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Dokumentation

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Nummer

24. A p r i l 1974

Inhalt
INFORMATION
Maschinen und Zubehör für Druck und Graphik
Neuheiten aus USA in Frankfurt
Sonderausstellungen in Wien und Mailand werben für den US-Export
Fulbright-Stipendien zum Studi um in den USA im Studienjahr 1975/76

DOKUMENTATION
Erklärung des US-Atlantikrates zur Solidarität im Bündnis
- Wortlaut E r k l ä r u n g d e s NATO-Sprechers z u d e n MBFR-Verhandlungen i n Wien
vom 1 0 . A p r i l 1974

WIRTSCHAFT

William E. Simon zum neuen Finanzminister der USA nominiert

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

WESTAR - erster kommerzieller Nachrichtensatellit in USA
Fernmeldegesellschaft "Western Union" dehnt ihr Leitungsnetz auf den
Weltraum aus

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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MASCHINEN UND ZUBEHÖR FÜR DRUCK UND GRAPHIK
Neuheiten aus USA in Frankfurt

Mehr als zwanzig amerikanische Hersteller zeigen ihre neuesten Produkte
und Entwicklungen in der Ausstellung "Maschinen und Zubehör für Druck und
Graphik", die vom 14. bis 17. Mai im Frankfurter US-Handelszentrum stattfindet.
Ein Teil der Firmen ist neu auf dem deutschen bzw. europäischen Markt und
sucht hier in erster Linie Vertretungen, Lizenznehmer und Partner für gemeinsame Projekte.
Das Ausstellungsprogramm umfaßt u.a. eine große Auswahl an Fotosatzsystemen
und Zubehör, darunter eine Videosetter-Kathodenstrahlfotosetzmaschine für
800 000 Zeichen pro Stunde und optische Belegleser zur direkten Ansteuerung
von Fotosetzmaschinen oder Erstellung von Lochbändern direkt vom Manuskript;
Reprokameras, Kopierbelichtungsmesser, Offsetkopiergeräte, elektronische Belichtungsrechner, Densitometer und Belichtungsmesser an Filmen während des
Entwicklungsprozesses in der Dunkelkammer; ein Datensystem für die Farbformulierung durch Ferndatenverarbeitung über normale Fernsprechleitungen zu
einem Datencenter; flexographische Etikettendruckmaschinen, Vorlagen und
Farbauszüge für den Druck von Kalendern, Gruß- und Glückwunschkarten, Raster,
Muster und Schriften auf Folien, Blattschneide-, Stanz-, Binde-, Laminierund Folienkaschiermaschinen, Zähl- und Stapeleinrichtungen für Zeitungen,
Walzen- und Gummituchwaschmittel, Regenerierungsmittel, Zusammentrag-, Adressier- und Postbearbeitungsmaschinen, neuartige mikroverkapselte Druckbe-

�Druckbestäubungsspender und Papierbahnbefeuchter für Rollenoffset.

Weitere Informationen durch US-HandelsZentrum, 6000 Frankfurt,
Bockenheimer Landstraße 2 - 4 , Tel.: 720801, Telex: 416535.

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SONDERAUSSTELLUNGEN IN WIEN UND MAILAND WERBEN FÜR DEN US-EXPORT

Zwei Sonderausstellungen der amerikanischen Handelszentren in Wien und
in Mailand werden im Mai für den amerikanischen Export werben und den beteiligten
Firmen bei der Erschließung neuer Märkte helfen.

In Wien werden vom 15. bis 17. Mai in einer Gemeinschaftsausstellung
des amerikanischen Ost-West-HandelsZentrums sieben Firmen Geräte und Ausrüstungen für die Erdöl- und Erdgasgewinnung zeigen, wie sie während der gesamten Betriebsdauer einer Quelle benötigt werden. Die Ausstellung ist speziell auf den Bedarf und die Gegebenheiten des osteuropäischen Marktes ausgerichtet. Bei den ausstellenden Firmen, für die der osteuropäische Markt
Neuland ist, handelt es sich um die "Core Laboratories Inc." aus Dallas, die
Houston Engineers Inc.", die "Halliburton Company" aus Dallas, die "Geolograph
Company" aus Oklahoma City, die "Perry Equipment Corp." aus Mineral Wells,
Texas, die "Byron Jackson Inc." aus Houston sowie die "Max Daggett Export
Management Company" aus North Ridge, Kalifornien.

Die Ausstellung gibt einen Überblick über den neuesten Stand der Bohrtechniken wie auch auf dem Gebiet der Sicherheits- und Überwachungseinrichtungen.
Neben neuem Gerät für Bohrkernanalysen und Flüssigr.aterial-Analysen werden unter
anderem auch für tiefste Bohrlöcher geeignete Prüf- und Meßgeräte, neuartige
Kontroll- und Warneinrichtungen, wie sie bei Bohrungen benutzt werden, Zweistufenfilter für Verdichter, ein neuartiger Rohrschutz für Tiefbohrungen so-

- 1 -

�sowie Druck-Transducer mit austauschbaren Membranen gezeigt. Vertreter der
ausstellenden Firmen werden auf der Ausstellung zur Beantwortung von Fragen
zur Verfügung stehen.

In Mailand zeigen rund 50 Firmen vom 14. bis 18. Mai ihre neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Datenverarbeitung und Übermittlung. So werden
Computer - vom Groß- bis zum Mini-Computer - samt allen Komponenten, Computer
CRT-Terminale und Display-Systeme, Datenübertragungs- und Dateneingabesysteme,
Datenkonvertiergeräte, programmierbare und nicht-programmierbare Terminals,
Video-Terminals, Dateneingabeterminals, Schnelldrucker, Teledrucker, Miltiplexer, Optical Scanner, Klarschriftleser, Computerfilmausgabegeräte, Microfiche Vervielfältiger und Betrachter, Plotter, Magnetbandsysteme, Digitalkassetten, Fernschreibtest- und Prüfgeräte, Modems, Interface Adaptorgeräte,
Breitbandleitungen, Tonsignalgeräte, Schnelldatengeräte, Dekodiergeräte, Seitendrucker, programmierbare Tischrechner sowie Software-Produkte zu sehen sein.
Die Ausstellung bietet den europäischen Besuchern eine einmalige Gelegenheit,
sich über die fortgeschrittenen Technologien dieser "Industrie von morgen"
zu unterrichten.

Unter den ausstellenden Firmen sind so bekannte Namen zu finden wie
"Eastman Kodak", "Singer Business Machines", "Codex Inc." und "Tektronix",
aber auch Neulinge auf dem europäischen Markt wie "International Data Systems",
"National Computer Rentals" und "Prime Computer", die besonders an einer Anbahnung von Geschäftsverbindungen in der Bundesrepublik interessiert sind. Viele
dieser Firmen suchen Vertreter, Lizenznehmer sowie Partner für gemeinsame Projekte. Während der Ausstellung werden in Vorträgen und Diskussionen von den
beteiligten Firmen die wichtigsten Aspekte ihrer neuen Entwicklungen erläutert
sowie Einzelheiten dieser alle

Bereiche unseres Lebens revolutionierenden

Technologie aufgezeigt.

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FULBRIGHT-STIPENDIEN ZUM STUDIUM IN DEN USA IM STUDIENJAHR 1975/76

Auch für das Studienjahr 1975/76 kann die deutsche Fulbright-Kommission
wieder kombinierte Reise- und Aufenthaltsstipendien zum Studium an amerikanischen Hochschulen an deutsche Studenten vergeben. Bewerbungen müssen bis
zum 15. Juni 1974 eingereicht werden, und zwar von immatrikulierten Studenten
bei den Akademischen Auslandsämtern der Hochschulen.

In Abänderung der Richtlinien werden Jungakademiker mit abgeschlossenem
Hochschulstudium nunmehr an den Deutschen Akademischen Austauschdienst verwiesen.

Weitere Auskünfte erteilen die Akademischen Auslandsämter der deutschen
Hochschulen sowie die Fulbright-Kommission selbst: 5 300 Bonn-Bad Godesberg 1
Theaterplatz 1 A, Postfach 208

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ERKLÄRUNG DES US-ATLANTIKRATES ZUR SOLIDARITÄT IM BÜNDNIS
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Der Atlantikrat der Vereinigten Staaten hat am
15. April in einer Erklärung nachdrückliche Anstrengungen von amtlicher und
privater Seite gefordert, um die Meinungsverschiedenheiten im Nordatlantischen
Bündnis beizulegen und die Solidarität zu stärken. Der Vorstand der privaten
Gesellschaft, die der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften (ATA) angehört, hat in seiner Erklärung vor der Gefahr isolationistischer Impulse gewarnt. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:
"1. Der kürzliche Ausbruch der öffentlichen Kontroverse unter den nordatlantischen Verbündeten manifestiert seit langem bestehende Meinungsverschiedenheiten, die in den letzten Jahren und vor allem in den letzten Monaten akut geworden sind. Die durch diese Episode zutage getretenen Schwierigkeiten müssen
durch nachdrückliche amtliche und private Anstrengungen überwunden werden, um
die Solidarität des Bündnisses wiederherzustellen, das die Grundlage für die
Sicherheit und die Prosperität eines jeden verbündeten Landes bildet. Wenn es
nicht gelingt, diese Meinungsverschiedenheiten jetzt beizulegen, dann könnte
dies in gefährlicher Weise separatistische und isolationistische Impulse in
Europa, den Vereinigten Staaten und Kanada stärken.

2. Die

�2. Die jüngsten Meinungsverschiedenheiten unter den Verbündeten, so ernst
sie auch sein mögen, geben ein irreführendes Bild von dem Zustand des Bündnisses. Über Sicherheitsprobleme und auch über einige politische und wirtschaftliche Fragen haben die atlantischen Verbündeten auf einer Reihe wichtiger Gebiete Übereinstimmung erzielt. Die Verbündeten waren sich, das ist richtig,
hinsichtlich der Politik während des Oktober-Krieges im Nahen Osten und danach
nicht einig. Es wäre sehr viel besser gewesen, wenn sie in Nahost-Fragen eine
konzertierte Politik verfolgt hätten, wie das im Jahre 1967 praktisch der Fall
war. Wir hoffen jedoch, daß sich jetzt eine konzertierte Nahost-Politik des
Bündnisses herausbildet, um die entscheidenden Friedensverhandlungen zu unterstützen, die 1974 stattfinden dürften.

Wir begrüßen den Erfolg der jüngsten Washingtoner Energiekonferenz als
einen sehr wichtigen Sieg des Prinzips der Solidarität der Verbündeten. Und
wir begrüßen das Ergebnis der deutsch-amerikanischen Offset-Verhandlungen.
Beide Regierungen haben weitblickende und konstruktive Standpunkte eingenommen,
die die Zahlungsbilanzkosten der Vereinigten Staaten für die Aufrechterhaltung
ihrer Streitkräfte in Deutschland aufheben dürften. Wir hoffen und wünschen,
daß der Erfolg dieser schwierigen deutsch-amerikanischen Verhandlungen wiederum zu einer Lösung des Problemes des Ausgleichs der Zahlungsbilanzfolgen der
Sicherheitsdispositionen des Bündnisses im größeren Bündnisrahmen führen wird,
zu einer Lösung also, durch die eine gerechte Verteilung dieser Kosten erreicht würde.

Vor allem möchten wir die Aufmerksamkeit auf den außerordentlichen Erfolg
des Europäischen Verteidigungsverbesserungsprogramms (EDIP) wenden, das zu
wesentlichen Steigerungen der Verteidigungsausgaben der europäischen Verbündeten seit 1970 geführt hat. Der Stellvertretende Außenminister Rush hat dazu
am 10. Juli 1973 erklärt: 'Der amerikanische Beitrag ist zwar höchst bedeutsam - vor allem wegen der Qualität unserer Streitkräfte - aber unsere Verbündeten tragen in der NATO fast 90 Prozent der Landstreitkräfte bei, 80 Prozent
der Seestreitkräfte und 75 Prozent der Luftwaffe. In Mitteleuropa stellen die
Verbündeten - einschließlich Frankreichs - 25 der 29

1/3 einsatzbereiten Di-

visionen'. Minister Rush wies darauf hin, daß die gegenwärtigen Ausgaben der

�der europäischen Verbündeten für die Verteidigung Europas fast doppelt so
hoch sind wie im Jahre 1965. Ihre Ausgaben für die Verteidigung von NATOEuropa sind im Verhältnis zum Nationaleinkommen höher als die unsrigen.

3. Es läßt sich jedoch nicht bestreiten, daß die atlantischen Verbündeten
in einer Reihe entscheidender politischer und wirtschaftlicher Fragen noch
immer gefährlich zerstritten sind. Angesichts der Probleme der nuklearen Abschreckung und der sowjetischen Außenpolitik stimmen alle Verbündeten überein,
daß ihre Sicherheitsinteressen unteilbar sind und bleiben. Nationen mit einem
gemeinsamen Schicksal, wie die atlantischen Verbündeten, können sich nicht
über wichtige politische und wirtschaftliche Fragen in den Haaren liegen, ohne
den Zusammenhalt in

Sicherheitsfragen und anderen Fragen gemeinsamen Interesses

zu opfern. Ihre gemeinsamen Interessen überwiegen bei weitem die einzelnen nationalen Interessen eines jeden von ihnen. In solchen Fragen sollten sie sich
zumindest regelmäßig konsultieren, um ihre Differenzen so klein wie möglich
zu halten. Günstigstenfalls sollte ihre Politik harmonisiert und konzertiert
sein. Das ist die Empfehlung der 'Drei Weisen' im Jahre 1956, des Harmel-Berichtes, der im Jahre 1967 vom Nordatlantikrat gebilligt worden ist, und des
Neuner-Ausschusses im Jahre 1973.

Der Apparat für die Harmonisierung und Konzertierung alliierter Politik
in politischen und Sicherheitsfragen existiert im Nordatlantikrat und in wirtschaftlichen Fragen in der OECD und anderen Gremien. An was es bisher gefehlt
hat, war der politische Wille, diese Verfahren auf regelmäßiger und anhaltender
Basis zu benutzen. Es ist jetzt an der Zeit, daß die Verbündeten die Suche
nach einer gemeinsamen oder harmonisierten Politik intensivieren. Die Welt
hat sich seit der Zeit Präsident Trumans, als die NATO geschaffen wurde, unwiderruflich geändert. Europa, die Vereinigten Staaten und Kanada sind heute
mehr voneinander abhängig (interdependent) als damals. Das ist eine Tatsache,
an der keine Nation rütteln kann. Und es ist eine Tatsache mit weitreichenden
politischen Folgen.

4. Die öffentliche Meinung in Amerika muß die Tatsache akzeptieren, daß
in einer nuklearen Welt die Dislozierung starker amerikanischer konventioneller

�-*

konventioneller Streitkräfte in der Vorne-Verteidigung in Europa auf unbestimmte Dauer beibehalten werden muß, um sicher zu gehen, daß man in Krisenfällen mit konventionellen Kräften auskommen kann. Niemand möchte sich erneut der Illusion zuwenden, daß 'massive Vergeltung' eine Politik darstellt,
die man nur im äußersten Notfall anwenden kann. Wir begrüßen daher die Zusicherungen, die. Präsident Nixon jüngst in Houston gab, daß er sich auch
weiterhin einem einseitigen Abzug amerikanischer Truppen aus Europa widersetzen werde.

5. Auf der anderen Seite muß man aber auch in Europa genau so die Tatsache akzeptieren, daß politische und wirtschaftliche Fragen nicht hermetisch
von Sicherheitsfragen getrennt werden können. Die eigentlichen wichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen umfassen auch Elemente, die von hoher Bedeutung für die Sicherheit sind. Man muß an alles im vollen Bewußtsein um die
Beziehungen herangehen.
*

6. Zwischen dem Festhalten am Prinzip der atlantischen Solidarität und
dem Eintreten für die volle Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft besteht
kein Widerspruch. Wir sollten die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft
als eines konstruktiven und verantwortungsbewußten Partners der Vereinigten
Staaten bei allen Werken des Friedens begrüßen.

7. Es ist verständlich, daß man sich in Europa wegen der relativen Größe
der Vereinigten Staaten Sorgen über die Möglichkeit macht, daß Amerika eine
'dominierende' Rolle spielen könnte. Wie falsch diese Befürchtung ist, wird
durch die seit Jahren von Amerika unternommenen Anstrengungen deutlich, Europas
Stärke und Einheit sowie Verfahren für eine atlantische politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Gefahr liegt nicht in der Vorherrschaft,
sondern in der Isolation.

8. Es gibt in Europa Stimmen, die behaupten, daß Europa zwischen der Konzeption eines 'europäischen Europa' und eines 'amerikanischen Europa' wählen
müsse. Europa aber steht gar nicht vor einer solchen Entscheidung. Der einzig

- 4 -

�einzig mögliche Kurs für Europa ist der eines atlantischen Europa, so wie
der einzig mögliche Kurs für die Vereinigten Staaten der eines atlantischen
Amerika ist. Ein amerikanischer Isolationismus und die Idee einer europäischen
dritten Kraft würden für beide Seiten des Atlantik katastrophal sein."

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ERKLÄRUNG DES NATO-SPRECHERS ZU DEN MBFR-VERHANDLUNGEN IN WIEN
VOM 10. APRIL 1974

Der niederländische Botschafter Quarles
van Ufford hat im Namen der westlichen
Teilnehmer an den Verhandlungen über eine
beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung (MBFR) in Wien am 10. April
anläßlich der einmonatigen Vertagung der
Konferenz folgende gemeinsame Erklärung
(in englischer Sprache) abgegeben:

Wie Sie wissen, werden wir in den MBFR-Verhandlungen nun erneut eine kurze
Pause einlegen, um Zeit für Konsultationen mit unseren Regierungen zu haben.
Die Verhandlungen werden in der am 6. Mai beginnenden Woche wieder aufgenommen.
Dies scheint ein geeigneter Zeitpunkt zu sein, um mit Ihnen den derzeitigen
Stand der Verhandlungen zu erörtern. Auf meiner letzten Pressekonferenz am
14. Januar sprach ich mit Ihnen über die allgemeine Betrachtungsweise, die sich
jede Seite bezüglich der Substanz der Verhandlungen zu eigen gemacht hat. Um
meine heutigen Ausführungen in die richtige Perspektive zu rücken, darf ich
diese grundlegenden Positionen noch einmal kurz ins Gedächtnis zurückrufen.

Das Gesamtziel der westlichen Bündnispartner besteht darin, durch Truppenverminderungen in Mitteleuropa zu einem stabileren Gleichgewicht zwischen den
Landstreitkräften der beiden Seiten zu kommen. Das bedeutet die Beseitigung des

�m
des derzeitigen Ungleichgewichts in den Landstreitkräften, bei denen die östliche Seite 150 000 mehr Soldaten in dem genannten Gebiet stationiert hat als
der Westen.

Die westlichen Bündnispartner haben dementsprechend vorgeschlagen, daß
das endgültige Ziel der Verhandlungen in einer gemeinsamen Höchststärke für
den gesamten Mannschaftsbestand der Landstreitkräfte auf beiden Seiten besteht.
Wir haben vorgeschlagen, daß dieses Ziel in zwei Verhandlungsphasen erreicht
werden soll. In der ersten Phase würde die Einigung dahingehen, die amerikanischen
und sowjetischen Landstreitkräfte zu reduzieren und gleichzeitig die Disparität in Höhe von 9500 Panzern, die in dem Gebiet besteht, zu vermindern. Die Beteiligten würden sich in einem Abkommen der ersten Phase ferner über das Konzept
einer gemeinsamen Höchststärke für den Mannschaftsstand der Landstreitkräfte
als Verhandlungsziel einigen.

In der zweiten Phase würde Einigung über weitere Verringerungen erzielt
werden, unter Einschluß von Reduktionen bei anderen direkt Beteiligten, bis
eine gemeinsame Höchststärke erreicht ist.

Dies ist allgemein gesprochen die westliche Position zur Frage der Truppenverminderungen. Wir glauben, daß das Ergebnis in erhöhter Sicherheit für beide
Seiten bestehen würde. Wir stimmen der Behauptung, daß unser Vorschlag zu
einer erhöhten Sicherheit für uns und zu geringerer Sicherheit für den Osten
führen würde, nicht zu. Wir halten es für unrealistisch, die Sicherheit als
eine vorgegebene, feste Größe zu betrachten, bei der die andere Seite automatisch
über weniger Sicherheit verfügt, wenn eine Seite in den Verhandlungen mehr Sicherheit gewinnt. Im Gegenteil, in einer Situation der nuklearen Gesamtparität wird
die Sicherheit von beiden Seiten in gleichem Maße geteilt, oder sie fehlt in
gleicher Weise- Wenn es zu einer Einigung kommt, werden beide Seiten an Sicherheit gewinnen, denn ein Krieg in Mitteleuropa wird weniger wahrscheinlich werden.

Nun zur östlichen Haltung: Die östlichen Teilnehmer wollen das derzeitige
zahlenmäßige Verhältnis zwischen den Streitkräften des Ostens und des Westens
und zwischen den verschiedenen Teilstreitkräften aufrechterhalten, und zwar ein-

�einfach mit der Begründung, daß dieses Verhältnis jetzt so existiert, und
sie wollen dieses Verhältnis als Grundlage für Verminderungen benutzen. Sie
haben dementsprechend drei Stadien für die Verminderung vorgeschlagen. Alle
direkt Beteiligten würden in jedem Stadium ihre Streitkräfte um die gleiche
Zahl oder den gleichen Prozentsatz vermindern. Außerdem sollen alle Arten
von Streitkräften, einschließlich der Luftstreitkräfte und der nuklearen
Streitkräfte darin eingeschlossen sein.

Wie ich bereits in meiner letzten Pressekonferenz ausführte, sind wir
der Auffassung, daß diese Betrachtungsweise - abgesehen von ihrer Komplexität nicht zu einer Verbesserung der Stabilität und Sicherheit in Mitteleuropa
beitragen würde; sie würde die derzeitige unbefriedigende Situation vielmehr
verewigen, ja sogar noch verschlechtern.
Ich möchte Ihnen jetzt einen Überblick über den Verlauf der Verhandlungen
sowie darüber geben, welches der derzeitige Sachstand unserer Auffassung nach
ist. Allgemein gesprochen sind wir der Auffassung, daß der Verlauf der Verhandlungen den Erwartungen entspricht, die im gegenwärtigen StacU.um vertretbar erscheinen. Bei Verhandlungen dieser Art, für die kein Präzedenzfall vorliegt,
an denen 19 Staaten teilnehmen und die sich mit höchst vielschichtigen und
kritischen Fragen befassen, sind rasche Fortschritte nicht zu erwarten.

Geduld und Ausdauer sind erforderlich. Die Verhandlungen brauchen Zeit.
Es liegt auf der Hand, daß wir noch einen weiten Weg zurückzulegen haben.
Nichtsdestoweniaer

glauben wir, daß die Verhandlungen in stetigem Tempo vor-

angehen.

Der Zusammenhalt der westlichen Bündnispartner ist auch weiterhin hervorragend, der Gesprächston zwischen den Teilnehmern aus Ost und West ist nach wie
vor sachlich. Die Diskussionen haben die Auffassungen der beiden Seiten in
wesentlichen Punkten geklärt. Beide Seiten haben umfangreiche und wertvolle
Hintergrundinformationen erhalten, die für die künftigen Verhandlungen von
Nutzen sein werden. Noch bedeutsamer ist jedoch, daß beide Seiten unserer Auffassung nach ein ernsthaftes Interesse an einer Einigung zeigen, wenn möglich
- 3 -

�möglich noch in diesem Jahr.

Sicherlich befinden wir uns noch in der erläuternden und sondierenden
Phase der Verhandlungen. Dies bedeutet, daß jede Seite damit beschäftigt ist,
ihre Auffassung vorzutragen, bestimmte Einzelheiten und Klarstellungen hinzuzufügen, ihre Haltung zu rechtfertigen, die Probleme herauszuarbeiten und die
Auffassungen der anderen Seite festzustellen in dem Bemühen, Gebiete, hinsichtlich deren Gemeinsamkeit besteht, zur späteren Weiterentwicklung festzustellen
und zu erweitern. Wir hoffen, daß wir bei Wiederaufnahme der Verhandlungen im
Mai die nächste Phase der Weiterentwicklung einiger dieser Gemeinsamkeiten in
Angriff nehmen können.

Wie bei allen Verhandlungen, so ist auch der von mir erläuterte Prozeß
notwendig und nützlich. So sind insbesondere in den letzten drei Monaten die
wesentlichen zu verhandelnden Sachfragen klarer

definiert worden. Lassen Sie

mich Ihnen sagen, was wir als die beiden Hauptfragen betrachten, die derzeit
Ost und West trennen:

Die erste Frage lautet: Wie sollte die Reihenfolge der Verringerungen
sein?

Die westliche Auffassung geht dahin, daß die Teilnehmer ein erstes Abkommen über die Verminderung amerikanischer und sowjetischer Streitkräfte anstreben und die Verminderung anderer Streitkräfte auf eine zweite Phase verschieben sollten. Der Osten fordert, daß die Streitkräfte aller direkt Beteiligten von Anfang an gemeinsam reduziert werden sollten.

Die zweite Frage lautet: Welche Art von Reduzierungen würde am meisten
zur Verminderung des Risikos des Ausbruchs eines Konflikts mit den damit verbundenen Gefahren der Eskalation zu einem nuklearen Krieg beitragen?

Die westliche Auffassung ist, daß die Teilnehmer ein Gleichgewicht durch
eine gemeinsame Höchststärke bei den Landstreitkräften anstreben sollten. Der
Osten vertritt die Auffassung, daß alle Arten von Streitkräften - einschließ- 4-

�einschließlich der Luftstreitkräfte und der nuklearen

Streitkräfte - allgemein

anteilig reduziert werden sollten.

Ich möchte mich mit diesen beiden Fragen nacheinander befassen. Wie ich
bereits erwähnte, schlagen die westlichen Bündnispartner ein erstes Abkommen
zur Verminderung der amerikanischen und sowjetischen Landstreitkräfte vor.
Dieses Abkommen würde die Verpflichtung enthalten, in eine zweite Verhandlungsphase einzutreten, als deren Ergebnis die Teilnehmer die Mannschaftsstärke ihrer
Landstreitkräfte auf eine gemeinsame Höchststärke reduzieren würden. Diese Verminderungen der zweiten Phase würden auch Verringerungen bei anderen direkt
Beteiligten umfassen.

Wir glauben, daß diese Betrachtungsweise mancherlei Vorteile bietet. Wir
halten es für sinnvoll, die amerikanischen und sowjetischen Streitkräfte zuerst zu reduzieren. Angesichts ihrer militärischen Stärke und ihres Status als
große nukleare Mächte tragen die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten besondere Verantwortung für die Wahrung des Friedens in Europa und die Förderung
der Entspannung. Eine Verminderung der Streitkräfte dieser beiden Großmächte
wäre von beträchtlicher militärischer und politischer Bedeutung. Darüber hinaus
ist die Verminderung amerikanischer und sowjetischer Landstreitkräfte der einfachste und praktischste Weg. Sie würde ein Höchstmaß an Aussichten auf Einigung
innerhalb einer angemessenen Zeit bieten.

Wir halten es ferner für sinnvoll, Verminderungen bei anderen direkt Beteiligten auf eine zweite Phase zu verschieben, d.h. auf die Zeit nach einer
amerikanisch-sowjetischen Verminderung und einer Einigung über das Konzept
der gemeinsamen Höchststärke.

Da dies für uns ein wichtiges Anliegen ist, möchte ich mich einen Augenblick lang mit den Gründen beschäftigen.

Obgleich es in Europa in den letzten 29 Jahren keinen Krieg gegeben hat,
kann die Geschichte dieses Zeitraums nicht als glücklich bezeichnet werden. Es
war eine Zeit der Furcht und Sorge, die gekennzeichnet war von den möglichen

- 5-

�möglichen Konsequenzen der in

Europa stattfindenden militärischen Konfron-

tation der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten und ihrer jeweiligen Bündnispartner. Wir unternehmen nun zum ersten Mal Bemühungen, um diese Konfrontation
zu vermindern. Es ist jedoch durchaus verständlich, daß die Besorgnisse und
Zweifel, die während dieses Zeitraums entstanden sind, nicht leicht zu zerstreuen, und daß sie noch in starkem Maße vorhanden sind. Deshalb sind sich
die westlichen Teilnehmer einig in dem Wunsch, ehe sie einen Weg beschreiten,
der zu nachhaltigen Auswirkungen auf ihre

Sicherheit in einem Maße führt, wie

es für die Sowjetunion nicht zutrifft, daß die Sowjetunion und mit ihr die
Vereinigten Staaten den ersten substantiellen Schritt tun sollten, um sowohl
die Echtheit ihres guten Willens als auch die Durchführbarkeit des ganzen
Projektes zu demonstrieren.

Die westlichen Bündnispartner unternehmen selbstverständlich nicht den
Versuch, den Beginn einer zweiten Verhandlungsphase auf unbestimmte Zeit zu
verzögern. Erweist sich die erste Verhandlungsphase als befriedigend, so sind
die Bündnispartner bereit, sich auf die Fortsetzung der Verhandlungen in einer
zweiten Phase festzulegen. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, daß mögliche Abkommen nur einen bestimmten Teil der amerikanischen und sowjetischen
Streitkräfte betreffen würden.

Die Situation der meisten anderen direkt Beteiligten im Westen ist anders.
Ihr gesamtes Hoheitsgebiet liegt innerhalb des Reduktionsgebietes. Es besteht,
kurz gesagt, ein deutlicher qualitativer Unterschied zwischen der Situation
der Vereinigten Staaten und Sowjetunion und derjenigen der arideren direkten
westlichen Teilnehmer, und dieser Unterschied stellt unserer Auffassung nach
für die letzteren einen völlig ausreichenden Grund dafür dar, sich an Truppenverminderungen erst dann zu beteiligen, wenn die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion den

Weg gezeigt und dadurch die erforderliche Bedingung des Ver-

trauens geschaffen haben, ehe wir zu einer zweiten Phase übergehen können.
Ich möchte hinzufügen, daß selbst kleine Verminderungen seitens dieser direkten
westlichen Teilnehmer, wenn sie gleich zu Beginn durchgeführt werden, auf die
gleichen Bedenken stoßen würden.

Ich

�Ich komme damit zu der zweiten der beiden wesentlichen Fragen, die Ost
und West

trennen: Die Frage, wie das Risiko eines nuklearen Krieges in Mittel-

europa am besten vermindert werden kann und ob eine Verminderung von Luftstreitkräften und nuklearen Streitkräften zu einer Reduzierung dieser Gefahr beitragen würde.
So wie wir es sehen, ist es die Aufgabe dieser Verhandlungen, die wesentlichen Schritte zur Verminderung - und, wenn möglich, zur Beseitigung - der
Gefahren des Ausbruchs eines Konflikts in Mitteleuropa zu tun. Es besteht nämlich die weitere Gefahr, daß ein derartiger Konflikt, wenn er einmal ausgebrochen ist, zum Einsatz nuklearer Waffen eskaliert. Die Gefahr, daß es zu
einem Konflikt kommt, ergibt sich aus dem Ungleichgewicht zwischen den Landstreitkräften der beiden Seiten. Aus diesem Grunde ist es notwendig, die Landstreitkräfte zu vermindern, und zwar so, daß dieses destabilisierende Ungleichgewicht beseitigt wird. Sollte es zum Ausbruch von

Feindseligkeiten kommen,

würden beide Seiten alles in ihrer Macht stehende tun, um den Einsatz nuklearer
Waffen zu vermeiden. Eine Eskalation zum Einsatz nuklearer Waffen würde die
ernstesten Folgen haben. Beide Seiten wissen dies. Nun sind die nuklearen Waffen
in Mitteleuropa eng verbunden mit den taktischen und strategischen Kernwaffen,
die außerhalb der Reduktionsgebiete stationiert sind. Die innerhalb des Gebiets
stationierten Kernwaffen können nicht getrennt behandelt werden. Die Reduzierung
dieser Waffen würde die Gefahr der Eskalation nicht vermindern. Was vermieden
werden muß, ist der Ausbruch jedes Konflikts, denn er könnte zu einem nuklearen
Krieg eskalieren. Dies läßt sich dadurch erreichen, daß man unmittelbar an die
potentielle Quelle eines Konflikts in diesem Gebiet herangeht, nämlich das derzeitige Ungleichgewicht zwischen den Landstreitkräften.

Hinsichtlich der Frage der Luftstreitkräfte ist unsere Auffassung die,
daß die Beweglichkeit von

Flugzeugen, die es ihnen ermöglicht, schnell und

ohne Schwierigkeiten in das Reduktionsgebiet einzufliegen und dieses wieder
zu verlassen, zur Folge hat, daß ihr Abzug militärisch gesehen kein bedeutsamer
stabilisierender Faktor wäre.

Es

- 7-

�Es gibt darüber hinaus die Probleme der Vergleichbarkeit und der Einigung
auf Waffenzahlen. Dies wäre kein leichtes Problem. Man braucht sich nur die
vielfältigen Flugzeugtypen anzusehen, die in den Streitkräften der beiden
Seiten eingesetzt sind, und die Beschreibungen ihrer Einsatzaufgaben zu lesen,
die in öffentlich zugänglichen Schriften enthalten sind, um diese Schwierigkeit zu erkennen. Aus den von mir genannten Gründen neinen wir, daß große oder
kleine Verminderungen von Luftstreitkräften und nuklearen Streitkräften für
die Erreichung des Ziels der Verhandlungen keinen Wert haben würden.

Im derzeitigen Stadium der Verhandlungen sind wir immer noch dabei, zu
versuchen, die östlichen Teilnehmer von den Vorteilen unserer Position zu
überzeugen. Über die beiden Fragen, die ich soeben dargelegt habe, haben ausführliche Diskussionen stattgefunden. Obgleich keine der beiden Seiten ihre
Auffassungen substantiell geändert hat, sind die gegenseitigen Auffassungen
geklärt worden. Trotz der bedeutsamen Meinungsverschiedenheiten, die ich erläutert habe, glauben wir, daß wir nun bestimmte Punkte ausmachen können, von
denen aus beide Seiten in der Zukunft weitergehen können.

Ich möchte diese Punkte kurz erwähnen:

Zunächst scheint es, daß sich beide Seiten einig sind hinsichtlich der
zentralen Bedeutung von Maßnahmen, die einen Konflikt - einschließlich eines
nuklearen Konflikts - weniger wal rscheinlich machen. Beide Seiten erkennen an,
daß die Materie vielschichtig ist und daß der Schlüssel zur Lösung der verschiedenen Verhandlungsphasen in einem schrittweisen Vorgehen besteht. Außerdem
haben beide Seiten offensichtlich den Wunsch, daß Sie möglichst rasch zu praktischen Ergebnissen kommen möchten.

Angesichts dieses Wunsches nach Fortschritten, scheinen beide Seiten erkannt zu haben, daß das vordringlichste Problem darin besteht, welche spezifischen, begrenzten Schritte unternommen werden sollten, um den Verhandlungen
in praktischem Sinne weiterzuhelfen.

Bei

�Bei diesem Versuch muß berücksichtigt werden, daß nach den Auffassungen,
die beide Seiten in diesen Verhandlungen vorgetragen haben, amerikanische und
sowjetische Landstreitkräfte in dieser oder jener Weise vermindert werden
würden. Außerdem scheinen wir uns einig zu sein, wie wichtig es ist, daß durch
künftige Abkommen die Sicherheit aller Teilnehmer erhöht wird. In diesem Zusammenhang scheinen wir die Auffassung zu teilen, daß Truppenverminderungen
in Mitteleuropa nicht zur Folge haben dürfen, daß die Spannungen in die Länder
an den Flanken verlagert werden.

Dies bringt mich zu meiner letzten Bemerkung, die ich machen möchte:
Unserer Beurteilung dessen, was vor uns liegt.

In der nächsten Sitzungsperiode der Verhandlungen, die Anfang Mai beginnt, werden die Teilnehmer in eine Phase eintreten, in der sie logischerweise damit anfangen sollten, einige vereinbarte Definitionen und Konzepte zu
skizzieren. Dies bedeutet die Nutzung der Gemeinsamkeiten in der Haltung der
beiden Seiten und den Versuch, darauf aufzubauen. Wir wissen nicht, welches
Ergebnis dieser Prozeß haben wird, aber wir sind hinsichtlich der Aussichten
nicht pessimistisch. Wir glauben, daß die Aufgabe bewältigt werden kann.

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8/1974

WILLIAM E. SIMON ZUM NEUEN FINANZMINISTER DER USA NOMINIERT

WASHINGTON - (AD) - Präsident Nixon hat am 17. April die Nominierung
von William E. Simon zum neuen Finanzminister der Vereinigten Staaten bekanntgegeben. Simon, dessen Ernennung durch den Senat bestätigt werden muß,
tritt die Nachfolge von George P. Shultz an, der dieses Amt seit dem 12.
Juni 1972 innehatte.
Als Stellvertretender Finanzminister (seit 22. Januar 1973) und als
Leiter des Bundesamtes für Energie (seit 4. Dezember 1973) hat sich Simon
weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus einen Namen als Finanzund Wirtschaftsexperte gemacht. Er berät den Präsidenten auch in Personalfragen und ist Vorsitzender des Ausschusses für ölpolitik.

William Edward Simon wurde am 27. November 1927 in Patterson im Staate
New Jersey geboren, erwarb 1951 am Lafayette College in Easton, Pennsylvanien,
den akademischen Grad eines Bachelor of Arts, um dann eine steile Karriere
in der New Yorker Finanz- und Börsenwelt zu machen. Nachdem er Vizepräsident
der "Union Securities" geworden war, ging er 1957 als Vizepräsident zu "Weeden
and Company", um dann 1964 als Seniorpartner in die New Yorker Investmentbank "Salomon Brothers" einzutreten.

Schon sehr bald auch im Verbandswesen tätig, gehörte Simon dem Vorstand
der "Investment Bankers Association of America" und nach deren Zusammenschluß
mit der "Association of Stock Exchange Firms" zur "Securities Industry Associa-

�»

Association" auch der Leitung dieser Vereinigung amerikanischer Börsenmakler
an. Ferner ist er Vorsitzender des Rates für Öffentliche Finanzen und Treuhänder des Lafayette College und anderer Bildungsstätten. Er gründete auch
die Vereinigung der Makler für Regierungsschuldverschreibungen.

Simon ist verheiratet und hat fünf Töchter und zwei Söhne. Er lebt in
McLean, Virginia, einem Vorort von Washington.

- 2-

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8/1974

WESTAR - ERSTER KOMMERZIELLER NACHRICHTENSATELLIT IN USA
Fernmeldegesellschaft "Western Union" dehnt ihr Leitungsnetz
auf den Weltraum aus

- (AD) - Der jüngste amerikanische Fernmeldesatellit WESTAR ist zwar
keine technische Neuheit, aber das erste rein kommerzielle Gerät dieser Art
in den Vereinigten Staaten. Besitzer ist die Telefongesellschaft Western
Union, die es am 13. April 1974 von Kap Kennedy aus in eine erdsynchrone Bahn
in fast 36 OOO km Höhe einschießen ließ, damit es an einem für die USA
günstigen Punkt am Himmel "stationiert" werden kann. Das private Dienstleistungsunternehmen, vor allem auf den Telefon- und Telegrammdienst spezialisiert, beabsichtigt, WESTAR für die Übermittlung von Telegrammen, Ferngesprächen, Faksimile-, Fernseh- und Datensendungen innerhalb der Vereinigten Staaten zu benutzen.

Das Unternehmen hofft, mit den Gebührenreinnahmen das neue Projekt nicht
nur finanzieren, sondern auch einen Gewinn daraus erwirtschaften zu können.
Gelingt dies nicht, hat es den Verlust selbst zu tragen. Der einzige Beitrag
seitens des Staates war eine Dienstleistung der Weltraumbehörde NASA - nämlich der Abschuß der THOR-DELTA-Trägerrakete. Außerdem hatte die US-Regierung
die Benutzung von

Funkfrequenzen zu genehmigen, die für Satelliten erforder-

lich sind, und sie ist außerdem verpflichtet, die Funktion des WESTAR als
Instrument für Dienstleistungen im Interesse der Öffentlichkeit zu überwachen.

Erst

�i
Erst nach vollständiger Überprüfung der Instrumente an Bord des Satelliten
und seiner exakten Einsteuerung auf den Stationierungspunkt über der Erdoeberfläche wird WESTAR einsatzbereit sein und in ständiger Verbindung mit den Bodenstationen nahe New York, Atlanta (Georgia), Chicago, Dallas (Texas) und Los
Angeles stehen. Man hofft, daß dies im August 1974 soweit

sein wird. Das

trommeiförmige Gerät, das 1,80 m Durchmesser hat und 572 kg wiegt, kann 7200
Telefongespräche oder 12 Farbfernsehprogramme zur gleichen Zeit übertragen,
oder - in unterschiedlicher Kombination - eine entsprechend geringere Anzahl
von Gesprächen, Daten- und Fernsehsendungen bewältigen. Diese Kapazität wird
sich nach dem für Juni 1974 vorgesehenen Start eines zweiten, identischen Geräts
(WESTAR II) verdoppeln. Ein dritter Satellit wird in Reserve gehalten, um notfalls einen der beiden ersten zu ersetzen oder in ihrer Funktion zu ergänzen.
Jeder Satellit erhält seinen Betriebsstrom von 20 500 Sonnenzellen; die aktive
Betriebsdauer ist auf sieben Jahre veranschlagt.

Inzwischen haben fünf weitere amerikanische Fernmeldeunternehmen (in den
USA ist das Fernmeldewesen nicht Staatsmonopol, sondern befindet sich in Privathand) Pläne bekanntgegeben, von Ende 1975 an ebenfalls Satelliten für den Inlandsverkehr benutzen zu wollen. Obgleich darin in der Mehrzahl andere Bodenstationen vorgesehen sind, wird sich aus den Projekten doch eine gewisse
Konkurrenz für "Western Union" ergeben. Die "Radio Corporation of America"
(RCA) bietet ihren amerikanischen Kunden bereits seit Januar 1974 Dienstleistungen
via Weltraum in der Form an, daß sie die Mitbenutzung von zwei kanadischen Fernmeldesatelliten für den Inlandsverkehr innerhalb der USA vermittelt. Die RCA
hat nämlich mehrere Kanäle des kanadischen Satelliten ANIK II gemietet. ANIK I
und II, die beide in den Vereinigten Staaten gebaut und mit amerikanischen Raketen gestartet wurden, sind über dem Äquator stationiert und können für den
Fernmeldebetrieb in ganz Nordamerika benutzt werden. Ende 1975 möchte die RCA
mit neuartigen Satelliten - vorläufig sind insgesamt drei vorgesehen - ein
eigenes Weltraum-Fernmeldenetz mit zusätzlichen Bodenstationen aufbauen. Bisher
stehen ihr Bodenanlagen in New York, San Francisco und an zwei Orten in Alaska
zur Verfügung.

Die
- 2-

�Die Vereinigten Staaten kommen überraschend spät zu einem eigenen, inländischen Satelliten-Fernmeldenetz. In den vergangenen Jahren konzentrierten
sie bei der Anwendung der neuen Technologie für den zivilen Gebrauch ihre Anstrengungen auf die Schaffung des weltweiten INTELSAT-Fernmeldesystem, das
heute 88 Bodenstationen in 53

der 84 INTELSAT-Mitgliedstaaten umfaßt. Kanada

dagegen schuf sich mit seinen ANIK-Satelliten ein eigenes Weltraum-Fernmeldenetz, TELESAT genannt, um damit auch die dünnbesiedelten abgelegenen Nordgebiete und die zahlreichen Inseln erreichen zu können. Es ist seit April 1974
in Betrieb.

Die Sowjetunion benutzt bereits seit einigen Jahren Nachrichtensatelliten
für den Inlandsverkehr. Die MOLNIJA-Geräte haben es ermöglicht, auch die weit
abgelegenen Regionen der UdSSR an das Fernmeldenetz anzuschließen. Im Gegensatz zu den amerikanischen und kanadischen Fernmeldesatelliten, die sich alle
auf geostationären Kreisbahnen in ca. 36 OOO km Höhe befinden, umrunden die
MOLNIJA-Satelliten die Erde auf stark exzentrischen elliptischen Bahnen. Für
\
die vielen Regionen des weiten Landes stehen sie abwechselnd mehrere Stunden
täglich über dem Horizont.

Fernmeldesatelliten und die damit verbundene Technik dokumentieren den
Nutzen der Raumfahrt besonders eindrucksvoll. Eine Reihe von Nationen hat
bereits die Absicht zu erkennen gegeben, mit Hilfe der INTELSAT-Geräte auch
inländische Satelliten-Fernmeldesysteme aufzubauen. Angesichts der Kommerzialisierung, die sich in den letzten Jahren auf diesem Sektor vollzogen hat, stellte
die US-Regierung ihre Unterstützung der Forschungsarbeiten für eine weitere Verbesserung von Nachrichtensatelliten weitgehend ein. Mit Kanada und den europäischen Ländern wird gegenwärtig die Schaffung eines gemeinsamen Systems von
Nachrichtensatelliten für den Luftverkehr

(AEROSAT) erörtert. Für 1975 planen

die USA außerdem ein ähnliches Netz für die Schiffahrt (MARISAT); die dafür erforderlichen Satelliten sollen über dem Atlantik und Pazifik stationiert
werden.

Auch für Bildungszwecke werden künftig Satelliten zur Verfügung stehen.
Im Juni 1974 wollen die USA das Gerät ATS-F starten, das zunächst ein Jahr
- 3-

�Jahr lang Fernseh-Programme für den Schulfunk in den USA ausstrahlen soll.
Anschließend wird der Stationierungspunkt in die Nähe des indischen Subkontinents verlagert. Dort soll da6 Gerät versuchsweise ein Jahr lang als
Relaisstation für Schulprogramme dienen, mit denen die indische Regierung
auch die abgelegensten Dörfer erreichen will.

+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Maschinen und Zubehör für Druck und Graphik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neuheiten aus USA in Frankfurt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sonderausstellungen in Wien und Mailand werben für den US-Export&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fulbright-Stipendien zum Studium in den USA im Studienjahr 1975/76&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erklärung des US-Atlantikrates zur Solidarität im Bündnis&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung des NATO-Sprechers zu den MBFR-Verhandlungen in Wien vom 10. April 1974&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;William E. Simon zum neuen Finanzminister der USA nominiert&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;WESTAR - erster kommerzieller Nachrichtensatellit in USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fernmeldegesellschaft "Western Union" dehnt ihr Leitungsnetz auf den Weltraum aus&lt;/em&gt;</text>
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Dokumentation

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Nummer

24. April 1975

Inhalt

INFORMATION:

"The Philadelphia Orchestra" unter Eugene Ormandy kommt im Mai nach
Deutschland
Fulbright-Stipendien zum Studium in den USA im Studienjahr 1976/77

US-Beteiligung auf Pariser Luftfahrtsalon aus der Sicht des "Blauen
Planeten"

DOKUMENTATION:

Kissinger unterstreicht weltpolitische Rolle der USA
-Rede des amerikanischen Außenministers vom 17. April 1975-

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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9/1975

"The Philadelphia Orchestra" unter Eugene Ormandy kommt im Mai nach
Deutschland
-»(AD)-- Das weltberühmte Philadelphia Orchestra unter seinem Chefdirigenten
Eugene Ormandy wird in der Zeit vom 9. bis 2o. Mai eine Tournee durch die Bundesrepublik Deutschland veranstalten, in deren Verlauf das Orchester in 12 Tagen neun Konzerte in neun Städten geben wird. Der Besuch Ormandys und seiner
Musiker bildet den Auftakt der in Deutschland geplanten Veranstaltungen anläßlich der 200-Jahrfeier der Vereinigten Staaten von Amerika.
Das Orchester hat sich durch Konzertreisen in alle Welt, Rundfunk-und Fernsehauftritte und nahezu 4oo Langspielplatten einen internationalen Ruf erworben.
Sein musikalischer Leiter, Eugene Ormandy, hat es vermocht, diesem diszipliniertem Klangkörper einen eigenen "Sound" zu geben, der von Kritikern und Bewunderern
als "Millionen-Sound" bezeichnet wird.
Das Philadelphia Orchestra kann im November auf 75 Jahre seines Bestehens
zurückblicken. Gegründet wurde es 1900 von dem deutschen Dirigenten Fritz Scheel,
der 1892 zur Leitung mehrerer Konzerte auf der Weltausstellung in Chicago nach
den Vereinigten Staaten gekommen war und sich dann in Philadelphia niederließ.

Nach

�Nach seinem Tode berief man 1907 mit Carl Pohl ig wiederum einen deutschen
Dirigenten zu seinem Nachfolger. Von 1913 bis 1936 stand dem Orchester kein
Geringerer als Leopold Stokowski vor, nach dessen Abgang vor fast 40 Jahren
Eugene Ormandy die Stabführung übernahm.
Das über 100 Mann starke Philadelphia Orchestra wird auf seiner Frühjahrstournee 1975 durch die Bundesrepublik in folgenden Städten gastieren:
Düsseldorf (9. Mai), Essen (10.Mai), Wuppertal (11.Mai), Bonn (13.Mai),
Frankfurt (14.Mai), Hamburg (15.Mai), Stuttgart (16.Mai), Ulm (17.Mai) und
München (20.Mai).

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8/1975

FULBRIGHT-STIPENDIEN ZUM STUDIUM IN DEN USA IM STUDIENJAHR
1976/77

--(AD)-- Auch für das Studienjahr 1976/77 kann die deutsche Fulbright-Kommission wieder kombinierte Reise- und Aufenthaltsstipendien zum Studium an amerikanischen Hochschulen an deutsche Studenten vergeben. Bewerbungen müssen
bis zum 15. Juni 1975 eingereicht werden, und zwar von immatrikulierten Studenten bei den Akademischen Auslandsämtern der Hochschulen.

In Abänderung der Richtlinien werden Jungakademiker mit abgeschlossenem
Hochschulstudium nunmehr an den Deutschen Akademischen Austauschdienst verwiesen.
Weitere Auskünfte erteilen die Akademischen Auslandsämter der deutschen
Hochschulen sowie die Fulbright-Kommission selbst.

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8/1975

US-BETEILIGUNG AUF PARISER LUFTFAHRTSALON AUS DER SICHT DES "BLAUEN PLANETEN"

--(AD)-- Der amerikanische Pavillon auf der Internationalen Fachausstellung
für Luft-und Raumfahrt in Paris, die dieses Jahr in der Zeit vom 30. Mai
bis 8. Juni stattfindet, ist in hohem Maße auf Erkenntnisse, Erfindungen
und Neuentwicklungen aus dem Bereich der Raumfahrt ausgerichtet,die geeignet
sind, das Leben des Menschen zu bereichern - das Leben auf dem "Blauen Planeten", als der sich die Erde aus der Sicht des Raumfahrers darstellt.
Kernstück der amerikanischen Schau, die vom Handelsministerium der USA
organisiert wird, bildet eine audio-visuelle Präsentation der wichtigsten
technischen Neuheiten, die ursprünglich für die Raumfahrt entwickelt, inzwischen jedoch als Gebrauchs-und Luxusgegenstände Eingang in den Alltag
oder als Rohstoffe oder Bauelemente in die Gebrauchstechnik gefunden haben.
Im Zuge der Vorbereitung und Durchführung von Weltraumflügen gewonnene Erkenntnisse und die für Zwecke der Raumfahrt neu entwickelten Materialien gestatten der Industrie heute die Herstellung zahlreicher bisher völlig unbekannter Produkte und lassen ahnen, welche Veränderungen uns die Zukunft noch
bringen wird.
Die

-1-

�Die 68 amerikanischen Firmen, die auf dem Pariser Luft-und Raumfahrtsalon
vertreten sind, stellen einen Querschnitt durch die Luft-und Raumfahrtindustrie
der Vereinigten Staaten dar. Sie zeigen in Paris ihre jüngsten Erzeugnisse
aus zahlreichen Teilbereichen der einschlägigen Industrien: Luftfahrzeuge und
Motoren, Wartungs-und Versorgungsgeräte, Flugelektronik-Ausrüstungen und Konstruktionselemente, Bauteile, Baustoffe und Zubehör für Flugzeuge und Raumflugkörper.

Der amerikanische Pavillon, repräsentative Schau und Verkaufsausstellung
zugleich, gibt der europäischen Fachwelt Gelegenheit, sich nicht nur über den
Stand und die letzten Neuheiten der amerikanischen Luft-und Raumfahrttechnik
zu informieren, sondern bietet auch zahlreiche Anknüpfungspunkte zu Fach-und
Verkaufsgesprächen mit den anwesenden Spitzenvertretern und -technikern der
Ausstellerfirmen. Im übrigen sind viele ausstellende

Firmen auf der Suche nach

europäischen Partnern in der Produktion, im Vertrieb und in der Versorgung
mit Dienstleistungen sowie bei der Errichtung von Gemeinschaftsfirmen in Europa.

Weitere Auskünfte erteilt die Sonderabteilung Luftfahrtausstellung bei
der amerikanischen Botschaft in Paris, die unter 1975 Paris Air Show, American
Embassy Paris, Tel. 265-6440, X-3493 zu erreichen ist.
XXX

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KISSINGER UNTERSTREICHT WELTPOLITISCHE ROLLE DER USA
Rede des amerikanischen Außenministers vom 17. April 1975

WASHINGTON - (AD) - Außenminister Dr. Henry A. Kissinger hat am 17. April
1975 in einer Rede vor der "American Society of Newspaper Editors" - einem Verband, dem die meisten einflußreichen Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure angehören - mit allem Nachdruck die außenpolitische Rolle und Bedeutung der Vereinigten Staaten unterstrichen.

Die USA seien noch immer der größte Faktor

in der Weltpolitik, aber gleichzeitig, so warnte er, dürfe das amerikanische
Volk nicht in seiner Zielbewußtheit und Ausdauer nachlassen.

Die programmatische Rede des amerikanischen Außenministers hat folgenden
Wortlaut:

Herr Präsident Hayes, verehrte Gäste, meine Damen und Herren,

Ich stehe heute hier vor Ihnen, um einen Ton der Hoffnung und der Zuversicht über unsere Außenpolitik zum Erklingen zu bringen, trotz der Tatsache,
daß wir jetzt durch eine Periode der Not und des Mißgeschicks hindurchgehen.

Angesichts von

Rückschlägen kann eine Nation sich in Schärfe und Bitter-

keit verlieren und nach Sündenböcken Ausschau halten statt aus dem-Geschehenen
Lehren zu ziehen.
Sie

�Sie kann aber auch leidenschaftslos ihre Lage überprüfen, die geeigneten
Schlüsse ziehen und mit Realismus und Zuversicht ihren künftigen Kurs abstecken.

Präsident Ford hat diesen letzteren Kurs gewählt. Vor einer Woche forderte
er den Kongreß und das amerikanische Volk auf, diese Zeit der Schwierigkeiten
und Hindernisse zu einer Demonstration unseres hochgemuten Willens werden zu
lassen, erneut unsere Hingabefähigkeit und unseren Mut unter Beweis zu stellen
und diese für den Aufbau einer besseren Welt dienstbar zu machen.

Während der gesamten Nachkriegszeit waren unsere Stärke und unser Wille,
die Führung zu übernehmen, von entscheidender Bedeutung für die Erhaltung des
Friedens und die Stärkung des Fortschritts.

Sollten sie versagen, so würden

starke Veränderungen in der politischen Grundstruktur überall auf der Welt eintreten.

Das würde zu neuen Gefahren für die Sicherheit und das wirtschaftliche

Wohlergehen Amerikas führen. Der Nahostkrieg und das Ölembargo von 1973 haben
gezeigt, wie selbst weit entfernte Ereignisse den Frieden der Welt und die Prosperität des ganzen Planeten zugleich in Gefahr bringen können.

Eine Verringerung

der amerikanischen Einflüsse in entscheidend wichtigen Gebieten kann verheerende
Folgen haben.

Die Vorstellung, die wir bei anderen Nationen erwecken, ist damit eine
Angelegenheit von großer Tragweite. Täglich erhalte ich Berichte von unseren
Botschaften, in denen mir die von unseren Freunden geäußerten Besorgnisse und
Fragen übermittelt werden. Was bedeuten die Ereignisse in Indochina, an der
Südflanke der NATO und im Nahen Osten für die Kompetenz - die Beständigkeit die Glaubwürdigkeit - den Zusammenhalt Amerikas?
reagieren?

Wie werden die Amerikaner

Welche Folgen ergeben sich daraus für die künftige amerikanische

Politik?

Wir können gewiß sein, daß potentielle Gegner sich die gleichen Fragen
stellen - allerdings nicht aus Sympathie heraus, sondern um ihre eigenen Chancen
abzuwägen.

Es
- 2 -

�Es ist heute beinahe modisch zu behaupten, daß der Hinweis auf Gefahren
zu einer sich selbst bestätigenden Prophetie führe;
Folgen, diese zustande bringe.
so einfach.

daß die Voraussage von

Unglücklicherweise ist das Leben jedoch nicht

Wir können nicht durch bloße Rhetorik Glaubwürdigkeit erlangen;

wir können die Konsequenz des Handelns nicht durch Proklamation erzeugen und
wir können Fakten nicht verändern, indem wir einfach nicht über sie sprechen.

Wir können in bezug auf das Urteil, das die Welt über unsere früheren
Taten fällt, wenig tun - es steht aber in unserer Macht, für unsere Zukunft
zu sorgen;

Wenn die Vereinigten Staaten Mißgeschick mit Würde tragen, wenn wir der
Welt klar machen, daß wir weiterhin eine einheitliche und konsequente Vorstellung von einer konstruktiven internationalen Rolle haben und gewillt sind, sie
zu erfüllen, dann können wir die Tore zu einer neuen Ära schöpferischer Gestaltung und Leistung öffnen.

Genau das liegt in unserer Absicht.

Ich weiß, daß es für ein Volk, das sich großen Schwierigkeiten im eigenen
Lande gegenübersieht, nicht leicht ist, sich auf neue internationale Anstrengungen einzustellen.

Aber unsere wirtschaftliche Zukunft ist mit der der üb-

rigen Welt aufs engste verknüpft - und mit den internationalen Entwicklungen
auf den Gebieten der Energie, des Handels und der Wirtschaftspolitik.

Die Ge-

sundheit unserer Wirtschaft hängt davon ab, daß wir die amerikanische Führungsrolle im Ausland aufrechterhalten.

Unserem Land bleibt keine andere Wahl.

Wir müssen um unseres eigenen

Heils willen eine bedeutende Rolle in der Weltpolitik spielen.. Wir haben starke
Trümpfe in der Hand - eine gesunde außenpolitische Konzeption, wesentliche
internationale Leistungen in den letzten Jahren und die gewaltigen Fähigkeiten
eines fleißigen und begabten Volkes. Wir haben die Hilfsmittel - und den Willen um aus Mißgeschick wieder einen positiven Ausblick zu machen.
Indochina
- 3-

�Indochina

Lassen Sie mich mit unserem tragischsten und unmittelbarsten Problem beginnen.

Ich habe dem Ersuchen des Präsidenten um militärischen und humani-

tären Beistand für das gepeinigte Volk von Südvietnam nichts hinzuzufügen.
Ich unterstütze diesen Appell und habe in den letzten Tagen dazu vor den Kongreßausschüssen ausführlich Stellung genommen.

Die Zeit wird kommen, da es klar sein wird, daß ein jeder Präsident zumindest Hilfe für diejenigen fordern mußte, die wir zur Verteidigung ihrer
Unabhängigkeit ermutigt und an deren Seite wir über ein Jahrzehnt lang gekämpft
haben.

Dann werden die Bürger Amerikas froh sein, daß sie einen Präsidenten

hatten, der sich weigerte, jene preiszugeben, die in der Stunde der Not verzweifelt um Hilfe baten.

Unser Land hat in Indochina fast 15 Jahre lang versucht, Großes zu verwirklichen.

Wir haben ein gewaltiges Prestige eingesetzt;

Zehntausende star-

ben, weitaus mehr wurden verwundet, gerieten in Gefangenschaft oder wurden vermißt;

unsere Ausgaben überstiegen 150 Milliarden Dollar und das innere Gefüge

unserer Nation wurde schwerer Belastung ausgesetzt.

Ob dieses Unternehmen gut geplant und durchdacht war oder nicht, das ändert jetzt nichts am Wesen unseres Problems. Wenn eine derartige Anstrengung
scheitert, dann ist das ein Ereignis von tiefer Bedeutung - für uns wie auch
für andere.
Ich jedenfalls halte es nicht für unedel, daß man versucht hat, die Unabhängigkeit eines kleinen und tapferen Volkes zu erhalten.

Nur eine sehr ide-

alistische Nation hätte angesichts so vieler Entmutigung durchgehalten.

Aber wo so viele glauben, daß der Krieg ein schrecklicher Irrtum war,
wo Tausende trauern, um die die sie liebten, und andere sich über die Schlappe
ihres Landes grämen - da ist des Kummers und Leids wahrlich für alle genug.
Die

�Die Vietnamdebatte hat nun ihren Verlauf genommen. Jetzt ist die Zeit
für Zurückhaltung und Mitgefühl gekommen.
punkt dargelegt.

Die Administration hat ihren Stand-

Jetzt wollen wir uns alle an das Verdikt des Kongresses

halten - ohne Groll und Ressentiment.

Die Konzeption

Lassen Sie uns daher den Blick auf die Zukunft richten. Als Ausgangspunkt
steht uns eine gesunde außenpolitische Struktur zur Verfügung.
Die Ära der Nachkriegsordnung der internationalen Beziehungen ging mit dem
vorigen Jahrzehnt zu Ende.

Zwar war der Ablauf dieser Periode nicht durch einen

plötzlichen Umbruch gekennzeichnet, aber die kumulative Veränderung zu Ende der
sechziger Jahre war doch sehr tiefgreifend.

Die starre bipolare Konfrontation

des Kalten Krieges war vorbei. An ihre Stelle war eine komplexere, fließendere
Welt getreten - mit vielen Zentren der Macht, mit subtileren Gefahren und neuen
verheißungsvollen Chancen.

Westeuropa und Japan waren stärker und selbstbewußter

geworden, unsere Bündnisse mußten daher einer gleichberechtigten Partnerschaft
angepaßt werden.

Die kommunistische Welt war aus Gründen der Doktrin und der

nationalen Interessen geborsten.

Es boten sich günstige Aussichten auf stabilere

Beziehungen auf der Grundlage von Zurückhaltung und Verhandlung.

Und viele unserer Freunde in anderen Teilen der Welt waren jetzt besser
gerüstet, die Verantwortung für die eigene Sicherheit und das eigene Wohlergehen
selbst zu übernehmen, aber sie brauchten während der Übergangsperiode unsere
Unterstützung.

Im eigenen Land waren das amerikanische Volk und der Kongreß nach zwei
Jahrzehnten globaler Kraftanstrengungen und Jahren innenpolitischer Wirren müde
geworden.

Sie waren zur Konfrontation nicht bereit, solange nicht alle möglichen

Wege zum Frieden erkundet und sondiert waren.

Für unsere Außenpolitik stellte

sich die Aufgabe, den Vereinigten Staaten eine effektive aber ausgewogenere Rolle
in der Welt zuzuweisen und dabei übertriebene Verpflichtungen und Bindungen ab"
- 5-

�abzubauen, ohne in einem überstürzten und gefährlichen Rückzug zu verfallen. '•'
Wir haben einen weiten Weg zurückgelegt.

Unsere Hauptverbündeten in der atlantischen Welt und Japan sind in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht erstarkt.

Unsere Bündnisse bilden feste

Anker für die Sicherheit und Prosperität der Welt.

Sie sind die Basis für

enge Zusammenarbeit in einem ganzen Bereich neuer, bisher unbekannter Probleme
- von der Entspannung bis zur Energie.

Wir haben einen hoffnungsträchtigen neuen Dialog mit Lateinamerika eingeleitet.

Wir rechnen in unseren Beziehungen zu Afrika mit einer neuen Ära.

Wir haben historische Schritte unternommen, um unseren Beziehungen zu unseren Hauptgegnern zu stabilisieren und zu verbessern.

Wir haben Spannungen

abgebaut, den Dialog vertieft und eine Reihe wichtiger Abkommen geschlossen.

Wir haben mit dem Prozeß begonnen, die rivalisierenden strategischen
Rüstungsprogramme zu kontrollieren, die, wenn sie uneingeschränkt weitergehen,
die Sicherheit der ganzen Welt bedrohen. Wenn das Abkommen von Wladiwostok
zum Abschluß gekommen ist, dann wird zum ersten Mal eine Höchstgrenze für den
Stand der strategischen Arsenale der Supermächte festgelegt.

Wir haben dazu beigetragen, alte politische Konflikte in so empfindlichen
Gebieten wie Berlin und dem Nahen Osten zu mildern.

Und wir haben die großen Initiativen unternommen, um die internationale
Reaktion auf neue globale Herausforderungen, wie Energie, Ernährung, Umweltschutz und Seerecht zu mobilisieren.

Auf all diesen Gebieten ist die Rolle Amerikas immer wieder entscheidend
gewesen.

Die Konzeption ist weiterhin gültig, unsere Verantwortlichkeiten bleiben
- 6 -

�bleiben bestehen.

Die Aussicht auf große Fortschritte ist sehr gut.

Es be-

steht aller Grund zur Zuversicht.

Die innenpolitische Dimension

Wenn das stimmt, wo liegt dann die Ursache für unser
diese Rückschläge?

Problem?

Warum

Warum diese Zeichen eines völligen Stillstands zwischen der

Exekutive und dem Kongreß?

Was müssen wir tun, um uns wirklich aufzuraffen?

In einer Welt, die keine Nation allein dominieren oder kontrollieren kann,
muß es zwangsläufig zu Rückschlägen kommen.

Der besondere Aspekt vieler un-

serer Probleme besteht darin, daß wir sie uns selbst geschaffen haben.

Die

Spaltung im eigenen Lande hat die Schwierigkeiten entweder erhöht oder verursacht, angefangen von der Südflanke der NATO bis zum Pazifik, vom östlichen
Mittelmeer bis zu den Beziehungen zwischen den Supermächten.

Paradoxerweise ist das ein Anlaß zum Optimismus, denn in dem Maße, in dem
der Grund für unsere Schwierigkeiten in uns selbst liegt, so sind auch die Mittel
zu ihrer Behebung in uns selbst zu finden.

Das amerikanische Volk erwartet eine effektive Außenpolitik, die den Frieden erhält und unsere nationalen Interessen fördert.

Es verlangt von seinen

Führern, daß sie die Zukunft gestalten und nicht einfach die Gegenwart verwalten.

Das erfordert Kühnheit, Zielstrebigkeit, Feinfühligkeit und vor allem Ver-

trauen zwischen Öffentlichkeit und Regierung und zwischen Exekutive und Legislative.

Aber gerade dieses gegenseitige Vertrauen ist im Laufe des letzten

Jahrzehnts ausgehöhlt worden.

Es gibt viele Ursachen für diesen Zustand.

Manche sind allen Demokratien

gemein, manche liegen aber auch in einzigartiger Weise in der Tradition und
der jüngsten Geschichte Amerikas begründet.

Moderne

�Moderne Demokratien werden heute von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen bedrängt, die nicht vor Landesgrenzen haltmachen und
die am äußersten Bereich der Fähigkeit der Regierung liegen, sie unter Kontrolle
zu bekommen.

Die Energie der führenden Männer wird zu oft durch das Management

der Bürokratie aufgebraucht, die die Fragen der öffentlichen Zielsetzung in
Probleme des institutionellen Kuhhandels verwandelt.

Das Tempo der Ereignisse

und die Höhe der Erwartungen werden von der unmittelbaren Kommunikation bestimmt.
Die Überzeugung anderer - die wesentliche Methode der Demokratie - wird außerordentlich schwierig in einer Zeit, da die Fragenkomplex und die Ergebnisse ungewiß sind. Am besten lohnt sich die Vereinfachung - und das ist eine Einladung an die Demagogen.

All dies hat das komplexe Problem der Beziehungen zwischen Exekutive und
Legislative noch mehr kompliziert.

In jedem Land scheint die Autorität des mo-

dernen Staates beängstigend unpersönlich oder weit weg von jenen zu sein, deren
Leben in zunehmendem Maße von ihm abhängen, und in fast allen Demokratien wird
die Autorität der Exekutive von den Mitglie dern der Legislative in Frage gestellt, die es selbst schwierig finden, die Politik zu beeinflussen, es sei denn
fragmentarisch

oder negativ.

Die Fragen werden so technisch, daß es den Ge-

setzgebern immer schwerer fällt, die Übersicht zu behalten - und dabei werden
die Fragen in immer stärkerem Maße lebenswichtig.

Das eigentliche Wesen der

Problemlösung bei innenpolitischen Fragen - Anpassung und Angleichung von Sonderinteressen - beraubt die Außenpolitik der Folgerichtigkeit und des Brennpunktes, wenn man die genannte Methode auf unseren Umgang mit anderen Nationen
anwendet.

Staatsmänner müssen handeln, selbst wenn nicht alle Prämissen gegeben sind.
Sie müssen entscheiden, selbst wenn unfaßbare Dinge das Ergebnis bestimmen
werden.

Es ist eben unmöglich, Voraussagen zu beweisen.

zen werden niemals evident.

Vermiedene Konsequen-

Damit machen Skepsis und Argwohn sich' überall

breit und vergiften die Atmosphäre der Debatte zwischen Exekutive und Legislative.

Vernünftige Argumente werden durch eine Serie von Konfrontationen über

marginale Fragen überdeckt.
Amerika
- 8-

�Amerika steht ferner vor dem Problem einer neuen Generation.

Die Kluft

zwischen deren historischer Erfahrung und der unsrigen ist gewaltig.
war für sie ein Trauma wie für uns München.

Vietnam

Ihr Alptraum ist die außenpolitische

Verpflichtung, wie der unsrige die Abkehr von internationaler Verantwortung gewesen ist.

Es ist

lernt haben.

möglich,, daß beide Generationen ihre Lektion zu gut ge-

Die Jungen nehmen die großen Nachkriegsleistungen des Wiederauf-

baus Europas, des Aufbaus von Bündnissen in Friedenszeiten und die Aufrechterhaltung der weltweiten Prosperität als selbstverständlich.

Eine unpersönliche

technologische und bürokratisierte Welt bietet ihnen zu wenig Anreize für Hingabe und Idealismus.

Wollen wir nicht vergessen, daß Amerikas Zusage zum internationalen Engagement immer ambivalent gewesen ist - selbst wenn unsere Zweifel zeitweilig
durch die Anstrengungen des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsära unterdrückt wurden.

Die Wurzeln des Isolationismus, die sich aus Geographie und Ge-

schichte nähren, reichen tief in die amerikanische Tradition hinein.

Die Scheu,

in fremde Konflikte verwickelt zu werden; die Überzeugung, daß wir uns irgendwie selbst besudeln, wenn wir
die Waagschale legen;

"Machtpolitik"

betreiben und unsere Macht in

das Gefühl, daß Außenpolitik eine Form des alten Welt-

imperialismus sei; die Vorstellung, daß Waffen die Ursache des Konfliktes
seien;

der Glaube, daß humanitäre Hilfe und die Mitwirkung an der wirtschaft-

lichen Ordnung ein ausreichender Ersatz für politisches Engagement seien - all
das waren vertraute Kennzeichen des amerikanischen Isolationismus der zwanziger
und dreißiger Jahre.

Nach dem zweiten Weltkrieg führte ein breites Spektrum führender Persönlich
keiten des öffentlichen Lebens, ständischer Gruppen, des Erziehungswesens, der
Geschäftswelt, des Klerus, der Medien sowie führende Vertreter beider Parteien
im Kongreß und im Lande die öffentliche Meinung in Amerika zu einer neuen internationalistischen Übereinstimmung.

Aus den Lehren dieser Persönlichkeiten und aus den Erfahrungen des Krieges
heraus begriff die Nation, daß der beste Weg zur Sicherung der Ruhe im Innern
und unserer Prosperität in einer einsichtigen Beteiligung und Führungsrolle in
- 9 -

�in der Weltpolitik bestand.

Unterstützung von Freunden und Verbündeten war

kein zu entrichtender Preis, sondern ein zu leistender Dienst an der internationalen Stabilität und damit am Eigeninteresse.

Im letzten Jahrzehnt sind jedoch als Folge von Indochina und anderer
Frustrationen des globalen Engagements wieder einige unserer früheren Impulse
in den Vordergrund getreten.

Die führende Meinung hat sich in einem alarmie-

renden Ausmaß scharf gegen viele der internationalistischen Prämissen der Nachkriegsperiode gewandt.

Wir hören heute, wie schon seit einigen Jahren, daß das Leiden durch das
amerikanische Engagement verlängert würde, daß die Ungerechtigkeit durch
amerikanische Tatenlosigkeit verewigt würde, daß Verteidigungsausgaben bestenfalls Verschwendung und schlimmstenfalls Ursache des Konflikts seien, daß
nachrichtendienstliche Tätigkeiten Amerikas unmoralisch seien, daß die notwendige Vertraulichkeit in der Diplomatie eine Verschwörung zur Täuschung
der Öffentlichkeit sei, daß Flexibilität zynisch und amoralisch sei - und daß
Ruhe oder Beruhigung irgendwie durch eine abstrakte Reinheit der Motive herbeigeführt werden müsse, für die es kein geschichtliches Beispiel gibt.

Das alles hat eine tiefgreifende

- und unausweichliche - Auswirkung

auf die nationale Stimmung und auf die nationale Übereinstimmung hinsichtlich
der Außenpolitik.

In dem Lande mit dem höchsten Lebensstandard und einer der

reichsten Kulturen der Welt, in einem Lande, das den Idealen der bürgerlichen
Freiheit und der pluralistischen Demokratie am nächsten gekommen ist, finden
wir einen tiefen und chronischen Selbstzweifel - vor allem in den großen städtischen

Ballungsgebieten und unter den mutmaßlich führenden Persönlichkeiten.

Wird das amerikanische Volk unter diesen Bedingungen eine verantwortungsbewußte und aktive amerikanische Außenpolitik unterstützen?

Ich bin zutiefst

überzeugt, daß es das tun wird - wenn seine Führer, in der Regierung und außer-

halb, ihm das Gefühl geben, daß es etwas gibt, worauf es stolz sein kann, und daß es
etwas Wichtiges zu vollbringen hat.
Wenn
- 10 -

�Wenn man sich von Washington in das Herz Amerikas aufmacht, dann ist man
erstaunt über das Vertrauen, die Lebenskraft und das Nichtvorhandensein eines
zersetzenden Zynismus. Wir, die wir an einem Ort sitzen, den mein Freund Stuart
Alsop - ein großer Journalist - einmal

"die Zentrale"

genannt hat, neigen

dazu, uns zu sehr mit unseren Problemen zu beschäftigen.

Wir sezieren unsere

Schwierigkeiten und unsere Auseinandersetzungen bis Tina übertrieben feinste Detail.

Ich finde es bemerkenswert, daß zwei Drittel der im Dezember vorigen Jahres
in einer landesweiten Umfrage interviewten Amerikaner in einer Zeit schwerer
Rezession noch immer der Auffassung waren, daß eine aktive Rolle in der Welt
den Interessen ihres Landes besser diene als eine Abkehr.

Auch wenn andere Nationen die Art und Weise, wie wir in Washington agieren,
scharf beobachten, so glaube ich doch, daß sie im Grunde die Widerstandsfähigkeit
unseres Volkes und unserer Institutionen bewundern.

In Amerika besteht noch immer ein großes Reservoir an Vertrauen.

Wir be-

sitzen die Werte, die Mittel und Wege, und wir tragen die Verantwortung, um
nach einer sichereren und besseren Welt zu streben.

Und auf unserem ganzen

Erdball ist ein großes Reservoir an Vertrauen in die Werte und die Stärke dieses
Landes vorhanden.

Was werden wir jetzt tun?

Wollen wir zunächst einmal aus den heutigen Prüfungen die richtigen Lehren
ziehen. Wir werden den Preis für unsere Rückschläge in Indochina zahlen müssen,
indem wir mehr von uns fordern. In der Ära der amerikanischen Vorherrschaft,
der Vorzugsstellung Amerikas, hatten wir den großen Schwung. Wir konnten unsere
Probleme mit unseren Mitteln überwinden.

Wir brauchten kaum auf den Stil von

Nationen zurückzugreifen, die ihre Außenpolitik mit begrenzten Mitteln führen
müssen - Geduld, Fingerspitzengefühl und Flexibilität.

Heute fordern Verwir-

rung, Abkehr von der Verantwortung oder Kurzsichtigkeit einen Preis, der sich
als unsere Mittel übersteigend erweisen könnte.
Wir
- 11 -

�Wir sind noch immer der größte Einzelfaktor in der Weltpolitik - aber wir
sind eine Nation unter vielen.

Das Gewicht unseres Einflusses hängt heute ent-

scheidend von unserem Zielbewußtsein, unserer Ausdauer, unserer schöpferischen
Kraft, unserer Macht und von unserer erkennbaren Zuverlässigkeit ab. Wir werden
schwerer arbeiten müssen, um den inneren Zusammenhang und die Kontinuität unserer Politik zu verwirklichen - und wir werden es.

Wir müssen die Illusion aufgeben, daß Außenpolitik zwischen Moral und Pragmatismus wählen könnte. Amerika kann sich nicht selbst treu bleiben, wenn es
nicht menschliche Werte und die Würde des Einzelnen hochhält. Aber ebensowenig
kann es seine Werte verwirklichen, -wenn es nicht sicher ist. Keine Nation hat
ein Monopol auf Gerechtigkeit oder Tugend, und keine Nation hat das Vermögen,
ihre eigenen Konzeptionen weltweit durchzusetzen.

Im Nuklearzeitalter ganz be-

sonders ist es so, daß zur Diplomatie - wie zur Demokratie - oft der Kompromiß
zwischen widerstrebenden Prinzipien gehört.

Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß es heute auf der Welt rund
140 Nationen gibt, von denen sich kaum eine Handvoll unseren Werten verschrieben hat.

Wir müssen auch die Art unserer Verpflichtungen begreifen.

Wir haben eine

Verpflichtung zur Standhaftigkeit einfach aus unserer Position als eine Großmacht heraus, von der viele andere abhängen.

Damit schließen unser Handeln und

unsere Politik im Zuge der Zeit deren eigene Verpflichtung ein - ob dies in
juristischen Dokumenten festgelegt sein mag oder nicht. Ja, unser Handeln und
dessen Sicht aus der Perspektive anderer Länder mag unsere wichtigste Verpflichtung darstellen.

Auf der anderen Seite muß unsererDiplomatie ein Maß an Vertraulichkeit
zugestanden werden, oder ein wirklich ernsthafter Austausch mit anderen Regierungen wird zerstört.

Die nationale Debatte zwei Jahre lang auf sogenannte

Geheimabkommen zu konzentrieren, die kein Beteiligter jemals zu verwirklichen
gesucht hat, und deren angeblicher Inhalt durch Gesetze verboten ist, heißt
nichts anderes als sich auf etwas einzulassen, was Menschen als
- 12 -

"nationalen

�"nationalen Appetit auf schwindelhafte Enthüllungen"

bezeichnet hat.

Es be-

darf keines Wortes, daß eine Verpflichtung, bei der es um nationales Handeln
geht, dem Kongreß bekannt sein muß,oder sie wäre bedeutungslos.

Eine Lehre, die wir sicherlich aus Vietnam ziehen müssen, ist die, daß
neue Verpflichtungen der Ehre und des Prestiges unserer Nation sorgfältig
abgewogen werden müssen.

Wie Walter Lippman bemerkte,

"in auswärtigen Be-

ziehungen, wie in allen anderen Beziehungen, hat sich erst dann eine Politik
gebildet, wenn Verpflichtung und Macht in ein Gleichgewicht gebracht worden
sind."

Aber nach unseren jüngsten Erfahrungen haben wir eine besondere Ver-

pflichtung, sicherzustellen, daß eingegangene Zusagen rigoros gehalten werden
- und daß sich alle Beteiligten dessen bewußt sind.
unserer Standhaftigkeit zweifeln.

Möge kein Verbündeter an

Möge keine Nation je wieder glauben, daß

sie ungestraft ein mit den Vereinigten Staaten abgeschlossenes feierliches Abkommen zerreißen könnte.

Wir müssen unsere Politik des Abbaus der Spannungen fortsetzen, aber wir
werden darauf bestehen, daß der Abbau der Spannungen nicht nur hier und dort
vollzogen werden kann. Wir werden nicht vergessen, wer die Waffen geliefert
hat, die Nordvietnam benutzt, um eine Farce aus seiner Unterzeichnung der
Pariser Abkommen zu machen.

Ebensowenig können wir die traurige Tatsache übersehen, daß keiner der
anderen Signatarstaaten der Pariser Abkommen auf unser wiederholtes Ersuchen
reagiert hat, daß sie die flagranten Verletzungen dieser Abkommen durch Nordvietnam zumindest zur Sprache bringen sollten.

Ein solches Schweigen kann

nur jede bedeutungsvolle Norm der internationalen Verantwortlichkeit unterminieren.

Hier im eigenen Lande liegt auf uns allen in Washington eine große Verantwortung .

Ein gutes Einvernehmen zwischen der Exekutive und der Legislative ist die
einzig mögliche Basis für nationales Handeln.
- 13 -

Der jahrzehntelange Streit in

�in diesem Lande um das Übergewicht der Exekutive in der Außenpolitik ist vorbei.

Die beherrschende Tatsache der nationalen Politik ist heute die Erkennt-

nis, daß der Kongreß ein gleichwertiger Zweig der Regierung ist.

Die Exekutive sieht ein, daß der Kongreß sowohl das Gefühl als auch die
Realität seiner Beteiligung haben muß. Die Außenpolitik muß ein gemeinsames
Unterfangen sein.

Die Frage ist, ob der Kongreß über die Festlegung von Richt-

linienfür das taktische Vorgehen hinausgehen wird;

ob er die Exekutive der

Entscheidungsfreiheit und der Autorität im diplomatischen Vorgehen berauben
wird, während er auf der anderen Seite weiterhin institutionell unfähig bleibt/
eine eigene klare nationale Politik zu formulieren oder durchzuführen.

Das wirksame Funktionieren unseres verfassungsmäßigen Systems hat immer
auf der Zurückhaltenden Ausübung der Macht und der Rechte beruht, die durch
es übertragen werden.

In diesem Augenblick unserer Geschichte besteht ein

ernstes nationales Gebot zu einem Geist der Zusammenarbeit und der Demut zwischen den beiden Zweigen unserer Regierung zu gelangen.

Wenn andere Länder auf die Vereinigten Staaten blicken, dann sehen sie
eine Nation.

Wenn sie auf Washington blicken, dann sehen sie eine Regierung.

Sie betrachten uns als eine Einheit - nicht als eine Reihe in sich nicht zusammenhängender oder unkoordinierter Institutionen.

Wenn wir uns unter uns

selbst nicht einig werden können, dann besteht wenig Hoffnung, daß wir mit jenen draußen sinnvoll verhandeln können.

Eine der wichtigsten Lehren, die wir also aus den jüngsten Ereignissen
ziehen müssen, ist die Notwendigkeit, die zivilen Umgangsformen unserer Auseinandersetzung im eigenen Lande wiederherzustellen.

Im Laufe der Jahre der

Vietnam-Debatte ist der vernünftige Dialog der Emotion gewichen, die weit über
die eigentlichen Fragen hinausgeht.

Es sind nicht nur die Entscheidungen, son-

dern auch die Motive in Frage gestellt worden.
sondern auch den Charakter angegriffen.

Man hat nicht nur die Politik,

Was als Übereinstimmung begann, ist

immer mehr zu einem giftigen Streit entartet.
Die

�Die Verantwortlichen in der Regierung müssen das ihrige dazu tun.

Die Ad-

ministration wird,dem Beispiel des Präsidenten folgend, im nationalen Dialog
nach Mäßigung und gegenseitiger Achtung streben.

Wir wissen, daß wir, wenn

wir um das Vertrauen der Öffentlichkeit bitten, das Vertrauen des Volkes rechtfertigen müssen.

Das amerikanische Volk sehnt sich nach einem Ende all der Bitterkeit und
des Zwiespalts des letzten Jahrzehnts.
erfordert das;

Die Stabilität in unserem eigenen Lande

unsere internationalen Verantwortlichkeiten gebieten es. Sie,

meine Zuhörer, sind heute in einer einzigartigen Lage, zu dem Heilungsprozeß
der Nation beizutragen.

Die künftigen Aufgaben
Ralph Waldo Emerson hat einmal gesagt:
über einen Mangel an Gelegenheit beklagt".

"Kein großer Mann hat sich jemals
Das gilt ebenso für eine große

Nation.

Unsere Hilfsmittel sind gewaltig, unsere Führung ist unerläßlich, unsere
Chancen sind beispiellos und drängen sich geradezu auf.
- Wir müssen die Lebenskraft der großen demokratischen Bündnisse aufrechterhalten.

Sie können den Anker für gemeinsame Werte und Zielsetzungen bieten,

wenn wir einen radikal neuen Aufgabenbereich in Angriff nehmen.
- Wir müssen die gegenwärtige Wirtschafts- und Energiekrise überwinden.
Ein amerikanisches Energieprogramm hat daher eine hohe nationale Priorität.
Für die Zukunft stellen wir uns ein fundamental reformiertes internationales
Wirtschaftssystem vor - ein Bretton Woods für die achtziger Jahre und darüber
hinaus.

- Wir müssen in internationalen Foren, einschließlich der Vereinten Nationen,
für das einstehen, an das wir glauben, und der Politik des Ressentiments, der

- 15 -

�I

der Konfrontation und der schalen Ideologie widerstehen.

Die internationale

'

Zusammenarbeit spielt heute eine lebenswichtigere Rolle als je zuvor, aber
das gilt ebenso für die gegenseitige Achtung unter Nationen.

- Wir müssen unserer weiteren ständigen Verantwortung für den Frieden
in vielen Regionen der Welt gerecht werden, vor allem, wo wir in einzigartiger
Weise das Vertrauen beider Seiten besitzen und wo ein Fehlschlag die Katastrophe
über die Grenzen der Region hinaus ausbreiten würde, wie im Nahen Osten. Wir
werden uns nicht durch Kriegsdrohungen oder wirtschaftlichen Druck dazu drängen
lassen, Lebensinteressen aufzugeben.
der Präsident gesagt hat,

Aber in gleicher Weise werden wir, wie

"eine Stagnation oder ein Patt mit all den damit

verbundenen Gefahren für Frieden und Wohlergehen nicht akzeptieren".

- Wir müssen der Spirale- und der Ausbreitung - von Kernwaffen Einhalt
gebieten.

Dann können wir zu einer anspruchsvolleren Tagesordnung übergehen

- zu beiderseitigen Verringerungen der strategischen Rüstungen, der Kontrolle
anderer Waffen und zur militärischen Zurückhaltung in anderen Zusammenhängen.

- Wir müssen zwei Geißeln der Menschheit überwinden:

Hunger und die Launei?

der Natur. Wir stehen zu dem Nahrungsmittelprogramm, das im November vorigen
Jahres auf der Welternährungskonferenz verkündet wurde.

Unsere fundamentale

Aufgabe besteht darin, anderen zu helfen, sich selbst zu ernähren, damit im
Jahre 2000 kein Kind mehr hungrig zu Bett zu gehen braucht.
- Wir müssen weiterhin den Konflikt und die Spannungen mit unseren Gegnern
abbauen. Wir hoffen, daß im Laufe der Zeit Wachsamkeit und Versöhnlichkeit
zu positiveren Beziehungen und letztlich zu einer echten Weltgemeinschaft
führen werden.
- Wir müssen sicherstellen, daß die Ozeane und der Weltraum Gebiete der
Zusammenarbeit statt des Konfliktes werden.

Dann können wir künftigen Genera-

tionen gewaltige wirtschaftliche und technologische Hilfsquellen zur Bereicherung
des Lebens auf dieser Erde überlassen.
Unsere
- 16 -

�Unsere Nation ist in einzigartiger Weise dazu ausgestattet, in der neuen
Ordnung, die um uns herum Form annimmt, eine schöpferische und entscheidende
Rolle zu spielen.

In einer Zeit der Unruhe, der Unsicherheit und des Konflikts

erwartet die Welt noch immer von uns eine schützende Hand, einen vermittelnden
Einfluß, einen Weg in die Zukunft.

So wie Amerika für Generationen die Er-

oberung der Natur durch den Menschen symbolisiert hat, so hat Amerika die Beherrschung seiner eigenen Zukunft durch den Menschen symbolisiert.

Zwei Jahrhunderte lang sind unsere Vorväter, Bürger eines kleinen und
relativ schwachen Landes, dem Mißgeschick mit Mut und Einfallsreichtum entgegengetreten.

Im Laufe ihres Kampfes haben sie die freieste, reichste und mäch-

tigste Nation aufgebaut, die die Welt je gesehen hat. Wenn jetzt wir, ihre
Erben, Amerika in sein drittes Jahrhundert führen, wenn wir jetzt die beispiellosen Aufgaben der modernen Welt anpacken, dann sind wir entschlossen, Perioden
unserer Geschichte wiederzuentdecken.

Wir sind erwachsen geworden, und wir werden unsere Pflicht tun.

- 17 -

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                <text>Amerikadienst 24.04.1975 </text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"The Philadelphia Orchestra" unter Eugene Ormandy kommt im Mai nach Deutschland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fulbright-Stipendien zum Studium in den USA im Studienjahr 1976/77&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Beteiligung auf Pariser Luftfahrsalon aus der Sicht des "Blauen Planeten"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kissinger unterstreicht weltpolitische Rolle der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des amerikanischen Außenministers vom 17. April 1975 -&lt;/em&gt;</text>
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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

17

24. April 1985
I N H A L T

DOKUMENTATION
Der 8. Mai: Rückblick und Ausblick
- Von Arthur F. Burns, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika
in der Bundesrepublik Deutschland Präsident Reagan wird KZ-Gedenkstätte besuchen
- Rede vor der Conference on Religious Liberty USA und UdSSR beenden 5. Gesprächsrunde über Nonproliferationsfragen
- Presseerklärung des US-Außenministeriums -

INFORMATION
Whitehead zum neuen Stellvertretenden US-Außenminister nominiert

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Mensch im Weltraum durch nichts zu ersetzen
- Erfahrungen aus dem DISCOVERY-Flug -

* * * * *

Um Über/cndung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�17

24. April 1985

DER 8. MAI: RUCKBLICK UND AUSBLICK
- Von Arthur F. Burns -

Bonn -(AD)- Der nachstehende Beitrag des amerikanischen Botschafters in der Bundesrepublik Deutschland, Arthur F. Burns, erschien mit
Datum vom 29. April 1985 in dem
SPECIAL REPORT: EUROPE TODAY der
Zeitschrift TIME.

Der 8. Mai 1945, ein Datum, das sich für immer in das Bewußtsein all
derer eingegraben hat, die die Umwälzungen des Zweiten Weltkrieges überlebt haben, kennzeichnet einen der großen Wendepunkte der westlichen Geschichte.

Im Rückblick erkennen wir, daß das Kriegsende die längste Ä'ra

des Friedens und des Wohlstands eingeleitet hat, derer sich Europa je erfreut hat.

Daß dies so kommen würde, war im Jahr 1945 noch keineswegs

abzusehen.

Der Krieg hat auch die Bedingungen der europäischen Sicherheit drastisch verändert.

Die große Kriegsallianz der Vereinigten Staaten und

der Sowjetunion brach unter dem Druck des sowjetischen Expansionismus

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�sowjetischen Expansionismus auseinander.

Aber wie während der Jahre ih-

res Bündnisses spielten beide Mächte auch weiterhin eine zentrale Rolle
für die Zukunft Europas.

Die Konfrontation zwischen Ost und West wurde

zu einer bitteren Tatsache des Lebens in Europa.

In dem Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges legten die Nationen des Westens die Animositäten der Vergangenheit bei und schufen die
Grundlagen für eine neue Ära des Fortschritts.

Durch den weitreichenden

Marshall-Plan Amerikas unterstützt, machten sich die Europäer energisch
daran, ihre Städte und ihre Industrie wieder aufzubauen.

Gemeinsam mit

den Vereinigten Staaten schufen sie ein liberales weltweites Handelssystem.

In Europa begannen sie, die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu

gestalten, aus denen die Europäische Gemeinschaft entstand.

Sie nahmen

ehrgeizige Austauschprogramme für Studenten, Journalisten und Lehrer in
Angriff, um die Verständigung unter den Völkern Westeuropas zu fördern.
Angesichts der kolossalen sowjetischen Militärmacht an den Grenzen Westeuropas schlössen sie sich mit den Vereinigten Staaten und Kanada in der
Organisation des Nordatlantischen Bündnisses zusammen.

Infolge dieser

Entwicklungen ist ein Krieg zwischen Nachbarn im Westen heute undenkbar
geworden, und die politische Union Europas ist eine von vielen gehegte
Hoffnung.

Wirtschaftliche Dynamik wurde das Kennzeichen des Nachkriegseuropa.
Die Bundesrepublik Deutschland, die sich im wahrsten Sinne des Wortes aus
den Ruinen erhob, stand in vorderster Linie.

Die Quelle ihres Erfolges

wurde schon 1950 für jeden Besucher Deutschlands sichtbar, wo Bauarbeiter
oft in der Nacht bei elektrischem Licht arbeiteten, um Termine einhalten
zu können.

In dem Jahrzehnt nach 1949 hat sich das Bruttosozialprodukt

Westdeutschlands mehr als verdoppelt.

Dieses rasche Wachstum wurde ohne

Einschränkung der sozialen Errungenschaften erreicht.

Im Gegenteil, das

Land schuf nicht nur ein starkes Wirtschaftssytem, sondern auch ein humanes.

Heute ist die Demokratie in Westdeutschland tief verwurzelt, und

das soziale und wirtschaftliche System sorgt großzügig für die Belange
des Volkes. Dies gilt weitgehend auch für das übrige Westeuropa.

Heute werden diese Leistungen oft nicht hinreichend gewürdigt, und es
- 2 -

�und es ist viel von europäischem Pessimismus die Rede.

In der ganzen

Welt hat man den Eindruck, daß die Strömungen der Zukunft an Europa vorübergehen.

Warum?

Erstens ist die politische Grundlage des europäischen Selbstvertrauens erschüttert worden.

Die Europäer fühlten sich hilflos, als Konflikte

im Nahen Osten die Ölpreise in den Himmel schießen ließen.

Der sowjeti-

sche Expansionismus, der während der Entspannung der siebziger Jahre in
Schach gehalten zu sein schien, hat die Europäer gegen Ende jenes Jahrzehnts erneut beunruhigt.

Die Unterdrückung Polens, die auf die brutale

Invasion Afghanistans folgte, hat gezeigt, daß die weithin gehegten Annahmen bezüglich eines zurückhaltenden sowjetischen Verhaltens nicht mehr
haltbar waren.

Zweitens, und das ist noch wichtiger, hat eine Konjunkturflaute den
Niedergang des politischen Vertrauens begleitet und bis zu einem gewissen
Grad verstärkt. Der Ölpreisschock der siebziger Jahre hat das wirtschaftliche Wachstum gebremst und es der alternden Industrie des Kontinents zusätzlich erschwert, sich zu behaupten.
wirkten in die gleiche Richtung.

Entwicklungen innerhalb Europas

Sein System der sozialen Sicherheit,

das während der fünfziger und sechziger Jahre leicht getragen werden
konnte, hat sich nach 1970 sehr rasch ausgeweitet.

In dem Maße, in dem

die Sozialausgaben und Subventionen für unrentable Unternehmen in die
Höhe gingen, stiegen auch die Steuern und die Haushaltsdefizite.

Die Be-

lastungen der Industrie durch Reglementierung vervielfachten sich, die
Macht der Gewerkschaften nahm zu, die Arbeitsmärkte erstarrten völlig,
und die Inflationsraten schnellten hoch.

Dies hatte zur Folge, daß die

Gewinne allmählich sanken, die Kapitalinvestitionen in Unternehmen nicht
länger gediehen und die Arbeitslosigkeit auf ein beunruhigendes Niveau
stieg.

Diese Entwicklungen standen in scharfem Gegensatz zu einer nach-

haltigen Vermehrung der Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten und zu
dem bemerkenswerten Wachstum der freien Volkswirtschaften in Ost- und
Südostasien.

Viele Europäer haben in den letzten Jahren zum erstenmal an

ihrer Fähigkeit zu zweifeln begonnen, mit der Zukunft fertig zu werden.

Ich begreife diese Befürchtungen, aber ich teile sie nicht.

Nach

�nicht.

Nach vierjähriger eingehender Beobachtung der Verhältnisse in

Europa sehe ich Anlaß zum Vertrauen in die Zukunft Westeuropas.

Erstens haben sich die massiven Anstrengungen der Sowjetunion, Zweifel am

militärischen und politischen Engagement Amerikas für Europa zu

wecken, als erfolglos erwiesen.

Westdeutschland, Großbritannien, Italien

und in jüngster Zeit auch Belgien haben unerschütterlich an dem NATO-Beschluß von 1979 festgehalten, modernisierte Kernwaffen zu stationieren,
wenn die Sowjets sich weigerten, ihre auf die Städte und militärischen
Einrichtungen

Westeuropas

gerichteten

tödlichen Waffen

zu verringern.

Das NATO-Bündnis hat damit die schwerste Bewährungsprobe in seiner Geschichte bestanden.

Diese Demonstration

europäischer

Entschlossenheit

hat in nicht geringerem Umfang als Präsident Reagans Strategische Verteidigungsinitiative dazu beigetragen, die Sowjets an den Verhandlungstisch
in Genf zurückzubringen.

Infolgedessen haben sich die Aussichten für den

Weltfrieden verbessert.

Zweitens konnte trotz der weitverbreiteten Arbeitslosigkeit der letzten Jahre die soziale Stabilität in ganz Westeuropa aufrechterhalten werden.

Darüber hinaus sind radikale wirtschaftspolitische Ansätze im all-

gemeinen vermieden worden. Wo sie - wie in Frankreich im Jahr 1981 - versucht worden sind, wurden sie später wieder verworfen.

Drittens hat sich die Konjunktur in Westeuropa in den letzten beiden
Jahren wieder erholt, und wenn auch der Aufschwung bisher bescheiden war,
so

verbessern

Schritt.

sich

die

längerfristigen

Aussichten

doch

Schritt

für

In den wichtigsten Ländern Europas hat man damit begonnen, die

Fesseln zu sprengen, die die Kreativität lähmen und dem konstruktiven
Wandel im Wege stehen.

Die Staatshaushalte werden in Ordnung gebracht,

den inflationären Kräften wird erfolgreich Einhalt geboten, und den Kräften des Marktes wird mehr Spielraum eingeräumt.

Man tritt mehr und mehr

dafür ein, die erdrückende Last zu erleichtern, die die Besteuerung der
Individualeinkommen und geschäftlichen Transaktionen den Unternehmen und
Investitionen aufbürdet.

Langsam aber sicher macht man es innovations-

freudigen Unternehmern leichter, in neue und bereits bestehende Märkte
einzudringen.
Viertens ist

�Viertens ist und bleibt die Leistungsfähigkeit seiner Bevölkerung die
lebenswichtigste

Hilfsquelle

Europas.

Während

meiner

Jahre in West-

deutschland habe ich eine beträchtliche Zeit damit verbracht, mit jungen
Menschen zu sprechen.

Ich fand, daß Hochschulstudenten heute in erster

Linie an ihrem Studium und weniger an Demonstrationen auf den Straßen
interessiert sind.

Ich fand, daß die meisten von ihnen konstruktiv über

ihre Karriere denken und Vertrauen in ihre Zukunft zum Ausdruck bringen eine Haltung, die ich noch vor drei oder vier Jahren nicht entdecken
konnte.

Die Hoffnung, diese fundamentalste aller wirtschaftlichen Kräf-

te, beginnt in der Generation wieder zu blühen, die in 15 oder 20 Jahren
die

politische

wird.

und

wirtschaftliche

Führung

in Deutschland

übernehmen

Ich bin davon überzeugt, daß auch in anderen Teilen Westeuropas

ähnliche Veränderungen im Gange sind.

Wenn wir also des 40. Jahrestages des Ende des Zweiten Weltkrieges
gedenken, dann können alle, die an dem gemeinsamen Unterfangen des westlichen Bündnisses beteiligt sind, mit Befriedigung auf ihre Leistungen
zurückblicken und mit Zuversicht in die Zukunft schauen.

Wir müssen uns

jedoch der ernsten Probleme bewußt bleiben, vor denen wir stehen.

Berlin

ist noch immer eine geteilte Stadt, Deutschland ist noch immer ein geteiltes Land, Europa ist noch immer ein geteilter Kontinent, das Wettrüsten dauert noch immer an, die politische Union der westeuropäischen
Länder ist noch immer nicht erreicht, und die weitverbreitete Arbeitslosigkeit, die ihren Schatten über die Volkswirtschaften Westeuropas wirft,
ist noch immer nicht überwunden.

Man ist sich heute über diese Probleme

besser im klaren, als noch vor einigen Jahren, und es besteht Grund zu
der Hoffnung, daß man ihnen mit allen Mitteln zu Leibe rücken wird.

* * * * *

- 5 -

�24. April 1985

17

PRÄSIDENT REAGAN WIRD KZ-GEDENKSTÄTTE BESUCHEN
- Rede vor der Conference on Religious Liberty-

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan wird während seines Besuches
in der Bundesrepublik Deutschland eines der ehemaligen Konzentrationslager besuchen. Dies erklärte er in einer Rede am 16. April 1985 in
Washington von der "Conference on Religious Liberty".

Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Es ist mir eine große Ehre, zu dieser Versammlung zu sprechen. Ich
weiß, daß viele von Ihnen von weither gekommen sind, um heute hier zu
sein, und daß Sie hierauf viel Zeit, viel Energie und viel Sorgfalt
verwendet haben. Und ich kann nur, genau wie Sie, hoffen, daß jene, die
überall in der Welt wegen ihrer Überzeugung

leiden, aus Ihrer Arbeit

neuen Mut schöpfen.

Die Geschichte der Religion

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Geschichte der Religion und ihrer Auswirkungen auf die Zivilisation kann nicht in wenigen Tagen, geschweige denn Minuten, zusammengefasst

werden.

Aber

ein

entscheidendes, gemeinsames Kennzeichen

aller

Religionen ist die Unterscheidung, die sie zwischen dem Diesseitigen und
dem Jenseitigen treffen. Aus allen Religionen klingt deshalb letztlich
das Wort aus dem Matthäusevangelium: "Gebt Gott, was Gottes ist, und dem
Kaiser, was des Kaisers ist."

Diese Weisung lehrt uns, daß der Mensch nicht gänzlich dem Staat
unterworfen sein kann, daß es noch ein anderes Reich gibt, einen eben
unerklärlichen Bereich des Denkens und Handelns des einzelnen, der heilig
ist und der Kontrolle des Staates gänzlich entzogen. Dieser Gedanke stand
auch immer im Mittelpunkt der Entwicklung der Menschenrechte.

Nur in einem geistigen Klima, das zwischen der Stadt Gottes und der
Stadt des Menschen unterscheidet, das ausdrücklich die Unabhängigkeit des
Reichs Gottes anerkennt und alle Einmischungen des Staates in dessen Vorrechte verbietet, nur in einem solchen Klima konnte der Gedanke der Menschenrechte des einzelnen Wurzeln schlagen, sich entfalten und schließlich blühen und gedeihen.

'Wir haben dieses Klima in allen Demokratien und in unserer eigenen
politischen 'Überlieferung. Die demokratische Konzeption unserer Gründerväter wurzelte in der 'Überzeugung, daß allen Menschen von ihrem Schöpfer
bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen worden sind. Und deshalb schufen sie ein Regierungssystem, dessen erklärtes Ziel der Schutz dieser
gottgegebenen Rechte war und ist.

Aber wie Sie nur allzu gut wissen, gibt es heute viele politische
Regime, die die Vorstellung zurückweisen, derzufolge ein Mann oder eine
Frau zu Gott eine größere Loyalität empfinden darf als zum Staat. Als
Marx sein politisches System entwarf, war eine seiner zentralen Thesen
die, daß religiöse Überzeugung zur Zersetzung seiner eigenen Konzeption
führen könnte. Im kommunistischen System sollte denn auch die herrschende
Partei genau die Attribute für sich in Anspruch nehmen, die der religiöse

- 2-

�die der religiöse Glaube allein Gott zuschreibt und der Staat sollte zum
obersten Richter über die Fragen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der
Moral werden.

Marx nannte die Religion einen Feind des Volkes - eine Droge, Opium
für die Massen. Und Lenin sagte, Religion und Kommunismus seien sowohl in
der Theorie als auch in der Praxis nicht miteinander zu vereinbaren. Die
Religion sei zu bekämpfen.

All dies illustriert nur eine Tatsache, die es, wie ich meine, zu
begreifen gilt. Atheismus ist kein zufälliges Element des Kommunismus,
nicht nur Teil der Sache. Er ist die Sache selbst. In Ländern, die unter
die Herrschaft des Kommunismus geraten sind, ist es oft genug die Kirche,
die die stärkste Barriere gegen ein vollkommen totalitäres System bildet.
Und so sind die totalitären Regime stets bestrebt, entweder die Kirche zu
zerstören oder, wenn sich dies als unmöglich erweist, sie zu untergraben.
In der Sowjetunion wurde die Kirche von der kommunistischen Revolution sofort angegriffen. Aber die Sowjets bezeichnen ihre Maßnahmen - in
Reaktion auf die Empfindlichkeit des Westens hinsichtlich der Verweigerung von Grundfreiheiten - als rein defensiv.

Im Jahr 1945 traf sich Josef Stalin mit Harry Hopkins, den Harry
Truman geschickt hatte, um verschiedene Ost-West-Probleme zu besprechen.
Mitten in einem Gespräch über Politik warf Stalin folgendes ein: 1917, so
Stalin, habe die Kommunistische Partei Rußlands das Recht auf Religionsfreiheit als Teil ihres politischen Programms verkündet. Aber die Kirchen
Rußlands hätten über die Sowjetregierung einen Bann ausgesprochen und die
Gemeindemitglieder

aufgefordert, sich dem

Aufruf

der Roten Armee zu

widersetzen. Was konnten wir anderes tun, so Stalin, als der Kirche den
Krieg zu erklären. Er sicherte Hopkins jedoch zu, daß der Zweite Weltkrieg den Gegensatz zwischen Kirche und Staat beendet habe und der Kirche
jetzt die Religionsfreiheit zugesichert werden könnte. Dies aber ist, wie
Sie wissen, nie geschehen.

Die Geschichte lehrt uns,
- 3-

�Die Geschichte lehrt uns, daß man eine Kirche terrorisieren, nicht aber
all das Gute vernichten kann, was in jedem Menschenherzen wohnt. Und deshalb gibt es trotz der damit verbundenen Gefahren überall in der kommunistischen Welt Christen und Juden und Moslems, die auch weiterhin ihre
Religion ausüben. Viele mußten ihren Mut mit dem Gefängnis bezahlen. Wie
etwa Valerie Martschenko, der erst vor einigen Monaten in einem sowjetischen Gefängniskrankenhaus im Alter von 37 Jahren starb. Er war ein Gelehrter und ein Christ, der noch während seines letzten Gerichtsverfahrens von seinem Glauben an Gott und seinem Vertrauen in das Gute im
Menschen sprach. Oder wie Pater Gleb Yakunin, der erst kürzlich für fünf
Jahre nach Sibirien verbannt wurde. Auch er ein "Gefangener des Glaubens". Oder Bronislaw Borowski, der dafür verurteilt wurde, daß er Bibeln
in die Tschechoslowakei geschmuggelt hatte. Und ihre Namen stehen für
viele.

Dr. Ernest Gordon, Präsident der Organisation CREED, einer christlichen Vereinigung, die sich darum bemüht, Dissidenten zu mehr Rechten zu
verhelfen, sprach auf einer Reise, die er vor kurzem nach Osteuropa
unternommen hatte, mit einem Priester, der zehn Jahre in Haft gewesen
war. Der Priester bat ihn, dem Westen eine Botschaft zu überbringen. Wir
leben, so der Priester, mitten in einem Krieg - nicht einem nuklearen,
sondern einem geistigen. Der Niederschlag der atheistischen Explosion
zeigt sich überall. Aber Dr. Gordon fügte auch hinzu: "Dieser Niederschlag mag zwar überall sein, aber wir sollten uns auch daran erinnern,
daß Gott gleichfalls überall ist und nicht einmal Tyranneien ihn fernhalten können."

Wir in den Vereinigten Staaten haben gegen diese schreckliche Mißhandlung von Menschen protestiert, die nichts weniger als Helden dieses
Jahrhunderts sind. Erst vor kurzem wieder überreichten Mitglieder des
Kongresses, die in Moskau mit Generalsekretär Gorbatschow zusammentrafen,
diesem eine Liste mit den Namen baltischer und ukrainischer Frauen und
Männer, die aus Gewissensgründen inhaftiert sind; dabei sorgten der Rat
für sowjetische Juden und andere Gruppen sich unermüdlich darum, sicherzustellen, daß die Kongreßdelegation nicht ohne umfangreiche Daten über
die Unterdrückung der Juden in der Sowjetunion dorthin reiste.

Religiöse
•r

4"

Verfolgung

�Religiöse Verfolgung beschränkt sich natürlich nicht nur auf Europa.
Es gibt sie im Iran, dessen Führung praktisch den Baha1 is den Krieg erklärt hat; es gibt sie in Afghanistan, wo das sowjetische Militär gegenüber der moslemischen Bevölkerung zu immer grausameren Maßnahmen greift;
und es gibt eine weitere Variante der Unterdrückung religiöser Freiheit
auch im Nicaragua des sandinistischen Regimes.

In Nicaragua

steht das sandinistische Regime vor einer politisch

aktiven Kirche, die - obwohl sie die Revolution unterstützte - nunmehr
als ein Haupthindernis dabei angesehen wird, die totalitäre Kontrolle zu
vervollständigen. Erst vor kurzem sagte der nicaraguanische Bischof Pablo
Antonio Vega: "Wir leben mit einer totalitären Ideologie, die niemand in
diesem Land möchte."

Die Sandinisten unternehmen den Versuch, die Kirchenhierarchie in ein
schlechtes Licht zu rücken und zu spalten. Und auf einen neuen Bereich
gilt es ganz besonders zu achten: Wie alle kommunistischen Regime tragen
dorthin

reiste.die

Sandinisten

ihre

Ideologie

in

das

Bildungssystem

hinein und haben mit großangelegten Kampagnen begonnen, Kinder und Erwachsene zu indoktrinieren.

Aber die katholische Kirche kämpft darum, ihre Autonomie zu bewahren
und diese Indoktrinierung von ihren Kirchen und Schulen fernzuhalten. Ich
selbst habe gerade eine mündliche Botschaft des Papstes erhalten, in der
er uns drängt, unsere Bemühungen in Mittelamerika fortzusetzen.

Nun, das, was ich erwähnte, ist noch nicht gelöst. Kuba löste das
Problem, indem alle Privatschulen, einschließlich der kirchlichen Schulen, geschlossen wurden. Die allgemeine Lage der Religionsfreiheit in
Nicaragua wird durch Aussagen aus verschiedensten Quellen belegt, am
deutlichsten aber durch jene, die diesem brutalen Regime entronnen sind.

So hörten wir kürzlich von einem Geistlichen der evangelischen Kirche

- 5-

�der evangelischen Kirche in einem nicaraguanischen Ort, der den Freiheitskämpfern mitteilte, die Sandinisten hätten gedroht, 3 000 Mitglieder
seiner Kirche in Umsiedlungslager zu schicken. Der Geistliche und die
Mitglieder seiner Gemeinde verbergen sich inzwischen in Höhlen und provisorischen Behausungen auf dem Lande.

Die Sandinisten bedrohen auch Juden. Zwei nicaraguanische Flüchtlinge, Sarita und Oscar Kellermann, berichteten von einem sandinistischen
Bombenanschlag auf ihre Synagoge. Die Sandinisten beschmierten die Synagoge mit den Worten "Was Hitler anfing, werden wir zu Ende führen". Und
an das Haus der Kellermanns: "Juden raus aus Nicaragua".

Lassen Sie mich hier anfügen, daß Berichte wie diese hier von organisiertem Zwang, Brutalität und Terror der Grund dafür sind, daß wir den
Kongreß um Hilfe ersuchen, damit den Freiheitskämpfern und den Opfern des
sandinistischen Regimes geholfen werden kann.

Wenn ich in diesen Tagen an Nicaragua denke, so meine ich auch jetzt,
daß man jede neue Regierung daran messen kann, ob sie die ungehinderte
Religionsausübung zuläßt oder nicht. Wenn nicht, so kann man sicher sein,
daß sie ein Feind der Menschheit ist, denn sie unternimmt den Versuch,
das zu verbannen, was das Schönste im Herzen des Menschen ist.

Aber wir sollten nicht verzweifelt sein, denn dies ist nicht die Zeit
dafür. Wir leben zwar in einem dramatischen Zeitalter; überall in der
Welt wird die Staatsmaschinerie wie nie zuvor gegen die Religionsfreiheit
eingesetzt. Aber gleichzeitig erscheinen auch überall in der Welt neue
Gruppen Gläubiger, überall in der Dunkelheit zeigt sich Licht, und man
gibt Gott wieder die Ehre.

Vielleicht ist dies die größte Ironie des kommunistischen Experimentes. Es ist ja gerade der Druck, den es ausübt, der wiederum die Kraft,
die Reibung und die Wärme zu erzeugen scheint, die es dem tiefen Glauben
ermöglicht, erneut als Flamme emporzuschlagen.

Ich bin der 'Überzeugung,
- 6-

�Ich bin der Überzeugung, daß das wichtigste Element unserer Verteidigung der Freiheit unser Beharren darauf ist, unsere Stimme für die Sache
der religiösen Freiheit zu erheben. Ich würde es gerne sehen, wenn sich
dieses Land erneut mit ganzem Herzen dieser Sache widmen würde. Ich
schließe mich Ihrem Wunsch an, daß die protestantischen Kirchen Amerikas,
die katholische Kirche und die jüdischen Organisationen sich jener ihrer
Mitglieder erinnern, die in anderen Ländern im Gefängnis oder in Gefahr
sind. Wir sind die Wächter unserer Brüder, wir alle. Und ich hoffe, daß
die Botschaft dieser Konferenz alle in der Welt erreicht, die wegen ihres
Glaubens inhaftiert sind: Tröstet euch, man hat euch nicht vergessen.
Wir, eure Brüder und Schwestern in Gott, haben eure Sache zur unsrigen
gemacht. Und wir geloben, nie einzuhalten, bis ihr die Freiheit wiedererlangt habt, die euer Geburtsrecht als Kinder Gottes ist.

Lassen Sie mich nun für einen Augenblick ein Thema berühren, das
einen Sturm der Kontroverse ausgelöst hat - meine Entscheidung, einen
Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen, sowie meine Entscheidung, beim
Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland das ehemalige Konzentrationslager Dachau nicht zu besuchen. Es war und bleibt mein Ziel, wie das
von Bundeskanzler Kohl, diesen Besuch in der Bundesrepublik Deutschland
anläßlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes in Europa nicht einfach zur
Erinnerung an den militärischen Sieg vor vierzig Jahren zu nützen, sondern auch an die Befreiung Europas, an die Wiedergeburt der deutschen
Freiheit und an die Versöhnung unserer beiden Länder zu denken.

Mein Ziel war und ist es, nicht die Verbrechen des Dritten Reiches in
den zwölf Jahren seiner Herrschaft erneut zu betonen, sondern die gewaltigen Leistungen des deutschen Volkes in den vierzig Jahren der Freiheit,
der Demokratie und des Friedens zu feiern. Damit sollte die Welt daran
erinnert werden, daß seit dem Ende dieses schrecklichen Krieges die Vereinigten

Staaten

und

die Bundesrepublik

Deutschland

ein historisches

Verhältnis geschaffen haben - nicht zwischen Supermacht und Satellit,
sondern zwischen Schwesterrepubliken, die durch gemeinsame Ideale, durch
Bündnis und durch Partnerschaft miteinander verbunden sind. Damit, daß

- 7-

�Damit, daß Bundeskanzler Kohl und ich übereinkamen, gemeinsam einen Kranz
auf dem Friedhof für die gefallenen Deutschen des Krieges niederzulegen,
sollen die vierzig Jahre der Freundschaft zwischen einem freien Deutschland und den Vereinigten Staaten, zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Volk gefestigt werden. Aus diesem Grund habe ich die Einladung
nach Bitburg angenommen, und deshalb gehe ich auch nach Bitburg.

Was meine Entscheidung, nicht nach Dachau, einer jener Stellen der
großen moralischen Obszönität dieser Ära zu gehen, anbelangt, so wurde
sie aufgrund meines irrtümlichen Eindrucks getroffen, ein solcher Besuch
stehe außerhalb des offiziellen Programms. Der jüngste Brief von Bundeskanzler Kohl jedoch machte deutlich, daß die Einladung zum Besuch eines
ehemaligen Konzentrationslagers tatsächlich Teil der geplanten Reiseroute
ist. Ich habe daher diese Einladung nunmehr angenommen und mein Stab in
der Bundesrepublik sucht nach einem Ort, der in unseren zeitlichen Rahmen
paßt.

Ich habe immer gesagt, ich sage es heute und ich werde es auch bei
jener Gelegenheit sagen, daß wir den Holocaust niemals vergessen und nie
wieder zulassen dürfen, daß sich eine solche Scheußlichkeit je wiederholt.

Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie alle.

- 8-

�Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

24. April 1985

17

USA UND UDSSR BEENDEN 5. GESPRÄCHSRUNDE ÜBER NONPROLIFERATIONSFRAGEN
- Presseerklärung des US-Außenministeriums -

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium veröffentlichte am
19. April 1985 im Anschluß an die fünfte Runde der amerikanisch-sowjetischen Konsultationen über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen die
folgende Presseerklärung:
Die Vereinigten Staaten und die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben gerade ihre fünfte Konsultationsrunde über Nonproliferationsfragen beendet. Diese Konsultationen fanden vom 15. bis zum 19.
April

in Helsinki

statt. Die

vier

vorausgegangenen Treffen hatten -

beginnend im Dezember 1982 - in Washington, Moskau und Wien stattgefunden. Diese Konsultationen rührten ursprünglich von Gesprächen zwischen
Außenminister Shultz und Außenminister Gromyko im Rahmen der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Oktober 1982 her.

Die Konsultationen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432"

�Die Konsultationen deckten eine ganze Bandbreite von Themen ab einschließlich der Aussichten auf Stärkung des internationalen Nonproliferationssystems, der Dritten ÜberprUfungskonferenz des Nonproliferationsvertrags (NPT), der Bedeutung der nuklearen Exportkontrollen und des
beiderseitigen Bestrebens der Vereinigten Staaten und der UdSSR, die
Internationale Atomenergiebehörde

(IAEA) zu stärken. Die amerikanische

Delegation wurde von Sonderbotschafter Richard T. Kennedy, die sowjetische Delegation von A. M. Petrosyants, dem Vorsitzenden des Staatskomitees für Atomenergie, geleitet.

Botschafter Kennedy charakterisierte diese Konsultationen als freundlich und geschäftsmäßig; beide Seiten hätten ein gemeinsames Interesse
daran, die Proliferation

zu verhindern und anderen Ländern dabei zu

helfen, sich der friedlichen Vorteile der Atomenergie zu erfreuen. Die
amerikanische Delegation brachte ihre besondere Wertschätzung

für das

kooperative Verhältnis zum Ausdruck, das sich zwischen beiden Seiten entwickelt hat und das sie in die Lage versetzte, sowohl technische wie auch
politische Probleme auf produktive Weise zu diskutieren.

Diese Konsultationen haben den Wunsch der USA und der UdSSR verdeutlicht, in einem Bereich positive Ergebnisse zu erzielen, der für die
Sicherheit

der gesamten Welt

von entscheidender Bedeutung

ist. Diese

Konsultationen schaffen zugleich einen positiven Rahmen für die Möglichkeit dieser beiden Länder, auf Fortschritt in Bereichen des beiderseitigen Interesses hinsichtlich der Nonproliferation wie auch umfassenderer
technischer und politischer Fragen hinzuarbeiten.

- 2-

�24. April 1985

17

WHITEHEAD ZUM NEUEN STELLVERTRETENDEN US-AUSSENMINISTER NOMINIERT

WASHINGTON -(AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 18. April 1985 John
C. Whitehead zum neuen Stellvertretenden Außenminister der Vereinigten
Staaten

nominiert. Whitehead,

desssen

Ernennung

noch der Bestätigung

durch den amerikanischen Senat bedarf, tritt die Nachfolge von Kenneth
Dam an, der einen Posten als Vizepräsident der Computerfirma IBM übernimmt.

John C. Whitehead, der sich vor kurzem aus dem Bankgeschäft zurückzog, wurde am 2. April 1922 in Evanston im Staate Illinois geboren. Bis
1943 besuchte er das Haverford-College und diente anschließend in der
amerikanischen Marine. Im Jahre 1947 erwarb er den akademischen Grad eines M.B.A. an der Harvard-Universität.

Zuletzt war Whitehead Kopräsident und Seniorpartner der Firma Goldman, Sachs and Company, einer internationalen Investitionsbank; er bekleidete diesen Posten 37 Jahre lang und wird auch weiterhin als Vorsitzender des internationalen Beratungsgremiums der Firma fungieren. Er

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�fungieren. Er hatte ferner Direktorenposten in führenden amerikanischen
Gesellschaften

inne

und

war

Vorsitzender

des

Internationalen

Rettungsausschusses. Ferner ist er Mitglied des Rates für Auswärtige
Beziehungen und des Zentrums für Strategische und Internationale Studien
an der Georgetown-Universität so- wie Treuhänder des Haverford-College
und der Carnegie Corporation. Schließlich gehört er der vom Präsidenten
eingesetzten Kommission für Regierungsaustausch an.

* * * * *

- 2-

�24. April 1985

17

MENSCH IM WELTRAUM DURCH NICHTS ZU ERSETZEN

-Erfahrungen aus dem DISCOVERY-Flug
beim 16. Einsatz eines Raumtransporters -

- (AD). - "Wir wissen, daß Sie dort oben einige Enttäuschungen erlebt
haben - aber wir können, alles in allem, stolz sein auf den vierten Flug
der DISCOVERY und auf das, was Sie erreicht haben", sagte Präsident
Reagan in einem Telefongespräch mit den sieben Astronauten, die sich gerade auf die Rückkehr zur Erde am nächsten Tag vorbereiteten. Die Landung
des am 12. April 1985 gestarteten Raumtransporters erfolgte am 19. April
gegen 16 Uhr auf der Piste des Kennedy-Raumfahrtzentrums in Florida. Die
Besatzung, bestehend aus Karol Bobko (Kommandant), Donald Williams (Pilot), den Missionsspezialisten Dr. Margaret Rhea Seddon, David Griggs und
Jeffrey Hoffman sowie Jake Garn, US-Senator von Utah, und Charles Walker
als Nutzlastspezialist für die Fa. McDonnell Douglas, betrat nach sieben
Tagen im Weltraum wieder heimatlichen Boden.

Nach dem

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�Nach dem problemlosen Absetzen des Nachrichtensatelliten ANIK C-l im
Auftrag der kanadischen Gesellschaft "Telesat Canada" wenige Stunden nach
Erreichen der DISCOVERY-Umlaufbahn in ca. 370 km Höhe war am 14. April
SYNCOM IV-3 (auch als LEASAT 3 bezeichnet) an der Reihe. Dieser von der
Firma

Hughes

Communications

Inc. gebaute

riesige

Nachrichtensatellit

sollte über dem Pazifik stationiert werden. Zwei solcher Geräte stehen
der US-Marine bereits zur Verfügung, zwei weitere sind zur Vervollständigung eines weltweiten Nachrichtenverkehrs zwischen mobilen Land-, Seeund Fliegereinheiten erforderlich. Die Satelliten werden von der Herstellerfirma an die US-Marine vermietet.

Eine gewisse Zeit nach dem Absetzen aus dem Nutzlastraum der DISCOVERY in die Erdumlaufbahn hätte das Feststofftriebwerk im Satelliten automatisch zünden sollen, um ihn auf die Betriebshöhe von 35 680 km, eine
sogenannte erdsynchrone Bahn, zu katapultieren. Aber LEASAT, ein zylinderförmiger Koloss von 6,9 Tonnen Masse, blieb "stumm", die Automatik zur
Aktivierung seiner Stromkreise funktionierte nicht. Optische Inspektionen
durch die DISCOVERY-Besatzung ergaben, daß ein 13 cm langer Hebel an der
Außenseite nicht umgelegt war, was nach dem Absetzen aus dem Nutzlastraum
automatisch

hätte

geschehen

sollen.

Dadurch

wäre

das

Energiesystem

schrittweise aktiviert, die Rotation des Satelliten beschleunigt worden.
Nach 45 Minuten hätte das Feststofftriebwerk gezündet.

Im Kontrollzentrum Houston, bei der Firma Hughes und an Bord suchte
man fieberhaft nach Möglichkeiten, um diesen Hebel doch noch zu betätigen. Die Besatzung bastelte aus allen möglichen Utensilien, u. a. ein
paar Metallrohren und mehrfach aufgeschnittenen Kunststoffeinbänden von
Kladden, in denen Eintragungen zum Flugablauf gemacht wurden, zwei Behelf sgeräte. In einem weder geplanten noch zuvor geübten Ausstiegsmanöver
von drei Stunden Dauer befestigten Jeffrey Hoffman und Dave Griggs die
"Fänger", im Aussehen einer Fliegenklatsche recht ähnlich, an der Spitze
des sogenannten Robotarms. Dr. Margaret Rhea Seddon, deren eigentliche
Aufgabe als Ärztin die Durchführung medizinischer Experimente war, sollte
aus dem Orbiter-Cockpit den ferngesteuerten, 15 cm langen Greifarm so an
den Satelliten heranführen, daß einer der Fänger den Hebel am Satelliten
- 2 -

�am Satelliten zu fassen bekam.

In den Morgenstunden des 16. April hatten Bokbko und Williams die
DISCOVERY zum Rendezvous mit LEASAT geführt und sie aus ursprünglich 80
km Entfernung auf nur neun Meter Abstand heranmanövriert. Rhea Seddon gelang es zweimal, mit einem der provisorischen Fanggeräte den Hebel zu
fassen. Sie stand unter großem Zeitdruck. Denn für das "Greifen" und Umschalten standen nur sechs Minuten zur Verfügung, weil für die - bei erfolgreichem Ablauf zu erwartende - Zündung des Satelliten eine ganz bestimmte Position zur Erde notwendig war. Andernfalls hätte die Gefahr bestanden, daß er - bei fristgerechtem Ablauf der elektrischen Automatik
bis zur Zündung - auf falschen Kurs geraten wäre. Außerdem mußte die
DISCOVERY genügend Zeit haben, sich aus dem Brennbereich des starken
Triebwerkes

in

sichere Entfernung

abzusetzen. Aber

nach dem

zweiten

Greifversuch wurde klar, daß der Hebel klemmte, sich überhaupt nicht
rührte. Statt desssen wurde durch ihn eines der drei Kunststoff-"Bänder"
am Fanggerät, die aus dem Kladdendeckel gefertigt waren, abgerissen.

Vom Kontrollzentrum kam die Anweisung, den Versuch abzubrechen. Zwar
hatte man auch ein weiteres Außenmanöver erwogen, in dem ein Astronaut
von einer Arbeitsplattform an der Spitze des Robotarmes aus versuchen
sollte, den Hebel mit der Hand oder mit Hilfe einer Schlinge zu greifen
und zu betätigen. Aber diese Idee wurde bald als zu gefährlich aufgegeben. Der Satellit befand sich ja in Rotation. Für den GreifVorgang selbst
standen jeweils nur Sekunden zur Verfügung, in denen eien unkontrollierte
Bewegung des Astronauten diesen in größte Gefahr hätte bringen können vor allem dann, wenn sich das Objekt, zwar gewichtlos, aber mit 6,9
Tonnen Masse, auf ihn zubewegt hätte.

Und es enthält nach wie vor mehr als drei Tonnen Treibstoff, in
fester und in flüssiger Form. Der für die Lageregelung vorgesehene Flüssigtreibstoff Hydrazin gilt als besonders gefährlich, so daß auch wegen
einer möglichen Bergung des gestrandeten LEASAT 3 im Verlauf eines späteren Raumtransporter-Unternehmens zuvor sehr genau untersucht werden muß,
ob dies überhaupt zu riskieren wäre. Steven Dorfman, Präsident von Hughes
- 3 -

�von Hughes Communications Inc., ist in diesem Punkt noch skeptisch. Aber
er möchte erst einmal die Analyse der Experten abwarten, was die Ursache
des Versa- gens sein könnte.

Auf die Versicherungsprämien für Raumfahrtgeräte dürfte dieser Vorfall seine Auswirkungen nicht verfehlen. LEASAT ist mit 85 Millionen Dollar versichert. Davon werden 30 Prozent von der Gruppe "International
Technology Underwriters" getragen. James Barrett, der Präsident des Unternehmens, ist der Meinung, daß dieser Versicherungsfall "den Markt erheblich beeinflussen wird". Im vergangenen Jahr haben die Versicherungsgesellschaften für den Verlust von Satelliten 282 Millionen Dollar ausbezahlt. (An Startgebühren für LEASAT 3 hatte die Firma Hughes 18 Millio-

&lt;

nen Dollar an die NASA - U.S. Behörde für Luft- und Raumfahrt - bezahlt.)
Alle Beteiligten sind sich darüber einig, daß die NASA bzw. die Astronauten keine Schuld treffe. Der Fehler sei vielmehr bei der Herstellerfirma
oder deren Zulieferern zu suchen.

Charles Walker, Biotechniker, nahm bereits zum zweiten Mal an einem
Raumtransporterflug teil. Seine Aufgabe war erneut, ein Hormon zu synthetisieren, das nur in der Schwerelosigkeit hergestellt werden kann. Welcher Art dieses Hormon ist und welche Funktion es hat, wurde bisher von
McDonnell Douglas nicht bekanntgegeben. Es verlautete lediglich, daß es
in Tierversuchen und dann am Menschen erprobt werden solle. Erfülle es
die Erwartungen, werde man die Produktion im Weltraum für medizinische
Zwecke aufnehmen. Ein weiteres biotechnisches Experiment galt der Kristallzüchtung von Proteinen, um deren Struktur genau bestimmen zu können.
Dies ist die Voraussetzung dafür, "maßgeschneiderte" pharmazeutische Sub-

,

stanzen zur gezielten Beeinflussung bzw. Hemmung anormaler Vorgänge im
Körper zu entwickeln.

»

Senator Garn, Beobachter für den US-Kongreß und Vorsitzender des für
das NASA-Budget zuständigen Unterausschusses, hatte eine Kurzausbildung
als Nutzlastspezialist absolviert. Er wollte sich für medizinische Experimente zur Verfügung stellen und sich an den Versuchen beteiligen, mit
einfachen Mitteln und Spielzeugobjekten die Effekte von Schwerelosigkeit
- 4 -

�von Schwerelosigkeit zu demonstrieren. Der daraus hergestellte Film wird
als Unterrichtsmate- rial in Grundschulen und in den unteren Klassen von
Oberschulen

verwendet

Papiersegler

filmen.

werden.
"Er

Der

fliegt

Senator

eigentlich

ließ

beispielsweise

ganz ähnlich

einen

wie auf der

Erde", kommentierte Jake Garn. "Aber er bewegt sich langsamer und viel
leichter, wenn er geworfen wird, und er durch die Kabine segelt". Als
Garn

ihn

wieder

eingefangen

hatte

und

"fallen"

ließ,

schwebte

der

Papiersegler bewegungslos im Raum.

Jake Garn bekam die Raumkrankheit während der ersten zwei Flugtage
ausgeprägt zu spüren - von Zeit zu Zeit machten sich Übelkeit und Schwindelgefühl äußerst unangenehm bemerkbar. In der Startphase wurden bei dem
ehemaligen Fliegeroffizier bis zum Eintritt des Raumtransporters in die
Erdumlaufbahn zahlreiche Körperfunktionen erfaßt und gemessen: fünf Sensoren waren am Kopf, vier in der Magengegend und drei am Brustkorb befestigt.

Besonders

intensiv

wurden

bei

dem

jüngsten,

amerikanischen Raumtransporters, Reaktionen

dem

16. Flug

eines

des Herz- und Kreislaufsy-

stems der Astronauten beobachtet. Mit Hilfe des in den USA entwickelten
Echokardiographien ließen sich Veränderungen am Herzen und in den Blutgefäßen unter dem Einfluß der Schwerelosigkeit präzise erfassen. Die Daten
geben Anhaltspunkte dafür, mit welchen Gegenmaßnahmen schädlichen Auswirkungen bei langem Aufenthalt im Weltraum begegnet werden sollte.

"Der Echokardiograph sendet Schallwellen aus und nimmt die Echos auf,
die auf einem Bildschirm das untersuchte Organ darstellen", eklärte Dr.
Seddon bei einer Fernsehsendung aus der DISCOVERY den Zuschauern, während
sie Schallköpfe des Instruments am Brustkorb eines der Astronauten befestigte. "Das Bild können wir auf unserem Videoband speichern. Wir können
sogar bei guter Wiedergabe auf dem Bildschirm das Herzinnere von unten
betrachten und dabei in alle vier Kammern hineinsehen. Wir wollen unter
anderem herausfinden, ob und welche Unterschiede sich in bezug auf die
Größe von Herz und Herzkammern sowie auf das Blutvolumen während des Fluges einstellen. Im Weltraum ist es ohnehin anders als auf der Erde, weil
sich hier die Herzposition anscheinend etwas verändert. Deshalb müssen
- 5 -

�Deshalb müssen wir die besten Punkte zum Ansetzen der Schallköpfe erst
suchen."
Senator Garn, der für den US-Senat einen offiziellen Bericht über
seine Eindrücke und Erfahrungen an Bord des Raumtransporters DISCOVERY
ausarbeiten wird, zeigte sich besonders beeindruckt von den Tätigkeiten
und Funktionen eines Astronauten. Das menschliche Denk- und Entscheidungsvermögen, menschliches Handeln im Weltraum sei durch nichts zu ersetzen, meinte er.

* * * * *

- 6 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der 8. Mai: Rückblick und Ausblick&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Arthur F. Burns, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Reagan wird KZ-Gedenkstätte besuchen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede vor der Conference on Religious Liberty -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA und UdSSR beenden 5. Gesprächsrunde über Nonproliferationsfragen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Presseerklärung des US-Außenministeriums -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Whitehead zum neuen Stellvertretenden US-Außenminister nominiert&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mensch im Weltraum durch nichts zu ersetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erfahrungen aus dem DISCOVERY-Flug -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

4 ; • .&lt;

24. April 1990

16

GOLFKRISE

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse
vom 1. bis 15. April 1991

BILDUNGSWESEN

AMERIKA 2000: DAS BILDUNGSPROGRAMM
DES PRÄSIDENTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

US - REGIERUNGSSYSTEM

PRÄSIDENT UND KONGRESS:
KONTROLLE UND AUSGLEICH DER KRÄFTE
von Marie D. Natoli

STIPENDIEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

FULBRIGHT-STIPENDIEN ZUM STUDIUM
IN DEN USA IM STUDIENJAHR 1992/93
Erstmals auch in den neuen Bundesländern

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�GOLFKRISE
24. April 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom 1. bis 15. April 1991
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend führen wir die Chronologie der Ereignisse am Golf für den Zeitraum vom
1. bis 15. April 1991 fort.

1. April
Der Führer der kurdischen Guerilla, Barsani, fordert
die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich auf, Saddam Husseins "Völkermord und Folter
unseres Volkes" zu stoppen.

Wenn der Irak alle Bedingungen erfüllt, wird im Gegenzug das Embargo schrittweise aufgehoben. Das Verbot
von Rüstungsexporten in den Irak wird bestehen bleiben.

Berichten des US-Verteidigungsministeriums zufolge
hat das irakische Militär die meisten wichtigen Städte
im Norden des Irak zurückerobert.

Resolution 687 stellt für jede Bedingung einen Zeitplan
auf, dessen erster Schritt die Entsendung einer UNBeobachtertruppe in eine 15 Kilometer breite entmilitarisierte Zone -10 Kilometer auf irakischem Gebiet und
5 Kilometer auf kuwaitischer Seite - entlang der irakisch-kuwaitischen Grenze ist.

3. April

5. April

Der französische Präsident Mitterand erklärt, der UNSicherheitsrat müsse den Irak für seine repressiven
Maßnahmen gegen die kurdische Minderheit verurteilen, wenn er nicht seine politische und moralische
Autorität verlieren wolle. Durch seinen Sprecher ließ
der französische Präsident übermitteln, das UN-Embargo
über Handel mit dem Irak solle solange beibehalten
werden, wie die Unterdrückung anhält.

Der NATO zufolge begeht die irakische Regierung
"massive Menschenrechtsverletzungen", und sie warnt
Bagdad, seine Angriffe auf das kurdische Volk zu
stoppen. Die Erklärung wird nach einem Treffen von
16 Nato-Botschaftern veröffentlicht. Einem Sprecher
zufolge "verurteilen die NATO-Mitgliedstaaten einhellig die brutale Unterdrückung ... und machen die irakische Regierung für diese massiven Menschenrechtsverletzungen verantwortlich".

2. April

Mit 12 Stimmen zu 1 Gegenstimme Kubas und 2
Enthaltungen von Jemen und Ecuador verabschiedet
der UN-Sicherheitsrat Resolution 687, in der die Bedingungen für den Waffenstillstand am Golf dargelegt
werden.
Die Resolution bestätigt unter anderem die irakischkuwaitische Grenze, wie sie 1963 festgelegt wurde,
verfügt die Zerstörung der chemischen und biologischen Waffen des Irak und ruft einen Ausschuß ins
Leben, der feststellen soll, wie aus irakischen Öleinnahmen Reparationen gezahlt werden können.
Der Irak muß den Tenorismus aufgeben und geloben,
keiner terroristischen Vereinigung zu gestatten, von
seinem Territorium aus zu operieren.

AMERIKA DIENST 16

Mit 10 zu 3 Stimmen verabschiedet der UN-Sicherheitsrat Resolution 688, in der die "Unterdrückung"
des irakischen Volkes durch die Regierung "in jüngster
Zeit in von Kurden besiedelten Gebieten" verurteilt
wird. Der Irak wird aufgefordert, die durch die Unterdrückung verursachte "Bedrohung für den Weltfrieden
und die Sicherheit in der Region zu beseitigen". Kuba,
der Jemen und Zimbabwe stimmen gegen die Resolution, China und Indien enthalten sich.
Durch Schüsse aus dem irakischen Generalkonsulat
in Istanbul werden bei einer Demonstration vor dem
Gebäude eine Person getötet und zwei verletzt. Türkische Beamte erklären, einige Personen seien im
Zusammenhang mit dem Zwischenfall festgenommen
und Ermittlungen eingeleitet worden.
Seite 1

�6. April
Die irakische Nationalversammlung nimmt mit 160 zu
31 Stimmen die Bedingungen der Resolution 687 des
UN-Sicherheitsrats für einen Waffenstillstand am Golf
an.
Der UN-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar unterbreitet dem Sicherheitsrat Pläne, als ersten Schritt
zur Durchführung der Waffenstillstandsresolution zum
Golf krieg zunächst 300 militärische Beobachter in die
irakisch-kuwaitische entmilitarisierte Zone zu entsenden. Der Plan sieht vor, daß nach Entsendung der in
der Resolution 687 vorgeschriebenen UN-Friedenstruppe UNIKOM - der Irakisch-Kuwaitischen Beobachtermission - alliierte Streitkräfte, die den Süden des
Irak besetzt halten, ihren Rückzug antreten.
Irakische Diplomaten in Washington und bei den Vereinten Nationen werden vom US-Außenministerium
erneut darüber informiert, daß mit Beginn der humanitären Hilfsaktionen "irakische Truppen keine Einsätze
in irgendeinem Teil des Landes (einschließlich dem
Norden und Süden des Irak) durchführen, die Leistungen humanitärer Hilfe an irakische Bürger behindern
könnten".
7. April
In einem 23seitigen Brief an Generalsekretär Javier
Perez des Cuellar erklärt der Irak, die Bedingungen
des UN-Sicherheitsrats zur Beendigung des Golfkriegs
zu akzeptieren, wie sie in Resolution 687 dargelegt
sind. In dem Brief führt der Irak Beschwerde darüber,
daß die Bedingungen unfair und ungesetzlich sind, gibt
jedoch zu, keine andere Alternative zu haben als die
Resolution zu akzeptieren. Der Irak stimmt zu, alle
Massenvernichtungswaffen aufzugeben und für seine
siebenmonatige Besetzung Kuwaits Schadenersatz
zu leisten.
Der türkische Außenminister Ahmet Kurtecebe Alptemocin erklärt in Ankara, über 1.500 irakische Kurden
seien auf der Flucht vor den Nachstellungen des
irakischen Militärs an Hunger, Krankheiten und Kälte
gestorben.
Die Polizeiverwaltung von Prag leitet im Zusammenhang mit einer Demonstration kurdischer Studenten
am 5. April vor der irakischen Botschaft ein Strafverfahren ein. Dabei wollten kurdische Studenten der
irakischen Botschaft eine Liste mit Forderungen übergeben, woraufhin sie von Botschaftspersonal mit
Schlagstöcken, Pistolen und einer Maschinenpistole
angegriffen wurden. Insgesamt wurden acht Schüsse
abgegeben.
Der Emir von Kuwait, Scheich Dschabir al-Ahmad AlSabah erklärt, gemäß der kuwaitischen Verfassung
würden im nächsten Jahr in Kuwait Wahlen stattfinden. Dabei würden auch die politischen Rechte von
Frauen neu überdacht.

Seite 2

US-Transportflugzeuge beginnen mit der Lieferung
von Hilfsgütern an die kurdischen Flüchtlinge im Norden des Irak. Verteidigungsminister Cheney erklärt,
eine UN-Friedenstruppe könnte eingesetzt werden,
um zum Schutz der Flüchtlinge Pufferzonen im Irak zu
errichten.
8. April
Außenminister Baker besucht ein kurdisches Flüchtlingslager an der türkisch-irakischen Grenze und verspricht zusätzliche Hilfe. Baker fordert die internationale Staatengemeinschaft auf, "schnell und effektiv"
auf die steigenden humanitären Bedürfnisse Tausender irakischer Flüchtlinge zu reagieren, die sich an der
türkisch-irakischen Grenze konzentrieren.
Die Europäische Gemeinschaft schließt sich einem
britischen Vorschlag an, eine kurdische Schutzzone
im Norden des Irak zu schaffen.
9. April
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschließt
die Stationierung einer 1440-Mann starken UNIKOMBeobachtertruppe zur Überwachung der demilitarisierten Zone entlang der irakisch-kuwaitischen Grenze.
Der schwedische stellvertretende Au ßenminister Pierre Schor bestellt den irakischen Geschäftsträger ins
Außenministerium ein und trägt einen scharfen Protest
der schwedischen Regierung gegen das Abfeuern
einer automatischen Waffe aus der irakischen Botschaft während einer gewalttätigen Protestkundgebung von Kurden am 7. April vor. Der schwedischen
Polizei zufolge haben die Ermittlungen ergeben, daß
30 Schüsse aus einer automatischen Waffe wie der
sowjetischen AK-47 abgegeben wurden. Ausländische Diplomaten können in Schweden keinen Waffenschein für solche Waffen erhalten.
10. April
Etwa 250 Millionen Dollar an Geld- und Sachspenden
für irakische Flüchtlinge wurden bis heute von 45
Geberländern zugesagt, erklärt ein Sprecher des USAußenministeriums. Vertretern internationaler Flüchtlingshilfeorganisationen zufolge hätten sich bereits
771.000 irakische Zivilisten, zumeist Kurden, in den
Iran begeben, und möglicherweise warteten 500.000
bis 700.000 weitere im Irak darauf, die Grenze zu
überschreiten.
Das US-Außenministerium erklärt, der Iran habe der
Annahme amerikanischer Hilfe für die Flüchtlinge
zugestimmt, nachdem die US-Administration verkündet hatte, sie sei zur Lieferung von Hilfsgütern in dieses
Land über multilaterale Hilfskanäle bereit.
Irakische Diplomaten in Washington und bei den Vereinten Nationen werden erneut vom US-Außenministerium gewarnt, daß mit Anlaufen der humanitären
AMERIKA DIENST 16

�Hilfsoperationen "irakische Truppen keine Maßnahmen in irgendeinem Teil des Landes (einschließlich
des Nord- oder Südirak) ergreifen sollten, die die
Bereitstellung humanitärer Notfallhilfe für irakische
Bürger stören könnten".
11. April

Die Vereinigten Staaten haben 215 Tonnen an Nahrungsmitteln, einschließlich Milch, Zucker, Mehl, Salz
und Tee sowie Wasser, Zelten, Decken und Schlafsäcken bereitgestellt, seit die Vereinigten Staaten am
7. April damit begonnen haben, Hilfsgüter im türkischirakischen Grenzgebiet abzuwerfen, erklärt der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Pete Williams.

Der Präsident des UN-Sicherheitsrats überreicht dem
irakischen UN-Botschafter ein Schreiben, in dem offiziell mitgeteilt wird, daß der Waffenstillstand im Golfkrieg in Kraft getreten ist. Das Schreiben war eine
Antwort auf die irakische Annahme der UN-Waffenstillstandsresolution 687, die dem Sicherheitsrat und
Generalsekretär Javier Perez de Cuellar übermittelt
worden war.

Nach Gesprächen mit dem luxemburgischen Premierminister und Präsidenten des Europäischen Rats,
Jacques Santer, sowie dem Präsidenten der Europäischen Kommission, Jacques Delors, im Weißen Haus
erklärt Präsident Bush, Europa und die Vereinigten
Staaten "haben ein enormes, auf Zusammenarbeit
gegründetes Flüchtlingsprogramm aufgenommen", um
den kurdischen Flüchtlingen zu helfen.

Der irakische UN-Botschafter Abdul Amir Al-Anbari
erklärt, der Waffenstillstand sei technisch in Kraft
getreten, als der Irak die Bedingungen der Resolution
687 angenommen habe. Der Sicherheitsrat war am 8.
April zusammengetreten, um die irakische Annahme
zu prüfen. Einige Mitgliedstaaten baten jedoch um
eine Verschiebung der Absendung des Bestätigungsschreibens, um das von der irakischen Nationalversammlung im Hinblick auf den Waffenstillstand beschlossene Dokument zu untersuchen. Den Medien
zufolge hatte das irakische Parlament trotz der Annahme der Resolution gegen die Bedingungen protestiert,
woraus sich die Notwendigkeit ergab, den genauen
Wortlaut der formellen irakischen Annahme zu prüfen.
Die Antwort der irakischen Nationalversammlung, die
in Arabisch abgefaßt war, wurde deshalb von der UNO
in die anderen fünf offiziellen U NO-Sprachen übersetzt und dann den 15 Mitgliedstaaten des Sicherheitsrats übermittelt.

Humanitäre Organisationen der UNO, die sich um den
massiven irakischen Flüchtlingsstrom in die Türkei
und den Iran kümmern, berichten, daß viele der 1,3
Millionen Menschen "in einem verzweifelten Zustand
sind". Der Exodus veranlaßt internationale Hilfsorganisationen dazu, nahezu über Nacht Programme bereitzustellen, um den Regierungen der Türkei und des
Iran zu helfen.

Die Regierung Schwedens verkündet die Ausweisung
des irakischen Diplomaten Fadhil S. Hassan wegen
der Schüsse aus einer automatischen Waffe bei einer
Kurdendemonstration vor der irakischen Botschaft in
Stockholm am 7. April. Hassan erhält 48 Stunden Zeit,
um Schweden zu verlassen. Die schwedische Regierung setzt eine Frist von 24 Stunden, innerhalb derer
die Botschaft die illegale automatische Waffe übergeben oder die weiteren Folgen tragen muß.
Amerikanische Regierungsvertreter kündigen eine
massive Hilfsoperation an, um ein Massensterben
unter den mehr als 500.000 irakischen Kurden abzuwenden, die sich in den eiskalten Gebirgsregionen
entlang der türkisch-irakischen Grenze befinden. Sie
erklären darüber hinaus die Bereitschaft, dem Iran zu
helfen, die über eine Million Flüchtlinge an seiner
Grenze mit dem Irak zu versorgen.
Das Verteidigungsministerium teilt mit, die Koalitionsstreitkräfte setzten ihre Luftbrücke zum Transport von
Hilfsgütern für irakische Flüchtlinge mit dem Ziel fort,
den Fluß an Gütern "auf das größtmögliche Maß zu
erhöhen".

AMERIKA DIENST 16

Das Büro des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen sowie die UN-Organisation für Katastrophenhilfe in Genf teilen mit, daß schätzungsweise
800.000 irakische Zivilisten in den Grenzprovinzen des
Iran Zuflucht gesucht haben, die meisten in den Provinzen Bachtaran und West-Aserbeidschan. Daneben
befinden sich 500.000 Iraker entweder in der Türkei
oder an deren Grenze, erklären UNO-Vertreter.
12. April
Der UN-Sicherheitsrat billigt die Empfehlung des
Generalsekretärs, derzufolge 34 Staaten Personal für
die UNIKOM entsenden: Argentinien, Bangladesh,
Chile, China, Dänemark, die Fidschi-Inseln, Finnland,
Frankreich, Ghana, Griechenland, Großbritannien,
Indien, Indonesien, Irland, Italien, Kanada, Kenia,
Malaysia, Nigeria, Norwegen, Österreich, Pakistan,
Polen, Rumänien, Senegal, Schweden, Singapur,
Thailand, die Türkei, die UdSSR, Ungarn, Uruguay,
Venezuela, und die Vereinigten Staaten. Die Stationierung der Friedenstruppe beginnt.
13. April
Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher erklärt,
der irakische Präsident Saddam Hussein solle nach
dem Muster der Nürnberger Prozesse gegen führende
Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg vor einem internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen abgeurteilt werden. Genscher stellte fest, ein solcher Prozeß
wegen "Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte" sollte unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen erfolgen.

Seite 3

�14. April
Die Vereinigten Staaten entsenden Tausende zusätzlicher Soldaten mit Schiffen und Hubschraubern, um
die massiven Hilfsbemühungen im Rahmen der
"Operation Provide Comfort" für Iraker zu unterstützen, die in Todesangst vor den Streitkräften Saddam
Husseins fliehen, verkündet das Verteidigungsministerium. Vertreter der Bush-Administration beschreiben die Hilfsoperation als die größte in der modernen
Militärgeschichte.
15. April
Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Margaret
Tutwiler, erklärt, daß sich schätzungsweise 400.000
irakische Flüchtlinge - zumeist Kurden - bereits in der

*

Seite 4

Türkei befinden und weitere 400.000 auf der anderen
Seite der Grenze im Irak stehen. Helfer an der
türkischen Grenze schätzten, daß dort täglich 400 bis
1.000 Menschen sterben. Tutwiler erklärt, daß Nachschub und medizinische Unterstützung so schnell dorthin
geliefert würden, "wie dies menschenmöglich ist".
Sprecher des Weißen Hauses teilen mit, daß die AntiIrak-Koalition weiterhin ausreichende Truppen in der
Golfregion stationieren werde, um die Sicherheit der
Flüchtlingslager zu gewährleisten. Die Vereinigten
Staaten haben Bagdad vor Angriffen auf die Flüchtlinge gewarnt. Diese Warnungen "werden durch die
offensichtliche Androhung einer militärischen Intervention unterstrichen, sollte dies notwendig sein",
erklärt ein Sprecher.

*

AMERIKA DIENST 16

�BILDUNGSWESEN
24. April 1991

AMERIKA 2000: NEUE STRATEGIE
IM BILDUNGSWESEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Die nachfolgende Übersicht über Präsident Bushs Strategie im Bildungswesen wurde am 18. April 1991 vom
Weißen Haus veröffentlicht.

Präsident Bush hat heute sein Programm zur Verwirklichung der nationalen Ziele im Bildungswesen und
Verbesserung der Ausbildung für alle Amerikaner
dargelegt. Der Präsident vertritt die Auffassung, das
Bildungssystem der Vereinigten Staaten müsse bis
zum Jahr 200 umstrukturiert und belebt werden.
Der Präsident betonte, daß es sich bei diesen Bestrebungen um eine nationale Herausforderung handelt,
und forderte alle Amerikaner auf, sich an "diesem
entscheidenden Kreuzzug zu beteiligen - dem Kreuzzug, unsere Kinder und uns auf die vor uns liegende
aufregende Zukunft vorzubereiten."

Nachbarschaftsorganisationen und andere Bürgerinitiativen - zur Zusammenarbeit mit den Schulen, um ein
besseres Bildungswesen für die Nation zu schaffen.
A.

Dem Präsidenten zufolge ist es an der Zeit, Weltklassestandards für die Lernziele unserer Kinder in fünf
Basisfächern einzuführen: Englisch, Mathematik,
Naturwissenschaften, Geschichte und Geographie.
Mit Hilfe des National Education Goals Panel
(Nationales Gremium für Lernziele) und in Zusammenarbeit mit Interessenten im ganzen Land
werden der Präsident und die Gouverneure
einen Zeitplan für die Erarbeitung nationaler
Standards in diesen fünf Fächern festlegen. Im
September 1991 und in allen darauffolgenden
Jahren wird das Gremium der Nation über die
Fortschritte im Bildungswesen des Landes Bericht
erstatten.

AMERIKA 2000 stützt sich auf vier zusammenhängende Komplexe:
Aufbau besserer Schulen mit größerer Verantwortung für die Schüler von heute,
Schaffung einer neuen Generation amerikanischer Schulen für die Schüler von morgen,

Die Standards zielen darauf ab, das gesamte
Bildungssystem aufzuwerten und die Leistungen aller Schüler zu verbessern. Der Präsident
und die Gouverneure sind gegen ein einheitliches nationales Curriculum oder eine Zentralisierung des Bildungswesens.

Umwandlung der Vereinigten Staaten in eine
Nation von Lernenden, und
die Gemeinden sollen zu Orten des Lernens
werden.
I.

Aufbau besserer Schulen mit größerer
Verantwortung für die Schüler von heute

Der Präsident hat alle Amerikaner aufgefordert, zum
Aufbau besserer Schulen mit größerer Verantwortung
beizutragen, in denen Weltklassestandard und das
Prinzip der Verantwortung eine Rolle spielen. Er
ermutigte alle Mitglieder unserer Gemeinden - Familien, Unternehmer, Gewerkschaften, Gotteshäuser,
AMERIKA DIENST 16

Weltklassestandard in fünf Basisfächern

B.

Ein System freiwilliger nationaler
Prüfungen

Mit Hilfe des National Education Goals Panel wird ein
System freiwilliger Prüfungen entwickelt, denen sich
alle Schüler der 4., 8. und 12. Klasse in den fünf
Fächern unterziehen können.

Seite 1

�Diese American Achievement Tests (amerikanische Leistungstests) sind eine Herausforderung für alle Schüler, Weltklassestandard zu
erreichen und sicherzustellen, daß sie nach der
Schule auf das Studium und Arbeitsleben vorbereitet sind. Die Tests stellen höhere Anforderungen (das heißt, es wird nicht nur im Multiple
choice-Verfahren geprüft).

40 Millionen Dollar an neuen Fördermitteln für
Schul bezirke vor, die beachtliche Fortschritte
bei den Schulleistungen erzielt haben. Auszeichnungen werden für kontinuierliche Verbesserungen in diesen entscheidenden Fächern
vergeben.
Das Gesetz "AMERICA 2000" über die Verbesserung des Bildungswesens von 1991 sieht
ferner Mittel für förderungswürdige Schulprogramme (Merit Schools Program) vor, mit denen die Bundesstaaten einzelne Schulen auszeichnen können, die beachtliche Fortschritte
bei den nationalen Bildungszielen machen. Die
Bundesstaaten können die Mittel über mehrere
Jahre hinweg "auflaufen lassen", um noch größere Anreize für erfolgreiche Schulen zu schaffen.

In Zusammenarbeit mit den Gouverneuren des
Landes ersucht der Präsident um die Ermächtigung des Kongresses zu einer nationalen
Bewertung der Fortschritte im Bildungswesen
und die freiwillige Anwendung dieser Bewertung
auf Bezirks- und Schulebene.
Schüler, die bei den American Achievement
Tests herausragende Leistungen erzielen, erhalten eine Auszeichnung des Präsidenten für
herausragende Schulbildung in Anerkennung
ihrer ausgezeichneten Leistungen.

C.

D.

Bereitstellung und Förderung freier
Schulwahl

Der Präsident ersucht um die Ermächtigung für
Förderstipendien des Präsidenten, um herausragende wissenschaftliche Leistungen von einkommensschwachen Studenten zu würdigen,
die ein Hochschulstudium aufnehmen wollen.
Diese Preise werden für ausgezeichnete Leistungen in der High School und im College
vergeben.

Der Präsident vertritt die Auffassung, daß freie Schulwahl für Eltern und Schüler entscheidend für die Verbesserung unserer Schulen ist.

Schulen als Reformstätten

Im Rahmen des Education Certificate Program Support Fund in Höhe von 200 Millionen Dollar werden
Fördermittel an Schulbezirke vergeben, die freie Schulwahl der Eltern fördern.

Die Administration wird den Grund- und weiterführenen Schulen helfen, ihre Möglichkeiten besser auszuschöpfen, um die Ergebnisse zu verbessern und neue
zu erzielen, indem sie bei der Entscheidungsfindung
auf der Ebene der Bundesstaaten, Bezirke und Schulen mehr Flexibilität zuläßt und Leistungsnachweise
fördert.
Zusätzlich zu einem jährlichen nationalen Leistungsnachweis wird der Präsident die Schulen,
Schulbezirke und Bundesstaaten ermutigen,
reguläre Leistungsnachweise auszustellen.
Anhand dieser Leistungsnachweise werden die
Ergebnisse und Fortschritte bei der Verwirklichung der nationalen Bildungsziele gemessen.
Im Rahmen des neuen Gesetzes "AMERICA
2000" über die Verbesserung des Bildungswesens (AMERICA 2000 Excellence in Education
Act) von 1991 strebt der Präsident Gesetze an,
die größere Flexibilität beim Einsatz von Bundesmitteln für Bildung im Gegenzug zu verbesserter Rechenschaftspflicht über Ergebnisse
gestatten.
Um eine Reform der mathematischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung zu ermutigen,
sieht das Gesetz "AMERICA 2000" über die
Verbesserung des Bildungswesens von 1991

Seite 2

Der Präsident wird im Rahmen des Gesetzes
"AMERICA 2000" über die Verbesserung des
Bildungswesens von 1991 Auswahlprogramme
der Bundesstaaten und Gemeinden fördern.

Die Vorführung von Pilotprogrammen der Schulen wird
mit Mitteln in Höhe von 30 Millionen Dollar unterstützt.
Darüber hinaus will die Administration sicherstellen, daß die Bundesbildungsprogramme die
freie Schulwahl besser unterstützen.
E.

Lehrer und Schulleiter

Amerikas Lehrer und Schulleiter stehen bei der Umgestaltung unserer Schulen an vorderster Front. Als Teil
des neuen Gesetzes "AMERICA 2000" über die Verbesserung des Bildungswesens wird der Präsident
Initiativen vorschlagen, um hervorragende Führungsqualitäten in unseren Schulen zu fördern.
Mit Preisen des Präsidenten für hervorragende
Leistungen in der Ausbildung werden ausgezeichnete Lehrer in ganz Amerika anerkannt
und belohnt.
Der Präsident wird die Bundesstaaten und Städte ermutigen, alternative Formen der Zulassung
von Lehrern zu fördern, indem er den Einzelstaaten einmalige Zuschüsse gewährt, um solche alternativen Zulassungen zu erleichtern.

AMERIKA DIENST 16

�Zur Verbesserung der Ausbildung von Schulleitern und anderen Pädagogen wird der Präsident
in jedem Staat die Gründung von Lehrerfortbildungsstätten mit Hilfe von Bundesmitteln vorschlagen, um die Fortbildung der Schulleiter
durch Schulungen und Mentorenprogramme zu
verbessern.
Der Präsident wird diese Fortbildungsstätten für
amerikanische Lehrer mit Mitteln der Bundesregierung gründen, um fortschrittliche Schulungen anbieten zu können, die sich auf die fünf
Basisfächer konzentrieren.
•

*

Der Präsident ermutigt die Bundesstaaten ferner,
gestaffelte Gehälter sowie finanzielle und andere Anreize
für diejenigen in Erwägung zu ziehen, die ausgezeichnet unterrichten, Basisfächer lehren, unter extremen
Bedingungen arbeiten und Mentoren für Referendare
sind.
II.

Eine neue Generation von Schulen für die
Studenten von morgen

Der Präsident hat heute die fähigsten Köpfe in Amerika
aufgefordert, die besten Schulen der Welt zu schaffen
und auch den Städten dabei zu helfen.
A.

die Form gegenwärtiger Schulsysteme sprengen.
Aus diesem Fonds werden jeder neuen Schule bis zu
eine Million Dollar gewährt, um besondere Fortbildungsmaßnahmen, Lehrmittel oder andere Bedürfnisse der Schule zu finanzieren. Ziel ist, daß es in jedem
Kongreßbezirk bis September 1996 mindestens eine
Schule neuen Zuschnitts gibt.
Wenn die Schulen einmal eingerichtet sind, werden die
laufenden Kosten genauso hoch sein wie bei den
herkömmlichen Schulen.
Darüber hinaus wird der Präsident den Kongreß um
Starthilfe bitten, damit modernste Technik entwickelt
werden kann, die den neuen Schulen angemessen ist.
Eine neue Schule bedeutet nicht notwendigerweise
ein neues Gebäude. Sie stützt sich auch nicht ausschlie ßlich auf Technologie - es zählt allein die Qualität
des Lernens.
C.

Der Präsident hat jede Gemeinde im Land aufgefordert, vier Dinge zu tun:
die sechs nationalen Bildungsziele zu verwirklichen,

Forschung und Entwicklung

eine Gemeindestrategie zur Realisierung dieser
Ziele zu entwickeln,

Eine Reihe von teilweise mit Hilfe der Industrie geförderten Forschungs- und Entwicklungsgruppen wird
eine neue Generation von Schulen in Amerika erarbeiten.
Amerikas Industrievertreter werden für den Verband
zur Entwicklung neuer Schulen in Amerika (American
Schools Development Corporation) private Ressourcen aufbringen und mobilisieren. Diese neue gemeinnützige Organisation wird 1992 Verträge mit drei bis
sieben Forschungs- und Entwicklungsgruppen abschließen. Diese Gruppen setzen sich aus Unternehmen,
Universitäten, Denkfabriken, Schulplanern und anderen zusammen. Die Ergebnisse der Gruppe werden
dem amerikanischen Volk zugute kommen.
t

Die Aufgabe dieser Gruppen besteht darin, Städten bei
der Schaffung von Schulen zu helfen, in denen unsere
nationalen Bildungsziele verwirklicht werden - auch ein
Weltklassestandard in den fünf Basisfächern für alle
Schüler, wie sie unter anderem die American Achievement Tests ermitteln.

Der Präsident wird seinen Ausschuß aus Beratern zur
Bildungspolitik und das Bildungsministerium bitten, die
Arbeit dieser Forschungs- und Entwicklungsgruppen
zu prüfen und über ihre Fortschritte zu berichten.
B.

Neue Schulen in Amerika

Der Präsident wird den Kongreß bitten, 550 Millionen
Dollar als einmalige Starthilfe breitzustellen, um mindestens 535 amerikanische Schulen zu schaffen, die

AMERIKA DIENST 16

AMERICA 2000-Gemeinden

einen Nachweis über Fortschritte zu führen und
ihre Bereitschaft zu demonstrieren, die Neue
Amerikanische Schule in Amerika zu schaffen
und zu fördern.
Gemeinden, die diese Herausforderung akzeptieren,
werden von den Gouverneuren ihres Bundesstaats
zur "AMERICA 2000-Gemeinde" ernannt.
In Zusammenarbeit mit dem Bildungsminister werden
die Gouverneure die Pläne der Gemeinden mit Hilfe
eines hochrangigen Beratergremiums prüfen und
bestimmen, welche AMERICA 2000-Gemeinden in
jedem Staat Bundesmittel erhalten, um neue Schulen
zu gründen.
Die Gouverneure und der Minister werden sicherstellen, daß viele Gemeinden mit Kindern aus sozialen
Brennpunkten solche Schulen schaffen.
D.

Eine Führungsrolle auf allen Ebenen

Die Umgestaltung des amerikanischen Bildungswesens und Schaffung einer neuen Generation von Schulen
in Amerika wird auf allen Ebenen den Einsatz von
Amerikas Politikern erfordern.
Der Präsident begrüßt das Engagement der US-Wirtschaft, Beiträge im Umfang von 150 bis 200 Millionen
Dollar zur Förderung der Forschung und Entwicklung
zu leisten.
Seite 3

�Der Präsident fordert die Gouverneure des Landes
auf, sich an die Spitze der Bestrebungen um die Neue
Schule in Amerika zu stellen.

Der Präsident wird auf die Übernahme größerer
Verantwortung und Wahlmöglichkeiten im Erwachsenenbildungsgesetz drängen und diese
beiden Hand in Hand gehenden Prinzipien in
den neuen Maßnahmen zur Erwachsenenbildung fördern, die im Rahmen des neuen Gesetzes "AMERICA 2000" zur Verbesserung des
Bildungswesens von 1991 vorgeschlagen werden.

Der Präsident fordert die Legislative der Bundesstaaten auf, die Gründung und den Betrieb neuer Schulen
in Amerika zu fördern, Weltklassestandards anzustreben und American Achievement Tests durchzuführen
sowie Leistungsnachweise auf allen Ebenen zu führen.
Der Präsident ermutigt einflußreiche Bürger, in den
Gemeinden im ganzen Land mitzuarbeiten, damit eine
Gemeinde den Status "AMERICA 2000-Gemeinde"
erhält und sich an der Planung und Realisierung der
neuen Schulen zu beteiligen. Die Industrie kann
städtische Schulen ermutigen, sich für den Weltklassestandard und den American Achievement Test zu
bewerben und Schulen ermutigen, Leistungsnachweise zu führen.
Der Präsident hat die Pädagogen aufgefordert, neue
Rollen zu übernehmen und Risiken einzugehen. Lehrer,
Schulleiter und andere Pädagogen sind aufgerufen,
einen Konsens über die Weltklassestandards zu erarbeiten und Bedingungen für die Schaffung neuer Schulen
in jeder Gemeinde zu erforschen.
E.

Engagement von Familien und Kindern für
das Lernen

Der Präsident hat an die Eltern appelliert, auf Weltklassestandards, American Achievement Tests und Leistungsnachweise an den örtlichen Schulen zu drängen. Die Eltern müssen eine Schlüsselrolle bei der
Schaffung der Neuen Amerikanischen Schule in ihren
Gemeinden und Stadtvierteln spielen und zu Hause

mit den Kindern an der Verbesserung ihrer schulischen Leistungen arbeiten.
III.

B.

Stärkung der Aus- und Fortbildung für die
Schüler von gestern und die Arbeitnehmer
von heute

Festsetzung von Normen für
Arbeitsqualifikationen und Kenntnisse

Der Präsident hat Unternehmer und Gewerkschaften
aufgefordert, in Zusammenarbeit für jede Branche
Weltklassestandards und unerlä ßliche Qualifikationen
zu erarbeiten und anzuwenden. Bundesmittel zur
Unterstützung der Anlaufphase dieses Projekts werden beantragt.
C.

Einrichtung von Industrie- und Gemeinde
Zentren zur Vermittlung von Qualifikationen

Die Arbeitnehmer von heute werden durch Qualifizierungszentren (Skill Clinics) unterstützt - in Unternehmen, Stadtteilen und Gemeinden in den gesamten
Vereinigten Staaten angesiedelte Dienstleistungszentren, in denen Erwachsene unter einem Dach eine
Einschätzung ihrer Arbeitsqualifikationen und weiterführende Informationen erhalten können.
Die Administration wird die Unternehmen auffordern, ihren Beschäftigten den Zugang zu
solchen Qualifizierungszentren zu ermöglichen
und "AMERICA 2000"-Gemeinden und Stadtteile ermutigen, gemeindeeigene Qualifizierungszentren einzurichten.

Die Umgestaltung Amerikas zu einer
"Nation von Lernenden"

Der Präsident geht davon aus, daß Lernen eine lebenslange Herausforderung darstellt. Annähernd 85 Prozent der amerikanischen Erwerbsbevölkerung des Jahrs
2000 stehen heute bereits im Berufsleben. Die Verbesserung der Schulen für die Schüler von heute und
morgen allein reicht nicht aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten im Jahr 2000 und
danach zu sichern. Der Präsident hat die Amerikaner
dazu aufgerufen, sich von "einer Nation in Gefahr" zu
einer "Nation von Lernenden" zu entwickeln, indem
Wissen und Qualifikationen aller Amerikaner ständig
verbessert werden.
A.

Das Bildungsministerium wird regelmäßige, rechtzeitige und verläßliche Informationen zur Verfügung stellen, indem die Nationale Statistik über die Lese- und
Schreibfähigkeit von Erwachsenen erweitert und regelmäßig Daten über die Bemühungen zur Verbesserungs dieser Fähigkeiten erhoben werden.

Bundesministerien und -ämter werden ermutigt, solche Qualifizierungszentren einzurichten
und in Zusammenarbeit mit dem Amt für Personalwesen Maßnahmen einzuleiten, um die
Qualifikationen ihrer Beschäftigten zu erhöhen.
D.

Verbesserung von Möglichkeiten der
beruflichen Bildung

Die Arbeitsgruppe zur beruflichen Bildung 2000 des
Rats für Innenpolitik (Domestic Policy Council Job
Training 2000 Working Group) wird die gegenwärtigen
Bundesprogramme zur beruflichen Bildung überprüfen und erfolgversprechende Wege zur Motivierung
und Befähigung des einzelnen feststellen, damit sie

Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeit aller
Amerikaner:

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�zur Erlangung wirtschaftlicher Unabhängigkeit die
erforderlichen umfassenden Dienstleistungen, Ausbildung und berufliche Qualifikation erhalten.

die Bildung ihrer Kinder und die Arbeit in der Neuen
Amerikanischen Schule zu engagieren.
Eltern und Lehrer sollten die Kinder dazu anhalten, mehr zu lernen und nach höheren akademischen Leistungen zu streben.

E. Mobilisierung einer "Nation von Lernenden"
Der Präsident wird sich dafür einsetzen, die "Nation in
Gefahr" zu einer "Nation von Lernenden" zu machen.
Der Präsident hat den Bildungs- und den Arbeitsminister aufgefordert, führende Unternehmer und Gewerkschafter, Fachleute für Bildung
und Ausbildung sowie Bundes-, Staats- und
Gemeindevertreter zu einer nationalen Konferenz über Erwachsenenbildung einzuladen, um
ein nationales Programm einzuleiten, mit dem
die erwachsenen Amerikaner zu einer "Nation
von Lernenden" werden.
IV.

Der Präsident hat die Eltern dazu ermutigt, ihren
Kindern - insbesondere den jüngeren - jeden
Tag laut vorzulesen.
B.

Der Präsident engagiert sich dafür, die Regierungsarbeit effektiver zu gestalten, um die Programme für
Kinder und Gemeinden in den Vereinigten Staaten zu
verbessern.

Die Gemeinden sollen zu Orten des Lernens
werden

Der Präsident hat die Gemeinden dazu aufgerufen,
sich die sechs nationalen Bildungsziele zu eigen zu
machen, eine Strategie zu deren Verwirklichung zu
entwerfen, einen Leistungsnachweis zur Bewertung
der Ergebnisse zu erarbeiten und sich bereitzuerklären, die Neue Amerikanische Schule zu schaffen und
unterstützen.
Dem Präsident zufolge ist es unerläßlich, Grundwerte
wie persönliche Verantwortung, Eigeninitiative und
andere wichtige Prinzipien zu bekräftigen, die dem
Leben in einem demokratischen Gemeinwesen zugrundeliegen. Das Ziel der Gemeindekampagne
"AMERICA 2000" besteht darin, unsere Gemeinden
zu Orten des Lernens zu machen.
A.

Verbesserte Programmeffektivität für
Kinder und Gemeinden

Verstärktes Engagement der Eltern

Durch die Arbeitsgruppe zur Verbesserung der
wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Rats für Innenpolitik (Domestic Policy Council Economic
Empowerment Task Force) und in Zusammenarbeit mit den Gouverneuren und anderen Vertretern der Bundesstaaten wird die Administration eine verbesserte Koordinierung der bestehenden Bundesprogramme mit den entsprechenden Maßnahmen auf Bundesstaats- und
Gemeindeebene in Angriff nehmen.
Als Teil dieser Bemühungen werden die bestehenden Bestimmungen für die Inanspruchnahme solcher Programme überprüft, um sie zu
straffen und das Dickicht der Bundesvorschriften zu lichten. Wo immer dies möglich ist, wird
den Bundesstaaten ein Maxium an Flexibilität
eingeräumt, um die Integration von Bundes-,
Staats- und Gemeindeprogrammen zu planen
und durchzuführen.

Der Präsident hat an die Eltern appelliert, sich mehrfür

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 5

�US-REGIERUNGSSYSTEM
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24. April 1991

PRÄSIDENT UND KONGRESS:
KONTROLLE UND AUSGLEICH DER KRÄFTE
von Marie D. Natoli
Der folgende Artikel ist im Januar 1990 in der Zeitschrift American Studies Newsletter erschienen. Die Autorin ist Professorin für politische Wissenschaften am Emmanuel College in Boston, Massachusetts.

"Die Macht des Präsidenten besteht darin, zu überzeugen, nicht, zu befehlen" und "der Präsident schlägt
vor, der Kongreß entscheidet" sind zwei häufig geäußerte Meinungen über das Verhältnis zwischen dem
Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem amerikanischen Kongreß. Das Verständnis der Beziehung
zwischen diesen beiden Bereichen der Regierung ist
entscheidend, denn nahezu alles, was der Präsident
unternehmen möchte - dies gilt für die Innen- wie für
die Außenpolitik - wird auf die eine oder andere Weise
auch den Kongreß einbeziehen.

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Aus einer Reihe von Gründen ist das Amt des Präsidenten im 20. Jahrhundert zunehmend in den Vordergrund getreten. Dazu zählen: technischer Fortschritte
bei den Massenmedien, die erweiterte Rolle der Bundesregierung, die Abkehr von einer isolationistischen
Außenpolitik, die "Abdankung" des Kongresses, der
die Initiative zur Problemlösung und Entwicklung von
Programmen weitgehend dem Präsidenten überließ,
was auf die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und
die Erwartung der Öffentlichkeit zurückgeht, daß der
Präsident für die Lösung der Probleme "verantwortlich" ist.
Man könnte aus dieser verstärkten Exponierung schließen, die Väter der amerikanischen Verfassung hätten
beabsichtigt, den Präsidenten zur ersten und wichtigsten Institution der Regierung zu machen. Tatsächlich
ist der durch Artikel I der Verfassung geschaffene
Kongreß die erste Institution der Regierung, während
die Exekutive in Artikel II beschrieben wird. Und die in
der Verfassung umrissenen Vollmachten des Präsidenten sind ziemlich knapp und vieldeutig gehalten,
vergleicht man sie mit den Befugnissen des Kongresses.

AMERIKA DIENST 16

Nur ein Verständnis der "Arbeits-Verfassung", wie sie
sich in über 200 Jahren der praktischen Anwendung
und Präzedenzfälle entwickelt hat, kann die Interaktion
zwischen Kongreß und Präsidentschaft erklären. Diese
"Arbeits-Verfassung" bezieht zahlreiche "außerkonstitutionelle" Kräfte ein - die sich außerhalb des Dokuments entwickelt haben, jedoch nicht verfassungsfeindlich sind -, die tiefgreifenden Einfluß auf das
amerikanische politische und Regierungssystem haben, obwohl sie in dem geschriebenen Dokument nicht
eigens erwähnt werden. Zu diesen Kräften gehören
die politischen Parteien, Interessengruppen, die öffentliche Meinung und die Medien. Politische Ereignisse und interne Veränderungen im Kongreß haben
ebenfalls das Verhältnis der Legislative zur Exekutive
verändert.
Eine Liste der Befugnisse von Präsident und Kongreß
würde nur ein nacktes Gerippe dessen liefern, was
sich als umfassendes Geflecht von Wechselwirkungen zwischen Exekutive und Legislative darstellt. Denn
die Verfassung, die keineswegs eine völlige Trennung
der Macht von Exekutive und Legislative beabsichtigt,
sieht eine Teilung der Macht vor. Während der
Kongreß beispielsweise "alle Gesetze macht", tritt ein
Gesetz nicht ohne die Unterschrift des Präsidenten in
Kraft. Aber Kontrolle und Ausgleich ("checking and
balancing") hören damit nicht auf. Weigert sich ein
Präsident, ein Gesetz zu unterzeichnen (durch ein
Veto), so hat der Kongreß immer noch eine Möglichkeit, das Gesetz gegen dieses Veto des Präsidenten in
Kraft zu setzen. Dazu müssen beide Häuser des
Kongresses das Gesetz erneut verabschieden, dieses
Mal jedoch mit einer Zweidrittelmehrheit, im Gegensatz zur einfachen Mehrheit bei derersten Verabschiedung des Gesetzes. Sollte diese geschehen, über-

Seite 1

�stimmt der Kongreß das Veto des Präsidenten. (Die
diesem Verfahren zugrundeliegende Theorie geht davon
aus, daß sich, wenn die Bürger die Verabschiedung
eines bestimmten Gesetzes so sehr wünschen, dieser
Wunsch auch bei den Vertretern des Volkes im Kongreß widerspiegelt.)
Im Lauf der Jahre hat die Präsidentschaft solide Verbindungen zum Kongreß entwickelt, so daß sie effektiver mit der Legislative daran arbeiten kann, ihr Programm bis zur Verabschiedung zu steuern. Nahezu 90
Prozent aller vom Kongre ß behandelten Gesetzesvorlagen werden von der Exekutive eingebracht. Dies ist
darauf zurückzuführen, daß der Kongreß selbst mit
dem Haushaltsgesetz (Budget and Accounting Act)
von 1921 die Verantwortung für die Haushaltsplanung
der Exekutive übertragen hat. Der Haushalt setzt sich
aus einer Reihe von Gesetzesvorlagen an den Kongreß zusammen. In dieser Hinsicht kann mit Fug und
Recht gesagt werden, "der Präsident schlägt vor, der
Kongreß entscheidet". Eine wichtige Entwicklung in
den Beziehungen zwischen Exekutive und Legislative
bestand darin, daß der Präsident zwar häufig die dem
Kongreß fehlende Initiative besitzt, der Kongreß hingegen außergewöhnliche Macht hat, Vorschläge des
Präsidenten drastisch zu modifizieren oder abzulehnen. Trotz des Gesetzes über den Kongreßhaushalt
(Congressional Budget Act) von 1974, dessen Zweck
teilweise darin bestand, den Einfluß von Kongreßausschüssen auf die Haushaltsbewilligungen in ihren
Zuständigkeitsbereichen zu begrenzen, behält der
Kongreß die Fähigkeit, Ersuchen des Präsidenten
nicht zu berücksichtigen.
Diese Macht, auf die Richtung der öffentlichen Politik
Einfluß zu nehmen, wird dadurch noch verstärkt, daß

der amerikanische Präsident kein selektives Vetorecht
(line item veto) besitzt (wie es die Gouverneure von 43
Bundesstaaten haben), das es ihm gestatten würde,
Teile von Gesetzesvorlagen abzulehnen. Gegenwärtig muß der Präsident ein Gesetz insgesamt annehmen oder ablehnen. Abgeordnete und Senatoren
benutzen dies häufig als Mittel, um Gesetzesvorlagen
mit Zusätzen zu versehen, die für sich vom Präsidenten nicht akzeptiert würden.

entscheidend für die Macht des Kongresses im amerikanischen Regierungssystem. Der Kongreß übt
darüber hinaus eine AufSichtsfunktion aus, indem er
sicherstellt, daß die Exekutivbehörden vernünftig arbeiten. Zusammen mit seinem Recht, Haushaltsmittel
zu bewilligen, machen seine umfassenden Ermittlungsbefugnisse den Kongreß zu einer unerläßlichen
Kraft im amerikanischen Regierungssystem.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten
Der Kongreß ist die Legislative der nationalen Regierung. Er besteht aus zwei Kammern: Repräsentantenhaus und Senat.
Das Repräsentantenhaus
435 Abgeordnete (je nach Bevölkerungszahl
auf die einzelnen Bundesstaaten verteilt)
Alle zwei Jahre für eine zweijährige Amtsperiode gewählt
Wiederwahl möglich
Der Senat
100 Senatoren (zwei pro Bundesstaat)
Ein Drittel wird alle zwei Jahre für eine
sechsjährige Amtsperiode gewählt
Wiederwahl möglich
Darüber hinaus verleiht die Verfassung dem Kongreß
- über den Senat - eine Schlüsselrolle bei der Ernennung von Kabinettsmitgliedern, Botschaftern und Richtern. Obwohl der Präsident die Kandidaten für die
jeweiligen Ämter vorschlägt, müssen alle Nominierungen vom Senat ratifiziert werden. Und obwohl der
Präsident Verträge mit anderen Nationen formuliert
und aushandelt, kann der Vertrag erst mit Genehmigung des Senats in Kraft treten. Die Ratifizierungsbefugnis wird vom amerikanischen Senat äußerst ernst
genommen, wie Präsident Jimmy Carter beispielsweise erfahren mußte, als der Senat sich weigerte, den
SALT II-Vertrag zu ratifizieren oder der Vertrag über
die Rückgabe des Panamakanals auf anfänglichen

Widerstand des Senats stieß.
Der Präsident erstattet dem Kongreß regelmäßig Bericht.
Die Verfassung schreibt vor, daß der Präsident einen
jährlichen "Bericht zur Lage der Nation" (State of the
Union Address) erstattet. Diese Pflicht wird vom
Präsidenten vor beiden Häusern des Kongresses im
Januar jedes Jahres erfüllt. Im Beschäftigungsgesetz
(Employment Act) von 1946 verlangte der Kongreß
vom Präsidenten, dem Kongreß jedes Jahr einen
Jahreswirtschaftsbericht vorzulegen.
Neben seiner Interaktion mit dem Präsidenten selbst
spielt der Kongre ß eine Schlüsselrolle für die Arbeit der
Regierungsbehörden. Diese Behörden müssen sich
an den Kongreß wenden, um Gelder bewilligt zu bekommen - in der Tat ist die "Macht des Geldbeutels"
Seite 2

Verfassungsmäßige und struktureile Einflüsse
Das amerikanische Regierungssystem ist eher ein
präsidiales als ein parlamentarisches System. Im
Gegensatz zum parlamentarischen System, in dem
Legislative und Exekutive vereinigt sind, wobei die
gesetzgebende Gewalt die Exekutive aus ihren Mitgliedern wählt, sieht das Präsidialsystem eine getrennt
gewählte Legislative und Exekutive vor - die jeweils
von verschiedenen Wählerschaften und für eine unterschiedliche (und festgesetzte) Amtszeit gewählt werden. Die Amtszeit des Präsidenten beträgt vier Jahre.
Was den Kongreß anbetrifft, so werden die Mitglieder
des Repräsentantenhauses für zwei Jahre und die

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�Mitglieder des Senats für eine sechsjährige Amtszeit
gewählt. Während der 22. Zusatzartikel zur Verfassung die Präsidentschaft auf zwei Amtsperioden begrenzt, bestehen für die Kongreßmitglieder keine solchen Einschränkungen. Präsident und Kongreß werden von einer ganz unterschiedlichen Wählerschaft
gewählt. Nur der Präsident und der Vizepräsident
werden von der Nationalversammlung gewählt, wohingegen die Vertreter der Legislative in den örtlichen
Wahlkreisen gewählt (und wieder- oder abgewählt)
werden.
Zusätzlich zur Festlegung verschiedener Wahlkreise
und unterschiedlicher Amtszeiten für Präsident und
Kongreß sieht die Verfassung ein System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung
von Kongreß und Regierung vor, um sicherzustellen,
daß keine Abteilung oder Ebene der Regierung zu
mächtig oder despotisch werden kann. Dieses System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen
Verantwortung besteht aus zwei Bereichen, die beide
(sowohl direkt als auch indirekt) enorme Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Präsident und Kongreß haben. Diese beiden Bereiche sind:
1. Föderalismus - ein breites Spektrum von
Regierungsebenen.
Die Verfassung sieht sowohl eine Bundesregierung als
auch Regierungen der Bundesstaaten vor, die jeweils
mit eigener Machtbefugnis und Verantwortung ausgestattet sind. (Da alle Macht der Verfassung übertragen
ist, obliegt es der Verfassung, der Bundesregierung
und den Regierungen der Staaten die Machtbefugnis
und Verantwortung zu verleihen). Eine Machtbefugnis
der Bundesstaaten - die Befugnis zur Durchführung
von Wahlen - hat das Verhältnis zwischen Präsident
und Kongreß indirekt aber drastisch beeinflußt, weil sie
Auswirkungen auf die Entwicklung und Orientierung
politischer Parteien in den Vereinigten Staaten hatte
(wie im folgenden erläutert).
2. Die Gewaltenteilung.
Auf der Bundesebene der Regierung sieht die Verfassung die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative vor. Obwohl diese Gewaltenteilung als "Trennung der Macht" bezeichnet wird, handelt es sich in Wirklichkeit um "geteilte Verantwortung".
Außerkonstitutionelle Einflüsse
Politische Parteien, die aufgrund der Abneigung der
Gründerväter nirgendwo in der Verfassung erwähnt
sind, begannen sich dennoch bereits unter Präsident
George Washingtons erster Amtszeit Ende des 18.
Jahrhunderts zu entwickeln. Da politische Parteien
nicht verfassungsmäßig verankert sind, gibt es keine
Richtlinien für ihre Entwicklung, Organisationsstruktur, Merkmale oder Einstellung. Ein Abschnitt der

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Verfassung hat jedoch indirekt die Entwicklung und
Merkmale des Parteiensystems in den Vereinigten
Staaten beeinflußt. Artikel I, Abschnitt 4 verleiht den
einzelnen Staaten die Machtbefugnis, "Zeit, Ort und
Art der Durchführung von Wahlen" zu bestimmen
(jedoch mit dem Zusatz, daß der Kongreß per Gesetz
zu Änderungen befugt ist). Im wesentlichen ermächtigt die Verfassung die Bundesstaaten, die Regeln des
"Wahlspiels" festzulegen. Mit der Entwicklung der
politischen Parteien wurden sie zu den "Schlüsselfiguren" dieses Spiels, und es war nur logisch, daß sie sich
auf Bundesstaatenebene entwickelten, wo die Spielregeln definiert wurden. Die politischen Parteien wurden
bald zum Organisator der Kongreßmaschinerie, da die
Verfassung wenig darüber aussagte, wie die interne
Kongreßmaschinerie ablaufen sollte.
Die politischen Parteien in den Vereinigten Staaten
existierten nie als zentralisierte, geschlossene nationale Struktur mit einer eindeutigen, von oben nach
unten gegliederten Führung, Ideologie und Politik. Sie
sind auf den Bundesstaat orientierte Organisationen. Obwohl wir von der "Demokratischen" und
"Republikanischen " Partei sprechen, stehen diese
Bezeichnungen nichtfüreine konsequente, eindeutige
Definition der Parteiideologie. Beide Parteien tendieren dazu, wie eine Art "Schirm" zu fungieren und
versuchen, eine große Vielfalt mächtiger Interessengruppen anzuziehen. Parteinamen haben abhängig
von den örtlichen Wahlkreisen in den jeweiligen Staaten und Regionen des Landes unterschiedliche Bedeutung. Ideologisch gesehen könnte man sowohl die
Mitglieder der Demokratischen als auch der Republikanischen Partei in einem Spektrum ansiedeln. Daher
kann es liberale, konservative und gemäßigte Demokraten sowie liberale, konservative und gemäßigte
Republikaner geben, und es gibt sie auch. Darüber
hinaus ist es für gewöhnlich nicht klar, wer für die
jeweilige Partei als Ganzes "spricht".
Das Verständnis dieser Merkmale politischer Parteien
- dezentralisiert, staatlich und kommunal orientiert,
individualistisch und auf den Wahlkreis konzentriert ist entscheidend, um das Verhältnis zwischen Präsident und Kongreß zu verstehen, da sich diese parteipolitischen Kriterien im Kongreß widerspiegeln. Ein
Präsident, der dem Namen nach "Führer" seiner Partei ist, kann unter Umständen mit Mitgliedern seiner
eigenen Partei im Kongreß "auf Kriegsfuß stehen" und
muß auf die Unterstützung der anderen Partei bauen,
damit seine Gesetze verabschiedet werden. Im Gegensatz zu Parteien in anderen parlamentarischen
Systemen zeichnen sich die politischen Parteien in
Amerika in gewisser Weise durch fehlende Disziplin
und Verantwortung aus - es gibt keine "automatische"
Beziehung zwischen einem Präsidenten und seiner
Partei im Kongreß oder zwischen dem Präsidenten
und der Oppositionspartei.

Seite 3

�Eine andere Entwicklung der jüngsten Zeit ist die
schwindende Macht der Parteien. Bisher mußte ein
Präsidentschaftskandidat über örtliche Parteivorsitzende arbeiten, um Erfolg zu haben. Jetzt ist die
frühere Macht der örtlichen Parteivorsitzenden erheblich gesunken. Der Tod der politischen "Maschinerie"
alten Stils - die früher die wichtige Aufgabe erfüllte,
Wähler zu mobilisieren -, die zunehmende Nutzung
der direkten Vorwahl (in den Bundesstaaten) zur Nominierung von Kandidaten für kommunale und nationale Ämter und die stärkere Rolle der Medien bei den
Wahlen haben dazu beigetragen, daß die Rolle der
politischen Parteien geschrumpft ist und lassen gleichzeitig das Image von Kandidaten und Amtsträgern
stärker in den Vordergrund rücken. Diese Imagepflege kann das schwierige Verhältnis zwischen Exekutive und Legislative unabhängig von Parteizugehörigkeiten entweder verbessern oder verschärfen.
Während die größere Rolle der Medien in der Wahlarena zu einem Niedergang der politischen Parteien
beigetragen hat und damit einem Präsidenten das
Verhältnis zu seiner Partei erschwert, gibt dieselbe
Rolle der Medien dem Präsidenten einen "Bonus".
Präsidenten, die Erfolg haben wollen, haben gelernt,
daß die kluge Nutzung der Medien zur Beeinflussung
der öffentlichen Meinung entscheidend ist. In diesem
Sinne hat Präsident Franklin D. Roosevelt geschickt
das Radio genutzt, um sich über den Kongreß hinwegzusetzen, John F. Kennedy hat Fernsehansprachen
über Bürgerrechte gehalten ebenso wie Ronald Reagan, der versuchte, die öffentliche Meinung für verschiedene innen- und außenpolitische Gesetzesvorlagen zu gewinnen. Angesichts der verfassungsrechtlichen Orientierung des Kongresses ist die öffentliche
Meinung zum entscheidenden Faktor im Verhältnis
zwischen Exekutive und Legislative geworden. Vielleicht hat Abraham Lincoln, der als Präsident des 19.
Jahrhunderts nicht den Einfluß von Rundfunk und
Fernsehen kannte, diesen Einfluß am besten beschrieben: "Wenn er die öffentliche Meinung hinter
sich hat, kann ein Präsident alles tun. Ohne sie kann
er nichts tun."
Infolge eines Parteiensystems, das ideologisch nicht
festgelegt ist und dessen Parteien es an Disziplin und
Verantwortung fehlt, gerät der Präsident einer Partei
nicht unbedingt in eine Pattsituation, wenn er es mit
einem Kongre ß zu tun hat, der ganz oder teilweise von
der anderen Partei kontrolliert wird. In dieser Situation
befindet sich Präsident George Bush. Darüber hinaus
gewährleistet zahlenmäßige Kontrolle von Weißem
Haus und Kongreß durch eine Partei nicht die absolute
Herrschaft, da Parteimitglieder im Kongreß nicht automatisch ihren Präsidenten oder ihre Parteiführer im
Kongreß unterstützen. Das bekamen die Präsidenten
John F. Kennedy und Jimmy Carter zu spüren - beide
Demokraten in einem mehrheitlich demokratischen
Kongreß.

Seite 4

Einige Präsidenten fanden die Zusammenarbeit mit
der anderen Partei relativ leicht. Auf Präsident Dwight
D. Eisenhower, der den Großteil seiner achtjährigen
Amtszeit mit einem mehrheitlich demokratischen
Kongreß zu tun hatte, trifft dies zu. Präsident Ronald
Reagan, der sechs Jahre lang einen mehrheitlich
republikanischen Senat, aber während seiner gesamten Amtszeit ein mehrheitlich demokratisches Repräsentantenhaus hatte, erzielte mit seinen Gesetzesvorlagen viele Erfolge. Ein großer Teil der Arbeitsbeziehungen zwischen Präsident und Kongre ß wird weniger
von der Parteizugehörigkeit bestimmt als von der
ideologischen Richtung des einzelnen und der Haltung
bestimmter Wählergruppen, wie sie sich in der öffentlichen Meinung widerspiegelt.
Veränderungen im Kongreß
In den letzten 15 Jahren hat sich die Macht im Kongreß
stärker verteilt oder dezentralisiert. Davor lag die
Macht bei wenigen einflußreichen Kongreßabgeordneten - in den Führungspositionen und bei den Ausschuß Vorsitzenden. Wenn der Präsident positive,
dauerhafte Beziehungen und ein harmonisches Verhältnis mit diesen Schlüsselfiguren aufbauen konnte,
erleichterte das die Arbeit mit der Legislative. Aber in
den siebziger Jahren wollte sich der Kongreß durch
gleichmäßigere Verteilung von Macht und Einfluß
"demokratisieren". Der Präsident muß jetzt viele
einzelne Personen berücksichtigen, wenn er bei Gesetzesvorlagen seinen Willen durchsetzen will.
Auch andere Ereignisse beeinflussen das Machtverhältnis zwischen Präsident und Kongreß. Nach der
Kontroverse über das Verhalten des Präsidenten und
die Eskalation des Vietnamkrieges, Präsident Nixons
Versuch, vom Kongreß bewilligte Mittel zu "beschlagnahmen" (und das Geld nicht auszugeben) und der
Schwächung der Präsidentschaft angesichts des
Watergateskandals hat der Kongreß mehrere Gesetze verabschiedet, um seine eigene Macht zu verbesssern und die Exekutive an die Kandare zu nehmen. Nach dem War Powers Act von 1973 darf der
Präsident Streitkräfte entsenden, ohne daß eine Kriegserklärung des Kongresses vorliegt. Es verfügt aber,
daß der Kongreß innerhalb von 48 Stunden von dieser
Maßnahme in Kenntnis gesetzt wird und ermächtigt
den Kongreß, einen Abzug dieser Truppen anzuordnen. Nach den Bestimmungen dieses Gesetzes ist der
Einsatz von Truppen auf einen Zeitraum von 60 Tagen
beschränkt, wenn der Kongreß noch keine Kriegserklärung abgegeben oder die Frist um weitere 30 Tage
verlängert hat, um den sicheren Abzug der Truppen zu
garantieren.
Infolge von Präsident Nixons Beschlagnahme von
Mitteln hat der Kongreß 1974 das Gesetz über die
Beschlagnahme von Mitteln (Congressional Budget
Impoundment Act) verabschiedet, demzufolge der
Präsident alle vom Kongreß bewilligten Mittel ausgeben muß, wenn er nicht die Genehmigung erhält,
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�bestimmte Mittel nicht ausgeben zu müssen oder die
Ausgabe bestimmter Gelder hinauszuzögern. Damit
verfügt der Kongreß über mehr Macht zur Beeinflussung der nationalen Politik.

,

Zusammenfassend läßt sich ein grundlegender Unterschied im Verhältnis zwischen dem amerikanischen
Präsidenten und dem Kongreß und den Beziehungen
zwischen Exekutive und Legislative in einer parlamentarischen Regierungsform feststellen. Sowohl der
Präsident als auch der Kongreß haben nach der Verfassung bestimmte Rechte, jeder Teil der Regierung
repräsentiert Wähler, jeder muß ausgleichend mit dem
anderen zusammenarbeiten und ein großer Teil ihrer
Beziehungen wird von "außerverfassungsmäßigen"
Faktoren bestimmt.
Die Vollmachten von Kongreß und Präsident nach
der Verfassung
Der Kongreß

die ausschließliche Gesetzgebung über den
Regierungssitz (der District of Columbia) und
Grundstücke auszuüben, die zum Zwecke der
Errichtung nationaler Einrichtungen erworben
werden (Befestigungen, Hafenanlagen und
andere notwendige Bauwerke).
alle zur Ausübung der vorstehenden Befugnisse und aller anderen Rechte, die der Regierung
der Vereinigten Staaten aufgrund dieser Verfassung übertragen sind, notwendigen Gesetze zu
erlassen.

Artikel II der Verfassung räumt dem Präsidenten folgende Befugnisse ein:

Steuern, Zölle, Abgaben und Akzisen aufzuerlegen und einzuziehen,

er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte,

Kredite aufzunehmen,

ernennt die Offiziere der Streitkräfte,

den Handel mit fremden Ländern und zwischen
den Einzelstaaten zu regeln,

hat das Recht, Strafaufschub und Begnadigungen für Straftaten gegen die Vereinigten Staaten zu verhängen (außer in Amtsanklagefällen),

eine Einbürgerungsordnung und ein Konkursrecht zu schaffen,

er kann den Kongreß zu Sondersitzungen einberufen,

Münzen zu prägen, ihren Wert zu bestimmen
und Fälschungen zu bestrafen,

Botschafter ernennen,

Maße und Gewichte zu normen,

er hat Sorge zu tragen, daß das Gesetz gewissenhaft vollzogen wird,

Postämter und Postwege einzurichten,

er übt die "vollziehende Gewalt" aus,

Erfindern und Autoren Patente und Urheberrechte auszustellen,

\

Vorkehrungen für das Aufgebot der Miliz zu
treffen (wobei den Einzelstaaten die Ernennung
von Offizieren zufällt und die Aufsicht über die
Ausbildung dem Kongreß vorbehalten bleibt),

Der Präsident

Artikel I, Abschnitt 8 der US-Verfassung überträgt dem
Kongreß folgende Vollmachten:

i

Armeen aufzustellen, eine Flotte zu bauen und
Vorschriften für deren Leitung zu erlassen,

dem Obersten Bundesgericht nachgeordnete
Gerichte zu bilden,
Seeräuberei und andere Kapitalverbrechen auf
hoher See sowie Verletzungen des Völkerrechts
begrifflich zu bestimmen und zu ahnden,

ernennt Beamte für bestimmte Ämter,
schließt Verträge (zusammen mit dem Senat),
nominiert Botschafter, Richter und hochrangige
Beamte,
genehmigt Gesetze (mit beiden Häusern des
Kongresses).

Krieg zu erklären,
*

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*

Seite 5

�STIPENDIEN
24. April 1991

FULBRIGHT-STIPENDIEN ZUM STUDIUM IN DEN USA
IM STUDIENJAHR 1992/93
Erstmals auch in den neuen Bundesländern

Bonn - (AD) - Für das Studienjahr 1992/93 kann die
deutsche Fulbright-Kommission kombinierte Reiseund Aufenthaltsstipendien zum Studium an amerikanischen Hochschulen an deutsche Studenten vergeben. Neben Vollstipendien werden auch Teilstipendien vergeben. Die Bewerbungsbedingungen sehen
vor. daß die Bewerber ihren ständigen Wohnsitz in
Deutschland und mindestens zwei Fachsemester an
einer deutschen Universität oder Technischen Hochschule studiert haben.

Unterschieden in den traditionellen elf Bundesländern
(Bewerbungsschluß: 31. Mai 1991, Bewerbung über
die Universitäten) und erstmals in den fünf neuen
Bundesländern (Bewerbungsschluß: 5. August 1991,
Bewerbung direkt bei der Fulbright-Kommission, Postfach 200555, 5300 Bonn 2).
Weitere Auskünfte erteilen die akademischen Auslandsämter der deutschen Hochschulen sowie die
Fulbright-Kommission selbst.

Die Fulbright-Kommission veranstaltet das ausgeschriebene Stipendienprogramm mit geringen technischen

* * * *

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*

Seite 1

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                <text>[Anmerkung: Datumangabe auf Inhaltsverzeichnis der PDF fehlerhaft. korrektes Datum lautet: 24.04.1991]&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;1. Golfkrise&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Die Golfkrise &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Ereignisse vom 1. bis 15. April 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bildungswesen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika 2000: das Bildungsprogramm des Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Regierungssystem&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident und Kongress: Kontrolle und Ausgleich der Kräfte &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Marie D. Natoli&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Stipendien&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Fulbright-Stipendium zum Studium in den USA im Studienjahr 1992/93&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erstmals auch in den neuen Bundesländern&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26. April 1995

15

NICHTVERBREITUNG

GORE DRANGT AUF UNBEGRENZTE
VERLÄNGERUNG DES NICHTVERBREITUNGSVERTRAGS
Rede von Vizepräsident AI Gore

ABRÜSTUNG

ABBAU VON ATOMWAFFEN IN DER
EHEMALIGEN SOWJETUNION MACHT GUTE
FORTSCHRITTE
Rede von Verteidigungsminister Perry

UMWELT

UMWELTPOLITISCHE FORTSCHRITTE SIND
"GROSSE AMERIKANISCHE
ERFOLGSGESCHICHTE"
Interview mit Präsident Clinton

UMWELTPOLITJSCHE HERAUSFORDERUNGEN
IN DER WELT NACH DEM KALTEN KRIEG
von Timothy Wirth

WIRTSCHAFT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

MULTILATERALE VERHANDLUNGEN ÜBER
FINANZDIENSTLEISTUNGEN
Rede von Finanzminister Rubin

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�NICHTVERBREITUNG
26. April 1995

Gore drängt auf unbegrenzte Verlängerung
des Nichtverbreitungsvertrags
Rede von Vizepräsident AI Gore
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident AI Gore forderte am 19. April 1995 in einer
Rede vor den Vereinten Nationen alle Unterzeichnerstaaten des Nichtverbreitungsvertrags (NW) von 1968
dazu auf, "die richtige Entscheidung zu treffen - der unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags zuzustimmen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

In wenigen Wochen wird die Welt der Zusammenkunft von San Francisco von vor einem halben
Jahrhundert gedenken, bei der - während in Europa
und Asien noch die letzte Glut des Zweiten Weltkriegs schwelte - Delegierte aus ungefähr 50 Ländern zusammentrafen, um eine neue internationale
Institution für die Nachkriegsära zu schaffen. Der
Vorschlag, diese Organisation "die Vereinten Nationen" zu nennen, wurde durch Akklamation angenommen - inmitten der Hoffnung aller Menschen auf ein
Leben ohne die "Geißel des Krieges".
Dieser verheißungsvolle Moment fiel jedoch mit dem
Anbruch eines neuen Zeitalters in der Weltgeschichte zusammen - dem Atomzeitalter - das beispiellose
Gefahren für die Zukunft der Menschheit mit sich
brachte.
Ebenso wie die Gründerväter der Vereinten Nationen
sind wir heute zu einem Zeitpunkt außergewöhnlicher Chancen und großer Risiken hier versammelt.
Die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion ist beendet.
Unsere Regierungen haben schnell gehandelt und
die auf dem nuklearen Gleichgewicht des Schrekkens basierenden Beziehungen hinter sich gelassen.
Allein schon diese Tatsache verringert beträchtlich
die Gefahr eines weltweiten Atomkriegs, beseitigt sie
jedoch nicht.
Im Falle einer Weiterverbreitung von Nuklearwaffen
könnte dieses Risiko erneut ansteigen, und unsere
derzeitige Chance zur Verringerung der globalen
nuklearen Gefahr wäre verloren.

AMERIKA DIENST 15

Mit dieser Konferenz tritt der Kampf um die Eindämmung von Nuklearwaffen in eine kritische Phase
ein. Zu Beginn des Atomzeitalters verfügten nur
wenige Länder über die technologischen und finanziellen Mittel zum Bau von Atomwaffen. Das ist jetzt
nicht mehr der Fall.
Das Wissen und die Fähigkeit zum Bau von Nuklearwaffen und ihren Trägersystemen ist in zunehmendem Maße zugänglich. Die meisten Länder sind sich
bewußt, daß der Erwerb von Nuklearwaffen zu mehr
Unsicherheit und Gefahr führt. Aber die wenigen
Länder, die den Besitz von Atomwaffen anstreben,
haben zunehmende Erfolgschancen. Sollten sie
Erfolg haben, wären die Konsequenzen nicht auf ein
Gebiet beschränkt, sondern vielmehr globaler Natur
und würden die Länder, die sich ursprünglich gegen
Atomwaffen entschieden, zu einer Überprüfung ihrer
Entscheidung veranlassen.
Mit anderen Worten: Der abnehmenden Gefahr
eines Atomkriegs als Resultat einer Rivalität steht die
zunehmende Gefahr gegenüber, daß er von anderen
verursacht wird. Es ist einleuchtend, daß weitere
Fortschritte bei der Kontrolle und dem Abbau von
Nuklearwaffen einfacher zu erzielen sein werden,
wenn die Zahl von Atomwaffenstaaten nicht zunimmt.
Dies ist natürlich der Kern der Herausforderung, auf
die der Nichtverbreitungsvertrag zugeschnitten war.
Zum Zeitpunkt seiner Entstehung repräsentierte er
ein gefährdetes Gleichgewicht zwischen widerstreitenden und anscheinend unvereinbaren Interessen.

Seite 1

�Der Vertrag kam den Sicherheitsinteressen der
Atomwaffen- und Nichtatomwaffenstaaten entgegen.
Ferner zog er den universellen Wunsch in Betracht,
daß alle Völker in den Genuß von Nukleartechnologie für friedliche Zwecke kommen sollten, was
jedoch nicht zur Weiterverbreitung von Atomwaffen
führen dürfe.
Das Ergebnis war ein Abkommen, das den Interessen aller Seiten Rechnung trug und einen Weg zu
einer friedlicheren Zukunft identifizierte.
Erstens würden erklärte Atomwaffenstaaten anderen
Ländern nicht beim Erwerb von Nuklearwaffen
helfen, während die Nichtatomwaffenstaaten sich
zum Verzicht auf diese Waffen während der Dauer
des Vertrags verpflichteten.
Die hierzu in der Lage befindlichen Staaten bürgten
ferner für die Weitergabe von Nukleartechnologie für
friedliche Zwecke unter strengen internationalen
Sicherheitsvorkehrungen und gingen die feierliche
Verpflichtung ein, sich für weitere Abrüstungsmaßnahmen einzusetzen.
Nachdem wir jetzt ein Vierteljahrhundert lang Erfahrungen mit diesem Vertrag gesammelt haben, sind
wir hier zusammengekommen, um zu entscheiden,
ob der Sache des Friedens am besten mit einer
zeitweiligen Verlängerung des Vertrags gedient ist
oder durch die Nutzung unserer einmaligen Option,
ihm eine dauerhafte Grundlage zu geben, indem wir
seine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung beschließen - und wir alle sind uns der Bedeutung einer einmaligen Option bewußt.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten ist es von
lebenswichtiger Bedeutung, daß wir diese einmalige
Option nutzen, um den Vertrag unbegrenzt und
bedingungslos zu verlängern.
Ich vertrete hier mein Land und meinen Präsidenten
und möchte erklären, warum wir so unerschütterlich
an dieser Überzeugung festhalten und die Gründe
darlegen, warum wir mit anderen Ansätzen nicht
übereinstimmen - so sehr wir auch die darin zum
Ausdruck kommenden Anliegen verstehen und
respektieren.
Die Argumente für eine dauerhafte Verlängerung
können prägnant und überzeugend vorgestellt
werden. Zunächst einmal schafft der Vertrag eine
sicherere Welt für all seine Mitglieder - Atomwaffenstaaten und Nichtatomwaffenstaaten gleichermaßen.
Durch die Bereitstellung international anerkannter,
verifizierbarer Mittel für den dauerhaften Verzicht auf
Atomwaffen trägt der Vertrag dazu bei, daß regionale Rivalitäten nicht zu einem regionalen Nuklearwaf-

Seite 2

fenrüstungswettlauf eskalieren. Ohne den Nichtverbreitungsvertrag hätten viel mehr Nationen - wenn
auch widerwillig - beschlossen, sie benötigten Atomwaffen als Abschreckung für ein Nachbarland oder
als Schutz vor künftiger Unsicherheit.
Da der N W es der überwältigenden Mehrheit der
Nationen ermöglicht, auf Atomwaffen zu verzichten,
ohne dabei ihre Sicherheit aufs Spiel zu setzen,
stärkt er die globale Stabilität, welche die für weitere
Fortschritte bei Rüstungskontrolle und Abrüstung
erforderliche Grundlage darstellt.
Obwohl unseres Erachtens die Argumente für eine
unbegrenzte Verlängerung überzeugend sind, muß
jede ehrliche Beurteilung des Vertrags die wichtigsten
gegen ihn gerichteten Einwände in Betracht ziehen.
Ich möchte einzeln auf jedes der Argumente gegen
eine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung
eingehen und darauf antworten.
Erstens, der Vertrag sei von Natur aus diskriminierend. Zweitens, die Atomwaffenstaaten seien ihren
Verpflichtungen unter Artikel VI nicht nachgekommen.
Drittens, die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Vertrags würde die Nuklearwaffenstaaten von wirksamem weiterem Druck auf Abrüstung
befreien. Viertens, der Vertrag setze die Nichtatomwaffenstaaten dem Risiko einer Einschüchterung
durch die Atomwaffenstaaten sowie durch Nichtmitgliedstaaten des N W aus. Fünftens, die dauerhafte
und bedingungslose Verlängerung des Vertrags
zerstöre die Möglichkeit, das Abkommen an künftige
Gegebenheiten anzupassen.
Ich möchte auf jedes dieser Argumente einzeln
eingehen.
Erstens. Es stimmt, daß der Vertrag eine erste
Unterscheidung zwischen Atomwaffenstaaten und
den Staaten anerkennt, die sich zum Verzicht auf
Atomwaffen verpflichten. Der Vertrag schuf jedoch
keine ständige Gruppe von Atomwaffenstaaten.
Er schuf jedoch die Erfordernis, daß die bereits im
Besitz von Atomwaffen befindlichen Staaten anderen
nicht beim Erwerb dieser Waffen helfen dürfen,
verbunden mit einer bindenden rechtlichen Verpflichtung gemäß Artikel VI, in gutem Glauben
Verhandlungen über nukleare Rüstungskontrolle und
Abrüstung fortzusetzen.
Durch die unbegrenzte
Verlängerung des Vertrags werden Nichtatomwaffenstaaten sicherstellen, daß diese Verpflichtung auf
Dauer bindend ist und die Bedingungen dafür schaffen, daß sie letztlich erfüllt wird.
Zweitens. Von manchen wird das Argument angeführt, die Nuklearwaffenstaaten wären ihren Ver-

AMERIKA DIENST 15

�pflichtungen gemäß Artikel VI nicht nachgekommen.
Es gibt überzeugende Beweise dafür, daß unter den
Atomwaffenstaaten der Trend eindeutig in Richtung
der Erfüllung ihrer Verpflichtungen gemäß Artikel VI
des N W geht. Betrachten Sie sich nur einmal, was
in den letzten Jahren geschehen ist:
Die Vereinigten Staaten und Rußland beseitigten
unter dem INF-Vertrag eine gesamte Klasse
nuklearer Trägersysteme.
Vergangenen Dezember setzten die Vereinigten
Staaten und Rußland sowie die Ukraine, Belarus
und Kasachstan den START I-Vertrag in Kraft,
der die Entfernung von 9.000 Atomwaffen von
ihren Trägersystemen vorsieht.
Die Staatskunst führender Politiker aus Belarus,
Kasachstan und der Ukraine hat zum Verzicht
dieser Nationen auf Nuklearwaffen geführt.
Es ist heute angebracht, diese drei Nationen zu
beglückwünschen, deren Entscheidung über die
Entfernung der Atomwaffen von ihrem Territorium
sowie über den Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag
als Nichtatomwaffenstaaten einen wahrhaften Schritt
für den Frieden darstellt. Übrigens sollten wir auch
Südafrika beglückwünschen, das die Welt auf
vielfältige Weise inspirierte und vor einigen Jahren
den Verzicht auf Atomwaffen beschloß.
Die Vereinigten Staaten und Rußland arbeiten
mit unseren Parlamenten an der Ratifizierung des
START Il-Vertrags, durch den weitere 5.000
Waffen aus den entwickelten Arsenalen der
Vereinigten Staaten und Rußlands entfernt
werden. START I und START II zusammengenommen haben also bereits zu einem Abbau
von zwei Dritteln sowie einer 90prozentigen
Verringerung taktischer Waffen geführt.
Die Präsidenten Clinton und Jelzin einigten sich
auf die Entschärfung von Systemen entsprechend
dem START II-Vertrag nach dessen Ratifizierung.
Ferner beschlossen wir eine Änderung der Zielkoordinaten unserer Atomraketen, damit diese Waffen
nicht länger auf die Kinder irgendeiner Nation
gerichtet sind. Und nicht auf Städte.
Um unseren Worten weitere Taten folgen zu
lassen, haben die Vereinigten Staaten die Produktion spaltbarer Materialien für Nuklearexplosionen eingestellt.
Zudem leitete Präsident
Clinton neue globale Bestrebungen zur Beendigung der Produktion spaltbarer Materialien für
Nuklearexplosionen ein.

AMERIKA DIENST 15

Vergangenen Monat gab Präsident Clinton bekannt, die Vereinigten Staaten würden 200 Tonnen spaltbaren Materials aus ihren Vorräten
beseitigen, so daß diese nie wieder für atomwaffenfähige Zwecke benutzt werden können. Und
letztes Jahr unterstellten die Vereinigten Staaten
zum ersten Mal waffenfähiges Material aus ihrem
Arsenal den Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO).
Dies sind konkrete Formen realer Fortschritte bei der
Erfüllung von Artikel VI und wichtige Bausteine für
Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert. Aber wir
müssen natürlich in den kommenden Tagen und
Wochen weiter darauf aufbauen.
Aus diesem Grund haben die Präsidenten Jelzin
und Clinton im vergangenen September ihre
Experten angewiesen, Schritte zur Anpassung der
Nuklearstreitkräfte an das veränderte internationale Sicherheitsklima zu entwickeln und öffentlich
ihrer gemeinsamen Überzeugung Ausdruck
verliehen, daß dieses veränderte Klima zusätzliche Fortschritte beim Abbau von Umfang und
Struktur ihrer Nuklearstreitkräfte sowie die Aussicht auf mögliche weitere Reduzierungen erlauben - und erfordern - wird.
Vor nur zwei Wochen bekräftigten Rußland,
Frankreich und Großbritannien gemeinsam mit
den Vereinigten Staaten in Genf feierlich unsere
Verpflichtung - wie in Artikel VI niedergelegt - in
gutem Glauben Verhandlungen über wirksame
Maßnahmen im Zusammenhang mit nuklearer
Abrüstung - unserem obersten Ziel - fortzusetzen.
Ferner haben wir unsere Delegation in Genf
angewiesen, "so bald wie möglich" einen Vertrag
über ein umfassendes Atomtestverbot abzuschließen. Um diese Bestrebungen weiter voranzutreiben, verlängerte der Präsident das Moratorium
über Atomtests bis zum erwarteten Abschluß der
Verhandlungen über ein Atomtestverbot und zog
einen früheren amerikanischen Vorschlag für eine
in den Vertrag aufzunehmende Klausel über eine
zehnjährige Widerrufungsperiode zurück.
Wenn die Genfer Abrüstungskonferenz ihre Aufgabe
erfüllt, sind wir bereit zu der Schlußfolgerung, daß die
Vereinigten Staaten bereits ihren letzten Atomtest
durchgeführt haben.
Das dritte Argument gegen die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags lautet, sie
würde die Nuklearwaffenstaaten von wirksamem
Druck auf weitere Abrüstung befreien. Von manchen
wird argumentiert, statt einer unbegrenzten Verlängerung liege die beste Möglichkeit zur Gewähr-

Seite 3

�leistung von Abrüstung unter den großen Atommächten darin, den N W praktisch als Geisel zu nehmen,
indem er periodischen Abstimmungen über seine
Abschaffung oder sein Bestehen unterworfen oder
zu Bedingungen verlängert wird, die das Prinzip "Abschaffung oder Beseitigung" auf indirekte Weise
wiedereinführen.
Dieses Argument hat zwei gravierende Mängel.
Erstens, im Hinblick auf die großen Atomwaffenstaaten: Das Letzte, was wir beim Umgang mit dem
Problem einer weiteren, unumkehrbaren Einschränkung von Atomwaffen gebrauchen können, wäre die
Möglichkeit eines Widerrufs des N W in regelmäßigen Abständen. Es ist wertlos, daß selbst die
längste erörterte Überprüfungszeit - 25 Jahre unterhalb der Lebensdauer eines großen Nuklearwaffensystems liegt. In der Praxis können laufende
Überprüfungszeiten genau dieselben Konsequenzen
für die Nuklearplanung haben wie eine jetzt getroffene Entscheidung über die Beendigung des Vertrags,
da sie Unsicherheit, Mißtrauen und Angst verursachen würde. Außerdem würde sie Präventivmaßnahmen ermutigen und die schwierige Aufgabe
eines weiteren Abbaus von Nuklearwaffenarsenalen
sowie einer Annäherung an unser oberstes Abrüstungsziel komplizieren.
Der zweite Mangel dieses Arguments ist, daß eine
periodische Gefährdung des Vertrags den Staaten
ein machtvolles Signal senden wird, den Erwerb von
Nuklearwaffen anzustreben. Eine solche Entscheidung wird sie dazu ermutigen, sich ihre Optionen
vorzubehalten, anstatt die Dauerhaftigkeit ihrer
Verpflichtungen unter dem Vertrag zu akzeptieren.
Nicht dem Vertrag angehörende Staaten würden zu
der Annahme ermutigt, dieser würde eines Tages
auseinanderbrechen, und sie würden dementsprechend planen. Da Pläne oft Realität werden, würde
dies dramatisch das Risiko erhöhen, das wir mit dem
Nichtverbreitungsvertrag einzudämmen versuchen.
Die Einbringung von Unsicherheit in nukleare Entscheidungen dient nicht den Zielen des N W .
Vielmehr werden dadurch die wirklichen Fortschritte
gefährdet, die die ursprünglichen Nuklearwaffenstaaten derzeit machen, und Möchtegernweiterverbreiter
ermutigt, auf eine günstige Gelegenheit zu warten
und heimlich ihre Ziele zu verfolgen.
Das vierte Argument gegen eine bedingungslose
Verlängerung des Vertrags lautet, dieser würde die
Nichtatomwaffenstaaten der Gefahr einer Einschüchterung durch die Nuklearmächte sowie die nicht dem
Vertrag angehörenden Staaten aussetzen.

Seite 4

Da sich die Atomwaffenstaaten klar bewußt sind, daß
eine Gefährdung des N W auch ihre eigene Sicherheit gefährden würde, haben sie ein starkes Motiv,
sich atomarer Drohungen zu enthalten und vielmehr
glaubwürdige Zusagen zu geben, um die Bedenken
anderer zu zerstreuen. Aus diesem Grund gab
Präsident Clinton Anfang dieses Monats eine Erklärung ab, die starke positive und negative Sicherheitszusagen enthält. Jeder der vier anderen Nuklearwaffenstaaten veröffentlichte parallel dazu eine
Erklärung.
Anfang des Monats nahm der UN-Sicherheitsrat eine
Resolution an, die diese Zusagen begrüßt und in
beispielloser Weise im Detail Mittel für den Fall
festlegt, daß ein atomarer Mitgliedstaat des N W
einer nuklearen Bedrohung ausgesetzt ist.
Zudem schafft der Erfolg des N W einen Schutz vor
nuklearer Bedrohung, sei es durch Mitgliedstaaten
oder Nichtmitgliedstaaten. Durch die Festsetzung
einer globalen Nichtverbreitungsnorm, zu deren
Verteidigung die Weltgemeinschaft erklärtermaßen
bereit ist, hat der N W nukleare Einschüchterung
weitaus effektiver entmutigt, als die wahllose Bedrohung mit Atomwaffen das tun würde.
Als Reaktion auf das fünfte Argument, eine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des N W
würde ihn erstarren lassen und seiner Fähigkeit
berauben, auf veränderte Bedingungen zu reagieren,
möchte ich zunächst auf die radikalen Veränderungen
auf der Welt hinweisen, mit denen der Vertrag bisher
ohne Schwierigkeiten umgegangen ist, sowie ferner
auf in den Überprüfungs- und Abänderungsbestimmungen des Vertrags eingebaute Flexibilitätsreserven, die durch die Entscheidung über seine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung nicht
verändert würden. Der Vertrag sieht alle fünf Jahre
eine Überprüfung vor, was allen Vertragsparteien die
Möglichkeit gibt, ihrer Sorge über seine Wirksamkeit
Ausdruck zu verleihen.
Selbst bei einer unbegrenzten Verlängerung des N W
würden diese Überprüfungen fortgesetzt, und ich
verspreche, daß die Vereinigten Staaten eng mit
anderen Delegationen zusammenarbeiten werden,
um die Lebensfähigkeit und Effektivität des Überprüfungsmechanismus zu gewährleisten. Mit anderen
Worten: Der N W wird ein lebendes Dokument
bleiben.
Meiner Ansicht nach kann auf alle Fragen und
Kritikpunkte des N W eine Antwort gefunden werden
- nicht nur durch logische Argumente, sondern viel
wirkungsvoller durch die Leistung des Vertrags und
seiner Mitgliedstaaten während der vergangenen 25
Jahre.

AMERIKA DIENST 15

�Im Zeitalter nach dem Kalten Krieg - in dem die
Konfrontation der Supermächte von Zusammenarbeit
bei der Beseitigung von Nuklearwaffen abgelöst wird,
welche die Gefahren nuklearer Weiterverbreitung
aber zunehmend offensichtlich werden läßt - bleibt
der Vertrag von zentraler Bedeutung für die Sache
des Friedens.
Wir rufen Sie, die Vertreter der größten Staatengemeinschaft dazu auf, jedem Rüstungskontrollabkommen beizutreten, die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Vertrags zu unterstützen,
nicht als Gefallen für jemanden oder als Konzession,
sondern weil es eindeutig im Sicherheitsinteresse
jedes einzelnen von uns liegt.
Der Vertrag verringert noch weit mehr als bei seinem
Abschluß vor 25 Jahren die nukleare Bedrohung für
jede seiner Vertragsparteien, schafft die Grundlage
für internationale Zusammenarbeit bei der friedlichen
Nutzung von Kernenergie und leistet einen entscheidenden Beitrag zu globaler Stabilität, die für weitere
Maßnahmen bei Rüstungskontrolle und Abrüstung
erforderlich ist.
Die von Ihnen zu treffende Entscheidung über die
zukünftige Dauer des Nichtverbreitungsvertrags ist
wirklich von großer Tragweite. Sie betrifft nicht nur
die Politik der Regierungen, sondern das Schicksal
von Menschen überall auf unserem Planeten.
Durch die Ratifizierung des Vertrags akzeptierten
Parlamente auf der ganzen Welt, daß sie durch eine
von der Mehrheit der Vertragsparteien getroffene
Entscheidung gebunden würden. Jeder Vorschlag,
daß diese Entscheidung durch geheime Abstimmung
getroffen werden sollte, unterminiert das Vertrauen
dieser Parlamente. Sie können mit Recht von den
Staaten erwarten, daß sie die Verantwortung für ihre
Aktionen übernehmen. Würde ein Land zum Nutzen
seines Volkes eine Haltung einnehmen und dies
seinen Bürgern verheimlichen? Wie könnte das
einer Überprüfung standhalten?
Wer Rechenschaftsspflicht fordert, muß auch die damit einherge-

*

AMERIKA DIENST 15

henden Lasten tragen. Die Vereinigten Staaten
weisen entschieden jede Vorstellung zurück, die bei
dieser Konferenz getroffenen Entscheidungen könnten einer Überprüfung nicht standhalten, und rufen
alle Länder auf, für ihre Aktionen die Verantwortung
zu übernehmen.
Als der Nichtverbreitungsvertrag vor 25 Jahren in
Kraft trat, konnten nur wenige vermuten, was er für
unser aller Leben bewirken würde.
Heute wissen wir, daß die bei der Schaffung des
Atomzeitalters Anwesenden nur hoffen konnten,
daß der Weiterverbreitung Einhalt geboten werden
kann,
daß die Nationen zum Schutz der Sicherheit aller
zusammenarbeiten können.
Wir dürfen und werden nicht ruhen, bis diese Ziele und der Nichtverbreitungsvertrag - dauerhafte Realität
werden.
Einer der großen Staatsmänner meiner Nation Franklin Delano Roosevelt - äußerte in einer Krisensituation dem amerikanischen Volk gegenüber, seine
Generation hätte ein "Rendezvouz mit dem Schicksal". Dies führte in der gesamten Nation zu der
Erkenntnis, daß es in ihrer Hand lag, den Ausgang
großer Dinge zu entscheiden.
Auch wir sind an einem Punkt angelangt, der als
Rendezvouz mit dem Schicksal bezeichnet werden
könnte.
In diesem Moment der Entscheidung fordere ich Sie
daher dazu auf, mit dem Glauben an den Frieden als
unserer Leitlinie und mit den Hoffnungen unserer
Kinder als Inspiration die richtige Entscheidung zu
treffen - der unbegrenzten und bedingungslosen
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags zuzustimmen.

* * *

*

Seite 5

�ABRÜSTUNG
26. April 1995

Abbau von Atomwaffen in der ehemaligen
Sowjetunion macht gute Fortschritte
Rede von Verteidigungsminister Perry
WASHINGTON - (AD) - Am 19. April 1995 sprach US-Verteidigungsminister William Perry vor dem National
Defense University College der Streitkräfte über Fortschritte bei der Konversion militärischer Einrichtungen in
der ehemaligen Sowjetunion zur Nutzung für friedliche Zwecke. Nachfolgend veröffentlichen wir die
unwesentlich gekürzte Rede des Verteidigungsministers.

Vergangene Woche stattete ich Rußland, der Ukraine und den beiden zentralasiatischen Republiken
Kasachstan und Usbekistan einen Besuch ab. Diese
vier Staaten sind für die Vereinigten Staaten von
strategischer Bedeutung, denn sie sind Grundpfeiler
einer Region, die für uns ein zentrales sicherheitspolitisches Anliegen darstellt. Ein Grund dafür ist die
Tatsache, daß es in dieser Region noch mehr als
20.000 Nuklearwaffen gibt. Diese 20.000 Kernwaffen befinden sich in einem Gebiet, das einen revolutionären Wandel durchmacht.
Revolutionärer
Wandel erzeugt Instabilität; Instabilität plus Atomwaffen ergibt Gefahr.
Daher müssen wir uns in den Nationen dieser
Region wieder engagieren, einmal um das erneute
Entstehen einer nuklearen Bedrohung zu verhindern,
aber auch um wirtschaftliche und politische Reformen zu ermutigen, gemeinsame Sicherheitsinteressen zu verfolgen und das Entstehen einer neuen,
globalen Rivalität, insbesondere zwischen den
Vereinigten Staaten und Rußland zu verhindern.
Wir dürfen unser Engagement jedoch nicht auf
Rußland beschränken, selbst wenn dieses die
mächtigste Nation in dieser Region ist. Auch die
Ukraine ist aufgrund ihrer beträchtlichen Größe und
Bevölkerung, ihrer entwickelten industriellen und
militärischen Infrastruktur und der Stationierung
sowjetischer Nuklearwaffen auf ihrem Territorium von
entscheidender Bedeutung. Tatsache ist, daß die
Ukraine das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt
hat.
Kasachstan ist ebenfalls von großer strategischer
Bedeutung für die Vereinigten Staaten und verfügt
auch über sowjetische Atomwaffen. Zudem würde

AMERIKA DIENST 15

ich Kasachstan wegen seiner Nähe zu Rußland,
China und dem Iran als Schlüsselnation bezeichnen.
Usbekistan, der vierte Staat unserer Besuchsreise,
hat keine Nuklearwaffen, ist aber dennoch für uns
von strategischer Bedeutung. Tatsächlich ist er
weitaus wichtiger, als hier in den Vereinigten Staaten
angenommen wird. Usbekistan ist einer der wenigen
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion mit
einer relativ starken Wirtschaft. Er unterhält von allen
Staaten der Region eines der aktivsten gemeinsamen
Wirtschaftsprogramme mit amerikanischen Unternehmen. Vom sicherheitspolitischen Standpunkt aus
gesehen dient Usbekistan als Gegengewicht zu
regionaler Instabilität, insbesondere zu aus dem Iran
exportierten extremistischen Kräften.
Wir unterhalten gute Beziehungen zu allen neuen
unabhängigen Nationen, und jede hat Schritte zur
Einführung wirklicher Demokratie und Marktwirtschaft
unternommen. Ich brauche Ihnen aber nicht zu
sagen, daß alle vier Staaten in dieser Hinsicht noch
einen weiten Weg vor sich haben - mit beachtlichen
Höhen und Tiefen.
Wir sollten die Probleme nicht ignorieren.
Die
Unterstützung von Reformen beinhaltet die klare und
entschiedene Äußerung unserer Anliegen.
Ein
Schlüsselelement unserer Politik gegenüber diesen
Ländern sollte jedoch unerschütterliche Zielstrebigkeit
sein. Wir müssen unsere Augen auf den strategischen Preis richten: Das langfristige, große Bild.
Der Schlüssel hierzu ist stetiges Engagement während aller Höhen und Tiefen. Das gestattet uns die
Arbeit an der Lösung von Problemen sowie die
gleichzeitige Weiterentwicklung der positiven Aspekte

Seite 1

�unserer Beziehungen. Und ich habe meine Reise
für beides benutzt.
Ich möchte mich auf die meiner Meinung nach
positivsten Aspekte meiner Reise konzentrieren, die
für meine Zuhörer hier von größtem Interesse sind.
Positiv ist die Zusammenarbeit insbesondere mit
Rußland und der Ukraine, um ihnen bei der Zerlegung ihrer aus dem Kalten Krieg stammenden
Nuklearwaffen zu helfen. Positiv sind aber auch die
Gemeinschaftsvorhaben amerikanischer Unternehmen mit Unternehmen in Rußland und seinen Nachbarstaaten, um die sowjetische Rüstungsindustrie Fabrikanlagen und F&amp;E-Labors - in produktive
Wirtschaftsunternehmen umzuwandeln.
Das ist eine Erfolgsgeschichte, und Erfolg resultiert
aus der Klugheit und dem Weitblick zweier amerikanischer Senatoren - Sam Nunn und Richard Lugar die das Verteidigungsprogramm zur Beschleunigung
des Zerlegungs- und Konversionsprozesses ins
Leben riefen, das ihre Namen trägt - das NunnLugar-Programm. Dank dem Nunn-Lugar-Programm
findet der Abbau amerikanischer und sowjetischer
Nuklearwaffen aus der Zeit des Kalten Krieges sogar
früher als geplant statt.
Beispielsweise trat vergangenen Dezember der
START I-Vertrag in Kraft und räumt den Vereinigten
Staaten und Rußland sieben Jahre für die erforderliche Demontage ein. Aber sowohl unser Land als
auch Rußland haben bereits über die Hälfte der
Aufgabe, über die Hälfte des Abbaus erledigt.
Neben Rußland sind die Ukraine, Kasachstan und
Belarus auf dem besten Weg, dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) als . Nichtatomwaffenstaaten
beizutreten.
Ende kommenden Jahres werden
diese drei Nationen - Kasachstan, Belarus und die
Ukraine - Mitglieder des N W .
Auch die Umgestaltung der Rüstungsindustrie für
friedliche Zwecke hat einen guten Anfang genommen. Das ist von entscheidender Bedeutung, denn
es ist nicht möglich, einfach nur die Atomwaffen zu
zerlegen. Wir müssen uns auch mit den überschüssigen Rüstungsfabriken, den Facharbeitern und
Nukleartechnikern befassen. Das liegt im Interesse
dieser Nationen und der Vereinigten Staaten - aus
sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Gründen.
Es ist in ihrem Interesse, die überschüssigen Produktionskapazitäten der Rüstungsindustrie produktiv
einzusetzen und ihre Volkswirtschaften zu entmilitarisieren, zu kommerzialisieren und zu privatisieren.
Und es liegt in unserem Interesse, diesen Nationen
beim Aufbau einer freien Marktwirtschaft zu helfen
und dabei in dieser aufstrebenden Region neue
Märkte für unsere Unternehmen zu erschließen.

Seite 2

Es liegt ebenfalls im amerikanischen Interesse, die
Notwendigkeit einer Waffenproduktion in Rußland aus
beschäftigungspolitischen Gründen zu verringern,
denn diese Waffen könnten die amerikanische
Sicherheit bedrohen, wenn sie in die falschen Hände
geraten. Die Zerlegung von Waffen und die Konversion der Rüstungsindustrie sind also Teil desselben
Sicherheitskontinuums.
Ich habe die Erfolgsgeschichte dieses nuklearen
Sicherheitskontinuums mit eigenen Augen gesehen.
Beispielsweise besuchte ich in Rußland den Luftwaffenstützpunkt Engels, auf dem sowjetische Jagdbomber entsprechend dem START I-Vertrag zerlegt
werden.
Das war wirklich ein beeindruckender
Anblick. Einer der uns begleitenden Journalisten
schrieb: "Dort lagen Einzelteile riesiger Jagdbomber,
als wären diese von wütenden Göttern in Stücke
gerissen worden. Hier ein Flugzeugrumpf, dort
mehrere Tragflächen und da ein Haufen Propeller
von dem schweren Langstreckenbomber Bear. Das
war nicht das Werk wütender Götter, sondern das
russischer Arbeiter, die teilweise mit Hilfe von im
Rahmen des Nunn-Lugar-Programms bereitgestellten
amerikanischen Gerätschaften - besonderen Schneidemaschinen, Pressen und einer als Guillotine
bezeichneten wunderbaren Vorrichtung - die Tragflächen von den Jagdbombern abtrennten." Meines
Erachtens ist das der beste Gebrauch, der je von
einer Guillotine gemacht wurde.
Das war für mich ein einzigartiger Moment auf dem
Luftwaffenstützpunkt Engels. Ich hatte mich während
des Großteils meiner beruflichen Laufbahn mit
Waffen für den Kalten Krieg beschäftigt und gebe zu,
daß ich eine gewisse Begeisterung für die Technologie und die daraus resultierenden Produkte entwickelt
habe - für diese technischen Errungenschaften
unseres Landes und der Russen. Aber ich bin
wahrhaft davon überzeugt - und die Russen sind es
meiner Meinung nach ebenfalls - daß wir uns um der
Sicherheit unserer Enkel und deren Enkel willen über
die Zerstörung dieser Waffen freuen sollten.
Weiterhin war ich Zeuge der Rüstungskonversion in
Rußland, als ich die Produktionsstätte eines neuen
amerikanisch-russischen
Gemeinschaftsunternehmens mit dem Namen Istak besuchte - dem ehemaligen großen russischen Hersteller elektronischer
Kampfführungstechnologie. Wir förderten die Bildung
eines Joint-venture mit dem amerikanischen Unternehmen Hearing Aids International. Jetzt wird das
Gemeinschaftsunternehmen Istak Audio International
genannt und stellt Hörgeräte her. Es soll jährlich
etwa 200.000 Hörapparate produzieren. Dieses neue
Unternehmen, Istak, wurde mit Hilfe eines kleinen
Darlehens - hauptsächlich Startkapital - aus dem
Nunn-Lugar-Programm für friedliche Zwecke umge-

AMERIKA DIENST 15

�wandelt, aber das amerikanische Unternehmen
stellte eine beträchtliche Menge Eigenkapital bereit,
was beweist, daß es von dem wirtschaftlichen
Potential dieses neuen Produkts überzeugt ist.
Diese beiden Zwischenstationen in Rußland - auf
dem Luftwaffenstützpunkt Engels und bei Istak haben mir gezeigt, daß die Zerlegung von Nuklearwaffen fortschreitet und die Konversion der Rüstungsindustrie durch Industriepartnerschaften und
Gemeinschaftsunternehmen funktioniert.
Der Ort, an dem diese Bestrebungen zusammentrafen und das nukleare Sicherheitskontinuum der
Abrüstung und Rüstungskonversion am evidentesten
ist, war eine entlegene, windige Stadt in der Ukraine
- Perwomajsk. In Perwomajsk war früher eine der
wichtigsten sowjetischen Abschußvorrichtungen für
ballistische Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVed ICBMs). Man konnte es als
Kronjuwel des sowjetischen Atomwaffenarsenals
bezeichnen. Von den Raketensilos nur einer Rampe
hätten die Sowjets 700 nukleare Gefechtsköpfe auf
die Vereinigten Staaten abfeuern können - ausreichend, um jede große Stadt Amerikas dem Erdboden gleichzumachen.
Ich war im vergangenen Jahr zum ersten Mal in
Perwomajsk, stand oben am Rand eines Raketensilos und schaute auf eine SS-24 hinunter. Als Teil
unseres Abkommens mit der Ukraine waren die
Gefechtsköpfe gerade vor einer Woche entfernt und
in eine Zerlegungsfabrik geschickt worden. Bei
meinem diesjährigen Besuch beobachtete ich letzte
Woche, wie eine SS-19 langsam aus dem Silo
geholt und auf einen Lastwagen geladen wurde, so
daß die ganze Rakete zur Zerlegungsstätte transportiert werden konnte. So wird Geschichte gemacht. Dies ist eine der größten politischen Errungenschaften des Zeitalters nach dem Kalten Krieg.
Vom Raketenstützpunkt in Perwomajsk aus reiste ich
zu einer Fabrik am Rande der Stadt. In dieser
Fabrik wurden früher Einzelteile für sowjetische
Kriegsschiffe hergestellt. Jetzt produziert man dort
Fertighäuser. Und wieder stammt das Startkapital
aus dem Nunn-Lugar-Programm. Das ist Konversion der Rüstungsindustrie. Dieses Projekt ist Teil
des Kontinuums der Zerlegung von Raketen in
Perwomajsk und der Schließung des Stützpunktes,
denn das erste der Fertighäuser ist für die Offiziere
der strategischen Raketen vorgesehen, die auf dem
Raketenstützpunkt von Perwomajsk leben, die
Raketen bedienten und jetzt an deren Abbau und
der Schließung des Stützpunktes mitwirken.
Das größte Hindernis bei der Zerlegung der Raketen
und Schließung des Stützpunktes war die Suche

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nach einer Möglichkeit, die Offiziere außer Dienst zu
stellen, und die größte Schwierigkeit dabei war
wiederum die Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für sie. Die Ukrainer sagten uns: "Wenn Ihr
dieses Problem lösen könnt, können wir mit der
Zerlegung fortfahren. Gelingt Euch das nicht, treten
wir auf der Stelle." Die von mir besichtigte Fabrik löst
das Problem. Sie ist bereits in Betrieb. In wenigen
Wochen wird täglich ein Haus fertiggestellt - eine
unerhörte Produktionsrate in der alten Sowjetunion.
Kritiker in den Vereinigten Staaten äußerten mir
gegenüber: "Warum sollten wir unsere ehemaligen
Gegner beim Bau von Häusern unterstützen, wenn
wir für unsere eigenen Bürger sorgen müssen und
unseren eigenen Bedarf an Wohnungen haben?" Die
Antwort darauf ist einfach. Wir tun es für unsere
eigene Sicherheit. Es erweist sich auch als gut für
die ukrainische Wirtschaft und unsere eigene, denn
wenn die Fabrik die Herstellung von Häusern für die
Offiziere des Raketenstützpunktes beendet hat,
werden Häuser zum Verkauf auf dem ukrainischen
Wohnungsmarkt produziert, auf dem eine enorme
Nachfrage besteht. Bill Harbert, ein Geschäftsmann
aus Alabama, der dieses Gemeinschaftsunternehmen
mit den Ukrainern in Gang setzte, plant die Einführung einer zweiten Schicht in der Fabrik. Er
verdiente weltweit Geld mit dem Bau von Häusern
und ist davon überzeugt, daß er und seine ukrainischen Geschäftspartner in der Ukraine Geld verdienen können. Somit bauen wir in der Ukraine nicht
nur einige Häuser, sondern schaffen eine ganze
Wohnungsbauindustrie.
Diese Erfolge bei der Konversion der Rüstungsindustrie sind meines Erachtens darauf zurückzuführen, daß die Investitionsentscheidungen nicht von der
amerikanischen, der russischen oder ukrainischen
Regierung getroffen werden, sondern vom Privatsektor, von Menschen wie Bill Harbert, der Gutes tut und
gleichzeitig mit Gewinnen rechnet. Menschen wie er
sind bereit, dem von der Regierung bereitgestellten
Startkapital ihre eigenen Investitionen an die Seite zu
stellen.
Die Regierung spielt hierbei eine bedeutende Rolle,
die zusammengefaßt aus drei Elementen besteht:
Festlegung, Unterstützung, Finanzierungshilfe. Diese
drei Tätigkeiten üben wir in der ehemaligen Sowjetunion aus. Erstens suchen wir nach potentiellen
Produkten für eine Rüstungskonversion. Aus diesem
Grund haben mich auf meiner Reise 10 amerikanische Manager begleitet, die sich für Rüstungskonversionsprojekte interessieren, damit sie sich selber vor
Ort ein Bild von den Möglichkeiten machen und mit
potentiellen Partnern zusammentreffen konnten. Sie
haben Geschäfte gemacht.

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�Zweitens unterstützen wir diese Gemeinschaftsvorhaben, indem wir uns für den Abbau von Hindernissen bei Konversionsprojekten einsetzen. Das ist
der Grund, warum mich Barry Carter, der Staatssekretär für Wirtschaftsfragen, auf meiner Reise
begleitete. Er ist Experte für die Suche nach Mitteln
zur Verbesserung des Investitionsklimas in dieser
Region.
Und schließlich helfen wir bei der Finanzierung
gemeinsamer Rüstungskonversionsprojekte, weshalb
mich Ruth Harkin, die Präsidentin der Gesellschaft
für Privatinvestitionen in Übersee (Overseas Private
Investment Corporation - OPIC) begleitete. Durch
OPIC, das Nunn-Lugar-Programm und andere
Quellen bringen wir die von Investoren als Startkapital bezeichneten Gelder auf. Wir möchten, daß
diese kleine, von uns eingebrachte Geldmenge wie
ein Magnet größere Beträge von Privatkapital
anzieht. Im Grunde zählen wir darauf, daß der
Privatsektor diese Chancen nutzt. Dabei macht er
Geschichte, denn seine Investitionen werden bei der
Privatisierung dieser Volkswirtschaften sowie beim
Aufbau von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen
helfen. Gleichzeitig dienen sie der amerikanischen
Industrie und Sicherheit.

Die Namen Hyman Rickover und Igor Sikorsky sind
für die Industrie und Sicherheit Amerikas von legendärer Bedeutung. Rickover war ein Pionier unserer
mit Atomwaffen bestückten Kriegsmarine, Sikorsky
ein Pionier unserer Hubschrauberindustrie. Diese
beiden Pioniere hatten gemein, daß sie beide in
Rußland geboren wurden, in die Vereinigten Staaten
kamen, dort große Chancen sahen und Investitionen
tätigten. Dadurch bereicherten sie unser Land.
Heute haben Amerikaner großartige Möglichkeiten, in
Rußland, der Ukraine und den anderen Republiken
der ehemaligen Sowjetunion zu investieren. Diese
neuen unabhängigen Staaten sind nicht nur interessiert, sondern haben die amerikanische Industrie
zum Engagement und zur Gründung dieser Industriepartnerschaften aufgefordert. Diese Partnerschaften
sind eine Möglichkeit, die amerikanische Sicherheit
zu wahren und Reformen in der ehemaligen Sowjetunion zu fördern.
Wir können die Ereignisse in der ehemaligen Sowjetunion nicht kontrollieren, aber wir können sie beeinflussen, und dazu müssen wir in der amerikanischen
Regierung und in der amerikanischen Industrie den
Versuch unternehmen. Das sind wir uns selbst,
unseren Kindern und unseren Enkeln schuldig.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 15

�UMWELT
26. April 1995

Umweltpolitische Fortschritte sind
"große amerikanische Erfolgsgeschichte"
Interview mit Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Die in den Vereinigten Staaten seit dem ersten Tag der Erde im Jahr 1970 gemachten
Fortschritte beim Umweltschutz sind US-Präsident Bill Clinton zufolge wirklich "eine große amerikanische
Ertolgsgeschichte", etwas, auf das man stolz sein könne.
Aus Anlaß des 25. Jahrestages des Tags der Erde am 22. April 1995 gab der Präsident dem Nachrichtendienst
für Umweltfragen "Greenwire" ein Interview, das wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Frage: Welches sind in diesem und im kommenden
Jahr Ihre obersten umweltpolitischen Prioritäten?
Clinton: Der 25. Jahrestag des Tags der Erde ist
ein Zeitpunkt, das Gelernte anzuwenden, um Umweltschutzprogramme umzugestalten und unser
nationales Engagement für die grundlegenden Ziele
von sauberer Luft und sauberem Wasser zu bekräftigen. Das moderne Zeitalter des Umweltschutzes ist
wirklich eine große amerikanische Erfolgsgeschichte
- etwas, auf das wir stolz sein können. Aber wenn
wir uns den Herausforderungen der nächsten 25
Jahre stellen wollen, dürfen wir nicht stillstehen.
Daher stellt die Umstrukturierung und Stärkung von
Umweltschutzprogrammen meine oberste Priorität
dar. Wir haben gerade 25 Maßnahmen zur Umstrukturierung des Umweltschutzamtes (Environmental Protection Agency - EPA) bekanntgegeben. Wir
verringern die Bürokratie um 25 Prozent. Wir
gewähren kleinen Unternehmen einen sechsmonatigen Aufschub, wenn sie den Umweltschutz fördern
wollen.
Besonders stolz bin ich auf das XL-Projekt (excellence and leadership), in dessen Rahmen das EPA 50
Unternehmen oder Gemeinden gestattet, die derzeitigen Vorschriften durch eine von ihnen entworfene
Alternative zu ersetzen. Wenn ein Unternehmen
sauberer und kostengünstiger produzieren kann,
lassen wir es einen Weg finden.
Meine zweite Priorität - die ebenso bedeutsam wie
die erste ist - besteht darin, denjenigen Einhalt zu
gebieten, welche die Notwendigkeit von Reformen

AMERIKA DIENST 15

als Entschuldigung für eine Verringerung des öffentlichen Gesundheitsschutzes ausnutzen. Ich habe
kürzlich darauf hingewiesen, daß ich gerne mit dem
Kongreß eine vernünftige Lösung für eine Reform des
Vorschriftensystems ausarbeiten würde. Wenn der
Kongreß mir jedoch eine Gesetzesvorlage schickt, die
zuläßt, daß verseuchtes Wasser in das Trinkwassersystem unserer Städte gelangt, werde ich mein Veto
einlegen.
Frage: Die erklärten Ziele Ihrer Umweltpolitik - eine
vernünftige Reform der Vorschriften und Verordnungen, Pläne auf der Grundlage von Dialog und
Konsens, Abbau der Bürokratie, Schaffung von
Arbeitsplätzen bei gleichzeitigem Umweltschutz genießen breite Unterstützung. Warum steht Ihre
Tagesordnung dann so unter Beschuß?
Clinton: Mein Wahlkampf wurde unter der Voraussetzung geführt, daß Ökonomie und Ökologie Hand
in Hand gehen und langfristig das eine nicht ohne
das andere gewährleistet ist. Das habe ich mit
meiner Politik demonstriert - sei es mit dem Plan für
den Nordwesten zum Schutz des alten Baumbestands und der Schaffung von Arbeitsplätzen oder
dem Plan für das Gebiet um San Francisco zur
Wasserversorgung von Stadt, Land und Umwelt oder mit der gerade erwähnten Umstrukturierung
staatlicher Initiativen.
Natürlich sind dies schwierige Fragen, und es wird
immer auf beiden Seiten Menschen geben, die nicht
zufrieden sind. Aber eines ist sicher: Die Amerikaner unterstützen die Ziele Gesundheitsfürsorge und
Umweltschutz. Das ist wahrscheinlich der Grund,

Seite 1

�warum das Wort "Umwelt" im republikanischen
"Vertrag mit Amerika" nicht auftaucht.
Je mehr Menschen vom Kleingedruckten in dem
Vertrag erfahren... je mehr von den Angriffen auf
Gesundheitswesen und Sicherheit hören, desto
größer wird der Druck auf den Senat, den Vertrag
abzulehnen. Er hat bereits das Moratorium über
Vorschriften zugunsten eines vernünftigeren Vorschlags abgelehnt, und ich hoffe, daß er dasselbe
mit einigen anderen, dem Repräsentantenhaus vorgelegten Vorschlägen der Republikaner tun wird.
Frage: Im Wahlkampf haben Sie sich für verbesserte Normen zur Kraftstoffersparnis bei Fahrzeugen
ausgesprochen und ein von Regierung und Industrie
gefördertes Programm begonnen, das bis zum Jahr
2003 ein Auto mit einem Verbrauch von einem Liter
pro 30 Kilometer schaffen soll. Sie scheinen jedoch
die Automobilhersteller nicht zur Entwicklung von
Fahrzeugen ohne Abgasausstoß oder mit weniger
Energieverbrauch zwingen zu wollen. In welche
Richtung muß die Industrie Ihrer Ansicht nach bei
diesen Fragen gehen?
Clinton:
Ich engagiere mich für beträchtliche
Fortschritte bei Kraftstoffersparnis und Abgasreduzierung, damit Umweltschutz und gleichzeitig die
Schaffung von Arbeitsplätzen gewährleistet wird.
Folglich bringt meine Administration an diesen
Fragen interessierte Gruppen zusammen, darunter
Vertreter der Industrie, von Umweltschutzgruppen,
den Regierungen der Bundesstaaten und der Kommunalverwaltung, um Einigung über vernünftige
Lösungen zu erzielen.
Ein Beispiel für dieses Engagement ist der vergangenen September von mir ins Leben gerufene
staatliche Beratungsausschuß, der einen Konsens
über Möglichkeiten für eine substantielle und kostengünstige Reduzierung von Treibhausgasemissionen
aus Privatfahrzeugen in den kommenden 30 Jahren
erzielen soll.
Eine weitere Initiative ist die "Partnerschaft für eine
neue Fahrzeuggeneration", eine historische Partnerschaft zwischen Regierung und Industrie zur Entwicklung von Fahrzeugen, die dreimal soviel Kraftstoff sparen wie die heutigen, gleichzeitig alle
Anforderungen an Sicherheit und Emissionsschutz
erfüllen und in der Anschaffung und beim Unterhalt
nicht teurer sind. Hierbei geht es um die Entwicklung eines Autos für den Gebrauch, nicht um pure
Forschung. Und wenn der Kongreß die Finanzierung hierfür nicht kürzt, wird das großen Nutzen für
Ökonomie und Ökologie haben.

Seite 2

Frage: Was halten Sie von den derzeit dem Kongreß vorliegenden Gesetzesvorschlägen, die eine
Entschädigung von Grundbesitzern fordern, falls
Vorschriften, beispielsweise über Feuchtgebiete oder
Artenschutz, den Wert ihres Grundstücks mindern?
Clinton: Diese Programme sind wie alle anderen
staatlichen Programme reformbedürftig. Aus diesem
Grund riefen wir zur Unterstützung der Besitzer
kleiner Grundstücke Hilfsprogramme für Feuchtgebiete und gefährdete Arten ins Leben. Tatsache
ist, daß die überwältigende Mehrheit der Grundstücksbesitzer - die Hausbesitzer - von diesen
Programmen abgedeckt ist. Das ist der richtige Weg
für Reformen.
Es gibt aber auch einen falschen Weg: Die dieses
Frühjahr vom Kongreß angenommenen Vorschläge,
die eine automatische Kompensation vorsehen. Das
würde den hart arbeitenden Steuerzahler Milliarden
Dollar kosten, hauptsächlich den reichen Großgrundbesitzern und Umweltverschmutzern zugute kommen
und unsere Fähigkeit zum Schutz dessen einschränken, was der Durchschnittsamerikaner wünscht - eine
saubere Umwelt, einen sicheren Arbeitsplatz und
Bürgerrechte. Ich lehne diese Vorschläge ab und
werde im Repräsentantenhaus mein Veto einlegen.
Frage:
Einige Ansichten der Administration zu
natürlichen Ressourcen - beispielsweise zu Weideland, Abholzung und Artenschutz - haben zu heftigen
politischen Reaktionen geführt, insbesondere im
amerikanischen Westen. Was antworten Sie denjenigen, die behaupten, Ihre Politik sei ein "Krieg gegen
den Westen"? Beeinträchtigen diese Konflikte Ihre
Chancen für eine Wiederwahl?
Clinton: Es gibt im amerikanischen Volk eine sehr
starke, tiefempfundene Unterstützung für den Schutz
der Gesundheit des Menschen und der Umwelt. Dies
ist ein unbestrittener amerikanischer Wert, der
Colorado, Washington und anderen westlichen
Bundesstaaten ebenso gemein ist wie allen anderen
Teilen des Landes. Aus diesem Grund arbeiten wir
beispielsweise hart am Schutz unserer abnehmenden
Fischbestände und sind zu einer verantwortungsbewußten Forstwirtschaft entschlossen. Wir benötigen aber auch einen Abbau der Bürokratie. Deshalb
konzentrieren sich unsere Initiativen für den Umgang
mit dem Ökosystem auf die Einbeziehung von
Menschen aus den betroffenen Gemeinden.
Wir bemühen uns um eine Vermeidung der Art von
Krisen, die sich in der Vergangenheit ereigneten. Wir
sammeln noch immer die Scherben einiger ererbter
Krisen auf, beispielsweise der Situation im pazifischen Nordwesten. Unser Forstwirtschaftsplan sieht
Wirtschaftshilfe für die drei Staaten an der Westküste

AMERIKA DIENST 15

�vor - Ausbildung der Arbeitnehmer, Infrastrukturinvestitionen und Hilfe für Familien und Unternehmen. Und nach drei Jahren können wir endlich das
Sitzungszimmer verlassen und den Menschen
wieder Arbeit geben.
Frage: Was sind in diesem und im kommenden
Jahr Ihre obersten Prioritäten internationaler Umweltpolitik? Wie werden die Vereinigten Staaten ihre
Verpflichtungen aus internationalen Umweltverträgen
erfüllen?
Clinton: Die globale Umwelt ist ein extrem wichtiges Element unserer Außenpolitik. Unsere Prioritäten für dieses und nächstes Jahr umfassen Themen
wie Abholzung, Erschöpfung der Fischgründe und
Verschmutzung der Meere, schnelles Bevölkerungswachstum, industrielle Verschmutzung, Zerstörung
der Ozonschicht und globalen Klimawandel. Wir
beabsichtigen, mit anderen Nationen angemessene
Maßnahmen für jedes dieser Gebiete auszuarbeiten.
Zusätzlich werden wir uns stark um die Neudefinition
der Rolle von UNO-Organisationen und anderen
internationalen Institutionen bei der Reaktion auf
diese Belange und der Lösung entstehender Probleme bemühen, bevor sie sich zu großen Krisen
entwickeln. Schließlich werden wir unsere eigenen,

*

AMERIKA DIENST 15

für auswärtige Angelegenheiten zuständigen Amter
umstrukturieren, um eine besser koordinierte Antwort
auf globale Umweltbelange geben zu können.
Frage: Einige Umweltaktivisten haben Ihnen vorgeworfen, Sie würden der umweltpolitischen Tagesordnung nicht genug Aufmerksamkeit und politisches
Kapital widmen. Was sagen Sie dazu?
Clinton: Ich habe mich von Anfang an mit Umweltfragen befaßt. Fast sofort nach meiner Amtsübernahme habe ich die historische Forstwirtschaftskonferenz in Portland (Oregon) einberufen und mit allen
Beteiligten einen Plan ausgearbeitet. Einen Monat
später habe ich mehr als ein Dutzend spezifischer
Aktionen vorgestellt - und sie allesamt durchgeführt.
Da seit den letzten Wahlen die Umweltgesetze des
Landes stärkerem Beschuß ausgesetzt sind, habe ich
mich wiederholt gegen schlechte Gesetze im "Vertrag
mit Amerika" ausgesprochen und eigene neue
Reformen für den besseren Schutz der öffentlichen
Gesundheit zu geringeren Kosten angekündigt. Als
ich kürzlich die Vorschläge der Republikaner auflistete, die ich nicht akzeptieren kann, betrafen viele
davon die Umwelt. Ich bin sehr stolz auf das von mir
Erreichte.

* * *

*

Seite 3

�UMWELT
26. April 1995

Umweltpolitische Herausforderungen
in der Welt nach dem Kalten Krieg
von Timothy Wirth
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Timothy Wirth, Staatssekretär für
globale Angelegenheiten im US-Außenministerium.

Vor 25 Jahren wurde der erste Tag der Erde gefeiert, und das Umweltbewußtsein der Weltöffentlichkeit
veränderte sich für alle Zeiten. Zweifellos sind
enorme Fortschritte erzielt worden, seit Millionen
Bürger weltweit am 22. April 1970 ihrer Angst über
den Zustand der Umwelt Ausdruck verliehen. Aber
obwohl wir gelernt haben, mit den grundlegenden
Problemen umzugehen, fanden wir heraus, daß die
Ökosysteme der Erde äußerst komplex sind. Und
wir haben gelernt, daß der Schutz der wesentlichen
lebenserhaltenden Systeme auf dem Planeten für
die internationale Sicherheit dringend erforderlich
und ein gemeinsames Anliegen ist.
Der Kalte Krieg, der mehr als 40 Jahre die langfristige Sicherheit definierte, rückt schnell in weite
Ferne. Statt seiner sind alle Nationen mit einer
Reihe ungewohnter Herausforderungen konfrontiert.
Die Natur, Vielfalt und Geschwindigkeit des Entstehens dieser neuen Herausforderungen erfordern
dringend die Beschäftigung mit lange Zeit vernachlässigten Belangen, die darüber entscheiden, welche
Welt wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen.
Die Nationen werden sich zunehmend bewußt, daß
das Streben nach tragfähiger Entwicklung im Zeitalter nach dem Kalten Krieg eine Säule der internationalen Zusammenarbeit darstellt. Tragfähige
Entwicklung bedeutet, daß die Volkswirtschaften der
Welt, einschließlich unserer eigenen, den Versuch
zur Deckung der Bedürfnisse der heutigen Generation unternehmen sollten, ohne zukünftige Generationen zu gefährden oder zu bestehlen. Dies erfordert
von unserer Seite, umfassendes Wirtschaftswachstum zu fördern, die Umwelt zu schützen, menschliche Fähigkeiten zu pflegen, demokratische Werte
zu verteidigen, die Lebensqualität künftiger Generationen zu verbessern und ihre Chancen zu vergrößern.

AMERIKA DIENST 15

Das größte Hindernis beim Streben nach tragfähiger
Entwicklung ist die fälschliche Überzeugung, Umweltschutz stehe im Widerspruch zu Wirtschaftsinteressen. Tatsache ist jedoch, daß die Wirtschaft
untrennbar mit der Umwelt und ihrer Ressourcenbasis verbunden ist. Das kultivierbare Land, die Wälder, Felder, Ozeane und Wasserstraßen der Welt
unterstützen die Weltwirtschaft und stellen die meisten Rohstoffe für die Industrie und den überwiegenden Teil unserer Nahrungsmittel.
Zum Umweltkapital der Welt gehören auch komplexe
ökologische Systeme zur Filterung von Abfällen,
Regeneration der Böden und Wiederauffüllung der
Süßwasservorräte. Diese Systeme sind die Grundlage des Lebens auf der Erde. Die Zerstörung der
Ozonschicht, der Verlust der Artenvielfalt und der
steigende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre
spiegeln die Tatsache wider, daß die Ökosysteme
des Planeten großen Belastungen ausgesetzt sind.
Wenn die Umwelt schließlich gezwungen wird, den
Bankrott zu erklären, weil ihre Rohstoffbasis verschmutzt, zerstört, vergeudet und unumkehrbar aufs
Spiel gesetzt ist, geht die Wirtschaft mit ihr unter.
Das geschah in Mittel- und Osteuropa, wo weitreichende Umweltzerstörung, die wir erst jetzt entdekken und verstehen, zum wirtschaftlichen Zusammenbruch geführt hat. Tatsächlich geschieht das auf der
ganzen Welt - an Orten wie Ruanda, Haiti und im
mexikanischen Chiapas - wo der Mangel an Ressourcen eine der Hauptursachen bewaffneter Konflikte
darstellt.
Mit anderen Worten: Die lebenserhaltenden Systeme
auf dem gesamten Globus werden mit hoher Geschwindigkeit aufs Spiel gesetzt. Die Sicherheit
unserer Nation und der Welt hängt davon ab, ob wir
ein tragfähiges, gerechtes Gleichgewicht zwischen
der Zahl der auf der Erde lebenden Menschen und

Seite 1

�der lebenserhaltenden Fähigkeit unseres Planeten
schaffen können.
Seit 1950 hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt
und liegt jetzt bei 5,6 Milliarden. Sie steigt derzeit
schneller als je zuvor an - um nahezu 100 Millionen
Menschen jährlich, dem Äquivalent eines neuen New
York jeden Monat, eines Mexiko jedes Jahr, eines
China jedes Jahrzehnt. 95 Prozent dieses Wachstums findet in verarmten Ländern der Dritten Welt
statt, die bereits darum kämpfen, Arbeitsplätze zur
Verfügung zu stellen und ihre Bevölkerung zu ernähren.
Die Auswirkungen solchen Wachstums auf die
weltweite wirtschaftliche, politische, soziale und
umweltpolitische Sicherheit sind tiefgreifend. Wenn
sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, wird die
Spirale des Bevölkerungswachstums jegliche Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Entwicklungsländern zunichte machen und jede umweltpolitische Bestrebung scheitern lassen. Bevölkerung
muß auf unserer Liste für tragfähige Entwicklung
ganz oben stehen.
Gleichzeitig müssen wir uns in den wohlhabenderen
Industrieländern mit verschwenderischen Konsummustern befassen. Die Industriestaaten haben die
Fähigkeit zur Nutzung von Ressourcen und zur
Produktion von Abfällen in einer in der Menschheitsgeschichte beispiellosen Geschwindigkeit. In den
Industriestaaten lebt nur ein Fünftel der Weltbevölkerung, aber sie verbrauchen zwei Drittel aller Ressourcen und erzeugen vier Fünftel aller Schadstoffe
und Abfälle.
Bei der internationalen Konferenz über Bevölkerung
und Entwicklung, die vergangenen Herbst in Kairo
stattfand, bemühten sich die Vereinigten Staaten
zusammen mit 180 Nationen, einen Konsens über
die Strategie für den Umgang mit den Fragen
Bevölkerungswachstum und tragfähige Entwicklung
während der nächsten 20 Jahre zu finden.
Diese als "Aktionsprogramm" bezeichnete Strategie
fordert einen umfassenden Ansatz, der die Bereitstellung von Dienstleistungen in den Bereichen
Familienplanung und reproduktive Gesundheit
enthält, mehr Bildung, Ausbildung und Befugnisse
für Frauen sowie verbesserte Gesundheitsfürsorge
für Mütter und Kinder vorsieht und institutionelle
sowie finanzielle Ressourcen mobilisieren soll.
Diese Initiativen beeinflussen das Bevölkerungswachstum. Das Programm erkennt auch an, daß
schnelles Bevölkerungswachstum sowie ein verschwenderischer Umgang mit Ressourcen bei der
Umweltzerstörung eine wichtige Rolle spielen.

Seite 2

Eine wichtige Entwicklung bei der Konferenz war die
von Frauen gespielte zentrale Rolle in bezug auf ihre
Beteiligung am Aktionsprogramm und ihre Bedeutung
dafür. Das Programm stellt fest, daß die Bedürfnisse
von Frauen an sich bedeutend und für die Entwicklung wichtig sind und eine Deckung dieser Bedürfnisse zu einer freiwilligen Bevölkerungsstabilisierung
führen kann. Bildung und Ausbildung sowie mehr
Befugnisse und Gleichheit für Frauen in sozialer,
wirtschaftlicher und politischer Hinsicht sind der
Schlüssel für ein besseres Leben aller Menschen.
In ähnlicher Weise kann die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge zu relativ niedrigen
globalen Kosten erfolgen. Die Ausrottung von vier
großen Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten
und Kinderlähmung - die Behebung von Jod- und
Vitamin A-Mangel und die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapien können allesamt
Anfang des nächsten Jahrhunderts erreicht werden.
Allein diese Maßnahmen könnten nahezu 20 Millionen Kindern das Leben retten und einen wichtigen
Beitrag zur Verringerung der Belastung großer
Familien leisten.
Ein anderer Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist eine größere Konzentration auf AIDS. Ein
Heilmittel wird vielleicht erst in Jahrzehnten entwikkelt, aber mit aggressiven Präventionsstrategien
können wir in den Teilen der Welt etwas bewirken, in
denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig
ausbreitet.
Amerika hat eine Führungsrolle übernommen und
sich partnerschaftlich mit der Völkergemeinschaft im
Interesse der Weltbevölkerungspolitik zusammengeschlossen. In Kairo halfen wir bei der Schaffung
und Einführung eines umfassenden Ansatzes für den
Umgang mit schnellem demographischem Wandel:
Universelle Verfügbarkeit von Familienplanung und
reproduktiver Gesundheitsfürsorge, starke Ausweitung der Bildung und Ausbildung für Mädchen sowie
Konzentration auf eine Verringerung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des Mannes, starke
Familien und Engagement von nichtstaatlichen und
Basisorganisationen.
Im Bereich der Umwelt haben wir eine Reihe äußerst
wichtiger Aufgaben vor uns, von denen eine mit dem
globalen Klimawandel zusammenhängt. Wir wissen
nicht genau, wo, in welchem Maße und wann Klimaveränderungen stattfinden. In der Administration ist
man jedoch davon überzeugt, daß wir genug über
mögliche Ereignisse wissen, um die richtige Versicherung abzuschließen.
Bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehende
Treibhausgase halten Wärme in der Erdatmosphäre

AMERIKA DIENST 15

�fest, ebenso wie in einem Treibhaus das Glas die
Wärme hält. Die zugrundeliegende Lehre ist klar:
Die fortgesetzte Zunahme von Treibhausgasen wird
zu einer Erwärmung der Erdatmosphäre und einem
Klimawandel mit beträchtlichen Konsequenzen für
unseren Planeten führen. Wir können es uns nicht
leisten abzuwarten. Obwohl noch Unsicherheit im
Hinblick auf Ausmaß und Geschwindigkeit des
Wandels besteht, gibt es keine Rechtfertigung für
Gleichgültigkeit.
Im April 1993 verpflichtete Präsident Clinton die
Vereinigten Staaten dem Ziel der globalen Klimakonvention - dem Einfrieren der Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990.
Im selben Jahr entwickelte die Administration einen
Plan mit über 50 innenpolitischen Maßnahmen zur
Erfüllung dieser amerikanischen Verpflichtung,
darunter eine verstärkte Nutzung erneuerbarer
Energiequellen, Ausweitung von Energiesparnormen
auf Geräte, Schutz von Wäldern und anderen
"Senken" für Treibhausgase.
Parallel dazu soll die Entwicklung und Verbreitung
von Umwelttechnologien gefördert werden. Die
Administration entwarf einen strategischen Rahmen
für Umweltexporte und rief eine neue Umwelttechnologieinitiative im Wert von über einer Milliarde Dollar
ins Leben, um umweltverträglichere Technologien zu
entwickeln und zu verbreiten.
Ferner stellten die Vereinigten Staaten 30 Millionen
Dollar zur Finanzierung von Landesstudien bereit,
die Entwicklungsländern mit einer im Übergang
befindlichen Volkswirtschaft bei der Bestandsaufnahme von Treibhausgasen sowie der Entwicklung
technologischer Optionen zur Emissionsreduzierung
beistehen sollen. Die Vereinigten Staaten arbeiten
mit über 50 Staaten an solchen Studien.

Die Administration entwickelte auch ein gezieltes
bilaterales Hilfsprogramm im Wert von über 300
Millionen Dollar, um Entwicklungsländern beim Abbau
von Treibhausgasemissionen im Energie- und Forstwirtschaftsbereich zu helfen.
Die Verringerung von Treibhausgasen und die
Förderung tragfähiger Entwicklung werden jedoch
weitaus schwieriger sein, wenn wir keine umfassenden Strategien zur Bekämpfung des schnellen
Bevölkerungswachstums entwickeln.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden. Die
Sicherheit des einzelnen gründet auf Frieden und
politischer Stabilität, physischer Gesundheit und
wirtschaftlichem Wohlergehen. Die größte Bedrohung für die menschliche Sicherheit sind die
schreckliche Armut, in der eine Milliarde Menschen
lebt, der Hunger, der 800 Millionen Männer, Frauen
und Kinder quält, die Verbreitung von AIDS, mit dem
bis zum Jahr 2000 zwischen 30 und 40 Millionen
Menschen infiziert sein werden sowie die Kombination von Gewalt, Armut und Umweltzerstörung, die 20
Millionen Menschen zum Verlassen ihrer Heimat
zwang.
Die Vermeidung von Krisen sowie eine tragfähige
Entwicklung werden im verbleibenden 20. Jahrhundert bis weit in das nächste Jahrhundert hinein die
größten Herausforderungen darstellen. Es ist an der
Zeit, unseren Ansatz zu nationaler Sicherheit neu zu
gestalten - in Erkenntnis der Tatsache, daß unsere
wirtschaftliche und unsere umweltpolitische Zukunft
ein und dasselbe sind. Diese Herausforderungen
entscheiden darüber, welche Zukunft unsere Kinder
und Enkel haben werden.

* *

AMERIKA DIENST 15

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
26. April 1995

Multilaterale Verhandlungen
über Finanzdienstleistungen
Rede von Finanzminister Rubin
WASHINGTON - (AD) - Die in der ersten Runde der multilateralen Verhandlungen über Finanzdienstleistungen
unter dem neuen GATT-Abkommen unterbreiteten Angebote sind US-Finanzminister Robert Rubin zufolge
enttäuschend.
Rubin äußerte sich am 13. April 1995 in einer Rede vor dem Los Angeles World Affairs Council zu den
Angeboten, bevor er zum zweiten Jahrestreffen der Finanzminister des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation - APEC) nach Bali aufbrach.
Rubin zufolge besteht das langfristige Ziel der Finanzminister im Aufbau offener Finanzmärkte, während die
kurzfristigen Ziele eine rechtzeitige Bereitstellung von Informationen aus dem Finanzbereich umfassen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Finanzministers.

Vor einem Jahrzehnt interessierte sich ein Finanzminister vor allem für die Vorgänge in London, Paris,
Bonn oder Tokio. Vor zwanzig Jahren wurde Asien
hier noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Heute
können die Ereignisse in Bombay, Singapur, Jakarta
oder Beijing enorme Auswirkungen auf die amerikanische Volkswirtschaft und die amerikanischen
Arbeitnehmer haben.
Dies ist im wesentlichen ein Anzeichen dafür, wie
stark sich die Weltwirtschaft in den letzten Jahren
gewandelt hat, und welche großen Auswirkungen
diese Veränderungen auf uns haben. Internationale
Unternehmen sind sich schon vor langer Zeit dieser
Entwicklungen bewußt geworden und zu echten
globalen Körperschaften geworden. Meines Erachtens muß die gesamte Wirtschaftspolitik einer
Nation genau diese globale Perspektive haben.
Diese Perspektive liegt allen Ansichten des Präsidenten zu Wirtschaftsfragen sowie den uns konfrontierenden Veränderungen und Herausforderungen zugrunde. Um in dem globalen wirtschaftlichen
Umfeld zu handeln, müssen wir global denken und
vorgehen - nicht nur bei unserer Außenpolitik,
sondern auch bei unserer Binnenwirtschaftspolitik.
Eine der wichtigsten Herausforderungen in der
Weltwirtschaft ist der enorme Anstieg von Größenordnung und Geschwindigkeit der heutigen Kapitalströme im Vergleich zu der Zeit vor nur fünf Jahren.

AMERIKA DIENST 15

Und die Märkte können heute entschieden härtere
Urteile abgeben. Vor einem oder zwei Jahrzehnten
mußten sich Finanzminister mit den Urteilen anderer
Regierungen, der internationalen Finanzinstitutionen
und einiger großer Banken befassen. Heute müssen
sie sich, insbesondere in Entwicklungsgebieten, über
die Urteile von Effektenmanagern in Finanzzentren
auf der ganzen Welt sowie über Effektenbewertungsgesellschaften Gedanken machen.
Zudem fand in den neuziger Jahren ein beträchtlicher
Anstieg bei der Nachfrage nach verfügbarem Kapital
statt. Dies zeigt sich an den gewaltigen Infrastrukturbedürfnissen der Entwicklungsländer.
Die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer haben
sich, insbesondere im asiatischen und pazifischen
Raum, als Motoren mit enormem Potential erwiesen.
Mehrere Länder, die vor zwei Jahrzehnten wirklich als
arm bezeichnet werden konnten, verfügen jetzt über
entwickelte Volkswirtschaften und sind somit gleichermaßen zu ernstzunehmenden Konkurrenten wie
großen potentiellen Absatzmärkten geworden.
Im vergangenen Jahrzehnt sind die weltweiten
Exporte real um 80 Prozent angestiegen, und wir in
den Vereinigten Staaten - immer noch der weltweit
größte Exporteur - beobachteten zwischen 1983 und
1993 einen 83prozentigen Anstieg unserer Exporte.
Ferner tätigen wir weltweit die meisten Auslandsinvestitionen.

Seite 1

�Vor diesem Hintergrund ist es eine meiner Aufgaben, den öffentlichen und den Privatsektor zu
drängen, sich sowohl auf globale wirtschaftliche
Integration als auch auf die asiatisch-pazifische
Region zu konzentrieren, in der ein großer Teil
unserer wirtschaftlichen Zukunft liegt - zukünftige
Arbeitsplätze und zukünftiger Wohlstand. Sie ist die
am schnellsten wachsende Region der Welt. Wir
sind eine pazifische Nation und müssen daher
energisch unsere Integration in die Wirtschaft des
asiatisch-pazifischen Raums anstreben.
Natürlich gehen unsere Beziehungen im asiatischpazifischen Raum - der pazifischen Gemeinschaft,
von der der Präsident gesprochen hat - weit über
wirtschaftliche Übereinkünfte hinaus. Wir haben - .
ebenso wie andernorts in der Welt - eindeutige
Sicherheitsinteressen in der Region und engagieren
uns entschieden für die Ermutigung von Verhältnissen, die die Achtung der allgemeinen Grundsätze
der Menschenrechte gewährleisten. Unsere Beziehungen beschränken sich nicht auf die Wirtschaft,
aber Wirtschaftsbeziehungen können Fortschritte in
anderen bedeutenden Bereichen fördern, ebenso
wie politische Öffnung Fortschritte bei Wirtschaftsreformen und -Wachstum antreiben kann.
Ich werde heute zum zweiten Treffen der Finanzminister des Forums für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) aufbrechen und
anschließend nach Indien Weiterreisen. Dies wird
der erste Besuch eines amerikanischen Finanzministers in Indien seit der Reise von William Simon im
Jahr 1975 sein. Wir werden auf den Tag genau 20
Jahre nach dem Besuch von Bill Simon dort landen.
An die Adresse derjenigen gerichtet, die nicht mit
dem APEC vertraut sind: Das APEC ist ein Zusammenschluß von 18 Volkswirtschaften der asiatischen, pazifischen und westlichen Hemisphäre - von
Wirtschaftsgiganten wie unserem Land und Japan,
unseren Nachbarn Kanada und Mexiko bis zu den
kleineren, aber schnell wachsenden Volkswirtschaften des Verbands Südostasiatischer Nationen
(Association of South-East Asian Nations - ASEAN).
Ich möchte anhand einiger Zahlen illustrieren, warum
diese Region für die Vereinigten Staaten von lebenswichtigem Interesse ist. Die Beteiligung am Wachstum in Asien und dem pazifischen Raum wird den
Amerikanern auch die Teilhabe an den Vorteilen
ermöglichen - Wachstum, Arbeitsplätze, Gewinne.
Insgesamt beträgt unser jährliches Handelsvolumen
in der Region - Mexiko, Kanada und Japan eingeschlossen - 318 Milliarden Dollar. Unsere Exporte in
die APEC-Staaten machen 63 Prozent unserer
gesamten Exporte aus - ein 9prozentiger Anstieg
innerhalb des letzten Jahrzehnts.

Seite 2

Unseren Handel mit Kanada und Mexiko ausgenommen, exportierten wir vor 10 Jahren ungefähr im Wert
von 57 Milliarden Dollar in die APEC-Staaten. Heute
belaufen sich unsere Exporte in die Region - erneut
unter Ausschluß Kanadas und Mexikos - auf 155
Milliarden - etwa das Dreifache von vor einem
Jahrzehnt. Beschränkt man die Analyse auf die
Entwicklungsländer innerhalb des APEC - Mexiko
ausgenommen - ergibt sich ebenfalls nahezu eine
Verdreifachung.
Heute sind 6 Millionen amerikanischer Arbeitsplätze
an unseren Handel mit dem asiatisch-pazifischen
Raum gebunden, ungefähr 900.000 allein hier in
Kalifornien.
Dies ist keine abstrakte politische
Rechenübung. Die Beteiligung an der Weltwirtschaft
bedeutet gutbezahlte Arbeitsplätze und einen höheren Lebensstandard für die Amerikaner.
Für die Investitionen gilt dasselbe. Im vergangenen
Jahr erwarben die APEC-Staaten nahezu 30 Prozent
der Aktien und Obligationen unserer Effektenmärkte,
die an Käufer in Übersee gingen. Umgekehrt bieten
die APEC-Märkte, insbesondere die neuentstehenden, zunehmende Chancen für amerikanische
Investoren. Über die Hälfte - 56 Prozent, um genau
zu sein - des Nettoflusses von Wertpapieren in die
Entwicklungsländer des APEC im Jahr 1993 stammten von amerikanischen Investoren. Im Vorjahr lag
dieser Wert noch bei 4,3 Prozent.
In der Region befinden sich viele neuentstehende
Märkte, und sie hängt - trotz hoher inländischer
Sparquote - stark von Auslandskapital ab. Seit 1987
ist die Kapitalisierung der Märkte in der Region um
das Zweieinhalbfache angestiegen, und der Kapitalfluß nimmt weiter zu. Es besteht ein eindeutiger
Bedarf. Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank vom vergangenen Jahr zufolge hat die Region
bis zum Ende des Jahrhunderts einen Infrastrukturbedarf von 1 Billion Dollar. Das sind jährlich ungefähr
200 Milliarden Dollar für Telefone, Kraftwerke, Flughäfen, Autobahnen und ähnliches. Hier in Los
Angeles entspricht das einem Century Freeway pro
Woche. Dies erfordert einen riesigen Kapitalzufluß,
bietet aber gleichzeitig gewaltige Exportmöglichkeiten.
Obwohl ich ein optimistisches Bild male, hat es einige
Wolken. Es bestehen Hindernisse für freieren Handel
und in einigen Gebieten die Notwendigkeit, Privatisierung und andere Reformen fortzusetzen.
Nachdem ich jetzt den Rahmen abgesteckt habe,
möchte ich kurz darauf eingehen, was wir in den
nächsten Jahren und Jahrzehnten unternehmen
müssen, um in der Weltwirtschaft Erfolg zu haben.
Globales Denken, das wir praktizieren müssen, rückt
viele Dinge in ein anderes Licht. Ich möchte mich auf

AMERIKA DIENST 15

�drei Bereiche konzentrieren, die in unserem Land
Gegenstand ausführlicher philosophischer Debatten
sind.
Erstens. Teilnahme am Wettbewerb in einer Weltwirtschaft erfordert offene Märkte. Aus diesem
Grund hat sich diese Administration für den Abschluß des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) sowie der Uruguay-Runde des GATT
eingesetzt. Dies ist ferner der Grund, warum diese
Administration ein Freihandelsabkommen für die
Hemisphäre bis zum Jahr 2005 sowie für die gesamte asiatisch-pazifische Region bis 2020 anstrebt. Es
sind jedoch noch laute Stimmen zu vernehmen, die
sich gegen offene Märkte aussprechen - eine Idee,
die unseres Erachtens für unsere Zukunft absolut
entscheidend ist.
Zweitens. Wir führen eine Debatte über innenpolitische Prioritäten. Der Präsident hat seit Beginn der
Amtszeit unserer Administration darauf hingewiesen,
daß eine effektive Vorbereitung unserer Volkswirtschaft auf den globalen Wettbewerb Investitionen
des öffentlichen Sektors in Bildung und Ausbildung,
die Innenstädte und andere für unsere zukünftige
Produktivität entscheidende Bereiche erfordert - alles
im Rahmen einer Aufrechterhaltung der Finanzdisziplin. Nach Meinung einiger mögen das soziale
Programme sein, aber von einem pragmatischen,
nüchternen, geschäftsmäßigen Standpunkt aus sind
Programme dieser Natur langfristige Investitionen in
Produktivität, welche für Wettbewerb und Wohlstand
erforderlich ist.
Zudem sieht der Etat des Präsidenten für das
nächste Haushaltsjahr steuerliche Anreize vor, damit
die Menschen in ihre Bildung und Ausbildung sowie
in ihre Kinder investieren und mehr sparen. Halten
Sie sich vor Augen, was die Konzentration auf
Bildung und Ausbildung in Singapur, Korea und
Taiwan in wenigen Jahren bewirkt hat. Einige dieser
Länder waren arm und erhielten Auslandshilfe. Jetzt
sind es mächtige wirtschaftliche Konkurrenten.
Kürzlich las ich die Studie eines Ökonomen der
Columbia University, die genau diesen Punkt untermauert. Ihr zufolge war insbesondere im Fall Korea
und Taiwan nicht die Exportorientierung ein wichtiger
Wachstumsfaktor, sondern die Bildungs- und Ausbildungsinvestitionen.
Drittens. Wir müssen beim Umgang mit den Problemen der Weltwirtschaft eine Führungsrolle übernehmen. Dazu sind wir als einzige Nation in der
Lage.
In der modernen Weltwirtschaft, in der
Ereignisse und Gegebenheiten außerhalb unserer
Grenzen einen bedeutenden - positiven oder negativen - Einflu ß auf unser wirtschaftliches Wohlergehen
haben, gebieten unsere Eigeninteressen - nicht

AMERIKA DIENST 15

soziale oder moralische Überlegungen - die Übernahme einer nachdrücklichen Führungsrolle. Beispielsweise ist es wichtig, daß wir die wesentliche
Rolle der Weltbank und des IWF erkennen. Ihr
Beitrag zu Entwicklung und Wirtschaftsreformen kann
einen Exportanstieg und mehr amerikanische Arbeitsplätze herbeiführen.
In Washington wird eine Debatte über diese Institutionen und darüber geführt, ob wir unseren finanziellen
Verpflichtungen ihnen gegenüber nachkommen. Dies
ist Anzeichen für die übergeordnete Debatte, ob wir
uns in Zukunft nach außen öffnen und in der Weltwirtschaft eine Führungsrolle übernehmen oder in uns
selbst zurückziehen sollten. Ich habe keinen Zweifel
daran, daß die Antwort Engagement, Führungsrolle
und Wettbewerb lautet. Das liegt in unserem eigenen
Interesse.
Im Fall der mexikanischen Probleme übernahmen wir
eine Führungsrolle, weil amerikanische Interessen auf
dem Spiel standen. Sie in Kalifornien wissen, daß
wir eine 3.000 Kilometer lange Grenze zu Mexiko
haben. Wir machten uns Sorgen über die Gefahr
eines Anstiegs der illegalen Einwanderung sowie
über unsere Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen sowohl im Hinblick auf Mexiko als auch in bezug auf
die Finanzmärkte anderer Entwicklungsländer, um ein
Übergreifen zu vermeiden. Das Hilfsprogramm ist
jetzt in Kraft. Es ist solide und sollte funktionieren.
Es gibt Anzeichen für Fortschritte, aber erst mit der
Zeit kann man Genaueres sagen.
Wir engagierten uns im Fall von Mexiko. Der Kongreß engagiert sich bei der Unterstützung internationaler Finanzinstitutionen, und wir konzentrieren uns
auf eine Modernisierung dieser Institutionen, damit
sie sich mit den Problemen befassen, die in Mexiko
auftraten. Gleichzeitig bereiten wir das für Juni
dieses Jahres anberaumte Gipfeltreffen der G-7 in
Halifax vor.
Die Lehren aus dem Fall Mexikos sind bei den
Vorbereitungen für das Treffen der APEC-Finanzminister jedem im Gedächtnis. Die Zukunft der Entwicklungsländer liegt in Wirtschaftsreformen, offenen
Märkten, Deregulierung, Privatisierung, der Entwicklung und Stärkung effektiver Kapitalmärkte, wie es in
Mexiko geschah. Und sie hängt von Dingen ab, die
in Mexiko nicht gegeben waren: solider Schuldenverwaltung, Währungs- und Wechselkurspolitik sowie der
frühzeitigen Bereitstellung wirtschaftlicher Informationen.
Dieses Treffen bietet uns die große Chance, auf dem
aufzubauen, was Präsident Clinton 1993 in Seattle
begann und im vergangenen Jahr im indonesischen
Bogor sowie beim ersten Treffen der Finanzminister

Seite 3

�mit Finanzminister Bentsen fortsetzte. Das APEC
kann nicht nur eine entscheidende Rolle spielen,
sondern auch bei den globalen Bestrebungen die
Führungsrolle übernehmen, stabile und integrierte
Kapitalmärkte aufzubauen und Handel sowie andere
Aspekte wirtschaftlicher Reformen zu fördern.
Die Frage lautet jetzt, was die Regierungen der
APEC-Staaten unternehmen können, um einen
freieren Kapitalfluß zu ermutigen, der - wie die
Politiker der APEC-Staaten im vergangenen Jahr in
Bogor feststellten - für Investitionen und Wirtschaftswachstum so entscheidend ist und um gleichzeitig
das Risiko von Krisen auf den Finanzmärkten,
ähnlich der mexikanischen, zu senken?
Dies ist eindeutig eine langfristige Herausforderung,
ein dauerhafter Prozeß, der kooperative Konsultationen und ständige Aufmerksamkeit erfordert.
Auf lange Sicht wird meines Erachtens eine konzertierte Konzentration auf die Schaffung soliderer,
diversifizierterer und offenerer Kapitalmärkte einen
dauerhaften Beitrag zur Stärkung der Fähigkeit
dieser Märkte leisten, importiertes Kapital wirksam
zu sichern, größere Mengen inländischer Ersparnisse zu mobilisieren, Kapitel zu halten und Unbeständigkeit abzubauen.
Kurzfristig können die Minister meiner Meinung nach
Einigung über eine Anzahl sehr praktischer Maßnahmen erzielen, beispielsweise die rechtzeitige Freigabe nützlicher Finanzinformationen - um die Märkte
zu stabilisieren und die Kapitalflüsse aufrechtzuerhalten.
Marktbewegungen werden viel reibungsloser ablaufen, wenn die Investoren besser informiert sind.
Größerer Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen
ermöglicht Investoren auch eine bessere Unterscheidung zwischen einzelnen Ländern, so daß die
Übertragung von Problemen keine so große Schwierigkeit mehr darstellt.
Unsere Hauptthemen werden dann sein, wie Transparenz und andere Maßnahmen entwickelt werden
können, die im Zusammenhang mit gestärkten und
effizienteren Kapitalmärkten stehen, welcher zusätzliche Beitrag von den Überwachungs- und Regelsystemen geleistet werden kann, und - da so viele
Minister ebenso wie unser Finanzministerium für die
Überwachung des Zollwesens verantwortlich sind wie das Zollverfahren vereinfacht werden kann, das
allzuoft ein ebensolches Handelshemmnis ist wie die
Zölle selbst. Erneut ist das von Mexiko Gelernte die
Notwendigkeit solider makroökonomischer, währungspolitischer und finanzpolitischer Maßnahmen.

Seite 4

Ich werde mit verschiedenen wichtigen Ministern
auch die Frage der Finanzdienstleistungen ansprechen. Die Vereinigten Staaten haben einen der
offensten Märkte der Welt. Gerade fand bei den
Verhandlungen über Finanzdienstleistungen unter
dem neuen GATT-Abkommen die erste Runde von
Angeboten statt. Die Ergebnisse sind enttäuschend.
In den nächsten Monaten steht viel Arbeit an, und ich
werde hart auf gute Zusagen von bedeutenden
Märkten drängen.
Was Indien anbelangt, demonstriert meine Reise, die
nach der unserer First Lady stattfindet, welche
Priorität wir unseren Beziehungen zu Indien beimessen. Indien ist ein klares Beispiel dafür, wie sich die
Welt verändert.
Vor ein oder zwei Jahrzehnten sah man Indien als
arme Nation, und der wirtschaftlichen Seite der
Beziehungen wurde wenig Aufmerksamkeit gewidmet.
Jetzt betrachten unsere weitblickenden Geschäftsleute Indien als große Chance für die Vereinigten
Staaten. Mit 900 Millionen Bürgern und einer wachsenden Mittelschicht nahezu von der Größe der
gesamten amerikanischen Bevölkerung ist Indien für
Handel und Investitionen von Bedeutung. Übrigens
war Handel eines der Themen, das Bill Simon dort
ansprach - ich habe seine Rede gelesen.
Seit der Einführung von Reformen 1991 hat Indien
eine große Wende erzielt. Es öffnete sich der Welt
und veränderte sich im Inland. Das Ergebnis ist
wahrhaft beeindruckend.
Meine Aufgabe in Indien besteht in der Erörterung
dieser Reformen, insbesondere auf den Gebieten
Makroökonomie und Finanzen, sowie in der Weiterentwicklung unserer kooperativen Bestrebungen im
wirtschaftlichen Bereich.
Da ich die Arbeit unserer internationalen Finanzinstitutionen für so wichtig erachte, plane ich im
Rahmen meiner Indienreise die Besichtigung eines
von der Weltbank geförderten Entwicklungsprojekts,
um mich aus erster Hand davon zu überzeugen, wie

Entwicklung das Leben der Menschen verbessert und
Wachstum fördert, das wiederum Chancen nicht nur
für die Hilfsempfänger, sondern auch für die amerikanische Wirtschaft schafft.
Bevor ich Ihre Fragen beantworte, möchte ich abschließend noch einmal auf das vorher Gesagte
zurückkommen. Ob es uns gefällt oder nicht - die
Vereinigten Staaten sind nicht länger ein vorwiegend
autonomer Wirtschaftsriese. Obwohl sie immer noch
die größte Volkswirtschaft der Welt haben, sind sie
ein integraler Bestandteil der Weltwirtschaft. Die
Chancen in dieser Weltwirtschaft sind ebenso riesig

AMERIKA DIENST 15

�wie die Probleme. Meiner Meinung nach hängt
unser zukünftiger Wohlstand zweifelsohne von
unserem umfassenden Engagement in der Weltwirtschaft ab, von der Übernahme einer Führungsrolle,
wo dies erforderlich ist, sowie der Vorbereitung
darauf, in dieser Weltwirtschaft ein produktiver und
wettbewerbsfähiger Akteur zu sein.
Obwohl alle Nationen im wirtschaftlichen Bereich aus
Eigeninteresse handeln, stimmen diese Interessen in
einer Welt zunehmender Wechselbeziehungen, sei
es beim Handel oder auf den Kapitalmärkten, immer
stärker überein. Beim Handel war die Gegenseitigkeit von Interessen immer das Hauptargument für
offene Märkte. Auf den Finanzmärkten finden

*

AMERIKA DIENST 15

schnelle Ereignisse statt, deren Auswirkungen nicht
länger vor Grenzen haltmachen. Wie wir gesehen
haben, können Märkte hart sein. Marktstabilität, die
für einen von Vorteil ist, kann für alle von Vorteil sein.
Eine Zerrüttung des Marktes, die einem schadet,
kann allen schaden.
Unsere Gespräche beim APEC-Finanzministertreffen
und die daraus resultierenden Entscheidungen
können einen Beitrag für den Umgang mit den
Problemen und Chancen leisten, die uns alle betreffen - nicht nur in der Region, sondern in allen,
zunehmend integrierten Volkswirtschaften der Welt,
an denen die Vereinigten Staaten größeres Interesse
denn je haben.

* * *

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Gore drängt auf unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident AI Gore&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Abbau von Atomwaffen in der ehemaligen Sowjetunion macht gute Fortschritte &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;strong&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Umweltpolitische Fortschritte sind "große amerikanische Erfolgsgeschichte" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Präsident Clinton&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltpolitische Herausforderungen in der Welt nach dem Kalten Krieg &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Timothy Wirth&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Multilaterale Verhandlungen über Finanzdienstleistungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Finanzminister Rubin&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amerika dienst
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DOKU ITlöntCltiOn

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24. Mai 1972

Inhalt
INFORMATION
Umweltschutz-Abkommen zwischen USA und UdSSR
USA und Sowjetunion beschließen Erweiterung der Zusammenarbeit
in der Medizin
DOKUMENTATION
Nixon: Die friedliche Zusammenarbeit muß Wirklichkeit werden
- Wortlaut des Trinkspruchs im Kreml Nixon erhofft vom Moskauer Gipfeltreffen Fortschritte für den Frieden
- Auszüge aus einer Erklärung vor Journalisten Pressekonferenz von Außenminister Rogers am 19. Mai
- Auszüge HINTERGRUNDMATERIAL
*•
Die militärische Macht der USA im Dienste des Friedens
III. Die US-Luftwaffe wird modernisiert
Von Hubert G. Collins
WIRTSCHAFT
George P. Shultz - der neue amerikanische Finanzminister
Ein Fachmann für Wirtschaftsfragen
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Üb erschallflug und Umwelt
Neues Forschungsprojekt in USA
Neuer Impfstoff gegen Meningitis
Fahrzeuge für Industrie- und Entwicklungsländer
TRANSPO 72 - Erste internationale Verkehrsausstellung in Washington

B E I L A G E
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN IN USA
Das Wahljahr 1972

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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21/1972

UMWELTSCHUTZ-ABKOMMEN ZWISCHEN USA UND UdSSR

- (AD) - Als "ein historisches Ereignis in mehrfacher Hinsicht" bezeichnet Russell Train, der Vorsitzende des amerikanischen Präsidialbeirats
für Umwelthygiene, das am 23. Mai 1972 von Präsident Nixon und Staatspräsident Podgorny in Moskau unterzeichnete amerikanisch-sowjetische Abkommen
über eine Zusammenarbeit in Fragen des Umweltschutzes. Es ist das erste umfassende Abkommen auf diesem Gebiet zwischen zwei Weltmächten und sieht
konkrete gemeinsame Programme sowie die Durchführung spezieller Projekte vor.
Der übliche Rahmen internationaler Zusammenarbeit auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet wurde damit durchbrochen. Insbesondere werden sich beide
Nationen gemeinsam um die Entwicklung neuer Technologien bemühen, die keine
zusätzlichen Umweltbelastungen schaffen. Die Einführung solcher Technologien
in die industrielle Praxis und Untersuchungen zu ihren Auswirkungen auf das
Wirtschaftsleben sind weitere Hauptpunkte des Abkommens.

Einzelne Gebiete für langfristige Zusammenarbeit sind u.a. wie folgt
definiert: Probleme der Luftverschmutzung, Wasserverschmutzung, Umweltverschmutzung, Städtesanierung, Naturschutz, biologische und genetische Aus-

�Auswirkungen von Umweltverschmutzung, Einfluß von Umweltveränderungen auf
das Klima, Erdbebenvoraussage, ökologische Systeme in Arktis und Subarktis,
gesetzliche und administrative Maßnahmen zur Umwelthygiene. Für die Ums-etzung der Vereinbarung in die Praxis ist eine amerikanisch-sowjetische Kommission verantwortlich, die einmal im Jahr abwechselnd in Washington und in
Moskau zusammentritt. Von amerikanischer Seite werden ihr Vertreter aller
für Umweltfragen zuständigen Behörden angehören. Angesichts der Bedeutung
des Abkommens und des zügigen Ablaufs seiner Vorbereitungen - sie kamen im
Herbst 1971 in Gang und wurden mit dem Besuch einer vierköpfigen amerikanischen Delegation unter der Leitung von Dr. Gordon MacDonald (Mitglied des
Beirats für Umwelthygiene) Anfang Mai 1972 in Moskau abgeschlossen - ist
schon in Kürze mit der Aufnahme gemeinsamer aktiver Programme zu rechnen.

+ + + + +

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21/1972

USA UND SOWJETUNION BESCHLÜSSEN ERWEITERUNG DER ZUSAMMENARBEIT
IN DER MEDIZIN

WASHINGTON - (AD) - Die wissenschaftliche Forschung und Zusammenarbeit,
die amerikanische und sowjetische Ärzte in die Lage versetzt, die "Grenzen
des Wissens zu erweitern", ist das Ziel des neuen Abkommens zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, das am 23. Mai in Moskau unterzeichnet wurde.

In Washington erläuterte der Minister für Gesundheits-, Erziehungs- und
Fürsorgewesen, Elliot R. Richardson, auf einer Pressekonferenz das neue Abkommen. Danach werden Wissenschaftler beider Länder auf den verschiedensten
Ebenen zusammenarbeiten, wobei sich die Anstrengungen in erster Linie auf
drei Hauptgebiete konzentrieren werden: Herz- und Gefäßkrankheiten, Krebs
und Umwelthygiene. Ferner sollen gemeinsam neue medizinische Ausrüstungen
und Geräte sowie Medikamente entwickelt werden. Von besonderem Interesse ist
die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Chemotherapie von Krebserkrankungen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Abkommens ist die ständige Zusammenarbeit mit internationalen medizinischen Organisationen, insbesondere mit
der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zusätzlich zu dem Austausch von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungsergebnissen ist ein Austausch von
technischem Gerät und pharmazeutischen Erzeugnissen vorgesehen.
Das

- 1-

�Das Abkommen ist mit der Unterzeichnung in Kraft getreten. Eine Billigung durch den amerikanischen Kongreß ist nach den Worten von Minister
Richardson nicht erforderlich. Beide Länder haben eine gemeinsame Kommission
gebildet, die die einzelnen Vorschläge ausarbeiten soll. Die beiden Vorsitzenden sind Dr. Roger 0. Egeberg auf amerikanischer und Dr. Dimitri
Venedictow auf sowjetischer Seite.

- 2-

�&lt; a m e r i k a dienst
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21/1972

NIXON: DIE FRIEDLICHE ZUSAMMENARBEIT MUSS WIRKLICHKEIT WERDEN
- Wortlaut des Trinkspruchs im Kreml -

MOSKAU - (AD) - Präsident Nixon hat am 22. Mai anläßlich eines Essens,
das die sowjetische Führung ihm zu Ehren im Kreml gab, auf die Bedeutung der
(

friedlichen Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie den Völkern der Welt hingewiesen. In einem Trinkspruch sagte der
amerikanische Präsident, bei allen Meinungsverschiedenheiten hätten die USA
und die Sowjetunion ein mächtiges, gemeinsames Interesse an Frieden und Sicherheit.

Der Trinkspruch Nixons hat folgenden Wortlaut:
"Ich möchte meinen Dank für die Gastfreundschaft zum Ausdruck bringen,
die Sie Mrs. Nixon und mir sowie allen Mitgliedern unserer Delegation anläßlich dieses ersten Besuches eines amerikanischen Präsidenten in Moskau erwiesen haben.

Der Mut des russischen Volkes, das über Generationen hinweg diese Stadt
heldenhaft gegen Invasoren verteidigt hat, führt einem eines lebhaft vor
Augen: Die einzige Möglichkeit, diese Stadt zu betreten, ist, sie in Frieden
zu betreten.

Wir alle können die Geschichte in diesem großen Palast spüren. Hier
trafen Russen und Amerikaner in Waffenbrüderschaft zusammen, um einige der

- 1 -

�'

der Hauptentscheidungen des zweiten Weltkrieges auszuarbeiten, womit ein Beispiel für die Zusammenarbeit in Kriegszeiten gesetzt wurde - eine Zusammenarbeit, der in Friedenszeiten zu folgen, wir zu lange Zeit gebraucht haben.
In dieser Woche treffen wir hier in diesen Mauern zusammen, um Entscheidungen
zu treffen, die mithelfen können, daß der Weg zum Frieden für alle Welt geebnet wird.

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sind Großmächte. Unsere
Völker sind große Völker. In der langen Geschichte unserer Länder haben wir
einander niemals in einem Krieg bekämpft. Lassen Sie uns jetzt Entscheidungen
treffen, die sicherstellen werden, daß dies auch niemals in Zukunft der Fall
sein wird,

Das amerikanische Volk wünscht Frieden. Ich weiß, daß auch die Völker
der Sowjetunion Frieden wünschen. Ich hoffe zutiefst, daß wir als die Vertreter unserer beiden Völker zusammenarbeiten können, um sicherzustellen, daß
alle Völker der Erde sich der Segnungen des Friedens erfreuen können.

An die Gipfeltreffen der Vergangenheit denkt man wegen ihres 'Geistes'
zurück. Wir müssen danach streben, daß man an das Moskauer Gipfeltreffen
wegen seiner Substanz zurückdenkt

Eine mehr als zweijährige, sorgfältige Vorbereitung hat unsere gemeinsame
ernsthafte Zielsetzung erwiesen und uns zu diesem Treffen geführt mit der
Bereitschaft, konkrete Abkommen zu schließen.

Vor noch nicht allzu langer Zeit konzentrierte sich unsere Aufmerksamkeit auf unsere relativen Positionen der Stärke, Aber im Nuklearzeitalter
gibt es keine Sicherheit in einem Übergewicht der Stärke. Die Großmächte
haben diese Tatsache erkannt: Abkommen, die sich auf der Ausnützung der angenommenen Schwäche einer Seite stützen, veranlassen diese nur, ihre Bemühungen, den Gleichstand zu erreichen, zu verdoppeln} Abkommen jedoch, die
auf beiderseitiger Respektierung und auf Gegenseitigkeit basieren, haben

- 2-

�haben weit größere Aussichten, von Bestand zu sein.

Weil wir beide bereit sind, auf der Basis der Gleichheit und der beiderseitigen Achtung voranzukommen, ist dies ein Augenblick, an dem wir die friedliche Zusammenarbeit Wirklichkeit werden lassen können. Um aus dieser Möglichkeit das meiste herauszuholen, sollten wir uns darüber im klaren sein, daß
wir trotz zahlreicher fundamentaler und tiefgehender Meinungsverschiedenheiten
ein mächtiges,gemeinsames Interesse an Frieden und Sicherheit haben.

Wir sollten uns darüber im klaren sein, daß große Nuklearmächte die
feierliche Verpflichtung haben, bei jeder Krise Zurückhaltung zu üben und
positive Maßnahmen zu ergreifen, um eine direkte Konfrontation zu verhindern.

Einer Großmacht fällt auch eine große Verantwortung zu. Immer dann, wenn
Macht nicht von Verantwortung begleitet wird, ist der Friede in Gefahr. Lassen
Sie uns dafür sorgen, daß unsere Macht immer nur eingesetzt wird, um den
Frieden zu wahren, niemals, um ihn zu brechen.

Wir sollten uns ferner darüber im klaren sein, daß es die Pflicht der Großmächte ist, in Konflikten oder Krisen andere Nationen dahingehend zu beeinflussen, daß sie sich in ihrem Verhalten Mäßigung auferlegen.

Lassen Sie mich darlegen, was wir meines Erachtens beide in dieser
Woche erreichen möchten.

1. Wir möchten die Arbeit an den Fragen abschließen, die durch jahrelange
geduldige Verhandlungen bis zur Entscheidung gebracht worden sind. Bilaterale
Fragen dienen uns als Ausgangspunkt: Unsere beiden Länder können bei der Erforschung des Weltraums, der Bekämpfung der Krankheiten und bei der Verbesserung der Umwelt zusammenarbeiten. Ein Fortschritt in der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit wird beiden Ländern zum Nutzen gereichen. Die beiden größten
Volkswirtschaften der Welt stehen sich gegenwärtig in relativer Isolierung
gegenüber. Die Möglichkeit für neue kommerzielle Beziehungen eröffnet eine
große Chance des Fortschritts für unsere beiden Völker.
Die

�Die Aufmerksamkeit der Welt richtet sich vor allem auf die Möglichkeit
einer ersten Begrenzung der strategischen Rüstungen. Zum ersten Mal würden
große Nationen einem weiten Bereich ihrer wichtigsten Waffensysteme Restriktionen auferlegen. Ein Abkommen auf diesem Gebiet könnte der Anfang dafür
sein, daß sich unsere Länder von einem verschwenderischen und gefährlichen
Wettrüsten ab - und einer größeren Produktion für den Frieden zuwenden.

Wenn bei diesen bilateralen Fragen eine positive Haltung zutage tritt,
dann wird die Lösung anderer Fragen in anderen Teilen der Welt neuen Auftrieb erhalten.

Wenige Minuten nach meinem Amtseid als Präsident der Vereinigten Staaten
erklärte ich meinen Landsleuten, daß die Zeit gekommen sei, um von einer Ära
der Konfrontation zu einer Ära der Verhandlungen zu gelangen. In dieser Woche
können wir den Beweis dafür liefern, daß die Ära der Verhandlungen zwischen

den mächtigsten Ländern der Welt begonnen hat. Es liegen harte Verhandlungen
vor uns, und Staatsmänner, die sich mit wirklichen Meinungsverschiedenheiten
befassen, werden ihren Teil an Hindernissen zu überwinden haben.
Wir haben verschiedene Interessen und verschiedene Methoden, und keiner
von uns wird zögern, darauf hinzuweisen. Aber die Grundlage eines gesunden
Wettstreits muß die Bereitschaft sein, in Fragen von ausschlaggebender Bedeutung zusammenzuarbeiten und sich auszutauschen.

Daher treffen wir nicht nur in einer Atmosphäre des guten Willens zusammen, den wir ohne Frage haben. Wir treffen nicht nur zusammen, um Abkommen
abzuschließen, von denen ich hoffe, daß wir sie abschließen können. Wir
treffen zusammen, um ein neues Zeitalter in den Beziehungen zwischen unseren
beiden großen und mächtigen Ländern einzuleiten.

Indem

ich auf dieses Zukunftsbild blicke, lassen Sie mich die amerika-

nische Verpflichtung bekräftigen:
Die

„ 4 -

�Die Vereinigten Staaten sind bereit, mit allen Nationen bei der Schaffung
einer friedlichen Welt eng zusammenzuarbeiten, in der jedes Land über sein
eigenes Geschick entscheidet.

Unsere beiden Völker lernten, einander zu bewundern, als wir uns zusammenschlössen, um in Zeiten des Krieges einen gemeinsamen Feind zu besiegen. Wir
lernten, einander zu respektieren als Gegner in einer Zeit der Spannung nach
dem Kriege. Lassen Sie uns nun lernen, in einer Zeit des Friedens zusammenzuarbeiten.

Wir wollen uns immer vor Augen halten: Wenn wir damit beginnen, die Last
der bewaffneten Konfrontation von unseren Völkern zu nehmen, dann erhöhen wir
damit die Friedenshoffnungen aller Völker der Welt.
Niemals haben zwei Völker eine größere Aufgabe oder ein größeres Ziel
gehabt. Wollen wir uns den Hoffnungen des sowjetischen Volkes, des amerikanischen Volkes und aller Völker auf dieser Erde wert erweisen, wenn wir gemeinsam auf dieses Ziel einer friedlichen Welt hinarbeiten."

+ ++++

- 5-

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21/1972

NIXON ERHOFFT VOM MOSKAUER GIPFELTREFFEN FORTSCHRITTE FÜR DEN FRIEDEN
- Auszüge aus einer Erklärung vor Journalisten -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Nixon hofft, daß die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion auf dem Gipfeltreffen in Moskau zu einer "konstruktiven
Beziehung" gelangen, in deren Rahmen beide Mächte ihren Einfluß geltend machen,
um "die

Aggression zu entmutigen und die Kräfte des Friedens zu ermutigen."

In einer längeren Erklärung vor Journalisten, die ihn begleiten, gab der
amerikanische Präsident am Vorabend seiner Abreise einen Überblick über seine
Erwartungen, wobei er hervorhob, daß die Rüstungskontrolle, der Handel sowie
die Weltraumforschung die Gebiete sein dürften, auf denen am wahrscheinlichsten
Vereinbarungen zwischen den beiden Ländern während der Gipfelgespräche erreicht werden könnten.

Präsident Nixon führte unter anderem aus:

" ... Ich dachte, es wäre vielleicht nützlich, Ihnen einen kleinen Überblick über die Reise sowie einige Informationen zu geben, die Ihnen bei Ihrer
Berichterstattung hilfreich sein könnten. Diese Reise ist alles in allem
vielleicht über drei Jahre geplant worden. Sie werden sich erinnern, daß ich
bereits auf meiner ersten Pressekonferenz hier im Weißen Haus nach einem
Gipfeltreffen gefragt worden bin.

Damals

�Damals äußerte ich mich recht pessimistisch über Gipfeltreffen, es sei
denn, sie seien gut im voraus geplant. Ich sagte das, weil ich - wie auch
Sie - gewisse Erinnerungen an die Gipfeltreffen der Vergangenheit hatte. Ich
sehe noch deutlich vor mir, was damals in der Presse darüber geschrieben
wurde. Es war da die Rede vom «Geist von Wien', vom 'Geist von Genf1, vom
'Geist von Glassboro' und vom 'Geist von Camp David'. Worauf all diese Treffen hinausliefen, waren Äußerlichkeiten, ein Gefühl der Hoffnung in der Welt und vor allem in den Vereinigten Staaten -, und dann kam die Enttäuschung,
weil es nur sehr viel Gerede gab, aber kaum Wesentliches erreicht wurde.

Diese Reise nun ist in der Hauptsache auf das Wesentliche, statt auf
Äußerlichkeiten gerichtet - wobei ich nicht überbetonen möchte, was Sie
vielleicht an Wesentlichem erwarten.
Wir unternehmen diese Reise nicht nur, um eine neue Beziehung zu eröffnen, wie das im Hinblick auf die Peking-Reise der Fall war. Das war
natürlich überaus wichtig; es war wichtig, genau zu diesem Zweck nach Peking
zu reisen, wenn schon sonst nichts anderes erreicht werden konnte. Und unserer
Meinung nach war dies auch für andere Dinge nützlich.
In diesem Falle jedoch ist es so, daß wir seit langem Beziehungen mit
der Sowjetunion unterhalten. Es haben auf den verschiedensten Ebenen Kontakte
stattgefunden - auf Kabinettsebene -, und hohe sowjetische und amerikanische
Regierungsvertreter sind während des Weltkrieges und nach dem Kriege immer
wieder zusammengetroffen.

Was nun in den letzten dreieinhalb Jahren geschähest folgendes: Wir
haben auf verschiedenen Gebieten einen langen Prozeß begonnen, in dessen Verlauf auf beiden Seiten ... festgestellt werden sollte, ob ein Treffen der Regierungsvertreter auf Gipfelebene nützlich sein würde; das ist der Grund,
weshalb wir erst vor einigen Monaten eine Entscheidung - eine beiderseitige
Entscheidung übrigens - trafen, daß ein solches Treffen dienlich wäre.
Sie
- 2-

�Sie werden sich erinnern, daß das Einzelereignis, das die sowjetische
und unsere Entscheidung hinsichtlich eines Gipfeltreffens zustandebrachte,
das erfolgreiche Viermächte-Abkommen über Berlin war. Wir waren der Meinung,
daß wir, wenn wir beide auf diesem so kritischen Gebiet Fortschritte erzielen konnten, dann mit einiger Hoffnung auf Erfolg versuchen sollten, auch
auf einigen anderen, ebenfalls schwierigen Gebieten Fortschritte zu machen

Um nun auf dieses Gipfeltreffen zu kommen, so möchte ich meinen, daß
es nicht nützlich wäre, Spekulationen darüber anzustellen, welche Abkommen
oder Absprachen nun daraus resultieren könnten. Ich möchte hier nur die
drei Themen ansprechen, über die so sehr viel in der Presse geschrieben worden
ist - drei Themen, drei Gebiete, die auf der Tagesordnung stehen und bei denen
die Möglichkeit - keinesfalls die Gewißheit -,aber doch die Möglichkeit besteht,
daß Einigung erzielt wird, vorausgesetzt, daß wir auf höchster Ebene einige
immer noch bestehende Engpässe überwinden können.

Das eine Gebiet ist natürlich die Rüstungsbegrenzung. Auf diesem Gebiet
sind beträchtliche Fortschritte gemacht worden. Es müssen allerdings noch
einige sehr schwierige Probleme gelöst werden. Wir werden sie direkt ansprechen. Ich werde sie während meines Besuches offen mit Parteichef Breschnew
erörtern, und wir hoffen, daß wir auf diesem Gebiet eine Einigung erreichen
werden.

Beide Seiten sind sich jedoch darüber im klaren, da.C, einige sehr schwierige
Probleme vor uns liegen, bei denen nur eine Entscheidung auf Gipfelebene eine
Einigung bringen kann. Wir sind hoffnungsvoll, aber wir möchten hier doch nicht
den Eindruck hervorrufen, daß mit Gewißheit eine Einigung erreicht werden kann.

Das zweite Gebiet ist der Handel. Sie alle haben natürlich die Reisen
von Landwirtschaftsminister Butz und von Handelsminister Stans nach der Sowjetunion verfolgt und natürlich auch die Reisen, die der sowjetische Landwirtschaftsminister und der sowjetische Handelsminister nach den Vereinigten Staaten
unternommen haben. Sie trafen hier mit (unserem neuen) Handelsminister Peterson
sowie mit (dem Vorsitzenden des Rates für Internat ionale Wirtschaftspolitik)

- 3-

�Wirtschaftspolitik) Peter Flanigan zusammen - und natürlich auch ich hatte
Zusammenkünfte mit beiden.

In diesem Zusammenhang traf ich mit den führenden Mitgliedern des Kongresses zusammen, um Dinge zu erörtern wie die Meistbegünstigungsklausel,
die Frage

von Krediten und anderes. Ich möchte sagen, daß die Chancen für

einige positive Ergebnisse gut sind - nicht sicher, aber zweifellos gut.
Sie werden das bestimmt während Ihres Aufenthalts in der Sowjetunion sehr
genau verfolgen.

Ein drittes Gebiet, das ich Ihrer Aufmerksamkeit anempfehle, ist der
Bereich der Zusammenarbeit im Weltraum. In diesem Zusammenhang muß ich an
die Rede denken, die ich im Jahre 1959 über das Fernsehen an das sowjetische
Volk richtete. Ich hatte schon fast vergessen, ... daß ich damals erklärte,
'laßt uns zusammen zum Mond fliegen1.
Ich möchte hier nun nicht im einzelnen darauf eingehen, worüber wir
sprechen werden - laßt uns zusammen zum Mond oder laßt uns zusammen zum Mars
fliegen -, aber ich weiß, daß während der letzten Monate beträchtliche Fortschritte im Hinblick auf eine Zusammenarbeit bei der Erforschung des Weltraums erzielt worden sind. Wir werden versuchen, einen Höhepunkt dieses Fortschrittes auf diesem Gebiet zu erreichen.

Wenn ich von diesen drei Bereichen spreche, dann heißt das nicht, daß
es keine anderenThemen gibt. Ich meine nur, daß dies Gebiete sind, die beträchtliche Verheißungen bieten dürften.

Was nun die anderen Tagesordnungspunkte anbetrifft, so haben beide
Seiten Themen unterbreitet. Über die Tagesordnung herrscht Einigung. Sie
wird in erster Linie bilaterale Themen enthalten. Ich möchte betonen, daß
alle Gespräche, die wir führen werden, die Interessen des einen Landes gegenüber dem anderen im Auge haben werden und daß sie nicht auf Kosten oder zum
Nachteil der Interessen eines unserer beiden Länder gegenüber seinen Verbündeten oder anderen Ländern in der Welt erfolgen werden.
Andererseits

�Andererseits steht die Erörterung solcher Punkte auf der Tagesordnung
wie Vietnam und andere Gebiete der Welt, wo die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion manchmal miteinander in Widerspruch stehende Interessen haben.

Ich möchte im Zusammenhang mit diesen Gebieten jetzt nichts weiter
sagen, denn nur die Ergebnisse unserer Gespräche werden zeigen, ob ein Fortschritt möglich ist. Im Hinblick auf einige dieser Gebiete sind wir - wie
Sie wissen - ziemlich weit von einander entfernt. Ich kann hier nur sagen,
daß es offene, freie und freimütige Gespräche über diese Gebiete geben wird,
die sich auf die Erörterungen stützen, die wir hierüber zu einem früheren
Zeitpunkt geführt haben.

Nun noch ein Wort zu der Vorbereitung (dieser Reise). Ich möchte hier
nun nicht den Eindruck erwecken, daß -.:;. alles auf der Präsidentenebene erfolgte

Ich habe sowohl auf dem Korrespondenzwege wie auch über andere

Kontakte einen umfangreichen Meinungsaustausch direkt mit Parteichef Breschnew
geführt. Dieser Meinungsaustausch - obwohl ich mit Breschn-w nur 1959 kurz
zusammentraf - bedeutet meines Erachtens, daß wir beide zumindest von einer
Basis ausgehen werden, w o wir unsere Differenzen kennen und deshalb in der
Lage sein werden, schnell die Probleme anzupacken, die wir - und vielleicht
nur wir - auf höchster Ebene lösen .innen.

Darüber hinaus hatte natürlich das State Department auf einigen Gebieten
die Hauptverantwortung; das Handelsministerium, das Landwirtschaftsministerium,
der Wissenschaftsbea ter, unsere Leute von der NASA und zahlreiche andere Experten - sie alle haben auf den Zeitpunkt hingearbeitet, da dieses Treffen
stattfinden würde.

Wenn wir nun nicht a .f all den Gebieten, die erörtert werden, eine Einigung erreichen werden - und natürlich wird dies nicht der Fall sein - dann
werden wir zumindest den Prozeß der Verhandlung fortsetzen, so daß es nach
dem Gipfeltreffen nicht nur einen Dialog, sondern möglicherweise künftige
Einigungen geben wird

Das hängt von dem ab, was auf dem Gipfeltreffen ge-

schieht . . .
Darf
- 5-

�Darf ich meine Ausführungen mit einem letzten Gedanken abschließen.
Jeder in dieser Regierung hat während der letzten Monate - manche seit Jahren außerordentlich hart für diese Reise gearbeitet: die SALT-Delegation, unsere
Leute im Außenministerium, die Leute in den anderen von mir erwähnten Ministerien, der Stab des Weißen Hauses - und natürlich hat Dr. Kissinger mit seiner
Reise nach der Sowjetunion und seinen Gesprächen mit Parteichef Breschnew und
anderen sowjetischen Führern einen enormen Beitrag geleistet. Es handelt sich
um eine Reise, die wir alle mit einer gemeinsamen Zielsetzung unternehmen,
nämlich den Versuch zu machen, eine andere Beziehung herzustellen, eine Beziehung, bei der es zwar auch weiterhin sehr wesentliche Meinungsverschiedenheiten geben wird - das dürfen wir niemals vergessen - im Denken, in der Einstellung usw. - aber eine Beziehung, bei der zwei Großmächte unter Beachtung
ihrer Interessen zu der Entscheidung kommen, daß wir auf bestimmten Gebieten
künftig zusammenarbeiten sollten, statt gegeneinander.

Wenn ich also versuche, Ihnen hier einen gewissen Eindruck von dem zu
geben, was zu erwarten steht, dann möchte ich Ihre Hoffnungen nicht zu hoch
spannen, weil es einige verwickelte Probleme gibt, die es noch zu lösen gilt.
Was den Ausschlag geben wird - ob sie gelöst werden können - wird die Haltung
der sowjetischen Führer sein und auch unsere eigene Haltung.
Ich kann so viel sagen: Nach der Korrespondenz, die ich geführt habe,
und nach den Kontakten, die ich direkt mit Parteichef Breschnew während der
letzten Tage gehabt habe, ist seine Haltung positiv.

Botschafter Dobrynin kam gestern nach Camp David und überbrachte mir eine
persönliche Botschaft von Parteichef Breschnew, in der einige Fragen angeschnitten werden, über die wir sprechen müßten, aus der aber auch eine positive
Haltung zu erkennen ist bezüglich des Versuches, einige dieser Meinungsverschiedenheiten zu bereinigen. Wenn wir uns also auf dem Gipfel treffen, dann
wird es sich nicht lediglich um einen jener 'Geiste' handeln, die kommen und
gehen, sondern wirklich um einige Substanz, die bleibt - eine Substanz, die bedeuten wird, daß das amerikanische Volk und das russische Volk, trotz Unterschiede in Denkweise und Regierungsform von Volk zu Volk eine freundlichere

�freundlichere Beziehung haben werden, und eine Substanz, durch die - und das
hoffe ich mehr als alles andere - der Sache des Friedens gedient sein wird ...

Parteichef Breschnew hat (bei dem Besuch Dr. Kissingers) seinen Wunsch
zum Ausdruck gebracht, daß wir bei dem Gipfeltreffen einigen Fortschritt erzielen, ... und er sagte, es sei wichtig, einen Schritt zu tun - nicht nur
einen kleinen Schritt, sondern einen Schritt, der bedeutsam für die Beziehungen
unserer beiden Länder ist, weil wir dann wissen werden, wohin wir gehen ...

So tun wir also einen Schritt. Wie groß die Schritte sein werden, das
werden Sie, meine Damen und Herren selbst zu bewerten haben. Wir hoffen,
daß es ein bedeutsamer Schritt sein kann

Er wird nicht alle Meinungsver-

schiedenheiten beenden, aber er könnte sicherlich bedeuten, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion - auf dem sehr sorgsamen Gerüst aufbauend, das wir in der Vergangenheit errichtet haben - eine konstruktive Beziehung schaffen könnten, in deren Rahmen beide großen Nationen ihren Einfluß nicht nur gegenseitig, sondern auch in anderen Gebieten der Welt geltend
machen werden, wo sie Einfluß haben, um die Aggression zu entmutigen und die
Kräfte des Friedens zu ermutigen.

Das ist unser Ziel. Wir vertrauen darauf und hoffen, daß dies auch das
sowjetische Ziel sein wird, denn wenn diese beiden großen Nationen in Konflikt kämen, sei es direkt oder sei es, daß sie wegen Auseinandersetzungen
in anderen Teilen der Welt, wo sie indirekt berührt werden, in einen Konflikt
hineingezogen würden, dann wäre dies eine Bedrohung des Weltfriedens, der
sicherlich jeder von uns mit sehr großer Besorgnis entgegensehen würde ..."

+ ++++

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21/1972

PRESSEKONFERENZ VON AUSSENMINISTER ROGERS AM 19. MAI
- Auszüge -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister William P. Rogers
hat am 19. Mai, einen Tag vor der Moskau-Reise Präsident Nixons, auf einer
Pressekonferenz zur internationalen Lage Stellung genommen. Die einleitende
Erklärung des Außenministers sowie die Fragen und Antworten - soweit sie
Europa und die Moskau-Reise betreffen - haben folgenden Wortlaut:

Außenminister Rogers: Zunächst möchte ich feststellen, daß das deutsche
Parlament offensichtlich die Ostverträge mit der Sowjetunion und mit Polen
ratifiziert hat. Und wenn auch der letzte Schritt im Ratifizierungsprozeß
noch nicht erfolgt ist, so ist es doch meines Erachtens ziemlich sicher, daß
er erfolgen wird. Und dies ist für mich ein Anlaß zu erklären, daß die amerikanische Regierung den Schritt des Parlaments der Bundesrepublik und die Ratifizierung dieser Verträge mit der Sowjetunion und mit Polen mit Befriedigung
betrachtet. Der Weg zur Unterzeichnung des Viermächte-Schlußprotokolls ist
nunmehr frei, das das Berlin-Abkommen in Kraft setzen wird - ein Abkommen,
das Präsident Nixon als einen Meilenstein bezeichnet hat. Die Frage des
Zeitpunktes werden wir natürlich mit Großbritannien, Frankreich und der
Sowjetunion erörtern. Sobald das Protokoll unterzeichnet ist, wird ... der
Weg für multilaterale oder zumindest für bilaterale Sondierungen im weiteren
Verlauf dieses Jahres offen sein. Wir wissen noch nicht, ob sie multilateral
oder bilateral sein werden. Diese Frage wird auf der Ministerratstagung zur

- 1 -

�zur Diskussion anstehen, die sich mit der Möglichkeit einer Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa im Jahre 1973 befassen wird.

Daher sind wir erfreut, daß diese Verträge ratifiziert worden sind. Und
wir werden jetzt hierüber auf der Ministerratstagung in Bonn, in etwa einer
Woche, sprechen ...

Frage: Herr Außenminister, ich möchte gerne eine die Sowjetunion betreffende Frage stellen. Wie erklären Sie es sich in bezug auf Vietnam, daß
die sowjetische Reaktion auf die Verminung des Hafens von Haiphong so gemäßigt war? Bestand irgendeine geheime Absprache zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion über diese Schritte?

Antwort: Ich möchte natürlich zu dem ersten Teil Ihrer Frage keine Spekulationen anstellen. Den zweiten Teil Ihrer Frage kann ich kategorisch beantworten: Nein, es gab keine diesbezügliche geheime Absprache oder irgendeine
geheime Abmachung in dieser Hinsicht.

Frage: Herr Außenminister, wird Vietnam ein Punkt sein,der in Moskau erörtert wird? Haben Sie irgend welche Hinweise dafür, daß Sie sowjetische
Unterstützung für eine Friedensinitiative gewinnen können?

Antwort: Wir möchten zu diesem Zeitpunkt natürlich keine Spekulationen
darüber anstellen, was auf dem Gipfeltreffen erreicht werden kann und was
nicht. Und so will ich dies auch nicht tun. Der amerikanische Präsident gibt
heute nachmittag eine Erklärung ab, die sich - soweit ich weiß - mit dem
Gipfeltreffen befassen wird und in der er darlegt, wie er dieses Treffen
sieht - die allgemeine Haltung, die wir in bezug auf dieses Treffen einnehmen werden.. Und daher möchte ich angesichts dieser Erklärung des Präsidenten vor der Presse von jeder Stellung™,,, Abstand nehmen ...

Frage: Herr Außenminister, Sie reisen von Moskau aus nach Bonn. Welche
weiteren Fragen werden nach Ihrer Ansicht neben der Konferenz über die Sicherheit in Europa dort noch erörtert werden?
Antwort:

�Antwort: Wir werden natürlich nicht nur über die Konferenz selbst und
über die Tagesordnung für diese Konferenz sprechen, sondern wir werden auch
die Frage beiderseitiger und ausgewogener Truppenreduzierungen erörtern, die
praktisch hiermit zusammenhängt. Wir werden ferner die Gelegenheit nutzen,
um unseren NATO-Verbündeten über die Ergebnisse unserer Gespräche zu berichten,
die wir in der Sowjetunion führen werden.

Wie Sie wissen, war ich vor einigen Wochen in Europa und habe sie
(unsere Verbündeten) über die Schritte unterrichtet, die wir ergreifen
werden, sowie über die Haltung, die wir gegenüber der Sowjetunion eingenommen haben. Und sie werden natürlich an den Ergebnissen des Gipfeltreffens
sehr interessiert sein. So werde ich die1 Gelegenheit nutzen, hierüber zu
berichten.

Frage: Herr Außenminister, erwägen Sie, im kommenden Monat selbst nach
Berlin zu fliegen, um das Viermächte-Abkommen zu unterzeichnen?

Antwort: Dies ist eine der Fragen, die wir erörtern werden, und es ist
möglich, daß es in Berlin irgendwann im Juni durch die Außenminister der vier
Mächte unterzeichnet werden wird. Über Zeitpunkt und Ort sind bisher keine
endgültigen Entscheidungen getroffen worden.

Frage: Herr Außenminister, können Sie uns über den Stand der SALT-Verhandlungen unterrichten?

Antwort: Die SALT-Verhandlungen sind plangemäß vorangekommen, und es
sind dabei gute Fortschritte gemacht worden. Es besteht natürlich Hoffnung,
wie wir dies bereits früher zum Ausdruck gebracht haben, daß sie auf höchster
Ebene zum Abschluß gebracht werden.

Ich möchte jedoch darauf hinweisen, daß es bei all diesen Verhandlungen
noch ungelöste Probleme gibt, die von den Führern der beiden Länder erörtert
werden müssen. Und wenn wir erfolgreiche Abkommen ausarbeiten, so wird dies

- 3-

�dies letztlich durch den amerikanischen Präsidenten und die führenden Männer
der Sowjetunion geschehen ...

Frage: Herr Außenminister, wird der Nahe Osten auf der Moskauer Tagesordnung stehen, und wenn ja, welche Haltung werden die Vereinigten Staaten
zu diesem Gesprächspunkt einnehmen? Welche Ziele in bezug auf den Nahen
Osten können billigerweise von diesem Gipfeltreffen erwartet werden?

Antwort: Wir haben keine feste Tagesordnung. Daher möchte ich keine
Fragen dazu beantworten, was auf der Tagesordnung stehen wird. Der Nahe
Osten ist jedoch ganz offensichtlich eine Frage, die erörtert werden wird;
daran besteht kein Zweifel ...

Frage: Herr Außenminister, ich weiß, Sie möchten nicht darüber sprechen,
was auf der Tagesordnung in Moskau stehen wird, aber Sie sagten, daß die Ratifizierung der Ostverträge den Weg für Gespräche über eine Sicherheitskonferenz im kommenden Jahr geebnet habe. Ist dies ein Punkt, über den Sie
erst mit den Sowjets sprechen und über den Sie dann den Verbündeten berichten werden oder werden Sie warten, bis Sie weitere Konsultationen mit den
Verbündeten geführt haben?

Antwort: Wir haben mit den Verbündeten eingehende Konsultationen über
die Konferenz über Sicherheit in Europa geführt. Dies war unser Hauptanliegen
auf den letzten Ministerratssitzungen, und auch auf meiner Zusammenkunft
mit dem NATO-Rat vor einigen Wochen haben wir darüber gesprochen. So ist,
was die Konferenz über Sicherheit in Europa anbetrifft, alles klar. Ohne
Zweifel wird diese Frage bei unseren Gesprächen mit den sowjetischen Führern
aufgeworfen werden.

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21/1972

DIE MILITÄRISCHE MACHT DER USA IM DIENSTE DES FRIEDENS
III. Die US-Luftwaffe wird modernisiert

Von Hubert G. Coli ins

Das Kernstück der amerikanischen Luftwaffe ist das Strategische Luftkommando (SAC), das mit über 1000 Interkontinentalraketen und einer Flotte
von Bombern vom Typ B-52 eine gewaltige Abschreckungsmacht aufbietet. Es
ist - auch im amerikanischen Kongreß - gesagt worden, die Interkontinentalrakete habe das Bombenflugzeug überholt und zu einem Museumsstück werden
lassen.

Der Befehlshaber des Strategischen Luftkommandos, General Bruce K.
Holloway,selbst erfolgreicher Jagdflieger im zweiten Weltkrieg, hat dies
nachdrücklich bestritten. Ein Bomber, so argumentiert er, kann aus verschiedenen Richtungen und Höhen und mehrere Ziele nacheinander angreifen.
Er kann die verschiedensten Waffen mitführen und sein Ziel aussuchen. Und
vor allem er kann zurückkehren oder auch zurückgerufen werden, während eine
Rakete nach dem einmal erfolgten Start nicht zurückgeholt werden kann.

Die B-52 kann 30 Tonnen nuklearen oder herkömmlichen Sprengstoffs
mitführen und hat bei dem heute üblichen Auftanken in der Luft praktisch
einen unbegrenzten Aktionsradius. Sie kann ferner zwei Luft-Boden-Raketen
vom Typ Hound Dog mitführen, die eine Reichweite von rund 800 km haben. Im
Zuge der Modernisierung ist hier an eine neue Luft-Boden-Rakete - eine
- 1 -

�eine Kurzstrecken-Angriffsrakete oder SCRAM - gedacht, die eine gegnerische
RADAR-Anlage mit Überschallgeschwindigkeit unterlaufen kann. Mit der SCRAM
ausgerüstet könnte die B-52 bis zu 24 Nuklearwaffen mitführen, d.h. die gesamte Bomberflotte theoretisch über 5000. Die ersten SCRAM-Raketen sollten
noch in diesem Jahr einsatzbereit sein.

Für die weitere Zukunft wird ein völlig neues Bombenflugzeug vom Typ
B-l entwickelt, das sehr viel kleiner als die B-52 werden soll. Mit Schwenkflügeln ausgestattet soll die Maschine mit doppelter Schallgeschwindigkeit
fliegen. Im Einsatz selbst kann die Maschine mit fast Schallgeschwindigkeit
praktisch über dem Boden manövrieren.

Aber nicht nur im strategischen Bereich ist mit umwälzenden Modernisierungen zu rechnen, sondern auch die taktische Luftwaffe entwickelt ständig
neue Waffensysteme.
Eine gewaltige Neuerung ist der noch immer viel umstrittene Jagdbomber
vom Typ FA-111. Diese Maschine hatte eine etwas unglückliche Anfangsentwicklung, da bei den ersten Erprobungen - als sie noch unter der Bezeichnung
TFX flog - eine Reihe von Unfällen auftrat. Trotz vieler AnlaufSchwierigkeiten hielten führende Offiziere der US-Luftwaffe - auch gegen Widerstände
im Kongreß - an dieser Maschine fest, die, wie sie sagen, einzigartig für
die gestellten Aufgaben ist.

Die FB-111 ist praktisch zwei Flugzeuge in einem. Bei jedem Wetter kann
sie als Bomber oder Jäger eingesetzt werden, und sie ist auch zwei Bomber in
einem - sie kann strategisch und taktische Einsätze fliegen. Sie hat den
doppelten Aktionsradius und die doppelte Geschwindigkeit des alten F-100
Super Sabrejet und kann mit zwei Nuklearwaffen unter jedem Flügel bei einem
Einsatz so viel Kampfkraft aufbringen wie eine ganze Staffel von sechs
F-4 Phantom. Dem Strategischen Luftkommando sind allein 66 FB-111 zugeteilt
worden. Wenn sie in der Luft aufgetankt werden, können sie ein interkontinentales Ziel schneller erreichen als die B-52.
Es
- 2-

�Es ist vor allem die Möglichkeit der raschen Dislozierung an praktisch
jedem Punkt der Erde, die die FB-111 zu einem besonders wichtigen Instrument
der Verteidigung macht

Erst kürzlich löste ein Geschwader dieser Maschinen

auf einem NATO Flugplatz in England die langsam veraltenden F-100 ab.

Auch die FB-111 benutzt das moderne Prinzip des Schwenkflügels und kann
dadurch bei Start und Landung mit einem relativ kurzen Rollfeld auskommen.
Beim Flug mit zurückgeklappten Flügeln erreicht sie eine Geschwindigkeit von
2,5 Mach - eine .:^eieinhalbfache Schallgeschwindigkeit. Mit Hilfe eines
RADARS und eines Bord omputers kann die Maschine automatisch den Erhebungen
und Vertiefungen der Erdoberfläche folgen, ohne daß der Pilot zu steuern
braucht.

Die Planer der US-Airforce

sehen als Hauptaufgabe der Maschine die

Zerstörung der gegnerischen Luftwaffe auf den Flugplätzen, um so die Luftüberlegenheit sicherzustellen.
Ein völlig neues Konzept der amerikanischen Luftwaffe - das gerade mit
der Nixon-Doktrin besondere Bedeutung gewinnt - ist der transportable Flugplatz. Mit Hilfe von Transportmaschinen wird die komplette Einrichtung eines
Flugplatzes, einschließlich von rund 400 Gebäuden, dorthin gebracht, wo sie
gebraucht wird. Alles was .ür diesen "Flugplatz aus der Dose" nötig ist, ist
ein Kollfeld und Wasser

Mit diesen Grundvoraussetzungen - die nach Fest-

stellung der Experten an rund 1400 Orten der Welt vorhanden sind - kann die
amerikanische Luftwaffe innerhalb eines Tages einen vollen Flugbetrieb einrichten. Bei einem Versuch in den Vereinigten Staaten hat eine Einheit von
1700 Mann einen verlassenen Flugplatz innerhalb von 29 Stunden betriebsklar
gemacht und innerhalb von 72 Stunden war er voll einsatzbereit.

Die OLUidausrüstung dieses "fliegenden Flugplatzes" besteht aus drei
"Paketen". Das eine enthält in einem Behälter von rund 2,4 mal 2,4 mal 3,9 m
eine zusammenlegbare Halle, die in eine über

7

m lange Werkstatt mit allen

Maschinen und Geräten verwa delt werden kann. Die Wände bestehen aus zwei
Schichten von Leichtaluminium. Das zweite Paket enthält eine zusammenleg- 3-

�zusammenlegbare Unterkunft, die auf rund 10 m ausgezogen werden kann und
12 Klappbetten enthält. Ein drittes Paket enthält die Bauelemente für
Schuppen, die als Lagerräume verwandt werden können und eine Größe von
9 mal 14 m bei 3,3 m Höhe haben. Und schließlich werden transportable Hangars
mitgeführt, die aufgebaut eine Länge von 24 m, eine Tiefe von 17,6 m und eine
Höhe von 6 m haben und zwei Jagdflugzeuge vom Typ F-4 aufnehmen können.

Mit all diesen und zahlreichen anderen Neuentwicklungen wird die
amerikanische Luftwaffe ständig auf dem modernsten Stand gehalten, um
ihrerAufgäbe der Sicherung des Friedens gerecht werden zu können.

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21/1972

GEORGE P. SHULTZ - DER NEUE AMERIKANISCHE FINANZMINISTER

Ein Fachmann für Wirtschaftsfragen

Mit George P. Shultz hat Präsident Nixon einen seiner respektiertesten
und mächtigsten Berater zum Nachfolger für den zurückgetretenen Finanzminister
John B. Connally nominiert. Mit der zu erwartenden Billigung durch den Senat
wird der bisherige Leiter des Amtes für Planung und Haushalt und frühere Arbeitsminister ein Amt antreten, das gerade im Hinblick auf die Neugestaltung
des Internationalen Währungssystems von besonderer Bedeutung weit über die
Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus ist.

Am 13. Dezember 1920 in New York geboren, studierte Shultz an der
Princeton-Universität Jura (Bachelor of Law 1942) und dann Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology, wo er 1949 promovierte.
Bis 1957 war er als Dozent und Professor an der wissenschaftlichen Fakultät
dieser berühmten amerikanischen Hochschule tätig. Als Professor am Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Universität von Chicago und ab 1962 als dessen
Dekan hat Shultz die Richtung des von ihm bewunderten bekannten amerikanischen
Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman vertreten. Auch als ihn Präsident

- 1 -

�Präsident Nixon 1969 als Arbeitsminister und dann 1970 als Planungs- und
Haushaltsdirektor in sein Kabinett berief, hat sich Shultz immer für das
freie Spiel der Marktkräfte ausgesprochen.
Shultz hat sich in Washington und darüber hinaus einen Ruf als fähiger
Administrator und Verhandler erworben und ist bekannt dafür, daß er ihm
gestellte Aufgaben anpackt und löst. Bevor der frühere Gouverneur von Texas,
John Connally, auf der Washingtoner Szene erschien, wurde Shultz in der
Presse als der zweitmächtigste Mann nach dem Präsidenten in innenpolitischen
Fragen bezeichnet. Der als freundlich, kühl, intellektuell und bestimmt
charakterisierte Professor hat sein Prinzip vom freien Spiel der Kräfte selbst
in der in dieser Richtung orientierten Nixon-Administration nicht immer durchsetzen können. So folgte man beispielsweise seinen Empfehlungen nicht, das bestehende System der strikten Erdöleinfuhrquoten durch einen festen Zollsatz
zu ersetzen, der eine flexiblere Einfuhrpolitik erlaubt hätte. Ebenso ist
Shultz immer ein Gegner von Lohn- und Preiskontrollen gewesen, hat jedoch
wie andere Wirtschaftler seiner Richtung die Kontrollen befürwortet, die
Präsident Nixon unter dem Zwang der Umstände im August vorigen Jahres einführte.

In vielen innenpolitischen Fragen - wie etwa Arbeitnehmer-ArbeitgeberBeziehungen, Beschäftigungspolitik und gleiche Arbeitschancen für Schwarze ist Shultz ein Liberaler.

Der neue Finanzminister der Vereinigten Staaten hat noch wenig Gelegenheit gehabt, seine Auffassungen über internationale Währungsfragen zu äußern.
Es bestehen jedoch keine Anzeichen, daß der Wechsel in der Führung im Finanz-

�Finanzministerium irgendeine bedeutsame Änderung der amerikanischen Zielsetzungen bezüglich der Reform des internationalen Währungssystems oder bezüglich anderer wirtschaftlicher Fragen bedeuten würde. Shultz hat eine
zentrale Position in der Schaltstelle der innenpolitischen Macht mit einem
Posten eingetauscht, der ihm sicherlich eine stärkere internationale Bedeutung geben wird. Von seiner Ausbildung und seinen Fähigkeiten her wird er
keine Mühe haben, die neuen, großen Aufgaben zu bewältigen.

Als Nachfolger im Amt für Planung und Haushalt ist der bisherige Haushaltsdirektor und erste Mitarbeiter von Shultz, Caspar Weinberger, ausersehen worden.
Bis zur Bestätigung von Shultz durch den Senat wird Connally das Amt
des Finanzministers weiter verwalten, in dem er sich durch seine Offenheit,
Entschlossenheit und feste Haltung einen Namen gemacht hat. Bereits bei
seiner Berufung nach Washington - als einziger Demokrat im republikanischen
Kabinett Nixon - hatte Connally angekündigt, daß er sein Amt nur für ein
Jahr übernehmen wolle. Nachdem diese Frist im Dezember vorigen Jahres abgelaufen war und gerade die Neuordnung des internationalen Währungssystems anstand - die dann unter seiner Ägide mit dem Smithsonian-Abkommen auch zustande kam - hatte er in eine Verlängerung um sechs Monate eingewilligt.

Auf Anforderung stellen wir Ihnen gerne eine Portraitaufnahme von
George P. Shultz zur Verfügung
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ÜBERSCHALLFLUG UND UMWELT
Neues Forschungsprojekt in USA

- (AD) - Im Rahmen eines Forschungsprojekts des Lawrence-Laboratoriums
in Livermore (Kalifornien) sollen mögliche Umweltauswirkungen des Flugverkehrs mit Überschallgeschwindigkeit untersucht werden. Die vom US-Verkehrsministerium in Auftrag gegebene Studie, die mindestens 30 Monate in Anspruch
nehmen wird, soll insbesondere die Frage klären helfen, inwieweit die Flugzeugabgase die Verhältnisse in der Stratosphäre so zu beeinflussen vermögen,
daß sich mit der Zeit die Bedingungen in der Troposphäre, der Zone des
Wettergeschehens, grundlegend verändern.

Unter Berücksichtigung aller nur erdenklichen Faktoren werden die
Wissenschaftler des Livermore-Laboratoriums, eines Instituts der US-Atomenergie-Kommission, Computer-Modelle ausarbeiten,

die z.B. Voraussagen

über mögliche Veränderungen von Bewölkung, Eindringtiefe der UltraviolettStrahlung von der Sonne und der Temperaturen an der Erdoberfläche geben.
Physiker, Mathematiker, Meteorologen und Chemiker werden an dem Projekt mitwirken.

Die Überschallflugzeuge, die gegenwärtig von England, Frankreich und
der Sowjetunion entwickelt werden, bewegen sich in Flughöhen zwischen 16 000
und 22 000 m, also bereits in der bis knapp 60 000 m Höhe reichenden Stra-

-

I

-

�Stratosphäre. Im einzelnen geht es um die Klärung folgender Probleme:

1) Durch Wasserdampf und Rauchpartikel aus den Abgasen der SST-Flugzeuge (Überschall-Transportmaschinen), die in der Stratosphäre freigesetzt
werden, könnten die Temperaturen am Erdboden verändert werden, weil sie
Energie

von der Sonne aufnehmen und reflektieren. Jedoch kann nach dem

gegenwärtigen Stand unseres Wissens noch nichts darüber gesagt werden,
ob dadurch die Temperaturen absinken oder ansteigen bzw. in welchem Ausmaß sie sich verändern würden.

2) Kondensstreifen würden sich wahrscheinlich sehr lange Zeit in
der Atmosphäre halten, vor allem über der nördlichen Hemisphäre, wo kalte
Luftmassen ihr Auftreten begünstigen.

3) Verschiedene Berechnungen lassen vermuten, daß Stickstoffoxyde
aus den Abgasen von SST-Flugzeugen in der Stratosphäre mit Ozon reagieren
und einen Teil davon zerstören. Dadurch würde ein wichtiger Schutzschild
gegen die Ultraviolettstrahlung von der Sonne in seiner Wirksamkeit geschwächt. Aber auch dieser Punkt verlangt noch umfassende Klärung. Andererseits hat sich nämlich gezeigt, daß unter gewissen Voraussetzungen Stickstoffoxyde kondensiert werden und ohne weitere chemische Reaktionen mit
Niederschlägen zur Erde gelangen. Andere Vermutungen gehen dahin, daß in
der Stratosphäre Ozon und Stickstoffoxyde nebeneinander existieren können,
d.h. daß der Effekt des Abbaus von Ozon durch andere Effekte neutralisiert
wird.

- 2 -

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NEUER IMPFSTOFF GEGEN MENINGITIS

- (AD) - Einen ersten Großversuch m i t einem neuartigen Vakzin gegen
M e n i n g i t i s , d a s speziell für die Schutzimpfung v o n Kleinkindern entwickelt
w u r d e , unternehmen D r . Martha Lepow, D r . Ronald Gold und D r . Irving
Goldschneider v o n der Universität Connecticut im A u f t r a g des Nationalen
Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten in Bethesda

(Maryland).

Mit Einverständnis der Eltern w e r d e n 200 Babies im Alter v o n etwa drei
M o n a t e n m i t dem Vakzin geimpft und anschließend ein Jahr lang unter Beobachtung bleiben.

Der Impfstoff wurde bei 250 000 Armeeangehörigen bereits m i t großem
E r f o l g angewandt. Nach Ansicht D r . Goldschneiders, der an der Entwicklung
des Vakzins maßgebend beteiligt w a r , blieb bei dem bisher geimpften Personenkreis die Anzahl v o n Meningitis-Fällen auf e i n Zehntel der normalerweise
auftretenden Krankheitsfälle

beschränkt. Im Verlauf des ersten Großversuchs

bei Kindern soll vor allem die Bildung v o n A n t i k ö r p e r n gegen Meningokokken
eingehend untersucht w e r d e n .

In den Vereinigten S t a a t e n treten 90 Prozent aller M e n i n g i t i s f ä l l e ,
die jährlich gemeldet w e r d e n , bei Kindern a u f . Schon allein diese Tatsache
m a c h t die Entwicklung eines speziell für Kinder geeigneten Impfstoffes zu
einer überaus wichtigen A u f g a b e . Meningitis-Epidemien w e r d e n in einem g e w i s s e n Zyklus im Abstand v o n ca. 15 Jahren verzeichnet. Bei der letzten
großen Epidemie in den Vereinigten Staaten während der fünfziger Jahre kam

- 1 -

�kam es zu 50 000 bis 80 000 Erkrankungen mit teilweise schwerwiegenden
Folgen. In der Statistik rangiert Meningitis unter den zehn gefährlichsten
Krankheiten, die das Leben von Kindern bedrohen. Eine besondere Schwierigkeit der Schutzimpfung ergibt sich jedoch aus der Tatsache, daß verschiedene
Erregertypen die gefürchtete

Hirnhautentzündung verursachen können (z.B.

Haemophilus influenzae Typ B, Meningococcus A, B und C). Zum Schutz gegen
jeden Erregertyp ist ein besonderes Vakzin erforderlich.

Die wirksame Substanz in dem neuen Vakzin, das gegen Meningococcus A
und C immunisiert, ist ein Polysaccharid aus der Hülle des Bakteriums; sie
ist leichter herzustellen und sicherer anzuwenden als ein Vakzin, das aus
lebenden oder abgetöteten Viren oder Bakterien gewonnen wird. Parallel zu
dem genannten Projekt laufen im Auftrag der medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA vier weitere großangelegte Studien, die alle darauf abzielen, das epidemische

Auftreten von Meningitis völlig auszuschalten.

- 2-

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Wissenschaft
und

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21/1972

FAHRZEUGE FÜR INDUSTRIE- UND ENTWICKLUNGSLÄNDER
TRANSPO 72 - Erste internationale Verkehrsausstellung in Washington

(AD) - Mehr als 350 Privatfirmen und eine Anzahl offizieller ausländischer Vertretungen stellen auf der TRANSPO 72 aus, der ersten Internationalen Ausstellung für den Land-, Luft- und Seeverkehr; sie findet vom
27. Mai bis 4. Juni 1972 auf dem Dulles International Airport in der Nähe von
Washington statt

Die Schau präsentiert in großer Vielfalt neue technische

Entwicklungen und Projekte, die auf besondere Bedürfnisse der Industrie- und
der Entwicklungsländer abgestellt sind. Fast 1,5 Millionen Besucher werden
erwartet, etwa &gt;0 000 davon aus Übersee

Wie ein Sprecher der TRANSPO 72 erklärte, zeigen die USA u.a. Ausrüstungen, die Entwicklungsländern "den Sprung vom 19. ins 20. Jahrhundert"
ermöglichen - u.a. den beschleunigten Ausbau von Häfen mit neuartigen Piers,
die in acht Monaten errichtet werden (gegenüber einer Bauzeit von drei
Jahren für hölzerne Piers). Die Autofirmen Ford und General Motors führen
neue billige Vielzweckfahrzeuge vor, die vor allem Betriebsbedingungen im
südostasiatischen Raum gerecht werden. Das neue Allzweckfahrzeug von General
Motors z.B.,dessen Serienproduktion Ende Mai in Tampoi (Malaysia) aufgenommen
wird, hat einen Vierzylindermotor mit 37 PS und einen leiterähnlichen Rahmen,
an dem eine Vielzahl einfacher Ausrüstungen oder zu transportierender Geräte
angehängt werden kann. Das Fahrzeug ist nach Angaben eines Sprechers des
Unternehmens robust, vielseitig, wirtschaftlich im Betrieb, leicht zu mon-

- 1 -

�montieren und zu reparieren. Die Fa. General Electric stellt u.a. ein Antriebssystem für Aggregate vor,die in riesigen Bergbau-Transportmaschinen
mit einem Aufnahmevermögen bis 230 Tonnen, bei Bohrausrüstungen und Schleppwagen für Jumbo-Jets und andere Großfahrzeuge im Gelände verwendet werden.

Helikopter verschiedenster Typen demonstrieren die Möglichkeiten zur
medizinischen Versorgung oder Evakuierung der Bevölkerung in abgelegenen
Gebieten oder für das Absetzen von Maschinen und Ausrüstungen in Dschungellichtungen oder auf Berggipfeln, wo es keine Straßen gibt. Sie wurden u.a.
bereits dazu benutzt, Sendetürme oder Gerüste für elektrische Überlandleitunge
zu installieren. Auch Kleinflugzeuge, Lasten-Helikopter, Ausrüstungen für
Speicher und Materiallager oder neuartige Schleppausrüstungen für Schiffe
dürften verbreitet Interesse finden. Jeden Vormittag sind Sondervorführungen
mit technischen Neuheiten vorgesehen.

+ ++++

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Umweltschutz-Abkommen zwischen USA und UdSSR&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA und Sowjetunion beschließen Erweiterung der Zusammenarbeit in der Medizin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nixon: Die friedliche Zusammenarbeit muss Wirklichkeit werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut des Trinkspruchs im Kreml -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nixon erhofft vom Moskauer Gipfeltreffen Fortschritte für den Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus einer Erklärung vor Journalisten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pressekonferenz von Außenminister Rogers am 19. Mai&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die militärische Macht der USA im Dienste des Friedens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;III. Die US-Luftwaffe wird modernisiert&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Hubert G. Collins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;George P. Shultz - der neue amerikanische Finanzminister&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Fachmann für Wirtschaftsfragen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Überschallflug und Umwelt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neues Forschungsprojekt in USA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neuer Impfstoff gegen Meningitis&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fahrzeuge für Industrie- und Entwicklungsländer&lt;br /&gt;&lt;em&gt;TRANSPO 72 - Erste internationale Verkehrsausstellung in Washington&lt;/em&gt;</text>
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24. Mai 1973

Inhalt

DOKUMENTATION:

Europa und das Atlantische Bündnis
-Auszug aus dem außenpolitischen Bericht Präsident Nixons-

HINTERGRUNDMATERIAL:
USA begrüßen Einigung über Beteiligung und Verfahren für MBFRVerhandlungen

WIRTSCHAFT:

Eberle unterstreicht Bedeutung der Gegenseitigkeit für die kommenden Handelsverhandlungen

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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19/1973

EUROPA UND DAS ATLANTISCHE BÜNDNIS

Auszug aus dem außenpolitischen Bericht Präsident Nixons -

Präsident Nixon hat am 3. Mai dem amerikanischen Kongreß und der Öffentlichkeit
seinen vierten Jahresbericht unter dem
Titel "DIE AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK
FÜR DIE SIEBZIGER JAHRE" unterbreitet,
der den Untertitel "DIE GESTALTUNG
EINES DAUERHAFTEN FRIEDENS" trägt.
Aus diesem insgesamt 232 Seiten starken
Bericht geben wir das Kapitel "EUROPA
UND DAS ATLANTISCHE BÜNDNIS" im Wortlaut wieder.

Die Vereinigten Staaten haben immer wieder ihre Verpflichtung gegenüber der erfolgreichen transatlantischen Einheit mit unseren ältesten
und engsten Verbündeten erneuert. Ich habe diese Botschaft unmittelbar
nach meinem Amtsantritt im Jahre 1969 nach Europa gebracht. Sie ist ein
zentrales Element dieses Berichtes an den Kongreß, denn kein Aspekt der
amerikanischen Außenpolitik erfordert größere Aufmerksamkeit und Sorgfalt als unsere Beziehungen zu Westeuropa.

-1-

�Ich habe 1973 als das Jahr Europas bezeichnet, nicht weil wir Europa
in der Vergangenheit als weniger wichtig betrachtet hätten oder weil wir
glaubten, die Probleme der Atlantischen Gemeinschaft in einem einzigen Jahr
bewältigen zu können. Dies wird ein Jahr Europas sein, weil Änderungen des
internationalen Klimas, vor allem in Europa, neue Probleme aufwerfen und
neue Möglichkeiten aufzeigen.
Das Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa war ein
grundlegender Faktor der Nachkriegszeit. Es bot den erforderlichen Sicherheitsrahmen für das amerikanische Engagement in Europa und für die westliche Verteidigung. Es schuf das politische Vertrauen, das den Ländern Europas
die Wiedererholung von den Zerstörungen des Krieges ermöglichte. Es trug
zur Aussöhnung früherer Gegner bei, eine Voraussetzung für den Zusammenschluß Europas. Und es war das wichtigste Werkzeug, um die gemeinsame Politik ::u entwickeln, die in einer Zeit der Spannungen und der Konfrontationen
die Quelle der Stärke des Westens war.
Als das Bündnis geschaffen wurde, waren die Beziehungen zwischen den
Mächten, die wirtschaftlichen Faktoren und die politischen Gegebenheiten
völlig anders als heute: Die traditionellen Machtzentren in Europa wie auch
in Asien waren stark geschwächt und die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion waren mit ihrer wesentlich größeren Stärke und ihrem gestiegenen Einden
fluß zu den führen/Mächten gegnerischer Koalitionen in Europa geworden.
Westeuropa erwartete von Amerika Schutz und Führerschaft. Das Bündnis verließ sich auf die amerikanischen Vorschriften und gewöhnte sich daran,
die amerikanischen Lösungen für die wichtigen militärischen, politischen
und wirtschaftlichen Probleme gutzuheißen.
Als diese Administration ihr Amt antrat, hatte eine Zeit des Übergangs begonnen; neue, die Beziehungen Amerikas zu Europa berührende Entwicklungen, wurden bereits offenbar:
- Der

-2-

�- Der wirtschaftliche und politische Wiederaufstieg fiel mit immer
tieferen Spaltungen in der kommunistischen Welt zusammen. Die internationalen Beziehungen wurden nicht länger von der bipolaren Konfrontation der Nachkriegszeit beherrscht . Neben den Beziehungen des Bündnisses in Europa bestanden die immer mehr in Bewegung geratenen internationalen Beziehungen. Auf beiden Seiten des Atlantik mußte man
sich darüber im klaren sein,

daß ein neues Gleichgewicht der Kräfte

in der Welt unsere Einigkeit auf die Probe stellen würde.
- In Europa nahm die Gefahr eines Krieges in dem Maße ab, wie das militärische Vakuum durch die Stärke der atlantischen Koalition aufgefüllt wurde. Aber das veränderte strategische Klima schuf völlig neue
Abschreckungs-und Verteidigungsprobleme.
- Die von den sechs ursprünglichen Mitgliedern des Gemeinsamen Marktes
geschaffene europäische Einheit machte Europa zu einer gewaltigen
Wirtschaftsmacht. Die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft, die
Großbritannien, Dänemark, Irland und noch andere europäische Länder umfassen soll, verlieh der wirtschaftlichen Integration eine neue politische Dimension.
Angesichts dieser Gegebenheiten mußten sich die Beziehungen Amerikas
zu dem neuen Europa ändern. In den drei grundlegenden Aspekten - wirtschaftlich, militärisch und politisch - mußten die transatlantischen Beziehungen
auf andere Prinzipien gegründet werden, die zu anderen Aktionsformen führten:
- Auf wirtschaftlichem Gebiet betonten die Mitglieder der Europäischen
Gemeinschaft einzeln und gemeinsam die regionale Autonomie, während
die Vereinigten Staaten weiterhin der Integrität eines offenen internationalen Systems verschrieben bleiben.
- Auf

-3-

�- Auf militärischem Gebiet bildete die Einheit den überragenden Faktor:
Die NATO-Verbündeten gingen nach dem Prinzip der integrierten Streitkräfte und der gemeinsamen strategischen Planung vor. Aber die
Streitkräfte, die zu dem Zeitpunkt designiert worden waren, als die
Vereinigten Staaten noch einen unbestrittenen strategischen Vorteil
besaßen, waren noch nicht der Realität eines fast ausgeglichenen
strategischen Gleichgewichts mit der Sowjetunion angepaßt worden.
- Auf politischem Gebiet verfolgten die westlichen Verbündeten gemeinsam
abstrakte Bntspannungsziele, aber wir hatten noch keine neuen Prinzipien entwickelt, um die nationalen Zielsetzungen mit den Forderungen nach einer einheitlichen Politik des Westens in Einklang zu
bringen.
Heute stehen Amerika und Europa vor der Aufgabe, eine besser durchdachte und lebensfähige Partnerschaft zu entwickeln, in der wir zusammenarbeiten:
- um ein neues und gerechteres internationales Wirtschaftssystem zu entwickeln, das den Europäern eine Festigung ihrer Einheit ermöglicht,
aber auch faire Bedingungen für die Vereinigten Staaten enthält, um
auf den Weltmärkten konkurrieren zu können;
- um eine starke Verteidigung mit den Streitkräften aufzubauen, die
notwendig sind, um

angesichts des nuklearen Gleichgewichts der sieb-

ziger Jahre eine realistische Strategie verfolgen zu können, während
wir gleichzeitig unsere gemeinsamen Verteidigungsverpflichtungen mit
einer gerechten Aufteilung der Lasten erfüllen;
- um für die Diplomatie einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen, in dem sie
die grundlegenden Sicherheitsfragen - wie beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen - angesichts des neuen internationalen
Klimas in Angriff nehmen kann und die Erfordernisse der Einheit mit
denen der nationalen Interessen vereinbart.
In

-4-

�In den letzten vier Jahren haben wir Fortschritte in Richtung auf
diese Ziele gemacht. Die Fortschritte waren auf den Gebieten der Diplomatie
und der Verteidigung ausgeprägter, weil hier Konsultationen schon seit langem zur Gewohnheit geworden und die gemeinsamen Interessen leichter zu definieren waren. Grundlegende Probleme bestehen noch in den wirtschaftlichen
Beziehungen zur Europäischen Gemeinschaft. Die Europäer haben zwar begonnen,
eine gemeinsame Wirtschaftspolitik zu verfolgen, aber das Fehlen eines vergleichbaren Maßes an politischer Einheit erschwert die Lösung wirtschaftlicher Probleme mit den Vereinigten Staaten.

Atlantische Partnerschaft und europäische Einheit
Die Vereinigten Staaten haben in der Nachkriegszeit immer die Konzeption
eines vereinten Westeuropas unterstützt. Wir waren uns darüber im klaren, daß
mit einem solchen Europa schwerer umzugehen wäre, aber wir erwarteten vielfältige Vorteile. An die Stelle der verheerenden Rivalitäten der Vergangenheit würde Einigkeit treten. Der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas würde
gestärkt, und die potentiellen Beiträge Europas für die freie Welt würden
höher. Wir glaubten, daß letztlich ein fest zusammenhängendes Westeuropa den
Vereinigten Staaten viele Lasten abnehmen würde. Wir nahmen an, daß die Einheit nicht auf die wirtschaftliche Integration begrenzt sein würde, sondern
daß auch eine wesentliche politische Dimension zu ihr gehören würde. Wir
sind - vielleicht zu unkritisch - davon ausgegangen, daß unsere grundlegenden Interessen durch unsere lange Geschichte der Zusammenarbeit, durch unsere
gemeinsamen Kulturen und unsere politischen Übereinstimmungen gewährleistet
wären.
Die wirtschaftliche Dimension: Der Fortschritt auf das Ziel hin, das
wir so lange unterstützt haben,schuf tatsächlich eine neue Dimension in den
europäisch-amerikanischen Beziehungen. Auf dem Prinzip des relativ freien
Handels entwickelte sich beiderseitige Prosperität. In dem Maße jedoch, in
dem die Europäische Gemeinschaft gedieh, entwickelte sie Politiken zum Schutz

-5-

�Schutz ihrer eigenen Sonderinteressen. Darüber hinaus veranlaßte das wachsende wirtschaftliche Gewicht der Gemeinschaft andere Staaten, ihren Zugang zu
dem aufstrebenden Markt von über 250 Millionen Menschen zu schützen. Die Entstehung eines relativ geschlossenen Handelssystems innerhalb Europas, vor
allem auf dem Agrarsektor, und die Präferenzabkommen mit Drittländern traten
zu einer Zeit auf, da die Vereinigten Staaten an einer zunehmend ungünstigen
Zahlungsbilanz litten.
Auf dem Gebiet der Währungspolitik war die Europäische Gemeinschaft weitgehend von der Suche nach einem vernünftigen Weg zur inneren Währungsunion
in Anspruch genommen. Gleichzeitig hat die wachsende Stärke einiger ihrer
Volkswirtschaften - und die relative Schwäche anderer - diesen Fortschritt erschwert und den Willen und die Fähigkeit Europas eingeschränkt, sich wirksam
und zügig mit der fundamentalen Reform des Weltwährungssystems zu befassen.
Die Europäer haben also einen wirtschaftlichen Regionalismus verfolgt,
aber sie wollen, daß der amerikanische Schutz in der Verteidigung und die unverminderte politische Verpflichtung Amerikas gewahrt bleibt. Dies wirft eine
fundamentale Frage auf: Kann das Prinzip der atlantisch en Einheit in der Verteidigung und Sicherheit mit der zunehmend regionalen Wirtschaftspolitik der
Europäischen Gemeinschaft in Einklang gebracht werden?
Wir sahen uns auch bei der Neudefinierung unserer Beziehungen zu dem anderen nordamerikanischen Mitglied des atlantischen Bündnisses - Kanada - vor
schweren Aufgaben. Unser Nachbar im Norden hat seine Position in der Welt
einer Neuorientierung unterzogen, wie auch wir einen neuen eigenen Standpunkt
bezogen haben. Eine freimütige Überprüfung unserer jeweiligen Interessen hat
einige neue Probleme in den Vordergrund treten lassen, vor allem in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Als ich im April 1972
Ottawa besuchte, bekräftigte ich mit Ministerpräsident Trudeau unsere gemeinsame Überzeugung, daß reife Partner eine autonome, unabhängige Politik verfolgen müßten, und sondierte mit ihm die Frage, wie wir unter Respektierung des

-6-

�des Rechtes Kanadas auf Wahrung seiner eigenen Identität und auf Festlegung
seines eigenen Wirtschaftskurses zusammenarbeiten könnten.
Eine umfassende Schau: Wir stehen also vor einer neuen Situation. Es
sind Elemente eines wirtschaftlichen Konfliktes vorhanden, und es hat an
der Richtungweisung gefehlt. Hier geht es um konkrete wirtschaftliche Fragen
und nicht um abstrakte Prinzipien. Aber wenn die wirtschaftlichen Fragen
völlig isoliert oder unter rein technischen Gesichtspunkten angepackt werden, dann wird jede Partei versuchen,ihre eigenen engen kommerziellen Interessen zu schützen. Das Ergebnis wird ein toter Punkt sein - mit der Aussicht
eines ständigen Konfliktes.
Die überragende Aufgabe ist die Entwicklung eines breiteren politischen
Blickwinkels für die Behandlung dieser wirtschaftlichen Fragen - einer Perspektive, die eine Angleichung der Differenzen um der größeren Ziele willen
fördert. Jeder Partner wird ein gewisses Maß an individueller oder regionaler Autonomie der Verfolgung gemeinsamer Ziele unterordnen müssen. Nur wenn
wir Interessen verfolgen, die über regionale Wirtschaftserwägungen hinausgehen, können unvermeidliche tote Punkte überwunden werden.
Wir haben damit begonnen, in einen umfassenden europäisch-amerikanischen Dialog einzutreten. Ein wichtiger erster Schritt war die europäische
Entscheidung über Art und Umfang der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten.
Im Oktober vorigen Jahres trafen sich die Führer der Europäischen Gemeinschaft, um ihren langfristigen Kurs abzustecken. Die Grundrichtung umriß
Staatspräsident Pompidou mit den Worten:
"Unsere Verbindungen mit diesem großen Land, der ersten Wirtschaftsmacht, mit der acht unserer Staaten im Rahmen des atlantischen Bündnisses vereint sind, sind so eng, daß die Vorstellung eines Europas,
das in Opposition zu ihm stünde, absurd wäre. Aber gerade diese engen
Verbindungen erfordern, daß Europa seine eigene individuelle Persönlichkeit gegenüber den Vereinigten Staaten bekräftigt. Westeuropa, das
dank des entscheidenden Beitrages der amerikanischen Soldaten von

-7-

�von Armeen befreit wurde, das mit amerikanischer Hilfe wiederaufgebaut wurde, für dessen Sicherheit im Bündnis mit Amerika gesorgt wird
und das bisher die amerikanische Währung als Hauptelement seiner Währungsreserven akzeptiert hat, darf und kann nicht seine Verbindungen
mit den Vereinigten Staaten abbrechen. Aber genau so darf es auch nicht
darauf verzichten, seine Existenz als eine neue Realität zu bekräftigen."
Dies war eine Aufforderung, mit dem komplexen Prozeß der Neudefinition
unserer grundlegenden Partnerschaft zu beginnen - ein Ziel, das wir 1969
gesetzt hatten. Dementsprechend unterstützte ich am 27. Oktober mit allem
Nachdruck die Erklärung der Europäischen Gemeinschaft:
"Es ist - und war immer - meine feste Überzeugung, daß Fortschritte
in Richtung auf ein vereintes Europa den Frieden in der Welt, Sicherheit und Prosperität fördern.
Es

ist ebenfalls von größter Wichtigkeit, daß die Vereinigten Staaten

und Europa eng zusammenarbeiten. Aus diesem Grunde begrüße ich besonders die erklärte Absicht der Gemeinschaft, mit uns in einem konstruktiven, aufgeschlossenen Dialog zu bleiben.... Ich möchte erneut unsere
Verpflichtung bekräftigen, mit den Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft in einer Reform des Weltwirtschaftssystems zusammenzuarbeiten,
und zwar in einer Weise, durch die eine Freiheit des Welthandels, eine
neue Fairness im internationalen wirtschaftlichen Verhalten sowie wirksame Lösungen der Probleme der Entwicklungswelt erreicht werden.
Dies sind die Ziele, die die Vereinigten Staaten bei den bevorstehenden
Verhandlungen über eine Währungs-und Handelsreform leiten werden. Wir
werden bereit sein, mit unseren europäischen Partnern kühne Maßnahmen
für eine gerechtere und offenere Weltwirtschaft zu ergreifen."
Die Basis für umfassende Verhandlungen mit unseren europäischen Partnern ist jetzt gelegt. Praktisch begannen diese Verhandlungen bereits mit
meinen Zusammenkünften mit Premierminister Heath. NATO-Generalsekretär Luns,

-8-

�Luns, Ministerpräsident Andreotti und Bundeskanzler Brandt. Sie werden fortgesetzt werden, wenn ich mit Staatspräsident Pompidou zusammentreffe und
wenn ich später in diesem Jahr Europa besuchen werde.
Die Fragen, denen wir uns gegenübersehen, sind nicht abstrakt. Es geht
nicht um die europäische Einheit. Es geht auch nicht um die Bedingungen gemeinsamer Innen-und Außenpolitik, die diese Einheit stärken. Uns geht es
vielmehr darum, konkrete Probleme zu prüfen, die sich auf die spezifischen
Interessen der Vereinigten Staaten auswirken, und Übereinstimmung über einen
umfassenden Weg zur Lösung dieser Fragen zu erzielen.
Im Herbst dieses Jahres werden wichtige Verhandlungen über den internationalen Handel beginnen. Unser Grundziel ist es, die Integrität eines
offeneren Handelssystems wiederherzustellen, das das tragende Prinzip des
Allgemeinen Zoll-und Handelsabkommens (GATT) war, sowie dem Abtreiben in
einen wirtschaftlichen Protektionismus auf beiden Seiten des Atlantik Einhalt zu gebieten. Wir sind der Ansicht, daß Zölle und andere Handelsschranken sowohl bei industriellen als auch bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen
Schritt für Schritt abgebaut werden müssen. Wir sind ferner der Ansicht, daß
die nachteiligen Auswirkungen der Präferenzhandelsabkommen zwischen Europa
und den Entwicklungsländern beseitigt werden müssen. Solche Abmachungen dürfen nicht die Fähigkeit der Vereinigten Staaten oder anderer Länder beeinträchtigen, auf den europäischen Märkten oder auf den Märkten solcher Länder, mit denen sie besondere Handelsvereinbarungen haben, zu konkurrieren.
Diese und zahlreiche umfassendere Probleme,die in dem Kapitel Internationale Wirtschaftspolitik dieses Berichtes erörtert werden, erfordern
tiefgreifende Reformen. Die Verhandlungen werden langwierig und schwierig
sein. Wenn wir jedoch an unsere wirtschaftlichen Meinungsverschiedenheiten
in dem gleichen Geiste der Partnerschaft herangehen können, wie er sich
auf dem Gebiet der Verteidigung entwickelt hat, dann können wir die atlantische Einheit stärken.
Die

-9-

�Die Verteidigung des Bündnisses
Im April 1969 bestand das nordatlantische Bündnis zwanzig Jahre. Zwei
Jahrzehnte lang waren die Nationen der Atlantischen Gemeinschaft in einer
mächtigen Koalition vereint gewesen. Kein militärisches Bündnis der modernen
Zeit hat so erfolgreich den Frieden gewahrt. In militärischen Fragen kam die
Einheit ganz natürlich zustande, da die Bedrohung Europas eindeutig war, die
Notwendigkeit, ihr zu begegnen, allgemein anerkannt wurde und die grundlegende Strategie der nuklearen Vergeltung glaubwürdig und wirksam war.
Mitte der sechziger Jahre wurde es jedoch immer deutlicher, daß sich
die militärischen Verhältnisse verändert hatten und daß frühere strategische
Vorstellungen nicht mehr realistisch waren. Auf der Konferenz der NATO-Aussenminister im April 1969 unterstrich ich die Notwendigkeit, die militärische Position des Bündnisses angesichts der strategischen und politischen
Verhältnisse der siebziger Jahre zu überprüfen. Bestimmte Faktoren waren
oberstes Anliegen:
- Der Westen hatte nicht mehr das nukleare Übergewicht, das er einst
besaß. Die Sowjetunion verstärkte ihre strategischen Streitkräfte ganz
beträchtlich; die Vereinigten Staaten hatten ihre Aufbauprogramme zugunsten qualitativer Verbesserungen eingestellt. Strategische Rüstungsgespräche mußten im Falle ihres Erfolges fast mit Sicherheit ein
praktisches Gleichgewicht kodifizieren.
- In Erwartung dieses neuen strategischen Gleichgewichtes hatten die
Verbündeten ganz richtig eine Doktrin der abgestuften Antwort
(flexible response) entwickelt, um Bedrohungen mit anderen Mitteln als
einer sofortigen und massiven nuklearen Vergeltung begegnen zu können.
- In einer Situation, in der nahezu eine strategische Parität besteht,
kommt der Fähigkeit, Westeuropa mit konventionellen Streitkräften verteidigen zu können, eine weitaus größere Bedeutung zu als in den
fünfziger Jahren, als der Westen sich auf Grund der nuklearen Garantie Amerikas vorübergehende Schwächen leisten konnte.
Unter
-10-

�Unter solchen Umständen stand das tatsächliche Verhalten des Bündnisses nicht mehr mit den Folgerungen,die sich aus dem strategischen Gleichgewicht ergeben, in Einklang:
- Trotz Einführung der neuen Doktrin blieben Zusammensetzung, Stärke
und Bewaffnung der NATO-Streitkräfte praktisch unverändert. Ja, nach
der Redislozierung der Amerikaner im Jahre 1968 sowie den vorangegangenen Truppenreduzierungen war die Stärke der NATO-Streitkräfte
zurückgegangen.
- Andererseits wurden die sowjetischen Streitkräfte in Osteuropa neu
ausgerüstet und modernisiert. Nach der Invasion der Tschechoslowakei
erhöhte sich die vorgeschobene Dislozierung sowjetischer Truppen um
mehrere Divisionen. Inzwischen hatten die Vereinigten Staaten einundeindrittel Divisionen abgezogen.
- Die Verteidigungsausgaben im NATO-Bereich nahmen gemessen an realer
Kaufkraft von 1964 bis 1969 ständig ab.
- Die Verteilung der Verteidigungskosten hatte sich verlagert. Die Personalausgaben machten einen immer größeren Teil der Aufwendungen aus,
während die Beschaffungskäufe zurückgingen.
- Es gab kein Übereinkommen zwischen den Verbündeten über eine gemeinsame Norm für die Bevorratung wichtiger Munitionsarten. Wenn einige
Länder den Kampf nur einige wenige Tage durchhalten konnten, dann
war es ganz offensichtlich unerheblich, daß andere über Bestände für
einen weit größeren Zeitraum verfügten.
- Es bestand Übereinstimmung hinsichtlich der Bedeutung der konventionellen Verteidigung, aber man zögerte, vor allem in Europa, dem
nichtnuklearen Potential Vorrang einzuräumen. Europa befürchtete, daß
dies eine Beeinträchtigung der Glaubwürdigkeit nuklearer Abschreckung
mit sich bringen würde.
Darüber

-11-

�Darüber hinaus war man in den Vereinigten Staaten über unsere hohen
Verpflichtungen gegenüber dem Bündnis an Truppenstärke und Ausgaben besorgt.
Ständig fragten Kritiker, warum die Vereinigten Staaten nicht ihre Streitkräfte in Europa reduzieren könnten. Weiter nahm die Meinung zu, daß unsere
Truppendislozierung in Europa eine bereits negative Zahlungsbilanz nur noch
weiter verschlechtern würde.
Dieses Klima der Jahre 1969/70 veranlaßte mich, auf einer umfassenden
Überprüfung nicht nur der amerikanischen Verpflichtungen, sondern auch der
Politik des Bündnisses zu bestehen. Es führte zu nichts, lediglich darüber
zu diskutieren, ob die Vereinigten Staaten ihre Truppen um diese oder jene
Zahl reduzieren sollten. Die eigentliche Frage war, ob diese Truppen ein
Instrument einer vereinbarten und vernünftigen Strategie bildeten, ob ihre
Präsenz einen wesentlichen Unterschied ausmachte, und ob die Last dieser
Verpflichtungen gerecht aufgeteilt war.
Während der Jahre 1969 und 1970 haben die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten eine eingehende Überprüfung ihrer Verteidigungspolitik vorgenommen. Die Hauptergebnisse, die im Dezember 1970 bekanntgegeben wurden,
waren bedeutsam:
- Alle stimmten darin überein, daß der Trend zu ständig zurückgehenden
Potentialen in sein Gegenteil verkehrt und ein miteinander abgestimmtes, langfristiges Programm zur Verbesserung der vorhandenen
konventionellen Streitkräfte angenommen werden müsse.
- Die europäischen Verbündeten erklärten sich zu einem besonderen
FünfJahresprogramm bereit, um ihre eigenen Streitkräfte durch höhere
Ausgaben für die Ausrüstung zu verbessern und zu modernisieren.
- Das Bündnis kam zu dem Schluß, daß eine Zusage beträchtlicher amerikanischer Truppenverbände für die Verteidigung Westeuropas unerläßlich sei.
-Wir

-12-

�- Wir wiederum bekräftigten unsere Zusage, unsere eigenen Truppen in
Europa zu belassen und ihre Kampfkraft zu steigern, vorausgesetzt,
daß von Seiten unserer Verbündeten ähnliche Anstrengungen unternommen
werden.
Streitkräfteverbesserung: Unsere europäischen Verbündeten haben ihre
Verteidigungsausgaben sowohl 1971 als auch 1972 erhöht. Selbst bei Berücksichtigung des Preisauftriebs betrug die Nettoerhöhung drei bis vier Prozent. Seit 1970 haben sie in jedem Jahr über das Programm zur Verbesserung
der Europäischen Verteidigung (EDIP) eine weitere Milliarde Dollar bereitgestellt. Die Erhöhung ihrer Verteidigungsetats betrug 1972 über eine
Milliarde Dollar und im Dezember vorigen Jahres haben die europäischen Verteidigungsminister bekanntgegeben, daß sich ihre zusätzlichen Beiträge 1973
auf insgesamt 1,5 Milliarden Dollar stellen werden. Seit 1970 haben die
europäischen Verbündeten ihre Ausgaben für Ausrüstungen um 1,4 Milliarden
Dollar erhöht. In den Jahren 1971 und 1972 beschafften sie 1100 Kampfpanzer,
700 Panzerabwehrwaffen und 400 moderne Kampfflugzeuge sowie auch andere
Ausrüstungen. Dies war eine eindrucksvolle Reaktion in einer Zeit steigender Kosten und wachsender Anforderungen für innenpolitische Programme.
Aufteilung der Verteidigungslasten: Die Verbesserung der europäischen
Streitkräfte ist der wichtigste Aspekt der Aufteilung der Verteidigungslasten. Da nahezu alle europäischen Verteidigungsausgaben in direktem Zusammenhang mit der NATO erfolgen, bedeuten die erhöhten europäischen Anstrengungen in der Praxis, daß der amerikanische Anteil zurückgegangen ist. Das
ist eine geeignete Lösung, da die Vereinigten Staaten Streitkräfte zur Erfüllung ihrer weltweiten Verpflichtungen unterhalten und daher einen weitaus höhe ren Anteil ihres Bruttosozialproduktes für die Verteidigung ansetzen als die Europäer.
Ein anderer Aspekt der Verteidigungslasten ist jedoch noch nicht zufriedenstellend gelöst worden. Unsere Situation ist insofern wohl einmalig, als
unsere Truppendislozierung in Europa wesentlich zu unserem allgemeinen

-13-

�Zahlungsbilanzdefizit beiträgt. Im Jahre 1972 gaben die Vereinigten Staaten
rund 2,1 Milliarden Dollar in anderen NATO-Ländern für unsere Truppendislozierung innerhalb der NATO aus. Unter Berücksichtigung der militärischen
Ausgaben der NATO in den Vereinigten Staaten, vor allem für Ausrüstung und
Ausbildung, stellte sich unser militärisches Nettodefizit auf rund 1,5 Milliarden Dollar. Dieses Nettodefizit ist seit 1970 gestiegen und wird aus
einer Vielzahl von Gründen, darunter auch die Dollarabwertung, weiterhin
steigen.
In den vergangenen Jahren hat die Bundesrepublik Deutschland einen
großen Teil dieses Defizits, vor allem durch Kauf militärischer Ausrüstung
in den Vereinigten Staaten, ausgeglichen. Im Rahmen des derzeitigen Abkommens für die Jahre 1972-1973 hat die deutsche Regierung ferner zu den Kosten
der Renovierung der Unterkünfte für die amerikanischen Streitkräfte in
Deutschland beigetragen.

Trotzdem sollte sich das Bündnis in seiner Gesamtheit mit diesem Problem
befassen. Wir sollten prinzipiell zu einer dauerhaften Lösung kommen, in deren Rahmen die Auswirkungen der Stationierung amerikanischer Truppen in Europa auf die Zahlungsbilanz nicht wesentlich anders sind, als wenn die gleichen Streitkräfte in den Vereinigten Staaten stationiert wären. Man darf
wohl annehmen, daß das Bündnis dieses Problem in diesem Jahr prüfen wird.
Wenn die sich periodisch immer wieder ergebende Notwendigkeit entfiele, ein
zeitlich befristetes Abkommen mit nur einem Verbündeten neu auszuhandeln,
dann würde dies die Solidarität des Bündnisses insgesamt stärken.
Die Rolle der amerikanischen Streitkräfte: Die von unseren Verbündeten
seit 1970 unternommenen Anstrengungen bildeten die Grundlage meiner Zusage,
unsere NATO-Verpflichtungen weiterhin einzuhalten. Auf der Tagung des NATORates im Dezember vorigen Jahres bekräftigte ich meinen Standpunkt:
"Angesichts des gegenwärtigen strategischen Gleichgewichts und der
entsprechenden Anstrengungen unserer Verbündeten werden wir nicht nur
unsere Streitkräfte in Europa belassen, sondern sie verbessern und sie

-14-

�sie nicht verringern, es sei denn unsere Gegner ergreifen entsprechende Maßnahmen."
Diese feierliche Zusage beruht auf der grundlegenden Auffassung, die
heute noch ebenso gültig ist wie jemals seit dem zweiten Weltkrieg, daß
nämlich die Sicherheit Westeuropas untrennbar von der unsrigen ist.
Die Situation in diesem Jahrzehnt macht es erforderlich, daß die Vereinigten Staaten beträchtliche Streitkräfte in Europa aufrechterhalten.
Angesichts einer annähernden strategischen Parität wird es immer wichtiger,
daß ein starkes Potential für die Verteidigung durch nichtnukleare Streitkräfte vorhanden ist;

die Vereinigten Staaten stellen etwa ein Viertel der

NATO-Streitkräfte in dem entscheidend wichtigen mitteleuropäischen Raum, wobei der prozentuale Anteil der Streitkräfte unserer Verbündeten im gesamten
europäischen NATO-Gebiet allerdings weitaus höher liegt.
Das Kräfteverhältnis der konventionellen Streitkräfte im Herzen Europas
würde durch den einseitigen Abzug einer beträchtlichen Zahl amerikanischer
Truppen stark verschoben werden. Wenn unsere Truppenreduzierungen nicht voll
durch europäische Streitkräfte ausgeglichen würden, dann würde die Abschrekkung geschwächt werden. Im Falle von Feindseligkeiten könnte eine schwächere konventionelle Verteidigung das Bündnis vor die Wahl stellen, entweder
zu kapitulieren oder sofort Nuklearwaffen einzusetzen.
Die Zusammenarbeit innerhalb Europas auf dem Gebiet der Verteidigung
könnte auf lange Sicht eine Alternative zu dem amerikanischen Truppenbeitrag darstellen. Aber die Voraussetzung für eine solche Alternative ist
ein weitaus größeres Maß an politischer Einheit in Europa. Und selbst wenn
eine solche Einheit entsteht, so ist es unwahrscheinlich, daß die Europäer
gegenüber der riesigen nuklearen Macht der Sowjetunion allein ein strategisches Gleichgewicht aufrechterhalten können.
Kurz gesagt, ein Herauslösen unserer Streitkräfte würde das Risiko einer
ernsten Instabilität in Europa, der Folgen eines wesentlich stärkeren sowjetischen Einflusses und der gefährlichen Auswirkungen einer stärkeren Ab-

-15-

�Abhängigkeit von Nuklearwaffen heraufbeschwören. Wenn wir und unsere Verbündeten hingegen unsere Stärke aufrechterhalten, dann können wir dadurch zur
politischen Stabilität beitragen, die Wahrscheinlichkeit eines Krieges verringern und eine glaubwürdige Diplomatie bei den Verhandlungen über einen
beiderseitigen Abbau der Streitkräfte betreiben.
Wir können nicht in ernsthafte Verhandlungen eintreten, wenn wir und
unsere Verbündeten gleich zu Beginn eine Schwächung unserer Position zulassen. Ich habe die Absicht, weiterhin einen wirksamen militärischen Beitrag
der USA zum Bündnis zu leisten und Verhandlungen zu führen, die zu einem
tragbaren Gleichgewicht führen, bei dem die Anreize für einen Angriff wirksam beseitigt sind.
Unerledigte Aufgaben: In den letzten vier Jahren hat das Bündnis einige
grundlegende Schwächen festgestellt und Übereinstimmung über deren Beseitigung erzielt. In den Jahren 1971 und 1972 haben wir gemeinsame Anstrengungen
zur Verbesserung unserer Streitkräfte unternommen. Dem unmittelbarer

und

in vieler Hinsicht wohl vordringlichsten Problem haben wir uns gestej.lt.
Wir können nunmehr systematisch einige der längerfristigen Probleme untersuchen:
- Ende der siebziger Jahre werden sich alle Verbündeten vor riesige Ausgaben für die Wartung noch modernerer Ausrüstungen für noch höhere
Personalkosten und für die Aufrechterhaltung eines hohen Maßes an Einsatzbereitschaft gestellt sehen, während die Wehrpflicht abgeschafft
oder die Dienstzeit verkürzt sein dürften.
- Unter diesen umständen ist es unerläßlich, daß wir genauer definieren,
was wir unter einer ausreichenden NATO-Verteidigung verstehen. Was
verstehen wir vor allem unter Vorne-Verteidigung? Sollten wir unsere
Planungen auf maximale Anstrengungen während der ersten Zeit eines
Einsatzes abstellen? Sollten wir unsere Planungen auf anhaltende Anstrengungen über einen längeren Zeitraum hinweg abstellen? Und wenn,
mit welcher Zielsetzung? Können wir die logistische Unterstützung

-16-

�Unterstützung für eine anhaltende Verteidigung aufrechterhalten?
-

Auch wenn wir den von uns angestrebten hohen Stand an konventioneller
Verteidigung aufrechterhalten können, müssen wir immer noch unsere
nukleare Konzeption überprüfen. Wann, in welcher Weise und zu welchem
Zweck sollten wir taktische Nuklearwaffen einsetzen? Wie werden unabhängige nationale Nuklearstreitkräfte Entscheidungen des Bündnisses
beeinflussen? Brauchen wir andere Institutionen, um innerhalb des
Bündnisses solche Kernprobleme zu prüfen?
Wie ist das Verhältnis zwischen bestehenden und geplanten Verteidigungsprogrammen einerseits und den diplomatischen Bemühungen um einen Abbau der Streitkräfte andererseits?
Die Antworten auf diese Fragen sind für die Politik des Bündnisses in

den siebziger Jahren von entscheidender Bedeutung. Sie erfordern eine dringende, aber sorgfältige Prüfung. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht,
daß eine starke konventionelle Verteidigung für eine glaubwürdige Abschrekkung unerläßlich ist und daß das Bündnis auch über eine glaubwürdige nukleare
Abschreckung verfügen muß. Im Hinblick auf die strategischen Gegebenheiten
dieses Jahrzehnts müssen diese Fragen jedoch erneut überprüft und muß der
Beitrag jedes einzelnen Verbündeten auf lange Sicht festgelegt werden.
Vor allem die Aussicht auf beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Mitteleuropa wirft für das Bündnis einige unmittelbare Fragen auf.
Beiderseitige Truppenreduzierungen sind in erster Linie ein militärisches
Problem; jede Reduzierung muß im einzelnen im Hinblick auf ihre Auswirkungen
auf unser Verteidigungspotential abgewogen werden. Wir brauchen daher eine
gemeinsame Sicherheitskonzeption, in deren Rahmen wir Reduzierungen erwägen
können. Wenn wir Truppenreduzierungen als Teil einer politischen Anpassung
oder als Mittel zur Förderung einer Entspannung rechtfertigen, dann wird
das Bündnis in eine endlose Debatte darüber verwickelt werden, welches Maß
an Reduzierung zu welchem Ausmaß an politischer Entspannung führen wird.
In

-17-

�In einer solchen Debatte wäre es nahezu unmöglich, eine Antwort zu finden,
die jeden zufriedenstellt und die die Sicherheit nicht untergräbt.
Unser Ziel sollte es sein, ein militärisches Gleichgewicht zu schaffen,
das stabiler ist, weil es auf die Anliegen beider Seiten eingeht und von
allen als im gemeinsamen Interesse liegend angesehen wird. Wir wollen ein
größeres Maß an Stabilität, bei dem keine Seite auf Grund des niedrigeren
Truppenstandes einen Vorteil erlangt.
Das Bündnis sollte daher parallel auf drei Wegen vorgehen: Es sollte
erstens die Anstrengungen fortsetzen, um unsere Streitkräfte auf die Stärke
und den Stand zu bringen, den die Strategie der abgestuften Antwort (flexible
response) erfordert. Es sollte zweitens die strategischen Optionen prüfen,
die sich aus einer nuklearen Verteidigung - falls diese erforderlich werden
sollte - ergeben. Und es sollte drittens innerhalb des Bündnisses einen militärisch-politischen Rahmen schaffen, der Verteidigungsplanung

und Diploma-

tie der Verhandlung über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen
miteinander integriert.
Die Diplomatie des Bündnisses: Während des größten Teils der sechziger
Jahre war es kein allzu großes Problem, Einheit der Verbündeten und nationale
Diplomatie aufeinander abzustimmen. Die Ost-West-Beziehungen waren praktisch
eingefroren. Die Konfrontation stellte weniger Anforderungen an die schöpferische Initiative, sondern die Hauptsache war die Einigkeit der Verbündeten.
Dieser feste Zusammenhalt und die Stärke des Bündnisses trugen zu den
Veränderungen der internationalen Bedingungen bei, die wiederum neue Möglichkeiten für die Diplomatie des Bündnisses im Jahre 1969 boten. Aber es ergaben sich auch bedeutsame politische Probleme.
- Die internationale Diplomatie wird noch immer durch Nationalstaaten
geführt. Die europäischen Mitglieder der NATO haben regionale Sicherheitsinteressen, denen sie Vorrang einräumen müssen, und jeder

-18-

�jeder Verbündete hat ein nationales Interesse an der europäischen
Sicherheit. In zunehmendem Maße haben einzelne europäische Staaten
in den letzten Jahren jedoch ihre bilateralen Beziehungen zur Sowjetunion wie auch zu anderen Mitgliedern des Warschauer Paktes wahrgenommen.
- Die Vereinigten Staaten haben lebenswichtige Interessen außerhalb Europas und müssen bilateral mit der Sowjetunion über strategische Fragen
sowie über zahlreiche globale Probleme verhandeln. Jedes Mitglied der
NATO hat jedoch ein Interesse an der Entwicklung der amerikanischsowjetischen Beziehungen und wird durch sie berührt; unsere Verbündeten möchten unsere Beziehungen zur Sowjetunion beeinflussen, um ihre
eigene Sicherheit zu stärken. Zeitweilig haben unsere Verbündeten die
Vereinigten Staaten gedrängt, in ihrer Haltung gegenüber der Sowjetunion flexibler zu sein; zu anderen Zeiten wiederum haben sie uns kritisiert, daß wir in unseren Beziehungen zu Moskau zu schnell handelten
oder zu weit gingen.
Im Jahre 1969 waren die NATO-Verbündeten überzeugt, daß neue Initiativen notwendig waren, doch waren sie sich angesichts der Invasion der
Tschechoslowakei nicht sicher, ob sie die Kontakte zum Osten erneuern sollten. Einige Verbündete betrachteten eine europäische Sicherheitskonferenz
als einen möglichen Ausgangspunkt; andere forderten Verhandlungen über einen
Truppenabbau. Die Vereinigten Staaten waren zu Gesprächen über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen bereit. Wenn wir uns nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen konnten, dann war kein wesentlicher Fortschritt zu erwarten, der nicht unsere Einheit schweren Belastungen unterworfen hätte.
Daher habe ich das Bündnis im April 1969 aufgefordert, den Prozeß enger Konsultationen neu zu beleben, und für die Vereinigten Staaten die Verpflichtung
übernommen, das Bündnis laufend über SALT zu unterrichten. Die Konsultationen
würden sich mit bestimmten allgemeinen Aufgaben befassen.
Erstens

-19-

�Erstens mußten wir die spezifischen Ursachen der Spannungen identifizieren, die es zu beseitigen galt.
Zweitens mußten wir uns darüber einigen, wie die Prioritäten und die
Zusammenhänge zwischen den Hauptfragen zu behandeln seien: diejenigen, die
für ein Land, zum Beispiel für die Ostpolitik der Bundesrepublik, ein
Hauptanliegen waren; diejenigen, die ein regionales Anliegen bildeten, wie
zum Beispiel die beiderseitigen Truppenreduzierungen und eine europäische
Sicherheitskonferenz, und diejenigen, die, wie SALT, ein internationales
Anliegen darstellten.
Drittens mußten wir uns darüber klarwerden, daß einzelne Fragen von
verschiedenen Ländern in verschiedenen Gremien behandelt werden würden. Eine
solche Vielfalt erforderte unbedingt eine Harmonisierung der Zielsetzungen
wie auch ein gewisses Maß an nationaler Autonomie.
Erste Fortschritte: Die Vereinigten Staaten drängten darauf, daß das
Bündnis als einen ersten wesentlichen Schritt die Initiative hinsichtlich
des Vorschlages von Berlin-Verhandlungen ergreife. Berlin bot sich aus verschiedenen Gründen als ein logischer Ausgangspunkt an. Es war eine Ursache
ständig wiederkehrender Konfrontationen. Wenn die Sowjetunion es so wollte,
so konnte sie ständig die Verletzbarkeit der Zugangsstraßen nach Westberlin
durch Ostdeutschland hindurch ins Spiel bringen, um Druck auf Westdeutschland und die drei Westmächte auszuüben. Andererseits gab es keine objektiven Gründe, warum die Sowjetunion keine praktischen Verbesserungen des
Reiseverkehrs nach Berlin zulassen sollte, wenn sie, wie Moskau behauptete,
ein ernsthaftes Interesse an einem Abbau der Spannungen in Europa hatte.
Wenn wir uns in dieser spezifischen Frage nicht einig werden konnten, dann
bestanden nur geringe Aussichten auf eine Lösung umfassenderer Sicherheitsfragen.
Die Berlin-Verhandlungen boten also eine erste Möglichkeit, um herauszufinden, ob die Ost-West-Beziehungen aus der Erstarrung des kalten Krieges
herausgebracht werden konnten. Darüber hinaus hatte die Bundesrepublik
Deutschland eine Ostpolitik eingeleitet, um ihre Beziehungen zur Sowjetunion zu normalisieren. Und schließlich wurde die Ratifikation des Vertra-20-

�Vertrages der Bundesrepublik Deutschland mit der Sowjetunion vom August 1970
von dem Erfolg der Berlin-Verhandlungen abhängig, die von den Vereinigten
Staaten, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion geführt wurden.
Im September 1971 wurde der erste Teil des Berlin-Abkommens abgeschlossen. Die Sowjetunion garantierte den unbehinderten Verkehr zwischen Westdeutschland und Westberlin, ohne daß die Rechte und Pflichten der Westmächte
in Berlin berührt wurden. Das Abkommen sah anschließende Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, dem Westberliner Senat und Ostdeutschland über die Modalitäten des Zugangs nach Berlin sowie des Verkehrs von
Westberlin nach Ostberlin und nach Ostdeutschland vor. Im Zuge meines Treffens mit den sowjetischen Führern im Mai 1972 wurde vereinbart, daß das
Schlußprotokoll, durch das alle Teile des Berlin-Abkommens in Kraft gesetzt
wurden, am 3. Juni 1972 unterzeichnet werden sollte. Die Bundesregierung
setzte die Verträge mit der Sowjetunion und Polen nach deren parlamentarischer Billigung in Kraft, wodurch der Weg für sie frei wurde, einen Grundvertrag über die Regelung der Beziehungen zu Ostdeutschland auszuhandeln.
Gerade die letzten vier Jahre sind eine Zeit aktiver europäischer und
internationaler Diplomatie gewesen. Über das Berlin-Abkommen und die deutschen Verträge hinaus hat sich Frankreich bereit erklärt, einer Reihe von
Prinzipien für politische Konsultationen mit der Sowjetunion zuzustimmen.
Kanada erklärte sich während des Besuches von Ministerpräsident Kossygin zu
einer ähnlichen Vereinbarung bereit. Die Bundesrepublik und Italien handelten langfristige Wirtschaftsabkommen mit der Sowjetunion aus. Es fanden
mehrere Gipfeltreffen zwischen sowjetischen und westeuropäischen Staatsmännern statt. Und die Vereinigten Staaten vereinbarten mit der Sowjetunion
Begrenzungen der strategischen Rüstungen, Maßnahmen für eine bilaterale Zusammenarbeit sowie einige grundlegende Prinzipien für unsere Beziehungen.
Alles in allem haben die Verbündeten ihre nationale Diplomatie in einem
Rahmen der Einheit intensiviert. Aber gerade die Erfolge der letzten vier
Jahre haben einige neue Probleme geschaffen. Jedes der europäischen Länder

-21-

�Länder möchte die Entwicklung seiner eigenen bilateralen wirtschaftlichen
und politischen Beziehungen zur Sowjetunion und zu Osteuropa fortsetzen.
Die Vereinigten Staaten möchten ferner den positiven Trend weiter verfolgen,
der sich in unseren Beziehungen zur Sowjetunion entwickelt hat. Jeder unserer
Verbündeten möchte natürlich eine gewichtige Stimme in den Verhandlungen
haben, die Europa als Ganzes betreffen, sowie bei den Aspekten der sowjetischamerikanischen Beziehungen,die sich auf die internationale Stabilität auswirken.
Zwei spezifische Anlässe werden erweisen, ob die westliche Koalition
in der Lage ist, ihre Einheit mit ihrer Vielfalt in Einklang zu bringen:
die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und die
Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen
(MBFR).
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa:Im März 1969
hat der Warschauer Pakt erneut seinen Vorschlag vorgebracht, eine europäische
Sicherheitskonferenz einzuberufen. Eine solche Konferenz hätte weitgehend
symbolische Bedeutung gehabt; ihr Zweck wäre gewesen, den territorialen und
politischen Status quo in Europa zu bestätigen. Manche Leute im Westen meinten, daß dieser Vorschlag angenommen werden sollte; man hielt ihn für einen
Weg, um die wegen der Invasion der Tschechoslowakei im August 1968 entstandenen Spannungen abzubauen und Klarheit über die sowjetische Politik zu gewinnen. Manche Leute betrachteten ihn als einen Weg, um eine bessere Atmosphäre für spätere Gespräche zu schaffen, während andere ihn als ein Bindeglied zu spezifischeren Fragen wie Truppenreduzierungen ansahen.
Wir waren skeptisch hinsichtlich symbolischer Akte, die an den wesentlichen Problemen der Ost-West-Spannungen vorbeigingen. Die vordringlichen
Fragen der europäischen Sicherheit waren die Spannungen wegen Berlin und
Deutschland und die militärische Konfrontation in Mitteleuropa. Wir konnten
unsere Verantwortlichkeiten in Berlin nicht einer europäischen Konferenz übertragen. Wenn es nicht gelang, in einer zentralen Frage, wie Berlin, einen
Fortschritt zu erzielen, dann waren die Ergebnisse einer allgemeinen Konferenz

-22-

�Konferenz illusorisch. Durch symbolische Gesten eine Atmosphäre der Entspannung hervorzurufen, mußte zu Enttäuschungen und Unsicherheit führen.
Die Vereinigten Staaten nahmen daher den Standpunkt ein, daß eine
europäische Konferenz nur akzeptabel wäre, wenn es bei spezifischen Fragen,
einschließlich der Berlin-Varhandlungen Fortschritte gäbe. Eine Konferenz
konnte angebracht sein, wenn die einzelnen Länder bei der Regelung ihrer
Beziehungen und der Lösung einiger ihrer territorialen und politischen
Probleme Erfolg hätten.
Dies wurde durch die Verträge der Bundesrepublik mit der Sowjetunion
und Polen, das Viermächte-Abkommen über Berlin und die SALT-Abkommen erreicht. Auf meinem Gipfeltreffen mit den sowjetischen Führern im Mai 1972
willigte ich ein, daß wir nunmehr mit der Vorbereitung einer europäischen
Konferenz mit dem Ziele einer Erweiterung der europäischen Zusammenarbeit
beginnen könnten.
Im November vorigen Jahres begannen vorbereitende Gespräche, um herauszufinden

°b ausreichende gemeinsame Grundlagen vorhanden wären, um eine

Konferenz der Außenminister zu rechtfertigen. Es wird eine provisorische
Tagesordnung ausgearbeitet, die die Außenminister behandeln könnten. Der
bisher erzielte Fortschritt läßt darauf schließen, daß die Konferenz dieses
Jahr einberufen werden kann und es möglich sein wird, bei mehreren wichtigen
Fragen Fortschritte zu erzielen.
- Die Teilnehmer werden sich mit bestimmten Grundsätzen der Sicherheit und der Zusammenarbeit befassen. Wenn alle europäischen Länder
gemeinsame Verhaltensnormen bejahen und sich in der Praxis nach ihnen
richten, könnte es eine weitere Verminderung der Spannungen geben.
Ferner werden bestimmte militärische Sicherheitsfragen, die das Vertrauen stärken sollen, ebenfalls erörtert werden.
- Die Konferenz kann sich damit befassen, wie Kontakte zwischen den
Völkern Europas erleichtert und wie die Lanier zum Austausch von
Ideen und Informationen ermutigt werden können.
Die

-23-

�Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa kann somit
einen neuen Tenor in die europäischen Beziehungen bringen und neue Verhaltensformen und

Wege der Zusammenarbeit schaffen. Dies wären praktische

Schritte zur Normalisierung der Beziehungen.
Beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen: Der Meinungsaustausch, der zu dieser Konferenz führte, diente auch als Brücke zu Verhandlungen über eine spezifischere und zentralere Sicherheitsfrage - beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Mitteleuropa. Die Aussichten
auf eine Rüstungskontrolle in Europa stehen zweifellos in einem Zusammenhang mit politischen Verbesserungen zwischen Ost und West. Während der fünfziger und der sechziger Jahre gab es Vorschläge für eine Rüstungskontrolle
in Europa. Aber es war unrealistisch, mit Verhandlungen über einen Truppenabbau zu rechnen - beispielsweise in Deutschland, wo es fast ständig Krisen
wegen Berlin gab. Darüber hinaus stand die Reduzierung von Streitkräften in

Mitteleuropa in Zusammenhang mit dem strategischen Gleichgewicht zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie mit der politischen Situation innerhalb des Warschauer Paktes.
Aus diesen Gründen wurden die Vorschläge der NATO vom Juni 1968, Verhandlungen über Truppenreduzierungen zu beginnen, vom Warschauer Pakt kühl
aufgenommen. Erst als das Berlin-Abkommen und die SALT-Abkommen im Jahre
1972 abgeschlossen worden waren, war es möglich, eine Reihenfolge für den
Beginn von Verhandlungen in getrennten Foren für eine Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und über beiderseitige und ausgewogene
Truppenreduzierungen festzulegen.
Die einleitenden Gespräche über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen, die gegenwärtig in Wien stattfinden, werden die Grundlagen
für formellere Verhandlungen im kommenden Herbst schaffen. Die militärischen
Aspekte und die Rüstungskontrollaspekte der Truppenreduzierungen werden in
anderen Kapiteln dieses Berichtes behandelt. Besti mmte Punkte, die die atlantische politische Einheit berühren, seien hier zusammengefaßt dargestellt.
Vielleicht

-24-

�Vielleicht mehr als jede andere Einzelfrage stellt das Problem der
Truppenreduzierungen die grundlegende Frage heraus, wie die Einheit des Bündnisses mit der nationalen Vielfalt in Einklang gebracht werden kann. Wir werden ein nie dagewesenes Maß an Einigkeit in grundlegenden militärischen
und politischen Sicherheitsfragen brauchen. Das Ergebnis der Verhandlungen
wird sich auf das gesamte Bündnis auswirken, gleichgültig wer am Verhandlungstisch sitzt und wessen Truppen reduziert werden. Schon der Verhandlungsprozeß selbst wird unsere gemeinsamen Zielsetzungen auf die Probe stellen.
Jedes Mitglied bringt in dieser Frage starke nationale Gesichtspunkte
mit. Wir müssen vermeiden, daß man versucht, nationale Interessen durch Verfahrenskunstgriffe oder taktische Lösungen zu schützen. Ein solches Vorgehen
würde lediglich die eigentlichen Fragen hinausschieben oder ausklammern.
Und letztlich wäre es schädlich und würde das Bündnis der Ausbeutung durch
die andere Seite ausliefern. Unser Ziel muß ein Übereinkommen über grundlegende Sicherheitsprinzipien sein. Wir müssen individuellen nationalen Anliegen im Rahmen einer gemeinsamen Sicherheitskonzeption Rechnung tragen und
uns ohne Umschweife mit der Frage befassen, wie wir unsere Sicherheit bei
verringertem Truppenstand gewährleisten können. Diese Fragen sind äußerst
delikat, und die Gespräche im Bündnis werden mühsam und schwierig sein.
Die Vereinigten Staaten stehen mit ihren Verbündeten in sehr ernsthaften
Konsultationen, die der Vorbereitung für die später in diesem Jahr zu führenden Verhandlungen dienen. Die Reduzierung der Streitkräfte in Mitteleuropa
ist selbstverständlich Bestandteil in dem Komplex der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. Die amerikanischen und sowjetischen Streitkräfte sind insofern vergleichbar, als sie nicht in Mitteleuropa zu Hause sind und für
eine solche Reduzierung in Frage kämen.
Die Vereinigten Staaten werden die Sicherheit des Bündnisses nicht gegenüber den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen hintanstellen. Wir wissen
um die in dieser Hinsicht bestehenden europäischen Besorgnisse» Aber selbst
wiederholte amerikanische Zusicherungen haben diese Sorgen nicht beschwichtigt.

-25-

�beschwichtigt. Gegenseitiges Vertrauen innerhalb des Bündnisses wird sich
nur durch ein Übereinkommen über den grundsätzlichen Sicherheitsrahmen für
die Verhandlungen entwickeln.
Beziehungen zu Osteuropa
Die Verbesserung in unseren Beziehungen zur Sowjetunion im Verlaufe des
Jahres 1972 hat eine bessere Atmosphäre für unsere Beziehungen zu den osteuropäischen Ländern geschaffen. Wir sehen jedoch unsere Beziehungen zu einem der osteuropäischen Staaten nicht als eine Funktion unserer Beziehungen
zu Moskau an. Wir lehnen die Idee besonderer Rechte oder Vorteile einer
Fremdmacht in dieser Region ab. Wir haben die Chancen zur Entwicklung unserer Beziehungen zu den osteuropäischen Ländern schon lange vor der Moskauer
Gipfelkonferenz begrüßt und sie auch wahrgenommen. Und wir werden auch weiterhin nach Mitteln und Wegen suchen, um unsere wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen Kontakte mit diesen Ländern
auszubauen. Richtschnur dabei sind der beiderseitige Nutzen und die Gegenseitigkeit.
Mit dem Nachlassen der Nachkriegsstarre in den Beziehungen zwischen
Ost-und Westeuropa

rechnen die Völker in beiden Gebieten nun auch damit,

die günstigen Auswirkungen dieser Entspannung in ihrem täglichen Leben zu
verspüren. Diese Hoffnungen bestehen zu recht. Eine Ära der Zusammenarbeit
in Europa sollte zu einer Vielfalt neuer Beziehungen führen, und zwar nicht
nur zwischen den Regierungen, sondern auch zwischen Organisationen, Institutionen, Firmen und den Menschen ganz allgemein. Wenn der Friede in Europa
von Dauer sein soll, dann muß sein Fundament breit angelegt sein.
Meine Besuche in Rumänien im Jahre 1969, in Jugoslawien im Jahre 1970
und im Polen im Jahre 1972 sollten dazu beitragen, die Tür für diese erweiterten Beziehungen zu öffnen.
Während

-26-

�Während neines Besuches in Warschau im Juni vorigen Jahres kam ich mit
den polnischen Führern überein, den amerikanisch-polnischen Handel sowie
den Austausch auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Technologie, der Kultur,
des Tourismus und des Verkehrs zu verstärken. Eine gemeinsame amerikanischpolnische Handelskommission wurde ins Leben gerufen. Nachdem unsere Regierungen sich auf der Basis der Gegenseitigkeit über Vereinbarungen zur Export
finanzierung geeinigt hatten, entschied ich, daß Kredite der Export-ImportBank für Transaktionen mit Polen zur Verfügung gestellt werden sollten. Andere Vereinbarungen zur Erleichterung des Handels, zur Verstärkung des Austausches auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Technologie sowie zur Verbesserung der konsularischen Einrichtungen sind ebenfalls unterzeichnet worden.
Der Besuch von Außenminister Rogers im Juli in Jugoslawien bekräftigte
unsere seit langem bestehenden herzlichen Beziehungen zu diesem wichtigen
blockfreien Land. Seine Unabhängigkeit, seine politische Stabilität und
sein wirtschaftlicher Wohlstand sind Hauptfaktoren für einen dauerhaften
Frieden in Europa.
Der Wunsch Rumäniens nach engen und beiderseitig nützlichen Beziehun»
gen hat während der letzten drei Jahre zu einer praktischen Zusammenarbeit
und zu hilfreichen Konsultationen geführt, einschließlich meines Besuches
in Bukarest und des Besuches von Staatspräsident Ceausescu in Washington. Im
letzten Jahr billigten wir die Übernahme von Garantien für Privatinvestitionen in Rumänien, und ich hoffe weiterhin, daß der Kongreß die Ermächtigung
zur Gewährung der Meistbegünstigungsklausel für dieses Land erteilen wird.
Im Dezember unterzeichneten wir das umfassendste Abkommen über einen kulturellen und wissenschaftlichen Austausch in der Geschichte unserer Beziehungen zu Rumänien.
Im Sommer vorigen Jahres unterzeichnete Außenminister Rogers Konsularkonventionen mit Rumänien und Ungarn. Sein Besuch in Budapest und die dann
folgende Regelung der langjährigen amerikanischen Ansprüche gegenüber Ungarn

-27-

�Ungarn haben die Aussichten auf normalere Beziehungen verbessert.
Wir bleiben weiterhin bereit, mit allen Ländern in Osteuropa konstruktive Beziehungen auf einer Basis der Gegenseitigkeit herzustellen. Unterschiede in den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Systemen bestehen
und müssen offen und freimütig anerkannt werden. Sie werden aber unsere Zu sammenarbeit mit einem anderen Land, das diese sucht, nicht verhindern.

Ausblick
Die weltpolitische Szenerie hat sich im Jahre 1972 dramatisch verändert. Aber ein konstanter Faktor in diesem sich verändernden

Gefüge ist das

enge Verhältnis unter den atlantischen Verbündeten gewesen. Es ist allerdings
wahr, daß einige unserer Verbündeten bei dem immer stärkeren Hervortreten
der Entspannungsbemühungen zwischen Ost und West besorgt fragen, ob die Vereinigten Staaten auch weiterhin an Europa gebunden bleiben würden oder

ob

sie stattdessen auf ein neues Machtgleichgewicht abzielen würden, bei dem
die alten Zusammenhalte aufgelöst werden könnten und die Unterschiede zwischen Verbündeten und Gegnern schwinden würden. In einer Periode großer internationaler Veränderungen nach einer langen Zeit der Konfrontation mögen
Sorgen und Befürchtungen dieser Art unvermeidbar sein. Immer wenn es zu einer
Verbesserung in den Beziehungen zwischen Gegnern kommt, wird bei denen, die
nicht direkt miteinbezogen sind, eine Tendenz bestehen, sich darüber zu sorgen, daß ihre eigenen Interessen irgendwie hinter den neuen Beziehungen zurückgestellt würden.
Aber die Vereinigten Staaten werden niemals die Sicherheit Europas oder
die Interessen ihrer Verbündeten aufs Spiel setzen. Die beste Gewähr für unsere Einigkeit liegt jedoch nicht in verbalen Beteuerungen, sondern im Wissen
um die vereinbarten Ziele und die gemeinsame Politik. Fast ein Jahrzehnt lang
hat das Bündnis die Fragen der Verteidigung und der Entspannung diskutiert
- wobei die einen diesen, die anderen jenen Kurs forderten. Diese Debatten
sollten jetzt ihr Ende finden. Wir müssen die Reihen schließen und gemeinsam

-28-

�gemeinsam unseren Kurs für das vor uns liegende Jahrzehnt festlegen. Es
gibt eine ganz klare Tagesordnung für Maßnahmen des Bündnisses.
- Die Vereinigten Staaten unterstützen die europäische Einheit, wie
dies immer der Fall gewesen ist. Aber wir müssen jetzt gemeinsam die
Basis der kooperativen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft in diesem Jahrzehnt
definieren. Damit dies geschehen kann, brauchen wir eine neue Bekräftigung unserer gemeinsamen Ziele, um unseren Wirtschaftsverhandlungen
eine politische Richtung zu geben und um kooperative Lösungen zu fördern.
- Die Vereinigten Staaten werden ihre Streitkräfte in Europa aufrechterhalten. Wir werden nicht einseitig abziehen. Aber wir müssen uns
über unsere gemeinsamen Verteidigungserfordernisse und über den Beitrag einig werden, den jeder Verbündete sowie das Bündnis kollektiv
leisten muß, um unsere Sicherheit unter neuen Bedingungen zu gewährleisten,
- Wir benötigen eine konzertierte Strategie, um mit Sicherheits-und
diplomatischen Fragen gemeinsamen Interesses fertig zu werden, in welchen Foren sie auch immer behandelt werden.
- In den siebziger Jahren stehen wir vor neuen gemeinsamen Aufgaben,
wie die Sicherstellung der Hilfsquellen für die Energieversorgung der
Industrieländer. Dies muß ein neues Gebiet unserer Zusammenarbeit werden.
Das Jahr 1973 ist das Jahr Buropas wegen der historischen Chancen, vor
denen wir gemeinsam stehen. Die Vereinigten Staaten, Kanada und Westeuropa
haben einen entscheidenden Beitrag zu einer gesuhden Weltwirtschaft und zu
einer neuen friedlichen Weltordnung zu leisten. Dies sind neue schöpferische
Aufgaben für unsere Partnerschaft.

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19/1973

USA BEGRÜSSEN EINIGUNG ÜBER BETEILIGUNG UND VERFAHREN
FÜR MBFR-VERHANDLUNGEN

WIEN - (AD) - Nach A u f f a s s u n g

der Vereinigten Staaten h a t die j e t z t e r -

z i e l t e Einigung über e i n e n T e i l n e h m e r k r e i s und d i e Verfahren
ü b e r b e i d e r s e i t i g e und ausgewogene T r u p p e n v e r r i n g e r u n g e n

f ü r Verhandlungen

(MBFR) d i e g e g e n -

w ä r t i g e n G e s p r ä c h e i n Wien e i n e n w e s e n t l i c h e n S c h r i t t w e i t e r g e b r a c h t .
l i c h i s t man s i c h i n W a s h i n g t o n d a r ü b e r im k l a r e n ,

d a ß noch w e i t e r e

Natürorgani-

s a t o r i s c h e F r a g e n g e k l ä r t w e r d e n m ü s s e n , g a n z a b g e s e h e n vom e i g e n t l i c h e n I n h a l t d e r Verhandlungen.

Am 1 4 . Mai h a t t e n d i e D e l e g a t i o n e n d e r 19 a n d e n S o n d i e r u n g s g e s p r ä c h e n
b e t e i l i g t e n L ä n d e r - z w ö l f NATO-Staaten u n d s i e b e n L ä n d e r d e s W a r s c h a u e r P a k t e s bekanntgegeben,

daß e l f Länder " d i r e k t " an den Verhandlungen b e t e i l i g t

s o l l e n - nämlich B e l g i e n , Kanada, d i e T s c h e c h o s l o w a k e i ,
Deutschland,

sein

d i e Bundesrepublik

d i e D e u t s c h e D e m o k r a t i s c h e R e p u b l i k , Luxemburg, d i e N i e d e r l a n d e ,

P o l e n , d i e UdSSR, G r o ß b r i t a n n i e n und d i e V e r e i n i g t e n S t a a t e n - w ä h r e n d f ü r
d i e ü b r i g e n a c h t e i n e " b e s o n d e r e " Form d e r B e t e i l i g u n g v o r g e s e h e n i s t - a l s o
für Bulgarien,
und d i e T ü r k e i .
teiligt,
direkt,

Dänemark, G r i e c h e n l a n d ,

Ungarn, I t a l i e n ,

Norwegen,

Rumänien

Dabei w i r d d i e P o s i t i o n U n g a r n s s p e z i e l l a l s n i c h t v o l l b e -

a b e r auch n i c h t g a n z u n b e t e i l i g t a n d e r Gruppe h e r a u s g e h o b e n , d i e
a l s o an den e i g e n t l i c h e n E n t s c h e i d u n g e n , b e t e i l i g t i s t .

Der S t a t u s Ungarns w a r o h n e F r a g e e i n e r d e r s c h w i e r i g s t e n A s p e k t e f ü r
künftige Verhandlungen.

D i e s e S t r e i t f r a g e wurde s c h l i e ß l i c h

promiß b e i d e r S e i t e n g e l ö s t .

d u r c h e i n e n Kom-

Dabei h a b e n b e i d e S e i t e n K o n z e s s i o n e n

gemacht,

�gemacht, nachdem d i e V e r t r e t e r der Länder des Warschauer Paktes von Anfang
an d i e B e t e i l i g u n g Ungarns zwar n i c h t a u s g e s c h l o s s e n , aber s i c h doch k l a r
gegen e i n e " v o l l e " B e t e i l i g u n g Ungarns ausgesprochen h a t t e n .
Eine e n d g ü l t i g e Lösung s t e l l t d i e j e t z i g e Regelung jedoch noch n i c h t d a r .
Der Konsensus, der b e z ü g l i c h des T e i l n e h m e r k r e i s e s für MBFR-Verhandlungen und
der Verfahren e r r e i c h t worden i s t , e n t h ä l t e i n e u n b e s t r i t t e n e Erklärung der
w e s t l i c h e n Verbündeten, daß d e r S t a t u s Ungarns b e i den gegenwärtigen Gesprächen
i n Wien s e i n e s p ä t e r e B e t e i l i g u n g an Verhandlungen oder Abkommen keineswegs
präjudiziert.
Die w e s t l i c h e n Verbündeten haben i h r e Absicht bekanntgegeben, d i e Frage
der B e t e i l i g u n g Ungarns an e v e n t u e l l e n Abkommen zu einem s p ä t e r e n Z e i t p u n k t
wieder anzuschneiden. Die j e t z t i n Wien gefundene Formel, d i e i n das Verfahrensübereinkommen aufgenommen worden i s t , e r m ö g l i c h t es einem S t a a t mit
einem " S o n d e r s t a t u s " , s p ä t e r zu dem S t a t u s der " d i r e k t e n " B e t e i l i g u n g ü b e r z u wechseln. Bezüglich des s t ä n d i g e n Versuches s e i t e n s des Warschauer P a k t e s ,
d i e d i r e k t e B e t e i l i g u n g Ungarns von e i n e r d i r e k t e n B e t e i l i g u n g I t a l i e n s abhängig zu machen, gehen d i e w e s t l i c h e n Verbündeten von dem Standpunkt a u s , daß
I t a l i e n b i s h e r den S t a t u s d e r "besonderen" B e t e i l i g u n g gehabt h a t , daß d i e s e r
S t a t u s n i c h t i n Frage g e s t e l l t werden kann und auch i n Zukunft n i c h t i n Frage
g e s t e l l t werden wird.
Die j e t z t e r r e i c h t e Einigung wird von w e s t l i c h e r S e i t e a l s e i n a k z e p t a b l e r
und f a i r e r Kompromiß b e t r a c h t e t und a l s Beweis für den e r n s t h a f t e n Wunsch
b e i d e r S e i t e n , im Verfahren und i n der Sache weiterzukommen. Die S c h w i e r i g k e i t e n und d i e Z ä h i g k e i t der b i s h e r i g e n Sondierungsgespräche wird a l s Hinweis
auf d i e S c h w i e r i g k e i t der für d i e s e s J a h r e r w a r t e t e n e i g e n t l i c h e n Verhandlungen
angesehen.
Der amerikanische D e l e g i e r t e Jonathan Dean e r k l ä r t e jedoch i n diesem Zusammenhang: "Wenn es s i c h a l s möglich e r w e i s t , i n d e r komplexen Frage d e r
b e i d e r s e i t i g e n und ausgewogenen Truppenverringerungen i n M i t t e l e u r o p a e i n Uber-

-

2 -

�Übereinkommen zu e r z i e l e n , das den Stand der Konfrontation v e r r i n g e r t , ohne
d i e S i c h e r h e i t der B e t e i l i g t e n zu v e r r i n g e r n , dann w i r d d i e s e s Ergebnis ohne
Frage e i n p o s i t i v e s neues K a p i t e l der Ost-West-Beziehungen aufschlagen und
die S i t u a t i o n i n M i t t e l e u r o p a s e l b s t w e s e n t l i c h v e r b e s s e r n . "

-

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19/1973

EBERLE UNTERSTREICHT BEDEUTUNG DER GEGENSEITIGKEIT FÜR DIE
KOMMENDEN HANDELSVERHANDLUNGEN

WASHINGTON - (AD) - Der Sonderbeauftragte Präsident Nixons für Handelsverhandlungen, Botschafter William D. Eberle, hat vor dem Haushaltsausschuß
des amerikanischen Repräsentantenhauses erneut die Bedeutung der Gegenseitigkeit für die kommenden HandelsVerhandlungen unterstrichen. Eberle nahm damit
zu einer Frage des AusschußVorsitzenden, des demokratischen Abgeordneten
Wilbur D. Mills, Stellung, die dieser während der öffentlichen Anhörungen zu
dem neuen Handelsgesetz der USA an ihn gerichtet hatte.

Die Frage von Mills und die Antwort Eberles haben folgenden Wortlaut:

Mills: Gestern hat Finanzminister Shultz in einer Erklärung auch zu dem
Begriff der Gegenseitigkeit Stellung genommen. Dieser Begriff Gegenseitigkeit
ist zumindest von einigen mißverstanden worden und hat in einigen ausländischen
Hauptstädten eine gewisse Besorgnis und Aufregung ausgelöst. Man gelangte
dort auf Grund der Lektüre bestimmter Zeitungsartikel zu der Auffassung, der
Finanzminister habe gesagt, daß wir bei unseren Verhandlungen und bei unserem
Handel nicht mehr von der Basis der Gegenseitigkeit ausgingen. Können Sie
dies klarstellen und uns ganz offen sagen, was gemeint war?

Eberle: Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten haben zugestimmt, und
es entspricht auch unserer Politik, daß diese Verhandlungen gemäß der Absichtserklärung von 1972 geführt werden. Diese Erklärung besagt: beiderseitiger Vor-

�V o r t e i l , b e i d e r s e i t i g e Verpflichtungen und - im ganzen gesehen - G e g e n s e i t i g keit.
Die g e s t r i g e n Ausführungen von F i n a n z m i n i s t e r S h u l t z stimmten 'li.erroit
v o l l und ganz ü b e r e i n . Er s a g t e t a t s ä c h l i c h , man werde das Wort G e g e n s e i t i g k e i t i n k e i n e r der Erklärungen im Rahmen d i e s e r Anhörungen f i n d e n . Man w i r d
d i e s e s Wort auch n i c h t i n dem Gesetz zur Ausweitung des Handels von 1962 oder
in dem Gesetz zur Reform des Handels von 1973 finden.
Hier wurde g e s a g t , daß f r ü h e r b e i ZollVerhandlungen, wie auch F i n a n z m i n i s t e r
S h u l t z a n d e u t e t e , e i n e S i t u a t i o n b e s t a n d , i n der Zug um Zug vorgegangen wurde man räumt uns b e i einem Handelswert von 100 Millionen D o l l a r e i n e Zollsenkung
um e i n Prozent e i n , und w i r müssen das Gleiche zurückgeben.
Diese Verhandlungen s i n d so umfassend und k o m p l i z i e r t , daß w i r auf z a h l r e i c h e n Gebieten e i n f a c h Vernunft walten l a s s e n müssen. Es geht h i e r n i c h t um
e i n e s o l c h e d i r e k t e G e g e n s e i t i g k e i t . Es g e h t h i e r um b e i d e r s e i t i g e

Verpflich-

tungen für neue t e c h n i s c h e oder Verhaltensnormen oder e i n e Aufhebung von Beschränkungen und V o r t e i l e für a l l e , d i e s i c h daraus ergeben, daß der Handel
b e i e i n e r B e s e i t i g u n g b e s t e h e n d e r Verzerrungen auf z a h l r e i c h e n d i e s e r Gebiete
r e i b u n g s l o s e r f l i e ß e n w i r d und w i r auf d e r B a s i s e i n e s s c h a r f e n Wettbewerbs
unseren T e i l für uns verbuchen können.

Von einem d e r a r t i g e n Vorgehen sprechen w i r h i e r .
Ich w o l l t e l e d i g l i c h s i c h e r s e i n , daß e i n Anfang gemacht w i r d . Meines Erachtens b e s t e h t e i n e gewisse Besorgnis über v e r s c h i e d e n e P r a k t i k e n a n d e r e r Länder,
gegen d i e w i r angehen, d i e w i r gerne ohne irgendwelche Kompensationen b e s e i t i g e n
möchten, w e i l w i r s i e a l s i l l e g a l b e t r a c h t e n . Wir b e t r a c h t e n s i e n i c h t a l s Bes t a n d t e i l der Verhandlungen. Es h a n d e l t s i c h h i e r zum B e i s p i e l um i l l e g a l e Quoten,
wie s i e Japan h a t , und w i r s t e h e n im B e g r i f f , über z a h l r e i c h e d e r a r t i g e Fragen
mit den ü b r i g e n Ländern zu s p r e c h e n .
M i l l s : Ich danke Ihnen, meines Erachtens t r i f f t
nanzminster g e s t e r n zum Ausdruck b r i n g e n w o l l t e .
+ + + + +
- 2 -

das genau d a s , was der F i -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Europa und das Atlantische Bündnis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszug aus dem außenpolitischen Bericht Präsident Nixons -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA begrüßen Einigung über Beteiligung und Verfahren für MBFR-Verhandlungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eberle unterstreicht Bedeutung der Gegenseitigkeit für die kommenden Handelsverhandlungen</text>
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%

"*"

Ä&lt;

24. Mai 1989

21
I N H A L T

DOKUMENTATION
Bush:

Vereinigte Staaten begrüßen Entstehung eines Vereinten Europas

- Rede an der Boston University -

Bush "wäre erfreut" über ein wiedervereinigtes Deutschland
- Interview des Präsidenten mit der Washington Times -

HINTERGRUNDMATERIAL
Stand der Rüstungskontrollverhandlungen
- Wöchentliche Übersicht -

COCOM und der Ost-West-Dialog
- Von Botschafter Allan Wendt -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Umweltschäden aus dem Weltraum kartiert
- Weitere Einschränkung von Stickstoffoxidemissionen notwendig -

Satellitenbrücke für medizinische Problemfälle
- USA richten Direktverbindung nach Armenien ein -

* * * * * *

United States Information Service
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F'ostfach 20 03 00
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�AMERIKA DIENST
\os

Dokumentation

^

21

24. Mai 1989

BUSH:

VEREINIGTE STAATEN BEGRÜSSEN ENTSTEHUNG EINES VEREINTEN EUROPAS
- Rede an der Boston Unlverslty -

BOSTON - (AD) - In Gegenwart des französischen Präsidenten Mitterrand hat
Präsident Bush am 21. Mai 1989 im Rahmen einer Abschlußfeier an der Boston
University erklärt, die Vereinigten Staaten begrüßten "die Entstehung Europas
als Partner bei der Führung der Welt" und seien bereit, gemeinsam "neue Konsultations- und Kooperationsmechanismen zu politischen und globalen Problemen"
zu entwickeln.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut:

Als Absolventen der Boston University nehmen Sie das Diplom einer
großen
Institution
und noch etwas
mehr mit sich - das Wissen um die
Vergangenheit und Verantwortung für
die Zukunft. Schauen Sie sich unsere
Welt an.
Die Staaten unterliegen
solch
radikalen Veränderungen, daß
sich das internationale System, wie
sie es im nächsten Jahrhundert vorfinden werden, von dem heutigen so
sehr unterscheiden wird, wie die heutige
Welt
von der Zeit
Woodrow
Wilsons.
Wie werden sich die Vereinigten Staaten auf die vor ihnen
liegenden
Herausforderungen
vorbereiten?
Gerade im Hinblick auf Ihre Zukunft und nach Diskussionen und Bestandsaufnahmen
richten wir unsere
Außenpolitik darauf aus, diese Zeit
außergewöhnlicher
Veränderungen und

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Chancen zu bewältigen. Ich habe ausgeführt, wie diese Administration Reformen in Osteuropa fördern wird und
wie wir mit unseren Freunden in Lateinamerika zusammenarbeiten werden.
In Texas habe ich zu einer anderen
Gruppe
von
Universitätsabsolventen
über unsere neue Haltung zur Sowjetunion gesprochen, die über eine Politik der Eindämmung hinausgeht, um zu
versuchen, die Sowjets in die internationale Staatengemeinschaft zu integrieren und ihnen zu helfen, die
Früchte
internationaler
Zusammenarbeit zu ernten.
Heute möchte ich mich jedoch der
Zukunft Europas widmen, jener Mutter
der Nationen und Ideen, die so sehr
ein Bestandteil Amerikas ist. Es ist
diesem
Anlaß
angemessen,
daß ich
dieses Forum mit einem besonderen
Freund Amerikas teile - Präsident

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�Mitterrand, Sie stehen beim amerikanischen Volk in besonderem Ansehen.
Ich erinnere mich gut an unser Treffen in Yorktown im Jahr 1981 aus Anlaß des 200. Jahrestages des ersten
französisch-amerikanischen Kampfs für
die Freiheit. Schon bald werde ich
in Paris mit Ihnen zusammenkommen, um
den 200. Jahrestag des französischen
Kampfs für Freiheit und Gleichheit zu
begehen.
Dies ist nur ein Beispiel für das
besondere Band zwischen unseren beiden Kontinenten. Sehen Sie sich nur
diese Stadt an. Von der alten Old
North Church bis zu Paul Reveres Heim
im Herzen des italienisch geprägten
Nordteils der Stadt und unseren berühmten,
gesangserfüllten
irischen
Kneipen - die alte und die neue Welt
sind in Boston untrennbar miteinander
verbunden.
Aber wenn wir auf die
Tradition der alten Welt zurückschauen, müssen wir auch den Blick nach
vorn auf das neue Europa richten.
Historische Veränderungen werden Ihren Werdegang und ihr Leben prägen.
Die sich in Westeuropa vollziehenden Veränderungen
sind weniger
dramatisch als diejenigen, die im
Osten stattfinden, aber sie sind deshalb nicht weniger grundlegend. Die
Nachkriegsordnung, die im Jahr 1945
ihren Ausgangspunkt
hatte, erhält
einen völlig neuen Charakter. Zwar
bleiben gewisse Grundzüge bestehen,
da unser Bündnis mit Westeuropa von
jenen zynischen Mächteallianzen der
Vergangenheit
gänzlich
verschieden
ist. Es gründet sich auf weit mehr
als die Wahrnehmung eines gemeinsamen
Gegners. Es gründet sich auf Bande
der Kultur, Blutsverwandtschaft und
gemeinsamer Werte. Während wir den
Blick auf das 21. Jahrhundert richten, sollten Amerikaner und Europäer
sich gemeinsam der Worte von Raymond
Aron erinnern, der das Bündnis als
"moralische
und
geistige
Gemeinschaft" bezeichnete.
Unsere Ideale
entsprechen denen der amerikanischen
Bill of Rights und der französischen
Erklärung der Menschenrechte.
Und
gerade weil die Ideale dieser Gemeinschaft einen solch universellen Charakter besitzen, befindet sich die

Welt heute im Umbruch.
Ein neues Jahrhundert bietet heute die Aussicht auf ein vereintes
Europa.
Wie Sie wissen, befinden
sich die Staaten Westeuropas bereits
auf dem Weg zu verstärkter wirtschaftlicher Integration mit dem ehrgeizigen Ziel, bis zum Jahr 1992
einen europäischen
Binnenmarkt zu
schaffen.
Die Vereinigten Staaten
haben häufig erklärt, sie strebten
nach der Überwindung alter Feindschaften, einer Integration Europas.
Gleichzeitig hatten einige Amerikaner
ein historisch zwiespältiges Verhältnis gegenüber einem geeinteren Europa.
Zu dieser Ambivalenz gesellte
sich Besorgnis im Hinblick auf die
Aussicht des europäischen Binnenmarkts im Jahr 1992. Aber was andere
auch immer denken mögen, diese Administration ist sich einig. Unserer
Überzeugung
zufolge
bedeutet
ein
starkes, vereintes Europa ein starkes
Amerika.
Das Bruttoinlandsprodukt Westeuropas ist etwa ebenso hoch wie das
unsere, und seine Bevölkerungszahl
übertrifft die unserige. Auf vielen
Gebieten nimmt die europäische Wissenschaft
weltweit
eine
führende
Stellung ein, Bildungs- und Ausbildungsniveau der europäischen Arbeitnehmer sind sehr hoch.
Die Vereinigten Staaten begrüßen
die Entstehung Europas als Partner
bei der Führung der Welt. Wir sind
bereit, mit der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten neue
Konsultations- und Kooperationsmechanismen zu politischen und globalen
Problemen zu entwickeln, von der
Stärkung der demokratischen Kräfte in
der Dritten Welt bis zur Bewältigung
regionaler Spannungen und Überwindung
der Teilung Europas. Ein wiederaufstrebendes Westeuropa besitzt wirtschaftliche Magnetkraft
und zieht
Osteuropa
enger
zur
Gemeinschaft
freier Nationen hin.
Eine reifere Partnerschaft mit
Westeuropa wird neue Herausforderungen an uns stellen. Sicherlich wird
es zu Auseinandersetzungen und Kon-

- 2 -

�troversen über wirtschaftliche Fragen
kommen. Die Vereinigten Staaten werden selbstverständlich
ihre Wirtschaftsinteressen
verteidigen.
Es
ist jedoch wichtig, Gegner von Verbündeten und Verbündete von Gegnern
zu unterscheiden. Welch eine Tragödie - wie absurd - wäre es, wenn
künftige Historiker den Zerfall des
Bündnisses auf Streitigkeiten über
Hormone in Rindfleisch und Kriege
über Teigwaren zurückführen würden.
Wir müssen uns alle energisch dafür
einsetzen, daß das Europa des Jahres
1992 die niedrigeren Schranken der
modernen Weltwirtschaft annehmen wird
und nicht die hohen Wälle und Wassergräben des mittelalterlichen Handels.
Letztlich beruhen unsere Hoffnungen für die Zukunft jedoch auf der
Bewahrung des Friedens in Europa.
Vor 42 Jahren hielt Außenminister
George Marshall auf der anderen Seite
des Charles River bei einer Abschlußfeier eine Ansprache, in der er einen
Plan für den Wiederaufbau Europas erläuterte. Westeuropa hat darauf heldenhaft reagiert und später zusammen
mit uns eine Partnerschaft zur gerne insaqmen Verteidigung begründet
einen Schild, den wir als NATO bezeichnen. Dieses Bündnis ist stets
von einer angeregten Debatte über den
besten Weg zur Erlangung friedlichen
Wandels geleitet worden. Die tiefere
Wahrheit besteht jedoch darin, daß
das Bündnis einen historischen Frieden erzielt hat, weil es gemeinsam
ein grundsätzliches Ziel verfolgt.
Hinder dem Schild der NATO hat Europa
bis heute 40 Jahre ohne Konflikt erlebt, die längste Friedensperiode,
die dieser Kontinent je gekannt hat.
Hinter diesem Schild sind die Staaten
Westeuropas von Not zu Wohlstand aufgestiegen - all das aufgrund der
Stärke und Entschlossenheit freier
Völker.
Da Westeuropa sich nunmehr zusammenschließt, erkennen wir, daß neue
Formen der Zusammenarbeit entwickelt
werden müssen. Wir begrüßen die sich
herauskristallisierende
Verteidigungszusammenarbeit in der neu belebten Westeuropäischen
Union, deren
Mitglieder mit uns bei der Offenhal-

tung der Seewege im Persischen Golf
zusammengearbeitet haben.
Wir begrüßen die wachsende militärische Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich. Wir
begrüßen britische und französische
Programme zur Modernisierung ihrer
Abschreckungsfähigkeit
und
ihre
Schritte zu mehr Zusammenarbeit in
diesem Bereich.
Es ist nur billig
und recht, daß die Europäer ihre Verteidigungszusammenarbeit
zunehmend
als Investititon in eine sichere Zukunft betrachten. Wir jedoch haben
ein wichtiges Anliegen anderer Natur
im Auge - eine wachsende Selbstgefälligkeit im gesamten Westen.
Sicherlich kann kaum erwartet
werden, daß Ihre Generation die Ängste der Vergangenheit teilt.
Nach
einer solch langen Friedensperiode
ist es schwer vorstellbar, daß es
auch anders sein könnte. Unsere Erwartungen in dieser sich rasch verändernden Welt können jedoch nicht so
weit vorauseilen, daß wir vergessen,
was auf dem Spiel steht. Eine gewisse Ironie ist nicht von der Hand zu
weisen. Während die Grundlagen der
kommunistischen
Gesellschaften
von
einem ideologischen Erdbeben erschüttert werden, wird der Westen durch
die Erscheinung der Selbstgefälligkeit auf die Probe gestellt.
Wir dürfen niemals vergessen, daß
zweimal in diesem Jahrhundert amerikanisches Blut in Konflikten vergossen wurde, die ihren Ursprung in Europa hatten. Wir teilen den leidenschaftlichen Wunsch der Europäer, den
Krieg für immer in das Reich ferner
Erinnerungen zu verbannen.
Gerade
deshalb ist das atlantische Bündnis
ein solch zentraler Bestandteil unserer Außenpolitik.
Aus diesem Grund
bleiben die Vereinigten Staaten dem
Bündnis und der Strategie verpflichtet, die Europa die Freiheit bewahrt
hat. Wir dürfen niemals vergessen,
daß die Erhaltung des Friedens in Europa gleichbedeutend mit der Erhaltung des Friedens für die Vereinigten
Staaten ist.
Die NATO-Politik der flexiblen
Reaktion erhält die Ankoppelung der

- 3 -

�Vereinigten Staaten an Europa aufrecht und läßt jeden möglichen Angreifer wissen, daß wir die Machtmittel einsetzen werden, die für die Abwehr seines Angriffs und die Vereitelung seiner Pläne angemessen sind.
Unser in Europa stationiertes, auf
modernem Stand gehaltenes Abschrekkungspotential im Kurzstreckenbereich
demonstriert, daß die vitalen Interessen der Vereinigten Staaten untrennbar mit Westeuropa verbunden
sind und daß ein Angreifer niemals
darauf setzen kann, daß er seine
Kräfte nur mit unseren konventionellen Streitkräften messen würde. Obwohl zur Zeit große Hoffnungen auf
einen friedlicheren Kontinent bestehen, lehrt die Geschichte dieses
Jahrhunderts Amerikaner und Europäer,
ihre Bereitschaft aufrechtzuerhalten.
Während wir einen anhaltenden
Frieden anstreben, begrüße ich die
von Herrn Gorbatschow eingeleiteten
Schritte.
Wenn die Sowjets solide
und konstruktive Friedenspläne vorlegen, sollten wir das Verdienst demjenigen zubilligen, der es verdient.
Wir erleben tiefgreifende Veränderungen in der Sowjetunion, die eine
Chance auf dauerhafte Verankerung
enthalten. Gleichzeitig sind wir in
einem
Zeitalter
außergewöhnlicher
Veränderungen dazu verpflichtet, Optimismus durch Besonnenheit zu mildern.
So hat zum Beispiel der sowjetische Außenminister in der vergangenen Woche die Welt davon in Kenntnis
gesetzt, daß die Verpflichtung seines
Landes zur Zerstörung der SS-23-Raketen gemäß INF-Vertrag möglicherweise
nicht eingehalten wird. Die Sowjets
sind sich sicherlich über das Resultat einer Nichteinhaltung dieses feierlichen Vertrags im klaren. Möglicherweise bestand ihr Ziel in der
Spaltung des Westens bei anderen Fragen. Unabhängig davon ist klar, daß
das sowjetische "neue Denken" das alte noch nicht völlig überwunden hat.

in der Sowjetunion dramatische Veränderungen vollziehen, obwohl diese
noch nicht vollständig zum Tragen
kommen. Der Warschauer Pakt erhält
gegenüber dem atlantischen Bündnis
bei den Kurzstreckensystemen und Abschußvorrichtungen für Nuklearwaffen
eine Überlegenheit von nahezu 12 zu 1
und bei den Kampfpanzern von über 2
zu 1 aufrecht. Aus diesem Grund werden wir in Zusammenarbeit mit unseren
Verbündeten Land- und Luftstreitkräfte in Europa stationieren solange
diese erwünscht und benötigt werden,
um den Frieden in Europa zu bewahren.
Gleichzeitig wird meine Administration Verhandlungen über ein weniger
militarisiertes Europa mit einem sicheren konventionellen Gleichgewicht
auf niederigerem Niveau hohe und andauernde Priorität beimessen. Unser
höchstes Ziel ist ein Frieden, der
sich auf gemeinsamen Optimismus und
nicht auf bewaffnete Lager gründet.
Im Jahr 1992 begehen wir den 500.
Jahrestag der Entdeckung der neuen
Welt.
Wir feiern dann also fünf
Jahrhunderte, nichts weniger als unsere Zivilisation an sich - die amerikanische Bill of Rights und die
französische Erklärung der Menschenrechte, die alte und ungeschriebene
Verfassung Großbritanniens und die
demokratische
Vision
von
Konrad
Adenauer und Aleide de Gasperi.
Und bei all unseren Feiern erinnern wir uns einer Tatsache - dies
ist wahrhaftig eine moralische und
geistige Gemeinschaft. Sie ist unser
Erbe. Laßt sie uns schützen. Laßt
sie uns fördern. Laßt sie uns für
unsere Kinder und die nachfolgenden
Generationen von Amerikanern und Europäern bewahren.

Ich glaube an einen überlegten,
stufenweisen Ansatz in den Ost-WestBeziehungen, weil sich wiederholende
Anzeichen darauf hindeuten, daß sich
- 4 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VL

7

"**

Dokumentation

Ä&lt;

24. Mai 1989

21

BUSH "WÄRE ERFREUT" ÜBER EIN WIEDERVEREINIGTES DEUTSCHLAND
- Interview des Präsidenten mit der Washington Times -

WASHINGTON - (AD) - In einem Exklusivinterview mit dem Chefredakteur der
Washington Times, Arnaud Borchgrave, erklärte Präsident Bush am 15. Mai
1989, die Wiedervereinigung Deutschlands sei nur "auf einer angemessenen
Grundlage" möglich. Bush bekundete ferner Zweifel über ihre baldige Verwirklichung, da die DDR hinter dem Gedankengut Moskaus und Bonns weit hinterherhinke. An dem Interview nahmen auch der Stabschef im Weißen Haus, John
Sununu, und der Nationale Sicherheitsberater, Brent Scowcroft, teil.

Zur Frage, ob westliche Nationen
die Sowjetunion in das Weltwirtschaftssystem
integrieren
sollten,
wie er es in seiner Rede der vergangenen Woche gefordert hatte, erklärte
Bush:
"Wenn ich die Unterstützung
aller westlichen Länder auflistete,
würden die meisten dieser Zielsetzung
zustimmen."
Der Präsident erklärt
ferner, bei seinem ersten Gipfeltreffen mit Gorbatschow im Laufe des Jahres werde er mögliche Erleichterungen
sowjetischer Belastungen in Osteuropa
zur Sprache bringen und gleichzeitig
die Sicherheitsinteressen der Sowjetunion bekräftigt.
Nachfolgend veröffentlichen
das Interview in Auszügen:
Frage:

Wenn

die

Politik

wir
des

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Containments bei der Sowjetunion erfolgreich war und - wie Sie es vergangenen Freitag formulierten - der
größte Kampf zwischen Freiheit und
Diktatur seit dem Zweiten Weltkrieg
ausgefochten ist: Welche Vorstellungen haben Sie dann genau für Europa?
Wird es ein Kontinent sein, auf dem
die Länder Osteuropas frei, aber neutral wie Finnland sind. Deutschland
schrittweise wiedervereinigt wird und
es keine
rivalisierenden militärischen Blöcke mehr gibt?
Antwort:
In meiner Rede habe
ich über kurzfristigere Vorstellungen
gesprochen und erklärt, daß Schranken
abgebaut, die Berliner Mauer niedergerissen, ein freierer Handel zwischen Ost und West stattfinden und
sicherlich
Freizügigkeit
hervorge-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�bracht werden soll.
Und natürlich
wünsche Ich mir eine Fortsetzung der
Demokratisierungstendenzen, wobei ich
dem Begriff Demokratisierung noch
"Freiheit" hinzufügen möchte.
Und
ich denke, wir beobachten in Polen
heute faszinierende Schritte, die
noch vor zehn - und auch vor fünf Jahren nicht möglich gewesen wären.
Und dieselben Tendenzen können wir in
Ungarn insbesondere in der Wirtschaft
wahrnehmen. Und wer weiß, wann der
Rest Osteuropas diesem Beispiel folgt
und es ebenso weit - und möglicherweise weiter - bringt.
Wenn man also Vorstellungen haben
oder erträumen sollte, was man gerne
sähe, wären das sicher mehr Freiheit
und mehr Demokratie. Wie ich in meiner Rede erklärte, sollte die Ära
Breschnew
vorüber
sein
und
die
Breschnew-Doktrin aufgegeben werden.
Wir sollten darüber hinaus die demokratischen Hoffnungen der Menschen,
wo immer sie auch leben mögen, erfüllen. Das ist einer der Gründe, warum
ich Perestrojka und Glasnost Erfolg
wünsche.
Frage:
Aber wäre dies nicht
auch eine einmalige Gelegenheit für
eigenes neues Denken, Herr Präsident? Zum Beispiel über einen Plan,
mit dem die deutsche Frage gelöst und
der Klotz Osteuropa vom Bein Moskaus
entfernt werden könnte?
Würde man
damit nicht Gorbatschows Ton treffen,
wenn auch nicht unbedingt den seines
Nachfolgers? Warum verpflichten wir
nicht die gegenwärtige Führungsspitze
auf ein neues geopolitisches Konzept,
das Gorbatschows Nachfolger nicht
aufgeben könnte?
Antwort:
Ich denke, genau das
versuchen wir zu tun. Wie ich in
meiner Rede in Hamtramck erklärte habe, haben wir Polen - und nicht nur
Polen, sondern auch anderen Ländern ein starkes Signal gegeben, daß wir
zum Entgegenkommen bereit sind, wenn
Veränderungen erfolgen. Eine differenzierte Politik ist meiner Ansicht
nach eine sehr wertvolle Politik und
auch eine viel bessere Möglichkeit,

die Erfüllung umfassenderer Vorstellungen, wie etwa Demokratisierung und
Freiheit aller Völker und Länder, zu
ermutigen.
Ich denke also, daß hier bereits
Tendenzen im Hinblick auf die von Ihnen angesprochenen Punkte bestehen,
wir aber schrittweise vorgehen.
Frage:
Sie haben die Aufgabe
der Breschnew-Doktrin erwähnt, Herr
Präsident, die ungarische Führungsspitze erklärt demgegenüber, sie sei
bereits tot und begraben. Wir beobachten unter anderem, daß die Gewerkschaft Solidarität wieder zugelassen
wird
und nichtkommunistische Vereinigungen in Ungarn neue Grundregeln
für Wahlen diskutieren... Wie viele
Feuerproben müssen noch bestanden
werden?
Antwort:
Sie müssen noch die
Probe bestehen, ob sie diese Freiheiten weiterhin zulassen können. Ich
begrüße die Tatsache, daß in Polen
keine Intervention stattgefunden hat,
aber Polen macht gerade seine ersten
Schritte auf dem Weg zur Demokratie.
Und deshalb würde ich alle Fälle einzeln betrachten und diejenigen ermutigen, die am wenigsten Macht haben,
damit sie vorankommen... Ich freue
mich, daß Gorbatschow offensichtlich
mehr Selbstbestimmung oder zumindest
mehr Neuerungen in
diesen Ländern
zuläßt.
Es wird Besorgnis darüber laut,
daß es einen Punkt geben könnte, den
zu überschreiten er nicht bereit ist,
und aus diesem Grunde bin ich der Ansicht, die Vereinigten Staaten sollten
in
ihrem
Ansatz
gegenüber
Gorbatschow einigermaßen vorsichtig
sein.
Als zum Beispiel kürzlich
Außenminister Schewardnadse über eine
mögliche Aufstockung der Mittelstrekkenwaffen sprach, die unserer Ansicht
nach eindeutig eine Verletzung des
INF-Vertrages darstellen würden, habe
ich mir gesagt: Sie mögen mit ihrer
Vorsicht beim weiteren Vorgehen Recht
haben. Das war meiner Ansicht nach
aber kein gutes Zeichen.
Es gäbe

�bessere Zeichen.
Aber das hält mich nicht von dem
ab, was ich für den richtigen Weg
halte.
Ich blicke, wenn auch mit
einer gewissen Vorsicht, nach vorn.
Frage: Sind Sie nicht der Ansicht, beim Gipfel mit Gorbatschow
könnte ein Plan diskutiert werden,
mit dessen Hilfe seine Belastungen in
Osteuropa erleichtert und die Sowjetunion gleichzeitig ihrer berechtigten
Sicherheitsinteressen versichert werden könnte?
Antwort: Das könnte zwar sein,
aber meiner Ansicht nach müssen wir
bereit sein, eine Reihe regionaler
Probleme zu besprechen. Aus den uns
bekannten historischen Gründen will
die Sowjetunion Osteuropa nicht als
regionales Problem betrachten. Wenn
wir den Weg wählten, wie wir eine Belastung verringern könnten, wäre das
schon ein Unterschied zu harten Worten über eine Aufgabe ihrer Verbindungen im Warschauer Pakt.
Frage: Um noch einmal auf die
Finnlandisierung Osteuropas zurückzukommen: würden damit nicht die berechtigten Sicherheitsinteressen der
Sowjets in Osteuropa bestätigt und
gleichzeitig Osteuropa mehr Freiheiten eingeräumt?
Antwort: Es würde für uns kein
Problem darstellen, ihnen gegenüber
ihre Sicherheitsinteressen zu bestätigen, aber meiner Ansicht nach sollte dies vorsichtig und schrittweise
erfolgen.
Außerdem wäre ich etwas
vorsichtig, wie weit man dabei gehen
möchte, wenn man unser anhaltendes
Engagement für Freiheit, freie Wahlen, Pressefreiheit und andere grundsätzliche Verpflichtungen in Betracht
zieht, das nach wie vor besteht und
stark ist, was es auch bleiben soll.
Meiner Meinung nach sollte man
jedoch nicht so weit gehen, daß man
einige dieser Länder zu leichtsinnigen Schritten ermutigt und dann Ergebnisse erzielt wie 1956 in Ungarn.

Und so lassen wir Vernunft walten und
wissen, was wir wollen: wir wollen
soviel Freiheit und Demokratie wie
nötig, und bei all dem bin ich sehr
opt mistisch.
Meiner Ansicht nach sind zahlreiche Punkte auf Schwachstellen im
sowjetischen System selbst zurückzuführen, mit denen die Sowjetunion
selbst genug zu tun hat.
Frage:
Was die Schwachstellen
im sowjetischen System betrifft und
wenn die von ihnen geäußerte Zielsetzung Integration der Sowjetunion in
die Staatengemeinschaft und das Weltwirtschaftssystem heißt, so bedeutet
dies einen konvertierbaren Rubel,
GATT-Mitgliedschaft, ...
Inwieweit
obliegt den westlichen Ländern die
Pflicht, dazu beizutragen?
Antwort:
Wenn ich die Unterstützung aller westlichen Länder auflistete, würden die meisten dieser
Zielsetzung zustimmen. Aber wenn Sie
mir die Frage stellen würden, ob meiner Ansicht nach der Rubel morgen
oder in absehbarer Zukunft konvertierbar sein wird, würde ich das verneinen. Auf diese Frage könnte ich
keine positive Antwort geben. Wäre
eine konvertierbare Währung für eine
Wiedereingliederung notwendig? Diese
Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten. Und auch alle Teilnehmer am
Weltwirtschaftssystem würden dies bejahen.
Frage:
In welchem Umfang sind
Ihrer Ansicht nach die westlichen
Länder zu einem Beitrag verpflichtet,
um dies zu erreichen?
Antwort:
Ich würde mich freuen, wenn sie dies leisten könnten,
aber sie sollten das mit offenen Augen tun. Meiner Ansicht nach bestehen wir zu Recht auf bestimmten Beschränkungen im Hochtechnologie-Handel mit der Sowjetunion oder bei
Technologien, die unseren Vorsprung
in einigen für die Verteidigung bedeutsamen Bereichen verringern könnten. Dieses Problem im Handel zusam-

- 3 -

�men mit dem Problem der Ermahnung zur
Einhaltung der Menschenrechte und dem
Problem der Zusammenarbeit muß uns
dazu veranlassen, den Sowjets die
Notwendigkeit zur Behandlung regionaler Spannungen zu verdeutlichen.
Zusammenarbeit kann dies leisten - in
einem soliden, einigen Bündnis, zumindest im Hinblick auf Rüstungskontrolle.
Frage: Wenn man die Hochtechnologie außer acht läßt, müssen die
Sowjets nicht nur die Waren produzieren, die ihr Volk dringend benötigt,
sondern auch eine Qualität herstellen, mit der sie auf den Weltmärkten
konkurrenzfähig bleiben. Können Sie
dies Ihrer Ansicht nach allein tun,
oder muß man ihnen dabei Hilfestellung leisten?
Antwort: Wenn die Sowjets jemals zu der Meinung gelangen würden,
daß sie von uns keinen Erstschlag zu
fürchten haben, könnten sie einen wesentlich größeren Teil ihres BSP der
von Ihnen angesprochenen Produktion
zuführen. Ich denke, wir haben die
Verpflichtung, sie nicht nur durch
einseitige RUstungsreduzierungen unsererseits, sondern durch Dialoge und
gemeinsame diplomatische Anstrengungen davon zu überzeugen, daß sie aus
dem Westen
keinen Erstschlag zu
fürchten haben. Bei den Sowjets können sich auch die jüngeren Leute noch
lebhaft an Leningrad und Stalingrad
und an den Krieg erinnern, der 20
Millionen
Menschenleben
forderte.
Diese Erinnerung ist in ihren Streitkräften und bei ihren Menschen so lebendig, daß sie Mißtrauen zu den Absichten der Vereinigten Staaten hegen. Sie können sicher keinen einzigen Beweis für die Glaubwürdigkeit
ihrer Furcht vor einem Erstschlag
oder einem Angriff der Vereinigten
Staaten oder ihrer Verbündeten anführen. Aber ich denke, sie hegen immer
noch diese Befürchtungen.
Und bei
jedem Gespräch fällt der Satz: "Sie
wissen nicht, was es heißt, 20 Millionen Menschenleben zu verlieren und
eine Invasion des Landes zu erleben.
Sie sind anders. Sie leben auf der

anderen Seite der Welt." Und darauf
antworte ich, daß wir anders sind,
aber für unseren Glauben und unsere
Überzeugung
gekämpft
haben.
Ich
möchte jedenfalls, daß wir unser
Bestes tun, damit die Sowjets nicht
diesen großen Prozentsatz ihres BSP
für Waffen aufwenden.
Frage:
Mit unserer Weigerung,
über Kurzstreckenraketen zu verhandeln, geben wir uns den Anschein, in
der Materie der Atomwaffen verhaftet
zu sein, die unsere westlichen Verbündeten zunehmend als Mythos betrachten. Die Sowjetunion kann kaum
mit Osteuropa fertigwerden, ganz zu
schweigen von einer möglichen Invasion und Vereinnahmung Westeuropas.
Warum setzen wir uns also nicht die
Abschaffung der künstlichen Teilung
Ost- und Westeuropas in umfassenden
Verhandlungen zum Ziel?
Antwort:
Dazu ist es meiner
Ansicht nach noch zu früh. Ich möchte zunächst beobachten, welche Fortschritte die Länder auf der östlichen
Seite der Trennungslinie bei der Demokratisierung machen. Und wenn wir
mehr erhellende Anzeichen aus Moskau
wahrnehmen, können wir danach handeln. Aber ich denke, der Präsident
der Vereinigten Staaten wäre naiv,
wenn er so schnell handeln würde, um
dann aufzuwachen und sich in einer
schwierigen Lage zu befinden.
Und
bei den Kurzstreckenraketen werden
wir das nicht tun.
Ich bin verpflichtet, alles zu
tun, um unsere Soldaten so gut wie
möglich
zu
schützen.
Und diese
flexible Reaktion mit der Fähigkeit
zum Schutz durch Kurzstreckenraketen
ist insbesondere angesichts des enormen Ungleichgewichts im konventionellen Bereich wichtig. Ich möchte damit nicht sagen, daß niemals Diskussionen
über
Kurzstreckenraketen
stattfinden werden. Und meiner Meinung nach haben Sie recht: Die auf
der Wel*- "orherrschende Auffassung
lautet:
Warum wird darüber nicht
verhandelt.

�Wir wissen, was wir wollen. Im
konventionellen Bereich besteht ein
Ungleichgewicht - das die Sowjets beseitigen sollten.
Sie sollten den
guten Willen demonstrieren, für den
Gorbatschow soviel Lob erntet. Solange dieses ungeheure konventionelle
Ungleichgewicht existiert, kann ich
als Präsident darauf bestehen, daß
das Bündnis die mit diesen Kurzstrekkenraketen mögliche flexible Reaktion
leisten kann. Sie wollen im Gegensatz zu mir über eine dritte Null-Lösung sprechen. Bei die sem Punkt werden die Vereinigten Staaten und das
Bündnis zusammenhalten.
Frage:
Ich wollte nur darauf
hinweisen, daß zu einer Zeit, in der
jedermann über alle möglichen Themen
verhandelt, die Verweigerung von Verhandlungen den Eindruck erweckt, als
sei man gegen so selbstverständliche
Dinge wie Apfelkuchen und Mutterschaft.
Antwort: Das ist richtig. Ich
werde gefragt: "Warum sprechen sie
nicht mit Castro, warum nicht mit
Orteea?
Sie wissen, was es heißt,
mit mir über bestimmte Dinge zu sprechen. Wir sprechen mit den Sowjets.
Ich möchte sie jedoch nicht mit
Castro, Ortega und Gadhafi gleichsetzen. Die Gespräche werden weitergeführt. Ich möchte nicht diese amerikanischen Soldaten dort stationiert
haben, ohne mich in dem Bewußtsein
schlafen legen zu können, daß wir alles Notwendige tun, um sie im Falle
ausbrechender
Unruhen
schützen zu
können.
Frage: Wie lange kann ein amerikanischer Präsident den Steuerzahler wohl noch um 150 Milliarden Dollar jährlich für Verteidigung im Rahmen der NATO gegen den unwahrscheinlichsten Verteidigungsfall bitten den klassischen Fall einer sowjetischen Invasion Westeuropas?
Antwort:
Solange
wie
die
Streitkräfte der Sowjets in ihrem gegenwärtigen Umfang ausgestattet werden.

Frage
Besteht
Ihrer
Ansicht
nach die Gefahr einer Invasion?
Antwort:
Das habe ich nicht
gesagt. Sie haben gefragt, wie lang
der Zeitraum noch andauern wird, und
ich habe geantwortet: solange es ein
unannehmbares Ungleichgewicht gibt.
Und jeder Präsident, der kein starkes
und
geschütztes
Bündnis
wünscht,
macht einen naiven Fehler. Wir werden also gegenwärtig keine einseitigen Kürzungen vornehmen.
Frage:
Könnte nicht jetzt ein
vollständiger Abzug sowjetischer und
amerikanischer Streitkräfte vom europäischen Kontinent erfolgen, zumal
die Europäische Gemeinschaft 1992 mit
ihrer Bevölkerung von 320 Millionen
Menschen und einem BSP von 4,4 Billionen ein Magnet für die zunehmend
von sowjetischer Kontrolle befreiten
Länder Osteuropas wird?
Antwort: Es könnte an der Zeit
sein, zu überdenken, wie wir gemeinsam mit den Sowjets Reduzierungen
vornehmen können, sofern wir unsere
Verbündeten nicht in einem Zustand
des Ungleichgewichts zurücklassen und
wenn nicht eine Seite im Falle eines
Konflikts schneller reagieren könnte
als die andere. Dies ist meiner Ansicht nach eine aufregende Zeit für
neues Gedankengut und für Erwägungen
darüber, wie realistisch diese Möglichkeit ist. Darüber werden wir mit
den Sowjets gute Gespräche führen.
Aber ich möchte in diesem Zusammenhang die Warnung Schewardnadses anführen, der gesagt hat: Wenn wir
nicht unsere Haltung durchsetzen können, werden wir den INF-Vertrag brechen. Ich denke, daß er das gemeint
hat, auch wenn er es nicht mit diesen
Worten ausgedrückt hat. Und wenn er
das wirklich gemeint hat, müssen wir
vorsichtig sein.
Frage:
Vor
drei Jahren hat
Georgi Arbatow gesagt: Wir werden
Euch etwas Schreckliches antun und
Euch den Feind wegnehmen. Gibt uns
das keine Gelegenheit, wieder Fortschritte zu machen?

- 5 -

�Antwort:
Das ist richtig, und
genau das werden wir in unseren Gesprächen mit ihnen auch anstreben.
Tatsächlich vertrat Jim Baker die
Auffassung die Gespräche seien besser gewesen als die Presseberichte,
in denen vor allem von Gorbatschows
Absicht die Rede war, das zu tun, was
wir bereits zum großen Teil bereits
vor Jahren getan haben.
Frage: Wäre es nicht viel einfacher gewesen, zu sagen:
Vielen
Dank für den Abbau ihrer Kurzstrekkenraketen um 500, aber das sind - in
Prozenten gerechnet - lediglich vier
unserer 88 Lance-Raketen.
Antwort: Das stimmt. Und wieviele taktische Atomwaffen haben wir
bereits abgeschafft? Ich denke, etwa
2 000. Meiner Ansicht nach war die
Berichterstattung
nicht
besonders
gut.
Wir
haben
gelesen,
daß
Gorbatschow uns erneut das Terrain
streitig gemacht hat.
Wir nehmen
seine Äußerungen sehr euphorisch auf,
auch wenn ihm das Vorteile verschafft. Ich werde also darauf nicht
reagieren. Ich würde mich über Fortschritte mit den Sowjets freuen,
bringe aber nur Interesse dafür auf,
wenn er Vorschläge macht, auf die wir
bereits eingegangen sind, oder einseitige Kürzungen vornimmt, die immer
noch weit über unseren Arsenalen liegen. Das fordert keine Entscheidungen heraus, die ich als Präsident der
Vereinigten Staaten treffe.
Frage: Stimmen Sie der Auffassung zu, daß die Sowjetunion als Imperium von ihren äußeren Grenzen nach
innen bröckelt und Perestrojka mit
einem Offenbarungseid gleichzusetzen
ist? Sollte das heißen, wir lassen
die Ereignisse ihren Lauf nehmen?
Antwort:
Nein,
wir
streben
weiterhin Fortschritte mit der Sowjetunion an, und - wie ich in meiner
Rede bereits betont habe - fühlen wir
uns wohl dabei. Wir unternehmen etwas im Handel, aber ich glaube kaum,
daß wir plötzlich ein völlig demokratisches Land vorfinden werden. Die

Sowjets müssen noch viel tun, um ihre
Offenheit und ihre Reformen zu demonstrieren. Ich betrachte die Reformierung ihres politischen Systems als
ihre eigene Angelegenheit. Aber es
gibt bestimmte objektive Kriterien
bei den Menschenrechten, die etwa die
Vertreibung der Juden aus der Sowjetunion und die Verurteilung der dort
gebliebenen
Juden betreffen.
Wir
wollen ganz einfach Ergebnisse sehen.
Sie sollten etwas in dieser Hinsicht
unternehmen und nicht nur großartige
Vorschläge äußern. Ich habe ein umfassendes Ziel der Wiedereingliederung der Sowjetunion in die Staatengemeinschaft
formuliert,
und
das
sollten sie verstehen.
Wir wollen
nicht, daß sie versagen. Wir wollen
ihren Erfolg. Dick Cheney will ihren
Erfolg. Aber meines Erachtens wird
keine Außen- oder Verteidigungspolitik auf der Basis von Wünschen formuliert, sondern auf der Grundlage von
Realitäten. Die Kritiker und Journalisten sollen also ruhig ihre Salven abfeuern und schreiben, wir sollten viel mehr tun. Das wird mich
nicht überzeugen.
Dies ist kein
Starrsinn, sondern Realitätssinn.
Frage:
Wenn
Sie sagen, wir
wollen den Erfolg von Glasnost und
Perestrojka, heißt das, Sie wollen
Gorbatschow bei der Umstrukturierung
seines Systems helfen und es stärken?
Antwort:
Wir wollen dabei unsere Augen weit offenhalten.
Ich
möchte mit ihnen mehr Handel treiben,
aber ich möchte sicherstellen, daß er
im Interesse der Vereinigten Staaaten
liegt.
Ich möchte mehr gemeinsame
Rüstungskontrolle, dabei aber sichergehen, daß sie im Interesse des Bündnisses liegt. Wir wollen keine einseitigen Schritte, um dies zu ermutigen. Wir haben eine zu schwerwiegende Verpflichtung, so daß wir bei jedem Schritt sehr wachsam sein müssen.
Frage: Sie erwarten nicht, daß
sie den Weg einer Demokratie nach
westlichem Muster nehmen werden?

- 6 -

Antwort:

Nein,

nicht

ganz,

�aber ich werde durch diese Wahlen mit
zahlreichen Kandidaten ermutigt und
dann weiß ich, daß Roger Ailes dort
sein wird. Und das wird der Seite
nutzen, die er unterstützen wird.
Aber wir wollen dies ernsthaft
ermutigen. Wenn Sie mich fragen, ob
ich heute davon träume, daß dort Demokratie herrscht und die von uns als
selbstverständlich erachteten Freiheiten genossen werden, kann ich das
nur beIahen. Aber werde ich danach
meine Politik ausrichten? Nein.
Frage:
Dick Cheney hat kürzlich in einer Talkshow erklärt, er
könne sich die Wiedervereinigung beider Teile Deutschlands in der Zukunft
vorstellen und diese beginne - wie
Sie gesagt haben - mit der Beseitigung der Berliner Mauer. Entspricht
das auch ihrer Ansicht?
Antwort:
Ich wäre darüber erfreut. Jeder, der zurückschaut, dann
die Gegenwart betrachtet und ein
durch eine Teilung entzweites Land
und durch politische Teilung getrennte Menschen sieht, sollte Wiedervereinigung
auf
einer
angemessenen
Grundlage
befürworten.
Das
wird
nicht unmittelbar möglich sein, weil
die
DDR
hinter
dem
Gedankengut
Gorbatschows und insbesondere Bonns
weit hinterherhinkt.
Frage:
Sie haben die sowjetische Hilfe an Nicaragua zur Feuerprobe für verbesserte Beziehungen zu
Moskau erklärt.
Sind dabei Fortschritte zu verzeichnen? Warum ist
es Ihrer Ansicht nach für Gorbatschow
wichtig, jährlich eine Milliarde Dollar für ein zerrüttetes marxistisches
System auszugeben?
Antwort:
Ich denke, das hängt
zu einem großen Teil mit der Vergangenheit zusammen.
Die gegenwärtige
sowjetische
Unterstützung
ist ein
Überbleibsel der umfangreichen Unterstützung für den treuen Freund Fidel
Castro. Aber wenn heute damit begonnen würde, hätte ich Zweifel, ob
Gorbatschow jedes Jahr eine halbe

Milliarde oder eine Milliarde in Nicaragua
investieren würde.
Sogar
Europa gelangt jetzt zu der Überzeugung, daß die Sandinisten ihrem Volk
die Demokratie verweigert haben, die
Anlaß für die Revolution war. Das
würde ich Gorbatschow zubilligen.
Wenn er heute die Mittel vergeben
müßte, würde er sicher nicht seinem
Politbüro die Ausgabe von einer Milliarde Dollar an Nicaragua vorschlagen. Die Antwort lautet also, wir
müssen ihn ermutigen, dies aufzugeben
und das auf der Grundlage der größeren Offenheit, die jetzt in seinem
Land stattfindet.
Frage:
Gibt
Fortschritte?

es

Anzeichen

für

Antwort: Das könnte sein. Ich
werde dabei nicht aufgeben. Ich denke, das ist sehr wichtig, und ich
möchte dieses Interview nutzen, um
meinen Aufruf an die Sowjetunion zu
wiederholen, sich von Nicaragua abzusetzen. Ich war kürzlich sehr beeindruckt von den Westeuropäern, die den
Sandinisten weit weniger Mittel gewährten, als gemeinhin angenommen
worden war.
Frage: Es handelte sich immerhin noch um 50 Millionen Dollar.
Antwort:
Meiner Ansicht nach
sollten sie überhaupt keine Mittel
gewähren.
Es gibt in der Region
zahlreiche demokratische Länder, die
Unterstützung verdienen. Ich begrüße
nicht die Tatsache, daß lediglich 50
Millionen Dollar gewährt wurden, obwohl Ortega um 150 Millionen gebeten
hatte.
Aber das ist immerhin ein
Fortschritt. Und wir werden weiterhin mit unseren Freunden in Europa
zusammenarbeiten, um ihnen das Problem vor Augen zu führen. Ich habe
darüber ein langes Gespräch mit Brian
Mulroney geführt und bin überzeugt,
daß wir hier Fortschritte erzielen
werden.
Frage:
Warum sind Sie offensichtlich stärker über Noriega, der
keine Operationen im Panamakanal an-

- 7 -

�gedroht hat, als über Ortegas marxistische Regierung beunruhigt, die in
der gesamten Region amerikanische Interessen untergräbt.
Antwort: Darüber bin ich nicht
stärker beunruhigt, aber es hat ein
Ereignis
mit
umwäüzender
Wirkung
stattgefunden. Es gab eine Wahl, die
unter den Augen des Volkes und der
ganzen Welt zunichte gemacht wurde.
Und es besteht noch ein weiterer Unterschied. Dort gibt es 40 000 amerikanische Bürger, viele amerikanische Soldaten und immerhin die Interessen des Kanals zu vertreten.
Diese Kriterien unterscheiden sich
von denen in Nicaragua. Was die Mißachtung der Menschenrechte betrifft,
so bestehen große Ähnlichkeiten.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
'1-7

^

Hintergrundmaterial

C&amp;

24. Mai 1989

21

STAND DER RÜSTUNGSKONTROLLVERHANDLUNGEN
- Wöchentliche Übersicht -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine am 18. Mai 1989
vom US-Informationsamt (USIA) herausgegebene Übersicht über den Stand der Verhandlungen über nukleare Kurzstreckensysteme, amerikanische Truppenpräsenz in
Europa, die START-Verhandlungen sowie Sanktionen gegen den Einsatz oder die
Verbreitung chemischer Waffen.

Sowjetische Erklärungen schüren
SNF-Kontroverse innerhalb der NATO

Entwicklung eines Ersatzes
Lance-Rakete weiterverfolgt.

Die anhaltende Kontroverse innerhalb der NATO über das Problem der
nuklearen Kurzstreckenraketen
(SNF)
in Europa entbrannte in dieser Woche
erneut aufgrund jüngster Erklärungen
der sowjetischen Führungsspitze über
einseitige Truppenreduzierungen und
neue Raketen.

Außenminister
Baker
nannte
Gorbatschows Vorschlag "einen sehr,
sehr
bescheidenen Schritt . . wenn
man sich die Tatsache vor Augen
führt, daß die NATO im Laufe der
letzten zehn Jahre diese Waffen einseitig um 2 400 reduziert hat".

Am 11. Mai 1989 kündigte Generalsekretär Gorbatschow an, die Sowjets
würden vor Ende dieses Jahres 500
Kurzstreckenraketen
verschrotten.
Darüber hinaus erklärte Außenminister
Schewardnadse, Moskau würde eine eigene neue Kurzstreckenrakete entwikkeln oder die im INF-Vertrag vereinbarte Verschrottung der SS-23 aufgeben, wenn die NATO ihre Pläne zur

United States Information Service
Embassy of the United States of America

für

die

Baker verwies darauf, die Sowjets
"bewegen sich auf uns zu" und sie
reagierten auf die amerikanische Forderung nach einseitigen sowjetischen
Reduzierungen der Kurzstreckenraketen, im Rahmen derer sie mit der Zerstörung von 2 400 Waffen durch die
NATO gleichziehen sollen.
Verteidigungsminister Cheney bemerkte, die Sowjets "verfügen in Ost-

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�europa über so viele Versteckmöglichkeiten, daß 500 eine kümmerliche Zahl
ist." Gorbatschows Angebot betrifft
lediglich 5 Prozent der 10 000 sowjetischen Kurzstreckenraketen.
Cheney
zufolge macht Schewardnadses Vorschlag zu möglichen sowjetischen Reaktionen auf Ersatz für die Lance-Rakete keinen Sinn.
"Das ist kein
ernsthafter Vorschlag. Er zielt vor
allem darauf ab, im Bündnis Unfrieden
zu stiften."
Der stellvertretende Sprecher des
Außenministeriums, Richard Boucher,
erklärte:
"Unserer
Ansicht
nach
liegt eine besondere Ironie darin,
daß die Sowjets mit einem Bruch des
INF-Vertrags drohen, um bei den Kurzstreckenraketen Druck auf den Westen
auszuüben, zumal sie diese Raketen
gerade erst modernisiert haben und
gegenüber dem Westen mit 12 zu 1 im
Vorteil sind."
Baker hob hervor, daß die Sowjets
bei den INF-Verhandlungen einer Beseitigung der SS-23 zugestimmt hätten
und "es ist niemals der Vorschlag unterbreitet worden ... daß die Vereinigten Staaten oder die NATO ihre
Kurzstreckenraketen
nicht auf dem
neuesten Stand halten sollten."
Der ehemalige RUstungskontrollberater der Reagan-Administration, Paul
Nitze, schlug in einem am 14. Mai in
der Washington Post erschienenen Artikel vor, die Vereinigten Staaten
sollten sich unter folgenden Bedingungen zu Verhandlungen mit den Sowjets über SNF bereitfinden:
- die
Bundesrepublik
Deutschland
stimmt zu, "weiterhin ihre traditionelle
Position
einzunehmen,
daß sie eindeutig gegen die vollständige Beseitigung von Kurzstreckenraketen ist",
- die Regierung Kohl stimmt zu, die
Vereinigten Staaten in ihren Bestrebungen um "gleiche Obergrenzen wie die Sowjets" bei SNF zu
unterstützen, "die auf einem Niveau erheblich über Null (vorzugsweise bei den Reichweiten von

200 bis 300 Meilen) liegen", und
- das NATO-Bündnis würde seine Unterstützung für die gesamte Initiative bekunden.
Der frühere Beamte im Pentagon,
Richard Perle, sprach sich für ein
weltweites Verbot von SNF aus. In
einem am 13. Mai 1989 mit der New
York Times geführten Interview erklärte Perle, ein Verbot solle nur
ausgehandelt werden, wenn der Westen
seine atomaren Artilleriegeschoße behält und seine Fähigkeit zur Führung
nuklearer Luftangriffe gegen Ziele am
Boden verbessert.

Bush: SDI sollte als Option beibehalten werden
Am 12. Mai 1989 erklärte Präsident Bush, die Zielsetzung der Vereinigten Staaten bei der Strategischen Verteidigung "besteht in der
Erhaltung unserer Option zur Stationierung moderner Verteidigungssysteme, wenn diese fertiggestellt sind."
Diese Äußerung wurde vom Leiter
der Organisation zur Strategischen
Verteidigungsinitiative
(SDI0), Generalleutnant George Monahan, bekräftigt, der den Senat am 11. Mai davon
unterrichtete, die Zielsetzung des
Programms zur Verteidigung gegen ballistische Raketen "bleibt unverändert
bestehen". Monahan zufolge erfordert
die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) die Entwicklung sowohl
Weltraum- als auch landgestützter Bestandteile eines strategischen Verteidigungssystems .
Er erklärte, eine Entscheidung
über die mögliche Stationierung einer
ersten Phase des Programms könne in
drei bis vier Jahren getroffen werden.
"Wir müssen jedoch flexibel
bleiben und uns die neueste Technologie zunutze machen."
Der Leiter der SDIO betonte, daß
jede der in den kommenden vier Jahren
durchgeführte Erprobung von SDI mit
einer engen Interpretation der Be-

�Stimmungen des ABM-Vertrages im Einklang stünde.
Monahan beschrieb den vorläufigen
Plan für die erste Phase:
- 1991: Entwicklung
eines neuen
Sensors zur Überwachung und Zielverfolgung wird in vollem Umfang
aufgenommen.
- 1994: Entwicklung der FUhrungsund Kontrolleinrichtungen wird in
vollem Umfang eingeleitet.
- 1998: Entwicklung wuchtabhängiger Abwehrflugkörper wird begonnen.
- 1999:
Verschiedene Bestandteile
des Systems würden erstmalig stationiert.
Nach der ersten Phase fordern
Monahan zufolge die Pläne eine Stationierung modernerer Abfangraketen
mit gebündelter Energie, wie etwa
"neutrale Teilchenstrahlwaffen sowie
Weltraum- und landgestützte Laser".
Der Leiter der SDIO sprach über
den wertvollen Beitrag, den eine neue
Technologie
namens
"Brilliant
Pebbles" für das Programm leisten
könnte. Bei diesem Konzept würden wenn es verwirklicht wird - Tausende
kleiner Raketen im Abstand von 250
bis 300 nautischen Meilen im Weltraum
stationiert, mit infraroten und ultravioletten Sensoren sowie mit einem
Laserradar ausgerüstet werden, das
den Abschuß ballistischer Raketen
entdecken kann. Die Raketen würden
bereits abgeschossene Raketen zerstören.
Monahan zufolge steht eine Bewertung der Leistungsfähigkeit und der
Kosten des Konzepts der "Brilliant
Pebbles" noch aus. Eine Reihe von 12
Erprobungen in der Entwicklung ist
für das Haushaltsjahr 1992 vorgesehen.
"Zügiger Verlauf" der Gespräche über
konventionelle Streitkräfte möglich

Runde der Wiener Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa
(KSE) erklärte ein hochrangiger Vertreter des Außenministeriums am 16.
Mai 1989, die Vereinigten Staaten
seien optimistisch, daß die Verhandlungen einen "zügigen Verlauf nehmen
können".
Der
Unterabteilungsleiter
für
Europäische und Kanadische Angelegenheiten im Außenministerium, Charles
Thomas, erklärte, in zwei bis drei
Jahren könne ein Ost-West-Abkommen
abgeschlossen werden, da beide Seite
"dies schnell vorantreiben wollen".
Die Position beider Seiten über
die Anzahl der auf jeder Seite erlaubten Panzer und Schützenpanzer ähnelt sich, Thomas zufolge könnten bei
den letztgenannten noch "Definitionsprobleme" bestehen. In einigen Punkten gibt es bei Artillerie, Mannschaften und Flugzeugen noch Unstimmigkeiten.

Bush fordert Vertrauen im Luftverkehr
In einer poitischen Grundsatzrede
schlug Präsident Bush vor, die Himmel
West- und Osteuropas für unbewaffnete
Uberwachungsflüge zu öffnen.
Diese vertrauensbildende Maßnahme
des Präsidenten für die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion ist eine
moderne Version von Präsident Dwight
Eisenhowers Politik des "Offenen Himmels".
Obwohl Überwachungsmissionen
im allgemeinen von modernen Satelliten durchgeführt werden können, haben
die Vereinigten Staaten diesen Vorschlag zur symbolischen Demonstration
ihrer Offenheit unterbreitet und um
aus der Sowjetunion ein Signal für
das Engagement für Offenheit zu empfangen.
Amerikanische Rüstungskontrollexperten haben Flüge als Mittel zur
Überwachung eines einseitigen Abzugs
sowjetischer Truppen und militärischen Geräts aus Osteuropa.

Zum weiteren Verlauf der zweiten
- 3 -

�Lehman zum ACDA-Dlrektor ernannt
Außenminister Baker nahm am 12.
Mai 1989 Botschafter Ronald Lehman
den Amtseid ab, mit dem dieser 10.
Direktor des Amerikanischen Amtes für
Rüstungskontrolle und Abrüstung wurde. Beide befanden sich im Flugzeug
des Außenministers auf der Rückkehr
von Informationsgesprächen mit den
NATO-Verbündeten in Brüssel.

Israel will beim Verbot chemischer
Waffen in den Vereinten Nationen
aktiv werden
Israel hat seine Absicht bekundet, im nächsten Monat bei der Konferenz der Vereinten Nationen in Genf
Beobachterstatus zu erlangen, die mit
der Ausarbeitung eines Vertrags zum
Verbot der Herstellung und des Besitzes chemischer Waffen befaßt ist. An
der Abrüstungskonferenz
nehmen 40
Länder teil, 23 Nichtmitglieder werden bei der nächsten Sitzung Beobachterstatus haben.

In einem Artikel der New York
Times vom 14. Mai 1989 wird dazu
Elisa Harris von der Brookings Institution in Washington zitiert: "Israel muß eine aktive Rolle übernehmen, wenn die arabischen Länder die
Verhandlungen ernst nehmen sollen."
Zur gleichen Zeit haben die Vereinigten Staaten die Verhaftung des
Vorstandsvorsitzenden
der
Imhausen
Chemie für seine umstrittene Hilfe
beim Bau einer Chemiewaffenfabrik in
Libyen begrüßt. Der stellvertretende
Sprecher
des
Außenministeriums,
Richard Boucher, erklärte am 11. Mai
1989, diese Entwicklung "ist ein weiteres Zeichen dafür, daß die Bundesregierung es mit der Beendigung der
Beteiligung deutscher Firmen an der
Verbreitung chemischer Waffen ernst
meint.

* * * * * *

4 -

�AMERIKA DIENST
'VON

Hintergrundmaterial

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24. Mai 1989

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COCOM UND DER OST-WEST-DIALOG
- Von Botschafter Allan Wendt -

Der Autor dieses Artikels ist ein hochrangiger Beauftragter für strategische Aspekte Technologiepolitik im amerikanischen Außenministerium. Dem Artikel liegt eine Ansprache Botschafter Wendts zugrunde, die erstmalig in der
diesjährigen Mai-Ausgabe von World Link erschien, einer für die Teilnehmer
des jährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforums in Davos erstellten Publikation.

- (AD) - Keine Abfolge von Ereignisse hat in den letzten Jahren
weltweit soviel Interesse und soviele
Hoffnungen geweckt wie die jüngsten
Ereignisse in der Sowjetunion. Im
geistigen und kulturellen Leben der
Sowjetunion finden zukunftsträchtige
Veränderungen statt. Die sowjetische
Presse liest sich immer interessanter. Mit der Unterzeichnung des INFVertrages, dem Abzug
sowjetischer
Truppen aus Afghanistan und dem Vorschlag zur Reduzierung einer halben
Million Soldaten der sowjetischen
Streitkräfte beobachten wir neue Ansätze in der Außenpolitik.
Welche
Politik sollte also der Westen gegenüber dem Komitee zur Koordinierung
der Ost-West-Handelspolitik
(COCOM)
angesichts dieser Veränderungen verfolgen?

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Woher rühren diese Veränderungen?
Zunächst einmal ist eine neue Führungsspitze an der Macht. Gorbatschow
und seine Zeitgenossen bringen einen
anderen Werdegang und andere Erfahrungen mit. Sie haben eine bessere
Ausbildung genossen und mehr Reisen
außerhalb der Sowjetunion unternommen.
Im Jahr 1988 hat Gorbatschow
einschneidende Veränderungen in der
Führungsspitze vorgenommen und den
Prozeß einer ernsthaften politischen
Umstrukturierung eingeleitet, der im
März zu Wahlen für den Kongreß der
Volksdeputierten geführt hat.
Darüber hinaus werden wir Zeuge
des Phänomens Glasnost, das zur eingehenden Behandlung bisheriger Tabuthemen geführt hat. In den vergangenen Jahren haben sich die sowje-

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Telex: 8-85432

�tischen Medien von der immerwährenden
Rückschau in die Geschichte abgewandt
- was zu Kritik an Stalin und zur Rehabilitierung von Bukarin führte -,
Frontalangriffe auf wichtige Bereiche
sowjetischer Außenpolitik unternommen
und bei manchen Gelegenheiten sogar
die Vorteile der Herrschaft der Kommunistischen Partei in Frage gestellt. Wir haben ferner bescheidene, aber bedeutsame Verbesserungen
bei den Menschenrechten beobachten
können: Gefangene werden freigelassen und die Zahl der Auswanderer
steigt.
Es ist vernünftig, das Ausmaß und
die Dauerhaftigkeit dieser Veränderungen
sorgfältig
zu
beobachten.
Werden wir hier Zeugen einer unwiderruflichen Lockerung zentraler Macht?
Werden die bis jetzt aufgezeigten Alternativen eine völlig andere Sowjetunion hervorbringen, die nicht mehr
die
grundlegenden
Interessen
der
westlichen Demokratien bedroht? Dies
sind Fragen von großer historischer
Tragweite, deren langfristige Beurteilung schwierig ist und die kurzfristig erst recht nicht zu beantworten sind. Der Erfolg von Gorbatschows
Reformen zur Liberalisierung - deren
Funktionieren von der Lockerung der
Macht abhängt - liegt in unserem Interesse, aber da wir nicht über die
Gabe der Weissagung verfügen, sollten
wir objektiv und vorsichtig bleiben,
wenn es um die - günstigen oder ungünstigen - längerfristigen Implikationen für den Rest der Welt geht.
Gorbatschow hat noch nicht eindeutig klargestellt, daß er nicht die
Absicht hat, das sowjetische Einparteiensystem abzuschaffen, sondern es
- insbesondere im Bereich der Wirtschaft - lediglich effektiver gestalten will. Er hat seine Bereitschaft
demonstriert, sowohl seine Außen- als
auch seine Innenpolitik auf die Förderung dieses komplexes innenpolitischen Ziels abzustimmen. Wir begrüßen die sowjetischen Fortschritte
bei den Menschenrechten, die jedoch
noch nicht zur festen Einrichtung geworden sind und bei denen noch viel

getan werden muß. Trotz allen Geredes über neues Denken in der Außenpolitik und ein vernünftiges und ausreichendes Niveau der Verteidigung
produzieren sowjetische Fließbänder
die neuesten Panzer und Raketen in
einer Stückzahl, die vernünftige Berechnungen über die zur berechtigten
Verteidigung der Sowjetunion erforderliche Anzahl weit übersteigen.
Die Maßregel für den Westen heißt
Vorsicht, was aber nicht etwa Stillstand bedeutet. Die von Gorbatschow
vorgeschlagenen Veränderungen bieten
uns neue Möglichkeiten, die wir bisher stets ergriffen haben - INF, Afghanistan, Zusammenarbeit
im südlichen Afrika - und auch weiterhin
gern zu ergreifen bereit sind.
Außenminister Baker hat den Kurs
der amerikanischen Politik gegenüber
der Sowjetunion beschrieben. Erstens
sollten wir weiterhin sowjetische Reformen ermutigen, diese Ermutigung
sollte jedoch moralischen und nicht
materiellen Charakter haben.
Perestrojka wird aus eigener Kraft erfolgreich sein oder versagen, nicht
aufgrund außerordentlichen Zuspruchs
oder anderer Konzessionen, die der
Westen gewährt oder auch nicht.
Zweitens müssen wir angesichts
des neuen Realitätssinns, von dem
Moskaus Außenpolitik neuerdings geleitet wird, anerkennen, daß die
Handlungsweise des Westens zu dieser
aufkeimenden Akzeptanz der Realität
geführt hat.
Umfassende Unterstützung der Mujahedin von außen hat zum
Abzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan beigetragen und die Entscheidung der NATO zur Stationierung der
Pershing II und Marschflugkörper war
ein notwendiger Schritt zum erfolgreiche Abschluß des INF-Vertrages.
Der Westen muß Moskau weiterhin
zu allen Aspekten unseres umfassenden
gemeinsamen Anliegens einer besseren
Welt ausforschen und herausfordern.
Die Reagan-Administration
hat mit
Moskau ein gemeinsames Programm erarbeitet:
Menschenrechte,
regionale

�Konflikte, RUstungsreduzierung
und
bilaterale Fragen. Die Bush-Administration hat es übernommen und einen
fünften Punkt hinzugefügt: überregionale oder weltweite Probleme, wie
etwa Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Drogen und Eindämmung der
Umweltverschmutzung.

Handelspolitik für strategisch
wichtige Güter
Welche Politik des Westens ist
vor diesem Hintergrund sich verändernder Ost-West-Beziehungen nun für
den Handel mit strategisch wichtigen
Gütern angemessen? Wir unterstützen
bereits den Ausbau des nichtsubventionierten Handels mit Gütern für
nichtstrategische Zwecke mit der Sowjetunion, der beiden Seiten Vorteile
bringt. Unsere Politik des Handels
mit
strategisch
wichtigen
Gütern
sollte auf dem besonderen Charakter
der sowjetischen militärischen Bedrohung basieren, wie er sich konkret
militärisch darstellt.
Rhetorische
Bekundungen des guten Willens sind
eine unzureichende Grundlage für die
Ausarbeitung von Politik. Unsere Politik sollte wirksame Exportkontrollsysteme im Rahmen des COCOM, die
Gleichbehandlung von Unternehmen aller Länder und minimale Einmischung
in den gerechtfertigten Handel mit
nichtstrategischen Gütern betonen.

Verwirklichung erfordert jedoch harte
Arbeit.
Die
Harmonisierung
der
Durchführung von Exporten und der Genehmigungsverfahren bedingen zusammen
mit der schrittweisen Abschaffung von
Exportlizenzen im Handel der C0C0MLänder untereinander erhebliche Änderungen in der Gesetzgebung, bei den
Vorschriften, bei der Mittelvergabe
und den Geschäftspraktiken. Bei der
Zusammenarbeit mit Drittländern sollten Eingriffe in ihre Souveränität,
ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit oder in einigen Fällen ihren
neutralen Status vermieden werden.
Die schwierigste Aufgabe ist die
Neuorientierung oder Straffung der
Exportkontroll-Listen. Auf den Laien
haben die umfangreichen Kontroll-Listen eine einschüchternde Wirkung sie sind lang, komplex und sehr technisch. Ihre Straffung ist jedoch weniger ein technisches als ein grundsätzliches politisches Problem. Mit
der Straffung der Kontroll-Listen
entscheidet der Westen, wieviele Risiken er beim Export in die Sowjetunion und die Länder Osteuropas zu
tragen bereit ist. Diese Entscheidungen haben bedeutende Konsequenzen
für die Sicherheit des Westens, wichtige Geschäftsinteressen und die Aussenpolitik der COCOM-Mitgliedsregierungen.

Die Frage des Risikos
Im Rahmen des COCOM ist eine
vierteilige Strategie erarbeitet worden, um dieser Notwendigkeit gerecht
zu werden: erstens die bessere und
einheitlichere Durchführung von Exportkontrollen,
zweitens
die
Beschränkung der Kontroll-Listen auf
wirklich sicherheitsempflindliche Güter und Technologie, drittens die Abschaffung von Kontrollen beim Handel
mit den meisten dieser Güter zwischen
COCOM-Mitgliedern
und
schließlich
verbesserte Zusammenarbeit und Abstimmung mit Ländern, die nicht Mitglieder des COCOM sind.
Alle Aspekte der oben beschriebenen Strategie sind entscheidend, ihre

So sehr wir die verbesserten Beziehungen zur Sowjetunion begrüßen,
haben doch noch keine Entwicklungen
wahrgenommen,
die
eine
Akzeptanz
größeren strategischen Risikos beim
Handel mit der Sowjetunion rechtfertigen würden. Die Vereinigten Staaten betrachten diejenigen von der Sowjetunion für ihre militärische Produktion benötigten Güter als "sicherheitsempfindliche" Technologie, über
die sie selbst nicht in ausreichendem
Maße oder in ausreichender Qualität
verfügt.
Angesichts des desolaten
Zustands der sowjetischen Wirtschaft
und des technischen Standards, hat
dieser Ansatz den Handel oftmals auf

- 3 -

�Technologie beschränkt, die für unsere Begriffe bereits zehn Jahre veraltet ist.
Darüber hinaus sollten wir uns
vor Augen führen, daß der größte Teil
des Handels mit den Warschauer-PaktStaaten mit nichtstrategischen Gütern
abgewickelt wird und außerhalb von
COCOM stattfindet. Tatsächlich fällt
nur ein relativ geringer Teil unserer
Exporte in den Osten unter COCOM.
Ein größeres Hindernis als COCOM für
den Ausbau des Handels stellt das sowjetische System mit seinen vielen
immanenten Beschränkungen für den
freien internationalen Warenhandel an
sich selbst dar. Zu diesen Beschränkungen zählt die mangelde Konvertierbarkeit des Rubels, die geringe Zahl
der marktfähigen sowjetischen Exportgüter und die strukturellen Mängel,
die die meisten ausländischen Unternehmen von Investitionen in Joint
Ventures in der Sowjetunion abhalten.
Jede Zunahme im Handel mit nichtstrategischen Gütern, die auf die Aufhebung dieser ungeheuren wirtschaftlichen Hemmnisse in der Sowjetunion
zurückzuführen ist, wäre begrüßenswert.
In jedem Fall sollten wir beim
Export sicherheitsempfindlicher kontrollierter Güter in die Sowjetunion,
wo sie scheinbar "nichtstrategischer"
Verwendung zugeführt werden, weiterhin wachsam sein. Es gibt keine zuverlässigen Möglichkeiten, um strategisch sensible Ausrüstung und Technologie vor einer Verwendung für wichtige Verteidigungszwecke zu schützen.

In den kommenden Jahren muß unser
Ziel weiterhin im Schutz des westliche Vorteils bei strategisch sicherheitsempfindlichen und für unsere
Sicherheit entscheidenden Gütern bestehen. Der Vorteil des Warschauer
Pakts war immer quantitativ.
Auch
wenn die Sowjets ihre bekundete Absicht zum Abbau ihrer Streitkräfte um
500 000 Soldaten in die Tat umsetzen,
werden sie immer noch eine Streitmacht von fünf Millionen Soldaten und
damit mehr als die Streitkräfte der
westliche Verbündeten haben.
Der
Vorteil des Westens lag immer in der
Qualität - der Technologie unserer
Waffen und der Phantasie unserer Menschen.
Wenn sicherheitsempfindliche
Technologie nicht in die Hände unserer Gegner fällt, sichern wir damit
unseren technologischen Vorteil, der
zusammen mit unserer nuklearen Abschreckung seit 1945 den Frieden der
ganzen Welt erhalten hat. Jetzt ist
nicht die Zeit, in unserer Wachsamkeit nachzulassen.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
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Wissenschaft und Technik
24. Mai 1989

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UMWELTSCHÄDEN AUS DEM WELTRAUM KARTIERT
- Weitere Einschränkung von Stickstoffoxidemissionen notwendig -

WASHINGTON - (AD) - Die Emission von Stickstoffoxiden in Autoabgasen, in
der Abluft von Kraftwerken und von Heizungen müßte nach Meinung der Amerikanischen Gesellschaft für die Bekämpfung von Lungenerkrankungen (American Lung
Association) in den nächsten zehn Jahren um mindestens ein Drittel verringert
werden. Das ergab eine von der Gesellschaft in Auftrag gegebene umfassende
Studie zu den Auswirkungen von Stickstoffoxiden auf die Entstehung von saurem
Regen, auf die Zerstörung der Vegetation, die Schädigung der Gewässer und auf
den sogenannten Treibhauseffekt. Die Gesellschaft widmet sich der Bekämpfung,
Behandlung und Verhütung von Lungenerkrankungen. Mediziner, Pflegepersonal
und Laien gehören der einflußreichen American Lung Association an, die über
Delegierte ihrer Sektionen in den Bundesstaaten direkt mit Kongreß- und Regierungsausschüssen in Washington zusammenarbeitet.

Aufgrund der jetzt vorgelegten
Resultate setzte sich Senator Max
Baucus, der Vorsitzende des Senatsunterausschusses
für
Umweltschutz,
für strengere Maßnahmen zur Luftreinhaltung ein. Solche Maßnahmen könnten wesentlich dazu beitragen, die
jährlichen Ausgaben für Krankheitskosten in den Vereinigten Staaten um
40 Milliarden Dollar zu verringern.
Durch Umweltschäden an Ernteerträgen,
Gebäuden und Materialien entstünden
derzeit außerdem Verluste in Höhe von
60 bis 100 Milliarden Dollar pro
Jahr, erklärte Baucus. Die Technologie sei vorhanden, um Stickstoffoxide, von denen zum Beispiel im Jahr
1985 durch Kraftfahrzeuge 6,9 Millionen Tonnen, durch Kraftwerke 6,8 Millionen Tonnen und durch anderweitige
Nutzung fossiler Energiequellen in

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Industrie, Wirtschaft und Wohnhäusern
weitere 6,9 Millionen Tonnen in die
Luft strömten, ganz erheblich zu reduzieren. Die in den USA entwickelten Verfahren werden gegenwärtig in
Japan und Europa verbessert.
Im November 1988 hatten zahlreiche westeuropäische Länder und die
USA ein internationales Protokoll unterzeichnet, demzufolge bis Mitte der
neunziger Jahre die Emission von
Stickstoffoxiden auf dem Stand von
1987 eingefroren werden
soll. Für
wirksamere und strengere Maßnahmen
seien, Senator Baucus zufolge neue
Investitionen erforderlich, mit denen
zusätzlich ca. 85 000 Arbeitsplätze
geschaffen werden könnten.

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�Umweltschäden In Entwicklungsländern
Im Gegensatz zu den Industrieländern verfügen die meisten Entwicklungsländern weder über die Mittel
noch über das Know-how, um Umweltschäden aus der Wirtschaftsentwicklung oder der dort üblichen Landnutzung zu begrenzen oder zu vermeiden.
Eine zum Teil erschreckende Übersicht
über das weltweite Ausmaß an Zerstörung von Lebenräumen für Pflanze,
Tier und Mensch erhielt die DISCOVERY-Besatzung während ihres FUnf-Tage-Fluges um die Erde im März 1989:
In ausgedehnten Landstrichen Mexikos,
Afrikas und Südamerikas ist die Bewaldung sehr stark zurückgegangen und
teilweise sogar völlig verschwunden.
Große Gebiete in Süd-Zaire weisen, wie der NASA-Geologe Charles
Wood Anfang April auf einer Pressekonferenz in Washington erklärte,
überhaupt keine Vegetation mehr auf "keine Spur von Grün ist dort zu sehen". Drei der fünf Tage im Weltraum
hatten die Astronauten der Erdbeobachtung gewidmet. Sie brachten 6000
Meter Film und über 4000 Fotos zurück. Die Filme werden nun bei einer
Kongreß-Anhörung zur weltweit wachsenden Bedrohung der Umwelt vorgeführt.

diese Art Luftverschmutzung auch Einfluß auf den Abbau der Ozonschicht
haben könnte, ist noch offen. Nach
einer gründlichen Analyse der jüngsten Weltraumaufnahmen der von Menschen verursachten Wald- und Dschungelfeuer und ihrer Rauchwolken beabsichtigt
das
Langley-Forschungszentrum der NASA, mit neuartigen Atmosphären-Meßsonden erstmals "Treibhausgase" wie Stickstoffoxide und
Kohlendioxid in der Luft zu analysieren.
Abholzungen
haben
Bodenerosion
zur Folge, was die Massen von Schlamm
vor den Mündungsgebieten großer Ströme wie Mississippi und Ganges im Meer
nur zu deutlich machen. Auch entlang
des Sambesi-Flusses, der kürzlich
Hochwasser führte, macht sich - wie
die Aufnahmen aus der DISCOVERY zeigen - starke Erosion bemerkbar.

Landerschließung

Brasilianische und amerikanische
Wissenschaftler
schätzen, daß die
Brandrodungen in den tropischen Regenwäldern vor allem im Amazonasbecken mindestens zehn Prozent des
vom Menschen verursachten Ausstoßes
von Kohlendioxid ausmachen, der in
erster Linie für den Treibhauseffekt,
d.h. die Erwärmung der Erde mit daraus sich ergebenden tiefgreifenden
KlimaVeränderungen,
verantwortlich
gemacht wird.
Die weitaus größten
Mengen an Kohlendioxid werden jedoch
in den Industrieländern freigesetzt.

Im abgeholzten Regenwald Südamerikas prägt den Astronauten zufolge
ein Netzwerk von Straßen das Landschaftsbild. Es wurde angelegt, um
Bodennutzung
nach
agrarwirtschaftlichen Gesichtspunkten betreiben zu
können.
In Zentralafrika dagegen
seien kaum Anzeichen einer Infrastruktur
vorhanden.
über
weite
Strecken sehe man nur nackten, braunen Boden, hier und dort von Flußläufen durchzogen. Wo aber Aufbauarbeit
geleistet werde, sei dies sofort erkennbar - etwa im Grenzgebiet der
Staaten Mosambik und Malawi. Der Boden in Malawi sei infolge von Überweidung oder falscher Nutzung bis zur
Landesgrenze eintönig braun, ohne irgendwelchen
Pflanzenbewuchs.
Jenseits der Grenze aber, in Mosambik,
sei das Land grün von natürlicher Vegetation.

Natürliche Vorgänge wie Vulkanausbrüche tragen zur Anreicherung sowohl von "Treibhausgasen" als auch
von Staubteilchen in der Atmosphäre
bei.
Inwieweit beziehungsweise ob
zusammen mit den riesigen Brandwolken

Auf den Fotos ist ferner zu sehen, daß gegenwärtig "die grüne Linie", d.h. die Grenze der Vegetation
- normalerweise die südliche Grenze
der Sahara - so weit nach Norden verschoben ist wie nie zuvor.
Sogar

�große Wassertilmpel waren im Wüstengebiet der Sahara zu erkennen. Der Regen hatte offenbar auch die Sandstürme gestoppt, die zum Beispiel 1984
und 1985 eine Ausdehnung von ca. zwei
Millionen
Quadratkilometern
über
Nordafrika hatten und noch über weiten Teilen des Atlantiks auszumachen
waren.
Daß moderne Bewässerungstechniken
auch Wüste in Grünland verwandeln
können, zeigen die Aufnahmen von Saudi-Arabien.
Sie seien ein Beweis
dafür, wie gut manche Umweltschäden ob vom Menschen oder durch Naturereignisse verursacht - korrigiert werden
können,
sagte
Staatssekretär
William Nitze vom amerikanischen Aussenministerium. Der starke Bevölkerungszuwachs in Entwicklungsländern
und die Versuche dieser Menschen, unter allen Umständen zu überleben, übten jedoch einen gewaltigen Druck auf
die verbliebenen natürlichen Ressourcen aus. Ein Bericht der "International Herald Tribüne" vom 10. April
1989 über den Schwund der Fischbestände in den Küsten- und Hochseefanggebieten
im
südostasiatischen
Raum, den vor allem die kleinen Fischereiunternehmer zu spüren bekommen, läßt auf eine besorgniserregende
Entwicklung
schließen:
Das wegen
seines Eiweißgehaltes so wichtige
Grundnahrungsmittel Fisch wird dort
allmählich knapp und immer teurer.

* * * * * *

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Wissenschaft und Technik

24. Mai 1989

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SATELLITENBRÜCKE FÜR MEDIZINISCHE PROBLEMFÄLLE
- USA richten Direktverbindung nach Armenien ein -

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben vereinbart, unter Einsatz der neuesten Satellitentechnik direkte Funkverbindungen
zwischen Kliniken in den Vereinigten Staaten und dem Diagnosezentrum in Eriwan
(Armenien) herzustellen. Hierdurch sollen medizinische Konsultationen bei der
Behandlung von Erdbebenopfern mit schweren körperlichen oder seelischen
Traumata zwischen Fachleuten beider Länder ermöglicht werden.
Das zunächst auf drei Monate befristete Projekt bietet die Möglichkeit, weitere Erfahrungen in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit beider
Länder zu sammeln. Gleichzeitig kann
die NASA (US-Behörde für Luft- und
Raumfahrt) Verfahren demonstrieren,
wie medizinische Diagnosen über Telekommunikations-Einrichtungen
am besten durchzuführen sind. Im Hinblick
auf künftige Langzeitflüge ist dies
zum Beispiel ein Gebiet, auf dem es
wenig Erfahrungen gibt.

Arbeitsgruppen, die 1987 im Rahmen
einer Vereinbarung über Zusammenarbeit im Weltraum eingerichtet wurden.
INTELSAT (die Internationale Organisation
für
Fernmeldesatelliten)
stellt kostenlos die Benutzung eines
Transponders
(Verstärkeranlage)
in
einem ihrer Satelliten zur Verfügung.
COMSAT, die amerikanische Organisation von INTELSAT, koordiniert die
internationalen Maßnahmen, und die
NASA stellt eine in Armenien installierte Erdfunkstelle bereit.

Die Vereinbarung wurde im März
1989 zwischen Vertretern der NASA und
des sowjetischen Gesundheitsministeriums in Moskau getroffen. Das Projekt wird von der amerikanisch-sowjetischen gemeinsamen Arbeitsgruppe für
Weltraumbiologie und Weltraummedizin
koordiniert. Dies ist eine von fünf

Die Sowjetunion verzichtet ihrerseits auf Gebührenerhebung innerhalb
ihres Territoriums und sorgt für den
Transport der Bodenstation durch ihre
Fluglinie AEROFLOT. über die Satellitenfunkbrücke laufen Fernsehverbindungen in jeweils einer Richtung und

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Sprechfunkverbindungen
in
beiden
Richtungen mit Klinikzentren der Universitäten Texas, Utah, Maryland und
der
Sanitätsoffiziersakademie
in
Bethesda (Maryland). Die Satellitenverbindung ist an fünf Tagen pro Woche für jeweils vier Stunden in Betrieb.
Der Direktor des Instituts für
Medizinische Information im sowjetischen
Gesundheitsministeriums,
Alexander Kiselew, bezeichnete das
Erdbeben in Armenien als ein Ereignis
"von enormer Zerstörungskraft, das
viele, viele Opfer gefordert hat".
Die Auswirkungen einer solchen Katastrophe können sich über viele Jahre
erstrecken, in denen den Opfern psychologische Beratung und Rehabilitation ermöglicht werden muß und in denen sie Therapie für erlittene körperliche Schäden brauchen. Der Vorschlag der NASA zur Einrichtung einer
Satellitenbrücke für Fernkonsultationen sei mit großer Dankbarkeit aufgenommen worden, sagte Kiselew. "Nur
durch gemeinsame Anstrengungen können
wir den besten Weg finden, um den
Erdbebenopfern zu helfen".
Der Vizepräsident
der "COMSAT
World Systems Division", Jack Hannon,
berichtete, daß das INTELSAT-Satellitensystem bereits in anderen Notsituationen wertvolle Dienste geleistet
habe, beispielsweise bei den Verwüstungen durch den Hurrikan GILBERT im
vergangenen Jahr und bei dem Erdbeben
in Mexiko im Jahr 1985.

* * * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Vereinigte Staaten begrüßen Entstehung eines Vereinten Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede an der Boston University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush "wäre erfreut" über ein wiedervereinigtes Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview des Präsidenten mit der Washington Times&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Stand der Rüstungskontrollverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wöchentliche Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;COCOM und der Ost-West-Dialog&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Allan Wendt &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Umweltschäden aus dem Weltraum kartiert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Weitere Einschränkung von Stickstoffoxidemissionen notwendig&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Satellitenbrücke für medizinische Problemfälle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA richten Direktverbindung nach Armenien ein&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^rioN ^

Z12462 C

24. Mai 1995

19

USA-DEUTSCHLAND

ERÖFFNUNG DER 41. DEUTSCHAMERIKANISCHEN FREUNDSCHAFTSWOCHE
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

USA-EUROPA

AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK
- GRUNDLAGEN UND PERSPEKTIVEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

SICHERHEITSARCHITEKTUR

EINE NEUE SICHERHEITSARCHITEKTUR
FÜR EUROPA
von William J. Crowe, Jr.

WIRTSCHAFT

VON ORGANISATIONEN ZU MARKTEN
von William E. Halal

LITERATUR

"GUTE ZEITEN FÜR DICHTER"
Interview mit Pulitzerpreisträger Philip Levine

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�USA-DEUTSCHLAND
24. Mai 1995

Eröffnung der 41. Deutsch-Amerikanischen
Freundschaftswoche
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
WÜRZBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Mai 1995 vom Gesandten der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, aus Anlaß der Eröffnung der 41.
Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche in der Würzburger Residenz gehaltene Rede im Wortlaut.
General Chelberg,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, aus Anlaß der Eröffnung der Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche hier zu sein. Botschafter Redman hat mich
gebeten, Ihnen sein Bedauern zu übermitteln, daß er
nicht kommen konnte. Er möchte jedoch ebenso wie
ich unserem Ehrengast seine Glückwünsche aussprechen - General Shalikashvili, dem heute für
seinen Beitrag zur deutsch-amerikanischen Freundschaft die Lucius D. Clay-Medaille verliehen wird.
Herr General, es ist mir eine Ehre, zusammen mit
Ihnen und so vielen herausragenden Deutschen und
Amerikanern - Herrn Weber, Herrn Staatsminister
Leeb, General Naumann und General Joulwan - hier
zu stehen.
Ich freue mich, wieder in Würzburg zu sein, wo ich
vor nahezu einem Vierteljahrhundert als junger
Armeeoffizier zusammen mit meiner Frau Jean
unser erstes deutsches Heim einrichtete.
Ich
erinnere mich, wie ich das erste Mal in dieser
wunderschönen Residenz stand, die Architektur von
Balthasar Neumann und die Gemälde von Tiepolo
bewunderte - lange bevor ich erfuhr, welche Rolle
ein Amerikaner, John Skilton, dabei spielte, das
Gebäude in jenen ersten Nachkriegstagen vor der
Zerstörung zu bewahren.

Morgens schaute ich - mit der Sonne im Rücken über das diesige Maintal und sah das Schloß Marienberg, das sich schemenhaft im Dunst abzeichnete.
Mir war, als sähe ich es zum ersten Mal, und ich
erkannte Würzburg als das, was es war und ist: Eine
wunderschöne - eine herrliche - Stadt.
Ebenso wie Millionen meiner amerikanischen Mitbürger, die seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland leben, bin ich Teil eines engmaschigen Netzes
menschlicher Bande, die unsere zwei Länder verbinden. Ich bin fünfmal nach Deutschland zurückgekommen - nach Bremen, Berlin und Bonn - und
genieße heute das große Privileg, meinem Land als
stellvertretender Botschafter zu dienen.
Seit fünf Jahrzehnten haben die Menschen in Unterfranken und anderen Teilen Deutschlands die Amerikaner und ihre Familien willkommen geheißen, ihnen
ihr Heim geöffnet und die deutschen Sitten und
Gebräuche gelehrt. Wir haben unsererseits die
Kenntnisse unserer deutschen Freunde über die
Vereinigten Staaten und das amerikanische Volk
vergrößert.
Zwischen uns haben sich besondere Freundschaftsbande entwickelt und unser Leben bereichert. Der
Abzug eines Teils unserer Streitkräfte ist eine bittersüße Erfahrung - vergleichbar mit der Traurigkeit, die
man empfindet, wenn man langjährigen Nachbarn
und Freunden Lebewohl sagt.

Einmal hier, gewöhnte ich mich schnell an die
fränkische Lebensweise - erfreute mich der Weinberge und ihres Produkts, des Frankenweins, in seinen
weltberühmten Bocksbeuteln.
Und ich machte
meine erste Bekanntschaft mit dem, was Mark Twain
als "schreckliche deutsche Sprache" bezeichnete.

Die Tatsache, daß diese Truppenreduzierungen
möglich sind, ist jedoch ein Grund zur Freude. Sie
sind das Ergebnis enormer Veränderungen in der
Welt seit der Ankunft der amerikanischen Streitkräfte
vor einem halben Jahrhundert, am Ende eines
tragischen Weltkriegs.

Am lebhaftesten erinnere ich mich an einen anstrengenden Lauf in den Leighton Barracks. Eines

In den langen Jahren des Kalten Krieges bündelten
unsere Länder ihre Kräfte für eine gemeinsame

AMERIKA DIENST 19

Seite 1

�Sache. Und wir siegten. In Ostberlin war ich 1989
als Amerikanischer Gesandter Zeuge des Triumphs
des menschlichen Geistes, als sich die Ostdeutschen erhoben und das kommunistische Regime
stürzten. Heute ist Deutschland eine demokratische,
prosperierende Gesellschaft, die auf zwei gleich
starken Beinen steht - der alten Bundesrepublik mit
ihrer gesunden Demokratie und dem durch eine
wahrhaft demokratische Revolution gewandelten
Ostdeutschland.
Amerika stand hier im Westen an Ihrer Seite gegen
den Kommunismus; im Osten an der Seite der
Revolutionäre im Freiheitskampf; an der Seite beider
Teile Deutschlands bei ihrer Vereinigung. Amerika
steht heute an der Seite des geeinten Deutschland,
unserem Freund und Verbündeten.
Präsident Clinton erklärte im Juli letzten Jahres am
Brandenburger Tor: "Amerika steht an Ihrer Seite,
jetzt und für immer." Um diese Verpflichtung zu
erfüllen, werden amerikanische Streitkräfte zur
Gewährleistung unserer gemeinsamen Sicherheit in
Deutschland und Europa bleiben - insgesamt über
100.000 Soldaten. Meine alte Einheit - die Dritte
Infanteriedivision - die bald zur Ersten Infanteriedivision unbenannt wird, die "Big Red One", wird ihr
Hauptquartier in den Leighton Barracks beibehalten.
In Zukunft werden unsere Beziehungen in zunehmendem Maße durch Privatleute vertreten, von
denen Tausende im Ausland leben und arbeiten.
Austauschstudenten und Lehrer, Millionen von
Touristen, die jährlich den Atlantik überqueren,
tragen zur Völkerverständigung bei. Deutsche und
amerikanische Unternehmen tätigen riesige Investitionen im jeweils anderen Land. Unsere institutionellen Bindungen werden durch das neue Marshall
Center in Garmisch-Partenkirchen und die geplante
Amerikanische Akademie zu Berlin sowie das
wachsende Netz von Partnerstädten - wie dem
zwischen Würzburg und Rochester im Bundesstaat
New York - untermauert, welche kulturelle, bildungspolitische und menschliche Kontakte fördern.
Die Amerika Häuser in München, Frankfurt, Köln,
Hamburg, Berlin und Leipzig, denen vergangene
Woche von der Amerikanischen Handelskammer in
Deutschland der renommierte Leo M. Goodman
Award verliehen wurde, repräsentieren das dauerhafte amerikanische Engagement.
Die deutsch-amerikanischen Institute - die GlAs führen trotz haushaltspolitischer Engpässe auf
beiden Seiten des Atlantiks anspruchsvolle, kreative
Programme durch. Ich möchte Sie insbesondere auf
das GAI in Nürnberg aufmerksam machen, dessen
dynamischer und einfallsreicher Direktor, Bill Shel-

Seite 2

don, heute unter uns ist. Unsere Truppen verlassen
Nürnberg, aber ein Teil von Amerika bleibt zurück.
Mein herzlicher Dank gilt auch der deutschen Regierung - auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene für ihre große Unterstützung der GAls, der Amerika
Häuser, der Amerikanischen Akademie und des
Marshall Centers. Diese Unterstützung hat viel zu
einer starken und effektiven Präsenz Amerikas in
ganz Deutschland beigetragen.
Mit demselben Gefühl von Engagement und Verpflichtung schaffen wir ein neues Netz menschlicher
Bande zwischen Amerikanern und Deutschen in
Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt
und Mecklenburg-Vorpommern.
Wir bauen die
Brücken zu diesen Menschen wieder auf und stellen
damit die Verbindungen wieder her, die während
sechs langer Jahrzehnte abgebrochen waren. Seit
1990 haben nahezu 1.000 junge Deutsche aus den
neuen Bundesländern von der Amerikanischen
Botschaft Stipendien für einen Aufenthalt in den
Vereinigten Staaten bekommen.
Wir unterstützen das Center for Advanced English
and U.S. Studies in der Lutherstadt Wittenberg.
Eine andere, vielverprechende neue Institution - die
Amerikanische Akademie zu Berlin - wird sich auf die
Förderung der Geisteswissenschaften über den
Atlantik hinweg und in ganz Mitteleuropa konzentrieren.
Amerikanische Firmen nehmen an der Gestaltung der
wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands teil. Das neue
Generalkonsulat in Düsseldorf fördert Unternehmen
im Ruhrgebiet. Unsere Unternehmen und Investoren
beteiligen sich an einer Reihe zukunftsorientierter
wirtschaftlicher Aktivitäten wie dem Umweltschutz, der
Herstellung von Mikrochips sowie an anderen Spitzentechnologien.
Das starke Engagement amerikanischer Unternehmen in den fünf neuen Bundesländern wurde im
vergangenen Jahr durch zwei große, von der Amerikanischen Botschaft geförderte Konferenzen für
amerikanische und deutsche Unternehmer hervorgehoben, die in Berlin und Leipzig stattfanden. Wir
werden die Thüringer Amerika Tage und am 6. und
7. Oktober in Erfurt eine Wirtschaftskonferenz veranstalten.
Wir engagieren uns für die Aufrechterhaltung und
Stärkung der Bande zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten im Zeitalter nach dem Kalten
Krieg. Dieses Engagement wurzelt in dem Wissen,
daß wir ein gemeinsames Schicksal haben.

AMERIKA DIENST 19

�Unsere Nationen haben über Jahrhunderte hinweg
eine einzigartige Beziehung aufgebaut - entstanden
durch die Einwanderung, zerrüttet durch den Krieg,
geheilt und gepflegt durch Wiederaufbau und Bündnisse, gestützt durch menschliche Kontakte sowie
den Austausch von Menschen, Waren und Ideen.

Präsident Kennedy erklärte vor einer Generation in
der Paulskirche:
"Auch unsere Freiheit ist bedroht, wenn wir
uns auf unseren Errungenschaften ausruhen
und der Geschwindigkeit des Fortschritts
widerstehen. Denn die Zeit und die Welt
kennen keinen Stillstand. Wandel ist das
Gesetz des Lebens. Und wer nur auf die
Vergangenheit oder die Gegenwart schaut,
verpaßt mit Sicherheit die Zukunft."

In gewisser Weise begann diese Beziehung hier in
Unterfranken.
Ein Bürger des nahegelegenen
Sommerhausen, Franz Daniel Pastorius, führte 1683
die ersten deutschen Siedler nach Pennsylvania.
Auf der Grundlage dieser bescheidenen Anfänge
überquerten Millionen deutschsprachiger Europäer
den Atlantik. Ihre Nachfahren belaufen sich auf über
60 Millionen - jeder vierte Amerikaner. Ich bin stolz
darauf, einer von ihnen zu sein. Ich hatte 1983 auch
die Gelegenheit, aus Anlaß des 300. Jahrestages
der ersten Landung von Siedlern einer Arbeitsgruppe
der Regierung anzugehören, die den DeutschAmerikanischen Tag ins Leben rief, der jährlich am
Jahrestag der Ankunft von Pastorius in der neuen
Welt - und jetzt in Verbindung mit dem Tag der
Deutschen Einheit am 3. Oktober - gefeiert wird.
Wir sind Treuhänder dieser einzigartigen Beziehungen. Wir müssen ihre lebenswichtigen Verbindungen pflegen um sicherzustellen, daß die Lehren der
Geschichte an zukünftige Generationen weitergegeben werden. Ihre Organisationen beteiligen sich an
dieser Aufgabe.
Seit dem Fall der Berliner Mauer befinden sich
unsere beiden Länder inmitten eines dynamischen
Wandlungsprozesses. Wir müssen Lösungen für die
neuen Herausforderungen der uns umgebenden,
zunehmend komplexen Welt finden. Als Mitglieder
des Atlantischen Bündnisses müssen wir uns beispielsweise mit den schwierigen Fragen der NATOErweiterung und der Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland befassen. Aber wir werden
Erfolg haben.
*

AMERIKA DIENST 19

Wir sind entschlossen, unsere Zukunft zu sichern.
Wir passen uns an eine gewandelte Welt an, ebenso
wie Ihre Organisationen sich verändern.
Aber
inmitten allen Wandels bleibt eine Konstante: Amerika steht weiterhin an der Seite Deutschlands, ebenso
wie wir es im Kalten Krieg, bei der friedlichen Revolution von 1989 und während des Vereinigungsprozesses taten. Wir waren und sind überzeugt, daß
Deutschland eine glänzende Zukunft hat.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland können
jetzt im Angesicht der Aufgabe nicht versagen, mit
der wir beide konfrontiert sind: Die Unterstützung der
jüngst befreiten Länder, die sich für unsere Werte
und unsere Institutionen entschieden haben - für
unsere Demokratie, unsere freie Marktwirtschaft
sowie das sie untermauernde Nordatlantische Bündnis und die Europäische Union.
Heute ehren wir General Shalikashvili für seinen
Beitrag zur beständigen deutsch-amerikanischen
Freundschaft, die wir im Laufe von 50 Jahren aufgebaut haben. Das von ihm gegebene Beispiel inspiriert uns alle - Deutsche und Amerikaner gleichermaßen - unser Engagement für diese unerläßliche Errungenschaft erneut zu bekräftigen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�USA-EUROPA
24. Mai 1995

Amerikanische Außenpolitik - Grundlagen
und Perspektiven
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Gesandte der Botschaft der Vereinigten
Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D.Bindenagel, am 17. Mai 1995 an der Universität Bonn hielt.
Vielen Dank für die freundlichen Begrüßungsworte.
Es freut mich, daß ich wieder einmal die Gelegenheit
habe, an einer so renommierten Universität vor
einem studentischen Publikum über die Grundlagen
amerikanischer Außenpolitik sprechen zu dürfen.
Als Diplomat habe ich nicht oft die Möglichkeit, mich
mit kritischen Studenten auseinanderzusetzen.
Vielfach wird das direkte "feedback" mit den Bürgern
des Gastlandes durch Gespräche auf der politischen
Ebene und durchs Zeitungsstudium ersetzt.
Vorträge an Universitäten haben den Vorteil, daß
man auf ein gut informiertes Publikum trifft. Entsprechend versiert sind dann die Fragen und beleben die Diskussion. Gerade die Auseinandersetzung
mit der Außenpolitik eines anderen Staates schärft
auch den Blick für die eigenen außenpolitischen
Interessen.
Noch heute bestimmen historische Faktoren die
amerikanische Außenpolitik. Die Kenntnis dieser
Faktoren ist entscheidend für das Verständnis
unserer außenpolitischen Zielsetzungen. Während
meiner Jahre in Deutschland habe ich den Eindruck
gewonnen, daß gerade diesen grundlegenden
Faktoren in der Berichterstattung zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Insbesondere die
Fernsehberichterstattung kann nur schlaglichtartig
komplexe politische Abläufe beleuchten, was schnell
zu Fehlinterpretationen führen kann.
Dies ist um so bedauerlicher, als das Fernsehen
mittlerweile die primäre Informationsquelle für einen
Großteil der Bevölkerung geworden ist.
Die Außenpolitik eines Landes wird unweigerlich von
seiner Geschichte, Geographie, Gesellschaftsstruktur
und seiner nationalen politischen Entwicklung
beeinflußt. Diese simple Einsicht liefert die Erklärung
dafür, warum sich in unterschiedlichen Ländern

AMERIKA DIENST 19

unterschiedliche Ansichten über Außenpolitik entwickelt haben.
Um so wichtiger sind fundierte Kenntnisse über die
amerikanische Sicht der Dinge, um so wichtiger ist
eine exakte Darlegung des amerikanischen Regierungssystems, um so wichtiger ist ein klares Verständnis der politischen Kultur in den Vereinigten
Staaten, um die Beweggründe amerikanischer
Außenpolitik zu verstehen.
Fehlt dieser interdisziplinäre Hintergrund, kommt es
sehr oft zu grundlegenden Mißverständnissen über
die amerikanischen Motive und Interessen. Mißverständnisse, die vermeidbar wären und letztlich
natürlich auch das Bild und die Perzeption voneinander nachhaltig beeinflussen.
Es ist fast überflüssig, Sie daran zu erinnern, daß
sich die politische Kultur der Vereinigten Staaten
merklich von der europäischen und deutschen
unterscheidet.
Sie wissen, wie wichtig die Objektivierung der eigenen Maßstäbe ist. Die eigenen Maßstäbe zur Analyse, Beurteilung und Bewertung von außenpolitischen
Prozessen sind in der Regel systemkonform. Dies ist
bedingt durch Ihre politische Sozialisierung. Daran ist
per se nichts auszusetzen, doch stellt sich die Frage,
inwieweit Ihre Kriterien zutreffend sind und der
amerikanischen Realität gerecht werden können.
Ein gutes Beispiel für Fehlperzeptionen dieser Art ist
die Diskussion über die vermeintliche Hinwendung
der Vereinigten Staaten zur pazifisch-asiatischen
Region. Ich muß Ihnen sicherlich nicht die ökonomischen Daten dieser Region aufzählen, um deutlich zu
machen, welch enormes Wachstumspotential sich für
den Handel abzeichnet. Es wäre ein politisch nicht
wiedergutzumachender Fehler, wenn es die amerikanische Regierung versäumen würde, gute Wirtschaftsbeziehungen mit dieser Region aufzubauen.

Seite 1

�Nur ist gänzlich falsch anzunehmen, die Vereinigten
Staaten würden sich wegen der territorialen Erweiterung ihrer außenwirtschaftlichen Interessen von
Europa abwenden. Eine solche Betrachtungsweise
geht davon aus, daß die Beziehungen eines Staates
zu einem anderen einem Nullsummenspiel entsprechen: Was der eine gewinnt, verliert der andere.
Würde man so Außenpolitik betreiben, könnte man
keine beständigen Beziehungen aufbauen und
unterhalten.
Außerdem widerspricht diese Vorstellung der amerikanischen Nachkriegstradition und verkennt die
Bedeutung des im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte
gewachsenen transatlantischen Beziehungsgeflechts.
Die andauernde Präsenz der Vereinigten Staaten in
Europa steht außer Frage. Das amerikanische
Engagement ist der beste Garant für ein sicheres
Europa, und ein sicheres Europa ist unabdingbar für
die amerikanischen Interessen und entscheidend für
den Weltfrieden.
Wie oft kommt es vor, daß von Kommentatoren der
Versuch unternommen wird, die amerikanische
Außenpolitik gegenüber Großbritannien, Frankreich
und Deutschland zu gewichten. Uns sind die Beziehungen zu unseren europäischen Bündnispartnern
gleichermaßen wichtig. Eine Stellungnahme, welches
Land wichtiger ist, werden sie daher von keinem
amerikanischen Diplomaten erwarten können.
Daß unsere diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien und Europa zu Beginn unserer Staatswerdung eher konfliktträchtig waren, ist Ihnen
bekannt. Im Frühjahr 1775 entwickelte sich aus dem
Konflikt zwischen den Kolonien und dem Mutterland
über eine angemessene Vertretung im britischen
Parlament ein Krieg. Thomas Jefferson, der spätere
Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, machte als Autor eines recht radikalen
Pamphlets "A Summary View of the Rights of British
America" auf sich aufmerksam. Wie die meisten
seiner Landsleute konnte er sich zu dem damaligen
Zeitpunkt eine vollständige Trennung von England
nicht vorstellen und träumte von einer dauerhaften
Aussöhnung.
Die britische Antwort auf die Forderungen der in
Philadelphia tagenden Delegierten der dreizehn
Kolonien war unmißverständlich: Lord Dunmore, der
Gouverneur von Virginia, flüchtete unter Mitnahme
der in Williamsburg gelagerten Pulvervorräte auf ein
Schiff der Royal Navy und ließ umgehend die Hafenstadt Norfolk in Brand schießen.
Der Delegiertenkongress der dreizehn Kolonien
beauftragte daraufhin Thomas Jefferson mit der

Seite 2

Formulierung einer Unabhängigkeitserklärung, die am
4. Juli 1776 angenommen wurde. Sie ist das erste
außenpolitische Dokument der Vereinigten Staaten,
noch bevor diese sich überhaupt konstituiert hatten.
Die Erklärung wurde zu einer politischen und propagandistischen Waffe in der sich abzeichnenden
ideologischen und militärischen Auseinandersetzung
mit Großbritannien.
Die wichtigste Passage der Unabhängigkeitserklärung
lautete:
"Wir halten die Wahrheiten für selbstverständlich, daß alle Menschen gleich geschaffen und
von ihrem Schöpfer mit gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück
gehören."
Die Unabhängigkeitserklärung hat nicht nur die
Amerikaner in ihrem Kampf gegen das Kolonialreich
angespornt, sondern diente vielen Europäern als
Leitbild eigener politischer Wünsche und staatsrechtlicher Vorstellungen.
Bekanntermaßen ging 1783 der auch von Frankreich
unterstützte Unabhängigkeitskrieg zu Ende. Die
Vereinigten Staaten waren endlich frei; die Menschenrechte wurden zu einem integralen Bestandteil
der Verfassung von 1787.
Es würde zu weit führen, den Einfluß der Unabhängigkeitserklärung auf die politischen Vorgänge in
Europa und auf die französische Revolution von 1789
darzulegen. Bemerkenswert ist, daß es am 26.
August desselben Jahres in Paris zu der Erklärung
der Menschen- und Bürgerrechte kam, die dem
amerikanischen Vorbild folgte.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Ideale,
die Jefferson so trefflich formulierte, auch heute noch
eine große Anziehungskraft besitzen. Selbst im
ausgehenden 20. Jahrhundert gibt es viele Menschen
in allen Erdteilen, die ihre Rechte einklagen, die der
Mann aus Virginia als unveräußerlich bezeichnete
und die da sind "life, liberty and the pursuit of happiness".
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben durch die
Proklamation eigener Wertvorstellungen, die sich
erheblich von denen des europäischen Kontinents
unterschieden, ihre nationale Identität gefunden. In
der Verfassung von 1787 wurde die Dreiteilung der
Gewalten verwirklicht. Der Vertassungsrahmen ist
weniger darauf angelegt, die Effizienz des politischen
Systems zu steigern, als vielmehr darauf aus, möglichem Machtmißbrauch vorzubeugen. Dies hat zur

AMERIKA DIENST 19

�Folge, daß beispielsweise gewichtige außenpolitische Entscheidungen nur vom Präsidenten und dem
Kongreß gemeinsam getroffen werden können.

zwischen Isolationismus
ausschlägt.

und

Internationalismus

Wenn man sich in diesem Zusammenhang die Rolle
des Präsidenten anschaut, ist zu berücksichtigen,
daß seine vermeintliche Machtfülle vom Machtverhältnis innerhalb des Kongresses abhängt und
natürlich von der persönlichen Durchsetzungsfähigkeit des Amtsinhabers. Dieser Faktor wird immer
wieder unter Beweis gestellt.

Diese Schwankungen im amerikanischen Engagement für den Rest der Welt entspringen dem historischen Abkehr- und Abwehrreflex gegenüber der Alten
Welt mit ihren "Ambitionen, Rankünen und Launen",
wie es einmal der erste Präsident der Vereinigten
Staaten, George Washington, ausgedrückt hatte. In
seiner legendären Farewell Address aus dem Jahre
1796 warnte er seine Mitbürger: "No entangling
alliances!"

Ein aktuelles Beispiel: Im vergangenen Sommer
entschloß sich Präsident Clinton gegenüber Haiti und
den dortigen Militärmachthabern zu einer schärferen
Vorgehensweise. Verhandlungen hatten zu keinem
Ergebnis geführt; es zeigte sich, daß eine Vereinbarung nur deshalb zustande kam, weil der Präsident bereit war, seinen Forderungen nach umgehender Demokratisierung militärische Glaubwürdigkeit zu
verleihen.

Eine Warnung, die geschichtlich betrachtet zu ihrer
Zeit vielleicht angemessen war. Wenn man sich
beispielsweise die Erfolgsgeschichte der NATO
anschaut, stellt sich natürlich die Frage, ob nicht eine
solche Organisation nach dem Ersten Weltkrieg zu
einem dauerhaften Frieden in Europa beigetragen
hätte.
Die Konsoldierung des Staatswesens wie auch die

Präsident Clinton selbst stellt dies in einer Pressekonferenz fest: "This agreement only came because
of the credible and imminent threat of the multinational force."
Nicht immer kann man durch Verhandlungen auf
diplomatischer Ebene Erfolg erzielen; nicht immer
kann man militärische Gewalt einsetzen, insbesondere dann nicht, wenn keine nationalen Interessen
tangiert sind. Die derzeitige Administration macht
diesen Punkt immer wieder deutlich, weil vielfach
angenommen wurde, die Vereinigten Staaten würden nach dem Ende des Kalten Krieges die Rolle
eines Weltpolizisten wahrnehmen. Dies ist nicht im
Interesse der USA, wie Präsident Clinton vor der
UN-Generalversammlung schon 1993 ausführte:
"Wir können nicht jedes Problem lösen, aber
wir wollen eine Stütze für den Wandel und ein
Zentrum des Friedens sein."
Rückblickend betrachtet, hat die amerikanische
Außenpolitik einen weiten Weg zurückgelegt seit
jenen Tagen, als Colonel George Harvey in den
zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts ein tief
verwurzeltes Vorurteil der amerikanischen Bevölkerung in Worte faßte: "Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten ist, keine Außenpolitik zu haben."
In der Tat waren die Vereinigten Staaten im 19.
Jahrhundert mit sich selbst beschäftigt. In diesem
Zeitraum entwickelte sich der traditionelle amerikanische Isolationismus - der Wunsch, sich von der
internationalen Politik fernzuhalten. Noch heute wird
den Vereinigten Staaten vielfach der Vorwurf gemacht, ihre Außenpolitik sei wie ein Pendel, das

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Eroberung des Westens nahmen im 19. Jahrhundert
viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Mit "Manifest
Destiny" bezeichnete man den amerikanischen Drang
zur Pazifikküste nach Oregon und Kalifornien. Der
nordamerikanische Kontinent wurde, um es zeitgemäß auszudrücken, "amerikanisiert." Dies entsprach
dem Glauben vieler Amerikaner, in "God's own
country" zu leben. Die "Bestimmung" habe vorgesehen, daß die Amerikaner den ganzen Kontinent
befrieden und zivilisieren.
Natürlich gab es während dieser Zeit keine völlige
au ßenpolitische Abstinenz, wenn wir nur an den Krieg
mit Mexiko 1846-48 denken oder an den expandierenden Seehandel. Schon 1823 hatte Präsident
Monroe angesichts des imperialen Gehabes der
europäischen Staaten den Süd- und mittelamerikanischen Kontinent zur amerikanischen Einflußzone
erklärt.
Hinsichtlich der Fähigkeit der amerikanischen Regierung, eine tatkräftige und konsequente Außenpolitik
zu führen, gab es allerdings schon frühzeitige Zweifel.
Alexis de Tocqueville äußerte sich beispielsweise in
den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts
skeptisch, weil seiner Ansicht nach das Festhalten an
einem einmal gefaßten Plan und seine Durchführung
auch gegen Widerstände in einer Demokratie nicht
möglich sei.
Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten - ich
spreche vom Ersten Weltkrieg - erfolgte erst 1917. Zu
groß war die anfängliche Ablehnung, sich in diesen
europäischen Krieg hineinziehen zu lassen. Nach
dem ersten Weltkrieg zogen sich die Vereinigten
Staaten aus Europa zurück. Präsident Woodrow

Seite 3

�Wilson hatte mit seinem 14 Punkte umfassenden
Friedensprogramm von 1918 bei den späteren
Verhandlungen in Versailles eine zentrale Rolle
gespielt und einen wichtigen Beitrag zum Aufbau
einer Friedensstruktur geleistet. Wilson hatte das
Selbstbestimmungsrecht der Völker und eine gerechte und stabile Friedensordnung gefordert, "to make
the world safe for democracy".
Seine Weigerung, sich an der Friedensordnung von
Versailles und dem Völkerbund zu beteiligen, trug
allerdings zu deren Schwächung bei. Die Vereinigten
Staaten zogen sich wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten zurück. Von der fehlenden
europäischen Bereitschaft zum Ausgleich mit
Deutschland enttäuscht, hatten sie kein Verständnis
für die Kolonialstreitigkeiten der europäischen Mächte.
Hier zeigt sich wieder einmal, daß amerikanische
Außenpolitik nicht nur den politischen Willen des
amerikanischen Volkes reflektieren, sondern auch
seine moralische Überlegenheit gegenüber den
verworrenen Verhältnissen in Europa zum Ausdruck
bringen sollte. Amerikanische Politiker sehen sich
auch heute noch gezwungen, ihre Politik nicht nur
für wirkungsvoll und zweckmäßig, sondern auch für
vertretbar im moralischen Sinn zu halten. Sie glauben, daß ihrem außenpolitischen Handeln idealistische anstatt bloß realpolitische Motive zugrunde
liegen sollten.
Ein gutes Beispiel für die idealistischen Grundströmungen in der amerikanischen Außenpolitik ist
Woodrow Wilsons Rede, die er im Februar 1919 in
Boston gehalten hatte:

"In vollkommener Offenheit habe ich, im Namen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten,
als Ziel dieses großen Krieges Ideale und
nichts als Ideale benannt, und in diesem Geist
ist der Krieg gewonnen worden."
Dieser Ansicht entspricht auch die Neigung, Außenpolitik sowohl in ideologischen Kategorien zu sehen
als auch in Dichotomien wie Gut und Böse, Freund
und Feind, Krieg und Frieden zu denken.

Weiß-Mustern - "diejenigen, die für uns, und die
anderen, die gegen uns sind".
Die wesentlichen Gründe für eine konturenreiche
Betrachtungsweise waren die ursprüngliche geographische Abgeschiedenheit des amerikanischen
Kontinents, der Glaube an dessen Ausnahmestellung
und das nachwirkende geistige Erbe der Aufklärung.
All diese Momente begünstigen ein stärker ideologisch geprägtes Verständnis von Außenpolitik.
Der Isolationismus nach dem Ersten Weltkrieg war
nicht kategorisch gegen Europa gerichtet. Noch 1931
hatte Präsident Hoover auf der Genfer Abrüstungskonferenz einen Plan vorgelegt, der einen nachhaltigen Abbau offensiver Rüstungskapazitäten vorsah.
Hoover glaubte damit dem deutschen Streben nach
militärischer Gleichberechtigung Rechnung tragen
und durch die Senkung der Rüstungsausgaben die
Folgen der Weltwirtschaftskrise abmildern zu können.
Dieser Plan scheiterte am Widerstand der französischen Regierung.
Der weitere Verlauf der Geschichte in der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts ist bekannt. Wenige Jahre
später brach der Zweite Weltkrieg aus und erschütterte Europa und die Welt in ihren Grundfesten.
Zum zweiten Mal waren die Vereinigten Staaten in
einen europäischen Krieg verwickelt worden. Der
amerikanische Isolationismus, der sich immer auf das
außenpolitische Engagement beschränkte, nicht aber
auf die außenwirtschaftlichen Interessen, erhielt mit
dem japanischen Luftangriff auf Pearl Harbor seinen
Todesstoß. Amerika war nicht auf den Krieg vorbereitet und hatte es an militärischer Vorsorge fehlen
lassen. Der Isolationismus erwies sich als fatale
Illusion.
Nach der leidvollen Erfahrung der Rückeroberung
und Befreiung Europas von der Naziherrschaft mußte
die Frage nach dem Ausmaß des amerikanischen
Engagements beantwortet werden. Noch bei Kriegsende hatte Franklin Roosevelt geglaubt, daß in
spätestens zwei Jahren keine amerikanischen Soldaten mehr in Europa stehen würden.

Ein Beispiel ist das Verhältnis zur ehemaligen
Sowjetunion. Bei uns in den Vereinigten Staaten
sprachen wir vom Kalten Krieg, den man in der
Bundesrepublik als Ost-West-Konflikt bezeichnete.

Doch schon im Jahre 1949 wurden die Vereinigten
Staaten zum ersten Mal in ihrer Geschichte Mitglied
einer in und für Friedenszeiten gegründeten Allianz,
deren Daseinszweck der gemeinsame militärische
Schutz der Sicherheit ihrer Mitglieder war.

Eine derartige Betrachtungsweise schärft die Konturen; folglich ist es nicht verwunderlich, daß in
Amerika eine deutlich andere Haltung eingenommen
wurde als beispielsweise in Europa. Die amerikanische Außenpolitik orientiert sich oft an Schwarz-

Zusammen mit europäischen Bundesgenossen wie
Bevin, Schuman und Monnet legte die Troika Truman-Marshall-Acheson die Fundamente einer Nachkriegsordnung, die sich in zweifacher Hinsicht als
überaus erfolgreich erwies. Zum einen erlaubte sie

Seite 4

AMERIKA DIENST 19

�die Reintegration des besiegten Deutschland in die
zivilisierte Staatengemeinschaft, zum anderen
verhinderte sie eine weitere territoriale Ausdehnung
des sowjetischen Macht- und Einflußbereiches, dem
Ostdeutschland zum Opfer gefallen war.
Die Vereinigten Staaten hatten ihre historische
Lektion gelernt. Einen Rückzug auf den amerikanischen Kontinent konnte es nicht geben; Vorbehalte
gegenüber einer "entangling alliance" wurden den
nationalen Interessen untergeordnet.
Aus dem Zweiten Weltkrieg sind die Vereinigten
Staaten als ein Imperium mit globalen Interessen
hervorgegangen. Dies wird insbesondere durch die
von Präsident Truman propagierte "Containment
strategy" deutlich. Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Abdankung des britischen Königreiches
formulierte er eine außenpolitische Leitlinie, die
folgenden Kernsatz hatte:
"Ich glaube, daß es die Politik der Vereinigten
Staaten sein muß, freie Völker zu unterstützen, die sich dem Versuch der Unterwertung
durch bewaffnete Minderheiten durch Druck
von außen widersetzen."
Damit war der Handlungsrahmen abgesteckt, wie der
Herausforderung durch die Sowjetunion zu begegnen war. Ziel amerikanischer Außenpolitik war es,
dem sowjetischen Expansionsstreben Einhalt zu
gebieten und - wo möglich - den kommunistischen
Einfluß zurückzudrängen. Die im Zusammenhang mit
dieser machtpolitischen und ideologischen Auseinandersetzung formulierten außenpolitischen Doktrinen
standen angesichts dertechnologischen Entwicklung
von immer moderneren Waffensystemen unter
einem kontinuierlichen Anpassungsdruck. Die
"Containment strategy" wurde durch die Doktrin des
"roll back" ersetzt; Präsident Eisenhower entwickelte
die Doktrin der massiven Vergeltung - eine Doktrin,
die mit der nuklearen Parität ihre Gültigkeit verlor.
In den letzten Jahrzehnten sind Doktrinen aus der
Mode gekommen, vielleicht auch, weil die außenpolitischen Herausforderungen an Komplexität
zugenommen haben. Wer konnte Anfang der achtziger Jahre ahnen, daß sich am Ende des Jahrzehnts die Machtverhältnisse in Europa in dieser
Weise verändern würden?
Wenn wir die Jahre des Kalten Krieges Revue
passieren lassen, kann man zu recht behaupten,
daß Tocquevilles Zweifel an außenpolitischer Kontinuität demokratisch regierter Staaten sich nicht
bewahrheitet haben. Sicherlich gab es auf amerikanischer Seite die eine oder andere Kursänderung,
die eine oder andere Fehleinschätzung, doch die

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strategischen Ziele in der Auseinandersetzung mit der
Sowjetunion blieben die gleichen.
Außenpolitische Kursschwankungen liegen zum Teil
in der Natur eines mehr oder weniger regelmäßigen
Präsidentenwechsels. Zu den traditionellen Schwächen der amerikanischen Außenpolitik gehört der
Ehrgeiz der Präsidenten bei ihrem Amtsantritt, zuerst
einmal möglichst alles anders zu machen als ihre
Vorgänger. Zudem wird in Washington die Außenpolitik stark von personellen Faktoren und innenpolitischen Einflüssen bestimmt. Dadurch ist eine kontrollierte und kontinuierliche außenpolitische Entscheidungsfindung und eine dementsprechende,
langfristig ausgerichtete und geradlinige Außenpolitik
nur unter großen Anstrengungen möglich.
Immer wenn ein neuer Präsident ins Weiße Haus
einzieht, entstehen Zweifel an der Kontinuität amerikanischer Außenpolitik. Dies haben wir jüngst bei der
Clinton-Administration erlebt und auch als Bush auf
Reagan folgte, gab es viele Stimmen, die Zweifel
äußerten, ob denn Bush an den außenpolitischen
Grundsätzen der Reagan-Administration festhalten
werde.
Bei jeder Präsidentenwahl wird sich die amerikanische Nation aufs neue ihrer Identität bewußt. Die
Beschwörung der Ideale der Gründerväter und des
amerikanischen Traums von Freiheit, Wohlstand und
Größe ist Ausdruck des steten Willens zum Neubeginn. Es ist nun mal die Verantwortung des amerikanischen Präsidenten, das Wohlergehen und die
Sicherheit des amerikanischen Volkes zu gewährleisten, nicht aber die Welt zu reformieren, wie
George Kennan einmal trefflich feststellte:
"Im Namen der Demokratie und der Menschenrechte haben sich die Vereinigten Staaten wiederholt in die Angelegenheiten anderer
Länder eingemischt, aber die Demokratie ist
nicht unbedingt die Bestimmung der ganzen
Menschheit: jedenfalls ist es nicht Sache der
amerikanischen Regierung, sie überall durchzusetzen."
Andererseits - möchte ich hinzufügen - kann es nicht
schaden, wenn alle Menschen die Möglichkeit haben,
ihr Schicksal in einem rechtsstaatlichen, demokratisch
legitimierten Staatswesen zu gestalten. Deshalb gibt
es in den Vereinigten Staaten einen überparteilichen
Konsens, wenn es darum geht, demokratische
Tendenzen und den Aufbau parlamentarischer
Regierungssysteme zu fördern.
Eine grundlegende Überzeugung amerikanischer
Außenpolitik, die zu den Tagen von Alexis de Tocqueville zurückreicht, lautet, demokratische Staaten,

Seite 5

�die miteinander Handel treiben, führten nicht miteinander Krieg. Ich möchte zum Abschluß aus dem
Kapitel "Krieg und Demokratie" aus "Die Demokratie
in Amerika" zitieren:
"Je mehr sich die Gleichheit in mehreren Ländern
zugleich entwickelt und ihre Bewohner zu Handel
und Industrie treibt, desto ähnlicher werden nicht
nur ihre Neigungen, sondern auch ihre Interessen
vermengen und verquicken sich so, daß keine
Nation es wagen kann, eine andere zu unterdrücken, weil alles Elend, das sie einer anderen
zufügt, auf sie selber zurückfallen würde."
Damit habe ich Ihnen auch schon den Kerngedanken der Außenwirtschaftspolitik der Clinton-Administration angedeutet. Die Vereinigten Staaten treten
vehement für freien und fairen Handel ein, was
einen unbehinderten Marktzugang voraussetzt. So ist
der Aufbau eines freien Welthandelssystem die
Nummer Eins auf der außenpolitischen Agenda. Prosperierende Handelsbeziehungen sind eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von Demokratisierungsstrategien, wie sie beispielsweise in den
Staaten Mittel- und Osteuropas durchgeführt werden.
Lassen Sie mich noch die anderen thematischen
Schwerpunkte der gegenwärtigen Außenpolitik
meines Landes aufzählen, bevor ich dann auf Ihre
Fragen antworte:
An zweiter Stelle steht die Gestaltung einer Europäischen Sicherheitsarchitektur, die dauerhaft Frieden
und Stabilität garantiert. Konkret heißt das: die
Erweiterung der NATO.
*

Seite 6

*

An dritter Stelle ist der Friedensprozeß im Nahen
Osten zu nennen. Ziel ist es, einen dauerhaften
arabisch-israelischen Frieden zu schaffen, die Stabilität befreundeter arabischer Staaten zu sichern und
den politischen Einfluß des Iraks, Irans und Libyens
einzudämmen sowie zu verhindern, daß diese
Staaten in den Besitz von Massenvernichtungswaffen
und Trägerraketen gelangen.
Damit habe ich auch schon die vierte Priorität unserer
Außenpolitik angedeutet: die Verhinderung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungsmitteln.
Auf der gegenwärtig in New York stattfindenden
Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages treten wir für eine unbegrenzte Verlängerung
des Vertrages ein.
Fünfter und letzter Schwerpunkt amerikanischer
Außenpolitik ist der Kampf gegen internationalen
Terrorismus, gegen Drogenhandel und Geldwäsche
sowie das organisierte Verbrechen.
In seiner Anhörung vor dem Senatsausschuß für
Auswärtige Angelegenheiten appellierte Warren
Christopher an beide Fraktionen, den traditionellen
überparteilichen Konsens in der Außenpolitik nicht
aufs Spiel zu setzen. Er sei gerade in Zeiten voller
großer Herausforderungen unabdingbar für die
Glaubwürdigkeit amerikanischer Außenpolitik. Dem
möchte ich nichts weiteres hinzufügen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

•

*

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�SICHERHEITSARCHITEKTUR
24. Mai 1995

Eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa
von William J. Crowe, Jr.
LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einer Rede, die der Botschafter der Vereinigten
Staaten in Großbritannien, William J. Crowe Jr., vor der European-Atlantic Group hielt.

Im Frühjahr feierten wir den 50. Jahrestag der
Beendigung des Zweiten Weltkriegs in Europa, den
Triumph der Demokratie über den Faschismus, das
Ende eines gigantischen Konflikts, der unsägliches
Leid verursachte.
Gleichzeitig erinnern wir uns an die Verheißungen
und Neuanfänge des Jahres 1945. Der Sieg über
Deutschland und Japan veranlaßte Männer und
Frauen guten Willens auf der ganzen Welt zu dem
Schwur "nie wieder" und unsere führenden Politiker
zur Gründung neuer Institutionen, die verhindern
sollten, daß die Welt in einen Abgrund stürzt.
Die Institutionen des Kalten Krieges waren nicht
ohne Mängel, aber insgesamt leisteten sie uns gute
Dienste. In Anbetracht des Endergebnisses können
wir sehr stolz auf die Klugheit jener Architekten der
Nachkriegszeit und ihre Errungenschaften sein.
Ebenso wie 1945 werden wir auch heute mit einer
traumatischen Veränderung des internationalen
Klimas konfrontiert, die eine Zukunft voller Unsicherheit erwarten läßt. Die Bezugspunkte, die 50
Jahre lang unsere Politik leiteten, sind verschwunden. Wir müssen jetzt mit wenigen Navigationshilfen
einen neuen Kurs einschlagen. Dies ist die primäre
Herausforderung des neuen Zeitalters.
In der britischen Presse wird oft der Vorwurf erhoben, nach dem Zusammenbruch des sowjetischen
Imperiums wende sich Amerika nach innen und falle
in den Isolationismus zurück.
Ich möchte dieser Anschuldigung entschieden
widersprechen.
Sie mißdeutet vollkommen die
Stimmung in Amerika und unsere fundamentalen
Interessen.
Diese Kritiker ersetzen ernsthafte
Gedanken durch vereinfachte Klischees und ignorieren die Fülle neuer Technologien - Fax, elektronische Post, Mobiltelefone, Langstreckenflugzeuge,
Live-Sendungen im Fernsehen - durch die die Welt

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kleiner und die internationale Staatengemeinschaft
stärker als je zuvor verbunden wurde.
Wir leben in einer neuen und verwirrenden Zeit, die
wir in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als
"Zeitalter nach dem Kalten Krieg" bezeichnen.
Obwohl die physische Bedrohung der europäischen
Sicherheit durch den Osten abgenommen hat, kann
ich Ihnen versichern, daß das Engagement der
Vereinigten Staaten für diese Sicherheit unvermindert
erhalten bleibt.
Örtliche Konflikte, interne Instabilität und das Wiederaufkommen historischer Vorbehalte sind jetzt als die
wahrscheinlichste Bedrohung des Friedens in Europa
an die Stelle des sowjetischen Expansionismus
getreten.
Die Clinton-Administration ist fest davon überzeugt,
daß die Ausweitung demokratischer Institutionen auf
dem gesamten europäischen Kontinent der beste
Weg ist, das finstere Vermächtnis der Vergangenheit
in Schach zu halten. Wenn solche Bestrebungen
gelingen sollen, erfordern sie nicht nur erneuertes
politisches Engagement, sondern auch eine neue
Sicherheitsstruktur.
Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert muß die freie
Welt eine Umgestaltung ihrer Sicherheitsarrangements in Betracht ziehen. Wie stets in solchen Zeiten
müssen wir uns auf "alte und neue Strukturen"
konzentrieren. Die Geschichte verhindert, daß wir
ganz von vorne anfangen. Um die Stabilität in ganz
Europa zu erhöhen, müssen wir eine Architektur
schaffen, die den Bedürfnissen des Westens und der
ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten in Osteuropa entspricht und für Rußland und die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion keine Bedrohung darstellt.
Wenn die Infrastruktur des Kalten Krieges auf überlegte Art und Weise an die neuen Gegebenheiten

Seite 1

�angepaßt wird, können wir glücklicherweise eine
funktionierende Grundlage für künftige Bestrebungen
schaffen. Außenminister Christopher erklärte, die
NATO sei der Anker des Engagements der Vereinigten Staaten in Europa und der Kern der transatlantischen Sicherheit und werde das auch bleiben.
Der wirkliche Maßstab für den Erfolg des Bündnisses
war seine lebenswichtige Rolle bei der Unterstützung
Westeuropas, stärker, wohlhabender und integrierter
zu werden, als man sich das in den dunklen Tagen
nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges je hätte
vorstellen können.
Heute sind die Nationen Mittel- und Osteuropas von
der Aufgabe in Anspruch genommen, demokratische
Regierungen und Marktwirtschaften aufzubauen und
schauen dabei automatisch auf ihre westlichen
Vorbilder.
Sie streben denselben Schutz und
Wohlstand an, den jetzt die NATO-Mitgliedstaaten
genießen. Unsere Aufgabe besteht wiederum darin,
durch eine neue, aber realistische Sicherheitsstruktur
zur Erreichung dieser Ziele beizutragen.
Keine Frage ist stärker mißverstanden oder kontroverser diskutiert worden als die der NATO-Erweiterung und ihres Warum, Wo, Wann und Wie. Welche
Haltung vertreten die Vereinigten Staaten? Bei
seiner Europareise im Juni vergangenen Jahres
erklärte Präsident Clinton, die Frage laute nicht
länger, ob die NATO erweitert werde, sondern wie
und wann das geschehe.
Die sechzehn Mitgliedstaaten der NATO haben
angefangen, sich mit diesen Fragen zu befassen.
Der Nordatlantikrat will den interessierten Parteien
Ende des Jahres die Ergebnisse seiner Studie
vorlegen und den Prozeß einer Prüfung spezifischer
Beitrittskandidaten einleiten. Dieses Verfahren wird
auf der Basis von Freiwilligkeit, Offenheit und
Konsens fußen. Dies soll auch gewährleisten, daß
die Mitgliedstaaten der NATO parallel zum Erweiterungsprozeß produktive Beziehungen zwischen
Rußland und dem Bündnis aufbauen können.
Rußland erhält dadurch jedoch kein Vetorecht über
die Zukunft der NATO. Wir wollen bei dieser Gratwanderung einen offenen und ehrlichen Dialog
führen.
Obwohl diese neue europäische Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage der NATO geschaffen werden
soll, spielt die Europäische Union eine Schlüsselrolle
dabei, den Wohlstand der osteuropäischen Nationen
sicherzustellen.
Die Übernahme der mit einer
NATO-Mitgliedschaft
einhergehenden
Pflichten
verlangt von den wachsenden Volkswirtschaften die
Übernahme der Kosten. Daher müssen die ange-

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henden Mitglieder Teil des expandierenden europäischen Marktes sein.
Die wachsenden Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas werden wiederum Marktreformen fördern und
einen Beitrag zur Erhöhung der politischen Stabilität
leisten, die für Vollmitglieder der NATO und der EU
erforderlich ist. Washington arbeitet eng mit der EU
und ihren Mitgliedstaaten an der Entwicklung eines
wirtschaftlichen Hilfsprogramms für Mittel- und
Osteuropa zusammen.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat (NAKR) und die Partnerschaft für den Frieden
(PFP) - sind besonders auf die Einbeziehung der
Nichtmitgliedstaaten der NATO ausgerichtet.
In nur einem Jahr ist die Partnerschaft für den
Frieden zu einem integralen Bestandteil der europäischen Sicherheitslandschaft geworden und wurde zur
Überraschung einiger gut aufgenommen. Sie ist ein
wertvolles Instrument, das die NATO und einzelne
Partner zur Zusammenarbeit ermutigt. Sie hilft den
neuen demokratischen Staaten bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer
Streitkräfte sowie dabei, neue Formen von Militärdoktrinen, Umweltschutz und Katastrophenhilfe zu
erlernen.
Aus diesem Grund ist die Partnerschaft für den
Frieden so wichtig. Die 20 für dieses Jahr geplanten
Militärübungen der Partnerschaft werden einen
großen Beitrag zur Förderung dieses Übergangsprozesses leisten.
25 Nationen, einschließlich
Rußlands, sind der Überzeugung, daß die Partnerschaft in ihrem Interesse liegt.
In ähnlicher Weise begrüßen die Vereinigten Staaten
die Stärkung der europäischen Verteidigungssäule
der NATO mit Hilfe der Westeuropäischen Union.
Wir sind uns beispielsweise bewußt, daß es Momente
gibt, in denen die Mitgliedstaaten der WEU eine
Militäroperation beginnen wollen, an der sich andere
NATO-Mitgliedstaaten nicht beteiligen möchten.
Aus diesem Grund unterstützen wie die sogenannte
"Doppelaufgabe" von NATO- und WEU-Streitkräften,
aus diesem Grund unterstützen wir den Interalliierten
Einsatzverband und aus diesem Grund streben wir
eine Sicherheitsarchitektur an, die stark und flexibel
genug ist, um die vielfältigen Sicherheitsprüfungen
unseres neuen Zeitalters zu bestehen.
Angesichts des zunehmenden Zerstörungspotentials
moderner konventioneller Waffen können selbst
kleine Streitkräfte verbrecherischer Staaten großen
Schaden verursachen und zur ihrer Bekämpfung eine
beträchtliche gegnerische Streitmacht erfordern. Die

AMERIKA DIENST 19

�NATO muß sorgfältig prüfen, welche Fähigkeiten sie
entwickeln will, selbst wenn von vielen eine Ausweitung der Definition von "Bedrohung der Sicherheit" angestrebt wird.
Die NATO kann nur im Alleingang handeln, wenn sie
ihren in Artikel 5 dargelegten Pflichten nachkommt.
Die meisten sind der Ansicht, sie benötige zur
Legitimierung anderer Aktionen ein politisches
Mandat von einer Organisation wie den Vereinten
Nationen.
Die Vereinten Nationen sind jedoch
bereits überfordert. Es ist deutlich geworden, daß
regionale Organisationen einen Teil der Last tragen
müssen. In Europa ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hierfür
ein möglicher Kandidat.
Zu diesem Zeitpunkt muß die Rolle der neuen OSZE
noch weiter definiert werden. Anstatt durch juristisches oder militärisches Vorgehen ein bestimmtes
Verhalten zu erzwingen, will sie die Sicherheit durch
die Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit
auf der Grundlage des Konsenses verbessern. Es
existieren beispielsweise keine Pläne, ihr die Fähigkeit zur Friedensschaffung oder Bestrafung von
Aggression zu geben.
Die oft als "Debattierclub" diskreditierte OSZE will
insbesondere bei der Verhinderung und Schlichtung
von Krisen stärker werden. Die Tatsache, daß
Rußland letztlich eine Delegation der OSZE in
Tschetschenien empfing, deutet darauf hin, daß
diese Organisation auf der internationalen Bühne
eine wichtige Rolle spielt.
Heute stellt Rußland das dauerhafteste strategische
Problem Europas dar. Ein Rußland, das nicht mit
sich selbst und seinen Nachbarn in Frieden lebt, ist
gleichbedeutend mit einem Europa, das nicht in
Frieden lebt. Die Vereinigten Staaten, die NATO
und die EU müssen alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen, um Rußland bei seiner unsicheren
Reise zu politischen und wirtschaftlichen Reformen
auf dem richtigen Weg zu halten.
Wir können gegenüber unseren russischen Amtskollegen gar nicht oft genug betonen, daß die
Förderung der Stabilität in Mitteleuropa im beiderseitigen Interesse ihres Landes und dessen westlichen
Verbündeten liegt. Die NATO, die keine Bedrohung
für die Sicherheit Rußlands darstellt, strebt direkte
und offene Beziehungen zu Rußland an, die der
besonderen Stellung und Größe Rußlands Rechnung tragen und gleichzeitig die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion stärken.

AMERIKA DIENST 19

Der Kontinent war ein halbes Jahrhundert lang durch
ideologische Trennung und militärische Konfrontation
entstellt. Jetzt, da diese Wunde zu heilen beginnt,
müssen wir sicherstellen, daß keine neuen Trennlinien zwischen den Besitzenden und Besitzlosen
oder zwischen den in Sicherheit und den in Unsicherheit Lebenden gezogen werden.
Wir laden Rußland dazu ein, sich an diesen großartigen Bestrebungen zu beteiligen. Seine enormen
Ressourcen und seine begabten und lebensprühenden Menschen müssen von Europa in den Dienst der
Freiheit gestellt werden - als Kraft gegen Aggression
und Instabilität.
Die Entwicklung unserer Beziehungen zu Rußland
hängt davon ab, wie erfolgreich Rußland den Weg zu
Demokratie und freien Märkten geht und wie stetig es
neue Verhaltensnormen annimmt, die während seiner
Einverleibung durch die Sowjetunion so oft mißachtet
wurden.
Unsere Beziehungen zu Rußland müssen fortentwikkelt werden und sich parallel zu unseren Bestrebungen entwickeln, die NATO und die Europäische Union
zu erweitern. Ich bin nicht so naiv anzudeuten,
dieser ganze Prozeß sei einfach.
Zweifellos haben die Russen ein großes Mißtrauen
gegenüber der NATO, und es wird nicht einfach sein,
ihre Zustimmung zu einer Erweiterung des Bündnisses zu bekommen. Das wird Geduld, Innovation und
mehr Staatskunst von allen Beteiligten erfordern. Ein
erfolgreicher Übergang für das russische Volk ist eine
der höchsten Prioritäten in Washington.
Vor 50 Jahren sahen Politiker in Amerika und Westeuropa zerstörte Städte, vertriebene Menschen,
Schuldenberge und einen Kampf um das nationale
Überleben. Mit ihrem Vorschlag zum Aufbau neuer
Institutionen bewiesen sie Weitblick und Klugheit.
Ihr lebenswichtiger Beitrag bestand jedoch darin, ihre
Regierungen davon zu überzeugen, diese Organisationen mit den notwendigen Mitteln und dem politischen Willen auszustatten. Im Rückblick muß man
vor allem ihre persönlichen Führungsqualitäten und
ihre Entschlossenheit bewundern.
Wir sind jetzt mit einer besonders anspruchsvollen,
aber andersartigen Herausforderung konfrontiert.
Nachdem die freien Nationen im Kalten Krieg den
Sieg davongetragen haben, müssen sie sich selbst
ständig vor Augen halten, daß die Verminderung der
Bedrohung unserer gemeinsamen Ideale durch den
Kommunismus nicht bedeutet, daß unsere Werte
weniger kostbar sind oder die Förderung dieser
Ideale weniger wichtig.

Seite 3

�Die atlantische Gemeinschaft hat jetzt die einmalige
Chance, Wohlstand und Demokratie auf dem europäischen Kontinent auszuweiten und die Bestrebungen der politischen und Sicherheitsinstitutionen des
Westens zu integrieren.
Dies setzt Geduld, Engagement, bisweilen Kompro-

mißbereitschaft und vor allem Ausdauer voraus. Dies
sind genau die Qualitäten, die unsere Demokratien
während des Zweiten Weltkriegs und mehr als 40
Jahre nach Kriegsende stützten. Ich bin zuversichtlich, daß unsere Völker diese Charakteristika geerbt
haben und sie zum gegebenen Zeitpunkt erneut in
den Dienst unserer Ideale stellen werden.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 19

�WIRTSCHAFT
24. Mai 1995

Von Organisationen zu Märkten
von William E. Halal
WASHINGTON - (AD) - Wirtschaftswissenschaftler berufen sich seit langem auf das "Zaubermittel des
Marktes". Heute werden dem Autor zufolge Märkte innerhalb von amerikanischen Organisationen geschaffen,
und dies gestattet es Unternehmen und sogar Regierungsbehörden, die neuen Herausforderungen einer sich
rasch verändernden Welt zu bewältigen.
William E. Halal ist Professor für Management an der George Washington University in Washington, D.C. sowie
Direktor der World Future Society. Er ist Verfasser von The New Capitalism (Wiley, 1986) und Mitherausgeber von Internal Markets: Bringing the Power of Free Enterprise Inside Your Organization (Wiley,
1993).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Futurist, Ausgabe Mai/Juni 1994,
herausgegeben von der World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450, Bethesda, MD 20814.
Copyright (c) 1994 World Future Society.

Die gigantischen Hierarchien, die einst die Welt
beherrschten, haben angesichts der Revolution im
Informationswesen einen dramatischen Verfall erlebt.
Das zentrale Planungssystem der Sowjetunion ist
zusammengebrochen, riesige Unternehmen wie
General Motors (GM) und IBM mußten große
Verluste hinnehmen, und die amerikanische Regierung hat das Problem eines Patts zwischen Präsident und Kongreß zu bewältigen.
Offen tritt zutage, daß ein zentral kontrolliertes,
hierarchisches System den wachsenden Turbulenzen dieses neuen Zeitalters komplexer und ständiger
Veränderungen nicht gewachsen ist. Aber welche
neue Organisationsform wird an seine Stelle treten?
Die Antwort läßt sich erahnen, wenn man betrachtet,
was sich in einer Reihe großer Organisationen
vollzieht. In Großunternehmen wie AT&amp;T und IBM
findet eine Dezentralisierung in viele autonome
Geschäftsbereiche statt. Während Rußland seine
großen Staatsunternehmen privatisiert, um sich die
Dynamik des Markts zunutze zu machen, lösen
amerikanische Unternehmen ihren eigenen zentralen
Planungsapparat zugunsten interner Märkte auf. In
der Tat besteht einer der auffälligsten Trends des
vergangenen Jahrzehnts im Auftreten interner
Unternehmer (oder "Intrapreneurs"), interner Kunden
und anderer interner Äquivalente externer Märkte.

AMERIKA DIENST 19

Mit anderen Worten: Interne Märkte treten an die
Stelle der Hierarchie.
Das Konzept der internen Märkte wurde von einem
unsichtbaren Netzwerk progressiver Unternehmen,
Akademiker und Unternehmensberater entwickelt. Im
Jahr 1991 organisierte eine derartig zusammengesetzte Gruppe eine Konferenz über interne Märkte,
die an der George Washington University in der
Bundeshauptstadt Washington stattfand. Zu diesem
Anlaß versammelten wir 100 führende Unternehmerpersönlichkeiten, die sich mit internen Märkten
beschäftigt und sie bereits in der Praxis erprobt
hatten. Als Ergebnis von Vorträgen, die bei dieser
Konferenz gehalten wurden, haben drei von uns - Ali
Geranmayeh, John Pourdehnad und ich - das erste
Buch über dieses Thema verfaßt. Es trägt den Titel
Internal Markets: Bringing the Power of Free
Enterprise Inside Your Organization (Wiley, 1993).
Die Vorteile interner Märkte
Obwohl bisher nur wenige führende Organisationen
das Konzept der internen Märkte vollständig in die
Praxis umgesetzt haben, belegt eine Untersuchung
unternehmerischer Praktiken in den Vereinigten
Staaten, Europa und Japan die breite Akzeptanz
wichtiger Elemente des neuen Modells. Von 47
befragten leitenden Angestellten stimmten 90 Prozent
darin überein, daß die im Rahmen des neuen Modells

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�vorgeschlagenen Veränderungen für die Unternehmen notwendig sind. 76 Prozent waren der Ansicht,
daß solche Veränderungen die Unternehmensführungen in den späten neunziger Jahren dominieren würden und 85 Prozent meinten, daß Firmen,
die sich dem Konzept der internen Märkte nicht
anschließen, entweder zusammenbrechen oder zur
Bedeutungslosigkeit verkümmern würden.
Wenn sich eine Firma zu einer Gemeinschaft von
Unternehmern entwickelt, die neue Produkte und
Dienstleistungen sowohl intern als auch extern
kaufen, verkaufen und einführen, macht sie sich das
kreative Wechselspiel der Kräfte zunutze, das auch
den Marktwirtschaften zu solch großem Erfolg
verhilft. Lösungen schwieriger Probleme werden
rasch und spontan gefunden, und dies wiederum
führt zu Wachstumsschüben, die selbst der brillanteste Manager an der Spitze eines hierarchischen
Systems weder voraussehen geschweige denn
planen könnte.
Die Marktwirtschaft verbreitet sich heute in der
ganzen Welt, weil sie der zentralen Planung eindeutig überlegen ist. In Staaten und Organisationen
gleichermaßen haben sich Planwirtschaften als zu
schwerfällig erwiesen, um die Erschütterungen des
neuen Zeitalters bewältigen zu können. Freies
Unternehmertum - sei es intern oder extern - bietet
die einzige Wirtschaftsphilosophie, die es Organisationen gestattet, sich rasch und effizient Veränderungen anzupassen.
Von der Hierarchie zu Märkten
Unternehmen, die im Rahmen eines Konzerns
operieren, akzeptieren Leistungskontrollen im
Gegenzug für Handlungsfreiheit. Hewlett-Packard
(HP) ist berühmt für sein unternehmerisches System,
das den einzelnen Unternehmensbereichen große
Handlungsfreiheit gibt, sie aber für die erzielten
Ergebnisse strikt verantwortlich macht. So stellt ein
HP-Manager fest: "Die finanziellen Kontrollen sind
sehr streng; locker geregelt ist jedoch, wie [die
Menschen] diese Ziele erreichen." Alle Bereiche
müssen über die von ihnen genutzten Ressourcen
Rechenschaft ablegen, während ihre unternehmerische Kreativität ermutigt wird.
Im Idealfall wird jeder Bereich als kleiner, eigenständiger Betrieb betrachtet, der in der Durchführung
seiner Aktivitäten freie Hand hat und gleichzeitig in
der Muttergesellschaft integriert ist. Alle Bereiche
benötigen die Freiheit zur Durchführung geschäftlicher Transaktionen innerhalb ebenso wie außerhalb
der Firma. Ohne diese Freiheit fallen Manager dem
Monopol und der Bürokratie ihrer Organisation zum
Opfer, also in etwa denselben Kräften, die die

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Sowjets dazu veranlaßten, ihre Wirtschaft einer
exzessiven Kontrolle zu unterwerfen.
Control Data wandelte alle firmeneigenen Kundendiensteinheiten in "interne Beratungsunternehmen"
um, die als Profit Center betrieben werden und für
Kunden innerhalb von Control Data ebenso wie in
anderen Konzernen tätig werden. Diese Veränderung warf schwerwiegende neue Probleme auf: So
mußten ehemalige Kollegen jetzt plötzlich miteinander
Geschäfte aushandeln. Die damit einhergehende
Disziplin wurde jedoch als realistischerer Weg zur
Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit begrüßt.
IBM hat kürzlich seine Personalabteilung in einen
eigenständigen Untemehmensbereich mit dem
Namen "Workforce Solutions" umgewandelt, der Jahr
für Jahr Millionen Dollar einspart und seine Dienstleistungen auch anderen Konzernen anbietet.
"Die Belegschaften neigen dazu, anzuwachsen und
Dienstleistungen zu produzieren, die weder erwünscht noch erforderlich sind", erklärt Raymond
Smith, Vorstandsvorsitzender von Bell Atlantic, der
seinen Mitarbeiterstab in einen autonomen Geschäftszweig umwandelte. "Ich beschloß, die Kontrolle über die verfügbare Belegschaft auf diejenigen
zu übertragen, die für sie bezahlen - die einzelnen
Abteilungen... Am wichtigsten ist, daß die Ausgaben
für Unterstützungsleistungen heute von ihren Abnehmern kontrolliert werden."
Produktion wird zur Dienstleistung
Das Konzept der internen Märkte kann auch Probleme im Produktionsbereich lösen. Hochmoderne
Fabriken sind zwar äußerst produktiv, aber auch
kostspielig, und deshalb müssen sie rationell eingesetzt werden. Alcoa behandelt seine Produktionseinheiten wie "interne Arbeitsstätten", die Güter sowohl
für interne als auch für externe Abnehmer herstellen.
IBM, DEC und eine Vielzahl anderer Unternehmen
nutzen überschüssige
Fabrikationskapazitäten
ebenfalls, indem sie anderen Unternehmen, darunter
auch Konkurrenten, anbieten, für sie Auftragsarbeiten
zu übernehmen. Bruce Merrifield vom US-Wirtschaftsministerium faßt diesen Trend folgendermaßen
zusammen: "Die Produktion wird zu einer Dienstleistungsfunktion. Die Fabriken stellen für verschiedene Unternehmen in verschiedenen Branchen
unterschiedliche Produkte her."
Auch der EDV-Sektor bewegt sich in diese Richtung.
Anstatt ihren Nutzern von der Leitung der EDVAbteilung die Wahl der Ausstattung vorschreiben zu
lassen, können die verschiedenen Unternehmenszweige ihre Informationstechnologie entweder vom
Geschäftsbereich EDV ihres eigenen Unternehmens
oder von der Konkurrenz erwerben. In einer typi-

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�sehen Organisation werden EDV-Dienstleistungen
den Endabnehmern kostenlos zur Verfügung gestellt,
und es nimmt nicht wunder, daß diese Ressourcen
verschwendet werden. Es gibt zahlreiche Geschichten von leitenden Angestellten, die mehrere Kopien
ellenlanger Computerausdrucke verlangen, die nie
gelesen werden, oder davon, wie Büros in Übersee
mit internationalen Telefonanschlüssen ausgestattet
werden, die dann nur von irgendwelchen Angestellten für Anrufe zu Hause benutzt werden. Wenn
ihnen jeden Monat von der EDV-Abteilung die
Rechnung präsentiert wird, verändern die Nutzer ihre
Haltung merklich: Sie wählen weniger und preiswertere Systeme, die häufig ihre Aufgaben besser
erfüllen.
Ein Konzern, mit dem wir zusammenarbeiteten,
bemühte sich mit geringem Erfolg, seine Kosten für
EDV unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem er
jedoch die Abteilung Datenverarbeitung zu einem
Profit Center umgewandelt hatte, ging die Nachfrage
nach derartigen Dienstleistungen um die Hälfte
zurück.
Die Beschwerden von firmeninternen
Kunden nahmen merklich ab, und der Unternehmensbereich Datenverarbeitung
erwirtschaftete
Einnahmen von externen Kunden.
Zahlreiche
andere Unternehmen, darunter Brown-Foreman und
Sunoco, konnten mit diesem Ansatz in der Datenverarbeitung dramatische Fortschritte erzielen. Die
amerikanische Regierung schlägt ebenfalls diesen
Weg ein: Die Zivilluftfahrtbehörde Federal Aviation
Administration, das Verteidigungsministerium und
andere Behörden bilden "EDV-Versorgungsbetriebe",
die internen Kunden Benutzungszeiten für Computer,
elektronische Post und andere EDV-Leistungen in
Rechnung stellen.
Unter dem durch Wettbewerb verursachten Druck
zum effektiveren Einsatz von Forschungsmitteln
gestalten die Bell Laboratories von AT&amp;T, Philips
Electronics und Esso Canada ihre F&amp;E-Bereiche zur
Profit Centern um, die Forschungsleistungen an die
einzelnen Unternehmensbereiche und Kunden
außerhalb der eigenen Firma verkaufen. Dieser
Ansatz trägt zur Lösung des Dauerproblems bei, die
wichtigsten Fähigkeiten eines Unternehmens zu
identifizieren. Anstatt sich auf spekulative Entscheidungen zu verlassen, die an der Spitze einer Hierarchie getroffen werden, stellen die Führungskräfte
der Profit Center den wahren Wert einer wichtigen
Leistung unter Beweis, indem sie für ihre Nutzung
bezahlen.
Im Hinblick auf die Arbeitsleistung eines Unternehmens können die Unternehmensbereiche Marketing, Logistik und Kundendienst zu einer Art von
internem Gegenstück zum klassischen Vertrieb
umgestaltet werden. Wie gewöhnliche Vertriebs-

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bereiche bieten diese Profit Center das gesamte
Spektrum von Produkten eines Unternehmens in
einer Region an und offerieren damit den integrierten
Service, den einzelne Unternehmensbereiche nicht
bereitstellen können.
Arbeitnehmer können in eigenverantwortlich geführten
Profit Centern organisiert werden, die marktwirtschaftliche Prinzipien bis hinunter zur Basis verwirklichen. Crown Zellerbach hat Holzfällern dabei
geholfen, Arbeitsgruppen zu bilden, die für die Menge
des geschlagenen Holzes entlohnt wurden. Das
Ergebnis war die Beendigung von Berufszugehörigkeiten, Arbeitsvorschriften, Beurteilungen, Vorarbeitern und anderen komplexen Systemen. Die Holzfäller wurden enorm motiviert, weil sie "ihr eigenes
Unternehmen leiten" konnten, wie sie es für richtig
hielten, und mehr Geld verdienten, während sich die
Unternehmensführung über die höhere Produktivität
und die geringeren Fixkosten freute.
Der Vorstandsvorsitzende als Profit Center
Selbst der Vorstandsvorsitzende kann zum Profit
Center werden. Als James Rinehart an der Spitze
von Clark Equipment stand, definierte er die Rolle
des Vorstandsvorsitzenden neu als Profit Center, in
dessen Rahmen Einnahmen aus dem in Unternehmensbereichen investierten Kapital (ähnlich einem mit
Risikokapital betriebenen Unternehmen) und einem
Anteil am Umsatz (ähnlich einer "Steuer" für die
"Unternehmensregierung") resultieren.
Dieses
Konzept schafft eine logische geschäftliche Beziehung zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und den
leitenden Angestellten. Wie jedes Profit Center muß
auch der Vorstandsvorsitzende seine Preise niedrig
und die Qualität seiner Dienstleistungen hoch halten,
um seine "Kunden" zufriedenzustellen.
Eine Marktwirtschaft muß nicht vollständig von den
Rahmenbedingungen eines komplexen Finanzsystems abhängig sein. Sie kann sich auch auf subtilere Normen des Gesellschaftssystems stützen. Der
Konzern MCI besitzt, was sein Vorstandsvorsitzender
Bert Roberts als "virtuelle Organisation" bezeichnet eine Reihe allgemeingültiger Werte, die es den
Beschäftigten gestatten, effektiv zusammenzuarbeiten. Da dieses informelle Führungssystem in den
Gehirnen der MCI-Mitarbeiter und weniger in schriftlich fixierten schwerfälligen Regelwerken besteht, ist
es sehr viel flexibler. Die MCI-Beschäftigten identifizieren sich voll und ganz mit ihrem Unternehmen,
und deshalb lassen sich rasche Lösungen für komplizierte Vorhaben finden, ob es sich dabei um ein
neues Produkt, organisatorische Veränderungen oder
eine Übernahme handelt. Heute kann jeder MCIMitarbeiter neue Projekte initiieren, Mittel werden

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�bewilligt um Leistung zu belohnen, und Unternehmensbereiche konkurrieren miteinander.
Durch die Konzipierung einer Organisationsform, die
als Markt und nicht als Hierarchie funktioniert, ist es
MCI gelungen, das Monopol von AT&amp;T zu brechen.
Das unternehmerische Managementsystem hat eine
Kette von Erfolgen hervorgebracht - niedrigere
Telefongebühren, MCI-Fax etc. - die MCI zum
zweitgrößten Kommunikationsunternehmen in den
Vereinigten Staaten werden ließen.
Telearbeit kann Hierarchien durchbrechen
Im Zuge der Revolution im Informationswesen, die
Hierarchien ins Wanken bringen und neue Arbeitsmuster fördern wird, werden die Unternehmen
weitere Veränderungen erfahren. Die Kosten für
Videokonferenzen und andere moderne Informationssysteme nehmen alle paar Jahre um den Faktor
10 ab. Das Videokonferenzwesen könnte bald eine
ähnlich drastische Verbreitung erfahren, wie sie das
Fax seit einigen Jahren erlebt. In den kommenden
Jahren könnte die "Telearbeit" eine enorme Popularität gewinnen, die nicht nur durch neue Techniken,
sondern auch durch wachsende Verkehrsprobleme
und Naturphänomene wie Erdbeben und schlechtes
Wetter begünstigt wird, die den normalen Pendlerverkehr beeinträchtigen können.
Im Zuge der wachsenden Benutzerfreundlichkeit und
sinkenden Preise von Informationstechniken könnte
Telearbeit eine immer wichtigere Alternative zu
herkömmlichen Arbeitsweisen werden. Durch Informationssysteme werden elektronische Netze mit
einem Geflecht von Querverbindungen geschaffen,
die von nahezu jedem Ort betrieben werden, die
traditionellen hierarchischen Führungsstrukturen
überlagern und somit die Arbeitsweise von Organisationen drastisch verändern.
Trotz der Verlagerung von Führungsaufgaben auf
interne Märkte werden Führungskräfte immer noch
eine Menge zu tun haben. Neben der Konzipierung
einer organisatorischen Architektur müssen Manager
die zur Integration von internen Märkten in einer
Zweckgemeinschaft erforderliche persönliche Führungsrolle einbringen. In der letzten Zeit war viel die
Rede davon, daß Führungskräfte erhabene Werte
und Visionen wecken sollten, um eine Organisation
zu vereinen und zum Erfolg zu führen. Wir hören
jedoch wenig darüber, wie sie die unangenehmen
Alltagskonflikte zwischen Freiheit und Kontrolle
bewältigen sollen. Die Perspektive des internen
Markts verdeutlicht dieses Problem, indem es die
Rechte und Pflichten aller Parteien aufzeigt. Der
Vorstandsvorsitzende neuen Typs wird die unmittelbare Kontrolle über die Operationen abgeben und

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führen, indem er Verantwortlichkeiten sicherstellt,
Konflikte löst und Zusammenarbeit ermutigt. Damit
liefert er eine subtilere, aber nachdrücklichere Form
der Führung, die solche strategischen Faktoren
hervorbringt, die wirklich zählen.
MCI ist ein gutes Beispiel für ein Unternehmen,
dessen Führungskräfte hart daran arbeiten, umstrittene Fragen zu vorteilhaften Lösungen zu bringen. Die Führungsetage versteht, daß die Autonomie
der Betriebsleiter unangetastet bleiben muß, und
deshalb vermeidet es das Management, Rezepte von
oben zu verordnen. Häufig provoziert die unternehmerische Haltung der Firma hitzige Kontroversen
über vorgeschlagene neue Produkte, aber anstatt
solche Konflikte im Keim zu ersticken, werden sie von
MCI-Managern als Antrieb für intensives und kreatives Nachdenken genutzt. Da MCI ein sozial akzeptables Mittel für die direkte und konstruktive Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten
geschaffen hat, ergibt sich daraus für gewöhnlich ein
konsequentes Handeln, das von allen loyal unterstützt werden kann.
Jede der 166 eigenständigen Firmen, die zu Johnson
&amp; Johnson gehören, hält hartnäckig an ihrer Autonomie fest, die "ein Gefühl des Eigentums vermittelt,
das sich auf andere Weise einfach nicht erreichen
läßt", erklärt der Vorstandsvorsitzende John Larsen.
Zur Erlangung bestimmter Ziele ermutigt der Konzern
jedoch zur Bildung von Koalitionen. So möchten
beispielsweise die Großkunden des Unternehmens,
wie etwa Wal-Mart, Kmart und andere Einzelhändler,
nicht von Dutzenden von J&amp;J-Firmen mit Verkaufsanrufen belästigt werden, weshalb die Betriebsleiter
"Kundendienstzentren" einsetzen, die Verkaufs-,
Vertriebs- und Kundendienstaktivitäten für die großen
Einzelhandelsketten koordinieren. Derselbe Ansatz
führt zur Einrichtung zentraler Bereiche, die unternehmensweit Lohnbuchhaltung, EDV-Leistungen,
Einkaufs- und andere Verwaltungsfunktionen übernehmen.
Management für den internen Markt
Der Übergang von der Hierarchie zu internen Märkten
hat tiefgreifende Auswirkungen.
In etwa einem
Jahrzehnt könnten viele heute noch dominierenden
Managementkonzepte so archaisch erscheinen wie
der mittelalterliche Glaube an das Königtum von
Gottes Gnaden. Unternehmen werden sich selbst
umstrukturieren, um mit den elektronischen Netzwerken Schritt halten zu können, die es zunehmend
Menschen an verschiedenen Orten ermöglichen, bei
der Lösung gemeinsamer Probleme zusammenzuarbeiten. Moderne Konzerne werden nicht mehr
aus Pyramiden von Arbeitnehmern bestehen, die acht
Stunden an bestimmten Orten arbeiten, sondern aus

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�selbstorganisierten Gruppen von mobilen Unternehmern, die elektronisch zu Marktsystemen vereinigt werden.
Diese internen Märkte werden
schließlich zu einem weltweiten Geflecht von geschäftlichen Allianzen verbunden, welche die Weltwirtschaft bilden.
Natürlich wird diese schöne neue Welt der elektronisch vernetzten internen Märkte mit denselben
Problemen konfrontiert sein wie externe Märkte - mit
Risiken, Ungewißheit und anderen Problemen behaftete komplexe Arbeitsbeziehungen. Hierarchien sind
angeblich besser als Märkte dazu geeignet, die
Kosten von Transaktionen zu reduzieren, die bei der
Suche nach Alternativen auftreten, bei der Durchführung von finanziellen Transaktionen und ähnlichen Operationen. Die Revolution im Informationswesen reduziert jedoch die Kosten finanzieller
Transaktionen, interne Märkte verringern die Fixkosten und fördern neue Zuwächse durch Innovation.
Infolgedessen überwiegen die Vorteile der internen
Märkte die der zentralen Planung.
Einige Organisationen befürchten, daß interne
Märkte große Konflikte hervorbringen, da getrennte
Bereiche unterschiedliche Ziele verfolgen und um
Ressourcen konkurrieren.
Unsere Erfahrungen
zeigen jedoch, daß marktwirtschaftliche Systeme den
umfassenden Konflikt bewältigen können, der in den
traditionellen Managementstrukturen von heute
fortdauert. Der Pionier des Management, Peter
Drucker, hat einmal festgestellt, daß der Konkurrenzkampf innerhalb von Unternehmen intensiver ist als
der Wettbewerb zwischen den Unternehmen - und
mit wesentlich härteren Bandagen ausgetragen wird.
Auf einem Markt sind die Beziehungen zwischen
Anbietern und Käufern klar definiert und beruhen auf
Freiwilligkeit, während die typische Hierarchie von
vagen Mißverständnissen, durch von oben verordnete Entscheidungen und minimale Einflußmöglichkeiten des Personals belastet wird. Interne Märkte
ersetzen offiziell angeordnete Maßnahmen durch
freiwillige geschäftliche Arrangements, die gesunde
Arbeitsbeziehungen ermöglichen und allen Parteien
besser dienen.
Selbst die unangenehmen Begleiterscheinungen
interner Märkte bilden häufig nützliche Anpassungsvorgänge oder Anzeichen dafür, daß Anpassungen
erforderlich sind. Ist ein Manager nicht in der Lage,
seinen Bereich mit freiwilligen Mitarbeitern zu besetzen? Der Markt könnte urteilen, daß die Arbeitsbedingungen dort schlecht sind. Fahren einige
Bereiche Verluste ein? Ein Markt ließe sie in Konkurs gehen, weil sie keine Werte hervorbringen.
Interne Märkte erscheinen als unvermeidlich, weil sie
den einzig machbaren Weg bieten, um die wachsen-

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de Komplexität der modernen Gesellschaft zu bewältigen. Im Hinblick auf strategische Planung hat eine
Desillusionierung eingesetzt, da "Planung" von oben
herab normalerweise mehr Bürokratie hervorbringt
anstatt wirklichen Wandel. Das organische Verhalten
von marktwirtschaftlichen Systemen geht über den
Bereich der Planung an sich hinaus, da marktwirtschaftliche Systeme Metastrukturen darstellen, die
den Rahmen fester Strukturen und zentraler Kontrollen sprengen, um einen stetigen Strom struktureller Veränderungen in der gesamten Organisation
hervorzubringen.
Anstatt daß Topmanager die
langfristigen Geschäftsbedingungen prognostizieren
und die gesamte Organisation zwingen, in eine
einzige Richtung zu marschieren, ertasten sich die
Einheiten eines internen Marktes den Weg wie die
Zellen eines "Überorganismus", der ein Eigenleben
besitzt.
Interne Märkte bieten Vorteile, die für die meisten
Institutionen nützlich sind, aber wir sollten uns keine
Illusionen darüber machen, daß interne Märkte ein
universelles Ideal oder ein Allheilmittel darstellen, das
in alles umfassender Weise angewandt werden sollte.
In gewissen Situationen könnten Märkte keinen
Nutzen bringen, etwa bei militärischen Operationen
und dem Start von Raumschiffen, die eine enge
Koordinierung von Tausenden von Menschen und
komplexen Plänen erfordern. Und selbst die unternehmerischsten Institutionen werden immer irgendeine Form der Hierarchie als rudimentäres Skelett zur
Unterstützung der Märkte aufrechterhalten, die ihr
Lebenselixier bilden.
Eine Firma, mit der wir zusammengearbeitet haben,
strotzte nach der Einführung des Marktsystems
förmlich vor unternehmerischer Vitalität. Zahlreiche
profitable Unternehmungen schössen wie Pilze aus
dem Boden, aber eine nachlässige Kontrolle der
innewohnenden Risiken führte zu einigen schweren
Fehlschlägen. Eine energische Führung hätte diese
Schwierigkeiten vermeiden können, aber ihr Auftreten
belegte eines der internen Märkten innewohnenden
Risiken: organisatorische Freiheit setzt große Potentiale schöpferischer Kraft frei, und diese Kraft muß in
konstruktive Kanäle geleitet werden.
Arbeitnehmer als interne Unternehmer
Die Schattenseiten der Märkte scheinen heute
besonders eklatant zu sein, da Unternehmenszusammenschlüsse, Konkurse, Personalabbau und andere
Veränderungen zu Arbeitslosigkeit, verringerter
Loyalität gegenüber dem Unternehmen und vermehrten Schwierigkeiten im Arbeitsleben führen. Wenn
interne Märkte noch mehr davon hervorbringen,
warum sollten die Menschen dann die Arbeit in

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�Organisationen tolerieren, die auf interne Märkte
setzen?
Unternehmen entlassen Arbeitskräfte, weil sich die
Welt in einem massiven wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozeß befindet, einer Folge neuer Technologien, intensiveren internationalen Wettbewerbs und
anderer Faktoren. Die Umstrukturierung stellt an die
Unternehmen zwei wichtige Anforderungen: Verantwortlichkeit für das geschäftliche Abschneiden,
um zu überleben, und organisatorische Flexibilität,
um sich chaotischen Veränderungen anzupassen.
Verantwortlichkeit und Flexibilität sind die zwei
Hauptstärken interner Märkte, was teilweise erklärt,
warum diese heute Verbreitung finden.
Interne Märkte werden die Rolle der Arbeitnehmer
einschneidend verändern. In einem hierarchischen
System war es sinnvoll, die Menschen als Mitarbeiter
mit begrenzter Handlungsfreiheit und eng definierten
Zuständigkeiten zu behandeln. Ein System interner
Märkte jedoch erfordert, daß die Arbeitnehmer
Unternehmer oder "interne Unternehmer" werden.
Das herkömmliche Arbeitsverhältnis, in dessen
Rahmen Menschen dafür bezahlt wurden, daß sie
eine Position innehatten, weicht einem neuen
Verhältnis, in dem die Menschen die Gelegenheit
erhalten, ihre Talente einzusetzen - mit allen Freiheiten, der Selbstkontrolle, den Risiken und Belohnungen, die mit unternehmerischer Tätigkeit verbunden
sind.
Um diesen Wandel zu fördern, werden die Unternehmen unternehmerfreundlich werden müssen,
indem sie sich die Hunderten von Fördermodellen zu
eigen machen, die zur Unterstützung junger Unternehmer ins Leben gerufen wurden. Eine der erfolgreichsten Maßnahmen von IBM war das Konzept des
"Independent Business Unit", das in eineinhalb
Jahren den PC entwickelte. Das Elektroauto von
GM wird von einem Team von 200 Leuten konzipiert, die außerhalb der normalen Hierarchie tätig
ist.
Das Modell des internen Marktes bietet eine logische
Grundlage, auf der Unternehmen Allianzen schmieden können, die für ihre weltweite Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sind. Die Neudefinition eines
Großunternehmens als Markt erlaubt es einzelnen
Bereichen, auf einer soliden geschäftlichen Grundlage unmittelbar und rasch Bündnisse einzugehen.
Darüber hinaus gewöhnen sich die Beschäftigten in

*

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einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Organisation
an die Bildung von Allianzen, weil die alltäglichen
Beziehungen auf diese Weise gestaltet werden.
Außerdem werden die leitenden Angestellten vom
Tagesgeschäft befreit und können sich auf Strategien
konzentrieren, die interne und externe Unternehmungen zu mächtigen neuen Kombinationen vereinen.
Märkte im Bildungswesen
Interne Märkte treten nicht nur in amerikanischen
Großunternehmen auf den Plan, sondern auch in
anderen Ländern und wirtschaftsfremden Institutionen. So ist in den Vereinigten Staaten das seit
langem bestehende Bildungsmonopol unter Beschuß
geraten, und eine wachsende Zahl von Schülern und
Studenten hat die Wahl zwischen verschiedenen
Schulen. Dahinter steht der Gedanke, daß Schulen
miteinander um die Gunst ihrer Kunden (Studenten
und Eltern) ebenso konkurrieren sollten wie private
Unternehmen. Es gibt Anzeichen dafür, daß sich
japanische Unternehmen ebenfalls auf interne Märkte
zubewegen, indem sie Ebenendes mittleren Managements abschaffen, ihren Beschäftigten den Wechsel
des Arbeitsplatzes gestatten und leistungsbezogene
Entlohnung einführen.
Der Wechsel zu internen Märkten ist selbst bei
optimaler Planung schwierig, aber immer mehr
Organisationen gehen diesen Weg, weil die ökonomischen Realitäten dies verlangen. Die Unternehmen
müssen in einer scharfem Konkurrenzdruck unterliegenden Weltwirtschaft bestehen, die massive
technische und soziale Innovationen verlangt. Um
unter den außergewöhnlichen neuen Bedingungen zu
überleben und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sind
Unternehmen und Institutionen zur Umstrukturierung
gezwungen.
Dieses Gebot wird mit dem fortschreitenden Informationszeitalter an Nachdruck gewinnen. Die stagnierenden Bürokratien von heute müssen durch eine
Vielzahl von internen Unternehmungen zu neuem
Leben erwachen, die Ressourcen, Arbeitskräfte und
Information rasch durch ihre Organisationen schleusen und zahlreiche Verbindungen mit der Weltwirtschaft aufrechterhalten. Am Ende werden zahlreiche
kleine, miteinander konkurrierende Unternehmen mit
unbegrenzten Marktinformationen und der Freiheit
stehen, ihre individuellen Interessen oder das, was
Wirtschaftswissenschaftler als "perfekte Märkte"
bezeichnen, zu verfolgen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 19

�LITERATUR
24. Mai 1995

"Gute Zeiten für Dichter"
Interview mit Pulitzerpreisträger Philip Levine
WASHINGTON - (AD) - Philip Levine, der Träger
des Pulitzerpreises 1995, hält die amerikanische
Dichtung am Ende dieses Jahrhunderts für umfassender, machtvoller und möglicherweise vielversprechender als je zuvor.
"Das Haus der Dichtung ist viel größer geworden",
erklärt Levine, der seit vielen Jahren dichtet und von
der Arbeiterklasse, dem städtischen Amerika aus der
Zeit der großen Wirtschaftskrise und danach geprägt
wurde. "Es gibt noch viel mehr Menschen, die sich
als Dichterfühlen und als solche akzeptiert werden."
"Ich weiß nicht, ob die jungen Dichter ebenso gut
sind wie die Generation von Elizabeth Bishop, John
Berryman, Robert Lowell und Delmore Schwartz
oder letztlich solche Wirkung erzielen. Aber es gibt
sie. Ich sehe einige außerordentlich talentierte
Menschen und freue mich darüber."
Levine, dem der renommierte Pulitzerpreis für sein
jüngstes Werk, das 1994 erschienene "The Simple
Truth" verliehen wurde, findet unter den amerikanischen Dichtern nicht so schnell seinesgleichen. Er
begann seine Karriere, als er in der Automobilbranche seiner Heimatstadt Detroit arbeitete. Der schon
frühzeitig stark von der Überschneidung politischer
und sozialer Werte faszinierte Levine wurde als
Fürsprecher derjenigen bekannt, die auf den unteren
Stufen der sozialen Leiter stehen.
Es ist passend, aber ungewöhnlich, daß er seinen
Eintrag im "Who's Who in America", einem jährlich
herausgegebenen Verzeichnis hochrangiger Persönlichkeiten und ihrer Leistungen, mit der Erklärung
beschließt: "Meine Hoffnung ist, für die Menschen
zu dichten, für die noch keine Gedichte geschrieben
wurden."
In dieser Eigenschaft - als Aktivist für diejenigen, die
ums Überleben kämpfen - ist er das dichterische
Gegenstück zu Bernard Malamud, dem verstorbenen
amerikanischen Romanschriftsteller, der in Werken
wie "The Assistant" und "The Fixer" auch jene
durchschnittlichen, oft vergessenen Seelen beschreibt, die darum kämpfen, ihr Leben im Gleichge-

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wicht zu halten. Gleichzeitig hat er aber auch einen
freien Geist, der einem Walt Whitman gleichkommt.
In den dreißiger Jahren wurde er als Jugendlicher in
seinem Elternhaus und der Gemeinde russischer
Einwanderer durch Gespräche und Debatten über
Anarchie, Sozialismus und Entwicklungen im Spanischen Bürgerkrieg schon früh politisch geschult.
In seiner Jugend und im frühen Erwachsenenalter,
insbesondere als er nach dem College mit der Arbeit
in der Fabrik begann, entwickelte er auch Rollenmodelle, die aus dem einfachen Volk stammten - von
Männern und Frauen aus ländlichen Gebieten in
verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten. Sie
standen im Mittelpunkt seiner Gedichte, die eine
Kritikerin, Dana Gioia, als "reizbare, mit Komplexen
behaftete Verse, [die] eine graue Welt vereinsamter
Autobahnen, veralteter Fabriken und aussichtsloser
Arbeitsplätze abwechselnd feiern und beklagen"
bezeichnete.
"Ich möchte den Menschen meinen Respekt bezeugen, die mich gelehrt haben, daß das Leben etwas
Heiliges ist", schrieb er einmal. "In Wahrheit sind wir
Kinder Gottes und dazu in diese Welt gekommen, um
so gut wir können mit den Tieren, den Bäumen und
Pflanzen zu leben und die Welt auch voller Liebe und
Respekt für sie intakt zu hinterlassen."
Levine gehört der alten Garde von Dichtern aus der
Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit
an. Sie betrachten Walt Whitman als Vater der
modernen amerikanischen Dichtung - als den Schriftsteller, der - in Levines Worte gekleidet - erklärte:
"Wir werden nicht länger englisch sein. Das ist nicht
das unsere. Wir werden eine neue Art von Dichtung
erfinden."
Gleichzeitig war jedoch eine andere laute Stimme zu
hören, die von Emily Dickinson - "subtile, zarte alte
Musik, Rhythmen", beobachtete Levine. "Meines
Erachtens hat die amerikanische Dichtung seitdem
zwischen diesen beiden Giganten des 19. Jahrhunderts geschwankt."

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�Der aus einer Familie der Mittelschicht stammende
Levine mußte Geld verdienen, nachdem sein Vater
gestorben war, ohne die Familie ausreichend zu
versorgen. Der junge Levine verrichtete eine Reihe
niedriger Arbeiten, die seine Augen für andere
soziale Schichten öffneten. Dies wurde zum Merkmal seines Werkes.
Levine erwarb 1950 an der Wayne State University
den Grad eines Bachelor und arbeitete anschließend
in einer "Abfolge stupider Jobs", wie er es später
nannte, in Elektro- und Chemieunternehmen sowie
für einen Rad- und Achsenhersteller. Er befreite
sich von der Langeweile, jedoch nicht von der
Atmosphäre und kehrte in die akademische Welt
zurück, wo er eine Zeitlang bei einem seiner Mentoren, dem Dichter John Berryman studierte. 1954
machte er seinen Master (und drei Jahre später
einen Master in schönen Künsten) und fing fast
sofort an zu lehren. Seitdem stellte er sich fast vier
Jahrzehnte lang unermüdlich den Anforderungen an
einen Professor und Dichter und entfernte sich
selten von dieser Doppelrolle.
Seine Verse waren zunächst lyrischer Natur. Nach
einiger Zeit wurden sie von ihrer Struktur und Form
her prosaischer.
In jüngster Zeit zeigen seine
Gedichte wieder Rhythmus und Versmaß - "weil mir
das Spaß macht", wie er sagt.
Von Anfang an war Philip Levine nicht von Worten
fasziniert, nicht einmal von poetischen Zeilen oder
der Struktur des Moments, sondern von Menschen
und Landschaften, auf die er sein kreatives Licht
warf. Vor 17 Jahren erklärte er in einem Interview
über seine Poesie: "Es ist seltsam, aber ich interessiere mich nicht besonders für Sprache. In
meinem idealen Gedicht fallen keine Worte auf.
Vielmehr öffnen sie den Blick, sind eine Vision ...
man sieht Menschen und Orte."
Er räumt jedoch ein, daß sich das in den letzten
Jahren geändert haben könnte.
"Es ist seltsam, aber ich habe mehr Interesse an der
... Sprache bekommen. Eine Reihe von Gedichten,
die mir sehr gefallen, handeln von unserer Kommunikation und unserem Mangel an Kommunikation
untereinander sowie davon, wie sich trotz unserer
Unterschiede und unserer sprachlichen Ungeschicklichkeit Wunder ereignen - es gibt sie, wir überwinden diese enormen Hindernisse zwischen uns mit
Hilfe von Sprache, Briefen und Gedichten. Das finde
ich wirklich faszinierend. Ich habe mich all die Jahre
mit Poesie befaßt, ohne wirklich über das Hilfsmittel
nachzudenken."

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Mit Blick über sein eigenes Werk hinaus auf die
größeren Zusammenhänge sieht Levine zahlreiche
Gründe für Optimismus in bezug auf die Kunst und
die Verbreitung von Dichtung. Er erhielt Auftrieb
durch die "stark vergrößerte und mannigfaltige"
Leserschaft, die beispiellose Einbeziehung von
Hispanoamerikanem, Asiaten und Frauen in nie
dagewesener Zahl sowie durch die Aufmerksamkeit,
die selbst kleinere Verlage der Dichtung zollen, viele
außerhalb der traditionellen Herausgeber New Yorks.
Der Träger des Pulitzerpreises, dem bereits im Laufe
der Jahre der National Book Award, der National
Book Critics Circle und andere Ehrungen verliehen
wurden, erklärt, er habe keine Eile mit der Veröffentlichung eines weiteren Bands. Während des Großteils
seiner Karriere hatte er immer einige Gedichte in der
Hinterhand. Mittlerweile hat sich das geändert.
"Ich habe vielleicht noch zehn Gedichte vorrätig",
stellt er fest, "und ich werde sie umschreiben müssen. Ich bin strenger mit mir selbst geworden. Ich
habe die Karriere anderer Dichter meines Alters
beobachtet und gesehen, daß wir zu einem bestimmten Zeitpunkt - ungefähr im Alter von 60 Jahren - uns
selber zu beweisen versuchen, daß wir noch vital
sind.
Ich möchte nicht in diese Falle geraten. Ich habe
eine sehr loyale Leserschaft - ich möchte ihr nicht
einfach ein Buch geben, das wie die anderen ist.
Wenn ich meine Leser nicht überraschen kann, lasse
ich sie vier oder fünf Jahre warten, bis ich soweit bin.
Ich schreibe. Mir gefällt, was ich schreibe. Ich habe
keine Eile."
Obwohl Levine fast überall von den Kritikern und
anderen Dichtern bewundert wird, wurde bisweilen
kritisiert, er suche durch die thematische Bindung
seines Oeuvre an soziale Ungerechtigkeit in einer
erschöpften Ader nach Gold.
"Viele Menschen vertreten die Auffassung, es sei
nicht die Aufgabe der Dichtung, sich mit sozialen
Problemen zu befassen", konstatiert er. "Und Menschen wie ich entgegnen: 'Wie meinen Sie das?'
Die Dichtung kann tun, was ihr gefällt. Wenn ich sie
zu diesem Zweck einsetzen will, werde ich das tun."
Er räumt jedoch ein: "Nur weil ich sie als Instrument
ansehe, meinem Ärger über soziale Mißstände
Ausdruck zu verleihen, bedeutet das nicht, daß mich
das von dem Problem befreit, Dichtung zu schreiben."
"Eine Tagesordnung bringt noch kein Gedicht hervor.
Man hat einfach nur eine Tagesordnung. Wenn es
keine Kunst ist, ist es gar nichts."

AMERIKA DIENST 19

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