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                    <text>amcrika&#13;
dienet&#13;
&#13;
Herausgeber: U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States ot America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
04&#13;
&#13;
i&#13;
&#13;
WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
21. Februar 1996&#13;
&#13;
WIRTSCHAFTSBERICHT DES PRÄSIDENTEN&#13;
Clinton optimistisch bezüglich Wirtschaftslage&#13;
&#13;
USA-EUROPA&#13;
&#13;
AMERIKAS ENGAGIERTE FUHRUNGSROLLE&#13;
IST ENTSCHEIDEND&#13;
von Botschafter Richard Holbrooke&#13;
&#13;
POLITISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE&#13;
FOLGERUNGEN DER OSTÖFFNUNG EUROPAS&#13;
AUS AMERIKANISCHER SICHT&#13;
von Robert L. Earle&#13;
&#13;
ABRÜSTUNG&#13;
&#13;
USA LEHNEN STICHTAG FÜR BESEITIGUNG&#13;
VON NUKLEARWAFFEN AB&#13;
Rede von Botschafter Stephen Ledogar&#13;
&#13;
WAHLEN '96&#13;
&#13;
MEINUNGSUMFRAGEN, PROBEABSTIMMUNGEN, WAHLWERBUNG UND VORWAHLEN&#13;
Mitteilungen zur amerikanischen Politik&#13;
&#13;
DATENAUTOBAHN&#13;
&#13;
CLINTON: NUTZUNG VON TECHNOLOGIE FÜR&#13;
EINE BESSERE ZUKUNFT&#13;
Rede des Präsidenten vor Nil-Rat&#13;
&#13;
RIAS&#13;
&#13;
FORDERUNG DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN VERSTÄNDIGUNG&#13;
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.&#13;
Nähere Informationen erhalten Sie bei der&#13;
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft&#13;
unter den unten angegebenen Adressen.&#13;
Tel. 0228 - 339 23 72&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
Fax 0228 - 33 31 38&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Internet bbsbonn@usia.gov&#13;
&#13;
�WIRTSCHAFT&#13;
21.Februar 1996&#13;
&#13;
Wirtschaftsbericht des Präsidenten&#13;
Clinton optimistisch bezüglich Wirtschaftslage&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - In dem am 14. Februar 1996 veröffentlichten Bericht des Präsidenten an den Kongreß&#13;
stellte Clinton fest, die amerikanische Wirtschaft sei "die stärkste und wettbewerbsfähigste" der Welt und seine&#13;
Administration werde weiterhin darauf hinarbeiten, die wirtschaftliche Sicherheit aller Amerikaner zu verbessern.&#13;
Der Wirtschaftsbericht des Präsidenten wird dem Kongreß jedes Jahr zusammen mit einem von den&#13;
Wirtschaftsberatern des Präsidenten ausgearbeiteten ausführlicheren und detaillierteren Dokument vorgelegt.&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wirtschaftsbericht des Präsidenten im Wortlaut.&#13;
&#13;
An den Kongreß der Vereinigten Staaten:&#13;
Vor fünfzig Jahren verabschiedete der Kongreß das&#13;
Beschäftigungsgesetz von 1946, das Präsident&#13;
Truman unterzeichnete. Das Gesetz verpflichtete die&#13;
amerikanische Regierung zur Förderung von Maßnahmen, die auf die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für alle Amerikaner abzielten. Ich bin&#13;
stolz, daß meine Administration die Verpflichtung von&#13;
Präsident Truman Realität werden ließ.&#13;
In den&#13;
vergangenen drei Jahren haben wir eine solide&#13;
Wirtschaftsgrundlage geschaffen, um uns den Herausforderungen des 2 1 . Jahrhunderts zu stellen.&#13;
Starke Wirtschaftsleistung&#13;
Insgesamt gesehen ist die amerikanische Wirtschaft&#13;
gesund und stark. In den ersten drei Jahren der&#13;
Amtszeit dieser Administration wurden nahezu acht&#13;
Millionen Arbeitsplätze geschaffen, 93 Prozent davon&#13;
im Privatsektor. Der sogenannte "Leidensindex" - die&#13;
Summe von Inflations- und Arbeitslosenrate - fiel im&#13;
vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit&#13;
1968. Die Investitionen sind in die Höhe geschnellt&#13;
und legen die Basis für künftiges höheres Wirtschaftswachstum. Es gibt neue Unternehmenszusammenschlüsse in Rekordzahl, und die Exporte von in den&#13;
Vereinigten Staaten hergestellten Waren nahmen&#13;
rasch zu. Wir haben die stärkste und wettbewerbs-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
fähigste Wirtschaft der Welt - und ihre Grundlagen&#13;
sind solider als in den letzten drei Jahrzehnten.&#13;
Dieser Umschwung erfolgte aufgrund der harten Arbeit&#13;
und Erfindungsgabe des amerikanischen Volkes.&#13;
Viele der neuen Arbeitsplätze sind im Dienstleistungssektor entstanden und hochbezahlt - und spiegeln&#13;
damit die sich wandelnde Struktur der Wirtschaft&#13;
wider. Die Telelkommunikations-, Biotechnologie- und&#13;
Softwareindustrien führen weltweit die High-TechRevolution an. Herkömmliche Industrien wie der&#13;
Fertigungsbereich und das Baugewerbe wurden&#13;
umstrukturiert und verwenden jetzt Technologien und&#13;
Innovationen am Arbeitsplatz, um erneut zu prosperieren und Arbeitsplätze zu schaffen. In den Jahren&#13;
1994 und 1995 waren die Vereinigten Staaten beispielsweise wiederum der größte Autohersteller der&#13;
Welt.&#13;
Unser Wirtschaftsplan für 1993 ebnete den Weg für&#13;
diese Wirtschaftsexpansion und diesen Aufschwung,&#13;
indem er einen historischen Defizitabbau gesetzlich&#13;
verankerte und gleichzeitig in Technologie und Bildung&#13;
investierte. Seit über einem Jahrzehnt halten zunehmende Haushaltsdefizite die Zinssätze hoch und&#13;
hemmen Investitions- sowie Produktionswachstum.&#13;
Heute ist unser Defizit proportional das niedrigste aller&#13;
führenden Volkswirtschaften.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Unsere Herausforderung besteht jetzt darin sicherzustellen, daß alle Amerikaner Gewinner beim Wirtschaftswandel werden - daß unser Volk die Qualifikationen und die Sicherheit hat, das Beste aus seinem&#13;
Leben zu machen. Aber gerade die Explosion von&#13;
Technologie und Handel, die solch außergewöhnliche&#13;
Chancen schafft, setzt die Arbeitnehmer auch neuem&#13;
Druck aus. In den vergangenen zwanzig Jahren&#13;
stagnierten die Einkommen der Mittelklasse, und&#13;
unsere einkommensschwächsten Familien mußten&#13;
zusehen, wie ihre Einkommen sich verringerten. Das&#13;
sind langfristige Trends, und drei Jahre solider&#13;
Wirtschaftsmaßnahmen können ein Jahrzehnt der&#13;
Vernachlässigung nicht korrigieren. Dennoch fangen&#13;
wir an, Fortschritte zu machen: Das reale Durchschnittseinkommen pro Familie nahm 1994 um 2,3&#13;
Prozent zu, und die Zahl der Armen war im Jahr 1994&#13;
zum ersten Mal seit fünf Jahren niedriger.&#13;
Bewältigung&#13;
forderungen&#13;
&#13;
unserer wirtschaftlichen Heraus-&#13;
&#13;
Ich bin fest entschlossen, unsere wirtschaftlichen&#13;
Herausforderungen anzusprechen und die wirtschaftliche Sicherheit aller Amerikaner zu verbessern.&#13;
Menschen, die hart arbeiten, müssen wissen, daß sie&#13;
eine Chance haben, in unserer neuen und sich&#13;
wandelnden Wirtschaft zu gewinnen. Unsere wirtschaftliche Tagsordnung versucht sowohl Wachstum&#13;
zu fördern als auch die Früchte dieses Wachstums in&#13;
greifbare Nähe aller Amerikaner zu rücken. Unsere&#13;
generelle Strategie ist einfach:&#13;
Haushaltsausgleich. In den 12 Jahren vor meiner&#13;
Amtsübernahme schnellte das Haushaltsdefizit&#13;
explosionsartig in die Höhe und die Staatsverschuldung vervierfachte sich. Meine Administration hat das&#13;
Haushaltsdefizit bereits um die Hälfte reduziert. Ich&#13;
bin entschlossen, unser steuerliches Haus in Ordnung&#13;
zu bringen. Ich habe einen Plan vorgeschlagen, der&#13;
den Haushalt in sieben Jahren ausgleicht ohne unsere&#13;
grundlegenden Werte anzutasten - ohne Medicare,&#13;
Medicaid, das Bildungswesen oder den Umweltschutz&#13;
zu beschneiden und ohne die Steuern für Arbeitnehmerfamilien zu erhöhen. Die von meiner Administration und den Republikanern im Kongreß vorgelegten&#13;
Pläne enthalten insgesamt genügend Ausgabenkürzungen, um den Haushalt auszugleichen und dennoch&#13;
eine bescheidene Steuersenkung einzuführen. Ich&#13;
habe mich dem amerikanischen Volk gegenüber&#13;
verpflichtet, für einen ausgeglichenen Haushalt zu&#13;
sorgen.&#13;
Vorbereitung der Arbeitnehmer durch Bildung und&#13;
Ausbildung. In der neuen Volkswirtschaft ist Bildung&#13;
der Schlüssel zu Chancen. Die als Kind in der Schule&#13;
erhaltene Bildung reicht nicht mehr ein Leben lang&#13;
aus. Meine Administration hat ein System für lebenslanges Lernen geschaffen, damit Amerikaner Schulen&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
mit hohem Standard besuchen können, Unterstützung&#13;
für den Collegebesuch oder den Wechsel von der&#13;
Schule zum Arbeitsplatz sowie Bildung und Ausbildung im gesamten Verlauf ihrer Karriere erhalten.&#13;
Wir haben Head Start für Vorschulkinder erweitert; das&#13;
Gesetz Goals 2000 erlassen, mit dem hohe Standards&#13;
für Schulen eingeführt werden; ein neues Kreditprogramm für Studenten geschaffen, das jungen&#13;
Menschen die Aufnahme und Rückzahlung von&#13;
Krediten für den Collegebesuch erleichtert; wir haben&#13;
50.000 jungen Menschen die Möglichkeit geboten, die&#13;
Collegegebühren durch einen Sozialdienst in der&#13;
Gemeinde zu verdienen und das Gesetz über Chancen beim Wechsel von der Schule zum Arbeitsplatz&#13;
verabschiedet. Jetzt müssen wir unserem Volk die&#13;
benötigten Qualifikationen bieten, indem wir meinem&#13;
Vorschlag gesetzlich verankern, die ersten 10.000&#13;
Dollar der Collegegebühren steuerlich absetzbar zu&#13;
machen, den besten fünf Prozent der Studenten an&#13;
jeder High School ein Stipendium in Höhe von 1.000&#13;
Dollar zu gewähren und das Gl-Gesetz für Arbeitnehmer zu erlassen, mit dem das bestehende Ausbildungssystem für Arbeitnehmer durch einen flexiblen&#13;
Voucher ersetzt wird, den Arbeitnehmer für den&#13;
Besuch eines Gemeindecollege oder anderer Ausbildungseinrichtungen verwenden können.&#13;
Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherheit. Wir&#13;
müssen den Amerikanern die erforderliche Sicherheit&#13;
geben, um in der neuen Volkswirtschaft prosperieren&#13;
zu können. Wir können dies durch eine Reform der&#13;
Krankenversicherung tun, die den Amerikanern die&#13;
Chance zum Kauf einer Versicherung bietet, wenn sie&#13;
den Arbeitsplatz wechseln oder wenn ein Familienmitglied krank ist. Wir können dies tun, indem wir Firmen&#13;
ermutigen, eine umfassendere Rentenversicherung&#13;
bereitzustellen, wie ich bei meinen Vorschlägen zu&#13;
einer Vereinfachung des Rentensystems dargelegt&#13;
habe. Darüber hinaus sollte sich die Arbeit bezahlt&#13;
machen, indem der Mindestlohn angehoben und der&#13;
volle Einkommensteuerfreibertrag beibehalten wird,&#13;
der Steuererleichterungen für einkommensschwache&#13;
Familien vorsieht um sicherzustellen, daß Vollzeit&#13;
beschäftigte Eltern ihre Kinder nicht in Armut erziehen&#13;
müssen.&#13;
Schaffung hochbezahlter Arbeitsplätze durch&#13;
Technologie und Exporte. Wir müssen weiterhin&#13;
das Wachstum von Industrien ermutigen, die die&#13;
hochbezahlten Arbeitsplätze der Zukunft schaffen&#13;
werden. Wir haben die jahrzehntealten Telekommunikationsgesetze reformiert, um die digitale Revolution&#13;
anzuheizen, die unsere Lebensweise weiterhin&#13;
verändern wird. Wir müssen nach wie vor Exporte&#13;
ermutigen, da man an einem durch den Export von&#13;
Waren geschaffenen Arbeitsplatz durchschnittlich 13&#13;
Prozent mehr verdient als an anderen. Meine Administration hat über 200 Handelsabkommen abgeschlossen, darunter das Nordamerikanische Frei-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�handelsabkommen und die Uruguay-Runde des&#13;
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens, und strebt&#13;
damit einen offenen Weltmarkt und faire Regeln für&#13;
Exporteure amerikanischer Waren und Dienstleistungen an. Infolgedessen haben die Exporte von Fertigwaren um 31 Prozent zugenommen.&#13;
&#13;
platz und die pharmazeutische Industrie reformiert,&#13;
um die Bürokratie abzubauen ohne den Schutz der&#13;
Öffentlichkeit zu beeinträchtigen. Und wir werden&#13;
weiterhin neue, marktorientierte Wege zum Schutz der&#13;
Öffentlichkeit finden.&#13;
Die Notwendigkeit zu Kontinuität&#13;
&#13;
Eine Regierung, die schlanker ist, effektiver&#13;
arbeitet und weniger kostet. Eine neue Volkswirtschaft erfordert eine neue Regierung. Das Zeitalter&#13;
der großen, zentralisierten, für alles zuständigen&#13;
Regierungen ist vorüber. Die Antwort ist jedoch nicht&#13;
der vollständige Abbau der Regierung. Wir müssen&#13;
vielmehr die Lösung unserer Probleme durch flexible,&#13;
nichtbürokratische Mittel anstreben - und die Zusammenarbeit mit Unternehmen, religiösen Gruppen,&#13;
Bürgerorganisationen, Schulen sowie bundesstaatlichen und Kommunalverwaltungen. Meine Administration hat die Regierung verschlankt: Die Anzahl der&#13;
Bundesbediensteten als Prozentsatz der nicht in der&#13;
Landwirtschaft zivilen Beschäftigten ist die geringste&#13;
seit 1933 vor dem New Deal. Wir haben eine gründliche Überarbeitung von Bundesvorschriften vorgenommen und schaffen insgesamt 16.000 Seiten&#13;
veralteter oder unnötiger Regeln ab. Wir haben&#13;
Bestimmungen für die Umwelt, Sicherheit am Arbeits-&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
Wie der Jahresbericht der Wirtschaftsberater klarstellt,&#13;
ist dies ein Augenblick großer Chancen für unser&#13;
Land. Unsere Wirtschaft ist die gesündeste aller&#13;
führenden Volkswirtschaften. Kein Land der Welt ist&#13;
besser in der Lage, die Früchte des neuen Zeitalters&#13;
zu ernten. Unsere Strategie des Defizitabbaus und&#13;
der Investitionen in unser Volk fängt an, Erfolge zu&#13;
zeitigen. Es wäre ein schwerer Fehler, eine Umkehr&#13;
zu vollziehen.&#13;
Unsere Nation muß der Versuchung widerstehen, sich&#13;
ihrer Verantwortung zu entziehen oder zu engstirnigen, kurzsichtigen Lösungen für langfristige Probleme&#13;
zurückzukehren. Wenn wir weiterhin auf lange Sicht&#13;
investieren, werden wir der nächsten Generation eine&#13;
Nation hinterlassen, in der es noch mehr Chancen gibt&#13;
als heute.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�USA-EUROPA&#13;
21. Februar 1996&#13;
&#13;
Amerikas engagierte Führungsrolle ist entscheidend&#13;
für die Sicherung des Friedens&#13;
von Botschafter Richard Holbrooke&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel basiert auf einer Rede, die Botschafter Holbrooke kürzlich im&#13;
National Press Club in Washington gehalten hat.&#13;
&#13;
Die außergewöhnlichen Entwicklungen der vergangenen Monate in Bosnien haben uns erneut die&#13;
wichtigste Lektion dieses Jahrhunderts vor Augen&#13;
geführt: Amerikas engagierte Führungsrolle ist&#13;
entscheidend für die Sicherung von Frieden und&#13;
Wohlstand auf der Welt. Als Abteilungsleiter für&#13;
europäische und kanadische Angelegenheiten im USAußenministerium hatte ich das Privileg, eine&#13;
bescheidene Rolle bei den entschiedenen Aktionen&#13;
der Clinton-Administration in Bosnien zu spielen, die&#13;
den Unterschied zwischen Krieg und Frieden&#13;
bewirkten. In Kürze werde ich mein Amt aufgeben und&#13;
tue dies mit tief empfundenem Dank an die&#13;
engagierten amerikanischen Diplomaten Robert&#13;
Frasure, Joseph Kruzel und Nelson Drew, die ihr&#13;
Leben bei dem Versuch ließen, Frieden nach Bosnien&#13;
zu bringen.&#13;
Ich bin der festen Überzeugung, daß engagierte,&#13;
präventive Diplomatie der beste Ansatz nicht nur in&#13;
Bosnien, sondern zu einem Dutzend, vielleicht sogar&#13;
Hunderten von großen und kleinen Problemen sind,&#13;
die mit dem Ende des Kalten Krieges wieder auftraten.&#13;
Bei dem jüngsten Streit zwischen Griechenland und&#13;
der Türkei über eine kleine Insel in der Ägäis wurden&#13;
mir Vorträge über die Protokolle von 1932 gehalten,&#13;
die ein Zusatz zu dem Vertrag von 1923 sind und sich&#13;
auf den von beiden Ländern unterzeichneten Vertrag&#13;
von Versailles beziehen. Es handelt sich um dasselbe&#13;
Problem, mit dem wir uns im Hinblick auf Ungarn und&#13;
seine beiden Nachbarländer - die Slowakei auf der&#13;
einen und Rumänien auf der anderen Seite - befassen.&#13;
Diese Länder wissen, wie stark wir uns für die Lösung&#13;
dieser Probleme engagieren, die ebenfalls aus dem&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
ungelösten Vermächtnis der Verträge von Trianon und&#13;
Versailles herrühren.&#13;
Ferner haben wir die&#13;
engagierten Bestrebungen des Präsidenten und der&#13;
Administration in Nordirland, die dramatische&#13;
Ergebnisse bei einer weiteren althergebrachten&#13;
Feindschaft hervorbrachten, die überwunden werden&#13;
muß.&#13;
Und natürlich die Bestrebungen des&#13;
Außenministers im Nahen Osten, die ebenfalls auf&#13;
Grenzen zurückzuführen sind, die nach dem Ersten&#13;
Weltkrieg gezogen wurden.&#13;
Bei all diesen Problemen können wir kontinuierlich&#13;
Raum für eine amerikanische&#13;
Führungsrolle&#13;
ausmachen. Manchmal erfordert dies Ressourcen.&#13;
Bei sehr seltenen Gelegenheiten wird es manchmal&#13;
erforderlich, Amerikaner einem Risiko auszusetzen wie in Bosnien. Die meiste Zeit erfordert es jedoch&#13;
moralische, politische und diplomatische Führung,&#13;
manchmal - wie bei der Pendeldiplomatie im Falle&#13;
Bosniens - unterstützt von Luftangriffen der NATO, die&#13;
absolut entscheidend waren. Die Führungsrolle des&#13;
Präsidenten, die bei all den von mir gerade erwähnten&#13;
Problemen vorhanden war, plus - wenn nötig - die&#13;
Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt, bewirken etwas.&#13;
Manchmal erfordert dies über das militärische&#13;
hinausgehende Ressourcen, und hier werden wir mit&#13;
dem schwierigsten Aspekt unserer Politik konfrontiert den Haushaltsengpässen. In den vierziger Jahren der letzten Periode, die meines Erachtens&#13;
einigermaßen mit der Zeit verglichen werden kann, in&#13;
der wir heute leben - waren die Vereinigten Staaten&#13;
bereit, einen enormen Teil ihres Bruttosozialprodukts&#13;
aufzuwenden. In den Jahren 1947 und 1948 flössen&#13;
16 Prozent des Bundeshaushalts in die Auslandshilfe.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Das entsprach ungefähr fünf Prozent des&#13;
Bruttosozialprodukts. Das können wir nicht mehr&#13;
aufbringen, und deswegen müssen die Europäer,&#13;
Japaner und andere eine größere Rolle übernehmen.&#13;
Wir benötigen jedoch mehr Unterstützung für unsere&#13;
Politik vom Kongreß als wir erhalten haben,&#13;
insbesondere im Hinblick auf nichtmilitärische&#13;
Ressourcen an Orten wie Bosnien.&#13;
Mit oder ohne sie werden wir aber eine stark&#13;
engagierte Administration beim Versuch einer&#13;
präventiven, aktiven Diplomatie bleiben. Das kann&#13;
man an den Reisen des Außenministers vergangene&#13;
Woche nach Zagreb, Belgrad, Sarajevo und Tuzla, in&#13;
den Nahen Osten und dann nach Helsinki zu seinem&#13;
ersten offiziellen Treffen mit dem russischen&#13;
Außenminister Jewgeni Primakow sehen.&#13;
Ich möchte mich nochmals Bosnien zuwenden: Das&#13;
Friedensabkommen von Dayton war die dramatischste&#13;
Verhandlung dieser Art in der Geschichte. Die&#13;
militärische Seite der Vereinbarungen funktioniert&#13;
außerordentlich gut. Im ganzen Land haben sich die&#13;
Soldaten aller drei ethnischen Gruppen hinter die in&#13;
Dayton&#13;
auf&#13;
der&#13;
Karte&#13;
gezogenen&#13;
Linien&#13;
zurückgezogen. Im großen und ganzen versuchen&#13;
sie, uns beim Aufspüren der Landminen behilflich zu&#13;
sein, die die größte Bedrohung der Sicherheit der&#13;
NATO- und IFOR-Truppen darstellen.&#13;
Auf der zivilen Seite ist die Gleichung komplizierter.&#13;
Die Vereinbarungen von Dayton waren sehr ehrgeizig,&#13;
und auch wenn wir nicht alles erreichen können, was&#13;
sie enthalten, lohnt sich der Versuch immer noch. Die&#13;
wichtigsten Stichtage sind erst Mitte März. Der zivile&#13;
Teil des Abkommens von Dayton wird der Testfall für&#13;
unseren Erfolg oder unser Scheitern, nicht der&#13;
militärische Teil. Damit Dayton als Erfolg und nicht nur&#13;
als Höhepunkt unserer guten Absichten bezeichnet&#13;
werden kann, muß die Umsetzung des zivilen Teils&#13;
Erfolg haben.&#13;
Ich habe bereits die knappen Ressourcen und den&#13;
Widerstand des Kongresses in diesem Bereich&#13;
erwähnt. Die Besorgnis des Kongresses in Zeiten von&#13;
Haushaltsengpässen ist verständlich.&#13;
Aber das&#13;
nationale Interesse der Vereinigten Staaten steht in&#13;
Bosnien auf dem Spiel. Wir müssen Erfolg haben. Wir&#13;
müssen nicht nur für Frieden in der Region Erfolg&#13;
haben - und der Frieden ist endlich in diese&#13;
krisengeschüttelte Region gekommen - wir müssen&#13;
aus sehr viel tieferliegenden Gründen Erfolg haben,&#13;
die den Kern der nationalen Interessen der Vereinigten&#13;
Staaten berühren.&#13;
Die Zukunft der NATO hängt stark von dem ab, was in&#13;
Bosnien geschieht.&#13;
Die Zukunft der amerikanisch-russischen Beziehungen&#13;
wird zutiefst davon betroffen sein, weil zum ersten Mal&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
seit über 50 Jahren russische Truppen direkt einem&#13;
amerikanischen&#13;
Kommando&#13;
unterstehen.&#13;
Verteidigungsminister Perry und sein russischer&#13;
Amtskollege Gratschow erzielten eine Vereinbarung,&#13;
die die Russen direkt dem Kommando des Obersten&#13;
Alliierten Befehlshaber Europa, General George&#13;
Joulwan, unterstellt.&#13;
Die Deutschen haben 4.000 Soldaten nach Kroatien&#13;
entsandt und unterhalten Transporte zwischen&#13;
Deutschland und Bosnien - wiederum ein historisches&#13;
Novum seit 1945, das wir begrüßen. Wir können den&#13;
Frieden nicht ohne einen deutschen Beitrag sichern.&#13;
Dasselbe gilt für Japan.&#13;
Die Franzosen unter&#13;
Präsident Chirac haben einen historischen Wandel in&#13;
ihrer Haltung gegenüber der NATO vollzogen,&#13;
kommen Schritt für Schritt zur integrierten&#13;
Kommandostruktur zurück und nehmen eine Umkehr&#13;
der Politik vor, die 1966 unter General de Gaulle&#13;
begann. Auch sie haben hier eine entscheidende&#13;
Komponente.&#13;
Über die NATO, Rußland, Deutschland und Frankreich&#13;
hinaus stellt sich uns die Frage der künftigen Rolle&#13;
Amerikas in der Welt bei der Friedenssicherung und&#13;
der künftigen Rolle des amerikanischen Militärs. So&#13;
viel hängt vom Erfolg in Bosnien ab. Der Testfall wird&#13;
jedoch nicht die militärische, sondern die zivile Seite&#13;
sein.&#13;
Werden im Sommer erfolgreich Wahlen&#13;
abhalten, wie es das Abkommen von Dayton fordert?&#13;
Sie müssen international überwacht werden. Werden&#13;
die Flüchtlinge zurückkehren können? Wird man die&#13;
Anordnungen des Kriegsverbrechertribunal vollständig&#13;
einhalten?&#13;
Wir haben einen erstaunlichen Anfang gemacht. Wer&#13;
hätte im Sommer vergangenen Jahres vorauszusagen&#13;
gewagt, daß der serbische Präsident Slobodan&#13;
Milosevic eine Eskorte mit einem amerikanischen&#13;
Abteilungsleiter&#13;
des&#13;
Außenministeriums&#13;
nach&#13;
Srebrenica senden würde, um den Ort der&#13;
schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 zu&#13;
besichtigen? Es ist nicht nur geschehen - unser&#13;
Abteilungsleiter für Menschenrechte, John Shattuck,&#13;
konnte sogar die Orte besichtigen, die er wollte und&#13;
wie er wollte.&#13;
Die internationale Polizei gibt Anlaß zu großer Sorge.&#13;
Sie wird in einem der 11 in Dayton ausgehandelten&#13;
Zusatzartikel gefordert. Sie ist nicht stark genug und&#13;
läßt eine Lücke in der Kette zwischen der IFOR und&#13;
der örtlichen Polizei, die in vielen Fällen keine Polizei&#13;
ist. Wir müssen einen Weg zur Stärkung der Polizei&#13;
finden. Abteilungsleiter Gelbard im Außenministerium&#13;
arbeitet aktiv an dieser Angelegenheit.&#13;
Dieses und eine Vielfalt anderer Probleme müssen&#13;
erfolgreich gelöst werden, denn unsere Termine&#13;
stehen fest. Die IFOR-Truppen werden in ungefähr&#13;
einem Jahr abziehen. Wenn es uns nicht gelingt, in&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�dieser Zeit Frieden in die Region zu bringen, wäre es&#13;
auch nicht gut, weitere Jahre dort zu bleiben.&#13;
Meines Erachtens werden die Historiker auf den&#13;
Herbst 1995 als zukunftsweisende Periode in der&#13;
Gestaltung der amerikanischen Außenpolitik in der Zeit&#13;
nach dem Kalten Krieg zurückblicken. Aber im&#13;
Gegensatz zur letzten vergleichbaren Periode in der&#13;
amerikanischen Außenpolitik von 1947 bis 1949&#13;
wissen wir nicht, wie sie enden wird.&#13;
Das Ergebnis unserer Bestrebungen in Bosnien wird&#13;
das, was anderorts geschieht, weit mehr beeinflussen,&#13;
als man sich klar macht. Einige Amerikaner glauben,&#13;
das Problem Bosnien sei vom übrigen Europa&#13;
getrennt. Sie haben unrecht. Ein instabiles Europa&#13;
würde wesentliche nationale Interessen der&#13;
Vereinigten Staaten bedrohen. Die Bosnienpolitik muß&#13;
- weil sie jetzt bedauerlicherweise aber zwangsläufig&#13;
unsere Politik in Europa bestimmen muß - Erfolg&#13;
haben.&#13;
Wir werden entscheidende Themen wie die ungarischslowakischen, ungarisch-rumänischen, rumänischukrainischen Probleme und vor allem unsere&#13;
Beziehungen zu den Russen auf dem Weg zu&#13;
historischen Wahlen nicht ignorieren. All diese Fragen&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
sind von Bedeutung. Aber all diese Fragen werden&#13;
direkt oder indirekt vom Erfolg oder Scheitern am&#13;
Boden in Bosnien im kommenden Jahr beeinflußt.&#13;
Unserer Ansicht nach war das Abkommen von Dayton&#13;
das beste, das wir erzielen konnten, auch wenn es&#13;
weit davon entfernt ist, perfekt zu sein. Wir haben uns&#13;
dazu verpflichtet.&#13;
Wir bitten die amerikanische&#13;
Öffentlichkeit&#13;
und&#13;
den&#13;
Kongreß&#13;
um&#13;
ihre&#13;
uneingeschränkte Unterstützung, weil es so wichtig ist.&#13;
Wie Außenminister Christopher nach seinem Treffen&#13;
mit den amerikanischen Truppen in Tuzla sagte,&#13;
müssen wir ihre Anstrengungen und ihr Opfer&#13;
würdigen, indem wir alles in unserer Macht Stehende&#13;
tun, um das Versprechen von Frieden für dieses&#13;
krisengeschüttelte Land zu erfüllen.&#13;
Der Tod des ersten amerikanischen Soldaten in&#13;
Bosnien vor nahezu zwei Wochen erfüllte sowohl die&#13;
Befürworter als auch die Gegner der Mission unserer&#13;
Truppen auf dem Balkan als Teil der IFOR - der&#13;
internationalen Friedenstruppe unter der Führung der&#13;
NATO - mit Trauer. Die Interessen haben sich jedoch&#13;
nicht verlagert - es würde nur einen höheren Preis&#13;
bedeuten, wenn wir uns heute abwenden.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�USA-EUROPA&#13;
21. Februar 1996&#13;
&#13;
Politische und wirtschaftliche Folgerungen der&#13;
Ostöffnung Europas aus amerikanischer Sicht&#13;
von Robert L. Earle&#13;
&#13;
STUTTGART - (AD) - Der Gesandte-Botschaftsrat für öffentliche Angelegenheiten bei der Botschaft der&#13;
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland hielt am 14. Februar 1996 nachfolgende&#13;
Rede vor dem Bundeswehrkommando 51 in Stuttgart.&#13;
&#13;
Sehr geehrte Damen und Herren,&#13;
Sie haben mich eingeladen, ein Thema zu behandeln,&#13;
das große politische Aufmerksamkeit in den Vereinigten Staaten genießt. Unser Verhältnis zu den&#13;
Staaten Osteuropas und Rußlands hat nach dem&#13;
Ende des Kalten Krieges einen bemerkenswert&#13;
positiven Verlauf genommen. Das Ende der ideologisch bedingten Auseinandersetzung mit der Sowjetunion hat nicht nur große Genugtuung ausgelöst, weil&#13;
die Wertvorstellungen der westlichen Staatengemeinschaft bestätigt wurden, sondern auch weil wir die&#13;
große Chance erhielten, ein neues Beziehungsgeflecht aufzubauen, das sich durch partnerschaftlichen Umgang und vertrauensvolle Zusammenarbeit&#13;
auszeichnet.&#13;
Das Thema sieht eine Trennung in einen politischen&#13;
und einen ökonomischen Teil vor. Beide Teile sind&#13;
allerdings nicht voneinander zu trennen. Wenn wir&#13;
nur den jüngsten Besuch des russischen Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin Ende Januar in&#13;
Washington betrachten, zeigt sich, daß politische&#13;
Fragen nicht ohne deren ökonomische Bedeutung zu&#13;
lösen sind.&#13;
Die amerikanische Unterstützung für&#13;
einen weiteren Kredit des Internationalen Währungsfonds in Höhe von neun Milliarden US-Dollar verdeutlicht, wie nachhaltig mein Land den Reformprozeß in&#13;
Rußland zu fördern versucht. Finanzhilfen sind nicht&#13;
nur ökonomisch sinnvoll, sondern stellen zugleich ein&#13;
politisches Instrument dar, Rußland die westliche&#13;
Unterstützung auf seinen Reformkurs zu signalisieren.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
Erfreulich ist, daß die russisch-amerikanischen&#13;
Beziehungen einen Grad der Normalität erreicht&#13;
haben, der noch vor einigen Jahren undenkbar&#13;
gewesen wäre. Natürlich hat sich meine Regierung&#13;
besorgt über die Ergebnisse der Wahlen zur Duma&#13;
gezeigt; umso wichtiger war dieses bilaterale Treffen,&#13;
in dem wir eine Fortsetzung der Wirtschaftsreform in&#13;
Rußland begrüßten.&#13;
Die Entwicklung von einer Planwirtschaft zu einer&#13;
Marktwirtschaft ist ein schwieriges Unterfangen. Allen&#13;
Beobachtern der russischen Volkswirtschaft ist schon&#13;
lange klar, daß internationale Unterstützung durch den&#13;
Weltwährungsfonds, die Weltbank und die westlichen&#13;
Industriestaaten auch weiterhin erforderlich ist.&#13;
Unsere Unterstützung darf auch dann nicht nachlassen, wenn das russische Volk seine demokratischen&#13;
Rechte in Anspruch nimmt und Parteien legitimiert, die&#13;
andere alternative Reformansätze verfolgen. Die&#13;
Belastungen der russischen Bevölkerung durch die&#13;
Wirtschaftsreform schlagen sich in deren Wahlverhalten nieder.&#13;
Dies ist zwar bedauerlich, aber&#13;
nichtsdestotrotz nachvollziehbar und durchaus verständlich.&#13;
Die jüngsten Beratungen mit dem russischen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin waren aus unserer&#13;
Sicht zweckmäßig und unterstrichen die erfolgreiche&#13;
Entwicklung guter bilateraler Beziehungen.&#13;
Im&#13;
Bereich der wirtschaftlichen und technischen Zusammenarbeit wurden Vereinbarungen getroffen, die&#13;
sich von neuen Raumfahrtprojekten über den Kauf von&#13;
15.000 Tonnen schwach angereichertem Uran aus&#13;
verschrottenten Atomwaffen bis zu Kooperations-&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�abkommen zwischen mittelständischen Unternehmen&#13;
erstrecken. Gerade die Zusammenarbeit von Wirtschaftsunternehmen, die Sicherung von Arbeitsplätzen&#13;
und die Intensivierung des Handels trägt entscheidend&#13;
dazu bei, den Reformprozeß in Rußland unumkehrbar&#13;
zu machen.&#13;
Das Stichwort "Atomwaffen" ist gefallen. Es versteht&#13;
sich von selbst, daß eine politische Betrachtung der&#13;
Veränderungen in Rußland und Osteuropa nicht nur&#13;
die Demokratisierung der jeweiligen Staaten behandeln kann, sondern auch die neue sicherheitspolitische Lage berücksichtigen muß.&#13;
Mit dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus&#13;
Deutschland und den Staaten des Warschauer Pakts&#13;
sowie der vertragskonformen Durchführung der&#13;
Rüstungskontrollvereinbarungen über die Reduzierung konventioneller Streitkräfte hat sich die Sicherheitslage in Europa gravierend verbessert. Die&#13;
Ängste vor einem nuklearen Schlagabtausch sind&#13;
vergangen; die sicherheitspolitischen Fragestellungen&#13;
orientieren sich heute nicht mehr an der militärischen&#13;
"Hardware", sondern an der Sicherung militärischer&#13;
Einrichtungen, in denen atomare Waffen lagern, und&#13;
dem Aufbau neuer, vertrauensvoller Strukturen, die&#13;
Stabilität und Sicherheit in ganz Europa garantieren.&#13;
Mit dem Ende des Kalten Krieges fängt zwar eine&#13;
neue Zeitrechnung an, doch die militärischen wie auch&#13;
politischen Altlasten machen uns noch immer zu&#13;
schaffen. Die militärischen Altlasten sind und bleiben&#13;
eine Gefahr.&#13;
Mit der Ratifizierung des START IIAbkommens durch den amerikanischen Kongreß&#13;
Ende Januar sind zumindest von unserer Seite die&#13;
Schritte zu einer weiteren kontrollierten nuklearen&#13;
Abrüstung getan worden. Wie sie aus den Nachrichten erfahren haben, hat der russische Präsident&#13;
Jelzin angekündigt, noch vor den Präsidentschaftswahlen im Sommer der Duma den START-Vertrag zur&#13;
Ratifizierung vorzulegen. Das Abkommen sieht vor,&#13;
die Zahl der Nuklearraketen in den USA und Rußland&#13;
bis zum Jahr 2003 auf 3.500 beziehungsweise 3.000&#13;
abzubauen. Alle landgestützten Langstreckenraketen&#13;
mit Mehrfachgefechtsköpfen sollen abgebaut, die Zahl&#13;
der Sprengköpfe auf U-bootgestützten Raketen&#13;
begrenzt werden. Wir sind zuversichtlich, daß der&#13;
START Il-Vertrag demnächst vom russischen Parlament ratifiziert wird und der kontrollierte Abbau des&#13;
Nukleararsenals beginnen kann.&#13;
Prinzipiell befinden wir uns auf dem Weg von einer&#13;
strategischen Rivalität zu einer strategischen Kooperation, die die Weiterverbreitung von Atomwaffen,&#13;
Trägerraketen und modernen konventionellen Waffen&#13;
verhindern soll.&#13;
Eine grundsätzliche Übereinstimmung zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten&#13;
- was die militärische Sicherheit angeht - ist die&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Voraussetzung und Grundlage für den Aufbau einer&#13;
neuen stabilen Weltordnung.&#13;
Eine Weltordnung, die in der Lage ist, Probleme mit&#13;
globalen Dimensionen in den Griff zu bekommen.&#13;
Wenn wir nur unseren Blick auf Europa richten, dann&#13;
sind ethnische Konflikte, territoriale Auseinandersetzungen, Flüchtlingsbewegungen und die Bekämpfung&#13;
des Terrorismus einige der Herausforderungen, die wir&#13;
schwerlich alleine bewältigen können. Wenn wir dann&#13;
noch in andere Regionen der Welt blicken, sind die&#13;
Probleme ähnlicher Natur, werden aber durch Bevölkerungsexplosion, Armut, Hunger und fehlende&#13;
Bildung auch nicht leichter zu lösen. Ohne internationale Zusammenarbeit müßte die Staatengemeinschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts vor den&#13;
Herausforderungen kapitulieren. Deshalb begrüßen&#13;
wir die Ostöffnung ohne Vorbehalte und nutzen die&#13;
vielfältigen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Sie&#13;
ist wichtig, weil sie Sicherheit und Stabilität in Europa&#13;
gewährleistet, wo wir alle elementare Interessen&#13;
verfolgen.&#13;
Unsere Außenpolitik gegenüber den Staaten des&#13;
früheren Warschauer Pakts ist eindeutig: Wir möchten&#13;
diesen Staaten zu demokratischen und marktwirtschaftlichen Strukturen verhelfen, so daß sie eine&#13;
souveräne Politik betreiben können und ihr ökonomisches Potential einsetzen, um den Lebensstandard&#13;
ihrer Bürger anzuheben. Wir streben die Öffnung&#13;
unserer westlichen Institutionen für die ehemals&#13;
kommunistischen Länder an, die willens und bereit&#13;
sind, sich zu Demokratie und offenen Märkten zu&#13;
verpflichten. Wir arbeiten an einem neuen transatlantischen Rahmen für das 21. Jahrhundert.&#13;
Demokratie, freie Märkte und gegenseitige Sicherheit&#13;
sind dabei die grundlegenden Elemente einer dauerhaften internationalen Ordnung.&#13;
Amerikanische Wirtschaftsunternehmen leisten einen&#13;
erheblichen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung&#13;
dieser Staaten.&#13;
Jede Investition trägt dazu bei,&#13;
Arbeitsplätze zu schaffen, die Wirtschaft wachsen zu&#13;
lassen und den Wohlstand der Bevölkerung anzuheben. Je stabiler das Wirtschaftswachstum, je&#13;
größer die Konsummöglichkeiten breiter Bevölkerungsschichten, um so schneller wächst das Vertrauen&#13;
in die Demokratie.&#13;
Jede Investition reduziert die&#13;
Gefahr einer Rückkehr zu alten Verhältnissen.&#13;
Private Investitionen sind unseres Erachtens die&#13;
Triebkraft des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels in Osteuropa. Schon jetzt ist&#13;
dies eine Region mit einer Wachstumsrate, die sich an&#13;
die 5 Prozent annähert.&#13;
Bei über 120 Millionen&#13;
Konsumenten und einem Marktvolumen von 500&#13;
Milliarden Dollar kann man davon ausgehen, daß&#13;
innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Steigerung&#13;
auf 900 Milliarden Dollar zu verzeichnen ist. Struktu-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�relle Reformen&#13;
Wirkung.&#13;
&#13;
und&#13;
&#13;
Stabilitätspolitik&#13;
&#13;
zeigen&#13;
&#13;
also&#13;
&#13;
Doch selbst bei solchen Aussichten ist der Erfolg nicht&#13;
gesichert.&#13;
Gerade deshalb hat der Westen die&#13;
Verpflichtung, Reformkräfte zu stärken und geduldig,&#13;
aber nachdrücklich demokratische Prinzipien zu&#13;
verfechten. Dies ist ein langwieriger Prozeß - rasche&#13;
Ergebnisse werden nicht zu erzielen sein. Aber wie&#13;
sagt man hier: Auch Rom wurde nicht an einem Tag&#13;
erbaut.&#13;
Die amerikanische Regierung hat gegenüber den&#13;
Staaten Osteuropas sehr deutlich gemacht, daß es&#13;
darauf ankommt, Märkte zu öffnen und Marktbeschränkungen für ausländische Investoren aufzuheben. Das bedeutet aber auch, daß die Staaten&#13;
Osteuropas die Gelegenheit haben, ihre Waren auf&#13;
dem europäischen Markt abzusetzen. Die amerikanische Regierung setzt sich dafür ein, daß einige&#13;
dieser Länder in die Welthandelsorganisation aufgenommen werden.&#13;
Es ist deshalb auch nur folgerichtig, wenn die amerikanische Regierung die Aufnahme osteuropäischer Staaten in die Europäische&#13;
Union begrüßt.&#13;
Das wird zwar noch eine Weile&#13;
dauern, aber die klare Perspektive einer späteren&#13;
Teilhabe am europäischen Binnenmarkt motiviert die&#13;
politisch Verantwortlichen in Osteuropa.&#13;
Offene Märkte allein sind nicht ausreichend, um die&#13;
gesellschaftliche&#13;
Verwurzelung der&#13;
Demokratie&#13;
sicherzustellen.&#13;
Neben neuen rechtsstaatlichen&#13;
Verfassungen, einer unabhängigen Rechtssprechung&#13;
und Wahlen bedarf es aber auch kultureller Erneuerungen. Eine neue politische Kultur muß entstehen,&#13;
die sich die Gepflogenheiten demokratischer Prinzipien zu eigen macht.&#13;
Gewerkschaften sind da&#13;
ebenso zu nennen wie auch eine freie Presse. Eine&#13;
freie Presse ist ungemein wichtig, um gerade jenen&#13;
Kräften zu widerstehen, die eine Rückkehr zu den&#13;
alten Zeiten propagieren. Auch hier haben wir die&#13;
Aufgabe, durch den Austausch von Ideen, durch&#13;
Programme aller Art jene Entwicklungen zu födern, die&#13;
letztlich auf eine offene Gesellschaft abzielen.&#13;
Lassen Sie mich auf einen weiteren Aspekt hinweisen,&#13;
der das Interesse der amerikanischen Politik an einer&#13;
weiteren Demokratisierung und deren breiten Absicherung unterstreicht. Wir wissen natürlich, daß dieser&#13;
Prozeß lange dauern wird und auch die Grenzen einer&#13;
externen Beeinflußung eng gezogen sind.&#13;
Exemplarisch kann man dies an der gegenwärtigen Diskussion über die Erweiterung der NATO verfolgen. Hier&#13;
werden Diskrepanzen zwischen den NATO-Ländern&#13;
und Rußland deutlich.&#13;
Auf der einen Seite ist die NATO auf dem Weg, die&#13;
Aufnahme neuer Mitglieder vorzubreiten.&#13;
Auf der&#13;
anderen Seite wird von Rußland Kritik geäußert und&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
vor einer Erweiterung gewarnt. Die NATO hat keine&#13;
feindlichen Absichten gegenüber Rußland.&#13;
Im&#13;
Gegenteil, die Aufnahme neuer Mitglieder trägt ganz&#13;
entschieden dazu bei, die Stabilität und Sicherheit in&#13;
Europa zu erhöhen.&#13;
Dies liegt auch im Interesse&#13;
Rußlands.&#13;
Angesichts der intensiven militärischen&#13;
Zusammenarbeit, die im Laufe des letzten Jahres an&#13;
Dynamik gewonnen hat - ich darf nur daran erinnern,&#13;
daß schon amerikanische und russische Einheiten vier&#13;
Mal im letzten Jahr miteinander geübt und Manöver&#13;
durchgeführt haben - ist das NATO-Programm&#13;
"Partnerschaft für den Frieden" überaus erfolgreich.&#13;
Rußland beteiligt sich an diesem Programm, das&#13;
Elemente der Zusammenarbeit und Vertrauensbildung&#13;
beinhaltet und kann dadurch unmittelbare Erfahrungen&#13;
mit der Struktur des Bündnisses und dessen Zielsetzung machen.&#13;
Wir sind davon überzeugt, daß&#13;
Rußland früher oder später die Vorteile erkennt, die&#13;
mit einer NATO-Erweiterung einhergehen.&#13;
Verteidigungsminister Perry hat bei der Wehrkundetagung in München auf einen wichtigen Aspekt dieser&#13;
Diskussion hingewiesen, als er die Tatsache hervorhob, daß Rußland trotz Meinungsverschiedenheiten die militärische und politische Zusammenarbeit&#13;
aufrechterhält.&#13;
Und in der Tat hat die Zusammenarbeit Formen angenommen, die uns optimistisch&#13;
stimmen.&#13;
Die russische Beteiligung an der IFORFriedenstruppe in Bosnien funktioniert ohne Probleme.&#13;
Die NATO und russische Einheiten arbeiten Hand in&#13;
Hand. Ohne russische Unterstützung für den Friedensprozeß würden wir sicherlich nicht so rasch mit&#13;
der Umsetzung des Friedensplans von Dayton&#13;
vorankommen.&#13;
Wir wollen diese Zusammenarbeit mit Rußland nicht&#13;
gefährden.&#13;
Aber die NATO-Erweiterung ist unvermeidlich. Sie ist für die osteuropäischen Staaten&#13;
der Anreiz, elementare Reformen bei den Streitkräften&#13;
durchzuführen.&#13;
Reformen, die beispielsweise die&#13;
zivile Kontrolle des militärischen Apparates oder die&#13;
Offenlegung der Rüstungsausgaben und militärischen&#13;
Planungen erfordern.&#13;
Mit dem NATO-Kooperationsrat haben wir ein erstes&#13;
Instrument geschaffen.&#13;
Dazu kam das Programm&#13;
"Partnerschaft für den Frieden". Nun sind wir dabei,&#13;
die Bedingungen und Modalitäten eines Beitritts neuer&#13;
Mitglieder zu einem späteren Zeitpunkt zu erarbeiten.&#13;
Die Erweiterung der NATO ist für das reformierte&#13;
Bündnis kein leichter Schritt. Das Bündnis ist eine&#13;
ernsthafte Angelegenheit: Der NATO-Vertrag steht&#13;
nicht nur auf dem Papier.&#13;
Wir übernehmen keine&#13;
Verpflichtungen, wenn wir sie nicht auch einhalten&#13;
können. Infolgedessen muß die Erweiterung in erster&#13;
Linie auch vor den nationalen Parlamenten Bestand&#13;
haben. Der Bundestag wird eine Erweiterung ebenso&#13;
ratifizieren müssen wie der amerikanische Kongreß.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Des weiteren muß sichergestellt sein, daß wir als&#13;
NATO nicht nur Sicherheit exportieren. Die neuen&#13;
Mitglieder müssen ihren Teil dazu beitragen.&#13;
Es&#13;
versteht sich von selbst, daß die NATO keine Länder&#13;
aufnehmen wird, die territoriale Streitigkeiten mit ihren&#13;
Nachbarn haben.&#13;
Wie viele neue Mitglieder aufgenommen werden, steht&#13;
noch nicht fest. Fest steht allerdings, daß jedes Land&#13;
individuell aufgenommen wird. Wir werden darauf&#13;
achten, daß die Aufnahme nicht auf Kosten anderer&#13;
Länder vollzogen wird. Wir werden keine Grauzonen&#13;
enstehen lassen; es darf keine Pufferstaaten geben&#13;
und es dürfen keine Einflußzonen entstehen, denen&#13;
Staaten zugeordnet werden, die nicht in die NATO&#13;
aufgenommen werden. Der Beitritt zur NATO darf auf&#13;
keinen Fall die demokratischen Kräfte in den jeweiligen Ländern schwächen. Wir wollen keine neuen&#13;
Trennungslinien in Europa.&#13;
Deshalb ist es so wichtig, die internationale Zusammenarbeit im Rahmen der OSZE zu fördern und&#13;
auszubauen. Die OSZE ist ein wichtiges Instrument,&#13;
um politische, sicherheitspolitische und auch wirtschaftliche Fragestellungen aufzugreifen und zu&#13;
behandeln.&#13;
Die OSZE wird auch künftig ihren&#13;
besonderen Platz in dem Konzert der internationalen&#13;
Sicherheitsorganisationen haben und ihren Beitrag zur&#13;
Bewahrung des Friedens und der Freiheit sowie der&#13;
Bewältigung regionaler Konflikte leisten. Natürlich&#13;
dürfen wir nicht in unseren Anstrengungen nachlassen, die Organisation zu unterstützen und die Anerkennung und Respektierung vereinbarter Normen&#13;
und Verhaltensweisen zu fördern.&#13;
&#13;
Aus amerikanischer Sicht ist das Ende des Kalten&#13;
Krieges eine jener historischen Entwicklungen, die als&#13;
Zäsur in die Geschichte eingehen. Mit dem Ende der&#13;
kommunistischen Herrschaft über Osteuropa und&#13;
Rußland haben wir die Chance, unsere gemeinsame&#13;
Zukunft neuzugestalten. Und dieser Prozeß fängt zu&#13;
Hause an. Alle westlichen Industriestaaten stehen&#13;
vor den gleichen Herausforderungen: Die Staatsverschuldung muß eingeschränkt, die Arbeitslosigkeit&#13;
bekämpft, die Konjunktur gefördert und die staatlichen&#13;
Wohlfahrtsprogramme müssen überprüft werden.&#13;
Wenn Sie die Diskussion in den Vereinigten Staaten in&#13;
den letzten Monaten verfolgt haben, dann werden Sie&#13;
mit mir übereinstimmen: Diese Auseinandersetzung&#13;
zwischen republikanisch dominiertem Kongreß und&#13;
dem Präsidenten ist letztlich eine Folge der weltpolitischen Veränderungen seit dem Ende der achtziger Jahre.&#13;
Dennoch, die Vereinigten Staaten&#13;
verfolgen ihre außenpolitischen Ziele: Unser Einsatz&#13;
für einen Frieden im ehemaligen Jugoslawien, unser&#13;
Bemühen, die NATO zu erweitern, ohne das bilaterale&#13;
Verhältnis zu Rußland zu gefährden wie auch der&#13;
europäisch-amerikanische Dialog, den wir im November in Madrid vertieft haben, sind Belege für Amerikas&#13;
außenpolitisches Engagement.&#13;
Die Vereinigten&#13;
Staaten nehmen ihre Führungsrolle ernst und leisten&#13;
einen wichtigen Beitrag zur Integration Osteuropas&#13;
und Rußlands in das internationale System.&#13;
Vielen Dank!&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�ABRÜSTUNG&#13;
21. Februar 1996&#13;
&#13;
USA lehnen Stichtag für Beseitigung von&#13;
Nuklearwaffen ab&#13;
Rede von Botschafter Stephen Ledogar&#13;
&#13;
GENF - (AD) - Botschafter Stephen J. Ledogar, der amerikanische Vertreter bei der Genfer Abrüstungskonferenz&#13;
(Conference on Disarmament - CD) wies am 8. Februar 1996 den Vorschlag eines "zeitgebundenen Rahmens"&#13;
für die Beseitigung von Nuklearwaffen entschieden zurück.&#13;
In einer Rede vor der Genfer Abrüstungskonferenz forderte Ledogar das multilaterale Rüstungskontrollgremium&#13;
auf, sich auf die bevorstehende Arbeit zu konzentrieren: Die Aushandlung des Vertrags über ein umfassendes&#13;
Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) - der Kernversuche für alle Zeit beenden würde - und&#13;
die Konvention über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material zur weltweiten Verwendung in&#13;
Nuklearwaffen.&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Botschafter Ledogar.&#13;
&#13;
Herr Präsident,&#13;
in der vergangenen Woche haben Sie allen Teilnehmern der Genfer Abrüstungskonferenz eine Reihe von&#13;
Fragen über die Rolle der CD im Hinblick auf "nukleare Abrüstung" gestellt. Ich antwortete Ihnen bilateral,&#13;
aber ich glaube, Ihre Fragen - und ich nehme an,&#13;
meine Antworten - sind wichtig genug, um offiziell&#13;
ausführlich erörtert zu werden.&#13;
Alle bei der Genfer Abrüstungskonferenz vertretenen&#13;
Länder stimmen bezüglich der Notwendigkeit von&#13;
Diskussionen über nukleare Abrüstung überein, die&#13;
zum letzlichen Ziel einer von Nuklearwaffen freien Welt&#13;
führen könnte. Seit Jahrzehnten haben die Amerikaner die Bestrebungen zur nuklearen Abrüstung der&#13;
US-Regierung unterstützt, deren jüngstes Beispiel die&#13;
Ratifizierung des START Il-Vertrags ist. Der STARTVertrag führt zu äußerst einschneidenden Reduzierungen - nahezu 75 Prozent - der Nukleararsenale der&#13;
Russischen Föderation und der Vereinigten Staaten&#13;
sowie zur Verlegung aller Kernwaffen aus der Ukraine,&#13;
Kasachstan und Belarus.&#13;
Das Inkrafttreten von&#13;
START II wird in noch einschneidenderen Reduzierungen resultieren. Dennoch gibt es unter den CDStaaten unterschiedliche Meinungen, wo, mit welcher&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
Geschwindigkeit und wie umfassendere Bestrebungen&#13;
zur nuklearen Abrüstung am besten verfolgt werden&#13;
könnten.&#13;
Die Überprüfungs- und Verlängerungskonferenz für&#13;
den Nichtverbreitungsvertrag (NW) im Frühjahr&#13;
vergangenen Jahres führte zur unbegrenzten Verlängerung dieses Vertrags und war eine historische&#13;
Leistung für die gesamte Menschheit. Die Vereinigten&#13;
Staaten leiten ihre internationalen Verpflichtungen zur&#13;
nuklearen Abrüstung aus dem N W und dem NWProzeß her. Die Präambel und Artikel VI des N W&#13;
lauten: "Wünschen ... die Beseitigung von Nuklearwaffen und ihrer Trägersysteme aus den nationalen&#13;
Arsenalen gemäß einem Vertrag über allgemeine und&#13;
vollständige Abrüstung unter strikter und wirksamer&#13;
internationaler Kontrolle."&#13;
(Präambel, Absatz 12).&#13;
"Jede Vertragspartei verpflichtet sich, Verhandlungen&#13;
über wirksame Maßnahmen betreffend die Einstellung&#13;
des nuklearen Rüstungswettlaufs zu einem frühzeitigen Datum sowie betreffend nukleare Abrüstung&#13;
und einen Vertrag über allgemeine und vollständige&#13;
Abrüstung unter strikter und wirksamer internationaler&#13;
Kontrolle in gutem Glauben fortzusetzen." (Artikel VI).&#13;
Diese Vertragsverpflichtungen sind auch für alle&#13;
anderen Nationalstaaten der Welt bindend, mit Aus-&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�nähme der wenigen - ihre derzeitige Anzahl ist neun die nicht Vertragsparteien des N W sind. Mehrere&#13;
dieser geringen und noch abnehmenden Anzahl von&#13;
Ländern sind Teilnehmer der CD. Das ist ein wichtiger&#13;
Faktor, auf den ich zurückkommen werde.&#13;
Das bei der Überprüfungs- und Verlängerungskonferenz für den N W im Mai vergangenen Jahres&#13;
verabschiedete Dokument über Grundsätze und Ziele&#13;
der nuklearen Nichtverbreitung und Abrüstung stellte&#13;
fest: "Die Konferenz bekräftigt die Notwendigkeit,&#13;
weiterhin mit Entschlossenheit auf die vollständige&#13;
Verwirklichung und wirksame Umsetzung der Bestimmungen des Vertrags hinzuarbeiten". Unter der&#13;
Überschrift "Nukleare Abrüstung" erklärt das Dokument ferner: "Die Vorhaben betreffend nukleare&#13;
Abrüstung wie im Vertrag über die Nichtverbreitung&#13;
von Nuklearwaffen niedergelegt, sollten daher mit&#13;
Entschlossenheit verwirklicht werden. In diesem&#13;
Zusammenhang bekräftigen die Atomwaffenstaaten&#13;
erneut ihre in Artikel VI erklärte Verpflichtung, Verhandlungen über wirksame Maßnahmen betreffend&#13;
nukleare Abrüstung in gutem Glauben fortzusetzen."&#13;
Das Dokument verweist ferner darauf, daß drei in&#13;
einem "Aktionsprogramm" erwähnte Maßnahmen&#13;
wichtig "für die vollständige Verwirklichung und&#13;
wirksame Umsetzung von Artikel VI sind". Der erste&#13;
Punkt ist der Abschluß der Verhandlungen über ein&#13;
umfassendes Atomtestverbot durch die Genfer&#13;
Abrüstungskonferenz spätestens im Jahr 1996. Der&#13;
zweite Punkt ist die unverzügliche Aufnahme und der&#13;
frühzeitige Abschluß von Verhandlungen zu einer&#13;
Konvention über das Verbot der Produktion von&#13;
spaltbarem Material für Nuklearwaffen oder andere&#13;
nukleare Sprengkörper durch die CD. Der dritte Punkt&#13;
ist "die entschlossene Verfolgung von systematischen&#13;
und progressiven Anstrengungen der Atomwaffenstaaten zur weltweiten Reduzierung von Nuklearwaffen mit&#13;
dem letzlichen Ziel der Beseitigung dieser Waffen, und&#13;
von allen Staaten zur allgemeinen und vollständigen&#13;
Abrüstung unter strikter und wirksamer internationaler&#13;
Kontrolle". Ich darf darauf verweisen, daß die CD von&#13;
den NW-Parteien als verantwortlich für die Aushandlung eines CTBT und einer Konvention über die&#13;
Einstellung der Produktion von spaltbarem Material&#13;
anerkannt, ihr jedoch nicht die gleiche Verantwortung&#13;
bei Bestrebungen zur weltweiten Reduzierung von&#13;
Nuklearwaffen übertragen wurde. Ich darf ferner&#13;
darauf verweisen, daß der dritte Punkt Abrüstungsverpflichtungen sowohl der fünf Atomwaffenstaaten als&#13;
auch aller anderen Parteien des Vertrags im einzelnen&#13;
darlegt.&#13;
Ungeachtet dieser eindeutig definierten NW-Verpflichtungen wurde im Anschluß an unsere Rückkehr&#13;
aus New York nach Genf von einigen in der CD mehr&#13;
Betonung auf das generelle Konzept der "nuklearen&#13;
Abrüstung" gelegt. Es wurde ein Junktim zwischen&#13;
einer Fortsetzung der Verhandlungen zu einer Kon-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
vention über die Einstellung der Produktion von&#13;
spaltbarem Material und einem als "nukleare Abrüstung" bezeichneten Punkt hergestellt, unter dem seine&#13;
Verfechter nukleare Rüstungsreduzierungen nur der&#13;
fünf Atomwaffenstaaten zu verstehen schienen, jedoch&#13;
unter der Überwachung aller Teilnehmer der Genfer&#13;
Abrüstungskonferenz. Mehrere CD-Mitglieder gaben&#13;
eine logische Begründung für ein solches Junktim, die&#13;
Motive anderer blieben unklar.&#13;
Die Verfechter des Junktims entschieden sich, die&#13;
spezifischen, konkreten Aspekte der herkömmlichen&#13;
Sprachregelung zu ignorieren und vertraten die&#13;
Ansicht, der CTBT und die Konvention kämen nicht&#13;
länger als nukleare Abrüstungsmaßnahmen in Frage.&#13;
Auf jeden Fall wurden die Verhandlungen über die&#13;
Einstellung der Produktion von spaltbarem Material&#13;
vereitelt, obwohl die CD für diesen Zweck bereits ein&#13;
Ad-hoc-Komitee eingerichtet und ein entsprechendes&#13;
Mandat verabschiedet hatte. Diese Verhandlungen&#13;
sind bis heute blockiert. In der Tat ist es in diesem&#13;
Jahr in der CD Mode, Herr Präsident, die Tatsache zu&#13;
verschleiern, daß die Konferenz 1994 die Aushandlung&#13;
der Konvention im Jahr 1995 vereinbart hatte, diese&#13;
Verpflichtung dann jedoch nicht einhielt. Die für diese&#13;
Umkehrung Verantwortlichen schulden uns übrigens&#13;
eine Erklärung für ihre in die Höhe geschraubten&#13;
Forderungen.&#13;
Ebenfalls ungeachtet der Sprachregelungen des&#13;
Dokuments über Grundsätze und Ziele der&#13;
Überprüfungs- und Verlängerungskonferenz für den&#13;
N W forderte die Bewegung der Blockfreien bei ihrem&#13;
Gipfeltreffen in Cartagena im Oktober vergangenen&#13;
Jahres zur Bestürzung meiner Regierung und der&#13;
vieler anderer die Genfer Abrüstungskonferenz auf,&#13;
"vordringlich ein Ad-hoc-Komitee einzurichten, damit&#13;
die Verhandlungen über ein schrittweises Programm&#13;
der nuklearen Abrüstung und letztlichen Beseitigung&#13;
von Nuklearwaffen in einem zeitgebundenen Rahmen&#13;
Anfang 1996 aufgenommen werden können...". Die&#13;
überwältigende Mehrheit der Teilnehmer des Gipfeltreffens der Blockfreien waren Gegner des N W , einige&#13;
wenige waren es nicht. Dieses Cartagena-Konzept&#13;
der Blockfreien wurde dann in eine Resolution der UNGeneralversammlung aufgenommen, die im Dezember&#13;
vergangenen Jahres "verabschiedet" wurde, jedoch&#13;
mit einer großen Zahl von Enthaltungen und 39&#13;
Neinstimmen, darunter die der Vereinigten Staaten.&#13;
Seit Beginn der Abrüstungskonferenz 1966 wurden&#13;
mehrere nationale Erklärungen abgegeben, die&#13;
Verhandlungen über nukleare Abrüstung in der CD&#13;
forderten. Diese individuellen Erklärungen enthalten&#13;
zusammen mit der kollektiven Erklärung der G-21, die&#13;
am 23. Januar hier vom Botschafter von Peru vorgelegt wurde, den Vorschlag, daß die CD im Rahmen&#13;
des NW-Dokuments über Grundsätze und Ziele eine&#13;
Verpflichtung zur Aushandlung von nuklearen Rüstungsreduzierungen hat, die letztlich zur Beseitigung&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�von Nuklearwaffen in einem zeitgebundenen Rahmen&#13;
führen im Einklang mit der oben erwähnten nicht&#13;
einstimmig verabschiedeten Resolution der UNGeneralversammlung zu diesem Thema. Herr Präsident, die ständige Wiederholung dieser Verzerrung&#13;
ändert die Realität dessen nicht, was im N W und beim&#13;
NVV-Überprüfungsprozeß&#13;
tatsächlich&#13;
vereinbart&#13;
wurde, und mehr als die ständige Wiederholung des&#13;
Wunsches der NW-Parteien nach Universalität des&#13;
N W könnte den wenigen Staaten Pflichten auferlegen,&#13;
die entschlossen darauf beharren, sie nicht zu übernehmen.&#13;
Der Gedanke einer Erörterung der nuklearen Abrüstung und eines Programms zur Reduzierung und&#13;
Beseitigung von Nuklearwaffen in einem zeitgebundenen Rahmen wirft mehrere Fragen auf. Was bedeutet&#13;
ein "zeitgebundener Rahmen"? Dramatische Reduzierungen von Nuklearwaffen finden statt im Einklang mit&#13;
veränderten politischen Umständen und der Triebkraft&#13;
der Interessen spezifischer Staaten an der Verringerung der Bedrohung durch Nuklearwaffen.&#13;
Herr Präsident, ich möchte kurz eine Reihe von&#13;
Beispielen nuklearer Abrüstung nennen, die der Mode&#13;
entsprechend in diesem Forum gerne übersehen&#13;
werden: Die SALT-Verhandlungen zwischen den&#13;
Vereinigten Staaten und der ehemaligen Sowjetunion&#13;
in den siebziger Jahren versuchten mit gewissem&#13;
Erfolg den Rüstungswettlauf aufzuhalten; das INFAbkommen mit der früheren Sowjetunion beseitigte in&#13;
den achtziger Jahren eine ganze Klasse von Nuklearwaffen; der Schwellenvertrag (Threshold Test Ban&#13;
Treaty - TTBT) zwischen den Vereinigten Staaten und&#13;
der ehemaligen Sowjetunion begrenzte den Detonationswert von Kernexplosionen; die jüngsten&#13;
unilateralen Zusicherungen von Atomwaffenstaaten&#13;
gegenüber Nichtatomwaffenstaaten, Nuklearwaffen&#13;
nicht einzusetzen oder deren Einsatz anzudrohen&#13;
(Resolution 984 des UN-Sicherheitsrats); die Protokolle zum Vertrag von Tlatelolco, das Antarktis-Abkommen und die erklärte Absicht der Vereinigten&#13;
Staaten und anderer Nuklearwaffenstaaten, in diesem&#13;
Jahr die Protokolle des Vertrags über die südpazifische atomwaffenfreie Zone zu unterzeichnen;&#13;
unilaterale Maßnahmen der Vereinigten Staaten&#13;
Anfang der neunziger Jahre zur Beseitigung Tausender von Gefechtsköpfen von Flugzeugen und Schiffen;&#13;
Tausende amerikanischer und russischer Gefechtsköpfe, die nicht mehr auf Ziele des jeweils anderen&#13;
Landes gerichtet sind; unilaterale Maßnahmen mehrerer Staaten zur Begrenzung der Produktion von&#13;
spaltbarem Material; die endgültige Beseitigung großer&#13;
Bestände solchen Materials aus Militärprogrammen&#13;
durch die Vereinigten Staaten und schließlich die&#13;
START I- und START Il-Verträge. Infolge von START&#13;
I ziehen die Vereinigten Staaten Tausende nuklearer&#13;
Gefechtsköpfe pro Jahr ab und werden letztlich ihre&#13;
strategischen Streitkräfte um 9.000 Gefechtsköpfe&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
reduzieren. START II hat die Verringerung weiterer&#13;
3.000 Gefechtsköpfe jeder Partei zum Ziel.&#13;
Wie können wir sicher sein, daß die von denjenigen,&#13;
die dem Dialog nur Pietät und Rhetorik hinzufügen,&#13;
diktierte Einführung eines "zeitgebundenen Rahmens"&#13;
nicht ein künstlicher Mechanismus wäre, der den von&#13;
mir gerade beschriebenen derzeitigen Trend zu&#13;
einschneidenden Reduzierungen von Nuklearwaffen&#13;
negativ beeinflussen würde? Im übrigen gibt es auch&#13;
eine praktische Realität, die Grenzen setzt: Die&#13;
maximale Kapazität der Vereinigten Staaten zur&#13;
Zerstörung der Tausende nuklearer Gefechtsköpfe im&#13;
Einklang mit den START-Verträgen ist bereits bis weit&#13;
ins 21. Jahrhundert erschöpft. Wie würde ein "zeitgebundener Rahmen" auf diesen Prozeß Anwendung&#13;
finden?&#13;
Eine weitere Frage ist, wie Verhandlungen über die&#13;
Beseitigung von Nuklearwaffen in einem "zeitgebundenen Rahmen" zu den unterschiedlichen Gegebenheiten in einzelnen Ländern mit unterschiedlichen Nuklearbeständen passen würden. Wie ich bereits sagte,&#13;
haben die Vereinigten Staaten und die Russische&#13;
Föderation bilaterale und ziemliche erfolgreiche&#13;
gegenseitige Anstrengungen zur Reduzierung ihrer&#13;
Nukleararsenale unternommen. Zwei andere Atomwaffenstaaten - Frankreich und Großbritannien - haben&#13;
eine Reihe wichtiger unilateraler Schritte zu nuklearer&#13;
Abrüstung unternommen. Bedauerlicherweise führt&#13;
der fünfte Atomwaffenstaat - China - weiterhin Kernversuche durch und modernisiert sein Nukleararsenal.&#13;
Einige argumentieren, die Atomwaffenstaaten mit den&#13;
größten Beständen müßten diese erst in einer bestimmten Größenordnung abbauen, bevor sie als die&#13;
Länder mit kleineren Arsenalen selbst Reduzierungen&#13;
in Erwägung ziehen könnten. Mit anderen Worten:&#13;
Die fünf erklärten Atomwaffenstaaten sind offensichtlich nicht alle bereit, jetzt auf die Herausforderung&#13;
multilateraler Verhandlungen zu reagieren.&#13;
Daher erscheint es uns logisch, Herr Präsident, daß&#13;
Verhandlungen über Reduzierungen zunächst zwischen den Fünf stattfinden müßten. Natürlich könnte&#13;
eine spätere Rolle für ein größeres Forum, möglicherweise die CD, nicht ausgeschlossen werden.&#13;
Femer erhebt sich die Frage, ob und wie Nuklearreduzierungen "in einem zeitgebundenen Rahmen" bestimmte nuklearfähige oder "Schwellenstaaten"&#13;
betreffen würden, die im Gegensatz zu den NWStaaten weder bezüglich der Existenz und Fortsetzung&#13;
ihrer Nuklearwaffenprogramme ernste Vertragsverpflichtungen haben noch im Hinblick auf Nuklearreduzierungen und Nichtverbreitung. Wie würde dieses&#13;
Gremium diese ehrgeizige und komplizierte Frage&#13;
behandeln?&#13;
Herr Präsident, wie ich Ihnen in unserem bilateralen&#13;
Gespräch erklärte, haben wir meines Erachtens ein&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Terminologieproblem.&#13;
Meine Delegation ist der&#13;
Auffassung, daß die Genfer Abrüstungskonferenz&#13;
wenig außer nuklearer Abrüstung getan hat, seit wir im&#13;
Jahr 1992 die Chemiewaffenkonvention abgeschlossen haben. Der CTBT und die Konvention über die&#13;
Einstellung der Produktion von spaltbarem Material&#13;
sind die ersten beiden konkreten Schritte. Wenn diese&#13;
Aufgaben beendet und andere Bedingungen günstig&#13;
sind, müssen wir uns fragen: Wo können die Aspekte&#13;
der nuklearen Abrüstung am besten erörtert werden,&#13;
die Waffenreduzierungen auf multilateraler Basis&#13;
ansprechen?&#13;
Wir können Vor- und Nachteile für die mögliche&#13;
zukünftige Verwendung der CD für Verhandlungen&#13;
über nukleare Abrüstung ausmachen. Eine Frage, die&#13;
sich unmittelbar stellt und die unserer Ansicht nach&#13;
geklärt werden muß, lautet: Wie können wir bei diesem&#13;
wichtigen Thema in der CD - einem Gremium, das per&#13;
Konsens operiert - Fortschritte machen, wenn einige&#13;
wenige ihrer wichtigen Teilnehmer nicht nur Nuklearwaffen herstellen oder anderweitig beschaffen können,&#13;
sondern auch nicht einmal der NW-Verpflichtung&#13;
unterliegen, "Verhandlungen über wirksame Maßnahmen betreffend die Einstellung des nuklearen&#13;
Rüstungswettlaufs zu einem frühzeitigen Datum sowie&#13;
betreffend nukleare Abrüstung und einen Vertrag über&#13;
allgemeine und vollständige Abrüstung unter strikter&#13;
und wirksamer internationaler Kontrolle in gutem&#13;
Glauben fortzusetzen"?&#13;
Herr Präsident, glücklicherweise sind die Verhandlungen über einen CTBT weitergekommen, und die CD&#13;
hat bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Wie der&#13;
Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung, John Holum, bei der Eröffnung der Plenarsitzung der Genfer Abrüstungskonferenz in diesem Jahr&#13;
ausführte, ist der CTBT sowohl eine Abrüstungs- als&#13;
auch eine Nichtverbreitungsmaßnahme. In jüngster&#13;
Zeit wurde jedoch das Gespenst eines Junktims bei&#13;
nuklearer Abrüstung im Zusammenhang mit den&#13;
CTBT-Verhandlungen beschworen, das Fortschritte zu&#13;
behindern droht. Direktor Holum warnte, daß die&#13;
Bedrohung einer Einbettung des CTBT in einen&#13;
zeitgebundenen Rahmen ein gütiges Gesicht hat. Sie&#13;
trägt die Maske einer tiefen Verpflichtung zur Rüstungskontrolle. Er fügte hinzu, wenn man ein wichtiges Ziel einem anderen opfert, wird man bei beiden&#13;
scheitern.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Nukleare Abrüstung wird - zusammen mit Nichtverbreitungsfragen - sicherlich bei der NVV-Überprüfungskonferenz im Jahr 1997 von der großen Mehrheit&#13;
der Staaten diskutiert werden, die Parteien des&#13;
Vertrags sind. Wir hoffen, daß die CD-Teilnehmer bis&#13;
dahin nicht nur über den Abschluß eines CTBT,&#13;
sondern auch einer Konvention über die Einstellung&#13;
der Produktion von spaltbarem Material berichten&#13;
können - den beiden für die CD bei der Überprüfungsund Verlängerungskonferenz für den N W vereinbarten&#13;
Zielen. Die Vereinigten Staaten werden auch bereit&#13;
sein, im Rahmen des Mandats der Überprüfungs- und&#13;
Verlängerungskonferenz darüber zu berichten und&#13;
seine Leistungen zu erörtern, um als Atomwaffenstaat&#13;
systematische und progressive Bestrebungen zur&#13;
weltweiten Reduzierung von Nuklearwaffen mit dem&#13;
letztlichen Ziel der Beseitigung dieser Waffen zu&#13;
verfolgen. Alle NW-Parteien werden die Chance&#13;
haben, über ihre Bestrebungen zu allgemeiner und&#13;
vollständiger Abrüstung unter strikter und wirksamer&#13;
internationaler Kontrolle Bericht zu erstatten.&#13;
Wie ich Ihnen bei unserem privaten Gespräch sagte,&#13;
Herr Präsident, werden die Vereinigten Staaten bereit&#13;
sein, eine aktive und konstruktive Rolle bei den&#13;
Diskussionen und Verhandlungen über nukleare&#13;
Abrüstung zu spielen, wo immer sie stattfinden sollen.&#13;
Wir sind zu Gesprächen - ohne Vor- und Rahmenbedingungen - über unser gemeinsames Streben nach&#13;
Fortschritten zu diesem gemeinsamen Ziel bereit. Die&#13;
Vereinigten Staaten haben in der jüngsten Vergangenheit große Fortschritte in diesem Bereich erzielt, und&#13;
meine Regierung ist überzeugt und entschlossen, dies&#13;
auch in Zukunft zu tun.&#13;
Herr Präsident, wir sind uns alle einig, daß der Abschluß eines Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot ein entscheidender Schritt zum Ziel der nuklearen Abrüstung sein wird. Das bald danach erlassene&#13;
Verbot der Produktion von spaltbarem Material für&#13;
Waffen wäre ein weiterer wichtiger Beitrag dieser Art.&#13;
Wir wollen diese Aufgaben jetzt in Angriff nehmen,&#13;
während das Fenster der politischen Chancen zu ihrer&#13;
Verwirklichung geöffnet ist. Die Vereinigten Staaten&#13;
werden dort sein, wenn alle Nationen der Welt mit&#13;
Nuklearwaffenbeständen und -Programmen bereit zur&#13;
Aushandlung von Reduzierungen sind, nicht auf der&#13;
Grundlage von "Wir wollen nur darüber sprechen, was&#13;
Sie tun sollten", sondern auf der Grundlage von "Auch&#13;
über das, was wir besitzen, kann verhandelt werden".&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�WAHLEN&#13;
&#13;
'9 6&#13;
21. Februar 1996&#13;
&#13;
Meinungsumfragen, Probeabstimmungen,&#13;
Wahlwerbung und Vorwahlen&#13;
Mitteilungen zur amerikanischen Politik&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel versucht, das "wie" und "warum" der Wahlkampagne 1996 in&#13;
den Vereinigten Staaten zu erläutern.&#13;
&#13;
Meinungsumfragen&#13;
Die jüngste von The Boston Globe und WBZ-TV bei&#13;
republikanischen und unabhängigen Wählern durchgeführte Meinungsumfrage belegte, daß der Millionär&#13;
und Verleger Steve Forbes neun Punkte vor dem&#13;
Mehrheitsführer im Senat, Bob Dole - dem erklärten&#13;
Spitzenkandidaten bei den Vorwahlen am 20. Februar&#13;
- liegt.&#13;
Einer kurz zuvor unter möglichen Wählern veranstalteten Umfrage des Pew Research Center zufolge lag&#13;
Forbes etwas vor Dole, während bei einer ähnlichen&#13;
Befragung der American Research Group Dole zwei&#13;
zu eins vor Forbes lag.&#13;
Bei allen drei Meinungsumfragen belegte der Fernsehkommentator Pat Buchanan den dritten Platz, gefolgt&#13;
von dem ehemaligen Gouverneur von Tennessee,&#13;
Lamar Alexander, und dem texanischen Senator Phil&#13;
Gramm.&#13;
Forbes erzielt die meiste Publicity in New Hampshire&#13;
und Iowa, wo die Landeskonvente - Caucuses - am&#13;
12. Februar stattfinden, aufgrund seines kontroversen&#13;
Vorschlags einer 17prozentigen "Einheitssteuer"&#13;
anstelle des komplizierten amerikanischen Einkommensteuersystems sowie seiner Ausgaben in Millionenhöhe aus seinem Privatvermögen für Fernsehspots, die äußerst kritisch gegenüber Dole sind. Im&#13;
Gegenzug konzentrieren sich Doles Werbespots auf&#13;
Forbes politische Unerfahrenheit.&#13;
&#13;
nicht gut genug angesehen, es sei denn, er brächte die&#13;
Entscheidung. Bei den frühen Landeskonventen und&#13;
Vorwahlen sehen die Analysten den Kandidaten auf&#13;
einem starken zweiten Platz häufig als den echten&#13;
"Gewinner", der die Dynamik auf die nächste Wahlveranstaltung überträgt.&#13;
Die Probeabstimmung von Alaska&#13;
Eine unverbindliche Probeabstimmung oder inoffizielle&#13;
Zählung von Stimmen für republikanische Präsidentschaftskandidaten, die über einen Zeitraum von drei&#13;
Wochen hinweg in Alaska durchgeführt wurde, war&#13;
"ein weiteres Anzeichen, daß zu diesem Zeitpunkt&#13;
nichts wirklich definitiv ist", berichtete National Public&#13;
Radio.&#13;
Der konservative Kommentator Buchanan, der gegenüber dem Unternehmer Forbes bei den abgegebenen&#13;
Stimmen mit 33 zu 31 Prozent abschnitt, erklärte, der&#13;
Sieg sorge für "Energie, Feuer und Enthusiasmus bei&#13;
unseren Organisationen im ganzen Land". Obwohl der&#13;
"Schönheitswettbewerb" von Alaska nur einen Bruchteil der landesweiten Abstimmung ausmacht, berichteten die Medien ausführlich darüber.&#13;
Trotz der Unterstützung durch den Gouverneur von&#13;
Alaska und zwei Senatoren kam Dole auf den abgeschlagenen dritten Platz. Und jetzt besteht dem&#13;
Radiokommentator von Anchorage, Fritz Pettyjohn,&#13;
zufolge "das Potential für einen weit offenen Kampf um&#13;
die Nominierung".&#13;
&#13;
Ein erster Platz für Dole in Iowa - dem an seinen&#13;
Heimatsstaat angrenzenden Bundesstaat - würde als&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Tagung über nationale Themen&#13;
Meinungsumfragen sind nur ein Schnappschuß&#13;
dessen, was die Wähler zu einem bestimmten Zeitpunkt denken, und die Meinung kann sich aus einer&#13;
Vielzahl von Gründen schnell ändern. Greifbare&#13;
Beweise hierfür lieferte die Tagung über nationale&#13;
Themen - National Issues Convention - ein Experiment&#13;
in Demokratie, das Mitte Januar in Austin (Texas)&#13;
stattfand.&#13;
&#13;
Tagung erörtert wurden, gelangten fast 21 Prozent zu&#13;
der Schlußfolgerung, daß sie nicht gekürzt werden&#13;
sollten - verglichen mit neun Prozent bei der ersten&#13;
Umfrage.&#13;
Mit Ergebnissen wie diesem und ausführlicher Berichterstattung durch die amerikanischen Medien ist es&#13;
sehr gut möglich, daß in Zukunft weitere "beratende&#13;
Umfragen" durchgeführt werden.&#13;
Wahlwerbung&#13;
&#13;
Insgesamt 459 Personen aus den gesamten Vereinigten Staaten wurden willkürlich zur Teilnahme&#13;
ausgewählt. Zur Einschätzung ihrer Sichtweise wurde&#13;
eine Meinungsumfrage durchgeführt. Dann kamen die&#13;
Teilnehmer in kleinen Gruppen zusammen, um über&#13;
die Krankheiten der Nation zu sprechen. Danach fand&#13;
eine zweite identische Befragung statt um herauszufinden, ob sie ihre Meinung geändert hatten.&#13;
Das Ergebnis belegte, so die Veranstalter der ersten&#13;
"beratenden Umfrage" in den Vereinigten Staaten, daß&#13;
sich die öffentliche Meinung beträchtlich ändert, wenn&#13;
die Menschen eine Chance haben, miteinander zu&#13;
sprechen, Broschüren zu bestimmten Themen zu&#13;
lesen und sowohl Kandidaten als auch Experten zu&#13;
befragen.&#13;
Unter den republikanischen Präsidentschaftskandidaten, die bei der Tagung sprachen, waren der&#13;
Senator von Texas, Phil Gramm, der Senator von&#13;
Indiana, Richard Lugar, und der Unternehmer Steve&#13;
Forbes. Ein weiterer Redner war Vizepräsident AI&#13;
Gore, der voraussichtlich weiterhin das demokratische&#13;
Wahlteam mit Präsident Clinton bilden wird, obwohl&#13;
sie ihre Kandidatur für die Wiederwahl noch nicht&#13;
offiziell erklärt haben.&#13;
"Dieses Experiment war wie ein Fenster zu Amerika",&#13;
stellte James Fishkin, Professor an der University of&#13;
Texas fest, der die Tagung über nationale Themen ins&#13;
Leben gerufen und organisiert hat. "Der politische&#13;
Prozeß würde mehr von einem ernsthaften Dialog mit&#13;
den Wählern, von weniger irreführender Werbung und&#13;
Schlagworten profitieren."&#13;
Fishkins Experiment bewies, daß die Testpersonen&#13;
ihre Meinung zu einem breiten Spektrum von Themen&#13;
änderten - von der Einheitssteuer bis zu außenpolitischen Fragen bezüglich des Umfangs der militärischen Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten&#13;
Staaten und anderen Nationen.&#13;
Von besonderer Bedeutung für ein ausländisches&#13;
Publikum ist der Meinungswandel, den die Testpersonen bei der Auslandshilfe vollzogen. Herkömmliche&#13;
Meinungsumfragen belegen kontinuierlich, daß die&#13;
Amerikaner den Prozentsatz des Haushalts überschätzen, der für Auslandshilfe aufgewandt wird. Als&#13;
die tatsächlichen Ausgaben für Auslandshilfe bei der&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Ein Weg, den Präsidentschaftswahlkampf in den&#13;
Vereinigten Staaten zu verfolgen, besteht darin, sich&#13;
auf die Fernsehwerbung zu konzentrieren, so der&#13;
politische Beobachter Jerry Hagstrom, weil die Werbespots der Kandidaten Aufschluß über ihre Wahlkampffonds und ihren Stand in dem Wettkampf geben&#13;
sowie über ihre Positionen zu Themen, die für die&#13;
Wähler von Bedeutung sind.&#13;
Hagstrom, Redakteur beim National Journal, stellte&#13;
vor kurzem bei einer Informationsveranstaltung im&#13;
Foreign Press Center des US-Informationsamts fest,&#13;
Erfahrung und Organisationstalent - oder der Mangel&#13;
derselben - würden in Stil, Form und Inhalt der Spots&#13;
offenkundig.&#13;
Ihm zufolge gibt es vier Arten politischer Werbespots:&#13;
biographische, die als erstes benutzt werden,&#13;
um die Öffentlichkeit mit dem Kandidaten&#13;
bekannt zu machen. Sie enthalten häufig&#13;
Graphiken und patriotische Musik.&#13;
Probleme, zu denen eine bestimmte Position&#13;
bezogen wird, und die sich für gewöhnlich auf&#13;
eine bestimmte geographische Region konzentrieren.&#13;
Angriffe, die als "negativ" angesehen und oft&#13;
für Kritik an Gegnern verwendet werden, die&#13;
vermeintlich Fortschritte im Wahlkampf machen.&#13;
Erbauliches in dem Versuch, die Werbeserie&#13;
mit einer Botschaft des "Wohlgefühls" und der&#13;
Inspiration enden zu lassen.&#13;
Hagstrom verwies darauf, daß die Kandidaten den&#13;
Großteil ihrer Fernsehspots in den letzten Minuten vor&#13;
den wichtigsten Vorwahlen und Landeskonventen&#13;
zeigen in dem Bestreben, die unentschiedenen Wähler&#13;
für sich zu gewinnen.&#13;
Die Vorwahlen - Primaries&#13;
Die Präsidentschaftswahlen 1996 sind noch neun&#13;
Monate entfernt, aber der Auswahlprozeß der Kandi-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�daten, die sich in dieser Wahl stellen wollen, hat&#13;
bereits begonnen.&#13;
Präsident Clinton hat bisher keinen Konkurrenten bei&#13;
der Nominierung für die Demokratische Partei, aber in&#13;
der Republikanischen Partei ist das Feld voll und der&#13;
Wettkampf hat begonnen. Bevor die Kandidaten zu&#13;
den Bundeskonventen gehen, die jede Partei zur&#13;
Nominierung ihres Präsidentschaftskandidaten abhält,&#13;
müssen sie erst die Stimmen der Delegierten der&#13;
Bundesstaaten gewinnen, die bei diesen Konventen&#13;
wählen.&#13;
Dies geschieht auf zweierlei Weise: Entweder in einer&#13;
Vorwahl, bei der die Wähler sich für einen Kandidaten&#13;
und die ihn unterstützenden Delegierten für den&#13;
Konvent entscheiden, oder bei einer Reihe von&#13;
Landeskonventen und Treffen, bei denen die Parteimitglieder ihre Unterstützung für die einzelnen Kandidaten&#13;
zum Ausdruck bringen. Diejenigen, die sich zur&#13;
Unterstützung des Kandidaten verpflichtet haben,&#13;
werden dann als Teilnehmer der Konvente ausgewählt.&#13;
Seit Jahrzehnten wurden die ersten Landeskonvente&#13;
in dem kleinen Staat Iowa im Mittelwesten abgehalten.&#13;
Und die erste Vorwahl findet in dem noch kleineren&#13;
nordöstlichen Staat New Hampshire statt.&#13;
Bob Beckel führte den Präsidentschaftswahlkampf des&#13;
ehemaligen Vizepräsidenten Walter Mondale im Jahr&#13;
1984. Ihm zufolge haben die Kandidaten historisch&#13;
gesehen keine andere Wahl als in Iowa und New&#13;
Hampshire große Anstrengungen zu unternehmen,&#13;
"denn das Wichtigste zu diesem Zeitpunkt ist Geld, und&#13;
wenn sie in diesen beiden Bundesstaaten nicht gut&#13;
abschneiden, wird es sehr schnell knapp und die&#13;
Kameras gehen aus - das ist die größte Furcht.&#13;
Deswegen wird so große Betonung auf Iowa und New&#13;
Hampshire gelegt. Denn wenn man da nicht in&#13;
einigermaßen guter Verfassung durchkommt, kann&#13;
man genausogut nach Hause gehen und zusehen."&#13;
Kritiker des Prozesses argumentieren, daß sowohl&#13;
Iowa als auch New Hampshire zu viel Einfluß auf die&#13;
Präsidentschaftswahlen und die Tendenz zur Beeinflussung der Ergebnisse haben. Die Landeskonvente&#13;
von Iowa werden beispielsweise an einem kalten&#13;
Februarabend abgehalten, zu denen nur die Engagiertesten - einige sagen, nur die Ideologen - der Partei&#13;
kommen.&#13;
Infolgedessen, erklären die Kritiker, nehmen die&#13;
Kandidaten beider Parteien bei diesen entscheidenden&#13;
frühen Wahlkämpfen Positionen ein, die extremer sind&#13;
als die von den meisten Menschen in den Vereinigten&#13;
Staaten vertretenen. Und die beiden Staaten, so die&#13;
Kritiker weiter, sind relativ klein, dünn besiedelt und&#13;
verfügen nicht über die rassische oder ethnische&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
Vielfalt.diedenGroßteildesübrigenLandescharakterisiert.&#13;
In diesem Jahr könnte sich zum ersten Mal seit&#13;
Jahrzehnten die besondere Position von Iowa und&#13;
New Hampshire wandeln. Der Südstaat Louisiana hat&#13;
für den 6. Februar einen Landeskonvent anberaumt,&#13;
nahezu eine Woche vor dem für den 12. Februar in&#13;
Iowa festgesetzten. Und der Bundesstaat Delaware&#13;
hat für den 24. Februar eine Vorwahl geplant - vier&#13;
Tage nach dem Wahlkampf von New Hampshire, wird&#13;
dies als ein Versuch angesehen, dem Bundesstaat&#13;
New England etwas von seiner Bedeutung zu stehlen.&#13;
Ob nun weiterhin die ersten großen Ausscheidungskämpfe für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen in Iowa und New Hampshire stattfinden oder&#13;
ob andere Bundesstaaten versuchen, ins nationale&#13;
Rampenlicht zu gelangen - in diesem Monat kommt&#13;
Bewegung in den Präsidentschaftswahlkampf.&#13;
Oregon: Die erste Briefwahl für Kongreßwahlen&#13;
Die republikanische Mehrheit im amerikanischen Senat&#13;
ist auf 53 zu 47 geschrumpft, nachdem die Demokraten bei einer Sonderwahl in Oregon den von Bob&#13;
Packwood freigemachten Sitz eroberten, der im Herbst&#13;
vergangenen Jahres aufgrund von angeblichem&#13;
ethischen und sexuellen Fehlverhalten zurücktrat.&#13;
Im Bundesstaat Oregon wurde eine einzigartige&#13;
dreiwöchige Briefwahl durchgeführt, mit der in der&#13;
Person des demokratischen Kongreßabgeordneten&#13;
Ron Wyden zum ersten Mal seit 34 Jahren ein demokratischer Senator in Oregon gewählt wurde, wobei er&#13;
den Senatspräsidenten des Staates Oregon, Gordon&#13;
Smith, mit 48 zu 47 Prozent der Stimmen knapp in&#13;
einem Wahlkampf mit sechs Kandidaten besiegte.&#13;
Wyden wird die verbleibenden drei Jahre von Packwoods Amtszeit übernehmen.&#13;
Oregon hat seit langem bei Wahlkämpfen gemäßigte&#13;
bis liberale Kandidaten unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit unterstützt.&#13;
"Dies war ein Wahlkampf um die Werte von Oregon",&#13;
äußerte Wyden. "Aber ich denke, er hat nationale&#13;
Auswirkungen. Wir haben beispielsweise bei unseren&#13;
Gesetzen für sauber Luft und sauberes Wasser auf&#13;
überparteilicher Basis zusammengearbeitet. Dieser&#13;
Kongreß versucht, das rückgängig zu machen, und&#13;
den Einwohnern von Oregon gefällt das nicht."&#13;
Der New York Times zufolge war der Wahlkampf ein&#13;
"Probelauf" für die Kongreßwahlen im November, bei&#13;
denen Wyden Wahlkampfunterstützung von Präsident&#13;
Clinton erhielt und Smith bei den Wahlkampfthemen&#13;
Umwelt, Schwangerschaftsabbruch und der Krankenversicherung Medicare für die älteren Mitbürger&#13;
Stimmen in republikanischen Wahlkreisen verlor.&#13;
Meinungsumfragen belegten auch, daß die unent-&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�schiedenen Wähler für Wyden stimmten, als er sich&#13;
gegen negative Wahlwerbung aussprach.&#13;
Der Beobachter der demokratischen Partei Terry&#13;
Michaels stellte fest, die Schlußfolgerung sei falsch,&#13;
Wydens Sieg komme der "Zustimmung zu programmatischem Liberalismus" oder dem "Ende der GingrichRevolution" gleich. Er fügte jedoch hinzu: "Der Kampf&#13;
liegt noch vor uns - im Herbst."&#13;
Russell Sadler, Rundfunkjournalist aus Oregon&#13;
kommentierte: "Es ist ein Alarmsignal für die Republikanische Partei von Oregon, deren christlicher&#13;
Flügel die Führung übernommen und die sich zunehmend im rechten Spektrum isoliert hat. Es ist eine&#13;
Botschaft, daß Demokraten in Staatsämter gewählt&#13;
werden, wenn die Partei weiterhin diese eher konservativen Kandidaten nominiert."&#13;
Mit der Feststellung, Smith habe "um Haaresbreite den&#13;
Sieg verfehlt", erklärte der Vorsitzende des nationalen&#13;
Komitees der Republikaner, Haley Barbour, die&#13;
Wahlergebnisse "stellen klar, daß Bill Clinton im&#13;
November keinen Bundesstaat als sicher annehmen&#13;
kann".&#13;
Die Vertreter des Bundesstaates waren erfreut, daß&#13;
die Briefwahl ein Rekordergebnis von über 65 Prozent&#13;
der registrierten Wähler hervorbrachte und stellten&#13;
fest, die Präsidentschaftsvorwahl im März in Oregon&#13;
würde ebenfalls per Briefwahl durchgeführt.&#13;
Mögliche Daten für die Fernsehdebatten der&#13;
Präsidentschaftskandidaten&#13;
Die parteiunabhängige Kommission für die Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten hat folgende&#13;
Daten vorgeschlagen:&#13;
1.&#13;
2.&#13;
3.&#13;
4.&#13;
&#13;
Präsidentschaftskandidaten: Mittwoch, 25.&#13;
September, St. Louis (Missouri)&#13;
Vizepräsidentschaftskandidaten: Mittwoch, 2.&#13;
Oktober, Hartford (Connecticut)&#13;
Präsidentschaftskandidaten: Mittwoch, 9.&#13;
Oktober, St. Petersburg (Florida)&#13;
Präsidentschaftskandidaten: Mittwoch, 16.&#13;
Oktober, San Diego (Kalifornien)&#13;
&#13;
Die Termine und Orte werden erst im weiteren Verlauf&#13;
des Jahres von den Nominierten der beiden Parteien&#13;
endgültig festgelegt. Die Kommission unterbreitete&#13;
den Vorschlag, daß jede landesweit im Fernsehen&#13;
übertragene Debatte 90 Minuten lang ist, sowohl&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
außen- als auch innenpolitische Themen anspricht und&#13;
nur einen Moderator ohne ein Podium von Fragestellern hat.&#13;
Der demokratische Esel und der republikanische&#13;
Elefant&#13;
Die politische Kultur Amerikas ist reich an Bildern,&#13;
Karikaturen und Cartoons. Zwei der berühmtesten&#13;
Beispiele hierfür sind die Symbole, die stellvertretend&#13;
für die Demokratische und die Republikanische Partei&#13;
stehen: Der Esel und der Elefant.&#13;
Der demokratische Esel - das ältere politische Maskottchen - erschien Mitte des 19. Jahrhunderts in&#13;
mehreren Karikaturen und wurde schließlich 1870&#13;
durch Thomas Nast populär, den ersten modernen&#13;
politischen Karikaturisten der Vereinigten Staaten. Er&#13;
kritisierte die Demokraten für ihre wiederholten Angriffe&#13;
auf Edwin Stanton, einen republikanischen Regierungsvertreter, der im Jahr zuvor gestorben war. Nast&#13;
zeichnete die Demokratische Partei als Esel, der wild&#13;
auf einen toten Löwen eintritt, der Stanton darstellen&#13;
soll.&#13;
Dies war nicht der einzige Beitrag Nasts zur politischen&#13;
Satire. 1874 entwarf er das Maskottchen der Republikaner. Als leidenschaftlicher Republikaner wählte&#13;
Nast den Elefanten aufgrund der Qualitäten, die dieses&#13;
Tier besitzen soll: Intelligenz, Stärke, Witz und Gelassenheit. Das erste Erscheinen des Elefanten in der&#13;
Wochenzeitschrift Harper's sollte die Befürchtungen&#13;
der republikanischen Wähler zerstreuen, die besorgt&#13;
waren, Präsident Ulysses S. Grant könnte für eine&#13;
dritte Amtszeit kandidieren.&#13;
Die Karikatur zeigt einen Esel mit einer Löwenmähne,&#13;
der eine Gruppe von Tieren anknurrt, darunter einen&#13;
armen, unschuldigen Elefanten mit dem Schild "Die&#13;
republikanische Stimme". Der wilde, als "Cäsarismus"&#13;
bezeichnete Esel versucht die Wähler zu überzeugen,&#13;
daß die Demokraten wirklich eine Partei sind, die man&#13;
fürchten muß. Der Elefant wurde sofort populär und ist&#13;
heute das Maskottchen der Republikanischen Partei.&#13;
Politische Karikaturen sind ein nützliches Mittel, um&#13;
verschiedene aktuelle politische Themen zu kritisieren&#13;
und hervorzuheben. Die Verwendung von Tieren ist&#13;
eine besonders effektive Ausdrucksmethode. Der&#13;
republikanische Elefant und der demokratische Esel&#13;
werden zweifelsohne noch viele Jahre lang Bestandteil&#13;
der amerikanischen Politik sein.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�DATEN AUTOBAHN&#13;
&#13;
21. Februar 1996&#13;
&#13;
Clinton: Nutzung von Technologie&#13;
für eine bessere Zukunft&#13;
Rede des Präsidenten vor Nil-Rat&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton zufolge enthält die Technologie das Versprechen des Amerikanischen&#13;
Traums für alle Mitbürger, die dafür zu arbeiten bereit sind, und bietet allen einen Weg zur weiteren&#13;
Zusammenarbeit in einem neuen Zeitalter.&#13;
In seiner Rede beim Treffen des Rats für die nationale Informations-Infrastruktur (NM) am 13. Februar 1996, bei&#13;
dem ihm der Abschlußbericht des seit drei Jahren bestehenden Rats vorgelegt wurde, dankte der Präsident&#13;
allen, die das Verständnis der Datenautobahn erleichtert haben.&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.&#13;
&#13;
Sie alle wissen, daß wir an der Schwelle zu einem&#13;
Zeitalter unglaublicher Chancen für das amerikanische&#13;
Volk stehen. Meines Erachtens wird die Unterzeichnung des Telekommunikationsgesetzes von 1996 in&#13;
der vergangenen Woche zur Verbesserung dieser&#13;
Möglichkeiten beitragen, und ich möchte Reed Hunt&#13;
und allen anderen danken, die diese Gesetzesvorlage&#13;
ausgearbeitet und unterstützt haben.&#13;
Überlegen Sie, was seit der Gründung dieses Rats im&#13;
Jahr 1993 alles geschehen ist - die Weiterentwicklung&#13;
des Internet, der durch Computeranimation entstandene Film, die Technologieexplosion. Wir wissen,&#13;
daß das Potential zur wirtschaftlichen und sonstigen&#13;
Verbesserung des Lebens der Amerikaner absolut&#13;
überwältigend ist. Und wir alle wissen, daß wir erst&#13;
am Anfang dieses Prozesses stehen.&#13;
Am Telekommunikationsgesetz hat mir besonders&#13;
gefallen, daß es ein gewisses Maß an öffentlichem&#13;
Interesse erfordert, das meiner Ansicht nach am&#13;
besten für das steht, was wir tun sollten und wie wir es&#13;
tun sollten. Sie wissen, daß das Gesetz letztlich&#13;
nahezu einstimmig verabschiedet wurde, und für mich&#13;
repräsentiert es das Modell der öffentlichen und&#13;
privaten Zusammenarbeit, die wir in so vieler Hinsicht&#13;
für die Zukunft benötigen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
Offenkundig setzt das Gesetz die Kräfte des Marktes&#13;
mehr als je zuvor frei. Es birgt enorme neue Chancen&#13;
für Information, Lernen und Unterhaltung. Dies wird&#13;
im Einklang mit den besten Prinzipien fairen Wettbewerbs und des öffentlichen Interesses erfolgen.&#13;
Unter anderem wird es unsere Empfehlungen der&#13;
KickStart-lnitiative aufgrund der darin enthaltenen&#13;
Garantien für den Zugang von Schulen, Bibliotheken&#13;
und Krankenhäusern zur Datenautobahn gesetzlich&#13;
verankern. Dies alles berechtigt zu Hoffnungen.&#13;
Denken Sie an die unser Land konfrontierenden&#13;
Herausforderungen, beispielsweise die von mir in&#13;
meinem Bericht zur Lage der Nation erwähnten: Die&#13;
Herausforderung, starke Familien zu schaffen und&#13;
allen Kindern eine Kindheit zu geben; die Herausforderung, jedem Amerikaner Zugang zu der Bildung&#13;
zu gewähren, die wir für das 21. Jahrhundert benötigen; die Herausforderung, den Amerikanern in einer&#13;
Zeit, in der ihr spezieller Arbeitsplatz weniger sicher&#13;
sein könnte als früher, mehr wirtschaftliche Sicherheit&#13;
zu bieten; die Herausforderung, unsere Straßen sicher&#13;
zu machen, unsere Umwelt sauber zu halten, die&#13;
Integrität unserer Regierung wiederherzustellen und&#13;
unsere Führungsrolle in der Welt zu bewahren. All&#13;
dies geht mit der Technologieexplosion einher, die von&#13;
der Datenautobahn verkörpert wird.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Wir wissen jetzt beispielsweise, daß wir den Familien&#13;
mehr Sicherheit geben können, indem wir aufgrund&#13;
der Technologie eine bessere Gesundheitsfürsorge&#13;
anbieten. Die Menschen in den ländlichen Gebieten&#13;
können Verbindung zu einem Arzt in einer Stadt über&#13;
das ganze Land hinweg aufnehmen, damit er ein&#13;
medizinisches Problem löst. Wir wissen, unser&#13;
Strafrechtssystem kann aufgrund von Computern&#13;
entschieden besser funktionieren. Wir sehen, daß&#13;
gefährliche Kriminelle per Computer vor Gericht&#13;
gestellt werden können, ohne vom Polizeirevier ins&#13;
Gericht gebracht werden zu müssen. Wir können&#13;
unsere Chancen zum Aufspüren von Problemen&#13;
aufgrund von Technologie erweitern. Wenn heute&#13;
jemand ein Auto stiehlt, es quer durch das Land fährt&#13;
und auf dem Parkplatz vor einem Einkaufszentrum&#13;
abstellt, kann der Besitzer buchstäblich binnen&#13;
Sekunden nachdem das Auto gefunden wurde,&#13;
ermittelt und der Tatbestand geklärt werden&#13;
Wir wissen, Technologie kann dazu beitragen, daß&#13;
unsere Regierung besser arbeitet, und dies ist bereits&#13;
in vielfältiger Weise geschehen. Millionen von Amerikanern werden in diesem Jahr ihre Steuererklärungen&#13;
elektronisch machen, wodurch sie viel Zeit ersparen.&#13;
Wir wissen, daß Amerikaner, die ein kleines Unternehmen gründen, die ganzen Informationen hierfür online&#13;
abfragen können. Und dies ist erst der Anfang. Die&#13;
KickStart-lnitiative ist für mich besonders wichtig&#13;
aufgrund der ihr inhärenten Versprechungen zur&#13;
Erlangung eines meiner wichtigsten Ziele: Der Vernetzung aller Schulen, Bibliotheken und Gemeindezentren in diesem Land bis zum Jahr 2000 mit der&#13;
Datenautobahn.&#13;
Das kann von Gemeinde zu Gemeinde geschehen.&#13;
Ich war vor kurzem in Concord (New Hampshire), nur&#13;
zwei Tage, nachdem die Schulen in dieser Gemeinde&#13;
vernetzt worden waren. Es waren wirklich Bestrebungen auf Gemeindeebene der Art, wie wir sie benötigen. Ich war zufällig in einer Schule der Gegend mit&#13;
dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen der Gemeinde.&#13;
Ich sah, was die Gemeindevertreter unternommen&#13;
hatten, um den Schülern Geräte zur Verfügung zu&#13;
stellen, die sie mit nach Hause nehmen und gemeinsam mit ihren Eltern benutzen konnten, sogar Schüler,&#13;
die aus bescheidenen Verhältnissen stammten mit&#13;
Eltern ohne formale Bildung oder vorherige Erfahrung.&#13;
&#13;
Schülern erlaubt, Dinge zu tun, die sie nie zuvor tun&#13;
konnten - Grauwale zu studieren oder die Vulkane auf&#13;
Hawaii, die Galapagosinseln zu erforschen - all das,&#13;
ohne das Klassenzimmer zu verlassen. Ich erinnere&#13;
mich, daß ich vor nicht allzu langer Zeit einen Achtklässler aus Albany (New York) traf, der einen Aufsatz&#13;
über Vulkane geschrieben hatte - ausschließlich&#13;
anhand von Material aus Australien dank des Zugangs&#13;
zur Datenautobahn.&#13;
Wir wissen auch, daß Technologie die Bildungschancen in allen Schulen verbessern kann, selbst in&#13;
Bereichen, wo die Leistungen bisher sehr bescheiden&#13;
waren. Die Christopher Columbus School in Union&#13;
City (New Jersey), die Sie in Ihrem Bericht erwähnen,&#13;
ist eine Schule, die ich Ende der Woche besuchen&#13;
möchte, um die Bedeutung Ihrer Empfehlungen sowie&#13;
unser Ziel zu unterstreichen und allen Amerikanern in&#13;
diesem Land zu demonstrieren, daß Technologie&#13;
wirklich etwas bewirken kann.&#13;
In meinem Bericht zur Lage der Nation habe ich&#13;
festgestellt, während wir die Art der Arbeit und des&#13;
Arbeitsplatzes verändern und immer mehr Organisationen weniger bürokratisch, hierarchisch, dafür aber&#13;
flexibler werden, verschwindet auch das Zeitalter des&#13;
aufgeblähten, zentralisierten Regierungsapparats.&#13;
Die heutige Regierung ist die schlankste seit 1965.&#13;
Bis Ende dieses Jahres wird sie die schlankste&#13;
Regierung seit 1963 sein.&#13;
Aber nur weil wir keine aufgeblähte Regierung im&#13;
herkömmlichen Sinne haben, heißt das nicht, daß sie&#13;
schwach ist. Es bedeutet nicht, daß der einzelne,&#13;
Familien und Gemeinden wieder zu der Zeit zurückkehren sollten, in der sie für sich selbst sorgen&#13;
mußten. In dieser uns konfrontierenden neuen Welt&#13;
können wir nur durch Zusammenarbeit die Chancen&#13;
nutzen und die Probleme bekämpfen.&#13;
Sie haben ein Beispiel gesetzt. Und dieser Bericht&#13;
zeigt den Rahmen der Partnerschaft auf, dank der die&#13;
Menschen das meiste aus ihrem Leben machen und&#13;
die Gemeinden das Beste tun können, um die sich&#13;
ihnen bietenden Chancen zu ergreifen. Diesem&#13;
Beispiel sollten die Amerikaner in vielen anderen&#13;
Lebensbereichen unserer Nation folgen.&#13;
&#13;
Das Basiselement von KickStart auf Gemeindeebene&#13;
ist unglaublich wichtig, und ich beglückwünsche Sie zu&#13;
der Sicherstellung, daß wir alle unseren Teil zum&#13;
Erfolg der Initiative beitragen.&#13;
&#13;
Dank Ihrer Unterstützung für die Benton Foundation,&#13;
die ich besonders begrüße, werden zahlreiche&#13;
Schulen, Bibliotheken und Gemeinden voneinander&#13;
lernen und den Fortschritt sehr viel mehr beschleunigen können als es sonst möglich gewesen wäre.&#13;
&#13;
Wie Sie in Ihrem Bericht feststellten, verbessert sich&#13;
die Bildung dank Bildungstechnologie. Sie sehen es&#13;
an den Prüfungsergebnissen der Clearview-Grundschule in Chula Vista (Kalifornien), die Sie als Beispie!&#13;
anführen. Sie wissen auch, daß die Technologie den&#13;
&#13;
Mit Hilfe des von Bill Nye, Disney und AT&amp;T produzierten Videos fällt es allen sehr viel leichter, die Datenautobahn zu verstehen. Herzlichen Dank an Sie und&#13;
alle anderen Unternehmen, die einen Beitrag zu&#13;
diesem Projekt geleistet haben.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�Abschließend möchte ich etwas unterstreichen, das&#13;
für Sie vielleicht offensichtlich ist, für viele andere Amerikaner jedoch nicht auf der Hand liegt, die&#13;
nicht diesen Entwicklungen ausgesetzt waren. Es&#13;
geht nicht um Technologie um der Technologie willen.&#13;
Es geht um den Einsatz von Technologie, damit die&#13;
Menschen zusammenarbeiten können, um für sich&#13;
und ihre Familien eine bessere Zukunft zu gestalten.&#13;
Sie haben dazu beigetragen, Amerika vor eine&#13;
Herausforderung zu stellen, und Sie haben uns den&#13;
Weg gezeigt - einen Weg, der das Versprechen des&#13;
Amerikanischen Traums für alle unsere Mitbürger&#13;
&#13;
enthält, die dafür zu arbeiten bereit sind, und uns allen&#13;
weitere Zusammenarbeit in einem neuen Zeitalter&#13;
ermöglicht.&#13;
Das ist die wichtigste Lektion, die ich als Präsident&#13;
gelernt habe. Wir müssen neue Wege der Zusammenarbeit finden, damit die Menschen als Einzelpersonen und Familien in den Gemeinden ihr großes&#13;
Versprechen einlösen können - und Sie haben das in&#13;
diesen beiden Berichten getan. Unser Land steht in&#13;
Ihrer Schuld, und ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�RIAS&#13;
21. Februar 1996&#13;
&#13;
Förderung der deutsch-amerikanischen Verständigung&#13;
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel&#13;
&#13;
BERLIN - (AD) - Anläßlich der Preisverleihung der RIAS BERLIN-Kommission am 7. Februar 1996 in Berlin hielt&#13;
der Gesandte der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D.&#13;
Bindenagel, nachfolgende Rede.&#13;
&#13;
Mit der zweiten jährlichen Preisverleihung der RIASKommission setzen wir heute abend eine "Neue&#13;
Tradition" der deutsch-amerikanischen Freundschaft&#13;
hier in Berlin fort.&#13;
Während des Kalten Krieges, als Berlin ein belagerter&#13;
Außenposten weit hinter dem Eisernem Vorhang war,&#13;
sendete RIAS lebenswichtige Informationen für&#13;
Deutsche auf beiden Seiten der Mauer. RIAS trug&#13;
dazu bei, den Traum von Freiheit und Einheit am&#13;
Leben zu erhalten.&#13;
Dieser Traum wurde wahr. Heute ist Berlin erneut die&#13;
Hauptstadt Deutschlands und ein dynamischer Knotenpunkt im Zentrum Europas.&#13;
Der Eiserne Vorhang ist in der Tat bereits eine verblassende Erinnerung. Und mit seiner Beseitigung&#13;
haben wir ein Zeitalter der Konfrontation und Gefahr&#13;
hinter uns gelassen. Unsere Welt ist heute zweifelsohne besser und sicherer, aber weit davon entfernt,&#13;
perfekt zu sein. In vieler Hinsicht ist sie sogar noch&#13;
komplexer geworden, mit alten Risiken, die jetzt durch&#13;
eine Vielzahl weniger orthodoxer Gefahren ersetzt&#13;
wurden.&#13;
Wir müssen nicht länger die Sowjetunion fürchten,&#13;
aber wir fühlen umso deutlicher den Druck ethnischer&#13;
Konflikte, territorialer Streitigkeiten, eines der Umwelt&#13;
abträglichen Bevölkerungswachstums, von Umweltzerstörung und Flüchtlingsströmen. Wir sehen uns mit&#13;
zunehmenden Bedrohungen durch die Verbreitung von&#13;
Massenvernichtungswaffen, Terrorismus, internationalem Verbrechen und Drogenhandel konfrontiert.&#13;
Die neue globale Wirtschaft bietet ausgezeichnete&#13;
Aussichten für Wachstum, aber sie kann auch gra-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
vierende Veränderungen für unsere Industrien und&#13;
Arbeitnehmer mit sich bringen.&#13;
Dieser Prozeß der Umgestaltung ist eine ungeheure&#13;
Herausforderung, aber vor allem eine historische&#13;
Chance. Wir haben den Augenblick genutzt, um das&#13;
Fundament für ein neues, integriertes Europa zu legen&#13;
und die Nationen Zentral- und Osteuropas in demokratischen politischen Systemen und freien Marktwirtschaften zu verankern.&#13;
Die Risiken sind enorm. Die von uns jetzt gefällten&#13;
Entscheidungen werden unsere Zukunft ebenso sicher&#13;
betreffen wie die bedeutenden Entscheidungen, die&#13;
weitblickende Politiker des Bündnisses am Ende des&#13;
Zweiten Weltkriegs trafen. Vor fünfzig Jahren schufen&#13;
der Marshallplan, die NATO, das GATT und die in&#13;
Bretton Woods ins Leben gerufenen internationalen&#13;
Finanzinstitutionen die Grundlage für unsere Gemeinschaft westlicher Demokratien und für eine zunehmend&#13;
interdependente globale Wirtschaft.&#13;
Während diese Institutionen der Nachkriegszeit zu&#13;
beispiellosem Frieden und Wohlstand seit über einem&#13;
halben Jahrhundert beitrugen, erstreckten sich ihre&#13;
Vorteile bedauerlicherweise nur auf den halben&#13;
Kontinent. Und an dieser Trennlinie begann der Kalte&#13;
Krieg.&#13;
Heute haben wir uns zu einem ungeteilten Europa&#13;
verpflichtet. Wir streben die Öffnung unserer Institutionen für die ehemals kommunistischen Länder&#13;
an, die willens und bereit sind, sich zu einer multiethnischen Demokratie und offenen Märkten zu verpflichten. Wir arbeiten auf die Schaffung eines neuen&#13;
transatlantischen Rahmens für das 21. Jahrhundert&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�hin, der eine auf Demokratie, freie Märkte und gegenseitige Sicherheit gegründete dauerhafte internationale&#13;
Ordnung bewahren kann.&#13;
Glücklicherweise werden diese transatlantischen&#13;
Verbindungen durch ein reiches Erbe kultureller und&#13;
familiärer Bande verstärkt, die Jahrhunderte zurückreichen. Seit dem 17. Jahrhundert haben über sieben&#13;
Millionen Deutsche Europa verlassen, um in Amerika&#13;
ein neues Leben zu beginnen. Heute zählen die&#13;
Nachfahren dieser Einwanderer mehr als 60 Millionen ungefähr jeder vierte Amerikaner hat deutsche Wurzeln.&#13;
Diese lebenswichtigen menschlichen Bande tragen zur&#13;
Gewährleistung der Stärke und Flexibilität unserer&#13;
politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen&#13;
bei. Es ist unsere Aufgabe, darauf zu achten, daß die&#13;
Bande ständig erneuert werden.&#13;
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben rund 15&#13;
Millionen amerikanische Soldaten und ihre Familienangehörigen in Deutschland gelebt - viele von ihnen&#13;
hier in Berlin. Sie sind nach Amerika als "Botschafter"&#13;
für Ihr Land zurückgekehrt. Während diese Präsenz&#13;
verringert wird, müssen wir kreativer bei der Suche&#13;
nach anderen Wegen werden, Deutsche und Amerikaner in Kontakt zueinander zu bringen.&#13;
&#13;
dessen 50jähriges Bestehen wir heute feiern - war&#13;
ebenfalls eine der großartigen Institutionen der&#13;
Nachkriegszeit.&#13;
Obwohl der Sender nicht mehr&#13;
existiert, besteht der Name RIAS - und die deutschamerikanische Partnerschaft, die er symbolisiert - in&#13;
neuer Form in der RIAS BERLIN-Kommission fort.&#13;
Dank einer großzügigen Stiftung des US-Informationsamts und einer Spende in gleicher Höhe von&#13;
der Bundesregierung kann die Kommission eine Reihe&#13;
bedeutender Aktivitäten unterstützen. Austauschprogramme für deutsche und amerikanische Rundfunkjournalisten, finanzielle Unterstützung von Radiound Fernsehprogrammen, die bessere Beziehungen&#13;
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten&#13;
fördern, und die Verleihung jährlicher Preise für die&#13;
besten Radio- und Fernsehprogramme über die&#13;
Vereinigten Staaten in Deutschland - und vice versa.&#13;
Die Preisträger, die wir gleich ehren, werden Teil einer&#13;
besonderen Tradition, die ein halbes Jahrhundert&#13;
zurückreicht - der RIAS Tradition.&#13;
Ich möchte ihnen gratulieren und ihnen für ihren&#13;
Beitrag zu einer großen Sache danken - der deutschamerikanischen Verständigung.&#13;
Vielen Dank.&#13;
&#13;
Eines der Instrumente zur Förderung dieser elementaren Aufgabe ist die RIAS BERLIN-Kommission. RIAS -&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 04&#13;
&#13;
�</text>
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                    <text>WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
Wirtschaftsbericht des Präsidenten&#13;
Clinton optimistisch bezüglich Wirtschaftslage&#13;
&#13;
USA-EUROPA&#13;
&#13;
Amerikas engagierte Führungsrolle ist entscheidend&#13;
von Botschafter Richard Holbrooke&#13;
&#13;
Politische und wirtschaftliche Folgerungen der Ostöffnung Europas aus amerikanischer Sicht &#13;
von Robert L. Earle&#13;
&#13;
ABRÜSTUNG&#13;
&#13;
USA lehnen Stichtag für Beseitigung von Nuklearwaffen ab&#13;
Rede von Botschafter Stephen Ledogar&#13;
&#13;
WAHLEN'96&#13;
&#13;
Meinungsumfragen, Probeabstimmungen, Wahlwerbung und Vorwahlen&#13;
Mitteilungen zur amerikanischen Politik&#13;
&#13;
DATENAUTOBAHN&#13;
&#13;
Clinton: Nutzung von Technologien für eine bessere Zukunft&#13;
Rede des Präsidenten vor Nil-Rat&#13;
&#13;
RIAS&#13;
&#13;
Forderungen der deutschamerikanischen Verständigung&#13;
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaftsbericht des Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Clinton optimistisch bezüglich Wirtschaftslage&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikas engagierte Führungsrolle ist entscheidend&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Richard Holbrooke&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Politische und wirtschaftliche Folgerungen der Ostöffnung Europas aus amerikanischer Sicht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert L. Earle&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Abrüstung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA lehnen Stichtag für Beseitigung von Nuklearwaffen ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Stephen Ledogar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen'96&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Meinungsumfragen, Probeabstimmungen, Wahlwerbung und Vorwahlen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mitteilungen zur amerikanischen Politik&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Nutzung von Technologie für eine bessere Zukunft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor NII-Rat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. RIAS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Förderung der deutsch-amerikanischen Verständigung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;</text>
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dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

&lt;o
^7-IQN

^

Z12462 C
7. Februar 1996

03

RATIFIZIERUNG DES START ll-VERTRAGS
STELLT HISTORISCHEN SCHRITT DAR
Erklärungen des Präsidenten und des
Außenministers

ABRÜSTUNG

HINTERGRUNDINFORMATIONEN ZUR
RATIFIZIERUNG DES START ll-VERTRAGS
Mitteilung des Weißen Hauses

PFF

PERRY: PFF VERÄNDERT ZENTRAL- UND
OSTEUROPA
Rede des Verteidigungsministers bei der
Wehrkundetagung

NATO

NEUE SICHERHEIT FÜR EIN UNGETEILTES
UND FREIES EUROPA
Rede von Robert E. Hunter

NICHTVERBREITUNG

CTB-VERTRAG IST BOLLWERK GEGEN
WEITERVERBREITUNG VON NUKLEARWAFFEN
Rede von ACDA-Direktor Holum

MENSCHENRECHTE

SHATTUCK SIEHT FORTSCHRITTE BEI
MENSCHENRECHTSSITUATION IN BOSNIEN
Anhörung vor Ausschuß des Repräsentantenhauses

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�ABRÜSTUNG
7. Februar 1996

Ratifizierung des START Il-Vertrags stellt
"historischen Schritt" dar
Erklärungen des Präsidenten und des Außenministers

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton zufolge ist die Ratifizierung des START Il-Vertrags zur Reduzierung von
Atomwaffen durch den US-Senat ein "historischer Schritt", der "die Sicherheit aller Amerikaner, aller Russen und
aller Menschen auf der ganzen Welt erhöht".
Der Senat stimmte dem Vertrag, der die Anzahl atomarer strategischer Angriffswaffen in weitaus stärkerem Maße
reduziert als der START I-Vertrag, mit 87 zu 4 Stimmen zu. Der Vertrag muß jetzt noch vom Präsidenten
unterzeichnet werden.
Der Vorsitzende des Senatsausschusses für auswärtige Beziehungen, Jesse Helms, hatte das Votum über den
START Il-Vertrag hinausgezögert, um die Verabschiedung einer Haushaltsvorlage zu erzwingen, durch die drei
für auswärtige Angelegenheiten zuständige Bundesbehörden geschlossen und ihre Aufgaben dem
Außenministerium übertragen werden sollten. Ein im Dezember von Demokraten und Republikanern erzielter
Kompromiß in dieser Frage machte den Weg für die Abstimmung im Senat über START II frei.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton und Außenminister Christopher kurz nach der
Ratifizierung von START II durch den Senat am 26. Januar 1996 abgegebenen Erklärungen im Wortlaut.

Präsident Clinton:
Heute haben Demokraten und Republikaner im
Kongreß durch Zusammenarbeit die Sicherheit des
amerikanischen Volkes erhöht, indem sie den mit
Rußland geschlossenen START Il-Vertrag über den
Abbau von Nuklearwaffen ratifizierten. Ich begrüße
diesen historischen Schritt. Wie ich in meinem Bericht
zur Lage der Nation diese Woche erklärte, wird
dadurch die Sicherheit aller Amerikaner, aller Russen
und aller Menschen auf der ganzen Welt erhöht.
START II fordert einschneidende Kürzungen bei den
Nuklearwaffenarsenalen unserer beiden Länder.
Zusammen mit dem START I-Vertrag, den wir im
Dezember 1994 in Kraft setzten, wird er Unterseeboot-,
bomber- und landgestützte Raketenabschußvorrichtungen beseitigen, die mehr als 14.000 Sprengköpfe trugen - zwei Drittel des Nuklearwaffenarsenals, das
die Vereinigten Staaten und die ehemalige Sowjetunion auf der Höhe des Kalten Krieges unterhielten.

AMERIKA DIENST 03

START II wird auch den destabilisierendsten Typ von
Nuklearwaffen beseitigen - ballistische Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen. Angefangen
mit Präsident Nixon haben sechs US-Präsidenten
beider Parteien sich für die Kontrolle und Verringerung
der Zahl von Nuklearwaffen eingesetzt. Präsident
Bush handelte START II aus und legte den Vertrag
dem Senat im Januar 1993 vor. Ich bin stolz darauf,
daß wir die sich mit dem Ende des Kalten Krieges
bietende Gelegenheit genutzt haben, uns diesen
großen Schritt vom nuklearen Abgrund zu entfernen.
Meine größte Pflicht als Präsident besteht darin, die
Sicherheit des amerikanischen Volkes zu gewährleisten. Aus diesem Grund habe ich die Verringerung
der nuklearen Bedrohung zu meiner obersten Priorität
gemacht.
Infolgedessen sind erstmals seit Anbruch des Atomzeitalters keine russischen Rakteten auf unser Volk
gerichtet. Wir haben die Ukraine, Belarus und Kasach-

Seite 1

�stan überzeugt, auf die nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion auf ihrem Territorium zurückgebliebenen
Nuklearwaffen zu verzichten.
Wir überzeugten
Nordkorea, sein gefährliches Atomwaffenprogramm
unter internationaler Kontrolle einzufrieren.
Wir
arbeiten mit Ländern auf der ganzen Welt an der
Sicherung und Zerstörung von Nuklearwaffen und
-material - damit es nicht in die Hände von Terroristen
oder Verbrechern fällt. Wir führen die globalen
Bestrebungen an, eine unbegrenzte Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags zu erzielen, der die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen an Nichtatomwaffenstaaten verbietet.
Wie ich in dem Bericht zur Lage der Nation forderte,
müssen wir noch mehr unternehmen, um dem amerikanischen Volk echte und dauerhafte Sicherheit zu
geben. Wir können den Wettlauf zur Schaffung neuer
Nuklearwaffen beenden, indem wir noch in diesem
Jahr einen Vertrag über ein wirklich umfassendes
Atomtestverbot unterzeichnen. Wir können Giftgas für
immer verbieten, wenn der Senat noch in diesem Jahr
die Chemiewaffenkonvention ratifiziert. Wir können
den Kampf gegen Terroristen gewinnen, die den Besitz
schrecklicher Massenvernichtungswaffen anstreben,
wenn der Kongreß endlich die von mir nach dem
Bombenanschlag von Oklahoma City vorgelegten
Gesetze verabschiedet, der amerikanischen Strafverfolgung ein noch stärkeres Arsenal an die Hand zu
geben.
Meines Erachtens können und werden wir durch
Zusammenarbeit diese wichtigen Schritte zur Erhöhung der Sicherheit des amerikanischen Volkes
unternehmen.

Außenminister Christopher:
Ich freue mich außerordentlich, daß der US-Senat
heute dem START Il-Vertrag zugestimmt hat. Die
Vereinigten Staaten sehen dem möglichst baldigen
Inkrafttreten des START Il-Vertrags erwartungsvoll
entgegen. Ich fordere die russische Duma dazu auf,
START II unverzüglich zu ratifizieren und damit
sicherzustellen, daß unsere beiden Länder und die
gesamte Welt die Vorteile dieser tiefgreifenden
Reduzierungen genießen können.
Die Ratifizierung dieses historischen Abrüstungsvertrags wird die Sicherheit jedes Amerikaners erhöhen.
Das heutige Votum demonstriert die Überparteilichkeit,
die seit langem ein Merkmal erfolgreicher amerikanischer Außenpolitik ist, insbesondere bei der Rüstungskontrolle.
Präsident Clinton hat den Schutz der Amerikaner vor
der Bedrohung atomarer Zerstörung an die oberste
Stelle seiner außenpolitischen Tagesordnung gesetzt.
Nicht nur, daß keine russischen Raketen mehr auf
unsere Städte gerichtet sind - die einschneidenden
Kürzungen der russischen und amerikanischen
Nuklearwaffenarsenale unter START II werden dazu
beitragen, die Angst vor einem atomaren Konflikt
großen Ausmaßes Vergangenheit werden zu lassen.
Nach ihrer vollständigen Umsetzung werden START II
und sein Vorläufer START I die strategischen Nuklearstreitkräfte der Vereinigten Staaten und Rußlands um
zwei Drittel reduzieren. Die Durchsetzung der weitreichenden Bestimmungen von START II wird die
Vereinigten Staaten und Rußland auch bei der Zusammenarbeit zur Eindämmung der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen unterstützen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 03

j

�ABRÜSTUNG
7. Februar 1996

Hintergrundinformationen zur Ratifizierung
des START Il-Vertrags
Mitteilung des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir aus Anlaß der Ratifizierung des START Il-Vertrags durch
den US-Senat am 26. Januar 1996 vom Weißen Haus freigegebene Hintergrundinformationen über START II.

Zielsetzung
Das wichtigste amerikanische Ziel bei der strategischen Rüstungskontrolle besteht in der verbesserten
Stabilisierung von Nuklearwaffen auf wesentlich
niedrigerem Niveau. START II ist ein gerechtes und
wirklich verifizierbares Abkommen zur Verringerung
der Anzahl von Trägersystemen für strategische
Nuklearwaffen und ihre Gefechtsköpfe. Die strategischen Nuklearstreitkräfte insgesamt werden über die
unter dem START I-Vertrag vorgesehenen 9.000
Sprengköpfe hinaus um zusätzliche 5.000 Gefechtsköpfe reduziert.
Vertragsparteien
Der START Il-Vertrag wurde zwischen 1991 und 1992
von den Vereinigten Staaten und Rußland ausgehandelt und nach seiner Unterzeichnung im Januar
1993 von Präsident Bush dem Senat vorgelegt.
Hauptmerkmale
Der START Il-Vertrag baut auf dem am 31. Juli 1991
unterzeichneten START I-Vertrag zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auf. Alle
Bestimmungen von START I bleiben bestehen, außer
wenn sie in dem neuen Vertrag explizit modifiziert
werden. Sie bleiben während der Dauer von START I
in Kraft (START I hat eine Dauer von 15 Jahren und
kann durch eine Übereinkunft zwischen den Vertragsparteien jeweils um 5 Jahre verlängert werden).
Der Vertrag setzt gleiche Obergrenzen für die Anzahl
strategischer Nukiearwaffen fest, die von beiden

AMERIKA DIENST 03

Seiten disloziert werden können. Die Obergrenzen
werden für zwei Phasen festgelegt: Phase Eins endet
sieben Jahre nach Inkrafttreten des START I-Vertrags
(START I trat am 5. Dezember 1994 in Kraft), Phase
Zwei im Jahr 2003. Phase Zwei könnte Ende des
Jahres 2000 abgeschlossen sein, wenn sich die
Vereinigten Staaten an der Finanzierung der Beseitigung strategischer Angriffswaffen in Rußland beteiligen.
Phase Eins: Am Ende der ersten Phase muß jede
Seite die Gesamtzahl ihrer dislozierten strategischen
Nuklearsprengköpfe auf 3.800 bis 4.250 reduziert
haben. Darunter fallen die Gefechtsköpfe auf dislozierten ballistischen Interkontinentalraketen (intercontinental ballistic missiles - ICBMs), unterseebootgestützten
ballistischen Raketen (submarine-launched ballistic
missiles - SLBMs) sowie die Anzahl von Gefechtsköpfen, mit denen schwere Bomber für Nuklearmissionen bestückt sind. Mit den insgesamt 3.800 bis
4.250 Gefechtsköpfen dürfen nicht mehr als 1.200
ballistische Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVed ICBMs), nicht mehr als 2.160
SLBMs und nicht mehr als 650 schwere ICBMs
bestückt werden.
Phase Zwei: Am Ende der zweiten und letzten Phase
muß jede Seite die Gesamtzahl ihrer stationierten
strategischen nuklearen Gefechtsköpfe auf 3.000 bis
3.500 reduziert haben. Mit ihnen dürfen keine MIRVed
ICBMs, einschließlich schwerer ICBMs, bestückt
werden. Somit müssen alle MIRVed ICBMs der
stationierten Streitkräfte jeder Seite beseitigt werden;
lediglich ICBMs mit nur einem Gefechtskopf sind
gestattet. Die SLBMs dürfen nicht mit mehr als 1.700

Seite 1

�bis 1.750 Gefechtsköpfen bestückt sein. Es gibt kein
Verbot für MIRVed SLBMs.

schossen werden können. Die verbleibenden 64 SSIS-Silos müssen gemäß diesem Vertrag zerstört
werden.

Downloading
Der Vertrag gestattet eine Reduzierung der Anzahl der
Sprengköpfe auf bestimmten ballistischen Raketen.
Diese Reduzierung - "downloading" - wird in Abänderung der Bestimmungen von START I auf sorgfältig strukturierte Weise gestaltet.
Jede Seite wird in der Lage sein, zwei existierende
Typen ballistischer Raketen um jeweils bis zu vier
Gefechtsköpfe zu reduzieren - zusätzlich zu der
amerikanischen Minuteman III und der russischen SSN-18. Es gibt keine Gesamtobergrenzen für die
Reduzierung der Anzahl von Sprengköpfen pro
Rakete.
Bei insgesamt 105 ICBMs von einem dieser Typen darf
die Sprengkopfzahl um bis zu jeweils fünf reduziert
werden. Eine solche ICBM darf nur in Silos stationiert
werden, in denen sie zum Zeitpunkt der Unterzeichnung von START disloziert war.
Damit ist eine Reduzierung der mit drei Gefechtsköpfen ausgestatteten amerikanischen Minuteman III
ICBM, der mit vier Sprengköpfen bestückten russischen SS-17 ICBM und von 105 der mit sechs Gefechtsköpfen ausgerüsteten russischen SS-19 ICBMs
auf nur einen Gefechtskopf möglich, um der Erfordernis der Beseitigung aller MIRVed ICBMs nachzukommen. Die amerikanischen Peacekeeper ICBMs
und die schweren russischen SS-18 und SS-24 ICMBs
müssen gemäß dem START-Verfahren allesamt
beseitigt werden.
Verschrottung der Raketensysteme
Unter START I dürfen die stationierten SLBMs und die
meisten stationierten ICBMs entweder durch Zerstörung ihrer Abschußvorrichtungen (silogestützte
ICBMs, mobile Abschußrampen für mobile ICBMs und
Unterseebootabschußvorrichtungen für SLBMs) oder
die Konvertierung dieser Vorrichtungen, so daß sie nur
eine andere - erlaubte - Raketenart abschießen
können, von der Nachweispflicht befreit werden.
Einzige Ausnahme sind die SS-18; unter dem START
I-Vertrag muß die Forderung nach einer Beseitigung
von 154 dislozierten SS-18 durch die Zerstörung von
Silos, nicht durch Konversion, erfüllt werden.
Unter START II finden diese Vorschriften weiterhin
allgemein Anwendung. Die wichtigste Ausnahme sind
wiederum die SS-18. 90 SS-18 Silos werden für
Raketen mit Einfachgefechtskopf konvertiert - Rußland
zufolge der Typ SS-25. Der Vertrag wird spezifische
Vorgeh3nsweisen festlegen, einschließlich Inspektionen vor Ort, um sicherzustellen, daß von diesen
konvertierten Silos nie wieder schwere ICBMs abge-

Seite 2

Im Austausch für das Recht auf Beibehaltung von bis
zu 90 konvertierten SS-18 Silos fordert der Vertrag,
daß alle SS-18 Raketen und Kanister - sowohl stationierte als auch nicht stationierte - bis zum 1. Januar
2003 verschrottet werden. Dies stellt gegenüber dem
START I-Vertrag eine wichtige Änderung dar. Allgemein strebte START I nicht die Zerstörung von
Raketen an. Aber in START II stimmten die Russen
der Beseitigung aller SS-18-Raketen zu - stationierter
und nicht stationierter. Dadurch wird das seit langem
gehegte Ziel der Amerikaner einer vollständigen
Verschrottung schwerer ICBMs erreicht.
Schwere Bomber
Im Start I-Vertrag unterliegen schwere atomare
Langstreckenbomber einer flexibleren Zählweise als
ballistische Raketen. Jeder schwere Bomber, der nur
für die Beförderung von Kurzstreckenraketen oder
Freifallbomben ausgerüstet ist, zählt soviel als ein
Gefechtskopf. Die zur Beförderung atomarer Marschflugkörper (air launched cruise missiles - ALCMs)
größerer Reichweite ausgerüsteten schweren Bomber
zählen jeweils als 10 Gefechtsköpfe, die für die
Beförderung atomarer ALCMs größerer Reichweite
ausgerüsteten schweren sowjetischen Bomber zählen
jeweils als 8 Gefechtsköpfe.
Unter START II erfolgt die Zählweise für die schweren
Bomber anhand der Anzahl von Nuklearwaffen - seien
es atomare ALCMs größerer Reichweite, Kurzstrekkenraketen oder Freifallbomben - für die sie ausgerüstet sind. Diese Zahl wird im Vertragsvermerk über
Zuschreibung spezifiziert und durch eine einmalige
Vorführung für Inspektoren sowie Routineinspektionen
vor Ort gemäß START bestätigt.
Ein weiteres neues Merkmal des Vertrags ist die
Bestimmung, daß bis zu 100 schwere Bomber, für die
unter dem START I-Vertrag nie eine Nachweispflicht
als atomare ALCMs größerer Reichweite bestand,
jetzt eine neue konventionelle Rolle bekommen.
Solche Bomber zählen nicht für die im Vertrag festgelegten Gefechtskopfobergrenzen. Sie werden von den
für Nuklearwaffen ausgerüsteten schweren Bombern
getrennt und lediglich für nichtnukleare Missionen
eingesetzt, und sie weisen sichtbare Unterschiede zu
anderen Bombern desselben Typs auf, die keine
konventionelle Rolle erhalten. Solche schweren
Bomber können mit einer Benachrichtigungsfrist von
drei Monaten erneut eine nukleare Rolle erhalten,
jedoch danach nicht wieder für konventionelle Zwecke
umgerüstet werden.

AMERIKA DIENST 03

�Verifizierung
Das umfassende Verifizierungsregime des START IVertrags wird in dem neuen Vertrag weiterhin angewandt. Zusätzlich wird START II einige neue Verifizierungsmaßnahmen enthalten, beispielsweise die Über-

wachung der Konversion von SS-18 Silos und der
Raketenzerlegungsverfahren, Vorführungen
und
Inspektionen aller schweren Bomber zur Bestätigung
von Waffenladungen sowie Vorführungen von schweren Bombern, die eine konventionelle Rolle erhalten,
um ihre sichtbaren Unterschiede zu bestätigen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 03

Seite 3

�PFF
7. Februar 1996

Perry: PFF verändert Zentral- und Osteuropa
Rede des Verteidigungsministers bei der Wehrkundetagung

MÜNCHEN - (AD) - In seiner Rede bei der 33. Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik erklärte
Verteidigungsminister William Perry am 4. Februar 1996, durch die Partnerschaft für den Frieden beziehe die
NATO die neuen freien Nationen Europas und der ehemaligen Sowjetunion ein. Darüber hinaus eröffne sie einen
Weg zu Freiheit und Wohlstand, deren sich Westeuropa seit 50 Jahren erfreue.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister Perry im Wortlaut.

Hinter meinem Schreibtisch im Pentagon hängt ein Bild
des großen Staatsmannes George C. Marshall.
Marshall - der dritte Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten - ist ein Vorbild für mich. Er hatte eine
große Vision für Europa - ein vom Atlantik bis zum Ural
in Frieden, Freiheit und Demokratie vereintes Europa,
und eine durch überparteiliche politische Unterstützung in den Vereinigten Staaten getragene starke
transatlantische Partnerschaft.
Marshall hatte nicht nur diese Vision, er hatte auch
einen Plan, diese Vision im Europa der Nachkriegszeit
Realität werden zu lassen. Und in seiner berühmten
Rede an der Harvard University im Jahr 1947 legte er
das Konzept dar, das zum Marshallplan wurde.
Wenig bekannt ist, daß auch der berühmte Dichter T.S.
Eliot an jenem Tag zusammen mit Marshall auf dem
Podium saß, der 10 Jahre zuvor folgendes geschrieben hatte:
Footfalls echo in the memory
Down the passage we did not take
Towards the door we never opened.
Diese Worte von T.S. Eliot sagten das Schicksal des
Marshallplans in Ost- und Mitteleuropa voraus. Denn
an jenem Tag vor 50 Jahren, als der Tritt des Zweiten
Weltkriegs noch über einen zerstörten Kontinent hallte,
bot der Marshallplan Europa einen neuen Weg zu
Wiederaufbau und Erneuerung. Halb Europa schlug
diesen Weg ein und öffnete die Tür zu Wohlstand und
Freiheit. Halb Europa wurde dieser Weg verweigert,

AMERIKA DIENST 03

als Josef Stalin die Tür vor Marshalls Angebot zuschlug. Und 50 Jahre lang hallten die Tritte dessen,
was hätte gewesen sein können, in unserer Erinnerung
nach.
Heute, während der Kalte Krieg zum Echo in unserer
Erinnerung wird, haben wir eine zweite Chance,
Marshalls Vision Realität werden zu lassen: Den Weg
einzuschlagen, den wir vor 50 Jahren nicht gegangenen sind, zu der Tür, die wir nie geöffnet haben. Hinter
dieser Tür liegt George Marshalls Europa. Um diese
Tür zu öffnen, benötigen wir keinen zweiten Marshallplan, sondern wir müssen uns von Marshalls Vision
leiten lassen.
Marshall erkannte, daß Frieden, Demokratie und
Wohlstand letztlich untrennbar sind. Und Marshall
verstand, daß die Menschen die erforderliche harte
Arbeit zur Erlangung ihrer Ziele leisten werden, wenn
man herausfindet, was sie sich am meisten wünschen
und ihnen einen Weg zeigt, dies zu erreichen.
Was sich die westeuropäischen Länder Ende der
vierziger Jahre am meisten wünschten, war der
Wiederaufbau ihrer Gesellschaften und Volkswirtschaften. Der Marshallplan bot einen Weg zur Erlangung dieses Ziels. Indem sie diesen Kurs einschlugen, bauten die Nationen Westeuropas ein
wirtschaftliches Kraftwerk auf. Und gleichzeitig bauten
sie starke Demokratien und eine starke Sicherheitsinstitution auf - genannt NATO.

Seite 1

�Heute kämpfen die Länder in der anderen Hälfte
Europas mit dem Wiederaufbau ihrer Gesellschaften
und Volkswirtschaften, und das einzige, das sie alle
wünschen, ist größere Sicherheit. Die Herausforderung für die NATO besteht darin, diesen Europäern
einen Weg zur Erlangung ihres Sicherheitsziels zu
bieten. Und wir wünschen uns sehr, daß sie gleichzeitig starke Demokratien und starke Volkswirtschaften
aufbauen.
Zu der anderen Hälfte Europas zählen die Nationen
Zentral- und Osteuropas sowie die neuen unabhängigen Staaten, darunter Rußland. Und die Nationen des
ehemaligen Jugoslawiens. Heute bezieht die NATO all
diese Regionen ein und bietet einen Weg zu Marshalls
Europa.
Der wichtigste von der NATO gebotene Weg ist die
Partnerschaft für den Frieden - PFF. Ebenso wie der
Marshallplan funktionierte, weil er fest im Eigeninteresse der Vereinigten Staaten und Europas verwurzelt
war, funktioniert auch die Partnerschaft für den
Frieden, weil sie fest im Eigeninteresse der NATO und
der Partnernationen verwurzelt ist.
Die PFF bezieht die neuen freien Nationen Europas
und der ehemaligen Sowjetunion in die Sicherheitsarchitektur Europas als Ganzes ein. Unsere Nationen
arbeiten und üben bei gemeinsamen militärischen
Manövern zusammen.
Um Mißverständnissen
vorzubeugen: Die Partnerschaft für den Frieden ist
jedoch mehr als nur gemeinsame Übungen. Ebenso
wie der Marshallplan weit über die Volkswirtschaften
Westeuropas hinausgehende Auswirkungen hatte,
geht der Widerhall der PFF über den Sicherheitsbereich in Zentral- und Osteuropa hinaus und reicht
auch in den politischen und wirtschaftlichen Bereich
hinein.
Ebenso wie der Marshallplan die wirtschaftliche
Wiederbelebung als Katalysator für politische Stabilisierung - und letztlich die Entwicklung des modernen
Europas benutzte - nutzt die PFF sicherheitspolitische
Zusammenarbeit als Katalysator für politische und
wirtschaftliche Reformen.

Nationen ist das Streben nach einer NATO-Mitgliedschaft zu dem Fels geworden, auf den alle führenden
politischen Parteien ihre Plattformen gründen. Sie
bietet denselben Konsens, den die NATO-Mitgliedschaft in den NATO-Mitgliedstaaten erzeugt, der
Kompromisse und Aussöhnung ermöglicht.
In Ungarn stimmten alle sechs führenden politischen
Parteien im Parlament für die Verabschiedung einer
Resolution zur Unterstützung der IFOR - der Friedenstruppe für Bosnien - mit 300 zu 1 Stimme. In Polen
bekräftigte der neue Präsident - ein ehemaliges
Mitglied der früheren kommunistischen Partei - das
Streben Polens nach NATO-Mitgliedschaft. In der
Slowakei, Ungarn und Rumänien lösen die Regierungen stillschweigend ihre Grenzstreitigkeiten und führen
den Schutz ethnischer Minderheiten ein. Für diese
Länder wird die Partnerschaft für den Frieden ein Weg
zu Demokratie und marktwirtschaftlichen Reformen
sowie zur sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit
dem Westen.
Aber selbst die Länder, die keine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, erkennen viele der politischen und sozialen
Vorteile einer aktiven Beteiligung an der PFF. Darüber
hinaus bietet die PFF ihnen die Instrumente und
Chancen, um engere Beziehungen zur NATO zu
entwickeln sowie von ihr zu lernen - selbst wenn sie es
vorziehen, außerhalb des Bündnisses zu bleiben. Und
die PFF schafft Verbindungen zu den Partnernationen
- sogar außerhalb des Kooperationsrahmens mit der
NATO.
Aus diesem Grund haben die Verteidigungsminister
vieler Partnernationen mir gesagt, daß sie, selbst
wenn sie eines Tages der NATO beitreten, ihre aktive
Beteiligung an der PFF aufrechterhalten wollen. Mit
anderen Worten: Durch die Gründung der Partnerschaft für den Frieden tut die NATO mehr als nur die
Grundlage für die Erweiterung aufzubauen. Tatsächlich schafft sie eine neue Zone der Sicherheit und
Stabilität in ganz Europa.

Die Mitglieder der PFF arbeiten darauf hin, die Demokratie zu bewahren, Vielfalt zu tolerieren, die Rechte
von Minderheiten und sowie die Redefreiheit zu
respektieren. Sie arbeiten am Aufbau von Marktwirtschaften. Sie arbeiten hart daran, die demokratische
Kontrolle über ihre Streitkräfte einzuführen, gute
Nachbarn zu sein und die souveränen Rechte außerhalb ihrer Grenzen zu achten. Und sie arbeiten
hart daran, ihre Streitkräfte mit denen der NATO
kompatibel zu machen.

Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, daß die Gründung der Partnerschaft für den Frieden eines der
bedeutendsten Ereignisse der Zeit nach dem Kalten
Krieg war. Indem sie ein Geflecht von Menschen und
Institutionen geschaffen hat, die bei der Bewahrung
der Freiheit, Förderung von Demokratie und dem
Aufbau freier Märkte zusammenarbeiten, ist die PFF
heute ein Katalysator für die Umgestaltung Zentralund Osteuropas, ebenso wie der Marshallplan Westeuropa in den vierziger und fünfziger Jahren umgestaltete. Sie ist der Weg, den diese Hälfte Europas 1947
nicht einschlug. Sie ist die Tür, die wir nie geöffnet
haben.

Für die Partnerländer, die in der PFF den Weg zur
NATO-Mitgliedschaft sehen, sind diese Aktionen der
Schlüssel zur Öffnung dieser Tür. Für viele dieser

Um die Vorteile der Reformen festzuschreiben, muß
die NATO sicherstellen, daß die von uns in der PFF
geschaffenen Bande sich weiter vertiefen und wir den

Seite 2

AMERIKA DIENST 03

�schrittweisen und sorgfältigen, aber stetigen Prozeß
der Einbeziehung und Ost-Erweiterung fortsetzen. Die
NATO-Erweiterung ist unvermeidlich. Und wenn die
NATO-Erweiterung das Zuckerbrot zur Ermutigung von
Reformen ist, dann dürfen wir dieses Zuckerbrot nicht
dauernd außer Reichweite halten. Es ist daher
entscheidend, daß wir die beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats im Dezember vereinbarte zweite
Phase der NATO-Erweiterung durchführen.

Erstens, sagte ich, wenn ich ein russischer Politiker
wäre, sollten sich die Vereinigten Staaten für die
Sicherheit Europas engagieren. Diesem Postulat
stimmten sie zu.

Und selbst während einige Länder der NATO beitreten,
muß die Tür für andere offengehalten werden, die sich
noch auf dem Weg dorthin befinden.

Drittens, sagte ich, wenn ich ein russischer Politiker
wäre, sollte Rußland in die Sicherheitsarchitektur
Europas integriert und nicht außerhalb isoliert sein.
Auch diesem Postulat stimmten sie zu.

Wie müssen sicherstellen, daß die PFF weiterhin einen
Platz in der europäischen Sicherheitsarchitektur
bereitstellt, so daß wir die Tür zu Marshalls Europa
auch für die Nationen offenhalten, die keine NATOMitgliedschaft anstreben.
Damit Marshalls Vision wirklich erfüllt werden kann,
muß als eines der Länder Rußland durch diese Tür
gehen. Rußland ist seit über 300 Jahren einer der
Hauptakteure im Bereich der europäischen Sicherheit.
Was auch immer geschieht, Rußland wird in den
kommenden Jahren ein Hauptakteur bleiben. Unsere
Aufgabe ist es, die Dinge zum Guten zu wenden.
Anders als beim Marshallplan vor 50 Jahren hat sich
Rußland heute zur Beteiligung an der Partnerschaft für
den Frieden entschlossen. Und im Geiste Marshalls
begrüßen wir die Beteiligung Rußlands und hoffen,
daß das Land mit der Zeit eine führende Rolle in der
PFF im Einklang mit seiner Bedeutung als Großmacht
übernehmen wird.
Damit Rußland jedoch gemeinsam mit uns als vollwertiger und aktiver Partner an der Erfüllung von
Marshalls Vision mitarbeiten kann, müssen die NATO
und Rußland auf gemeinsamem Terrain aufbauen,
selbst wenn wir mit den Schlußfolgerungen des
anderen nicht übereinstimmen. Man kann zu Recht
sagen, daß die meisten Mitglieder des politischen
Establishment Rußlands die Pläne der NATO für eine
Erweiterung weder willkommen heißen, geschweige
denn akzeptieren. Jeder der das gestern noch
bezweifelt hat, erkannte nach der Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Andrej Kokoschin
das Ausmaß der Opposition gegen die NATO-Erweiterung in Rußland.
Als ich im Juni letzten Jahres in Rußland war, führte
ich eine Reihe von Gesprächen mit russischen
Regierungsvertretern und Mitgliedern der Duma über
die Zukunft der europäischen Sicherheit. Ich bot ihnen
einige Postulate zu dieser Zukunft. Ich sagte ihnen,
wenn ich in den Schuhen Rußlands stecken würde,
sollte das Sicherheitsumfeld in Europa folgende
Kriterien haben:

AMERIKA DIENST 03

Dann, sagte ich, wenn ich ein russischer Politiker
wäre, sollte Deutschland integraler Bestandteil der
europäischen Sicherheitsstruktur sein.
Und sie
stimmten diesem Postulat zu.

Schließlich fragte ich sie, wie ein russischer Politiker
diese Ziele am besten erreichen könnte.
Ich folgerte, sie könnten nur durch eine gesunde und
aktive NATO erreicht werden. Das heißt, die NATO
trägt - weit davon entfernt, eine Bedrohung für Rußland
zu sein - tatsächlich zur Sicherheit Rußlands sowie zur
Sicherheit ihrer eigenen Mitglieder bei.
Als ich zu dieser Schlußfolgerung gelangte, waren die
meisten Russen diametral entgegengesetzter Meinung. Sie stimmten allen meinen Prämissen zu - aber
nicht meiner Schlußfolgerung. Ohne die NATO und
ihre Partnerschaftsarrangements sehe ich jedoch
keinen Weg zur Erlangung dieses Ziels - unseres
gemeinsamen Ziels - eines sicheren und friedlichen
Europas.
Ich muß Ihnen sagen, daß ich meine russischen
Kollegen mit meinen Argumenten nicht überzeugen
konnte. Ich bin jedoch der Auffassung, daß sich
Rußland mit der Verstärkung seines Engagements für
die NATO von der Richtigkeit meiner Schlußfolgerung
sowie meiner Prämissen überzeugen läßt. Und ich
glaube, daß Rußland kooperative Beziehungen zur
NATO und eine führende Rolle in der Partnerschaft für
den Frieden haben will. Rußland wird zu dem Verständnis gelangen, daß die NATO-Erweiterung die
Erweiterung einer Zone der Sicherheit und Stabilität
bedeutet, die stark im Interesse Rußlands liegt und
keine Bedrohung für Rußland darstellt.
Damit dieses neue Verständnis vermittelt werden kann,
muß die NATO jedoch weiterhin Rußland einbeziehen,
nicht nur von oben nach unten, sondern auch von
unten nach oben. Bei der Wehrkundetagung im
vergangenen Jahr habe ich den Vorschlag unterbreitet,
daß die NATO und Rußland einen separaten Plan von
Aktivitäten außerhalb der Partnerschaft
für den
Frieden erarbeiten. Inzwischen haben wir alle diesen
Vorschlag im Prinzip erörtert und ihm sogar zugestimmt, ihn jedoch noch nicht zu Papier gebracht. Das
müssen wir tun. Wir dürfen nicht zulassen, daß
Meinungsverschiedenheiten über die Theorie" des
Aufbaus von Beziehungen zwischen der NATO und

Seite 3

�Rußland dem "hier und jetzt" der Zusammenarbeit, wo
sich unsere Interessen eindeutig überschneiden, im
Wege stehen. Statt unsere Praxis von der Theorie
diktieren zu lassen, sollte unsere Praxis die Theorie
definieren.
Ein Beispiel, wo die Vereinigten Staaten dies bereits
tun, ist unser Programm bilateraler Übungen mit
Rußland. Im vergangenen Jahr haben wir vier solcher
Manöver abgehalten, die alle ein großer Erfolg waren
und im Geiste des Vertrauens und Goodwill durchgeführt wurden. Im kommenden Sommer werden die
Vereinigten Staaten und Rußland über die bilaterale
Ebene hinausgehen und gemeinsam an größeren
regionalen Übungen im Rahmen der Partnerschaft für
den Frieden mit Streitkräften aus der Ukraine, Rußland, den Vereinigten Staaten und anderen regionalen
Mächten teilnehmen.
Unser bilaterales Kontaktprogramm mit Rußland
beschränkt sich nicht auf gemeinsame Übungen oder
nur auf den Sicherheitsbereich. Durch die GoreTschernomyrdin-Kommission erstreckt sie sich auf die
Gebiete Wissenschaft und Technologie, Weltraum,
Konversion der Rüstungsindustrie, Unternehmensentwicklung, Umwelt, Gesundheitswesen und Landwirtschaft.
Erst in der vergangenen Woche kam die Kommission
in Washington zusammen, und der Stellvertretende
Verteidigungsminister Kokoschin und ich nahmen am
Programm der Kommission zur Konversion der
Rüstungsindustrie teil. Ich fordere alle NATO-Mitgliedstaaten auf, sich dieses Modell zum Vorbild zu nehmen. Bei diesen Zusammentreffen findet ein wichtiger
Informationsaustausch statt. Sie tragen zur Überwindung von Jahren des Mißtrauens und der Verdächtigungen bei. Sie binden die Russen in das persönliche und professionelle Gefüge ein, das die Beziehungen zwischen allen Verbündeten seit langem charakterisiert. Solche Aktivitäten schaffen Vertrauen zwischen
Rußland und der NATO. Und solche Aktivitäten
werden Rußland auf dem Weg zur Integration in
Europa halten, damit es durch diese offene Tür gehen
kann.
Im Oktober vergangenen Jahres nahmen Verteidigungsminister Gratschow und ich an einer gemeinsamen amerikanischen Übung in Kansas teil. Nach
dem Manöver sprachen wir mit den amerikanischen
und russischen Soldaten, die dieses Manöver durchgeführt hatten. Gratschow sagte den russischen
Soldaten, daß ihre Arbeit sehr wichtig sei, daß sie die
amerikanischen Soldaten an ihrer Freundschaft und
Zusammenarbeit teilhaben lassen sollten und dies die
Grundlage für den Aufbau einer friedlichen Welt für
ihre Kinder sei. Die amerikanischen Soldaten waren
ebenso interessiert an seinen Worten wie die russischen, das kann ich Ihnen versichern.

Seite 4

Ironischerweise ist Bosnien der Ort, an dem sich die
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland in der
Praxis vollziehen. Während wir hier versammelt sind,
dient eine russische Brigade in der amerikanischen
multinationalen Division der IFOR. Es erforderte
ungeheure Arbeit, damit dies geschehen konnte.
Verteidigungsminister Gratschow und ich kamen im
Verlauf von zwei Monaten viermal zusammen, um die
Einzelheiten zu klären. Die Generäle Joulwan und
Nash arbeiteten jeden Tag eng mit ihren Amtskollegen
General Schwetsow und Oberst Lentsow zusammen.
Heute unterhalten die NATO und Rußland besondere
Beziehungen in Bosnien, und Rußland demonstriert
seine Verpflichtung zur Beteiligung an der künftigen
Sicherheitsarchitektur Europas.
Der Grund, warum wir alle so hart arbeiten, um diese
Beziehungen erfolgreich zu gestalten, liegt nicht nur in
den zusätzlichen Truppen, die Rußland nach Bosnien
entsendet, sondern auch darin, daß die Beteiligung
Rußlands in Bosnien in den kommenden Jahren
enorme Auswirkungen auf die Sicherheit Europas
haben wird. Wenn wir uns mit dem wichtigsten
Sicherheitsproblem befassen, mit dem sich Europa seit
dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert sieht, wollen
wir, daß Rußland diesem Kreis angehört und mit uns
zusammenarbeitet, und nicht außerhalb steht und
Steine nach uns wirft.
Je mehr man darüber nachdenkt, was die NATO und
Rußland in Bosnien tun, desto erstaunlicher wird es.
Ich kann mir kaum vorstellen, was General Eisenhower, der erste Oberste Alliierte Befehlshaber Europa
(Supreme Allied Commander Europe - SACEUR),
denken würde, wenn er einen russischen General
neben General Joulwan, den heutigen SACEUR, im
Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in
Europa (Supreme Headquarters Allied Powers Europe
- SHAPE) bei der Erörterung eines geheimen NATOPlans sitzen sähe. Wir müssen auf dieses Modell
aufbauen, es institutionalisieren und erweitern, damit
es die gesamte Bandbreite der sich überschneidenden
Sicherheitsinteressen Rußlands und der NATO
abdeckt. So können die NATO und Rußland Fortschritte als gleichberechtigte Partner bei der Erfüllung
von Marshalls Vision machen.
Ebenso wie die Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland in Bosnien gefestigt werden, gilt dies auch für
die Zukunft der NATO selbst. Vor einigen Wochen war
ich in Bosnien. Ich war beeindruckt von dem Engagement und der Professionalität der Einheiten aus allen
beteiligten Ländern. Ich war auch beeindruckt von
dem starken Kontrast zwischen der Zerstörung und
dem Leid, das ich in Sarajevo gesehen hatte, und der
Wiedergeburt und Erneuerung, die ich in anderen
Hauptstädten Zentral- und Osteuropas beobachten
konnte.

AMERIKA DIENST 03

�Wenn neue unabhängige Nationen sich auf alten Haß
statt neue Herausforderungen konzentrieren, kommt
es zu einem zweiten Bosnien. Vor vier Jahren entschieden einige im ehemaligen Jugoslawien, sich nicht
an Marshalls Europa zu beteiligen. Die Toten und das
Blutvergießen, die Folge davon waren, werden lange
in unserer Erinnerung verhaftet sein. Aber heute ist
die Tür zu Marshalls Europa wieder für sie geöffnet und diese Tür wird von der NATO, Rußland und den
seit kurzem freien Völkern Zentral- und Osteuropas
offen gehalten.
Der Erfolg oder das Scheitern der IFOR ist entscheidend dafür, ob wir Marshalls Vision erfüllen können
oder nicht. In Bosnien senden wir die Botschaft, daß
die NATO das Fundament ist, auf dem die künftige
Sicherheit und Stabilität Europas aufgebaut wird. In
Bosnien erntet die NATO erstmals die Früchte gemeinsamer Übungen zur Friedenssicherung mit unseren
neuen Friedenspartnern. In Bosnien zeigen sich die
künftigen NATO-Mitglieder bereit und willens, die
Lasten der Mitgliedschaft zu übernehmen. Und in
Bosnien stellen wir unter Beweis, daß wir als Partner
mit russischen Streitkräften zusammenarbeiten
können. Bosnien ist keine Übung zur Friedessicherung - Bosnien ist real.
Bosnien lehrt uns auch wichtige Lektionen über die
NATO, die Marshalls Europa erfordert. Seit dem Ende
des Kalten Krieges hat die NATO unablässig mit der
Erarbeitung von Mechanismen gekämpft, um neue
Missionen unter Verwendung von NATO-Ressourcen
und mit der freiwilligen Beteiligung der NATO-Mitgliedstaaten durchzuführen.
Im Konferenzraum ist es uns bisher nicht gelungen,
Einigung zu Alliierten Streitkräftekommandos (Combined Joint Task Force - CJTF) zu erzielen. Wir sind
jedoch über das Stadium der theoretischen Argumentation hinausgekommen und haben die IFOR gegründet, die gleichbedeutend mit einer CJTF ist. Ebenso
wie bei den Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland müssen wir die bei der Zusammensetzung
der IFOR gelernten praktischen Lektionen anwenden,
bis wir eine funktionierende CJTF haben.
Bosnien beleuchtet auch schlaglichtartig etwas, das
wir seit einiger Zeit vermutet haben: Es ist an der Zeit,
daß die NATO sich intern anpaßt, um die neuen
Herausforderungen dieses neuen Zeitalters bewältigen
zu können. Für die Bosnien-Mission war die NATO
nicht gut strukturiert. Zu einer Zeit, in der unser
politisches und geostrategisches Denken sich völlig
neu orientierte - wie durch unsere Partnerschaft mit
ehemaligen Gegnern bei der Friedenssicherung
demonstriert - und zu einer Zeit, in der unsere jeweiligen Streitkräfte abgespeckt und für das Schlachtfeld
der Zukunft modernisiert wurden, ist die Kommandound Entscheidungsstruktur der NATO immer noch auf

AMERIKA DIENST 03

die Herausforderungen und Schlachtfelder der Vergangenheit ausgerichtet. Es ist an der Zeit, die NATO
abzuspecken und zu modernisieren in der Erkenntnis,
daß unsere Herausforderung nicht länger einfach darin
besteht, einen bekannten Plan mit bereits eingeteilten
Streitkräften durchzuführen, wie es während des
Kalten Krieges war.
Wir müssen die Kommandostruktur der NATO reaktionsfähiger und flexibler machen, den Prozeß der
Planung und Truppenvorbereitung vereinfachen sowie
den gesamten Entscheidungsfindungsprozeß beschleunigen. Und wir müssen die Aufgabe vollenden,
den europäischen Mitgliedstaten der NATO eine
stärkere Identität innerhalb des Bündnisses zu verleihen. Diese internen Veränderungen werden die NATO
auf die Erweiterung vorbereiten und es uns gestatten,
besser auf die künftigen Herausforderungen der
europäischen Sicherheit und Stabilität zu reagieren.
In diesem Zusammenhang begrüßen wir die Entscheidung Frankreichs zu größerer Beteiligung an den
militärischen Gremien der NATO. Wir sehen der
Zusammenarbeit mit Frankreich erwartungvoll entgegen bei der Umgestaltung des Bündnisses und der
Verwirklichung von Marshalls Vision eines in Frieden,
Freiheit und Demokratie vereinten Europas.
Im Jahr 1947 erklärte Marshall, Amerika müsse "der
Verantwortung gerecht werden, die unserem Land von
der Geschichte auferlegt wurde". Heute ist es nicht nur
Amerika, sondern auch Rußland, es sind nicht nur die
NATO-Nationen, sondern ganz Europa - wir alle
müssen der Verantwortung gerecht werden, die uns
von der Geschichte auferlegt wurde. Das bedeutet, die
anderen nicht nur im Geiste der Freundschaft einzubeziehen, sondern auch im Geiste des Eigeninteresses. Das bedeutet, auf unsere Ziele hinzuarbeiten,
nicht nur von oben nach unten, sondern auch von
unten nach oben. Und es bedeutet die Erkenntnis,
daß wir unsere Institutionen einer genauen Überprüfung unterziehen müssen um herauszufinden,
welche Veränderungen erforderlich sind, wenn sich die
Welt dort draußen wandelt.
Wenn wir all dies tun, können wir im nächsten Jahr bei
den Feiern zum 50. Jahrestag des Marshallplans
sagen, daß wir Marshalls Vision zu unserer eigenen
gemacht haben. Daß die Partnerschaft für den
Frieden ein starker, beständiger Pfeiler der europäischen Sicherheitsarchitektur ist. Daß die NATO und
Rußland Beziehungen unterhalten, bei denen Vertrauen, Verständnis und Zusammenarbeit eine Gegebenheit, nicht länger ein Ziel sind. Daß alle Nationen
des ehemaligen Jugoslawiens zur Sicherheit Europas
beitragen, nicht sie schmälern. Und daß wir den Weg
zu einem neuen Europa eingeschlagen und die Tür zu
einem neuen Zeitalter des Friedens, der Freiheit und
Demokratie geöffnet haben.

Seite 5

�NATO
7. Februar 1996

Neue Sicherheit für ein ungeteiltes und freies Europa
Rede von Robert E. Hunter

BONN - (AD) - Der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, Botschafter Robert E. Hunter, hielt
auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung nachfolgende Rede.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender, für Ihre freundlichen
einführenden Worte. Es ist mir eine Ehre und ein
Vergnügen, wieder in Bonn und insbesondere bei der
Friedrich-Ebert-Stiftung zu sein, der ich mich seit
langem eng verbunden fühle. Wenn ich mich hier im
Saal umsehe, entdecke ich viele Menschen, die ich
schon lange zu meinen Freunden zähle und auch als
meine Lehrer ansehe - nicht nur in deutscher Politik,
sondern auch bei unseren gemeinsamen Bestrebungen zum Aufbau einer stärkeren, sichereren und
freieren westlichen Gesellschaft. Daher ist es eine
besondere Ehre, wieder in Bonn zu sein, und ich freue
mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind.
Wir befinden uns jetzt an einem Punkt der westlichen
Sicherheit, in einem großen Augenblick der Geschichte, in dem sich uns neue Möglichkeiten eröffnen.
Jeder von uns in diesem Raum, und zweifelsohne
jeder von uns bei der NATO, ist in diesem Augenblick
mit Aufgaben betraut, so daß die nächste Generation
zurückblicken und sagen kann, daß wir der Verantwortung unserer Zeit gerecht geworden sind, die in
nichts weniger besteht als dem Aufbau eines ungeteilten und freien Europas. Unsere Ahnen sind die
herausragenden Persönlichkeiten der Nachkriegszeit:
Diejenigen, die nach dem letzten Krieg entschieden,
daß es einen besseren Weg zur Organisation der
Sicherheit in Europa gibt, darunter viele Menschen in
diesem Land und einige der großen Namen der
europäischen Geschichte. Ich schätze mich sehr
glücklich, Willy Brandt gekannt zu haben, der einer der
ersten dieser prominenten Persönlichkeiten war, auf
deren Bestrebungen die Zukunft jetzt aufgebaut
werden kann.
Wir haben den Kalten Krieg gewonnen. Nicht nur wir
Amerikaner oder wir Deutschen oder wir im Westen,

AMERIKA DIENST 03

sondern wir Menschen - ja, wir Europäer - und ich
sehe mein Land als ein europäisches Land an, weil wir
hier sind und hier bleiben werden. Der Sieg im Kalten
Krieg wurde von allen Männern und Frauen auf diesem
Kontinent geteilt, unabhängig davon, ob sie unserem
großartigen NATO-Bündnis angehörten oder das
Unglück hatten, sich auf der anderen Seite des
Eisernen Vorhangs wiederzufinden. Das Ende des
Kalten Krieges war ein Sieg für die Menschheit, ein
Sieg für den menschlichen Geist und eröffnete Möglichkeiten. Aber jetzt befinden wir uns an einem Punkt,
an dem es nicht ausreicht zu sagen, der Kalte Krieg ist
vorüber und beendet. Es reicht nicht aus zu sagen,
daß die großen Ideale der westlichen Gesellschaft, die
hier in diesem Teil des Kontinents Bestand hatten, jetzt
garantiert sind und überall Bestand haben.
Jede Errungenschaft geht mit einer neuen Herausforderung einher. Und ich muß sagen, daß wir uns
jetzt mit einer Herausforderung von ungefähr der
gleichen Größenordnung konfrontiert sehen, nicht nur
für unsere eigene Sicherheit, sondern für die Sicherheit, Hoffnung und die Zukunft von Hunderten
Millionen von Menschen, die so lange unter dem
Kommunismus gelitten haben - eine Herausforderung,
die so groß ist wie die der vergangenen 50 Jahre.
Meines Erachtens können wir sie meistern, aber nur,
wenn wir klar erkennen, was wir tun müssen und dies
in die Praxis umsetzen.
Ich möchte kurz zu Ihnen über einen Teil dieser
Bestrebungen sprechen - was wir bei der NATO tun.
Wir sind uns jedoch bewußt, daß für uns alle sehr viel
mehr zu tun bleibt, wenn wir der nächsten Generation
sagen wollen, daß wir das von uns zu dieser Zeit
Geforderte getan haben.

Seite 1

�Nach dem Kalten Krieg stellten wir fest, daß viele
Institutionen beim Aufbau der neuen Sicherheit eine
zentrale Rolle spielen müssen. Die Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
Europäische Union. Der Europarat. Die Westeuropäische Union. Aber in den letzten drei oder vier Jahren
sind zwei unweigerliche Tatsachen sehr deutlich
geworden: Die eine lautet, wenn wir eine für ein
ungeteiltes und freies Europa effektive neue Sicherheit
aufbauen wollen, muß die NATO hierbei eine Führungsrolle übernehmen. Und wenn die NATO effektiv
arbeiten soll, müssen viele Länder dazu beitragen. Ein
unerläßlicher Aspekt ist jedoch die Notwendigkeit der
Führungsrolle und des Engagements meines eigenen
Landes - der Vereinigten Staaten. Ich freue mich
sagen zu können, daß die Führungsrolle und das
Engagement heute vorhanden sind und von Präsident
Clinton verkörpert werden, und in der Zukunft - meiner
Ansicht nach - in Person jedes einzelnen ernsthaften
Politikers beider politischer Parteien der Vereinigten
Staaten verkörpert sein werden. In Europa für unsere
eigene Sicherheit und für unsere Gemeinsamkeiten
engagiert zu sein, ist - meines Erachtens - was wir in
meiner und anderen Gesellschaften als eine gelöste
historische Frage bezeichnen würden.
Denken Sie daran, was wir als Amerikaner in unserer
etwas mehr als 200jährigen Geschichte seit wir ein
unabhängiges Land wurden, geleistet haben: Mein
Land hat mehr Blut vergossen und Güter aufgewandt mit Ausnahme unseres Unabhängigkeitskriegs vor 130
Jahren - um Europas Freiheit und Unabhängigkeit zu
bewahren als für irgend etwas, das wir in unserer
gesamten Geschichte getan haben. Unser Engagement hier ist etwas Reales, Tiefes, und meiner Überzeugung nach Unveränderliches.
Eines der erfreulichen Dinge, die ich als NATOBotschafter- selbst nach den letzten Wahlen, als meine
Partei die Mehrheit im Kongreß der Vereinigten
Staaten verloren hat - entdeckt habe, ist, daß jeder
Politiker beider politischen Parteien, der nach Brüssel
gekommen ist oder den ich in Washington getroffen
habe, dieses grundlegende Versprechen gegeben hat.
Und aus meiner Sicht hat es Bestand.
Es gibt noch etwas anderes, das ebenso beständig,
aber auch ebenso entscheidend ist, wenn die amerikanischen Beziehungen hier in Europa funktionieren
sollen. Ja, viele Dinge und viele Beziehungen werden
benötigt. Aber die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist der Fels, auf den die NATO gegründet ist, sie
hat heute Bestand und muß auch in der Zukunft
Bestand haben. Das, was wir - unsere beiden Länder
- zusammen tun, wird absolute Notwendigkeit, wenn
wir eine sichere Zukunft haben wollen. Ich freue mich
sagen zu können, daß in Ihrer Politik, die manchmal
ebenso kompliziert wie unsere ist, die Verpflichtung zur
Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten ebenso tief
in Ihre Gesellschaft eingebettet ist. Wir haben gemein-

Seite 2

sam sehr viel erreicht, und wir werden in Zukunft noch
mehr erreichen.
Die NATO hat heute ihren Weg gefunden. Die Zeit des
Aufbaus ist vorüber. Die Zeit der Gestaltung ist
vorüber. In den vergangenen vier Jahren haben wir
die NATO neu strukturiert, neue Zielsetzungen geschaffen und befinden uns jetzt auf dem Weg zum
Aufbau der Zukunft. Dies erinnert mich ein bißchen an
das, was mit dem östlichen Teil Ihres Landes geschehen ist, den ich vor einigen Jahren bei meinen Reisen
besuchte, in dem es viele alte Fabriken gab. Als sie
von der Treuhandanstalt übernommen wurden und
man die Gebäude betrat, stellte man fest, daß die
Geräte veraltet waren und nicht benutzt werden
konnten: Sie mußten vollständig überholt werden. Die
Außenwände sind vielleicht geblieben, aber wenn man
jetzt hineingeht, sieht man sich einer völlig neuen
Einrichtung gegenüber, die entsprechend moderner,
demokratischer, westdeutscher Produktionslinien
gebaut worden ist.
Dasselbe haben wir mit der NATO getan. Sie können
in unser Hauptquartier nach Brüssel kommen. Es ist
dasselbe alte Gebäude mit demselben alten Schild an
der Tür, aber wenn Sie hereinkommen, stellen Sie fest,
daß sich alles sehr verändert hat. Sie sehen russische
Offiziere in Uniform durch die Halle gehen. Hätten Sie
sie vor einigen Jahren in einem unserer Gebäude
angetroffen, hätte der Bundesnachrichtendienst an die
Tür geklopft.
Am 8. November, unmittelbar vor dem 6. Jahrestag
des Falls der Berliner Mauer, hatte ich eine Besprechung in meinem Büro, bei der die abschließende
Planung für die Entsendung der Truppen nach Bosnien
unter NATO-Kommando stattfand. Eines der vorbereiteten Dokumente und Diagramme war bereit zur
Paraphierung. Eine der Personen, die es paraphierte,
war der Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten,
William Perry. Die zweite Person, die es paraphierte,
war der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa,
General Joulwan. Die dritte Person, die es paraphierte, war ein Generaloberst namens Schewtsow, den ich
heute morgen im SHAPE-Gebäude gesehen habe das ihm wirklich ziemlich gut zu gefallen scheint - und
die vierte Person, die dieses Dokument paraphierte,
war ein Mann namens Gratschow aus Moskau. Es
war ein bemerkenswertes Ereignis. An eben diesem
Ort, an dem während des Kalten Krieges die Eindämmung des Kommunismus betrieben wurde,
einigten sich ein russischer Generaloberst und der
russische Verteidigungsminister auf ein Engagement in
Bosnien im Rahmen der NATO. Es war eine wirklich
bemerkenswerte Leistung, die vielversprechend für die
Zukunft ist.

Wir haben herausgefunden und entschieden, daß wir
in der Zukunft vier umfassende Zielsetzungen für die

AMERIKA DIENST 03

�NATO haben. Die erste habe ich bereits angesprochen: Amerika ist in Europa, um hier zu bleiben. Wir
sind hier als europäische Macht. Wenn wir aufgefordert würden, nach Hause zu gehen, könnten wir
natürlich versucht sein, dies zu tun. Aber glücklicherweise hören wir keine solchen Stimmen. Quer über
Europa hinweg vernehmen wir den Wunsch, daß
Amerika mit Entschlossenheit und vor allem mit den
Werten, die wir alle teilen, bleibt. Dies ist ein Fels, auf
den die neue Sicherheit aufgebaut werden kann.
Zielsetzung Nummer zwei besteht darin, das von uns
Erreichte zu bewahren. Wenn wir betrachten, was in
den letzten 50 Jahren geschehen ist, so haben wir
innerhalb der NATO eine großartige bürokratische
Institution aufgebaut. Viele haben die NATO beschuldigt, sich selbst am Leben zu erhalten, einfach weil sie
eine alte Institution ist, die nicht weiß, wie sie sterben
soll. Ich habe diese Idee lange Zeit verfochten, bis mir
klar wurde, daß alte bürokratische Institutionen, die
weiterhin bestehen, großen Wert haben, denn eines
der wichtigsten Dinge, die wir erreichen müssen, ist um einen hehren Begriff zu verwenden - die Renationalisierung der Verteidigung zu verhindern. Was
haben wir heute? Wir haben 16 Länder. Wenn sie an
europäische Sicherheit denken, denken sie an die
NATO. Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Der
Kalte Krieg ging zu Ende, und die 16 Länder dachten
weiterhin an gemeinsame Bestrebungen.
Ich wohne 15 Kilometer von der Stadt Waterloo
entfernt. Am Montag morgen, dem 19. Juni 1815, traf
der Duke of Wellington General Blücher in einer
kleinen Stadt namens La Belle Alliance. Blücher sagte:
"Warum nennen wir die Schlacht nicht S_a Belle
Alliance'?", und Wellington antwortetete: "Nein, wir
wollen sie Waterloo nennen" - das war seine Sicht der
Geschichte.
Sie tranken ein Glas Champagner
zusammen und jeder ging seiner Wege.
Bei der NATO kam jeder nach dem angenommenen
Ende des Kalten Kriegs zur Arbeit wie gewöhnlich! Das
ist ein erstaunlicher Triumph. Wir sind hier versammelt, sechs oder sieben Jahre nach dem Kalten
Krieg, nach der Beseitigung der grundlegenden
Herausforderung des Westens durch die sowjetische
Macht und den Kommunismus und denken immer
noch an Zusammenarbeit. Eine beachtliche Leistung.
Zwei andere Aspekte sind ebenso wichtig, von denen
einer hier sehr angebracht ist: Die NATO ist weiterhin
eine Institution, der sich die deutschen Streitkräfte
verpflichtet haben, ebenso wie Sie sich der Europäischen Union uneingeschränkt verpflichtet haben.
Ich hoffe, Sie vergeben mir, wenn ich Ihren derzeitigen
Kanzler zitiere. Ich bin sicher, wenn Willy Brandt
Kanzler gewesen wäre, hätte es dasselbe gesagt. Ich
war in Ostberlin am Abend der Wahlen vom 17. März
1990, als ungefähr um 19.35 Uhr mit dem Wahl-

AMERIKA DIENST 03

ergebnis klar wurde, daß Deutschland von jenem
Moment an vereinigt war. Am nächsten Morgen war
ich hier in Bonn, und der Kanzler sprach - es war das
erste Mal seit 1949 oder noch früher, daß ein deutscher Politiker sagen konnte, was er wollte. Und was
sagte er? Er zitierte Thomas Mann. Er sprach: "Wir
brauchen kein deutsches Europa. Wir brauchen ein
europäisches Deutschland. Wir wollen die gemeinsamen Institutionen auf dem Kontinent weiter stärken."
Nun, eine dieser gemeinsamen Institutionen ist die
NATO.
Aber es gibt auch etwas, das jetzt als so selbstverständlich und banal erachtet wird, daß man kaum
darüber sprechen kann: Während dieser Periode nach
dem Zweiten Weltkrieg und bis zum Ende des Kalten
Krieges geschah hier etwas, das in der gesamten
Geschichte der Menschheit seinesgleichen sucht.
Betrachtet man die 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union, so haben sie nicht weniger geleistet, als
den Krieg als Instrument der Beziehungen untereinander abzuschaffen. Wenn Sie heute zu einigen
Teenagern sagen würden: "Was würde geschehen,
wenn Deutschland und Frankreich einen Krieg miteinander beginnen würden?", würden sie Sie ansehen,
als wären Sie verrückt geworden. Und offen gesagt,
ist dies eine Verrücktheit, die sich lohnt, weil es eine
der großen Errungenschaften der menschlichen
Geschichte ist.
Ich bezeichne dies als den europäischen zivilen Raum.
Innerhalb dieses Raumes haben die Bestrebungen von
Menschen in so vielen Ländern - und nirgends mehr
als hier in Deutschland - die europäische Politik
entschieden über tausend Jahre der Geschichte
hinausgeführt. Dies ging soweit, eine Einstellung
gegenüber der menschlichen Gesellschaft und den
Beziehungen zwischen Staaten zu schaffen, die in der
Tat - wenn ich dies sagen darf - sogar das Kräftegleichgewicht in diesem Teil des Kontinents beseitigt
hat. Das ist eine wirklich bemerkenswerte Leistung,
die zu erringen und bewahren sich lohnt, und die
Existenz der NATO trägt zur Gewährleistung bei, daß
dies geschieht.
Es gibt jedoch eine dritte umfassende Zielsetzung, die
- das haben wir inzwischen verstanden - von zentraler
Bedeutung für unsere Sicherheit im weitesten Sinne
des Wortes ist. Um sie zu beschreiben, muß ich kurz
auf den Marshallplan zurückkommen. In Washington
haben wir letzte Woche eine Feierstunde zum Gedenken an den 50. Jahrestag des Marshallplans
abgehalten. Winston Churchill bezeichnete ihn als
"den am wenigsten schmutzigen Akt der Geschichte".
Aber der Marshallplan war auch ein Akt der Sicherheit.
Er war die Erkenntnis, daß den Menschen in ihrem
Leben und in ihren Gesellschaften die Fähigkeit
vermittelt würde, ihre Zukunft selbst in die Hand zu
nehmen, sowie ein grundlegendes Gefühl der Stärke
und Sicherheit, wenn wir erneut freie Gesellschaften,

Seite 3

�eine freie Politik und freie Volkswirtschaften schaffen
könnten.
Ebenso wie andere Institutionen erkannten wir bei der
NATO, daß wir - nachdem wir die Berliner Mauer und
den vom Osten verhängten Eisernen Vorhang niedergerissen hatten - nicht eine neue Mauer der Indifferenz
gegenüber diesen Menschen und Gesellschaften,
ihren Hoffnungen und ihrem Streben schaffen durften.
Wenn wir uns und unseren Interessen wie Sicherheit
sowie unseren Werten gegenüber ehrlich wären,
müßten wir bereit sein, unser Konzept der Sicherheit
und des Engagements auch auf ganz Zentraleuropa
auszuweiten.
Die NATO wurde bereits erweitert. Wir begannen
1991 mit dem Nordatlantischen Kooperationsrat. Wir
erweitern sie jeden Tag mit den Interaktionen, die wir
mit den Männern und Frauen einzelner zentraleuropäischer Länder haben - sei es in der NATO, in ihren
Ländern, in Bosnien heute, oder anhand der Dutzenden bilateraler Beziehungen und Begegnungen, die für
diesen Prozeß entscheidend sind. Dies ist eine
Aufgabe, bei der diese Institution stets eine wichtige
Rolle gespielt hat und weiterhin spielen wird. Die
deutschen Stiftungen, einschließlich der FriedrichEbert-Stiftung, haben durch ihre Arbeit das grundlegende Verständnis dieser Veränderungen im Leben
von Menschen auf individueller menschlicher Basis,
die den Menschen die Chance zu Sicherheit im
weitesten Sinne bieten, unter Beweis gestellt. Daher
wissen wir bei der NATO, wenn wir für uns arbeiten,
müssen wir auch für sie arbeiten.
Die vierte umfassende Zielsetzung für die neue NATO
besteht in der Erkenntnis, daß es immer noch nur ein
Land gibt, dessen Zukunft auf absehbare Zeit die
entscheidendsten Auswirkungen darauf haben wird, ob
wir eine hoffentlich vielversprechende Zukunft haben
werden oder zu dem zurückkehren, was wir in den
vergangenen 50 Jahren hatten. Und das Land ist
Rußland.
Wir bei der NATO und wir im Westen sind uns bewußt,
daß wir ein fundamentales Interesse am Erfolg des
russischen Experiments haben. Ein fundamentales
Interesse daran, daß Rußland eine Demokratie wird,
seine - politischen und sozialen - Institutionen umgestaltet, seine Volkswirtschaft umgestaltet und ja, eine
uneingeschränkte und aktive Rolle in der europäischen
Sicherheit spielt. Wir müssen alles in unserer Macht
Stehende tun, um Rußland zu helfen, in die Welt dort
draußen zu treten. Ja, die Spielregeln einzuhalten,
aber seine rechtmäßige und legitime Rolle in der
Gesellschaft dort draußen zu spielen. Und die NATO
spielt eine entscheidende Rolle dabei.
Diese vier miteinander verbundenen Zielsetzungen für
die NATO werden Amerika hier halten, um das von uns
im westlichen Teil des Kontinents Erreichte zu bewah-

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ren und zu erweitern, um beträchtliche Verantwortung
in Zentraleuropa zu übernehmen und dann zu versuchen, Rußland in die Welt dort draußen einzubeziehen.
Ich werde sie im Hinblick auf die NATO-Erweiterung
zusammenfassen. Wenn wir uns anschauen, was wir
in physischer, geistiger und politischer Hinsicht,
jenseits der alten Grenzen des Bündnisses im Hinblick
auf die Aufnahme neuer Mitglieder unternehmen - und
wir werden neue Mitglieder aufnehmen, diese Entscheidung ist bereits getroffen - werden wir mit fünf
grundlegenden Problemen konfrontiert.
Das erste Problem ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß die NATO nicht nur ein Vertrag auf dem
Papier ist. Wir wiederholen nicht die zwanziger und
dreißiger Jahre. Wir geben keine Versprechen, die wir
nicht halten können. Die NATO hat in ihrer Geschichte
immer ihre Zusagen eingehalten. Und sie wird nur
solange ein wertvolles Bündnis sein, wie wir diesen
Grundsatz beibehalten. Wenn wir soweit sind, daß wir
ein, zwei oder drei Länder zum NATO-Beitritt auffordern, müssen wir sicher sein, daß beispielsweise
der Bundestag seine Zustimmung zum Beitritt dieses
neuen Landes gibt. Wenn wir den Senat der Vereinigten Staaten um seine Zustimmung mit einer
Zweidrittelmehrheit bitten, müssen wir sicher sein
können, daß er "Ja" sagt, denn das NATO-Engagement ist nicht irgend etwas, das lediglich durch die
Unterschrift einiger Politiker geschaffen wurde. Das
Engagement muß tief in der Gesellschaft verwurzelt
sein, wie jeder in diesem Raum, der sich mit der Frage
des amerikanischen Engagements während des
Kalten Krieges befaßt hat, sehr gut versteht. Wir
müssen das richtig verstehen.
Zweitens. Wir müssen sicherstellen, daß die Länder,
die der NATO beitreten wollen, nicht nur Sicherheit
genießen, sondern auch schaffen. Das hier ist keine
Trittbrettfahrt. Wenn ein Land der NATO angehören
möchte, muß es bereit sein, seinen Teil dazu beizutragen.
Drittens. Wir wissen noch nicht, wieviele Länder wir in
das Bündnis aufnehmen. Aber eines wissen wir: Wir
werden sie einzeln aufnehmen, nicht blockweise.
Vielleicht treten beim ersten Mal mehrere Länder
gleichzeitig bei. Wir werden auch nicht ein Land oder
zwei und dann überhaupt keine Länder mehr aufnehmen. Es wird eine Entwicklung sein. Wenn wir
uns die geographische Lage ansehen, wird uns auch
folgendes deutlich: Ungeachtet dessen, wieviele
Länder wir in das Bündnis aufnehmen, wird es immer
einige Beitrittswillige geben, die hierzu nicht in der
Lage sind. Entscheidend ist, daß wir nicht einigen
Ländern Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer
Länder bieten. Wir sind entschlossen, keine Grauzonen zu schaffen, keine Pufferstaaten und keine
Einflußsphären, die für Nichtmitgliedstaaten der NATO
vorgesehen sind. Wir müssen einen Weg finden,

AMERIKA DIENST 03

�damit die Länder, die nicht der NATO beitreten,
Sicherheit genießen.
Viertens. Wir wollen neue Mitglieder aufnehmen,
jedoch keine neue Trennlinie durch Europa ziehen.
Der Eiserne Vorhang existierte lange genug, und es
wäre für uns unseres Erachtens sinnlos, einfach nur
ein paar neue Länder aufzunehmen und damit eine
neue Spaltung auf dem Kontinent herbeizuführen und
vielleicht sogar dabei die Art von Bedrohung zu
schaffen, die wir zu vermeiden suchen.
Fünftens. Wenn möglich wollen wir die NATO-Erweiterung auf eine Art und Weise vornehmen, die
nicht die Demokratie in den östlichen Staaten unterhöhlt, und - um direkt zu sein - möchten wir das in
einer Weise tun, die nicht die Demokratie in Rußland
unterhöhlt.
Ich habe hier eine Reihe äußerst schwieriger Herausforderungen umrissen. Wir gehen sie an, um sie auf
drei grundlegende Arten zu lösen.
Die erste ist die Erweiterung selbst. Wir hätten
natürlich einfach ein paar Länder einladen können, den
NATO-Vertrag zu unterschreiben, die Flagge zu hissen
und sich als Verbündete zu bezeichnen. Diejenigen
unter Ihnen, die so hart kämpften, um genau zu
wissen, wo ihre Sicherheit liegt und um während des
Kalten Krieges auf sie vertrauen zu können, wissen,
daß das nur wenig Wert hätte. Wir müssen die
Erweiterung richtig vornehmen, damit sie funktioniert.

Wir tun das Schritt für Schritt.
Vergangenes Jahr führten wir eine Studie über das
"Wie und Warum" der NATO-Erweiterung durch. Dafür
gab es zwei Gründe: Der erste bestand darin, die
beitrittswilligen Länder über die Rechte, aber auch die
Pflichten eines NATO-Mitglieds aufzuklären, darüber,
wozu sie als Bündnismitglied bereit sein müßten. Dies
sind nicht nur Verpflichtungen, die wir gegenüber den
Ländern in Zentraleuropa eingehen. Es sind auch
Verpflichtungen, die sie uns gegenüber eingehen, und
zu denen sie bereit sein müssen.
Der zweite Grund bestand darin, die Mitglieder des
Bündnisses zu klarem Denken zu veranlassen. Wie
wird die NATO aussehen, wenn sie aus 17, 18, 19
oder 20 Mitgliedern besteht? Wie können wir sicherstellen, daß wir ebenso stark bleiben, wenn wir größer
als heute sind? Das ist eine äußerst schwierige Frage.
Wir haben das Buch über die NATO geschrieben. Ich
nenne es "Betriebsanleitung für die NATO". Man kauft
ein neues Auto, öffnet das Handschuhfach und findet
darin ein Buch darüber, wie das Auto funktioniert. So
etwas haben wir verfaßt, um es allen Ländern zukommen zu lassen, die der NATO beitreten wollen,
aber auch für uns selbst, um unsere Zuversicht zu
stärken.

AMERIKA DIENST 03

Meiner Meinung nach wurde das echte Engagement
für die NATO-Erweiterung nach Abschluß dieser
Untersuchung stärker als je zuvor.
Jetzt befinden wir uns bereits in der nächsten Phase.
Wir werden mit einzelnen Ländern einen Dialog
anknüpfen, uns hinsetzen und die Details besprechen.
Was bedeutet die Mitgliedschaft für ein bestimmtes
Land? Was muß das Land tun? Wir werden nicht
sagen: "Ihr braucht nur dieses Formular auszufüllen,
und schon seid ihr automatisch Bündnismitglied. Aber
wenn Ihr der NATO beitreten wollt, müßt Ihr dies und
jenes im Hinblick auf das Militär und die zivile Kontrolle
unternehmen. Dies müßt Ihr als NATO-Mitglieder tun.
Laßt uns darüber sprechen."
Das wird einen guten Teil des Jahres erfordern. Am
Ende des Jahres - oder vielleicht etwas früher, aber wir
erwarten eher, daß es das ganze Jahr erfordern wird sind wir wohl in einer besseren Position, um die
nächsten Fragen zu stellen. Wen wollen wir in die
NATO aufnehmen, und wann sollten wir das tun? Wir
sind uns bewußt, daß jeder Schritt ein organischer
politischer Akt sein muß, und wenn wir ihn tun, wissen
wir, was wir tun und sind auf beiden Seiten zuversichtlich, daß diese Länder natürlicher Teil des Bündnisses
mit allen gegenseitigen Stärken werden.
Schritt Nummer zwei betrifft die Partnerschaft für den
Frieden. Jeder hier Anwesende kennt sie wohl, aber
sie ist nicht so gut bekannt, wie sie sein sollte. Tatsächlich entstand die Idee vor ungefähr zweieinhalb
Jahren bei einem Essen in meinem Hause in Brüssel.
Vergangene Woche sind es zwei Jahre her, daß
Präsident Clinton die PFF ins Leben rief. Jetzt hat die
Partnerschaft 27 Mitglieder. Einige arbeiten hart
daran, andere weniger. Dadurch unterscheiden sie
sich bereits: Die Länder, die ernsthafter an einer
Zusammenarbeit mit uns interessiert sind, arbeiten
härter an der Partnerschaft. Und wie sie daran
arbeiten! Zunächst unterzeichnen sie ein Dokument, in
dem sie sich zu den Werten, der Politik und den
Sicherheitsanforderungen verpflichten, die uns allen
gemeinsam sind. Sie schicken Vertreter zur NATO.
Heute haben wir 15 im Manfred Wörner-Flügel, und es
werden noch mehr. Sie schicken Beamte zum Obersten Befehlsbereich Europa. Und zufällig nahmen sie
ihre Arbeit in einem Gebäude namens Live Oak
Building auf, wo wir die zweite Luftbrücke planten. Es
ist eine ziemliche Ironie, daß russische Offiziere hinter
einem Stück der Berliner Mauer sitzen und dazu
beitragen, eine Zukunft in Freiheit zu planen.
Die Partner halten mit uns gemeinsame Ausbildungsveranstaltungen und Manöver ab, sie übernehmen
unsere Art des Rechnungswesens. Sie durchlaufen
ein äußerst intensives Verfahren militärisch-ziviler
Beziehungen - befreien diese Gesellschaften vom
Kommunismus und geben ihnen eine Grundlage für
die Rolle des Militärs in einer zivilen Gesellschaft. Und

Seite 5

�es gibt noch einen zusätzlichen Punkt: Wenn wir damit
bei den militärischen Institutionen Erfolg haben, kann
sich das hoffentlich in der gesamten Gesellschaft
verbreiten.
Jetzt sind 14 unserer Partner mit uns in Bosnien und
beteiligen sich an einem äußerst praktischen Engagement.
Drittens versuchen wir bei unserem Bemühen um
Beantwortung der fünf grundlegenden Fragen, direkte
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
herzustellen. Sie waren unausgeglichen. Sie durchliefen verschiedene Etappen. Es ist nicht einfach, die
Russen davon zu überzeugen, daß diese Institution
NATO, die sich so lange der Konfrontation widmete,
dem postsowjetischen Rußland eine Chance bietet,
sich positiv für die europäische Sicherheit zu engagieren. Aber sie sind der Partnerschaft für den Frieden
beigetreten. Sie haben mit uns die Dokumente
ausgetauscht, die Einzelheiten darüber enthalten, was
sie direkt mit uns tun werden. Und wir haben mit
Rußland ein besonderes Verhältnis geschaffen - durch
Konsultationen und Kooperation mit der NATO in
Bereichen wie nukleare Weiterverbreitung, wo wir
etwas Besonderes anbieten können.
Am wichtigsten ist vielleicht, daß gestern der überwiegende Teil der russischen Streitkräfte in Bosnien
eintraf, wo er mit der amerikanischen Division verbunden wird. Wir wissen, was von verschiedenen führenden Politikern in Rußland geäußert wurde, insbesondere in den letzten Tagen, als ein neuer Außenminister
ernannt wurde, gerade Wahlen waren und weitere
Wahlen anstehen. Aber manchmal sprechen die
Taten so laut für sich, daß man nicht so klar hören
kann, was die Politiker sagen. Die Ankunft dieser
russischen Streitkräfte - nicht als unabhängige Einheit,
sondern als Teil der amerikanischen Division - spricht
Bände. Das ist keine Garantie, daß die Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland sich positiv entwikkeln, aber es ist zumindest ein Anfang. Ich möchte
eines betonen: Die Beziehungen zwischen der NATO
und Rußland sind nicht nur eine Idee des Bündnisses
oder Rußlands. Sie sind etwas, auf dem unsere
zentraleuropäischen Freunde bestehen. Die besten
Worte hierzu fand Vaclav Havel, er äußerte: "Ich
möchte ein Teil der NATO sein, aber ich möchte, daß
diese NATO konstruktive Beziehungen zu Rußland
unterhält." Wir haben diese Ansicht gehört und
unternehmen, was wir können, um sie möglich zu
machen.
Ich muß mich jedoch deutlich ausdrücken. Die
Entscheidungen der NATO über ihre Erweiterung
werden von der NATO getroffen, und von keinem
anderen.
Ich habe fünf Vorhaben unterbreitet: Die Ratifizierung
neuer Beitritte durch die Parlamente, die Erhöhung der

Seite 6

Sicherheit durch neue Bündnismitglieder, enge und
dauerhafte Beziehungen der NATO zu Nichtmitgliedstaaten, die Vermeidung neuer Trennlinien inmitten
des Kontinents und keine Unterhöhlung von Demokratien. Wenn man sich diese fünf Erfordernisse ansieht,
bieten die von uns unternommenen drei Dinge die
Möglichkeit, jedem einzelnen von ihnen zu entsprechen. Am wichtigsten ist vielleicht die Partnerschaft für
den Frieden. Wir wollen, daß diese Partnerschaft so
wirksam funktioniert, so dauerhaft ist und ein so
starkes Engagement ermöglicht, daß für ein Land, das
nicht der NATO beitritt, der Unterscheid zwischen der
Mitgliedschaft in der PFF und dem Bündnis so klein ist,
daß er fast nicht spürbar ist - mit Ausnahme der
atomaren Garantie selbst. Daher wird die Partnerschaft Sicherheit bieten.
Jetzt kommen wir zu Bosnien. Viele Länder sind beim
Umgang mit Bosnien gescheitert. Anfangs war die
NATO nicht sehr effektiv. Dasselbe gilt für die Europäische Union und für die Vereinten Nationen. Dies ist
meines Erachtens vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, daß keiner von uns auf das Produkt eines
Auftauens der Geschichte vorbereitet war. Niemand
war auf die außergewöhnlichen Anforderungen des
Umgangs mit einem Konflikt in einem Land vorbereitet,
das aller Logik zu trotzen schien und den Instrumenten
widerstand, die wir über viele Jahre hinweg für den
Umgang damit entwickelt hatten, was wir für das Risiko
eines Konflikts in Europa hielten und als solches
fürchteten.
Nach drei Jahren begriffen wir jedoch endlich, was wir
tun mußten. Wir begannen mit einem gemeinsamen
Ziel aller großen Mächte Europas: Der Eindämmung
des Konflikts, der Verhütung seiner geographischen
Ausbreitung, und wir hatten Erfolg. Wir mußten jedoch
mit der Notwendigkeit rechnen, im Hinblick auf den
ernsthaftesten Konflikt in Europa seit 1945 politische
und moralische Verantwortung zu übernehmen. Wir
mußten verstehen, daß wir alle Dinge tun konnten,
über die ich bei der NATO gesprochen habe, aber
immer noch scheitern würden, wenn wir nicht dieser
grundlegenden unmittelbaren Tragödie und dem
menschlichem Leid begegnen, die sich nicht etwa auf
der anderen Erdhalbkugel zutragen, sondern hier
inmitten der europäischen Familie.
Als wir die Schwelle zu dem Verständnis überschritten
hatten, daß es uns nur gutgehen kann, wenn wir
wegen Bosnien etwas Entscheidendes unternehmen,
taten wir das auch schließlich. Letzten Sommer - am
25. Juli und 1. August - waren wir in der NATO endlich
in der Lage, eine gemeinsame Entscheidung über
Luftangriffe zu treffen, hinter der alle 16 Bündnismitglieder wirklich standen. Es stimmt - wir haben im
Nordatlantikrat viele solcher Entscheidungen getroffen,
aber sie wurden bei der UNO in New York, am Boden
oder in der Luft in Bosnien ihres Wesens beraubt.

AMERIKA DIENST 03

�Nach den Greueltaten in Srebrenica und Zepa jedoch
meinten wir es ernst. Als der ungeheuerliche Anschlag
auf den Zentralmarkt verübt wurde, begann die NATO
ihre Luftangriffe, die drei Wochen lang Wirkung
zeitigten. Dadurch wurde nicht nur der Weg für Dayton
und das dort abgeschlossene Friedensabkommen
eröffnet, sondern die NATO gewann auch die Zuversicht, daß wir unter diesen äußerst schwierigen
Umständen tatsächlich den grundlegenden Sicherheitsanforderungen genügen können. Wir gewannen
die Zuversicht, daß wir in Zukunft notfalls noch einmal
so handeln könnten.
In Bosnien tragen jetzt seit 29 Tagen Streitkräfte der
NATO die Verantwortung. Das sind 29 Tage nach
dem Stichtag. Wir werden in ganz Bosnien insgesamt
etwas mehr als 60.000 Soldaten haben - auf beiden
Seiten der Konfrontationslinie, auf beiden Seiten der
Trennzonen, die bis morgen früh evakuiert werden,
und diese Streitkräfte werden dort ein Jahr lang
bleiben. Wir beschlossen ganz präzise, dort nicht in
einer Situation mit offenem Ende zu bleiben, damit wir
nicht ein Problem wie den Libanon oder Zypern
bekommen. Statt dessen wollen wir den Menschen in
Bosnien eine Chance geben, sich für eine ganz andere
Zukunft zu entscheiden als die, die in den letzten vier
Jahren entweder für sie ausgewählt oder ihnen
aufgezwungen wurde.
Wir bei der NATO sind zuversichtlich, daß wir unsere
Aufgabe erledigen können. Der größere Teil des
Problems liegt jedoch außerhalb des Verantwortungsbereichs der NATO. Es ist der Zivilbereich. Was kann
im Zivilbereich im Laufe dieser 12 Monate im Hinblick
auf den Aufbau einer Nation, im Hinblick auf Wahlen
und wirtschaftlichen Wiederaufbau unternommen
werden? Was kann getan werden, wenn wir Ende
dieses Jahres soweit sind, wenn Politiker und andere
Urteile fällen? Sie werden es als wichtiger erachten,
auf der Grundlage der Bilanz dieses Jahres eine
Zukunft zu gestalten, anstatt wieder die Art von Zukunft
zu wählen, die sie während der letzten vier Jahre
durchlitten.

*

AMERIKA DIENST 03

Ich kann den Erfolg nicht garantieren. Aber ich kann
garantieren, daß wir zumindest eine Chance haben,
das durchzuführen und die NATO in diesem Jahr ihre
Rolle übernehmen zu lassen.
Abschließend möchte ich noch kurz darauf zu sprechen kommen, was wir unternehmen. Historisch
gesehen ist das wirklich bemerkenswert. Ich kenne
keine andere Zeit in der modernen europäischen
Geschichte oder vielleicht überhaupt in der europäischen Geschichte, in der alle Großmächte Europas, zu
denen ich mein Land zähle, auf derselben Seite
standen. Wir halten alle zusammen und versuchen,
dasselbe Ziel ohne Konfrontation zu erreichen.
Wenn das funktioniert, kann viel geschehen. Dies ist
ein fantastischer Anfang für Länder in der Partnerschaft für den Frieden, zu zeigen, was sie tun können
und tun werden, um auf Dauer Partner und vielleicht
sogar Bündnismitglied zu werden. Es ist eine Situation, in der sowohl Rußland als auch das Bündnis nur
gewinnen können - indem Rußland unter Beweis stellt,
daß es tatsächlich in der Welt eine konstruktive Rolle
spielen kann und daß Jelzin Recht hatte, als er auf
Reformen und Beziehungen zum Westen setzte. Und
das wird vielleicht Bestandteil der grundlegendsten
philosophischen Bestrebungen werden, die wir
unternehmen: Das Konzept des europäischen zivilen
Raums in diesen Teil des Kontinents zu bringen und zu
sehen, ob es nach Osten getragen werden kann, um
mehr Ländern und Menschen innerhalb dieses
Rahmens die Möglichkeit zu bieten, erstmals in der
europäischen Geschichte über die sterile Realpolitik
der Vergangenheit hinauszugehen und sich den
äußerst reichen und produktiven Einstellungen,
Verhaltensmustem und Errungenschaften anzunähern,
die dieses Land und gleichzeitig Westeuropa während
der vergangenen 50 Jahre charakterisiert haben.
Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender.

*

Seite 7

�NICHTVERBREITUNG
7. Februar 1996

CTB-Vertrag ist Bollwerk gegen Weiterverbreitung
von Nuklearwaffen
Rede von ACDA-Direktor Holum

GENF - (AD) - Ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) wäre
ein Bollwerk gegen die Weiterverbreitung von Nuklearwaffenfähigkeiten und ein "notwendiger Schritt zum
übergeordneten Ziel nuklearer Abrüstung", erklärte der Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung
(Arms Control and Disarmament Agency - ACDA), John Holum, am 23. Januar 1996 bei der Genfer
Abrüstungskonferenz.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von John Holum im Wortlaut.

Herr Präsident, die Vereinigten Staaten gratulieren
Ihnen zur Übernahme des Vorsitzes bei diesen
entscheidenden Eröffnungswochen. Seien Sie bei
Ihren Bestrebungen und denen Ihrer Kollegen der
vollen Kooperationsbereitschaft der US-Delegation
versichert. Weiterhin möchte ich denjenigen danken,
die den vergangenes Jahr bei den Verhandlungen
über ein Atomtestverbot gemachten bemerkenswerten
Fortschritt überwachten: Botschafter Dembinski von
Polen, Botschafter Norberg von Schweden und
Botschafter Ramaker von den Niederlanden.
Ich freue mich außerordentlich, zur Abrüstungskonferenz zurückzukehren und erneut eine Botschaft
des Präsidenten der Vereinigten Staaten übermitteln
zu dürfen, die folgendermaßen lautet:
"Die bei der Genfer Abrüstungskonferenz
geleistete harte Arbeit hat eine bedeutende
Errungenschaft in Reichweite gerückt: Einen
wirklich umfassenden und unbegrenzten
Vertrag über ein Atomtestverbot mit null
Detonationswert.
Die internationale Staatengemeinschaft hat
ihrer Entschlossenheit Ausdruck verliehen,
den CTBT noch in diesem 50. Jahr des Bestehens der Vereinten Nationen zu unterzeichnen. Jetzt obliegt es Ihnen, die Vision Realität
werden zu lassen, die Ministerpräsident

AMERIKA DIENST 03

Nehm, die US-Präsidenten Eisenhower und
Kennedy sowie viele andere führende Politiker
aus der ganzen Welt in den vergangenen vier
Jahrzehnten hatten.
Ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot ist von elementarer Bedeutung für die
Eindämmung sowohl der Weiterverbreitung
als auch der Weiterentwicklung von Nuklearwaffen. Und er wird zur Erfüllung unserer
gegenseitigen Versprechen beitragen, auf
einen nuklearen Rüstungswettlauf zu verzichten und uns auf das übergeordnete Ziel einer
atomwaffenfreien Welt zuzubewegen.
Bei der Genfer Abrüstungskonferenz wurden
bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Die von
Ihnen in nur zwei Jahren gemachten Fortschritte haben es ermöglicht, daß der CTBT in
den nächsten Monaten abgeschlossen werden kann. Jetzt müssen dringliche politische
Entscheidungen der einzelnen Länder Ihre
gewissenhafte Arbeit in Genf ergänzen, damit
die Konferenz der UN-Generalversammlung
im Juni einen abgeschlossenen CTBT vorlegen kann.
Ich sichere Ihnen die volle und nachdrückliche
Unterstützung der Vereinigten Staaten beim
zügigen Abschluß des so lange angestrebten

Seite 1

�und so lange verweigerten Vertrags zu. Jetzt
wollen wir diesen historischen Schritt gemeinsam unternehmen."

Nuklearwaffen sind oder sich die Nuklearoption
offenhalten - und insbesondere eine Beschränkung für
die fünf Atommächte.

Die Botschaft Präsident Clintons unterstreicht die
willkommene Realität, daß das jahrzehntelange
Streben nach einer Beendigung aller Nuklearexplosionen bald Früchte tragen wird. Die Gründe für den
Abschluß und die Unterzeichnung eines umfassenden
Vertrags über ein Atomtestverbot in diesem Jahr - wie
letzten Monat bei der UN-Generalversammlung
befürwortet - sind dieselben, die dieses Streben von
Anfang an untermauerten. Das Testverbot ist sowohl
ein Bollwerk gegen die Weiterverbreitung und Weiterentwicklung von Nuklearwaffenfähigkeiten als auch ein
notwendiger Schritt zum übergeordneten Ziel nuklearer
Abrüstung.

Es ist unverständlich, wie Länder ohne ein Interesse
an Atomwaffen und mit großem Interesse an einem
sichereren Planeten diese Abmachung nicht attraktiv
finden können. Denn wir sind nach Genf gekommen,
um zu sagen: "Wir wollen gemeinsam unsere Atomwaffenprogramme beschränken".

Dennoch muß ich einräumen, daß der CTBT hier in
Genf in Gefahr ist.
Im Mai vergangenen Jahres beschlossen fast alle
Länder der Welt in New York die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW). Alle
werden sich an die von einigen vertretene Meinung
erinnern, im Falle einer unbegrenzten Verlängerung
des N W würden die Nuklearwaffenstaaten das
Interesse an einem umfassenden Atomtestverbot
verlieren. Das ist falsch. Vor kurzem haben wir das
Argument gehört, das Testverbot sollte nicht verhandelt werden, weil der N W dauerhaft verlängert worden
ist. Das ist ebenso falsch.
Die heutige Bedrohung des Testverbots hat ein gütiges
Gesicht. Sie trägt die Maske eines noch stärkeren
Einsatzes für Rüstungskontrolle. Es wurde vorgeschlagen, das Testverbot solle mit einem zeitlichen
Rahmen für die vollständige Beseitigung von Nuklearwaffen verbunden oder ihm notfalls sogar geopfert
werden.
Als Reaktion darauf möchte ich drei Behauptungen
aufstellen: Erstens ist ein umfassendes Atomtestverbot
an sich schon eine tiefgreifende neue Beschränkung,
insbesondere von Seiten der Atomwaffenstaaten.
Zweitens ist der CTBT ein unerläßlicher Schritt, wenn
je eine vollständige Beseitigung von Atomwaffen erzielt
werden soll. Und drittens wird man, wenn man ein
wichtiges Ziel einem anderen opfert, bei beiden
scheitern.
Was die erste Behauptung anbelangt, sollten Sie sich
betrachten, was das Testverbot faktisch bedeutet.
Bedenken Sie, daß nahezu alle Länder der Welt sich
als Teil ihrer umfassenderen Verpflichtung unter dem
Nichtverbreitungsvertrag tatsächlich einzeln zum
Verzicht auf Tests verpflichtet haben. Damit stellt das
Atomtestverbot im Grunde genommen nur für die
Länder eine Beschränkung dar, die im Besitz von

Seite 2

Halten Sie sich das Ausmaß dieser Beschränkung vor
Augen. Es stimmt, daß der CTBT kein Weg durch das
Hintertürchen für ein Verbot von Nuklearwaffen ist.
Tatsächlich wurde ein Testverbot heute teilweise
deshalb ein realistisches Ziel, weil Veränderungen im
internationalen Sicherheitsumfeld die Rolle von
Nuklearwaffen dramatisch verringert haben. Und
unseres Erachtens können die weitaus weniger
verbleibenden Waffen sicher und verläßlich ohne
Nuklearexplosionen beibehalten werden.
Aber die sichere Instandhaltung bestehender Waffenprojekte ist etwas ganz anderes als die Entwicklung
neuer Waffen. Letzteres erfordert Tests mit Atomexplosionen, die der CTBT ausschließen würde.
Niemand sollte denken, eine solche Beschränkung sei
bedeutungslos, das Zerstörungspotential des Atoms
sei bereits vollständig erforscht und genutzt worden.
Selbst die zugängliche Literatur weist auf ein breites
Spektrum neuer Waffenentwicklungen hin, die mit Hilfe
von Tests selbst in den Staaten für zukünftige Militärprogramme dienen könnten, die bereits eine Vielzahl
von Atomtests durchgeführt haben.
Viele würden atomgetriebene Waffen beinhalten Möglichkeiten, die Freisetzung von Energie mit
größerer Präzision vorzunehmen als jetzt möglich ist
und militärische Wirkungen zu erzielen, die über die
jetzt erreichbaren hinausgehen. Ohne Atomtests sind
die Atomwaffenstaaten nicht in der Lage zur selbstbewußten Entwicklung von Technologien wie dem von
Nuklearexplosionen angetriebenen Röntgenlaser, der
sogenannten nuklearen Schrotflinte, beschleunigten
elektromagnetischen Impulswaffen, Mikrowellenwaffen
sowie verstärkten Strahlungswaffen. Das ist eine
echte Beschränkung - wie all jene wohl wissen, die
sich an frühere Diskussionen in diesem Raum über
verstärkte Strahlungswaffen erinnern.
Und das
vollständige Testverbot mit null Detonationswert wird
auch die Mini- und Mikroatombombenkonzepte außer
Reichweite rücken - Technologien zur Nutzung kleiner
Mengen von nuklearem Explosivmaterial.
Durch die Abwehr solcher Entwicklungen wird der
CTBT zur Verringerung der Wahrscheinlichkeit eines
Atomkrieges beitragen und den heutigen Trend zu
kleineren Atomwaffenarsenalen mit abnehmender
Bedeutung für die nationale Verteidigung beibehalten.

AMERIKA DIENST 03

�Natürlich streben die Staaten mit der Entwicklung von
Nuklearwaffenprogrammen die effizientere Nutzung
von Nuklearmaterial an - Erhöhung der Sprengkraft,
Verringerung von Gewicht und Volumen, Veränderung
im Design. Dieses Streben nach Effizienz und Flexibilität ist der Hauptgrund dafür, warum von manchen
Ländern Tests durchgeführt werden. Es ist auch der
wirksamste Katalysator für dem Rüstungswettlauf.
Seine Vermeidung ist der größte Wert des Testverbots.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Der CTBT
verhindert die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen.
Aber seine großen praktischen Auswirkungen gelten
auch für die Rüstungskontrolle - die Beendigung der
Entwicklung hochmoderner neuer Waffen und die
Verhinderung der Entstehung neuer militärischer
Anwendungen.
Diese grundlegende Erkenntnis widerspricht auch der
Behauptung, der CTBT würde irgendwie zur Kodifizierung eines diskriminierenden Regimes beitragen und
die Welt zwischen Atomwaffenstaaten und nuklearen
"Habenichtsen" spalten. In Wirklichkeit ist es möglich,
einfache Nuklearwaffen ohne die Erprobung des
nuklearen Sprengkörpers herzustellen, und dies wird
auch in Zukunft so sein. Die fundamentale Auswirkung
des CTBT besteht daher weniger in der Verhinderung
einer Beschaffung von Nuklearwaffen an sich, die der
N W anspricht, sondern vielmehr in der Eindämmung
der Weiterentwicklung von Nuklearwaffenfähigkeiten
eines Landes.
Der CTBT wird dies tun, indem er alle Länder gleich
behandelt. Den Vertrag über ein Atomtestverbot als
diskriminierend zu bezeichnen, hieße, ihn für Dinge
verantwortlich zu machen, die völlig außerhalb seines
Geltungsbereichs liegen. Was noch wichtiger ist: Das
Atomtestverbot aus solchen Gründen zu verteidigen
oder zum Scheitern zu bringen, würde bedeuten, als
Antwort auf die Diskriminierung mehr statt weniger
Nuklearwaffenstaaten zu verordnen. Welcher Teilnehmer dieser Konferenz möchte eine solche perverse
Kur verschreiben?
Mein zweiter Vorschlag bezieht sich auf die bei der
Überprüfungs- und Verlängerungskonferenz des N W
bekräftigte Verpflichtung zum obersten Ziel der
Abschaffung von Nuklearwaffen. In einer unsicheren
Welt ist der Weg zu diesem Ziel nicht klar markiert.
Klar ist jedoch, daß das oberste Ziel nur durch realistische Schritte nach vorn im Rahmen realer Sicherheitsbelange erzielt wird, wobei jeder Schritt auf dem
vorherigen aufbaut. Und es sollte offenkundig für alle
sein, daß der CTBT der nächste erreichbare Schritt auf
diesem Weg ist.
Führen Sie sich auch vor Augen, daß der Beitrag des
CTBT zum Prozeß der nuklearen Abrüstung weit über
seine unmittelbaren Auswirkungen auf die Länder
hinausgeht. Er liefert einen Beitrag, der detailliert in

AMERIKA DIENST 03

zahllosen Erklärungen dieses Gremiums, der Vereinten Nationen und auf Podien in den Hauptstädten
der ganzen Welt beschrieben wurde. Er leistet einen
Beitrag, für den kleine und große Länder in West und
Ost sowie auch blockfreie Staaten mit Enthusiasmus
seit über einem Vierteljahrhundert in Resolutionen der
Generalversammlung der Vereinten Nationen gestimmt
haben, selbst wenn die Vereinigten Staaten nicht in der
Lage waren, diese Resolutionen zu unterstützen. Er
ist ein Beitrag, der in der Präambel des Moskauer
Vertrags von 1963 - dem Vertrag zur Begrenzung von
Atomversuchen (Limited Test Ban Treaty - LTBT) vorhergesehen war, dem 115 Staaten der internationalen Gemeinschaft beigetreten sind, darunter alle
nuklearfähigen Länder, die nicht Mitglied des Nichtverbreitungsvertrags sind. Er leistet einen Beitrag, der in
der Präambel des N W selbst seinen Niederschlag
gefunden hat, der jetzt mehr als 180 Staaten als
Vertragsparteien hat. Er ist ein Beitrag, der einstimmig
in den Entscheidungsdokumenten der Überprüfungsund Verlängerungskonferenz des N W verabschiedet
wurde.
Dieser Beitrag besteht vor allem in der Verkörperung
der politischen Verpflichtung der internationalen
Staatengemeinschaft, ihre Versprechen einzulösen,
die Chance zu ergreifen, wenn sie sich schließlich
bietet - und nicht zu einem äußerst späten Zeitpunkt
neue Forderungen zu stellen und neue Hindernisse für
einen konkreten Schritt zu errichten, den alle Staaten
sowohl aufgrund seiner inhärenten als auch symbolischen Bedeutung anerkennen. Da unsere politische
Verpflichtung zur Abrüstung so eng an diese Entscheidung geknüpft ist, sieht die praktische Realität
meines Erachtens folgendermaßen aus: Wir werden
nie eine von Nuklearwaffen freie Welt schaffen, wenn
wir nicht erst eine von Nuklearexplosionen freie Welt
schaffen.
Das wollen wir in Angriff nehmen.
Dieselbe Logik gilt für meine dritte Behauptung - daß
die Strategie des Junktims eine Strategie des Scheiterns ist. Um zu dieser Schlußfolgerung zu gelangen,
muß man nur ehrlich erwägen, wie es weiteren
Rüstungskontrollbestrebungen ergehen wird, wenn der
Teststopp scheitern sollte - wenn wir alle von Genf
nach Hause zurückkehren müssen mit nichts vorzuweisen als Gegenbeschuldigungen und Diskussionspunkten für die nächste internationale Konferenz.
Ein Junktim würde sich hier als besonders gegenläufig
erweisen. Denn es würde effektiv Ziele gegeneinander
ausspielen, die sich gegenseitig verstärken sollten.
Und in diesem Fall ist es auch offenkundig absurd. Die
Antwort auf eine Welt mit zu vielen Nuklearwaffen ist
offensichtlich nicht eine Welt mit mehr Nuklearexplosionen.
Kurz: Der CTBT kann entweder die Erprobung von

Seite 3

�nuklearen Sprengkörpern beenden, oder zu einerkrummen und ineffektiven Brechstange für andere
Ziele umfunktioniert werden. Wenn wir ihn jedoch mit
beiden Aufgaben befrachten, wird er brechen und
keines von beidem tun.
Es wäre nicht nur eine Ironie des Schicksals, sondern
eine Tragödie, wenn eines der höchsten Ziele der
internationalen Staatengemeinschaft seit vierzig
Jahren plötzlich seine Anziehungskraft verlieren
würde, gerade dann, wenn die Welt dabei ist, es zu
erreichen. Die Anziehungskraft des Unerreichbaren
kann Thema großartiger Liebesgedichte sein - ist
jedoch keine vernünftige Politik oder Diplomatie. Wir
sollten keine widernatürliche Abkehr vom CTBT
vornehmen, weil er endlich in greifbare Nähe gerückt
ist.
Es ist vielmehr an der Zeit, daß die Welt den Preis im
Auge behält, der unmittelbar und greifbar vor ihr steht:
Ein wirklich umfassendes Verbot aller Testexplosionen
für Nuklearwaffen oder aller anderen Nuklearexplosionen.
Vor uns liegt die große, aber nicht unüberwindliche
Herausforderung, die uns von der Völkergemeinschaft
gesetzten Normen zu erfüllen.
Resolution 50/65 der UN-Generalversammlung fordert
den Abschluß der Verhandlungen, damit der Vertrag
vor der Einberufung der 51. Generalversammlung
unterschriftsreif ist. Wenn er nicht bis April abgeschlossen ist, muß die Konferenz ernsthaft Bilanz
ziehen, wie sie die verbleibenden Wochen vor dem
Ende des zweiten Teils dieser Sitzungsrunde nutzt.
Denn es ist unerläßlich, der Generalversammlung den
vollständigen Text des CTBT allerspätestens bis Juni
vorzulegen, wenn wir die Zeit für seine Überprüfung in
den Hauptstädten und für die darauffolgende Zustimmung der Generalversammlung einräumen wollen,
daß er zum vereinbarten Zeitpunkt zur Unterschrift
vorgelegt wird.
Alle kennen den Rolltext und seine über tausend
Klammern. Diese unverzüglich zu beseitigen, ist eine
schwierige Aufgabe. Sie kann jedoch bis zum Ende
des ersten Teils dieser Sitzungsrunde geleistet
werden. Warum stelle ich solch eine kühne Behauptung auf? Weil tatsächlich entschieden weniger
als tausend ungeklärte Probleme in den Klammern
enthalten sind. Es sind nur wenige grundlegende
Fragen, und ihre Lösung - vornehmlich eine Angelegenheit politischer Entscheidungen - wird die unverzügliche Entfernung oder Komprimierung großer
Passagen des umstrittenen Textes gestatten.
Wir müssen uns jedoch äußerst bewußt sein, daß
dieser Augenblick beispielloser Chancen vergänglich
ist und das vor uns geöffnete Fenster bereits in diesem
Sommer zugeschlagen werden kann. Entsprechend

Seite 4

müssen wir handeln.
Das heißt, wir alle müssen im sachlichen Geiste des
Entgegenkommens und Kompromisses handeln. Dies
erfordert, daß wir keine neuen Hindernisse errichten,
sondern vielmehr den Text von Unterholz befreien und
"Platzhalter"-Sprachregelungen aufgeben - Positionen,
die mit der Absicht bezogen worden waren, sie eines
Tages aufzugeben, nichtige Positionen, die keine
ernsthafte internationale Unterstützung erzwingen. Es
ist an der Zeit, auf gemeinsamem Terrain zu einem
Abschluß zu kommen.
In diesem Geiste zog Präsident Clinton im vergangengen Jahr den Vorschlag der Vereinigten Staaten zu
einem 10jährigen Austrittsrecht zurück. Im gleichen
Geiste gab Präsident Clinton im August die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu einem CTBT mit
absolut null Detonationswert bekannt - ohne jegliche
Ausnahme. Wir haben hart daran gearbeitet, um
gemeinsames Terrain bei anderen offenen Fragen zu
erlangen.
Aber die Zeit ist kurz: Bis zum Ende des ersten Teils
dieser Sitzungsrunde bleiben uns nur noch 49 Verhandlungstage. Daher müssen wir alles Erforderliche
tun - in den Hauptstädten ebenso wie hier in Genf - um
sicherzustellen, daß jede Stunde dieser 49 Tage
höchst effektiv genutzt wird.
Jede Abweichung von diesem ehrgeizigen Zeitplan
könnte für den Vertrag fatale Folgen haben. Und
Verzögerungen würden den Vertrag nur weiteren
Risiken aussetzen.
Ein nochmals verschobener
Vertrag könnte das Scheitern des umfassenden
Atomtestverbots bedeuten.
Meine Botschaft lautet also folgendermaßen: Wir sind
näher am Erfolg, als viele denken mögen. Wir können
den Termin einhalten - wenn wir unser Augenmerk
nicht auf die Bewahrung von Optionen oder Verhandlungspunkten lenken, sondern auf den Abschluß dieser
historischen Mission.
Schlußfolgerung
Das umfassende Atomtestverbot stand seit der
Eröffnungssitzung dieses Gremiums als erster Punkt
auf der Tagesordnung. Wie unsere Vorgänger nur zu
gut wissen, ist die Geschichte des CTB lang und
verschlungen und ermangelt noch immer eines ihr
gerechten Abschlusses.
Aber die ganze Zeit sind zwei Dinge konstant geblieben. Es wurden weiterhin Atomtests durchgeführt.
Und der Wissensstand der Welt über die Funktionsweise von Nuklearwaffen hat sich erweitert - ein Ende
ist nicht in Sicht.
In diesem Augenblick der Chancen und Gefahren

AMERIKA DIENST 03

�stehen wir vor zwei Verlockungen. Die eine ist der
Endspurt zu einem wirklich umfassenden Verbot aller
Atomexplosionen. Die andere ist nur zu vertraut - das
Wettrüsten, das der Welt so viele tödliche Waffen zu
einem so hohen Preis an Talenten und Gütern gebracht hat.
In den kommenden zehn Wochen können wir das
erste Wettrennen gewinnen und so zur Beendigung
des zweiten für alle Zeit beitragen.
Und wenn die Abrüstungskonferenz ihre Arbeit nicht
abschließen kann, wird unser Scheitern nicht nur ein
gravierender Rückschlag für die Rüstungskontrolle,
sondern auch für die multilateralen Institutionen und
die multilaterale Diplomatie im umfassenderen Sinn.

*

AMERIKA DIENST 03

Es wird Munition für die Zyniker sein, die behaupten,
nichts wirklich Wichtiges sollte solchen Gremien
anvertraut werden.
Die Nuklearwaffen der Welt wurden in über 2.000
Explosionen an mehr als 20 Orten auf der ganzen Welt
erprobt. Ihre tödliche Effizienz ist nur allzu deutlich.
Heute steht hier in diesem Gremium der Versuch zu
einem anderen Weg einer Lösung der Meinungsverschiedenheiten der Menschheit auf dem Prüfstand.
Jetzt sind wir es, die getestet werden.
Wir dürfen nicht scheitern. Unser Erfolg wird sich in
der Zukunft niederschlagen.

* * *

*

Seite 5

�MENSCHENRECHTE
7. Februar 1996

Shattuck sieht Fortschritte bei Menschenrechtssituation
in Bosnien
Anhörung vor Ausschuß des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD)
Repräsentantenhauses
Shattuck, es könnten
Friedensabkommens für

- Bei einer Anhörung vor dem Ausschuß für internationale Beziehungen des
erklärte der Abteilungsleiter für Menschenrechte im US-Außenministerium, John
"gute Fortschritte" bei der Umsetzung der Menschenrechtsbestimmungen des
Bosnien beobachtet werden.

Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Anhörung in gekürzter Version.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, ich
freue mich, heute über die Menschenrechtssituation in
Bosnien Bericht erstatten zu können. Andere Regierungsvertreter haben bereits zu Ihnen über unsere
umfassenderen Ziele gesprochen, diesem vom Krieg
erschütterten Land Frieden zu bringen. Der Krieg in
Bosnien war der schlimmste Konflikt in Europa seit
dem Zweiten Weltkrieg und die größte Bedrohung des
Zusammenhalts und der Stabilität Europas seit dem
Kalten Krieg.
Ohne die mühevollen Bestrebungen und die Führungsrolle der Vereinigten Staaten hätte es kein Friedensabkommen gegeben, und die amerikanische Führungsrolle ist weiterhin erforderlich, wenn der Frieden
Fuß fassen soll. Unseres Erachtens ist der Erfolg des
Friedensprozesses untrennbar mit der erfolgreichen
Umsetzung der Menschenrechtsbestimmungen des
Abkommens von Dayton verbunden. Aus diesem
Grund ist die Durchführung der Menschenrechtselemente von Dayton eine der höchsten Prioritäten der
US-Administration für Bosnien.
Jedes Mal, wenn ich in der Vergangenheit vor diesem
Ausschuß erschienen bin, habe ich die Bedeutung von
Menschenrechtsfragen als grundlegendem Pfeiler der
amerikanischen Außenpolitik unterstrichen. Dies gilt
umso mehr in Bosnien und Herzegowina, wo Europa
Zeuge der schrecklichsten Verbrechen gegen die
Menschheit seit dem Holocaust wurde.

entsetzlichen
Menschenrechtsverletzungen
aufzudecken und zu beenden. Wir haben die bosnische
Menschenrechtstragödie bereits im August 1992 vor
die Vereinten Nationen gebracht. Anfang 1993 führten
wir die Bestrebungen des UN-Sicherheitsrats zur
Gründung einer Expertenkommission zur Ermittlung
von Kriegsverbrechen an. Danach waren wir der
Vorreiter bei der Gründung des internationalen Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien.
Wir waren der wichtigste Befürworter des Tribunals
und haben Finanzhilfe, Personal, politische Unterstützung und Informationen zur Verfügung gestellt. Die
Vereinigten Staaten haben als erstes Land Informationen über die Massengräber und andere Beweise von
Kriegsverbrechen veröffentlicht und dem Tribunal als
erstes Land den Zugang zu Zeugen, Opfern und den
Orten der Greueltaten erleichtert.
Ich selbst habe Bosnien, Kroatien und Serbien bei acht
verschiedenen Missionen zur Förderung der Menschenrechtsziele besucht.
Meine Bestrebungen
konzentrierten sich auf die Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen aller Parteien. Sie hatten den
freien Zugang zu allen Teilen Bosniens für internationale Ermittler und die Medien zum Ziel sowie die
Vorbereitung der Freilassung von Gefangenen und
Inhaftierten, die Zusammenarbeit mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal und die Erleichterung
der Einhaltung des Friedensabkommens. Ich werde
meine persönlichen Aktivitäten gleich im einzelnen
erörtern.

Seit Beginn des tragischen Konflikts in dieser Region
haben die Vereinigten Staaten sich verpflichtet, die

AMERIKA DIENST 03

Seite 1

�Unser Ansatz zur Menschenrechtssituation in Bosnien
ist von vier umfassenden Zielsetzungen geleitet:
Erstens der Beendigung der gravierenden
Menschenrechtsverletzungen,
zweitens der Förderung von Institutionen, um
den einzelnen zur Rechenschaft für Kriegsverbrechen zu ziehen, damit der Gerechtigkeit
Genüge getan wird,
drittens die Freilassung von Gefangenen und
Inhaftierten zu gewährleisten und Vermißte
aufzuspüren sowie
viertens der Einführung institutioneller Strukturen, die zur Gewährleistung eines friedlichen
und sicheren Umfelds beitragen, in dem die
Menschen des vom Krieg erschütterten Bosnien sich der Menschrechte erfreuen können.
Die meisten dieser Fakten sind den heute hier anwesenden Mitgliedern dieses Ausschusses bekannt.
Wenn Sie es wünschen, werde ich jedoch gerne im
einzelnen darauf eingehen und Ihnen die gewünschten
Details in der anschließenden Fragestunde geben.
Ich möchte meine heutigen Ausführungen auf das
Friedensabkommen von Dayton und die von uns seit
November geleistete Arbeit zur Umsetzung dieses
Abkommens konzentrieren. Wie Sie wissen, war ich in
Dayton persönlich an der Aushandlung der Vereinbarung beteiligt. Seitdem bin ich dreimal nach Europa
und in das ehemalige Jugoslawien gereist, um die
einzelnen Aspekte der Durchführung zu verfolgen. Ich
werde morgen in Begleitung von Außenminister
Christopher zur Fortsetzung unserer Arbeit erneut in
die Region reisen.
Aus der Menschenrechtsperspektive ist das Abkommen von Dayton ein bemerkenswertes Dokument.
Nie zuvor hat ein Friedensvertrag so große Betonung
auf Menschrechtsbelange gelegt. Diese Betonung
spiegelt unsere Überzeugung wider, daß Menschenrechtsfragen das Kernstück unserer Bestrebungen
sind, dem ehemaligen Jugoslawien Frieden zu bringen. Ich möchte Ihnen einige Elemente des Abkommens von Dayton darlegen und im einzelnen
darauf eingehen.
Erstens beinhalten die Vereinbarungen eine neue
Verfassung für Bosnien, die allen Menschen dieses
Landes das höchste Maß an international anerkannten
Menschenrechten und Grundfreiheiten garantiert.
Bosnien und Herzegowina werden als einheitlicher
Staat mit zwei Einheiten weiterbestehen - der Föderation Bosnien und Herzegowina sowie der Serbischen
Republik. Das Land wird effektive föderale Institutionen haben, über die der Großteil der internationalen
Hilfe verteilt wird, einschließlich einer Präsidentschaft,

Seite 2

einer Zweikammergesetzgebung und einem Verfassungsgericht, dessen Mitglieder zu einem Drittel vom
Europäischen Menschenrechtsgerichtshof ernannt
werden. Der Schutz von 15 verschiedenen internationalen Menschenrechtsinstrumenten ist in der neuen
Verfassung verankert. Insbesondere wird die europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte in
allen Fällen Vorrang vor bosnischem Recht haben.
Die Vereinbarungen sehen die Gründung eine Menschenrechtskommission zum Schutz der verfassungsmäßig garantierten Rechte vor. Die Kommission
besteht aus zwei Teilen: Einem unabhängigen Menschenrechtsombudsmann und einer Menschenrechtskammer.
Der Ombudsmann wurde von der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
ernannt. Dieses Amt hat Gret Haller aus der Schweiz
inne, die ihre Arbeit bereits begonnen hat. In dieser
Funktion hat sie die Befugnis, bei Menschenrechtsverletzungen zu ermitteln, Streitigkeiten zu schlichten
und Verfahren vor die Menschenrechtskammer zu
bringen.
Die aus 14 Mitgliedern bestehende Menschenrechtskammer wird Fälle der Verletzung von Menschenrechten und Beschwerden anhören, die von den Bürgern
Bosniens und Herzegowinas, in ihrem Namen oder
vom Ombudsmann vorgelegt werden. Sie hat die
Befugnis, Hilfe für die Opfer anzuordnen und die
Parteien anzuweisen, Aktionen einzustellen oder von
ihnen Abstand zu nehmen, die Menschenrechtsverpflichtungen verletzen. Die Mitglieder der Menschenrechtskammer werden in ihrer Mehrheit vom Europarat
ernannt.
Zusätzlich können Gerichte beim bosnischen Verfassungsgericht Berufung einlegen, auch bei Menschenrechtsfragen. Drei seiner neun Richter werden vom
Präsidenten des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs ernannt.
Das Abkommen von Dayton sieht die Veranstaltung
freier und demokratischer Wahlen in ganz Bosnien und
Herzegowina in der zweiten Jahreshälfte vor, um einen
Präsidenten und eine gesetzgebende Versammlung
für die Föderation, die Präsidenten und gesetzgebenden Versammlungen für die beiden Einheiten sowie falls möglich - Kommunalpolitiker zu wählen.
Das Abkommen von Dayton verpflichtet die Parteien
zur Schaffung von Bedingungen, unter denen freie
Wahlen abgehalten werden können, indem sie die
Ausübung des Wahlrechts ohne Angst vor Einschüchterung sowie Rede-, Presse- und Koalitionsfreiheit
schützen. Die OSZE muß bescheinigen, daß die
Voraussetzungen für freie Wahlen gegeben sind.

AMERIKA DIENST 03

�Die Vorbereitung der Wahlen wird von der OSZE
organisiert und überwacht.
Diese Bestrebungen
erfolgen in Verbindung mit einem Wahlausschuß, dem
ein OSZE-Vertreter vorsitzt und der sich aus internationalen Experten und Vertretern beider Einheiten
zusammensetzt.
Flüchtlinge und aufgrund des Konflikts Vertriebene
haben das Recht, in ihrer ursprünglichen Heimat zur
Wahl zu gehen, sofern sie nicht einen anderen Ort
vorziehen. Alle bei der bosnischen Volkszählung von
1991 erfaßten Personen sind ab dem 18. Lebensjahr
wahlberechtigt.
Das Abkommen verpflichtet alle Parteien, unverzüglich
alle Zivilisten und Kombattanten - einschließlich der
Zwangsarbeiter - freizulassen, die im Zusammenhang
mit dem Konflikt festgehalten werden und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Zugang zu
allen Festgehaltenen zu gewähren. Dieser Prozeß hat
bereits begonnen.
Das Abkommen verpflichtet die Parteien zur Zusammenarbeit mit dem IKRK bei der Suche nach
Vermißten sowie der Gewährung freien Zugangs für
die Menschenrechtsbehörden der UNO, die OSZE und
nichtstaatliche Organisationen zur Überwachung der
Menschenrechtssituation.
Schließlich verpflichtet das Abkommen von Dayton die
Parteien zur umfassenden Zusammenarbeit mit dem
internationalen Kriegsverbrechertribunal für das
ehemalige Jugoslawien bei seinen Untersuchungen
von Kriegsverbrechen und anderen Verletzungen
internationaler Menschenrechtsgesetze sowie zur
Befolgung seiner Anordnungen.
Diese Verpflichtung ist bindend für alle Parteien,
einschließlich Serbiens, Kroatiens, Bosniens und
Herzegowinas und der serbischen Republik.
Die Verpflichtung zur Befolgung der Anordnungen des
Kriegsverbrechertribunals ist auch in der neuen
Verfassung für Bosnien und Herzegowina verankert.
Alle Parteien müssen dem Tribunal unbegrenzten
Zugang zu allen Orten und Personen gewähren. Sie
sind zur Zusammenarbeit mit den Ermittlern des
Tribunals verpflichtet sowie zur Auslieferung von
festgenommenen Verdächtigten, wenn das Tribunal
das fordert.
Das Abkommen sieht vor, daß der Kriegsverbrechen
Angeklagte, die sich nicht den Anordnungen des
Tribunals fügen, in Bosnien und Herzegowina nicht für
die Wahl oder Nominierung für ein Amt kandidieren
oder ein solches innehaben dürfen.

*

AMERIKA DIENST 03

Die vom UN-Sicherheitsrat nach Dayton angenommene Resolution über eine Aufhebung der Sanktionen
enthält Verfügungen für die Durchsetzung dieser
Bestimmungen. Wenn die Parteien sich beträchtlicher
Unterlassungen bei der Erfüllung ihrer Verpflichtungen
zuschulden kommen lassen, werden auf Empfehlung
des Befehlshabers der Friedenstruppe IFOR oder des
Hohen Repräsentanten erneut Sanktionen verhängt,
sofern der UN-Sicherheitsrat keinen anderen Beschluß
faßt.
Zusätzlich bleibt ein "äußerer Wall" von Sanktionen
verfügbar, falls nötig in Form einer Verweigerung des
Zugangs unnachgiebiger Parteien zu internationalen
Organisationen, internationalen Finanzinstitutionen und
Auslandshilfe. Nach Gesprächen mit unseren europäischen Verbündeten haben wir uns geeinigt, daß die
Wirtschaftshilfe für die Parteien teilweise an ihre
Menschenrechtsbilanz gebunden wird.
Schließlich werden die Resolutionen des Sicherheitsrats die Zusammenarbeit mit dem Tribunal zu einer
bindenden Verpflichtung für alle Nationen machen, die
notfalls durch weitere Aktionen des Sicherheitsrats
erzwungen werden kann. Wir freuen uns, daß die
Vereinigten Staaten durch Paragraph 1342 des
Bevollmächtigungsgesetzes
des
Verteidigungsministeriums ihrer internationalen Verpflichtung zur
Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal
nachkommen. Wir begrüßen die umfassende überparteiliche Unterstützung im Kongreß für diese Bestimmung und hoffen, daß dadurch andere ermutigt
werden, unserem Beispiel zu folgen.
Sie werden mir daher wohl zustimmen, daß das
Abkommen von Dayton sehr strenge Bestimmungen
zu Menschenrechten enthält. Die Übereinkünfte sind
weitaus mehr als eine bloße Grundsatzerklärung. Sie
schaffen neue Strukturen für den Schutz von Menschenrechten, verpflichten die Parteien zu einer
Vielzahl von Schritten zu ihrer Befolgung und sehen
eine internationale Überwachung der Menschenrechtssituation vor.
Seit Dayton sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, diese Bestimmungen in die Praxis umzusetzen. Wir machen gute Fortschritte, obwohl wir
uns noch beträchtlichen Hürden gegenübersehen.
Wir müssen das enorme Mißtrauen und die Böswilligkeit überwinden, die im Gefolge dieses schrecklichen
Krieges das politische Klima durchdringen. Wir
werden bei unserem Bemühen um Fortschritte wahrscheinlich Probleme und Rückschläge vor uns haben.
Dennoch wollen wir uns entschlossen für das Funktionieren dieses Verfahrens einsetzen. Wir haben große
Anstrengungen für seine Umsetzung unternommen.

* * *

*

Seite 3

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dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C
25.Januar 1996

02

LACE DER NATION

CLINTON: USA SETZEN SICH FÜR
WELTFRIEDEN EIN
Bericht zur Lage der Nation

HAUSHALT

AUSGEGLICHENER HAUSHALT LIEGT IN
REICHWEITE
Erklärung des Präsidenten

AUSSENPOLITIK

EINE FÜHRUNGSROLLE FÜR DAS NÄCHSTE
AMERIKANISCHE JAHRHUNDERT
Rede von Außenminister Christopher

PFF

PERRY: PFF KÖNNTE DEM MARSHALLPLAN
VERGLEICHBARE WIRKUNG HABEN
Rede des Verteidigungsministers

DATENAUTOBAHN

DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES
INTERNET
von Edwin Diamond und Stephen Bates

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�LAGE

DER

NATION
24.Januar 1996

Clinton: USA setzen sich für Weltfrieden ein
Bericht zur Lage der Nation

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Berichts zur Lage der
Nation, den Präsident Clinton am 23. Januar 1996 beiden Häusern des Kongresses vorlegte.

Mr. Speaker, Herr Vizepräsident, sehr geehrte Mitglieder des 104. Kongresses, verehrte Gäste, liebe
Mitbürger.
Zunächst möchte ich unseren Männern und Frauen in
Uniform auf der ganzen Welt und insbesondere
denjenigen, die dazu beitragen, daß der Frieden in
Bosnien Fuß fassen kann, meinen Dank aussprechen.
Amerika ist sehr stolz auf Euch.

Und während diese Zahlen sinken, verbessern sich die
Aussichten für die Zukunft der Vereinigten Staaten.
Wir leben in einem Zeitalter der Möglichkeiten. Vor
hundert Jahren zogen wir von den Bauernhöfen in die
Fabriken. Heute befinden wir uns im Zeitalter der
Technologie, Information und des globalen Wettbewerbs. Die Veränderungen haben enorme neue
Chancen eröffnet, aber sie stellen uns auch vor große
Herausforderungen.

Heute abend habe ich die Aufgabe, den Bericht zur
Lage der Nation vorzulegen - nicht zur Lage unserer
Regierung, sondern zur Lage unserer amerikanischen
Gemeinde, und unsere Verantwortungsbereiche
darzulegen, um - mit den Worten unserer Gründerväter
- eine "perfektere Union zu schaffen".
Die Lage unserer Nation ist gut.
Unsere Volkswirtschaft ist gesünder als je zuvor in den
vergangenen drei Jahrzehnten. Wir haben die niedrigste Arbeitslosen- und Inflationsrate seit 27 Jahren.
Wir haben nahezu acht Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen, über eine Million davon in Branchen wie
der Bau- und Automobilindustrie. Die Vereinigten
Staaten verkaufen zum ersten Mal seit den siebziger
Jahren mehr Autos als Japan, und seit drei aufeinanderfolgenden Jahren verzeichnen wir eine Rekordzahl von Unternehmensneugründungen.
Unsere Führungsrolle in der Welt ist stark und birgt
neue Hoffnungen auf Frieden. Am wichtigsten ist
jedoch vielleicht, daß wir wieder beginnen, unsere
grundlegenden Werte zu bewahren. Die Verbrechensrate, die Anzahl der Sozialhilfeempfänger, die Zahl der
Armen und die schwangerer Teenager ist gesunken.

AMERIKA DIENST 02

Mehr Amerikaner haben ein

besseres Leben, aber zu viele unserer Mitbürger
arbeiten härter für ihren Lebensunterhalt und streben
nach größerer Sicherheit für ihre Familien.
Wir müssen drei grundlegende Fragen beantworten:
Wie können wir den Amerikanischen Traum zur
Realität für alle werden lassen, die dafür zu arbeiten
bereit sind? Wie bewahren wir unsere althergebrachten und beständigen Werte auf dem Weg in die
Zukunft? Und wie meistern wir diese Herausforderungen gemeinsam, als ein Amerika?
Wir wissen, daß ein großer Regierungsapparat nicht
alle Antworten bereit hält. Es gibt kein Programm für
jedes Problem. Wir wissen, daß wir eine abgespeckte,
weniger bürokratische Regierung in Washington
benötigen, die ihren Verhältnissen entsprechend lebt.
Aber was sind die Pflichten der Regierung? Ich
glaube, die Regierung kann helfen, und sie kann
schaden.
Meines Erachtens muß unsere neue, schlankere
Regierung in herkömmlicher amerikanischer Art und
Weise handeln - gemeinsam mit unseren Bürgern, mit
Hilfe der bundesstaatlichen und Kommunalverwaltungen, am Arbeitsplatz, in religiösen, Wohlfahrts- und
Bürgervereinigungen. Unser Ziel muß lauten: Unser
gesamtes Volk in die Lage zu versetzen, das meiste

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�aus seinem Leben zu machen, mit stärkeren Familien,
besseren Bildungschancen, wirtschaftlicher Sicherheit,
sichereren Straßen, einer saubereren Umwelt und
einer sichereren Welt.
Um die Lage unserer Nation zu verbessern, müssen
wir alle mehr von uns verlangen, mehr voneinander
erwarten und uns gemeinsam den Herausforderungen
stellen.
Das Zeitalter aufgeblähter Regierungen ist vorüber.
Aber wir dürfen nicht in die Zeiten zurückfallen, in
denen unsere Bürger auf sich selbst angewiesen
waren. Wir müssen als ein Amerika in die Zukunft
blicken - als eine Nation, die zusammenarbeitet, um
die uns konfrontierenden Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Selbstvertrauen und Teamwork sind
keine gegensätzlichen Tugenden - wir müssen beides
haben.
Unsere Aufgabe hier beginnt mit dem Ausgleich des
Haushalts in einer für alle Amerikaner fairen Weise.
Es besteht jetzt breite überparteiliche Übereinstimmung, daß das ständige Deficit-spending beendet
werden muß.
Ich beglückwünsche die Republikaner zu der Energie
und Entschlossenheit, mit der sie diese Aufgabe in
Angriff genommen haben. Und ich danke den Demokraten für die Verabschiedung des umfassendsten
Plans der Geschichte zum Abbau des Defizits seit
1993, der das Defizit in nur drei Jahren bereits nahezu
um die Hälfte reduziert hat.
Seit damals konnten wir alle die Vorteile des Defizitabbaus beobachten: Niedrigere Zinssätze haben den
Unternehmen die Schaffung von Arbeitsplätzen
erleichtert und die Kosten von Hypotheken für Eigenheime, Ratenzahlungen für die Anschaffung eines
Autos sowie die Zinsen für Kreditkarten für alle Bürger
gesenkt. Unser Haushalt wäre heute im Plus, wenn
wir nicht die Zinsen für die Defizite zahlen müßten, die
in den 12 Jahren vor 1993 erwirtschaftet wurden. Jetzt
ist es an der Zeit, die Arbeit abzuschließen. Obwohl
noch Differenzen bestehen, sind die nach zähen
Haushaltsverhandlungen vorgeschlagenen, in beiden
Plänen enthaltenen Einsparungen mehr als genug, um
den Haushalt unter Zuhilfenahme der Zahlen des
Haushaltsbüros des Kongresses in sieben Jahren
auszugleichen und bescheidene Steuersenkungen
vorzunehmen.
Und diese Steuersenkungen beschneiden nicht unsere Verpflichtungen gegenüber
unseren Eltern, unseren Kindern und unserer Zukunft,
indem sie Medicare, Medicaid, das Bildungswesen
oder die Umwelt gefährden.
Wir wollen weiter über unsere Meinungsverschiedenheiten reden. Ich bitte Sie jedoch, zumindest diese
Einsparungen gesetzlich zu verankern, damit wir dem
amerikanischen Volk einen ausgeglichenen Haushalt,

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Steuersenkungen, niedrigere Zinssätze und eine
vielversprechendere Zukunft bieten können.
Ich bin überzeugt, daß wir den Haushalt ausgleichen
werden und die permanenten Defizite zum Vermächtnis von gestern machen.
Es ist jetzt an der Zeit, sich den Herausforderungen
von heute und morgen zu stellen. Amerika wurde auf
Herausforderungen gegründet, nicht auf Versprechungen. Herausforderungen, die wir von der Stunde
unserer Geburt bis heute bewältigt haben. Wenn wir
zusammenarbeiten, versagen wir nie. Das ist der
Schlüssel zu einer perfekteren Union: Die Träume
jedes einzelnen müssen durch unsere gemeinsamen
Bestrebungen verwirklicht werden.
Heute abend möchte ich über die Herausforderungen
sprechen, denen wir uns als Volk gegenübersehen.
Unsere erste Herausforderung ist die Erziehung
unserer Kinder und die Stärkung der amerikanischen
Familie.
Die Familie ist die Grundlage des amerikanischen
Lebens. Wenn wir stärkere Familien haben, werden
wir eine stärkere Nation.
Starke Familien beginnen mit der Übernahme größerer
Verantwortung für unsere Kinder. Eltern haben es
heute nicht leicht, aber es ist noch schwieriger, ein
Kind zu sein. Wir alle - unsere Unternehmen, unsere
Eltern, unsere Medien, unsere Schulen, unsere Lehrer,
unsere Gemeinden und Regierungen - tragen die
Verantwortung, daß unsere Kinder es zu etwas
bringen.
An die Medien gewandt sage ich: Ihr solltet Filme, CDs
und Fernsehprogramme machen, an denen Eure
Kinder und Enkelkinder Freude hätten. Ich fordere den
Kongreß auf, eine Bestimmung zu erlassen, daß in
Fernsehgeräte ein Kontrollmechanismus - ein "V-Chip"
- eingebaut wird, damit die Eltern bestimmte Programme ausblenden können, die ihres Erachtens ungeeignet für ihre jüngeren Kinder sind. Wenn die
Eltern kontrollieren, was die Kinder sehen, ist das
keine Zensur. Es bedeutet, den Eltern mehr Verantwortung für ihre Kinder zukommen zu lassen. Und ich
fordere sie dringend auf, sie zu übernehmen. Die
Vorschrift des "V-Chip" ist Bestandteil des jetzt vorliegenden Telekommunikationsgesetzes. Es wird von
beiden Parteien unterstützt, und ich fordere Sie zu
seiner unverzüglichen Verabschiedung auf.
Damit der "V-Chip" funktioniert, appelliere ich an die
Fernsehindustrie, das zu tun, was die Filmindustrie
getan hat - eine inhaltliche Bewertung der Programme
vorzunehmen, um den Eltern behilflich zu sein, ihre
Kinder zu schützen.

AMERIKA DIENST 02

�Ich lade die Direktoren führender Medienanstalten und
der Unterhaltungsindustrie im nächsten Monat ins
Weiße Haus ein, um mit uns konkrete Wege zu
erarbeiten, wie das Fernsehangebot für unsere Kinder
verbessert werden kann. Ich bin zur Zusammenarbeit
mit Ihnen bereit.
An die Hersteller und Vermarkter von Zigaretten
gewandt sage ich: Jedes Jahr fangen eine Million
Kinder an zu rauchen. 300.000 haben infolgedessen
ein verkürztes Leben. Meine Administration hat
Schritte zur Eindämmung der massiven Marketingkampagnen unternommen, die unseren Kindern gefallen.
Wir sagen: Vermarktet Eure Produkte an Erwachsene,
wenn Ihr wollt - aber haltet sie von unseren Kindern
fern.
An die Sozialhilfeempfänger gewandt sage ich: Zu
lange hat unser Sozialhilfesystem die Werte unserer
Familie und unsere Arbeit untergraben, statt sie zu
unterstützen. Der Kongreß und ich nähern uns einer
Einigung zu einer tiefgreifenden Sozialreform. Wir
stimmen im Hinblick auf die Dauer der Leistungen,
strenge Arbeitsanforderungen und die durchgreifendsten Bestimmungen zu Unterhaltszahlungen für Kinder
überein. Aber wir müssen auch Kindertagesstätten
einrichten, damit die Mütter ohne Sorge um ihre Kinder
zur Arbeit gehen können. Ich fordere den Kongreß
daher auf: Unterbreitet mir eine überparteiliche
Sozialreform, dank der die Menschen wirklich von der
Sozialhilfe weg an einen Arbeitsplatz kommen und die
unseren Kindern gerecht wird, und ich unterzeichne
sie.
Aber die Verabschiedung eines Gesetzes ist nur der
erste Schritt. Der nächste besteht darin, es durchzuführen. Ich fordere die Sozialhilfeempfänger auf,
diese Chance zu Unabhängigkeit bestens zu nutzen.
Und ich fordere die amerikanischen Unternehmen auf,
ihnen diese Chance zu bieten. Wir sind dankbar für
die Arbeit der Kirchen und Gemeinden, die sich um die
Armen kümmern. Mehr als jeder andere wissen sie
um die Schwierigkeit dieser Aufgabe und sind in der
Lage zu helfen. Wir alle sollten ihnen behilflich sein.
Um die Familie zu stärken, müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, damit die Zahl von TeenagerSchwangerschaften sinkt. Sie ist immer noch viel zu
hoch. Ich freue mich, heute abend ankündigen zu
können, daß ein Gruppe prominenter Amerikaner auf
die Herausforderung mit der Gründung einer Organisation reagiert hat, die Bestrebungen an der Basis der
Gemeinden mit einer nationalen Kampagne gegen
Teenager-Schwangerschaften unterstützt. Und ich
fordere jeden Amerikaner auf, sich ihnen anzuschließen.
Ich fordere die amerikanischen Männer und Frauen
auf, sich gegenseitig zu respektieren. Wir müssen uns
von der tödlichen Geißel häuslicher Gewalt befreien.

AMERIKA DIENST 02

Ich fordere die amerikanischen Familien auf, zusammenzubleiben.
Insbesondere fordere ich die Väter auf, ihre Kinder zu
lieben und sich um sie zu kümmern. Wenn Ihre
Familie getrennt ist, müssen Sie Unterhalt für Ihre
Kinder zahlen. Wir tun mehr als je zuvor um sicherzustellen, daß Sie es tun, und wir werden noch mehr
unternehmen. Aber wir müssen zugeben: Ein Scheck
kann nie Ersatz für die Liebe und leitende Hand eines
Vaters sein, und nur Sie können die Entscheidung
treffen, zur Erziehung Ihrer Kinder beizutragen unabhängig davon, wer Sie sind, ist es Ihre grundlegendste menschliche Pflicht.
Unsere zweite Herausforderung besteht darin, den
Amerikanern die Bildungschancen zu bieten, die wir
für eine neues Jahrhundert benötigen.
Jedes Klassenzimmer in Amerika muß mit Computern,
guter Software und gut ausgebildeten Lehrern an die
Datenautobahn angeschlossen werden. Wir arbeiten
mit der Telekommunikationsindustrie, Ausbildern und
Eltern zusammen, um bis zum Frühjahr 20% der
Klassenzimmer in Kalifornien sowie jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek in Amerika bis zum Jahr
2000 an die Datenautobahn anzuschließen. Ich
fordere den Kongreß zur Unterstützung unserer
Technologieinitiative für das Bildungswesen auf, um
dieser nationalen Partnerschaft zum Erfolg zu verhelfen.
Jedes Diplom sollte Bedeutung haben. Ich fordere
jede Gemeinde, Schule und jeden Bundesstaat zur
Einführung nationaler Leistungsstandards und von
Kontrollmaßnahmen auf, ob die Schulen diese Normen
erfüllen, ich fordere sie zur Abschaffung bürokratischer
Vorschriften auf, damit die Schulen mehr Flexibilität für
Reformen an der Basis haben und dazu, sie zu
Ergebnissen zu verpflichten, indem sie sich unserer
Initiative Goals 2000 anschließen.
Ich fordere alle Bundesstaaten auf, den Eltern das
Recht zur Entscheidung einzuräumen, welche öffentliche Schule ihre Kinder besuchen, und die Lehrer neue
Schulen gründen zu lassen, an denen sie nur bleiben
können, wenn sie gute Arbeit leisten.
Ich fordere alle Schulen auf, den Charakter zu bilden:
mit Werten und Staatsbürgerkunde. Und wenn das
bedeutet, daß Teenager aufhören, sich gegenseitig
wegen der Jacke einer bestimmten Gang umzubringen, dann sollten öffentliche Schulen Schuluniformen
einführen können.
Ich fordere die Eltern auf, die ersten Lehrer ihrer
Kinder zu sein. Schalten Sie den Fernseher ab.
Achten Sie darauf, daß die Hausaufgaben gemacht
werden. Nehmen Sie an Elternversammlungen teil.

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�Weiterführende Bildung ist heute wichtiger als je zuvor.
Wir haben ein neues Kreditprogramm für Studenten
eingeführt, das die Aufnahme und Rückzahlung von
Krediten erleichtert und die Rate nicht zurückgezahlter
Kredite drastisch gesenkt hat. Dank Americorps,
unserem nationalen Sozialdienst, werden in diesem
Jahr 25.000 Studenten das Geld für den Collegebesuch durch den Dienst an der Gemeinde verdienen.
Diese Initiativen sind richtig für Amerika, und wir sollten
sie erhalten.
Wir sollten die Türen der Colleges noch weiter öffnen.
Ich fordere den Kongreß auf, weitere Arbeitsstudien
durchzuführen und einer Million jungen Amerikanern
behilflich zu sein, bis zum Jahr 2000 das Geld für den
Collegebesuch zu verdienen, ein Stipendium in Höhe
von 1.000 Dollar für die besten fünf Prozent der
Absolventen aller High Schools anzubieten, die Pell
Grant-Stipendien für ausgezeichnete Studenten zu
erweitern und erneut bis zu 10.000 Dollar pro Jahr an
Collegegebühren steuerlich absetzbar zu machen.
Unsere dritte Herausforderung besteht darin, allen
Amerikanern bei der Erlangung wirtschaftlicher
Sicherheit behilflich zu sein.
Hart arbeitende Menschen benötigen immer noch
Unterstützung, um in der neuen Volkswirtschaft
voranzukommen: Lebenslange Bildung und Ausbildung, mehr Förderung von Familien bei der Erziehung ihrer Kinder, Rentensicherheit und Zugang zu
Krankenversicherung.
Immer mehr Amerikaner stellen fest, daß die Ausbildung, die sie als Kinder erhalten haben, nicht ein
Leben lang ausreicht. Ich fordere den Kongreß zur
Konsolidierung von 70 sich überschneidenden Ausbildungsprogrammen zu einem einfachen Voucher im
Wert von 2.600 Dollar für arbeitslose oder nicht ihrer
Ausbildung entsprechend beschäftigte Arbeitnehmer
auf, den sie für die Gebühren eines Gemeindecollege
oder eine andere Ausbildung verwenden können.
Verabschieden sie dieses Gl-Gesetz für die Arbeitnehmer Amerikas.
Immer mehr Amerikaner arbeiten hart ohne eine
Gehaltserhöhung. Der Kongreß setzt den Mindestlohn
fest. In einem Jahr wird der Mindestlohn auf den
niedrigsten Stand seit vierzig Jahren fallen. Von 4,25
Dollar pro Stunde kann man nicht leben. Aber Millionen von Amerikanern und ihre Kinder versuchen,
damit auszukommen. Ich fordere Sie zur Erhöhung
des Mindestlohns auf.
Im Jahr 1993 hat der Kongreß die Steuern für 15
Millionen einkommensschwache Arbeitnehmerfamilien
gesenkt um sicherzustellen, daß kein vollbeschäftigter
Elternteil seine Kinder in Armut großziehen muß.
Dieser erweiterte Einkommenssteuerfreibetrag beläuft
sich jetzt auf rund 1.800 Dollar pro Jahr für eine

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vierköpfige Familie mit einem Einkommen von 20.000
Dollar. Die Gesetzesvorlage, gegen die ich mein Veto
eingelegt habe, hätte diese Leistungen abgeschafft
und die Steuern für nahezu acht Millionen Menschen
dieser Einkommensgruppe erhöht. Das dürfen wir
nicht zulassen.
Wir benötigen einen Steuerfreibetrag für Arbeitnehmerfamilien mit Kindern. Darüber sind wir uns fast alle
einig. Und dies sollte Bestandteil einer endgültigen
Einigung zum Haushalt sein.
Ich fordere jedes Unternehmen, das es sich irgendwie
leisten kann, zur Einrichtung von Rentenzahlungen für
seine Beschäftigten und den Kongreß zur Verabschiedung eines von der Konferenz des Weißen Hauses
über mittelständische Unternehmen
empfohlenen
Vorschlags auf, der mittelständischen Betrieben und
Firmen die Einführung von Pensionsplänen erleichtem
würde. Das ist etwas, auf das sich Republikaner und
Demokraten einigen können.
Wir sollten auch die bestehenden Pensionspläne
sichern. Mit überparteilicher Unterstützung haben wir
vor zwei Jahren die Renten von acht Millionen Arbeitnehmern gesichert und die Renten für weitere 32
Millionen stabilisiert. Der Kongreß sollte nicht zulassen, daß Firmen die Pensionsfonds ihrer Beschäftigten
gefährden. Ich habe im vergangenen Jahr mein Veto
gegen einen solchen Vorschlag eingelegt und würde
dies wieder tun.
Wenn Arbeitnehmerfamilien in der neuen Volkswirtschaft Erfolg haben sollen, müssen sie Krankenversicherungspolicen erwerben können, die sie nicht
verlieren, wenn sie den Arbeitsplatz wechseln oder ein
Familienmitglied krank wird. In den letzten beiden
Jahren verloren über eine Million amerikanische
Arbeitnehmerfamilien ihre Krankenversicherung. Wir
müssen mehr unternehmen, damit jeder Amerikaner
eine Krankenversicherung bekommen kann. Und der
Kongreß sollte den Anfang mit der Verabschiedung
des von den Senatoren Kassebaum und Kennedy
vorgelegten überparteilichen Gesetzentwurfs machen,
der von Versicherungsgesellschaften fordert, Versicherungsnehmer nicht länger aufgrund eines Arbeitsplatzwechsels auszuschließen oder ihnen den Versicherungsschutz aufgrund bereits vorhandener Krankheitssymptome zu verweigern.
Wir müssen auch die durch Medicare und Medicaid
gebotene Grundversorgung erhalten, nicht nur für die
Armen, sondern auch für Arbeitnehmerfamilien
einschließlich ihrer Kinder, für Behinderte, AIDSKranke und ältere Mitbürger in Pflegeheimen. In den
vergangenen drei Jahren haben wir allein durch die
Bekämpfung von Krankenversicherungsbetrug und
-mißbrauch 15 Milliarden Dollar eingespart. Wir
können noch mehr sparen. Aber wir dürfen uns nicht
unserer grundlegenden Verantwortung gegenüber den

AMERIKA DIENST 02

�Menschen entziehen, die auf Medicare und Medicaid
angewiesen sind. Amerika kann nicht stärker werden,
wenn sie schwächer werden.
Das Gl-Gesetz für Arbeitnehmer, Steuererleichterungen für Ausbildung und Kindererziehung, Verfügbarkeit
und Sicherung von Renten, Zugang zu Gesundheitsfürsorge, der Erhalt von Medicare und Medicaid, diese
Dinge - sowie das 1993 erlassene Gesetz über Urlaub
aus familiären und gesundheitlichen Gründen - werden
verantwortungsbewußten, hart arbeitenden amerikanischen Familien helfen, das meiste aus ihrem Leben
zu machen.
Aber Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen das Ihrige
tun, wie es in so vielen unserer besten Unternehmen
geschieht - indem sie zusammenarbeiten und langfristigen Wohlstand über kurzzeitige Profite stellen.
Während die Arbeitnehmer ihre Arbeitszeiten und
Produktivität erhöhen, sollten die Arbeitgeber sicherstellen, daß sie die erforderlichen Fertigkeiten erwerben können, und sie sollten die Gewinne der guten
Jahre sowie die Lasten der schlechten teilen. Wenn
Unternehmen und Arbeitnehmer als Team zusammenarbeiten, geht es ihnen besser - und Amerika ebenfalls.
Unsere vierte große Herausforderung besteht darin,
unsere Straßen von Verbrechen, Gangs und Drogen
zu befreien.
Wir haben endlich einen Weg zur Verringerung von
Verbrechen gefunden - durch Bildung von Gemeindepartnerschaften mit Polizeikräften vor Ort zur Festnahme von Verbrechern und Verhütung von Verbrechen. Diese als bürgernahe Polizei bezeichnete
Strategie funktioniert bereits. In ganz Amerika nehmen
schwere Verbrechen ab.
In New York ist die Mordrate um 25% gesunken, in St.
Louis um 18%, in Seattle um 32%. Wir haben jedoch
noch einen langen Weg vor uns, bis unsere Straßen
sicher und unsere Menschen frei von Angst sind.
Das Gesetz zur Verbrechensbekämpfung von 1994 ist
für den Erfolg der bürgernahen Polizei von entscheidender Bedeutung. Es stellt die Mittel für die Einstellung von 100.000 neuen Polizisten in Gemeinden
jeder Größenordnung zur Verfügung. Wir haben in
diesem Bereich bereits ein Drittel des Weges hinter
uns gelegt. Ich fordere den Kongreß dazu auf, diese
Arbeit zu beenden. Wir wollen uns an eine funktionierende Strategie halten und die Verbrechensrate weiter
senken.
Eine bürgernahe Polizei erfordert ein Vertrauensverhältnis zwischen unseren Bürgern und unserer
Polizei. Ich rufe alle Amerikaner dazu auf, unsere
Polizei zu respektieren und zu unterstützen. Und ich
sage an unsere Polizisten gerichtet: Unsere Kinder

AMERIKA DIENST 02

brauchen Euch als Vorbilder und Helden. Enttäuscht
sie nicht.
Durch das Brady-Gesetz wurden bereits 44.000
Menschen mit einem Vorstrafenregister am Kauf von
Waffen gehindert. Das Verbot von halbautomatischen
Waffen führt dazu, daß gewalttätige Gangs nicht in den
Besitz von 19 verschiedenen Arten halbautomatischer
Waffen gelangen können. Ich fordere den Kongreß
auf, diese Gesetze beizubehalten.
Unser nächster Schritt bei der Verbrechensbekämpfung besteht darin, so gegen die Gangs vorzugehen,
wie wir mit dem Pöbel umgingen. Ich habe das FBI
und andere Ermittlungsbehörden angewiesen, sich mit
Gangs zu befassen, die Jugendliche zu Gewaltverbrechen anstiften und die Befugnis zu erwirken,
Teenager, die wie Erwachsene morden und verstümmeln, strafrechtlich auch wie Erwachsene zu
verfolgen.
Und ich sage den Wohnungsbehörden und Mietervereinen: Die Mitglieder krimineller Gangs und Drogenhändler zerstören das Leben anständiger Mieter. Von
jetzt an sollte für Mieter, die Verbrechen begehen und
mit Drogen handeln, gelten: Ein Vergehen und Ihr fliegt
raus.
Ich fordere jeden Bundesstaat auf, sich der Politik der
Bundesregierung anzupassen und sicherzustellen,
daß schwerer Verbrechen Schuldige mindestens 85
Prozent ihrer Strafe abbüßen.
Mehr Polizei und mehr Bestrafung sind wichtig, aber
nicht genug. Wir müssen mehr junge Leute aus
Schwierigkeiten heraushalten - mit Präventionsstrategien, die nicht von Washington diktiert, sondern
innerhalb der Gemeinden entwickelt werden. Houston
hat seit 19 Jahren die wenigsten Morde zu verzeichnen, und die Jugendlichen begehen weniger Verbrechen, weil es dort mehr bürgernahe Polizisten gibt
und Tausende junger Menschen sich in Sportvereinen
und anderen Projekten engagieren, wo ihnen Werte
beigebracht werden, sie Vorbilder haben und Teamarbeit erlernen. Ich fordere alle Gemeinden und
Erwachsenen auf, diesen Kindern eine Zukunft zu
bieten, zu der sie Ja sagen können. Und ich fordere
den Kongreß auf, die Unterstützung dieser Bestrebungen im Rahmen des Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung nicht aufzugeben.
Zur Verringerung von Verbrechen und Gewalt müssen
wir schließlich auch das Drogenproblem lösen. Die
Herausforderung beginnt zu Hause - damit, daß Eltern
offen und entschlossen mit ihren Kindern reden. Sie
bezieht auch unsere Kirchen, Jugendgruppen und
Schulen ein. Ich fordere den Kongreß auf, unsere
Unterstützung für drogenfreie Schulen nicht zu kürzen.
In ganz Amerika verändern Bestrebungen zur Drogenbekämpfung in unseren Schulen das Leben unserer

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�Kinder. Drogenbeauftragte machen so großen Eindruck auf Grundschüler, daß sie die Kraft finden, zum
richtigen Zeitpunkt Nein zu sagen.
In der Zwischenzeit setzen wir unsere Bestrebungen
fort, den Fluß von Drogen in unser Land zu verringern.
Heute abend ernenne ich einen Helden des Golfkrieges und Oberbefehlshaber des Militärkommandos
Süd der Vereinigten Staaten, General Barry McCaffrey,
zum führenden Kämpfer Amerikas gegen den Drogenhandel. Er führte unser Militär geschickt bei seinen
einzigartigen Bestrebungen zur Eindämmung des
Drogenhandels.
General McCaffrey wurden bei seinem Kampf für
Amerika drei Verwundetenabzeichen Purple Heart und
zwei Silver Stars verliehen. Heute bitte ich ihn darum,
den Kampf unserer Nation gegen Drogen im In- und
Ausland anzuführen. Hierzu benötigt er eine größere
Truppe, als er je befehligt hat. Er braucht uns alle. Wir
alle haben in seinem Team eine Rolle zu spielen. Ich
danke Ihnen, General McCaffrey, daß Sie Ihre Zustimmung gegeben haben, Ihrem Land nochmals zu
dienen.
Unsere fünfte Herausforderung besteht darin, der
nächsten Generation eine sichere und saubere
Umwelt zu hinterlassen.
Aufgrund überparteilicher Bestrebungen einer Generation sind unser Wasser und unsere Luft sauberer
geworden. Der Bleigehalt im Blut von Kindern ist um
70 Prozent, die toxischen Emissionen von Fabriken
sind um die Hälfte gesunken. Der Eriesee war tot.
Jetzt ist er eine gedeihende Ressource.
Aber 10 Millionen Kinder unter 12 Jahren leben immer
noch weniger als 6 Kilometer von Giftmülldeponien
entfernt. Ein Drittel von uns atmet Luft ein, die unsere
Gesundheit schädigt. Und allzu viele Gemeinden
haben kein sauberes Trinkwasser. Wir haben noch
viel Arbeit vor uns.
Trotzdem hat der Kongreß beschlossen, die Mittel für
den Umweltschutz um 25 % zu kürzen. Das bedeutet
mehr toxische Chemikalien in unserem Wasser, mehr
Smog in unserer Luft, mehr Pestizide in unserer
Nahrung. Die Lobbyisten der Umweltverschmutzer
dürfen Gesetzeslücken schaffen, die Gesetze zum
Schutz von Gesundheit und Sicherheit unserer Kinder
schwächen. Einige Kongreßmitglieder wollen jedoch,
daß der Steuerzahler die Rechnung für den Giftmüll
bezahlt und die Verursacher davon befreit werden.
Ich fordere den Kongreß auf, die Prioritäten anders zu
setzen. Wir brauchen das Verursacherprinzip. Wir
können die Wirtschaft ankurbeln, ohne der Umwelt zu
schaden. Tatsache ist, daß wir langfristig mehr
Arbeitsplätze schaffen können, wenn wir die Umwelt
sanieren.

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Wir müssen Unternehmen und Gemeinden dazu
auffordern, mehr Initiative zu ergreifen, und ihnen das
auch erleichtern. Den Unternehmen sagen wir: Wenn
Ihr einen kostengünstigeren und effizienteren Weg als
staatliche Vorschriften findet, strenge Umweltschutznormen einzuhalten, dann tut es - solange Ihr es richtig
macht.
Wir stärken die Gesetze über das Recht der Gemeinden auf Informationen der Verursacher über ihre
Emissionen und fordern Bürgergruppen dazu auf,
diese Informationen für die Zusammenarbeit mit
Unternehmen zur Verringerung der Verschmutzung zu
nutzen. Die Menschen haben ein Recht darauf zu
wissen, daß ihre Luft und ihr Wasser sauber sind.
Unsere sechste Herausforderung besteht in der
Wahrung der Führungsrolle Amerikas im Kampf für
Freiheit und Frieden.
Aufgrund der Führungsrolle der Vereinigten Staaten
leben mehr Menschen als je zuvor in Freiheit und
Frieden, und die Amerikaner genießen bereits seit 50
Jahren Wohlstand und Sicherheit.
Dank hierfür
schulden wir insbesondere unseren Veteranen sowie
den Menschen an der Heimatfront der Freiheit, die das
Feuer am Brennen hielten.
Menschen auf der ganzen Welt blicken auf uns. Sie
vertrauen darauf, daß wir ihnen helfen, die Segnungen
von Frieden und Freiheit anzustreben.
Während der Kalte Krieg in den Hintergrund rückt,
rufen die Stimmen der Isolationisten, Amerika solle
sich von seiner Verantwortung zurückziehen. Das ist
meiner Meinung nach falsch. Die uns Amerikaner
konfrontierenden Bedrohungen kennen keine nationalen Grenzen - Terrorismus, die Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen, organisiertes Verbrechen, Drogenhandel, ethnisch und religiös bedingter Haß, Aggression verbrecherischer Staaten,
Umweltzerstörung. Wenn wir diese Bedrohungen nicht
heute angehen, werden wir morgen unter den Konsequenzen dieses Versäumnisses leiden.
Wir können nicht überall sein. Wie können nicht alles
tun. Aber wo unsere Interessen und unsere Werte auf
dem Spiel stehen - und wo wir etwas bewirken können
- muß Amerika eine Führungsrolle übernehmen. Wir
dürfen weder Isolationisten noch sollten wir der
Weltpolizist sein. Aber wir können der weltweit beste
Friedensstifter sein: Indem wir unser Militär stark
halten, wenn möglich Diplomatie und wenn nötig
Gewalt einsetzen, indem wir die Risiken und Kosten
unseres Einsatzes mit anderen teilen, bewirken wir
etwas für die Menschen hier und auf der ganzen Welt.
Erstmals seit Beginn des Atomzeitalters sind keine
russischen Raketen mehr auf amerikanische Kinder
gerichtet. Nordkorea hat sein gefährliches Nuklearwaf-

AMERIKA DIENST 02

�fenprogramm eingefroren. In Haiti gibt es keine
Diktatoren mehr, die Demokratie hat eine neue
Chance, und es kommen keine Ströme verzweifelter
Flüchtlinge mehr an unseren Küsten an.
Durch insgesamt mehr als 80 strengere Handelsvereinbarungen hat Amerika Märkte im Ausland erschlossen. Unsere Exporte sind auf dem Höchststand,
wachsen schneller als die Importe und schaffen
amerikanische Arbeitsplätze.
Wir standen an der Seite derjenigen, die um des
Friedens willen Risiken eingingen - in Nordirland, wo
katholische und protestantische Kinder ihren Eltern
jetzt sagen, daß es nie wieder Gewalt geben darf, und
im Nahen Osten, wo Araber und Juden, die einst zum
ständigen Kampf gegeneinander verurteilt zu sein
schienen, jetzt Wissen, Ressourcen und Träume
miteinander teilen.
Und wir traten für den Frieden in Bosnien ein. Erinnern
Sie sich an die zum Skelett abgemagerten Gefangenen, junge Männer in Massengräbern, Feldzüge von
Vergewaltigung und Folter, endlose Schlangen von
Flüchtlingen, die Gefahr einer Ausweitung des Krieges
- all dies ist jetzt der Hoffnung auf den Frieden gewichen. Jetzt tragen unsere Soldaten und eine starke
NATO in Zusammenarbeit mit ihren neuen Partnern in
Zentraleuropa und andernorts dazu bei, daß dieser
Frieden Fuß fassen kann.
Durch diese Bestrebungen haben wir die Sicherheit
des amerikanischen Volkes erhöht. Aber bedeutende
Herausforderungen bleiben bestehen. Der START IIVertrag mit Rußland wird unser Nukleararsenal um
weitere 25% verringern, und ich fordere den Senat auf,
dem Vertrag - jetzt - zuzustimmen. Wir müssen den
Wettlauf um den Bau neuer Atomwaffen beenden,
indem wir noch in diesem Jahr einen wirklich umfassenden Vertrag über das Verbot von Atomtests
unterzeichnen. Wir können Giftgas für immer ächten,
wenn der Senat - noch in diesem Jahr - die Chemiewaffenkonvention annimmt. Wir können den Kampf
gegen Terroristen und das organisierte Verbrechen im
In- und Ausland intensivieren, wenn der Kongreß jetzt - die von mir nach dem Bombenanschlag in
Oklahoma City unterbreiteten Gesetze zur Terrorismusbekämpfung verabschiedet. Wir können mehr
Menschen helfen, von Haß zur Hoffnung überzugehen
- wenn der Kongreß uns die Mittel gibt, führend für den
Frieden einzutreten.
Die von mir hier erörterten sechs Herausforderungen
bestehen für alle Amerikaner. Aber unsere siebte
Herausforderung richtet sich an die heute abend hier
Versammelten.
Wenn wir in Washington unserer Pflicht nachkommen
wollen, dem amerikanischen Volk bei der Bewältigung
dieser Herausforderungen zu helfen, benötigen wir

AMERIKA DIENST 02

eine andere Art von Regierung. Sie muß schlanker
und weniger bürokratisch sein. Sie muß sich stärker
auf Ergebnisse als auf Vorschriften konzentrieren. Sie
muß partnerschaftlicher mit den Regierungen der
Bundesstaaten und Gemeinden, mit Bürgergruppen
und dem Privatsektor zusammenarbeiten. Und sie
muß sich den Respekt und das Vertrauen des amerikanischen Volkes verdienen.
Im vergangenen Jahr wandte dieser Kongreß auf sich
selbst die Gesetze an, die für alle anderen gelten. Er
verbot die Entgegennahme von Geschenken und
Essenseinladungen von Lobbyisten und zwang diese
offenzulegen, wer für sie zahlt und welche Gesetze sie
verabschieden oder zu Fall bringen wollen. Ich
begrüße das.
Jetzt fordere ich den Kongreß auf, weiterzugehen:
Den Einfluß bestimmter Interessengruppen in der
Politik einzudämmen, indem er das erste wahrhaft
parteiübergreifende Gesetz zur Reform der Wahlkampffinanzierung seit einer Generation verabschiedet. Zeigen Sie dem amerikanischen Volk, daß wir die
Ausgaben begrenzen und allen Kandidaten Zugang
zum Äther verschaffen können.
Und ich rufe den Kongreß dazu auf, mir wie versprochen das selektive Vetorecht zu gewähren.
Darüber hinaus bilden wir eine Regierung, die besser
funktioniert und weniger Kosten verursacht. Dank der
Arbeit von Vizepräsident Gore schaffen wir 16.000
Seiten unnötiger Regeln und Vorschriften ab und
verlagern die Entscheidungsgewalt von Washington
stärker in die Bundesstaaten und Gemeinden.
Während wir uns auf ein Zeitalter mit einem ausgeglichenen Haushalt und einer schlankeren Regierung
zubewegen, müssen wir die Menschen auf neue Art
und Weise in die Lage versetzen, das Beste aus ihrem
Leben zu machen. Wir unterstützen die amerikanischen Gemeinden - nicht mit Bürokratie, sondern mit
Chancen -durch unsere erfolgreichen Ermächtigungszonen und Gemeindeentwicklungsbanken, die den
Menschen in städtischen und ländlichen Gebieten
helfen, Arbeit zu finden und Unternehmen zu gründen.
Und wir tun das durch steuerliche Anreize für Unternehmen, die vernachlässigte Industrieanlagen sanieren und dort Arbeitsplätze schaffen, wo sie dringend
benötigt werden.
Es gibt jedoch einige Gebiete, auf denen die Bundesregierung direkt und entschieden handeln muß. Eines
davon ist das Problem illegaler Einwanderung. Nach
jahrelanger Vernachlässigung hat diese Administration
entschlossen Position bezogen, um den Schutz
unserer Grenzen zu verbessern. Wir erhöhen unsere
Grenzpatrouillen um 50 %; wir verstärken die Kontrollen am Arbeitsplatz zum Aufspüren illegaler Einwanderer. Heute gebe ich bekannt, daß ich einen

Seite 7

�Präsidialerlaß unterzeichnen werde, der die Vergabe
staatlicher Beschaffungsaufträge an Unternehmen
verbietet, die illegale Einwanderer beschäftigen. Um
Mißverständnissen vorzubeugen: Wir sind immer noch
eine Nation von Einwandereren, und wir achten alle
Einwanderer, die hart arbeiten, um sich einbürgern zu
lassen. Aber wir sind auch eine Nation mit Gesetzen.
Ich möchte mich auch speziell an diejenigen wenden,
die für die Bundesregierung arbeiten. Heute gibt es
200.000 weniger Regierungsangestellte als am Tag
meiner Amtsübernahme. Die Bundesregierung hat
weniger Mitarbeiter als in den 30 Jahren zuvor und
speckt jeden Tag weiter ab. Die meisten von Ihnen
wußten das wahrscheinlich nicht, und dafür gibt es
einen guten Grund.
Die verbleibenden Angestellten sind Amerikaner, die
härter und patenter arbeiten um zu gewährleisten, daß
die Qualität unserer Dienstleistungen nicht abnimmt.
Beispielsweise Richard Dean. Er arbeitet seit 22
Jahren für die Sozialversicherung. Vergangenes Jahr
leistete er harte Arbeit im Bundesgebäude von Oklahoma City, als durch einen Terroranschlag 169 Menschen getötet wurden und alles um ihn herum einstürzte. Er ging viermal in das Gebäude und rettete
drei Frauen das Leben. Er ist heute abend bei uns.
Ich möchte Richard würdigen und sowohl seinen
Dienst für die Öffentlichkeit als auch seinen außerordentlichen Heldenmut hervorheben.
Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Im
November wurde er im Zuge der Schließung unserer
Bundesbehörden in den Zwangsurlaub geschickt. Bei
der zweiten Schließung setzte er seine Arbeit für
Sozialhilfeempfänger fort, ohne dafür bezahlt zu
werden. Im Namen von Richard und seiner Familie
fordere ich Sie alle in dieser Kammer auf, nie - nie wieder Behörden der Bundesregierung zu schließen.
Im Namen aller Amerikaner fordere ich den Kongreß
auf, den vollständigen Glauben an die Vereinigten
Staaten und das Vertrauen in sie zu bewahren, unsere
Verpflichtungen zu erfüllen, wie wir es seit 220 Jahren
getan haben, sich über Parteizugehörigkeit hinwegzusetzen und direkt eine Erhöhung der Schuldengrenze zu bewirken.
Ich habe heute abend eine Menge von Amerika
gefordert. Aber ich bin zuversichtlich. Wenn die
Amerikaner zu Hause, in der Schule, in der Kirche, in
Bürgergruppen oder am Arbeitsplatz zusammenarbeiten, können sie jede Herausforderung bewältigen.
Ich sage es noch einmal: Das Zeitalter des "Big
Government" ist vorbei. Aber wir können nicht zu der
Zeit zurückkehren, als unsere Bürger sich selbst
überlassen waren. Wir müssen vorwärts gehen - ins
Zeitalter der Zusammenarbeit - als Gemeinde, als
Team, als ein Amerika - um unsere Probleme zu
lösen.

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Und das alles wird nicht funktionieren, wenn nicht Sie alle Menschen in Amerika - sich über Trennlinien
hinwegsetzen und versuchen, Gemeinsamkeiten zu
finden. Wir müssen ein Klima der Spaltung, der
Diskriminierung und des Hasses ablehnen. Wir
müssen zusammenarbeiten.
Ich möchte Ihnen heute zwei Menschen vorstellen, die
das tun: Dr. Lucius Wright ist Lehrer an einer öffentlichen Schule in Jackson (Mississippi). Der VietnamVeteran bildete Teams, die Kindern aus den Innenstädten helfen, Gangs den Rücken zu kehren und eine
Zukunft zu gestalten, an die sie glauben können. Und
Wachtmeisterin Jennifer Rogers ist Polizistin in
Oklahoma City. Ebenso wie Richard Dean half sie,
ihre Mitbürger aus den Trümmern zu befreien und mit
dieser entsetzlichen Tragödie umzugehen.
Sie
erinnert uns daran, daß die Bürger von Oklahoma City
mit ihrer Reaktion auf jene Greueltat uns allen durch
ihren Sinn für Werte und Gemeinschaft ein Beispiel
gaben.
Lucius Wright und Jennifer Rogers sind ganz besondere Amerikaner. Ich habe heute die Ehre bekanntzugeben, daß sie die ersten von mehreren
tausend Amerikanern sind, die ausgewählt werden,
diesen Sommer das olympische Feuer auf seiner
langen Reise von Los Angeles zum hundertjährigen
Jubiläum der modernen Olympischen Spiele in Atlanta
zu tragen - nicht weil sie herausragende Athleten,
sondern weil sie herausragende Bürger sind - Helden
der Gemeinden, die die Herausforderungen Amerikas
bewältigen - Amerikas wirkliche Champions.
Jeder von uns muß in seinem eigenen Leben die
Fackel der Staatsbürgerschaft hochhalten. Aber
keiner von uns kann das Rennen alleine beenden. Wir
können unser Schicksal nur zusammen meistern eine Hand, eine Generation, ein Amerikaner verbunden mit dem nächsten.
Es gab schon immer Dinge, die wir gemeinsam tun
konnten - Träume, die wir wahr werden ließen, was wir
als einzelner nie bewirkt hätten. Wir Amerikaner
haben unsere Identität geschaffen, unsere Union, aus
jedem Blickwinkel und jedem Ort dieses Planeten.
Verbunden durch einen Glauben, der mächtiger ist als
alle uns trennenden Doktrinen - unseren Glauben an
Fortschritt, unsere Freiheitsliebe und unsere unablässige Suche nach Gemeinsamkeiten - hat Amerika
immer Herausforderungen gesucht und bewältigt.
Wer würde behaupten, daß wir jetzt, nachdem wir
gemeinsam so weit gekommen sind, nicht gemeinsam
weitergehen können? Wer würde behaupten, daß der
Augenblick unseres größten Potentials nicht allen
Amerikanern gehört?

AMERIKA DIENST 02

�Amerika war und ist ein großartiges und gutes Land.
Aber das Beste liegt noch vor uns - wenn wir alle das
Unsrige tun.

Ich danke Ihnen. Gott segne Sie, und Gott segne die
Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * * *

AMERIKA DIENST 02

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�HAUSHALT
24.Januar 1996

Ausgeglichener Haushalt liegt in Reichweite
Erklärung des Präsidenten

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Präsidenten bei der Pressekonferenz am 11. Januar 1996
abgegebene Eingangserklärung im Wortlaut.

Guten Tag. Am heutigen Nachmittag möchte ich Ihnen
und dem amerikanischen Volk von den Fortschritten
berichten, die wir im Hinblick auf einen ausgeglichenen
Haushalt gemacht haben, der unsere Werte widerspiegelt. Zuerst möchte ich jedoch über unsere Aktionen sprechen, den Millionen von Menschen an unserer
Ostküste zu helfen, die von dem Schneesturm betroffen sind.
Ich habe den Direktor des Amts für Katastrophenhilfe
(FEMA), den Verkehrs- und den Verteidigungsminister
gebeten, zusammenzuarbeiten und alle erforderlichen
Schritte einzuleiten. Heute habe ich bekanntgegeben,
daß die Bundesregierung in den Fällen Katastrophenhilfe anbietet, in denen die Regierungen der Bundesstaaten und Kommunen überfordert sind. Insbesondere werden wir Gelder zur Einrichtung von Nothilfewegen in Gemeinden schaffen, nachdem die Bundesstaaten diese Hilfe beantragt haben und das Amt für Katastrophenhilfe ihre Notwendigkeit bestätigt, damit Krankenwagen, Feuerwehr und andere Katastrophenhelfer
ihre Arbeit erledigen können.
Heute habe ich diese Hilfe für Maryland und den District of Columbia zugesagt. Ferner erhielt das Amt für
Katastrophenhilfe ein Hilfeersuchen aus New York,
und wir erwarten in Kürze weitere Hilfsgesuche aus
New Jersey, Pennsylvania, Virginia, North Carolina
und Delaware. Wir werden umgehend auf diese Anfragen reagieren.
Dies sind harte Zeiten für alle Betroffenen. Oft fördern
erst Naturkatastrophen das Beste im Menschen zutage. Während wir uns aus dem Schneesturm von 1996
herausschaufeln, werden die Amerikaner in ihren Gemeinden hoffentlich auch nach ihren Nachbarn sehen,

AMERIKA DIENST 02

die Hilfsbedürftigen unterstützen und zusammenstehen. Wir hier werden alles in unserer Macht Stehende
unternehmen.
Jetzt möchte ich auf den Haushalt eingehen. Nach
wochenlangen öffentlichen und privaten Diskussionen
liegt eine historische Vereinbarung über einen ausgeglichenen Haushalt in Reichweite, wenn wir Parteipolitik beiseite lassen und den Augenblick nutzen. Ich
bin optimistisch, daß wir den Haushalt ausgleichen
können, und ich weiß, daß wir schon zu weit gekommen sind, um diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.
In den 12 Jahren vor meiner Amtszeit stieg unser
Haushaltsdefizit erstmals in der amerikanischen Geschichte zu Friedenszeiten sprunghaft an. Unsere
Administration hat das Defizit bereits fast um die Hälfte
verringert. Aber die erforderlichen Zinszahlungen für
die in den letzten 12 Jahren gemachten Schulden verursachen ein Defizit. Müßten wir nicht die Zinsen für
die in diesen 12 Jahren vor meiner Amtszeit gemachten Schulden zahlen, wäre unser Haushalt heute ausgeglichen.
Wir haben die Bundesregierung bereits um über
200.000 Mitarbeiter reduziert, so daß sie schlanker als
zu jedem anderen Zeitpunkt seit 1965 ist. Gemessen
an der Erwerbsbevölkerung ist die Bundesregierung
die kleinste seit 1933. Wir haben Hunderte von Programmen gestrichen. Wir schaffen 16.000 Seiten mit
Vorschriften und Bestimmungen ab. Aber es ist an der
Zeit, die Arbeit abzuschließen.
Ich möchte eindeutig klarstellen: Wir können den
Haushalt ausgleichen. Wir können es in einer Weise

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�tun, die in unser Volk investiert und unsere Werte reflektiert - Chancen für alle, unsere Pflicht gegenüber
unseren Eltern und unseren Kindern zu tun, unsere
Gemeinden, unsere Familien und Amerika zu stärken.
Wie Sie wissen, habe ich einen Plan zum Ausgleich
des Haushalts in sieben Jahren auf der Grundlage
konservativer Schätzungen des Haushaltsbüros des
Kongresses vorgelegt. Ich möchte wiederholen: Mit
diesem Brief, den ich hier bei mir habe, um alle daran
zu erinnern, daß wir ihn geschrieben haben, bestätigen
die Wirtschaftswissenschaftler des Kongresses, was
wir die ganze Zeit gesagt haben. Wir können den
Haushalt ohne übermäßige Kürzungen bei Medicare
und Medicaid ausgleichen ohne bei Bildung und Umweltschutz Einschnitte vornehmen oder die Steuern für
unsere am stärksten betroffenen Arbeitnehmerfamilien
erhöhen zu müssen.
Wie Sie alle wissen, bestehen die Republikaner im
Kongreß auch auf Kürzungen bei Medicare, Medicaid,
Bildung und Umweltschutz, die meines Erachtens weit
über das für den Haushaltsausgleich Notwendige hinausgehen, weit über das, was für die Sicherstellung
der Liquidität dieser Programme erforderlich ist und
weit über das, was wir aus der Sicht des Haushaltsbüros zum Ausgleich des Haushalts tun müssen.
Wir alle wissen auch, daß die Bestrebungen der Republikaner von zwei Gedanken geleitet sind. Es besteht der echte Wunsch nach einem Ausgleich des
Haushalts, den ich teile. Aber es gibt auch diejenigen,
die den ausgeglichenen Haushalt und enorme Steuersenkungen nutzen wollen, um unsere Bundesregierung und unser Land der Fähigkeit zu berauben, unsere Arbeit hier in Washington zu leisten, um den Menschen in unseren Gemeinden bei der Bewältigung der

sie konfrontierenden Herausforderungen behilflich zu
sein. Wir dürfen unsere grundlegende Übereinstimmung zu einem ausgeglichenen Haushalt nicht zum
Faustpfand einer eng gefaßten Tagesordnung machen, die zu verhindern versucht, daß Amerika älteren
Mitbürgern Medicare oder qualitativ hochwertige Unterbringung in einem Pflegeheim, oder Bildungschancen
für junge Menschen oder Umweltschutz für uns alle
bieten kann.
Wir könnten schnell gemeinsames Terrain beim Ausgleich des Haushalts finden und die entsprechenden
bescheidenen Steuersenkungen einführen - wir könnten dies in 15 Minuten tun, nach den Stunden und
Stunden, die wir bereits gemeinsam diskutiert haben.
Was dieses Abkommen bisher verhindert hat, ist das
Beharren der Republikaner auf Kürzungen bei Medicare, Medicaid, im Bildungswesen und beim Umweltschutz, die meines Erachtens überzogen sind. Und
das Bestehen auf drastischen Steuererhöhungen für
die Arbeitnehmerfamilien mit den geringsten Einkommen. Diese Dinge sind für den Ausgleich des Haushalts nicht erforderlich.
Wir haben schon einiges erreicht. Wir haben uns auf
weit über 600 Milliarden Dollar an Einsparungen geeinigt - weit mehr als zum Ausgleich des Haushalts
erforderlich ist. Dies sollte ein Augenblick nationaler
Einheit sein, eine Zeit, Parteipolitik beiseite zu lassen,
ideologische Differenzen zu überwinden und gemeinsames Terrain für das Gemeinwohl zu finden. Einen
ausgeglichenen Haushalt, der das Beste beider Parteien, das Beste unserer Werte widerspiegelt und der
der nächsten Generation ein stärkeres Amerika hinterläßt - er ist in greifbare Nähe gerückt. Wir sollten diese Aufgabe jetzt erledigen, und ich glaube, es wird uns
in naher Zukunft gelingen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 02

�AUSSENPOLITIK
24.Januar 1996

Eine Führungsrolle für das nächste
Amerikanische Jahrhundert
Rede von Außenminister Christopher

CAMBRIDGE (MASSACHUSETTS) - (AD) - Im kommenden Jahr werden sich die Vereinigten Staaten USAußenminister Christopher zufolge besonders auf drei Ziele konzentrieren: "Erstens das Streben nach Frieden
in Regionen von elementarem Interesse für die Vereinigten Staaten, zweitens die Inangriffnahme der neuen
transnationalen Sicherheitsbedrohungen und drittens die Förderung von offenen Märkten und Wohlstand."
In seiner Rede an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University zum Thema "Eine
Führungsrolle für das nächste Amerikanische Jahrhundert", die vom State Department als große außenpolitische
Rede bezeichnet wurde, hob Christopher hervor: "...vor allem müssen wir erkennen, daß die Vereinigten Staaten
über die Vision und Stärke verfügen, die Errungenschaften der vergangenen Jahre zu konsolidieren und eine
noch bessere Welt zu schaffen".
Nachfolgend veröffentlichen wie die Rede von Außenminister Christopher im Wortlaut.

Zunächst möchte ich Joe Nye danken - nicht nur für
seine herzlichen einleitenden Worte, sondern auch
dafür, daß er eine hartnäckig bestehende fälschliche
Annahme über diese herausragende Institution
entkräftet hat. In einigen Kreisen wurde behauptet, die
Kennedy School sei ein Platz für Verschwörer zur
Infiltrierung der Bundesregierung. Joe Nye's Ernennung beweist, daß das Gegenteil zutrifft: Tatsächlich
ist die Bundesregierung ein Ort für Verschwörer zur
Infiltrierung der Kennedy School.
Vor einem Jahr traf ich mit Ihnen zusammen, um die
außenpolitischen Leitlinien dieser Administration sowie
unsere Prioritäten für 1995 darzulegen. Heute bin ich
hier, um eine Einschätzung einer Zeit bemerkenswerter Leistungen der amerikanischen Diplomatie
vorzunehmen und unsere für 1996 gesteckten wichtigsten Ziele zu erläutern.
Das Ende des Kalten Krieges gab uns eine einzigartige Chance zur Gestaltung einer Welt mit mehr
Sicherheit, offenen Gesellschaften und offenen
Märkten - einer Welt, in der sich amerikanische
Interessen und Ideale entwickeln können. Wir sind
aber auch mit ernsthaften Bedrohungen konfrontiert,

AMERIKA DIENST 02

vor denen uns keine Grenze schützen kann - Terrorismus, Weiterverbreitung von Waffen, Verbrechen und
Umweltzerstörung.
Dies ist nicht das Ende der Geschichte, sondern
Geschichte in schneller Bewegung. Vor acht Jahrzehnten, als der erste Balkankrieg dieses Jahrhunderts endete, mußte eine internationale Kommission
rekonstruieren, was geschehen war. Jetzt werden die
Bilder der Gewalt in Sarajevo direkt auf der ganzen
Welt ausgestrahlt. Vor sechs Jahrzehnten dauerte es
mehrere Jahre, bis die Weltwirtschaftskrise zu einer
weltweiten Katastrophe wurde.
Jetzt kann eine
Wirtschaftskrise in Mexiko die Weltwirtschaft in
Sekundenschnelle erschüttern.
In dieser Zeit beschleunigten Wandels muß die
amerikanische Führungsrolle konstant bestehen
bleiben. Wir müssen unsere Interessen klar und
umsichtig verteidigen. Vor allem müssen wir erkennen, daß nur die Vereinigten Staaten über die Vision
und Stärke verfügen, die Errungenschaften der
vergangenen Jahre zu konsolidieren und eine noch
bessere Welt zu schaffen.

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�Sechs Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind
einige immer noch der Ansicht, wir könnten den
Problemen der Welt entfliehen, indem wir Amerika mit
Mauern umgeben. Die Beweise der letzten drei Jahre
sollten jedoch die Debatte über Amerikas Rolle in der
Welt beenden. Da Präsident Clinton den Weg des
Rückzugs ablehnte, haben wir Leistungen erbracht,
die den dauerhaften Wert der Führungsrolle und des
Engagements der Vereinigten Staaten unter Beweis
stellen.
Der Präsident hat die Vereinigten Staaten mit Hilfe von
Internationalisten aus beiden Parteien zur weltweiten
Triebkraft für Frieden gemacht. Halten Sie sich das
vor Augen. Hätten wir keine Führungsrolle übernommen, würde der Krieg in Bosnien heute andauern,
würden weiterhin Unschuldige sinnlos sterben,
bestände die Gefahr einer Ausweitung des Krieges
und der Unterminierung der NATO. Hätten wir keine
Führungsrolle übernommen, gäbe es keine Aussicht
auf einen umfassenden Frieden im Nahen Osten. Und
es gäbe kaum Hoffnung auf Versöhnung in Nordirland.
Ohne die amerikanische Führungsrolle wären in Haiti
immer noch Verbrecher an der Macht, und Tausende
haitianischer Flüchtlinge würden versuchen, unsere
Küsten zu erreichen. Die mexikanische Wirtschaft
befände sich in freiem Fall, würde unseren Wohlstand
bedrohen und entstehenden Märkten sowie der
Weltwirtschaft schaden. Wir hätten nicht die Fortschritte beim möglichst umfassenden Nachweis über
den Verbleib amerikanischer Kriegsgefangener und
Vermißter gemacht, die uns gestatteten, Vietnam
anzuerkennen. Wir hätten nicht die unbegrenzteVerlängerung des Nichtverbreitungsvertrags erzielt die wichtigste Barriere gegen die Verbreitung von
Nuklearwaffen. Und Nordkorea könnte Atomwaffen
bauen.
Die Lektion ist klar. Wenn wir eine Führungsrolle
übernehmen, können wir den Schwung erhalten, der
den Kommunismus besiegte, uns von der Gefahr des
Nuklearkrieges befreite und auf der ganzen Welt die
Fahne der Freiheit hißte. Unsere Stärke ist ein Segen,
keine Last. Präsident Clinton ist entschlossen, sie klug
und entschlossen einzusetzen.
Die Bewahrung unserer Stärke ist nicht billig. Dennoch haben der Präsident und ich seit einem Jahr
gegen jene Kräfte im Kongreß angekämpft, die unser
außenpolitisches Budget so stark kürzen wollen, daß
wir uns aus unserer Führungsposition zurückziehen
müßten - durch die Schließung wichtiger Botschaften,
Beendigung von Friedensmissionen und selbstzerstörerische Kürzungen bei unseren internationalen
Programmen. Das sind keine verantwortungsbewußten Vorschläge. Sie würden Amerika genau zu jenem
Zeitpunkt schwächen, an dem wir stark bleiben
müssen, genau zu jenem Zeitpunkt, an dem andere
Nationen von uns eine Führungsrolle erwarten. Sie

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zeigen einen Mangel an Anerkennung für die Errungenschaften Amerikas während der letzten 50 Jahre
sowie mangelndes Vertrauen, daß unsere große
Nation die Zukunft gestalten kann.
Die jüngste Schließung von Behörden der US-Regierung war für mich besonders beunruhigend, weil sie
unseren internationalen Ruf von Zuverlässigkeit und
Integrität unterminierte. Bei meinen jüngsten Auslandsreisen wurde ich mit den weitreichenden Konsequenzen der Schließungen konfrontiert. Führenden
Politikern und den Bürgern in vielen Teilen der Welt
schien es, als ob die weltweit mächtigste Nation ihren
Betrieb einstellte. Es entspricht nicht einer großen
Nation, ihre Rechnungen und ihre Angestellten nicht
mehr bezahlen zu können. Das darf nicht noch einmal
geschehen.
Vor drei Wochen wurde ich von der Zeitschrift
Newsweek als "wirklich davon überzeugt" bezeichnet,
"daß Amerika sich in der Welt engagieren muß". Ich
bekenne mich schuldig. Ich habe die Jahre nach dem
Zweiten Weltkrieg erlebt, in denen unsere führenden
Politiker die Investitionen tätigten, deren Vorteile wir
heute alle genießen. Ich bin kein Politiker. Aber ich
habe eine Vorliebe - für die Art von Außenpolitik, die
Amerika zu einer verläßlichen und prinzipientreuen
Führungsmacht macht, für eine Außenpolitik, die
Amerikas einzigartiges Zielbewußtsein und seine
Stärke projiziert. Ich hoffe, daß jeder Präsidentschaftskandidat diese bedeutenden Wegweiser im Kopf
behält.
Unser Engagement für eine Führungsrolle ist der erste
der zentralen Grundsätze unserer Außenpolitik, die ich
vergangenes Jahr hier dargestellt habe. Ein zweiter
damals von mir formulierter Grundsatz ist die Notwendigkeit einer Stärkung der Institutionen, die eine
dauerhafte Grundlage für weltweiten Frieden und
Wohlstand bieten. Diese Institutionen - wie die
Vereinten Nationen, die NATO, die Weltbank - helfen
uns bei der Aufteilung der Lasten und Kosten einer
Führungsrolle. In diesem Jahr wird der Zusammenarbeit mit dem Kongreß höchste Priorität bei der
Erfüllung unserer finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Vereinten Nationen beigemessen, die ein
grundlegendes Reformprogramm durchführen.
Ein dritter Grundsatz besteht darin, daß die Unterstützung von Demokratie und Menschenrechten unsere
Ideale widerspiegeln und unsere Interessen stärken
soll. Unser Einsatz für universelle Werte ist eine
bedeutende Quelle der Autorität und Glaubwürdigkeit
unseres Landes. Ohne sie können wir keine Führungsrolle übernehmen. Unsere Interessen werden
am besten in einer Welt gewahrt, in der dem Volk
verantwortliche Regierungen die Stabilität stärken und
politische Rechte sowie freie Marktwirtschaften durch
eine rechtsstaatliche Ordnung geschützt werden. Aus
diesem Grund haben wir den mutigen Reformen in

AMERIKA DIENST 02

�Nationen wie Südafrika, Mexiko und den neuen
Demokratien in Zentraleuropa so starke Unterstützung
zukommen lassen. Aus diesem Grund freuen wir uns
so sehr darüber, daß in den drei Jahren unserer
Amtszeit nach freien Wahlen in dieser Hemisphäre 16
Amtseinführungen stattfanden. Ein weiteres wichtiges
Ziel in diesem Jahr wird die Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien
und für Ruanda sein, damit die für die beiden größten
Tragödien in diesem Jahrzehnt Verantwortlichen zur
Rechenschaft gezogen werden.
Ein vierter Grundsatz ist die entscheidende Bedeutung
konstruktiver Beziehungen zu den Großmächten.
Diese Nationen - unsere Verbündeten in Europa und
Japan sowie Rußland und China - verfügen über die
größten Fähigkeiten, Einfluß auf unsere Sicherheit und
unseren Wohlstand zu nehmen.
In den letzten Jahren wurde von einigen behauptet, die
Vereinigten Staaten und Europa würden unweigerlich
auseinanderdriften. Das hat sich als falsch erwiesen.
Unsere gemeinsamen Aktionen in Bosnien haben das
transatlantische Bündnis dramatisch gestärkt und neue
Perspektiven für eine dauerhafte europäische Sicherheitszusammenarbeit eröffnet. Und die neue
transatlantische Agenda, auf die sich die Vereinigten
Staaten und die Europäische Union vergangenen
Monat in Madrid einigten, wird nicht nur unsere
Wirtschaftsbeziehungen ausweiten, sondern auch die
Zusammenarbeit bei den weltweiten politischen und
sicherheitspolitischen Herausforderungen verstärken.

Mit Japan stellen wir jede Säule unseres Bündnisses im sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und politischen Bereich - auf eine solide Grundlage. Eine von
Joe Rye und Abteilungsleiter Winston Lord durchgeführte einjährige Überprüfung unserer Beziehungen
hat unsere Sicherheitsbande erneut gestärkt. Wir
schlössen 20 Marktzugangsabkommen, die zu der
drastischen Verringerung unseres bilateralen Handelsdefizits beitrugen.
Ferner verfolgten wir unsere Interessen bei der
Stärkung unserer Zusammenarbeit mit Rußland und
China zu einem Zeitpunkt, an dem sich beide Länder in
einer schwierigen Übergangszeit befinden.
Seit Beginn seiner Amtszeit ist sich Präsident Clinton
der Tatsache bewußt, daß wir unsere nationalen
Interessen nur durch ein Engagement in Rußland
schützen können. Unsere Strategie führte zu konkreten Verbesserungen bei der Sicherheit unseres
Volkes. Wir erreichten einen massiven Abbau der
Nukleararsenale sowie mehr Sicherheit beim Umgang
mit Nuklearmaterial. Durch die Zusammenarbeit mit
Rußland förderten wir unsere Ziele von Frieden in
Bosnien und dem Nahen Osten.
Natürlich ist es einfach, unsere Meinungsverschieden-

AMERIKA DIENST 02

heiten mit Rußland aufzuführen, beispielsweise im
Hinblick auf atomare Zusammenarbeit mit dem Iran
oder auf den Krieg in Tschetschenien. Die Ereignisse
dieser Woche bieten weitere Beweise dafür, daß der
derzeitige militärische Ansatz in Tschetschenien nur zu
einer Verschlimmerung dieses Krieges führt. Der
Zyklus der Gewalt kann nur durch Verhandlungen
unterbrochen werden.
Wie ich bereits ausgeführt habe, kann ich mir nicht den
Luxus leisten, eine Liste von Differenzen mit Rußland
aufzustellen und es dabei zu belassen. Meine Aufgabe besteht darin, Bereiche der Übereinstimmung zu
schaffen und Maßnahmen zur Beilegung unserer
Differenzen zu erarbeiten.
1993 stellte ich in meiner ersten Rede als Außenministerfest, der Kampf Rußlands um seine Umgestaltung würde lang und hart, und der Erfolg sei keineswegs garantiert. Das ist auch heute noch meine
Meinung. Positiv ist, daß in den vier Jahren nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion die russische
Wirtschaft zunehmend von marktwirtschaftlichen
Prinzipien beherrscht wird. Freie Wahlen, die noch vor
wenigen Jahren undenkbar erschienen, werden
Tatsache. Rußland hat sein ruinöses Vermächtnis von
sieben Jahrzehnten Kommunismus noch nicht hinter
sich gelassen - ein Vermächtnis, das sich in Form von
Verbrechen, Korruption und Armut manifestiert.
Die jüngsten Ereignisse enthalten beunruhigende
Anzeichen dafür, daß die russischen Reformbestrebungen Belastungen ausgesetzt sind. Das russische
Volk muß bei den Präsidentschaftswahlen im Juni eine
bedeutende Entscheidung treffen. Letztlich kann nur
das russische Volk seine Regierung wählen und seine
Zukunft bestimmen.
Unsere Verpflichtung - die
Verpflichtung der Vereinigten Staaten - liegt in der
Förderung demokratischer Werte und demokratischer
Institutionen sowie in der Verfolgung unserer nationalen Interessen zu jedem Zeitpunkt.
Wenn ich mit dem neuen russischen Außenminister
Primakow zusammentreffe, werde ich ihm mitteilen,
daß die Vereinigten Staaten zur Fortsetzung der
Zusammenarbeit mit Rußland bei unseren zahlreichen
gemeinsamen Herausforderungen entschlossen sind.
Ich werde jedoch keinen Zweifel daran lassen, daß die
Integration Rußlands in die westlichen Institutionen die in unserem gegenseitigen Interesse liegt - von der
Bereitschaft Rußlands zur Einhaltung internationaler
Normen und zur Fortsetzung der Reformen abhängt.
Ich möchte mich nun China zuwenden. Wir haben
großes Interesse daran sicherzustellen, daß diese
mächtige Nation ihre Modernisierung auf eine Art und
Weise fortsetzt, die insgesamt zu Sicherheit und
Wohlstand der Region beiträgt - um unserer selbst
sowie unserer Freunde und Verbündeten willen. Aus
diesem Grund verfolgen wir eine Strategie des Enga-

Seite 3

�gements. Sie soll China in die internationale Staatengemeinschaft integrieren und unsere Zusammenarbeit
bei gemeinsamen Problemen wie dem nordkoreanischen Nuklearprogramm, Drogenhandel und Menschenschmuggel verbessern.
Wir haben weiterhin wichtige Differenzen mit China bei
Fragen wie Menschenrechten, Weiterverbreitung von
Waffen und Handel. In den vergangenen Monaten
haben wir bei unseren Beziehungen zu China schwierige Zeiten durchlebt. Die Vereinigten Staaten sind
bereit zur Wiederherstellung der positiven Dynamik
unseres Verhältnisses zu China. Wir haben unsere
Politik bekräftigt, nur ein China anzuerkennen, und
lehnen den kurzsichtigen Rat derjenigen ab, die China
isolieren oder eindämmen wollen. Der chinesische
Staatschef hat erklärt, daß auch sein Land positive
Beziehungen anstrebt. Um es eindeutig zu formulieren: Die Vereinigten Staaten werden das Ihrige
unternehmen, aber wenn wir dauerhafte, produktive
Beziehungen anstreben, muß China bedeutende
Schritte unternehmen, um unsere Anliegen anzusprechen und international anerkannte Grundsätze zu
respektieren.
Im kommenden Jahr werden wir uns besonders auf
drei Ziele konzentrieren: Erstens das Streben nach
Frieden in Regionen von elementarem Interesse für
die Vereinigten Staaten, zweitens die Inangriffnahme
der neuen transnationalen Sicherheitsbedrohungen
und drittens die Förderung von offenen Märkten und
Wohlstand.
Vor einem Jahr war der Krieg in Bosnien das größte
uns konfrontierende ungelöste Problem. Natürlich ist
in Bosnien noch nichts gewährleistet, aber durch den
Einsatz von Gewalt und Diplomatie haben wir die von
einigen als hoffnungslos eingestufte Situation in eine
verwandelt, in der Wiederaufbau, Versöhnung und
Gerechtigkeit möglich sind. Der Besuch des Präsidenten bei unseren Truppen in der vergangenen
Woche führte uns erneut die Einstellung und das
Vertrauen vor Augen, das sie ihrer Mission entgegenbringen.
Das von uns in Dayton erarbeitete Friedensabkommen
bedeutet, daß wir über vier Jahre des Schreckens
hinausblicken können - die Konzentrationslager, die
ethnischen Säuberungen, Hunger und Tod. Im Jahr
1996 besteht unsere unmittelbare Herausforderung in
der Umsetzung der militärischen und zivilen Aspekte
des Abkommens von Dayton. Wir erwarten die
vollständige Einhaltung der Verpflichtungen durch alle
Parteien im Rahmen dieses sorgfältig ausgehandelten
Abkommens.
Man muß sich auch bewußt machen, daß der Erfolg in
Bosnien tiefgreifende Auswirkungen auf unser Ziel
eines in Frieden lebenden integrierten Europas haben
wird. Unsere Aktionen in Bosnien haben unter Beweis

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gestellt, daß die NATO als Garant der transatlantischen Sicherheit Bestand hat. Es steht fest, daß
dieser Krieg ohne die Aktionen der NATO heute noch
andauern würde.
Die von uns geschmiedete und angeführte Koalition
hat aufgrund ihrer Natur historische Implikationen.
Dies ist das erste Mal, daß Soldaten aus allen Regionen Europas an einer Militäraktion beteiligt sind.
Russen und Litauer, Griechen und Türken, Polen und
Ukrainer, Briten, Deutsche und Franzosen teilen
gemeinsam mit Amerikanern und Kanadiern die
gleichen Risiken unter derselben Flagge zur Erlangung
desselben hehren Ziels. Während wir zur Überwindung der Spaltungen in Bosnien beitragen, helfen
wir auch, die Teilung Europas selbst zu überwinden.
Die Mission in Bosnien wird einigen unserer neuen
Partner in der Partnerschaft für den Frieden eine
Chance bieten zu beweisen, daß sie die Herausforderungen der Mitgliedschaft in einem erweiterten
NATO-Bündnis meistern können. Der Prozeß der
Erweiterung macht die NATO bereits jetzt zu einer
Kraft der Stabilität und Demokratie im Osten. Wir
haben unseren Partnern gegenüber eindeutig klargestellt, daß sie für die Erlangung der NATO-Mitgliedschaft demokratische Reformen konsolidieren, ihre
Streitkräfte fester ziviler Kontrolle unterstellen und die
Streitigkeiten mit ihren Nachbarn beilegen müssen.
In Zentral- und Osteuropa muß den größten Bedrohungen der europäischen Sicherheit - ethnische
Konflikte, Weiterverbreitung und Armut - begegnet
werden. Aus diesem Grund wäre es unverantwortlich,
halb Europa aus den Strukturen auszuschließen, die
Sicherheit und Wohlstand auf dem Kontinent gewährleisten. Darum entwirft die Europäische Union eigene
Pläne zur Aufnahme neuer Mitglieder. Die NATOErweiterung sollte ungefähr parallel dazu verlaufen.
Wir sind uns bewußt, daß die NATO-Erweiterung
schrittweise, freiwillig und auf transparente Art erfolgen
muß, während Rußland seine internationale Rolle neu
definiert. Aber Rußland sollte verstehen, daß das
Bündnis, mit dem das Land in Bosnien so eng zusammenarbeitet, seine Sicherheit nicht bedroht. In der
Tat ermutigen wir Rußland weiterhin zum Aufbau
langfristiger, besonderer Beziehungen zur NATO.
Auch im Nahen Osten ist die amerikanische Führungsrolle unerläßlich. Zum ersten Mal seit einem halben
Jahrhundert stehen wir heute kurz vor der Beendigung
des arabisch-israelischen Konflikts: Ein umfassender
Frieden zwischen Israel und seinen unmittelbaren
Nachbarn, und in der Tat mit der gesamten arabischen
Welt, ist nicht länger ein Traum, sondern eine realistische Möglichkeit.
Ich bin gerade von meiner 16. Reise in die Region
zurückgekehrt. Vergangene Woche kam ich mit König

AMERIKA DIENST 02

�Hussein von Jordanien an dem Tag zusammen, als er
zum Gedenken an den ermordeten Ministerpräsidenten Rabin eine Station für Traumatologie übergab
- es ist kaum zu glauben, aber es war in einer Klinik in
Tel Aviv. Es gibt wenige Ereignisse, die besser
verdeutlichen, wie sehr sich das Umfeld der Region
gewandelt hat. Noch wichtiger ist, daß in nur zwei
Tagen nahezu eine Million Palästinenser bei den
ersten freien Wahlen im Westjordanland und im
Gazastreifen ihre Stimme abgeben werden.
Wir müssen jetzt auf die Vervollständigung des
Friedens im Nahen Osten hinarbeiten. Der Schüssel
liegt in einem Durchbruch der Lage zwischen Israel
und Syrien. Beide Seiten sind der Auffassung, daß die
Vereinigten Staaten entscheidend bei diesen Bemühungen sind. Unter unserer Schirmherrschaft führen
Israel und Syrien jetzt intensive Verhandlungen an der
Küste von Maryland. Obwohl noch sehr viel mehr
getan werden muß, überschreiten wir wichtige Grenzen und streben ein Abkommen für 1996 an. Die
Vereinigten Staaten sind entschlossen, zur Vervollständigung dieser historischen Aufgabe beizutragen.
Wir werden auch weiterhin auf die Lösung von Konflikten und den Aufbau von Sicherheit in anderen
Regionen hinarbeiten. Wir werden Initiativen an Orten
wie Nordirland, Haiti, Zypern, Angola, Burundi, Peru
und Ecuador weiterverfolgen. Wir werden die Grundlagen von Frieden und Sicherheit in der asiatischpazifischen Region durch die Vertiefung der Sicherheitszusammenarbeit mit unseren Bündnispartnern
und unsere Beteiligung an dem äußerst vielversprechenden regionalen ASEAN-Forum verstärken.
Und in dieser Hemisphäre werden wir die neue Ebene
der politischen Zusammenarbeit aufbauen, die wir
beim gesamtamerikanischen Gipfel in Miami erzielt
haben.
Als zweiten wichtigen Bereich, auf den wir uns in
diesem Jahr konzentrieren, werden wir uns neuen
Herausforderungen der globalen Sicherheit stellen.
Wieder Präsident in einer bahnbrechenden Rede vor
den Vereinten Nationen im Oktober vergangenen
Jahres betonte, gefährden Bedrohungen wie Weiterverbreitung, Terrorismus, internationales Verbrechen
und Umweltzerstörung uns alle in unserer interdependenten Welt.
Wir werden auch in Zukunft auf die Eindämmung der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen hinarbeiten - die gravierendste potentielle Bedrohung der
Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten. Vor
dreißig Jahren traten die Nuklearmächte mit der
Unterzeichnung des Vertrags zur Begrenzung von
Atomversuchen "einen Schritt vom Schatten des
Krieges" zurück - wie Präsident Kennedy es formulierte. Wir müssen jetzt den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot zur Unterzeichnung in diesem Jahr
vervollständigen. Und in diesem Jahr müssen wir die

AMERIKA DIENST 02

Chemiewaffenkonvention ratifizieren.
Wir müssen auch die einschneidenden Reduzierungen
der Nukleararsenale der Vereinigten Staaten und der
Länder der ehemaligen Sowjetunion festschreiben. Ich
fordere den Senat und die russische Duma zur
Ratifizierung des START Il-Vertrages auf, mit dem
5.000 zusätzliche Gefechtsköpfe aus den Arsenalen
unserer beiden Länder entfernt werden.
Unsere regionalen Nichtverbreitungsbestrebungen
sind ebenfalls unerläßlich. Es ist entscheidend, daß
das Nuklearprogramm Nordkoreas weiterhin eingestellt bleibt und auf dem Weg zur Verschrottung ist.
Und die Bemühungen von Pariastaaten wie Irak, Iran
und Libyen zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen müssen gestoppt werden. Die Informationen,
die UN-Inspektoren über das Programm für biologische Waffen des Irak aufgedeckt haben, sind erschreckend. Es ist jetzt klar, daß Saddam Hussein im
Besitz von biologischen Waffen war und kurz vor ihrem
Einsatz gegen Zivilisten im Golfkrieg stand. Diese
Enthüllungen sind eine dringliche Erinnerung, daß
Saddam Hussein nach wie vor eine Bedrohung
darstellt und die Sanktionen gegen den Irak aufrechterhalten werden müssen.
Präsident Clinton hat auch die Verfolgung internationaler Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler
zum Kernstück unserer Außenpolitik erklärt. Wir sind
entschlossen in unserem Vorgehen, solchen internationalen Verbrechern das Handwerk zu legen. Wir
haben beispiellose Schritte gegen das Kali-Kartell
unternommen, und viele seiner Anführer sind jetzt
hinter Gittern. Wir werden weiterhin Terroristen und
Drogenbaronen den Zugang zu ihrem Vermögen
verweigern, wir werden entschiedenen Druck auf
Regierungen ausüben, die solche Organisationen
tolerieren, und wir werden Operationen zur Bekämpfung von Verbrechen und Drogenhandel an der Quelle
verstärken.
Der Schutz unserer verletzbaren Umwelt hat ebenfalls
tiefgreifende, langfristige Auswirkungen für unser Land,
und 1996 streben wir die uneingeschränkte Integration
unserer umweltpolitischen Ziele in unsere Diplomatie
an - das ist bislang einmalig. Wir werden die Treibhausgase weiter reduzieren und auf die Zustimmung
des Senats zu Konventionen über die Artenvielfalt und
das Seerecht drängen. In enger Zusammenarbeit mit
dem Vizepräsidenten habe ich mich auch darauf
konzentriert, wie wir Umweltinitiativen zur Förderung
umfassenderer strategischer und wirtschaftlicher Ziele
besser nutzen können. Das bedeutet beispielsweise
die Ermutigung gemeinsamer Wasserprojekte im
Nahen Osten, zunehmende Kooperation bei Umweltproblemen mit unseren globalen Partnern sowie
Hilfestellung für unsere Umweltindustrien bei der
Erfassung eines größeren Anteils des globalen
Marktes im Wert von 400 Milliarden Dollar.

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�Das dritte Element unserer Tagesordnung ist, auf den
wirtschaftlichen Errungenschaften aufzubauen, die ein
dauerhaftes Vermächtnis der Clinton-Administration
sein werden. Präsident Clintons Führungsrolle in der
NAFTA, der Uruguay-Runde, beim Forum für
asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit
APEC und beim gesamtamerikanischen Gipfel hat die
Vereinigten Staaten zum Mittelpunkt eines zunehmend
offenen globalen Handelssystems gemacht. In diesem
Jahr lautet unsere Losung Umsetzung - sicherzustellen, daß die von uns erzielten Handelsabsprachen und
-abkommen konkrete Chancen hervorbringen, damit
amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer
gleichberechtigt im Ausland konkurrieren können. In
der asiatisch-pazifischen Region durch das APEC, mit
der Europäischen Union durch den transatlantischen
Markt und in dieser Hemisphäre durch den Prozeß von
Miami bauen wir Hemmnisse für Handel und Investitionen ab und öffnen Märkte für amerikanische
Produkte. Wir verpflichten uns auch, das Fast-trackMandat des Präsidenten zu erhalten, um den Beitritt
Chiles zur NAFTA auszuhandeln.
Während dieses Jahr des Präsidentschaftswahlkampfes beginnt, hören wir erneut von denen, die ein
Loblied auf Protektionismus und Isolationismus singen.
Amerika und die Welt sind diesen Weg in den dreißiger
Jahren gegangen - und unser Fehler führte zur
Weltwirtschaftskrise und ebnete den Weg für den
Zweiten Weltkrieg. Die Abschottung Amerikas von der
Welt wäre heute ebenso rücksichtslos wie vor sechzig
Jahren. Wie Präsident Clinton zu Beginn seiner
Amtszeit erklärte, "müssen wir uns der Konkurrenz
stellen und dürfen uns nicht zurückziehen".
Meine Damen und Herren, wo immer ich hingehe,
stelle ich fest, daß die Nationen der Welt auf die Ver-

einigten Staaten als eine von Prinzipien geleitete
und verläßliche Führungsmacht blicken. Sie sehen
amerikanische Soldaten, die Brücken über Flüsse
schlagen und Berge versetzen, damit der Frieden in
Bosnien Fuß fassen kann. Sie sehen, wie wir im
Nahen Osten auf Frieden und in Korea auf Sicherheit
hinarbeiten. Sie sehen, wie wir Handelsabkommen
schließen, damit jede Nation von neu entstehenden
Märkten profitieren kann. Sie sehen, wie die mächtigste Nation der Welt für verfolgte Völker auf der ganzen
Welt eintritt, weil wir der Überzeugung sind, daß es das
Richtige ist und weil diejenigen, die für Freiheit kämpfen, die Zukunft darstellen.
Die Welt sieht uns als optimistisches Volk, das durch
die umfassende Sichtweise seiner Interessen motiviert
und auf lange Sicht von seinem Potential geleitet ist.
Die Völker folgen uns, weil sie verstehen, daß der
Kampf der Vereinigten Staaten für Frieden und Freiheit
der Kampf der Welt ist. Am Ende des Amerikanischen
Jahrhunderts ist Präsident Clinton entschlossen, daß
wir auch weiterhin im Einklang mit den höchsten
Traditionen unserer Nation und unseres Volkes
handeln.
Die Antwort des Präsidenten auf die Stimmen des
Isolationismus ist klar. Wir können unsere Nation
ebensowenig von der Welt isolieren wie wir unsere
Familien von ihren Nachbarn oder unsere Nachbarn
von unseren Städten isolieren können.
Als eine globale Macht mit globalen Interessen ist
Rückzug keine verantwortungsvolle Option für die
Vereinigten Staaten. Wir müssen weiterhin eine
Führungsrolle übernehmen. Wenn wir dies tun, kann
das Ende dieses Jahrtausends den Beginn eines
zweiten Amerikanischen Jahrhunderts markieren.

*

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*

AMERIKA DIENST 02

�PFF
24.Januar 1996

Perry: PFF könnte dem Marshallplan vergleichbare
Wirkung haben
Rede des Verteidigungsministers

WASHINGTON - (AD) - Verteidigungsminister William Perry vertritt die Auffassung, daß die Gründung der
Partnerschaft für den Frieden "eines der bedeutendsten Ereignisse der Zeit nach dem Kalten Krieg" sein könnte.
In einer am 10. Januar 1996 beim Marshall Legacy Symposium gehaltenen Rede erklärte Perry, daß die Partnerschaft
für den Frieden "ein Instrument mit derselben Macht zur Umgestaltung Europas in der Zeit nach dem Kalten Krieg ist
wie der Marshallplan im Zeitalter nach dem Zweiten Weltkrieg".
Ebenso wie der Marshallplan in den vierziger Jahren schaffe die PFF heute ein ganz Europa umspannendes Netz von
Menschen und Institutionen, die gemeinsam an der Bewahrung von Freiheit sowie der Förderung von Demokratie und
freien Märkten arbeiten.
Der nach George C. Marshall benannte Marshallplan war ein von den Vereinigten Staaten unterschriebenes Programm zum Aufbau der zerstörten Volkswirtschaften Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurde in der Zeit
erarbeitet, als Marshall Präsident Trumans Außenminister war und wird generell als wichtigste und erfolgreichste
außenpolitische Initiative der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert angesehen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Verteidigungsminister Perry.

Hinter meinem Schreibtisch im Pentagon hängt ein Bild
von George C. Marshall. Marshall - der dritte Verteidigungsminister - ist ein Vorbild für mich, nicht nur, weil er
ein großer militärischer Führer, sondern auch, weil er ein
visionärer internationaler Staatsmann war. George Marshalls Vision war ein vom Atlantik bis zum Ural in Frieden, Freiheit und Demokratie vereintes Europa. Zur Erlangung dieses Ziels sah er auch eine starke transatlantische Partnerschaft voraus - eine auf Vertrauen und enge
Zusammenarbeit gegründete und durch überparteilichen
Konsens in den Vereinigten Staaten unterstützte Partnerschaft.
George Marshalls Instrument zur Verwirklichung seiner
Vision war natürlich der Marshallplan. Auf den ersten
Blick war der Marshallplan ein Instrument zum Wiederaufbau der europäischen Volkswirtschaften nach dem
Zweiten Weltkrieg. Kernstück des Marshallplans war
jedoch der Wiederaufbau friedlicher, marktwirtschaftlicher Demokratien. Marshall lebte lange genug, um einen

AMERIKA DIENST 02

Teil seines Traums verwirklicht zu sehen, aber der Kalte
Krieg verhinderte, daß Europa vollständig vereint oder
ganz demokratisch wurde. Mit dem Ende des Kalten
Krieges haben wir heute die Chance, die von Marshall
begonnene Arbeit zu beenden - Europa als ein sicheres,
stabiles, demokratisches Ganzes zu vereinen.
Dieses Symposium dient dem Austausch und der Schärfung unserer Gedanken, damit wir diese historische Gelegenheit ergreifen können und nicht ungenutzt verstreichen lassen. Bei diesem Symposium wird die Initiative
Marshall Legacy ins Leben gerufen - eine Bestrebung
der amerikanischen Regierung, in den kommenden anderthalb Jahren der Vision europäischer und transatlantischer Zusammenarbeit von George Marshall und Senator Vandenberg zu gedenken, sie zu feiern und zu verwirklichen. Im Namen von Präsident Clinton möchte ich
allen danken, die dieses Symposium ermöglicht haben.
Insbesondere möchte ich unseren Kovorsitzenden, Jack
Marsh und Hodding Carter, danken. Beide stehen für

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�herausragende Leistung und ein Engagement für den
öffentlichen Dienst, auf das George Marshall und Senator
Vandenberg stolz gewesen wären. Mein Dank gilt auch
Präsident Stephen Trachtenberg und der The George
Washington University, die diese Veranstaltung mit organisiert haben.
Dieses Symposium beschäftigt sich mit der Vielzahl von
Instrumenten, die wir zur Erfüllung von Marshalls Vision
schaffen und bewahren. Heute konzentriert sich das
Symposium auf die Partnerschaft für den Frieden und
den Aufbau neuer Partnerschaften zur Stärkung und
Ermutigung von Demokratie. Morgen werden wir uns mit
Wohlstand durch Partnerschaften befassen. Und am
Freitag werden die Redner erörtern, wie wir Marshalls
Vermächtnis in die Zukunft übertragen können.
Viele der Instrumente beinhalten den Aufbau von Partnerschaften an der Basis zwischen Amerikanern und
allen Europäern. Die treibende Kraft bei vielen dieser
Partnerschaften sind nicht die Zentralregierungen unserer Nationen, sondern die Verbindungen zwischen den
Gemeinden in den Vereinigten Staaten und in Europa
sowie den neuen unabhängigen Staaten. Wir werden die
Rolle nichtstaatlicher Organisationen stärken und mehr
Chancen für Partnerschaften zwischen Einzelpersonen
schaffen. Größere Beteiligung wird der Initiative Marshall
Legacy nicht nur mehr Bedeutung verleihen, sie ist in
dieser Zeit haushaltspolitischer Engpässe auch sinnvoll.
Heute wollen wir uns auf ein Instrument konzentrieren die Partnerschaft für den Frieden. Die Partnerschaft für
den Frieden, oder PFF, ist der greifbare Beweis für Präsident Clintons Gelöbnis, daß die Vereinigten Staaten "es
nicht zulassen werden, daß der Eiserne Vorhang durch
einen Schleier der Indifferenz ersetzt wird". Die PFF ist
ein Instrument für die Integration der seit neuem freien
Nationen Zentral- und Osteuropas und der neuen unabhängigen Staaten in die Sicherheitsarchitektur Europas als Ganzes. Die Partnerschaft ist jedoch nicht nur
ein militärisches oder Sicherheitsprogramm. Weil sie
Frieden, Freiheit und Demokratie als Grundlage hat, trägt
sie dazu bei, Marshalls Vision Realität werden zu lassen.
Eine der wichtigen Lektionen des 20. Jahrhunderts lautet,
daß die Sicherheit Amerikas untrennbar mit der Sicherheit Europas verbunden ist. Amerika ist eine europäische Macht, weil das transatlantische Bündnis entscheidend für die Sicherheit auf beiden Seiten des Ozeans ist.
Diese Tatsache blieb nach dem Ende des Kalten Krieges
bestehen. Die Art und Weise, in der wir diese Verbindung bewahren und wie wir eine neue Ära der Sicherheit
für uns beide garantieren, unterscheidet sich heute jedoch. Die Partnerschaft für den Frieden wurde vor zwei
Jahren ins Leben gerufen. Sie war ein durchschlagender
Erfolg. Heute wehen die Flaggen von 43 Ländern NATO-Mitgliedstaaten und Partnerländern - über der
Partnerschafts-Koordinierungszelle in Mons in Belgien.
Im vergangenen Jahr übten und arbeiteten 20 Nationen
zusammen bei 10 gemeinsamen militärischen Übungen

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wie Cooperative Bridge, Cooperative Venture, Cooperative Spirit und Cooperative Nugget. Zahlreiche andere
Übungen wurden "im Geiste" der PFF abgehalten. Im
Jahr 1996 werden wir Hunderte von Übungen und
andere PFF-Aktivitäten durchführen.
Im August nahm ich an den Eröffnungsfeierlichkeiten für
Cooperative Nugget teil, dem ersten Partnerschafts-Manöver auf amerikanischem Boden. Es war ein erfreulicher Anblick, die Truppenparade der 14 beteiligten Partnernationen zu sehen. Vor nur wenigen Jahren unterhielten die Vereinigten Staaten absolut keine Sicherheitsbeziehungen zu den meisten dieser Nationen. Aber hier
waren sie versammelt: Amerikaner, Ungarn, Bulgaren,
Albaner, Rumänen, Slowenen und Ukrainer, Slowaken,
Polen und Kirgisen, Kasachen, Usbeken und Tschechen,
Litauer, Letten und Esten - alle marschierten, übten und
schwitzten gemeinsam unter der heißen Sonne von Louisiana. Es war ein wirklich bemerkenswerter Tag in der
Geschichte der transatlantischen Zusammenarbeit.
Bei der PFF geht es jedoch um sehr viel mehr als militärische Übungen für Missionen in der Zeit nach dem
Kalten Krieg wie Friedenssicherung, humanitäre Hilfe
sowie Such- und Rettungsübungen. Bei der PFF geht es
auch darum, Partnernationen beim Aufbau eines neuen
Verteidigungsapparats unter ziviler Kontrolle behilflich zu
sein. Das Konzept der zivilen Kontrolle des Militärs ist für
viele Partnernationen völlig neu - aber sie arbeiten hart
daran, es zu lernen und in die Praxis umzusetzen.
Dies lernen sie unter anderem in einer Schule in Garmisch unter Leitung des U.S. European Command. Dort
kommen Offiziere aus den zentral- und osteuropäischen
Nationen sowie Rußland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu sechsmonatigen Kursen zusammen, um über die zivile Kontrolle des Militärs zu lernen.
Ich habe mit allen Abschlußklassen gesprochen. So
wichtig wie die Arbeit in den Kursen ist die ihnen gebotene Chance, mit ihren Kollegen sowie Offizieren und Zivilisten aus NATO-Ländern zusammenzutreffen und persönliche Kontakte in einem Umfeld von Zusammenarbeit
und Vertrauen herzustellen. Die in dieser Schule geschlossenen Freundschaften sind eine Investition in die
demokratische Zukunft Europas. Es sollte niemanden
überraschen, daß die Schule The Marshall Center heißt.
Auch im Rahmen der Partnerschaftsprogramme, die viele
Partnernationen mit Einheiten der bundesstaatlichen
Nationalgarde unterhalten, erlernen die Partnernationen
die zivile Kontrolle des Militärs. Sie werden im weiteren
Verlauf des Tages mehr über dieses ausgezeichnete
Programm hören. Aber die Partnerschaft für den Frieden
ist den Nationen nicht nur dabei behilflich, die zivile Kontrolle des Militärs zu erlernen - sie hilft ihnen auch bei der
Umsetzung in die Praxis. Die PFF ermutigt die Partnernationen beispielweise zur Zusammenarbeit beim Verteidigungsplanungsprozeß und dem Austausch von Informationen in der gleichen Weise, wie die NATO-Länder es
tun. Darüber hinaus legen jetzt einige Partner ihren Par-

AMERIKA DIENST 02

�lamenten die Verteidigungspläne zur Genehmigung vor
und ermöglichen damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Überwachung der militärischen Planung durch die
Legislative.
Die positiven Auswirkungen der PFF gegen weit über die
Sicherheitssphäre hinaus. Bei meinen Reisen in nahezu
alle 27 Partnernationen stellte ich fest, daß sie auch im
politischen und wirtschaftlichen Bereich bedeutende,
indirekte Wirkungen zeitigt. In der Tat trägt die Beteiligung an der PFF ebenso wie die angestrebte NATOMitgliedschaft dazu bei, die politischen und wirtschaftlichen Reformen anzutreiben. Ich möchte erklären, warum.
Für einige Partnernationen wird die PFF ein Sprungbrett
für die NATO-Mitgliedschaft. Wir haben den Partnernationen gegenüber deutlich gemacht, daß jedes neue
Bündnismitglied den Grundsätzen der NATO-Mitgliedschaft entsprechen muß - Bereitschaft zur Verteidigung
des Bündnisses mit Berufssoldaten, Arbeit innerhalb der
NATO-Konsensvereinbarungen, Offenlegung der Haushalte und Planung sowie Einhaltung der NATO-Verteidigungsdoktrin mit viel Gerät, insbesondere im Kommunikationsbereich. Diese Qualitäten gewährleisten, daß die
NATO-Mitgliedschaft auch in Zukunft wirkliche Bedeutung hat und ebenso erfolgreich ist wie seit über 40 Jahren.
Vor dem Hintergrund dieser Grundsätze der NATO-Mitgliedschaft müssen die neuen Mitglieder fünf elementare
Kriterien berücksichtigen, die die Bestrebungen aller
potentiellen Beitrittsländer bei ihren Vorbereitungen leiten
sollen.
Erstens müssen die neuen Mitglieder die Demokratie
fördern, worunter auch die Respektierung von Vielfalt, die
Achtung von Minderheitenrechten und die Respektierung
der Redefreiheit fallen. Zweitens müssen die neuen Mitglieder Marktwirtschaften sein. Drittens müssen ihre
Streitkräfte ziviler Kontrolle unterstehen. Viertens müssen sie gute Nachbarn sein und Souveränität außerhalb
ihrer Grenzen respektieren. Und fünftens müssen sie auf
Kompatibilität mit den NATO-Streitkräften hinarbeiten.
Weil so viele Partnernationen hart an der Einhaltung
dieser Kriterien arbeiten, verändert die PFF die politische
und ökonomische Landkarte Zentral- und Osteuropas.
Bei dem Bestreben, diesen Kriterien zu entsprechen,
unternehmen die Partnernationen Dinge, die sie sonst
nicht oder zumindest nicht mit derselben Prioritätensetzung und Intensität unternommen hätten. In vielen Nationen ist das Streben nach NATO-Mitgliedschaft zu dem
Felsen geworden, auf den alle politischen Parteien ihr
Parteiprogramm gründen - und somit besteht derselbe
übergeordnete Konsens, der Kompromisse und Versöhnung ermöglicht, wie es in unserer eigenen freien Marktwirtschaft der Fall ist. Diese Nationen haben eine prosperierende Demokratie, und sie bemühen sich zügig um
eine Liberalisierung ihrer Märkte und Integration in die

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wirtschaftlichen Institutionen des Westens. Eine Bündnismitgliedschaft anstrebende Länder legen friedlich ihre
Grenzstreitigkeiten bei und schaffen Schutzmechanismen für ethnische Minderheiten, die Reibungen mit ihren
Nachbarn verhindern.
Darüber hinaus erachten inzwischen viele Partnernationen die PFF als wichtig um ihrer selbst willen, unabhängig von einer NATO-Mitgliedschaft. Viele meiner Amtskollegen in Partnernationen äußerten mir gegenüber, sie
wollten weiterhin der PFF angehören, selbst wenn sie
letztlich der NATO beitreten würden - so wichtig sind
ihnen der Lernprozeß innerhalb der PFF und die von ihr
geförderten Werte. Und selbst einige Partnernationen,
die wahrscheinlich nie der NATO beitreten werden, erkennen, daß sie mehr Vorteile aus dem PFF-Programm
ziehen können, wenn sie die Kriterien für eine NATOMitgliedschaft erfüllen.
Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, daß die Gründung
der PFF wahrscheinlich eines der bedeutendsten Ereignisse der Zeit nach dem Kalten Krieg darstellt. Ich
mag voreingenommen sein, aber ich bin auch davon
überzeugt, daß die PFF ein Instrument mit derselben
Macht zur Umgestaltung Europas in der Zeit nach dem
Kalten Krieg ist wie der Marshallplan im Zeitalter nach
dem Zweiten Weltkrieg. Ebenso wie der Marshallplan in
den vierziger Jahren schafft die PFF heute ein ganz Europa umspannendes Netz von Menschen und Institutionen, die gemeinsam an der Bewahrung von Freiheit sowie der Förderung von Demokratie und freien Märkten
arbeiten.
Im Rückblick auf die vierziger Jahre erinnern wir uns,
daß die Sowjetunion sich nicht am Marshallplan beteiligte. Joseph Stalin wies das Angebot George Marshalls
zur Teilnahme zurück. Stalin hinderte diejenigen, die
hinter dem Eisernen Vorhang zurückblieben, ebenfalls an
einer Beteiligung. Das verurteilte Europa zu vierzigjähriger Spaltung und verhinderte die umfassende Verwirklichung von Marshalls Traum. Die PFF überwindet diese
Spaltungen und verfügt sogar über das Potential, das in
Rußland zu tun.
Glücklicherweise entschloß sich Rußland zur Teilnahme
an der PFF. Im Geiste von George Marshall begrüßen
wir das. Ferner freuen wir uns über die Bereitschaft Rußlands zu einer Beteiligung an dem separaten Aktivitätenplan mit der NATO außerhalb der PFF. Dadurch wird
Rußland bewußt werden, daß die NATO keine Bedrohung darstellt und selbst ihre unvermeidliche Erweiterung
Rußland nicht bedroht, denn Rußland wird partnerschaftlich mit der NATO zusammenarbeiten.
Die beiden Wege der Zusammenarbeit - Rußland mit der
NATO und Rußland auf bilateraler Ebene mit den Vereinigten Staaten - werden zum Aufbau von Vertrauen und
zur Kooperation in ganz Europa beitragen und damit für
alle Länder von Vorteil sein. In den vergangenen anderthalb Jahren haben die Streitkräfte Rußlands und der

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�Vereinigten Staaten - die einst dazu ausgebildet wurden,
einander in einem Krieg zu bekämpfen - vier friedliche
gemeinsame Manöver abgehalten. Jede dieser Übungen wurde im Geist von Vertrauen und Goodwill veranstaltet. Diesen Sommer werden wir über die bilaterale
Ebene hinausgehen und ein Manöver größeren Stils mit
Streitkräften der Vereinigten Staaten, Rußlands, der
Ukraine und anderen Nachbarstaaten Rußlands abhalten. Diese Übungen werden uns ein Sprungbrett für
umfassendere Zusammenarbeit bieten. Wir wünschen
uns eine aktive Beteiligung Rußlands an der NATO und
eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit uns an der
Verwirklichung des Traums von George Marshall.
Ironischerweise ist Bosnien der Ort, an dem alles zusammenkommt - die Schwierigkeiten und die Früchte der
Reform, militärische Zusammenarbeit zwischen allen
Nationen Europas sowie die Zusammenarbeit zwischen
der NATO und Rußland. Am Montag abend kehrte ich
von einer Reise nach Bosnien zurück. Als ich die Straßen von Sarajevo entlangfuhr, war ich betroffen über den
großen Unterschied zwischen der Zerstörung und dem
Leiden, die ich dort sah und dem, was ich im Laufe des
vergangenen Jahres in den anderen Hauptstädten
Zentral- und Osteuropas gesehen hatte. Die an der Partnerschaft für den Frieden teilnehmenden Nationen haben
einen äußerst schwierigen, aber auch lohnenden Weg für
Reformen gewählt. Die Völker in der Region haben bereits Vorteile daraus gezogen. Sie genießen mehr Sicherheit, Freiheit und Wohlstand. Durch die Konzentration auf nicht beigelegte Haßgefühle aus der Vergangenheit anstelle von Reformen wählten einige Nationen
im ehemaligen Jugoslawien einen Weg voller Blutvergießen und Tragödien.
Heute haben diese Nationen jedoch den Weg des Friedens gewählt. Es ist jetzt unsere Aufgabe - die der
NATO und Europas - diesem Frieden eine Chance zu
geben. Und schon bald werden sich mehr als ein Dutzend PFF-Nationen sowie Rußland an der Friedenstruppe der NATO - IFOR -beteiligen. Dann werden wir einige Vorteile der gemeinsamen Friedenssicherung unserer
Nationen im Rahmen der PFF und in ihrem Geiste genießen.
Lange vor der Entsendung der IFOR nach Bosnien starben bereits drei Amerikaner bei ihrer Suche nach Frieden
in dem geplagten Land. Als Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew vergangenen August in der Nähe von Sarajevo ihr Leben ließen, wurde die Welt dreier talentierter
Politiker und ernsthafter Friedensstifter beraubt. Sie starben im Dienste der Vision George Marshalls von einem
friedlichen Europa. Joe Kruzel war mein enger Freund,
und sein Tod hinterläßt eine schmerzhafte Lücke in meinem Leben. Die beiden größten politischen Aufgaben
auf seiner Tagesordnung - und die beiden Fragen, bei
denen ich mich am meisten auf seinen Rat verließ - wa-

ren Bosnien und die PFF. Tatsächlich zählte Joe zu den
Gründervätern der PFF. Nach seinem Tod erhielt mein
Büro eine Flut von Briefen führender europäischer Politiker - Präsidenten, Außenministern, Verteidigungsministern und Militärs. Sie alle kannten Joe, sie alle respektierten seine Leistungen und hielten seine Vision in Ehren.
Wir können Joe, Bob Frasure oder Nelson Drew nie ersetzen. Aber der beste Weg, die Erinnerung an sie in
Ehren zu halten, besteht in der Fortsetzung ihrer Arbeit.
Die Mitgliedstaaten der IFOR tun das derzeit in Bosnien.
Aber es ist unser aller Aufgabe, noch weiter zu gehen
und ein neues Europa zu schaffen, das frei von der brutalen, ruhmlosen und schrecklichen Verwüstung des
Krieges ist. Die PFF - und alle in ihrem Geiste unternommenen Aktivitäten in den Bereichen Regierung, Politik
und Wirtschaft - bringen uns diesem Ziel näher. Sie gestatten uns allen, übereinander und voneinander zu lernen. Sie gestatten uns, einander nicht durch das Prisma
des Kalten Krieges, sondern als menschliche Wesen zu
sehen. Und sie bringen uns der Verwirklichung von Marshalls Vision näher.
Wenn in den nächsten Tagen bei diesem Symposium
über Wege zur Schaffung neuer Instrumente für die vollständige Realisierung von Marshalls Vision gesprochen
wird, müssen wir uns bewußt machen, daß wir vor enormen Hindernissen stehen. Aber ungeachtet dessen, ob
dieses Feld Sicherheit, Regierung oder Wirtschaft ist,
dürfen wir nicht zulassen, daß diese Hindernisse der
Zukunft die Tür vor der Nase zuschlagen. Wir müssen,
um es mit den Worten George Marshalls auszudrücken,
'die Verantwortung übernehmen, die uns die Geschichte
auferlegt". Tun wir das, werden Amerika, Europa, jedes
unserer Länder Vorteile genießen, und unsere Kinder
und Enkel werden es uns danken.
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, den Marshall zu
verhindern suchte, umriß John F. Kennedy seine Vision
der Partnerschaft zwischen Amerika und den Nationen
Europas. Er erklärte: "Wir müssen ... eine Welt anstreben, in der Frieden nicht ein bloßes Zwischenspiel zwischen Kriegen ist, sondern ein Anreiz zur Mobilisierung
kreativer Energien der Menschheit.... Die Hindernisse
sind groß und bedrohlich. [Aber] von dieser atlantischen
Generation soll nicht behauptet werden, daß wir [unsere]
Ideale und Visionen hinter uns ließen.... Wir haben zu
viel erreicht und zu viele Opfer gebracht, um jetzt die
Zukunft nicht hoch genug zu bewerten."
In den nächsten vier Tagen sollten wir uns alle an diese
Worte erinnern, während wir uns am Aufbau und der
Gestaltung Europas nach dem Kalten Krieg beteiligen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 02

�DATENAUTOBAHN
24.Januar 1996

Die Entstehungsgeschichte des Internet
von Edwin Diamond und Stephen Bates

(AD) - Die Verfasser des nachfolgenden Artikels schaffen den Mythos ab, das Internet sei von freidenkerischen
Hackern gegründet worden und erzählen die Geschichte einer Partnerschaft zwischen der US-Regierung,
amerikanischen Universitäten und der Industrie, die zur Geburt des Internet führte.
Edwin Diamond ist Professor für Journalistik an der New York University und Verfasser von "Behind the TIMES:
Inside the New 'New York Times'". Stephen Bates ist Fellow des Annenberg Washington Program und Verfasser
von "Battleground: One Mother's Crusade, the Religious Right, and the Struggle for Control of Our Schools"
(Henry Holt).
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von American Heritage, Oktober 1995.
Copyight© 1995 American Heritage, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Das Internet scheint so sehr dem Informationszeitalter

anzugehören, daß für seine begeisterten Anhänger die
Umstände seiner Geburt schwer zu verstehen sind.
Das Zehntausende von Nutzern verbindende Computernetz ist - wenn auch unbeabsichtigt - vor allem ein
modernes Monument für militärische Pläne zum
Führen von drei Kriegen. Das Netz verdankt seine
Existenz insbesondere den Schlachtplänen der
Alliierten während des Zweiten Weltkriegs, dem
geopolitischen Druck des Kalten Krieges sowie den
Vorbereitungen für die Apokalypse nach einem
nuklearen Holocaust (dem nie geführten "letzten Krieg"
mit der Sowjetunion).
Cyberenthusiasten verfolgen diese Linie nicht. Ein im
September 1994 in der The New York Times veröffentlichtes überschwengliches Porträt des Vaters des
Internet ging mit keinem Wort auf die Umstände seiner
Cybervaterschaft ein, während einen Monat früher in
Newsweek eine detaillierte Geschichte über die
Geburt des Internet die Unterstützung durch das
amerikanische Militär als marginalen Grund angab,
jedoch nichts darüber aussagte, aus welchem Grund
das US-Verteidigungsministerium das Projekt überhaupt finanziert hatte. Vielleicht sind diese seltsamen
Auslassungen verständlich.
Die Sponsoren des
Internet haben sofort eine Mythologie geschaffen,
welche die das Prinzip der Willensfreiheit vertretende
"Ethik der Hacker" als "freie und ungebundene,

AMERIKA DIENST 02

unzähmbare Seele" des Cyberspace bezeichnet (um
eine vor kurzem in der Zeitschrift Time veröffentlichte
überschwengliche Lobeshymne zu zitieren). Die
Bezeichnung als "Regierungsangelegenheit" scheint
einen Teil der heißen Luft freizusetzen. Eine offene
Rekonstruktion der Geschichte des Internet läßt Raum
für individuelle Auszeichnungen, bekräftigt jedoch
auch, wie einst Regierung, Universitäten und Industrie
gemeinsam an der Produktion dessen arbeiteten, was
der verstorbene Ithiel de Sola Pool vom Massachusetts
Institute of Technology (MIT) als "die größte je vom
Menschen gebaute Maschine" bezeichnete.
Wie bei den meisten großen Fortschritten in der
Geschichte der Ideen gab es nicht nur ein entscheidendes Internet-Ereignis. Dem Cyber-Isaac Newton
fiel kein Apfel auf den Kopf. Und es zog auch kein
Visionär aus, um ein neues Kommunikationsmedium
zu schaffen. Der Anfang war vielmehr ein zu Beginn
des Zweiten Weltkriegs entworfenes, bescheidenes
analytisches System, das die Weichen für ein die
Forschung förderndes Umfeld und die wichtigsten
technologischen Entwicklungen stellte, die das weltumspannende Netz von heute entstehen ließen.
Das als Betriebsforschung bezeichnete analytische
System wendete wissenschaftliche Grundsätze auf
militärische Planung an. Die erste Betriebsforschung
wurde von Wissenschaftlern aus dem Militär und

Seite 1

�Technologen aus dem zivilen Leben für die Alliierten
durchgeführt. Diese Wissenschaftler führten statistische Studien von Taktiken zur Bekämpfung von
Unterwasserbooten durch, die zeigten, wie die Alliierten die Abschußquote von U-Booten erhöhen konnten,
indem sie die Sprengladungen so verteilten, daß sie in
unterschiedlicher Tiefe explodierten. Ferner wurde im
Rahmen der Betriebsforschung eine Möglichkeit zur
Koordination radarbetriebener Flugabwehrbatterien mit
den Flugmustern befreundeter Abfangjäger ersonnen,
um den Abschuß von Jagdflugzeugen der Alliierten zu
vermeiden. Es wurde offensichtlich, daß die moderne
Kriegführung zu kompliziert ist, um sie der Intuition zu
überlassen; erforderlich waren Messungen und
mathematische Analysen. (Hitler verließ sich auf einen
seiner Träume, daß keine deutsche V-2-Rakete jemals
England erreichen würde, und verschob daher das
Programm der Nazis für die Entwicklung von Raketen
um einen entscheidenden Zeitraum. Viele Truppen der
Alliierten und englische Zivilisten verdanken dieser
unwissenschaftlichen Entscheidung ihr Leben.)
Zur Durchführung solcher Analysen ersann das Militär
stärkere
Rechnungsvorrichtungen.
1944 stellte
Howard Aiken, ein Physikprofessor aus Harvard, den
automatischen sequenzkontrollierten Rechner vor,
dem er den Spitznamen Harvard Mark I gab. Diese
riesige - mehr als 15 Meter lange, aus 750.000
Einzelteilen bestehende und 35 Tonnen schwere Maschine wurde nahezu umgehend eingesetzt, um
Ballistikübersichten für die Marine herzustellen.
In
der Zwischenzeit entwickelten vom Heer bezahlte
Ingenieure der University of Pennsylvania eine
Maschine für die Berechnung der Flugbahn von
Artilleriegeschossen. Ihr Werk - ENIAC (Electronic
Numerical Integrator and Computer) - stellte eine
wichtige Entwicklung in der Computertechnologie dar,
obwohl sie nicht den Bestrebungen der Alliierten
diente. Es wurde nur wenige Wochen nach Kriegsende vorgestellt.
Nach den Siegen in Europa und Japan wandten die
amerikanischen Militärplaner ihre Aufmerksamkeit den
neuen Feinden in der Zeit des Kalten Krieges zu,
vorwiegend der Sowjetunion, aber auch China (damals
als Rotchina bekannt). Die drei Teilstreitkräfte des
amerikanischen Militärs vergaben Arbeit aus dem
Bereich der Betriebsforschung an Universitäten und
gemeinnützige Vereinigungen.
Dies führte unter
anderem zur Gründung des vom Franklin Institute
verwalteten Center for Naval Analysis in Philadelphia
(Pennsylvania), des der Johns Hopkins University in
Baltimore (Maryland) unterstehenden und vom Heer
geförderten Betreibsforschungsbüros sowie - vielleicht
am effektivsten - der RAND Corporation, des wichtigsten Beratungsgremiums der US-Luftwaffe. RAND,
ursprünglich ein technisches Anhängsel der Douglas
Aircraft Company aus Santa Monica, trennte sich 1948
von dem Flugzeughersteller und wurde nach kalifornischem Gesetz als gemeinnützig eingestuft (der

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Name RAND ist ein Acronym für Research und
Development - Forschung und Entwicklung). Das
ursprüngliche Budget in Höhe von 3 Millionen Dollar
stammte vorwiegend von der US-Luftwaffe. Bruce
Smith, einem in Harvard ausgebildeten Politologen
zufolge, der in den sechziger Jahren für RAND
arbeitete, konnte die Luftwaffe - der jüngste und am
wenigsten traditionsgebundene Zweig des Militärs "leichter mit neuen Organisationsformen experimentieren".
Am 4. Oktober 1957, einem Freitagabend, wurden die
Analysten von RAND, Vertreter des US-Verteidigungsministeriums und die amerikanische Öffentlichkeit
durch Sputnik I wachgerüttelt. Die Sowjetunion ließ
Sputnik einen weiteren Satelliten folgen, der den Hund
Laika an Bord hatte. Es spielte keine Rolle, daß Laika
nicht aus dem All zurückkam - Amerika hatte erwartet,
als erstes Land in den Weltraum zu fliegen. Das
Image der Nation als technologische Supermacht und
seine angebliche Führungsrolle im Kalten Krieg waren
stark erschüttert. Am furchterregendsten war, daß
Amerikas Städte plötzlich anfällig für sowjetische
Angriffe zu sein schienen. Einer der Verfasser dieses
Artikels war ein tüchtiger junger Reporter, der während der Aufregung um den Sputnik für den International News Service aus dem US-Verteidigungsministerium berichtete. Er erinnert sich noch an den
überhitzten Aufmacher seines Artikels am folgenden
Samstag, der von Zeitungen im ganzen Land groß
herausgebracht wurde: "Dieselbe sowjetische Rakete,
die am Freitag einen Satelliten ins All brachte, kann
einen ballistischen Interkontinalraketengefechtskopf
nach New York und Washington schießen..."
In Panik wurde alles neu überprüft. In der Hoffnung
auf Absolventen, die bessere Ideen als die Sowjets
hätten, schraubten High-Schools und Colleges ihre
Anforderungen bei Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern nach oben. Der Rektor der
Harvard University, James Bryant Conant, äußerte
Eltern gegenüber, sie sollten ihre Kinder ermahnen:
"Um Euer selbst und um der Nation willen - macht Eure
Hausaufgaben". Der "Wettlauf im Weltraum" (auch als
"Raketenlücke" bezeichnet), hatte ebenfalls Auswirkungen auf den Haushalt der Universitäten. Das
Verteidigungsministerium rief eine weitere Betriebsforschungsgruppe ins Leben - das Amt für hochentwikkelte Forschungsprojekte (Advanced Research
Projects Agency - ARPA) und beauftragte es mit der
Verteilung von Forschungsgeldem im Hochtechnologiebereich.
Zu den obersten Prioritäten von ARPA zählten
Führungs- und Kommunikationsprojekte für den
Kriegsfall (von Kriegsplanern als "C3" - für "command,
control und communication" - bezeichnet).
Das
Verteidigungsministerium wollte Computer nicht nur im
Pentagon, sondern auch an der Front einsetzen.
Sperrige, unhandliche Zentraleinheiten, wie es sie

AMERIKA DIENST 02

�damals gab, waren für das Schlachtfeld ungeeignet,
weshalb das ARPA eine Kommunikationslösung
ersann. Von einem Arbeitsplatz auf dem Schlachtfeld
entsandte Signale, die einen Großrechner im Hauptquartier erreichen sollten, mußten von der Leitung über
Funk zu einem Satelliten und zurück übertragen
werden. Das war einmalig. Tatsächlich beinhaltete
damals das meiste Computer-Timesharing Transport
anstelle von Kommunikation: Computerspezialisten
tippten ihre Arbeit auf Papierstreifen oder Lochkarten
und schickten sie dann an das nächste Computerzentrum.
Gleichzeitig vergruben sich die Kommandostellen
Amerikas im Namen von C3 sowie der "atomaren
Überlebensfähigkeit" im Untergrund. NORAD, das
Hauptquartier für Luftverteidigung, grub ein Kontrollzentrum in einen Felsen in Colorado. In Washington
wurden Pläne für den Fall eines Atomkrieges geschmiedet, in denen eine Evakuierung des Präsidenten sowie hochrangiger Regierungsvertreter in
hochgeheimen, abgesicherten Zufluchtsorten in den
Catoctin-Bergen im nahegelegenen Maryland vorgesehen wurde, während sich alle 535 Kongreßabgeordneten in einem komplizierten Komplex unter dem
Greenbrier Hotel in White Sulphur Springs (West
Virginia) verkriechen sollen. Aus diesen unterirdischen
Verstecken würden die Regierungsmitglieder die
Nation - oder was von ihr übrigbliebe - regieren.
Die Notwendigkeit einer Kriegsplanung durch das
Militär und die Forschungsinteressen von Computerspezialisten näherten sich immer mehr aneinander an.
Das Pentagon bat RAND um eine Analyse zur Kommunikationsfähigkeit des Militärs nach einem Atomkrieg (per Telefon sowie mit Datenschaltungen). Das
existierende Telefonnetz schien einer solchen Aufgabe
nicht gewachsen. Bei jedem Anruf schlössen die
Schalter im Netz eine Verbindung zwischen den
beiden Parteien; wenn ein Teil des Schaltkreises
unterbrochen wurde - sei es durch eine ballistische
Interkontinentalrakete oder einen verirrten Bagger mußte die Verbindung ganz neu wiederhergestellt
werden.
Die von Paul Baran, der für die Luftwaffe arbeitete,
entwickelte Lösung von RAND war ein Netz, das
Schaden umgehen und die Kommunikation fortsetzen
konnte. In einem solchen System, schrieb Baran,
"würde es keinen klaren zentralen Führungspunkt
geben, aber alle verbleibenden Punkte könnten im
Falle eines Angriffs an irgendeiner Stelle durch
redundante Anschlußfähigkeit den Kontakt neu
knüpfen". Der Schlüssel für die Schaffung dieses
überlebensfähigen Versorgungsnetzes wurde später
als Paketschaltung bekannt.
Mit Hilfe der Paketschaltung, wie Baran und andere sie
sich vorstellten, hätten Computer kein Monopol auf
einen Schaltkreis für die Dauer ihrer Kommunikation,

AMERIKA DIENST 02

wie das beim Telefon der Fall ist.
Stattdessen würden die Informationen in kleine Pakete
aufgesplittert, die in einem Strom mit anderen Paketen
fließen, die alle genügend Informationen tragen, um ihr
Ziel zu finden. Pakete mit einer einzigen Information
können unterschiedliche Wege zum Ziel finden. Wenn
ein Paket nicht durchkommt, wird der Adressat den
Sender benachrichtigen, es erneut zu schicken. Wenn
alle Pakete angekommen sind, setzt der Adressat die
Botschaft wieder zusammen. Dieser Ansatz wäre
langsamer als ein zugewiesener Pfad zwischen zwei
Punkten, aber er wäre sehr viel stabiler. Wenn eine
Verbindung zusammenbricht, würden die Informationen selbst den Umweg finden. Die "Intelligenz" des
Systems läge im Computer des Nutzers und in den
Paketen selbst, nicht in zentralisierten, verletzlichen
Schaltzentralen.
Baran bei RAND führte die Grundlagenforschung zu
Paketschaltungen durch, aber ein Großteil seiner
Berichte waren klassifiziert. Donald Davies vom
National Physical Laboratory in Großbritannien legte
unabhängig davon dasselbe Allgemeinkonzept vor und
steuerte das Wort "Paket" für die Informationsbestandteile bei. Auch andere Forscher begannen, sich auf
die Idee einer Architektur für Paketschaltungen zu
konzentrieren.
ARPA gefiel diese Idee, insbesondere dem FührungsForschungsbüro, das von dem Computerwissenschaftler J.C.R. Licklider geleitet wird. In den sechziger Jahren wurde ARPA zum Vorreiter der Computerforschung, ein Medici neben dem mathematischen
Michelangelo.
Das Amt finanzierte Forschungsarbeiten für die zahllosen Aspekte der Hardware- und
Softwareentwicklung, darunter Graphiken, Simulationen, Cyberhelme, Parallelverarbeitung und Vernetzung. Mit ARPA-Stipendien wurde Mitte der sechziger
Jahre der mächtigste Computer produziert, der ILLIAC
IV der University of Illinois, sowie praktisch die gesamte künstliche nachrichtendienstliche Forschung in
den sechziger Jahren. "Weit davon entfernt, böse
Kriegstreiber zu sein", erklärte der Computerwissenschaftler Eugene Miya etwas defensiv, "haben sie gute
Arbeit geleistet."
Miya und andere Hacker (der Begriff hatte damals
keine negative Konnotation) waren echte Verweigerer
und versuchten, sich von den Strömungen der Opposition gegen den Vietnamkrieg zu isolieren, die sich in
vielen Campussen breit machten. Obwohl ihre Arbeit
fast ausschließlich vom "bösen" Pentagon finanziert
wurde (eine der prominentesten Persönlichkeiten der
digitalen Revolution der neunziger Jahre erklärte uns,
95 Prozent seines Budgets in den entscheidenden
ersten Jahren seiner Labortätigkeit kamen vom Militär),
bestanden die Computer-Wissenschaftler weiterhin
darauf, daß die Finanzierung durch das ARPA sie
nicht zum Bestandteil des militärisch-industriellen

Seite 3

�Komplexes machte. Ich möchte glauben", sagte der
Computerwissenschaftler Alan Periis später, "daß die
Aufgabe des Militärs in der Unterstützung des ARPA
besteht, und der Zweck des ARPA die Unterstützung
von Forschung ist."
Als Teil dieser Unterstützung stimmte das ARPA der
Finanzierung eines experimentellen Computernetzes
zu. Das Netz, so hofften Vertreter von ARPA, würde
die Durchführbarkeit einer ferngesteuerten Sammlung
von Daten vom Kriegsschauplatz demonstrieren und
das Potential eines militärischen Kommunikationsnetzes in der Zeit nach dem Weltkrieg testen. Darüber
hinaus könnten dank des Netzes Forscher in allen
Teilen der Welt die wenigen Supercomputer des
Zeitalters nutzen, so daß das Verteidigungsministerium
nicht einen für jeden Vertragsnehmer kaufen müßte.
1968 holte ARPA Angebote für ein erweiterungsfähiges Netz ein, das vier Standorte verbinden sollte,
die bereits ARPA-Forschung durchführten: Die
Campusse der University of California in Los Angeles
(UCLA) und Santa Barbara (UCSB), das Stanford
Forschungsinstitut (SRI) in Stanford (Kalifornien) und
die University of Utah in Salt Lake City.
Während die Angebote eingingen, kam eine Handvoll
von Vertretern dieses vorgeschlagenen ARPAnetKnotens zusammen, um die Zukunft zu erörtern. "Wir
hatten viele Fragen", erinnerte sich Stephen D.
Crocker, zu jener Zeit im Abschlußsemester an der
UCLA. Man fragte sich, wie die Computer vernetzt
würden und was sie leisten könnten. "Keiner hatte
Antworten, aber die Aussichten schienen aufregend."
Die Männer entschieden sich, mehr Treffen einzuberufen. Die Netzwerk-Arbeitsgruppe, wie sie sich
nannte, erwies sich als so fließend und nichthierarchisch, wie das Internet selbst letztlich sein würde.
"Wir hatten keine offizielle Charta", stellte Crocker fest.
"Die meisten von uns standen kurz vor dem Examen,
und wir erwarteten, daß eine professionelle Crew
auftauchen und dann übernehmen würde...". Natürlich
gab es keine Veteranen. Die Studenten und Professoren mußten ihr eigenes Team bilden.
Der Konstruktionsvertrag für das ARPAnet wurde an
Bolt Beranek &amp; Newman (BBN) vergeben, eine in
Cambridge (Massachusetts) ansässige Forschungsfirma mit engen Verbindungen zum MIT. BBN schickte
die neue Kommunikations-Software im August 1969 an
die UCLA und im Oktober an das SRI. Bei einer
Vorführung im November tauschten die beiden
Maschinen in Kalifornien Daten aus. Das erste
Fernnetzwerk für Paketschaltungen war in Betrieb.
Ende des Jahres waren alle vier Netzknoten online.
Zu diesem Zeitpunkt beginnt der prominente Computerwissenschaftler Vinton Cerf, den The New York
Times als den Vater des Internet bezeichnete, eine
führende Rolle in der Erzählung einzunehmen. 1943
in New Haven (Connecticut) geboren, wandte Cerf der

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Yale University den Rücken, studierte Mathematik an
der Stanford University und ging dann an die UCLA,
wo er seinen Magister in Computerwissenschaften
erwarb und promovierte. 1969 arbeitete Cerf als
graduierter Student beim Netzwerk-Meßzentrum der
UCLA und beobachtete, wie das ARPAnet mit vier
Knoten funktionierte - und was man tun mußte, damit
es abstürzte. "Wir haben das Netz oft mit Belastung
zum Absturz gebracht", erinnert sich Cerf.
Bald arbeitete er mit Robert Kahn zusammen, einem
Mathematikprofessor am MIT, der eine Gastprofessur
am BBN hatte. Cerf und Kahn entwickelten eine Reihe
von Software-Trotokollen", mit denen unterschiedliche
Computer trotz variierender Paketgrößen und Computergeschwindigkeiten Pakete austauschen konnten.
Das Ergebnis - TCP/IP - wurde 1973 veröffentlicht (zu
der Zeit unterrichtete Cerf in Stanford). TCP - Transmission Control Protocol (Transmissions-Kontroilprotokoll) - wandelt Informationen in Paketströme um
und setzt sie wieder zusammen. IP - Internet Protocol
(Internet-Protokoll) - transportiert die Pakete über
verschiedene Knoten, sogar über verschiedene Arten
von Netzen. Ebenso wie TCP/IP für eine ganze "Reihe
von Protokollen" - nicht nur diese beiden - steht, hatte
auch das Internet mehrere Väter. Cerf schreibt das
Verdienst der Erfindung des uns heute geläufigen
Computernetz-Kommunikationssystems vielen Personen zu , "Tausenden inzwischen".
Nachdem er 1977 von Stanford zum ARPA gegangen
war, das damals DARPA hieß - das D für "Defense"
(Verteidigung) wurde 1972 hinzugefügt - arbeitete Cerf
an einer anderen Art von Verbindungen. Von einem
Kleinbus, der die Autobahn an der San Franciso Bay
entlangfuhr, sendete ein Computer Informationen, die
per Paket über Radio, Satellit und Landlinien insgesamt 150.400 km zurücklegten. "Wir haben überhaupt nichts verloren", erinnerte sich Cerf später. Das
Projekt demonstrierte, daß Computer vom und zum
Kriegsschauplatz kommunizieren können. ARPA
finanzierte nicht länger reine Computerforschung.
DARPA bestand jetzt auf "militärisch interessanten" wie Cerf es bezeichnete - Projekten wie diesem. Cerfs
C3 Innovation kam zum Ende des Kalten Krieges eine Reminiszenz an ENIAC, das am Ende des
Zweiten Weltkriegs geliefert worden war.
Cerf hat seit seiner Geburt einen gravierenden Gehörschaden und trägt seitdem er 14 war ein Hörgerät. Es
war daher ein glücklicher, aber passender Zufall, daß
sein TCP/IP das heute so populäre textgestützte
Netzkommunikationssystem ermöglichte, einschließlich der elektronischen Post (E-Mail), Diskussionslisten, Dateiindexierung und Hypertext. E-Mail ist
natürlich der am meisten benutzte, praktischste und
funktionellste Netzdienst.
Ray Tomlinson von BBN wird das Verdienst zugeschrieben, die Software erfunden sowie 1972 und

AMERIKA DIENST 02

�1973 die ersten E-Mail-Nachrichten über das ARPAnet
verschickt zu haben. Zuerst benutzten die Wissenschaftler die E-Mail zur Zusammenarbeit bei Forschungsprojekten. Ihre Computergespräche wurden
so geführt, wie es sich für ein ernsthaftes O.R.-Projekt
gebührt, das seinen Ursprung in sowjetisch-amerikanischen militärischen Rivalitäten hatte. Man mußte
auch Regeln befolgen. ARPA begrenzte die Nutzung
des Netzes auf Dienstsachen. Darüber hinaus waren
einige Anwender besorgt, daß das Versenden persönlicher Nachrichten per E-Mail irgendwie das Postgeheimnis verletzen könnte. "Ihr werdet binnen Kürze
im Gefängnis landen", warnte Paul Baran von RAND
seine Kollegen.
Bald machte sich jedoch eine Hacker-Manier unter den
graduierten Studenten breit. Die Software für Versandlisten gestattete großen Gruppen von Menschen die
Erörterung gemeinsamer Interessen und machte die EMail sowohl zu einem Massenmedium als auch zu
einer Verbindung von Punkt zu Punkt. Die erste Liste,
SF-LOVERS, verband Science-fiction-Fans. "ARPA
war ziemlich liberal ... aber manchmal wurde ein
Machtwort gesprochen", erinnerte sich Bernie Cosell,
ein früher ARPAnet-User später. Als das Management
von ARPA sich beschwerte, wurde SF-LOVERS
eingestellt, nur um einige Monate später wieder
aufzutauchen, nachdem die Benutzer ARPA davon
überzeugen konnten, daß die Versandliste dem
elementaren Zweck der Erprobung der Versandkapazität des Netzes diente. Bald enthielt das Netz
Rubriken wie NETZ-HACKER, WEINTESTER und eine
ganze Reihe anderer Versandlisten. ARPA hatte sich
seit C3 enorm weiterentwickelt. Der Science-fictionSchriftsteller Bruce Sterling kleidete das Phänomen am
besten in Worte: Es war "als ob ein grausiger Falloutschild sich geöffnet hätte und ein ganzer Karnevalszug
herausgekommen wäre".

*

AMERIKA DIENST 02

Mitte der achtziger Jahre verband TCP/IP das ARPAnet mit anderen Netzwerken, darunter das NSFnet der
National Science Foundation, einer weiteren Bundesbehörde, und Usenet, das von graduierten Studenten
an der University von North Carolina (Raleigh) und der
ebenfalls in North Carolina (Durham) gelegenen Duke
University entwickelt worden war. Das Ergebnis wurde
erst ARPA-Internet, dann einfach das Internet genannt. ARPAnet wurde aufgeteilt, wobei die militärische Kommunikation auf das MILNET ging und die
Computerforscher schließlich ARPAnet vollständig
übernahmen. ARPAnet wurde 1990 geschlossen und
NSFnet wurde im April vergangenen Jahres eingestellt.
Die am meisten befahrenen Routen der Datenautobahn sind jetzt in privater Hand. Praktisch alle Netze
benutzten die TCP/IP-Sprache. "Ich bin sehr stolz auf
die Tatsache, daß das Internet sich an die Spitze aller
in den vergangenen 12 Jahren erfundenen Kommunikationsfähigkeiten katapultiert hat", äußerte Cerf 1994
gegenüber Computerworld. "Ich finde, das ist keine
schlechte Leistung."
Er schieb auch Hacker-Gedichte. Als ARPAnet im Juni
1990 eingestellt wurde, merkte es kaum jemand.
Andere Elemente des Internet übernahmen nahtlos
alle seine Funktionen. Cerf schrieb ein "Requiem für
das ARPAnet". Es endet folgendermaßen:
"Nun verweile einen Augenblick mit
mir, vergieße ein paar Tränen. Im
Gedenken an die gute alte Zeit, die
Liebe, die vielen Jahre treuen Dienstes und die geleistete Arbeit weine
ich. Leg'jetzt dein Paket nieder, mein
Freund, und schlafe."

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Lage der Nation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: USA setzen sich für Weltfrieden ein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht zur Lage der Nation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Haushalt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ausgeglichener Haushalt liegt in Reichweite&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Führungsrolle für das nächste amerikanische Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. PFF&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Perry: PFF könnte dem Marshallplan vergleichbare Wirkung haben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Entstehungsgeschichte des Internet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Edwin Diamond und Stephen Bates&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
01

10. Januar 1996

BOSNIEN

PERRY, SHALIKASHVILI: FRIEDENSMISSION IN BOSNIEN VERLÄUFT
REIBUNGSLOS
Pressekonferenz in Tuzla

WTO

EINE BILANZ DER WTO - POSITIV ABER
NOCH NICHT PERFEKT
Erklärung des
Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten

FRAUEN

VOICE - DIE STIMME DER FRAU
von Tony Case

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
10. Januar 1996

Perry, Shalikashvili: Friedensmission in Bosnien
verläuft reibungslos
Pressekonferenz in Tuzla
TUZLA - (AD) - Dem amerikanischen Verteidigungsminister William Perry und dem Vorsitzenden der Vereinigten
Stabschefs, General John Shalikashvili, zufolge ist der amerikanische Teil der NATO-Friedensmission erfolgreich.
Im Anschluß an eine zweitägige Inspektion erklärten Perry und Shalikashvili gegenüber Reportern, die amerikanischen Friedenstruppen führten ihre Mission ausgezeichnet aus und die Parteien in Bosnien leisteten beträchtliche Unterstützung.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Transkript der Pressekonferenz, an der auch der Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte, Generalmajor William Nash, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa der NATO,
General George Joulwan, teilnahmen.

Verteidigungsminister Perry: Dies waren zwei äußerst erfolgreiche und effektive Wochen. Wir haben
sehr viel größere Fortschritte erzielt, als wir alle für
möglich gehalten hätten, und die Operation ist aus
zwei Gründen sehr viel reibungsloser abgelaufen, als
wir erwartet hatten. Erstens - und das scheint mir der
wichtigste Grund - halten alle bisher kriegführenden
Parteien das Friedensabkommen ein. Sie halten es
nicht nur ein, sie nehmen nicht nur von allem Abstand,
was das Abkommen beeinträchtigen könnte, sondern
sie kooperieren aktiv mit der Friedenstruppe IFOR. In
der Tat könnte man sagen, die NATO-Streitkräfte wurden von allen Parteien freundlich aufgenommen. Es
ist ein sehr positives Zeichen, daß die NATO-Streitkräfte als Freunde empfangen werden, die sie tatsächlich sind. Das stimmt mich optimistisch bezüglich der
Zukunft Bosniens. Ich glaube, die Parteien hier sind
des Krieges und des Tötens müde und bereit, den Haß
zu begraben, mit dem Wiederaufbau des Landes zu
beginnen und eine Zukunft für ihre Kinder und Kindeskinder aufzubauen. Es ist jedoch der zweite Grund,
aus dem die Operation so reibungslos abgelaufen ist:
Aufgrund der Kompetenz und des Engagements der
NATO-Streitkräfte, die ins Land gekommen sind.
Ich habe heute einen Großteil meiner Zeit bei den
amerikanischen Truppen verbracht. Ich möchte kurz
darüber sprechen. Unsere Truppen sind wirklich professionell. Sie haben ihre Kompetenz, ihr Geschick

AMERIKA DIENST 01

und ihre erstaunliche Energie unter Beweis gestellt.
Das habe ich natürlich erwartet, aber ich war überrascht von der Stimmung, in der sie ihre Arbeit unter
sehr schwierigen Bedingungen ausführen. Sie sind
guter Stimmung und voller Humor. Was die meisten
von uns als Probleme angesehen haben, sehen sie als
Herausforderung.
Gestern abend sprach ich mit Oberstabsfeldwebel
Hobbs am Ausladebahnhof in Taszar. In den vergangenen Wochen wurden 800 Zugladungen abgefertigt.
Er bezeichnete das als "die Herausforderung am Ausladebahnhof". Diese Formulierung gefiel mir ausgezeichnet. Heute morgen habe ich mit Oberst Steve
Hawkins und seinen Truppen an der Brücke an der
Save gesprochen. Sie bezeichneten es als die "Herausforderung am Fluß" - die sie bewältigt haben.
Ich glaube, die amerikanischen Soldaten, die ich gestern und heute getroffen habe, kann man am besten
damit charakterisieren, daß sie wirklich Mumm haben.
Und meine Reaktion als Verteidigungsminister ist, daß
ich sehr stolz auf das amerikanische Militär bin. In der
Tat können alle Amerikaner sehr stolz auf ihre Truppen
und ihre Leistung in Bosnien sein. Sie bewältigen die
anspruchsvolle, schwierige Aufgabe, diesem tragischen Land Frieden zu bringen. Und sie tun es in guter Stimmung. Die Operation an der Save war ein Tribut an die Stimmung der amerikanischen Soldaten, die

Seite 1

�enorme Probleme beim Bau der Pontonbrücke überwanden, damit die Panzer darüberrollen konnten.

waffe hier, das vor allem mit den Logistikern des Heeres zusammenarbeitet.

Das schlechte Wetter ist jedoch noch nicht vorbei, und
daher liegt noch weitere Arbeit an der Brücke über die
Save vor uns. Wir werden uns ihr mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit widmen, und so lösen wir ein Problem nach dem anderen.

Sie sind jetzt wieder ungefähr im Zeitplan. Sie versuchen herauszufinden, wie sie die Streitkräfte durch
Belgrad bringen können. Sie kommen gleichzeitig auf
dem Luftweg, mit Zügen und auf dem Landweg nach
Bosnien.

Die Minen stellen ein weiteres Problem dar. Wir wurden heute ausführlich darüber unterrichtet, was getan
wird, um die Minen zu lokalisieren, identifizieren und zu
räumen sowie über die Vorkehrungen, die die Soldaten
bei ihrer Räumung treffen. In diesem Zusammenhang
möchte ich erwähnen, daß uns die ehemals kriegführenden Parteien sehr bei dieser Arbeit unterstützen,
indem sie uns Karten zur Verfügung stellen, die zeigen, wo die Minen lokalisiert sind, und mit der Räumung der Minen begonnen haben. Als wir heute von
der Save zurückflogen, sahen wir übrigens eine kroatische Minenräumeinheit.

Verteidigungsminister Perry: Ich möchte General
Shalikashvili bitten, etwas zu Ihnen und der amerikanischen Öffentlichkeit zu sagen.

Das Problem der Minen wird weder in dieser Woche
noch in diesem Monat gelöst sein. Es erfordert beständige Aufmerksamkeit. Und ich glaube, unsere Zeit
in Bosnien wird dadurch charakterisiert, daß wir ein
Problem nach dem anderen lösen. Aus diesem Grund
sind zwei Dinge so wichtig: Erstens die Zusammenarbeit, die wir von den Parteien hier erfahren, und
zweitens die Kompetenz und das Engagement der
Truppen, die diese Probleme bewältigen.
Frage: Herr Verteidigungsminister, können Sie etwas
zu den logistischen Operationen sagen, die auf dem
Stützpunkt hier vorgenommen werden?
Verteidigungsminister Perry: Natürlich werde ich die
Frage gerne beantworten, aber General Joulwan ist
hier. Ich möchte ihn bitten, dazu Stellung zu nehmen.
Die logistischen Operationen sind enorm. Ich war außerordentlich beeindruckt von der Kompetenz und
Energie, die hinter diesen logistischen Operationen
stecken.
General Joulwan: Ich möchte nur hinzufügen, wenn
Sie die Statistiken darüber erhalten, was unsere Truppen hier mitten im Winter in einer äußerst schwierigen
Region Europas geleistet haben, werden Sie beeindruckt sein von den Millionen Tonnen, die hier abgeladen wurden, von den Hunderten Flugzeugen, die
gelandet sind und von der Flexibilität der Statistiker
beim Einsatz der Flugzeuge, besonders der C-17, um
die verlorenen Tage wettzumachen. Es ist wirklich
Teamarbeit. Wir haben ein TALCE-Team der US-Luft-

General Shalikashvili: Vielen Dank, Herr Verteidigungsminister. Auch ich möchte meinen Stolz über
jedes Mitglied dieses Superteams zum Ausdruck bringen. Wir sprechen so häufig über die ausgezeichnete
Leistung der Männer und Frauen in Uniform der Vereinigten Staaten und der NATO. Aber sie müssen
einmal in ein Umfeld wie dieses kommen. Sie müssen
über die Brücke gehen, über die sie gegangen sind über die Save - um zu erkennen, wie gut sie sind und
wie gut ihre Stimmung ist, selbst unter so widrigen
Bedingungen. Als Mann in Uniform bin ich außerordentlich stolz darauf, Mitglied einer solchen Organisation zu sein.
Das Zweite, das ich erwähnen möchte, ist, daß wir uns
wirklich um diejenigen kümmern, die die Flugzeuge
fliegen, die Konvoys oder Feldlager wie dieses bewachen. Die von Ihnen gestellte Frage bezüglich der
Logistik erinnert uns jedoch daran, daß es leichter ist,
große Einheiten von einem Punkt zum anderen zu
verlagern und zum Einsatz zu bringen, als sicherzustellen, daß man sie von Anfang an während der guten
und der schlechten Tage versorgen kann.
Logistik ist daher der Schlüssel zu einer Operation wie
dieser, besonders wenn man bedenkt, daß sie erst vor
14 Tagen angelaufen ist und ein Jahr dauern soll. Es
hängt alles davon ab, wie gut wir die Logistik hier bewältigen. Wie General Joulwan äußerte, hatten wir
einen außerordentlich guten Start. Und ich bin äußerst
zuversichtlich, daß wir diese Streitmacht auf lange Zeit
versorgen können.
Was Verteidigungsminister Perry und ich hier während
der vergangenen beiden Tage gesehen haben, ist sehr
ermutigend im Hinblick auf das, was die Soldaten tun,
aber auch im Hinblick darauf, wie die ehemals kriegführenden Parteien reagieren und die Stimmung, mit
der sie diese Operation angehen. Wir wollen hoffen,
daß es so weitergeht, wie es begonnen hat.
Verteidigungsminister Perry: Ich danke Ihnen.

* * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 01

�WTO
10. Januar 1996

Eine Bilanz der WTO - positiv, aber noch nicht perfekt
Erklärung des Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten
GENF - (AD) - Die vor einem Jahr gegründete Welthandelsorganisation (WTO) muß im kommenden Jahr ihre
Bestrebungen in verschiedenen schwierigen Bereichen intensivieren, wenn sie mit den Interessen und
Bedürfnissen ihrer Mitglieder Schritt halten will, erklärte der Stellvertretende US-Handelsbeauftragte Jeffrey
Lang am 13. Dezember 1995 in einer Rede vor dem Generalrat der WTO.
Die WTO wird ihr erstes Ministerratstreffen im Dezember 1996 in Singapur abhalten. Das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen (GATT), der Vorläufer der WTO, wird am 31. Dezember 1995 aufgelöst.
Lang zeigte sich besorgt, daß die WTO bislang ihren Entscheidungsfindungsprozeß nicht der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht und sich noch nicht auf einen moralischen Verhaltenskodex geeinigt hat.
Ferner drängte Lang bei der Welthandelsorganisation auf einen Abschluß der Verhandlungen zur globalen
Liberalisierung grundlegender Telekommunikationsdienstleistungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Jeffrey Lang im Wortlaut.
Vor zwei Jahren brachten wir gemeinsam die Uruguay-Runde zu einem erfolgreichen Abschluß. Vor
ungefähr einem Jahr wurde deutlich, daß wir die
erforderlichen Ratifizierungen erreicht hatten, damit
die Welthandelsorganisation (WTO) Anfang dieses
Jahres ihre Arbeit aufnehmen konnte. Jetzt entnehmen wir dem ersten Jahresbericht des Generaldirektors an die Mitglieder der WTO, daß der Organisation derzeit 112 Länder und Zollgebiete angehören.
Wer von uns hätte das vor etwas mehr als neun
Jahren, in Punta del Este, für möglich gehalten?
Dies ist um so unglaublicher, wenn man sich vor
Augen hält, daß die WTO - ebenso wie das GATT
vor ihr - keinen organisatorischen Ansatz auf der
Grundlage eines Modells der Vereinten Nationen,
sondern vielmehr eine bindende vertragliche Vereinbarung ihrer Mitglieder darstellt, die einen beträchtlichen Eintrittspreis fordert und eine fortdauernde
Verpflichtung zur Einhaltung einer Reihe von Regeln
mit sich bringt, die mit der Zeit in gleicher Weise auf
alle Mitglieder der Organisation angewandt werden.
Obwohl das große Drama schon zwei Jahre hinter
uns liegt, sollten wir nicht unsere gemeinsamen
Errungenschaften aus den Augen verlieren.

sehen die WTO als solide Grundlage für weitere
Schritte. Wir haben tiefgreifende Bedenken gegenüber solchen Übereinkünften, die nicht im Einklang
mit der WTO stehen und sind der Ansicht, daß man
solche, die im Einklang mit ihr stehen, nicht zu
fürchten braucht. Im Gegenteil: Sie sollten als eine
Herausforderung für das multilaterale System angesehen werden, mit den Interessen und Bedürfnissen
der Mitglieder Schritt zu halten. Unseres Erachtens
kann die WTO diese Herausforderung bewältigen,
aber es wird große Anstrengungen und harte Arbeit
auf allen Seiten erfordern, das WTO-System weiterhin als etwas anzusehen, das für alle seine Mitglieder
einen greifbaren Wert hat. Ich möchte hier sehr
direkt sein. Ein dynamisches, pulsierendes, offenes,
multilaterales Handelssystem bleibt für die handelspolitischen Ziele der Vereinigten Staaten von zentraler Bedeutung.
Bislang haben wir konkrete Fortschritte gemacht. Sie
waren jedoch bei weitem nicht perfekt. Im Vorfeld
des für kommenden Dezember in Singapur anberaumten ersten Ministertreffens müssen wir bedenken, daß noch viel harte Arbeit vor uns liegt.
Die vor uns liegende harte Arbeit

Wir sollten uns aber auch nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.
Regionale Handelsübereinkünfte
werden offensichtlich immer beliebter. Diejenigen,
an denen die Vereinigten Staaten beteiligt sind,

AMERIKA DIENST 01

Ich möchte jetzt eine Bewertung unserer derzeitigen
Situation vornehmen.

Seite 1

�Bei institutionellen Fragen, die im ersten Jahr nach
der Gründung der WTO gelöst werden sollten,
haben wir gemischte Erfolge erzielt. Vom amerikanischen Standpunkt aus gesehen hätte es möglich
sein sollen, eine stärkere Gleichstellung der WTO
mit anderen internationalen Institutionen zu erzielen,
die in verwandten Bereichen Verantwortung tragen.

besteht". Wir müssen entsprechend dieser wertvollen
Schlußfolgerung handeln und sicherstellen, daß der
Ausschuß für Handel und Umwelt für das Treffen von
Singapur konkrete Ergebnisse hervorbringt. Das ist
zwar ganz offensichtlich für den Ausschuß nicht der
Endpunkt, aber zweifelsohne ein entscheidender
Punkt.

Ferner machen wir uns Sorgen darüber, daß es
nach so vielen Monaten noch immer nicht möglich
ist, unsere Beziehungen zu Nichtregierungsorganisationen zu definieren, den nutzlosen Schleier der Geheimhaltung zu lüften, der über unseren täglichen
Aktivitäten liegt oder uns auf einen moralischen
Verhaltenskodex zu einigen. Wenn wir die Arbeit in
diesen Bereichen - die für unsere Wählerschaft im
politischen und Privatsektor sichtbar sind - nicht bald
abschließen und umsetzen, werden die Institution
und das System darunter leiden.

Erfolgsgeschichten

Im Hinblick auf unerledigte Geschäfte müssen wir
ein sinnvolles und wichtiges Ergebnis der derzeitigen
Verhandlungen über grundlegende Telekommunikationsdienstleistungen sicherstellen. Hier handelt es
sich um ein Tätigkeitsfeld, das für unser politisches,
wirtschaftliches und soziales Wohlergehen von
zunehmender Bedeutung ist. Telekommunikation ist
das Nervensystem der Weltwirtschaft, und wir
können es uns nicht leisten, die Kontrolle über unser
Nervensystem zu verlieren.
Die Liberalisierung im Telekommunikationsbereich und das bedeutet Wettbewerb - ist für die weitere
Entwicklung ebenfalls wesentlich. Aufgrund der
neuen Technologien ist privater Wettbewerb jetzt
tatsächlich der direkteste Weg zu universellen
Dienstleistungen für alle Menschen. Wenn sich die
Mitglieder der WTO dieser Aufgabe nicht gewachsen
zeigen, erhalten viele WTO-Mitglieder möglicherweise keinen Zugang zu dieser Technologie und stellen
damit nicht nur ihre eigene Entwicklung, sondern die
universellen Dienstleistungen hintan - das Hauptargument für die Ablehnung der Liberalisierung.
Schließlich ist das Abkommen im Telekommunikationsbereich der erste Test dafür, ob die WTO die
sogenannten neuen Probleme, insbesondere die
Wettbewerbspolitik, angemessen angehen kann.
Im Vorfeld des Treffens von Singapur ist auch das
Verhältnis von Umwelt und Handel ein Gebiet, das
unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Im Bericht
des Generaldirektors wird festgestellt, die Mitglieder
seien "der Ansicht, daß kein inhärenter Widerspruch
zwischen Schutz und Pflege eines offenen, nicht
diskriminierenden und gerechten multilateralen
Systems einerseits und Umweltschutz sowie der
Förderung nachhaltiger Entwicklung andererseits

Seite 2

Jetzt möchte ich mich unseren Erfolgen zuwenden.
Mit der neuen WTO haben wir einen neuen Generaldirektor bestellt. Die WTO muß, ebenso wie das
GATT, eine "von den Mitgliedern getragene Organisation" sein. Wir danken Ihnen für Ihre Bestrebungen, Herr Generaldirektor, diesen wichtigen Aspekt
der WTO immer wieder zu betonen. Ferner begrüßen wir die jüngste Entscheidung über die Einrichtung einer WTO-Schiedstelle. Es hat vielleicht lange
gedauert, bevor wir zu einer Schlußfolgerung gelangt
sind, aber das Endergebnis ist eine Schiedstelle mit
den hochrangigsten Vertretern, die wir hierfür bestellen konnten, sowie eine Gruppe, in die wir unser
gesamtes Vertrauen setzen können, damit sie mögliche Beschwerden über Entscheidungen eines
Schlichtungsgremiums hört.
Meines Erachtens sollten wir alle einen gewissen
Trost aus der Situation schöpfen, die im Hinblick auf
die Umsetzung substantieller Verpflichtungen unter
der WTO existiert. Es gibt einige Probleme, und
nicht jedes Mitglied ist allen seinen Verpflichtungen
nachgekommen - ein vorzügliches Beispiel hierfür ist
die Erfüllung der zahllosen Benachrichtigungserfordernisse. Wenn wir uns jedoch Landwirtschaft oder
Industrie, Dienstleistungen oder Waren und Güter
anschauen, wurden auf der ganzen Linie Fortschritte
erzielt.
Das Herz der WTO ist das neue System zur Schlichtung von Streitigkeiten. Viele erwarteten, daß die
Einführung der Schiedstelle Anfang dieses Jahres zu
einer Vielzahl neuer Aktionen zur Schlichtung von
Streitigkeiten führen würde, die das System nur unter
Schwierigkeiten absorbieren könnte. Wir müssen
mehr Fälle lösen als vorher, aber wir haben herausgefunden, daß das neue System positive Auswirkungen hat, indem es vor Klagen mit fragwürdiger
juristischer Berechtigung abschreckt und zur bilateralen Lösung von Problemen ermutigt, über die es
keinen Bericht des Gremiums gibt.

Blick auf Singapur
Das nächste Jahr wird der WTO neue Herausforderungen bringen, insbesondere auf Gebieten wie
TRIPS, das vielen Mitgliedern Schwierigkeiten

AMERIKA DIENST 01

�bereiten wird, die substantiellen Verpflichtungen des
Abkommens einzuhalten. Bei der Aushandlung des
Abkommens der Uruguay-Runde einigten wir uns
klugerweise darauf, daß für das Funktionieren der
WTO und die Umsetzung ihres Mandats eine regelmäßigere Einbeziehung von Ministern erforderlich
ist. Die erste solcher regelmäßig stattfindender
Gelegenheiten wird sich im kommenden Jahr in
Singapur ergeben. Das bedeutet, daß wir zu den
Ministertreffen einen etwas anderen Ansatz wählen
müssen als vorher zum GATT. Unseres Erachtens
erfordern die Vorbereitungen für Singapur große
Sorgfalt und Realismus, damit keine unvernünftigen
Erwartungen an das erste einer ganzen Reihe
regelmäßig stattfindender Ministertreffen gestellt
werden.
Wir werden durch den entstehenden
Konsens ermutigt, die Priorität für Singapur auf die
Umsetzung der Übereinkünfte der Uruguay-Runde
zu setzen. Wir können es uns jedoch nicht leisten,
gegenüber der Umsetzung einen zu engen Ansatz
zu wählen.
Ein wichtiger, aus der Umgestaltung des GATTSystems zur WTO resultierender Wandel war die
Errichtung der WTO als ständiges Verhandlungsforum und Ort für die Diskussion neuer Fragen.
Man braucht sich nur die beeindruckende "eingebaute Tagesordnung" anzuschauen, um zu sehen, daß
wir noch sehr viel Arbeit vor uns haben, um dem
nach dem Abschluß der Uruguay-Runde gesetzten
Kurs zu folgen. Gleichzeitig müssen wir jedoch
weiterhin in die Zukunft schauen. Welche Richtung
und welchen Kurs sollten wir verfolgen, wenn die
WTO über Singapur hinausschaut und die eingebaute Tagesordnung verfolgt?
Wir hoffen ebenso wie andere, im Laufe des kommenden Jahres an Diskussionen über die weitere
Tagesordnung für die WTO und die Entwicklung von
Arbeitsprogrammen teilnehmen zu können um zu
gewährleisten, daß die WTO lebensfähig und der
Mittelpunkt der Handelsliberalisierung bleibt. Während traditionelle Handelshemmnisse abgebaut
werden, müssen wir überlegen, wie die WTO zu
einer Verringerung der Korruption beim Handel

*

AMERIKA DIENST 01

beitragen kann. Unabhängige Organisationen äußern
jetzt, Korruption könnte heute das größte nichttarifäre
Handelshemmnis sein.
Die Vereinigten Staaten
verfügen über einige der unseres Erachtens konstruktivsten Ideen zu diesem Thema.
Ferner müssen wir die Wechselwirkung von Handelsund Arbeitsnormen erörtern. Es ist jetzt offensichtlich
geworden, daß eine solche Wechselwirkung existiert
und wir jetzt diese Frage erörtern können, ohne das
Risiko einzugehen, eine Entschuldigung für den
Importprotektionismus zu finden.
Zusammengenommen werden diese Fragen den
Generalrat 1996 mit der gewaltigen Aufgabe konfrontieren, die Notwendigkeit abzuwägen, wie eine
effektive Umsetzung der bereits für uns definierten
Arbeit sichergestellt und gleichzeitig eine WTO-Vision
für die Zukunft präzisiert werden kann. Unseres
Erachtens sind solide Vorbereitungen in Genf,
unterstützt von Arbeit zu Hause sowie zunehmender
Aufmerksamkeit von Regierungsvertretern in den
Hauptstädten der einzige Weg um sicherzustellen,
daß Singapur die Rolle der WTO im Handelssystem
wahrt.
Schlußbemerkung
Ich habe versucht, unsere Einschätzung allgemeiner
Trends zu präsentieren. Wenn ich einen bestimmten
Punkt nicht angesprochen habe, heißt das nicht, daß
er kein Anliegen der Vereinigten Staaten ist. Die
WTO ist viel zu kompliziert, um vollständig in eine
kurze Erklärung des Generalrates einbezogen zu
werden, und wir alle wissen, daß Einzelheiten beim
Handel wichtig sind. Wenn es aber noch ein Gebiet
gibt, das ich unbedingt ansprechen möchte, dann ist
es das des Aufnahmeverfahrens. Da der Beitritt zur
WTO für den Antragsteller - in mehr als einer Weise kostspielig ist, stellt sich die Frage, warum mehr als
20 wichtige Länder und Zollgebiete zu diesem
Zeitpunkt eine Mitgliedschaft in der WTO anstreben
sollten, wenn sie nicht davon überzeugt wären, daß
sie etwas Positives ist? Wir wollen sie nicht enttäuschen.

* * *

*

Seite 3

�FRAUEN
10.Januar 1996

Voice - Die Stimme der Frau
von Tony Case
(AD) - Die New Yorker Zeitung Village Voice ist im Hinblick auf die Einstellung von Frauen in ManagementPositionen außergewöhnlich. Der Verfasser dieses Artikels befaßt sich damit, wie Frauen bei dieser legendären
linksgerichteten Zeitung in mehr als die Hälfte der leitenden Positionen gelangten.
Tony Case ist Redakteur bei Editor &amp; Publisher.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 13. Mai 1995.
Copyright (c) 1995 Editor and Publisher Inc.

In einer Branche, die eindeutig eine Männerdomäne ist,
stellt Village Voice eine einzigartige Zeitung dar, bei
der über die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind und
das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Mitarbeitern drei zu eins beträgt.
Da die Geschichte der legendären linksgerichteten
New Yorker Wochenzeitung, die 1995 ihr 40jähriges
Bestehen feierte, untrennbar mit der Frauenbewegung
und anderen sozialen Kreuzzügen der sechziger und
siebziger Jahre verbunden ist, sind Frauen dort seit
langem vertreten. Aber erst in jüngster Zeit unternahm
die Zeitung bedeutende Schritte, damit Frauen in Ämter
mit wirklicher Macht gelangten.
Es stimmt, daß die Entscheidungsträger bei Voice,
zumindest auf wirtschaftlicher Seite - der Besitzer
Leonard Stern, der Direktor und Verleger David Schneiderman sowie der geschäftsführende Abteilungsleiter
William Dwyer - Männer sind.
Aber die Posten des Hauptgeschäftsführers, Vertriebsleiters, Chefredakteurs, Art-directors, des Leiters der
Abteilung neue Medien und Technologie, des Abteilungsleiters Werbung und Marketing, des Direktors
der Abteilung Kleinanzeigen, des Leiters von zielgruppenorientiertem Marketing und Werbung sowie des
Personalleiters sind mit Frauen besetzt.
Trotz vielzitierter Bestrebungen der Zeitungen zur
Förderung von Frauen und Einstellung von Minderheiten liest sich das typische Impressum immer noch wie

AMERIKA DIENST 01

das Mitgliedsverzeichnis eines ausschließlich weißen
Männern vorbehaltenen Clubs.
Untersuchungen zufolge hat die Branche in der Vergangenheit unstrittig nur wenige Frauen in Führungspositionen gebracht, obwohl die Geschichte von Voice
bemerkenswert ist.
Der jüngsten Umfrage der National Federation of Press
Women zufolge, die sich mit dem Stand der Frau in
dieser Branche befaßt, haben nur 19,4 Prozent der
Frauen bei amerikanischen Tageszeitungen leitende
redaktionelle Positionen inne, und nur 8,7 Prozent der
Zeitungsverleger des Landes sind Frauen.
Man könnte denken, der heftige Liberalismus der
alternativen Presse und die relative Neuheit des
Genres würden Frauen bei der Voice und ähnlichen
Zeitungen die Tür öffnen.
Wendy Eickmeyer, Vizepräsidentin der Berufsvereinigung Frauen im Kommunikationsbereich, beobachtet: "Alternative Zeitungen neigen zu Schärfe und
führen Trends an ... und sie sind weitaus moderner.
Sie bestehen noch nicht so lange wie die konservativen
Tageszeitungen, die sich hinter ihrer Geschichte
verschanzen und wo es extrem schwierig ist, Althergebrachtes zu überwinden."
Aber die Voice hebt sich von ihresgleichen und den
Tageszeitungen ab. Von den 94 Zeitungen, die dem
Verband alternativer Wochenzeitungen angehören - bei
dem Voice nicht Mitglied ist - haben nur 15 weibliche

Seite 1

�Chefredakteure, und 21 haben weibliche Herausgeber
oder Mitherausgeber.

"Es gibt dort nicht diese Atmosphäre wie im Umkleideraum für Männer."

Warum scheint die Voice Frauen gegenüber so aufgeschlossen zu sein?

Schneidermans Fortschrittlichkeit ist zum jetzigen
Zeitpunkt kaum anachronistisch zu nennen. Seave
bezeichnet ihn als "typischen Mann der neunziger
Jahre". Seine Philosophie entstand jedoch schon in
den Siebzigern, auf dem Höhepunkt der Frauenbewegung, als er direkt von der Johns Hopkins University
Stellvertreter der berühmten Redakteurin der New York
Times, Charlotte Curtis, wurde.

Manche, darunter die Chefin vom Dienst der Zeitschrift
New York, Sarah Jewler, die bei Voice dasselbe Amt
innehatte, vertreten die Theorie, es sei eine Frage der
Logistik: Manhattan biete mehr Chancen als andere
Teile des Landes, weil es dort mehr Publikationen und
eine größere Gruppe von Herausgeberinnen gebe.
Die Manager von Voice jedoch rechnen das dem
Herausgeber Schneiderman als Verdienst an, der ihnen
zufolge bei Einstellungen überhaupt nicht auf das
Geschlecht schaut. "David Schneiderman sieht keinen
Unterschied darin, ob eine Frau oder ein Mann für ihn
arbeitet", erklärt Generalmanagerin Ava Seave. "Und
weil ihm das gleichgültig ist, stellt er einfach nur die
Besten ein."
Seave räumt auch ein, daß die "gewissenhafte" - und
mächtige - Gewerkschaft der Zeitung "Einstellungen
entsprechend dem Verdienst, nicht entsprechend
kultureller Präferenzen" ermutigt.
Kathryn V. Thornton, Abteilungsleiterin für Anzeigen
und Marketing bei Voice, die bei zwei Tageszeitungen
in New Jersey sowie einem Unternehmen zur Entwicklung von Computer-Software für Zeitungen Führungspositionen innehatte, bezeichnete Schneiderman als
"etwas anders als die Verleger, für die ich gearbeitet
habe, da er und das Blatt sehr gut über unterschiedliche Lebensstile unterrichtet sind - die seltsame und
wunderbare Mischung von Menschen auf der Welt."
Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die weitaus weniger
von Testosteron bestimmt ist als an allen bisherigen
Arbeitsplätzen von Thornton.
"Es gab einige Vertreter der alten Schule, die mich
fragten: 'Was willst Du? Warum reicht Dir das nie aus?
Du solltest zu Hause in der Küche stehen'", erinnert
sich die leitende Angestellte. "Ferner wurde mir gesagt,
ich könnte für einen Job Geld bekommen - und ich
wurde in dieser Branche immer sehr gut bezahlt - aber
nicht notwendigerweise einen Titel, denn die Deals
würden in der Herrentoilette abgeschlossen." Solche
großspurigen Einstellungen werden in dem von Schneiderman geförderten frauenrechtlerischen Klima einfach
nicht geduldet.
"Eines der Dinge, die mir an der Arbeit hier gefallen,
besteht darin, daß man nicht an Sitzungen - selbst
wenn ausschließlich Männer zugegen sind - teilnimmt
und sich Scherze über Frauen oder schlüpfrige Witze
anhören muß", äußerte Schneiderman in einem Interview in den Büros von Voice im Herzen von Manhattan.

Seite 2

Schneiderman erinnert die bereits verstorbene Curtis
als einzige Frau mit wirklicher Autorität bei der Zeitung
zu derzeit, als sie die einzige Frau im Impressum war.
Tatsächlich war Curtis die erste Frau, die je im Impressum der Times aufgeführt wurde. (Obwohl die
Times in den letzten Jahren Wert auf Vielfalt gelegt hat,
sind heute nur zwei ihrer Top-Manager Frauen, und mit
einer Ausnahme sind es alles Weiße.)
Schneidermans erste Chefin übte spürbaren Einfluß
aus - nicht nur auf den jungen Redakteur, sondern auf
die Times und andere Tageszeitungen. Bevor sie die
redaktionelle Leitung übernahm, war Curtis eine
äußerst beliebte Gesellschaftsredakteurin, deren
herrlich witziger und geistreicher Stil unter Redakteuren
überall Nachahmung fand.
In ihrem Buch The Girls in the Balcony: Women,
Men and The New York Times beschrieb die ehemalige Times-Reporterin Nan Robertson Curtis als die
erste weibliche Medienberühmtheit der Zeitung.
Die Times sang ihr Lob in der Eigenwerbung, und in
Time, Newsweek, Cosmopolitan sowie im Fernsehen
erschienen Porträts von ihr.
"Ihre Arbeit war ihr Leben. Die Zeitung war ihr Leben.
Sie war immer im Dienst", äußerte Robertson über
Curtis, die sie "die Braut der The New York Times"
taufte.
Schneiderman weist darauf hin, daß er nicht von
vornherein die Absicht hatte, Frauen in leitende Positionen zu bringen, aber einige der interessantesten
Kandidaten für die Management-Riege waren Frauen.
Und natürlich, fügte er hinzu, schafft die Einstellung von
Frauen und Förderung ihrer Karriere ein für andere
talentierte und qualifizierte Frauen attraktives Umfeld.
Schneiderman bemerkt, daß er und andere - weibliche
- Manager von Voice sich, wenn sie zu Zeitungskongressen reisen, unweigerlich in einem Raum voller
Männer wiederfinden. Der einzige Grund für ihn, an
Konferenzen teilzunehmen, ist der, sich erneut vor
Augen zu führen, wie es in der Branche aussieht.
"Wir neigen dazu, dieses Umfeld hier für selbstverständlich zu halten", erklärte er. Aber die Voice ist der

AMERIKA DIENST 01

�Zeitungsberaterin und ehemaligen Herausgeberin von
Gannett, Nancy Woodhull, zufolge eher ein Vorbote als
eine Ausnahme. Im Journalismus gibt es diese entscheidende Masse gut ausgebildeter Frauen, sei es auf
der geschäftlichen oder der redaktionellen Seite, und
man kann so etwas bei mehr Zeitungen erwarten",
prognostiziert Woodhull. "Wenn man sich die Village
Voice anschaut, sieht man die Zukunft."
Nach Ansicht von Schneiderman sollte jeder, der
wirklich Frauen in Führungspositionen haben will, sich
Nike als Anhaltspunkt nehmen und "es einfach tun". Er
rät anderen Verlegern, alle Untersuchungen, Zusammenkünfte und Arbeitsgruppen zu vergessen und
einfach Frauen einzustellen. Eine Studie nach der
anderen in Auftrag zu geben, ist wertlos."
Nach Ansicht von Schneiderman ist es schlicht und
einfach ein gutes Geschäft, Frauen in Führungspositionen zu bringen. "Meiner - äußerst voreingenommenen
- Meinung nach ist dies ein gut funktionierender Ort mit
talentierten, fähigen Menschen im geschäftlichen und
redaktionellen Bereich, und wir haben gezeigt, daß dies
nahtlos möglich ist", so Schneiderman. "Das ist hier
nicht umstritten. Meines Erachtens ist das keine große
Sache."
Es wäre entsetzlich sexistisch - und dazu einfach falsch
- die Voice als eine Art von Utopie anzusehen, nur weil
sie von Frauen geführt wird. Schließlich handelt es sich
um die Voice, deren farbenfrohe Vergangenheit ebenso Unruhen unter den Mitarbeitern, Faust- und Gewerkschaftskämpfe beinhaltet wie linksgerichtete Ideale, den
Gründervater Norman Mailer sowie zwei Pulitzerpreise,
und wer hier arbeitet ist sehr stolz auf den streitsüchtigen, chaotischen Ruf der Zeitung.
Für Seave ist die Zeitung nicht besser oder schlechter,
nur weil an ihrer Spitze so viele Frauen stehen, sondern "zeugt lediglich von mehr Egalitarismus". Die
Management-Struktur mag vielleicht das Ergebnis der
fortschrittlichen Denkweise Schneidermans sein, aber
bei der Voice waren Frauen schon immer eine wesentliche Kraft.
Karen Durbin, die 15 Jahre lang für die Voice gearbeitet hatte und vor einem Jahr als Chefredakteurin
wieder dorthin zurückkehrte, nachdem sie bei der
Zeitschrift Mirabelle für das Feuilleton zuständig
gewesen war, erzählt, ein Drittel der Redaktionsmitglieder der Voice hätte aus Frauen bestanden, als sie
1974 zu der Zeitung gekommen sei, "und damals hatte
man das Gefühl, die Frauen würden das Zepter übernehmen". Sie erinnert sich, daß 1975, als ein zusätzliches Redaktionsmitglied eingestellt werden sollte,
verschiedene Mitarbeiter, einschließlich ihr selbst, eine
Frau für dieses Amt in Betracht zogen. Eine Journalistin rollte mit den Augen und stöhnte: "Oh nein, nicht
noch eine Frau. Wir werden von ihnen überrollt."

AMERIKA DIENST 01

Durbin war völlig verblüfft. Es gab zu diesem Zeitpunkt
nur drei andere Redakteurinnen, einschließlich ihr
selbst. Ich schaute mir das Impressum an und dachte:
"Werden wir das wirklich? Warum habe ich dann das
Gefühl, daß mein Geschlecht eine Belastung für mich
ist?"
Durbin - erst die zweite Frau, die je die Position des
Chefredakteurs innehatte; Marianne Partridge, jetzt
Redakteurin des Santa Barbara Independent in
Kalifornien, war die erste. Sie weist darauf hin, daß die
Voice mit ihrer "befangenen, künstlerischen Sensibilität" und "unkonventionellen, nicht sexistischen Geschichte" schon immer ein Forum für Journalistinnen
bot. "Damals hatten Zeitungen noch eine Frauenseite",
erinnert sich die Redakteurin. "Aber wir hatten Barbara
Long, die über Stierkämpfe schrieb."
In seinem Buch The Great American Newspaper: The
Rise and Fall of The Village Voice bezeichnete Kevin
Michael McAuliffe die Behauptung als "lächerlich", daß
der ursprüngliche Redakteur der Zeitung, Dan Wolf, ein
Sexist sei. Der Autor schrieb: "Wenn in der Tat etwas
Verallgemeinerndes über seine Laufbahn gesagt
werden könnte ... dann, daß Wolf Frauen bevorzugt für
Macht- und verantwortungsvolle Positionen einstellte."
Unter Wolf wurde ein gewisses Murren darüber laut,
daß keine der Redakteurinnen von Voice zum Stab
gehörte. Aber, so berichtete McAuliffe, von den vielen,
die Beiträge für die Zeitung lieferten, erfreuten sich nur
vier der Auszeichnung, zum Stab zu zählen. Darüber
hinaus hatte die Zeitung eine Frau als beigeordnete
Redakteurin und Lokalberichterstatterin, und viele
Frauen sind für den Wirtschaftsteil tätig.
Die Fernseh- und Pressejournalistin Joanna Wolper,
die während der siebziger Jahre für die politische
Berichterstattung der Voice zuständig war, erklärte, sie
hatte Probleme mit der feministischen Bewegung, die
das Jahrzehnt charakterisierte, weil sie bei der Zeitung
den gleichen Stand wie ihre männlichen Kollegen hatte.
"Da war ich, die 20jährige College-Studentin, und
berichtete über Mario Cuomo und Rikers Island, und
andere Frauen waren auf Zentralamerika spezialisiert",
stellte sie fest. "Ich fühlte mich nicht diskriminiert. Ich
wurde ermutigt, Journalistin zu sein und über Geschichten zu berichten, die als männliche Domäne erachtet
wurden."
Durbin erregte vor 20 Jahren Aufsehen als offene
Verfechterin des Feminismus. Die Übernahme der
Position als Redakteurin war jedoch eher wie ein
Sprung ins kalte Wasser.
Die Redakteurin Tina Brown wurde scharf kritisiert, weil
sie den seriösen New Yorker aufmöbelte, nachdem sie
1992 von Vanity Fair dorthin gewechselt hatte.

Seite 3

�Im Frühjahr 1994 war Durbin dran.
Trotz ihrer bekannten bisherigen Beiträge für Voice
rangen die New Yorker Medienbeobachter die Hände
und zeigten sich besorgt, daß Durbin - die ausgerechnet von einer Frauenzeitschrift kam - die Zeitung
verweichlichen würde.
Durbin würde sicherlich ausländische Berichterstattung
ablehnen, fürchteten die Beobachter, um ein Hochglanzmagazin zu schaffen. Es gab Gerüchte, sie
würde das intellektuelle Niveau der literarischen
Beilage VLS senken. Ein Nachrichtenredakteur war
angeblich besorgt, er würde im Kosmetikteil enden.
Viele von Durbins Kritikern fühlten sich bestätigt, als ein
föhnfrisierter Robert Redford in voller Größe und in
Farbe auf der Titelseite abgebildet war - wodurch man
die Voice dieser Woche kaum von People und anderen
vornehmlich über Prominente schreibenden Gazetten
unterscheiden konnte, die die Zeitungskioske überschwemmen.
Dann brachte die New York Post im Januar letzten
Jahres einen Artikel mit dem Vorwurf, Voice zeige unter
Durbins Leitung immer mehr Haut mit dem Hinweis, die
Zeitschrift habe mehrfach Bilder von nackten oder
spärlich bekleideten Damen auf der Titelseite veröffentlicht. Durbin erklärte, ihr habe das Geschwätz
mißfallen, das implizierte, sie sei "ein frivoles, dummes
Weibsbild".
Ihren Aussagen zufolge "war die Reaktion auf meine
Übernahme des Redakteurspostens mit enorm viel
Sexismus befrachtet. Ich hegte die übelsten Verwünschungen. Ich dachte ... Ihr könnt mich mal. Die
Zeitung wird es beweisen."
Die Redakteurin stellt klar, daß sie auf den Ruf von
Voice aufbauen, nicht ihn zerstören will. Sie hegt den
Wunsch, die "Lebensfreude und Pietätlosigkeit" wiederzuerwecken, die Anfang des Jahrhunderts charakteristisch für Voice war, in den achtziger Jahren jedoch
verloren ging.
Während der Reagan-Bush-Ära war die Wochenzeitung aus Durbins Sicht scheinbar "besessen von
Tod und Zerstörung". "Es schien, als ob die Zeitung ein
härenes Hemd zu tragen begann und ein Banner
schwenkte, auf dem stand: Bereue: Das Ende naht!'"
Der Medienkolumnist von Voice, James Ledbetter,
stellte fest: "Meines Erachtens machte Karen kein
Geheimnis daraus, daß sie die Zeitung ein bißchen
heiterer machen wollte. Sie und andere hatten das
Gefühl, die Zeitung sei zu düster, zu besessen vom Tod
und zu zynisch geworden. Sie sah es als Teil ihrer
Aufgabe, sie ein wenig mit anderen Elementen zu
beleben."

Seite 4

In einem letztes Jahr veröffentlichten langen Artikel
anläßlich der Übernahme von Durbin argumentierte die
New York, der "raison d'etre von Voice - nichts weniger als der Kampf um die Befreiung der Gesellschaft endete mit Eugene McCarthy".
Die Zeitung, so wurde behauptet, sei "wie der Großteil
des progressiven Amerika allmählich auf minutiöse
Beschreibungen von Herrschaftsmodellen reduziert
worden. Das heißt: Jammern.
Die Zeitung stellte fest, populäre Publikationen wie die
Times hätten begonnen, auf das Territorium von Voice
überzugreifen, und würden immer mehr Druckerschwärze für Popkultur und Schwulenprobleme aufwenden.
Durbin selbst gibt zu, daß sie Anfang der neunziger
Jahre praktisch aufgehört hatte, die Voice zu lesen.
"Sie gab mir nicht, was ich brauchte, vermittelte mir
nicht, was ich wissen wollte", erklärte sie.
Ledbetter argumentiert, die Leser würden immer noch
nicht alles erfahren, was sie wissen wollen. "Die
Berichterstattung der Zeitung, die einstmals ihre Stärke
war, hat nachgelassen."
Da die Wochenzeitung nur noch einen internationalen
Korrespondenten - James Ridgeway - habe, könne
dieser, so Ledbetter, "nicht die ganze Welt abdecken".
Und obwohl Frauenthemen bei der Voice zweifelsohne
breiter Raum eingeräumt wird, dauern Diskussionen
über die unzulängliche Berichterstattung über Frauen
und Minderheitengruppen - vor allem bei den Redakteuren - an.
Obwohl Durbin die Publikation leitet und eine Vielzahl
der Mitarbeiter und derjenigen, die Beiträge liefern,
Frauen sind, sind alle wichtigen politischen und Medienberichterstatter - einschließlich Ledbetter - weiße
Männer, was nach Ansicht des Kolumnisten nicht so
gut zur Besetzung der Nachrichtenzentrale paßt.
Die Feature-Redakteurin Lisa Kennedy hat das Gefühl,
Voice entspreche vielen Tageszeitungen dahingehend,
"daß die Zeitung sich auf eine gewisse Art von Maskulinität gründet: Das ist Journalismus. Journalist ist
derjenige, der die Story bekommt. Journalismus ist
Woodward und Bernstein. Journalismus ist eine heiße
Story, nicht laue Geschichten."
Kennedy - die Afroamerikanerin und offen lesbisch ist erwähnt die Ironie in den Idealen und Aktionen vieler,
die sich selbst als sozial bewußt erachten.
"Da gibt es diese Gruppe liberaler Menschen, die
denken, sie können praktisch für alle sprechen, damit
sie nicht denken, sie seien nicht vielfältig, weil sie
andauernd über Vielfalt nachdenken", erläuterte sie.

AMERIKA DIENST 01

�"Sie bemerken nicht, daß hier jemand ist, der für Vielfalt
steht."
Kennedy zufolge befinden sich alternative Zeitungen
wie Voice im Augenblick in etwa derselben Lage wie
die Demokratische Partei. "Sie wollen das Richtige tun,
aber sie wollen das Sagen haben, und wenn das
Richtige ist, nichts zu sagen, dann verlangt man von
ihnen, etwas zu tun, von dem sie nicht genau wissen,
wie sie es tun sollen."
Aus diesem Grund sind Gleichstellungsmaßnahmen
laut Kennedy ein zwingendes Gebot - unabhängig von
den Bestrebungen der konservativen Republikaner,
diese Maßnahmen abzuschaffen.

"Bei allem guten Willen in der Welt", so die Redakteurin,
"wird kaum jemand sagen: 'In Ordnung, ich räume
meinen Platz für Dich.'"
Schneiderman unterstrich, daß es "alternative Maßnahmen geben kann, diese Art linker Politik, und immer
noch einen vorwiegend von Männern dominierten
Arbeitsplatz. Hier hat man ein schönes Gleichgewicht
unterschiedlicher Stimmen."
Der Verleger sieht die Voice als Modell - nicht nur für
Zeitungen, sondern für alle Unternehmen. "Ich denke,
so sollte die Welt sein", gibt er unumwunden zu. "So
sollten Unternehmen funktionieren. Sie sollten eine
ausgewogene Mischung von Männern und Frauen,
unterschiedlichen Rassen und ethnischen Gruppen
sein, denn das ist die Welt."

*

AMERIKA DIENST 01

*

Seite 5

�</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
6. Dezember 1995

33

CLINTON: DER RUF ZUM FRIEDEN
Rede des Präsidenten vor den Truppen

BOSNIEN

UNTERSTÜTZUNG DER USA FÜR
DAUERHAFTEN FRIEDEN IN BOSNIEN
ERFORDERLICH
Erklärung von Außenminister Christopher

AUSSENPOLITIK

DIE ROLLE DER VEREINIGTEN STAATEN ALS
WELTWEITER VERMITTLER
von Amitai Etzioni

WIRTSCHAFT

DIE AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN
WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN - DER NEUE
TRANSATLANTISCHE MARKT
Übersicht des Weißen Hauses

MENSCHENRECHTE

USA APPELLIEREN AN NATIONEN ZUR
EINHALTUNG DER MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafterin Albright

TERRORISMUS

DAS ZEITALTER DES SUPERTERRORISMUS
von James Kitfield

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
6. Dezember 1995

Clinton: Der Ruf zum Frieden
Rede des Präsidenten vor den Truppen
BAUMHOLDER - (AD) - In einer Ansprache vor den Truppen der 1. Panzerdivision, die die Vorhut der 60.000
Soldaten umfassenden Friedenstruppe (implementation force - IFOR) bilden werden, erklärte Präsident Clinton
am 2. Dezember 1995: "Ich habe dem amerikanischen Volk versprochen, Euch nicht nach Bosnien zu
entsenden, wenn ich nicht absolut sicher bin, daß das für Euch gesteckte Ziel klar und realistisch ist und in
ungefähr einem Jahr erreicht werden kann. Ich habe auch gelobt, Euch erst nach Bosnien zu entsenden, wenn
ich sicher bin, daß wir alles getan haben, um die Risiken für Eure Sicherheit auf ein Minimum zu reduzieren."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

General Joulwan, General Nash, General Crouch,
Herr Minister. Mein besonderer Gruß geht an einen
guten Freund Amerikas, Bundeskanzler Kohl, der ein
wunderbarer Partner für unser Land war, und mein
herzlicher Dank an Deutschland für die Partnerschaft
mit dieser herausragenden Einheit.

zung des Friedensabkommens gebeten. Es liegt im
Interesse unserer Nation und steht im Einklang mit
unseren Werten, dafür zu sorgen, daß dieser Frieden
Erfolg hat und von Bestand ist. Und wir zählen auf
Euch, die Männer und Frauen der Task Force Eagle,
damit diese Arbeit geleistet wird.

Ich bin sehr stolz, heute hier bei den Männern und
Frauen der 1. Panzerdivision "Ironside" sein zu
können. Ihr seid wirklich Amerikas Soldaten aus
Eisen. Frühere Generationen der Soldaten aus
Eisen haben den Ruf unserer Nation mit legendärem
Geschick und Mut beantwortet. Bisher war es jedes
Mal ein Ruf in den Krieg. Von Nordafrika bis Italien
verhalfen sie im Zweiten Weltkrieg der Freiheit zum
Triumph über die Tyrannei. Dann hielt ihre mächtige
Präsenz hier 20 Jahre lang die sowjetische Bedrohung in Schach und trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Und vor nur vier Jahren, als Saddam
Hussein Kuwait angriff, schlug die furchteinflößende
Macht der 1. Panzerdivision den Irak zurück und
gewährleistete die Sicherheit am Persischen Golf.

Drei Jahre lang habe ich mich geweigert, unsere
amerikanischen Streitkräfte nach Bosnien zu entsenden, wo sie in einen Krieg hätten einbezogen werden
können. Aber ich möchte, daß Ihr zu einer Mission
des Friedens dorthin geht. Nachdem ich mit Euren
Befehlshabern gesprochen und Euch allen zugehört
habe, hege ich keinen Zweifel, daß diese Eingreiftruppe bereit zum Abmarsch ist.
Eure Mission: Den vom Krieg erschöpften Menschen
zu helfen, den von ihnen gewählten Frieden zu halten
- den Frieden, den zu bewahren sie Euch gebeten
haben.

Ich weiß, daß viele von Euch dort waren. Aber ich
möchte Euch daran erinnern, daß Ihr in nur 89
Stunden Kampf 40 feindliche Panzer, 485 Schützenpanzer, 190 Kanonen und 137 Luftabwehrkanonen
zerstört habt. Ihr könnt sehr stolz auf diese bemerkenswerte Bilanz sein.

Vor nur zwei Wochen vereinbarten die in Bosnien
kriegführenden Parteien in Dayton, ihre Waffen
niederzulegen, ihre Truppen und schweren Waffen
zurückzuziehen, freie Wahlen abzuhalten, mit dem
Wiederaufbau ihrer Häuser, Städte und ihres Lebens
zu beginnen. Aber sie benötigen Hilfe dabei, und sie
haben Amerika, unsere NATO-Verbündeten und
andere bereitwillige Länder um diese Hilfe gebeten.

Jetzt ruft Amerika Euch erneut zum Dienst. Dieses
Mal nicht mit einem Ruf in den Krieg, sondern mit
einem Ruf in den Frieden. Die Präsidenten von
Bosnien, Kroatien und Serbien haben zugestimmt,
vier lange Jahre des Krieges und der Greueltaten zu
beenden. Sie haben um Eure Hilfe bei der Umset-

Sie benötigen diese Hilfe, weil nach vier Jahren
schrecklicher Brutalität Vertrauen in Bosnien rar gesät
ist und sie Euch vertrauen, die Arbeit richtig zu
machen. Jede Seite möchte, daß die NATO ihr dabei
behilflich ist, die von ihr eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, sicherzustellen, daß alle Armeen sich

AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�hinter die Trennlinie zurückziehen und dort bleiben,
den Waffenstillstand aufrechtzuerhalten, damit der
Krieg nicht erneut ausbricht, und allen Parteien das
erforderliche Vertrauen zu vermitteln, um ihr Wort zu
halten - und ihnen auch das Vertrauen zu geben,
daß die andere Seite ebenfalls Wort hält.
Ich habe dem amerikanischen Volk versprochen,
Euch nicht nach Bosnien zu entsenden, wenn ich
nicht absolut sicher bin, daß das für Euch gesteckte
Ziel klar und realistisch ist und in ungefähr einem
Jahr erreicht werden kann. Diese Mission erfüllt
diese unerläßlichen Kriterien. Ich habe auch gelobt,
Euch erst nach Bosnien zu entsenden, wenn ich
sicher bin, daß wir alles getan haben, um die Risiken für Eure Sicherheit auf ein Minimum zu reduzieren.
Ihr wißt besser als jeder andere, daß jede Dislozierung ihre Risiken birgt. Es kann Unfälle geben. In
einem ehemals feindlichen Umfeld könnte es Zwischenfälle mit Menschen geben, die ihren Haß
immer noch nicht überwunden haben. Als Präsident
übernehme ich die volle Verantwortung für Euer
Wohlergehen. Aber ich bin auch von Stolz erfüllt in
dem Wissen, daß wir diese Mission so sicher wie
möglich machen.
Ihr werdet Euren Befehl von General Joulwan
erhalten, der Oberster Alliierter Befehlshaber Europa
(SACEUR) ist. Es wird keine Verwirrungen mit der
Befehlskette geben. Ihr seid ausgezeichnet vorbereitet, und Ihr werdet schwer bewaffnet sein.
Noch wichtiger ist vielleicht, daß Ihr gut ausgerüstet
sein werdet mit dem Ruf, der Euch vorausgeht. Dies
zusammen mit der Technologie und Ausbildung, die
Euch schützen, wird dazu führen, daß diejenigen,
die Euch angreifen wollen, es sich zweimal überlegen. Aber Ihr werdet auch ganz klare Regeln des
Engagements haben, die die wichtigste Regel von
allen in großen, fetten Buchstaben enthält: Wenn
Euch ein Angriff droht, könnt Ihr unverzüglich und
mit entschiedener Macht reagieren. Jeder sollte
wissen, daß Amerika sich um die Seinen kümmert,
wenn Amerika zur Umsetzung des Friedens beiträgt.
Eure Präsenz hier wird helfen, das von Bosnien
benötigte Klima der Sicherheit zu schaffen. Es wird
der internationalen Staatengemeinschaft gestatten,
ein massives Programm für humanitäre Hilfe und
den Wiederaufbau einzuleiten. Es wird den Menschen in Bosnien die Nahrungsmittel, die Medikamente, die Unterkunft und die Kleidung bringen, die
ihnen so lange verweigert wurden. Es wird ihnen
beim Wiederaufbau ihrer Straßen und Städte, der
Wiedereröffnung ihrer Schulen und Krankenhäuser,
ihrer Fabriken und Geschäfte helfen. Es wird vom

Seite 2

Krieg auseinandergerissene Familien wieder zusammen und Flüchtlinge in ihre Heimat zurückführen.
Es wird den Menschen wieder die stillen Segnungen
eines normalen Lebens bringen.
Nachdem ich mich zwei Tage lang für den Frieden in
Nordirland eingesetzt habe, traf ich heute morgen am
Flughafen von Dublin mit Zlata Filopovic zusammen,
einem jungen bosnischen Mädchen, deren berühmtes
Tagebuch ihrer Kriegserlebnisse in Sarajevo Millionen
von Menschen auf der ganzen Welt bewegte. Sie ist
so alt wie meine Tochter - gerade 15. Aber sie hat
Dinge gesehen, die nicht einmal Menschen, die dreioder viermal so alt sind wie sie, sehen sollten. Ich
habe ihr für ihren ergreifenden Brief gedankt, den sie
mir von einigen Tagen zur Unterstützung unserer
Friedensbemühungen in Bosnien schrieb. Und dann
habe ich ihr gesagt, daß ich Euch hier besuchen
würde.
Daraufhin sagte sie mir folgendes: "Herr Präsident,
wenn Sie in Deutschland sind, danken Sie bitte in
meinem Namen den amerikanischen Soldaten. Ich
möchte wieder nach Hause." Sie bat mich auch,
Euch und dem amerikanischen Volk dafür zu danken,
daß Ihr - mit ihren Worten - "die Tür zur Zukunft für
sie und alle Kinder in Bosnien öffnet".
Ohne Euch wird sich diese Tür schließen, wird der
Frieden scheitern, der Krieg wiederkehren, werden
die Greueltaten erneut beginnen. Der Konflikt könnte
sich dann auf die gesamte Region ausweiten, unsere
Partnerschaft mit Europa schwächen und unsere
Führungsrolle auf anderen, für unsere Sicherheit
entscheidenden Gebieten unterminieren. Ich weiß,
daß Ihr das nicht zulassen werdet.
Bei der Vorbereitung Eurer Mission bitte ich Euch, an
das zu denken, was wir alle in den letzten vier Jahren
in Bosnien gesehen haben - ethnische Säuberungen,
Massenexekutionen, Vergewaltigung von Frauen und
jungen Mädchen als Instrument des Krieges, junge
Männer, die gezwungen wurden, ihr eigenes Grab zu
schaufeln und die dann wie Tiere abgeschossen
wurden, endlose Ströme verzweifelter Flüchtlinge,
verhungernde Menschen in Konzentrationslagern.
Bilder dieses schrecklichen Unrechts haben seit
nahezu vier Jahren weltweit unsere Wohnzimmer
überflutet. Jetzt hat die Gewalt ein Ende gefunden.
Wir dürfen nicht zulassen, daß sie wieder einsetzt.
Seit Jahrzehnten ist sich unser Volk der Bedeutung
eines stabilen, starken und freien Europas für unsere
Sicherheit bewußt.
Deshalb haben wir in zwei
Weltkriegen gekämpft. Deswegen sind wir nach dem
Zweiten Weltkrieg Verpflichtungen eingegangen, die
Europa Freiheit und Frieden gaben und für uns und
die Europäer einzigartigen Wohlstand geschaffen

AMERIKA DIENST 33

�haben. Aus diesem Grund seid Ihr - selbst nach
dem Ende des Kalten Krieges - immer noch hier.

Herausforderungen und des Wandels die Stärke
unseres Landes zu bewahren.

Europa kann unser stärkster Partner bei der Bekämpfung dessen sein, was die Sicherheit unserer
Kinder bedroht - Terrorismus, organisiertes Verbrechen, Drogenhandel, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Es kann jedoch nur dann
ein starker Partner sein, wenn wir den im Herzen
Europas - in Bosnien - wütenden Krieg beenden.
Wir müssen hieran mit den Europäern zusammenarbeiten, wenn wir auch alle anderen Probleme
angehen wollen, die in Zukunft unsere Sicherheit
gefährden.

Eure Mission in Bosnien ist klar. Ihr seid stark, Ihr
seid gut vorbereitet, und die Situation erfordert eine
Führungsrolle Amerikas, die Ihr bietet. Ihr hört das
nicht nur von mir. Ich selbst habe es von Euren
Kindern gehört. Eine Englischlehrerin der siebten
Klasse der Baumholder High School, Patricia Dengel,
forderte ihre Schüler auf, Briefe an ihre Eltern zu
schreiben, die sich auf den Einsatz in Bosnien
vorbereiten. Ich habe einige dieser Briefe gesehen
und war bewegt. Ich war bewegt aufgrund der von
ihnen ausgedrückten Ängste, aber noch mehr von
ihrem Stolz auf Euch und dem Vertrauen, das sie in
Euch setzen.

Wenn die Menschen fragen - und bisweilen tun sie
das in unserem Land, weil sie sich solche Sorgen
um Euch machen - warum die Europäer das nicht
ohne uns tun können, dann erinnert Euch daran,
daß wir bei der Operation Wüstensturm viele Nationen um Hilfe baten, die uns zur Seite standen,
obwohl sie es nicht mußten. Und als wir in Haiti
eine Führungsrolle übernahmen, erhielten wir
Unterstützung von vielen anderen Nationen, die kein
direktes Interesse an Haiti hatten, jedoch unserem
Ruf Folge leisteten und an unserer Seite standen.
Jetzt werden wir in Bosnien gebraucht. Ihr werdet
gebraucht.
Männer und Frauen der Task Force Eagle, ich weiß,
daß die Last der Führungsrolle unseres Landes jetzt
am schwersten auf Euch und Euren Familien ruht.
Jeder einzelne von Euch, der sich freiwillig zum
Dienst an diesem Land gemeldet hat, bringt große
Opfer. Wir werden Euch für eine lange Zeit weit fort
von der Heimat schicken. Wir trennen Euch von
Euren Kindern und Euren Lieben. Das ist die Last,
die Ihr für Amerika tragt: Für unsere Werte einzutreten, unseren Interessen zu dienen, in dieser Zeit der

*

AMERIKA DIENST 33

*

Justin Zimmermans Vater, Hauptmann Ronald
Zimmerman, ist Kompaniekommandeur beim 40.
Pionierbataillon. Justin schrieb folgendes: "Vati, ich
weiß, daß es Dir nach der ganzen Ausbildung, die Du
hattest, in Bosnien gutgehen wird. Ich werde Dich
vermissen und die Tage zählen, bis wir Dich wiedersehen." Und Rachel Bybee, deren Vater, Major Leon
Bybee, Arzt bei der Sanitätstruppe ist, teilt ihm mit:
"Ich bin stolz auf Deine Arbeit, die darin besteht,
anderen zu helfen. Es muß für Dich ein wunderbares
Gefühl sein, Leben zu retten."
Eure Kinder wissen, daß Ihr Helden für den Frieden
seid, und die Kinder in Bosnien werden es auch bald
wissen. Euer Land und ich salutieren vor Euch. Wir
wünschen Euch für die kommenden Tage und
Monate Gottes Segen. Ihr tut etwas, das äußerst
wichtig für Eure Nation, äußerst wichtig für die Welt,
äußerst wichtig für die Zukunft ist, die Ihr Euren
Kindern wünscht.
Gott schütze Euch alle, und Gott schütze Amerika.

*

*

Seite 3

�BOSNIEN
6. Dezember 1995

Unterstützung der USA für dauerhaften Frieden
in Bosnien erforderlich
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - "Jetzt haben wir dank der Stärke und Diplomatie Amerikas die Chance zur Sicherung
eines dauerhaften Friedens" in Bosnien, erklärte Außenminister Christopher, aber "wir werden unser Ziel nur
dann erreichen, wenn Amerika weiterhin eine Führungsrolle übernimmt". Bei der ersten einer Reihe von
Anhörungen im Kongreß zur amerikanischen Politik gegenüber Bosnien nach der Paraphierung des
Abkommens von Dayton (Ohio) teilte US-Außenminister Warren Christopher dem Ausschuß des
Repräsentantenhauses für internationale Beziehungen am 30. November 1995 mit: "In Dayton haben wir
jedoch auf konkreten und detaillierten Zusagen bei den entscheidenden, die Parteien spaltenden Fragen
bestanden. Weil das Abkommen umfassend ist, wird es sehr viel wahrscheinlicher Bestand haben."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung Außenminister Christophers bei der Anhörung im
Wortlaut.

Am Montag abend (27. November) sprach Präsident
Clinton zur Nation und erklärte, warum amerikanische Truppen gemeinsam mit unseren NATOVerbündeten dazu beitragen sollten, daß der Frieden
in Bosnien-Herzegowina Fuß fassen kann. Verteidigungsminister Perry, General Shalikashvili und
ich sind hier, um unsere Ziele und Pläne näher zu
erläutern, Ihre Fragen zu beantworten und Ihre
Unterstützung anzustreben.
Wir haben eine grundlegende Entscheidung zu
treffen. Wie der Präsident deutlich machte, wird es
keine NATO-Streitmacht geben, wenn sich die
Vereinigten Staaten nicht daran beteiligen. Wenn es
keine NATO-Streitmacht gibt, wird es keinen Frieden
in Bosnien geben, und der Krieg flammt erneut auf.
Wir brauchen uns die Konsequenzen gar nicht
auszumalen. Wir wissen, was geschehen würde:
Es gäbe weitere Massaker, weitere Konzentrationslager, mehr Hunger, die reale Bedrohung eines
größeren Krieges sowie enormen Schaden für
unsere Führungsrolle in der NATO, in Europa und
auf der Welt. Das ist die Alternative, die wir vermeiden können und müssen. Wir müssen weiterhin
den Frieden sichern.
Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ist eine
Bedrohung für die Interessen unserer Nation und ein
Affront gegen die Werte unserer Nation. Wir wurden
Zeuge der Schrecken und Greueltaten, die meine
Generation - die im Zweiten Weltkrieg kämpfte -

AMERIKA DIENST 33

einst als der dunklen und entfernten Vergangenheit
zugehörig erachtete. Wir wurden mit der ständigen
Bedrohung eines größeren, noch schrecklicheren
Krieges in einem instabilen Teil Europas konfrontiert.
Wir mußten die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß
unsere Truppen aufgefordert würden, unsere in
Bosnien unter Beschuß geratenen Verbündeten zu
retten.
Diesen Sommer erreichte der Konflikt in Bosnien
einen kritischen Punkt. Der Präsident leitete eine
sorgfältig geplante Initiative ein, die uns Schritt für
Schritt von den schrecklichsten Ereignissen des
Krieges - dem Fall von Srebrenica und Zepa - bis zu
diesem hoffnungsvollen Punkt führte.
Auf der Londoner Konferenz im Juli überredeten wir
unsere Verbündeten, entschiedene Maßnahmen zur
Sicherung der in Bosnien verbliebenen Schutzzonen
zu ergreifen. Wir flogen NATO-Bombenangriffe, um
die bosnischen Serben zu überzeugen, daß eine
Fortsetzung des Krieges keine weiteren Gewinne
bringen kann. Unsere Diplomatie führte zu einem
Waffenstillstand und einer Reihe verfassungsmäßiger
Grundsätze für einen einheitlichen bosnischen Staat.
Und vergangene Woche führten wir die Parteien zu
einem umfassenden Abkommen in Dayton. Die
offizielle Unterzeichnung dieses Abkommens findet
am 14. Dezember in Paris statt.
Als Ergebnis der Initiative des Präsidenten wurden
die Kämpfe eingestellt. Jetzt haben wir dank der

Seite 1

�Stärke und Diplomatie Amerikas die Chance zur
Sicherung eines dauerhaften Friedens. Wir werden
unser Ziel nur dann erreichen, wenn Amerika weiterhin eine Führungsrolle übernimmt. Die Parteien sind
um des Friedens willen Risiken eingegangen, und
wir müssen sie auch weiterhin unterstützen.
Wir haben ganz offensichtlich ein nationales Interesse an der Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben großes Interesse an der Beendigung der
schlimmsten Greueltaten in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg - Greueltaten, die um so schlimmer sind,
als sie gegen bestimmte Gruppen von Menschen
aufgrund ihres Glaubens begangen wurden. Durch
unseren Beitrag zur Schaffung des Friedens können
wir sicherstellen, daß die Menschen in Bosnien keine
Tage mehr im Kugelhagel, keine Winter mehr mit
frisch ausgehobenen Gräbern, keine Jahre der
Isolation von der sie umgebenden Welt verbringen
müssen.
Wir haben großes Interesse daran sicherzustellen,
daß sich dieser Konflikt nicht ausweitet. Bosnien
liegt an einer gefährlichen Stelle in einer unbeständigen Region Europas. Im Süden gelegen sind der
Kosovo, Albanien und die ehemals jugoslawische
Republik Makedonien - die wahrscheinlichsten
Brennpunkte eines größeren Krieges - sowie die
beiden NATO-Mitglieder Griechenland und die
Türkei. Im Norden und Osten befinden sich Ungarn,
Rumänien und Bulgarien - noch auf tönernen Füßen
stehende neue Demokratien, für die die Aussicht
eines ethnischen Konflikts auf dem Balkan eine
große Gefahr darstellt. Im Norden liegt auch die
ostslawonische Region Kroatien, von der ein regionaler Krieg ausgehen könnte, wenn das Abkommen
von Dayton nicht umgesetzt wird.
Der Frieden in diesem Teil Europas ist für die
Vereinigten Staaten von Bedeutung, weil Europa für
die Vereinigten Staaten von Bedeutung ist. Wir
haben zweimal in diesem Jahrhundert Millionen
amerikanischer Soldaten über den Atlantik in den
Krieg geschickt. Der erste große Krieg dieses
Jahrhunderts begann mit Gewalt in Sarajevo. Der
zweite begann mit Aggression in Zentraleuropa
sowie mit Schrecken, die von der Welt ignoriert
wurden, bis es zu spät war. Seitdem haben unsere
führenden Politiker - Republikaner und Demokraten
gleichermaßen - zum Schutz unseres elementaren
Interesses an europäischer Stabilität gehandelt.
Wenn wir diese Chance für den Frieden nicht
ergreifen, könnten wir mit der Aussicht auf weitaus
kostspieligere und gefährlichere Aktionen konfrontiert
werden, als wir sie jetzt erörtern.

Seite 2

Die Vereinigten Staaten haben auch ein elementares
Interesse an der Beibehaltung ihrer weltweiten
Führungsrolle. Jetzt in Bosnien zu handeln, ist eine
Feuerprobe amerikanischer Führung. Nachdem wir
diese Chance für den Frieden geschaffen haben,
können wir es uns nicht leisten, ihr den Rücken zu
kehren. Aus meiner persönlichen Erfahrung als
Außenminister kann ich Ihnen sagen: Wenn wir als
Staat angesehen werden, der seine eigenen Initiativen nicht zu Ende bringt, wird sich uns niemand
anschließen - nicht in Europa, nicht im Nahen Osten,
nicht in Asien, nirgends.
Herr Vorsitzender, das in Dayton paraphierte Abkommen fördert unsere nationalen Interessen und
gibt uns allen Grund zu glauben, daß der Frieden in
Bosnien Fuß fassen kann. Das Abkommen wurde
vor dem Hintergrund von vier Jahren blutigen Krieges
in 21 Tagen ausgehandelt. Es enthält viele hart
erkämpfte Kompromisse. Bei jeder wichtigen Frage
hält es jedoch die grundsätzlichen und praktischen
Normen ein, auf denen mein Verhandlungsteam und
ich bestanden haben. Dieses Abkommen beinhaltet
nicht nur Ziele, sondern auch Mittel.
Es bewahrt Bosnien als einheitlichen Staat mit
föderalen Institutionen, die kroatische, muslimische und serbische Volksgruppen gleichermaßen
vertreten.
Es vereinigt Sarajevo erneut innerhalb der Föderation von Bosnien und Herzegowina und verbindet Gorazde durch einen sicheren Landkorridor
mit der Föderation.
Es gibt den Menschen in Bosnien das Recht auf
Freizügigkeit im gesamten Land. Es gibt den
Flüchtlingen das Recht auf Rückkehr in ihre
Häuser. Und es schafft einen Mechanismus zur
Regelung von Besitzansprüchen.
Es ermöglicht die Veranstaltung demokratischer
Wahlen unter internationaler Kontrolle im nächsten
Jahr. Ich habe in Dayton Stunden gebraucht, um
die Parteien davon zu überzeugen, daß die
Flüchtlinge selbst entscheiden sollen, ob sie an
ihrem derzeitigen Aufenthaltsort zur Wahl gehen
oder in ihrer ursprünglichen Heimat.
Das Abkommen schließt aus, daß Kriegsverbrecher ein Amt übernehmen. Und es verpflichtet
alle Parteien explizit, bei der Ermittlung und
Verfolgung von Kriegsverbrechen zusammenzuarbeiten.
Es schützt Menschenrechte und schafft neue
Institutionen zur Ermittlung und Bestrafung von
Menschenrechtsverletzungen.

AMERIKA DIENST 33

�Vor allem beendet es den Krieg und verlangt von
den Parteien, ihre Streitkräfte hinter vereinbarte
Linien zu verlegen.
Bei Verhandlungen wie diesen ist man manchmal
versucht, das Verfahren abzukürzen und die schwierigsten Themen in mehrdeutiger Weise zu behandeln. In Dayton haben wir jedoch auf konkreten und
detaillierten Zusagen bei den entscheidenden, die
Parteien spaltenden Fragen bestanden. Weil das
Abkommen umfassend ist, wird es sehr viel wahrscheinlicher Bestand haben.
Langfristig wird der Wiederaufbau der bosnischen
Gesellschaft enorme Anstrengungen erfordern. Aber
zumindest kann jetzt damit begonnen werden.
Schließlich hat Bosnien nur mit dem Frieden eine
Chance, als einheitlicher Staat zu existieren. Nur mit
dem Frieden hat es eine Chance zum Aufbau einer
multiethnischen Demokratie. Nur mit dem Frieden
werden wir eine Chance haben, Kriegsverbrecher
vor Gericht zu bringen und sicherzustellen, daß
keine weiteren Kriegsverbrechen begangen werden.
Das Abkommen von Dayton erfordert von den
Parteien, außerordentlich schwierige Schritte auf
dem Weg zum Frieden zu unternehmen. Meines Erachtens ist jeder bereit, seine Verpflichtungen zu
übernehmen, aber nur, wenn alle Vertrauen haben,
daß die anderen Parteien ihre übernehmen. Alle
Parteien haben eindeutig klargestellt, daß sie nur zu
einer Lösung gelangen, wenn die NATO bereit ist,
die Truppe zur Umsetzung des Friedens (Implementation Force - IFOR) anzuführen.
Verteidigungsminister Perry und General Shalikashvili werden im einzelnen auf unsere Beteiligung
an der IFOR eingehen. Ich möchte jedoch einige
der Fragen ansprechen, von denen ich weiß, daß sie
Sie beschäftigen.
Ich weiß, daß viele Amerikaner sich fragen, warum
Europa nicht alle Bodentruppen für diese NATOStreitmacht zur Verfügung stellen kann. Die NATO
ist auf die Teilung der Lasten und Risiken gegründet.
Wir sind das größte Mitglied der NATO, das Kernstück ihrer Stärke und Entschlußkraft. Das Bündnis
kann nicht die größte Mission in seiner Geschichte
durchführen, wenn wir nicht unseren Beitrag leisten.
Gleichzeitig sollten wir uns vor Augen führen, daß
andere Nationen, darunter nahezu alle unsere
NATO-Verbündeten, Rußland und viele andere
unserer neuen Partner in Zentraleuropa zwei Drittel
der Truppen für die IFOR bereitstellen.
Andere haben gefragt, ob die Parteien nach vier
Jahren des Blutvergießens bereit sind, dieses Abkommen umzusetzen.
Wir müssen uns daran

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erinnern, daß wir dieses Abkommen erzielten, weil
der Frieden der Schlüssel zu dem ist, was die Parteien vom Wiederaufbau, von der Justiz, vom erneuten
Beitritt zur internationalen Staatengemeinschaft
erwarten. Wir haben das Abkommen formuliert um
zu gewährleisten, daß es durchgeführt wird. Wir
haben sichergestellt, daß die Sanktionen gegen
Serbien, unser Hauptdruckmittel gegen das Land,
wieder verhängt werden, wenn das Abkommen nicht
umgesetzt wird. Die Sanktionen gegen die bosnischen Serben bleiben in Kraft, bis sie ihre Truppen
hinter die vereinbarte Grenze der Serbischen Republik zurückziehen. Darüber hinaus werden unsere
Truppen die Stärke und Befugnis zur Durchsetzung
der entscheidenden militärischen Bestimmungen des
Abkommens haben.
Ich möchte auch unterstreichen, es reichte mir nicht
aus, daß Präsident Milosevic speziell befugt war, das
Abkommen im Namen der bosnischen Serben
auszuhandeln. Ich habe darauf bestanden, daß es
auch von den bosnischen Serben paraphiert wird. In
Dayton versprach Präsident Milosevic, ihre Zustimmung binnen zehn Tagen einzuholen. Es stellte sich
heraus, daß es ihm in nur zwei Tagen gelang. Diese
Art von Reaktion vertieft mein Vertrauen, daß dieses
Abkommen umgesetzt wird.
Herr Vorsitzender, während unserer Verhandlungen
in Dayton haben wir konstant auf einem Abkommen
bestanden, daß unser Militär durchführen und in Kraft
setzen kann. Jeder Teil des Abkommens war sorgfältig so formuliert, daß er den Erfordernissen unserer
Streitkräfte und dem Rat der Militärs in unserem
Team Rechnung trug. Infolgedessen enthält der
Anhang mit den militärischen Bestimmungen des
Abkommens die Art von detaillierten Verfügungen, die
unser Militär für seine Aufgabe als unerläßlich erachtete.
Ich darf Ihnen versichern, daß die IFOR-Mission
genau definiert und begrenzt ist. Unsere Truppen
werden die militärischen Aspekte des Abkommens
umsetzen - die Durchsetzung des Waffenstillstands,
die Überwachung des Abzugs der Streitkräfte und die
Einrichtung einer Trennzone zwischen ihnen. Aber
das Militär wird nicht gebeten, den Erfolg der Demokratie oder des Wiederaufbaus zu garantieren, oder
als Polizist aufzutreten. Eine der Lektionen, die wir
in den vergangenen Jahren gelernt haben, lautet, daß
unser Militär nicht der ständige Garant des Friedens
sein sollte. Es sollte Chancen schaffen, die andere
dann ergreifen müssen.
Weil die IFOR-Mission genau definiert ist, haben wir
einen klaren Endpunkt, den Verteidigungsminister
Perry im einzelnen erläutern wird. In diesem Zusammenhang möchte ich unterstreichen, daß wir uns

Seite 3

�zur Erlangung eines stabilen militärischen Gleichgewichts in Bosnien und zwischen den Staaten des
ehemaligen Jugoslawien verpflichtet haben, damit
der Frieden von Dauer sein wird. Dies sollte weitgehend durch Rüstungsbegrenzungen und -reduzierungen erreicht werden.
Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß Rüstungskontrollmaßnahmen allein ausreichen werden, um
eine militärische Stabilisierung herbeizuführen. Die
Streitkräfte der Föderation, die durch das Waffenembargo am härtesten betroffen waren, werden voraussichtlich Gerät und Ausbildung benötigen, um eine
effektive Fähigkeit zur Selbstverteidigung aufzubauen.
Die Vereinigten Staaten werden ihrerseits
sicherstellen, daß die Streitkräfte der Föderation die
erforderliche Unterstützung erhalten. Weder die
IFOR noch das amerikanische Militär werden direkt
an diesem Vorhaben beteiligt sein. Der beste
Ansatz für die Vereinigten Staaten - und der, den wir
verfolgen werden - ist die Koordinierung der internationalen Bestrebungen zur Bereitstellung der
erforderlichen Hilfe.
Zivile Behörden auf der ganzen Welt werden ein
getrenntes Programm durchführen, um den Menschen in Bosnien beim Wiederaufbau behilflich zu
sein. Unsere europäischen Verbündeten werden
den Großteil dieses lebenswichtigen zivilen Unternehmens finanzieren. Internationale Organisationen
werden auch eine wichtige Rolle spielen. Die OSZE
wird die Wahlen überwachen. Der UNHCR wird die
Rückkehr der Flüchtlinge koordinieren. Die Weltbank und der IWF werden bei der Gesundung der
bosnischen Wirtschaft behilflich sein, wobei auch die

EU eine führende Rolle übernimmt. Die Vereinten
Nationen werden bei der Überwachung und Ausbildung der örtlichen Polizei helfen.
Aber keine dieser wichtigen Aufgaben wird durchgeführt, wenn das Friedensabkommen nicht Bestand
hat. Es gibt kein Mittelding zwischen Frieden und
Krieg in Bosnien. Und bei der Wahl zwischen
Frieden und Krieg "muß Amerika den Frieden wählen", wie Präsident Clinton es am Montagabend so
einfach formulierte.
In vielen Jahren werden die Menschen zweifelsohne
auf diesen Monat der Geschichte als den entscheidenden Wendepunkt für die Vereinigten Staaten und
Europa zurückblicken. Er soll als der Augenblick
erinnert werden, in dem unser Land die von uns
geschaffene Chance für Frieden ergriff, nicht als der
Augenblick, in dem wir zögerten zu handeln.
Der Präsident hat seine Wahl getroffen. Die Vereinigten Staaten müssen als die große Nation handeln, die sie sind. Wir müssen unsere Interessen
schützen. Wir müssen für unsere Ideale eintreten.
Wir müssen unsere Versprechen halten. Und wir
müssen eine Führungsrolle übernehmen.
In den kommenden Tagen, Herr Vorsitzender, wird
die Administration weiterhin enge Konsultationen mit
Ihnen und dem Kongreß führen. Wir werden weiterhin ebenso hart auf die überparteiliche Zustimmung
des Kongresses hinarbeiten wie auf die Unterstützung und das Verständnis des amerikanischen
Volkes. Es ist offensichtlich, daß wir weitermachen
müssen.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 33

�AUSSENPOLITIK
6. Dezember 1995

Die Rolle der Vereinigten Staaten als weltweiter Vermittler
von Amitai Etzioni
(AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels beschäftigt sich mit der produktiven Rolle der Vereinigten
Staaten als Vermittler in verschiedenen Konfliktsituationen im Zeitalter nach dem Kalten Krieg und vertritt die
Ansicht: "Verfechter der reinen Realpolitik möchten vielleicht nur handeln, wenn die nationalen Interessen der
Vereinigten Staaten direkt betroffen sind, aber im Zeitalter der Massenkommunikation spielt die öffentliche
Meinung eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen, und die idealistische Seite der öffentlichen
Meinung - die Facetten der öffentlichen Psychologie, die ihren Ausdruck in den Rufen nach Hilfe für die
Menschen in Ruanda und nach Verteidigung des belagerten Bosnien fanden - kann nicht ignoriert werden.
Vermittlung ist eine konstruktive Antwort auf diese mitfühlende Seite der amerikanischen Natur."
Der Verfasser ist Professor an der George Washington University, Gründer und Vorsitzender von The
Communitarian Network und Autor von The Spirit of Community (1994).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Washington Quarterly, Band 18,
Nr. 3, Sommer 1995, S. 75-87, Amitai Etzioni, "Mediation as a World Role for the United States". Copyright
(c) 1995 Center for Strategie and International Studies sowie das Massachusetts Institute of Technology.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine gekürzte Version des Artikels von Amitai Etzioni.

Allmählich und in gewisser Weise unbeabsichtigt
haben die Vereinigten Staaten in der Welt nach dem
Kalten Krieg eine neue Rolle entwickelt. Diese neue
Rolle ist von Zurückhaltung geprägt und paßt zu der
Notwendigkeit, sich auf vernachlässigte innenpolitische Fragen wie den Abbau des Haushaltsdefizits
und die Reform des Sozialwesens zu konzentrieren.
Selbst im außenpolitischen Bereich ist das neue
diplomatische Paradigma von einem großen Thema
überschattet, das noch aus früheren Zeiten stammt der Vorstellung, daß die Vereinigten Staaten auf der
ganzen Welt Demokratie und Menschenrechte
fördern können und sollten.
Die neue Rolle der Vereinigten Staaten ist die eines
weltweiten Vermittlers. Statt als Weltpolizist zu
fungieren, hat Amerika bei verschiedenen Gelegenheiten den Konfliktparteien seine guten Dienste
angeboten und sich um die Lösung seit langem
schwelender Konflikte bemüht.
Normalerweise
befanden sich die betroffenen Parteien in einer
Pattsituation und waren der Ansicht, die Hilfe einer
dritten Partei könnte nützlich sein. Die Bestimmungen von dank Vermittlung erzielten Lösungen und
ihre Einhaltung werden den versöhnten Parteien
normalerweise nicht von den Vereinigten Staaten
oder einer anderen Macht aufoktroyiert, sondern

AMERIKA DIENST 33

freiwillig befolgt. In manchen Fällen bieten die
Vereinigten Staaten wirtschaftliche Anreize, um die
Parteien zu einer Fortsetzung ihrer Versöhnungsarbeit zu ermutigen, die zu einer Lösung des Konflikts
Gelangten zu belohnen oder die Schwierigkeiten des
Übergangs für die betroffenen Parteien zu verringern
- aber weiter geht die Rolle der Vereinigten Staaten
nicht. Die Möglichkeit, Streitkräfte zwischen die
ehemaligen Konfliktparteien zu stellen, wurde ebenfalls erwähnt, beispielsweise für die Golanhöhen,
aber im Grunde genommen setzen sich die Ergebnisse der Vermittlung - weil sie von den betroffenen
Parteien freiwillig akzeptiert wurden - von selbst
durch.
Die Verdienste der weltweiten Vermittlungstätigkeit
hervorzuheben bedeutet nicht, daß es sich hier um
die einzige Rolle handelt, die Amerika übernimmt
oder übernehmen sollte. Wenn der Irak in SaudiArabien einmarschieren würde, müßten die Vereinigten Staaten zweifellos ihren Verpflichtungen als
Verbündeter nachkommen und ihre militärische Macht
einsetzen, anstatt zu vermitteln. Während des Kalten
Krieges gab es Gelegenheiten, bei denen die Vereinigten Staaten vermittelnd tätig waren. Es besteht
jedoch ein großer Unterschied zwischen Vermittlung
als einem Instrument unter vielen in einer ganzen

Seite 1

�diplomatischen Trickkiste und Vermittlung als Hauptinstrument der Vereinigten Staaten in der Welt nach
dem Kalten Krieg, in der zahlreiche Parteien befreit
von ihren früheren Verpflichtungen gegenüber einem
Block herauszufinden versuchen, wie sie in dem
neuen internationalen Umfeld vorgehen sollen.
Die von den Vereinigten Staaten geförderte Versöhnung bietet entscheidende wirtschaftliche und
soziale Vorteile und trägt zusätzlich zur Vermeidung
der Möglichkeit bei, daß ungelöste Konflikte zu
Kriegen führen, beispielsweise zwischen Syrien und
Israel. Im Zuge der längerfristigen Verringerung von
Spannungen setzen immer mehr Länder ihre vormals für Streitkräfte, Waffen und Nachrichtendienste
aufgewandten beträchtlichen Ressourcen für friedliche Zwecke ein. Neue Stabilität in den Beziehungen
zwischen Nachbarländern kann die Chance für
Handel mit Außenseitern erhöhen und Auslandsinvestitionen fördern. Diese anfänglich durch eine
Abnahme zwischenstaatlicher Spannungen und
Konflikte hervorgerufenen Entwicklungen untermauern wiederum den entstehenden Frieden.
Mit der Zeit fand die Rolle Amerikas bei der Förderung dieser Entwicklungen Anerkennung und sogar
Lob. In dieser Hinsicht sind die lokalen und internationalen Reaktionen positiv - im Vergleich zu den
typischen Reaktionen auf amerikanische Militärinterventionen, wirtschaftlichen Boykott und Druck auf
bestimmte Länder zur Umsetzung wirtschaftlicher
Stabilisierungsprogramme.
Im Falle eines Scheiterns der amerikanischen
Vermittlungsbemühungen ist andererseits das Risiko
für die Vereinigten Staaten sehr gering. Die Gefahr
einer militärischen Verwicklung oder der Schwierigkeit, sich wieder zurückzuziehen, der sich die
amerikanischen Truppen in Somalia, ganz zu
schweigen von Vietnam, gegenübersahen, hat stark
abgenommen.
Es besteht nur eine geringe Notwendigkeit für große
wirtschaftliche Auslagen, denn Vermittlung beinhaltet
in der Regel wenig mehr als den Einsatz geschickter
Diplomaten, Pendeldiplomatie, Staatsbesuche und
ähnlichem. Wie bereits erwähnt, boten die Vereinigten Staaten bei mehreren Gelegenheiten
Wirtschaftshilfe an, um den Vermittlungsprozeß
voranzubringen. Diese Hilfe ist jedoch kein wesentlicher Bestandteil des Prozesses, da mehrere Vermittlungsbemühungen auch ohne wirtschaftliches
Zuckerbrot erfolgreich waren. Wenn diese Hilfe
gewährt wurde, erschien sie im Vergleich zu der als
führendem außenpolitischen Instrument Eingesetzten
relativ gering.

Seite 2

Ein wichtiger Grund dafür, daß Vermittlung zumindest
einige Früchte trägt, liegt darin, daß die Parteien sich
normalerweise dann an einen Tisch setzen, wenn sie
des Konflikts müde und ihre eigenen Bestrebungen
zur Überwindung der Differenzen gescheitert sind.
Mit anderen Worten: Sie kommen, wenn ihr Konflikt
"reif" für die Vermittlung ist und die von den Vereinigten Staaten gebotene Chance von ihnen gesucht
oder zumindest begrüßt wird. Im Gegensatz dazu
wurde die Hilfe der Vereinigten Staaten, wenn diese
eine andere internationale Rolle übernahmen, nicht
so offensichtlich gesucht und nicht so gut aufgenommen.
Selbst im Falle des Scheiterns eines Vermittlungsversuchs ist es oftmals offensichtlich, daß der Fehler
bei einer unnachgiebigen Partei (oder mehreren)
liegt, und nicht beim Vermittler. Und weil ein Dialog
stattfand, besteht oft die begründete Vorstellung, daß
zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft zusätzliche
Vermittlungsbemühungen stattfinden und schließlich
erfolgreich sein könnten. Somit werden die grundlegende Rolle der Vereinigten Staaten und ihre Absichten selbst unter diesen Umständen gewürdigt wenn auch nicht von allen Beteiligten, so doch
sicherlich von der übrigen Welt. Das kann man
jedoch nicht von der Rolle behaupten, die die Vereinigten Staaten übernahmen, als sie an Orten wie
Nicaragua, Grenada und Panama aggressiver vorgingen.
Ein Grund dafür, daß die Vereinigten Staaten ihre
Rolle als weltweiter Vermittler nicht weiterentwickelten, und eine wichtige Begründung, warum ihr Beitrag
keine volle Anerkennung fand, liegt darin, daß ihre
führenden Politiker eine Überschattung dieser Rolle
von den oftmals vergeblichen Bestrebungen nach
einer Fortsetzung veralteter Außenpolitik zuließen.
Überkommene Vorstellungen sind bei so schwierigen
Initiativen am Werk wie den Versuchen, China zu
einer Respektierung der Menschenrechte zu veranlassen, die Republiken der ehemaligen Sowjetunion zur Einführung echter Demokratie zu bewegen
sowie - und das ist eine Sisyphusarbeit - die Demokratie in Haiti "wiederherzustellen" (wo es sie nie gab
und es sehr unwahrscheinlich ist, daß sie Fuß faßt,
ungeachtet dessen, was die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten unternehmen). Selbst diejenigen,
die weitaus optimistischer als der Autor hinsichtlich
der Fähigkeit der Vereinigten Staaten sind, die Welt
zur Demokratie zu führen, sollten die Vorteile einer
weltweiten Vermittlerrolle als Zentrum der Außenpolitik würdigen - auch wenn die Vereinigten Staaten
weiterhin ihrem Anliegen einer Förderung der Menschenrechte und idealerweise auch der Demokratie
Ausdruck verleihen.

AMERIKA DIENST 33

�Die Vereinigten Staaten als Vermittler
In mehr oder minder großem Ausmaß und bisweilen
auf indirekte Weise übernahmen die Vereinigten
Staaten auf der internationalen Bühne eine Rolle als
Vermittler. Bei den Verhandlungen zwischen Israel
und der PLO waren die Vereinigten Staaten 1993
zunächst bestenfalls indirekt an einer Einleitung von
Verhandlungen beteiligt. Ihre vermittelnde Tätigkeit
wurde im Zuge der Fortsetzung des eingeleiteten
Prozesses zunehmend wichtiger. Wie bei vielen
anderen Vermittlungsbestrebungen ist die Arbeit
noch lange nicht getan, und man weiß nie, ob die
Errungenschaften des vergangenen Jahres nicht
einmal wieder rückgängig gemacht werden.
Beim Verhältnis zwischen Israel und Jordanien
waren die Vereinigten Staaten ein zentraler Faktor,
und auch zwischen Israel und Syrien griffen sie
vermittelnd ein, als Syrien nach dem Zusammenbruch der früheren Sowjetunion ihre Schutzmacht
verloren und Interesse an Friedensgesprächen
bekundet hatte.
Im Baltikum ermöglichte Amerika den Abschluß des
russischen Rückzugs aus den baltischen Staaten
und trug insbesondere zur Beseitigung verbleibender
Schwierigkeiten zwischen Rußland und Estland bei.
Durch die Vermittlung zwischen Rußland und der
Ukraine erzielten die Vereinigten Staaten eine
Umkehr des Prozesses der Weiterverbreitung von
Atomwaffen: Ein ehemals im Besitz von Atomwaffen
befindliches Land verzichtete freiwillig auf diese
Waffen, ohne daß ein einziger Schuß fiel. Dies lag
im Interesse der beteiligten Länder, Amerikas und
der ganzen übrigen Welt.
Die von Amerika übernommene Rolle im Nordirlandkonflikt führte zu einem Waffenstillstand, der
mit jedem weiteren Tag dauerhafter wird und nach
anfänglicher Kritik auf Seiten britischer und amerikanischer Journalisten, Politiker und Bürokraten jetzt
breite Zustimmung findet.
Im Fall von Griechenland und Makedonien unternahmen die Vereinigten Staaten den Versuch,
Abkommen über eine Beendigung des griechischen
Embargos auszuhandeln und eine Anerkennung von
Makedonien durch die EG (jetzt EU) zu ermöglichen.
Ohne daß für sie direkt etwas auf dem Spiel stand,
bewältigten die Vereinigten Staaten geschickt eine
lange Liste großenteils symbolischer Fragen und
erreichten eine Annäherung der Parteien. Ferner
trugen sie zur Anerkennung Makedoniens als
unabhängigem Staat bei. Hier handelt es sich um
einen Fall präventiver Vermittlung: Die Vermeidung

AMERIKA DIENST 33

von Konflikten, bevor sie überhaupt auftreten, was
oftmals die beste Art von Vermittlung ist.
Die Entwicklungen in Nordkorea 1994 sind ein
Beispiel für Vermittlung im eingegrenzten Sinn, die
durch andere Mittel ergänzt wurde und Bestandteil
eines vielschichtigen außenpolitischen Ansatzes ist.
In Haiti war nicht Vermittlung, sondern die Drohung
mit militärischer Stärke der wichtigste Auslöser für die
Aufgabe der haitianischen Generäle. Hier fand keine
Vermittlung zwischen zwei anderen Staaten statt,
sondern der ehemalige Präsident Jimmy Carter
vermittelte zwischen Haiti und den Vereinigten
Staaten. Es handelt sich um einen Grenzfall, bei
dem die Vermittlung einen Beitrag leistete, die
Vereinigten Staaten jedoch nicht ihre neue Rolle als
Vermittler in der Zeit nach dem Kalten Krieg ausübten.
Zwei Herausforderungen
Die These, daß die Vereinigten Staaten klug ihre
Rolle als internationaler Friedensstifter durch Vermittlung statt auf der Spitze von "Peacemakers" genannten Raketen entwickeln, muß zwei Fragen ansprechen. Welche Beziehung besteht zwischen Vermittlung und anderen Instrumenten der Außenpolitik, weil
niemand behauptet, dies sei das einzige Instrument?
Und welche Beziehung besteht zwischen Vermittlung
und elementarer Gerechtigkeit, weil Vermittlung die
Lösung des Konflikts anstrebt, selbst wenn es die
Beschwichtigung von Tyrannen bedeutet - eine
Frage, die durch Präsident Carters Bemühungen auf
diesem Gebiet aufgeworfen wurde?
Vermittlung ist eindeutig Teil eines Pakets von
Instrumenten, die ineinander übergreifen. Die Vermittlung in Korea (und Carters Rolle in Haiti) wäre
wahrscheinlich nicht möglich gewesen, wenn ihr nicht
die implizite Androhung von Gewalt und Wirtschaftssanktionen vorausgegangen wäre. Und dasselbe gilt
auch andersherum: Wenn die Vermittlerrolle nicht
erfolgreich gewesen wäre, hätten die Vereinigten
Staaten Gewalt anwenden oder Sanktionen verhängen müssen, auch wenn sie aus zahlreichen Gründen
nicht dazu geneigt gewesen wären. Der Punkt ist
jedoch nicht, daß man Vermittlung zum einzigen
Instrument der Außenpolitik machen kann oder sollte,
oder daß es keine nützliche Interaktion zwischen
diesen Instrumenten gibt, sondern, daß dieses
besondere Instrument angesichts der neuen globalen
Situation und der innenpolitischen Erfordernisse der
Vereinigten Staaten sehr viel mehr Beachtung
erfahren sollte.
Die Sorge um Gerechtigkeit ist sehr viel ärgerlicher.
Studien über Scheidungen ergeben, daß die Einigung

Seite 3

�sehr viel weniger schmerzlich, sehr viel billiger, aber
häufig unfair gegenüber Frauen ist, wenn die Paare
Vermittler und nicht die Gerichte aufsuchen. (Männer verweigern den Müttern oft das Sorgerecht für
die Kinder, das die Mütter im allgemeinen besorgt
anstreben, bis die Männer günstige wirtschaftliche
Konditionen erhalten). Entsprechend wurde argumentiert, die Vermittlungsbestrebungen im Falle
Nordkoreas enthielten zu viele Konzessionen an
einen Tyrannen. Beobachter, die sich dieser Falle
bewußt sind, müssen jeden Fall gesondert prüfen.
Im großen und ganzen hat jedoch eine friedliche
Lösung einen hohen Wert, und wenn die Kosten auf
das Prestige (oder das "Gesicht wahren") begrenzt
sind, scheinen sie in der Regel ihren Preis wert zu
sein.

che von periphärer Bedeutung: Die weltweite Konfrontation zwischen den Supermächten, eine Konfrontation, in der die entscheidenden politischen
Instrumente der Vereinigten Staaten die Abschrekkung der Arsenale nuklearer und konventioneller
Waffen, militärische Auslandshilfepakete, der amerikanische Geheimdienst CIA und andere verdeckte
Operationen, massive Wirtschaftshilfe und ideologische Kriegführung waren. Darüber hinaus waren alle
Vermittlungsbestrebungen für gewöhnlich so strukturiert, daß sie - nicht einmal indirekt - das Hauptziel
der "Eindämmung" des Kommunismus und der
Unterstützung der sogenannten freien Wert nicht
unterminierten. In diesem Zusammenhang wurde der
direkte Umgang mit - beispielsweise Syrien - nicht
ernsthaft in Erwägung gezogen, weil Syrien ein
sowjetischer Vasall war.

Vermittlung im historischen Kontext
Vermittlung ist natürlich ein jahrhundertealtes außenpolitisches Instrument und spielte auch während des
Kalten Krieges eine Rolle. Zu jener Zeit wurde es
jedoch anders angewandt und nahm eine wesentlich
weniger zentrale Rolle ein. Vermittlung während des
Kalten Krieges erfolgte häufig unter den Supermächten stellvertretend für ihre Vasallen. Als die Differenzen zwischen Syrien und Israel diskutiert wurden,
vollzog sich ein Großteil der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten
eher zwischen zwei Parteien als mit Hilfe der von
einer dritten Partei bereitgestellten Vermittlerrolle.
Die Vermittlung unter Ländern innerhalb desselben
Blocks kam der Norm näher, wie durch die Vereinbarung von Camp David anschaulich belegt ist.
Aber auch hier standen die Erwägungen von Supermächten im Hintergrund - beispielsweise, wie
Konflikte unter Nationen in einem Block verhindert
werden können, damit gegenüber dem anderen
Block eine einheitliche Front gebildet werden konnte,
oder wie Konflikte zwischen den Mitgliedern eines
Blocks und blockfreien Nationen verhindert werden
könnten, damit man sie nicht zu dem anderen Block
drängt. Und obwohl Vermittlung stattfand, ruhte das
Fundament der "Weltordnung" auf den Beziehungen
zwischen den Supermächten.
Diese frühere Ära zeichnete sich aus durch die
Pendeldiplomatie Henry Kissingers im Nahen Osten,
und Präsident Carter trug direkt zur Aushandlung
des Vertrags zwischen Israel und Ägypten bei. In
der Tat hatten diese frühen Vermittlungsbestrebungen ähnlich attraktive Züge:
Geringes Risiko,
begrenzte wirtschaftliche Kosten und beträchtlichen
humanitären und politischen Nutzen.
Dennoch
wurden sie damals wie heute als vornehmlich für
Länder innerhalb des westlichen Orbits relevante
Nebenvorstellungen oder diplomatische Bestrebungen angesehen. Daher waren sie für die Hauptsa-

Seite 4

Mit anderen Worten: Die Rolle des Vermittlers wurde
nicht als maßgebliche internationale Rolle für die
Vereinigten Staaten erachtet, und die Architekten der
Außenpolitik legten dies auch nicht nahe.
Die
Vereinigten Staaten waren eine Supermacht, die
einer anderen Supermacht feindlich gegenüberstand,
nicht ein weltenbummelnder Makler friedlicher Lösungen. In der neuen Ordnung nach dem Kalten Krieg
(oder in Ermangelung einer solchen) kann Vermittlung - echte Vermittlung, die großenteils frei von
äußeren Erwägungen ist - eine sehr viel zentralere
Rolle spielen.
Die Einbeziehung der Vermittlung als wichtiges
Element der amerikanischen Außenpolitik ist in einer
Periode besonders angebracht, in der die Vereinigten
Staaten versuchen, ihr eigenes Haus in Ordnung zu
bringen. Die Konzentration hierauf nützt den Vereinigten Staaten, weil die Kosten der Vermittlung sehr
viel niedriger sind als die mit Interventionen wie
denen in Somalia und Haiti einhergehenden. Da
Vermittlung auch sehr viel weniger dramatisch ist,
lenkt sie den Präsidenten und das Land weniger von
ihren innenpolitischen Missionen ab. Darüber hinaus
sollte festgestellt werden, daß im Land keine breite
Unterstützung für eine aktivistischere Außenpolitik
besteht. Gleichzeitig herrscht das Gefühl zugunsten

einer bestimmten Form von internationalem Engagement vor. Verfechter der reinen Realpolitik möchten
vielleicht nur handeln, wenn die nationalen Interessen
der Vereinigten Staaten direkt betroffen sind, aber im
Zeitalter der Massenkommunikation spielt die öffentliche Meinung eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen, und die idealistische Seite der
öffentlichen Meinung - die Facetten der öffentlichen
Psychologie, die ihren Ausdruck in den Rufen nach
Hilfe für die Menschen in Ruanda und nach Verteidigung des belagerten Bosnien fanden - kann nicht
ignoriert werden. Vermittlung ist eine konstruktive

AMERIKA DIENST 33

�Antwort auf diese mitfühlende Seite der amerikanischen Natur.
Zweifelsohne ist es keine vollständige Antwort. Die
Erfüllung der außenpolitischen Ziele und Ideale der
Vereinigten Staaten erfordert, daß sie weiterhin ihre
Führungsrolle zur Stärkung des Völkerrechts durch
die Beteiligung an den Vereinten Nationen und
verschiedenen anderen internationalen und regionalen Bündnissen beitragen. Sie müssen auch in
Zukunft den Abbau von Schranken unter Nationen
ermutigen und ein wichtiger Faktor bei der Aushandlung internationaler Handelspakte bleiben. Wo das
Wohlergehen ihrer Bürger oder lebenswichtige

*

AMERIKA DIENST 33

Interessen bedroht sind, müssen die Vereinigten
Staaten bereit sein, Macht nach außerhalb ihrer
Grenzen zu projizieren. Und wo die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Demokratisierung existieren,
könnten die Vereinigten Staaten vorsichtig versuchen,
bei ihrer Entwicklung behilflich zu sein, obwohl sie wenn sie dies tun - es mit mehr Bescheidenheit und
Ernsthaftigkeit tun müssen als in der Vergangenheit.
Der Erfolg wird leichter erzielt, wenn die Vermittlung,
für die sich die Vereinigten Staaten bereits mit
beträchtlichem Erfolg auf der ganzen Welt engagieren, die Anerkennung und Aufmerksamkeit erhält, die
ihr gebührt.

* * *

*

Seite 5

�WIRTSCHAFT
6. Dezember 1995

Die amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen
- der neue transatlantische Markt
Übersicht des Weißen Hauses
MADRID - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Büro des Pressesprechers des Weißen Hauses
am 3. Dezember 1995 in Madrid herausgegebene Übersicht.

Beim Gipfel der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union am 3. Dezember 1995 in Madrid
starteten Präsident Clinton, Ministerpräsident Gonzalez und EU-Kommissionspräsident Santer die im Juni
bei amerikanisch-europäischen Gipfel vereinbarte
transatlantische Initiative. Sie verabschiedeten eine
neue transatlantische Agenda, um die transatlantischen Beziehungen vom Stadium der Konsultationen
zu dem gemeinsamer Aktionen bei einer Vielzahl
von Fragen zu führen. Dies ist ein Bestandteil der
Bestrebungen des Präsidenten zur Bewältigung der
nach dem Ende des Kalten Krieges gegebenen
Herausforderungen, einschließlich der Notwendigkeit
zur Schaffung einer starken transatlantischen Gemeinschaft demokratischer Marktwirtschaften. Der
neue transatlantische Markt ist eine Schlüsselkomponente dieser Bestrebungen. Er wird nicht nur die
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen stärken,
sondern im Vorfeld der für 1996 in Singapur anberaumten WTO-Ministertagung auch die Weichen für
eine weitere multilaterale Handelsliberalisierung
stellen.
Der neue transatlanische Markt gründet auf starken
Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union.
1994 exportierten die Vereinigten Staaten Waren
im Wert von 108 Milliarden Dollar in die EU, die
wiederum im Wert von 119 Milliarden Dollar in
die Vereinigten Staaten exportierte.
Ferner
erreichte der Handel im Dienstleistungsbereich 50
Milliarden Dollar in jeder Richtung.
Nahezu die Hälfte aller Auslandsinvestitionen
amerikanischer Unternehmen - 225 Milliarden
Dollar - werden in Europa getätigt. Fast 60
Prozent der Investitionen europäischer Firmen oder 237 Milliarden Dollar - fließen in die Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 33

Diese ausgeglichenen transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen stellen 14 Millionen Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten und Europa.
Europäische Unternehmen beschäftigen 3 Millionen amerikanischer Arbeitnehmer, und einige
Analysten schätzen, daß die Löhne und Gehälter
dieser Arbeitnehmer um 18 Prozent höher liegen
als bei den durchschnittlichen amerikanischen
Arbeitsplätzen. Da bereits amerikanische Waren
und Dienstleistungen von mehr als 150 Milliarden
Dollar über den Atlantik hinweg exportiert werden,
könnte sogar ein einprozentiger Exportanstieg
20.000 neue amerikanische Arbeitsplätze schaffen.
Die Erschließung von Märkten in Europa ist ein
wesentlicher Bestandteil der allgemeinen internationalen Wirtschaftspolitik der Clinton-Administration.
Diese Initiative wird nicht nur die Hindernisse für den
transatlantischen Handel abbauen, sondern auch zur
Integration der beiden Volkswirtschaften beitragen,
die zusammen mehr als die Hälfte des Welthandels
abwickeln. Im besonderen werden sich die Vereinigten Staaten und Europa in folgenden Bereichen
auf konkrete Schritte einigen:
Vereinbarungen über gegenseitige Anerkennung.
Die Vereinigten Staaten und die EU werden auf den
Abschluß von Abkommen im nächsten Jahr hinarbeiten, mit denen die Erprobung und Genehmigung
von Produkten in einer Reihe von Sektoren anerkannt
wird. Das wird amerikanischen Firmen gestatten, ihre
Produkte in Europa nach einem einzigen Labortest
zu verkaufen, statt sie den gleichen teuren Testverfahren in Europa unterziehen zu müssen. Die
amerikanische Computer-, Telekommunikations- und
Bürogeräteindustrie schätzt, daß sie dank eines
Abkommens über die gegenseitige Anerkennung
jedes Jahr über 1 Milliarde Dollar einsparen könnte.

Seite 1

�Transatlantische Informationsgesellschaft. Um
unsere Volkswirtschaften in eine transatlantische
Informationsgesellschaft zu integrieren, werden wir
Verhandlungen zu einem Abkommen über Informationstechnologie in die Wege leiten, das Zölle für
Informationsprodukte abbauen und die Entwicklung
einer globalen Informationsinfrastruktur unterstützen
soll. Die Industrien werden nicht länger die Entscheidung zu treffen haben, wo sie aufgrund unterschiedlicher Zölle nach Produkten suchen sollen.
Dies ist ein zunehmend wichtiger Teil der amerikanischen und der Weltwirtschaft. Die Computer- und
Halbleiterindustrien stellen zusammen Arbeitsplätze
für über 1,25 Millionen Amerikaner. Im Jahr 1994
exportierten die Vereinigten Staaten Halbleiter,
Computer, Software und Telekommunikationsgerät
im Wert von 18,5 Milliarden Dollar in die EU. Dies
entspricht mehr als 17 Prozent der amerikanischen
Gesamtexporte in die EU.
Staatliche Beschaffung. Der potentielle staatliche
Beschaffungsmarkt in Ländern, die das neue staatliche Beschaffungsprogramm der WTO noch nicht
unterschrieben haben, beläuft sich schätzungsweise
auf Hunderte Milliarden Dollar. Als Teil der neuen
Initiative zum transatlantischen Markt werden die
Vereinigten Staaten und die EU an mehreren Fronten auf die größere Liberalisierung der staatlichen
Beschaffungsmärkte weltweit hinarbeiten. Wir haben
uns zur Zusammenarbeit verpflichtet, um alle WTOMitglieder von der Übernahme multilateraler Handelsdisziplinen bei staatlicher Beschaffung zu
überzeugen. Darüber hinaus werden die Vereinigten

Staaten und die EU weiterhin auf bilateraler Ebene
auf die erweiterte Abdeckung durch die WTO über
die bereits vereinbarten Möglichkeiten in Höhe von
200 Milliarden Dollar hinaus hinarbeiten.
Zollsenkungen. Die Vereinigten Staaten und die EU
werden die Möglichkeit sondieren, der beschleunigten
Umsetzung der in der Uruguay-Runde vereinbarten
und weiterer Zollsenkungen zuzustimmen. Derzeit
betragen die Zölle in den Vereinigten Staaten und der
EU durchschnittlich 3 - 4 Prozent, in einigen Sektoren
gibt es jedoch beträchtliche europäische Zölle. Die
EU-Zölle auf Aluminiumprodukte belaufen sich
beispielsweise weiterhin auf 7 Prozent.
Gemeinsame Studien. Die Vereinigten Staaten und
die EU werden im Laufe des nächsten Jahres eine
gemeinsame Studie über Hemmnisse für den transatlantischen Handel und mögliche Optionen für ihren
Abbau erstellen. Beim Gipfel im kommenden Jahr
werden die Staats- und Regierungschefs ihre in
dieser Studie enthaltenen Empfehlungen bezüglich
der nächsten Schritte überprüfen.
Multilaterale Koordinierung. Wir werden unsere
Bestrebungen zur Erlangung eines multilateralen
Abkommens über Investitionen in der OECD und ein
Abkommen über Telekommunikationsdienstleistungen
in der WTO koordinieren.
Präsident Clinton und die Staats- und Regierungschefs der EU werden die Fortschritte zu diesen Zielen
bei ihrem Treffen im nächsten Jahr überprüfen.

* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 33

�MENSCHENRECHTE
6. Dezember 1995

USA appellieren an Nationen zur
Einhaltung der Menschenrechte
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In ihrer Rede vordem Dritten Ausschuß der UN-Generalversammlung, der sich
mit Menschenrechtsfragen befaßt, gab die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, am 28. November 1995 einen Überblick über die Menschenrechtssituation auf der Welt
und stellte fest, in einer Reihe von Ländern würden die international anerkannten Menschenrechte nicht
ausreichend respektiert. Die Vereinigten Staaten appellierten an alle Regierungen, die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte einzuhalten und die Würde ihrer Bürger zu achten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, in diesem Jahr feiern wir das
50jährige Bestehen der Vereinten Nationen und ihrer
Gründungscharta. In der Präambel dieser Charta
bekräftigen alle Nationen ihren "Glauben an die
Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der
menschlichen Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau."
Damit übernimmt jede Nation die Verpflichtung, den
ihrer Rechtsprechung Unterstehenden diese Grundrechte nicht zu versagen - weder in den Gesetzeswerken noch in der Praxis. Die Charta läßt keine
Ausnahmen zu. Es gibt keine historischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Gründe oder ein souveränes Vorrecht, die es entschuldigen oder zulassen,
den Menschen seiner Würde zu berauben.
Als Mitglieder dieser Organisation haben unsere
Regierungen das universelle und unveräußerliche
Wesen der Menschenrechte anerkannt. Aber die
Ausübung dieser Rechte ist nicht möglich in Abwesenheit von politischer Freiheit.
Die Allgemeine Erklärung stipuliert, "der Wille des
Volkes soll die Grundlage der Regierungsbefugnis
sein. Diesem Willen soll in regelmäßigen und
echten Wahlen, durch universelles und gleichberechtigtes Wahlrecht und geheime Stimmabgabe Ausdruck verliehen werden."
Meine Regierung hat seit vielen Jahrzehnten und in
vielen Foren das Argument vorgebracht, daß demokratische Prinzipien nicht nur den einzelnen schützen, sondern wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt
beschleunigen. Menschen, die frei sind zu denken,

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Ideen auszutauschen und ihre Energien sowie ihr
Kapital zu investieren, werden mehr zu einer Gesellschaft beitragen als diejenigen, die unterdrückt sind.
Die Macht dieses Arguments und seine Wahrheit
werden heute in den aufstrebenden Demokratien der
Welt offenkundig.
Bedauerlicherweise ist dieser Trend zu Demokratie,
obwohl weitverbreitet, nicht universell. Viele Regierungen verlassen sich auch weiterhin für ihre Befugnis nicht auf die Zustimmung der Regierten, sondern
auf Zwang. Burma ist ein Beispiel.
Hier stehen die Regierungsbehörden vor einer
historischen Entscheidung zwischen der andauernden
Verweigerung von Grundrechten und der Bewegung
zu Demokratie. Es ist ermutigend, daß die Regierung
dem Wunsch nach internationaler Achtung, ausländischen Investitionen, Tourismus und demokratischen Reformen Ausdruck verleiht. Es ist ermutigend, daß die Regierung im vergangenen Jahr eine
Reihe politischer Gefangener, darunter die Nobelpreisträgerin und Anführerin der Demokratiebewegung, Aung San Suu Kyi, freigelassen hat.
Es ist jedoch äußerst entmutigend, daß die Regierung bisher keinen ernsthaften politischen Dialog mit
Aung San Suu Kyi und anderen Vertretern der
Demokratiebewegung sowie ethnischen Gruppen
aufgenommen hat. Es ist entmutigend, daß die zum
Entwurf einer neuen Verfassung aufgeforderte
Nationalversammlung nicht repräsentativ für das
burmesische Volk ist. Und es ist entmutigend, daß
die Regierung so wenig getan hat, um die durch ihre
bisherigen und aktuellen Maßnahmen für politische

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�und soziale Freiheit verursachte Angst und Unterdrückung zu beenden.
In diesem Jahr wird meine Regierung die Generalversammlung drängen, ihre Unterstützung für
Demokratie und Achtung international anerkannter
Menschenrechte in Burma in klaren und zwingenden
Formulierungen zu wiederholen. Die Versammlung
sollte die Freilassung der verbliebenen politischen
Gefangenen, ein Ende der Folterungen, ein Ende
von Zwangsarbeit und ein Ende von Verschleppungen und Ermordungen von Zivilisten durch das
Militär fordern.
Die Regierung von Burma hat die Wahl. Und die
internationale Staatengemeinschaft hat die Wahl.
Wir müssen uns zur Ermutigung Burmas entscheiden, eine kluge Wahl zu treffen: Den leichten, aber
letztlich katastrophalen Kurs des Status quo aufzugeben und den Weg zu Demokratie zu beschreiten.
Die Freilassung von Aung San Suu Kyi bietet
zumindest die Hoffnung, daß sich in Burma - mit
ausreichendem internationalen Interesse und Unterstützung - die Menschenrechtssituation verbessern
wird. Im Hinblick auf den Irak ist es sehr viel schwerer, Anlaß zu Hoffnung zu haben. Die Politik von
Saddam Hussein hat sich nicht geändert - seine
Übergriffe auf das irakische Volk dauern ebenso an
wie seine Lügen gegenüber der Welt.
Seit Jahren haben die Irakis geleugnet, daß sie je
ein Programm zur Herstellung biologischer Kampfstoffe besaßen. In diesem Jahr erfuhren wir, daß
sie genug Anthrax und Botulin produziert hatten, um
alle Menschen der Welt umzubringen - und daß sie
vor dem Golfkrieg Artilleriegeschosse mit diesen
todbringenden Giften bestückt hatten. Einer der
größten Dienste, den die Vereinten Nationen im
Namen der Menschenrechte erbringen können, ist
die Gewährleistung, daß dem Irak nie wieder die
Herstellung von Massenvernichtungswaffen gestattet
wird.
Die Gesetzlosigkeit des Regimes in Bagdad hat das
Leben vieler Menschen im Ausland gefordert, aber
die jüngsten Opfer waren in unmittelbarer Nachbarschaft zu beklagen. Während Saddam Hussein
seine Ressourcen für Paläste für sich und seine
Vettern verschwendet, muß das irakische Volk
leiden.
Das irakische Regime hat die Resolutionen des
Sicherheitsrats abgelehnt, die speziell für den
Erwerb humanitärer Hilfsgüter formuliert wurden. Es
inhaftiert, foltert und exekutiert weiterhin Dissidenten
und diejenigen, die oppositioneller Gedanken ver-

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dächtigt werden. Im Norden blockiert es weiterhin
Hilfslieferungen. Im Süden hat es 90 Prozent der
Marschen zerstört und 80 Prozent der Bevölkerung
ermordet oder ins Exil vertrieben. Und in dem
vergeblichen Bestreben, seine unsägliche Bilanz vor
der Welt zu verstecken, verweigert es dem Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen nach wie vor
die Einreise.
Der Irak weiß, was er tun muß, um der Gemeinschaft
zivilisierter Nationen erneut beizutreten. Das Land
muß die relevanten Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, einschließlich Resolution 688, einhalten und die
Unterdrückung seines Volkes beenden.
Der Irak ist nicht das einzige Land in der Region, das
kontinuierliche und gravierende Verletzungen international anerkannter Menschenrechte begeht. Seit
Jahren hat der Iran ähnliche Besorgnis hervorgerufen. Trotz Teherans Bestrebungen, seine Menschenrechtsverletzungen zu verdecken, wurden wiederholte
Fälle von Folterung, Massenexekutionen, willkürlichen
Verhaftungen, unerklärlichen Verschleppungen, das
Fehlen ordentlicher Gerichtsverfahren, die Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten und der Religionsfreiheit bekannt. Darüber hinaus wurde dem Sondervertreter der Vereinten Nationen für die Menschenrechte im Iran seit 1991 kein Besuch gestattet.
Die Vereinigten Staaten fordern den Iran auf, die
Unterdrückung des iranischen Volkes zu beenden
und einen Besuch des neuen UN-Sondervertreters zu
gestatten.
In einer Reihe von Ländern, darunter Kuba, sind die
Vereinigten Staaten weiterhin besorgt über den
Mangel an Demokratie und Respektierung international anerkannter Menschenrechte. Das CastroRegime ist heute die einzige Regierung der westlichen Hemisphäre, die ihren Bürgern die Grundrechte der Versammlungs-und Redefreiheit verweigert.
Es gibt immer noch politische Gefangene, oppositionelle politische Aktivitäten sind immer noch verboten,
unabhängige Organisationen werden immer noch
schikaniert und die Kubaner werden weiterhin ohne
Grund verhaftet.
Der UN-Hochkommissar Ayala Lasso stattete Kuba
vergangenes Jahr einen Besuch ab, der jedoch nicht
zu einer allgemeinen Verbesserung der Menschenrechtssituation führte. Im April verurteilte ein Militärgericht den führenden Menschenrechtler Francisco
Chaviano wegen falscher Anschuldigungen zu 15
Jahren Gefängnis. Und Kuba verweigert einem UNSonderberichterstatter für Menschenrechte weiterhin
die Einreise.

AMERIKA DIENST 33

�Damit Kuba prosperieren und wachsen kann, sind
echte politische Reformen erforderlich. Dazu ist eine
grundlegend veränderte Einstellung der Regierung
zu politischen und Menschenrechten erforderlich.
Meine Regierung würde einen solchen Wandel
begrüßen.

tum und eine internationale Führungsrolle nachkommt, und sie verdienen sie jetzt.

Wir rufen Kuba auf, das Recht auf die Gründung
politischer Parteien und unabhängiger Gewerkschaften anzuerkennen, Versammlungs- und Redefreiheit
zuzulassen, ordentliche Gerichtsverfahren zu respektieren, nationalen und internationalen humanitären
Gruppen die Inspektion von Gefängnissen zu gestatten und den UN-Sonderberichterstatter ins Land zu
lassen.

Im vergangenen Jahr gab es zunehmend Berichte
über Sklaverei und Zwangsarbeit von Frauen und
Kindern, die rassischen, ethnischen und religiösen
Minderheiten angehören. Wir haben Informationen
darüber, daß die Greueltaten gegen Einheimische
intensiviert wurden.
Wir wissen von wahllosen
Luftangriffen gegen zivile Ziele. Wir haben gehört,
daß unbegleitete Minderjährige für den Militärdienst
verpflichtet werden. Und wir hören nichts von Untersuchungen - wie sie meine Regierung heute zum
wiederholten Male fordert - des Mordes an Sudanesen, die für ausländische Hilfsorganisationen und
Regierungen arbeiteten.

Nigeria ist ein weiteres Land, in dem ein grundlegender Wandel bei der Haltung der Regierung gegenüber den Menschenrechten erforderlich ist. Die
Hinrichtung des Umweltschützers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa und acht weiterer Menschen am 10 November war - maskiert als gesetzliche Handlung - ein gesetzloser Akt eines Regimes,
das den Zweck von Gesetzen mißversteht. Die
Opfer wurden nicht in einem ordentlichen Gerichtsverfahren verurteilt, hatten keinen angemessenen
Zugang zu Rechtsbeistand, und die elementaren
Rechte eines ordentlichen Gerichtsverfahrens
wurden ihnen verweigert.
Obwohl diese Hinrichtungen ungewöhnlich viel
öffentliche Aufmerksamkeit erregten, waren es - im
heutigen Nigeria - keine ungewöhnlichen Ereignisse.
Frühere Regierungen führten Nigeria zu internationaler Berühmtheit und gewannen für ihr Land den
Respekt der Region und der Welt. Die heutige
Regierung ist nicht gewillt, diese Normen einzuhalten.
Statt das nigerianische Volk zu respektieren, beteiligt
sich die Regierung an Mißbrauch in vollem Umfang,
einschließlich willkürlicher Festnahmen, Folter, der
Verfolgung von Menschenrechtsbeobachtern, dem
Verbot politischer Aktivitäten der Opposition sowie
Beschränkungen der Rede- und Versammlungsfreiheit. Ferner unterminierte die Regierung systematisch die Glaubwürdigkeit, Fairness und Effektivität der nigerianischen Justiz.
Meine Regierung ruft die Regierung Nigerias zur
umgehenden Wiederherstellung der zivilen demokratischen Herrschaft und Achtung von Menschenrechten durch die Freilassung politischer Gefangener, Wiedereinführung der Habeascorpusakte,
Aufhebung der Beschränkungen politischer Aktivitäten und Garantie der Meinungs- und Koalitionsfreiheit auf. Die Nigerianer verdienen eine Regierung, die den Anforderungen an nationales Wachs-

AMERIKA DIENST 33

Die Regierung des Sudan verletzt auch weiterhin auf
eklatante Weise die international anerkannten Menschenrechte.

Der einzige Silberstreifen am Horizont der Menschenrechtssituation im Sudan war im August die
Freilassung einer Anzahl politischer Gefangener
sowie die von der Regierung bekundete Absicht, im
nächsten Jahr freie Wahlen abzuhalten.
Der Bürgerkrieg im Sudan ist eine andauernde
Tragödie, bei der keine der Splittergruppen die
grundlegenden Menschenrechte des sudanesischen
Volkes ernst nimmt. Jetzt ist für die Regierung und
die Oppositionsführer der Zeitpunkt zur Beilegung
ihrer Differenzen auf der Grundlage von Dialog,
Demokratie und Anstand gekommen. Wenn sie dazu
bereit sind, wird die internationale Völkergemeinschaft
ihnen helfen; andernfalls werden wir sie weiterhin
verurteilen.
Die Menschenrechtspraktiken der chinesischen
Regierung sind für die Vereinigten Staaten schon seit
langem ein Anlaß zur Sorge, insbesondere die
Aktionen zur Einschränkung des friedlichen Ausdrucks abweichender politischer, sozialer und religiöser Anschauungen. Diese Rechte werden in der
Allgemeinen Menschenrechtserklärung
konkret
aufgeführt. In diesem Zusammenhang sind viele
Amerikaner zutiefst betroffen über die vor kurzem
erfolgte offizielle Festnahme des bekannten und seit
langer Zeit festgehaltenen Dissidenten Wei Jingsheng.
Wir erwarten von der chinesischen Regierung konkrete Schritte zur Einhaltung der internationalen
Menschenrechtsnormen, einschließlich der Freilassung derjenigen, die lediglich festgenommen wurden,
weil sie ihren Ansichten auf friedliche Weise Ausdruck
verliehen und das einzigartige kulturelle, sprachliche
und religiöse Erbe Tibets erhalten wollen.

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�Menschenrechtsfragen sind Gegenstand eines
ständigen offiziellen und inoffiziellen bilateralen
Austauschs zwischen meiner und der chinesischen
Regierung. Obwohl der Dialog unterbrochen wurde,
hoffen wir, daß er angesichts der jüngsten Gespräche zwischen unseren beiden Präsidenten bald
wiederaufgenommen wird.
Herr Vorsitzender, in den letzten Jahren ist in
zahlreichen Regionen der Welt wiederaufgetaucht,
was historisch als "Nationalitätenproblem" bezeichnet
wird. Die Ausbeutung ethnischer und nationalistischer Leidenschaften hat zu blutigen Konflikten in
Bosnien, Ruanda, Liberia, dem Kaukasus und
andernorts geführt. Die Opfer dieser Konflikte sind
oftmals nicht diejenigen, die für den Krieg ausgebildet wurden und darauf vorbereitet waren, sondern
Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, mit
denen nicht aufgrund dessen, was sie taten, sondern
aufgrund dessen, wer sie sind, Mißbrauch getrieben
wird.
In Ruanda und Burundi werden diplomatische
Bestrebungen unternommen, um erneute ethnische
Konflikte zu verhindern. Der Erfolg wird teilweise
von der Bereitschaft der beteiligten Regierungen
abhängen, Sicherheitsanforderungen mit Respektierung der Menschenrechte und Dialog in Einklang zu
bringen. Ferner wird er davon abhängen, ob die
Politiker und die Bevölkerung im allgemeinen Gewalt
als die Sackgasse ablehnen, die sie ist und in gutem
Glauben Bestrebungen zur Beilegung von Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln unternehmen.
Im ehemaligen Jugoslawien wurde ein Durchbruch
erzielt. Im Falle seiner Umsetzung wird das letzte
Woche paraphierte Friedensabkommen die schrecklichsten Menschenrechtsverletzungen beenden, die
seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem
europäischen Kontinent stattfanden.
Gemäß dem Abkommen sollen die Rechte der
Menschen in Bosnien und Herzegowina verfassungsmäßig anerkannt und von einem MenschenrechtsOmbudsmann sowie einem außerordentlichen Menschenrechtsgerichtshof geschützt werden. Die im
Zusammenhang mit dem Konflikt in Gefängnissen
oder Arbeitslagern Festgehaltenen sollen freigelassen werden. Alle Parteien stimmen der Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz, den
Organen der Vereinten Nationen und den Organisationen zur Überwachung der Menschenrechte zu.
Es wird ein Ausschuß für Flüchtlinge und Vertriebene geschaffen, der kriegsbedingte Streitigkeiten
schlichten soll. Und jede Partei verpflichtet sich zur
umfassenden Zusammenarbeit bei internationalen
Ermittlungen und der Verfolgung von Kriegsverbrechen.

Seite 4

Herr Vorsitzender, zweimal in diesem Jahrhundert
wurden wir als direkte Konsequenz von nationalistischen Ausschreitungen und Haß von einem Weltkrieg
heimgesucht. Heute gibt es keine größere Kraft der
Instabilität und keinen größeren Grund für Menschenrechtsverletzungen als ethnische Gewalt und Intoleranz. Die Unverwüstlichkeit dieser giftigen Leidenschaften war das wichtigste Motiv für die Gründung
der Vereinten Nationen.
Wir alle sind stolz auf die Nation, der wir angehören.
Aber es ist ein Grundprinzip der zivilisierten Welt, daß
Loyalität gegenüber einer Nation nicht den Verrat an
universellen Werten rechtfertigt.
Die Gründerväter der Vereinten Nationen betrachteten ebenso wie die Gründerväter der Vereinigten
Staaten die Nation nicht als Selbstzweck, sondern als
Instrument von Gesetz, Gerechtigkeit, Freiheit und
Toleranz. Sie stimmten mit Goethe darin überein,
daß über den Nationen die Menschlichkeit steht,
sowie mit Diderot, daß es unter dem Joch der Tyrannei keine echte Staatsbürgerschaft und daher keine
echte Nation geben kann. Nach Ansicht Diderots ist
Nationalismus einbeziehend, nicht ausgrenzend. Das
ist beispielsweise der Unterschied zwischen der
echten Nation Südafrika von heute und dem Mutanten Südafrika der letzten Jahrzehnte.
Wenn wir die physiologischen, kulturellen und historischen Unterschiede respektieren, die uns trennen,
dürfen wir nie das gemeinsame Menschsein vergessen, das uns verbindet. Wir sind unterschiedliche
Völker, aber eine Spezies - eine Spezies, die sich
nicht nur durch ihre Fingerfertigkeit auszeichnet,
sondern auch durch die Fähigkeit, konzeptionell zu

denken, große Zivilisationen sowie Meisterwerke der
Kunst zu schaffen und über die Geheimnisse des
Lebens nachzudenken.
Die größte Kluft in der heutigen Welt besteht nicht
zwischen Ost und West, Nord und Süd, rechts oder
links, sondern zwischen denjenigen, die sich in
Gewohnheiten und Haß der Vergangenheit verstrickt
haben und denen, die die Zukunft gestalten wollen.
Demgemäß ruft meine Regierung alle Regierungen
auf:
Wir wollen alle Bestrebungen unterstützen, den lange
geplagten Regionen, einschließlich des Nahen
Ostens, Zentralafrikas und des ehemaligen Jugoslawien dauerhaften Frieden zu bringen.
Wir wollen alle die untrennbare Verbindung zwischen
menschlicher Entwicklung und menschlicher Freiheit
anerkennen.

AMERIKA DIENST 33

�Wir wollen alle die in der Charta der Vereinten
Nationen eingegangenen Verpflichtungen erfüllen.
Wir wollen uns an die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte halten.

Wir wollen die Würde unserer Bürger respektieren.
Und bei alledem wollen wir unserer gemeinsamen
Verantwortung für die Zukunft und die Kinder gerecht
werden, deren Erbe wir treu verwalten.

* * * * *

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Seite 5

�TERRORISMUS
6. Dezember 1995

Das Zeitalter des Superterrorismus
von James Kitfield
(AD) - Der Autor befaßt sich mit dem neuen Potential des Einsatzes von nuklearen, chemischen und
biologischen Massenvernichtungswaffen durch Terroristen und Maßnahmen wie dem Nichtverbreitungsvertrag
(NW), der Chemiewaffenkonvention sowie diplomatischen und nachrichtendienstlichen Bestrebungen zur
Bekämpfung dieser Bedrohung. Das Gesetz über Terrorismusbekämpfung von 1995 ist ein umstrittener
Versuch zur Bewältigung des Terrorismusproblems in den Vereinigten Staaten und im Ausland.
Der Verfasser ist Redakteur beim Government Executive. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher
Genehmigung von Government Executive, Juli 1995. Copyright (c) 1995 National Journal, Inc. Alle Rechte
vorbehalten.

Die seit langem gehegte Befürchtung, daß Massenvernichtungswaffen von Terroristen gegen Zivilisten
eingesetzt werden könnten, wurde am 20. März
1995 Realität - dem Tag, an dem todbringendes
Nervengas in der Tokioter U-Bahn ausströmte.
Kurz nach dem Anschlag, bei dem 12 Menschen
getötet und über 5.000 verletzt wurden, klingelte das
Telefon in Dr. Frederick Sidells Büro beim Forschungsinstitut für chemische Verteidigung der USArmee in Aberdeen Proving Ground (Maryland).
Sidell, einer der führenden Experten der Welt auf
dem Gebiet der Behandlung von Opfern chemischer
Kriegführung, erfuhr, daß er zusammen mit Experten
des Zentrums für die Bekämpfung und Verhinderung
von Krankheiten entsandt würde, um den Opfern mit
medizinischer Beratung und Hilfe zur Seite zu
stehen.
In Tokio beriet er sich mit über 30 Ärzten, bestätigte,
daß der Wirkstoff des Nervengases tatsächlich das
todbringende Gas Sarin gewesen war und gelangte
zu einer düsteren Schlußfolgerung: Der Vorfall hätte
sehr viel schlimmer sein können. Ein anderer
hochrangiger Experte der Armee für nukleare,
biologische und chemische Waffen - die als Massenvernichtungswaffen eingestuft werden - formulierte es noch krasser: "Es hätte Tausende von Toten
geben können."
Ebenso wie die ersten Ermittler am Tatort nach dem
Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993
und vor kurzem auf das Alfred P. Murrah-Bundesgebäude in Oklahoma City, erkannten die Terrorismusbekämpfungsexperten, daß in Tokio eine neue

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Dimension erreicht worden war. Alle drei Anschläge
deuten auf das Auftreten einer neuen und virulenteren Art von Terrorismus.
Der Bombenanschlag auf das World Trade Center
war der erste größere Anschlag internationaler
Terroristen auf amerikanischem Boden, und in
diesem Fall deckten die Ermittler Pläne von Terroristen auf, noch mehrere andere bedeutende Gebäude
in New York in die Luft zu sprengen, und Tausende
waren als Ziele erfaßt. "Der Bombenanschlag auf
das World Trade Center bewies, daß transnationale
Terrorgruppen die Vereinigten Staaten ins Visier
genommen haben", so Generalleutnant a.D. Robert
Schweitzer, ehemaliges Mitglied des Nationalen
Sicherheitsrats und jetzt beim Globalen Strategierat
der Vereinigten Staaten - einer Denkfabrik des
Geheimdienstes.
"Wir werden sie wiedersehen,
wahrscheinlich mit biologischen oder sogar Nuklearwaffen ausgerüstet."
Oklahoma City war der todbringendste Terroranschlag auf dem Boden der Vereinigten Staaten in
ihrer Geschichte und eine "entschiedene Abkehr" von
früheren Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten, erklärt Mark Kennon, Terrorismusbekämpfungsexperte im US-Außenministerium.
Die früheren
Anschläge erfolgten für gewöhnlich mit Schußwaffen
oder Rohrbomben und hatten relativ wenige Opfer zu
Folge.
In seinem Jahresbericht "Muster des globalen Terrorismus" stellt das Außenministerium weltweit einen
offensichtlichen Trend zu noch destruktiveren Akten
des Terrorismus fest. Obwohl die Anzahl der Terror-

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�anschlage beträchtlich gesunken ist, nimmt die
todbringende Wirkung solcher Anschläge zu. Der
Angriff auf die Tokioter U-Bahn und ein kleinerer,
weniger publik gemachter Nervengasanschlag in
Japan im Jahr zuvor stehen für eine besonders
schlimme Eskalation terroristischer Kriegführung:
Dem ersten Einsatz von Massenvernichtungswaffen.
Und "es wird noch schlimmer werden", prognostiziert
Marvis Cetron, Koautor des demnächst veröffentlichten Buchs Terrorismus 2000. The Future Face of
Terrorism, das im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums geschrieben wurde. In dem Buch sagt
Cetron ein Zeitalter des "Superterrorismus" voraus,
in dem die Terroristen eine zunehmende Bereitschaft
und Fähigkeit zeigen, solche Massenvernichtungswaffen einzusetzen.
Experten sehen die böswillige Hand der Terroristen
und ihrer Agenten, die immer todbringendere Mittel
der Zerstörung sondieren. Kriminelle, die versuchen,
Nuklearmaterial aus der ehemaligen Sowjetunion
herauszuschmuggeln, wurden beispielsweise in den
vergangenen Jahren mindestens viermal abgefangen, und Quellen des Verteidigungsministeriums
zufolge sind iranische Agenten aktiv bestrebt,
Nuklearmaterial auf dem Schwarzmarkt in der
früheren Sowjetunion zu kaufen. Der Iran wird als
der weltweit aktivste Förderer ultragewalttätiger
Terrorgruppen wie der Hisbollah angesehen und soll
für den Bombenanschlag auf ein jüdisches Kulturzentrum in Buenos Aires im letzten Jahr verantwortlich sein, bei dem nahezu 100 Zivilisten getötet
wurden.
Wochen nach dem Anschlag von Tokio fanden
Arbeiter chemische Grundstoffe von Zyanid auf einer

Toilette des Tokioter Shinjuku-Bahnhofs. Wenn sie
nicht entdeckt worden wären, hätten die durch die
Reaktion der Grundstoffe freigesetzten Gase Tausende töten können. In der Zwischenzeit ermittelte
die Polizei in Columbus (Ohio) gegen einen Labortechniker und vermutliches Mitglied der um die
Vorherrschaft der Weißen kämpfenden Gruppe
Aryan Nation, der seine für die Firma ausgestellte
staatliche Lizenz benutzte, um illegal drei Phiolen mit
Beulenpest verursachenden Bakterien zu beschaffen.
"Weil die Beulenpest durch jemanden übertragen
werden kann, der einen nur anatmet, könnte ein
Terrorist mit einigen dieser Viren buchstäblich eine
Epidemie starten", erklärt ein Pentagon-Experte für
biologische Kriegführung. "Es steht außer Frage,
daß die Bedrohung zunimmt."

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Das Verbreitungsproblem
Die Bundesregierung hat eine massive Reaktion auf
die Bedrohung durch Superterrorismus mobilisiert.
Ihre wichtigsten Verteidigungswaffen sind Rüstungskontrollverträge und schärfere Kontrollen für waffenfähige Technologien und Material, die den Zugang
von verbrecherischen Staaten und Terrorgruppen zu
Massenvernichtungswaffen begrenzen sollen. Die
Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste nehmen darüber hinaus die Terrorgruppen aggressiver
ins Visier und arbeiten enger bei der Terrorismusbekämpfung im Aus- und Inland zusammen. Schließlich
hat das Verteidigungsministerium eine umfassende
Initiative zur Nichtverbreitung in die Wege geleitet,
um das amerikanische Militär - durch passive Verteidigung und aktive Prävention - besser auf die
Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen vorzubereiten.
"Die Bedrohung durch Massenterrorismus unter
Einsatz von Massenvernichtungsmaterialien, die
durch die Gasangriffe von Tokio realer wurde, stellt
eine neue Herausforderung dar", äußerte Botschafter
Philip Wilcox, der Koordinator für Terrorismusbekämpfung des Außenministeriums, bei einer Pressekonferenz im April. "Diese Gefahr, plus zunehmende
Mobilität, technische Kompetenz und Erfindungsreichtum der Terroristen bedeutet, daß wir unsere
Anstrengungen gegen internationale Terroristen im
Ausland ebenso verdoppeln müssen wie im Inland."
Obwohl der Anschlag von Tokio eine schreckliche
Warnung war, sind der Alptraum, der die Experten
am meisten beunruhigt, mit Nuklearwaffen ausgerüstete Terroristen. Und die Gefahr der Weiterverbreitung hat mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dramatisch zugenommen, so John Holum,
Direktor des amerikanischen Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and Disarmament
Agency - ACDA). "Viele der von den Sowjets verhängten Kontrollen und Maßnahmen existieren jetzt
nicht mehr", beobachtet er.
Letztes Jahr fingen deutsche Behörden in einem
Zeitraum von vier Monaten drei getrennte Lieferungen
von Nuklearmaterial ab, die vermutlich aus der
Sowjetunion stammten. In jüngerer Zeit wurden
Lieferungen von hochangereichertem Uran in der
Tschechischen und der Slowakischen Republik
abgefangen. Man benötigt nur rund 25 Pfund solchen Urans, um eine Bombe der Größe herzustellen,
wie sie 1945 über Hiroshima explodierte. "Die
Tatsache, daß Nuklearmaterial bei diesen Stichproben in Deutschland und Osteuropa auftaucht,
belegt das Potential für ein enormes Verbreitungsproblem", erläutert Holum.

AMERIKA DIENST 33

�Das Problem kann nicht leicht durch herkömmliche
Nichtverbreitungsprogramme behoben werden, die
sich auf die Überwachung der zur Herstellung von
waffenfähigem Nuklearmaterial erforderlichen großen
und modernen Produktionseinrichtungen verlassen.
"Der Schmuggel von waffenfähigem Nuklearmaterial
in einen verbrecherischen Staat wäre die bei weitem
gefährlichste Art der Verbreitung", erklärt Michael
Mazaar, Analyst am Zentrum für strategische und
internationale Studien in Washington. "Das Land
muß nur die Waffen selbst entwerfen, was technologisch nicht so hohe Anforderungen stellt. Weil man
nicht weiß, wo das Waffenprogramm ist, hat man
weder eine militärische Option noch ist man an ein
sichtbares Produktionsprogramm gebunden, das die
Verhängung internationaler Sanktionen zur Folge
hätte."
Spaltbares Material wäre in den Händen von Terroristen außerordentlich gefährlich, selbst wenn es nicht
zur Herstellung von Nuklearwaffen verwendet würde.
"Wenn es um die Hülle eines konventionellen
Sprengkörpers gewickelt würde, könnte dieses
Material ein Gebiet so verseuchen, daß acht oder
zehn Jahre lang kein menschliches Leben dort
möglich wäre", stellt Cetron fest. "Und die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, daß
Terrorgruppen diese Ideen prüfen."
Verträge und ihre Grenzen
Die erste Verteidigungslinie gegen solch ein erschreckendes Szenarium ist das von den Senatoren
Sam Nunn (Demokrat aus Georgia) und Richard
Lugar (Republikaner aus Indiana) geförderte NunnLugar-Programm zur kooperativen Bedrohungsverringerung. Seit der Einführung des Programms im
Jahr 1991 haben die Vereinigten Staaten 1,27
Milliarden Dollar aufgewandt, um den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion bei der sicheren Entsorgung ihrer Massenvernichtungswaffen behilflich zu
sein.
Das Programm enthält Initiativen zur Gewährleistung
der Sicherheit von Nuklearwaffen während des
Transports zu den Zerlegungseinrichtungen, finanzielle und technische Hilfe beim Entwurf neuer
Lagereinrichtungen für Nuklearmaterial und Verbesserungen bei den Kontroll- und Zählsystemen in
Rußland sowie die Einrichtung von Wissenschaftsund Technologiezentren in Moskau und Kiew, um
mehreren Tausend Atomwissenschaftlern und
Ingenieuren Arbeit zu bieten.
"Die Situation in der ehemaligen Sowjetunion beunruhigt mich weiterhin am meisten, und meine Hauptsorge ist nicht, daß aus Feindschaft Nuklearwaffen
auf uns abgefeuert werden, sondern vielmehr, daß

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sie von einer nicht autorisierten oder Terrorgruppe
abgefeuert werden", so Ashton Carter, Abteilungsleiter im US-Verteidigungsministerium für nukleare
Sicherheit und Nichtverbreitung und der Weichensteller des Pentagon für nukleare Sicherheit.
"Die Dinge können sich sehr rasch verändern, und
während der ganzen Zeit haben wir 30.000 Nuklearwaffen, Hunderte Tonnen spaltbaren Materials und
Zehntausende Tonnen chemischer Waffen in dieser
Region - und das Problem wird noch lange Zeit
existieren", fügt Carter mit dem Hinweis hinzu, selbst
bei optimistischen Prognosen laufe der Zeitplan für
die Beendigung der Nunn-Lugar-Initiativen bis zum
Jahr 2001.
Da das Nunn-Lugar-Programm Teil eines Gesamthilfepakets für Rußland ist, das bei den Republikanern unpopulär ist, wird es jedoch wahrscheinlich
nicht fristgerecht ablaufen. Im Mai stimmte der
nationale Sicherheitsausschuß des Repräsentantenhauses für die Kürzung von 171 Millionen Dollar des
Antrags der Administration in Höhe von 371 Millionen
Dollar für das Nunn-Lugar-Programm im Jahr 1996.
Mit der unbegrenzten Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags im Mai 1995 errang die ClintonAdministration einen entscheidenden Sieg bei der
Nichtverbreitung von Nuklearwaffen. Der N W ist das
wichtigste rechtliche Instrument, das die fünf erklärten
Nuklearstaaten (die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, China und Rußland) verpflichtet,
keine Verlegung von Nuklearwaffen und Nuklearwaffentechnologie vorzunehmen, und den nicht im Besitz
von Atomwaffen befindlichen Staaten die Beschaffung
von Nuklearwaffen untersagt. Der N W verpflichtet
die 178 Unterzeichner des Abkommens (von den 185
Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen) zu beschleunigten Inspektionen der Internationalen AtomenergieOrganisation, dem nuklearen Wachhund der Welt.
"Ungeachtet seiner Einschränkungen ist der N W
meines Erachtens das erfolgreichste Rüstungskontrollregime der Geschichte", stellt ACDA-Direktor
Holum mit der Anmerkung fest, daß es heute sehr
viel weniger Nuklearstaaten gibt, als bei der Aushandlung des Vertrags im Jahr 1968 vorhergesagt
wurde. Und nachdem bekannt wurde, daß der Irak
als NW-Unterzeichnerstaat ein sehr viel moderneres
Nuklearwaffenprogramm unterhielt als Experten vor
dem Golfkrieg vermutet hatten, wurden die Verifizierungsrichtlinien im Rahmen des Vertrags verbessert
und konzentrieren sich jetzt auf Ad-hoc-lnspektionen
nicht erklärter Einrichtungen.
Zusätzlich zum N W hat das ACDA eine Chemiewaffenkonvention ausgehandelt, die noch vom Senat
genehmigt werden muß. Den Unterzeichnern wäre

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�die Entwicklung, Lagerung und Verlegung chemischer Waffen untersagt. "Im Hinblick auf ihre
Verbote und die Genauigkeit ihres Inspektionsregimes wird die Chemiewaffenkonvention das
weitreichendste Rüstungskontrollabkommen sein,
das je ausgehandelt wurde", erklärt Holum.
Nachrichtendienstlichen Erkenntnissen zufolge
haben rund zwei Dutzend Nationen bestätigte oder
vermutete Programme zur chemischen Kriegführung,
und zehn haben angeblich Programme zur biologischen Kriegführung. ACDA-Vertreter räumen ein,
daß der aktuelle Vertrag über die Verbreitung von
biologischen Waffen nicht in Kraft gesetzt werden
kann und verbessert werden muß.
"Obwohl der Trend bei der Nichtverbreitung meiner
Ansicht nach günstig ist, insbesondere im nuklearen
Bereich, bin ich konstant besorgt über die generelle
Verfügbarkeit dieser Technologien und das Potential
für verbrecherische Staaten, die erforderlichen
Materialien von Scheinfirmen oder Schmugglern zu
kaufen", so Holum.
Kontrolle des "Superterrorismus"
Über diplomatische und nachrichtendienstliche
Kanäle haben die Vereinigten Staaten einen zweigleisigen Ansatz zur Bekämpfung terroristischer
Gruppen verfolgt, die Massenvernichtungswaffen
beschaffen wollen.
Im diplomatischen Bereich
konzentrierte sich das US-Außenministerium auf die
Stärkung des Gesetzesrahmens, der Druck auf
internationale Terroristen ausübt. Seit 1986 hat sich
die Zahl der internationalen Verträge und Konventionen, in denen sich die Regierungen zur Bekämpfung
von Terroristen verpflichten, von 5 auf 10 verdoppelt,
und die Vereinten Nationen, die Minister europäischer Regierungen, die Organisation Amerikanischer
Staaten sowie die Organisation der Islamischen
Konferenz verabschiedeten vor kurzem
n Resolutionen zur entschiedenen Bekämpfung des
Terrorismus.
"Viele der politischen

Meinungsverschiedenheiten

über den Terrorismus, die während des Kalten
Krieges eine internationale Zusammenarbeit verhinderten, wurden beigelegt, als sich die Länder der
Welt zunehmend mit einer Stimme gegen den
Terrorismus aussprachen", so Kennon vom USAußenministerium.
Obwohl die Anzahl von Staaten, die den Terrorismus
aktiv unterstützen, nach der Auflösung des Warschauer Pakts sank, wurden Experten zufolge die
jüngsten Anschläge von inländischen Terroristen
verübt, deren Motive weniger gut verstanden werden. "Eine beängstigende Gesetzmäßigkeit, die

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Oklahoma City und Tokio miteinander verbindet, ist
die Tatsache, daß in beiden Fällen die Waffen
vollständig im Land gebaut wurden, so daß sie nicht
unter die Exportkontrollen fielen", erklärte der stellvertretende Abteilungsleiter für Nichtverbreitungspolitik im US-Verteidigungsministerium, Mitchell
Wallerstein. "Und weil beide Gruppen aus dem
Inland stammen, erregten sie nicht die Aufmerksamkeit der internationalen Nachrichtendienste."
Ein weiterer beunruhigender Trend ist das Aufkommen "staatenloser" Terrorgruppen, die extrem schwer
zu überwachen sind und in die man nur schwer
jemanden einschleusen kann. "Nach dem Verlust
eines Großteils ihrer Infrastruktur und ihrer Unterstützung aus Osteuropa beobachten wir das Phänomen kleinerer und nur lose miteinander verbundener
Terrorgruppen, die an Orte wie Afghanistan oder den
Libanon gehen, wo es praktisch keine Regierung
gibt", so Kennon.
Bestrebungen zum Aufspüren dieses weltweiten
Netzes von Terroristen werden von der 1986 gegründeten interministeriellen Terrorismusbekämpfungsgruppe koordiniert, die ihren Sitz beim amerikanischen Geheimdienst CIA hat. Vertreter des amerikanischen Bundeskriminalamts FBI, der nationalen
Sicherheitsbehörde und der Nachrichtendienste des
Verteidigungsministeriums bemühen sich um eine
Koordinierung ihrer Operationen. Obwohl die Regeln
für internationale Ermittlungen der Geheimhaltung
unterliegen, weisen Experten der Nachrichtendienste
zufolge einige der jüngsten Erfolge darauf hin, daß
die koordinierten Bestrebungen zur Bekämpfung des
Terrorismus funktionieren.
Ramzi Ahmed Yousef, der der Mittäterschaft an dem
Bombenanschlag auf das World Trade Center verdächtigt wird und Angriffe auf amerikanische Flugzeugträger in Asien plante, wurde Anfang des Jahres
in Pakistan festgenommen und an die Vereinigten
Staaten ausgeliefert. Amerikanische Agenten nahmen auch die Flugzeugentführer Fawaz Yunis und Ali
Rezaq fest. Und Mitarbeiter des Nachrichtendienstes
identifizierten Imad Mughniyah, einen shiitischen
Anführer des Islamischen Heiligen Krieges aus dem
Libanon, der 1983 vermutlich am Bombenanschlag
auf die Kaserne in Beirut beteiligt war. Der Versuch
seiner Festnahme bei einem Zwischenstopp in SaudiArabien durch FBI-Agenten wurde jedoch von der
saudiarabischen Regierung vereitelt.
Regierungsvertreter weisen auch auf die Aufdeckung
einer Anzahl Fälle von Nuklearschmuggel hin, über
die in den Medien berichtet wurde und die das
Ergebnis erfolgreicher Stichproben durch die amerikanischen und internationalen Nachrichtendienste sind.

AMERIKA DIENST 33

�"Die Nachrichtendienste haben definitiv sowohl die
Terrorismusbekämpfung als auch den Kampf gegen
Weiterverbreitung von Waffen als hohe Priorität und
wachsende Bedrohung identifiziert. Dies führte zur
Bildung einer Antiterrorismusgruppe, die unterschiedliche Ressourcen der Regierung zusammenfaßt", so
der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates. Er warnt
jedoch, daß es ein Kampf gegen Windmühlen sei,
Terroristen Massenvernichtungswaffen vorzuenthalten.
"Insbesondere chemische und biologische Waffen
kann man im eigenen Keller herstellen. Und die
Idee, sie überhaupt nicht in die Hände von Terroristen zu lassen, ist technisch einfach nicht zu realisieren", äußert er. "Die beste Abschreckung besteht
darin, diese Menschen zu fassen, damit die anderen
sehen, daß man mit so etwas nur verlieren kann."
Zur Vorbereitung auf einen solchen Eventualfall
führte die Regierung im Oktober 1994 eine Terrorismusbekämpfungsübung durch, bei der Mitarbeiter
des FBI und des Energieministeriums in New Orleans nach drei fiktiven atomaren Gefechtsköpfen
suchten. Eine ähnliche Übung wurde vergangenes
Jahr in New York mit der simulierten Freisetzung
eines biologischen Kampfstoffes in einer U-Bahn
abgehalten.
Kampf gegen den Terrorismus auf amerikanischem Boden
Als Teil einer Reihe nach dem Bombenanschlag von
Oklahoma City unterbreiteter Vorschläge würde die
Clinton-Administration im FBI eine inländische Version des internationalen Terrorismusbekämpfungszentrums des CIA einrichten. Bei einer Anhörung
vor dem Justizunterausschuß des Repräsentantenhauses für Verbrechensbekämpfung im Mai argumentierte FBI-Direktor Louis Freeh, solch eine
zentralisierte Organisation sei zur Bekämpfung einer
terroristischen Bedrohung erforderlich, die keine
Grenzen achte und in zunehmendem Maße in den
Zuständigkeitsbereich mehrerer Bundesbehörden
eindringe.
"Das Antlitz und die Hand des Terrorismus verändern sich auf dramatische Weise ... und wir
können nicht unser Land und unseren Lebensstil
schützen ... wenn wir die Bedrohung durch Terrorismus von allen Seiten - aus dem In- und Ausland nicht ernstnehmen", so Freeh. "Es besteht kein
wirklicher Unterschied zwischen den hier und den im
Ausland gegen amerikanische Bürger geplanten
oder durchgeführten Anschlägen."
Im Mai bewilligte der Kongreß zusätzliche 100
Millionen Dollar zur Terrorismusbekämpfung, darunter Mittel zur Bezahlung von 25 nachrichtendienst-

AMERIKA DIENST 33

lichen Analysten für das neue Terrorismusbekämpfungszentrum sowie 190 FBI-Überwachungsspezialisten und 143 Mitarbeitern zur Unterstützung.
Das ehemalige Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, Robert Schweitzer, befürwortet die Betonung
präventiver nachrichtendienstlicher Tätigkeit. "Bis
heute haben wir unser gesamtes Geld in die Reaktion
auf inländischen Terrorismus nach einem erfolgten
Anschlag gesteckt und waren dabei sehr erfolgreich",
erklärt er. "Mit der Verhütung von Terroranschlägen,
wofür die Nachrichtendienste maßgeblich sind, tun
wir uns jedoch sehr schwer."
Wenn es nach dem Willen der Clinton-Administration
geht, wird das FBI viel mehr Spielraum und Mittel
erhalten, um den Terrorismus auf amerikanischem
Boden zu bekämpfen. Als Teil des Gesetzes über
Terrorismusbekämpfung von 1995 schlägt die Administration eine erweiterte elektronische Überwachung
vermeintlicher Terroristen sowie größeren Zugang zu
Telefon-, Motel- und Reiseaufzeichnungen vor, ferner
die beschleunigte Abschiebung verdächtigter Terroristen ohne Bekanntgabe der nachrichtendienstlichen
Entdecker und das Verbot des Aufbringens von
Geldern für als terroristische Organisationen bezeichnete Gruppen. Darüber hinaus regte die Administration die Einstellung von 1.000 zusätzlichen Mitarbeitern beim FBI und anderen Behörden des Justizministeriums zur Terrorismusbekämpfung an.
Zivile Vertreter des Prinzips der Handlungsfreiheit
kritisieren viele dieser Vorschläge mit dem Hinweis,
daß sich in den sechziger Jahren frühere inländische
Spionageabwehreinheiten der Spionage gegen
Pazifisten und Bürgerrechtler schuldig gemacht
hatten. Mitarbeiter des FBI warnen jedoch, ohne eine
verstärkte Überwachung verdächtigter Terroristen im
Inland sei die Behörde dazu verurteilt, hauptsächlich
zu reagieren.
"Ich bin kein Befürworter umfassender und Undefinierter Bestrebungen zur Sammlung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, aber die Strafverfolgungsbehörden müssen etwas über jene Individuen und
Gruppen wissen, die tödliche Gewalt als Mittel zur
Förderung ihrer Sache befürworten", äußerte Freeh
vor dem Justizunterausschuß des Repräsentantenhauses für Verbrechensbekämpfung.
"Die erste
Regel der Selbstverteidigung lautet, den Feind zu
kennen, der Dich zerstören will."
Eine Rolle für das Militär
Der vielleicht umstrittenste Aspekt des Gesetzes über
Terrorismusbekämpfung ist ein Vorschlag zur Abänderung des Posse Comitatus Act von 1878, das
die Durchsetzung ziviler Gesetze durch das Militär

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�verbietet. Dadurch sollen sich Militärexperten an der
Untersuchung von mit Hilfe atomarer, biologischer
und chemischer Waffen begangener inländischer
Verbrechen beteiligen können.
Der Vorschlag trägt der Tatsache Rechnung, daß
nahezu das gesamte Fachwissen und die unterstützende Infrastruktur für den Umgang mit Massenvernichtungswaffen beim Militär zu finden sind. Das
Heer vernichtete zwar 1973 seine biologischen
Waffen, aber Forscher beim medizinischen Forschungszentrum für ansteckende Krankheiten der
US-Armee arbeiten weiterhin an der Identifizierung
biologischer Kampfstoffe und entsprechenden Impfstoffen. Ebenso unterhält die Armee, obwohl sie
ihre Produktion chemischer Waffen einstellte, immer
noch landesweit acht Chemiewaffenlager sowie ein
stabiles Programm zur Entdeckung und Identifizierung chemischer und biologischer Waffen und zum
Schutz ihrer Soldaten.
"Bei einer massiven Verseuchung eines städtischen
Gebietes durch chemische oder biologische Waffen
verfügt nur die US-Armee über das Fachwissen,
darauf zu reagieren", so Wallerstein vom US-Verteidigungsministerium. Das Militär hat unter anderem hochmodernes Gerät zum Aufspüren und
Identifizieren chemischer und biologischer Kampfstoffe, medizinisches Personal mit Reserven von
Impfstoffen und Gegengiften für den Kriegsfall sowie
Gerät und Fachwissen zur Dekontamination.
Regierungsvertretern zufolge stellte das Verteidigungsministerium Reaktionsteams zusammen, die in
jedem Teil des Landes auf Vorfälle mit Massenvernichtungswaffen reagieren können.
Unter den
derzeitigen Gesetzen kann das Verteidigungsministerium jedoch den inländischen Strafverfolgungsbehörden nur Unterstützung im Hintergrund bieten.
"Wenn Sie darüber sprechen, daß wir uns an der
ersten Reaktionstruppe beteiligen und unsere
Jungens neben den FBI-Agenten stehen, drängt Ihr
uns genau in die Ecke der durch das Posse Comitatus Act verhängten Beschränkungen", erklärt ein
Experte für Massenvernichtungswaffen der USArmee.
Angesichts des bedauerlichen Mangels an Vorbereitung der Zivilisten für den Fall eines Angriffs mit
chemischen oder biologischen Waffen haben die
Behörden unter Umständen keine andere Wahl, als
in einem Notfall die Armee zu Hilfe zu rufen. "Bei
dem Angriff auf die Tokioter U-Bahn wurden die
Opfer in 200 medizinische Einrichtungen gebracht.
In einer typischen amerikanischen Stadt wäre es
jedoch sehr schwierig, auch nur zwei Krankenhäuser
zu finden, in denen diese Art von Verletzungen
richtig behandelt werden kann", so Sidell vom

Seite 6

medizinischen Institut für chemische Verteidigung der
Armee. Was die Ausbildung mit Gegengiften und
ihre Verfügbarkeit, Schutzkleidung und Dekontaminationsgerät anbelangt, sind ihm zufolge die Nothilfeorganisationen und medizinischen Einrichtungen der
Vereinigten Staaten schlichtweg unvorbereitet. "Das
Problem besteht darin, daß wir in Amerika einfach
nicht über diese Art von Problemen nachdenken",
stellt er fest.
"Eine Organisation, die nicht einfach nur über das
Undenkbare nachdenkt, sondern auch für den Tag
plant und ausbildet, an dem das Land von Superterroristen bedroht wird, ist der U.S. Special Operations
Command (SOCOM) auf dem Luftwaffenstützpunkt
MacDill in Florida. SOCOM, bereits mit Terrorismusbekämpfung und
Sonderaufklärungsmissionen
beauftragt, würde gemäß einem kürzlich unterbreiteten Vorschlag die Verantwortung für Nichtverbreitungsmissionen übernehmen, die die Suche nach
Massenvernichtungswaffen und ihre Bergung in einer
feindlichen Umgebung beinhalten. Laut informierten
Quellen führt die geheime Delta Force-Kommandoeinheit des SOCOM regelmäßig Übungen durch, um
mit Nuklearwaffen ausgerüstete Terroristen kampfunfähig zu machen und notfalls zu töten - sei es im
In- oder Ausland.
Verschiedenen Berichten und Quellen zufolge widersetzen sich führende Militärs jedoch den Bestrebungen des Weißen Hauses, eine noch größere Rolle
des Militärs bei der Untersuchung terroristischer
Vorfälle auf amerikanischem Boden gesetzlich
festzuschreiben. Selbst unter den derzeitigen Bestimmungen können amerikanische Präsidenten bei
innenpolitischen Notfällen das aktive Militär einsetzen,
was sie auch taten - in jüngster Zeit bei den Unruhen
in Los Angeles 1992 und in der Vergangenheit beim
Pullman Eisenbahnstreik im Jahr 1894. Auf der Höhe
des "Drogenkrieges" durchkämmten sogar vollständig
bewaffnete Spezialeinheiten der Nationalgarde
isolierte Behelfsflugplätze in Florida.
In seiner Ansprache vor Abgängern der Luftwaffenakademie im Mai machte Präsident Clinton seine
Bereitschaft deutlich, das Militär bei der Terrorismusbekämpfung einzusetzen. Zum Posse Comitatus Act
äußerte er: "Die einzige Ausnahme hierbei ist die
Fähigkeit der amerikanischen Strafverfolgungsbehörden, sich im Falle einer potentiellen Bedrohung in
Form von Nuklearwaffen in den Händen der falschen
Leute des einzigartigen Fachwissens des Militärs zu
bedienen. Alles, was wir nach dem schrecklichen
Vorfall in der Tokioter U-Bahn fordern, ist derselbe
Zugang zu demselben Fachwissen im Falle eines
Einsatzes chemischer und biologischer Waffen...
Heute kommen Menschen aus Übersee zu Terroranschlägen in unser Land und greifen unsere natio-

AMERIKA DIENST 33

�nale Sicherheit an. Wir müssen die Bedrohungen
als das erkennen, was sie sind und eine Antwort

AMERIKA DIENST 33

darauf finden, die auf ihrer wahren Natur basiert und nicht nur dort, wo sie auftreten.

Seite 7

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Bosnien &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Clinton der Ruf zum Frieden &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor den Truppen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Unterstützung der USA für dauerhaften Frieden in Bosnien erforderlich&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Cristopher&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle der Vereinigten Staaten als weltweiter Vermittler&lt;br /&gt;&lt;em&gt; von Amitai Etzioni&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen - der neue transatlantische Markt &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Übersicht des weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA appellieren an Nationen zur Einhaltung der Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;Rede von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Terrorismus&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das Zeitalter des Superterrorismus&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;von James Kitfield&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;</text>
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cimerikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28. November 1995

SONDERDIENST

BOSNIEN

USA SOLLTEN FRIEDEN IN BOSNIEN
UNTERSTÜTZEN
Rede von Präsident Clinton

Dieser Artikel ist elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Frau
Gaby N i e s s e n
USISsI

u

X

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
28. November 1995

USA SOLLTEN FRIEDEN IN BOSNIEN UNTERSTÜTZEN
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - In einer landesweit übertragenen Femsehansprache appellierte Präsident Clinton am
27. November 1995 an das amerikanische Volk, den Friedensplan für Bosnien mit der Entsendung
amerikanischer Truppen als Teil der NATO-Truppe zur Umsetzung des Friedens zu unterstützen. Der
Präsident unterstrich, daß die Sicherung des Friedens in Bosnien "auch zum Aufbau eines freien und stabilen
Europa" beitragen wird. Frieden in Bosnien würde darüber hinaus zu "Stabilität in Zentraleuropa" führen, einer
Region, deren Freiheit und Stabilität "von elementarer Bedeutung" für die nationalen Interessen der Vereinigten
Staaten sei.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Fernsehansprache des Präsidenten im Wortlaut.

In der vergangenen Woche erzielten die kriegführenden Parteien in Bosnien ein Friedensabkommen als
Resultat unserer Bestrebungen in Dayton und der
Unterstützung unserer europäischen und russischen
Partner. Heute abend möchte ich zu Ihnen über die
Umsetzung des bosnischen Friedensabkommens
sprechen und begründen, warum unsere Werte und
Interessen als Amerikaner unsere Beteiligung erforderlich machen.
Als erstes möchte ich klarstellen, daß die amerikanische Rolle nicht darin besteht, einen Krieg zu
führen. Unsere Rolle ist es, den Menschen in
Bosnien bei der Sicherung ihres eigenen Friedensabkommens behilflich zu sein. Unsere Mission wird
begrenzt und zielgerichtet sein und unter dem
Oberbefehl eines amerikanischen Generals stehen.
Mit der Ausführung dieser Mission haben wir die
Chance, die Ermordung unschuldiger Zivilisten,
insbesondere von Kindern, zu beenden und gleichzeitig Stabilität in Zentraleuropa herbeiführen, einer
Rpgion, deren Freiheit und Stabilität von elementarer
Bedeutung für die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten ist. Wir tun das Richtige.
Seit der Gründung unserer Nation war Amerika stets
sehr viel mehr als nur irgendein Ort. Amerika
verkörpert eine Idee, die zum Ideal für Milliarden von
Menschen auf der ganzen Welt geworden ist.
Unsere Gründerväter haben es am besten formuliert:
Amerika steht für Leben, Freiheit und das Streben
nach Glück.

AMERIKA DIENST

Insbesondere in diesem Jahrzehnt hat Amerika mehr
getan als nur für diese Ideale einzutreten. Wir haben
im Geiste dieser Ideale gehandelt und Opfer für sie
gebracht. Unser Volk hat in zwei Weltkriegen gekämpft, damit Freiheit den Sieg über die Tyrannei
davontragen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg
zogen wir uns aus der Welt zurück und hinterließen
ein Vakuum, das von den Kräften des Hasses gefüllt

wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir weiterhin eine
Führungsrolle in der Welt übernommen. Wir gingen
die Verpflichtungen ein, die den Frieden bewahrten,
zur Verbreitung von Demokratie beitrugen, beispiellosen Frieden und Wohlstand schufen und die zum
Sieg im Kalten Krieg führten.
Wegen unseres Engagements streben heute immer
mehr Menschen auf der ganzen Welt nach den
amerikanischen Idealen - Freiheit, Demokratie und
Frieden. Es ist noch mehr die Macht unserer Ideale
als unsere Größe, unser Wohlstand und unsere
Militärmacht, die Amerika zu einer einzigartig bewährten Nation machen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges stellen einige nun
die Notwendigkeit unserer andauernden aktiven
Führungsrolle in der Welt in Frage. Ebenso wie nach
dem Ersten Weltkrieg glauben sie, daß Amerika sich
jetzt seinen Pflichten als Führungsmacht entledigen
kann. Sie argumentieren, um sicher zu sein, müßten
wir nur unsere Grenzen sichern und daß es jetzt an
der Zeit sei, anderen die harte Arbeit der Führung
jenseits unserer Grenzen zu überlassen.
Dem
widerspreche ich entschieden.

Seite 1

�Während der Kalte Krieg dem Weltdorf weicht, ist
unsere Führungsrolle notwendiger denn je, weil
Probleme, die jenseits unserer Grenzen beginnen,
schnell zu Problemen innerhalb unserer Grenzen
werden können. Wir alle sind verwundbar durch die
organisierten Kräfte der Intoleranz und Zerstörung,
Terrorismus, ethnische, religiöse und regionale
Rivalitäten, die Verbreitung des organisierten Verbrechens, von Massenvernichtungswaffen und
Drogenhandel. Ebenso wie Faschismus und Kommunismus bedrohen auch diese Kräfte Freiheit und
Demokratie, Frieden und Wohlstand. Und auch sie
erfordern eine amerikanische Führungsrolle.
Aber nirgends ist das Argument für unsere Führungsrolle besser gerechtfertigt als im Kampf zur
Beendigung oder Verhinderung von Krieg und zivilen
Unruhen. Vom Irak bis Haiti, von Südafrika bis
Korea, vom Nahen Osten bis nach Nordirland sind
wir für Frieden und Freiheit eingetreten, weil es in
unserem Interesse lag, dies zu tun und weil es das
Richtige war.
Das heißt jedoch nicht, daß wir jedes Problem lösen
können. Meine Aufgabe als Präsident ist es, die
Anforderungen an die amerikanische Führungsrolle
mit unseren strategischen Interessen und unserer
Fähigkeit in Einklang zu bringen, etwas zu bewirken.
Amerika kann und darf nicht der Weltpolizist sein.
Wir können nicht alle Kriege für alle Zeiten beenden,
aber wir können einige Kriege beenden. Wir können
nicht alle Frauen und alle Kinder retten, aber wir
können viele retten. Wir können nicht alles tun, aber
wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun.
Es gibt Zeiten und Orte, wo unsere Führungsrolle
den Unterschied zwischen Frieden und Krieg ausmachen kann, wo wir unsere grundlegenden Werte
als Volk verteidigen und unseren fundamentalen
strategischen Interessen dienen können. Meine
amerikanischen Mitbürger - in diesem neuen Zeitalter gibt es immer noch Zeiten, in denen einzig und
allein Amerika Frieden herbeiführen kann und sollte.
Der schreckliche Krieg in Bosnien ist ein solcher
Fall. Nirgendwo auf der Welt von heute ist die
Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle
offensichtlicher oder vordringlicher als in Bosnien.
Seit nahezu vier Jahren spaltet ein schrecklicher
Krieg das Land. Schrecken, von denen wir beteten,
sie mögen für immer aus Europa verbannt sein,
brannten sich wieder in unser Gedächtnis: Abgemagerte Gefangene, eingepfercht hinter Stacheldrahtzäunen, als Instrument des Krieges systematisch
vergewaltigte Frauen und Kinder, wehrlose Männer
und Jungen, die vor Massengräbern exekutiert
wurden, beschworen Visionen der Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs und endloser Flucht-

Seite 2

lingsströme herauf, die in eine Zukunft der Verzweiflung marschierten.
Bei meiner Amtsübernahme drängten einige auf eine
unverzügliche Intervention in den Konflikt.
Ich
entschied, daß amerikanische Bodentruppen nicht in
dem Krieg in Bosnien kämpfen sollten, weil die
Vereinigten Staaten nicht den kriegführenden ethnischen Gruppen in Bosnien den Frieden aufzwingen
sollten: Den Serben, Kroaten und Muslims. Statt
dessen arbeiteten die Vereinigten Staaten mit ihren
europäischen Verbündeten beim Streben nach
Frieden zusammen, verhinderten eine Ausweitung
des Krieges und milderten das Leiden des bosnischen Volkes.
Wir verhängten strenge Wirtschaftssanktionen gegen
Serbien. Wir setzten unsere Luftwaffe für die längste
humanitäre Luftbrücke der Geschichte und zur
Durchsetzung der Flugverbotszone ein, die den Krieg
aus der Luft beendete. Wir trugen zur Schaffung des
Friedens zwischen zwei der drei kriegführenden
Parteien bei - den Muslims und den Kroaten.
Aber als aus den Monaten des Krieges Jahre wurden, wurde deutlich, daß Europa allein den Konflikt
nicht beenden kann. In diesem Sommer verwandelten die Artillerieangriffe der bosnischen Serben die
Spiel- und Marktplätze in Bosnien erneut in Felder
des Todes. Als Reaktion darauf führten die Vereinigten Staaten die schweren und kontinuierlichen
Luftangriffe der NATO an, die häufig von ausgezeichneten und mutigen amerikanischen Piloten geflogen
wurden. Zusammen mit der Entschlossenheit unserer europäischen Partner und den Gewinnen der
Bosnier und Kroaten auf dem Schlachtfeld überzeugten diese Luftangriffe schließlich die Serben, über
einen Frieden nachzudenken.
Gleichzeitig leiteten die Vereinigten Staaten intensive
diplomatische Bestrebungen in die Wege, die einen
Waffenstillstand in ganz Bosnien herbeiführten und
die Parteien dazu brachten, den grundlegenden
Prinzipien des Friedens zuzustimmen. Drei äußerst
engagierte Diplomaten - Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew - ließen dabei ihr Leben. Heute abend
gedenken wir ihres Opfers und das ihrer Familien,
und wir werden nie den außergewöhnlichen Dienst
vergessen, den sie unserer Nation erwiesen haben.
Vor nur drei Wochen kamen die Muslims, Kroaten
und Serben schließlich nach Dayton im Herzen
Amerikas, um eine Lösung auszuhandeln. Erschöpft
vom Krieg gingen sie dort die Verpflichtung zu
Frieden ein. Sie stimmten zu, ihre Waffen niederzulegen, Bosnien als einheitlichen Staat zu bewahren, gegen Kriegsverbrecher zu ermitteln und sie zu
verfolgen, die Menschenrechte aller Bürger zu

AMERIKA DIENST

�schützen und eine friedliche, demokratische Zukunft
aufzubauen. Und sie baten um die Hilfe der Amerikaner bei der Umsetzung dieses Friedensabkommens.
Amerika hat die Pflicht, auf diese Bitte einzugehen
und diesen Augenblick der Hoffnung zu einer dauerhaften Realität zu machen. Dafür würden Truppen
unseres Landes und aus der ganzen Welt nach
Bosnien entsandt, um den Menschen dort das
Vertrauen und die Unterstützung zu geben, die sie
zur Umsetzung ihres Friedensplans benötigen. Ich
weigere mich, amerikanische Truppen zu entsenden,
damit sie in einem Krieg in Bosnien kämpfen, aber
meines Erachtens müssen wir zur Sicherung des
bosnischen Friedens beitragen.
Ich möchte Ihnen heute abend sagen, was auf dem
Spiel steht, was unsere Truppen genau leisten
sollen, und warum wir unserer Verantwortung
gerecht werden müssen, bei der Umsetzung des
Friedensabkommens behilflich zu sein. Die Umsetzung des Abkommens in Bosnien kann das schreckliche Leid der Menschen beenden - die Kampfhandlungen, die Massenexekutionen, die ethnischen
Säuberungen, die Kampagnen der Vergewaltigung
und des Terrors. Wir wollen nie die Viertelmillion
Männer, Frauen und Kinder vergessen, die Artillerieangriffen oder Gewehrkugeln zum Opfer fielen oder
zu Tode gefoltert wurden. Zwei Millionen Menschen
- die Hälfte der Bevölkerung - wurden aus ihrer
Heimat in ein erbärmliches Flüchtlingsdasein vertrieben. Und diese gesichtslosen Zahlen haben
Millionen realer, persönlicher Schicksale, denn jedes
Opfer des Krieges war eine Mutter oder Tochter, ein
Vater oder Sohn, ein Bruder oder eine Schwester.
Jetzt ist der Krieg beendet. Die amerikanische
Führungsrolle hat die Chance geschaffen, einen
Frieden aufzubauen und das Leiden zu beenden.
Die Sicherung des Friedens in Bosnien wird auch
zum Aufbau eines freien und stabilen Europa beitragen. Bosnien liegt mitten im Herzen Europas,
umgeben von einigen der instabilen neuen Demokratien und einigen unserer engsten Verbündeten.
Generationen von Amerikanern haben verstanden,
daß die Freiheit und Stabilität Europas von elementarer Bedeutung für unsere nationale Sicherheit ist.
Aus diesem Grund haben wir zwei Kriege in Europa
geführt. Aus diesem Grund haben wir den Marshallplan zum Wiederaufbau Europas in die Wege
geleitet. Aus diesem Grund haben wir die NATO
gegründet und den Kalten Krieg geführt. Und aus
diesem Grund müssen wir den Nationen Europas
behilflich sein, den schlimmsten Alptraum seit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs zu beenden - jetzt.

AMERIKA DIENST

Die einzige Streitmacht zur Bewältigung dieser
Aufgabe ist die NATO - das mächtige Militärbündnis
von Demokratien, das unsere Sicherheit jetzt seit
einem halben Jahrhundert garantiert.
Und als
Führungsmacht der NATO und wichtigster Makler des
Friedensabkommens müssen die Vereinigten Staaten
unerläßlicher Bestandteil dieser Mission sein. Wenn
wir nicht dort sind, wird die NATO nicht dort sein.
Der Frieden wird brechen. Der Krieg wird Wiederaufflammen.
Das Gemetzel an Unschuldigen wird
wieder beginnen. Ein Konflikt, der bereits so viele
Opfer gefordert hat, könnte sich wie ein Flächenbrand
in der gesamten Region ausbreiten, die Stabilität
Europas unterminieren und unsere Partnerschaft mit
unseren europäischen Verbündeten aushöhlen.
Die amerikanische Verpflichtung zu einer Führungsrolle wird darüber hinaus in Frage gestellt, wenn wir
uns weigern, uns an der Umsetzung des Friedensabkommens zu beteiligen, das wir hier in den Vereinigten Staaten vermittelt haben, insbesondere, weil
die Präsidenten von Bosnien, Kroatien und Serbien
uns um die Beteiligung gebeten und alle ihr Wort für
die Sicherheit unserer Truppen gegeben haben.
Wenn die Partnerschaften Amerikas schwach sind
und unsere Führungsrolle bezweifelt wird, unterminiert dies unsere Fähigkeit, unsere Interessen zu
wahren und andere von der Zusammenarbeit mit uns
zu überzeugen. Wenn wir unsere Partnerschaften
und unsere Führungsrolle aufrechterhalten, müssen
wir nicht im Alleingang handeln. Wie wir im Golfkrieg
und in Haiti gesehen haben, werden viele andere
Nationen, die unsere Zielsetzungen teilen, auch die
Lasten teilen. Aber wenn Amerika keine Führungsrolle übernimmt, können die Konsequenzen äußerst
schwerwiegend sein, nicht nur für andere, sondern
letztlich auch für uns.
Während ich zu Ihnen spreche, schließt die NATO
die Planung für die IFOR ab - eine internationale
Truppe zur Umsetzung des Friedens in Bosnien von
rund 60.000 Mann. Über 25 andere Nationen,
darunter unsere wichtigsten NATO-Verbündeten,
haben bereits ihre Beteiligung zugesichert.
Sie
werden ungefähr zwei Drittel der gesamten Umsetzungstruppe stellen - rund 40.000 Soldaten. Die
Vereinigten Staaten würden den Rest beitragen,
ungefähr 20.000 Mann.
Gegen Ende der Woche wird mir der endgültige
NATO-Plan zur Überprüfung und Zustimmung vorgelegt. Ich möchte eindeutig klarstellen, was er
meine Ansicht nach enthalten sollte und enthalten
muß, damit ich meine Zustimmung zur Beteiligung
unserer Streitkräfte gebe:

Seite 3

�Erstens wird die Mission genau definiert sein mit
klaren, realistischen Zielen, die in einem bestimmten
Zeitraum erreicht werden können. Unsere Truppen
werden sicherstellen, daß jede Seite ihre Streitkräfte
hinter die Frontlinien abzieht und dort stationiert läßt.
Sie werden den Waffenstillstand aufrechterhalten,
um ein versehentliches erneutes Ausbrechen des
Krieges zu verhindern. Diese Bestrebungen werden
wiederum zur Schaffung eines sicheren Umfelds
beitragen, damit die Menschen in Bosnien in ihre
Heimat zurückkehren, bei freien Wahlen ihre Stimme
abgeben und mit dem Wiederaufbau ihres Lebens
beginnen können. Unsere Vereinigten Stabschefs
sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß diese
Mission ungefähr ein Jahr dauern sollte und wird.
Zweitens wird das Risiko für unsere Truppen auf ein
Minimum reduziert. Die amerikanischen Truppen
werden ihre Befehle von einem amerikanischen
General entgegennehmen, der NATO-Kommandeur
ist. Sie werden schwer bewaffnet und gut ausgebildet sein. Durch eine überwältigende Demonstration
von Macht werden sie die Notwendigkeit des Einsatzes von Gewalt verringern. Aber im Gegensatz
zu den UN-Truppen werden sie die Befugnis, die
Ausbildung und das Gerät haben, unverzüglich mit
überwältigender Macht auf jede Bedrohung ihrer
eigenen Sicherheit oder jede Verletzung der militärischen Bestimmungen des Friedensabkommens zu
reagieren.
Wenn der NATO-Plan meine Zustimmung findet,
werde ich ihn unverzüglich dem Kongreß übermitteln
und um seine Unterstützung ersuchen. Ich werde
auch die Beteiligung einer kleinen Anzahl amerikanischer Soldaten an einer NATO-Vorhut genehmigen,
die in der nächsten Woche die Vorbereitungsarbeit
für die IFOR übernimmt. Sie werden Hauptquartiere
einrichten und das hochmoderne Kommunikationssystem aufbauen, das vor der Entsendung der
Truppen, Panzer und Lastwagen der NATO nach
Bosnien funktionieren muß.
Die Truppe zur Umsetzung des Friedensabkommens
selbst würde in den Tagen nach der offiziellen

Unterzeichnung des Friedensabkommens Mitte
Dezember nach Bosnien disloziert. Die internationale Staatengemeinschaft wird bei der Umsetzung der
Rüstungskontrollbestimmungen des Abkommens
behilflich sein, damit zukünftige Feindseligkeiten
weniger wahrscheinlich und die Rüstungen begrenzt
werden, während die Völkergemeinschaft - die
Vereinigten Staaten und andere - sicherstellen, daß
die Bosnische Föderation die Mittel zu ihrer eigenen
Verteidigung nach dem Abzug der IFOR hat. Die
IFOR wird nicht Teil dieser Bestrebungen sein.

Seite 4

Zivile Behörden auf der ganzen Welt werden ein
getrenntes Programm humanitärer Hilfslieferungen
und für den Wiederaufbau in die Wege leiten, das
vornehmlich von unseren europäischen Verbündeten
und anderen interessierten Ländern finanziert wird.
Auch diese Bestrebungen sind absolut unerläßlich,
damit der Frieden dauerhaft ist.
Diese Behörden werden den Menschen in Bosnien
die Nahrungsmittel, Unterkünfte, Kleidung und
Medikamente bringen, die ihnen so lange verweigert
wurden. Sie werden ihnen beim Wiederaufbau helfen
- dem Wiederaufbau ihrer Straßen und Schulen, ihrer
Kraftwerke und Krankenhäuser, ihrer Fabriken und
Geschäfte. Sie werden Kinder wieder mit ihre Eltern
zusammenführen und Familien in ihre Häuser zurückbringen. Sie werden den Bosniern die freie Wahl
ihrer Politiker gestatten. Sie werden allen Menschen
in Bosnien ein sehr viel größeres Interesse an
Frieden als an Krieg vermitteln, so daß der Frieden
mit Leben erfüllt wird und seine eigene Logik entfaltet.
Wir können und werden in Bosnien Erfolg haben, weil
unsere Mission klar und begrenzt ist und unsere
Truppen stark und gut vorbereitet sind. Aber, meine
amerikanischen Mitbürger, keine Entsendung amerikanischer Truppen ist risikolos, und diese Mission
kann sehr wohl Opfer fordern. Es kann Zwischenfälle
im Feld oder mit Menschen geben, die ihren Haß
noch nicht aufgegeben haben. Ich werde jede
erdenkliche Maßnahme ergreifen, um diese Risiken
auf ein Minimum zu reduzieren, aber wir müssen auf
diese Möglichkeit vorbereitet sein.
Als Präsident gibt es für mich nichts Schwierigeres,
als die Männer und Frauen, die sich freiwillig in den
Dienst unserer Nation stellen, einem Risiko auszusetzen, wenn unsere Interessen und Werte es
verlangen. Ich übernehme die volle Verantwortung
für jeden Schaden, den sie erleiden könnten. Aber
jeder, der irgendeine Aktion in Betracht zieht, die
unsere Truppen in Gefahr bringen könnte, muß
wissen: Amerika schützt die Ihren. Jeder - jeder der die Hand gegen unsere Truppen erhebt, wird die
Konsequenzen zu spüren bekommen. Wir werden
Gleiches mit Gleichem - und mehr - vergelten.
Nach so viel Blutvergießen und Verlusten, nach so
viel abscheulichen Akten unmenschlicher Brutalität
wird es außergewöhnlicher Willenskraft seitens des
bosnischen Volkes bedürfen, sich von der Vergangenheit zu lösen und eine neue Zukunft des Friedens
aufzubauen. Aber mit unserer Führungskraft und
dem Engagement unserer Verbündeten kann das
bosnische Volk die Chance erhalten, seine Zukunft in
Frieden zu entscheiden. Es kann die Chance erhalten, die Welt daran zu erinnern, daß nur wenige

AMERIKA DIENST

�Jahre zuvor die Moscheen und Kirchen von Sarajevo
ein leuchtendes Symbol multiethnischer Toleranz
waren und Bosnien einst seine Einheit in Vielfalt
fand. In der Tat war der Friedhof im Zentrum der
Stadt vor nur wenigen Jahren das herrliche Stadion,
im dem die Olympischen Spiele stattfanden - unser
universelles Symbol für Frieden und Harmonie.
Bosnien kann wieder ein solcher Ort sein. Deswegen dürfen wir jetzt Bosnien nicht den Rücken
zukehren.
Und so bitte ich alle Amerikaner und jedes Mitglied
des Kongresses - Demokraten und Republikaner
gleichermaßen - sich für den Frieden zu entscheiden. Bei der Entscheidung zwischen Frieden und
Krieg muß Amerika den Frieden wählen.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich bitte Sie, nur
einen Augenblick über dieses zu Ende gehende
Jahrhundert und das bald beginnende neue nachzudenken. Weil frühere Generationen von Amerikanern für die Freiheit eintraten und weil wir dies
weiterhin tun, lebt das amerikanische Volk in mehr
Sicherheit und Wohlstand. Und auf der ganzen Welt
leben mehr Menschen als je zuvor in Freiheit. Mehr
Menschen als je zuvor werden mit Würde behandelt.
Mehr Menschen als je zuvor können auf ein besseres Leben hoffen. Darum geht es bei der amerikanischen Führungsrolle.

Wir wissen, daß dies die Segnungen der Freiheit
sind, und Amerika war stets der größte Verfechter der
Freiheit. Wenn wir weiterhin alles in unserer Macht
Stehende tun, um diese Segnungen mit den Menschen auf der ganzen Welt zu teilen, wenn wir
weiterhin die Triebkraft für Frieden sind, dann kann
das nächste Jahrhundert die beste Zeit werden, die
unsere Nation je erlebt hat.
Vor wenigen Wochen hatte ich die Ehre, einige Zeit
mit Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. während
seines Besuches in den Vereinigten Staaten verbringen zu dürfen. Am Ende unseres Gesprächs
blickte der Papst mich an und sagte: "Ich habe den
Großteil dieses Jahrhunderts durchlebt. Ich erinnere
mich, daß es mit einem Krieg in Sarajevo begann.
Herr Präsident, Sie dürfen nicht zulassen, daß es mit
einem Krieg in Sarajevo endet."
In Bosnien hat dieser schreckliche Krieg unsere
Interessen herausgefordert und unsere Seelen
beunruhigt.
Glücklicherweise können wir etwas
dagegen unternehmen.
Ich sage es nochmals:
Unsere Mission wird klar, begrenzt und durchführbar
sein. Das bosnische Volk, unsere NATO-Verbündeten und die Menschen auf der ganzen Welt blicken
jetzt auf Amerika für die Übernahme der Führung.
Also wollen wir die Führungsrolle übernehmen. Das
ist unsere Pflicht als Amerikaner.
Gott schütze Amerika.

* * * *

AMERIKA DIENST

*

Seite 5

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
8. November 1995

31

NAHER OSTEN

WER FRIEDEN LIEBT, MUSS RABINS KAMPF
WEITERFÜHREN
Ansprache von Präsident Clinton beim
Staatsbegräbnis

BOSNIEN

USA BETEILIGEN SICH AN NATO-MISSION IN
BOSNIEN
Rede von Präsident Clinton

DEMOKRATIE

DIE ELEKTRONISCHE REPUBLIK
von Lawrence Grossman

BÜRGERRECHTE

DER LANGE KAMPF UM BURGERRECHTE
IN DEN USA
Rede vor der Black Lawyers Association

VETERANS DAY

AMERIKANISCHE STREITKRÄFTE FORDERN
DEMOKRATIE UND FRIEDEN
Proklamation zum 11. November

SPORT

DIE OLYMPISCHEN SPIELE
von Stephen E. Roulac

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�NAHER

OSTEN
8. November 1995

Wer Frieden liebt, muß Rabins Kampf weiterführen
Ansprache von Präsident Clinton beim Staatsbegräbnis
JERUSALEM - (AD) - Der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin "hat den Weg geebnet und jetzt ist es
an uns allen, die den Frieden lieben, ... den Kampf fortzuführen, den er ins Leben rief und für den er sein
Leben ließ", äußerte Präsident Clinton beim Staatsbegräbnis für Rabin auf dem Har Herzl-Friedhof in
Jerusalem. Der Präsident erklärte, der Geist des ermordeten israelischen Politikers "wird weiterhin den Weg
weisen. Sein Geist lebt fort in dem wachsenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn. Er lebt fort
in den Augen der Kinder, der jüdischen und arabischen Kinder, die eine Vergangenheit der Angst für eine
Zukunft der Hoffnung hinter sich lassen. Er lebt fort in dem Versprechen echter Sicherheit."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Grabrede des Präsidenten im Wortlaut.

Liebe Leah, liebe Familienangehörige, Präsident
Weizman, amtierender Ministerpräsident Peres,
Mitglieder der israelischen Regierung und der
Knesset, verehrte Staats- und Regierungschefs aus
dem Nahen Osten und der ganzen Welt, Seine
Majestät König Hussein - herzlichen Dank für Ihre
bemerkenswerten und schönen Worte -, Präsident
Mubarak, daß Sie diese historische Reise nach hier
angetreten haben, liebe Israelis.
Das amerikanische Volk trauert mit Ihnen um den
Verlust Ihres Ministerpräsidenten. Und ich trauere
mit Ihnen, denn er war mein Partner und Freund.
Jeder mit ihm verbrachte Augenblick war eine
Freude, denn er war ein guter Mann, und eine
Inspiration, denn er war auch ein großer Mann.
Leah, ich weiß, daß Sie zu häufig im Leben dieses
Landes gefordert waren, den Müttern und Vätern,
den Ehemännern und Ehefrauen, den Söhnen und
Töchtern beizustehen und Trost zu spenden, die
einen geliebten Angehörigen durch Gewalt und
Rache verloren hatten. Sie gaben ihnen die Stärke.
Jetzt wollen wir hier und die Millionen Menschen auf
der ganzen Welt Ihnen in aller Bescheidenheit und
Ehrerbietung unsere Stärke anbieten. Möge Gott
Sie trösten unter all den Trauernden von Zion und
Jerusalem.
Yitzhak Rabin lebte die Geschichte Israels - mit jeder
Prüfung und mit jedem Triumph - dem Kampf für
Unabhängigkeit, den Kriegen ums Überleben, dem
Streben nach Frieden - und bei all dem diente er an
der Frontlinie - dieser Sohn Davids und Salomons

AMERIKA DIENST 31

ergriff die Waffen, um Israels Freiheit zu verteidigen
und ließ sein Leben, um Israels Zukunft zu sichern.
Er war ein Mann ohne jegliche Verstellung, wie alle
seine Freunde wußten. Ich habe gelesen, daß David
Ben Gurion ihn 1949, nach dem Unabhängigkeitskrieg, als Vertreter Israels zu den Waffenstillstandsgesprächen nach Rhodos entsandte - und er hatte
bis damals noch nie eine Krawatte getragen und
wußte nicht, wie man sie bindet. Das Problem wurde
von einem Freund gelöst, der die Krawatte vor seiner
Abreise für ihn band und ihm zeigte, wie man den
Knoten bewahrt, indem man einfach die Krawatte
lockert und über den Kopf zieht. Das letzte Mal als
wir zusammen waren, vor nicht einmal zwei Wochen,
erschien er zu einer Veranstaltung, bei der ein
Smoking als Kleidung vorgeschrieben war - aber
ohne Fliege. Also borgte er sich eine Fliege, und ich
hatte die Ehre, sie für ihn zurechtzurücken. Diesen
Augenblick werde ich solange ich lebe im Gedächtnis
bewahren. Für ihn waren Zeremonien und Worte
weniger wichtig als Handeln und Taten.
Vor sechs Wochen - wie sich König Hussein und
Präsident Mubarak erinnern werden - waren wir zur
Unterzeichnung des israelisch-palästinensischen
Abkommens im Weißen Haus. Es wurden viele
Reden gehalten. Ich habe gesprochen, der König
sprach, der PLO-Vorsitzende Arafat sprach, Präsident
Mubarak sprach, alle unsere Außenminister sprachen. Und schließlich erhob sich Ministerpräsident
Rabin um zu sprechen und sagte: "Zuerst die gute
Nachricht - ich bin der letzte Redner."

Seite 1

�Er wußte jedoch auch um die Macht der Worte und
der Symbolik. "Sehen Sie auf das Podium", äußerte
er in Washington, "der König von Jordanien, der
Präsident von Ägypten, der PLO-Vorsitzende Arafat,
und wir, der Ministerpräsident und der Außenminister
von Israel - alle auf diesem Podium versammelt.
Bitte betrachten Sie sich das ganz genau. Was Sie
sehen, war vor nur drei Jahren noch völlig undenkbar. Nur Dichter träumten davon. Und zu unserem
großen Schmerz mußten Soldaten und Zivilisten ihr
Leben lassen, damit dieser Moment Wirklichkeit
werden konnte." Das waren seine Worte.
Heute bitte ich Sie alle auf der ganzen Welt, sich
dieses Bild genau zu betrachten. Blicken Sie auf die
Staats- und Regierungschefs aus dem Nahen Osten
und der ganzen Welt, die heute wegen Yitzhak
Rabin und für den Frieden hierhin gereist sind.
Obwohl wir nicht länger seine tiefe, wohlklingende
Stimme vernehmen, ist er es, der uns erneut hier in
Worten und Taten für den Frieden zusammengeführt
hat.
Jetzt ist es an uns allen, die den Frieden lieben und
die ihn liebten, den Kampf fortzuführen, den er ins
Leben rief und für den er sein Leben ließ. Er hat
den Weg geebnet, und sein Geist wird weiterhin den
Weg weisen. Sein Geist lebt fort in dem wachsenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn.
Er lebt fort in den Augen der Kinder, der jüdischen
und arabischen Kinder, die eine Vergangenheit der
Angst für eine Zukunft der Hoffnung hinter sich
lassen. Er lebt fort in dem Versprechen echter
Sicherheit.
Daher möchte ich dem Volk Israels sagen, selbst in
der Stunde der Dunkelheit lebt sein Geist fort, und
so dürfen Sie nicht Ihren Mut verlieren. Betrachten
Sie das von Ihnen Geleistete - Sie bringen eine einst
öde Wüste zum Blühen, Sie bauen eine aufstrebende Demokratie in feindlichem Terrain auf, Sie
gewinnen Schlachten und Kriege und erlangen jetzt
den Frieden, der der einzig dauerhafte Sieg ist.
Ihr Ministerpräsident war ein Märtyrer des Friedens
und wurde ein Opfer des Hasses. Wenn wir eines
aus seinem Martyrium lernen sollten, dann folgendes: Wenn die Menschen nicht ihren Haß gegen
ihre Feinde aufgeben können, riskieren sie, Haß
unter sich selbst zu säen.
Ich bitte Sie, das israelische Volk, im Namen meiner
Nation, die selbst eine lange Litanei des Verlustes
kennt - von Abraham Lincoln über Präsident Kenne-

*

Seite 2

dy bis zu Martin Luther King - dies nicht mit Ihnen
geschehen zu lassen.
Bleiben Sie auf dem richtigen Kurs - in der Knesset,
in Ihrem Heim, in Ihren Gotteshäusern. Wie Moses
zu den Kindern Israels sagte, als er wußte, daß er
nicht ins Gelobte Land kommen würde: "Seid mutig
und stark. Fürchtet euch nicht, denn dein Gott ist es,
der mit dir zieht. Er wird dich weder im Stich lassen
noch dich gänzlich verlassen."
Präsident Weizmann, amtierender Ministerpräsident
Peres, dem Volk Israels gelobe ich, während Sie den
Kurs des Friedens halten: Auch Amerika wird euch
nie gänzlich verlassen.
Die Legende belegt, daß seit Menschengedenken in
jeder Generation von Juden ein gerechter Führer
auftrat, um sein Volk zu schützen und ihm den Weg
in die Sicherheit zu weisen. Ministerpräsident Rabin
war solch ein Führer. Er wußte, als er vor zwei
Jahren auf dem Rasen des Weißen Hauses seine
Worte an die Welt richtete, daß die Zeit gekommen
ist, "eine neue Zeitrechnung in den Beziehungen
zwischen Menschen, zwischen vom Krieg ermüdeten
Eltern, zwischen Kinder zu beginnen, die den Krieg
nicht kennenlernen werden". Hier in Jerusalem bin
ich festen Glaubens, daß er sein Volk zu diesem
Gelobten Land führte.
In dieser Woche lesen Juden auf der ganzen Welt
den Teil der Thora, in dem Gott den Glauben von
Abraham, des Patriarchen der Juden und Araber, auf
die Probe stellt. Er befiehlt Abraham, Isaak zu
opfern. "Nimm bitte deinen Sohn, deinen einzigen
Sohn, den du so liebst." Als Abraham in seiner
Gottesfürchtigkeit seinen Sohn töten wollte, verschonte Gott Isaak, wie wir wissen. Jetzt stellt Gott
unseren Glauben auf noch viel schrecklichere Weise
auf die Probe, denn er hat Yitzhak von uns genommen. .
Aber Israels Bündnis mit Gott - für Freiheit, Toleranz,
Sicherheit und für Frieden - dieses Bündnis muß
halten. Dieses Bündnis war Ministerpräsident Rabins
Lebenswerk. Jetzt müssen wir es zu seinem dauerhaften Vermächtnis machen. Sein Geist muß in
uns fortleben.
Das Kaddisch, das jüdische Gebet für Verstorbene,
spricht nie vom Tod, aber häufig vom Frieden. Die
letzten Worte lauten: "Mögen eure Herzen ein Maß
an Trost und eure Seelen die ewige Hoffnung finden."

* * *

*

AMERIKA DIENST 31

�BOSNIEN
8. November 1995

USA beteiligen sich an NATO-Mission in Bosnien
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, das keinen Feind benötigt, um nützlich und
geeint zu bleiben, erklärte Präsident Bill Clinton bei einem Dinner des Truman Library Institute am 25. Oktober
1995. Sollten die Vereinigten Staaten jedoch keine Bodentruppen nach Bosnien entsenden, würde das
Bündnis zersplittern und Washington seine Führungsrolle in der NATO aufgeben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Clintons im Wortlaut.

Ich wurde gebeten, über die Bedeutung des Vermächtnisses von Harry Truman für die Gegenwart
und die Zukunft zu sprechen. Aufgrund der Gespräche, die ich gerade bei den Vereinten Nationen
geführt habe und der Arbeit, die wir 50 Jahre nach
der Gründung dieser Organisation leisten, halte ich
es für angebracht, Ihnen einige meiner Gedanken
über das Vermächtnis Harry Trumans und seine
Bedeutung heute und morgen darzulegen.
Jeder amerikanische Präsident, einschließlich meiner
beiden herausragenden Vorgänger, die heute abend
hier sprachen, ist in die Fußstapfen Harry Trumans
getreten und hat die Führungsrolle Amerikas in der
Welt weiterentwickelt. Diese Tradition einer Fortsetzung der Führungsrolle und des Engagements
der Vereinigten Staaten war so erfolgreich und
wurde von Präsidenten aus den Reihen der Demokraten und der Republikaner gleichermaßen so
konsequent beibehalten, daß einige von uns vergessen, welchen Mut sie am Anfang erforderte.
Bevor ich heute abend hierherkam, waren Ministerpräsident Rabin und ich in einer Besprechung über
den Friedensprozeß im Nahen Osten. Harry Truman
erkannte als erster führender Politiker der Welt den
Staat Israel an. Und sein Engagement, uns die
Fähigkeit zu verleihen, zu führen und uns für den
Frieden einzusetzen, leitete einen Prozeß ein, der
sich wie ein silberner Faden bis zu den außergewöhnlichen Errungenschaften Präsident Carters und
all den Dingen zog, die wir seitdem erreicht haben.
Die Trumandoktrin, der Marshallplan, das NATOBündnis - das alles waren einzigartige Schritte.
Die NATO, die Präsident Truman zu Recht als eine
seiner größten Errungenschaften betrachtete, war
unser erstes in Friedenszeiten eingegangenes

AMERIKA DIENST 31

Bündnis. Vor der NATO-Gründung hatten wir nie ein
Militärbündnis in Friedenszeiten. Dieser entscheidende Wandel entstand aus der Überzeugung heraus
- die von General Marshall, Senator Vandenberg,
Dean Acheson und vielen anderen geteilt wurde daß wir uns niemals wieder von der Welt zurückziehen können. Schließlich hatten wir uns nach dem
Ersten Weltkrieg isoliert und mußten einander daher
bekämpfen. Harry Truman beschloß, daß dies nicht
noch einmal geschehen dürfe. Und er mußte sich
fast direkt der furchterregenden Aussicht auf den
Kalten Krieg stellen und sämtliche Entscheidungen
zur Einleitung einer Politik treffen, die letztlich zuließ,
daß in diesem Krieg die Freiheit die Oberhand
gewann.
Er mußte das mit einer Nation erreichen, die des
Krieges und des Engagements müde war, in der die
Menschen sich danach sehnten, sich nur auf die
kleinen alltäglichen Dinge des Lebens zu konzentrieren, die den meisten von uns so viel bedeuten.
Weil Truman diese Entscheidung traf, feiern wir jetzt
das 50jährige Bestehen der Vereinten Nationen. Es
gab keinen weiteren Weltkrieg, es wurden keine
Atombomben mehr abgeworfen, und wir sind weltweit
Zeuge der Bewegung für Frieden, Freiheit und
Demokratie.
Was werden wir unternehmen, um auf Trumans
Leistungen aufzubauen? Was müssen wir tun, um im
kommenden Jahrhundert den Frieden zu sichern?
Die neuen Errungenschaften der Freiheit ermöglichen
es uns meines Erachtens, zum Aufbau eines Europas
beizutragen, das demokratisch, friedlich und erstmals
seit dem Entstehen von Nationalstaaten auf diesem
Kontinent ungeteilt ist.

Seite 1

�Wir können ein Europa schaffen, das sich für Freiheit, Demokratie und Wohlstand engagiert, das auf
dem gesamten Kontinent wirklich sicher ist und zum
ersten Mal überhaupt mit anderen, gleichgesinnten
Völkern zusammengeschlossen ist. Und ich verpflichte mich, alles in unserer Macht Stehende zu
unternehmen, um dieses Europa zu gestalten, das
auf drei Grundsätzen basiert: Erstens, der Förderung von Demokratie in den seit kurzem freien
Nationen Europas. Zweitens, der Erhöhung der
wirtschaftlichen Lebensfähigkeit in Europa mit Hilfe
Amerikas und anderer Partner durch offene Märkte
und erweiterten Handel, und zur Unterstützung der
ehemals kommunistischen Staaten bei der Vervollständigung ihres Übergangs zur Marktwirtschaft - ein
Zug, der die Demokratie dort stärken und zur Eindämmung von extremem Nationalismus und ethnischem Haß beitragen wird.
Und schließlich scharfen wir die transatlantische
Gemeinschaft von morgen, indem wir unsere sicherheitspolitische Zusammenarbeit vertiefen, anstatt
uns zurückzuziehen. Jetzt, da die übergreifende
Bedrohung durch den Kommunismus verschwunden
ist, sind Haß und Intoleranz immer noch gegenwärtig, haben aber ein anderes Gesicht: Ethnische
und religiöse Konflikte, organisiertes Verbrechen und
Drogenhandel, staatlich geförderter Terrorismus, die
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Amerika kann sich von diesen Bedrohungen ebensowenig
isolieren, wie es sich nach dem Zweiten Weltkrieg
isolieren konnte. Tatsächlich haben wir hierfür sogar
weniger Optionen, da die Welt immer enger zusammenwächst.

die Zuversicht, ihren alten Haß zu überwinden. Es
gab ihnen die Sicherheit, den Wohlstand zu säen,
den wir heute genießen.
Durch die Gründung der NATO tat Amerika von
unserem Blickwinkel aus sogar etwas noch Wichtigeres. Wir schufen die Sicherheit, die für unser Gedeihen und Wohlergehen wichtig ist. Jetzt müssen wir
auf den Errungenschaften Präsident Trumans aufbauen. Bei der Bekanntgabe der Trumandoktrin
erklärte er: "Die Welt ist nicht statisch, und der
Status quo nicht geheiligt. Wir müssen die NATO
anpassen, und meines Erachtens sollten wir die
Türen der NATO für neue Mitglieder öffnen." Das
Ende des Kalten Krieges kann nicht das Ende der
NATO bedeuten, und es kann keine der Vergangenheit verhaftete NATO bedeuten, denn es gibt keinen
anderen Eckpfeiler für ein integriertes, sicheres und
stabliles Europa der Zukunft.
Der Erfolg der NATO beinhaltet die Förderung von
Sicherheitsinteressen, Werten, Demokratie und
wirtschaftlichen Chancen. Wir haben buchstäblich
eine Werte- und Interessengemeinschaft sowie ein
gemeinsames Verteidigungsbündnis geschaffen.
Jetzt wollen die neuen Demokratien Zentral- und
Osteuropas sowie der ehemaligen Sowjetunion sich
daran beteiligen, den Kreis von Ländern mit gemeinsamen Zielen zu erweitern und dadurch unsere
eigene Sicherheit zu erhöhen.
Aus diesem Grund haben wir die Partnerschaft für
den Frieden ins Leben gerufen. In weniger als zwei
Jahren haben wir 26 Nationen in ein Programm zur
Förderung von Vertrauen und Freundschaft eingebracht. Ehemalige Gegner nehmen jetzt während
des ganzen Jahres an Manövern teil und knüpfen
Bande, anstatt Schlachtpläne zu schmieden. Das ist
gut für uns und gut für Europa.

Indem wir uns unseren Verbündeten anschließen
und andere mit einbeziehen, die unsere Wertvorstellungen teilen, können wir uns zwar nicht von
diesen Bedrohungen isolieren, aber wir können mit
Sicherheit eine bessere Verteidigung bereitstellen.
Der Erfolg der NATO ist ein Beweis für das, was wir
bewirken können, wenn wir zusammenarbeiten. Die
NATO verbindet die westlichen Demokratien durch
ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Werte. Und
ich bin fest davon überzeugt, daß die Einheit oder
der Nutzen der NATO nicht von der ständigen
Präsenz eines Feindes abhängen.

Jetzt sollten diese Nationen in der Region, die ihre
Demokratie bewahren, weiterhin Wirtschaftsreformen
fördern und sich verantwortungsbewußt verhalten, in
die Lage versetzt werden, der NATO beizutreten.
Das wird ihnen das Vertrauen geben, ihre Freiheit zu
konsolidieren, ihre Volkswirtschaften aufzubauen und
unsere Sicherheit zu erhöhen.

Das Bündnis stärkt all seine Mitglieder von innen
und verteidigt sie vor Bedrohungen von außen. Sie
sehen das, wenn Sie die heute in Westeuropa
herrschende Stabilität, wirtschaftliche Stärke und
Harmonie mit den Bedingungen vor wenigen Jahrzehnten zur Zeit Präsident Trumans vergleichen.
Das Bündnis brachte ehemalige Gegner zusammen,
stärkte die Demokratie, bot mit dem Marshallplan
schwachen Volkswirtschaften einen Schutz und
brachte sie wieder in Gang. Das gab den Völkern

Die NATO hat eine Studie darüber abgeschlossen,
wie sie neue Mitglieder aufnehmen sollte. Wir wollen
vorsichtig, überlegt und offen vorgehen und die
Schlußfolgerungen dieser Studie allen zugänglich
machen, die sich an der Partnerschaft für den Frieden beteiligen. Wir müssen jetzt jedoch stetig und
sorgfältig zur nächsten Stufe übergehen, überlegen,
wer die neuen Mitglieder sein sollten und wann sie
zum Beitritt aufgefordert werden können. Während
dieses Prozesses werde ich mit dem Kongreß und

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AMERIKA DIENST 31

�dem amerikanischen Volk in Verbindung stehen und
die Art von parteiübergreifender Partnerschaft anstreben, die Harry Trumans bedeutende Errungenschaften ermöglicht hat.
Ich möchte einen wichtigen Punkt betonen: Die
Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO wird die
Sicherheit eines jeden in Europa, einschließlich
Rußlands, der Ukraine und der anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken erhöhen, nicht unterminieren. Wir
haben Rußland versichert, daß die NATO ist, was
sie immer war - ein Verteidigungsbündnis. Die
Erweiterung der Zone von Sicherheit und Demokratie in Europa kann zur Verhinderung neuer Konflikte
beitragen, die sich in vielen Fällen im Laufe von
Jahrhunderten aufgebaut haben. Für Rußland und
alle seine Nachbarn ist dies ein besserer Weg.
Ich möchte Sie auch wissen lassen, daß wir - wie
Sie an dem Foto mit Präsident Jelzin und mir sehen
können, auf dem wir beide lachen - positive Beziehungen zu Rußland aufbauen. Wer sich mit der
Geschichte dieses großartigen Landes auskennt
weiß, daß seine heroischen Bestrebungen, eine
zuversichtliche und stabile Demokratie zu werden, zu
den bedeutendsten Entwicklungen unserer Zeit
gehören.
Einer unserer früheren Kollegen, Präsident Nixon,
der nicht länger unter uns weilt, schrieb mir einen
Monat vor seinem Tod einen Brief zum Thema
Rußland - den ich verwahrt habe und hin und wieder
lese - in dem er die außergewöhnliche historische
Bedeutung des mutigen Strebens der Russen nach
Demokratie und Freiheit unterstreicht.
Auch Rußland kann in dem neuen Europa einen
Beitrag leisten, und wir haben dem Land ein starkes
Bündnis mit der NATO sowie Zusammenarbeit im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden angeboten. Diese Partnerschaft wird vertieft. Morgen
werden die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und
Rußlands unter der Schirmherrschaft der Partnerschaft für den Frieden in Fort Riley (Kansas) gemeinsame Manöver zur Friedenssicherung beginnen.
Wir möchten mit ihnen tägliche, umfassende, routinemäßige Beziehungen unterhalten. Wir wollen
jeden Schritt des Weges gehen, Vertrauen, Sicherheit und ein demokratisches Rußland zu schaffen.
Wir sind jedoch nicht der Meinung, daß die Öffnung
der NATO nach Osten und unsere Beziehungen zu
Rußland sich gegenseitig ausschließen.
Ich möchte noch etwas hervorheben: Die NATO ist
genau in diesem Moment für uns am Werke - sie
stellt in Bosnien unter Beweis, wie entscheidend sie
für die Sicherung des Friedens in Europa ist. Die
Bestrebungen unserer Unterhändler, die militäri-

AMERIKA DIENST 31

schen Veränderungen am Boden und die Luftangriffe
der NATO haben diese Parteien an den Verhandlungstisch gebracht und zu einem Abkommen über
die Grundprinzipien einer Lösung sowie eines landesweiten Waffenstillstands geführt.
Nächste Woche werden die Präsidenten Bosniens,
Kroatiens und Serbins zu einem historischen Treffen
zur Regelung der verbleibenden Fragen nach Dayton
(Ohio) reisen. Die sich abzeichnende politische
Lösung wird Bosnien als einheitlichen Staat erhalten
und einen fairen Kompromiß für eine territoriale
Lösung bieten. Die Parteien werden zur Veranstaltung freier Wahlen, Gründung demokratischer Institutionen und Respektierung der Menschenrechte
verpflichtet.
Viele Menschen haben eine Rolle dabei übernommen, diesen Prozeß so weit zu bringen. Ich möchte
einem von ihnen am heutigen Abend für seine
herausragenden Bestrebungen danken - Präsident
Carter. Aufrichtigen Dank für das von Ihnen Bewirkte.
Es gibt keine Garantie für den Frieden, aber er ist
dank der NATO in hohem Maße möglich. Abschließend möchte ich Sie noch um etwas bitten: Nachdem der Friede ausgehandelt worden ist, muß die
NATO zur Durchsetzung der Vereinbarung bereit
sein. Es gibt keinen Frieden ohne eine internationale
Militärpräsenz in Bosnien, eine Präsenz, die glaubwürdig sein muß. Die NATO ist hierfür unerläßlich,
um den Parteien den Rückhalt zu bieten, den sie für
einen Friedensschluß benötigen.
Ich möchte Ihnen folgende Frage stellen: Würde
Harry Truman, wenn er noch Präsident wäre, von den
Vereinigten Staaten als führendem NATO-Mitglied
erwarten, Truppen nach Bosnien zu entsenden? Ich
denke, Sie kennen die Antwort. Die Antwort lautet
Ja. Und wir müssen dementsprechend handeln.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich möchte Mißverständnissen vorbeugen: Wenn wir nicht in Bosnien
sind, werden viele unserer Partner ihre Verpflichtungen erneut überdenken. Wenn wir nicht dort sind,
wird Amerika seine Führungsrolle in der NATO
opfern. Wenn wir nicht dort sind, begehen wir einen
schweren Fehler. Ich bin entschlossen, uns an
dieser NATO-Mission zu beteiligen.
Ich arbeite mit dem Kongreß zusammen und führe
einen wichtigen Dialog. Ich traf vor nicht allzulanger
Zeit mit einer überparteilichen Gruppe von Politikern
zusammen. Heute möchte ich Senator Nunn ein
besonderes Wort des Dankes für seinen bemerkenswerten Beitrag zu dieser Zusammenkunft sagen
sowie für seinen bemerkenswerten Beitrag zu unse-

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�rem Land, den wir alle vermissen werden, wenn er
gegangen ist.
Meine amerikanischen Mitbürger, wenn Sie wollen,
daß vier Jahre des blutigen Konflikts enden, müssen
Sie das gemeinsame Vorgehen der Vereinigten
Staaten und der NATO bei der Umsetzung des
Friedensabkommens unterstützen. Wir haben keine
Truppen in den Kampf entsandt. Wir haben nicht
Partei ergriffen. Wir waren nicht an der UNPROFOR-Mission am Boden beteiligt. Aber wir müssen
dies tun, wenn Sie wollen, daß Ihr Land und die
NATO in der heutigen Zeit so effektiv sind, wie es
Präsident Trumans Vision zu seiner Zeit war.
Ich möchte nochmals wiederholen, wenn wir dies
nicht tun, wären die Konsequenzen für unser Land
in der Tat gravierend. Dies ist der schwerwiegendste Konflikt auf dem Kontinent seit dem Ende des
Zweiten Weltkriegs. Die NATO muß zu seiner
Beendigung beitragen. Wenn es uns nicht gelingt,
diesen Frieden zu sichern, wie können wir dann ein
integriertes, friedliches und geeintes Europa schaffen? Wenn es uns nicht gelingt, diesen Frieden zu
sichern, werden unsere Erfolge auf der Welt und ein
Großteil unseres Erfolgs im Inland, der von der
amerikanischen Führungsrolle herrührt, geschwächt.
Wenn es uns nicht gelingt, diesen Frieden zu
sichern, könnte der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien auf andere Nationen übergreifen und unsere
Söhne und Töchter in einen Konflikt in Europa
einbeziehen.
Abschließend möchte ich sagen, daß wir vor wenigen Tagen Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II.
in den Vereinigten Staaten begrüßen durften. Ich
habe ungefähr eine halbe Stunde alleine mit ihm
verbracht, und er begann die ungewöhnlichste

Unterhaltung, die ich je mit ihm oder einem anderen
Staatsoberhaupt geführt habe.
Er sagte: "Ich
möchte über die Welt sprechen, und ich möchte
wissen, was Sie denken." Ich antwortete: "Die
Welt?" Er meinte: "Ja, die ganze Welt." Und ich
entgegnete: "Wo sollen wir anfangen?" Er erwiderte:
"Fangen Sie mit Bosnien an."
Also sprachen wir über Bosnien. Und dann über die
ganze Welt. Am Ende sagte er: "Sie wissen, ich bin
nicht mehr jung. Ich habe den Großteil dieses
Jahrhunderts durchlebt. Das 20. Jahrhundert begann
mit einem Krieg in Sarajevo. Herr Präsident, Sie
dürfen nicht zulassen, daß das 20. Jahrhundert mit
einem Krieg in Sarajevo endet."
Ich bitte Sie, daran zu denken, meinen amerikanischen Mitbürger, an diesen ersten Krieg in Sarajevo das war Harry Trumans Krieg. Das war der Krieg, an
dem er teilnahm, obwohl er alt genug und sein
Augenlicht schlecht genug war, ihn davor zu bewahren. Das ist der Krieg, der den Menschen die Führungsfähigkeiten bewies, über die er verfügte. Und
unser Versagen nach diesem Krieg führte Franklin
Roosevelt in einen anderen Krieg, führte dazu, daß
Harry Truman diesen Krieg mit schwierigen, schmerzlichen Entscheidungen beendete - darunter den
Abwurf der Atombombe - und veranlaßte ihn zu der
Entscheidung, dies nie wieder zuzulassen. Aus
diesem Grund tat er all die Dinge, die wir heute
abend feiern.
Wenn er hier wäre, würde er sagen: "Wenn Ihr mich
wirklich ehren wollt, bereitet Euch auf die Zukunft vor,
wie ich es getan habe."
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 31

�DEMOKRATIE
8. November 1995

Die elektronische Republik
von Lawrence Grossman
(AD) - Lawrence Grossman, Präsident von Horizons Cable Network und ehemaliger Präsident des Public
Broadcasting Service und von NBC News, ist der Autor von The Electronic Dialogue: Reshaping
Democracy in the Information Age.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Übersetzung der unwesentlich gekürzten Einleitung zu seinem Buch.
Copyright (c) Lawrence K. Grossman, 1995. Alle Rechte vorbehalten. Herausgegeben von Viking Penguin,
einer Abteilung von PENGUIN Books USA Inc.

In den Vereinigten Staaten nimmt ein neues politisches System Gestalt an. An der Schwelle zum 21.
Jahrhundert verwandelt sich Amerika in eine elektronische Republik, ein demokratisches System, das
die tägliche Einflußnahme des Bürgers auf die
Entscheidungen des Staates enorm vergrößert.
Neue Elemente der direkten Demokratie werden
unserer traditionellen repräsentativen Regierungsform aufoktroyiert, verändern die Natur des politischen Prozesses und stellen einige der grundlegenden Voraussetzungen für das politische Leben in
Frage, die seit der Gründung der Nation vor über
200 Jahren existieren.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß sich die
Amerikaner zunehmend machtlos, zynisch und
frustriert fühlen, während sich tatsächlich die Distanz
zwischen den Regierten und den Regierenden
dramatisch verringert. Sehr viel mehr Bürger erhalten ein größeres Mitspracherecht bei der Gestaltung
der öffentlichen Politik als je zuvor seit der direkten
Demokratie der griechischen Stadtstaaten der Antike
vor rund 2.500 Jahren. Populistische Maßnahmen
wie eine Begrenzung der Amtszeit, Zusatzartikel
über den Haushaltsausgleich, direkte Vorwahlen in
den Bundesstaaten und Parteiversammlungen sowie
der zunehmende Einsatz von Wahlinitiativen und
Referenden verringern die Machtbefugnis der
gewählten Regierungsvertreter, ermöglichen den
Wählern die Entscheidung für ihren eigenen Präsidentschaftskandidaten, umgehen Gesetze und
ermächtigen das Volk zur Formulierung seiner
eigenen Gesetze. Ständige Meinungsumfragen und
immer moderneres interaktives Telekommunikationsgerät setzen die Regierung unverzüglich in Kenntnis
über den Willen des Volkes - und sie reagiert darauf.
Einige sagen, zu stark - für das Wohl des Volkes.

AMERIKA DIENST 31

Während die Gewählten versuchen, auf jede Stimmung der Wählerschaft einzugehen, übernehmen die
Bürger insgesamt eine direktere Rolle in der Regierung als die Gründerväter je beabsichtigten.
Diese demokratische politische Umgestaltung wird im
großen und ganzen von zwei Entwicklungen getragen
- dem 200 Jahre langen Marsch zu politischer Gleichberechtigung für alle Bürger und der explosionsartigen Zunahme neuer Telekommunikationsmedien,
der bemerkenswerten Konvergenz von Fernsehen,
Telefon, Satelliten, Verkabelung und Personalcomputern. Dies ist die erste Generation von Bürgern, die
ihre Politiker gleichzeitig und unverzüglich sieht, hört
und beurteilen kann. Es ist auch die erste Generation von Politikern, die zur gesamten Bevölkerung
sprechen kann und unmittelbar ein Feedback darüber
erhält, was die Menschen denken und wollen.
Interaktive Telekommunikation verleiht dem Durchschnittsbürger immer direkteren Zugang zu den
wichtigen politischen Entscheidungen, die ihr Leben
und Eigentum betreffen.
Die aufstrebende elektronische Republik wird eine
politische Hybride sein. Die Bürger werden nicht nur
die sie Regierenden wählen können wie bisher,
sondern sie werden sich auch in zunehmendem
Maße an der Formulierung der Gesetze und Maßnahmen beteiligen können, von denen sie regiert werden.
Durch den Einsatz von immer moderneren digitalen
Zweiwege-Breitbandtelekommunikationsnetzen erlangen die Mitglieder der Öffentlichkeit einen eigenen
Sitz am Tisch der politischen Macht. Selbst während
die Ungeduld der Öffentlichkeit mit der Regierung
zunimmt, verwandelt der unerbittliche Fortschritt der
Demokratisierung zusammen mit bemerkenswerten
Fortschritten bei interaktiver Telekommunikation das

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�Volk selbst in den neuen vierten Zweig der Regierung. In der elektronischen Republik wird es nicht
länger die Presse, sondern die Öffentlichkeit sein,
die als die mächtige "vierte Gewalt" neben der
Exekutive, der Legislative und der Judikative funktioniert.
Der Aufstieg der elektronischen Republik mit ihrer
wahrscheinlich unvermeidlichen Tendenz, schnell auf
alle Aspekte der öffentlichen Meinung zu reagieren,
wird einige der am meisten geschätzten verfassungsmäßigen Schutzmechanismen gegen potentielle Exzesse von Impulsen der Mehrheit aushöhlen wenn nicht sogar grundlegend verändern. Diese
Schutzmechanismen wurden von den Gründervätern
eingeführt, die gegenüber der reinen Demokratie so
wachsam waren wie sie die Regierungsbefugnis
fürchteten. Die Verfassung versuchte nicht nur, das
Volk vor der überragenden Macht der Regierung zu
schützen, sondern auch die neue Nation vor den
überragenden Ansprüchen des Durchschnittsbürgers, insbesondere der Armen, zu schützen.
Telekommunikationstechnologie hat die traditionellen
Barrieren von Zeit und Raum abgebaut. Auf die
gleiche Weise kann sie auch die traditionellen
verfassungsmäßigen Barrieren der gegenseitigen
Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung von
Kongreß und Regierung sowie der Gewaltenteilung
abbauen, zu deren Erhalt die neue Nation James
Madison zufolge aufgrund ihrer reinen Größe und
Komplexität beitragen würde. "Erweitert die Sphäre,
und ihr bezieht eine größere Vielfalt von Parteien
und Interessen ein; ihr macht es weniger wahrscheinlich, daß eine Mehrheit des Ganzen ein
gemeinsames Motiv hat, in die Rechte anderer
Bürger einzugreifen." Während jedoch Distanzen
verschwinden und Telekommunikation sich in der
Sphäre verliert, während der exekutive und legislative Zweig der Regierung enger mit der öffentlichen
Meinung und den Ansprüchen der Öffentlichkeit
verflochten werden, könnten nur die Gerichte als
effektive Bastion gegen die Tyrannei der Mehrheit
übrigbleiben.
Die Judikative, der Zweig der Regierung, der am
wenigsten auf die Gefühlsbewegungen des Volkes
reagieren soll, wird die immer schwierigere und
schwerere Last tragen, die Rechte des einzelnen vor
einem Angriff des Volkes zu schützen.
Direkte Demokratie, auf die wir unerbittlich zuzusteuern scheinen, war die früheste Form der Demokratie.
Sie entstand im fünften Jahrhundert vor Christus in
den kleinen, unabhängigen Stadtstaaten des klassischen Griechenland.
Während der 200 Jahre
währenden direkten Demokratie Athens, im antiken
Stadtstaat, über dessen Regierungsführung wir am

Seite 2

meisten wissen, waren einige privilegierte Bürger
gleichzeitig Regierende und Regierte, erließen
Gesetze und führten sie selbst aus. "Obwohl die
Staatsbürgerschaft im alten Athen auf männliche
einheimische Erwachsene beschränkt war, garantierte
sie die umfassende und aktive Beteiligung an jeder
Entscheidung des Staates ungeachtet von Besitzstand oder Klassenzugehörigkeit." Die Demokratie in
Athen ging so weit, wie es auch in der heutigen Zeit
der Fall wäre.
Im Gegensatz dazu ist die repräsentative Regierung die zweite Form der Demokratie - ein relativ neues
Phänomen, das vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten in den Vereinigten Staaten entstand. In der
repräsentativen Demokratie können die Amerikaner zuerst wenige Privilegierte und jetzt jeder Bürger über
18 Jahren - diejenigen wählen, die die Gesetze
erlassen, denen sie unterliegen. Im Unterschied zum
alten Griechenland spezifiziert unsere Verfassung
eine Regierung, bei der die Regierenden von den
Regierten getrennt sind. Sie verbindet das Volk
durch Wahlen mit der Regierung, distanziert die
Regierung aber vom Volk, indem sie die Gewählten
zu denjenigen macht, die tatsächlich die Gesetze
erlassen und die Regierungsgeschäfte führen. Ein
Politologe formulierte es folgendermaßen:
"Der
verfassungsmäßige Raum ist das Genie der amerikanischen Republik. Er hält den Demokratisierungsprozeß unter Kontrolle und verhindert, daß unsere
Demokratie sich selbst ruiniert, indem sie ins Extrem
verfällt."
Heute schrumpft dieser verfassungsmäßige Raum.
Neue populistische Prozesse und Telekommunikationstechnologien verstärken die Stimme des Volkes
insgesamt und bringen die Öffentlichkeit voll in den
Entscheidungsfindungsprozeß der Regierung ein.
Während die Macht der öffentlichen Meinung steigt,
nimmt die Rolle der traditionellen politischen Vermittler - der Parteien, der Experten in den Massenmedien, der regierenden Elite - ab. Institutionen, die
den Willen des Volkes behindern oder zwischen ihm
und den Aktionen der Regierung stehen, werden
übergangen.
Telekommunikationstechnologien - Computer, Satelliten, interaktives Fernsehen, Telefon und Radio überwinden die uralten Hindernisse von Zeit und
Raum, die ursprünglich die Bürger daran hinderten,
direkt für die Gesetze und Maßnahmen zu stimmen,
von denen sie geleitet werden. Die allgemeine
Überzeugung lautet, daß die repräsentative Regierung die einzige Form der Demokratie ist, die in den
ausufernden heterogenen Nationalstaaten von heute
möglich ist. Interaktive Telekommunikation ermöglicht
es Millionen weit verstreut lebender Bürger, die
Informationen zu erhalten, die sie zur Ausführung der

AMERIKA DIENST 31

�Regierungsarbeit, für den Zugang zur Politik und für
die Kontrolle ihres eigenen Lebens sowie der Güter
benötigen, die Politiker ihrer Ansicht nach vergeuden.
Die elektronische Republik hat also bereits begonnen, die traditionelle Rolle der Bürger und der
politischen Führung neu zu definieren. Heute ist es
mindestens so wichtig, die Wählerschaft - die
Öffentlichkeit als Ganzes - anzusprechen und die
öffentliche Meinung zu beeinflussen wie die Vertreter
der Öffentlichkeit, die Gesetze erlassen und die
Maßnahmen umsetzen. Der Literaturkritiker Sven
Birkerts formulierte es in seinem Buch The Gutenberg Elegies über das Lesen in einer elektronischen
Kultur folgendermaßen: "Der Anbruch des Computerzeitalters und die durch unsere elektronischen
Kommunikationsmedien erzielte erstaunliche technische Perfektion haben zusammengenommen eine
Vielzahl isolierter Veränderungen systematisch
geordnet. Die Art und Weise, in der die Menschen
die Welt erleben, hat sich in den vergangenen 50
Jahren mehr verändert als in den vielen Jahrhunderten zuvor."
Das Entstehen der elektronischen
Republik erfordert ein neues Denken, neue Vorgehensweisen, neue Maßnahmen und sogar neue
politische Institutionen um sicherzustellen, daß in
kommenden Jahrhunderten die Impulse der Mehrheit
nicht auf Kosten der Rechte des einzelnen und
unpopulärer Minderheiten gehen.
Wir müssen uns der vom interaktiven Telekommunikationszeitalter hervorgebrachten bemerkenswerten Veränderungen in unserem politischen
System bewußt werden. Wir müssen die Konse-

*

AMERIKA DIENST 31

*

quenzen des Marsches zur Demokratisierung verstehen. Wir müssen mit den Versprechen und
Gefahren der elektronischen Republik umgehen. Sie
ermöglicht es der Regierung, intensiv auf die Stimmungen des Volkes zu reagieren. Und sie kann die
Reaktionsfähigkeit auf die Spitze treiben, womit
Manipulation, Demagogie oder Tyrannei der Mehrheit
Tor und Tür geöffnet wird, die "eine Flamme entfacht
... und im gesamten Land eine Feuersbrunst auslöst".
Die meisten Studien der Regierung, Politik und der
Medien beginnen an der Spitze mit der Untersuchung
der Führungsqualitäten, die das politische Leben
definieren. Meine Botschaft lautet jedoch, daß im
kommenden Zeitalter staatsbürgerliche Qualitäten
ebenso wichtig sind wie die politischer Führung. In
einer elektronischen Republik wird es entscheidend
sein, Politik nicht nur von oben nach unten, sondern
auch von unten nach oben zu betrachten.
Was ist erforderlich, um die Vereinigten Staaten in
eine Nation qualifizierter Bürger umzuwandeln, die
nicht als isolierte Individuen ihre eigenen Ziele
verfolgen, sondern sich als engagierte Mitglieder der
Öffentlichkeit für das Allgemeinwohl engagieren? In
einer elektronischen Republik ist es von essentieller
Bedeutung, die Antwort auf diese Frage zu finden.
Um Thomas Jefferson zu zitieren: "Ich kenne keinen
sichereren Verwahrungsort für die höchste Gewalt
der Gesellschaft als den Menschen selbst, und wenn
wir ihn nicht für aufgeklärt genug halten, seine
Kontrolle mit einem gesunden Maß an Besonnenheit
auszuüben, liegt die Lösung nicht darin, ihn der
Kontrolle zu berauben, sondern vielmehr darin, ihn so
zu informieren, daß er besonnen handeln kann.

*

*

Seite 3

�BURGERRECHTE
8. November 1995

Der lange Kampf um Bürgerrechte in den USA
Rede vor der Black Lawyers Association
WASHINGTON - (AD) - Der längste idealistische Kampf in der Geschichte der Vereinigten Staaten "ist der
Kampf um Bürgerrechte, unser Streben nach Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit", so Deval Patrick,
Abteilungsleiter für Bürgerrechte im US-Justizministerium.
Die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre führte ihm zufolge zu zahllosen mutigen und mitfühlenden
Taten, und ihre Dramen sind jetzt triumphierend in die Annalen der Geschichte eingegangen, aber wir sind
noch nicht am Ziel.
Patrick zufolge besteht in vielen amerikanischen Städten, wenn auch nicht de jure, so doch de facto
Rassentrennung, und die Abteilung für Bürgerrechte im Justizministerium erhält jährlich Tausende ernsthafter
Beschwerden über Diskriminierung verschiedenster Art.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede, die Deval Patrick im Rahmen eines Programms des
US-Informationsamts vor der Black Lawyers Association in Johannesburg hielt.

Der größte idealistische Kampf der Vereinigten
Staaten zu meinen Lebzeiten und der längste
idealistische Kampf in der Geschichte unserer Nation
ist der Kampf um Bürgerrechte, unser Streben nach
Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit.
Es gab eine Zeit, in der ganz Amerika die Hoffnung
der von Dr. Martin Luther King Jr. ausgesandten
Botschaft verspürte, in der wir das Gefühl hatten, die
von uns selbst geschaffenen Probleme auch lösen
zu können.
Auf die eine oder andere Weise wurden alle Amerikaner von der Macht der Bürgerrechtsbewegung in
den sechziger Jahren beeinflußt. Denn die einfache
Gerechtigkeit, um die es dabei ging, wurde nie in
Frage gestellt. Es ging darum, das amerikanische
Versprechen der Freiheit zu erfüllen, die durch
Gleichheit, Chancen und Fair play definiert wird.
In diesem Sinne repräsentierte die amerikanische
Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre die
besten Ideale der Vereinigten Staaten. Sie führte zu
zahllosen mutigen und mitfühlenden Taten - kleinen
und großen. Ihre Dramen sind jetzt triumphierend in
die Annalen der Geschichte eingegangen:
Wie der Sohn eines afroamerikanischen
Gepäckträgers namens Thurgood Marshall
brillant die Strategie konzipierte und umsetzte,

AMERIKA DIENST 31

die das Oberste Bundesgericht überzeugte,
Rassentrennung in öffentlichen Schulen zu
beenden.
Wie eine am Ende ihres langen Arbeitstages
müde Afroamerikanerin namens Rosa Parks
sich weigerte, in einem Bus in Montgomery
(Alabama) ihren Sitzplatz für einen Weißen
freizumachen und damit einen Boykott auslöste, der Jim Crow (die nach einem Variet6Künstler des 19. Jahrhunderts benannte und
jetzt verfassungswidrige Reihe von Gesetzen
über die Rassentrennung) zu Fall brachte.
Wie die Welt Zeuge der Macht, Leidenschaft
und Nachdenklichkeit eines jungen Geistlichen
namens Martin Luther King wurde, der mit
einer eloquenten eindringlichen Rede aus einer
Gefängniszelle in Birmingham heraus das
Gewissen Amerikas aufrüttelte.
Wie mutige Männer und Frauen aus allen
Lebensbereichen und allen Teilen des Landes
ihre Körper und allzuoft ihr Leben opferten um
sicherzustellen, daß jeder Bürger wählen darf.
Seit Jahrhunderten wurde den amerikanischen
Idealen von Gleichheit, Chancen und Fair play durch
die Politik und die Praktiken der Teilung und des
Ausschlusses entgegengewirkt. Langsam, schmerz-

Seite 1

�haft, im Verlauf mehrerer Jahrzehnte haben Männer
und Frauen guten Willens und mit Weitblick, Menschen wie die von mir Erwähnten und ihresgleichen
überall, Menschen, die sich der Kluft zwischen der
Realität und unseren Idealen stellten und sich für die
Ideale einsetzten, Druck ausgeübt, Forderungen
gestellt und sich dafür engagiert, diese Kluft zu
schließen.
Es erforderte viel harte Arbeit, Opfer und Vertrauen,
um dorthin zu gelangen, wo wir jetzt stehen. Millionen von Amerikanern aus allen Lebensbereichen
und von überall folgen ihrem Gewissen. Gefordert
waren der politische Mut und die Staatskunst von
Demokraten und Republikanern gleichermaßen.
Nötig waren die Wachsamkeit von Gerichten und
unabhängigen Anwälten, die sich dem Geist unserer
Verfassung und ihrer Forderung nach gleichem
Schutz für alle verpflichteten. Und es bedurfte der
unermüdlichen Bestrebungen engagierter Regierungsangestellter in der Abteilung für Bürgerrechte
im Justizministerium, die immer wieder ihre Bereitschaft unter Beweis stellten, sich den zahllosen
Versuchen der Obstruktionspolitiker entgegenzustellen, grundlegende Gesetzesbestimmungen zu
umgehen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Dank dieser
Arbeit, dieser Opfer, dieses Glaubens genießt
unsere Gesellschaft heute mehr Freiheit, mehr
Demokratie, mehr Integration und mehr Gleichheit
als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Aber wir sind noch nicht am Ziel angelangt.
Drei Jahrzehnte nachdem Dr. King uns von seinem
Traum erzählte, besteht in vielen unserer Städte,
wenn auch nicht de jure, so doch de facto Rassentrennung.
Nahezu vier Jahrzehnte nach ihrer Gründung bekommt die Abteilung für Bürgerrechte im Justizministerium weitertiin Tausende ernsthafter Beschwerden
über Diskriminierung aller Art. Die Kommission für
Chancengleichheit am Arbeitsplatz, eine unabhängige Bundesbehörde, die sich auch mit Vorwürfen
wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz befaßt,
erhielt allein im letzten Jahr über 90.000 Beschuldigungen der Voreingenommenheit am Arbeitsplatz.
Die Antidiffamierungsliga berichtet, daß Haßverbrechen landesweit den höchsten Stand erreicht
haben.
Wir in den Vereinigten Staaten waren in wenigen
Jahrzehnten nicht in der Lage, die Auswirkungen
von mehr als drei Jahrhunderten der Erniedrigung,
Entbehrung und Diskriminierung zu heilen. In der

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Zwischenzeit haben die Kämpfe anderer benachteiligter rassischer, ethnischer und religiöser Gruppen,
von Frauen und Behinderten ihren rechtmäßigen
Platz an der Seite des Kampfes der Afroamerikaner
eingenommen.
Manche verleihen ihrer Bestürzung darüber Ausdruck,
daß wir als Nation noch einen so weiten Weg vor uns
haben. Aber Präsident Lincoln erklärte uns vor
langer Zeit eine nützliche Wahrheit. Er wußte, daß
der Kampf zur Förderung von Gleichheit, zur Bereitstellung von Chancen und Sicherstellung von Fairness ein andauernder, wenn auch kein ewiger Kampf
sein würde. Er sagte uns, diese grundlegenden
amerikanischen Werte "sollten allen geläufig sein und
von allen hochgehalten werden; sie sollten konstant
beachtet werden, und wir sollten konstant dafür
arbeiten; und obwohl sie nie vollkommen erreicht
werden können, sollten wir uns ständig darum
bemühen, damit sie ihren Einfluß verbreiten und
vertiefen, das Glück und die Lebensqualität von
Menschen aller Hautfarbe überall erhöhen".
Er wußte, was President Thomas Jefferson meinte,
als er schrieb, "ständige Wachsamkeit ist der Preis
der Freiheit". Und er wußte, daß Rasse in Amerika
eine Gewissensfrage darstellt, mit der jede Generation konfrontiert wird.
Während des Großteils meines Lebens hatte unsere
Nation mit den mahnenden Worten Präsident Lincolns zu kämpfen. Es ist das Verdienst unserer
Nation, daß wir unser Bestes gegeben und an der
Ausweitung des Gleichstellungsideals gearbeitet
haben, um uns der Rassentrennung in unserer Nation
zu stellen und sie zu beheben. Bisweilen schien es,
daß nur ganz langsame Fortschritte gemacht wurden,
und unser Erfolg war nur sehr unvollständig. Aber
wir sind uns im Grunde genommen über unser Ziel
einig. Wir glauben an eine gerechte und integrierte
Gesellschaft. Und wir haben trotz der uns behindernden Neinsager, Demagogen und Zyniker auf weitere
Fortschritte gedrängt, wie wir es in der gesamten
Menschheitsgeschichte getan haben.
Jetzt fürchte ich allerdings, daß wir uns rückläufig
entwickeln. Heute haben sehr viele Afroamerikaner
und andere benachteiligte ethnische Gruppen das
Gefühl, weniger Chancen zu erhalten. Sie fühlen
sich ihrer Gleichstellung nicht mehr so sicher und
vertrauen weniger auf faire Behandlung als während
sehr vieler Jahre.
Heute scheint das kollektive Nachdenken unserer
Gesellschaft über die Bedeutung von Chancen mit
dem Thema Gleichstellung anzufangen und aufzuhören. Diese Debatte ist wenig konstruktiv. Wir
scheinen die Erfordernisse der Verbrechensbekämp-

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�fung und den Nutzen von Meinungsumfragen höher
zu bewerten als die grundlegenden Konzepte, sich
an die Spielregeln zu halten und alles seinen geregelten Gang gehen zu lassen. Heute wird der
Begriff Gleichheit nie in öffentlichen Debatten erwähnt, als ob die Umgehung des Begriffs zu einer
Umgehung des Problems führen würde. Manche
stellen öffentlich die Frage, ob die Bürgerrechtsbewegung zu weit gegangen ist und verhalten sich,
als ob die Geschichte Amerikas eine Geschichte der
Diskriminierung von Weißen gewesen wäre. Andere,
darunter viele Afroamerikaner, fragen sich, ob
Integration je ein richtiges Ziel gewesen ist.
Bedauerlicherweise gehen täglich unzählige Bilder
von Rückzug und Rückschritt über meinen Schreibtisch und den meiner Kollegen in den Bundesstaaten
und Gemeinden. Man braucht sich nicht auf in die
Öffentlichkeit getragene Beispiele zu beschränken,
sondern muß nur einen Afroamerikaner - männlichen
oder weiblichen Geschlechts, von den erfolgreichsten bis zu den erfolglosesten - ansprechen, um
eine herzzerreißende Geschichte nach der anderen
über rassisch motivierte Ungerechtigkeit, Feindschaft
oder sogar Gewalt zu hören.
Ich möchte Ihnen versichern, daß dies nicht nur
unsere Ängste sind. Es sind auch die Ängste weißer
Frauen, Hispanoamerikaner, Amerikaner asiatischer,
jüdischer und anderer Abstammung, die aufgrund
dessen, wer sie sind und was sie glauben, allzuoft
Ungerechtigkeit ausgesetzt sind. Tatsache ist, daß
dies die Ängste aller Amerikaner mit gutem Willen
und Weitblick sind, ungeachtet ihrer Rasse, ethnischen Zugehörigkeit, ihres Glaubens oder Geschlechts.
Sie sind Zeuge zunehmender Intoleranz. Sie sind
Zeuge von Bestrebungen zur Zerstörung unseres
nationalen Konsenses über Bürgerrechte und zur
Rassentrennung um des politischen Vorteils oder
Schlimmerem willen. Viele Menschen in unserem
Land fragen sich, ob wir als Nation bei unserem
Kampf um gleiche Chancen und grundlegende
Fairness einen riesigen Rückschritt machen.
In diesem besonderen und in mancherlei Hinsicht
unverantwortlichen Umfeld findet unsere wachsende
nationale Debatte über Gleichstellung statt. Reduziert auf beißende, aber sinnlose Äußerungen,
unterstützt von Mythen, aber wenig nützlichen Daten,
angetrieben von der Politik der Trennung kämpft
unsere Nation mit der tiefgründigen Frage, ob ihr
trauriges Vermächtnis des Ausschlusses aufgrund
von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht wirklich hinter ihr liegt - und falls nicht, ob
wir über den kollektiven Willen verfügen, etwas
dagegen zu unternehmen. Für solch ein entschei-

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dendes Thema, das so eng mit der Frage verbunden
ist, was für eine Gesellschaft wir sein werden, mangelt es der Debatte wirklich an Perspektive. Deshalb
hat Gleichstellung meines Erachtens eine symbolische Bedeutung, die überhaupt nicht mit ihren
praktischen Auswirkungen in Einklang steht.
Die Gleichstellungsgegner bestreiten die Angemessenheit (manche halten es für eine Ironie) eines
rassenbewußten Heilmittels. Sie stellen die Haltbarkeit eines solchen Heilmittels ebenso in Frage wie
die Angemessenheit einer Abkehr von einem sogenannten "farbenblinden" Ideal.
Für besonnene
Menschen sind diese Fragen nicht einfach zu beantworten. Dasselbe gilt auch für mich und für die
gesamte amerikanische Öffentlichkeit.
Wir alle müssen verstehen, daß einige Amerikaner
das Gefühl haben, sie müßten für die von anderen
begangenen Sünden zahlen und Gleichstellung
räume Minderheitengruppen unfairerweise bestimmte
Präferenzen ein. Ihrer Ansicht nach sollten wir uns
als "farbenblinde" Gesellschaft bezeichnen, in der
weder Weiße noch Minderheiten aufgrund ihrer
Rasse auf irgendeine Art bevorzugt oder benachteiligt
werden. Nicht alle, die ein solches "farbenblindes"
Ideal fordern, betreiben Obstruktion. Manche sind
nachdenkliche Menschen guten Willens und vielleicht
etwas naiv. Ihrer Ansicht nach ist es einfach nur an
derzeit, daß unsere Gesellschaft aufhört, in Rassenkategorien zu denken. Als ihre Mitbürger sind wir
ihnen zumindest den Versuch schuldig, sie zu verstehen. Andernfalls gibt es keine Hoffnung auf eine
sinnvolle Debatte.
Natürlich haben nicht alle Kritiker die besten Motive.
Manche, die eine "farbenblinde" Gesellschaft befürworten, gehören zu denen, die seit Jahren jeden
Versuch zur Förderung der Bürgerrechte bekämpft
haben - sogar Versuche zur Ächtung unserer eigenen
Form der Apartheid, der veralteten amerikanischen
Jim Crow-Gesetze. Einige sind Heuchler erster Güte,
die noch vor kurzem Gleichstellung forderten, sie jetzt
jedoch als offensichtlich "falsch" kritisieren. Einige
beteiligen sich an einem simplen Rassenwettbewerb
und versuchen, politische Vorteile zu erlangen, indem
sie bei den Präsidentschaftswahlen 1996 im Topf der
Gleichstellung rühren, ebenso wie andere bei vielen
vergangenen Präsidentschaftswahlkämpfen
aus
politischen Gründen im Topf der rassischen Intoleranz rührten. Einige weigern sich, irgendwelche
Unterschiede zwischen Gleichstellung (die gesetzmäßig ist) und Quoten (die es nicht sind) anzuerkennen
- trotz der Entscheidungen und klaren Bestimmungen
des Obersten Bundesgerichts. Sie sehen in jedem
Gleichstellungsplan Quoten, ebenso wie Kinder in
jedem dunklen Schrank ein Monster sehen. Sie
leisten keinen Beitrag zur Verständigung oder zu

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�konstruktivem Handeln, sondern "sie entflammen
nur", wie Leonard Fein es nennt.
Die Befürworter der Gleichstellungspolitik, einschließlich vieler benachteiligter rassischer und ethnischer
Gruppen, hegen den Verdacht, "Farbenblindheit" sei
nur ein hochfliegendes Konzept, das die Fortschritte
der Gesellschaft zu Chancengleichheit hemmen soll.
Für viele Minderheiten hat der Ruf nach "Farbenblindheit" etwas Surrealistisches: Wir sollen unverdienterweise besondere Privilegien erhalten, obwohl
wir wissen, daß kaum ein Weißer heute freiwillig mit
uns tauschen würde.
Der Mangel an Perspektive in dieser Debatte ist auf
die Tatsache zurückzuführen, daß wir nicht definieren, worüber wir sprechen. Gleichstellungspolitik in
den Vereinigten Staaten besteht tatsächlich aus
einer Vielzahl von Mitteln. An einem Ende des
Spektrums steht Einbeziehung und Einstellung - das
Spannen eines großen Netzes im traditionellen und
in anderen Bereichen für qualifizierte Minderheiten
und Frauen, damit sie sich am Wettbewerb beteiligen können. Kaum jemand ist dagegen - zumindest
in der Öffentlichkeit. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich diejenigen, die in zunehmender
Zahl in der Schule oder am Arbeitsplatz von speziell
für Angehörige bestimmter Gruppen reservierten
Plätzen profitieren - ungeachtet ihrer Qualifikationen.
Gegen diese Praktik gibt es vielleicht die größte
Opposition. Das ist die Art von Quote, die ich und
jedes andere Mitglied der Clinton-Administration
verurteilen und die die Gerichte unseres Landes
ziemlich konsequent ablehnen.
Mir scheint, daß es bei der wirklichen Debatte um
einen Mittelweg geht. Das bezeichne ich als "Erwägung von Gleichstellung", wobei Rasse, ethnische
Zugehörigkeit oder Geschlecht bei der Bewertung
qualifizierter Kandidaten ein Faktor, jedoch nicht
notwendigerweise entscheidend sind. Diese Art von
Gleichstellung gibt überhaupt keine Garantie. Sie
fördert Leistung. Sie betont Qualifikationen. Sie
verkörpert Flexibilität und das Streben nach Integration am Arbeitsplatz oder in der Schule. Diese Art
von Gleichstellung wurde von ihren frühen Verfechtern - Republikanern und Demokraten - unterstützt.
Heute sehe ich jedoch geteilte Unterstützung für
diese Gleichstellungsmethode. Dafür gibt es zwei
Gründe: Erstens hat sie zweifelsohne in bestimmten
Formen und bei bestimmten Gelegenheiten einfach
nicht funktioniert. Faule, nachlässige oder bisweilen
übereifrige Arbeitgeber oder Schulbehörden haben
gelegentlich solche Bestrebungen in Zahlenspiele
verwandelt und dabei Leistung, Qualität und Urteilsvermögen der als "Quote" bezeichneten numerischen Zwangsjacke geopfert. Firmen in Besitz von

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Mehrheiten, die sich hinter Minderheitenfirmen
"verstecken", um Verträge zu bekommen, andere
kleine Vergehen und unlogische Erfordernisse für die
Anerkennung von Unternehmern sind zu beobachten.
Wir müssen diese Probleme ohne zu zögern angehen. Wir müssen sie lösen, und auf Bundesebene
werden wir dies tun. Das sollte uns jedoch ebensowenig verleiten, vom Prinzip abzuweichen, wie
Mißbrauch der Vertragsnehmer bei der Beschaffung
im Verteidigungsbereich die US-Luftwaffe dazu
verleiten sollte, keine Flugzeuge mehr zu kaufen oder
die Wahl eines durchschnittlichen Kongreßabgeordneten uns dazu verleiten sollte, die Demokratie
aufzugeben.
Der zweite Grund, warum die Unterstützung für die
Erwägung von Gleichstellungsmaßnahmen geteilt ist,
liegt in der gekonnten, übelwollenden Rhetorik. Die
Werbeindustrie hat uns gelehrt, daß Wiederholung
und Schock die beiden erfolgreichsten Mittel sind,
uns von etwas zu überzeugen. Einzelne Fälle von
Mißbrauch des Gleichstellungsprinzips sind daher
zum Mythos geworden. Wir sollen glauben, daß es
eine vollständige Entrechtung der Chancen anderer
Amerikaner (vermeintlich derjenigen, die es besser
"verdienen") gibt, einfach deswegen, weil sie nicht
identifizierbaren benachteiligten rassischen oder
ethnischen Gruppen angehören.
Aber die Fakten geben dem nicht recht. Von allen
Klagen über Diskriminierung bei der Beschäftigung,
die in den vergangenen vier Jahren bei unseren
Bundesgerichten eingereicht wurden, war nur ein
winziger Bruchteil sogenannte "umgekehrte Diskriminierung" - Diskriminierung männlicher Weißer und weniger als eine Handvoll wurden als begründet
angesehen. In der Tat sind nicht einmal zwei Prozent der bei der Bundeskommission für Chancengleichheit am Arbeitsplatz anhängigen Verfahren
Klagen von männlichen Weißen. Unser Oberstes
Bundesgericht hat - zuletzt im vergangenen Sommer
- konsequent die Meinung zurückgewiesen, daß alle
Gleichstellungsmaßnahmen an sich schon unrechtmäßige Diskriminierung sind.
Tatsache ist: Diskriminierung aufgrund von Rasse,
ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht besteht in
den Vereinigten Staaten immer noch. Die Gesellschaft, in der wir leben, straft die angebliche Sonderbehandlung für Benachteiligte und Frauen Lügen.
Die Arbeitslosenrate für schwarze Männer in den
Vereinigten Staaten ist immer noch doppelt so hoch
wie die weißer Männer.
Selbst Schwarze und
Hispanier mit Collegeausbildung sowie Frauen aller
Rassen und ethnischen Zugehörigkeit werden
schlechter bezahlt als entsprechend gebildete und
ausgebildete weiße Männer. Es ist immer noch

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�schwieriger für Schwarze und Lateinamerikaner und in einigen Fällen für Frauen - eine Wohnung zu
mieten, eine Hypothek zu bekommen, eingestellt
oder befördert zu werden, an manchen Orten sogar
wählen zu dürfen, als für Weiße.
Wir haben uns zur Fortsetzung der Bestrebungen
zur Öffnung unserer Gesellschaft und der Gewährleistung verpflichtet, daß alle Amerikaner gleiche
Chancen haben, ihr anzugehören. Das heißt, daß
wir unseren Kampf zur Abschaffung der Diskriminierung ebenso offen wie geschickt, offenkundig und
diskret weiterführen müssen. Das bedeutet auch,
daß wir die Probleme von Gewaltverbrechen und
Zerfall der Familien ansprechen und unsere öffentlichen Schulen dazu bringen müssen, arme Kinder
nicht länger zu benachteiligen. Die Volkswirtschaft
muß auf allen Ebenen Chancen verbessern.
Wir dürfen jedoch nicht vorgeben, daß es keine
Diskriminierung mehr gibt, oder daß ihre Vergangenheit keine weitverbreiteten Auswirkungen auf die
Gegenwart hat. Wo das Vermächtnis dieser Diskriminierung Frauen und andere benachteiligte
Gruppen der Chance beraubt, sich um einen Arbeitsplatz oder einen Platz in der Schule auf gleicher
Basis mit anderen Amerikanern zu bewerben, unterstützt das Gesetz zu Recht diese Mittel, die Chancengleichheit für alle sicherstellen.
Manchmal könnte dies Gleichstellung bedeuten,
wenn es richtig gehandhabt wird: Flexibel, vernünftig, praktisch, rechtmäßig und ohne Qualifikationen zu opfern.
Präsident Clinton äußerte vor kurzem: "Wir unterstützen Gleichstellung ohne Quoten, ohne bei der
Qualität Abstriche zu machen, ohne sogenannte
umgekehrte Diskriminierung, ohne Betrug und Mißbrauch." Ich möchte es noch krasser formulieren:
Wir unterstützen Gleichstellung ohne Täuschung,
ohne Angst und ohne Entschuldigungen.
Die Regierung spielt dabei jedoch nur eine relativ
kleine Rolle. Die meisten Gleichstellungsmaßnahmen haben heute nichts mit der Regierung zu tun.
An allen Arbeitsplätzen in der Privatwirtschaft und
den Gemeinden Amerikas haben die Arbeitgeber
den prognostizierten Arbeitsmarkt von morgen sowie
die Bedürfnisse und Wünsche ihrer jeweiligen
Kunden berücksichtigt und versuchen freiwillig, eine
gewisse Vielfalt bei ihren Beschäftigten zu haben.
Universitäten und Colleges haben den erzieherischen Wert einer gemischten Studentenschaft
erkannt und darauf reagiert - nicht indem sie Wettbewerbsnormen opferten, sondern indem sie aus
allen amerikanischen Gemeinden Menschen zusammenführten, die diese Normen erfüllen können.

AMERIKA DIENST 31

Es gibt Bestrebungen - Bestrebungen, das tägliche
amerikanische Leben zu integrieren - die wir in
unserem Land seit Jahrzehnten begrüßt und ermutigt
haben. Wenn diese Bestrebungen flexibel gehandhabt werden, ohne das Verdienst zu opfern und ohne
die berechtigten Interessen des anderen zu verletzen,
gibt es kein Gesetz, das sie verbietet. Und kein
Gesetz sollte sie verbieten.
Die Perspektive erfordert, daß wir die Debatte über
Gleichstellung im größeren Kontext dessen betrachten, was unsere Nation zu dem macht, was sie ist.
Die Menschen sind aus aller Welt, in allen möglichen
Booten an die amerikanischen Küsten gekommen
und haben aus der Wildnis eine der außergewöhnlichsten Gesellschaften der Erde aufgebaut. Wir sind
besonders bemerkenswert, nicht nur aufgrund dessen, was wir geschaffen haben, sondern aufgrund der
Ideale, denen wir uns verschrieben haben. Wir
haben unsere Ideale im Lauf der Zeit mit den Prinzipien der Gleichheit, Chancen und des Fair play
definiert.
Bürgerrechte sind der Kampf für diese Ideale. Es
geht nicht um ein abstraktes rassisches Gewinnsystem.
Es geht darum, künstliche Schranken
jeglicher Art gegen Gleichheit, Chancen und Fair play
niederzureißen. Es geht darum, allen eine faire
Chance zur Leistung zu gewährleisten. Es geht
darum, dieses grundlegend amerikanische Gefühl der
Hoffnung einzulösen. Es geht darum, unsere fundamentalen Werte und unser Streben als Nation zu
bekräftigen.
Künftiger Fortschritt hängt ebenso von der nächsten
Generation ab wie der heutige Fortschritt von uns
abhängt. Bürgerrechte sind, wie ein Freund es
formulierte, "ein Staffellauf für Gerechtigkeit". Unser
Vorwärtsdrang als eine Gesellschaft hängt von der
Klarheit und Perspektive ab, mit der die nächste
Generation die Herausforderung sieht und der
Kreativität, mit der sie sie in Angriff nimmt. Das
wiederum hängt davon ab, ob sie die amerikanischen
Ideale der Gleichheit, Chancen und des Fair play
versteht und annimmt - und sich inspiriert fühlt,
danach zu handeln.
Die Politiker und Erwachsenen von heute müssen
diese Verantwortung übernehmen. Wenn wir den
Idealismus der jungen Menschen von heute nicht
nähren und sein Wachsen nicht ermutigen, wenn wir
nicht "ihr besseres Wesen" hervorbringen wie andere
es zu unserer Zeit getan haben, dann werden die
Protagonisten verlogener Rhetorik und zynischer
Politik gewinnen und zwar zu einem unsäglichen
Preis. In unserem Land gab es nationale Zielsetzungen - wie die Bürgerrechte - und nationale Helden wie Martin Luther King - die an unseren Idealismus

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�appellierten und diese Nation mit einer Gewissensherausforderung konfrontierten. In Anfällen und
Anwandlungen von Mut und Schmerz reagierten wir
auf diesen Appell und überwanden unsere Unterschiede, wenn auch nur vorübergehend, um unserer
Menschheit gewahr zu werden.
Wie in allen anderen Zeiten ist der menschliche
Geist heute gleichgeblieben. Junge Menschen
nähren immer noch einen Idealismus - ein wenig
schüchtern vielleicht und mit einer gewissen Zurückhaltung. Was sollen wir ihnen anbieten? Wer wird
ihren Idealismus hervorbringen? Wer wird seine
eigene Entmutigung und seinen Überdruß lange
genug ablegen, um ein Feuer der Zielsetzungen zu
schüren? Was wird die Geschichte über das Vermächtnis und die Herausforderung berichten, die wir
ihnen hinterlassen?
Während wir das abstrakte Verdienst der Farbenblindheit diskutieren, gibt es Millionen junger Menschen im ganzen Land, Kinder, die nicht einbezogen
und zurückgelassen werden - die niemals Ärzte oder
Rechtsanwälte oder Lehrer oder Polizisten oder
etwas ähnliches werden - deren latenter Idealismus
nie befreit wird, um zu Mitgefühl und Handlungsfähigkeit zu wachsen - weil es keinen Lehrer, keinen
Rechtsanwalt oder Arbeitgeber oder Kirchenvertreter
gab, der sie durch sein Handeln oder sein Vorbild
leise inspirierte; ihnen zeigte, nach oben zu blicken,
nicht nach unten; ihnen half, an der Realisierung
ihrer eigenen Träume und denen ihrer Nachbarn mitzuwirken; ein Leben berührte und damit einem
anderen einen Grund zur Hoffnung gab. Das ist es,
was heute in den Vereinigten Staaten auf dem Spiel
steht.

Und was müssen wir die nächste Generation lehren,
wenn nicht sogar auch unsere eigene? Daß Bürgerrechte ein Kampf für das amerikanische Gewissen
sind und immer waren. Und daß wir alle ein Interesse an diesem Kampf haben. Wenn ein Afroamerikaner für Qualität und integrierte Ausbildung eintritt,
tritt er für uns alle ein. Wenn eine Hispanierin für die
Chance eintritt, für den Kandidaten ihrer Wahl zu
stimmen, tritt sie für uns alle ein. Wenn eine Rollstuhlfahrerin für eine leicht zugängliche Wohnung
eintritt, tritt sie für uns alle ein. Wenn ein Jude sich
gegen diejenigen wehrt, die sein Gotteshaus verwüsten, wehrt er sich für uns alle. Weil Bürgerrechte
immer noch unsere grundlegenden Werte und unser
Streben als Menschen und als Nation bekräftigen.
Es geht um die beständige amerikanische Herausforderung, die anderen einzubeziehen - über die
willkürlichen und künstlichen Schranken von Rasse,
Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Behinderung
und Klasse und Religion hinweg, über unsere Furcht
und Hoffnungslosigkeit hinweg - um unserer Menschheit gewahr zu werden und unser Interesse daran zu
sehen.
Dies ist ein entscheidender Augenblick in der Geschichte: Junge Menschen werden zunehmend von
der bürgerlichen Gesellschaft entfremdet, und zu
viele von uns übrigen haben ihr Leben von Zynismus
und Egoismus definieren lassen. Menschen in ganz
Amerika suchen nach einem Grund für Hoffnung und
beobachten ängstlich, ob wir immer noch die Gesellschaft sind, die zu werden wir uns zum Ziel gemacht
haben. Soll die Geschichte festhalten, daß wir uns
zu unserer Zeit mit der Herausforderung konfrontiert
sahen, uns zu erinnern, wer wir sind und schließlich
zu glauben, "daß wir mehr sind als unseres Bruders
Hüter, daß wir auf dieser Erde sein Retter sind und er
unserer".

*

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*

AMERIKA DIENST 31

�VETERANS

DAY
8. November 1995

Amerikanische Streitkräfte fördern
Demokratie und Frieden
Proklamation zum 11. November
WASHINGTON - (AD) - In seiner jährlichen Proklamation zum Veterans Day lobt Präsident Clinton die Loyalität
und den Mut der amerikanischen Streitkräfte und verweist darauf, daß die Vereinigten Staaten aufgrund ihrer
Bestrebungen ein Symbol der Hoffnung für all jene sind, die Demokratie und Frieden suchen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus am 24. Oktober 1995 herausgegebenen Text der
Proklamation des Präsidenten.

In Kriegs- und in Friedenszeiten haben die Streitkräfte der Vereinigten Staten dazu beigetragen, die
in unserer Verfassung garantierten grundlegenden
Rechte und Freiheiten zu schützen. Unsere Männer
und Frauen in Uniform sind jeden Tag rund um die
Uhr wachsam um sicherzustellen, daß unsere Nation
keinen Schaden nimmt und unsere Bürger frei von
Angst leben können. Die von den amerikanischen
Truppen erbrachten Opfer, ihr in der gesamten
Geschichte gezeigtes Engagement und Pflichtbewußtsein haben Demokratie und Menschenwürde
auf der ganzen Welt gefördert.
Seit Generationen reagieren mutige Bürger aus allen
Lebensbereichen auf den Ruf zum Wehrdienst und
kämpfen für die Verteidigung der Ideale, die uns lieb
und teuer sind. In langen Jahren der Trennung und
Härte haben die von unseren Veteranen geleisteten
selbstlosen Beiträge die Segnungen der Freiheit
bewahrt. Während wir ihre heroischen Taten ehren,
sollten wir auch der Familien gedenken, deren
Unterstützung und Gebete so viel bewirkt haben.
Wir schulden all jenen aufrichtigen Dank, deren
Einsatz und Mühe - sowohl auf dem Schlachtfeld als
auch in den Gemeinden im gesamten Land - die
starke Grundlage für den Frieden und die Sicherheit
legten, deren wir uns heute erfreuen.
50 Jahre nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs ehren wir mit besonderem Stolz diejenigen,
die den Vereinigten Staaten während dieses
schrecklichen Konflikts dienten - die 16.535.000
Männer und Frauen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Unterdrückung zu bekämpfen. Das
darauffolgende halbe Jahrhundert führte zu umwälzenden Veränderungen bei den globalen Angelegenheiten, und die Veteranengeneration, die über

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die Tyrannei triumphierte, hat weiterhin einen besonderen Platz im Herzen unserer Nation.
Den Veteranen aus anderen in der Geschichte
unserer Nation geführten Kriegen gebührt nicht
weniger Ehre. Heute gibt es in Amerika ungefähr 27
Millionen Veteranen, deren Dienst vom Ersten
Weltkrieg über den Kalten Krieg bis zum Golfkrieg
und unsere jüngsten Militärmissionen auf dem
gesamten Globus reicht. Dank ihrer Loyalität und
ihres Mutes bleibt dieses Land auch in Zukunft ein
Symbol der Hoffnung für all jene, die Demokratie und
Frieden anstreben. Am Veterans Day sowie an
jedem anderen Tag im Jahr wollen wir der Opfer
unserer Veteranen gedenken und unsere Verpflichtung erneuern, das Schicksal ihrer Kameraden in
Uniform zu erforschen, die unbekannt und unbestattet
auf fernen Schlachtfeldern gefallen sind.
Um denjenigen Ehre zu erweisen, die in unseren
Streitkräften Dienst taten, legte der Kongreß fest
(5 U.S.C. 6103(a)), daß der 11. November jedes
Jahres dafür vorgesehen ist, den amerikanischen
Veteranen Anerkennung zu zollen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
hiermit Samstag, den 11. November 1995, zum
Veterans Day. Ich fordere alle Amerikaner auf, die
Entschlossenheit und das Engagement unserer
Veteranen durch angemessene öffentliche Feiern und
private Gebete zu ehren. Ich rufe die Staatsbediensteten auf nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler Ebene auf, die Flagge der Vereinigten
Staaten zu hissen, patriotische Aktivitäten in ihren
Gemeinden zu ermutigen und daran teilzunehmen.
Ich fordere Bürgergruppen und Vereine, Religions-

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�Stätten, Schulen, Unternehmen, Gewerkschaften und
die Medien dazu auf, diesen nationalen Gedenktag
mit angemessenen Feierlichkeiten und Programmen
zu begehen.

Unterzeichnet am 24. Tag des Oktober im Jahre des
Herrn 1995 und im 220. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika,

* * * * *

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AMERIKA DIENST 31

�SPORT
8. November 1995

Die Olympischen Spiele
von Stephen E. Roulac
(AD) - Die Veranstaltung der Olympischen Sommerspiele 1996 bietet der Stadt Atlanta (Georgia) eine Chance,
sich der Welt als attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten darzustellen. Der Verfasser unterbreitet Vorschläge,
wie die Stadt ihr Prestige und ihre Bekanntheit infolge der Olympischen Spiele verbessern kann und gibt
Empfehlungen, wie Fehler bei der Veranstaltung vermieden werden können.
Der Autor ist Partner der Roulac Gruppe, einer Wirtschafts-Beratungsfirma. Er blickt auf langjährige Erfahrung
in der Vermarktung von Sportveranstaltungen zurück und hat eine Reihe von Städten beraten, darunter Atlanta
und Los Angeles.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Futurist, Ausgabe
November/Dezember 1993, herausgegeben von der World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450,
Bethesda, MD 20814, USA. Copyright (c) 1993 World Future Society.

Wahrscheinlich kommt keine andere Veranstaltung
in der gegenwärtigen Gesellschaft den Auswirkungen der Olympischen Spiele auf die Wirtschaft, das
Selbstbewußtsein und die Rolle einer Region in der
internationalen Staatengemeinschaft gleich. Das
olympische Schlaglicht fällt auf die Stadt, die Gastgeber für Athleten, Regierungsvertreter und Besucher aus allen Kontinenten und nahezu 200 Ländern
ist, die sich vor weltweit 3 Milliarden Fernsehzuschauern versammeln.
Positive und negative Aspekte der Region werden
vorgestellt und wie durch eine Lupe betrachtet.
1984 genoß Los Angeles großes Ansehen bei der
internationalen Staatengemeinschaft aufgrund der
erfolgreichen Ausrichtung der Olympiade, bei der
guter Wille und finanzieller Erfolg in krassem Gegensatz zu den Querelen und wirtschaftlichen Belastungen früherer Olympiaden standen. Nachdem die
Wahl auf Atlanta (Georgia) als Veranstalter der
hundertsten Olympischen Sommerspiele 1996
gefallen ist, muß die Stadt die Euphorie aufgrund der
Entscheidung mit der Realität des langfristigen
Pragmatismus in Einklang bringen.
Die Olympiade wird nicht automatisch positive
Publicity und wirtschaftlichen Wohlstand über die
auserwählte Stadt bringen. Aber die Spiele bieten
den gastgebenden Städten die Chance, in der Welt
bekannt zu werden und sich als attraktiver Ort zum
Leben und Arbeiten darzustellen.

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Die Unterstützung der Gemeinden von Los Angeles
für die Sommerspiele 1984 erfolgte anfänglich wenig
begeistert, nahm jedoch kurz vor den Spielen rasch
zu, als offenkundig war, daß die Spiele ein finanzieller, logistischer und künstlerischer Erfolg würden. Die
Spiele von Atlanta beginnen mit beträchtlichem
lokalem Enthusiasmus und Stolz, aber während die
Aufregung über die außerordentliche Leistung,
Ausrichter der Spiele von 1996 zu sein, abnimmt, ist
die Bewahrung des Enthusiasmus und der kommunalen Unterstützung entscheidend. Die Programme müssen die breitgefächerte Beteiligung an der
Planung und Veranstaltung der Spiele beinhalten.
Wirtschaftliche Erwägungen
Die Olympischen Spiele in Los Angeles sollen
Berichten zufolge brutto rund 1,4 Milliarden Dollar
gekostet und ungefähr 75.000 temporäre Arbeitsplätze geschaffen haben. Erste Schätzungen für die
Olympischen Spiele in Atlanta belaufen sich auf 3,5
Milliarden Dollar an primären und sekundären Aufwendungen der Volkswirtschaft von Georgia und die
Schaffung von ca. 83.000 Arbeitsplätzen.
Die Vorteile der Ausrichtung der Spiele liegen vielleicht nicht immer sofort auf der Hand. Die Olympiade ist die einmalige Chance, bekannt zu werden. Die
Bekanntheit, die Barcelona durch die Veranstaltung
der Sommerspiele 1992 erhielt, war eine wichtige
Erwägung bei Entscheidungen über Unternehmensexpansionen in Spanien und von internationalen

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�Firmen, die sich in Spanien ansiedeln wollten.
Entsprechend war Calgary in Alberta (Kanada) vor
der Veranstaltung der Winterolympiade 1988 nicht
besonders bekannt, wurde danach jedoch zu einer
führenden Touristenattraktion insbesondere für
Asiaten.
Für Atlanta gilt, daß eine Veranstaltung wie die
Olympischen Spiele das Niveau der Stadt hebt, aber
nicht einen Zustrom sich ansiedelnder Unternehmen
garantiert. Solche Entscheidungen müssen letztlich
auf Unternehmensgrundsätzen basieren.
Eine Olympiade kann jedoch neues Vertrauen in die
Region wecken, Investoren motivieren, die vorher
diese Region nicht als Ziel für Kapitalaufwendungen
in Betracht gezogen hatten. Dieses Phänomen ist in
Atlanta offenkundig, wo Investoren, die bisher nicht
geneigt waren, Hotelinvestitionen vorzunehmen, jetzt
neues Vertrauen in die Region zeigen und aktiv
Hotelinvestitionschancen suchen.
Die Olympischen Spiele können die Anziehungskraft
eines Ausrichtungsortes weltweit und unter den
Ortsansässigen verstärken. Aber die Anziehungskraft garantiert nicht andauernde wirtschaftliche
Lebensfähigkeit und soziale Harmonie, wie durch die
Rassenspannungen und wirtschaftlichen Härten in
Los Angeles in den letzten Jahren lebhaft demonstriert wurde. Ein noch dramatischeres Beispiel der
Dominanz des Ausrichtungsortes über den Zauber
der Olympischen Spiele war das Versagen der
Winterolympiade in Sarajevo 1984, den Weg zu
innenpolitischer Harmonie zu ebnen. Statt dessen
gab es bürgerliche Konflikte und Unruhen, die ein
Jahrzehnt später zu einem Konflikt eskaliert waren.
Das Gepränge der olympischen Feiern ist kein
Ersatz für die Anziehungskraft des Ortes: Als Ort
zum Leben und Arbeiten, mit einer gut ausgebildeten
und motivierten Erwerbsbevölkerung, verfügbarem
und finanzierbarem Wohnraum, guten Verkehrsanbindungen, einer Regierung, die Unternehmen
keine ungebührlichen Restriktionen und hohen
Steuern auferlegt und vor allem - Lebensqualität.
"Gewinnen" bei den Olympischen Spielen
Vor dem außergewöhnlichen Erfolg der Spiele von
Los Angeles bestand ein wachsender Konsens
darüber, daß die Auswahl der Stadt für die Veranstaltung Olmypischer Spiele die klassische Geschichte mit einer guten und einer schlechten
Nachricht war, wobei die gute Nachricht das Prestige
und die Werbung für die Stadt, die schlechte Nachricht die resultierenden finanziellen Verpflichtungen
waren. Tatsächlich war die finanzielle Bilanz der
Olympischen Spiele vor Los Angeles katastrophal.

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Montreal (Gastgeber der Sommerspiele von 1976)
machte Berichten zufolge Verluste in Höhe von 1
Milliarde Dollar.
Sowohl Montreal als auch Moskau (Sommerspiele
1980) tätigten beträchtliche Ausgaben für den Bau
von Einrichtungen, während Los Angeles weitgehend
auf bestehende Einrichtungen zurückgreifen konnte,
die zum Teil für die Sommerspiele 1932 errichtet
worden waren. Das Fahrradrennen von 1984 wurde
auf den Straßen der Gemeinde Mission Viejo abgehalten, während in Moskau speziell für den olympischen Wettbewerb ein 12 Kilometer langer Straßenabschnitt gebaut wurde. Obwohl sie damals eine der
besten Einrichtungen für Fahrradrennen der Welt
darstellte, war die Straße bereits ein Jahrzehnt später
baufällig, und durch ihre Risse wuchs Unkraut. Die
Anwohner führen dort ihre Hunde aus.
Einer der größten Vorteile der Ausrichtung Olympischer Spiele ist ihre anregende Wirkung auf den
Ausbau der Infrastruktur. Die Spiele von Los Angeles
boten einen wichtigen Anreiz für umfangreiche
Renovierungsarbeiten des internationalen Flughafens
von Los Angeles. Da der Flughafen oft den ersten
Kontakt eines Besuchers mit der Region darstellt,
sollten seine Einrichtungen neu, sauber und effizient
sein. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Begrüßung von Besuchern und ihrer reibungslosen Beförderung in ihre Quartiere gewidmet werden. Diese
Bestrebungen erhöhen die Chance, daß die Besucher
der Olympischen Spiele guter Laune eintreffen.
Langfristige Verbesserungen
Die wirtschaftlichen Kosten größerer Kapitalaufwendungen zur Verbesserung der Qualität von
Unterbringungs- und Erholungseinrichtungen sind so
groß, daß die Veranstalter sich keine Ausgaben
leisten können, die ineffizient sind oder keinen
langfristigen Nutzen haben. Man kann von den in
New Orleans (Louisiana) und Knoxville (Tennessee)
gemachten Fehlem lernen: In Erwartung der Nachfrage bei der Weltausstellung fand am oberen Ende
des Hotelmarktes eine dramatische Bauaktivität statt,
die zu einem beträchtlichen Überschuß an Hotelzimmern führte. In Atlanta wären die Planer gut beraten,
sich auf den Bau von Häusern für die "mittlere
Einkommensklasse" zu konzentrieren, die nach den
Spielen umgebaut und als dauerhafter Wohnraum
genutzt werden können.
Alles in allem erwiesen sich die Olympischen Spiele
von Los Angeles als große wirtschaftliche Belebung
der Region. Sie erfüllten die Menschen mit Stolz,
motivierten sie zur Zusammenarbeit und ermutigten
die überwiegend positive Entwicklung der Infrastruktur. Letztlich waren die Olympischen Spiele ein

AMERIKA DIENST 31

�Wendepunkt für eine Stadt, die man nicht verstand.
Atlanta kann durch angemessene Planung und
gemeinsame Bestrebungen ein ähnlich positives
Ergebnis erzielen.
Atlanta könnte sogar noch mehr von der mit den
Olympischen Spielen einhergehenden weltweiten
Aufmerksamkeit profitieren als Los Angeles. Da At-

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AMERIKA DIENST 31

lanta in anderen Ländern nicht besonders bekannt ist
- man assoziiert die Stadt vor allem als Schauplatz
von "Vom Winde verweht" - könnten die langfristigen
Vorteile erfolgreicher Olympischer Spiele sehr groß
sein. Der hundertste Jahrestag der modernen
Olympischen Spiele bietet Atlanta eine einzigartige
Chance, sich zu einer wichtigen Weltstadt des 21.
Jahrhunderts zu entwickeln.

* * * *

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wer Frieden liebt, muss Rabins Kampf weiterführen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Präsident Clinton beim Staatsbegräbnis&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA beteiligen sich an NATO-Mission in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Demokratie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die elektronische Republik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lawrence Grossman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Bürgerrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der lange Kampf um Bürgerrechte in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der Black Lawyers Association&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Veterans Day&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Streitkräfte fördern Demokratie und Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation zum 11. November&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Sport&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Olympischen Spiele&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stephen E. Roulac&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
25. Oktober 1995

30

AUSSENPOLITIK

FUHRUNGSROLLE DER USA IST FÜR SICHERHEIT UND WOHLSTAND ENTSCHEIDEND
Rede von Präsident Clinton

VEREINTE NATIONEN

CLINTON UNTERBREITET NEUE UN-TAGESORDNUNG FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede des Präsidenten vor der
UN-Generalversammlung

USA-IRAN

IRAN - DER PREIS FÜR VERANTWORTUNGSLOSES VERHALTEN
von Peter Tarnoff

NICHTVERBREITUNG

USA DRÄNGEN AUF VERTRAG ÜBER EIN
UMFASSENDES ATOMTESTVERBOT
Rede von ACDA-Direktor Holum

DATENAUTOBAHN

NEUES VON DER DATENAUTOBAHN
Übersicht jüngster Entwicklungen

AIDS

ÜBERLEBEN
von Kathleen Fackelmann

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�RELIGION

AMERIKA UND SEINE RELIGIONSVIELFALT
von Carolyn J. Mooney

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

�AUSSENPOLITIK
25. Oktober 1995

Führungsrolle der USA ist für
Sicherheit und Wohlstand entscheidend
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - In einer im Weißen Haus weithin als Grundlage für seinen Kampf um eine Wiederwahl
erachteten Rede vor dem Freedom House - einer vor fünf Jahrzehnten gegründeten Privatorganisation zur
Förderung einer überparteilichen Außenpolitik in Amerika - setzte sich Präsident Clinton für eine interventionistische Außenpolitik in einer Zeit haushaltspolitischer Engpässe ein und rief dazu auf, den
Isolationismus zu bekämpfen.
Wenn die Vereinigten Staaten nicht weltweit eine Führungsrolle übernähmen, würden ihre Werte von
Demokratie und Marktwirtschaft nicht überdauern, erklärte der Präsident.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten vom 6. Oktober 1995 im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, hier mit Ihnen allen in Freedom
House zu sein. Seit über 50 Jahren ist Freedom
House eine Stimme für die Menschenwürde. Dank
Ihrer Arbeit geht es Menschen auf der ganzen Welt
besser. Ich freue mich sehr, daß Freedom House
diese buntgemischte und dynamische Gruppe
versammelt hat. Es kommt nicht so oft vor, daß die
Carnegie-Stiftung, das Progressive Policy Institute,
die Heritage Foundation und der American Foreign
Policy Council unter einer Flagge fahren.
Das beweist, daß es in unserem Land ein starkes,
dynamisches Zentrum gibt, das eine fortgesetzte
Führungsrolle Amerikas auf der Welt unterstützt. Wir
alle setzen uns dafür ein. Und ich möchte öffentlich
dem Außenminister und Tony Lake sowie anderen
Mitgliedern unseres außenpolitischen Teams danken. Dank auch an Thomas McLarty, der sich
besonders in Lateinamerika für unsere Belange
eingesetzt hat. Und ich möchte Ihnen allen danken,
die Sie diese ständigen Bestrebungen unterstützen.
Wie Sie wissen, strebte ich 1991 die Präsidentschaft
an, weil es meines Erachtens wichtig war, für alle
Amerikaner den Amerikanischen Traum wiederherzustellen und in der Welt nach dem Kalten Krieg die
Führungsrolle Amerikas erneut zu bekräftigen. Im
Zuge des Übergangs vom Industrie- zum Informationszeitalter, von der Welt des Kalten Krieges zum
Weltdorf, haben wir die außergewöhnliche Chance,
unsere Werte im In- und Ausland zu fördern. Aber
wir sehen uns dabei auch mit einigen schwierigen
Herausforderungen konfrontiert.

AMERIKA DIENST 30

Wir wissen, daß wir in unserem Land die Pflicht
haben, allen Bürgern die Chance zu geben, das
Beste aus Ihrem Leben zu machen, ihre Familien und
Gemeinden zu stärken. Wir wissen auch, daß wir die
Pflicht haben, im Ausland Freiheit und Demokratie,
Wohlstand und den Schutz unseres Planeten zu
fördern. Wir wissen, daß die Kräfte der Integration
und des wirtschaftlichen Fortschritts auch die Saat
der Zerstörung und größerer Ungleichheit beinhalten.
Wir wissen, daß Familien, Gemeinden und Nationen
anfällig für die organisierten Kräfte der Zerstörung
und der siegessicheren Mentalität in Politik und
Wirtschaft sind. Wir haben dieses Wissen und daher
eine um so größere Pflicht zur Förderung unserer
Werte und Interessen.
Freedom House verdient meines Erachtens außerordentliches Lob für den Zeitpunkt dieser Veranstaltung. Ich frage mich, ob Adrian Karatnycky und sein
Kollege wußten, daß die Vereinigten Staaten an den
Tagen vor dieser Diskussion die Chance haben
würden, die Behauptung so lebhaft unter Beweis zu
stellen, die diese Konferenz fördern möchte: Daß die
amerikanische Führungsrolle und ihre überparteiliche
Unterstützung eine absolut notwendige Quelle
unserer Stärke im Inland und unseres Erfolgs im
Ausland sind.
Wir müssen für Demokratie und Freiheit stehen. Wir
müssen für Chancen und Verantwortung auf einer
Welt stehen, in der die Trennlinie zwischen Innenund Außenpolitik zunehmend verwischt wird.

Seite 1

�Unsere persönliche, familiäre und nationale Sicherheit wird zunehmend von unserer Politik gegenüber dem Terrorismus im In- und Ausland beeinflußt.
Unser persönlicher, familiärer und nationaler Wohlstand wird von unserer Marktwirtschaft im In- und
Ausland beeinflußt. Unsere persönliche, familiäre
und nationale Zukunft wird von unserer Umweltpolitik
im In- und Ausland beeinflußt. Das Gemeinwohl im
Inland kann einfach nicht von unseren Bestrebungen
zum Förderung des Gemeinwohls auf der ganzen
Welt getrennt werden. Sie müssen ein und dasselbe
sein, wenn wir in der Welt des 21. Jahrhunderts
wirklich sicher sein wollen.
i

Wir sehen die Vorteile der amerikanischen Führungsrolle und die jetzt in Bosnien gemachten
Fortschritte. In den letzten Wochen haben unser
Militär im Rahmen der NATO und unsere entschlossene Diplomatie in der gesamten Region die Konfliktparteien einer Lösung näher gebracht als zu
jedem anderen Zeitpunkt seit Beginn dieses schrecklichen Krieges vor vier Jahren. Gestern halfen wir
beim Abschluß des Abkommens über einen Waffenstillstand in ganz Bosnien. Jetzt kommen die
Parteien zur Fortsetzung der Friedensgespräche in
den Vereinigten Staaten zusammen, die von unserem Verhandlungsteam sowie unseren europäischen
und russischen Kollegen vermittelt wurden.
Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es
gibt keine Erfolgsgarantie. Aber wir werden unseren
gesamten Einfluß nutzen, um den Konfliktparteien
beim Abschluß eines Friedens zu helfen, der Bosnien als einheitlichen demokratischen Staat erhält
und die Rechte aller Bürger ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit schützt.
Falls und wenn der Frieden kommt, ist damit die
Verantwortung der internationalen Völkergemeinschaft nicht beendet. Nach all dem Blutvergießen,
dem Haß, den verlorenen Jahren wird der Frieden
sicherlich brüchig sein. Die internationale Staatengemeinschaft muß bei seiner Sicherung Beistand
leisten. Die einzige zur starken und wirksamen
Erfüllung dieser Pflichten fähige Organisation ist die
NATO. Und als führendes Bündnismitglied müssen
die Vereinigten Staaten das Ihrige tun und Truppen
entsenden, um unsere mit klaren Regeln für das
Engagement unter dem Kommando der NATO
stehenden Verbündeten zu unterstützen. Sollten wir
scheitern, wären die Konsequenzen für Bosnien und
die Zukunft der NATO gravierend. Wir dürfen nicht
versagen.
Die Vereinigten Staaten werden ihre Truppen nicht
in den Kampf nach Bosnien entsenden. Wir werden
sie nicht in einen Frieden schicken, der nicht aufrechterhalten werden kann. Aber wir müssen unsere

Seite 2

Macht zur Sicherung dieses Friedens einsetzen. Ich
habe zugesagt, den Kongreß zu konsultieren, bevor
ich unsere Beteiligung an einer solchen Aktion
genehmige. Diese Konsultationen haben bereits
begonnen.
Meines Erachtens versteht der Kongreß die Bedeutung dieses Zeitpunkts und der amerikanischen
Führungsrolle. Ich freue mich, daß Herr Livingston
heute den Vorsitz dieser Zusammenkunft führt. Ich
vertrete bereits seit zwei Jahren konsequent die
Meinung, daß wir eine Unterstützung des Kongresses
wünschen und begrüßen. Aber in Bosnien und
andernorts wird die Arbeit nicht getan, wenn die
Vereinigten Staaten nicht die Führung übernehmen.
Wir sahen die Vorteile der amerikanischen Führungsrolle auch vergangene Woche im Weißen Haus, als
Politiker aus dem gesamten Nahen Osten zusammenkamen, um das Abkommen zwischen Israel und
den Palästinensern zu unterstützen. Seit nahezu
einem halben Jahrhundert setzen sich Administrationen der Demokraten und der Republikaner für die
Sache des Friedens im Nahen Osten ein. Das
Verdienst hier gebührt den Friedensstiftern. Aber wir
alle sollten stolz darauf sein, daß unsere Bestrebungen in kritischen Momenten dazu beitrugen, den
Unterschied zwischen Scheitern und Erfolg zu
bewirken.
Vor praktisch genau einem Jahr führten die Vereinigten Staaten die internationalen Bestrebungen an,
Haitis Militärregierung abzusetzen und den Menschen
auf Haiti eine wirkliche Chance für Demokratie zu
geben. Wir waren erfolgreich, weil wir unsere Diplomatie mit Sanktionen und letztlich mit Macht verstärken. Wir waren erfolgreich, weil wir verstanden,
daß der Einsatz für Demokratie in unserer Hemisphäre richtig für die Haitianer und richtig für Amerika war.
Die amerikanischen Bestrebungen in Bosnien, dem
Nahen Osten, Haiti und andernorts erforderten
Investitionen in Form von Zeit, Energie und Mitteln.
Sie erforderten ausdauernde Diplomatie und den
maßvollen Einsatz der stärksten Streitmacht der Welt.
Sie erforderten gleichermaßen Entschlossenheit und
Flexibilität bei unseren Bestrebungen zur Übernahme
einer Führungsrolle und zur Zusammenarbeit mit
anderen Nationen. Und bisweilen mußten wir Entscheidungen treffen, die notwendigerweise kurzfristig
unpopulär waren und sich nicht schon nach Tagen
oder Wochen, sondern erst nach Monaten oder
Jahren auszahlen.
Vielen Amerikanern fiel es manchmal schwer, die
Notwendigkeit dieser Entscheidungen zu verstehen,
weil sie - wie viele Entscheidungen direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg - ohne den Vorteil eines über-

AMERIKA DIENST 30

�greifenden Ordnungsprinzips getroffen werden
mußten, wie es lange Jahre vom bipolaren Kalten
Krieg bereitgestellt wurde.
Um eine populäre Analogie aus der heutigen Zeit zu
verwenden: Es scheint keine main-frame-Erklärung
für die PC-Welt zu geben, in der wir leben. Wir
müssen uns von Abstraktionen und Dogmen befreien, beharrlich experimentieren, dabei Irrtümer
einkalkulieren und auf dieser Grundlage eine Politik
verfolgen, die unsere Werte von Freiheit und Demokratie, Frieden und Sicherheit fördert.
Wir müssen weiterhin die Verantwortung einer
weltweiten Führungsrolle übernehmen. Aus diesem
Grund sind Sie hierhergekommen, und darüber
möchte ich heute mit Ihnen sprechen. Es ist mehr
als nur ein glücklicher Zufall, daß die Geburt der
überparteilichen Unterstützungfürdie amerikanische
Führungsrolle auf der Welt mit der Gründung dieser
Organisation durch Eleanor Roosevelt und Wendel!
Willkie im Jahr 1941 zusammenfiel, als Demokraten
und Republikaner, Liberale, Konservative und Gemäßigte gleichermaßen zum ersten Mal unsere besondere Verpflichtung zur Übernahme einer Führungsrolle in der Welt verstanden.
Die Ergebnisse dieser verantwortungsbewußten
Führung waren wirklich beeindruckend: Der Sieg im
Krieg und der Aufbau einer Welt nach dem Kalten
Krieg. Nicht mit abstrakten Dogmen, sondern erneut
über einen Zeitraum von fünf Jahren mit auf den
neuen Gegebenheiten gegründeten Erfahrungen,
durch Experimentieren mit einem unerschütterlichen
Streben nach unseren eigenen Werten schufen wir
die NATO, den Marshallplan, das Bretton WoodsSystem - die Institutionen, die den Frieden in Europa
sicherten, den atomaren Konflikt vermieden, zur
Ausbreitung von Demokratie beitrugen, uns beispiellosen Wohlstand brachten und letztlich den
Triumph der Freiheit im Kalten Krieg sicherstellten.
In diesem Kampf erinnerten Freedom House und
ähnliche Organisationen die Amerikaner daran, daß
unsere Führung von essentieller Bedeutung ist und
zur Förderung unserer Interessen weiterhin in unseren Werten wurzeln und auch in Zukunft Demokratie
und Freiheit unterstützen muß, um Frieden und
Sicherheit, Wohlstand und den Schutz unseres
Planeten zu gewährleisten.
Bei der Verfolgung dieser Ziele ist es wichtig, immer
daran zu denken, daß unsere Werte und unsere
Interessen ein und dasselbe sind. Die Förderung
von Demokratien, die an diesem neuen globalen
Markt teilnehmen, ist genau das Richtige. Trotz ihrer
Mängel fördern sie, was alle Menschen wünschen
und wofür sie oft kämpfen und sterben: Menschen-

AMERIKA DIENST 30

würde, Sicherheit und Wohlstand. Wie wir wissen, ist
es weniger wahrscheinlich, daß diese Demokratien
Krieg führen, sich an terroristischen Aktivitäten
beteiligen, und sie werden sich eher gegen die Kräfte
des Hasses, der Intoleranz und organisierten Zerstörung wenden.
Während des sogenannten amerikanischen Jahrhunderts waren sich Republikaner und Demokraten bisweilen leidenschaftlich - uneins über spezifische
politische Maßnahmen, aber wir waren uns immer
über die Notwendigkeit einig, für die Sache von
Demokratie, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand eine
amerikanische Führungsrolle zu übernehmen. Jetzt
ist dieser Konsens wirklich in Gefahr, und interessanterweise in beiden Parteien. Stimmen vom linken
und rechten Spektrum fordern uns auf, uns den
heutigen Herausforderungen zu entziehen, statt sie
anzugehen. Sie drohen, die überparteiliche Unterstützung für unsere Führungsrolle umzukehren, die
seit 50 Jahren für unsere Stärke entscheidend ist.
Manche sind wirklich davon überzeugt, daß die
Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg in der
Welt eine sekundäre Rolle spielen können, ebenso
wie es einige nach dem Zweiten Weltkrieg dachten
und wofür andere nach dem Ersten Weltkrieg Sorge
trugen.
Wenn Sie sich die Ergebnisse ansehen - von Bosnien
bis Haiti, vom Nahen Osten bis Nordirland - zeigt sich
erneut, daß eine Führungsrolle der Vereinigten
Staaten unerläßlich ist, weil sonst unsere Werte,
unsere Interessen und sogar der Frieden selbst in
Gefahr wären.
Es ist jetzt zu einem Gemeinplatz geworden, den
derzeitigen Isolationismus auf das Ende des Kalten
Krieges zurückzuführen, weil es in dieser PC-Welt
nicht länger eine main-frame-Bedrohung gibt. Bei
meiner Amtsübernahme habe ich jedoch deutlich
gemacht, daß viel Arbeit vor uns liegt, bis wir unser
Haus in Ordnung gebracht haben.
Ich stimme zu, daß Amerika sich im Inland Herausforderungen gegenübersieht, die in Angriff genommen
werden müssen. Wir müssen unsere Wirtschaft
wiederbeleben und Chancen für alle Bürger schaffen.
Wir müssen wieder das Element der Verantwortung
in unsere sozialen Programme einführen sowie
unsere Familien und Gemeinden stärken.
Wir
müssen unsere Regierung reformieren, um sie
"schlanker" und effektiver zu gestalten. Aber wir
können all diese Dinge nicht isoliert von der Welt
erreichen, zu deren Gestaltung wir so viel beigetragen haben und in der wir weiterhin die Führung
übernehmen müssen.

Seite 3

�Betrachten Sie sich die Ereignisse. Viele der neuen
Demokratien auf dieser Welt leisten sehr harte
Arbeit. Ich treffe immer wieder mit ihren führenden
Politikern zusammen. Sie glauben an die Sache der
Freiheit und müssen in ihren Ländern gegen unglaubliche Hindernisse ankämpfen. Aber ihr Fortschritt steht auf tönernen Füßen, und das dürfen wir
nie vergessen. Wir müssen sie als etwas im Wachstum Begriffenes sehen, das Betreuung in einem
Prozeß braucht, der immer noch umgekehrt werden
kann.
Ferner müssen wir uns auch bewußt sein, daß wir
uns einer Bedrohung gegenübersehen, die neue und
bisweile gefährliche Dimensionen angenommen hat:
Die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Im technologischen Zeitalter kann das
einfach nur bedeuten, in einer Tokioter U-Bahn eine
Phiole Saringas zu öffnen. Es könnte bedeuten, sich
ins Internet einzuloggen und zu lernen, wie man eine
Bombe baut, die im Herzen Amerikas ein Regierungsgebäude in die Luft sprengen kann. Diese
Kräfte könnten ebenso wie der Faschismus und der
Kommunismus Dunkelheit statt Licht verbreiten,
Zersplitterung statt Integration, Chaos statt Gemeinschaft. Und diese Kräfte erfordern immer noch eine
Führungsrolle der Vereinigten Staaten.
Ich möchte es noch einmal wiederholen: Die einst
klare Linie zwischen Innen- und Außenpolitik verwischt immer mehr. Wenn ich irgend etwas tun
könnte, um die Sprachgewohnheiten der im öffentlichen Leben Stehenden zu ändern, würde ich dafür
sorgen, daß die Menschen nicht länger über Außenpolitik und Innenpolitik sprechen, sondern vielmehr
beginnen, Wirtschaftspolitik, Sicherheitspolitik, Umweltpolitik - was auch immer - zu erörtern.
Wenn Sie über die Welt nachdenken, in der sie
leben, sehen sie sofort, daß die Unterscheidung
zwischen Außen- und Innenpolitik sich auf tiefgreifende Art verflüchtigt. Und wenn Sie lernen könnten,
auf andere Weise darüber zu sprechen, würde allein
unsere Sprach- und Denkweise meines Erachtens
den Isolationismus als Alternative zu Öffentlichkeitsarbeit vollkommen unmöglich machen.
Wenn in einigen Tagen der mexikanische Präsident
in die Staaten kommt und wir über Drogenprobleme
sprechen, sprechen wir dann über innen- oder
außenpolitische Probleme? Wenn wir über Einwanderung sprechen, geht es dann um eine innenodereine außenpolitische Angelegenheit? Wenn wir
über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA) und den Handel sprechen, geht es dann
um Mexikos Außen- und unsere Innenpolitik? Wir
müssen das auf ganz andere Art und Weise ver-

Seite 4

stehen. Und wir müssen lernen, auf verschiedene
Weise darüber zu sprechen.
Die Isolationisten haben einfach unrecht. Wir mögen
mit einem neuen und veränderten Umfeld konfrontiert
sein, aber um seine Herausforderungen und Chancen
bewältigen zu können und unsere dauerhaften Werte
zu fördern, müssen wir uns in der Welt mehr, nicht
weniger engagieren. Aus diesem Grund unternehmen wir in der Administration alles in unserer Macht
Stehende, um den Kampf gegen die nukleare Bedrohung anzuführen, Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten, den Frieden zu fördern, Märkte
zu öffnen, die internationale Völkergemeinschaft zu
vergrößern und zu verteidigen, unsere Bestrebungen
und Werte nicht auf abstrakte, sondern auf praktische
und unmittelbare Weise zum Wohl des amerikanischen Volkes einzusetzen.
Betrachten Sie sich nur einige Beispiele. Heute ist
jeder Amerikaner sicherer, weil wir uns vom nuklearen Abgrund entfernt haben. Russische Raketen sind
nicht länger auf unsere Bürger und amerikanische
Raketen nicht länger auf russische Bürger gerichtet.
Dank der von Präsident Reagan, Präsident Bush und
unserer Administration erzielten Abkommen bauen
unsere beiden Länder ihr Nuklearwaffenarsenal ab.
In den letzten drei Jahren konnten wir die Ukraine,
Kasachstan und Belarus davon überzeugen, auf die
Nuklearwaffen zu verzichten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium
verblieben. Wir überzeugten Nordkorea, sein Nuklearprogramm einzufrieren. Wir stellten die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags sicher.
Wir arbeiten hart daran, daß Nuklearmaterial nicht in
den Händen von Terroristen oder internationalen
Verbrechern endet. Und ich hoffe und bete, daß wir
im kommenden Jahr ein umfassendes Atomtest verbot
erzielen.
Die Amerikaner sind sicherer dank unserer harten
Kampagne zur Bekämpfung des Terrorismus, einschließlich engerer Zusammenarbeit mit ausländischen Regierungen, Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde Staaten sowie Erhöhung der Finanzierung, Stärke und Ausbildung unserer Strafverfolgungsbehörden. Dies half uns bei der Erzielung von
Ergebnissen - großen, sichtbaren Ergebnissen wie
erst diese Woche die Verurteilung derjenigen, die
sich an der Terrorkampagne in New York beteiligten
und nicht so sichtbaren, aber dennoch äußerst
wichtigen Dingen wie die Vereitelung geplanter
Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten und
amerikanische Bürger oder der in anderen Ländern
durch unsere Zusammenarbeit sichergestellten
Verhaftungen.

AMERIKA DIENST 30

�Wir haben die Verpflichtung, uns immer stärker dafür
einzusetzen. Und wenn es auf der Welt ein Gebiet
gibt, auf dem kein Unterschied zwischen Innen- und
Außenpolitik besteht, dann ist es zweifellos unsere
gemeinsame Aufgabe, bei der Bekämpfung des
Terrorismus zusammenzuarbeiten.
Aus diesem Grund habe ich bereits vor Oklahoma
City eine Gesetzesvorlage ins Kapitol gesandt, in der
ich zusätzliche Mittel und Hilfe beim Umgang mit der
Bedrohung durch den Terrorismus anforderte. Und
nach Oklahoma City modifizierte und stärkte ich
diese Gesetzgebung. Der Senat verabschiedete den
Gesetzentwurf schnell, aber ich bin sehr enttäuscht
darüber, daß er jetzt im Repräsentantenhaus liegengeblieben ist. Wir brauchen dieses Gesetz.
Meines Erachtens müssen die Strafverfolgungsbehörden der Bundesregierung zur Rechenschaft
gezogen werden. Wir müssen offen über das sprechen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Das
ist jedoch unabhängig von unserer Verpflichtung
sicherzustellen, daß das amerikanische Volk über
die zur Bekämpfung des Terrorismus erforderlichen
Mittel verfügt. Ich wiederhole es nochmals: Ich
hoffe, daß die Antiterrorismusgesetze angenommen
werden. Wir brauchen sie. Die Bedrohung wird
größer, nicht kleiner.
Als wir in Haiti der Demokratie eine weitere Chance
gaben, erklärten viele, dies habe nichts mit den
Vereinigten Staaten zu tun. Das hatte es aber.
Wenn jemand in unser Land kommt und sein Wort
gibt, er würde gehen und die Demokratie zurückbringen, ist es von Bedeutung, daß wir diese Verpflichtung realisieren. Und im Monat vor unserer
Intervention flohen 16.000 Haitianer vor der Tyrannei
und suchten Zuflucht in Florida und andernorts in
der Region; drei Monate nach der Intervention gab
es praktisch gar keine Flüchtlinge mehr.
Als Mexiko in eine Währungskrise geriet, stellten wir
ein Nothilfepaket zusammen, um unseren Nachbarn
wieder auf den Weg der Stabilität und des wirtschaftlichen Fortschritts zu bringen. Den führenden Republikanern im Kongreß gebührt Lob, daß sie diese
Bestrebungen unterstützt haben. Es war jedoch
unmöglich, im Kongreß eine entsprechende Gesetzesvorlage durchzubringen, weil alle Meinungsumfragen belegten, daß das amerikanische Volk mit
80 Prozent gegen und nur 15 Prozent für eine
Rettungsaktion für Mexiko war - ich erinnere mich
der Umfrage von dem Tag, an dem ich die entsprechenden Anweisungen gab. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, daß etwas kurzfristig Unpopuläres
langfristig eindeutig im Interesse der Vereinigten
Staaten liegt.

AMERIKA DIENST 30

Wenn ein Nachbar in Schwierigkeiten ist und versucht, das Richtige zu tun, ist es normal, ihm zu
helfen, weil das gut für die nachbarschaftlichen
Beziehungen ist. Betrachten Sie, was geschehen ist,
seit die Vereinigten Staaten einsprangen und versuchten, Mexiko ein guter Nachbar zu sein. Das
Wirtschaftswachstum hat sich, wenn auch noch auf
tönernen Füßen, schneller als erwartet wieder eingestellt; die Exporte sind wieder auf einem Niveau, das
weit über dem vor der Gründung des NAFTA liegt,
und erst gestern rief mich Präsident Zedillo an um zu
sagen, daß Mexiko den Vereinigten Staaten 700
Milionen Dollar seiner Schulden früher als geplant
zurückzahlen wird.
Überlegen Sie, was geschehen wäre, wenn wir die
isolationistische Position bezogen hätten. Was wäre
mit der mexikanischen Wirtschaft geschehen? Was
wäre aufgrund der Reaktion der internationalen
Finanzmärkte hierauf in Argentinien, Brasilien, ganz
Lateinamerika und anderen instabilen, neuentstehenden Demokratien geschehen? Was wäre bei einer
Vielzahl bilateraler Fragen mit unseren Beziehungen
und unserer Zusammenarbeit geschehen?
Wir
haben das Richtige getan. War es eine innenpolitische oder eine außenpolitische Angelegenheit?
Sagen Sie es mir. Ich weiß nur, daß wir jetzt bessere nachbarschaftliche Beziehungen haben und die
Zukunft für das amerikanische und das mexikanische
Volk besser aussieht, weil wir eine Strategie des
Engagements, nicht der Isolation verfolgen.
Sie sehen, was in Europa geschieht, wo wir versuchen, die Nationen einander näherzubringen, uns
für Demokratie und Wirtschaftsreformen in der
ehemaligen Sowjetunion und Zentraleuropa sowie die
Modernisierung der NATO und Stärkung der Partnerschaft für den Frieden einsetzen. Und wiederum
fördert all das unsere Interessen.
Mir wurde erst letzte Woche gesagt, daß mit allen
handelspolitischen Initiativen - vom NAFTA und GATT
bis zu den mehr als 80 von Botschafter Kantor
abgeschlossenen Handelsvereinbarungen, 15 davon
allein mit Japan - das erhöhte Exportvolumen der
Vereinigten Staaten in den letzten zweieinhalb Jahren
über zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat, die
überdurchschnittlich gut bezahlt sind.
Mit dem
gesamtamerikanischen Gipfel und dem Forum für
asiatisch-pazifische Zusammenarbeit (APEC) werden
noch mehr geschaffen.
Das Wirtschafts- und das Außenministerium arbeiten
verstärkt und enger denn je zusammen, um den
Amerikanern dabei zu helfen, diese neuen Chancen
zu ergreifen. Sie sind integraler Bestandteil unserer
Außen- und unserer Innenpolitik.

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�Ich möchte noch etwas ansprechen: Wir versuchen
ständig, alle Länder auf der Grundlage des Goodwill
zu engagieren und gleichzeitig tür die Werte einzutreten, die unseres Erachtens das Leben lebenswert machen. Wir müssen uns weiterhin dafür
einsetzen, daß alle Menschen ungeachtet ihrer
Nationalität, Rasse oder ethnischen Zugehörigkeit,
ihrer Religion oder ihres Geschlechts die Möglichkeit
erhalten, das Beste aus ihrem Leben zu machen,
um Freiheit und Chancen zu genießen.
Die überzeugendste Erklärung dieser Art durch ein
Mitglied unserer Administration wurde kürzlich von
der First Lady bei der Pekinger Frauenkonferenz
abgegeben. Die First Lady verurteilte den Mißbrauch von Frauen und ihren Kindern, insbesondere
kleinen Mädchen weltweit und scheute sich auch
nicht, die Probleme von häuslicher Gewalt und
Straßenverbrechen hier in den Vereinigten Staaten
anzusprechen.
Dies sind Dinge, gegen die Amerika auch weiterhin
kämpfen muß. Von Belfast bis Jerusalem hat die
amerikanische Führungsrolle Katholiken und Protestanten, Juden und Arabern geholfen, mit weniger
Angst vor Bomben und Gewalt durch die Straßen
ihrer Städte gehen zu können. Von Prag bis Portau-Prince arbeiten wir an der Konsolidierung der
Vorteile von Demokratie und Marktwirtschaft. Von
Kuwait bis Sarajevo kämpfen unsere tapferen
Männer und Frauen in Uniform gegen Aggression
und für die Freiheit.
In unserer Hemisphäre stellt sich nur ein Land Kuba - weiterhin dem Trend zu Demokratie entgegen. Heute geben wir neue Schritte bekannt, um
einen friedlichen Übergang des Landes zu einer
freien und offenen Gesellschaft zu ermutigen. Wir
werden die Durchsetzung unseres Embargos verschärfen, um den Druck auf Reformen beizubehalten, aber die Demokratie und den freien Fluß von
Ideen aktiver unterstützen. Ich habe die Eröffnung
von Büros unserer Nachrichtenagenturen in Kuba
genehmigt. Wir werden mehr bildungspolitischen
und religiösen Vertretern sowie Menschenrechtlern
die Reise nach Kuba gestatten. Ferner werden wir
jetzt den nichtstaatlichen Organisationen Amerikas
erlauben, sich umfassender in Kuba zu engagieren.
Ich freue mich, heute bekanntgeben zu dürfen, daß
unser erstes Darlehen zur Finanzierung der Arbeit
nichtstaatlicher Organisationen in Kuba dem Freedom House zur Förderung friedlichen Wandels und
zum Schutz der Menschenrechte verliehen wird.
Allein die Erwähnung dieser breiten Palette von
Aktivitäten und der Möglichkeiten einer positiven
Führungsrolle Amerikas zeigt erneut, wie entschei-

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dend sie für unsere Sicherheit und unseren Wohlstand ist. Ferner beweist sie erneut, daß die Förderung unserer Werte und Interessen ein und dasselbe
sind.
Angesichts des Ziels dieser Konferenz und ihrer
einzigartigen Schirmherren gehe ich davon aus, daß
jeder hier Anwesende diese Überzeugung teilt. Aber
die isolationistischen Tendenzen in beiden Parteien
sind sehr real. Und vom Standpunkt derjenigen aus
gesehen, die sich von den Veränderungen auf der
Welt bedroht fühlen, sind sie sogar völlig verständlich.
Daher ist es wichtig, sie nicht einfach nur zu verurteilen, sondern vielmehr die Art und Weise zu
erklären, auf die die Welt funktioniert. Und während
die Welt sich durch diese Zeit des Übergangs auf
eine neue Ordnung hinbewegt, in der wir alle Vorteile
des Wandels, der Technologie und Chancen genießen und dabei noch die Bedeutung betonen, jedem
einzelnen eine Chance zu geben, allen Familien eine
Chance zu geben, starke, einigende Gemeinschaften
zu werden, müssen wir versuchen zu erklären, wie
die Welt funktioniert und warum wir engagiert bleiben
und führen müssen.
Verurteilung ist nicht genug. Charakterisierung ist
nicht genug. Wir müssen diese Fragen eingehend
bearbeiten. Das amerikanische Volk ist ein gutes
Volk. Es hat gesunden Menschenverstand. Es ist
betroffen, wenn weltweit Menschen ermordet werden.
Es versteht, daß unsere Söhne und Töchter eines
Tages in einen Krieg andernorts verwickelt werden
könnten. Es weiß, daß wir nicht einfach vorgeben
können, die übrige Welt existiere nicht. Aber viele
Menschen in unserem Volk haben ihre eigenen
Schwierigkeiten. Wir müssen uns stärker für diese
Grundwerte, Interessen und Argumente einsetzen, bis
wir die Kräfte der Isolation mit Leidenschaft und
Vernunft abwehren.
Sie können das leisten. Sie müssen uns dabei
helfen. Jeder von Ihnen, und jeder auf seine eigene
Weise, mit seinen eigenen Einflußsphären, kann das
entschlossen und begründet leisten.
Ich möchte Ihnen ein spezifisches Beispiel nennen:
Ich bin entschlossen, alles in meiner Macht Stehende
zu unternehmen, um unseren Haushalt für internationale Angelegenheiten beizubehalten. Er stellt
letztlich weniger als 2 Prozent unseres Gesamthaushalts dar. Auslandshilfe ist rein theoretisch
betrachtet unpopulär, weil die Amerikaner der Ansicht
sind, wir gäben einen viel größeren Anteil ihres
Geldes für Auslandshilfe aus, als es tatsächlich der
Fall ist. Wenn Sie das amerikanische Volk aber
fragen, wieviel wir ausgeben sollten, antwortet es 3
Prozent, 4 Prozent, 5 Prozent - mehr, als wir de facto
ausgeben.

AMERIKA DIENST 30

�Keine Behörde kann in dieser Zeit des Haushaltsausgleichs von bewußter Kostenersparnis ausgenommen werden. Vizepräsident Gore und ich haben
sehr hart daran gearbeitet, dem amerikanischen Volk
die im Hinblick auf die Zahl der Mitarbeiter kleinste
Regierung seit der Amtszeit Präsident Kennedys zu
geben und Hunderte von Programmen abzuschaffen.
Aber wir müssen über die Instrumente der Diplomatie verfügen.
Die amerikanische Führungsrolle besteht aus mehr
als Worten und dem Verteidigungshaushalt. Obwohl
der Verteidigungshaushalt wichtig ist, benötigen wir
ein Budget für die Diplomatie. Einige Kongreßabgeordnete wollen die Auslandshilfe praktisch aushöhlen
- den Haushalt des Außenministeriums zerstören,
das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung
(ADCA), das US-Informationsamt (USIA) und das
Amt für internationale Entwicklung (AID) abschaffen.
Sie würden sich vor unseren Pflichten gegenüber
den Vereinten Nationen drücken.
Müssen die Vereinten Nationen reformiert werden?
Ist ein Großteil unserer Gelder und der anderer
Staaten verschwendet worden? Brauchen wir mehr
Aufsicht? Natürlich brauchen wir das. Ist das ein
Grund dafür, die Vereinten Nationen anzugreifen?
Nein.
Wir benötigen Ihre Unterstützung. Wir müssen dies
tun. Es ist das Richtige. Es ist verantwortungsbewußt. Wer wirklich will, daß wir den Vereinten
Nationen den Rücken kehren, von den internationalen Finanzinstitutionen ganz zu schweigen, würde
unsere Fähigkeit zur Übernahme einer Führungsrolle
wirklich in Gefahr bringen.
Wie Sie beispielsweise in Bosnien oder Haiti gesehen haben, ist es bisweilen frustrierend und fast
immer schwierig, einerseits eine Führungsrolle zu
übernehmen und andererseits unsere Bündnisse
aufrechtzuerhalten und im Rahmen der Vereinten
Nationen und der NATO zusammenzuarbeiten. Aber
es ist sehr wichtig. Wir wollen nicht ganz auf uns
gestellt in die Zukunft gehen. Und das bedeutet,
daß wir verantwortungsbewußt im Rahmen dieser
internationalen Organisationen vorzugehen haben.
Und wir müssen unseren gerechten Anteil zahlen.
Jeder Dollar, den wir für Auslandshilfe ausgeben,
kommt mehrfach zurück.
Durch die Verringerung der Gefahr eines Atomkrieges in den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion konnten wir unsere Ausgaben für strategische Waffen kürzen. Durch die
Unterstützung von demokratischen Reformen und
den Übergang zur freien Marktwirtschaft in der
früheren Sowjetunion und in Zentraleuropa fördern

AMERIKA DIENST 30

wir Stabilität und Wohlstand in einem Gebiet, das in
der Zukunft zu einem riesigen Markt für die Vereinigten Staaten wird. Indem wir den Entwicklungsländern bei ihrem Kampf gegen Überbevölkerung,
AIDS, Drogenschmuggel, Umweltzerstörung und einer
Vielzahl von Problemen zur Seite stehen, stellen wir
sicher, daß ihre Problem von heute nicht zu unseren
Problemen von morgen werden. Die von uns für
Entwicklung, Friedenssicherung oder Katastrophenhilfe aufgewendeten Gelder helfen bei der Verhütung
künftiger Krisen, deren Kosten viel größer wären.
Und das ist das Richtige.
Ich bin sehr besorgt darüber, daß diese Haushalte in
Gefahr sind - einige davon durch den fast willkürlichen Versuch, die Vereinigten Staaten von der
Partnerschaft zu trennen. Ich möchte Ihnen nur noch
einige weitere Beispiele nennen.
Wir haben etwas Geld für umfassende, weltweite
Bestrebungen zur Bekämpfung der Bedrohung der
globalen Erderwärmung aufgewandt. Hierbei handelt
es sich um wissenschaftliche Beweise. Erst in den
vergangenen Tagen haben wir eine Reihe neuer
wissenschaftlicher Beweise erhalten, daß 1995 seit
20.000 Jahren das wärmste Jahr auf dem gesamten
Planeten, das Loch in der Ozonschicht größer als
erwartet ist und der Treibhauseffekt eine reale
Bedrohung darstellt. Wir haben nur ein paar Pfennige dafür aufgewandt. Es ist eines der Ziele, die
abgeschafft werden sollen. Das sind keine Haushaltskürzungen - das ist Ideologie. Solche Kürzungen sind nicht erforderlich für einen ausgeglichenen
Haushalt. Wir müssen uns dagegen wehren und für
die amerikanischen Werte und Interessen eintreten.
Ich möchte noch ein weiteres Beispiel anführen.
Radio Free Europe und Radio Liberty waren die
entscheidenden Waffen im gegen den Kommunismus
geführten Krieg der Ideen. Viele von Ihnen haben
sich dafür eingesetzt und für sie gekämpft. Um die
Herausforderungen des neuen Zeitalters bewältigen
zu können, wurde das Personal der beiden Sender
drastisch abgebaut und ein Umzug von München
nach Prag vorgenommen. Aber einige wollen das
bereits stark reduzierte Budget am Vorabend wichtiger russischer Wahlen weiter kürzen, genau zu dem
Zeitpunkt, an dem die russischen Reformer objektive
Informationen und den freien Gedankenaustausch am
meisten benötigen. Sie wollen dasselbe mit der
Voice of America tun, die auf der ganzen Welt von
Burma bis zum Balkan an den Frontlinien der Demokratie dient.
Rücksichtslose Verfechter von Haushaltskürzungen
wollen zuerst unsere Botschaften schließen und
später über die Konsequenzen nachdenken. Allein
im vergangenen Jahr haben unsere Botschaften

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�nahezu zwei Millionen Anträge von Amerikanern im
Ausland bearbeitet. Sie haben amerikanischen
Unternehmen Verträge in Milliardenhöhe verschafft.
Und jeder internationale Geschäftsmann wird Ihnen
sagen, daß das Außenministerium und seine Botschaften härter als je zuvor in der Geschichte der
Weltwirtschaft arbeiten, um unsere Wirtschaftsinteressen zu fördern.
Wenn wir keine Diplomaten in Asien und Lateinamerika hätten, um den Strom der Drogen in unser
Land zu unterbinden, wäre unsere Aufgabe sehr viel
schwerer. Wenn wir keine Vertreter in Nordirland
und dem Nahen Osten hätten, wäre es sehr viel
schwieriger, den Friedensprozeß voranzubringen.
Wenn wir keine mutigen Leute wie Botschafter Bob
Krueger in Burundi oder Ruanda hätten, wäre es
noch schwerer, menschliche Tragödien zu verhindern. Wir brauchen keine halbherzige Diplomatie in
einer Welt neuer Chancen und Krisen rund um die
Uhr.
Ich möchte einen letzten Punkt anschneiden: Einige
Leute sagen, "Herr Präsident, ich bin für ein starkes
Amerika. Ich verstehe nur nicht, warum Sie sich mit
den Vereinten Nationen abgeben. Wir brauchen ein
Amerika, das im Alleingang handelt. Wir werden
entscheiden, was das Richtige ist und es tun. Es
mag der übrigen Welt gefallen oder nicht. Das ist
es, was es heißt, die einzige Supermacht der Welt
zu sein." Das ist auch eine verschleierte Form von
Isolationismus.
Unilateralismus ist keine tragfähige Option in der
Welt, in der wir leben. Wenn unsere lebenswichtigen Interessen auf dem Spiel stehen, müssen wir
natürlich im Alleingang handeln. Aber wir sind klug
beraten, wenn wir mit den Vereinten Nationen
zusammenarbeiten und unsere Rechnungen bezahlen. Wir benötigen die Flexibilität zum Aufbau von
Koalitionen, die Risiken, Verantwortung und die
Kosten der Führungsrolle verteilen, wie Präsident
Bush es bei der Operation Wüstensturm tat und wir
es in Haiti getan haben.

Wenn die vergangenen 50 Jahre uns irgend etwas
gelehrt haben, dann, daß die Vereinigten Staaten die
einzigartige Verantwortung und die einzigartige
Fähigkeit haben, eine Kraft für Frieden und Fortschritt
auf der Welt zu sein, die gleichzeitig Koalitionen von
Menschen aufbaut, die in echter Partnerschaft
zusammenarbeiten können.
Wir können jedoch nur Erfolg haben, wenn wir
weiterhin eine Führungsrolle übernehmen. In diesem
neuen Zeitalter muß unsere Aufgabe dieselbe sein
wie bisher. Unabhängig von unseren politischen
Überzeugungen verfolgen wir meines Erachtens alle
dieselben Ziele. Ich glaube, wir wollen eine Zukunft,
in der die Menschen auf der ganzen Welt die Vorteile
der Demokratie kennen; in der unser Volk sein Leben
frei von Furcht leben kann; in der unsere Söhne und
Töchter nicht zum Kampf in einem Krieg eingezogen
werden, der hätte verhindert werden können; in der
die Menschen nicht länger der Tyrannei in ihrem
Land entfliehen und an unsere Küsten kommen; in
der die Märkte offen für unsere Produkte und Dienstleistungen sind; in der unsere Beschäftigten gute,
hochbezahlte Arbeitsplätze haben; ein Land, in dem
es beispiellosen Frieden und Wohlstand gibt, weil wir
ein traditionelles amerikanisches Mandat des 20.
Jahrhunderts bis weit ins 21. Jahrhundert erfüllt
haben, weil wir - wir - die Welt zu Demokratie und
Freiheit, zu Frieden und Wohlstand geführt haben.
Wenn wir die von mir beschriebene Zukunft wollen,
müssen wir die Last der Führungsrolle übernehmen.
Es gibt einfach keine andere Alternative. Daher bitte
ich Sie, Geduld in diese Aufgabe einzubringen,
Argumente für diese Aufgabe zu finden und das
Gefühl der Dringlichkeit zu vermitteln, das dieses
Land in Zeiten der größten Herausforderung in den
vergangenen 50 Jahren bewegt hat.
Die Zukunft wird meiner Ansicht nach für das amerikanische Volk noch vielversprechender sein als die
letzten 50 Jahre, wenn - wenn - wir unsere Führungsrolle beim Streben nach unseren Werten bewahren
können.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

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*

AMERIKA DIENST 30

�VEREINTE

N A T I O N EN
25. Oktober 1995

Clinton unterbreitet neue UN-Tagesordnung
für das 21. Jahrhundert
Rede des Präsidenten vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In seiner Eröffnungsansprache anläßlich des 50jährigen Bestehens der
Vereinten Nationen forderte Präsident Clinton die versammelten Staats- und Regierungschefs auf, eine neue
Tagesordnung aufzustellen, in der die Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg angesprochen
werden - Terrorismus, Drogenhandel, organisiertes Verbrechen und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Exzellenzen,
verehrte Gäste. In dieser Woche feiern die Vereinten Nationen ihr 50jähriges Bestehen.
Die
Träume ihrer Gründerväter wurden nicht vollständig
wahr, aber ihr Versprechen dauert an. Der Wert der
Vereinten Nationen ist auf der ganzen Welt sichtbar
- in den genährten Körpern einstmals hungernder
Kinder, in der Lebenskraft der gegen Krankheit
Geimpften, in den Augen von lernbegierigen Schülern, in der geschützten Umwelt, in geretteten
Flüchtlingen, in bewahrtem Frieden und - in jüngster
Zeit - im Eintreten für Menschenrechte und Chancen
für Frauen und ihre Kinder bei der Pekinger Frauenkonferenz.
Die Vereinten Nationen sind ein Produkt des Glaubens und Wissens: Des Glaubens, daß unterschiedliche Menschen für Toleranz, Würde und Frieden
zusammenarbeiten können; des Wissens, daß dieser
Glaube auf ewig von den Kräften der Intoleranz, des
Bösen und der Aggression auf die Probe gestellt
wird. Wir müssen uns jetzt von diesem Glauben
leiten lassen und in diesem Wissen handeln, um die
Herausforderungen eines neuen Zeitalters zu bewältigen.
In den Vereinigten Staaten wird manchmal die Frage
gestellt, warum wir uns mit den Vereinten Nationen
abgeben - Amerika ist stark, wir können im Alleingang handeln. Nun, wir werden alleine handeln,
wenn wir müssen. Aber meine amerikanischen
Mitbürger sollten nicht vergessen, daß unseren
Werte und unseren Interessen auch durch die
Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen gedient
ist.

AMERIKA DIENST 30

Die Vereinten Nationen helfen den Friedensstiftern,
den Hilfsorganisationen, den Verteidigern der Freiheit
und der Menschenrechte, den Architekten von
wirtschaftlichem Wohlstand und den Umweltschützern, das Risiko gemeinsam zu tragen, die Last zu
teilen und den Effekt unserer gemeinsamen Bestrebungen zu verbessern.
Im vergangenen Jahr habe ich versprochen, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin einen maßgeblichen
Beitrag zur Finanzierung der Vereinten Nationen
leisten werden. Historisch gesehen waren und sind
die Vereinigten Staaten der größte Beitragszahler der
Vereinten Nationen. Ich bin jedoch entschlossen,
daß wir unseren Verpflichtungen in voller Höhe
nachkommen, und ich arbeite mit dem Kongreß an
einem Plan hierfür zusammen.
Alle, die zur Arbeit der Vereinten Nationen beitragen
und um ihre Zukunft besorgt sind, müssen sich auch
zu Reformen verpflichten - um bürokratische Ineffizienz und veraltete Prioritäten abzuschaffen. Die
Vereinten Nationen müssen unter Beweis stellen
können, daß das Geld, das sie erhalten, Einsparungen fördert und Menschenleben bereichert und nicht
einen unnötigen Wasserkopf schafft.
Reformen
erfordern die Beseitigung bürokratischer Relikte,
überkommener Behörden und die Bewältigung von
mehr Aufgaben mit weniger Mitteln. Die Vereinten
Nationen müssen reformiert werden, um weiterhin
relevant zu sein und eine noch größere Rolle beim
Marsch der Freiheit, des Friedens und Wohlstands zu
spielen.
Wir können es auf der ganzen Welt beobachten, vom
Nahen Osten bis nach Nordirland - die Menschen

Seite 1

�wenden sich von einer gewalttätigen Vergangenheit
zu einer Zukunft des Friedens. In Südafrika und
Haiti sind lange Nächte der Furcht neuen Tagen der
Freiheit gewichen. Auf dieser gesamten Hemisphäre
haben sich alle Nationen mit einer Ausnahme für
Demokratie entschieden, und das Ziel eines integrierten, friedlichen und demokratischen Europa ist
jetzt zum ersten Mal in greifbare Nähe gerückt. Auf
dem Balkan haben die Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft und der NATO die
Aussichten für Frieden vielversprechender gemacht,
als sie vier Jahre lang waren.
Ich möchte die Vereinten Nationen im Namen des
bosnischen Volkes zu ihren Bestrebungen beglückwünschen. Die Nationen, die sich an der UNPROFOR beteiligt haben, zahlten den Blutzoll für diesen
schrecklichen Krieg und die verlorenen Menschenleben, die ungeheilten Wunden, die unterernährten
Kinder, denen es noch viel schlechter hätte gehen
können.
Nächste Woche kommen die Kriegsparteien Bosniens unter der Schirmherrschaft der Vereinten
Nationen und unserer Partner in der Kontaktgruppe Rußland, Großbritannien, Frankreich und Deutschland - in Dayton (Ohio) zusammen, um die Suche
nach Frieden zu intensivieren. Es bestehen noch
viele grundlegende Differenzen. Aber ich fordere die
Parteien auf, diese Chance für eine friedliche Beilegung des Konflikts zu ergreifen. Wenn wir Frieden
erlangen, werden die Vereinigten Staaten mit ihren
Freunden und Verbündeten dort sein, um zur Sicherung dieses Friedens beizutragen.
Auf der ganzen Welt sehnen sich die Menschen
nach einem Leben in Frieden. Und dieser Traum
wird Wirklichkeit. Aber die Zeit ist nicht frei von
Gefahren. Während der Karte Krieg dem Weltdorf
weicht, sind noch zu viele Menschen Armut, Krankheiten und Unterentwicklung ausgesetzt. Und wir
alle sehen uns mit ethnischem und religiösem Haß,
der rücksichtslosen Aggression verbrecherischer
Staaten, Terrorismus, organisiertem Verbrechen,
Drogenhandel und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen konfrontiert.
Das Entstehen des Informations- und Technologiezeitalters hat uns näher zusammengebracht und
bietet uns außergewöhnliche Chancen zum Aufbau
einer besseren Zukunft. Aber in unserem Weltdorf
können sich Fortschritte ebenso schnell verbreiten
wie Probleme. Probleme am anderen Ende der
Stadt können schnell zu einer Plage für jeden
einzelnen werden. Wir können unsere Nachbarschaft nicht von im Zusammenhang mit der Beschaffung von Drogen stehenden Verbrechen ohne die
Hilfe der Länder befreien, in denen die Drogen

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hergestellt werden. Wir können Terroristen nicht
ohne die Unterstützung anderer Regierungen zur
Strecke bringen. Wir können nicht prosperieren oder
unsere Umwelt schützen, solange umweltverträgliche
Entwicklung nicht eine Realität in allen Nationen ist.
Und unsere Wachsamkeit allein kann nicht verhindern, daß auf der anderen Seite der Erdkugel gelagerte Nuklearwaffen in die falschen Hände geraten.
Nirgendwo ist Zusammenarbeit unerläßlicher als bei
der Bekämpfung von immer enger verbundenen
Gruppen, die sich mit Terroranschlägen, organisiertem Verbrechen, Drogenhandel und der Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen befassen. Niemand
ist immun - weder in Japan, wo Terroristen Nervengas in der U-Bahn ausströmen ließen und Tausende
vergifteten, weder in Lateinamerika oder Südostasien,
wo Drogenhändler mit importierten Waffen Richter,
Journalisten, Polizeibeamte und unschuldige Spaziergänger ermordet haben, weder in Israel oder Frankreich, wo haßerfüllte Agitatoren Busse und Züge
voller Kinder mit Bomben explodieren ließen, die aus
geschmuggeltem Sprengstoff hergestellt waren,
weder in der ehemaligen Sowjetunion und Zentraleuropa, wo organisierte Verbrecherversuchen, neue
Demokratien zu schwächen und anständige, hart
arbeitende Männer und Frauen berauben. Und auch
nicht in den Vereinigten Staaten, wo amerikanische
Terroristen ein Bundesgebäude im Herzen Amerikas
in die Luft sprengten und ausländische Terroristen
versuchten, einen Bombenanschlag auf das World
Trade Center vorzunehmen und die Zerstörung des
Saals planten, in dem wir heute versammelt sind.
Diese Kräfte gefährden den globalen Trend zu
Frieden und Freiheit, unterminieren noch instabile
neue Demokratien, berauben die Entwicklungsländer
ihrer Stärke und bedrohen unsere Bestrebungen zum
Aufbau einer Welt mit mehr Sicherheit und Wohlstand.
Daher fordere ich heute alle Nationen auf, sich an
unserem Kampf gegen diese Kräfte zu beteiligen.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen können Ergebnisse zeitigen. Um die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen abzubauen, arbeiten wir mit Rußland
am Abbau unserer Nuklearwaffenarsenale um zwei
Drittel. Wir haben die Ukraine, Kasachstan und
Belarus bei der Beseitigung von auf ihrem Territorium
befindlichen Atomwaffen unterstützt. Wir haben mit
den Staaten der ehemaligen Sowjetunion an der
Sicherstellung von Nuklearmaterial und seiner Umwandlung zur friedlichen Nutzung zusammengearbeitet. Nordkorea stimmte einem Einfrieren seines
Nuklearprogramms unter internationaler Kontrolle zu.
Viele der hier vertretenen Nationen traten für die
unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags ein.

AMERIKA DIENST 30

�Zur Eindämmung des Stroms von Betäubungsmitteln
und des organisierten Verbrechens arbeiten wir mit
einer Vielzahl von Nationen zusammen, tauschen
Informationen aus, bieten militärische Unterstützung
und leiten Bestrebungen zur Bekämpfung von
Korruption in die Wege. Und wir zeitigen Ergebnisse. Gemeinsam mit den kolumbianischen Behörden sind wir gegen die Drogenkartelle vorgegangen,
die den internationalen Kokainmarkt kontrollieren.
Vor zwei Jahren lebten sie außerhalb der Legalität
als Milliardäre; heute leben sie als Gefangene hinter
Gittern.
Zur Bekämpfung von Terroristen verhängen wir
strenge Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde und die Rechtsstaatlichkeit verletzende Staaten
wie Iran, Irak, Libyen und Sudan. Wir fordern diese
Länder heute erneut dazu auf, diesen Weg zu
verlassen. Inzwischen verstärken wir unsere Bestrebungen im Bereich der Strafverfolgung sowie die
Zusammenarbeit mit anderen Nationen.
Nichts von dem, was wir unternehmen, wird uns
unverwundbar machen, aber wir alle werden weniger
verwundbar, wenn wir zusammenarbeiten. Aus
diesem Grund gebe ich heute neue Initiativen zur
Bekämpfung des internationalen organisierten
Verbrechens, des Drogenschmuggels, des Terrorismus und der Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen bekannt - Initiativen, die wir im Alleingang
sowie andere, die wir gemeinsam in Form einer
internationalen Erklärung ergreifen, um die Sicherheit der Bürger dieser Welt zu erhöhen.

Und schließlich habe ich das Justizministerium um
die Ausarbeitung von Gesetzen gebeten, damit
unsere anderen Behörden mit den Instrumenten
versehen werden, die für eine Reaktion auf kriminelle
Aktivitäten erforderlich sind.
Da wir diesen Kampf zusammen führen und gewinnen müssen, möchte ich jetzt jeden Staat bitten, sich
an der Aushandlung und Unterstützung einer Erklärung über internationales Verbrechen und Sicherheit der Bürger zu beteiligen. Diese Erklärung
soll erstens die Zusicherung enthalten, Angehörigen
des organisierten Verbrechens, Terroristen sowie
Drogenhändlern und -Schmugglern keine Zuflucht zu
gewähren, damit diese keinen Ort haben, an den sie
flüchten und wo sie sich verstecken können.
Ein zweites Element dieser Erklärung wäre ein
Abkommen zur Bekämpfung des Terrorismus, damit
wir gemeinsam mehr Staaten zur Ratifizierung
existierender Verträge über Terrorismusbekämpfung
auffordern und gemeinsam an der Schließung des
grauen Markts arbeiten können, der Terroristen und
andere Verbrecher mit Schußwaffen und gefälschten
Papieren versorgt.
Drittens, eine Offensive zur Drogenbekämpfung. Der
internationale Drogenhandel vergiftet die Menschen,
sät Gewalt und zerstört das moralische Gefüge
unserer Gesellschaft. Wir müssen unser Vorgehen
gegen die Kartelle sowie den Drogenanbau intensivieren. Und in den Verbrauchernationen wie den
Vereinigten Staaten müssen wir unsere Nachfrage
nach Drogen verringern.

Zunächst möchte ich kurz darlegen, welche Schritte
wir unternehmen. Gestern habe ich unsere Regierung angewiesen, Geldwäsche tolerierende Nationen
zu identifizieren und sie zu verwarnen. Kriminelle
Unternehmen schleusen riesige Summen illegaler
Gewinne vollkommen ungestraft durch das internationale Finanzsystem. Wir dürfen nicht zulassen,
daß sie ihre durch den Verkauf von Drogen, durch
Terror oder organisiertes Verbrechen erlangten
Profite reinwaschen. Die Nationen sollten ihre
Banken und Finanzsysteme in Einklang mit den
internationalen Normen zur Bekämpfung von Geldwäsche bringen. Wir werden ihnen dabei helfen.
Sollten sie sich weigern, werden wir angemessene
Sanktionen in Erwägung ziehen.

Viertes Element ist eine effektive Partnerschaft mit
den Polizeibeamten.
Internationale Verbrecherorganisationen suchen sich Nationen als Ziel aus,
deren Strafverfolgungsbehörden nicht über die
Erfahrung und Möglichkeiten verfügen, ihnen Einhalt
zu gebieten. Zur Unterstützung der Polizei in den
neuen Demokratien Zentraleuropas gründeten
Ungarn und die Vereinigten Staaten in Budapest eine
internationale Strafverfolgungsakademie. Jetzt sollten
wir die Gründung eines weltweiten Netzes von
Zentren für den Austausch der neuesten Verbrechensbekämpfungstechniken und -technologien in
Erwägung ziehen.

Ferner habe ich die Regierung angewiesen, die
Scheinfirmen auszumachen und die Guthaben des
größten Drogenhändlerrings der Welt - des KaliKartells - einzufrieren, um sie von ihrer wirtschaftlichen Lebensader abzuschneiden und den unwissentlichen Handel unseres eigenen Volkes mit
diesen Unternehmen zu unterbinden.

Fünftens sind Bestrebungen zur Kontrolle illegaler
Waffen und todbringenden Materials vonnöten, an
denen wir uns allesamt beteiligen sollten. Ein Päckchen von der Größe des Lunchpakets eines Schulkindes enthielt das Giftgas, das Tokio in Angst und
Schrecken versetzte. Ein Klumpen Plutonium von
der Größe einer Coladose reicht für den Bau einer
Atomwaffe aus. Auf der Grundlage von bereits mit
den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und unse-

AMERIKA DIENST 30

Seite 3

�ren G-7-Partnern begonnenen Bestrebungen werden
wir uns um eine Verbesserung von Nachweis, Lagerung und Sicherung von Material mit massiver
Zerstörungskraft bemühen. Wir sollten die Konvention über biologische Waffen stärken, im kommenden Jahr den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot verabschieden und die tödliche
Geißel der Landminen endgültig eliminieren. Wir
müssen in anderen Ländern und in unserem Kongreß auf die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention drängen und damit unsere Bestrebungen zur
Bekämpfung des weltumspannenden Netzes illegaler
Waffen intensivieren, das dem Terrorismus Vorschub
leistet, Drogenkartelle versorgt und tödliche Konflikte
verlängert.
Dies ist eine lange und schwierige Tagesordnung,
die wir zusammen vervollständigen und umsetzen
müssen.
Vor fünfzig Jahren, als in San Francisco die Konferenz zur Gründung der Vereinten Nationen abgehalten wurde, gab ein junger amerikanischer Kriegsheld seine Eindrücke von diesem Ereignis an eine
Zeitung weiter. "Der durchschnittliche Soldat scheint
keine sehr klare Vorstellung davon zu haben, worum
es bei diesem Treffen geht", schrieb der junge John

*

Seite 4

F. Kennedy. Aber ein hochdekorierter Feldwebel
faßte die allgemeine Reaktion zusammen, als er
erklärte: "Ich weiß nicht genau, was hier vor sich
geht, aber wenn es dazu führt, daß wir nicht mehr
kämpfen müssen, bin ich dabei."
Die Vereinten Nationen haben Kriege nicht abgeschafft, sie aber weniger wahrscheinlich gemacht.
Und sie halfen vielen Nationen beim Übergang von
Krieg zu Frieden. Die Vereinten Nationen haben
menschliches Leid nicht abgeschafft, aber die Wunden geheilt und das Leben von Millionen Menschen
verlängert. Die Vereinten Nationen haben nicht
Unterdrückung oder Armut von der Erdoberfläche
verschwinden lassen, aber sie haben die Sache der
Freiheit und des Wohlstands auf jedem Kontinent
gefördert. Die Vereinten Nation sind nicht alles, was
wir uns von ihnen gewünscht hätten, aber sie sind
eine Kraft des Guten und ein Bollwerk gegen das
Böse.
Kurz vor Anbruch eines so vielversprechenden neuen
Jahrhunderts, das aber auch von Gefahren heimgesucht wird, brauchen wir die Vereinten Nationen
immer noch. Und daher können Sie für die nächsten
fünfzig Jahre und darüber hinaus mit den Vereinigten
Staaten rechnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 30

�USA - I R A N
25. Oktober 1995

Iran - der Preis für verantwortungsloses Verhalten
von Peter Tarnoff
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Staatssekretärs für politische Angelegenheiten im USAußenministerium, Peter Tarnoff, der auf dessen Anhörung vor dem Bankenausschuß des Senats vom 11.
Oktober 1995 basiert.

Am 30. April dieses Jahres gab Präsident Clinton
seine Entscheidung bekannt, sämtliche Handels- und
Investitionsverbindungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Iran abzubrechen. Diese neuen Sanktionen demonstrieren den Willen der Vereinigten
Staaten, sogar entgegen den amerikanischen
Interessen Aktionen zur Erhöhung des Preises
durchzuführen, den der Iran für sein verantwortungsloses Verhalten zahlen muß. Der Iran beteiligt sich
am Terrorismus. Er behindert den arabisch-israelischen Friedensprozeß, beschafft Massenvernichtungswaffen, strebt den Aufbau eines bedrohlichen
Militärapparats am Persischen Golf an und verletzt
die Menschenrechte seiner Bürger.
Die Unterbindung von Handels- und Investitionsbeziehungen zum Iran trat vor nur vier Monaten in
Kraft.
Natürlich ist wirtschaftlicher Druck kein
sofortiges Gegenmittel. Es gibt jedoch Anzeichen
dafür, daß das amerikanische Embargo bereits die
iranische Wirtschaft ausblutet, selbst wenn es noch
zu früh für endgültige Ergebnisse ist.
Statt dessen müssen wir auf die Trends blicken, die
eine grundlegende Verschlechterung der wirtschaftlichen Schlüsselindikatoren des Iran indizieren, und
unsere Aktionen beschleunigen diese Verschlechterung. Ferner ist die Administration entschlossen,
wenn nötig im Alleingang zu handeln und wenn
möglich gemeinsam mit anderen, um die Intensität
des internationalen Drucks auf den Iran zu erhöhen.
Die Politik des Iran bedroht nicht nur die Interessen
der Vereinigten Staaten, sondern auch die unserer
Verbündeten in Westeuropa und Japan.
Wir bitten diese Verbündeten, auf die beschränkten
wirtschaftlichen Vorteile des Handels mit dem Iran zu
verzichten und angesichts seines bedrohlichen
Verhaltens eine verantwortungsbewußte Führungsrolle zu übernehmen. Wenn ihre kollektive Stärke
unseren Bestrebungen hinzugefügt wird, stiege der

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Preis erheblich, den die iranische Führung für ihre
verbrecherischen Aktivitäten zahlen muß.
Das größte wirtschaftliche Problem des Iran ist heute
der Mangel an harter Währung im Staat. Unsere
Politik gegenüber dem Land zielt darauf ab, es der
iranischen Regierung noch weiter zu erschweren, in
den Besitz harter Währung zu gelangen und somit
seine Fähigkeit zur Finanzierung seiner unsere
Interessen bedrohenden Politik einzuschränken.
Obwohl unser Embargo erst seit kurzem Wirkung
zeitigt, hat es das iranische Budget bereits auf
dreierlei Weise geschmälert.
Erstens verlor die
iranische Währung, der Rial, nach der Ankündigung
eines Handels- und Investitionsembargos gegen Iran
durch Präsident Clinton ein Drittel seines Wertes. Die
vom Iran zur Stabilisierung des Rial verhängten
strengen Währungskontrollen werden langfristig zu
einem verlangsamten Wachstum oder einer Rezession führen.
Zweitens erzwang unser Embargo eine vorübergehende Verringerung des iranischen Einkommens aus
Erdölverkäufen, da amerikanischen Unternehmen
jetzt der Handel mit iranischem Erdöl verboten ist.
Die Regierung mußte große Anstrengungen unternehmen, um zusätzliche 400.000 Barrel pro Tag zu
verkaufen. Der Iran sah sich mit der Entscheidung
konfrontiert, entweder den Preis für das Erdöl herabzusetzen, um es verkaufen zu können, oder es in
der Hoffnung auf Verkauf zu einem höheren Preis an
einem späteren Zeitpunkt zu lagern. Der Iran entschied sich, zu warten. Zu den Folgekosten gehören
verzögerte Erdöleinnahmen, höhere Kosten für das
Chartern von Tankern sowie gestiegene Rohöllagerkosten. Obwohl diese Kosten kurzfristiger Natur sind,
ist klar, daß durch unser Embargo die Verfügbarkeit
harter Währung im Iran verringert wurde.

Seite 1

�Unser Embargo hatte auch eine dritte Auswirkung.
Indem wir dem Iran immer stärker den Finanzhahn
zudrehen, schwächen wir die Fähigkeit der Regierung zur Deckung ihrer externen Kosten. Ferner
wird sich der finanzielle Ruf des Iran noch weiter
verschlechtern, weil die Schuldenzahlungen der
Regierung sich bis 1996 voraussichtlich verdoppeln
werden.
Unser Embargo hat die Schwierigkeiten des Iran
verschärft, auf einfache Weise Zugang zu ausländischem Kapital zu erhalten. Bevor wir Handelssanktionen verhängten, bezeichneten andere Regierungen den amerikanischen Handel mit dem Iran als
vernünftigen Grund für die Förderung bilateralen
Handels und Bereitstellung von Finanzhilfe für den
Iran. Solche Hilfe, die neue staatliche Kredite und
Entwicklungshilfe beinhaltet, verschafft dem Iran
neue Finanzressourcen.
Durch die Unterbindung wirtschaftlicher Aktivitäten
zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran
erhöhen wir den politischen Preis solcher Beziehungen zu diesem Land. Seit der Verhängung des
Embargos haben die wichtigsten Handelspartner des
Iran keine neuen offiziellen Kredite angeboten.
Selbst wenn andere Regierungen sich nicht drängen,
die amerikanische Politik zu kopieren, haben die von
uns unternommenen Schritte sie dazu ermutigt, das
Ausmaß ihrer Wirtschaftsbeziehungen zum Iran zu
begrenzen. Unsere Investitionssanktionen verbieten
einen amerikanischen Beitrag zur Entwicklung der
iranischen Volkswirtschaft, insbesondere auf dem
Erdölsektor. Aus diesem Grund verhinderte der
Präsident eine Zusammenarbeit des amerikanischen
Unternehmens Conoco mit dem Iran, und aus
diesem Grund ist es für uns wichtig, andere Regierungen von der Notwendigkeit ähnlicher Maßnahmen
zu überzeugen.
Es ist wichtig festzustellen, daß wir die Auswirkungen unserer Politik auf amerikanische Unternehmen
nicht unterschätzen. Diese Schritte waren notwendig
zur Unterstützung unserer Bestrebungen, Druck auf
den Iran auszuüben, die nationalen Interessen
unseres Landes betreffenden Praktiken aufzugeben.
Unseres Erachtens sollten andere Regierungen
ebenfalls verantwortungsvoll handeln und ähnliche
Schritte zur Abwehr des bedrohlichen Verhaltens
des Iran unternehmen.
Die Entscheidung der französischen Firma Total, das
Conoco-Geschäft zu übernehmen, ist äußerst
bedauerlich. Wir fordern Total dringend auf, die
Entscheidung zu überdenken und andere anzuweisen, von vergleichbaren Aktionen Abstand zu
nehmen.
Die hochrangigsten Vertreter dieser
Administration werden weiterhin bei unseren Kolle-

Seite 2

gen aus anderen Ländern für unsere Einstellung
gegenüber dem Iran eintreten.
Es wäre jedoch ein Fehler, wenn die Vereinigten
Staaten die Kluft zwischen unserer Politik gegenüber
dem Iran und der der meisten anderen Industrienationen übertreiben würden. In den von Außenminister
Christopher und mir mit hochrangigen Vertretern der
G-7-Länder geführten Gesprächen brachten unsere
Kollegen beispielsweise ihre gemeinsame Besorgnis
über die Beschaffung von Massenvernichtungswaffen
und die Unterstützung des Terrorismus durch den
Iran sowie die andauernde militärische Aufrüstung
des Landes aufgrund dieser Sorgen zum Ausdruck.
Die G-7-Nationen weigern sich, nukleare Zusammenarbeit in irgendeiner Form mit dem Iran aufzunehmen, und sie verbieten Exporte von Waffen für
sicherheitsempfindliche Mehrzwecktechnologie an das
iranische Militär.
Wir glauben nicht, daß ein Engagement für den Iran wie von einigen unserer Freunde befürwortet - das
abzulehnende Verhalten des Iran ändern wird. Aus
diesem Grund haben wir uns entschieden, die
amerikanische Führungsrolle zu intensivieren, indem
wir einseitig neue Sanktionen verhängen.
Die vor uns liegende Frage lautet, wie können wir
andere Regierungen am besten überzeugen, unserem Beispiel zu folgen? Ein Vorschlag fordert, daß
die Vereinigten Staaten die ausländischen Firmen
boykottieren, die Geschäftsaktivitäten mit dem Iran
aufnehmen. Wir haben diesen Vorschlag sorgfältig
geprüft und ihn aus zwei Gründen abgelehnt. Unserer Ansicht nach würde ein sekundärer uneingeschränkter Boykott unsere gemeinsame Zusammenarbeit bei der Iranpolitik gefährden, insbesondere bei
entscheidenden Fragen wie der Verweigerung von
Waffen für den Iran. Wir glauben auch, daß ein
solches Eingreifen in den internationalen Markt
fehlschlagen und amerikanischen Unternehmen sowie
der amerikanischen Wirtschaft schaden würde.
Ein anderer Vorschlag ist, gezielte Sanktionen gegen
ausländische Firmen zu verhängen, die der iranischen Ölindustrie Geräte oder Technologie liefern.
Ein solches Vorgehen wäre ein zusätzliches Abschreckungsmittel für europäischen Handel mit dem
Iran und Investitionen in das Land. Es könnte auch
negative Auswirkungen auf die amerikanischen
Wirtschaftsinteressen haben, da unsere Beziehungen
zu wichtigen Verbündeten in der ausländischen
Industrie aus dem Gleichgewicht gebracht würden.
Unsere Partner im GATT, der WTO und NAFTA
argumentieren beispielsweise vehement, daß selbst
ein begrenzter sekundärer Boykott unsere Verpflichtungen im Rahmen dieser Abkommen verletzen

AMERIKA DIENST 30

�würde. Darüber hinaus wäre es schwierig, einen
sekundären Boykott der Vereinigten Staaten mit der
Freihandelsrhetorik in Einklang zu bringen, mit der
wir arabische Regierungen drängen, ihre sekundären
und tertiären Boykotte gegen Israel aufzuheben.
Andere von uns anzusprechende Belange sind
unsere Fähigkeit zur umfassenden Überwachung der
Aktivitäten ausländischer Unternehmen, die möglicherweise negativen Reaktionen einiger unserer
Verbündeten und die Auswirkungen auf die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit. Am wichtigsten ist
auszuwerten, ob zusätzliche Aktionen zu unserem
Ziel beitragen würden, internationale Unterstützung
für den Druck auf den Iran zu gewinnen.
Unserem derzeitigen Ansatz einer beispielgebenden
Führungsrolle und der kooperativen Zusammenarbeit
mit Verbündeten muß eine echte Chance zu funktionieren eingeräumt werden. Das wird einige Zeit
erfordern. Unsere Geduld ist jedoch nicht grenzenlos. Wenn Diplomatie allein sich nach einer gewis-

*

AMERIKA DIENST 30

sen Zeit bei der Erlangung eines akzeptablen Niveaus multilateraler Unterstützung für unsere Bestrebungen als unzureichend erweist, könnten wir zusätzliche Ansätze in Erwägung ziehen.
Die amerikanische Politik des wirtschaftlichen Drucks
wird ergänzt durch unsere unermüdlichen Anstrengungen, andere Regierungen davon zu überzeugen,
nicht zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen
durch den Iran oder seiner militärischen Aufrüstung
beizutragen.
Wir sind der Auffassung, daß unsere Bemühungen
zur Intensivierung des Drucks auf den Iran Fortschritte machen und das Embargo einen wichtigen
Beitrag leisten wird. Es wird mehr getan, insbesondere um größere Unterstützung unserer Freunde und
Verbündeten zu erlangen, vor allem im Bereich von
Investitionen und Finanzhilfe. Die amerikanische
Führungsrolle ist entscheidend für effektiven Druck
auf den Iran zur Änderung seines Verhaltens und
wird dies auch in Zukunft sein.

* * *

*

Seite 3

�NICHTVERBREITUNG
25. Oktober 1995

USA drängen auf Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot
Rede von ACDA-Direktor Holum
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Mit den Worten, "ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot
(Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) ist in greifbare Nähe gerückt", forderte der Direktor des Amts für
Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency - ACDA) die Regierungen auf, bis
April 1996 einen Vertragsentwurf vorzulegen.
In einer Ansprache vordem Ersten Ausschuß (für Abrüstung und Sicherheitsfragen) der Generalversammlung
der Vereinten Nationen am 17. Oktober 1995 erklärte Holum, die wissenschaftlichen Fortschritte und das durch
die unbegrenzte Verlängerung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrags (NW) Anfang dieses Jahres
herbeigeführte neue politische Klima böten die besten Chancen für einen Erfolg der in Genf geführten
Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von ACDA-Direktor Holum.

Seit Jahrzehnten haben sich viele Staaten für einen
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot als
den wichtigsten Schritt zur Erfüllung des N W
eingesetzt. Die NW-Konferenz bekräftigte seine
einzigartige Bedeutung und forderte den Abschluß
eines CTBT "nicht später als" 1996.

effizienten Funktionsweise der anderen drei "Pfeiler"
ausgerichtet ist. Zusammen mit den Vertragsbestimmungen für Konsultationen und Klärung - und den
Vertragsparteien zur Verfügung stehenden nationalen
Mitteln zur Verifizierung - sind diese vier "Pfeiler"
unerläßlich für die effektive Umsetzung des CTBT.

Wir begrüßen die bei der Genfer Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritte zum Abschluß eines
Vertrags sowie die Fortschritte zur Einigung auf ein
internationales Überwachungssystem für effektive
Verifizierung. Wir sehen vier sorgfältig gestaltete
und miteinander verbundene "Pfeiler" für dieses
Regime vor.

Präsident Clinton hat sich zum Abschluß des vollständigen Wortlauts des Abkommens bis April
verpflichtet - dem Ende des ersten Teils der Sitzungsperiode 1996 der Genfer Abrüstungskonferenz. Wir
gehen davon aus, daß die neue Sitzungsrunde des
Ersten Ausschusses und die 50. Generalversammlung der Vereinten Nationen den Vertrag unterstützen, so daß er vor Beginn der 51. Generalversammlung unterzeichnet werden könnte.

Erstens sollten auf solide, aber kostengünstige
Weise international Daten aus Netzen mit Fernsensoren unter Anwendung von seismischen, hydroakustischen, radionukliden und Infraschall-Techniken
gesammelt und ausgetauscht werden. Um Mehrdeutigkeiten oder Umgehungsversuche anzusprechen, sollte der Vertrag zweitens ein System unverzüglicher, obligatorischer
Vor-Ort-Inspektionen
vorsehen. Drittens sollte er ein Paket "assoziierter
Maßnahmen" für den Informationsaustausch enthalten, das zur Behebung von Mehrdeutigkeiten beispielweise durch die Netze der Fernsensoren
aufgedeckte Vorfälle - beitragen soll. Und viertens
sollte es ein internationales Umsetzungsgremium
geben, dessen Rolle und Kompetenzen klar definiert
und auf die Erleichterung der reibungslosen und

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Der CTBT ist in greifbare Nähe gerückt. Wissenschaftliche Fortschritte und das Ende des Kalten
Krieges ermöglichen endlich, was Wissenschaftler
und Staatsmänner seit über vier Jahrzehnten anstreben. Ich darf Sie jedoch daran erinnern, daß sich
die politischen und geostrategischen Umstände
konstant verändern. Die sich uns heute bietenden
Chancen könnten ungenutzt verstreichen.
Wir
müssen sie ergreifen, damit nicht eine Verzögerung
die Aussichten für den Vertrag - vielleicht für eine
kurze Zeit, vielleicht auf viele Jahre hinaus - wieder
in Frage stellt.

Seite 1

�Daher fordern wir die an der Arbeit der Genfer
Abrüstungskonferenz beteiligten Nationen auf, ihre
Bestrebungen zum Abschluß eines Vertragstextes zu
beschleunigen und bei Positionen zusammenzukommen, die eine Unterstützung der internationalen
Staatengemeinschaft zwingend erfordern. Es ist an
der Zeit, auf gemeinsamem Terrain zu einem Abschluß zu gelangen.
In diesem Geiste zog Präsident Clinton Ende Januar
dieses Jahres den Vorschlag der Vereinigten Staaten für ein 10jähriges Austrittsrecht zurück - eine
Position, die weder salopp formuliert noch leicht aufzugeben war. Und vor zwei Monaten sendete
Präsident Clinton eine unmißverständliche Botschaft,
daß die NW-Konferenz das Engagement der
Vereinigten Staaten für ein Atomtestverbot nicht
schwächte, sondern vielmehr intensivierte.
Er
forderte einen wirklich absoluten CTBT mit null
Detonationswert - ohne jede Ausnahme, nicht einmal
Atomexplosionen mit einer Sprengkraft von wenigen
Pfunden.
Zusammen mit den parallelen Entscheidungen
Frankreichs und Großbritanniens verleiht diese
Entscheidung den Verhandlungen in Genf echten
Auftrieb. Denn alle Nationen sollten sich für einen
Vertrag aussprechen, in dem das Wort "umfassend"
folgende Bedeutung hat: "Null" atomaren Detonationswert, wobei alle Länder gleich behandelt
werden.
Wie Vizepräsident Gore bei der Konferenz in New
York erklärte, sind wir bereit zu der Feststellung, daß
die Vereinigten Staaten bereits ihren letzten Atomtest durchgeführt haben. Die Entscheidung des
Präsidenten über einen Null-Detonationswert demonstriert, daß wir meinen, was wir sagen.
Der CTBT wird mehr zur Sicherheit aller Staaten
beitragen als alle weiteren Atomtests - überall, von
allen, zu jedem Zweck. Die Nukleararsenale der
Welt sind mehr als ausreichend erprobt worden.
Jetzt sind wir es, die auf die Probe gestellt werden.

Eine weitere Maßnahme, die bei der diesjährigen
NW-Konferenz spezifisch unterstützt wurde, ist das
Verbot der Produktion von spaltbarem Material für
nukleare Sprengkörper.
Ein multilateraler, effektiv verifizierbarer Vertrag über
die Einstellung der Produktion von spaltbarem
Material wird den CTBT ergänzen, indem er weltweit
die Menge des für Nuklearwaffen zur Verfügung
stehenden spaltbaren Materials begrenzt. Er wird
die internationalen Sicherheitsvorschriften auf derzeit
nicht geschützte Produktionseinrichtungen ausdehnen.

Seite 2

Viele Nationen streben seit langem diese Einstellung
der Produktion an. Der indische Premierminister
Nehru forderte dies beispielsweise bereits im Jahr
1954. Vor zwei Jahren unterstützte Präsident Clinton
die Einstellung hier bei den Vereinten Nationen
vehement, und die Generalversammlung verabschiedete einstimmig eine Resolution, die Verhandlungen
zwingend vorschreibt. Dann forderte die diesjährige
NW-Konferenz "die unverzügliche Aufnahme und
einen baldigen Abschluß der Verhandlungen".
Dennoch haben die Verhandlungen - erstaunlicherweise - noch nicht begonnen.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß einige der
Länder, die traditionell die stärksten Verfechter der
Einstellung waren, offensichtlich jetzt den Enthusiasmus dafür verloren haben, da eine Realisierung
potentiell in greifbare Nähe gerückt ist.
Einige wenige Staaten hegen vielleicht Zweifel, ob ein
solches Abkommen ihren Interessen dient - und
wollen sich ihre Optionen offen halten. Sie sollten
sorgfältig erwägen, ob sie sich wirklich einem Wettbewerb aussetzen wollen, der ewig andauern und nie
gewonnen werden kann. Die Geschichte des Wettrüstens bietet reichhaltige Beweise, daß das Streben
nach einem undefinierbaren "genug" vergebliche
Mühe ist.
Andere haben absolut keine Absicht, etwas zu tun,
das nicht im Einklang mit einer Einstellung der
Produktion von spaltbarem Material steht - haben
sogar mit wiederholten einstimmigen Entscheidungen
den Wert eines solchen Abkommens anerkannt werden jedoch von dem Gedanken in Versuchung
geführt, daß seine Aushandlung an andere Ursachen
gebunden sein sollte, beispielsweise einen weiteren
atomaren Verhandlungsprozeß in Genf. Das ist ein
Rezept für Lähmung, nicht für Fortschritt - und
vereitelt daher ein Ziel, das alle NW-Parteien unterstützen.
Niemand sollte auch auf die vertraute Verhandlungstaktik hereinfallen, das Perfekte zum Feind des Guten
zu machen. Die Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material kann nicht alle Probleme, jedoch
ein wichtiges lösen - indem die Menge von Material
für Nuklearexplosionen nicht nur in Atomwaffenstaaten, sondern auch in Teilen der Welt begrenzt wird,
die am wenigsten das Risiko eines eskalierenden
Wettrüstens tragen können.
Auch hier könnten Chancen ungenutzt verstreichen.
Daher sollten wir entsprechend handeln und jetzt die
Verhandlungen eröffnen, um den ausdrücklichen
Willen der NW-Konferenz zu erfüllen, das Verbot von

AMERIKA DIENST 30

�Atomtests zu unterstützen und alle Menschen sicherer zu machen.
In der Zwischenzeit praktizieren die Vereinigten
Staaten, was sie predigen. Wir produzieren nicht
länger spaltbares Material für Waffen. Und im März
haben wir 200 Tonnen spaltbares Material aus
unseren Arsenalen abgezogen, die nie wieder für
Nuklearexplosionen verwendet werden.
Ein anderes Element der Abrüstung besteht darin,
die Überrüstung des Kalten Krieges abzubauen.
Lange Zeit wurde argumentiert, ein ständiger N W
würde den Anreiz für solche Bestrebungen zunichte
machen. In der Tat haben jedoch kontinuierliche
Bestrebungen vor und seit der New Yorker Konferenz gezeigt, daß das Gegenteil der Fall ist: Ein
ständiger N W fördert die nukleare Abrüstung, indem
er das globale Sicherheitsumfeld konsolidiert, in dem
er agieren kann.
Anstelle des unerbittlichen Wachstums der Arsenale
in den vergangenen Jahren nehmen sie heute mit
noch größerer Geschwindigkeit ab - angestachelt
durch offizielle Abkommen wie den INF-Vertrag und
die START-Verträge, inoffizielle gegenseitige Zurückhaltung bei taktischen Nuklearwaffen und durch
finanzielle Hilfe bei den Kosten der Zerlegung beschleunigte Reduzierungen.
Solche Fortschritte werden möglich, weil es immer
weniger Gründe für Nuklearwaffen gibt. Nuklearwaffen spielen jetzt eine geringere Rolle in unserer
Sicherheitsstrategie als je zuvor.
Entsprechend
zerlegen die Vereinigten Staaten weiterhin bis zu
2.000 Atomwaffen pro Jahr - die höchste Zahl, die
aufgrund der technischen Begrenzungen möglich ist.
Die amerikanischen Bodentruppen haben keine
Nuklearwaffen mehr unter ihrer Obhut. Nichtstrategische atomare Seestreitkräfte werden nicht länger
disloziert. Und seit 1988 haben wir unser gesamtes
aktives Arsenal um nahezu drei Fünftel reduziert,
unsere strategischen Gefechtsköpfe um fast die
Hälfte und die Gefechtsköpfe unserer nichtstrategischen Nuklearstreitkräfte um bemerkenswerte 90
Prozent.
Natürlich hat jeder Weg seine Krümmungen: Der
START Il-Vertrag muß noch in Kraft treten. Aber
das wird geschehen, weil START II offensichtlich
gleichermaßen im Interesse Rußlands und der
Vereinigten Staaten liegt.
Während sowohl in
Washington als auch in Moskau Bestrebungen zu
seiner Ratifizierung unternommen werden, ist der
Abbau unter START I dem Zeitplan mehr als zwei
Jahre voraus.

AMERIKA DIENST 30

Und wir sind bereit zu weiteren Fortschritten. Die
Vereinigten Staaten und Rußland gehen von einer
Begrenzung der Träger- und Waffensysteme zu einer
sichtbareren und unumkehrbaren Beseitigung nuklearer Gefechtsköpfe über. Die Präsidenten Clinton und
Jelzin wiesen vergangenes Jahr ihre Experten an, die
nächsten Schritte zu prüfen. Wie die Vereinigten
Staaten vor und während der diesjährigen Konferenz
über den N W bekräftigten, bleibt nukleare Abrüstung
unser oberstes Ziel.
Seit Mai hat die Welt bei einem anderen Grundsatz
der Konferenz über den Nichtverbreitungsvertrag
Fortschritte gemacht - der universellen Einhaltung
des N W .
Erst dieses Frühjahr sind dem Vertrag vier weitere
Staaten beigetreten - Chile, die Komoren, Vanuatu
und die Vereinigten Arabischen Emirate, und es
werden noch mehr. Dies stellt eine Ergänzung
verschiedener wichtiger Beitritte während der letzten
Jahre dar, die das NW-System spürbar erweiterten bis zu dem Punkt, an dem es sich dem Mitgliederverzeichnis der Vereinten Nationen annähert und nur
neun Staaten außerhalb des Vertrags bleiben.
Fortschritte werden ebenfalls beim Grundsatz der
NW-Konferenz erzielt, atomwaffenfreie Zonen als
nützliche Ergänzung des N W zu betrachten.
Die Vereinigten Staaten respektieren den RarotongaVertrag, der eine atomwaffenfreie Zone im Südpazifik
errichtet, indem sie in der Region keine Aktionen
unternehmen, die mit den Zielen des Vertrags unvereinbar sind. Die jüngsten Ereignisse einschließlich
der CTBT-Verhandlungen veranlaßten uns zu schnellem Handeln, um zu einer endgültigen Entscheidung
über diesen Vertrag zu kommen. Die Vereinigten
Staaten begrüßen auch den jüngst geschlossenen
Pelindaba-Vertrag, der eine afrikanische atomwaffenfreie Zone vorsieht. Und wir hoffen, daß eine unseren Kriterien entsprechende atomwaffenfreie Zone in
Südostasien geschaffen werden kann.
Jeder Staat im Nahen Osten befürwortet im Prinzip,
was auch bei der diesjährigen Konferenz über den
Nichtverbreitungsvertrag unterstützt wurde: Eine
Zone im Nahen Osten, die frei von Atomwaffen sowie
anderen Massenvernichtungswaffen ist. Die Vereinigten Staaten freuen sich natürlich über den
bemerkenswerten jüngsten Erfolg im Nahostfriedensprozeß. Und wir bekräftigen erneut die Bedeutung
einer frühzeitigen Realisierung des universellen
Beitritts zum N W .
Dem seit langem gehegten Wunsch nach verstärkten
Sicherheitszusagen entsprechen die dieses Jahr von
jeder derfünf Atommächte abgegebenen Erklärungen

Seite 3

�sowie die vom UN-Sicherheitsrat übereinstimmend
angenommene Resolution 984. Diese Aktionen sind
eine direkte Reaktion aut Empfehlungen der Nichtatomwaffenstaaten zur Harmonisierung negativer
Sicherheitszusagen und zur expliziteren Gestaltung
der Rolle des Sicherheitsrates, auf nukleare Aggression gegen dem N W angehörende Nichtatomwaffenstaaten zu reagieren, einschließlich der Handlungsmöglichkeit gemäß Kapitel VII der Charta der
Vereinten Nationen zur Wiederherstellung des
internationalen Friedens und der Sicherheit. Unseres Erachtens stellen diese Maßnahmen substantielle Fortschritte zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit von
Sicherheitszusagen für Nichtatomwaffenstaaten des
N W dar. Bei der NW-Konferenz bestand Einigkeit
darüber, daß weitere Schritte auf diesem Gebiet
erwogen werden sollten.
Die Wirksamkeit des N W steht in engem Zusammenhang mit der Wirksamkeit seiner Sicherheitsklauseln - ein auf der diesjährigen NW-Konferenz
befürworteter wichtiger Grundsatz. Die Vereinigten
Staaten arbeiten eng mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) an der Stärkung nuklearer Schutzvorrichtungen durch das "Programm
93 + 2" zusammen. Seit der Konferenz einigte sich
der Verwaltungsrat der Behörde auf die Umsetzung
einer Vielzahl wichtiger Empfehlungen, die seine
Fähigkeit zur Aufdeckung nicht bekanntgegebener
Nuklearaktivitäten beträchtlich erhöhen. Wir fordern
jeden Staat zur Unterstützung dieser Empfehlungen
auf - und erwarten die Unterstützung einer zweiten
Serie zusätzlicher Maßnahmen, die beim Treffen des
Verwaltungsrats im Dezember vorgestellt werden.

zusammenarbeiten, der kein umfassendes Sicherheitsabkommen mit der IAEO abgeschlossen hat.
Und bei der Auswahl von Möglichkeiten für friedliche
nukleare Zusammenarbeit besteht unsere Politik
schon seit langem in der Bevorzugung von Unterzeichnern des N W und des Tlatelolco-Vettrags.
Die Vereinigten Staaten haben solche Chancen aktiv
sondiert.
In den vergangenen Jahren sind wir
beispielsweise Abkommen über die Zusammenarbeit
von Laboratorien mit Ägypten, Marokko, Kenia,
Ghana, Malaysia, Thailand, Peru und Mexiko eingegangen. Und kürzlich unterzeichneten wir ein wichtiges Abkommen über friedliche nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika.
Die Vereinigten Staaten unterstützen auf multilateraler Ebene entschieden die Aktivitäten der IAEO im
Bereich technischer Hilfe und leisten konsequent den
größten Beitrag zu zusätzlichen Haushaltsmitteln für
diese Behörde. Wir werden auch in Zukunft die
weltweite Nutzung von Kernenergie bei Landwirtschaft, Medizin, Industrie und zu anderen friedlichen
Zwecken fördern.
Schlußbemerkung
Ebenso wie auf vielen anderen Gebieten ist auch bei
der multilateralen Diplomatie wirklicher Wandel
schwierig. Die herkömmliche Art und Weise wird
immer ihre Anhänger haben, solange das Gedächtnis
die Oberhand über die Phantasie behält.
Aber die Zeit für wirklichen Wandel ist gekommen:

Wir müssen einen neuen Dialog führen.
Wir stellen unser Engagement für das lAEO-System
auch auf andere Arten unter Beweis: Indem wir
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
per Gesetz ausreichende Mittel zur Bewältigung der
wachsenden Arbeitsbelastung der IAEO zu erhalten
und zusätzliches spaltbares Material den Sicherheitsbestimmungen unterstellen. Die lAEO-lnspektionen
überschüssigen spaltbaren Materials der Vereinigten
Staaten sind seit letztem Jahr im Gange - und
werden ausgeweitet. Vergangenen Monat beschlossen die Vereinigten Staaten, zusätzliche 20 Tonnen
überschüssigen waffenfähigen Materials für Sicherheitskontrollen der IAEO zugänglich zu machen.
Die Vereinigten Staaten werden auch in Zukunft das
Sicherheitsregime des N W entschieden unterstützen.
Ebenso werden die Vereinigten Staaten weiterhin mit
Überzeugung den friedlichen Einsatz von Atomenergie im Rahmen wirksamer internationaler
Sicherheitskontrollen befürworten. Die Vereinigten
Staaten dürfen von Gesetz wegen auf nuklearem
Gebiet nicht in größerem Umfang mit einem Staat

Seite 4

Der überragende Erfolg der diesjährigen Konferenz
über den Nichtverbreitungsvertrag demonstriert, daß
einst rivalisierende Nationen besser miteinander
arbeiten als aneinander vorbeireden können, daß
Konfrontation wegen rhetorischer Absolutheitsansprüche durch Fortschritt ersetzt werden und internationale Sicherheit über herkömmliche Weltpolitik
triumphieren kann. Unsere Zusammenarbeit bei
dieser schicksalhaftesten multilateralen Rüstungskontrollkonferenz der Geschichte zeigt tatsächlich,
daß ein konstruktiver neuer Dialog bereits begonnen
hat.
Wir müssen diese neue Denkweise auf die großen
Herausforderungen anwenden, denen wir uns in
Zukunft gegenübersehen: Abschluß des Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot und Aushandlung eines Vertrags über die Einstellung der Produktion spaltbaren Materials.
Meine heutigen Ausführungen sollten deutlich machen, daß die Vereinigten Staaten es für eine Frage

AMERIKA DIENST 30

�der Ehre halten, abgegebene und vor fünf Monaten
erneut bekräftigte Versprechen einzuhalten. Aber
wir erwarten dasselbe von allen anderen Ländern.
Wer seine früher eingegangenen Verpflichtungen
nicht ernst nimmt, schädigt mehr als nur das N W Regime oder bestimmte Verhandlungen - er schadet
dem Gefüge der internationalen Sicherheit durch
seine zynische Haltung gegenüber den Möglichkeiten der von uns geleisteten Arbeit.
Der N W verkörpert Gleichgewicht und Symmetrie:
Nichtverbreitung und Abrüstung sind geboten, und
alle Staaten müssen ihre Rolle im schlagkräftigen
Kampf des Vertrags gegen Nuklearwaffen übernehmen. Artikel VI ist nicht auf nukleare Abrüstung
oder auf die Atommächte beschränkt. Alle Staaten
müssen für ihre Taten und ihre Worte Rechenschaft
ablegen. Kein Staat ist davon ausgenommen oder
wird automatisch verdächtigt, weil er ein Atomwaffenstaat oder ein Nichtatomwaffenstaat ist oder weil
er früher einem bestimmten Block oder einer bestimmten Ländergruppe angehörte oder nicht. Wer
von anderen Abrüstung fordert, muß sie auch selbst
praktizieren.
Dies sind wichtige Gründe, warum der N W jetzt
unbegrenzt und stärker denn je ist - und warum
seine größten Beiträge zur internationalen Sicherheit
noch zu erwarten sind.
Wenn wir diese Lektionen beherzigen - und erinnern,
daß echter Dialog, ebenso wie der N W selbst, eine
in beide Richtungen führende Straße ist - werden wir

*

AMERIKA DIENST 30

wichtige Schritte zur Erlangung des vollen Versprechens von Rüstungskontrolle und Abrüstung unternehmen.
Zyniker werden das als Rat interpretieren, langsam
voranzuschreiten. Aber es ist tatsächlich ein Ratschlag, Fortschritte zu machen. Wer hätte sich
schließlich noch vor wenigen Jahren träumen lassen,
daß die Vereinigten Staaten an vorderster Front auf
ein umfassendes Atomtestverbot drängen würden?
Oder daß wir zu denjenigen gehören würden, die sich
am stärksten für die Einstellung der Produktion
spaltbaren Materials einsetzen?
Die Vereinigten Staaten fordern alle Staaten auf, sich
gemeinsam mit uns an dem konstruktiven neuen
Dialog im Zeitalter nach der Verlängerung des N W
zu beteiligen. Das wird unsere heutigen Bestrebungen beflügeln - selbst während wir die 50jährige
Arbeit der Vereinten Nationen im Bereich der Abrüstung ehren.
Wenn wir auf diese Art und Weise zusammenarbeiten, können wir eine Welt schaffen, die in unser aller
größtem Interesse liegt: Eine Welt, in der nie wieder
spaltbares Material für waffenfähige Zwecke produziert wird, in der nie wieder Nuklearwaffen gezündet,
sondern diese am Ende beseitigt werden können, in
der Nationen nicht wegen ihrer Waffenarsenale,
sondern wegen der Einhaltung eingegangener
Verpflichtungen geschätzt werden - anderen Nationen
und ihrem eigenen Volk gegenüber.

* * *

*

Seite 5

�DATENAUTOBAHN
25. Oktober 1995

Neues von der Datenautobahn
Übersicht jüngster Entwicklungen
Der nachfolgende Artikel faßt die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten bei Informations- und
Telekomunikationstechnologien zusammen und erörtert Neuheiten auf dem Internet sowie die Entwicklung einer
globalen Informationsinfrastruktur.

Bündnis gegen Pornographie
Dem The Wall Street Journal zufolge bildet eine
Gruppe von Hochtechnologieunternehmen - darunter
IBM, Microsoft, AT&amp;T, MCI, America Online, Netscape Communications, Time Warner und Viacom ein Bündnis zur Bekämpfung von "Cyberpornographie". Koordiniert wird diese Gruppe vom World
Wide Web Consortium des Massachusetts Institute
of Technology, das, so ein Vertreter des Bündnisses,
auch als "Dachorganisation zur Verhinderung interner Kämpfe in der Industrie" dient. "Es soll Normen
entwickeln, die alle Softwareunternehmen erreichen
können." Ein separates Projekt unter Beteiligung
von Microsoft, Netscape, SurfWatch Software und
Progressive Networks wird in die neuen Bestrebungen eingegliedert.
Anstieg von Chip-Diebstählen
Ein weltweiter Mangel an Memory Chips führt zu
einem Anstieg der Diebstähle von RAM Chips in
Colleges und Universitäten, so der Chronicle of
Higher Education. Die Diebe sind anscheinend auf
Memory Chips spezialisiert, für die man 160 bis 200
Dollar je vier-Megabite-Set bekommt und die schwierig, wenn nicht unmöglich aufzuspüren sind.
Spezialisierung auf Internet-Nutzer außerhalb des
englischen Sprachraums
Während immer mehr Länder stark im World Wide
Web präsent sind, wird die Vorherrschaft des Englischen im Internet in Frage gestellt, berichtet der
Investor's Business Daily. Im Juni stammten 19
Prozent der neuen Web Seiten aus Ländern, die
nicht dem englischen Sprachraum angehören, und
im Juli war dieser Prozentsatz dem Marketingdirektor
der Yahoo (Corporation zufolge auf 23 Prozent
angestiegen. Yahoo hat einen beliebten Quellenfinder im Web. Dem Trend entsprechend entwickelt

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Netscape Communications einen Web Browser, um
japanische und chinesische Texte aufrufen zu können, und Übersetzungssoftware wird immer beliebter.
Gesucht: Software zur Verbrechensbekämpfung
Strafverfolgungsbeamte haben die Herstellung von
moderner Software zur Überwachung der über
700.000 elektronischen Geldtransfers vorgeschlagen,
die jeden Tag zwischen amerikanischen Finanzinstitutionen vorgenommen werden, und befürworten
die genauere Überprüfung verdächtiger Transaktionen, schreibt The Wall Street Journal. Ein neuer
Bericht des US-Amts für Technologiebewertung
verweist jedoch darauf, daß eine solche Überwachung es amerikanischen Banken erschweren würde,
Geschäfte aus Europa und anderen Industrienationen
anzuziehen. Die Vereinigten Staaten würden "das
Risiko einer Flucht legitimen Kapitals" von inländischen Banken eingehen, stellt der Bericht fest.
Softwareverkäufe in USA schnellen in die Höhe
Im zweiten Quartal dieses Jahres stiegen die Softwareverkäufe in Nordamerika dem Verband der
Software-Herausgeber zufolge auf 1,57 Milliarden
Dollar.
Immobilienmakler richten Informationsnetz ein
Der nationale Verband der Immobilienmakler richtet
einen Dienst ein, der dem Verband angeschlossenen
Maklern den Austausch von Listen und anderen
Informationen gestattet sowie den Käufern behilflich
ist, berichtet The Wall Street Journal. Das landesweite System würde Zugang zu Landkarten, Verbrechensstatistiken, Informationen über Schulen,
statistische Daten, Steuerdaten und andere Informationen zur Verfügung stellen. Eine halbe Million
Immobilienmakler haben sich dem "The Realtors

Seite 1

�Information Network" genannten Dienst bereits
angeschlossen.

Babel:
http://www.access.digex.net/~ikind/babel95c.html

Interessante Web Sites auf dem Internet
Nachfolgend einige nützliche Adressen auf dem
World Wide Web.

Hierbei handelt es sich um ein Glossar von Computerabkürzungen und Akronyme. Es wird dreimal
jährlich, im Januar, Mai und September, auf den
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The Tech Classics Archive:
http Mhe-tech. mit. edu/Classics/

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durch Verbindungen zu zahlreichen nützlichen
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historische Dokumente, Colleges und Universitäten
sowie Wetterstationen.

Diese Quelle klassischer Literatur bietet jetzt 375
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Das gesamte Werk ist attraktiv und logisch zur
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wird von einem verbesserten Suchlaufwerk unterstützt. Das Tech Classics Archive ist eine nichtkommerzielle, von Studenten geschaffene World Wide
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AMERIKA DIENST 30

�AIDS
25. Oktober 1995

Überleben
von Kathleen Fackelmann
(AD) - Wissenschaftler führen Studien an Personen durch, die das AIDS-Virus seit längerem überlebt haben,
in der Hoffnung herauszufinden, wie ihr Immunsystem das tödliche Virus in Schach hält. Die Antwort könnte
zu einer Behandlungsmethode oder einem Impfstoff gegen AIDS führen, so die Verfasserin, die Mitarbeiterin
von Science News ist.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Science News, einem wöchentlich
erscheinenden wissenschaftlichen Nachrichtenmagazin. Copyright (c) 1995 von Science Service, Inc.

Für gewöhnlich dauert es acht bis zehn Jahre, bis
eine HlV-infizierte Person AIDS entwickelt. Dennoch
sind einige Personen seit über einem Jahrzehnt
Träger der humanen Immunschwächeviren - und
blieben gesund.

dieser Menschen über einen langen Zeitraum hinweg
robust bleibt. Drei Artikel im New England Journal
of Medicine in der Ausgabe vom 26. Januar 1995
veröffentlichen Daten über Menschen, die dem Tod
vorerst ein Schnippchen geschlagen haben.

Wie halten sie diesen todbringenden Zerstörer des
Immunsystems in Schach?

"Wir wissen seit einiger Zeit, daß es Personen gibt,
die mit einer HIV-Infektion lange gesund bleiben",
erklärt die Koautorin Susan Buchbinder vom Gesundheitsministerium in San Francisco. "Wir fangen jetzt
an zu verstehen, welche Mechanismen für einen
verzögerten oder unterbrochenen Krankheitsverlauf
verantwortlich sind."

Wissenschaftler erforschen dieses Mysterium mit
Leidenschaft. Wenn sie zu einer Lösung gelangen,
könnten ihre Erkenntnisse zu einer Behandlungsmethode für die HIV-Infektion oder sogar einem
Impfstoff gegen das Virus führen.
Am Anfang vermehrt sich das HI-Virus rapide im
Körper und verursacht manchmal eine der Grippe
ähnliche Krankheit. Wochen oder Monate später
dämpft das Immunsystem einer infizierten Person
das Virus, worauf mehrere Jahre relativ guter
Gesundheit folgen. Während dieses Zeitraums setzt
das Virus jedoch seine Angriffe auf die Infektionen
bekämpfenden weißen Blutkörperchen des Körpers
fort. Schließlich gewinnt das HIV die Oberhand.
Das zerstörte Immunsystem kann seine Arbeit nicht
mehr leisten, und normalerweise harmlose Mikroben
fangen an, Amok zu laufen. Die HlV-infizierte
Person entwickelt dann zahllose opportunistische
Infektionen - vor allem Pneumocystis carinii, eine
Lungenentzündung - die die Entwicklung von AIDS
markieren. Der Tod folgt gewöhnlich binnen weniger
Jahre.
Für schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der HIVinfizierten Personen brachten die folgenden Jahre
jedoch nicht den finalen Angriff. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, daß die Gesundheit

AMERIKA DIENST 30

Um ein vollständigeres Bild der Personen zu erhalten,
die eine HIV-Infektion seit längerem überleben,
untersuchten Buchbinder und der Immunologe
Giuseppe Pantaleo vom nationalen Institut für Allergien und ansteckende Krankheiten zusammen mit
ihren Kollegen 14 Männer und eine Frau, die seit
über sieben Jahren mit dem HIV lebten. 13 der 15
waren seit mindestens einem Jahrzehnt mit dem
Virus infiziert. Die Probanden berichteten über keine
mit HIV in Verbindung stehende Krankheit.
Noch wichtiger war, daß diese Überlebenden ein
beständiges Blutbild mit CD4 T Lymphozyten hatten den weißen Blutkörperchen, die durch das AIDSVirus zerstört werden. Um in die Studie aufgenommen werden zu können, mußten die Probanden eine
T-Zellenzahl von mindestens 600 pro Kubikmillimeter
Blut haben. Sieben hatten CD4-Zahlen, die gut im
normalen Bereich von 800 bis 1.200 lagen.
Die Forscher untersuchten auch eine Gruppe von 18
HlV-infizierten Personen, deren Krankheitsverlauf zu
AIDS durch das Auftreten von mit der Krankheit

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�einhergehenden Symptomen indiziert war. Alle
hatten sich kontinuierlich verringernde CD4-Zahlen ein Anzeichen einer Virusdominanz. Sobald die
Konzentration der CD4-Zellen unter ein kritisches
Niveau sinkt, fallen Horden von Mikroben über den
geschwächten Körper her.
Um herauszufinden, welche Auswirkungen das HIV
auf die Personen hatte, die seit längerem überlebten, konzentrierte sich das Team erst auf die
Lymphknoten - bohnenförmige Knötchen des Immunsystems. Sie erforschten Lymphknotengewebe
von 14 der 15 Überlebenden und fanden keine
Beweise einer mit dem HIV verbundenen Verschlechterung. Die Proben erschienen normal.
In einem Fall konnten die Forscher im Abstand von
neun Jahren entnommene Lymphknotenproben
vergleichen. Die Proben sahen nahezu identisch
aus. Als das Team jedoch seine Aufmerksamkeit
auf die 18 Personen mit einer fortgeschrittenen HIVInfektion lenkte, stellte es fest, daß das Virus eine
alarmierende Spur der Verwüstung hinterlassen
hatte: Das Lymphgewebe dieser Personen zeigte
Degenerierungen und Vernarbungen.
Die Forscher entdeckten auch, daß Nichtprogressive
- diejenigen, bei denen die Krankheit nicht fortschritt
- weniger HIV in ihren Lymphknoten-Keimzentren den Regionen der Zellverbreitung - lagerten als die
18 Probanden mit progressivem Krankheitsverlauf.
Bei den Progressiven scheinen die Lymphknoten als
Infektionsreservoir zu fungieren, erläutert Koautor
Anthony S. Fauci, Direktor des amerikanischen
Instituts für Allergien und ansteckende Krankheiten.
Er spekuliert, daß mit dem HIV beladene Keimzentren Millionen von weißen Blutkörperchen infizieren
können, die auf ihrem Weg zu anderen Teilen des
Körpers durch die Lymphknoten wandern.
In diesem Fall kann das HIV ein gesundes Verteidigungssystem gegen seinen Gastgeber wenden.
"Indem der Körper versucht, das Virus aufzunehmen
und festzuhalten, schafft er ein phänomenales Milieu
oder Umfeld für eine fortschreitende Infektion der
Blutkörperchen", so Fauci.
Andere Teile des Immunsystems der Überlebenden
schienen aktiv trotz der langfristigen HIV-Infektion.
Die Überlebenden hatten beispielsweise verglichen
mit den 18 anderen Probanden sehr hohe Konzentrationen von Antikörpern in ihrer Blutbahn. Antikörper sind vom Immunsystem zur Bekämpfung von
Infektionen erzeugte Proteine.
In der Retorte
zerstörten diese Antikörper den Forschern zufolge
zwei bekannte Stränge des HIV.

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Weitere Beweise einer besonders wirksamen Immunattacke auf das HIV wurden durch den Befund
geliefert, daß die Vermehrung der Viren bei den
Überlebenden langsamer voranschritt als bei den
Progressiven. Die Forscher vermuten, daß das
Immunsystem das HIV nicht ausschalten, aber unter
Kontrolle halten kann. Die HIV-Vermehrung im Blut
und in Lymphknotenproben der Progressiven erschienen vier bis 20 Mal höher als in den Proben, die
den 15 Überlebenden entnommen worden waren.
"Wenn sich das Virus nicht effektiv vermehrt, ist die
Krankheit nicht sehr aktiv", erklärt Pantaleo. "Wenn
die Vermehrung stark ist, bedeutet das, die Krankheit
könnte fortschreiten."
Zusammengenommen legen die Daten den Schluß
nahe, daß für einige Wenige die Infektion mit dem
HIV nicht das unvermeidliche Todesurteil bedeutet.
"Diese Menschen überleben nicht nur 10 oder mehr
Jahre, sie leben auch ohne jeglichen Schaden ihres
Immunsystems weiter", stellt Fauci fest.
David D. Ho und seine Kollegen beim Aaron Diamond AIDS-Forschungszentrum in New York führten
eine ähnliche Studie bei Probanden durch, die die
Krankheit lange überlebt hatten.
Das in der New York University School of Medicine
untergebrachte Forschungsteam untersuchte 10 Hl Vinfizierte Personen, die trotz ihrer 12- bis 15jährigen
Infektion mit HIV keine AIDS-spezifischen Krankheiten durchgemacht hatten. Die Studie umfaßte auch
eine Frau.
Alle Probanden hatten T-Lymphozytenzahlen im
normalen oder fast normalen Bereich - ein Zeichen,
daß das Virus das Immunsystem noch nicht geschädigt hatte. Darüber hinaus hatte keiner über einen
längeren Zeitraum hinweg Medikamente gegen den
Virusinfekt eingenommen.
Diese Daten verweisen auch auf eine gut kontrollierte
HIV-Infektion hin, die keine Krankheiten hervorruft.
Mit den herkömmlichen Techniken zum Anlegen einer
Kultur konnten die Forscher zum Beispiel kein HIV im
Plasma, dem klaren Teil des Blutes, nachweisen.
"Es ist sehr schwierig, das Virus dieser Patienten zu
isolieren", so Koautor Jeffrey Safrit. Mit einem
empfindlicheren Test fanden sie das HIV im Plasma
von vier ihrer Probanden.
Als nächstes erforschten die Wissenschaftler die
äußeren mononuklearen Blutkörperchen - einen
Mischmasch weißer Blutkörperchen einschließlich
CD4 T-Lymphozyten in der Blutbahn. Mit herkömmlichen Techniken fanden sie das HIV in den weißen

AMERIKA DIENST 30

�Blutkörperchen von vier Probanden. Die anderen
sechs hatten jedoch kein nachweisbares Virus in
diesen Blutkörperchen.
Unter Anwendung der
Polymerase-Kettenreaktion, einer Molekulartechnik
zum Kopieren von DNA, fanden die Forscher
schließlich kleine Mengen des Virus in den weißen
Blutkörperchen der sechs Überlebenden.
"Insgesamt war die Virusbelastung (die Menge des
HIV) im Plasma und den weißen Blutkörperchen der
seit längerem Überlebenden enorm viel niedriger als
bei denjenigen mit einem progressiven Krankheitsverlauf", erklärt der Verfasser.
Diese geringe Virusbelastung läßt darauf schließen,
daß die Überlebenden eine wirksamere Immunreaktion auf das HIV entwickeln. Hos Gruppe fand
heraus, daß diese Überlebenden beschleunigte
Aktivitäten der weißen Blutkörperchen, genannt CD8
T-Lymphozyten, aufwiesen.
Diese Immunzellen
machen die HlV-infizierten Blutkörperchen im Körper

aus und töten sie.
Schließlich legen die Forschungsergebnisse des
New Yorker Teams nahe, daß die HIV-Stränge, die
die Überlebenden infizieren, weniger virulent sind als
die Stränge, die zur Krankheit der meisten Infizierten
führen. Das von den seit längerem Überlebenden
isolierte HIV wuchs im Labor sehr schlecht - ein
Hinweis, daß es sich um eine besonders dürftige
Version des Virus handelt.
Ronald C. Desrosiers vom New England Regional
Primate Research Center der Harvard University in
Southborough (Massachusetts) und seine Kollegen
waren auch der Überzeugung, daß einige Menschen
AIDS entgehen, weil sie Träger einer abgeschwächten Form des HIV sind.
Frühere Arbeiten belegten, daß mit dem AffenImmunschwächevirus (SIV) infizierte Rhesusaffen
eine AIDS-ähnliche Krankheit entwickeln. Affen,
denen jedoch ein mutierender Strang von SIV
gegeben wurde, schienen eine kleine Infektion zu
entwickeln ohne je krank zu werden. Und wie die
menschlichen Probanden zeigten diese SlV-infizierten Primaten keine dramatische Verringerung der
CD4 T-Lymphozyten.
Es stellt sich heraus, daß die mildere Version des
SIV einen Defekt in einem als Nef-Gen bekannten
einzelnen Gen hat. Ohne ein richtig funktionierendes Nef-Gen kann sich das SIV nicht wirksam
vermehren - und verschafft so dem Immunsystem
einen Vorteil bei seinem Kampf, das Virus zu zerstören.

AMERIKA DIENST 30

Könnte man dieselbe Schlußfolgerung auf das HIV
anwenden, einen engen Verwandten des SIV? Das
Massachusetts-Team entschied sich, das Nef-Gen bei
fünf Personen zu erforschen, deren Infektion nicht
fortschritt. Einer von ihnen, ein 44jähriger Hämophiler, hatte einen Nef-Defekt.
"Das von uns immer wieder nachgewiesene Virus
zeigt, daß das 118-Basenpaar in dem Nef-Gen fehlt",
erläutert Koautor John L. Sullivan, ein Genetiker an
der University of Massachusetts Medical School in
Worcester.
Der 44jährige erwies sich 1983 als HIV-positiv,
nachdem er bei einer Transfusion verseuchtes Blut
erhalten hatte. Dennoch ist er weiterhin gesund, mit
sehr geringen Konzentrationen des sich spärlich vermehrenden Virus in seinem Blut, stellt Sullivan fest.
"Unseres Erachtens verlangsamt der Defekt die
Fähigkeit des Virus, sich zu vermehren", so Sullivan.
"Das erlaubt dem gastgebenden Immunsystem, die
Oberhand über das HIV zu behalten".
Die Forscher spekulieren, daß der Mann zusätzlichen
Strängen des HIV ausgesetzt war vom Zeitpunkt
seiner Infektion bis Mitte der achtziger Jahre, als die
Zentren routinemäßig Blutprodukte auf das Virus zu
untersuchen begannen. Dennoch hatte dieser Mann
nie eine zweite Infektion mit einer todbringenderen
Form des HIV.
Führte diese erste Infektion zu einer natürlichen
"Impfung"? Wehrt eine schwelende Infektion mit
einem mutierenden Virus eine Attacke durch einen
virulenteren Strang des HIV ab?
Das ist zweifelsohne die Hoffnung. Wenn jedoch das
Nef eine Rolle beim Schutz einiger HlV-infizierter
Personen spielt, dann ist das wahrscheinlich nicht die
ganze Geschichte.
Ho und seine Kollegen wiesen keine Defekte in dem
Nef-Gen beim HIV nach, das sie von den 10 seit
längerem Überlebenden isolierten. Im Journal of
Virology vom Januar 1995 beschrieben sie ihre
Untersuchungen des Nef-Gens bei diesen Patienten.
"Wir gelangen daher zu der Schlußfolgerung, daß
Defekte oder gravierende Sequenzanomalien im Nef
wahrscheinlich keine allgemeingültige Erklärung des
guten Befindens der seit längerem Überlebenden
einer HIV-1-Infektion sind", schreiben die Autoren.
David Baltimore vom Massachusetts Institute of
Technology in Cambridge stimmt dem zu. "Die
Tatsache eines Nef-Defekts bei diesem Patienten
scheint sehr selten zu sein", schrieb Baltimore in

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�einem Leitartikel des New England Journal of
Medicine vom 26. Januar.
Das schließt die Möglichkeit nicht aus, daß zusätzliche, jedoch noch nicht identifizierte Mutationen des
HIV anderen Fällen längeren Überlebens zugrunde
liegen. In der Tat jagt Hos Team weiter nach genetischen Defekten im HIV. Desrosiers, Sullivan und
ihre Kollegen tun dasselbe.
"Wir nehmen diese Viren Stück für Stück auseinander und versuchen herauszufinden, wo der Defekt
liegt", erklärt Sullivan.
Sind die seit längerem Überlebenden wirklich so
glücklich wie sie scheinen?
Wissenschaftler können den Gedanken nicht ausschließen, daß einige Nichtprogressive noch eine
Schwelle in ihrem Kampf gegen das AIDS-Virus
überschreiten müssen. Sie könnten einfach Patienten mit Anomalien sein, die zu einer Zerstörung des
Immunsystems verdammt sind und zu irgendeinem
Zeitpunkt in der Zukunft AIDS entwickeln. Die
meisten Forscher glauben jedoch, daß einige dieser
Personen nie der Krankheit anheimfallen.
Die neuen Daten vermitteln den Forschem einige
aufschlußreiche Anhaltspunkte, aber kein Patentrezept für längeres Überleben.
"Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf, was
eine Person zu einem längerfristigen Nichtprogressiven macht", kommentiert Kathleen E. Squires,
stellvertretende Direktorin der AIDS-Klinik an der
University of Alabama in Birmingham.
"Offensichtlich trifft einiges auf diese Patienten zu",
äußert Safrit mit dem Hinweis, daß die im New
England Journal of Medicine veröffentlichten Stu-

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Seite 4

*

dien nahelegen, daß eine Vielzahl von Faktoren eine
Rolle dabei spielen können, die Gesundheit einer
HlV-infizierten Person zu bewahren. "Es wird wahrscheinlich eine Kombination eines abgeschwächten
Virus und einer starken Immunreaktion sein, dank der
eine Person über einen langen Zeitraum hinweg
überleben kann", stellt er fest.
Wenn die Forscher die Mechanismen des Überlebens
klären können, könnten sie eine Therapie entwickeln,
die die Infektion in ihrer asymptomatischen Phase
einfriert. So könnten die Infizierten zwar nie ihren
Körper vom HIV befreien, aber sie würden ein langes,
gesundes Leben leben.
"Diese Beobachtungen werden uns hoffentlich im
Hinblick auf unterschiedliche Strategien helfen", so
Squires.
Darüber hinaus könnten solche Studien neue Wege
zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das HIV
eröffnen. Die Forscher fragen sich, ob eine Infusion
eines verkrüppelten HIV die Menschen vor der
Infektion mit den virulenten Strängen des HIV schützen würde, die AIDS verursachen.
Desrosiers
Gruppe und andere suchen nach Mutationen im HIV,
die eine Immunität, aber nicht den Ausbruch der
Krankheit hervorrufen würden. Letztlich könnte ein
solcher Impfstoff Menschen mit einem hohen Infektionsrisiko angeboten werden.
Die Forscher warnen jedoch, daß sie noch sehr viel
grundlegende Laborarbeit leisten müssen, bevor sie
solche Träume in die Realität umsetzen können.
"Wir haben noch nicht genau herausgefunden, was
diese Personen zu langfristigen Nichtprogressiven
macht. Aber wir arbeiten sehr hart daran", stellt
Fauci fest. "Früher oder später werden wir die
Antwort finden."

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AMERIKA DIENST 30

�RELIGION
25. Oktober 1995

Amerika und seine Religionsvielfalt
von Carolyn J. Mooney
(AD) - Diana L. Eck, Professorin für Indianistik und Religionsvergleiche an der Harvard University in Cambridge
(Massachusetts), leitet ein Forscherteam, das sich mit der religiösen Vielfalt in 25 amerikanischen Städten
befaßt. Eck, Laienmitglied der United Methodist Church, ist sich als eine der ersten eines "multireligiösen
Amerika" bewußt, in dem Islam und Hinduismus neben jüdischen und christlichen Glaubensrichtungen
bestehen.
Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels ist Redaktionsmitglied von The Chronicle of Higher Education.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Chronicle of Higher Education
Copyright (c) The Chronicle of Higher Education.

Diana L. Eck tritt auf die Bremse und verpaßt fast
die Abzweigung zum Hindu-Tempel. Sie biegt links
ab, und schon liegt er vor ihr - ein helles Stuckgebäude, dessen vier kunstvoll gemeißelte Spitzen die
Vorstadtgegend in Ashland (Massachusetts) überragen.
Der Tempel ist von der Straße aus nicht zu sehen
und daher leicht zu verpassen. Aber wer vorbeifährt, verpaßt weitaus mehr als nur einen Tempel,
erklärt Eck, Professorin für Indianistik und Religionsvergleiche an der Harvard University. Er verpaßt ein
Symbol des neuen, multireligiösen Amerika.
Ihr zufolge verändert sich die religiöse Landkarte
Amerikas vor unseren Augen, aber viele Amerikaner
erkennen das noch nicht. Die landesweite Debatte
über Pluralismus läßt die religiöse Dimension außer
acht, und mit ihrem jüngsten Werk will Eck dazu
beitragen, das zu ändern. Sie leitet das Projekt der
Harvard University über Pluralismus, das durch
demographische Forschung, Arbeit vor Ort und
Fallstudien genau dokumentieren soll, wie sich die
religiöse Landkarte der Vereinigten Staaten verändert hat.
"Man kann nicht länger über Weltreligionen dozieren,
als ob es sie woanders gäbe", so Eck. "Wenn man
über die hinduistische Tradition spricht, redet man
von etwas, das nicht an den Grenzen Indiens
haltmacht."
Ein Hindu-Tempel in einem Vorort von Boston, ein
gurdwara der Sikhs in Virginia, eine Moschee am

AMERIKA DIENST 30

Rande eines Maisfelds in Ohio oder in einem großen
Einkaufszentrum - all das sind kleine Bestandteile
des heutigen religiösen Lebens in Amerika. Diese
Veränderung ist vor allem auf die 1965 geänderten
Einwanderungsgesetze zurückzuführen, die zu einem
dramatischen Anstieg von Einwanderern aus Asien
und dem Nahen Osten führten.
Bummel in Banaras
Ebenfalls im Jahr 1965 unternahm Eck die erste ihrer
vielen Reisen nach Indien. Die Studentin vom Smith
College wanderte durch die Gassen und das Hafenviertel von Banaras, einer der heiligen Städte der
Hindus. Die vielen Menschen, die Gerüche, religiösen Rituale, die Badenden und Scheiterhaufen am
Ufer des Ganges faszinierten sie. Dreißig Jahre
später hat ihr langes blondes Haar graue Strähnen,
aber dieses erste Gefühl des Staunens ist geblieben.
Wenn sie Tempel und Moscheen besucht, stellt sie
sich eher als Studentin denn als Professorin vor.
Und sie besucht viele davon. In den letzten vier
Jahren haben sie und ihr Forscherteam - von Studenten im Grundstudium bis zu Doktoranden - religiöse
Vielfalt in 25 amerikanischen Städten erfaßt. Sie
schwärmten im ganzen Land aus, beobachteten
Rituale, führten Interviews und nahmen wahrhaftig
eine Zählung von Tempeln und Moscheen vor.
Das Pluralismusprojekt konzentriert sich insbesondere
auf Glaubensgemeinschaften des Buddhismus,
Hinduismus, Jainismus und Zarathustra, auf Muslime
und Sikhs, verfolgt jedoch umfassendere Ziele. Die

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�Forscher untersuchen, wie religiöse Gruppen von
der amerikanischen Gesellschaft geformt werden.
Sie befassen sich mit den medizinischen Bedürfnissen muslimischer Patienten, den Auswirkungen von
Bebauungsvorschriften auf heimische Tempel und
von Gerichtsentscheidungen auf Religionsfreiheit
sowie einer Vielzahl anderer Fragen. Ferner untersuchen sie, wie sich die Amerikaner an die Veränderungen anpassen oder auch nicht.
Im Rahmen des Projekts wird ein umfassendes
Archiv mit Literatur über Tempel, Moscheen und
verschiedene Religionsgruppen angelegt. Außerdem
wurde ein Führer über die verschiedenen Religionsstätten Bostons veröffentlicht, und kürzlich begannen
einige Mitarbeiter mit der Arbeit an einer interaktiven
CD-ROM, die Eck im nächsten Jahr auf den Markt
bringen möchte. Die Nutzer können eine bestimmte
Religion anklicken, sehen, wie sie sich in den
Vereinigten Staaten verbreitet hat und Videoaufnahmen religiöser Zeremonien anschauen.

1995 verliehen, ein mit 150.000 Dollar dotierter Preis,
der gemeinsam vom presbyterianischen theologischen Seminar von Louisville und der University of
Louisville vergeben wird.
Der Ausflug in die Theologie ist für Eck etwas Natürliches. Sie weiß, daß einige Wissenschaftler auf
Religion - das Wort mit dem "R" am Anfang, wie sie
es scherzhaft nennt - empfindlich reagieren. "Aber
Religion ist nicht etwas, das man in einer Schublade
verwahrt", erklärt sie.
"Es ist unter Religionswissenschaftlern üblich, einen
tiefen persönlichen Glauben zu haben, aber es ist
nicht so üblich, ihm auf dem Höhepunkt seiner
Karriere Ausdruck zu verleihen", erklärt Frederick M.
Denny, Professor für Islamistik an der University of
Colorado in Boulder. "Eck integriert ihren Glauben in
ihr umfassenderes Berufsleben und tut das auf
ehrliche und wunderschöne Weise."

Obwohl sich auch andere Wissenschaftler mit den
Weltreligionen in Amerika befassen, untersucht oder
interpretiert keiner die religiöse Vielfalt der Nation in
solchem Umfang - oder von Ecks ungewöhnlichem
Ausgangspunkt.

Eck hat vier weitere wissenschaftliche Bücher geschrieben oder redigiert, die meisten über religiöse
Traditionen Indiens. Das bekannteste ist Banaras:
City of Light (Alfred A. Knopf, 1982), ein Buch über
die Bedeutung der Stadt, des Ganges und der Götter
für die Hindus.

Sie ist sowohl eine auf den Hinduismus spezialisierte
Religionshistorikerin als auch engagierte Christin, die
an religiösen Pluralismus glaubt. Das aktive Laienmitglied der United Methodist Church gehörte 15
Jahre lang einem Gremium an, das im Auftrag des
Weltkirchenrates, einer internationalen christlichen
Organisation, den Dialog zwischen den Religionen
förderte.

Die meisten amerikanischen Religionshistoriker
haben nicht den Blickwinkel, den das Studium einer
anderen großen Tradition mit sich bringt, so John F.
Wilson, einer der drei Wissenschaftler, die das
Zentrum für das Studium amerikanischer Religion an
der Princeton University leiten. Das Zentrum lud Eck
diesen Monat zur Eröffnung einer Konferenz über
religiösen Pluralismus ein.

Ein Ausflug in die Theologie

Eck, die auch dem Ausschuß für Religionsstudien der
Harvard University vorsitzt und gleichzeitig einen
Posten an der Divinity School innehat, befindet sich
derzeit auf Forschungsurlaub und schreibt ein Buch
über das multireligiöse Amerika. Gemeinsam mit
anderen Religionshistorikern ist sie der Überzeugung,
der größte Beitrag des Pluralismusprojekts könnte
seine Funktion als Katalysator für andere Wissenschaftler sein.

Eck vereinigte ihre wissenschaftlichen und religiösen
Interessen in einem 1993 erschienenen Buch mit
dem Titel Encountering God: A Spiritual Journey
from Bozeman to Banaras (Beacon Press). Es ist
in Teilen historisch, in Teilen autobiographisch und
im Unterschied zu ihrem letzten Werk sehr theologisch. Sie argumentiert darin, Christen könnten die
Überzeugungen der Menschen anderer Glaubensrichtungen nicht ignorieren. Eck legt dar, wie ihr
eigener Glaube klarer wurde, als sie ihn mit der
hinduistischen Tradition vergleichen konnte.
In
Abschnitten über Tod und spirituelle Erneuerung
schreibt sie über ihren jüngsten Kampf gegen
Brustkrebs sowie den Selbstmord ihres Vaters und
den gewaltsamen Tod ihres 48jährigen Bruders.
Eck wuchs in Bozeman (Montana) auf, daher der
Verweis im Titel. Im April wurde ihr für ihr Buch der
Louisville Grawemeyer Award in Religion des Jahres

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Das Projekt befaßt sich mit wichtigen Entwicklungen,
die zwischen zwei wissenschaftliche Gebiete fallen,
so Bruce B. Lawrence, Islamwissenschaftler an der
Duke University.
Das Studium amerikanischer
Religion wird ihm zufolge von den Wissenschaftlern
der Hauptströmung großer christlich-jüdischer Traditionen dominiert, wohingegen Gelehrte asiatischer
und islamischer Religionen zur Erforschung klassischer Traditionen außerhalb der Vereinigten Staaten
neigen.

AMERIKA DIENST 30

�Eck befaßt sich immer noch mit Indien. Dieser Tage
kann ihre Forschungstätigkeit ebenso wahrscheinlich
einen Wochenendflug nach Los Angeles zum Studium buddhistischer Tempel beinhalten wie lediglich
eine Fahrt zu den Religionsstätten in der Gegend
um Boston.
Eine Moschee und ein Hindu-Tempel
An diesem Frühlingsmorgen plant Eck eine Fahrt zu
zwei Orten - dem Islamic Center of New England in
Sharon (Massachusetts) sowie zum Sri Lakshmi,
dem Hindu-Tempel in Ashland. Sie fährt in ihrem
roten Toyota Camry den Highway entlang und
schüttelt den Kopf über die anderen Autofahrer "nur in Boston" - die mit mehr als 80 Stundenkilometern über die Standspur fahren. Zusammen mit
einem Besucher erreicht sie nach ungefähr einer
Dreiviertelstunde das Islamic Center.
Über 1.000 Muslime sind zusammengekommen, um
"Id al-Adha" zu feiern, den Festtag am Ende der
jährlichen Pilgerreise nach Mekka. Das Zentrum ist
ein modernes weißes Gebäude auf einem grasbewachsenen Hügel mit Blick auf ein ehemaliges
Gestüt.
Die Gründer des Zentrums durften nicht in einer
anderen Stadt bauen, aber in Sharon, einer Gemeinde mit vielen Juden, wo die ansässigen Rabbis
1992 an der Grundsteinlegung teilnahmen, wurde
ihnen ein herzlicher Empfang bereitet. (Eck nahm
ebenfalls daran teil).
Viele Frauen tragen selvar kameez, bunt bestickte
Seidenkleidung, die in ganz Südasien getragen wird.
"Assalamu 'alaykum" - Eck grüßt Bekannte mit
"Frieden sei mit Dir" auf arabisch. Sie schlingt sich
ein Tuch um den Kopf, stellt ihre Schuhe in ein
Regal und betritt die Gebetshalle. Im Vordergrund
sitzen Männer in mit Kreppband markierten Reihen
auf dem Boden. Frauen und Kinder sitzen hinten.
Der erste Prediger eröffnet den Gottesdienst mit
einer Anmerkung zu in den Vereinigten Staaten
lebenden Muslimen. "Man hält uns immer noch für
Terroristen", erklärt er. "Das ist unser Fehler". Er
ruft die Versammelten dazu auf, die Menschen über
islamische Traditionen aufzuklären.
Gemeinsamer Glaube
Während der arabischen Gebete verharren Männer
und Frauen auf den Knien und beugen den Kopf
zum Boden. Später werden sie aufgefordert, für die
Opfer des Bombenanschlags von Oklahoma City zu
beten.

AMERIKA DIENST 30

Anschließend unterhält sich Eck bei Kaffee und
Doughnuts mit mehreren Bekannten. Einer ist Sam
Hassan, dessen Familie seit Jahrzehnten in der
Gegend lebt. Hassan, der mit breitem Bostoner
Akzent spricht, erwähnt, daß er früher einer unitarischen Kirche angehörte. Die Menschen sind sich oft
nicht bewußt, daß Muslime und Christen gemeinsame
religiöse Überzeugungen haben und der Koran Jesus
als einen Propheten Gottes ansieht, äußert er.
Eck sammelt Literatur und informiert sich über die
jüngsten Jugendprogramme der Muslime. Sie regt
sich darüber auf, daß das Zentrum kurz nach dem
Anschlag von Oklahoma City wegen Bombendrohungen vorübergehend schließen mußte.
Wieder im Auto erklärt sie dann, viele Amerikaner
seien tolerant gegenüber Muslimen - solange diese
unsichtbar blieben. "Aber die Muslime in den Vereinigten Staaten treten immer mehr in Erscheinung."
Mit derzeit zwischen vier und sechs Millionen Mitgliedern stellen sie die am stärksten wachsende
Religionsgruppe der Nation dar.
Der nächste Halt ist der Hindu-Tempel, der auf einer
Lichtung in den Wäldern außerhalb von Ashland
steht. Er ist nach Sri Lakshami, der hinduistischen
Göttin des Wohlstands benannt. Vor dem Bau des
Tempels im Jahr 1990 wurde der puja, der Gottesdienst, in den Häusern abgehalten.
Bei der Einweihung des Tempels, an der Eck ebenfalls teilnahm, bildeten 12 Hindu-Priester einen Kreis
um den Tempel. Jeder hielt ein Gefäß mit Weihwasser - aus dem Ganges und dem Mississippi sowie
anderen amerikanischen Flüssen - in der Hand und
besprengte damit die Tempelmauern.
Die Hindu-Tradition
Im Tempelinneren stehen in drei großen Schreinen
Gottheiten aus schwarzem Granit. Die Besucher
haben Gaben in Form von Früchten und Milchtüten
hinterlegt, mit denen die Gottheiten in einem rituellen
Bad übergössen werden.
Besucher haben oft
Schwierigkeiten mit dem Verständnis der HinduTradition, die sowohl polytheistisch als auch monotheistisch ist. Die Hindus glauben an die Existenz
eines Gottes, verehren ihn jedoch mittels einer
Vielzahl von Göttern. "Die Wahrheit ist eine Sache,
aber die Weisen geben ihr viele Namen", steht in der
Rig Veda, der alten hinduistischen Schrift.
Aus zwei Gefäßen steigt Weihrauch auf. Priester in
weiten Gewändern singen Gebete. Nur wenige
Menschen sind da; die meisten kommen aufgrund
ihrer Arbeitszeit am Wochenende. "Namaste", grüßt
Eck die Priester mit einem indischen Ausdruck der

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�Ehrerbietung. Die Priester informieren sie über den
Ausbau des Tempels, ihre jüngsten Bestrebungen
zur Aufbringung von Mitteln und den bevorstehenden
Festtag. Eck will versuchen, daran teilzunehmen.
Seminar über die Weltreligionen
Eck lehrt an der Harvard University, seit sie dort
1976 promovierte. Die Idee zu dem Pluralismusprojekt hatte sie 1989, als sie in New England ein
Sonderseminar über Weltreligionen abhielt. Sie
entwickelte das derzeitige Projekt mit Hilfe eines
Stipendiums der Lilly Endowment in Höhe von
403.000 Dollar.
Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt stellte sie fest, daß
in Harvard mehr Studenten asiatischer Herkunft
waren. In den nachfolgenden Jahren eröffneten
muslimische Vorbeter Versammlungen, und Har-

vard nahm Lesungen aus dem Koran und der Rig
Veda in die Abschlußfeiern auf.
"Immer mehr Institutionen stellen sich die Frage, was
wir mit 'wir' meinen, wenn wir von uns sprechen.
Das 'wir' ist ein viel komplizierteres 'wir'. Das ist
heute in der ganzen Gesellschaft offensichtlich. Eck
fragt sich beispielsweise, wie konservative Christen,
die ein Schulgebet fordern, reagieren würden, wenn
es aus dem Koran stammte.
Wer von staatlichen Schulen eine Unterweisung in
der Lehre von der Weltschöpfung durch einen allmächtigen Schöpfer fordert, geht ihr zufolge davon
aus, daß die Genesis gelehrt wird. Es gibt aber auch
eine hinduistische Version: Sie berichtet davon, wie
die Schöpfung aus der Lotusblume entstand, die im
Nabel des Gottes Lord Vishnu wuchs.

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Führungsrolle der USA ist für Sicherheit und Wohlstand entscheidend&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton unterbreitet neue UN-Tagesordnung für das 21. Jahrhundert &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der UN-Generalversammlung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Iran&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Iran - der Preis für verantwortungsloses Verhalten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Peter Tarnoff&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA drängen auf Vertrag über ein umfassendes Atomverbot&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Holum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neues von der Datenautobahn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht jüngster Entwicklungen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. AIDS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Überleben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Kathleen Fackelmann&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Religion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika und seine Religionsvielfalt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Carolyn J. Mooney&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Ä^

cimGrikci
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Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SroN ^

Z 12462 C
29

11. Oktober 1995

NATO

ÜBERLEGUNGEN ZUR
BÜNDNISERWEITERUNG
NATO-Übersicht

NAHER OSTEN

WEITERE UNTERSTÜTZUNG FÜR DEN
NAHOSTFRIEDENSPROZESS GEFORDERT
Ansprache von Präsident Clinton

MARSHALLZENTRUM

REGIONALE KONFLIKTE - DIE NEUE
GEFAHR FÜR DEN WELTFRIEDEN
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

KAPITAL, ENGAGEMENT UND
VERTRAUEN - SYNERGIEN AMERIKANISCHER
INVESTITIONEN
Chancen für den Mittelstand
in den neuen Bundesländern

UMWELT

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG IST
"ZENTRALE HERAUSFORDERUNG" UNSERER
ZEIT
Rede von Vizepräsident Gore

HANDEL

USA KÖNNEN KEIN VOLLKOMMEN
MERKANTILISTISCHES LAND SEIN
Ansprache von Staatssekretär Garten

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Tel. 0228 - 339 23 72
Deichmanns Aue 29
Um Übersendung von
Fax 0228 - 33 31 38
D 53170 Bonn
Belegexemplaren
Internet bbsbonn@usia.gov
wird gebeten

�NATO
11. Oktober 1995

Überlegungen zur Bündniserweiterung
NATO-Übersicht
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Hauptquartier des Nordatlantischen
Bündnisses am 28. September 1995 in Brüssel herausgegebene Übersicht, in der die wichtigsten Punkte einer
Studie über eine mögliche NATO-Erweiterung zusammengefaßt werden.

Die Staats- und Regierungschefs der 16 Mitgliedstaaten des Nordatlantischen Bündnisses bekräftigten bei einem Gipfeltreffen im Januar 1994 in
Brüssel die Offenheit des Bündnisses und erklärten,
sie würden eine Osterweiterung der NATO als Teil
eines evolutionären Prozesses erwarten und begrüßen, der den politischen und sicherheitspolitischen
Entwicklungen in Gesamteuropa Rechnung trägt.
Die Außenminister des Bündnisses leiteten im
Dezember 1994 einen Überprüfungsprozeß innerhalb der NATO ein, um das Wie einer NATO-Erweiterung, die Grundsätze dieses Verfahrens und die
Auswirkungen der Mitgliedschaft festzulegen.

Es

wurde beschlossen, den interessierten Partnern die
Ergebnisse dieser Studie noch vor dem nächsten
Ministertreffen im Dezember 1995 in Brüssel vorzulegen.
Die Ausarbeitung der Studie dient einer Klärung des
"Warum und Wie" einer Erweiterung sowie dessen,
was die NATO und ihre potentiellen neuen Mitglieder
zur Vorbereitung einer Erweiterung unternehmen
müssen. Das "Wer und Wann" einer Erweiterung
wurde noch nicht erörtert und ist Gegenstand
weiterer Diskussionen und Entscheidungen.
Das Warum einer Nato-Erweiterung
Nach dem Ende des Kalten Krieges besteht sowohl
die Notwendigkeit als auch die einzigartige Gelegenheit, im gesamten euroatlantischen Raum eine
verbesserte Sicherheitsstruktur zu schaffen, ohne
erneut Trennlinien zu ziehen. Die NATO-Erweiterung wird ein weiterer Schritt in Richtung auf das
grundlegende Ziel des Bündnisses einer Erhöhung
der Sicherheit und Ausweitung der Stabilität im
gesamten euroatlantischen Raum sein - im Kontext
einer umfassenden europäischen Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage echter Zusammenarbeit.
Die NATO-Erweiterung wird den neuen Mitgliedern
die Vorteile gemeinsamer Verteidigung und Integra-

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tion in die europäischen und euroatlantischen Institutionen bieten. Die NATO-Erweiterung stellt für
niemanden eine Bedrohung dar. Die NATO ist und
bleibt ein rein defensives Bündnis, dessen grundlegendes Ziel die Wahrung des Friedens im euroatlantischen Raum sowie der Sicherheit ihrer Mitglieder ist.
Die NATO-Erweiterung trägt durch folgende Maßnahmen zu mehr Stabilität und Sicherheit für alle Länder
im euroatlantischen Raum bei: Ermutigung und
Förderung demokratischer Reformen, einschließlich
ziviler und demokratischer Kontrolle über das Militär;
Unterstützung von gewohnheitsmäßiger Zusammenarbeit, Konsultationen und Konsensbildung, die
bereits die Beziehungen zwischen den jetzigen
Mitgliedstaaten charakterisieren; Förderung gutnachbarlicher Beziehungen im gesamten euroatlantischen
Raum; Erhöhung von Transparenz bei Verteidigungsplanung und Verteidigungshaushalt und somit des
Vertrauens zwischen den Staaten; Bekräftigung der
Tendenz zu Integration und Kooperation in Europa;
Stärkung der Fähigkeit des Bündnisses, einen Beitrag
zu europäischer und internationaler Sicherheit zu
leisten und Friedenssicherung unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen oder der OSZE zu
unterstützen sowie Stärkung und Erweiterung der
transatlantischen Partnerschaft.
Grundsätze der Erweiterung
Die Erweiterung des Bündnisses findet durch Beitritt
der neuen Mitgliedstaaten zum Washingtoner Vertrag
im Einklang mit Artikel 10 des Vertrages statt. Alle
neuen Mitglieder genießen unter dem Washingtoner
Vertrag alle Rechte und übernehmen alle Pflichten
einer Mitgliedschaft. Vom Zeitpunkt ihres Beitritts an
akzeptieren sie seine Grundsätze, Maßnahmen und
Verfahren, die von allen Bündnismitgliedern beschlossen wurden und richten sich danach. Der Wille
und die Fähigkeit zur Einhaltung dieser Verpflichtungen - nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der

Seite 1

�Praxis - stellen bei jeder Entscheidung über den
Beitritt eines Landes einen wichtigen Faktor dar.
Das Bündnis gründet sich auf gemeinsame Überzeugungen und die Verpflichtung, sich für Konsens
einzusetzen. Teil der Überprüfung der Qualifikationen für eine mögliche neue Mitgliedschaft ist das
sichtbare Engagement eines Landes für diesen
Prozeß und diese Werte. Insbesondere will das
Bündnis eine Situation vermeiden, in der ein neues
Mitglied die Tür hinter sich schließt und den Beitritt
anderer Länder verhindert, die ebenfalls eine Mitgliedschaft anstreben.
Staaten mit ethnischen
Konflikten oder externen Gebietsstreitigkeiten, einschließlich irredentistischer Forderungen, oder mit
internen juristischen Streitigkeiten, müssen diese auf
friedliche Weise im Einklang mit den Prinzipien der
OSZE lösen. Die Beilegung solcher Streitigkeiten
wäre ein Faktor bei der Entscheidung, welche
Staaten zur Mitgliedschaft aufgefordert werden.
Letztlich wird die Fähigkeit potentieller Mitglieder,
einen militärischen Beitrag zur kollektiven Verteidigung, Friedenssicherung und anderen neuen Missionen des Bündnisses zu leisten, ein Faktor bei der
Entscheidung sein, ob sie aufgefordert werden, dem
Bündnis beizutreten.
Das Bündnis engagiert sich für die Wahrung der
Bedeutung, Lebensfähigkeit und Glaubwürdigkeit
des Nordatlantischen Kooperationsrates (NAKR) und
der Partnerschaft für den Frieden (PFF). Im Zuge
der Erweiterung werden die beiden kooperativen
Rahmen ein wichtiges Element für die Stärkung der
Beziehungen zu den Partnern sein, die dem Bündnis
erst zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht

beitreten. Obwohl die Partnerschaft für den Frieden
interessierten Partnern bei der Vorbereitung einer
eventuellen Mitgliedschaft hilft, ist sie weder ein
Ersatz für Mitgliedschaft noch eine Garantie für eine
automatische Mitgliedschaft.
Entscheidung über die Erweiterung
Die Entscheidung über die Erweiterung liegt bei der
NATO.
Die Erweiterung wird ein allmählicher,
überlegter und transparenter Prozeß sein, der Dialog
mit allen interessierten Parteien beinhaltet. Es gibt
keine feste oder starre Kriterienliste dafür, neue
Mitglieder zum Beitritt aufzufordern.
Über die
Erweiterung wird von Fall zu Fall entschieden, und
einige Nationen könnten vor anderen Mitglied
werden. Neue Mitglieder sollten nicht aufgrund ihrer
Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Kategorie
aufgenommen oder abgelehnt werden. Letztlich
werden die Verbündeten die Aufnahme eines neuen
Mitglieds im Einklang mit ihrer Entscheidung beschließen, ob dieser Beitritt zu dem Zeitpunkt, an
dem eine solche Entscheidung gefällt wird, Sicher-

Seite 2

heit und Stabilität im nordatlantischen Raum erhöht.
Kein Land außerhalb des Bündnisses sollte in diesem
EntScheidungsprozeß ein Vetorecht oder ein droit de
regard haben.
Kollektive Verteidigungsarrangements
Vor dem Hintergrund bestehender Arrangements als
Beitrag zur kollektiven Verteidigung werden die
Bündnispartner wissen wollen, wann mögliche neue
Mitglieder einen Beitrag zur kollektiven Verteidigung
der NATO leisten wollen und werden alle Aspekte
dieser Frage im Detail durch einen bilateralen Dialog
vor den Beitrittsverhandlungen sondieren.
Neue Mitglieder sollten die NATO-Doktrin und Maßnahmen annehmen, die auf die Gewährleistung der
Interoperabilität der Streitkräfte ausgerichtet sind. Für
die Truppenstruktur der NATO ist es von Bedeutung,
daß die Streitkräfte der Verbündeten - wenn und falls
es angemessen ist - auf dem Territorium neuer
Mitglieder stationiert werden können. Das Bündnis
hat keinen a priori Bedarf für die Stationierung der
Bündnistruppen auf dem Territorium neuer Mitglieder.
Der in Artikel 5 des Washingtoner Vertrags vorgesehene Schutz - einschließlich der nuklearen
Komponente - wird auf die neuen Mitglieder Anwendung finden. Es gibt keinen a priori Bedarf für die
Stationierung von Nuklearwaffen auf dem Territorium
neuer Mitglieder. In absehbarer Zukunft wird das
derzeitige nukleare Einsatzkonzept der NATO die
Anforderungen eines erweiterten Bündnisses erfüllen.
NATO-Erweiterung und die OSZE, EU und WEU
Eine gestartete OSZE, eine erweiterte NATO, ein
aktiver NAKR und eine aktive PFF würden zusammen
mit anderen Foren ergänzende Teile einer umfassenden, einbeziehenden europäischen Sicherheitsarchitektur bilden, die das Ziel eines ungeteilten Europas
unterstützt.
Die Verpflichtung der NATO, von Fall zu Fall und im
Einklang mit den Verfahren des Bündnisses friedenssichernde Aktivitäten unter der Schirmherrschaft der
OSZE und friedenssichernde Operationen unter der
Vollmacht des UN-Sicherheitsrats zu unterstützen,
behält auch nach der Erweiterung ihre Gültigkeit. Ein
erweitertes Bündnis hätte größere Fähigkeiten zur
Unterstützung solcher friedenssichernden Aktivitäten
und Operationen.
Die Erweiterung der NATO verläuft parallel und
ergänzend zur Europäischen Union. Beide Erweiterungsprozesse werden maßgeblich zur Ausweitung
der Sicherheit, Stabilität und des Wohlstands der

AMERIKA DIENST 29

�Bündnismitglieder auf andere, gleichgesinnte, demokratische europäische Staaten beitragen.
Alle Vollmitglieder der WEU sind auch Mitglieder der
NATO. Die Aufrechterhaltung dieses Junktims ist
wegen der kumulativen Auswirkungen der Sicherheitsvorschriften der beiden Organisationen unerläßlich. Die Erweiterung beider Organisationen sollte
daher kompatibel sein, und sie sollten sich gegenseitig unterstützen.
Eine letztlich umfassende Übereinstimmung der
europäischen Mitgliedschaft in der NATO, EU und
WEU hätte positive Auswirkungen auf die europäische Sicherheit. Die Studie über die NATO-Erweiterung stellt fest, daß das Bündnis daher zum gegebenen Zeitpunkt die Länder mit einer Perspektive für
eine EU-Mitgliedschaft und Interesse am NATOBeitritt besonders berücksichtigen sollte, damit
erwogen werden kann, wie sie im Rahmen des
Washingtoner Vertrags zur transatlantischen Sicherheit beitragen können und um herauszufinden,
ob man sie zum NATO-Beitritt auffordern sollte.

Die Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
müssen auf Wechselseitigkeit, gegenseitigen Respekt
und Vertrauen gründen und "überraschende" Entscheidungen jeder Seite vermeiden, die die Interessen des anderen betreffen könnten. Die Umsetzung des individuellen Partnerschaftsprogramms im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden sowie
unser Dialog und die Zusammenarbeit mit Rußland
über die PFF hinaus werden wichtige Schritte in
diese Richtung sein. Die NATO möchte ungefähr
parallel zur NATO-Erweiterung die Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland noch weiter stärken.
Das Bündnis spricht die von Rußland geäußerten
Bedenken im Hinblick auf die NATO-Erweiterung im
Rahmen der Entwicklung seiner umfassenderen
Beziehungen zu Rußland an. Wie bereits festgestellt,
dürfen Nichtmitgliedstaaten weder ein Veto gegen
NATO-Entscheidungen einlegen oder ein droit de
regard ableiten, noch kann das Bündnis einer anderen europäischen Sicherheitsinstitution unterstellt
werden.

Die Beziehungen zu Rußland

Nächste Schritte

Die NATO-Erweiterung bedroht niemanden und ist
nicht gegen Rußland oder einen anderen Staat
gerichtet. Die Bündnispartner sind der Auffassung,
daß der Beitritt neuer Mitglieder zum Bündnis zur
erweiterten Sicherheit ganz Europas beitragen wird,
was auch im Interesse Rußlands liegt. Ebenso wie
die NATO hat Rußland einen wichtigen Beitrag zur
europäischen Stabilität und Sicherheit zu leisten.
Stärkere Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland sollten den Eckpfeiler einer neuen, integrierenden und umfassenden Sicherheitsstruktur in
Europa bilden.

Im Anschluß an kollektive Informationsveranstaltungen für interessierte Partner am 28. September 1995
und individuelle Briefings in Brüssel oder den Hauptstädten der Partnerländer in den folgenden Wochen
auf Bitte der interessierten Partner werden die NATOAußenministerdie Studie über die NATO-Erweiterung
und die Reaktionen der Partnerländer vorliegen
haben, wenn sie am 5. Dezember 1995 in Brüssel
zusammenkommen und Konsultationen über den
weiteren Weg abhalten.

* *

AMERIKA DIENST 29

*

Seite 3

�NAHER

OSTEN
11. Oktober 1995

Weitere Unterstützung für den
Nahostfriedensprozeß gefordert
Ansprache von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - "Wenn wir im Nahen Osten Frieden schaffen können, wenn wir den dort lebenden
Menschen helfen können, ihren eigenen Frieden zu schaffen, hat das eine besondere Bedeutung für uns und
die Welt im 21. Jahrhundert", erklärte Präsident Clinton bei einem Empfang für die Staats- und Regierungschefs nach der Unterzeichnung des erweiterten Autonomieabkommens für das Westjordanland durch den
israelischen Ministerpräsidenten Rabin und den PLO-Vorsitzenden Arafat am 28. September 1995.
In seiner Ansprache in der Corcoran Gallery äußerte der Präsident, die übrigen Länder sollten zur
Unterstützung von Israelis und Palästinensern gemeinsam mit ihnen den Terrorismus bekämpfen und nach den
mit dem Frieden einhergehenden Vorteilen streben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Ich danke Ihnen. Die First Lady und ich, der Vizepräsident und Frau Gore sowie Außenminister
Christopher freuen sich, heute Besucher aus aller
Welt hier begrüßen zu dürfen, insbesondere die
Ministerpräsidenten und Außenminister aus dem
Nahen Osten, Frau Rabin, Frau Arafat sowie Frau
Mubarak und ihre Majestät Königin Noor.
Es ist uns eine außerordentliche Freude, daß wieder
die vier großen Staatsmänner hier sind, die gerade
das Wort ergriffen haben. Als seine Majestät König
Hussein erklärte, er sei fast 60 Jahre alt, kam mir in
den Sinn, daß er bereits seit über 40 Jahren auf
dem Thron sitzt. Ich dachte bei mir, ich habe nichts
gegen Beschränkungen der Amtszeit, aber ich freue
mich sehr, daß er ihnen nicht unterliegt, denn der
Nahe Osten hat sich dadurch, daß König Hussein
sich während dieser Jahrzehnte für den Frieden
eingesetzt hat, völlig verändert.
Ich danke Präsident Mubarak für das von ihm
gegebene Beispiel und seine dauerhafte Entschlossenheit. Vor nicht allzulanger Zeit beteten meine
Familie und ich ebenso wie viele andere Amerikaner
für seine Sicherheit. Wir freuen uns, daß es ihm gut
geht und er eine führende Rolle übernommen hat,
die Welt zum Frieden zu führen.
Ich stimme mit Ministerpräsident Rabin darin überein, daß der PLO-Vorsitzende Arafat eine gute - und
leidenschaftliche - Rede gehalten hat. Sein Leben
hat eine interessante Wende genommen, und wir

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alle können uns glücklich schätzen, daß er sich entschlossen hat, für den Frieden Risiken einzugehen.
Herr Ministerpräsident, Sie haben selber eine gute
Rede gehalten. Ich glaube, sie war so gut, weil allen
offensichtlich war, daß jedes von Ihnen geäußerte
Wort von Herzen und Verstand gleichermaßen
kommt. Wir danken Ihnen.
Und meinen amerikanischen Mitbürgern und allen
hier Anwesenden möchte ich sagen: Wir haben
heute viele wunderbare Worte gehört. Ich möchte
abschließend drei Punkte ansprechen, die meines
Erachtens betont werden sollten. Erstens möchte ich
den Verhandlungspartnern - Außenminister Peres,
Herrn Abu Mazin, Herrn Uri Savir und Herrn Abu Alaa
- und ihren Teams danken. Sie haben dieses Abkommen herbeigeführt, und ihnen gebührt unser
Applaus.
Ich war heute im Kabinettszimmer dabei, als der
Ministerpräsident und der Vorsitzende Arafat dieses
Dokument paraphierten, zu dem 26 verschiedene
Landkarten gehören und das Tausende von beiden
Seiten getroffene Entscheidungen beinhaltet. Nach
langen und mühsamen Verhandlungen fanden sie
eine gemeinsame Basis. Es war eine erstaunliche
Leistung: Die von ihnen bewiesene Mühe, Sorgfalt
und Rücksicht sowie die für den Abschluß des
Abkommens erforderlichen Anstrengungen waren
wirklich außerordentlich. Ich möchte nicht, daß das
irgend jemandem entgeht.

Seite 1

�Zweitens möchte ich darauf hinweisen, daß dieses
Abkommen für die Amerikaner unter uns die Dinge
verkörpert, an die wir am meisten glauben, denn
dieses Abkommen erfordert neben der Übernahme
von Verantwortung auch die Bekräftigung von
Freiheit und Unabhängigkeit.
Dieses Abkommen verlangt von den Menschen, sich
über die Interessen ihrer Kinder und die von ihren
Eltern gebrachten Opfer Gedanken zu machen.
Dieses Abkommen erforderte große Mühe, um auf
der Grundlage von Prinzipien Kompromisse zu
schließen, Gemeinsamkeiten und übergeordnete
Ziele zu finden. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Dieses Abkommen erforderte von den Entscheidungsträgern Dinge, die kurzfristig vielleicht
unpopulär sind. Sie wissen jedoch, daß sie in 10,
20 oder 30 Jahren für die Menschen, die sie lieben,
den einzigen Weg in die Zukunft darstellen.
Das führt mich zu einem zweiten Aspekt, den ich
ansprechen möchte: Welche Pflichten haben die
übrigen von uns? Wir können diesen Staatsmännern applaudieren. Aber sie müssen morgen zurück
an die Arbeit. Wenn der Glanz verblaßt und der
Applaus abgeebbt ist, haben sie wieder harte Arbeit
vor sich. Wir können jedoch zweierlei für sie tun.
Das Allerwichtigste ist, uns mit ihnen dem Terrorismus entgegenzustellen, denn er ist überall der Feind
des Friedens.
Wir in Amerika wissen, was es heißt, wenn Eltern
den Tod ihrer Kinder beklagen, Kinder den ihrer
Eltern, weil manche glauben, Terrorismus sei nur
Politik mit anderen Mitteln. Uns brach es das Herz,
und jetzt wissen wir es besser. Wir müssen uns
jetzt gemeinsam mit ihnen dem Terrorismus entgegenstellen.
Zweitens müssen wir mit ihnen zusammenarbeiten,
um die Vorteile des Friedens zu erlangen, denn der
Friede muß den Menschen die Chance geben, in
Würde zu arbeiten, ihre Kinder aufzuziehen, ihre
Umwelt zu schützen und in ihre Zukunft zu investieren. Hunderte und Aberhunderte von Amerikanern

*

Seite 2

*

arabischer und jüdischer Abstammung haben die
Fähigkeit, partnerschaftlich mit diesen Menschen an
der Gestaltung der Zukunft des Nahen Ostens zu
arbeiten. Und ich wiederhole nochmals: Wir wollen
das Unsrige tun.
Schließlich möchte ich allen Kongreßabgeordneten
hier und denjenigen, die heute nachmittag dabei
waren, für ihre Anwesenheit und ihre Unterstützung
dieses Prozesses danken.
Wir wissen, daß in diesem Zeitalter, in dem die
bipolare Welt des Kalten Krieges von einem Weltdorf
mit vielfältigen neuen und veränderten Bedrohungen
unserer Sicherheit abgelöst wurde, nur die Vereinigten Staaten weltweit für die Sache der Freiheit,
Demokratie und Chance stehen können. Wir sind
uns dessen bewußt und müssen auch weiterhin so
handeln - nicht nur um der Menschen im Nahen
Osten, sondern auch um unserer selbst willen.
Denn wenn wir uns für den Frieden in Nordirland,
Südafrika, Haiti und in Bosnien einsetzen, wenn wir
uns um die Verringerung der Gefahr eines Atomkrieges und die Bekämpfung des Terrorismus bemühen, tun wir das auch für uns selbst und für die
Zukunft unserer Kinder.
Aber ich möchte nochmals wiederholen, was ich
heute gesagt habe: Wenn wir im Nahen Osten
Frieden schaffen können, wenn wir den dort lebenden
Menschen helfen können, ihren eigenen Frieden zu
schaffen, hat das eine besondere Bedeutung für uns
und die Welt im 21. Jahrhundert - aus dem einfachen
Grund, daß die Anhänger der drei großen Weltreligionen von der Überzeugung ausgehen, daß wir von
einem Gott erschaffen wurden, der über uns wacht
und uns letztlich für unsere Taten zur Rechenschaft
zieht - und wir alle haben das im Koran, in der Thora,
in der Heiligen Schrift gelesen. Wenn sie ihre
Differenzen beilegen, können wir der ganzen Welt
Frieden bringen.
Ich danke Ihnen und Gott schütze Sie alle.

*

*

AMERIKA DIENST 29

�MARSHALLZENTRUM
11. Oktober 1995

Regionale Konflikte - die neue Gefahr für den Weltfrieden
Rede von Verteidigungsminister Perry
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Verteidigungsminister William J. Perry erklärte am 22. September 1995
in einer Rede im Marshallzentrum, die Zunahme regionaler Konflikte stelle eine neue Bedrohung für den
Weltfrieden dar.
"Um regionale Konflikte zu verhindern, benutzen wir zahlreiche der uns vom Kalten Krieg hinterlassenen
Instrumente sowie einige neue", erklärte er. Zwei der wichtigsten Instrumente sind ihm zufolge die
Verringerung der nuklearen Bedrohung sowie die Bewahrung und Stärkung der im Kalten Krieg geschaffenen
Bündnisse.
Perry erinnerte an die Bestrebungen General George C. Marshalls nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufbau

eines von Haß und Mißtrauen befreiten Europas und verglich sie mit dem derzeitigen Streben der Vereinigten
Staaten nach Versöhnung zwischen den ehemaligen Gegnern der Zeit des Kalten Krieges.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Verteidigungsminister Perry in Garmisch-Partenkirchen gehaltene Rede
im Wortlaut.

In diesem Jahr begehen wir den 50. Jahrestag der
Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Wir ehren die
Helden, trauern um die Toten, feiern den Frieden,
den sie uns gaben und sind uns bewußt, wie zerbrechlich er ist. Niemand war sich der Zerbrechlichkeit des Friedens bewußter als General George C.
Marshall, nach dem dieses Zentrum benannt ist.
Zwei Tage vor Kriegsende sandte Marshall dem
amerikanischen Kongreß einen Bericht, in dem er
äußerte: "Wenn der Mensch die Lösung für den
Weltfrieden findet, wird das die revolutionärste
Umkehrung dieser Leistungen sein, die es je gab."
Man kann Marshall nicht dafür verurteilen, daß er
pessimistisch war.
Der Zweite Weltkrieg war
schrecklich: Mehr als 50 Millionen Tote, in Schutt
und Asche liegende Städte, zerstörte Gesellschaften
und Volkswirtschaften. Aber so entsetzlich schon
der Zweite Weltkrieg war - in der Zukunft könnte ein
Weltkrieg die Menschheit vernichten. Auf dem
Höhepunkt der nuklearen Konfrontation während des
(weltweiten) Kalten Krieges erklärte der russische
Nuklearphysiker Andreij Sacharow: "Die Verringerung des Risikos einer Vernichtung der Menschheit
durch einen Atomkrieg hat absolute Priorität vor
allem anderen." Das traf damals zu und tut es auch
heute noch. Heute stellt die Verringerung dieses
Risikos ebenso wie im Kalten Krieg bei der nationa-

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len Sicherheitsplanung der Vereinigten Staaten die
oberste Priorität dar.
Bei Ihren Studien haben Sie sich auch damit befaßt,
wie die nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten
Staaten formuliert ist. Heute soll dieses Thema mit
Leben erfüllt werden, insbesondere durch Konzentration auf die Formulierung der amerikanischen
Sicherheitsstrategie zur Verringerung der Konfliktgefahr. Der erste und beste Weg zur Verringerung der
Gefahr eines Konflikts ist eindeutig die Verhinderung
der Bedingungen, die zu Konflikten führen - vergleichbar mit der Präventivmedizin. In dieser Hinsicht ist
die Geschichte nicht sehr inspirierend. Nach dem
Ersten Weltkrieg wurde ein Versuch zur Verhinderung
der Bedingungen unternommen, die zu einem zweiten Weltkrieg führen könnten. Aber die Sieger in
Europa waren mehr an Rache und Reparationszahlungen interessiert als an Versöhnung und Wiederaufbau. Und die Versuche zur Schaffung einer
weltweiten Sicherheitsorganisation scheiterten, als die
Vereinigten Staaten dem Völkerbund nicht beitraten.
Und somit führte die nächste Generation einen
weiteren Weltkrieg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden entschiedenere
Bestrebungen zur Verhinderung eines dritten Weltkrieges unternommen.
Die Vereinigten Staaten
reichten ihren ehemaligen Gegnern die Hand der

Seite 1

�Versöhnung und der Wirtschaftshilfe: Deutschland,
Italien und Japan. Die Besetzung dieser Länder war
gekoppelt mit dem Bestreben, die Volkswirtschaften
von Gegnern und Freunden gleichermaßen wiederaufzubauen.
George Marshall steckte seine beträchtliche Energie
in den Aufbau eines neuen Europa - eines Europa,
das von Haß und Mißtrauen befreit war, die es
während des vorigen Jahrhunderts dominiert hatten,
eines durch die Bande gegenseitiger Sicherheit,
Stabilität und Demokratie geeinten Europa. Er
erreichte diese Ziele und rettete Europa durch die
später als Marshallplan bekanntgewordenen Mechanismen. Es war ein außerordentlicher Erfolg, der zu
einem friedlichen, demokratischen und wohlhabenden Westeuropa führte. Aber die Sowjetunion lehnte
den Marshallplan für Ost- und Mitteleuropa ab - er
blieb somit unvollständig, und Europa wurde vom
Kalten Krieg heimgesucht. Während des gesamten
Kalten Krieges waren wir mit der Bedrohung eines
nuklearen Holocaust und der Gefahr eines Blitzkrieges in Mitteleuropa konfrontiert. Nachdem es
uns nicht gelungen war, die Bedingungen für einen
Konflikt zu verhindern, griffen wir auf die Strategie
der Abschreckung zurück. Nukleare Abschreckung
im Westen basierte auf dem von den Vereinigten
Staaten entwickelten riesigen Nuklearwaffenarsenal.
Die konventionelle Abschreckung im Westen gründete auf dem Atlantischen Bündnis. Die Abschreckung
funktionierte, und der Kalte Krieg eskalierte nicht zu
einem dritten Weltkrieg.
Jetzt ist der Kalte Krieg glücklicherweise beendet.
Und wieder fördern die Vereinigten Staaten die
Versöhnung mit ehemaligen Gegnern, dieses Mal
mit ehemaligen Gegnern aus dem Kalten Krieg.
Unser Ziel besteht darin zu verhindern, daß die Saat
des Konflikts erneut sprießt. Daher ist die Hauptstrategie für den Umgang mit der Gefahr eines
weltweiten Konflikts nicht mehr Abschreckung,
sondern Verhinderung.
Kern unserer Verhinderungsstrategie ist der Aufbau
einer pragmatischen

Partnerschaft

mit

Rußland,

unserem Hauptgegner während des Kalten Krieges.
Ein Element dieser Partnerschaft ist das NunnLugar-Programm, das Rußland beim Abbau seiner
überschüssigen Nuklearwaffen hilft und Belarus,
Kasachstan und die Ukraine dabei unterstützt,
atomwaffenfrei zu werden. Die Mittel für das NunnLugar-Programm stammen aus dem amerikanischen
Verteidigungshaushalt. Aus der Waffenproduktion
abgezogene Dollars werden für die Zerlegung von
Waffen verwendet. Wir bezeichnen das als Verteidigung mit anderen Mitteln. Ein weiteres Element
ist die Gore-Tschernomyrdin-Kommission, deren
gemeinsamen Vorsitz der amerikanische Vizepräsi-

Seite 2

dent und der russische Ministerpräsident innehaben.
Sie fördert die amerikanisch-russische Zusammenarbeit zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung in Rußland. Sie zielt auf Joint-ventures zwischen russischen und amerikanischen Unternehmen
zum Zwecke der Rüstungskonversion, der Schaffung
neuer Weltraumprogramme und der Entwicklung
neuer Energiesysteme ab. Diese Bestrebungen sind
von Vorteil für unsere beiden Nationen. Durch ihre
Zusammenarbeit in diesen und anderen Bereichen
haben die Vereinigten Staaten und Rußland Geschäftsbeziehungen, Sicherheitsverbindungen und
sogar persönliche Beziehungen entwickelt, die uns
allesamt beim Umgang mit Sicherheitsproblemen
helfen können, wenn diese auftreten.
Während sich das Risiko eines dritten Weltkriegs
verringert hat, ist das Risiko regionaler Konflikte auf
der Welt jedoch gestiegen. Diese regionalen Konflikte können enorme Opfer an Menschenleben und
Gütern erfordern, wie durch den Koreakrieg, den
Vietnamkrieg und Operation Wüstensturm unter
Beweis gestellt wurde. Und heute bergen solche
Konflikte das zusätzliche Risiko des möglichen
Einsatzes von Massenvernichtungswaffen.
Wie
gehen wir damit um? Während des Kalten Krieges
konzentrierten wir uns auf die Bewältigung der
Bedrohung eines konventionellen und atomaren
Krieges mit der Sowjetunion. In diesem Zeitraum
erachteten wir alle anderen Bedrohungen, alle
regionalen Bedrohungen, als "geringere, aber dennoch berücksichtigte Bedrohungen". Das heißt, wir
planten oder bauten unsere Streitkräfte nicht so auf,
als ob sie auf die Bedrohung eines regionalen
Konfliktes reagieren sollten. Statt dessen wurden
unsere Streitkräfte strukturiert, um auf die sowjetische
Bedrohung zu reagieren, und wir gingen dann davon
aus, daß solche Streitkräfte in der Lage sein würden,
alle anderen geringeren Bedrohungen zu meistern.
Da sich die Bedrohung eines weltweiten Konflikts
heute verringert hat, wurde unsere Streitkräftestruktur
entsprechend angepaßt. Aber die Bedrohung regionaler Konflikte ist weder geringer noch ist sie berücksichtigt. Unsere Verteidigungsstrategie konzentriert
sich heute daher vornehmlich auf die Vorbereitung
der Bewältigung der Bedrohung durch regionale
Konflikte. Das heißt, regionale Konflikte, die unsere
Verbündeten bedrohen oder die Bedrohungen für
lebenswichtige amerikanische Interessen darstellen,
zu verhindern, abzuschrecken und gegebenenfalls zu
bekämpfen und zu überwinden.
Um regionale Konflikte zu verhindern, benutzen wir
zahlreiche der uns vom Kalten Krieg hinterlassenen
Instrumente sowie einige neue.

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�Das wichtigste Instrument ist die Verringerung der
nuklearen Bedrohung, um den Einsatz oder den
angedrohten Einsatz von Nuklearwaffen bei regionalen Konflikten zu vermeiden. Unsere Bestrebungen
zur Abschreckung der Aggression seitens des Irak
würden beispielsweise außerordentlich verkompliziert, wenn der Irak ein Nukleararsenal besäße.
Aus diesem Grund wurden die Sanktionen gegen
den Irak verhängt. Wegen des Risikos, daß regionale Konflikte zu nuklearen eskalieren, war die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags
ein historischer Schritt zu Frieden in der Zeit nach
dem Kalten Krieg. Diese diplomatischen Maßnahmen stehen nicht isoliert da - sie sind integraler und
entscheidender Bestandteil unserer Sicherheitsstrategie.
Die zweite Art und Weise, in der wir zur Verhinderung regionaler Konflikte beitragen, besteht in der
Beibehaltung und Stärkung der während des Kalten
Krieges aufgebauten Bündnisse. Hier in Europa
haben die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten die NATO auf die Chancen der
Zeit nach dem Kalten Krieg konzentriert, indem sie
Europa und Zentralasien in die Unterstützung des
Aufbaus von Demokratie und Stabilität einbezogen.
Das ist der Grund, warum wir Sie alle ins Marshallzentrum eingeladen haben. Im Marshallzentrum
kann unser ziviles und militärisches Personal Sicherheitsbeziehungen auf persönlicher Ebene
praktizieren. Und deswegen haben wir im Januar
1994 die Partnerschaft für den Frieden ins Leben
gerufen. Diese Partnerschaft ist zu einer dynamischen Kraft für die Bildung von Vertrauen und
Zusammenarbeit zwischen unseren Nationen geworden. Heute wehen die Fahnen Ihrer Länder und die
Fahnen der NATO-Mitgliedstaaten gemeinsam über
der Partnerschaftskoordinierungszelle in Belgien.
Diese Fahnen stehen für 40 Länder, die mit dem
Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa
begonnen haben, gegründet auf die beiden Pfeiler
NATO und Partnerschaft für den Frieden.
Während der in den vergangenen beiden Jahren
unter der Schirmherrschaft der Partnerschaft für den
Frieden abgehaltenen gemeinsamen Übungen
konnten wir einen Großteil dieses Engagements und
der harten Arbeit beobachten. Vor nur sechs
Wochen nahm ich an den Eröffnungsfeierlichkeiten
für die erste dieser Übungen auf amerikanischem
Boden, genannt Cooperative Nugget, teil.
Die
Truppen von 17 Nationen waren beteiligt - 3 aus
NATO-Mitgliedstaaten und 14 aus Ländern der
Partnerschaft für den Frieden. Wir sahen Armeen,
die Jahrzehnte mit dem Aufbau eines Gleichgewichts
des Schreckens verbracht hatten, die jetzt ein
Gleichgewicht des Vertrauens aufbauten. Vertrauen,

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das letztlich zur Verhinderung von Konflikten in
Europa führen kann.
Wir werden jedoch nie sicherstellen können, daß
regionale Konflikte nicht stattfinden. Und wenn wir
regionale Konflikte nicht verhindern können, müssen
wir sie abschrecken können. Die erste Anforderung
an Abschreckung sind starke Streitkräfte, sowohl der
NATO als auch der Vereinigten Staaten.
Heute gründen sich die amerikanischen Streitkräfte
auf die Notwendigkeit, in zwei größeren regionalen
Konflikten gleichzeitig zu kämpfen und zu siegen.
Wenn wir tatsächlich einen Kampf führen müssen,
wollen wir, daß unsere Streitkräfte entschieden,
schnell und mit minimalen Verlusten gewinnen
können. All diese Anforderungen, insbesondere die
minimaler Verluste, bedingen, daß unsere Streitkräfte
in einem Zustand hoher Bereitschaft stehen. Sie
bedingen Vornepositionierung, einschließlich 100.000
Soldaten in Europa und weitere 100.000 auf dem
pazifischen Gefechtsfeld. Sie bedingen die weitere
Voreinlagerung von Gerät in Europa, am Persischen
Golf und in Korea. Und sie bedingen FlugzeugträgerEinsatzverbände und Marine-Expeditionseinheiten,
die rasch zu jedem Krisenherd gelangen können.
Und schließlich bedingen sie, daß wir in den Vereinigten Staaten Streitkräfte in hoher Bereitschaft
haben zusammen mit Luft- und Seetransportfähigkeiten, die sie rasch in jede Konfliktregion transportieren
können.
Das sind die Anforderungen, die mit der Strategie
einhergehen, in zwei größeren regionalen Konflikten
kämpfen und gewinnen zu können. Unsere Streitkräfte von heute erfüllen diese Anforderungen. Aber
obwohl die Fähigkeit, zu kämpfen und zu siegen eine
notwendige Voraussetzung für Abschreckung ist,
reicht sie nicht aus.
Abschreckung entstammt
militärischer Fähigkeit gekoppelt mit politischem
Willen. Dieser politische Wille muß sowohl real als
auch erkennbar sein. 1990 beispielsweise versagte
die Abschreckung, als der Irak unseren politischen
Willen zur Verteidigung Kuwaits und Saudi-Arabiens
bezweifelte. Daher mußten wir einen Krieg führen,
um die irakischen Streitkräfte aus Kuwait zu vertreiben. Im Gegensatz dazu hatte die Abschreckung
im vergangenen Jahr, im Oktober 1994, Erfolg, als
der Irak erneut seine Streitkräfte an die kuwaitische
Grenze verlegte. Dieses Mal wurde unser politischer
Wille durch die rasche Stationierung amerikanischer
Streitkräfte an den Golf demonstriert. Binnen weniger
Tage nach der Bewegung der irakischen Streitkräfte
an die kuwaitische Grenze hatten wir 200 Jagdflugzeuge, eine Panzerbrigade, eine Marine-Expeditionseinheit und einen gemischten Fugzeugträgerverband an den Kriegsschauplatz disloziert. Diese
Streitkräfte schufen in wenigen Tagen die militärische

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�Präsenz, die im Jahr 1990 zahlreiche Wochen
erforderte. Und mit dieser Präsenz konfrontiert,
schickte Saddam Hussein seine Brigaden in die
Kasernen zurück. Weil wir starke, einsatzbereite
Streitkräfte hatten - und ihre rasche Dislozierung
bewies unzweifelhaft politischen Willen - konnten wir
diesen Konflikt abschrecken.

Verschwendung. Kampfhandlungen hinterlassen ein
unauslöschliches Mal an denen, die gezwungen sind,
ihn durchzumachen. (Aber) bis das Jahrtausend
kommt und die Länder aufhören zu versuchen,
andere zu versklaven, wird es notwendig sein, seine
Verantwortung zu übernehmen."

Viele glaubten, das Ende des Kalten Krieges würde
zu einer Beendigung militärischer Konflikte führen und dem Ende der Geschichte, sozusagen. Aber
Geschichte wird weiterhin jeden Tag geschrieben in den Wüsten von Kuwait, in den Bergen von Korea
und in den Straßen von Sarajevo. Wir dürfen also
nicht selbstgefällig sein.

Heute haben wir die Verantwortung, die brutale,
unrühmliche und schreckliche Verschwendung des
Krieges zu verhindern und abzuschrecken. Diese
Pflicht findet sich in der Hauptstädten unserer Nationen, in den Worten unserer Politiker, in der Arbeit
unserer Diplomaten, in den Kursen unserer Zentren
des Lernens wie diesem und in den Herzen unserer
Bürger, einschließlich aller der heute hier in diesem
Raum Versammelten.

Vor einigen Jahren schrieb ein amerikanischer
Veteran des Zweiten Weltkriegs in seinen Memoiren:
"Krieg ist brutal, unrühmlich und eine schreckliche

Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�USA-DEUTSCHLAND
11. Oktober 1995

Kapital, Engagement und Vertrauen - Synergien
amerikanischer Investitionen
Chancen für den Mittelstand in den neuen Bundesländern
ERFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 7. Oktober 1995 bei der American
Business Conference in Erfurt hielt.

Einleitung
Zunächst einmal möchte ich den Mitgliedern der
American Chamber of Commerce - mittels ihres
Vorsitzenden Fred Irwin - für ihre Zusammenarbeit
danken, die diese Konferenz ermöglicht hat. Diese
Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Regierung
ist ein gutes Beispiel für das Wort "Synergie" "gemeinsame Aktionen oder Organisation". Und
Synergie ist das Thema unserer nächsten Diskussionsrunde: "Synergien amerikanischer Investitionen
in den neuen deutschen Bundesländern".
Vor etwas mehr als fünf Jahren, am Vorabend der
deutschen Vereinigung, war ich amerikanischer
Gesandter in der DDR, einem den Vereinigten
Staaten von Amerika auf allen Gebieten - politisch,
sozialpolitisch und im Investitionsbereich - feindlich
gesinnten Land. Jetzt sind die Vereinigten Staaten
hier der größte Investor, und wir sind stolz darauf,
zur wirtschaftlichen Wiederbelebung dieses Teils von
Deutschland beitragen zu können. Heute bin ich
wieder amerikanischer Gesandter - in einem neuen
und geeinten Deutschland - und freue mich, daß wir
zwei hochrangige Experten begrüßen dürfen, die
über ihre Investitionen berichten.
Synergie
Die Globalisierung der Märkte, die Intensivierung des
Wettbewerbs, die Betonung von Qualität, Kundendienst, auf den Kundenbedarf zugeschnittener
Produkte und Kosteneffizienz auf dem Weltmarkt
beherrschen die Debatte über den Standort Deutschland. Aber die Produktionsvergabe nach außen,
nachgelagerte Produktion und die Produktentwicklung in Zusammenarbeit mit den Verkäufern - die
allesamt unter den Begriff "Synergie" fallen - gewinnen zunehmend an Bedeutung.

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Ebenso wie das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit wird das Wirtschaftswunder in den neuen Bundesländern vom Mittelstand
und seiner Synergie mit großen Investitionen abhängen. Der Mittelstand ist von einer prosperierenden industriellen Basis abhängig. Deutschland
kann nicht lediglich als Dienstleistungsgesellschaft
überleben, und ohne Industrie werden die neuen
Bundesländer niemals unabhängig. Erforderlich ist
eine Wiedergeburt existierender Industriezweige
sowie die Entwicklung neuer Industrien unter Beteiligung von Unternehmen jeder Größenordnung.
Amerikanisches Engagement In den neuen Bundesländern
Die amerikanischen Unternehmen warten nicht
einfach nur darauf, daß dies alles geschieht. Sie sind
bereits fast überall in der Wirtschaft dieser Region am
Werke: Von Treuhand-Akquisitionen bis zu Investitionen in unerschlossenen Gebieten, von Joint-ventures
bis zu Verkaufsvertretungen bieten sie Unterhaltung,
High-Tech, Autos, Trinkwasseraufbereitung, Hamburger und vieles mehr an.
Sie sind fast überall zu sehen - von der Vielzahl der
Baukräne in der Friedrichstadt-Passage in Berlin,
Europas größter Baustelle, bis zur hocheffizienten
Fabrikanlage der Opel AG in Eisenach; von den
riesigen Kohlebergwerken in Sachsen bis zu einer
nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüsteten
Halbleiterfabrik in Frankfurt an der Oder. Nahezu
300 verschiedene amerikanische Unternehmen sind
bereits in den neuen Bundesländern tätig. Die
amerikanischen Gesamtinvestitionen in der Region
belaufen sich auf nahezu 8 Milliarden Dollar oder 12
Milliarden DM.
Diese Unternehmen sind im gesamten Spektrum
aktiv, einschließlich Investitionen in existierende

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�Betriebe, Grundstückserschließung und Bauwirtschaft, Fertigung, Unternehmensberatung und
Handel. Unseren Schätzungen zufolge wurden als
Ergebnis dieser amerikanischen Investitionen zwischen 50.000 und 55.000 Arbeitsplätze gesichert
oder geschaffen.
Die gesamten bilateralen Investitionsverbindungen
wurden in den letzten Jahren dramatisch verstärkt.
Die Direktinvestitionen der Vereinigten Staaten in
Deutschland beliefen sich 1994 auf insgesamt 40
Milliarden Dollar - im Vergleich zu 1993 eine Erhöhung um 3 Milliarden. Seit 1992 sind die amerikanischen Investitionen in Deutschland um 18 Prozent
angestiegen. Die meisten Neuinvestitionen der
Vereinigten Staaten in Deutschland werden auf den
Gebieten Fertigung und Großhandel getätigt - und
zwar in den fünf neuen Bundesländern.
Die amerikanischen Importe aus Deutschland
stiegen in demselben Zeitraum um aufsehenerregende 19 Prozent auf ungefähr 18 Milliarden Dollar an.
Die Vereinigten Staaten haben weiterhin einen 7,4
prozentigen Anteil am gesamten deutschen Importmarkt.
Führend bei Investitionen - Synergie
Neue Synergien führen zu neuen Arbeitsplätzen.
Die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes
in der Europäischen Union und Deutschland wird
unweigerlich riesige neuen Chancen für den Mittelstand mit sich bringen. Eine Anzahl großer amerikanischer Unternehmen sind Partnerschaften mit
deutschen Firmen eingegangen - zuerst beim
Mobilfunk, anschließend bei der grundlegenden
Sprach- und Netzwerkinfrastruktur. Diese Unternehmen wiederum hängen von Tausenden amerikanischer und deutscher Zulieferer ab, um die Größe
und Vielfalt des deutschen Telekommunikationsmarktes auszuweiten. Im Zuge des Informationszeitalters nehmen auch die neuen Telekommunikationswege zu, ebenso wie die Nachfrage nach neuen
Ausrüstungsgegenständen und Dienstleistungen des

Gewährleistung fairer und transparenter Beschaffungspraktiken bei den Versorgungsunternehmen
erlassen werden. Wir werden weiterhin Kaufgebote
amerikanischer Unternehmen bei Projekten in
Deutschland unterstützen.
Die Sponsoren dieser Konferenz sind ein wichtiger
Bestandteil dieses Prozesses. Beispielsweise unterzeichnete Dow Chemical kürzlich ein Abkommen über
eine Übernahme von 4 Milliarden DM zur Mehrheitsbeteiligung an drei Chemieunternehmen in den neuen
Bundesländern. Coca Cola investierte bereits mehr
als eine Milliarde Mark in ihre verschiedenen Abfüll-,
Vertriebs- und Verkaufszentren in der gesamten
Region. Und die Investitionen der Opel AG in ihre
hochmoderne Automobilfertigung in Eisenach werden
als ein Modell für das Wirtschaftspotential der Region
angesehen.
Am heutigen Nachmittag geht es aber natürlich
vorwiegend um die direkten und sichtbaren Vorteile
dieser Investitionen für den Mittelstand. Als Beispiel
dafür möchte ich ein Unternehmen anführen, das ich
kürzlich in Apolda, im "Optical Valley" in der Gegend
von Jena besucht habe. Ein tatkräftiger amerikanischer Investor bei Fresnel Optics - ein Kleinunternehmer - kombiniert seine Energien und Talente zur
Herstellung von Linsen für den europäischen Markt.
In kurzer Zeit eroberte er eine wichtige Marktnische,
und sein spezielles Fachwissen stellt eine Ergänzung
zur Massenproduktion und Vermarktung der Industriegiganten dar. Darum geht es bei Synergien.
Schlußbemerkung
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen werden
auch in Zukunft zu den wichtigsten der Welt gehören.
Ich bin stolz darauf, daß amerikanisches Fachwissen,
Innovationen und Betriebe diesen wunderbaren
Unternehmungsgeist widerspiegeln. Mit Hilfe von
Kapital, Engagement und Vertrauen in den Markt
helfen sie nicht nur bei der Sanierung dieser Region,
sondern tragen auch zur Schaffung eines neuen,
stärker integrierten Europas bei.

Mittelstandes - und seine Chancen.
Der Energiebereich ist ein weiterer Sektor, auf dem
verstärkte Liberalisierung und Wettbewerb zu neuen
Chancen für den Mittelstand führen. Da dieser
Markt komplexer und schwieriger zu erschließen ist,
scheinen größere amerikanische Investitionen und
Verkäufe von Ausrüstungsgegenständen erforderlich,
um die Chancen für Lieferanten zu erhöhen. Wir
hoffen, daß in Deutschland und andernorts in der
Europäischen Union neue Richtlinien über die
*

Seite 2

*

Ich sehe unseren Diskussionen erwartungsvoll
entgegen. Jetzt möchte ich David Herman von der
Adam Opel AG das Wort erteilen. Anschließend wird
Norbert von Koczian von Dow Europe Plastics zu uns
sprechen. Beide Unternehmen haben eine große
Erfolgsgeschichte über ihre beträchtlichen Investitionen hier zu vermelden.
Ich danke Ihnen.

*

*

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�UMWELT
11. Oktober 1995

Nachhaltige Entwicklung ist
"zentrale Herausforderung" unserer Zeit
Rede von Vizepräsident Gore
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede bei der Konferenz der Weltbank über "effektive Finanzierung
umweltverträglicher Entwicklung" in der National Academy of Sciences erklärte US-Vizepräsident AI Gore am
4. Oktober 1995, nachhaltige Entwicklung stelle die zentrale Herausforderung unserer Zeit dar. Er rief alle
Einzelpersonen, multilateralen Organisationen, den Privatsektor, nichtstaatliche Organisationen und
Regierungen auf, zur Erlangung dieses Ziels zusammenzuarbeiten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

Durch Ihre Anwesenheit hier engagiert sich jeder
einzelne von Ihnen für eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit - das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung. Zweifellos bringen die
hier Versammelten unterschiedliche Erfahrungen,
viele verschiedene Fähigkeiten und viele verschiedene Ansätze ein. Wir sind jedoch geeint in unserer
Sorge, unserem Interesse an dieser lebenswichtigen
Frage sowie unserem Engagement dafür.
Welche Rolle können Sie bei der Förderung nachhaltiger Entwicklung spielen? Eine zentrale Rolle.
Die Menschen hier können Ideen realisieren und
Träume in Projekte umsetzen, die das Leben der
Menschen verändern. Nachhaltige Entwicklung wird
durch die Aktionen von Einzelpersonen, multilateralen Organisationen, des Privatsektors, nichtstaatlicher Organisationen und Regierungen erreicht.
Jeder spielt eine wesentliche Rolle. Nachhaltige
Entwicklung ist eine gewaltige Aufgabe. Aber es ist
ein Ziel, das wir anstreben und erreichen müssen.
Wir leben in einer Welt großer Gegensätze. Obwohl
Millionen Menschen weltweit in der Geschichte der
Menschheit einzigartigen Wohlstand genießen, lebt
mehr als eine Milliarde Bürger der Erde in bitterer
Armut, und ungefähr zwei Milliarden Menschen
haben keinen Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge und sanitären Einrichtungen. Obwohl
einige Teile der Welt beträchtliche Fortschritte beim
Umweltschutz gemacht haben, sind entscheidende
Probleme wie Luft- und Wasserverschmutzung,
Zerstörung der Wälder oder Abnahme der Fischbestände noch weit verbreitet. Wie Sie heute
morgen von einer herausragenden Gruppe von
Wissenschaftlern hörten, stellen der Verlust der

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Artenvielfalt und der Klimawandel große neue Herausforderungen für die Gesellschaft dar.
Ich habe vorher über die radikalen Veränderungen
der Umwelt gesprochen, die allein während meines
bisherigen Lebens stattfanden. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß dieser tiefgreifende Wandel in
den Beziehungen zwischen der Menschheit und der
Erde auf den Zusammenfluß dreier Faktoren zurückzuführen ist.
Der erste dieser Faktoren ist die Bevölkerungsexplosion. Die Weltbevölkerung brauchte 10.000 Generationen - ungefähr 200.000 Jahre - um die 2 Milliarden-Marke zu erreichen. Die Zunahme um weitere
zwei Milliarden dauerte weniger als 50 Jahre. Heute
beläuft sich die Weltbevölkerung auf 5,6 Milliarden
und wird in den nächsten Jahrzehnten auf bis zu 9
oder 10 Milliarden anwachsen.
Die zweite Veränderung ist die wissenschaftliche und
technologische Revolution, die im Durchschnitt den
Einfluß jedes einzelnen der Milliarden auf der Erde
lebenden Menschen auf die Umwelt dramatisch
vergrößert hat.
Die Industrialisierung und ihre
zahlreichen Nebenprodukte haben viele Facetten
unseres Planeten verändert.
Der dritte Faktor ist subtiler, vielleicht jedoch der
wichtigste. Unsere Ansichten über unsere Pflicht, die
zukünftigen Konsequenzen unserer derzeitigen
Aktionen in Betracht zu ziehen, haben sich verändert.
Bisweilen hören wir sogar, unser Handeln könnte gar
keine bedeutsamen Auswirkungen auf die Umwelt der
Erde haben.

Seite 1

�Die Umweltprobleme werden noch durch die Beschränkungen unseres Wirtschaftssystems verschärft. Unser Wirtschaftssystem ist manchmal
blind. Es mißt und kontrolliert sorgfältig den Wert
einiger Dinge wie Nahrungsmittel, Kleidung oder
Fertigwaren. Aber seine ausgeklügelten Kalkulationen unterschätzen oder ignorieren sogar oft den
Wert anderer Dinge, die schwieriger zu kaufen oder
zu verkaufen sind: Trinkwasser, saubere Luft, die
Schönheit der Berge, die Vielfalt des Lebens und die
Beschaffenheit der Welt, die wir zukünftigen Generationen hinterlassen.
Oft werden diese dem Wirtschaftssystem immanenten Beschränkungen auch noch durch politische
Fehler verschärft. Aus diesem Grund freue ich mich
außerordentlich, daß die Weltbank jetzt den wahren
Wert einer Nation nicht nur anhand ihres industriellen Outputs, sondern auch anhand des natürlichen
Kapitals, sozialen Kapitals und Humankapitals mißt.
Unsere nächste Herausforderung besteht darin, von
Messungen zu Aktionen überzugehen. Ein Land,
das seiner Umwelt keine Beachtung schenkt, kann
auch seine Menschen nicht von der Armut befreien.
Ein verarmtes Land kann seine Umwelt nicht sauberhalten.
Betrachten Sie sich Haiti, das ärmste Land in dieser
Hemisphäre. Die Menschen dort haben Staatsstreiche und Diktaturen durchlebt und leiden immer
noch unter großer Armut. Ihre Bestrebungen, sich
vom Joch der Armut zu befreien, werden jedoch
durch die fast vollständige Zerstörung der Wälder
dieser einst üppig bewachsenen Insel behindert.
Von den Böden, die früher ein hungriges Volk
ernähren konnten, sind jetzt nur noch Sand und
Lehm übrig. Aber der Wandel zeichnet sich bereits
ab. Die Menschen auf Haiti haben schon die ersten
Schritte zur Förderung von Demokratie unternommen. Weder Autokratie noch Tyrannei waren je dem
menschlichen Geist oder der Umwelt freundlich
gesinnt.
Die Menschen müssen wissen, daß sie die Zukunft
bestimmen - und sie ihnen nicht einfach vorgesetzt
wird. Bevor sie bereit zum Schutz der Ressourcen
sind, von denen sie eines Tages leben, müssen sie
erkennen, daß ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Ich
hoffe, in Haiti diese Botschaft übermitteln zu können,
wenn ich in zwei Wochen dorthin reise. Und diese
Idee trifft nicht nur auf Haiti, sondern auf die ganze
Welt zu. Aus diesem Grund ist Demokratie ein solch
integraler Bestandteil von nachhaltiger Entwicklung.
Bei der Förderung von nachhaltiger Entwicklung
steht die Finanzierung an vorderster Front. Es ist
gut, über nachhaltige Entwicklung zu sprechen -

Seite 2

aber es reicht nicht aus. Nachhaltige Entwicklung
erfordert reale Projekte, reale Unternehmen und reale
Programme. Sie benötigt kreative und engagierte
Menschen.
Menschen wie Dr. Mohammed Yunus. In der Finanzwelt gibt es kein inspirierenderes Beispiel für Kreativität und Engagement als Dr. Yunus. Wie viele von
Ihnen wissen, ist Dr. Yunus der Gründer der Grameen Bank, die vor über 17 Jahren im ländlichen
Bangladesch ihre Geschäftstätigkeit aufnahm. Die
Grameen Bank verfolgt ein einfaches Ziel: Armen
Menschen Zugang zu Krediten zu verschaffen, damit
sie ein Geschäft eröffnen können. Die Darlehen
belaufen sich im Durchschnitt auf 100 Dollar und
erfordern keine Bürgschaft. Die überwältigende
Mehrheit der Kunden sind Frauen. Heute hat die
Grameen Bank über zwei Millionen Kreditnehmer,
mehr als 1.000 Geschäftsstellen und eine Rückzahlungsquote von 98 Prozent. Sie trug dazu bei,
zahllose Menschen von der Armut zu befreien. Noch
außergewöhnlicher ist vielleicht die Art und Weise, in
der die einfache Idee von Dr. Yunus sich von Bangladesch auf die ganze Welt ausbreitete. Daher ist
es mir eine besondere Freude, daß Dr. Yunus heute
hier ist.
Ein weiterer kreativer und innovativer Ansatz zur
Förderung nachhaltiger Entwicklung ist die Globale
Umweltfazilität (Global Environment Facility - GEF).
Die GEF wurde 1991 ins Leben gerufen, um den
Entwicklungsländern bei der Bewältigung der weltweiten Umweltprobleme Klimawandel, Verlust der
Artenvielfalt, Abnahme der Ozonschicht und weltweite
Wasserverschmutzung zu helfen. Bis heute hat die
GEF über 2 Milliarden Dollar für die Finanzierung von
Projekten auf der ganzen Welt mobilisiert. Es gibt
bereits wichtige Erfolgsgeschichten. Beispielsweise
werden im Rahmen des "hocheffizienten Lichtprojekts" in Mexiko durch den Austausch von Glühbirnen
gegen Leuchtstoffröhren Treibhausgasemissionen
und die lokale Verschmutzung verringert. Dieses
Projekt wird die institutionelle Kapazität für technologischen Wandel und Energieeinsparung erhöhen und
die Fähigkeiten stärken, tragfähiges nachfrageorientiertes Management zu praktizieren.
Die GEF ist eine vielversprechende Entwicklung.
Aber obwohl sie in gewisser Weise über viele Mittel
verfügt, verblassen diese neben den gesamten
Ressourcen der multilateralen Entwicklungsbanken.
1994 stellte die Weltbankgruppe den Entwicklungsländern Kredite in Höhe von mehr als 25 Milliarden
Dollar zur Verfügung. Diese Institutionen haben
starken Einfluß auf weltweite nachhaltige Entwicklung.
In den letzten Jahren hat die Weltbank wichtige
Schritte zur Förderung nachhaltiger Entwicklung

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�unternommen. Die Darlehensgewährung für Umweltprojekte ist ebenso angestiegen wie die für
Bevölkerungsprogramme, die Entwicklung menschlicher Ressourcen und die Bekämpfung der Armut
insgesamt. Kredite für Projekte auf allen Gebieten
unterliegen jetzt einer verstärkten Umweltverträglichkeitsprüfung. Die Maßnahmen auf dem Energieund Forstwirtschaftssektor werden verbessert. Die
Bank leistet zunehmend Beistand bei der Erkennung
und Beseitigung wirtschaftlicher Verzerrungen, die zu
einer Verschwendung natürlicher Ressourcen führen.
Besonders wichtig sind die Bestrebungen zur Verbesserung von Transparenz und Einbeziehung
betroffener Gemeinden in den Entscheidungsprozeß.
Die Informationspolitik der Weltbank sowie die
Gründung ihres Inspektionsgremiums sind beides
bedeutende und positive Entwicklungen. Ich begrüße die jüngste Überprüfung der Informationspolitik
des Kreditrahmens für den Privatsektor bei der
Asiatischen Entwicklungsbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank. Diese revidierten Maßnahmen sind gute Beispiele, die eine eingehende
Untersuchung durch die Bankgruppe als Ganzes
verdienen.
Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen. Die
Durchsetzung der Maßnahmen wird harte Arbeit und
Hartnäckigkeit erfordern. Die Konzentration auf die
Qualität - und nicht die Quantität - der Investitionen
ist von entscheidender Bedeutung. Umweltpolitische
Überlegungen müssen in politisch basierte Kreditvergabe einbezogen werden. Um effektiv zu sein,
müssen die Mitglieder der Weltbankgruppe den
Aufbau von Partnerschaften mit allen Teilen der
Gesellschaft anstreben.
Ich möchte ein Beispiel für die konstruktive Rolle
geben, die eine Entwicklungsbank bei der Förderung
nachhaltiger Entwicklung übernehmen kann: Die
jüngste Arbeit der Interamerikanischen Entwicklungsbank zugunsten von Suriname. Surinames Regenwälder sind eine seltene und außerordentliche
Kostbarkeit. Die derzeit dem Parlament Surinames
vorliegenden Vorschläge würden jedoch mehr als ein
Drittel des gesamten Landes zur Abholzung freigeben. Dank des weitblickenden Enrique Iglesias, des
Präsidenten der Interamerikanischen Entwicklungsbank, sowie des costaricanischen Präsidenten Jos§
Maria Figueres werden die Menschen in Suriname
glücklicherweise zusätzliche Optionen erhalten, wenn
sie über die Nutzung ihrer Regenwälder entscheiden. Sie werden jetzt eine Vielzahl tragfähiger
Ansätze zur Nutzung ihrer Regenwälder in Erwägung ziehen, einschließlich einer Untersuchung der
Gegend auf das Vorhandensein von Lagerstätten,
Ökotourismus und Abkommen zur Verringerung von
Kohlenstoff.

AMERIKA DIENST 29

Sogar die Mittel der multilateralen Banken werden
von denen des Privatsektors in den Schatten gestellt,
auf den die meisten der weltweiten Investitionen
entfallen. Infolgedessen können Veränderungen des
privaten Verhaltens einen großen Unterschied bewirken, während wir uns auf eine umweltverträgliche
Welt zubewegen.
Die Integration umweltpolitischer Belange in Unternehmensbilanzen sowie die Schaffung von Wettbewerbsvorteilen bei verbessertem Umweltverhalten
und sozialem Verantwortungsbewußtsein verbreiten
sich immer stärker.
Ich möchte folgendes betonen:
Unsere größte
Chance zur Erzielung nachhaltiger Entwicklung sind
Investitionen in umweltverträgliche Praktiken und
Technologien, die für die Privatwirtschaft und für
Privatinvestitionen attraktiv sind. Die Bereitstellung
dieser Gelder muß für die Weltbankgruppe eine
Herausforderung darstellen, einschließlich der internationalen Finanzierungsgesellschaft (International
Finance Corporation - IFC) und der mulitlateralen
Behörde für Investitionsgarantien (Mulitlateral Investment Guarantee Agency - MIGA), um die Welt
wirklich zu nachhaltiger Entwicklung zu führen. Einer
neuen Untersuchung zufolge beläuft sich die Nachfrage nach Umweltgütern und -dienstleistungen
weltweit auf ungefähr 400 Milliarden Dollar jährlich,
was die Weltmärkte für pharmazeutische Produkte,
Luftfahrt, Plastik, Papier oder Zellstoffprodukte
übertrifft. Und diese Zahlen beinhalten nicht den
Weltmarkt für Energieeinsparung und Stromerzeugung, der jährlich mehrere Milliarden Dollar beträgt
und im Wachstum begriffen ist.
Wir werden jedoch mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Erstens sehen wir selbst
angesichts hochentwickelter Kapitalmärkte weltweit,
daß Umwelttechnologieunternehmen Schwierigkeiten
haben, Privatkapital aufzubringen.
Zweitens deuten die Marktschätzungen klar darauf
hin, daß die Möglichkeit eines erweiterten Kapitalmangels langfristige nachhaltige Entwicklung bedroht.
Schätzungen des Erdgipfels von Rio im Jahr 1992
zufolge werden im verbleibenden Jahrzehnt zwischen
500 und 625 Milliarden Dollar zur Erlangung der Ziele
der Agenda 21 benötigt. Die Entwicklungsländer
haben den weitaus größten Bedarf.
Zur Deckung dieser Bedürfnisse muß der Löwenanteil
der Gesamtkosten vom Privatsektor gedeckt werden.
Das bedeutet, daß die Entwicklungsinitiativen für die
Finanzierung des Privatsektors - und die Ermutigung
effektiver Investitionen der Gastregierung - von
essentieller Bedeutung sind.

Seite 3

�Ein Anbieter von Risikokapital äußerte mir gegenüber kürzlich: "Kapital führt nicht an, sondern folgt
nach. Es ist ziemlich einfach: Wenn wir kein Geld
machen können, kommen wir nicht." Wir in der
Regierung und den internationalen Finanzinstitutionen müssen dafür sorgen, daß das Kapital in nachhaltigere Lösungen fließt.
Wir alle müssen uns Maßnahmen entgegenstellen,
die der Bekämpfung von Armut und Umweltverschmutzung im Weg stehen. Eine Politik zur Subventionierung einer Verschwendung von Ressourcen
- wie das Unterbieten der Preise für Energie und
Wasser - muß beendet werden. Dasselbe gilt für
makroökonomische Maßnahmen und eine restriktive
Handelspolitik, die Wachstum behindern, lebenswichtige ausländische Investitionen sowie die Verbreitung neuer Technologie abschrecken und die
exzessive Nutzung verfügbaren natürlichen Kapitals
anregen. Kontraproduktive gesetzliche und soziale
Maßnahmen haben ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Wachstum und Umwelt, indem sie die
Bildungsmöglichkeiten einschränken, Investitionsrisiken erhöhen und keinen Schutz für Rechte geistigen Eigentums bieten.
Was können wir zum Schutz nachhaltiger Entwicklung unternehmen?
Wir können uns Informations- und Telekommunikationstechnologien zunutze machen, um die
Märkte effizienter zu gestalten, indem wir Informationen über nachhaltige Praktiken und neue
Marktchancen verbreiten.
Wir können bei der Prüfung und Vorstellung
neuer Ideen helfen, dadurch die Glaubwürdigkeit
neuer, nachhaltiger Ansätze erhöhen und sowohl
für Investoren als auch für Verbraucher die
Risiken reduzieren.
Wir können die oft schwierigen, aber notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung wirtschaftlicher
Verzerrungen und zur Förderung von Chancen
für Handel und Investitionen durchführen und
damit zur Verringerung von Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung beitragen.
Wir können sicherstellen, daß bei Kreditprogrammen auf politischer Grundlage umweltpolitische
Erwägungen vollständig in die Entscheidungen
einbezogen werden.
Schließlich können wir durch unser Beispiel eine
Führungsrolle übernehmen. Die Regierungen
können ihre Macht beispielsweise im Beschaffungswesen dazu einsetzen, Fahrzeuge mit
sparsamem Kraftstoffverbrauch, Energieeinspa-

Seite 4

rung fördernde Gebäude und andere umweltfreundliche Produkte zu kaufen.
Ich fordere die hier Anwesenden dazu auf, auf diesen
Optionen aufzubauen und innovative Wege zu
entwickeln, umweltverträgliche Investitionen in nachhaltige Entwicklung zu tätigen.
Jetzt möchte ich noch zwei weitere Punkte ansprechen.
Erstens: Humankapital, der Schlüssel zur Erhöhung
des Wohlstands einer Nation. Für Präsident Clinton
und mich stehen Bildung, Ausbildung und lebenslanges Lernen oben auf unserer Prioriätenliste. Wer
an der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung teilnahm, hat erkannt, daß die Ausbildung von Frauen und Mädchen und mehr Befugnisse für sie von entscheidender Bedeutung sind,
wenn wir die Wachstumsrate der Bevölkerung verringern wollen, wodurch auch die wirtschaftlichen
Chancen erhöht werden, die eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung sind. In den
letzten Wochen gab die Weltbank die Gründung einer
Stiftung zu Ehren von Lew Preston bekannt, um in
Entwicklungsländern Stipendien und andere Programme zu finanzieren, damit mehr arme Mädchen Grundund weiterführende Schulen besuchen und dort einen
Abschluß machen können.
Zweitens möchte ich ausdrücklich betonen, daß die
Clinton-Administration sich dazu verpflichtet, unsere
Nation auf dem Weg zu nachhaltiger Entwicklung
voranzubringen. Wir sind besonders stolz auf die von
unserem Land in der letzten Generation gemachten
Fortschritte beim Schutz unserer Umwelt. Wir
unterstützen entschieden langfristige Umweltforschung, Energieforschung und Entwicklung, die
Verringerung der Treibhausgasemissionen, Pflege
des Ökosystems und Verhinderung von Verschmutzung, um nur wenige wichtige Bereiche zu nennen.
Wir setzen uns entschlossen dafür ein, unseren
gerechten Anteil am Montrealer Treuhandfonds, der
Globalen Umweltfazilität und den multilateralen
Entwicklungsbanken als Ganzem zu zahlen.
Bedauerlicherweise bemüht sich der amerikanische
Kongreß, wie viele von Ihnen wissen, derzeit um eine
Umkehr des großartigen Fortschritts, den wir in
diesem Land beim Schutz unserer Umwelt und der
Förderung von nachhaltiger Entwicklung erzielt
haben. Der Kongreß versucht, die von uns angeforderten Beiträge zu den multilateralen Entwicklungsbanken um die Hälfte zu kürzen. Aber die extremen
Elemente, die auf diese Agenda dringen, lernen
etwas: Sie werden nicht vom amerikanischen Volk
unterstützt.

AMERIKA DIENST 29

�Einige Kongreßabgeordnete setzen sich leidenschaftlich für die Bekämpfung des staatlichen
Haushaltsdefizits ein - eine Leidenschaft, die Präsident Clinton und ich mit ihnen teilen. Was ich nicht
verstehe ist jedoch, daß diese Republikaner bereit
sind, ihren Kindern und Enkeln ein ökologisches
Defizit zu hinterlassen. Meines Erachtens ist es
unmoralisch, unseren Kindern riesige Schulden seien sie finanzieller oder umweltpolitischer Art - zu
hinterlassen.
Meine Damen und Herren, ich bin davon überzeugt,
daß ein neues Zeitalter anbricht. Meines Erachtens
können wir alle zum Schutz der Umwelt, zur Bekämpfung der Armut und zur Schaffung von Wohlstand zusammenarbeiten.

wissen, steht in der Schöpfungsgeschichte, daß Gott,
nachdem er die Erde geschaffen hatte, sah, "es war
sehr gut". Allen unseren jüdischen Freunden wünsche ich an diesem Versöhnungstag "L'Shana Tova"
- ein frohes neues Jahr.
Zudem haben Präsident Clinton und ich diese Woche
die Ehre, mit seiner Heiligkeit, Papst Johannes Paul
II., zusammenzutreffen. Viele von Ihnen werden
wissen, daß der Papst sich stark für Umweltschutz
ausgesprochen hat. Ich möchte heute mit einem
Zitat von ihm schließen:
"Angesichts der weitverbreiteten Zerstörung
der Umwelt kommen die Menschen überall zu
der Erkenntnis, daß wir nicht weiter so mit den
Gütern der Erde umgehen können wie bisher.
Die Öffentlichkeit und die Politiker machen sich
über dieses Problem Sorgen, und Experten
einer Vielzahl von Disziplinen beschäftigen sich
mit seinen Ursachen. Es entsteht ein neues
Umweltbewußtsein, das ... ermutigt werden
sollte, damit es sich zu konkreten Programmen
und Initiativen entwickelt."

Abschließend möchte ich kurz auf die wichtige Rolle
religiöser Werte beim Streben nach nachhaltiger
Entwicklung eingehen. Die Achtung der Erde und
der Natur ist den meisten Weltreligionen gemeinsam.
In meiner eigenen religiösen Erfahrung und Erziehung - ich bin Baptist - ist die Pflicht zum Schutz der
Erde in der grundlegenden Beziehung zwischen
Gott, der Schöpfung und der Menschheit verwurzelt.
Ich möchte die Rolle religiöser Werte für nachhaltige
Entwicklung aus zwei Gründen ansprechen. Erstens
ist heute Yom Kippur, nach der jüdischen Religion
der heiligste Tag im Jahr. Wie viele auf der Welt

Ein neues Umweltbewußtsein entsteht. Jetzt ist der
Zeitpunkt für konkrete Initiativen.
Gemeinsam
können wir die vor uns liegenden Herausforderungen
bewältigen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 29

Seite 5

�HANDEL
11. Oktober 1995

Die USA können kein vollkommen
merkantilistisches Land sein
Ansprache von Staatssekretär Garten
WASHINGTON - (AD) - Die Handelspolitik der Vereinigten Staaten fördert multilaterale Lösungen - wie die
Welthandelsorganisation (WTO) - und wendet sich nur von ihnen ab, wenn das zur Stärkung des multilateralen
Systems beiträgt, erklärte der Staatssekretär tür Welthandel im US-Wirtschaftsministerium, Jeffrey Garten, am
2. Oktober 1995 in einer Ansprache bei der Konferenz des Rats für Wirtschaft und Technologie der USA und
des Verbands Südostasiatischer Nationen (Association of South-East Asian Nations - ASEAN).
Der Staatssekretär äußerte sich auch zu seiner jüngsten Reise in verschiedene ASEAN-Staaten und erklärte,
in der Region habe es große Besorgnis wegen bestimmter Aspekte der amerikanischen Handelspolitik
gegeben. Garten bezeichnete die amerikanische Politik als "völlig richtig" und vertrat die Ansicht, die
Vereinigten Staaten könnten kein vollkommen merkantilistisches Land sein, sondern würden auch weiterhin
Menschen- und Arbeitnehmerrechte sowie Umweltschutz in ihre handelspolitischen Überlegungen einbeziehen,
unabhängig davon, welche Regierung gerade in den USA regiert.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der von Staatsekretär Garten bei der Konferenz gehaltenen
Ansprache.

So optimistisch wir auch hinsichtlich des Wachstumspotentials in der ASEAN-Region sowie der Ausweitung des Handels sein mögen, sehen sich
amerikanische Firmen doch außerordentlichem
Wettbewerb gegenüber. Ihre Konkurrenten sind die
Europäer, andere asiatische Länder wie Taiwan und
Korea und insbesondere Japan, das Milliarden Dollar
an Auslandshilfe in die Region pumpt, während wir
praktisch nichts unternehmen. Bemerkenswert fand
ich beispielsweise die Diskrepanz zwischen Japans
Hilfe für die Philippinen, die sich jährlich auf ungefähr eine Milliarde Dollar beläuft, wovon das meiste
Geld für die Entwicklung der Infrastruktur aufgewendet wird, und den weniger als 50 Millionen Dollar,
die wir ausnahmslos zur Deckung grundlegender
menschlicher Bedürfnisse geben. Oder betrachten
Sie sich ein Land wie Indonesien, in das die Japaner
jährlich 2 Milliarden Dollar stecken, wir hingegen
weniger als 100 Millionen, wobei ihr Geld wiederum
für wirtschaftliche, unseres für humanitäre Zwecke
eingesetzt wird.
Bemerkenswert fand ich auch die Aggressivität
einiger japanischer Unternehmen, die amerikanische
Firmen - insbesondere auf dem Energiesektor anscheinend um bis zu 50 Prozent unterbieten. Ich
höre das nicht zum ersten Mal. Mir kam das schon
vor einigen Monaten zu Ohren, als ich in der Türkei

AMERIKA DIENST 29

war. In bezug auf den Wettbewerb ist also einiges in
Bewegung, das uns dazu veranlassen sollte, aufzuhorchen und uns einige Fragen darüber zu stellen,
wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern
können.
In der Region bestand ferner große Besorgnis über
bestimmte Aspekte der amerikanischen Handelspolitik. Natürlich hört man die üblichen Klagen, die
Vereinigten Staaten gingen bilateral oder unilateral
vor, anstatt im Rahmen der WTO. Aber die Gemüter
erregen sich noch viel mehr, wenn es um Arbeitnehmerrechte und Menschenrechte geht, oder um
Handel, der Aspekte des Umweltschutzes tangiert.
Ich habe alles getan, um unsere Politik zu verteidigen, die in meinen Augen völlig richtig ist. Ich habe
dargelegt, daß wir den Multilateralismus hundertprozentig unterstützen und nur aus einem ganz
speziellen Grund davon abweichen, jedoch immer mit
dem Ziel einer Stärkung des multilateralen Systems
vor Augen. Im Zusammenhang mit den Werten
Menschenrechte und Arbeitnehmerrechte lautete die
Antwort, die sie vielleicht nicht gerne hörten, daß die
Vereinigten Staaten einfach kein vollkommen merkantilistisches Land sein können, und wir - ungeachtet
dessen, welche Administration regiert - bei unserer
Wirtschaftspolitik auch in Zukunft Menschen- und

Seite 1

�Arbeitnehmerrechte sowie Umweltschutz berücksichtigen werden.
Ich entdeckte große Besorgnis über vergangene
oder bestehende Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan sowie den Vereinigten
Staaten und China. Das war tür mich sehr interessant, denn man sieht die Welt auf ganz andere
Weise, wenn man auf den Philippinen, in Singapur
oder Malaysia ist. Und wenn die Giganten Kämpfe
austragen, oder es auch nur so scheint, sind die
Spannungen in dieser Region spürbar. Und natürlich habe ich alles mir Mögliche getan, um zu
erklären, daß unser Ziel in bezug auf Japan in der
Aufrechterhaltung eines möglichst engen Bündnisses
besteht und wir versuchen, die Elemente dieses
Bündnisses besser als vorher ins Gleichgewicht zu
bringen. Im Hinblick auf China war unser Ziel die
Handelsdiplomatie, die zu mehr, nicht zu weniger
Engagement führen soll. Ich stellte fest, daß immer
noch starke Besorgnis wegen des amerikanischen
Engagements in Asien besteht. Das hat mich etwas
überrascht, denn die Clinton-Administration hat zumindest aus meiner Sicht - sehr viel unternommen, um die Länder in der Region unseres umfassenden Engagements zu versichern. Ich versuchte, unser starkes militärisches Engagement zu
betonen und erklärte, daß unser Ziel in der möglichst
starken Ausweitung unserer wirtschaftlichen Bande
sowie unserer Präsenz in der Region besteht.
Ich war wirklich beeindruckt von der enormen
Vielfalt, die ich zu sehen bekam. Wir können über
ASEAN sprechen, über die Fortschritte zu stärkerer
Liberalisierung. Tatsache ist jedoch, daß jedes der
ASEAN-Mitgliedstaaten einen ganz anderen Rhythmus hat: Die Philippinen kommen erstmals mit sich
selbst ins reine, und der Fortschritt liegt bei ihnen in
der Luft. Wenn Sie dann nach Malaysia gehen - es
ist nur ein Katzensprung - macht man sich Sorgen
über eine neue Industriepolitik, Mangel an Arbeitskräften, weiteres Anspruchsdenken. Und kommt
man dann nach Singapur, hört man etwas über die
innovativste Wirtschaftspolitik, die man sich vorstellen kann, einschließlich der Exporte Singapurs in
die Industrieparks und -Städte Chinas und wahrscheinlich bald auch Vietnams.
Diese Unterschiede beziehungsweise Vielfalt wurden
in einer Diskussion mit 20 jungen - ich vermute, sie
waren alle unter 40 - Führungskräften in Singapur
deutlich. Es ging um asiatische Werte.
Im Zusammenhang mit der Vielfalt taucht die Frage
auf, ob - und wie - die ASEAN-Staaten neue Mitglieder aufnehmen: Vietnam, Laos und andere Län-

Seite 2

der, die zusätzliche Komplikationen bringen und
Staaten, die in wirtschaftlicher Hinsicht noch weit
hinter den fortschrittlicheren ASEAN-Mitgliedern
zurückliegen. In diesem Kontext möchte ich kurz
etwas zu Vietnam sagen. Wir waren noch nicht in
Vietnam. Eine Delegation des Wirtschaftsministeriums wird bald dorthin reisen. Das ist natürlich für die
Administration von großer Bedeutung. Nach der
Normalisierung der Beziehungen müssen wir unser
Augenmerk jetzt auf die wirtschaftlichen Aspekte
richten. Das wird nicht einfach sein. Viele gesetzliche Hindernisse müssen beseitigt werden. Wir
brauchen eine Normalisierung unserer Handelsbeziehungen zu Vietnam, die wir in enger Abstimmung mit dem Kongreß erreichen müssen. Es kann
einiges getan werden, und wir werden uns in naher
Zukunft darauf konzentrieren.
Jetzt, da ASEAN ein großer, aufstrebender Markt und
Vietnam ein Teil davon ist, verfügen wir bereits über
einen Rahmen für unsere Wirtschaftsbeziehungen.
Wenn wir Handelsemissäre in die ASEAN-Staaten
entsenden, wenn wir Delegationen schicken, die sich
mit Telekommunikation, Verkehr oder Umwelttechnologie befassen, können sie auch in Vietnam haltmachen. Wenn wir über Ausbildungsprogramme sprechen, können wir diese in allen ASEAN-Staaten und
auch in Vietnam durchführen. Das Bündnis für
gegenseitiges Wachstum mit seiner Betonung von
Verbindungen zwischen kleinen und mittelständischen
Betrieben kann auch in Vietnam direkte Anwendung
finden. Unser Programm zur Förderung von Exporten in die ASEAN-Staaten kann auch direkt in Vietnam angewandt werden. Wir haben bereits entsprechende Bestrebungen eingeleitet.
Ich bin der Ansicht, daß die nächsten zwölf Monate
für die amerikanische Handelsförderung das Jahr des
ASEAN sein sollten. Die Größe des Marktes, die
Dynamik der Liberalisierung, die problemlose Kommunikation zwischen den Vereinigten Staaten und
diesen Ländern lassen das natürlich erscheinen. In
anderen großen, aufstrebenden Märkten Asiens ist
großes Potential vorhanden, aber offen gesagt
werden die Fortschritte in China, Indien und Korea
weitaus langsamer vonstatten gehen. In diesen
Ländern und auf diesen Märkten werden wir bestenfalls zwei Schritte vor und einen Schritt zurück
beobachten. Aber wenn wir engere Wirtschaftsbeziehungen zu den ASEAN-Staaten schmieden
können, werden meines Erachtens alle Seiten - nicht
nur unser Land, sondern auch die Staaten der
ASEAN-Region - sowohl kurz- als auch langfristig
echte Ergebnisse sehen.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 29

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*
in

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u
i^roN ^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
27. September 1995

28

VEREINTE NATIONEN

CHRISTOPHER UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINER REFORM DER UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung

AUSSENPOLITIK

VORGESCHLAGENE HAUSHALTSKÜRZUNGEN
GEFÄHRDEN AMERIKANISCHE FÜHRUNGSROLLE
Rede von Außenminister Christopher

AMERIKA AUF DER SUCHE NACH EINER
PAROLE
von Maynard Glitman

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE HESSEN
Grußwort von Präsident Clinton

"WIEDER ZUSAMMEN"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman

WEITERVERBREITUNG

EINE NEUE SICHERHEITSPOLITISCHE
TAGESORDNUNG
Kampf gegen den Nuklearschmuggel

TELEKOMMUNIKATION

USA SOLLTEN FÜHRUNGSROLLE BEI DER
REFORM DES TELEKOMMUNIKATIONSWESENS ÜBERNEHMEN
Rede von Vizepräsident AI Gore

bitte wenden
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�GESUNDHEIT

"NEIN" ZUR LEGALISIERUNG VON
MARIHUANA
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala

LUFT- UND RAUMFAHRT

LUFT- UND RAUMFAHRT ALS SCHLÜSSELELEMENT DER AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SICHERHEITSPOLITIK
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

�VEREINTE

N A T I O N EN
27. September 1995

Christopher unterstreicht Notwendigkeit
einer Reform der UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinten Nationen müßten ihre begrenzten Ressourcen für die obersten
Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf die Aufgaben konzentrieren, die sie am besten erfüllen können,
erklärte US-Außenminister Warren Christopher am 25. September 1995 in einer Rede vor der UNGeneralversammlung in New York.
Die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen müßten "ihre Tagesordnung so gestalten, als würden wir die
Institution neu gründen... An jedes Programm muß ein einfacher Maßstab angelegt werden - es muß einen
sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen leisten."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Exzellenzen,
verehrte Gäste. Es ist mir eine Ehre, heute im
Namen der Vereinigten Staaten zu Ihnen sprechen
zu dürfen. Vor einem halben Jahrhundert kam die
Generalversammlung erstmals in New York zusammen - auf der anderen Seite des Flusses in
einer umgebauten Eislauf halle in Flushing Meadows.
In dieser bescheidenen Umgebung begannen unsere
Vorgänger mit der Schaffung eines ehrgeizigen
Rahmens, von dem sie hofften, daß er bei der
Sicherung des Friedens ebenso erfolgreich sein
würde wie sie es vorher bei der Kriegführung waren.
In den nachfolgenden Jahren trugen die Vereinten
Nationen dazu bei, zahllosen Menschen weltweit
Frieden, Wohlstand und Hoffnung zu bringen. Der
technologische Wandel brachte die Nationen einander näher, als die Gründerväter der UNO vorhersehen konnten. Die Vereinten Nationen selbst
sahen sich mit ungeahnten Herausforderungen
konfrontiert. Sie mußten komplizierte humanitäre
Notfälle bewältigen - von Bürgerkriegen über Flüchtlingswellen bis zu Epidemien. Diese Evolution stellte
für die Organisation eine große Belastung dar und
zeigte die Notwendigkeit, sie umfassend zu verändern.
Die Clinton-Administration vertritt im Kongreß und
vor unserem Volk energisch eine Fortsetzung der
Führungsrolle Amerikas in den Vereinten Nationen.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich vor 50
Jahren der UN-Charta. Wir sind entschlossen,

AMERIKA DIENST 28

unserer Verpflichtung nachzukommen, einschließlich
unserer finanziellen Verpflichtungen.
Wir werden immer daran denken, daß die Vereinten
Nationen für Millionen Menschen weltweit alles
andere sind als eine gesichtslose Institution. Sie
stehen, wie Harry Truman es einmal formulierte, für
"ein Paket mit Nahrungsmitteln oder Schulbüchern,
einen Arzt, der die Kinder impft, einen Experten, der
beim Anbau von mehr Reis oder Weizen hilft". Für
Millionen weiterer Menschen symbolisieren die
Vereinten Nationen den Unterschied zwischen
Frieden und Krieg.
Wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie der
Schutz der Menschenrechte stehen weiterhin im
Zentrum der Aufgaben der Vereinten Nationen. Die
UNO muß sich jedoch wandeln, um diesen Erfordernissen wirksamer zu entsprechen. Wenn in New
York, Genf oder Wien Geld verschwendet wird und
durch Unbeweglichkeit der Bürokratie Zeit verloren
geht, zahlen diejenigen den Preis dafür, die Hunger,
Krankheit und Gewalt am stärksten ausgesetzt sind.
Es ist an der Zeit für die Erkenntnis, daß die Vereinten Nationen ihre begrenzten Ressourcen für die
obersten Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf
die Aufgaben konzentrieren müssen, die sie am
besten erfüllen können. Der Verwaltungsapparat der
UNO sollte abgebaut werden und eine klare Organisationsstruktur sowie eine deutliche Abgrenzung der
einzelnen Verantwortungsbereiche erhalten.
An
jedes Programm mu ß ein einfacher Maßstab angelegt

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�werden - es muß einen sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen
leisten.
In den letzten beiden Jahren wurden unter der
Führung von Generalsekretär Boutros-Ghali die
Grundlagen für substantiellen Wandel gelegt. Die
Vereinten Nationen verfügen über ein Büro mit den
Aufgaben eines Generalinspekteurs sowie über ein
Mandat, gegen Verschwendung und Betrug vorzugehen. Der stellvertretende Generalsekretär Joe
Connor leitete eine aggressive Kampagne zur Verbesserung der Managementkultur der Vereinten
Nationen ein, die wir umfassend unterstützen. Das
UN-Sekretariat schlug den richtigen Kurs ein, als es
einen Haushalt mit Ausgabenkürzungen vorlegte.
Jetzt muß den Reformen mehr Nachdruck verliehen
werden. Ich möchte eine konkrete Agenda vorschlagen:
Erstens müssen wir die Programme der Vereinten
Nationen einstellen, die ihr Ziel erreicht haben, und
diejenigen konsolidieren, die sich überschneiden insbesondere bei den Ämtern für wirtschaftliche und
soziale Fragen. Innerhalb der Vereinten Nationen
gibt es mehr als ein Dutzend Organisationen, die für
Entwicklung, Soforthilfe und Statistik zuständig sind.
Wir sollten in Erwägung ziehen, für jede dieser
Funktionen eine einzige Behörde zu schaffen. Wir
sollten die regionalen Wirtschaftsausschüsse der
UNO verkleinern. Wir sollten sicherstellen, daß sich
die Funktionen der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) nicht mit
denen der neuen Welthandelsorganisation (WTO)
decken. Und wir sollten ein Moratorium für die
großen, von der UNO veranstalteten Konferenzen
verhängen, nachdem die jetztige Serie abgeschlossen ist, und uns statt dessen auf die Einhaltung der
Verpflichtungen konzentrieren, die wir bei den
abgehaltenen Konferenzen eingegangen sind.
Zweitens müssen wir das UN-Sekretariat umstrukturieren, um es effizienter, stärker rechenschaftspflichtig und transparenter zu gestalten. Jeder Teil
des UN-Systems sollte der Kontrolle eines Generalinspekteurs unterliegen. Die Vereinten Nationen
dürfen keinen ethischen oder finanziellen Mißbrauch
dulden, und ihre Führungskräfte sollten auf der
Grundlage ihrer Verdienste ernannt oder befördert
werden.
Drittens sollten wir die Vorschläge für neue und
erweiterte Friedensmissionen einer genauen Überprüfung unterziehen und die Fähigkeit der Vereinten
Nationen verbessern, nach der Billigung neuer
Missionen schnell zu reagieren. Wir müssen uns auf
ein angemessenes Ausmaß von Friedensicherungs-

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missionen einigen, das den heutigen wirtschaftlichen
Gegebenheiten Rechnung trägt. Und wir sollten über
einen Gemeinschaftshaushalt für Friedenssicherungsoperationen verfügen.
Schließlich müssen wir die Effektivität des UN-Sicherheitsrates wahren. Deutschland und Japan
sollten Ständige Mitglieder werden. Wir müssen
sicherstellen, daß alle Regionen der Welt gerecht
vertreten sind, ohne daß der Rat schwerfällig wird.
Wir begrüßen die Bildung einer hochrangigen Reformgruppe unter der Leitung des scheidenden
Präsidenten der Generalversammlung Essy. Es muß
unser Ziel sein, noch vor Ende der 50. Sitzungsperiode der UN-Generalversammlung im kommenden
Herbst einen praktischen Plan für eine UN-Reform zu
verabschieden. Der vor uns liegende Weg ist klar:
Wir haben bereits zahllose Studien und Berichte
vorliegen. Jetzt ist es an der Zeit, gemäß den besten
Vorschlägen zu handeln.
Wie Sie wissen, gibt es in meinem Land ernsthafte
Bestrebungen zur Einschränkung unserer Unterstützung für die Vereinten Nationen. Nach Ansicht
der Clinton-Administration wäre es leichtsinnig, einer
Organisationen den Rücken zuzuwenden, die andere
Nationen zur Unterstützung von Zielen mobilisiert, die
im Einklang mit amerikanischen und globalen Interessen stehen. Um die Unterstützung der Vereinten
Nationen unter den Amerikanern und anderen Völkern aufrechtzuerhalten, reicht eine Verteidigung der
Institution jedoch nicht aus. Das beste Argument
gegen Rückzug sind weitere Reformen. Greifbare
Fortschritte werden uns dabei helfen, den Kampf um
Beistand für die UNO zu gewinnen, den wir derzeit in
den Vereinigten Staaten führen.
Nach Abschluß des Reformprozesses müssen die
Vereinten Nationen besser zur Erlangung ihrer
grundlegenden Ziele in der Lage sein, einschließlich
der Wahrung von Frieden und Sicherheit. Von Korea
über den Persischen Golf bis Haiti haben die Vereinten Nationen ihren Mitgliedern durch die Erfüllung
dieser Pflichten ein Mandat verschafft. Die UNOBlauhelme halfen Völkern bei der Schaffung der
grundlegenden Bedingungen für Frieden in einigen
äußerst schwierigen Situationen, obwohl sie ihr
erklärtes Ziel nicht immer erreicht haben.
Vor kurzem wurde ein junger Vater in Haiti gefragt,
was die Friedenssicherungskräfte in seinem Land
bewirkt hätten. "Wir können uns frei bewegen",
antwortete er. "Wir können ruhig schlafen. Niemand
kommt nachts, um uns abzuholen." In Haiti haben
die Vereinten Nationen ebenso wie in Kambodscha,
Mosambik und El Salvador unter Beweis gestellt, daß

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�die Friedenssicherung trotz aller Beschränkungen
ein äußerst nützliches Instrument ist.

diese neuen Integrationskräfte auch die Saat des
Zerfalls und der Zerstörung beinhalten."

Eine Region, in der die UNO-Soldaten und die
internationale Staatengemeinschaft eine entscheidende Rolle übernahmen, ist der Nahe Osten. Am
Donnerstag wird in Washington ein weiterer historischer Meilenstein gesetzt, wenn Israel und die
Palästinenser ihr Abkommen zur Inkraftsetzung der
zweiten Phase ihrer Grundsatzerklärung unterzeichnen. Diese Übereinkunft wird einem erstmals im
Abkommen von Camp David gesteckten Ziel Leben
einhauchen: Die Sicherheit Israels zu schützen und
den Palästinensern im gesamten Westjordanland
Kontrolle über ihr tägliches Leben zu geben. Die
internationale Staatengemeinschaft und die Vereinten Nationen müssen diesen Prozeß auch in
Zukunft politisch und wirtschaftlich unterstützen.

Obwohl die neuen Technologien uns einander
nähergebracht haben, erleichtern sie es Terroristen,
Drogenhändlern und anderen internationalen Kriminellen auch, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu gelangen, Kokain-Kartelle aufzubauen und
ihre unrechtmäßig erworbenen Gewinne zu verstecken. Der Zusammenbruch des Kommunismus
hat Diktaturen zerstört. Aber er machte die politischen und juristischen Institutionen der kürzlich
befreiten Nationen auch anfälliger für diejenigen, die
sie untergraben wollen.

Zweifelsohne waren die Vereinten Nationen nie mit
einer schwierigeren Mission konfrontiert als der im
ehemaligen Jugoslawien.
Die Beschränkungen
dieser Mission sind wohlbekannt. Wir müssen uns
aber auch vor Augen halten, daß die UNO Hunderttausenden Hilfe gewährte und Tausende von Menschenleben gerettet hat. Heute befinden sich die
Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft mit Hilfe ihrer von Macht unterstützten Diplomatie auf einem Weg, der Hoffnung auf
wirkliche Ergebnisse weckt. Die Vereinten Nationen
und die NATO arbeiten wirksam zusammen, um der
Region Frieden zu bringen. Am 8. September
akzeptierten die Konfliktparteien in Genf das vom
Sicherheitsrat oft formulierte grundlegende Ziel - den
Fortbestand Bosnien-Herzegowinas als ein Staat
innerhalb seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen.
Wenn ich heute mit den Außenministern Bosniens,
Kroatiens und Serbiens zusammentreffe, werde ich
sie auffordern, die treibende Kraft für den Frieden
aufrechtzuerhalten und konstitutionelle Strukturen für
Bosnien zu schaffen.
Die Verfasser der Charta der Vereinten Nationen
gründeten diese Institution, um den durch Aggression und bewaffnete Konflikte hervorgerufenen
Bedrohungen für Frieden und Sicherheit zu begegnen. Diese Bedrohungen sind immer noch äußerst
präsent. Die Welt sieht sich aber auch mit einer
Anzahl neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen konfrontiert, darunter Weiterverbreitung, Terrorismus, internationales Verbrechen und Drogenhandel sowie die weitreichenden Konsequenzen der
Umweltzerstörung. Diese Bedrohungen haben in
einer interdependenteren Welt ein neues und gefährliches Ausmaß angenommen. Präsident Clinton
erklärte im Juni in San Francisco: "Wir wissen, daß

AMERIKA DIENST 28

Obwohl diesen Bedrohungen gelegentlich von Staaten Vorschub geleistet wird, kommen sie nicht
unbedingt aus einem bestimmten Land. Jeder von
uns muß diese Feinde vehement selbst bekämpfen.
Wir werden jedoch erst dann wirklich sicher sein,
wenn wir sie effektiv gemeinsam bekämpfen. Das ist
die neue sicherheitspolitische Herausforderung fürdie
Völkergemeinschaft, und es muß die neue sicherheitspolitische Mission der Vereinten Nationen sein.
Es gibt keinen Bereich, in dem die Vereinten Nationen einen maßgeblicheren Beitrag leisten können als
die Nichtverbreitung. Vor fünfzig Jahren waren die
Vereinigten Staaten das einzige Land, das eine
Atombombe herstellen konnte. Heute verfügen viele
Länder über die Technologie, mit der sie einen
faustgroßen Klumpen Plutonium in eine Bombe
verwandeln können, die so klein wie ein Koffer ist.
Das ist ein Grund, warum über 170 Länder auf der
von Botschafter Dhanapala im Mai hier geleiteten
Konferenz zugestimmt haben, den Nichtverbreitungsvertrag auf unbegrenzte Zeit zu verlängern.
Erstens sollten wir einen Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot unterschriftsreif haben, wenn wir
uns hier im nächsten Jahr wieder treffen. Wie
Präsident Clinton im vergangenen Monat bekanntgegeben hat, verpflichten sich die Vereinigten Staaten zu einem wirklich absoluten Testverbot. Wir
fordern andere Nationen auf, unserem Beispiel zu
folgen.
Zweitens sollten wir unverzüglich Verhandlungen zu
einem Vertrag über die Einstellung der Produktion
von spaltbarem Material aufnehmen. Diejenigen, die
sich am vehementesten für nukleare Abrüstung
einsetzen, sollten sich bewußt machen, daß dies für
ein Verbot der zukünftigen Produktion von spaltbarem
Material für Nuklearwaffen unabdingbar ist.
Drittens sollten wir die historischen Reduzierungen
der Nukleararsenale der Vereinigten Staaten und der
Länder der ehemaligen Sowjetunion voranbringen.

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�OlgtB*. " m » . t .

Ich fordere den amerikanischen Senat und die
russische Duma auf, dem START Il-Vertrag zuzustimmen, damit wir einschneidende Kürzungen
unserer strategischen Nuklearwaffenarsenale festschreiben können. Darüber hinaus arbeiten die
Präsidenten Clinton und Jelzin darauf hin, die Sicherheit, Transparenz und Unumkehrbarkeit der
Reduzierung von Atomwaffen sicherzustellen.
Als Teil dieses Prozesses wird Präsident Jelzin
kommendes Frühjahr in Moskau einen Gipfel über
nukleare Sicherheit veranstalten. Das Gipfeltreffen
sollte eine ehrgeizige Tagesordnung haben, einschließlich einer Grundsatzerklärung über die Sicherheit von Atomreaktoren. Wir erwarten von dem
Gipfel, daß das weltweite Problem der Entsorgung
von Atommüll angesprochen wird, darunter die
Entsorgung im Meer. Das Gipfeltreffen sollte auch
einen Aktionsplan mit Sicherheitsvorschriften für
Nuklearmaterial fördern. Dieser Plan sollte neue
Maßnahmen enthalten, um Kriminelle und Terroristen von der Beschaffung von waffenfähigem Nuklearmaterial abzuhalten.
Schließlich sollten wird auf ein frühestmögliches
Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention drängen.
Präsident Clinton hat den amerikanischen Senat
aufgefordert, die Konvention unverzüglich zu ratifizieren und aufzuhören, sie und den START Il-Vertrag
mit Themen in Verbindung zu bringen, die nicht im
Zusammenhang damit stehen. Die Welt ist in
diesem Jahrhundert zu häufig Zeuge der Auswirkungen von Giftgas geworden - auf europäischen
Schlachtfeldern während des Ersten Weltkriegs, in
Äthiopien und der Mandschurei in den dreißiger
Jahren und bei iranischen Soldaten und unschuldigen kurdischen Zivilisten während der achtziger
Jahre. Die Chemiewaffenkonvention wird jede
Nation sicherer machen, und wir brauchen sie jetzt.
Die Vereinten Nationen spielen auch eine unschätzbare Rolle dabei, die Aufmerksamkeit auf drängende
regionale Weiterverbreitungsprobleme zu lenken. Im
Irak decken die UNSCOM und ihr Leiter Rolf Ekeus

immer schrecklichere Einzelheiten über Saddam
Husseins Massenvernichtungswaffen auf.
Unter Saddam Hussein entwickelte der Irak im
Geheimen eine todbringende biologische Waffenfähigkeit. Das Land führte Forschungen durch, um
einige der toxischsten Substanzen, die dem Menschen bekannt sind, in Kriegswaffen umzuwandeln.
Wir wissen, daß Saddam Hussein Erfolg dabei hatte,
Bomben und Raketengefechtsköpfe mit Anthrax und
Botulismus zu bestücken. Im Dezember 1990
dislozierte er sie mit der eindeutigen Absicht, sie
gegen die internationale Koalition und unschuldige
Zivilisten einzusetzen. Er wurde nur durch die

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unerschütterliche Entschlossenheit der Vereinigten
Staaten und der internationalen Völkergemeinschaft
davon abgehalten.
Angesichts des von Botschafter Ekeus Aufgedeckten
können wir nur zu der Schlußfolgerung gelangen, daß
Saddam Hussein während der letzten viereinhalb
Jahre über den vollen Umfang des irakischen Waffenprogramms gelogen hat. Es sollte keine Lockerung
des Sanktionsregimes geben, bis die irakische
Regierung alle Forderungen des Sicherheitsrats erfüllt
und unter Beweis stellt, daß sie sich geändert hat.
Die Vereinten Nationen sollten auch Verantwortungsbewußtsein fördern und den Transfer konventioneller
Waffen verhindern. Im vergangenen Jahr hat Präsident Clinton bei der Generalversammlung die Abschaffung von gegen lebende Ziele gerichteten
Landminen vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde
von der Generalversammlung verabschiedet. Bei
meiner jüngsten Reise nach Kambodscha habe ich
die schrecklichen Schäden gesehen, die diese
versteckten Killer anrichten können. In diesem Jahr
werden wir die anderen Länder erneut auffordern,
gemeinsam mit uns den Export von Landminen
einzustellen.
Vor zwei Jahren forderte Präsident Clinton die
internationale Staatengemeinschaft auf, ein wirklich
internationales System zu entwickeln, das den
Transfer konventioneller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie regelt. Ich war
erfreut, daß die Russische Föderation zusammen mit
den Vereinigten Staaten und 26 anderen Ländern
gemeinsamen Prinzipien für die Kontrolle der Modernisierung gefährlicher konventioneller Waffen zugestimmt hat. Wir hoffen, dieses "Neues Forum"
genannte globale Regime bis Ende des Jahres zu
aktivieren.
Die Verbreitung von Waffen hat einer uns alle konfrontierenden anderen Bedrohung eine beunruhigende Dimension hinzugefügt: internationalem Terrorismus. Der Saringasanschlag in Tokio in diesem Jahr
ist in der Tat eine bittere Warnung, was geschehen
kann, wenn Terroristen Massenvernichtungswaffen
beschaffen.
Mehr Nationen schließen sich dem Kampf gegen die
Einzelpersonen und Gruppen an, die Zivilisten aus
politischen Gründen angreifen. Die Vereinten Nationen haben diese Bestrebungen in wichtiger Hinsicht
unterstützt. Der UN-Sicherheitsrat trug der Bedeutung der Bekämpfung von staatlich gefördertem
Terrorismus Rechnung, indem er Sanktionen gegen
Libyen für den Bombenanschlag gegen Flug 103 der
Pan Am und UTA 772 verhängte.

AMERIKA DIENST 28

�Terroristen sollten wie Kriminelle behandelt werden,
und es darf keinen Ort geben, an dem sie sich vor
den Konsequenzen ihrer Taten verstecken können.
Staaten, die Terroristen fördern, sollten das volle
Gewicht der Sanktionen zu spüren bekommen, die
von der internationalen Staatengemeinschaft verhängt werden können. Wir dürfen uns nichts vormachen: Jeder Dollar, der in das Staatssäckel eines
Terrorismus fördernden Landes wie Iran fließt, hilft,
die Kugeln oder Bomben eines Terroristen zu
bezahlen. Die Rolle des Iran als erster Förderer von
Terrorismus macht sein geheimes Streben nach
Massenvernichtungswaffen noch alarmierender. Wir
müssen gemeinsam dem Iran entgegentreten, um
das Land von der Beschaffung solch gefährlicher
Fähigkeiten abzuhalten.
Die Vereinigten Staaten haben eine führende Rolle
bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus
übernommen. Wir haben unsere Sanktionen gegen
den Iran verschärft.
Im Januar gab Präsident
Clinton außerdem einen Präsidialerlaß bekannt, der
Finanztransaktionen mit Terrorgruppen und Einzelpersonen verbietet, die den Nahostfriedensprozeß
bedrohen. Wir fordern unseren Kongreß auf, die
Einwanderungs- und Strafgesetze zu verschärfen,
um Terroristen abzuschrecken oder sie hinter Gitter
zu bringen.
Die Vereinigten Staaten unterstützen die beim Gipfel
von Halifax angekündigten Antiterrormaßnahmen der
G-7 und Rußlands uneingeschränkt, und wir erwarten, daß das P-8-Ministertreffen über Terrorismus in
Ottawa einen konkreten Aktionsplan für die Umsetzung dieser Maßnahmen hervorbringt.
Andere Arten internationaler Verbrechen bedrohen
ebenfalls die Sicherheit unserer Bürger und das
Gefüge unserer Gesellschaften. Und die Globalisierung birgt neue und erschreckende Dimensionen für
das Verbrechen. Die Androhung von Verbrechen ist
für junge Demokratien besonders erschreckend. Sie
schwächt das Vertrauen in Institutionen, plündert das
Wertvollste und unterminiert Marktreformen.
Natürlich muß jedes Land eigene Maßnahmen zur
Bekämpfung dieser Bedrohungen ergreifen. Die
Clinton-Administration schließt zur Zeit eine Überprüfung unseres Ansatzes zu grenzüberschreitenden
Verbrechen ab, die eine bessere, koordiniertere
Inangriffnahme des Problems zur Folge haben wird.
Um anderen Ländern bei der Bewältigung krimineller
Bedrohungen behilflich zu sein, haben die Vereinigten Staaten und Ungarn in Budapest die internationale Strafverfolgungs-Akademie gegründet, um
Polizei- und Strafverfolgungsbeamte aus Zentraleuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjet-

AMERIKA DIENST 28

union auszubilden. Bilateral und über das UNDrogenprogramm bieten wir ähnliche Hilfe für Länder,
deren Gesetze durch Drogenkartelle unterwandert
werden.
Eine besonders heimtückische Form des Verbrechens ist die Geldwäsche. Alle Nationen sollten die
Empfehlungen der OECD umsetzen und die Geldwäsche bekämpfen. Die Nationen dieser Hemisphäre
sollten auch die beim gesamtamerikanischen Gipfel
vom Dezember letzten Jahres eingeführten Initiativen
zur Bekämpfung der Geldwäsche fördern. Gemeinsam müssen wir das schmutzige Geld aus unserem
globalen Finanzsystem herausziehen.
Dank der UNO-Konventionen über Drogen und
Verbrechen verfügt die internationale Staatengemeinschaft über hohe Standards, die wir jetzt verwirklichen müssen. Wir fordern die UNO-Mitgliedstaaten auf, die der UNO-Drogenkonvention von 1988
noch nicht beigetreten sind, dies zu tun. Die Länder,
die der Konvention zugestimmt haben, sollten ihre
wichtigsten Bestimmungen unverzüglich umsetzen.
Wir werden uns zunehmend bewußt, daß Umweltzerstörung und unkontrolliertes Bevölkerungswachstum die Sicherheit unserer Nationen und das Wohlergehen unserer Völker bedrohen. Die schädlichen
Auswirkungen sind in Hungersnöten, Kindersterblichkeitsraten, Flüchtlingskrisen und dem Abbau der
Ozonschicht sichtbar. An Orten wie Ruanda und
Somalia führen sie zu Bürgerkriegen und Katastrophen, die nur durch kostenintensive internationale
Intervention gelöst werden können. Wir müssen die
bei der Kairoer Konferenz im vergangenen Jahr und
der Konferenz von Rio vor drei Jahren eingegangenen Verpflichtungen ausführen.
Unsere Probleme waren nie komplexer. Es war nie
offenkundiger, daß diese Probleme alle Nationen
betreffen - Entwicklungs- und Industrieländer gleichermaßen. Nur durch Zusammenarbeit können wir
effektiv die uns alle konfrontierenden Bedrohungen
bewältigen.
Aus diesem Grund müssen wir im 50. Jahr des
Bestehens der Vereinten Nationen ihre Tagesordnung
so gestalten, als würden wir die Institution neu
gründen. Ebenso wie die Gründer der UNO einen
neuen Rahmen zur Abschreckung von Aggression
und bewaffneten Konflikten schufen, müssen die
Vereinten Nationen, und vor allem der Sicherheitsrat,
jetzt der Bekämpfung der durch Weiterverbreitung,
Terrorismus, internationales Verbrechen, Drogenhandel und Umweltverschmutzung entstandenen Bedrohung dieselbe Priorität einräumen. Wir sollten
unsere Bestrebungen in der UNO und andernorts
darauf richten, unseren globalen Konsens bezüglich

Seite 5

�dieser Bedrohungen in konkrete Aktionen umzusetzen. Wir müssen die Vereinten Nationen nicht um

ihretwillen, sondern um unsertwillen erneuern und
reformieren.
Ich danke Ihnen.

* * * *

*

,

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�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Vorgeschlagene Haushaltskürzungen gefährden
amerikanische Führungsrolle
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher zufolge stellen die vom Kongreß erwogenen
einschneidenden Kürzungen des Haushalts für auswärtige Angelegenheiten eine ernsthafte Bedrohung der
amerikanischen Interessen sowie "einen fundamentalen Bruch mit der amerikanischen Führungstradition" dar.
In einer am 20. September 1995 vor dem Council on Foreign Relations in Washington gehaltenen Rede
äußerte Christopher, die direkteste Bedrohung seien die jüngsten Aktionen des Bewilligungsausschusses des
Senats, den Haushalt des Außenministeriums um nahezu 300 Millionen Dollar zu kürzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Vielen Dank, Pete, für Ihre einleitenden Worte. Ich
hege große Bewunderung für Sie und die vielen von
Ihnen im öffentlichen und privaten Sektor geleisteten
Beiträge. Im letzten Jahrzehnt hat niemand mehr
getan, um dem Land die Dringlichkeit einer Lösung
der Frage des Haushaltsdefizits zum Bewußtsein zu
bringen. Ich hatte die Ehre, unter Ihnen als Vizepräsident des Councils zu fungieren - aber unsere
wirkliche Wesensverwandtschaft liegt in unseren
gemeinsamen Wurzeln in der Prärie - Petes in
Nebraska und meine in North Dakota. Obwohl wir
schließlich beide in großstädtischen Wolkenkratzern
landeten, hatte es gewisse Vorteile, im weiten Land
im Herzen der Staaten aufgewachsen zu sein.
Wie Sie wissen, hatte ich ursprünglich vor, heute
über die Verbindung zwischen der Wirtschaft und
unserer Außenpolitik zu sprechen. Aber heute
abend habe ich etwas weitaus Dringlicheres im Kopf:
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle
und die Notwendigkeit angemessener Ressourcen
zu ihrer Beibehaltung. Diese Notwendigkeit wird
durch zwei Gebiete illustriert, mit denen ich mich
diese Woche befaßt habe - das ehemalige Jugoslawien und der Nahe Osten. Ich möchte zunächst
kurz auf jede dieser Fragen eingehen, bevor ich
mich meinem Hauptthema zuwende.
Die internationale Staatengemeinschaft konnte in
mehr als drei Jahren keine friedliche Beilegung des
Konflikts im ehemaligen Jugoslawien herbeiführen.
Dank der von Präsident Clinton übernommenen
Führungsrolle sowie einer erneuerten Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft ma-

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chen wir jetzt jedoch auf diplomatischer und militärischer Ebene Fortschritte, die wirklich Hoffnung auf
Ergebnisse wecken.
Vor zwei Monaten überzeugten wir unsere Verbündeten in London, daß den serbischen Angriffen auf die
Schutzzonen mit substantiellen und entschiedenen
Luftschlägen begegnet werden sollte.
Seitdem
konnten Sie beobachten, wie unsere äußerst effektiven NATO-Streitkräfte diese Entscheidung in die Tat
umsetzen. Vor zwei Wochen half unsere Verhandlungsdelegation, die Parteien davon zu überzeugen,
den Fortbestand Bosniens als ein Staat innerhalb
seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen
zu akzeptieren.
Unsere Unterhändler kehrten heute morgen zu
Konsultationen und zur Entgegennahme weiterer
Anweisungen nach Washington zurück.
In den
nächsten Tagen werden sie ihre intensive Pendeldiplomatie fortsetzen und ausreichende Übereinstimmung über Schlüsselfragen anstreben, damit direkte
Verhandlungen über eine endgültige Lösung beginnen können.
Ohne unsere militärischen Fähigkeiten und die
Bereitschaft zu ihrem Einsatz befänden wir uns in
Bosnien immer noch in einer Sackgasse. Andererseits schafft militärische Stärke ohne Diplomatie allein
nicht die Bedingungen zur Ermöglichung eines
dauerhaften Friedens. Diplomatie und Stärke sind
untrennbare Instrumente amerikanischer Macht, sei
es in Europa oder in anderen wichtigen Regionen.

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�Im Nahen Osten war die amerikanische Diplomatie
unerläßlich für den Erfolg der arabisch-israelischen
Verhandlungen. In den letzten Wochen waren wir
hinter den Kulissen aktiv bemüht, Israel und den
Palästinensern bei der Erzielung eines Abkommens
über die Umsetzung der erst vor zwei Jahren in
Washington unterzeichneten Grundsatzerklärung
behilflich zu sein.
Die Verhandlungen über die Durchführung der
zweiten Phase der Grundsatzerklärung sind ein sehr
kompliziertes Unterfangen, das Truppenverlegungen,
Sicherheitsvorkehrungen, Wahlen und die Übertragung von Befugnissen beinhaltet. Es ist daher
nicht erstaunlich, daß die Aushandlung dieses
Abkommens viel Zeit erforderte. Erstaunlich ist
vielmehr, daß die Parteien so schwierige Fragen
überwinden und kurz vor einer Übereinkunft stehen.
Dieses Abkommen wird Israels verständliche Sicherheitserfordernisse widerspiegeln und mehr als
zwei Millionen Palästinenser im gesamten Westjordanland in die Lage versetzen, Kontrolle über die
grundlegendsten Aspekte ihres täglichen Lebens
auszuüben. Wieder erwarten die Parteien von uns
die Übernahme einer zentralen Rolle, um die für die
Verwirklichung des Friedens erforderliche Unterstützung zu gewähren.
Bosnien und der Nahe Osten sind Beispiele für die
komplexen Konflikte, mit denen wir in der Welt nach
dem Ende des Kalten Krieges weiterhin konfrontiert
sind. Die in den letzten Wochen erzielten Fortschritte beinhalten eine deutliche Lektion: Wenn die
Welt sich großen Herausforderungen gegenübersieht, kann ohne eine Führungsrolle der Vereinigten
Staaten sehr wenig erreicht werden. Und unsere
Führungsrolle kann nicht auf die billige Art aufrechterhalten werden.
Wie Sie alle wissen, wurde der Council on Foreign
Relations vor sieben Jahrzehnten gegründet, um für
eine amerikanische Führungsrolle einzutreten. Nach
dem Ersten Weltkrieg und unserem Rückzug in den
Isolationismus befaßte sich die erste Generation der
Mitglieder des Rates mit einer der großen Herausforderungen in unserer Demokratie: Sie begann die
Bildung eines dauerhaften Konsenses über den
Vorschlag, man müsse Verpflichtungen eingehen
und die Ressourcen für ein starkes Amerika und
eine bessere Welt aufwenden.
Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, haben wir
die einzigartige Chance, unsere Interessen und
Werte zu fördern. Wohin ich auch gehe - Amerika
ist aufgerufen, Orientierung und Führung zu bieten.
Auf jedem Kontinent entstehen offene Märkte und
offene Gesellschaften und geben uns die große
Chance zur Förderung von Wohlstand und Stabilität.

Seite 2

Diese vielversprechende Situation wird jedoch nur
andauern, solange wir an ihrer Aufrechterhaltung und
Weiterentwicklung arbeiten. Wir können die von uns
angestrebte Welt nicht bloß herbeiwünschen.
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle ist
eine zentrale Lektion dieses Jahrhunderts.
Als
Weltmacht mit globalen Interessen stellt Rückzug für
die Vereinigten Staaten keine verantwortungsvolle
Option dar.
Die Welt bleibt gefährlich. In den letzten Jahren fand
auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wo
immer noch Tausende von Nuklearwaffen stationiert
sind, ein halbes Dutzend bewaffneter Konflikte statt.
Wir müssen ständig wachsam sein um sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und Nordkorea nicht in
den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen
und ihre Nachbarn damit bedrohen können. Dieses
Gebot wird durch die jüngste und eindeutige Bestätigung unterstrichen, daß Saddam sich bemüht, ein
massives biologisches Waffenprogramm zu verstecken. Terrorismus und organisiertes Verbrechen
gefährden auch unsere Sicherheit sowie das Überleben der neuen Demokratien.
Mit Blick auf die heutige Wert haben der Präsident
und ich große Hoffnungen, aber keine Illusionen.
Unser Haushalt ist das Spiegelbild unseres Verständnisses der uns konfrontierenden Chancen und
Bedrohungen und strebt die Bereitstellung der Mittel
an, die Amerika zu ihrer Bewältigung benötigt. In
einer Welt ohne Gefahren wären die jüngsten Versuche des Kongresses, diese Mittel zu verweigern,
vielleicht verständlich. Aber in der realen Welt
würden diese Aktionen Amerika zu einem Zeitpunkt
schwächen, an dem wir stark bleiben müssen.
Wie Pete Petersen uns so oft vor Augen führte, sieht
sich unsere Nation keiner größeren Herausforderung
gegenüber als der, unser wirtschaftliches Haus in
Ordnung zu bringen. Seit den frühen achtziger
Jahren hat das Haushaltsdefizit unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt und unsere Glaubwürdigkeit
bei unseren Verbündeten und Handelspartnern
geschwächt. Vor diesem Hintergrund betrachte ich
das Paket des Präsidenten von 1993 zur Verringerung des Haushaltsdefizits als eine der wichtigsten
außenpolitischen Leistungen.
Das Außenministerium ist nicht von den Haushaltskürzungen ausgenommen und sollte es auch nicht
sein. Tatsächlich wurden unsere Ausgaben für
auswärtige Angelegenheiten im letzten Jahrzehnt real
um 45 Prozent reduziert. Unter meiner Leitung
haben wir 1.300 Stellen gestrichen und die Verwaltungsausgaben innerhalb von zwei Jahren um 5
Prozent gesenkt.

AMERIKA DIENST 28

�Das amerikanische Volk verlangt zu Recht, daß wir
bei der Entscheidung über die Verwendung seiner
Steuergelder äußerst strenge Maßstäbe anlegen.
Gleichzeitig erwartet es im Grunde genommen, daß
seine Regierung das zur Gewährleistung von Sicherheit und Wohlstand Amerikas Erforderliche
unternimmt. Daher haben der Präsident und ich
eine Linie gezogen: Wir wenden uns gegen Haushaltskürzungen, die so radikal sind, daß sie den
Interessen unserer Nation schaden und unsere
Fähigkeit zur Übernahme einer Führungsrolle
beschneiden.
Bedauerlicherweise scheinen zu viele Kongreßabgeordnete diese Linie überschreiten zu wollen. Die
führenden Vertreter des neuen Kongresses fordern
bei jeder Gelegenheit eine Führungsrolle Amerikas.
Aber allzuviele wollen uns das Minimum an Mitteln
verweigern, das jede Administration zur Erfüllung
dieser Aufgabe benötigen würde. Wenn der Senat
sich an die vom Bewilligungsunterausschuß für das
Wirtschafts-, Justiz- und Außenministerium genehmigten Größenordnungen hält, würde der Haushalt
des Außenministeriums innerhalb eines Jahres um
20 Prozent gekürzt - die größte Kürzung bei den
Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten in der
amerikanischen Geschichte. Wenn diese Kürzungen
beschlossen werden, haben wir keine andere Wahl,
als den Präsidenten um sein Veto gegen diese
Gesetzesvorlage zu bitten.
Vergangenen November befand ich mich am Tag
nach den Kongreßwahlen in Seoul, der ersten
Station meiner langen Asienreise. Damals war ich
ebenso wie heute davon überzeugt, daß die Kongreßwahlen keinen Freibrief darstellen, unsere
globalen Interessen oder die Notwendigkeit einer
überparteilichen Außenpolitik aus den Augen zu
verlieren. Daher habe ich zugesagt, daß die Vereinigten Staaten fest und unerschütterlich zu ihren
weltweiten Verpflichtungen stehen werden.
Der überparteiliche Konsens bezüglich des amerikanischen Engagements in der Welt ist ein Zeichen der
amerikanischen Stärke.
Vor fünf Jahrzehnten
ermöglichte dieser Konsens es Demokraten wie
Truman und Republikanern wie Vandenberg zusammenzukommen, um die NATO und den Marshallplan ins Leben zu rufen. Wenige Jahre später
kandidierte Dwight Eisenhower zum Teil für die
Präsidentschaft, um die Republikanische Partei fest und wie er hoffte, für immer - für globales Engagement zu gewinnen. In den vergangenen zwei
Jahren widerstand dieses Engagement den Kräften
des Isolationismus und Protektionismus bei NAFTA
und GATT und hat unsere Unterstützung für Reformen in der ehemaligen Sowjetunion und den Nahost-Friedensprozeß gefördert.

AMERIKA DIENST 28

In diesem Zusammenhang war ich erfreut, als gestern der frühere Präsident Bush vor den "Kräften der
Isolation" warnte und der New Yorker Bürgermeister
Giuliani "die mächtige Woge des Isolationismus, die
unseren politischen Diskurs erneut infiziert", kritisierte.
Ich hoffe noch immer, daß diese Sichtweise im
Kongreß vorherrschen wird.
Überparteilichkeit hat nie Differenzen in Fragen der
Politik ausgeschlossen. Sie erfordert jedoch die
Übereinstimmung, daß wir unsere Interessen nicht
schützen können, wenn wir nicht die mit unseren
Verpflichtungen einhergehenden Ressourcen klug
verwalten. Wir können nicht alles haben. Diejenigen,
die sagen, sie wollen ein starkes Amerika, haben die
Pflicht, Amerikas Stärke zu bewahren. Und diplomatische Bereitschaft ist unsere erste Verteidigungslinie großenteils damit wir nicht gezwungen sind, unsere
Männer und Frauen in Uniform unnötigen Risiken
auszusetzen. Moral, Ausrüstung und Kommunikation
sind für unsere Diplomaten nicht weniger wichtig als
für unsere Soldaten.
Bedauerlicherweise haben beide Häuser des Kongresses in den vergangenen Monaten drakonische
Maßnahmen zur Kürzung unseres Haushalts für
auswärtige Angelegenheiten vorgeschlagen. Die
jüngsten Aktionen des Senats-Bewilligungsausschusses stellen die vielleicht unmittelbarste Bedrohung
unserer nationalen Interessen dar.
Die für die Bewilligungen zuständigen Senatsbeamten
wollen beispielsweise das grundlegende Betriebsbudget des Außenministeriums um nahezu 300
Millionen Dollar kürzen. Das könnte uns zwingen,
rund 50 Botschaften und Konsulate zu schließen das entspräche allen Missionen in Asien oder Afrika.
Es könnte uns zwingen, zahlreiche Entlassungen und
unfreiwilligen unbezahlten Urlaub, die Schließung von
Paßbüros sowie die Einstellung der Modernisierung
unserer Kommunikationssysteme in Erwägung ziehen
zu müssen.
Unser Opfer wäre das Prinzip der Universalität
unserer Vertretung im Ausland - das Prinzip, daß es
praktisch in jedem Land eine amerikanische Mission
geben sollte. Universelle Vertretung hat sich zu
Beginn dieses Jahres als unschätzbar erwiesen, als
über 170 Länder der Welt von Albanien bis Zaire
gleiches Mitspracherecht bei der Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags hatten und gleichermaßen
von der amerikanischen Diplomatie überzeugt werden
mußten. Sie ist ebenfalls unerläßlich, wenn unerwartet eine Krise ausbricht, sei es in Burundi oder
Belarus, und wenn amerikanische Staatsbürger an
irgendeinem Ort der Welt in Gefahr sind.

Seite 3

�Tag für Tag hängt unsere Fähigkeit zur Bewältigung
dieser Herausforderungen von unseren Mitarbeitern
vor Ort ab. Sie sind für die Rüstungskontrollabkommen mit der Ukraine und Rußland verantwortlich.
Sie sind es, die Einzelheiten unseres Abkommens
über den Schutz geistigen Eigentums mit China
ausgearbeitet haben und seine Umsetzung sicherstellen müssen. Sie müssen die kriegführenden
Parteien in Bosnien überzeugen, sich für den Frieden zu entscheiden - mit hohem Risiko für ihr
Leben, wie wir gesehen haben. Deshalb werde ich
so ärgerlich, wenn ich abfällige Bemerkungen über
Diplomaten im Nadelstreifenanzug und in Limousinen höre.
Im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiter unserer
Vertretungen im Ausland nahezu zwei Millionen
Anträge von Amerikanern in Übersee beantwortet.
Wir haben über sechs Millionen Pässe ausgegeben.
In den vergangenen Jahren haben unsere Mitarbeiter amerikanischen Firmen Kontakte für Gewinne in
Milliardenhöhe verschafft. Unsere Missionen sind
auch die Arbeitsbasis für über 38 andere Dienststellen etwa des Verteidigungs-, Wirtschafts- und
Landwirtschaftsministeriums, des FBI und der Drogenbekämpfungsbehörde.
Wenn der Kongreß einschneidende und verheerende
Kürzungen vorschreibt, frage ich mich oft, ob er sich
Gedanken darüber gemacht hat, an welchen Orten
der Welt wir einen Rückzug beginnen sollten.
Sollten wir unsere Mitarbeiter von den Botschaften
im Nahen Osten zu einem für den Friedensprozeß
entscheidenden Zeitpunkt abziehen? Sollten wir
Vertretungen in Asien schließen, dem dynamischsten
Markt für unsere Exporte weltweit? Sollten wir
weniger Vorbereitungen für den nächsten Gipfel der
westlichen Hemisphäre treffen und den dramatischsten Marsch der Welt zu Demokratie ignorieren?
Wären Kürzungen dieser Größenordnung vor wenigen Jahren genehmigt worden, frage ich mich, wo
sie vorgenommen worden wären. Bei Haiti? Auf
dem Balkan? Im Falle Nordostasiens?
Eine Hauptaufgabe unserer Diplomaten besteht in
der Verhinderung von Krisen, die uns sonst teuer zu
stehen kommen würden. Dank unseres vereinbarten
Rahmenabkommens mit Nordkorea, mit dem das
Nuklearprogramm des Landes eingefroren wurde,
sparen wir beispielsweise jetzt Millionen Dollar.
Ohne es hätten wir uns gezwungen gesehen, unsere
Streitkräfte in Nordostasien drastisch aufzustocken.
Dennoch haben wir Schwierigkeiten, den Kongreß
zur Genehmigung von 20 Millionen Dollar für die
Umsetzung des Abkommens als unseren bescheidenen Beitrag zu den Milliarden, nicht Millionen Dollar
zu bewegen, die Südkorea und Japan aufzuwenden
bereit sind.

Seite 4

Ich bin auch entschlossen, mich den drastischen
Kürzungen zu widersetzen, die für unsere Beiträge zu
internationalen Institutionen vorgeschlagen wurden.
Die für die Bewilligungen Zuständigen im Senat
wollen unsere Mittel für internationale Institutionen um
nahezu 400 Millionen Dollar reduzieren.
Diese
Maßnahmen könnten unsere Verpflichtungen gegenüber der NATO beeinträchtigen. Sie würden uns
zwingen, die Unterstützung für die Internationale
Atomenergie-Organisation einzuschränken, die für
unsere Bestrebungen von entscheidender Bedeutung
ist, sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und
Nordkorea nicht Nuklearwaffenstaaten werden. Sie
würden die Weltgesundheitsorganisation betreffen,
die führend beim Kampf gegen Krankheiten wie AIDS
und Ebola ist.
Unsere Beiträge zur Friedenssicherung würden auf
nur 250 Millionen Dollar begrenzt. Das würde den
Abzug von Friedenstruppen und Monitoren aus
lebenswichtigen Krisengebieten erzwingen, einschließlich des Nahen Ostens. Die Friedenssicherung hat nicht immer ihren beabsichtigten Zweck
erreicht. Aber ebenso sicher hat sie uns die Förderung unserer Interessen ermöglicht, ohne unsere
Truppen zu zwingen, alle Risiken zu tragen oder den
Steuerzahler, alle Rechnungen zu bezahlen. Ohne
die Friedenssicherung wären wir jedes Mal, wenn
eine Krise entsteht, mit einer inakzeptablen Entscheidung konfrontiert - der Entscheidung, im Alleingang zu handeln oder gar nichts zu tun.
Wenn wir unsere Beiträge zur Friedenssicherung
nicht zahlen, setzen wir auch unsere Fähigkeit aufs
Spiel, auf die Reform der Vereinten Nationen und
anderer Institutionen zu drängen. Zweifelsohne sind
weitreichende Veränderungen erforderlich. Aber wir
werden unsere Verbündeten nicht für die Unterstützung unserer Vorschläge gewinnen, wenn sie
denken, wir nehmen die Reformen als Vorwand,
unsere Verpflichtungen zu umgehen. Wir können
nicht reformieren und uns gleichzeitig zurückziehen.
Die Mitglieder des Bewilligungsauschusses haben
auch dafür gestimmt, das Amt für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (Arms Control and Disarmament
Agency - ACDA) um über 50 Prozent zu reduzieren.
Wie Sie wissen, stehen wir unmittelbar vor einem
wichtigen Durchbruch in diesem Bereich, einschließlich eines Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot. Warum sollten wir diesen Moment wählen,
um die zur Aushandlung und Verifizierung solch
lebenswichtiger und komplexer Rüstungskontrollabkommen erforderlichen Ressourcen zu dezimieren?
Der Senat will auch die Mittel für das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA)
sowie für internationale Fernseh- und Rundfunksen-

AMERIKA DIENST 28

�düngen kürzen - des Sprachrohrs für unsere Werte
und mit der kostengünstigste Weg zur Projizierung
unseres Einflusses.
Ich möchte hinzufügen, daß ACDA, USIA und das
Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) spezifische Missionen haben, die beibehalten werden sollten. Hier
geht es um Ressourcen, nicht Reorganisation.
Zu den von mir bereits angesprochenen Kürzungen
kommen noch andere Vorschläge des Kongresses,
die im Falle ihrer Verabschiedung die Auslandshilfe
um fast 3 Milliarden Dollar kürzen würden. Das
würde die Finanzierung für multilaterale Entwicklungsbanken und bilaterale Hilfe zunichte machen.
Ich glaube nicht, daß Präsident Eisenhower unrecht
hatte, als er Amerikas Auslandshilfe als "beste
Investition" bezeichnete. Ich glaube nicht, daß jeder
seit dem Zweiten Weltkrieg gewählte Kongreß
unrecht hatte, als erden amerikanischen Diplomaten
vor Ort stetige Unterstützung gewährte. Ich glaube
nicht, daß jede Administration seit den Tagen von
Franklin D. Roosevelt unrecht hatte bezüglich der
vitalen Bedeutung internationaler Organisationen.
Die vorgelegten Haushaltsvorschläge enthüllen
meiner Ansicht nach, wir kurz unser historisches
Gedächtnis ist. Sie spiegeln einen beunruhigenden
Mangel an Verständnis dafür wider, was die Vereinigten Staaten in den vergangenen 50 Jahren in
der Welt geleistet haben - und wie wir es geleistet
haben. Kürzungen dieser Größenordnung würden
schlicht und einfach einen fundamentalen Bruch mit

*

AMERIKA DIENST 28

der amerikanischen Führungstradition bedeuten. Sie
sind nicht verantwortlich. Die Fähigkeit dieses und
jedes zukünftigen Präsidenten zur Wahrung amerikanischer Interessen steht auf dem Spiel.
Abgesehen von den Budgetkürzungen sollte ich
erwähnen, daß der Senatsausschuß für auswärtige
Angelegenheiten im Augenblick die Nominierungen
von Botschaftern für 30 Länder zurückhält. Er
verweigert auch die Abstimmung über zwei Verträge START II und die Chemiewaffenkonvention - zu
denen praktisch einhellige Zustimmung besteht.
Zusammengenommen verkörpern die von mir heute
abend beschriebenen Aktionen einen beispiellosen
Angriff auf die Fähigkeit zur Durchführung einer
effektiven Außenpolitik eines Landes.
Ich schätze den Rat als Ort lebhafter Diskussionen
und einer gesunden Debatte. Welche Meinungsverschiedenheiten wir über spezifische politische Themen auch haben mögen - ich bitte Sie, folgendes in
Erwägung zu ziehen: Wenn diese Kürzungen vorgenommen werden, könnten wir in wenigen Jahren
nicht die Mittel zur Umsetzung einer Außenpolitik
haben, für die es sich einzutreten lohnt. Und das
wäre eine Tragödie für das Land und die Welt
gleichermaßen.
Die Zeit ist knapp. Jeder von uns muß bessere
Arbeit bei der Verteidigung des andauernden Bedarfs
nach einer amerikanischen Führungsrolle leisten.
Wenn wir Erfolg haben, können wir hoffentlich zu der
Debatte zurückkehren, die wir haben sollten - der
Debatte darüber, wie Amerikas Stärke genutzt wird,
statt darüber, ob wir stark sein sollten.

* * *

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Amerika auf der Suche nach einer Parole
von Maynard Glitman
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Maynard Glitman über die amerikanische Außenpolitik
nach dem Kalten Krieg. Der Verfasser ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Vermont,
ehemaliger amerikanischer Botschafter in Belgien und Chefunterhändler der Amerikaner bei den
Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen sowie über Atomraketen mittlerer
Reichweite. Glitman absolvierte kürzlich ein Programm als Gastredner in der Türkei, Bulgarien, Frankreich und
Kanada.

Amerika wurde während des Großteils seiner Geschichte von hehren, inspirierenden Zielen motiviert,
die oftmals mit dem Bestand der Gesellschaft in
Zusammenhang standen. Charakteristisch für die
ersten Jahre waren die Ansiedlung von Europäern
und ihr Überleben sowie das Bestreben, Unabhängigkeit zu erlangen und zu bewahren. Die Entwicklung und Einführung eines auf die amerikanische
Erfahrung zugeschnittenen
Regierungssystems
sowie der Kampf um die Aussöhnung des unvereinbaren Nebeneinanders von Demokratie und Sklaverei gipfelte im anschließenden Bürgerkrieg.
Während dieser Zeit und bis weit ins letzte Jahrzehnt
des 19. Jahrhunderts wurde der greifbare Ausdruck
von Amerikas "Manifest Destiny" von der großen
Westbewegung, der "Frontier", beherrscht. Als die
"Frontier" nicht mehr existierte, liebäugelte Amerika
kurze Zeit mit dem Ziel der Gründung eines kolonialistischen Imperiums.
Der Eintritt in den Ersten Weltkrieg, Roosevelts
Bestrebungen zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise und insbesondere der Zweite Weltkrieg waren
ebenfalls Beispiele für profunde und weithin akzeptierte nationale Ziele mit noblem Charakter, die unter
anderen Tagesfragen hervorstachen, zu einer Parole
für die Nation wurden und anschließend nahezu
mythische Eigenschaften annahmen.
Der Sieg im Kalten Krieg war das letzte dieser
großen nationalen Ziele. Der erste Krieg war lang,
"total" und hatte Auswirkungen auf die nationale
Politik, Wirtschaft und Psyche. Kennzeichnend für
den Kalten Krieg waren seine Länge und Intensität.
Überschattet von der Angst vor der "Bombe", im Sog
einer subversiven Bedrohung war das Gebot, den
Kalten Krieg zu gewinnen, nahezu ein halbes Jahr-

AMERIKA DIENST 28

hundert lang die dominante Realität der nationalen
Existenz. Es veranlaßte Amerika dazu, Aktionen zu
unternehmen und sich auf eine Art und Weise zu
verhalten, die bisweilen dem Selbstbildnis des
Landes widersprach. Ferner verschlang es große
Mengen der intellektuellen und finanziellen Ressourcen des Landes und förderte mit durch eine Vielzahl
von Krisen verursachter Intensität eine Kultur, die
relativ mehr Betonung auf schnelle als auf überlegte
Reaktion legte.
Obwohl der Kalte Krieg so lange Bestandteil des
amerikanischen Lebens war, endete er auf relativ
undefinierbare Weise, ohne daß eine gegnerische
Armee auf dem Schlachtfeld besiegt wurde und die
amerikanischen Streitkräfte zu einer Siegesparade
nach Hause zurückkehrten. Im Gegenteil: Obwohl
die Nation bereit war, ihre Aufmerksamkeit auf die
Überwindung der negativen Auswirkungen des Kalten
Krieges auf ihre innenpolitische Gesundheit zu
konzentrieren, sah sie sich bald gezwungen, außenund sicherheitspolitischen Themen wie dem Golfkrieg
und Bosnien einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit zu
widmen.
All diese Faktoren tragen dazu bei, die Anpassung an
die Gegebenheiten der Welt nach dem Kalten Krieg
schwierig zu gestalten. Der Umgang mit dem Erfolg
im Kalten Krieg erweist sich als ebenso schwierig wie
der Umgang mit der Feindschaft während des Kalten
Krieges. Daher ist es verständlich, daß nur wenige
Jahre nach der Verkündigung der Beendigung dieses
Krieges noch kein neues, übergeordnetes Ziel zum
Vorschein gekommen war, das die amerikanische
Nation einen könnte.
Nicht, daß amerikanische Politiker keine neuen
Parolen ausgegeben hätten.
In Anbetracht der

Seite 1

�Tatsache, daß auswärtige Angelegenheiten den
Kern der Bestrebungen des Kalten Krieges darstellten und eine Rolle bei den anderen großen nationalen Bestrebungen Amerikas spielten, ist es nicht
erstaunlich, daß sie Bestandteil der Versuche in der
Zeit nach dem Kalten Krieg waren, ein neues,
umfassendes nationales Ziel zu entwickeln. Folglich
unterbreitete Präsident Bush das Konzept einer
"neuen Weltordnung" und der Entwicklung eines
Zusammenschlusses freier Nationen "von Vancouver
bis Wladiwostok". Präsident Clinton forderte Amerika auf, die Ausweitung der Demokratie zu unterstützen - zusammen mit seiner innenpolitischen
Tagesordnung unter Betonung wirtschaftlicher
Umstrukturierung und der Einführung eines nationalen Gesundheitsprogramms.
Keine dieser Initiativen schürte jedoch die nationale
Phantasie. Ohne ein übergeordnetes Ziel scheint
die Politik der Vereinigten Staaten, insbesondere die
Außenpolitik, von einem Gefühl der Orientierungslosigkeit charakterisiert zu sein. Dieses Gefühl
wurde verstärkt durch ausgeprägte regierungsfeindliche Gefühle, für die das Ergebnis der Wahlen
von 1994 ein Beispiel ist, die selbst die Rolle der
Regierung in Zweifel zogen. Es ist wahrscheinlich,
daß die Entwicklung eines neuen nationalen Ziels,
das breite Unterstützung findet, bis zur Lösung
dieser Frage an der Wahlurne warten muß.
Eine politische Führungsrolle kann einem neuen
nationalen Ziel Gestalt, Form und Dynamik verleihen.
Sie muß einem tiefempfundenen und weithin unterstützten Bedürfnis nach der Erreichung eines nationalen Ziels entspringen. Die Amerikaner sind dafür
bekannt, daß sie sich kurzlebigen Modeerscheinungen hingeben. Das für die Einigung der Nation in
Größe erforderliche Ziel muß weitaus tiefer verwurzelt sein. Selbst große Wissenschafts- oder Bauprojekte eignen sich hierfür wahrscheinlich nicht.
Daher ist es durchaus möglich, daß noch mehr Zeit
vergehen wird, bis ein Konsens über eine neue
Parole gefunden wird.
Die Welt (und Amerikas innenpolitische Bedürfnisse)
werden jedoch kein Charakteristikum der Zeit sein,
bis die Generation des Zeitalters nach dem Kalten
Krieg in Amerika ihr "Rendevouz mit dem Schicksal"
erkennt. Man wird Maßnahmen entwickeln und
durchführen müssen. Ohne den Impuls eines neuen
nationalen Ziels werden sie wahrscheinlich keine
heroische Dimension haben. Aber die Außenpolitik
während dieser Zeit könnte ein Erfolg sein, wenn sie
drei Kriterien erfüllt: Die Beibehaltung der Fähigkeit
Amerikas, Ereignisse auf der Welt zu beeinflussen,
die Förderung der amerikanischen Sicherheitsinteressen und die Stärkung ihres wirtschaftlichen Wohlergehens.

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Eine erste Debatte darüber, wie dieses Ergebnis im
Bereich der Außenpolitik erreicht werden kann, hat
bereits begonnen. Einige sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
die Priorität bei der Gewährleistung der amerikanischen Handlungsfreiheit liegen sollte, selbst auf
Kosten einer Schwächung früherer Bündnisse,
insbesondere der NATO, die ihrer Ansicht nach
überflüssig geworden sind.
Es ist das Verdienst des transatlantischen Bündnisses, daß es mehr als jede andere im Kalten Krieg
entstandene Institution die Notwendigkeit des Wandels erkannte. Seine Streitkräfte wurden abgebaut
und umstrukturiert. Es paßte sich an die Evolution
der transatlantischen Partnerschaft an, indem es ein
neues funktionierendes Verhältnis zwischen der
NATO und der WEU schuf. Nach der Gründung des
Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) wurden
ehemalige Gegner eingeladen, an den Konsultationen
im Hauptquartier des Bündnisses teilzunehmen.
Ferner wurden gemeinsame Militärübungen sowie der
Austausch von Personal und Informationen mit
diesen Ländern aufgenommen, was jetzt im Programm Partnerschaft für den Frieden seinen Niederschlag findet, und eine aktive Erwägung der Aussichten und Modalitäten der Aufnahme neuer Mitglieder wurde begonnen.
Um effektiv zu bleiben, muß das Bündnis jedoch vor
allem seine gewohnheitsmäßige Konsultation und
Kooperation im politischen, Sicherheits- und Verteidigungsbereich beibehalten sowie seine Fähigkeit
bewahren, gemeinsame politische oder militärische
Unternehmungen durchzuführen - entweder unter der
Schirmherrschaft des Bündnisses oder eines anderen
Gremiums. Dies wiederum bedeutet, daß Foren des
Bündnisses, insbesondere der Nordatlantikrat und
Mechanismen wie die integrierte Kommandostruktur
und gemeinsame Manöver auf eine Art und Weise
genutzt werden müssen, die allen Mitgliedern gewährleistet, daß sie dank der NATO - sichtlich - über
die Fähigkeit verfügen, eine Bedrohung ihrer Sicherheit abzuwehren und solche Bedrohungen
notfalls zu überwinden.
Die gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit und die
Fähigkeit hierzu sind vielleicht das kostbarste Vermächtnis, das die amerikanischen Gründerväter und
diejenigen, die in den langen Jahren des Kalten
Krieges ihre Arbeit taten, nachfolgenden Generationen hinterließen. Es sollte nicht weggeworfen,
sondern mit anderen geteilt werden, beispielsweise
im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden.
In der Tat haben die Mitglieder des Bündnisses diese
Gewohnheiten und diese Fähigkeit in der Zeit nach
dem Kalten Krieg in Teilen der Welt im sogenannten

AMERIKA DIENST 28

�bündnisfremden Gebiet, wo ihre entscheidenden
Interessen auf dem Spiel standen, effektiv genutzt,
vor allem während des Golfkriegs. Obwohl die
NATO als NATO nicht beteiligt war, spielten die im
Bündnis entstandenen Gewohnheiten sowie die
Fähigkeit zur Kooperation und Zusammenarbeit eine
Schlüsselrolle beim Erfolg der politischen und
militärischen Bestrebungen am Golf.
Wir können nicht erwarten, daß alle künftigen Krisen
so klar und eindeutig sind wie der Golfkrieg. Der
Aggressor war klar definiert sowie leicht und zutreffend als eine Bedrohung dargestellt. Das Vorgehen
hatte daher legale und moralische Rechtfertigung.
Das gemeinsame Interesse der Bündnispartner an
der Gewährleistung, daß dieser Aggressor nicht
vitale Ressourcen in die Hand bekommt, war ebenfalls offenkundig und lieferte die realpolitische
Grundlage für die Militäraktion.
Wir können auch nicht erwarten, daß alle künftigen
Krisen so komplex und verwirrend sein werden wie
die im ehemaligen Jugoslawien. Der Klarheit der
Situation am Golf, einschließlich eines Gefühls für
die betroffenen nationalen Interessen, steht in der
Balkansituation das genaue Gegenteil gegenüber.
Auf jeden Fall haben die langwierigen und bisher
erfolglosen Bestrebungen zu einer Lösung dieser
Situation nicht nur viele Menschenleben gefordert,
sondern uns auch ein starkes Gefühl des Scheiterns
vermittelt, das im Westen das Selbstvertrauen
unterminiert und das Gefühl "gemeinsamer strategischer Interessen" geschwächt hat, selbst wenn die
Verbündeten dies in ihrem Kommunique vom Mai
1995 proklamierten.
Aber das Scheitern bezieht sich eher auf die Analyse sowie das Verständnis der Geschichte der Region
und des Temperaments seiner Völker als auf mangelnde Willenskraft. Der Wille wäre dagewesen,
wenn wir uns einer der Zeit und dem Ort angemessenen Politik verschrieben hätten.
Wäre zum Beispiel frühzeitig erkannt worden, daß
Jugoslawien sich nicht durchwursteln kann und
auseinanderbrechen würde; wäre erkannt worden,
daß die serbischen Minderheiten zwar bereit wären,
in von kroatischen und slawischen Muslimen dominierten Republiken im Kontext eines föderalen
Jugoslawien zu leben, sie sich jedoch weigern
würden, in solchen Republiken zu leben, wenn diese
unabhängige Staaten geworden wären; wäre das
Widerstreben der westlichen Öffentlichkeit und der
Politiker, in den Krieg einzugreifen, um die serbischen Minderheiten zu zwingen, Teil von Kroatien
und Bosnien zu bleiben, garantiert gewesen; wäre
verstanden worden, daß Menschen nicht mit Bomben zu liebevollen Beziehungen gezwungen werden

AMERIKA DIENST 28

können, sondern daß im Gegenteil, wie durch den
Abzug der Krajina-Serben vor kurzem demonstriert
wurde, viele wünschen oder sich genötigt sehen
würden, lieber umzusiedeln, als in einem von den
anderen jugoslawischen ethnischen/religiösen Gruppen dominierten Staat zu leben, insbesondere
nachdem das Blutvergießen begonnen hatte - dann
wäre der Ansatz zu diesem Problem anders gewesen.
Die Betonung hätte von Anfang an auf der Schaffung
einer neuen Struktur und deren finanzieller Unterstützung gelegen, einschließlich eines lebensfähigen
Staates slawischer Muslime (mit hoffentlich einigen
Rudimenten der Multiethnizität) entlang vornehmlich
slowenischer, serbischer und kroatischer Staaten.
Die Verpflichtung aller vier zu starken Minderheitenrechten wäre ein sine qua non für offizielle Anerkennung gewesen. Hilfsprogramme wären eingerichtet
worden, einschließlich der Entschädigung für zurückgelassenes Eigentum und Hilfestellung bei der
Rückführung, wie sie im Falle von Griechenland und
Bulgarien sowie von Griechenland und der Türkei im
Anschluß an ähnlich blutige ethnische Konfrontationen Anfang der zwanziger Jahre erfolgte.
Selbst aus der gegenwärtigen Perspektive betrachtet,
ist dies zwar kein perfektes Ergebnis und ein schwacher Trost für diejenigen von uns, die den Schmelztiegel-Ansatz befürworten, es ist jedoch sicherlich das
geringste Übel. In der Tat legen Berichte über den
Inhalt des letzten von den Vereinigten Staaten
unterstützten Friedensplans für die Region nahe, daß
er sich auf eben solche Prämissen stützt, einschließlich der Bereitschaft, den Ansatz der Kompromißlosigkeit aufzugeben, der ein Merkmal früherer, den
kriegführenden Slawen im Süden vorgelegter Pläne
war. Darüber hinaus haben die bosnisch-serbische
Führung und das Parlament (noch vor Beginn der
Bombardierungen) ein Interesse an einer Verhandlungslösung auf der Grundlage dieses Vorschlags
zum Ausdruck gebracht.
Die Zeit wird weisen, ob das letztliche Ergebnis der
Balkan-Tragödie einen Teil des Selbstbewußtseins
wiederherstellen wird, das die Verbündeten in den
vergangenen Jahren verloren haben. Die jüngste
Demonstration der Entschlossenheit gekoppelt mit
dem neuen, realistischeren, politischen Ansatz sollte
hierbei behilflich sein.
Neue Vorschläge für die Stärkung der transatlantischen und europäischen sicherheitspolitischen
Beziehungen wurden ebenfalls vor kurzem unterbreitet.
Dazu zählen Vorschläge bezüglich der
Chartas, Pakte und Freihandelszonen, die in Wirklichkeit breite, übergreifende und häufig interpretierende
Ansätze einzusetzen versuchen, um alten Arran-

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�gements neues Leben einzuhauchen oder die
Kluften in neuen zu überbrücken. Herausragend
dabei sind die Rufe nach einer neuen transatlantischen Charta, um Richtlinien für die Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und
Europa in der Zeit nach dem Kalten Krieg aufzustellen sowie die Erarbeitung einer Art von Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland.
Ein ähnliches, aber konkreteres Konzept betrifft die
Entwicklung einer Freihandelszone, die Nordamerika
mit der Europäischen Union (EU) verbindet. Dieser
Vorschlag hat bereits zu Debatten über ihre Auswirkungen auf die neue Welthandelsorganisation
geführt, die Handel auf globaler Basis ausweiten soll.
Sie würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Wunsch, wenn nicht sogar den Zwang
vergrößern, daß die europäischen Nichtmitglieder
der EU entweder Mitglieder werden oder ihre Assoziierungsarrangements mit der EU erweitern, wenn sie
nicht einen enormen kommerziellen Nachteil hinnehmen wollen.
In der derzeitigen Situation ist es am wichtigsten,
daß die Regierungen diesen Weg nur verfolgen,
wenn sehr gute Aussichten auf Erfolg bestehen.
Denn das Scheitern eines Abschlusses der Verhandlungen über eine neue transatlantische Charta, eine
transatlantische Freihandelszone oder einen Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland
könnte den Beziehungen, die sie stärken sollen,
großen Schaden zufügen.
Letztlich werden weder diese Ansätze noch die
anderen in der europäischen Sicherheitsarchitektur
vorgenommenen Änderungen Erfolg haben, wenn
die Mitglieder des Bündnisses nicht der Auffassung
sind, daß sie immer noch gemeinsame Interessen
haben, die eine Fortsetzung erstrebenswert machen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges besteht zweifelsohne nicht mehr das fundamentale gemeinsame
Interesse, einer Bedrohung der Existenz freier
Gesellschaften durch die Sowjetunion zu widerstehen. Infolgedessen werden die Bündnispartner
Differenzen in Bereichen wie Handel, einschließlich
des Handels mit Mehrzwecktechnologien, nicht so
leicht immer noch vitalen, aber nicht allumfassenden
Sicherheitserwägungen unterordnen.
*

Seite 4

Dennoch gibt es immer noch mehr als genug Gebiete
gemeinsamen Interesses, die die Bewahrung eines
umstrukturierten Bündnisses rechtfertigen. Natürlich
denkt man an den Golfkrieg. Man könnte jedoch
auch die Bereitwilligkeit anführen, mit der die Mitglieder sich an das Bündnis wandten, ein Forum für
die Erörterung des gescheiterten Putsches in Moskau
vom August 1991 und den innenpolitischen Konflikt
zwischen Präsident Jelzin und der russischen Duma
im Oktober 1993 zu bieten. Die andauernde operative Unterstützung, die sich die Bündnispartner in
Gebieten wie Afrika gewährten, sowie der Wert ihrer
Zusammenarbeit in internationalen Foren wie den
Vereinten Nationen sind andere Beispiele. Besteht
irgendein Zweifel, daß es weitere geben wird?
Es ist offensichtlich, daß es Meinungsverschiedenheiten geben wird, zum Beispiel darüber, wie man mit
der Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung durch
den Iran umgeht. Dennoch sind Differenzen über die
Bewältigung solcher Probleme nicht völlig neu und
traten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges auf.
Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit
und der Bewahrung der Bündnispartnerschaft angesichts dieser Meinungsverschiedenheiten und in
Abwesenheit einer existentiellen gemeinsamen
Bedrohung ist, die Kommunikationskanäle offenzuhalten, frühzeitig, häufig und offen zu konsultieren
sowie Überraschungen und Faits accomplis zu
vermeiden. Die Gewohnheit der Kooperation sowie
der Wille und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit
erfordern Kompromisse und Rücksichtnahme und
werden die Handlungsfreiheit beschneiden, aber sie
haben in diesem neuen und unsicheren Zeitalter nach
wie vor großen Wert. In der Tat, wenn Handlungsfreiheit wünschenswert ist, so gilt dasselbe für
Verbündete, wenn man sie braucht.
Diese Arbeit zu leisten, erfordert kompetente Führung. Es ist nicht der Stoff, aus dem heroische
Legenden gemacht sind, oder zu dem sich Politiker
hingezogen fühlen. Es ist jedoch unerläßlich sicherzustellen, daß Amerika und seine Verbündeten immer
noch die Option haben, mit Hilfe und innerhalb eines
starken Rahmens internationaler Bündnisse zu
arbeiten, wenn die nächste Parole ausgegeben wird.

*

AMERIKA DIENST 28

�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

50 Jahre Hessen
Grußwort von Präsident Clinton
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir ein Grußwort Präsident Clintons an die Bevölkerung des
Bundeslandes Hessen, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, Charles E. Redman, beim offiziellen Festakt in der Frankfurter Paulskirche aus Anlaß der
Gründung des Bundeslandes Hessen durch die amerikanische Militärregierung vor 50 Jahren verlas.

Als General Dwight D. Eisenhower am 19. September 1945 seine "Proklamation Nummer 2" unterzeichnete, setzte er weit mehr in Bewegung als eine
neue Regierung für das Bundesland Hessen.
Hessische Bürgerinnen und Bürger aus allen Lebensbereichen haben den Neubeginn von 1945
genutzt, um eine starke Tradition repräsentativer
Demokratie, freien Meinungsaustauschs, verfassungsgemäßen Regierens und gemeinsamen
Wohlstands aufzubauen. Die Feierlichkeiten anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens von Hessen
bieten eine zeitgemäße Gelegenheit, über Ihre
segensreichen politischen und wirtschaftlichen
Leistungen zu reflektieren.

Die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, von
denen viele ihre Vorfahren bis zu der historischen
Region Hessen zurückverfolgen können, sind stolz
darauf, während der vergangenen fünfzig Jahre Ihr
Partner gewesen zu sein. Während dieser Zeit
haben Sie dauerhafte demokratische Traditionen
entwickelt, die uns miteinander verbinden. Wir freuen
uns auf die Fortsetzung unserer Partnerschaft in den
nächsten fünfzig Jahren und darüber hinaus.
Mit den besten Wünschen
William J. Clinton

* * * * *

AMERIKA DIENST 28

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�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

"Wieder Zusammen"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman
EINSENACH - (AD) - Anläßlich der Eröffnung der Veranstaltungsreihe "Wieder Zusammen - Amerikanische
Tage in Thüringen" hielt der Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles
E. Redman, am 20. September 1995 in Eisenach die nachfolgende Ansprache.

Herr Ministerpräsident,
Mr. Stevens,
Mr. Hermann,
sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute nachmittag
"Wieder Zusammen - Amerikanische Tage in Thüringen" eröffnen zu dürfen. Mit "Wieder Zusammen"
werden die erneuerten Kontakte zwischen den
Vereinigten Staaten und den Bürgern Thüringens
gefeiert. Die Veranstaltung steht für unser großes
Engagement in diesem wichtigen Teil Deutschlands.
Es ist äußerst angemessen, daß wir diese Feier hier,
bei Opel in Eisenach, abhalten. Denn hier sehen wir
die starke amerikanische Präsenz in den neuen
Bundesländern und die Auswirkungen, die diese
Präsenz haben kann, am deutlichsten. Der motivierte, von Teamgeist geleitete Ansatz der Opel AG zur
Problemlösung dient als Modell für die gesamte
ostdeutsche Industrie. Ich möchte Mr. Stevens und
Mr. Hermann persönlich für Ihre Gastfreundschaft
am heutigen Tag danken und Ihnen allen "Herzliche
Glückwünsche zum Geburtstag" sagen.
Die Amerikaner sind aktiv am Aufbau der wirtschaftlichen Zukunft der neuen Bundesländer beteiligt - der
dynamischsten Wachstumsregion im heutigen
Europa. Ungefähr ein Viertel aller ausländischen
Investitionen entfällt auf amerikanische Unternehmen, die rund 15.000 Arbeitsplätze in einer Vielzahl
von Bereichen stellen - Coca Cola, McDonalds,
führende Hotelketten, Banken, MIBRAG (NRG und
Morrison), Dow Chemical und Otis Elevator. Und
natürlich auch Lear Seating, von denen die Stühle
hergestellt wurden, auf denen Sie heute sitzen.
Die Amerikaner sind auch Partner in vielen kleinen
und mittelständischen Betrieben mit weniger als 100
Beschäftigten. Allied Signal plant die Entwicklung

AMERIKA DIENST 28

eines Zentrums für synthetisches Material in Rudolstadt. Applied Materials aus Santa Clara in Kalifornien hat einen Vertrag in Höhe von 80 Millionen DM
für die Installation moderner Technologie in der
neuen Siemensfabrik in Dresden.
Darüber hinaus haben wir in Umwelttechnologie,
Hoch- und Tiefbau, medizinisches Gerät, Verbrauchsgüter und Dienstleistungen, Unternehmensberatung
und Werkzeugmaschinen investiert.
Die Amerikaner sind ebenfalls stark engagiert bei der
Entsorgung von Altlasten der neuen Bundesländer.
In Brandenburg sind amerikanische Firmen beispielsweise Teil eines innovativen Programms für die
Behebung der von den abgezogenen russischen
Truppen hinterlassenen Schäden durch die Umrüstung verlassener Militärstützpunkte in Hochtechnologieparks.
Dow Chemical hat sich bei der Übernahme der
Werke in Buna und Leuna zu einer umweltverträglichen Umgestaltung dessen verpflichtet, was früher
industrielle Einöde war.
Dieses amerikanische Engagement wird durch eine
wichtige Konferenz in Erfurt am 6. und 7. Oktober
unterstrichen, die gemeinsam von der Amerikanischen Botschaft und der American Chamber of
Commerce veranstaltet wird. Diese Konferenz ist die
dritte einer Serie, die im letzten Jahr in Berlin und
Leipzig begonnen wurde und die kooperative Rolle
der US-Regierung bei der Ankurbelung von Investitionen in den neuen Bundesländern hervorhebt.
Mit Blick in die Zukunft wollen wir ein neues Netz
menschlicher Bande zwischen Amerika und den
östlichen Bundesländern aufbauen. Diese wurzeln in
einer Tradition, die auf die vielen Tausenden von
Deutschen zurückreicht, die diese Region über die
Jahrhunderte hinweg verließen, um in der Neuen

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�Welt ein neues Leben zu beginnen. Sie gehörten zu
den über sieben Millionen Deutsch sprechenden
Europäern, die nach Amerika emigrierten. Heute
haben 60 Millionen Amerikaner deutsche Vorfahren ein Viertel der US-Bevölkerung.
Zusammen haben wir über die Jahrhunderte eine
Gemeinschaft von Werten und Interessen mit
kulturellen und familiären Banden aufgebaut, die die
Nationen des Nordatlantikraums verbinden. Diese
lebenswichtigen Bande tragen dazu bei, die Stärke
und Flexibilität unserer politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu garantieren.
Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, daß diese
Bande stark bleiben.
Millionen amerikanischer
Soldaten und ihre Familien haben seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs im westlichen Teil Deutschlands gelebt. Die Menschen in diesem Teil Deutschlands hatten jedoch nicht die Chance zu dieser Art
von intensiven Kontakten mit Amerikanern. Jetzt
müssen wir die verlorene Zeit aufholen, indem wir
Amerikaner und Deutsche in Kontakt miteinander
bringen.
Aus diesem Grund haben wir unser auch für Sachsen und Thüringen zuständiges Amerika HausProgramm in Leipzig eingerichtet, das jetzt erweitert
wird. Mit der starken Unterstützung der Freunde des
Amerika Hauses Berlin werden unsere Programme
in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und MecklenburgVorpommern ebenfalls erweitert. Wir bauen Brücken
wieder auf und stellen Verbindungen wieder her, die
sechs lange Jahrzehnte unterbrochen waren.
Der Jugendaustausch ist von besonderer Bedeutung. Ausgezeichnete Programme wie das Parlamentarische Patenschaftsprogramm Kongreß/Bundestag und das Deutsch-Amerikanische Partnerschaftsprogramm bieten Tausenden junger Menschen die Gelegenheit, zusammen zu leben und zu
arbeiten. Seit 1990 hat die Amerikanische Botschaft
nahezu Tausend jungen Deutschen in den neuen
Bundesländern ein Stipendium für einen Besuch in
den Vereinigten Staaten gewährt.
Auch der Austausch auf Universitätsebene hat sich
als unschätzbar erwiesen. Seit 1952, als das
deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm ins
Leben gerufen wurde, haben 25.000 deutsche und
amerikanische Studenten, Dozenten und Professoren Zeit im jeweils anderen Land verbracht. Dies
hatte nicht nur bedeutende Auswirkungen auf ihre
Persönlichkeitsbildung, sondern auch auf Fortschritte
in der Wissenschaft und anderen Forschungsgebieten.

Die RIAS Berlin Kommission hat damit begonnen,
engere Kontakte im Bereich der Medien zu fördern,
indem sie Austauschprogramme für Journalisten aus
den fünf neuen Bundesländern durchführt.
•
In Zusammenarbeit mit der Universität Halle-Wittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen beteiligen
wir uns aktiv an der Einrichtung eines Center for
Advanced English and U.S. Studies in der Lutherstadt
Wittenberg. Radio Charlie der Voice of America hat
in Berlin auf der Frequenz des alten AFN den Sendebetrieb aufgenommen. Eine weitere interessante
neue Institution, die Amerikanische Akademie zu
Berlin, konzentriert sich auf Kulturaustausch über den
Atlantik hinweg und in ganz Zentraleuropa.
Ich möchte betonen, daß wir nicht nur neue Bande
knüpfen, sondern auch alte wiederherstellen. Seit
der Vereinigung Deutschlands haben wir unsere
zahlreichen historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen gestärkt. Wir sind wirklich alte
Freunde, die nach langer Zeit wieder vereint sind.
Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Thüringen haben eine lange Geschichte. Goethe, der stets am amerikanischen Experiment interessiert war, hatte in den Vereinigten Staaten großen
Einfluß - und nicht nur infolge seines berühmten
Gedichtes "Amerika, Du hast es besser". Bereits
1817 stiftete er der Harvard University eine Kopie
seiner gesammelten Werke.
John Augustus Röbling stammt ebenfalls aus Thüringen. Er war, wie Sie vielleicht wissen, Ingenieur und
der Architekt der weltberühmten Brooklyn Bridge, die
lange Zeit die längste Hängebrücke der Welt war.
In diesem Jahrhundert hatte die Bauhaus-Bewegung,
die eng mit Weimar in Verbindung steht, weitreichenden Einfluß auf die Vereinigten Staaten im Hinblick
auf Industriedesign und Architekturstil.
Diese Bande waren jahrzehntelang unterbrochen.
Ihre Wiederherstellung ist eine Aufgabe, die Jahre
erfordern wird. Ich freue mich jedoch, daß wir in so
kurzer Zeit so viel erreicht haben.
Mit "Wieder Zusammen" wollen wir den Thüringern
und anderen Bürgern in den neuen Bundesländern
helfen, die Vereinigten Staaten kennenzulernen. In
den kommenden zwei Wochen werden wir unsere
Bande mit 42 verschiedenen Programmen verstärken:
Konzerten, Ausstellungen, Lesungen amerikanischer
Literatur und Filmvorführungen in zwölf Städten
Thüringens.
Heute nachmittag - im Schatten der Wartburg, die
seit Jahrhunderten ein Symbol deutscher Einheit und

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AMERIKA DIENST 28

�des deutschen Beitrags zur westlichen Kultur ist kann ich sagen, daß ich mich über das bereits von
uns Erreichte freue, Amerika und die neuen Bundesländer einander näherzubringen, und daß ich der
Zukunft erwartungsvoll entgegensehe. Ich fordere
alle hier Anwesenden auf, sich an "Wieder Zusam-

men" zu beteiligen und mit uns die Erneuerung der
uns verknüpfenden familiären und kulturellen Bande
zu feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 28

*

Seite 3

�WEITERVERBREITUNG
27. September 1995

Eine neue sicherheitspolitische Tagesordnung
Kampf gegen den Nuklearschmuggel
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, am 14. September 1995 bei der
in Garmisch-Partenkirchen veranstalteten "Internationalen Fachtagung über Nuklearschmuggel" hielt, auf der
Zollexperten von über 30 Ländern eine künftige engere Zusammenarbeit beschlossen.

Vielen Dank für die Einladung am heutigen Abend.
Ich freue mich immer, in dieser herrlichen Alpenlandschaft zu sein. Das einzige Problem ist - es ist so
schön hier, daß es schwierig werden kann, sich auf
die vor uns liegende harte Arbeit zu konzentrieren.
Ich muß nicht darauf hinweisen, daß wir in einer Zeit
tiefgreifenden, sogar revolutionären Wandels leben.
Ihre Anwesenheit am heutigen Tag ist ein Beweis für
diese Tatsache. Eine solche Zusammenkunft - mit
vielen Nationen, die einst Gegner waren - wäre noch
vor wenigen Jahren unmöglich gewesen. Diese
Konferenz ist ein konkreter Beweis für die neue Art
von Vertrauen und Zusammenarbeit, um deren
Aufbau wir uns bemühen.
Obwohl der Kalte Krieg vorüber ist, haben wir noch
keine neue Welt des Friedens und Wohlstands
geschaffen. Vielmehr sehen wir uns mit veränderten
und schwierigen Herausforderungen konfrontiert.
Die Weltbühne kann heutzutage nur als verwirrend
und voll neuer, beunruhigender Gefahren bezeichnet
werden.
Es sollte uns nicht überraschen, daß der Umgang
mit solch dramatischen Veränderungen so beschwerlich ist. Schließlich ist die Welt, wie wir sie
ein halbes Jahrhundert lang kannten, mit erstaunlicher Geschwindigkeit Geschichte geworden. Die
unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges sind
verschwunden. An ihre Stelle ist eine Vielzahl
subtilerer Bedrohungen getreten - von denen keine
als einzelne bedrohlich ist, die aber zusammengenommen ebenso beängstigend sind.
Heute
sprechen wir weniger über nukleare Konfrontation
und mehr über Herausforderungen wie die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, ethnische
Konflikte, Überbevölkerung, Umweltzerstörung,
Flüchtlingsströme und Migration sowie humanitäre
Krisen.

AMERIKA DIENST 28

Die Verbreitung von - nuklearen, chemischen und
biologischen - Massenvernichtungswaffen ist eine der
unmittelbarsten und dramatischsten Gefahren, mit
denen wir uns konfrontiert sehen. Nuklearwaffen und
das zu ihrer Herstellung erforderliche Material sind
zunehmend verfügbar. Ballistische Raketen und
andere Trägersysteme sind einfacher zu beschaffen.
Zudem sind wir der Ansicht, daß jetzt mehr als zwei
Dutzend Länder über Chemiewaffenprogramme
verfügen.
In direktem Zusammenhang mit der Gefahr einer
Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen steht die
Bedrohung durch den internationalen Terrorismus,
eine weitere Bedrohung, die eine konzertierte internationale Reaktion erfordert. Die Vereinigten Staaten
arbeiten mit anderen betroffenen Ländern an der
Verbesserung von Koordination und Austausch
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse im Kampf gegen
Terroristen und terroristische Organisationen.
Unsere Arbeit wird durch die Tatsache erschwert,
daß einige Länder den internationalen Terrorismus
aktiv unterstützen. Im Fall Irans, der vielleicht der
schlimmsten Vergehen schuldig ist, werden die
Vereinigten Staaten weiterhin Druck ausüben, damit
Teheran seine Unterstützung von Terrorismus und
Gewalt sowie seine Bestrebungen zur Unterminierung
des Nahost-Friedensprozesses einstellt.
In größerer Nachbarschaft bleiben die Länder Zentraleuropas und die neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion anfällig für ethnische Konflikte, Gebietsstreitigkeiten und den besessenen Eifer,
reales und eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Diese Kräfte - die in Teilen des
Balkan und des Transkaukasus bereits außer Kontrolle geraten sind - traten an die Stelle des sowjetischen Expansionismus als gefährlichste Bedrohung
für politischen Fortschritt und wirtschaftliche Entwick-

Seite 1

�lung in Europa. Rußland ist weiterhin ein großes,
kompliziertes Land inmitten politischer und sozialer
Unruhen. Es muß sich noch für eine postkommunistische Identität entscheiden.
Aber obwohl wir zu diesem Zeitpunkt der Geschichte
mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert sind, haben wir auch eine einzigartige Chance
zur Gestaltung einer neuen Welt, die unsere Interessen stärker fördert und eher im Einklang mit
unseren Werten steht - eine Welt offener Gesellschaften und offener Märkte.
Insbesondere hier auf diesem Kontinent haben wir
die Chance, die Grundlage für ein neues, integriertes
Europa zu schaffen. Präsident Clinton drückte das
vergangenes Jahr klar und deutlich vor dem Brandenburger Tor aus: "Die Berliner Mauer ist gefallen.
Unsere Generation muß nun entscheiden: Was
werden wir an ihrer Stelle aufbauen? ... Ein Europa,
in dem alle Nationen unabhängig und demokratisch
sind. In dem freie Märkte und Wohlstand grenzüberschreitend sind. In dem unsere Sicherheit auf dem
Aufbau von Brücken, nicht von Mauern beruht."
Wo beginnen wir den Prozeß der Errichtung eines
neuen Sicherheitsrahmens für Europa? Ich würde
vorschlagen, daß unsere oberste Priorität die Wahrung des bereits Erreichten ist. Wir verfügen schon
über eine starke Grundlage, einschließlich bewährter
Institutionen wie der NATO, der Europäischen Union
und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Diese Organisationen
waren auf einen geteilten Kontinent zugeschnitten,
in dem die Sicherheit auf der Verteidigung eines
Blockes gegen den anderen basierte. Jetzt müssen
wir sie an neue Gegebenheiten anpassen, indem wir
einen neuen sicherheitspolitischen Rahmen auf der
Grundlage von Integration und Einbeziehung schaffen.
Im Mittelpunkt dieses Rahmens stehen starke
transatlantische Verbindungen. Die Geschichte lehrt
unmißverständlich, daß das strategische Engagement der Vereinigten Staaten in Europa notwendig
für unser aller Sicherheit ist.
Einige werden argumentieren, Amerika sei seiner
internationalen Verpflichtungen müde geworden. Ich
stimme dem nicht zu. Tatsache ist, daß die Unterstützung der Öffentlichkeit für fortgesetztes amerikanisches Engagement in der Welt stark bleibt.
Meinungsumfragen belegen, daß mindestens zwei
Drittel des amerikanischen Volkes eine Führungsrolle
der Vereinigten Staaten in der Welt wünschen.
Ich bin zuversichtlich, daß Amerika 50 erfolgreichen
Jahren nicht den Rücken zuwendet. Zudem hängt

Seite 2

das Engagement Amerikas für die Zukunft Europas
nicht von einem Präsidenten, einem Kongreß oder
einer politischen Partei ab. Es ist eine nationale
Verpflichtung, die auf gemeinsamen strategischen
Zielen, kollektiven Wirtschaftsinteressen und gemeinsamen Werten basiert.
Das Kernstück dieser Verpflichtung bildet die NATO.
Die NATO bringt auf dem europäischen Kontinent
amerikanische Macht und Ziele zum Tragen. Die
NATO ist weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und die Hauptinstitution für amerikanisches
Engagement in europäischen Sicherheitsfragen.
Die NATO ist auch konkreter Ausdruck der transatlantischen Verbindungen. Der 1990 begonnene
Abzug unserer Streitkräfte in Europa ist nahezu
abgeschlossen. Aber Abzug ist nicht dasselbe wie
Rückzug oder Disengagement. In Deutschland sind
noch mehr als 80.000 Soldaten; über 100.000 bleiben
in Europa stationiert. Diese Zahlen sind nicht das
Spiegelbild eines verringerten amerikanischen Engagements für die europäische Sicherheit, sondern nur
einer verringerten Bedrohung.
Mit Blick auf die Zukunft müssen wir offensichtlich
alles Gute aus der Vergangenheit bewahren. Die
NATO muß ein effektives, funktionierendes Militärbündnis bleiben und über die zur Verteidigung ihrer
Mitglieder erforderlichen Streitkräfte und integrierte
Kommandostruktur verfügen.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle lebenswichtigen Institutionen muß sich die NATO kreativ an veränderte
Gegebenheiten anpassen. Sie muß eine neue
Strategie entwickeln und neue Aufgaben übernehmen. Wir befinden uns jetzt inmitten dieses Prozesses.
Die NATO stellt der Westeuropäischen Union jetzt
umfassende politische und militärische Unterstützung
zur Verfügung. Die Stärkung der europäischen Säule
des Bündnisses leistet einen Beitrag zur europäischen Stabilität und transatlantischen Lastenteilung
gleichermaßen.
Und außerdem verbessert sie
unsere kollektive Handlungsfähigkeit.
Am wichtigsten ist, daß die NATO bereits die Entscheidung über eine Förderung der Sicherheit jenseits ihrer alten Grenzen getroffen hat. 1991 gründete sie den Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR),
einen Zusammenschluß von NATO-Staaten und
Mitgliedern des ehemaligen Warschauer Pakts. In
jüngster Zeit rief sie die Partnerschaft für den Frieden
ins Leben, die wichtigste strategische Entwicklung im
Bereich der europäischen Sicherheit seit dem Kalten
Krieg.

AMERIKA DIENST 28

�Mit ihren 26 Mitgliedern dient die Partnerschaft für
den Frieden zwei umfassenden Zielen. Für einige
Länder ist sie eine notwendige Zwischenstation auf
dem Weg zur NATO-Mitgliedschaft, der Übergang
zum Status eines wirklichen Verbündeten. Für
andere stellt sie ein Verbindungsglied zu praktisch
allem dar, was die NATO tut - aber ohne die offizielle Sicherheitsgarantie des Washingtoner Vertrags
und die Mitgliedschaft in der integrierten militärischen Struktur.

In Wahrheit hat Rußland die Wahl. Das Land kann
sich über seine Vergangenheit oder seine Zukunft
definieren.

Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis
verfolgt ein aktives Programm zur Vorbereitung einer
Erweiterung, erörtert die logischen Gründe einer
Erweiterung, die Leitlinien für diesen Prozeß und die
Auswirkungen einer erweiterten Mitgliedschaft. Zu
Herbstbeginn wird die NATO bereit sein, interessierten Ländern die Ergebnisse ihrer Studien mitzuteilen.
Mit Blick in die Zukunft wird die NATO dann bereit
zur Erwägung der nächsten Schritte sein, die zu
Entscheidungen über die tatsächliche Aufnahme
neuer Mitglieder führen.

Die Wirtschaftsreformen dauern an. Ein ehrgeiziges
Privatisierungsprogramm hat das wirtschaftliche
Umfeld Rußlands verändert. Der Privatsektor steht
inzwischen für über 50 Prozent des russischen
Bruttoinlandsprodukts.

Dieser Prozeß wird stetig, überlegt und transparent
verlaufen. Jedes mögliche Mitglied wird dieselben
Informationen bekommen, jedes wird Zugang zu
allen Aspekten des Gedankenguts des Bündnisses
erhalten.
Das Ziel der Erweiterung bleibt die Stärkung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent
- für Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen.
Die NATO ist nicht länger ein gegen irgend jemanden gerichtetes Bündnis. Sie hat nicht den Wunsch,
neue Trennlinien entstehen zu sehen - ganz im
Gegenteil. Die NATO widmet sich der Ausdehnung
der europäischen Einheit sowie der Förderung der
Integration unserer neuen demokratischen Freunde
in Zentraleuropa.
In diesem Zusammenhang sind wir uns bewußt, daß
ein dauerhafter und stabiler Sicherheitsrahmen für
Europa die Nationen der ehemaligen Sowjetunion
einbeziehen muß. Insbesondere die Zukunft Rußlands ist für unser Streben nach Stabilität in Europa
von zentraler Bedeutung. Es gibt kein höheres
strategisches Ziel in Europa als die Evolution eines
friedlichen, stabilen und demokratischen Rußland,
das fest in die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integriert ist.
Unsere Politik gegenüber Rußland basiert auf klarem
Verständnis. Wie Präsident Clinton erklärte, lehnen
wir eine oberflächliche Karikatur Rußlands ab, die
besagt, das Land sei prädestiniert für Diktatur oder
wirtschaftliches Scheitern. Gleichzeitig geben wir
uns nicht der Illusion hin, der Erfolg sei sicher.

AMERIKA DIENST 28

In vielen Bereichen trifft Rußland mutig die richtigen
Entscheidungen. Das Land hat einen frei gewählten
Präsidenten, ein Parlament und eine demokratische
Verfassung. Es verfügt über eine unabhängige
Presse, die oftmals die Politik der Regierung kritisiert.
Die Debatten im Parlament sind lebhaft und offen.

Zweifelsohne muß sehr viel mehr getan werden.
Kapitalmärkte müssen entwickelt werden, die ausund inländische Investitionen anziehen. Rußland
muß sein chaotisches Steuersystem in den Griff
bekommen, ein stabiles Rechtssystem schaffen und
weitere wirtschaftliche Stabilisierung herbeiführen.
Bei alledem dürfen wir jedoch nicht das enorme
Interesse aus den Augen verlieren, das wir alle am
Ergebnis der kontinuierlichen Umgestaltung Rußlands
haben. Ein stabiles, demokratisches Rußland ist für
den Aufbau eines sicheren Europas erforderlich. Ein
instabiles Rußland, das in Autoritarismus oder
Anarchie zurückfällt, wäre eine Katastrophe für uns
alle.
Ferner ist die erfolgreiche Umgestaltung des ehemaligen sowjetischen Imperiums in eine Region souveräner, demokratischer Staaten ein großes Anliegen
für uns. Diese neuen Nationen machen ein Sechstel
der Erdoberfläche aus. Auf ihrem Territorium sind
Zehntausende Nuklearwaffen stationiert. Ihre Bevölkerung und natürlichen Ressourcen verleihen ihnen
ein enormes wirtschaftliches Potential.
Diese Nationen kämpfen darum, das lähmende
Vermächtnis der kommunistischen Herrschaft hinter
sich zu lassen. Sie streben die Aufnahme in die
internationale Staatengemeinschaft als freie, respektierte und verläßliche Partner an. Ebenso wie in
Rußland ist auch hier das Ergebnis dieses Kampfes
noch ungewiß.
Aber wenn alle - oder die meisten von ihnen - dabei
Erfolg haben, wird jeder von uns sicherer sein. Die
Bedrohung einer nuklearen Vernichtung wird weiter
verringert. Wir werden neue Chancen für Wirtschaftswachstum haben. Für unsere Geschäftsleute
bedeutet es neue Märkte und neue Lieferquellen.

Seite 3

�Damit diese neuen unabhängigen Staaten wirklich
verläßliche Partner werden, müssen sie sich für
demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
entscheiden und bei dieser Entscheidung bleiben.
Sie müssen sich von den Gewohnheiten und Strukturen despotischer Regierungen befreien. Sie
müssen Volkswirtschaften aufgeben, in denen alles
dem Staat gehörte und alles von der Partei entschieden wurde.
Die neuen Staaten müssen ihren eigenen Kurs
wählen, die Risiken und die Last tragen. Es liegt
jedoch in unserem Interesse, daß sie Erfolg haben
und auch die Vorteile der Integration in die neue
Architektur erlangen, die wir aufbauen.
Gemeinsam mit der NATO wird die Europäische
Union eindeutig einen Eckpfeiler der zukünftigen
Sicherheit Europas bilden. Obwohl die EU vornehmlich ein politisches und wirtschaftliches Gebilde ist,
leistet sie einen wichtigen Beitrag zur europäischen
Sicherheit als mächtige Integrationskraft. Ihre Erweiterung nach Osten wird gleichermaßen politisch wie
wirtschaftlich als Teil des Integrationsprozesses und
der Stabilisierung der beiden Hälften Europas von
großer Bedeutung sein.
Die EU wird auch eine zentrale Rolle dabei spielen,
zur Erweiterung und Intensivierung der transatlantischen Kooperation und Koordination bei wirtschaftlichen und sozialen Themen beizutragen, die einen so
großen Teil unserer Beziehungen ausmachen. Wir
wissen, daß die EU sich in den kommenden Jahren
wichtigen Herausforderungen stellen muß - Herausforderungen, die wahrscheinlich ihre Institutionen,
Operationen und ihre Identität verändern werden.
Die erste Herausforderung ist die Bewältigung ihrer
eigenen Erweiterung - ein Prozeß, der den ursprünglich für sechs Mitgliedstaaten gegründeten und
seitdem kaum veränderten EU-Institutionen beträchtliche Lasten auferlegen wird. Die EU wird einen
effizienteren Entscheidungsfindungsprozeß im Einklang mit zunehmender Mitgliedschaft anstreben.
Gleichzeitig muß sie sich mit der grundlegenden
Frage auseinandersetzen, was sie sein sollte: Ein
föderales Europa oder ein Europa der Nationen. Die
zwischenstaatliche Konferenz von 1996 wird diese
Fragen ansprechen, die vielfältige Auswirkungen auf
die neue europäische Sicherheitsarchitektur haben
werden.
Die Vereinigten Staaten begrüßen Bestrebungen zur
Stärkung und Erweiterung der EU ebenso, wie wir in
den vergangenen 45 Jahren den Prozeß der europäischen Integration unterstützt haben. Die demokratischen und republikanischen Administrationen
haben gleichermaßen die Ansicht vertreten, daß ein

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starkes Europa starke Vereinigte Staaten bedeutet daß unsere transatlantische Brücke an jedem Ende
so starke Pfeiler wie möglich benötigt. Im Einklang
mit dieser Sichtweise wird eine erweiterte EU unseres
Erachtens zur Schaffung eines stabilen und demokratischen Europas beitragen.
Während sich diese Evolution vollzieht, dürfen die
Vereinigten Staaten und Europa jedoch nicht ihre
Mission vernachlässigen, bei der Bekämpfung von
Protektionismus und dem Aufbau zunehmend offener
globaler Märkte zusammenzuarbeiten. Wir haben in
den letzten 50 Jahren viel erreicht, aber unsere Arbeit
ist noch nicht getan. Nun, da die Uruguay-Runde
abgeschlossen und die Welthandelsorganisation eine
Tatsache ist, müssen wir einen transatlantischen
Konsens zur künftigen Richtung unseres bilateralen
Handels und gemeinsamen Ansatzes zur weiteren
Öffnung der Weltmärkte erzielen. Es ist jetzt nicht die
Zeit, unsere Wirtschaftsbeziehungen als selbstverständlich hinzunehmen.
Wir dürfen auch nicht zulassen, daß die unvermeidlichen Differenzen in unseren Handelsbeziehungen
das übergeordnete Ziel unserer wirtschaftlichen
Partnerschaft unterminieren. Hier ist konstante
Wachsamkeit angesagt. In Ermangelung einer uns
einigenden militärischen Bedrohung können wir nicht
länger erwarten, daß unsere Meinungsverschiedenheiten beim Handel automatisch gemeinsamen
Sicherheitsbelangen untergeordnet werden.
Und wir werden Differenzen haben wie über das
Bananenregime der EU, ihre audiovisuellen Maßnahmen, Flugzeugsubventionen und ähnliches. Ohne
den Druck des Kalten Krieges werden sich die
Dispute wahrscheinlich eher dahinziehen und erbitterter werden. Es wäre jedoch eine Tragödie, wenn die
Irritationen das Vertrauen, die Zuversicht und den in
50 Jahren erfolgreicher Partnerschaft entwickelten
Kooperationsgeist aushöhlen würden.
Wir dürfen nicht zulassen, daß die Tatsache unserer
Wettbewerbssituation auf den Weltmärkten unsere
Verpflichtung zur weiteren Liberalisierung untergräbt.
Unsere Beziehungen müssen weiterhin umfassend
und kooperativ sein, unsere gemeinsame Vision und
unsere gemeinsamen Ziele betonen sowie stets den
enormen Wert dessen im Auge behalten, was wir in
den vergangenen 50 Jahren durch die äußerst enge
wirtschaftliche Partnerschaft erreicht haben.
Zusammen mit der NATO und der EU kann auch die
OSZE eine wichtige Rolle bei der europäischen
Sicherheit spielen. Sie ist dafür ausgerüstet, eine
Vielfalt von Herausforderungen zu bewältigen, die
weder die NATO noch die EU ansprechen kann.
Unserer Ansicht nach kann die OSZE das entschei-

AMERIKA DIENST 28

�dende Instrument dabei sein, uns durch die Zeit
nach dem Kalten Krieg zu leiten. Sie kann zur
Förderung der europäischen Integration beitragen
und gleichzeitig unsere flexible erste Verteidigungslinie gegen regionale und ethnische Konflikte werden.

persönlich bin ein Optimist. Schließlich sind die
Herausforderungen von heute nicht die ersten, die wir
gemeinsam angegangen sind. Wenn wir auf die
letzten 50 Jahre zurückblicken, sehen wir viele große
Leistungen angesichts ebenso schrecklicher Prognosen der Hoffnungslosigkeit und des Verhängnisses.

Wenn wir auf die letzten 20 Jahre zurückblicken,
erkennen wir, daß die in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Prinzipien der territorialen Integrität
und friedlichen Beilegung von Streitigkeiten sich als
revolutionär erwiesen haben. Die Schlußakte verankerte Menschenrechte als legitimes Thema internationaler Gespräche. Sie definierte gemeinsame
demokratische Normen, die jetzt grundsätzlich von
allen Ländern Europas anerkannt werden. Damit
ebnete sie den Weg für die demokratische Umgestaltung des Ostens. Sie ist nach wie vor eine
kohärente und zwingende Grundlage für politische
Reform und regionale Stabilität.

Noch vor wenigen Jahren schien die Ost-WestKonfrontation endlos, und der nukleare Holocaust
täglich möglich. Man dachte, die Berliner Mauer
würde ewig stehen. Es wurde gesagt, das letzte
Kapitel über Deutschland als geeinte Nation sei
geschrieben und die Teilung Europas permanent. Es
wurde gesagt, die amerikanischen Legionen würden
wie die des Alten Roms auf unbegrenzte Zeit in
Berlin und an anderen Vorposten des Kalten Krieges
Wache harten.

Der große Vorteil der OSZE besteht darin, daß sie
sowohl europäisch als auch transatlantisch ist. Sie
umfaßt alle europäischen Staaten plus Kanada und
die Vereinigten Staaten. Sie bietet ihren 53 Mitgliedern - von Vancouver bis Wladiwostok - ein
einzigartiges Instrument für Konsensbildung. Statt
Verhaltensweisen über rechtliche oder militärische
Aktionen durchzusetzen, strebt sie die Schaffung von
Sicherheit durch den Aufbau neuer Formen der
Kooperation an.
Lassen Sie uns folgendes eindeutig klarstellen: Die
OSZE wird weder Ersatz für die NATO noch ein
Instrument zur Beendigung von Kriegen. Aber mit
aufgestockten Ressourcen und modernisierten
Konsultationsmechanismen könnte sie eine größere
Rolle bei der Krisenbewältigung und der Verhinderung regionaler Konflikte spielen.
Zusammengenommen verkörpern diese Institutionen
die institutionelle Grundlage eines wirklich integrierten Europas. Werden sie sich jedoch den Anforderungen des 21. Jahrhunderts stellen können? Ich
*

AMERIKA DIENST 28

Heute wissen wir, wie unrecht wir hatten. Die Ereignisse von 1989 und 1991 bewiesen über jeden
Zweifel hinaus die Anziehungskraft und Macht
westlicher Werte. Die uns heute konfrontierenden
Gefahren unterscheiden sich von denen des Karten
Krieges, aber unsere Reaktion muß auf denselben
Prinzipien gründen, die uns 50 Jahre lang geleitet
haben - und auf der transatlantischen Partnerschaft,
die ihnen Leben und Vitalität verliehen hat. Uns wird
eine ganze Reihe neuer Chancen geboten, um
positive Beziehungen von beiderseitigem Nutzen über
diesen Kontinent hinweg aufzubauen. Das ist der
Grund Ihres Hierseins.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir heute abend zuhören.
Als die Treuhänder und Wächter des Handels und
der Reisen zwischen Nationen ist Ihre Rolle in diesen
ungeordneten aber vielversprechenden Zeiten sowohl
wichtig als auch notwendig. Ich hoffe, daß diese
Konferenz für Sie von Nutzen sein wird, während Sie
über nationale Grenzen hinweg zusammenarbeiten.
Ich bitte Sie alle, sich erneut dazu zu verpflichten, die
Welt zu einem besseren Ort für uns alle zu machen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 5

�TELEKOMMUNI

KATION
27. September 1995

USA sollten Führungsrolle bei der Reform des
Telekommunikationswesens übernehmen
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident Gore erklärte, die Vereinigten Staaten sollten bei der weltweiten Reform
des Telekommunikationswesens "einen Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben".
Beide Häuser des Kongresses haben unabhängig voneinander Telekommunikationsgesetze verabschiedet.
Ein Konferenzausschuß von Senat und Repräsentantenhaus muß einer Version der ausstehenden
Gesetzesreform zustimmen, über die dann beide Kammern abstimmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident Gore am 12. September 1995 bei der Konferenz
über die vernetzte Wirtschaft hielt.

Eine Redensart besagt, wenn sich ein Stoßzahn
durch Deine Zeltwand bohrt, kannst Du dahinter
einen Elefanten vermuten. Diejenigen von uns in
Washington, die sich mit der Telekommunikationsreform befassen, verbringen manchmal zuviel Zeit
damit, sich auf Stoßzähne zu konzentrieren, und
zuwenig mit dem, was vor dem Zelt steht.
Heute möchte ich mich auf Information als zunehmend zentrale Organisationskraft unserer Gesellschaft und der Welt konzentrieren, wie sie in der
entstehenden Globalen Informationsinfrastruktur
(Global Information Infrastructure - Gll) dargestellt
ist.
Die Vereinigten Staaten wurden aus der Verpflichtung zum freien Fluß von Ideen und Kommunikation
geboren - Religions-, Versammlungs- und Redefreiheit. "Keine Versteuerung ohne Volksvertretung"
war vor 200 Jahren der Schlachtruf gegen eine
Zentralregierung, die den Bitten ihrer Bürger gegenüber taub ist. Es ist kein Zufall, daß der erste
Zusatzartikel zu unserer Verfassung Redefreiheit
garantiert.
Während unserer gesamten Geschichte definierten
wir uns über unseren Wunsch, mit dem Stern am
Horizont zu kommunizieren. Vom Pony Express
über den Telegraphen und die transkontinentale
Eisenbahn bis hin zum die Bundesstaaten verbindenden Autobahnsystem haben wir einen Traum
nach dem anderen aufgebaut, um die Bande zu
stärken, die unsere Nation zusammenhalten.

AMERIKA DIENST 28

Als Neil Armstrong auf dem Mond landete, erkannten
wir, daß unsere Träume über unsere Nation hinaus
auf die gesamte Welt ausgeweitet werden können.
Aber unser heutiger Traum besteht nicht darin,
Geschwindigkeitsrekorde zu brechen oder Pioniere
an eine neue Grenze zu schicken. Er handelt von
der Überwindung der Hindernisse, die unser Wissen
über die Welt, unsere Nachbarn und uns selbst
begrenzen.
Er handelt von Millionen einzelner
Reisen zur Erforschung der Grenzen des Wissens sei es die Konversation eines Kindes über E-mail mit
einem Forscher am Südpol, eine Tour im Louvre
direkt aus dem eigenen Wohnzimmer heraus oder
eine Exkursion zu den jüngst entdeckten Höhlenmalereien, die Frankreich jetzt ins Internet gebracht hat.
Wir werden nicht alle Vorteile der Nationalen Informationsinfrastruktur (National Information Infrastructure Nil) genießen, wenn sie nicht mit dem weltweiten
Netz der Netze, der globalen Informationsinfrastruktur
verbunden ist, die alle Länder, Städte und Dörfer
miteinander verbindet und nicht nur Telefondienste,
sondern auch mit Hochgeschwindigkeit Daten und
Video bereitstellt. Ein solches globales Netz würde
die Amerikaner in die Lage versetzen, über nationale
Grenzen und Kontinente hinweg ebenso leicht zu
kommunizieren wie heute über Bundesstaaten
hinweg. Zeitzonen, nicht Kosten werden das größte
Hindernis dabei darstellen, mit Angehörigen, Freunden und Kollegen ungeachtet ihres Aufenthaltsortes
Kontakt zu pflegen.
Wir sprechen über die Gll als wäre sie ein Ding, ein
Produkt, eine Sammlung von Hardware und Software,

Seite 1

�Satelliten und Telefonen, Schaltern und Fasern. Sie
ist all das - und viel mehr. Sie ist ein Konzept, das
unsere Vorstellung von unserem menschlichen
Potential geändert hat.
Sie ist das Erbe einer Reihe großer gedanklicher
Durchbrüche, die die Menschheit veränderten - von
der Vision des Kopernikus, die zur Erdumsegelung
herausforderte, über die Entdeckung elektromagnetischer Energie, die uns jetzt die Umrundung der Erde
mit Satelliten gestattet, Zellulartelefonen und Computern bis zur Geburt der modernen Physik aufgrund
der gedanklichen Experimente Einsteins, die zu
dramatischen, fast über unser Verständnis hinausgehenden Fortschritten in den Bereichen Energie, Elektronik und Computern führten.
Ich möchte heute nicht über die im Zusammenhang
mit dem Gll stehenden Technologien sprechen, die
Sie allzugut kennen, sondern über die Wahl, die wir
alle in Anbetracht dieser neuen globalen Realität
treffen müssen.
Da Informationen immer reichhaltiger angeboten
werden, anstatt zum knappen Gut zu werden,
schaffen die Nationen das Telekommunikationsmonopol der Vergangenheit ab und ersetzen staatliche Kontrolle durch Privatinvestitionen und Wettbewerb. Dabei entdecken sie, daß ihre Herausforderungen nicht so sehr technologischer wie
politischer und strategischer Natur sind.
Zwei Fragen tauchen immer wieder auf.
Erstens: Was ist die Vision für die Gll?
Und zweitens: Welche Werte wird sie fördern?
Ich möchte über unsere Vision für die Gll sprechen die der Clinton-Administration und vieler Menschen
in unserem Land - über die Werte, die sie definieren
sollten und wie wir zur Erlangung der Vision und der
Werte zusammenarbeiten können.
Angefangen mit der ersten internationalen Konferenz
über die Entwicklung im Telekommunikationswesen,
die Anfang 1994 in Buenos Aires stattfand, förderten
die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll,
welche auch die nach Ansicht dieser Administration
für den Erfolg unserer NM entscheidenden Grundsätze einbezieht. Diese fünf Grundsätze - Privatinvestitionen, Wettbewerb, Universalität der Dienstleistungen, offener Zugang und flexible Bestimmungen wurden seitdem auf industriellen und politischen
Foren weltweit angenommen und befürwortet,
beispielsweise dem APEC-Treffen der Telekommunikationsminister im koreanischen Seoul, dem
interamerikanischen Gipfel in Miami vergangenen

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Dezember, dem G-7-Ministertreffen vergangenen
Februar in Brüssel und dem G-7-Gipfel in Halifax.
Obwohl man leichter für diese Grundsätze eintreten
kann als sie zu erlangen, sind sie sichtbare Anzeichen für Fortschritt.
Die APEC-Nationen haben Schritte zur Öffnung der
Märkte für Telekommunikationsgerät und -dienstleistungen unternommen. Die Staaten der Europäischen Union haben eine Liberalisierung des Marktes
für elementare Telefondienstleistungen bis Januar
1998 zugesagt. Die jetzt bei der Welthandelsorganisation in Genf geführten Gespräche bewegen sich
eindeutig auf ein multilaterales Abkommen im Frühjahr kommenden Jahres zur Öffnung der Telekommunikationsmärkte hin. Zusätzlich unterzeichneten
die Vereinigten Staaten jetzt bilaterale Abkommen mit
Chile, Argentinien, der Ukraine, Rußland und anderen
Staaten zur Zusammenarbeit bei der Förderung von
Investitionen und Wettbewerb im Telekommunikationssektor. Wir werden uns diesen Herbst bei der
Weltrundfunkkonferenz in Genf für die Förderung
stärkerer internationaler Verbindungen einsetzen. Wir
führen bilaterale Gespräche mit Südafrika und
nehmen dort nächstes Frühjahr an einem internationalen Treffen über die Rolle der Telekommunikation
in weniger entwickelten Ländern teil.
Die unserer Vision zugrundeliegenden Prinzipien
bieten ein Modell für die Entwicklung der Gll in
Ländern mit stark variierenden Bedürfnissen, Kulturen
und Technologien. In den Entwicklungsländern
fördern und unterstützen wir mit Hilfe dieser Grundsätze die Telekommunikationsentwicklung als wichtigen Bestandteil von Wirtschaftswachstum und Entwicklung, nicht als luxuriöses Ergebnis von Wachstum. Unseren Konkurrenten und Handelspartnern
haben wir in Aussicht gestellt, unsere verbleibenden
Hindernisse für Auslandsinvestitionen bei den Telekommunikationsdienstleistungen zu beseitigen, wenn
sie es auch tun.
In allen Fällen sind globale und nationale Entwicklung
nicht möglich ohne Privatinvestitionen, offenen
Marktzugang und Wettbewerb - und wir setzen uns
dafür ein, das weltweit zu erreichen. Die Gll wird das
Ergebnis Tausender von Bestrebungen weltweit sein,
unsere Nationen und Bürger zu verbinden. Wie ein
wunderschönes, zerbrochenes Bild, dessen Teile
dem Ganzen in seiner Organisationsstruktur und
Gestalt in jeder Hinsicht ähneln. Entsprechend wird
sie als komplexes System ein Niveau der Selbstorganisation erreichen, das neue Funktionen und
Eigenschaften hervorruft, die nicht im Vorfeld konstruiert oder prognostiziert werden können.

AMERIKA DIENST 28

�Es ist unvermeidlich, daß die unsere Bestrebungen
bei der Entwicklung der GM leitenden Werte zusammen mit dem System als Ganzem kopiert werden. Aus diesem Grund machen sich so viele
Menschen Sorgen, wenn alles, was sie über die GM
hören, aus futuristischen, utopischen Szenarien
besteht, die von technologischen Wundern und
seltsamem Vokabular dominiert sind. Sie fürchten,
indem wir die Zukunft der Technologie entwerfen,
würden wir die Zukunft der Demokratie vergessen;
bei der Förderung direkter Kommunikation würden
wir die universelle Bildung und Ausbildung vergessen; bei unserem ehrgeizigen Streben nach
erhöhter Produktivität und neuen Quellen des
Wohlstands würden wir vergessen, das wirtschaftliche Wohlergehen und den Lebensstandard aller
Gesellschaftsschichten zu verbessern. Und sie
fragen mit Recht: "Welches sind die Werte dieses
neuen Informationszeitalters?"
Es gibt Tausende konkurrierender Visionen über die
Entwicklung und Erlangung der GM. Jedes Unternehmen, jeder Industriezweig, jeder Sektor hat seine
eigenen Strategien für Erfolg und zukünftige technologische Dominanz. Aber wer macht sich Sorgen
über die nächste Generation und nicht nur über den
nächsten Dollar?
Wer räumt dem öffentlichen
Interesse einen Platz an der Tafel ein? Wer kann es
sich leisten, über direkte Eigeninteressen hinaus auf
die Eigenschaften des Systems als Ganzes zu
schauen? Und wie können wir diese Aufgaben
erfüllen, ohne den Sektor zu belasten, der verantwortlich für den Aufbau der Gll ist?
Ich bin fest davon überzeugt, daß die angemessene
Rolle der Regierung bei der Entwicklung der Gll
darin besteht, auf jeder Stufe des Wachstums, bei
jedem Stand der Tätigkeit, auf jedem Niveau die im
öffentlichen Interesse liegenden Werte Demokratie,
Bildung und Ausbildung, wirtschaftliches und soziales Wohlergehen all unserer Bürger zu fördern und
zu erlangen. Wenn wir nicht versuchen sicherzustellen, daß jedes Projekt, jedes Netzwerk, jedes
System von Anfang an dem öffentlichen Interesse
dient, stellt sich die Frage, wann man es berücksichtigt. Wie können wir erwarten, daß das Endprodukt
oder System diesen Werten Rechnung trägt, wenn
wir sie nicht von Anfang an in die DNA einfügen?
Die Wahrnehmung des öffentlichen Interesses ist
nicht die einzige Rolle der Regierungen der Welt.
Sie müssen die Verantwortung dafür übernehmen,
die meisten Hindernisse für Privatinvestitionen und
Wettbewerb aus dem Weg zu räumen. Die Förderung und der Schutz des öffentlichen Interesses
müssen jedoch ihr Hauptanliegen sein. Das gleiche
gilt für die Privatindustrie: Obwohl es das Anliegen
der Privatindustrie ist, Profite zu erwirtschaften, sollte

AMERIKA DIENST 28

dies nicht ihre einzige Aufgabe sein. Die Privatindustrie kann die Innovationen und Visionen bieten,
um die Vorteile der Gll in finanzierbarer und nützlicher Weise in jeden Winkel der Welt zu bringen.
Wenn die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll
darlegen sollen, die diese Werte einbezieht, müssen
wir sie in Worte und Taten umsetzen. Wir können
keine Führungsrolle übernehmen, indem wir anderen
sagen, was sie tun sollen und nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Welche Maßnahmen können wir
also ergreifen, welche Maßnahmen ergreifen wir, um
zu beweisen, daß es uns mit unserer Vision und
unseren Werten ernst ist?
Meines Erachtens gibt es zwei Bereiche, in denen die
Vereinigten Staaten ihre Verpflichtung zu den Prinzipien des Wettbewerbs, offenen Zugangs, universeller
Dienstleistungen, Privatinvestitionen und flexibler
Bestimmungen im Dienste der Werte von Demokratie,
Ausbildung und wirtschaftlichen Chancen demonstrieren können.
Ein Bereich ist natürlich die Reform des derzeit im
Kongreß erörterten Kommunikationsgesetzes von
1934, in dem jedes der fünf Prinzipien gestärkt
werden sollte. Der andere Bereich ist die Art, in der
wir unsere nationalen Ressourcen zur Förderung
dieser Werte im In- und Ausland aufwenden sollten.
Die dem Kongreß zur Verabschiedung vorliegenden
Gesetzesvorlagen zur Reform des Telekommunikationswesens sollten eine große Chance zur Auswertung des uns von vorigen Generationen Hinterlassenen darstellen, die den Weitblick zur Wahrnehmung des öffentlichen Interesses und zur Planung
der Zukunft hatten, indem sie Chancen verbesserten,
universelle Dienstleistungen erweiterten, Ausbildung
und Bildung förderten sowie die Wirtschaft stärkten.
Statt einer Verpflichtung für die Zukunft sind diese
Gesetzentwürfe, insbesondere die Vorlage des
Repräsentantenhauses, ein Vertrag mit 100 Unternehmen. Diejenigen mit dem höchsten Angebot nicht die höchsten Prinzipien - waren der Maßstab.
Im Veto des Präsidenten zum Gesetzentwurf des
Repräsentantenhauses ist es präzise formuliert: "Ein
Gesetz ist erforderlich, um Investitionen anzuziehen,
Wettbewerb zu fördern, offenen Zugang zu Informationsnetzen bereitzustellen, universelle Dienstleistungen zu stärken und zu verbessern sowie flexible
Bestimmungen für diesen wichtigen Industriezweig
anzubieten. Die Verbraucher sollten in den Genuß
der Vorteile von niedrigeren Preisen, besserer
Qualität und größerer Auswahl bei ihren Telefon- und
Kabeldiensten kommen, und sie sollten weiterhin von
einer Vielfalt der Meinungen und Gesichtspunkte im
Radio, Fernsehen und in den Printmedien profitieren."

Seite 3

�Bedauerlicherweise erreicht die Gesetzesvorlage
H.R. 1555 in ihrer verabschiedeten Form keines
dieser Ziele. Statt Investitionen und Wettbewerb zu
fördern, unterstützt sie Fusionen und die Konzentration von Macht. Statt offenen Zugang und die
Vielfalt von Inhalten und Sichtweisen zu fördern,
gestattet sie, daß weniger Menschen die Kontrolle
über eine größere Zahl von Femseh-, Radio- und
Zeitungseinrichtungen in den Gemeinden haben.
Dieses Gesetz würde:
die Beschaffung einer unbegrenzten Anzahl von
Rundfunksendern in jeder Gemeinde und landesweit durch eine einzige Institution gestatten,
das zur Zeit bestehende Verbot des gleichzeitigen Besitzes von Zeitungen und Rundfunkstationen aufheben, das für den Schutz unserer Demokratie vor dem sicheren Mißbrauch von solcher
Bedeutung ist,
den Bell-Telefongesellschaften das Angebot
eines Fernsprechdienstes gestatten, bevor es
beim lokalen Dienst echten Wettbewerb gibt, mit
praktisch überhaupt keinen Schutzmechanismen
und ohne die Entscheidung des Justizministeriums, daß das Unternehmen Wettbewerb nicht
verhindert,
eine übermäßige Zahl von Abfindungen zwischen
Telefongesellschaften und Kabelbetreibern
gestatten, mit denen Wettbewerb durch Konsolidierung ersetzt wird, die Verbraucher in
ländlichen Gebieten und Kleinstädten in den
meisten Fällen keinen Schutz vor überhöhten
Gebühren durch Monopolanbieter haben und in
absehbarer Zeit kein Wettbewerb zu erwarten ist.
Kein Wettbewerb und keine Bestimmungen sind
ein Traum für einige und ein Alptraum für andere,
die Kabelprogrammierungsdienste und Gerätegebühren deregulieren, bevor sich die Kabelbetreiber echtem Wettbewerb ausgesetzt sehen und
keine Vorschriften für den Schutz der Verbraucher nach der Deregulierung vorsehen,
den Bundesstaaten bei der Einführung bestimmter Gebührenvorschriften zuvorkommen und ihren
lokalen Telefonmarkt für bestimmte Arten von
Wettbewerb öffnen, sollten sie sich dafür entscheiden.
Die kumulativen Auswirkungen dieser Bestimmungen
wären nachteilig für den Wettbewerb und würden die
Vorteile für die Öffentlichkeit schmälern.
Seit der Verabschiedung der Gesetzesvorlagen von
Repräsentantenhaus und Senat hat der Senat das

Seite 4

Budget des Bundeskommunikationsausschusses
(Federal Communications Commission - FCC) um 20
Prozent gekürzt. Wie Sie vielleicht wissen, übertrugen beide Gesetzentwürfe dem FCC mehr Verantwortung für die Durchführung der Telekommunikationsreform, und infolgedessen impliziert dieses
Vorgehen, daß die Telekommunikationsreform selbst
entweder gescheitert oder ein Betrug ist. Gescheitert, weil der Kongreß die Umsetzung durch den FCC
nicht ernst gemeint hat, oder ein Betrug, weil der
Kongreß vorgab, dem FCC die Macht für Entscheidungen im öffentlichen Interesse zu übertragen, aber
nicht daran interessiert ist, ihm die Mittel zuzuweisen,
dies tatsächlich zu tun.
Das ist nicht die richtige Art, die Welt ins Informationszeitalter zu führen. Und glauben Sie mir, die
Welt beobachtet, was wir tun - und sie beobachtet
sehr genau. Ich fordere den Kongreß auf, das
Telekommunikationswesen überparteilich zu behandeln. Man sollte es nicht als eine Möglichkeit ansehen, nur Trophäen für Finanzgeber zu sammeln und
vorzuzeigen. Unterstützen und verbessern Sie die
internationale Führungsrolle und das Wohlergehen
Hunderter von Unternehmen, indem Sie dem Präsidenten ein Reformgesetz vorlegen, das er unterzeichnen kann.
Die Vereinigten Staaten sollten bei der Reform einen
Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben.
Wir sollten die Führungsrolle in der Welt dabei
übernehmen, dem öffentlichen Interesse eine Rolle in
unserem Telekommunikationssystem zu übertragen.
Der zweite Bereich, in dem wir unser Engagement für
unsere eigene Vision und unsere Werte unter Beweis
stellen müssen, ist der Haushalt. Und auch hier
scheint der Kongreß unsere Vergangenheit außer
acht zu lassen und blind gegenüber unserer Zukunft
zu sein. Die Führungsrolle unserer Nation bei der
Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
gründet sich auf unsere Führungsposition in Wissenschaft und Technologie - eine Führungsposition, die
durch 50 Jahre beispielloser überparteilicher Verpflichtungen ermöglicht wurde.
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner
eine technologische Basis aufgebaut, die uns heute
wirtschaftlich belohnt, indem neue Arbeitsplätze
geschaffen und neue Industriezweige hervorgebracht
werden. Es ist eine bemerkenswerte Geschichte,
einzigartig in der gesamten Geschichte der Menschheit. In der Tat waren Innovationen in den vergangenen 50 Jahren verantwortlich für mindestens ein
Viertel - und möglicherweise sogar fast die Hälfte des Wirtschaftswachstums unserer Nation. Möchte
wirklich jemand ernsthaft das Argument vorbringen,

AMERIKA DIENST 28

�dies wäre ohne eine maßgebliche Rolle der Regierung möglich gewesen?
Die staatlichen Investitionen in technologische
Forschung und Entwicklung haben die wesentlichen
Bausteine der Nil ermöglicht. Es war eine vor über
25 Jahren zwischen der Bundesregierung, der
Industrie und der akademischen Welt begonnene
kreative Partnerschaft bei Hochleistungscomputern
und Kommunikationsleistungen, die Forschung beim
inzwischen als Internet bekannt gewordenen Netzwerk unterstützte und zur Evolution der Kommunikations- und Informationsindustrie beigetragen hat und zur Schaffung neuer Unternehmen, die aus dem
Nichts aufzutauchen scheinen, tatsächlich aber auf
einer soliden Grundlage visionärer technologischer
Unterstützung durch die Regierung, die akademische
Welt und den Privatsektor aufgebaut sind.
Die technologische Zukunft Amerikas sieht sich
heute jedoch Angriffen seitens kurzsichtiger Ideologen ausgesetzt, die vorgeben, die Geschichte zu
verstehen, jedoch überhaupt kein Verständnis
haben. Einer Analyse der amerikanischen Akademie
für die Förderung der Wissenschaft zufolge würde
der von den Republikanern im Kongreß vorgeschlagene Plan für einen Haushaltsausgleich die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung
ziviler Technologie kürzen und zu einem Rückgang
der F &amp; E-Investitionen in den nächsten sieben
Jahren um ein Drittel führen. Darüber hinaus
würden die Bewilligungsmaßnahmen des Repräsentantenhauses die Finanzierung für praktisch jedes
wichtige Technologieprogramm beschneiden Programme, die für die Umsetzung unserer Verpflichtung für die Zukunft entscheidend sind. Zu
diesen Programmen zählen das moderne Technologieprogramm, unsere Initiative zu technologischen
Reinvestitionen, entscheidende Aktivitäten des
Energieministeriums einschließlich der Partnerschaft
für eine neue Generation von Fahrzeugen und
unsere Initiative zur Umwelttechnologie.
Der Senat folgt demselben Irrweg. Er hat die nationale Telekommunikations- und Informationsverwaltung (National Telecommunications and Information
Administration - NTIA) drastisch abgebaut - das Amt,

*

AMERIKA DIENST 28

*

das mit der Förderung eben der Initiativen beauftragt
war, die der Kommunikationsindustrie größeren
Wettbewerb bringen und das einzige Amt, das in
nicht genügend bediente und ländliche Gebiete
investiert, um moderne Telekommunikationsdienste
zur Förderung von Bildung und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge und wirtschaftlicher Entwicklung anzubieten. Und der Senat hat die Nil-Stipendien der
NTIA abgeschafft.
Dies ist absolut der falsche
Zeitpunkt, um Investitionen in Innovationen zu kürzen
und die Blaupause zu zerstören, die zu der beispiellosen Zunahme von Aktivitäten nach dem
Zweiten Weltkrieg führte.
Präsident Clinton versteht, wie wichtig ein ausgeglichener Haushalt für unsere wirtschaftliche Zukunft ist.
Er weiß auch, wie entscheidend diese technologischen Investitionen für die Gewährleistung unseres
künftigen Wirtschaftswachstums sind. Aus diesem
Grund hat er den Haushalt so ausgeglichen, daß die
Führungsrolle der Nation bei Wissenschaft und
Technologie bewahrt wird.
Ich habe dem Zeitalter, in das wir jetzt eintreten,
erwartungsvoll entgegengesehen, seit ich vor nahezu
zwanzig Jahren zum ersten Mal ein Faseroptikkabel
in der Hand hielt. Ich bin mit vielen Experten aus
allen Bereichen zusammengekommen, die Fortschritte erzielt haben, die dies ermöglichten. Ich
glaube an die Macht der Technologie, der Welt und
unseren Bürgern Gutes zu bringen. Wir müssen
jedoch den Mut haben, unsere Vision zu leben und
unsere Werte in unserer täglichen Arbeit zum Ausdruck zu bringen, wenn wir die Welt bei dieser
unglaublich aufregenden Reise anführen sollen.
Jeder von uns und jede Nation hat die Aufgabe, die
Welt in die nächste Generation zu leiten. Die von
uns beim Aufbau der Gll geleistete Arbeit besteht
nicht im Dienst an Kabeln und Satelliten, sondern im
Dienste einer globalen Vision, die in jeder Nachbarschaft der Welt realisiert werden kann. Ich begrüße
Ihre Verpflichtung zu dieser Vision und bitte Sie heute
um Zusammenarbeit, damit sie zu einer Realität im
Dienste der von uns allen hochgeschätzten Werte
wird.

*

*

Seite 5

�GESUNDHEIT
27. September 1995

"Nein" zur Legalisierung von Marihuana
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel wurde von der amerikanischen Gesundheitsministerin, Donna
E. Shalala, verfaßt und erschien auf Deutsch erstmals in der Frankfurter Rundschau vom 14. September 1995.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Wall Street Journal, 18.8.95, (c)
1995. Dow Jones &amp; Co., Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Anfang des Sommers veranstaltete das amerikanische Gesundheitsministerium erstmals eine nationale
Forschungskonferenz über Marihuana, bei der
Wissenschaftler Hintergrundinformationen über die
Gefahren des Marihuanakonsums präsentierten.
Ihre Ausführungen haben Auswirkungen auf alle
Unternehmen, alle Bürger und alle Eltern, insbesondere in Anbetracht erneuter Forderungen nach einer
Legalisierung von Marihuana.
Peter Fried von der Carleton University in Ottawa
erläuterte seine vorläufigen Ergebnisse, der Konsum
von Marihuana während der Schwangerschaft
schädige die geistigen Fähigkeiten von Kindern ein
Jahrzehnt oder noch länger nach ihrer Geburt. Mit
Hilfe eines Abhängigkeitsmodells von Tieren stellte
Billy Martin von der Virginia Commonwealth University unter Beweis, daß der zwanghafte Konsum von
Marihuana eine Abhängigkeit hervorrufen kann, die
der von anderen illegalen Drogen vergleichbar ist.
Diese Erkenntnisse sind besonders beunruhigend
angesichts der Tatsache, daß wir unter amerikanischen Teenagern seit drei Jahren einen Anstieg des
Marihuanakonsums beobachten - zu einem Zeitpunkt, an dem stärkere Formen von Marihuana leicht
zu bekommen sind: 13 Prozent der Achtklässler
sollen 1994 mindestens einmal Marihuana versucht
haben - im Vergleich zu 9,2 Prozent im Jahr 1993,
7,2 Prozent 1992 und 6,2 Prozent 1991. Bei der
Bekämpfung dieses Anstiegs müssen wir uns jedoch
vor Augen halten, daß es auch wichtige positive
Nachrichten gibt. Der Marihuanakonsum Erwachsener bleibt weit hinter dem der späten siebziger und
frühen achtziger Jahre zurück. Das bedeutet, daß
die meisten jungen Menschen kein Marihuana
rauchen, und wir müssen sie immer wieder auf die
Gefahren dieser Droge hinweisen.

AMERIKA DIENST 28

Ein Kardinalfehler
Angesichts dieser Tatsachen ist es erstaunlich, daß
in der Bundeshauptstadt Washington und andernorts
von einigen immer wieder der Vorschlag einer
Legalisierung von Marihuana und anderen illegalen
Drogen gemacht wird. Das wäre ein Kardinalfehler.
Erstens stellt Marihuana in unserem Land ein Problem dar, weil es schädlich ist - nicht weil es verboten ist. Die Forschung zeigt, daß es das Kurzzeitgedächtnis schädigt, die Wahrnehmung beeinträchtigt, Urteilsfähigkeit und komplizierte motorische
Bewegungen behindert, den Herzschlag verändert, zu
schweren Angstzuständen führen und Verfolgungswahn sowie Lethargie verursachen kann.
Der
Marihuanakonsum junger Leute führt eindeutig dazu,
daß die Jugendlichen öfter die Schule schwänzen, in
der Schule schlechter werden oder Straftaten begehen. Neue Forschungen von Roger Roffman und
Robert Stephens von der University of Washington
belegen, daß Langzeitkonsumenten, die mit dem
Konsum von Marihuana aufhören wollen, ernsthafte
Schwierigkeiten damit haben.
Zweitens führt der Konsum von Marihuana zu hohen
Kosten und großen Konsequenzen für die ganze
Gesellschaft - nicht nur für die Konsumenten. Junge
Marihuanakonsumenten werden wahrscheinlich eher
als Nichtkonsumenten illegale Drogen nehmen,
Autounfälle haben und verhaftet werden. Die Wahrscheinlichkeit bei ihnen ist geringer, daß sie ihr
akademisches Potential entfalten, was langfristig die
nationale Produktivität beeinträchtigt. Bei ihnen ist
das Risiko größer, daß sie eine kostspielige Versorgung in der Notaufnahme benötigen, was für uns
kurzfristig teuer ist. 1993 endeten doppelt so viele
Teenager wegen Marihuanakonsums in den Notaufnahmen als wegen Heroin- und Kokainkonsums
zusammengenommen.

Seite 1

�Im weiteren Sinne verursacht der Drogenkonsum,
einschließlich Marihuana, beträchtlichen Schaden an
unseren Arbeitsplätzen. Wenige Amerikaner sind
sich bewußt, daß drei Viertel der regelmäßigen
Konsumenten erwerbstätig sind. Der amerikanischen Handelskammer zufolge sind drogenabhängige Angestellte 33 Prozent weniger produktiv als ihre
nichtabhängigen Kollegen. Und die Wahrscheinlichkeit ist 300 Prozent höher, daß sie medizinische
Kosten verursachen und Leistungen in Anspruch
nehmen.
Drittens würde die Legalisierung von Marihuana
sicherlich mehr junge Menschen dazu veranlassen,
Marihuana und andere Drogen zu nehmen und
davon abhängig zu werden.
Das ist teilweise darauf zurückzuführen, daß die
Legalisierung von Drogen ein bedeutendes Abschreckungsmittel vom Drogenkonsum beseitigt.
Zudem haben wir seit Beginn unserer Untersuchungen des Drogenkonsums beobachtet, daß sich die
Zahl der Konsumenten immer dann erhöht, wenn der
Prozentsatz der jungen Menschen sinkt, die Marihuana für schädlich halten. Die Legalisierung von
Marihuana würde den Jugendlichen unweigerlich
nahelegen, Marihuana sei nicht schädlich - was ein
wichtiges Hindernis gegen den Konsum beseitigen
würde.
Noch schlimmer ist, daß die Legalisierung - weil
Gesetze in unserer Demokratie von den Bürgern zu
Recht als Ausdruck nationaler Werte angesehen
werden - implizieren würde, der Konsum von Marihuana werde als gesellschaftliche Praxis akzeptiert und sei akzeptabel. Für viele Teenager würde
dadurch der ohnehin beträchtliche Gruppenzwang
zum Konsum von Drogen intensiviert. Unsere
Töchter und Söhne hätten nicht länger die moralische Autorität unserer Gesetze auf ihrer Seite, um
ihre Ablehnung von Drogen und ihren Wunsch, sie
nicht zu nehmen, zu untermauern.
In der Tat könnte eine Umkehrung des Kurses und
Legalisierung von Marihuana Jugendliche dazu
veranlassen, die Warnungen der Regierung und der
Gesellschaft über andere illegale Drogen wie Crack,
Kokain und Heroin in den Wind zu schlagen - eine
Unterminierung des Vertrauens, die niemals zugelassen werden darf.
Was steht hinter dem Ruf nach der Legalisierung
von Marihuana? Manchmal ist es ein Mythos - wie
die fälschliche Annahme, Marihuana sei eine "weiche" Droge. Manchmal ist es der Trugschluß, die
Legalisierung sei der Weg zur Einschränkung der
Verbreitung von Drogen in unserem Land.

Seite 2

Meiner Ansicht nach gibt es einen Weg zu einer
drogenfreien Gesellschaft - aber es gibt kein Patentrezept. Die Clinton-Administration hat eine umfassende Drogenstrategie verabschiedet - massive
Bestrebungen zur Reduzierung von Angebot und
Nachfrage gleichermaßen. Bei diesen Bemühungen
spielt das Gesundheitsministerium eine entscheidende Rolle: Wir arbeiten mit zahlreichen Partnern
zusammen, um Drogenmißbrauch zu verhindern,
effektive Therapie anzubieten, Forschung zu Drogenproblemen durchzuführen und Informationen an
Experten und die Öffentlichkeit weiterzugeben.
Insbesondere im Hinblick auf Marihuana haben wir
eine Reihe entscheidender, gezielter Schritte unternommen. Wir finanzieren weiterhin wichtige Forschungsprojekte über die Auswirkungen von Marihuanakonsum auf das Verhalten. Im Laufe des
kommenden Jahres erwarten wir beispielsweise die
Veröffentlichung der Ergebnisse einer staatlich
geförderten Studie über den Zusammenhang zwischen akutem Marihuanakonsum und den Auswirkungen des gerauchten Marihuanas auf die Arbeitsleistung.
Auf der Grundlage unseres zunehmenden Wissens
über Marihuana haben wir eine aggressive Kommunikationsstrategie entwickelt. Wir wissen zum
Beispiel, daß es entscheidend ist, junge Menschen
frühzeitig mit sachlichen Informationen über Marihuana und konstruktiven Alternativen für ihre Freizeitgestaltung zu erreichen, bevor sie mit dem Drogenmißbrauch beginnen. Kinder haben für gewöhnlich eine
starke Antipathie gegen Drogen - es ist unerläßlich,
sie darin zu bestärken.
Wir wissen auch, daß wir Jugendlichen eindeutige
und kontinuierliche Botschaften senden müssen, um
den Marihuanakonsum zu unterbinden. Infolgedessen arbeiten wir mit zahlreichen Medien und Partnern
zusammen, um den jungen Menschen zu sagen:
"Fang nicht an, Marihuana zu rauchen, und wenn Du
bereits begonnen hast, hör sofort damit auf. Der
Konsum von Marihuana ist illegal, gefährlich und
ungesund. Es ist nicht 'cool'. Es ist schlecht für den
Körper. Und es ist sicherlich nicht Mode unter jungen
Leuten." Das ist die Botschaft, die wir gar nicht
genug betonen können.
Auch unsere Forschung sagt uns etwas. Wir wissen,
daß junge Menschen Botschaften gegen Drogenmißbrauch dort hören müssen, wo sie leben, lernen,
arbeiten, spielen und wo sie ihre Zeit verbringen. Mit
anderen Worten, obwohl die Bundesregierung eine
Führungsrolle übernehmen muß, kann sie das
Drogenproblem nicht alleine lösen - und sollte dies
auch nicht versuchen. Wir können Eltern und andere
Familienangehörige motivieren, jungen Menschen ein

AMERIKA DIENST 28

�Beispiel für ein drogenfreies Leben zu geben und mit
ihnen über Drogen zu sprechen. Wir helfen Schulen, Gemeindegruppen, religiösen Organisationen,
dem Privatsektor sowie den Verwaltungen auf
bundesstaatlicher und Gemeindeebene, sich zusammenzuschließen und den Jugendlichen etwas
anzubieten, zu dem sie "Ja" sagen können. Wir
treffen uns mit den Medien und der Unterhaltungsindustrie, um Programme zu fördern, die Drogenmißbrauch und andere riskante Verhaltensweisen
entmystifizieren. Und wir fordern die jungen Menschen zur Zusammenarbeit mit uns auf in dem
Wissen, daß Teenager eine einzigartige Gabe
haben, Einfluß auf den anderen und sein Verhalten
auszuüben.

Suchtmittelmißbrauch, für geistige Gesundheit und
Therapieprojekte. Das Repräsentantenhaus strich
darüber hinaus 300 Millionen Dollar des Programms
für sichere und drogenfreie Schulen, womit allein im
Jahr 1996 23 Millionen Schülern die Beratung entzogen wurde. Ein Bewilligungsunterausschuß des
Senats schlug die Abschaffung des Drogenkoordinators im Weißen Haus vor.

Eine nationale Herausforderung

Diese Umkehr ist bemerkenswert kurzsichtig. In einer
Zeit steigenden Marihuanakonsums ist die Grundlage
unseres Erfolgs Aufklärung, Prävention, Therapie,
Forschung, Strafverfolgung, Drogenbeschlagnahme
und massives Engagement der Gemeinde - nicht
Legalisierung oder Beschneidung unseres nationalen
Engagements zur Bekämpfung des Drogenmißbrauchs.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sehen uns mit
einer nationalen Herausforderung konfrontiert, und
die Jugendlichen beobachten unsere Reaktion
genau. Wir dürfen nicht zögern. Es ist jedoch
bedauerlich, daß die republikanische Mehrheit im
Kongreß versucht, unser Engagement für die Unterbindung des Drogenmißbrauchs drastisch zu beschneiden. Am 4. August kürzte das Repräsentantenhaus 401 Millionen Dollar der Mittel des Gesundheitsministeriums für Präventionsmaßnahmen gegen

Während wir beim Staatshaushalt den Gürtel enger
schnallen und Umfang und Rolle der Bundesregierung überdenken, dürfen wir nicht vergessen, was
das Drogenproblem für unsere nationale Zukunft
bedeutet. Es geht hier um Menschen - junge Leute,
die in sich sowohl eine Vielfalt von Talenten als auch
eine Zerbrechlichkeit tragen, die sie empfänglich für
dumme Entscheidungen und riskantes Verhalten
machen. Wir müssen für sie da sein. Wir müssen
das tun, was für sie und die Nation richtig ist.

*

AMERIKA DIENST 28

* * * *

Seite 3

�LU F T -

UND

RAUMFAHRT
27. September 1995

Luft- und Raumfahrt als Schlüsselelement der
amerikanischen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 18. September 1995 im Bonner Wasserwerk
bei einer Expertentagung über Zusammenarbeit im Bereich Luft- und Raumfahrt hielt.

Vielen Dank für Ihre Einladung. Heute vormittag
haben wir eine ausgezeichnete Gelegenheit, die
Luft- und Raumfahrtdimensionen unserer gemeinsamen Sicherheit zu erörtern. Als Vertreter einer
entfernt liegenden, aber dennoch europäischen
Macht ist es mir ein Vergnügen und eine Ehre,
gemeinsam mit herausragenden Vertretern der
Bundesregierung und der Industrie das Podium zu
teilen: Staatsminister Dr. Hoyer, Staatssekretär
Schönbohm, Staatssekretär Dr. Lammert und Dr.
Bischoff. Ihre Anwesenheit belegt, wie wichtig die
politischen, militärischen und wirtschaftlichen Aspekte unserer gemeinsamen Sicherheit für uns alle in
einer veränderten Welt sind.
Deutschland hat nach über einem Jahrhundert des
Konflikts nach dem Kalten Krieg geeint und frei
seinen Platz im Zentrum Europas gefunden. Diese
veränderte Welt hat uns alle - Amerikaner und
Europäer gleichermaßen - jedoch gezwungen,
unsere Politik zu überdenken und neu auszurichten.
Unsere Welt hat die Klarheit des Ost-West-Konflikts
verloren und uns diffuse und weniger drängende
Probleme hinterlassen. Ich bin ganz sicher, daß die
politische Debatte in den Vereinigten Staaten zu
einem neuen Konsens führen wird, der unser Engagement für die europäische Sicherheit bekräftigt.
In dieser Zeit des Wandels müssen wir uns auf
kontinuierliche Zusammenarbeit zur Stärkung des
bestehenden Bündnisses konzentrieren.
Einige
Europäer haben daraus abgeleitet, das amerikanische Engagement für Europa habe sich verringert
und Europa sollte daher seinen eigenen Weg gehen.
Obwohl die Bundeswehr die Anzahl ihrer Soldaten
auf 340.000 reduziert hat, war in den letzten Jahren
eine unglaublich enge sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu beobachten, darunter im Golfkrieg, in
Bosnien sowie bei gemeinsamen militärischen

AMERIKA DIENST 28

Übungen Tausender von Bundeswehrsoldaten in den
Vereinigten Staaten.
Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ungeachtet dessen, wie verändert Europa den Amerikanern
vorkommen mag, bleiben wir der europäischen
Sicherheit verpflichtet. Wir weisen die Idee zurück,
die Europäer könnten unabhängig von den Vereinigten Staaten Sicherheit schaffen. Unsere Maxime
lautet, daß die europäischen Sicherheitsstrukturen
getrennt werden können, aber nicht getrennt sind.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Combined Joint Task
Force CJTB (Alliierte Streitkräftekommandos). Wir
Amerikaner haben von unseren gemeinsamen
Erfahrungen in diesem Jahrhundert gelernt, daß
amerikanische und europäische Sicherheit nicht
voneinander getrennt werden können.
Die von uns während der vergangenen fünfzig Jahre
verteidigten Werte leiten uns noch immer. Wir wollen
in einer stabilen, friedlichen und wohlhabenden Welt
leben. Seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 hat
sich viel verändert, aber die Grundlage der europäisch-amerikanischen Beziehungen ist gleich geblieben: Eine durch die Werte demokratischer Regierungsführung und Marktwirtschaft verbundene Gemeinschaft von Nationen.
Unsere Herausforderung besteht darin, den Erfolg der
transatlantischen Solidarität zu bewahren, die vor nur
wenigen Jahren für die gesamte Welt unter Beweis
gestellt wurde, als friedfertige Männer und Frauen
sich in Zentral- und Osteuropa erhoben, um die
Diktatur abzuschütteln und den Weg zu einer besseren Zukunft zu ebnen.
Mißverstehen Sie mich nicht. Die Vereinigten Staaten sind der europäischen Sicherheit nach wie vor
stark verpflichtet. Wir haben zugesagt, weiterhin rund
100.000 Soldaten in Europa zu stationieren und

Seite 1

�erzielen Fortschritte mit neuen Initiativen zur Stärkung und Erweiterung der NATO, wie der Partnerschaft für den Frieden und den Alliierten Streitkräftekommandos.
Das sind keine Aktionen eines Landes, dessen
Engagement für Europa in Frage steht. Gemeinsam
mit Deutschland und anderen europäischen Partnern
reichen wir die Hand der Freundschaft, um Rußland
und die anderen ehemals kommunistischen Staaten
in ein stabiles europäisches Sicherheitssystem zu
integrieren.
Die Dynamik für Frieden, die wir jetzt in Bosnien
beobachten können, gründet auf einem gemeinsamen amerikanisch-europäischen Ansatz sowie
gemeinsamem Verständnis und gemeinsamen
Zielen. Wir Amerikaner können zu Recht stolz sein
auf unsere Führungsrolle in dieser kritischen Zeit.
Wir übernehmen auch eine Führungsrolle durch
unsere starke Unterstützung europäischer Verteidigungsinitiativen. Wir begrüßen die Westeuropäische Union als Pfeiler unserer Sicherheitsarchitektur.
Wir sind erfreut über die Schritte zur Gründung des
Eurocorps. Aber obwohl wir größeres europäisches
Selbstvertrauen ermutigen, wäre es ein schrecklicher
Fehler, wenn Europa sich für europäische Lösungen
entscheiden würde, nur weil sie europäisch sind.
Wir alle werden konfrontiert mit schrumpfenden
Märkten für die Rüstungsindustrie, immer knapperen
öffentlichen Mitteln und zunehmendem Wettbewerb
auf den Weltmärkten. Die zukünftigen Entwicklungen bei der Luft- und Raumfahrt werden wahrscheinlich alle ein gemeinsames Merkmal haben:
Einen Markt, auf dem sich nur einige wenige große
Produzenten - bisweilen nur einer - halten können.
In dieser Situation ist Wettbewerb, bei dem nur ein
Unternehmen gewinnt und alle anderen zum Scheitern verurteilt sind, riskant. Ein weitaus besserer
Ansatz ist Zusammenarbeit. Starke Unternehmen
können Konkurrenten und Partner gleichermaßen
sein.
Die Vereinigten Staaten stellen die Hälfte des
Marktes für zivile Luftfahrt und einen ähnlich hohen
Anteil der Märkte für militärisches Gerät, Raumfahrt
und andere Hochtechnologieprodukte. Wir bieten
unseren Markt und unsere Technologien, die für
optimale Betriebsvergrößerungen und die Vermeidung von selbstmörderischem Wettbewerb erforderlich sind. Viele amerikanische Firmen sind bereits
Konkurrenten und Partner europäischer Luft- und
Raumfahrtunternehmen. Das gilt auch für Aufklärungssatelliten, Großtransportflugzeuge und
Jäger.

Seite 2

Unsere Partnerschaft ist expansiv. Beispielsweise
stellt das amerikanische Militär pro Jahr logistische
Unterstützung in beträchtlicher Höhe für den deutschen Verteidigungsapparat bereit. Deutschland und
die Vereinigten Staaten sind führende Mitglieder des
Konsortiums, das an dem 25 Milliarden Dollar teuren
Euro-Stinger Produktionsprogramm beteiligt ist. In
Zukunft wird das Luftverteidigungssystem mittlerer
Reichweite MEADS die deutschen, amerikanischen,
französischen und italienischen Streitkräfte vor
taktischen Luftschlägen aller Art schützen.
Bei der Luft- und Raumfahrttechnologie zu nichtmilitärischen Zwecken erhielt Siemens, der größte
Hersteller in ausländischer Hand in den Vereinigten
Staaten, einen bedeutenden Prozentsatz seines F &amp;
E-Budgets für photovaltaische Zellen - seinem
größten amerikanischen Geschäftsfeld - durch
Darlehen des amerikanischen Energieministeriums.
Das bilaterale zivile Luftfahrtabkommen von 1994
führte zu einer stetigen Erhöhung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten
sowie der Aussicht auf ein neues Abkommen über
Offene Himmel. Zu diesem Trend trägt die verbesserte Lage bei Lufthansa und United Airlines bei, die
vorwiegend auf den 1994 eingegangenen Zusammenschluß zurückzuführen ist.
Die Vereinigten Staaten unterzeichneten im letzten
halben Jahr ähnliche Abkommen mit acht weiteren
europäischen Ländern.
Deutschland steht bei
Reformen auf diesem Gebiet an der Spitze und wird
hoffentlich eine Führungsrolle dabei übernehmen, die
Vorteile der Liberalisierung des Luftverkehrs auf den
ganzen Kontinent auszuweiten.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland arbeiten
seit über dreißig Jahren bei der Raumfahrt zusammen. Dazu gehören wissenschaftliche und technologische Forschung an vielen verschiedenen Orten und
in verschiedenen Disziplinen in unseren beiden
Ländern.
Es ist eine Erfolgsgeschichte: Ebenso wie das in
Bremen von VFW-Fokker ERNO (jetzt Teil von
DASA) hergestellte Weltraumlabor Spacelab, erfordern die D-1 und D-2 Weltraummissionen und andere
große Projekte umfassende finanzielle und personnelle Ressourcen unserer beiden Länder.
Dank INTELSAT, der durch gemeinsame Forschung
der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Deutschlands entwickelt wurde,
konnten Menschen in ganz Amerika und der übrigen
Welt sich gemeinsam mit Ihnen freuen, als sie den
Fall der Berliner Mauer live im Fernsehen sahen.

AMERIKA DIENST 28

�In die Zukunft blickend sehen wir die internationale
Weltraumstation als erstes wirklich internationales
Weltraumprojekt unter Beteiligung der Vereinigten
Staaten, der Europäischen Union, Japans, Kanadas
und Rußlands.
Zusammenfassend kann man sagen, die Vereinigten
Staaten und Europa haben ein Vertrauensverhältnis
entwickelt, das sich im Laufe der Zeit in diversen
Krisen bewährt hat. Wir brauchen einander, um

*

AMERIKA DIENST 28

*

unsere Sicherheit und unseren Wohlstand zu gewährleisten. Gemeinsam bilden wir eine Werte- und
Vertrauensgemeinschaft. Der Härtetest für unser
Bündnis besteht darin, den jüngst errungenen Frieden
zu halten, unseren Wohlstand zu gewährleisten und
unser gegenseitiges Vertrauen zu vertiefen, um damit
unsere gemeinsame Zukunft zu sichern.
Ich danke Ihnen.

*

*

Seite 3

�</text>
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          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher unterstreicht Notwendigkeit einer Reform der UNO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der UN-Generalversammlung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vorgeschlagene Haushaltskürzungen gefährden amerikanische Führungsrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerika auf der Suche nach einer Parole&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Maynard Glitman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;50 Jahre Hessen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Grußwort von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Wieder zusammen"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Botschafter Charles E. Redman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Weiterverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine neue Sicherheitspolitische Tagesordnung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kampf gegen den Nuklearschmuggel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Telekommunikation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA sollten Führungsrolle bei der Reform des Telekommunikationswesens übernehmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Gesundheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Nein" zur Legalisierung von Marihuana &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Luft- und Raumfahrt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Luft- und Raumfahrt als Schlüsselelement der amerikanischen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;</text>
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