konzentrierten und weil wir
Einbeziehung in den Mittelpunkt unserer Initiativen
gestellt haben.
Jetzt müssen wir dieselben Stärken auf die noch
unbeendigten Aufgaben anwenden. Wir müssen
unsere Bestrebungen zur Ausweitung von Zusammenarbeit und Offenheit unter unseren Nationen fortsetzen
und unsere Initiativen entschlossen umsetzen. Wir
haben die Chance, diese Bande zwischen uns zu
stärken und echte Fortschritte auf Gebieten wie
Konfliktverhinderung und der Gründung eines Friedenssicherungszentrums zu machen.

AMERIKA DIENST 20

�Die Bedeutung dieser Bande erinnert mich an meinen
Besuch 1984 in Rußland, wo ich mit dem berühmten
russischen Dichter Jewtuschenko zusammentraf. Als
ich mich verabschiedete, sagte er etwas, das ich die
ganzen Jahre nicht vergessen habe: "Wir beide
müssen in Kontakt bleiben. Sonst vergessen wir das
Gesicht des anderen."
Wenn wir nicht in Kontakt bleiben, wenn wir das
Gesicht des anderen nicht erkennen, wird es sehr
leicht, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen und
ihn zu verteufeln oder zu erniedrigen. Aber wenn wir
Kommunikationslinien haben - wie diese Ministertreffen
- wird es viel einfacher, uns anzunähern anstatt
auseinanderzudriften, wenn wir auf die Probe gestellt
werden.
Diese Probe ist nirgendwo härter als hier in Südosteuropa. Im Kosovo schürt das Feuer des Hasses den
unerbittlichen Vormarsch ethnischer Gewalt. Es ist an
der Zeit, diese Krise direkt anzugehen. Gemeinsam
müssen wir eine humanitäre Katastrophe verhindern,
und wir müssen alle Parteien zu sinnvollen Gesprächen zusammenbringen, die zu einer Beendigung des
Konflikts führen.
In Bosnien müssen wir unsere Entschlossenheit
bewahren und uns weiterhin dem Friedensabkommen
von Dayton verpflichten. Unsere Botschaft an die neu
gewählten Politiker muß klar sein: Wir erwarten nichts
anderes als die vollständige Einhaltung von Dayton.

*

AMERIKA DIENST 20

*

In Albanien erinnern uns die Gewaltakte der vergangenen Woche in Tirana deutlich daran, wieviel noch&gt;
getan werden muß. Und wir müssen weiterhin Ausbildung und Hilfe dafür einsetzen, die Saat der Demokratie zum Keimen zu bringen.
Während wir über die vor uns liegenden Herausforderungen nachdenken, wären wir gut beraten, uns
den Rat der amerikanischen Diplomatin Cläre Boothe
Luce ins Gedächtnis zu rufen. Vor nahezu 60 Jahren
sprach sie Worte, die die vor uns liegenden Entscheidungen beschreiben könnten. Sie sagte, daß wir
vor drei Wegen stehen.
Der erste Weg sei der Weg für die Opfer - für diejenigen, die vor dem Bösen die Augen verschließen, ihm
den Rücken kehren und sich von der Welt isolieren
wollen. Der zweite Weg sei der Weg der Bequemlichkeit - ein von Opportunisten und Beschwichtigern
gewählter Weg, die angesichts der Gefahr aufgeben.
Der dritte Weg sei der Weg der Freiheit und Gerechtigkeit - ein harter, enger und gerader Weg, der von
wenigen gewählt wird.
Aber Luce stellte fest, daß der dritte Weg der beste sei
- selbst wenn er an manchen Stellen gefährlich ist.
Der Weg der Freiheit kann manchmal schwierig und
sogar gefährlich sein, aber diese Region hat sich auf
eine Reise begeben und muß sie fortsetzen. Wir
müssen auf Kurs bleiben, denn das ist der Weg zu
Frieden und Wohlstand im lebenswichtigen Herzen
Südeuropas.

*

*

Seite 3

�DEUTSCH-AMERIKANISCHER

TAG

7. Oktober 1998

Deutsch-Amerikanischer Tag 1998
Proklamation des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation von Präsident Clinton zum DeutschAmerikanischen Tag am 6. Oktober 1998.

Seit dem Tag, an dem unsere Republik geboren
wurde, haben Deutschamerikaner unser nationales
Leben und unsere Kultur bereichert. Viele, die nach
Religionsfreiheit strebten, ließen sich vor über 300
Jahren in und um Philadelphia nieder, und bis heute
heißt eines der größten Viertel dieser Stadt Germantown. Während der Kolonialzeit kamen weitere
Deutsche an diesen Ufern an und schufen sich in den
13 Kolonien ein Heim. Heute kann nahezu ein Viertel
der Amerikaner seine Wurzeln nach Deutschland
zurückverfolgen.
Deutschamerikaner haben nicht nur beim Wachstum
unserer Nation, sondern auch bei vielen unserer
wichtigsten Werte einen bedeutenden und dauerhaften
Eindruck hinterlassen. Als geschickte und fleißige
Farmer teilen die Deutschamerikaner unsere Liebe für
das Land und den ausgeprägten Sinn für Familie und
Gemeinschaft. Mit tiefem Respekt für Bildung und die
schönen Künste bereichern sie das kulturelle Leben
der Gemeinden, in denen sie leben. Und von ihren
ersten Tagen in diesem Land an haben die Deutschen
und die Deutschamerikaner die Freiheit verehrt, wie
sie durch den Dienst von General Friedrich von
Steuben während des amerikanischen Kampfes um
Unabhängigkeit und durch die Entsendung eines
ausschließlich aus Deutschamerikanern bestehenden
Korps der Militärpolizei unter dem Kommando von Ma-

jor Bartholomew von Heer verkörpert wurde, das als
General Washingtons persönliche Wacheinheit
während des Revolutionskrieges diente.
Wir alle können stolz auf die Leistungen der Deutschamerikaner sein - als Soldaten und Staatsmänner,
Wissenschaftler und Musiker, Kunsthandwerker und
Lehrer. Es ist angebracht, daß wir diesen besonderen
Tag auserwählen, um uns daran zu erinnern und zu
feiern, wie viel die Deutschamerikaner getan haben,
um unsere Ideale zu bewahren, unsere Kultur zu
bereichern und unsere Demokratie zu stärken.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
des mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Amtes, hiermit den 6.
Oktober 1998 zum Deutsch-Amerikanischen Tag. Ich
ermutige alle Amerikaner, feierlich die vielen Geschenke zu würdigen, die Millionen von Menschen deutscher
Abstammung dieser Nation gemacht haben und die
das Leben unserer Bürger bereichern.
Zum Zeugnis dessen habe ich diese Proklamation
eigenhändig unterzeichnet am 5. Tag des Oktober, im
Jahre des Herrn 1998 und im 223. Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * * *

AMERIKA DIENST 20

Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Eine neue Vision für Europa &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Cohen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;2. Kosovo&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;"Es ist höchste Zeit für den Kosovo!" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John Shattuck&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;3. Sanktionen&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Sanktionen sollen gemeinsame Vision widerspiegeln&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Stuart Eizenstat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Deutschland&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Clinton gratuliert Schröder und dankt Kohl&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung anläßlich der Bundestagswahl&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;5. Deutsch-amerikanischer Tag&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Deutsch-amerikanischer Tag 1998&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. Oktober 1998

21

G7

G 7 SETZEN SICH FÜR DIE FÖRDERUNG
VON TRAGFÄHIGEM WACHSTUM EIN
Rede von Lawrence Summers

USA-EUROPA

EINE EUROATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede von Abteilungsleiter Grossman

ELEKTRONISCHER HANDEL

DIE WAHRHEIT ÜBER DIE AMERIKANISCHE
VERSCHLÜSSELUNGSPOLITIK
Rede von Staatssekretär David Aaron

WELTGERICHTSHOF

AMERIKAS INTERESSE AN FRIEDEN,
SICHERHEIT UND GERECHTIGKEIT
von David J. Scheffer

MENSCHENRECHTE

MENSCHENRECHTE UND AUSSENPOLITIK
Rede von Botschafter John C. Kornblum
VEREINIGTE STAATEN VERURTEILEN
UNTERDRÜCKUNG DER MEDIEN UND DER
BÜRGERLICHEN GESELLSCHAFT DURCH
DIE SERBISCHE REGIERUNG
Erklärung von James B. Foley

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�G 7
21. Oktober 1998

G 7 setzen sich für die Förderung
von tragfähigem Wachstum ein
Rede von Lawrence Summers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Stellvertretende
Finanzminister Lawrence Summers am 1. Oktober 1998 vor dem Weltkongreß für Wirtschaftsentwicklung
gehalten hat.

Im vergangenen Oktober traf sich die internationale
Staatengemeinschaft bei den Jahrestagungen der
Weltbank und des IWF in Hongkong und erörterte den
Zusammenbruch des thailändischen Bäht und das
mögliche Übergreifen der Finanzprobleme auf ganz
Ostasien. Ein Jahr später finden diese Gespräche in
Washington statt, und die Sorgen haben globalen
Charakter.
Die Probleme Thailands breiteten sich schnell auf die
benachbarten ostasiatischen Volkswirtschaften und in
den letzten Monaten auf Rußland und in gewissem
Ausmaß auf Lateinamerika aus. Die Situation verschlechterte sich weiter und wurde durch eine Verschlimmerung der Lage in Japan noch gravierender,
das gerade ein drittes Quartal in Folge negatives
Wachstum erlebt und dessen Bankensektor mit den
größten Problemen konfrontiert ist, die eine Volkswirtschaft in der jüngeren Geschichte je erlebt hat.
Heute möchte ich den Großteil meiner Zeit dazu
verwenden, den Ansatz, den wir bei diesen Krisen
gewählt haben, und unser Streben nach Fortschritten
zu überprüfen - im Einklang mit den Anhörungen von
Finanzminister Rubin, dem Vorsitzenden des Zentralbankrats Greenspan und mir, die in den letzten
Wochen im Kongreß stattfanden.
I. Gründe für die Krise
Ökonomen werden sich noch auf Jahre hinaus mit den
Gründen für diese Krisen befassen. Aber es besteht
breite Übereinstimmung über die wichtigsten Faktoren:

AMERIKA DIENST 21

Finanzsysteme, die das Kapital nicht effizient
in die richtigen Kanäle leiteten, unzureichend
reguliert waren und ein falsches Gefühl der
Sicherheit hervorriefen, das letztlich nicht
aufrechterhalten werden konnte.
Wechselkursregime, die Kapital anzogen,
aber nicht von angemessenen makroökonomischen Maßnahmen begleitet waren und
Raum für spekulativen Druck ließen.
Ein sich insbesondere in Asien verschlechterndes globales wirtschaftliches Umfeld
aufgrund der offensichtlichen Wirtschaftsprobleme in Japan.
Schwierigkeiten in einigen Ländern - insbesondere Indonesien und Rußland - bei der
Durchführung
grundlegender
staatlicher
Funktionen, beispielsweise Steuereintreibung
und Bankenregulierung.
Substantieller Vertrauensverlust, während
Investoren sich zunehmend darüber Gedanken machen, was andere Investoren denken,
und weniger darüber, was die Grundprinzipien
sind.
Die Tendenz des Marktes zur Übertreibung besteht
schon seit Jahrhunderten. Die Übertragungsmechanismen jedoch nicht. Wenn die Krise des mexikanischen Peso die erste Finanzkrise des 21. Jahrhunderts war, hat die zweite noch deutlicher den
Spielraum der neuen Informationstechnologien und
Finanzinstrumente unter Beweis gestellt, mit einzig-

Seite 1

�artiger
Geschwindigkeit
und
Stärke
vorzugehen. Wenn wir den Kapitalabzug von mehr als
zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in verschiedenen asiatischen Volkswirtschaften und die mindestens
doppelt so starke Ausbreitung von Wertpapieren in
vielen verschiedenen Märkten beobachten, ist es
schwer zu glauben, daß die Ansteckungseffekte und
die generalle Flucht vor dem Risiko nicht übertrieben
sind.
Die Eindämmung dieser Krisen ist für die Kerninteressen der Vereinigten Staaten von entscheidender
Bedeutung: Es geht um den Erhalt amerikanischer
Arbeitsplätze, amerikanischer Spareinlagen und der
nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Die Exporte in die Krisenländer sind bereits
um nahezu ein Drittel gesunken, und Jahresprognosen und private Voraussagen deuten
darauf hin, daß infolge der Krisen unser
derzeitiges Leistungsbilanzdefizit um einen
halben oder einen Prozentpunkt ansteigen
könnte.
In den letzten Wochen haben wir eine substantielle Abnahme des Zugangs zahlreicher
Unternehmen zu den Wertpapier- und Schuldenmärkten und Beweise dafür gesehen, daß
die Kreditvergabe der Banken abnimmt.
Derzeit gehört der Markt für "Schundanleihen"
glücklicherweise der Vergangenheit an.
Und wir wurden an die möglichen sicherheitspolitischen Konsequenzen der gravierenden
Finanzprobleme in Übersee erinnert. Man
muß sich nur die möglichen Auswirkungen
einer anhaltenden Finanzkrise in Rußland vor
Augen halten um zu sehen, daß die Eindämmung dieser Probleme - und der Kampf
gegen ihre Ausweitung - die Vorneverteidigung unserer Kerninteressen darstellt.
Das Ziel ist klar: Die Eindämmung dieser Krise und die
Wiederherstellung von Wachstum und Stabilität in den
bereits betroffenen Volkswirtschaften. Lassen Sie
mich jetzt über die Mittel sprechen.

Haushaltsüberschüssen und damit die Verringerung des Drucks auf die globalen Kapitalmärkte und auf unser eigenes Handelsdefizit.
Die Chinesen haben erkannt, daß ihr fortgesetztes Engagement für die Bewältigung der
Probleme ihres Finanzsektors und den Erhalt
einer stabilen Währung ebenfalls von großer
Bedeutung sein werden.
Und Japan, auf das sogar heute noch mehr
als zwei Drittel der asiatischen Wirtschaft
entfallen, kommt eine besonders entscheidende Rolle zu. Sofortige und effektive Maßnahmen zur Stärkung des Finanzsystems und
entschlossene steuerliche Maßnahmen, die
substantielle und nachhaltige wirtschaftliche
Anreize geben, sind in Japan dringend erforderlich, um die starke, von der eigenen
Wirtschaft ausgehende Erholung fortzusetzen,
die das Land benötigt und auf die die Welt seit
langem wartet.
Zweitens. Obwohl das äußere Umfeld wichtig ist und
internationale Unterstützung einen Unterschied
bewirken kann, sind die Länder für ihr eigenes wirtschaftliches Schicksal verantwortlich. Eine starke
Reaktion der betroffenen Länder ist der absolut erste
Schritt zur Wiederherstellung von Stabilität - weil jede
finanzielle Unterstützung, die in eine Wirtschaft
einfließt, sofort wieder abgezogen wird, wenn unsolide
Maßnahmen ergriffen werden und die Regierungen
nicht glaubwürdig sind.
Drittens. Gebundene internationale Finanzhilfe kann
eine wichtige Rolle spielen, wenn die Politiker sich zu
Reformen verpflichten, für deren Umsetzung aber
finanziellen Freiraum benötigen. Finanzkrisen können
zum Teil auch herbeigeredet werden, wie durch einen
Run auf die Banken: Jeder erwartet einen Mißerfolg
oder jeder erwartet, daß alle anderen einen Mißerfolg
erwarten, was dazu führt, daß jeder der erste sein will
und der Mißerfolg eintritt. Zeitlich begrenzte, gebundene Hilfe baut den Ländern eine Brücke zur Überwindung dieses Herbeiredens einer Krise und trägt zur
Wiederherstellung von Stabilität bei. Und hier kommt
dem IWF eine wichtige Rolle zu.

II. Der Ansatz der Vereinigten Staaten
Unsere Reaktion auf diese Situation ruht auf drei
Säulen.
Erstens. Kein Land wird sich vor dem Hintergrund
regionaler Deflation und schwacher Nachfrage erholen. Erforderlich sind verstärkte Maßnahmen in den
wichtigsten Volkswirtschaften der Region, um Wachstum und Vertrauen zu stärken:
Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin das
Ihre tun, insbesondere durch den Erhalt von

Seite 2

Bei dieser Krise ist noch alles in Bewegung. Und die
am stärksten betroffenen Länder spüren enormes
wirtschaftliches und soziales Elend. Das ist angesichts
des erfolgten massiven Abzugs von Privatkapital
unvermeidlich. Aber es ist ermutigend, daß es in
diesen Ländern, die als erstes betroffen waren und die
entschiedensten Maßnahmen ergriffen haben, Anzeichen für eine Eindämmung gibt.
Länder, die konsequent die vom IWF befürworteten
und geförderten Maßnahmen ergreifen - insbesondere
die Philippinen, Korea und Thailand - sehen bereits

AMERIKA DIENST 21

�erste Anzeichen für eine Wiederherstellung der
Stabilität. In Korea und Thailand fand im Allgemeinen
eine Stabilisierung der Währungen statt, der Nominalzinssatz liegt wieder etwa zwischen 13 und 15, und die
Realzinssätze sind auf das Niveau von vor der Krise
gefallen. Gleichzeitig setzen sich diese Länder jetzt für
eine Ausweitung ihrer Finanzpolitik ein, um den durch
ihre soliden Maßnahmen geschaffenen Raum für eine
möglichst schnelle Rückkehr zum Wachstum zu
nutzen.
Bei der Erörterung dieser Krisen ist es entscheidend,
die Therapie nicht mit der Krankheit zu verwechseln.
Die Notlage in Asien ist keine Folge der Politik oder
Finanzierung des IWF. Vielmehr sind dies Versuche,
die wahre Ursache für das Elend zu bemänteln: Den
Kapitalabzug und den Vertrauensverlust, der zu
diesem Abzug führte. In Ländern wie Indonesien und
Rußland, deren Regierungen ihre Programme nicht
voll umsetzten, werden Inflation, Zinssätze und
Verluste an Output zweifelsohne weitaus höher sein und die Wiederherstellung von Vertrauen liegt damit in
weiter Ferne.
Während diese Länder sich für Maßnahmen entscheiden und der IWF beschließt, welche Programme
er finanziell zu unterstützen bereit ist, werden zweifelsohne schwierige Fragen des Gleichgewichts aufgeworfen, die erhitzte Debatten zur Folge haben:

Diese Fragen des Gleichgewichts werden zweifelsohne auch in Zukunft erörtert, und es gibt keine Garantie
dafür, daß der IWF jedes Mal richtig mit ihnen umgeht.
Aber allein das Ausmaß an Unstimmigkeit unter den
Kritikern über die gemachten Fehler gibt Anlaß zur
Zuversicht, daß das Gleichgewicht in den meisten
Fällen hergestellt wurde. Ich habe keinen Zweifel
daran, daß die Situation während des vergangenen
Jahres ohne die Programme des IWF und seine
Finanzhilfe weitaus schlimmer gewesen wäre - mit
mehr Abwertungen, mehr Zahlungsrückständen, mehr
Ansteckungseffekten und mehr Handelsverzerrungen.
III. Der vor uns liegende Weg
Sogar in Hongkong stellten wir fest, daß sich die in
Asien spürbaren finanziellen Belastungen ausweiten
und weitreichende Konsequenzen für das übrige
Weltfinanzsystem haben könnten.
Zweifelsohne
haben sich die finanziellen Belastungen in den vergangenen Wochen erhöht - bis zu einem Punkt, an dem
sie das darstellen könnten, was Präsident Clinton als
eine der gravierendsten finanziellen Herausforderungen bezeichnet hat, mit denen sich die Weltgemeinschaft seit 50 Jahren konfrontiert sieht. In diesem
Kontext zeigten die Ausführungen des Präsidenten
letzten Monat in New York und die gleichzeitig herausgegebene Erklärung der G 7-Finanzminister und
Zentralbankvorsitzenden deutlich, wie unsere gemeinsamen Anstrengungen vorangetrieben werden sollten:

Einerseits besteht die legitime Ansicht, daß

strukturelle Mängel von Volkswirtschaften, die
mit kapitalistischer Vetternwirtschaft in Zusammenhang stehen, behoben werden müssen. Andererseits hat man festgestellt, daß
allzu starker Druck auf Umstrukturierung in
großem Stil das Risiko heftiger Reaktionen im
Inland beinhaltet.

Erstens arbeiten wir in Anbetracht der Tatsache von
niedrigen oder sinkenden Inflationsraten in den
meisten Teilen der Welt und der daraus resultierenden
Risikoverlagerung in der globalen Wirtschaft mit
unseren G 7-Partnern verschärft auf die Umsetzung
von Maßnahmen zur Förderung von nachhaltigem
globalem Wachstum hin.

Einerseits macht man sich Sorgen um die
Stabilität der Wechselkurse angesichts dessen, was passieren kann, wenn der Verfall
einer Währung außer Kontrolle gerät. Andererseits werden viele auf die potentiellen
Kosten einer starken Zinserhöhung zu einem
Zeitpunkt hinweisen, an dem die Banken- und
Finanzsysteme im Allgemeinen großen Belastungen ausgesetzt sind.

Es ist von entscheidender Bedeutung, daß
Japan unverzüglich unter angemessenen
Bedingungen öffentliche Gelder in beträchtlichem Umfang in sein Bankensystem einfließen läßt. Unserer Auffassung nach ist das
der einzige Weg, um gleichermaßen Stabilität
zu bewahren und in den nächsten Jahren für
Wachstum zu sorgen.

Einerseits besteht die dringende Notwendigkeit, zu einem Zeitpunkt Vertrauen zu schaffen, an dem Ansteckungseffekte auf den
aufstrebenden Märkten zu einem massiven
Kapitalabzug und einer Erhöhung der Zinssätze führen könnten. Andererseits machen
sich viele berechtigte Sorgen über moralische
Risiken und unverantwortliches Verhalten von
Investoren und Regierungen infolge dieser
Unterstützung.

AMERIKA DIENST 21

Die Länder der Europäischen Union müssen,
nachdem sie sich gerade erst von einer
langen Periode relativ geringen Wachstums
und hoher Arbeitslosigkeit erholen, ihrerseits
ebenfalls die Initiative ergreifen und mit gezielt
auf kräftiges Wachstum der europäischen
Nachfrage
ausgerichteten
Maßnahmen
regionales und globales Wachstum unterstützen.
Zweitens arbeiten wir auf die Verbesserung der
Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft hin,

Seite 3

�Finanzmittel für Länder bereitzustellen, die eine solide
Politik verfolgen und dennoch von dem Ansteckungseffekt bedroht sind. Wo Ansteckung ein ernsthaftes
Problem ist, muß die Betonung auf dem Sondieren
neuer Wege zur Schaffung von Liquidität und Wiederherstellung des Vertrauens liegen, die keine
ungebührlichen moralischen Risiken zur Folge haben.
Die angemessene Finanzierung des IWF ist bei diesen
Bestrebungen entscheidend. Dennoch befinden sich
die Ressourcen des IWF heute auf einem historischen
Tiefstand. Und Maßnahmen, die zusätzliche Finanzmittel sicherstellen würden, warten immer noch auf die
Genehmigung durch den Kongreß. Ich möchte zu
einer Zeit, in der die Märkte danach Ausschau halten,
ob die internationale Gemeinschaft die Fähigkeit zur
Bewältigung dieser Krisen hat, nochmals wiederholen,
daß die andauernde Verzögerung ein Risiko ist, das
sich die Vereinigten Staaten kaum leisten können.
Drittens suchen wir zusammen mit den internationalen
Finanzinstitutionen und den Ländern in der Region
nach Wegen zur Beschleunigung des Tempos einer
umfassenden Unternehmens- und Finanzumstrukturierung in Ländern, in denen es ein systemimmanentes
Problem gibt - vor allem in Asien, wo die gravierende
Verschuldung sowohl der Finanzsysteme als auch der
Unternehmen eine große Hürde für die Erholung
darstellt und wo die Inangriffnahme des Überhangs der
Inlandsverschuldung von entscheidender Bedeutung
ist.
Viertens arbeiten wir auch mit den multilateralen
Entwicklungsbanken an einem besseren sozialen
Sicherheitsnetz für die Krisenländer zusammen, um
den am meisten benachteiligten Menschen in diesen
Ländern zu helfen, die Härten erdulden müssen.
Präsident Clinton stellte in der vergangenen Woche
fest: "Wenn wir von diesen Ländern erwarten, Schwieriges zu tun, dann müssen wir die am leichtesten
Verwundbaren der Gesellschaft schützen und wir
müssen Menschen schützen, die verletzt werden, auch
wenn sie gar nichts falsch gemacht haben."
Und schließlich müssen wir sehr ernsthaft darüber
nachdenken, wie das globale Finanzsystem und seine
Institutionen im Hinblick auf die Verhinderung und
Reaktion auf Krisen wie diese funktionieren. Das war
seit dem Gipfeltreffen in Neapel 1994 eine große
Sorge und enthält als entscheidendes Element die
Zusammenführung der traditionellen und neuen
Akteure auf der internationalen Finanzbühne.
Unter der Führung von Präsident Clinton haben wir
diese Anstrengungen im vergangenen Jahr intensiviert, indem wir im April ein Treffen einer umfassenderen Gruppe von 22 Ländern einberufen haben,
darunter drei wichtige Entwicklungs- und Schwellen-

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länder. Bei diesem Treffen richteten die Finanzminister und Notenbankchefs Arbeitsgruppen ein, die
Anfang nächster Woche konkrete Vorschläge unterbreiten werden. Finanzminister Rubin hat heute
Morgen in einer Rede in New York einige der wichtigsten Prioritäten dargelegt:
Verbesserte Transparenz und Offenlegung,
beispielsweise durch die Umsetzung internationaler Transparenzstandards durch die
Regierungen und die Einhaltung neuer internationaler Abkommen über bessere Rechenschaftspflicht und Offenlegungsstandards
durch private Firmen.
Gestärkte inländische Finanzsysteme. Wie
Finanzminister Rubin erörterte, ist der Schlüssel hierbei, den Regierungen gleichermaßen
die besten zu befolgenden praktischen Standards zur Verfügung zu stellen und ihnen die
angemessene Unterstützung und Anreize zu
bieten, diese Standards umzusetzen.
Effektivere Arrangements für Lastenteilung bei
der Reaktion auf finanzielle Schwierigkeiten,
insbesondere indem die Zahl einzelner Insolvenzen durch bessere Schuldner-Gläubigersowie Insolvenzregime in Schwellenländern
verringert wird, damit sie nicht zu systemimmanenten Bankrotten werden.
Die entscheidende Reform der internationalen
Finanzinstitutionen. Der IWF muß bei seinen
Maßnahmen und Programmen transparenter
und rechenschaftspflichtiger werden. Er muß
in einer Position sein, um sich mit dieser
neuen Art von Finanzkrisen zu befassen, die
sich eher aus Kapitalkonten- als aus Verkaufskontenproblemen ergeben. Seine Programme
müssen Wachstum zur Priorität machen. Und
er muß sich auf Themen konzentrieren, die
Auswirkungen auf die Sicherheit und Tragfähigkeit von Kapitalflüssen haben.
In Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft haben wir in den vergangenen Jahren Fortschritte an allen diesen Fronten gemacht. Die Veröffentlichung der drei Berichte der Arbeitsgruppen wird
uns noch weiter auf dem Weg zu unserem langfristigen
Ziel voranbringen: Einem stärkeren, stabileren internationalen Finanzsystem. Und auf unserem Weg nach
vorne werden die Anstrengungen weiter verstärkt und
erweitert. Die Zahl und Vielfalt von Vorschlägen für
eine Reaktion auf die uns konfrontierenden kurz- und
langfristigen Herausforderungen steht nicht in Frage.
Was jetzt sorgfältig erwogen werden muß, ist ihre
Effektivität und Dauerhaftigkeit auf lange Sicht.

AMERIKA DIENST 21

�USA-EUROPA

21. Oktober 1998

Eine euroatlantische Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
Rede von Abteilungsleiter Grossman

HOUSTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Abteilungsleiter für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Marc Grossman, am 1. Oktober 1998 vor dem World
Affairs Council in Houston (Texas) gehalten hat.

Vielen Dank für die freundliche Einführung. Es ist mir
ein echtes Vergnügen, heute vor Ihnen über die
Zukunft der amerikanisch-europäischen Beziehungen
zu sprechen. Besonders dankbar bin ich Lincoln
Jones und dem World Affairs Council in Houston für
die Einladung, Ihnen einige unserer Ideen vortragen zu
dürfen.
Ich möchte heute über Europa und darüber sprechen,
warum die Vereinigten Staaten fast ein Jahrzehnt nach
dem Ende des Kalten Krieges weiterhin ein vitales
nationales Interesse nicht nur am Erhalt, sondern
sogar an der Ausweitung ihrer Zusammenarbeit in und
mit Europa haben.
Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen, die mir in
meiner Eigenschaft als Abteilungsleiter für europäische
Angelegenheiten oft gestellt wird: Warum sollten die
Vereinigten Staaten zu einer Zeit so engagiert in
Europa bleiben, in der der alte Kontinent wohlhabender
und sicherer erscheint als zu jedem anderen Zeitpunkt
in der jüngeren Geschichte?
Meine Antwort besteht aus drei Teilen. Erstens ist es
unser offensichtlichstes vitales Interesse sicherzustellen, daß Europa in Frieden lebt und frei von der
Beherrschung durch irgendeine Macht oder Kombination von Mächten ist, die den Vereinigten Staaten
feindlich gesinnt sind. Heute wird Europa durch keine
feindliche Hegemonie bedroht. Das ist eine sehr gute
Nachricht. Wir haben ein grundlegendes nationales
Sicherheitsinteresse daran, daß das so bleibt.

Im Laufe dieses Jahrhunderts mußten wir mühsam
lernen, daß die Interessen der Vereinigten Staaten mit
der Sicherheit und dem Wohlstand Europas verknüpft
sind. Wenn wir die für den Schutz dieser Interessen
erforderlichen Investitionen nicht tätigen, werden wir
letzten Endes immer einen höheren Preis zahlen.
Ein demokratischer Frieden hat auf dem Großteil des
Kontinents Fuß gefaßt, aber er wird weiterhin durch
Spannungen, reale und potentielle Konflikte bedroht.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten die
Führung bei der NATO-Erweiterung, der Gründung der
Partnerschaft für den Frieden und der Einbeziehung
von Ländern wie Rußland und der Ukraine übernommen. Und aus diesem Grund engagieren wir uns
dafür, in Bosnien Frieden zu schaffen und den Konflikt
im Kosovo zu entschärfen und einzudämmen.
Zweitens haben wir auch ein vitales Interesse daran,
was für ein Europa sich in Zukunft entwickelt. Wir
möchten ein Europa, das offen für amerikanische
Waren und amerikanische Investitionen ist und die
amerikanischen Werte teilt. Wir möchten ein starkes,
selbstbewußtes und nach außen gerichtetes Europa kein schwaches, isoliertes oder protektionistisches.
Ein stärkeres, geeinteres Europa, das gleichermaßen
nach außen gerichtet ist und seine Nachbarn einbezieht, liegt eindeutig im amerikanischen Interesse.
Aus diesem Grund ist diese Administration ein so
entschiedener Befürworter der europäischen Integration.
Außenministerin Albright sagt gerne, es gebe in der
Politik eine wichtige Regel, die sich auch auf die

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�Außenpolitik erstreckt: Schütze deine Basis. Europa
ist Amerikas geopolitische Basis. Stellen Sie sich vor,
wie die amerikanische Außenpolitik aussähe, wenn
Europa zu einem Zeitpunkt instabil würde, an dem wir
andernorts auf der Welt mit großen Herausforderungen
konfrontiert sind.
Drittens möchten die Vereinigten Staaten ein Europa,
das sowohl im Alleingang als auch kollektiv eine Reihe
von Herausforderungen partnerschaftlich mit uns
angeht, die kein Land - nicht einmal die Vereinigten
Staaten - alleine bewältigen kann. So wichtig die
Stabilisierung eines größeren und umfassenderen
Europas auch ist - unsere Interessen und Ziele können
nicht darauf beschränkt sein. Wir müssen ehrgeiziger
sein: Wir müssen eine Partnerschaft aufbauen, bei der
wir und unsere europäischen Verbündeten in zunehmendem Maße gemeinsam an bestimmten Fragen
arbeiten - sowohl in Europa als auch darüber hinaus.
Die Vereinigten Staaten sind die einzige verbliebene
Supermacht auf der Welt. Aber wir können und sollten
nicht alleine handeln, wenn es um die Verteidigung der
gemeinsamen Werte und Interessen des Westens
geht. In der heutigen, zunehmend interdependenten
Welt brauchen wir solide, verläßliche und effektive
Partner zur Erlangung unserer außenpolitischen Ziele.
Das erfordert Arbeit. Niemand weiß besser als ich, wie
schweres manchmal sein kann, sich auf eine gemeinsame Politik zu einigen. Aber Europa ist in vieler
Hinsicht der beste Partner, den wir haben. Unsere
Partnerschaft mit Europa könnte vielleicht mehr als die
mit jedem anderen Teil der Welt als "bereichernde
Beziehung" bezeichnet werden. Damit meine ich, daß
die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam eine
mächtige Kraft für Fortschritt auf nahezu allen Gebieten sein können. Wenn wir jedoch verschiedener
Meinung sind, ist keiner von uns so effektiv.
Mit anderen Worten: Der Kalte Krieg ist zwar vorbei,
die Notwendigkeit einer Partnerschaft und eines
Bündnisses mit Europa besteht jedoch fort. Heute ist
unser Schicksal nicht weniger eng verbunden als vor
50 Jahren. Wenn Europa in Frieden lebt, ist Amerika
sicherer. Wenn es Europa gut geht, geht es auch
Amerika gut. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat
beide Seiten des Atlantiks gelehrt, daß wir eine
Partnerschaft benötigen, in der Europa auf uns zählen
kann und wir auf Europa. Diese Lektion müssen wir
für das 21. Jahrhundert ebenfalls lernen.
Im Gegensatz zu den Gründervätern der transatlantischen Beziehungen haben wir das Glück, dies zu einer
Zeit relativen Friedens und relativer Sicherheit zu tun
anstatt während einer größeren Krise. Gleichzeitig
bürdet uns das eine besondere Last auf, dem amerikanischen Volk unsere Politik darzulegen und zu
erklären.

Seite 2

Wir können die historischen Errungenschaften der
letzten 50 Jahre am besten würdigen, indem wir eine
ebenso ehrgeizige Vision unserer Partnerschaft für die
nächsten 50 Jahre vorlegen - und eine praktische
Anleitung zur Erlangung dieses Ziels.
1994 legte Präsident Clinton seine Vision von einem
freien, ungeteilten und integrierten Europa dar, das
eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten pflegt.
Auf der Grundlage dieser Vision hat diese Administration die Führung bei der Erweiterung und Wiederbelebung der NATO und beim Aufbau neuer, umfassenderer Beziehungen zur Europäischen Union übernommen. Wir haben neue kooperative Beziehungen zu
Rußland geknüpft und bei der Umwandlung der KSZE
in eine operationale Organisation - die OSZE - geholfen, um demokratische Normen zu fördern und einen
Krisenverhütungsmechanismus in den Teilen Europas
zu fördern, in denen die Wurzeln der Demokratie noch
nicht tief oder Angriffen ausgesetzt sind.
Wir sind jetzt bereit, die nächsten logischen Schritte zu
unternehmen. Im Mai lud Präsident Clinton in Berlin
unsere europäischen Partner ein, sich uns bei der
Definition einer solchen Vision und dem Aufbau einer
euroatlantischen Partnerschaft für das 21. Jahrhundert
anzuschließen. Das Ziel dieser Partnerschaft ist
einfach und dauerhaft: Schutz der Sicherheit, des
Wohlstands und der demokratischen Verankerung
ihrer Mitglieder. Aber die Herausforderungen und das
Umfeld, mit dem wir jetzt konfrontiert sind, unterscheiden sich von denen des Kalten Krieges. Eine
neue euroatlantische Partnerschaft kann diese Ziele
am besten erlangen, indem sie in den kommenden
Jahrzehnten drei entscheidende strategische Herausforderungen angeht:
Unsere erste Herausforderung liegt in Europa:
Die Sicherstellung der weiteren Integration
des Kontinents durch die Erweiterung der
NATO und der EU. Ferner müssen wir den
Aufbau neuer Partnerschaften mit Rußland
und der Ukraine fortsetzen, um unsere Ziele
von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie
weiter nach Osten auszuweiten. Um Außenministerin Albright zu zitieren, müssen wir
Krieg und Konflikt in der östlichen Hälfte des
Kontinents ebenso undenkbar machen, wie
sie es im westlichen Teil geworden sind.
Die zweite Herausforderung besteht zwischen
Europa und Amerika: Die Vertiefung der
Bande über den Atlantik hinweg, um die
Grundlage dieser Beziehungen als positive
Kraft für Wandel auf der Welt zu stärken.
Die dritte Herausforderung geht über Europa
und Amerika hinaus: Die Verbesserung unserer Zusammenarbeit über Europa hinaus und
die Suche nach gemeinsamen Lösungen für

AMERIKA DIENST 21

�gemeinsame Bedrohungen andernorts auf der
Welt - seien sie politischer, militärischer,
wirtschaftlicher, krimineller oder umweltpolitischer Natur - denen keiner von uns im
Alleingang wirksam entgegentreten kann.
Diese Ziele verstärken sich gegenseitig: Ein Europa
mit mehr Sicherheit, Freiheit und Wohlstand kommt
eher als globaler Partner Amerikas in Frage. Und ein
nach außen gerichtetes Europa kann eher mit den
starken Kräften des Wandels umgehen, die Stabilität,
Wohlstand und Demokratie auf dem europäischen
Kontinent in Frage stellen könnten.
Das kommende Jahr - 1999 - bietet uns mehrere
Gelegenheiten, eine solide Grundlage für diese
euroatlantische Partnerschaft für das 21. Jahrhundert
zu legen. Unsere führenden Politiker werden bei
Gipfeltreffen von drei Schlüsselinstitutionen zusammentreffen, die einzeln und zusammen zu unseren
gemeinsamen Zielen von Sicherheit, Wohlstand und
Demokratie beitragen: Die NATO, die OSZE und die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union. Wir möchten nicht, daß
diese Gipfel zu Feierstunden für die Leistungen der
Vergangenheit oder einfach den letzten erfolgreichen
Gipfeln des 20. Jahrhunderts werden. Wir möchten,
daß sie die ersten erfolgreichen Gipfel des 21. Jahrhunderts werden.
Die NATO
Lassen Sie mich zuerst über die NATO sprechen. Im
kommenden April werden wir die Ehre haben, in
Washington einen Gipfel aus Anlaß des 50. Jahrestages des Nordatlantischen Bündnisses zu veranstalten.
Unser Ziel für den NATO-Gipfel lautet, daß wir über die
NATO des 21. Jahrhunderts sprechen wollen - ein
größeres, flexibleres Bündnis, das sich der kollektiven
Verteidigung verpflichtet und ein breites Spektrum von
Herausforderungen für die Interessen des Bündnisses
bewältigen kann.
Die Notwendigkeit für eine solche Diskussion wurde
uns allen während der Debatte über die Ratifizierung
der NATO-Erweiterung im Senat im Frühjahr deutlich.
Eine überwältigende Mehrheit der Senatoren beider
Parteien stimmte für die Ratifizierung der Aufnahme
neuer Mitglieder.
Fast ein Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer
beschloß das amerikanische Volk, sein Engagement
für die Sicherheit Europas nicht nur fortzusetzen,
sondern noch auszuweiten.
Gleichzeitig warf die Debatte im Vorfeld dieser Entscheidung viele ernsthafte Fragen über die zukünftigen
Ziele der NATO auf. Amerikaner interessieren sich für
die zukünftige Aufgabe der NATO ebenso wie für ihre
Zusammensetzung. Sie freuen sich, daß in Brüssel

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die Flaggen fähiger neuer Verbündeter im Wind
wehen. Sie wollen aber auch, daß Amerikaner und
Europäer bei der Beseitigung realer Bedrohungen
unserer Sicherheit gemeinsam vorgehen.
Die kollektive Verteidigung in Europa ist und bleibt der
Grundstein des Bündnisses. Wir dürfen das nie
vergessen oder zulassen, daß irgendetwas geschieht,
das unsere Fähigkeit gefährdet, diese unwiderrufliche
Verpflichtung zur Bewältigung gemeinsamer Risiken
und Übernahme gemeinsamer Pflichten zu erfüllen.
Darum ging und geht es bei der NATO.
Wenn die NATO im 21. Jahrhundert effektiv bleiben
will, muß auch sie sich weiterhin wandeln. Amerikaner
haben eine sehr pragmatische und vernunftbestimmte
Einstellung zur NATO. Aus diesem Grund ist es
unseres Erachtens an der Zeit, die Grundprinzipien,
die das Bündnis in der Vergangenheit so erfolgreich
machten, auf die neuen Bedrohungen auszudehnen,
die gemeinsame transatlantische Interessen betreffen.
Wir haben bei der Schaffung eines ungeteilten und
freien Europas bereits viel erreicht. Zentraleuropa
befindet sich auf dem Weg zu Integration und Stabilität.
Wir haben eine glaubwürdige Politik der offenen Tür
mit einer klaren Perspektive für andere Länder eingeführt, die eine Mitgliedschaft anstreben, und unser
Engagement in Nordost- und Südosteuropa verstärkt.
Und wir haben neue, kooperative Beziehungen zu
Rußland angeknüpft, was nach Ansicht vieler Kritiker
nicht mit der NATO-Erweiterung vereinbar war.
Damit soll nicht bestritten werden, daß wir heute in
Europa immer noch mit Bedrohungen konfrontiert sind.
Die Realität ist jedoch, daß Europa als Ganzes
sicherer ist als zu jedem anderen Zeitpunkt in der
jüngeren Geschichte. Es gibt jedoch Gründe, warum
das Bündnis seinen strategischen Horizont erweitern
sollte.
Bedrohungen des Territoriums eines Mitgliedstaates die unter Artikel 5 des Nordatlantikvertrags fallen, dem
zufolge ein bewaffneter Angriff gegen eine oder
mehrere Parteien als ein Angriff gegen alle Parteien
angesehen wird - können aus neuen Quellen kommen.
Ein potentieller Angriff mit ballistischen Raketen unter
Einsatz von Massenvernichtungswaffen
gegen
irgendeine große europäische Hauptstadt durch einen
verbrecherischen Staat oder eine terroristische
Vereinigung ist eine Bedrohung, der die NATO gewachsen sein muß.
Die Vereinigten Staaten und Europa könnten sich auch
neuen Herausforderungen der Verteidigung der
gemeinsamen transatlantischen Interessen außerhalb
des Kontextes von Artikel 5 gegenübersehen. Wenn
man fragt, wo amerikanische und europäische Truppen im kommenden Jahrzehnt mit Konflikten kon-

Seite 3

�frontiert werden können, muß die Antwort Szenarien
außerhalb der NATO-Grenzen beinhalten.
Tatsächlich haben wir immer die Option gehabt, die
Stärke der NATO außerhalb unserer Grenzen zur
Verteidigung unserer Interessen und zur Gewährleistung einzusetzen, daß Konflikte nie unsere Grenzen erreichen. Wenn gemeinsame Militäraktionen je
zum Schutz der vitalen Interessen Amerikas und
Europas erforderlich sind, sollte die NATO die Institution unserer Wahl sein.
Es liegt stark im amerikanischen Interesse, die NATO
in diese Richtung zu bewegen. Während des Kalten
Krieges war es für die Europäer sinnvoll, sich auf die
Bedrohung ihres eigenen Territoriums zu konzentrieren und für die Amerikaner, die Hauptverantwortung
für die Verteidigung der gemeinsamen transatlantischen Interessen andernorts zu übernehmen. Ein
solches Arrangement ist jedoch dann weniger sinnvoll,
wenn die territoriale Bedrohung Europas abgenommen
hat und neue Bedrohungen unserer gemeinsamen
Interessen von außerhalb der NATO-Grenzen kommen können.
Es darf keinen Zweifel daran geben: Wir sind bereit zur
Übernahme unseres Teils der Lasten und bleiben das
auch. Wir sollten sie jedoch nicht alleine übernehmen
müssen. Unsere Fähigkeit, effektiv zu sein, hängt in
zunehmendem Maße von unserer Fähigkeit ab, mit
unseren Verbündeten und Partnern zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu teilen. Dies ist ein
Grund, warum wir so hart an der Förderung der
europäischen Verteidigungsfähigkeit arbeiten, Macht
zu projizieren und mit einem größeren Spektrum
möglicher zukünftiger Gefahren fertigzuwerden. Ich
möchte unsere uneingeschränkte Unterstützung für
den Aufbau einer europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität im Einklang mit dem vom
Bündnis vor zwei Jahren in Berlin Beschlossenen
bekräftigen.
Ich weiß, daß manche behaupten, wir hätten die
Absicht, den ursprünglichen Zweck des Nordatlantikvertrags zu ändern oder eine Art von neuer "globaler
NATO" zu schaffen. Das ist dummes Geschwätz. Wir
sprechen über die Anwendung der Grundprinzipien,
auf denen die NATO gründet, auf die neuen Realitäten
der Zeit nach dem Kalten Krieg und auf die neuen
Bedrohungen unserer gemeinsamen transatlantischen
Sicherheit.
Präsident Clinton erklärte in Berlin: "In der Vergangenheit schützte die NATO unsere Grenzen vor direkter
militärischer Invasion. In Zukunft muß das Bündnis
unsere erweiterten Grenzen verteidigen und uns vor
Bedrohungen unserer Sicherheit schützen, die von
jenseits der Grenzen kommen: Der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen, ethnischer Gewalt,
regionalen Konflikten."

Seite 4

USA-EU
Seit mehr als 50 Jahren streben wir die Schaffung
eines sicheren, demokratischen, wohlhabenden und
integrierten Europas an. Wir wissen, daß der Teil
Europas, der unsere Werte teilte, ein entscheidender
Partner bei der Bewältigung der Herausforderungen
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war. Jetzt, wo es
neue globale und regionale Herausforderungen gibt,
trifft das ebenso zu. Wir möchten eine Partnerschaft
mit Europa entwickeln, die dessen Fähigkeiten bei der
Verteidigung unserer gemeinsamen Werte und
Interessen nutzt.
Geräuschlos, hier in den Vereinigten Staaten fast
unbemerkt, entsteht ein neues, integriertes Europa.
Das neue Europa hat nicht nur Auswirkungen auf
unseren Wohlstand, sondern auch auf unsere Sicherheit. Wenn irgendwann im nächsten Jahrhundert
der Prozeß der Erweiterung der Europäischen Union
abgeschlossen ist, wird diese einen Großteil des
europäischen Kontinents von der Arktis bis zum
Mittelmeer und zum Atlantik in eine demokratische und
wohlhabende Gemeinschaft eingliedern.
Dieses
Gebilde wird zunehmend durch enge politische Bande
verbunden sein und auf demokratischen Werten
gründen. Und es wird eine wirtschaftliche Einheit mit
einer Bevölkerung von einer halben Milliarde Menschen sein. Ein beträchtlicher Teil dieser Wirtschaftsgemeinschaft wird eine einheitliche Währung haben etwas, das es in ähnlichem Ausmaß in Europa seit
1.500 Jahren nicht mehr gegeben hat.
Unser Wohlstand ist mit Europa verknüpft. Jeder
zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist bei einem der
4.000 europäischen Unternehmen in den Vereinigten
Staaten beschäftigt. Unser Handel mit der europäischen Union übersteigt unseren Handel mit Japan und
Kanada zusammengenommen. Wir investieren in der
EU mehr als andernorts auf der Welt, und unsere
Unternehmen beschäftigen drei Millionen Europäer.
Die Hälfte aller weltweit hergestellten Waren und
Dienstleistungen werden in den Vereinigten Staaten
oder der Europäischen Union produziert. Wenn die
Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam handeln,
können sie die Tagesordnung für globalen Wohlstand
festsetzen. Geschieht das nicht, riskieren wir Stillstand
und Unsicherheit. Die Europäische Union ist ohne
Zweifel der Wirtschaftspartner, den wir im nächsten
Jahrhundert brauchen. Aber sie ist weit mehr: Die EU
kann unser Partner beim Umgang mit den globalen
Problemen von Verbrechen und Umweltzerstörung,
regionalen und humanitären Krisen sein.
Wir haben durch den Einsatz der sogenannten Neuen
Transatlantischen Agenda (New Transatlantic Agenda
- NTA) viel erreicht. Dieser Prozeß hat für die Menschen hier und im Ausland viele Vorteile. Ohne die
von den Vereinigten Staaten und der Europäischen
Union übernommene Führungsrolle hätten wir keine

AMERIKA DIENST 21

�bedeutenden multilateralen Handelsabkommen über
Telekommunikations- und Informationstechnoiogie im
Wert von mehreren Milliarden Dollar erreicht. Wir
haben uns geeinigt, die Regulierungskosten für unsere
Exporteure zu senken, wodurch Handel im Wert von
57 Milliarden Dollar freigesetzt wird. Ferner haben wir
gemeinsame Projekte zur Eindämmung der nuklearen
Weiterverbreitung in Korea, zur Schließung unsicherer
Nuklearreaktoren in der Ukraine und zur Beendigung
des Handels mit osteuropäischen Frauen durch
Zuhälterringe in die Wege geleitet.
Diese echten Vorteile beinhalten auch Zusammenarbeit im Bereich humanitärer Hilfe. 90 Prozent aller
weltweiten humanitären Hilfsleistungen kommen
entweder aus den Vereinigten Staaten oder der
Europäischen Union. Die Ressourcen der EU ermöglichen einige unserer wichtigsten außenpolitischen
Initiativen. Das Hilfspaket der EU für den Nahen Osten
in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar ist grundlegend für
den Friedensprozeß. Und die 1,7 Milliarden Dollar
Hilfe für Osteuropa - einschließlich Bosniens - übersteigen unsere eigenen Hilfsleistungen.
Eine engere Partnerschaft mit der EU kann uns jedoch
bei der Bewältigung aller drei von mir eben erwähnten
Herausforderungen helfen - die friedliche und demokratische Integration Europas, engere Bande zwischen
Europa und Amerika zur Förderung des Wohlstands
unserer Völker und gemeinsame weltweite Aktionen
über Europa hinaus zur Bewältigung globaler und
regionaler Herausforderungen.
Nachfolgend eine Liste für die Neue Transatlantische
Agenda:
Erstens werden wir die Erweiterung der Europäischen
Union und ihre weitere Integration fördern. Die
Aussicht, der demokratischen und wohlhabenden EU
anzugehören, bietet einen mächtigen Anreiz für die
Fortsetzung demokratischer und marktwirtschaftlicher
Reformen in Zentral- und Osteuropa. Zweifelsohne
werden wir sicherstellen, daß unsere Interessen in
diesem Erweiterungsprozeß gewahrt werden - aber
Erweiterung ist definitiv der Schlüssel zu unserer
eigenen Agenda für die Region.
Zweitens möchten wir, daß die Vereinigten Staaten
und die Europäische Union in für die Weltwirtschaft
schwierigen Zeiten als Säulen für Wachstum und
wirtschaftliche Stabilität dienen. Daher unterstützen
wir die Einführung einer gemeinsamen europäischen
Währung. Wir werden mit Europa zusammenarbeiten
um sicherzustellen, daß die globalen Märkte offen
bleiben und das globale Wachstum weiter zunimmt.
Unser großes Projekt besteht darin, alles in unserer
Macht Stehende zu unternehmen, um noch in diesem
Jahr Verhandlungen mit der EU über eine transatlantische Wirtschaftspartnerschaft einzuleiten, die die
Handelshemmnisse in einigen der am schnellsten

AMERIKA DIENST 21

wachsenden Sektoren der Weltwirtschaft beseitigt. Wir
werden diesen Ansatz auf die globalen Handelsgespräche ausweiten, die im kommenden Jahr
beginnen. Wenn Europa und Amerika in der Welthandelsorganisation gemeinsam handeln, können wir
die Agenda für offene Märkte auf der ganzen Welt
festsetzen.
Drittens werden wir Wege finden, um unsere politische
Partnerschaft mit Europa effektiver zu machen. Allzu
häufig waren wir unfähig, gemeinsam zu handeln, bis
Blut vergossen wurde oder wir uns mit einer humanitären Katastrophe konfrontiert sahen. Wir möchten mit
der EU zusammenarbeiten, um unsere Fähigkeit zu
gemeinsamem Handeln zu verbessern, damit wir
unverzüglich die sich schnell ausbreitenden Krisen in
Europa und darüber hinaus meistern können. Das
erfordert Zeit, aber wir sehen die Chance, einen echten
Partner bei der Bewältigung regionaler Krisen zu
gewinnen, als großen Vorteil für uns.
Viertens möchten wir mit der EU zusammenarbeiten,
um die täglichen Bedrohungen der Menschen zu
bekämpfen, die sich auf der Welt nach dem Kalten
Krieg abzeichnen. Wir schulden es den Bürgern auf
beiden Seiten des Atlantiks, uns bei der Bekämpfung
von Menschenhandel, internationalem organisierten
Verbrechen, Drogenhandel, internationalem Terrorismus und Kinderpornographie im Internet besser zu
organisieren. Wir führen ferner eine fruchtbare
Diskussion mit der EU, die die Entwicklung neuer,
flexibler Mechanismen zur Bekämpfung des globalen
Klimawandels zur Folge hat.
Fünftens möchten wir diese Partnerschaft über die
Regierungsebene hinausbringen. Sie benötigt auch
die Unterstützung von Parlamentariern, Nichtregierungsorganisationen und des Privatsektors. Persönliche Kontakte sind die Zukunft. Zuerst haben wir den
transatlantischen Wirtschaftsdialog zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmern eröffnet, der
bereits Chancen für Firmen auf beiden Seiten des
Atlantiks geschaffen hat. Jetzt folgen wir demselben
Modell, damit Arbeitnehmer, Umweltgruppen und
Verbraucher die Regierung mit ihrem Rat und ihrer
Energie besser erreichen können.
Unsere europäischen Partner wissen, daß wir ihre
Ideen zu einer tieferen und gleichwertigeren Partnerschaft willkommen heißen, um die Verbreitung von
Demokratie, Wohlstand und Sicherheit in Europa und
weltweit im nächsten Jahrhundert sicherzustellen. Wir
möchten während der beiden Gipfeltreffen, die der
Präsident 1999 mit der EU hat, konkrete Ergebnisse
hervorbringen.
Die OSZE
Abschließend möchte ich ein paar Worte über die
OSZE - die Organisation für Sicherheit und Zusam-

Seite 5

�menarbeit in Europa - sagen. In vieler Hinsicht ist sie
die am wenigsten bekannte der drei heute von mir
erörterten euroatlantischen Institutionen. Ein Großteil
ihrer Arbeit findet außerhalb des Rampenlichts statt.
Aber sie ist eine der Institutionen, deren stille Erfolge
entscheidend sind, wenn wir bei der Schaffung einer
alle einbeziehenden und nach außen gerichteten
Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und
einem ungeteilten und freien Europa Erfolg haben
wollen.
Die OSZE ist die internationale Organisation, auf die
wir weiterhin als Institution unserer Wahl für die
Förderung von Demokratie, Menschenrechten und
Rechtsstaatlichkeit in der ganzen euroatlantischen
Gemeinschaft blicken werden. Es ist die Institution, an
die wir uns wenden, wenn wir Wahlen beobachten,
Polizeikräfte als Teil der Friedenslösung vor Ort
einsetzen oder internationale Experten zusammen
bringen müssen, um beim Aufbau der sich vom Krieg
erholenden Gesellschaften behilflich zu sein. Wie
Außenministerin Albright es kürzlich formulierte,
möchten wir, daß die OSZE "den Platz zwischen
Diplomatie und Gewalt einnimmt... Menschen in den
krisengeschüttelten Regionen einsetzt und sie dort aus
dem konkreten Grund der Förderung demokratischer
Ideale und Institutionen beläßt".

haben eine Führungsrolle dabei übernommen, unter
den europäischen Politikern Unterstützung für diese
Initiative zu gewinnen. In der Tat haben wir bereits den
ersten Schritt getan: Die Entscheidung zur Einrichtung
von OSZE-Büros in allen zentralasiatischen Staaten.
Drittens möchten wir, daß die OSZE effektiv mit
anderen europäischen und euroatlantischen Institutionen wie der EU, OECD und NATO zusammenarbeitet. Äußerst vielversprechend ist das "Plattformkonzept" der OSZE, das die OSZE-Missionen im Land
als Plattform nutzen würde, die andere Demokratie
aufbauenden Organisationen - Regierungsbehörden,
internationale Gruppen und Nichtregierungsorganisationen - wiederum als ihre eigene Basis für Operationen nutzen könnten. Das Ergebnis wären weniger
Duplizität und effizientere Hilfsprogramme.
Außenministerin Albright hat auch das am besten
formuliert: "Wir möchten, daß sich die OSZE weiter zu
einer Organisation entwickelt, die mehr tut als redet.
Wir möchten, daß sie eine Organisation wird, die nicht
Berichte, sondern Ergebnisse hervorbringt... Wir
müssen neue Rollen für die OSZE bei internationalen
Bestrebungen sondieren, um Konflikte zu lösen und
Demokratie zu fördern."
Schlußbemerkung

Die OSZE muß in der neuen euroatlantischen Partnerschaft für das 21. Jahrhundert eine Schlüsselrolle
spielen. Unsere Politik zielt darauf ab, sie in dreierlei
Weise zu stärken:
Erstens möchten wir, daß die OSZE bereit ist, sich
effektiv mit Konfliktverhütung und -bewältigung zu
befassen. Über die Menschliche Dimension der OSZE
möchten wir Menschenrechte und Demokratie fördern
und den gemeinsamen Raum für Rechtsstaatlichkeit
und gewählte Regierungen erweitern. Und durch den
Einsatz der Wirtschaftlichen Dimension der OSZE
müssen wir gleichermaßen an den wirtschaftlichen
Ursachen von Konflikten arbeiten und das bürgerliche,
Handels- und Strafrechtssystem fördern.
Zweitens möchten wir auch den Horizont der OSZE
erweitem.
Obwohl wichtige Aufgaben bestehen
bleiben, hat die OSZE - mit der bemerkenswerten
Ausnahme des Balkan - ihre Mission im Zentrum
Europas im Großen und Ganzen erfüllt. Während sie
sich weiterhin auf den Balkan und Problemfälie wie
Belarus konzentriert, sollte die Organisation jetzt
Schritte unternehmen, um die Zone von Stabilität,
Sicherheit, Wohlstand und Zusammenarbeit auf die
neuen unabhängigen Staaten des Kaukasus und
Zentralasiens auszuweiten. Außenministerin Albright
und der amtierende Vorsitzende der OSZE, Geremek,

* *

Seite 6

Ich weiß, daß ich Ihnen eine lange Antwort auf die
kurze Frage gegeben habe, warum Europa und die
amerikanisch-europäischen Beziehungen für Amerika
immer noch so wichtig sind. Aber ich hoffe, es ist mir
einigermaßen gelungen, Ihnen nicht nur die Bedeutung
dieser Beziehungen zu vermitteln, sondern auch die
bestehenden Chancen, dank derer sie unseren
gemeinsamen Zielen und Werten besser dienen
können.
Während Amerikaner und Europäer auf das 2 1 .
Jahrhundert blicken, werden wir bessere Partner
finden, mit denen wir das künftige internationale
System in positiver Weise effektiv gestalten können.
Der Aufbau dieser neuen Partnerschaft wird nicht leicht
sein oder sich über Nacht vollziehen. Er wird dieselbe
Art von Engagement und Glauben an ein gemeinsames Schicksal erfordern, die die erstaunlichen
Erfolge der vergangenen 50 Jahre hervorgebracht hat.
Aber das ist es wert. Es ist eine spannende Zeit in den
amerikanisch-europäischen Beziehungen. Für mich ist
es eine wirkliche Ehre, unserem Land in dieser
historischen Zeit als Abteilungsleiter für europäische
Angelegenheiten dienen zu dürfen und heute die
Chance zu einem Gespräch mit Ihnen zu haben.

* *

*

AMERIKA DIENST 21

�ELEKTRONISCHER

HANDEL
21. Oktober 1998

Die Wahrheit über die amerikanische
Verschlüsselungspolitik
Rede von Staatssekretär David Aaron

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für internationalen Handel im USWirtschaftsministerium, David Aaron, am 13. Oktober 1998 vor dem Deutschen Industrie- und Handelstag in
Bonn gehalten hat.

Politik und den Gründen dafür beginnen und mich
dann im einzelnen mit diesen Vorwürfen befassen.

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute mit Ihnen
zusammenzutreffen. Ich werde heute über Kryptographie sprechen, die ein wesentlicher Bestandteil des
elektronischen Handels (e-Commerce) der Zukunft ist.
Ich möchte Ihnen die "Wahrheit" über die amerikanische Verschlüsselungspolitik sagen, weil es während
der vergangenen Monate in der deutschen Öffentlichkeit eine entmutigende Anzahl von Verzerrungen und
Mißverständnissen über unsere Politik gegeben hat.
Einige greifen die Integrität der amerikanischen
Regierung an. Es ist besonders traurig und überraschend, solche Dinge von Regierungsvertretern eines
Landes zu hören, das unser engster Freund und
Verbündeter ist. Diese Behauptungen müssen richtig
gestellt werden, bevor sie sich negativ auf unsere
bilateralen Beziehungen auswirken.

Als amerikanischer Sondergesandter für Kryptographie hatte ich das Vergnügen, mit einer großen Zahl
führender amerikanischer und ausländischer Wirtschaftsvertreter zusammenzutreffen. Sie alle haben
mich eindringlich auf die entscheidende Bedeutung
einer schwer entschlüsselbaren Kryptographie für die
Zukunft ihrer Unternehmen und die Sicherung des
elektronischen Handels hingewiesen. Die US-Regierung ist ebenfalls der Ansicht, daß eine schwer
entschlüsselbare Kryptographie zum Schutz der
Privatsphäre und der Wirtschaft ein Muß ist.

Ich habe die Reden deutscher Regierungsmitglieder
und Politiker gelesen, die vor Ihnen gehalten wurden.
Ich habe dieselben Überschriften gelesen wie Sie:
"Die amerikanische Verschlüsselungspolitik ist der
Versuch, den globalen Kryptographiemarkt zu beherrschen." "Die Schlüssel für amerikanische Kryptoprodukte in Deutschland müssen in den USA hinterlegt
werden." "Key-Recovery-Produkte sind Hintertür für
amerikanische Nachrichtendienste." "Amerikanische
Kryptoprodukte verstoßen gegen deutsche Gesetze."
Alle diese Behauptungen sind nicht wahr.

Starke Verschlüsselung beinhaltet jedoch auch
ernsthafte Gefahren für die öffentliche Sicherheit. Der
Einsatz elektronischer Überwachung durch die
Strafverfolgungsbehörden war und ist bei der Terrorismusbekämpfung und bei vielen strafrechtlichen
Ermittlungen ein wichtiges Instrument. Kryptographie
beinhaltet die Gefahr eines Entzugs dieses Instruments - indem sie nicht nur die gerichtlich autorisierte
Überwachung, sondern auch häufigere gesetzmäßige
Durchsuchungen und die Beschlagnahme von Computern mitsamt ihren Dateien verhindert.

Ich bin heute hier, um Ihnen die Wahrheit zu sagen,
damit Sie selbst entscheiden können, welche Produkte
Sie für den Schutz Ihrer Privatsphäre, die Sicherung
Ihrer elektronischen Transaktionen und die Speicherung Ihrer wertvollen Geschäftsunterlagen benutzen.
Ich möchte mit einer kurzen Beschreibung unserer

Das amerikanische Justizministerium und die Drogenbekämpfungsbehörden haben bereits wichtige Beispiele dafür gefunden, daß sich Terroristen, Drogenhändler, Kinderpornographen und andere Verbrecher
der Kryptographie bedienten. Beispielsweise nutzte
Ramzi Yousef, eine Schlüsselfigur des Bomben-

AMERIKA DIENST 21

Die amerikanische Verschlüsselungspolitik

Seite 1

�anschlags auf das World Trade Center und ein
Mitarbeiter von Osama bin Laden, die Datenverschlüsselung, um seine Pläne für Bombenanschläge
auf elf amerikanische Verkehrsflugzeuge in Südostasien zu verheimlichen.
Wir erwarten, daß die kriminelle Nutzung nicht zu
entschlüsselnder Kryptographie zunimmt, während
diese immer stärker verfügbar wird und einfach
einzusetzen ist. Für ein Land wie Deutschland, das
Zielscheibe der ausländischen Mafia ist und Schauplatz zahlreicher terroristischer Zwischenfälle war,
beinhaltet die Abschaffung jedes möglichen Einsatzes
gesetzmäßiger polizeilicher Überwachung große
Gefahren.
Zweifelsohne muß ein Gleichgewicht zwischen den
Bedürfnissen der Unternehmen und Verbraucher und
dem Schutz der Gesellschaft als Ganzes hergestellt
werden. Was ist die Antwort? Unseres Erachtens liegt
die Antwort in Kryptosystemen, die vertrauenswürdige
Sicherheitsdienste mit gesetzmäßigem Zugang kombinieren. Mit gesetzmäßigem Zugang meine ich eine
Reihe von Technologien, die bei verschlüsselten
Daten und Mitteilungen die Wiederherstellung des
Klartextes im Rahmen einer gerichtlichen Verfügung
oder anderer rechtlicher Mittel zulassen, die bürgerliche Freiheiten schützen.
Wir haben uns nicht einem einzigen technologischen
Ansatz verschrieben. Die Infrastruktur für Schlüsselmanagement, -hinterlegung und weitere entschlüsselbare Produkte, die gesetzlichen Zugang bieten, sind
einige der Wege zur Herstellung eines vernünftigen
Gleichgewichts. Unseres Erachtens stellen marktorientierte Lösungen unter Führung der Industrie den
besten Ansatz zur Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden dar.
Zur Förderung einer solchen Zusammenarbeit forderte
Vizepräsident Gore im März einen intensiven Dialog
zwischen der amerikanischen Regierung und der
Industrie, den Strafverfolgungsbehörden und privaten
Vereinigungen. Dieser Dialog hat sich als produktiv
erwiesen und zu verschiedenen politischen Entwicklungen geführt, die zum Vorteil aller Beteiligten sind,
einschließlich ausländischer Unternehmen, die sich für
den Erwerb einer schwer entschlüsselbaren amerikanischen Kryptographie interessieren.
Im September gaben wir die folgenden Schritte
bekannt:
Kryptographie jeder Verschlüsselungsstärke, jeder
Schlüssellänge, mit oder ohne Schlüsselhinterlegung
darf jetzt mit Ausnahmen in verschiedene Sektoren
exportiert werden, darunter das Banken- und Versicherungswesen, medizinische und Gesundheitsorganisationen und online-Händler in Westeuropa, Japan und
Australien. Der Export zu Endverbrauchern oder

Seite 2

Zielen außerhalb dieser Bestimmungsorte wird von
Fall zu Fall geprüft. Die neuen Richtlinien gestatten
auch Verschlüsselungshardware und -Softwareprodukte mit einer Schlüssellänge von bis zu 56-bit
DES (Data Encryption Standard - Datenverschlüsselungsstandard) oder einem Äquivalent, das ohne
Lizenz an alle Nutzer mit Ausnahme der sieben
terroristischen Länder (Iran, Irak, Libyen, Syrien,
Sudan, Nordkorea und Kuba) exportiert wird. Nach
den neuen Richtlinien ist für diese DES-Produkte keine
Schlüsselhinterlegung erforderlich.
Zur Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden
werden wir weiterhin die Entwicklung von KeyRecovery-Produkten fördern, indem wir unsere
Bestimmungen für solche Produkte lockern.
Unsere Politik der Ermutigung dieses Marktes funktioniert ganz offensichtlich: Sowohl amerikanische als
auch ausländische Unternehmen entwickeln als
Reaktion auf Kundennachfragen Verschlüsselungsund Entschlüsselungsprodukte.
Beispielsweise
möchte kein Unternehmen, daß ein verärgerter
Mitarbeiter seine Dateien auf Dauer verschließen
kann.
In diesem Zusammenhang müssen Exporteure vor
dem Export nicht länger zusätzliche Informationen
über die Verläßlichkeit eines Key-Recovery-Agenten
hinterlassen. Wenn Sie sich für ein amerikanisches
Key-Recovery-Produkt entscheiden und dieses
Merkmal wählen, interessiert es uns überhaupt nicht,
bei wem Sie die Schlüssel hinterlegen.
Unsere Key-Recovery-Politik ist klar. Es ist keine
Schlüsselhinterlegung bei einem Dritten. Wir verlangen nicht und haben auch nie verlangt, daß jeder
seine Schlüssel bei der US-Regierung hinterlegen muß
oder daß der Schlüssel überhaupt bei einem Dritten
hinterlegt werden muß. Wir sagen nicht, daß die
Schlüssel in den Vereinigten Staaten bleiben müssen.
Das war trotz gegenteiliger Behauptungen einiger
deutscher Regierungsgvertreter schon immer so.
Tatsächlich haben wir verschiedene Exporte genehmigt, bei denen ausländische User, einige davon hier
in Deutschland, den Schlüssel bei sich selbst hinterlegen. Der vor kurzem von uns unternommene Schritt
zur Abschaffung der Überprüfung von Key-RecoveryAgenten sollte alle denkbaren Mißverständnisse unter
den Mitgliedern Ihrer Regierung beseitigen.
Schließlich unterstützten wir auch den Export von
Produkten, die wir als "entschlüsselbar" bezeichnen.
Diese Produkte befassen sich mit der Entwicklung
örtlicher oder flächendeckender Netzwerke und der
Übermittlung von E-Mail und anderen Daten über
Netze.
Diese sogenannten "entschlüsselbaren"
Produkte gestatten die Entschlüsselung eines Textes

AMERIKA DIENST 21

�durch einen System- oder Netzwerkadministrator ohne
die Zusammenarbeit des Users.
Wir werden den Export dieser Produkte an Wirtschaftsunternehmen in den meisten großen Ländern, einschließlich Westeuropas, Japans und Australiens, für
geschäftsinterne Zwecke gestatten.
Deutschland
gehört dieser Gruppe natürlich an.
Was bedeutet das alles? Es bedeutet, daß es jeder
einzelnen ausländischen Regierung obliegt, über ihre
Politik hinsichtlich gesetzmäßigem Zugang, Schlüsselhinterlegung und ähnlichem zu entscheiden. Und
jedes ausländische Unternehmen, das amerikanische
Kryptoprodukte verwendet, kann im Rahmen dieser
Gesetze tun, was ihm beliebt.
Das heißt nicht, daß wir keine Verschlüsselung mehr
fördern, die gesetzmäßigen Zugang bietet - insbesondere im Inland, aber auch im Ausland. Abgesehen von Exportkontrollen werden wir weiterhin die
staatliche Kaufkraft nutzen. Die US-Regierung wird
starke Verschlüsselung mit Schlüsselhinterlegung für
ihre interne Kommunikation und die mit der Öffentlichkeit nutzen.
Zur Standardisierung staatlicher Beschaffung hat das
Wirtschaftsministerium einen technisch-industriellen
Beratungsausschuß ins Leben gerufen, der einen
bundesweiten Standard für die Key-Recovery ausarbeitet. Die Arbeit des Ausschusses sollte bald
abgeschlossen sein.
Wir haben die praktische Anwendbarkeit der Schlüsselhinterlegung im Rahmen von zehn Pilotprojekten
der US-Regierung erfolgreich unter Beweis gestellt.
Jetzt wollen wir einige dieser Projekte umsetzen.
Beispielsweise befaßt sich ein Pilotprojekt mit der
elektronischen Anmeldung von Patentanwendungen
beim amerikanischen Patentamt über das Internet, was
eine digitale Signatur und Verschlüsselung beinhaltet.
Ferner fassen wir neue Pilotprojekte ins Auge.
Es ist keine leichte Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Wirtschaft, dem Schutz
der Privatsphäre und der öffentlichen Sicherheit
herzustellen. Bei der Umsetzung dieser Politik planen
wir eine enge Zusammenarbeit mit allen Akteuren - der
Industrie, dem Kongreß, den Strafverfolgungsbehörden, privaten Vereinigungen und den nationalen
Sicherheitsbehörden, um die Effektivität unserer
Aktionen in diesem sich wandelnden Medium ständig
zu evaluieren und neu zu bewerten. Wir werden
weiterhin enge Konsultationen mit ausländischen
Regierungen führen, um das Wachstum sicheren
globalen elektronischen Handels zu ermutigen, ohne
unseren Kampf gegen den internationalen Terrorismus
und das internationale Verbrechen aufs Spiel zu
setzen.

AMERIKA DIENST 21

Entkräftung der Mythen
Vor diesem Hintergrund möchte ich kurz einige der
Mythen widerlegen, die über unsere Politik verbreitet
werden. Um offen zu sein, halte ich einige dieser
Behauptungen nicht nur für falsch, sondern auch für
schwer verständlich.
Vielleicht ist das alles ein
Mißverständnis, aber wir führen seit mehr als zwei
Jahren einen intensiven Dialog mit deutschen Regierungsmitgliedern, und meine Kollegen und ich sind bei
zahlreichen Gelegenheiten mit Vertretern der Bundesregierung und der Industrie zusammengetroffen, um
unsere Politik zu erörtern und Ihre Fragen zu beantworten. Wir haben uns große Mühe gegeben, um
Transparenz und ein Verständnis unserer Politik zu
erreichen. Diese Botschaft wurde nicht nur auf
Arbeitsebene übermittelt, sondern auch auf höchster
Ebene der Bundesregierung. Wir sind zur Fortsetzung
dieses Dialogs bereit.
Obwohl die Gründe für diese jüngsten Behauptungen
schwer zu finden sind, werde ich weiterhin versuchen,
unsere Position zu erklären. Unsere Beziehungen
sind zu wichtig und zu produktiv, als daß diese Mißverständnisse unser Verhältnis vergiften dürften. Während meines Besuchs werde ich mit Vertretern der
deutschen und der amerikanischen Wirtschaft, möglichen Mitgliedern der neuen Bundesregierung und der
Presse in dem dauerhaften Bestreben zusammentreffen, diese Mythen zu entkräften.
Mythos Nr. 1: "Die amerikanische Verschlüsselungspolitik ist der Versuch, den globalen Kryptographiemarkt zu beherrschen."
Diese Kritik habe ich oft gehört. Denken Sie eine
Minute darüber nach. Wenn sie berechtigt wäre,
würden wir einfach unsere Exportkontrollen abschaffen
und dem Export Tor und Tür öffnen. Man braucht nur
einige Webseiten unserer Kryptographiehersteller oder
Wirtschaftszeitschriften wie Wired zu lesen um zu
sehen, daß die amerikanischen Hersteller der Ansicht
sind, daß wir sie auf dem Weltmarkt ernsthaft benachteiligen.
Die amerikanische Softwareindustrie fühlt sich besonders durch die Tatsache behindert, daß sie im
Gegensatz zu einigen ihrer Konkurrenten 128-BitVerschlüsselung nicht frei exportieren darf. Tatsächlich haben manche ausländischen Unternehmen,
einige mit Sitz in Deutschland, die amerikanischen
Exportkontrollen für Kryptographieprodukte für ihre
Vermarktungskampagnen benutzt. Dieser Verwurf ist
angesichts dieser Tatsachen einfach lächerlich.
Mythos Nr. 2: "Die Schlüssel für amerikanische
Verschlüsselungsprodukte in Deutschland müssen in
den USA hinterlegt werden."

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�Einer der ersten und überraschendsten Kritikpunkte
lautet, das Hauptziel der amerikanischen Verschlüsselungspolitik liege darin, die Vereinigten Staaten zum
Hinterlegungsort aller Kryptographieschlüssel zu
machen. Ich habe den deutschen Behörden wiederholt gesagt - und sage das auch heute - daß das
absolut nicht zutrifft.
Unsere Exportvorschriften
gestatten explizit die Schlüsselhinterlegung im Ausland
sowie die Selbsthinterlegung durch Unternehmen und
User.
Mythos Nr. 3: "Die Vereinigten Staaten unterstützen
Key-Recovery-Produkte als Hintertür für die amerikanischen Nachrichtendienste."
Dies steht in engem Zusammenhang mit dem vorherigen Vorwurf und ist besonders verletzend. Ich möchte noch einmal betonen: Die Vereinigten Staaten
haben nicht verlangt und verlangen nicht, daß Schlüssel in den Vereinigten Staaten hinterlegt werden und
die US-Regierung darauf Zugriff hat. Wie ich bereits
erwähnte, wurde unsere Politik in jüngster Zeit dergestalt geändert, daß jegliche staatliche Überprüfung
der Key-Recovery-Agenten abgeschafft wurde. Statt
dessen beschlossen wir, daß andere Regierungen
entscheiden können, ob ihre Key-Recovery-Agenten,
wenn sie existieren, verläßlich sind.
Das war der einzige Grund dafür, daß wir eine solche
Überprüfung überhaupt gefordert haben. Jeder, der
weiterhin solche Vorwürfe erhebt, sollte dafür Beweise
erbringen. Sonst kommt man unweigerlich zu der
Schlußfolgerung, daß diese Behauptungen um des
wirtschaftlichen Vorteils willen aufgestellt werden.
Mythos Nr. 4: "Amerikanische Kryptoprodukte verstoßen gegen deutsche Gesetze."
Offen gesagt, verblüfft mich diese Behauptung weiterhin. Die Enquetekommission des Bundestags veröffentlichte kürzlich einen Bericht, dem zufolge die
amerikanischen Vorschriften im Widerspruch zu
deutschen Gesetzen wie dem Grundgesetz, dem
Strafgesetzbuch, dem Datenschutzgesetz und dem
Telekommunikationsgesetz stehen könnten.
Es
wurden jedoch keine Beweise oder Argumente
vorgelegt, die diese Behauptung untermauern.
Es ist zweifelsohne nicht unsere Absicht, gegen
deutsche Gesetze zu verstoßen. Tatsächlich kann
man sich schwer vorstellen, wie dies angesichts der
Flexibilität unserer Politik der Fall sein könnte. Wie ich
bereits erklärte und so oft wie nötig wiederholen
werde, hat die US-Regierung nicht verlangt und
verlangt auch jetzt nicht, daß Schlüssel in den Vereinigten Staaten hinterlegt werden und die US-Regierung darauf Zugriff hat - falls dies Ihre Sorge ist.

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Was die Hinterlegung von Schlüsseln im Ausland
anbelangt, liegt es beim Kunden oder User und der
betreffenden ausländischen Regierung zu entscheiden, wo der Schlüssel hinterlegt wird. Wie bei jeder
strafrechtlichen Ermittlung, die unsere beiden Länder
betrifft, werden die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden im Rahmen der bestehenden bilateralen Abkommen zusammenarbeiten, um Beweismaterial und
Informationen, einschließlich möglicher Schlüssel oder
Zugriff auf Klartext, auszutauschen - jedoch nur in dem
Ausmaß, wie die Bundesregierung dem zustimmt.
Die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit
Es ist klar, daß weder weit verbreitete Verschlüsselungssysteme noch eine erfolgreiche nationale Politik
ohne internationale Zusammenarbeit möglich sind. Als
US-Sondergesandter ist mein Ziel ein internationaler
Konsens über die Entwicklung des Schlüsselmanagement und einen Hinterlegungsrahmen, der große und
verläßliche Sicherheit für die globale Informationsinfrastruktur bietet und gleichzeitig die öffentliche und
nationale Sicherheit schützt. Drei Schlüsselthemen für
die Zusammenarbeit zeichnen sich ab: Die Notwendigkeit harmonisierter Exportkontrollmaßnahmen, die
Entwicklung kompatibler Infrastrukturen und die
Notwendigkeit der Zusammenarbeit unter den Strafverfolgungsbehörden. Dies sind die realen Fragen, mit
denen wir uns befassen müssen - nicht die Mythen.
Wir planen eine Zusammenarbeit mit Ihrer Regierung
in den entsprechenden internationalen Foren, während
wir Fortschritte machen.
Zusammenarbeit und Verständigung zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten sind entscheidend für den Umgang mit einer Vielzahl von
Gefahren nach dem Ende des Kalten Krieges - von der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis
zur Bekämpfung von Terrorismus und Verbrechen.
Gesetzmäßiger Zugang zu Kryptographie ist ein
wesentliches Element in diesem Kampf. Das heißt
nicht, daß es keinen Raum für ehrliche Meinungsverschiedenheiten über Kryptographie zwischen unseren
beiden Ländern gibt. Und ohne Zweifel hat Deutschland das Recht auf die Ausarbeitung seiner eigenen
Politik - tatsächlich zieht die amerikanische Politik das
besonders in Betracht.
Es ist jedoch an der Zeit, die irrtümlichen Mythen und
Verdächtigungen hinter uns zu lassen, die unsere
Zusammenarbeit auf diesem Gebiet behindern. Ich bin
zuversichtlich, daß sowohl der Tenor als auch die
Stärken unserer traditionellen Zusammenarbeit
wiederhergestellt werden können, wenn wir uns auf die
Fakten konzentrieren.

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�WELTGERICHTSHOF
21. Oktober 1998

Amerikas Interesse an Frieden,
Sicherheit und Gerechtigkeit
von David J. Scheffer

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Sonderbotschafters für Kriegsverbrechen betreffende
Fragen, David J. Scheffer, der erstmals in Das Parlament vom 279. Oktober 1998 erschien.

Auf der ganzen Welt haben die Vereinigten Staaten die
Führungsrolle bei den Bestrebungen übernommen, die
des Völkermords, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Kriegsverbrechen Beschuldigten vor
Gericht zu bringen. Wir fördern und unterstützen
uneingeschränkt internationale Tribunale, um die
weitverbreitete Verletzung der Menschenrechte im
ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda zu bestrafen,
und wir unterstützen seit langem die Einrichtung eines
entsprechenden Internationalen Strafgerichtshofs.
Warum haben die Vereinigten Staaten dann gegen die
im vergangenen Monat in Rom erzielte Vereinbarung
gestimmt, einen ständigen Gerichtshof einzurichten?
Weil das Abkommen die lebenswichtigen Interessen
der Vereinigten Staaten und anderer aufs Spiel setzt,
internationalen Frieden und Sicherheit zu fördern,
während die für die schlimmsten Greueltaten Verantwortlichen straffrei ausgehen könnten. Ein solches
Ergebnis liegt kaum im Interesse der Gerechtigkeit.
Die Geschichte lehrt uns, daß die beste Hoffnung auf
Frieden und Gerechtigkeit dann gegeben ist, wenn
beides gemeinsam verfolgt wird. Die Nürnberger
Prozesse wären nicht möglich gewesen, wenn die
Alliierten das Nazi-Regime nicht besiegt hätten. Als
die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und anderer
NATO-Verbündeter Anfang 1996 in Bosnien eintrafen,
war nur ein Angeklagter in Gewahrsam genommen
worden - heute sind es 33. In der Praxis sind kollektive Aktionen häufig das einzige Mittel zur Schaffung der
Grundlage, auf der Gerechtigkeit beginnen kann.
Daher ging die amerikanische Delegation unter meiner
Leitung mit zwei parallelen Zielen nach Rom: Fortsetzung der Fortschritte zu internationaler Gerechtigkeit

AMERIKA DIENST 21

bei gleichzeitigem Schutz der entscheidenden Rolle
der Vereinigten Staaten und anderer verantwortungsvoller Mitglieder der internationalen Gemeinschaft bei
der Bewahrung von Frieden und Sicherheit durch
humanitäre Aktionen, Friedenssicherung und - falls
erforderlich - kollektive militärische Aktionen.
Wir wollten einen Gerichtshof, dem vom Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen Befugnisse für die Verfolgung
der für abscheuliche Verbrechen Verantwortlichen
verliehen werden, wer immer und wo immer sie sind,
aber auch einen Gerichtshof, dessen Fähigkeit, ohne
ein Mandat des Sicherheitsrats zu handeln, so gestaltet wäre, daß Schutz vor einer fehlgeleiteten Ausübung
von Autorität geboten würde, die legitimen nationalen
und internationalen Interessen schaden könnte.
Das war ein vernünftiger Ansatz, der ursprünglich von
einem UN-Team internationaler Rechtsexperten
unterbreitet worden war. In Rom signalisierten wir
unsere Bereitschaft zu Flexibilität bei der Übertragung
der Fälle an den Gerichtshof, hatten jedoch das
Gefühl, es sei unerläßlich, das Recht einer Regierung
zur Einschätzung der Fairneß und Unparteilichkeit des
Weltgerichtshofs anzuerkennen, bevor zugelassen
wird, daß Menschen der Zuständigkeit des Gerichtshofs in Abwesenheit einer Überweisung durch den
Sicherheitsrat unterstellt werden.
Dieser Ansatz
garantierte die Fähigkeit verantwortungsvoller Regierungen, lebensrettende Missionen ohne Angst durchzuführen, daß ihre Truppen vor ein Tribunal gezerrt
würden, das sich mit der Zeit erst noch bewähren
müßte.
Bedauerlicherweise erarbeitete eine kleine Gruppe von
Ländern während der letzten Tage der Konferenz in

Seite 1

�Rom hinter verschlossenen Türen einen kompromißlosen Text mit gravierenden Mängeln, der eine
Anleitung für die Politisierung des Gerichtshofs bietet
und das Risiko beinhaltet, verantwortungsvolle
internationale Aktionen zur Förderung von Frieden und
Sicherheit abzuschrecken. Am problematischsten ist
die außergewöhnliche Art und Weise, auf die in letzter
Minute die Zuständigkeit des Gerichtshofs formuliert
wurde. Ein Land, dessen Streitkräfte Kriegsverbrechen begehen, könnte dem Vertrag beitreten,
jedoch der strafrechtlichen Verfolgung seiner Bürger
entgehen, indem es sich für den Zeitraum von sieben
Jahren für die Nichtteilnahme an der Zuständigkeit des
Gerichtshofs für Kriegsverbrechen entscheidet. Im
Gegensatz dazu könnte ein Land, das dem Vertrag
nicht beitritt, jedoch zur Wiederherstellung von internationalem Frieden und Sicherheit seine Soldaten ins
Ausland entsendet, der Geltendmachung der Gerichtsbarkeit für die Taten dieser Soldaten ausgesetzt sein.
Im Rahmen des Vertrags darf der Gerichtshof bei
einem Verbrechen richten, wenn entweder das
Herkunftsland des Angeklagten oder das Land, in dem
das mutmaßliche Verbrechen begangen wurde,
Vertragspartei ist oder zustimmt. Somit beinhaltet der
Vertragstext, daß der Gerichtshof - selbst wenn der
Irak dem Vertrag nicht beitritt - lediglich aufgrund der
Zustimmung eines Saddam Hussein über amerikanische oder andere Soldaten Recht sprechen darf, die
an internationalen humanitären Aktionen im Nordirak
beteiligt sind, der Gerichtshof Saddam Hussein aber
nicht aus eigenem Antrieb wegen der Massaker an
seinem eigenen Volk zur Rechenschaft ziehen kann.
Diese und andere Probleme bei dem bestehenden
Vertragstext erschweren die Zusammenstellung
effektiver Koalitionen für internationale Friedenssicherung und Implementierungsmaßnahmen. Die
Schwierigkeiten werden noch erhöht, wenn der Ge-

* *

Seite 2

richtshof, wie im Vertrag vorgesehen, über einen
"Angriffskrieg" richten will, für den die Delegierten in
Rom noch nicht einmal eine Definition finden konnten.
Ausländische Regierungsmitglieder und Vertreter
nichtstaatlicher Organisationen bemühten sich in Rom,
uns zu versichern, daß in den Vertrag eingebaute
Sicherheitsklauseln - von denen viele erfolgreich von
den Vereinigten Staaten angestrebt wurden - bedeuteten, daß es für amerikanische Soldaten kein plausibles
Risiko gibt. Wir konnten eine solche optimistische
Einstellung zur Unfehlbarkeit einer noch nicht erprobten Institution nicht teilen.
Die Vereinigten Staaten bleiben der Bewältigung der
Herausforderungen von Gerechtigkeit, Frieden und
Sicherheit uneingeschränkt verpflichtet. Wir hoffen,
daß andere Regierungen die Vorteile einer potentiellen
amerikanischen Beteiligung an dem Vertrag von Rom
erkennen und seine Mängel korrigieren. Die Vereinigten Staaten können nur dann entscheidenden
Einfluß auf die Fähigkeit und Bereitschaft widerstrebender Regierungen zur Zusammenarbeit mit dem
Gericht ausüben, wenn der Gerichtshof nicht diejenigen in Gefahr bringt, die die Verantwortung für internationalen Frieden und Sicherheit übernehmen.
In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
weiterhin die Bestrebungen anführen, diejenigen vor
Gericht zu stellen, die die grausamsten Verbrechen
begangen haben und in einigen Fällen immer noch
begehen. Wir vertrauen darauf, daß unsere Freunde
und Verbündeten bei der Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen ebensoviel Entschlossenheit
zeigen wie bei der Gründung eines zukünftigen
Weltgerichtshofs. Unseres Erachtens steht für internationalen Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit zu viel
auf dem Spiel, als daß irgendetwas anderes akzeptiert
werden könnte.

* *

*

AMERIKA DIENST 21

�MENSCHENRECHTE
21. Oktober 1998

Menschenrechte und Außenpolitik
Rede von Botschafter John C. Kornblum

NÜRNBERG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Botschafters der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, bei der Menschenrechtstagung in Nürnberg vom 9. Oktober 1998, die vom Gesandten Michael C. Polt gehalten wurde.

Während wir darüber nachdenken, wie die internationalen Beziehungen im neuen Jahrtausend aussehen sollen, sind wir mit einer Dichotomie konfrontiert. Einerseits haben unsere Nationen mehr
Chancen zum Aufbau eines demokratischen Friedens
als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Andererseits scheint es, daß die aus den zahlreichen
Veränderungen entstehenden Herausforderungen oft
nicht zu bewältigen und manchmal sogar nicht zu
definieren sind. Chancen gehen oft in der Kakophonie
der Dispute unter.
Die Welt schreit nach Antworten. Wie gehen wir mit
Konflikten oder den humanitären Konsequenzen von
Krieg und Konfrontation um? Welche Rolle haben die
Konzepte von nationaler Souveränität oder militärischer Sicherheit, wenn nationale Grenzen immer mehr
an Bedeutung verlieren? Wie legitim ist die Verteidigung der nationalen Kultur oder Religion als Ursache
für militärische Aktionen? Was sind die neuen Methoden für den Umgang mit internationalen Konflikten?
Keine dieser Fragen kann mit Standardlösungen für
internationale Probleme beantwortet werden. Keine
kann mit traditionellen diplomatischen Methoden
bewältigt werden. Und vor allem gibt es noch kein
Leitprinzip für die Entscheidung, wie auf Konflikte
reagiert werden sollte, die durch solche Dispute
entstehen, insbesondere im Fall von Aggression gegen
den Einzelnen.
Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges
müssen wir mit der Definition der Standards beginnen,
die uns bei der Suche nach Antworten auf diese
Fragen behilflich sein können. Wenn es uns mit dem

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Aufbau einer demokratischen Basis für Frieden auf der
Welt ernst ist, müssen wir sicherstellen, daß die
Prinzipien der Demokratie gut verstanden werden. Wir
müssen Leitlinien definieren, die einem mündigen
internationalen Bürger behilflich sind, ebenso wie
unsere Gesetze und Verfassungen uns bei informierten Entscheidungen zur Unterstützung der Demokratie
im Inland behilflich sind.
Eine Zeit der Chancen
Heute möchte ich über die zunehmende praktische
Bedeutung von Menschenrechtsstandards bei der
Suche nach Lösungen für diese neuen Herausforderungen sprechen. Ich möchte Perspektiven für
die Entwicklung eines mündigen Bürgers erörtern, der
die uns konfrontierende Konfusion erfolgreich meistern
kann. Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir die
Chance, ein neues Paradigma für die Beziehungen
zwischen Nationen und Völkern zu definieren. Wir
können harten Wettbewerb und militärische Gewalt
durch demokratische Werte als Leitprinzipien des
internationalen Lebens ersetzen.
Das ist eine große Herausforderung. Um Erfolg zu
haben, müssen Regierungen und Völker zu einer
besseren Definition der vor ihnen liegenden Herausforderungen gelangen. Wir müssen die praktische
Anwendung von Menschenrechtsstandards ebenso
praktizieren wie wir während der vielen vergangenen
Jahrhunderte Verhandlungen und Krieg praktiziert
haben. Und vor allem müssen wir das Streben nach
Menschenrechten neu definieren. Diese Disziplin
sollte nicht länger Idealisten und Weltverbesserern
überlassen bleiben, wie es immer noch allzu häufig der
Fall ist. Sie sollte als das zentrale Element einer

Seite 1

�wirklich realistischen Friedenspolitik anerkannt werden.
Vor diesem Jahrhundert gehörten Menschenrechte
eher in eine philosophische als eine praktische
Kategorie menschlichen Strebens.
Die großen
Gelehrten der Aufklärung definierten eine bislang
unbekannte Kategorie - die Idee von Gerechtigkeit als Element des öffentlichen und privaten Lebens. Die
Ideen universeller Rechte waren die Grundlage der
amerikanischen Verfassung und der französischen
Revolution. Sie entstanden in England und andernorts, fehlten aber im internationalen Leben fast völlig.
Das Leben der Nationen schien über den normalen
menschlichen Standards zu liegen. Während die
Kriege immer zerstörerischer wurden, wurden die von
den Menschen gebrachten Opfer bei internationalen
Konflikten immer größer.
Das 20. Jahrhundert war Zeuge der entsetzlichsten
Beispiele für menschliches Leid, das die Menschheit
kennengelernt hat. Krieg und politische Konflikte
forderten während der letzten 90 Jahre mehr als 100
Millionen Menschenleben. Vor 50 Jahren entwarf die
internationale Gemeinschaft einen Kodex der Menschenrechte - die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte - der heute die Grundlage für internationales und nationales Verhalten gegenüber dem
Einzelnen darstellt.

Respektierung von Menschenrechten etwas zu
bewirken. Der explosionsartige Zuwachs des Internet
bedeutet, daß Informationsverweigerung für unterdrückerische Regime immer schwieriger wird. Allgemein - und das ist die größte Hoffnung - haben wir
einzigartige Chancen, die Prinzipien umzusetzen, die
die Gründerväter der universellen Werte geschaffen
haben.
Diese Leistung resultierte aus einem der wichtigsten
konzeptionellen Durchbrüche des vergangenen
Jahrhunderts. Sie gehört zu Dekolonisierung und
Rüstungskontrolle als wirklich innovativen Schritten zu
einer friedlicheren Welt. Die Akzeptanz der zentralen
Bedeutung von Menschenrechten für die Bewahrung
von Frieden bedeutet, daß die Verletzung von Menschenrechten auch eine legitime Basis für internationales Handeln ist, einschließlich militärischer
Intervention, falls nötig. Die Ereignisse im Kosovo
verdeutlichen uns diese Prinzipien heutzutage.
Die Definition einer werteorientierten Außenpolitik
Dies ist ein wahrhaft aufregender Zeitpunkt, sich dafür
zu engagieren, Menschenrechte auf den zentralen
Platz in den internationalen Beziehungen zu bringen.
Wir haben eine große Chance, zur Bereitstellung der
Ressourcen beizutragen und eine werteorientierte
Außenpolitik in die Praxis umzusetzen.

Ich spreche von Verhalten gegenüber dem Einzelnen,
weil das Konzept der Menschenrechte mit der Souveränität und Unantastbarkeit jedes einzelnen Menschen
beginnt. Es ist die Pflicht der Staaten und führenden
Politiker, ihr Verhalten gegenüber diesen unveräußerlichen Menschenrechten zu definieren, und nicht
umgekehrt. Der Staat dient den Interessen des
Einzelnen; nicht der Einzelne den Bedürfnissen des
Staates. Dieses Grundprinzip bleibt weiterhin der
Rahmen für jedes menschliche und politische Verhalten. Obwohl es oft verletzt wird, kann es kein
UNO-Mitglied ignorieren. Es ist das Gesetz unseres
Planeten.

Insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges
wurden die Bestrebungen, Menschenrechtsprinzipien
auf praktische Weltprobleme anzuwenden, bis zur
Unkenntlichkeit erweitert. Es gibt gute Gründe für
diese dramatische Verlagerung.
In einer durch
internationale Konfrontation erstarrten Welt reduzierten
sich die so genannten "menschlichen" Anliegen der
Außenpolitik oftmals darauf, den Notleidenden zu
helfen. Tieferliegende Fragen der menschlichen
Lebensbedingungen und Konflikte waren unter der
Decke der Ost-West-Konfrontation verborgen.

Auf dieser Basis bewegt sich die internationale
Gemeinschaft kontinuierlich auf eine funktionellem
Definition von demokratischen Werten und Außenpolitik zu. Die Standards des internationalen humanitären Rechts werden auf die drängenden Erfordernisse
des Zeitalters nach dem Kalten Krieg angewandt. Wir
haben Menschenrechte zu einem legitimen Diskussionsthema bei den zwischenstaatlichen Beziehungen
gemacht. Und mit offensichtlichem Erfolg.

Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in der Tschechoslowakei erkannten Ost und West, daß eine
weitere Verschärfung der Spannungen zu einer
Katastrophe führen könnte. Im vorausgegangenen
Jahrzehnt war in Berlin und Kuba nahezu der Krieg
ausgebrochen. Beide Seiten waren zu einer Entschärfung der Situation bereit.

Die systematische Verletzung der Menschenrechte ist
in großen Gebieten dieses Globus eingeschränkt oder
abgeschafft worden - wobei die ehemalige Sowjetunion das beste Beispiel darstellt. Nichtregierungsorganisationen finden neue Chancen, um beim Aufbau
von Strukturen und Institutionen auf der Grundlage der

Seite 2

Das Tauwetter begann Anfang der siebziger Jahre.

Die ersten Schritte wurden hier in Deutschland gemacht. Beide Seiten einigten sich auf eine Verringerung der Spannungen in Berlin. Die Viermächteverhandlungen über Berlin waren wahrhaftig humanitäre Gespräche. Der Hauptgegenstand dieser Verhandlungen war, die Bedingungen für Ostberliner zu
verbessern und Reisen von Berlin in den Westen zu
erleichtern. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die

AMERIKA DIENST 21

�Berliner Verhandlungen eine neue Ära der Außenpolitik einläuteten. Zum ersten Mal in der Geschichte
schluckten Großmächte ihre Meinungsverschiedenheiten und schufen eine auf Verträgen gründende
Struktur humanitärer Verbesserungen als Mittel zur
Verringerung der Spannungen.
In den darauf folgenden Jahren gab es ähnliche
Bemühungen, die Normen des internationalen humanitären Rechts auf die ganze Bandbreite der Beziehungen zwischen Nationen und - was noch dramatischer
war - innerhalb der Nationen selbst anzuwenden.
Der Fortschritt kam nicht über Nacht. Es dauerte mehr
als zehn Jahre, bis man übereinkam, daß humanitäre
Gesichtspunkte ein legitimer Aspekt internationalen
Lebens sind. Der wesentliche Durchbruch kam mit der
Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte beim Gipfel von
Helsinki im August 1975.
Dieses Dokument legte nicht nur das Menschenrechtskonzept des Westens fest; es bildete auch ein direktes
Bindeglied zwischen militärischer Sicherheit, wirtschaftlichem Austausch und der Einhaltung anerkannter Normen der Menschenrechte. Die "Operationalisierung" der Menschenrechte, wie wir es in Amerika
nennen würden, war beispiellos.
Wissenschaftler, die das Geheimnis des Zusammenbruchs des Totalitarismus zu enthüllen versuchen,
können durchaus die Schlußakte von Helsinki als
befreiendes Dokument bezeichnen. Sie sandte ein
Schauern durch die sowjetische Welt. Binnen einer
Woche nach der Veröffentlichung der Schlußakte in
Neues Deutschland erhöhte sich beispielsweise die
Zahl der Ausreiseanträge aus der DDR um 200.000.
Verlagerung des Konflikts
Als in den frühen neunziger Jahren der Zerfall der
Sowjetunion begann, zollte sogar der russische
Außenminister Andrej Kosyrew der KSZE und ihrer
Botschaft der Menschenrechte Anerkennung für den
Zusammenbruch des Kommunismus. Als das neue
Jahrzehnt begann, bestand die Hoffnung, daß das
Ende des Kalten Krieges schließlich auch das Ende
der Konflikte auf der ganzen Welt bringen würde.
Tragischerweise wurde der Konfliktschwerpunkt
verlagert. Ohne die Furcht vor nuklearer Vernichtung
fühlten sich Gruppierungen auf der ganzen Welt
ermutigt, lang unterdrückten Groll wiederzubeleben.
Das Resultat steht uns nur zu deutlich vor Augen.
Plötzlich begannen Gruppierungen und Nationen, alte
Rechnungen zu begleichen, Grenzlinien neu zu ziehen
und Vorteile einzufordern, von denen sie meinten, daß
sie ihnen seit langem zustünden.
Es war, als habe der Kalte Krieg die Welt in dem
Glauben hypnotisiert, die Geschichte sei tatsächlich an

AMERIKA DIENST 21

einem Endpunkt angelangt. Sein Ende brach den
Bann. Die Opfer waren nicht die Großmächte. Es
waren die Menschen in weit entfernten, oft entlegenen
Teilen der Welt, die den Schmerz spürten.
Präsident Bush sprach 1989 mutig von der "Neuen
Weltordnung". Keine zwei Jahre danach wurde
schmerzhaft klar, daß die Welt bei weitem nicht bereit
war für die neue Freiheit nach dem Kalten Krieg. Ein
neuer Begriff tauchte auf - die internationale Gemeinschaft. Dieser Terminus, der nicht im entferntesten
klar definiert war, signalisierte eher Hilflosigkeit als
Macht, eher Konfusion als Entschlossenheit. Von
Bosnien bis Somalia, von Afghanistan bis Tschetschenien spielten humanitäre Belange eine zentrale
Rolle.
Auf der Suche nach Antworten
Es ist wichtig zu beachten, daß die internationale
Gemeinschaft angesichts dieser Herausforderungen
nicht untätig geblieben ist. Sowohl bei den Vereinten
Nationen als auch von regionalen Organisationen wie
der NATO, OSZE, der Organisation Amerikanischer
Staaten und der Organisation für Afrikanische Einheit
wurden zahlreiche Instrumente geschaffen, um mit
dieser neuen Art von Konflikt umzugehen. Humanitäre
Organisationen waren ebenfalls kreativ bei der
Anpassung an die neue Situation. Nichtregierungsorganisationen haben in vielen Bereichen unerschrocken humanitäre Diplomatie betrieben, wo
Regierungen nicht tätig werden konnten.
Die Erfahrungen sind gemischt. Auf jeden Erfolg, wie
etwa in El Salvador oder Bosnien, kamen auch
Niederlagen. Neue Instrumente werden oft von denen
abgelehnt, für deren Hilfe sie gedacht waren. Und
bedauerlicherweise verhindern häufig die Zänkereien
zwischen größeren Mächten die Lösungen für die, die
sie am meisten brauchen.
Ein Großteil des Problems besteht in der Definition.
Nachdem wir mehr als ein Jahrzehnt darauf verwendet
haben, humanitäre Belange als legitime Aspekte
internationaler Beziehungen anzuerkennen, werden
wir nun mit einer explosionsartig zunehmenden Zahl
von Herausforderungen konfrontiert. Ein Großteil ist
kaum definiert.
Die humanitäre Arbeit von Nichtregierungsorganisationen steht zunehmend mit ethnischen oder regionalen Konflikten im Zusammenhang.
Massenmorde in Bosnien
waren sowohl Verbrechen als auch humanitäre Krisen. Der Krieg in Tschetschenien wurde
von Rußland als innere Angelegenheit bezeichnet. Dasselbe behauptet Belgrad vom
gegenwärtigen Konflikt im Kosovo. Zunehmend werden humanitäre Hilfsleistungen

Seite 3

�durch militärische
beeinträchtigt.

Auseinandersetzungen

Als OSZE-Hochkommissar für nationale
Minderheiten hat Max van der Stoel hervorragende Arbeit geleistet. Aber er wird oft
an der Einreise in ein Land mit Minderheitenproblemen gehindert, weil die Landesregierung diese Definition des Problems ablehnt.
So ist das Erreichen eines Konsenses über
die Natur ethnischer und religiöser Konflikte
eine weitere wesentliche Aufgabe.
Gleiches gilt auch für Flüchtlinge. Ein krasses
Beispiel ist die Weigerung Kroatiens, aus der
Krajina geflohene Serben weder als Flüchtlinge noch als Vertriebene zu definieren. Die
Situation in Zentralafrika entzieht sich jeglichem Verständnis.
Langsam geht man daran, dieses Problem der gemeinsamen Definitionsfindung zu lösen. Nach einem
fast zehn Jahre dauernden Konflikt über Nagorny-Karabach scheinen die beteiligten Parteien bereit,
eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu akzeptieren. Trotz seiner Behauptung, der Tschetschenien-Konflikt sei eine innere Angelegenheit,
gestattete Rußland der OSZE, eine Vermittlerrolle zu
spielen.
Es werden Instrumente erarbeitet. Die OSZE hat bei
der Weiterentwicklung von Methoden der Konfliktprävention und des Krisenmanagements eine Führungsrolle übernommen. Ihre Konfliktpräventionsmissionen erfüllen in mehr als zehn Ländern wichtige
Aufgaben. Ihre Rolle in Bosnien beinhaltete die
Veranstaltung von Wahlen, die Durchführung von
Rüstungskontrollverhandlungen und die Etablierung
von
Standards
für
Menschenrechte.
Die
UN-Hochkommissarin für Flüchtiingsfragen ist gleichfalls kreativ gewesen, was den Einsatz ihrer Möglichkeiten für positive Zwecke betrifft.
Die Rolle der Friedenssicherung
Im Zuge der Intensivierung dieser Konflikte waren die
Parteien bestrebt, sich zum Erhalt der Ordnung auf das
Militär zu stützen. Traditionelle Konzepte der Friedenssicherung entwickelten sich rasch zu einer
Vielzahl militärischer Aufgaben. Die meisten davon
sind neu. Unsere führenden Militärs sind noch nicht
mit ihnen vertraut und zögern, sich auf nicht erprobte
Missionen einzulassen. Die derzeitigen Rollen der
Friedenssicherung variieren - von normaler Beobachtung und Präsenz zu konkreten Kampffunktionen.
Es gab mehrere wichtige Erfolge. Die IFOR/SFOR in
Bosnien, die UN-Truppen in Kambodscha und El
Salvador sowie die Albanien-Mission unter Leitung

Seite 4

Italiens zeigten, wie die wohlüberlegte Anwendung
militärischer Stärke einen wichtigen Beitrag leisten
kann.
Es gab jedoch auch deutlich sichtbare Fehlschläge.
Obwohl die Entsendung der UNPROFOR nach
Jugoslawien von wohlmeinenden Absichten getragen
war, erwies sie sich als unbefriedigend sowohl für die
Schutzbedürftigen als auch für die Beschützer selbst.
Obwohl die UNPROFOR aus Streitkräften zusammengesetzt war, war ihre Struktur nicht auf die Erfüllung
einer Militärmission ausgerichtet. Das Ergebnis war
Konfusion und im Falle von Srebrenica eine Tragödie.
Wenn eine Streitmacht erst einmal entsandt ist, stellt
sich die Definition der laufenden Mission als sehr
schwierig dar. Wir hatten keine genauen Informationen über die militärische Bedrohung und die Einsatzbedingungen. Die IFOR-Mission begann mit der
konkreten Arbeit der Truppenentflechtung. Sie ging
schnell zu Aufgaben im Bereich der öffentlichen
Ordnung und des Schutzes von Flüchtlingen über. Im
September 1996 konnte die IFOR eine zentrale Rolle
bei den Wahlen in Bosnien übernehmen, die vom
Daytoner Abkommen vorgeschrieben wurden. Die
Rolle der SFOR beinhaltet in zunehmendem Maße
auch allgemeine wirtschaftliche und humanitäre
Aufgaben.
Dennoch ist ihre Rolle weiterhin umstritten. Die
legitime Funktion der SFOR im Hinblick auf Kriegsverbrecher war kompliziert und kontrovers. Die jüngsten
Erfolge zeigen, daß solche Aufgaben ebenfalls erfüllt
werden können - jedoch nur, wenn sie militärisch
möglich sind.
Die Frage der Kriegsverbrecher veranschaulicht eine
der ständigen Debatten über die Friedenssicherungstruppen. Die führenden Politiker finden es oft nützlich,
die Streitkräfte für verschiedene Aufgaben einzusetzen. Es ist jedoch nicht vertretbar, das Militär zu
Aufgaben heranzuziehen, die nicht innerhalb seiner
Richtlinien erfüllt werden können. Ich weiß, daß
humanitäre Organisationen sich oft eine noch umfassendere militärische Unterstützung wünschen. Ich
kann nicht vorhersagen, wie sich die Rolle des Militärs
entwickeln wird. Wir können von unseren Truppen
jedoch keine Dinge erwarten, die nicht ihren von ihnen
definierten Fähigkeiten entsprechen.
Die zunehmende Integration militärischer und diplomatischer Bestrebungen wirft auch Fragen über die
Legitimität der Truppenentsendung auf. Wann stellen
militärische Aktivitäten, die den Schutz von Menschenrechten vorgeben, tatsächlich eine Aggression
dar? Die serbische Militärintervention in Bosnien und
jetzt im Kosovo war nackte Aggression unter dem
Deckmantel des Schutzes von Menschenrechten. Und
wann hat die internationale Staatengemeinschaft das

AMERIKA DIENST 21

�Recht zurückzuschlagen,
unerträglich wird?

wenn

die

Aggression

Wie die Diskussion dieser Woche beweist, sind die
Vereinigten Staaten der festen Überzeugung, daß die
serbische Verletzung des internationalen humanitären
Rechts im Kosovo eine militärische Reaktion eindeutig
rechtfertigt. Und es ist nicht legitim zu behaupten, die
NATO könne nicht zur Bewahrung der Menschenrechte intervenieren, weil andere dieselbe Entschuldigung
für eine weniger noble Intervention benutzen könnten.
Wenn wir 1948 auf dieses Argument gehört hätten,
hätte es keine Berliner Luftbrücke gegeben. Die
Verpflichtung der NATO zu Demokratie sollte sie über
Vergleiche mit anderen erheben, wie laut deren
Forderungen auch vorgebracht werden mögen.
Oder was ist mit der Anwendung oder Androhung von
Gewalt durch die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und andere Verbündete, einschließlich Deutschlands,
während der Konfrontation mit Saddam Hussein im
letzten Winter? Es ist offenkundig, daß die Diplomatie
manchmal nur erfolgreich ist, wenn sie vom Einsatz
von Gewalt begleitet wird.
Und hier schließt sich der Kreis. Die Verbindung
zwischen Demokratie und Sicherheit wurde in der
Schlußakte von Helsinki festgelegt. Die Prinzipien der
Demokratie sollten unsere Standards sein. Der
Umgang mit so genannten verbrecherischen Staaten
ist eine Aufgabe für alle Demokratien. Starkes Vorgehen gegen andere ist jedoch nur dann gerechtfertigt,
wenn diese Demokratien bei den von ihnen in solchen
Konflikten angelegten Maßstäben selbst Vorsicht
walten lassen. Unsere Legitimierung als Verteidiger
des internationalen humanitären Rechts ergibt sich
nicht nur aus unserer militärischen oder wirtschaftlichen Macht, sondern auch aus unserem eigenen
Streben nach diesen Prinzipien.
Das ist ein wichtiger Grund, warum die Vereinten
Nationen nach der Tragöde in Bosnien ein Kriegsverbrechertribunal zur Untersuchung und Bestrafung der
verübten Verbrechen eingerichtet haben. Das Mandat
wurde später auf Zentralafrika ausgeweitet. Die Arbeit
des Tribunals ist grundlegend, um diese entsetzlichen
Geschehnisse aufzuklären.
Der internationale Strafgerichtshof
Das 20. Jahrhundert hat viele Bestrebungen zur
Einführung offizieller Mechanismen zur Konfliktschlichtung gesehen. Es gibt sie jetzt bereits in einer
Vielzahl von Organisationen.
Der Internationale
Gerichtshof in Den Haag und die Konfliktschlichtungsmechanismen der OSZE in Genf sind vertraglich
festgelegte Instrumente, die praktisch nie genutzt
werden.

AMERIKA DIENST21

Das bedeutet nicht, daß wir es nicht versuchen sollten.
Die internationalen Kriegsverbrechertribunale in Den
Haag und Arusha erfüllen eine wesentliche Funktion.
Die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofs
stellt eine Priorität der Clinton-Administration dar. Ich
bin mir bewußt, daß es zwischen den Vereinigten
Staaten und ihren europäischen Partnern unterschiedliche Ansichten zur Funktionsweise des Strafgerichtshofs gibt. Dies zeigte sich beim Abschluß der
Konferenz von Rom im Juni. Die Vereinigten Staaten
sind überzeugt, daß die im Konzept von Rom enthaltenen Mängel gravierend sind. Es besteht die Gefahr,
daß dieser Rahmen von Menschenrechtsverletzern
zur Unterstützung ihrer negativen Ziele benutzt werden
könnte. Aber Meinungsverschiedenheiten über die
Einzelheiten des Projekts schmälern nicht die Bedeutung des Ziels. Die Vereinigten Staaten hoffen, in der
Zukunft mit ihren Partnern zusammenarbeiten zu
können, um Änderungen der umstrittenen Bestimmungen des Vertrags von Rom vorzuschlagen. Wir hoffen,
daß andere Regierungen in den kommenden Jahren
die Vorteile einer möglichen amerikanischen Beteiligung an der Verbesserung der derzeitigen Version
erkennen.
Auf dem Weg zu einer neuen Friedensdisziplin
Ich habe zu beweisen versucht, daß es keine einfache
Antwort auf die Herausforderungen gibt, die ich an den
Anfang dieses Vortrags gestellt habe.

Wir sind am

Beginn einer neuen Friedensdisziplin, die die Instrumente der traditionellen Diplomatie mit Standards
von Demokratie und freien Marktwirtschaften kombiniert. Das ist kein idealistischer Vorschlag - es ist
harte Realität. Die Geschichte hat klargestellt, daß
Offenheit und Toleranz die einzigen sicheren Methoden für Frieden und Wohlstand sind. Aber die Institutionen zur Erlangung einer werteorientierten
Friedensdisziplin stecken noch in den Kinderschuhen.
Das öffentliche Bewußtsein konzentriert sich noch auf
die traditionellen Instrumente der Machtpolitik. Nationen in Schwierigkeiten möchten nicht immer durch
Methoden unterstützt werden, die politische Macht
unterminieren könnten. Aber die Demokratie gewinnt.
Die jüngsten Wahlergebnisse in der Slowakei demonstrieren die Macht der demokratischen Methode.
Die Definition dieser neuen Friedensdisziplin ist eine
Aufgabe für die ganze Welt, aber die Vereinigten
Staaten sind häufig am stärksten mit den Auswirkungen dieses neuen Paradigmas konfrontiert. Wir
werden als die einzige Supermacht der Welt bezeichnet. Man erwartet von uns oft, die Rolle eines Polizisten zu spielen, während gleichzeitig die speziellen
Empfindlichkeiten der beteiligten Länder berücksichtigt
werden sollen. Wenn Verhandlungen scheitern, sind
wir es, von denen man die Wiederherstellung der
Ordnung erwartet. Aber unsere militärische Rolle wird

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�häufig von eben den Ländern kritisiert, die unseren
Schutz genießen.
Ein Großteil dieser Konfusion ist verständlich. Sie
besteht auch in den Vereinigten Staaten. Sie ist ein
normales Ergebnis einer Periode raschen Wandels.
Aber unseren Interessen ist nicht gedient, wenn die
stärkste Macht der Welt sich wiederholt Konflikten und
Widersprüchen über ihre stabilisierende Rolle gegenübersieht. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten
Staaten wird nicht lange Maßnahmen unterstützen, die
nirgendwohin zu führen scheinen. Und selbst unsere
stärksten Bündnisse können durch Unterschiede in der
Wahrnehmung geschwächt werden, wie wir sie in
jüngster Zeit auf dem Balkan und am Persischen Golf
beobachtet haben.
Das ist ein Grund, warum die Vereinigten Staaten
führend darin sind, Konzepte und Strukturen zu
entwickeln, die sowohl Frieden garantieren als auch
Instrumente zur Konfliktbewältigung bieten.
Die
Entwicklung der NATO in den vergangenen zehn
Jahren war dramatisch. Neben dem Erhalt seiner
militärischen Strukturen ist das Bündnis zunehmend
darauf ausgerichtet, Sicherheit und Kooperation auf die
ehemals kommunistischen Gebiete Europas zu
übertragen. Konsultationen, gemeinsame Manöver und
Friedensmissionen spielen eine wesentliche Rolle bei
der Definitionsproblematik, die ich vorhin erwähnte.
In Europa fällt der OSZE eine Schlüsselrolle zu. Ihre
Kreativität bei der Entwicklung von Instrumenten zur
Konfliktprävention habe ich bereits erwähnt. Die
Konsultationsmechanismen sind ganz wichtig, um die
Kommunikation aufrechtzuerhalten. Die OSZE ist aber
häufig Druck ausgesetzt. Ihre Hilfe wird von denen
abgelehnt, die sie am dringendsten benötigen. Andere
dagegen streben danach, sie zu einem formellen
Durchsetzungsmechanismus zu machen und berauben sie so ihrer lebenswichtigen flexiblen, politischen
Grundlagen.
Die Vereinigten Staaten vertreten hierzu einen von
Prinzipien geleiteten Standpunkt. Organisationen wie
die UNO und die NATO haben formelle Durchsetzungsbefugnisse. Die OSZE formuliert die wesentlichen Standards und Wertegrundlagen, die so interpretiert werden können, daß sie individuellen Bedürfnissen entsprechen. Sie sorgt für einen Entwicklungsprozeß, der durch regelmäßige Durchsetzungsrevisionen überprüft werden kann.
Oft hört man Forderungen nach mehr Macht für die
OSZE. Gleichzeitig wird aber das mächtigste Instrument überhaupt - die Vision der Freiheit - oftmals
ignoriert. Dieses Problem betrifft insbesondere eine
Reihe europäischer Länder, sowohl im Osten als auch
im Westen, die dieses neue Zeitalter noch nicht
verstanden haben. Unsere Suche nach einer neuen
Friedensdisziplin muß mit grundlegenden Prinzipien

Seite 6

beginnen. Komplexe Strukturen, Verträge oder sogar
militärische Mittel können nicht mit dem Wunsch
konkurrieren, ein selbstbestimmtes Leben zu definieren. Die Sowjetunion hatte diese Lektion zu spät
gelernt.
Eine aus dieser neuen Ära gewonnene Einsicht ist in
dieser Debatte festgehalten. Wie Präsident Clinton
erklärt hat, bewegen wir uns rasch von Rückgriff auf
enforcement auf eine Vision von empowerment als
Grundlage unserer demokratischen Weltordnung zu.
Der mündige Bürger kann nicht auf Verträge und
Resolutionen zurückgreifen, um die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts zu erklären. Es ist ein
Gefühl gemeinsamer Verantwortung für die Herausforderungen des neuen Zeitalters, das die Unterstützung für Demokratie hervorbringt. Menschen, die
Unterdrückung erdulden mußten, können nicht durch
rechtliche Argumente gezwungen werden, ihre Träume
aufzugeben. Aber die Schaffung eines Gefühls von
persönlichem empowerment und gemeinsamer
Verantwortung kann zur Gewährleistung von Toleranz
und Frieden beitragen. Eine neue Friedensdisziplin
muß den Bedürfnissen der Völker gerecht werden, die
diese definieren. Diese Bedürfnisse sind nicht immer
friedlich oder demokratisch. Sie führen oft zu Konflikten. Aber sämtliche Bestrebungen, eine Beilegung
dieser Konflikte zu erzwingen, sind zum Scheitern
verurteilt.
Empowerment ist für viele Europäer ein kompliziertes
Wort. Der Begriff hat etwas leicht Subversives, als ob
Kontrollstrukturen angegriffen würden. Empowerment
bedeutet Hilfe zur Selbsthilfe, was an Aktivitäten an der
Basis denken läßt und daran, wie Bürger entdecken,
daß sie auch auf den Gebieten ein Mitspracherecht
haben, die vorher der politischen Elite vorbehalten
schienen. Empowerment beinhaltet auch, daß die
Sicherheit nicht mehr ausschließlich von den einflußreichen Staaten bestimmt wird. Jeder Bürger und
jeder Staat hat ein Interesse und ein Mitspracherecht
an unserer gemeinsamen Zukunft. Ein mündiger
Bürger muß erkennen, daß ihm eine legitime Rolle in
den internationalen Diskussionen zukommt.
Moderne Technologie und Kommunikation haben
Durchsetzung in dem Sinn unmöglich gemacht, daß
Ideen nicht kontrolliert und Währungstransfers an
Grenzen nicht gestoppt werden können sowie Nachrichten und Kultur zu jeder Zeit überall verfügbar sind.
Die Gesellschaften, die eine Definition von Kultur oder
Gesellschaft durchzusetzen versuchen, werden
zwangsläufig scheitern.
Eine Landkarte für die Zukunft
Vertrauen, empowerment, mündige Bürger und vor
allem die Fähigkeit, Chancen zur Förderung von
Menschenrechten zu erkennen, sollten wichtige
Elemente sein, während wir versuchen, eine Landkarte

AMERIKA DIENST 21

�für die Zukunft der Menschenrechte zu entwerfen. Es
reicht nicht aus, einfach nur auf Krisen zu reagieren,
nachdem sie entstanden sind. Und wir sollten uns
auch nicht damit zufriedengeben, universelle Prinzipien anzusehen wie wunderschöne Sterne - Dinge, die
bewundert werden, aber außerhalb der Reichweite des
Menschen liegen. Unsere in diesem Jahrhundert
gemachten Fortschritte sollten jede Auffassung
widerlegen, daß es absolute Grenzen für den Schutz
der Menschenrechte gibt.
Die Anpassung der Macht unserer Ideale an praktische außenpolitische Themen kann auch eine Botschaft der Hoffnung für ein verwirrte Welt definieren.
Bei all dem Gerede über den Kampf der Kulturen, bei
all den uns konfrontierenden komplexen Fragen, bei all
den Debatten über Methoden der Konfliktverhütung ist
es wichtig, sich daran zu erinnern, daß es einen
universellen Standard gibt, der alle Völker vereint. Ich
habe diese Frage kürzlich mit Professor Samuel
Huntington diskutiert, dessen weithin gelesenes Buch
das Thema von Trennlinien zwischen Kulturen erörtert.
Professor Huntington unterstrich seine Überzeugung,
daß der einzige einigende Faktor auf der Welt die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und ihre
Konzentration auf die Rechte des Einzelnen ist. Das
ist nach wie vor die mächtigste Botschaft auf der Welt.

*

AMERIKA DIENST 21

In der Tat beinhaltet meine wichtigste Botschaft an Sie
heute, Menschenrechte als Verfassung für eine
demokratische Welt zu begreifen. Als einzelne Bürger
nutzen wir die in unserer Verfassung niedergelegten
Rechte und Privilegien. Wir übernehmen die Verantwortung für unser Land. Warum können dieselben
Impulse nicht unser Verhalten in der internationalen
Staatengemeinschaft leiten? Ein Schlüssel ist, wie ich
bereits betonte, die Einführung dieser Prinzipien zu
Hause, um mündige und engagierte Bürger hervorzubringen, die sich für dieses wichtigste Element der
internationalen Beziehungen interessieren - die
Verpflichtung der Regierungen gegenüber ihren
eigenen Bürgern.
Erfolg bei diesen Bestrebungen wird bisher ungekannte Energien und Aktionen in den Beziehungen zwischen
Nationen
freisetzen.
Die
elektronische/technologische Revolution ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie die Werte der Offenheit die
Welt verändern können. Ein die Beziehungen zwischen Völkern leitendes neues Paradigma zeichnet
sich bereits ab. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin,
ihm Bestand zu verleihen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
21. Oktober 1998

Vereinigte Staaten verurteilen Unterdrückung der
Medien und der bürgerlichen Gesellschaft
durch die serbische Regierung
Erklärung von James B. Foley

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 9. Oktober 1998 abgegebene Erklärung des
Stellvertretenden Sprechers des US-Außenministeriums, James B. Foley, zur staatlichen Unterdrückung der
unabhängigen Medien und Menschenrechtsorganisationen in Serbien.

Die Vereinigten Staaten verurteilen aufs Schärfste die
gegen die serbischen unabhängigen Medien und
Menschenrechtsorganisationen
ausgesprochenen
Drohungen, darunter die Androhung von physischer
Gewalt, sowie die von Präsident Milosevic und der
Belgrader Führung unternommenen Aktionen, dissidierende Professoren der Universität Belgrad zu entlassen. Ferner unterstreichen wir, daß wir von Serbien
zugleich die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit
dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige
Jugoslawien erwarten. Das Vorgehen der serbischen
Regierung gegen die serbische bürgerliche Gesellschaft zeigt offen die wahre Agenda des Regimes.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß Belgrad
die internationale Staatengemeinschaft ersucht, seine
im Kosovo unternommenen positiven Schritte zur
Kenntnis zu nehmen. Serbische Politiker drohten
Mitgliedern von Menschenrechtsgruppen und den
unabhängigen Medien öffentlich physische Gewalt an.
Infolge der staatlichen Einschüchterung mußten die
unabhängigen Medien die Übertragung ausländischer
Radio- und Fernsehsendungen 48 Stunden lang
einstellen.
Es ist schockierend, welchen Druck
Belgrad auf die Medien ausübt.

In der Zwischenzeit gefährden politisch motivierte
Entlassungen an der juristischen Fakultät der Universität Belgrad die akademische Freiheit und beinhalten das Risiko weiterer politischer Unterdrückung. Die
serbische Regierung sollte die entlassenen Professoren wieder einstellen, gewährleisten, daß keine
weiteren Entlassungen erfolgen und die Gesetze
außer Kraft setzen, die diese Entlassungen fordern.
Die für die Greueltaten im Kosovo Verantwortlichen
müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Der UNSicherheitsrat hat die Zuständigkeit des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien für die
Kriegsverbrechen im Kosovo bestätigt. Wir erwarten
von Serbien uneingeschränkte Zusammenarbeit und
arbeiten mit dem Tribunal und den Vereinten Nationen
an Maßnahmen zur Erlangung dieses Ziels.
Das Vorgehen Belgrads im Kosovo ist nur ein Symptom für das übergeordnete politische Problem in
Serbien.
Langfristig können nur demokratische
Institutionen und die Respektierung der grundlegenden
Menschenrechte die Basis dafür schaffen, daß Serbien
seinen rechtmäßigen und friedlichen Platz in Europa
einnimmt.

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. November 1998

22

KOSOVO

EINE CHANCE FÜR FRIEDEN
von Samuel R. Berger

USA-EUROPA

DIE BEDEUTUNG DER EUROATLANTISCHEN
PARTNERSCHAFT FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede von Stuart Eizenstat

HANDEL

DIE AMERIKANISCH-EUROPAISCHEN
HANDELSBEZIEHUNGEN
Rede von Charlene Barshefsky

MEDIEN

"UNTERDRÜCKUNG DER PRESSE DURCH
MILOSEVIC MUSS AUFHÖREN"
von Jonathan Spalter

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�KOSOVO
4. November 1998

Eine Chance für Frieden
von Samuel R. Berger

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel R. Berger, der
erstmals in The Washington Post vom 21. Oktober 1998 erschien. Copyright: The Washington Post, 22. 10.
1998.

In der vergangenen Woche zwang die Bereitschaft der
NATO zum Einsatz von Gewalt im Kosovo Slobodan
Milosevic, den Forderungen der internationalen
Gemeinschaft zuzustimmen. Die von ihm eingegangenen Verpflichtungen werden - wenn er sie vollständig
erfüllt - die humanitäre Krise im Kosovo mildern und
wichtige Ziele der Vereinigten Staaten umsetzen.
Einige haben im Nachhinein in Frage gestellt, was die
internationale Gemeinschaft gewonnen hat. Das
endgültige Ergebnis werden wir erst in den kommenden Tagen kennen, wenn wir feststellen, ob Milosevic
seinen Worten Taten folgen läßt. Aber einige erste
Schlußfolgerungen sind klar:
Die von Milosevic gemachten Zusagen erfüllen die von
uns gesetzten Ziele. Die internationale Gemeinschaft
hatte im Kosovo drei übergeordnete Ziele: Die Beendigung der Gewalt, die sich auf Nachbarländer ausweiten und die zerbrechliche Stabilität auf dem Balkan
bedrohen könnte. Zu verhindern, daß die humanitäre
Krise zu einer Katastrophe wird durch Beendigung der
Unterdrückung der Kosovo-Albaner und Gewährleistung der sicheren Rückkehr der Vertriebenen in
ihre Dörfer. Die Rückführung der Kosovaren auf den
Weg zu Autonomie, indem Milosevic zu friedlichen
Verhandlungen mit ihnen gezwungen wird.
Die von Milosevic eingegangenen Verpflichtungen
erfüllen alle drei Ziele. Er hat der vollständigen
Einhaltung von Resolution 1199 des UN-Sicherheitsrats zugestimmt, die fordert, daß er den Waffenstillstand aufrechterhält, vor kurzem stationierte Streitkräfte und Spezialeinheiten aus dem Kosovo abzieht,
die übrigen in die Kasernen verlegt und den Mitarbeitern humanitärer Hilfsorganisationen uneingeschränkten und unverzüglichen Zugang zu den

AMERIKA DIENST 22

Notleidenden gewährt. Und er hat einem speziellen
Zeitplan für den Abschluß der Gespräche mit den
Kosovo-Albanern zugestimmt, die ihnen demokratische Wahlen, eine autonome Regierung und ihre
eigene Polizei vor Ort zugestehen werden - mit
anderen Worten, Rechte, die sie gefordert haben, seit
Milosevic sie im Jahr 1989 ihrer Autonomie beraubte.
Nur durch eine politische Lösung, die zum Abzug der
Kräfte der Unterdrückung und echter Autonomie führt,
kann es eine Chance für Stabilität im Kosovo geben.
Der Beweis zeichnet sich ab. Wie Präsident Clinton
klargemacht hat, sind Zusagen nicht dasselbe wie
Einhaltung. Aus diesem Grund forderte die internationale Gemeinschaft - und Präsident Milosevic hat
dieser Forderung zugestimmt - eine beispiellose
internationale Präsenz, der er sich bisher vehement
widersetzt hatte: Ein äußerst eingehendes Verifikationssystem am Boden und in der Luft. Dazu zählen
2.000 internationale Beobachter im Kosovo, die als
"Wachhunde" fungieren um sicherzustellen, daß der
Waffenstillstand eingehalten wird, die serbischen
Streitkräfte abziehen und gleichzeitig unter den
Kosovaren Vertrauen in eine Rückkehr in ihre Dörfer
aufgebaut wird. Und das wird eine umfassende
Luftüberwachung durch die NATO beinhalten - die die
NATO mit nur einer Stunde Vorankündigung in die
Wege leiten kann - um die Einhaltung zu überwachen
und Verletzungen schnell aufzudecken.
Die Verifikationsteams werden von der 54 Nationen
umfassenden Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit im Europa zusammengestellt und von
Botschafter Bill Walker geleitet - einem außerordentlich
erfahrenen amerikanischen Diplomaten. Sie werden
von einer Eingreiftruppe der NATO unterstützt um zu

Seite 1

�gewährleisten, daß sie gegebenenfalls sicher abgezogen werden können. Und wir haben gegenüber
Präsident Milosevic klargestellt, daß er mit den
schwerwiegendsten Konsequenzen zu rechnen hat,
wenn seine Truppen versuchen, internationalen
Beobachtern oder Mitarbeitern humanitärer Hilfsorganisationen Schaden zuzufügen oder sie als
Geiseln zu nehmen. Die ersten regulären Überflüge
mit U-2 und anderen Aufklärungsflugzeugen haben an
diesem Wochenende begonnen.
Bisher hat es zwar keine vollständige, aber doch eine
gewisse Einhaltung in vier Schlüsselbereichen gegeben. Erstens hat der Waffenstillstand im Großen und
Ganzen zwei Wochen lang gehalten, trotz gelegentlicher Gefechte zwischen serbischen Sicherheitskräften
und der Kosovo-Befreiungsarmee.
Zweitens sind die meisten humanitären Hilfsorganisationen wieder so zahlreich im Kosovo wie vor dem
Abzug, bei minimaler Einmischung der serbischen
Behörden. Viele beabsichtigen eine Erhöhung ihrer
Präsenz. Acht Konvois mit humanitären Hilfsgütern darunter Nahrungsmittel, Kleidung und Medikamente sind bereits im Kosovo eingetroffen.
Drittens ist die Polizeipräsenz der Serben weniger
allgegenwärtig. Aber bis heute ist Milosevic im
Hinblick auf den Abzug der bei Beginn der Krise im
Kosovo stationierten Streitkräfte und den Abzug seiner
Sonderpolizei noch nicht schnell genug weit genug
gegangen. Es gibt Gründe für den Verbleib einiger
Streitkräfte im Kosovo, um die Sicherheit der Grenzen
zu gewährleisten - aber keine Rechtfertigung für die
Streitkräfte, die zur Unterdrückung der albanischen
Bevölkerung eingesetzt werden. Der Oberfehlshaber
der NATO, General Wesley Clark, hat Präsident
Milosevic eine detaillierte Liste von Militär- und Polizeieinheiten gegeben, die er abziehen oder in Kasernen

*

Seite 2

*

verlegen muß. Anhand der Luftüberwachung und der
Berichte von Beobachtern vor Ort wird die NATO
entscheiden, ob Milosevic diese Vorgaben einhält.
Viertens sind infolge des sich verbessernden, aber
immer noch unzulänglichen Sicherheitsumfelds
zwischen 15.000 und 35.000 Vertriebene aus den
Bergen in ihre Dörfer zurückgekehrt und so der
tödlichen Gefahr eines Winters ohne Unterkunft
entkommen. Aber eine große Zahl von Flüchtlingen rund 35.000 - sind immer noch in Gefahr. Unter der
Voraussetzung, daß der Waffenstillstand hält und
Milosevic seine Verpflichtungen zur Verbesserung der
Sicherheitslage erfüllt, mehr Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Beobachter ins Land kommen und
mehr serbische Streitkräfte abziehen, sollte sich das
Vertrauen der verbliebenen Flüchtlinge erhöhen - und
die meisten von ihnen werden aus der Kälte in ihre
Dörfer zurückkehren können.
Die NATO muß weiterhin zum Handeln bereit sein,
wenn Milosevic es nicht tut. Um weiter Druck auf
Milosevic auszuüben, seine Verpflichtungen einzuhalten, hat die NATO den Finger am Abzug: Der
Aktivierungsbefehl zum Einsatz von Gewalt ist weiterhin in Kraft, aber bis zum 27. Oktober ausgesetzt,
während wir die Einhaltung durch Präsident Milosevic
prüfen und bewerten. Wenn er bis zu diesem Datum
keine maßgeblichen Fortschritte gemacht hat, kann die
NATO mit den Luftangriffen beginnen, um die Einhaltung zu erzwingen und Milosevics Fähigkeit zur
Durchführung seiner Unterdrückungskampagne gegen
die Kosovo-Albaner zu beeinträchtigen.
Die letzten Kapitel der Kosovo-Krise müssen noch
geschrieben werden. Aber dank der starken Haltung
der NATO gibt es eine Chance, das Leid und die
Unterdrückung zu beenden - und die Region auf den
Weg zu Frieden zu bringen.

*

*

AMERIKA DIENST 22

�USA-EUROPA
4. November 1998

Die Bedeutung der euroatlantischen Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
Rede von Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Staatssekretärs für wirtschaftliche,
unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, im Nixon
Center vom 16. Oktober 1998.

Einleitung
Vielen Dank. Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen,
heute vor Ihnen eine Rede halten zu dürfen. Ich
möchte unsere Zusammenkunft zum Anlaß nehmen,
kurz über die amerikanisch-europäischen Beziehungen, ihre Synergien, ihre Irritationen und ihre Aussichten zu sprechen.
Die Bedeutung der amerikanisch-europäischen
Partnerschaft
Obwohl der Kalte Krieg vorüber ist, besteht die Notwendigkeit einer Partnerschaft und eines Bündnisses
mit Europa fort. Heute ist unser Schicksal ebenso eng
verbunden wie vor 50 Jahren. Wenn Europa in
Frieden lebt, ist Amerika sicherer. Wenn Europa
prosperiert, tut Amerika das ebenso. In vieler Hinsicht
ist Europa der beste Partner, den wir haben. Unsere
Partnerschaft mit Europa könnte vielleicht mehr als die
mit jedem anderen Teil der Welt als "bereichernde
Beziehung" bezeichnet werden. Das heißt, wenn die
Vereinigten Staaten und Europa zusammen sind,
können wir eine mächtige Kraft für Fortschritt auf
nahezu allen Gebieten sein.

ralen Handelsabkommen über Telekommunikations- und Informationstechnologie im Wert
von Milliarden Dollar erzielt. In Zusammenarbeit mit Kanada und Japan stellten die
Vereinigten Staaten und Europa die erforderliche kritische Masse zur Erlangung dieser
wichtigen Abkommen bereit.
Das Anfang dieses Jahres zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU unterzeichnete Abkommen über gegenseitige Anerkennung
(Mutual Recognition Agreement - MRA) wird
doppelte Produkttests bei gehandelten Waren
im Wert von rund 60 Milliarden Dollar abschaffen.
Die Ressourcen der EU haben einige unserer
wichtigsten außenpolitischen Initiativen ermöglicht. Das Hilfspaket der EU für den
Nahen Osten in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar
ist von elementarer Bedeutung für den Friedensprozeß, und die Hilfe der EU für Osteuropa - einschließlich Bosniens - in Höhe
von 1,7 Milliarden Dollar ist sehr viel höher als
unser eigenes Hilfspaket.

Die Vereinigten Staaten und die EU haben bereits die
wichtigsten gegenseitigen Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt geschaffen - die sich auf über
eine 1 Billion Dollar belaufen - und es gibt viele andere
Bereiche, in denen unsere Zusammenarbeit fruchtbar
war:

Unser umfassender und andauernder politischer Dialog mit der EU hat uns geholfen,
gemeinsame, konstruktive Positionen zu
verschiedenen Problemen in Afrika, auf dem
Balkan, in der Slowakei, der Ukraine und
andernorts zu erarbeiten.

Ohne die amerikanisch-europäische Führungsrolle hätten wir keine wichtigen multilate-

Die Vereinigten Staaten und die EU haben im
Bereich der nuklearen Sicherheit das gemein-

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�same Ziel, das Atomkraftwerk Tschernobyl in
der Ukraine bis zum Jahr 2000 endgültig zu
schließen, und wir arbeiten bei der Stilllegung
anderer Kernreaktoren zusammen.
Die Vereinigten Staaten und die EU schaffen
in der Ukraine, Rußland und in den anderen
Neuen Unabhängigen Staaten ein Netz regionaler Umweltzentren.
Unsere Fähigkeit, unsere Differenzen zu
überwinden und uns auf gemeinsame Ziele zu
konzentrieren, war ein entscheidender Faktor
bei der Erlangung des Abkommens zum
Kyoto-Protokoll über Klimawandel.
Der Beitrag der EU zur Koreanischen Energieentwicklungsorganisation (KEDO) war entscheidend für die Organisation bei der Bewältigung der Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung und der Förderung von regionaler
Stabilität auf der koreanischen Halbinsel.
Unsere Zusammenarbeit war ein wichtiger
Bestandteil beim erfolgreichen Abschluß der
Internationalen Konvention der Vereinten
Nationen über die Verhinderung von Terroranschlägen.
Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen.
In der Tat hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts
beide Seiten des Atlantiks gelehrt, daß wir eine
Partnerschaft benötigen, in der Europa auf uns zählen
kann und wir auf Europa zählen können. Diese
Lektion gilt auch für das 21. Jahrhundert.
Drei Herausforderungen
An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend sehen
wir drei grundlegende Herausforderungen, die die
euroatlantische Partnerschaft motivieren.
Die erste liegt in Europa selbst. Präzise gesagt,
ermutigen wir die andauernde Integration des Kontinents durch die Erweiterung der NATO und der
Europäischen Union. Dieser Prozeß fördert einen
wohlhabenden und demokratischen Kontinent, der
nicht durch Waffengewalt, sondern die Möglichkeiten
des Friedens geeint ist. Wir müssen ferner unsere
Ziele Sicherheit, Wohlstand und Demokratie nach
Osten ausweiten, indem wir weiterhin neue Partnerschaften mit Rußland und der Ukraine eingehen.
Dabei zielen wir darauf ab, Krieg und Konflikt im
östlichen Teil des Kontinents so undenkbar zu machen, wie sie es im westlichen Teil geworden sind.
Unseres Erachtens hat die Europäische Wirtschaftsund Währungsunion das Potential, in hohem Maße zur
europäischen Integration beizutragen, indem sie einen
stabileren Finanzsektor und offenere Märkte fördert,

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insbesondere, wenn die EWWU mit Strukturreformen
einhergeht, die für den Abbau der Arbeitslosigkeit so
entscheidend sind.
Unsere zweite Herausforderung ist die Vertiefung der
Beziehungen zwischen Europa und Amerika. Unsere
umfassenden Handels- und Investitionsbeziehungen
sind die Quelle von Wohlstand für Millionen von
Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks. Sie sind
die doppelten Säulen von Wachstum und Stabilität, die
in dieser unsicheren Zeit für die globale Wirtschaft von
besonderer Bedeutung sind. Von der Kennedy- bis zur
Uruguay-Runde haben die Vereinigten Staaten und die
EU die Welt zu offenen Märkten geführt - und zur
Vermehrung des Wohlstands, den eine solche Liberalisierung mit sich bringt. Die neue gemeinsame Initiative der Vereinigten Staaten und der EU, die
Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft (Transatlantic Economic Partnership - TEP), versucht, die
bereits beeindruckenden Grundlagen unserer transatlantischen Beziehungen durch Zusammenarbeit und
den weiteren Abbau bilateraler und multilateraler
Hemmnisse für internationalen Handel und Investitionen zu stärken. Die TEP wird sich auf über ein
Dutzend Sektoren erstrecken, darunter für die Vereinigten Staaten entscheidende Bereiche wie Dienstleistungen, Biotechnologie und elektronischer Handel.
In der Zusammenarbeit im Rahmen der TEP sehen wir
nur eine Erweiterung unserer Fähigkeit, eine positive
Kraft für Wandel und Wirtschaftswachstum auf der
ganzen Welt zu sein, und wir hoffen, die Europäische
Kommission erhält beim nächsten US-EU-Gipfeltreffen
ein Verhandlungsmandat für die TEP.
Die dritte und bedeutendste Herausforderung geht
über Europa und Amerika hinaus. Wir müssen
gemeinsam handeln, um herkömmliche regionale
Krisen zu meistern und gemeinsame Strategien für
neue Arten von Bedrohungen unserer Bürger zu
entwickeln. Diese Bedrohungen beinhalten häufig den
illegalen Fluß von Menschen, Geld, Waffen, Technologie, Toxinen, Gewalt, Drogen oder Krankheiten über
nationale Grenzen hinweg, den keiner von uns im
Alleingang effektiv bekämpfen kann.
Der Hauptgrund für Irritationen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU
Diese Drittregionen oder bündnisfremdes Gebiet
betreffenden Probleme haben die transatlantischen
Beziehungen in den vergangenen Jahren am meisten
auf die Probe gestellt. Obwohl unsere Erfahrung zeigt,
daß wir die Probleme billiger, schneller und effektiver
lösen konnten, wenn wir gemeinsam gehandelt haben,
war diese Zusammenarbeit nicht immer möglich.
Dafür gibt es eine Reihe von Erklärungen. Die Aussichten einer globalen Supermacht und einzelner EUMitgliedstaaten unterscheiden sich. Das Tempo, mit
dem die Vereinigten Staaten auf Ereignisse und die
Operationen einer neuen und sich entwickelnden

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�Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik in der EU
reagieren, ist nicht synchron. Das heißt, wo wir nicht
gemeinsam gehandelt haben, waren die amerikanischen und europäischen Bestrebungen außerhalb
der Region schwieriger zu verwirklichen.
Die amerikanische Sanktionspolitik gegenüber Iran,
Libyen und Kuba veranschaulicht diesen Punkt.
Wenige Europäer würden nicht mit dem Ziel unseres
Sanktionsgesetzes für Iran und Libyen (ILSA) übereinstimmen, Teheran und Tripolis von der Unterstützung
des Terrorismus oder der Beschaffung von Massenvernichtungswaffen abzuhalten. Entsprechend teilen
und befürworten die meisten Europäer unsere Ziele für
Menschenrechte und Demokratie in Kuba.
Bezüglich der Mittel zum Zweck haben wir und die EU
jedoch Meinungsverschiedenheiten. Als Mittel der
Außenpolitik haben unsere europäischen Partner sehr
viel weniger Vertrauen in Wirtschaftssanktionen als
wir. In den Fällen, in denen sie Sanktionen eine Rolle
einräumen, bevorzugen sie nahezu ausschließlich
umfassende, multilaterale Maßnahmen. In der Tat
ziehen die Europäer unilaterale Wirtschaftssanktionen
- die die Zielländer leichter umgehen können - als rein
symbolischen Akt in Betracht was die Auswirkungen
auf die Zielländer anbetrifft. Insbesondere im Hinblick
auf ILSA und Libertad sahen die Europäer die Gesetze
als unilaterale Versuche, nichtamerikanischen Unternehmen amerikanische Gesetze aufzuzwingen - den
so genannten extraterritorialen Anspruch - und fühlten
sich zum Widerstand gezwungen.

Zusammenarbeit bei Nichtverbreitung, Terrorismusbekämpfung und der Energieentwicklung am Kaspischen
Meer verpflichtet wurden.
Im Hinblick auf das Libertad-Gesetz haben wir vereinbart, daß wir im Rahmen einer neuen transatlantischen
Partnerschaft für politische Zusammenarbeit intensivere Konsultationen mit unseren europäischen
Partnern über den Einsatz von Sanktionen und
unseren Umgang mit verbrecherischen Staaten führen
werden. Die Europäer haben ihrerseits zum ersten
Mal die in unserer Vereinbarung vom 18. Mai niedergelegte Politik des Widerstands gegen Investitionen in
enteignetes Eigentum angenommen, die wir gleichermaßen durch öffentliche Erklärungen und Demarchen
publik machen möchten. Sie werden der Regierung
wirtschaftliche Hilfe und Unterstützung für Investitionen
in enteignetes Eigentum verweigern und aufgrund der
Geschichte von Enteignungen in Kuba auch einen
besonderen "Filter" für Anträge auf staatliche Unterstützung oder wirtschaftliche Hilfe für Investitionen in
Kuba einführen. Die Vereinbarung - in der die EU zum
ersten Mal die Illegalität der kubanischen Enteignungen anerkannte - wird tiefgreifende Auswirkungen auf
die Entscheidungen potentieller Investoren haben, weil
sie nur zurückhaltend vorgehen werden, wenn sie
wissen, daß sie keine Hilfe von ihrer Regierung
erwarten können, sollte sich ein Disput ergeben.
Castro sieht die Vereinbarung zu Recht als die Internationalisierung der Libertad-Prinzipien und macht
vehement dagegen Werbung.
Sanktionsreform

Der darauf folgende Zank schadete unseren bilateralen Beziehungen zu Europa und lenkte von unserem
wirklichen Ziel ab, das Verhalten in Teheran, Tripolis
und Havanna zu ändern. Die Europäer hatten das
Gefühl, ihre Firmen seien die unbeabsichtigten Opfer
unserer Sanktionen, während wir frustriert über die
anscheinende Widerwilligkeit oder Unfähigkeit der
europäischen Partner waren, angesichts einer eindeutigen Sicherheitsbedrohung und lange andauernden politischen Unterdrückung Schnell und entschlossen zu handeln.
Schadensbegrenzung
So ärgerlich ILSA und Libertad für die transatlantischen Beziehungen sind - und ich möchte ihre Auswirkungen nicht minimieren - konnten wir mit unseren
europäischen Partnern genügend gemeinsames
Terrain finden, um zu verhindern, daß unsere Kontakte
irreparablen Schaden erleiden. Im Fall South Pars
entschied die Außenministerin, daß eine Aussetzung
effektiver als Sanktionen für die Erlangung der Ziele
von ILSA ist - der Eindämmung der Unterstützung des
Irak für Massenvernichtungswaffenprogramme und
Terrorismus. Beim US-EU-Gipfel in London am 18.
Mai erzielten wir Einigung zu drei gemeinsamen
Erklärungen, mit denen die Parteien zu verstärkter

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Obwohl wir in diesem Jahrzehnt häufig auf Sanktionen
als Instrument der Außenpolitik zurückgegriffen haben,
scheint ihre Wirkung abzunehmen. In der heutigen
interdependenten, globalen Wirtschaft ist die Fähigkeit
der Vereinigten Staaten, einem Zielland unilateral
entscheidende wirtschaftliche Vorteile zu verweigern,
drastisch eingeschränkt. Es gibt wenige Produkte oder
Dienstleistungen, für die die Vereinigten Staaten der
einzige Lieferant sind.
Am aufschlußreichsten ist jedoch, daß unsere Erfahrung mit dem Einsatz von unilateralen Sanktionen
deutlich zeigt, daß sie in der großen Mehrheit der Fälle
das Verhalten des Ziellandes nicht verändern. Bestenfalls sind sie ein mitwirkender - und kein entscheidender - Faktor bei der Sicherstellung der Verhaltensänderungen oder Politik, die wir anstreben. Sanktionen benötigen Zeit um zu greifen, und sie fordern
einen beträchtlichen Tribut von anderen amerikanischen Interessen. Sanktionen sind also kein Allheilmittel, kein "Patentrezept" und nicht kostenfrei.
Aus diesen Gründen möchten wir in der Administration
mit dem Kongreß an der Verbesserung des Dialogs
über die Sanktionspolitik zusammenarbeiten, Einigung
über diese Frage erzielen und unsere Effektivität bei

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�der Förderung der nationalen Interessen der Vereinigten Staaten verbessern. Ich war bei mehreren
Gelegenheiten im Kongreß, unter anderem letzten
Monat, wo ich der überparteilichen Task Force des
Senats für Wirtschaftssanktionen die Ansichten und
Sorgen der Administration im Hinblick auf einige der
dem Kongreß vorliegenden Sanktionsreformen
dargelegt habe. Darüber hinaus habe ich eine aktive
Rolle bei der Aushandlung von grundlegenden, letzte
Woche verabschiedeten Gesetzesbestimmungen zur
weltweiten Förderung der Religionsfreiheit gespielt um
sicherzustellen, daß die Gesetze dem Präsidenten
angemessene Aussetzungsbefugnisse und Flexibilität
verleihen und andere im Einklang mit unseren Sanktionsreformzielen stehende grundlegende Bestimmungen enthalten. Ich bin der Ansicht, daß unsere Arbeit
in diesem Fall bei der Erlangung des hehren Ziels, das
wir alle anstreben, - Ermutigung der freien Religionsausübung - helfen wird, ohne potentiell gefährliche
Differenzen mit unseren Verbündeten zu provozieren.
Wir sind der Ansicht, daß die Aufnahme angemessener außerordentlicher Aussetzungsbefugnisse zum
Schutz nationaler Interessen in die Sanktionsgesetzgebung das wichtigste Element für die Gewährleistung
der Effektivität unserer Sanktionsgesetze ist. Eine
solche Befugnis gibt dem Präsidenten entscheidende
Flexibilität bei der Auswahl der besten Methoden für
die Erlangung amerikanischer Ziele. Tatsächlich war
der Einsatz oder der potentielle Einsatz der dem
Präsidenten verliehenen außerordentlichen Befugnis
zur Aussetzung von Sanktionsgesetzen der Hauptgrund dafür, daß wir Anfang dieses Jahres mit der EU
Übereinstimmung über das ILSA- und das LibertadGesetz erzielten.
Unsere europäischen Verbündeten werden sich
wahrscheinlich freuen zu hören, daß ein anderes
Grundprinzip, das nach Ansicht der Administration
unsere Diskussionen über Reformen bestimmen sollte,
lautet, daß Sanktionen besser funktionieren, wenn sie
breite, multilaterale Unterstützung genießen. Multilaterale Sanktionen maximieren den internationalen Druck
auf den abtrünnigen Staat und demonstrieren internationale Geschlossenheit.
Darüber hinaus ist es
schwieriger, multilaterale Sanktionen zu umgehen oder
zu unterminieren, und sie halten den Schaden für die
amerikanische Konkurrenzfähigkeit möglichst gering,
indem sie die Kosten der Maßnahmen gerechter auf
viele Länder verteilen.
Vor diesem Hintergrund müssen wir jedoch immer zu
unilateralem Vorgehen bereit sein, wenn wichtige
nationale Interessen oder Grundwerte auf dem Spiel
stehen und wir kein multilaterales Regime aufbauen
können. Wir können nicht zulassen, daß andere
Länder durch ihre Untätigkeit Einspruch gegen unsere
Sanktionen erheben.

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Eine euroatlantische Partnerschaft für das 21.
Jahrhundert
Ich möchte meine Ausführungen abschließen, indem
ich unsere Strategie für die Umsetzung der Vision des
Präsidenten für unsere transatlantische Partnerschaft
darlege.
Im Mai lud Präsident Clinton in Berlin unsere europäischen Partner ein, sich an der Definition seiner Vision
von einem freien, ungeteilten und integrierten, in
Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten lebenden
Europa zu beteiligen. Wir machen die nächsten
logischen Schritte. Wir bezeichnen unseren Plan als
euroatlantische Partnerschaft für das 21. Jahrhundert.
Ziel ist der Einsatz der drei grundlegenden transatlantischen Institutionen - amerikanisch-europäische
Beziehungen, NATO und OSZE - in einer modernen,
dynamischen und integrierten Partnerschaft, die
wahrhaft globale Effektivität hat. Der Zweck ist, die
drei von mir erwähnten Herausforderungen - innerhalb
Europas, zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa und über die Vereinigten Staaten und Europa
hinaus - zu bewältigen.
Ein Instrument - die für 1999 anberaumten Gipfel
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU, der
NATO und der OSZE - bietet eine echte Chance, die
Weichen für diese neue Partnerschaft zu stellen. Wir
möchten nicht, daß diese Gipfeltreffen ausschließlich
oder auch nur hauptsächlich dazu dienen, frühere
Leistungen zu feiern, die durchaus zahlreich sind.
Vielmehr wollen wir, daß sie zu den ersten erfolgreichen Gipfeln des 21. Jahrhunderts werden.
Zuerst möchte ich einige Anmerkungen zur NATO
machen. Unser Ziel für den Gipfel aus Anlaß des 50.
Jahrestags der NATO besteht darin, auf ein größeres,
flexibleres Bündnis hinzuarbeiten, das der kollektiven
Verteidigung verpflichtet und in der Lage ist, sich
einem breiten Spektrum von Herausforderungen an die
Interessen des Bündnisses zu stellen.
Kollektive Verteidigung in Europa ist der Grundstein
des Bündnisses und wird es auch immer bleiben. Wir
dürfen das nie vergessen oder zulassen, daß irgendetwas geschieht, das unsere Fähigkeit zur Umsetzung
dieses absoluten Engagements gefährdet, Risiken
gemeinsam die Stirn zu bieten oder gemeinsame
Pflichten zu übernehmen. Darum ging und geht es bei
der NATO.
Bedrohungen des Territoriums eines NATO-Mitgliedstaats - die unter Artikel 5 des Nordatlantikvertrags
fallen, dem zufolge ein bewaffneter Angriff gegen eine
oder mehrere Parteien als ein Angriff gegen alle
gesehen wird - kommen aus neuen Quellen. Ein
potentieller Angriff mit ballistischen Raketen unter
Einsatz von Massenvernichtungswaffen
gegen
irgendeine große europäische Hauptstadt durch einen

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�verbrecherischen Staat oder eine terroristische
Vereinigung ist eine Bedrohung, der die NATO gewachsen sein muß.
Während des Kalten Krieges war es sinnvoll tür die
Europäer, sich auf ihr eigenes Territorium zu konzentrieren, und für die Vereinigten Staaten, die Hauptverantwortung für die Verteidigung der gemeinsamen
transatlantischen Interessen andernorts zu übernehmen. Dieser Ansatz ergibt jedoch weniger Sinn, wenn
neue Bedrohungen unserer gemeinsamen Interessen
von außerhalb unserer Grenzen kommen. Bei den
europäisch-amerikanischen Beziehungen befassen wir
uns oft kollektiv mit denselben Fragen wie in der
NATO. Beispielsweise kann Bedrohungen durch
Massenvernichtungswaffen im Rahmen der NATO und
durch Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der EU begegnet werden, um Staaten von der
Beschaffung von Massenvernichtungswaffen oder der
Entwicklung von Mitteln für ihren Einsatz abzuschrekken. Wir sollten Wege sondieren, wie wir im Rahmen
von NATO, EU und OSZE mit gemeinsamen Problemen umgehen können.
Tatsächlich können Ereignisse vor Ort schneller
stattfinden als der Planungsprozeß. Die Bestrebungen
zur Implementierung des Daytoner Abkommens in
Bosnien sind ein Beispiel für die Art von institutioneller
Zusammenarbeit, die zur Bewältigung der Herausforderungen des Europas nach dem Kalten Krieg
erforderlich ist. Die NATO, OSZE und EU haben eine
wichtige Rolle bei diesen Bestrebungen. Ebenso sind
die neuen Bestrebungen zur Wiederherstellung des
Friedens im Kosovo und die Suche nach einer politischen Lösung des Kosovo-Konflikts ein anderer Fall,
bei dem alle Institutionen des neuen Europas eine
wichtige Rolle spielen - die OSZE beispielsweise durch
ihre Führungsrolle bei der Verifizierungsmission am
Boden, die NATO in der Luft und die EU durch ihre
Hilfsprogramme.
Die Aufstellung einer ehrgeizigen Agenda für die
amerikanisch-europäischen Beziehungen im Rahmen
der Neuen Transatlantischen Agenda (NTA) bleibt der
Schlüssel zu unserer neuen Vision. Die NTA hat uns
als Rahmen für verstärkte amerikanisch-europäische
Kooperation gut gedient. Unser Engagement für den
NTA-Prozeß ist ein Ausdruck unserer Unterstützung
für ein starkes, nach außen gerichtetes Europa als
globaler Partner in Diplomatie, Handel und anderen
transnationalen Fragen wie der Umwelt.
Unsere Agenda im Rahmen der NTA hat fünf Schlüsselelemente:
Erstens werden wir die fortgesetzte Erweiterung und Integration der EU unterstützen. Die
Aussicht darauf, einer demokratischen und
wohlhabenden Europäischen Union anzugehören, ist ein großer Anreiz, die demokrati-

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schen und marktwirtschaftlichen Reformen in
Zentral- und Osteuropa fortzusetzen.
Zweitens möchten wir, daß die Vereinigten
Staaten und die EU in für die Weltwirtschaft
schwierigen Zeiten Säulen für Wachstum und
wirtschaftliche Stabilität sind. Dementsprechend engagieren wir uns gemeinsam mit
mehreren führenden EU-Mitgliedstaaten stark
für die Koordinierung der Pläne zur Beilegung
der internationalen Finanzkrise.
Darüber
hinaus unterstützen wir die Einführung einer
gemeinsamen europäischen Währung.
Drittens werden wir Wege finden, unsere
politische Partnerschaft mit Europa effektiver
zu gestalten. Wir müssen in der Lage sein,
schnell gemeinsam zu handeln, um plötzliche
Krisen in Europa und darüber hinaus zu lösen.
Viertens wollen wir unsere Fähigkeit verbessern, mit der EU an der Bekämpfung
alltäglicher Bedrohungen zu arbeiten, die in
der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges
auftreten, einschließlich organisiertem Verbrechen, Drogenhandel, Terrorismus und
Kinderpornographie.
Fünftens möchten wir unsere Partnerschaft
über den staatlichen Bereich hinaus auf das
Leben der Menschen ausweiten. Im Rahmen
des vierten Kapitels der NTA ermutigen wir
Elemente der bürgerlichen Gesellschaft zur
Bildung neuer Bündnisse und der Beteiligung
an politischen Prozessen. Dies manifestiert
sich vor allem im Transatlantischen Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), aber wir beobachten auch
parallele Bestrebungen der Interessen der
Arbeitnehmer im Transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD),
von Verbrauchergruppen im Transatlantischen
Verbraucherdialog und von Umweltschützern
im Transatlantischen Umweltdialog (Transatlantic Environmental Dialogue - TAED).
Das wichtigste Ziel der beiden für 1999 anberaumten
Gipfel zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union werden Fortschritte bei der
Transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft und der
Knüpfung noch engerer transatlantischer Wirtschaftsbeziehungen sein.
Schließlich möchten die Vereinigten Staaten die OSZE
in die Lage versetzen, noch effektiver mit Krisen
umzugehen, bevor diese ausbrechen, und ihre
Ursachen zu bekämpfen, einschließlich unzureichender demokratischer Entwicklung. Durch ihre Zusammenarbeit mit anderen Sicherheitsinstitutionen ist
die OSZE ein Schlüsselinstrument für die Gewähr-

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�leistung des Erfolgs unseres strategischen Ziels der
Schaffung eines geeinten, freien, wohlhabenden und
friedlichen Kontinents.
Unseres Erachtens ist es an der Zeit für die OSZE,
ihren Horizont durch die Ausweitung ihrer Zone von
Stabilität, Sicherheit, Wohlstand und Zusammenarbeit
auf die Neuen Unabhängigen Staaten im Kaukasus
und in Zentralasien zu erweitern. Wir haben bereits
den ersten Schritt unternommen - mit der Entscheidung zur Gründung von OSZE-Büros in jedem zentralasiatischen Staat. Der OSZE-Gipfel im kommenden
Jahr wird die Gelegenheit bieten, ein größeres regio-

nales Mandat in das OSZE-Dokument/die OSZECharta aufzunehmen. Der Gipfel wird uns auch die
Chance bieten, Optionen für die Entwicklung neuer
OSZE-Instrumente auszuarbeiten.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich sagen, daß wir dem nächsten Jahr erwartungsvoll entgegensehen, während wir
eine engere Partnerschaft mit den Europäern für die
Bewältigung der Herausforderungen des kommenden
Jahrhunderts aufbauen. Vielen Dank.

* * * * *

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�HANDEL
4. November 1998

Die amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen
Rede von Charlene Barshefsky

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede der US-Handelsbeauftragten Charlene Barshefsky vor
dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vom 20. Oktober 1998.

Guten Tag. Gestatten Sie mir, Herrn Dr. von Wartenberg und dem Bundesverband der Deutschen Industrie
für diese Veranstaltung zu danken. Mein Dank gilt
ferner Botschafter John Kornblum für seine freundliche
Einführung und seine Gastfreudschaft während meines
kurzen Aufenthalts hier in Bonn. Darüber hinaus
möchte ich Ihnen allen ganz herzlich dafür danken,
daß Sie heute Nachmittag hierher gekommen sind.
Ich bin zu einem interessanten und aufregenden
Zeitpunkt hier, an dem Ministerpräsident Schröder das
Amt des Bundeskanzlers antritt, die Europäische
Union ihre Erweiterung vorbereitet und wir alle uns mit
der weltweiten Finanzkrise befassen. Ich freue mich
darauf zu hören, was Sie über diese Themen denken
und werde gerne Ihre diesbezüglichen Fragen beantworten. Zunächst möchte ich einen kurzen Überblick
über unsere Handelsbeziehungen zu Europa und die
Herausforderungen geben, mit denen wir in den
nächsten Jahren konfrontiert werden.
Unsere Grundannahme ist folgende: Die Partnerschaft
zwischen Amerika und den europäischen Demokratien
ist seit 50 Jahren das Fundament für Frieden und
Wohlstand über den Atlantik hinweg und weltweit. Und
sie kann im nächsten Jahrhundert eine wichtige Rolle
spielen, wenn wir drei Herausforderungen bewältigen:
Unsere Beziehungen zur Europäischen Union
haben für beide Seiten große Vorteile, die wir
weiter ausbauen können; sie sind jedoch auch
durch ernsthafte Dispute gekennzeichnet, die
wir beilegen müssen.
Unsere Beziehungen stellen einen Bund dar,
der auf den Werten Demokratie, offene Märkte

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und Rechtstaatlichkeit gründet. Wir können
ihn stärken, indem wir diesen Prinzipien
verpflichtete Nationen in die politischen und
wirtschaftlichen Institutionen des Westens
eingliedern.
Unsere Beziehungen sind eine Kraft für
Frieden und Wohlstand auf der ganzen Welt,
auf der wir bei der Bewältigung der Finanzkrise und der Stärkung des multilateralen
Handelssystems aufbauen müssen.
Zuerst möchte ich ein einige Worte über Deutschland
und die Bedeutung sagen, die wir ihm beimessen.
Deutschland sieht sich sowohl im Hinblick auf seine
eigene Entwicklung als auch im Hinblick auf seinen
Platz in der EU einem neuen Zeitalter gegenüber. Die
Stärke der deutschen Volkswirtschaft bleibt das
verläßlichste Zugpferd für künftigen europäischen
Wohlstand. Sie sind hier mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert: Der vollständigen Integration
der östlichen Bundesländer, der Anpassung der
Volkswirtschaft als Ganzes an eine Weltwirtschaft, die
zunehmend auf Information anstatt auf Produktion
basiert.
Die Fähigkeit Deutschlands, bestimmte
Aspekte seiner Volkswirtschaft zur Bewältigung dieser
Herausforderungen umzugestalten, wird großen
Einfluß auf die Einstellung anderer EU-Mitgliedstaaten
haben. Die deutsche Haltung zur zukünftigen Gestalt
der EU wird ebenfalls von zentraler Bedeutung sein.
Während die neu gewählte Bundesregierung Form
annimmt und Maßnahmen ergreift, die Auswirkungen
auf die deutsche und internationale Politik haben, wird
die Welt - nicht zuletzt die Vereinigten Staaten - genau
beobachten, welche Richtung Deutschland einschlägt.

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�Der amerikanisch-europäische Handel heute
Lassen Sie mich über die erste der drei von mir
genannten Herausforderungen sprechen - unsere
bilateralen Beziehungen.
Die EU ist heute der größte Wirtschaftspartner der
Vereinigten Staaten. Unser bilateraler Handel - Waren
und Dienstleistungen zusammengenommen - belief
sich im letzten Jahr auf mehr als 400 Milliarden Dollar.
Und unsere Beziehungen zählen weltweit zu denen mit
dem schnellsten Wachstum. Im vergangenen Jahr
überstieg die Zunahme unserer Exporte in die EU im
Wert von 13 Milliarden Dollar unsere gesamten
Exporte nach China. Und man erwartet, daß die
Exporte der EU in die Vereinigten Staaten dieses Jahr
um 20 Milliarden Dollar anwachsen.
Die andere Seite unserer Beziehungen - der bilaterale
Investitionsfluß - leistet einen ebenso großen Beitrag
zu unserem Wohlstand. Die amerikanischen Halbleiterfabriken in Irland, die europäischen Autohersteller in
South Carolina, das neue Unternehmen DaimlerChrysler sind nur die am stärksten sichtbaren Elemente von Direktinvestitionen, die jetzt die 750-MilliardenDollar-Marke übersteigen. Mehr als ein Zehntel
unserer ausländischen Direktinvestitionen stammt aus
Deutschland. Jeder zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist derzeit bei einem europäischen Unternehmen angestellt. Und die 369 Milliarden Dollar, die wir
in Europa investiert haben - darunter 43,9 Milliarden
Dollar in Deutschland - sind fast die Hälfte unserer
weltweiten Qesamtinvestitionen außerhalb unseres
Landes.
Unsere Handelsbeziehungen sind jedoch auch durch
ernsthafte Dispute charakterisiert. Einige - beispielsweise der Bananen- und der Rindfleischstreit - betreffen Prinzipien, die den Kern produktiver Beziehungen
bilden: Fragen der Transparenz; die Anwendung
wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Landwirtschaft,
einschließlich Biotechnologie. Wenn wir uns nicht mit
diesen Disputen befassen und sie schnell beilegen,
werden sie unsere Beziehungen unterminieren.
Die bilaterale Handelsagenda
1995 riefen wir die Neue Transatlantische Agenda
(New Transatlantic Agenda - NTA) ins Leben. Sie
beinhaltet ein Abkommen über gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition Agreement - MRA),
das durch Vorschriften geschaffene Handelshemmnisse im Wert von 60 Milliarden Dollar abschafft,
darunter bei medizinischem Gerät, Pharmazeutika und
Telekommunikationsgerät. Femer einigten wir uns auf
Zusammenarbeit im Zollwesen und die Anpassung von
Veterinärnormen und -verfahren. Und wir stellten die
Weichen für ein noch ehrgeizigeres gemeinsames
Projekt: Die Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft
(Transatlantic Economic Partnership - TEP), die im Mai

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beim Gipfel zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union gegründet wurde. Im Rahmen
dieser Initiative identifizieren wir sieben Gebiete, auf
denen wir gemeinsame Interessen finden, den Handel
ausbauen, Meinungsverschiedenheiten ansprechen
und Hindernisse überwinden können.
Dazu zählen:
Technische Normen, bei denen der Transatlantische Wirtschaftsdialog europäischen
und amerikanischen Unternehmen Milliarden
Dollar an Einsparungen bringen kann.
Die Landwirtschaft - durch die Gewährleistung, daß Farmer und Viehzüchter sichere,
wissenschaftlich erprobte Biotechnologie
einsetzen können und daß bei Vorschriften
und Lebensmittelsicherheit
Transparenz
gewährleistet ist.
Geistiges Eigentum, insbesondere bei der
Zusammenarbeit im Kampf gegen Produktpiraterie bei optischen Medien und anderen
neuen Technologien in Asien und Rußland.
Staatliche Beschaffung.
Dienstleistungen.
Elektronischer Handel.
Die Förderung gemeinsamer Werte durch die
Ermutigung von Transparenz bei der WTO
und die Beteiligung der Bürger an der Formulierung der Handelspolitik sowie die Arbeit an
einem Konsens über Fragen wie Handel,
Umweltschutz und grundlegende Arbeitsnormen.
Jeder dieser Punkte hat konkrete Vorteile für beide
Seiten. Und die Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft ist als Ganzes wichtiger als ihre Bestandteile,
denn sie gewährleistet ständige Kontakte zwischen
uns, während die EU durch eine gemeinsame Währung gestärkt und durch die Aufnahme neuer Mitglieder erweitert wird.
Die EU-Erweiterung
Das bringt mich zur zweiten Herausforderung: Weiterhin in der Haltung zu Reformen in Zentraleuropa und
darüber hinaus geeint zu sein, während die EU
erweitert wird und Rußland darum kämpft, seine
Finanzkrise zu überwinden.
Im Hinblick auf Zentraleuropa ist der springende Punkt,
daß die Vereinigten Staaten die europäische Integration unterstützen. Wir betrachteten sie in den
fünfziger Jahren als Beitrag zu Wachstum und Stabili-

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�tat in Europa und tun das auch weiterhin. Und wir
erachten den Erfolg der Wirtschaftsreformen und
Demokratisierung in Zentraleuropa als historische
Gelegenheit zu weiteren Schritten. Daher sind wir
stolz, bei der NATO-Erweiterung eine Führungsrolle
übernommen zu haben, und wir unterstützen die
Einladung der EU, neue Mitglieder aufzunehmen. Wir
werden die Einzelheiten der EU-Erweiterung jedoch
genau verfolgen.
Wirtschaftliche Integration wird von Vorteil für die Welt
und die Bürger und Verbraucher der EU sein, wenn sie
auf der Basis von Offenheit gegenüber der Welt erfolgt.
Und unseres Erachtens wird die Erweiterung der
Europäischen Union in den meisten Fällen unsere
Aussichten für Handel und Investitionen in Zentraleuropa und die anderer zukünftiger Mitglieder verbessern. Wenn Integration jedoch zu höheren Handelshemmnissen führt, schadet sie den amerikanischen Interessen und fördert weitere Meinungsverschiedenheiten. Aus diesem Grund werden wir engen
und ständigen Kontakt zur EU halten, während sich
dieser Prozeß in der Übergangsphase befindet, und
wir führen mit Polen und anderen zentraleuropäischen
Regierungen separate Konsultationen.
Die Neuen Unabhängigen Staaten
Wir sind davon überzeugt, daß der Erfolg der Reformen in Zentraleuropa uns weiter im Osten etwas lehrt.
Wirtschaftsreformen und Demokratisierung in Rußland,
der Ukraine und den anderen Neuen Unabhängigen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind von elementarem Interesse für die Vereinigten Staaten. Aus
diesem Grund haben wir für die politischen und
wirtschaftlichen Reformen gleichermaßen technische
Hilfe angeboten und die Hilfspakete des IWF für
Rußland unterstützt.
Letzten Endes müssen Rußland und die anderen
Neuen Unabhängigen Staaten jedoch selbst ihre
Wirtschaftssysteme reformieren und starke rechtliche
und staatliche Institutionen gründen. Auch wenn wir
ihnen helfen können, können wir die Arbeit nicht für sie
erledigen. Und wir sollten nicht überrascht über
Rückschritte und schwierige Zeiten sein. Dies sind
jedoch langfristige Bestrebungen, und wir sollten keine
Schwarzseher oder Pessimisten sein.
Wir bleiben der Unterstützung von Reformen daher
weiter verpflichtet, und unsere Handelspolitik muß in
dem Prozeß eine Rolle spielen. Die Prinzipien der
WTO und unsere bilateralen Abkommen mit diesen
Nationen - Transparenz, offene Märkte, Rechtsstaatlichkeit - werden zu deren langfristigem Wachstum, der Integration in die Weltwirtschaft und innenpolitischen Reformen beitragen. Das ist die Erfahrung
praktisch aller zentraleuropäischen und baltischen
Staaten. Wir arbeiten sorgfältig und eng mit der EU

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und allen an einer WTO-Mitgliedschaft Interessierten
zusammen. Es ist keine leichte Aufgabe, aber wir
werden bald die Aufnahme Lettlands und Kirgistans in
die WTO sehen und erwarten, daß ihnen andere
folgen, wenn sie dazu bereit sind.
Die Finanzkrise
Das führt mich zur dritten Herausforderung: Unseren
Pflichten als weltweit führende Wirtschaftsmacht.
Sie beginnen mit der Finanzkrise. Wie Präsident
Clinton bei der Tagung von IWF und Weltbank vor
zwei Wochen erklärte, stellen die Ereignisse, die im
vergangenen Jahr mit starken Schwankungen der
thailändischen Währung begannen, jetzt die gravierendste Finanzkatastrophe der letzten 50 Jahre dar.
Und als weltweit größte Volkswirtschaften müssen wir
und die EU - sowie Japan - die Bestrebungen anführen, eine Lösung zu finden.
Unser Ansatz - Reformprogramme mit dem IWF im
Mittelpunkt - bringt Ergebnisse hervor. Länder wie
Thailand und Korea haben Reformen durchgeführt,
ihre Währungen stabilisiert und die Zinssätze auf das
Niveau von vor der Krise gebracht. Mit Geduld und
Reformen kann dasselbe in Rußland und anderen
betroffenen Ländern geschehen. Dennoch hat die
Krise weiterhin das Potential, sich zu verstärken und
auszuweiten. Daher müssen wir wachsam sein und
gewährleisten, daß der IWF über die Ressourcen und
die politische Unterstützung verfügt, die er im Fall
neuer Notfälle benötigt.
Und wir müssen sicherstellen, daß Japan seiner
Verantwortung gerecht wird, indem es nachfrageorientiertes Wachstum wiederherstellt, sein Finanzsystem
reformiert und seine Märkte öffnet.
Und von der handelspolitischen Perspektive aus
gesehen müssen wir unseren Prinzipien und den im
Frühjahr beim letzten asiatisch-europäischen Gipfel
und beim G 8-Gipfel gemachten spezifischen Zusagen
treu bleiben, indem wir unsere offenen Märkte erhalten
und die multilaterale Liberalisierung fortsetzen. Etwas
anderes würde die Gefahr einer Wiederholung der
dreißiger Jahre beinhalten, als sich der Protektionismus in den Vereinigten Staaten und Europa verstärkte und die Weltwirtschaftskrise verlängerte. Jeder
von uns wird sich dem Druck wachsender Importe beispielsweise von Stahl - ausgesetzt sehen, aber
Europa muß einen Teil der Last übernehmen. Sollte
die EU diese Herausforderung nicht bewältigen, wird
der Druck auf uns alle verstärkt.
Das multilaterale Handelssystem
Abschließend möchte ich noch etwas über die nächsten Schritte im multilateralen Handelssystem sagen.
Ich möchte ganz offen sein. Zuerst müssen wir das

Seite 3

�bestehende System respektieren. Jeder von uns muß
die Verpflichtungen der Uruguay-Runde erfüllen und
die Entscheidungen der Streitschlichtungsausschüsse
respektieren.
Dies ist ein großes Anliegen. Wir haben jetzt Fälle
gegen die EU im Hinblick auf die Bananenmarktordnung und das Verbot von amerikanischem Rindfleisch in der EU abgeschlossen. In beiden Fällen
entschieden die WTO-Streitschlichtungsausschüsse
und Berufungsbehörden zugunsten der Vereinigten
Staaten. Die EU hat die Verpflichtung, diese Ergebnisse zu respektieren und umzusetzen - was sie
bislang nicht getan hat. Die Mißachtung der Entscheidungen des Ausschusses schwächt die Unterstützung für das Handelssystem, seine Abschreckung
von Protektionismus und die Unterstützung für unsere
bilateralen Beziehungen.
Ferner müssen wir auf wirtschaftlich sinnvoller Grundlage weiterhin gemeinsam an der Aufnahme Chinas,
Taiwans und anderer Volkswirtschaften in die WTO
arbeiten, die eine Mitgliedschaft anstreben. Die
Gespräche mit China verlaufen ziemlich schleppend.
Das ist meines Erachtens auf die Sorge der chinesischen Regierung über die Finanzkrise, die Arbeitslosigkeit, die Umgestaltung des staatlichen Sektors
und andere innenpolitische Fragen zurückzuführen.
Obwohl die Mitgliedschaft Chinas wichtig ist, sind die
Prinzipien des Systems ebenso wichtig. Daher werden
wir weiterhin mit China an dieser Frage arbeiten, sind
jedoch bereit zu warten, bis es ernsthafte Angebote
vorlegt. Ich hoffe, daß wir bei dieser Frage weiterhin
eng mit der EU zusammenarbeiten werden.
Im Vorfeld der neuen WTO-Verhandlungen müssen wir
auch nach Gemeinsamkeiten suchen. Wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Entwicklung des
elektronischen Handels, der Öffnung des Dienstleistungsmarktes, einer besseren Durchsetzung des
Rechtsauf eistiges Eigentum bei Computersoftware

und neuen Technologien und der Gewährleistung von
Fairness bei staatlicher Beschaffung. Und die europäische Agrarpolitik stellt ein grundlegendes und zentrales Anliegen dar. Die europäischen Steuerzahler
und Verbraucher, die Amerikaner und unsere Handelspartner - sie alle haben großes Interesse an weitreichenden Agrarreformen, einschließlich der Abschaffung von Exportsubventionen, der Verringerung von
Preisstützungen in Verbindung mit der Produktion und
an Transparenz des staatlichen Handelssystems.
Schließlich müssen wir die Werte fördern die sicherstellen, daß das Handelssystem Bestand hat: Transparenz und Beachtung der Anliegen der Bürger. Wir
müssen die WTO durch die Öffnung von Streitschlichtungsverfahren und die beschleunigte Veröffentlichung
der Berichte der Streitschlichtungsausschüsse transparenter gestalten. Die EU kann in diesem Bereich
sehr viel mehr tun. Und wir müssen dafür sorgen, daß
Handel mit Umweltschutz und grundlegenden Arbeitsnormen einhergeht.
Schlußbemerkung
Dies sind komplexe Fragen und enorme Verpflichtungen. Die Welt erwartet von uns eine Führungsrolle
und die Übernahme von Verantwortung auf eine seit
Jahren nicht mehr dagewesene Art - vielleicht sogar
seitTruman und Adenauer nicht mehr, als das moderne Handelssystem geschaffen wurde und Europa
seine ersten Schritte zur Integration unternahm.
Meines Erachtens sind wir der Herausforderung
jedoch gewachsen. Unsere Wirtschaftsbeziehungen
sind äußerst produktiv und für beide Seiten von Vorteil.
Wir haben internationale Institutionen aufgebaut, die
Frieden und Wohlstand im atlantischen Raum und
weltweit sichern. Unsere Beziehungen sollten die Welt
in dem vor uns liegenden Jahrhundert weiterhin
inspirieren und gestalten.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 22

�MEDIEN
4. November 1998

"Unterdrückung der Presse durch Milosevic
muß aufhören"
von Jonathan Spalter

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Stellvertretenden Direktors und leitenden
Medienbeauftragten des US-Informationsamts (U.S. Information Agency - USIA), Jonathan Spalter, der erstmals
in der französischen Zeitung La Croix erschien. Spalter verurteilt darin das vom serbischen Parlament am 20.
Oktober 1998 verabschiedete neue Mediengesetz und fordert ein Ende der Unterdrückung unabhängiger
serbischer Medien durch Milosevic.

Während die Clinton/Gore-Administration und ihre
NATO-Partner Schritte unternehmen, um die Möglichkeit des Friedens für die Menschen im Kosovo Realität
werden zu lassen, setzen die serbischen Behörden
ihre Unterdrückung der bedrängten unabhängigen
Medien des Landes fort. Die Lage der Journalisten
verschlimmert sich weiter, nachdem das serbische
Parlament am Dienstag ein neues Informationsgesetz
verabschiedet hat, das die Grundfreiheit der objektiven
und unabhängigen Berichterstattung weiter einschränkt.
Diese Maßnahme ist Teil umfassenderer Bestrebungen von Seiten der Regierung Milosevic, im ganzen
Land die Pressefreiheit zu unterdrücken. Seit Mai
verweigern die serbischen Behörden den meisten
Rundfunk- und Fernsehstationen Serbiens die Sendegenehmigung. Diejenigen, die den Mut zu objektiver
Berichterstattung haben, werden bedroht und schikaniert. Im September warnte der Hardliner und serbische Stellvertretende Ministerpräsident Vojislav Seselj
die örtlichen Journalisten offiziell, sie würden für
Luftangriffe der NATO zur Rechenschaft gezogen.
"Wir können nicht jedes Flugzeug der NATO abschießen", erklärte er, "aber wir können gegen jene
Beauftragten vorgehen, die vor Ort sind".
Die serbischen Behörden haben ihren Worten eine
Vielzahl bedenklicher Taten folgen lassen. Anfang
dieses Monats sabotierten sie eine vom Europarat
geförderte und von Radio 92 veranstaltete Konferenz
für die serbische Vereinigung unabhängiger Rundfunkund Fernsehsender über unabhängige Medien. Und

AMERIKA DIENST 22

das diese Woche vom serbischen Parlament angenommene neue Mediengesetz verbietet die Übertragung von serbischsprachigen Programmen ausländischer Medienorganisationen wie BBC, Deutsche
Welle, Voice of America und Radio Free Europe/Radio Liberty.
Medien mit Verbindungen zum Ausland sind den
unterdrückerischen Taktiken Milosevics besonders
stark ausgesetzt. Der Fernsehsender Negotin wurde
vor einem Monat wegen seiner Teilnahme an einem
Programm der Voice of America verboten. Und die
serbischen Behörden haben einen der populärsten
Fernsehsender Belgrads, Radio Index, sowie Radio
Senta, einen zweisprachigen Fernsehsender in der
Vojvodina, geschlossen.
Die unabhängigen Zeitungen des Landes sind ebenfalls weiterhin in Gefahr, nachdem das Informationsministerium letzte Woche die Schließung von drei der
bedeutendsten unabhängigen Tageszeitungen des
Landes, Danas, Nasa Borba und Dnevni Telegraf
verfügte.
Diese Aktionen sind inakzeptabel. Die hart erkämpften
Freiheiten der Ära nach dem Ende des Kalten Krieges
- und die damit einhergehende bürgerliche Verantwortung - werden jetzt praktisch in jedem Land Zentralund Osteuropas hoch gehalten. Das ehemalige
Jugoslawien ist die einzige Ausnahme. Wenn Milosevic seine Kontrolle über die Medien festigen kann, wird
es für die Menschen in Serbien noch schwieriger, den
Ruf der internationalen Gemeinschaft nach politischem

Seite 1

�Behörden ihren Sender aus dem Äther vertrieben
haben, gelingt es ihr und ihren Mitarbeitern immer
noch, Berichte über das Internet zu verschicken. Und
sie ist nicht die Einzige. Selbst angesichts des entsetzlichen Leidens und der Zerstörung im Kosovo sah
ich viele weitere Beweise für den Mut und die Fantasie
der Journalisten.

Pluralismus, ethnischer Toleranz und ihre Forderung
nach uneingeschränkter Erfüllung der Bedingungen
von Resolution 1199 des UN-Sicherheitsrats zu hören
und ihnen zu folgen.
Trotz des scharfen Vorgehens von Präsident Milosevic
schicken mehrere unabhängige Journalisten weiterhin
trotzig die Nachrichten aus Serbien-Montenegro in die
Wohnzimmer der Welt. Ich war vor kurzem im Kosovo
und traf dort mit mehreren dieser mutigen Männer und
Frauen zusammen, die um der Berichterstattung willen
oft ihr Leben aufs Spiel setzen. Eine Journalistin, eine
Albanierin namens Aferdita Saracini-Kelmendi, begann
mit Unterstützung der Vereinigten Staaten in einem
kleinen Haus in Pristina den Sendebetrieb des albanischsprachigen Radio 21. Obwohl die serbischen

* *

Seite 2

Natürlich kann allein eine freie Presse den ethnischen
Haß im Kosovo oder andernorts nicht ersticken. Aber
Pressefreiheit ist die Vorbedingung für Fortschritte bei
Frieden und Toleranz. Wenn Serbien-Montenegro in
die Gemeinschaft der Nationen integriert werden soll,
muß dieses krisengeschüttelte Land eine starke,
objektive und unabhängige Presse zulassen.

*

AMERIKA DIENST 22

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                <text>&lt;strong&gt;1. Kosovo&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Chance für Frieden &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Samuel R. Berger&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der euroatlantischen Partnerschaft für das 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Stuart Eizenstat&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Charlene Barshefsky&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Medien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Unterdrückung der Presse durch Milosevic muss aufhören"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jonathan Spalte&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

23

18. November 1998

IRAK

IRAK ZU KOOPERATION MIT DEN
UN-WAFFENINSPEKTOREN BEREIT
Erklärung von Präsident Clinton

AUSSENPOLITIK

DIE BEDEUTUNG DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE FÜR DIE WELT
Rede von Außenministerin Albright

USA-EUROPA

EINE MENSCHLICHE DIMENSION FÜR DIE
TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter John C. Kornblum

WIRTSCHAFT

DER HANDEL MIT EMISSIONSZERTIFIKATEN
IST GUT FÜR DIE WELTWIRTSCHAFT UND DIE
UMWELT
von Carol Browner und Stuart Eizenstat

LANDWIRTSCHAFT

WIEDERAUFNAHME DER MULTILATERALEN
AGRARVERHANDLUNGEN
Rede von Botschafter Scher

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�IRAK

18. November 1998

Irak zu Kooperation mit den
UN-Waffeninspektoren bereit
Erklärung von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Clinton zum Einlenken des
Irak im Konflikt mit den Vereinten Nationen vom 15. November 1998.

Gestern Nacht hat der Irak zugestimmt, die Forderungen der internationalen Gemeinschaft nach uneingeschränkter'Zusammenarbeit mit den Waffeninspektoren der Vereinten Nationen zu erfüllen. Der Irak
verpflichtete sich zu bedingungsloser Einhaltung. Das
Land hob seine Entscheidungen vom August und
Oktober auf, die Zusammenarbeit mit den Inspektoren
einzustellen. Der Irak zog abzulehnende Bedingungen zurück. Mit anderen Worten: Der Irak akzeptierte
seine Verpflichtung, die Wiederaufnahme aller
Aktivitäten der Waffeninspektoren, der UNSCOM und
der IAEO im Einklang mit den entsprechenden
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats zuzulassen.
Zusammen mit Großbritannien und mit der Unterstützung unserer Freunde und Verbündeten auf der
ganzen Welt waren die Vereinigten Staaten zu
militärischen Aktionen bereit, wenn der Irak seinen
Kurs nicht umgekehrt hätte. Unsere Bereitschaft zu
einem Angriff brachte zusammen mit dem überwältigenden Gewicht der Weltmeinung das von uns
gewünschte Ergebnis hervor: Saddam Hussein kehrt
seinen Kurs um und läßt die Inspektoren ihre Arbeit
ohne Einschränkungen oder Bedingungen wieder
aufnehmen.
Wie ich bereits seit Beginn dieser Krise gesagt habe,
ist die Rückkehr der Inspektoren, wenn sie ungehindert arbeiten können, das beste Ergebnis, weil sie das
effektivste Instrument sind und bleiben, Versuche des
Irak zum Wiederaufbau seiner Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme aufzudecken, zu
vereiteln und zu verhindern.

AMERIKA DIENST 23

Ich möchte mich klar ausdrücken: Der Irak hat eingelenkt, aber das ist nicht genug - jetzt muß der Irak
seine Verpflichtungen erfüllen. Der Irak hat sich zu
bedingungsloser Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit den Waffeninspektoren verpflichtet. Was
heißt das?
Erstens muß der Irak alle von der UNSCOM
und der IAEO aufgeworfenen ausstehenden
Fragen lösen.
Zweitens muß er den Inspektoren ungehinderten Zugang für die Inspektion und Überwachung aller Einrichtungen ihrer Wahl gewähren, ohne Restriktionen oder Einschränkungen im Einklang mit der Regierungsvereinbarung, die der Irak selbst im Februar mit
Generalsekretär Annan unterzeichnet hat.
Drittens muß er alle wichtigen Dokumente
übergeben.
Viertens muß er alle Resolutionen im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen
akzeptieren.
Fünftens dürfen wir nicht in die Unabhängigkeit oder Fachkenntnis der Waffeninspektoren
eingreifen.
Gestern Abend habe ich mit UN-Generalsekretär Kofi
Annan nochmals abgeklärt, daß er diese Ansicht zu
den Verpflichtungen des Irak teilt. Durch die Verursachung dieser Krise hat sich der Irak von der
Weltmeinung und der in der Region herrschenden

Seite 1

�Meinung selbst mehr isoliert als zu jedem anderen
Zeitpunkt seit dem Golfkrieg. Der UN-Sicherheitsrat
stimmte mit 15 zu 0 dafür, von Saddam Hussein eine
Abkehr von seinem Kurs zu verlangen. Acht arabische Nationen - Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, fünf
weitere Golfstaaten - warnten Saddam, daß der Irak
die alleinige Verantwortung für die Konsequenzen der
Herausforderung der Vereinten Nationen trägt. Die
Welt sprach mit einer Stimme: Der Irak muß ein für
allemal akzeptieren, daß der einzige Weg die vollständige Erfüllung seiner Verpflichtungen gegenüber
der Welt ist. Bis das geschieht, bleiben wir wachsam,
werden den Druck aufrechterhalten und einsatzbereit
bleiben.
Diese Krise zeigt auch - bedauerlicherweise zum
wiederholten Male - daß Saddam Hussein ein Hindernis für das Wohlergehen seines Volkes und eine
Bedrohung für den Frieden in der Region und die
Sicherheit auf der Welt bleibt. Wir werden die Bedrohung, die er darstellt, weiterhin eindämmen, indem wir
uns für die Beseitigung der irakischen Fähigkeiten zur
Beschaffung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen im Rahmen der UNSCOM einsetzen, die
Sanktionen der Flugverbotszone durchsetzen und
energisch auf jegliche Provokationen des Irak reagieren. Langfristig führt jedoch der beste Weg zur
Bewältigung dieser Bedrohung über eine Regierung in
Bagdad - eine neue Regierung, die sich der Vertretung und Achtung ihres Volkes verpflichtet anstatt
dieses zu unterdrücken und die sich für den Frieden in
der Region engagiert.

*

Seite 2

Im vergangenen Jahr haben wir unser Engagement für
die Kräfte des Wandels im Irak verstärkt, die beiden
größten kurdischen Oppositionsgruppen versöhnt und
mit der Ausstrahlung von Radio Free Iraq im ganzen
Land begonnen. Wir werden diese Bestrebungen
verstärken, mit dem Kongreß an der Durchsetzung
des kürzlich verabschiedeten Gesetzes zur Befreiung
des Irak (Iraq Liberation Act) zusammenarbeiten und
unsere politische Unterstützung verstärken um
sicherzustellen, daß der Opposition ein Mitspracherecht bei die Bestrebungen des irakischen Volkes
betreffenden Fragen verliehen wird.
Ich möchte nochmals betonen: Wir wollen eine
irakische Regierung, die ihr Volk vertritt und achtet,
anstatt es zu unterdrücken, und die sich dazu verpflichtet, in Frieden mit ihren Nachbarn zu leben.
Dafür werden wir uns einsetzen.
Im zu Ende gehenden Jahrhundert hat Amerika oft
einen Unterschied zwischen Tyrannei und Freiheit,
zwischen Kasten und Gemeinschaft, zwischen Angst
und Hoffnung bewirkt. In diesem Fall kann Amerika wie schon so oft in der Vergangenheit - aufgrund
unseres Patriotismus und der Professionalität unseres
Militärs einen Unterschied bewirken. Erneut fördern
seine Stärke, Einsatzbereitschaft und Fähigkeiten die
amerikanischen Interessen in der Sache des Weltfriedens. Wir müssen wachsam, stark und einsatzbereit bleiben - hier und überall dort, wo unsere
Interessen und Werte auf dem Spiel stehen. Dank
unseres Militärs werden wir dazu in der Lage sein.

* * *

*

AMERIKA DIENST 23

�AUSSEN POLITIK

18. November 1998

Die Bedeutung der amerikanischen
Führungsrolle für die Welt
Rede von Außenministerin Albright

VANCOUVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Madeleine K. Albright
beim 10. jährlichen Vortrag zum Gedenken an den ehemaligen Außenminister George C. Marshall in Vancouver,
Washington, vom 30. Oktober 1998.

Es ist eine große Ehre, an einer der meines Erachtens
herausragendsten Vortragsreihen in den Vereinigten
Staaten teilnehmen zu dürfen.
Vor sieben Jahren wurde dieser Vortrag von Colin
Powell gehalten, der sagte, von allen militärischen
Führungspersönlichkeiten
der
amerikanischen
Geschichte sei General George Marshall allen
anderen weit überlegen gewesen.
Es ist eine erstaunliche Aussage über die Person, die
wir in dieser Vortragsreihe ehren, daß ich, als ich
Außenministerin wurde, als erstes ein Bild des
größten Diplomaten in der amerikanischen Geschichte, des ehemaligen Außenministers George Marshall,
in meinem Büro aufgehängt habe.
Winston Churchill nannte Marshall "einen großartigen
Amerikaner, aber mehr als das". Denn aufgrund
seiner Vision und Entscheidungsfähigkeit trug Marshall dazu bei, einen ganzen Kontinent aus den
Ruinen zu erheben.
In den vergangenen Jahren scheinen wir den 50.
Jahrestag von praktisch allem - vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gründung der Vereinten
Nationen - gefeiert zu haben.
Heute denke ich an einen anderen Jahrestag. Denn
es war im Jahr 1948, als der Kongreß den berühmten
Plan genehmigte, der George Marshalls Namen trägt.
Dieser Plan war der Rettungsanker in Form von
Milliarden Dollars an Unterstützung und technischer
Hilfe für ein vom Krieg zerstörtes Europa.

AMERIKA DIENST 23

Durch die Bereitstellung dieses Rettungsankers half
Amerika, den Westen Europas um demokratische
Prinzipien herum zu einigen, dämmte kommunistische
Übergriffe ein und säte die Saat einer transatlantischen Partnerschaft, deren Früchte wir immer noch
ernten.
Ebenso bedeutend war der Ausdruck der amerikanischen Führungsrolle, die der Marshallplan übermittelte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs harte
sich Amerika aus der Welt zurückgezogen, Verantwortung gescheut und Risiken vermieden. Andere
taten dasselbe.
Die Folge waren ungehinderte
Aggression in Asien und schreckliche Greueltaten im
Herzen Europas.
Nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs und dem
grausamen Horror des Holocaust war es nicht genug
zu sagen, daß der Feind besiegt war - daß das,
wogegen wir gekämpft hatten, gescheitert war.
Marshalls Generation war entschlossen, einen
dauerhaften Frieden zu schaffen. Und die Botschaft,
die diese Generation vom Weißen Haus, von beiden
Parteien auf dem Capitol Hill und von den Millionen
Amerikanern übermittelte, die für die Hilfslieferungen
spendeten, lautete, daß sich Amerika dieses Mal nicht
nach innen wenden würde; dieses Mal würde Amerika
die Führungsrolle übernehmen.
Heute, nahezu ein Jahrzehnt nach dem Ende des
Kalten Krieges, ist es nicht genug für uns zu sagen,
daß der Kommunismus gescheitert ist. Auch wir
müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen,

Seite 1

�Verantwortung für die Zukunft akzeptieren und die
Führungsrolle übernehmen.
Weil wir uns keiner rivalisierenden Supermacht
gegenübersehen, ist unsere Aufgabe eine andere als
zur Zeit Marshalls. Aber auch wenn sie weniger
dramatisch erscheinen mag, ist sie doch nicht weniger
wichtig. Denn die Entscheidungen, die wir treffen,
werden darüber bestimmen, ob die Welt das neue
Jahrhundert damit beginnt, in Krisen und Konflikten
auseinanderzubrechen oder ob sie um grundlegende
Prinzipien der politischen und wirtschaftlicher Freiheit,
Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu Frieden
zusammenkommt.

Im vergangenen Jahr hat die NATO die Tschechische
Republik, Polen und Ungarn zur Aufnahme in das
Bündnis für Freiheit eingeladen, das die Völker dieser
Länder im Geiste schon immer angenommen hatten.
Und über den Kontinent hinweg sind Truppen, deren
Gewehre einst gegeneinander gerichtet waren, jetzt
Seite an Seite beim Aufbau von Frieden in Bosnien
und der Planung der Sicherheit von Europas Zukunft
stationiert.
In Asien und am Pazifik sehen wir trotz der derzeitigen
Finanzprobleme eine Region von immenser Dynamik
und Optimismus.

Wenn wir klug und stark genug sind, werden unsere
Bürger von einer Weltwirtschaft profitieren, die ihren
Halt wiedergewonnen und breitgefächertes Wachstum
wiederaufgenommen hat. Wr werden es sicherer und
fruchtbarer finden, im Ausland zu studieren, Handel zu
treiben, zu reisen und zu investieren. Und unsere
Streitkräfte werden weniger häufig aufgerufen sein,
auf drängende und tödliche Bedrohungen zu reagieren.

Um Sicherheit aufzubauen, haben wir unsere militärische Zusammenarbeit mit unserem engen
Verbündeten Japan erweitert. Wir haben Nordkorea
aufgefordert, seine gefährliche und selbst auferlegte
Isolation zu beenden. Und wir sind in einem strategischen Dialog mit China engagiert, der auf die Erweiterung der Zusammenarbeit auf Bereichen abzielt,
in denen wir übereinstimmen, und Fortschritten bei
anderen wie Menschenrechten und Handel, in denen
wir nicht übereinstimmen.

In einer solchen Welt werden sich mehr Menschen in
mehr Nationen ihres Interesses an der Einhaltung
internationaler Regeln bewußt und achten darauf, daß
auch andere das tun. Die Nationen werden eher
zusammenarbeiten, um auf neue Gefahren zu reagieren, Konflikte zu verhindern und globale Probleme zu
lösen. Es wird einen wachsenden und von hohen
Grundsätzen geleiteten Konsens darüber geben, was
im Handel fair und unfair und was bei Menschenrechten richtig und falsch ist.

In Afrika haben Armut und Unordnung Millionen vom
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist
ein an menschlichen und natürlichen Ressourcen
reicher Kontinent. Seine besten Politiker sind sich der
Notwendigkeit bewußt, die verheerenden bürgerlichen
und grenzüberschreitenden Konflikte zu beenden, die
wirtschaftliche und soziale Fortschritte lähmen. Sie
sind sich auch der Notwendigkeit bewußt, Reformen
durchzuführen, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen behilflich sind, Fuß zu fassen.

Das Meiste, das wir in unserer Zeit erhoffen können,
ist, eine solide Grundlage für eine solche Welt zu
schaffen. Das ist jedoch eine schwere Aufgabe. Und
sie zu erfüllen, erfordert, daß wir als Regierungen wie
auch als Menschen einige harte Prüfungen bestehen.

Wie Präsident Clintons Besuch in der Region Anfang
dieses Jahres zeigt, fühlen wir uns verpflichtet, all
denen in Afrika zu helfen, die an menschliche Freiheit
glauben und bereit sind, das Erforderliche zu tun, um
sich selbst zu helfen.

Erstens und mehr allgemein gesprochen müssen wir
die Beziehungen stärken, die den Kern des internationalen Systems ausmachen, während wir gleichzeitig den Nationen behilflich sind, die schwach,
krisengeschüttelt oder im Übergang zu größerer Beteiligung sind.

In unserer Hemisphäre sind wir durch den gesamtamerikanischen Gipfel eine Verpflichtung zur Verteidigung der Demokratie, Erweiterung wirtschaftlicher
Verbindungen, Bekämpfung des Drogenhandels und
der Bewahrung des Friedens von Patagonien bis zur
Prudhoe Bay eingegangen. Es ist ermutigend, daß
der neue kolumbianische Präsident Pastrana, mit dem
Präsident Clinton und ich Anfang dieser Woche
zusammengekommen sind, entschlossen zu sein
scheint, sein seit langem von Krisen geschütteltes
Land in eine neue Ära von Stabilität und Rechtsstaatlichkeit zu führen.

Das ist die Aufgabe, die die tägliche Diplomatie der
Vereinigten Staaten dominiert.
In Europa streben wir beispielsweise die Verwirklichung der von Außenminister Marshall verkündeten
Vision an, die der Kalte Krieg jedoch verhinderte: Die
Vision eines ungeteilten und freien Europas, vereint,
wie Präsident Clinton erklärte, "nicht durch Waffengewalt, sondern die Möglichkeiten des Friedens".

Seite 2

Die Stärkung der Bande, die das internationale
System zusammenhalten, ist eine andauernde
Herausforderung. Eine zweite - neue und drängende -

AMERIKA DIENST 23

�Herausforderung ist die Reaktion auf die globale
Finanzkrise.

Korruption und der Einleitung schwieriger Wirtschaftsreformen reagiert haben.

In den vergangenen 25 Jahren hat die im Marshallplan
verkörperte Vision von erweitertem Handel und freien
Märkten dazu beigetragen, Wohlstand nicht nur in
Europa, sondern auf der ganzen Welt zu verbreiten.
Millionen von Menschen haben den Sprung aus der
Armut geschafft. Selbst angesichts der derzeitigen
Krise sind die Pro-Kopf-Einkommen in Korea und
Thailand 60 Prozent höher als vor einem Jahrzehnt.

Wenn wir nach vorne blicken, wissen wir, daß die
Gesundheit der globalen Wrtschaft von der Bewahrung und Erweiterung der Verpflichtung zu offenem
Handel, offenen Märkten und offenen Büchern
abhängt. Aber wir wissen auch, daß es Probleme
gibt, die Märkte allein nicht lösen können.

Das ist eine Lektion, die wir in unserem eigenen Land
gelernt haben, als wir Gesetze zur Gewährleistung der
n Integrität unserer Finanzsysteme verabschiedet und
Diese Maßnahmen haben hier im amerikanischen
Programme geschaffen haben, dank derer unsere
Nordwesten besonderes hohe Dividenden erbracht,
Bürger mit wirtschaftlichen Härten fertigwerden
wo die Wirtschaft vorwiegend im Export getätigt wird
können.
und der Boom im Handel mit Asien in allen Bereichen
von Computern über Versand bis zur Landwirtschaft
gute Arbeitsplätze geschaffen hat.
Die erforderlichen Veränderungen, um die globale
Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen, werden nicht
über Nacht stattfinden. Die am direktesten betroffeJetzt werden diese Maßnahmen jedoch auf die Probe
nen Volkswirtschaften müssen weiterhin die Medizin
gestellt. Die finanzielle Vertrauenskrise hat sich von
nehmen, die zu ihrer Gesundung beitragt. Unsere
Südostasien auf Ostasien und Rußland ausgeweitet
Verbündeten in Europa und Asien müssen das Ihre
und gefährdet jetzt die Volkswirtschaften in unserer
zur Wiederherstellung des Wachstums tun.
eigenen Hemisphäre.
Es besteht weiterhin das
Risiko, daß die Politiker einiger Nationen in Panik
geraten und auf den falschen Gott des ProtektioUnd unsere internationalen Finanzinstitutionen
nismus oder das unmögliche Ziel der Isolation in der
müssen mehr tun, um den Ländern bei der Bewältiglobalen Wirtschaft von heute zurückgreifen.
gung der durch die derzeitige Krise entstandenen
sozialen Härten behilflich zu sein und bessere Strategien zur Vermeidung künftiger Krisen entwickeln.
Die Administration ist entschlossen, den Zug des
Wohlstands wieder auf Kurs zu bringen.
Eine dritte große Herausforderung für das internaAus diesem Grund hat Präsident Clinton einen kühnen tionale System stellt sich durch den Konkurrenzkampf
Plan für die Wiederherstellung von Wachstum und die verschiedener Nationen und Völker um Land, Ressourcen und Macht.
Vermeidung einer weiteren Ausbreitung der finanziellen Vertrauenskrise dargelegt.
Diese Herausforderung ist so alt wie die Geschichte
selbst, aber im Verlauf der Jahre und mit dem weiteWir unternehmen alles in unserer Macht Stehende,
ren Technologiefortschritt wird sie immer drängender.
um amerikanischen Firmen zu helfen, in Asien
Heute sind moderne Waffen leichter verfügbar,
konkurrenzfähig zu bleiben.
todbringender, mobiler und weniger teuer als je zuvor.
Der Kongreß hat unseren Anteil der Mittel für den
Unsere Aufgabe besteht darin, alles zu tun, um einen
Internationalen Währungsfonds genehmigt.
solchen Konkurrenzkampf einzudämmen und zu
kanalisieren, damit Differenzen friedlich und unter
Der unabhängige Zentralbankrat hat die Zinssätze
Respektierung der legitimen Rechte aller gelöst
zweimal gesenkt.
werden können.
Und Japan unternimmt endlich die erforderlichen
Um dies zu tun, müssen wir den Menschen in krisenSchritte, um seine riesige Volkswirtschaft in die
geschüttelten Regionen helfen, ihre Hoffnungen auf
richtige Richtung zu lenken.
die Zukunft über die bitteren Erinnerungen der
Vergangenheit, Versöhnung über Rache zu stellen
Die beste Nachricht wäre jedoch, wenn der Schock
und alte Schlachtfelder in ein gemeinsames Terrain
über diese Krise in eine Verpflichtung zu solideren
gegenseitiger Sicherheit und des Strebens nach
und transparenteren Finanzpraktiken auf der ganzen
einem besseren Leben zu verwandeln.
Welt münden würde. Es ist ermutigend, daß einige
der am schlimmsten betroffenen Länder - insbesondere Thailand, Korea und Brasilien - mit einer stärkeren
Die Amerikaner können stolz sein, daß unser Land auf
Verpflichtung zu Demokratie, Bekämpfung der
der ganzen Welt Seite an Seite mit den Friedensstiftern gegen die Bombenleger steht; das Abkommen

AMERIKA DIENST 23

Seite 3

�vom Karfreitag in Nordirland unterstützt; versucht, den
Konflikt in Zentralafrika zu lösen; mit unseren Partnern
auf die Implementierung des Abkommens von Dayton
in Bosnien hinarbeitet; und - wie wir es in den vergangenen beiden Wochen dramatisch erlebt haben - die
Überwindung der Hindernisse für einen gerechten und
dauerhaften Frieden im Nahen Osten anstrebt.
Die in der letzten Woche von den Israelis und den
Palästinensern unterzeichnete Vereinbarung bekräftigt, daß Verhandlungen wirken. Sie demonstriert,
daß Israelis und Palästinenser unabhängig von ihren
Meinungsverschiedenheiten eine Alternative zu
andauernden Konflikten finden wollen und sich
bewußt sind, daß ein tragfähiger Verhandlungsprozeß
sie dorthin bringen kann.
Das Abkommen hat greifbare Vorteile für beide
Seiten.
Die palästinensische Zuständigkeit für
Gebiete im Westjordanland wird beträchtlich erhöht,
und es werden neue wirtschaftliche Chancen geschaffen. Israel wird von dem palästinensischen Engagement profitieren, einzigartige, systematische und
gezielte Bestrebungen zur Bekämpfung und Niederschlagung des Terrors zu unternehmen.
Es bleiben noch enorme Hindernisse bestehen, aber
durch die Schaffung von Bedingungen für die Einleitung von Verhandlungen über den endgültigen
Status erhalten beide Seiten die Chance, über die
Fragen zu sprechen, die einen echten israelischpalästinensischen Frieden definieren und herstellen
werden.
Die in Wye erzielten Vereinbarungen sind ein weiterer
Beweis dafür, daß der Friedensprozeß unverwüstlich
ist und schwere Rückschläge verkraften kann. Aber
er hat noch einen langen Weg vor sich. Letzte Woche
trafen führende israelische und palästinensische
Politiker die für ein Abkommen erforderlichen harten
Entscheidungen.
Jetzt müssen sie die harten
Entscheiungen treffen, die für die Umsetzung dieses
Abkommens und die Vorbereitung weiterer Fortschritte erforderlich sind.
Unsere Bestrebungen zur Schaffung von Frieden im
Nahen Osten und andernorts sind keine internationale
Sozialarbeit, wie manche behaupten.
Sie sind klug von Amerika, weil es uns besser geht,
wenn keine regionalen Konflikte entstehen, die unsere
Freunde bedrohen, wirtschaftliche Härten verursachen
und Flüchtlingsströme hervorbringen. Und es ist auch
richtig von Amerika, anderen bei der Vermeidung von
unnötigem Blutvergießen zu helfen und die Menschen
in die Lage zu versetzen, das zu genießen, was
Präsident Clinton als das stille Wunder eines normalen Lebens bezeichnet hat.

Seite 4

Eine vierte uns konfrontierende Herausforderung ist
die Notwendigkeit, Bedrohungen durch Regierungen
und Splittergruppen abzuwehren, die internationale
Standards von Gesetz und Menschenrechten verachten.
Unsere wichtigsten Bestrebungen hier bestehen darin,
die Ausbreitung von Nuklearwaffen und Giftgas zu
verhindern.
Manche weisen auf die südasiatischen Nukleartests
Anfang dieses Jahres und die Verbreitung von
Raketentechnologien hin und behaupten, Rüstungskontrolle sei zwecklos. Sie vertreten die Ansicht, weil
manchmal gegen Rüstungskontrollregeln verstoßen
werde, sollten wir eine Welt ohne solche Regeln
akzeptieren. Das ist gefährlicher Unsinn.
Zweifelsohne verlangt die Sicherheit der Amerikaner
mehr als Verträge.
Wir brauchen die beste Verteidigung, die wir entwikkeln, die besten Nachrichtendienste, die wir aufbauen
und die beste Eventualfallplanung, die wir vorbereiten
können. Wir benötigen aber auch den besten rechtlichen Rahmen für die Aufdeckung und Verringerung
dieser Bedrohungen und die Diskreditierung derjenigen, die sie entstehen lassen. Dadurch können wir
die Zahl der Waffen, mit denen wir möglicherweise
eines Tages konfrontiert sind, und die Wahrscheinlichkeit verringern, daß die tödlichsten Waffen in die
falschen Hände fallen.
Beispielsweise werden wir sicherer, wenn wir weiterhin mit Rußland am Abbau von Nuklearwaffenarsenalen und der Verhinderung des Schmuggels mit
Nuklearmaterial
zusammenarbeiten.
Wir sind
entschlossen zu verhindern, daß Nuklearwaffen
"herrenlos" werden.
Wir werden sicherer, wenn durch unsere Diplomatie
das gefährliche nordkoreanische Nuklearwaffenprogramm für immer eingestellt werden kann und wir
dieses Land überzeugen können, seine skrupellose
Entwicklung und den Verkauf von Raketentechnologie
zu beenden.
Wir werden sicherer, wenn wir der Konvention über
biologische Waffen durch ihre Umsetzung Biß verleihen und bei der Frage der Verteidigung mit ballistischen Raketen einen soliden überparteilichen
Ansatz entwickeln können.
Und wir werden sicherer, wenn wir den Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot (CTB-Vertrag) in
Kraft setzen können. Sein Ziel besteht im Verbot von
Tests jeglicher Größenordnung mit nuklearen Explosivstoffen für jeden Zweck, an jedem Ort und zu

AMERIKA DIENST 23

�jeder Zeit. Der Zukunft könnte kein größeres Geschenk gemacht werden.
Zum Schutz unserer Sicherheit müssen wir auch den
Kampf gegen den internationalen Terrorismus führen
und gewinnen.
Wie die Bombenanschläge auf die amerikanischen
Botschaften in Afrika auf so tragische Weise zeigten,
haben mit guten Finanzmitteln ausgerüstete führende
Terroristen wie Osama bin Laden geschworen,
Amerikaner auf der ganzen Welt zu töten. Ihr Ziel
besteht darin, unser Land dazu zu veranlassen, seine
Freunde, Verbündeten und Pflichten im Stich zu
lassen. Dazu kann ich nur sagen, daß die Nation,
deren Besten die Flagge bei Iwo Jima hißten und am
Omaha Beach in die Hölle gingen, sich nicht einschüchtern läßt.
Unsere Flagge wird weiterhin dort wehen, wo wir
Interessen zu verteidigen haben. Der Präsident hat
Mittel angefordert, um unser Volk besser schützen zu
können, und diese wurden vom Kongreß auch
bewilligt. Wir werden den Kampf gegen den Terrorismus an allen Fronten auf allen Kontinenten mit allen
Mitteln Tag für Tag führen.
Im Kosovo ist infolge der Unterdrückung durch den
serbischen Präsidenten Milosevic eine weitere
Bedrohung der internationalen Stabilität entstanden.
In den letzten Tagen hat die Androhung von Gewalt
durch die NATO, falls sich dies zur Beendigung der
serbischen Greueltaten als erforderlich erweisen sollte, zum Rückzug der Truppen geführt und den durch
die Gewalt vertriebenen Zivilisten gestattet, die
Rückkehr in ihre Dörfer zu beginnen. Internationale
Beobachterwerden unterstützt durch NATO-Überflüge
sicherstellen, daß Präsident Milosevic die eingegangenen Versprechen erfüllt.
In der Zwischenzeit drängen wir die Parteien, eine
politische Lösung zu finden, die die Krise beenden
und den Menschen im Kosovo eine demokratische
Selbstverwaltung bringen würde.
Fünftens und letztens sehen wir uns mit der Herausforderung konfrontiert, weltweit Fortschritte zu Demokratie und der Achtung von Menschenrechten zu
unterstützen.
Manche klammern sich an das falsche Gefühl der
Ordnung, das entsteht, wenn politisch Andersdenkende unterdrückt werden und jeder seinen Platz kennt.
Sie führen die alten Klischees an und sagen: "Nun, die
Freiheit mag an einigen Orten funktionieren, aber die
Menschen in dem oder jenem Land sind noch nicht
bereit; sie wollen die Freiheit nicht wirklich, und sie
brauchen sie auch nicht wirklich."

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Das ist offen gesagt Unfug.
Keine Gesellschaft kann ihr Potential erreichen, wenn
ihre Menschen nicht frei ihre Politiker wählen, ihre
Gedanken veröffentlichen, ihren Gott anbeten und die
Verwirklichung ihrer Träume anstreben können.
Diese Lektion haben wir in diesem Jahrhundert immer
wieder gelernt - von Südafrika bis Südkorea und von
Zentraleuropa bis Zentralamerika. Es ist eine Lektion,
die hoffentlich jetzt in Kambodscha, Indonesien und
Nigeria Anwendung findet. In jedem Land haben die
neuen führenden Politiker eine historische Chance,
ihre Nation in den Schoß demokratischer Nationen
einzuführen. Wenn das ihre Entscheidung ist, werden
die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende
tun, um ihnen zu helfen.
Ferner müssen wir bereit sein, uns für Menschenrechte sowie Religions- und politische Freiheit auszusprechen, ob sie in einem kleinen Land wie Burma oder
einem großen wie China bedroht werden. Und wenn
man uns sagt, wir sollten uns um unsere eigenen
Angelegenheiten kümmern, müssen wir antworten,
daß Menschenrechte unsere eigene Angelegenheit
sind, weil - wie Martin Luther King einst sagte "Ungerechtigkeit, wo immer sie geschieht, überall eine
Bedrohung für die Gerechtigkeit darstellt".
Wir müssen auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf der ganzen Welt anstreben. Ich
nehme an, wenn Sie eine Bluse oder ein Hemd
kaufen, wollen Sie - ebenso wie ich - wissen, ob sie
nicht von Menschen hergestellt wurden, die minderjährig oder Zwang ausgesetzt sind, im Gefängnis
sitzen oder denen das Grundrecht auf Zusammenschluß verweigert wird.
Wir Amerikaner können und werden keine Weltwirtschaft akzeptieren, die den niedrigsten Bieter ohne
Rücksicht auf Maßstäbe belohnt. Wir wollen eine
Zukunft, in der Gewinne aus Schweiß und Inspiration
stammen, nicht aus Ausbeutung.
Wir müssen auch alles in unserer Macht Stehende
tun, um den Status der Frau zu fördern, denn kein
Land kann stark und frei werden, dem die Begabungen der Hälfte seiner Bevölkerung vorenthalten
werden.
In den letzten Jahren haben wir enorme Fortschritte
gemacht. Aber auch heute werden immer noch
weltweit entsetzliche Verbrechen gegen Frauen
begangen. Dazu zählen häusliche Gewalt, Mitgiftmorde, Verstümmelung und erzwungene Prostitution.
Manche behaupten, das alles sei kulturell bedingt und
man könne nichts dagegen tun. Ich sage, es ist
kriminell und wir sind verpflichtet, dem Einhalt zu
gebieten.
Seite 5

�Last but not least müssen die Vereinigten Staaten
weiterhin eine weltweite Führungsrolle bei ihrer
Unterstützung des Internationalen Kriegsverbrechertribunals übernehmen, weil wir der Ansicht sind, daß
die des Völkermords und ethnischer Verbrechen
Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden sollten
und diejenigen, die Vergewaltigung als weitere Taktik
des Krieges betrachten, für ihre Verbrechen zahlen
müssen.
Vor einigen Jahrzehnten schrieb Walter Lippman
inmitten der Spannungen des Kalten Krieges über die
Realitäten seiner Zeit mit Worten, die uns als Warnung dienen mögen.
Trotz aller Gefahren und Sorgen, die sie mit sich
bringt,... könnte sich die Sowjetunion als Segen
erweisen, so Lippmann. Denn wenn unser Einfluß
unbestritten wäre, würden wir uns zweifelsohne
allmählich verschlechtern.
W r würden unsere
großartigen Energien verlieren, weil wir sie nicht
brauchen, und wir würden unseren Mut verlieren, weil
alles so bequem ist. Wir würden den Niedergang
erleben, der in so vielen Gesellschaften zu beobachten war, wenn sie dachten, es sei keine großartige
Arbeit mehr zu leisten. Dann wurde es Nacht um sie,
sie schliefen ein und fingen an zu sterben.
Obwohl Lippman während seiner Laufbahn oft Recht
hatte, bin ich überzeugt, daß er in diesem Punkt
Unrecht hatte.
Denn fast während meines ganzen Lebens hat
Amerika im internationalen System eine führende
Rolle gespielt. Und heute ist dieser Einfluß der
amerikanischen Führungsrolle von den Straßen Sara-

*

Seite 6

jevos bis zu den Dörfern im Nahen Osten, von den
Klassenzimmern Zentralamerikas bis zu den Gerichtssälen Den Haags spürbarer denn je.
Das ist nicht das Ergebnis irgendeiner außenpolitischen Theorie. Es ist ein Spiegelbild des amerikanischen Charakters.
Wir Amerikaner haben einen enormen Vorteil gegenüber vielen anderen Ländern, weil wir wissen, wer wir
sind und was wir glauben. Wir haben ein Ziel. Und
ebenso wie der Glaube des Farmers, daß die Saat
und der Regen das Getreide wachsen lassen, ist es
unser Glaube, daß wir Erfolg haben werden, wenn wir
unseren Prinzipien treu bleiben.
Wir wollen diesem Glauben Ehre erweisen. Während
wir unseren Weg durch eine Ära starker Turbulenzen
und neuer Gefahren suchen, wollen wir der Versuchung von Selbstgefälligkeit widerstehen und statt
dessen dem Beispiel folgen, das uns Außenminister
und General George C. Marshall gegeben hat.
Wir wollen Macher sein. Und indem wir dem Erbe
unserer Vergangenheit gerecht werden, wollen wir
gemeinsam das Versprechen unserer Zukunft erfüllen
- und frei und respektiert, wohlhabend und in Frieden
in das neue Jahrhundert eintreten.
Heute sichere ich Ihnen zu, für diese Aufgabe mein
Bestes zu geben, und bitte Sie respektvoll um Ihre
Unterstützung.
Und ich danke Ihnen nochmals für die Gelegenheit,
heute Nachmittag hier bei Ihnen zu sein.

*

AMERIKA DIENST 23

�USA-EUROPA

18. November 1998

Eine menschliche Dimension
für die transatlantischen Beziehungen
Rede von Botschafter John C. Kornblum

STUTTGART - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinig ten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. November 1998 in Stuttgart beim
Transatlantik-Forum gehalten hat.

Vielen Dank für die Einladung, diese Vortragsreihe zu
eröffnen. Es ist mir eine Ehre, der Erste in einer neuen
Tradition der Atlantik-Brücke zu sein.
Diese Veranstaltung heute Abend ist in vieler Hinsicht
ein Symbol unserer Zeit. Ich halte hier eine Rede als
Vertreter einer Regierung unter der Schirmherrschaft
einer Privatorganisation - der Atlantik-Brücke. Wir sind
eine internationale Versammlung. Und wir werden
sehr großzügig von der Bosch GmbH, insbesondere dem Vorsitzenden ihres Aufsichtsrats, Dr.
Marcus Bierich, unterstützt. Vor allem möchte ich den
Mitgliedern und Freunden der Atlantik-Brücke meinen
Dank aussprechen, die so viel unternehmen, um
unsere Gemeinschaft gesund zu erhalten.

nischen Antworten auf aktuelle Fragen vorzulegen.
Aber die Dinge ändern sich so schnell, daß man nie
sicher sein kann, ob meine Empfehlungen noch
gelten, wenn wir zu Hause ankommen.
Aus diesem Grund möchte ich heute Abend einen
umfassenderen Ansatz wählen. Ich möchte über
einige der interessanten neuen Charakteristika des
Zeitalters sprechen, in das wir eingetreten sind.
Insbesondere möchte ich die menschliche Dimension
internationaler Angelegenheiten in den kommenden
Jahrzehnten ansprechen.

Ein neues Zeitalter

Zuerst eine Definition. Was meinen wir mit menschlicher Dimension? Ich habe keine einfache Kategorie.
Sie beinhaltet natürlich die Menschenrechte. Wir
müssen auch dem internationalen humanitären
Gesetz zunehmende Aufmerksamkeit widmen - wie
der Einzelne von seiner Regierung in Zeiten des
Friedens und in Zeiten des Konflikts behandelt wird.
Meine Definition der menschlichen Dimension konzentriert sich jedoch auch auf den demokratischen
Konsens und die Außenpolitik.

Wie Sie wissen, haben sich in letzter Zeit weltweit
viele interessante Dinge ereignet. Das globale Finanzsystem ist in eine Zeit der Instabilität eingetreten. Es
gibt ständige Konflikte auf dem Balkan. Rußland steht
kurz vor dem Bankrott. Im Nahen Osten gibt es neue
Hoffnung für den Frieden. Und ich habe gehört, daß
Deutschland eine neue Regierung hat.

Mit anderen Worten: Wie stellen wir sicher, daß
internationales Verhalten denselben demokratischen
Erwägungen unterworfen ist wie die Innenpolitik? Und
noch wichtiger ist: Wie stellen wir sicher, daß unsere
Bürger sich eine informierte Meinung über die zahlreichen verwirrenden Themen bilden können, mit denen
sie tagtäglich konfrontiert werden?

Angesichts all dieser Neuigkeiten ist die Versuchung
groß, Ihnen eine Liste der bevorzugten amerika-

In der Vergangenheit wäre die Antwort einfach
gewesen. Diplomaten und Politiker hätten einen

Diese Elemente - ein von einer Nichtregierungsorganisation und der Industrie mit der Beteiligung der
Regierung unterstützter internationaler Dialog werden zunehmend zum Rezept für Erfolg in unserer
transatlantischen Welt.

AMERIKA DIENST 23

Seite 1

�politischen Ansatz entwickelt - beispielsweise bei
Rüstungskontrolle oder Handelspolitik. Sie hätten ihn
der Öffentlichkeit vorgelegt, um Unterstützung zu
erhalten. Und sie hatten ihn umgesetzt - egal was
geschehen wäre. Heute wird es immer schwieriger für
die Nationen, ohne Intervention ihrer Gesellschaften
am Anfang anstatt am Ende des Prozesses miteinander umzugehen. Die Außenpolitik hat den Elfenbeinturm verlassen.
Einige Beispiele:
Seit dem Ende des Kalten Krieges wird die
Welt mit zahlreichen Konflikten belastet.
Europa wird diese Belastung nicht erspart.
Wie gehen wir mit solchen blutigen Konflikten
um, insbesondere wenn sie innerhalb eines
Landes stattfinden? Namen wie Bosnien,
Kosovo, Ruanda oder Osttimor definieren
schnell die Größenordnung des Problems.
Das Informationszeitalter bringt zahllose neue
Chancen für den Austausch von Nachrichten,
die Geschäftstätigkeit und die Verbreitung von
Ideen hervor. Wie sollten wir mit Problemen
wie Regulierung, Besteuerung und Sicherheit
umgehen? Wer - wenn überhaupt - sollte die
neuen Instrumente wie das Internet kontrollieren?
Wissenschaft und Technologie tragen neue
Früchte. Die Biotechnologie, Telekommunikation und Genforschung verändern unser
Leben. Wer entscheidet, ob Tiere geklont
werden oder ob gentechnisch veränderte
Pflanzen dazu dienen sollen, die hungernden
Menschen auf der Welt zu ernähren?
Die Bevölkerung der westlichen Welt lebt
länger und wird immer älter. Renten- und
Gesundheitssysteme sehen sich dramatischen neuen Belastungen gegenüber. Einwanderung ist zu einem immer wichtigeren
Faktor im Leben aller Länder geworden.
Welche Auswirkungen hat das?
Jede dieser Fragen hat Auswirkungen, die über
nationale Grenzen hinausgehen. Sie werden durch die
Tatsache verbunden, daß Regierungen nur über
begrenzte Fähigkeiten zu ihrer Beeinflussung verfügen. Die klassische Diplomatie und militärische
Verteidigung sind nicht die entscheidenden Faktoren.
Wenn wir über die Beziehungen zwischen Völkern
sprechen, befassen wir uns zunehmend mit Fragen
von entscheidender sozialer und technologischer
Bedeutung. Wir sprechen über Kultur und die Hoffnungen und Ängste von Generationen. Der Entscheidungsprozeß muß an der Basis beginnen.

Seite 2

Diplomatie und Verteidigung sind immer noch wichtige
Instrumente. Aber offizielle Verträge und Bündnisse
definieren nicht länger die für unsere Gesellschaften
wichtigsten Fragen. Gruppen aus dem Privatsektor
und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden
für die Beziehungen zwischen den Völkern immer
wichtiger. Die für die Bewältigung dieser Fragen
erforderlichen Begabungen sind nicht mehr nur in der
Regierung zu finden. Und vor allem kann die Definition
der Probleme nicht länger den Planungsstäben von
Regierungen überlassen werden. Die Grundbedürfnisse unserer Bevölkerungen sind zunehmend
Gegenstand der Beziehungen zwischen Nationen und
Völkern. Das meine ich, wenn ich über die menschliche Dimension der transatlantischen Beziehungen
spreche.
Diese Betrachtungsweise ist vielleicht besonders
amerikanisch. Es gibt viele Menschen in Europa, auch
in Deutschland, die diese These vielleicht nicht so
teilen würden. Beispielsweise ist ein gemeinsames
Vorgehen der Europäer oft von Konsens in den
Ausschüssen der EU abhängig. Wir führen eine
interessante Debatte über den Atlantik hinweg, wie
man gerade die Sicherheit und den Wohlstand
unserer Gesellschaften unter diesen neuen Bedingungen gewährleistet. Die Europäer scheinen immer noch
größeres Gewicht auf die Rolle der Regierung und
den formalen Konsens anstatt einen pragmatischen,
lösungsorientierten Ansatz zu legen.
Über dieses Thema muß ein ständiger Dialog gepflegt
werden. Aus diesem Grund möchte ich die heutige
Veranstaltung dazu nutzen, einen persönlichen
Beitrag zu unseren Bestrebungen zur Definition eines
neuen Rahmens für unsere gegenseitigen Beziehungen zu machen. Wenn wir die von mir eben erwähnten
Probleme erfolgreich angehen wollen, müssen wir
Verständnis für die Beziehungen zwischen sogenannten internationalen Fragen und den grundlegenden
menschlichen Interessen unserer Völker wecken.
Die Ermutigung der Beteiligung der Öffentlichkeit
Langfristig wird "Außenpolitik" im traditionellen Sinne
nicht mehr die Unterstützung unserer Bevölkerungen
und Parlamente genießen, wenn sie nicht relevanter
für deren Anliegen wird. Außenministerin Albright
unterstrich diese Tatsache bei ihrem Amtsantritt. Sie
bezeichnete die Beteiligung der Öffentlichkeit an der
Außenpolitik als eines ihrer obersten Ziele.
Das gilt insbesondere für die transatlantischen
Beziehungen. Während der Kalte Krieg immer mehr
Geschichte wird, mache ich mir Sorgen über die
fortgesetzte Konzentration unserer Diskussionen auf
Fragen der Vergangenheit. Wir sprechen immer noch
über den Aufbau von Verständnis zwischen offiziellen
Institutionen zu einer Zeit, in der die Gesellschaften

AMERIKA DIENST 23

�schon viel weiter sind. Wir sprechen über den Erhalt
von Kontakten zwischen Europa und Amerika, als ob
wir eine Wahl hätten. Wir debattieren weiterhin über
verschiedene Ansätze gegenüber Drittländern in der
Diplomatensprache des 19. Jahrhunderts, anstatt die
Auswirkungen dieser Entscheidungen auf unsere
Völker zu prüfen. Wir bauen weiterhin diplomatische
Strukturen, die genau die Menschen ausschließen, die
drängende Problem angehen könnten.
Das heißt nicht, daß Dialog nicht wesentlich wäre.
Tatsächlich ist er noch wichtiger als vor zehn Jahren.
Das heißt auch nicht, daß es keine Unterschiede in
Bezug auf Geschichte, Größe und Bewußtsein von
Nationen und Völkern gibt. Aber die Linien, die diese
Unterschiede markieren, verlaufen nur sehr selten
durch den Atlantik hindurch. Die Unterschiede im
Ansatz der europäischen Nationen sind genauso groß
wie die zwischen Amerika und Europa. Mit anderen
Worten: Wir haben die sogenannten "auswärtigen
Beziehungen" bereits hinter uns gelassen. Wir sind
auf eine Art "atlantische Innenpolitik" übergegangen,
bei der spezifische soziale und wirtschaftliche Fragen
oft offizielle Grenzen und nationale Politik überschreiten.
Privatinitiativen sind jetzt der Motor der Beziehungen
zwischen einzelnen Völkern. Sie halten die atlantische
Gemeinschaft zusammen. Das heißt, die freie Bahn
der Kräfte und Ideen. Das heißt auch, eine Mischung
aus Regierungs- und Privatinitiativen. Diese neue
Synthese bietet die einzige Möglichkeit, zukünftigen
Entwicklungen gerecht zu werden.
Das gilt nicht nur für das Ende des Kalten Krieges,
sondern auch für die geradezu revolutionären Entwicklungen in Wirtschaft und Technologie, die weltweiten Kapitaltransfers, vielerlei moderne Einflüsse,
die explosionsartige Entwicklung der Kommunikation
und natürlich die rasche Unabhängigkeit so vieler
neuer Staaten und den Beitritt von zahlreichen
Staaten, Regionen und Völkern mit unterschiedlichen
Interessen und Zielen zur internationalen Staatengemeinschaft. Wir erleben die weltweite Öffnung.
Hier in Stuttgart sehen wir Beispiele der Art und
Weise, in der man in Zukunft die Dinge tun wird.
Amerikanische Firmen wie IBM und Hewlett Packard
sind Teil eines riesigen und wachsenden Spektrums
von Firmen mit eher globaler als regionaler Orientierung. Daimler-Chrysler ist ein Symbol einer neuen
Ära. Der Holzbrinck-Verlag demonstriert, daß kulturelle Differenzen kein Hindernis für globale Reichweite
sind.
Wir beobachten zunehmend, wie industrielle und
wirtschaftliche Inhalte an die Stelle der Politik treten.
Beispielsweise debattieren Politiker zwar über die
Identität Deutschlands nach dem Ende des Kalten

AMERIKA DIENST 23

Krieges, der Privatsektor befaßt sich jedoch zunehmend auf eine Weise mit Vertrauen und Verantwortung, die wir alle bewundern sollten.
Die Atlantik-Brücke hat letzten Monat ein ausgezeichnetes Beispiel für diese neue Art von Dialog gegeben.
Sie unterstützte eine Reise von Regierungsmitgliedern, Vertretern der Wirtschaft und des Bundestags in die Gebiete der Vereinigten Staaten, die für
deutsche Investitionen am wichtigsten sind. Sie
befaßten sich auf der Grundlage gemeinsamer
Interessen mit gemeinsamen Belangen. Das ist
atlantische Innenpolitik von ihrer besten Seite.
Öffentlich-private Partnerschaften rufen bei den
Menschen ein Gefühl des empowerment hervor. Sie
bewirken das Gefühl, man sei nicht nur ein passiver
Empfänger der Außen- oder Sicherheitspolitik ode rein
Objekt der internationalen Politik, sondern vielmehr
Teil dieses Prozesses, Politik zu machen. Und für die
Zukunft Europas kann ich nicht oft genug und stark
genug unterstreichen, wie wichtig dieses Gefühl von
empowerment sein wird.
Die jüngere Geschichte unterstreicht das. Wenn man
wie ich einige Jahre in Bosnien war, sieht man leider,
wie stark und wie zerstörend das Gefühl sein kann,
ein Opfer zu sein. Victimization nennen wir das auf
Englisch. Dieses Gefühl, daß man machtlos ist, daß
man seine eigene Zukunft nicht bestimmen kann, ist
leider im Moment eines der stärksten Gefühle in
gewissen Teilen der Welt.
Wenn wir in Zukunft eine stabile Gemeinschaft über
den Atlantik und auch über Europa hinweg aufbauen
wollen, dann müssen wir dieses Gefühl von empowerment ausweiten. Nicht nur Amerika oder Deutschland
oder England oder Frankreich sollten das Gefühl
verantwortlicher Beteiligung bekommen. Auch Menschen, Einzelpersonen in Teilen der Welt wie dem
Balkan oder dem Kaukasus oder Zentralasien können
ihre derzeitigen Konflikte lösen, wenn sie daran
glauben, daß sie ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen und konstruktiv etwas an ihrer Zukunft tun
können.
Das mag abstrakt klingen, aber dieses Verantwortungsgefühl ist mit uns umgebenden greifbaren
Dingen verbunden. Die wiederholten Forderungen
nach einer "gleichberechtigteren" atlantischen Partnerschaft zeigen, daß dieses Problem auch unter engen
Verbündeten existiert.
Hier in Deutschland passen sich die Vereinigten
Staaten an diese neue Situation an. Wir sprechen
selten über den Aufbau "guter Beziehungen" zu
Deutschland. Sie existieren bereits. Mißverständnisse
entstehen, wenn "Freundschaft" keine Ergebnisse zu
zeitigen scheint.

Seite 3

�Unser Ziel ist die Aufstellung einer gemeinsamen
Agenda, bei der sich jede Seite für den Schutz der
gemeinsamen Interessen verantwortlich fühlt. Unsere
Botschaft wird neu strukturiert, unsere Methoden
werden modernisiert.

Kommunikationszentren zu prüfen. Sie können Ihre
Kräfte bündeln, um Regierungen zu ermutigen,
bestimmte Themen schneller zu bearbeiten oder ihnen
überhaupt erst einmal Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Aufbau einer neuen Friedensdisziplin

Vor allem unternehmen wir Bestrebungen zur Entwicklung gemeinsamer Visionen und gegenseitiger
Lösungen. Eine Institution, die in den letzten 50
Jahren eine sehr wichtige, nicht zu unterschätzende
Rolle gespielt hat, sind die Amerika Häuser. Amerikanische Kulturzentren haben für die Entwicklung im
Nachkriegsdeutschland eine maßgebliche Rolle
gespielt. Aber in der modernen Zeit ist es nicht mehr
sinnvoll, daß Amerika Häuser über die amerikanische
Kultur informieren. Es ist nicht mehr notwendig, einem
vom Krieg zerrütteten Deutschland modernes Leben
und Demokratie beizubringen.
Was wir brauchen, sind Kommunikationszentren, in
denen Deutschland und Amerika Begegnungen
organisieren können. Kommunikationszentren, in
denen neue Ideen ausprobiert werden und Deutsche
und Amerikaner das Gefühl haben, daß sie etwas
Gemeinsames aufbauen. Das ist der Nutzen der
Zusammenkunft heute Abend. Das Byrnes Center in
Stuttgart war eines der ersten Beispiele für dieses
neue Modell. Amerika
Häuser werden in
deutsch-amerikanische Zentren umorganisiert.
Ich brauche nicht zu verhehlen, daß das natürlich
bedeutet, daß es nicht mehr so viele direkte amerikanische Regierungsgelder geben wird. Wir werden
sehen, ob diese Institutionen auf der Basis von
Privatinitiativen eine neue Rolle finden oder nicht.
Amerikaner sind der Auffassung, daß die bloße
Tatsache des Beitrags zu einer solchen Institution ein
Gefühl der Identität mit ihr aufbaut. Ich freue
mich, sagen zu können, daß dem Erfolg in Stuttgart
ähnliche positive Erfahrungen in München und
Hamburg gefolgt sind. Ich möchte alle hier Anwesenden auffordern, sich an der Arbeit dieser neuen
Institutionen zu beteiligen.
Initiativen wie das Transatlantik-Forum heute Abend
sind ein perfektes Beispiel für diese neue Art von
Dialog. Sie tragen dazu bei, eine Grundlage für das
Engagement von Einzelpersonen für die wichtigsten
transatlantischen Themen zu schaffen. Und wenn der
Privatsektor und Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten, passiert zweierlei: Menschen setzen
sich persönlich für die Ergebnisse ein. Im Verlauf des
Prozesses engagieren sie sich effektiv für den Aufbau
einer bestimmten Art von Gesellschaft, sei es innerhalb ihrer Länder oder untereinander.
Dieser Punkt verdient besondere Beachtung. Er bietet
eine Gelegenheit, die Chancen für Privatinitiativen und

Seite 4

Die Beteiligung an einem solchen Dialog unterstützt
eines der wichtigsten Ziele dieses neuen Zeitalters. Es
ist die Erweiterung der Wertegemeinschaft, die die
transatlantische Welt das letzte halbe Jahrhundert
zusammengehalten hat. Auf lange Sicht ist die
Entwicklung dieser Art von empowerment der einzige
Weg, um die Grundlage für einen dauerhaften Weltfrieden zu schaffen.
Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist der
Irak. Wir erleben einen sich wiederholenden Konflikt
mit einem Land, das moderne demokratische Werte
nicht akzeptieren möchte. Der Irak besitzt die Fähigkeit, Teile des Nahen Ostens bis hin zur Türkei oder
sogar Griechenland mit chemischen und biologischen
Waffen zu bedrohen. Anfang dieses Jahres gab es
eine Konfrontation, und es gab in der westlichen Welt
auch eine sehr heftige Diskussion, ob so genannte
diplomatische Mittel die einzig verfügbaren waren.
Die Vereinigten Staaten sprachen sich für eine
Kombination diplomatischer und militärischer Mittel
aus. Wir haben beträchtliche militärische Anstrengungen dafür unternommen. Bedauerlicherweise schienen viele unserer Verbündeten über den möglichen
Einsatz von Gewalt besorgter zu sein als über die
durch die Krise entstandene Gefahr. Unsere Bestrebungen, Frieden herbeizuführen, wurden durch unsere
Unfähigkeit geschwächt, unsere Ziele klar zu definieren.
Vor allem in so komplexen Krisen wie dieser ist es für
den normalen Bürger wichtig, in der Lage zu sein,
Vorgänge zu verstehen und sich eine Meinung zu
bilden. Wenn wir unsere Bestrebungen nicht mit
mündigen Bürgern durchführen, die ein Gefühl für
Werte haben, werden unsere Maßnahmen auf bloße
Bemühungen zur Vermeidung von Konflikten reduziert.
Um erfolgreich mit einem Saddam Hussein oder
einem Slobodan Milosevic umzugehen, müssen wir
wissen, wer wir sind und für was wir eintreten. Werte
sind kompliziert und häufig schwer zu definieren. Nur
mit konstanter Überprüfung durch demokratische
Völker und den Dialog unter ihnen können wir uns
über den vor uns liegenden Weg sicher sein.
Aber während wir die uns zur Verfügung stehenden
Mittel erwägen, sind wir mit einer Dichotomie konfrontiert. Einerseits haben unsere Nationen mehr
Chancen zum Aufbau dieser demokratischen Verfas-

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�sung für die Welt - eines demokratischen Friedens als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Andererseits scheint es, daß die neuen zahlreichen
Herausforderungen oft nicht zu bewältigen und
manchmal sogar nicht zu definieren sind.
Die Bedeutung von Versammlungen wie dieser wird
noch offensichtlicher, wenn man die Vielfalt der uns
konfrontierenden Fragen hört:
Wie gehen wir mit Konflikten oder den humanitären Konsequenzen von Krieg und Konfrontation um?
Welche Rolle haben die Konzepte von nationaler Souveränität oder militärischer Sicherheit, wenn nationale Grenzen immer
mehr an Bedeutung verlieren?
Wie legitim ist die Verteidigung der nationalen
Kultur oder Religion als Ursache für militärische Aktionen? Was sind die neuen Methoden für den Umgang mit internationalen
Konflikten?
Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges
müssen wir mit der Definition der Standards beginnen,
die uns bei der Suche nach Antworten auf diese
Fragen behilflich sein können. Wenn es uns mit dem
Aufbau einer demokratischen Basis für Frieden auf
der Welt ernst ist, müssen wir sicherstellen, daß die
Prinzipien der Demokratie gut verstanden werden. Wir
müssen Leitlinien definieren, die einem mündigen
internationalen Bürger behilflich sind, ebenso wie
unsere Gesetze und Verfassungen uns bei informierten Entscheidungen zur Unterstützung der Demokratie
im Inland behilflich sind.
Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Herausforderungen. W r sind am Beginn einer neuen Friedensdisziplin, die die Instrumente der traditionellen
Diplomatie mit Standards von Demokratie und freien
Marktwirtschaften kombiniert.
Eine solche Schlußfolgerung mag unrealistisch
klingen. Humanitäre Anliegen wurden gewöhnlich in
den Bereich der Gesundheitsfürsorge oder Katastrophenhilfe verwiesen. Aber seit einiger Zeit ändern sich
die Einstellungen. Vor 25 Jahren, als die Schlußakte
von Helsinki unterzeichnet wurde, weigerten sich viele
Länder, Menschenrechte als legitimes Thema der
internationalen Beziehungen anzuerkennen.
Jetzt steht die Frage der Werte häufig im Zentrum
unserer Sicherheitspolitik. Das ist eine sachliche,
realistische
Art,
Sicherheitsherausforderungen
anzugehen. Wie können wir beispielsweise ohne eine
Reihe von Standards entscheiden, wie wir auf eine
Krise wie die im Kosovo reagieren sollen? Serbische

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Militäraktionen sind zur Verteidigung der nationalen
Souveränität, der Menschen- und kulturellen Rechte
der serbischen Einwohner gerechtfertigt. Unsere
Werte sagen uns, daß Ziele, die durch Gewalt erlangt
werden müssen, den Test unserer Menschenrechte
nicht bestehen.
Das ist nicht nur eine abstrakte Erwägung. Erinnern
Sie sich an die Debatte, ob der Einsatz von Gewalt
durch die NATO auch ohne ein UN-Mandat rechtmäßig ist. Wenn einige Länder ein solches Mandat
verweigern möchten, müssen wir entscheiden,
welches der moralische Kurs ist, zuzulassen, daß
rechtliche Strategien uns blockieren, oder unsere
Stärke und Einheit zur Vermeidung einer humanitären
Tragödie zu nutzen? Letztlich hat die NATO die
richtige Entscheidung getroffen, aber die Debatte wird
andauern. Ich bin sicher, am Ende gelangen wir zu
der Schlußfolgerung, daß Freiheit nicht teilbar ist.
Eine Agenda für die Zukunft
Das Verständnis der neuen Dynamik der atlantischen
und internationalen Beziehungen ist nur der erste
Schritt. Die Analyse der Veränderungen muß in eine
Agenda für Aktionen umgesetzt werden. Herkömmliche Arten, Geschäfte zu tätigen, müssen sorgfältig
auf ihre Bedeutung für neue Betrachtungsweisen
überprüft werden. Vor allem wird es wichtig sein zu
entscheiden, welche Faktoren für die Zukunft wirklich
von Bedeutung sind.
Was die deutsch-amerikanischen Beziehungen
anbetrifft, müssen wir hart arbeiten, um neue Mittel zur
Definition der Gesundheit unserer Partnerschaft zu
finden. Häufig sind wir noch immer mit Konzepten der
Vergangenheit belastet. Die Deutschen fragen, ob die
Vereinigten Staaten Deutschland und Europa noch als
wichtig erachten, oder ob unser Interesse jetzt Asien
gilt.
Die Amerikaner wiederum fragen sich, ob Deutschland
die Vergangenheit ablegt und dem Einfluß gerecht
wird, den es gewonnen hat.
Jedes dieser Beispiele wirft die falsche Frage auf. Seit
langem fragen wir uns nicht mehr, ob wir füreinander
Bedeutung haben oder nicht. Unsere Interessen sind
so eng miteinander verbunden, daß wir nie daran
zweifeln, ob wir Teil der gleichen Gemeinschaft sind.
In den kommenden Jahren werden wir den Wert
unserer Gemeinschaft durch ihre Ergebnisse beweisen. Insbesondere durch ihre Fähigkeit, die durch
den demokratischen Prozeß definierten Bedürfnisse
unserer Bürger zu erfüllen. Das sind wiederum die
humanitären Anliegen der Außenpolitik. Ebenso wie
die großen Konfrontationen des 20. Jahrhunderts
Geschichte geworden sind, wird die Stärke der

Seite 5

�atlantischen Partnerschaft durch ihre Erfolge bei der
Bewältigung der Herausforderungen für den Frieden
und das Wohlergehen unserer Bürger bestimmt.

Charakter haben wie die Gesundheitsfürsorge,
berufliche Ausbildung oder die Rentenreform. Sie
beinhaltet aber auch Themen wie die globale Erwärmung, Telekommunikation, und sogar den Eisenbahnverkehr.

Und ebenso wird die so häufig auf beiden Seiten des
Atlantiks gestellte Frage der sogenannten "gleichberechtigten Partnerschaft" durch Taten bestimmt, nicht
durch Worte. Noch so viele Erklärungen werden kein
gemeinsames Verantwortungsgefühl hervorbringen,
wenn wir nicht bei der Bewältigung von Herausforderungen wie den durch das neue Informationszeitalter, die Biotechnologie oder die Krise im Kosovo
entstandenen Erfolg haben.

Die herkömmlich Art, Geschäfte zu erledigen, wäre,
offizielle Regierungspositionen in die Form diplomatischer Demarchen zu kleiden. Aber in vielen Fällen gibt
es keine offiziellen Positionen. Statt dessen besteht
die große Notwendigkeit auf beiden Seiten des
Atlantiks, zu verstehen und zu verdauen. Dabei
spielen unsere umgestalteten Informationszentren
eine Rolle. Die New Traditions-Konferenz und das
daraus hervorgegangene New Traditions Network in
Berlin sind von zentraler Bedeutung für unsere
Bestrebungen.

Wir müssen unsere Fähigkeit für den Umgang miteinander auf der Grundlage eines offenen Gebens und
Nehmens verbessern, das unsere Diskussionen im
Inland charakterisiert. Die Annahme eines solchen
offenen Dialogs macht das Wesen der atlantischen
Innenpolitik aus.

Mit anderen Worten ist unser Ziel nicht der Aufbau
transatlantischer Beziehungen, sondern die Verbesserung unserer Mittel, Geschäfte in dem bestehenden Rahmen zu tätigen. Wenn wir uns auf die Arbeit
statt auf die Strukturen konzentrieren, können wir nicht
scheitern. Die Menschen für einen gemeinsamen
Zweck zusammenzubringen, ist die wirkliche Substanz einer menschlichen Dimension für die transatlantischen Beziehungen.

Aber während sich unser Dialog verbessert, müssen
wir auch lernen, seinen Inhalt zu erweitern. Die USMission in Deutschland versucht, dies durch die
Definition einer Tagesordnung wichtiger Themen
zu tun, mit denen wir uns gemeinsam befassen
können. Dazu zählen Themen, die traditionell internen

* *

Seite 6

*

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�WIRTSCHAFT

18. November 1998

Der Handel mit Emissionszertifikaten ist gut
für die Weltwirtschaft und die Umwelt
von Carol Browner und Stuart Eizenstat

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel der Leiterin des US-Umweltschutzamts, Carol Browner, und
des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium, Stuart Eizenstat. Der Artikel erschien erstmals in The Financial Times, London Edition, vom
28. Oktober 1998. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Financial Times.

Am 2. November 1998 werden sich die Vertragsparteien des im Dezember vergangenen Jahres in
Kyoto erzielten Abkommens über den globalen
Klimawandel in Buenos Aires versammeln, um die
harte Arbeit aufzunehmen, die leeren Stellen in
diesem historischen Abkommen zu füllen. Aber eine
Kontroverse über die Umsetzung der im vergangenen
Jahr ausgehandelten entscheidenden marktgestützten
Bestimmungen droht, die kontinuierlichen Fortschritte
zu stören, die jedermanns Ziel sein sollten.
Das Protokoll von Kyoto setzt ehrgeizige Ziele für
Industrienationen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen fest, die der Ansicht zahlreicher
Wissenschaftler zufolge höhere Temperaturen
verursachen und die Klimamuster der Welt stören.
Der Erhalt eines stabilen und freundlichen Klimas
erfordert eine nachhaltige Verpflichtung zur allmählichen Verringerung der Emissionen. Aus diesem
Grund ist es so wichtig, sich gleich von Anfang an
darauf zu konzentrieren, wie die Länder mit möglichst
geringen Kosten ihre Ziele erreichen können.

sionszertifikaten erlaubt. Ohne diese Flexibilität wäre
es einfach nicht möglich gewesen, so ehrgeizige Ziele
wie die von uns in Kyoto vereinbarten aufzunehmen.
Bedauerlicherweise lehnen viele Länder und Organisationen, die sich am leidenschaftlichsten für die
Lösung des Klimaproblems einsetzen, unserer Ansicht
nach fälschlicherweise ein System handelbarer
Emissionszertifikate ab oder sind entschlossen, ihm
kontraproduktive Restriktionen aufzuerlegen. Wenn
diese Sichtweise Erfolg hat, werden sich die Kosten
für den Schutz unserer Umwelt dramatisch erhöhen
und die Fähigkeit vieler Länder gefährden, Fortschritte
mit dem Protokoll zu erzielen.

Der Emissionshandel ist der Schlüssel zu starken
Emissionszielen, weil er die umfassendsten Treibhausgasreduzierungen für jeden verfügbaren Dollar,
jede Mark, jedes Pfund, jeden Franc oder Yen ermöglicht. In dem Programm der Vereinigten Staaten
für den Handel mit Zertifikaten für sauren Regen muß
jeder Verursacher ein Zertifikat für jede Tonne Schwefeldioxid haben, die er ausstößt. Für einige VerDiese Verbindung zwischen Umweltzielen und ursacher sind die Kosten der Verringerung einer
Tonne von Emissionen sehr viel höher als für andere.
kostengünstiger Umsetzung war für den Erfolg der
Verhandlungen von Kyoto von entscheidender
Diejenigen, die den billigsten Weg zur Verringerung
Bedeutung. In dem Protokoll vereinbarten die Parder Emissionen finden, werden sichtbar belohnt, weil
teien, daß die Länder ihre Ziele durch eine Kombinasie jedes Zertifikat, das sie nicht benötigen, an andere
tion von nationalen und internationalen Aktionen
verkaufen können, die sich mit höheren Kosten
erreichen können, darunter den "Handel mit Emiskonfrontiert sehen.
sionszertifikaten". Das ist ein Marktmechanismus, der
kostengünstige Reduzierungen fördert, indem er den
Die Ergebnisse sprechen für sich. In den Vereinigten
Ländern oder Unternehmen den Handel mit EmisStaaten werden die sauren Regen verursachenden

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Seite 1

�Emissionen vorzeitig zu 50 Prozent der erwarteten
Kosten verringert und machen die Luft für Millionen
von Amerikanern sauberer.
Wirtschaftswissenschaftler jeglicher Couleur stimmen zu, daß die
Kosten der Verringerung von Treibhausgasemissionen
für alle Länder - nicht nur die Vereinigten Staaten - mit
einem effizienten System handelbarer Emissionszertifikate drastisch niedriger sein werden. Allein
innerhalb der Europäischen Union sind Analysten des
europäischen Privatsektors zufolge Messungen zur
Kontrolle der Treibhausgase in manchen Ländern bis
zu sechsmal teurer als in anderen. Diese Kostenunterschiede sind noch größer, wenn man sich alle
Industrienationen betrachtet, und sogar noch größer
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Der
Handel bietet gute Anreize, indem er dort Reduzierungen ermutigt, wo sie mit den niedrigsten Kosten erzielt
werden können.
Natürlich ist der Handel mit Emissionszertifikaten kein
Ersatz für eine aggressive nationale Verpflichtung zur
Kontrolle von Treibhausgasen. Er stellt lediglich ein
Instrument für die Erfüllung einer solchen Verpflichtung dar. Die Vereinigten Staaten haben seit 1993 ein Jahr nachdem sie den ursprünglichen Vertrag über
Klimawandel unterzeichneten - nahezu 50 Programme
zur Reduzierung ihrer Emissionen und Verbesserung ihrer Energieeffizienz in die Wege geleitet. Im
Oktober vergangenen Jahres schlug Präsident Bill
Clinton maßgebliche weitere Schritte vor, darunter 6,3
Milliarden Dollar an Steueranreizen über 5 Jahre
sowie Forschungs- und Entwicklungsprogramme zur
Verringerung der Kohlendioxidemissionen durch
erhöhte Energieeffizienz und erneuerbare Energien
und zur Reduzierung der anderen Treibhausgase. In
der kürzlich beendeten Haushaltsdebatte garantierte
der Präsident eine 25-prozentige Aufstockung der
Investitionen in den Klimawandel gegenüber dem
letzten Jahr.
Die Vereinigten Staaten planen auch eine Umstrukturierung ihrer Elektroindustrie, um Marktanreize für
erneuerbare Energien und erhöhte Energieeffizienz zu
bieten. Vorgesehen sind ferner Konsultationen mit der
Industrie zur Entwicklung von Plänen für einzelne
Branchen zur Verringerung ihrer Emissionen, ein
aggressiver Plan zur Verbesserung der Energienutzung und -beschaffung durch die Bundesregierung
und schließlich nach der Ratifizierung des Protokolls
von Kyoto durch die Vereinigten Staaten ein Programm für den Handel mit Emissionszertifikaten auf
der Grundlage unserer Erfahrungen mit saurem
Regen.

*

Seite 2

*

Wir sind uns bewußt, daß viele Menschen sich fragen,
wie der Handel mit Emissionszertifikaten international
funktionieren könnte. Manche machen sich Sorgen
über die Schwächen nationaler und internationaler
Institutionen bei der Messung von Emissionen und der
Gewährleistung der Einhaltung der Bestimmungen.
Aus diesem Grund haben sich die Vereinigten Staaten
zum Aufbau eines internationalen Handelssystems
von höchster Integrität mit starken Anreizen zur
Einhaltung verpflichtet.
Tatsächlich arbeiten die
Vereinigten Staaten bereits mit mehreren Industrieund Entwicklungsländern zusammen, um deren
Fähigkeiten zur Messung von Emissionen und zur
Teilnahme an einem Emissionshandelssystem mit
hohen Standards zu verbessern.
Andere haben sich für Obergrenzen ausgesprochen,
wie viele der in Kyoto vereinbarten Ziele eine Nation
durch den internationalen Handel mit Emissionszertifikaten erreichen darf. Diese Idee hat große
Mängel. Beschränkungen des Handels würden die
administrativen Kosten stark erhöhen, wären schwierig umzusetzen und würden es allgemein viel teuerer
machen, den Klimawandel zu bekämpfen.
Tatsächlich wären die negativen Auswirkungen in
Europa noch größer als in den Vereinigten Staaten:
Die derzeit von einigen Regierungen vorgeschlagenen
Beschränkungen könnten den Preis für erlaubte
Kohlendioxidemissionen in den Vereinigten Staaten
verdoppeln und in der EU sogar verdreifachen - ohne
irgendwelche Verringerungen bei den weltweiten
Treibhausgasemissionen über die in Kyoto gesteckten
Ziele hinaus zu erreichen. Eine Beschränkung des
Handels mit Emissionszertifikaten wird dazu führen,
daß jegliche Emissionsverringerung mehr kostet. Es
ist wenig sinnvoll, Ressourcen in Zeiten unsicherer
Wachstumsaussichten in der Weltwirtschaft zu
verschwenden oder das Potential des Emissionshandels für die Ankurbelung von Investitionen und
Innovationen sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen
zu beschränken.
Wir schulden es zukünftigen Generationen, sie vor
den schädlichen Auswirkungen des Klimawandels zu
schützen. Aus diesem Grund baut Buenos Aires auf
dem in Kyoto Erreichten auf. Der beste Weg zum
Schutz der Umwelt besteht darin, die richtigen wirtschaftlichen Anreize zu geben und dadurch möglichst
schnell einen möglichst einschneidenden Abbau zu
möglichst geringen Kosten zu erzielen. W r wollen
zusammenarbeiten, das Richtige tun und uns um
Umwelt und Weltwirtschaft gleichermaßen kümmern.

*

*

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�LANDWIRTSCHAFT

18. November 1998

Wiederaufnahme der multilateralen
Agrarverhandlungen
Rede von Botschafter Scher

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Sonderbotschafter für
Landwirtschaft, Peter L. Scher, am 29. Oktober 1998 vor dem Bundesverband des deutschen Groß- und
Außenhandels gehalten hat.

Ich möchte die amerikanische Perspektive zur
Wiederaufnahme der multilateralen Agrarverhandlungen, die im nächsten Jahr erfolgt, und zu den
Bestrebungen Europas zur Reform seiner Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) - besser bekannt als
Agenda 2000 - darlegen. Das sind äußerst wichtige
Themen, insbesondere für Deutschland, dessen
bevorstehende EU-Präsidentschaft absolut entscheidend sein wird. Das erfolgreiche Ergebnis jeder
einzelnen dieser Bestrebungen hängt vom Erfolg der
jeweils anderen ab. Es ist sehr schwierig, sich ein
positives Ergebnis der Verhandlungsrunde 1999
vorzustellen ohne den Erfolg der Agenda 2000 und
vice versa.
Ich möchte mit einem Argument beginnen, das viele
schwer anzunehmen finden. Das Argument lautet,
daß die Landwirte in Europa und in den Vereinigten
Staaten gleichermaßen Interesse an weiteren Handelsreformen als Ergebnis der Verhandlungen im Jahr
1999 und an substantiellen Reformen der GAP im
Rahmen der Agenda 2000 haben.
Die Landwirte in den Vereinigten Staaten und in
Europa produzieren für etablierte Binnenmärkte mit
wenig Wachstumspotential.
Unsere jeweiligen
Bevölkerungen machen nur einen kleinen Teil der
Verbraucher weltweit aus. Beispielsweise leben 96
Prozent der Verbraucher weltweit außerhalb der
Vereinigten Staaten. Obwohl der Prozentsatz für
Verbraucher außerhalb der EU etwas geringer ist,
bleibt die Tatsache bestehen, daß über 90 Prozent der
landwirtschaftliche Produkte kaufenden Verbraucher

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für die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
ausländische Verbraucher sind.
Die Welt wächst immer noch und nimmt jedes Jahr um
weitere 100 Millionen Menschen zu, und die Macht der
aufsteigenden Mittelschichten, Verbraucher mit
höheren Einkommen und den Mitteln zur Verlagerung
ihrer Konsummuster sind zur entscheidenden Triebkraft für die Märkte geworden.
In Indien wird es beispielsweise bis zum Jahr 2005
115 Millionen neue Angehörige der Mittelschicht
geben. In China, der wahrscheinlich am schnellsten
wachsenden Volkwirtschaft der Welt, wird es bis zum
Jahr 2005 196 Millionen neue Angehörige der Mittelschicht geben. Diese Verbraucher sind Kunden und
verkörpern einen boomenden potentiellen Markt für
Agrarprodukte.
Als der Kongreß vor zwei Jahren das bahnbrechende
Gesetz über Freiheit für die Landwirtschaft verabschiedete, trugen die Abgeordneten der Tatsache
Rechnung, daß die traditionelle amerikanische
Landwirtschaftspolitik einer Bindung staatlicher
Unterstützung an die Produktion und die Einführung
einer unbefristeten Verpflichtung zu staatlicher
Unterstützung die Märkte verzerrte. In der Debatte
über die Agenda 2000 sehe ich Parallelen - insbesondere im Kontext der Erweiterung der Europäischen Union um die osteuropäischen Länder - die
viele Politiker in Europa zwingen, die Notwendigkeit,
wenn nicht sogar die Unvermeidbarkeit substantieller
marktorientierter Reformen der GAP in Frage zu
stellen.

Seite 1

�I

Der Schlüssel zur Wiederherstellung der Einkommen in der Landwirtschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks sind nicht Handelshemmnisse und andere
handelsverzerrende Maßnahmen, die versuchen, die
Kosten landwirtschaftlicher Subventionen auf andere
Länder zu verlagern, sondern Zusammenarbeit, um
Zugang zu ausländischen Märkten zu erlangen.
Vorteile für die amerikanische Landwirtschaft
durch die globale Wirtschaft
Ich möchte an dieser Stelle kurz hervorheben, daß die
Forderungen der Vereinigten Staaten nach einer GAPReform und weiteren Agrarhandelsreformen nicht ein
Washingtoner Phänomen sind, sondern die grundlegende Erkenntnis der Bedeutung von Handel unter
amerikanischen Landwirten widerspiegeln.
Ich
komme regelmäßig mit amerikanischen Landwirten großer und kleiner Betriebe - zusammen, die ziemlich
hartnäckig Informationen über die von uns bei der
Öffnung ausländischer Märkte erzielten Erfolge haben
möchten.
Das ist der Fall, weil es keinen anderen Sektor der
amerikanischen Wrtschaft gibt, in dem die Verbindung
zwischen Handel und Wohlstand klarer ist als in der
Landwirtschaft. Die amerikanischen Landwirte und
Viehzüchter sind doppelt so abhängig vom Außenhandel wie die amerikanische Volkswirtschaft insgesamt, wobei die Exporte schätzungsweise 30
Prozent der Bruttoeinnahmen in Bargeld ausmachen.
Insgesamt ist jeder dritte Hektar der amerikanischen
landwirtschaftlichen Betriebe dem Export vorbehalten.
Nothilfe für die amerikanischen Landwirte
Ich weiß, daß viele von Ihnen an diesem Punkt
denken, Amerika sei nur an Marktreformen interessiert, wenn die Preise und Exporte hoch sind.
Wenn die Preise oder Exporte nachgeben, würden die
Vereinigten Staaten schnell dem Gesetz über Freiheit
für die Landwirtschaft den Rücken kehren und wieder
auf Subventionen zurückgreifen.
Ich muß ganz
entschieden sagen, daß das schlicht und einfach nicht
wahr ist.
Die Genehmigung von 6 Milliarden Dollar durch den
Kongreß als Nothilfe für die amerikanische Landwirtschaft stellt keinen Rückzug von den marktorientierten
Reformen des Gesetzes über Freiheit für die Landwirtschaft dar. Vielmehr reagieren die Administration und
der Kongreß von Fall zu Fall auf einen drastischen
Rückgang der landwirtschaftlichen Einkommen durch
verringerte Exporte aufgrund der asiatischen Finanzkrise und einer Reihe von Naturkatastrophen im
Inland. Die Hilfe steht voll und ganz im Einklang mit
unseren Verpflichtungen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) und wird die internationalen
Märkte nicht verzerren. Ich möchte Ihnen kurz ei-

Seite 2

ne Übersicht über die Komponenten des Hilfspakets
geben:
Ein ganzes Drittel des Hilfspakets (2,4 Milliarden Dollar) werden die Landwirte für Ernteverluste aufgrund von Katastrophen im Jahr
1998 und den vorherigen Jahren entschädigen.
Den Landwirten wird einmalig eine 50-prozentige Aufstockung der jährlichen Zahlungen im
Rahmen des Gesetzes über Freiheit für die
Landwirtschaft (3,1 Milliarden Dollar) zugesagt. Die Erhöhung der Zahlungen soll den
Landwirten beim Ausgleich der durch außergewöhnliche Konjunkturabschwünge wie in
Asien verursachten Exportverluste behilflich
sein.
Das Maßnahmenpaket sieht Nothilfefuttermittel (200 Millionen Dollar) für Viehzüchter
vor, die 1998 ihre Futterbestände aufgrund
von Katastrophen verloren haben.
Die Maßnahme sieht eine Reihe von Steuererleichterungen für Landwirte vor (im Wert
von 1 Milliarde Dollar).
Folgendes sieht das Hilfspaket nicht vor: Es stellt
keine Mittel für Exportsubventionen oder andere
handelsverzerrende Maßnahmen bereit. Die gesetzlich vorgeschriebenen Obergrenzen bei Vermarktungskrediten bleiben unverändert. Die Hilfe ist nicht
unbegrenzt. Diese Maßnahme reagiert auf akute
Schwierigkeiten der amerikanischen Produzenten, und
die Kosten werden vollständig von den Vereinigten
Staaten getragen. Sie hebt die Marktorientierung des
Gesetzes über Freiheit für die Landwirtschaft nicht
auf.
Das Gebot weiterer Handelsreformen
Obwohl die Uruguay-Runde ein bahnbrechendes
Abkommen für die Landwirtschaft war - es wurde
mehr getan, um den Agrarhandel zu liberalisieren und
die Landwirtschaft in das System einzubinden als in
allen vorherigen Runden zusammengenommen müssen wir uns bewußt machen, daß die Landwirtschaft noch viel tun muß, um ihre Reformen abzuschließen und vollständig in das Welthandelssystem integriert zu werden. Die Vereinigten Staaten
beabsichtigen, aktiv an der Gestaltung der Agenda
sowie am Umfang, Inhalt und Zeitplan der neuen
Agrarverhandlungen im nächsten Jahr durch die
WTO-Mitglieder mitzuwirken.
Während wir auf die Wederaufnahme dieser Verhandlungen warten, besteht unsere Herausforderung darin,
auf den Marktöffnungserfolgen der Uruguay-Runde

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�•

«

aufzubauen und ein Welthandelssystem zu schaffen,
das zur globalen Nahrungsmittelversorgung beiträgt.
Zu unseren Zielen zählen größerer Marktzugang,
Abbau und Abschaffung handelsverzerrender Subventionen, weitere Reformen bei inländischen Stützpreisen, Bereitstellung von Disziplinen für Staatshandelsunternehmen und die Nutzung der Vorteile
neuer Technologien durch die globalen Produzenten
und Verbraucher.
Exportwettbewerb. Exportsubventionen sind in den
WTO-Vorschritten für keine Industrie mit Ausnahme
der Landwirtschaft erlaubt.
Ihr Einsatz bewirkt
Handelsverzerrungen, und sie sind symptomatisch für
ein Ungleichgewicht in der Agrarpolitik eines Landes,
das innenpolitisch behoben werden muß. Die Kosten
innenpolitischer Entscheidungen sollten von dem Land
getragen werden, das sie trifft und nicht seinen
Handelspartnern durch Exportsubventionen aufgehalst
werden. Wir sollten uns bei den Verhandlungen 1999
auf die Definition von Exportsubventionen und die
Aufstellung eines Zeitplans für ihre schrittweise
Abschaffung konzentrieren. Exportsubventionen sind
in der Landwirtschaft ebenso abzulehnen wie in allen
anderen Industriezweigen, und es gibt keinen offensichtlichen Grund, sie beizubehalten.
Marktzugang. Beim Marktzugang müssen wir noch
sehr viel tun. Die Uruguay-Runde hat die Zölle zu
hoch festgesetzt.
Der durchschnittliche Zoll für
nichtlandwirtschaftliche

Die Weichen für echte Reformen sind gestellt. Öffnen
Sie die Märkte weiter und senken Sie bis zum Ende
der Übergangsperiode alle Zölle auf ein ausgehandeltes Minimum. Da die Zölle auf landwirtschaftliche Produkte 10 Mal so hoch sind wie auf nichtlandwirtschaftliche Produkte, benötigen wir eindeutig
umfassende Zollsenkungen, und die höchsten Zölle
müssen am meisten gesenkt werden.

i

Heimische Unterstützung. Die Vereinigten Staaten
unterstützen uneingeschränkt das Recht jeder Nation
auf Bestimmung des Ausmaßes landwirtschaftlicher
Förderung, das ihr angemessen erscheint. Wir
bestehen jedoch darauf, daß eine politische EntScheidung zur Stützung der Landwirtschaft nicht auf
politischen Instrumenten basieren sollte, die die
Kosten dieser Unterstützung auf andere Länder
abwälzen. In dieser Hinsicht ist es unerläßlich, daß
die 1999 beginnenden Verhandlungen zu einer
Trennung heimischer Unterstützung von heimischer
Produktion führen.

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Staatshandelsunternehmen können den Handel
verzerren und operieren oft im Geheimen. Das
Agrarhandelssystem hat durch WTO-Disziplinen bei
Staatshandelsunternehmen viel zu gewinnen, weil
diese einigen Ländern gestatten, Exporte auf der
Grundlage von Offenmarkttransaktionen zu unterbieten und Importe zu beschränken. W r wollen auf
unseren laufenden Bestrebungen in der WTO-Arbeitsgruppe für Staatshandelsunternehmen aufbauen,
damit wir auf diesem Gebiet aggressiv Fortschritte
machen können, wenn die Verhandlungen beginnen.
Die Biotechnologie beinhaltet für die Verbraucher und
Hersteller von Nahrungsmitteln und für die Umwelt
enorme Versprechen. Angesichts der Zunahme der
Weltbevölkerung um jährlich zwei Prozent sind jedes
Jahr 80 Millionen Menschen zusätzlich zu ernähren.
Schätzungen zufolge wird sich die weltweite Nachfrage nach Nahrungsmitteln innerhalb der nächsten 50
Jahre verdreifachen. Im Jahr 2030 werden in Asien
4,5 Milliarden Menschen leben, und der durchschnittliche tägliche Verbrauch an tierischem Eiweiß wird
sich nahezu vervierfachen und 60 Gramm betragen.
Die wachsende Mittelschicht in Lateinamerika und
anderen Ländern verlangt hochwertigere Kost.

Produkte liegt jetzt bei 4

Prozent, während der durchschnittliche Zoll für
landwirtschaftliche Produkte bei über 40 Prozent liegt
und die Zölle für einige Produkte 300 Prozent übersteigen.

i

Neue Themen. Obwohl die Uruguay-Runde wirksame Disziplinen in traditionellen Problembereichen
eingeführt hat, haben sich solche Disziplinen auf
einigen neuen Gebieten noch nicht durchgesetzt:

Wir müssen uns heute darauf vorbereiten, die Nachfrage von morgen nach Lebensmitteln zu befriedigen.
Die Biotechnologie kann uns dabei helfen, auf dem
gesamten Globus eine tragfähige Landwirtschaft bis
weit ins nächste Jahrhundert sicherzustellen.
Ich möchte mich zu zwei Punkten ganz deutlich
ausdrücken: Erstens respektieren wir das Recht jedes
Landes auf hohe Standards für Lebensmittelsicherheit. Auch wir nehmen dieses Recht für uns in
Anspruch, um die Sicherheit amerikanischer Lebensmittel zu gewährleisten. W r sind bereit, uns an
Normen für die Nahrungsmittelsicherheit zu halten, die
transparent sind, auf wissenschaftlichen Prinzipien
gründen und einen klaren und rechtzeitigen Genehmigungsprozeß für Biotechnologieprodukte vorsehen.
Zweitens haben wissenschaftliche Erkenntnisse und
Tests in den Vereinigten Staaten, der EU, Japan und
anderen Ländern gezeigt, daß Produkte, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten oder daraus
hergestellt wurden, sicher und gesund sind.
Wir sind uns bewußt, daß die Sorge der Öffentlichkeit
über die Nahrungsmittelsicherheit den Genehmigungsprozeß für Biotechnologieprodukte innerhalb der
EU überschattet. Diese Sorge wird noch durch den
Mangel an einem etablierten institutionellen Über-

Seite 3

�prüfungsprozeß auf EU-Ebene verstärkt, der eine
bessere Grundlage für öffentliche Sicherheit und das
Vertrauen in die Sicherheit dieser Produkte bieten
könnte. Dennoch müssen solide wissenschaftliche
Erkenntnisse die Richtlinie für die Gewährleistung von
Nahrungsmittelsicherheit bieten.
Es gibt hierzu
einfach keine Alternative.
Darüber hinaus müssen wir zusammenarbeiten um
sicherzustellen, daß die potentiellen Vorteile neuer
Technologien nicht im Labyrinth restriktiver und
überflüssiger Bestimmungen verloren gehen. Im
Gegenteil: Wenn wir die Vorteile der Biotechnologie
nicht nutzen, gehen wir das Risiko ein, daß sich das
unverhältnismäßig auf die ärmsten Nationen der Welt
auswirkt.
Die Debatte über die EU-Agrarreform ist entscheidend für die Verhandlungen 1999
Obwohl viele Beobachter in den Vereinigten Staaten
und weltweit die für 1999 anberaumten Verhandlungen als größte Chance für echte Reformen betrachten, könnte eine weitere Handelsliberalisierung
großenteils vom Ergebnis der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU abhängen.
Obwohl die GAP eine wichtige, definierende I nstitution
der frühen europäischen Integration war, ist sie immer
sehr teuer gewesen und bleibt es auch.
Die
MacSharry-Reformen waren ein Anfang, aber neue
Herausforderungen machen die Kosten einer veralteten Agrarpolitik noch offensichtlicher. Abgesehen
von den wohl bekannten Kosten für Steuerzahler und
Verbraucher zahlt eine vierköpfige Durchschnittsfamilie in Europa Schätzungen der OECD zufolge
jährlich 1.500 Dollar mehr für Lebensmittel, weil durch
die GAP die Preise künstlich hoch gehalten werden.
Man könnte sagen, daß diese Kosten nur Europa
etwas angehen und die Zukunft der GAP eine ausschließlich europäische Angelegenheit ist. Aber das
ist einfach nicht wahr. Die GAP überträgt von Natur
aus und durch ihre Funktionsweise ihre Kosten auf
das Welthandelssystem sowie die landwirtschaftlichen
Produzenten und Exporteure auf der ganzen Welt,
indem sie den Welthandel verzerrt.
Agrarexportnationen, viele von ihnen Entwicklungsländer, sehen sich der doppelten Frustration gegenüber, nicht auf den teuren europäischen Markt
exportieren zu können, während die von der EU
subventionierten Exporte die Preise weltweit drücken.
Am Vorabend der für 1999 anberaumten Verhandlungen sieht sich Europa überzeugenden Argumenten
von vielen Seiten für echte Reformen der GAP
gegenüber - Reformen, die mutig genug sein müssen,
um die EU-Landwirtschaft marktorientiert zu gestalten.

Seite 4

Heute zwingen Prognosen eines wachsenden Getreidebergs, von der WTO verhängte Beschränkungen
heimischer Stützungen und Exportsubventionen sowie
die drohenden Kosten des Beitritts der Agrarländer
Osteuropas zu weiteren Reformen. Zahlreiche interne
Studien der EU-Kommission fordern Reformen.
Obwohl die Agenda 2000 einige positive Schritte
unternimmt, indem sie auf größere wirtschaftliche
Effizienz abzielt, warne ich vor kleinen, zaghaften
Schritten. Produzenten, Verbraucher und Händler von
Agrarprodukten können nur profitieren, wenn Entscheidungen als Reaktion auf Signale des Marktes
und nicht auf das Diktat staatlicher Programme
getroffen werden. In dieser Hinsicht sind noch
entschiedenere Schritte zur Trennung staatlicher
Stützungsmaßnahmen von spezifischen Produktionsund Anbauflächenerfordemissen notwendig. Eine
echte Marktorientierung verlangt mutige neue Schritte
zur Abschaffung von Preisstützungen, Produktionsund Exportsubventionen sowie allen im Zusammenhang mit der Produktion stehenden Einkommensstützungen.
Schlußbemerkung
Ebenso wie die amerikanische Zusammenarbeit mit
Europa bei Sicherheitsfragen in der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg die Grundlage für den Frieden
schuf, stellen die Handelsbeziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU die Verankerung für
das internationale Handelssystem seit der Einführung
des GATT 1948 dar. In den 50 Jahren seit der
Gründung des GATT war die Welt Zeuge unglaublicher Vorteile durch sukzessive, kooperative Bestrebungen zur Liberalisierung des multilateralen Handels.
Das Agrarabkommen der Uruguay-Runde wurde erst
möglich, nachdem die Vereinigten Staaten und die EU
gemeinsam ein Abkommen über die Parameter der
Agrarreform erzielt hatten.
Die Agrarhandelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union sind
mehr als ein hoch entwickeltes ökonomisches Unterfangen. Sie befassen sich mit der Führungsrolle der
weltweit größten Agrarproduzenten und -händler.
Eine Führungsrolle, die die Weltmärkte öffnet. Eine
Führungsrolle, die die Institutionen des Welthandelssystems respektiert und unterstützt. Eine Führungsrolle, die weltweite Nahrungsmittelsicherheit gewährleistet und den Hunger auf der Welt bekämpft. Eine
Führungsrolle, die die öffentliche Gesundheit durch
eine Lebensmittelversorgung auf der Grundlage
wissenschaftlicher Prinzipien schützt, die transparent
sind und einheitlich durchgesetzt werden.
Eine
Führungsrolle, die aufklärt, anstatt die Ängste der
Öffentlichkeit zu schüren.

AMERIKA DIENST 23

�Während wir uns auf das nächste Jahrhundert
vorbereiten, wird eine marktorientierte europäische
Agrarpolitik uns gestatten, gemeinsam die steigende
Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu befriedigen und

den Produzenten in den Vereinigten Staaten und
Europa erlauben, fair miteinander zu konkurrieren.
Das wäre eine gute Nachricht für das Welthandelssystem.

* * * * *

AMERIKA DIENST 23

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Irak&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Irak zu Kooperation mit den UN-Waffeninspektoren bereit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Präsident Clinton &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle für die Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Europa&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Eine menschliche Dimension für die transatlantischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Handel mit Emissionszertifikaten ist gut für die Weltwirtschaft und die Umwelt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Carol Browner und Stuart Eizenstat&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Landwirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wiederaufnahme der multiateralen Agrarverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Scher&lt;/em&gt;</text>
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*

amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

3. Dezember 1998

24

IRAK

IRAK MUSS SEINEN VERPFLICHTUNGEN
NACHKOMMEN
von Samuel Berger

USA-DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN AM ENDE DES
20. JAHRHUNDERTS
Rede von Botschafter John C. Kornblum

THANKSGIVING

CLINTON PREIST DIE VIELFALT AMERIKAS
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

DeichmannsAue29
D 53170 Bonn

Tel. 0228-3392956
Fax 0228-333138
Internet http://www.usembassy.de

�IRAK

2. Dezember 1998

Irak muß seinen Verpflichtungen nachkommen
von Samuel Berger

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Nationalen Sicherheitsberaters des Präsidenten,
Samuel Berger.

Vor einer Woche hoffte Saddam Hussein, sich alle
Möglichkeiten offenzuhalten, indem er der internationalen Staatengemeinschaft die Stirn bot und
gleichzeitig ein Ende der internationalen Sanktionen
forderte. Seine Nachbarn und die Welt bestanden
jedoch darauf, daß der Irak seine Verpflichtungen
vollständig erfüllt, und die Vereinigten Staaten und
Großbritannien machten deutlich, daß sie zur Unterstützung dieser Forderung durch militärische Gewalt
bereit waren.
Angesichts der entschlossenen und geeinten internationalen Reaktion kapitulierte Saddam Hussein. Jetzt
sind die UN-Waffeninspektoren in den Irak zurückgekehrt und tun ihre Arbeit - nicht, weil wir Saddams
Zusicherungen trauen, sondern weil wir sie überprüfen
wollen.
Seit Beginn der Krise haben wir darauf hingewiesen,
daß wir unsere gemeinsamen Ziele am besten durch
die Wiederaufnahme der UN-Waffeninspektionen im
Irak erreichen können, weil diese das effektivste Mittel
darstellen, Saddam Hussein auf die Spur zu kommen,
ihn vom Wiederaufbau der Waffen abzuhalten, die er
gegen sein eigenes Volk und die Welt eingesetzt hat,
und diese zu vernichten. Nachdem der Irak jetzt
nachgegeben und den Inspektoren die Rückkehr
gestattet hat, sind die Nationen der ganzen Welt einschließlich der Nachbarn des Irak in der arabischen
Welt - in der beharrlichen Forderung geeint, daß der
Irak seinen Verpflichtungen nachkommt. Und es ist
wichtig, den Grund dafür zu verstehen.
Erstens hat die ganze Welt genug von den ständigen
Täuschungsmanövern und Zuwiderhandlungen des
Irak. Der Irak stimmte einer Bedingung für den
Waffenstillstand im Golfkrieg zu - der Offenlegung
seines gesamten Arsenals von Massenvernichtungs-

AMERIKA DIENST 24

waffen innerhalb von 14 Tagen. Statt dessen verbrachte er den Großteil des Jahrzehnts damit, sich
seinen Verpflichtungen zu entziehen, den Inspektoren
Informationen vorzuenthalten, ihre Arbeit zu behindern
und Informationen direkt vor ihren Augen zu vernichten. Es gibt kein eindeutigeres Beispiel als die
jüngste Entdeckung, daß der Irak VX - die tödlichste
Chemikalie der Welt - hergestellt und Raketengefechtsköpfe damit bestückt hat, die er jederzeit gegen
seine Nachbarn einsetzen kann. Experten aus mehr
als einem Dutzend Ländern haben diese Erkenntnis
jetzt bestätigt.
Zweitens erinnert sich die ganze Welt an die jüngere
Geschichte und weiß, daß Saddam eine Bedrohung
für den Frieden darstellt. Jahr für Jahr hat Saddam in
einem Konflikt nach dem anderen gezeigt, daß er den
Besitz von Waffen anstrebt, um diese einzusetzen.
Und jedes Mal, wenn er sie einsetzte, waren seine
Opfer die Menschen im Nahen Osten. Er führte einen
ein Jahrzehnt währenden Krieg gegen den Iran, der
mindestens eine halbe Million Menschenleben
forderte. Er setzte wiederholt Chemiewaffen gegen
iranische Soldaten ein und feuerte SCUD-Raketen auf
iranische Städte ab. 1990 marschierten seine Truppen in Kuwait ein, exekutierten alle, die Widerstand
leisteten, plünderten das Land, setzten 600 Ölquellen
in Brand, ließen Millionen Tonnen Erdöl in den
Persischen Golf ab und griffen Riad und Manama mit
Raketen an.
Das Hauptopfer der Mißregierung von Saddam
Hussein ist die irakische Bevölkerung. Mehr als
70.000 irakische Kurden verschwanden 1988 wahrend
Saddams mörderischer Anfal-Kampagne, mindestens
5.000 wurden durch Senfgas getötet. Über 150.000
arabische Bewohner der Sumpfgebiete wurden aus
ihren Dörfern vertrieben, als irakische Soldaten die

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�südlichen Marschen nach dem Golfkrieg trockenlegten; ihre Kultur wurde zerstört, viele wurden von
Artilleriegranaten und Kampfhubschraubern niedergemetzelt. 1997 wurden den Vereinten Nationen zufolge
im Irak etwa 1.500 politische Gefangene erschossen. Heute leben alle Iraker in der Angst vor willkürlicher Verhaftung und Deportation aus ihren
Häusern.
Seit sieben Jahren versucht die internationale Staatengemeinschaft - nicht Saddam Hussein - das
irakische Volk am Leben zu erhalten.
Als nach dem Einmarsch Saddams in Kuwait Sanktionen gegen den Irak verhängt wurden, nahmen die
Vereinten Nationen Nahrungsmittel, Medikamente und
andere humanitäre Hilfsgüter davon aus. Nach dem
Golfkrieg ergriffen die Vereinigten Staaten die Führungsrolle, als sie vorschlugen, dem Irak den Verkauf
einer bestimmten Menge Erdöls zu gestatten, damit er
deren Erlös für den Kauf humanitärer Güter verwenden kann. Bis 1996 weigerte sich Saddam Hussein,
das zu tun, und hoffte, die Weltmeinung durch das
Aushungern seines Volkes manipulieren zu können.
Das Programm "Öl für Nahrungsmittel" bringt ungefähr
3 Milliarden Dollar jährlich ein, mit denen der Irak
Nahrungsmittel und Medizin kaufen kann.
Die
Lebensmittelversorgung im Irak hat sich verbessert:
Der Durchschnittsbürger erhält pro Tag ungefähr
2.030 Kalorien - eine Menge, die das von den Vereinten Nationen empfohlene tägliche Minimum
übersteigt. Die humanitäre Hilfe für den Irak entspricht fast der gesamten Hilfe der Vereinten Nationen
für alle Länder der Welt während der letzten drei Jahre
zusammengenommen.
Dennoch behindert Saddam Hussein das Programm
und lehnt ausländische Nahrungsmittel- und Medikamentenspenden ab. In der Zwischenzeit gibt die
irakische Regierung ihr Geld für den Bau verschwenderischer Paläste aus, versteckt ihre Waffen und
hortet Lebensmittel für ihre Elitemilitäreinheiten. Der
Irak nimmt Hunderte Millionen Dollar durch den
Schmuggel ein, aber der Großteil dieses Geldes fließt
in die Taschen von Saddam Husseins Familie und
ihrer Anhänger. Seit der Einführung des Programms
"Öl für Nahrungsmittel" hat das Regime seine eigenen
Nahrungsmittelkäufe um 300 bis 500 Millionen Dollar
pro Jahr verringert.
Unter den internationalen Sanktionen ist es Saddams
Regime zur Zeit nur erlaubt, seine Einnahmen aus
den Ölverkäufen für zweierlei auszugeben: Nahrungsmittel und Medikamente. Wenn die Sanktionen

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aufgehoben würden, könnte Saddam Hussein den
ölreichtum seines Landes ganz nach seinem Belieben
ausgeben. "Öl für Nahrungsmittel" würde wahrscheinlich zu "Öl für Panzer". Das irakische Volk
würde wahrscheinlich weniger zu essen bekommen.
Die Nachbarn des Irak müßten zweifelsohne mehr
Angst haben.
Aus diesem Grund werden die Vereinigten Staaten
weiterhin mit Geduld und Entschlossenheit Saddam
Hussein daran zu hindern versuchen, sein Volk zu
gefährden, seine Nachbarn zu bedrohen und die
Sicherheit der Welt zu unterminieren.
Wir suchen nicht die Konfrontation mit dem Irak,
sondern vielmehr das Ende der Konfrontation des Irak
mit der Welt. Wir stellen die Integrität des Irak als
Nation nicht in Frage, sondern vielmehr die Unterdrückung des irakischen Volkes durch die irakische
Regierung, die den Irak entzweit. Unsere Politik ist
dahingehend proirakisch, daß ihre Ziele im Einklang
mit den Interessen der großen Mehrheit des irakischen Volkes stehen. Sie ist dahingehend proislamisch, daß sie versucht, einen Irak aufzubauen, in
dem alle gläubigen Menschen in Frieden leben
können, und einen Nahen Osten, in dem alle gläubigen Menschen in Sicherheit leben können.
In der Tat spiegeln die sechs Millionen amerikanischen Muslime, die in der wachsenden Zahl von
Moscheen und islamischen Zentren ihre Religion
ausüben, die Realität wider, daß es keinen Konflikt
zwischen dem Islam und Amerika gibt. Wie Präsident
Clinton erklärt hat, werden wir auf einem Kurs der
Freundschaft und Achtung für die muslimische Welt
bleiben, selbst während wir versuchen, alle Amerikaner miteinander auszusöhnen und größere Einheit in
unserer zunehmenden Vielfalt zu finden. Wir werden
weiterhin nach gemeinsamen Werten, gemeinsamen
Interessen und gemeinsamen Unternehmungen
suchen.
Gegenüber einem verbrecherischen Regime mit
Massenvernichtungswaffen und einer Geschichte
ihres Einsatzes müssen die Vereinigten Staaten und
ihre Freunde in der muslimischen Welt natürlich
weiterhin geeint sein - denn wir sind alle gefährdet.
Wir alle hoffen zutiefst, daß der Irak der Staatenfamilie
wieder als freiheitsliebendes und gesetzestreues
Mitglied beitritt. Wir alle müssen zusammenarbeiten,
um diese Hoffnung zu verwirklichen - in unserem
eigenen Interesse und im Interesse des langen
Leidens des irakischen Volkes.

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�USA-DEUTSCHLAND

2. Dezember 1998

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen
am Ende des 20. Jahrhunderts
Rede von Botschafter John C. Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, bei der Deutschen Bank in Berlin vom 13.
November 1998.

Ich danke Ihnen für die Einladung, heute hier eine
Rede zu halten. Das Thema - die deutsch-amerikanischen Beziehungen am Ende des 20. Jahrhunderts ist uns sowohl vertraut als auch etwas unbekannt.
Vertraut, weil unsere Partnerschaft einzigartig und
natürlich ist. Sie ist auch sehr erfolgreich. Das
Thema ist etwas unbekannt, weil die Gegebenheiten
sich völlig verändert haben. Unsere Tagesordnung
hat sich erweitert. Wir arbeiten nicht nur Seite an
Seite, um ein geteiltes Berlin zu verteidigen oder
Freiheit in Osteuropa zu erreichen. Zusammen mit
unseren Partnern sind wir mit einer Fülle von Herausforderungen konfrontiert - Herausforderungen ohne
klare Definition oder Lösungen.
Wir müssen zusammenarbeiten, um die neue revolutionäre Entwicklung in Wirtschaft und Technologie zu
meistern. Wir müssen auch zusammenarbeiten, um in
einer Welt mit größerer Offenheit und Interdependenz
Stabilität zu bewahren. Die gesellschaftlichen und
sozialen Implikationen alternder Bevölkerungen sind
ein weiterer Problembereich. Es gibt nicht länger
deutsch-amerikanische oder europäisch-amerikanische Fragen. Wir bauen eine integrierte Gesellschaft. Die uns konfrontierenden Fragen sind in
Außen- und Innenpolitik zunehmend ähnlich. Das
heißt nicht, daß es keine geschichtlichen, geographischen und kulturellen Unterschiede gibt. Das Ladenschlußgesetz in Deutschland ist ein Beispiel.
In Europa ist es auch dringend notwendig, einen
tieferen politischen Konsens zu wichtigen Zielen zu
finden. Aber wenn ich höre, daß der MercedesStern bald auf dem Chrysler-Verwaltungsgebäude
stehen wird - oder Bertelsmann bald Englisch

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als Geschäftssprache einführen wird, ist es klar, daß
sich grundsätzlich etwas verändert hat.
Heute möchte ich aus meiner Sicht einige der wichtigsten Elemente dieses neuen Zeitalters erörtern.
Erstens Europa. Seit 1990 scheint es offensichtlich,
daß die europäischen Staaten an der Verwirklichung
unserer gemeinsame Agenda gehindert sein werden,
wenn sie nicht zu einem größeren Konsens gelangen.
Das heißt nicht unbedingt, daß man immer mit einer
Stimme sprechen oder alles in Brüssel ratifizieren
muß. Es heißt, Konsens über die Bedeutung und den
Umfang der europäischen Integration zu erzielen.
Deutschland und die Vereinigten Staaten sind durch
eine lange Geschichte verbunden - eine Freundschaft,
die in zwei grausame Kriege hineingezogen wurde.
Nach 1945 war es nicht möglich, einfach dort weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten. Wir mußten etwas
völlig Neues schaffen.
Dieses völlig Neue ging aus den Herausforderungen
des Kalten Krieges und der Bedrohung der Demokratie in ganz Europa durch die Sowjetunion hervor.
Unsere gemeinsame Antwort auf die Berlin-Blockade
vor fünfzig Jahren - Festigkeit und Mut auf Seiten der
Deutschen und Amerikaner gleichermaßen - stellte die
Weichen für die Schaffung einer integrierten Vision
von einem neuen Europa.
Wenn Druck von außen wie die sowjetische Bedrohung einige unserer größten Herausforderungen
und größten Erfolge bedeutete, dann waren die den
Amerikanern und Deutschen gemeinsamen Eigen-

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�Schäften - wie Pragmatismus und Weitblick - entscheidend für den Aufbau unserer Partnerschaft.
Unsere beiden Länder hatten eine Vision für Europa eine Vision, zu der die Verpflichtung zu der neuen
atlantischen Gemeinschaft gehörte, die aus den
Ruinen des alten europäischen Gleichgewichts
entstanden war. Und Deutschland brachte Energie,
Mut und eine Vision von Demokratie für Deutschland
und Europa ein. Deutschlands Weitblick als führende
Macht in Europa zeigt sich in vielfältiger Weise. Einige
Beispiele ragen heraus, wie Deutschlands Vision einer
gemeinsamen Währung und seine Beteiligung an der
internationalen Friedenstruppe um sicherzustellen,
daß Bosnien Frieden und Unabhängigkeit genießen
kann. Das war kein einfacher Schritt für Deutschland,
und ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Solidarität und
Ihrem Verantwortungsbewußtsein. Als jemand, der
maßgeblich an der Gestaltung der amerikanischen
Bosnienpolitik beteiligt war, würde ich darüber hinaus
sagen, daß die Vereinigten Staaten mit Deutschland
den größten Konsens darüber erzielten, wie das
Blutvergießen auf dem Balkan beendet werden soll.
Und jetzt hat sich unsere Tagesordnung erweitert. W r
arbeiten nicht nur Seite an Seite, um zur Bewahrung
des zerbrechlichen Friedens in Bosnien beizutragen,
sondern wir streben auch die Gewährleistung an, daß
der Kosovo nicht in den gleichen Sog von Krieg und
Zerstörung gezogen wird.
Wir stehen an der Schwelle zur Erweiterung der
NATO - was an sich schon ein Meilenstein bei der
Vollendung Europas ist. Und die Europäische Union
verfolgt ihr eigenes Erweiterungsprogramm, das das
Potential hat, bei der Überwindung noch bestehender
Teilungs- und Bruchlinien in Europa behilflich zu sein.
Ebenso wie die Aussicht auf die NATO-Erweiterung
die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat, sich als
potentielle Verbündete statt als Gegner oder Konkurrenten zu sehen, hat auch die Aussicht auf die
EU-Mitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen und manchmal schmerzlichen Schritte zu
unternehmen, um ihre Wirtschafts- und Rechtssysteme auf den richtigen Weg zu bringen. Aus
diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung, daß
der EU-Erweiterungsprozeß weiterhin so weit wie
möglich nach außen gerichtet ist und ein offenes Ende
hat. Wir dürfen keine neuen Trennlinien ziehen oder
irgendeinem Land in Europa die Tür zu neuen Chancen verschließen.
Der Beginn der Wrtschafts- und Währungsunion kann
große Fortschritte bei der Erlangung eines neuen
Niveaus von europäischem Konsens bedeuten.
Die Vereinigten Staaten haben das Streben Europas
nach engerer Integration von Anfang an unterstützt.
Die Gründung der Montanunion, des Gemeinsamen

Seite 2

Marktes, des Binnenmarktes und jetzt die Pläne für
eine Erweiterung der EU - all dies haben wir gefördert,
und all dies liegt in unserem ureigenen Interesse.
Wr haben dasselbe Interesse an der Einführung einer
einheitlichen Währung wie an jeder anderen bedeutenden Entwicklung in Europa. Uns ist gut gedient,
wenn Europa wirtschaftlich prosperiert und auf die
Öffnung seiner Märkte sowie die Stärkung seiner
Beziehungen zur Weltwirtschaft hinarbeitet. Europa
wird Vorteile durch eine Wirtschafts- und Währungsunion haben, die diese Ziele unterstützt - und wenn
Europa prosperiert, erhöht das auch den Wohlstand in
den Vereinigten Staaten.
Gleichzeitig möchte ich die wachsende Bedeutung der
praktischen Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der EU nach der Einführung des
Euro hervorheben. Eine Veränderung dieser Größenordnung wird zwischen Washington und Frankfurt
neue
Kommunikationsverbindungen
erforderlich
machen. Mit dem 1. Januar 1999 - in nur wenigen
Wochen - sollte sich unsere Aufmerksamkeit zunehmend auf die Perfektionierüng unseres neuen Dialogs
konzentrieren.
Die Einführung des Euro wird das erste Ereignis in
einem entscheidenden Jahr sein. Im Verlauf der
nächsten 12 Monate finden eine Reihe wichtiger
Veranstaltungen statt. Deutschland wird die Präsidentschaft der EU übernehmen. Die NATO feiert ihr
50-jähriges Bestehen mit einem Gipfel in Washington
und nimmt drei neue Mitglieder auf. Und Deutschland
wird ein G 8-Gipfeltreffen abhalten. Diese und andere
Schritte werden eine neue Tagesordnung zu einem
breiten Spektrum von Themen definieren - von
Sicherheitsfragen bis zur Überprüfung unserer
internationalen Finanzarchitektur.
Unsere transatlantische Agenda
Die Europäische Union ist heute Amerikas größter
Handelspartner. Obwohl ein Großteil der übrigen Welt
sich in Turbulenzen befindet, wachsen unsere Volkswirtschaften und sind in guter Verfassung.
Amerikanische Unternehmen haben seit der Amtsübernahme von Präsident Clinton nahezu 17 Millionen
Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten geschaffen.
Die Inflationsrate ist auf einem historischen Tiefstand.
Die Zinssätze sind niedrig. Und zum ersten Mal seit 29
Jahren haben wir einen Haushaltsüberschuß.
In Europa beobachten wir anhaltendes Wachstum von
2 bis 3 Prozent pro Jahr. Die Inflation stellt keine echte
Bedrohung dar. Und die Verbraucher geben wieder
mehr aus. Der einzige dunkle Punkt sind die anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen.

AMERIKA DIENST 24

�Wir sind der größte Handelspartner des jeweils
anderen Landes, und der bilaterale Investitionsfluß
trägt zu unserem Wohlstand bei. Die amerikanischen
Investitionen in den neuen Bundesländern und das
neue Unternehmen Daimler-Chrysler sind nur die am
stärksten sichtbaren Elemente von Direktinvestitionen
in den transatlantischen Beziehungen, die jetzt die
750-Milliarden-Dollar-Marke
übersteigen.
Jeder
zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist jetzt bei
einem europäischen Unternehmen angestellt. Und die
amerikanischen Investitionen in Europa machen fast
die Hälfte unserer weltweiten Gesamtinvestitionen
außerhalb unseres Landes aus.
1995 riefen wir die Neue Transatlantische Agenda ins
Leben. Sie trägt bereits Früchte. Zum Beispiel haben
wir ein Abkommen über gegenseitige Anerkennung
(MRA) abgeschlossen, das durch Vorschriften
geschaffene Handelshemmnisse im Wert von 60
Milliarden Dollar abschafft, darunter bei medizinischem Gerät, Pharmazeutika und Telekommunikationsgerät. Ferner einigten wir uns auf Zusammenarbeit im Zollwesen und die Anpassung von Veterinärnormen und -verfahren.
Im Mai schufen wir die Grundlage für ein noch ehrgeizigeres gemeinsames Projekt - die Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft (TEP). Im Rahmen
dieser Initiative machen wir mehrere Bereiche von
gegenseitigem Interesse aus, erhöhen den Handel,
sprechen Meinungsverschiedenheiten an und bauen
Handelshemmnisse ab. Mit dem Ziel beträchtlicher
Resultate zum Jahr 2000 deckt diese neue amerikanisch-europäische Handelsinitiative verschiedene
Bereiche ab:
Zum Beispiel: Verbesserung der Zusammenarbeit in der Landwirtschaft im wissenschaftlichen Bereich und bei Regulierungsfragen.
Abbau von Regulierungshemmnissen. Die
Geschäftswelt hat diese Barrieren als wichtigstes Hindernis für die Expansion des Handels
ausgemacht.
Dienstleistungen. Hier besteht unser Ziel im
Abbau von Bürokratie und einer Senkung der
Kosten für die Verbraucher auf unserem
riesigen Dienstleistungsmarkt - der solche
Bereiche wie Telekommunikation, Versicherungen, Reise und Tourismus sowie Vertrieb
umfaßt.
Beim globalen elektronischen Handel arbeiten
wir darauf hin, diesen vielversprechenden
Bereich zollfrei zu halten. Insbesondere
haben wir die Entwicklung eines Arbeitsprogramms in der WTO und eine Stillhaltever-

AMERIKA DIENST 24

pflichtung vereinbart, die sicherstellen, daß
elektronische Übermittlungen zollfrei bleiben.
Ein weiterer Bereich sind Arbeitsnormen, bei
denen wir uns auf Fortschritte bei den wichtigsten Standards auf internationaler Ebene
geeinigt haben.
Umweltfragen sind von entscheidender
Bedeutung, wie die Klimakonferenz in Buenos
Aires vor kurzem demonstrierte. Aus diesem
Grund haben sich die Vereinigten Staaten
und die Europäische Union zur Förderung
und Erlangung eines hohen Niveaus an
Umweltschutz verpflichtet. Die Vereinigten
Staaten hoffen, daß der Gipfel uns dabei
behilflich ist, ein internationales System
handelbarer Emissionszertifikate für Treibhausgase voranzubringen. Ein System handelbarer Emissionszertifikate ist in den Vereinigten Staaten bereits mit großem Erfolg
umgesetzt worden und hat den sauren Regen
zu einem Bruchteil der prognostizierten
Kosten dramatisch verringert. Die Vereinigten
Staaten sind der Auffassung, daß es viele
Lösungen zur Verringerung der Kohlenstoffemissionen gibt, von denen alle Seiten profitieren. Wir sind bedauerlicherweise immer
noch der größte Verursacher von Treibhausgasemissionen. Aber unsere Volkswirtschaft ist die größte der Welt und kann nicht
über Nacht geändert werden. Wir versuchen
nicht, das Problem zu umgehen. Präsident
Clinton hat Anfang dieses Jahres im Rahmen
seiner Strategie für den Schutz des Klimas
eine Reihe von Steuererleichterungen für
Verbraucher eingeführt, die umweltfreundlich
einkaufen. Er stellte ferner 2,7 Milliarden
Dollar für zusätzliche Forschung und die
Entwicklung neuer, energieeffizienter Technologien zur Verfügung. Mit anderen Worten ist
unsere Bilanz sehr viel besser als die Medien
und andere behaupten.
Der letzte Bereich der TEP, den ich erwähnen
möchte, ist meiner Ansicht nach besonders
wichtig. Es ist die Ermutigung der Beteiligung
öffentlicher und Privatunternehmen an der
Gestaltung der Transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft. Die Vereinigten Staaten und
die Europäische Union haben sich auf die
Öffnung dieser Partnerschaft geeinigt, um
Interessengruppen wie Unternehmer, Arbeitnehmer, Verbraucher, Umwelt- und Nichtregierungsorganisationen aufzunehmen, die
an der Gestaltung der Tagesordnung mitwirken. Diese vielversprechende Form der
Zusammenarbeit gründet auf der Anerkennung der wichtigen Beiträge des Transatlanti-

Seite 3

�sehen Wirtschaftsdialogs (TABD). Als Pionier
in unternehmerischer Diplomatie kann der
TABD uns bei der Einführung eines Modells
für ein Welthandelssystem behilflich sein, das
zugänglich und offen ist.
Jeder dieser Punkte hat konkrete Vorteile für beide
Seiten. Und die Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft ist als Ganzes wichtiger als ihre Bestandteile,
denn sie gewährleistet in Zeiten schnellen globalen
Wandels ständige Kontakte zwischen uns.
Auf dieser Grundlage können wir unsere gemeinsame
Vision und Verantwortung für die Welt aufbauen.
Europa und die Vereinigten Staaten sind jetzt mehr als
je zuvor in wirtschaftlicher Hinsicht weltweit führend.
Das zeigte sich auch auf schmerzliche Weise während der globalen Finanzkrise.
Wie Präsident Clinton bei der Tagung von IWF und
Weltbank im Oktober erklärte, stellen die Ereignisse,
die im vergangenen Jahr mit starken Schwankungen
der thailändischen Währung begannen, jetzt die
gravierendste Finanzkatastrophe der letzten 50 Jahre
dar. Und als weltweit größte Volkswirtschaften
müssen wir und die EU - sowie Japan - die Bestrebungen anführen, eine Lösung zu finden.
Unser Ansatz - Reformprogramme mit dem IWF im
Mittelpunkt - bringt Ergebnisse hervor. Länder wie
Thailand und Korea haben Reformen durchgeführt,
ihre Währungen stabilisiert und die Zinssätze auf das
Niveau von vor der Krise gebracht. Mit Geduld und
Reformen kann dasselbe in Rußland und anderen
betroffenen Ländern geschehen. Dennoch hat die
Krise weiterhin das Potential, sich zu verstärken und
auszuweiten. Daher müssen wir wachsam sein und
gewährleisten, daß der IWF über die Ressourcen und
die politische Unterstützung verfügt, die er im Fall
neuer Notfälle benötigt.
Von der handelspolitischen Perspektive aus gesehen
müssen wir unseren Prinzipien und den im Frühjahr
beim letzten asiatisch-europäischen Gipfel und beim
G 8-Gipfel gemachten spezifischen Zusagen treu
bleiben, indem wir unsere offenen Märkte erhalten und
die multilaterale Liberalisierung fortsetzen. Etwas
anderes würde eine ähnliche Situation wie die in den
dreißiger Jahren provozieren, als sich der Protektionismus in den Vereinigten Staaten und Europa
verstärkte und die Weltwirtschaftskrise verlängerte.
Jeder von uns wird sich dem Druck wachsender
Importe - beispielsweise von Stahl - ausgesetzt sehen,
aber Europa muß einen Teil der Last übernehmen.
Sollte die EU diese Herausforderung nicht bewältigen,
wird der Druck auf uns alle verstärkt.
Dieser Punkt wurde vor kurzem von Wirtschaftsminister Daley eindringlich klargemacht: "Die Ver-

Seite 4

einigten Staaten allein können nicht alle Exporte aus
Asien aufnehmen. Wr werden nicht der Schuttabladeplatz für krisengeschüttelte Volkswirtschaften sein."
Diese Krise ist eine gute Gelegenheit für Europa, in
globalen Finanzangelegenheiten mehr Verantwortung
zu übernehmen.
Die Ausführungen von Wrtschaftsminister Daley
unterstrichen auch die wachsende Sorge in den
Vereinigten Staaten über das multilaterale Handelssystem. Wir müssen das bestehende System respektieren. Jeder von uns muß die Verpflichtungen der
Uruguay-Runde erfüllen und die Entscheidungen der
Streitschlichtungsausschüsse respektieren.
Dies ist ein großes Anliegen. Die Vereinigten Staaten
haben jetzt Fälle gegen die EU im Hinblick auf die
Bananenmarktordnung und das Verbot von amerikanischem Rindfleisch in der EU abgeschlossen. In
beiden Fällen entschieden die WTO-Streitschlichtungsausschüsse und Berufungsbehörden zugunsten
der Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten
würden eine Verhandlungslösung vorziehen, aber wir
werden den Fall nicht zum vierten Mal aufrollen,
nachdem wir ihn die ersten drei Male gewonnen
haben.
Im Zusammenhang mit Bananen und Rindfleisch hat
die EU die Verpflichtung, die Entscheidungen der
WTO-Streitschlichtungsgremien zu respektieren und
umzusetzen. Die Mißachtung der Entscheidungen des
Ausschusses schwächt die Unterstützung für das
Handelssystem, an dessen Aufbau wir so hart gearbeitet haben. Ferner schwächt sie die Abschreckung
von Protektionismus. Und - offen gesagt - schwächt
sie auch die Unterstützung für unsere bilateralen
Beziehungen.
Werte wie Transparenz und Verständnis für die
Sorgen unserer Bürger sind ebenfalls wesentlich. Das
bedeutet, die WTO durch die Öffnung von Streitschlichtungsverfahren und die beschleunigte Veröffentlichung der Berichte der Streitschlichtungsausschüsse transparenter zu gestalten. Die EU kann in
diesem Bereich sehr viel mehr tun.
Ich habe verschiedene wichtige wirtschaftliche
Themen auf unserer transatlantischen Agenda
aufgeführt, aber globale politische Fragen sollten nicht
von unserer langen und manchmal schwierigen
Handelsagenda überschattet werden.
Ein Beispiel sind der Irak und verbrecherische Staaten
im Allgemeinen. Welches ist unser bester Ansatz für
den Umgang mit Staaten, die sich nicht an internationale Normen halten? Wie können Deutschland und
die Vereinigten Staaten bei dieser komplexen Frage
am besten zusammenarbeiten? Je mehr die Vereinigten Staaten und ihre Partner miteinander darüber

AMERIKA DIENST 24

�A

*

kommunizieren, wie man das Problem von Staaten
bewältigt, die Terrorismus unterstützen und die
Menschenrechte verhöhnen, desto besser sind die
Chancen, Irritationen in unseren Beziehungen zu
verhindern. Schließlich besteht Übereinstimmung in
der transatlantischen Welt, daß die Regierungen von
Iran, Irak und Libyen eine Politik verfolgen, die den
Prinzipien des Völkerrechts widerspricht. Deswegen
müssen wir härter auf Maßnahmen hinarbeiten, die
dieses gemeinsame Terrain widerspiegeln. Vor
allem müssen wir Mißverständnisse und Fehleinschätzungen vermeiden.
Themen wie verbrecherische Staaten und andere
komplexe Fragen auf unserer Agenda sind manchmal
verwirrend. Aber es ist klar, daß die demokratischen
Nationen Europas und Nordamerikas ihren Horizont erweitern müssen. Wir benötigen in dieser Zeit
des Wandels in der transatlantischen Welt und überall
auf der Erde eine gemeinsame Agenda.
Deutschland, Amerika und die neue Synthese
Besonders optimistisch bin ich im Hinblick auf die
Rolle, die die deutsch-amerikanische Partnerschaft
bei der Beilegung von Meinungsverschiedenheiten
und der Ausweitung unserer transatlantischen Agenda
spielen kann, damit diese Gemeinschaft ihr wirklich
einzigartiges Potential erfüllen kann.
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist der Kern
unserer transatlantischen Welt - nicht nur wegen des
deutschen Gewichts in Europa, sondern auch aufgrund unserer gemeinsamen Interessen.
Deutschland sieht sich einem neuen Zeitalter gegenüber - sowohl im Hinblick auf seine nationale Entwicklung als auch im Hinblick auf seinen Platz in der EU.
Die vollständige Integration der neuen Bundesländer
bleibt weiterhin eine Hürde in Deutschland. Noch
wichtiger ist vielleicht, daß es Auswirkungen auf die
anderen EU-Mitgliedstaaten haben wird, wie Deutschland die Herausforderungen der Anpassung seiner
Volkswirtschaft als Ganzes an das Informationszeitalter bewältigt.

Am Ende des 20. Jahrhunderts sehen sich Deutschland, Amerika und die gesamte transatlantische
Gemeinschaft mit einer Reihe systemimmanenter
Fragen konfrontiert. Auf einer Ebene können sie leicht
identifiziert werden: Wachstum unserer Volkswirtschaften, Reform unserer Bildungssysteme und
Bewältigung der Überalterung unserer Bevölkerung,
um nur einige zu nennen.
Auf anderer Ebene wird die Definition dieser neuen
Fragen schwieriger: Wo enden wirtschaftliche und
beginnen soziale Fragen? Renten und die Bildungsreform sind zwei Beispiele. Wo enden nationale und
beginnen internationale Fragen? Die Regulierung des
Internet ist ein Beispiel. Selbst die grundlegende
Frage "Was ist die Natur der Arbeit und wie wird sie
sich mit Beginn des neuen Jahrhunderts wandeln?"
wird von der transatlantischen Gemeinschaft in
zunehmendem Maße behandelt.
Abschließend möchte ich betonen, daß am Ende des
20. Jahrhunderts zahlreiche Herausforderungen zu
bewältigen sind. Gleichzeitig haben wir in den letzten
50 und insbesondere in den letzten zehn Jahren viel
erreicht.
Unsere Errungenschaften haben eine klare Regel für
Erfolg im neuen Zeitalter aufgestellt: Die atlantische
Partnerschaft mit den deutsch-amerikanischen
Beziehungen im Mittelpunkt ist nicht überholt. Sie ist
nicht in Gefahr. Sie ist unentbehrlich. Die zentrale
Logik des Zeitalters nach dem Kalten Krieg lautet: Das
Verschwinden traditioneller Grenzen verlangt eine
Vertiefung und Erweiterung der praktischen werteorientierten Zusammenarbeit zwischen demokratischen Gesellschaften. Unsere euroatlantische Welt
bietet den effektivsten Rahmen für diese Bestrebungen.
Was wir jetzt mehr als alles brauchen, ist eine strategische Agenda. Wir brauchen eine Vision. Wir sind
noch nicht da, aber wir haben den Willen und eine
hervorragende Basis, um dies zu erreichen. Ich bin
fest davon überzeugt, daß das Beste noch vor uns
liegt.
Ich danke Ihnen.

* *

AMERIKA DIENST 24

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Seite 5

�THANKSGIVING

2. Dezember 1998

Clinton preist die Vielfalt Amerikas
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

WASHINGTON - (AD) - Die Vielfalt der Bevölkerung der Vereinigten Staaten stellt sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance dar, erklärte Präsident Clinton anläßlich des traditionellen amerikanischen
Feiertags Thanksgiving am 26. November 1998.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving.

Thanksgiving gehört zu den beliebtesten und weithin
begangenen Feiertagen in den Vereinigten Staaten.
Ob sie Nachfahren der ersten Siedler oder neue
Bürger sind - die Amerikaner treffen sich mit Familie
und Freunden, um dem guten Gott für die Segnungen
der Freiheit, des Friedens und der Fülle zu danken.
Wir sind eine Nation, die sich aus Menschen vieler
Länder, Kulturen und Glaubensrichtungen zusammensetzt. Thanksgiving in den Kolonien in Plymouth
1621, als die Pilger aus der Alten Welt gemeinsam mit
den Indianern aus der Neuen Welt feierten, ließen die
Herausforderung und Chance ahnen, die eine solche
Vielfalt uns schon immer bot: Gemeinsam in Frieden
zu leben, unsere Unterschiede zu respektieren und zu
würdigen und die Stärken des anderen bei der Arbeit
des Aufbaus einer großartigen und geeinten Nation zu
nutzen.
Daher sollten wir an Thanksgiving nicht vergessen,
dankbar für die zahlreichen Beiträge zu sein, die jede
Generation von Amerikanern zum Erhalt unserer
Segnungen geleistet hat. W r sind dankbar für die
mutigen Patrioten, die gekämpft haben und gestorben
sind, um unsere Freiheit zu verteidigen und unseren
Glauben an die Würde des Menschen zu bewahren.
Wir sind dankbar für die Männer und Frauen, die
dieses Land jahrzehntelang bearbeitet haben - von
den steinigen Farmen Neuenglands über die riesigen
Weizenfelder der Great Plains bis zu den fruchtbaren
Weinhängen Kaliforniens - und den Reichtum unserer
Nation mit ihren amerikanischen Mitbürgern und
Menschen auf der ganzen Welt teilen. Wr sind
dankbar für die Führungspersönlichkeiten und Visionäre, die uns im Lauf der Jahre aufgefordert haben,

AMERIKA DIENST 24

das amerikanische Versprechen für alle unsere Bürger
zu erfüllen und in unserer Gesellschaft unsere grundlegenden Ideale von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit Realität werden zu lassen. Wir sind dan kbar für
die zahllosen stillen Helden und Heldinnen, die jeden
Tag hart arbeiten, sich mit Liebe und Sorgfalt um ihre
Familie kümmern und trotzdem noch die Zeit und
Energie aufbringen, ihre Gemeinden zu einem
besseren Ort zu machen. Jeder von uns hat Grund,
stolz auf seine Rolle beim Aufbau Amerikas zu sein,
und jeder von uns hat Grund, unseren amerikanischen
Mitbürgern dankbar für den Erfolg dieser Bestrebungen zu sein.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, Donnerstag, den 26. November 1998 zum nationalen Feiertag
Thanksgiving. Ich fordere alle Bürger der Vereinigten
Staaten auf, sich im Geiste des guten Willens und
beim Gebet zu Hause, in Gotteshäusern und Gemeindezentren zu versammeln, um Gott ihren tiefempfundenen Dank für die zahlreichen Segnungen
zum Ausdruck zu bringen und um unseren Brüdern
und Schwestern in diesem Land, die gemeinsam
unsere großartige amerikanische Familie bilden, die
Hand echter Dankbarkeit und Freundschaft zu
reichen.
Unterzeichnet am 17. Tag des November, im Jahre
des Herrn 1998 und im 223. Jahr der Unabhängigkeitder Vereinigten Staaten von Amerika.
William J. Clinton

Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1. Irak&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Irak muss seinen Verpflichtungen nackommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Samuel Berger&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die deutsch-amerikanischen Beziehungen am Ende des 20. Jahrhunderts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Thanksgiving&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton preist die Vielfalt Amerikas &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving&lt;/em&gt;</text>
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V^ N ^

amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

16. Dezember 1998

25

AMERIKA MÖCHTE, DASS SIE ERFOLG
HABEN

NAHER OSTEN

Ansprache von Präsident Clinton

HOLOCAUST-KONFERENZ

ALBRIGHT: WIR MÜSSEN DIE ARBEIT DER
WIEDERGUTMACHUNG BEENDEN
Rede der Außenministerin bei der
Holocaust-Konferenz

MENSCHENRECHTE

MENSCHENRECHTE UND AUSSENPOLITIK
Rede von Außenministerin Albright

NATO

DIE NATO - BEREIT FÜR DAS
21. JAHRHUNDERT
von Madeleine K. Albright

TECHNOLOGIE

EINE GLOBALE STRATEGIE ZUR LÖSUNG
DES JAHR 2000-PROBLEMS
von Jonathan Spalter

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�NAHER

OSTEN

16. Dezember 1998

Amerika möchte, daß Sie Erfolg haben
Ansprache von Präsident Clinton

GAZA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die Präsident Bill Clinton am 14. Dezember 1998
im Rahmen seiner Nahostreise bei einem Mittagessen in Gaza gehalten hat.

Herr Vorsitzender Arafat, Frau Arafat, verehrte
Mitglieder der palästinensischen Gemeinde, liebe
Kollegen und Freunde, im Namen meiner Familie und
unserer gesamten Delegation danke ich Ihnen für
Ihren herzlichen und wirklich denkwürdigen Empfang.
Herr Vorsitzender, wie in Wye River versprochen, bin
ich nach Gaza gekommen, um über die Vorteile des
Friedens auf der Grundlage gegenseitigen Respekts
zu sprechen. Ich weiß, daß die Umstände seit 1993
und der Unterzeichnung des Friedensabkommens für
Sie weiterhin schwierig sind, aber es gibt Grund zur
Hoffnung. Erstmals in der Geschichte der palästinensischen Bewegung haben das palästinensische Volk
und seine gewählten Vertreter jetzt die Chance, ihr
eigenes Schicksal auf ihrem eigenen Land zu bestimmen.
Ich bin stolz darauf, der erste amerikanische Präsident
zu sein, der bei der Gestaltung Ihrer Zukunft an der
Seite des palästinensischen Volkes steht. Ich möchte
unterstreichen, daß diese Zukunft wegen der von
Ihnen eingegangenen Verpflichtung möglich ist,
in Frieden und gegenseitiger Achtung Seite an Seite
mit Ihren Nachbarn zu leben.
All dies hätte man sich in den dunkelsten Jahren des
Kampfes kaum vorstellen können, als die meisten
Menschen davon ausgingen, der Nahe Osten würde
immer aus zwei bewaffneten und getrennten Lagern
bestehen. Manchmal erfordert es mehr Mut und
Stärke, Frieden zu schließen, als einen Krieg fortzusetzen. Ich danke dem Vorsitzenden Arafat, daß er
die Stärke, den Mut und die Weisheit bewiesen hat,
Frieden zu schließen und dann nicht vom Weg des
Friedens abzuweichen.

AMERIKA DIENST 25

Ich danke dem Vorsitzenden und allen Palästinensern,
die die Idee unterstützen, daß Palästinenser und
Israelis gemeinsam auf dem Land ihrer Väter leben
können. Ich danke Ihnen für Ihre Überzeugung, daß
das Land, das der Welt den Islam, das Judentum und
das Christentum gab, die Heimat aller Menschen sein
kann, die einen Gott lieben und jedes Menschenleben
respektieren, das der eine Gott geschaffen hat.
Amerika möchte, daß Sie Erfolg haben und will Ihnen
bei der Schaffung der Gesellschaft helfen, die Sie
verdienen - einer Gesellschaft auf der Grundlage der
Achtung der Menschenrechte, Menschenwürde und
Rechtsstaatlichkeit, einer Gesellschaft, die zu Toleranz erzieht, Bildung hohen Wert beimißt und endlich
die Chance bekommt, die kreativen Begabungen ihrer
Menschen gegen den destruktiven Sog von Hoffnungslosigkeit und Armut freizusetzen.
Ich denke an Sie zu diesem hoffnungsvollen Zeitpunkt
wie an eine Familie, die nach allzu vielen Jahren der
Zerrüttung und Verzweiflung wieder zusammenkommt, an eine Gemeinschaft von Gläubigen, die
beim Aufbau eines Nahen Ostens helfen, in dem die
Menschen aller Glaubensrichtungen in Sicherheit und
Frieden zusammenleben können, an ein Volk, das
ebenso wie der Olivenbaum weltweit wegen seiner
Bindung an dieses Land und jetzt an den Frieden
bekannt ist, an eine Gesellschaft, die von Ihnen
verlangt, was Sie zu Recht von anderen verlangen.
Der vor uns liegende Weg mag hart und unsicher sein,
aber der Weg, von dem Sie sich abgewandt haben, ist
voll selbstzerstörerischer Gewalt und damit voll
vernichtendem Haß. Daher haben wir keine Alternative zu dem vor uns liegenden Weg.

Seite 1

�Morgen werden meine Familie und ich gemeinsam mit
dem Vorsitzenden und Frau Arafat die Chance haben,
Bethlehem zu besuchen, den Weihnachtsbaum zu
Beginn der Weihnachtszeit anzuzünden, die für uns
Christen so wichtig ist. Das nächste Mal, wenn die
Menschen in Bethlehem Weihnachten feiern, werden
wir an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend
stehen, das 2000 Jahre seit der Geburt des Christkinds markiert, welches den Christen als Prinz des
Friedens bekannt wurde, ein Jude war und vom Islam
anerkannt wird.
Wenn das alles möglich war, dann können wir doch
sicherlich eine Lösung für diese Probleme finden und
die Zukunft angehen.

Ich schließe mit den Worten des Dichters Hafez
Ibrahim: Menschen einer hoffnungsvollen Zukunft, wir
benötigen eine Führung, die aufbaut, und Menschen,
die die Aufbauarbeit leisten. Menschen einer hoffnungsvollen Zukunft, wir benötigen die Weisheit, die
berät, und eine Hand, die befreit. Menschen einer
hoffnungsvollen Zukunft, wir brauchen Sie - füllen Sie
die Lücke, machen Sie sich an die Arbeit. Menschen
einer hoffnungsvollen Zukunft, lassen Sie den morgigen Tag nicht wie den gestrigen in verstaubter
Existenz verstreichen. Menschen einer hoffnungsvollen Zukunft, Ihr Land fordert Sie dringend zum
Denken auf.
So Gott will, werden wir wie Einer denken, fühlen und
handeln.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 25

�HOLOCAUST-KONFERENZ

16. Dezember 1998

Albright: Wir müssen die Arbeit der
Wiedergutmachung beenden
Rede der Außenministerin bei der Holocaust-Konferenz

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede, die US-Außenministerin Madeleine Albright am 1. Dezember 1998 bei der Eröffnung der Holocaust-Konferenz in Washington
gehalten hat.

Ich freue mich, Sie im Namen von Präsident Clinton
und des amerikanischen Volkes bei dieser Konferenz
hier in Washington über im Holocaust geraubte
Vermögenswerte begrüßen zu dürfen. Zuerst möchte
ich Miles Lerman und dem amerikanischen Holocaust
Memorial Museum für ihre Mitwirkung an der Veranstaltung dieser Konferenz und ihre unermüdlichen
Bestrebungen danken, die Erinnerung an die grauenhaftesten Verbrechen der Geschichte lebendig zu
halten und daraus zu lernen.
W r sind hier, um den weiteren Weg zum Abschluß der
Arbeit zu planen, gestohlene Vermögenswerte an die
Überlebenden und Familien der Holocaust-Opfer
zurückzugeben oder sie dafür zu entschädigen. Diese
Aufgabe begann vor über fünf Jahrzehnten sogar noch
vor Beendigung des Kriegs, als in der Londoner
Erklärung von 1943 die Plünderungen durch die Nazis
verurteilt wurden.
In der frühen Nachkriegszeit unternahmen die Alliierten in gutem Glauben Entschädigungsbestrebungen,
die jedoch unvollständig blieben. Noch Jahrzehnte
später blieb die Arbeit unbeendet, blieben entscheidende Fragen unbeantwortet, wesentliche Dokumente
ungeprüft und kritische Probleme ungelöst.
Erst in den letzten Jahren, als die Überlebenden des
Holocaust immer älter wurden und sich das Jahrhundert dem Ende zuneigte, erhielt die Suche nach
Antworten neuen Auftrieb, was das Verdienst vieler
Menschen ist. Zweifelsohne hätte die Weltöffentlichkeit weiterhin die Augen vor diesem Thema verschlossen, wenn der World Jewish Congress sowie

AMERIKA DIENST 25

andere jüdische und öffentliche Interessengruppen
nicht bemerkenswerte Arbeit geleistet hätten. Angesichts beängstigender Hindernisse waren sie unermüdlich, kreativ und äußerst effektiv.
Wir stehen auch in der Schuld der zahlreichen hier
vertretenen Regierungen, die sich großzügig und
eingehend mit diesem Thema befaßt haben. Insbesondere möchte ich Außenminister Robin Cook und
der britischen Regierung für ihre aufschlußreichen
Veröffentlichungen und Erklärungen sowie für die
Veranstaltung der bahnbrechenden Konferenz über
Nazigold in London im vergangenen Jahr danken. Ich
bin auch sehr stolz auf Staatssekretär Stu Eizenstat
und sein Team, die in zwei Berichten an die USRegierung mit rigoroser Objektivität erschöpfend die
historische Entwicklung herausgearbeitet haben. Stu,
wir alle schulden Dir unglaublich viel.
Das alles ist wichtige und harte Arbeit. Sie verlangt,
qualvolle Erinnerungen aufzufrischen, einfachen
Ausflüchten zu begegnen, unbequeme Fragen zu
stellen und zu beantworten. Vor allem verlangt sie,
daß wir bei unserer Suche nach der Wahrheit trotz der
Tatsache nicht nachlassen, daß im Zusammenhang
mit dem Holocaust die grausame Wahrheit unbegreiflich ist.
In den letzten Jahren hat die Welt viel getan, um
Fakten über die heimliche Weitergabe und Aneignung
von geplündertem Nazigold aus der Versenkung zu
holen. Nicht weniger als 17 Historikerausschüsse
befassen sich aus der Perspektive ihres jeweiligen
Landes mit dem Thema. Die Tripartite Gold Com-

Seite 1

�mission hat ihre Arbeit beendet, und nahezu 60
Millionen Dollar wurden dem Hilfsfonds für die Opfer
der Verfolgung durch die Nazis zugesagt, der bei der
Londoner Konferenz ins Leben gerufen wurde.
Wir hoffen, daß Fortschritte beim Nazigold als Katalysator für ähnliche Fortschritte bei den Vermögenswerten dienen werden, auf die wir uns diese Woche
konzentrieren - Versicherungen, Kunstgegenstande
und Gemeinschaftseigentum.
Für jeden dieser
Bereiche sind Experten aus der ganzen Welt hierhergekommen - von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, Unternehmensvorständen und Universitäten. Wir sind hier, um unsere Ansichten zu
vergleichen und Wissen auszutauschen, Themenbereiche abzustecken und einen Konsens über ein
möglichst schnelles, gründliches und faires weiteres
Vorgehen zu erreichen.
Die historischen und rechtlichen Herausforderungen
variieren von Frage zu Frage, aber das moralische
Gebot bleibt das Gleiche, ob wir die Auszahlung von
Lebensversicherungen an die Familien der in den
Lagern Umgekommenen anstreben, die Kunstwerke
an den Wänden eines Museums in Warschau untersuchen oder die Entschädigung für eine bis auf die
Grundmauern niedergebrannte Synagoge in der
Tschechischen Republik festsetzen. Daher hoffe ich,
daß wir in einer von Bedrohungen freien Atmosphäre
konstruktiv zusammenarbeiten können, um spezifische Prinzipien zu entwickeln und die besten
Praktiken für den Umgang mit Kunstwerken, Versicherungspolicen und anderen Themen zu finden.
Ich hoffe auch, daß unsere Arbeit von bestimmten
übergeordneten Geboten geleitet wird. Das erste
lautet, daß unser Ziel Gerechtigkeit sein muß, obwohl
Gerechtigkeit in diesem Zusammenhang eine äußerst
relative Bezeichnung ist. Wir wissen sehr wohl um
unsere Unfähigkeit, den Holocaust-Opfern wahre
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. W r können
niemanden wieder zum Leben erwecken, und wir
können auch nicht die Geschichte neu schreiben.
Aber wir können ein größeres Gleichgewicht herstellen, indem wir unsere Zeit, Energie und Mittel
für die Suche nach Antworten, die Rückgabe von
Eigentum und die Begleichung gerechtfertigter
Ansprüche einsetzen.
Unser zweites Gebot muß Offenheit sein. Da der Lauf
der Zeit so viel verdunkelt hat, müssen wir nach der
Wahrheit suchen.
Das bedeutet, daß Forscher
Zugang zu alten Archiven bekommen müssen, und
damit meine ich nicht teilweisen, sporadischen oder
möglichen Zugang, sondern uneingeschränkten
Zugang - überall und sofort.

entsprechendem Handeln nicht die Last einiger,
sondern aller ist. Dies ist eine globale Aufgabe. Wie
die Vereinigten Staaten durch die Deklassifizierung
von Dokumenten und die Gründung ihres eigenen
Beratungsausschusses
des
Präsidenten
für
Holocaust-Vermögenswerte anerkannt haben, ist jede
Nation, jedes Unternehmen, jede Organisation, jeder
Einzelne dazu verpflichtet, zur vollständigen Aufdeckung der Geschichte beizutragen. Auf diesem
Gebiet ist keiner von uns ein bloßer Zuschauer,
niemand ist neutral. Was auch immer geschieht - wir
alle sind Schauspieler auf der Bühne der Geschichte.
Das vierte Gebot unserer Arbeit ist Dringlichkeit. Die
verbliebenen Überlebenden des Holocaust haben
bereits ein fortgeschrittenes Alter. Mehr als fünf
Jahrzehnte sind vergangen, seit die Nazis raubten und
mordeten. Während Dokumente verloren gehen und
die Erinnerung verblaßt, wird eine effektive Entschädigung immer schwieriger. Daher wollen wir
geloben, daß wir bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts alles in unserer Macht Stehende unternehmen werden, um die unerledigten Geschäfte des alten
Jahrhunderts abzuschließen.
Schließlich dürfen wir nicht vergessen, daß unsere
hiesigen Bestebungen einem doppelten Zweck
dienen. Der erste besteht in der Suche nach einem
gemeinsamen Ansatz bei den noch verbleibenden
Fragen im Zusammenhang mit den Holocaust-Vermögenswerten. Der zweite besteht in verbesserter
Aufklärung über den Holocaust sowie in Erinnerung
und Forschung. Diese Aufgabe hat kein Ende. Sie
muß immer wieder erneuert werden wie sich die
menschliche Rasse erneuert - Generation um Generation, damit uns die Realität des Holocaust immer vor
Augen steht und nie aufhört, uns zu bedrücken.
Es ist ermutigend, daß in den Monaten vor dieser
Konferenz beträchtliche Fortschritte gemacht wurden.
Die amerikanische Vereinigung der Direktoren von
Kunstmuseen hat Grundsätze und Richtlinien für den
Umgang mit Kunstwerken aus der Zeit des Holocaust
formuliert. Es wurde eine internationale Kommission
unter Leitung des früheren US-Außenministers Larry
Eagleberger gebildet, die sich mit ausstehenden
Versicherungsleistungen befassen soll. An dieser
Kommission beteiligte Unternehmen haben der
Errichtung eines Fonds für humanitäre Hilfsleistungen
in Höhe von 90 Millionen Dollar und der Prüfung ihrer
Bücher zur Identifizierung ausstehender Forderungen
aus der Holocaust-Ära zugestimmt. Und auf Initiative
Schwedens wurden einzigartige zwischenstaatliche
Bestrebungen zur Förderung der weltweiten Aufklärung über den Holocaust eingeleitet. Wir hoffen,
daß sich alle Länder an diesen Bestrebungen beteiligen.

Unser drittes Gebot lautet zu verstehen, daß die
Verpflichtung zur Suche nach der Wahrheit und

Seite 2

AMERIKA DIENST 25

�Der Kampf um die Aufdeckung der ganzen Wahrheit
über die Vermögenswerte aus dem Holocaust ist
heftig, aber heilsam. Nur durch einen aufgeklärten
und ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit können
wir in der Gegenwart Frieden und in der Zukunft
Vertrauen schaffen. Das gilt für Nationen und Institutionen gleichermaßen, und es gilt auch für die
Menschen.

Diese Lektion nicht zu vergessen - darum geht es bei
diesen Bestrebungen zur Erforschung und Wiedergutmachung im Zusammenhang mit den HolocaustVermögenswerten. Denn es geht um sehr viel mehr
als Gold, Kunstgegenstände und Versicherungspolicen. Es geht um die Erinnerung daran, daß das
Blut keines Menschen mehr oder weniger wert ist als
unser eigenes.

Ich kann diese Ausführungen nicht abschließen, ohne
kurz ein Thema anzusprechen, für das ich noch nicht
die richtigen Worte gefunden habe und wohl auch nie
finden werde. Es betrifft meine Großeltern, die - wie
ich erst kürzlich erfuhr - jüdischer Herkunft waren und
gemeinsam mit Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen im Holocaust starben.

Manche sagen, wir alle seien Gefangene der
Geschichte und die Menschheit sei dazu verdammt,
ihre schlimmsten Fehler immer wieder zu begehen.
Manche betrachten den Holocaust als unberechenbare Konsequenz eines einzigen gestörtes Geistes als einen Unfall der Geschichte, dessen Wiederholung
wir nicht befürchten müssen. Wieder andere weisen
auf die letzten Jahrzehnte hin und fragen, ob nicht die
Zeit gekommen ist, zu vergessen, weiterzumachen,
offene Fragen unbeantwortet und die restliche Wahrheit unbekannt zu lassen. Und es gibt auch immer
noch einige, die abstreiten, daß das alles überhaupt
geschehen ist.

Als ich jung war, dachte ich nicht oft an meine Großeltern. Ich wußte nur, daß ich keine hatte. Ich war ein
Säugling, als sie mich zum letzten Mal sahen. Jetzt
bin auch ich bereits Großmutter, und ich betrachte
meine Enkelkinder voller Liebe und mit großem Stolz.
Heute bin ich mir sicher, daß ich früher ebenfalls
Gegenstand solcher Zuneigung war - nicht nur von
Seiten meiner Eltern, sondern auch von deren Eltern.
Und wenn ich jetzt in meinem 62. Lebensjahr über
mein Leben nachdenke, denke ich auch an das Leben
meiner Großeltern in ihren letzten Jahren, Monaten
und Tagen.
Ich denke an die Gesichter im Holocaust Museum, an
Yad Vashem und die lange Namensliste an der Wand
der Pynkas-Synagoge in Prag, darunter die Namen
meiner Großeltern, Olga und Arnost Korbel und
Ruzene Spieglova. Ich denke an das Blut, das in den
Adern meiner Familie fließt. Spielt es eine Rolle, was
für Blut es ist? Das sollte es nicht, es ist weiter nichts
als Blut, das seine Aufgabe erfüllt. Aber für Hitler
spielte es eine Rolle, und das spielt für uns eine Rolle,
denn es ist der Grund für den Tod von sechs Millionen
Juden. Aus diesem Grund mußten so viele unschuldige, unersetzbare Menschen dieses Leiden
erdulden - Menschen, die liebten und das Leben
mit ihrer Wärme, ihrem Lächeln und ihren Umarmungen bereicherten; Menschen, deren Leben grausam
und viel zu früh endete; Menschen, deren Leben und
Leiden wir nie vergessen oder dem Vergessen
preisgeben dürfen, selbst wenn wir gelegentlich
absichtlich unser kollektives Gedächtnis aufrütteln
müssen.
Die Menschen auf der Welt unterscheiden sich durch
ihre Sprache, Kultur, Geschichte und Religion. Solche
Unterschiede bereichern das Leben und machen es
interessant. Aber der Holocaust schreit danach, daß
wir nie wieder zulassen dürfen, daß diese Unterschiede das Menschsein überdecken, das uns
verbindet. Wir dürfen nie zulassen, daß der Stolz auf
uns selbst zu Haß gegen sie wird.

AMERIKA DIENST 25

Als Antwort darauf müssen wir zugeben, daß wir nicht
alles wissen und auch nicht die Macht haben, den
Charakter des Menschen zu verändern oder Prophezeiungen anzustellen. Aber wir haben die Macht der
Erinnerung und können sicherstellen, daß die Toten
in unseren Herzen immer lebendig bleiben. Wir haben
die Macht der Vernunft und können das Richtige vom
Falschen unterscheiden. Wir haben die Macht der
Hoffnung und können für eine Zeit der "Wahrhaftigkeit,
aus der Erde wird sie sprossen, und Gerechtigkeit,
aus den Himmeln wird sie herunterblicken" - wie der
Psalm besagt - beten.
Und wir haben die Macht zu wählen. Wir können den
Holocaust mit Verzweiflung betrachten oder wir
können schwören, nie wieder zuzulassen, daß
Selbstgefälligkeit, Angst oder Verzweiflung Tatenlosigkeit entschuldigen.
W r kommen diese Woche hier nicht zusammen, um
Wunder zu bewirken, sondern um alles in unserer
Macht Stehende zu tun, Dunkelheit durch Licht,
Ungerechtigkeit durch Fairness, Streit durch Konsens
und Falschheit durch Wahrheit zu ersetzen. Das ist
das Äußerste, was wir tun können. Das ist das
Mindeste, was wir tun müssen. Das schulden wir der
Vergangenheit, das ist unsere Hoffnung für die
Zukunft und das ist - im weitesten Sinne - die Hoffnung für die Welt.
Gestatten Sie mir, Sie nochmals zu dieser Konferenz
zu begrüßen. Mögen unsere gemeinsamen Bestrebungen zum Erfolg führen. Vielen Dank.

Seite 3

�MENSCHENRECHTE
16. Dezember 1998

Menschenrechte und Außenpolitik
Rede von Außenministerin Albright

ATLANTA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt den vorbereiteten Text der Rede von
Außenministerin Madeleine K. Albright bei der Rosalynn Carter-Vortragsreihe in der Emory University vom 3.
Dezember 1998.

Es ist mir eine große Freude, hier in Atlanta - der Stadt
der Olympischen Spiele - zu sein und Ihre berühmte
Universität und das Institute of Women's Studies
besuchen zu dürfen.
Wie Sie wissen, konnte ich aufgrund der Nahostgespräche in Wye nicht im Oktober kommen. Damals
sagte ich mir, die schlechte Nachricht ist, daß ich
absagen muß. Die gute Nachricht ist, daß niemand
besser versteht, wie sich Nahostverhandlungen
hinziehen können, als Präsident Carter und seine
Frau.
Und die wirklich gute Nachricht ist, daß wir tatsächlich
etwas erreicht haben. Der Friedensprozeß, der vor 20
Jahren in Camp David wirklich begann, ist endlich
wieder auf dem richtigen Weg.
Ich bin also sehr froh, jetzt hier zu sein. Ein weiterer
Grund, warum ich mich freue, hier zu sein, ist, daß mir
die akademische Welt gefällt. Vorträge mag ich
besonders gern. In Washington werde ich immer
ermahnt, mich kurz zu fassen. Bedauerlicherweise bin
ich eine ehemalige Dozentin und rede oft 50 Minuten
lang.
Ich verspreche, heute Nachmittag nicht ganz so lange
zu reden, aber ich möchte doch näher auf einThema
eingehen, das für einen Vortrag mit diesem Titel in
diesem Institut besonders angebracht ist. Das Thema
ist die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
grundlegende Menschenrechte, die Frauenrechte
beinhalten und untrennbar mit ihnen verbunden sind.
Da ich in meiner Dozierlaune bin, werde ich mit einer
kleinen Geschichte beginnen.

AMERIKA DIENST 25

In diesem Monat vor 50 Jahren kamen Vertreter von
Nationen der ganzen Welt unter der Führung einer
anderen großartigen amerikanischen First Lady,
Eleanor Roosevelt, zusammen, um die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte zu unterzeichnen.
Seit ihrer Unterzeichnung wurde diese Erklärung in
Dutzende nationaler Verfassungen aufgenommen oder
es wurde Bezug auf sie genommen, und sie wurde
viele Male bekräftigt. Sie ist das Kernstück des von
uns vorgebrachten Arguments, daß die Achtung der
Menschrechte die Verpflichtung nicht nur einiger
weniger, sondern jeder Regierung ist.
Die Einwohner von Atlanta sollten stolz darauf sein,
daß Präsident Jimmy Carter so viel getan hat um
sicherzustellen, daß die Prinzipien der Erklärung im
Mittelpunkt der Außenpolitik der Vereinigten Staaten
stehen.
Aus strategischen und persönlichen Gründen legte
Präsident Carter sehr viel größere Betonung auf die
Menschenrechte als seine Vorgänger. Und damit
stärkte er Amerikas Anspruch auf moralische Führung,
beschleunigte die globale Menschenrechtsbewegung,
befreite - direkt oder indirekt - viele politische Gefangene und rettete zahlreiche Leben.
Präsident Carters Entschlossenheit zur Förderung der
Menschenrechte trug dazu bei, eine bessere Welt zu
schaffen. Sie ist aber noch weit davon entfernt, eine
perfekte Welt zu sein.
Viele verweisen heute auf die Kluft zwischen den in der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegten Idealen und den Menschenrechtsverletzungen,

Seite 1

�die 50 Jahre nach der Unterzeichnung dieses Dokuments noch stattfinden.

menschliche Ressource. Das soll nicht heißen, daß
Frauen Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden.

Die Skeptiker gelangen zu der Schlußfolgerung, daß
wir genauso gut aufgeben könnten, daß es - egal, was
wir sagen oder tun - immer Unterdrückung und
Diskriminierung geben wird. Bei dieser Sichtweise ist
die Verletzung von Menschenrechten nur ein weiteres
trauriges Spiegelbild der Grenzen der menschlichen
Natur.

In vielen Gesellschaften leisten die Frauen zusätzlich
zur Austragung und Ernährung der Kinder den Großteil
der Arbeit, die nicht in Verbindung mit Kindern steht.
Dennoch wird den Frauen häufig der Besitz von Land
und ein Mitspracherecht in der Regierung verweigert,
während Mädchen von Schulen ausgeschlossen
werden und weniger Nahrung erhalten als Jungen.

Darauf würde ich antworten, wie Katherine Hepbum
Humphrey Bogart in dem Film "African Queen" antwortete: "Es war die Natur, Mr. Allnut, wegen der wir in
diese Welt gesetzt wurden - um uns darüber zu
erheben."

Unsere Diplomatie ist die Zusammenarbeit mit anderen, um das zu ändern, denn wir wissen aus Erfahrung, daß Gesellschaften die Fesseln der Armut
besser durchbrechen können, wenn Frauen die Macht
zu einer eigenen Entscheidung haben. Die Geburtenraten stabilisieren sich. Die Verbreitung von AIDS und
anderen sexuell übertragbaren Krankheiten verlangsamt sich. Das Umweltbewußtsein nimmt zu. Und
sozial konstruktive Werte werden eher an die Jüngeren weitergegeben.

Die Clinton-Administration vertritt die Auffassung, wenn
wir die Art von Zukunft aufbauen wollen, die wir
möchten, dann müssen wir darauf bestehen, daß
gravierende
Menschenrechtsverletzungen nichts
Unvermeidliches und vor allem nicht Natürliches sind.
Wir müssen darauf hinweisen, daß für den Folterer
Grausamkeit eine Entscheidung ist. Für den Menschenrechtsverletzer ist Gewalt eine Entscheidung.
Für den Bigotten ist Intoleranz eine Entscheidung.
Und wenn wir die Macht der Entscheidung haben,
haben wir die Macht zu Veränderungen.
Darüber hinaus ist die Unterstützung von Menschenrechten nicht nur eine Art von internationaler Sozialarbeit. Sie ist unerläßlich für unsere Sicherheit und für
unser Wohlergehen, denn Regierungen, die die
Rechte ihrer eigenen Bürger mißachten, werden
wahrscheinlich nicht die Rechte eines anderen
respektieren.
In diesem Jahrhundert wurde praktisch jeder größere
Akt internationaler Aggression von einem Regime
ausgeführt, das politische Rechte unterdrückte.
Solche Regime lösen wahrscheinlich auch eher
Unruhen aus, indem sie Minderheiten verfolgen,
Terroristen Unterschlupf gewähren, Drogen schmuggeln oder im Geheimen Massenvernichtungswaffen
bauen. Und sie sind nicht nur die Feinde von politischer Freiheit, sondern auch von sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung.
In jeder Gesellschaft werden Menschen, die frei sind,
ihre Gedanken auszusprechen, sich gewerkschaftlich
zu organisieren und ihr Kapital zu investieren, einen
sehr viel größeren Beitrag leisten als die durch Unterdrückung Verkümmerten. Das gilt für Männer, und es
gilt auch für Frauen.
In unserem Zeitalter ist es offensichtlich, daß kein Land
sein Potential ausschöpfen kann, wenn es sich selbst
den vollen Beitrag der Hälfte seiner Bevölkerung
versagt. Bedauerlicherweise sind Frauen heute in zu
vielen Ländern immer noch eine unterbewertete

Seite 2

Entsprechend sind unsere Auslandshilfeprogramme so
gestaltet, daß sie Frauen bei der Rechtsreform und
Zugang zu Bildung, Krediten und Gesundheitsfürsorge
behilflich sind.
Und dank der Führungsrolle und aktiven Beteiligung
einer anderen großartigen First Lady, Hillary Clinton,
haben wir die Initiative Vital Voices ins Leben gerufen.
Dieses Projekt bringt Frauen aus der ganzen Welt
zusammen, um öffentlich-private Partnerschaften
aufzubauen und ihnen dabei zu helfen, sich vollständig
am wirtschaftlichen und politischen Leben unserer
Nationen zu beteiligen.
In den vergangenen Jahren haben wir große Fortschritte erzielt. Aber dennoch finden in vielen Ländern
immer noch verabscheuungswürdige Menschenrechtsverletzungen an Frauen statt. Dazu zählen erzwungene Abtreibungen und Sterilisierungen, in die Prostitution verkaufte Kinder, rituelle Verstümmelungen,
Mitgiftmorde und häusliche Gewalt.
Einige sagen, das alles sei kulturell bedingt, und wir
könnten nichts dagegen tun. Ich sage, es ist ein
Verbrechen, und wir alle haben die Verantwortung,
dem Einhalt zu gebieten.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten ihre
Empörung über die Menschenrechtsverietzungen an
chinesischen Frauen in Indonesien während der
Aufstände im Mai zum Ausdruck gebracht.
Aus diesem Grund waren die Vereinigten Staaten der
stärkste Verfechter des internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda und den Balkan. Denn wir
sind entschlossen, daß die Verantwortlichen für
ethnische Säuberungen zur Rechenschaft gezogen
werden sollten, und diejenigen, die Vergewaltigung nur

AMERIKA DIENST 25

�als eine weitere Taktik des Krieges ansehen, für ihre
Verbrechen Rede und Antwort stehen müssen.
Aus diesem Grund haben wir wichtige diplomatische
und Strafverfolgungsinitiativen in die Wege geleitet, um
den Menschenhandel mit Frauen und Mädchen zu
stoppen. Und schließlich haben wir Null Toleranz für
diejenigen, die illegale Drogen verkaufen. Wir sollten
noch entschiedener dabei vorgehen, diejenigen, die
Menschen kaufen und verkaufen, aufzuspüren, sie
davon abzuhalten und ins Gefängnis zu bringen.
Und das ist der Grund, warum wir im Namen der
Frauen und Mädchen in Afghanistan sprechen, die
Opfer aller Fraktionen in dem erbitterten Bürgerkrieg
ihres Landes wurden. Die mächtigste dieser Fraktionen, die Taliban, scheinen entschlossen zu sein, die
afghanischen Frauen wieder aus dem anbrechenden
21. Jahrhundert ins 13. Jahrhundert zurückzuwerfen.
Die einzigen Frauenrechte, die sie anscheinend
anerkennen, sind die Rechte, still und unsichtbar,
ungebildet und arbeitslos zu bleiben.
Die afghanischen Frauen und Mädchen haben uns um
unsere Hilfe gebeten, und wir helfen ihnen. Wir haben
unsere Unterstützung für Bildung und Ausbildung
erhöht. Und wir haben klargestellt, daß die Anführer
jeder afghanischen Fraktion Frauen nicht als Sklavinnen, sondern als Menschen behandeln und die
Menschenrechte respektieren müssen, wenn sie
international akzeptiert werden wollen.
Eines der grundlegendsten Menschenrechte für
Frauen und Männer ist in Artikel 18 der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte niedergelegt, der
besagt:
"Jeder hat das Recht auf Gedanken-,
Gewissens- und Religionsfreiheit."
Von Anfang an haben die Amerikaner an dieses Recht
geglaubt. Es ist unsere Überzeugung und unsere
Erfahrung, daß Nationen stärker sind und das Leben
ihrer Bürger sehr viel mehr bereichert wird, wenn die
Menschen die Freiheit haben, sich für ihre Religion zu
entscheiden, sich dazu zu bekennen und sie auszuüben.
Unter Präsident Clinton haben wir die amerikanische
Verpflichtung zu religiöser Freiheit in unsere bilateralen
Beziehungen integriert.
Wir sprechen dieses Thema direkt in Gesprächen mit
ausländischen Politikern an.
Wir werfen in regionalen Organisationen und in den
Vereinten Nationen ein Schlaglicht darauf.
Wir berücksichtigen die Politik anderer Regierungen
gegenüber religiöser Freiheit, wenn wir die Entscheidung treffen, ob wir Hilfe oder andere Vergünstigungen zur Verfügung stellen.

AMERIKA DIENST 25

Und wir haben besondere Anstrengungen unternommen, um zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten in Regionen wie Nordirland, dem Nahen Osten und
dem Balkan beizutragen, wo sich religiöse Spaltungen
mit anderen Faktoren verbunden haben, um Gewalt
auszulösen oder den Frieden zu gefährden.
Wir tun dies alles, weil religiöse Freiheit grundlegend
für unsere eigene Identität ist; weil ihre Verweigerung
Angst, Flucht, Kämpfe oder sogar einen totalen Krieg
verursachen kann; und weil Intoleranz - wenn sie nicht
in einem Gebiet bekämpft wird - wachsen und sich
verbreiten kann, bis sie zu einer Wildnis des Hasses
wird.
Bei allem, was wir tun, betonen wir, daß unsere
Maßnahmen weder für noch gegen eine besondere
religiöse Überzeugung gerichtet sind. Im Verlauf der
Zeit wurden Menschen praktisch aller Glaubensrichtung an dem einen oder anderen Ort verfolgt.
Jedes Mal wurden wir dadurch weniger. Deshalb
haben wir alle ein Interesse daran, daß das kostbare
Recht der religiösen Freiheit für jeden, überall, an
jedem Tag geschützt wird.
Ein weiterer Bereich, den wir in unserer Menschenrechtspolitik betonen, ist die Redefreiheit.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sieht
vor, daß jeder das Recht auf Meinungsfreiheit hat, und
Ideen über die Medien weitergeben und erhalten darf.
Die bloße Bedeutung dieses Rechts veranlaßt Diktatoren, es zu verweigern. Denn für einen Diktator ist die
Wahrheit oft unbequem - und manchmal eine tödliche
Bedrohung.
Aus diesem Grund versuchen die Staats- und Regierungschefs von Nationen wie Nordkorea, Libyen, Irak,
Kuba, Burma und Serbien, die Wahrheit zu fassen zu
bekommen, sie wie einen Hund zu prügeln, wie Brot zu
rationieren oder wie Ton zu formen. Ihr Ziel ist es, ihre
eigenen Mythen zu schaffen, ihre eigenen Fehler zu
vertuschen, Ressentiments umzudirigieren und in
ihrem Volk eine Furcht vor Wandel auszulösen.
Atlanta - die Heimat von CNN - ist die globale Informationshauptstadt. Die Übertragungen dieses Senders
haben viel dazu beigetragen, die Fähigkeit repressiver
Regierungen zur Kontrolle dessen zu verringern, was
ihre Bürger wissen und wann sie es wissen.
Die Fortschritte der Informationstechnologie tragen nur
zu unserer Überzeugung hier in den Vereinigten
Staaten bei, daß die Wahrheit sich letztlich als stärker
als jeder Diktator erweist. Aber das wird nicht geschehen, wenn diejenigen, die ihre eigenen Freiheiten zu
schätzen wissen, still bleiben, wenn anderen Freiheiten verweigert werden.

Seite 3

�In diesem Sinne lehnen wir Bestrebungen zur Unterdrückung unabhängiger Stimmen wie das jüngste
unentschuldbare Vorgehen des serbischen Präsidenten Milosevic gegen Journalisten in seinem Land
vehement ab.
Wir fördern auch unabhängige Sendungen über die
Voice of America und andere Medien. Wir unterstützen regionale Initiativen wie die Benennung eines
Sonderberichterstatters zur Überwachung von Drohungen gegen Reporter in dieser Hemisphäre. Und auf
der ganzen Welt unterstützen wir die Sache der
Redefreiheit sowohl diplomatisch als auch materiell.
In einer mit dem Informationsfluß in Zusammenhang
stehenden Angelegenheit führt die Clinton-Administration jetzt eine Überprüfung von Dokumenten durch, die
ein Licht auf Menschenrechtsverletzungen während
der Pinochet-Ära in Chile werfen können. Das USAußenministerium hat in diesem Bereich Dokumente
freigegeben und zur Verfügung gestellt, und ich bin
entschlossen, dies gemäß den Richtlinien der Administration weiterhin so schnell wie möglich zu tun.
Ein weiteres in der Allgemeinen Erklärung verankertes
Recht ist das Recht auf Beteiligung an der Regierung,
entweder direkt oder über frei gewählte Vertreter.

In Indonesien beispielsweise müssen die Politiker den
Wunsch ihres Volkes nach weitreichenden politischen
Reformen erfüllen, die ethnischen Teilungen überwinden, fair die Wünsche der Bewohner von Osttimor
und Iryan Java behandeln und weitere Verletzungen
der Menschenrechte verhindern.
In Kambodscha muß die neue Koalitionsregierung die
bisherige Gewohnheit von Konfrontation und Korruption ablegen und einen Weg finden, um auf der
Grundlage demokratischer Prinzipien zusammenzuarbeiten.
In unserer eigenen Hemisphäre ist der vielversprechende neue kolumbianische Präsident entschlossen,
die durch Drogenkartelle, Guerillas, paramilitärische
Einheiten und Armut entstandenen Gefahren zu
überwinden. Und wir sind entschlossen, zu helfen.
In Afrika besteht eine Chance zu historischen Fortschritten in Nigeria - der größten Nation des Kontinents. Während der vergangenen zwei Jahrzehnte
haben Militärregierungen die natürlichen Ressourcen
des Landes geplündert, ethnische Teilungen ausgenutzt und Menschenrechte brutal mißbraucht.

Für die Vereinigten Staaten ist dies ein grundlegendes
Recht. Und wir fühlen uns ermutigt, daß das Recht auf
demokratische Regierungsführung in den vergangenen Jahrzehnten weltweit wachsende Zustimmung als
Grundstein für den Schutz des gesamten Spektrums
der Menschenrechte erhalten hat.

Die neue Interimsführung hat einen echten Bruch mit
dieser traurigen Vergangenheit versprochen. In dieser
Woche werden Kommunalwahlen und im nächsten
Jahr Nationalwahlen abgehalten.
Unabhängige
politische Parteien wurden zugelassen. Politische
Gefangene wurden freigelassen. Bekannte im Exil
Lebende wie der Emroy University-Professor Wole
Soyinka sind nach Hause zurückgekehrt.

Natürlich wissen wir, daß jedes Land mit seiner
eigenen Geschwindigkeit und auf seinem eigenen Weg
zur Demokratie gelangen muß. Aber Länder, die
bereits solche Systeme eingeführt haben, können
helfen.

Die Vereinigten Staaten unterstützen diese Entwicklungen uneingeschränkt. Die Nigerianer verdienen es,
in Freiheit zu leben. Aber der vor uns liegende Weg
wird schwierig. Und die Nigerianer haben allzu oft
erlebt, daß Versprechen nicht eingehalten wurden.

Erstens durch die Verteidigung ihrer eigenen Freiheit
und der der gesamten demokratischen Gemeinschaft,
so daß keine in die Reihe der Demokratien eintretende
Nation durch Feinde von innen oder außen gezwungen ist, sie zu verlassen.

Der Kurs Nigerias wird - so wie es sein muß - von
seinem eigenen Volk bestimmt. Aber die internationale
Gemeinschaft muß alles in ihrer Macht Stehende tun,
um die Bewegung zu einem politischen System zu
unterstützen, an dem sich alle Nigerianer beteiligen
können und in dem die Rechte aller geschützt sind.
Das ist eine oberste Priorität der Administration und
auch für das Carter Center, das weiß ich.

Und zweitens, indem man den im Übergang befindlichen Nationen beim Aufbau dauerhafter demokratischer Institutionen behilflich ist.
Aus diesem Grund bilden amerikanische Regierungsbehörden und Nichtregierungsorganisationen heute
von Asien über Afrika bis zu den Anden Richter aus,
entwerfen Handelskodizes, helfen der Zivilgesellschaft
und tragen zur Konsolidierung der Freiheit bei.
In den kommenden Monaten können wir zahlreiche
wichtige Tests der Demokratie erwarten.

Seite 4

Während wir auf das neue Jahrhundert blicken,
können wir davon ausgehen, daß der vielleicht größte
Test für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in China stattfindet, wo mehr als ein
Fünftel der Weltbevölkerung lebt.
Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse an
Nichtverbreitung, Sicherheit in Asien und der regionalen Wirtschaft, die von den Entscheidungen betroffen
sein wird, die China trifft. Deswegen führen wir einen

AMERIKA DIENST 25

�Dialog mit den chinesischen Politikern, um die Zusammenarbeit zu erweitem und uns bei Meinungsverschiedenheiten aneinander anzunähern.
Seit Beginn dieses Dialogs war das Thema Menschenrechte eines der schwierigsten. Die Bedeutung,
die wir ihm beimessen, tand ihren Niederschlag sowohl
in privaten Gesprächen als auch in allen von Präsident
Clinton während der jüngsten Gipfeltreffen in Washington und Peking gemachten öffentlichen Aussagen zur
Unterstützung demokratischer Werte.
Wir sind uns bewußt, daß das chinesische Volk jetzt
sehr viel mehr Freiheit zu wirtschaftlichen Entscheidungen, Freizügigkeit und zur Wahl der Dorfausschußpolitiker hat als die vorherige Generation.
Bedauerlicherweise haben wir beim Schlüsselthema
Menschenrechte immer noch große Bedenken. Wir
haben die Freilassung einiger Gefangener aus Gewissensgründen in den vergangenen Monaten begrüßt,
sind jedoch beunruhigt darüber, daß andere regelmäßig für das im Wesentlichen gleiche Vergehen
aufgegriffen werden. Es ist auch kein Schritt nach
vorne, wenn zwar einige Diskussionsmöglichkeiten
eröffnet, aber Einzelpersonen wie Xu Wenli und
andere wegen der Ausübung des Rechts auf organisierte politische Redefreiheit schikaniert, festgenommen und inhaftiert werden.
Insgesamt ist das Tempo der Fortschritte zur vollständigen Respektierung der Menschenrechte enttäuschend.
Dennoch erprobt die demokratische Bewegung Chinas
weiterhin die Grenzen des Möglichen. Das ist an sich
schon ein willkommenes Zeichen. Wir können hoffen,
daß sich das Ausmaß gestatteter Redefreiheit mit der
Zeit und mit dem offensichtlicher werdenden Zusammenhang zwischen politischer Offenheit und
wirtschaftlichem Wohlstand zum Nutzen von China
und der Welt gleichermaßen erweitert.
Obwohl sich die Einzelheiten unseres Ansatzes zur
Förderung von Demokratie von Land zu Land unterscheiden werden, sind die grundlegenden Ziele gleich.
Wir versuchen, wo immer wir können, die Entwicklung
freier Institutionen und Praktiken zu ermutigen. Einige
verwerfen diese Bestrebungen als unrealistisch wegen
der Annahme, daß Demokratie in weniger entwickelten
Nationen möglich ist. Andere argumentieren, wir seien
"hegemonistisch", indem wir versuchen, demokratische Werte aufzuzwingen.
In Wahrheit verstehen wir sehr gut, daß Demokratie
aus dem Wunsch des Einzelnen nach Beteiligung an
den Entscheidungen entstehen muß, die sein Leben
bestimmen. Aber wir sehen diesen Wunsch in allen
Ländern. Und es gibt für uns keinen besseren Weg,
Achtung für andere zu zeigen, als die Unterstützung

AMERIKA DIENST 25

ihres Rechts auf Gestaltung ihrer eigenen Zukunft und
die Wahl ihrer Politiker. Im Gegensatz zur Diktatur ist
Demokratie nie ein Zwang - sie ist per definitionem
immer eine Entscheidung.
Vor Jahren wurde sich nicht weit von hier entfernt ein
junges Schulmädchen der Welt dort draußen zum
ersten Mal voll bewußt, als ihre Lehrerin ihr sagte, in
Europa sei der Krieg ausgebrochen und es sei wichtig
für Amerikaner, darüber Bescheid zu wissen. Und
gleichzeitig verließ auf der anderen Seite des Ozeans
ein in die Arme seiner Eltern gekuscheltes Kleinkind
seine Heimat in der Tschechoslowakei, um Hitlers
Armee zu entfliehen.
Ich bin heute nur hier, weil Amerika wie das junge
Schulmädchen - Rosalynn Smith - in ihrem Klassenzimmer in Plains verstanden hat, daß die Freiheit und
Sicherheit der Vereinigten Staaten von der Freiheit und
Sicherheit der Freunde im Ausland abhängen.
Vor einem halben Jahrhundert rettete die amerikanische Führungsrolle Europa vor dem größten Übel,
das die Welt je erlebt hat. Im Verlauf dieses Jahrhunderts hat die amerikanische Führungsrolle einen
Unterschied bewirkt - nicht nur in meinem Leben,
sondern auch im Leben von Millionen anderen, die von
amerikanischen Soldaten beschützt, durch amerikanische Hilfe unterstützt oder von amerikanischen
Idealen inspiriert wurden.
Heute gilt ebenso wie während der Carter-Präsidentschaft, daß Amerika nicht jeden Konflikt beenden,
jedes Übel beheben oder jedes Problem lösen kann.
Auch andere müssen ihren Beitrag leisten. Letztlich
müssen die Menschen jedes Landes über ihr eigenes
Schicksal entscheiden.
Dennoch kommt den Vereinigten Staaten die Führungsrolle zu. Nicht wegen unserer militärischen
Macht, auch wenn diese wichtig ist, oder unserer
wirtschaftlichen Stärke, auch wenn diese eine Rolle
spielt - sondern wegen dem, für das wir in der Welt
eintreten.
Und das ist im Kern die einfache, aber ausschlaggebende Annahme, daß jeder Einzelne zählt.
Das ist die Philosophie Amerikas von seiner besten
Seite.
Das war die treibende Kraft hinter der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte.
Das ist die Überzeugung, die dieses Institut zur
Förderung des Studiums von Frauen anregt.
Das ist die Grundlage der Arbeit des Carter Center bei
der Unterstützung von Demokratie und Freiheit und
der Bekämpfung von Verbrechen und Krankheiten.

Seite 5

�Und das ist der Grund, warum Rosalynn Carter einen
Großteil ihres Lebens der Pflege von geistig Behinderten, der Betreuung von Flüchtlingen und der Verbreitung von Bildung gewidmet hat.
Man sagt, daß jede Arbeit, die etwas wert ist, in gutem
Glauben verrichtet wird. Heute Nachmittag wollen wir
alle geloben, den Glauben zu bewahren, daß jede
verhinderte Verletzung der Menschenrechte, jeder
freigelassene Gefangene aus Gewissensgründen, je-

des niedergerissene Hindernis für Gerechtigkeit und
jedes Land, das aus der Dunkelheit in das Licht der
Freiheit tritt, unser Leben bereichem, andere inspirieren und die Grenzen dessen, was auf dieser Welt
erreichbar ist, erweitem wird.
Ich verspreche Ihnen, dafür mein Bestes zu geben,
und bitte Sie respektvoll um Ihre Unterstützung.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 25

�NATO
16. Dezember 1998

Die NATO - bereit für das 21. Jahrhundert
von Madeleine K. Albright

WASHINGTON -(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Außenministerin Madeleine K. Albright,
der auf Deutsch erstmals in der Süddeutsche Zeitung vom 7. Dezember 1998 erschienen ist.

Morgen werden meine Amtskollegen in der NATO und
ich in Brüssel zusammentreffen und die Tagesordnung
für den im April 1999 anberaumten NATO-Gipfel in
Washington aufstellen, bei dem die führenden Vertreter des Bündnisses den 50. Jahrestag der Gründung der NATO feiern und die Staats- und Regierungschefs der Tschechischen Republik, Ungarns und
Polens erstmals als NATO-Mitglieder begrüßen
werden.
Wir sollten stolz auf das sein, was das Bündnis in
seinem ersten halben Jahrhundert erreicht hat. Aber
wir dürfen nicht selbstgefällig sein. Heute sind wir mit
anderen, aber nicht weniger schwierigen Themen
konfrontiert als unsere Vorgänger vor 50 Jahren.
Obwohl es laut Kalender nicht ganz richtig ist, wird der
Washingtoner Gipfel als das erste Gipfeltreffen des 21.
Jahrhunderts betrachtet. Es wird nicht nur die Vergangenheit feiern, sondern den Kurs der NATO für die
Zukunft planen.
In Brüssel werden wir unsere Bestrebungen fortsetzen,
eine NATO für das 21. Jahrhundert zu schaffen: Ein
größeres, flexibleres Bündnis, das der kollektiven
Verteidigung verpflichtet ist, einem breiten Spektrum
von Bedrohungen der gemeinsamen Interessen der
NATO begegnen und partnerschaftlich mit anderen
Nationen und Organisationen an der Förderung von
Sicherheit, Wohlstand und Demokratie im und für den
gesamten transatlantischen Raum zusammenarbeiten
kann.
Beim Washingtoner Gipfel werden unsere führenden
Politiker ein neues strategisches Konzept vorlegen einen Plan für die Zukunft des Bündnisses. Die NATO
des 21. Jahrhunderts muß den neuen strategischen
Gegebenheiten Rechnung tragen.
Obwohl der

AMERIKA DIENST 25

Großteil Europas mehr Sicherheit genießt als zu jedem
anderen Zeitpunkt in unserer Erinnerung, können das
Territorium und die Interessen des Bündnisses von
verschiedenen Gefahren aus mehreren Quellen
bedroht werden. Präsident Clinton erklärte im Mai in
Berlin: "In Zukunft muß das Bündnis unsere erweiterten Grenzen verteidigen und uns vor Bedrohungen
unserer Sicherheit schützen, die von jenseits der
Grenzen kommen: Der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, ethnischer Gewalt, regionalen
Konflikten."
Bosnien und der Kosovo sind die jüngsten Beispiele
dafür, daß die NATO handeln muß, wenn sich Konflikte
außerhalb ihrer unmittelbaren Grenzen auf die Interessen des Bündnisses auswirken. Das neue strategische Konzept des Bündnisses muß das richtige
Gleichgewicht zwischen der Bestätigung der zentralen
Stellung der kollektiven Verteidigungsmissionen der
NATO und der Reaktion auf solche Krisen finden.
Gemeinsam müssen wir sowohl unsere Flexibilität als
auch unsere Fähigkeit verbessern, das gesamte
Spektrum möglicher Bedrohungen der Interessen des
Bündnisses fernzuhalten, abzuschrecken und, falls
nötig, darauf zu reagieren.
Die Hauptaufgabe der NATO wird immer die Verteidigung vor Aggression bleiben. Das ist der Kern des
Washingtoner Vertrags. Aber die Gründerväter des
Bündnisses unterschieden auch zwischen dem, wozu
uns der Vertrag verpflichtet und dem, was er uns
erlaubt. Wenn je gemeinsame Militäraktionen zum
Schutz der vitalen Interessen des Bündnisses erforderlich sein sollten, ist es sinnvoll, die einheitliche
Militärsstruktur und die während der letzten 50 Jahre
aufgebaute Gewohnheit der Zusammenarbeit zu
nutzen.

Seite 1

�Neben dem Streben nach Übereinstimmung über eine
neue Vision für das 21. Jahrhundert wird die Aufgabe
des Washingtoner Gipfels darin bestehen sicherzustellen, daß die NATO über die Mittel zur Umsetzung
dieser Vision verfügt. Wir benötigen Streitkräfte, die
auf die Missionen des 21. Jahrhunderts ausgerichtet,
dafür ausgerüstet und darauf vorbereitet sind. Verteidigungsminister Cohen arbeitet eng mit den Verteidigungsministem der NATO-Mitgliedsländer an Vorschlägen zur Modernisierung der NATO-Streitkräfte
zusammen. Unser Ziel besteht darin, beim Washingtoner Gipfel Einigung über ein langfristiges Programm
zur Entwicklung der richtigen Fähigkeiten zu erlangen,
die sowohl die Selbstverteidigung als auch die Fähigkeit zur schnellen und effektiven Reaktion auf Krisen
gewährleisten.
Aus diesem Grund begrüßen wir es, daß der britische
Premierminister Blair die Europäer dazu aufgerufen
hat, Möglichkeiten für die Übernahme von Verantwortung für ihre eigene Sicherheit und Verteidigung zu
sondieren. Unsere Interessen sind klar: Wir wollen
ein handlungsfähiges Europa. Wir wollen ein Europa
mit modernen, flexiblen Streitkräften, die in der Lage
sind, Feuer im Hinterhof Europas zu löschen und mit
uns im Rahmen der NATO an der Verteidigung
unserer gemeinsamen Interessen zusammenzuarbeiten. Die europäischen Bestrebungen, mehr für die
Selbstverteidigung Europas zu tun, erschweren nicht
unser weiteres Engagement, sondern erleichtem es
vielmehr.
Wir werden alle Vorschläge zur europäischen Verteidigung und Sicherheit vor dem Hintergrund einer
einfachen Frage prüfen: Machen sie unsere Zusammenarbeit effektiver? Ebenso wie Premierminister
Blair sind wir der Ansicht, daß der Schwerpunkt auf der
Verbesserung der praktischen Fähigkeiten liegen
sollte, die Europa in das Bündnis einbringt.
Die Krise im Kosovo zeigt, wie die praktische europäische Verteidigungsfähigkeit zur Erfüllung der NATOMissionen beitragen kann. Dank der Initiative Frankreichs und der von Deutschen, Briten, Italienern und
anderen Verbündeten geleisteten Beiträge entsendet
die NATO eine gesamteuropäische Schutztruppe
("extraction force") für die OSZE-Beobachter, die in die
krisengeschüttelte Provinz geschickt werden. Die
Truppe untersteht dem Kommando der NATO und
basiert auf soliden europäischen Fähigkeiten. Sie stellt
unter Beweis, wie in der Realität europäische Streitkräfte innerhalb der NATO mit großem Erfolg zusammenarbeiten können. Wir begrüßen die Bereitschaft der Regierung der ehemaligen jugoslawischen
Republik Makedonien, diese Truppe aufzunehmen.
Der Kosovo lehrt noch eine andere Lektion: Politischer
Wille ist wichtiger als zusätzliche institutionelle Strukturen. Bevor wir gemeinsam handelten, bestand das
Kosovo-Problem nicht in einem Mangel an angemes-

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senen Institutionen, sondern einem Mangel an Übereinstimmung über den Einsatz der vorhandenen
Institutionen.
Während die Europäer nach den besten Wegen
suchen, ihre außen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu organisieren, liegt der Schlüssel
darin sicherzustellen, daß jede institutionelle Veränderung im Einklang mit den Grundprinzipien steht,
die der atlantischen Partnerschaft seit 50 Jahren so gut
gedient haben. Das bedeutet die Vermeidung von
Abkopplung, Duplizität und Diskriminierung.
Erstens wollen wir Abkopplung vermeiden: Die NATO
ist Ausdruck der unerläßlichen transatlantischen
Verbindung. Sie sollte eine Organisation souveräner
Verbündeter bleiben, in der die europäische Entscheidungsfindung nicht von der übergeordneten
Entscheidungsfindung des Bündnisses abgekoppelt

Zweitens wollen wir Duplizität vermeiden: Die Verteidigungsmittel sind zu knapp, als daß die Verbündeten
Streitkräfteplanung, Einrichtung von Befehlsstrukturen
und Beschaffungsentscheidungen doppelt vornehmen
könnten - einmal innerhalb der NATO und erneut in der
Europäischen Union. Und drittens wollen wir jede
Diskriminierung von NATO-Mitgliedern vermeiden, die
nicht der EU angehören.
Das von Premierminister Blair dargelegte Ziel steht im
Einklang mit diesen Prinzipien. Wir sehen den Gesprächen mit allen europäischen Verbündeten und
Partnern über die Stärkung der europäischen Handlungsfähigkeit erwartungsvoll entgegen.
Der Washingtoner Gipfel muß sich insbesondere mit
der Herausforderung der sehr realen Bedrohung
unseres Volkes, Territoriums und unserer Streitkräfte
durch Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme befassen. Wir müssen die allgemeinen
Bestrebungen des Bündnisses verbessern, der
Weiterverbreitung Einhalt zu gebieten und solche
Angriffe abzuschrecken, zu verhindern und uns davor
zu schützen. Die Bestrebungen der NATO sollten
existierende Mechanismen und Anstrengungen zur
Kontrolle der Weiterverbreitung ergänzen und nicht
verdrängen.
Die von uns angestrebte NATO des 21. Jahrhunderts
wird der zentrale Pfeiler einer weitaus größeren
nordatlantischen Gemeinschaft geteilter Risiken und
Pflichten von Demokratien sein, die immer mehr
Sicherheit und Wohlstand genießen. Die Tür zur
NATO bleibt für beitrittswillige Länder offen, und das
Bündnis sollte sich noch aktiver darum bemühen,
ihnen beim Durchgang durch diese Tür zu helfen.
Die NATO-Erweiterung ist kein einmaliges Ereignis; die
ersten neuen Mitglieder werden nicht die letzten sein.

AMERIKA DIENST 25

�Aber der Washingtoner Gipfel sollte unsere Fähigkeit
verbessern, in Zusammenarbeit mit allen Partnemationen ungeachtet ihres Beitrittswillens Sicherheit und
Stabilität auf diese größere Gemeinschaft auszuweiten. Die besondere Partnerschaft der NATO mit
der Ukraine ist ein wichtiges Element dieser allgemeinen Bestrebungen.

*

Wir möchten, daß Rußland intensiv und aktiv an dieser
Partnerschaft des 21. Jahrhunderts teilnimmt. Meine
Amtskollegen und ich werden diese Woche mit dem
russischen Außenminister Iwanow im Ständigen
Gemeinsamen NATO-Rußland-Rat zusammentreffen,
wo wir unsere Bestrebungen zur Verbesserung der
Zusammenarbeit im Geiste der Grundakte zwischen
der NATO und Rußland fortsetzen werden, die im Juni
ihren zweiten Jahrestag feiern wird. Truppen des
Bündnisses und Rußlands sind in Bosnien weiterhin
Seite an Seite tätig. Gemeinsam arbeiten wir an einer
möglichen russischen Beteiligung am Luftverifizierungsregime im Kosovo. Wir planen die Einrichtung
eines militärischen Verbindungsbüros in Moskau.
Gemeinsam schulen wir ehemalige russische Offiziere
um, entwickeln kooperative Antworten auf zivile Not-

fälle sowie gemeinsame Ansätze zu Nichtverbreitung
und Umweltschutz - alles Anzeichen dafür, daß die
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
weitere Fortschritte machen.
Die Lektion dieses Jahrhunderts - des blutigsten
Jahrhunderts überhaupt - lautet, daß Europa und
Amerika durch Zusammenarbeit ihre Interessen und
Werte effektiver voranbringen können als im Alleingang. Wenn wir uns nicht einig sind, kann das in eine
Sackgasse und sogar zu Krisen führen. Wir möchten,
daß nachfolgende Generationen in 50 Jahren sagen,
daß wir unsere Lektion gelernt und auf die zahlreichen,
uns im neuen Jahrhundert konfrontierenden Herausforderungen richtig angewandt haben. Dieses neue
Jahrhundert wird heute durch unsere gemeinsame
Antwort auf die Instabilität im westlichen Balkan
gestaltet. Und es wird großenteils durch die Entscheidungen gestaltet, die wir kommende Woche und
in den nächsten Monaten treffen werden. Ich bin
zuversichtlich, daß dies die richtigen Entscheidungen
für die Zukunft unseres großartigen Bündnisses sein
werden.

* * *

AMERIKA DIENST 25

Seite 3

�TECHNOLOGIE

16. Dezember 1998

Eine globale Strategie zur Lösung
des Jahr 2000-Problems
von Jonathan Spalter

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Jonathan Spalter, der auf Deutsch
erstmals in der Berliner Zeitung vom 11. Dezember 1998 erschienen ist. Jonathan Spalter ist Vorsitzender der
Arbeitsgruppe internationale Öffentlichkeitsarbeit von Präsident Clintons Kommission für die Computerumstellung
auf das Jahr 2000. Er ist femer ein beigeordneter Direktor im US-Informationamt.

Der Schlüssel zur Bewältigung des Jahr 2000-Problems besteht darin, es nicht als rein technisches
anzusehen, sondern als eine diplomatische Herausforderung, die sorgfältige internationale Koordinierung
und eine integrierte Informationskampagne zur
Aufklärung der Weltöffentlichkeit erfordert.
Aus diesem Grund ist die Konferenz der Vereinten
Nationen über das Jahr 2000-Problem, die Ende
dieser Woche in New York stattfindet, so wichtig. Zum
ersten Mal werden die Leiter der nationalen Jahr 2000Programme zusammenkommen, um ein breites
Spektrum von Themen anzusprechen, darunter
internationale Zusammenarbeit und Eventualfallplanung.
Experten betonen, das "Jahrtausendproblem" - der
Programmierfehler, der im Jahr 2000 einen Zusammenbruch der Computer bewirken könnte - sei an sich
nicht schwer zu beheben. Aber in einem Zeitalter, in
dem Computerinteraktionen in Sekundenschnelle
Kontinente umspannen, könnte der Dominoeffekt eines
Systemzusammenbruchs in einem Land nahezu
unverzüglich ein Chaos in anderen Ländern verursachen. Die Größenordnung des Problems und
seine transnationalen Auswirkungen sind die Herausforderung. In unserer vernetzten Welt ist das System
nur so gut wie sein schwächstes Glied.
Ein Unternehmen in einem Land ist vielleicht auf das
Jahr 2000-Problem vorbereitet. Aber was ist mit
seinen Tochtergesellschaften, Lieferanten, Vertreibern
und Kunden - in Übersee und im Inland gleicherma-

AMERIKA DIENST 25

ßen? Und was ist mit dem Bank- und Finanzsystem,
auf das es sich verläßt, oder der Regierungsbehörde,
die eine Quelle unerläßlicher Informationen sein
könnte?
Zur Zeit gibt es große Unterschiede bei der Vorbereitung auf das Jahr 2000-Problem. In Rußland
ergab eine jüngste Studie, daß ein beträchtlicher
Prozentsatz größerer Unternehmen noch nicht einmal
davon gehört hatte. In China und Indonesien belegte
eine ähnliche Studie, daß bei den derzeitigen Fortschritten weniger als die Hälfte der Firmen bis Ende
nächsten Jahres für das Jahr 2000-Problem gerüstet
sein werden. In großen Teilen Lateinamerikas und
Afrikas ist das Problem noch gravierender.
Selbst in Westeuropa und Nordamerika bleibt noch viel
zu tun. Obwohl beispielsweise Unternehmen und
Regierungsbehörden in den Vereinigten Staaten
schnelle Fortschritte machen, sind sie weiterhin
anfällig, da Milliarden Codierungen noch geändert
werden müssen. Der geschätzte Preis für die Lösung
des Problems könnte über 75 Milliarden Dollar betragen.
Die Kosten für kleinere Länder mit weniger entwickelten Volkswirtschaften und rudimentärerer Infrastruktur
werden sehr viel niedriger sein, aber ein Computerproblem zu einer nationalen Priorität in Regionen der
Welt zu machen, in denen das Leben ein täglicher
Überlebenskampf ist, wird - gelinde gesagt - schwierig
sein. Eine koordinierte globale Strategie muß Hilfe für
die Nationen beinharten, die keine Mittel zur an-

Seite 1

�gemessenen Bewältigung des Problems haben. Das
ist nicht nur gute Politik - es ist aufgeklärtes Eigeninteresse.
Man muß jedoch betonen, daß das Jahr 2000-Problem
nicht nur ein technisches ist. Die Weltöffentlichkeit
muß nicht nur entsprechend über den Umfang und die
Bedeutung des Problems informiert werden, sondern
auch über seine Natur, so daß die unvermeidlichen
Störungen, die irgendwann irgendwo in den ersten
Tagen des Jahres 2000 auftreten, nicht weltweite
Angst oder sogar Panik auslösen.
Aus diesem Grund kommt Regierungen, die gemeinsam und im Rahmen der Vereinten Nationen handeln,
so eine wichtige Rolle dabei zu, die Welt sicher durch
dieses Problem zu steuern.
In den Vereinigten Staaten ist Präsident Clintons
Kommission für die Computerumstellung auf das Jahr
2000 Initiator für eine umfassende Aufklärungskampagne. Der US-Kongreß trägt das Seine dazu bei
und verabschiedet Maßnahmen wie die jüngste
Gesetzesvorlage zur Beschränkung der Haftung von

Unternehmen, die offen über ihre Vorbereitungen auf
die Computerumstellung sprechen.
Es muß jedoch noch viel getan werden, und die
Vereinigten Staaten können viel von Frankreich,
Großbritannien und anderen Ländern lernen, die
eigene Maßnahmen zur Bewältigung des Problems
verabschiedet haben. In der Tat ist einer der Vorzüge
einer globalen Strategie, daß wir alle voneinander
lernen und die besten Ansätze und Hilfsmittel übernehmen können. Was das Jahr 2000-Problem anbetrifft,
hat kein Land ein Monopol für die besten Ideen.
Internationale Organisationen wie die Weltbank und
regionale Gruppen wie die OAS und die OECD
arbeiten bereits hart am Austausch von Informationen
und der Hervorhebung des Problems. Die UN-Konferenz ist jedoch die erste Gelegenheit, um alle Regierungen in die Erarbeitung gemeinsamer Lösungen für
das Jahr 2000-Problem einzubeziehen. Wir müssen
sicherstellen, daß die erforderliche Vorarbeit geleistet
wird, um alle durch dieses Problem gestellten technischen und diplomatischen Herausforderungen zu
überwinden.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 25

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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Amerika möchte, dass sie Erfolg haben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Präsident Clinton &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Holocaust-Konferenz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: Wir müssen die Arbeit der Wiedergutmachung beenden &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin bei der Holocaust-Konferenz&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Menschenrechte und Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. NATO&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die NATO - bereit für das 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Madeleine K. Albright&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Technologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine globale Strategie zur Lösung des Jahr 2000-Problems &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jonathan Spalter&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

01

13.Januar 1999

VERTEIDIGUNGSHAUSHALT

AUFSTOCKUNG DES
US-VERTEIDIGUNGSHAUSHALTS
Radioansprache des Präsidenten

USA-EUROPA

VEREINIGTE STAATEN BEGRÜSSEN
EINFÜHRUNG DES EURO
Erklärungen des Präsidenten und des
Stellvertretenden US-Finanzministers

USA-RUSSLAND

DIE REZESSION IN RUSSLAND UND IHRE AUSWIRKUNGEN AUF DIE NUKLEARINDUSTRIE
von Energieminister Bill Richardson

NATO

USA LEHNEN FORDERUNG NACH VERZICHT
DER NATO AUF ERSTEINSATZ VON ATOMWAFFEN AB
Interview mit Walter Slocombe

UMWELT

EINE WEITERE NACHTSITZUNG FÜR DEN
KLIMAWANDEL
von John C. Kornblum

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Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�VERTEIDIGUNGSHAUSHALT

13.Januar 1999

Aufstockung des US-Verteidigungshaushalts
Radioansprache des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Radioansprache von Präsident Clinton zur
Aufstockung des amerikanischen Verteidigungshaushalts vom 2. Januar 1999.

Guten Morgen. Während wir das letzte neue Jahr
dieses Jahrhunderts feiern, möchte ich zu Ihnen
darüber sprechen, daß wir in der Schuld derjenigen
stehen, die jedes Jahr zu einem Jahr des Friedens für
Amerika machen - die Männer und Frauen unserer
Streitkräfte.
Nahezu 1,4 Millionen Amerikaner stehen heute im
aktiven Dienst für unser Land. Fast eine Viertelmillion
von ihnen sind in Übersee und tun in unvergleichlicher
Weise, was getan werden muß - sei es, die Ambitionen
des Irak zu vereiteln, seine Nachbarn oder die Welt mit
Massenvernichtungswaffen zu bedrohen; in Korea an
der letzten befestigten Grenze des Kalten Krieges
Wache zu halten; den Frieden in Bosnien zu sichern;
unseren Nachbarn in Mittelamerika oder der Karibik bei
Naturkatastrophen zu helfen oder uns einfach das
Vertrauen zu geben, daß Amerika für immer stark und
sicher sein wird.
W r verlassen uns auf unsere Streitkräfte, weil die Welt
immer noch ein gefährlicher Ort ist. W r sind stolz auf
sie, weil sie die Besten der Welt sind. Und heute
erinnern wir uns daran, warum sie die Besten sind nicht nur wegen der Qualität unserer Waffen, sondern
wegen der Qualität unserer Menschen in Uniform. Ihr
Geschick, ihr Engagement und ihre Professionalität
sind enorm groß, stehen außer Frage und suchen
ihresgleichen auf der Welt.
Wenn wir unseren Soldaten und Soldatinnen einen
Auftrag geben, müssen wir uns ein Prinzip vor Augen
halten. Wir sollten sie nie bitten, etwas zu tun, wofür
sie nicht ausgerüstet sind, und wir sollten sie immer für
das ausrüsten, was wir sie zu tun bitten. Je mehr wir
verlangen, desto größer ist unsere Verantwortung,
unseren Truppen die Unterstützung, Ausbildung und
das Gerät zu geben, die sie benötigen. Als Ober-

AMERIKA DIENST 01

befehlshaber habe ich keine größere Pflicht als diese unseren Truppen die Instrumente an die Hand zu
geben, um neue Missionen zu übernehmen und
gleichzeitig ihre Einsatzbereitschaft zur Verteidigung
unseres Landes und zur Bekämpfung jedes Gegners
aufrechtzuerhalten; sicherzustellen, daß sie im Ausland
stationiert werden können in dem Wissen, daß ihre
Familien die Lebensqualität haben, die sie verdienen
und zu gewährleisten, daß sich ihr Dienst von der
Rekrutierung bis zum Ruhestand nicht nur lohnt,
sondern gut belohnt wird.
Ich bin zuversichtlich, daß unser Militär heute zur
Erfüllung dieser Mission bereit ist. Unsere Truppen
führen weiterhin mit makelloser Präzision weit von zu
Hause entfernt komplexe und gefährliche Missionen
durch, wie wir gerade am Persischen Golf gesehen
haben.
Unsere Herausforderung besteht in der
Bewahrung der Fähigkeit, dies zu tun, während wir
unsere gesamte Verteidigungsstrategie umsetzen.
Aus diesem Grund haben wir den Kongreß gebeten,
den diesjährigen Haushalt um 1,1 Milliarden Dollar
aufzustocken, um unsere Einsatzbereitschaft auf dem
höchsten Stand zu halten und die Rekrutierung zu
verbessern. Und der Kongreß hat es getan. Ich habe
auch mit unseren hochrangigen Militärs zusammengearbeitet, um sicherzustellen, daß ihre obersten
Prioritäten bei der Einsatzbereitschaft in unserem
Haushaltsantrag für das Jahr 2000 ihren Niederschlag
finden.
Der Haushalt, den ich dem Kongreß für das nächste
Jahr vorlege, sieht eine Erhöhung von über 12 Milliarden Dollar für Verteidigungsbereitschaft und Modernisierung durch eine Kombination neuer Ausgaben und
Haushaltseinsparungen vor. Das ist der Anfang von
sechsjährigen Bestrebungen, die sich mit der ersten

Seite 1

�langfristigen Aufstockung der Verteidigungsausgaben
seit einem Jahrzehnt befassen.
Wir möchten, daß unsere Streitkräfte weiterhin einsatzbereit sind, damit sie in jeder Krise schnell disloziert
werden können. Und das gewährleisten wir mit diesen
Bestrebungen durch die Finanzierung von gemeinsamen Manövern, Flugausbildung, dringend benötigten
Ersatzteilen und der Besetzung entscheidender
Positionen. Wir möchten, daß unsere Streitkräfte auch
im nächsten Jahrhundert die am besten ausgerüsteten
der Welt sind. Und das gewährleisten wir mit diesen
Bestrebungen, indem wir die nächste Generation von
Schiffen, Flugzeugen und Waffensystemen bezahlen.
Ferner wird dadurch unser Militär in die Lage versetzt,
bei der Bewältigung aufkommender Bedrohungen
unserer Sicherheit wie Terrorismus und Weiterverbreitung die ihm zukommende Rolle zu spielen.
Das wird uns helfen, unseren Truppen das ihnen
Zustehende zukommen zu lassen, indem wir überaltertes Gerät, Kasernen und Familienunterkünfte modernisieren und ersetzen. Dazu zählt eine Gehalts-

erhöhung für das Militär von 4,4 Prozent - die größte
seit 1982 -, eine Umstrukturierung von gezahlten
Belohnungen und die Wiedereinführung von Rentenzahlungen an das Militär, die vor mehr als einem
Jahrzehnt abgeschafft wurden.
Wir müssen diese Bestrebungen heute unternehmen,
damit unsere Nation auch morgen stark und sicher ist.
Und wir müssen es auch aus dem Grund tun, weil wir
eine heilige Verpflichtung gegenüber denjenigen
haben, die um unseretwillen Gefahren und Härten in
Kauf nehmen.
Es sind unsere Söhne und Töchter, Ehemänner und
Ehefrauen, Freunde und Nachbarn aus Städten und
Dörfern ganz Amerikas. Wir müssen ihnen die benötigte Hilfe geben, damit sie ihre Arbeit gut leisten und
weiterhin in ein sicheres und stabiles Amerika heimkehren können.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ihnen ein gutes neues Jahr.

Ich wünsche

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 01

�USA-EUROPA

13.Januar 1999

Vereinigte Staaten begrüßen Einführung des Euro
Erklärungen des Präsidenten und
des Stellvertretenden US-Finanzministers

WASHINGTON/NEW YORK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Weißen Haus herausgegebene
Erklärung Präsident Clintons vom 4. Januar 1999 sowie eine in New York abgegebene kurze Stellungnahme des
Stellvertretenden US-Finanzministers Lawrence Summers zur Einführung des Euro.

Präsident Bill Clinton:

Lawrence Summers:

Wir begrüßen die Einführung des Euro, einen von 11
europäischen Nationen unternommenen Schritt zu
einer vollständigeren europäischen Wirtschafts- und
Währungsunion (EWWU). Die Vereinigten Staaten
sind seit langem ein Befürworter der europäischen
Integration, und wir bewundern die stetigen Fortschritte, die diese Union möglich gemacht haben. Ein
starkes und stabiles Europa mit offenen Märkten und
kräftigem Wachstum ist gut für Amerika und für die
Welt. Eine erfolgreiche Wirtschaftsunion, die zu einem
dynamischen Europa beiträgt, liegt zweifelsohne in
unserem langfristigen Interesse.

Wir gratulieren Europa zu dieser bedeutenden Leistung, die den Höhepunkt der Träume darstellt, die
viele Menschen seit vielen Jahren haben. Die europäische Währungsunion kann, wenn sie erfolgreich ist,
viele bedeutende Vorteile für die Vereinigten Staaten
bringen - in Gestalt eines Europas, das einen größeren, wohlhabenderen Markt für unsere Waren darstellt
und weltweit für uns ein besserer Partner ist. Die von
der Währungsunion verhängte Disziplin macht die
Herausforderungen von Finanzdisziplin und Strukturreform in Europa noch wichtiger.

* * * * *

AMERIKA DIENST 01

Seite 1

�USA-RUSSLAND

13.Januar 1999

Die Rezession in Rußland und
ihre Auswirkungen auf die Nuklearindustrie
von Energieminister Bill Richardson

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen von US-Energieminister Bill Richardson verfaßten Artikel.

Die Finanzkrise in Rußland hat den amerikanischen
Bestrebungen neue Dringlichkeit verliehen, Rußland
bei der Verstärkung der Überwachung von waffenfähigem Material und Fachkenntnis zu helfen. Verschiedene Vorfälle mit unbezahltem Wachpersonal und
nicht funktionierenden Sicherheitseinrichtungen haben
bereits das Risiko eines nuklearen Lecks zu verbrecherischen Staaten oder Terroristen erhöht.
Der beunruhigendste Zwischenfall, der den durch
wirtschaftliche Härten ausgeübten Druck auf die
Mitarbeiter von Kernkraftwerken reflektiert, fand in der
geschlossenen Stadt Majak, der größten Wiederaufbereitungsanlage für Plutonium, statt, wo Dutzende
Tonnen waffenfähigen Plutoniums gelagert sind. Im
September lief ein wachhabender Feldwebel Amok und
tötete mehrere seiner Kollegen, bevor er floh. Er
wurde bislang noch nicht gefaßt.
Unsere Partnerschaft mit Rußland zur Bewältigung
dieser wachsenden sicherheitspolitischen Herausforderungen ist außergewöhnlich. In Zusammenarbeit
mit dem US-Energieministerium verkauft Rußland den
Vereinigten Staaten große Mengen waffenfähigen
Urans in nichtwaffenfähiger Form - bislang 36 Tonnen.
Ferner akzeptiert Rußland unsere Hilfe bei der Verbesserung von Schutz und Nachweis von Nuklearmaterial in etwa 40 Nukleareinrichtungen, einschließlich
höchst geheimer Anlagen.
Darüber hinaus hat Moskau einem amerikanischrussischen Programm zugestimmt, in jedem Land 50
Tonnen waffenfähiges Plutonium für nukleare Explosivstoffe unbrauchbar zu machen. Und wir verfolgen
kooperative Programme, um russische Waffenforscher
in friedliche Projekte einzubeziehen und die Konsolidie-

AMERIKA DIENST 01

rung des russischen
erleichtern.

Nuklearwaffenkomplexes

zu

Die russische Finanzkrise hat diese Arbeit schwieriger,
aber auch wichtiger gemacht, denn die zunehmenden
Wirtschaftsturbulenzen werden die Anreize für Insider
in Nukleareinrichtungen zum Verkauf von Material oder
ihren Diensten außerhalb der autorisierten Kanäle
erhöhen.
Unsere größte Sorge ist, daß die wirtschaftlichen Härten die Fähigkeit dieser Einrichtungen
zum Schutz und zur Kontrolle von Nuklearmaterial
beeinträchtigen.
Beispielsweise haben wir von Fällen gehört, wo
Wachpersonal in einigen zivilen Nukleareinrichtungen
nicht zur Arbeit erschien und - in einem außergewöhnlichen Fall - der Strom einer Nukleareinrichtung wegen
unbezahlter
Elektrizitätsrechnungen
abgeschaltet
wurde, was natürlich Auswirkungen auf die vom Strom
abhängigen Sicherheitssysteme hatte.
Bislang haben wir keine Beweise dafür, daß Nuklearmaterial gefährdet wurde. Trotzdem sind dies ernste
Entwicklungen, und die Arbeitsgruppe des US-Energieministeriums für die Sicherheit von Nuklearmaterial in
Rußland und den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion arbeitet hart daran.
Das Programm meines Ministeriums für Materialschutz,
-kontrolle und -nachweis fördert beispielsweise
"passive" Sicherheitsverbesserungen,
die
sogar
funktionieren, wenn das Wachpersonal nicht verfügbar
ist oder der Strom abgeschaltet wird. Dazu zählen
Tresorschlösser, die bei Stromausfall in den sicheren
Zustand gehen und nur geöffnet werden können, wenn
zwei autorisierte Personen entsprechende Codes
eingeben, sowie passive physische Barrieren wie

Seite 1

�ineinandergreifende Betonblöcke.
Andere Maßnahmen können so einfache Dinge wie das Zumauern
ungeschützter Fenster und überflüssiger Zugänge
beinhalten.
Ferner intensivieren wir unsere Bestrebungen zur
Konzentration von Material an wenigen, leichter zu
sichernden Orten, obwohl es angesichts des Ausmaßes des russischen Nuklearkomplexes noch
mehrere Jahre dauern wird, bevor wir signifikante
Ergebnisse sehen.
Die Frage der Betriebskosten wie beispielsweise der
Gehälter des Wachpersonals ist besorgniserregend.
Die Vereinigten Staaten haben solche Kosten in der
Vergangenheit nie bestritten, weil sie unseres Erachtens in den russischen Verantwortungsbereich
fallen. Trotzdem suchen wir nach Wegen, einzelne
Einrichtungen zu unterstützen, indem wir die Wärter mit
Winterkleidung versorgen und verschiedene Verpflegungsstellen subventionieren um zu gewährleisten,
daß die Wärter nicht hungrig Dienst tun müssen.
Die Kosten sind gering und zweifelsohne eine lohnende Investition.
Diesen Sommer hat mein Ministerium ein umfassendes
neues Programm mit dem russischen Innenministerium
eingeleitet - der Organisation, die in vielen russischen
Nukleareinrichtungen das Wachpersonal stellt. Wir

verbessern die Ausbildung und Notfallmaßnahmen.
Wir werden unsere Kontakte zum Innenministerium
nutzen, um die Bedeutung der Zahlung von Löhnen
und Gehältern des Wachpersonals sowie seiner
Versorgung mit anderen notwendigen Dingen zu
unterstreichen.
Die finanziellen Turbulenzen in Rußland behindern
unsere Bestrebungen zur Diversifizierung der Volkswirtschaften der zehn geschlossenen Nuklearstädte
und insbesondere die Förderung von Privatinvestitionen in diesen Regionen. Im nächsten halben Jahr wird
unsere neue "Initiative Nuklearstädte" jedoch hoffentlich die Weichen stellen.
Drei Städte wurden als Aushängeschilder ausgewählt:
Zwei Komplexe für den Entwurf von Nuklearwaffen und
ein Zentrum für Plutoniumherstellung in Krasnojarsk26. Im kommenden Januar werden führende Vertreter
dieser Städte vergleichbare "verkleinerte" Nukleareinrichtungen in den Vereinigten Staaten besuchen, um
zu lernen, wie wir dort zivile Arbeitsplätze schaffen, und
Teams amerikanischer Wirtschaftsentwicklungsspezialisten werden die drei russischen Zentren besuchen.
In den kommenden Monaten wird Rußland mehr, nicht
weniger Hilfe benötigen, und wir müssen darauf
vorbereitet sein. Unsere beiden Länder bleiben der
Verringerung der Bedrohung durch das nukleare Erbe
des Kalten Krieges verpflichtet.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 01

�NATO
13.Januar 1999

USA lehnen Forderung nach Verzicht der NATO
auf Ersteinsatz von Atomwaffen ab
Interview mit Walter Slocombe

DEN HAAG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview von Walter Slocombe, dem Staatssekretär für
politische Angelegenheiten im US-Verteidigungsministerium, mit dem Chefredakteur der niederländischen Zeitung
"De Volkskrant" vom 4. Dezember 1998 in Den Haag.

1. Was erwarten Sie von den Deutschen - wer wird die
Frage des Ersteinsatzes zur Abschreckung im strategischen Rat ansprechen?
Antwort: Die Bundesregierung muß entscheiden,
welche Fragen sie ansprechen will. Tatsache ist, daß
das Bündnis seine Nuklearpolitik seit dem Ende des
Kalten Krieges drastisch geändert hat. Wir haben etwa
80 bis 90 Prozent der Nuklearwaffen aus dem Verkehr
gezogen und verfügen damit über kaum ein Zehntel
des früheren Bestands. Die Vereinigten Staaten und
Rußland haben starke Einschnitte bei den strategischen Streitkräften vorgenommen, denen noch weitere
folgen werden, wenn die russische Duma hoffentlich
bald das in den Vereinigten Staaten bereits ratifizierte
START Il-Abkommen ratifiziert und wir im Rahmen von
START III zu weiteren Kürzungen übergehen. Die
Vereinigten Staaten haben Nuklearwaffen von ihren
Überwasserschiffen abgezogen. Wir besitzen keine
Nuklearminen. Eine ganze Gattung von Nuklearwaffen, die es vor 15 Jahren gab, existiert nicht mehr.
Soviel zur Streitkräftestruktur. Im Hinblick auf die
Doktrin ist die NATO vom Rückgriff auf Nuklearwaffen
zur Bewältigung einer übermächtigen konventionellen
Bedrohung übergegangen. Trotz der Erkenntnis, daß
es diese Bedrohung nicht mehr gibt, bleiben Nuklearwaffen ein Schlüsselelement der Abschreckungsstrategie des Bündnisses, weil sie bei einem Aggressor Unsicherheit darüber hervorrufen, was
geschehen wird, wenn er NATO-Mitgliedstaaten oder
ihre Streitkräfte angreift. Das ist von besonderer
Bedeutung in einem Zeitalter, in dem eine steigende
Zahl von Ländern chemische, biologische und nukleare Waffen sowie Langstreckenträgersysteme beschafft. Wir sind der Ansicht, daß das Bündnis jetzt im

AMERIKA DIENST 01

Wesentlichen über die richtige Nuklearstrategie
verfügt. Wenn manche das diskutieren möchten, ist
das ihre Entscheidung. Wir vertreten die Meinung, daß
das Bündnis die richtige Haltung einnimmt.
2. Wenn es jetzt keine Risiken gibt, warum sollten wir
uns dann die Möglichkeit eines Erstschlags vorbehalten?
Antwort: Weil es wahr und sehr gut ist, daß wir
innerhalb von 20 Jahren von einer Sowjetunion, die
eine große militärische Bedrohung für Europa darstellte, zu einem Rußland und einer ganzen Reihe von
Staaten, der Ukraine, den baltischen Ländern, Belarus,
Moldawien und anderen übergegangen sind, die
Sicherheitspartner darstellen.
Bedauerlicherweise
mußten wir während desselben Zeitraums das Entstehen neuer Bedrohungen durch verbrecherische
Staaten beobachten. Wir alle machen uns Sorgen
über den Irak und seine Fähigkeit zum Bau von
Chemiewaffen. Das Land verfügt über Chemiewaffen
sowie die Fähigkeit zum Bau biologischer Waffen.
1991 besaß es Chemiewaffen. Wir wissen nicht, ob es
noch einige davon hat. 1991 besaß es biologische
Waffen. Wir wissen nicht, ob es davon noch einige
hat. Das Land hatte ein sehr weit entwickeltes Nuklearwaffenprogramm. Es besaß die Fähigkeit zum Bau
von Langstreckenraketen. Das ist jetzt eingeschränkt
worden, aber die Fähigkeit besteht noch. Der Iran
arbeitet aktiv an Programmen für nukleare, chemische
und biologische Waffen und ihre Langstreckenträgersysteme. Der Iran verfügt ganz offensichtlich über ein
Nuklearwaffenprogramm und besaß Chemiewaffen.
Diese wurden im iranisch-irakischen Krieg eingesetzt,
als der Iran vom Irak angegriffen wurde. Der Iran baut

Seite 1

�Langstreckenraketen. Libyen hat ein aktives Programm. Dasselbe gilt für Syrien. Ich meine nicht, daß
irgendeines dieser Länder morgen die NATO-Mitgliedstaaten angreifen wird, und ich schließe auch nicht die
Möglichkeit aus, daß es andere Länder gibt, aber mir
würde es sehr dumm erscheinen, wenn das Bündnis
einem Aggressor von vornherein sagen würde, daß er
im Falle eines Angriffs mit diesen schrecklichen Waffen
nicht das Risiko eines Gegenschlags mit Nuklearwaffen eingehen würde. Es geht einfach nur darum
sicherzustellen, daß wir ein hohes Maß an Unsicherheit oder Besorgnis aufrechterhalten wollen, womit
ein potentieller Aggressor bei einem Einsatz dieser
Waffen oder im Falle anderer aggressiver Akte gegen
das Bündnis konfrontiert würde. Ich stelle die Behauptung in Frage, es gäbe keine Bedrohung mehr.
Die Bedrohung hat sich verändert.
3. Manche behaupten, Sie würden die Bedrohung
durch diese Länder übertreiben, um den Ersteinsatz
von Nuklearwaffen zu rechtfertigen.
Antwort: Ich bin absolut nicht der Meinung, daß wir
die Bedrohung übertrieben darstellen. Das sind die
Fakten. Es steht außer Frage, daß der Iran Langstreckenraketen baut. Es steht außer Frage, daß er
ein Nuklearprogramm hat. Glücklicherweise ist es
nicht sehr weit entwickelt. Es steht außer Frage, daß
das Land über ein Chemiewaffenprogramm verfügt.
Der Irak hat zugegeben, daß er sowohl über Chemiewaffen als auch über biologische Waffen verfügte und
bestückte 1991 tatsächlich Raketen mit diesen Waffen.
Er hat die Fähigkeit zum Bau von Langstreckenraketen. Syrien hat ein aktives Chemiewaffenprogramm.
Libyen hat ein aktives Chemiewaffenprogramm.
Meines Erachtens kann niemand ernsthaft bestreiten,
daß diese Bedrohungen existieren. Wir waren Zeuge
des Einsatzes von Chemikalien. Selbst in Europa gab
es einen Anschlag durch eine Terrorgruppe. In der
Pariser U-Bahn wurde ein Terroranschlag verübt, bei
dem Chemiewaffen eingesetzt wurden. Das zeigt die
bestehenden Fähigkeiten. Darüber hinaus entwickelt
Nordkorea alle diese Systeme, und Nordkorea ist auch
ein sehr exportorientiertes Land.
4. Wir haben gehört, Sie würden das Thema nicht
gerne ansprechen. Fürchten Sie sich vor der Debatte?
Antwort: Ich fürchte mich nicht vor der Debatte, weil
ich der Ansicht bin, daß bei jeder fairen Debatte über
diese Themen die Menschen - möglicherweise auch
der deutsche Außenminister Fischer, der sehr vernünftig und verantwortungsbewußt und Mitglied einer
vernünftigen und verantwortungsbewußten Regierung
ist - zugeben werden, daß die derzeitige Politik klug ist.
Auf einen Aspekt dessen werde ich gleich noch
zurückkommen. Ich bin tatsächlich der Ansicht, daß
eine ausführliche öffentliche Debatte über diese
Themen die Gefahr birgt, von den wirklichen Fragen
der Umgestaltung der NATO abzulenken - wie wir die

Seite 2

NATO besser in die Lage versetzen, die Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts zu meistern. Ich möchte darauf hinweisen, daß ich nicht die
Gelegenheit hatte, dies mit Bundesaußenminister
Fischer zu erörtern. Wir sprachen mit Verteidigungsminister Scharping bei seinem Besuch in Washington
über diese Frage und er wies auf einen meines
Erachtens sehr wichtigen Punkt hin: Den Unterschied
zwischen dem langfristigen Streben nach einer Welt
ohne Nuklearwaffen, in der nukleare Bedrohungen
kein Bestandteil der nationalen Politik mehr sind, und
dem derzeitigen Problem, Tag für Tag, jetzt und hier
NATO-Politik zu machen und eine reale Verteidigungsstrategie zu verfolgen. Das ist eine stichhaltige
Unterscheidung. Letzten Endes sind die Vereinigten
Staaten der Beseitigung aller Nuklearwaffen im
Rahmen der allgemeinen Abrüstung verpflichtet. Das
wird nicht so bald geschehen, ist aber ein berechtigtes
Streben. Mir geht es hier nicht darum, die neue
deutsche Regierung zu bitten, ein Grundprinzip
abzulehnen. Die neue deutsche Regierung sollte die
Situation prüfen und entscheiden, ob es im deutschen
und im Interesse des Bündnisses liegt, im Kontext der
gegenwärtigen Politik eine Debatte im großen Stil über
diese Fragen zu führen.
5. Können Sie der neuen Bundesregierung trauen, wo
doch Schröder gesagt hat, sie habe das Recht auf die
Eröffnung der Debatte?
Antwort: Es steht außer Frage, daß sie das Recht zur
Eröffnung der Debatte hat, wenn sie das wünscht.
Und es steht außer Frage, daß dies legitime Anliegen
sind und meines Erachtens haben mehrere aufeinanderfolgende Bundesregierungen quer durch die deutsche Politik in gewisser Weise eine sehr geachtete
moderne Tradition des Antimilitarismus in Deutschland
gepflegt. Es besteht die Notwendigkeit einer effektiven
Verteidigung, eines effektiven Bündnisses und einer
effektiven Abschreckung als Teil dieses Bündnisses.
Was Scharping bei seinem Besuch in Washington
gesagt hat, war, daß die neue Bundesregierung diese
Kemprinzipien der NATO nicht in Frage stellen will.
6. Es besteht ein Widerspruch, denn Scharping hat
einerseits behauptet, es gebe langfristige Bestrebungen, andererseits verwandelte die neue Bundesregierung diese vier Wochen nach ihrem Amtsantritt in
eine Debatte innerhalb des Bündnisses.
Antwort: Verteidigungsminister Scharping wies
während seines Besuchs in Washington unter anderem auch darauf hin, daß die Bundesregierung noch
keine Entscheidung getroffen hat, wie sie diese Frage
behandeln will. Meines Erachtens sollten wir die
Entscheidung der Bundesregierung abwarten, bevor
wir uns offiziell an der Diskussion beteiligen.

AMERIKA DIENST 01

�7. Ist es ein amerikanischer Alptraum, daß ein deutscher Außenminister eine andere Politik verfolgt als
der Bundeskanzler?
Antwort: Die Vereinigten Staaten werden mit jeder
deutschen Regierung zusammenarbeiten. Es liegt an
dieser, die Entscheidung zu treffen, welche Themen
sie wann, in welchem Kontext und wie ansprechen will.
8. Haben Sie keine Angst, daß andere Länder diesem
Beispiel folgen?
Antwort: Ich habe keine Angst davor, daß irgendeine
dieser Fragen erörtert wird. Meines Erachtens spricht
jedoch vieles dafür, daß es nicht sinnvoll ist, angesichts der wirklich wichtigen Themen viel Zeit auf diese
Fragen zu verwenden. Diejenigen unter uns, die
überzeugt sind, daß die NATO sowohl im Allgemeinen
als auch im Hinblick auf Nuklearwaffen grundsätzlich
die richtige Strategie verfolgt, haben von der Debatte
nichts zu befürchten. Wir versuchen nicht, die Debatte
zu vermeiden. Ich würde es jedoch vorziehen, wenn
wir uns auf die wirklich zentralen Themen konzentrierten - die europäische Verteidigungsidentität, die
Vorbereitung der NATO auf die Bewältigung der neuen
uns konfrontierenden Herausforderungen, den Aufbau
von Beziehungen zwischen der NATO und Rußland,
die Integration neuer Mitglieder in das Bündnis, die
Einbeziehung der neuen Mitglieder, den Aufbau der
Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses. Das scheinen
mir die Themen zu sein, die eine Debatte verdienen,
denn sie repräsentieren die Herausforderungen von
heute und nicht die von vor 15 oder 20 Jahren.
9. Bei der Debatte über die Probleme der neuen
NATO ist Deutschland auch gegen eine Globalisierung
der NATO und eine NATO-Intervention ohne ein
Mandat des UN-Sicherheitsrats.
Antwort: Wir möchten die NATO nicht in dem Sinne
globalisieren, daß sie zu einer globalen Polizei wird.
Wir sind jedoch überzeugt - und das wird meines
Erachtens nicht groß erörtert - daß wir nicht länger in
einer Welt leben, in der die zentrale Herausforderung
für die europäische Sicherheit das Risiko eines
massiven sowjetischen Angriffs mit Bodentruppen auf
das Territorium von NATO-Mitgliedern ist.
Diese
Bedrohung existiert glücklicherweise nicht mehr. Wir
befinden uns jetzt in einer Situation, in der die Bedrohungen der Sicherheit des Bündnisses weniger
ernsthaft, aber dennoch ernsthaft und anderer Art sind.
Es sind Bedrohungen durch regionale Instabilität, wie
beispielsweise in Bosnien und im Kosovo, die auch in
anderen Gebieten entstehen könnten. Es sind Bedrohungen durch die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, auch aus an das NATO-Gebiet
angrenzenden Ländern. Zieht man die Entwicklung
von Raketen- und Flugzeugträgersystemen in Betracht, kommt auch aus weiter entfernten Ländern eine
Bedrohung. Dies sind ganz direkte Bedrohungen der

AMERIKA DIENST 01

Sicherheit der NATO. Wir sprechen nicht darüber, daß
die NATO in anderen Gebieten tätig wird und in
Osttimor oder irgendwo anders Frieden stiftet. Das
gehört zum Thema Globalisierung. Wir sprechen nur
vom Umgang mit Bedrohungen Europas, die sich von
der alten Form einer direkten Truppeninvasion unterscheiden.
Ihre andere Frage hatte mit dem Mandat des Sicherheitsrats zu tun. Die Vereinigten Staaten stimmen
voll und ganz überein, daß es von elementarer Bedeutung ist, eine angemessene rechtliche Grundlage für
jeden Einsatz von militärischer Gewalt zu haben.
Ferner stimmen wir zu, daß es aus rechtlichen und
politischen Gründen oft wünschenswert ist, den
Einsatz von Gewalt von den Vereinten Nationen
billigen zu lassen. Das steht außer Zweifel. In der
Praxis haben wir uns an die UNO gewandt und deren
Zustimmung erhalten. Im Golfkrieg 1991 hatte die
Zustimmung die drastischste und weitreichendste
Form. Im jüngsten Fall des Kosovo war die Zustimmung völlig klar, jedoch weniger direkt und
weitreichend. Wir bestreiten nicht, daß eine Vollmacht
der UNO nützlich oder wünschenswert ist. Tatsache
ist jedoch, daß die UN-Charta Artikel 51 enthält, der
das Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung anerkennt, und diese Definition ist
unabhängig vom UN-Sicherheitsrat und rechtlich
separat. Unseres Erachtens beinhalten Artikel 5 1 , die
UN-Charta und das Völkerrecht im Allgemeinen, daß
Staaten gemeinsam handeln dürfen, wenn ihre
Sicherheit bedroht ist und nicht erst abwarten müssen,
bis es zu einer Invasion kommt. Im Falle des Kosovo
oder im Falle Bosniens handelt es sich beispielsweise
um Situationen, in denen die sehr reale Gefahr eines
Ausufern des Konflikts bestand, wenn nicht gehandelt
worden wäre. Eine solche Instabilität in der Region
kann Stabilität und Sicherheit bedrohen, und Konflikte
können auf NATO-Mitgliedstaaten übergreifen.
10. Im Kosovo gab es auch den Faktor der Opposition
von Seiten Rußlands und Chinas.
Antwort: Das ist eine andere Frage. Niemand ist
wohl der Ansicht, irgendwo im Völkerrecht sei niedergelegt, daß andere Länder sich nicht verteidigen und
zu ihrer Verteidigung zusammenschließen dürfen,
wenn ein großes Land der Welt dagegen ist. Ich habe
vergessen, wer für die Kosovo-Resolution stimmte und
wer sich der Stimme enthielt. Selbst wenn man aus
Argumentationszwecken davon ausgehen würde, daß
die Russen oder die Amerikaner gegen bestimmte
Aktionen anderer Länder sind, die diese zu ihrer
Selbstverteidigung unternehmen, heißt das nicht, daß
diese Aktionen einer angemessenen Rechtsgrundlage
entbehren. Sie sprechen da einen wichtigen praktischen Punkt an. Wenn man behauptet, daß die
europäischen Länder zusammen mit den Vereinigten
Staaten oder im Alleingang ihre Interessen nur dann
verteidigen können, wenn sie die Zustimmung des UN-

Seite 3

�Sicherheitsrats haben, dann haben sie ihre nationale
Verteidigung und Souveränität der Mehrheit des UNSicherheitsrats oder irgendeinem ständigen Mitglied
übertragen. Das ist meines Erachtens eine weder
erforderliche noch vernünftige Interpretation des
Völkerrechts. Das ist als internationale Strategie
absolut nicht sinnvoll.
11. Hätten die Vereinigten Staaten im Kosovo auch
gegen den Widerstand Rußlands gehandelt?
Antwort: Obwohl die Russen deutlich gemacht haben,
daß sie einen Einsatz ohne militärische Gewalt
vorziehen würden, stimmten sie nicht gegen UNResolution 1199 (über den Kosovo). Und ebenso wie
ich sicher bin, daß die Russen aus Prinzip und aus
rechtlichen Gründen ihr Recht auf Selbstverteidigung
ohne eine Resolution des UN-Sicherheitsrats geltend
machen, bin ich sicher, daß auch die Vereinigten
Staaten gegen den Widerstand der Russen handeln
können. Wir ziehen die russische Haltung in Betracht.
Wir sind der Ansicht, daß das System besser funktioniert, wenn wir mit den Russen zusammenarbeiten.
Aber notfalls sind wir zum Alleingang bereit.
12. Trotzdem sind Sie nie ohne Unterstützung Rußlands vorgegangen. Wird das je geschehen?
Antwort: Ich bin zweifellos sicher, daß wir das Recht
haben, gegen russischen, chinesischen, britischen oder, wenn man kein Amerikaner ist - amerikanischen
Widerstand zu handeln. Ob wir je mit einer Situation
konfrontiert werden, in der dies nötig ist, ist eine
andere Frage. Das hängt von den Umständen ab. Es
besteht ein großer Unterschied zwischen den gesetzlich niedergelegten Rechten und dem, was man aus
diplomatischen, politischen oder strategischen Gründen tut, um einen möglichst breiten internationalen
Konsens zu erreichen.
13. Tun die Europäer genug, um eine breite Machtgrundlage für die NATO zu schaffen?
Antwort: Ob sie genug tun? Nein. Aber sie tun viel
mehr als in den letzten Jahren. Und sie sind auf dem
richtigen Weg.
14. Sind Sie überzeugt, daß sie weitermachen
werden?
Antwort: Ich denke schon, denn das liegt in ihrem
eigenen Interesse.
15. Meiner Meinung nach sind sie nicht überzeugt,
daß das in ihrem eigenen Interesse liegt. Oder sind
Sie der Ansicht, daß es nur um finanzielle Fragen
geht?

ressourcen gegenüber, und das ist ein Problem.
Außerdem müssen sie die Wahl zwischen der Schlüsselfunktion der Verteidigung im Inland und umfassenderen Pflichten treffen. Fast alle europäischen Länder
haben Programme verabschiedet, die im Falle ihrer
Umsetzung - und sie wurden bereits eingeleitet - zu
weitaus mobileren, weitaus flexibleren, weitaus besser
dislozierbaren Truppen führen. Aus dem einfachen
Grund, weil sie - und das führt zurück zum Ausgangspunkt unserer Diskussion - nicht mehr mit dieser
Bedrohung eines massiven bewaffneten russischen
Angriffs konfrontiert sind. Sie verstehen, daß das kein
unmittelbares Sicherheitsdilemma ist, und sie müssen
ihre Truppen entsprechend anpassen.
16. Haben Sie Schätzungen vorgenommen, wieviel
eine Umgestaltung und Reform der NATO kosten
würde?
Antwort: Wir haben - nicht so sehr im US-Verteidigungsministerium als vielmehr innerhalb der NATO ernsthafte Analysen durchgeführt, wie diese Anpassungen im Rahmen der bestehenden Etats und mit
vernünftigen Prognosen durchgeführt werden können.
Es geht nicht so sehr darum, mehr Geld auszugeben,
sondern vielmehr darum, es anders auszugeben: für
im Allgemeinen kleinere Streitkräfte. Viele, nicht alle
Länder - einschließlich der Niederlande - schaffen die
Wehrpflicht ab. Sie gehen zu kleineren, flexibleren,
besser dislozierbaren Streitkräften über. Zu besserer
Kommunikation und mehr Dauerhaftigkeit.
17. Glauben Sie, daß die Welt bei einem Verzicht auf
den Ersteinsatz von Nuklearwaffen sicher für einen
konventionellen Krieg würde?
Antwort: Worüber ich mir Sorgen mache, ist nicht nur,
daß das die Welt sicher für einen konventionellen
Krieg, sondern - viel schlimmer - für einen chemischen
und biologischen Krieg machen würde. Es geht nicht
darum, daß sie sicher würde. Es geht darum, daß das
einen Anreiz für Menschen mit Aggressionstrieb böte,
die im Besitz dieser Waffen sind. Es wäre ein Anreiz
zu ihrem Einsatz. Dadurch wird die Welt nicht sicher.
18. Sind Sie der Ansicht, daß sich die europäische
Haltung zur NATO wegen Deutschland ändern wird?
Antwort: Das weiß ich nicht, denn bis jetzt haben wir
mehrere Erklärungen verschiedener Mitglieder der
deutschen Bundesregierung gehört. Die endgültige
Entscheidung darüber, wie, wann und in welchem
Zusammenhang Deutschland dieses Thema im
Bündnis ansprechen will, liegt bei Deutschland selbst.
Diese Entscheidung muß noch getroffen werden.
19. Sie glauben nicht, daß Deutschland die Frage
anschneiden wird?

Antwort: Meines Erachtens sehen sich die Europäer
wie alle Staaten Engpässen bei ihren Verteidigungs-

Seite 4

AMERIKA DIENST 01

�Antwort: Bislang haben wir Hinweise darauf, daß in
Deutschland darüber eine Diskussion stattfindet. Daß
die Bundesregierung bislang keine Entscheidung
getroffen hat, wie - falls überhaupt - sie das Thema in
der NATO aufbringen will. Es ist durchaus möglich,
daß das geschieht. Ich bestreite nicht, daß das
möglich oder sogar wahrscheinlich ist. Aber wie das
geschieht und was Deutschland vorschlägt - das wird
große Auswirkungen auf den weiteren Prozeß haben.

weniger um ihren möglichen Einsatz in Gebieten, die
die Interessen der NATO berühren. Meines Erachtens
heißt das in einem solchen Fall nicht notwendigerweise, daß die NATO Nuklearwaffen einsetzen sollte.
Ich bin jedoch überzeugt, daß es einen großen
Unterschied zwischen der Aussage "ich bin nicht
sicher, ob ich in diesem Kontext Nuklearwaffen
einsetzen würde" und der Aussage gibt "diese Probleme gehen die NATO nichts an".

20. Meinen Sie, daß die neuen Mitgliedstaaten die
deutsche Haltung unterstützen werden?

23. Die deutsche Regierung ist aber der Ansicht, daß
sie in solche Probleme hineingezogen wird.

Antwort: Ich möchte nicht darüber spekulieren,
welche Haltung die einzelnen Länder einnehmen. Ich
bin jedoch überzeugt, daß Staaten, die sich der
Tatsache bewußt sind, daß sie in Europa weiterhin mit
Sicherheitsproblemen, insbesondere möglicherweise
Massenvernichtungswaffen - wenn auch in einem
anderen Kontext - konfrontiert sind, erkennen müssen,
daß die NATO-Doktrin nichts anderes beinhaltet, als
sich das Recht auf den Einsatz von Nuklearwaffen als
Reaktion auf diese entsetzlichen Bedrohungen und
Formen von Aggression vorzubehalten.
Meines
Erachtens werden alle Länder im Bündnis - ebenso
wie schon 1991 - übereinkommen, daß dies die
richtige Politik ist.

Antwort: Wir sollten der Bundesregierung zugestehen,
ihre Ansicht zu äußern.

21. Sind Sie der Ansicht, daß die NATO mit Nuklearwaffen auf Bedrohungen reagieren sollte?
Antwort: Ich sage nicht unbedingt, daß die NATO
Nuklearwaffen als Reaktion auf eine Bedrohung oder
den Einsatz chemischer oder biologischer Waffen
gegen ein Nichtmitgliedsland einsetzen sollte, obwohl
ich das nicht völlig ausschließen würde. Darum geht
es hier nicht. Vielmehr geht es darum, wie die NATO
auf Bedrohungen ihrer Mitglieder reagieren würde. Es
ist schön und gut zu sagen, daß wir uns beispielsweise
über libysche Chemiewaffen keine Sorgen machen
brauchen, weil wir in Nordeuropa leben. Es besteht
jedoch kein Zweifel, daß diese Länder in einem oder
spätestens zwei Jahrzehnten mit Hilfe von Raketen,
Flugzeugen oder terroristischen Methoden über die
Fähigkeit verfügen werden, diese Waffen gegen Ziele
in Europa einzusetzen.
22. Ist es möglich, daß die NATO einen Vergeltungsschlag übt, wenn Libyen oder der Irak andere Ziele im
Nahen Osten angreifen?
Antwort: Das ist ein ganz anderes Thema als die
Frage des Ersteinsatzes. Die Debatte über den
Ersteinsatz geht darum, ob die NATO potentiellen
Aggressoren versichert, daß sie nicht mit bestimmten
Risiken konfrontiert werden, die ansonsten einen
großen Abschreckungseffekt hätten. Und das wäre
sehr dumm. Bei der anderen Frage geht es darum,
was die NATO mit denjenigen machen sollte, die
Massenvernichtungswaffen entwickeln, und viel

AMERIKA DIENST 01

24. Aber was geschieht, wenn andere Mitglieder
ebenfalls glauben, daß sie in das Problem hineingezogen werden?
Antwort: Zuerst sollte man nicht vergessen, daß die
NATO per definitionem nichts ohne die Zustimmung
aller ihrer Mitglieder unternehmen kann. Wenn die
deutsche oder die amerikanische oder die niederländische oder irgendeine andere Regierung im Bündnis
sagen, daß etwas nicht in unserem Interesse liegt, zu
gefährlich, zu risikoreich, zu kostspielig oder illegal ist,
haben sie die Macht, die NATO vom Handeln abzuhalten. Es ist nicht möglich, die NATO in etwas
hineinzuziehen, wenn auch nur ein einziges Bündnismitglied dagegen ist.
25. Sollte die NATO ein Interessenbündnis anstelle
eines Verteidigungsbündnisses werden?
Antwort: Die NATO war schon immer ein Interessenbündnis - Interesse an der Sicherheit der
Mitgliedstaaten. Meines Erachtens ist offensichtlich,
daß es in den letzten 20 Jahren eine Veränderung im
Hinblick darauf gegeben hat, woher diese Interessen
stammen. Vor 20 Jahren war die Bedrohung direkt.
Es war die Bedrohung einer massiven Invasion mit
Bodentruppen, unterstützt durch mächtige Luft- und
Seestreitkräfte sowie Nuklearwaffen, durch die Sowjets, die eine mitten durch das Zentrum Europas
laufende Grenze überschreiten würden. Jetzt, da
diese Bedrohung glücklicherweise nicht mehr existiert,
gibt es andere Bedrohungen, die keine Bedrohungen
eines unbestimmten Gefühls einer Weltordnung
irgendwo im Südpazifik sind. Es sind Bedrohungen
der Sicherheit Europas. Sie rühren von Dingen wie
ethnisch begründeten Kriegen und Instabilität her, von
Orten wie dem Kosovo und Bosnien, von der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und - ich zögere
nicht, das auszusprechen - möglicherweise von
Problemen in weiter entfernten Regionen, die sehr
direkte Auswirkungen auf die europäische Sicherheit
haben. Wir bestreiten nicht - meines Erachtens
bestreitet niemand in den Vereinigten Staaten - daß die
NATO oder die Vereinigten Staaten generell die

Seite 5

�Freiheit haben, alle möglichen Konflikte zu bekämpfen.
Wir sagen, daß das Bündnis das Recht und die Pflicht
hat, Bedrohungen unserer Sicherheit zu begegnen.
26. Also sind die Sicherheitsbeziehungen in Europa
entscheidend.

Antwort: Bei der NATO geht es um Sicherheit im
transatlantischen Raum. Die Vereinigten Staaten
haben auch das Recht, ihre Identität und ihre Interessen zu schützen. Aber es geht hier um Sicherheitsfragen, das ist richtig.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 01

�UMWELT

13.Januar 1999

Eine weitere Nachtsitzung für den Klimawandel
von John C. Kornblum

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika
in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, der auf Deutsch erstmals am 11. Januar 1999 in Die Welt
erschien.

Die Bilder von der Klimakonferenz in Buenos Aires im
November waren - wie vor einem Jahr in Kyoto - von
Frustration und Erschöpfung gekennzeichnet. Klimaverhandlungen sind wahrhaftig keine leichte Arbeit. Es
dauerte eine ganze Nacht, bis ein 'Aktionsplan von
Buenos Aires" vereinbart wurde. Aber es wird sehr viel
mehr als einen 'Aktionsplan" erfordern, um die Arbeit
zu beenden, die getan werden muß. Es wird Engagement und harte Arbeit von uns allen verlangen, weil wir
eine globale Lösung für die globalen Probleme des
Klimawandels benötigen - jeder muß tatkräftig mithelfen.
Abkommen und Quoten sind gut und schön. Aber
sie können irreführend sein. Die globale Erwärmung
kann nicht in nur einem Teil der Welt rückgängig
gemacht werden. Die besten Absichten Europas oder
der Vereinigten Staaten sind nicht genug. Wir sind
eine Welt mit einer Atmosphäre. Jeder, auch die
weniger entwickelten Länder, müssen tatkräftig
mithelfen.
Manchmal scheinen unsere europäischen Freunde
zu glauben, die Festlegung eines Ziels sei genug.
Und wenn andere nicht zustimmen, müsse man nur
lauter sprechen. Damit kommen wir nirgendwo hin.
Die Vereinigten Staaten haben sich zur Reduzierung
ihrer Treibhausgasemissionen verpflichtet und sich
dafür ein ehrgeiziges Ziel gesteckt. Aber wir sind ein
riesiges Land. Unsere Volkswirtschaft hängt von Autos
und fossilen Brennstoffen ab. In der Dritten Welt
kämpfen mehrere große Länder darum, die erste Stufe
der Industrialisierung zu erreichen. Auch sie sind nicht
an Lektionen von reichen, hoch entwickelten europäischen Staaten interessiert.

AMERIKA DIENST 01

Heißt das, daß die Probleme nicht gelöst werden
können? Ganz im Gegenteil, es gibt funktionierende
Methoden, die für die Wirtschaftsinteressen und
aufgeklärte Politiker attraktiv sind. Solche "Flexibilitätsmechanismen" waren in den Vereinigten Staaten bei
anderen schwierigen Problemen wie saurem Regen
erfolgreich. Sie können auch beim Klimawandel eine
wichtige Rolle spielen. Aber wir benötigen Offenheit
und Pragmatismus. Nur Recht zu haben, wird nicht
ausreichen.
Tatsache ist, selbst wenn die Industrienationen ihre
Ziele erfüllen, werden die globalen Treibhausgasemissionen weiterhin zunehmen, wenn die wichtigsten
Entwicklungsländer nicht mitmachen. Aber die Vereinigten Staaten verstehen, daß sich die Entwicklungsländer dringenden Erfordernissen gegenübersehen,
und ihre Pflichten sind nicht die gleichen wie die der
Industrienationen. In Buenos Aires gab der argentinische Präsident Menem die Verabschiedung eines
freiwilligen aber bindenden Emissionsziels für sein
Land mit den Worten bekannt: "Der einzige Weg zu
nachhaltigem Wachstum ist sauberes Wachstum." Für
viele Entwicklungsländer könnte "bedeutungsvolle
Beteiligung" die Verlangsamung der Emissionszuwachsrate
bedeuten, während ihre Volkswirtschaften weiterhin wachsen.
Jeder muß tatkräftig mithelfen, und unserer Ansicht
nach sind Vereinbarungen über konkrete Anreize der
beste Weg dazu. Die Erfahrung lehrt, daß der beste
Anreiz wirtschaftlicher Art ist. Das Protokoll von Kyoto
sieht ein System handelbarer Emissionszertifikate vor,
das Ländern mit niedrigen Kosten den Verkauf von
Emissionszertifikaten an Länder gestattet, in denen die
Verringerung der Emissionen teuer ist.
Und der
Mechanismus für saubere Entwicklung (Clean Develop-

Seite 1

�ment Mechanism - CDM) räumt Industrienationen
einen Bonus ein, wenn sie in saubere Technologieprojekte in Entwicklungsländern investieren.
Studien belegen, daß umfassender uneingeschränkter Handel den Preis von reduzierten Treibhausgasemissionen pro Tonne um 80-90 Prozent verglichen mit dem Preis ohne Handel senken würde.
Dieser Ansatz, der das "wo" und "wie" der Emissionsreduzierungen verändert, würde nicht nur die Kosten
der Verringerung von Emissionen minimieren, sondern
auch die technologische Entwicklung fördern und
beträchtliche Investitionsressourcen zur Unterstützung
eines Arbeitsplätze schaffenden sauberen Wirtschaftswachstums weltweit freisetzen.
Die Vereinigten Staaten zählen auf diese Flexibilitätsmechanismen, die zur Erfüllung unseres ehrgeizigen
Ziels beitragen. Oberflächlich gesehen, stimmt es mit
den Zielen anderer Kyoto-Parteien überein. Die EU
hat ein Ziel von 8 Prozent, Japan von 6 Prozent und
die Vereinigten Staaten von 7 Prozent bis zur ersten
Haushaltsperiode von 2008-2012.
Im Kontext des für die Vereinigten Staaten prognostizierten Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums ist
unser Ziel jedoch viel höher gesteckt. Die amerikanische Volkswirtschaft ist seit 1990 unerwartet stark,
was zu einem unvorhergesehenen Energiebedarf
geführt hat, der wiederum unsere Emissionszuwachsrate erhöhte. 1996 lebten in den Vereinigten Staaten
265 Millionen Menschen, und zwischen dem Basisjahr
des Protokolls von Kyoto - 1990 - und dem Jahr 2010
wird ein etwa 16-prozentiger Anstieg der amerikanischen Bevölkerung erwartet.
Wenn wir nichts
unternehmen, würden die Vereinigten Staaten zwischen 1990 und 2010 eine Steigerung der Emissionen
um 30 Prozent erleben.
Zieht man unser Wrtschafts- und Bevölkerungswachstum in Betracht, wird unser Ziel einer 7-prozentigen
Verringerung tatsächlich zu einer signifikanten (mehr
als 20-prozentigen) Abnahme der pro-Kopf-Emissionen
führen - mehr, als bei den meisten anderen Parteien
des Protokolls von Kyoto.
Eine andere Erwägung ist die relativ geringe Bevölkerungsdichte in den Vereinigten Staaten (27 Menschen
pro Quadratkilometer im Vergleich zu 228 Menschen
pro Quadratkilometer in Deutschland), die zu weitaus
höheren Transportbedürfnissen führt. Stellen Sie sich
vor, sie müssen Erzeugnisse über eine Strecke
transportieren, die sieben Mal so lang ist wie Deutschland, nur um sie aus ihrem Anbaugebiet in Kalifornien
zum Markt in die Bundeshauptstadt Washington zu
bringen. Oder 20 Kilometer bis zum nächsten Lebensmittelhändler fahren zu müssen - keine ungewöhliche
Situation.

Seite 2

Und unsere Bevölkerung ist von Nord nach Süd und
von Ost nach West verteilt, was den Umgang mit
weitaus größeren Temperaturunterschieden verlangt.
Ein Haus in Montana zu heizen, wo drei Monate
hintereinander minus 10° Celsius herrschen, verlangt
viel Energie, und dasselbe gilt für die Kühlung eines
Büros in New Orleans, damit die Menschen dort im
August arbeiten können. Angesichts dieser Gegebenheiten wird die Erlangung unseres Ziels viel harte
Arbeit erfordern.
Die Vereinigten Staaten sind zu harter Arbeit bereit.
Dieses Jahr sind die bundesstaatlichen Investitionen in
Energieeffizienz und erneuerbare Energien auf eine
Milliarde Dollar angewachsen - ein 25-prozentiger
Anstieg. Der Haushalt des Präsidenten für 1999
beinhaltet auch einen Antrag auf eine weitere Erhöhung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in
den großen, Kohlendioxid ausstoßenden Sektoren der
Wirtschaft sowie steuerliche Anreize für Amerikaner
zum Kauf von kraftstoffeffizienten Fahrzeugen, energieeffizienten neuen Häusern und Sonnenkollektoren auf
den Dächern. Darüber hinaus sind steuerliche Anreize
für die Stromgewinnung aus Wind und Biomasse in
diesem Paket enthalten.
Die harte Überzeugungsarbeit in der amerikanischen
Öffentlichkeit und Wrtschaft zahlt sich ebenfalls aus.
Eine im vergangenen Sommer durchgeführte Umfrage
zeigte, die meisten Amerikaner sind nicht nur der
Ansicht, daß sich die Auswirkungen des Klimawandels
bereits während ihres Lebens zeigen (57 Prozent der
befragten Amerikaner), sondern auch, daß diese
Veränderungen eine ernsthafte Bedrohung für zukünftige Generationen darstellen (65 Prozent).
Zu den wichtigsten Entwicklungen seit Kyoto zählt die
steigende Zahl amerikanischer Unternehmen, die
zugeben, daß die Bedrohung durch den Klimawandel
real ist. Viele setzen sich jetzt dafür ein, die Zukunftsvision von Kyoto in die Realität umzusetzen und
sondieren neue Wege für den besseren und klügeren
Umgang mit Energie. Manche haben zugesagt, ihre
Emissionen freiwillig unter die in Kyoto gesetzten Ziele
zu senken. Ein Grund für diese wachsende politische
Unterstützung ist die Erkenntnis, daß die Flexibilitätsmechanismen für beide Seiten vorteilhafte Lösungen
beinhalten, die Erderwärmung zu bekämpfen und
gleichzeitig ein Wachstum nicht nur unserer Volkswirtschaft, sondern der Volkswirtschaften aller an demselben Kampf beteiligten Länder zu bewirken.
Was sind die nächsten Schritte? Das Protokoll von
Kyoto ist nur der erste Schritt in einem langen Prozeß
des Umgangs mit dem Klimawandel - fast wie die erste
Teilstrecke in einem Marathon. In den nächsten zwei
Jahren werden die Vereinigten Staaten den Aktionsplan von Buenos Aires uneingeschränkt unterstützen,
der einen Prozeß zur Identifizierung und Zustimmung
zu den Bestimmungen und Modalitäten für den Einsatz

AMERIKA DIENST 01

�aller drei flexiblen Mechanismen beinhaltet. Die Frage
der freiwilligen Beteiligung der Entwicklungsländer wird
ebenfalls weiterhin oben auf unserer Tagesordnung
stehen. Um Erfolg zu haben, benötigen wir die pragmatische und weitblickende Unterstützung aller unserer

Partner, insbesondere Deutschlands, der weltweit
drittgrößten Volkswirtschaft und zweitgrößten Handelsnation. Wir sollten nicht vergessen, daß es keine
Alternative zum Erfolg gibt.

* * * * *

AMERIKA DIENST 01

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Verteidigungshaushalt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aufstockung des US-Verteidigungshaushalts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radioansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten begrüßen Einführung des Euro&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärungen des Präsidenten und des Stellvertretenden&lt;/em&gt; &lt;em&gt;US-Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Rezession in Russland und ihre Auswirkungen auf die Nuklearindustrie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Energieminister Bill Richardson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA lehnen Forderungen nach Verzicht der NATO auf Ersteinsatz von Atomwaffen ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Walter Slocombe&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine weitere Nachtsitzung für den Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John C. Kornblum&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

25.Januar 1999

SONDERDIENST

LAGE DER NATION

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

CLINTON: VERBREITUNG VON NUKLEARWAFFEN MUSS EINGEDÄMMT WERDEN
Bericht zur Lage der Nation

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�LAGE

DER

NATION
25.Januar 1999

Clinton: Verbreitung von Nuklearwaffen
muß eingedämmt werden
Bericht zur Lage der Nation

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den von Präsident Clinton am 19. Januar 1999 vor dem
Kongreß vorgetragenen Bericht zur Lage der Nation im Wortlaut.

Mr. Speaker, Herr Vizepräsident, Mitglieder des
Kongresses, verehrte Gäste, meine amerikanischen
Mitbürger. Heute Abend habe ich die Ehre, Ihnen zur
Lage der Nation Bericht zu erstatten.
Ich möchte damit beginnen, den neuen Speaker des
Repräsentantenhauses zu begrüßen und ihm dafür zu
danken, daß er heute Abend zwei besondere Gäste
eingeladen hat, die mit Frau Hastert auf der Galerie
sitzen: Lyn Gibson und Wei Ling Chestnut sind die
Witwen der zwei mutigen Polizeibeamten, die auf dem
Capitol Hill gearbeitet haben und ihr Leben für die
Verteidigung des Hauses der Freiheit ließen.
Mr. Speaker, bei Ihrer Vereidigung haben Sie uns alle
gebeten, im Geiste der Höflichkeit und Überparteilichkeit zusammenzuarbeiten. Mr. Speaker, lassen Sie
uns genau das tun.

Dank der von Ihnen allen geleisteten Pionierarbeit
haben wir die niedrigste Rate an Gewaltverbrechen
seit einem Vierteljahrhundert und die sauberste
Umwelt seit einem Vierteljahrhundert. Die Vereinigten
Staaten sind eine starke Kraft für Frieden - von
Nordirland über Bosnien bis zum Nahen Osten.
Dank der Führungsrolle von Vizepräsident Gore haben
wie eine dem Informationszeitalter entsprechende
Regierung. Wir haben wieder eine Regierung, die ein
progressives Instrument des Gemeinwohls ist und in
unseren ältesten Werten Chancengleichheit, Verantwortung und Gemeinschaft wurzelt; für steuerliche
Verantwortung eintritt; entschlossen ist, unseren
Mitbürgern die erforderlichen Instrumente an die Hand
zu geben, damit sie im 21. Jahrhundert das Beste aus
ihrem Leben machen - eine Regierung des 21. Jahrhunderts für ein Amerika des 21. Jahrhunderts.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich stehe heute
Abend vor Ihnen um zu berichten, daß die Lage
unserer Nation gut ist.

Heute Abend stehe ich vor Ihnen um zu berichten, daß
die Vereinigten Staaten die längste wirtschaftliche
Expansion unserer Geschichte in Friedenszeiten
geschaffen haben - mit nahezu 18 Millionen neuen
Arbeitsplätzen, Löhnen und Gehältern, die mehr als
doppelt so schnell steigen wie die Inflationsrate, der
höchsten Anzahl von Eigenheimbesitzern in der
Geschichte, der geringsten Anzahl von Sozialhilfeempfängern seit 30 Jahren und der niedrigsten
Arbeitslosenzahl in Friedenszeiten seit 1957.

Amerika funktioniert wieder. Die Versprechen unserer
Zukunft sind grenzenlos. Aber wir können diese
Versprechen nicht verwirklichen, wenn wir zulassen,
daß uns unser Wohlstand in Selbstgefälligkeit einlullt.
Wie es uns als Nation weit ins 21. Jahrhundert hinein
geht, hängt davon ab, was wir heute als Nation tun.

Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten ist der Haushalt
ausgeglichen. Nach einem Defizit von 290 Milliarden
Dollar im Jahr 1992 hatten wir im letzten Jahr einen
Haushaltsüberschuß von 70 Milliarden Dollar. Und
jetzt sind wir auf dem Weg zu Haushaltsüberschüssen
für die nächsten 25 Jahre.

Angesichts unseres wachsenden Haushaltsüberschusses, unserer expandierenden Wirtschaft und
unseres steigenden Vertrauens ist jetzt der Augenblick
für diese Generation gekommen, unsere historische
Verantwortung für das 21. Jahrhundert zu übernehmen.

AMERIKA DIENST

Seite 1

�Unsere Haushaltsdisziplin bietet uns eine einzigartige
Chance, eine bemerkenswerte neue Herausforderung
anzugehen - die Überalterung Amerikas. Da die
Anzahl älterer Amerikaner sich bis zum Jahr 2030
verdoppeln wird, wird der Babyboom zum Seniorenboom werden. Daher müssen wir als allererstes die
soziale Sicherheit für das 21. Jahrhundert gewährleisten.
Anfang dieses Jahrhunderts bedeutete alt zu sein, arm
zu sein. Als Präsident Rooseveit die Sozialversicherung ins Leben rief, schrieben ihm Tausende Dankesbriefe dafür, daß er das abgeschafft hatte, was eine
Frau als den "reinen Terror des hilflosen Alters ohne
einen Pfennig" bezeichnete. Sogar heute müßte ohne
die Sozialversicherung die Hälfte der älteren Menschen unserer Nation in Armut leben.
Heute ist unsere Sozialversicherung gut. Aber im Jahr
2013 werden die Einkommensteuern nicht mehr
ausreichen, um die monatlichen Zahlungen abzudekken. Bis zum Jahr 2032 wird der Treuhandfonds
ausgeschöpft und die Sozialversicherung außerstande
sein, die vollen Leistungen zu erbringen, die den
älteren Amerikanern versprochen wurden.
Der beste Weg, um die Sozialversicherung weiter zu
einer felsenfesten Garantie zu machen, besteht nicht in
einer drastischen Kürzung der Leistungen, nicht in
einer Einkommensteuererhöhung, nicht in einer
Ausschöpfung der Ressourcen der Sozialversicherung
um ihrer Rettung willen. Statt dessen schlage ich vor,
daß wir eine historische Entscheidung treffen, den
Überschuß in die Sicherung der Sozialversicherung zu
investieren.
Im Einzelnen schlage ich vor, daß wir 60 Prozent des
Haushaltsüberschusses für die nächsten 15 Jahre der
Sozialversicherung zuweisen und einen kleinen Anteil
in den Privatsektor investieren, genauso, wie es eine
private oder staatliche Altersversorgung machen
würde. Das bringt höhere Erträge und hält die Sozialversicherung 55 Jahre lang stabil.
Aber wir müssen unser Ziel höher stecken. Wir sollten
die Sozialversicherung für die nächsten 75 Jahre auf
eine solide Grundlage stellen. Wir sollten die Armut
unter älteren Frauen verringern, für die die Wahrscheinlichkeit, in Armut zu leben, fast zweimal zu hoch
ist wie für unsere anderen Senioren. Und wir sollten
die Obergrenzen für die Zahlungen abschaffen, die
Senioren aus der Sozialversicherung erhalten können.
Diese Veränderungen werden schwierige, aber
durchaus realisierbare Entscheidungen über die
Zuweisung des Überschusses hinaus verlangen. Sie
müssen auf einer überparteilichen Basis getroffen
werden. Sie sollten in diesem Jahr getroffen werden.
Daher möchte ich Ihnen heute Abend sagen, ich reiche
Ihnen allen in beiden Häusern des Kongresses, in

Seite 2

beiden Parteien die Hand und bitte Sie, daß wir
gemeinsam zu dem amerikanischen Volk sagen: Wir
werden die Sozialversicherung jetzt sichern.
Im letzten Jahr haben wir klugerweise den gesamten
Überschuß aufgehoben, bis wir wußten, wieviel zur
Sicherung der Sozialversicherung benötigt wird. Ich
sage wieder, wir sollten keinen einzigen Pfennig davon
ausgeben, bis die Sozialversicherung wirklich gesichert ist. Das Wichtigste kommt zuerst.
Zweitens. Sobald wir die Sozialversicherung gesichert
haben, müssen wir unsere Verpflichtung erfüllen,
Medicare zu sichern und zu verbessern. Wir haben
die Dauer des Medicare-Treuhandfonds bereits um 10
Jahre verlängert - aber wir sollten sie für mindestens
ein weiteres Jahrzehnt verlängern. Heute Abend
schlage ich vor, daß wir in den nächsten 15 Jahren
jeweils ein Sechstel des Überschusses dafür verwenden, die Solidität von Medicare bis zum Jahr 2020 zu
garantieren.
Aber auch hier sollten wir unser Ziel höher stecken.
Wir müssen zu überparteilicher Arbeit bereit sein und
neue Ideen prüfen, darunter den bevorstehenden
Bericht der überparteilichen Medicare-Kommission.
Wenn wir zusammenarbeiten, können wir Medicare für
die nächsten beiden Jahrzehnte sichern und die größte
Notwendigkeit der Senioren abdecken - finanzierbare
Medikamente auf Rezept.
Drittens müssen wir allen Amerikanern behilflich sein,
ab dem ersten Tag an ihrem Arbeitsplatz zu sparen
und Wohlstand zu schaffen. Seit der Einführung der
Sozialversicherung haben die Amerikaner sie durch
private Rentenversicherungen und Ersparnisse
ergänzt. Dennoch gehen heute Millionen von Menschen mit nicht viel mehr als der Sozialversicherung in
den Ruhestand, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Amerikaner, die länger leben als je zuvor, müssen
einfach mehr sparen als je zuvor.
Aus diesem Grund schlage ich zusätzlich zur Sicherung der Sozialversicherung und von Medicare eine
neuen Renteninitiative zur Sicherung des Ruhestands
im 21. Jahrhundert vor. Ich unterbreite den Vorschlag,
daß wir etwas über 11 Prozent des Überschusses zur
Einrichtung universeller Sparkonten nutzen - universal
savings accounts oder USA-Konten -, um allen
Amerikanern die Möglichkeit zum Sparen zu geben.
Mit diesen neuen Konten können die Amerikaner nach
Belieben investieren und finanzielle Mittel entsprechend ihrer Spareinlagen erhalten, mit einer besonderen Hilfe für diejenigen, die am wenigsten sparen
können. Die USA-Konten werden allen Amerikanern
helfen, sich am Wohlstand unserer Nation zu beteiligen
und einen sichereren Ruhestand zu genießen. Ich
bitte Sie, sie zu unterstützen.

AMERIKA DIENST

�Viertens müssen wir in die Pflegeversicherung investieren.
Ich schlage Steuererleichterungen von
1.000 Dollar für ältere, kranke oder behinderte Menschen und die sie versorgenden Familienangehörigen
vor. Die Langzeitpflege wird angesichts der Überalterung Amerikas eine immer größere Herausforderung, und wir müssen mehr tun, um unseren
Familien bei ihrer Bewältigung behilflich zu sein.
Ich bin 1946 geboren, dem ersten Jahr des Babybooms. Ich kann Ihnen sagen, daß eines der größten
Anliegen unserer Generation unsere absolute Entschlossenheit ist, unser immer älter werdendes Land
nicht zu einer unerträglichen Last für unsere Kinder
und ihre Fähigkeit werden zu lassen, unsere Enkelkinder aufzuziehen. Unser wirtschaftlicher Erfolg und
unsere Haushaltsdisziplin bieten uns jetzt die Chance,
ihnen diese Last von den Schultern zu nehmen, und
das sollten wir tun.
Die Sicherung der Sozialversicherung und von Medicare, die Einrichtung von USA-Konten - das ist der
richtige Weg zur Verwendung des Überschusses.
Wenn wir das tun, haben wir immer noch Ressourcen
zur Erfüllung der wichtigen Erfordernisse im Bereich
der Bildung und Verteidigung. Und ich möchte darauf
hinweisen, daß diese Vorschläge haushaltspolitisch
solide sind. Bedenken Sie Folgendes: Wenn wir in den
nächsten 15 Jahren 60 Prozent des Überschusses für
die Sozialversicherung und 16 Prozent für Medicare
verwenden, werden diese Einsparungen den niedrigsten Stand der öffentlichen Verschuldung seit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg -1917 - erzielen.
Mit diesen vier Maßnahmen - Sicherung der Sozialversicherung, Stärkung von Medicare, Einrichtung von
USA-Konten, Unterstützung der Pflegeversicherung können wir anfangen, die historische Verantwortung
unserer Generation zu erfüllen, wirkliche Sicherheit für
die Senioren des 2 1 . Jahrhunderts zu schaffen.
Heute gehen mehr Kinder unterschiedlicher Herkunft in
unsere öffentlichen Schulen als zu jeder anderen Zeit
in unserer Geschichte.
Ihre Erziehung muß das
Wissen vermitteln und die Kreativität nähren, die
unserer ganzen Nation gestatten, in der neuen Volkswirtschaft zu prosperieren.
Heute können wir etwas sagen, das wir vor sechs
Jahren nicht sagen konnten: Mit den Steuervergünstigungen und leichter finanzierbaren Krediten für
Studenten, mit mehr Stipendien für Studenten, die sich
ihr Studium durch Arbeit finanzieren, und mehr PellStipendien, mit privaten Rentenkonten und den neuen
Steuererleichterung für das HOPE-Stipendium, die
über fünf Millionen Amerikaner in diesem Jahr erhalten
werden, haben wir endlich die Türen der Colleges für
alle Amerikaner geöffnet. Mit unserer Unterstützung
hat fast jeder Bundesstaat höhere akademische
Standards für die öffentlichen Schulen eingeführt, und

AMERIKA DIENST

zur Zeit wird ein nationaler freiwilliger Test erarbeitet,
um die Fortschritte unserer Schüler und Studenten zu
messen. Mit über 1 Milliarde Dollar an Abzügen, die
dieses Jahr zur Verfügung stehen, sind wir auf dem
Weg zu unserem Ziel, jedes Klassenzimmer und jede
Bibliothek ans Internet anzuschließen.
Im Herbst vergangenen Jahres genehmigten Sie
unseren Vorschlag, 100.000 neue Lehrer einzustellen,
um die Klassengröße in den ersten Schuljahren zu
verringern. Jetzt bitte ich Sie, die Arbeit zu beenden.
Wie Sie wissen, leisten unsere Kinder mehr. Die von
unseren Schülern in allgemeinen Wissenstests
erreichten Ergebnisse sind höher, die Mathematikleistungen in fast allen Klassen angestiegen. Aber es
gibt ein Problem. Während unsere Viertklässler in
Mathematik und Naturwissenschaften besser sind als
ihre Mitschüler in anderen Ländern, sind unsere
Achtklässler eher Durchschnitt und unsere Zwölftklässler ziemlich weit unten. Das müssen wir besser
machen. Jetzt investiert die Bundesregierung jedes
Jahr mehr als 15 Milliarden Dollar in unsere öffentlichen Schulen. Meines Erachtens müssen wir dieses
Geld anders investieren - das unterstützen, was
funktioniert und aufhören, das zu unterstützen, was
nicht funktioniert.
Ich werde dem Kongreß im Laufe dieses Jahres einen
Plan zukommen lassen, der zum ersten Mal die
Bundesstaaten und Schulbezirke für Fortschritte
rechenschaftspflichtig macht und sie für Ergebnisse
belohnt. Mein Gesetz über die Rechenschaftspflicht im
Bildungswesen wird von jedem Schulbezirk, der
staatliche Mittel erhält, die folgenden fünf Schritte
verlangen:
Erstens müssen alle Schulen die Praxis der "sozialen"
Versetzung beenden. Kein Schüler sollte von der High
School mit einem Diplom abgehen, das er nicht lesen
kann. Wir tun unseren Kindern keinen Gefallen, wenn
wir zulassen, daß sie von Klasse zu Klasse versetzt
werden, ohne das Lehrmaterial zu beherrschen.
Aber wir können die Schüler nicht in ihrer Entwicklung
zurückhalten, weil das System sie im Stich läßt. Daher
verdreifacht mein ausgeglichener Haushalt die Finanzmittel für Sommerschul- und Nachmittagsprogramme,
damit eine Million Kinder weiterhin lernen können.
Wenn Sie Zweifel haben sollten, daß das funktioniert,
betrachten sie sich das Beispiel Chicago. In Chicago
wurde die "soziale" Versetzung abgeschafft und die
Sommerschule für diejenigen obligatorisch, die die
Grundlagen nicht beherrschen. Die Mathematik- und
Leseleistungen sind seit drei aufeinanderfolgenden
Jahren gestiegen - und in einigen der ärmsten Gegenden wurden die besten Fortschritte erzielt. Es wird
funktionieren, und wir sollten es tun.

Seite 3

�Zweitens müssen alle Bundesstaaten und Schulbezirke ihre am schlechtesten abschneidenden Schulen
verbessern - oder sie schließen. Diese Politik wurde
von Gouverneur Jim Hunt in North Carolina eingeführt.
North Carolina hat im vergangenen Jahr in unserem
Land die größten Fortschritte bei den Prüfungsergebnissen erzielt. Unser Haushalt enthält 200 Millionen
Dollar, um den Bundesstaaten behilflich zu sein, ihre
schlecht abschneidenden Schulen zu verbessern.
Drittens müssen alle Bundesstaaten und Schulbezirke
für die Qualität ihrer Lehrer verantwortlich gemacht
werden. Die große Mehrheit unserer Lehrer leistet
gute Arbeit. Aber in zu vielen Schulen haben die
Lehrer in den Fächern, die sie unterrichten, keinen
Hauptfachabschluß - oder nicht einmal einen Nebenfachabschluß - vom College. Neue Lehrer sollten
Leistungsprüfungen ablegen, und alle Lehrer sollten
die Fächer beherrschen, die sie unterrichten. Der
ausgeglichene Haushalt dieses Jahres enthält Mittel,
um ihnen bei der Erlangung höherer Standards
behilflich zu sein.
Und um die schwierigsten Posten für talentierte junge
Lehrer attraktiv zu machen, empfehle ich eine sechsfache Aufstockung unseres Programms von Collegestipendien für Studenten, die sich verpflichten, in
den Innenstädten, isolierten ländlichen Gebieten und
indianischen Gemeinden zu unterrichten. Wir wollen
herausragende Leistungen in jeden Teil Amerikas
bringen.
Viertens müssen wir den Eltern mehr Befugnisse
verleihen, ihnen mehr Informationen und mehr Wahlmöglichkeiten geben. In zu vielen Gemeinden ist es
leichter, Informationen über die Qualität der örtlichen
Restaurants zu bekommen als über die Qualität der
örtlichen Schulen. Jeder Schulbezirk sollte eine Art
Zeugnis für jede Schule ausstellen. Und die Eltern
sollten bei der Auswahl ihrer öffentlichen Schulen mehr
Wahlmöglichkeiten haben.
Als ich Präsident wurde, gab es nur eine unabhängige
öffentliche Schule in ganz Amerika. Mit unserer
Unterstützung auf überparteilicher Ebene gibt es heute
1.100. Mein Haushalt gewährleistet, daß es Anfang
des nächsten Jahrhunderts 3.000 sein werden.
Fünftens. Um sicherzustellen, daß unsere Klassenzimmer wirklich Orte des Lernens sind und um darauf
zu reagieren, was die Lehrer uns seit Jahren zu tun
gebeten haben, sollten alle Bundesstaaten und
Schulbezirke
vernünftige
Disziplinarmaßnahmen
verabschieden und einführen müssen.
Lassen Sie uns noch etwas für unsere Kinder tun.
Heute sind zu viele unserer Schulen so alt, daß sie
beinahe zusammenbrechen, oder so überfüllt, daß die
Schüler in Wohnwagen lernen. Im Herbst vergangenen Jahres hat der Kongreß die Chance verpaßt, das

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zu ändern. In diesem Jahr darf der Kongreß angesichts von 53 Millionen Kindern in unseren Schulen
diese Chance nicht wieder verpassen. Ich bitte Sie,
unseren Gemeinden beim Bau oder der Modernisierung von 5.000 Schulen behilflich zu sein.
Wenn wir das alles tun - die "soziale" Versetzung
abschaffen, schlecht abschneidende Schulen verbessern, modernere bauen, qualifizierte Lehrer
unterstützen, Innovation, Wettbewerb und Disziplin
fördern - dann werden wir anfangen, die historische
Verantwortung unserer Generation zu erfüllen, Schulen für das 21. Jahrhundert zu schaffen.
Wir müssen auch mehr tun, um die Millionen von Eltern
zu unterstützen, die jeden Tag bei der Arbeit und zu
Hause ihr Bestes geben. Das grundlegendste Instrument ist ein ordentliches Einkommen. Deswegen
wollen wir den Mindestlohn in den nächsten zwei
Jahren um einen Dollar pro Stunde erhöhen. Und wir
wollen sicherstellen, daß Frauen und Männer die
gleiche Bezahlung für die gleiche Arbeit erhalten,
indem wir die Durchsetzung der Gesetze über gleiche
Bezahlung verbessern.
Arbeitende Eltern benötigen auch qualifizierte Kinderbetreuung. Daher habe ich den Kongreß in diesem
Jahr erneut gebeten, unseren Plan für Steuererleichterungen und Fördermittel für Arbeitnehmerfamilien, für
verbesserte Sicherheit und Qualität und für erweiterte
Programme nach dem Ende des Schulunterrichts zu
unterstützen. Unser Plan beinhaltet auch eine neue
Steuervergünstigung für Eltern, die zu Hause bleiben.
Auch sie benötigen Unterstützung.
Die Eltern sollten nie in der Situation sein, zwischen
ihren Kindern und der Arbeit wählen zu müssen. Das
Gesetz über Krankenurlaub aus familiären Gründen der allererste Gesetzentwurf, dem ich Gesetzeskraft
verliehen habe - hat seit 1993 Millionen und Abermillionen Amerikanern geholfen, sich um ein neugeborenes
Baby zu kümmern oder einen kranken Verwandten zu
pflegen, ohne ihren Arbeitsplatz zu riskieren. Angesichts all der Beweise, daß dies für die Arbeitgeber so
wenig Probleme bereitet hat, ist es meiner Ansicht
nach jetzt an der Zeit, den Krankenurlaub aus familiären Gründen auf 10 Millionen weitere Amerikaner
auszuweiten, die für kleinere Unternehmen arbeiten.
Und ich hoffe, Sie werden das unterstützen.
Eltern sollten sich auch nie Diskriminierung am
Arbeitsplatz ausgesetzt sehen. Daher möchte ich den
Kongreß ersuchen, den Unternehmen zu verbieten,
jemanden nicht einzustellen oder zu befördern, nur
weil er Kinder hat. Das ist nicht richtig.
Die Familien Amerikas verdienen die beste medizinische Versorgung der Welt. Dank der überparteilichen staatlichen Unterstützung für medizinische
Forschung stehen wir jetzt kurz vor neuen Behand-

AMERIKA DIENST

�lungsmethoden zur Vermeidung oder Verzögerung des
Ausbruchs von Krankheiten wie der Parkinsonschen
oder Alzheimer, Arthritis oder Krebs. Aber während wir
unsere Fortschritte in der medizinischen Wissenschaft
fortsetzen, dürfen wir unsere medizinische Versorgung
nicht hinterherhinken lassen. Die auf Gesundheitsbetriebe beschränkte Krankenversicherung hat die
Medizin in Amerika buchstäblich umgewandelt - die
Kosten wurden gesenkt, aber nun droht ein Qualitätsverlust.
Ich finde, wir sollten zu jedem Amerikaner sagen: Sie
sollten das Recht haben, alle Ihre medizinischen
Optionen zu kennen - nicht nur die billigste. Wenn Sie
einen Spezialisten benötigen, sollten Sie das Recht
haben, einen aufzusuchen. Sie haben das Recht auf
die nächste Notaufnahme, wenn Sie einen Unfall
haben. Das ist es, was wir sagen sollten. Und ich
denke, wir sollten sagen, Sie sollten das Recht haben,
denselben Arzt während einer Behandlung zu behalten, sei es eine Schwangerschaft oder Chemotherapie
oder etwas anderes. Ich bin davon überzeugt.
Ich habe angeordnet, daß diese Rechte auf die 85
Millionen Amerikaner ausgeweitet werden, die bei
Medicare, Medicaid und anderen staatlichen Gesundheitsprogrammen versichert sind.
Aber nur der
Kongreß kann eine Patienten-Bill of Rights für alle
Amerikaner erlassen. Im vergangenen Jahr hat der
Kongreß diese Chance verpaßt, und wir dürfen diese
Chance nicht wieder verpassen. Zum Wohl unserer

Familien bitte ich Sie, daß wir uns über Parteigrenzen
hinweg zusammenschließen und eine starke, durchsetzbare Patienten-Bill of Rights erlassen.
Je mehr unserer medizinischen Daten elektronisch
gespeichert werden, desto mehr nehmen die Bedrohungen unserer Privatsphäre zu. Weil der Kongreß
mir die Befugnis zu handeln verliehen hat, wenn er
selbst es nicht bis August in der einen oder anderen
Weise tut, können wir dem amerikanischen Volk nur
sagen, wir werden Eure persönlichen medizinischen
Daten schützen, und wir werden es in diesem Jahr tun.
Vor zwei Jahren hat der Kongreß die Gesundheitsfürsorge auf bis zu fünf Millionen Kinder ausgedehnt.
Jetzt sollten wir noch weiter gehen. Wir sollten es
kleinen und mittelständischen Unternehmern erleichtem, eine Krankenversicherung anzubieten. Wir
sollten den Menschen zwischen 55 und 65, die ihren
Krankenversicherungsschutz verlieren, die Chance
bieten, sich in Medicare einzukaufen. Und wir sollten
den Zugang zu Familienplanungsprogrammen weiterhin sicherstellen.
Niemand sollte die Entscheidung treffen müssen, die
Krankenversicherung zu behalten oder eine Arbeit
anzunehmen. Und aus diesem Grund bitte ich Sie
heute Abend ganz besonders, sich zusammenzuschließen, um den - von den Senatoren Kennedy
und Jeffords, Roth und Moynihan - eingebrachten

AMERIKA DIENST

Gesetzentwurf zu verabschieden, damit behinderte
Menschen ihre Krankenversicherung behalten können,
wenn sie eine Arbeit annehmen.
Wir müssen dafür sorgen, daß unsere öffentlichen
Krankenhäuser, unsere Gemeinde- und Universitätsgesundheitszentren
grundlegende, finanzierbare
Gesundheitsfürsorge für die Millionen Arbeitnehmerfamilien bereitstellen können, die keine Krankenversicherung haben. Sie tun heute bereits sehr viel,
aber es kann sehr viel mehr getan werden. Und mein
ausgeglichener Haushalt sieht einen ordentlichen
Betrag vor, um dieses Ziel zu verwirklichen. Ich hoffe,
Sie denken an diese Familien und unterstützen dieses
Vorhaben.
Wir müssen unsere Bestrebungen zur Behandlung und
Verhinderung von Geisteskrankheiten verstärken.
Kein Amerikaner sollte je Angst haben, dieses Thema
anzusprechen. In diesem Jahr werden wir im Weißen
Haus eine Konferenz über geistige Gesundheit
veranstalten. Tipper Gore leitet unser Vorhaben mit
viel Gefühl und Engagement, und ich möchte ihr für
ihre Arbeit danken. Vielen Dank! Wie jeder weiß, sind
unsere Kinder das Ziel einer massiven Medienkampagne, sie von Zigaretten abhängig zu machen. Ich bitte
jetzt diesen Kongreß, der Zigarettenlobby zu widerstehen, die Befugnis der US-Gesundheitsbehörde zu
bekräftigen, unsere Kinder vor Tabak zu schützen, und
die Tabakunternehmen bei gleichzeitigem Schutz der
Tabakanbauer zur Rechenschaft zu ziehen.
Rauchen kostet den Steuerzahler Milliarden Dollar im
Rahmen von Medicare und anderen Programmen.
Meiner Ansicht nach hatten die Bundesstaaten Recht
in dieser Angelegenheit - nicht die Steuerzahler sollten
für die Kosten von Lungenkrebs, Emphysemen und
anderen mit Rauchen in Zusammenhang stehenden
Krankheiten aufkommen, sondern die Tabakuntemehmen. Daher gebe ich heute Abend bekannt, daß das
Justizministerium einen Rechtsstreit vorbereitet, um
die Tabakuntemehmen vor Gericht zu bringen - und
mit den gezahlten Entschädigungen können wir
Medicare aufstocken.
Wenn wir in diesen Bereichen tätig werden - Mindestlöhne, Krankenurlaub aus familiären Gründen, Kinderbetreuung, Gesundheitsfürsorge, die Sicherheit
unserer Kinder - dann werden wir beginnen, die
historische Verantwortung unserer Generation zu
erfüllen, unsere Familien für das 21. Jahrhundert zu
stärken.
Amerika ist heute die Volkswirtschaft mit der größten
Dynamik und Wettbewerbsfähigkeit und die Volkswirtschaft in der Geschichte, die am meisten Arbeitsplätze
schafft. Aber wir können es besser machen - indem
wir eine Volkswirtschaft für das 21. Jahrhundert
aufbauen, die alle Amerikaner einbezieht.

Seite 5

�Das heutige Einkommensgefälle ist vor allem ein
Qualifikationsgefälle. Letztes Jahr hat der Kongreß
ein Gesetz erlassen, mit dem Arbeitnehmer ein
Stipendium bekommen können, um die erforderliche
Ausbildung zu erhalten. Und ich beglückwünsche alle
hier Anwesenden, die daran beteiligt waren. In diesem
Jahr empfehle ich Zuweisungen an das neue System
über fünf Jahre hinweg, so daß wir allen Amerikanern,
die ihren Arbeitsplatz verlieren, in den nächsten fünf
Jahren eine angemessene Ausbildung zukommen
lassen und die schnellen Eingreifteams erweitern
können, um allen Städten zu helfen, die von der
Schließung von Unternehmen wirklich betroffen sind.
Ich hoffe, Sie unterstützen das.
Ich bitte Sie auch um Ihre Unterstützung für eine
drastische Aufstockung der staatlichen Mittel zur
Bekämpfung des Analphabetentums unter Erwachsenen, um eine nationale Kampagne in die Wege zu
leiten, die darauf abzielt, den Millionen und Abermillionen Menschen zu helfen, die immer noch schlechter
lesen können als ein Fünftklässler. Dagegen müssen
wir etwas tun.
Hier einige gute Nachrichten: In den vergangenen
sechs Jahren haben wir die Zahl unserer Sozialhilfeempfänger fast um die Hälfte verringert. Vor zwei
Jahren habe ich von diesem Podium aus fünf Unternehmen gebeten, nationale Bestrebungen anzuführen,
den Sozialhilfeempfängern Arbeit zu geben. Inzwischen haben sich 10.000 Unternehmen an unserer
Kampagne beteiligt und Hunderttausende Sozialhilfeempfänger eingestellt. Und unser ausgeglichener
Haushalt wird weiteren 200.000 Menschen helfen, die
Würde und den Stolz einer Arbeit zu erleben. Ich
hoffe, Sie unterstützen das.
Wir müssen mehr tun, um die Dynamik von Privatunternehmen in jeden Teil Amerikas zu bringen - um
eine Brücke von der Wall Street bis Appalachia im
Mississippidelta, zu den Gemeinden unserer Ureinwohner zu schlagen - mit mehr Unterstützung der
Gemeindeentwicklungsbanken für Wirtschaftsförderungszonen und für weitere 100.000 Voucher für
finanzierbare Wohnungen. Und ich bitte den Kongreß,
unseren kühnen neuen Plan zu unterstützen, Unternehmen dabei behilflich zu sein, bis zu 15 Milliarden
Dollar an Kapital des Privatsektors aufzubringen, um in
unseren Innenstädten und ländlichen Gebieten
Arbeitsplätze und Chancen zu schaffen - mit Steuererleichterungen, Kreditbürgschaften und unter Einbeziehung der neuen Entwicklungsgesellschaft für
Amerika, die entsprechend der Entwicklungsgesellschaft für das Ausland OPIC geschaffen wurde.
Die OPIC gibt es seit Jahren, weil wir wußten, daß es
im Ausland unerschlossene Märkte gab. Aber unsere
größten unerschlossenen Märkte sind nicht im Ausland
- sie sind hier im Inland. Und wir sollten uns um sie
kümmern.

Seite 6

Wir müssen hart arbeiten, um den von Familien
betriebenen Farmen wieder zu Wohlstand zu verhelfen. Und dieser Kongreß weiß sehr wohl, daß sinkende Preise und der Verlust ausländischer Märkte zu
viele dieser Farmen vernichtet haben. Im letzten Jahr
stellte der Kongreß beträchtliche Mittel bereit, um eine
Katastrophe in der amerikanischen Landwirtschaft
abzuwenden. Ich bin zur Zusammenarbeit mit den
Gesetzgebern beider Parteien bereit, um ein Sicherheitsnetz für die Farmer zu schaffen, das eine
Reform der Ernteversicherung und Einkommensunterstützungen beinhaltet. Ich bitte Sie, mir bei seiner
Einführung behilflich zu sein. Das sollte kein Politikum
sein. Jeder weiß, daß das ländliche Amerika heute mit
einem Wirtschaftsproblem konfrontiert ist, und wir
benötigen die geeigneten Mittel, um es anzugehen.
Wir müssen unsere technologische Führungsrolle
stärken. Es waren staatliche Investitionen, die zur
Schaffung des Internet führten. Ich schlage eine 28prozentige Erhöhung der Mittel für langfristige Computerforschung vor.
Wir müssen auch vom ersten Augenblick an für das
21. Jahrhundert gerüstet sein, indem wir das so
genannte Jahr 2000-Problem lösen. Das ist ein
riesiges Problem. Und wir arbeiten hart daran. Wir
haben bereits sichergestellt, daß die Sozialversicherungsschecks rechtzeitig geschickt werden. Aber ich
möchte, daß alle, die jetzt zu Hause zuhören, wissen,
daß jede bundesstaatliche und kommunale Regierung,
jedes kleine und große Unternehmen mit uns zusammenarbeiten muß um zu gewährleisten, daß uns
dieses Jahr 2000-Problem als das letzte Problem des
20. Jahrhunderts in Erinnerung bleibt, nicht als die
erste Krise des 21. Jahrhunderts.

Für unseren Wohlstand im Inland müssen wir Wirtschaftswachstum im Ausland unterstützen. Bis vor
kurzem war ein Drittel unseres Wirtschaftswachstums
auf Exporte zurückzuführen. Aber in den letzten
anderthalb Jahren haben finanzielle Turbulenzen im
Ausland dieses Wachstum gefährdet. Heute befindet
sich ein Großteil der Welt in einer Rezession, wobei
Asien besonders schwer betroffen ist. Das ist die
ernsthafteste Finanzkrise seit einem halbem Jahrhundert. Um sie zu bewältigen, haben die Vereinigten
Staaten und andere Nationen die Zinssätze gesenkt
und den Internationalen Währungsfonds gestärkt. Und
obwohl die Turbulenzen noch nicht vorüber sind,
arbeiten wir sehr hart mit anderen Nationen daran, sie
einzudämmen.
Gleichzeitig müssen wir an dem langfristigen Projekt
weiterarbeiten und ein globales Finanzsystem für das
21. Jahrhundert aufbauen, das Wohlstand fördert und
das Auf und Ab des Konjunkturzyklus eindämmt, das
einen Großteil Asiens erfaßt hat. Im Juni werde ich mit
anderen Staats- und Regierungschefs zusammenkommen, um dieses historische Ziel voranzubringen.

AMERIKA DIENST

�Und ich bitte Sie alle, unser Unternehmen zu unterstützen.
Ich bitte Sie auch, die Schaffung eines freieren und
faireren Handelssystems für das Amerika des 21.
Jahrhunderts zu unterstützen.

i

Ich möchte jedem in dieser Kammer in beiden Parteien
etwas Ernstes sagen. Meines Erachtens hat der
Handel uns und Amerika außerhalb dieser Kammer
viel zu lange gespalten. Irgendwie müssen wir
gemeinsames Terrain finden, wie Unternehmer und
Arbeitnehmer, Umweltschützer, Farmer und die
Regierung zusammenarbeiten können. Meiner Ansicht
nach sind das die Dinge, über die wir uns alle einige
sein sollten. Lassen Sie es mich also versuchen.
Erstens sollten wir Handelshemmnisse abbauen,
Märkte öffnen und den Handel erweitem. Aber
gleichzeitig müssen wir sicherstellen, daß die Bürger in
allen Ländern tatsächlich vom Handel profitieren einem Handel, der die Würde der Arbeit und die
Rechte der Arbeitnehmer fördert und die Umwelt
schützt. Wir müssen darauf bestehen, daß internationale Handelsorganisationen offener für öffentliche
Überprüfung werden, statt scharfer Kritik ausgesetzte
mysteriöse, geheime Institutionen zu sein.
Angesichts der immer stärker integrierten Weltwirtschaft müssen wir in der Welt das tun, was wir den
Großteil dieses Jahrhunderts hier zu Hause getan
haben. Wir müssen der globalen Wirtschaft ein
humanes Gesicht verleihen.
Wir müssen unsere Handelsgesetze durchsetzen,
wenn Importe unrechtmäßig unsere Nation überfluten.
Ich habe bereits die japanische Regierung davon in
Kenntnis gesetzt, daß Amerika reagieren wird, wenn
die plötzliche Welle von Stahlimporten aus Japan in
unser Land nicht aufhört.
Wir müssen allen durch die aktuelle Krise hart getroffenen Herstellern mit Kreditbürgschaften und anderen
Anreizen helfen, um die amerikanischen Exporte um
nahezu 2 Milliarden Dollar zu erhöhen. Ich glaube,
daß wir auf der Grundlage dieser Prinzipien einen
neuen Konsens zum Handel erzielen können. Und ich
bitte den Kongreß erneut, mir bei diesem gemeinsamen Ansatz zur Seite zu stehen und dem Präsidenten die seit langem genutzte - und jetzt überfällige
und erforderliche - Handelsbefugnis zu verleihen, um
den Wohlstand im 21. Jahrhundert zu vermehren.
Heute Abend rufe ich die Nationen der Welt auf,
zusammen mit den Vereinigten Staaten in eine neue
Runde globaler Handelsgespräche einzutreten, um
den Export von Dienstleistungen, Fertigwaren und
landwirtschaftlichen Produkten zu erweitern. Heute
Abend sage ich, wir arbeiten mit der Internationalen
Arbeitsorganisation an einer neuen Initiative, um die

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Arbeitsnormen auf der ganzen Welt zu verbessern.
Und in diesem Jahr werden wir die internationale
Gemeinschaft anführen, um einen Vertrag über das
Verbot von Kinderarbeit auf der ganzen Welt abzuschließen.
Wenn wir das alles tun - in unsere Menschen, unsere
Gemeinden, unsere Technologien investieren und die
globale Wirtschaft anführen - dann werden wir beginnen, unsere historische Verantwortung zu erfüllen,
Wohlstand für Amerika im 21. Jahrhundert zu schaffen.
Wie Sie wissen, hatte keine Nation in der Geschichte
die Chancen und die Verantwortung, die wir jetzt
haben, zur Gestaltung einer Welt mit mehr Frieden,
mehr Sicherheit und mehr Freiheit. Alle Amerikaner
können stolz sein, daß unsere Führungsrolle dazu
beigetragen hat, Frieden in Nordirland zu schaffen.
Und mit unseren NATO-Verbündeten drängen wir die
serbische Regierung, die brutale Unterdrückung im
Kosovo zu beenden - die Verantwortlichen vor Gericht
zu bringen und den Menschen im Kosovo die autonome Regierung zu geben, die sie verdienen.
Alle Amerikaner können stolz sein, daß unsere
Führungsrolle die Hoffnung auf einen dauerhaften
Frieden im Nahen Osten erneuert hat. Einige von
Ihnen haben im letzten Dezember mit mir zusammen
erlebt, wie der palästinensische Nationalrat seinen
Aufruf zur Zerstörung Israels vollständig zurückgenommen hat. Jetzt bitte ich den Kongreß, Mittel
bereitzustellen, so daß alle Parteien das Abkommen
von Wye umsetzen können - zum Schutz der Sicherheit Israels, zur Ankurbelung der palästinensischen Wirtschaft, zur Unterstützung unserer Freunde
in Jordanien. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Ich
hoffe auf Ihre Hilfe.
Während wir auf den Frieden hinarbeiten, müssen wir
auch die Bedrohungen der Sicherheit unserer Nation
bewältigen - einschließlich erhöhter Gefahren durch
geächtete Nationen und Terrorismus. Wir werden
unsere Sicherheit verteidigen, wo immer wir bedroht
sind, wie wir es diesen Sommer getan haben, als wir
einen Schlag gegen Osama bin Ladens Netz führten.
Die Bombenanschläge auf unsere Botschaften in
Kenia und Tansania erinnern uns erneut an die
Risiken, denen sich diejenigen jeden Tag gegenübersehen, die Amerika in der Welt vertreten. Wir
wollen ihnen daher die Unterstützung, die sicheren
Arbeitsplätze und die Ressourcen geben, die sie
benötigen, damit Amerika weiterhin eine Führungsrolle
übernehmen kann.
Wir müssen Terroristen von der Störung der Computernetze abhalten. Wir müssen die Kommunen auf
biologische und chemische Notfälle vorbereiten und
die Forschung nach Impfstoffen und entsprechenden
Behandlungsmethoden unterstützen.

Seite 7

�Wir müssen unsere Anstrengungen verstärken, die
Verbreitung von Nuklearwaffen und Raketen einzudämmen - von Korea bis zu Indien und Pakistan.
Wir müssen unsere Zusammenarbeit mit Rußland, der
Ukraine und den anderen ehemaligen sowjetischen
Nationen zur Sicherung von Nuklearmaterial und
-technologie erweitem, so daß sie nie in die falschen
Hände gelangen. Unser ausgeglichener Haushalt wird
die Mittel für diese entscheidenden Bestrebungen in
den nächsten fünf Jahren um nahezu zwei Drittel
aufstocken.
Zusammen mit Rußland müssen wir den Abbau
unserer Nukleararsenale fortsetzen. Der START IIVertrag und das für START III bereits abgeschlossene
Rahmenabkommen könnte sie von ihrem Höchststand
im Kalten Krieg um 80 Prozent verringern.
Seit ich den Vertrag über ein umfassendes Verbot von
Atomtestversuchen unterschrieben habe, sind zwei
Jahre vergangen. Wenn wir nicht das Richtige tun,
werden auch andere Nationen nicht das Richtige tun.
Ich bitte den Senat, diesen entscheidenden Schritt zu
unternehmen: Verabschieden Sie den Vertrag jetzt, um
anderen Nationen die Entwicklung von Nuklearwaffen
zu erschweren und um sicherzustellen, daß wir die
Atomtests für immer einstellen können.
Seit nahezu einem Jahrzehnt hat sich der Irak seiner
Verpflichtung entzogen, seine Terrorwaffen und ihre
Trägersysteme zu zerstören. Die Vereinigten Staaten
werden Saddam Hussein weiterhin in Schach halten und wir werden auf den Tag hinarbeiten, an dem der
Irak die Regierung hat, die sein Volk verdient.
Bei unserem Militärschlag gegen den Irak im vergangenen Monat waren unsere Truppen ausgezeichnet.
Ihre Mission wurde so makellos ausgeführt, daß wir
den erforderlichen Mut und die Fähigkeiten beinahe als
selbstverständlich hinnehmen.
Hauptmann Jeff
Taliaferro, seit 10 Jahren bei der US-Luftwaffe, flog bei
unserem Angriff auf Saddam Husseins Kriegsmaschinerie einen B-1B-Bomber über den Irak. Er ist heute
Abend anwesend. Ich bitte Sie, ihm und allen 33.000
Männern und Frauen der Operation Wüstenfuchs Ihre
Ehre zu erweisen.
Es ist an der Zeit, die 1985 begonnene Kürzung der
Verteidigungsausgaben zu beenden. Seit April haben
wir zusammen das Budget um beinahe 6 Milliarden
Dollar aufgestockt, um unsere militärische Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten. Mein ausgeglichener
Haushalt sieht eine kontinuierliche Erhöhung über die
nächsten sechs Jahre für Einsatzbereitschaft, Modernisierung sowie für Gehälter und Vergünstigungen für
unseren Truppen und ihre Familien vor.
Wir sind die Erben des Muts, der durch Millionen
unserer Veteranen in jeder Gemeinde Amerikas
vertreten ist. Die Verteidiger der Vereinigten Staaten

Seite 8

stehen heute immer noch jederzeit bereit, dorthin zu
gehen, wo es wenig Bequemlichkeit und viele Gefahren gibt, um zu tun, was getan werden muß, wie keiner
es kann. Sie tun immer etwas für Amerika. Jetzt
müssen wir etwas für sie tun.
Das neue Jahrhundert erfordert neue Partnerschaften
für Frieden und Sicherheit. Die Vereinten Nationen
spielen eine entscheidende Rolle und die Verbündeten
teilen Lasten, die Amerika sonst alleine tragen müßte.
Die Vereinigten Staaten benötigen eine starke und
effektive UNO. Ich möchte mit diesem neuen Kongreß
zusammenarbeiten, damit wir unsere Beiträge und
unsere Schulden bezahlen.
Wir müssen weiterhin Sicherheit und Stabilität in
Europa und Asien unterstützen - indem wir die NATO
erweitern und ihre neuen Missionen definieren, unser
Bündnis mit Japan, Korea und unseren anderen
asiatischen Verbündeten aufrechterhalten und China
einbeziehen.
Im vergangenen Jahr habe ich in China zu den
Regierungsvertretern und dem Volk gesagt, was ich
heute Abend noch einmal sagen möchte: Stabilität
kann nicht länger auf Kosten der Freiheit erkauft
werden. Aber ich möchte dem amerikanischen Volk
auch noch einmal sagen: Es ist wichtig, China nicht zu
isolieren. Je mehr wir China in die Welt einbinden,
desto mehr wird die Welt China Wandel und Freiheit
bringen.
Im Frühjahr letzten Jahres bin ich mit einigen von
Ihnen nach Afrika gereist, wo wir ein Aufkeimen von
Demokratie und Reformen beobachten konnten, das
jedoch immer noch durch Gewalt und Krankheiten
zurückgehalten wird. Wir müssen Demokratie und
Frieden in Afrika stärken, indem wir Radio Democracy
for Africa auf Sendung bringen, den jetzt in Nigeria
beginnenden Übergang zu Demokratie stärken und
das Afrikanische Handels- und Entwicklungsgesetz
verabschieden.
Wir müssen unsere Beziehungen zu Südamerika und
der Karibik, unsere gemeinsame Arbeit an der Ausbildung der Kinder, der Bekämpfung von Drogen,
Stärkung von Demokratie und Erweiterung des
Handels weiter vertiefen. In dieser Hemisphäre ist mit
Ausnahme von einer jede Regierung frei von ihrem
Volk gewählt. Wir sind entschlossen, daß auch Kuba
die Segnungen der Freiheit kennenlernen soll.
Das amerikanische Volk hat sein Herz und seine Arme
für seine Nachbarn in Mittelamerika und der Karibik
geöffnet, die von den jüngsten Hurrikanen so schwer
getroffen wurden.
In Zusammenarbeit mit dem
Kongreß habe ich micht verpflichtet, ihnen beim
Wiederaufbau behilflich zu sein. Als die First Lady und
Tipper Gore die Region besucht haben, sahen sie
Tausende unserer Truppen und Tausende von

AMERIKA DIENST

�amerikanischen Freiwilligen. In der Dominikanischen
Republik hat Hillary ein Krankenhaus seiner Bestimmung übergeben, das von Dominikanern und
Amerikanern Seite an Seite wiederautgebaut worden
war. Sie wurde von jemandem begleitet, der für die
Katastrophenhilfe sehr wichtig ist.
Wie Sie wissen, werden Rekorde im Sport aufgestellt
und früher oder später gebrochen. Aber das Leben
anderer Menschen besser zu machen und unseren
Kindern die wahre Bedeutung von Brüderlichkeit zu
vermitteln - das hat für immer Bestand. Sammy Sosa für weit mehr als Ihre Leistungen im Baseball sind Sie
heute Abend ein Held in zwei Ländern. Ich danke
Ihnen. Ihnen allen sage ich, wenn wir diese Dinge tun
- wenn wir nach Frieden streben, Terrorismus bekämpfen, unsere Stärke erhöhen, unsere Bündnisse
erneuern - werden wir beginnen, die historische
Verantwortung unserer Generation zu erfüllen, ein
stärkeres Amerika für das 2 1 . Jahrhundert aufzubauen, in einer freieren, friedlicheren Welt.
So wie sich die Welt verändert hat, haben sich auch
unsere Gemeinden verändert.
Wir müssen sie
sicherer, lebenswerter und geeinter machen.
In
diesem Jahr werden wir unser Ziel erreichen, unsere
bürgemahe Polizei um 100.000 Polizisten zu erweitem
- vor der gesetzten Frist und mit Unterschreitung
unseres Budgets. Das Brady-Gesetz hat verhindert,
daß eine Viertelmillion Verbrecher, Flüchtige und
Fanatiker Handfeuerwaffen kaufen. Und jetzt haben
wir die niedrigste Rate von Morden seit 30 Jahren, und
die Verbrechensrate ist in sechs aufeinander folgenden Jahren gesunken.
Heute Abend schlage ich einen Gesetzentwurf zur
Verbrechensbekämpfung für das 2 1 . Jahrhundert vor,
mit dem die neuesten Technologien und Taktiken
eingeführt werden, um unsere Gemeinden noch
sicherer zu machen. Unser ausgeglichener Haushalt
wird dazu beitragen, bis zu 50.000 weitere Polizisten in
Gegenden auf die Straßen zu schicken, die von
Verbrechen am stärksten betroffen sind - und sie dann
mit neuen Geräten auszurüsten, von Computern mit
Karten der Gegenden mit hoher Kriminalität bis zu
digitalen Verbrecherfotos.
Wir müssen den tödlichen Zyklus von Drogen und
Kriminalität durchbrechen. Unser Haushalt erhöht die
Unterstützung für Drogentests und -therapie, indem
den Gefangenen gesagt wird: Wenn Sie weiterhin
Drogen nehmen, müssen Sie hinter Gittern bleiben.
Und denen auf Hafturlaub: Wenn Sie Ihre Freiheit
behalten wollen, müssen Sie sich von Drogen fernhalten.
Ich bitte den Kongreß, die fünftägige Wartezeit für den
Kauf einer Handfeuerwaffe wieder einzuführen - und
das Brady-Gesetz zu erweitem, um Jugendliche, die

AMERIKA DIENST

ein Gewaltverbrechen begehen, vom Kauf einer Waffe
abzuhalten.
Wir müssen mehr tun, um unsere Schulen zum
sichersten Ort in unseren Gemeinden zu machen.
Letztes Jahr war jeder Amerikaner entsetzt und
verzweifelt über die tragischen Morde in Jonesboro,
Paducah, Pearl, Edinboro, Springfield. Wir waren
zutiefst bewegt von den Taten der mutigen Eltern, die
jetzt darauf hinarbeiten, Waffen von Kindern fernzuhalten und andere Anstrengungen zu unternehmen,
so daß andere Eltern nicht ihren Verlust erleiden
müssen.
Nachdem sie ihre Tochter verloren hatte, kam Suzanne Wilson aus Jonesboro in Arkansas mit einem
starken Appell ins Weiße Haus. Sie sagte: "Bitte, bitte,
zum Wohle Eurer Kinder - schließen Sie Ihre Waffe
weg. Lassen Sie nicht zu, daß in Ihrer Stadt das
geschieht, was in Jonesboro geschehen ist." Es ist
eine Botschaft, die sie jeden Tag leidenschaftlich
übermittelt.
Suzanne ist heute Abend hier, mit der First Lady. Ich
möchte ihr für ihren Mut und ihr Engagement danken.
Vielen Dank!
In Erinnerung an all die Kinder, die ihr Leben aufgrund
von Gewalt in der Schule verloren haben, bitte ich Sie,
das Gesetz über sichere und drogenfreie Schulen zu
verbessern, Gesetze zu erlassen, die kindersichere
Abzugsschlösser an Waffen vorschreiben und alles in
Ihrer Macht Stehende zu tun, um unsere Kinder zu
schützen. Vor einem Jahrhundert definierte Präsident
Roosevelt unsere "große, zentrale Aufgabe" folgendermaßen: "Dieses Land als ein noch besseres Land für
unsere Nachkommen zu hinterlassen, als es für uns
ist." Heute stellen wir die Everglades in Florida wieder
her, erhalten Yellowstone, die roten Felscanons von
Utah, schützen die Rotholzwälder in Kalifornien und
unsere herrlichen Küsten. Aber unsere verhängnisvollste neue Herausforderung ist die Gefahr der
Erderwärmung. 1998 war das wärmste je verzeichnete Jahr. Die Hitzewellen, Überschwemmungen und
Stürme des letzten Jahres sind nur eine Andeutung
dessen, was künftige Generationen erdulden müssen,
wenn wir jetzt nicht handeln.
Heute Abend schlage ich einen Fonds für saubere Luft
vor, der den Gemeinden bei der Reduzierung von
Treibhausgasen und anderer Verschmutzung behilflich
sein soll, sowie Steuererleichterungen und Investitionen, um Technologien für saubere Energie einzuführen. Und ich möchte mit den Kongreßabgeordneten in
beiden Parteien zusammenarbeiten, um Unternehmen
zu belohnen, die frühzeitig freiwillig Maßnahmen zur
Verringerung der Treibhausgase ergreifen.
Aufgrund der zunehmenden Ausdehnung unserer
Gemeinden und der Abnahme von Grünflächen sehen

Seite 9

�die Gemeinden sich mit der Herausforderung des
Naturschutzes konfrontiert. Jeden Tag gehen rund 28
Hektar Farmland und offenes Gelände verloren. Als
Reaktion darauf schlage ich zwei wichtige Initiativen
vor: Erstens eine Agenda für Lebensqualität in Höhe
von 1 Milliarde Dollar, um den Gemeinden beim Erhalt
von offenem Gelände, Behebung von Verkehrsstaus
und ihrer räumlichen Ausdehnung in einer Weise
behilflich zu sein, die die Lebensqualität aller Bürger
verbessert. Und zweitens eine Agenda für Landschaftsschutz, um Orte von natürlicher Schönheit in
ganz Amerika zu erhalten - von der entferntesten
Wildnis bis zum nächsten Stadtpark.
Das sind wirklich bahnbrechende Initiativen, die ohne
die Vision des Vizepräsidenten nicht erarbeitet worden
wären, und ich möchte ihm herzlich für sein Engagement in diesem Bereich danken.
Wenn Ihre Gemeinde Ihnen so viel wie möglich geben
soll, müssen Sie etwas zurückgeben. Aus diesem
Grund haben wir das AmeriCorps ins Leben gerufen unser Programm eines nationalen Gemeindedienstes,
das der heutigen Generation die Chance bietet, einen
Dienst in ihrer Gemeinde zu verrichten und dabei Geld
fürs College zu verdienen.
Bis jetzt haben in nur vier Jahren 100.000 junge
Amerikaner im Rahmen des Programms Habitat for
Humanity kostengünstige Eigenheime gebaut, in
Zusammenarbeit mit den Kirchen Kinder unterrichtet,
zusammen mit der FEMA die verheerenden Auswirkungen von Naturkatastrophen behoben und
zahllose andere Dienste erbracht, die Amerika besser
gemacht haben. Ich bitte den Kongreß, mehr jungen
Amerikanern die Chance zu geben, diesem Vorbild zu
folgen und im AmeriCorps zu dienen.
Jetzt müssen wir darauf hinarbeiten, auch unsere
Nation für das 21. Jahrhundert zu erneuem. Im
vergangenen Jahr verabschiedete das Repräsentantenhaus das von den Mitgliedern des Repräsentantenhausen Shays und Meehan und den Senatoren
McCain und Feingold eingebrachte überparteiliche
Gesetz zur Reform der Wahlkampffinanzierung. Aber
eine Minderheit im Senat verhinderte die Reform.
Daher möchte ich dem Repräsentantenhaus sagen:
Verabschieden Sie es nochmals, und zwar schnell.
Und ich möchte dem Senat sagen: Ich hoffe, Sie sagen
Ja zu einer stärkeren amerikanischen Demokratie im
Jahr 2000.
Seit 1997 versucht unsere Initiative zur Überwindung
der Rassentrennung die Kluft zwischen und unter
unserem Volk zu überbrücken. In seinem Bericht vom
Herbst letzten Jahres stellte das Beratergremium der
Initiative fest, daß die Amerikaner unser Volk wirklich
über Rassenschranken hinweg zusammenbringen
möchten.

Seite 10

Wir wissen, daß es eine lange Reise ist. Für einige
geht sie bis vor den Beginn unserer Republik zurück,
für andere bis zum Bürgerkrieg, für wieder andere
dauerte sie das gesamte 20. Jahrhundert. Aber für die
meisten von uns heute Lebenden begann diese Reise
in sehr realer Weise vor 43 Jahren, als eine Frau
namens Rosa Parks sich in einem Bus in Alabama
hinsetzte und nicht wieder aufstand. Heute Abend sitzt
sie bei der First Lady, und sie kann aufstehen oder
nicht - wie sie möchte. Wir danken ihr. Vielen Dank,

Wir sind uns bewußt, daß unsere andauernden
Rassenprobleme durch die bestehenden Chancenunterschiede verschärft werden, wie durch die Initiative
des Präsidenten belegt wurde. Die von mir heute
Abend dargelegte Initiative wird dazu beitragen, diese
Kluft zu schließen. Aber wir wissen, daß auch die Kluft
der Diskriminierung noch nicht ganz geschlossen ist.
Diskriminierung oder Gewalt aufgrund von Rasse oder
Religion, Abstammung oder Geschlecht, Behinderung
oder sexueller Neigung ist falsch und sollte illegal sein.
Aus diesem Grund bitte ich den Kongreß, das Gesetz
über Nichtdiskriminierung bei der Einstellung und das
Gesetz zur Verhinderung von Haßverbrechen zum
Landesrecht zu machen.
Da jede Person in Amerika zählt, sollte jeder Amerikaner gezählt werden. Wir brauchen eine Volkszählung
unter Einsatz der modernsten wissenschaftlichen
Methoden.
Unsere neuen Einwanderer müssen Teil unseres
Einen Amerikas sein. Schließlich beleben sie unsere
Städte und unsere Kultur wieder und leisten einen
Beitrag zu unserer Wirtschaft. Wir tragen die Verantwortung, sie hier willkommen zu heißen; und sie tragen
die Verantwortung, sich in das amerikanische Leben
einzugliedern. Das bedeutet, Englisch zu lernen und
sich über unser demokratisches Regierungssystem zu
informieren. Es gibt zur Zeit lange Wartelisten von
Einwanderern, die genau das zu tun versuchen. Aus
diesem Grund sieht unser Haushalt eine beträchtliche
Erweiterung unserer Bestrebungen vor, ihnen bei der
Erfüllung ihrer Verantwortung behilflich zu sein. Ich
hoffe, Sie werden das unterstützen. Ob unsere
Vorfahren auf der Mayflower oder auf Sklavenschiffen
hierhin kamen, ob sie nach Ellis Island oder LAX in Los
Angeles kamen, ob sie gestern kamen oder vor
tausend Jahren den Boden dieses Landes betraten unsere große Herausforderung für das 21. Jahrhundert
besteht darin, einen Weg zu finden, Ein Amerika zu
sein. Wir können alle anderen Herausforderungen
meistern, wenn wir als Ein Amerika vorgehen.
Wie Sie wissen, werden wir in wenig mehr als 300
Tagen die Brücke zu einem neuen Jahrtausend
überschreiten. Das ist der Augenblick, wie die First
Lady sagte, um "die Vergangenheit zu würdigen und
sich die Zukunft vorzustellen".

AMERIKA DIENST

�*

Ich möchte sie an dieser Stelle kurz würdigen - für ihre
Führungsrolle bei unserem Jahrtausendprojekt, für
alles, das sie für unsere Kinder getan hat, für alles, das
sie in ihrer historischen Rolle getan hat, unserer Nation
zu dienen und für unsere besten Ideale im In- und
Ausland.

Heute Abend, während ich den letzten Bericht zur
Lage der Nation des 20. Jahrhunderts vortrage, kann
niemand auf der ganzen Welt an der andauernden
Entschlossenheit und grenzenlosen Kapazität des
amerikanischen Volkes zweifeln, die "perfektere Union"
der Träume unserer Gründerväter anzustreben.

Im vergangenen Jahr bat ich den Kongreß und alle
Mitbürger, das Jahrtausend zu ehren, indem sie die
Schätze Amerikas bewahren. Hillary ist durch das
ganze Land gereist, um Würdigung und Unterstützung
für den Erhalt von Orten wie Thomas Edisons Erfindungslabor oder Harriet Trumans Zuhause zu gewinnen. Jetzt müssen wir unsere Schätze in jeder
Gemeinde erhalten. Und bevor ich abschließe,
möchte ich heute Abend jede Stadt, jedes Dorf, jede
Gemeinde einladen, zu einer national anerkannten
"Jahrtausendgemeinde" zu werden, indem sie Projekte
zur Bewahrung unserer Geschichte, Förderung
unserer Künste und Geisteswissenschaften und die
Vorbereitung unserer Kinder auf das 21. Jahrhundert
in die Wege leiten.

Wir befinden uns jetzt am Ende eines Jahrhunderts, in
dem eine Generation nach der anderen den Ruf nach
Größe, Überwindung der Wirtschaftskrise, Sorge um
die Mittellosen, Abbau von Rassenschranken, Aufbau
der größten Mittelklasse in der Geschichte, dem Sieg
in zwei Weltkriegen und in dem "langen Kampf im
Zwielicht" des Kalten Krieges beantwortete. Wir alle
müssen zutiefst dankbar für die herausragenden
Leistungen unserer Vorfahren in diesem Jahrhundert
sein.

Die bisherige Reaktion ist bemerkenswert. Und ich
möchte ein besonderes Wort des Dankes an unsere
Partner im Privatsektor und die Abgeordneten des
Kongresses beider Parteien für ihre Unterstützung
aussprechen. Nur ein Beispiel: Wegen Ihnen wird das
Star-Spangled Banner auf ewig bewahrt. An der
Schwelle zum Jahrtausend halten wir auf die eine oder
andere Weise das am Leben, was George Washington
als "die geheiligte Flamme der Freiheit" bezeichnet hat.

In hundert Jahren wird ein anderer amerikanischer
Präsident an diesem Platz stehen und über die Lage
der Nation berichten. Er - oder sie - wird auf ein 21.
Jahrhundert zurückblicken, das in so vielfältiger Weise
durch die Entscheidungen geprägt wurde, die wir jetzt
und hier treffen. Mögen sie dann über uns sagen, daß
wir nicht nur an unsere Zeit gedacht haben, sondern
auch an ihre Zeit; daß wir unseren Idealen gerecht
wurden; daß wir unsere Differenzen überwunden und
eine neue Zeit der Heilung und Hoffnung gefunden
haben; daß wir uns zusammengeschlossen haben, um
dem Land, das wir lieben, zu dienen und es zu stärken.

Vor sechs Jahren habe ich in einer Zeit der Zweifel für
Amerika mein Amt angetreten - unsere Volkswirtschaft
hatte Probleme, unser Defizit war hoch, unser Volk
gespalten. Einige fragten sich, ob unsere besten Tage
hinter uns lägen. Aber überall in diesem Land, in
Tausenden von Gegenden habe ich - selbst inmitten
von Schmerz und der Unsicherheit der Rezession den wahren Kern und Charakter Amerikas gesehen.
Da wußte ich, daß wir Amerikaner dieses Land
erneuern können.

Dennoch sehen wir unter dem täglichen Druck der
Ereignisse, inmitten der Kontroversen unsere Zeit
vielleicht nicht als das, was sie wirklich ist - ein neuer
Aufbruch für Amerika.

Meine amerikanischen Mitbürger, das ist unser
Augenblick. Lassen Sie uns als eine Nation die Augen
erheben und vom Höhepunkt dieses Amerikanischen
Jahrhunderts auf das nächste blicken und um Gottes
Segen für unsere Unternehmungen und unser geliebtes Land bitten.
Ich danke Ihnen. Gute Nacht.

*

AMERIKA DIENST

* * *

*

Seite 11

�</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

02

10. Februar 1999

TERRORISMUS

CLINTON: AMERIKA MUSS SICHER FÜR DAS
21. JAHRHUNDERT SEIN
Rede des Präsidenten

USA-EUROPA

DAS NEUE EUROPA UND DIE NEUE NATO
Rede von Strobe Talbott
DIE EUROATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
Rede von Staatssekretär Eizenstat

DER AUFBAU EINER TRANSATLANTISCHEN
PARTNERSCHAFT FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
von Thomas R. Pickering und Stuart E. Eizenstat

TECHNOLOGIE

DER STAND DER AMERIKANISCH-EUROPAISCHEN BEZIEHUNGEN BEIM DATENSCHUTZ:
VERBRAUCHERSCHUTZ UND ARBEITSPLATZSICHERUNG IN DER INFORMATIONSGESELLSCHAFT
Rede von Staatssekretär Aaron

Als zusätzlichen Service bieten wir ab sofort die Zustellung des Amerika Dienst per E-Mail
an! Sobald die Artikel übersetzt sind, werden sie Ihnen im txt- oder html-Format kostenlos
zugeschickt. Anmeldungen bitte unter dem Stichwort "subscribe amerikadienst" und der
Angabe von "txt" oder "html" an "jmrbonn@usia.gov". Oder besuchen Sie unsere Homepage
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Um Übersendung von
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D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�TERRORISMUS
10. Februar 1999

Clinton: Amerika muß sicher
für das 21. Jahrhundert sein
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede von Präsident Clinton vor
der National Academy of Sciences vom 22. Januar 1999.

Ich war so erleichtert, daß Dr. Lederberg vor nicht allzu
langer Zeit ein renommiertes Expertengremium zur
Diskussion der Bedrohung durch Bioterrorismus
zusammengebracht hat, denn damit hatte ich Experten, denen gegenüber ich meine Sorgen artikulieren
konnte, und niemand mußte denken, ich würde
spätabends nur zu viele Romane lesen.
Ich freue mich außerordentlich, hier dieses Thema
erörtern zu können. Etwas zurückhaltend stellte
Sandy Berger fest, daß Dr. Lederberg mit 33 Jahren
einen Nobelpreis erhalten hat und ich mit 33 Gouverneur war - daraus können Sie ersehen, daß ich in
Chemie und Biologie nicht sehr gut war.
Aber jede Demokratie ist erfüllt von der Verantwortung
der Bürger, die keine außerordentlichen Fachkenntnisse zur Bewältigung der Herausforderungen jedes
neuen Zeitalters besitzen. Und das ist es, was wir alle
zu tun versuchen. Unser Land hat stets die Herausforderung durch diejenigen gemeistert, die uns Schaden zufügen wollten. Ich habe immer geglaubt, daß
den Kern unserer nationalen Verteidigung unser
Versuch bildet, getreu unseren Werten - Demokratie,
Freiheit, Chancengleichheit - zu leben. Wir arbeiten
hart, um diese Werte im Inland umzusetzen. Und wir
arbeiten mit Nationen auf der ganzen Welt zusammen,
um sie zu fördern und ein neues Zeitalter der Interdependenzzu schaffen, in dem die Nationen zusammenarbeiten - nicht nur für Frieden und Sicherheit, sondern
auch für bessere Schulen und Gesundheitsfürsorge,
größeren Wohlstand, eine sauberere Umwelt und
größeres Engagement der Bürger überall bei der
Gestaltung ihrer Zukunft.

AMERIKA DIENST 02

In dem Kampf um die Verteidigung unseres Volkes,
unserer Werte und - wo immer möglich, ihre Förderung
- stellen wir uns diesen alten und neuen Bedrohungen:
Offene Grenzen und technologische Revolutionen
haben die Botschaft und die Geschenke der Freiheit
verbreitet, haben jedoch auch den Feinden der Freiheit
neue Chancen geboten. Wissenschaftliche Fortschritte haben die Möglichkeit eines längeren, besseren Lebens eröffnet.
Im August vergangenen Jahres trauerte ich in auf dem
Luftwaffenstützpunkt Andrews zusammen mit den
Familien der tapferen Amerikaner, die ihr Leben in
unserer Botschaft in Kenia verloren haben. Sie waren
in Afrika, um die Werte zu fördern, die Amerika mit den
Freunden der Freiheit überall auf der Welt teilt - und
dafür wurden sie von Terroristen umgebracht. Umgebracht wurden auch die Männer und Frauen in Oklahoma City, im World Trade Center, den Khobar Towers
und die Passagiere des Pan Am-Fluges 103.
Die Vereinigten Staaten haben aggressiv auf den
Terrorismus reagiert - die Sicherheit für unsere
Diplomaten, unsere Truppen, unsere Flugpassagiere
und unsere Fähigkeit verbessert, terroristische Aktivitäten aufzudecken, unsere Zusammenarbeit mit anderen
Ländern erweitert und die Sanktionen gegen Terrorismus unterstützende Nationen verschärft.
Seit 1993 haben wir die finanziellen Mittel für die
Terrorismusbekämpfungsbestrebungen
des
FBI
verdreifacht. Unsere Agenten und Strafverfolgungsbeamten leisten mit Unterstützung unserer Nachrichtendienste hervorragende Arbeit, die für Terroranschläge Verantwortlichen zu verfolgen und vor

Seite 1

�Gericht zu bringen. Und wie unsere Luftangriffe auf
Afghanistan - oder auf die Terroristencamps in Afghanistan - im Sommer letzten Jahres zeigten, sind wir
bereit, militärische Gewalt gegen Terroristen einzusetzen, die unseren Bürgern Schaden zufügen.
Aber Sie alle wissen, daß der Kampf gegen den
Terrorismus noch lange nicht beendet ist. Und jetzt
suchen die Terroristen neue Zerstörungswerkzeuge.
Letzen Mai, bei der Abschlußfeier der Naval Academy,
habe ich gesagt, daß Terroristen und geächtete
Staaten die Schlachtfelder der Welt vom physischen
Raum in den Cyberspace ausdehnen, von den
riesigen Wasservorkommen unserer Welt zur komplexen Funktionsweise unseres eigenen menschlichen
Körpers. Die Feinde des Friedens werden sich
bewußt, daß sie uns nicht mit traditionellen militärischen Mitteln besiegen können. Daher arbeiten sie an
zwei neuen Angriffsarten, von denen Sie heute gehört
haben: Cyberanschlägen auf unsere entscheidenden
Computersysteme und Angriffe mit Massenvernichtungswaffen - chemischen, biologischen, möglicherweise sogar Nuklearwaffen. Wir müssen bereit sein bereit, wenn unsere Gegner versuchen, unsere
Computer zu nutzen, um unsere Strom-, Bank-,
Kommunikations- und Verkehrsnetze, die Polizei,
Feuerwehr und Gesundheitsdienste - oder militärische
Anlagen - untauglich zu machen.
Diese entscheidenden Systeme werden immer mehr
von Computern gesteuert und durch sie verbunden,
was sie immer störanfälliger macht. Im Frühjahr
vergangenen Jahres erlebten wir die enormen Auswirkungen einer einzigen zusammengebrochenen
elektronischen Verbindung, als ein Satellit nicht richtig
funktionierte - und Piepser, Bankautomaten, Kreditkartensysteme und Femsehnetze auf der ganzen Welt
außer Betrieb setzte. Und wir erleben bereits die erste
Welle von vorsätzlichen Angriffen auf den Cyberspace
- Hacker brechen in Computer der Regierung und von
Unternehmen ein, stehlen und zerstören Informationen, plündern Bankkonten, belasten die Kreditkartenkonten, erpressen Geld mit der Drohung, Computerviren freizusetzen.
Das Schadenspotential ist klar. Anfang dieses Monats
legte ein Eissturm in dieser Gegend Stromnetze lahm,
versetzte ganze Gemeinden in Dunkelheit und störte
das tägliche Leben. Wir müssen darauf gefaßt sein,
daß unsere Gegner Angriffe starten, die Versorgungsund Dienstleistungsbetriebe in ganzen Regionen
lahmlegen könnten. Wir müssen auch bereit sein,
wenn Gegner versuchen, mit Massenvernichtungswaffen anzugreifen. Mit diesen Waffen ausgerüstet,
die kompakt und billig sein können, kann eine kleine
Gruppe von Terroristen unermeßlichen Schaden
anrichten.
Vor vier Jahren schreckte die Weit jedoch auf, als eine
Gruppe einen tödliche chemische Waffe - Nervengas -

Seite 2

in der Tokioter U-Bahn freisetzte. Wir müssen auf die
Möglichkeit vorbereitet sein, daß sich eine solche
Gruppe biologische Waffen verschafft. Wir müssen
darauf vorbereitet sein, einen biologischen Angriff
sofort auszumachen und zu bewältigen, bevor sich die
Krankheit verbreitet. Wenn wir uns auf diese sich
abzeichnenden Bedrohungen vorbereiten, werden wir
den Terroristen zeigen, daß Angriffe auf Amerika
nichts anderes erreichen als ihren eigenen Sturz.
Ich möchte zunächst sagen, was wir bisher zur
Bewältigung dieser Herausforderung getan haben. Wir
haben auf die Formulierung und Stärkung des Abkommens hingearbeitet, das die Nationen von der
Beschaffung von Massenvernichtungswaffen abhält,
denn damit können diese Waffen auch von Terroristen
femgehalten werden. Wir arbeiten an der Gewährleistung der effektiven Umsetzung der Chemiewaffenkonvention; dem Abschluß eines Abkommens, das die
Einhaltung der Konvention über biologische Waffen
stärkt, und der Einstellung der Produktion von nuklearwaffenfähigem Material. Wir müssen den Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot ratifizieren, um
Atomtests ein für alle Mal zu beenden.
Wie ich am Dienstag in meinem Bericht zur Lage der
Nation vorgeschlagen habe, sollten wir unsere Bestrebungen erheblich verstärken, zusammen mit Rußland
und den anderen Nationen der ehemaligen Sowjetunion zu verhindern, daß waffenfähiges Material und
Fachwissen in die Hände von Terroristen und geächteten Staaten fallen. Wir sollten dies vor allem durch die
Erweiterung unserer Zusammenarbeit mit den Tausenden russischer Wissenschaftler tun, die für die
Förderung des Weltfriedens, der Gesundheit und des
Wohlergehens eingesetzt werden können, die jedoch -

wenn sie nicht bezahlt werden - ein fruchtbarer Boden
für die Absichten von Terroristen bleiben.
Wir können uns jedoch nicht allein auf unsere Bestrebungen zur Nichtverbreitung verlassen. Wir müssen
bereit sein zu handeln, wenn Waffen verbreitet werden.
Im letzten Jahr habe ich vom Kongreß eine 39-prozentige Haushaltsaufstockung für die Einsatzbereitschaft
bei Notfällen mit chemischen und biologischen Waffen
erhalten. Diese Mittel tragen zur Beschleunigung
unserer andauernden Anstrengungen bei, die Feuerwehr, Polizei und Mitarbeiter der Gesundheitsämter im
ganzen Land für solche Notfälle auszubilden und
auszurüsten. Sie tragen dazu bei, unsere Streitkräfte
und Einheiten der Nationalgarde in jeder Region auf
die Bewältigung dieser Herausforderung vorzubereiten
und unsere Fähigkeit zu verbessern, den Ausbruch
von Krankheiten aufzudecken und Menschenleben zu
retten; zum ersten Mal in der Geschichte einen zivilen
Bestand an Medikamenten zu schaffen, um den
Gefahren durch biologische und chemische Waffen
ausgesetzte Menschen zu behandeln sowie die
Forschung und Entwicklung neuer Medikamente und

AMERIKA DIENST 02

�Impfstoffe zu verstärken, um die neuen Bedrohungen
zu bewältigen.
Unsere Verpflichtung, die Kommunen mit den erforderlichen Instrumenten auszurüsten, geht bereits
über Schriftstücke und Pläne hinaus. Genau vor
diesem Gebäude parkt beispielsweise ein neuartiger
Lastwagen, den wir der Feuerwehr von Arlington
(Virginia) zur Verfügung gestellt haben. Er kann
schnell eingesetzt werden und Schaden von Menschen abwenden, die Gefahren durch chemische und
biologische Waffen ausgesetzt sind.
Aber auch unser Engagement an der Cyberfront ist
stark. Wir haben spezielle Büros beim FBI und im
Wirtschaftsministerium eingerichtet, um entscheidende
Systeme gegen einen Cyberangriff zu schützen. Wir
gehen Partnerschaften mit dem Privatsektor ein, um
Anfälligkeiten aufzudecken und zu beheben, um die
Wamsysteme zu verbessern und eine schnelle
Erholung nach einem Angriff zu gewährleisten.
Richard Clark ist ein herausragender Mitarbeiter des
öffentlichen Dienstes, der diese Bestrebungen auf
allen Regierungsebenen koordiniert.
Heute möchte ich die neuen Initiativen bekanntgeben,
die wir in die Wege leiten werden, um uns auf die
nächste Ebene bei der Vorbereitung auf diese sich
abzeichnenden Bedrohungen zu bringen. In meiner
Haushaltsvorlage werde ich den Kongreß um 10
Milliarden Dollar zur Bekämpfung des Terrorismus und
seiner neuen Werkzeuge bitten. Dies beinhaltet
nahezu 1,4 Milliarden Dollar zum Schutz unserer
Bürger gegen chemische und biologische Terroranschläge - mehr als doppelt so viel, wie wir vor nur
zwei Jahren für solche Programme ausgegeben
haben.

steckender Krankheiten. Wir werden also davon
profitieren, selbst wenn wir bei der Abwehr dieser
Angriffe Erfolg haben.
Der Haushaltsentwurf enthält auch 1,46 Milliarden
Dollar zum Schutz entscheidender Systeme vor Cyberund anderen Angriffen. Das sind 40 Prozent mehr als
das, was wir vor zwei Jahren ausgegeben haben.
Unter anderem werden sie zur Finanzierung von vier
neuen Initiativen beitragen. Erstens intensiver Forschungsarbeit zum Aufspüren von Hackern, die
versuchen, in unsere wichtigsten Computersysteme
einzudringen. Zweitens Erfassungsnetze, zuerst für
unser Verteidigungsministerium, und später für andere
wichtige Behörden, so daß beim Eindringen in ein
entscheidendes Computersystem andere sofort
gewarnt werden. Und wir werden den Privatsektor
auffordern, ähnliche Strukturen zu schaffen.
Drittens die Einrichtung von Informationszentren im
Privatsektor, so daß unsere Industrien zusammen und
mit der Regierung an der Bewältigung von Bedrohungen des Cyberspace arbeiten können. Schließlich
werden wir um Finanzmittel zur Verstärkung der
äußerst qualifizierten Computerexperten der Regierung bitten - Menschen, die in der Lage sind, Computerkrisen zu verhindern und darauf zu reagieren.
Um diesen Vorschlag - das Cyber Korps-Programm umzusetzen, werden wir die Bundesbehörden auffordern, Computerspezialisten auszubilden und
umzuschulen und begabte junge Leute vom College
anzuwerben.

Wir werden unsere Bemühungen beschleunigen und
erweitern, neue Teams von Nothilfemedizinern
zusammenzustellen, vor Ort tragbares Erfassungsgerät von der Größe eines Schuhkartons einzusetzen,
um Gefahren schnell auszumachen, und Verbindungen zwischen regionalen Labors für die unverzügliche
Analyse biologischer Bedrohungen herstellen. Wir
werden die im Gesundheitsministerium konzentrierte
Forschung und Entwicklung nach neuen Impfstoffen,
Medikamenten und Diagnoseverfahren stark beschleunigen.

Bei all diesen Kämpfen werden wir aggressiv vorgehen. Gleichzeitig sollten Sie wissen, daß wir uns
weiterhin zum Schutz der Privatsphäre und anderer
verfassungsmäßiger Rechte sowie dem Schutz der
Eigentumsrechte
amerikanischer
Unternehmen
verpflichten. Es ist unerläßlich, daß wir nicht im
Namen der Freiheit die Freiheit unterminieren. Wir
können den Terrorismus überwinden, indem wir auf
das Beste in unserer freien Gesellschaft zurückgreifen
- die Qualität und den Mut unserer Truppen, das Genie
unserer Wissenschaftler und Ingenieure, die Stärke
unserer Fabrikarbeiter, die Entschlossenheit und die
Fähigkeiten unserer Mitarbeiter im öffentlichen Dienst,
die Vision unserer Führungskräfte in allen lebenswichtigen Bereichen.

Ich sollte an dieser Stelle sagen, ich weiß, daß jeder
hier es versteht, aber jeder in Amerika muß es verstehen: Die Regierung muß das finanzieren. Es gibt
keinen Markt für die Dinge, die wir entwickeln müssen;
und wenn wir erfolgreich sind, wird es niemals einen
Markt für sie geben. Aber wir müssen unser Bestes
tun, um sie zu entwickeln. Diese entscheidenden
Bestrebungen werden nicht nur die Bedrohung durch
Massenvernichtungswaffen meistern, sondern auch
die ebenso große sich abzeichnende Gefahr an-

Ich habe so gut ich konnte versucht, in Amerika die
richtige Einstellung zur Handhabung dieser Bedrohung
zu schaffen. Zu lange war das Problem, daß nicht
genug zur Erkenntnis der Bedrohung und ihrer Bewältigung getan wurde. Und wir in der Regierung waren offen gesagt - nicht so gut organisiert wie wir es seit
langem hätten sein sollen. Ich möchte nicht, daß das
Pendel jetzt in die andere Richtung schwingt und die
Leute glauben, jeder Unfall, über den sie in einem
Roman lesen, oder jeder Unfall, den sie in einem

AMERIKA DIENST 02

Seite 3

�spannenden Film sehen, würde ihnen in den nächsten
24 Stunden passieren.

Offensive und Verteidigung wenn möglich ganz
schließen. Das ist die Herausforderung.

Was wir hier sehen, ist - wie Ihnen jeder im Publikum
anwesende Angehörige des Militärs sagen kann nichts weiter als eine Neuautlage der Waffensysteme,
die auf den Anfang der Zeitrechnung zurückgehen.
Ein offensives Waffensystem wird entwickelt, und es
erfordert Zeit, die entsprechende Verteidigung zu
entwickeln. Und dann wird ein anderes offensives
Waffensystem entwickelt, das diese Verteidigung
überwindet, und dann wird eine weitere Verteidigung
aufgebaut - so sicher wie Burgen und Burggräben die
mit Speeren, Pfeil und Bogen und Pferden ausgerüsteten Belagerer abhielten und die Schleudermaschine
entwickelt wurde, um den Burggraben zu überwinden.

Wir tun alles in unserer Macht Stehende, in einer
Weise, die ich erörtern kann, und in einer Weise, die
ich nicht erörtern kann, um die Menschen, die chemische und biologische Fähigkeiten mißbrauchen
könnten, davon abzuhalten, diese Fähigkeiten zu
beschaffen. Das ist kein Grund zur Panik - es ist ein
Grund zur ernsthaften, bewußten, disziplinierten,
langfristigen Sorge. Und ich bin absolut überzeugt,
daß wir das überdauern werden, wenn wir weiterhin
unser klares Ziel vor Augen haben und unsere Willensstärke bewahren. Und dank so vieler von Ihnen in
diesem Publikum, Ihrer Kollegen überall in den Vereinigten Staaten und gleichgesinnter Menschen auf der
ganzen Welt haben wir eine mehr als gute Erfolgschance. Aber wir müssen bewußt vorgehen, und wir
müssen aggressiv sein.

Aber aufgrund des Tempos, in dem sich der Wandel in
unserer Gesellschaft vollzieht - in der Computertechnologie und insbesondere in den Biowissenschaften - müssen wir alles in unserer Macht Stehende
tun um sicherzustellen, daß wir die Kluft zwischen

Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10. Februar 1999

Das neue Europa und die neue Nato
Rede von Strobe Talbott

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott vor
der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik vom 4. Februar 1999, die auf Deutsch erstmals in der
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Februar 1999 erschienen ist.

Vielen Dank, Karl Kaiser, für die einführenden Worte
und die Gelegenheit, heute hier eine Rede zu halten.
In den vielen Jahren, die wir uns kennen, habe ich
Deine Führungsrolle in der Deutschen Gesellschaft für
Auswärtige Politik stets bewundert. Du bist einer der
eloquentesten Befürworter eines starken Europas als
unerläßlichem Baustein für eine starke atlantische
Gemeinschaft.
Heute Abend begleiten mich mehrere amerikanische
Kollegen, die an das gleiche Prinzip glauben: Botschafter John Komblum, den jeder hier gut kennt - und
der herausragende Germanist seiner Generation im
amerikanischen auswärtigen Dienst; Ron Asmus von
unserem Europäischen Büro im US-Außenministerium,
auf den sich Außenministerin Albright in hohem Maße
verläßt, und Tony Blinken, der gerade sein Amt als
Sonderberater des Präsidenten und Leitender Direktor
für europäische Angelegenheiten im Nationalen
Sicherheitsrat angetreten hat.
Ich möchte meine Ausführungen heute Abend mit einer
persönlichen Betrachtung beginnen. Ich bin zum
ersten Mal vor über 27 Jahren nach Bonn gekommen,
im November 1971. Meine Frau Brooke und ich waren
Journalisten auf dem Weg nach Belgrad, um über den
Balkan und Osteuropa zu berichten. Wir unterbrachen
unsere Reise hier, um uns ein Auto zu besorgen und
mit dem Bonner Büroleiter von TIME meinem
unmittelbaren Vorgesetzten - zu sprechen. (Einige von
Ihnen erinnern sich vielleicht an Bruce Nelan.) Sobald
wir uns in Belgrad eingerichtet hatten, unternahmen
Brooke und ich öfters Reisen nach München - ich gebe
zu, zur Erholung und Entspannung, aber auch zu
Informationsveranstaltungen bei Radio Free Europe,

AMERIKA DIENST 02

um zu erfahren, was hinter dem Eisernen Vorhang
geschah.
Mit anderen Worten, mein erster längerer Aufenthalt
auf diesem Kontinent erfolgte zu einer Zeit, in der
Deutschland geteilt und Jugoslawien geeint war. Das
dazwischen liegende Vierteljahrhundert erlebte zwei
Entwicklungen, die das Beste und das Schlechteste
des seit dem Ende des Kalten Krieges entstandenden
neuen Europas verkörpern.
Die Umgestaltung
Deutschlands von einem geteilten Staat zu einem
friedlich geeinten ist eines der dramatischsten Beispiele dessen, was wir in Europa als Ganzem zu
sehen hoffen.
Gleichzeitig stellt die gewaltsame
Auflösung des alten Jugoslawien - erst gefolgt von der
versuchten Aufteilung Bosniens und dann von einem
Circulus vitiosus brutaler Gewalt und Sezession in
Serbien - das unheilvollste Beispiel einer Gefahr dar,
die den Frieden in Europa und damit die vitalen
Interessen der Vereinigten Staaten bedroht.
Außenministerin Albright hat mich gebeten, diese
Woche nach Bonn zu kommen, um Konsultationen mit
Außenminister Fischer und meinen Freunden Wolfgang Ischinger und Walter Stuetzle, den Staatssekretären im Außen- und im Verteidigungsministerium, zu führen. Unsere Tagesordnung umfaßt das
breite Spektrum der uns konfrontierenden Herausforderungen - insbesondere auf dem Balkan - und
unsere Vorbereitungen auf das Gipfeltreffen anläßlich
des 50-jährigen Bestehens der NATO, das in weniger
als drei Monaten, vom 23. - 25. April, in Washington
stattfinden wird.

Seite 1

�Der amerikanische Ansatz zu diesem Ereignis gründet
auf drei generellen Vorschlägen, die ich Ihnen jetzt
unterbreiten möchte:
Erstens hängt im 21. Jahrhundert das Wohlergehen der Vereinigten Staaten ebenso wie
im 20. Jahrhundert in hohem Maße davon ab,
was in Europa geschieht. Mit anderen Worten, die euroatlantische Gemeinschaft ist
unteilbar, und die Sicherheitsverbindungen
über den Ozean hinweg sind untrennbar.
Zweitens sind sich die Vereinigten Staaten
bewußt, daß "Europa" sich neu definiert und
begrüßen diese Tatsache. Europa ist kein
statisches Phänomen, es entwickelt sich - in
seinen Institutionen, in seinem Ausmaß an
Integration und in seiner Identität an sich.
Drittens erkennen wir die Rolle der Bundesrepublik als Epizentrum dieser Prozesse Erweiterung und Expansion, Ausdehnung und
Vertiefung - an und begrüßen sie.
Unter seiner vorherigen Regierung etablierte sich
Deutschland als aktiver und bewußter Teilnehmer an
einem der großartigsten Konstruktionsprojekte der
Geschichte - der Erneuerung und Innovation der
Strukturen, die die euroatlantische Gemeinschaft
ausmachen. Es gibt Dutzende solcher Gremien, und
Deutschland ist in vielen von ihnen aktiver engagiert
als jeder andere Staat. In diesem Jahr erhält Deutschlands Beitrag unter Kanzler Schröder sowie mit der
Präsidentschaft der Europäischen Union und der
Gruppe der Acht neues Gewicht.

die Einigung Europas - zu verstehen, zu respektieren
und so weit wie möglich zu unterstützen.
Die offensichtlichste und unmittelbarste Chance für
Ihren Erfolg - und für unsere Unterstützung bei diesem
Erfolg - ist natürlich die EWWU. Die erfolgreiche
Einführung des Euro vor 35 Tagen hat zumindest im
Augenblick die Skeptiker zum Schweigen gebracht und
die Gelehrten nach vergleichbaren Durchbrüchen in
der europäischen Geschichte suchen lassen - vom
ersten Druck der Gutenberg-Bibel in Mainz vor
fünfeinhalb Jahrhunderten bis zum Wiener Kongreß im
Jahr 1814.
Die Einstellung der US-Regierung zur EWWU ist
einfach und positiv. Botschafter Kornblum äußerte
sich deutlich in einer kürzlich gehaltenen Rede: "Uns
Amerikanern ist gut gedient, wenn Europa wirtschaftlich prosperiert und auf die Öffnung seiner Märkte
sowie die Stärkung seiner Beziehungen zur Weltwirtschaft hinarbeitet. Europa wird Vorteile durch eine
Wirtschafts- und Währungsunion haben, die diese
Ziele unterstützt- und wenn Europa prosperiert, erhöht
das auch den Wohlstand in den Vereinigten Staaten."
Meine Damen und Herren, der Euro hatte in der Tat
einen so guten Start, daß ich ihn als Prüfstein für
mehrere Argumente bezüglich unserer Hoffnungen für
Europa im Allgemeinen und unserer Vision für die
NATO im Besonderen benutzen möchte. Während wir
uns auf der anderen Seite des Atlantiks fragen, was
den Euro so erfolgreich gemacht hat, sind mehrere
Faktoren offensichtlich:
Erstens ist der Plan ehrgeizig - er ist ein
Vorhaben, das in seiner Natur und in seinem
Ausmaß den sich bietenden Chancen entspricht.

Wir Amerikaner sind uns der komplexen und erschreckenden
Herausforderungen bewußt, die
Europäer und Deutsche bewältigen. Wir sind zuversichtlich, daß es mit Deutschland in seiner derzeitigen Rolle allen Grund zu der Annahme gibt, daß
Europa diese Herausforderungen erfolgreich meistert.

Zweitens gründet der Euro auf der Prämisse,
daß gemeinsame Interessen und gemeinsame
Herausforderungen gemeinsame Lösungen
erfordern - das heißt, kollektive und kooperative Aktionen.

Für uns ist der Maßstab für Erfolg einfach. Wir
möchten, daß Europa seine Sicherheit, seinen Wohlstand, seine Integration und seine Identität in einer
Weise definiert und anstrebt, die die Nordamerika mit
Europa verbindenden Bande nicht nur erhält, sondern
stärkt.
Wir sind uns wohl bewußt, daß wir in diesem Zusammenhang unsere eigenen Verpflichtungen haben.
Ich hoffe, dieses Gefühl gegenseitiger und gemeinsamer Verantwortung wird in der Art und Weise
deutlich, in der wir unseren Teil der Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU gestalten, insbesondere, während wir uns auf unsere
Teilnahme am US-EU-Gipfel am 21. Juni in Köln
vorbereiten. Sie können darauf zählen, daß wir unser
Bestes tun werden, um Ihre großartige Aufbauarbeit -

Seite 2

Drittens erforderte die Einführung einer einheitlichen Währung für elf Länder von jedem
dieser Länder eine nationale Führungsrolle,
um harte politische Entscheidungen zu treffen,
insbesondere über Steuerdisziplin, und sich
mit harter politischer Arbeit zu befassen,
insbesondere bei der Mobilisierung der Unterstützung der Wähler.
0

Viertens muß sich der Euro in konkreter Form
beweisen - er muß sinnvoll sein, nicht nur in
der Theorie, sondern auch in der Praxis.

AMERIKA DIENST 02

�Bei diesen vier Kriterien hat die Einführung des Euro
viel mit der Arbeit gemeinsam, die wir zusammen bei
der Umgestaltung der NATO leisten müssen.
Auch bei diesem Projekt müssen wir ehrgeizig sein.
Die NATO wurde gegründet und entworfen, um sich
mit der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt
auseinanderzusetzen.
Dieser Staat und dieses
Bündnis sind Vergangenheit und ebenso die Bedrohung, die sie darstellten. Die Deutschen können
diese Veränderungen so sehr wie alle anderen sehen
und fühlen - in der Tat mehr als die meisten. Wenige
Amerikaner wissen viel über die Stadt Fulda, aber viele
wissen, daß die NATO während des Kalten Krieges
einen sowjetischen Panzerangriff durch den "Fulda
Gap" abwehren sollte. Botschafter Kornblum erzählt
mir, daß heute der einzige GAP in Fulda ein amerikanisches Bekleidungsgeschäft dieses Namens ist, das
Jeans verkauft, die durch einen Amerikaner bayerischer Herkunft, Levi Strauss, berühmt gemacht
wurden.
Das heißt nicht, daß die ursprüngliche Aufgabe der
NATO der kollektiven Verteidigung beendet ist oder
daß kollektive Verteidigung nicht länger das Kernstück
der Mission des Bündnisses bildet. Die NATO muß
ihre in Artikel V des Washingtoner Vertrags verankerte
Fähigkeit zur Abschreckung aufrechterhalten und falls
erforderlich den Sieg über das davontragen, was man
als klassische Aggression bezeichnen könnte. Eine
solche Bedrohung könnte in der Zukunft entstehen.
Aber sie wird weniger wahrscheinlich, wenn die NATO
stark und einsatzbereit bleibt.
Das ist jedoch nicht genug, wenn die NATO auf der
Höhe der Zeit bleiben will. Mit dem Ende des Kalten
Krieges sind neue, weniger spektakuläre, aber vielschichtigere Bedrohungen entstanden. Streitigkeiten
über ethnische Zugehörigkeit, Religion oder Territorien
können, wie wir bereits gesehen haben, bewaffnete
Konflikte auslösen, die wiederum zu die europäische
Sicherheit
gefährdender
grenzüberschreitender
politischer Instabilität, Flüchtlingsströmen und humanitären Krisen führen können.
Die NATO muß in der Lage sein, Bedrohungen wie
diese zu bewältigen und gleichzeitig ihre Kernfunktion
der kollektiven Verteidigung beizubehalten. Um zu
gewährleisten, daß die NATO diese beiden Aufgaben
ausführen kann, arbeiten Verteidigungsminister Cohen
und sein Amtskollege Scharping mit ihren Kollegen aus
den anderen Bündnisstaaten zusammen. Verteidigungsminister Cohen wird bei der Wehrkundetagung,
wo er seine neuesten Gedanken zur Modernisierung
der NATO darlegen wird, mehr zu diesem Thema
sagen.
Ein Thema, das sicherlich bei der Wehrkundetagung
angesprochen wird, ebenso wie es bei meinen gestrigen Gesprächen in Paris und heute hier in Bonn

AMERIKA DIENST 02

erörtert wurde, ist die Europäische Sicherheits- und
Verteidigungsidentität. Die ESVI ist von einem esoterischen Wort im Eurojargon zum Bestandteil des
amerikanischen Vokabulars beim Nachdenken und
Reden über die Zukunft der NATO geworden. Wir
befürworten die ESVI. Unsere Unterstützung des
Konzepts ist aufrichtig, aber nicht willkürlich. In einer
Hinsicht ähnelt die ESVI der EWWU: Um zu funktionieren, muß sie das Ziel der europäischen Identität und
Integration auf der einen Seite mit dem Gebot der
transatlantischen Solidarität auf der anderen verbinden; sie muß verstärken, nicht die Rolle des Bündnisses als Ganzes duplizieren oder verwässern - und
sicherlich darf sie nicht die Bande zwischen unserer
Verteidigung und Ihrer lockern.
Wenn es richtig gemacht wird, kann die ESVI Teil
dessen sein, was man als die Vertiefung der NATO
bezeichnen könnte. In dieser Hinsicht kann sie als
Ergänzung zur Erweiterung des Bündnisses dienen,
während die NATO ehemaligen Gegnern die Hand
reicht. Ein Wort zur Erweiterung - die ein unerläßlicher
Aspekt unseres gemeinsamen Konstruktionsprojekts in
der euroatlantischen Gemeinschaft ist. Drei Mitglieder
des ehemaligen Warschauer Pakts werden in den
nächsten acht Wochen offiziell dem Bündnis beitreten.
Ich bin sicher, daß es für Sie alle hier ein außergewöhnliches Ereignis werden wird und vor allem für
jemanden wie mich, der als Journalist Warschau, Prag
und Budapest besuchte, als sie Vorposten eines
bewaffneten Lagers mit Hauptquartier in Moskau
waren. Was Rußland anbetrifft, so ist es eine von 19
ehemaligen sowjetischen Republiken und eines der
Mitglieder des ehemaligen Warschauer Pakts, die jetzt
zum Euroatlantischen Partnerschaftsrat gehören;
russische Soldaten dienen Seite an Seite mit Amerikanern und Deutschen bei der Verteidigung des Friedens
im ehemaligen Jugoslawien. Dieses gemeinsame
Unternehmen ist nicht nur aus dem Augenblick heraus
entstanden: Rußland hat seine Zusammenarbeit mit
der NATO institutionalisiert - durch den Ständigen
Gemeinsamen NATO-Rußland-Rat.
Das bedeutet nicht, daß Rußland der NATO-Erweiterung zustimmt oder sie gutheißt. Natürlich nicht.
Dennoch ist Rußland noch immer bereit, mit der NATO
im Namen der Prinzipien und Ziele zusammenzuarbeiten, über die wir uns einig sind.
Die Mitgliedstaaten der NATO ihrerseits verpflichten
sich dazu beizutragen, ein demokratisches Rußland
vollständiger in Europa einzubinden, insbesondere auf
dem Gebiet der Sicherheit.
Ich bin mir bewußt, daß die Klugheit und sogar die
Durchführbarkeit dieser beiden miteinander einhergehenden Unterfangen - die Erweiterung der NATO
und die Partnerschaft zwischen der NATO und Rußland - nicht für jeden offensichtlich sind und noch der
Rechtfertigung bedürfen. Der Fortbestand der NATO

Seite 3

�selbst hat Kritik und Kontroversen hervorgerufen. Auf
beiden Seiten des Atlantiks gibt es die Meinung, das
Bündnis sei ein Relikt des Kalten Krieges und sollte
deshalb in den Ruhestand entlassen werden - eventuell mit Ehrenbezeugungen, abertrotz allem entlassen.
Meiner Ansicht nach ist die beste Erwiderung darauf
eine Abwandlung der Frage, der Voltaire in einem eher
theologischen Zusammenhang zu Berühmtheit
verholten hat: Existierte die NATO heute nicht, müßten
wir sie dann erfinden? Die Antwort ist ein entschiedenes Ja. Wenn wir die NATO 1999 aus dem Nichts
erschaffen müßten, würde sie sich wahrscheinlich von
dem Bündnis stark unterscheiden, das Harry Truman
und Konrad Adenauer vor fast einem halben Jahrhundert, während der frostigsten Tage des Kalten
Krieges, als nötig erachteten. Eine neu erfundene
NATO hätte mehr Mitglieder als die alte (daher:
Erweiterung); sie hätte kooperative Beziehungen zu
den ehemaligen Gegnern, die weder willens noch
bereit sind, die Mitgliedschaft zu beantragen (daher:
Partnerschaft für den Frieden); sie hätte eine umfassendere, vielschichtigere Aufgabenstellung, um den
neuen Herausforderungen für die europäische Sicherheit gerecht zu werden (daher: ein neues strategisches Konzept), und sie wäre flexibler und ausgewogener in ihrer Fähigkeit, Bedrohungen zu bewältigen,
die nicht unbedingt ein direktes Engagement der
Vereinigten Staaten vor Ort erfordern (daher: Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität oder
ESVI).
Kurz gefaßt ist dies die Agenda - die angemessen
ehrgeizige Agenda - des Washingtoner Gipfels.
An diesem Punkt sollte ich einräumen, daß es einige
Bedenken gibt - wiederum auf beiden Seiten des
Atlantiks - wir Amerikaner seien als Gastgeber des
Gipfels im April übermäßig ehrgeizig. Das denke ich
nicht. Ich bin der Meinung, wir sind angemessen
ehrgeizig. Es obliegt der NATO, bei ihrer eigenen
Umgestaltung die Evolution Europas und der transatlantischen Beziehungen in Wesen und Umfang
widerzuspiegeln.
Lassen sie mich erklären, was ich meine. Jahrzehntelang konzentrierten sich die Vereinigten Staaten
darauf, was sie für Europa tun könnten - durch den
Marshallplan, durch den Washingtoner Vertrag und die
Abschreckung der sowjetischen Bedrohung. Heute
denken die Vereinigten Staaten viel eher daran, was
sie mit Europa tun können - zur Förderung unserer
gemeinsamen Sicherheit, unseres Wohlstands und
unserer demokratischen Werte. Im Rahmen der
amerikanisch-europäischen Beziehungen haben wir
bereits gemeinsam einige bedeutende Schritte unternommen.
Gemeinsam bauen wir globale Wirtschaftsschranken ab.

Seite 4

Gemeinsam lindem wir die Armut und versuchen den Gedanken der Nichtverbreitung in
Südasien zu fördern, wo ich Anfang dieser
Woche war.
Gemeinsam arbeiten wir daran, Kinderpornographie im Internet auszumerzen, ein weltweites Frühwamsystem gegen ansteckende
Krankheiten zu entwickeln, den Hunger auf
der Welt zu bekämpfen und gegen Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler vorzugehen, wo auch immer sie sein mögen.
Was bedeutet das für die NATO? Lassen Sie mich
zunächst einmal feststellen, was es nicht bedeutet. Es
bedeutet nicht, daß es im Keller des Weißen Hauses,
des Außenministeriums oder des Pentagon irgendwo
einen Entwurf für eine "globale NATO" gibt. Ich
verbringe viel Zeit dort, und ich versichere ihnen, einen
solchen Plan gibt es nicht.
Genau wie Sie es in Europa mit der EWWU getan
haben, müssen wir als euroatlantische Bündnispartner
Ehrgeiz und Realismus in Einklang bringen. Und
genau wie Sie es auch bei der Einführung des Euro
getan haben, müssen wir bei der Neuerschaffung der
NATO harte politische Entscheidungen treffen und
unsere Wähler durch solide politische Argumente
überzeugen. Dies sind meiner Meinung nach die
Argumente für die neue Rolle und die neuen Aufgaben
der NATO: Beginnen sollte sie, wie ich bereits deutlich
zu machen versuchte, mit Artikel V des Washingtoner
Vertrags - unserer Verpflichtung zur kollektiven
Verteidigung. Aber wir müssen uns auch darüber im
Klaren sein, daß die aktuellsten und vorhersehbarsten
Herausforderungen für die europäische Sicherheit
Einsätze erfordern, die nicht unter Artikel V fallen;
deshalb müssen wir uns auch auf deren Bewältigung
besser vorbereiten.
In unserer zunehmend komplexen und interdependenten Welt sehen wir uns außerdem einem sehr viel
vielfältigeren und weitereichenden Spektrum an
Bedrohungen gegenüber als zur Zeit Trumans und
Adenauers. Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Geißel des Terrorismus lassen sich
nicht so leicht in unsere alten Schlagworte und Konzepte einfügen, wie "Die freie Welt", "Der Eiserne
Vorhang" oder alte geographische Vereinfachungen,
die überkommene geopolitische andeuteten, wie
"Osten gegen Westen". Mit anderen Worten, es gibt
viele Gefahren auf der Welt, denen man in der Innenstadt Bonns oder Kölns begegnen könnte ohne daß sie
jemals im "Fulda Gap" aufgetreten wären.
Das bedeutet, während wir unsere Fähigkeit zur
Verteidigung der territorialen Integrität aller NATOMitglieder aufrechterhalten, benötigen wir auch Kräfte,
Doktrinen und Kommunikationsmöglichkeiten, um falls
erforderlich die Herausforderungen durch ethnische

AMERIKA DIENST 02

�und regionale Konflikte bewältigen zu können, die
unsere Sicherheit direkt betreffen, aber außerhalb des
NATO-Gebiets liegen - wie wir es auf dem Balkan
getan haben und noch tun. Im Übrigen handelt es sich
um reine Vorsicht und gesunden Menschenverstand,
nicht um übermäßigen Ehrgeiz, wenn man nahelegt,
daß ein wirklich modernisiertes Bündnis in der Lage
sein sollte, die durch die Verbreitung von ballistischen
Raketen und Massenvernichtungswaffen entstehenden allzu modernen Herausforderungen zu meistern.
Einige Kommentatoren halten dagegen, diese Art
Anpassungen erforderten eine Revision des Nordatlantikvertrags oder glauben, dies sei unser Vorschlag. Das ist nicht richtig. Die Verfasser des
Washingtoner Vertrags achteten sorgfältig darauf, die
Möglichkeiten der NATO zur Verteidigung ihrer
Sicherheit nicht durch willkürliche funktionale oder
geographische Beschränkungen zu begrenzen.
Ich möchte es ganz deutlich machen: Ich sage nicht,
daß es keine Grenzen gibt für das, was die NATO tun
kann und sollte. Natürlich gibt es die. Bei der NATO
handelt es sich um eine auf Konsens basierende
Organisation, die ihre gemeinsamen Interessen
dementsprechend definiert. Wir würden als Bündnis
nirgendwo hingehen, wenn dies nicht im Sinne aller
unserer Mitglieder wäre. Kein Bündnispartner kann die
anderen dazu zwingen, einer NATO-Aktion zuzustimmen. Gemäß Artikel IV des Washingtoner Vertrags
beraten sich die NATO-Mitglieder im Fall einer Sicherheitsbedrohung und entscheiden gemeinsam über
die angemessene Reaktion.
Auch die militärischen Fähigkeiten der Bündnispartner
selbst sind implizit begrenzt. Niemand schlägt vor, daß
wir NATO-Truppen auf die Spratley Inseln entsenden.
Wir schlagen auch nicht vor, daß die NATO im Alleingang handelt, ohne die Vereinten Nationen oder die
OSZE - oder anmaßend der UN oder der OSZE die
Stirn bietend. Alle NATO-Bündnispartner sind Mitglieder dieser beiden Organisationen. Wir sind der
Ansicht, daß die Einsätze und Aufgaben der NATO
immer mit den Zielsetzungen und Prinzipien der
Vereinten Nationen und der OSZE übereinstimmen
müssen. Wir erwarten von der NATO und ihren
Mitgliedern, daß sie sich weiterhin von ihren Verpflichtungen im Rahmen der Charta der Vereinten
Nationen und der Schlußakte von Helsinki leiten
lassen.
Gleichzeitig müssen wir darauf achten, die NATO
keinem anderen internationalen Gremium unterzuordnen oder die Integrität ihrer Befehlsstruktur aufs
Spiel zu setzen. Wir werden uns bemühen, Hand in
Hand mit anderen Organisationen und unter Respektierung ihrer Prinzipien und Zielsetzungen zu arbeiten,
aber das Bündnis muß sich das Recht und die Freiheit

AMERIKA DIENST 02

vorbehalten, immer dann zu handeln, wenn seine
Mitglieder es im Konsens für notwendig erachten.
Ein letzter Punkt, meine Damen und Herren: Letzlich
wird der Aufstieg oder Fall unseres neuen Bündnisses,
wie auch Ihrer neuen Währung, sich durch ihr Bestehen in der Praxis entscheiden. Wie der Euro im
täglichen Leben als Währung in den Taschen der
Verbraucher, auf den Konten der Sparer und bei den
Transaktionen der Risikokapitalisten bestehen muß, so
muß sich die neue NATO täglich bei der Bewältigung
der Herausforderungen bewähren, die sich uns hier
und heute stellen.
Gemessen an diesem Standard kann die NATO auf
ihre Arbeit in Bosnien stolz sein. Obwohl ihre Arbeit
dort noch lange nicht abgeschlossen ist, sieht sich das
Bündnis im Kosovo nun mit einer weiteren, extrem
gefährlichen und dringlichen Bedrohung des Friedens
in Europa konfrontiert. Die NATO stellt sich auch
dieser Herausforderung. Im Oktober konnte durch die
glaubwürdige Androhung von Luftangriffen gegen
Serbien eine humanitäre Katastrophe abgewendet
sowie ein Strom von Flüchtlingen vermieden werden,
der eine Reihe von NATO-Staaten betroffen hätte insbesondere auch diesen. Am vergangenen Wochenende drohte das Bündnis erneut mit dem Einsatz
von Gewalt und machte Belgrad gegenüber deutlich,
daß es sich an die im Oktober getroffenen Vereinbarungen halten müsse.
Das Drama, die Spannung, die Schwierigkeiten und
die Gefahr im Kosovo bestehen noch während ich hier
spreche. Wir dürfen in unserer Entschlossenheit nicht
nachlassen und wir können den Erfolg unseres
Unternehmens nicht als selbstverständlich ansehen.
Aber ich glaube, es gibt bereits jetzt Grund zu der
Hoffnung, daß der Kosovo ein Fallbeispiel für den
Willen und die Fähigkeit der NATO sein wird, Hand in
Hand mit anderen Institutionen zu arbeiten und
zusammen mit ihnen unsere gemeinsamen Interessen
zu verteidigen. Wir haben diesen Prozeß institutioneller Zusammenarbeit in Bosnien begonnen und im
Kosovo darauf aufgebaut; wir konnten beobachten, wie
fünf Organisationen - die NATO, die EU, die OSZE, die
Vereinten Nationen und die Kontaktgruppe - einen
beispiellosen und vielversprechenden Grad an
Synergie entwickelt haben. Damit meine ich, daß
diese unterschiedlichen, sich jedoch überschneidenden Organisationen ihre Energien und Kräfte vereint
und in den Dienst einer drängenden gemeinsamen
Sache gestellt haben.
Wenn sich die Konfliktparteien zu einer Friedenskonferenz in Rambouillet treffen, wird dies eine direkte
Folge dieser Synergie sein: Die Vereinten Nationen
haben den Bemühungen im Kosovo-Konflikt ihre
politische und moralische Autorität durch eine Erklärung des Präsidenten verliehen; die OSZE bleibt im
Rahmen ihrer Verifizierungsmission vor Ort im Kosovo,

Seite 5

�um zur Beschwichtigung der Erregung beizutragen; die
EU war besonders durch die guten Dienste und die
staatsmännische Führung von Botschafter Petritsch
bei der Umsetzung der Bestimmungen einer Interimlösung behilflich und nicht zuletzt die NATO war von
kritischer und unerläßlicher Bedeutung im Luftgebiet
über dem Kosovo, am Boden nicht weit entfernt in
Mazedonien und zur See in der Adria. So übte sie
Druck aus und drohte mit Vergeltung - mit anderen
Worten, sie ließ die Muskeln spielen, was so oft den
entscheidenden Ausschlag gibt zwischen einem
diplomatischen Durchbruch und einem diplomatischen
Zusammenbruch. Im Übrigen ist es an der NATO,
gemeinsam mit diesen anderen Institutionen das
nötige Vertrauen und die Sicherheit für eine wie auch
immer geartete dauerhafte politische Lösung der
Parteien in Rambouillet zu bieten.

Aus all diesen Gründen, Karl, bin ich dankbar, heute
wieder einmal in Bonn sein zu dürfen, 27 Jahre nach
meinem ersten Besuch. Ich sage das nicht nur, weil
die guten Nachrichten in diesem Teil Europas gegenüber den schlechten Nachrichten auf dem Balkan
überwiegen, wo ich gelebt habe; ich sage es, weil das
Bündnis, das dazu beiträgt, die Vereinigten Staaten an
Deutschland zu binden, es auch den Kräften der
Integration und der Kooperation in dem neuen Europa
ermöglicht, über die der Spaltung und der Feindseligkeit zu siegen, die aus Europas Vergangenheit heraus
die Zukunft bedrohen. Wir Amerikaner sind stolz
darauf, gemeinsam mit Ihnen, den Deutschen und
Europäern, an dieser guten Sache zu arbeiten. Vielen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Meine Kollegen und ich
freuen sich jetzt auf eine lebhafte und fruchtbare
Diskussion.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10.Februar 1999

Die euroatlantische Partnerschaft
Rede von Staatssekretär Eizenstat

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart E. Eizenstat, vor dem Deutschen
Industrie- und Handelstag (DIHT), vom 27. Januar 1999.

Ich weiß die Gelegenheit zu schätzen, vor dieser
Handelskammer sprechen zu dürfen, die über drei
Millionen deutsche Unternehmer vertritt.
Heute möchte ich kurz über die euroatlantische
Partnerschaft und die uns in der Zukunft konfrontierenden Herausforderungen sprechen.
Es ist in keiner Weise übertrieben zu sagen, daß die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union die wichtigsten, einflußreichsten und prosperierendsten bilateralen Beziehungen
modemer Zeiten sind.
Das jährliche Handels- und Investitionsvolumen
zwischen Europa und Amerika beläuft sich auf mehr
als 2 Billionen Dollar. Und die Hälfte aller auf der Welt
produzierten Waren und Dienstleistungen werden in
den Vereinigten Staaten und Europa hergestellt.
Für uns ist unser Wohlstand untrennbar mit Europa
verbunden. Der Handels- und Investitionsfluß zwischen der Europäischen Union ist größer als unser
Handel mit Japan und Kanada zusammengenommen.
Europäische Unternehmen sind die größten ausländischen Investoren in 41 von 50 amerikanischen
Bundesstaaten. Jeder zwölfte Fabrikarbeiter ist in
einem Betrieb tätig, der in europäischer Hand ist. Und
amerikanische
Unternehmen beschäftigten
drei
Millionen Arbeitnehmer in Europa.
Aber unsere Beziehungen gehen natürlich weit über
reine Ökonomie hinaus. Millionen von Amerikanern
haben ihre Wurzeln und ihren kulturellen Ursprung in
der Heimat ihrer Vorfahren in Europa.

AMERIKA DIENST 02

Und unsere gemeinsamen Werte Demokratie und
Freiheit werden über den Atlantik hinweg getragen und
helfen, ein untrennbares Band zwischen unseren
Völkern zu schaffen.
Es waren diese gemeinsamen Werte, die in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Nationen
Westeuropas und die Vereinigten Staaten bei der
Eindämmung der Kräfte des Kommunismus zusammenbrachten.
Auch nach dem Fall der Berliner Mauer hat diese
Zusammenarbeit Bestand, während wir gemeinsam
auf die Integration eines vereinigten Deutschlands in
europäische Institutionen, die Einbindung eines
postsowjetischen Rußlands in das demokratische
Lager, die NATO-Erweiterung und schließlich die
Herbeiführung von Frieden für das bosnische Volk
hinarbeiten.
Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber die Notwendigkeit für eine stabile Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa ist lebenswichtiger als je zuvor.
Tatsache ist, daß Millionen Menschen auf der ganzen
Welt eine bessere Zukunft erwarten können, wenn
Europa und Amerika wohlhabend und stabil sind.
Und wenn die Vereinigten Staaten und die Europäische Union bei globalen Themen von Handel und
Umwelt über Verbrechen bis zu nuklearer Weiterverbreitung zusammenarbeiten, ist die Welt sicherer,
wohlhabender und friedlicher.
In den vergangenen Jahren haben die Vereinigten
Staaten und die Europäische Union wichtige multilate-

Seite 1

�rale Handelsabkommen über Telekommunikationsund Informationstechnologie im Wert von mehreren
Hundert Milliarden Dollar abgeschlossen. Zusammen
haben wir zur Einführung gemeinsamer Programme
beigetragen, um die nukleare Weiterverbreitung in
Nordkorea aufzuhalten, unsichere Kernreaktoren in
der Ukraine zu schließen, Atommüll in Rußland zu
entsorgen, Zuhälterringe in Osteuropa zu zerschlagen
und sogar Kinderpornographie im Internet auszumerzen.
90 Prozent aller humanitären Hilfsleistungen kommen
entweder aus der EU oder den Vereinigten Staaten.
Die EU leistet mit einem Hilfspaket in Höhe von 1,9
Milliarden Dollar für die Palästinenser einen maßgeblichen Beitrag zum Nahostfriedensprozeß. Darüber hinaus beläuft sich ihr Beitrag für Osteuropa einschließlich Bosniens - auf annährend 2 Milliarden
Dollar.
Unsere Zusammenarbeit muß fortgesetzt werden,
während wir uns mit dem als Globalisierung bekannten
beispiellosen weltweiten Fluß von Privatkapital, Ideen,
Technologie, Waren und Dienstleistungen befassen,
der nicht nur die internationale Wirtschaft verändert,
sondern auch die Welt, wie wir sie kennen. Jeden Tag
fließt Kapital in Höhe von weit über eine Billion Dollar
um die Welt und übersteigt den Handelsfluß um
60 zu 1.
Der Kampf um die Lenkung der Kräfte der Globalisierung wird für Europäer und Amerikaner gleichermaßen
eine der entscheidenden außenpolitischen Prioritäten
des kommenden Jahrhunderts sein.
Wir befassen uns bereits mit den Herausforderungen
der Globalisierung, während wir die globale finanzielle
und politische Krise bewältigen.
In der Tat sind wir die beiden Pfeiler der wirtschaftlichen Stärke, auf die sich eine instabile Weltwirtschaft
stützt. Heute tragen Europa und die Vereinigten
Staaten eine besondere Verantwortung zur Bewahrung
unseres Wachstums und offener Märkte, vor allem für
die Waren der in einer Krise befindlichen Länder, und
für die Sicherstellung, daß die Kräfte des Protektionismus im In- und Ausland nicht die Notwendigkeit für
eine weitere Liberalisierung zunichte machen.
Die Krise ist in der Tat die erste wirklich globale
Wirtschaftskrise des Zeitalters nach dem Kalten Krieg,
in der sich Politik und Wirtschaft vermischen. Die Krise
verschärfte sich, breitete sich nach Asien aus und
enthob Politiker in Thailand, Japan, Indonesien und
später Rußland ihres Amtes.
Noch schlimmer ist, daß die Krise die Ängste vor der
Globalisierung in den Entwicklungsländern schürt und
einen Rückschlag für die Grundprinzipien von offenen
Märkten, Liberalisierung und dem freien Kapitalfluß

Seite 2

verursachen könnte, die den Lebensstandard und die
Wirtschaftschancen weltweit erhöht haben.
In der Tat ist die optimistische Sichtweise von vor nur
zwei Jahren, daß die Welt die wirtschaftliche Liberalisierung als Entwicklungsmodell annimmt, in Frage
gestellt.
Nirgendwo stellt das ein größeres Risiko dar als in den
Entwicklungsländern, in denen die aufstrebende
Mittelschicht das Rückgrat der demokratischen
Bewegungen und von Wirtschaftsreformen bildet.
Wenn ihr Vertrauen in die wirtschaftliche Liberalisierung erschüttert wird, könnte das äußerst gefährliche
und destabilisierende Auswirkungen auf die globale
Wirtschaft des 21. Jahrhunderts haben - eine Wirtschaft, auf die alle Amerikaner und Europäer bauen.
Die Industrienationen waren nicht immun gegen diesen
Rückschlag. In den Vereinigten Staaten spiegeln das
Scheitern des Fast-track-Gesetzes im Jahr 1997 und
die Schwierigkeiten bei der Genehmigung der Mittel für
den Internationalen Währungsfonds zum Teil das
Unbehagen darüber wider, in welchem Maße die
Vereinigten Staaten dem Druck äußerer Wirtschaftskräfte ausgesetzt sind.
Darüber hinaus sind die Bestrebungen zur Aushandlung eines Multilateralen Abkommens über Investitionen (MAI) in der OECD aufgrund ungerechtfertigter
Befürchtungen - vor allem, aber nicht nur von Frankreich -, daß ein solches Abkommen Arbeits- und
Umweltnormen aufs Spiel setzen würde, in eine
Sackgasse geraten.
Im kommenden Jahr werden die schwierigen Gegebenheiten in vielen Entwicklungsländern nur dazu
beitragen, die Besorgnis über die Globalisierung zu
verstärken.
Die Welt darf weder auf protektionistische Maßnahmen
zurückgreifen in dem fruchtlosen Versuch, die Globalisierung aufzuhalten, noch sollten wir ihre unleugbaren
Herausforderungen ignorieren. In Zusammenarbeit mit
ihren Wirtschaftspartnern sucht die Clinton-Administration einen neutralen Standpunkt - einen, der wirtschaftliche Offenheit und Liberalisierung unterstützt
und gleichzeitig auf die Vorbereitung unserer Bürger
hinarbeitet, so daß die härtesten Auswirkungen
minimiert werden können.
Um diese Ziele zu erreichen, müssen Europäer und
Amerikaner zusammenarbeiten.
Wenn uns die
Geschichte des 21. Jahrhunderts irgend etwas gelehrt
hat, dann, daß es wenig gibt, das wir nicht erreichen
können, wenn die Länder auf beiden Seiten des
Atlantiks zusammenarbeiten.

AMERIKA DIENST 02

�Die besten Praktiken
Während wir uns mit der derzeitigen Krise befassen,
werden die Entwicklungsländer auf Amerika und
Europa für Orientierung blicken, wie sie sich nicht nur
aus der Krise herausarbeiten, sondern auch die
Grundlage für zukünftiges Wachstum legen können.
Beispiele der "besten Praktiken" von Amerika und
Europa sind aufschlußreich. In den vergangenen
Jahren erfreute sich die amerikanische Volkswirtschaft
starken Wachstums. Allein in den letzten sechs
Jahren wurden fast 18 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen, und die Arbeitslosigkeit befindet sich auf
dem niedrigsten Stand seit nahezu 30 Jahren.
Die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten ist kein
Zufall. Unsere Arbeitnehmer sind gut ausgebildet und
anpassungsfähig, unsere Arbeitsmärkte flexibel,
unsere Unternehmen äußerst wettbewerbsfähig und
haben weltweiten Einfluß, unser Innovations- und
Unternehmergeist suchen ihresgleichen, und die
Vereinigten Staaten stehen weiterhin an vorderster
Front der globalen Wirtschaft von heute.
Meiner Ansicht nach sind diese Leistungen gute
Modelle nicht nur für die Industrienationen, sondern
auch für die Entwicklungsländer, in denen ebenfalls
wirtschaftliche Umbrüche stattfinden.
Die Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, kann
von Europa auch wichtige Lektionen lernen. Der
Gesellschaftsvertrag zwischen den europäischen
Regierungen und den Arbeitnehmern und seine
Konzentration auf eine nationale Krankenversicherung,
Ausbildung der Arbeitnehmer und sozialen Zusammenhalt bei gleichzeitiger Bewahrung einer freien
demokratischen Marktwirtschaft ist ein Beispiel für die
Entwicklungsländer.
Mit anderen Worten: Wir können viel voneinander
lernen, und wenn wir weiterhin Wachstumsmotoren für
die globale Wirtschaft sind, sollten wir keine Angst
haben, den Blick für Inspirationen über den Atlantik zu
richten.
Veränderungen in Europa
Unsere Effektivität bei der Bewältigung der Herausforderungen des 2 1 . Jahrhunderts wird durch die in
Europa stattfindenden historischen Veränderungen
beträchtlich verbessert.
In den vergangenen 50 Jahren war ein Grundsatz der
amerikanischen Außenpolitik die starke Unterstützung
der europäischen Integration. Die Ereignisse der
letzten Jahre bringen uns diesem Ziel näher.
Zusammengenommen fördern die NATO-Erweiterung,
die mögliche Erweiterung der Europäischen Union und

AMERIKA DIENST 02

unsere enger werdenden Partnerschaften mit Rußland
und der Ukraine größere Stabilität und Einheit unter
allen Nationen Europas - ein Ziel, das während eines
Großteils des 20. Jahrhunderts bedauerlicherweise
schwer greifbar war.
Der Integrationsprozeß wird einen wohlhabenden und
demokratischen Kontinent fördern, der nicht nur durch
die Macht der Waffen, sondern durch die Möglichkeiten
von Frieden und Wohlstand geeint ist.
Darüber hinaus können wir durch die Ausdehnung
unserer Ziele von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie nach Osten Konflikte in der östlichen Hälfte des
Kontinents so undenkbar machen, wie sie es im
Westen geworden sind.
Die Einführung des Euro durch die Europäische
Wirtschafts- und Währungsunion - oder EWWU - ist
ein historischer Schritt in dem Integrationsprozeß.
Eine von soliden makroökonomischen und strukturpolitischen Maßnahmen sowie offenen Märkten
unterstützte EWWU wird Wirtschaftswachstum und
Stabilität fördern und sicherstellen, daß die EU weiterhin ein entscheidender Wachstumsmotor für die
Weltwirtschaft bleibt.
Herausforderungen
Beziehungen

für

die

euroatlantischen

Bei der richtigen Bewältigung der derzeitige Finanzkrise und der Vorbereitung auf ein neues Jahrtausend
sieht sich die euroatlantische Partnerschaft mit vier
grundlegenden Herausforderungen konfrontiert.
Diese Herausforderungen wurden beim US-EU-Gipfel
im Dezember 1995 in Madrid aufgelistet, bei dem ein
neuer Rahmen für die Stärkung der amerikanischeuropäischen Beziehungen formuliert wurde - die
Neue Transatlantische Agenda (New Transatlantic
Agenda - NTA).
Die vier Ziele der NTA sind klar:
Zur Erweiterung des Welthandels und zu
engeren Wirtschaftsbeziehungen beizutragen.
Gemeinsam auf globale Herausforderungen
zu reagieren.
Frieden, Stabilität, Demokratie und Entwicklung auf der ganzen Welt zu fördern.
Stärkere Brücken über den Atlantik zu bauen.
Wie wir jedes einzelne dieser Ziele erreichen, wird
maßgeblich zu der Gewährleistung beitragen, daß das
nächste Jahrhundert ein Jahrhundert mit größerer

Seite 3

�Freiheit und größerem Wohlstand für Millionen Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks wird.
Erweiterung des Welthandels und engere Wirtschaftsbeziehungen
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind die beiden Pfeiler des Wohlstands für die Welt.
Zweifelsohne spielt Deutschland eine entscheidende
Rolle in diesem Prozeß und ist ein starker Wachstumsmotor nicht nur für Europa, sondern auch für die Welt.
25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union kommen aus Deutschland, das 1997 ein
BIP von über 2 Billionen Dollar hatte.
Wie unsere Volkswirtschaften funktionieren, so
funktioniert auch die Welt. Das erlegt sowohl Amerika
als auch Europa eine einzigartige Verantwortung und
Verpflichtung auf, zur Ankurbelung der globalen
Wirtschaft beizutragen, insbesondere in dieser Zeit
finanzieller Turbulenzen und Unsicherheiten.
Die Finanzkrise und die heftige öffentliche Reaktion auf
die Globalisierung bedrohen die in den vergangenen
Jahren erzielten enormen wirtschaftlichen und politischen Gewinne. Aus diesem Grund ist es so wichtig,
daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union den Prozeß der Offenheit und Liberalisierung
fortsetzen, der unsere Wirtschaftsbeziehungen im
letzten halben Jahrhundert charakterisiert hat.
Die 1998 beim US-EU-Gipfel ins Leben gerufene neue
Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft (Transatlantic Economic Partnership - TEP) bietet uns einen
Rahmen für den weiteren Abbau von bilateralen und
multilateralen Hemmnissen für internationalen Handel
und Investitionen und die Ankurbelung von weiterem
Wirtschaftswachstum.
Die TEP bietet einen Rahmen für Amerikaner und
Europäer gleichermaßen zur Erweiterung der Zusammenarbeit in unseren heikelsten Handelsbereichen. Sie beinhaltet entscheidende Sektoren für
amerikanische Unternehmer und Verbraucher und
sucht außerdem nach gemeinsamen Ansätzen zu
handelsbezogenen Umwelt- und Arbeitsfragen.
Seit Mai vergangenen Jahres haben Unterhändler der
Vereinigten Staaten und der EU einen gemeinsamen
Aktionsplan fertiggestellt, der spezifische Initiativen
festlegt, die wir im Rahmen der Partnerschaft in die
Wege leiten werden.
Dazu zählen die Definition neuer Sektoren für die
gegenseitige Anerkennung von Normen und die
Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die versucht, die
Meinungsverschiedenheiten bei unseren Genehmigungsverfahren im Bereich der Biotechnologie auszuräumen.

Seite 4

Wir prüfen femer die Möglichkeit von Abkommen über
gegenseitige Anerkennung im Dienstleistungssektor
und haben die Prüfung gemeinsamer wettbewerbsfördernder Maßnahmen zum weiteren Abbau von
Hemmnissen in diesem wichtigen Bereich vereinbart.
Und natürlich werden wir weiterhin Maßnahmen
anstreben, die Wirtschaftswachstum und offene Märkte
fördern. Wir werden dieses Ziel sowohl bilateral über
die TEP als auch in künftigen Verhandlungen der
Welthandelsorganisation (WTO) verfolgen.
In der Tat ist es unumgänglich, daß Europa und
Amerika in der Welthandelsorganisation gemeinsam
vorgehen, um die globalen Handelsgespräche im
nächsten Jahr voranzubringen. In seinem Bericht zur
Lage der Nation forderte Präsident Clinton kürzlich "die
Welt auf, zusammen mit den Vereinigten Staaten in
eine neue Runde globaler Handelsgespräche einzutreten, um den Export von Dienstleistungen, Fertigwaren und landwirtschaftlichen Produkten zu erweitem".
In einer Zeit großer wirtschaftlicher Gefahren müssen
wir, die so viel von freiem Handel und wirtschaftlicher
Liberalisierung profitiert haben, uns weiterhin für
wirtschaftliche Offenheit und Reformen einsetzen. Es
ist unerläßlich, daß die EU ebenso wie Japan weiterhin
mehr tut, um Produkte von Ländern in wirtschaftlichen
Schwierigkeiten aufzunehmen.
Unsere Entschlossenheit wird als gutes Beispiel für die
Entwicklungsländer dienen - die wir auffordern,
entschiedene Schritte auf dem Weg zu Wirtschaftsreformen zu unternehmen -, daß die Vereinigten
Staaten und Europa nach wie vor die Absicht haben,
auf dem Kurs der wirtschaftlichen Liberalisierung zu
bleiben und als Pfeiler für Stabilität in der globalen
Wirtschaft zu dienen.
Das erlegt den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union eine besondere Last auf, ihre eigenen
Differenzen im Bereich des Handels beizulegen. In so
vielschichtigen und umfassenden Handelsbeziehungen wie den unseren entstehen gelegentlich Probleme.
Das war der Fall bei unseren jüngsten Handelsstreitigkeiten über Bananen und hormonbehandeltes Rindfleisch. Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese
zwar nicht unerheblichen Differenzen die zahlreichen
positiven Aspekte unserer Partnerschaft überschatten.
Wir müssen die langfristigen Auswirkungen von
Handelsstreitigkeiten in Betracht ziehen. Im Falle der
Bananen hatten die Vereinigten Staaten bereits drei
Mal prozessiert und gewonnen. Aber das Versagen
der EU, eine mit den jüngsten WTO-Entscheidungen
im Einklang stehende Marktordnung einzuführen,
riskiert die Effektivität und Integrität des Streitschlichtungsprozesses der WTO zu unterminieren.

AMERIKA DIENST 02

�Der umstrittene Weg, den wir im Falle der Bananen
gegangen sind, darf bei Rindfleisch von mit Hormonen
behandeltem Vieh nicht wiederholt werden.
Die Frist für die Umsetzung der WTO-Entscheidungen
zu hormonbehandeltem Rindfleisch rückt rasch näher,
aber wir wissen immer noch nicht, wie die EU die
WTO-Entscheidung umzusetzen gedenkt. Um eine
Eskalation dieses Disputs zu vermeiden, müssen wir
jetzt Gespräche über eine gegenseitig akzeptable und
im Einklang mit der WTO stehende Lösung finden.
Wenn wir uns einig in der Überzeugung sind, daß die
WTO bei der Sicherstellung von künftigem Wohlstand
durch offene Märkte und den Abbau von Handelshemmnissen eine entscheidende Rolle zu spielen hat,
dann verdient sie unsere uneingeschränkte und
bedingungslose Unterstützung.
Die Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung

müssen wir weiterhin nach gemeinsamem Terrain
suchen. Im Falle Kubas beispielsweise haben wir
unsere gemeinsamen Ziele im Hinblick auf Menschenrechte und den Übergang zu Demokratie
unterstrichen und eine Vereinbarung ausgehandelt, die
zur Beilegung der Meinungsverschiedenheiten über
die amerikanische Sanktionsgesetzgebung beitragen
soll. Bezüglich des Iran haben wir einen ähnlichen
Ansatz verfolgt und konzentrieren uns auf unsere
Ablehnung von Terrorismus, die Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen und die Ausarbeitung
eines Arrangements zur Überwindung der Meinungsverschiedenheiten über die Sanktionen. Die von uns
im vergangenen Jahr gegründete Transatlantische
Partnerschaft für Politische Zusammenarbeit (Transatlantic Partnership for Political Cooperation - TPPC)
bietet einen Mechanismus für Konsultationen zu
regionalen politischen Themen vor der Verhängung
unilateraler Sanktionen, um in Zukunft Differenzen
über diese Themen zu vermeiden.
Globale Herausforderungen

Unsere starke wirtschaftliche Zusammenarbeit wird
natürlich wenig Bedeutung haben, wenn es uns nicht
gelingt, die politische Partnerschaft zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU effektiver zu gestalten.
Zu oft in der Zeit nach dem Kalten Krieg haben wir zu
langsam auf humanitäre, politische und finanzielle
Krisen in Europa und auf der ganzen Welt reagiert.
Wir können es uns nicht länger leisten, auf Blutvergießen oder Instabilität zu warten, bevor wir
handeln.
Ich freue mich, bei einer Reihe von Problemen Fortschritte beobachten zu können. Vom Balkan und
Nordkorea bis zum Nahen Osten und der ehemaligen
Sowjetunion arbeiten wir effektiver zusammen, um den
Frieden zu bewahren und den Ausbruch von Kriegen
zu verhindern.
Über die NATO und die OSZE haben wir maßgebliche
Schritte unternommen, um in Bosnien Frieden zu
schaffen. Obwohl wir uns auf dem Balkan immer noch
mit ernsthaften Herausforderungen für den Frieden
und die Rechtsstaatlichkeit konfrontiert sehen, ist es
offensichtlich, daß die europäische Sicherheit auf dem
Fundament einer starken und engagierten Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der EU
ruht.
Ich hoffe, daß das nächste Jahrhundert eine neue,
gleichberechtigtere Partnerschaft zwischen Europa
und Amerika einleitet, so daß wir auf der ganzen Welt
gemeinsam handeln können um zu verhindern, daß
regionale Krisen zu humanitären Katastrophen und
Bedrohungen der internationalen Sicherheit werden.
Wo wir verschiedener Meinung sind, wie die Situation
in bestimmten Ländern angesprochen werden sollte,

AMERIKA DIENST 02

Als Pfeiler für internationale Stabilität tragen die
Vereinigten Staaten und die Europäische Union
natürlich eine globale Verantwortung, die weit über den
Atlantik hinweg reicht.
Während sich neue internationale Bedrohungen von
organisiertem Verbrechen und Drogenhandel bis zu
Terrorismus und Pornographie abzeichnen, müssen
wir mehr tun, um diese Probleme gemeinsam anzugehen - nicht nur für unsere eigenen Bürger,
sondern für alle Menschen.
Wie erzielen bereits Fortschritte bei der Zerschlagung
von Zuhälterringen, die Tausende von Frauen aus
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion versklaven.
Und sobald die neuen europäischen Institutionen zur
Verbrechensbekämpfung ihren Betrieb aufnehmen,
können wir das internationale und organisierte Verbrechen effektiver bekämpfen. Da die EU einem
Sondergipfel zu diesem Thema im Jahr 1999 zugestimmt hat, muß dieses Thema Priorität haben und
in den nächsten Jahren angesprochen werden, damit
wir bei der Verbrechensbekämpfung praktischer und
fruchtbarer zusammenzuarbeiten.
Im Hinblick auf die Umwelt verfolgen die Vereinigten
Staaten und die EU ein gemeinsames Ziel, haben
jedoch manchmal Meinungsverschiedenheiten, wie die
Umwelt am besten geschützt werden kann.
Ein Beispiel sind die Verhandlungen über ein Protokoll
zu Biosicherheit im Februar, das die grenzüberschreitende Verbringung von gentechnisch veränderten Produkten abdeckt. Die Vereinigten Staaten
und Europa sind sich einig über das Ziel der Verhand-

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�lungen - den Schutz der globalen biologischen Vielfalt.
Wir vertreten jedoch die Auffassung, daß unsere
europäischen Handelspartner noch nicht genügend in
Betracht gezogen haben, daß der derzeitige Entwurf
für die Bestimmungen potentiell massive negative
wirtschaftliche Konsequenzen haben könnte, ohne die
Vorteile für die Umwelt zu erhöhen.
Der globale Klimawandel ist ein weiteres Schlüsselthema, bei dem wir auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
Ich freue mich feststellen zu können, daß wir in
Buenos Aires einen praktischen Ansatz zur Umsetzung so genannter "Flexibilitätsmechanismen" gefunden haben, wie im Protokoll von Kyoto gefordert. Das
ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Sicherstellung einer saubereren und gesünderen Welt für die
nächste Generation.
Die größte uns zur Zeit konfrontierende Herausforderung ist die Bewältigung der derzeitigen Finanzkrise. Der bevorstehende G 8-Gipfel bietet Europa
und den Vereinigten Staaten große Chancen, die
Initiativen voranzubringen, die uns die Stabilisierung
der globalen Wirtschaft bei gleichzeitiger Ankurbelung
des Wachstums gestatten.
Zum Beispiel ist es unerläßlich, daß wir Wege zur
Verbesserung der globalen Finanzarchitektur sondieren, einschließlich des Internationalen Währungsfonds
- um ein Wiederauftreten dessen zu verhindern, was
Präsident Clinton als das "Auf und Ab des Konjunkturzyklus" bezeichnet hat.
Die Administration wird jede vernünftige Option bei der
Bewältigung der langfristigen Auswirkungen der Krise
prüfen. Es wird jedoch von entscheidender Bedeutung
sein, daß wir die Entwicklungsländer in die Erarbeitung
dieser internationalen Reformen einbeziehen, auch
durch den G 22-Prozeß. Sie müssen das gleiche
Interesse an den Reformen haben, die vorgenommen
werden könnten.
In diesem Frühjahr werden die Finanzminister und
Zentralbankvorsitzenden ein breites Spektrum von
Ländern konsultieren, um Vorschläge zur Finanzarchitektur für den G 8-Gipfel zu entwickeln und den
Prozeß zu erweitem, mehr Stimmen in die Debatte
einzubringen.

gewisses Vertrauen haben, daß das soziale Netz
ihnen hilft, die durch den globalen Wandel verursachten wirtschaftlichen Störungen zu überstehen und
seine Chancen zu ergreifen.
Die Förderung von universeller Grundschulbildung,
besserem Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen
über die globalen Märkte, kostengünstige öffentliche
Transportmittel und Versorgungsbetriebe, hohe
Arbeits- und Umweltnormen und ein starkes Engagement für die politische Entscheidungsfindung seitens
aller Sektoren der Gesellschaft sind nur einige der
Schritte, die unternommen werden müssen.
Insbesondere begrüßen wir die Unterstützung der
Weltbank und des IWF, den Ländern bei der besseren
Integration von Programmen für soziale Sicherheit und
finanzielle Stabilisierung behilflich zu sein, so daß
Krisen weniger wahrscheinlich und weniger schmerzhaft werden.
Initiativen zur Beschleunigung des Tempos unternehmerischer und finanzieller Umstrukturierungen,
Verbesserung der Entwicklungshilfe durch bilaterale
und multilaterale Institutionen und verbesserte
Handels- und Investitionschancen für Entwicklungsländer sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung
und müssen ganz oben auf der Tagesordnung der
internationalen Gemeinschaft stehen.
Ich begrüße die von der deutschen Bundesregierung
unterbreiteten Vorschläge, die das nächste G 8Gipfeltreffen veranstaltet.
Insbesondere begrüßen wir die jüngste Initiative zum
Schuldenabbau der Bundesregierung als konstruktiven
Vorschlag im derzeitigen Schuldenrahmen.
Die
Vereinigten Staaten befürworten seit langem viele
Schlüsselelemente der deutschen Initiative, darunter
größere Schuldenreduzierungen und den Nachlaß von
Schulden zu Vorzugskonditionen im Pariser Club
sowie erhöhte Flexibilität hoch verschuldeter armer
Länder. Wie sehen den Einzelheiten erwartungsvoll
entgegen.
Darüber hinaus müssen wir den Entwicklungsländern
mit technischer Hilfe zur Handhabung des raschen Zuund Abflusses von Kapital zur Seite stehen, der zu der
aktuelle Krise beigetragen hat.

Darüber hinaus müssen wir gemeinsam die andauernden Bestrebungen der Entwicklungsländer
unterstützen, in ihre Bürger zu investieren, so daß sie
die Früchte dieses Wachstums besser verteilen
können und ein offenes und rechenschaftspflichtiges
politisches System bewahren.

Viele der von der Krise am stärksten betroffenen
Länder hatten keine gut entwickelten Finanzsysteme
mit dem erforderlichen rechtlichen Rahmen und
Regelwerk um sicherzustellen, daß das Kapital zu
seinem produktivsten Nutzer floß.

Wir sollten die Schwierigkeiten nicht unberücksichtigt
lassen, denen sich junge Demokratien und Märkte
gegenübersehen. Um die wirtschaftliche Liberalisierung weiter zu unterstützen, müssen die Bürger ein

Übermäßig viele private kurzfristige Anleihen in
ausländischen Währungen erhöhten die Anfälligkeit
der Volkswirtschaften auf Gefühlsschwankungen.
Vetternwirtschaft, Korruption und ein Mangel an

Seite 6

AMERIKA DIENST 02

�finanzieller Transparenz trugen zu einer Reihe
schlechter Investitionen und einer Schwächung der
Banken bei. Die Krise deckte Schwächen auf, veränderte die Einstellung zu künftigen Wachstumsaussichten und nährte die Unsicherheit und Panik der
Investoren, führte zu finanzieller Instabilität und
schließlich zu Rezession.
Zusammen mit einer geeigneten Steuer- und Geldpolitik liegt der Schlüssel für viele dieser Nationen in
der Verbesserung der klugen Regulierung und Überwachung der Finanzinstitutionen, erhöhter Transparenz, Offenlegung und Verbesserung der Unternehmensleitung, so daß umfangreiche Kapitalflüsse
produktiv genutzt werden können.
Wenn diese Programme richtig umgesetzt werden,
können sie maßgeblich zum Aufbau von Vertrauen
unter den internationalen Investoren beitragen und
gleichzeitig den Nationen helfen, mit dem enormen Zuund Abfluß von Kapital fertig zu werden, der ein so
unterläßliches Element der globalen Wirtschaft von
heute ist.
Darüber hinaus müssen wir eine globale Kampagne für
die Einhaltung international anerkannter Standards
guter Regierungsführung in die Wege leiten.
Dank der amerikanischen Führungsrolle hat die vor
kurzem ratifizierte OECD-Konvention zur Bekämpfung
von Bestechung bedeutende neue durchsetzbare
Standards eingeführt, um Bestechung für die Vergabe
internationaler Geschäfte unter Strafe zu stellen, das
heißt, die "Angebotsseite" transnationaler Bestechung.
Es ist auch entscheidend, daß vor allem in den
Entwicklungsländern Bestrebungen zur Inangriffnahme
der "Nachfrageseite" unternommen werden.
Die OAS-Konvention zur Bekämpfung von Korruption
sieht ferner eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung von Betrug und Korruption in Lateinamerika vor
und ist ein wichtiges Modell für die Entwicklungsländer.
Brücken bauen
Schließlich muß die euroatlantische Partnerschaft über
die Domäne der Regierung hinausgebracht und
direkter in das Leben der Europäer und Amerikaner
einbezogen werden. Aus diesem Grund arbeiten wir
auf die Einleitung eines persönlichen "Dialogs" über
Wirtschafts-, Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherfragen
hin.

europäischen und amerikanischen Unternehmer in
einer nie zuvor gesehenen Weise in die euroatlantische Regierungsebene einbezogen. Der TABD trägt
in zunehmendem Maße zur Gestaltung der transatlantischen Handels- und Investitionsagenda bei. Vor
allem der Generaldirektor von Daimler-Benz, Jürgen
Schrempp, hat eine starke Führungsrolle im TABD
übernommen.
Diese Partnerschaft trägt bereits Früchte. Im vergangenen Jahr erlebten wir die Unterzeichnung eines
Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten und
der EU über gegenseitige Anerkennung, das sechs
Sektoren abdecken und jährlich schätzungsweise 1
Milliarde Dollar sparen wird.
In der WTO wurden Abkommen über Finanzdienstleistungen, Telekommunikations- und internationale
Technologie abgeschlossen.
Und wir haben auch die Aufschiebung europäischer
Richtlinien erreicht, die möglicherweise Störungen in
den amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen
verursacht hätten.
Die Vereinigten Staaten sind sich bewußt, daß es viele
andere "Unparteiische" in den transatlantischen
Beziehungen gibt. Aus diesem Grund versuchen wir,
im Rahmen der NTA Kontakte mit Vertretern der
Verbraucher-, Arbeitnehmer- und Umweltbewegungen
zu stärken und ihren Input zu erhalten.
Ich hatte das Vergnügen, im September bei der
Einführung des Transatlantischen Verbraucherdialogs
(Transatlantic Consumer Dialogue - TACD) dabei zu
sein und sehe der offiziellen Einführung des Transatlantischen Umweltdialogs (Transatlantic Environment
Dialogue - TAED) im Frühjahr hier in Deutschland
erwartungsvoll entgegen. Zusammen mit dem transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD) arbeiten diese neuen Ergänzungen der
NTA-Familie bereits drauf hin, amerikanischen und
europäischen Entscheidungsträgem Input zu wichtigen
Themen zu geben, die das Leben der Menschen auf
beiden Seiten des Atlantiks beeinflussen. Diese
Gruppen sind uns bei der Einhaltung der Genfer
Verpflichtung des Präsidenten behilflich um sicherzustellen, daß "angeregter wirtschaftlicher Wettbewerb
zwischen Nationen nie in einer Abwärtsspirale beim
Umweltschutz, Verbraucherschutz und den Arbeitsnormen enden wird".
Schlußbemerkung

Ein solcher Dialog ist der Transatlantische Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), der
Mitarbeiter amerikanischer und europäischer Unternehmen zusammenbringt, um einen Konsens für
Empfehlungen zu staatlichen Aktionen zu erlangen, die
zu einem transatlantischen Markt führen, der frei von
Handelshemmnissen ist. Dieser Dialog hat die besten

AMERIKA DIENST 02

Seit 50 Jahren reichen sich die Völker Europas und
Amerikas in einer historischen Partnerschaft die Hand.
Zusammen haben wir dazu beigetragen, daß dieser
Kontinent eine beständige Zukunft mit Freiheit, Demokratie und wirtschaftlichen Chancen hat. Der Erfolg
unserer Unternehmungen ist offensichtlich.

Seite 7

�Heute sehen wir uns einer völlig neuen Reihe von
Herausforderungen gegenüber. Und wieder einmal
sehen wir uns mit der furchteinflößenden Verantwortung konfrontiert, als Pfeiler der Stabilität für die
Völker der Welt zu dienen. Dies ist keine Zeit für
Amerika und Europa, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen oder sich vor den vor ihnen liegenden Herausforderungen zu drücken.

Wir können und müssen sicherstellen, daß die euroatlantische Partnerschaft das Fundament der globalen
Bewegung zu größerer Freiheit und zunehmenden
Wirtschaftschancen bleibt. Wenn wir zusammenarbeiten, wie wir es in der Vergangenheit getan haben,
habe ich keine Zweifel, daß dieses Ziel im kommenden
Jahrhundert eine aufregende Realität wird.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10. Februar 1999

Der Aufbau einer transatlantischen Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
von Thomas R. Pickering und Stuart E. Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Thomas R. Pickering ist Staatssekretär für politische Angelegenheiten und Stuart E.
Eizenstat Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium.

Europas einheitliche Währung - der Euro - wurde in
dieser Woche aus der Taufe gehoben. Mit 11 "Gründungsmitgliedern" ist die Europäische Wirtschafts- und
Währungsunion (EWWU) eine historische Leistung,
die vor nur wenigen Jahren noch undenkbar war. Sie
verdient unsere Unterstützung, weil sie ein Symbol der
Stabilität zu einer Zeit globaler finanzieller Unsicherheit
sein kann. Sie ist auch bis heute das prominenteste
und konkreteste Beispiel, daß die europäische Integration vorankommt und die europäischen Partner
bereit sein könnten, auf ihrem Kontinent geschlossener
und auf der Weltbühne zusammen mit den Vereinigten
Staaten effektiver zu handeln.
Diese Aussicht untermauert die historische Einführung
des Euro, die wir begrüßen. Die Unterstützung der
europäischen Integration ist seit Jahrzehnten ein
Merkmal der amerikanischen Außenpolitik. Demokratische und republikanische Administrationen gleichermaßen vertreten die Auffassung, daß ein politisch und
wirtschaftlich geeintes Europa besser in der Lage sein
würde, unsere gegenseitige Sicherheit, unseren
Wohlstand und unsere demokratischen Werte zu
fördern. Eine einheitliche europäische Währung ist die
logische Vervollständigung eines gemeinsamen
europäischen Marktes. Und eine einheitliche europäische Währung, die die Aufmerksamkeit Europas auf
die Erlangung von Wirtschaftswachstum lenkt, zu
globaler Finanzstabilität beiträgt und einen offenen
kontinentalen Markt konsolidiert, kann gut für die
Vereinigten Staaten und gut für die Welt sein. Schon
die Aussicht auf die EWWU wirkt als wichtiger Anreiz
für Länder, ihr wirtschaftliches Haus in Ordnung zu
bringen - zum Vorteil Europas und der Vereinigten
Staaten.

AMERIKA DIENST 02

Darüber hinaus sind die elf Länder, die jetzt die
Wirtschafts- und Währungsunion bilden, Teil eines
noch ehrgeizigeren Unternehmens.
Anfang des
nächsten Jahrhunderts wird die Europäische Union
wahrscheinlich eine Bevölkerung von einer halben
Milliarde mit einem Territorium vom Atlantik bis nach
Rußland und vom Schwarzen Meer und dem Mittelmeer bis zur Ostsee und der Arktis haben. Ihre
Volkswirtschaft wäre im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt beträchtlich größer als unsere. Es liegt in
unserem Interesse, eng mit Europa zusammenzuarbeiten, während sich dieser umfassende Prozeß
der Integration und Erweiterung vollzieht, und auf
diesen Veränderungen aufzubauen, um eine Tagesordnung des 2 1 . Jahrhunderts für die transatlantische
Partnerschaft zu erarbeiten.
Wir haben bereits einen guten Anfang gemacht. Vor
drei Jahren antizipierten Präsident Clinton und die
Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union
diese Veränderungen durch die Einführung der Neuen
Transatlantischen Agenda (NTA). Die NTA ist ein
flexibler, nach vorne gerichteter Prozeß der Zusammenarbeit, der eine ehrgeizige Reihe gemeinsamer Aktionen zwischen Europäern und Amerikanern
voranbringt - in Europa, über den Atlantik hinweg, auf
der ganzen Welt, im Cyberspace und im Weltall.
Gemeinsam bauen wir globale Wirtschaftshemmnisse
ab und fördern Frieden auf dem westlichen Balkan, der
koreanischen Halbinsel und im Nahen Osten. Gemeinsam fördern wir die nukleare Sicherheit in der
Ukraine und Rußland, reagieren auf die Verwüstungen
durch Hurrikane in Mittelamerika, verhindern, daß
Zuhälterringe in Osteuropa mit Frauen handeln und

Seite 1

�verteidigen die Menschenrechte in Kuba, Burma und
auf dem Balkan. Gemeinsam mildem wir die Armut in
Afrika, stoppen Kinderpornographie im Internet,
entwickeln ein globales Frühwarnsystem für übertragbare Krankheiten und erfüllen weltweit humanitäre
Bedürfnisse. Und gemeinsam verhindern wir die
nukleare Weiterverbreitung und bekämpfen Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler, wo immer sie
sein mögen.
Das neue Europa bringt reale Ressourcen in die
Außenpolitik ein und ermöglicht einige unserer wichtigsten Initiativen. Das vorgeschlagene neue Hilfspaket
der EU für die Palästinenser in Höhe von 1,9 Milliarden
Dollar ist für den Friedensprozeß von elementarer
Bedeutung. Die Hilfe der EU für Osteuropa - einschließlich Bosniens - ist in realen Dollarzahlen
ebenso hoch wie der Betrag, den wir Westeuropa
unter dem Marshallplan gegeben haben. 90 Prozent
der gesamten humanitären Hilfe auf der Welt entfallen
auf die Vereinigten Staaten und die EU zusammengenommen - und wir koordinieren unsere Bestrebungen, das Geld, das wir ausgeben, effektiver auszugeben.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben die umfassendsten Wirtschaftsbeziehungen der Welt - zusammengenommen beläuft sich unser Handels- und
Investitionsvolumen pro Jahr auf 2 Billionen Dollar.
Über 7 Millionen Amerikaner verdanken heute dem
transatlantischen Handel ihren Arbeitsplatz. Europa ist
der größte ausländische Investor in 41 der 50 Bundesstaaten; allein die europäischen Investitionen in Texas
übersteigen die amerikanischen Investitionen in Japan.
Über 60 Prozent aller durch internationale Investoren
in den Vereinigten Staaten geschaffenen Arbeitsplätze
sind auf die europäischen Investitionen zurückzuführen. Und die europäischen Investoren zahlen durchschnittlich 34 Prozent höhere Löhne und Gehälter als
ihre amerikanischen Kollegen. Jeder 12. amerikanische Fabrikarbeiter hat einen Arbeitsplatz in einem
Betrieb, der in europäischem Besitz ist.
Wir haben Handelsbeziehungen in Höhe von 300
Milliarden Dollar mit hohen Löhnen, hoher Beschäftigung und strengen Umweltsnormen sowie offenem,
nichtdiskriminierendem Zugang zum Markt des jeweils
anderen Landes. Die Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU waren entscheidend
für die jüngsten multilateralen Handelsabkommen über
Telekommunikations- und Informationstechnologie in
Höhe von rund 1 Billion Dollar. Gemeinsam haben wir
die Kosten der Regulierung für unsere Exporteure in
Sektoren gesenkt, die Handel in Höhe von 57 Milliarden Dollar jährlich abdecken.
Eine wachsende
Europäische Union bedeutet Chancen für amerikanische Unternehmen und Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer. In einer Zeit globaler finanzieller
Unsicherheit, steigender Handelsdefizite und Zweifeln

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an Globalisierung und Handel sind dies Wirtschaftsbeziehungen, die funktionieren.
Aus diesem Grund sehen wir den Euro nicht als eine
Bedrohung, sondern als ein wichtiges Zeichen, daß
sich unsere europäischen Partner ihrer Verantwortung
bewußt sind, als Motoren für Wachstum, Finanzstabilität und offene Märkte mit uns zusammenzuarbeiten. Beim Gipfeltreffen vom 18. Dezember
verpflichteten sich Präsident Clinton und die Staatsund Regierungschefs der EU zur Zusammenarbeit, um
das multilaterale Handelssystem zu stärken und die
Ratifizierung des Abkommens über Finanzdienstleistungen der Welthandelsorganisation (WTO) durch
alle WTO-Mitglieder bis Ende dieses Monats anzustreben. Wir stimmten überein, gemeinsam die
Empfehlungen der G 7 vom 30. Oktober zur Stärkung
des internationalen Finanzsystems umzusetzen. Und
im Rahmen der Neuen Transatlantischen Partnerschaft haben wir eine ehrgeizige Reihe bilateraler
Verhandlungen zum Abbau von Handelshemmnissen
und zur Verbesserung der Zusammenarbeit bei
Regulierungsfragen in einem Dutzend Bereichen von
Biotechnologie, Dienstleistungen und Nahrungsmittelhygiene bis zu handelsbezogenen Arbeits- und
Umweltproblemen eingeleitet.
Unsere Handelsbeziehungen zu Europa sind insgesamt stark und positiv. Dennoch gibt es Probleme.
Eines davon sind Bananen. GATT- und WTO-Gremien
haben immer wieder Beschlüsse gegen die EU
erlassen, aber sie hat ihre Märkte für den Bananenhandel im Einklang mit ihren internationalen Verpflichtungen nicht geöffnet. Es geht jedoch um mehr
als Bananen - es geht um die Integrität und Effektivität
der WTO als einem Forum zur Schlichtung von
Handelsstreitigkeiten. Wir werden unsere Interessen
in dieser Angelegenheit weiterhin vertreten. Gleichzeitig werden wir mit Europa bei der Lösung anderer
Probleme und im umfassenderen Sinne bei Initiativen
zur Gestaltung der künftigen multilateralen Handelsliberaiisierung zusammenarbeiten.
Es bleibt dabei, daß unser Ansatz zur Weiterentwicklung der EWWU von zwei einfachen Prämissen geleitet
ist. Wir sind davon überzeugt, daß die Integration in
Europa - ebenso wie die Integration andernorts - den
betroffenen Ländern bei der Überwindung der traditionellen Grenzen von Gewohnheit und Geschichte,
Geografie und Kultur helfen sollte. Sie sollte nach
außen, nicht nach innen gerichtet sein. Natürlich
werden wir daran arbeiten sicherzustellen, daß die
Integration der neuen Mitgliedstaaten auf eine Weise
geschieht, die nicht den amerikanischen Wirtschaftsinteressen schadet. Unsere Strategie wird jedoch
darin bestehen, die Integration zu fördern. Wir arbeiten mit den Ländern zusammen, die eine EU-Mitgliedschaft anstreben, um fairen Marktzugang für amerikanische Firmen zu gewährleisten, selbst während sie
die Zollschranken zur EU abbauen. Die logische

AMERIKA DIENST 02

�Konsequenz ist, daß Zusammenarbeit innerhalb der
Regionen die Zusammenarbeit zwischen den Regionen und das umfassendere multilaterale System
stärken sollte. Dies ist das Leitprinzip der amerikanischen Bestrebungen in der NAFTA und im APEC
sowie unserer derzeitigen gemeinsamen Anstrengungen im Rahmen der Transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft. Diese Betonung von Offenheit - offene
Einstellung und offener Zugang - stärkt unsere Hoffnungen für die Europäische Union und gelegentlich
auch unsere Sorge darüber.
Wir streben eine effektivere Partnerschaft mit einem
Europa an, das bei drängenden internationalen Fragen
umgehend handeln kann. Wir sehen der Zusammenarbeit mit der deutschen Präsidentschaft der EU in
diesem Frühjahr bei der Ausarbeitung von Wegen
erwartungsvoll entgegen, wie wir bei der Bewältigung
plötzlicher Krisen, Beilegung unserer Differenzen bevor sie unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit
beeinträchtigen - und Verbesserung unserer gemeinsamen Bestrebungen zur Abwehr entstehender
Bedrohungen und Lösung globaler Fragen besser zusammenarbeiten können. Wenn unsere Partnerschaft

gut funktioniert, können die Vereinigten Staaten und
Europa wirklich Wegbereiter für globalen Frieden und
Wohlstand sein.
Fazit: Unsere Partnerschaft mit Europa bewirkt reale
Dinge für reale Menschen. Sie schafft Arbeitsplätze.
Sie fördert Investitionen. Sie verringert die Bedrohungen durch Verbrechen, Terrorismus, Weiterverbreitung, Drogen und Krankheiten. Sie erhöht unsere
Sicherheit und verringert die Kosten der Wahrung
dieser Sicherheit für den amerikanischen Steuerzahler.
Wenn sie gut funktioniert, versetzt sie uns in die Lage,
Ziele zu erlangen, die wir alleine nicht erreicht hätten.
Funktioniert sie nicht, kann sie in eine Sackgasse und
eine daraus resultierende Krise führen. Das aktive
Engagement von Privatpersonen, der Wirtschaft und
philanthropischen Organisationen und die vom
Kongreß und den amerikanischen Bundesstaaten
übernommene Führungsrolle werden wesentlich für
den Aufbau einer transatlantischen Partnerschaft für
das 21. Jahrhundert sein, die sich derjenigen als
würdig erweist, die unser Bündnis vor einem halben
Jahrhundert ins Leben gerufen haben.

* * * * *

Originaltext: Building a transatlantic partnership for the 21 st Century

AMERIKA DIENST 02

Seite 3

�TECHNOLOGIE

10.Februar 1999

Der Stand der amerikanisch-europäischen Beziehungen
beim Datenschutz: Verbraucherschutz und Arbeitsplatzsicherung in der Informationsgesellschaft
Rede von Staatssekretär Aaron

FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für internationalen
Handel im US- Wirtschaftministerium, David L. Aaron, am 28. Januar im Amerika Haus in Frankfurt gehalten hat.

Guten Morgen. Ich freue mich, heute hier zu sein und
über eines der grundlegendsten und wertvollsten
Rechte der freien Bürger auf beiden Seiten des
Atlantiks sprechen zu dürfen: Den Schutz der Privatsphäre.
Das Recht auf Privatsphäre hat zunehmend wirtschaftliche wie auch persönliche und gesellschaftliche
Bedeutung angenommen. Über diese neue Dimension möchte ich heute sprechen.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
suchen nun schon seit einiger Zeit nach einer transatlantischen Lösung für die unterschiedlichen Ansichten zum Schutz persönlicher Information. Ich bin
heute Morgen hier bei Ihnen, weil es an der Zeit
ist, Sie einzubeziehen.
Vor kurzem traf ich mich mit dem Geschäftsführer
einer großen europäischen Firma, die hohe Beträge in
den Vereinigten Staaten und Milliarden von Euros in
den Bereichen elektronischer Handel und Datenschutz
investiert hat. Er sagte mir, er sei sehr über die
Auswirkungen des Datenschutzrechts der EU auf
seine Geschäfte in den Vereinigten Staaten und in der
Europäischen Union besorgt. Als ich ihn fragte, was
er denn dagegen tue, antwortete er, er vertraue zur
Lösung seiner Probleme auf mich.
Ich fühle mich geschmeichelt. Aber ich kann natürlich
keinerlei Lösung finden, wenn nicht Sie und Menschen
wie Sie daran mitarbeiten. Und jetzt ist es an der Zeit
dafür.

AMERIKA DIENST 02

Ich bewundere die Tatkraft, mit der Europa sich des
Datenschutzes annimmt. Die Achtung der Privatsphäre ist auch in der amerikanischen Mentalität tief
verankert. Viele Europäer kamen eben deshalb nach
Nordamerika, weil sie sich von der Einmischung des
Staates befreien wollten. Und sie fanden diese
Freiheit auch. Während der ersten 300 Jahre der
Besiedelung durch Europäer konnte die absolute
Achtung der Privatsphäre ganz einfach erreicht
werden, indem man weiter in den unerschlossenen
Westen vordrang.
Daniel Boone, ein berühmter amerikanischer Pionier,
reiste noch bis er über 80 Jahre alt war ständig weiter
gen Westen. Er ließ sich nur dann nieder, wenn er,
wie er sagte, den Rauch aus einer anderen Hütte
über den Hügeln nicht mehr erkennen konnte.
Leider läßt sich Einsamkeit heute nicht mehr so leicht
finden. Aber die nationale Besessenheit der Amerikaner mit der Privatsphäre besteht weiterhin. Der
Schutz der Privatsphäre wird im Wesentlichen durch
den ersten und vierten Verfassungszusatz garantiert
und durch weitere, individuelle Rechte schaffende
Bestimmungen unterstützt. Das Prinzip ist in unseren
Gesetzen fest verankert und durch die Rechtsprechung bestätigt worden.
Der große amerikanische Jurist Louis Brandeis
schrieb: "Privatsphäre ist das Recht alleine zu sein das umfassendste aller Rechte, und das Recht, das
von zivilisierten Menschen am meisten geschätzt
wird."

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�Aber die Privatsphäre kann nicht mehr allein durch
räumliche Trennung garantiert werden. Ein Jahrhundert des technologischen Fortschritts hat unseren
persönlichen Freiraum ständig verkleinert - wie die
Besiedelung einst unsere geographische Isolation
verringerte.

Es ist heute technisch möglich, fast alles über unsere
Nachbarn in Erfahrung zu bringen - und unsere
Nachbarschaft ist die Welt. Die Frage lautet nicht
mehr: Können wir die Information bekommen? Sie
lautet vielmehr: Sollte es erlaubt sein, jede technologisch erfaßbare Information zu sammeln? Und dann
weiter: Wie sollten wir die gesammelte Information
nutzen dürfen?
Diese Fragen sind, wie wir in den Vereinigten Staaten
sagen, zweischneidig. Einerseits drohen umfassende
moderne Datenbanken und der unkomplizierte
sofortige Zugriff den Schutz der Privatsphäre völlig zu
unterminieren. Andererseits ist genau diese Information der Schlüssel zur Umsetzung des riesigen
Potentials des elektronischen Handels. Die Zahl der
Nutzer des Internets verdoppelt sich alle 100 Tage.
Es geht hier nicht um Schutz der Privatsphäre einerseits oder elektronischen Handel andererseits.
Unsere Erfahrung hat bisher gezeigt, daß der Schutz
der Privatsphäre wesentlich für den Erfolg des
elektronischen Handels ist. Niemand wird persönliche
Informationen im Internet angeben, ohne eine gewisse
Garantie der Vertraulichkeit zu erhalten. Wenn wir
also die Vorteile des elektronischen Handels nutzen
wollen, müssen wir den Datenschutz sicherstellen.
Wir suchen
Kompromiß
simultanen
Schutz der
Information
bewahrt.

nicht nach einem Ausgleich oder einem
- es ähnelt mehr einer Lösung von zwei
Gleichungen - einer Lösung, die den
Privatsphäre garantiert und gleichzeitig
als die Währung des 21. Jahrhunderts

Die Europäische Union hat ihre Lösung gefunden - die
im Oktober in Kraft getretene Richtlinie zum Datenschutz.
Die Richtlinie ist ein umfassendes
Verwaltungs- und Regulierungsprogramm zur Kontrolle aller Aspekte der Erfassung und Verbreitung
persönlicher Daten. Aus globaler Sicht ist der wichtigste Teil das Verbot, persönliche Daten an Drittländer
weiterzugeben, die keinen "angemessenen" Datenschutz anbieten.

Teilweise hat man sich in der EU gefragt, ob der
Datenschutz der Vereinigten Staaten "angemessen"
sei - ob der Datentransfer über den Atlantik abgebrochen und der Handel damit unterbrochen werden
könnte.

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Das wäre eine destruktive und absolut unnötige Folge
der EU-Datenschutzrichtlinie. Die Vereinigten Staaten
haben ebenfalls Bestimmungen zum Datenschutz, die
ihren Bürgern einen weitreichenden und effektiven
Schutz der Privatsphäre bieten. Sie unterscheiden
sich von denen der EU hauptsächlich in formaler
Hinsicht. Die EU- Richtlinie zum Datenschutz würde
ich eine von oben nach unten gerichtete Vorgehensweise nennen - einen Rechts- und Regulierungsrahmen, der von unabhängigen Datenschützern
unterstützt wird.
Im Gegensatz dazu wurde der amerikanische Datenschutz von unten herauf aufgebaut und auf konkrete
Situationen ausgerichtet. Er ist eine Mischung aus
Gesetzen, Regelungen und freiwilliger Selbstkontrolle
- unterstützt durch die nationale und staatliche
Betrugsgesetzgebung und den Ausschuß zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Er wird dem
technologischen Wachstum und dem steigenden
Potential für den Eingriff in die Privatsphäre ständig
angepaßt und erweitert.
Warum ein so dezentralisiertes und vielschichtiges
System? Offen gesagt ist es eine große amerikanische Tradition, der Regierung zu mißtrauen. Der
Gedanke eines umfassenden Regierungsplans,
ausgeführt von einem unabhängigen Datenschützer,
der über unsere Rechte entscheidet, wurde als
Eindringen in die Privatsphäre der Amerikaner
abgelehnt.
Im Übrigen sind wir der Auffassung, daß man den
Datenschutz gegen den Schutz des freien Informationsflusses abwägen muß - ebenfalls ein grundlegendes, durch unsere Verfassung garantiertes Recht
unserer Demokratie.
In einer Studie des US-Wirtschaftsministeriums von
1982 kamen wir zu dem Schluß, daß "die Gesetze,
die die Prinzipien des Datenschutzes in den Vereinigten Staaten umsetzen, sich auf verschiedenen
Ebenen der Gerichtsbarkeit herausgebildet haben, die
unser pragmatisches, pluralistisches System widerspiegeln. Ein Großteil der Gesetzgebung geht auf die
verfassungsmäßige Beschränkung der Regierungsbefugnisse sowie auf das ungeschriebene Recht des
Einzelnen "in Ruhe gelassen zu werden" zurück. Das
Endergebnis ist ein extrem vielschichtiges System,
welches trotz allem ein weitreichendes Netz für den
Schutz des Einzelnen bietet."
Dieses System beinhaltet Hunderte von Gesetzen
über bestimmte Bereiche der Privatsphäre, die
teilweise sogar über das Niveau des Datenschutzes in
einigen europäischen Ländern hinausgehen. Das
Gesetz zum Datenschutz bei elektronischer Kommunikation von 1986 zum Beispiel macht eine unabhängige Überprüfung und die Zustimmung eines Gerichts

AMERIKA DIENST 02

�erforderlich, bevor die Polizei in den Vereinigten
Staaten Zugriff auf Mitteilungen von Internetnutzern
erhält. In einigen europäischen Ländern benötigen die
Strafverfolgungsbehörden vor dem Zugang zu der
Information eine solche Zustimmung oder Überprüfung nicht. Erst letzte Woche äußerte sich Präsident Clinton in seinem Bericht zur Lage der Nation
besorgt über Belange des Datenschutzes und schlug
eine umfassende Gesetzgebungsinitiative vor mit dem
Ziel, die medizinischen Unterlagen aller amerikanischen Bürger zu schützen. Dies käme zu einer
Reihe von vor kurzem verabschiedeten Gesetzen
hinzu, wie beispielsweise:
•

Die Datenschutzbestimmungen des Gesetzes
über Kabelverbindungen von 1984
Das Gesetz über Computeranpassung und
das Datenschutzgesetz von 1988

•

Die Reform des Gesetzes über die Benachrichtigung über Verbraucherkredite von 1996
Das Gesetz zum Schutz der Daten von
Autofahrern von 1994

•

und das Gesetz zum Schutz der Daten von
Kindern im Internet von 1998

Ich könnte noch mindestens ein halbes Dutzend
weitere nennen. Alle haben zwei Dinge gemeinsam.
Jedes Gesetz benennt eine konkrete Situation und
jedes wurde als Reaktion auf die neue Bedrohung der
Privatsphäre durch den technologischen Fortschritt
verabschiedet. Unsere zielgerichtete Vorgehensweise
ermöglicht es uns, flexibel jeden neuen potentiellen
Eingriff zu verfolgen und dagegen vorzugehen. Der
technologische Fortschritt wird dadurch allerdings
nicht behindert - ebensowenig wie die damit einhergehenden wirtschaftlichen Vorteile.
Diese Gesetze werden noch untermauert von einer
starken und effektiven Tradition der Selbstkontrolle.
Einer Selbstkontrolle, die einigen unter Ihnen und das soll jetzt kein Witz sein - fremd sein mag, aber Verhaltenskodizes der Selbstkontrolle, die vor
allem von Handels- oder Berufsverbänden entwickelt
wurden, sind ein wichtiger Teil des amerikanischen
Datenschutzsystems. Diese Organisationen erteilen
Unternehmen, die sich zu dem Kodex bekennen, eine
Art "Qualitätssiegel".
Die Verbraucher orientieren sich an diesen Siegeln als
Merkmale für Qualität und Integrität. Sie schützen
Verbraucherinteressen in vielen Bereichen des
amerikanischen Lebens, von Produktionsstandards
über Versicherungen bis hin zu Gesichtspunkten der
Umweltverträglichkeit. Hier kennen Sie bestimmt das
CEC-Qualitätssiegel für Spielzeug. Diese "Qualitäts-

AMERIKA DIENST 02

siegel" werden im Rahmen des elektronischen
Handels von besonderer Bedeutung sein, da die
Verbraucher sich dort nicht auf die normalerweise
vorhandenen physischen Hinweise verlassen können,
mit denen man sonst die Verläßlichkeit eines Geschäftspartners einschätzt.
Wir begannen den Dialog mit der Europäischen
Kommission also letztes Jahr mit Vertrauen in die
Angemessenheit unseres Datenschutzes. Bereits zu
Beginn einigten wir uns auf zwei gemeinsame Ziele die Stärkung der Privatsphäre der Menschen auf
beiden Seiten des Atlantiks und die Aufrechterhaltung
des Datenflusses. Als ersten Schritt verglichen wir die
Richtlinie mit den Prinzipien, auf denen der Schutz der
Privatsphäre in den Vereinigten Staaten basiert. Wir
waren uns einig, daß unsere Ziele zu 90 Prozent
übereinstimmen.
Die Aufgabe besteht darin, die Unterschiede in
unseren Vorgehensweisen zu überbrücken. Ein
Durchbruch wurde mit der Anerkennung der Kommission und der Mitgliedstaaten erzielt, Selbstkontrolle
könne als effektiver Datenschutz dienen.
Die EU sah sich schwerwiegenden Fragen gegenüber.
Was sind die Regeln der freiwilligen Selbstkontrolle?
Welche Strafen gibt es bei Nichteinhaltung?
Seien Sie versichert, es gibt sie, die Regeln der
freiwilligen Selbstkontrolle. Erstens ist sich der private
Sektor bewußt, daß die Kodizes stark sein müssen,
denn sonst werden sie durch Gesetze oder Verordnungen ersetzt.
Zweitens:
Unsere Online-Datenschutzverbände
können und werden die "Siegel" bei Verstößen
aberkennen, die Betroffenen ausschließen oder
beides.
Drittens werden diese Programme zur
Durchsetzung der freiwilligen Selbstkontrolle durch die
Kompetenzen des Ausschusses zur Bekämpfung des
unlauteren Wettbewerbs verstärkt - und durch die
Justizminister der 50 Staaten und deren Verbraucherschutzgesetze.
Diese Gesetze ermöglichen die
strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen wegen
irreführender Geschäftspraktiken, was Verstöße
gegen die freiwillige Selbstkontrolle mit einschließt.
Unternehmen können wegen Verstößen gegen die
freiwillige Selbstkontrolle mit schweren, sogar zum
Ruin führenden Strafen geahndet werden und wurden
es bereits.
Aufgrund der Fortschritte bei unseren Diskussionen
unterbreitete die Regierung der Vereinigten Staaten
einen Vorschlag, von dem wir glauben, daß er die
Unterschiede in unseren verschiedenen Systemen
überbrücken kann. Wir schlagen die Schaffung eines
sogenannten "sicheren Hafens" für amerikanische

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�Unternehmen vor, die sich an eine Reihe von gegenseitig annehmbaren Prinzipien halten.

des US-Wirtschaftsministeriums und, nicht zuletzt,
den Prinzipien der EU-Richtlinie selbst.

Bei jeder Organisation, die sich die Prinzipien des
sicheren Hafens zu eigen macht, würde man von
einem angemessenen Datenschutz ausgehen. Der
Datentransfer von der Europäischen Gemeinschaft zu
diesen Unternehmen könnte weiterhin stattfinden. Zur
Durchsetzung der Prinzipien gibt es ein Streitschlichtungsverfahren, unterstützt von harten rechtlichen
Sanktionen des Ausschusses zur Bekämpfung des
unlauteren Wettbewerbs gegen Amerikaner, die sich
eines Verstoßes schuldig machen.

Und wo befinden wir uns nun in unseren Diskussionen? Offen gesagt sind wir noch nicht dort, wo wir,
wie beide Seiten wissen, eigentlich sein müßten.

Duch die Grundsätze des sicheren Hafens werden
eine Reihe von Zielen erreicht. Sie stellen den Schutz
der Privatsphäre europäischer Bürger sicher. Sie
bieten einen berechenbaren und kostengünstigen
Rahmen für den Austausch von Daten zwischen den
Vereinigten Staaten und den privaten Sektoren in
Europa. Gleichzeitig wird jedoch genug Flexibilität
beibehalten, so daß weder der ungehinderte Fluß
wirtschaftlicher Informationen noch die Entwicklung
neuer Technologien behindert wird.
Die Prinzipien des sicheren Hafens decken sieben
grundlegende Elemente des Datenschutzes ab.
Lassen sie mich kurz auf die Schlüsselelemente
eingehen:
•

Erstens haben wir die "Benachrichtigung", die
es dem Einzelnen ermöglicht, sich darüber zu
informieren, welche Art von Informationen
über ihn gesammelt und wofür sie genutzt
werden.
Zweitens gibt es die "Wahlmöglichkeit" durch
die der Einzelne das Recht erhält zu entscheiden, ob Informationen herausgegeben
und wie persönliche Informationen genutzt
werden darf, einschließlich der Nutzung für
einen anderen als den ursprünglich vorgesehenen Zweck.

•

Drittens "Zugang": Hierdurch erhält der Einzelne angemessenen Zugriff auf über ihn
gesammelte Informationen mit der Möglichkeit, Fehler zu korrigieren.

•

Und schließlich die "Durchsetzung", die, wie
ich bereits erwähnte, auf der durch Sanktionen unterstützten Streitschlichtung beruht.

Diese Grundsätze basieren auf den Prinzipien der
OECD von 1980, den Kodizes der freiwilligen Selbstkontrolle der in den Vereinigten Staaten existierenden
Online-Datenschutzorganisationen, unserer Gesetzgebung, den Prinzipien des effektiven Datenschutzes

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Ein Teil des Problems besteht darin, daß nur wenige
EU-Staaten die Datenschutzrichtlinie bisher in nationale Gesetze und Verordnungen umgesetzt haben.
Beide Seiten haben mit der neuen Thematik Schwierigkeiten. Wie zum Beispiel gehen wir mit neuartigen
Informationsaufzeichnungen um wie "dick stream
data", den Informationsspuren, die durch jeden
Mausklick im Internet hinterlassen werden? Oder
"Cookies" - Daten, die entstehen, wenn ein Computernutzer eine Online-Webseite aufruft.
Die EU-Behörden möchten ebenfalls wissen, wer die
Überwachung der amerikanischen Unternehmen zur
Einhaltung der Prinzipien sicherstellen wird. Europa
allerdings hat eine solche Überwachungslast nicht.
Stellen unterschiedliche Maßstäbe bei der Überwachung eine Diskriminierung der amerikanischen
Firmen dar? Das wäre inakzeptabel.
Der Zugang des Einzelnen zu persönlichen Informationen ist ein weiterer Streitpunkt. In Europa wird der
Zugriff als uneingeschränktes Recht angesehen.
Allerdings erhalten europäische Unternehmen nur
wenige Verbraucheranfragen nach Information obwohl die Richtlinie dies bald ändern könnte.
In den Vereinigten Staaten sind wir der Auffassung,
daß der Zugang für den Schutz der Privatsphäre von
elementarer Bedeutung ist. Aber Amerikaner, vielleicht weil wir streitlustiger und bestimmter sind,
reichen viele Informationsanfragen ein. Wir mußten
also unseren Ansatz ändern. Wir schlagen einen
"vernünftigen Zugang" als Standard vor. Der Zugang
würde in den Fällen gewährt, in denen die Informationen für den Verbraucher wirtschaftlich oder persönlich
wichtig sind. Die Anfragen werden dann je nach
Bedeutung für den Einzelnen, der Einfachheit des
Wiederauffindens und den Kosten für das Unternehmen ausgewertet. Dies wäre zumindest teilweise ein
Schutz gegen Anfragen, die aus reiner Neugier - oder
auch aus Boshaftigkeit - eingereicht werden.
Ich bin der Meinung, daß unsere Differenzen, was den
Zugang angeht, nicht von grundlegender Bedeutung
sind - wir sind uns beide einig, daß der Zugriff auf
wichtige oder heikle Informationen für den Schutz der
Privatsphäre entscheidend ist. Dies ist ein weiterer
Bereich, in dem unsere Unterschiede offensichtlich
überbrückbar sind.

AMERIKA DIENST 02

�Der Schlüssel für weitere Fortschritte ist Flexibilität wie auch die volle Anerkennung, daß es das Ziel
beider Seiten ist, den Schutz der Privatsphäre zu
stärken. Wir und die Kommission sind diese Angelegenheit im Geiste eines gemeinsam zu regelnden
Problems angegangen, nicht wie einen Prozeß der
Konfrontation, wie beispielsweise die Beilegung eines
Handelsdisputs. Der Grund hierfür liegt in unserem
beiderseitigen enormen Interesse an einem positiven
Ausgang.
Das hohe Handelsvolumen zwischen den Vereinigten
Staaten und der EU und die Milliarden von Euros, die
unsere Unternehmen in die jeweils anderen Märkte
investiert haben, sind entscheidend auf einen ununterbrochenen Datenfluß angewiesen.
Eine Unterbrechung wäre nicht nur für die Wirtschaftsinteressen
der Vereinigten Staaten hier schädlich, sondern würde
auch die europäischen Firmen bei der Weitergabe der
für den Betrieb ihrer Unternehmen in den Vereinigten
Staaten nötigen Informationen behindern. Zu solchen
grundlegenden Funktionen gehören Buchhaltung,
Finanztransaktionen, und sogar persönliche Aktivitäten könnten sehr viel umständlicher, wenn nicht
sogar illegal werden.
Im Übrigen wäre, praktisch gesehen, ein Aufhalten
des Informationsflusses zwischen Millionen einzelner
Computer mit dem Versuch vergleichbar, eine digitale
Flutwelle zurückzuhalten. Es ist einfach unmöglich.
Wenn wir andererseits keine Lösung finden, könnten
die EU-Datenkommissare mit Beschwerden über
Verstöße überschüttet werden. Die Zivilgerichte
könnten mit Prozessen über Themen wie Einschränkung des Handels, diskriminierende Behandlung,
Schadenersatz für unbefugte Offenlegung und so
weiter lahmgelegt werden. Sollten wir keine Einigung
zum Schutz der Privatsphäre erzielen, wäre unsere
Fähigkeit zur Weiterführung des transatlantischen
Handels auf seinem momentanen Niveau ernsthaft
bedroht, ganz zu schweigen von einer Ausweitung.

* *

AMERIKA DIENST 02

Die Ausweitung des Handels ist eines der dynamischsten Elemente unserer beiden Volkswirtschaften - der
jährliche Handelszuwachs zwischen uns entspricht
der Entdeckung eines neuen Markts von der Größe
Taiwans. Die potentiellen negativen Auswirkungen
auf Investitionen und Beschäftigung sind enorm.
Shakespeare formulierte es, wie üblich, am besten - in
dem bekannten und oft zitierten Julius Caesar:
"Es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben;
Nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum
Glück."
Die folgenden, weniger bekannten Zeilen warnen:
"Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
Des Lebens sich durch Not und Klippen
winden."
Wir können diese Klippen umschiffen. Wir sollten
unseren Bedenken das nötige Gewicht verleihen, sie
aber nicht unnötig zu unproduktiver Rigidität verknöchern lassen. Lassen sie uns stattdessen die
nötige geistige Offenheit bewahren, um eine fast noch
nie dagewesene Chance zu ergreifen und zu genießen, was sie zu bieten hat.
Ich bin heute also hier, um an sie zu appellieren beteiligen Sie sich jetzt. Tragen sie dazu bei, die
Bedingungen der Vereinbarung zu definieren, die für
den Schutz unserer Privatsphäre nötige Flexibilität zu
schaffen und gleichzeitig unsere gemeinsamen
Wirtschaftsinteressen zu bewahren. Wenn wir es
gemeinsam tun, können wir einen neuen, höheren
Standard für die ganze Welt setzen.

Vielen Dank.

* *

*

Seite 5

�</text>
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dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

25. Februar 1999

03

NATO

DAS NEUE STRATEGISCHE VERTEIDIGUNGSKONZEPT
Rede von Verteidigungsminister Cohen

EINE STABILE ESVI WIRD EUROPA UND DIE
NATO STÄRKEN
Rede von Botschafter Alexander Vershbow

WIRTSCHAFT

RUBIN SIEHT NOTWENDIGKEIT FÜR
POLITISCHEN WILLEN
Rede von Finanzminister Rubin

UMWELT

KONFERENZ VON BUENOS AIRES ERREICHT
DIE WICHTIGSTEN DIPLOMATISCHEN ZIELE
Eine Übersicht

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Fax: 0228-333138
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�NATO

24. Februar 1999

Das neue strategische Verteidigungskonzept
Rede von Verteidigungsminister Cohen
München - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister William S. Cohen bei der
Wehrkundetagung in München vom 6. Februar 1999.

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist ein Jahrzehnt
vergangen. Meiner Ansicht nach liegt die Herausforderung für die Vereinigten Staaten und für alle
unsere europäischen Bündnispartner und Freunde
darin, sich vollständig der Welt anzupassen, in der wir
leben. Wir dürfen sie nicht sehen, wie sie einmal war,
sondern wie sie wirklich ist. Wir müssen uns vorstellen, wie sie sein könnte und versuchen, sie unseren Interessen gemäß vorteilhaft zu gestalten.
Als Vaclav Havel vor einer gemeinsamen Sitzung des
Kongresses sprach, begann er mit der Feststellung,
die Dinge entwickelten sich so schnell, daß er wenig
Zeit habe, erstaunt zu sein. Ich würde gerne darlegen,
was in der kurzen Zeitspanne seit vorigem Jahr
geschehen ist. Als wir uns in diesem Hotel zu ungefähr dieser Zeit trafen, richtete sich die Aufmerksamkeit
der Welt auf Saddam Hussein, der ganz offenkundig
versuchte, die UN-Waffeninspektoren durch Verdunkelungs- und Behinderungsmanöver zu besiegen.
Dieses Verhaltensmuster führte schließlich zu Angriffen der Vereinigten Staaten. Mit Hilfe unserer
britischen Freunde und Bündnispartner in der Region
konnten die Fähigkeiten Iraks begrenzt werden,
Massenvernichtungswaffen zu liefern und seine
Nachbarn zu bedrohen.
Aber nur wenige Wochen nach unserem letzten
Treffen marschierten serbische Truppen tatsächlich in
den Kosovo ein. Sie lösten eine Flut der Gewalt aus,
was zu Vorbereitungen der NATO auf einen Luftangriff
führte. Luftangriffe - möchte ich hinzufügen, und
Generalsekretär Solana ist hier, um es zu bestätigen bleiben auch heute noch eine Option. Sollte Serbien
einer Beilegung der Krise nicht zustimmen, werden sie
durchgeführt.

AMERIKA DIENST 03

Seit wir uns das letzte Mal trafen, erlebten wir Nuklearexplosionen in Indien und Pakistan, die die Welt
schockierten. Wir erlebten, wie Terroristen in der
Nähe unserer Botschaften in Afrika Hunderte niedermetzelten und Tausende verwundeten, meist Afrikaner
und viele von ihnen Muslime. Sie planten weitere
Anschläge auf unsere Botschaften, was zielgerichtete
Aktionen der Selbstverteidigung unsererseits auslöste.
Ebenfalls seit unserem letzten Treffen verblüffte
Nordkorea die Welt durch den Abschuß einer Taepo
Dong 1-Langstreckenrakete über Japan in den Pazifik.
Die Zukunft kommt also mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf uns zu, und wir verschließen die Augen vor der
Gegenwart auf eigene Gefahr.
Ich würde gerne kurz auf die Zukunft zu sprechen
kommen. In weniger als drei Monaten werden wir am
Washingtoner Gipfel teilnehmen. Die NATO wird dann
an den entscheidenden Moment vor etwa 50 Jahren
erinnern, als sich unsere Vorgänger ansahen und sich
dann zum Aufbau einer gemeinsamen Verteidigung
einander zuwandten. Wir werden den drei neuen
NATO-Mitgliedern Polen, der Tschechischen Republik
und Ungarn sowie allen unseren Partnerstaaten von
Albanien bis Aserbaidschan die Hand reichen.
Während des Gipfels werden wir beschließen, daß wir
eine neue NATO für ein neues Zeitalter brauchen. Ich
weiß, Worte bemänteln nur den nackten Gedanken,
und ich möchte auf ähnliche Gedanken noch zu
sprechen kommen, aber zunächst einmal einige Worte
ins Gedächtnis rufen, die unser Kollege George
Robertson zu schätzen wüßte.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sagte Churchill:
"Wenn Soldaten eine Situation bewältigen sollen,
schreiben sie für gewöhnlich über ihre Anweisungen
'strategisches Konzept'. Was also", fragte er rhetorisch, "ist das strategische Konzept, dem wir uns heute

Seite 1

�verschreiben sollen?" Und er beantwortete seine
Frage: "Nichts Geringeres als unsere Sicherheit, unser
Wohlstand, unsere Freiheit und unser Fortschritt."
Dies sind wiederum alles sehr bedeutungsvolle Worte,
aber wir müssen nun herausfinden, was hinter den
Worten und unseren nackten Gedanken steht.
Das Strategische Konzept, das wir während des
Washingtoner Gipfels vorstellen werden, wird die von
Churchill erwähnten beständigen Wahrheiten erneut
bestätigen und die neuen Realitäten anerkennen: Daß
die NATO vor allem ein militärisches Bündnis ist,
dessen wichtigster Auftrag die kollektive Verteidigung
seiner Nachbarn bleibt; daß die NATO immer auf der
Grundlage des Konsenses handeln wird, und daß die
NATO immer im Geist der Prinzipien der Vereinten
Nationen handeln wird.
Unsere bedeutendste und ich würde sagen alles
überragende Herausforderung beim Aufbau einer
neuen NATO ist die Anpassung und Umgestaltung des
Bündnisses zur Bewältigung der neuen Herausforderungen und zum Schutz der gemeinsamen
Interessen. Die NATO muß ihre Truppen vorbereiten.
Wir müssen sie darauf vorbereiten, den Streß und die
Anspannung von Einsätzen wie in Bosnien auszuhalten. Es gab keine bereits bestehenden Kommunikationsverbindungen, keine bereits bestehende Logistik,
kein Hauptquartier oder sonstige Infrastruktur. Deshalb entwickeln wir diese Initiative zur Umgestaltung
der Verteidigungsfähigkeit unseres Bündnisses.
Aus den Sprüchen Salomons wissen wir natürlich: "Wo
keine Vision ist, wird das Volk zügellos", und deshalb
brauchen wir eine gemeinsame Vision. Wir müssen
die Verteidigungsfähigkeit der NATO umgestalten,
indem wir uns auf vier Kernfähigkeiten konzentrieren.
Es handelt sich hier um grundlegende Dinge, bei
denen wir wohl alle einer Meinung sind. Wir müssen
die nötige Mobilität für eine schnelle Verlegung unserer
Truppen gewährleisten. Wir müssen effektiv handeln,
indem wir richtig reagieren, mit einem humanitären
oder einem Kampfeinsatz, wann und wo er nötig ist, im
richtigen Umfang, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.
Wir müssen unser Durchhaltevermögen durch eine
besser zugeschnittene und effizientere Logistik zur
Unterstützung unserer Truppen verbessern.
Und
natürlich müssen wir die Überlebensfähigkeit unserer
Truppen verstärken, indem wir sie vor terroristischen,
chemischen, biologischen und sogar vor Cyberangriffen schützen.
Jeder von uns unternimmt eigene Schritte zur Bekämpfung derartiger Bedrohungen, zur Abwendung
der auf unsere Achillesferse gerichteten chemischen
und biologischen Pfeile. Aber ich denke, gemeinsam
können wir mehr tun, um die Hoffnungen derjenigen zu
zerschlagen, die uns Furcht und eine Hand voll Staub
zeigen, wenn ich Auden etwas abwandeln darf.
Deshalb haben wir eine Initiative zu Massenver-

nichtungswaffen vorgeschlagen, mit einem zentralen
Clearinghaus für gesteigerten Informationsaustausch
und verbesserten Programmen zum Schutz unseres
Militärs und unserer Zivilbevölkerung. Wir haben über
Schutz vor Terrorismus gesprochen. Das bedeutet
mehr nachrichtendienstliche Informationen.
Wir
müssen mehr Informationen sammeln und diese
Informationen auf kollektiver Basis austauschen, wenn
wir wirklich in der Lage sein wollen, diejenigen zu
besiegen, die große Opfer unter unserer Bevölkerung
fordern. Diese Bestrebungen werden die im Bündnis
bereits begonnene Arbeit untermauern, nicht überschatten.
Ich sollte auch meine feste Überzeugung hervorheben,
daß die beste Aussicht auf Schutz vor Angriffen mit
Massenvernichtungswaffen - seien sie nuklearer,
biologischer oder chemischer Natur - das Recht ist, auf
solche Angriffe mit allen uns zur Verfügung stehenden
Mitteln zu reagieren. Jegliche Infragestellung dieser
Politik unterminiert unsere Abschreckungsfähigkeit.
Ich denke, wir müssen dies gegenüber allen, die einen
Angriff des Bündnisses mit Massenvernichtungswaffen
in Betracht ziehen, sehr deutlich zum Ausdruck
bringen.
Unsere Truppen auf die Zukunft vorzubereiten,
bedeutet auch Vorbereitung auf die Möglichkeit
terroristischer Anschläge auf NATO-Truppen und
Einrichtungen.
Jeder von uns ergreift wiederum
eigene Gegenmaßnahmen, aber gemeinsam müssen
wir mehr gegen diese terroristische Bedrohung tun,
und ich meine, der Washingtoner Gipfel wird uns die
Möglichkeit bieten, eine wirkliche Grundlage für die
Bewältigung dieser Bedrohung als Bündnis und nicht
im Alleingang zu schaffen. Wenn unsere Truppen
dazu bestimmt, ausgerüstet und vorbereitet sein
sollen, sich den Bedrohungen von morgen zu stellen,
müssen wir heute umsichtigere und klügere Investitionen tätigen. Voriges Jahr fiel mir die Kluft zwischen
den Ausgaben der Vereinigten Staaten und des
Bündnisses für Forschung, Entwicklung und Beschaffung auf. Ich argumentierte damals, sollte der Verteidigungshaushalt des Bündnisses auf der Suche nach
Friedensdividenden weiterhin zurückgehen, wäre der
Frieden und nicht die Dividende in Gefahr.
Dieses Jahr kann ich berichten, daß wir auf unsere
Worte Taten haben folgen lassen. In dem erst vor
einigen Tagen dem Kongreß vorgelegten Haushaltsentwurf Präsident Clintons sind für die nächsten sechs
Jahre zusätzliche 112 Milliarden Dollar für Verteidigungsressourcen vorgesehen. Das ist die größte
kontinuierliche Aufstockung der Verteidigungsausgaben in den letzten 15 Jahren. Um die Einsatzbereitschaft heute zu garantieren sieht unser Haushalt den
größten Zuwachs an Löhnen, Gehältern und sonstigen
Vergütungen für das Militär innerhalb einer Generation
vor. Um die Einsatzbereitschaft morgen zu garantieren
- General Clark (Oberster Allierter Befehlshaber

AMERIKA DIENST 03

�Europa) nickt zustimmend - sind in unserem Haushalt
für das nächste Haushaltsjahr 53 Milliarden Dollar für
Beschaffung ausgewiesen, die im Jahr 2001 auf 60
Milliarden Dollar und danach noch viel höher steigen
werden. Diese neuen Ressourcen ermöglichen es
uns, die Streitkräfte mit den erforderlichen Schiffen,
Flugzeugen und Waffen auszustatten, um diese
Revolution gemäß operativen Konzepten durchzuführen, die unsere Kampfstrategie verändern
werden.
Unser Haushalt ist nicht nur ein Spiegel der Welt, wie
sie ist, sondern wie sie vielleicht sein wird. Wir werden
weiterhin Mittel für Forschung, Entwicklung und
Entsendung von Luft- und Raketenabwehr für die
Verteidigung amerikanischer Truppen im Ausland
sowie unserer Freunde und Bündnispartner zur
Verfügung stellen. Unser Haushalt enthält ebenfalls
einen bedeutenden Mittelzuwachs für ein Nationales
Raketenabwehrprogramm (National Missile Defense
Program - NMD).
Ich sehe den ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister, Don Rumsfeld, heute im Publikum. Ich
möchte ihn und den zur Analyse dieser Situation
eingesetzten Ausschuß besonders beglückwünschen.
Dank des Rumsfeld-Ausschusses haben wir unsere
Ansicht über die Geschwindigkeit, mit der unser Volk
und unser Land der Bedrohung durch einen Angriff mit
ballistischen Flugkörpern ausgesetzt sein könnte,
wirklich geändert. Wir haben deshalb in unserem
Haushalt Mittel für die Vorbereitungen zum Schutz des
amerikanischen Heimatlandes gegen sich abzeichnende Bedrohungen durch strategische ballistische
Flugkörper verbrecherischer Länder vorgesehen. Wie
ich in den letzten Tagen mehrmals hervorgehoben
habe, wird Präsident Clinton bis Juni 2000 keine
Entscheidung über die Stationierung von Truppen
treffen. In der Zwischenzeit führen die Vereinigten
Staaten allerdings lebhafte Diskussionen mit unseren
russischen Freunden über die Art der möglicherweise
erforderlichen Änderungen des ABM-Vertrags; Änderungen, die unsere beiderseitigen strategischen
Anliegen berücksichtigen und gleichzeitig unserem
Volk Schutz vor einem begrenzten Angriff mit ballistischen Flugkörpern bieten.
Es ist vielleicht nicht allen Mitgliedern des Bündnisses
möglich, den Verteidigungshaushalt wesentlich
aufzustocken; aber wenn das Bündnis in Wort und Tat,
im Kampfvermögen und politischer Attraktivität bestehen soll, dürfen die Verteidigungshaushalte unserer
Ansicht nach nicht weiter reduziert werden. Die
Schwierigkeiten und Gefahren der Welt lassen dies
einfach nicht zu.
Ich möchte nur kurz noch einige weitere Bemerkungen
machen. Der vorbereitete Text meiner Rede steht
Ihnen, glaube ich, allen zur Verfügung und ich werde
versuchen, ihn kurz zusammenzufassen. Die sich uns

AMERIKA DIENST 03

stellenden Gefahren und die im Zusammenhang mit
dem Aufbau dieser neuen NATO für das nächste
Jahrhundert auf uns zukommenden Veränderungen
bringen den Aufbau noch stärkerer Partnerschaften mit
unseren europäischen Freunden im Rahmen des
Programms Partnerschaft für den Frieden mit sich.
Bob Hunter, ich sehe Sie am Gang sitzen - ich werde
allen hier sagen, daß ich dem Programm Partnerschaft
für den Frieden bei seiner ursprünglichen Gründung
sehr skeptisch gegenüber stand. Aufgrund seiner
wirklich heldenhaften Bemühungen, es funktionsfähig
zu machen, bin ich nun von dem großen Erfolg des
Programms Partnerschaft für den Frieden überzeugt.
Wir beabsichtigen, das Programm Partnerschaft für
den Frieden (PfP - Partnership for Peace) so zu
nutzen, daß immer mehr Nationen die Tür zur NATO
geöffnet werden kann. Aber wie bereits erwähnt, sollte
das Partnerschaftsprogramm Selbstzweck für diejenigen Staaten sein, die der NATO nicht beitreten
möchten.
Den der PfP-Mitgliedschaft eigenen Wert zu steigern,
ist die treibende Kraft für unsere Bemühungen auf
verschiedenen Gebieten. Wir werden dieses Programm stärken. Wir werden die Militärausbildung
durch ein Konsortium von Verteidigungsakademien
verbessern. Wir werden Übungen durch ein Computersimulationsnetzwerk ausbauen. Wir werden durch
spezialisierte Ausbildungszentren in unseren Partnerstaaten einen Wissensaustausch betreiben. Wir
beabsichtigen dem Ausbau des PfP-Programms viel
Energie zu widmen.
Schließlich möchte ich noch erwähnen, für wie außerordentlich wichtig wir das amerikanische Verhältnis zu
Rußland und die Beziehungen der NATO zu Rußland
erachten. Wir sind der Meinung, daß jedes Treffen des
Ständigen Gemeinsamen Rats mit unseren russischen
Freunden zur Stabilisierung unserer Beziehungen auf
dem ganzen europäischen und eurasischen Kontinent
beiträgt. Ebenso sehr glauben wir an die Charta mit
der Ukraine. Wir beabsichtigen, weiterhin mit Rußland
und der Ukraine zusammenzuarbeiten, in der Annahme, daß es ohne ein stabiles Rußland und eine
stabile und wohlhabende Ukraine keine Stabilität auf
dem Kontinent geben wird.
Liebe Kollegen, ich werde hier innehalten und freue
mich nicht nur auf ihre Beiträge heute Nachmittag,
sondern auch auf ihre Teilnahme am Washingtoner
Gipfel. Ich denke, wir blicken zurück auf unsere
Vorgänger und danken ihnen für ihre Vision und ihren
Weitblick, als sie sich über die Zyniker und Deterministen hinwegsetzten, die glaubten, es wäre uns bestimmt, einfach im Kielwasser des historischen
Konflikts zu treiben. Unsere Vorgänger sagten, wir
hätten die Chance, in die Zukunft zu blicken und für die
nächsten 50 Jahre eine noch stärkere und dauerhaftere Beziehung aufzubauen. Ich freue mich darauf, Sie
alle bei dem Gipfel wiederzusehen.

Seite 3

�Ich möchte feststellen, daß die WEU mit ihren unterschiedlichen Arten des Status für Nichtverbündete der
EU, nicht der NATO angehörende EU-Mitglieder sowie
die zentral- und osteuropäischen Partner einen
bewundernswert integrativen Ansatz verfolgt. Abweichungen bei der Mitgliedschaft in der NATO und der
EU werden mit dem Beitritt von Polen, Ungarn und der
Tschechischen Republik zum Bündnis zunehmen und
sich angesichts des langsamen Tempos der EUErweiterung weiter verstärken.
Wenn die ESVI daher eher eine Angelegenheit der EU
als eine der WEU wird, ist Innovation beim weiteren
Engagement der nicht der EU angehörenden Europäer erforderlich - vielleicht durch die Öffnung der GASP
für die an der Teilnahme an Maßnahmen zur Umsetzung der GASP-Entscheidungen interessierten nicht
der EU angehörenden Länder. Sonst könnte die
Verfügbarkeit von Mitteln und Unterstützung der
NATO gefährdet werden - nicht durch ein "amerikanisches Veto", sondern die Ressentiments der von
den Aktionen ausgeschlossenen Verbündeten. (In der
Tat hören wir bereits Beschwerden, daß die Debatte in
Gefolge von St. Malo vornehmlich in der EU stattfindet, nicht in der NATO und nicht einmal in der
WEU.)
Die institutionellen Aspekte müssen daher mit Vorsicht
behandelt werden. W e ich bereits betont habe, sollten
institutionelle Fragen jedoch zweitrangig hinter dem
grundlegenden Thema der Fähigkeiten sein. Sobald
die Grundlage der ESVI durch Verbesserungen bei
der Kräfteprojektion und den nachhaltigen Fähigkeiten
der europäischen Verbündeten unter einem soliden
transatlantischen "Dach" gestärkt ist, sind die spezifischen institutionellen Arrangements leichter auszuarbeiten.
Angesichts der Bedeutung von Verbesserungen der
Fähigkeiten freuen wir uns, daß Deutschland als
WEU-Präsident die Aufgabe übernommen hat, eine
Bestandsaufnahme der für von Europäern angeführten
Einsätzen verfügbaren Mittel vorzunehmen, und wir
sehen den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen.
Diese Bestrebungen könnten jedoch auch im Rahmen
der NATO erfolgen.
Die Vereinigten Staaten haben eine - von der NATO
aufgegriffene - Initiative zu Verteidigungsfähigkeiten
vorgeschlagen, die auf der Tagesordnung des Washingtoner NATO-Gipfels stehen wird.
Unseres
Erachtens wird dadurch die nach St. Malo aufgenommene Arbeit zur Weiterentwicklung der ESVI sehr gut

*

AMERIKA DIENST 03

*

ergänzt. Die Initiative der NATO zielt auf die Stärkung
der Fähigkeiten des Bündnisses für Krisenmanagementoperationen außerhalb des Bündnisgebiets ab wo größere Mobilität, Nachhaltigkeit, Überlebensfähigkeit und Interoperabilität unerläßlich sind.
Unsere in Bosnien gemachten Erfahrungen waren in
humanitärer und geopolitischer Hinsicht ein beträchtlicher Erfolg, haben aber auch gezeigt, daß die
Umgestaltung der NATO von der Konzentration auf
eine statische Verteidigung aus Stellungen heraus zu
einer flexibleren, mobilen Verteidigung unvollständig
ist - insbesondere, wenn man die Streitkräfte der
europäischen Verbündeten betrachtet. Zusammen mit
der in der WEU eingeleiteten Arbeit sollten die
europäischen Verbündeten auf die Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit als Instrument zur Unterstützung der in St. Malo geforderten Umstrukturierung der
Streitkräfte zurückgreifen.
Eine weitere Lehre, die wir aus Bosnien und in
jüngster Zeit aus dem Kosovo ziehen können, ist, daß
die Vereinigten Staaten und Europa sich bei der
Durchführung von Einsätzen gegenseitig brauchen,
wenn unsere gemeinsamen Interessen auf dem Spiel
stehen. Die ESVI ist nicht nur eine "West-WestDiskussion". Wie sich die ESVI entwickelt, wird
direkten Einfluß darauf haben, wie die Vereinigten
Staaten und Europa künftige Krisen im Osten und
anderen Gebieten an der Peripherie Europas bewältigen können.
Am Vorabend des 50. Jahrestages der Gründung der
NATO möchten wir natürlich die Leistungen des
Bündnisses im ersten halben Jahrhundert seines
Bestehens feiern. Unserer Ansicht nach sind sie
wirklich außergewöhnlich. W r sehen der Begrüßung
aller Staats- und Regierungschefs in Washington
erwartungsvoll entgegen, insbesondere derjenigen,
die zum ersten Mal als NATO-Mitglieder teilnehmen.
Wir dürfen unsere Verpflichtung nicht aus dem Blick
verlieren, das Bündnis auf die Bewältigung der
Sicherheitsherausforderungen im 21. Jahrhundert
vorzubereiten.
Wir können unsere historischen
Leistungen des letzten halben Jahrhunderts am
besten durch Zusammenarbeit bei der Gestaltung
einer ebenso ehrgeizigen, ebenso fortschrittlichen und
ausgewogeneren
transatlantischen
Sicherheitspartnerschaft für die nächsten 50 Jahre würdigen.
Ich danke Ihnen.

*

*

Seite 3

�NATO

24. Februar 1999

Eine stabile ESVI wird Europa und die NATO stärken
Rede von Botschafter Vershbow

Paris - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Ständigen Vertreters der Vereinigten Staaten beim
Nordatlantikrat, Botschafter Alexander Vershbow, am Institut für Sicherheitsstudien der Westeuropäischen Union
in Paris vom 28. Januar 1999.

Ich möchte dem Institut für Sicherheitsstudien der
WEU für die Gelegenheit danken, an diesem sehr
aktuellen Seminar teilnehmen zu dürfen. Es ist mir
eine große Freude, heute mit Ihnen hier zu sein, um
über die ESVI (Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität) aus amerikanischer Sichtweise zu
sprechen - etwas, woran ich einen Großteil dieses
Jahrzehnts bei der NATO und in Washington gearbeitet habe.

der ESVI für den Aufbau Europas und die Vertiefung
der Integration der EU nicht herab. Aber eine nicht
auf den wirklichen Fähigkeiten und Verpflichtungen
beruhende Diskussion über die ESVI wäre lediglich
eine Schriftübung. Diese Punkte standen im Mittelpunkt des Aufrufs des britischen Premierministers
Tony Blair zu einem erneuerten europäischen Dialog
über die ESVI, und wir begrüßen diesen neuen
Schwerpunkt auf den Fähigkeiten.

Die Frage der Entwicklung und Nutzung der ESVI ist
natürlich nicht neu. Führende europäische Politiker
haben schon lange vor St. Malo nach Wegen zur
Stärkung des "europäischen Pfeilers" innerhalb des
Bündnisses gesucht, und einige befürworten eine
Sicherheitsrolle für die EU und schließlich eine
"freundliche Übernahme" der WEU durch die Europäische Union. Doch die jüngsten Diskussionen in St.
Malo haben erhöhte Aufmerksamkeit auf dieses
Thema gerichtet. Es kann mit Recht als neuer
Vorschlag für eine neue Zeit bezeichnet werden,
aufbauend auf dem "acquis" der letzten fünf Jahre besonders den bahnbrechenden Entscheidungen des
Ministertreffens des Nordatlantikrats 1996 in Berlin.

Lassen Sie mich hinzufügen, daß die französischen
Bestrebungen unserer Ansicht nach eine positive
Entwicklung darstellen. Mit der Zeit können gesteigerte Bemühungen zur Koordinierung von Verbesserungen der Fähigkeiten - wenn dies wirklich eine der
Folgen von St. Malo ist - zu größerer Interoperabilität
zwischen französischen und anderen verbündeten
Truppen führen. Größeres französisches Engagement in den Militärstrukturen der NATO - insbesondere bei einer französischen Entscheidung zur vollwertigen Teilnahme - wird die ESVI in der NATO
angesichts der herausragenden von Frankreich
eingebrachten Fähigkeiten stärken.

Ich muß auch mein persönliches Interesse an der
Erklärung von St. Malo gestehen. Seit ich vor einem
Jahr bei der NATO ankam, sage ich, Europa müsse
seine Fähigkeit zur Kräfteprojektion und Nachhaltigkeit verbessern, wenn die ESVI mehr als nur ein
Slogan sein soll. Ich freue mich feststellen zu können,
daß Europa sich dieser Herausforderung stellt.
In der Vergangenheit ging es bei europäischen
Diskussionen über die ESVI fast ausschließlich um
institutionelle Arrangements. Solche Arrangements
sind sicherlich wichtig, und ich setze die Bedeutung

AMERIKA DIENST 03

Die allgemeine Richtungsweisung von St. Malo ist
unseres Erachtens positiv, und wir freuen uns alle auf
einen fruchtbaren Gedankenaustausch über die ESVI
in den kommenden Monaten. Wie Außenministerin
Albright sagte, begrüßen die Vereinigten Staaten
einen leistungsfähigeren europäischen Partner mit
modernen, flexiblen Streitkräften, die fähig sind,
Brandherde in Europas Hinterhof zu löschen und
durch das Bündnis zur Verteidigung unserer gemeinsamen Interessen mit uns zusammenzuarbeiten.
Wir sind fest davon überzeugt, daß eine stärkere ESVI
nicht nur von einer Stärkung der europäischen

Seite 1

�Strukturen der Entscheidungsfindung und dem
gemeinsamen politischen Willen abhängt, sondern
auch von der Fähigkeit Europas, der ESVI durch
Verbesserungen der europäischen militärischen
Fähigkeiten Rückhalt zu geben.
Gleichzeitig sind wir der Meinung, der Rahmen der
transatlantischen Kooperation und die Berliner
Entscheidungen von 1996 sind positive, bei der
Weiterentwicklung der ESVI zu berücksichtigende
Faktoren. Verbesserungen der militärischen Fähigkeiten können zur Untermauerung des "Fundaments"
der Struktur der ESVI beitragen, aber wir müssen
auch darauf achten, das in Berlin geschaffene transatlantische "Dach" der ESVI zu erhalten.
Unser Kongreß und die Öffentlichkeit wünschen eine
gerechtere Verteilung der Verantwortlichkeiten im
Bündnis. Eine stabile, die transatlantische Dimension
bewahrende ESVI wird Europa und die NATO stärken
und ist entscheidend für die kontinuierliche amerikanische Unterstützung für das Bündnis als Ganzes.
Die aus der "Reflektion" Europas über eine Fortentwicklung der ESVI entstandenen potentiellen
Probleme bilden einen Schwerpunkt dieses Seminars.
Gerne würde ich Ihnen meine Überlegungen hinsichtlich einiger zu beantwortender Fragen und zu vermeidender Fallstricke mitteilen.
Erstens müssen wir der Beendigung der verbleibenden Arbeit von Berlin über den Aufbau der ESVI
innerhalb der NATO hohe Priorität einräumen. Wir
sollten diese wichtige, unserer Auffassung nach sehr
vielversprechende Aufgabe nicht aus den Augen
verlieren. Wir befinden uns mit unserer Arbeit schon
fast an der "Ziellinie", aber die Zeit läuft uns davon,
und wir müssen weitermachen und die Aufgaben bis
zum Washingtoner Gipfel erledigen.
Nach Washington und Aufstellung der Rahmenvorgaben besteht ein Spielraum für die Weiterführung
des Prozesses: Die Übernahme mehrerer Funktionen
auf verschiedenen Ebenen der Planungs- und Befehlsstruktur wird die WEU und die EU in die Lage
versetzen, Petersberg-Missionen vorzubereiten und
auszuführen, ohne die Notwendigkeit, Strukturen zu
verdoppeln, was sowohl kostenintensiv wäre als auch
politische Uneinigkeit stiften würde.

Zweitens, die Vereinigten Staaten sind - wie Großbritannien - offen für von den Europäern eventuell
gewünschte institutionelle Arrangements für ihre
zukünftige Sicherheits- und Verteidigungsidentität.
Aufgrund unserer Unterstützung einer starken ESVI
und erfolgreicher Beziehungen zwischen der NATO
und der WEU haben wir trotz allem ein starkes
Interesse an der institutionellen Seite der ESVI, falls

Seite 2

die Regierungen sich entschließen sollten, der
Europäischen Union eine Verteidigungsdimension zu
geben.
Unser Hauptanliegen bei der Suche nach Wegen, das
Verhältnis zwischen NATO und WEU in einen
möglichen NATO-EU-Rahmen zu übertragen, ist die
Sicherstellung, daß die neuen Beziehungen die
gleichen in Berlin so sorgfältig erarbeiteten Prinzipien
verkörpern und bewahren.
Ein besonders wichtiger im Berliner Kommunique
verankerter Punkt war der Grundsatz, wo immer
möglich gemeinsam (durch die NATO) zu handeln.
Das ist die beste Methode, Solidarität und Effektivität
zu garantieren. In einigen wenigen Fällen könnten die
Vereinigten Staaten beschließen, nicht an einem
Einsatz teilzunehmen, aber die Entscheidung, ob die
NATO oder die WEU (oder die EU) einen Einsatz
leitet, sollte gemeinsam getroffen werden.
Wir
brauchen ein einheitliches Ziel, auch wenn sich einige
Bündnispartner entschließen, an einem bestimmten
Einsatz nicht teilzunehmen.
Dies ist keine Frage des "Arbeitsablaufs" im buchstäblichen Sinne: Bei Entstehung und Entfaltung ei ner
Krise werden Konsultationen in zahlreichen Foren und
Formen abgehalten; der Schlüssel liegt in einer
gewissenhaften transatlantischen Diskussion vor der
Entscheidung, wer am besten in der Lage ist, die
Führung zu übernehmen, wenn militärische Aktionen
erforderlich sind. Das ist wichtig, weil Sicherheitsangelegenheiten sich von Wirtschafts- und Außenpolitik unterscheiden. Außer bei Kleinsteinsätzen
besteht immer die Gefahr der Eskalation einer Situation, sogar bis zu einem Artikel V-Risiko, und eventuell
könnte zusätzliche militärische Unterstützung (der
NATO, also der USA) benötigt werden. Deshalb sind
vollständige Konsultationen durch die NATO sinnvoll
für den Ablauf und entscheidend für die Wahrung von
Solidarität - das Markenzeichen des Bündnisses.
(Das meint Außenministerin Albright mit "keine
Entkoppelung".)
Im Übrigen müssen wir den Grundsatz von "trennbaren aber nicht getrennten" Truppen aufrechterhalten, statt vorhandene Fähigkeiten und Strukturen
zu verdoppeln. Bei stagnierenden oder rückläufigen
Vertreidigungsbudgets in fast ganz Europa wären
redundante Strukturen besonders unklug.
Wir müssen außerdem dem unterschiedlichen Mitgliedschaftstatus der Länder Rechnung tragen, um
Diskriminierung und neue Trennlinien zu vermeiden.
Einbindung muß der Grundsatz sein. Ein europäischer Einsatz hat die größte Aussicht auf Erfolg, wenn
er die politische und praktische Unterstützung der
nicht der EU angehörenden Bündnispartner - und
nicht zuletzt der Türkei - hat.
AMERIKA DIENST 03

�Ich möchte feststellen, daß die WEU mit ihren unterschiedlichen Arten des Status für Nichtverbündete der
EU, nicht der NATO angehörende EU-Mitglieder sowie
die zentral- und osteuropäischen Partner einen
bewundernswert integrativen Ansatz verfolgt. Abweichungen bei der Mitgliedschaft in der NATO und der
EU werden mit dem Beitritt von Polen, Ungarn und der
Tschechischen Republik zum Bündnis zunehmen und
sich angesichts des langsamen Tempos der EUErweiterung weiter verstärken.
Wenn die ESVI daher eher eine Angelegenheit der EU
als eine der WEU wird, ist Innovation beim weiteren
Engagement der nicht der EU angehörenden Europäer erforderlich - vielleicht durch die Öffnung der GASP
für die an der Teilnahme an Maßnahmen zur Umsetzung der GASP-Entscheidungen interessierten nicht
der EU angehörenden Länder. Sonst könnte die
Verfügbarkeit von Mitteln und Unterstützung der
NATO gefährdet werden - nicht durch ein "amerikanisches Veto", sondern die Ressentiments der von
den Aktionen ausgeschlossenen Verbündeten. (In der
Tat hören wir bereits Beschwerden, daß die Debatte in
Gefolge von St. Malo vornehmlich in der EU stattfindet, nicht in der NATO und nicht einmal in der
WEU.)
Die institutionellen Aspekte müssen daher mit Vorsicht
behandelt werden. Wie ich bereits betont habe, sollten
institutionelle Fragen jedoch zweitrangig hinter dem
grundlegenden Thema der Fähigkeiten sein. Sobald

die Grundlage der ESVI durch Verbesserungen bei
der Kräfteprojektion und den nachhaltigen Fähigkeiten
der europäischen Verbündeten unter einem soliden
transatlantischen "Dach" gestärkt ist, sind die spezifischen institutionellen Arrangements leichter auszuarbeiten.
Angesichts der Bedeutung von Verbesserungen der
Fähigkeiten freuen wir uns, daß Deutschland als
WEU-Präsident die Aufgabe übernommen hat, eine
Bestandsaufnahme der für von Europäern angeführten
Einsätzen verfügbaren Mittel vorzunehmen, und wir
sehen den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen.
Diese Bestrebungen könnten jedoch auch im Rahmen
der NATO erfolgen.
Die Vereinigten Staaten haben eine - von der NATO
aufgegriffene - Initiative zu Verteidigungsfähigkeiten
vorgeschlagen, die auf der Tagesordnung des Washingtoner NATO-Gipfels stehen wird.
Unseres
Erachtens wird dadurch die nach St. Malo aufgenommene Arbeit zur Weiterentwicklung der ESVI sehr gut

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AMERIKA DIENST 03

ergänzt. Die Initiative der NATO zielt auf die Stärkung
der Fähigkeiten des Bündnisses für Krisenmanagementoperationen außerhalb des Bündnisgebiets ab wo größere Mobilität, Nachhaltigkeit, Überlebensfähigkeit und Interoperabilität unerläßlich sind.
Unsere in Bosnien gemachten Erfahrungen waren in
humanitärer und geopolitischer Hinsicht ein beträchtlicher Erfolg, haben aber auch gezeigt, daß die
Umgestaltung der NATO von der Konzentration auf
eine statische Verteidigung aus Stellungen heraus zu
einer flexibleren, mobilen Verteidigung unvollständig
ist - insbesondere, wenn man die Streitkräfte der
europäischen Verbündeten betrachtet. Zusammen mit
der in der WEU eingeleiteten Arbeit sollten die
europäischen Verbündeten auf die Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit als Instrument zur Unterstützung der in St. Malo geforderten Umstrukturierung der
Streitkräfte zurückgreifen.
Eine weitere Lehre, die wir aus Bosnien und in
jüngster Zeit aus dem Kosovo ziehen können, ist, daß
die Vereinigten Staaten und Europa sich bei der
Durchführung von Einsätzen gegenseitig brauchen,
wenn unsere gemeinsamen Interessen auf dem Spiel
stehen. Die ESVI ist nicht nur eine "West-WestDiskussion". Wie sich die ESVI entwickelt, wird
direkten Einfluß darauf haben, wie die Vereinigten
Staaten und Europa künftige Krisen im Osten und
anderen Gebieten an der Peripherie Europas bewältigen können.
Am Vorabend des 50. Jahrestages der Gründung der
NATO möchten wir natürlich die Leistungen des
Bündnisses im ersten halben Jahrhundert seines
Bestehens feiern. Unserer Ansicht nach sind sie
wirklich außergewöhnlich. Wir sehen der Begrüßung
aller Staats- und Regierungschefs in Washington
erwartungsvoll entgegen, insbesondere derjenigen,
die zum ersten Mal als NATO-Mitglieder teilnehmen.
Wir dürfen unsere Verpflichtung nicht aus dem Blick
verlieren, das Bündnis auf die Bewältigung der
Sicherheitsherausforderungen im 21. Jahrhundert
vorzubereiten.
Wir können unsere historischen
Leistungen des letzten halben Jahrhunderts am
besten durch Zusammenarbeit bei der Gestaltung
einer ebenso ehrgeizigen, ebenso fortschrittlichen und
ausgewogeneren
transatlantischen
Sicherheitspartnerschaft für die nächsten 50 Jahre würdigen.
Ich danke Ihnen.

* *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT

24.Februar 1999

Rubin sieht Notwendigkeit für politischen Willen
Rede von Finanzminister Rubin

Washington - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Finanzminister Robert Rubin bei der
Weltwirtschaftskonferenz in Davos vom 30. Januar 1999.

Heute Morgen möchte ich mich einen Augenblick lang
mit etwas beschäftigen, das viele - auch ich - für die
ernsthafteste Finanzkrise der letzten 50 Jahre halten.
Zunächst würde ich gerne einige Bemerkungen über
diese Krise und dann über die Stärkung des marktorientierten Wirtschaftssystems machen, das meiner
Ansicht nach die besten Perspektiven für zunehmenden wirtschaftlichen Wohlstand der Völker unseres
Planeten bietet.
Wie Sie alle wissen, befindet sich die Weltwirtschaft
mittlerweile im Jahr zwei einer zunächst im Juli 1997
in Thailand ausgebrochenen Finanzkrise, die seitdem
tiefgreifende Auswirkungen auf der ganzen Welt hatte.
Wachstumsmärkte von Asien über Europa bis Lateinamerika sind ernsthaft betroffen und sogar viele der
stärksten Volkswirtschaften in den Industrieländern,
einschließlich der Vereinigten Staaten, mußten in
einigen Sektoren starke Einbußen hinnehmen. Es ist
wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen, daß
insgesamt Milliarden von Menschen betroffen sind.
Diese Krise wurde von vielschichtigen und in vieler
Hinsicht beispiellosen über viele Jahre angewachsenen Problemen in Industrie- und Entwicklungsländern
hervorgerufen, und die Welt wird sich mit der Zeit mit
diesen Problemen auseinandersetzen müssen.
Meiner Meinung nach hat die internationale Gemeinschaft einschließlich des IWF im Großen und Ganzen
vernünftige Entscheidungen zur Bewältigung dieser
komplexen Situation getroffen und ihre Bewertungen
wo angebracht angepaßt. Indem wir unsere Erfahrungen mit dieser Krise immer wieder unvoreingenommen begutachten, können wir uns besser auf in die
Zukunft gerichtete Entscheidungen vorbereiten, und
ich halte es für wahrscheinlich, daß sich bei der
Wahrung oder Wiederherstellung der finanziellen
Stabilität in den kommenden Jahren viel ändern wird.

AMERIKA DIENST 03

Eines ist allerdings klar: Es gibt keine einfachen
Antworten und keine Wundermittel, und jeder von uns
muß seinen Teil leisten.
Kommen wir zurück zur Gegenwart. In den letzten
sechs Monaten in etwa gab es viele wichtige positive
Entwicklungen, einschließlich Maßnahmen zur
Förderung des Wachstums in vielen Industrieländern
und Fortschritte in Korea und Thailand, aber es stehen
uns auch viele ernsthafte Herausforderungen und
Risiken bevor.
Wenn wir auf unsere Erfahrung mit dieser Krise
zurückblicken, sehen wir, der absolute Schlüssel zu
Finanzstabilität und Wirtschaftswachstum geht mit der
Einhaltung einer starken makroökonomischen und
Strukturpolitik einher. Wenn in einem Land Probleme
auftreten, ist es für dieses Land wichtig, ein solides
politisches Reformprogramm für seine besonderen
Umstände aufzustellen und daß, wo angemessen,
externe Finanzierung zur Verfügung gestellt wird.
Aber der kritische Faktor - ob in auf eine Krise reagierenden Ländern oder Ländern, die eine Krise abzuwenden versuchen - ist politischer Wlle. Nur
Staaten, die sich eine gute Politik zu eigen machen
und sie durchweg verfolgen, können ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Märkte wahren. Und
hier möchte ich hinzufügen, es ist eine der schwierigsten politischen Herausforderungen, gegen die
weitverbreitete Korruption anzugehen, die in zu vielen
Ländern ein Haupthindernis für wirtschaftliche Entwicklung - und auch ein enormes soziales Problem ist. Auch die Industrieländer spielen eine wichtige
Rolle bei der Erreichung dieses Ziels, wie die jüngsten
Maßnahmen der OECD zeigen.
Während also die Wirtschafts- und Finanzpolitik - das
Fachgebiet der Ökonomen und der internationalen

Seite 1

�Finanzwelt - stimmen muß, was sicherlich nicht
einfach ist, bin ich zu der Überzeugung gelangt, der
Schlüssel ist letztlich nicht die Wirtschaft oder die
Finanzen, sondern die Politik - die Kunst, Unterstützung für eine starke Politik zu entwickeln, besonders
für die harten Entscheidungen, die mit Opfern heute
für Vorteile morgen einher gehen.
Präsident Clinton hat wiederholt über die Schwierigkeit und die Bedeutung von überzeugender Kommunikation über schwierige wirtschaftspolitische Entscheidungen und die Entwicklung von Unterstützung
hierfür gesprochen. In allen Ländern, aber besonders
in Ländern mit schwierigen Anpassungprozessen,
geht es dabei nicht nur darum, die Menschen davon
zu überzeugen, schwierige politische Entscheidungen
führten zu allgemeinen wirtschaftlichen Vorteilen in
der Zukunft, sondern auch darum, eine breitgefächerte
Verteilung der wirtschaftlichen Vorteile des Reformprogramms sicherzustellen - und daß dies auch
erkannt wird.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, in
denen ich auf die eine oder andere Art mit dem
globalen Finanzsystem zu tun hatte, glaube ich, die
wachsende Bewegung hin zu einer marktorientierten
Wrtschaftsstrategie und zu weltweiter wirtschaftlicher
Integration war für Milliarden von Menschen auf der
ganzen Welt - trotz der negativen Auswirkungen der
jüngsten Finanzkrise - von Vorteil. Wegen der
Wirtschaftskrise und ihrer Auswirkungen auf alle
unsere Länder erheben sich jedoch zunehmend
Stimmen gegen eine marktorientierte Wirtschaftspolitik und die globale Integration. Die Antwort liegt
nicht in der Aufgabe des marktorientierten Systems,
sondern in der Verfolgung einer Politik der Anpassung
an die für den wirtschaftlichen Erfolg so wesentliche
kontinuierliche dynamische Veränderung und in der
Ergreifung von Maßnahmen zur Reduzierung der
Systemrisiken.
Zur Erreichung dieser Ziele müssen wir uns einer
ganzen Reihe von Herausforderungen stellen, aber
heute möchte ich mich auf zwei konzentrieren. Zuerst
müssen wir die mit Offenheit für Veränderungen
einhergehende wirtschaftliche Entwurzelung ansprechen. Zweitens müssen wir den Aufbau des
internationalen Finanzsystems reformieren, um seine
Anfälligkeit für Krisen zu verringern und unsere
Reaktion auf Krisen zu verbessern.
Erstens, Offenheit für Veränderungen - durch Technologie, offene Märkte und flexible Arbeits- und Kapitalmärkte - ist absolut wesentlich für allgemeinen
Fortschritt bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und
eines erhöhten Lebensstandards. Aber Offenheit für
Veränderungen bringt auch zunehmend Entwurzelung
mit sich. Das ist die nicht zu vermeidende harte
Realität von Wandel und Fortschritt. Die konstruktive

Seite 2

Reaktion auf diese Realität ist, starke Programme zur
Ausstattung und Befähigung für den Erfolg der
Menschen in der Weltwirtschaft anzubieten - mit
Schwerpunkt auf den von Entwurzelung betroffenen und wo erforderlich, ein soziales Sicherungsnetz zur
Verfügung zu stellen. Politisch gesehen ist das kein
einfacher Weg, ganz im Gegenteil. Aber es ist der
unumgängliche Weg für dauerhaftes Wachstum und
eine starke Wirtschaft.
Studien habe immer wieder gezeigt, daß offenere
Wirtschaftssysteme stärkeres Wachstum erfahren.
Erwähnenswert ist, daß die Vereinigten Staaten - die
für Handel und Veränderungen im Allgemeinen wohl
offenste große Volkswirtschaft der Welt - bei der
Schaffung von Arbeitsplätzen eine starke Leistung
verzeichnen können und in den letzten Jahren ein
Rekordtief bei der Arbeitslosigkeit erreicht haben nebenbei gesagt, müssen auch wir uns in Zukunft
sicherlich wichtigen eigenen Fragen stellen.
Die destruktive Reaktion auf diese harte Realität wäre,
entweder das Problem der Entwurzelung zu ignorieren
- was zugleich wirtschaftliche Verschwendung und
politische Unvernunft bedeutete - oder sich durch
Begrenzung der technologischen Entwicklung,
Abschottung von Märkten oder Verringerung der
Flexibilität der Arbeits- und Kapitalmärkte gegen
Veränderungen zu entscheiden. Bestenfalls ist dies
der Weg zu wirtschaftlicher Stagnation und immer
weiterem Zurückfallen in der Weltwirtschaft.
Ein in letzter Zeit zunehmend unterstützter Vorschlag
ist die Auferlegung von Kontrollen für Kapitalabfluß.
Diese Art der Kapitalkontrollen mag kurzfristig von
Vorteil sein, aber überwiegend zeigt die Erfahrung,
daß sie das Wachstum mit der Zeit verlangsamen,
Investitionen aus dem Ausland abschrecken, immer
reduzierter anzuwenden sind und oft als Ersatz für
Reformen genutzt werden. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung für die ihre Wirtschaft den
globalen Kapitalflüssen öffnenden Länder, die angemessene makroökonomische Politik zu verfolgen
und die Finanz- und Rechtssysteme sowie die anderen Grundlagen einer marktgestützten Wirtschaft
einzurichten. Diese beiden Dinge müssen Hand in
Hand gehen.
Der Druck, die Marktöffnung für Handel zu verringern,
ist sogar noch größer und gefährlicher für das wirtschaftliche Wohlergehen der Weltwirtschaft. Man
muß nur an die Auswirkungen des Smoot-Hawley
Gesetzes und den Abwertungswettlauf in den dreißiger Jahren denken.
Es besteht heute fast weltweit die Tendenz, die
Vorteile von Exporten in den Himmel zu loben und die
Vorzüge von Importen zu ignorieren oder sie sogar
herabzusetzen. Und das führt zu einer verzerrten

AMERIKA DIENST 03

�Handelspolitik.
Für den Verbraucher bedeuten
orientierten Wirtschaftssystems zu stellen haben - der
Importe niedrigere Preise und mehr Auswahl; für den
Reform der internationalen Finanzarchitektur. Die
Hersteller bedeuten sie niedrigere Preise und mehr
internationale Gemeinschaft hat sich in den letzten 18
Auswahl, was zur Schaffung von mehr Arbeitsplatzen
Monaten stark darauf konzentriert, wie die Anfälligkeit
und höheren Löhnen, mehr Wettbewerb und Produktides marktgestützten Wirtschaftssystems für finanzielle
vität, und aus all diesen Gründen zu niedrigerer
Instabilität verringert und die Reaktion auf eventuelle
Inflation und niedrigeren Marktzinsen führen sollte. Im
Krisen verbessert werden kann. Diese HerausÜbrigen ist Handel kein Nullsummenspiel, sondern forderung stellt uns vor sehr komplexe Fragen, und
von gegenseitigem Vorteil. Die erhöhte Effizienz
wie schon bei der Bewältigung der momentanen Krise
aufgrund der Spezialisierung eines Landes, wo es den gibt es keine Wundermittel oder einfache Antworten.
größten komparativen Vorteil hat, erhöht den LebensWir müssen diese Angelegenheit mit großer analytistandard für alle.
scher Strenge und zweckgerichteter Ernsthaftigkeit
angehen und den vollen Umfang der Auswirkungen
eines
jeden zu prüfenden Vorschlags sondieren.
Zur weltweiten Maximierung der wirtschaftlichen
Vieldiskutierte
Reformen, die oberflächlich attraktiv
Vorteile des Handels und zum Erhalt der politischen
erscheinen,
werfen
bei sorgfältiger Prüfung oft
Unterstützung für offene Märkte müssen die Länder
ernsthafte
Fragen
auf,
für die es momentan keine
sich fairen Handelspraktiken unterwerfen. In den
guten
Antworten
gibt.
Vereinigten Staaten haben wir uns offenen Märkten
verschrieben, aber wir bestehen auch auf der Durchsetzung unserer Handelsgesetze, nicht nur zu unseBeispielsweise wurde vorgeschlagen, Länder, die
rem eigenen Vorteil, sondern auch zur Förderung des
bestimmte politische Kriterien erfüllen, schon vorher
effizientesten Welthandelssystems.
für internationale Unterstützung im Fall einer Krise
auszuwählen. Oberflächlich gesehen scheint diese
Idee als Motivation für eine starke Politik ex ante sehr
Während Importe genau wie Exporte zu wirtschaftliattraktiv, und es scheint durchaus lohnenswert, nach
chem Wohlstand beitragen, besteht die eigenständige
einer funktionierenden Variante zu suchen, aber
doch sachverwandte Frage der Handelsungleichgezunächst müssen eine Reihe von schwierigen Problewichte. Die Vereinigten Staaten haben ein großes
men gelöst werden, nämlich: Identifizierung von
und wachsendes Handelsbilanzdefizit, während
Qualifikationskriterien mit ausreichend verläßlicher
Europa und Japan große und stabile oder wachsende
Vorhersagbarkeit; Ansprechen der Frage des moral
Handelsbilanzüberschüsse verzeichnen. Die relativen
hazard oder was zu tun ist, sollte sich ein Land nicht
Wachstumsraten haben sicherlich etwas damit zu tun,
mehr qualifizieren und der Umgang mit Ländern, die
aber es ist fast unmöglich, sich der Schlußfolgerung
sich nicht im Voraus qualifizieren, in denen jedoch
zu entziehen, die Vereinigten Staaten hätten sich der
finanzielle Probleme mit Risiken für das System
Aufnahme von Exporten aus Ländern, die versuchen,
entstehen.
sich von der Wirtschaftskrise zu erholen, einfach mehr
geöffnet. Das internationale System kann das durch
Ebenso könnte es reizvoll sein, wie einige vorgeschlaUnterschiede in Wachstum und Öffnung entstandene
gen haben, ein Frühwarnsystem für die glaubwürdige
große Ungleichgewicht zwischen den Vereinigten
und verläßliche Reduzierung oder Verhütung von
Staaten und seinen Haupthandelspartnern in den
Krisen durch vorherige Warnung zu entwickeln.
Industrieländern nicht auf Dauer tragen. Wir können
Nichts in meinen 26 Jahren an der Wall Street oder
durch weitere Stärkung unserer Grundsätze und durch
meinen sechs Jahren in der Regierung weist auf eine
die Erhöhung unserer viel zu niedrigen Sparrate zum
für ein solches System auch nur entfernt ausreichend
Ausgleich beitragen. Was wir nicht tun werden, ist,
verläßliche Fähigkeit zur Vorhersage hin. Außerdem
unsere Währung als handelspolitisches Instrument
könnte die Frühwarnung selbst genau die Instabilität
mißbrauchen.
und sogar die Panik hervorrufen, die ein solches
System verhindern soll.
Die anderen Industrieländer können behilflich sein,
indem sie durch den Abbau formeller und informeller
Ich nehme an, wir sind uns alle über die UnannehmHandelsbarrieren Maßnahmen für eine höhere Rate
barkeit des Status quo und die Notwendigkeit wesentBinnennachfrage gesteuerten Wachstums ergreifen.
licher Veränderungen einig. Meiner Ansicht nach
Wenn jedes Industrieland seinen Beitrag leistet, würde
sollten sich diese Veränderungen auf die fünf folgendas Ungleichgewicht in den Leistungsbilanzen der
Industrieländer verringert, die Aufnahme von Exporten den Gebiete konzentrieren.
aus den nach Gesundung strebenden Entwicklungsländern angemessener verteilt und der Wohlstand
Erstens ist der vielleicht wichtigste Faktor für Entwickweltweit gestärkt werden.
lungsländer bei der Krisenprävention die Entwicklung
und Verfolgung einer soliden Politik. Dies könnte
vielleicht durch die Ausarbeitung eines Kodex internaIch komme nun zur zweiten großen Herausforderung,
tional bewährter Praktiken für Finanzpolitik, Finanzder wir uns zur Bewahrung und Stärkung des markt-

AMERIKA DIENST 03

Seite 3

�Sektorenpolitik, Transparenz und andere wichtige
Gebiete des Wirtschaftsmanagements unterstützt
werden. Aber die vielleicht sogar größere Herausforderung ist die Schaffung von Anreizen zur Annahme dieser Praktiken durch die Länder. Offenlegung und Marktdisziplin sind wahrscheinlich die
wirkungsvollsten Kräfte - wenn die Märkte sich selbst
diszipliniert verhalten - aber es gibt vielleicht noch
andere Möglichkeiten, Länder zu einer soliden Politik
zu ermutigen. Hierzu gehören die internationale
Überwachung der nationalen Regulatoren, höhere
Kapitalstandards für Bankkredite an Länder mit einer
weniger soliden Politik und höhere Kapitalanforderungen für Länder mit weniger soliden Banksystemen.
Im Übrigen glaube ich zwar an die Fähigkeit der
internationalen Gemeinschaft, allgemeine Kriterien für
eine erfolgreiche Volkswirtschaft identifizieren und in
einigen Fällen sogar kodifizieren zu können; dies muß
jedoch mit Feingefühl für die Unterschiede zwischen
Staaten und in der Erkenntnis getan werden, daß
verschiedene Länder die gleichen Grundsätze unterschiedlich umsetzen. Wir müssen unsere Heterogenität respektieren.
Zweitens müssen wir mit Blick auf die Kapitalgeber
Maßnahmen zur Reduzierung der Unbeständigkeit
von Kapitalflüssen entwickeln. Als die Situation in
Korea Ende 1997 das Ausmaß einer Krise annahm,
war ich entsetzt, nicht aber überrascht zu erfahren,
wie wenig einige Gläubiger über das Land und seine
Banken, denen sie so viel Geld geliehen hatten, zu
wissen schienen. Und genau das Gleiche geschah
den Gläubigern im Debakel um die LTCM-Risikofonds.
Aufgrund meiner eigenen Erfahrung - und viele unter
Ihnen haben ähnliche Erfahrungen gemacht - glaube
ich, es liegt in der Natur der Märkte - und letztlich
wahrscheinlich in der menschlichen Natur, da Märkte
zumindest kurz- und mittelfristig von menschlicher
Psychologie gesteuert werden - in anhaltend guten
Zeiten immer unvorsichtiger bei der angemessenen
Analyse und Abwägung von Risiken zu werden. Dies
wird manchmal Ertragsstreben genannt. Das führt zu
Exzessen und genau das geschah den Interbankgläubigern und Investoren im Zusammenhang mit
Entwicklungsländern. Es war diese Wechselwirkung
zwischen Exzessen und makroökonomischen sowie
Strukturproblemen in den Entwicklungsländern, die zu
einer so schweren Krise führte.
Ich könnte noch hinzufügen, daß seit Ausbruch der
Krise wahrscheinlich das Gegenteil geschieht - eine
Überbewertung des Risikos durch Gläubiger und
Schuldner und ein unangebrachter Rückzug des
Kapitals aus Entwicklungsländern. Wir brauchen
Mechanismen, die zu einer angemessenen Risikobewertung in guten Zeiten führen; die Verringerung von
Exzessen in Boomjahren wird aller Wahrscheinlichkeit

Seite 4

nach das Ausmaß einer Rezession reduzieren. Die
momentan bekannten Möglichkeiten beinhalten
verbesserte Regulierungsinstrumente für das Risikomanagement, Änderungen der Kapitalstandards der
Banken für eine akkuratere Einschätzung der eingegangenen Risiken und eine verbesserte Offenlegung
der Risiken von Gläubigern aus Industrieländern und
Investoren für eine größere Marktdisziplin ihrer
eigenen Kapitalquellen. Wir müssen auch weiterhin
nach zusätzlichen Maßnahmen in diesem Bereich
suchen.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang kurz auf
die Disproportionalität zu sprechen kommen. Die
Disproportionalität ist in den letzten Monaten innerhalb
des internationalen Finanzsystems beträchtlich
zurückgegangen, und das macht das Finanzsystem
heute wahrscheinlich sicherer als vorigen Sommer.
Ohne etwas im Voraus verurteilen zu wollen - es
scheint mir angebracht, diese ganze Sache der
Disproportionalität noch näher zu untersuchen. Ein
ähnliches Thema sind die Risikofonds. Ich glaube
nicht, daß sie ein wesentlicher Faktor in der Finanzkrise waren, ihre Aktivitäten können jedoch durchaus
in einigen Fällen eine Zeitlang zur Verstärkung der
Marktbewegungen beigetragen haben. Ich bin der
Meinung, man muß die Frage der Risikofonds ansprechen - aber als Teil einer umfassenderen Prüfung
der Finanzinstitutionen im Allgemeinen im Zusammenhang mit der Disproportionalität, dem angemessenen
Ausmaß vorbeugender Bestimmungen, Risikomanagement und Offenlegung.
Drittens brauchen wir wirkungsvollere Mittel für die
Bewältigung von Krisen, wenn sie entstehen. Die
internationale Finanzgemeinschaft hat eine Reihe von
begrenzten aber nützlichen Schritten zur besseren
Ausstattung des IWF für die Krisenbewältigung
unternommen, einschließlich der von der G-7 vorgeschlagenen Sicherungsfazilität und der bereits
bestehenden Fazilität für zusätzliche Rücklagen.
Viele schlagen ein Vorgehen über diese Schritte
hinaus vor zur Schaffung einer letzten Refinanzierungsmöglichkeit durch den IWF, verschiedene
öffentliche und private Versicherungsmechanismen
oder eine Art Vorqualifizierungsverfahren, wie ich es
bereits erwähnte. Letzten Endes werden sicherlich in
einigen dieser Bereiche Mechanismen entwickelt
werden, aber aus den bereits von mir in Zusammenhang mit der Vorqualifizierung genannten Gründen
scheint bisher kein Vorschlag die aufgeworfenen
Fragen annähernd zu beantworten.
Der Privatsektor muß aus zwei Gründen einen
angemessenen Teil der Krisenlast tragen, aufgrund
der Bedenken bezüglich des moral hazard - die
Ansicht, daß Gläubiger die Konsequenzen der von
ihnen eingegangen Risiken tragen sollten, wenn die
Kapitalmärkte effektiv funktionieren sollen - und weil

AMERIKA DIENST 03

�es nie genügend öffentliche Mittel für die Bewältigung
der Krisen der riesigen Märkte von heute geben wird.
Die Frage, wie dies zu erreichen sei, ist allerdings
außerordentlich schwierig, einschließlich der Frage,
wie man die Gefahr der Auslösung eines antizipatorischen Kapitalrückzugs aus einem Krisenland und
allgemeiner aus Wachstumsmärkten möglichst gering
halten kann. Außerdem muß jeder Vorschlag das
Prinzip, daß Kreditgeber des Privatsektors für die
Konsequenzen ihrer Handlungen verantwortlich sind
mit dem Prinzip in Einklang bringen, daß Kreditnehmer verantwortlich für das Zahlen ihrer Schulden sind,
sollen die Gläubiger auch in Zukunft zur Kreditvergabe
bereit sein. Die Weitfinanzmärkte werden Kapital zu
weniger als Strafraten nur innerhalb eines Systems
mit strengen Auflagen zur Einhaltung der Verpflichtungen und hohen Strafen für deren Nichteinhaltung zur
Verfügung stellen.
Viertens ist da die Frage vernünftiger Wechselkurssysteme. Für die wichtigsten Währungen bedeutet
dies meiner Ansicht nach die Freigabe der Wechselkurse mit Unterstützung einer soliden Politik. Zielvorgaben und ähnliche Maßnahmen sind kein Ersatz
für ein solides politisches Grundgerüst und leiden
unter dem Mangel, eher zyklisch als antizyklisch zu
sein und dadurch negative wirtschaftliche Entwicklungen eher noch zu verstärken als ihnen entgegenzuwirken. Um Winston Churchills berühmte Äußerung
über Demokratie zu paraphrasieren: Das System

verdienen unsere volle Unterstützung. Ebensowenig
glaube ich an die Tragfähigkeit eines marktorientierten
Wirtschaftssystems und einer gesun-

den Weltwirtschaft ohne entschiedene Schritte
gegen die sich auf der ganzen Welt offenbarenden
gewaltigen Einkommensunterschiede innerhalb und
zwischen Nationen.
Zur Erreichung aller dieser Gestaltungsziele - bei der
Definition wie auch der Umsetzung von Politik müssen wir effektive Maßnahmen für eine Annäherung der Volkswirtschaften von Industrie- und
Entwicklungsländern finden.
Abschließend möchte ich anmerken, daß ich 26 Jahre
in der Welt des Handels verbracht und, wie viele von
Ihnen auch, die Entwicklung der heutigen globalen
Finanzmärkte und der Weltwirtschaft erlebt habe. Die
letzten sechs Jahre habe ich in der Regierung verbracht, zunächst im Weißen Haus und dann im
Finanzministerium der Vereinigten Staaten, in enger
Zusammenarbeit mit anderen amerikanischen Regierungsstellen und Kollegen auf der ganzen Welt bei
den schwierigen politischen Fragen der Weltwirtschaft

Ich glaube, ein marktorientiertes Wirtschaftssystem
und weltweite wirtschaftliche Integration sind fraglos
am vielversprechendsten für die Menschen dieser
Welt und den Alternativen deutlich vorzuziehen.
freigegebener Wechselkurse ist das schlimmste
Ebenfalls fraglos ist meiner Ansicht nach allerdings,
mögliche System, mit Ausnahme aller anderen. Für
daß unbehinderte Märkte ihrem Wesen nach nicht die
die Entwicklungsländer ist das Problem sehr viel
beste Lösung für alle Anforderungen sein können und
komplizierter; Systeme mit festen oder freien Wechdaß uns, wenn wir ein sein Potential erfüllendes
selkursen waren in verschiedenen Ländern untermarktgestütztes System wollen, enorme Herausschiedlich erfolgreich, und ich nehme an, es wird in
forderungen bevorstehen. Wir müssen diese Aufgabe
den nächsten Jahren viele Debatten und innovative
mit großer Ernsthaftigkeit hinsichtlich der Zielsetzung
Erkenntnisse zu dieser Thematik geben.
Aber
und mit der der Vielschichtigkeit der Herausforderunungeachtet des Systems ist letzten Endes wieder das
gen
angemessenen umfassenden Analyse angehen.
solide politische Grundgerüst der Schlüssel.
Was jetzt getan werden kann, müssen wir so schnell
Fünftens müssen wir unsere Bürger besser befähigen, wie möglich umsetzen und bei den großen vor uns
liegenden Themen weiterhin zusammenarbeiten.
an dem Wachstum und Wohlstand der Weltwirtschaft
Dies wird zweifellos uns alle - im Privatsektor und in
teilzuhaben. Das bedeutet nicht nur eine Stärkung der
der
Regierung, in den Entwicklungs- und den Indusozialen Sicherung für die Bedürftigsten und die
strieländern
- eine ganze Zeitlang beschäftigen.
Förderung von Mindestarbeitsnormen auf der ganzen
Wenn
wir
uns
all diesen großen Herausforderungen
Welt, sondern auch eine beachtliche Steigerung von
stellen,
können
wir uns zu einer starken Weltwirtschaft
Investitionen in Bildung und Gesundheitswesen, um
mit
sehr
viel
weniger
Instabilität und einer breitgefäallen unseren Bürgern die Mittel für wirtschaftlichen
cherten
Aufteilung
der
Vorteile entwickeln.
Erfolg an die Hand zu geben. Die Weltbank und die
anderen multilateralen Entwicklungsbanken sind bei
der Verfolgung dieser Ziele stark engagiert und Vielen Dank.

* *

AMERIKA DIENST 03

* *

*

Seite 5

�UMWELT

24.Februar 1999

Konferenz von Buenos Aires erreicht
die wichtigsten diplomatischen Ziele
Eine Übersicht

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht des Außenministeriums über die
Klimakonferenz in Buenos Aires vom Dezember 1998.

Überblick
Bei einer vom 2.-13. November 1998 in Buenos Aires
(Argentinien) abgehaltenen Konferenz vereinbarten
die Parteien der Rahmenkonvention der Vereinten
Nationen über den Klimawandel einen zweijährigen
Aktionsplan, um die in dem historischen KyotoProtokoll festgelegte ehrgeizige Tagesordnung
voranzubringen. Das Protokoll verpflichtet Industrienationen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen, die den meisten Wissenschaftlern zufolge für die
Erderwärmung verantwortlich sind und sieht innovative, marktgestützte Instrumente für die Erlangung
dieser Reduzierungen vor.
Die Konferenz von Buenos Aires (auch bekannt als
die "Vierte Sitzung der Konferenz der Parteien" oder
"COP-4) erzielte auch einen Durchbruch bei der Frage
der Beteiligung von Entwicklungsländern an internationalen Bestrebungen zur Bewältigung des Klimawandels. Argentinien gab als erstes Entwicklungsland
seine Absicht bekannt, ein bindendes Emissionsziel
für die Zeit von 2008-2012 festzusetzen. Kasachstan
erklärte, daß es das ebenfalls beabsichtige.
Während der Konferenz von Buenos Aires unterzeichneten die Vereinigten Staaten am 12. November 1998
das Kyoto-Protokoll bei den Vereinten Nationen in
New York. Die Unterzeichnung bekräftigt die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zur Zusammenarbeit mit anderen Nationen, um die ehrgeizigen
Umweltziele des Protokolls zu erreichen und gewährleistet eine andauernde starke Rolle der Vereinigten
Staaten bei in Kyoto nicht gelösten Fragen. Die
Unterzeichnung erlegt den Vereinigten Staaten keine

AMERIKA DIENST 03

Verpflichtung zur Umsetzung des Kyoto-Protokolls
auf. (Das Protokoll kann ohne die Genehmigung des
US-Senats für die Vereinigten Staaten nicht bindend
werden.) Der Präsident wird das Protokoll dem USSenat zur Genehmigung nicht ohne wesentliche
Beteiligung der wichtigsten Entwicklungsländer an den
Bestrebungen zur Bewältigung des Klimawandels
vorlegen.

Hintergrund
Im Dezember 1997 erzielten rund 160 Länder in Kyoto
ein historisches Abkommen zur Reduzierung der
Treibhausgasemissionen in dem Bestreben, die
Erderwärmung zu bekämpfen - eine der größten
umweltpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Das Kyoto-Protokoll enthält bindende Emissionsziele
für Industrienationen - 8 Prozent unter den Emissionsobergrenzen von 1990 für die Europäische Union, 7
Prozent für die Vereinigten Staaten und 6 Prozent für
Japan - sowie amerikanische Vorschläge für flexible,
marktgestützte Maßnahmen zur Sicherstellung, daß
diese Ziele kostengünstig erreicht werden können.
Die wichtigsten marktgestützten Bestimmungen sind:
Internationaler Handel mit Emissionszertifikaten zwischen Nationen mit Emissionszielen. Im Rahmen eines Emissionshandelsregimes können Länder oder Unternehmen, die eine Reduzierung der Emissionen relativ teuer finden, zusätzliche Emissionseinheiten von den Verursachern mit
mehr Einheiten als sie benötigen kaufen, (weil

Seite 1

�sie bereits ihre Ziele erreicht und Einheiten
übrig haben). Der Emissionshandel ermutigt
Reduzierungen, wo sie zu den geringsten
Kosten erzielt werden können, wodurch die
Welt für jeden verfügbaren Dollar, Euro oder
Yen die höchsten Treibhausgasreduzierungen
bekommt.
Der Mechanismus für saubere Entwicklung
(Clean Development Mechanism - CDM).
Die Industrienationen können Zertifikate für
Emissionsreduzierungen aus Projekten in
Entwicklungsländern nutzen, die zur Einhaltung der Reduzierungsziele für Treibhausgase beitragen.
Gemeinsame Umsetzung in den Industrienationen. Länder mit Emissionszielen können durch gemeinsame projektbezogene
Emissionsreduzierungen in anderen solchen
Ländern einen Bonus für ihre Emissionsziele
erhalten. Das Protokoll enthält zusätzliche
Elemente der Flexibilität:
Emissionsziele müssen über einen fünfjährigen Verpflichtungszeitraum erreicht
werden. Der erste Verpflichtungszeitraum ist
2008-2012. Die durchschnittliche Verteilung
der Emissionen über einen Verpflichtungszeitraum trägt dazu bei, kurzfristige Fluktuationen aufgrund von Wirtschaftsleistung oder
Wetter auszugleichen. Da den Unternehmen
ein Jahrzehnt vor dem Beginn des bindenden
Zeitraums zur Verfügung steht, haben sie
mehr Zeit für den Übergang zu größerer
Energieeffizienz und/oder besseren Kohletechnologien.
Emissionsziele beziehen die sechs wichtigsten Treibhausgase ein. Dies bietet
einen umfassenderen Umweltschutz sowie
zusätzliche Flexibilität für Staaten und Unternehmen zur Erreichung ihrer Ziele.
Kohlenstoff absorbierende Tätigkeiten, wie
beispielsweise das Pflanzen von Bäumen,
können als Ausgleich für die Emission von
Treibhausgasen genutzt werden. Diese
sogenannten "Kohlenstoffsenken" fördern
Aktivitäten wie Aufforstung, Wiederaufforstung und verbesserte Praktiken zum Schutz
des Forstes und der Landwirtschaft.
Zusammenfassung des Erreichten
Aktionsplan von Buenos Aires
Indem sie einen Aktionsplan mit einer Frist für die
Entwicklung von Schlüsselaspekten des Arbeits-

Seite 2

rahmens des Kyoto-Protokolls erwirkten, erreichten
die Vereinigten Staaten in Buenos Aires eines ihrer
vorrangigsten diplomatischen Ziele.
Die Parteien beschlossen mit dem Aktionsplan von
Buenos Aires bis zum Ende des Jahres 2000 Entscheidungen über eine Reihe von Schlüsselfragen zu
treffen, darunter:
•

Regeln und Leitlinien für die marktgestützten
Mechanismen von Kyoto (z.B. Handel mit
Emmissionszertifikaten, gemeinsame Umsetzung und der Mechanismus für saubere
Entwicklung);

•

Regeln und Verfahren für die Einhaltung,
einschließlich Konsequenzen bei Nichteinhaltung;
Entwicklung und Weitergabe von saubereren,
umweltfreundlichen Technologien und

•

Berücksichtigung der negativen Auswirkungen des Klimawandels und Gegenmaßnahmen.

Der Aktionsplan für die Umsetzung der marktgestützten Mechanismen von Kyoto beinhaltet eine Liste von
den Parteien aufgeworfener kritischer funktioneller
Fragen, nämlich:
•

Transparenz bei der Überwachung
Transfers von Emissionseinheiten;

des

•

Risikozuweisung beim Handel mit Emissionszertifikaten und

•

Mess-, Berichts- und Überprüfungsfragen.

Die Parteien beschlossen, die Pilotphase der gemeinsamen Umsetzung der Aktivitäten zur Emissionsreduzierung und der Kohlenstoffsenken fortzuführen.
Dies bietet besonders den am wenigsten entwickelten
Ländern und den kleinen Inselstaaten zusätzliche
Möglichkeiten, Projekte zu entwickeln und Erfahrung
zu sammeln, um sich umfassender an dem Mechanismus zur sauberen Entwicklung des Protokolls
beteiligen zu können.
Kohlenstoffsenken
Zusätzlich zu dem Aktionsplan von Buenos Aires
einigten sich die Parteien darauf, ein Verfahren zur
Definition, Messung und Überprüfung verschiedener
Kategorien von Kohlenstoffsenken in Gang zu setzen
und beauftragten die zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimawandel (International
Panel on Climate Change - IPCC) - ein internationales
Gremium von über 2000 weltweit führenden Klimawis-

AMERIKA DIENST 03

�senschaftlern und Experten - mit einer umfassenden
Studie über Landnutzung, Veränderungen der Landnutzung und forstwirtschaftliche Aktivitäten.
Als Teil dieses Verfahrens akzeptierten die
Parteien das Angebot der Vereinigten Staaten
im Frühjahr 1999 einen Workshop über
zusätzliche Kategorien von Kohlenstoffspeichern auszurichten, wie beispielsweise
die durch verbesserten Schutz und Bewirtschaftung der Wälder, der landwirtschaftlichen Nutzfläche und des Weidelands entstandenen.
Nach Fertigstellung des IPCC-Berichts im
Frühjahr 2000 werden die Parteien in der
Lage sein, bei der nächsten Konferenz der
Parteien weitere Entscheidungen über Umfang und Nutzung der Kohlenstoffsenken, wie
im Protokoll vorgesehen, zu treffen.
Entwicklung der Länderbeteiligung
Argentinien gab am 11. November als erstes Entwicklungsland seine Absicht bekannt, ein bindendes
Emissionsziel für den Zeitraum 2008-2012 zu verabschieden. Kasachstan folgte am nächsten Tag mit
einer ähnlichen Verpflichtung. Die Frage der Beteiligung von Entwicklungsländern am Protokoll ist von
einer Lösung weit entfernt. Diese Ankündigungen
zeigen jedoch eine deutliche Verlagerung der Grundlagen der internationalen Debatte.
Die Ankündigungen Argentiniens und Kasachstans
stellen eine neue Herausforderung für die Parteien
dar. Das Protokoll sieht momentan keine freiwilligen

* *

AMERIKA DIENST 03

Verpflichtungen der Staaten bezüglich bindender
Emissionsziele vor. Bei zukünftigen Konferenzen
müssen daher im Protokoll Mittel und Wege zur
Vereinfachung der noch stärkeren Beteiligung von
Entwicklungsländern gefunden werden. Eine Möglichkeit wäre eine das Protokoll bei Inkrafttreten ändernde
Zusatzvereinbarung.
Auch auf anderen Gebieten konnte in Buenos Aires
ein vergrößertes Engagement der Entwicklungsländer
verzeichnet werden. Ein erwähnenswertes Beispiel
war das zunehmende Interesse der lateinamerikanischen und afrikanischen Länder an dem Mechanismus für saubere Entwicklung - eine der marktgestützten Vorkehrungen des Protokolls - welcher
Anreize für Investitionen in Projekte für saubere
Technologien vorsieht.
Der Klimawandel ist ein globales Problem, das eine
globale Lösung erfordert. Eine signifikante Beteiligung
wichtiger Entwicklungsländer bleibt deshalb ein
vorrangiges Anliegen der Vereinigten Staaten. Die
Regierung wird die Presse in diesem Bereich weiterhin auf diplomatischem Wege breitgefächert informieren.
Engagement des Privatsektors
Eine weitere ermutigende Entwicklung in Buenos
Aires war die aktive Beteiligung des Privatsektors.
Unternehmensvertreter nahmen an zwei Diskussionsrunden über Kyoto-Mechanismen und Technologietransfer teil. Vertreter des Privatsektors werden auch
künftig die Möglichkeit haben, an internationalen
Tagungen über Klimawandel teilzunehmen.

* *

*

Seite 3

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 25.02.1999</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Das neue strategische Verteidigungskonzept &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Cohen&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine stabile ESVI wird Europa und die NATO stärken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Alexander Vershbow&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rubin sieht Notwendigkeit für politischen Willen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Finanzminister Rubin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konferenz von Buenos Aires erreicht die wichtigsten diplomatischen Ziele&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht&lt;/em&gt;</text>
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