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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
10. Juli 1996

13

NATO

PERRY: NATO-ERWEITERUNG IM
21. JAHRHUNDERT
Bündnis muß Verteidigungsfähigkeit beibehalten

DAS INTERESSE DER USA AN EINER
NATO-ERWEITERUNG
von Botschafter Donald Blinken

AUSSENPOLITIK

DIE USA: DIE EINSAME SUPERMACHT AUSSENPOLITISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE
HERAUSFORDERUNGEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

4. JULI

220 JAHRE UNABHÄNGIGKEIT
Proklamation des Präsidenten zum 4. Juli

DATENAUTOBAHN

GRUNDPRINZIPIEN FÜR DIE BESCHLEUNIGTE
ENTWICKLUNG DER GLOBALEN INFORMATIONSINFRASTRUKTUR
von Vizepräsident AI Gore

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�RASSISMUS

KOMMENTARE ZU BRANDANSCHLÄGEN AUF
KIRCHEN IN DEN USA
Verurteilung in den meisten Zeitungen

DROGEN

NEUE DROGENBEKÄMPFUNGSKAMPAGNE
ZUR UNTERSTÜTZUNG JUGENDLICHER
Rede von Gesundheitsministerin Donna Shalala

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

•

�NATO
10. Juli 1996

Perry: NATO-Erweiterung im 21. Jahrhundert
Bündnis muß Verteidigungsfähigkeit beibehalten

WASHINGTON - (AD) - Verteidigungsminister Perry erklärte am 27. Juni 1996, die "Erweiterung vollzieht sich wie
geplant" und mit den Nationen der Partnerschaft für den Frieden (PFF), die an einem NATO-Beitritt interessiert
seien, würden intensive Konsultationen geführt, "um sie auf die Erfüllung der Kriterien und Pflichten der
Mitgliedschaft vorzubereiten".
Dem Verteidigungsminister zufolge müssen die Streitkräfte prospektiver neuer Mitglieder "zu effektiven
Operationen mit den NATO-Streitkräften fähig sein". Darüber hinaus müssen potentielle neue Mitglieder "für
Demokratie und freie Marktwirtschaft eintreten", die Menschenrechte innerhalb und die Souveränität außerhalb
ihrer Grenzen respektieren, und "ihre Streitkräfte müssen demokratischer, ziviler Kontrolle unterstehen".
In einer Rede bei dem vom Obersten Alliierten Befehlshaber Atlantik in Norfolk (Virginia) veranstalteten Seminar
stellte Perry fest, die NATO-Vertreter begrüßten die Beteiligung Rußlands an der PFF und hofften, das Land
werde in der Partnerschaft eine führende Rolle im Einklang mit seiner Bedeutung als Großmacht übernehmen.
Er äußerte ferner, die kooperativen Beziehungen der NATO zu Rußland "sollten die Beteiligung Rußlands an der
PFF ergänzen und davon unabhängig sein".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister Perry im Wortlaut.

Im Juni 1995, vor nur einem Jahr, nahm ich am
Verteidigungsministertreffen in Brüssel teil. Ohne
Frage war dies das bedrückendste NATO-Treffen, an
dem ich je teilgenommen habe. Diejenigen unter
Ihnen, die dort waren, werden meine Meinung wahrscheinlich teilen. Bosnien wurde von unaussprechlichen Greueltaten heimgesucht. Die Vereinten Nationen wurden gedemütigt, als ihre Soldaten an ein
bosnisch-serbisches Radar angekettet wurden. Die
europäischen Nationen und die Vereinigten Staaten
hatten sich völlig überworfen. Bei dieser Zusammenkunft drängten die Vereinigten Staaten auf entschlossene Luftangriffe, um die Serben für die Verletzung der
UN-Sanktionen zu bestrafen, und die europäischen
Nationen, die Truppen auf dem Boden stationiert
hatten, fürchteten, solche Aktionen würden ihre
Soldaten in Gefahr bringen.
Infolgedessen erwies sich die NATO - die wie gelähmt
schien - als unfähig zur Bewältigung der bosnischen
Krise. Bei dem Treffen stellten wir zu Recht kritische
Fragen. Wenn die NATO nicht relevant für Bosnien -

AMERIKA DIENST 13

die größte Sicherheitskrise in Europa seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs - ist, wofür ist sie dann relevant? Mit anderen Worten, bei dem Treffen schien mir,
als befände sich die NATO in einem Prozeß des
Verfalls.
Was für einen Unterschied ein Jahr bewirkt. Vor zwei
Wochen nahm ich am Verteidigungsministertreffen in
Brüssel teil. In diesem Jahr war es eine von Stärke
und Hoffnung geprägte Zusammenkunft. Das Bündnis
strotzte vor Vitalität und Selbstbewußtsein.
Die
Vereinigten Staaten und die europäischen Nationen
arbeiteten harmonisch zusammen, und die NATO
führte mit großem Erfolg ihre erste militärische Operation durch.
In dieser berauschenden Atmosphäre kamen die
Verteidigungsminister zusammen - nicht 15, sondern
16. Minister aus 26 Nationen der Partnerschaft für den
Frieden, einschließlich Rußlands, waren ebenfalls
anwesend. Wir alle waren uns bewußt, daß 1996
bereits ein Jahr wirklich historischer Veränderungen

Seite 1

�für die NATO war. Wir setzten den Prozeß des
Wandels bei dieser Zusammenkunft fort, indem wir
Aktionen in die Wege leiteten, mit denen eine NATO
aufgebaut wird, wie sie Europa zur Bewältigung der
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts benötigt.
Auf der Grundlage des Brüsseler Treffens möchte ich
Ihnen daher heute sechs Postulate darüber darlegen,
wie die NATO des 21. Jahrhunderts aussehen wird.
Das erste Postulat lautet, daß die NATO selbst stärker
und geeinter sein wird.
Die IFOR ist die erste größere Militäraktion in der
Geschichte der NATO und hat das Bündnis wiederbelebt. Sie hat bewiesen, daß die NATO-Nationen,
die auf jahrzehntelange Erfahrungen mit gemeinsamen
Übungen und Ausbildung zurückblicken sowie gemeinsame Doktrinen und Standards haben, zusammen
operieren können - und zwar mit großer Effektivität.
Aufgrund der durch die IFOR umgesetzten Bestrebungen der NATO erleben die Nationen des ehemaligen
Jugoslawiens das erste friedliche Frühjahr seit fünf
Jahren. Trotz aller noch bestehenden Probleme in
Sarajevo und Mostar kann man heute dorthin reisen
und Leute in Straßencafes Kaffee trinken sehen, statt
vor Grananten und Artilleriegeschossen Schutz zu
suchen. Dieser Geist der Solidarität beflügelte das
Treffen in Brüssel, bei dem wir auch zum ersten Mal
seit 30 Jahren die uneingeschränkte Beteiligung
Frankreichs an einer offiziellen Zusammenkunft der
NATO-Verteidigungsminister begrüßen konnten.
Das zweite Postulat lautet, daß die NATO durch die
Partnerschaft für den Frieden weiterhin eine Zone der
Stabilität auf dem gesamten Kontinent aufbauen wird.
Die Partnerschaft für den Frieden, die ich kurz PFF
nennen möchte, ist jetzt richtig in Schwung gekommen.
Allein im Jahr 1996 werden wir 15 größere Übungen
und vielfältige andere Aktivitäten im Zusammenhang
mit der PFF durchführen. Diese Übungen und Aktivitäten sind uns nicht nur dabei behilflich, solche militärischen Missionen der Zeit nach dem Kalten Krieg
wie Friedenssicherung, humanitäre Hilfe sowie Suchund Rettungsübungen in Angriff zu nehmen, sondern
auch dabei, Vertrauen und Zusammenarbeit zwischen
Ost und West sowie unter den Partnernationen selbst
hervorzubringen.
In Brüssel haben wir versucht, die PFF zu stärken und
sicherzustellen, daß sie ein permanenter Pfeiler der
europäischen Sicherheitsarchitektur wird. Wir vereinbarten die verstärkte Beteiligung der Partner an der
Planung von Übungen, selbst für den Spannungsfall.
Und aufbauend auf den Erfahrungen der PFF-Nationen in der IFOR stimmten wir der Erhöhung der Anzahl
und Komplexität der PFF-Übungen zu.

Seite 2

In meinen Ausführungen vor meinen Kollegen habe ich
die Notwendigkeit unterstrichen, daß einige NATOLänder als Mentor für einzelne Partnerländer fungieren
sollten, insbesondere für diejenigen, deren Ressourcen ihr Vorgehen in der Partnerschaft begrenzen
könnten. Ich habe beispielsweise vorgeschlagen, daß
ein NATO-Land oder eine Gruppe von Ländern das
polnisch-ukrainische Friedenssicherungsbataillon in
derselben Weise sponsern sollte wie die Dänen das
baltische Friedenssicherungsbataillon sponsern. Andere könnten der Mentor der südlichen Balkan-Nationen bei der Umsetzung von Zielen sein, die das
Ergebnis des jüngsten Treffens der Minister des
südlichen Balkans waren, oder Partnerländern bei der
Erstellung des Verteidigungshaushalts und strategischer Planung besondere Hilfe leisten. Diese Aktivitäten "im Geiste der PFF" stärken nicht nur die Partnerschaft, sondern auch die NATO und die Sicherheit
Europas.
Das dritte Postulat lautet, daß die NATO größer sein
wird.
Die Erweiterung vollzieht sich wie geplant. Im Herbst
vergangenen Jahres beendete die NATO ihre Studie
über das "Wie" und "Warum" der Erweiterung, und wir
befinden uns jetzt in der zweiten Phase - intensiven
Konsultationen mit den Partnerländern, die an einem
NATO-Beitritt interessiert sind - um sie auf die Erfüllung der Kriterien und Pflichten der Mitgliedschaft
vorzubereiten. Ich möchte kurz auf diese Kriterien
eingehen.
Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, daß die
NATO kein sozialer Verein ist. Sie ist keine Zunft. Sie
ist ein Militärbündnis. Daher müssen ihre potentiellen
Mitglieder zur Verteidigung des Bündnisses bereit sein
und über die hierzu erforderlichen professionellen
Streitkräfte verfügen. Die NATO muß ihre Arbeit
weiterhin auf Konsens aufbauen, ungeachtet dessen,
ob sie 16, 18 oder 20 Mitglieder hat. Die neuen
Mitgliedstaaten müssen diese Tradition respektieren,
die sich in der Vergangenheit als so wirksam erwiesen
hat.
Die Streitkräfte der neuen Mitglieder müssen zu
effektiven Operationen mit den NATO-Streitkräften
fähig sein. Das bedeutet nicht nur eine gemeinsame
Doktrin, sondern auch Interoperabilität der Ausrüstung,
insbesondere bei der Kommunikation. Die potentiellen
neuen Mitglieder müssen auch für Demokratie und
freie Marktwirtschaft eintreten, die Menschenrechte
innerhalb und die Souveränität außerhalb ihrer Grenzen respektieren. Ihre Streitkräfte müssen demokratischer, ziviler Kontrolle unterstehen.
Immer wenn ich mit Vertretern einer Partnernation
zusammentreffe, die eine Bündnismitgliedschaft
anstrebt, sage ich ihnen: "Dies streben Sie an. So
werden Sie beurteilt, wenn die NATO-Minister zu-

AMERIKA DIENST 13

�sammentreffen und entscheiden, welche Anwärter für
einen Beitritt in Frage kommen." Diese Grundsätze
sind keine Hürden für eine NATO-Mitgliedschaft,
sondern vielmehr Garantien dafür, daß das Bündnis
auch in den nächsten 50 Jahren so effektiv und
leistungsfähig bleibt wie in den vergangenen nahezu
50 Jahren. Viele Partnernationen haben bereits große
Fortschritte erzielt, diesen Grundsätzen zu entsprechen, und die derzeit geführten intensiven Konsultationen werden ihnen helfen, noch mehr zu erreichen.
Mein viertes Postulat ist, daß die NATO kooperative
Beziehungen zu Rußland aufbaut.
Rußland ist seit mehr als 300 Jahren eine Schlüsselfigur für die europäische Sicherheit und wird das auch in
den kommenden Jahrzehnten bleiben. Die Frage ist
nur, ob das Land eine positive oder eine negative Rolle
spielen wird. Natürlich wünschen wir, daß Rußland
eine positive Rolle übernimmt. Rußland tat den
richtigen Schritt, als es sich für eine Teilnahme an der
Partnerschaft für den Frieden entschied. Wir begrüßen die Beteiligung Rußlands und hoffen, daß es im
Einklang mit seiner Bedeutung als Großmacht eine
führende Rolle übernehmen wird.
Die kooperativen Beziehungen des Bündnisses zu
Rußland sollten die Beteiligung Rußlands an der PFF
ergänzen und davon unabhängig sein. Ironischerweise entstammt der Entwurf für diese kooperativen
Beziehungen der Zusammenarbeit in Bosnien. Vor
kurzer Zeit besuchte ich die amerikanische Division in
Bosnien, die auch eine russische Brigade umfaßt, und
traf mit allen Brigadekommandeuren, einschließlich
des russischen Brigadekommandeurs zusammen. Ich
kann berichten, daß die Operation reibungslos vonstatten geht und die Brigadekommandeure - aus
Amerika, Rußland, den nordischen Ländern und der
Türkei - alle gemeinschaftlich zusammenarbeiten.
Nächste Woche, wenn ich unsere Truppen und die
anderer Nationen an unserem Unabhängigkeitstag am
4. Juli in Bosnien besuche, werde ich eine weitere
Gelegenheit haben, mir einen Eindruck von den
Operationen zu verschaffen.
Durch seine Beteiligung an der IFOR demonstriert
Rußland sein Engagement für die Teilnahme am
Aufbau der künftigen europäischen Sicherheitsarchitektur. In Brüssel bauten wir auf diesem Engagement auf, als die Verteidigungsminister der NATOMitgliedstaaten mit dem russischen Verteidigungsminister zu 16-plus-1-Gesprächen zusammentrafen.
Bei diesem Treffen einigten wir uns im wesentlichen
darauf, russische Truppen im Obersten Hauptquartier
der Alliierten Streitkräfte in Europa (SHAPE) zu
stationieren und dem NATO-Befehl zu unterstellen.
Und Rußland stimmte zu, daß wir NATO-Offiziere zum
russischen Generalstab nach Moskau entsenden.
Diese Vereinbarungen institutionalisieren im wesentlichen das bereits ad hoc geschlossene Abkommen

AMERIKA DIENST 13

über Zusammenarbeit bei der Durchführung der IFOROperation.
Mein fünftes Postulat zur NATO im 21. Jahrhundert
lautet, daß das Bündnis flexibler und effizienter wird.
Während die NATO das Szenarium einer einzigen
Bedrohung hinter sich läßt, das nahezu 50 Jahre lang
ihre Reaktionsfähigkeit und Befehlsstruktur bestimmte,
macht sie sich einen Mechanismus zu eigen, der ihre
neue Flexibilität bei der Reaktion auf neue Herausforderungen widerspiegelt - die alliierten Streitkräftekommandos (Combined Joint Task Force - CJTF). Wir
arbeiten hart an der Vervollständigung des CJTFKonzepts, haben es in Bosnien jedoch bereits in die
Tat umgesetzt. Somit brauchen wir nicht zuviel Zeit mit
theoretischen Überlegungen zum Wesen alliierter
Streitkräftekommandos verbringen. Eines funktioniert
heute bereits in der Praxis, und unsere Arbeit besteht
jetzt lediglich darin, eine bereits erfolgreich operierende CJTF auf eine allgemeine Formel zu bringen.
Die NATO wird nicht nur flexibler, sondern ist sich
auch der Notwendigkeit einer Effizienzsteigerung
bewußt. In vielerlei Hinsicht war die Struktur der
NATO für die Bosnien-Mission nicht geeignet. Unsere
Befehls- und Entscheidungsfindungsstrukturen waren
fast ausschließlich auf die Durchführung eines bekannten Plans mit bereits bestimmten Streitkräften konzentriert, der sich gegen einen bekannten Gegner richtete.
Die IFOR wiederum beinhaltete weitaus mehr Unsicherheit und unterstrich die Notwendigkeit einer
Umstrukturierung und Modernisierung des Bündnisses. Im Herbst werden unsere Militärbehörden
einen Bericht mit Empfehlungen veröffentlichen, wie
die Befehlsstruktur reaktionsschneller und flexibler
gestaltet und die Verteidigungsplanungsprozesse
angepaßt werden können.
Ferner ergreifen wir
Maßnahmen zur Vereinfachung und Beschleunigung
des gesamten Entscheidungsfindungsprozesses durch
die Schaffung einer politischen Koordinierungsgruppe
sowie der Kapazitätenkoordinierungszelle. Ich muß
sagen, daß ich einige Zweifel an der Fähigkeit dieser
bürokratischen Organisationen hege, das Bündnis zu
modernisieren. Aber denken Sie einmal kurz darüber
nach. Das Ziel ist klar, selbst wenn der Mechanismus
zur jetzigen Zeitpunkt noch etwas unsicher ist.
Ich möchte eindeutig klarstellen, daß das Ziel des
Bündnisses, flexibler und effizienter zu werden, allen
Verbündeten eine effektivere Zusammenarbeit erlauben soll. Es wird nicht angestrebt, dies ohne die
umfassende Beteiligung der Vereinigten Staaten zu
erreichen. Wir müssen zunächst mit 16 Mitgliedern
besser operieren können, bevor wir auch nur in
Erwägung ziehen, mit weniger als 16 besser zu
operieren.

Seite 3

�Dies führt mich zu meinem sechsten und letzten
Postulat zur Zukunft der NATO. Die NATO wird ein
wahrhaft transatlantisches Bündnis bleiben.
Meines Erachtens haben wir in Bosnien die klare
Lektion gelernt, daß die NATO als transatlantisches
Bündnis am besten operieren kann, wenn wir alle
zusammen sind. Ich hoffe, daß alle auf beiden Seiten
des Atlantiks diese Lektion gelernt haben und die
NATO weiterhin bei allen größeren Missionen geschlossen vorgeht. Die Sicherheit Europas ist auch in
Zukunft von elementarer Bedeutung für die Sicherheit

*

Seite 4

der Vereinigten Staaten. Und Amerikas Engagement
in Europa bleibt entscheidend für die Sicherheit
Europas. Vor 49 Jahren legte George Marshall eine
Vision für das Europa der Zukunft dar - ein vom
Atlantik bis zum Ural in Frieden, Freiheit und Demokratie geeintes Europa. Es ist an uns, diese Vision
Realität werden zu lassen. Diese Vision kann nur
durch eine starke, lebensfähige, transatlantische
Partnerschaft verwirklicht werden.
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 13

�NATO
10. Juli 1996

Das Interesse der USA an einer NATO-Erweiterung
von Botschafter Donald Blinken

BUDAPEST - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika
in Ungarn, Donald Blinken, verfaßten Artikel.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Wall Street Journal, © 1996 Dow Jones
&amp; Co., Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Am Neujahrstag erhob der ungarische Präsident Arpad
Göncz sein Glas und brachte einen geistreichen und
amüsanten Toast auf 1995 aus als "das Jahr, in dem
die NATO Ungarn beitrat". Er verlieh damit natürlich
dem starken Wunsch Ungarns und seiner Nachbarstaaten nach einer NATO-Mitgliedschaft Ausdruck.
Aber er wies auch darauf hin, daß das Bündnis durch
die Stationierung seiner Truppen für den BosnienEinsatz im südlichen Ungarn tatsächlich bereits den
Erweiterungsprozeß begonnen hatte.
Die NATO-Erweiterung ist sowohl für Amerika als auch
für die neuen Demokratien in Zentraleuropa von
elementarer Bedeutung. Die Vereinigten Staaten
lernten mühsam die Lektion, daß sie keine Kontrolle
darüber haben, wann und wo auf dem europäischen
Kontinent Konflikte ausbrechen. Die NATO erwies sich
als die politisch am stärksten zusammenhängende,
kostengünstigste und vor allem in militärischer Hinsicht
reaktionsfähigste Institution, die es je gab - die Stütze
eines stabilen, demokratischen Europas. Zweifelsohne ist es für die Vereinigten Staaten von Vorteil, die
Grenzen von Stabilität und Demokratia weiter nach
Osten zu erweitern.
Die Prioritäten der neuen Demokratien Zentraleuropas
sind ein Spiegel der strategischen Interessen Amerikas. Niemand ist sich der Gefahren politischer und
militärischer Instabilität stärker bewußt als die Menschen in dieser Region, in der zwei Weltkriege begannen. Nach ihrem Sieg im Kalten Krieg haben die
Vereinigten Staaten eine moralische Verpflichtung, den
Satellitenstaaten der ehemaligen Sowjetunion beim
Übergang zu einer stabilen Demokratie Beistand zu

AMERIKA DIENST 13

leisten. Die Osterweiterung der NATO würde diesen
seit kurzer Zeit freien Nationen dieselben Vorteile
gewähren, die das Bündnis den westeuropäischen
Nationen vor nahezu einem halben Jahrhundert bot:
Die für Demokratie, freie Marktwirtschaft und Frieden
unerläßliche Sicherheit. Die Menschen in Zentraleuropa wissen, daß Sicherheit mehr ist als nur ein
Militärbündnis. Sie hat auch politische, wirtschaftliche,
soziale, umweltpolitische und Menschenrechtskomponenten.
Mit anderen Worten: Sicherheit
beinhaltet die umfassende Beachtung westlicher
Werte.
Aber obwohl es nicht schwer ist, triftige Gründe für
eine NATO-Erweiterung vorzulegen, stellt die tatsächliche Vorbereitung neuer Mitglieder eine Herausforderung dar. Vergangenen September schloß die
NATO eine Studie über die mit einer Erweiterung
zusammenhängenden Fragen ab, in der die grundlegenden Voraussetzungen für eine Bündnismitgliedschaft definiert werden. Obwohl es keine offiziellen
Kriterien sind, wurden diese Erfordernisse de facto zu
einem Maßstab, an dem potentielle neue Mitglieder
gemessen werden. Um für eine NATO-Mitgliedschaft
in Frage zu kommen, muß ein Land folgendes erreicht
haben oder bekunden:
Ein wirklich demokratisches Regierungssystem mit entsprechenden Institutionen, ein
stabiles politisches System sowie Achtung der
Menschenrechte.
Umfassende marktwirtschaftliche Reformen,
einschließlich Privatisierung, eine funktionie-

Seite 1

�rende Marktwirtschaft sowie Strukturreformen.
Zivile Kontrolle des Militärs auf rechtlicher
Grundlage.
Die Absicht zur Pflege guter - wirtschaftlicher,
politischer, militärischer und kultureller Beziehungen zu seinen Nachbarn.
Die Fähigkeit zu enger und effektiver Zusammenarbeit mit der NATO bei allen Aspekten der Militärdoktrin und ihrer Umsetzung.
Ungarn erfüllt heute die ersten vier Kriterien und ist auf
dem Weg, dem fünften Punkt gerecht zu werden. In
Ungarn herrscht nach den freien Wahlen von 1990 und
1994 Demokratie. Die Institutionen sind stabil, und die
Rechtstaatlichkeit hat Fuß gefaßt. Über 70 Prozent
der ungarischen Wirtschaft sind jetzt in privater Hand.
Ausländische Investitionen sind willkommen: Rund 15
Milliarden Dollar aus dem Ausland wurden in Ungarn
investiert.
Strukturreformen, insbesondere des
Sozialwesens, werden durchgeführt.
Die zivile
Kontrolle des Militärs - ein neues Konzept in Zentraleuropa - wird eingeführt, während sich die Zivilisten
über militärische Fragen informieren. Und Ungarn
unterhält gute Beziehungen zu allen sieben Nachbarstaaten, von denen fünf in ihrer jetzigen Staatsform
noch vor fünf Jahren nicht existierten.
Ebenso wie ihre zentraleuropäischen Nachbarn
müssen die Ungarn noch die "Interoperabilität" der
NATO einführen: Den Lehrplan ihrer Militärakademien
überarbeiten, mit der Modernisierung des militärischen
Geräts beginnen und eine militärische Struktur aufbauen, die nach dem westlichen Modell funktioniert.
Die von der Clinton-Administration geförderte Partnerschaft für den Frieden, ein zwei Jahre altes Programm,
das den Nationen des ehemaligen Ostblocks militärische Ausbildung und andere Verbindungen zu

NATO-Mitgliedstaaten bietet, hat sich für Ungarn und
seine Nachbarn als äußerst hilfreich bei der Festsetzung praktischer, greifbarer Ziele und bei der Schaffung der dafür erforderlichen Wissensgrundlage
erwiesen.
Wenn den zentraleuropäischen Nationen im nächsten
oder übernächsten Jahr die NATO-Mitgliedschaft
angeboten würde, ohne daß sie die Vorteile der
Beteiligung an der PFF genossen hätten, wäre ihre
Fähigkeit zur Übernahme aller Pflichten einer NATOMitgliedschaft äußerst fraglich. Statt dessen ist es
eher wahrscheinlich, daß Ungarn ebenso wie Polen
und die Tschechische Republik bald bereit sein
werden. Und die Evolution der PFF wird sicherstellen,
daß selbst Nationen, die der NATO nicht frühzeitig
oder überhaupt nicht beitreten, starke und dauerhafte
Bande zum Bündnis entwickeln können.
Die NATO-Erweiterung geht wie geplant vonstatten.
Außenminister Warren Christophers Rede vom März in
Prag spiegelte den soliden Konsens unter den NATOVerbündeten wider, daß die Erweiterung stattfinden
sollte und wird. Und einige russische Politiker, darunter Boris Jelzins nationaler Sicherheitsberater
Alexander Lebed, haben offensichtlich ihren Widerstand aufgegeben.
Jede europäische Nation sollte die Chance zur
Gewährleistung ihrer Sicherheit innerhalb einer
kooperativen Struktur haben, die nicht nur eine
wiederbelebte NATO beinhaltet, sondern auch eine
erweiterte Europäische Union, eine gestärkte Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa,
konstruktive Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland sowie eine dauerhafte Partnerschaft für den
Frieden. Für die Vereinigten Staaten ist ein solcher
Ansatz das beste Mittel zum Schutz ihrer Interessen
und Werte in einer unberechenbaren und häufig
gefährlichen Welt.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 13

�AUSSENPOLITIK
10. Juli 1996

Die USA: Die einsame Supermacht Außenpolitische und wirtschaftliche Herausforderungen
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland am 12. Juni 1996 im Auswärtigen Amt gehaltene Rede.

Sehr geehrte Damen und Herren,
es freut mich, heute Gelegenheit zu haben, mit Ihnen
als angehende Kollegen aktuelle Fragen der amerikanischen Außenpolitik zu diskutieren.
Ich werde mich in meinen Ausführungen nicht nur auf
die anstehenden Herausforderungen konzentrieren,
sondern auch auf die Wertmaßstäbe zu sprechen
kommen, die unsere Politik prägen.
Doch bevor ich mit Ihnen über die amerikanischen
Vorstellungen zur Öffnung der NATO nach Osten
diskutiere, unsere Überlegungen zu einem konstruktiven Verhältnis zu Rußland erörtere und über die
Zukunft der transatlantischen Zusammenarbeit
spreche, möchte ich einige Worte zur Ausbildung
amerikanischer Diplomaten sagen.
Im Gegensatz zu der ein- beziehungsweise zweijährigen Ausbildungszeit in der Bundesrepublik werden
bei uns die Nachwuchsdiplomaten nach einer
mehrmonatigen Orientierungsphase ins kalte Wasser
geworfen. Mit dem "on the job training" am ersten
Verwendungsort fängt die diplomatische Karriere an.
Von der Pike auf lernt man dann, was es bedeutet,
sein Land zu vertreten. Und sie müssen sich anstrengen bei einer vierjährigen Probezeit! Mich hat
man nach Korea versetzt. Ein Posten mit Potential:
Dort habe ich die Grundlage für meine berufliche
Karriere gelegt.
Vielleicht sollte ich auch noch eine weitere Besonderheit des Auswärtigen Dienstes erwähnen. Bei uns
müssen sich die angehenden Diplomaten entscheiden,
ob sie lieber politische und wirtschaftliche Fragestel-

AMERIKA DIENST 13

lungen in ihrem Berufsleben bearbeiten wollen oder
aber sich mit Fragen der "public diplomacy" und den
kulturellen Beziehungen beschäftigen möchten.
Erstere gehen zum State Department, letztere zu
USIA, dem amerikanischen Informationsamt.
Die Umgestaltung unseres außenpolitischen Apparats
ist eine Facette eines größeren Transformationsprozesses. Man könnte sie auch als einen Prozeß der
Neuorientierung betrachten. Eine Neuorientierung,
nachdem das politische, militärische und ideologische
Korsett des Kalten Krieges von uns abgefallen ist.
Wie andere Staaten auch stehen die Vereinigten
Staaten nach dem Ende des Ost-West-Konflikts vor
der Aufgabe, ihre Rolle als "global player" neu zu
definieren.
Die Rollendefinition ist ein mühsames Geschäft. Die
Nachwirkungen des Kalten Krieges sind noch zu
spüren. Wir alle hatten uns geistig an die Bedingungen des Kalten Krieges gewöhnt; nun aber - und dies
schon seit geraumer Zeit - stehen wir vor komplexen
Herausforderungen. Herausforderungen, die durchaus mit den profunden Fragestellungen vergleichbar
sind, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu
beantworten waren. Wie damals werden wir auch jetzt
wieder erfolgreich sein!
Warum ich mir so sicher bin, werden Sie sich vielleicht
fragen?
Abgesehen davon, daß wir Amerikaner in der Regel
eine optimistische Ader haben, bin ich davon überzeugt, daß die Vereinigten Staaten auch weiterhin eine

Seite 1

�machtvolle, verantwortungsbewußte und vorausschauende Außenpolitik betreiben werden.
Sie sollten sich nicht durch die kritische Berichterstattung in den Medien verunsichern lassen: Die
Transparenz der politischen Auseinandersetzungen im
amerikanischen Regierungssystem verleitet viele
Kommentatoren zu der Annahme, die Vereinigten
Staaten wären nicht mehr in der Lage, eine ihrer
Bedeutung angemessene Politik zu betreiben.

Nun werden einige von Ihnen sicherlich denken, daß
dieser Aspekt unseres Verständnisses von Außenpolitik nur eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite
ist die Tendenz zu Isolationismus - oder was dafür
gehalten wird.

Diese Bewertung übersieht den nach wie vor bestehenden überparteilichen Konsens, was die philosophischen Grundlagen unserer Außenpolitik angeht.

Einen klassischen, reinen Isolationismus gab es nie.
Was es gab, waren isolationistische Phasen. Die
Frage nach unserem außenpolitischen Engagement
muß immer auch in Bezug zu den innenpolitischen
Notwendigkeiten gesetzt werden. Und es ist offensichtlich, daß sich in einer interdependenten Welt die
innenpolitischen Interessen nicht von den außenpolitischen trennen lassen.

Nach wie vor gilt, daß es unveräußerliche Rechte des
einzelnen gibt, die bedauerlicherweise nicht überall auf
der Welt respektiert und geachtet werden. Die Freiheitsrechte sind - wie Sie wissen - der Kern der
amerikanischen Verfassung.
Damals galten die
Prinzipien, die Thomas Jefferson in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 festschrieb, als geradezu
revolutionär: "... all men are created equal".

Auch der Kongreß hat kein Interesse an einer Schwächung der amerikanischen Führungsrolle. Auch der
Kongreß weiß, wie wichtig unsere auswärtigen Beziehungen sind, um unsere außenwirtschaftlichen
Interessen zu verwirklichen. Es besteht beispielsweise
kein Disput darüber, daß der Aufbau eines freien und
fairen Welthandelssystems an erster Stelle unserer
außenpolitischen Prioritätenliste steht.

Die Grund- und Menschenrechte spielen seit der
Staatsgründung eine nicht zu unterschätzende Rolle in
der amerikanischen Gesellschaft. Sie prägen auch
unsere Auffassung, was die Zielsetzung unserer
Außenpolitik angeht.

Wenn es Auseinandersetzungen gibt, dann über
Fragen der richtigen Vorgehensweise, wie unsere
Führungsrolle auch in Zukunft angemessen und
wirkungsvoll vertreten werden soll. Ob stärker in
einem multilateralen Rahmen, wie es der Präsident
befürwortet, oder eher in einem bi- oder unilateralen
Rahmen, wie es Teile des Kongresses wünschen.

Mit missionarischem Eifer wurden die philosophischen
Glaubenssätze verinnerlicht und verbreitet.
Die
konfliktreichen Begleitumstände der Staatsgründung angefangen von der Vertreibung marokkanischer
Piraten vor der amerikanischen Küste bis zu den
Auswirkungen der Napoleonischen Kriege sowie dem
Krieg mit Mexiko - wurden zum Prüfstein der amerikanischen Überzeugungen.
Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Außengrenzen gesichert, der innenpolitische Konflikt über die
Sklaverei beendet und die demokratischen Prinzipien
zum Leitmotiv politischen Handelns im Inneren wie im
Äußeren erhoben.
Nur widerstrebend nahmen die Vereinigten Staaten am
Ersten Weltkrieg teil; nicht zuletzt, um die eigene
Sicherheit zu bewahren, aber auch, um den Prinzipien
der Selbstbestimmung und der Demokratie in Europa
zum Durchbruch zu verhelfen. Präsident Woodrow
Wilsons "to make the world safe for democracy" traf
den Kern des amerikanischen Engagements, das nicht
idealistisch war, sondern amerikanische Ideale
verfolgte.
Angesicht dieser beständigen Überzeugungen ist es
leicht nachzuvollziehen, warum die amerikanische
Regierung die Demokratisierung in den Staaten Mittelund Osteuropas nachhaltig unterstützt.

Seite 2

Diese Auseinandersetzungen sind keine Neuauflage
einer Debatte über Isolationismus, wie viele glauben.
Der Isolationismus reflektierte eine außenpolitische
Periode im ausgehenden 19. Jahrhundert, die spätestens mit der Kriegserklärung Deutschlands und
Italiens an die Vereinigten Staaten am 11.12.1941 ihr
Ende fand.
Wenn man sich heute die Diskussionen über eine
Neuordnung der europäischen Staatengemeinschaft in
der unmittelbaren Nachkriegszeit betrachtet, kann man
ganz deutlich erkennen, wie sich die amerikanische
Regierung zu einem europäischen Akteur entwickelt
hat. Eine Abwendung von Europa war nach den
leidvollen Erfahrungen der beiden Weltkriege nicht
mehr denkbar.
Vor diesem Hintergrund sollten Sie unser ausgeprägtes Engagement zum Aufbau einer stabilen
Friedensordnung in Europa nach dem Ende des Kalten
Krieges betrachten. Deshalb finden Sie in den Vereinigten Staaten die treibende Kraft für eine Öffnung
der NATO nach Osten.
Es scheint mir in diesem Zusammenhang fast überflüssig darauf hinzuweisen, daß es im ureigensten
Interesse der Vereinigten Staaten liegt, wenn Europa
zusammenwächst, Ost und West eine institutionelle

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�Einheit bilden und für die Vereinigten Staaten ein
verläßlicher und starker Partner werden.
Im Nachkriegseuropa fiel es vielen schwer, sich
vorzustellen, daß Deutschland friedlich mit seinen
Nachbarstaaten zusammenlebt. Fünfzig Jahre nach
Kriegsende unterhält Deutschland zu seinen Nachbarstaaten überaus freundschaftliche Beziehungen
und ist voll in die europäische Staatengemeinschaft
integriert.
Diese Entwicklung sollte all jene inspirieren, die heute
mutlos in die Zukunft blicken, voller Zweifel über die
Tragfähigkeit der neuen Strukturen sind und sich nicht
vorstellen können, wie sich Europa zu einem starken
Machtfaktor im Geflecht der internationalen Beziehungen entwickelt.
Die Vereinigten Staaten setzen große Hoffnungen in
die Fähigkeit der deutschen Außenpolitik, die europäische Integration voranzutreiben. Mit der Erlangung
der uneingeschränkten Souveränität im Verlauf der
friedlichen Vereinigung hat Deutschland an politischem
Gewicht und Verantwortung gewonnen.
Das Ende der Teilung Europas bestätigte den Erfolg
der westlichen Politik gegenüber den Staaten des
Ostblocks; die Defizite der kommunistischen Regime in
den Bereichen persönliche Freiheit, Rechtsstaatlichkeit
und wirtschaftliche Chancen für den einzelnen haben
sich im Laufe der Zeit als übermächtig erwiesen.
Amerikas Einstellung gegenüber Europa am Ende des
20. Jahrhunderts ist nicht nur von diesen erfreulichen
Veränderungen geprägt, sondern basiert natürlich
auch auf der soliden Grundlage der transatlantischen
Partnerschaft.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin
Streitkräfte in Europa unterhalten. Und dies sowohl
aus militärischen Gründen, als auch wegen der
politischen Symbolik. Die Vereinigten Staaten verstehen sich, wenn es um Europa geht, als eine
europäische Macht.
Die Sicherheit Europas ist auch unsere Sicherheit.
Das klingt sehr einfach, entspricht aber den historischen Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die Vereinigten Staaten werden deshalb nicht weniger
als 100.000 Soldaten in Europa stationiert lassen;
davon etwa 75.000 allein in Deutschland.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Institutionen entstanden, die Stabilität und Sicherheit, Frieden und
Wohlstand in Europa begünstigt haben. Das transatlantische Verteidigungsbündnis - die NATO - ist für
uns Amerikaner das wichtigste Bindeglied über den
Nordatlantik.

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Für uns ist die Allianz aber weit mehr als nur ein
Verteidigungsbündnis, in dem wir eine gewichtige
Rolle spielen. Auch wenn dies vielfach in Vergessenheit geraten ist - zu Beginn der transatlantischen
Partnerschaft war ein breites Themenspektrum an
Zusammenarbeit vorgesehen.
Ein Blick in den
Washingtoner Vertrag zeigt, daß die NATO nicht als
reines Verteidigungsbündnis konzipiert war. Nur - im
Laufe der Zeit haben andere Organisationen bestimmte Aufgaben übernommen, und die weltpolitische
Lage im Kalten Krieg machte es erforderlich, daß sich
die NATO-Mitgliedstaaten auf die Bewahrung ihrer
Sicherheit und Freiheit konzentrierten.
Aus unserer Perspektive ist es konsequent, wenn wir
nun Staaten Mittel- und Osteuropas an dieser Sicherheitsgemeinschaft, den bewährten Verfahren der
Zusammenarbeit und den politischen Konsultationen
teilhaben lassen. Die politischen wie auch moralischen Argumente für eine Beteiligung dieser jungen
Demokratien sprechen eindeutig für die Aufhebung der
durch den Kalten Krieg bedingten Ausgrenzung.
An zweiter Stelle unserer außenpolitischen Prioritätenliste steht folglich der Aufbau einer stabilen Friedensordnung in Europa. Lassen Sie mich die wichtigsten Bestandteile dieser Sicherheitsarchitektur kurz
ansprechen:
Der erste Aspekt zielt auf die ökonomische Dimension.
Die Erfolge der Europäischen Union seit ihren Anfängen sind beachtlich. Die amerikanische Regierung
unterstützt die europäische Integration ohne Vorbehalt.
Die wachsende Interdependenz zwischen West- und
Osteuropa führt früher oder später zu einer Osterweiterung der EU, was wir begrüßen werden. Politische Stabilität in Europa ist nicht ohne wirtschaftlichen
Wohlstand bei allen Beteiligten denkbar!
Die Europäische Union ist nicht die einzige Institution,
die wir unterstützen, um in Europa Stabilität und
Sicherheit zu bewahren. Angesichts unserer außenwirtschaftlichen Interessen versteht es sich von selbst,
daß wir der neuen Welthandelsorganisation (WTO)
große Bedeutung beimessen. Auch die OECD ist zu
nennen, die eine entscheidende Rolle bei den Wirtschaftsreformen in Mittel- und Osteuropa spielt. Sie
stellt wichtige Informationen und Fachwissen für die
neuen Demokratien bereit.
Der zweite Aspekt zielt auf Verfahren ab, die stabilitätsfördernd sind. Wir befürworten eine Stärkung der
OSZE und deren Mandat. Die KSZE hat eine wichtige
Rolle bei der Überwindung der politischen Systeme im
Osten gespielt. Heute ist die Nachfolgeorganisation
dazu prädestiniert, "präventive" Diplomatie zu betreiben.
Das ist zwar ein überaus schwieriges Thema, aber
gerade deshalb kann es nicht ignoriert werden.

Seite 3

�Präventive Diplomatie erfordert Fachwissen über Land
und Leute, deren Geschichte, traditionelle Konfliktlösungsverfahren und natürlich couragierte Voraussicht.
Eigenschaften, die Sie als angehende Diplomaten
noch brauchen werden.
Wir wollen aus der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa ein wirkungsvolles Instrument zur Beilegung von Streitigkeiten und Friedenserhaltung machen. Friedenserhaltende Maßnahmen, mit oder ohne Truppen, ob in Tschetschenien
oder andernorts, können einen wichtigen Beitrag
leisten, um Konflikte zu lösen oder sie erst gar nicht
entstehen zu lassen.
Dem dritten Aspekt einer stabilen europäischen
Friedensordnung wird die größte Aufmerksamkeit
geschenkt: Der Öffnung der NATO nach Osten. Für
die potentiellen Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa stellt die NATO die Möglichkeit sicherheitspolitischer Stabilität und Aufnahme in die westliche
Staatengemeinschaft dar.
Ich brauche Ihnen nicht darzulegen, daß die NATO
keinen Staat bedroht. Und es versteht sich von selbst,
daß eine Öffnung der NATO ostwärts nicht geplant ist,
um Rußland zu isolieren.
Der Prozeß der Öffnung der NATO erfolgt in parallelen
Schritten. Das Programm "Partnerschaft für den
Frieden" ist der institutionelle Rahmen, in dem potentielle Mitgliedstaaten an das Bündnis herangeführt
werden. Alle interessierten OSZE-Mitgliedstaaten
können sich daran beteiligen und den Umfang der
militärischen Zusammenarbeit selbst bestimmen. Es
gibt, wie Ihnen bekannt ist, keine Rangordnung unter
den beteiligten Staaten. Alle werden gleich behandelt.
Jeder Staat muß individuell unter Beweis stellen, daß
er bereit und in der Lage ist, mit der NATO zusammenzuarbeiten. Dies ist ein wichtiges Element im Aufnahmeprozeß.
Es wird kein Vetorecht geben, aber wir haben ein
überaus großes Interesse, die Osterweiterung im
Einvernehmen mit Rußland zu realisieren.

Zum Dialog mit Rußland gibt es keine Alternative und
ich sehe positive Zeichen, daß Rußland zunehmend
bereit ist, die Argumente für eine Ostöffnung der NATO
als Stabilitätsfaktor für ganz Europa - Rußland inbegriffen - anzunehmen.
Denken Sie nur an das nach wie vor enorme Nuklearwaffenpotential, das zuverlässig gesichert sein muß,
um keinen Schaden anzurichten. Wie Sie wissen,
befindet sich der Themenkomplex "Nonproliferation"
an vierter Stelle der außenpolitischen Prioritätenskala
der Clinton-Administration.
Nur in kooperativer
Zusammenarbeit wird es möglich sein, die Gefahren

Seite 4

einer unkontrollierbaren Weitergabe von Massenvernichtungswaffen zu reduzieren.
Wo ich gerade beim Komplex "Nonproliferation" bin,
möchte ich Sie auf die Ernsthaftigkeit hinweisen, mit
der meine Regierung das Problem der regionalen
Proliferation angeht. Präsident Clinton hat gegen den
Iran ein vollständiges Handelsembargo verhängt.
Amerikanische Unternehmen sind davon betroffen.
Der Iran versucht durch den Kauf russischer Atommeiler eine Nuklearkapazität aufzubauen, die längerfristig zu einer ernstzunehmenden Bedrohung des
Nahen Ostens wie auch Europas führen wird.
Was die Angelegenheit aus unserer Sicht verschärft,
ist die iranische Unterstützung von Terrorgruppen, die
gegen Israel Anschläge verüben. Wie man an den
unzähligen Missionen Warren Christophers ablesen
kann, ist es ohnehin schwer genug, in dieser Region
Frieden zu stiften. Terrorismus, Bombenanschläge
und die Störung der öffentlichen Ordnung tragen nicht
dazu bei, den Friedensprozeß zu fördern. Der Iran
muß sein Verhalten ändern und sich wie ein zivilisierter
Staat verhalten.
Wirtschaftssanktionen haben sich zwar in der Vergangenheit nicht immer als wirksam erwiesen. Im
Rahmen einer präventiv angelegten Diplomatie sind
sie aber geeignet, ein Zeichen unserer Mißbilligung zu
setzen.
Jetzt kommt es darauf an, unseren Bündnispartnern zu
verdeutlichen, welche langfristigen Implikationen eine
weitere Nuklearisierung des Nahen Ostens hat.
Unsere Verbündeten in Europa sollten dieses sicherheitspolitische Problem nicht auf die leichte
Schulter nehmen! Kurzfristige Handelsvorteile sind
zwar verlockend, aber die Sache ist zu ernst, um
leichtfertig darüber hinwegzugehen.
Ich nehme an, daß sich die Bundesregierung unserer
Position annähern wird. Wir müssen auch dann
zusammenarbeiten, wenn wir unterschiedliche Auffassungen vertreten.
Lassen Sie mich zum Schluß noch einige Sätze zum
transatlantischen Verhältnis sagen. In letzter Zeit kann
man oft die These hören, die Allianz verliere ihren
Zusammenhalt, nachdem der Kalte Krieg zu Ende
gegangen und die Bindewirkung der externen Bedrohung weggefallen ist.
Ich für meinen Teil kann nicht erkennen, daß die
Allianz vor dem "Aus" steht. Das Gegenteil ist richtig:
Wir stehen vor großen Aufgaben und Herausforderungen. Ohne einen institutionellen Rahmen wie das
Bündnis können sie kaum in Angriff genommen
werden. Oder können Sie sich vorstellen, wie Europa -

AMERIKA DIENST 13

�und ich meine dabei Ost und West - seine Friedensordnung ohne das transatlantische Bündnis gestaltet?
Letzte Woche in Berlin haben alle 16 Mitgliedstaaten
der NATO eine klare Antwort auf diese Frage gegeben.
Die NATO-Außenminister entschieden sich für die
Schaffung eines flexibleren Verteidigungssystems, in
dem Europa eine größere Rolle übernehmen soll.
Bosnien hat bewiesen, wie die Vereinigten Staaten und
Westeuropa bei einer ungewohnten Aufgabe effektiv
und flexibel zusammenarbeiten können, solange der
Wille stark genug ist. Die unglückliche Erfahrung der
UN-Mission in dieser Region hat auch demonstriert,
wie negativ die Konsequenzen sein können, wenn die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten aus dem
Tritt geraten. Diese Lektion haben wir beide gelernt.
Aber die NATO ist nicht alles.
Im Dezember vergangenen Jahres unternahmen die
Vereinigten Staaten und Europa in Madrid bedeutende
Schritte zur Erweiterung und Vertiefung dieser Beziehungen, indem sie eine neue Tagesordnung der
politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit
vereinbarten.
Diese neue transatlantische Tagesordnung unterstreicht das breite Spektrum der Beziehungen und
befaßt sich nicht nur mit traditionellen Handelsfragen,
sondern auch mit einer großen Bandbreite politischer
und wirtschaftlicher Initiativen auf der ganzen Welt.

Wir haben uns bezüglich der andauernden Notwendigkeit geeinigt, Brücken über den Atlantik zu schlagen,
die bessere Kommunikation zwischen unseren
Bürgern, Wissenschaftlern, Lehrern, Forschungsinstitutionen und unseren Gesellschaften fördern.
Insgesamt gesehen hoffen wir, daß diese neue
transatlantische Tagesordnung den Rahmen und die
erforderliche Disziplin bietet, um unsere Zusammenarbeit effektiver und kohärenter zu gestalten. Sie wird
die EU für amerikanische Politiker transparenter
machen und das erste Mal markieren, an dem wir uns
umfassend mit der Europäischen Union auseinandergesetzt haben, nicht nur als politische Kraft mit
dem Potential, als Partner an der Seite der Vereinigten
Staaten bei einer Vielzahl außenpolitischer und
diplomatischer Initiativen zu stehen.
Wir glauben, daß eine Vertiefung der Zusammenarbeit
über den Atlantik hinweg sowohl für die Europäische
Union wie auch für die Vereinigten Staaten von Vorteil
ist.
Es gibt - wie Sie sehen - eine ganze Palette von
Themen, die sich schwerlich "national" lösen lassen.
Folglich werden die Vereinigten Staaten auch weiterhin
eine internationale Macht bleiben und gemeinsam mit
ihren Verbündeten ihre Interessen wahrnehmen.
Ich danke Ihnen.

* * *

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Seite 5

�4. J U L I
10. Juli 1996

220 Jahre Unabhängigkeit
Proklamation des Präsidenten zum 4. Juli

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton forderte in seiner Proklamation zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli
seine Mitbürger dazu auf, gemeinsam ein Amerika zu schaffen, "das weltweit die stärkste Kraft für Frieden,
Gerechtigkeit und Freiheit bleibt".
Nachfolgend veröffentlichen wir den offiziellen Text.

Ich freue mich, zusammen mit meinen Mitbürgern im
ganzen Land und auf der ganzen Welt den Unabhängigkeitstag zu feiern.

Chancen - wir halten diese Werte immer noch in Ehren
und müssen sie auch in Zukunft jeden Tag erneut
bekräftigen.

Jedes Jahr kommen wir an diesem Tag mit unseren

Amerika entwickelt sich immer noch weiter,

Familien und Freunden zusammen, um den Jahrestag
der Unterzeichnung unserer Unabhängigkeitserklärung
zu feiern. Mit Weitblick und Mut erklärten unsere
Gründerväter der Welt gegenüber unmißverständlich:
"Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: Daß alle Menschen gleich geschaffen sind,
daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, daß dazu
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören."
Das waren wahrhaft revolutionäre Gedanken, die den
Verlauf der menschlichen Geschichte grundlegend
veränderten.

während Jahrzehnten der Herausforderungen und des
Wandels waren wir bestrebt, das zu verwirklichen, was
sich unsere Gründerväter an unserem ersten Unabhängigkeitstag vorstellten.
Auch bei unseren
weiteren Bestrebungen wollen wir zusammenarbeiten,
um ein Amerika zu schaffen, das weltweit die stärkste
Kraft für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit bleibt. Wir
wollen uns für ein Amerika einsetzen, das nicht durch
Verschiedenartigkeit getrennt, sondern vielmehr durch
gemeinsame Werte und die Achtung unserer Vielfalt
geeint ist. Wir wollen uns für ein Amerika einsetzen, in
dem jeder einzelne ungeachtet seiner Rasse, seiner
Religion, seines Geschlechts oder seiner gesellschaftlichen Stellung seine Träume verwirklichen kann.
Auf diese Weise bezeugen wir am besten unsere
Hochachtung für diejenigen, die vor 220 Jahren ihr
Leben, ihr Hab und Gut und ihre Ehre für unsere
Freiheit gaben.

Heute durchleben wir wieder eine Zeit tiefgreifenden,
historischen Wandels im Hinblick darauf, wie wir
arbeiten, leben, miteinander und mit der übrigen Welt
verbunden sind. Die in unserer Unabhängigkeitserklärung niedergelegten Wahrheiten sind jedoch
unabänderlich und weisen weiterhin unseren Weg zu
den Herausforderungen und Chancen der Zukunft.
Gleichberechtigung, Rechte des einzelnen, Freiheit,

und

Mit den besten Wünschen für einen schönen 4. Juli.

* * * * *

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�DATENAUTOBAHN
10. Juli 1996

Grundprinzipien für die beschleunigte Entwicklung
der globalen Informationsinfrastruktur
von Vizepräsident AI Gore

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Vizepräsident AI Gore, der erstmals in
der Sonderbeilage zu Telekommunikation in Die Welt vom 13. Juni 1996 erschien.

Die globale Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure - Gll) - ein dichtes Netz von Kommunikationsnetzen - verändert für immer die Art und
Weise, in der Bürger auf der ganzen Welt leben,
lernen, arbeiten und kommunizieren.
Dieses globale Netz gestattet auch dem entlegendsten
Dorf, in der modernsten Bibliothek zu stöbern. Es
erlaubt Ärzten auf einem Kontinent, Patienten auf
einem anderen zu untersuchen. Es kann einer Familie
in der nördlichen Hemisphäre helfen, mit ihren Verwandten in der südlichen Hemisphäre in Verbindung
zu bleiben. Und es schärft das Bewußtsein der Bürger
überall auf der Welt, daß wir alle Hüter unseres kleinen
Planeten sind.
Industriestaaten und Entwicklungsländer haben bei
einer Reihe verschiedener internationaler Zusammenkünfte den Konsens erarbeitet, daß das beste
Informationsnetz auf fünf Hauptprinzipien gründen
würde: Privatinvestitionen, Wettbewerb, flexiblen
Bestimmungen, offenem Zugang und Universalität der
Dienste. Ziel dieser Leitlinien ist die beschleunigte
Entwicklung der Gll sowie die Gewährleistung ihrer
Langlebigkeit.
Diese Prinzipien wurden vor zwei Jahren in Buenos
Aires bei der Konferenz der internationalen Fernmeldegewerkschaft angenommen und vergangenes Jahr
beim Ministertreffen der G-7 über das Telekommunikationswesen in Brüssel bestätigt. Ferner wurden sie in
einer Vielzahl regionaler und multilateraler Foren
erneut bekräftigt - der Zusammenkunft des Forums für
asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit
(APEC), dem gesamtamerikanischen Gipfel, und sie

AMERIKA DIENST 13

wurden bei der Konferenz über Informationsgesellschaft und Entwicklung festgehalten.
Alle fünf Grundsätze sind eng miteinander verknüpft
und voneinander abhängig. Wir sollten uns darüber
Gedanken machen, wie sie sowohl den Interessen
einzelner Nationen als auch den gemeinsamen
Interessen aller Bürger der Welt förderlich sein können.
Ich möchte auf die wichtigsten Grundsätze eingehen.
Privatinvestitionen und Wettbewerb. Präsident Clinton
unterzeichnete 1996 das Gesetz über die Reform des
Telekommunikationswesens, das unsere Kommunikationsmärkte für Wettbewerb zwischen einer Vielzahl
von Unternehmen öffnet. Unseres Erachtens hat freier
Wettbewerb zwischen Privatunternehmen sich immer
wieder als die beste Methode erwiesen, Kreativität zu
fördern, Arbeitsplätze zu schaffen, Gewinne zu
erhöhen und den Verbrauchern ein breites Spektrum
neuer Dienste anzubieten.
Dies ist eine enorme Chance für den Privatsektor - wie
wir in Südamerika, Asien und jetzt in Teilen Afrikas
sehen. Aber Privatinvestitionen - wo immer sie auch
getätigt werden - müssen von gesundem Wettbewerb
begleitet sein.
In den Vereinigten Staaten haben wir diese Lektion
gelernt. Als ein Bundesrichter das weltweit größte
Telefonmonopol von AT&amp;T aufbrach, überraschte das
Resultat selbst die vehementesten Verfechter der
Deregulierung. Die Kosten für ein Ferngespräch
sanken drastisch. Neue Unternehmen mit neuen
Arbeitsplätzen schössen wie Pilze aus dem Boden.

Seite 1

�Und AT&amp;T wurde letzten Endes ein stärkeres Unternehmen - konkurrenzfähiger und innovativer.
Die Entwicklung in Chile stellt ebenfalls die Vorteile
von Privatinvestitionen und offenem Wettbewerb unter
Beweis. 1994 führte Chile stark wettbewerbsfördernde
Bestimmungen ein. Die Zahl der Fernmeldegesellschaften in Chile stieg von einer auf zwölf. Der Anteil
der Haushalte mit Telefonanschluß erhöhte sich um
mehr als 50 Prozent. Und die Preise sanken von etwa
zwei Dollar pro Minute auf ungefähr 20 Cents pro
Minute. Die Einnahmen der Branche stiegen ebenfalls
- ungefähr doppelt so schnell wie die der gesamten
Volkswirtschaft.
Privatinvestitionen und Wettbewerb sind für die
Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur von
unerläßlicher Bedeutung.
Dasselbe gilt für vernünftige, flexible Bestimmungen.
Damit Investoren Risiken eingehen und der Wettbewerb Fuß fassen kann, müssen die Bestimmungen
Stabilität, Freiheit und Flexibilität gewährleisten und
gleichzeitig den Verbrauchern faire Preise und eine
große Auswahl bieten.
In den Vereinigten Staaten lenken wir viele Branchen
im Kommunikationsbereich durch eine unabhängige
Fernmeldebehörde, die Federal Communications
Commission (FCC). Dieses Expertenforum verfügt
über das Wissen, die Technik betreffende Entscheidungen zu fällen. Und zusammen mit anderen
Gremien im Justiz- und Wirtschaftsministerium verfügt
die FCC über die Fähigkeit zur Überwachung sich
wandelnder Marktbedingungen.
Ebenso wie diese neuen Technologien die alte
Wirtschaftsordnung radikal verändern, müssen wir in
der Regierung die veralteten Bestimmungen abschaffen und gleichzeitig den ihnen zugrundeliegenden Werten und Idealen treu bleiben.
Ein weiteres, eng mit den Grundsätzen Privatinvestitionen, Wettbewerb und Flexibilität der Bestimmungen
verbundenes Kernprinzip ist offener Zugang. Alle
Nationen und alle Parteien müssen mit der Gll vernetzt
werden können.
Der Grund wird zum Teil durch ein Prinzip illustriert,
das in der Computerwissenschaft als Metcalfes Gesetz
bekannt ist. Metcalfes Gesetz besagt, daß sich ein
Computernetz ungefähr im Quadrat im Verhältnis zur
Anzahl der Menschen vergrößert, die an ihm arbeiten.

Aus diesem Grund wächst das Internet so schnell. Je
mehr Menschen sich einloggen, desto mehr Menschen
verspüren den Wunsch dazu. Verdoppelt man die

Seite 2

Anzahl der Menschen online, vervierfachen sich die
Möglichkeiten, Menschen miteinander zu verbinden
und ihre Begabungen und Ideen zu kombinieren.
Aus diesem Grund ist offener Zugang so wichtig.
Wenn man die Menschen von den Netzen fernhält,
verlieren sie ihren Wert. Wenn die Menschen Zugang
erhalten, steigt der Nutzen für jeden einzelnen.
Deshalb müssen die Besitzer von Netzwerken nichtdiskriminierende Preise für den Zugang zu ihren
Netzen berechnen. Der einzige Weg, das echte
Versprechen der Gll zu verwirklichen, besteht darin
sicherzustellen, daß jeder, der sich einloggt, Zugang
zu Tausenden unterschiedlicher Informationsquellen
hat - von der Videoprogrammierung über elektronische
Zeitungen bis zum Computer-Bulletin-Board - Menschen aller Nationen und jeder Sprache.
Der fünfte und letzte Grundsatz ist vielleicht am
wichtigsten - Universalität der Dienstleistungen.
Unseres Erachtens können universelle Dienste eine
natürliche Folge der ersten vier Grundsätze sein. Die
Kombination von offenem Zugang, flexiblen Bestimmungen, Wettbewerb und Privatinvestitionen wird
uns zweifelsohne in diese Richtung ziehen. Jedes
Prinzip für sich wird uns jedoch nicht ganz zu diesem
Ziel bringen.
Daher haben Präsident Clinton und ich den Privatsektor unserer Nation aufgefordert, bis zum Ende
dieses Jahrzehnts zur Vernetzung jeder Schule in
Amerika mit der Datenautobahn beizutragen. Und
deshalb wiederhole ich meine Forderung zur Einrichtung einer globalen digitalen Bibliothek, damit alle
Bürger der Welt schnelleren und besseren Zugang zu
allen Informationen der Welt haben.
Natürlich werden sich die genauen Konturen der
universellen Dienstleistungen in allen Nationen
unterscheiden. Ihre Grundzüge sollten sich jedoch an
den meisten Orten ähneln: Beispielsweise die Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen zu Preisen,
die sich Menschen aller Einkommensschichten leisten
können, die Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger
Dienste unabhängig vom Wohnort oder den physischen Fähigkeiten einer Person sowie die Unterrichtung der Anwender in der effektiven Nutzung dieser
Technologien.
Die Gll ist ein historisches Unterfangen. Sie wird
gestärkt durch Beteiligung, unterstützt durch Offenheit
und untermauert durch starke Nationen und talentierte
Menschen, die den Traum von einer besseren Zukunft
verwirklichen wollen.
Helfen Sie mir, die erste große Leistung des 21.
Jahrhunderts zu erbringen.

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�RASSISMUS
10. Juli 1996

Kommentare zu Brandanschlägen
auf Kirchen in den USA
Verurteilung in den meisten Zeitungen

WASHINGTON - (AD) - Landesweit verurteilten die Zeitungen in Amerika die jüngsten Brandanschläge auf
vorwiegend afroamerikanische Kirchen im Süden der Vereinigten Staaten. Während die Leitartikel die Täter
öffentlich brandmarkten, erwähnten sie lobend, daß religiöse, philanthropische und kommunale Gruppen
zusammengekommen seien, um die Kirchen wiederaufzubauen und den von den Brandanschlägen betroffenen
Gemeinden zu helfen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus den Leitartikeln.

The Christian Science Monitor
Im Zusammenhang mit der Serie von Brandanschlägen auf Kirchen der schwarzen Bevölkerung im Süden
der Vereinigten Staaten äußerte der Überlebende des
Holocaust und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel:
"Es sollte einen Aufschrei der Entrüstung geben, der
diese Menschen zum Schweigen bringt."
Bis jetzt ist den Tätern noch nicht das Handwerk gelegt
worden. Es gab jedoch einen "Aufschrei der Entrüstung" seitens der Regierung, der Kirchen und der
Öffentlichkeit. Während der Präsident und der Kongreß zahlreiche Schritte unternommen haben, um den
Brandanschlägen auf die Kirchen Einhalt zu gebieten,
gab es auch konkrete Hilfsangebote anderer, zum
Beispiel:
Der nationale Kirchenrat, das amerikanischjüdische Komitee und die nationale Konferenz
katholischer Bischöfe haben gemeinsam
Spenden in Höhe von 4 Millionen Dollar für
den Wiederaufbau der niedergebrannten
Kirchen aufgebracht.
Sieben führende philanthropische Gruppen
taten sich zusammen und spendeten 2,5
Millionen Dollar für den Wiederaufbau der
Kirchen.

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Wenn das Land bei der Verurteilung dieser
Akte mit einer Stimme spricht, ist dies ein
entscheidender erster Schritt. Wie der Stellvertretende Justizminister Deval Patrick
erklärte, könnte "dies der Triumph sein, der
dieser Tragödie folgt".
The Commercial Appeal (Memphis, Tennessee)
Eines der ermutigendsten Zeichen dieser langanhaltenden Empörung ist, daß viele Amerikaner, schwarze
und weiße, zusammengekommen sind, um die
Brandanschläge zu verurteilen und den Betroffenen
beim Wiederaufbau zu helfen.
Die vorwiegend aus Weißen bestehende Christliche
Koalition, die für gewöhnlich mit konservativen politischen Belangen in Verbindung gebracht wird, die nicht
viele der Betroffenen teilen, kündigte eine Spendenkampagne an, um 1 Million Dollar für den Wiederaufbau der von Brandstiftern niedergebrannten Kirchen
aufzubringen.
"Wir hoffen, vertrauen und beten, daß Gott unsere
beim Kampf gegen diesen Terror geschaffenen
Beziehungen und unser Vertrauen nutzen wird, um
neue Chancen der Zusammenarbeit bei zahlreichen
anderen Problemen zu eröffnen", äußerte Ralph Reed,
der Anführer der Koalition vor einer kleinen Versammlung schwarzer Pastoren und Bürgerrechtler in Atlanta.

Seite 1

�Die Reaktionen innerhalb der betroffenen Gemeinden
berühren jedoch am meisten.
Nachdem zwei Kirchen der schwarzen Gemeinde in
Kossuth (Mississippi) niedergebrannt wurden, kamen
die Einwohner einer multirassischen religiösen Gruppe
zusammen um bekanntzugeben, daß sie über 22.750
Dollar aus Spenden der Gemeinde für einen Wiederaufbaufonds gesammelt hatten.
Rund 50 Beauftragte der Bundesbehörden werden
nach Corinth (Mississippi) und Kossuth kommen, um
Beweise in der Asche der niedergebrannten Kirchen
zu sichern und mit möglichen Zeugen zu sprechen.
James Cavanaugh vom US-Büro für Alkohol, Tabak
und Feuerwaffen, der die Ermittlungen bei den 13
Brandanschlägen in Mississippi und Alabama leitet,
appellierte jedoch an die mächtigste Waffe: Die Hilfe
der Öffentlichkeit.
"Wir brauchen Informationen der Öffentlichkeit",
erklärte Cavanaugh. "Jeder Amerikaner muß darüber
nachdenken, was hier vor sich geht. Es ist empörend."
Eine weitere Erklärung wurde von Senator Thad
Cochran (Republikaner aus Mississippi) abgegeben,
der den Senat zur Verabschiedung einer Gesetzesvorlage drängte, die der Bundesregierung die Ermittlungen bei den Brandanschlägen erleichtert. Das
Repräsentantenhaus stimmte seiner Version des
Gesetzentwurfs mit 422 zu 0 Stimmen zu.
Post-Gazette (Pittsburgh, Pennsylvania)
Die Bürgerrechtsbewegung erreichte ihren Höhepunkt
vor drei Jahrzehnten, aber die seitdem erzielten
Fortschritte an den Frontlinien des Rassenkampfes in
Amerika reichten nicht aus. Die Brandanschläge auf
Kirchen der schwarzen Gemeinden im Süden sind
Beweis der noch vorherrschenden Intoleranz. Der
Kongreß unternimmt zu Recht Schritte zur Verbesserung der Befugnisse der Bundesregierung bei der
Ermittlung solcher Greueltaten.
Wie kein Geringerer als der Verfechter der Rechte des
Staates, der Sprecher des Repräsentantenhauses
Newt Gingrich, bemerkte, treffen diese abscheulichen
Akte den Kern eines Bundesrechts. Die amerikanische Verfassung garantiert religiöse Freiheit. Die
Zerstörung von Kirchen verletzt dieses Recht.
Haßverbrecher haben immer die schwarzen Gemeinden angegriffen, indem sie ihre Kirchen zerstörten. Was die für diese Brandanschläge Verantwortlichen nicht verstehen, ist, daß solche Empörung
verbindet, statt eine belagerte Gemeinde auseinanderzureißen. Wenn die Absicht dieser Anschläge darin
besteht, die schwarze Gemeinde hilflos zu machen, ist
sie bereits zunichte gemacht worden.

Seite 2

The Atlanta Journal and Constitution
Die Agitatoren und Feiglinge, die Anschläge auf
Kirchen verüben, wollen den in diesen Gotteshäusern
herrschenden Geist der Nächstenliebe und Brüderlichkeit zerstören. Sie wären enttäuscht zu sehen,
welchen Zusammenhalt der Gläubigen ihre skrupellosen Brandanschläge hervorrufen.
Die Antidiffamierungsliga veröffentlichte Zeitungsanzeigen, in denen sie ihre Anhänger bat, die Wiederaufbauarbeit ganz besonders zu unterstützen. "Wir
werden alle ein Raub der Flammen des Hasses", heißt
es in der Anzeige in The New York Times. "Helft uns,
es jetzt zu löschen." Obwohl die Antidiffamierungsliga
sich meistens für Anliegen der jüdischen Gemeinde
einsetzt, ist sie auch ein standhafter Verfechter von
Religionsfreiheit für alle.
Bei ihrem jährlichen Treffen führte die Southern Baptist
Convention eine Sonderkollekte für den Wiederaufbau
der zerstörten Kirchen durch. Es war die erste Kollekte bei einer Jahresversammlung seit 1986. "Die
afroamerikanische Gemeinde muß wissen, daß wir ihr
zur Seite stehen", erklärte Richard Land, der Präsident
der Southern Baptist Christian Life Commission.
Diese Unterstützung aus vielen Kreisen ist eine
bemerkenswerte Geste der Ablehnung der erbärmlichen und entarteten Feiglinge, die Kirchen niederbrennen. Sie sollte auch als Erinnerung daran dienen,
daß jeder einzelne von uns die Pflicht hat, sich den
Stimmen des Hasses und der Spaltung entgegenzusetzen.
The State Journal-Register (Springfield, Illinois)
Rationale Menschen erörtern Fragen wie berufliche
Gleichstellung, illegale Einwanderung, Reform des
Sozialwesens und Rechte von Homosexuellen. Die
Amerikaner haben hierzu unterschiedliche Meinungen,
und der daraus resultierende nationale Dialog ist
wichtig für die Gestaltung der Politik.
Für einige Irrationale besteht die Antwort auf diese
Fragen jedoch in Gewaltanwendung gegen alle, die sie
hassen. Die öffentliche Debatte wird für sie zu Zündstoff, der ihre konfusen Überzeugungen schürt und sie
zu gewalttätigen, gesellschaftsfeindlichen Akten wie
Brandanschlägen auf Kirchen veranlaßt.
Natürlich muß der nationale Dialog über soziale
Fragen fortgeführt werden. Aber rationale Menschen
auf allen Seiten müssen jeden gewalttätigen Akt der
Intoleranz lautstark verurteilen. Die wenigen irrationalen Menschen, die Kirchen niederbrennen,
müssen wissen, daß ihr Haß für alle Amerikaner
inakzeptabel ist. Sie dürfen keine Zuflucht finden.
Haß, Selbstgerechtigkeit und Intoleranz müssen von
allen als unmoralisch erachtet werden.

AMERIKA DIENST 13

�Die Brandstifter des Hasses werden scheitern.
Tatsächlich werden sie schwarze Gemeinden inmitten
von Vielfalt stärken und den Amerikanern beim
Umgang mit Vorurteilen helfen. Es wird ihnen lediglich
gelingen, die Opposition gegen die Feuer der Intoleranz zu stärken.
The San Francisco Chronicle
Die Brandanschläge auf Kirchen schwarzer Gemeinden senden eine allgemeine und erschreckende
Botschaft des Schreckens und der Intoleranz.

Die Zerstörung dieser heiligen Strukturen ist kein
Haßverbrechen. Sie ist ein feiges Verbrechen.
Es reicht nicht aus, die Brandstifter zu finden und zu
verurteilen. Die Gesellschaft muß angesichts solch
feiger Akte genug Entschlossenheit zeigen, damit der
nächste Verrückte, dem es in den Sinn kommt, mitten
in der Nacht mit einer Gasflasche und Streichhölzern
in eine Kirche zu schleichen, von zwei mächtigen
Gefühlen überwältigt und letztlich abgeschreckt wird:
Angst. Und Sinnlosigkeit.

Dieser Botschaft muß man sich zornig widersetzen.

The Baltimore Sun

In dieser Nation ist nichts heiliger als die Fähigkeit von
durch Glauben und ein Gemeinschaftsgefühl verbundenen Menschen, Gotteshäuser zu bauen.

Präsident Clinton hat das Justiz- und Finanzministerium angewiesen, eine gemeinsame Arbeitsgruppe
"Brandanschläge auf Kirchen" zu bilden, die ihm direkt
Bericht erstattet. Justizministerin Janet Reno traf mit
vielen Pastoren der zerstörten Kirchen zusammen und
versicherte Ihnen, daß die Behörden alle erforderlichen
Mittel einsetzen werden, um diese Fälle zu lösen und
die Brandstifter vor Gericht zu bringen. Einige Pfarrer
waren aufgebracht, weil Mitglieder ihrer Gemeinden
befragt wurden, als wären sie Verdächtige. Aber sie
sollten sich mit dem Wissen trösten, daß die Behörden
bei ihrer Suche nach Antworten nichts unversucht
lassen.

Die Kirchen geben ihren Gemeindemitgliedern - sogar
ganzen Städten - ein Gefühl von Kontinuität und
Stabilität. Die Gemeinde verkörpert ihre Arbeit, ihr
Geld und ein übergeordnetes Gefühl für Aufgabe und
Gottheit.
Insbesondere für viele afroamerikanische Gemeinden
ist die Kirche weitaus mehr als ein Ort des Glaubens.
Sie ist eine Institution, die auch außerhalb der Kirchenmauern unschätzbare geistige und materielle
Unterstützung gewährt.

*

AMERIKA DIENST 13

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�DROGEN
10. Juli 1996

Neue Drogenbekämpfungskampagne
zur Unterstützung Jugendlicher
Rede von Gesundheitsministerin Donna Shalala

WASHINGTON - (AD) - Gesundheitsministerin Donna Shalala rief eine ehrgeizige Drogenbekämpfungskampagne zur Aufklärung der Öffentlichkeit und Eindämmung des jüngsten Anstiegs beim Marihuanakonsum
Jugendlicher ins Leben.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Gesundheitsministerin Shalala aus Anlaß
des 100. Jahrestages des Eltern-Lehrer-Verbands (Parent-Teacher Association - PTA) am 24. Juni 1996.

Es ist mir eine große Ehre, aus Anlaß Ihres 100.
Jahrestages mit Ihnen zusammenzutreffen.
Seit 100 Jahren ist die PTA eine der wichtigsten
Basisorganisationen in Amerika. 100 Jahre lang
rettete sie Leben, förderte Bildung und eröffnete
Zukunftsperspektiven. Und 100 Jahre lang führte sie
Eltern, Lehrer und Gemeinden bei der Aufgabe
zusammen, unsere größte Ressource zu schützen unsere Kinder.
Das war nie wichtiger als heute.
Denn jeden Tag sterben in Amerika 16 Kinder bei mit
Schußwaffen verursachten Unfällen, durch Mord und
Selbstmord.

Ein Bericht jüngeren Datums an den Präsidenten
belegte, daß jede Stunde mindestens ein
amerikanischer Teenager mit HIV infiziert wird.
Ferner ist ein erneuter Anstieg des MarihuanaKonsums bei den 12-17jährigen zu beobachten - der
monatliche Konsum hat sich seit 1991 nahezu
verdoppelt.
Wir sollten uns nichts vormachen: Wenn wir nicht
schnell handeln, könnten wir eine ganze Generation
verlieren.

Jeden Tag bekommen mehr als 1.000 Jugendliche
uneheliche Kinder.

Das war die Botschaft eines umfassenden Berichts der
Carnegie Corporation in New York von letztem Herbst,
der die Schlußfolgerung enthielt, daß mindestens die
Hälfte unserer Teenager aufgrund riskanten
Verhaltens gefährdet ist, das ihr Leben ernsthaft
verkürzen könnte.

Jeden Tag fangen über 3.000 junge Menschen das
Rauchen an.

Das sind nicht anderer Leute Kinder, das ist nicht
anderer Leute Problem.

Jeden Tag brechen mehr als 1.000 Jugendliche die
weiterführende Schule ab.

Dies ist unser Problem - ein amerikanisches Problem,
das das Leben jeder Familie beeinflußt, ungeachtet der
Rasse, Religion, Region und finanziellen Situation.

Und über 2 Millionen 12-17jährige nehmen mindestens
fünf alkoholische Getränke zu sich.

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Aberglauben Sie mir nicht einfach, wenn ich sage, daß
etwas getan werden muß. Wir wollen es aus erster
Hand, von den Experten selbst hören:

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�Eine 16jährige erklärt: "Ich möchte Fotomodell werden.
Rauchen verbrennt eine Menge Kalorien."

Ich brauche wohl keinem von Ihnen zu erzählen, unter
welchem Druck Eltern heute stehen.

Ein College-Student äußert: "Ich bin kein starker
Trinker, aber jedes Mal, wenn ich etwas trinke,
betrinke ich mich."

Eltern arbeiten länger an unsichereren Arbeitsplätzen
und haben weniger Zeit für Ihre Kinder. Es ist für sie
schwieriger, die Lebenshaltungskosten zu bestreiten
und gleichzeitig für die Ausbildung ihrer Kinder zu
sparen. Es gibt mehr Alleinerziehende, mehr Familien,
in denen beide Eltern berufstätig sind, und immer mehr
Familien, die sich nicht einer starken, sie
unterstützenden Gemeinde zugehörig fühlen. Und die
Aufmerksamkeit unserer Kinder wird von immer mehr
Seiten beeinträchtigt.

Ein Schüler im ersten Jahr an der High School stellt
fest: "Mir gefällt Gewalt. Ich sehe gerne Gewalt. Es
gefällt mir wirklich, Zeuge von Gewalt zu sein, vor
allem bei Videospielen."
Warum kommen junge Amerikaner, die jahrelang auf
dem rechten Weg waren, vom Kurs ab und vergeuden
ihr Leben? Es gibt viele Gründe.
Teilweise sind es Armut und Mangel an Chancen Frühindikatoren für die künftige Gesundheit eines
Kindes und seine künftigen Lebenschancen in diesem
Land.
Teilweise sind es die gefährlichen Botschaften, die
unsere Kultur den jungen Menschen sendet,
beispielsweise: "Rauchen ist toll." "Marihuana ist
cool." "Jeder hat Sex." "Eine Waffe verschafft Dir
Respekt."
Teilweise ist es darauf zurückzuführen, daß wir eine
bessere Aufklärung brauchen und jede neue
Generation dazu anleiten müssen, ein gesundes
Leben zu führen. Damit dürfen wir nie aufhören.
Noch etwas anderes ist ebenfalls von entscheidender
Bedeutung.
Ich habe eine aus Teenagern
zusammengesetzte Beratungsgruppe - 17 junge
Menschen aus allen sozialen Schichten, mit denen ich
mich einmal monatlich treffe. Und ob wir über die
Verhinderung von Drogenkonsum oder Depressionen,
über Rauchen oder Sex reden - sie sagen alle
dasselbe.
Sie sagen, ihre Eltern seien bei weitem die
einflußreichsten Menschen in ihrem Leben.
Sie sagen, Eltern und Familien könnten das meiste zu

Kindererziehung wird folglich für Eltern immer
schwieriger - genau zu dem Zeitpunkt, an dem Kinder
ihre Eltern - und andere fürsorgliche Erwachsene mehr denn je brauchen.
Kein Wunder, daß so viele Eltern solche Angst haben.
Eine Mutter in einem Vorort von Virginia formulierte es
am besten: "Früher wollte ich, daß mein Sohn den
Nobelpreis bekommt. Heute will ich nur noch, daß er
überlebt."
Als Gesellschaft müssen wir im Schuiterschluß dieser
Mutter und allen Eltern helfen. Aus diesem Grund
haben wir eine neue Strategie für die öffentliche
Gesundheit Heranwachsender mit dem Namen
"sicheres Geleit" entwickelt.
"Sicheres Geleit" ist unser umfassender Ansatz zum
Umgang mit schwierigen Herausforderungen wie
Suchtstoffmißbrauch,
Tabakkonsum,
TeenagerSchwangerschaften, sexuell übertragbare Krankheiten,
Gewalt, Ernährung und Sport.
Es geht hierbei um partnerschaftliche Zusammenarbeit
mit der PTA und allen anderen Erwachsenen und
Institutionen, die im Leben Jugendlicher eine Rolle
spielen, um ihnen dabei zu helfen, unsere wertvollen
jungen Menschen durch die bisweilen felsigen Wasser
der Jugend zu geleiten.

ihrer Rettung unternehmen.

Und trotz der Aura der Unabhängigkeit, die Teenager
so gut vermitteln, erklären sie, die meisten jungen
Menschen brauchten und wünschten sich jeden Tag
Liebe, Aufmerksamkeit, Einbeziehung und tatsächlich
auch Strenge von Seiten ihrer Eltern.
Wir alle wissen, daß meine Teenager-Berater recht
haben: Die Familie ist die wichtigste Institution in
diesem Land, und dennoch haben wir uns zu einer
Gesellschaft entwickelt, in der schwierige Umstände
Mütter und Väter daran hindern, ihre Kinder so zu
erziehen, wie sie gerne möchten.

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Das ist nicht der alte, von oben gelenkte, allzu
programmatische Ansatz der Bundesregierung zur
Lösung von Problemen.
Statt dessen definieren wir die staatliche Rolle klarer:
Sie soll unsere jeweiligen Partner zusammenhalten
und ihnen Befugnisse verleihen sowie Lücken füllen,
die ohne unsere kollektiven Bestrebungen ein
klaffendes Loch würden.
Was bedeutet "sicheres Geleit" also im einzelnen?
Es bedeutet die Verbesserung unserer Fähigkeit zur
Unterstützung umfassender Forschung in allen
Bereichen der Gesundheit
und
Entwicklung

AMERIKA DIENST 13

�Jugendlicher - von HIV-Infektion bis zu Gewalt und von
der Verhinderung von Teenager-Schwangerschaften
bis zum Verständnis der sich abzeichnenden
Bedürfnisse
besonders
anfälliger
Bevölkerungsgruppen.
Es bedeutet die Finanzierung wichtiger nationaler
Kampagnen zur Gesundheitsfürsorge in Bereichen wie
Rauchen, Verhinderung von Drogenkonsum, Sport
und Nahrungsmittelkennzeichnung - um Teenager und
ihre Eltern mit den für eine gesunde Lebensführung
entscheidenden Informationen zu versorgen.
Ich freue mich, heute eine neue nationale
Aufklärungskampagne der Öffentlichkeit bekanntgeben
zu können, mit der der zunehmende Konsum von
Marihuana unter Teenagern bekämpft werden soll, der
seit 1991 zu beobachten war.

das Rauchen aufzunehmen - im Namen der
öffentlichen Gesundheit und im Namen unserer Kinder.
Ich bin stolz darauf - und ich weiß, daß auch Sie stolz
darauf sind.
Insgesamt besteht unser Ziel darin, binnen sieben
Jahren den Zigarettenkonsum von Kindern und
Jugendlichen um die Hälfte zu reduzieren.
Und um das zu tun, hat der Präsident einige der
mutigsten Vorschläge im Bereich der öffentlichen
Gesundheit unterbreitet, die es je in diesem Land
gegeben hat.

Es ist an der Zeit für eine Bestandsaufnahme - und so
nennen wir diese neue Kampagne.

Um die Anziehungskraft des Rauchens für Kinder
einzuschränken, schlagen wir vor, ihnen den Zugang
zu Zigaretten zu erschweren, Zigarettenreklametafeln
mindestens 300 Meter entfernt von den Schulen
unserer Kinder anzubringen, den Malboro-Mann und
Joe Camel aus den Zeitschriften zu verbannen, die
von Millionen Kindern gelesen werden und den
Zigarettenunternehmen zu verbieten, als Sponsor von
Veranstaltungen
die
Anziehungskraft
ihres
Markennamens einzusetzen.

Von neuen öffentlichen Bekanntmachungen bis zu
neuen Unterrichtsmaterialien geht es bei dieser
Kampagne darum, den Eltern Informationen
zu
vermitteln und sie anzuregen, häufig und frühzeitig mit
ihren Kindern über Suchstoffmißbrauch zu sprechen.

Vom Küchentisch über die Fußballfelder bis zu den
Kinos müssen wir den Kindern die gegen das Rauchen
gerichtete Botschaft senden - dort, wo sie leben, wo
sie lernen und wo sie ihre Freizeit verbringen - in
Worten und Bildern, die sie verstehen.

Wir wollen ihnen behilflich sein, ihren Kindern zu
verdeutlichen, daß Drogen illegal, gefährlich und
schlecht sind.

Aus diesem Grund arbeiten wir mit der nationalen
Frauenfußballmannschaft zusammen und setzen
wichtige Bekanntmachungen ein, um Millionen von
Kindern eine deutliche Botschaft zu senden: Rauchen
und Fitness passen ebensowenig zusammen wie Öl
und Wasser.

Zu viele Teenager denken heute, Marihuana würde
nicht ihre Gesundheit oder ihr Leben ruinieren.

Wir wollen den Eltern behilflich sein, sich mit ihren
Kindern an den Küchentisch zu setzen und ihnen
klarzumachen, daß sie gegen deren Konsum von
Drogen, Alkohol oder Zigaretten sind.
Ein Schlüsselelement der Bestandsaufnahme ist die
Publikation Eine drogenfreie Jugend, die dank der
PTA Millionen von Familien erreicht, die Kinder im Alter
zwischen 7 und 13 Jahren haben.
Wenn Sie diese Broschüre aufschlagen, werden sie
keine tollen Statistiken und Graphiken finden. Sie
werden jedoch folgendes vorfinden: Praktische
Ratschläge und praktische Informationen, um Ihre
Kinder zu erreichen, bevor es der Suchtstoffmißbrauch
tut. Und mit Ihrer Hilfe wird es uns gelingen.
Die Bestrebung der Administration, die unsere
Strategie des "sicheren Geleits" vielleicht am
deutlichsten widerspiegelt, ist unsere Initiative "Kinder
und Rauchen", bei der es letztlich darum geht, den
Eltern die Befugnisse zurückzugeben.
Nie zuvor in der Geschichte hat ein Präsident den Mut
und die Überzeugung besessen, den Kampf gegen

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Aus diesem Grund treten wir an Führungskräfte der
Medien und der Unterhaltungsindustrie heran - und
stellen sie vor die Herausforderung, Charaktere zu
entwerfen, die in und cool genug sind, nicht zu
rauchen.
Und aus diesem Grund möchte ich Ihnen allen für die
Arbeit danken, die sie zusammen mit uns für das
Video-Aufklärungsprogramm "Stoppt den Verkauf verhindert die Sucht" geleistet haben.
Mit der Verteilung von Tausenden Videos für PTAVersammlungen im ganzen Land klären Sie die Eltern
und Lehrer über das Problem des Rauchens bei
Jugendlichen auf - und was sie tun können, um es zu
beheben.
Einige mögen sagen: "Können sich die Eltern nicht um
ihre Kinder kümmern?" Die Antwort lautet, natürlich
können sie. Das ist genau der Punkt, auf den unser
Vorschlag abzielt - sicherzustellen, daß die Kinder die
Informationen über das Rauchen von den Eltern und

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�anderen fürsorgenden Erwachsenen erhalten - nicht
von Joe Camel.

Es gibt keine schwierigere, wichtigere und forderndere
Aufgabe als die Erziehung unserer Kinder.

Aus diesem Grund stehen wir den Eltern zur Seite und
sagen: "Ja, wir helfen Euch, Eure Kinder zu schützen."

Und es gibt kein besseres Sicherheitsnetz in diesem
Land als Eltern, die ihre Kinder lieben, leiten und
unterstützen.

Ja, wir werden unsere
Eigeninteressen stellen Zigarettenindustrie.

Interessen
nicht nur

vor
die

die
der

Wir sind ein sichereres Land wegen des BradyGesetzes über das Verbot von Handfeuerwaffen - und
der Präsident wird nicht zulassen, daß es abgeschafft
wird.
Wir sind ein gesünderes Land, weil wir unseren
Standpunkt behauptet und die historische Garantie von
Medicaid - Gesundheitsfürsorge für unsere anfälligsten
Kinder - durchgesetzt haben.
Und wir werden ein klügeres Land sein, wenn die
Eltern die Vorteile einer Vorrichtung zur Sichtung von
Fernsehsendungen
und
des
mit
der
Unterhaltungsindustrie ausgearbeiteten freiwilligen
Kontrollsystems nutzen können, um das Ausmaß an
Gewalt zu kontrollieren, dem unsere Kinder im
Fernsehen ausgesetzt sind.

Es mag einfach klingen - aber das gilt für die meisten
Dinge, die man mit gesundem Menschenverstand tut.
Die Eltern müssen die Zeit finden - sich die Zeit
nehmen - wirklich mit ihren Kindern zu sprechen, ihnen
bei den Hausaufgaben zu helfen und ihnen vom ersten
Tag an die Unterscheidung zwischen Gut und Böse
beizubringen.
Und wir brauchen Eltern, die ihren Kindern das
Vertrauen geben und ihren Charakter prägen, damit
sie die richtigen, die klugen - die gesunden Entscheidungen bezüglich des einzigen Lebens treffen
können, das sie je haben werden.
Wenn wir das tun, werden wir ein Ergebnis erzielen,
das
kein
anderes
Regierungsprogramm
je
hervorbrachte: Die Eltern werden ihre Stimme in
diesem Land weit über die Lautstärke von CDs, Filmen
und Fernsehsendungen erheben. Es sind die Eltern,
die gehört werden.

Aber die Regierung kann dies nicht alleine tun.
Wir alle müssen uns beteiligen - die Medien, Eltern,
Großeltern, ältere Geschwister, Ärzte und Lehrer,
Trainer, Berater und Kirchenvertreter, Angehörige des
öffentlichen Gesundheitswesens und Unternehmer.

Franklin D. Roosevelt hat einmal gesagt: "Wir können
nicht immer die Zukunft für unsere Jugend gestalten,
aber wir können immer unsere Jugend auf die Zukunft
vorbereiten."
Und genau das werden wir gemeinsam tun.

Offen gesagt, Sie müssen sich beteiligen.
Ich danke Ihnen.
Denn der richtige Weg zu Gesundheit und Hoffnung für
unsere Kinder muß immer an demselben Ort beginnen
und enden - bei den Eltern.

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�</text>
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dienet&#13;
&#13;
Herausgeber: U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
26. Juni 1996&#13;
&#13;
SONDERDIENST&#13;
&#13;
ARBEIT&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
DIE SCHAFFUNG VON ARBEITSPLATZEN&#13;
UND BESCHÄFTIGUNGSCHANCEN&#13;
Der Arbeitsmarkt der Vereinigten Staaten&#13;
1993-1996&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Tel.: 0228-339 2372&#13;
&#13;
Fax: 0228-333 138&#13;
e-mail: bbsbonn@usia.gov&#13;
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
&#13;
�Die Schaffung von Arbeitsplätzen und&#13;
Beschäftigungschancen:&#13;
Der Arbeitsmarkt der Vereinigten Staaten 1993 -1996&#13;
&#13;
Ein Bericht des&#13;
Rats der Wirtschaftsberater im&#13;
US-Arbeitsministerium, Büro des Chefökonoms&#13;
23. April 1996&#13;
&#13;
�Zusammenfassung&#13;
Seit Januar 1993 hat die Beschäftigungsrate rapide - um netto 8,5 Millionen&#13;
neue Arbeitsplätze - zugenommen. Anhand vergleichbarer Daten war das&#13;
Beschäftigungswachstum in den Vereinigten Staaten stärker als bei allen&#13;
anderen unserer G-7-Partner.&#13;
Zwei Drittel (68 Prozent) des Nettozuwachses bei der Vollzeitbeschäftigung&#13;
zwischen Februar 1994 und Februar 1996 entfielen auf Industriezweige/Berufsgruppen mit überdurchschnittlichen Einkommen. Mehr als die Hälfte&#13;
des Nettozuwachses fand bei den obersten 30 Prozent der Arbeitsplatzkategorien statt. Obwohl viele dieser neuen Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor&#13;
entstanden, entsprachen sie nicht den Stereotypen.&#13;
Die Fakten legen nahe, daß die große Mehrheit des Nettozuwachses an neuen&#13;
Arbeitsplätzen Ganztagsstellen sind. Sowohl die Haushalts- als auch die&#13;
Betriebserhebungen verweisen darauf, daß die Zunahme an Arbeitplätzen auf&#13;
Ganztagsstellen konzentriert war.&#13;
Der Anteil von Arbeitnehmern mit Mehrfachbeschäftigung blieb seit Ende der&#13;
achtziger Jahre ungefähr konstant. Der Haushaltserhebung ist zu entnehmen,&#13;
daß der Anteil von beschäftigten Personen mit mehreren Arbeitsplätzen weiterhin bei rund 6 Prozent liegt.&#13;
Die Gesamtzahl der Entlassenen machte 1991-92 ungefähr denselben Anteil&#13;
an der Erwerbsbevölkerung aus wie 1981-82, obwohl die Rezession Anfang der&#13;
achtziger Jahre gravierender war als die Anfang der neunziger Jahre. Es ist&#13;
jedoch schwierig genau festzustellen, welcher Prozentsatz der Entlassenen auf&#13;
die Konjunktur zurückzuführen ist. Die offiziellen Daten über Entlassungen&#13;
nach 1993 stehen noch nicht zur Verfügung, aber eine alternative Zählweise zu&#13;
Arbeitsplatzverlusten zeigt, daß sie seitdem gesunken sind.&#13;
Die Charakteristiken der Entlassungen haben sich etwas verändert. Die Entlassungen von älteren, besser ausgebildeten Büroangestellten haben zugenommen, obwohl sie verglichen mit denen bei jüngeren und weniger gut&#13;
ausgebildeten Arbeitern weiterhin relativ niedrig sind.&#13;
Trotz einiger jüngster positiver Anzeichen bleiben langfristige Herausforderungen bestehen. Zwischen den siebziger und frühen neunziger Jahren stagnierten die Reallöhne und -gehälter, und das Einkommensgefälle wurde größer.&#13;
Aber 1994 stieg das reale durchschnittliche Familieneinkommen zum ersten&#13;
Mal seit fünf Jahren, und die Armutsgrenze sank. Wir müssen weiter auf diese&#13;
Errungenschaften aufbauen, um den Lebensstandard zu verbessern und das&#13;
Einkommensgefälle zu verringern. Und obwohl sehr viel mehr Arbeitsplätze&#13;
geschaffen als abgebaut werden, erlegt eine dynamische Wirtschaft einigen&#13;
1&#13;
&#13;
�Arbeitnehmern unweigerlich Kosten auf. Daten von 1981 bis 1993 legen&#13;
beispielsweise den Schluß nahe, daß diejenigen, die ihre Stelle verloren, eher&#13;
auf Dauer (statt vorübergehend) entlassen wurden, daß ältere Arbeitnehmer&#13;
ein größeres Risiko der Entlassung hatten und der durchschnittliche Verlust&#13;
des Reallohns aufgrund von Entlassung beträchtlich und andauernd war. Um&#13;
alle Vorteile einer dynamischen Wirtschaft zu erlangen, müssen wir diese&#13;
Angleichungskosten verringern.&#13;
&#13;
Einleitung&#13;
Das Beschäftigungswachstum in den Vereinigten Staaten war seit Januar 1993 solide,&#13;
wobei die Beschäftigungsrate im nichtlandwirtschaftlichen Bereich um 8,5 Millionen&#13;
zunahm.&#13;
Anhand vergleichbarer Daten war das Beschäftigungswachstum in den&#13;
Vereinigten Staaten stärker als bei allen anderen unserer G-7-Partner. Der Hauptzweck dieser Studie besteht darin, das Material zu sichten, um ein detaillierteres Bild&#13;
zu entwickeln, wo das Beschäftigungswachstum stattfindet und welcher Art die neugeschaffenen Arbeitsplätze sind.&#13;
Die Nachrichten sind ermutigend: Die Beschäftigung bei den Industriezweigen/Berufsgruppen mit überdurchschnittlich hohen Löhnen und Gehältern ist unverhältnismäßig gestiegen. Selbst in der traditionell niedriger bezahlten Dienstleistungsindustrie war die Mehrheit des Nettozuwachses an Arbeitsplätzen bei leitenden Positionen und solchen mit einem speziellen beruflichen Anforderungsprofil zu&#13;
verzeichnen, die normalerweise überdurchschnittlich bezahlt werden. Im Gegensatz&#13;
zur herkömmlichen Überzeugung sind die neuen Arbeitsplätze nicht unverhältnismäßig viele Teilzeitstellen, die geringe berufliche Qualifikation erfordern.&#13;
Der zweite Zweck dieser Studie ist die Prüfung der Entlassungen. Obwohl die Volkswirtschaft einen Nettozuwachs von Millionen neuer Arbeitsplätze bewirkt, ist es offenkundig, daß die Geschwindigkeit der Umgestaltung auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt viele Amerikaner besorgt über ihre wirtschaftliche Zukunft macht. Ein dynamischer und wachsender Arbeitsmarkt kann sowohl Kosten auferlegen als auch&#13;
Chancen bieten, und Maßnahmen für Arbeitnehmer zur Bewältigung eines Arbeitsplatzwechsels sind entscheidend zur Reduzierung dieser Angleichungskosten.&#13;
&#13;
Schaffung von Arbeitsplätzen&#13;
Einer Betriebserhebung des Bundesamts für Arbeitsstatistik zufolge nahm die Zahl der&#13;
nicht in der Landwirtschaft Beschäftigten zwischen Januar 1993 und März 1996 um&#13;
8,5 Millionen (7,8 Prozent) zu. Im Privatsektor stieg die Zahl der Beschäftigten (um&#13;
8,7 Prozent) noch schneller, wohingegen die Zahl der Bundesbediensteten (mit&#13;
Ausnahme des Postdienstes) tatsächlich um 11,4 Prozent abnahm und die der bei&#13;
2&#13;
&#13;
�bundesstaatlichen und kommunalen Regierungen Tätigen zusammengenommen um&#13;
nur 5 Prozent (siehe Abbildung 1) stieg. Der Anteil des öffentlichen Dienstes an der&#13;
Beschäftigung nimmt daher ab.&#13;
Die Arbeitslosenquote fiel von über 7 Prozent im Januar 1993 auf 5,6 Prozent im März&#13;
1996 und lag 19 aufeinanderfolgende Monate unter 6 Prozent. Angesichts der aktuellen demographischen Trends prognostiziert das Bundesamt für Arbeitsstatistik, daß&#13;
die Erwerbsbevölkerung zwischen 1994 und dem Jahr 2005 jährlich um rund 1,1&#13;
Prozent zunimmt. Um die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten, muß die Volkswirtschaft&#13;
daher durchschnittlich einen Nettozuwachs von ungefähr 120.000 neuen Arbeitsplätzen pro Monat verzeichnen. Die Beschäftigung expandiert jetzt in einer Geschwindigkeit, die im Einklang mit stetigem, tragfähigem Wachstum und niedrigen&#13;
Arbeitslosenquoten steht.&#13;
Figure 1&#13;
Private Sector and Government Employment Growth&#13;
January 1993 - March 1996&#13;
State &amp; Local&#13;
&#13;
Private Sector&#13;
&#13;
Federal&#13;
&#13;
Government&#13;
&#13;
Note: Federal employment excludes the postal Service.&#13;
Based on data from the Bureau of Labor Statistics, establishment survey.&#13;
&#13;
Internationaler Vergleich. Die Vereinigten Staaten konnten einen schnelleren&#13;
Beschäftigungszuwachs verzeichnen als alle anderen G-7-Nationen. Nur Kanada&#13;
beobachtete eine beträchtliche Zunahme der Beschäftigung, während die anderen G7-Mitglieder unerhebliche Zuwächse an Arbeitsplätzen oder eine tatsächliche Abnahme hatten. Die Leistung des amerikanischen Arbeitsmarkts ist besonders beeindruckend aufgrund der Tatsache, daß sie in einer Periode stattfand, in der das Defizit&#13;
des Bundeshaushalts von 4,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Haushaltsjahr&#13;
1992 auf schätzungsweise 1,9 Prozent im Haushaltsjahr 1996 reduziert wurde.&#13;
&#13;
3&#13;
&#13;
�Die Qualität der Arbeitsplätze&#13;
Daten der laufenden Bevölkerungserhebung zufolge fanden 38 Prozent des Nettozuwachses bei der Beschäftigung zwischen Februar 1994 und Februar 1996 in den&#13;
"Dienstleistungsindustrien" statt.1 Dieser Abschnitt befaßt sich daher zunächst mit der&#13;
Qualität der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor. Dann wird eine detailliertere&#13;
Analyse aller Sektoren der Wirtschaft vorgenommen.&#13;
Höher bezahlte Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor. Der "Dienstleistungssektor" ist sehr vielfältig. Dazu zählen viele schlecht bezahlte Positionen, aber auch&#13;
zahlreiche hochbezahlte bei Finanzdienstleistungen, Kliniken sowie Computer- und&#13;
Buchhaltungsdiensten. Aus diesem Grund ist es wichtig festzustellen, ob der Beschäftigungszuwachs innerhalb der Dienstleistungen vornehmlich in den hohe Qualifikationen erfordernden leitenden Positionen und bei Berufen mit einem speziellen Anforderungsprofil oder bei schlecht bezahlten Arbeitsplätzen stattfand. Die laufende&#13;
Bevölkerungserhebung bietet Fakten bezüglich des Beschäftigungszuwachses je nach&#13;
Beruf.&#13;
Die Daten belegen, daß der jüngste Nettozuwachs bei der Beschäftigung im&#13;
Dienstleistungssektor vorwiegend in leitenden Positionen oder solchen mit&#13;
einem speziellen beruflichen Anforderungsprofil stattfand (Abbildung 2).&#13;
Hierbei handelt es sich um relativ gutbezahlte Arbeitsplätze.&#13;
&#13;
Figure 2&#13;
Service Industry Occupations&#13;
February 1994 - February 1996&#13;
co 1000&#13;
w&#13;
_°&#13;
&#13;
800&#13;
&#13;
Higher Wage Occupations&#13;
Based on data from the Bureau of Labor Stalistics, Current Population Survey.&#13;
&#13;
4&#13;
&#13;
�Die herkömmliche Überzeugung, der Beschäftigungszuwachs im Dienstleistungssektor&#13;
sei unverhältnismäßig in schlecht bezahlten Arbeitsplatzkategorien konzentriert, ist&#13;
daher falsch.&#13;
Zuwachs bei höher bezahlten Arbeitsplätzen nach Industriezweig und Berufsgruppe. Ein noch detaillierteres Bild der Art der neugeschaffenen Arbeitsplätze bietet&#13;
eine nach Industriezweig und Berufsgruppe aufgeschlüsselte Untersuchung. Anhand&#13;
von Daten der laufenden Bevölkerungserhebung von Februar 1994 bis Februar 1996&#13;
ordneten wir die Ganztagsstellen 45 bestimmten Berufsgruppen in 22 großen Industriezweigen zu. 25 Prozent der Befragten gaben an, daß sie neben ihrer Beschäftigung in den angegebenen Industriezweigen und Berufsgruppen noch zusätzliche&#13;
Einnahmen hatten. Obwohl viele der Felder für 990 Industriezweige/Berufsgruppen&#13;
ziemlich klein waren, fanden sich nur 6 Prozent der Untersuchten in Feldern mit 10&#13;
oder weniger Befragten wieder, die für beide Erhebungen Daten über ihre Einkünfte&#13;
angaben. Um die mit einer unzureichenden Zahl von Befragten einhergehende große&#13;
Schwankungsbreite der Erhebung zu vermeiden, strichen wir die kleinen Felder aus&#13;
unserer Analyse. Nach Streichung der Felder mit 10 oder weniger Befragten blieben&#13;
287 Berufsgruppen jährlich übrig.2&#13;
Der erste Schritt bei unserer Analyse bestand darin, die 287 Industriezweige/Berufsgruppen nach dem durchschnittlichen Wocheneinkommen der Vollzeitbeschäftigten zu ordnen. Ungefähr die Hälfte aller Vollzeitbeschäftigten im Februar&#13;
1994 befand sich in Feldern mit einem wöchentlichen Einkommen von durchschnittlich&#13;
480 Dollar (Dollarstand von Februar 1996). Das Beschäftigungswachstum bei diesen&#13;
hochbezahlten Arbeitsplatzkategorien kann dann mit dem Gesamtbeschäftigungswachstum verglichen werden. Unsere wichtigste Bemessungsgrundlage für die&#13;
Arbeitsplatzqualität ist der Prozentsatz des gesamten Beschäftigungswachstums&#13;
innerhalb der Industriezweige/Berufsgruppen mit überdurchschnittlichen Löhnen und&#13;
Gehältern im Februar 1994. Die Ergebnisse waren bemerkenswert.&#13;
Zwei Drittel (68 Prozent) des Nettozuwachses bei der Vollzeitbeschäftigung&#13;
zwischen Februar 1994 und Februar 1996 fand bei Arbeitsplätzen mit überdurchschnittlichen Löhnen und Gehältern statt.3&#13;
Eine andere Art und Weise, die Ergebnisse unserer nach Industriezweig/Berufsgruppe&#13;
aufgeschlüsselten Analyse zusammenzufassen, ist in Abbildung 3 zu sehen. Wir&#13;
ordneten 287 Industriezweige/Berufsgruppen nach dem durchschnittlichen Wochenlohn der Vollzeitbeschäftigten und sortierten sie dann entsprechend ihrem Einkommen&#13;
in 10 Gruppen ein - jede mit 10 Prozent der Beschäftigten im Februar 1994. Hätten&#13;
alle 10 Gruppen proportional zu ihrem Anteil an der Beschäftigung im Februar 1994&#13;
zugenommen, wäre auf jede 10 Prozent des Nettozuwachses an neuen Arbeitsplätzen&#13;
entfallen. Die obersten drei Zehntel entsprachen nicht nur ihrem proportionalen Anteil&#13;
am gesamten Beschäftigungswachstum (30 Prozent), sondern lagen weit darüber&#13;
(über 50 Prozent).&#13;
&#13;
5&#13;
&#13;
�Mehr als die Hälfte (52 Prozent) des Beschäftigungszuwachses fand in den&#13;
obersten 30 Prozent der Arbeitsplatzkategorien statt.&#13;
&#13;
Figure 3&#13;
Shares of Net Employment Growth&#13;
February 1994 - February 1996&#13;
Higher paying job categories&#13;
68 percent of growth ^ -&#13;
&#13;
Lower paying job categories&#13;
32 percent of growth&#13;
Council of Economic Advisers analysis of Bureau of Labor Statistics data.&#13;
&#13;
Detailliertere Daten über Beschäftigung. Das Bundesamt für Arbeitsstatistik gibt&#13;
auch eine jährliche Veröffentlichung über Löhne und Gehälter sowie Beschäftigungswachstum für eine äußerst detaillierte Reihe von Beschäftigungskategorien auf der&#13;
Grundlage von Ergebnissen der Bevölkerungserhebung eines Jahres heraus. Die&#13;
Erhebung umfaßte 488 Kategorien mit Daten für 1994 und 1995 (die jährlichen Schätzungen für 1996 stehen erst nächstes Jahr zur Verfügung). Die Ergebnisse dieser&#13;
Datensammlung sind eine Erhärtung der obengenannten Erkenntnisse. Zu den&#13;
Kategorien mit den größten Zuwächsen bei der Beschäftigung zählen "Verkauf und&#13;
Inhaberschaft", "Elektriker", "leitende Positionen bei Marketing und Werbung" sowie&#13;
"Elektroingenieurwesen". Im Einklang mit den obengenannten Überlegungen entfielen&#13;
auf die einzelnen Berufsgruppen in der oberen Hälfte der Einkommenspyramide 70&#13;
Prozent des Nettozuwachses an Beschäftigung, während die obersten 10 Prozent ein&#13;
Drittel des Nettozuwachses an Arbeitsplätzen hervorbrachten.&#13;
&#13;
6&#13;
&#13;
�Die Beschäftigung in den "Hamburger-Flipping-Jobs"4 sank zwischen 1994 und&#13;
1995.&#13;
Insgesamt geben die Daten folgende Hinweise auf die Art des jüngsten Beschäftigungswachstums:&#13;
Zwei Drittel der zwischen Februar 1994 und Februar 1996 geschaffenen Ganztagsstellen entfallen auf Beschäftigungskategorien/Industriezweige mit überdurchschnittlichen Löhnen und Gehältern.&#13;
Mehr als die Hälfte der zwischen Februar 1994 und Februar 1996 geschaffenen&#13;
Ganztagsstellen fallen in Beschäftigungskategorien/Industriezweige mit noch&#13;
höheren Löhnen und Gehältern (die obersten 30 Prozent).&#13;
&#13;
Die neugeschaffenen Arbeitsplätze sind großenteils Ganztagsstellen. Daten aus&#13;
der laufenden Bevölkerungserhebung und der Betriebserhebung des Bundesamts für&#13;
Arbeitsstatistik legen den Schluß nahe, daß der überwiegende Teil des Nettozuwachses an neuen Arbeitsplätzen Ganztagsstellen sind. Die laufende Bevölkerungserhebung enthält auch Daten über Teilzeitstellen. Abbildung 4 zeigt den Anteil der&#13;
Beschäftigten, die als Grund für ihre Teilzeitbeschäftigung sowohl "wirtschaftliche" als&#13;
auch "nichtwirtschaftliche" Gründe angeben. Trotz einer Verlagerung bei beiden&#13;
Kurven aufgrund der Umgestaltung der Erhebung im Januar 1994 ist der Anteil der&#13;
Teilzeitbeschäftigten tatsächlich leicht gesunken. Der Rückgang war bei denjenigen,&#13;
die aus "wirtschaftlichen" Gründen teilzeitbeschäftigt sind - die oft als "unfreiwillig&#13;
Unterbeschäftigte" bezeichnet werden - sogar noch größer.&#13;
Die Daten der Betriebserhebung erhärten indirekt die Schlußfolgerungen der Haushaltserhebung. Wenn der Nettozuwachs an neuen Arbeitsplätzen in unverhältnismäßig starkem Maße aus Teilzeitstellen bestünde, würden wir ein Absinken der&#13;
durchschnittlichen Arbeitszeit pro Stelle erwarten.5 Die Beschäftigungsdaten zeigen&#13;
jedoch, daß die durchschnittliche Arbeitszeit aller Stellen (einschließlich der neugeschaffenen) ungefähr konstant blieb: Die Anzahl der nicht im landwirtschaftlichen&#13;
Sektor Beschäftigten und die Gesamtzahl der Arbeitsstunden steigen in den letzten&#13;
drei Jahren beide ungefähr in gleichem Maße an (siehe Tabelle). Dies weist darauf&#13;
hin, daß die neuen Arbeitsplätze nicht in unverhältnismäßig hohem Maße Teilzeitstellen waren.&#13;
In Haushalten und Unternehmen erhobene Daten belegen, daß der Großteil&#13;
des in den letzten drei Jahren erfolgten Nettozuwachses an Arbeitsplätzen&#13;
Ganztagsstellen waren.&#13;
&#13;
7&#13;
&#13;
�Figure 4&#13;
Part-Time Workers&#13;
16&#13;
14 -&#13;
&#13;
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|&#13;
&#13;
12&#13;
&#13;
Non-Economic Reasons&#13;
&#13;
Q-10&#13;
&#13;
CPS redesign&#13;
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&#13;
LU&#13;
&#13;
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&#13;
Economic Reasons&#13;
&#13;
6&#13;
&#13;
Q4&#13;
&#13;
— • • •&#13;
&#13;
v&#13;
&#13;
Jan.1990 Jan.1991 Jan.1992Jan.1993Jan.1994Jan.1995 Jan.1996&#13;
Based on data from the Bureau of Labor Statistics, Current Population Survey.&#13;
&#13;
Beschäftigung und Arbeitsstunden außerhalb des landwirtschaftlichen Sektors&#13;
Januar&#13;
&#13;
1993&#13;
&#13;
März&#13;
1996&#13;
&#13;
Prozent&#13;
Veränderung&#13;
&#13;
Beschäftigung (Millionen)&#13;
&#13;
109,5&#13;
&#13;
118,0&#13;
&#13;
7,8&#13;
&#13;
Arbeitsstunden (jährlich, Milliarden)&#13;
&#13;
202,2&#13;
&#13;
217,8&#13;
&#13;
7,7&#13;
&#13;
Quelle: Bundesamt für Arbeitsstatistik&#13;
&#13;
Wenig Veränderung bei Mehrfachbeschäftigung. Manche Amerikaner haben mehr&#13;
als eine Stelle, um für ein Haus sparen oder unerwartete Ausgaben finanzieren zu&#13;
können. Eine Mehrfachbeschäftigung gibt jedoch Anlaß zur Besorgnis hinsichtlich der&#13;
Qualität der Arbeitsplätze, wenn immer mehr Amerikaner zwei oder drei Stellen haben&#13;
müssen, um mit ihren Einkünften auszukommen. Ein frustrierter Arbeitnehmer soll auf&#13;
die Nachricht, daß 8,5 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, mit der&#13;
Äußerung reagiert haben: "Ja, und ich habe drei davon." Die Daten zeigen jedoch&#13;
keine nennenswerte Bewegung im Bereich der Mehrfachbeschäftigung. Der Anteil&#13;
derjenigen, die mehrere Stellen haben, liegt seit den späten achtziger Jahren bei&#13;
ungefähr 6 Prozent.&#13;
8&#13;
&#13;
�Auswirkungen auf Löhne und Gehälter sowie Einkommensgefälle. Zwischen den&#13;
siebziger und den frühen neunziger Jahren verlangsamte sich das durchschnittliche&#13;
Wachstum der Reallöhne, und das Einkommensgefälle wurde größer. In den letzten&#13;
Jahren gab es jedoch einige ermutigende Anzeichen, daß sich bei diesen Herausforderungen des Arbeitsmarktes das Blatt wendet. 1994 - das letzte Jahr, für das&#13;
Daten vorliegen - stieg das durchschnittliche Familieneinkommen, und zum ersten Mal&#13;
seit fünf Jahren sank die Armutsgrenze. Eine verbesserte Arbeitsplatzqualität kann&#13;
diese jüngsten Errungenschaften stärker zur Geltung bringen, auch wenn die Auswirkungen erst nach längerer Zeit erkennbar sein werden. Wie bereits erwähnt, fand&#13;
der jüngste Nettozuwachs an Arbeitsplätzen bei Berufen und in Industriezweigen statt,&#13;
die normalerweise überdurchschnittlich hohe Löhne und Gehälter zahlen. Die Vergrößerung der Beschäftigtenzahl hatte jedoch nur geringfügige Auswirkungen auf die&#13;
gesamten Lohn- und Gehaltsdaten, da der Nettozuwachs bei der Beschäftigung&#13;
lediglich einen relativ kleinen Prozentsatz der Gesamtbeschäftigung des Arbeitskräftepotentials der Vereinigten Staaten ausmacht. Dennoch sind die Nachrichten&#13;
über die Qualität des Nettozuwachses an Arbeitsplätzen ermutigend und versprechen&#13;
Gutes für die Zukunft. Obwohl noch viel zu tun bleibt, zeigen die neuesten Trends,&#13;
daß sich der Arbeitsmarkt auf dem richtigen Weg befindet.&#13;
&#13;
Die Herausforderungen eines dynamischen Arbeitsmarkts&#13;
Ein dynamischer, gesunder Arbeitsmarkt schafft genug Arbeitsplätze für eine&#13;
wachsende Erwerbsbevölkerung. Gleichzeitig verlagern sich jedoch in einer dynamischen Volkswirtschaft fortwährend Arbeitsplätze von bestimmten Bereichen auf&#13;
andere mit mehr Wachstumschancen. (Beispielsweise wurde der Abbau der Stellen&#13;
für Bundesbedienstete durch den Beschäftigungsanstieg im Privatsektor mehr als&#13;
ausgeglichen.) Inzwischen führen von der Federal Reserve Bank of San Francisco&#13;
veröffentlichte Untersuchungen Robert Vallettas zu der Schlußfolgerung, daß&#13;
- konjunkturell bereinigt - der Prozentsatz der auf dauerhafte (statt vorübergehende)&#13;
Entlassungen zurückzuführenden Arbeitslosigkeit gestiegen ist - insbesondere zwischen 1980 und 1993. Ein höherer Anteil Arbeitslose kann daher keine erneute&#13;
Einstellung bei ihrem alten Arbeitgeber erwarten. Infolge dieser Veränderungen auf&#13;
dem Arbeitsmarkt fühlen sich viele Arbeitnehmer im Hinblick auf ihre Beschäftigungsaussichten weniger sicher.&#13;
Obwohl die Besorgnis vieler Arbeitnehmer real und bedeutend ist, muß man sich auch&#13;
objektiv mit den Fakten befassen. Nicht alle Quellen zeigen verstärkte wirtschaftliche&#13;
Besorgnis. Beispielsweise lagen die statistischen Erhebungen des Michigan and&#13;
Conference Board über Verbrauchermeinungen kürzlich über ihrem historischen&#13;
Durchschnitt. Die im Rahmen dieser Erhebung Befragten erachten die Beschäftigungsaussichten offensichtlich nicht als schlecht. Dennoch deutet eine erhebliche&#13;
Zahl von Aussagen darauf hin, daß viele Amerikaner sich wegen einer möglichen&#13;
Entlassung Sorgen machen - einige sogar große Sorgen. Um auf diese Besorgnis&#13;
optimal reagieren zu können, benötigen wir eine präzisere Einschätzung der Natur des&#13;
Entlassungsproblems. Ist die Zahl der Entlassungen tatsächlich angestiegen?&#13;
9&#13;
&#13;
�Betreffen sie eine andere Kategorie von Menschen als vor zehn Jahren?&#13;
Abschnitt des Berichts befaßt sich mit solchen Fragen.&#13;
&#13;
Dieser&#13;
&#13;
Fakten aus einer Erhebung über Entlassungen. Das Bundesamt für Arbeitsstatistik&#13;
erstellt alle zwei Jahre eine Erhebung über entlassene Arbeitnehmer, wobei die&#13;
neuesten Daten vom Februar 1994 stammen. Die nachfolgende Tabelle faßt die&#13;
Entlassungsraten (definiert als Zahl der entlassenen Arbeitnehmer pro 100 Beschäftigte) für die Zeiträume 1981-82 und 1991-92 zusammen.&#13;
Der prozentuale Anteil der Entlassenen an der Erwerbsbevölkerung war 1991-92&#13;
ungefähr so groß wie 1981-82, obwohl die Rezession Anfang der achtziger Jahre&#13;
weitaus gravierender war als die zu Beginn der neunziger Jahre. Es ist jedoch&#13;
schwierig genau festzulegen, wie sich der Konjunkturzyklus auf die Entlassungsquote&#13;
auswirkt. Ein Vergleich der Entlassungsquoten insgesamt verschleiert auch den&#13;
grundlegenden Wandel bei der Häufigkeit der Entlassungen. Die Tabelle zeigt, daß&#13;
ältere Büroangestellte 1991-92 viel entlassungsgefährdeter waren als während der&#13;
vorherigen Rezession. Und weitere Analysen belegen, daß die Entlassungsquote bei&#13;
besser ausgebildeten Arbeitnehmern gestiegen ist. Diese Veränderungen bei der&#13;
Häufigkeit von Entlassungen mögen ein Grund für die Berichte über zunehmende&#13;
Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes sein. Obwohl die Wahrscheinlichkeit einer&#13;
Entlassung bei Arbeitern und schlechter ausgebildeten Arbeitnehmern größer ist, stieg&#13;
die Entlassungsquote eindeutig bei den Arbeitnehmern an, die vorher großenteils&#13;
immun gegen die Gefahr eines Arbeitsplatzverlusts waren.&#13;
Die Entlassungsquoten für ältere und besser ausgebildete Arbeitnehmer, die sich&#13;
großenteils nicht mit einem solchen Risiko auseinandergesetzt hatten, stiegen&#13;
zwischen 1981-82 und 1991-92.&#13;
&#13;
Veränderte Häufigkeit von Entlassungen&#13;
Entlassungsquoten*&#13;
&#13;
Gesamt&#13;
Beruf&#13;
Bürotätigkeit&#13;
Fabrikarbeit&#13;
Alter&#13;
25-34 Jahre&#13;
35-44 Jahre&#13;
45-54 Jahre&#13;
55+&#13;
&#13;
1981-82&#13;
3,9&#13;
&#13;
1991-92&#13;
3,8&#13;
&#13;
2,6&#13;
7,3&#13;
&#13;
3,6&#13;
5,2&#13;
&#13;
5,0&#13;
3,8&#13;
3,0&#13;
3J5&#13;
&#13;
3,8&#13;
3,9&#13;
3,8&#13;
4,3&#13;
&#13;
Als Prozentsatz der Arbeitnehmer, die drei oder mehr Jahre in ihrer derzeitigen Stelle beschäftigt&#13;
sind. Quelle: Bundesamt für Arbeitsstatistik&#13;
&#13;
10&#13;
&#13;
�Indikatoren für Entlassungen neueren Datums. Wie bereits erwähnt, wird die&#13;
Erhebung über Entlassungen alle zwei Jahre durchgeführt, wobei die jüngsten Daten&#13;
vom Februar 1994 stammen und sich auf den Zeitraum 1991-93 erstrecken. Bedauerlicherweise stehen die offiziellen Entlassungszahlen für die Zeit nach 1993 noch nicht&#13;
zur Verfügung.6 (Die Ergebnisse der im Februar durchgeführten Erhebung über&#13;
Entlassungen 1996 sollten Ende des Sommers vorliegen.) Bis die offiziellen Entlassungszahlen zur Verfügung stehen, kann man mit Hilfe anderer Statistiken Hinweise&#13;
auf den Wandel des Arbeitsmarktes seit 1993 erhalten.&#13;
Ein Indikator sind die Daten über diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.&#13;
Abbildung 5 zeigt die Arbeitsplatzverlustrate, definiert als Prozentsatz derjenigen, die&#13;
vor kurzem ihren Arbeitsplatz verloren haben - die aufgrund eines Arbeitsplatzverlusts&#13;
Arbeitlosen (im Gegensatz zu denjenigen, die ihren Arbeitsplatz aufgegeben haben&#13;
oder zu den Neuzugängen auf dem Arbeitsmarkt), die weniger als fünf Wochen&#13;
Unbeschäftigten sowie die nicht vorübergehend Entlassenen - an der Gesamtbeschäftigtenzahl gemäß der laufenden Bevölkerungserhebung. Diese Arbeitsplatzverlustrate&#13;
entspricht annähernd dem netto-"Abgleiten" in die Arbeitslosigkeit aufgrund eines&#13;
Verlusts des Arbeitsplatzes, da sie nur diejenigen erfaßt, die vor kurzem ihren Arbeitsplatz verloren haben. Abbildung 5 zeigt, daß die Arbeitsplatzverlustrate seit 1992 fällt.&#13;
&#13;
Figure 5&#13;
New Job Losers&#13;
1.2 |&#13;
Unemployed new job losers&#13;
&#13;
1&#13;
&#13;
1&#13;
&#13;
excluding temporary layoffs&#13;
&#13;
"&#13;
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I&#13;
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l&#13;
&#13;
I&#13;
&#13;
I&#13;
&#13;
I&#13;
&#13;
I&#13;
&#13;
I&#13;
&#13;
U&#13;
&#13;
1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995&#13;
Based on data from the Bureau of Labor Statistics, Current Population Survey.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Offizielle Daten über Entlassungen nach 1993 sind noch nicht erhältlich. Aufgrund der Zahlen für diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, ist die&#13;
Arbeitsplatzverlustrate seitdem jedoch gefallen.&#13;
&#13;
11&#13;
&#13;
�Die Kosten der Entlassungen. Die Erhebung über entlassene Arbeitnehmer liefert&#13;
Informationen über die Auswirkungen des Arbeitsplatzverlusts auf Arbeitnehmer. Die&#13;
Ergebnisse sind ernüchternd. Einer Analyse des Bundesamts für Arbeitsstatistik&#13;
zufolge hatte ungefähr ein Viertel der zwischen 1991 und 1992 Entlassenen entweder&#13;
die Stellensuche eingestellt oder bis zum Zeitpunkt ihrer Befragung im Februar 1994&#13;
noch keine Arbeit gefunden. Und obwohl die Erfahrungen sehr unterschiedlich waren,&#13;
deutet die von Henry Farber von der Princeton University durchgeführte Untersuchung&#13;
darauf hin, daß der reale Einkommensverlust für aus einer Ganztagsstelle Entlassene&#13;
und wieder auf einer Ganztagsstelle Beschäftigte Anfang der achtziger und neunziger&#13;
Jahre im Durchschnitt bei 10 Prozent lag. Laut einer Studie von Ann Huff Stevens von&#13;
der Rutgers University sowie des Nationalen Büros für Wirtschaftsforschung sind&#13;
Einkommensverluste als Folge von Entlassungen ein dauerhaftes Phänomen. Sechs&#13;
oder mehr Jahre nach der Entlassung liegen die Einkünfte eines entlassenen Arbeitnehmers ungefähr 10 Prozent unter dem, was er sonst hätte verdienen können.&#13;
In einer Marktwirtschaft, die sich auf nationaler und internationaler Ebene wachsendem Wettbewerbsdruck ausgesetzt sieht, ist ein gewisses Maß an Entlassungen&#13;
unvermeidlich. Die Technologie ist ständigem Wandel unterworfen. Neue Unternehmen werden gegründet, einige alte schrumpfen oder schließen. Da der Wandel für&#13;
die Arbeitnehmer teuer weden kann, müssen Maßnahmen zur Unterstützung der&#13;
Arbeitnehmer bei der Bewältigung dieses Wandels ergriffen werden. Die Mitnahme&#13;
von Renten- und Krankenversicherungsansprüchen, effektive Wiederbeschäftigungshilfe, angemessene Arbeitslosenversicherung sowie Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen können allesamt zur Senkung der zwischen zwei Arbeitsstellen anfallenden&#13;
Angleichungskosten beitragen. Zusätzlich ist wichtig, daß es keine unnötigen Entlassungen gibt. Ein stabiles makroökonomisches Umfeld mit Vollbeschäftigung wird die&#13;
Notwendigkeit vorübergehender Entlassungen auf ein Minimum reduzieren und die&#13;
Chance für eine schnelle Wiederbeschäftigung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz&#13;
verloren haben, vergrößern.&#13;
Der Verlust des Arbeitsplatzes ist teuer. Wenn amerikanische Arbeitnehmer mit&#13;
dem Verlust ihres Arbeitsplatzes konfrontiert werden, müssen sie über die erforderlichen Mittel verfügen, schnell eine neue Stelle zu finden.&#13;
&#13;
Schlußbemerkung&#13;
Der Arbeitsmarkt befindet sich in einem starken Aufschwung, in dem seit Januar 1993&#13;
8,5 Millionen Arbeitsplätze geschaffen wurden. Nachdem wir die letzte Rezession&#13;
überwunden haben und uns auf stetige, nachhaltige Weise entwickeln, wächst die&#13;
Beschäftigung in den Arbeitsplatzkategorien am schnellsten, die die am besten&#13;
bezahlten Stellen anbieten. Unsere Analyse belegt, daß mehr als zwei Drittel des&#13;
jüngsten Beschäftigungswachstums in Beschäftigungskategorien/Industriezweigen mit&#13;
überdurchschnittlichen Löhnen und Gehältern stattfand, daß die überwältigende&#13;
Mehrheit neugeschaffener Arbeitsplätze Ganztagsstellen sind und der Anteil der&#13;
Arbeitnehmer, die mehrere Stellen haben, seit Ende der achtziger Jahre mehr oder&#13;
&#13;
12&#13;
&#13;
�weniger konstant geblieben ist. Ein dynamischer Arbeitsmarkt baut jedoch unweigerlich einige Arbeitsplätze ab und schafft andere neu. Die Kosten eines Arbeitsplatzverlusts sind beträchtlich und dauerhaft. Um die Vorteile einer dynamischen Volkswirtschaft umfassend genießen zu können, müssen wir diese Angleichungskosten&#13;
senken.&#13;
&#13;
Fußnoten&#13;
1.&#13;
&#13;
Eine umfassende Umstrukturierung der Erhebung im Januar 1994 erschwert langfristige&#13;
Vergleiche. Da die Daten der Haushaltserhebungen häufig nicht saisonbereinigt sind,&#13;
versuchen wir darüber hinaus denselben Monat in verschiedenen Jahren zu vergleichen.&#13;
Der hier vorliegende repräsentative Zeitraum ist daher Februar 1994 bis Februar 1996.&#13;
&#13;
2.&#13;
&#13;
Die verbleibenden Felder für Industriezweige/Berufsgruppen umfaßten 331 Befragte und&#13;
enthielten Einkommensdaten für 70 Stichproben.&#13;
&#13;
3.&#13;
&#13;
Aufgrund der Schwankungsbreite bei den monatlichen Erhebungen könnten die präzisen&#13;
Zahlen von den Vergleichsmonaten beeinflußt werden. Ferner haben wir dieselbe&#13;
Vorgehensweise unter Einsatz von Stundenlöhnen und -gehältern für eine Kombination&#13;
von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten gewählt. Die Ergebnisse sind ähnlich.&#13;
&#13;
4.&#13;
&#13;
Diese werden definiert als Stellen in Imbißstuben, Getränkekiosken, in der Küche sowie&#13;
in verschiedenen Bereichen der Nahrungsmittelzubereitung. Die Ergebnisse gelten für&#13;
Vollzeitbeschäftigte und andere Arbeitnehmer (Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung&#13;
kombiniert).&#13;
&#13;
5.&#13;
&#13;
Hierbei ist Voraussetzung, daß sich die durchschnittliche Arbeitszeit bei bestehenden&#13;
Stellen nicht ändert. Bedauerlicherweise können wir anhand der existierenden Statistiken&#13;
nicht feststellen, ob diese Annahme zutreffend ist.&#13;
&#13;
6.&#13;
&#13;
Aufgrund früherer Erfahrungen liegt die Entlassungsquote&#13;
Erhebungsdaten für 1996 wahrscheinlich unter der für 1994.&#13;
&#13;
13&#13;
&#13;
für&#13;
&#13;
1993 in den&#13;
&#13;
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UND BESCHÄFTIGUNGSCHANCEN&#13;
Der Arbeitsmarkt der Vereinigten Staaten&#13;
1993-1996 </text>
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dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
12. Juni 1996

12

AUSSENPOLITIK

NATIONALE SICHERHEIT IM
21. JAHRHUNDERT
Rede von Anthony Lake

NATO

DIE DOPPELTE ERWEITERUNG DER NATO
von Senator Richard Lugar

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE AMERIKA HAUS FRANKFURT
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

SPORT

WARUM SPORT DAS SPIEL MACHT
von Wilfrid Sheed

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
12. Juni 1996

Nationale Sicherheit im 21. Jahrhundert
Rede von Anthony Lake

CHICAGO - (AD) - Nach Ansicht des Nationalen Sicherheitsberaters, Anthony Lake, schafft die ClintonAdministration die Grundlage für eine Welt nach dem Kalten Krieg, in der die amerikanischen Interessen
geschützt sind und es den Bürgern gut geht.
Nachfolgend veröffentlichen wir den unwesentlich gekürzten Text der Rede, die Lake am 24. Mai 1996 vor dem
Chicago Council on Foreign Relations hielt.

Gegen Ende der ersten Amtszeit der Clinton-Administration möchte ich über die wichtigsten außenpolitischen Herausforderungen sprechen, denen sich

Erstens die Bewältigung von Krisen, wenn sie auftreten. Sei es der Ausbruch von Gewalt in Liberia, der
Versuch zur Sicherung des Waffenstillstands im Nahen

Amerika in den kommenden Jahren gegenübersieht.

Osten oder die Reaktion auf eine Katastrophe wie das

Politiker mögen sich bei Wahlen verändern, aber die
Interessen der Vereinigten Staaten tun das nicht. Die
Art und Weise, wie diese Herausforderungen bewältigt
- oder ignoriert - werden, beeinflußt das Leben jedes
einzelnen Amerikaners und unsere Aussichten für das
kommende Jahrhundert.

Erdbeben von Kobe - der Umgang mit Krisen erfordert
schnelle, hochwertige Arbeit. Sein Erfolg - oder
Scheitern - sind leicht sichtbar und oftmals in den
Schlagzeilen zu finden.

Auf halbem Weg zwischen dem Ende des Kalten
Krieges und dem Anbruch eines neuen Jahrhunderts
lebt unsere Nation in Frieden. Unsere Wirtschaft ist
stark. Die Welle von Demokratie und Marktwirtschaft
breitet sich auf der ganzen Welt aus und beschert
mehr Menschen als je zuvor Freiheit und Wohlstand
und uns neue Chancen.
Diese vielversprechende neue Ära ist jedoch nicht frei
von Risiken. Alte Bedrohungen wie Aggression
verbrecherischer Staaten haben neue und gefährliche
Dimensionen angenommen. Eine Vielzahl moderner
Bedrohungen - von Terrorismus über Drogenhandel
bis zu vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen - machen vor Grenzen nicht halt und unterminieren unsere Sicherheit.
In dieser neuen Welt der Chancen - aber auch der
Gefahren - ist die globale Führungsrolle der Vereinigten Staaten wichtiger denn je. Um wirksam eine
Führungsrolle zu übernehmen, muß unsere Nation
zwei Dinge gleichzeitig erledigen.

AMERIKA DIENST 12

Sie wissen, daß derartige außenpolitische Herausforderungen nicht geordnet und zyklisch alle vier Jahre
auftreten. Jede Administration erbt Probleme, die sie
meistern muß. Bei uns war das nicht anders. Drei der
drängendsten waren die Repression in Haiti, der Krieg
in Bosnien und die Eindämmung des Irak. Da wir die
Diplomatie mit Macht untermauerten, gibt es in Haiti
keine Diktatoren mehr, der Strom verzweifelter Flüchtlinge ist versiegt und dieses Jahr fand die erste
demokratische Machtübergabe statt.
Das letzte
Mitglied der amerikanischen Friedenstruppe kam - wie
versprochen - rechtzeitig nach Hause zurück. Da wir
1994 unsere Truppen unverzüglich und entschlossen
an den Persischen Golf entsandten, zog der Irak seine
an der kuwaitischen Grenze massierten Truppen
wieder ab - und wir bewahrten Frieden und Stabilität in
der Region.
Da wir für den Frieden in Bosnien eintraten, wurde das
Gemetzel beendet. Amerikanische Truppen und ihre
Partner in der IFOR helfen dem bosnischen Volk, sich
den Freiraum zu schaffen, den es zum Aufbau des von
ihnen gewählten Friedens benötigt.

Seite 1

�Ich bin stolz darauf, daß unsere Administration bei der
weltweiten Reaktion auf diese Probleme eine führende
Rolle übernahm. Wichtig war jedoch ebenfalls, daß wir
beim Umgang mit diesen Notfällen auch die Projekte
weiterentwickelten, die über die momentäre Krise
hinausgehen und für die Gestaltung der ersehnten
Zukunft unerläßlich sind.
Das ist der zweite Aspekt der Führungsrolle: Zukünftige Probleme zu antizipieren, Investitionen zu tätigen,
die größeren Nutzen bringen oder größere Kosten in
der Zukunft verhindern sowie das Fundament für
Frieden und Wohlstand von morgen zu legen. Selbst
beim Umgang mit den tagtäglichen Ereignissen
müssen wir uns den wichtigsten Sicherheitsbelangen
widmen, die den Alltag der amerikanischen Bürger
beeinflussen.
Meines Erachtens schaffen wir die Grundlage für eine
Welt nach dem Kalten Krieg, in der unsere Interessen
geschützt sind und es unseren Bürgern gut geht. Wer
in den nächsten vier Jahren an der Spitze dieses
Landes steht, wird die Chance und die Pflicht haben,
auf dieser Grundlage aufzubauen.
Welche "Bauprojekte" stehen denn an? Eines ist die
Stärkung und Erweiterung unserer wichtigsten Bündnisse, während wir das Fundament für den Frieden im
21. Jahrhundert legen. Bei der Reise des Präsidenten
nach Asien letzten Monat unterzeichneten wir eine
neue Sicherheitscharta mit Japan. Gemeinsam mit
Südkorea starteten wir eine wichtige Initiative, die
hoffentlich zu einem dauerhaften Frieden zwischen
dem Norden und dem Süden führt und schließlich die
letzte verbleibende Grenze aus der Zeit des Kalten
Krieges beseitigt. Diese Errungenschaften sowie
unsere Bestrebungen, China in einen produktiven
Dialog einzubeziehen, zielen auf die Verwirklichung
der Vision des Präsidenten von einer friedlichen
asiatisch-pazifischen Gemeinschaft auf der Grundlage
gemeinsamer Bestrebungen und Vorteile ab.
Da unsere Asienpolitik derzeit Schlagzeilen macht,
möchte ich drei andere "Bauprojekte" ansprechen, die
für die nächsten vier Jahre geplant sind: Schaffung

eines ungeteilten, demokratischen Europas, Vorbereitung auf die militärischen Bedrohungen der
Zukunft sowie Aufbau eines neuen Welthandelssystems.
Schaffung eines ungeteilten Europas. Die Geschichte
lehrt uns, daß Amerika darunter leidet, wenn in Europa
Unruhe herrscht, und es Amerika gut geht, wenn
Europa in Frieden und Wohlstand lebt. Heute liegt
nach dem Ende des Kalten Krieges ein friedliches,
demokratisches und ungeteiltes Europa in Reichweite.
Wir haben hart an der Realisierung dieser Vision
gearbeitet, indem wir den europäischen Integrationsprozeß unterstützten.
Wir haben den Nationen

Seite 2

Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion bei
der Schaffung von Vorbedingungen für Demokratie
geholfen: faire Wahlen, freie Medien, eine unabhängige Justiz. Wir unterstützten sie beim Wiederaufbau
ihrer zerrütteten Volkswirtschaften.
Diese Bestrebungen zahlen sich aus. Viele Nationen
Zentraleuropas werden von Hilfsempfängern zu
Handelspartnern. Einige - wie Polen und die Tschechische Republik - zählen zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas. Amerika ist heute
der größte Privatinvestor in Rußland, und unser
gesamter Handel mit Rußland ist in den letzten drei
Jahren um 65 Prozent gewachsen. Verstärkter Handel
mit den neuen europäischen Demokratien und ihren
Millionen neuer Verbraucher sowie erhöhte Investitionen in diesen Ländern bedeuten mehr Arbeitsplätze
und höhere Löhne und Gehälter im eigenen Land.
Femer vertiefen wir unsere sicherheitspolitische
Zusammenarbeit mit allen, die unsere Werte und
unsere Vision vom Frieden teilen. Ein wesentlicher
Bestandteil dieses Prozesses ist die NATO-Erweiterung. Die NATO kann für Osteuropa das leisten, was
sie vor 50 Jahren für Westeuropa erreichte: Verhinderung erneuter örtlicher Rivalitäten, Stärkung von
Demokratie gegen zukünftige Bedrohungen, Schaffung
von Bedingungen für das Prosperieren schwacher
Marktwirtschaften.
Vor zwei Jahren legten die Vereinigten Staaten durch
die Gründung der Partnerschaft für den Frieden den
Grundstein für ein neues Europa. Von Rumänien am
Schwarzen Meer bis zu den Sümpfen von Louisiana
bauen PFF-Mitgliedstaaten und NATO-Verbündete
Brücken der Zusammenarbeit. Für einige Länder stellt
die Partnerschaft für den Frieden den Weg zur NATOMitgliedschaft dar, für andere ein aktives Bindeglied
zum Bündnis. Für alle repräsentiert sie eine wirkungsvolle Initiative zur Stärkung von Demokratie, Errichtung
ziviler Kontrolle des Militärs und Entwicklung zu
verantwortungsbewußten Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft.
Wir sehen bereits die Ergebnisse. Derzeit stehen in
Bosnien Soldaten aus mindestens 13 Mitgliedstaaten
der Partnerschaft für den Frieden Seite an Seite mit
NATO-Truppen. Einer dieser Partner - Ungarn - bietet
den Hauptbereitstellungsraum für den amerikanischen
Beitrag zur NATO-Truppe.
In den kommenden vier Jahren müssen wir diese
Errungenschaften für das 21. Jahrhundert konsolidieren. Das bedeutet eine Weiterentwicklung der NATOErweiterung auf dieselbe stetige und transparente
Weise wie seit Beginn. Das bedeutet, Forderungen
nach allzu schnellem Vorgehen zu widerstehen, die
unser Ziel unterminieren könnten, indem sie den
NATO-Konsens über die Aufnahme neuer Mitglieder
aufs Spiel setzen. Es bedeutet aber auch, daß die

AMERIKA DIENST 12

�Nationen, die einen Beitrag zur Stärkung des Bündnisses zu leisten bereit sind, nicht im ungewissen
gelassen werden dürfen. Ein Aufschub der Erweiterung würde die geschaffene Dynamik zerstören und
die neuen Demokratien entmutigen, die so hart für
Reformen gearbeitet haben. Wir werden solche
Verzögerungen nicht zulassen.
Im Zuge der Erweiterung müssen wir uns auch dafür
einsetzen, die Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland zu einer echten Partnerschaft zu entwickeln.
Unsere Teamarbeit in der Kontaktgruppe sowie unter
unseren Truppen in Bosnien hat gezeigt, daß eine
solche Partnerschaft sowohl möglich als auch produktiv ist. Sie ist der Vorläufer eines ungeteilten Europas,
das vor uns liegt, wenn wir alle über die Vision und
Entschlossenheit zu seiner Erlangung verfügen.
Die Vorbereitung auf die militärischen Bedrohungen
der Zukunft - unser zweites "Bauprojekt" - besteht in
der Vorbereitung auf die realen militärischen Bedrohungen im Zeitalter nach dem Kalten Krieg. Die
Konfrontation der Supermächte ist vorüber. Aber viele
bislang schwelende ethnische und religiöse Konflikte
sind ausgebrochen. Früher konnten verbrecherische
Staaten von denjenigen in Schranken gehalten
werden, die sie bewaffneten und unterstützten. Jetzt
ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, daß sie zur
Erlangung ihrer Ziele den Einsatz von Gewalt wagen.
Die Vereinigten Staaten nehmen diese Entwicklungen
ernst - und wir stärken unsere Verteidigungsfähigkeit
für eine Welt, die gefährlich bleibt. Tatsächlich gelingt
es uns wahrscheinlich besser, uns auf die Bedrohungen einer neuen Ära vorzubereiten als den Nachkriegsgenerationen vor uns. Sie werden sich erinnern,
daß fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg der Abzug
amerikanischer Truppen so weit fortgeschritten war,
daß wir fast von der koreanischen Halbinsel vertrieben
wurden. Fünf Jahre nach Vietnam gab der Stabschef
des Heeres bekannt, wir hätten eine "ausgehöhlte
Armee".
Jetzt, fünf Jahre nach dem Beginn des Abzugs nach
dem Kalten Krieg, hat das amerikanische Militär einen
außergewöhnlichen Transformationsprozeß durchlaufen. Unsere militärische Führungsrolle hat viel
zuwenig Anerkennung für einen der größten Verwaltungserfolge der Geschichte erhalten - den umfangreichen Personalabbau ohne Verlust von Moral
oder erforderlichen Kapazitäten. Ich besuchte heute
morgen das Marineausbildungszentraum im Gebiet der
Great Lakes und war sehr beeindruckt von der Moral
der Marinerekruten, die jetzt Seeleute werden.
Nach der grundlegenden Überprüfung unseres Militärs
- einer Analyse beispiellosen Umfangs - wurden
unsere Streitkräfte zur Bewältigung der Herausforderungen umstrukturiert, denen wir heute und
möglicherweise morgen begegnen. Die Einsatzbereit-

AMERIKA DIENST 12

schaft der Vereinigten Staaten war nie höher - und
unsere Streitkräfte sind für den Umgang mit potentiellen Krisen weltweit vorbereitet und ausgerüstet.
Unsere Strategie verlangt von unseren Streitkräften die
Abschreckung und den notfalls gleichzeitigen Kampf in
zwei großen regionalen Konflikten gleichzeitig. 1994,
als der Irak Kuwait bedrohte, die Spannungen in Korea
wuchsen und die Unruhen in Haiti außer Kontrolle
gerieten, stellten wir unter Beweis, daß unsere Streitkräfte der Aufgabe gewachsen waren - und noch mehr.
Die schnelle, professionelle Dislozierung unserer
Truppen schreckte mögliche Aggression im Nahen
Osten und Asien ab - und gab den Menschen in Haiti
die Chance für eine bessere Zukunft. Ferner führen
sie die Art von neuen Missionen für Frieden und
Freiheit durch, die unser Zeitalter fordert - wie wir in
Haiti, Ruanda und Bosnien gesehen haben.
Zur Wahrung der Überlegenheit unserer Truppen ging
die Clinton-Administration die unerschütterliche
Verpflichtung ein, unseren Soldaten die erforderlichen
Mittel zur Verfügung zu stellen. Aufgrund dieser
Verpflichtung nehmen wir unter veränderten Umständen Anpassungen vor und stellen Mittel bereit. In
den letzten zwei Jahren stockten wir den Militärhaushalt zur Deckung der Kosten unerwarteter Missionen
um nahezu vier Milliarden Dollar auf. Vor dem Hintergrund einer klaren Bestandsaufnahme dessen, was für
Einsatzbereitschaft und Modernisierung erforderlich ist,
entschied Präsident Clinton im Dezember 1994, die
Mittel für unseren langfristigen Verteidigungsplan im
Laufe von sechs Jahren um 25 Milliarden Dollar zu
erhöhen. Der Präsident hat mehrfach erklärt, daß die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten die am besten
ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und einsatzbereitesten der Welt sind - und wir werden die Mittel
bereitstellen, damit das auch in Zukunft so bleibt.
Ebenso wie sich die Administration für die Wahrung
unseres Vorsprungs im konventionellen Bereich
einsetzt, sind wir entschlossen, die Bedrohung für das
amerikanische Volk durch Massenvernichtungswaffen
zu verringern. Als der Eiserne Vorhang fiel, wurden
Chancen für die Schaffung einer Welt eröffnet, die vor
chemischen, biologischen und atomaren Waffen
sicherer ist.
Somit haben wir die ehrgeizigste Rüstungskontrollund Nichtverbreitungsagenda der Geschichte aufgestellt und halten uns daran.
Aufgrund unseres stetigen Engagements in Rußland
und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion sind keine russischen Raketen mehr auf
amerikanische Städte und Bürger gerichtet. START I
und START II - den die russische Duma hoffentlich
bald ratifiziert - sehen die Kürzung der Nuklearwaffenarsenale um zwei Drittel vor, die wir und die Sowjetunion auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges unterhielten. Ferner setzen wir uns für die Stärkung der

Seite 3

�Konvention über biologische Warfen ein und drängen
auf die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention. Wir
fordern den Senat auf, diesen lebenswichtigen Vertrag
unverzüglich anzunehmen.
Wir haben die unbegrenzte und bedingungslose
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags sichergestellt. Wir hoffen, daß noch in diesem Jahr ein
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot unterschrieben werden kann - und wir damit die Entstehung
der nächsten Generation von Nuklearwaffen verhindern. Und wir setzen uns dafür ein, daß alle Nationen
die Bestimmungen des Raketentechnologie-Kontrollregimes (Missile Technology Control Regime - MTCR)
befolgen.
Vor nicht allzulanger Zeit fand eine Debatte über den
Wert von Rüstungskontrollverträgen statt. In der Welt
nach dem Kalten Krieg ist die Antwort klar: Diese
Errungenschaften - das Ergebnis entschlossener
Diplomatie von Administrationen der Demokraten und
Republikaner gleichermaßen - sind real und haben die
Sicherheit des amerikanischen Volkes erhöht.
Aber durch Diplomatie allein erhalten wir keine echte
Sicherheit. Die Beibehaltung unserer Streitkräfte zur
Abschreckung - konventioneller und nuklearer - bleibt
der beste Weg, alle Staaten davon abzuhalten, uns mit
Massenvernichtungswaffen herauszufordern. Jeder
potentielle Feind muß wissen, daß unsere Reaktion auf
einen Angriff mit diesen Waffen absolut überwältigend
und vernichtend sein wird. Auf diese Weise haben wir
bereits 50 Jahre den Frieden gewahrt - und es ist
unsere beste Garantie für die nächsten 50 Jahre und
darüber hinaus.
Wir müssen jedoch auch auf die unwahrscheinliche
Möglichkeit vorbereitet sein, durch unsere militärische
Macht, Rüstungskontrollvereinbarungen und nukleare
Abschreckung nicht verhindern zu können, daß
verbrecherische Nationen einen Raketenangriff gegen
die Vereinigten Staaten oder unsere Streitkräfte
starten. Unsere Administration gibt jährlich 3 Milliarden
Dollar für die Entwicklung und Dislozierung von
Raketenabwehrsystemen aus. Unser Ansatz basiert,
wie der Präsident diese Woche bei der Coast Guard
Academy erklärte, "auf realen Bedrohungen und
pragmatischen Antworten". Er fußt auf der vernunftgemäßen Auffassung, daß wir uns über die Bedrohung
im klaren sein müssen, bevor wir eine Raketenverteidigung aufbauen.
Heute - und in den kommenden Jahren - besteht
unsere größte Bedrohung aus Angriffen mit Kurz- und
Mittelstreckenraketen gegen unsere Truppen oder
unsere Verbündeten. Und die am stärksten gefährdeten Regionen sind der Nahe Osten und Asien. Aus
diesem Grund haben wir die kriegsschauplatzgebundene Raketenabwehr zu unserer obersten Priorität
gemacht. Wir haben modernisierte Patriot-Raketen in

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Südkorea disloziert. Wir arbeiten mit Japan an der
Modernisierung seiner Abwehrsysteme.
Und wir
schlössen kürzlich ein Abkommen mit Taiwan, um dem
Land Raketenabwehrfähigkeiten zur Verfügung zu
stellen. Wir arbeiten mit Israel an kriegsschauplatzgebundener Abwehr zusammen. Wir treiben die
Entwicklung einer Reihe moderner Kurz- und Mittelstreckenraketenabwehrsysteme voran, beispielsweise
die Patriot PAC-3, Navy Lower Tier und Army THAAD die 1998 eingesetzt werden können - sowie die
leistungsfähigere Navy Upper Tier, die einige Jahre
später eingesetzt werden kann.
Es ist sinnvoll, die gefechtsfeldgebundene Raketenabwehr an erste Stelle zu setzen. Sie befaßt sich mit
jetzt existierenden Bedrohungen. Wir müssen uns
jedoch auch auf vor uns liegende Bedrohungen
vorbereiten. Obwohl unsere Nachrichtendienste nicht
der Ansicht sind, daß verbrecherische Staaten innerhalb der nächsten 15 Jahre die Fähigkeit zur
Entwicklung von Langstreckenraketen beschaffen,
setzen wir uns für die Einführung eines nationalen
Systems der Verteidigung gegen einen Raketenangriff
möglichst bis zum Jahr 2000 ein, das notfalls 2003
disloziert werden kann.
Dies ist eine rationale Reaktion auf eine Möglichkeit,
die zwar in weiter Ferne liegt, deren Konsequenzen
jedoch schrecklich wären.
Die Alternative zu unserem Plan - die letzten März von
Senat und Repräsentantenhaus unterbreitete Gesetzesvorlage - würde von uns verlangen, daß wir uns
heute für ein Raketenabwehrsystem entscheiden, das
2003 disloziert wird.
Das ist nicht die richtige Art und Weise, Amerika zu
verteidigen. Sie würde uns an den heutigen Stand der
Technologie binden - und uns die Vorteile zukünftiger
Weiterentwicklungen verwehren. Wenn irgendein
Diktator in Zukunft skrupellos werden sollte, wollen wir
nicht mit einer Betamax erwischt werden, wenn wir uns
der neuesten Technologie bedienen könnten.
Dieses Gesetz würde auch die Rüstungskontrollabkommen verletzen, die unsere Sicherheit erhöhen.
Es könnte viele Technologien des gescheiterten
Schemas "Krieg der Sterne" wiederbeleben - einschließlich weltraumgestützter Raketen und Laserwaffen sowie antiballistischer Raketenabwehrsysteme seegestützt oder mit mehreren Standorten. Diese
Systeme würden allesamt den ABM-Vertrag verletzen.
Der ABM-Vertrag bleibt der Grundstein unserer
Rüstungskontrollerrungenschaften - und ihn in Frage
zu stellen würde die derzeitige Verringerung des
russischen Nuklearwaffenarsenals gefährden. Den
Abbau Tausender von Gefechtsköpfen aufzugeben,
um sich vor einer noch nicht existierenden Bedrohung
zu schützen, wäre ein schlechtes Geschäft. Es ergibt
einfach keinen Sinn. Wir können den Vertrag beibehal-

AMERIKA DIENST 12

�ten und gleichzeitig die erforderlichen Verteidigungssysteme einsetzen.
Ein solcher Ansatz wäre nicht nur eine schlechte
Strategie, sondern auch schlechtes Haushalten.
Vergangene Woche schätzte das Haushaltsbüro des
Kongresses, das im Gesetz vorgesehene Programm
würde bis zum Jahr 2010 zwischen 31 und 60 Milliarden Dollar kosten. Zu diesem Preis würde es für
unsere Nation sehr schwierig, die erforderliche
Modernisierung unserer konventionellen Streitkräfte
durchzuführen. Daher ist es nicht erstaunlich, daß die
Sponsoren des Gesetzes ihre Vorlage zurückzogen,
als ihnen diese Veranschlagung vorgelegt wurde obwohl seine Befürworter im Senat entschlossen zu
sein scheinen, es durchzubringen.
Es gibt einen richtigen und einen falschen Weg, um
Amerika und seine Bürger gegen einen Raketenangriff
zu verteidigen. Ich hoffe, wir können uns überparteilich auf den richtigen Weg einigen. Den praktischen
Weg. Den klugen Weg. Wie Verteidigungsminister
Perry gestern in einem Interview erklärte, sollten wir
bei dieser Frage gemeinsames Terrain finden, beispielsweise im Tenor des Zusatzes zur nationalen
Politik der Verteidigung gegen einen Raketenangriff,
den der Kongreßabgeordnete John Spratt aus South
Carolina vorlegen möchte, wenn das Repräsentantenhaus über die Gesetzesvorlage zur Verteidigung der
Vereinigten Staaten berät. Auf diese Art und Weise
wird unsere Nation über die erforderliche Verteidigung
mit Raketen gegen Bedrohungen verfügen, die sich
entwickeln könnten ... und unsere Streitkräfte erhalten
das beste Gerät und die beste Ausbildung für alle
Missionen, mit denen sie sich unweigerlich konfrontiert
sehen - konventionell und nuklear. Die von mir bisher
erörterten "Bauprojekte" - die Schaffung eines ungeteilten Europas und der Aufbau der richtigen Verteidigung
gegen militärische Bedrohungen, denen wir uns
tatsächlich gegenübersehen - werden offensichtliche
Auswirkungen auf die Sicherheit des amerikanischen
Volkes haben. Aber wir definieren "nationale Sicherheit" im Hinblick auf das tägliche Leben der
Menschen - und das bedeutet nicht nur die militärische
Sicherheit unserer Nation, sondern auch das wirtschaftliche Wohlergehen unserer Bürger, die Grundlage für ihre persönliche Sicherheit. In einem Zeitalter, in
dem Waren und Ideen auf der ganzen Welt gehandelt
werden und in dem Millionen Dollar mit einem Tastendruck auf dem Computer über den Planeten verschickt
werden, ist es offenkundig, daß unser wirtschaftliches
Wohlergehen mit der übrigen Welt verknüpft ist.
Aus diesem Grund haben wir so hart gearbeitet, um
ein neues globales Handelssystem aufzubauen.
Durch sorgfältige Verhandlungen und realistische
Überzeugungsarbeit öffnen wir Märkte für amerikanische Waren und Dienstleistungen und schaffen neue
Chancen für amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer. Mit regionalen Bestrebungen wie NAFTA,

AMERIKA DIENST 12

APEC und dem gesamtamerikanischen Gipfel, internationalen Verhandlungen wie der Uruguay-Runde sowie
harten
bilateralen
Verhandlungen
wie
dem
amerikanisch-japanischen Abkommen über Autoteile
werden Hemmnisse abgebaut und unsere Exporte
erhöht - und wurden allein in den vergangenen drei
Jahren mehr als eine Million gute, hochbezahlte
Arbeitplätze geschaffen.
Sie können die Ergebnisse unserer Strategie an den
Fortschritten bemessen, die wir in Japan erzielt haben.
Es liegt noch weitere harte Arbeit vor uns, aber in den
letzten drei Jahren haben unsere beiden Nationen 21
separate Handelsabkommen unterzeichnet, die alles
von medizinischen Gütern bis zu Computern abdekken. Unsere Exporte in diese Sektoren sind um rund
85 Prozent gestiegen - das bedeutet mehr Arbeitsplätze und bessere Bezahlung für amerikanische
Arbeitnehmer sowie niedrigere Preise und größere
Auswahl für japanische Verbraucher.
Wir haben auch die erste nationale Exportstrategie der
Vereinigten Staaten eingeführt, damit unsere Unternehmen die Chancen nutzen können, die wir durch
Handelsabkommen eröffnet haben.
Mit unserer
Unterstützung konnten amerikanische Firmen seit
November 1993 ausländische Geschäftsverträge im
Wert von über 57 Milliarden Dollar abschließen.
Um diese Leistungsbilanz aufrechtzuerhalten und den
Wohlstand bis ins 21. Jahrhundert zu wahren, muß
unsere Nation bestehende Handelsabkommen
durchsetzen, darunter die mehr als 180 von der
Clinton-Administration geschlossenen. Wir müssen
unsere Vision von freiem Handel auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent in konkrete Ergebnisse
umsetzen, auch durch die Erweiterung des NAFTA um
Chile. Und wir müssen auf unserer Blaupause für
freien Handel in der asiatisch-pazifischen Region
aufbauen - dem am schnellsten wachsenden Markt der
Welt.
Schlußfolgerung
Selbst während wir die Grundlagen für das neue
Jahrhundert schaffen - die Bewältigung der Krisen von
heute sowie die Schaffung eines Rahmens für Stabilität, Sicherheit und Wohlstand von morgen - greifen wir
auf dieselben Instrumente wie stets zurück: Diplomatie
wenn möglich, Gewalt wenn nötig. Zusammenarbeit
mit anderen wenn möglich, Alleingang wenn nötig. Die
Bewahrung eines starken Militärs während wir unsere
Bündnisse an neue Anforderungen anpassen. Die
Aufrechterhaltung konstruktiver Beziehungen zu den
Großmächten der Welt - den Nationen mit den größten
Fähigkeiten, uns bei unseren Bestrebungen behilflich
zu sein oder uns zu behindern. Und wir müssen die
erforderlichen Ressourcen zur Durchführung effektiver
Diplomatie zur Verfügung haben, unsere Hilfsprogram-

Seite 5

�me zur Abwendung künftiger Krisen nutzen und unser
Militär unterstützen.

Verträge eingehalten werden, ebenso wie das Schlaglicht der freien Medien zur Aufdeckung von Korruption
beiträgt.

Ebenso wie wir auf im Lauf der Zeit erprobte Instrumente zurückgreifen, erfüllen wir eine zeitlose
Mission. In vielen Regionen sind die Wurzeln der
demokratischen Gesellschaft - Pluralismus, Toleranz,
Freiheit - noch nicht tief. Wie bisher besteht auch
heute unsere besondere Rolle in der Welt im Schutz
und der Stärkung der Gemeinschaft von Demokratien
und offenen Märkten.

In den nächsten vier Jahren haben wir die Chance,
den Weg zu einem vielversprechenden neuen Jahrhundert zu ebnen - in dem Zentraleuropa, wo zwei
Weltkriege begannen, zu einem Anker der Stabilität in
einem ungeteilten, demokratischen Europa wird. In
dem wir mit unseren Verbündeten und Freunden in der
asiatisch-pazifischen Region zusammenarbeiten, um
unsere Sicherheit zu bewahren und eine Zukunft
wachsenden Wohlstands aufzubauen. In dem die
dunkle Wolke der nuklearen Vernichtung dem Sonnenschein des Friedens weicht. In dem offene Gesellschaften gedeihen, verknüpft und gestärkt durch
offene Märkte. In dem unsere Kinder und Kinder
überall auf der Welt deshalb ihre Talente am besten
zur Verwirklichung ihrer Träume nutzen können.

Die Erweiterung der Demokratie ist ein zentrales
Element aller von mir heute erwähnten Herausforderungen. Ein demokratisches Europa wird wahrscheinlich eher den Frieden bewahren und ein starker
Partner bei Diplomatie, Sicherheit und Handel sein.
Demokratische Nationen werden weniger wahrscheinlich Krieg gegeneinander führen - und wahrscheinlich eher gemeinsam mit uns Rüstungskontrolle
fördern, die Weiterverbreitung sowie die Kräfte der
Zerstörung bekämpfen. Und Demokratie unterstützt
die freien Märkte, die Wohlstand fördern, weil die
Rechtsstaatlichkeit zur Gewährleistung beiträgt, daß

* *

Seite 6

Das ist Amerikas Herausforderung an der Schwelle
zum Jahrtausend. Amerika kann - und muß - sie
meistern. Ich denke, es wird uns gelingen.

*

AMERIKA DIENST 12

�NATO
12. Juni 1996

Die doppelte Erweiterung der NATO
von Senator Richard Lugar

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Senator Richard Lugar am 29. Mai 1996 vor der
Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Bonn gehaltene Rede in gekürzter Version.

Es ist ein Privileg, Ihnen meine Gedanken über die
Zukunft der Atlantischen Allianz vermitteln zu dürfen.
Dies ist eine besonders wichtige Zeit für eine Bestandsaufnahme des Bündnisses. In den vergangenen zwei Jahren hat die Allianz zahlreiche Themen
erörtert und analysiert, die von der Erweiterung über
die Reform der Kommandostruktur bis zu umfassenderen strukturellen Reformen des Bündnisses reichen,
damit es neue Missionen durchführen kann.
Die Zeit der Erörterungen und Analysen geht jetzt zu
Ende. In den kommenden zwölf Monaten muß die
NATO in drei Schlüsselbereichen Entscheidungen
treffen, die im nächsten Jahrzehnt die europäische
Sicherheit und die transatlantischen Beziehungen
entscheidend beeinflussen werden.
Angefangen mit dem Ministertreffen in Berlin müssen
die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses
folgendes entscheiden:
1.

Wird die NATO ihre Mitgliederzahl erweitern,
und welche Maßnahmen, Anerkennung und
Sicherheit sollte sie den Ländern gewähren,
die nicht unter die erste Wahl fallen?

2.

Wie wird sich die NATO intern reformieren, um
neue Missionen durchzuführen? Dazu zählen
die Verteidigungsverpflichtungen unter Artikel
5 sowie andere nicht in Artikel 5 enthaltene
Missionen wie Krisenmanagement über die
Grenzen des Bündnisses hinaus.

3.

Wie sollten die Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland während des Erweiterungsprozesses aussehen? Sollte die NATO

AMERIKA DIENST 12

eine parallele kooperative Partnerschaft mit
Moskau ausbauen?
Wie gute Arbeit die NATO bei diesen Themen leistet,
wird weitreichende Auswirkungen haben. Wir sprechen über das Legen von Grundsteinen einer neuen
europäischen Friedensordnung und den Aufbau einer
neuen NATO, die diesen Namen nicht nur in der
Theorie, sondern auch in der Praxis verdient. Wenn
wir Erfolg haben, werden wir die Grundlage für Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands in Europa
geschaffen haben. Wenn wir scheitern, könnten
Historiker auf die Zeit unmittelbar nach dem Ende des
Kalten Krieges als Zeit tragisch verpaßter Chancen
zurückblicken.
Vor allem müssen wir uns bewußt machen, daß eine
historische Debatte über die Zukunft der NATO vor uns
liegt, die auf Jahre hinaus Auswirkungen haben wird.
Es ist eine Debatte, die öffentlich und kontrovers sein
wird - wie es einem Bündnis von Demokratien gebührt,
das sich mit so wichtigen Themen befaßt. Ein Großteil
der Diskussion über das Für und Wider der Erweiterung und anderer Fragen war auf Eliten und Experten
begrenzt - und den einen oder anderen Senator oder
Minister. Auch das wird sich ändern.
Ich sehe diesen öffentlichen Diskussionen erwartungsvoll entgegen. Meines Erachtens haben wir die
historische Chance, Schritte zu unternehmen, die
Frieden und Stabilität in Europa sichern und die bei
den Revolutionen von 1989 und dem Zusammenbruch
des Kommunismus gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit festschreiben werden. Meiner Ansicht
nach werden wir in dieser Debatte den Sieg davontragen - sowohl im amerikanischen Senat als auch im

Seite 1

�Bündnis - vorausgesetzt, wir folgen einigen vernünftigen Richtlinien.
Bevor ich diese Richtlinien darlege, möchte ich die
grundlegenden Fragen aufwerfen, mit denen wir uns
im amerikanischen Senat, den Parlamenten der
NATO-Verbündeten sowie in den beitrittswilligen
Ländern konfrontiert sehen.
Die Vision
In den Vereinigten Staaten werden die Politiker häufig
über das befragt, was wir als die "Vision" bezeichnen.
Was wollen sie erreichen und warum? Was ist ihre
Vision und wie werden einzelne Maßnahmen in ein
Gesamtgefüge von Zielsetzungen passen?
Als
amerikanischer Senator werde ich oft von meinen
Kollegen und Wählern gefragt, warum ich mich so
intensiv mit der NATO und Themen wie NATO-Erweiterung befasse, nun, da der Kalte Krieg vorüber ist.
Je weiter wir uns von den berauschenden Tagen
entfernen, in denen die Berliner Mauer fiel und der
Kommunismus zusammenbrach, desto klarer wird,
daß wir in ein neues Zeitalter eingetreten sind. Im
Europa der Nachkriegszeit sind noch immer reichlich
Gefahren vorhanden. Die Revolutionen von 1989
führten nicht nur zum Zusammenbruch des Kommunismus, sondern auch zum Ende der nach zwei
Weltkriegen geschaffenen Friedensordnung. Auf dem
Spiel stehen Ordnung und Stabilität in ganz Europa.
Und aus diesem Grund sind amerikanische Interessen
im Spiel.
Die NATO kann nicht allein alle Probleme Europas
lösen. Aber ohne einen stabilen Sicherheitsrahmen
gehen wir das Risiko ein, daß Reform und Demokratie
im Osten Europas nicht andauern, sondern von
destruktiven Kräften des Nationalismus und der
Unsicherheit unterlaufen werden. Das Scheitern der
Demokratie im Osten würde unweigerlich auch
tiefgreifende Auswirkungen auf die Demokratie in der
westlichen Hälfte des Kontinents haben. Wenn uns die
Geschichte irgend etwas lehrt, dann, daß die Vereinigten Staaten immer in solche europäischen
Konflikte gezogen werden, weil wir mit unseren vitalen
Interessen letztlich, wenn auch verspätet, engagiert
sind.
Das ist ein Grund, warum ich stets für die NATOErweiterung war. Aber das ist nur ein Grund und ein
Teil meiner Vision, die aus dem besteht, was ich
verhindern und was ich aufbauen möchte. Ich möchte
einen neuen transatlantischen Handel mit einem
geeinten und integrierten Europa eingehen - "ungeteilt
und frei" - in einem permanenten Bündnis mit den
Vereinigten Staaten. Es ist eine Vision der Vereinigten
Staaten und Europas in einer gleichberechtigten
Partnerschaft, die sich der Verwaltung der Sicherheit
Europas sowie der Verfolgung gemeinsamer Inter-

Seite 2

essen über Europa hinaus verschrieben hat. Der alte
transatlantische Handel, der den Europäern eine Form
von amerikanischem Schutz als Gegenleistung für
amerikanischen Einfluß bot, muß durch eine neue
transatlantische Vereinbarung ersetzt werden.
Dies ist eine Vision für das Bündnis, die nicht länger
zwangsläufig auf Europa konzentriert oder darauf
begrenzt ist. Es ist auch eine Vision für das Bündnis,
die über die logische Begründung des Kalten Krieges
hinausgeht, das heißt, einen sowjetischen Angriff auf
Westeuropa abzuschrecken und das Land gegebenenfalls dagegen zu verteidigen. Es ist eine Vision für
ein neues Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten
und Europa als Kraft zur Förderung westlicher Werte
und Interessen in Europa und darüber hinaus. Wir
benötigen eine neue und sehr viel umfassendere
transatlantische Tagesordnung und einen Dialog, der
sich darauf konzentriert, wo und wie die Vereinigten
Staaten und Europa gemeinsam handeln können und
sollten.
Wie viele von Ihnen wissen, war ich einer der frühesten Befürworter der NATO-Erweiterung in den
Vereinigten Staaten. Ich habe jedoch immer von der
Erweiterung nicht getrennt von, sondern vielmehr als
Teil einer neuen Sicherheitspartnerschaft zwischen
den Vereinigten Staaten und einem geeinten Europa
gesprochen. Die Vereinigten Staaten sind eine globale
Macht, ein Land mit Interessen in Europa und darüber
hinaus. Sie sind auch ein Land, das zunehmend
gleichgesinnte Verbündete und Partner zur Bewältigung dieser internationalen sicherheitspolitischen
Tagesordnung benötigt. Wenn die Amerikaner sich
umblicken, sehen sie keinen besseren Kandidaten als
ihre europäischen Verbündeten in der NATO als
diesen Partner.
Wenn das die Vision ist, wie verwirklichen wir sie
dann? Mir gefällt der Begriff "doppelte Erweiterung",
um auch den Prozeß der Reform einzubeziehen, die
meiner Ansicht nach stattfinden muß. Die NATO muß
sich nach Osten erweitern, um die neuen Demokratien
zu integrieren, und sie muß ihre Mission über die
Verteidigung von Grenzen ausdehnen, um Krisenmanagement und vielleicht Friedenssicherung über die
Grenzen des Bündnisses hinweg einzubeziehen. In
beiden Fällen muß das Bündnis entscheiden, wie weit
es gehen möchte, sowohl im Hinblick auf neue Mitglieder als auch bezüglich neuer Missionen. Man kann
sich der Tatsache nicht entziehen, daß die NATO
gleichzeitig Reformen in beiden Bereichen vornehmen
muß, wenn sie die Herausforderungen bewältigen will,
denen wir uns in den kommenden Jahren wahrscheinlich gegenübersehen. Es ist ein grundlegendes
amerikanisches Interesse, daß das Bündnis nicht nur
zur Stabilisierung Osteuropas erweitert wird, sondern
auch, daß die Erweiterung integraler Bestandteil einer
umfassenderen Umgestaltung ist, die Europa zu einem
zunehmend effektiven strategischen Partner der Ver-

AMERIKA DIENST 12

�einigten Staaten auf dem Kontinent und darüber
hinaus macht.

retten, indem wir Reformen in Osteuropa aufschieben
oder verzögern.

Rußland

Das Bündnis kann und sollte enge strategische
Beziehungen zu Rußland haben. Die NATO und
Rußland sind Verbündete bei der IFOR in Bosnien.
Wir hoffen, daß dies keine einmalige Sache ist,
sondern vielmehr der Beginn langfristigerer und
stabilerer Beziehungen. Ich hoffe, eines Tages zu
erleben, daß die Grenzen zwischen einer erweiterten
NATO und ihren östlichen Nachbarn, einschließlich
Rußlands, ebenso stabil und sicher sind wie alle
anderen in Europa.

Jetzt möchte ich das Thema Rußland ansprechen. Wir
sind uns bewußt, wie wichtig die Zukunft Rußlands für
die Zukunft der europäischen und internationalen
Sicherheit ist. Aber wie paßt Rußland in die Vision der
von mir dargelegten transatlantischen Beziehungen?
Meine Vision des Bündnisses ist nicht von der Existenz
oder dem möglichen Entstehen einer neuen russischen Bedrohung im Osten abhängig. Wir wollen
keine NATO, deren Lebensfähigkeit und Erfolg vom
Scheitern in Rußland abhängt. Wir wollen ein Rußland, das erfolgreich Reformen durchführt und dessen
Erfolg bei den Reformen es zu einem interessanteren
und nützlicheren strategischen Partner für das Bündnis
macht.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben enormes
Interesse am Erfolg des Reformprozesses in Rußland.
Ein stabiles und reformiertes Rußland kann ein aktiver
Partner bei der Wahrung der Sicherheit in Europa, der
Lösung regionaler Konflikte und der Bekämpfung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
sein. Wir wollen eine strategische Partnerschaft mit
Rußland gründen, die der Stellung Rußlands in Europa
Rechnung trägt - eine Partnerschaft, die zu formalisierten Beziehungen zum Bündnis führen könnte und
sollte.
In meiner Vision ist der Platz Rußlands klar. Ich sehe
Rußland nicht als Kandidat für eine Bündnismitgliedschaft. Rußland ist einfach zu groß und zu verschieden. Kein Bündnismitglied wird heute oder in
absehbarer Zukunft bereit sein, eine Garantie gemäß
Artikel 5 bis zur russisch-chinesischen Grenze auszudehnen. Und die Russen sind im Gegensatz zu den
Osteuropäern nicht wirklich daran interessiert, die mit
einer NATO-Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten
zu übernehmen. Gleichzeitig wird Rußland in diesem
neuen und erweiterten Bündnis unweigerlich mehr sein
als bloß ein Nachbar. Wir hoffen, daß es zu einem
Partner wird - zu einem Land, mit dem wir eine privilegierte Partnerschaft pflegen.
Die von mir ins Auge gefaßte NATO garantiert Stabilität in Zentraleuropa - eine Stabilität, die ebenso im
Interesse Rußlands liegt wie in unserem eigenen. Die
Russen sollten sich bewußt werden, daß sich die
Erweiterung nicht gegen irgend jemanden richtet, und
ganz sicher nicht gegen sie. Die Stabilisierung der
Demokratie in Osteuropa bedroht nicht die Demokratie
in Rußland. Für Rußland ist es besser, wenn Polen in
der NATO ist anstatt außerhalb. Ein Polen, das im
Bündnis sicher ist, wird weniger antirussisch und
interessierter an Zusammenarbeit und Brückenbau
sein. Wir können nicht die Reformen in Rußland

AMERIKA DIENST 12

Aber dazu gehören zwei. Moskau hat sich in zunehmendem Maße gegen eine Erweiterung ausgesprochen, und einige russische Kommentatoren stellen
bereits eine Liste realer oder erdachter "Gegenmaßnahmen" auf, die Moskau angeblich ergreifen muß.
Solches Gerede ist kontraproduktiv.
Ich gehöre zu denjenigen, die nicht nur von Anfang an
die NATO-Erweiterung befürwortet haben, sondern
auch der Ansicht waren, das Bündnis hätte sich
schneller und entschlossener auf eine Ausweitung
zubewegen sollen. Die Clinton-Administration sowie
das Bündnis als Ganzes wählten einen langsameren
Ansatz, als ich ihn bevorzugt hätte. Sie taten das in
der Hoffnung, daß der Umgang mit Moskau in der
Frage der Bündniserweiterung mit der Zeit einfacher
würde, da Rußland die wahre Motivation der NATO
verstehen würde. Trotz meiner eigenen Zweifel war
ich bereit, im Zweifelsfall der Administration und dem
Bündnis recht zu geben.
Jetzt ist es jedoch meiner Ansicht nach kristallklar, daß
eine Politik, die wichtige Entscheidungen aufschiebt,
unser Leben nicht vereinfacht. Einige in Rußland
haben die Geduld des Westens als Zeichen der
Schwäche und Mangel an Entschlossenheit des
Bündnisses fehlinterpretiert. Einige Russen glauben
immer noch, sie könnten die Erweiterung aufhalten und einige verspüren immer noch die Versuchung, es
zu probieren. Während immer deutlicher wird, daß die
Russen die NATO-Erweiterung nicht unterstützen,
erscheint ihnen unsere Politik zunehmend wie eine Art
chinesischer Wasserfolter.
Über mehrere Jahre
hinweg gab das Bündnis häufig Erklärungen über
seine Erweiterungsabsichten ab, und Moskau fühlte
sich daraufhin verpflichtet, seine Ablehnung einer
Erweiterung kundzutun. Wenn nichts geschieht,
könnten Beobachter in Moskau zu dem Schluß
gelangen, sie hätten den Bündniszug verlangsamt
oder sogar zum Stehen gebracht.
Es ist jetzt zu spät, umzukehren und die politischen
Entscheidungen über den Zeitplan rückgängig zu
machen. Wichtig ist jetzt, daß die NATO sich nicht
beirren läßt, sondern sich an ihren vereinbarten
Zeitplan hält und die ursprüngliche Entscheidung über

Seite 3

�eine Erweiterung voranbringt - ungeachtet des russischen Wahlergebnisses.
Schlußbemerkung
Ich möchte meine Ausführungen zusammenfassen.
Es gibt viele andere Faktoren, die ebenfalls die
amerikanische Politik der NATO-Erweiterung beeinflussen könnten. Sollten die demokratischen Reformen in den beitrittswilligen Ländern ins Stocken
geraten, könnte der gesamte Erweiterungsplan auf Eis
gelegt werden. Ferner wird wichtig sein, wen der
nächste Präsident in Schlüsselpositionen wie die des
Außen- und Verteidigungsministers ernennt. Insgesamt kann man jedoch sagen, daß zwar die Ratifizierung der Aufnahme neuer Mitglieder viele Hindernisse und Fallstricke impliziert, es jedoch wenige
Beweise für die Behauptung gibt, sie sei politisch nicht
möglich.
Die Auswirkungen dieser Schlußfolgerung reichen
über die NATO oder sogar die transatlantischen
Beziehungen hinaus. Sie legt nahe, viele Beobachter
würden den politischen Willen Amerikas unterschätzen, nach dem Kalten Krieg im Ausland zu handeln.
Es ist wichtig, solche Fehleinschätzungen zu korrigieren. Der Prozeß, durch den die Großmächte ihre
Rolle auf der Weltbühne definieren, war stets undurchsichtig. Das gilt insbesondere für die Vereinigten
Staaten, wo der Kongreß so viel unabhängige Entscheidungsgewalt im Bereich der nationalen Außenpolitik hat. Natürlich spielen viele Faktoren eine Rolle:
Kriegsausbruch im Ausland, Erfolg oder Scheitern ei-

*

Seite 4

ner amerikanischen Militäroperation, Basisbewegungen wie die für Menschenrechte oder Rüstungskontrolle, umfassende Tendenzen bei der öffentlichen
Meinungsbildung und selbstverständlich die Stärke
und der Stil der von unseren Präsidenten und ihren
wichtigsten Mitarbeitern übernommenen Führungsrolle.
Heute ist die Haltung Amerikas gegenüber der Welt
äußerst mehrdeutig. Wir zogen uns schnell aus
Somalia zurück, gingen aber schließlich nach Bosnien.
Der Kongreß nahm das NAFTA an, weigerte sich aber,
Beistand zur Rettung des mexikanischen Peso zu
leisten und Chile in das NAFTA aufzunehmen. Die
Amerikaner sind stolz auf unsere Führungsrolle im
Nahen Osten oder Südafrika, sehen jedoch untätig zu,
wie die Geldmittel und andere für die amerikanische
Diplomatie erforderlichen Instrumente gekürzt werden.
Die sich abzeichnende Debatte über die NATOErweiterung bietet eine wichtige Chance zur Demonstration der anspruchsvollen und konstruktiven
Führungsrolle der Vereinigten Staaten sowie zu solider
Zusammenarbeit dieser Führung mit den Nationen, die
unsere gemeinsamen Grundwerte teilen und sie
schützen wollen.
Wir müssen dieser Debatte oberste Priorität einräumen.
Die Lebensqualität in allen von der Zukunft des
Bündnisses beeinflußten Ländern hängt davon ab, ob
wir rechtzeitig Erfolg haben.

* * *

*

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�USA-DEUTSCHLAND
12. Juni 1996

50 Jahre Amerika Haus Frankfurt
Rede des Gesandten J. D. Bindenagel
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 22. Mai 1996 zum 50jährigen Bestehen
des Amerika Hauses Frankfurt gehaltene Rede.

Vielen Dank, daß Sie alle gekommen sind. Am
heutigen Abend feiern wir das 50jährige Bestehen des
Frankfurter Amerika Hauses. Seit fünf Jahrzehnten ist
diese Institution - ebenso wie die anderen Amerika
Häuser in Deutschland - eine Begegnungsstätte für
unsere beiden Völker, ein Ort für freie, offene und
ehrliche Gespräche.
Während dieser 50 Jahre war das Haus Zeuge
dramatischer Veränderungen, die Frankfurt und
Deutschland wandelten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffneten die Vereinigten Staaten mehr als 50 Amerika Häuser in ganz
Westdeutschland. Einige von Ihnen werden sich
erinnern, daß dies eine unglaublich harte und leidvolle
Zeit war. In jenen Tagen der Unruhe und Unsicherheit
waren die Amerika Häuser Stätten der Zuflucht für den
Geist - und vielleicht auch für die Seele.
Anfangs waren es kleine Leseräume, in denen Filme
gezeigt wurden, Vorlesungen, Ausstellungen und
Konzerte stattfanden. Die Deutschen entdeckten
schnell, daß es Orte waren, an denen freie Männer
und Frauen ihre Meinung austauschen, voneinander
lernen und das gegenseitige Verständnis vertiefen
konnten.
Schriftsteller von William Faulkner bis Toni Morrison,
Musiker von John Cage bis Lionel Hampton, Künstler
und Architekten von Edward Steichen bis Mies van der
Rohe - sie alle kamen im Laufe der Jahre ins Frankfurter Amerika Haus.
Als sich die Welt wandelte, wandelte sich auch
Deutschland. Es baute seine eigenen Bibliotheken
und Kulturinstitutionen wieder auf. Es schuf eine

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stabile Demokratie. Frankfurt gewann seine historische Stellung als Kultur- und Handelszentrum wieder.
Während dieser gesamten Entwicklung spielte das
Amerika Haus weiterhin eine bedeutende Rolle. Und
natürlich trugen das Amerika Haus und seine loyalen,
talentierten Mitarbeiter - Deutsche und Amerikaner
gleichermaßen - dazu bei, diese Veränderungen zu
ermöglichen.
Wir sind der Stadt Frankfurt und dem Bundesland
Hessen dankbar für ihre dauerhafte und tatkräftige
Unterstützung des Amerika Hauses.
Ein besonderes Wort des Dankes gilt heute abend
auch den Organisationen und Einzelpersonen, die im
Lauf der Jahre einen so großen Beitrag zum Amerika
Haus geleistet haben.
Unsere Amerika Häuser haben seit ihren bescheidenen Anfängen einen langen Weg zurückgelegt. Die
ursprünglichen Leseräume sind schon lange durch
CD-ROMs ersetzt worden. Durch Investitionen in neue
Dienstleistungs- und Technologiekonzepte bieten die
Amerika Häuser jetzt mehr Einblick in die Vereinigten
Staaten als je zuvor. In ganz Deutschland sind sie
durch ein elektronisches Netz verknüpft, das neueste
Informationen über Amerika anbietet.
Das Frankfurter Amerika Haus ist wie alle Amerika
Häuser in Deutschland in die institutionelle Landschaft
des deutschen Lebens eingefügt. Die Amerika Häuser
reflektieren die Vielfalt unserer beiden Länder: Sie sind
föderalistisch, wie wir föderalistisch sind, und regional,
wie wir regional sind.
Diese regionale Betonung ist für unsere Aktivitäten in
den neuen Bundesländern von besonderer Bedeutung.

Seite 1

�Das neue Amerika Haus Leipzig und das erweiterte
Amerika Haus Berlin engagieren sich für die große
Aufgabe, den Nachholbedarf von Bürgern der fünf
neuen Bundesländer nach nahezu sechs Jahrzehnten
der Isolation vom Westen zu decken - einer durch
ständige Propaganda verstärkten Isolation.
Ich habe darüber gesprochen, was wir in der Vergangenheit getan haben und was wir hoffentlich in Zukunft
unternehmen können. Aber all diese Aktivitäten finden
vor dem Hintergrund jahrhundertealter gemeinsamer
Geschichte und Erfahrungen statt. Wir, die wir am
heutigen Abend hier versammelt sind - Deutsche und
Amerikaner gleichermaßen - wissen, daß unsere
beiden Völker über Jahrhunderte einzigartige Beziehungen entwickelt haben - entstanden durch die
Einwanderung, zerrissen durch Kriege, geheilt und
gepflegt durch Wiederaufbau und Bündnisse, aufrechterhalten durch zwischenmenschliche Kontakte.
Wir wissen, daß die Geschichte uns auf Gedeih und
Verderb miteinander verbunden hat und das Wohlergehen des einen vom Wohlergehen des anderen
abhängt. Wir wissen auch, daß eine unserer vordringlichsten Aufgaben darin besteht, diese Beziehungen zu
pflegen und Treuhänder ihrer Zukunft zu sein.
Unsere beiden Gesellschaften befinden sich inmitten
eines dynamischen Wandels auf der Suche nach
Lösungen zur Bewältigung der neuen Herausforderungen zunehmend komplexer, multikultureller Gesellschaften. Die Notwendigkeit der Anpassung an neue
Gegebenheiten bleibt bestehen - sei es an das
Informationszeitalter, an ein immer vereinteres Europa
oder an die Forderungen einer wirklich globalen
Wirtschaft.
Das Amerika Haus wird weiterhin unsere Positionen in
glaubwürdiger und bedeutender Weise erklären und
befürworten - Informationen über die offizielle Politik
der Vereinigten Staaten und über die Menschen, Werte
und Institutionen bereitstellen, die diese Politik gestalten und dem deutschen und amerikanischen Publikum
gleichermaßen die Vorteile des internationalen Engagements vermitteln.
Zu dieser Zeit im vergangenen Jahr verlieh die American Chamber of Commerce in Germany in der Paulskirche hier in Frankfurt ihre höchste Auszeichnung den Dr. Leo M. Goodman Award - an alle Amerika
Häuser in Deutschland für ihre über die Jahre erbrachten Leistungen.
An demselben historischen Ort sprach Präsident John
F. Kennedy eine Generation zuvor folgende Worte, die
meines Erachtens noch heute von Bedeutung sind:
"...Denn wir leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten sowie der
Unabhängigkeit - einem Zeitalter des

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Internationalismus sowie des Nationalismus... Heute gibt es keine
ausschließlich deutschen oder amerikanischen oder sogar europäischen
Probleme.
Es gibt internationale
Probleme, und unsere beiden Länder
und Kontinente sind bei den Aufgaben
des Friedens ebenso wie im Krieg
untrennbar miteinander verbunden."
Wir waren außerordentlich erfolgreich bei unseren
gemeinsamen Unternehmungen. Gemeinsam haben
wir Gegner zu Verbündeten und Diktaturen zu Demokratien gemacht. Wir haben Institutionen aufgebaut,
die unsere Sicherheit und wirtschaftliche Stärke
gewährleisteten. Wir standen Seite an Seite und
haben den Sieg im Kalten Krieg davongetragen.
In Bosnien ist heute der Weg zum Frieden der dramatischste Beweis, daß die transatlantische Partnerschaft
unerläßlich bei dem Streben nach einem friedlichen,
wohlhabenden und ungeteilten Europa ist. Zum ersten
Mal dienen Soldaten jedes Landes und jeder Region
Europas bei der gleichen militärischen Operation.
Russen und Litauer, Griechen und Türken, Polen und
Ukrainer, Briten, Deutsche und Franzosen tragen
gemeinsam mit Amerikanern und Kanadiern die
gleichen Risiken unter der gleichen Flagge zur Erlangung des gleichen hehren Ziels. Während wir zur
Überwindung der Spaltungen in Bosnien beitragen,
tragen wir auch zur Überwindung der Spaltung
Europas bei.
Seit 50 Jahren fördert das Amerika Haus Frankfurt das
Beziehungsgeflecht, das die deutsch-amerikanische
Partnerschaft zu einem der größten Erfolge der
Geschichte gemacht hat.
Heute spielt das Amerika Haus weiterhin eine entscheidende Rolle bei der Bewahrung der lebenswichtigen menschlichen Bande, die die Stärke und
Widerstandskraft unserer Beziehungen sicherstellen.
Es bringt uns als Menschen zusammen und bewahrt
die Bedeutung und Lebenskraft unserer gemeinsamen
Werte in diesen Zeiten des Wandels. Und mit all dem
schafft das Amerika Haus die Grundlage für eine
integriertere, wohlhabendere Weltgemeinschaft.
Mehr denn je zuvor liegt heute das Schicksal von
Nationen in der Hand der informierten Öffentlichkeit,
auf offenen, transparenten Märkten von Ideen und
Waren, auf den Autobahnen und Nebenstraßen des
immer weiter expandierenden Informationszeitalters, in
freien bürgerlichen Institutionen und freiwilligen
Zusammenschlüssen engagierter Einzelpersonen. In
Anbetracht dieser Aufgabe sehe ich der vielversprechenden Zukunft des Amerika Hauses Frankfurt
erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

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�SPORT
12. Juni 1996

Weshalb Sport das Spiel macht
von Wilfrid Sheed

(AD)- Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die faszinierende Interaktion zwischen Sport und
Gesellschaft.
Wilfrid Sheed ist Kritiker, Essayist und Romanautor. Zu seinen Werken zählen unter anderem The Boys of
Winter (1987) und Basebali &amp; Lesser Sports (1991). Sein neuestes Buch In Love With Daylight wurde letzten
Winter bei Simon &amp; Schuster verlegt.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Wilson Quarterly, Winter 1995.
Copyright (c) 1995, Wilfrid Sheed.

Man kann kaum noch genau sagen, wann das neue
Zeitalter anbrach, doch geschah es wohl irgendwann
inmitten der Rauchschwaden des 19. Jahrhunderts,
daß der Sport sich von einer offiziell als schlecht
bezeichneten Sache zu einer wirklich guten wandelte,
quasi zu einer Säule des Staates. England, wo alles
seinen Anfang nahm, war als imperiale Großmacht in
die Jahre gekommen, und die industrielle Revolution
sorgte dafür, daß Jungen vom Land über Nacht zu
Großstadtjungen wurden. Die Wächter der Gesellschaft begannen, jegliche Form der Unterhaltung im
Lichte dieser Entwicklungen zu betrachten, und das
galt insbesondere für den Sport.
So kam es, daß die Prediger, die zuvor den Sport als
Teufelswerk, als offene Einladung zu Brutalität und
Spielsucht verurteilt hatten (wie sich doch die Zeiten
ändern!), nach und nach erkannten, daß man durch
den Sport Rettung und Läuterung im Dienst für den
Herrn erlangen könnte - und was gut für Gott war, war
auch gut für England. Gleichermaßen entschlossen
sich die Schulmeister, die einstmals das unnütze Spiel
bestraft hatten, dem Beispiel zu folgen und nicht länger
Abwehr zu leisten; und so begannen sie damit, den
organisierten Sport mit einer solchen Schärfe durchzusetzen, daß so manches Kind allein schon den
Begriff "körperliche Ertüchtigung" zu verabscheuen
und zu fürchten lernte.

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Und schließlich überlegten es sich auch die letzten
unter den Beharrlichen, die ja am meisten zu verlieren
hatten - Dickens legendäre Fabrikbesitzer, gemeinsam
mit den etwas humaner veranlagten Geschäftsleuten -,
wobei die Grundlage ihres Sinneswandels die Überlegung war, daß die Arbeiter, wenn sie denn schon
arbeitsfreie Zeit brauchten, diese auf üblere Weise als
im regelgebundenen, vom Schiedsrichter kontrollierten
Wettstreit um Fähigkeiten und Stärke unter freiem
Himmel verbringen konnten.
Aber vielleicht liegt der größte Nutzen überhaupt darin
- wenn man von dem Wirbel ausgeht, der darum
gemacht wird - daß der Sport nicht nur das Mogeln
ächtete, sondern die Anhänger sogar darauf trainierte,
Mogeleien untereinander aufzudecken und zu verachten und dieses Prinzip auch auf sich selbst anzuwenden. Das war von entscheidender Bedeutung.
Eine Nation an der Schwelle zu großen Unternehmungen - gleichzeitig auch eine Nation inmitten einer
Bevölkerungsexplosion, durch welche sie über Nacht
auf Dritte-Welt-Status, oder doch zumindest auf das
Niveau von Downtown Los Angeles hätte zurückgeworfen werden können - brauchte eine Bürgerschaft,
der sie vertrauen konnte. In der Tat erhoben die
Engländer das Konzept des Fair Play zu einem
Fetisch, über den man sich auf der ganzen Welt lustig
machte. Dennoch wurde das Empire durch diesen
Fetisch zumindest genauso aufrecht erhalten wie
durch Gewalt, und bis zum Schluß hat das Talent der

Seite 1

�britischen Sportsfreunde, Gerissenheit und Anständigkeit miteinander zu verbinden, zynischere Nationen
immer wieder aufs Neue verblüfft und frustriert.
Doch durch die derartig begeisterte Förderung des
Sports haben die Mächtigen unabsichtlich ein kleines,
selbst geschaffenes Untier von der Kette gelassen,
wenngleich es sich hierbei um eine gesunde Bestie
handelte. Der Kult um den Sport hat sich bis in die
neunziger Jahre dieses Jahrhunderts weiter verbreitet
und eine Eigendynamik entwickelt, die bei weitem das
übertrifft, was Thomas Arnold (1795-1842), der
englische Rektor einer Public School, den man als
Gründervater der Bewegung "Sport und Charakter"
bezeichnen kann, sich in seinen kühnsten Träumen
vorgestellt hatte. Und die Bildungseinrichtungen, die
ihren Zöglingen in aller Ergebenheit den Sport eingetrichtert haben, müssen nun irgendwann aussetzen,
um ihnen - und sich selbst - zu sagen, daß es ja nur
ein Spiel ist, und dann müssen sie ihnen das auch
beweisen - oder aber dabei zusehen, wie der Sport
immer weitere Auswüchse hervorbringt, bis sowohl
das Establishment als auch seine Schulen darunter
begraben werden: Eine Macht, die gegen Sex antritt,
kann mit Leichtigkeit auch das Bildungswesen niederwalzen. Der Rektor einer großen Universität schrieb
vor einigen Jahren in einem Leserbrief an die New
York Times, daß er den akademischen Fächern an
seiner Universität den gleichen Rang wie dem Sport
einräumen wollte, was als röchelnder Aufschrei zu
verstehen ist und vermuten läßt, daß das Untier bereits
auf seinem Brustkorb hockte und ihm die Luft abzudrücken drohte.
Infolgedessen müssen sich die Geistlichen auch über
den Götzendienst und die Sünde der Verehrung von
Abgöttern Sorgen machen, so wie die reine Zeitvergeudung und die Verschwendung emotionaler
Energien durch den Sport der Geschäftswelt Anlaß zur
Sorge bietet. Ein Fan kann - vielleicht sogar in noch
stärkerem Maße als der Sportler selbst, der ja durch
die Ausübung des Sports einen Teil seiner zwanghaften Energie umsetzen kann - psychologisch so in den
Sport verstrickt werden, daß er den Rest des Lebens
nur noch wie einen langweiligen Traum erlebt, den
man irgendwie durchstehen muß. Wer davon überzeugt ist, kann als Schlafwandler nahezu alles überstehen, sei es ein öder Job, ein unterdrückerisches
Regime oder eine Ehe, der möglicherweise etwas
mehr Aufmerksamkeit gut angedeihen würde.
Die guten und die schlechten Seiten des Sports
gleichen sich auch in den besten aller Zeiten auf das
Vorzüglichste aus. Sieg und Niederlage lösen ein
Gefühl der Freude oder der Verzweiflung aus, das
jenseits der normalen menschlichen Erfahrung liegt.
Äußert ein Politiker, daß er etwas bis ins Mark verabscheut - gleichgültig, ob es sich hierbei um John
Major und sein Verhältnis zum Terrorismus oder um
Senator Windbag und seine Einstellung gegenüber

Seite 2

dem Verbrennen von Nationalflaggen handelt - so hat
man doch Zweifel, ob seine Knochen tatsächlich davon
betroffen sind: wie Dr. Samuel Johnson vielleicht
sagen würde, wird die Markklößchensuppe zum
Abendbrot sicher nach seinem Geschmack sein.
Aber ein Sportanhänger, der miterlebt hat, wie ein
sicherer Baseball-Sieg am Ende der neunten Runde
aus den Händen gleitet oder wie die Arbeit einer
ganzen Saison durch eine Entscheidung des Schiedsrichters in der Verlängerung zunichte gemacht wird, ist
unsagbar verzweifelt. Dieses Gefühl ist nicht in Worte
zu fassen, obwohl Sophokles ihm in seinen Beschreibungen recht nahe kommt. Im Jahr 1942 grämte
sich der Verfasser dieses Textes angesichts der
Niederlage der Dodgers im Spiel gegen die Cardinais
in einem Maße, wie man es keinem 11jährigen abverlangen sollte. Fügte ein Erwachsener einem Kind
vergleichbare Schmerzen zu, so würde er sofort im
Gefängnis landen.
Aber ich kam darüber hinweg und engagierte mich
mehr als je zuvor. Ich erholte mich soweit, daß ich die
Mannschaft der Cardinais in ihrem Spiel gegen das
verhaßte Team der Yankees in der World Series
anfeuerte. Dieser Kreislauf der vorgetäuschten Tode
und Wiedergeburten kann in der Tat das Gesundeste
am Sport überhaupt sein, oder aber auch das Gefährlichste, je nachdem, wie man damit umgeht. Im
schlimmsten Falle führt das zu Aufständen und Tod,
aber im günstigsten Falle kann der Schmerz der
Niederlage reinigend und lehrreich sein, eine sehr gute
Übung für das Leben.
Bei der Lektüre des zweiten Bandes von William
Manchesters Biographie über Winston Churchill mit
dem Titel The Last Lion (1988) beeindruckte mich die
Tatsache, daß der Löwe Churchill sich wunderbar
unerschütterlich zeigte, wenn es um Fragen wie den
Aufstieg Hitlers oder den Niedergang Polens ging,
aber völlig demoralisiert reagierte, wenn seine Eitelkeit
angekratzt wurde, wie zum Beispiel durch eine Niederlage bei einer Nachwahl oder wenn ihm ein bestimmter
Kabinettsposten nicht zugestanden wurde. Wenn man
jedoch vom Sport etwas lernen kann, dann daß
weniger wichtige Dinge mehr weh tun können als die
wichtigen - aber dennoch sind sie genau das: Weniger
wichtig, und es gibt ein paar Kniffe, wie man mit ihnen
umgehen kann, nämlich, indem man den Schmerz
auffängt und ins richtige Licht rückt, fast schon in einer
Art Reflexhandlung.
Eine der angenehmen Seiten der menschlichen
Vorstellungskraft ist die Fähigkeit, sich eine alternative
Wirklichkeit zu schaffen und das Leben anderer
Menschen in seiner Emotionalität vollständig nachempfinden zu können, gleichgültig, ob es sich dabei
um Ödipus oder die Mannschaft der Chicago Cubs
handelt (und darin liegt ein weiteres Unterscheidungsmerkmal für das zivilisierte Individuum - die Kunst zum

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�einen und der Sport zum anderen). Wenn man jedoch
nicht lernt, daß eine Sache nicht dadurch wichtig wird,
daß man wegen ihrer weint - wenn man allzulang
vergißt, auf welcher Realitätsebene man sich bewegt,
oder wenn man sich nach dem Spielende in Gedanken
nicht vom Stadion in Wrigley Field entfernen mag dann wäre man möglicherweise besser beraten
gewesen, hätte man nie im Leben den Sport zur
Kenntnis genommen.
Das "Kennenlernen von Triumph und Katastrophe"
(Rudyard Kipling hätte einen, sagen wir mal, interessanten Football-Trainer abgegeben: "Ich will, daß ihr
Männer da raus geht und es den beiden Hochstaplern
mit gleicher Münze heimzahlt, habt ihr gehört?") ist nur
eines der vielen Dinge, die der Sport lehrt, und die er
besser lehrt als sonst ein Medium. Die Schwierigkeit
besteht darin, daß in der Schule, wo viele der sportlichen Lektionen gelernt werden, der Sport immer
häufiger mit anderen Lektionen kollidiert, die ebenfalls
gelernt werden müssen.
Die Disziplin eines Trainers ist ganz anderer Art als die
eines normalen Lehrers, denn der Trainer will dasselbe wie die Klasse - den Sieg! Für einen normalen
Lehrer gibt es kein so deutlich definiertes Ziel. Es
hängt größtenteils von ihm ab, ob ein Schüler im
Unterricht aufmerksam ist oder nicht. Das ist ausschließlich eine Angelegenheit zwischen dem jeweiligen Schüler und dem Lehrer, wobei der Schüler im
Vorteil ist, weil er von Verbündeten umgeben ist, von
denen die Mehrzahl kein besonderes Bedürfnis
verspürt, dem Lehrer zu folgen, und das Tempo nur zu
gerne drosselt.
Der Trainer hingegen kommt erst dann zur Klasse,
wenn diese bereits am Siedepunkt ist: Diese Kinder
werden sich in einem Maße für ihn einsetzen, das in
einem Klassenzimmer unvorstellbar wäre, und sie
werden einen Eifer und eine Begeisterung an den Tag
legen, die im normalen Schulunterricht nur die kreativen Kinder erleben. Ein Englischlehrer muß, wenn er
beim Football-Training zuschaut oder einer Veranstaltung beiwohnt, auf welcher seine Schüler die
Schulmannschaften anfeuern, neidvoll anerkennen,
daß seine Schüler zum nationalen Wunder erklärt
würden, könnte er nur einen Bruchteil ihrer Energie für
seinen Lyrikkurs mobilisieren. Im Klassenzimmer ist
der Lehrer jedoch der einzige, der einen derart starken
Einsatz zeigt, vergleichbar einem Trainer, der Liegestütze und Kniebeugen vormacht, während die
Schüler müßig zuschauen und darauf warten, daß ihr
Interesse geweckt wird.
Trotzdem ist der Sport nicht notwendigerweise der
natürliche Feind des Lehrers. Schließlich haben die
jungen Sportler ihre Disziplin ja irgendwo lernen
müssen, und unter den Sportlern arbeitet niemand
härter als die Cracks oder die ehemaligen Cracks,
wenn es gelingt, ihnen den Sinn der Sache genauso

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nahe zu bringen wie den Sinn des Sports. Der große
afroamerikanische Tennisspieler Arthur Ashe sagte
einmal, wenn die Aufnahme in eine Schulmannschaft
ausschließlich von den Zensuren abhinge, würden
diese auf die eine oder andere Art durch den stark
ausgeprägten Wettkampfgeist erreicht.
Vor allem wissen aber alle Sportler etwas, das viele
andere Schüler niemals erfahren werden, nämlich, daß
man ohne Disziplin gar nichts lernen kann. Und beim
Streben nach den Dingen, die sie wünschen, gewöhnen sich die Athleten ein strenges Regime gegenüber
sich selbst und, sofern nötig, auch gegenüber anderen
an.
Jetzt brauchen die Schulen also scheinbar nur noch zu
zeigen, daß ihrer Meinung nach Bildung genauso
wünschenswert ist wie Siegen, selbst wenn sie das
lediglich dadurch zu erkennen geben, daß den Sportlern unter den Schülern genügend Zeit gegeben wird,
sich Bildung anzueignen. Die Wettkämpfe selbst
stellen eigentlich kein Problem dar, da sie ja ein
gottgegebenes Zuckerbrot sind, ein natürlicher Anreiz,
der dazu beiträgt, mit der Schule zu kooperieren, was
immer sie auch von ihren Schülern fordern mag. Das
eigentliche Problem, das wie ein schlimmer Zahnschmerz immer wieder auftritt, besteht darin, daß
jegliche Mäßigung oder objektives Urteilsvermögen
abhanden kommen, sobald man sich für eine der
großen Sportarten anmeldet. Dann muß man sich
entweder hilflos gemeinsam mit den anderen weiterentwickeln, oder aber die ganze Sache über Bord
kippen, wie es Robert M. Hutchins vor über 50 Jahren
an der University of Chicago getan hat, als er seine
Universität aus der Liga der Big 10 (einer stark wettbewerbsorientierten Liga der Universitäten im Mittelwesten der USA) für immer herausnahm, was eine Flut
von Schlagzeilen nach sich zog. Die einsame Größe
dieser Geste zeugt davon, wie unrealistisch es wäre,
weitere Zeichen dieser Art zu erwarten.
Wenn es schon anno 1939, als man nichts weiter als
die finanziellen Zuwendungen einiger ehemaliger
Studenten zu verlieren hatte, schwierig war, sich
einfach zurückzuziehen, so wäre es nahezu unmöglich, dasselbe heute zu tun, da allerorts so viele
Fernsehgelder in Form von Gebühren für die Übertragungsrechte wichtiger Sportveranstaltungen an
Bildungsinstitutionen gezahlt werden. Die Fernsehgelder sind darüber hinaus daran schuld, daß es schwieriger geworden ist, im Training der jungen Sportler
wahre moralische Weisheiten oder spirituellen Ausgleich unterschwellig anzubringen. Weil die Spieler zu
der Auffassung neigen, daß die Uni bereits viel Geld
an ihnen verdient, ohne daß sie selbst etwas dafür
bekommen - wenn man einmal von unterbewerteten
Abschlüssen absieht - ist ihre Hochschule der letzte
Ort, an dem sie nach einer moralischen Richtschnur
suchen.

Seite 3

�Vor vielen Jahren sagte ein berühmter Trainer an der
Yale University seiner Mannschaft, daß das an diesem
Tag stattfindende Spiel gegen die Mannschaft der
Harvard University das Wichtigste sei, das sie jemals
in ihrem Leben tun würden; und seit diesem Tag ist der
Trainer für diesen Ausspruch verlacht worden.
Subjektiv gesehen war er jedoch im Recht: In dem Teil
der Psyche, die einem vormacht, daß Spiele wichtig
genug sind, um sich für sie zu schinden und für sie zu
leiden, war dieses Spiel tatsächlich die allerwichtigste
Sache und würde es auch immer bleiben. Zumindest
bis zum nächsten großen Spiel.
Aber welche Lesart man auch immer bevorzugen mag,
gibt es keine Geschichte, die den Unterschied zwischen dem Sport damals und heute so gut veranschaulichen könnte wie diese. In jenen Tagen wurden
die Spieler mit nichts anderem als Ruhm belohnt, und
so überschütteten die einflußreichen Autoritäten ihre
Sportler förmlich damit.
Einem Trainer von heute
würde es nicht einmal im Traum einfallen, seinem
Team zu erzählen, es solle für die Alma Mater auch
noch das Letzte geben, denn er weiß ja, daß einige der
Spieler nicht gut auf die Uni zu sprechen sind, und es
wäre in der Tat etwas viel verlangt, sein Leben für eine
Institution zu geben, an der man keinen einzigen
ernstzunehmenden Kurs erfolgreich absolviert hat oder
auch nicht einen einzigen Freund gewinnen konnte,
der nicht aus der Welt des Sports kommt, oder wo
nicht einmal genug Zeit für die Teilnahme an den
Proben des Unichors blieb.
Wenn der einzige Gewinn, den die frischgebackenen
Athleten aus dem College erwirtschaften, in dem
Privileg besteht, die Farben der Schule zu tragen und
dafür zu sorgen, daß diese gut zur Geltung kommen,
dann ist es ein Gebot der Gerechtigkeit, daß sie für
ihre Leiden in barer Münze bezahlt werden, wie heute
vielerorts gefordert wird. Wenn das große Spiel nichts
anderes als ein weiterer Zahltag und das wichtigste
dabei der Talentsucher auf der Tribüne ist, und wenn
die Kampfeshymne einfach nur nach Katzenmusik
klingt, dann sollten die Spieler in der Tat bezahlt
werden.
Aber dieser Ratschlag wurde aus der Verzweiflung
geboren. Zusätzlich dazu, daß wir einen Reinfall mit
den Lohntabellen, konkurrierenden Geboten und
anderen nichtuniversitären Disziplinen erleben würden,
käme es zu einer Öffnung. Eine Professionalisierung
würde der Isolierung des einzelnen Sportlers einen
offiziellen Charakter geben: Ob man in Zukunft zu ihm
als Profisportler aufblickt oder als bezahlte Kraft auf ihn
herabblickt (was wohl vom Wert des jeweiligen
Spielers für die ganze Mannschaft abhängt) - ganz
sicher wird er nie mehr ein normales Mitglied der
Studentenschaft sein, das ganz offensichtlich nicht für
die Dinge bezahlt wird, die es zwischen den Vorlesungen unternimmt. Die Klassenunterschiede, welche die
Universitäten unter großen Anstrengungen abzublok-

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ken versuchen, treten sofort wieder auf, sobald eine
Lohnauszahlung institutionalisiert wird.
Daraufhin könnte ein Kritiker natürlich unverzüglich
einwenden, daß Sportler nun schon eine ganze Weile
keine normalen Mitglieder der Studentenschaft
gewesen sind und es auch in näherer Zukunft nicht
sein werden, und wenn man sie dann als Universitätssportler bezeichnet, so ist das die pure Heuchelei,
unter deren Deckmäntelchen sich die Tatsache
verbirgt, daß man den Sportlern den ihnen zukommenden Anteil nicht ausbezahlt. Eine derartige Kritik wäre
gerechtfertigt. Aber wenn es denn nun so ist und wir
uns von dieser Kritik veranlaßt sehen, von der Möglichkeit Abschied zu nehmen, daß es Gelehrtensportler
geben könnte, dann sollten wir uns vorher ganz genau
bewußt machen, was wir damit aufgeben.
Eine Universität, die ihre Studenten dafür bezahlt, daß
sie für sie an Wettkämpfen teilnehmen, verliert nicht
nur einen Teil ihrer Integrität als Bildungsstätte (d.h. als
unabhängiger Umschlagplatz für akademische Waren
und Dienstleistungen, Vorstellungen und Werte),
darüber hinaus trifft sie auch eine klare Aussage über
das Wesen der Wettkämpfe und ihr Verhältnis zu einer
Vielzahl anderer universitärer Freizeitbetätigungen.
Beispielsweise käme so zum Ausdruck, daß die Band,
die zur Halbzeit die Zuschauer unterhält, das aus Spaß
tut (noch nie hat jemand den Vorschlag gemacht, die
Band zu bezahlen), aber daß jemand, der einen Ball
wirft oder fängt, Arbeit leistet - wobei es von der Art
des dabei verwendeten Balles abhängt, ob diese
Betätigung als Arbeit eingestuft wird oder nicht. Ein
Football steht für Arbeit, ein Volleyball steht für Vergnügen. Was im Fernsehen übertragen wird, fällt
natürlich unter Arbeit, aber auch hier gibt es noch
Unterschiede: Die Spieler arbeiten, die Cheerleader
amüsieren sich. Körbe zu machen ist Arbeit, hinterher
beim Aufräumen zu helfen, ist schon eine Belohnung
an sich.
So würde sich die größte überhaupt denkbare Kluft
zwischen dem Sport und der gesamten restlichen Welt
studentischer Betätigungsfelder auftun, einschließlich
solch aufreibender Dinge wie wochenlanger Nachtschichten zur Fertigstellung der Jahreschronik der
Universität am Stichtag, Proben für Theateraufführungen, bis man vor Erschöpfung schielt, oder auch die
Notwendigkeit, im Labor Überstunden zu machen.
Sämtliche Torturen dieser Art werden als unentbehrlicher Teil der Universitätsjahre betrachtet, so daß man
die Institution sogar dafür bezahlt, das alles zu erleben.
Aber Basketball ist etwas ganz anderes. Für Basketball wird man von der Uni bezahlt.
Ich habe mich nicht nur deshalb so ausführlich mit
dieser hypothetischen Bedrohung auseinandergesetzt,
weil man mancherorts dazu lautstarke Warnungen
vernimmt, sondern weil das Unheil schon so nah ist.

AMERIKA DIENST 12

�Universitätssportler sind schon jetzt eine Kaste für sich
und führen ein behütetes, aber auch ein gefährliches
Leben, das dem der Angehörigen eines Kommandotrupps in Kriegszeiten nicht unähnlich ist, die sowohl
besser als auch schlechter als der Rest der Truppe
dran sind, aber auf alle Fälle immer von ihm getrennt.
Universitätssportler haben oftmals bereits ein gespaltenes Verhältnis zur Verwaltung. Es braucht nicht viel,
um aus einer Mannschaft eine Gewerkschaft zu
machen, die mit einer Beschwerdestelle und dem
fortwährenden Gefühl, Anfeindungen ausgesetzt zu
sein, ausgerüstet ist.
Und die jüngsten Fernsehpräsentationen scheinen zu bestätigen, daß man nicht
mehr weit davon entfernt ist.
Unter diesen Umständen wäre es vergebliche Liebesmüh, von moralischer Unterweisung sprechen zu
wollen, wenn man davon absieht, daß moralische
Unterweisung unvermeidbar ist. Sport ist Unterweisung, das liegt in der Natur der Sache. Er lehrt
Fairneß oder Mogeln, Teamwork oder Egoismus,
Mitgefühl oder Kälte. Ein Trainer, der im Spiel gegen
einen schwachen Gegner dafür sorgt, daß der Punktevorsprung in die Höhe schnellt, hat seiner Mannschaft
viel beigebracht. Und genau das trifft auf den oft
verleumdeten Lou Holtz zu, der am Vorabend eines
Football-Spiels um den Orange Bowl zwei starke
Spieler aus der Aufstellung der Mannschaft von Notre
Dame strich, weil sie seiner Meinung nach ihre
Verachtung für das Team ausgedrückt halten, indem
sie nicht zum Training erschienen waren. Natürlich
kann es aber auch sein, daß die beiden Spieler die Zeit
zum Lernen gebraucht haben, wobei ich nicht sagen
möchte, daß es einfache Lektionen für sie gewesen
sind.
Schulen und Universitäten lehren auch durch die ihnen
eigene Wesensart, und zwar, daß man jetzt für eine
ganze Gemeinschaft und nicht nur für sich selbst
spielt, und wenn man gewinnt, dann wird d&gt;e Gemeinschaft mit einem zusammen eine irrsinnige kollektive
Freude erleben, die früher mehr als nur ein Ausgleich
für die fehlende Bezahlung war. Obwohl es heutzutage anachronistisch und sentimental wirken muß,
auch nur davon zu reden, hat im Laufe der Jahre
gerade diese Erfahrung gleichberechtigt neben
weiteren Faktoren dazu beigetragen, den Stil des
amerikanischen Sports zu definieren, und zwar durch
die simple Tatsache, daß selbst die großen Cracks
ursprünglich vor den und für die ihnen zujubelnden
Kameraden gespielt haben, die sie am nächsten
Morgen im Unterricht wiedersahen.
In dem Maße, in dem wir das verlieren - wenn es denn
zutrifft -, verlieren wir eine Quelle wahrer natürlicher
Rohstoffe und bringen uns um eine Menge Spaß.
Aber die Möglichkeit, daß wir die Athle'en wieder
zurück in die Gemeinschaft werfen könnten, ohne den
Moloch des Universitätssports zu stören, entfernt uns
zu weit vom Sport und bringt uns zum Verhältnis der

AMERIKA DIENST 12

Rassen zueinander. An vielen Universitäten ist den
Schwarzen anscheinend sowieso nicht sehr an der
Gemeinschaft der Weißen gelegen, Sport hin oder her,
und in der Tat ist die Rassenintegration an der Universität wohl in den Sportmannschaften am weitesten
fortgeschritten. Der nächste logische Schritt wäre
dann also, daß die Sportler den Studenten die Werte
vermitteln, die sie im Sport gelernt haben - aber ich
habe Zweifel, ob der Moloch seine Athleten für diese
Zeit entbehren kann.
Wie dem auch sei und was auch immer die Akademiker addieren oder subtrahieren, die Lehre des Sports
pflanzt sich fort und ist dabei wie eine Maschine, die
nicht mehr ausgeschaltet werden kann. Das wirkt sich
auf die gesamte Gesellschaft in einer Weise aus, die
ihr selbst nicht einmal bewußt sein mag. In diesem
Zusammenhang fällt mir ein Erlebnis im Ausland ein,
das ich als ersten Beweis anführen möchte.
Vor einigen Jahren flog ich mit meinem Vater nach Port
of Spain in Trinidad, um dort ein Cricket-Spiel zwischen Australien und der Mannschaft der westindischen Inselstaaten zu sehen. (Wenn ihm der Sinn
danach gestanden hätte, wäre mein Vater sogar zum
Mars geflogen.) Das Match war frühzeitig entschieden,
so daß uns drei Tage blieben, an denen wir nichts mit
uns anzufangen wußten, und deshalb entschlossen wir
uns dann, diese Zeit im Gericht zu verbringen, dem
einer unserer Bekannten zufällig als Richter vorsaß.
Das Klima im Gebäude war drückend, und die großen
Ventilatoren an den Decken machten das Ganze nur
noch schlimmer, indem sie die feuchte Luft in den
Räumen langsam verteilten. Dennoch trugen sowohl
der Richter als auch die Anwälte Perücken und Roben
aus dicken Winterstoffen, und das Gesetz, das sie
Stunde um Stunde in der schwülen Hitze vollstreckten,
war genauso höllisch scharf und gewunden wie alles,
was man an einem kalten Tag im Gericht von Old
Bailey in London zu hören bekommen kann. Man
konnte nicht anders als eine geistige Verbindung
zwischen der sittsam-geziemenden Aggressivität des
Gerichtshofs und den weißgekleideten Figuren zu
ziehen, die wir am Vortage in der gleichen schwülen
Hitze beim Cricket-Spiel erlebt hatten, wie sie ihre
eigene Art von höflicher Härte demonstrierten.
Oberflächlich betrachtet besteht Cricket aus genauso
feingekämmter Seide wie die Regeln bei Gericht oder
der Beginn eines klassischen Kriminalromans: Die
Stimmen sind gedämpft, die Kleidung ist makellos.
Aber innerlich ist die Atmosphäre mörderisch gespannt. Während Amerikaner es bevorzugen, den
Gegner durch Krach und Unverschämtheiten einzuschüchtern, bedienen sich die Engländer und die
Bewohner ihrer ehemaligen Kolonien der Stille und
Höflichkeit eines Tyrannen, so daß der Schlagmann
bei seinem Gang zum Ausgangsmal glaubt, sein
Leben stünde auf dem Spiel.

Seite 5

�Natürlich ist dieser Zusammenhang kein Zufall, es
handelt sich vielmehr um eines der großen Klischees
des Britischen Empire. Zuerst zeigen wir euch unsere
Spiele (sagt Colonel Blimp), und dann werdet ihr
vielleicht auch unsere anderen Institutionen begreifen.
Was mich an den oben beschriebenen Episoden so
beeindruckt hat, ist die Tatsache, daß Trinidad Jahre
zuvor die britische Herrschaft triumphierend abgeworfen hatte, aber sowohl das Spiel als auch die Institutionen uneingeschränkter als je zuvor aufrecht
erhielt.
Wer die Bewohner Trinidads oder Jamaikas oder
Barbados' kennengelernt hat, dem wird ein ganz
eigener Stil aufgefallen sein - höflich, ironisch, hart -,
ein Stil, der nichts mit Rasse und sehr viel mit Kultur zu
tun hat. Und während nur ein Fanatiker behaupten
würde, dieser Stil sei vollständig aus dem Cricket
übernommen, würde ein anderer Fanatiker aus dem
gegnerischen Lager eine Aktivität vollständig ignorieren, auf welche die kleinen Leute in der Gegend mehr
Zeit verwendet haben als sie jemals in der Kirche
zubrachten und der sie mehr Aufmerksamkeit gewidmet haben als sie jemals in der Schule aufbrachten.
Als ein einheimischer Muslim vor ein paar Jahren
Amok lief und versuchte, eine Geiselnahme als
Zeichen des Protestes zu inszenieren, wie wir das aus
der übrigen Welt ja gut kennen, stellte ein ortsansässiger Professor fest: "Wir tun so etwas nicht in Trinidad.
In unserem Land wird schließlich Cricket gespielt."
Einen solchen Satz hat man in England in den letzten
50 Jahren nicht gehört.
In gewisser Weise war Cricket der Vorzeigesport des
gesamten Viktorianischen Ethos: Das Spiel, das die
meiste Geduld und die meiste Disziplin lehrte und das
während längerer Zeitspannen den wenigsten Spaß
vermittelte und am ehesten der Arbeit glich. Die
Tatsache, daß Cricket heute am besten und am
ursprünglichsten im Land des Calypso und der Sonne
gespielt wird, ist deutlicher Beleg für die Kraft des
Sports, der sich auf die ihm eigene Art durchsetzen
kann und, wo immer er Fuß faßt, seinen Stil zum
Tragen bringt, sofern ihm keine andere Sportart
zuvorkommt.
Diese letztgenannte Tatsache hat in ihrer Umkehrung
kürzlich globale Bedeutung erlangt, da sich ja die
Märkte allerorts öffnen wie Blumen im Frühling, und auf
jedem dieser Märkte werden Tausende neuer Fernsehgeräte eingeschaltet um herauszufinden, was die
übrige Menschheit die ganze Zeit so getrieben hat und
welchen Themen ihr Interesse gilt. Die aktuellsten
Botschaften aus Amerika stammen aus der Welt des
Sports, und das in einem Ausmaß, das nicht sportinteressierte Mitmenschen erstaunen mag, die wahrscheinlich denken, daß es immer noch Dinge wie
Spielfilme, Rockmusik und Fast Food sind, die auf
diese Art verbreitet werden.

Seite 6

Jedes dieser Elemente hat seine Zeit gehabt, um
Amerika anzupreisen, im Guten wie im Schlechten,
aber unsere Filme gibt es jetzt bereits so lange, daß
die Ausländer fast schon glauben, sie hätten sie selbst
gedreht. Rockmusik kann weitestgehend auch vor Ort
produziert werden, und McDonald's ist bereits zum
Klischee geworden. (Der wahre Durchbruch wäre,
wenn es genügend Nahrungsmittel für alle gäbe, egal,
wie lange die Zubereitung dauert.) Die amerikanische
Kultur hat einen derart gründlichen Triumph erlebt, daß
die Menschen kaum noch das Amerikanische daran
wahrnehmen.
Aber was immer noch neu und anders an Amerika ist,
sind die Meisterschaften des Super Bowl, die dank der
außergewöhnlich telegenen Anziehungskraft des
American Football mit der Kraft einer neuen künstlerischen Bewegung oder zumindest mit dem Schwung
eines neuen Modetanzes um den Erdball fegten. Die
Menschen in Europa und Australien bleiben die ganze
Nacht auf, um das Spektakel am Bildschirm mitzuverfolgen, und die Wettbüros in London nehmen
Wetten auf das Ergebnis an.
So öffnet sich ein weiteres Fenster der amerikanischen
Seele, und möglicherweise ist es das aufschlußreichste seit dem Jazz, durch den in den zwanziger Jahren
die schwarzen Amerikaner der übrigen Welt als etwas
anderes als Sklaven präsentiert wurden, nämlich als
wahre Meister, die ihre Kunst beherrschen. Der Sport
wird genau dasselbe tun. Aber durch die Bekanntmachung schwarzer Musiker hat der Jazz auch das
Problem der Schwarzen bekannt gemacht, und der
Sport wird das ebenfalls tun. Wenn Ausländer zum
ersten Mal unsere Mannschaften beim Football oder
beim Basketball beobachten, dann wundern sie sich
über die große Anzahl schwarzer Mitspieler, die in
diesem Land anscheinend eine Universitätsausbildung
erhalten können. Unsere Probleme müßten demnach
also gelöst sein, nicht wahr?
Nun ja, nicht ganz. Der Sport dient dazu, die Welt
daran zu erinnern, daß es in Amerika sehr viele
Schwarze gibt. Aber er erinnert sie auch daran, daß
man in der übrigen Zeit nicht so viel von ihnen mitbekommt. Wer zusieht, wie schwarze Amerikaner einen
großen Teil der amerikanischen Musik und so viele
amerikanische Korbleger machen, muß sich fragen,
was diese Menschen in der Zwischenzeit sonst noch
so tun.
Aber das Rassenproblem ist noch nicht einmal das
Entscheidende. Wie eine Nation spielt, kann Aufschluß darüber geben, wie sie lebt. Hitlers Weltbild,
sein ästhetisches Verständnis und, daraus abgeleitet,
auch seine Absichten sind nirgendwo vielsagender
und eindringlicher zum Ausdruck gebracht worden als
bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin oder in
Leni Riefenstahls Film "Olympia" (1936). Ein Blick auf
die ostdeutsche Schwimmerriege in den letzten Jahren

AMERIKA DIENST 12

�des Bestehens ihrer Nation, wie sie, steroidverquollen
und lustlos, auf ihren Sprungbrettern hockte, zeigte
uns, wie leicht der Kommunismus in eine Form des
Nationalsozialismus zurückgeglitten ist (wenn er sich
überhaupt jemals daraus befreit hatte), wo der Sieg als
das einzig Wahre galt, noch jenseits dessen, was der
theatralisch veranlagte Football-Trainer Vince Lombardi vor Augen hatte.
Ein für uns näherliegendes Beispiel der Perversion des
Sports ist der ekstatische Anarchismus britischer
Fußballfans, welche die Gewalt nach ganz Europa
trugen und aufgrund ihres Verhaltens Ende der
achtziger Jahre wie eine schlimme Krankheit oder ein
tollwütiges Tier vom Festland verbannt wurden. Ein
Land, in dem die Wiege des Parlamentarismus und
des Cricket steht und wo derartiges geschehen kann,
gibt zu denken und ist Anlaß dafür, genauere Betrachtungen anzustellen, denn es zeigt, wie sich ein anderer
Zweig des großen viktorianischen Sportabenteuers
entwickelt hat.
Das Rowdytum der Hooligans im Sport ist kein neues
Entwicklungsphänomen. Vielmehr handelt es sich um
eine Rückentwicklung oder auch einen Atavismus.
Gemäß der Legende entwickelten sich Fußball, Rugby
und damit auch American Football aus einem urzeitlichen Spiel, bei dem sich die Bewohner eines
Dorfes ohne Rücksicht auf Verluste - die Legende
berichtet über keine Regeln - bemühten, einen Gegenstand (der, wie ich vermute, nicht so ausgeklügelt wie
ein Ball war) bis ans hinterste Ende eines anderen
Dorfes zu bringen. Das war der totale Krieg, und jeder
warf sich dafür ins Zeug, und obwohl sich das heutzutage recht kurios ausnimmt, wissen wir aus historischen Aufzeichnungen, daß auch die ersten Schulwettkämpfe in England schlichtweg brutal waren und
immer wieder aufs neue entschärft werden mußten beginnend bei der Regel, nur oberhalb des Knies
zutreten zu dürfen, über die Erlaubnis, auch unterhalb
des Knies zuzutreten, bis hin zum völligen Tretverbot bevor das fromme Werk angegangen werden konnte,
das seinerzeit Thomas Arnold vorgeschwebt hatte.
(Wenn die Schlacht bei Waterloo wirklich "auf den
Spielfeldern Etons" entschieden wurde, dann ist das in
gleichem Maße auf die dort erlernte Brutalität wie auf
sportliche Fairneß zurückzuführen.)
Interessanterweise klingt die Beschreibung einer Wahl
in einem Dorf in Charles Dickens Pickwick Papers
(1837), welche die Politik in dieser Zeit veranschaulicht, wie ein nicht zu weit entfernter Cousin der
legendären Dorfspiele: rauh, korrupt und selbstverständlich heiter, immer heiter.
In dieser Phase ging es beim Cricket tatsächlich
kultivierter als bei den Wahlen zu, wie man der
Beschreibung eines Spiels in demselben Buch entnehmen kann. Cricket war der Sport der Landbewohner,
so wie Fußball der der Stadtbewohner war, doch im

AMERIKA DIENST 12

Laufe des Jahrhunderts gewannen beide Sportarten
ebenso wie die Wahlen an Differenziertheit und
Popularität; beide Bereiche stimmten ihre Schritte
aufeinander ab und paßten gut zueinander. Der Sport
lehrte die demokratischen Tugenden der Fairneß und
des Mannschaftsgeistes, und die Demokratie lehrte im
Gegenzug ihre eigenen Lektionen: Was auch immer
man euch erzählen mag, dieses Spiel gehört euch,
den Spielern. Die Regeln, so rätselhaft sie manchmal
auch erscheinen mögen, wurden euch nicht von oben
aufgezwungen, sondern sind dem Sport selbst entwachsen und so gemacht, daß das Spiel jedes Mal
möglichst gut verläuft, und so liegt es ganz einfach in
eurem Interesse, die Regeln zu beachten. (Die Idee,
die Regeln am Interesse der Zuschauer und schließlich an dem der Fernsehkameras auszurichten, kam
erst sehr viel später auf.)
Man kann den Nutzen des Sports für die Demokratie
übertreiben, was auch viele getan haben. Nirgendwo
werden aber die radikal verschiedenen Auswirkungen
desselben Spiels an unterschiedlichen Schauplätzen
so deutlich wie bei einem Vergleich zwischen Indien
und der westindischen Inselgruppe. Als Rudyard
Kipling über "in Flanell gekleidete Idioten am Mal und
schlammverkrustete Flegel im Tor" schrieb, hat er
vielleicht in einem gewissen Maße die Verzweiflung
eines kurzsichtigen, unsportlichen Mannes kundgetan,
aber es war ebenso völlig legitim, mit dem Finger auf
die selbstgefällige Engstirnigkeit der Engländer zu
zeigen, die von allen Seiten mit ihren Spielsachen
umgeben waren, mit Cricket und Football und dem
übrigen Zeug. Seine ersten Erfahrungen hiermit muß
Kipling in Indien gesammelt haben, wo die britischen
Kolonialherren es gewohnt waren, ihre Male zu
markieren und endlose Zeit dem Cricket zu widmen.
Vermutlich erlernten ihre Bediensteten die Demokratie
dadurch, daß sie für ihre Herrschaft die Fänger
spielten.
In Barbados, das sich Schritt für Schritt zur wohl
besten Cricket-Nation der Welt entwickelte, diente das
Spiel in der Tat dazu, die Sklaven ihren Herren
vorzustellen und dafür zu sorgen, daß man auch in
den Stürmen der Emanzipation noch miteinander
redete und auch danach noch freundlich zueinander
war. Ein pensionierter Lehrer, den ich im Bridgetown
Cricket Club kennenlernte, versicherte mir - nur von
Schwarzen umgeben - daß der Übergang von der
weißen zur schwarzen Herrschaft so schmerzlos
vonstatten gegangen war wie nur eben möglich, und
wenn es überhaupt so etwas wie eine farbenblinde
Gesellschaft gäbe, dann in Barbados. Und beide
Seiten sind sich darüber einig, daß Cricket daran nicht
ganz unbeteiligt war.
Das ist ein weiterer Beweis - wenn es denn noch
eines weiteren Beweises bedarf -, daß man den Sport
nicht einfach sich selbst überlassen sollte, sondern
man allerorts Intelligenz und Weitblick walten lassen

Seite 7

�muß, damit überhaupt etwas dabei herauskommt. In
Barbados hat die weiße Minderheit im Laufe der Jahre
ihre Lektion gelernt: Eine Gesellschaft, die zusammen
spielt, sollte tunlichst auch ein paar andere Dinge
gemeinsam machen, gleichgültig, ob es sich bei dieser
Gesellschaft um eine ehemalige Kolonie oder eine
amerikanische Universität handelt.
Aber letztlich liegt alles an dem, was eine Gesellschaft
von den Spielen erhofft. Die Engländer, die sich in
Barbados niederließen, wollten einen Anteil an dem
neuen Land haben, und so wurde das Spiel zu einer
Art vorläufiger Bürgerversammlung; die Angloinder
hingegen hockten quasi am Rand eines großen
Landes und setzten alles daran, nicht zu weit hineinzugeraten: Ein Kolonialbeamter, der allzu indisch
wurde, war völlig nutzlos. Deshalb war das Spiel
lediglich eine Transaktion, ein Händeschütteln, eine
einsame Begegnung am Nachmittag, wenn man so
will. Hinterher zog man sich in den Club zurück, um
das Englischsein neu zu ordnen.
Als in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts
schließlich der Himmel über ihnen einstürzte, wußten
viele Angloinder noch beinahe genauso wenig über
das Land, in das sie eingefallen waren, wie seinerzeit
bei ihrer Ankunft. Wird ein Sport zu ausschließlich
betrieben, so kann dadurch die Vorstellungskraft
eingeengt und die Neugier geschwächt werden. Am
Ende eines guten Tages fühlt man sich dann erschöpft
und befriedigt und ist sicherlich nicht in der richtigen
Stimmung, um noch etwas zu lernen, geschweige
denn, Reformen anzubringen, und die angloindischen
Cricketspieler hatten kaum Zeit gefunden, das Land
kennenzulernen, geschweige denn, sich damit wirklich
auseinanderzusetzen.
In diesem Sinne enttäuschte der Sport sogar die gute
alte Mutter England. (Auch dem Sport sind irgendwo
Grenzen gesetzt.) Die herrschende Klasse Britanniens
glaubte, die eigene Bevölkerung zu kennen, wie auch
die Kolonialbeamten geglaubt hatten, die Einheimischen zu kennen, weil sie mit ihnen gespielt hatten.
Aber sie hatten ja nur mit einigen Menschen aus der
eigenen Bevölkerung gespielt, und sie hatten nur auf
eine bestimmte Art und Weise gespielt.
Cricket spiegelte weder den Rest Englands wider noch
das Jahrhundert, in dem es angesiedelt war. Mit
wenigen Ausnahmen betrachteten britische Jungen
aus der Arbeiterklasse Cricket gar nicht als ihr Spiel,
sondern - wenn überhaupt - als Symbol im Klassenkampf. Während meiner Zeit in England in den frühen
fünfziger Jahren schienen sich die Massen am Lord's
Cricket-Spielfeld im Ton so sehr von den Massen in
Queen's Park und im Fußballfeld Fulham abzuheben
wie ein Eisenbahnabteil erster Klasse von einem Abteil
der dritten Klasse, oder die Bar in einem vornehmen
Salon von dem Tresen in einer Wirtschaft. (Die
Engländer haben ein Talent, einfach alles in Klassen

Seite 8

aufzuteilen.) Der Sport löste nicht das Klassenproblem,
sondern - falls er überhaupt etwas zu der Frage beitrug
- verfestigte es, und Fußball bleibt von seinem Ansatz
her der Sport der Ablehnung, der Sport der Außenseiter.
Sport ist deshalb also nicht notwendigerweise eine
Kraft, die Gutes hervorbringt, sondern einfach nur eine
Kraft, und sein Wert als Barometer liegt darin, daß er
nicht wie die Wachablösung vor dem Palast oder ein
anderes überkommenes Ritual ist, das einem alles,
was man über ein Land von vor 300 Jahren wissen
muß, sagt. Sport ist eher wie ein Küchenfenster zur
Gegenwart, das zeigt, was die Nachbarn unternehmen, um zu bekommen, was sie in diesem Moment
wollen, wenn sie ganz heiß auf etwas sind und sich
gleichzeitig den schärfsten Wettbewerbsbedingungen
aussetzen, die zu erdenken sie in der Lage sind.
Andere Länder, andere Botschaften.
In seinem
geistreichen und unterhaltsamen Buch You Gotta
Have Wa (1990) beschreibt Robert Whiting eine Art
des Baseball, die so mühsam und beladen mit
schmerzhaften Möglichkeiten ist, daß man sich fragt,
warum sich überhaupt jemand darum schert und es
spielt - wenn man in diesem Fall von Spielen reden
kann.
Whiting vergleicht nämlich eine typische
japanische Besprechung am Wurfmal mit einer
Vorstandssitzung bei Mitsubishi.
Was dort am Wurfmal in nervenaufreibender und die
Dynamik zerstörender Ausführlichkeit besprochen
wird, ist das absolute Gebot, eine Schande persönlicher und kollektiver Art zu vermeiden. Keiner will eine
Entscheidung treffen, durch die er oder seine Kollegen
bloßgestellt werden, und außerdem vermeiden sie,
solange sie sich dort draußen aufhalten, nicht nur das
Schlimmste, sondern sie zementieren und propagieren
ihr Wa, den Mannschaftsgeist, der noch viel kostbarer
als der Sieg ist. In diesem Sinne setzen die Japaner
auch eine Prämie für diejenigen aus, die regelmäßig
zum Training erscheinen, an dem sie in voller Länge
festhalten, auch wenn das Training wegen Regen
verzögert wird und das eigentliche Spiel verschoben
werden muß.
Es war schon immer leicht, sich über japanische
Gebräuche lustig zu machen, die Amerikaner heutzutage ohne weiteres zu verstehen nicht in der Lage
sind, und es wäre falsch, anzunehmen, daß diese
groteske Beschreibung schon die ganze Wahrheit
beinhaltet. In Japan sind Schein und Sein immer zwei
Paar Schuhe. Bisher hat sich die Baseball-Philosophie
der Japaner gegen amerikanische Mannschaften
jedoch nicht behaupten können.
Baseball ist die individualistischste aller Mannschaftssportarten, so daß es durchaus geschehen kann, daß
eine Mannschaft, in der jeder nur für sich selbst spielt,
mit Leichtigkeit ein Team schlägt, das ausschließlich

AMERIKA DIENST 12

�für das Kollektiv arbeitet. (Wieviele der selbstaufopfernden Bunt-Schläge kann man denn schon
verwandeln?) Mit anderen Worten, unser Nationalsport
ist passenderweise genau auf Amerikaner zugeschnitten: Individualismus mit einer Prise Kooperationsbereitschaft und einer Menge Toleranz gegenüber anderen
Individualisten, die einem das Herz brechen können.
Und es bleibt wohl ein Rätsel, warum die Japaner mit
all ihrer Fähigkeit zur oberflächlichen Imitation den
Wert dieser Sache scheinbar nicht erfassen können
oder wollen.
Aber Satire-Themen gibt es sicherlich auch in einem
Land wie dem unsrigen, wo die Spieler über derart
wenig Wa verfügen, daß sie eine Weltmeisterschaft
nicht dazu nutzen, ein neues Wa zu schaffen, sondern
ganz einfach dafür, ihren eigenen Preis in die Höhe zu
treiben. Obwohl jeder einzelne einen Beitrag zur
Weltmeisterschaft in einer Geisteshaltung leistet, die
leicht für Wa gehalten werden könnte, bricht die
eingeschworene Bande meist schon am nächsten Tag
auseinander, und jeder beeilt sich, seinen Anteil an der
Trophäe zu Geld zu machen. Mit anderen Worten, es
handelt sich um eine reine Ad-hoc-Zusammenarbeit.
Niemand möchte sich jedoch darin verzetteln.
Das ist wie ein Witz mit doppelter Pointe oder auch ein
Sketch, bei dem der Japaner die Tugend der Zusammenarbeit bis ins lächerliche Extrem steigert,
während der andere Sketchpartner die Regeln in das
entgegengesetzte Extrem ausdehnt und seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit verwirklicht. Die
Amerikaner haben von jeher das Bild des Freischaffenden vergöttert, der als bezahlter Killer zur rechten Zeit
erscheint und wieder geht, bevor die Zivilisation sprich die Teamarbeit - ihn einholt, und unser Herz
schlägt für denjenigen, der sich auf sich selbst verläßt.
Der Spieler, der einfach nur geduldig abwartet, riskiert
Herz, Nerven und sein Talent, denn wenn er sein
Team nicht voranbringt, kann er sich mit dem Geld
nicht einfach in einer Ecke vergraben; er muß jeden
Tag raus und vor Tausenden von lärmenden und leicht
zu verärgernden Fans, deren Sympathien er so
bereitwillig verspielt hat, seine Position im Feld einnehmen.
Die Amerikaner lieben den Ausgestoßenen, aber es
muß ein Ausgestoßener erster Klasse sein, der sich
um der Herausforderung willen dem Haß aussetzt. Die
Hälfte aller amerikanischen Situationskomödien
scheint darum zu gehen, daß die Mächtigen in irgendeiner Form erniedrigt werden - so die Berühmtheit, die
nicht erkannt wird oder der Vater, der am Ende nicht
recht behält. In einer Demokratie ist das ein Quell
endlosen Vergnügens. Deshalb spielt also ein Sportler, der die Zuschauermassen anzieht, indem er mit
einem solchen Vergnügen lockt, seine Rolle in einem
rituellen Spiel, das für Amerika genauso traditionsreich
ist wie die Teezeremonie in Japan.

AMERIKA DIENST 12

Aber wie bei allen Ritualen gibt es eine richtige und
eine falsche Art der Ausführung. In der letzten Zeit
sind derart viele aufgeblasene Angeber und falsche
Champions auf den Plan getreten, daß es schwerfällt,
sich an die mit einer wahren Herausforderung verbundene Aufregung oder an die kleine Prise des Besonderen, die so einem Ereignis hinzugefügt werden
kann, zu erinnern, wie beispielsweise ein hoher
Wetteinsatz in letzter Minute. Mohammed Alis erfundene Fehden und Prahlereien, die eines Falstaff
würdig waren, füllten nicht nur die Zuschauerränge,
sondern wirkten sich auf das innere Wesen seiner
Kämpfe aus: Seine Gegner kämpften stets gegen
einen Mythos an, gegen seinen Mythos, der von ihm
geschaffen und gelenkt wurde, was bereits beim
Namen anfing.
Heute sollte jedermann an die verrückten Tänze, die
nach einem Touchdown vollführt werden, und die
wilden Umarmungen und das Füßetrampeln, das die
meisten Football-Begegnungen begleitet, gewöhnt sein
- sind sie doch Ergüsse einer Hochstimmung, die
teuflisch ablenken und die Symmetrie des Spiels außer
Kraft setzen können, ähnlich wie Blechdosen in einem
Sinfoniekonzert, die uns aber gleichzeitig daran
erinnern, daß die eigentliche Grundlage des Spiels der
Spaß ist und die schwer gerüsteten Maschinen-Menschen auf dem Spielfeld doch noch eine Spur
Leben in sich tragen. Es ist ein gerechter Tausch Vollkommenheit gegen Menschlichkeit - geradewegs
so, wie wir es heute nun einmal tun.
Aber dieses Schauspiel hat auch eine weniger schöne
Seite zu bieten, die ebenfalls etwas über uns aussagt,
und das ist das Ausmaß, in dem sogar die Mannschaftssportarten zum Instrument der Selbstbehauptung und -Vermarktung geworden sind. Manchmal
scheint jeder einzelne Spieler da draußen sich selbst
zu verkaufen, was viele von ihnen seit ihrer Mittelschulzeit in der Tat getan haben. Wie ja auch große
Flöhe von kleineren Flöhen befallen sind, gibt es
heutzutage keine Ebene des sportlichen Wettkampfs,
die zu niedrig wäre, als daß nicht ein Zuschauer aus
einer etwas höheren Ebene als Talentsucher aufträte
und ad infinitum nach neuen Begabungen suchte. Auf
diese Weise wird das Leben zu einer langen Suche
nach dem kritischen Blick des geheimnisvollen
Talentsuchers.
In Diskussionen über den Sport muß man fortwährend
der Versuchung widerstehen, das als böse zu titulieren, was ganz einfach nur dumm ist. Ausländer
werden wohl nie das Ausmaß begreifen, in dem
Amerikaner Spaß haben und sich gleichzeitig verkaufen können. Sich verkaufen kann natürlich jeder, aber
das so überschwenglich und ohne deutlichen Zynismus oder die geringste Spur von Nuttigkeit zu tun,
das können nur wir.

Seite 9

�Aber letzten Endes ist das alles sinnlos. Ein Stadion
voller Verkäufer, voller Marktschreier, die ihre Ware
anpreisen, wird nicht nur dafür sorgen, daß es nicht
das beste Football-Spiel (oder welches Spiel auch
immer) wird, sondern auch dafür, daß nichts verkauft
wird.
Denselben Rundumschlag haben Angeber ä la Joe
Namath mit leeren Versprechungen vorgenommen, vor
allem mit der Mega-Prahlerei schlechthin, daß ein
Spieler die höchste Summe in der Geschichte des
Sports verlangt, um für ein bestimmtes Team zu
spielen. Zunächst lautete das Geschäft wie folgt: "Gib
mir dein Geld, und ich werde beweisen, daß ich der
Beste bin." Dieser Satz ist nun aber entartet und heißt:
"Wenn ich das Geld kriege, dann muß ich ja wohl der
Beste sein, und beweisen muß ich euch gar nichts."
Die einzige Lücke in dieser Argumentation, die groß
genug ist, um eine ganze Sportart aufzunehmen,
besteht darin, daß der Marktwert sich dadurch bestimmt, auf die breiten Massen eine Anziehungskraft
auszuüben, und neben den Fähigkeiten sind es eine
Menge anderer Dinge, die Massen anziehen.
Mit unseren Sportlern offerieren wir der Welt also eine
bunte Mischung, was auch auf unsere Werte im
allgemeinen zutrifft. Die Figur eines schöntuerischen
Größenwahnsinnigen hat nicht mehr das Geringste mit
dem sportlichen Ideal des 19. Jahrhunderts zu tun,
oder auch mit dem Grund, warum wir überhaupt
Wettkampfspiele veranstalten. Ein solcher Sportler
oder eine solche Sportlerin ist auch irgendwie eine
Karikatur und eine Warnung. Die Tatsache, daß wir
noch vergleichsweise wenig Größenwahnsinnige
haben, ist ein Tribut an die dem Sport innewohnende
gesunde Natur unter dem unglaublichen Druck des
Persönlichkeitskultes.
Eine Sportmannschaft ist ein kleines Parlament, das
auf der Grundlage einer Kriegserklärung arbeitet. Es
wird durch den oft schlechtgemachten Siegeskult
zusammengehalten und am Leben erhalten. Senator
Bill Bradley, ein Demokrat aus New Jersey und
früheres Mitglied der Profi-Basketballmannschaft der
New York Knicks, wurde einmal von einem Journalisten gefragt, ob er nicht meinte, daß die Siegesmanie
bei uns übertrieben wird, wobei er offensichtlich
erwartete, daß der liberale Bill ihm aus vollstem
Herzen zustimmen würde. Aber Bradley wußte zu gut
Bescheid, er hatte ja selbst auf dem Schlachtfeld
gestanden, wo falsches Mitleid genauso wenig bringt
wie in einem richtigen Krieg, und so sagte er: "Nein denn wenn man das Siegen nicht über alles andere
stellt, neigen die Spieler dazu, egoistisch zu werden."
Eine Mannschaft, die gewinnen will, wird sich wie eine
Katze von allem befreien, das ihr Tempo mindert. Will
ein Sportler also angeben und sich selbst darstellen,
so muß er einen Weg finden, das zwischen einzelnen

Seite 10

Pässen oder zwischen einzelnen Spielen zu tun, und
zwar so, daß er das Rampenlicht nicht vollständig
absorbiert und die Mannschaftskameraden, von denen
sich ja vielleicht auch der eine oder andere in Szene
setzen möchte, nicht im Dunkeln stehen läßt. Damit
gelangen wir nun zu einer Gattung disziplinierter
Exhibitionisten, allesamt umgängliche Egotisten, die
nichts so sehr lieben wie abgelichtet zu werden,
während sie gerade ihren Mannschaftskameraden
gratulieren, oder auch interviewt zu werden ("Ich
schätze, keiner kannte Babe Ruth so gut wie ich.") - in
der Tat eine bunte Mischung.
Aber diese Spieler sind ein vereinzeltes Phänomen
unter völlig normalen jungen Leuten, die ihr Land im
Zeitalter des Sports wahrscheinlich genauso einnehmend und korrekt vertreten wie alles, das die Welt
von uns seit den Gls im Zweiten Weltkrieg zu sehen
bekommen hat - und das ebenfalls eine bunte Mischung war. Aber was an ihnen so einnehmend wirkt,
ist eben jene weder von Geld noch vom Fernsehen
verdorbene Kernsubstanz, oder was davon übrig
geblieben ist - eine volkstümliche Eigenart, die der
Sport trotz aller Widrigkeiten aufrechterhält wie eine
alte Religion in einem modernen Land. Das Fernsehen verändert vielleicht das äußere Erscheinungsbild
und auch die Kosten oder sogar die Art und Weise, wie
einige Sportler darüber denken, aber wer das Glück
hatte, mitzuerleben, wie die amerikanische Eishockeymannschaft 1980 in Lake Placid die Russen das
Fürchten lehrte und wie diese Leistung den Spielern
und Fans erst allmählich bewußt wurde, war bei einer
Stemstunde des amerikanischen Sports dabei, die vor
hundert Jahren genauso ausgesehen hätte und sich
auch morgen so ereignen könnte, wenn wir keine
Fehler machen - und wogegen ein Parteitag inzwischen gänzlich gestellt und künstlich sowie im Widerspruch zu seiner eigenen Wesensart erscheint.
Es ist eine große Versuchung zu sagen, daß das, was
der Sportler dem Sport abgewinnt, und was er aus
seinem Leben macht, seine Privatangelegenheit ist
und niemanden etwas angeht. In der Tat ist es aber
ein Anliegen von beträchtlichem öffentlichen Interesse,
daß er so viel wie möglich aus beidem herausholt, weil
der Grat zwischen dem, was ein erfüllter Sportler vom
Leben haben kann und der kaputten Welt des schienbeintretenden Rowdy-Sportlers gefährlich schmal ist,
und zur Zeit wandeln mehr junge Mitbürger darauf als
jemals zuvor in der Geschichte, sei es unsere eigene
oder die der anderen.
Ein Spieler, der über sein Tun nicht nachdenkt, ist wie
ein ungesichertes Gewehr, selbst für seine eigene
Sportart. Da er nicht ganz sicher ist, warum er das
alles tut, tendiert er zur naheliegenden Erklärung: Es
muß am Geld liegen. Und warum auch nicht? Aus
diesem Grund macht es ja auch der Trainer, der
nebenbei einen Vertrag mit dem Sportschuhhersteller
hat, in dessen Produkten unser Spieler jeden Abend

AMERIKA DIENST 12

�antreten muß. Und aus diesem Grund macht es ja
auch die Uni, die danach schielt, an den großen
Ausscheidungen teilzunehmen und im Fernsehen
übertragen zu werden, wofür im Notfall auch die
Unterrichtszeit des Spielers auf null Stunden herabgesetzt wird.
Zu unser aller Glück ergibt sich die beste Gelegenheit
für den Spieler, Geld zu verdienen, aus der Chance,
das Spiel so gut zu spielen, wie er eben kann. Und
das ist auch der Grund, weshalb das System trotzdem
noch zu funktionieren scheint. Aber, wie ich bereits
sagte, ein Spieler mit einer derartigen Motivation ist wie
ein ungesichertes Gewehr. Denn bekommt er kein
Geld oder irgendeine Art von Belohnung neben der
reinen Freude am Spiel, dann kann man bestenfalls
auf seine Unzufriedenheit hoffen, schlimmstenfalls auf
Mogelei und im Normalfall auf Rückzug.
Der Sport in Amerika ist in immer stärkerem Maße
darauf ausgerichtet, den Anschein zu erwecken, daß
alles, was man tut, an etwas anderem orientiert ist das Spiel am Wettkampf, der Wettkampf an einem
wichtigeren Wettkampf im nächsten Jahr, an einer
besseren weiterführenden Schule, einer Universität,
der Profimannschaft, Siege mit der Profimannschaft,
mehr Geld in der Profimannschaft (sonst gehe ich zu
einer anderen, egal welcher), Vertragsklauseln,
Manager, Verdienstmöglichkeiten - so daß man nur
schwerlich zu einem bestimmten Zeitpunkt sagen
kann, das wäre jetzt der Grund. Der Amerikanische
Traum stellt sich derzeit wie ein Befehl dar, sich
weiterzubewegen, bis man von der Kante des Kontinents kippt, und auf gar keinen Fall aufzuhören zu
träumen.
Eine Konstante in dem Ganzen ist natürlich das Geld,
das in jedem Kapitel wie Woody Aliens rätselhafte
Figur des Zelig erscheint und dem Träumer wenigstens etwas Kontinuität gewährleistet. Die psychologische Bedeutung dieser Figur kann man vielleicht nach
der Intensität beurteilen, mit der Ballsportler um
bedeutungslose Zuschläge auf ohnehin schon hohe
Grundgehälter handeln, um aus ihrer jeweiligen
Position das meiste herauszuholen: Wenn man immer
nur wegen des Geldes gespielt hat, dann kann man
jetzt nicht aufhören, obwohl derjenige am meisten
erhält, dessen Vertrag am neusten ist, so daß es
niemals eine Pause gibt.
Die andere Konstante, die sich durch alle Phasen der
Sportabteilung des Amerikanischen Traumes zieht, ist
das Spiel selbst - Baseball, Football, was auch immer
- das, wie eine einsame Heldin des 18. Jahrhunderts,
für gewöhnlich aus dem Labyrinth der Versuchung und
Korruption mehr oder weniger unbeschadet ihrer
Tugenden herausfindet, wenn auch nur, weil bisher
niemand eine gewinnträchtige Art ersonnen hat, es zu
korrumpieren. Im Gegensatz zu Spielfilmen und
anderen Künsten sind Mannschaftssportarten nie

AMERIKA DIENST 12

kommerzieller als wenn sie genau nach Regel gespielt
werden. Selbstverständlich wird das, wenn eine
Kleinigkeit dazu beitragen könnte, den Wettkampf noch
kommerzieller zu machen - dieses entfernen, jenes
kürzen, ein ernannter Schlagmann hier und eine
24-Sekunden-Uhr da - auch getan, aber das Herz des
Sports bleibt rein. Ein Turner, der die rutschige Stange
hinaufklettert, wird dort oben an ein ähnliches Spiel
erinnert, das er als Kind immer gespielt hat - und das
wird für seine Unschuld dort oben garantieren, wenn
sie überhaupt durch irgend etwas gewährleistet
werden kann.
Für Frauen stellt sich hier unter Garantie eine neue
Frage - zu neu, um sie zu beantworten, aber nicht zu
neu, als daß man nicht darüber reden sollte. Wenn
nämlich bestimmte Sportarten in gewisser Weise eine
Lehrzeit zur Vorbereitung auf die Welt der Politik und
der Unternehmen sind sowie eine Flucht daraus, dann
könnte man argumentieren, daß eine große Zahl
Frauen auch diese Sportarten betreiben wollen, wobei
es dahingestellt sei, inwieweit die Spiele ausschließlich
von Männern für Männer geschaffen worden sind beispielsweise Football, wo die wöchentliche Statistik
über Verletzungen wie eine abgemilderte Variante der
Inschrift eines Kriegerdenkmals anmutet.
Deshalb können wir also möglicherweise in Kürze mit
einigen neuen Regeln rechnen, oder sogar auch mit
einem ganz neuen Spiel - doch was ist hierfür die
Richtschnur? Die Frauen waren bisher nur wenig
erfolgreich in ihrem Bemühen, die Geschäftswelt oder
die Politik "freundlicher und sanfter" zu gestalten, weil
die Materie selbst das nicht gestattet: Man kann mit
Aktionärsgeldern nicht freundlich umgehen oder zu
Saddam Hussein sanft sein; man kann ja nicht einmal
sanft gegenüber Margaret Thatcher auftreten, wenn in
ihrem Land etwas nicht stimmt.
Wird sich jedoch der Sport als deutlicher formbar
erweisen? Wieviel Reform ist tragbar, ohne daß die
ursprüngliche Absicht verlorengeht? Die Sachlage läßt
bisher erkennen, daß der Trend üblicherweise in die
entgegengesetzte Richtung geht, so daß der Sport die
Spieler ändert, lange bevor sie den Sport verändern
können. Die meisten Spiele, gleichgültig, ob sie am
Spieltisch oder im Stadion gespielt werden, bestimmen
auf unerklärliche Art nicht nur ganz genau, wie gespielt
werden soll, sondern auch, mit welcher inneren
Einstellung, so daß selbst der sanfteste aller Zeitgenossen plötzlich sein wutverzerrtes Gesicht Stirn an
Stirn mit dem des Schiedsrichters wiederfinden kann,
ohne daß er sich bewußt wäre, wie es dazu kommen
konnte. Und das scheint immer zu gelten, egal, ob
man Andre Agassi oder Martina Navratilova heißt.
Derartige protokollarische Fragen können jedoch
durchaus geklärt werden. Was allerdings nicht geklärt
werden kann, ist das andere, was der Sport bestimmt,
nämlich, daß man die jeweilige Sportart immer so hart

Seite 11

�wie möglich spielen wird, da Gewalt das unvermeidliche und oftmals berauschende Nebenprodukt ist, das
entsteht, wenn man den Fuß von der Bremse nimmt
und zusieht, zu was der Körper imstande ist. Und das
ist ein Bestandteil des Sports, den man nicht wegnehmen kann, ohne den Punkt dahinter zu verlieren.
Wenn man möchte, kann man Boxsportlern Helme
aufsetzen, um die Verletzungsgefahr zu reduzieren,
und man kann den Star der Mannschaft von der
Quarterback-Position auf die Strafbank schicken, um
so den Spielstand niedrig zu halten, was man jedoch
nicht tun kann, ist, diesen Sportlern zu sagen, die
Sache leicht zu nehmen oder "ein Einsehen zu haben".
Und das, und nicht der körperliche Schmerz, ist
sicherlich der für viele Frauen am schwersten zu
schluckende Aspekt des Wettkampfsports, nämlich die
absolute Unversöhnlichkeit und das eiskalte Beharren
auf den Regeln, das einem das Herz brechen kann,
selbst wenn man sanftestes Touch-Football in einer
Ritterrüstung spielte.
Sport ist tatsächlich genauso gefühlskalt wie das
Leben selbst. Der Schiri erteilt Strafstöße gegen die
Mannschaft, selbst wenn sie mit 50 Punkten im
Rückstand ist, und die Punktetabelle zeigt auch
nachträglich kein geschöntes Ergebnis an, das es
gestattete, sich besser zu fühlen. Es gibt keinen
besseren Ort als das Spielfeld, um die Selbstachtung
gründlichst zu zerstören - und das gilt ebenso für das
Schachbrett, wo ein "Schachmatt in drei Zügen"
schlimmer schmerzen kann als ein Angriff von hinten,
bei welchem der Football-Spieler eine Fraktur beider
Beine erleidet. Was man als Gegenleistung für die
rituellen Erniedrigungen bekommt, ist ein Fingerhut
voller Selbsterkenntnis, einen kleinen, aber kostbaren
Eindruck davon, wie das wirkliche Leben funktioniert,
und soviel an Selbstachtung, wie man sich mittels

*

Seite 12

Schweiß und Muskelarbeit verdienen kann - und
hierbei zeigt sich der Sport etwas nachgiebiger: Er
verleiht Nieten, die sich ernsthaft anstrengen, fast
genausoviel Selbstzufriedenheit wie den Champions.
Auf diese Art haben sich die Männer der Moderne in
den zurückliegenden 150 Jahren auf das Leben
vorbereitet. Wenn eine bedeutende Anzahl von
Frauen sich dazu entschließen würde, denselben Weg
einzuschlagen - und es gibt Anzeichen dafür - so wird
das, wenn schon nichts anderes dabei herauskommt,
die unerschütterlichste aller Binsenwahrheiten auf die
Probe stellen, nämlich daß die Männer von Natur aus
gerecht und die Frauen gnädig sind. Es scheint nur
rechtens anzunehmen, daß Männer nicht im eigentlichen Sinn als Gerechte geboren werden, doch wird
ihnen das aufgedrängt, sobald sie zum ersten Mal
jemanden beschummeln wollen, oder wenn jemand sie
beschummeln will und ihnen dann klar wird, daß
Gerechtigkeit die größte Liebenswürdigkeit ist, die man
zwei Menschen mit auseinanderstrebenden Interessen
zur gleichen Zeit gewähren kann. Nachdem man
lange genug einen Sport gespielt hat, wird die dann
noch verbliebene Liebenswürdigkeit in der Tat sehr
stabiler Natur sein - und natürlich ist die Großzügigkeit
der Athleten gegenüber ihren Mannschaftskameraden
legendär, was auf die Gegner beinahe im gleichen
Maße zutrifft. Worauf man hoffen könnte, wäre, daß
die Frauen oder sonst jemand dieses Kirchturmdenken
aufbrechen, damit der Rest der Welt daran teilhaben
kann.
Wenn das jemals geschehen sollte, bleibt mir nur noch
festzustellen, daß es um ein Vielfaches leichter wäre,
als Fürsprecher der Segnungen des Sports aufzutreten, als es mir in diesem Beitrag möglich gewesen
ist.

*

AMERIKA DIENST 12

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nationale Sicherheit im 21. Jahrhundert &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Anthony Lake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die doppelte Erweiterung der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Senator Richard Lugar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;50 Jahre Amerika Haus Frankfurt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Sport&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warum Sport das Spiel macht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Wilfrid Sheed&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
11

29. Mai 1996

LANDMINEN

USA GEBEN NEUE POLITIK ZUR
ÄCHTUNG VON LANDMINEN BEKANNT
Rede von Präsident Clinton

BOSNIEN

IDEAL EINES MULTIETHNISCHEN UND
DEMOKRATISCHEN BOSNIENS MUSS
VERWIRKLICHT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher

TERRORISMUS

CHRISTOPHER: KAMPF GEGEN TERRORISMUS IST DRÄNGENDE HERAUSFORDERUNG
Rede des Außenministers

VERTEIDIGUNG

KONFLIKTVERHUTUNG ALS ZIEL
AMERIKANISCHER SICHERHEITSPOLITIK
Rede von Verteidigungsminister Perry

WIRTSCHAFT

RUBIN: PRIVATINVESTITIONEN, LIBERALISIERUNG DER FINANZMÄRKTE UND
BEKÄMPFUNG VON FINANZVERBRECHEN
Erklärung des Finanzministers

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
inlernet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND

DIE USA ALS WIRTSCHAFTSPARTNER
UND KONKURRENT
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

OECD

NEUE AUFGABEN UND HERAUSFORDERUNGEN IM BEREICH
WIRTSCHAFTLICHER ZUSAMMENARBEIT
Ansprache von Joseph Stiglitz

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�LANDMINEN
29. Mai 1996

USA geben neue Politik zur
Ächtung von Landminen bekannt
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Am 16. Mai 1996 verkündete Präsident Bill Clinton die neue Politik der Vereinigten
Staaten zum Verbot von Antipersonenminen. Nachfolgend veröffentlichen wir die unwesentlich gekürzte
Ansprache des Präsidenten.

Heute leite ich internationale Bestrebungen zum
Verbot von Antipersonenminen in die Wege. Seit
Jahrzehnten ist die Welt entsetzt über die von Landminen angerichtete Zerstörung. Spielende Mädchen und
Jungen, Bauern bei der Bestellung ihres Bodens, ganz
normale Reisende - insgesamt mehr als 25.000
Menschen werden jährlich von Landminen getötet oder
verstümmelt, die nach der Beendigung eines Krieges
zurückblieben. Wir müssen handeln, damit die Kinder
der Welt ohne Furcht den Boden unter ihren Füßen
betreten können.
Zur Beendigung dieses Gemetzels streben die Vereinigten Staaten den baldigen Abschluß eines weltweiten Abkommens über die Einstellung des Einsatzes
sämtlicher Antipersonenminen an. Die Vereinigten
Staaten werden führend bei den internationalen
Bestrebungen zur Beseitigung dieser entsetzlichen
Waffen sein sowie dabei, diesem enormen Verlust an
Menschenleben Einhalt zu gebieten. Die heute von
mir bekanntgegebenen Schritte bauen auf unserer
Arbeit zur Entschärfung von Minen in 14 Nationen auf von Bosnien bis Afghanistan, von Kambodscha bis
Namibia. Ferner bauen sie auf dem Exportmoratorium
über Landminen auf, an das wir uns seit vier Jahren
halten - Bestrebungen, denen sich glücklicherweise 32
weitere Nationen angeschlossen haben.
Zur Erlangung unseres Ziels eines weltweiten Verbots
ordne ich am heutigen Tag verschiedene unilaterale
Aktionen an. Zunächst verfüge ich, daß unsere
Streitkräfte mit sofortiger Wirkung den Einsatz sämtlicher konventioneller Antipersonenminen einstellen.
Die Minen, die bis zu ihrer Explosion gefährlich sind,

AMERIKA DIENST 11

werden entschärft. Einzige Ausnahme sind die zur
Verteidigung der amerikanischen Truppen und unserer
Verbündeten vor Aggression auf der koreanischen
Halbinsel sowie die für Ausbildungszwecke erforderlichen Landminen. Die übrigen Minen - insgesamt mehr
als 4 Millionen - werden aus unseren Arsenalen
entfernt und bis 1999 zerstört.
Ebenso wie die Welt Verantwortung dafür trägt, daß
ein Kind in Kambodscha sicher zur Schule gehen
kann, besteht meine Verantwortung als Oberbefehlshaber der Streitkräfte auch darin, die Sicherheit unserer Männer und Frauen in Uniform zu gewährleisten und ihr Leben zu schützen. Angesichts der
fortgesetzten und beispiellosen Androhung von
Aggression auf der koreanischen Halbinsel habe ich
entschieden, daß die Vereinigten Staaten bei sämtlichen Verhandlungen über ein Verbot ihr Recht auf den
Einsatz von Landminen in dieser Region erhalten
werden und müssen, bis die Bedrohung aufgehört hat
oder Alternativen zu Landminen gefunden werden.
Bis zum Inkrafttreten eines internationalen Verbots
behalten sich die Vereinigten Staaten das Recht vor,
notfalls sogenannte "intelligente Minen" oder Selbstzerstörungsminen einzusetzen, denn es könnte
Kampfsituationen geben, in denen diese Minen das
Leben unserer Soldaten retten.
Ich möchte auf eines besonders hinweisen: Diese
intelligenten Minen sind nicht die versteckten Killer, die
weltweit so viel Leid verursachen. Sie entsprechen
internationalen Normen. Sie zerstören sich selbst
innerhalb weniger Tage und stellen nach Beendigung

Seite 1

�der Kampfhandlungen praktisch keine Gefahr für die
Zivilbevölkerung dar. Aber unter dem von uns angestrebten internationalen Verbot würde dem Einsatz
dieser intelligenten Antipersonenminen ebenfalls ein
Ende gesetzt.
Wir sind entschlossen zu verhindern, daß in den
Ländern dieser Welt erneut Terror gesät wird. Aus
diesem Grund schlage ich vor, daß die 51. Generalversammlung der Vereinten Nationen diesen Herbst eine
Resolution verabschiedet, in der die Nationen der Welt
zur Unterstützung eines weltweiten Verbots von
Landminen aufgefordert werden. Ich habe UNOBotschafterin Albright angewiesen, umgehend mit der
Vorbereitung dieser Resolution zu beginnen.
Drittens. Obwohl die von mir erwähnten Ausnahmen
für den Schutz des Lebens von Amerikanern erforderlich sind, bin ich entschlossen, unsere Abhängigkeit von diesen Waffen vollständig zu beenden. Aus
diesem Grund fordere ich den Verteidigungsminister
auf, sofort mit der Forschungsarbeit und der Entwicklung alternativer Technologien zu beginnen, die keine
neue Gefahr für Zivilisten darstellen.
Viertens. Bei unseren Bestrebungen zur Verhinderung
des Entstehens weiterer Minenfelder müssen wir auch
unsere Anstrengungen verstärken, bereits existierende
zu entschärfen. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen - so
unglaublich es auch erscheinen mag - in Europa,
Asien, Afrika und Zentralamerika ungefähr 100
Millionen Landminen im Boden.
Zum Abbau der durch sie hervorgerufenen Ängste
verstärkt das Verteidigungsministerium seine Bestrebungen zur Entwicklung verbesserter Minensuchgeräte sowie von Entschärfungstechnologie zum Einsatz in
den zahlreichen schon seit langer Zeit unter Minen

leidenden Ländern. Ferner verstärken wir unsere
Ausbildungs- und Hilfsprogramme zur Unterstützung
anderer Nationen bei ihren Bemühungen, ihr Territorium von diesen Geräten zu befreien. Hierzu sowie zur
Entwicklung von Alternativen zu Antipersonenminen
stellen wir ausreichende Gelder zur Verfügung. Ich
werde persönlich mit dem Kongreß in dieser Frage
zusammenarbeiten.
Viele Menschen haben daran mitgewirkt, daß wir so
viel erreichen konnten. Ich möchte insbesondere
Senator Patrick Leahy aus Vermont meinen Dank
aussprechen. Ich weiß zwar, daß er nicht mit allen
Teilen unseres Ansatzes übereinstimmt, aber sein
Engagement und seine moralische Führung in dieser
Sache spielten eine wesentliche Rolle dabei, das
Gewissen unserer Nation aufzurütteln und sie auf das
von Landminen verursachte Leid aufmerksam zu
machen. Weiterhin möchte ich den nichtstaatlichen
Organisationen danken, die sich so stark dafür
eingesetzt haben, diese Angelegenheit ganz oben auf
die internationale Tagesordnung zu setzen.
Bei der Bewältigung der Aufgabe, ein weltweites
Verbot von Landminen zu erzielen, müssen wir
zusammenarbeiten. Und wir werden Erfolg haben. Ich
möchte nochmals sagen, wie sehr ich zu würdigen
weiß, wieviel Zeit und Energie General Shalikashvili
und die Vereinigten Stabschefs dieser bedeutenden
Frage in den letzten Monaten gewidmet haben. Es
können Jahre vergehen, bis alle Völker der Welt sich
sicher fühlen, wenn sie den Boden unter ihren Füßen
betreten, aber wir beschleunigen den Anbruch dieses
Tages mit den heute bekanntgegebenen Entscheidungen. Ich werde alles in meiner Macht Stehende zu
ihrer möglichst schnellen Umsetzung unternehmen einschließlich des internationalen Abkommens über
ein Verbot aller Antipersonenminen.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 11

�BOSNIEN
29. Mai 1996

Ideal eines multiethnischen und demokratischen
Bosniens muß verwirklicht werden
Rede von Außenminister Christopher

WASHINGTON - (AD) - Bei einem Treffen des Föderationsforums bosnischer und kroatischer Regierungschefs
im Blair House erklärte Außenminister Christopher am 14. Mai 1996: "Dies ist der Ort, um dem Ideal eines
multiethnischen und demokratischen Bosniens Substanz zu verleihen."
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede des Außenministers im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Vizepräsident, Herr Außenminister,

Wahlen - der nächste entscheidende Meilenstein in
dem Prozeß - stattfinden können.

ich möchte Sie im Blair House willkommen heißen und
freue mich, daß Sie zu diesem zweiten Treffen des
Föderationsforums nach Washington gekommen sind.
Das Föderationsforum ist eine amerikanische Initiative,
die die Föderation als Eckpfeiler des Friedens in
Bosnien stärken soll. Ich möchte auch unseren
deutschen Partnern und insbesondere dem Stellvertretenden Hohen Repräsentanten Steiner für die
Zusammenarbeit mit uns im Namen der Föderation
danken.

Es gibt einige, die immer noch der Ansicht sind, daß
die Föderation nicht von Erfolg gekrönt sein wird. Sie
haben jedoch bereits viel getan, um sie eines Besseren zu belehren. Die Föderation hat seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens in der Tat beachtliche Fortschritte erzielt. Eine separate Föderationsregierung wurde gegründet. Das Verfassungsgericht
der Föderation wurde eingeweiht. Praktisch alle
Kantone und Stadtverwaltungen wurden geschaffen.
Interne Zollkontrollstellen werden abgeschafft, und die
Föderationsbehörden für die Erhebung von Zöllen sind
in Betrieb. In Zusammenarbeit mit der IFOR beginnen
einige Stadtverwaltungen, ihre Zusagen über die
Rückführung der Flüchtlinge zu erfüllen.

Während wir heute hier zusammenkommen, ergreifen
die Menschen in Bosnien die durch den Frieden
geschaffenen Chancen. Mit jedem wieder aufgebauten Haus, mit jeder wieder zusammengeführten
Familie, mit jeder ohne Rückgriff auf Gewalt beigelegten Streitigkeit entfernen sie sich einen Schritt
von den Schrecken der Vergangenheit und unternehmen einen Schritt zu einem gerechten und dauerhaften
Frieden. Diese Errungenschaften stehen jedoch noch
auf tönernen Füßen.
Wir sind hier, weil wir uns einer Sache sicher sind:
Wäre es uns nicht gelungen, vor zwei Jahren die
Föderation zu gründen, gäbe es heute keinen Frieden
in Bosnien. Wir sind aber auch hier, weil noch Arbeit
vor uns liegt: Die Föderation muß ihr volles Potential
ausschöpfen, wenn der Frieden Bestand haben soll.
Und wir müssen heute Fortschritte erzielen, damit freie

AMERIKA DIENST 11

Ich weiß, daß man die bitteren Erinnerungen des
Krieges nicht völlig hinter sich lassen kann. Sie haben
sich diesem Prozeß verschrieben, weil es der einzige
Weg ist sicherzustellen, daß der Krieg nicht mehr als
eine bittere Erinnerung bleibt.
Meines Erachtens haben Sie unter Beweis gestellt,
daß Sie diesem Prozeß zum Erfolg verhelfen wollen.
Die Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft haben ebenfalls demonstriert, daß sie
alles in ihrer Macht Stehende tun werden um zu helfen.
Obwohl unsere Bestrebungen umfassend sind, gibt es
viele Dinge, die nur Sie tun können. Wir können ein
sicheres Umfeld schaffen, aber Sie müssen die Herzen
und Köpfe vorbereiten. Wir können die Einhaltung

Seite 1

�vieler Aspekte des Friedensabkommens gewährleisten, aber Sie müssen echte Zusammenarbeit
sicherstellen. Wir können der Föderation nur helfen,
wenn sie funktionierende staatliche Institutionen hat,
mit denen die ausländischen Regierungen und
Investoren Geschäfte abwickeln können.
Es ist beispielsweise unerläßlich, daß Sie ein neues
Verteidigungsgesetz der Föderation verabschieden
und umsetzen, um die Streitkräfte der bosniakischen
und kroatischen Gemeinden zu vereinigen. Nur wenn
diese Streitkräfte integriert sind, kann die internationale
Staatengemeinschaft mit ihrer Ausbildung und Ausrüstung beginnen. Es ist ebenso wichtig, daß die
Föderation den Aufbau ihrer Finanzinstitutionen
abschließt, so daß die Hilfe der Weltbank vorangebracht werden kann. Sie müssen auch Wahlgremien
vor Ort einrichten und Ihrer Verpflichtung nachkommen, allen politischen Parteien gleichen Zugang zu
den Medien zu garantieren.
Alle Seiten können ferner bessere Arbeit bei der
Einhaltung ihres Versprechens von Dayton leisten,
Bewegungsfreiheit zu gewährleisten. In ganz Bosnien
ist es offenkundig, daß die Menschen nach Hause
zurückkehren wollen. In vielen Fällen haben sie große
Risiken auf sich genommen, um dies zu tun. Die IFOR
leistet ihren Beitrag. Es obliegt jedoch ihren Regierungen, dies zu ermöglichen. Sie blicken auf Sie bei der
Erfüllung ihrer Hoffnung, daß der Frieden Bestand
haben kann.
Schließlich benötigt die Föderation eindeutig ausländische Investitionen zum Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaft. Die Vereinigten Staaten werden Ron Browns
Mission der Förderung von Handel und Investitionen
fortführen. Unsere Entwicklungsgesellschaft OPIC
wird Geschäfte mit der Föderation in die Wege leiten.
Das Wirtschaftsministerium hat eine ständige Vertre-

* *

Seite 2

tung in Sarajevo eingerichtet. Aber die Föderation
muß das Ihre tun, um die erforderlichen Investitionen
anzuziehen. Sie werden nur prosperieren, wenn Sie
Vertrauen in Ihre Zukunft wecken.
Ich bitte Sie - und das bosnische Volk blickt auf Sie - in
all diesen Bereichen den Geist und die Worte von
Dayton zu bekräftigen. Dies ist der Ort, um dem Ideal
eines multiethnischen und demokratischen Bosniens
Substanz zu verleihen. Sie dürfen nicht vergessen,
daß es dieses Ideal war - nicht die Präferenz einer
Konfliktpartei - das die Freunde Bosniens veranlaßte,
dem Land zu Hilfe zu eilen.
Sie wissen, was Sie hinter sich lassen - vier Jahre der
Gewalt, des Terrors und der Isolation von einem
Europa, das immer wohlhabender, vereinter und freier
wird. Jetzt müssen Sie entscheiden, was Sie werden
wollen. Ich hoffe, Sie werden den Weg wählen, den
die anderen neuen Demokratien Zentraleuropas
eingeschlagen haben, indem sie politischen Pluralismus, eine freie Presse, die Marktwirtschaft unterstützten und eine wirklich bürgerliche Gesellschaft
entwickelten. Das ist der einzige Weg zur Integration
mit Europa und dem Westen - der einzige Weg, der zu
Investitionen, wirtschaftlicher Gesundung und dauerhaftem Frieden führt.
Ich hoffe, daß Sie dieses Forum nutzen werden, um zu
demonstrieren, daß die Föderation funktionieren kann
und um sicherzustellen, daß sie funktionieren wird,
damit die immensen Investitionen in den Frieden, die
wir gemeinsam getätigt haben, sich bezahlt machen.
Dies ist eine Arbeitssitzung mit spezifischen Zielen und
der Aussicht auf beträchtliche Leistungen. Die letztliche Verantwortung für den Erfolg liegt bei Ihnen - den
Regierungschefs der Föderation. Wir dürfen nicht
weniger erwarten als uneingeschränktes Engagement
für die Sache des Friedens.

* *

*

AMERIKA DIENST 11

�TERRORISMUS
29. Mai 1996

Christopher: Kampf gegen Terrorismus
ist drängende Herausforderung
Rede des Außenministers

WASHINGTON - (AD) - "Keine der uns heute konfrontierenden Herausforderungen ist drängender als der Kampf
gegen den Terrorismus", erklärte Außenminister Warren Christopher bei einer vom Washington Institute for Near
East Policy veranstalteten Zusammenkunft am 21. Mai 1996. Nachfolgend veröffentlichen wir den offiziellen Text
seiner Rede.

Es ist mir eine große Freude, wieder vor dem
Washington Institute sprechen zu dürfen. Unter der
Führung von Mike Stein, Barbi Weinberg und Rob
Satloff ist das Institut weiterhin herausragend als
wertvolles Forum für Diskussionen über die
amerikanische Nahostpolitik. Ferner ist das Institut
auch ein Reservoir an Begabungen.
Jede
Organisation, die Menschen wie Martin Indyk, Dennis
Ross und John Hannah hervorbringt, muß wohl den
richtigen Weg eingeschlagen haben.
Manchmal
scheint mir, das Außenministerium schuldet Ihnen eine
Vermittlungsgebühr.
Wie Mike bereits erwähnte, hielt ich zuletzt im Oktober
1993 vor dem Institut eine Rede - kurz nach dem
Händedruck zwischen Ministerpräsident Rabin und
dem PLO-Vorsitzenden Arafat auf dem Rasen vor dem
Weißen Haus, der den Verlauf der Geschichte des
Nahen Ostens dauerhaft veränderte. Seitdem ist viel
geschehen. Israel und Jordanien haben Frieden
geschlossen. Die Palästinenser widersetzten sich
dem Ruf der Hamas nach einem Wahlboykott und
gaben damit ein klares Mandat für den Frieden ab.
Heute haben sie im Gazastreifen und in den meisten
Städten im Westjordanland eine autonome Regierung.
Der Palästinensische Nationalrat stimmte mit
überwältigender Mehrheit für eine Erfüllung seiner
Verpflichtung, die untragbaren Bestimmungen seiner
Charta zu streichen. In Casablanca und Amman
fanden Wirtschaftsgipfel statt. Acht Mitglieder der
Arabischen Liga statteten Israel einen offiziellen
Besuch ab - und mit Ausnahme von Libyen, Irak und
Sudan beteiligte sich jedes Mitglied der Arabischen

AMERIKA DIENST 11

Liga auf die eine
Friedensprozeß.

oder

andere

Weise

am

Hätte ich 1993 diese Ereignisse prognostiziert, hätten
Sie mir möglicherweise einen langen Urlaub
empfohlen. Der Umfang und die Geschwindigkeit des

Wandels waren wahrhaft welterschütternd. Er ist so
schnell gekommen, daß das früher Undenkbare
bereits zur Routine geworden ist.
Angesichts
schwieriger Herausforderungen kann man leicht
vergessen, wie dramatisch der Friedensprozeß bereits
die Landschaft im Nahen Osten verändert hat. Bei
unserem weiteren Vorgehen müssen wir daran
denken, welch enorme Fortschritte wir bereits erzielt
haben.
Keine
der
uns
heute
konfrontierenden
Herausforderungen ist dringlicher als der Kampf gegen
den Terrorismus. Der Terrorismus zerstört das Leben
Unschuldiger.
Er
unterminiert
das
Sicherheitsempfinden der Gesellschaft und damit das
Fundament, auf dem ein dauerhafter Frieden
aufgebaut werden muß. Somit stellt der Terrorismus
eine Bedrohung unserer nationalen Interessen dar nicht nur im Nahen Osten, sondern weltweit.
Präsident Clinton hat den Terrorismus zu Recht als
eine
der
wichtigsten
sicherheitspolitischen
Herausforderungen bezeichnet, denen wir uns nach
dem Ende des Kalten Krieges gegenübersehen. In
seiner Rede vor der UN-Generalversammlung im
Oktober vergangenen Jahres bezeichnete er den
Terrorismus heute als weltweites Phänomen.
Niemand ist immun dagegen, mit Sicherheit nicht

Seite 1

�Israel.
Aber auch Ägypten, Japan, Frankreich,
Großbritannien, Deutschland, die Türkei, SaudiArabien, Argentinien oder Algerien sind nicht immun
dagegen. Und leider auch die Vereinigten Staaten
nicht, wo Terroristen von Manhattan bis Oklahoma City
Anschläge verübten.

Gegner.
Terroristen und ihre Anhänger führen
systematische Angriffe auf Israel und den
Friedensprozeß durch. Ihr Ziel ist klar: Sie wollen die
Chance des Friedens zunichte machen, indem sie das
Gefühl persönlicher Sicherheit jedes israelischen
Bürgers zerstören.

Als sei diese Bedrohung noch nicht ernst genug,
sehen wir uns jetzt mit einer noch alarmierenderen
Gefahr konfrontiert - Terroristen im Besitz von
Massenvernichtungswaffen. Der Giftgasanschlag in
der Tokioter U-Bahn vergangenes Jahr war ein
düsteres Omen. Und er war auch ein Weckruf für die
Welt. Die Bedrohung ist real. Wir müssen jetzt
handeln, um ihr zu begegnen.

Die Anschläge der Feinde des Friedens eskalieren aus
einem einfachen Grund: Der Friedensprozeß ist
erfolgreich. Mit jedem Schritt, den Israel und seine
Nachbarn zum Frieden machen, werden die Feinde
des Friedens verzweifelter und entschlossener
zu Anschlägen. Sie müssen die Angst schüren, weil
sie wissen, daß die Hoffnung ihr Verderben ist.

Die Vereinigten Staaten sind hierbei führend. Letzten
Monat
unterzeichnete
der
Präsident
ein
bahnbrechendes Antiterrorismusgesetz. Das Gesetz
sieht Strafverfolgung mit neuen Instrumenten vor, um
Terroristen von einem Anschlag abzuhalten und sie im
Falle eines Anschlags vor Gericht zu bringen. Das
Gesetz stärkt unsere Fähigkeit, die Beschaffung von
Geldern in den Vereinigten Staaten durch
internationale Terroristen zu verhindern. Es bietet
gesetzliche Sicherheitsklauseln, gestattet uns aber
auch die schnelle Ausweisung von Ausländern, die
terroristischen Aktivitäten Vorschub leisten.
Die Vereinigten Staaten stehen auch an der Spitze der
Bestrebungen zur Bekämpfung des Terrorismus auf
globaler Ebene. Wir haben harte Sanktionen gegen
die Staaten verhängt, die Terroristen unterstützen oder
ihnen Zuflucht gewähren. Wir intensivierten unsere
Zusammenarbeit mit anderen Staaten bei der
Terrorismusbekämpfung, was uns die Festnahme der

Schlüsselfiguren von Anschlägen wie dem auf das
World Trade Center gestattete. Letzten Dezember
hielten wir mit unseren Partnern in der G-7 und
Rußland in Ottawa ein Ministertreffen zur Entwicklung
gemeinsamer
Strategien
für
die
Terrorismusbekämpfung ab.
Und im April traf
Präsident Clinton mit Präsident Jelzin und anderen
führenden Politikern in Moskau zusammen und
vereinbarte neue Schritte, die verhindern sollen, daß
Nuklearmaterial in die falschen Hände gelangt.
Nirgends auf der Welt war die Führungsrolle der
Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terrorismus
sichtbarer als im Nahen Osten. Wir hielten die UNOSanktionen gegen Libyen wegen seiner Rolle bei dem
Bombenanschlag auf Pan-Am-Flug 103 aufrecht. Und
wir setzen uns für verstärkten Druck auf den Sudan
wegen seiner Unterstützung des versuchten Attentats
auf den ägyptischen Präsidenten Mubarak ein.
Die wichtigste Rolle der Vereinigten Staaten - die den
Schwerpunkt meiner heutigen Ausführungen bildet - ist
der Schutz des Nahostfriedensprozesses und der
Friedensstifter vor den bösartigen Angriffen ihrer

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Die Vereinigten Staaten sind entschlossen zu
gewährleisten, daß die Feinde des Friedens keinen
Erfolg haben. Wir werden uns ihrem Terror niemals
beugen. Wir werden nicht zulassen, daß Terroristen
unsere Entschlossenheit schmälern oder uns vom Ziel
eines echten, sicheren und dauerhaften Friedens für
Israel und alle Völker im Nahen Osten abbringen.
Als
Israel
im
Februar
und
März
durch
Selbstmordkommandos terrorisiert wurde, reagierte
Präsident Clinton, indem er den Friedensgipfel von
Scharm-el-Scheich organisierte. Praktisch über Nacht
kamen die führenden Politiker der Welt seiner
Aufforderung nach, sich an die Seite Israels zu stellen nicht um einen weiteren Durchbruch beim
Nahostfriedensprozeß zu feiern, sondern um den
Friedensprozeß in einem Moment der Krise zu
verteidigen. Es war ein einzigartiges Ereignis, das
eine unmißverständliche Botschaft entsandte: Die
Feinde des Friedens sind zum Scheitern verurteilt. Ihr
Terror wird nur unsere Entschlossenheit verstärken,
den Kreis des Friedens zu schließen und wird sie für
immer ausschließen.
Scharm-el-Scheich
leitete einen Prozeß zur
Verstärkung der gemeinsamen Bestrebungen beim
Kampf gegen den Terrorismus in der ganzen Region
ein. Vor kurzem unterzeichneten Präsident Clinton
und
Ministerpräsident
Peres
ein
neues
Terrorismusbekämpfungsabkommen zur Stärkung der
Zusammenarbeit unserer beiden Regierungen.
Zusätzlich stellen die Vereinigten Staaten Israel Gerät
und Ausbildungsmöglichkeiten im Wert von über 100
Millionen Dollar zur Terrorismusbekämpfung zur
Verfügung.
Ferner begannen wir mit der Stärkung der Fähigkeiten
der palästinensischen Regierung im Kampf gegen den
Terrorismus. Mit unserer Unterstützung arbeiten
israelische und palästinensische Sicherheitsdienste
jetzt im Rahmen einer gemeinsamen Kampagne
zusammen, um die terroristische Infrastruktur im
Westjordanland und Gazastreifen restlos
zu
beseitigen. Palästinensische Streitkräfte fingen viele
Flugzeuge von Selbstmordkommandos ab. Sie bargen

AMERIKA DIENST 11

�Sprengstoff und Waffenlager. Sie verhafteten die für
Terroranschläge Verantwortlichen, brachten sie vor
Gericht und ins Gefängnis und setzen ihre Jagd fort.
Der PLO-Vorsitzende Arafat versteht heute sehr gut,
daß er im Kampf gegen den Terror seine gesamten
Kräfte einsetzen muß - nicht nur, weil die von ihm mit
Israel geschlossenen Abkommen das verlangen,
sondern weil er weiß, daß die Bomben der Hamas und
der islamischen Dschihad nicht nur das Leben von
Israelis, sondern auch die Bestrebungen der
Palästinenser vernichten wollen. Die Vereinigten
Staaten bestehen
weiterhin darauf, daß diese
verstärkten
palästinensischen
Bestrebungen
fortgesetzt werden.
Ebenso wie die Hamas vor ihr, verfolgte auch die
Hisbollah bei ihren Anschlägen im Libanon in den
letzten Monaten das Ziel, den Friedensprozeß außer
Kraft zu setzen. Als die Feindseligkeiten eskalierten,
waren die Verantwortung und die Interessen der
Vereinigten Staaten klar und deutlich: Die Nutzung
ihres Einflusses, um das Leiden Unschuldiger und die
Krise zu beenden und einen neuen Rahmen zu
schaffen, um die Möglichkeit einer Wiederholung zu
verringern.
Das als Ergebnis meiner Pendeldiplomatie erzielte
Abkommen
diente
genau
diesem
Zweck.
Hunderttausende von Israelis und Libanesen konnten
in ihre Heimat zurückkehren.
Neue schriftliche
Übereinkünfte wurden zur Eindämmung der Gefahren
möglicher
Feindseligkeiten
geschlossen.
Internationale
Bestrebungen
sollen
beim
Wiederaufbauprozeß im Libanon helfen. Und wir
gründen eine Kontrollgruppe, die erstmals Israel, den
Libanon und Syrien zusammenbringt, um eine weitere
Krise zu verhüten.
Die jüngste Gewaltaktion hat eine beunruhigende
Realität erneut schlaglichtartig beleuchtet: Bei
terroristischen
Akten
zur
Störung
des
Friedensprozesses ist der Iran führend. Die iranischen
Politiker bedienen sich regelmäßiger Rhetorik, um zu
Terrorismus anzustiften.
Präsident Rafsanjani
bezeichnete die Ermordung von Ministerpräsident
Rabin als "Rache Gottes".
Und kurz vor den
Bombenanschlägen der Hamas predigte das
Oberhaupt des Iran, Ajatollah Khameini, "die Macht
des Islam wird schließlich das Ende des wurzellosen
zionistischen Regimes herbeiführen, das vernichtet
werden muß."
Der Iran beläßt es jedoch nicht bei Rhetorik. Er trifft oft
mit allen größeren Terrorgruppen zusammen einschließlich der Hisbollah, der Hamas, der
palästinensisch-islamischen Dschihad und der PFLPGC.
Er ermutigt diese Gruppen aktiv, den
Friedensprozeß durch Terroranschläge zu stören. Er
versorgt sie mit Geld - mehrere Millionen Dollar jährlich

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im Fall der Hamas, der islamischen Dschihad und
anderen; bis zu 100 Millionen Dollar jährlich für die
Hisbollah. Ferner versorgt der Iran sie mit Waffen und
Material, Ausbildung und - in einigen Fällen Einsatzleitung.
In den letzten Monaten häuften sich hierfür die
Beweise. Im Vorfeld der israelischen Wahlen wurden
im Iran ausgebildete Terroristen entsandt, um Israel
und die palästinensischen Gebiete zu infiltrieren.
Einige wurden abgefangen. Anderen mißlang knapp
die Durchführung ihrer tödlichen Aktivitäten. Wieder
andere hatten mit ihren mörderischen Missionen
Erfolg.
Unseres Erachtens war eine vom Iran
unterstützte Gruppe verantwortlich für die jüngste
Beschießung
eines
israelisch-amerikanischen
Studenten vom Auto aus im Westjordanland. In einem
anderen Fall beschlagnahmte Belgien eine aus dem
Iran stammende Ladung mit einem Granatwerfer, der
wahrscheinlich für einen Angriff auf jüdische Ziele in
Europa vorgesehen war.
Es sollte keine weiteren Debatten über die Beteiligung
des Iran an terroristischen Aktionen gegen den
Friedensprozeß geben. Der deutsche Außenminister
Kinkel ließ daran bei seinen Äußerungen hier in
Washington vor zwei Wochen keinen Zweifel. Ihm
zufolge ist sich Deutschland "des Bösen voll bewußt,
dessen sich der Iran schuldig machte und immer noch
macht". Weiterhin erklärte er, "die Amerikaner und die
Deutschen sind sich bei ihrer allgemeinen
Einschätzung dessen, was der Iran mit dem
Terrorismus bezwecken will, einig ... Unterstützung der
Hisbollah, der Hamas und der Dschihad."
Obwohl wir und unsere Verbündeten jetzt ähnliche
Analysen der Fakten vornehmen,
bestehen
Differenzen hinsichtlich des besten Weges für den
Umgang mit dem Iran. Die Vereinigten Staaten sind
der Ansicht, daß der Iran nur dann sein Verhalten
ändern wird, wenn die Welt ihm einen Preis abverlangt
- einen ausreichend hohen politischen und
wirtschaftlichen
Preis.
Wir
müssen
den
Verantwortlichen im Iran die Mittel zur Finanzierung
ihrer gefährlichen Politik verweigern. Aus diesem
Grund beschloß der Präsident im vergangenen Jahr
die Verhängung eines umfassenden Embargos gegen
amerikanische Geschäfte mit dem Iran. Und aus
diesem Grund arbeiten wir mit dem Kongreß Gesetze
zur weiteren Verschärfung des wirtschaftlichen Drucks
auf den Iran aus.
Im Gegensatz dazu beteiligen sich die europäischen
Nationen weiterhin an einem sogenannten kritischen
Dialog mit dem Iran und setzen gleichzeitig den
normalen Handel fort. Die Europäer geben selbst zu,
daß ihre Politik keine signifikante Veränderung des
iranischen Verhaltens herbeiführte. Wir sind weiterhin
davon überzeugt, daß Dialog nur dann die iranische

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�Politik verändern wird, wenn er mit wirklichem ökonomischen Druck gekoppelt ist.
Ich möchte eines betonen: Wir widersetzen uns nicht
der Politik der EU, weil wir prinzipiell gegen Gespräche
mit dem Iran sind. Die Vereinigten Staaten haben
schon vor langer Zeit ihre Bereitschaft zu einem
offenen Dialog mit autorisierten Vertretern der iranischen Regierung bekundet, bei dem wir zwei unserer
wichtigsten Anliegen ansprechen können: Erstens die
Unterstützung des Terrorismus - insbesondere des
gegen den Friedensprozeß gerichteten - durch den
Iran und zweitens seine Bestrebungen zum Erwerb
von Massenvernichtungswaffen. Der Iran hat dieses
Angebot jedoch nie angenommen.
Unsere Entschlossenheit zur Eindämmung des Iran
und Niederschlagung der Feinde des Friedens ist
deutlich. Dasselbe gilt aber auch für unser Engagement, auf Fortschritte bei den Verhandlungen über
einen umfassenden arabisch-israelischen Frieden zu
drängen. Alles andere würde den Terroristen zu
genau dem Sieg verhelfen, den sie anstreben.
Um den Kreis des Friedens zu schließen, sind Abkommen zwischen Israel und Syrien sowie zwischen
Israel und dem Libanon von elementarer Bedeutung.
Syrien stellt für uns eine einzigartige Herausforderung
dar. Einerseits haben wir bei unseren bilateralen
Beziehungen zu Syrien ernsthafte Probleme. Syrien
steht auf unserer Drogenliste sowie auf unserer
Terrorismusliste.
Präsident Clinton und ich haben bei Präsident Assad
und anderen hochrangigen syrischen Regierungsvertretem immer wieder auf unsere Belange hingewiesen.
Wir werden das auch weiterhin tun und deutlich
machen, daß diese Anliegen bewältigt werden müssen, bevor die Vereinigten Staaten für beide Seiten
vorteilhafte Beziehungen zu Syrien aufbauen können.
Andererseits sind wir uns jedoch bewußt, daß Syrien
sich vom Iran unterscheidet. Der Iran weist schon den

Gedanken an Frieden zurück und hat sich der Zerstörung Israels verschrieben. Im Gegensatz dazu
verhandelt Syrien direkt mit Israel über die Beendigung
ihres Konfliktes. Ich mache mir keine Illusionen. Es
wird schwierig sein, diese Verhandlungsbereitschaft in
ein Friedensabkommen umzuwandeln. Aber die
bisherigen Gespräche haben eine solide Grundlage für
Fortschritte geschaffen, die bei einer Wiederaufnahme
der Verhandlungen erzielt werden können.
Solange wir davon überzeugt sind, daß der Frieden
möglich ist, müssen wir weiterhin mit den Parteien
zusammenarbeiten, um einen Durchbruch zu erzielen,
der weitreichende strategische Konsequenzen hätte nicht nur für den Nahen Osten, sondern auch für die
vitalen Interessen der Vereinigten Staaten.
Ein
umfassender Frieden wird die Gefahr eines weiteren
arabisch-israelischen Krieges dramatisch verringern.
Er wird schließlich die Beschränkungen beseitigen, die
normalen Beziehungen Israels zur gesamten arabischen und muslimischen Welt im Wege stehen.
Schließlich - und das ist vielleicht am wichtigsten - wird
die Beendigung des arabisch-israelischen Konflikts
uns und unseren Freunden gestatten, unsere Mittel zur
Bewältigung einer Reihe gemeinsamer, uns alle
bedrohender
strategischer
Herausforderungen
einzusetzen - insbesondere das Anwachsen extremistischer Bewegungen, die Terrorismus und
Gewalt einsetzen, sowie verbrecherischer Staaten wie
Iran und Irak, die im Besitz von Massenvernichtungswaffen sind.
Dies sind die realen Gefahren, mit denen wir und
unsere Freunde uns in den kommenden Jahren
befassen müssen. Bei der Verfolgung unserer nationalen Interessen sind wir hierzu entschlossen. Ein
entscheidender Bestandteil unserer Strategie müssen
fortgesetzte Bestrebungen sein, die bestehende
historische Chance zu ergreifen, um einen sicheren
und umfassenden Frieden zu schaffen.
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 11

�VERTEIDIGUNG
29. Mai 1996

Konfliktverhütung als Ziel
amerikanischer Sicherheitspolitik
Rede von Verteidigungsminister Perry

BOSTON - (AD) - Verteidigungsminister William Perry zufolge ist die beste Sicherheitspolitik der Vereinigten
Staaten eine präventive Verteidigung, die auf die Verhütung von Konflikten abzielt.
Damit präventive Verteidigung in Rußland, Europa, auf dem Balkan, in Lateinamerika oder China funktioniert, ist
ihm zufolge eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten von elementarer Bedeutung.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine gekürzte Version der Rede, die Verteidigungsminister Perry am 13. Mai
1996 vor Studenten und Fakultätsmitgliedern der John F. Kennedy School of Government der Harvard University
hielt.

Im Rahmen einer berühmten Vorlesung in Harvard im
Jahr 1837 fragte Ralph Waldo Emerson seine Zuhörer:
"Wenn es irgendeine Zeit gibt, zu der man geboren
sein möchte, ist es dann nicht das Zeitalter der Revolution, in dem Alt und Neu Seite an Seite stehen, in dem
die Energien aller Menschen von Angst und Hoffnung
genährt werden, in dem der historische Ruhm des
Alten von den reichhaltigen Chancen des Neuen
kompensiert werden kann?"
Ebenso wie Emerson leben auch wir in einem Zeitalter
der Revolution: In der Politik durch das Ende des
Kalten Krieges, in der Wirtschaft durch das dramatische Anwachsen des Welthandels, im Bereich der
Technologie durch die explosionsartige Zunahme von
Informationssystemen.
Heute leben wir gemäß
Emersons Wunsch in einer revolutionären Ära "reichhaltiger Chancen" - einer Ära, in der unsere Energien
von Angst und Hoffnung genährt werden. Symbole
unserer Hoffnung sind der weltweite Erfolg der Demokratie, die Zunahme neuer globaler Handelsbeziehungen, die Ausweitung globaler Kommunikationssysteme
und die explosionsartige Zunahme von Informationsaustausch. In dieser revolutionären neuen Ära wird
der Begriff der "abgeschotteten Gesellschaft" schnell
unmodern. Selbst die Staaten, die immer noch nach
Isolation streben, entdecken, daß diese immer schwieriger zu praktizieren ist. Tatsächlich ist sie unmöglich

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zu erreichen, wenn man die Früchte der Weltwirtschaft
ernten will. China merkte das bei der Niederschlagung
der Demonstration auf dem Platz des Himmlischen
Friedens, als es die Faxmaschinen und Modems nicht
kontrollieren konnte.
Aber neben dieser Hoffnung werden unsere Energien
in dieser revolutionären Ära auch "von Angst genährt":
Angst vor der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Angst vor ethnischem Haß, der
bestehende Staaten zerreißt, Angst vor Terroranschlägen extremistischer Gruppen und Angst vor der
Aggression verbrecherischer Staaten, die von den
Zwängen der früheren Bündnisse aus der Zeit des
Kalten Krieges befreit sind. Für viele bedeutete diese
revolutionäre neue Ära ein Gefühl geringerer persönlicher Sicherheit, symbolisiert durch Bilder der Toten,
die aus dem Bundesgebäude von Oklahoma getragen
werden oder der Passagiere, die nach dem Giftgasanschlag aus der Tokioter U-Bahn flüchten.
Der krasse Gegensatz zwischen unseren Hoffnungen
und unseren Ängsten macht deutlich, daß dieses
revolutionäre neue Zeitalter von der zunehmenden
Fähigkeit der Menschheit charakterisiert ist, Gutes und
Böses zu tun. Ferner macht er deutlich, daß zusätzlich
zu der Revolution in Politik, Wirtschaft und Technologie

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�auch eine Revolution bei unserem Denken über
Sicherheitsstrategie erforderlich ist.

zentraleuropäischen Nationen in die europäische
Sicherheitsstruktur.

Die Sicherheit der Vereinigten Staaten verlangt von
uns die Beibehaltung starker Streitkräfte zur Abschreckung und notfalls zur Verteidigung vor denjenigen, die unsere vitalen nationalen Interessen bedrohen
- und das praktizieren wir. Aber die Vereinigten
Staaten haben heute auch eine einzigartige historische
Chance - die Chance, Konflikte begünstigende Bedingungen zu vermeiden und zur Schaffung von Voraussetzungen für den Frieden beizutragen. Heute möchte
ich zu Ihnen darüber sprechen, auf welche Weise
Amerikas Sicherheitspolitik im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg von uns verlangt, diese Chance zu
ergreifen: "Präventive Verteidigung" zur ersten Verteidigungslinie Amerikas zu machen, Abschreckung zur
zweiten Verteidigungslinie und militärische Auseinandersetzung zur dritten und zum letzten Ausweg.

Aber die Geschichte der präventiven Verteidigung
handelt nicht nur von der Vermeidung einer Bedrohung
durch Massenvernichtungswaffen. Es geht bei ihr
auch darum, die Militär- und Verteidigungsapparate
der Welt zur Förderung der Verbreitung von Demokratie, Vertrauen und Verständigung zwischen den
Nationen zu verpflichten. Hier sind die Ergebnisse
vielleicht nicht so direkt greifbar, aber dennoch nicht
weniger bedeutend.

Präventive Verteidigung kann mit Präventivmedizin
verglichen werden. Präventivmedizin schafft Bedingungen, die Gesundheit fördern, die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten verringern und chirurgische
Eingriffe unnötig machen. Präventive Verteidigung
schafft Bedingungen, die Frieden fördern, Kriege
weniger wahrscheinlich und Abschreckung unnötig
machen.
Heute beruht unser Programm der präventiven
Verteidigung auf seinen eigenen Prämissen: Erstens,
daß weniger Massenvernichtungswaffen in weniger
Händen Amerika und die Welt sicherer machen.
Zweitens, daß mehr Demokratie in mehr Nationen
geringere Konfliktmöglichkeiten in der Welt bedeuten.
Und drittens, daß die Verteidigungsapparate eine
wichtige Rolle beim Aufbau von Demokratie, Vertrauen
und Verständigung innerhalb und zwischen Nationen
übernehmen müssen.
Diese Prämissen lassen die Schlußfolgerung zu, daß
die Welt nach dem Kalten Krieg nur dann friedlich und
konfliktfrei sein kann, wenn Amerika weltweit führend
bei der Verhinderung von Konflikte begünstigenden
Bedingungen sowie bei der Schaffung der Vorbedingungen für den Frieden ist. Mit anderen Worten: Wir
müssen mit einer präventiven Verteidigung eine
Führungsrolle übernehmen. Zu diesem Zweck haben
wir im Verteidigungsministerium eine Reihe innovativer
Programme - einige auf nationaler, andere auf internationaler Ebene - ins Leben gerufen. Sie umfassen das
Programm zur Verringerung der kooperativen Bedrohung, das den Nuklearwaffenkomplex der ehemaligen Sowjetunion abbauen soll (Cooperative Threat
Reduction Program); ferner das Nichtverbreitungsprogramm für den Umgang mit der Bedrohung durch
die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen;
das Rahmenabkommen zur Beseitigung des nordkoreanischen Nuklearwaffenprogramms und die Partnerschaft für den Frieden zur Integration von 27 ost- und

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Amerika weiß seit langem, daß die Ausbreitung von
Demokratie in mehr Nationen für seine nationale
Sicherheit von Vorteil ist. Es war im letzten Jahrzehnt
ermutigend, daß so viele Nationen der Welt mit uns
darin übereinstimmten, daß Demokratie die beste
Regierungsform ist. Aber da die Nationen der Welt
versuchen, entsprechend diesem Konsens zu handeln,
sehen wir, daß zwischen einem weltweiten Konsens
und einer weltweiten Realität noch wichtige Schritte
liegen. Demokratie ist ein erlerntes Verhalten. Viele
Nationen haben heute Demokratien, die auf dem
Papier existieren, tatsächlich aber auf extrem unsicheren Füßen stehen. Wahlen sind eine notwendige,
jedoch nicht ausreichende Vorbedingung für eine freie
Gesellschaft. Ferner ist die Einbettung demokratischer
Werte in die Schlüsselinstitutionen der Nationen
erforderlich.
Das Verteidigungsministerium spielt eine Schlüsselrolle bei diesen Bestrebungen. Es ist eine einfache
Tatsache, daß praktisch jedes Land der Welt ein Militär
hat. In praktisch jeder neuen Demokratie - in Rußland,
den erst vor kurzem befreiten Nationen der ehemaligen Sowjetunion, in Zentral- und Osteuropa, in Südamerika, bei den asiatischen Tigern - stellt das Militär
eine wichtige Kraft dar. In vielen Fällen hat es die
größte Bindekraft. Oft ist in ihm ein großer Prozentsatz
der gebildeten Elite vertreten, und es kontrolliert die
wichtigsten Ressourcen. Mit anderen Worten: Es ist
eine Institution, die zur Unterstützung oder zur Unterminierung von Demokratie beitragen kann.
Wir müssen erkennen, daß jede Gesellschaft, die von
Totalitarismus zu Demokratie übergeht, an irgendeinem Zeitpunkt durch eine Krise auf die Probe gestellt
wird - sei es eine Wirtschaftskrise, ein Schlag gegen
Menschenrechte und Freiheiten, ein ethnischer oder
Grenzstreit mit einem Nachbarland. Wenn eine solche
Krise ausbricht, wollen wir, daß das Militär eine
positive Rolle bei seiner Lösung übernimmt - keine
negative Rolle, indem es die Flammen der Krise schürt
oder sie sogar als Vorwand für einen Militärputsch
benutzt.
In diesen neuen Demokratien können wir beschließen,
diese wichtige Institution zu ignorieren, oder wir
können versuchen, einen positiven Einfluß auf sie

AMERIKA DIENST 11

�auszuüben. Wir haben die Fähigkeit, Einfluß auszuüben. Tatsächlich hält jedes Militär der Welt die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten für ein Modell, das
Nachahmung verdient. Das ist ein wertvoller Einflußfaktor, den wir für unsere präventive Verteidigungsstrategie kreativ nutzen können.
Wenn wir zwischen den Militärs von zwei benachbarten Nationen Vertrauen und Verständnis schaffen
können, schaffen wir Vertrauen und Verständnis
zwischen den beiden Nationen selbst. Manchmal wird
behauptet, "Krieg ist zu wichtig, um allein den Generälen überlassen zu werden". Präventive Verteidigung
besagt, "Frieden ist zu wichtig, um allein den Politikern
überlassen zu werden".
Obwohl präventive Verteidigung sehr vielversprechend
für die Verhütung von Konflikten ist, müssen wir uns
bewußt sein, daß sie eine Strategie zur Beeinflussung
der Welt ist - nicht dazu, ihr unseren Willen aufzuzwingen. Wir müssen offen und nüchtern eingestehen, daß präventive Verteidigung nicht immer funktioniert. Aus diesem Grund liegt meine oberste Priorität
als Verteidigungsminister immer noch in der Beibehaltung starker, einsatzbereiter Streitkräfte und dem
Willen, sie zur Abschreckung und zur Verteidigung
unserer Interessen einzusetzen. Wir verfügen immer
noch über ein zwar verringertes, aber äußerst effektives Nuklearwaffenarsenal. Wir haben ein starkes, auf
Bedrohungen basierendes Programm zur Verteidigung
mit ballistischen Raketen. Wir unterhalten die besten
konventionellen Streitkräfte der Welt, von denen viele
sowohl in Europa als auch im asiatisch-pazifischen
Raum vorne stationiert sind. Und wir vergrößern
weiterhin unseren technologischen Vorsprung gegenüber jedem potentiellen Gegner, was uns die Vorherrschaft auf jedem Schlachtfeld der Welt gibt. Diese
Kräfte und Fähigkeiten - in Kombination mit dem
politischen Willen, sie einzusetzen - erlauben den
Vereinigten Staaten von Amerika, bei der Abschrekkung von Konflikten weltweit äußerst erfolgreich zu
sein. Dieselben Fähigkeiten und Kräfte bedeuten:
Wenn wir einen Konflikt nicht verhüten oder abschrecken können, werden wir Aggression unverzüglich und mit minimalen Verlusten niederschlagen.
Die Umkehrung trifft ebenfalls zu. Wenn wir die
Bedingungen für einen Konflikt verhindern können,
verringern wir das Risiko, unsere Streitkräfte zur
Abschreckung oder Niederschlagung von Aggression

*

AMERIKA DIENST 11

in Gefahr zu bringen. Die Schlüsselrolle von präventiver Verteidigung ist der Öffentlichkeit jedoch nicht
hinreichend bekannt. Sogar nationale Sicherheitsexperten verstehen sie nicht richtig. Dasselbe galt
übrigens in seinen ersten Tagen für den Marshallplan.
Der Marshallplan kam nicht fertig wie die Venus aus
der Muschel. Tatsächlich erklärte George Marshall
oftmals, er hätte damals bei seinem berühmten Rede
in Harvard 1947 keinen "Marshallplan" vorgelegt.
Vielmehr handelte es sich ihm zufolge um einen
Vorschlag, den er jedoch nicht einfach nur unterbreitete. Der Staatsmann Marshall war ein Visionär,
aber der Soldat Marshall war auch ein praktischer
Mensch. Und als solcher erkannte er, daß in einer
Demokratie kein nationaler Vorschlag, insbesondere
wenn er das Engagement der Vereinigten Staaten auf
der Welt beinhaltet, realisiert wird, wenn er nicht die
Unterstützung der Öffentlichkeit genießt. Der von
Marshall unterbreitete Vorschlag wurde zum Marshallplan, weil George Marshall das darauffolgende Jahr
damit verbrachte, sich direkt an die Öffentlichkeit zu
wenden, um ihre Unterstützung zu gewinnen.
Heute unterbreite ich keinen Vorschlag für präventive
Verteidigung, sondern einen Bericht darüber, wie sie
unsere Welt und die künftiger Generationen bereits auf
positive Weise beeinflußt. Damit präventive Verteidigung als Ansatz für nationale Sicherheit erfolgreich ist,
müssen auch wir das amerikanische Volk davon
überzeugen. Wir müssen Amerika davon überzeugen,
daß zu diesem entscheidenden Zeitpunkt in der
Geschichte, an dem wir unsere größten Hoffnungen für
unser revolutionäres Zeitalter realisieren wollen, unser
Engagement in der Welt sowie die Programme zur
Unterstützung der präventiven Verteidigung von
elementarer Bedeutung für unsere Sicherheit sind. Ich
habe die Kennedy School ausgewählt, um meine
Gedanken über präventive Verteidigung darzulegen,
denn als Wissenschaftler sind die Studenten und der
Lehrkörper hier in der Lage zu verstehen, was auf dem
Spiel steht, wenn wir über präventive Verteidigung
sprechen. Als angehende Führungskräfte und zukünftige Politiker sind Sie auch in der außergewöhnlichen
Situation, der amerikanischen Öffentlichkeit die
Vorteile präventiver Verteidigung erklären zu können
sowie die von mir heute dargelegten Konzepte im
Rahmen Ihrer eigenen Laufbahn auszuweiten. Ich
fordere Sie dazu auf.

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
29. Mai 1996

Rubin: Privatinvestitionen, Liberalisierung der
Finanzmärkte und Bekämpfung von Finanzverbrechen
Erklärung des Finanzministers

NEW ORLEANS - (AD) - US-Finanzminister Robert E. Rubin zufolge wurden beim Treffen der Finanzminister der
westlichen Hemisphäre am 17. und 18. Mai 1996 Schritte eingeleitet, die einen großen Beitrag zur zukünftigen
Prosperität der Region darstellen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Erklärung, die der Finanzminister im Anschluß an das
Treffen mit seinen Amtskollegen sowie anderen offiziellen Vertretern aus 26 Ländern des Westens vor
Journalisten abgab.

Wir haben gerade das erste Treffen der Finanzminister
dieser Hemisphäre seit dem gesamtamerikanischen
Gipfel beendet. Wir befaßten uns mit einer breiten
Palette von Themen. Wir leiteten Schritte ein, die
unseres Erachtens einen wichtigen Beitrag zur
zukünftigen Prosperität unserer Region darstellen.
Und wir förderten die Interessen, die wir Amerikaner
an Wachstum, Privatinvestitionen, Arbeitsplätzen und
Sicherheit aller Menschen haben.

kehren und sagen: "Das müssen wir nach Ansicht
unserer Partner tun, damit unsere ganze Region Erfolg
haben kann."

Ich persönlich habe selten so lebhaften und weitreichenden Diskussionen zugehört wie heute. Ich bringe
eine lange Liste aufgeworfener Fragen und angesprochener Themen nach Washington zurück, die meines
Erachtens eine Tagesordnung für Gespräche und
Aktionen in den kommenden Jahren darstellt. Es sind
Angelegenheiten, die zweifelsohne unsere Arbeit in
bilateralen und multilateralen Foren umfassen. Meiner
Ansicht nach haben wir alle unsere Perspektive und
unser Verständnis dieser Fragen vertieft und erweitert.

Wir legen unsere gemeinsamen Ansichten dazu dar,
was auf makroökonomischer und mikroökonomischer
Ebene erforderlich ist, um stärkere und wohlhabendere
Volkswirtschaften zu entwickeln, Maßnahmen für den
Umgang mit dem Problem der Armut sowie zur
Stärkung und Unterstützung der Integration unserer
Märkte zu ergreifen. Wir engagieren uns für eine
Politik, die Inflationsrate zu senken und niedrig zu
halten. Es gibt keine Abweichung von der Meinung,
daß Finanzdisziplin und Währungskontrolle von
größter Bedeutung sind.

Aus diesem Grund sind solche Zusammenkünfte so
wichtig. Sie gestatten den Finanzministern, voneinander zu lernen. Sie zwingen jede Nation und jeden
Minister zur Auseinandersetzung mit Fragen, die über
die tagtäglichen Herausforderungen unserer Arbeit
hinausgehen und deren Lösung über Jahrzehnte
hinweg unseren Wohlstand bestimmt. Und sie helfen
uns bei der Umsetzung und Stärkung guter politischer
Maßnahmen - denn wir alle können in unsere jeweiligen Länder, Volkswirtschaften und Ministerien zurück-

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Wir arbeiteten ein Kommunique aus, das Einzelheiten
unserer Schlußfolgerungen enthält und den Kurs
festlegt, den wir bei unseren spezifischen Aktionen
verfolgen wollen. Ich möchte das Kommunique kurz
zusammenfassen.

Wir konzentrieren uns auch darauf, welche Maßnahmen die heimische Spartätigkeit erhöhen und die
Finanzstabilität fördern könnten. Sie sind von zentraler
Bedeutung für die Erlangung gesteigerten und robusteren realen Wirtschaftswachstums.
Weiterhin einigten wir uns auf eine Anzahl konkreter
Schritte zur Erlangung dieser Ziele. Einer besteht in
der Erhöhung von Finanztransparenz - die rechtzeitige

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�Freigabe wichtiger Daten durch die Regierungen,
Offenlegung der Effektenausgabe sowie vollständige
Verbreitung der Informationen über den Handel.
Da Märkte, die zur Spartätigkeit anregen und die
Ersparnisse effektiv einsetzen, für Wachstum und
Finanzstabilität von zentraler Bedeutung sind, engagieren sich unsere Nationen für die Entwicklung und
Stärkung der Gesetze, Kontrollinstitutionen und
Umsetzungsmechanismen, die Finanzmärkte stärken
und Investoren schützen helfen. Gleichzeitig wollen
wir Innovationen ermutigen. Diese beiden Ziele setzen
die Abschaffung von veralteten oder wettbewerbsverzerrenden Vorschriften voraus.
Vor dem Hintergrund dieser Ziele unternehmen wir
verschiedene Schritte, von denen ich hier vier erwähnen möchte:
Erstens haben wir die Interamerikanische Entwicklungsbank zur Ausarbeitung von Programmen für eine
verstärkte Überwachung aufgefordert.
Zweitens
fordern wir die Interamerikanische Entwicklungsbank
zur Zusammenarbeit mit uns bei der Auflistung von
Vorschriften für die nationalen Finanzmärkte auf, die
zu Transparenz als erstem Schritt zu Liberalisierung
und Integration beitragen. Drittens einigten wir uns auf
die Unterstützung der Ausarbeitung von universell
verständlichen Buchhaltungsnormen, damit ein
Investor in einem Land keine Fragen dazu hat, was
eine bestimmte Information in einem anderen Land
bedeutet. Viertens fordern wir die Interamerikanische
Entwicklungsbank zur Gründung eines Instituts für die
Ausbildung von Aufsehern und Prüfern auf, die
solidere Finanzinstitutionen fördern sollen.
Wir erörterten auch die Notwendigkeit, denjenigen eine
Chance zur Beteiligung an der Wirtschaftsentwicklung
zu geben, die außen vor gelassen wurden. Das hat
auch Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Meine
Amtskollegen waren sich einig, daß mikroökonomische
Kreditvergabe einen wichtigen Beitrag zu diesem
Prozeß leisten kann.
Ein drittes, von uns erörtertes Themengebiet waren
Finanzverbrechen.
Wir engagieren uns gemeinsam für die Bekämpfung
von Geldwäsche ungeachtet dessen, ob die Gelder
aus Drogenschmuggel oder irgendeiner anderen
illegalen Tätigkeit stammen. Sie stellt eine Bedrohung

Seite 2

der Integrität unserer Finanzmärkte sowie unserer
wirtschaftlichen und politischen Systeme dar. Das
Interesse an der Bekämpfung dieses Problems ist seit
unserer Konferenz über Geldwäsche vergangenes
Jahr in Buenos Aires gestiegen. Eine Anzahl von
Ländern hat seit dieser Konferenz konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche ergriffen.
Andere ziehen solche Maßnahmen zwar in Betracht,
aber es muß noch mehr getan werden.
In Verbindung mit den Bestrebungen der OAS zur
Überprüfung der in Buenos Aires vereinbarten Pläne
werden wir einen koordinierten Ansatz der Hemisphäre
zu Ausbildung und technischer Hilfe prüfen. Ich freue
mich, daß so viele meiner Amtskollegen den Prozeß
durch eine Unterstützung des Ausbildungskonzepts
beschleunigen möchten.
Auf jedem der von mir erörterten Gebiete - makroökonomische Politik, Entwicklung der Finanzmärkte,
Bekämpfung von Finanzverbrechen - wurden bei
dieser Zusammenkunft unsere Ziele erreicht. Wir
haben voneinander gelernt, langfristig gedacht, eine
gemeinsame Vision entwickelt sowie ein gemeinsames
Engagement dafür, daß diese Ideen Früchte tragen.
Dieses Treffen war ein Erfolg, und wir sind jetzt
entschlossen, die Konsultationen zwischen den
Finanzministern dieser Hemisphäre zu institutionalisieren. Wir werden in zwei Jahren (oder vielleicht früher)
erneut zusammentreffen, um wirtschaftspolitische
Fragen zu erörtern. Bis dahin werden unsere Stellvertreter, unterstützt von einer neuen technischen Arbeitsgruppe für die Regelung der Finanzmärkte, sowie die
Interamerikanische Entwicklungsbank mit der ihnen
zugewiesenen Arbeit beschäftigt sein. Wir wollen den
Privatsektor um seinen Rat und seine Leitung bitten.
Heute haben wir entscheidende Schritte unternommen, die mit der Zeit den Volkswirtschaften in dieser
Hemisphäre zu verstärktem und stabilerem Wachstum
verhelfen und die Armut mildern. In unserer Region
leben eine Dreiviertelmilliarde Menschen, und in sehr
realem Sinne wird die hier in New Orleans von uns
geleistete Arbeit Arbeitsplätze schaffen und die
Einkommen sowie den Lebensstandard in dieser
Hemisphäre auf Jahre und Jahrzehnte hinaus erhöhen.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 11

�USA-DEUTSCHLAND
29. Mai 1996

Die USA als Wirtschaftspartner und Konkurrent
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

DRESDEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 20. Mai 1996 beim ifo Institut für
Wirtschaftsforschung in Dresden gehaltene Rede.

Guten Abend und herzlich willkommen zu unserem
Symposium. Zunächst einmal möchte ich Ihnen
sagen, wie sehr ich mich freue, wieder in dieser Stadt
zu sein, die ich schon lange kenne. Vor sechseinhalb
Jahren war ich amerikanischer Gesandter in der DDR,
als die seit langer Zeit unter jenem Regime leidenden
Bürgersich schließlich erhoben und riefen: "Es reicht!".
Ich war bei der Wiedergeburt des freien Staates
Sachsen dabei, der in den Köpfen der in diesem
außergewöhnlichen Teil von Deutschland lebenden
Menschen nie aufgehört hatte zu existieren. Und ich
war beim Fall der Berliner Mauer dabei - zu Fall
gebracht von der angehäuften Macht aufgebrachter
Bürger in der erfolgreichsten Revolution der deutschen
Geschichte.
Die Amerikaner sind für ihren Optimismus bekannt sogar in Zeiten der Revolution. Und wir leben zweifelsohne im Zeitalter der Revolution: In politischer
Hinsicht aufgrund der Beendigung des Kalten Krieges,
in wirtschaftlicher Hinsicht aufgrund der Globalisierung
der Industrie und dem Beginn des technologischen
Zeitalters. 1837, ungefähr 60 Jahre nach unserer
eigenen politischen Revolution des Jahres 1776, stellte
ein berühmter amerikanischer Beobachter, Ralph
Waldo Emerson, die Frage:
"Wenn es irgendeine Zeit gibt, zu der man
geboren sein möchte, ist es dann nicht das
Zeitalter der Revolution, in dem Alt und Neu
Seite an Seite stehen, in dem die Energien
aller Menschen von Angst und Hoffnung
genährt werden, in dem der historische Ruhm
des Alten von den reichhaltigen Chancen des
Neuen kompensiert werden kann?"

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Ähnlich Emersons Wunsch nach reichhaltigen Chancen werden auch wir ermutigt durch die Ausbreitung
von Demokratie, neue globale Handelsbeziehungen
und das explosionsartige Anwachsen des weltweiten
Kommunikationswesens. Und ähnlich seinem Verständnis unserer Ängste werden wir mit Terrorismus,
der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
ethnischem Haß und verbrecherischen Staaten
konfrontiert.
Als Ergebnis der Revolution von 1989 hat sich
Deutschland unwiderruflich gewandelt. Trotz aller
Schwierigkeiten des Einigungsprozesses und der
Anpassung an seine neue Rolle hat Deutschland
meines Erachtens Grund, stolz auf seinen Platz in
Europa und der Welt zu sein. Zu der soliden Grundlage der alten Bundesrepublik ist jetzt noch eine zweite
starke Säule hinzugekommen: Die Kraft und die Ideale
der demokratischen Revolution, die eine brutale
Diktatur hinwegfegte.
Mit dem neuen Deutschland als Motor machte die
Europäische Union große Fortschritte zu mehr Einheit
und einem echten Binnenmarkt. Das entspricht der
Situation in Nordamerika, wo wir das NAFTA mit
seinem langfristigen Potential zur Ankurbelung von
kräftigem Wirtschaftswachstum ins Leben riefen.
Unser pazifischer Handel ist sehr wichtig.
Weder das NAFTA noch die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Asien schmälern die Bedeutung,
die Europa für uns hat. Ich möchte einige Beispiele für
die Größe und Bedeutung der amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen anführen, bei denen
jeder der wichtigste Absatzmarkt und Handelspartner
des anderen ist.

Seite 1

�Den jüngsten Zahlen zufolge belaufen sich die amerikanischen Exporte in die Europäische Union und
umgekehrt jährlich auf jeweils 130 Milliarden Dollar mehr als das Doppelte der amerikanischen Exporte
nach Japan - und jahraus, jahrein ausgeglichen. Die
EU stellt für 29 unserer 50 Bundesstaaten, einschließlich der westlichen Bundesstaaten wie Kalifornien und
Washington, den größten Absatzmarkt dar.
Die Handelszahlen sind jedoch nur ein Teil der
Geschichte. Die meisten internationalen Geschäfte
werden durch Investitionen und Produktion auf ausländischen Märkten abgewickelt. Während die weltweiten
Exporte von Waren und Dienstleistungen der Vereinigten Staaten sich auf ungefähr 700 Milliarden
Dollar belaufen, beträgt der Absatz von Niederlassungen amerikanischer Unternehmen im Ausland ungefähr 1,6 Billionen Dollar - mehr als die Hälfte davon in
Europa.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind auch der größte Investor im jeweils anderen Land
- jeder investierte ungefähr 270 Milliarden Dollar bei
dem anderen. Das stellt mehr als die Hälfte der
amerikanischen Direktinvestitionen im Ausland dar - 40
Prozent mehr als in Lateinamerika und Asien zusammengenommen. Als Ergebnis dieser Investitionen
sind mindestens drei Millionen Amerikaner bei in den
Vereinigten Staaten angesiedelten europäischen
Unternehmen beschäftigt, und eine ebenso große Zahl
von Europäern arbeitet für amerikanische Firmen in
Europa.
Die amerikanischen Vermögenswerte in Europa
belaufen sich auf nahezu eine Billion Dollar, was weit
über die 200 Milliarden Dollar amerikanischer Vermögenswerte in Asien hinausgeht. Und die amerikanischen Neuinvestitionen in Europa gehen trotz des
rapiden Wachstums der asiatischen Märkte weit über
die Neuinvestitionen in Asien hinaus.
Zusammengenommen beläuft sich der amerikanischeuropäische Handel auf ungefähr 1,7 Billionen Dollar
jährlich - eine riesige Summe, die nahezu 50 Prozent
über unserem transpazifischen Handel liegt.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben ganz
offensichtlich ein enormes Interesse am Wohlergehen
des anderen. Es ist eindeutig nicht der Fall, daß ein
stärkeres Europa ein schwächeres Amerika bedeutet
und umgekehrt - ganz im Gegenteil.

beschäftigungen. Vergleichbare Daten zeigen, daß
das Beschäftigungswachstum in den Vereinigten
Staaten größer ist als bei allen unseren G-7-Partnern
zusammengenommen.
Zwei Drittel des Anstiegs von Vollzeitstellen fand bei
Arbeitsplätzen mit überdurchschnittlicher Bezahlung
statt. Mehr als die Hälfte des Wachstums ereignete
sich bei den oberen 30 Prozent der Arbeitsplatzkategorien. Obwohl viele dieser neuen Arbeitsplätze im
Dienstleistungssektor liegen, entsprechen sie nicht
den Klischees, die auf dieser Seite des Atlantiks oft
wiederholt werden.
Die amerikanische Haushaltspolitik konzentriert sich
weiterhin auf den Abbau des Haushaltsdefizits,
während die Währungspolitik auf die Verhinderung
einer erneuten Inflation abzielt. Zum ersten Mal seit 50
Jahren gelang der Clinton-Administration ein Abbau
des Defizits in drei aufeinanderfolgenden Jahren.
1992 belief sich das Haushaltsdefizit auf 290 Milliarden
Dollar mit aufsteigender Tendenz. Den jüngsten
Zahlen für das Haushaltsjahr 1996 zufolge wird das
Defizit auf 140 Milliarden Dollar gesenkt.
Mit 2,3 Prozent ist der proportionale Anteil unseres
Defizits am Bruttoinlandsprodukt derzeit geringer als in
jedem anderen großen Industrieland - ein weiterer
europäischer Mythos, der näher untersucht werden
muß.
Was die Inflation betrifft, war unsere Leistung beispielhaft.
Die Inflationsrate betrug im Schnitt drei
Prozent. Das Fehlen inflationären Drucks angesichts
der auf 5,6 Prozent sinkenden Arbeitslosenrate in den
letzten anderthalb Jahren ist bemerkenswert.
Obwohl die Beschäftigungslage gut ist, gibt es nur
wenige Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitskosten.
Der Beschäftigungskostenindex wies in den letzten
drei Jahren wenige Veränderungen auf. Er spiegelt
die Bestrebungen der Unternehmen zur Kontrolle der
Kosten für Gesundheitsfürsorge sowie die verbesserte
Finanzgrundlage der Rentenpläne wider.
Somit
erhöhte sich der Gesamtkostenindex, der Beihilfen,
Löhne und Gehälter für im Privatsektor Beschäftigte
umfaßt, 1995 auf eine Jahresrate von 2,9 Prozent nominell der geringste Anstieg seit Beginn der Aufstellung des Indexes im Jahr 1980.

Vor diesem Hintergrund hat das Ausmaß dessen, was
wir in den Vereinigten Staaten in den letzten dreieinhalb Jahren erreicht haben, auch für Europa wichtige
Auswirkungen.

Wir haben die Schaffung guter Arbeitsplätze durch
eine Regierungspolitik erleichtert, die ein Umfeld bietet,
in dem innovative Unternehmen Erfolg haben und
expandieren können, sowie durch Programme, die
Exporte fördern und kommerziell tragfähige, moderne
Technologien hervorbringen.

Seit Januar 1993 ist die Beschäftigung in den Vereinigten Staaten rapide angestiegen - um 8,5 Millionen
neue Arbeitsplätze, die meisten von ihnen Ganztags-

Im Inland befürworten wir Deregulierung, Wettbewerb
und solide Unternehmensführung.
Entsprechend
haben wir versucht, unsere Märkte der gesamten Kraft

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AMERIKA DIENST 11

�des globalen Wettbewerbs zu öffnen. Um Präsident
Clinton zu zitieren: "Wir wollen uns dem Wettbewerb
stellen und uns nicht zurückziehen".
Es wurde viel über "Verschlankung" geredet, aber eine
von der American Management Association im Jahr
1995 durchgeführte Übersicht über 1.000 große und
mittelständische Unternehmen belegt, daß der Verlust
an Arbeitsplätzen real nur 1,1 Prozent ausmacht, wenn
man den Abbau von Arbeitsplätzen im vergangenen
Jahr mit den Neueinstellungen vergleicht. Die Studie
gelangte zu der Schlußfolgerung, daß es sich nicht um
eine gravierende Streichung von Stellen handelt,
sondern vielmehr um eine Verlagerung von Positionen
im mittleren Management zu Arbeitsplätzen, die mehr
professionelle oder technische Qualifikationen erfordern.
Natürlich ist dieses positive Bild nicht die ganze
Geschichte. Obwohl Wachstum das Wichtigste ist, ist
die Lage einiger Teile der amerikanischen Erwerbsbevölkerung nicht so gut wie die allgemeine Wirtschaftslage. Viele amerikanische Beschäftigte waren
nicht in angemessener Weise an der jüngsten wirtschaftlichen Expansion beteiligt. Lohnerhöhungen
wurden nicht zu gleichen Teilen an alle weitergegeben.
Wir sind ebenso an der Qualität - und Langlebigkeit der nahezu 114 Millionen existierenden Arbeitsplätze
interessiert wie an der Schaffung neuer. Ein dynamischer, gesunder Arbeitsmarkt sollte genug Arbeitsplätze für ein wachsendes Arbeitskräftepotential
schaffen. Gleichzeitig werden in einer dynamischen
Volkswirtschaft Arbeitsplätze allmählich aus bestimmten Gebieten in Bereiche mit größeren Wachstumschancen verlagert.
In den modernen Industriestaaten findet als Ergebnis
der technologischen Revolution eine grundlegende
wirtschaftliche Umgestaltung statt, die von den Kräften
des Wettbewerbs und der Innovation im Inland sowie
der Globalisierung der Weltwirtschaft angetrieben wird.
Als Reaktion auf diese Trends müssen die Regierungen ein Umfeld schaffen, in dem Unternehmen unverzüglich auf neue Chancen und technologischen
Wandel reagieren können. Sie müssen gewährleisten,
daß alle Arbeitnehmer eine Chance bekommen, die
neuen Möglichkeiten zu nutzen. Und sie müssen
Institutionen und Maßnahmen für diejenigen ersinnen,
deren Fähigkeiten durch den technologischen Wandel
abgewertet werden.
Heutzutage kann man nicht garantieren, daß ein
Arbeitsplatz für das ganze Leben sicher ist. Wir
können aber etwas anstreben, das ich als "sichere
Verwendungsfähigkeit" bezeichne. Jeder Arbeitswillige sollte erwarten können, daß er über genügend
Fähigkeiten verfügt, um während seines Arbeitslebens
neue Tätigkeiten zu übernehmen.

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Wie unser Arbeitsminister Robert Reich kürzlich
erklärte, gehört ein sicherer Arbeitsplatz wahrscheinlich der Vergangenheit an. Wir können Sicherheit des
Arbeitsplatzes in einer sich so schnell verändernden
Wirtschaft nicht wieder einführen. Aber wir setzen uns
dafür ein, daß die Menschen leichter verwendbar und
einstellbar sind, damit sie im Falle eines Verlusts ihres
Arbeitsplatzes eine ebenso gut bezahlte neue Beschäftigung finden.
Um mit der Aussicht auf langfristige Arbeitslosigkeit
umzugehen, wandeln wir unser System der Arbeitslosenversicherung in ein Wiederbeschäftigungssystem
um. Arbeitsminister Reich erklärte:
"Die Arbeitslosenversicherung wurde für eine
Zeit konzipiert, in der das Hauptproblem der
Arbeitslosigkeit zyklischer Natur war, und sie
sollte den Menschen Unterstützung gewähren,
bis sie wieder ihre alte Arbeit aufnehmen
konnten. Sie waren 'vorübergehend unbeschäftigt'. In der neuen Wirtschaft sind relativ
wenige Menschen vorübergehend unbeschäftigt. Die meisten verlieren ihren Arbeitsplatz
auf Dauer, weshalb wir das Arbeitslosenversicherungssystem so umgestaltet haben,
daß die Menschen in die Lage versetzt werden, durch Ausbildung, Hilfe bei der Arbeitssuche, Beratung und Einkommensteuerfreibeträge schneller wieder einen neuen Arbeitsplatz zu finden."
Gleichzeitig müssen die vieldiskutierten "Entlassungen" in der amerikanischen Industrie und das von den
Medien erörterte Klima der Unsicherheit in die richtige
Perspektive gerückt werden. Vor kurzem war die
Ankündigung von AT&amp;T in den Schlagzeilen, 50.000
Arbeitsplätze abzubauen. Weniger bekannt wurde die
Tatsache, daß im selben Monat 700.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.
Werden die 50.000 Menschen, die ihren Arbeitsplatz
bei AT&amp;T verloren haben, eine neue, ebenso gut
bezahlte Arbeit finden? Manche ja, andere wiederum
nicht. Und das ist die Crux des Problems, das unsere
beiden Regierungen - und die übrige industrialisierte
Welt - lösen müssen.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß ich
Ihnen hier eine Predigt halte, was Sie tun sollten - ganz
im Gegenteil. Als die beiden erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt sollten wir voneinander lernen.
Arbeitsminister Reich äußerte nach der Arbeitsplatzkonferenz der G-7 letzten Monat in Lille:
"Meiner Meinung nach können wir von Europa
etwas lernen. Eine Kultur kann nicht einfach
Programme oder Initiativen direkt in eine
andere Kultur verpflanzen. Aber einem Großteil Westeuropas gelingt es, seiner gesamten

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�Bevölkerung, oder dem Großteil seiner Bevölkerung, ein Mindestmaß an Kenntnissen und
Fähigkeiten zu vermitteln. Die Vereinigten
Staaten haben in dieser Hinsicht noch einen
Weg vor sich liegen."
In diesem Zusammenhang kamen im Laufe der
vergangenen Jahre eine Anzahl von Pädagogen,
Lehrkräften und Mitgliedern der Gesetzgebung nach
Deutschland, um Ihr äußerst effektives "duales
Ausbildungssystem" zu studieren. Der Übergang von
der Schule zum Arbeitsleben nimmt auf der innenpolitischen Tagesordnung Präsident Clintons einen
wichtigen Platz ein. Wir erwarten, daß eine steigende
Zahl von Amerikanern in Ihr Land kommt, um etwas
über das duale System - und sogar im Rahmen des
dualen Systems - zu lernen.
Gleichzeitig fand zwischen dem deutschen und dem
amerikanischen Arbeitsministerium ein wachsender
Informationsaustausch über Arbeitsmarktpolitik statt.
Der Schwerpunkt lag darauf, wie das Arbeitslosensystem in ein Wiederbeschäftigungssystem umgewandelt werden kann.
Die Beschäftigungskonferenzen der G-7 von Detroit
und Lille sind nur zwei Beispiele für den Austausch von
Informationen über die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Wir werden in Kürze in Zusammenarbeit mit der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn eine Konferenz
organisieren, die sich mit den hier angesprochenen
Themen befaßt. Zu den Rednern auf amerikanischer
Seite zählen der ehemalige Arbeitsminister Ray
Marshall sowie die Chefökonomin des Arbeitsministeriums, Lisa Lynch.

Wir haben zugestimmt, eine Führungsrolle im expandierenden Welthandel zu übernehmen, indem wir die
Welthandelsorganisation unterstützen und konkrete
Schritte zum Abbau oder der Beseitigung verbleibender Hemmnisse für den Fluß von Waren, Dienstleistungen und Kapital unternehmen. Wir werden
beispielsweise die nichttarifären Hemmnisse ansprechen, die die beträchtlichsten Hindernisse für
freien transatlantischen Handel darstellen - wie etwa
unterschiedliche Normen, Duplizität bei Erprobungsund Genehmigungsverfahren sowie andere widersprüchliche Regeln.
Es ist offenkundig, daß sich die europäischen Politiker
der Notwendigkeit der Liberalisierung und Öffnung von
Märkten bewußt sind. Es gibt ermutigende Anzeichen,
daß sich die starke staatliche Einflußnahme in Sektoren wie Telekommunikation und Transportwesen
verringert. Als ich vor nahezu einem Vierteljahrhundert
zum ersten Mal in Deutschland lebte, wäre die Privatisierung des Post-, Telekommunikations- und
Bahnsystems Häresie gewesen. Aber sie findet statt.
Starke Industrienationen wie Deutschland und die
Vereinigten Staaten können - und sollten - gleichermaßen Konkurrenten und Partner sein. In Bereichen wie
dem Telekommunikationswesen haben wir mit der
Partnerschaft zwischen der Deutschen Telekom und
Sprint sowie in der Luftfahrt mit dem Bündnis zwischen
Lufthansa und United Airlines bewiesen, daß Offenheit
und Deregulierung zum Erfolg für uns beide auf beiden
Seiten des Atlantiks führen kann.
Bundespräsident Herzog erklärte bei der Eröffnung der
Hannover Messe vor wenigen Wochen:

Noch wichtiger als Konferenzen und Ideenaustausch
zwischen Regierungen und Stiftungen ist natürlich die
Schaffung von Arbeitsplätzen. Die wirkliche Arbeit
muß im Privatsektor geleistet werden - auf beiden
Seiten des Atlantiks.

"Was die atlantische Gesellschaft vereint,
reicht über die militärische Zusammenarbeit
weit hinaus in das politische, kulturelle und vor
allem wirtschaftliche Leben. Wir sind eine
Lebens- und Lerngemeinschaft..."

Sowohl Europa als auch Amerika haben noch andere
bedeutende Wirtschaftsinteressen. Die Vereinigten
Staaten wollen den freien Handel in Asien und dem
Pazifik sowie in der westlichen Hemisphäre ausweiten.
Europa strebt eine weitere Integration seines Binnenmarktes und die Aufnahme der Nationen Zentral- und
Osteuropas an. All dies sind wichtige Belange.

"Amerika ist nicht nur ein Seismograph sich
abzeichnender Entwicklungen der modernen
Gesellschaft. Es ist - trotz vieler eigener
Probleme - ein Reservat bewährter Tugenden:
Zuversicht, Unternehmungslust, Innovationsund Pioniergeist, Freiheitsdrang, Eigenverantwortung und Selbständigkeit. Es lohnt sich
deshalb gerade für uns Deutsche, bei der
Bewältigung unserer eigenen Probleme immer
einmal nach Amerika zu sehen."

Unsere Interessen an anderen Orten der Welt sollten
nicht von der Zentralität der amerikanisch-europäischen Beziehungen ablenken. Im Dezember vergangenen Jahres unternahmen die Vereinigten Staaten
und die EU wichtige Schritte zur Erweiterung und
Vertiefung dieser Beziehungen, indem sie sich auf eine
neue Tagesordnung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit einigten.

Seite 4

Diese Worte Ihres Bundespräsidenten sind eine
Aufforderung zu der Diskussion, die wir am heutigen
Abend führen wollen. Der große Kontrast zwischen
unseren Hoffnungen und unseren Ängsten macht deutlich, daß dieses neue Zeitalter von der zunehmenden
Fähigkeit des Menschen charakterisiert wird, Gutes
und auch Böses zu tun. Diese neue Ära erfordert

AMERIKA DIENST 11

�mehr als bloß innovative Lösungen für unsere politischen und wirtschaftlichen Probleme. Sie fordert von
uns eine Revolution unserer Denkweise. Hierzu

brauchen wir die deutsch-amerikanische Partnerschaft. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

Vielen Dank.

*

AMERIKA DIENST 11

*

Seite 5

�OECD
29. Mai 1996

Neue Aufgaben und Herausforderungen
im Bereich wirtschaftlicher Zusammenarbeit
Ansprache von Joseph Stiglitz
WASHINGTON - (AD) - Joseph Stiglitz, Vorsitzender von Präsident Clintons Rat der Wirtschaftsberater (Council
of Economic Advisers - CEA), erklärte, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(Organization for Economic Cooperation and Development - OECD) solle ihren Schwerpunkt auf in jüngster Zeit
entstandene Fragen verlagern, darunter die Integration der ehemaligen zentral geplanten Volkswirtschaften in
das Handelssystem.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Ansprache des Leiters der US-Delegation am 22. Mai
1996 beim OECD-Ministertreffen in Paris.

Es überrascht wohl niemanden, wenn ich sage, daß
dieses Ministertreffen an einem für die OECD entscheidenden Zeitpunkt stattfindet. Er markiert einen
Führungswechsel und ist auch von zunehmenden
Haushaltsengpässen, erweiterter Mitgliedschaft sowie
einer Ausweitung der Themengebiete gekennzeichnet.

Vorbereitung internationaler Verhandlungen,
insbesondere im Bereich des Handels. Die
OECD-Studien über Maßnahmen zum Schutz
und der Wettbewerbsfähigkeit der Märkte
sowie Hintergrundarbeit für die Investitionsverhandlungen sind gute Beispiele.

Unter diesen Umständen ist es erforderlich, eine
Bestandsaufnahme - der einzigartigen Rolle und
besonderen Stärken der OECD als Institution - vorzunehmen.

Ein drittes Gebiet sind alle Mitgliedsländer
betreffende Fragen, die immer noch in den
Aktionsbereich jedes einzelnen Landes fallen.
Beispiele sind unter anderem die Arbeitsplatzstudie der OECD, die derzeitigen Untersuchungen zu den Auswirkungen der Bevölkerungsalterung und die Arbeit an einer Reform
der Aufsichtsbestimmungen.

Meines Erachtens bietet die einzigartige Rolle der
OECD Aktivitäten und Untersuchungsmöglichkeiten,
die für viele oder sogar alle ihrer Mitglieder von Vorteil
sind, die jedoch wahrscheinlich keines alleine anbieten
kann. Tatsächlich ist die OECD das internationale
Gegenstück zum Bruttoinlandsprodukt, bei dem die
Vorteile einer Aktivität auch anderen Ländern zugute
kommen. Hierzu möchte ich einige Beispiele anführen:
International vergleichbare Statistiken. Sie
sind sachlich und nüchtern, haben aber
großen Wert. Die OECD leistete Pionierarbeit
im Bereich von Agrarsubventionen, und wir
erwarten, daß die beginnende Arbeit an
Maßnahmen für die Ausbildung von Humankapital ebenso wertvoll sein wird.

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Viertens. Alle Mitgliedsländer betreffende
Fragen, die nur im Rahmen eines kollektiven
Ansatzes gelöst werden können. Die Vereinbarungen über Exportkredite, Maßnahmen zur
Bekämpfung von Bestechung und Korruption
sowie die Bestrebungen zur Begrenzung von
Subventionen sind hierfür als Beispiele zu
nennen. Die Bemühungen zur Ermutigung der
Integration der Schwellenländer sowie dynamischer Nichtmitgliedstaaten in das Handelssystem sind in diesem Zusammenhang von
besonderer Bedeutung.

Seite 1

�Schließlich ist noch die Aushandlung qualitativ
hochwertiger internationaler Übereinkünfte
zwischen einer überschaubaren Zahl gleichgesinnter Länder zu nennen. Das multilaterale Investitionsabkommen ist ein gutes Beispiel
- ebenso wie die derzeitigen Bestrebungen zur
Eindämmung von Bestechung und Korruption. Wir müssen auf diesem Gebiet jedoch
verstärktes Engagement zeigen.

wollen - auf einem mit begrenzten Mitteln ausgestatteten Gebiet ist es sinnvoll, im Hinblick auf Ausmaß und
Häufigkeit unabhängiger Prognosen und Analysen
eine Unterscheidung zwischen einzelnen Ländern
vorzunehmen.
Die Arbeit sollte von die Mitgliedsländer
beschäftigenden Fragen definiert werden,
nicht von Sektoren. Dies gilt insbesondere,
wenn diese Sektoren über ihre eigenen Industriebeobachter und Analysten verfügen.

Die OECD sollte sich auch ihre besonderen Stärken
zunutze machen. Meines Erachtens verfügt keine
andere Institution über die Fähigkeiten der OECD zum
Umgang mit Strukturproblemen, mit denen alle hochentwickelten Volkswirtschaften konfrontiert werden.
Ich habe bereits einige erwähnt. Andere - sowohl
aktuelle als auch zukünftige - Fragen betreffen folgende Bereiche:
Eine Reform der Bestimmungen in Branchen
wie Finanzdienstleistungen, Telekommunikation, Stromerzeugung sowie das Problem, in
deregulierten Sektoren Wettbewerb zu gewährleisten.
Die Interaktion zwischen Handelspolitik,
Offenheit und Effektivität heimischen Wettbewerbs. Dies führt natürlich dazu, daß
Handelspolitik und das effektive Funktionieren
inländischer Märkte langfristiges Wachstum
erzeugen.
Ich habe ausführlich darüber gesprochen, was die
OECD unternehmen sollte. Jede verantwortungsvolle
Diskussion umfaßt auch Bereiche, die weniger wichtig
sind. Hierbei sind meines Erachtens einige allgemeine
Grundsätze hilfreich:
Vermeidung von Duplizität der Aktivitäten,
insbesondere wenn sie bereits von mit wesentlich mehr Mitteln ausgestatteten Institutionen durchgeführt werden.
Um ein Beispiel zu nennen: Von einigen Ländern,
insbesondere den größeren, werden umfassende
Untersuchungen und Prognosen aufgestellt. Ohne die
wirklich ausgezeichnete Arbeit der OECD abwerten zu

Die wertvollste Arbeit ist die im Zusammenhang mit neuen oder gerade auftretenden
Fragen stehende. Die meisten dieser Angelegenheiten betreffen Übergangszeiten oder
Anpassungen und haben daher per definitionem temporären Charakter.
Ein bei diesem Ministertreffen wiederholt angesprochenes Thema ist das der Übergangszeiten. Am interessantesten und wertvollsten erschienen die Fragen,
die Wandel, Anpassung, Übergangsstadium oder
Integration betreffen - von Natur aus dynamische
Prozesse.
Dies bringt die OECD jedoch auf sehr reale Weise
zurück zu ihren Wurzeln in der Organisation für
Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit - einer
zur Unterstützung der durch Krieg zerstörten europäischen Volkswirtschaften bei Wiederaufbau und
Wiedereingliederung in das Handelssystem geschaffenen Organisation.
In der heutigen Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges befassen wir uns mit dem Wiederaufbau und
der Wiedereingliederung von Volkswirtschaften, die
nicht durch Krieg Schaden nahmen, sondern durch
Planwirtschaft und massive Verzerrungen interventionistischer Politik. Ferner befassen wir uns mit den
durch unseren enormen Erfolg beim Wiederaufbau
nach Wirtschaftskrise und Krieg entstandenen Herausforderungen und Chancen sowie mit dem daraus
resultierenden Umfang des Wachstums für alle
Länder. Dies sind die Fragen, zu deren Lösung die
OECD gegründet wurde, und ich begrüße es, daß
ihnen auch in Zukunft Aufmerksamkeit gewidmet wird.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 11

�</text>
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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
15. Mai 1996

10

GESAMTAMERIKA

FREIHEIT, FRIEDEN UND WOHLSTAND FÜR
DIE GESAMTE WESTLICHE HEMISPHÄRE
Rede von Vizepräsident AI Gore

BOSNIEN

USA WERDEN AUSHARREN
Anhörung von Staatssekretär Peter Tarnoff

NATO

DAUERHAFTE ZUSAMMENARBEIT
ZWISCHEN NATO UND RUSSLAND
von General George A. Joulwan

USA-EUROPA

NATIONALISMUS IN EUROPA AMERIKANISCHE ANMERKUNGEN
von J.D. Bindenagel

WIRTSCHAFT

USA MUSSEN WEITERHIN FÜHRUNGSSTÄRKE IM AUSLAND BEWEISEN
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

USIA

DIE BEDEUTUNG EINES UNABHÄNGIGEN
US-INFORMATIONSAMTS
von Senator Howell Heflin

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�GESAMTAMERIKA
15. Mai 1996

Freiheit, Frieden und Wohlstand für die
gesamte westliche Hemisphäre
Rede von Vizepräsident AI Gore

WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident AI Gore zufolge gebührt dem Rat der amerikanischen Staaten (Council of
the Americas) ein großer Teil des Verdienstes für die bemerkenswerten Fortschritte zu Freiheit, Frieden und
Wohlstand, die in der westlichen Hemisphäre in den letzten 31 Jahren erzielt wurden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten zum Abschluß der jährlichen Zusammenkunft des
Rates im US-Außenministerium am 7. und 8. Mai 1996.

Seit 31 stolzen Jahren ist der Council of the Americas
ein herausragendes Sprachrohr der Unternehmen
unserer Nution zur Verteidigung von freien Märkten
und freien Gedanken in unserer gesamten Hemisphäre.
Seit Präsident Clinton und ich im Weißen Haus sind,
arbeiteten der Council und seine Mitglieder Seite an
Seite mit uns und bedeutenden multilateralen Institutionen wie der Interamerikanischen Entwicklungsbank und der Organisation Amerikanischer Staaten
(OAS), um nicht nur den Bürgern der Vereinigten
Staaten, sondern allen Mitgliedern der Familie unserer
Hemisphäre Chancen und Hoffnung zu bringen.
Unsere Zusammenarbeit bringt gesunde Dividenden
hervor. Wer das bezweifelt, braucht nur an die
historische Umgestaltung zu denken, die seit der
Gründung dieser Organisation im Jahr 1965 in unserer
Hemisphäre stattgefunden hat. Vor 31 Jahren waren
die meisten Volkswirtschaften und Gesellschaften
Lateinamerikas vollkommen abgeschottet.
Die
Wirtschaftspolitik war von rückwirkender Importsubstitution geleitet.
Die Regierungen waren großenteils nicht demokratisch
und fast immer idiosynkratisih. Die Aussichten für
Investitionen und Handel .varen gelinde gesagt
erschreckend.

AMERIKA DIENST 10

Aber David Rockefeller und die visionären Männer und
Frauen, die gemeinsam mit ihm den Council of the
Americas gründeten, waren klug genug zu wissen, daß
in den Vereinigten Staaten und den anderen amerikanischen Ländern ein Großteil des Geschäfts Geschäfte
sind und sich unsere Hemisphäre nur mit Hilfe von
Dialog, Partnerschaft und Handel von den Fesseln
ihrer illiberalen Vergangenheit befreien und den Weg
zu einem neuen Zeitalter des Fortschritts und Wohlstands ebnen konnte.
Heute freue ich mich sagen zu können, daß das vom
Council ins Auge gefaßte Zeitalter endlich in voller
Blüte steht. In den Staaten Amerikas ist jetzt wirklich
Frühling. Von Port Arthur im Norden bis Feuerland im
Süden bauen wir in dieser Hemisphäre eine Zukunft
auf der Grundlage von freiem Handel, starken demokratischen Institutionen und tragfähigem, umweltfreundlichem Wachstum. Wir gestalten eine Zukunft,
die durch ein gemeinsames Engagement zur Bekämpfung von Armut und Korruption gestärkt wird - eine
Zukunft, die durch ein gemeinsames Engagement zur
Förderung von Gerechtigkeit, Bildung, Gesundheitsfürsorge und freies Unternehmertum gesichert wird.
Gemeinsam haben wir etwas wahrhaft Großartiges
geschaffen, denn heute ist nahezu die Hälfte unseres
Globus - von einem Pol zum anderen und von einem
großen Ozean zum anderen - das Land der freien
Menschen. Nahezu eine Dreiviertelmilliarde Men-

Seite 1

�sehen bestimmen ihre eigenen Gesetze und Politiker
und leben praktisch in Frieden.

die Schaffung von Wohlstand, die Förderung von
Demokratie, Freiheit und Frieden.

In diesen fruchtbaren Ländern pflegen wir die am
schnellsten wachsenden und größten freien Märkte
der Welt. Wir ersetzen Handelshemmnisse durch
Brücken für den Handel. Wir begleichen unsere
nationalen Schulden. Wir gestalten unsere Instrumente der Selbstverwaltung effizienter und richten sie
stärker auf die Bedürfnisse unserer Bürger aus. Wir
können stolz auf die Reise sein, die wir vor anderthalb
Jahren beim gesamtamerikanischen Gipfel in Miami
begannen. Manchmal war die Reise nicht einfach,
aber der Weg liegt klar vor uns und ist von realen
Fortschritten gekennzeichnet, deren sich unsere
Menschen bewußt sind. NAFTA und MERCOSUR
waren großartige Anfänge. Wir müssen und werden
weiterhin die Schaffung einer Freihandelszone in
unserer Hemisphäre bis zum Jahr 2005 anstreben.
Unsere Handelsminister machten in Denver und
anschließend in Kartagena wichtige Fortschritte. Jetzt
besteht unsere Arbeit darin, auf diesen Erfolgen
aufzubauen und allen Menschen das Versprechen
wirtschaftlicher Belebung zu bringen.

Funktioniert das NAFTA für Amerika? Und ob! Aber
jeder von uns kann und muß mehr tun um sicherzustellen, daß unsere Hemisphäre unseren schönsten
Zukunftsträumen entspricht - mehr Zusammenarbeit,
mehr Offenheit, mehr Modernisierung, mehr Austausch
von Wissen und Know-how zur Förderung unserer
Demokratie und Freiheit.

Wer die entscheidende Bedeutung der westlichen
Hemispäre für die Wirtschaft dieser Nation versteht,
muß dieses Ziel einfach unterstützen. Als Bürger der
Vereinigten Staaten möchte ich darauf hinweisen, daß
1995 40 Prozent der amerikanischen Exporte in die
westliche Hemisphäre gingen - mehr als in die Pazifikrandstaaten und mehr als in die Europäische Union.
Viele sind sich der dramatischen Veränderungen gar
nicht voll bewußt, die sich in den letzten 31 Jahren an
dieser Front ereigneten. Der Handel innerhalb Lateinamerikas ist in weniger als einem Jahrzehnt um das
Dreifache gestiegen.
Die Schaffung einer amerikanischen Freihandelszone
wird diese Errungenschaften nicht nur konsolidieren,
sondern sie zum Nutzen aller Amerikaner ausweiten.
Der Erfolg des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA zeigt, daß wir auf dem richtigen
Weg sind. Dieser Handel schafft gute Arbeitsplätze,
deren Bezahlung in den Vereinigten Staaten 17
Prozent höher liegt als bei nicht exportorientierten
Industrien. Die Exporte nach Mexiko und Kanada
erhielten 1995 schätzungsweise drei Millionen Arbeitsplätze - gegenüber 1993 ein Anstieg von mehr als
einer halben Million. Das sind 500.000 neue Arbeitsplätze.
Darum geht es schließlich bei der vorgeschlagenen
amerikanischen Freihandelszone: Die Schaffung von
Arbeitsplätzen, Chancen und Sicherheit für alle Bürger
unseres Landes und unsere Partner in dieser Hemisphäre. Es geht um die Erschließung von Märkten,

Seite 2

Unsere in Haiti gemachten Erfahrungen weisen den
Weg. Gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschafthalfen die Nationen unserer Hemisphäre
durch Zusammenarbeit diesen Nationen und ihren
Menschen, sich von jahrzehntelanger Tyrannei und
Unterdrückung zu befreien. Als wir vor einigen
Monaten sahen, wie Präsident Rene Preval in Port-auPrince den Amtseid ablegte, wurde mir bewußt, daß
wir nicht nur ein politisches Ereignis feierten, sondern
die spirituelle Erneuerung des haitianischen Volkes eine Wiedergeburt der Hoffnungen für seine Kinder
und die Zukunft der Nation.
Damit die Demokratie in Haiti und andernorts Bestand
haben kann, muß unsere Region natürlich weiterhin in
Stabilität und Frieden leben. Aus diesem Grund habe
ich mich gefreut, in der historischen Stadt Williamsburg
zusammen mit Verteidigungsminister Perry an der
ersten Konferenz der Verteidigungsminister dieser
Hemisphäre teilzunehmen, die je einberufen wurde,
um an Abbau, Reform und Umgestaltung des Militärs
unserer Nationen sowie am Aufbau von Vertrauen und
sicherheitsbildenden Maßnahmen zu arbeiten.
Dank unserer Zusammenarbeit legen die Nationen des
amerikanischen Kontinents endlich im In- und Ausland
Streitigkeiten mit Worten, nicht mit Waffen bei. Und wir
entscheiden mit dem Stimmzettel, nicht mit Gewehrkugeln über unsere nationalen Geschicke.
Aber keine Nation und keine Region ist auf Dauer
geschützt vor den Bedrohungen ihrer Sicherheit. Die
Ereignisse in Paraguay vor zwei Wochen erinnern uns
daran, daß manche immer noch das Rad der Geschichte zum allzu dunklen Zeitalter der Diktatur in
Lateinamerika zurückdrehen wollen. Wir beglückwünschen die Menschen in Paraguay zu ihrem Mut, das
durch Willenskraft zu verhindern.
Und Präsident Clintons starke, unmißverständliche
Reaktion auf den jüngsten Abschuß von zwei unbewaffneten Zivilflugzeugen durch Kuba ist eine klare
Warnung an Castro, daß sein Bollwerk der Unterdrückung letztlich nicht Bestand haben kann und wird.
Wir müssen auch bei unserem Krieg gegen die
Drogenhändler der Region wachsam bleiben, die
weiterhin unsere Kinder vergiften. Die Rauschmittel,
mit denen sie handeln, sind ein Krebsgeschwür. Wenn

AMERIKA DIENST 10

�es Metastasen bilden kann, wird es in unseren Gemeinden Gewalt, Korruption und Krankheit hervorrufen. Aus diesem Grund bin ich stolz auf die stetigen
Fortschritte, die wir in den letzten Jahren bei der
Bekämpfung dieser Geißel erzielt haben. Wir gehen
hart gegen die Kartelle und ihre Kuriere vor. Wir
verbessern die Zusammenarbeit beim Strafvollzug und
dem Austausch nachrichtendienstlicher Informationen.
Mit der neuen Strategie unserer Hemisphäre gegen
Geldwäsche haben wir die Drogenhändler dort
getroffen, wo es für sie am härtesten ist - an ihren
Geldbörsen. Und wir haben sie bereits gezwungen,
ihre Methoden, ihre Infrastruktur und ihre Transportrouten zu ändern. Hier in den Vereinigten Staaten
befassen wir uns mit der Nachfrageseite dieser
Gleichung.
Wir verstehen sehr gut, daß eine echte Partnerschaft,
die diese Geißel wirksam bekämpft, gleichzeitig
Bestrebungen zur Verringerung und Beseitigung der
Nachfrage sowie Bestrebungen zur Verringerung und
Beseitigung des Angebots beinhaltet. Ebenso erkannten viele der Nationen, die als Quelle illegaler Drogen
identifiziert wurden, daß die Konsequenzen für die
jungen Menschen in ihrem Land jetzt ebenfalls offenkundig werden.
Daher ist unsere Partnerschaft
wichtiger denn je.
Denken Sie an meine Worte: Die Drogenhändler
werden nicht die Oberhand gewinnen. Sie werden
besiegt.
Und schließlich wäre keine Überprüfung der uns
konfrontierenden Herausforderungen vollständig, wenn
sie nicht die schwerwiegenden und sehr realen
Bedrohungen unserer gemeinsamen Ökosysteme
einbeziehen würde.
Letztlich können wir keine
verantwortungsbewußten Hüter der Freiheit sein, wenn

*

AMERIKA DIENST 10

wir nicht auch verantwortungsbewußte Hüter von
Land, Wasser, Luft und anderen natürlichen Ressourcen unserer Hemisphäre sind. Die Förderung von
Demokratie setzt wirtschaftliche Freiheit und die
tragfähige Entwicklung der Ressourcen voraus, die
unsere Freiheiten bewahren. Ich ermutige Sie alle,
diese Sache zu der Ihren zu machen und zu erwägen,
wie Sie uns auf der bevorstehenden Folgekonferenz
über tragfähige Entwicklung im bolivianischen Santa
Cruz bei der Erlangung unserer Ziele helfen können.
Nebenbei bemerkt bedeutet der Einsatz für nachhaltige Entwicklung nicht nur gute Staatsbürgerschaft,
sondern ist ein gutes Geschäft, und die Zahlen
sprechen für sich. Es wird erwartet, daß der Absatz
amerikanischer Umweltprodukte in die Region 1998
auf 8 Milliarden Dollar ansteigt. Ob es um Verträge für
die Klärung von Abwässern in Sao Paulo oder um
Abgasuntersuchungen in Mexiko geht - amerikanischen Unternehmen geht es gut, indem sie Gutes
tun.
So machen wir gemeinsam Fortschritte bei der
Schaffung einer Hemisphäre der Demokratie, Stabilität
und Prosperität. Wir zeigen, daß der Geist von Miami
mehr ist als eine Kollektion abstrakter Ideen und
Prinzipien. Der Geist von Miami ist konkretes Handeln,
das reale und positive Auswirkungen auf das Leben
unserer Bürger hat. Als Geschäftsleute, gewählte
Volksvertreter, Partner und Freunde wollen wir den
epochalen Marsch zu Fortschritt und Frieden fortsetzen, denn unsere besten Tage und besten Momente
als Bürger des amerikanischen Kontinents liegen noch
vor uns.
Präsident Clinton, alle Bürger der Vereinigten Staaten
und ich freuen sich darauf, mit jedem von Ihnen diese
Reise fortzusetzen.

* * * *

Seite 3

�BOSNIEN
15. Mai 1996

USA werden ausharren
Anhörung von Staatssekretär Peter Tarnoff

WASHINGTON - (AD) - In einer Anhörung vor dem Ausschuß für internationale Beziehungen des
Repräsentantenhauses erklärte der Staatssekretär für politische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Peter
Tarnoff, am 23. April 1996, "mit 'D+90' (Dayton plus 90 Tage) am 19. März und dem Abschluß der
Gebietsübergabe haben wir das Ende der ersten Schlüsselphase des Abkommens von Dayton und den Beginn
der nächsten erreicht - die Rückkehr zu einem normalen Leben und die Vorbereitung geeigneter Bedingungen für
Wahlen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Staatssekretärs.

Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen für die Einladung,
heute vor diesem Ausschuß zu sprechen. Ferner
begrüße ich die Gelegenheit, mit meinen Kollegen aus
dem Verteidigungsministerium und vom Amt für
internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID) die Lage in Bosnien erörtern zu
können.
Unsere Bestrebungen, durch die Umsetzung des
Abkommens von Dayton Frieden nach Bosnien zu
bringen, machen Fortschritte. In den fünf Monaten seit
der Paraphierung des Friedensabkommens auf dem
Luftwaffenstützpunkt Wright-Patterson wurden wir
Zeuge einer bemerkenswerten Umgestaltung. Wir
befinden uns tatsächlich auf dem Weg von Konfrontation zu Versöhnung. Aber wir stehen erst am
Anfang des Weges. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.
Meines Erachtens sind die bis heute erzielten Fortschritte jedoch allgemein ermutigend.
Wir haben immer gewußt, daß diese Aufgabe schwierig ist und es Rückschritte geben würde. Aber wir
verpflichten uns, bis zum Ende durchzuhalten. Der
jüngste tragische Verlust von Wirtschaftsminister
Brown und seine Mission haben unsere Entschlossenheit nur noch erhöht.
Der große Einfluß der amerikanischen Politik auf
diesen Konflikt wird offensichtlich, wenn wir uns vor
Augen führen, wo wir vor einem Jahr standen. Im April
1995 waren nahezu 70 Prozent des bosnischen

AMERIKA DIENST 10

Territoriums in serbischer Hand. Die internationalen
Friedensbemühungen wurden vollständig vereitelt.
Sarajevo blieb umstellt und belagert. Tausende von
Zivilisten litten unter enormen Entbehrungen. UNPROFOR - die einzige Möglichkeit, irgendeine Art von
Schutz zu erhalten - zog einen Rückzug in Erwägung.
Heute ist das Töten beendet, einige Flüchtlinge kehren
nach Hause zurück, die Menschen erhalten Nahrung,
Kleidung und Unterkunft, und in ganz Bosnien faßt der
Frieden Fuß.
Jetzt werden wir mit den Herausforderungen des
Friedens, nicht mit denen des Krieges konfrontiert.
Denn die Notwendigkeit von Frieden und Stabilität in
diesem Teil Europas und die Beendigung der ethnischen und nationalistischen Kämpfe trieben unsere
diplomatischen Bestrebungen voran, die im Abkommen von Dayton gipfelten. Dieselben Ziele
veranlassen jetzt die amerikanische Politik zu einer
Umsetzung des Abkommens.
Die Übereinkünfte von Dayton sind jedoch keine sich
selbst erfüllenden Versprechungen des Friedens. Sie
sind schlicht und einfach die vereinbarten Pläne für
das Streben nach Frieden. Zur Erreichung dieses
Ziels arbeiten wir in Abstimmung mit unseren Verbündeten auf militärischen und zivilen Kanälen daran, die
Parteien zu einer Erfüllung ihrer Verpflichtungen zu
ermutigen. Ferner sind wir entschlossen, die Chancen
für einen dauerhaften Frieden zu erhöhen, indem wir in

Seite 1

�Bosnien ein möglichst gutes wirtschaftliches und
Sicherheitsumfeld schaffen.

digkeit einer Einhaltung aller Bestimmungen des
Abkommens konzentrieren.

Das Daytoner Abkommen stellt einen Zeitplan für von
den Parteien zu ergreifende Maßnahmen auf. Mit
jedem Schritt erhöht sich die Aussicht auf allgemeinen
Erfolg. Von der Truppenentflechtung über den Gebietsaustausch bis zur Demobilisierung der Truppen
baut jeder Schritt auf dem anderen auf und dient der
Stärkung des Friedens insgesamt. Mit D+90 (Dayton
plus 90 Tage) am 19. März und dem Abschluß der
Gebietsübergabe haben wir das Ende der ersten
Schlüsselphase des Abkommens von Dayton und den
Beginn der nächsten erreicht - die Rückkehr zu einem
normalen Leben und die Vorbereitung geeigneter
Bedingungen für Wahlen. Die OSZE (Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) muß die
Erfüllung der Bedingungen bescheinigen und das
Datum für die Wahlen in Bosnien festsetzen. Nachdem die OSZE bestätigt hat, daß Bosnien bereit zur
Veranstaltung von Wahlen ist, werden der Wahlkampf
und ausführliche Vorbereitungen beginnen. Nach den
Wahlen müssen die Institutionen funktionieren, auf die
man sich in Dayton einigte und die entscheidend für
einen lebensfähigen bosnischen Staat sind.

Einer der wichtigsten Aspekte dieser Bestrebungen zur
Einhaltung von Dayton beinhaltet die Verpflichtung
aller Parteien, ausländische Truppen und Berater des
Landes zu verweisen. In diesem Zusammenhang
legen wir besonderen Wert darauf, daß iranisches
Militär und Mitarbeiter der Nachrichtendienste Bosnien
verlassen.

Herr Vorsitzender, seit letzten November ist viel
erreicht worden. Wie mein Kollege aus dem Verteidigungsministerium bestätigen wird, haben die dem
NATO-Befehl unterstehenden IFOR-Truppen die
Entflechtung der kriegerischen Streitkräfte und den im
Daytoner Abkommen vorgesehenen Gebietsaustausch
überwacht. In Sarajevo beispielsweise wurde zwar die
Vereinigung der ehemals sorbischen Teile der Stadt
unter Kontrolle der Föderation durch von den Serben
initiierte Störmanöver beeinträchtigt, aber die Menschen dort können jetzt rechtmäßig ein besseres
Leben anstreben.
Wir haben auch sehr eng mit unseren Partnern in der
Kontaktgruppe zusammengearbeitet sowie mit dem
Hohen Repräsentanten Carl Bildt und seinem Stab, um
unsere Bestrebungen möglichst gut zu koordinieren.
Mein Kollege von AID wird im einzelnen auf die
Umsetzung der zivilen Seite des Abkommens eingehen.
Trotz dieser Errungenschaften ist die Erfüllung bestimmter Verpflichtungen - insbesondere was Gefangene, Bewegungsfreiheit und das heikle Thema
Kriegsverbrechen betrifft - nicht so, wie sie sein sollte.
Während der ersten Phase von Dayton wurde die
Umsetzung großenteils von der IFOR vorangetrieben.
Im Vorfeld der Wahlen werden die Parteien einen
größeren Teil der Verantwortung für den Erfolg tragen.
Daher ist es von elementarer Bedeutung, daß die
Unterzeichner des Daytoner Abkommens - die politische Führung in Bosnien, Kroatien und Serbien - sich
auf die vor ihnen liegenden Aufgaben und die Notwen-

Seite 2

In den letzten Tagen zogen Berichte besondere
Aufmerksamkeit auf sich, daß die Vereinigten Staaten
sich nicht aktiv der Lieferung iranischer Waffen über
Kroatien nach Bosnien vor zwei Jahren widersetzt
hatten. Ich möchte auf die Umstände und Fakten
dieses Falls zu sprechen kommen.
Von Anfang an lehnten die Clinton-Administration - und
die meisten Mitglieder des Kongresses - das gegen
Bosnien verhängte Waffenembargo ab. Wir wünschten eine multilaterale Aufhebung des Waffenembargos,
denn wenn die Vereinigten Staaten das Embargo
einseitig aufgehoben hätten, wäre das Sanktionsregime der Vereinten Nationen gegen Libyen und den
Irak geschwächt worden. Die UNPROFOR wäre aus
Bosnien abgezogen, hätte das Land einem größeren
kurzfristigen Risiko ausgesetzt, und die Vereinigten
Staaten hätten intervenieren müssen, um beim Abzug
der UNPROFOR-Truppen unter schwierigen und
gefährlichen Bedingungen behilflich zu sein. Im
Frühjahr 1994 waren die von der Regierung gehaltenen Gebiete Bosniens unter Belagerung und die kurz
zuvor gegründete muslimisch-kroatische Föderation in
einem labilen Zustand.
Im April 1994 wurden die Vereinigten Staaten von der
kroatischen Regierung gefragt, ob sie Einwände
hätten, wenn Kroatien Waffenlieferungen an die
bosnische Regierung aus anderen Ländern - darunter
Iran - über kroatisches Gebiet erlauben würde.
Angesichts der militärischen Dringlichkeit der Situation,
mit der sich die Föderation am Boden konfrontiert sah,
und des Ungleichgewichts zugunsten der bosnischserbischen Streitkräfte hatte die Administration keine
Einwände gegen mögliche Waffenlieferungen an die
Bosnier durch kroatisches Gebiet. Wir entschieden,
wir würden solche Lieferungen weder genehmigen
noch ablehnen. Den amerikanischen Regierungsvertretern wurde gesagt, sie sollten auf weitere Anfragen
der kroatischen Regierung mit der Aussage antworten,
sie hätten "keine Anweisungen" zu diesem Thema.
Die Vereinigten Staaten haben keinen Kontakt mit der
Regierung des Iran in dieser Angelegenheit.
Anfang Mai 1994 begannen die amerikanischen
Nachrichtendienste über Flüge iranischer Transportmaschinen nach Kroatien mit für Bosnien bestimmter
Ladung zu berichten, die angeblich militärische und
humanitäre Güter enthielt. Diese Berichte waren Teil

AMERIKA DIENST 10

�eines nachrichtendienstlichen Papiers, das den
maßgeblichen Kongreßausschüssen täglich übermittelt
wird. Die führenden Vertreter des Kongresses und
ihre Mitarbeiter hatten Zugang zu diesen täglichen
Berichten.
Im Oktober 1994 verabschiedete der Kongreß als
Alternative zu der einseitigen Aufhebung des Waffenembargos - mit starker Unterstützung beider Parteien
und der Administration - ein Gesetz, das die Verwendung zugewiesener Mittel zur Durchsetzung des
Waffenembargos gegen Bosnien für die Vereinigten
Staaten als illegal erklärte. Dem Kongreß war die
Lieferung iranischer Waffen an Bosnien zu jenem
Zeitpunkt bekannt. Die iranischen Waffenlieferungen
waren aus dem Anwendungsbereich dieses Gesetzes
nicht ausgenommen, das im November in Kraft trat.
Unsere Aktionen standen im Einklang mit dem Willen
des Kongresses, wie in dem Gesetz vom Oktober
1994 zum Ausdruck gebracht, das uns die Verwendung zugewiesener Mittel zur Durchsetzung des
Waffenembargos gegen Bosnien untersagte, während
wir gleichzeitig vermieden, einseitig eine bindende
Resolution des Sicherheitsrats zu unterlaufen, indem
wir direkt oder indirekt Waffen an die bosnische
Regierung lieferten.
Die gute Nachricht lautete, daß die mutigen Streitkräfte
Bosniens durchhalten und ihr Gebiet halten konnten.
Weil sie dies taten, konnte die NATO 1995 Maßnahmen ergreifen, und die Vereinigten Staaten
brachten in Dayton ein Abkommen hervor, das den
Menschen in Bosnien in allen drei Gemeinden die
beste Chance für Frieden bietet, die sie seit Jahren
hatten.
Am 23. November verabschiedete der UN-Sicherheitsrat Resolution 1021, die die Aufhebung des Embargos
infolge des Daytoner Abkommens vorsah. Seitdem
arbeitet die bosnische Regierung mit uns zusammen
und kommt ihrer Verpflichtung im Rahmen des Abkommens nach, die ausländischen Streitkräfte zu
entfernen. Die Präsenz und der Einfluß des Iran in
Bosnien wurden beträchtlich reduziert und die bosnische Regierung versteht, daß die Vereinigten
Staaten die Umsetzung ihres Programms zur Ausbildung und Ausrüstung an die Bestimmungen über
ausländische Streitkräfte im Daytoner Abkommen
gebunden haben. Dieser Punkt wurde den Bosniern
sowohl von der Administration als auch vom Kongreß
drastisch verdeutlicht.
Das Abkommen von Dayton enthielt eine wichtige
Initiative für die Parteien zur Aufgabe der andauernden
Kriegshandlungen und der Bewahrung des Friedens.
Das war die Chance für die Parteien, beim wirtschaftlichen Wiederaufbau von Bosnien und Herzegowina Partnerschaften mit der internationalen Staatengemeinschaft zu bilden. Alle Seiten sind durch diesen

AMERIKA DIENST 10

bitteren Konflikt erschöpft. Während Armeen demobilisiert und Waffen in begrenzte Arsenale verlagert
werden können, ist es sehr viel schwieriger für die
Regierungen, den Soldaten einen echten Arbeitsplatz
anbieten zu können, ganz zu schweigen von einem
sicheren Lebensunterhalt. Die Wiederaufbauhilfe ist
eine unerläßliche Investition für den künftigen Frieden
in der Region. Wir benutzen sie, um die Psychologie
des Krieges zu durchbrechen.
Die Anfang dieser Woche in Brüssel abgehaltene
erfolgreiche Konferenz der Geberländer hat in der
internationalen Staatengemeinschaft die Erkenntnis
dieser dringenden Notwendigkeit vertieft und signalisiert, daß sich aus der Einhaltung des Abkommens
von Dayton bald finanzielle Vorteile ergeben würden.
Bei der Konferenz wurden über 1,2 Milliarden Dollar an
neuen Mitteln für den Wiederaufbau zugesagt, und
zusammen mit den im Dezember zugesagten 600
Millionen Dollar wurde das Gesamtziel der internationalen Staatengemeinschaft von 1,8 Milliarden Dollar
für 1996 erreicht.
Die Unterstützung des Kongresses für das Zusatzpaket des Präsidenten in Höhe von 198 Millionen Dollar
war für den Erfolg der Konferenz entscheidend und
gestattete uns insbesondere, das Dreifache der von
uns zugesagten Mittel bei anderen bilateralen Gebern
"locker zu machen". Mit dem Zusatzpaket und anderen neuen Fonds konnten wir bei der Brüsseler
Konferenz 219 Millionen Dollar an neuen Geldern für
den Wiederaufbau und damit in Verbindung stehende
Programme wie Einrichtung einer Polizei, Minenräumung und Wahlen zusagen, von denen für 1996
insgesamt 281 Millionen Dollar vorgesehen sind. Das
ist ungefähr die Hälfte unserer Gesamtzusage in Höhe
von 550 Millionen Dollar für die zivile Umsetzung in
diesem Fiskaljahr für Bosnien und Ostslawonien. Von
dieser Gesamtsumme sind 200 Millionen Dollar reine
Hilfe für den wirtschaftlichen Wiederaufbau, die die
erste Tranche der Zusage des Präsidenten von 600
Millionen Dollar für den wirtschaftlichen Wiederaufbau
über mehrere Jahre hinweg darstellen.
Konkrete Vorteile für die Menschen in Bosnien aus
dem Daytoner Abkommen - die sogenannte "Friedensdividende" - werden gewährleisten, daß das bosnische
Volk der Verbesserung seines Lebens in diesem
Sommer an der Wahlurne Rechnung trägt. Wir sehen
die Wiedergeburt von Sarajevo, aber diese Wiedergeburt wird durch die zerstörte Infrastruktur ernsthaft behindert. Das gilt für ganz Bosnien. Unsere
Prioritäten in den kommenden Wochen bestehen darin
sicherzustellen, daß die in Brüssel zugesagten Mittel
rasch fließen, daß die Menschen - insbesondere die
Zehntausende demobilisierter Soldaten - beschäftigt
und die einzelnen Wiederaufbauprogramme richtig
koordiniert werden. Die Europäische Union, die den
Löwenanteil der Finanzhilfe bereitstellt, die Weltbank
und der Hohe Repräsentant Bildt haben hier alle eine

Seite 3

�Rolle zu spielen, aber die Vereinigten Staaten müssen
eine Führungsrolle übernehmen und sicherstellen, daß
die Arbeit getan wird.
Direkte Hilfe allein kann den Frieden nicht gewährleisten. Das Wirtschaftsleben hängt vom Handel ab.
Das Prinzip, daß Handel den Frieden verbessert,
führte Wirtschaftsminister Brown und seine Delegation
Anfang dieses Monats auf den Balkan. Dieser Gedanke wurde durch die Tragödie über Dubrovnik nicht
ausgelöscht. Wir haben uns verpflichtet, weiterhin
Frieden durch Handel anzustreben - sowohl im
Gedenken an die Brown-Delegation als auch, als
effektives Instrument zur Erlangung dauerhafter
Stabilität auf dem Balkan.
Die muslimisch-kroatische Föderation ist ein Eckpfeiler
des Abkommens von Dayton. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Verhinderung erneuter
Kampfhandlungen zwischen diesen Gemeinden und
der Kanalisierung ihrer Differenzen in die politische
Arena. Darüber hinaus bietet die Föderation das
notwendige Gegengewicht zur Republik Srpska. Die
gesamte rechtliche Struktur von Bosnien-Herzegowina
nach Dayton geht von einer gesunden, funktionierenden Föderation aus.
Angesichts der Bedeutung der Föderation für den
Erfolg des Daytoner Abkommens haben die Vereinigten Staaten sie zum Kernstück eines breitgefächerten Programms politischer, technischer und
wirtschaftlicher Unterstützung gemacht. Zusammen
mit unseren Partnern haben wir eine Reihe hochrangiger Treffen in Rom, Genf, Moskau und Sarajevo
abgehalten, die vornehmlich auf die Lösung der
Probleme der Föderation ausgerichtet waren. Am
kommenden Donnerstag werde ich die amerikanische
Delegation bei dem nächsten dieser Treffen in Bonn
leiten.
Am 3. April hat der amtierende Abteilungsleiter Kornblum das erste Treffen des Föderationsforums einberufen - einem Mechanismus für intensivere, regelmäßigere Diskussionen mit den beiden Parteien über
die Föderation betreffende Fragen unter Leitung der
Vereinigten Staaten.
Die Grundlage für einen dauerhaften Frieden hängt
nicht nur von Wahlen ab, sondern auch von der
Schaffung einer effektiven Abschreckung von erneuter
bosnisch-serbischer Aggression gegen die Föderation
sowie einer ausgewogenen Verteilung der Waffen in
der gesamten Region.
Darüber hinaus verpflichtet das Abkommen von
Dayton die Parteien zu einer Reihe von vertrauensbildenden und Rüstungskontrollmaßnahmen. Diese
Maßnahmen zielen darauf ab, Transparenz und
Vertrauen aufzubauen sowie ausgewogene und stabile
Verteidigungsstreitkräfte auf dem niedrigsten Niveau

Seite 4

zu schaffen im Einklang mit den jeweiligen Sicherheitsbedürfnissen der Parteien und der Notwendigkeit,
einen Rüstungswettlauf in der Region zu verhindern.
Aber selbst mit der uneingeschränkten Umsetzung
dieser Maßnahmen haben die Föderations-Streitkräfte
immernoch einen Nachteil. Aus diesem Grund haben
wir uns verpflichtet, internationale Bestrebungen zur
Ausbildung und Ausrüstung der Föderations-Streitkräfte anzuführen, so daß sie eine effektive
Abschreckungs- und Selbstverteidigungsfähigkeit
haben.
Und schließlich ist es unmöglich, sich einen dauerhaften Frieden vorzustellen, der nicht die in den vergangenen Jahren verübten Greueltaten berücksichtigt.
Wir sind keine Befürworter von Rache, denn das wird
nur mehr Verachtung und Gewalt hervorbringen. Wir
können auch nicht Gruppen kollektiv für die böswilligen
Aktionen von Einzelpersonen in ihrer Mitte verantwortlich machen. Aus diesem Grund haben die
Vereinten Nationen auf Drängen dieser Administration
den Internationalen Gerichtshof in Den Haag eingerichtet. Seit Unterzeichnung des Daytoner Abkommens wurden 57 Personen angeklagt, sechs verhaftet
und die Ermittler haben auf der Suche nach Beweisen
Tausende von Stunden in Bosnien und den Nachbarländern verbracht.
Die Einhaltung der Verfügungen des Internationalen
Tribunals wurde zu einem der Prüfsteine des Daytoner
Abkommens gemacht. Sarajevo, Zagreb und Belgrad
haben seit letztem Jahr Schritte zur Verbesserung
ihrer Zusammenarbeit mit dem Tribunal unternommen. Aber der Mangel an Zusammenarbeit mit dem
Tribunal seitens der bosnischen Serben ist weiterhin
eines der krassesten Beispiele der Nichteinhaltung des
Abkommens.
Anschließend sollte man die amerikanische Führungsrolle nicht vergessen, die die relativen aber realen
Verbesserungen hervorbrachte, die wir jetzt in Bosnien
beobachten können. Und die amerikanische Führungsrolle wird uns in Zusammenarbeit mit unseren
Freunden und Verbündeten durch die von mir beschriebenen Herausforderungen und Chancen leiten.
Als wir und unsere NATO-Partner die IFOR nach
Bosnien entsandten, haben wir den ehemals kriegführenden Parteien gegenüber eindeutig klargestellt, daß
sie letztlich für die Umsetzung des Friedensabkommens verantwortlich sind. Durch die zeitliche Begrenzung der IFOR-Stationierung auf ein Jahr signalisierte die NATO, daß sie kein Ersatz für echte Fortschritte der Parteien zur Erlangung eines dauerhaften
Friedens ist. Zweifelsohne wird der vollständige
Umsetzungsprozeß länger als ein Jahr dauern, aber
wir vertrauen auf die Parteien, daß sie auf die während
dieses ersten kritischen Jahres gemachten Fortschritte
aufbauen, damit sie nach dem Abzug der IFOR
weiterhin den Frieden konsolidieren und Institutionen

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�aufbauen können. Das in Dayton erzielte Abkommen
sah einen schrittweisen Prozeß der Versöhnung und
des Aufbaus von Institutionen vor, den die Vereinigten
Staaten zu unterstützen beabsichtigen.
Angesichts der von uns im vergangenen Jahr gemachten bemerkenswerten Fortschritte - und der Resultate

der amerikanischen Führungsrolle während dieser Zeit
- hat diese Administration die Absicht auszuharren.
Wie Präsident Clinton wiederholt erklärt hat, liegt es im
nationalen Interesse der Vereinigten Staaten, Frieden
nach Bosnien zu bringen. Wir werden mit anderen zur
Erlangung dieses Ziels zusammenarbeiten.

* * * * *

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Seite 5

�NATO
15. Mai 1996

Dauerhafte Zusammenarbeit zwischen
NATO und Rußland
von General George A. Joulwan

Mons - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Obersten Alliierten Befehlshaber Europa (SACEUR) der
NATO, General George A. Joulwan, verfaßten Artikel, der erstmals in The Washington Post erschien.

Das Friedensabkommen von Dayton führte zur
bedeutendsten militärischen und politischen Zusammenarbeit des Westens mit Rußland seit dem
Zweiten Weltkrieg.
Obwohl das Friedensabkommen den Krieg in BosnienHerzegowina beendete und gleichzeitig die Gefahr
eines größeren Krieges verringerte, hatte es auch den
weniger bemerkten Effekt, das gegenseitige Vertrauen
zwischen dem russischen Militär und den Streitkräften
der NATO sowie der Vereinigten Staaten zu fördern.
Ferner unternahmen die NATO und Rußland historische Schritte für zukünftige militärische Zusammenarbeit, indem sie lernten, sich gemeinsam für die
Durchsetzung des Friedens einzusetzen.
Die Militärplaner der NATO und Rußlands trafen in
weniger als zwei Monaten die Vorkehrungen für dieses
bemerkenswerte Ereignis. Ihre intensiven Bestrebungen führten zu einem einzigartigen Ansatz bei der
Zusammenarbeit zwischen NATO und Rußland im
Rahmen einer Militäroperatior.
Rußland kann jetzt umfassend mit NATO-Streitkräften
operieren - von der strategischen Ebene in meinem
Hauptquartier im belgischen Mons bis zur taktischen
Ebene, auf der amerikanische und russische Soldaten
in Bosnien-Herzegowina Seit; an Seite tätig waren gemäß einem militärischen Plan genannt Operation
Joint Endeavor.
Der erste Schritt wurde am 15. Oktober 1995 unternommen, als eine Abordnung des russischen Generalstabs unter der Leitung von Generaloberst Leontij

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Schewtsow in meinem Brüsseler Hauptquartier eintraf,
um Gespräche über den russischen Beitrag zur IFOR
in Bosnien aufzunehmen.
Nach jahrzehntelanger Trennung während des Kalten
Krieges konnten sich Offiziere der NATO und Rußlands in nur 13 Tagen auf bestimmte Grundprinzipien
einigen. Das Abkommen bot die Grundlage für alle
Aspekte militärischer Zusammenarbeit: Verantwortlichkeit (einheitliche Führung); gemeinsame Mission, Ziel
und Richtlinien für die Aktionen der Soldaten; Unparteilichkeit bei der Erfüllung der Pflichten; Abschaffung
des dualen Entscheidungsfindungsprozesses, der in
der Vergangenheit beispielsweise verlangte, daß sich
die Vereinten Nationen und die NATO über Luftangriffe
einigen.
Der dritte Schritt konzentrierte sich auf die entscheidende Frage der Führung. Wir trafen eine besondere
Vereinbarung, die das russische Kontingent meinem
Befehl unterstellte - durch General Schewtsow, der für
die russischen Truppen als mein Stellvertreter fungiert.
Im Rahmen dieser Vereinbarung weise ich dem
russischen Kontingent alle Aufgaben durch ihn zu.
Das entsprach den russischen Forderungen, nicht in
die integrierte Militärstruktur der NATO einbezogen zu
werden, wahrte jedoch die einheitliche Führung, die für
die Effektivität der IFOR unerläßlich ist.
Ferner reflektierte das Abkommen auch das Prinzip
der einheitlichen Führung das gewährleistet, daß alle
IFOR-Streitkräfte - der NATO, Rußlands und anderer
Nichtmitgliedstaaten der NATO - meinen Befehlen
Folge leisten.

Seite 1

�Am 8. November einigten sich der russische Verteidigungsminister Pawel Gratschow und sein amerikanischer Amtskollege William Perry bei einem Treffen
im NATO-Hauptquartier auf diesen einzigartigen
Ansatz. Perry legte ihn anschließend dem Nordatlantikrat der NATO vor, der seine Zustimmung gab.
Am 21. Dezember gab ich der russischen Brigade
schließlich die Einsatzanweisung.
Infolgedessen
übernahm eine 1.500 Mann starke Luftlandebrigade
die Verantwortung für einen sehr wichtigen, 75 Kilometer langen Abschnitt der Pufferzone.
Die Russen operieren in der sogenannten Sapna
Thump. Es ist eine extrem schwierige Mission in
einem Gebiet, in dem während des Krieges einige der
bittersten und intensivsten Kämpfe stattfanden.
Die Streitkräfte der NATO und Rußlands führen
gemeinsame Patrouillen in Brcko im Herzen des
Posavina-Korridors durch. Als Beweis für die Unparteilichkeit der IFOR richtete die russische Brigade ein
Bataillonshauptquartier auf dem Gebiet der Föderation
Bosnien-Herzegowina und ein weiteres auf Seiten der
bosnischen Serben ein.
Die russischen Truppen operieren jetzt innerhalb der
Grenzen der multinationalen Division (Nord). Der
Befehlshaber, Generalmajor Bill Nash von der USArmee, hat nicht die Befugnis, ihnen Missionen oder
Aufgaben zuzuweisen. Er kann jedoch eine taktische
oder tägliche Kontrolle ihrer Pflichten vornehmen.
Dadurch ging die Zusammenarbeit zwischen der
NATO und Rußland von der Theorie zur Praxis über
und bildet eine echte Partnerschaft in einer militärischen Beziehung, die allzu lange durch das Mißtrauen
aus der Vergangenheit verhindert wurde.
Innerhalb von zwei Monaten machten wir große
Fortschritte bei der Harmonisierung von zwei Militärsystemen, die mehr als 50 Jahre lang durch politische
Realitäten getrennt waren. Durch diese Schritte
näherte sich Europa stärker der Stabilität und Sicherheit, die nach dem Ende des Kalten Krieges
angestrebt wurden.
Die Professionalität des russischen Militärs bei der
gemeinsamen Planung mit den NATO-Streitkräften war
entscheidend für diese erfolgreiche Dislozierung unter
extrem schwierigen Bedingungen. Russische Verbindungsoffiziere im NATO-Hauptquartier halfen bei der
abgestimmten Planung der komplexen Truppenbewegungen zum Einsatzgebiet.
Das beinhaltete die
gleichzeitige Bewegung von Lastwagenkonvoys,
Flugzeugen, Schiffen und Zügen aus allen Himmelsrichtungen während des schlimmsten Wetters in
Europa in diesem Jahrhundert in das schwierigste
Gebiet, das man sich vorstellen kann.

Seite 2

Die russische Brigade leistet außerordentlich gute
Arbeit. Sie errichtete entlang der Pufferzone zwölf
Kontrollpunkte und entwickelte gemeinsame Vorgehensweisen für Tätigkeiten wie Artillerieunterstützung und medizinische Evakuierung.
Soldaten der NATO und Rußlands führen jetzt gemeinsame Patrouillen durch, tauschen nachrichtendienstliche Informationen aus und machen gemeinsame
Bestandsaufnahmen von Minenfeldern.
Infolgedessen wurden 60 Tage nach Unterzeichnung
des Abkommens die Grenzen markiert, die Beseitigung bosnischen und serbischen militärischen Geräts
hatte begonnen, es waren gemeinsame Militärausschüsse mit Vertretern der ehemals feindlichen
Armeen eingerichtet worden, und die Parteien setzten
die Entflechtung, Demobilisierung und den Transport
schwerer Ausrüstung in Ortsunterkünfte fort.
Als Minister Gratschow und ich das Gebiet am 7.
Februar besuchten, sahen wir, daß die Soldaten der
NATO und Rußlands bei dieser Mission zu echten
Partnern geworden waren. Wir waren Zeuge, wie
russische und amerikanische Soldaten Seite an Seite
patrouillierten - nicht mehr Gegner im Kalten Krieg,
sondern Kameraden, die sich gemeinsam für die
Sache des Friedens einsetzen.
Diese gemeinsame Mission des Bündnisses und
Rußlands zeugt davon, daß die beiden ehemaligen
Gegner durch militärische Zusammenarbeit friedliche
Ziele erreichen können. Zudem vertiefte sie das
Verständnis und Vertrauen zwischen den Soldaten der
NATO und Rußlands, die in Uglewik, Vicenza, Tuzla
und Mons zusammenarbeiten.
Dies ist das direkte Resultat - das natürliche Resultat einer gemeinsamen Mission. Kontakte zwischen
Offizieren der NATO und Rußlands sind zu einer
täglichen Realität geworden. General Schewtsows
Stab spielt eine entscheidende Rolle bei den IFORPlanungen. Noch wichtiger ist aber, daß seine
Offiziere beim Generalstab in Moskau das Verständnis
für die NATO erhöhen und einen direkten Kanal für
den Umgang mit im beiderseitigen Interesse liegenden
militärischen Fragen bieten. Das ist ein enormer
Fortschritt.
Dies wird auch weiterhin ein Jahr großer Herausforderungen und Erwartungen für das Bündnis sein.
Jede Aktion birgt ihre Risiken, und niemand kann mit
Sicherheit Europas künftiges Sicherheitsumfeld
prognostizieren. Aber meines Erachtens müssen wir
bereit sein, um des dauerhaften Friedens willen
Risiken einzugehen.

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�Das ist erst der Anfang neuer Beziehungen zwischen
der NATO und Rußland. Diese Zusammenarbeit kann

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zu einem dauerhaften partnerschaftlichen Rahmen für
das kommende Jahrhundert werden.

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�USA-EUROPA
15. Mai 1996

Nationalismus in Europa - Amerikanische Anmerkungen
von J.D. Bindenagel

LEIPZIG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, vor dem Fachbereich Politische Wissenschaften
der Universität Leipzig am 11. April 1996 gehaltene Rede.

Sehr geehrte Frau Professor Menschel,
meine Damen und Herren,

politische Waffe ist in Europa und für Europa zu einem
sehr ernsten außenpolitischen Problem geworden.

vielen Dank für die freundlichen Begrüßungsworte und
die Gelegenheit, mit Ihnen über Nationalismus zu
sprechen.

Die Umbruchphase nach dem Ende des Kalten
Krieges hat eben nicht nur zu einer neuen Ordnung im
internationalen System geführt. Nicht überall in Europa
konnten sich persönliche Freiheit, demokratische
Strukturen, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft
durchsetzen.

Nationalismus ist zunächst die Haltung eines einzelnen, einer Bewegung oder eines Staates, die sich
die Durchsetzung nationaler Ziele zur Aufgabe macht.
Es gibt, wie Ihnen bekannt ist, eine ganze Bandbreite
nationalistischer Verhaltensweisen. In der Nationalismusforschung stehen deskriptive Untersuchungsansätze neben ideengeschichtlichen Ansätzen, die ihr
Augenmerk vor allem auf die Herausbildung und die
Geschichte der europäischen Nationalstaaten gerichtet
haben. Angesichts der Vielzahl möglicher Ziele
nationaler Bewegungen wird in der politikwissenschaftlichen Analyse versucht, eine an Zielvorstellungen ausgerichtete allgemeingültige Typologie aller
nationalen Bewegungen zu bilden. Darüber hinaus
gibt es individualpsychologische Ansätze, wonach der
Nationalismus zur Erfüllung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Identität beiträgt.
Ich will Frau Menschel nicht vorgreifen und mit Ihnen
Definitionsfragen klären. Meine Absicht ist es, den
Bogen zur politischen Realität zu schlagen. Ich
möchte Ihren Blick für eine bedrohliche Variante des
Nationalismus schärfen und deutlich machen, wie
zweckmäßig theoretische Kenntnisse bei der Analyse
aktueller internationaler Probleme sind.
Nationalismus kann - wie wir Anfang der neunziger
Jahre bedauerlicherweise wieder einmal zur Kenntnis
nehmen mußten - zur Legitimation staatlicher Aggressionspolitik werden. Nationalismus als innen-

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In Südosteuropa entwickelte sich eine neue Unordnung, die zu regionaler Instabilität, Krieg, Zerstörung, Massakern und endlosem Leid führte. Diese
Unordnung wirft natürlich viele Fragen auf, die uns zur
Auseinandersetzung mit einer gefährlichen Geisteshaltung zwingen. Wir müssen uns fragen, welche Rolle
der Krieg aus nationalistischen Beweggründen in
Europa einnehmen darf. Oder anders und genereller
formuliert, wieviel Krieg sind wir bereit zu ertragen?
Welche Vorstellungen haben wir vom friedlichen
Mitt.nander der Staaten und Völker in Europa? Und
inwieweit sind wir bereit, unser Verständnis anderen zu
oktroyieren.
Unsere Verpflichtung zum Frieden beinhaltet auch eine
internationale Verantwortung gegenüber jenen, die
Opfer einer gewalttätigen Politik geworden sind. Der
Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat uns gezwungen,
darüber nachzudenken, wie weit die postulierten
Grundwerte Europas reichen und mit welchen Mitteln
sie verteidigt werden sollen. Mit diplomatischen
Anstrengungen allein ist kein internationales Recht
durchzusetzen. Letztlich geht es darum, ob die
Staatengemeinschaft zuläßt, ein nationalistisches
Krebsgeschwür wuchern zu lassen, das leicht zu
diagnostizieren war, aber unendlich viel schwerer zu
therapieren ist.

Seite 1

�In einem Zeitungskommentar letzte Woche über den
Abschied des EU-Verwalters von Mostar, Hans
Koschnick, hieß es zum Schluß: "Wie lange wird es
dauern, bis die Nationalisten alles zunichte gemacht
haben?"
Das ist eine erschreckende Frage. Wie kann unter
heutigen Bedingungen einem menschenverachtenden
Nationalismus Einhalt geboten werden? Wie kann sich
eine Staatengruppe gegen nationalistisch gesinnte
Kriegstreiber verwahren? Welche Verfahren und
Instrumente stehen der Staatengemeinschaft zur
Verfügung, um Frieden, Stabilität und Sicherheit zu
bewahren?
Wenn ich von "uns" spreche, dann meine ich die
Staaten der Atlantischen Allianz, das heißt die Vereinigten Staaten und die Mitglieder der Europäischen
Union.
Wie der Krieg im ehemaligen Jugoslawien gezeigt hat,
war die politische Entscheidungsfähigkeit und militärische Handlungsfähigkeit der Europäischen Union
nicht gegeben. Ohne den politischen Einsatz der
Vereinigten Staaten und deren militärisches Engagementwäre der verbrecherische Krieg gegen ethnische
Minderheiten wohl nicht im letzten Jahr zu Ende
gebracht worden. Ein Krieg, der zweifelsohne aus
nationalistischen Motiven dem multiethnischen Leben
im ehemaligen Jugoslawien vorläufig ein Ende gesetzt
hat.
Krieg bei den Nachbarn stellt politische Entscheidungsträger vor schwierige Aufgaben und Herausforderungen. Zum einen sind es die Probleme anderer
Wähler, anderer Menschen, anderer Volksgruppen,
anderer Völker. Zum anderen ist das eigene, nationale
Interesse an den Problemen anderer Staaten von jeher
nicht allzu groß, sofern diese nicht bedrohliche Ausmaße annehmen. Wer interessierte sich schon für die
Vorgänge in Jugoslawien Ende der achtziger Jahre,
als der Nationalismus einzelner Volksgruppen eine
Renaissance erlebte. Europa war mit anderen Dingen
beschäftigt: Dem langsamen aber stetigen Zusammenbruch des sowjetischen Reiches, der Selbstbefreiung
Mittel- und Osteuropas, der deutschen Vereinigung
und dem irakischen Überfall auf Kuwait.
Folglich muß man als aufmerksamer Beobachter sehr
vorsichtig sein, wenn man mit dem Finger auf andere
zeigt, um Schuldzuweisungen vorzunehmen. Fehler
sind gemacht worden, das Einmaleins der Diplomatie
wurde aus Uneinigkeit, Wohlwollen oder vielleicht auch
aus Unkenntnis außer Kraft gesetzt. Oder um Friedrich den Großen zu zitieren: "Diplomatie ohne Schwert
ist wie Musik ohne Instrumente."
Man kann nicht ständig Friedenskonferenzen abhalten
und Sanktionen androhen, wenn im Kriegsgebiet eine
ethnische Minderheit im besten Fall vertrieben, im

Seite 2

schlimmsten Fall ermordet wird. Erst sehr spät hat die
westliche Staatengemeinschaft Wege gefunden, die
aus einem Entscheidungs- und Handlungsdilemma
herausführten.
Dies zeigt zum einen, daß politische Uneinigkeit in der
Lagebeurteilung zu erheblichen Verzögerungen bei
der Realisierung von Maßnahmen zur Beendigung der
Kampfhandlungen führt. Des weiteren geriet die
Staatengemeinschaft aufgrund ihrer Uneinigkeit unter
starken öffentlichen Druck, was die Beeinflussung von
Kriegsparteien nochmals erschwert.
Zum anderen bestand am Anfang das Problem, daß es
sich um einen innerstaatlichen Konflikt handelte. Eine
Einmischung in die inneren Angelegenheiten wird in
der Regel von jedem Staat zurückgewiesen. Diese
rechtliche Problematik hat letztlich zur Anerkennung
von Kroatien und Slowenien geführt. Die Bundesrepublik Deutschland hatte Anfang der neunziger Jahre
den außenpolitischen Versuch unternommen, einen
Beitrag zur Eindämmung des Teilungskonfliktes im
ehemaligen Jugoslawien zu leisten. Die mit der
Anerkennung einhergehende Internationalisierung des
jüngsten Balkankonflikts hatte leider keinen durchschlagenden Erfolg. Alle Minderheiten waren infolgedessen in der einen oder anderen Form kriegerischen
Repressalien ausgesetzt.
Die Anerkennung von
Staatsgebieten - ohne gesicherten Schutz der Grenzen - konnte angesichts der hohen Gewaltbereitschaft
der politisch Verantwortlichen keine friedensbewahrende Wirkung entfalten. Deutschland hat für diese
Vorgehensweise im In- und Ausland viel Kritik erhalten.
Historische Parallelen, wie sie in dieser Diskussion
gezogen wurden, sind meines Erachtens allerdings
unzutreffend. Argumente, die Deutschlands Rolle in
der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts thematisieren,
werden dem ausgeprägten Friedenswillen des demokratischen Deutschlands nicht gerecht, das aus seiner
Geschichte gelernt hat.
Der Einsatz von Macht, politischem Gewicht, diplomatischem Engagement und militärischen Optionen ist
allerdings notwendig, um einem Friedenswillen die
nötige Glaubwürdigkeit beziehungsweise den nötigen
Nachdruck zu verleihen. Dieses Beispiel verdeutlicht,
wie risikoreich außenpolitische Initiativen sind, wenn
sie nicht auf einem breiten internationalen Konsens
basieren. Der verantwortungsbewußte Umgang mit
Macht muß prinzipiell die internationalen, innenpolitischen und psychologischen Rahmenbedingungen
berücksichtigen, in denen das politische Gewicht eines
Staates eingesetzt wird.
Damit will ich nicht einer wie auch immer gearteten
"Militarisierung der Außenpolitik" das Wort reden. Im
Gegenteil, es kommt darauf an, gemeinsam geeignete
und angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um
Konflikte zu verhüten und Formen der friedlichen
Streitbeilegung zu nutzen, damit Krisen entschärft

AMERIKA DIENST 10

�werden. Wenn Maßnahmen der Konfliktverhütung
nicht greifen, müssen friedenserhaltende und gegebenenfalls friedensschaffende Schritte unternommen
werden, die durch den Einsatz militärischer Mittel
unserem Engagement für den Frieden die nötige
Glaubwürdigkeit verleihen.
Wir stehen jetzt an einem Wendepunkt. Die Einstellung der Kampfhandlungen in Bosnien ist militärisch erzwungen und diplomatisch durch das
Friedensabkommen von Dayton abgesichert worden.
Präsident Clinton sprach von einer großen Chance für
alle Kriegsparteien, einen international abgesicherten
Neuanfang zu machen. Das heißt aber auch, daß
nationalistische, ethnisch bestimmte Dominanzbestrebungen ein Ende finden müssen und eine
Rückkehr zu einem friedlichen und toleranten Umgang
der Volksgruppen gefunden werden muß. Ich vermag
Ihnen nicht zu sagen, was passieren wird, sollte das
Friedensabkommen scheitern.
Lassen Sie mich auf die amerikanische Europapolitik
zu sprechen kommen, wie sie sich als Reaktion auf
den Nationalismus im Ersten und Zweiten Weltkrieg
entwickelt hat. Damit möchte ich aufzeigen, daß es in
der internationalen Politik durchaus Wege und Verfahren gibt, die durch Nationalismus bedingte Kriegsgefahr erheblich einzuschränken.
Für die amerikanische Regierung stand 1945 der
Aufbau einer stabilen Friedensordnung in Europa im
Vordergrund. Krieg in Europa durfte nicht noch einmal
dazu führen, daß amerikanische Soldaten auf europäischen Schlachtfeldern ihr Leben ließen. Ohne kontinuierliches Engagement, militärische Präsenz und ökonomische Aufbauhilfe war dieses Ziel nicht zu erreichen. Der Kalte Krieg trug das Seine dazu bei, daß
Westeuropa unter dem externen Druck zu Formen der
Zusammenarbeit und Integration fand, die geschichtlich gesehen jeden Europäer mit Stolz erfüllen sollten.
Die Gründung der NATO, als Wertegemeinschaft
konzipiert, mit einem klaren Verteidigungsauftrag,
schuf ein Netz politischer wie auch militärischer
Zusammenarbeit, das den Frieden in Europa sichert.
Dies macht die NATO jetzt für die mittel- und osteuropäischen Staaten so attraktiv. Die Vereinigten
Staaten von Amerika verstehen sich, wenn es um
Europa geht, als eine europäische Macht. Die Sicherheit Europas ist auch unsere Sicherheit. Dies
entspricht unseren historischen Erfahrungen in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Amerika wird auch weiterhin in Europa engagiert
bleiben und mit der Europäischen Union zusammenarbeiten. Das transatlantische Verhältnis ist und bleibt
unsere Geschäftsgrundlage. Der Verlauf von Krisen
und Konflikten in den letzten Jahren zeigt deutlich, daß
in nahezu allen internationalen Krisensituationen Amerikaner und die meisten Europäer gemeinsame Ziele

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verfolgen. Vielfach unterscheiden sich zwar die
Vorschläge, die Lösungsmodelle und Strategien zu
deren Verwirklichung, doch was die Bewahrung des
Friedens und der Stabilität des internationalen Systems angeht, zieht das transatlantische Bündnis an
einem Strang. Das kann man auch daran erkennen,
daß es gerade diese Staatengruppe ist, die sich bereit
erklärt, Garantien zu geben und die aktiv an konstruktiven Friedenslösungen arbeitet.
Weil politische Zusammenarbeit, militärische Kooperation und faire Handelsbeziehungen elementare
Bestandteile einer stabilen Friedensordnung sind, hat
ein wie auch immer begründeter aggressiver Nationalismus keinen Entfaltungsraum innerhalb der
Atlantischen Allianz. Deshalb tritt die amerikanische
Regierung vehement für die Öffnung der NATO ein.
Unsere Außenpolitik gegenüber den Staaten des
früheren Warschauer Paktes ist eindeutig:
Wir
möchten diesen Staaten zu demokratischen und
marktwirtschaftlichen Strukturen verhelfen, so daß sie
eine souveräne Politik betreiben können und ihr
ökonomisches Potential einsetzen, um den Lebensstandard ihrer Bürger anzuheben. Wir streben die
Öffnung unserer westlichen Institutionen für die
ehemals kommunistischen Länder an, die willens und
bereit sind, sich zu Demokratie und offenen Märkten zu
verpflichten. Wir arbeiten an einem neuen transatlantischen Rahmen für das 21. Jahrhundert.
Demokratie, freie Märkte und gegenseitige Sicherheit
sind dabei die grundlegenden Elemente einer dauerhaften internationalen Ordnung.
Die gesellschaftliche Verwurzelung der Demokratie
erfordert neben neuen rechtsstaatlichen Verfassungen,
einer unabhängigen Rechtsprechung und Wahlen
auch kulturelle Erneuerung. Eine neue politische
Kultur muß entstehen, die sich die Gepflogenheiten
demokratischer Prinzipien zu eigen macht. Gewerkschaften sind da ebenso zu nennen wie auch eine freie
Presse. Eine freie Presse ist ungemein wichtig, um
gerade jenen Kräften zu widerstehen, die eine Rückkehr zu den alten Zeiten propagieren. Auch hier haben
wir die Aufgabe, durch den Austausch von Ideen,
durch Programme aller Art jene Entwicklungen zu
fördern, die gegen einen engstirnigen Nationalismus
immun machen.
Ich möchte zum Schluß kommen. Europa und die
Vereinigten Staaten sind auch weiterhin gefordert, mit
gutem Beispiel voranzugehen. Deutlich zu machen,
daß sich Zusammenarbeit lohnt. Daß Toleranz und
Verständnis erheblich dazu beitragen, den internen wie
auch externen Frieden zu bewahren. Er ist letztlich die
Voraussetzung für Freiheit und Wohlstand unserer
Gesellschaften.
Ich danke Ihnen.

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�WIRTSCHAFT
15. Mai 1996

USA müssen weiterhin Führungsstärke
im Ausland beweisen
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende Finanzminister Lawrence H. Summers erklärte in einer Rede vor der
Society of American Business Editors und Writers am 29. April 1996 in New Orleans, die Vereinigten Staaten
müßten weiterhin ihre internationale Führungsrolle unter Beweis stellen, "um Märkte zu öffnen, die Sicherheit zu
bewahren und die aufstrebenden Märkte auf dem richtigen Weg zu Demokratie und Wirtschaftswachstum zu
halten".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Finanzministers in wesentlichen Auszügen.

Einleitung
Dies ist ein entscheidender Augenblick in der
Geschichte unseres Landes. Die Amerikaner sind
müde nach einer langen Periode der Konflikte. Sie
sind zunehmend mit den Problemen im Inland - nicht
im Ausland - beschäftigt und wollen sich aus
auswärtigen Verstrickungen zurückziehen.
Unsere gewählten Vertreter geloben, die Regierung
schlanker zu machen. Die Unternehmen werden
immer erfolgreicher, aber die Arbeitnehmer fürchten
um ihre Sicherheit. Die Zölle sind in die Höhe
geschnellt.
Es macht sich Besorgnis über
Einwanderer breit. In einigen Reihen hört man Worte
wie, man müsse Amerika "rein" halten. Quoten und
neue Gesetze verringern den Strom der Einwanderer.
Für einige ist es die beste Zeit, für andere die
schlechteste.
Man könnte annehmen, ich spreche über 1995.
Tatsächlich beschreibe ich das Jahr 1925. Amerika
steht vor einer Reihe katastrophaler wirtschaftlicher
und außenpolitischer Fehler. Sie tragen dazu bei, die
Welt in das zu katapultieren, was vielleicht das
dunkelste Kapitel in der Geschichte der Menschheit ist.
Die Lektionen der zwanziger Jahre sind mächtig. Sie
verweisen auf die Tatsache, daß Amerika nicht sicher
ist, selbst wenn wir die einzige Supermacht der Welt

AMERIKA DIENST 10

sind. Sie sprechen eloquent über die Notwendigkeit
einer amerikanischen Führungsrolle und ein
Engagement selbst in Regionen der Welt, die auf kurze
Sicht weit entfernt zu liegen oder unwichtig zu sein
scheinen. Und sie bieten wichtige Beispiele der Art
und Weise, wie unsere internationale Wirtschaftspolitik
und unsere nationale Sicherheit untrennbar verbunden
sind.
Wir leben in einer Zeit großer Chancen und großer
Herausforderungen.
Chancen, weil
unsere
Wirtschaftsgrundlage stärker ist als je zuvor seit John
F. Kennedy Präsident war. Chancen, weil die Millionen
von Menschen auf der ganzen Welt sich für freie
Märkte und Demokratie entschieden haben und eine
prosperierende
Weltwirtschaft
schaffen.
Herausforderungen, weil - wie Präsident Clinton es
formulierte und wie es die Einwohner von New Orleans
solange praktiziert haben - Amerika wettbewerbsfähig
sein muß und sich nicht zurückziehen darf, wenn das
Land Vorteile aus dieser Weltwirtschaft ziehen will.
Die Vereinigten Staaten sehen sich in den kommenden
Jahren mit drei Prioritäten konfrontiert, wenn unser
Wohlstand gesichert sein soll. Erstens müssen wir
weiterhin die Grundlage für eine starke Wirtschaft hier
im Inland schaffen.
Zweitens müssen wir
Führungsstärke im Ausland beweisen - um Märkte zu
öffnen, die Sicherheit zu bewahren und die

Seite 1

�aufstrebenden Märkte auf dem richtigen Weg zu
Demokratie und Wirtschaftswachstum zu halten.
Drittens müssen wir sicherstellen, daß alle Amerikaner
die Chance zur Beteiligung an unserem Wohlstand
haben. Ich möchte kurz auf jede dieser drei Prioritäten
eingehen. Ich beginne mit der Notwendigkeit für eine
starke Wachstumsgrundlage hier im Inland.
Eine starke Wirtschaftsgrundlage
Wenn ich mir den Stand unserer heutigen Wirtschaft
betrachte, denke ich, daß sie stärker ist als zu jedem
anderen Zeitpunkt meines Berufslebens.
Amerika hat in den vergangenen drei Jahren
unter dieser Administration über 8,5 Millionen
Arbeitsplätze geschaffen und uns eine
Arbeitslosenquote von 5,6 Prozent beschert dies ist ein Rückgang von 7,3 Prozent zur Zeit
der Amtsübernahme des Präsidenten.
Die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze hat
bereits die Zusage des Präsidenten zur
Schaffung von 8 Millionen Arbeitsplätzen in
vier Jahren übertroffen. Und dies vor dem
Hintergrund,
daß
alle
anderen
Industrienationen
Arbeitsplätze
verloren
haben und einen explosionsartigen Anstieg
ihrer Arbeitslosenquoten beobachten mußten.
Wir konnten einen beträchtlichen Anstieg der
Unternehmensprofite verzeichnen, die nach
Steuern von 1992 bis 1994 um über 25
Prozent gestiegen sind sowie eine weitere
15prozentige Steigerung in den ersten drei
Quartalen von 1995.
Und es gibt eine ganze Reihe von Anzeichen, die
Ihnen sagen, wie gut es den Amerikanern geht, von
den Hypothekenzinsen, die selbst trotz der jüngsten
Anhebung immer noch nur 120 Punkte höher als der
effektive Zinssatz liegen - dem niedrigsten Niveau seit
25 Jahren im Jahr 1993 -, bis zur Armutsgrenze, die
während des ersten Amtsjahres dieser Administration
zum ersten Mal seit einem halben Jahrzehnt gesunken
ist.
Erneuerung des Privatsektors
Worauf ist die wirtschaftliche Stärke zurückzuführen,
die wir beobachten?
Die amerikanischen
Unternehmen haben sich verglichen mit anderen
Ländern als bemerkenswert dynamisch erwiesen. Wir
haben das flexibelste Finanzwesen der Welt, wir
haben die wettbewerbsfähigsten Märkte der Welt, und
wir zwingen uns stets, gegen die Besten der Welt den
Konkurrenzkampf anzutreten.

Seite 2

Betrachten
Sie
sich
den
amerikanischen
Fertigungssektor und die Art von Änderungen, die IBM
oder General Electric - die ihre Einnahmen im letzten
Jahrzehnt vervierfachten - eingeführt haben. Sie
können auf eine Bilanz verweisen, die viele
Unternehmen andernorts auf der Welt noch
erwirtschaften müssen.
So wichtig wie die Wiedergeburt alter Industrien ist die
Entwicklung neuer. Wir sind in einzigartiger Weise
ausgerüstet, im Informationszeitalter zu konkurrieren.
Microsoft ist jetzt eines der zehn am höchsten
bewerteten Unternehmen in den Vereinigten
Staaten
im
Hinblick
auf
die
Marktkapitalisierung. AIG ist eines der 16 am
höchsten bewerteten Unternehmen in den
Vereinigten Staaten.
Betrachten Sie sich die Industrien außerhalb
des Fertigungsbereichs - Federal Express,
Disney, Netscape. Es ist klar, daß ein hoher
Prozentsatz dieser weltweit führenden
Unternehmen aus den Vereinigten Staaten
kommt.
Mit anderen Worten: Wir sind am besten, was die
Technologie von morgen anbetrifft.
Eine gut verwaltete Wirtschaft
Ein Großteil des Lobes für unsere Volkswirtschaft
gebührt dem Privatsektor, der sehr vieles richtig
macht, um in der Weltwirtschaft wettbewerbsfähig sein
zu können. Aber der Privatsektor könnte nicht
konkurrieren, wenn wir keine Administration hätten, die
etwas tut, das seit Jahrzehnten nicht getan wurde: Sie
verwaltet die Wirtschaft gut.
Die Haushaltsreduzierungen des Präsidenten
haben das staatliche Defizit zum ersten Mal
seit Harry Trumans Präsidentschaft in drei
aufeinanderfolgenden Jahren verringert.
Mit ungefähr 1,9 Prozent im vergangenen Jahr
- im Vergleich zu 4,2 Prozent 1992 - war unser
staatliches Haushaltsdefizit als Anteil am
Bruttoinlandsprodukt das niedrigste von allen
G-7-Staaten. Es sieht so aus, als könnten wir
dieser Leistung auch 1996 entsprechen.
Die Administration konnte die staatlichen
Ausgaben kürzen, weil sie die Regierung
verschlankte. Tatsächlich ist die Regierung so
klein geworden, daß die Anzahl ihrer
Mitarbeiter niedriger ist als in den letzten 30
Jahren
und
die
Zahl
der
Regierungsangestellten als Prozentsatz der
im zivilen Bereich Beschäftigten - die

AMERIKA DIENST 10

�Landwirtschaft ausgenommen niedrigsten Stand seit 1993.

auf dem

Warum ist das wichtig? Es ist wichtig, weil Rückgrat
bei der Finanzdisziplin ein starkes Sinken der
Zinssätze gestattete.
Die Zinssätze befinden sich an diesem Punkt im
Konjunkturzyklus auf einem historischen Tiefstand,
wobei die über zwanzigjährigen Anleihen nur 85
Punkte über dem Tiefstand vom Oktober 1993 liegen.
Die durch die Finanzdisziplin der Regierung
hervorgerufenen niedrigen Zinssätze verschafften
unserer Wirtschaft eine gesunde Belebung. Sie
führten aber auch zu einem rapiden Anstieg der
Ausrüstungsinvestitionen.
Ausrüstungsinvestitionen verzeichneten erstmals seit
30 Jahren drei Jahre hintereinander zweistellige
Wachstumsraten. Das ist wichtig, denn es bedeutet,
daß Amerika die Investitionen in Kapazitäten tätigt, die
für ein tragfähiges, nichtinflationäres Wachstum der
Volkswirtschaft erforderlich sind.
Mit anderen Worten: Wir erfreuen uns einer Situation,
die es seit der Präsidentschaft John F. Kennedys in
unserem Land nicht mehr gegeben hat - einer
niedrigen Inflationsrate sowie einer von Investitionen
geleiteten wirtschaftlichen Erholung.
Das
ist
von
Bedeutung,
denn
die
Wirtschaftsgeschichte seit dem Krieg hat uns eines
gelehrt: Keine wirtschaftliche Erholung ist je an
Altersschwäche gestorben. Sie ist gestorben, weil sie
durch von der Zentralbank hervorgerufene steigende
Zinssätze - für die Inflationsbekämpfung das Motiv war
- unter Druck geriet.
Die Inflationsrate steigt.
Die Menschen werden
nervös. Die Zentralbank hält mit Recht die Zügel
straffer. Die Wirtschaft gerät ins Schleudern und wir
erleben eine Rezession. So war es 1958. So war es
1967. So war es 1970. So war es 1974. So war es
1982. Und so war es 1989.
Wenn wir eine Wiederholung dieses Musters
verhindern wollen, muß die Inflation unter Kontrolle
gehalten werden. Und die Inflationsrate befindet sich
auf dem niedrigsten Stand seit den sechziger Jahren.
Wir müssen die Kapazitäten so ausweiten, daß die
Nachfrage nach Output steigen kann, ohne Preisdruck
auszuüben. Aus diesem Grund ist es so wichtig, daß
diese wirtschaftliche Erholung von Investitionen
geleitet ist - bis der Punkt erreicht ist, an dem unsere
Investitionszahlen positiver sind als seit einer
Generation. Die kluge makroökonomische Verwaltung
des Präsidenten gestattete diese entscheidende

AMERIKA DIENST 10

Justierung von niedriger Inflationsrate, niedrigen
Zinssätzen und hoher Investitionsrate.
Die Wahrung der amerikanischen Führungsrolle
Eine starke wirtschaftliche Grundlage in unserem Land
ist von großer Bedeutung. Sie würde jedoch weniger
bedeuten, wenn wir nicht die amerikanische
Führungsrolle nutzen würden um sicherzustellen, daß
wir unsere Produkte in einer stabilen Weltwirtschaft
absetzen können und Sicherheit und Wohlstand der
Amerikaner durch ein sicheres globales System
gewährleistet werden.
Betrachten Sie sich einen Augenblick lang die
Situation. Wenn sich später Historiker mit unserem
Zeitalter beschäftigen, werden sie wahrscheinlich nicht
das Ende des Kalten Krieges - das Ende der
Auseinandersetzung zwischen zwei Großmächten - als
wichtigstes Ereignis betrachten. Vielmehr könnte das
hervorstechende Ereignis die Tatsache sein, daß in
dieser Ära ungefähr drei Milliarden Menschen in Asien,
Osteuropa und Lateinamerika die schnelle Rolltreppe
in die Modernität betraten. Das geschah, weil sich
erstmals in der Geschichte des Menschen die
Nationen auf ein Modell für wirtschaftlichen Wohlstand
und politische Freiheit einigten. Dieses Modell ist das
amerikanische Modell von freien Märkten und
Demokratie. Und seine Akzeptanz auf der ganzen
Welt
bietet
bemerkenswerte
Chancen
für
amerikanische Arbeitsplätze, Exporte und Wohlstand
in den kommenden Jahrzehnten.
Es steht außer Frage, daß Handel im letzten halben
Jahrzehnt der Motor unserer Wirtschaftsentwicklung
gewesen ist.
Das Wachstum der Exporte lag seit 1992 im
Durchschnitt bei acht Prozent jährlich - mehr als das
Doppelte
des
Wachstums
unseres
Bruttoinlandsprodukts. Amerikanische Unternehmen
exportieren derzeit im Wert von über 700 Milliarden
Dollar - ausreichend für den Erhalt von 10 Millionen
amerikanischen Arbeitsplätzen. Und es sind gute
Arbeitsplätze, deren Bezahlung etwa 15 Prozent über
dem Durchschnitt liegt.
Die Antwort auf die Frage, woher das schnelle
Exportwachstum stammt, lautet neuentstehende
Märkte - Märkte, die bereits vier Millionen
hochbezahlter amerikanischer Arbeitsplätze erhalten.
Sollten die Möglichkeiten für Amerikaner wachsen und
die Zahl hochbezahlter Arbeitsplätze ansteigen, wird
es für uns keine höhere Priorität geben als
sicherzustellen, daß die Handelshemmnisse anderer
Länder für unsere Produkte abgebaut werden und sie
ihre Märkte für unsere Waren öffnen.

Seite 3

�Aus diesem Grund hat diese Administration die seit
Jahrzehnten größte Kampagne zur Öffnung von
Märkten für unsere Waren eingeleitet.
Wir haben mehr
anderen Ländern
abgeschlossen,
abzubauen und
schaffen.

als 100 Abkommen mit
zur Öffnung von Märkten
um
Handelshemmnisse
gleiche Bedingungen zu

Wir schlössen die Uruguay-Runde ab, und
unser Rahmenabkommen mit Japan zeigt
bereits Früchte. Das Wachstum bei. den
Exporten, über die wir mit Japan Einigung
erzielten, ist dreimal so groß wie das bei
anderen Produkten.
Amerikanische Führungsrolle für Sicherheit
Die Erschließung von Märkten ist ein Aspekt der
amerikanischen Führungsrolle. Ein weiterer ist die
Gewährleistung, daß die auf dem Weg zu freien
Märkten und Wachstum befindlichen Länder auch den
richtigen Kurs halten. Natürlich geht es dabei um die
Chancen, die wohlhabende Entwicklungsländer den
Amerikanern bieten - durch Exporte und Arbeitsplätze.
Aber die Unterstützung dieser Länder beim Übergang
zu Wachstum und Demokratie beinhaltet eine andere
Erkenntnis: Daß Konflikte ihre Wurzeln in Frustration
haben. Die amerikanische Führungsrolle bei der
Verankerung von Wachstum in Entwicklungsländern
ist wesentlich für die Verankerung von Stabilität sowie
für die Gewährleistung der amerikanischen Sicherheit
in einer Welt, in der Herausforderungen bestehen
bleiben.
Es kann kein Zufall sein, daß nach einem halben
Dutzend Kriegen innerhalb von hundert Jahren, denen
jedesmal Friedensverträge und dann erneute Konflikte
folgten, Krieg in Europa nach 1945 undenkbar wurde.
Das hatte großenteils mit der ökonomischen Vision
von manchen auf beiden Seiten des Atlantiks nach
dem Krieg zu tun. Es war eine Vision, die schnellen
Wiederaufbau als wesentlich für eine Normalisierung
und für Wohlstand erachtete und unterstützte. Und sie
förderte wirtschaftliche Integration als wichtige
Gewährleistung dafür, daß die Menschen von einem
gemeinsamen Frieden mehr zu gewinnen haben als
von entzweienden Konflikten.
Wenn wir uns heute die Regionen ansehen, die für
Amerikas Sicherheit von wesentlicher Bedeutung sind,
müssen wir auf dieselbe Vision bezug nehmen. Es ist
offensichtlich, daß die Aussicht auf Stabilität in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion stark
davon abhängt, daß diese riesigen Länder den
Übergang zu Marktwirtschaft und Wohlstand
erfolgreich vollziehen.
Es ist klar, daß
Konfliktvermeidung in Asien und keine Behinderung
von Fortschritten in der Region durch ideologische,

Seite 4

kulturelle und Grenzstreitigkeiten stark davon
abhängen, wie sehr beide Seiten des Pazifiks in
Wohlstand miteinander verbunden sind und
aufstrebende Mächte in das weltweite Wirtschafts- und
Handelssystem integriert werden. Und es ist klar, daß
die Aussicht auf echte Stabilität in Mittelamerika, auf
die tatsächliche Abschaffung der Apartheid im
südlichen Afrika und auf die Verankerung des Friedens
im Nahen Osten stark damit zusammenhängt, ob
Wohlstand seinen Weg nach Nicaragua findet, die
Industrie in Soweto Fuß faßt und der Handel von Kairo
bis Tel Aviv und Katar ausgeweitet wird.
Unterstützung Rußlands
Ich möchte jetzt auf ein riesiges Land zu sprechen
kommen, dessen erfolgreicher Übergang zu
Demokratie und Marktwirtschaft für unseren Wohlstand
und unsere Sicherheit gleichermaßen von essentieller
Bedeutung ist - Rußland.
50 Jahre lang waren wir mit der Sowjetunion in einem
Kalten Krieg gefangen. Heute haben wir die Chance,
die Früchte unseres historischen Sieges zu genießen.
Unsere Politik, Geld für die Unterstützung Rußlands
zur Verfügung zu stellen - vorausgesetzt das Land
bleibt auf dem Reformweg - hat funktioniert und
Rußland auf dem Kurs des Wandels gehalten.
Vor vier Jahren wurde auf den Moskauer Straßen vom
Hungertod der Massen gesprochen. Das gescheiterte
kommunistische System war nicht in der Lage,
Lebensmittel vom Land in die Städte zu transportieren.
Heute schießen auf jeder Straße neue Geschäfte aus
dem Boden - und sie sind mit Waren gefüllt. Der
Konsum der russischen Bevölkerung ist seit 1992 real
um 20 Prozent angestiegen. Schätzungsweise 70
Prozent der Industrie befinden sich in privater Hand,
und Schlüsselsektoren wie Plastik, Metall und Stahl
sind im Wachstum begriffen. Die Regierung schätzt,
daß
ungefähr
900.000
neue
kleine
und
mittelständische Betriebe gegründet und damit 14
Millionen Arbeitsplätze geschaffen wurden.
Die russische Regierung hat bedeutende Fortschritte
gemacht. Rußland gewann schließlich den Kampf
gegen die Inflation - sie sank von monatlich 18 Prozent
im Januar 1995 auf drei Prozent Ende des Jahres.
Der Rubel wurde stark aufgewertet - im Frühjahr um
15 Prozent. Er bleibt sieben Prozent über seinem
Stand vom April 1995 und durchaus innerhalb seiner
Bandbreite. Rußland scheint bereit für Wachstum zu
sein.
Einige wünschen angesichts der Unsicherheit im
Zusammenhang mit den bevorstehenden Wahlen und
einem möglichen Rückzieher vom Reformweg, daß
sich die Vereinigten Staaten zurückziehen.
Sie
argumentieren, dies sei nicht der richtige Zeitpunkt,

AMERIKA DIENST 10

�Geld für Rußland auszugeben. Ihres Erachtens war
unsere Politik fehlgeleitet - zu stark auf die
Unterstützung eines führenden Politikers oder einer
Partei oder eines Standpunktes ausgerichtet.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die von den
Vereinigten Staaten übernommene Führungsrolle bei
den internationalen Bestrebungen zur Unterstützung
des russischen Übergangs gehen nicht von einer
Person, einer Partei oder auch nur einer eng
definierten Weltsicht der Mächtigen aus. Wie ich
bereits erwähnte, basierte die Politik der ClintonAdministration vom ersten Tag ihrer Amtsübernahme
an darauf, daß Rußland klare, definierbare Schritte
unternimmt, um den wirtschaftlichen Übergang zu
verankern.

Ausführungen zu sprechen kommen. Die Wirtschaft
der Vereinigten Staaten macht Fortschritte. Zum
ersten Mal seit einer Generation bringen wir unseren
Haushalt in Ordnung.
Wir erschließen die
Weltwirtschaft für unsere Exporte und schneiden
auf den
internationalen Märkten besser ab. Insgesamt haben
drei Jahre kluger Verwaltung unserer Wirtschaft
unsere Volkswirtschaft stärker gemacht, als sie seit 30
Jahren war.
Jetzt besteht unsere Herausforderung in der Stärkung
des Fundaments für Fortschritt und darin, Schritte zu
unternehmen die gewährleisten, daß alle Amerikaner
die Chance, die Mittel und die Grundlage erhalten, an
der Schwelle zum nächsten Jahrhundert Erfolg zu
haben.

Schlußbemerkung
Ich danke Ihnen.
Ich möchte noch einmal auf meine anfänglichen

*

AMERIKA DIENST 10

* * *

*

Seite 5

�USIA

15. Mai 1996

Die Bedeutung eines unabhängigen
US-Informationsamts
von Senator Howell Heflin

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Senator Howell Heflin, Demokrat aus
Alabama, über die große Bedeutung der vom US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA)
geleisteten Öffentlichkeitsarbeit.

Die Diplomatie hat viele verschiedene Aspekte, zu
denen auch das Image einer Nation im Ausland zählt.

verbreiten und ein Gefühl für gemeinsame kulturelle
Werte zu vermitteln.

Die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Indien
beispielsweise werden fast ebenso stark durch die
Vorstellungen der Inder von den Vereinigten Staaten
beeinflußt wie durch die "traditionellere" Diplomatie.
Aus diesem Grund befürworte ich mit Überzeugung
das Fortbestehen eines starken, unabhängigen USInformationsamts.

Diese Programme dienen nicht nur unseren nationalen
Sicherheitsinteressen, sondern bieten auch direkte
wirtschaftliche Vorteile und begünstigen ein Klima, in
dem amerikanische Unternehmen Märkte im Ausland
erschließen können. Diese Märkte schaffen Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer sowie die
Menschen im Gastland.

Während der vergangenes Jahr im US-Senat geführten Debatte über eine optimale Gestaltung der amerikanischen Außenpolitik sprachen sich verschiedene
meiner Kollegen für ein Gesetz aus, das USIA abgeschafft und die Mehrzahl seiner Funktionen und
Programme dem Außenministerium übertragen hätte.

Es gibt bedeutende Unterschiede zwischen der
offiziellen Diplomatie unseres Außenministeriums und
der sogenannten Öffentlichkeitsarbeit. Das Außenministerium führt einen leisen, oft geheimen Dialog mit
anderen Ländern, wobei die Betonung auf Verständigung, Verhandlung und Kompromiß gelegt wird. Sie
sind wichtig, da sie die Beziehungen zwischen verschiedenen Ländern zur Erlangung übergeordneter
Ziele pflegen.

Ich sprach mich gegen diesen Ansatz aus und setzte
mich entschieden für das US-Informationsamt ein.
Das schließlich verabschiedete Kompromißgesetz,
gegen das Präsident Clinton sein Veto einlegte,
forderte zwar nicht die gänzliche Abschaffung von
USIA, aber viele mächtige Stimmen schworen, weiterhin für seine Auflösung zu kämpfen.
Meines Erachtens dient das US-Informationsamt
weiterhin dem elementaren Ziel, die übrige Welt über
Amerika zu informieren. Das Amt hat die entscheidenden Funktionen, Öffentlichkeitsarbeit zu fördern, über
seine Radiosender und seine Satellitenkonferenz
"Worldnet" im Rundfunk und Fernsehen zu senden,
Bildungs- und kulturelle Austauschprogramme zu
ermöglichen, eine Vielzahl von Informationen zu

AMERIKA DIENST 10

Bei unseren Beziehungen zu Indien wird diese Art der
Diplomatie in der Abteilung für südasiatische Angelegenheiten des Außenministeriums unter der Leitung
von Abteilungsleiter Robin Raphel entwickelt und in
Indien von unserer dortigen US-Botschaft unter
Botschafter Frank Wisner umgesetzt.
Auf der anderen Seite strebt Öffentlichkeitsarbeit, wie
sie vom US-Informationsamt geleistet wird, die Förderung direkter Wirtschaftsbeziehungen an, beteiligt
sich am Aufbau demokratischer Institutionen und
ermutigt gegenseitiges Verständnis und ein gemeinsames Wertebewußtsein.

Seite 1

�Sollte USIA abgeschafft werden, würde diese Art von
dualer Diplomatie schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Und sollte USIA abgeschafft oder in das
Außenministerium eingegliedert werden, würden die
Funktionen der Öffentlichkeitsarbeit stark reduziert,
insbesondere auf Gebieten, wo die Demokratie sie
zum Überleben oder Prosperieren am meisten benötigt.
Ein weiterer wichtiger Grund, warum ich ein unabhängiges US-Informationsamt unterstütze, liegt in
seinen Austauschprogrammen für ausländische oder
amerikanische zukünftige Politiker. Über die Jahre
hinweg haben diese Programme jungen Kommunaloder Staatsbeamten eine Reise in die Vereinigten
Staaten ermöglicht, damit sie mit eigenen Augen sehen
konnten, wie unsere Regierung arbeitet. Mehr als30
derzeitige Staatsoberhäupter hatten ihre ersten
Kontakte zu den Menschen und Institutionen der
Vereinigten Staaten im Rahmen eines Austauschprogramms des US-Informationsamts. Hunderte von
Ministern, Bürgermeistern, Gouverneuren und Parlamentsabgeordneten aus der ganzen Welt bildeten sich
eine erste Meinung von Amerika, als sie in unser Land
kamen und mit den Menschen dort zusammentrafen,
wo diese leben und arbeiten.
Hunderte anderer führender Politiker hier und im
Ausland machten wertvolle internationale Erfahrungen
dank der Unterstützung von USIA für Programme wie
das des American Council of Young Political Leaders.
25 Kongreßabgeordnete sowie zahllose Beamte auf
kommunaler und bundesstaatlicher Ebene aus der
ganzen Nation nahmen an diesen Programmen teil.
Sie alle werden die positiven Auswirkungen dieser
Programme bezeugen.
Das USIA-Programm für Rechtsstaatlichkeit ist ein
Beispiel für die Bestrebungen des Informationsamts,
aufstrebenden Demokratien weltweit Beistand zu
geben. Dieses spezielle Programm leistet einen
aktiven Beitrag zur Reform des Justizwesens in
Rumänien, dem vielleicht unterdrückerischsten der
ehemals kommunistischen Regime. Durch die Entsendung amerikanischer Richter in das Justizministerium

für Langzeitprojekte, Programme zur Stärkung des
Ausbildungsinstituts für Richter sowie laufende
Unterstützung für die neugegründete Ausbildungsvereinigung für Richter ist USIA führend bei der Unterstützung Rumäniens in seinen Bestrebungen zur Schaffung einer unabhängigen Justiz.
In ähnlicher Weise kann USIA auch Experten zur
Verfügung stellen, die Hilfe bei der Entwicklung von
Justiz- und demokratischen Systemen auf der ganzen
Welt leisten.
Ferner fördert das Amt auch Projekte wie das American People Ambassador Program, ein Programm von
People-to-People International. Im Rahmen dieses
Programms wird ein persönlicher Austausch auf
beruflicher, wissenschaftlicher, technischer und
Gemeindeebene zwischen Amerikanern und ihren
Kollegen auf der ganzen Welt arrangiert. Jeder befaßt
sich mit einem anderen Thema, aber alle engagieren
sich für den persönlichen Austausch von Informationen, Ideen, Zielen und Erfahrungen mit führenden
Vertretern des öffentlichen und Privatsektors anderer
Länder.
Wir alle sind uns der uns konfrontierenden haushaltspolitischen Engpässe sehr wohl bewußt, aber wir
dürfen nicht kurzsichtig Investitionen in die Zukunft
unserer Nation, die weltweite Sicherheit und die
Förderung von Freiheit und Demokratie streichen.
Wer kann sagen, ob Bildungs- oder kulturelle Austauschprogramme beibehalten werden, wenn sie in ein
Ministerium verlagert werden, das völlig andere
Aufgaben, Prioritäten und offizielle Ziele hat?
Die Welt bleibt ebenso gefährlich wie früher. Neue
Bedrohungen haben einige der alten ersetzt, die mit
dem Ende des Kalten Krieges wegfielen, aber sie sind
ebenso real und gefährlich für Weltfrieden und Stabilität. Die Welt erwartet von uns die Übernahme einer
Führungsrolle - Führung mit kräftiger Stimme. Ich
werde weiterhin die Bestrebungen unterstützen die
gewährleisten, daß Amerika auch in Zukunft durch ein
unabhängiges US-Informationsamt mit kräftiger
Stimme spricht.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 10

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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
2. Mai 1996

09

USA-JAPAN

AMERIKANISCH-JAPANISCHE PARTNERSCHAFT IST GRUNDSTEIN ASIATISCHER
STABILITÄT
Rede von Präsident Clinton

TERRORISMUS

TERRORISMUS DARF NICHT DEN TRAUM VOM
FRIEDEN IM NAHEN OSTEN ZERSTÖREN
Rede von Verteidigungsminister Perry

AUSSENPOLITIK

DIE KÜNFTIGE TAGESORDNUNG DER INTERNATIONALEN ZUSAMMENARBEIT UND
INTEGRATION AUS AMERIKANISCHER SICHT
von James D. Bindenagel

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER POLITISCHEN UND WIRTSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN
DEUTSCHLAND UND DEN VEREINIGTEN
STAATEN
von J.D. Bindenagel

LUFTFAHRT

USA SETZEN SICH FÜR OFFENE HIMMEL EIN
von Federico Pena

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228-33 3138
Internet: bbsbonn@usia.gov

�UMWELT

DIE GLOBALE UMWELT - FORTSCHRITTE
UND HERAUSFORDERUNGEN
von Timothy E. Wirth

TELEKOMMUNIKATION

LIBERALISIERUNG DES GLOBALEN
TELEKOMMUNIKATIONSHANDELS
von Reed Hundt

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�USA - J A P A N
2. Mai 1996

Amerikanisch-japanische Partnerschaft
ist Grundstein asiatischer Stabilität
Rede von Präsident Clinton

TOKIO - (AD) - Japan und die Vereinigten Staaten müssen auf ihren Erfolgen aufbauen und ihre Partnerschaft
stärken, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen zu können, erklärte Präsident Clinton in
seiner Rede vor dem japanischen Parlament am 18. April 1996, die wir nachfolgend veröffentlichen.

Madam Speaker, Herr Präsident, Herr Ministerpräsident, meine Damen und Herren,

seiner Partei und nach Ansicht vieler von uns auch der
größte Präsident.

in diesem großartigen Saal der Demokratie möchte ich
zunächst im Namen der amerikanischen Delegation,
einschließlich meiner Frau, des Außenministers, des
Wirtschaftsministers und aller anderen hier anwesenden Amerikaner dem japanischen Volk, der japanischen Regierung und natürlich dem Kaiser und der
Kaiserin für ihre außerordentliche Gastfreundschaft
danken, die sie uns bei unserem Besuch in ihrem Land
erwiesen haben.

Das war vor langer Zeit, acht Jahre vor dem Beginn
Ihrer Meijizeit. Aber manche Dinge ändern sich nicht
sehr. In seinem Tagebuch schrieb einer der von Ihrem
Land in die Vereinigten Staaten Entsandten über
seinen Besuch in unserem Kongreß: "Man brachte uns
in eine große Halle, wo die Staatsangelegenheiten
besprochen wurden. Einer der Abgeordneten war
aufgestanden, schrie mit lauter Stimme und gestikulierte wie wild. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte,
folgte ein weiterer Abgeordneter und dann wieder ein
anderer seinem Beispiel. Als wir fragten, worum es
gehe, erklärte man uns, alle Staatsangelegenheiten
würden auf diese Weise öffentlich erörtert." Nun,
heute kann ich Ihnen hoffentlich zumindest zeigen, daß
wir Amerikaner einige Fortschritte bei der Art und
Weise gemacht haben, in der wir unsere Staatsangelegenheiten erörtern.

Danken möchte ich auch für die Gelegenheit, zu den
Vertretern des japanischen Volkes und durch sie zu
allen Japanern, vielleicht insbesondere den jungen
Menschen, sprechen zu dürfen.
Ferner möchte ich Ihnen, Madam Speaker, für die
Erwähnung der herausragenden Amerikaner danken,
die aus meinem Heimatstaat stammen - General
McArthur und Senator Fulbright. Ich danke für Ihre
Anerkennung der unter Senator Fulbrights Namen
durchgeführten Mission. Er verhalf nicht nur vielen
Japanern zu einer Ausbildung, sondern verschaffte mir
auch einen Job, damit ich meine Universitätsausbildung abschließen konnte. Ohne ihn wäre ich heute
tatsächlich nicht hier.
Vor 160 Jahren schickte Japan seine erste diplomatische Delegation in die Vereinigten Staaten. Es war ein
bemerkenswertes Jahr für unser Land. Abraham
Lincoln wurde von seiner Partei zum Präsidentschaftskandidaten ernannt. Er wurde der erste Präsident

AMERIKA DIENST 09

Es ist kaum zu glauben, daß es erst 50 Jahre her ist,
seit die Vereinigten Staaten und Japan mit dem Aufbau
der weltweit wahrscheinlich bemerkenswertesten
Partnerschaft für Frieden, Wohlstand und Fortschritt
begannen. Heute feiern wir die Ergebnisse. Japan
schrieb eine der größten Erfolgsgeschichten, die die
Welt je erlebt hat. Sie verwandelten eine geschlossene Gesellschaft in eine offene, lebensfähige Demokratie. Sie gestalteten wirtschaftliche Verwüstung in
mächtiges Wachstum und Chancen für Ihre Menschen
um. Sie bereicherten das Leben von Millionen, indem
sie Technologie für positiven Wandel einsetzten. Sie

Seite 1

�gaben ein Beispiel für alle in Asien und tatsächlich für
die ganze Welt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg streckte eine kluge
Generation von Amerikanern die Hand der Versöhnung aus, um Ihre außergewöhnliche Evolution zu
unterstützen: Zuerst mit einer Sicherheitsgarantie, die
Ihnen die Konzentration auf den Wiederaufbau
gestattete sowie mit Hilfe, die das Fundament für
Wirtschaftswachstum legte. Jetzt sind Japan und die
Vereinigten Staaten vollwertige Partner, die durch
gemeinsame Werte und eine gemeinsame Vision
verbunden sind. Auf der ganzen Welt verdanken wir
die Ausbreitung von Demokratie und größere Aussichten auf Frieden und Wohlstand großenteils der
Arbeit, die unsere beiden Nationen zusammen leisten.
Heute bitte ich Sie, mit mir auf die nächsten 50 Jahre
unserer Partnerschaft zu blicken. Was wird sie
bringen, und wie werden wir sie gestalten? Als die
beiden größten Volkswirtschaften der Welt und zwei
ihrer stärksten Demokratien müssen Japan und die
Vereinigten Staaten ein Bündnis für das 21. Jahrhundert schmieden. Ich bin sicher, daß wir durch
Zusammenarbeit und die gemeinsame Übernahme
einer Führungsrolle die Möglichkeiten nutzen und die
Herausforderungen von heute und morgen bewältigen
können, unseren eigenen Völkern noch mehr Sicherheit und Wohlstand zu bieten und den Menschen
auf der ganzen Welt die Segnungen des Friedens und
Fortschritts zukommen zu lassen.
Die Schaffung eines solchen Bündnisses ist nicht
einfach und erfolgt nicht automatisch. Ich bin mir der
Tatsache bewußt, daß es sowohl in den Vereinigten
Staaten als auch in Japan Menschen gibt, die der
Ansicht sind, da der Kalte Krieg vorüber und gewonnen sei und da die Vereinigten Staaten und Japan im
eigenen Land mit Herausforderungen konfrontiert
würden, sollten wir uns von der Welt und voneinander
zurückziehen. Bei allem Respekt möchte ich doch
sagen, daß diese Ansichten falsch sind.
Denken Sie über die Welt nach, in der wir leben - die
Revolution im Informations- und Technologiebereich,
von Laptops zu Lasern, von Mikrochirurgie zu Megabytes. Diese Revolution hat das menschliche Wissen
vergrößert und uns alle einander näher gebracht. Jetzt
bewegen sich Informationen und Ideen mit dem Druck
einer Taste am Computer über den gesamten
Planeten. Sie beinhalten außerordentliche Chancen,
Wohlstand zu schaffen, die Umwelt zu schützen,
Krankheiten zu verhüten und zu besiegen, sowie die
Verständigung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu fördern.
Wir wissen aber auch, daß diese größere Offenheit
und dieser beschleunigte Wandel ebenfalls bedeuten,
daß jenseits unserer Grenzen entstandene Probleme
schnell unsere Grenzen durchdringen können - die

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Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, die
Bedrohung durch organisiertes Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus, Umweltzerstörung und
schwere wirtschaftliche Erschütterungen. Und in
offenen und flexiblen Gesellschaften wie den unseren
können die einheimischen Kräfte der Zerstörung die
Freiheiten ausnutzen, die wir alle hochschätzen. Nach
dem Saringasanschlag in der Tokioter U-Bahn und
dem Bombenanschlag von Oklahoma City wissen die
Menschen in Japan und in den Vereinigten Staaten
dies nur allzu gut.
Niemand kann sich von diesen Problemen absondern,
und keine Nation kann diese Probleme im Alleingang
lösen. Um die Chancen des 21. Jahrhunderts zu
ergreifen und seine Herausforderungen zu bewältigen,
müssen Japan und die Vereinigten Staaten weiterhin
Partner sein. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und
uns denjenigen anschließen, die unsere Überzeugungen teilen.
In den nächsten Jahren werden wir hierzu ausgiebig
Gelegenheit haben. In den letzten Jahren haben wir
einen guten Anfang gemacht. Natürlich gab es einige
Meinungsverschiedenheiten. Welche zwei großen,
komplexen Nationen hätten wohl keine Meinungsverschiedenheiten? Das Wichtigste ist, daß wir sie mit
Respekt, Geduld und Pragmatismus angegangen sind.
Und wir haben so vieles gemeinsam erledigt, daß wir
heute mit absolutem Vertrauen sagen können: Die
Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und Japan ist stärker denn je.
Das Sicherheitsbündnis zwischen unseren beiden
Nationen ist der Grundstein der Stabilität in Asien. Wir
haben gerade eine erneute Überprüfung unserer
Sicherheit abgeschlossen - das Produkt von mehr als
einem Jahr harter Arbeit und Studien. Die gestern von
Ministerpräsident Hashimoto und mir unterzeichnete
gemeinsame Sicherheitserklärung bekräftigt unsere
Verpflichtung, die Stärke dieses Bündnisses zu
erhalten und es an die Herausforderungen eines
neuen Zeitalters anzupassen.
In unserer Erklärung bekräftigt Japan sein grundlegendes Engagement für den japanisch-amerikanischen
Sicherheitsrahmen sowie zur Unterstützung moderner
Selbstverteidigungskräfte. Um die Sicherheit und
Stabilität der Region zu gewährleisten, werden die
Vereinigten Staaten mit Unterstützung Ihrer Nation
100.000 Soldaten in Ostasien stationiert lassen,
einschließlich einer starken Präsenz in Japan ungefähr
auf dem derzeitigen Niveau. Und wir werden unsere
Bestrebungen zur Bewältigung neuer Sicherheitsherausforderungen stärker koordinieren - von der Eindämmung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis zur Stärkung regionaler und
internationaler Sicherheitszusammenarbeit, von der
Eindämmung des Terrorismus bis zur Förderung des
Friedens.

AMERIKA DIENST 09

�Kürzlich wurde die Gastfreundschaft des japanischen
Volkes gegenüber unseren Truppen in Okinawa auf
eine schreckliche Probe gestellt. Das amerikanische
Volk bedauert zutiefst den entsetzlichen Gewaltakt
gegenüber einem japanischen Schulmädchen. Wir
fühlen mit ihr, ihrer Familie und ihren Lieben sowie mit
der gesamten Gemeinde von Okinawa. Wir sind
dankbar, daß der Gerechtigkeit Genüge getan wurde.
In den Monaten nach diesem Vorfall haben wir mit der
japanischen Regierung zusammengearbeitet, um die
Belastung für das japanische Volk durch unsere
militärische Präsenz so gering wie möglich zu halten.
Der diese Woche bekanntgegebene gemeinsame
Aktionsplan fordert die Konsolidierung unserer Militärstützpunkte in Okinawa sowie die Beseitigung der
Unannehmlichkeiten wie Lärm, Ausbildungstätigkeit
und Manöver für die dort lebenden Menschen. Diese
Schritte werden die durch unsere Militärstützpunkte
entstehende Last verringern, ohne unsere gegenseitige Verteidigungsfähigkeit oder unser Engagement für
die Wahrung des Friedens im pazifischen Raum zu
schmälern.
Ich möchte nochmals betonen, wie sehr ich den
Ministerpräsidenten und seine Regierung zu schätzen
weiß sowie die Chance, die den Vereinigten Staaten
geboten wurde, etwas zu tun, was sie wahrscheinlich
schon vor einiger Zeit hätten tun sollen. Ich danke
Ihnen dafür.
Unsere beiden Nationen sind sich bewußt, daß der
Frieden seinen Preis hat. Dieser Preis ist jedoch sehr
viel niedriger als die Kosten dafür, den Frieden aufs
Spiel zu setzen. Überlegen Sie, was geschehen
könnte, wenn sich die Vereinigten Staaten vollständig
aus dieser Region zurückziehen würden. Das könnte
ein kostenintensives Wettrüsten auslösen, das Nordostasien destabilisieren würde. Es könnte uns daran
hindern, bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit in
einem Teil der Welt zusammenzuarbeiten, der im 20.
Jahrhundert genug durch Weltkriege und regionale
Konflikte gelitten hat, und der sich jetzt inmitten eines
tiefgreifenden Wandels befindet. Es könnte unsere
Macht zur Abschreckung von Staaten wie Nordkorea
schwächen, die immer noch den Frieden bedrohen
sowie zur Inangriffnahme drängender Probleme wie
Terrorismus, organisiertes Verbrechen und Drogenhandel.
Insbesondere an die jungen Menschen hier in Japan
und zu Hause in Amerika gewandt, die die Leitung der
Geschicke unserer Nationen erben werden, möchte
ich sagen: Einige in meinem Land glauben, vornehmlich Japan profitiere von unserem Sicherheitsbündnis,
und einige in Japan glauben zweifelsohne, hauptsächlich die Vereinigten Staaten profitierten von unserem
Sicherheitsbündnis. Die Wahrheit ist, unsere beiden
Länder, die gesamte Region und die Welt profitieren
von unserem Sicherheitsbündnis.

AMERIKA DIENST 09

An die jungen Menschen gewandt sage ich daher:
Dieses Bündnis ist unsere Verpflichtung zu Eurer
Freiheit und Eurer Zukunft. Und was für eine außergewöhnliche Zukunft das sein kann. Die Volkswirtschaften der asiatisch-pazifischen Region sind die
dynamischsten der Welt und machen bereits ein
Viertel der Weltproduktion aus. Sie wachsen jeden
Tag, verbessern das Leben Ihrer Völker und schaffen
immer weiter expandierende Märkte für andere, die
wettbewerbsfähige Produkte herstellen und Dienstleistungen anbieten.
Viele dieser Produkte und Dienstleistungen sind
natürlich amerikanisch. Über 50 Prozent des Handels
der Vereinigten Staaten wird bereits mit den Nationen
am Pazifik abgewickelt, wodurch drei Millionen guter
amerikanischer Arbeitsplätze gesichert sind. Die
Wirtschaft und der Tourismus expandieren rasch und
werden dies auch in Zukunft tun. Und um nur ein
Beispiel des außergewöhnlichen Potentials der Region
für das nächste Jahrzehnt zu nennen: Ostasien
beabsichtigt, allein für Infrastrukturprojekte 1 Billion
US-Dollar auszugeben.
In meinem Land gibt es mehr als 7 Millionen Einwohner, die ihre Wurzeln nach Asien und fünf an den
Pazifischen Ozean angrenzende Staaten zurückverfolgen. Sie möchten an diesen vielversprechenden
Aussichten teilhaben und sie weiter verbessern. Aus
diesem Grund haben wir vor drei Jahren das Gipfeltreffen des Forums für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic
Cooperation - APEC) in Seattle anberaumt.
Unter der Führung Japans haben wir dort begonnen,
einer außerordentlich vielfältigen Region eine gemeinsame Identität und eine Zielsetzung zu geben - einer
Staatengemeinschaft, die sich freiem Handel und
Investitionen, dem Abbau von Handelsschranken und
dem Bau stärkerer Brücken der Zusammenarbeit
zwischen unseren Völkern verpflichtet hat.
Als die führenden Wirtschaftsmächte der Welt müssen
Japan und die Vereinigten Staaten von ihrem gemeinsamen Engagement, freien Handel in die asiatischpazifische Region zu bringen, bis zu unseren Bestrebungen zur Verbesserung unserer Wirtschaftsbeziehungen mit gutem Beispiel vorangehen - was wir auch
tun.
Vor drei Jahren verabschiedeten unsere beiden
Nationen ein Rahmenabkommen, um unseren wirtschaftlichen Dialog besser zu strukturieren und Märkte
hier in Japan zu öffnen. Seit damals haben wir 21
separate Handelsabkommen abgeschlossen, die für
die Menschen auf beiden Seiten des Pazifiks etwas
bewirken. Die von diesen Abkommen abgedeckten
Sektoren - von Autoteilen bis zu medizinischen Gütern
- konnten einen Zuwachs ihrer Verkäufe nach Japan
um rund 85 Prozent beobachten, was einer mehr als

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�doppelt so schnellen Steigerung als bei Exporten in
anderen Sektoren entspricht.
Für die Amerikaner bedeuten diese Exporte natürlich
mehr Arbeitsplätze und bessere Bezahlung. Für die
Japaner bedeutet die Tatsache, daß diese amerikanischen Waren und Dienstleistungen zugunsten der
japanischen Verbraucher Wettbewerb schaffen, eine
größere Auswahl zu niedrigeren Preisen. Ihr Keidanren prognostiziert, daß die Verbraucherpreise dank der
Deregulierung bis zum Jahr 2000 um 20 Prozent fallen
werden. Um ein Beispiel anzuführen: Da die Zellularfunkgesellschaften hier jetzt freien Wettbewerb haben,
sind die Einrichtungs- und weiteren Gebühren in der
Region Tokio bereits um ein Drittel gesunken.
Natürlich sind unsere Handelsbeziehungen nicht völlig
frei von Spannungen. Es muß mehr Arbeit geleistet
werden, um die von uns erzielten Abkommen vollständig umzusetzen und uns mit anderen Fragen zu
befassen. Der wichtige Teil ist jedoch, daß wir nach
Jahren der Frustration auf beiden Seiten zum ersten
Mal tatsächlich einen Weg zur Beilegung unserer
Meinungsverschiedenheiten gefunden haben.
Über die Bewahrung der Sicherheit und den Aufbau
einer Zukunft mit freien Märkten hinaus gibt es weitere
Aufgaben, zu deren Übernahme sich Japan und die
Vereinigten Staaten aufgrund ihrer Position in der Welt
von heute entschlossen haben: Aufgaben, die wir auf
eine gemeinsame Tagesordnung gesetzt haben, die
die Segnungen des Friedens, der Demokratie und der
Rechte für andere mit sich bringen, unsere gemeinsame Umwelt schützen sowie die Früchte von Wissenschaft und Technologie zum Nutzen aller ernten.
Gemeinsam haben unsere Nationen eine einzigartige
Chance, den Menschen auf der ganzen Welt behilflich
zu sein, zu lernen, ihre Arbeitsweise zu ändern und in
der Tat ihren Lebensstil umzugestalten. Wir müssen
diese Chance ergreifen, weil es auch unsere Verantwortung ist. Die Vereinigten Staaten sind sehr dank-

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bar, daß Japan zunehmend die Verantwortung einer
Führungsrolle übernimmt, die sich aus seinem Stand
als großartige Nation ergibt.
Von Friedenssicherern in Kambodscha bis zu Minenräumern am Persischen Golf - Japan ist dabei. Von
finanzieller und politischer Unterstützung für den
Nahostfriedensprozeß bis zu dem Wiederaufbaupaket
in Höhe von 500 Millionen Dollar, das Sie gerade für
Bosnien bekanntgegeben haben - Japan ist dabei.
Die Menschen in Bosnien und die gesamte internationale Staatengemeinschaft sind dankbar für diese
außerordentlichen Anstrengungen Ihrerseits. Von dem
Ziel, Polio bis zum Jahr 2000 auszurotten, bis zum
Sondieren besserer Reaktionsmöglichkeiten
auf
Naturkatastrophen wie Erdbeben - auch hier führt
Japan den Weg bereits an. Vom Umweltschutz bis zur
Erforschung des Alls - Japan ist dabei. Dank Ihres
Engagements für diese Art von Führungsrolle geht es
uns allen besser.
An das japanische Volk gewandt, dessen in der
Vergangenheit bewiesener Stolz ebenso groß ist wie
seine Konzentration auf die Zukunft, sage ich: Stehen
Sie zu dieser Verpflichtung zu einer Führungsrolle machen Sie sie noch stärker. Wir sind in den vergangenen 50 Jahren so weit gekommen. Von der Verschwendung des Krieges zum Wohlstand des Friedens, von Konflikt zu Zusammenarbeit und Wettbewerb, von Mißtrauen zu Partnerschaft.
Unsere Generation hat die heilige Pflicht, die nächsten
50 Jahre noch besser für alle unsere Menschen zu
machen. In dieser Zeit bemerkenswerter Chancen bin
ich absolut zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
werden, wenn wir weiterhin eine Führungsrolle
übernehmen und als Verbündete, Partner und Freunde
zusammenarbeiten.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 09

�TERRORISMUS
2. Mai 1996

Terrorismus darf nicht den Traum vom Frieden
im Nahen Osten zerstören
Rede von Verteidigungsminister Perry

WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister William Perry zufolge haben Terrorismus, Massenvernichtungswaffen
und konventionelle Aufrüstung verbrecherischer Staaten das Potential, Israel zu bedrohen und den
Friedensprozeß zu zerstören, der Erfolg haben muß.
Nachfolgend veröffentlichen wir den offiziellen Text der Rede des Verteidigungsministers vom 23. April 1996 bei
der Jahreskonferenz der Antidiffamierungsliga.

1977, als Anwar Sadat seine historische Reise nach
Jerusalem unternahm und dort vor der Knesset

Aufbau dieses gesamten Friedensprozesses bei als
diese beiden Verteidigungsminister.

sprach, wurde er von Ministerpräsident Begin mit den

Worten begrüßt: "Wenn wir Frieden schaffen, einen
echten Frieden, werden wir uns gegenseitig helfen
können, unser Leben zu bereichern und in der Geschichte des Nahen Ostens ein neues episches
Zeitalter einzuleiten." Dieses historische Treffen stellte
die Weichen für das Abkommen von Camp David und
war tatsächlich der Beginn eines neuen epischen
Zeitalters. Alles schien möglich.
Am Abend des Tages, an dem das Abkommen von
Camp David in Washington unterzeichnet wurde,
sprach ich bei einem Empfang gerade mit dem damaligen israelischen Verteidigungsminister Azer Weisman,
als der ägyptische Verteidigungsminister den Raum
betrat. Azer entschuldigte sich, ging auf den ägyptischen Verteidigungsminister zu, brachte ihn dann mit
und stellte ihn mir vor. Ich werde diese Vorstellung nie
vergessen. Er sagte: "Das ist General Ali. Er ist ein
unverwüstlicher alter Gauner. Wir schössen ihn
dreimal ab und jedesmal kam er davon."
Das entsprach dem Geist der Zeit und war der Beginn
einer Bindung und Partnerschaft zwischen diesen
beiden Männern sowie der Weg zum Abkommen von
Camp David. Nach Camp David wurde bald offensichtlich, daß ein Vertrag allein noch keinen Frieden
schafft. Ein echter Frieden muß Stein für Stein
aufgebaut werden. Und niemand trug mehr zum

AMERIKA DIENST 09

Ich hatte das Glück, ein kleiner Bestandteil dieses
Aufbauprozesses zu sein. Damals war ich Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Kurz nach
Camp David reiste ich sowohl nach Israel als auch
nach Ägypten. Zuerst nahm ich an Zusammenkünften
in Tel Aviv teil und flog dann von dort aus nach Kairo.
Es stellte sich heraus, daß dies das erste Flugzeug
war, das je von Tel Aviv nach Kairo geflogen war, und
ich erinnere mich noch daran, wie ich mich fragte, ob
es bis zur ägyptischen Luftverteidigung durchgedrungen war, daß das seine Richtigkeit hatte.
In Ägypten bestand meine Aufgabe darin, brandneue
Sicherheitsbeziehungen zwischen unseren Ländern zu
schaffen, dabei ganz von vorn anzufangen, Sadats
mutige Entscheidung zur Schaffung des Friedens zu
unterstützen und zu ermutigen. In Israel war meine
Aufgabe, auf den bestehenden Sicherheitsbeziehungen zwischen Amerika und Israel aufzubauen. Wir
erkannten, daß der Frieden eindeutig von einem
starken und sicheren Israel abhängt.
Niemand verstand diese einfache Tatsache, daß der
Frieden im Nahen Osten von einem starken Israel
abhängt, besser als Yitzhak Rabin. Ich war im Januar
in Israel. Es war mein vierter Besuch dort als Verteidigungsminister, aber mein erster ohne Rabin. Ich traf
mit Ministerpräsident Peres - ebenso wie ich es mit
Ministerpräsident Rabin getan hatte - in seinem Büro

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�im Verteidigungsministerium zusammen - nicht im Büro
des Ministerpräsidenten. Das war meines Erachtens
symbolisch dafür, wie ernst jeder seine Verantwortung
als Verteidigungsminister für die Wahrung der Sicherheit Israels nahm.
In einigen Tagen werde ich erneut mit Ministerpräsident Peres zusammentreffen, wenn er die Vereinigten Staaten besucht. Hintergrund dieser Zusammenkunft ist die Tatsache, daß Israels militärischer
Vorsprung heute größer denn je ist. Dies ist großenteils auf die mehr als 20 Jahre andauernde enge
Sicherheitszusammenarbeit zwischen den Vereinigten
Staaten und Israel zurückzuführen sowie auf den Wert,
den führende israelische Politiker - darunter zweifelsohne Ministerpräsident Rabin und Ministerpräsident
Peres - auf Verteidigung gelegt haben.

Länder ist es aufgrund unserer Bestrebungen jetzt
schwieriger, in den Besitz hochentwickelter moderner
konventioneller Waffen zu gelangen.
Aber die Isolierung dieser verbrecherischen Staaten
bringt uns nur in gewisser Weise weiter. Wir müssen
den qualitativen Vorsprung Israels aufrechterhalten.
Ich habe es Ministerpräsident Rabin und Ministerpräsident Peres gesagt und ich sage es auch Ihnen:
Solange ich der Verteidigungsminister der Vereinigten
Staaten bin, werden wir den qualitativen Vorteil Israels
wahren.
Das bedeutet 1,8 Milliarden Dollar jährlich an Geldern
für ausländische Verteidigungsfonds.. Es bedeutet
gemeinsame Militärübungen. Es bedeutet Technologietransfer insbesondere im Bereich der Raketenverteidigung. Aufgrund dieser Maßnahmen kann Israel
jede Bedrohung durch verbrecherische Staaten
abwehren, und dessen sind diese sich bewußt.

Wir dürfen nicht die Realität aus den Augen verlieren,
daß der Nahe Osten nur aufgrund der Stärke Israels
sowie der Stärke der amerikanisch-israelischen
Sicherheitspartnerschaft die Aussicht auf einen
umfassenden Frieden hat - den umfassenden Frieden,
den wir uns 1977 alle vorstellten. Tatsächlich werden
Israels Sicherheitsbedürfnisse immer größer, je mehr
wir uns dem Frieden annähern. Dieses Paradoxon
rührt von der Tatsache her, daß die Feinde des
Friedens immer verzweifelter werden, je mehr wir uns
dem Frieden annähern. Sie wissen, daß ihre Zeit
abläuft.

Wichtig ist aber auch, daß diese verbrecherischen
Staaten wissen, daß sie ihre arabischen und muslimischen Nachbarn nicht erfolgreich angreifen können aus diesem Grund war ich vor zwei Wochen in Ägypten. Die dort nach Camp David gesäte Saat der
Sicherheitszusammenarbeit sprießt heute zu einer
soliden, reifen Sicherheitspartnerschaft. Heute sind
Ägyptens Streitkräfte gut ausgebildet, gut ausgerüstet
und tatsächlich eine stabilisierende Kraft in der Region.

Die Angriffe der Hisbollah auf Nordisrael diesen Monat
dienen genau diesem Zweck - der Sabotierung des
Friedensprozesses. In ihrer Verzweiflung werden die
Extremisten bedrohlicher, kriegerischer, unbekümmerter und gewalttätiger denn je. Während wir uns einem
umfassenden Frieden annähern und die Dinge immer
schwieriger werden, wird es immer wichtiger, daß die
Freunde des Friedens die Mittel haben, sich gegen die
Feinde des Friedens durchzusetzen.

Durch gemeinsame Übungen, Verkäufe militärischer
Güter und Technologietransfer helfen die Vereinigten
Staaten vielen gemäßigten arabischen Staaten, sich
besser zu verteidigen. Das alles geschieht mit starker
Unterstützung der israelischen Regierung. Israel
unterstützte beispielsweise entschieden das jordanische Gesuch nach F-16-Jagdflugzeugen und ist
bereit, Jordanien bei der Wartung dieser F-16 zu
helfen.

Heute möchte ich mit Ihnen über die Bedrohungen von
Israels Sicherheit und des Friedensprozesses sprechen sowie darüber, was das Verteidigungsministerium unternimmt, um Israel und denjenigen arabischen
Nationen zu helfen, die ebenfalls den Frieden anstreben, damit wir uns gegen diese Bedrohungen
wehren können.

Es sollte auch jedem in der Region ganz klar werden,
daß die Vereinigten Staaten mit militärischer Gewalt
bereit zum Schutz ihrer lebenswichtigen Interessen in

Die erste wichtige Bedrohung resultiert aus der
Aufstockung des konventionellen Waffenarsenals
durch verbrecherische Staaten, die sich dem Frieden
entgegenstellen - Iran, Irak und Libyen. Die Vereinigten Staaten wollen die aus der konventionellen
Aufrüstung dieser drei Länder entstehende Gefahr
verringern, indem sie sie unter wirtschaftlichen Druck
setzen: Über Libyen und Irak wurden von den Vereinten Nationen Waffenembargos verhängt, und Iran
ist dank der amerikanischen Führungsrolle wachsendem internationalen Druck ausgesetzt. Für die drei

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der Region sind.

Wir stellten diese Fähigkeit im

Golfkrieg unter Beweis. Wir demonstrierten sie erneut
1994, als Saddam Hussein wieder seine Truppen an
die kuwaitische Grenze schickte. Heute sind dank der
Voreinlagerung von Gerät und Zugangsabkommen
unsere Fähigkeiten und Anlaufzeit besser denn je.
1980 hätten wir beispielsweise mindestens drei
Monate gebraucht, eine bedeutende Militärstreitmacht
in die Golfregion zu entsenden. Im August 1990
benötigten wir ungefähr einen Monat. Im Oktober 1994
gelang es uns in rund einer Woche.
Die zweite langfristige Bedrohung Israels und des
Friedensprozesses rührt von Massenvernichtungswaffen her. Diese Bedrohung ist nirgends realer oder
erschreckender als im Nahen Osten. Iran, Irak und

AMERIKA DIENST 09

�Libyen verfügen alle über Programme zur Beschaffung
oder zum Bau von atomaren, chemischen und biologischen Waffen. Die Vereinigten Staaten begegnen
dieser Bedrohung mit einer aus drei Elementen
bestehenden globalen Strategie zur Verhütung,
Abschreckung und Verteidigung gegen den Einsatz
dieser Waffen.
Im Nahen Osten bedeutet das, daß wir diese Länder
von der Beschaffung der Technologie und des Materials abhalten werden, die sie zum Abschluß ihrer
Programme benötigen. Aus diesem Grund haben wir
den Kampf um internationale Sanktionen gegen diese
Nationen angeführt. Notfalls sind die Vereinigten
Staaten wirklich bereit, andere drastischere Präventivmaßnahmen zu ergreifen.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich entschieden
für die Eindämmung der Bedrohung durch Libyen, Iran
und Irak. Im Falle des Irak haben Flugzeuge der
Vereinigten Staaten und der Koalition seit 1991 über
Irak im Rahmen der Operationen Provide Comfort und
Southern Watch nahezu 140.000 Flüge absolviert, um
die irakische Bedrohung seiner nördlichen und südlichen Nachbarn zu überwachen. Unsere U-2-Flugzeuge bieten Unterstützung für die Inspektoren der UNSonderkommission, die Iraks Massenvernichtungswaffen und Raketenprogramme überwachen.
All diese Programme sind der Schlüssel zu dem
Versuch zu verhindern, daß diese Waffen jemals zu
Bedrohungen werden. Aber neben dem Bemühen um
eine Verhinderung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen streben wir auch eine Abschrekkung vom Einsatz dieser Waffen an.
Heute haben die Vereinigten Staaten die stärksten
konventionellen Streitkräfte der Welt, und wir halten
weiterhin eine nukleare Abschreckung aufrecht. Sie ist
beträchtlich geringer als während des Kalten Krieges,
aber - mißverstehen Sie mich nicht - immer noch
verheerend. Diese starken Streitkräfte würden gegen
jedes Land eingesetzt, das Massenvernichtungswaffen
entweder gegen die Vereinigten Staaten oder ihre
Verbündeten richtet. Wir würden unsere Reaktion
nicht im voraus spezifizieren, aber sie wäre überwältigend. Sollten jedoch Prävention und Abschreckung
scheitern, müssen wir immer noch bereit zur Verteidigung gegen diese Bedrohungen sein, insbesondere
gegen Massenvernichtungswaffen.
In wenigen Tagen werden Ministerpräsident Peres und
ich über das Programm für schauplatzgebundene
Raketenabwehr sprechen - ein fruchtbares Gebiet der
Zusammenarbeit. Die Vereinigten Staaten und Israel
entwickeln derzeit Systeme wie das Arrow-Abwehrsystem gegen taktische Raketen und Hochenergielaser, die Raketen weitaus dichter an ihrem Abschußpunkt treffen können als frühere Systeme. Ferner
prüfen wir einige neue Initiativen auf dem Gebiet der

AMERIKA DIENST 09

Frühwarnsysteme. All diese Programme werden wir
ernsthaft und substantiell mit dem Ministerpräsidenten
erörtern, wenn er am Wochenende hier ist.
Ich bin zuversichtlich, daß harte Arbeit und feste
Entschlossenheit Israel, die friedlichen arabischen
Nationen und den Friedensprozeß vor Bedrohungen
durch konventionelle Gefechtsköpfe und Massenvernichtungswaffen schützen werden.
Es gibt jedoch eine dritte Bedrohung, die noch härtere
Arbeit und größere Entschlossenheit erfordert - die
Bedrohung durch den Terrorismus.
Terrorismus
betrifft uns alle - Amerikaner, Israelis und Araber. Wir
alle leiden unter Terroranschlägen - sei es der auf das
World Trade Center in New York, einen überfüllten Bus
in den Straßen von Jerusalem oder ein Bürogebäude
in Saudi-Arabien.
Ich war kürzlich in Saudi-Arabien, wo ich das Büro des
amerikanischen Projektmanagers für unser Programm
mit der saudischen Nationalgarde besuchte. Das war
kurz nach seiner Zerstörung durch eine von Terroristen gelegte Bombe. Als ich mit den Leuten im Büro
des Projektmanagers zusammentraf, waren sie gerade
aus erster Hand über die terroristische Tragödie
informiert worden, aber trotz ihres Verlusts und
Leidens blieb ihr Engagement für die Arbeit der
Ausbildung der saudischen Nationalgarde sowie für
Frieden und Stabilität in der Region ungeschmälert.
Ihre Entschlossenheit ist Amerikas Entschlossenheit.
Wir werden nicht zulassen, daß uns terroristische Akte
so einschüchtern, daß wir irgend einen unserer
wichtigen Sicherheitspartner im Nahen Osten im Stich
lassen. Wir werden nicht zulassen, daß sie unseren
Traum von einem umfassenden Frieden im Nahen
Osten zerstören. Wir werden die Terroristen bekämpfen.
Ich war erfreut, gestern zu hören, daß Saudi-Arabien
die Attentäter des Terroranschlags von Riad festgenommen hat. Dieser Kampf gegen den Terrorismus
wird fortgesetzt, jedoch in Zukunft verstärkte internationale Zusammenarbeit, engere nachrichtendienstliche Kooperation und Entschlossenheit verlangen.
All das war beim ersten Friedensgipfel in Scharm el
Scheich im Januar sichtbar. Vor 29 Jahren waren
Scharm el Scheich und die Juranstraße ein Brennpunkt des Krieges. Im Januar wurde Scharm el
Scheich ein Brennpunkt des Friedens, als die führenden Politiker von 29 Nationen dort gemeinsam gegen
Terrorismus und für den Frieden eintraten.
Dabei müssen wir jedoch ganz deutlich machen, daß
die Vereinigten Staaten nicht gegen den Islam sind.
Wir bekämpfen keine Religion oder das Volk des Iran,
Irak oder Libyens. Wir bekämpfen den Extremismus.
Extremismus, der sich der Gewalt verschrieben hat -

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�sei es innerhalb von Regierungen, bei Einzelpersonen
oder Gruppen. Jeden der versucht, das Gemetzel an
Unschuldigen zu einem politischen Instrument zu
machen. Extremisten, die Haß und Gewalt fördern,
sind eine Gefahr für den Frieden überall - sei es im
Nahen Osten oder an unseren Küsten. Das amerikanische Volk muß sich für die Bekämpfung des Extremismus und Hasses einsetzen, wo es sie vorfindet.
Terrorismus, Massenvernichtungswaffen und konventionelle Aufrüstung verbrecherischer Staaten haben
alle das Potential, Israel zu bedrohen und den Friedensprozeß zu zerstören, der Erfolg haben muß. Und
es ist wichtig für die Vereinigten Staaten, angesichts
dieser Bedrohungen fest zu bleiben.
Der Schlüssel - und das ist das Entscheidende -wird
weiterhin unsere starke Partnerschaft mit Israel und
unsere Unterstützung für alle Nationen sein, die den
Frieden fördern. Es ist jedoch von Bedeutung, sich
nicht in der Bedrohung zu verlieren, denn dies sollte
auch eine Zeit der Würdigung und des Optimismus
sein.
Vor 20 Jahren - ich komme nochmals auf das Abkommen von Camp David zu sprechen - hätte niemand erwartet, den Seder zu sehen, den wir gerade in

der Bundeshauptstadt Washington erlebten. An ihm
nahmen nicht nur hochrangige Vertreter der amerikanischen Regierung teil, sondern auch Botschafter aus
der ganzen Welt, einschließlich Rußlands und Chinas.
Tatsächlich hörte ich, daß der chinesische Botschafter
seine erste Mazza aß.
Vor 20 Jahren hätte niemand gedacht, daß der
jordanische König nach Jerusalem reisen würde, um
dort um einen ermordeten israelischen Ministerpräsidenten zu trauen, oder daß wir nahezu zwei Jahrzehnte des Friedens zwischen Israel und Ägypten
feiern würden.
Trotz aller uns heute und in Zukunft konfrontierenden
Schwierigkeiten sind wir einem umfassenden Frieden
im Nahen Osten näher, als ich es mir 1977 jemals
hätte vorstellen können. Wir sind näher an dem Sieg
in dem Ringen, das Anwar Sadat als "Kampf für
dauerhaften Frieden auf der Grundlage der Gerechtigkeit" bezeichnete.
In seiner Rede vor der israelischen Knesset erklärte
Sadat: "Es ist nicht allein mein Kampf, noch ist es
ausschließlich der Kampf der israelischen Führung.
Es ist der Kampf jedes Bürgers in unseren Ländern,
der das Recht auf ein Leben in Frieden hat."

* * * * *

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*

AMERIKA DIENST 09

�AUSSENPOLITIK
2. Mai 1996

Die künftige Tagesordnung der internationalen
Zusammenarbeit und Integration
aus amerikanischer Sicht
von James D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland am 29. April 1996 bei der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in
Maria Laach gehaltene Rede.

Sehr geehrter Herr Botschafter Joetze,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
die Frage nach der künftigen sicherheitspolitischen
Tagesordnung ist schnell beantwortet. Der Titel
meines Vortrags umschreibt sehr präzise unsere
Zielsetzung: Internationale Zusammenarbeit und
Integration.
Wie wir dieses Ziel erreichen, wo wir unsere Schwerpunkte setzen, welche Präferenzen wir entwickeln und
welchen Einsatz wir als notwendig erachten, will ich in
meinen Ausführungen skizzieren.
Ich möchte mich dabei nicht nur auf die sicherheitspolitischen Fragestellungen konzentrieren, obgleich sie
- wie Sie alle wissen - nach wie vor von großer Bedeutung sind. Ich möchte auch auf außenpolitische und
außenwirtschaftliche Aspekte unserer Politik abheben.
Heute ergibt der Versuch, die internationale Positionierung eines Staates in Außen-, Sicherheits- und
Verteidigungspolitik aufzugliedern, wenig Sinn. Mit
dem Ende des Kalten Krieges ist eine sehr komplexe
Sachlage entstanden, die eine solche Vereinfachung
nicht mehr erlaubt.
Lassen Sie mich auf die aktuelle Lage zu sprechen
kommen: Auf der Tagesordnung stehen der
IFOR-Einsatz in Bosnien, die Öffnung der NATO sowie
deren Reform.

AMERIKA DIENST 09

Der IFOR-Einsatz in Bosnien
Ich möchte mich zuerst mit Bosnien befassen. Hier
scheint es - was die Dauer des militärischen Einsatzes
angeht - in der Öffentlichkeit einige Mißverständnisse
zu geben. Daraus resultieren Erwartungen, die in
Unkenntnis unserer Absichten zu Trugschlüssen
führen. Das im Daytoner Friedensabkommen vereinbarte militärische Engagement der NATO und anderer
Staaten war bewußt auf ein Jahr begrenzt. Diese
zeitliche Begrenzung ist dazu gedacht, den Verhandlungsdruck auf alle Kriegsparteien aufrechtzuerhalten.
Präsidenten Clinton hat mehr als einmal darauf
hingewiesen, daß dieses eine Jahr als einzigartige
Chance zu betrachten ist. Als Chance, zur Besinnung
zu kommen und die Grundlagen für den Aufbau eines
friedlichen Miteinanders zu schaffen. Um eines ganz
klarzustellen: Der amerikanische Präsident hat mit
seinem Entschluß, amerikanische Soldaten in Bosnien
einzusetzen, ein großes innenpolitisches Wagnis auf
sich genommen. Jene, die sich nun kritisch über seine
Führungsstärke äußern, ignorieren schlichtweg, daß in
meinem Land - wie auch übrigens hier in Deutschland
- Außenpolitik demokratisch legitimiert sein muß.
Die Bereitschaft, Friedenstruppen in eine europäische
Region zu senden, war in der Tat ein erneuter Beweis
amerikanischer Führungsstärke. Ich verrate kein
Geheimnis, wenn ich darauf hinweise, daß viele
Amerikaner nicht sonderlich begeistert sind, diesen
Einsatz zu unterstützen. Dazu kommt noch, daß viele
Amerikaner glauben, es wäre wohl eine "europäische"

Seite 1

�Angelegenheit, im Hinterhof Europas Ordnung zu
schaffen.
Nun ist der Krieg seit geraumer Zeit zu Ende. Amerikanisches Engagement hat dies möglich gemacht.
Unser Einsatz - diplomatisch, wirtschaftlich, militärisch
- ist auch mit den negativen Konsequenzen - mit dem
negativen Vorbild - für die mittel- und osteuropäischen
Staaten begründet worden. Diese Begründung ist um
so wichtiger, als wir den Prozeß zur Aufnahme neuer
Mitglieder in Gang gesetzt haben.
Bevor ich mich allerdings diesem Thema widme,
möchte ich nochmals deutlich machen, daß wir uns
nicht als Besatzungsmacht verstehen.
Das
IFOR-Mandat ist in dieser Hinsicht eindeutig. Die
bisherige Einhaltung des Daytoner Abkommens durch
die Kriegsparteien ist ein gutes Zeichen. Sie haben
erkannt, daß ein überwachter Waffenstillstand die
beste Alternative zur Fortsetzung ihres ethnisch
begründeten Kampfes ist. Ein Kampf, der letztlich nur
Verderben gebracht hat und das Zusammenleben der
Menschen auf Jahrzehnte belasten wird. Die zeitliche
Begrenzung des IFOR-Mandats verdeutlicht den
Kriegsparteien, daß der Westen nicht bereit ist verzeihen Sie mir die lockere Ausdrucksweise - für sie
die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Die Kriegsparteien müssen selbst alle Anstrengungen
unternehmen, um zu einem friedlichen Miteinander
zurückzufinden. Wir werden ihnen die Gestaltungsfreiheit und den Entscheidungszwang für den Frieden
nicht nehmen. Die Völker müssen sich einigen. Und
deshalb ist dieses Jahr lang genug. Wenn nicht jetzt,
wann dann?
Weil sie indirekt gezwungen werden müssen, gemeinsam diese Anstrengungen zu unternehmen, sind die
freien und demokratischen Wahlen im September so
wichtig. Der organisatorische Aufwand für die Wahlen
- soweit ich weiß, wird es sieben verschiedene Abstimmungen geben - ist beträchtlich. Damit sie
ordnungsgemäß durchgeführt werden können, müssen
die Konfliktparteien zusammenarbeiten.
Wie Sie wissen, wird die OSZE die Korrektheit des
Wahlverfahrens überwachen. Dies ist eine wichtige
Aufgabe für die Organisation, deren Bedeutung als
Forum zur Zusammenarbeit oftmals unterschätzt
worden ist. Die Vereinigten Staaten sind davon
überzeugt, daß die OSZE einen wichtigen Beitrag zur
Konfliktbereinigung und Befriedung der Region leisten
kann. Die Wahlen werden hoffentlich den Durchbruch
bringen und eine weitere Stabilisierung der Lage
bewirken.
Die NATO-Erweiterung
Lassen Sie mich zum zweiten, nicht minder wichtigen
Themenblock kommen: Der NATO-Erweiterung. In

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den Vereinigten Staaten können Sie Gegner und
Befürworter der NATO-Erweiterung an ihrer Wortwahl
erkennen. Gegner einer NATO-Erweiterung nennen
sie "expansion", während ihre Befürworter sie als
"enlargement" oder "opening up" bezeichnen.
Der letztere Begriff scheint den Kern der Angelegenheit am besten zu treffen. Die NATO öffnet sich
weiteren demokratisch strukturierten Ländern.
Bekanntlich war es nicht die Atlantische Allianz, die
nach Auflösung des Warschauer Paktes von sich aus
auf potentielle Mitglieder zuging. Ehemalige Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes sind es, die sich um
die Aufnahme in das westliche Verteidigungsbündnis
bemühen.
Die Auseinandersetzung über das Für und Wider einer
NATO-Osterweiterung ist meines Erachtens mehr oder
weniger zu Ende. Fragen, wie man es hätte anders
machen können, ob zu einem früheren oder späteren
Zeitpunkt, oder ob nicht noch mehr Rücksicht auf
russische Sicherheitsbelange genommen werden
sollte, sind nach den deutlichen und verbindlichen
Worten meines Vorgesetzten, Warren Christopher, in
Prag und Moskau im März derzeit nicht mehr von
aktueller Bedeutung.
Außenminister Warren Christopher hatte während
einer Zusammenkunft mit seinen Amtskollegen aus
zwölf mittel- und osteuropäischen Staaten in Prag klare
Worte gefunden: "Die NATO hat sich im Januar 1994
verpflichtet, neue Mitglieder aufzunehmen; sie darf und
wird sie nicht auf ewig im Wartesaal sitzen lassen."
Daran können Sie erkennen, wie stark unserer Einsatz
für die NATO-Erweiterung ist. Es scheint mir durchaus
angebracht, die beiden Optionen Rußlands darzulegen. Rußland hat die Wahl zwischen der Zusammenarbeit mit dem Westen und einer Selbstisolierung. Rußlands Beteiligung an der Gestaltung
eines sicheren und stabilen Europas ist aus unserer
Sicht sehr wünschenswert. Nur ein Vetorecht gibt es
nicht. Kann es auch nicht geben, da die sechzehn
Mitgliedstaaten der NATO darüber zu befinden haben,
welche Beitrittskandidaten in das Bündnis aufgenommen werden.
Schon während des Kalten Krieges hat das Bündnis
sich nicht durch sowjetische Beeinflussungen abhalten
lassen, eine Verteidigungs- und Sicherheitspolitik zu
betreiben, die sich letztlich mit dem Abgang der
Sowjetunion von der Weltbühne als überaus erfolgreich erwiesen hatte.
Auf der Münchner Wehrkundetagung im Februar hat
Verteidigungsminister William Perry darauf hingewiesen, daß die Öffnung der NATO nach Osten unausweichlich ist. Die NATO und Rußland müssen auf
Dauer als gleichberechtigte Partner eine neue Sicherheitsstruktur in Europa aufbauen. Deshalb ist es

AMERIKA DIENST 09

�begrüßenswert, daß Rußland zur politischen und
militärischen Zusammenarbeit bereit ist. Und dies
nicht nur im Rahmen des Programms "Partnerschaft
für den Frieden", sondern auch bei der IFOR-Friedenstruppe in Bosnien. Dort arbeiten die NATO und
russische Einheiten Hand in Hand. Ohne russische
Unterstützung für den Friedensprozeß wären die
Chancen, das Abkommen durchzusetzen, eher
geringer.
Der Beschluß des russischen Parlaments vom März,
die Wiederherstellung der alten Sowjetunion zu
propagieren, ist sicherlich nur ein Aspekt, der die
fehlende Akzeptanz demokratischer Reformen beleuchtet. Aus Sicht der mittel- und osteuropäischen
Staaten wird der NATO-Beitritt dagegen um so dringlicher, was gegebenenfalls zu einer Beschleunigung
des Aufnahmeverfahrens führen könnte.
Wir sind der Auffassung, daß die Stabilität und Sicherheit in der Allianz durch die Aufnahme der mittelund osteuropäischen Länder verbessert wird. Diese
Staaten nähern sich unseren Wertvorstellungen an.
Sie erbringen beträchtliche Vorleistungen, die nicht nur
in ihrem eigenen Interesse sind, sondern auch in
unserem.
Wenn gutnachbarliche Beziehungen
entstehen, wenn durch Transparenz bei der Planung
und Budgetierung von Verteidigungsanstrengungen
Vertrauen geschaffen wird, besteht kein Anlaß zur
Sorge, daß wir auf regionale Krisen reagieren müssen.
Wir sehen in der NATO-Erweiterung ein Instrument der
konstruktiven Befriedung beziehungsweise Stabilisierung einer ethnisch differenzierten Region. Um als
Bündnispartner in Frage zu kommen, müssen die
Kandidaten überzeugende Fortschritte bei der friedlichen Beilegung von Konflikten mit ihren Nachbarn
vorzeigen und nachweisen können, daß ethnische
Minderheiten in ihrem Land umfassend am demokratischen Prozeß mitwirken. Dies ist eine Grundvoraussetzung, um bilaterale Konflikte zwischen Bündnispartnern auszuschließen und um ein zweites
Bosnien zu verhindern.
Bevor es zu einer Erweiterung der NATO kommt, muß
sichergestellt sein, daß durch die Aufnahme weiterer
Mitglieder die sicherheitspolitische Entscheidungsfindung und militärische Handlungsfähigkeit des
Bündnisses nicht beeinträchtigt wird.
Die Erfahrungen der Beitrittskandidaten mit der
Sowjetunion während der Zeit des Warschauer Paktes
dürfen nicht unser Interesse an einem fairen und
konstruktiven Verhältnis zu Rußland untergraben. Die
Erweiterung darf nicht zu einer neuen Grenzziehung in
Europa führen.
Entscheidend ist die Frage, welche militärischen
Vorbereitungen für die vertraglich definierten Sicherheitsgarantien getroffen werden. Deren Sinn und

AMERIKA DIENST 09

Zweck kann nicht zuletzt wegen der veränderten
strategischen Lagebeurteilung und Bündnisreform
kaum vergleichbar sein mit denen des Kalten Krieges.
Die NATO-Reform
Lassen Sie mich nun kurz auf die NATO-Reform zu
sprechen kommen. Wie Sie wissen, haben sich die
16 NATO-Staaten im Grundsatz auf das Konzept des
sogenannten
Alliierten
Streitkräfte-Kommandos
geeinigt. Dies ist sehr erfreulich, weil es ein wichtiger
Schritt in Richtung einer stärkeren Betonung der
europäischen Verteidigungsidentität ist.
Gerade diese Einigung unterstreicht unseren Wunsch
nach einem geeinten, politisch kohärent handelnden
Europa.
Jene europäischen NATO-Partner, die
militärisch fähig und politisch willens sind, bleiben
unsere wichtigste Stütze bei der Bewältigung künftiger
sicherheitspolitischer Herausforderungen.
Auf dem im Juni in Berlin stattfindenden NATO-Ratstreffen steht die neue Allianzstruktur auf der Tagesordnung. Neben der Frage, welche Rolle Frankreich
künftig in der Allianz spielen will, das sich in letzter Zeit
mit Vorschlägen zu einer Europäisierung der NATO
hervorgetan hat, geht es in erster Linie um die Nutzung
der NATO-Infrastruktur bei Peace-keeping- oder
Peace-enforcement-Einsätzen in Europa. Der Schwerpunkt des "Combined Joint Task Force"-Konzepts liegt
darauf, Verantwortung und Lasten neu aufzuteilen.
Das CJTF-Konzept wird die europäischen Verbündeten in die Lage versetzen, eigenständig militärische
Operationen mit Rückgriff auf die NATO-Infrastruktur
durchzuführen.
Damit verfügen unsere Verbündeten über militärische
Optionen, die ihnen bei entsprechender politischer
Handlungsfähigkeit erlauben, diplomatische Initiativen
zur Konfliktbeilegung zu ergreifen, ohne militärisch mit
leeren Händen dastehen zu müssen.
Ob allerdings die europäischen NATO-Mitgliedstaaten
jemals ohne amerikanische Unterstützung für ihre
sicherheitspolitischen Interessen eintreten werden,
bleibt abzuwarten. Ebenso die Frage, inwieweit die
neuen NATO-Mitgliedsstaaten bereit sind, Risiken
dieser Art auf sich zu nehmen. Sie treten dem Bündnis
zu einem Zeitpunkt bei, an dem nicht mehr die Abschreckung einer Militärmacht im Vordergrund der
gemeinsamen sicherheitspolitischen Anstrengung
steht, sondern die Bewahrung von Stabilität auf dem
europäischen Kontinent.
Die Atlantische Allianz ist ein Zusammenschluß
demokratischer Staaten. Entscheidungen werden
nach dem Konsensprinzip gefällt. Unser Engagement
trägt wesentlich zur Stabilisierung der Verhältnisse bei.
Letztlich erfüllt das Bündnis seinen Zweck, wenn es
das amerikanische Engagement in Europa bewahrt,

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�den erreichten Zustand an Sicherheit und Stabilität
gewährleistet, die militärische Einbindung Deutschlands aufrechterhält, mit Rußland eine dauerhafte
Zusammenarbeit aufbaut und die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen für eine konstruktive
Entwicklung der Europäischen Union bietet.
Soweit meine sicherheitspolitischen Anmerkungen.
Lassen Sie mich - wie angekündigt - noch einige
Ausführungen zu den anderen, nicht minder wichtigen
Aspekten unserer Politik machen.
Die Vereinigten Staaten befinden sich nach dem Ende
des Kalten Krieges in einer Phase der Neuorientierung. Die globale Perspektive hat sich gewandelt.
Innenpolitische Problemkonstellationen, die früher
wenig Beachtung gefunden haben, sind nun in das
Blickfeld der politisch Verantwortlichen gerückt. Die
Höhe der Staatsverschuldung, die Reform des Wohlfahrtsstaats und der Abbau der Bürokratie sind
Themen, an denen sich Auseinandersetzungen
entzünden. In der letzten Woche wurde nun endlich
das Haushaltsgesetz für 1996 verabschiedet.
Wie befinden uns im Wahljahr. Im November geht es
wieder einmal darum, wer für die kommenden vier
Jahre Hausherr im Weißen Haus ist. Viele Kommentatoren glauben nun, amerikanische Innenpolitik würde
überhand nehmen. Mit der Folge, daß außenpolitische
Fragestellungen nicht hinreichend berücksichtigt
werden. Dies ist nur zum Teil richtig: Allein die
Aktivitäten meines Außenministers zur Beendigung der
Kampfhandlungen im Südlibanon, der G-7-Gipfel in
Moskau vor gut einer Woche oder der Anti-Terror-Gipfel in Ägypten Anfang März, der auf eine
Anregung des Präsidenten erfolgte, zeigen, daß die
USA auch in Wahlzeiten außenpolitisch handlungsfähig sind.
Ein weiteres Beispiel war die Entsendung zweier
Flugzeugträger in das Chinesische Meer. Wir haben
damit allen asiatischen Ländern deutlich gemacht, wie
groß unser Interesse an der Bewahrung regionaler
Stabilität im asiatisch-pazifischen Raum ist. Dieses
Beispiel zeigt zudem, welche außenpolitischen
Anforderungen in anderen Erdteilen an die Vereinigten
Staaten als Ordnungsmacht gestellt werden.
In diesem Zusammenhang ist die wirtschaftliche
Dimension unseres Handelns von Bedeutung. Hier
zeigt sich - gerade am Beispiel der Europäischen
Union und der transatlantischen Handelsbeziehungen
- wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.
Die EU ist zweifelsohne ein Eckpfeiler der zukünftigen
Sicherheit Europas. Die Union bietet die Grundlage für
Wirtschaftswachstum und Wohlstand auf dem gesamten Kontinent. Dies gilt insbesondere für die mittelund osteuropäischen Staaten. Eine EU-Mitgliedschaft
dieser Staaten, die auch im Zusammenhang mit der

Seite 4

NATO-Erweiterung zu betrachten ist, trägt zur Konsolidierung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Reformen bei.
Wir sind uns bewußt, daß sich die EU in den kommenden Jahren großen Herausforderungen stellen muß.
Wie auch die NATO wird die EU ihre Institutionen
reformieren und ihre Identität verändern. Die EU wird
effiziente Entscheidungsverfahren entwickeln müssen,
um den Anforderungen einer gewachsenen Mitgliedschaft gerecht zu werden.
Die Vereinigten Staaten begrüßen die politischen
Bestrebungen zur Stärkung und Erweiterung der EU.
Unseres Erachtens besteht kein Zweifel an der
stabilisierenden Wirkung einer funktionsfähigen
Europäischen Union. Die Europäische Union gewinnt
durch den fortschreitenden Integrationsprozeß immer
mehr an Gewicht. Was bislang fehlte, ist ein höherer
Grad an politischer und diplomatischer Einigkeit, die
ihrer wirtschaftlichen und handelspolitischen Macht
entspricht. Es kann nicht in unserem Interesse liegen,
die Zusammenarbeit mit Europa zu vernachlässigen,
wie uns immer wieder vorgeworfen wird.
Bei den amerikanisch-europäischen Beziehungen
steht in wirtschaftlicher Hinsicht enorm viel auf dem
Spiel. Europa ist natürlich unser größter und wichtigster Handelspartner. Die jüngsten Zahlen zeigen, daß
die amerikanischen Exporte in die Europäische Union
sich jährlich auf 130 Milliarden Dollar belaufen, damit
noch vor Kanada, unserem zweitgrößten Absatzmarkt,
liegen und mehr als doppelt so hoch sind wie die nach
Japan, unserem drittgrößten Absatzmarkt. Diese
Zahlen sind nur ein Seite der Medaille. Der Großteil
internationaler Geschäftstätigkeit erfolgt durch Investitionen und Produktion auf ausländischen Märkten
- nicht durch Exporte. Während die weltweiten
amerikanischen Exporte von Waren und Dienstleistungen sich auf ungefähr 700 Milliarden Dollar
belaufen, betragen die Verkäufe von Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen im Ausland
ungefähr 1,6 Billionen Dollar. Mehr als die Hälfte
dieses Absatzes findet in Europa statt. Insgesamt
beläuft sich der amerikanisch-europäische Handel auf
rund 1,7 Billionen Dollar jährlich - eine überwältigende
Zahl, die nahezu 50 Prozent höher ist als unser
transpazifischer Handel.
Um dem Koordinierungsbedarf unserer Handelsbeziehungen gerecht zu werden, unternahmen die
Vereinigten Staaten und Europa in Madrid im vergangenen Dezember bedeutende Schritte zur Erweiterung
und Vertiefung dieser Beziehungen. Wir haben die
neue Tagesordnung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit vereinbart.
Diese neue transatlantische Tagesordnung unterstreicht das breite Spektrum der Beziehungen und
befaßt sich nicht nur mit traditionellen Handelsfragen,

AMERIKA DIENST 09

�sondern auch mit einer ganzen Bandbreite politischer
und wirtschaftlicher Initiativen auf der ganzen Welt.
Ich möchte zum Schluß kommen. Die Vereinigten
Staaten werden sich auch weiterhin gemeinsam mit
ihren Verbündeten zur Bewahrung von Frieden,
Förderung der Demokratie und Öffnung der Märkte
einsetzen. Daß dies nicht ohne Verbündete geht,
versteht sich von selbst.

Internationale Zusammenarbeit und Solidarität werden
auch verlangt, wenn es um die Probleme geht, die ich
als globale Herausforderungen bezeichnen würde:
Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung, Armut - um
nur einige wenige zu nennen. Ohne internationale
Zusammenarbeit müßte die Staatengemeinschaft im
nächsten Jahrtausend vor diesen Herausforderungen
kapitulieren. Das wollen wir nicht, oder?
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 09

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND

2. Mai 1996

Perspektiven der politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten
von J.D. Bindenagel

Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik
Deutschland, J.D. Bindenagel, am 10. April 1996 vor Abgeordneten des Thüringischen Landtages in Erfurt
gehaltene Rede.

Ich
möchte
einige
Bemerkungen
zu den
deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen machen. Sie bilden neben der vertrauensvollen politischen und intensiven militärischen Zusammenarbeit
das dritte Standbein unseres engen Beziehungsgeflechts.
Wie eng die politische Zusammenarbeit, wie intensiv
der Austausch zwischen den jeweiligen Regierungsstellen ist, wie sehr sich das Volumen der Wirtschaftsund Handelsbeziehungen vergrößert hat und wie
zahlreich die kulturellen Kontakte geworden sind, läßt
sich schwerlich in Zahlen fassen. Die Ergebnisse des
europäisch-amerikanischen Gipfels in Madrid vom
Dezember letzten Jahres verdeutlichen, daß diesseits
und jenseits des Atlantiks die Bereitschaft zu einer
Vertiefung der Beziehungen besteht. So haben wir
vereinbart, nicht mehr nur beidseitige Konsultationen
durchzuführen, sondern auch gemeinsam unsere
Politik abzustimmen.
Dies ist insbesondere angesichts der Frage, inwieweit
wirtschaftliche Konkurrenz eine strategische Partnerschaft ausschließt, von großer Bedeutung. Ich stehe
auf dem Standpunkt, daß sie sich gegenseitig bedingen. Sie tragen zur Festigung der politischen, kulturellen und persönlichen Beziehungen zwischen dem
deutschen und amerikanischen Volk bei.
Es besteht kein Zweifel an der politischen Bedeutung
guter und ausgewogener Wirtschaftsbeziehungen. Sie
tragen unmittelbar zur Stabilisierung unserer Beziehungen bei. Nun mögen manche einwenden, daß hier
und da Handelskonflikte auftreten, die eher auf eine

AMERIKA DIENST 09

DeStabilisierung hinweisen. Dies ist auf den ersten
Blick richtig. Nur kommt es darauf an, in welchem
Rahmen und auf welchem Niveau divergierende
Ansichten über Handelsfragen ausgedrückt werden.
Worauf es ankommt, ist ein verläßlicher, von allen
Beteiligten akzeptierter Rahmen von Wettbewerbsbedingungen. Dies läßt sich allerdings nur in gutem
Einvernehmen auf politischer Ebene erreichen. Die
wichtigsten wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger
in unseren beiden Ländern haben die gleichen wirtschaftspolitischen Grundauffassungen:
Unterstützung für freien Handel, für offene
nichtdiskriminierende Investitionsbeziehungen und für
faire Wettbewerbsregeln. Beide Regierungen sehen
den Privatsektor als wichtigsten Motor für Wachstum
und Innovation an. Und darauf kommt es an, wenn
man das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff
bekommen will.
Die Übereinstimmung in den wirtschaftpolitischen
Grundauffassungen erleichtert die Suche nach
Problemlösungen bei aktuellen handelspolitischen
Auseinandersetzungen. Große Volkswirtschaften wie
die Bundesrepublik und die Vereinigten Staaten mit
ihren unterschiedlichen politischen Strukturen, unterschiedlichen Regulierungs- und Ordnungsansätzen,
unterschiedlichen Marktsstrukturen und Unternehmertraditionen entwickeln ab und zu Reibungs- und
Konfliktpunkte.
Häufig verkomplizieren die Beziehungen der Vereinigten Staaten zur Europäischen Union unsere

Seite 1

�Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland. Nicht alle
EU-Mitgliedsstaaten teilen uneingeschränkt die
deutsche Aufassung von Freihandel und Wettbewerb.
Sehr oft sehen wir uns mit einem Nord-Süd-Konflikt
innerhalb der EU konfrontiert. Die südlichen Länder
neigen zu einem eher interventionistischen und
protektionistischen Ansatz, während der Norden
Offenheit und Freihandel propagiert.
Wir verlassen uns häufig darauf, daß Deutschland für
eine offene europäische Wirtschaftsidentität eintritt, die
auf einem transparenten und verläßlichen Entscheidungsrahmen beruht. Wir wissen natürlich, daß
Deutschland häufig Solidarität mit den anderen
EU-Mitgliedsstaaten üben muß, und Entscheidungsgrundlage meistens der kleinste gemeinsame Nenner
ist.
Diese institutionelle Einbindung und Integration
Deutschlands unterstützen wir vorbehaltlos. Wir sind
an einem starken Europa interessiert. Das schließt
allerdings eine deutsch-amerikanische Kooperation bei
wichtigen Fragen nicht aus.
Ein Beispiel möchte ich nennen: Bilaterale Probleme,
wie sie im letzten Jahr unter anderem bei der Aushandlung eines neuen Luftverkehrsabkommens
entstanden waren, konnten durch eine tragfähige
Zwischenlösung entschärft werden.
Das "code
sharing" zwischen deutschen und amerikanischen
Fluggesellschaften und die Allianz zwischen Lufthansa
und United Airlines hat finanzielle Vorteile für die
Beteiligten und günstigere Tarife für die Reisenden
gebracht.
Die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen
gestalten sich reibungslos und im großen und ganzen
unbehindert von strukturellen Handelshemmnissen.
Gegenwärtig ist aufgrund der unterschiedlichen
konjunkturellen Entwicklung ein geringes amerikanisches Handelsdefizit festzustellen. Während des
Booms infolge der Vereinigung wies die Bundesrepublik ein Defizit auf.
Die Vereinigten Staaten sind nach der Europäischen
Union der größte Handelspartner Deutschlands, was
auch im umgekehrten Verhältnis stimmt: Deutschland
ist für die USA der größte Handelspartner.
Wie eng und ausgeglichen die Wirtschaftsbeziehungen
sind, sieht man auch an den jeweiligen Investitionen.
Die deutschen Direktinvestitionen belaufen sich auf
fast 60 Milliarden DM. Amerikanische Unternehmen
investieren etwa den gleichen Betrag in Deutschland.
Inzwischen sind rund 600.000 Deutsche in amerikanischen Unternehmen tätig, während deutsche Firmen
schätzungsweise eine halbe Million Amerikaner
beschäftigen.

Seite 2

Symbolisch für die ökonomische Interdependenz sind
die Entscheidungen führender Automobilhersteller
Deutschlands, Produktionsstätten in den Vereinigten
Staaten zu errichten, sowie die Investitionen von
Unternehmen wie Dow Chemicals, General Motors
und der Boston Investment Company in den neuen
Bundesländern.
Die wachsende Interdependenz der transatlantischen
Handelspartner durch zunehmende Handelsströme
und Direktinvestitionen führt aber auch zu einem
erhöhten staatlichen Regulierungsbedarf in den
jeweiligen Volkswirtschaften. Dieser Bedarf läßt sich
nur auf zwischenstaatlicher Ebene decken, so daß
trotz aller wirtschaftlichen Konkurrenz eine immer
enger werdende bilaterale Verflechtung entsteht.
Es ist offensichtlich, daß wir Partner brauchen, um
künftige politische und ökonomische Herausforderungen gemäß unseren gemeinsamen Wertvorstellungen
und Prinzipien anzugehen.
Die epochalen Veränderungen am Ende dieses Jahrhunderts sind nur
gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen nicht nur
unsere Rolle neu bestimmen, sondern auch die
Strukturen und Inhalte unserer diplomatischen Beziehungen überprüfen.
Die Bundesrepublik Deutschland ist inzwischen der
wichtigste Verbündete der Vereinigten Staaten in
Europa. Dies liegt nicht nur an der geopolitischen
Lage Deutschlands, sondern auch an der nachhaltigen
politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Unterstützung der Demokratisierungsprozesse in Osteuropa
und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Die deutsche Politik gegenüber den früheren Ostblockstaaten entspricht den amerikanischen Vorstellungen
von "safe for democracy". Es hat den Anschein, daß
Deutschland und die Vereinigten Staaten die einzigen
Länder innerhalb der Atlantischen Allianz sind, die ein
Gespür für die Bedürfnisse der aufstrebenden Staaten
in Ost- und Mitteleuropa entwickelt haben. Beide
Regierungen haben verstanden, daß eine dauerhafte
Teilung Europas in Arm und Reich nicht möglich ist,
ohne einen hohen Preis dafür zu bezahlen.
Die amerikanische Deutschlandpolitik ist deshalb weit
mehr als die Bewältigung bilateraler Angelegenheiten.
Hier geht es tatsächlich um strukturbildende Prozesse,
die durch die Übereinstimmung der Interessen zustande kommen.
Unsere Beziehungen zu Deutschland haben nach der
Vereinigung eine neue Bedeutung erlangt: Die Vereinigten Staaten müssen nicht länger die territoriale
Integrität der Bundesrepublik schützen; Deutschland
befindet sich so gesehen nicht mehr in einem sicherheitspolitischen Abhängigkeitsverhältnis. Dies ist
begrüßenswert, nicht weil wir die Bundesrepublik nicht
mehr verteidigen wollen, sondern weil das Ende des

AMERIKA DIENST 09

�Kalten Krieges uns die Mögklichkeit gibt, unsere
bilateralen Beziehungen partnerschaftlicher zu gestalten.
Ohne das Engagement der Bundesregierung sind
heute Fortschritte bei der Vertiefung und Erweiterung
der Europäischen Union nicht denkbar. Als viertgrößte
Wirtschaftsmacht der Welt nimmt die Bundesrepublik
in manchen Technologiebereichen eine Spitzenstellung ein. Das vielfach in der Presse verwendete
Bild eines Wirtschaftsriesen, der politisch wie ein
Zwerg agiert, stimmt schon lange nicht mehr.
Deutschland hat gemeinsam mit seinen Verbündeten
in vielen politischen Bereichen eine wichtige Vorreiterrolle übernommen und damit Führung gezeigt.
Die Vereinigten Staaten unterstützen diesen Prozeß
einer größeren Wahrnehmung internationaler Verantwortung durch Deutschland. Wir sind uns darüber im
klaren, daß es in der deutschen Bevölkerung und auch
in Teilen der politischen Elite Vorbehalte gegen eine
bedeutendere Rolle Deutschlands bei der Lösung
internationaler Krisen gibt. Und wir wissen auch, daß
Deutschland eine schwierige Geschichte hat.

*

AMERIKA DIENST 09

Deutschlands Beteiligung am Bosnieneinsatz der
NATO ist von großem Wert für die Kohärenz des
Atlantischen Bündnisses. Es kann nicht angehen, daß
einige Mitgliedsstaaten Truppen entsenden, während
andere dafür bezahlen.
Unsere Vorstellung von "partners in leadership" beruht
auf der Überzeugung, daß Deutschland neben seiner
ökononischen Leistungsfähigkeit auch die Möglichkeit
hat, konstruktiv zur Bewältigung von internationalen
Krisen und Konflikten beizutragen.
Lassen Sie mich zum Schluß meiner Ausführungen
kommen. Die Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt,
der sich amerikanische und deutsche Unternehmen
ausgesetzt sehen, ist kein Hindernis für die kooperative Gestaltung des bilateralen Beziehungsgeflechts.
Ich habe keinen Zweifel daran, daß die
deutsch-amerikanische Freundschaft, die auf den
gemeinsamen Idealen von Freiheit, Menschenrechten,Demokratie und Gerechtigkeit basiert, auch künftig
einen wichtigen Beitrag zu Frieden, Stabilität und
Wohlstand leisten wird. Ich danke Ihnen.

* * * *

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�LUFTFAHRT
2. Mai 1996

USA setzen sich für Offene Himmel ein
von Federico Pena

WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels ist der amerikanische Verkehrsminister
Federico Pena. Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Journal of Commerce,
16. April 1996.

Der internationale Luftverkehrsmarkt ist größer denn
je. Er bewirkt konjunkturelle Aktivität im Wert von einer
Billion Dollar und schafft mehr als 22 Millionen Arbeitsplätze. Eine Ausdehnung dieses Marktes hängt von
verstärktem Wettbewerb ab.
Jedesmal wenn wir im Bereich der Dienste internationaler Luftfahrtgesellschaften die Konkurrenz verschärfen, wächst dieser Markt beträchtlich, wird die
Beförderung für Reisende und Spediteure verbessert
und der Handel zwischen den Vereinigten Staaten und
ihren Handelspartnern verstärkt. Unsere Strategie
besteht in der Ausweitung von Dienstleistungen und
Wettbewerb, wo das möglich ist. Unsere Herausforderung liegt darin, den amerikanischen Luftverkehrsgesellschaften die Chance zu geben, diese
Dienstleistungen so effektiv und produktiv wie möglich
zu gestalten, ohne Zwängen der Regierung ausgesetzt
zu sein, die die vollständige Entwicklung des Luftverkehrsmarktes behindern.
1994 verkündete das Verkehrsministerium eine neue
Politik, sich den Ländern anzuschließen, die einen
unbeschränkten Luftverkehr anstreben. Gleichzeitig
erkannten wir, daß einige unserer Handelspartner
vielleicht nicht gewillt zur Unterstützung eines Systems
wären, das sie nicht kontrollieren und zum Schutz ihrer
eigenen Luftverkehrsgesellschaften einsetzen könnten. Wir ließen den Wunsch erkennen, beim Umgang
mit solchen Partnern flexibel genug zu sein, den Markt
langsamer zu öffnen, ohne bestehende Dienste
einzuschränken.
Unbehinderter Wettbewerb bedeutet offenen Zugang
zwischen zwei Ländern ohne Beschränkungen des
Flugpreises oder der Dienstleistungen, einschließlich

AMERIKA DIENST 09

außerhalb dieser Länder erbrachter Dienstleistungen.
Mit anderen Worten bedeutet er "Offene Himmel". Und
das ist unser oberstes Ziel.
Betrachten Sie sich nur einmal das neue Abkommen
mit Kanada, das innerhalb einer dreijährigen Übergangszeit zu einem vollständig geöffneten Markt
Dienste und Wettbewerb stark ausweitet. Bevor diese
Übereinkunft vor einem Jahr ausgehandelt wurde,
arbeiteten wir - als weltweit größter Handelspartner mit
einem Handelsvolumen von 1 Milliarde Dollar an
jedem Geschäftstag - im Rahmen eines restriktiven
Luftfahrtabkommens, das aus den sechziger Jahren
stammte.
In der zweiten Jahreshälfte 1995 verkehrten als
Ergebnis unseres neuen Abkommens 1 Million zusätzliche Reisende zwischen unseren Ländern. Der
Anstieg von Passagieren ist jetzt fünfmal so hoch wie
früher. Das Grundprinzip? Verstärkte und konkurrenzfähige Luftfahrtdienste pumpten 2 Milliarden
Dollar in unsere Volkswirtschaften.
Die Lektion lautet, daß der ökonomische Kuchen
größer für alle wird, wenn die Märkte für Luftfahrtdienste geöffnet werden. Und wir haben beträchtliche
Fortschritte dabei erzielt, unsere Handelspartner von
diesen beiderseitigen Vorteilen zu überzeugen.
Schauen Sie einmal auf das Jahr 1992 zurück, als die
internationale Situation weniger gut aussah. Länder
wie Frankreich und Thailand hatten in dem Versuch
zur Begrenzung des Wachstums von Dienstleistungen
ihre Luftverkehrsabkommen mit den Vereinigten
Staaten aufgekündigt. Deutschland drohte mit einer
Kündigung seines Abkommens. Damals war der

Seite 1

�Trend bei der internationalen Luftfahrt, sich von einer
Ausdehnung der Dienstleistungen und verstärktem
Wettbewerb zu distanzieren.
Wir haben diesen Trend wieder umgekehrt. Unter der
aktivistischen Luftfahrtstrategie Präsident Clintons
unterzeichneten wir 35 Abkommen über die Vergrößerung des Luftverkehrsmarktes - mehr als in jeder
anderen vergleichbaren Zeit in der Geschichte.
In Europa schlössen-wir kurz nach der Bekanntgabe
unserer neuen internationalen Luftverkehrspolitik
Abkommen über Offene Himmel mit neun Ländern.
Wir erzielten eine Übereinkunft über die schrittweise
Einführung von Offene Himmel mit der Tschechischen
Republik sowie über eine Liberalisierung der Dienstleistungen für die Ukraine.
In Südamerika schufen wir neue Möglichkeiten auf
dem
amerikanisch-peruanischen
und
dem
amerikanisch-brasilianischen Markt. In Asien, wo
amerikanische Luftfahrtgesellschaften mehr Erträge
erzielen als im atlantischen Raum, schlössen wir
Übereinkünfte mit Hongkong, den Philippinen, Indien
und China, die allesamt wichtige Märkte vergrößern.
Selbst die Länder, die früher vor einer Ausweitung der
Dienste zurückschreckten, haben jetzt die Vorteile des
Wachstums erkannt. Thailand unterzeichnete vor
kurzem ein neues Luftverkehrsabkommen über
zusätzliche Unternehmungen. Deutschland paraphierte kürzlich eine neue Übereinkunft über Offene
Himmel. Durch das deutsche Abkommen werden 40
Prozent des europäischen Luftverkehrsmarktes für
Wettbewerb geöffnet. Und wir erwarten bald die

Aufnahme informeller Gespräche über ein neues
Luftfahrtabkommen mit Frankreich.
So erfolgreich wir auch waren, bleibt doch immer noch
viel Arbeit zu tun. Letzte Woche traf ich bei einem
Besuch in Chile mit 34 Verkehrsministern aus der
gesamten westlichen Hemisphäre zusammen, um
Möglichkeiten für diese Region zu sondieren. Letzten
Herbst reiste ich nach Asien, um den Aufbau von
Beziehungen auf diesem wichtigen Markt fortzusetzen.
Derzeit arbeiten wir mit Polen und Ungarn an einer
Ausweitung der Dienste.
Und natürlich müssen wir uns für eine Verbesserung
der Bedingungen auf unseren beiden wichtigsten
Märkten einsetzen - Großbritannien und Japan. Die
Vereinigten Staaten und Großbritannien sollten einfach
nicht zu den restriktivsten Luftfahrtmärkten der Welt
zählen. Obwohl wir mit dem jüngsten Abkommen mit
Japan über Luftfrachtdienste zufrieden sind, das die
Chancen für beide Nationen erhöht, stellt Tokios
restriktive Haltung gegenüber der Luftfahrt weiterhin
eine große Herausforderung dar. Die Ausweitung der
Dienste zwischen den Vereinigten Staaten und diesen
wichtigen Verbündeten würde den Verbrauchern
beträchtliche Vorteile bringen und den Handel erweitern.
Das Wachstum internationaler Luftverkehrsdienste ist
entscheidend für die zukünftige wirtschaftliche Position
der Vereinigten Staaten. Wir müssen weiterhin die
Handelshemmnisse abbauen, damit unsere Gemeinden, Verbraucher und Luftfahrtgesellschaften in
der Weltwirtschaft konkurrenzfähig sind.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 09

�UMWELT
2. Mai 1996

Die globale Umwelt - Fortschritte und
Herausforderungen
von Timothy E. Wirth

WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels ist Staatssekretär für globale Angelegenheiten
im US-Außenministerium.

Zu Beginn der zweiten Hälfte der letzten Dekade des
20. Jahrhunderts gibt es Grund zur Hoffnung bei
unserem Verständnis der globalen Herausforderungen, die entscheidend für die Chancen unserer Kinder
und Enkel im 21. Jahrhundert sind, sowie bei unserer
Reaktion darauf.

politischen Kräfte integrieren und harmonisieren, die in
der heutigen Welt am Werk sind.
Tragfähige Entwicklung bietet eine Vision, die die
Herausforderung des Schutzes und Verständnisses
unserer biologischen Ressourcen als enorme Chance
für die Katalogisierung unseres Erbes und den Schutz

Weltweit definiert ein repräsentativer Querschnitt
globaler Themen zunehmend die großen Herausforderungen der Zukunft und muß in dieser Zeit
tiefgreifenden weltweiten Wandels die übergeordnete
Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft
definieren. Die Nationen fangen an, ihre Chance und
Verantwortung zu erkennen, über die derzeitige Krise
hinaus auf die tieferliegenden Gründe zu schauen, die
die Welt zunehmend komplexer gestalten und die
Prioritäten langfristiger nationaler Sicherheit und
globalen Wohlstands erneut definieren.
Zur Bewältigung dieser Herausforderungen haben die
Vereinigten Staaten die Herausforderung tragfähiger
Entwicklung - wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Fortschritte - an die oberste Stelle ihrer
internationalen Prioritäten gesetzt. Diese Art der
Integration ist unbedingt erforderlich um sicherzustellen, daß die Vereinigten Staaten und ihre globalen
Partner eine Welt gemeinsamen Wohlstands und des
Friedens fördern können, die wir alle wünschen.
Mit Hilfe tragfähiger Entwicklung können die Volkwirtschaften der Welt versuchen, die Bedürfnisse der
heutigen Generation zu decken, ohne zukünftige
Generationen ihrer Zukunft zu berauben oder diese
aufs Spiel zu setzen. Wenn die Idee tragfähiger
Entwicklung verstanden und verfolgt wird, kann sie die
äußerst mächtigen wirtschaftlichen und umwelt-

AMERIKA DIENST 09

der wunderbaren Naturprodukte sieht.
Diese Vision unterstützt das Streben nach Wissen:
Die Aufdeckung der Geheimnisse der Ozeane,
Atmosphäre und Biosphäre, um zu verstehen, wie sie
einzeln und in Interaktion funktionieren - eine großartige Chance.
Diese Vision erkennt klar die Chance für Welthandel
und die Notwendigkeit der Pflege und Vergrößerung
der Familie demokratischer, freier Marktwirtschaften,
damit in jeder Nation Armut und menschliches Elend
abgeschafft und die grundlegenden Bedürfnisse des
Menschen gedeckt werden.
Und es gibt ermutigende Zeichen der Hoffnung:
Hier in den Vereinigten Staaten sind zwei Jahrzehnte
vergangen, seit das Gesetz über nationale Umweltpolitik, das Gesetz zur Reinhaltung der Luft, das
Gesetz zur Reinhaltung des Wassers, das Artenschutzgesetz sowie eine Vielzahl von Maßnahmen auf
nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler Ebene
angenommen wurden.
Infolgedessen atmen wir
Amerikaner sauberere Luft, können besser in unseren
Flüssen Fische fangen und schwimmen und haben
mehr Naturschutzgebiete.

Seite 1

�In ähnlicher Weise hat sich die Privatindustrie als
Reaktion auf die Wünsche der Öffentlichkeit und auf
neue Märkte dramatisch verändert. Das Ergebnis sind
nicht nur zahlreiche Beispiele für kreative Strategien
zur Verhinderung von Verschmutzung, sondern auch
erhöhte Effizienz, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.
Auf internationaler Ebene wurden große Fortschritte
erzielt, die noch nicht bewältigten gesundheitlichen
Anforderungen und explosiven Wachstumsraten der
Bevölkerung aus der Vergangenheit anzugehen.
Globale Zusammenarbeit war von wesentlicher
Bedeutung bei der stufenweisen Reduzierung von die
Ozonschicht schädigenden Chemikalien. Zum Nutzen
aller Nationen - großer und kleiner, reicher und armer wurden bemerkenswerte Fortschritte im Bereich von
Wirtschaft und Umwelt gemacht.
Wissenschaft und Medizin haben beispielsweise zur
Eindämmung und Ausrottung weitverbreiteter Infektionskrankheiten beigetragen. Masern, Pocken und
Polio - vor nur 30 Jahren große weltweite Probleme werden in praktisch jeder Region der Welt lediglich
unter Kontrolle gehalten, sind aber noch nicht ausgerottet. Die internationale Staatengemeinschaft entwikkelt derzeit einen Impfstoff für Kinder, der diese gegen
eine Vielzahl leicht zu verhütender Krankheiten impft.
Diese Bestrebungen demonstrieren eindeutig, daß wir
die Fähigkeit besitzen, auf die besten Informationen zu
reagieren, die Wissenschaftler über den Zustand der
Umwelt und der Welt zur Verfügung stellen. Und das
entscheidende Kriterium dafür sind Partnerschaften zwischen Wissenschaftlern und Politikern, dem
öffentlichen und Privatsektor sowie zwischen Industrieund Entwicklungsländern.
Es bleiben jedoch noch viele Herausforderungen
bestehen, die bisherige Partnerschaften auf die Probe
stellen und die Bildung neuer Koalitionen für die
Zukunft erfordern.
Erstens muß die Bevölkerungsexplosion an oberster
Stelle der Tagesordnung für nachhaltige Entwicklung
stehenbleiben. Glücklicherweise haben wir eine
bemerkenswerte Tagesordnung - das bei der internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung
im Jahr 1994 in Ägypten vereinbarte Aktionsprogramm. Es steht für die bedeutenden Werte und
wichtigen Lektionen, die wir in den vergangenen 25
Jahren gelernt haben: Daß umfassende Bestrebungen
- von der universellen Bereitstellung von Familienplanung und Dienstleistungen für reproduktive Gesundheit bis zu drastisch verbesserten Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und die Konzentration auf
die Bekämpfung der Kindersterblichkeit, intakte
Familien und die Beteiligung von Kommunen - unerläßlich für internationale Bestrebungen sind um
sicherzustellen, daß die Menschen überall auf der Welt

Seite 2

in der Lage sind, über die Anzahl ihrer Kinder und den
Zeitraum zwischen ihren Geburten frei zu entscheiden.
Elementarer Bestandteil dieser Strategie ist die
Förderung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte von Frauen - der außerordentlich wichtigen Ressourcen für Wachstum und Wandel. Die
Früchte dieser Initiativen - im Hinblick auf Stabilität,
Qualität der Umwelt und wirtschaftliche Produktivität werden die Kosten auf Generationen hinaus aufwiegen.
Die gesundheitliche Grundversorgung wäre eine
weitere kluge Priorität für die internationale Staatengemeinschaft, die mit relativ geringen globalen Kosten
erzielt werden kann. Um nur ein Beispiel zu nennen:
Wir müssen zusammenarbeiten, um Gedanken
auszutauschen und ein globales Überwachungs- und
Reaktionsnetz auszuarbeiten, damit wir die neu und
wieder auftretenden Infektionskrankheiten in den Griff
bekommen. Eine Partnerschaft zwischen Forschungsinstitutionen und dem Privatsektor wird unabdingbar
sein, wenn wir kostengünstige und effektive Diagnosemöglichkeiten für ansteckende Krankheiten entwickeln
sowie die Ausbildung von Allgemeinmedizinern und
Amtsärzten verbessern wollen, damit sie Infektionskrankheiten erkennen und behandeln können.
Die Ausrottung von vier wichtigen, leicht vermeidbaren
Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten und
Polio -, die Beseitigung von Jod- und Vitiamin AMangel sowie die globale Verfügbarkeit einer oralen
Rehydrationstherapie können bis Anfang des nächsten
Jahrhunderts leicht bewirkt werden.
Erfolgreich
durchgeführt würden diese Maßnahmen allein jährlich
3 bis 4 Millionen Menschenleben retten und vielleicht
mehr als 20 Millionen frühe Kindstode verhindern,
unermeßliches, unnötiges Leiden mildern und einen
maßgeblichen Beitrag zur Erleichterung des Drucks
auf größere Familien leisten.
Besseres Verständnis und die Integration von Umweltin Wirtschaftsfragen werden ebenfalls bedeutend zu
tragfähiger Entwicklung beitragen. Die Kosten richtig
festzusetzen, ist eine elementare Aufgabe.

Die

Nationen - einschließlich der Vereinigten Staaten können nicht länger davon ausgehen, daß wir keinen
Preis dafür zahlen müssen, wenn wir die Luft verschmutzen oder unsere Ressourcen erschöpfen. Statt
dessen müssen wir Wege zur Internalisierung dieser
Kosten finden und es dem Markt gestatten, zur
Feststellung der effizientesten Mittel zur Verwirklichung
unserer Umweltziele beizutragen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel und anderen großen
Herausforderungen der globalen Umwelt stehen.
Die Bekämpfung von Hungersnöten und die Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung wird zahlreiche Sektoren vor eine Herausforderung stellen Forschung, Landwirtschaft und Regierung gleicherma-

AMERIKA DIENST 09

�ßen. Die grüne Revolution des vergangenen Vierteljahrhunderts hat zur Bereitstellung von Grundnahrungsmitteln für die wachsende Bevölkerung beigetragen, aber während die Bevölkerung weiterhin
zunimmt, trifft dies für das Ackerland nicht zu. In der
Tat scheinen landwirtschaftlicher Raubbau und die
zunehmende Anfälligkeit von Ernten - der Preis für den
intensiven Einsatz von Düngemitteln und chemischen
Pestiziden - eine der größten Herausforderungen der
Zukunft zu sein.
Und schließlich sind Bildung und Forschung grundlegend, wenn wir das für nachhaltige Entwicklung
erforderliche Wissen und die Erkenntnisse erlangen
wollen. Unsere Schulen und Colleges benötigen
Informationen über die fundamentalen Lebenssysteme
sowie die verschlungenen Beziehungen zwischen
Zivilisation und Natur. Noch größere Anstrengungen
sind für die Aufklärung der Öffentlichkeit erforderlich,

*

AMERIKA DIENST 09

die die zahlreichen Elemente nachhaltiger Entwicklung
versteht. Die neuen Bildungs- und Kommunikationstechnologien werden zur Bewältigung dieser Herausforderung beitragen, aber es gibt keinen Ersatz für
engagierte Studien von Menschen aller Altersgruppen.
Damit wir nicht unsere Kinder ihrer Zukunft berauben,
müssen wir klarstellen, daß tragfähige Entwicklung
eine echte Herausforderung und unglaubliche Chance
ist. Wir müssen unter Beweis stellen, daß Hoffnung
und harte Arbeit die Gegenpole zu Angst vor Wandel
und Widerstand dagegen sind. Wir müssen den
großen Herausforderungen mit erneuter Kreativität und
der mächtigen Kraft der Erfindungsgabe begegnen.
Wir müssen die Diskussion verlagern - von einer, die
häufig wissenschaftliche Themen als Hindernis zu
Wegen der Vergangenheit brandmarkt, zu einer, die
sie als Chancen für neue Ideen, neue Produkte und
eine bessere Lebensqualität für die Zukunft sieht.

* * *

*

Seite 3

�TELEKOMMUNIKATION
2. Mai 1996

Liberalisierung des globalen
Telekommunikationshandels
von Reed Hundt

WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels ist Vorsitzender der amerikanischen
Bundesbehörde für das Fernmeldewesen (Federal Communications Commission - FCC).

Das Thema dieser vom US-Informationsamt (United
States Information Agency - USIA) herausgegebenen
Erstausgabe des elektronischen Journals könnte nicht
aktueller sein. Der Handel mit Dienstleistungen ist
einer der wichtigsten Motoren der Weltwirtschaft.
Dienstleistungen bilden einen großen und zunehmenden Bestandteil aller entwickelten Volkswirtschaften,
und Telekommunikationsdienste sind ein bedeutendes
und rasch wachsendes Segment des Dienstleistungssektors der Weltwirtschaft. Aus diesem Grund erklärte
Renato Ruggiero, der Generaldirektor der Welthandelsorganisation (World Trade Organization WTO), die Verhandlungsgruppe für grundsätzliche
Telekommunikationsdienste (Negotiating Group on
Basic Telecommunications - NGBT) sei die wichtigste
Aktivität der WTO.
Natürlich sind die Telekommunikationsdienste ein
wachsender Sektor der Volkswirtschaft, weil sie für
viele andere Sektoren von Bedeutung sind - sowohl
Güter- als auch Dienstleistungsindustrien. Die Finanzdienstleistungen, juristischen Dienstleistungen und die
Luftfahrtindustrie - um nur einige zu nennen - hängen
zur Erfüllung des Bedarfs ihrer Kunden maßgeblich
von zuverlässigen, finanzierbaren Telekommunikationsdienstleistungen ab. Entsprechend greift die
Fertigungsindustrie auf Telekommunikationsdienstleistungen für die jeweiligen Stationen des Produktionsprozesses zurück, von Produktgestaltung bis zur
Produktverteilung, Verkauf und Wartung. Und natürlich hat auch die explosionsartige Zunahme des
verfügbaren Inhalts - einschließlich Unterhaltung,
Unternehmensinformation und Unterrichtsmaterial das Wachstum der Telekommunikationsdienste
beschleunigt.

AMERIKA DIENST 09

Es gibt jedoch noch einen anderen Grund, warum
grundsätzliche Telekommunikationsdienste so rasch
zunehmen, und das ist der globale Trend zur Liberalisierung grundsätzlicher Telekommunikationsdienste.
In den Vereinigten Staaten gibt es seit vielen Jahren
Wettbewerb bei zahlreichen Bereichen der Telekommunikationsdienste - vor allem bei Fernmelde- und
internationalen Telekommunikationsdienstleistungen.
Im letzten Jahrzehnt konnten wir eine dramatische
Zunahme an Telekommunikationsgesellschaften, bei
den von diesen Gesellschaften angebotenen Dienstleistungen und beim auf ihren Netzen abgewickelten
Fernmeldeverkehr insgesamt beobachten. Gleichzeitig sind die Preise beträchtlich gefallen. In der Tat
hat AT&amp;T - noch immer die größte Gesellschaft für
Fern- und Auslandsgespräche - seit der Aufhebung
des Monopols mehr als ein Drittel ihres Marktanteils
verloren. Die Gesellschaft hat darauf mit einer maßgeblichen Senkung ihrer Gebühren reagiert. Das
Ergebnis ist, daß AT&amp;T heute höhere Bruttoeinnahmen
und höhere Gewinne verzeichnet als vor dem Wettbewerb - vor allem, weil die Nutzung des Netzes der
Gesellschaft so stark zugenommen hat.
Der Erfolg des Wettbewerbs hat den Appetit nach
mehr Wettbewerb angeregt.
Die amerikanische
Bundesbehörde für das Fernmeldewesen FCC
unterstützte verschärften Wettbewerb bei drahtlosen
Telekommunikationsdienstleistungen, dem am schnellsten wachsenden Segment der Telekommunikationsindustrie, indem sie Hunderte von Lizenzen zur
Versteigerung anbot, um eine neue Generation von
Funkdienstleistungen bereitzustellen. Ferner öffnete
die FCC im November letzten Jahres den amerikanischen Markt für alle Nationen, indem sie neue

Seite 1

�Vorschriften über den Zugang ausländischer Unternehmen zum US-Markt erließ.

markte aller großen Handelsnationen der Welt für
freien und fairen Wettbewerb öffnen.

Am wichtigsten ist, daß Präsident Clinton dieses Jahr
das historische neue Telekommunikationsgesetz
unterzeichnete, das von beiden Häusern des Kongresses nahezu einstimmig angenommen wurde.
Diese neue Gesetzgebung dient als Entwurf für die
Einführung weiteren Wettbewerbs in alle Bereiche der
Kommunikationsindustrie. Meine Kollegen in der FCC
und ich arbeiten bereits hart an Vorschriften, die
Telefongesellschaften die Bereitstellung von Videodiensten und Kabelgesellschaften von Telekommunikationsdiensten gestatten, die örtlichen Unternehmen
das Anbieten von Fernmeldediensten und Fernmeldegesellschaften die Bereitstellung örtlicher Dienstleistungen erlauben. Und schließlich werden diese
neuen Bestimmungen der amerikanischen Öffentlichkeit ermöglichen, die Früchte all diesen Wettbewerbs
zu genießen.

Natürlich habe ich als für das Telekommunikationswesen Verantwortlicher noch weitere Pflichten als die
bloße Gewährleistung funktionierender Märkte. Das
neue Telekommunikationsgesetz der Vereinigten
Staaten macht sehr deutlich, daß das herkömmliche
Ziel universeller Dienstleistungen weiterhin im Vordergrund der amerikanischen Telekommunikationspolitik
steht. Ferner bekräftigt das Telekommunikationsgesetz auch die amerikanische Erfahrung, daß
Wettbewerb der beste Weg zur Gewährleistung
universeller Dienstleistungen ist. In den Vereinigten
Staaten - und auf jedem anderen liberalisierten
Telekommunikationsmarkt der Welt - hat Wettbewerb
universelle Dienstleistungen gefördert, nicht behindert.
Ein konkurrenzfähiger Telekommunikationsmarkt
schafft Anreize für die Gesellschaften, die Informationsinfrastruktur auszubauen. Faire Investitions- und
Wettbewerbsregeln werden die innovativsten Unternehmer aus jeder Nation ermutigen, allen Völkern
moderne
Telekommunikationsdienstleistungen

Die Vereinigten Staaten sind weiterhin führend bei der
weltweiten Revolution der Telekommunikationsdienste,
aber die Woge der Liberalisierung erfaßt eindeutig die
ganze Welt. In Europa, Asien, Lateinamerika praktisch überall auf der Welt - haben die Regierungen
erkannt, daß diese boomende Industrie von Wettbewerb lebt.
Aus diesem Grund hat Renato Ruggiero Recht, wenn
er auf die große Bedeutung der Arbeit der NGBT
hinweist. Wenn diese Verhandlungen erfolgreich sind,
werden sie auf einen Schlag die Telekommunikations-

anzubieten.
Daher rufe ich meine Kollegen in den Kommunikationsministerien auf der ganzen Welt dazu auf, gemeinsam
mit uns die globale Informationsinfrastruktur aufzubauen. Die vor dem Abschluß stehenden Verhandlungen der WTO bieten hierzu die beste Gelegenheit
und werden sicherstellen, daß eine immer globalere
Industrie von wirklich globalem Wettbewerb profitiert.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 09

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Japan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-japanische Partnerschaft ist Grundstein asiatischer Stabilität&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Terrorismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Terrorismus darf nicht den Traum vom Frieden im Nahen Osten zerstören&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die künftige Tagesordnung der internationalen Zusammenarbeit und Integration aus amerikanischer Sicht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von James D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Perspektiven der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Luftfahrt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA setzen sich für offene Himmel ein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Federico Pena&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die globale Umwelt - Fortschritte und Herausforderungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Timothy E. Wirth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Telekommunikation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Liberalisierung des globalen Telekommunikationshandels&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Reed Hundt&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
17. April 1996

08

UMWELT

AMERIKANISCHE DIPLOMATIE UND DIE
GLOBALEN UMWELTPROBLEME DES
21. JAHRHUNDERTS
Rede von Außenminister Christopher

USA-EUROPA

DIE VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
GLOBALE HERAUSFORDERUNGEN UND
GLOBALE ANTWORTEN
Rede von Botschafter Charles E. Redman

EUROPA SOLLTE NICHT NUR UNTER DEM
ASPEKT DER OST-WEST-BEZIEHUNGEN
GESEHEN WERDEN
Rede von General John Sheehan

BOSNIEN

DER WIEDERAUFBAU BOSNIENS
von Lawrence H. Summers

MENSCHENRECHTE

FRAUENRECHTE SIND MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafterin Ferraro

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�-

•«
•

�UMWELT
17. April 1996

Amerikanische Diplomatie und die globalen
Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts
Rede von Außenminister Christopher

PALO ALTO - (AD) - In einer Rede vor der Stanford University erklärte Außenminister Warren Christopher am 9.
April 1996, die Vereinigten Staaten müßten sich "der Herausforderung stellen, globale Umweltfragen zu einem
wesentlichen Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik zu machen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Außenministers.

Vielen Dank für die freundliche Einführung. Es ist mir
eine besondere Ehre, daß Gerhard die einleitenden
Worte gesprochen hat, den ich seit vielen Jahren
kenne und schätze. Selbst wenn ich meine persönlichen Verbindungen außer acht lasse, kann ich mir
keinen besseren Ort für meine heutigen Ausführungen
über die globalen Umweltprobleme vorstellen als diese
Universität. Von der Gründung des Sierra Club im
Jahr 1892 bis zum ersten Tag der Erde im Jahr 1970
haben die Fakultätsmitglieder und Studenten der
Stanford University Bestrebungen zum Erhalt der
natürlichen Ressourcen unseres Landes für künftige
Generationen angeführt. Ihre Zentren für Naturschutz
und die Funktionsweise des globalen Ökosystems
haben Pionierarbeit geleistet. Ich möchte hinzufügen,
daß ich persönlich äußerst dankbar für die Arbeit von
Mr. Montgomery und Mr. Willingham bin, die sich für
die Kontrolle der kalifornischen Bärenpopulation
einsetzen.
Unter der starken Führung von Präsident Clinton und
Vizepräsident Gore hat unsere Administration von
Anfang an erkannt, daß unsere Fähigkeit zur Förderung unserer globalen Interessen untrennbar mit der
Art und Weise verbunden ist, in der wir die natürlichen
Ressourcen der Erde verwalten. Aus diesem Grund
haben wir beschlossen, Umweltfragen dort auf die
Tagesordnung zu setzen, wo sie hingehören: Ins
Zentrum der amerikanischen Außenpolitik. Ich weiß
diese Gelegenheit außerordentlich zu schätzen,
unsere weitreichende Tagesordnung zur vollständigen
Integration unserer Umweltziele in unsere Diplomatie
und unsere Prioritäten für die Zukunft darzulegen.

AMERIKA DIENST 08

Die Umwelt hat in zweierlei Weise tiefgreifende
Auswirkungen auf unsere nationalen Interessen:
Erstens überschreiten Umweltbelange Grenzen und
Ozeane und bedrohen direkt die Gesundheit, den
Wohlstand und die Arbeitsplätze amerikanischer
Bürger. Zweitens ist es häufig entscheidend für die
Erlangung von politischer und wirtschaftlicher Stabilität
sowie die Verfolgung unserer strategischen Ziele auf
der Welt, das Thema natürliche Ressourcen anzusprechen.
Die Vereinigten Staaten übernehmen die Führungsrolle
bei der Förderung von Frieden und Wohlstand weltweit. Wir müssen auch beim Schutz der globalen
Umwelt führend sein, von der Wohlstand und Frieden
letztlich abhängen.
Im Jahr 1946, als ich als Jurastudent nach Stanford
kam, war die Verbindung zwischen Umwelt und
Außenpolitik nicht so offenkundig. Im Inland erlebten
die Amerikaner eine Periode beispiellosen Wohlstands, der durch anscheinend unerschöpfliche
Ressourcen genährt wurde. Im Ausland begannen wir
uns auf den Kampf zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion zu konzentrieren. Und ich
versuchte, die Tücken von Verträgen, Delikten und
sogenannten Rechtsmitteln in den Griff zu bekommen,
die von der Stanforder Version von John Houseman
gelehrt wurden. Ich versuchte auch, den hohen
Standards gerecht zu werden, die ein junger neuer
Dekan, Carl Spaeth, setzte, der gerade eine äußerst
vielversprechende Karriere im Außenministerium
aufgegeben hatte, um nach Stanford zu kommen, und

Seite 1

�der als erster mein Interesse an der Arbeit weckte, mit
der ich mich nun täglich befasse.
Aber seit 1946 haben Bevölkerungswachstum,
wirtschaftlicher Fortschritt und technologische Neuerungen unsere Welt grundlegend umgestaltet. Es
dauerte mehr als 10.000 Generationen, um eine
Weltbevölkerung von gerade zwei Milliarden zu
erreichen. Allein während der Dauer meines Lebens eine Periode, die vielen der Studenten im Auditorium
als eine Ewigkeit erscheinen mag - hat sich die
Weltbevölkerung auf über fünfeinhalb Milliarden
nahezu verdreifacht.
Aufgrund dieser Veränderungen sind unsere globalen
Ressourcen enormem Druck ausgesetzt. Von 1960
bis 1990 schrumpften die Wälder weltweit in einem
Ausmaß, das der Hälfte des Landgebiets der Vereinigten Staaten entspricht. Zahllose Tierarten und
Pflanzen sind vom Aussterben bedroht, darunter viele
mit potentiellem Wert für die Landwirtschaft und
Medizin. Die Luft- und Wasserverschmutzung bedroht
unsere Gesundheit und unsere Zukunft.
Bei der Umsetzung der amerikanischen Außenpolitik
werden wir natürlich unsere Diplomatie unterstützt von
starken Streitkräften einsetzen, um herkömmliche
Bedrohungen unserer Sicherheit ebenso zu bewältigen
wie neue Bedrohungen in Form von Terrorismus,
Weiterverbreitung von Waffen, Drogenhandel und
internationalem Verbrechen. Wir müssen jedoch auch
die enorme neue Gefahr in den Griff bekommen, der
unsere nationalen Interessen durch die Zerstörung der
Umwelt ausgesetzt sind und die zu globaler und
regionaler Instabilität führen.
Als das Flaggschiff der amerikanischen Außenpolitik
muß das Außenministerium Bestrebungen der Regierung zur Bewältigung dieser Umweltbedrohungen
anführen.
Zusammen mit anderen Regierungsbehörden setzen wir unsere Umweltprioritäten - global,
regional, bilateral und in Partnerschaften mit Unternehmen und nichtstaatlichen Organisationen. Jede dieser
vier Dimensionen ist unerläßlich für den Erfolg unserer
Strategie.

verändernder Stürme. Gefährliche Chemikalien wie
PCB und DDT, die hier verboten sind aber andernorts
noch verwendet werden, legen in der Luft und im
Wasser große Entfernungen zurück. Die Überfischung
der Weltmeere hat Tausende Amerikaner arbeitslos
gemacht. Eine Außenpolitik, die diese Probleme nicht
anspricht, würde die Bedürfnisse des amerikanischen
Volkes ignorieren.
Jede Nation muß individuell Schritte zur Bekämpfung
dieser Umweltbedrohungen unternehmen - wir werden
jedoch keinen Erfolg haben, wenn wir sie nicht gemeinsam effektiv angehen. Von dieser Erkenntnis waren
die bahnbrechenden Bestrebungen der Vereinten
Nationen bei der Stockholmer Konferenz über das
menschliche Umfeld vor 25 Jahren und dem historischen Gipfel von Rio über Umwelt und Entwicklung vor
vier Jahren geleitet. Dort erarbeitete die internationale
Staatengemeinschaft eine neue globale Verpflichtung,
"das Ökosystem der Erde zu erhalten, zu schützen und
wiederherzustellen" sowie wirtschaftliche Entwicklung
in einer Weise zu fördern, die auch unsere natürlichen
Ressourcen erhält.
Seit Rio haben die Vereinigten Staaten ihre globalen
Bestrebungen intensiviert. Wir waren führend bei der
Erlangung eines Abkommens über das schrittweise
Verbot von die Ozonschicht schädigenden Substanzen, bei einem Verbot der Entsorgung von gering
radioaktivem Giftmüll im Meer sowie bei der Erarbeitung eines Konsenses in Kairo über die Stabilisierung des Weltbevölkerungswachstums.
Wir arbeiten an der Reform und Stärkung der wichtigsten Programme der Vereinten Nationen für Umwelt
und tragfähige Entwicklung. Wir haben mit der
Weltbank zusammengearbeitet, um solide umweltpolitische Maßnahmen in Kreditvergabeprogramme
einzubeziehen und Projekte über die globale Umweltfazilität zu finanzieren, die direkt unserer Gesundheit und unserem Wohlstand zugute kommen. Und
über die neue Welthandelsorganisation versuchen wir,
die komplexen Spannungen zwischen der Förderung
von Handel und dem Schutz der Umwelt zu lösen - und
sicherzustellen, daß das eine nicht auf Kosten des

anderen geht.
Erstens muß unser Ansatz zu diesen Problemen global
sein, weil Umweltverschmutzung keine Grenzen
respektiert und die wachsende Nachfrage nach
begrenzten Ressourcen in einem Teil der Welt unweigerlich Druck auf die Ressourcen in anderen ausübt.
In den Vereinigten Staaten leiden die Amerikaner unter
den Konsequenzen der Umweltzerstörung, die weit
von unseren Grenzen entfernt stattfindet. Durch
Kraftwerke, Autos und brennende Wälder auf der
ganzen Welt freigesetzte Treibhausgase beeinträchtigen unsere Gesundheit und unser Klima und
verursachen potentiell Schäden in Milliardenhöhe
aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels und sich

Seite 2

In diesem Jahr werden wir mit der Aushandlung von
Abkommen mit dem Potential beginnen, 1997 zum
wichtigsten Jahr für die Umwelt seit dem Gipfel von Rio
zu machen. Wir streben eine Einigung bezüglich der
weiteren Verringerung der Treibhausgase an, um die
Auswirkungen auf den Klimawandel auf ein Minimum
zu reduzieren. Wir werden eine Führungsrolle in dem
internationalen Prozeß zur Inangriffnahme der durch
toxische Chemikalien verursachten Probleme übernehmen, die in unseren Boden und in unser Wasser
gelangen und sie über Generationen hinweg vergiften.
Wir werden eine Strategie für die nachhaltige Bewirtschaftung der weltweiten Wälder entwickeln - eine

AMERIKA DIENST 08

�Ressource, die jede große Zivilisation als "unerläßlich
für den Fortbestand des Lebens" entdeckt hat, wie der
römische Historiker Pliny einmal schrieb. Wir werden
mit dem Kongreß bei der Ratifizierung der Konvention
über die Artenvielfalt zusammenarbeiten, die Vorteile
für die amerikanische Landwirtschaft und Unternehmen verspricht. Wir streben ferner die Ratifizierung
des Seerechts-Vertrags an, der unseren Zugang zu
ozeanischen Ressourcen gewährleistet. Wir werden
die erforderliche Führungsrolle übernehmen um
sicherzustellen, daß der UN-Gipfel in Istanbul im Juni
dieses Jahres die drängenden Probleme wirksam in
Angriff nimmt, die mit dem explosionsartigen Wachstum der Städte in den Entwicklungsländern einhergehen.
Das Außenministerium wird Ende 1997 eine Konferenz
über Strategien zur Verbesserung der Einhaltung
internationaler Umweltabkommen veranstalten - um
sicherzustellen, daß diese Abkommen dauerhafte
Ergebnisse und nicht nur Versprechungen hervorbringen.
Das ist eine beeindruckende globale Tagesordnung.
Die Erlangung dieser Ziele wird Zeit und Durchhaltevermögen erfordern. Aber ich erinnere mich oft an
Don Kennedys Rat an Collegeabsolventen, "sich einen
höheren Standard zu setzen, als man bequem erreichen kann".
Das zweite Element unserer Strategie - das regionale
Element - besteht in der Inangriffnahme der Umweltverschmutzung und dem Mangel an Ressourcen in
Bereichen, in denen sie die Spannungen innerhalb und
zwischen Nationen dramatisch verschärfen. Das ist
nirgendwo offenkundiger als in den ausgedörrten
Tälern im Nahen Osten, wo der Kampf um Wasser
direkte Auswirkungen auf die Sicherheit und Stabilität
hat. Bei meinen zahlreichen Reisen in die Region
habe ich gesehen, wie rasches Bevölkerungswachstum und Umweltverschmutzung Streitigkeiten über die
Wasservorräte verschärfen können, die so alt sind wie
das Alte Testament. Schimon Peres hat einmal zu mir
gesagt: "Der Jordan führt mehr Geschichte mit sich als
Wasser." Wir helfen den Parteien im Nahostfriedensprozeß bei der Verwaltung der Wasserressourcen der
Region - um eine Quelle des Konflikts zu einer Kraft
des Friedens zu machen.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der Aufbau
stabiler marktwirtschaftlicher Demokratien in der
ehemaligen Sowjetunion und in Zentraleuropa unsere
eigene Sicherheit verstärken wird. Damit diese neuen
Nationen Erfolg haben, müssen wir ihnen jedoch bei
der Säuberung der giftigen Fabriken, der rußgeschwängerten Luft und verschmutzten Flüsse helfen,
die ein bitteres Vermächtnis des Kommunismus sind.
Die Erfahrung dieser Region demonstriert, daß
Regierungen, die ihre Bürger zu häufig ausbeuten,

AMERIKA DIENST 08

allzu häufig ein ähnliches Konzept für die Umwelt
haben.
Vor drei Wochen ging ich in Kiew über die Kinderstation eines Krankenhauses, das die Opfer des
Reaktorunfalls von Tschernobyl behandelt. Ich sah mit
eigenen Augen die Schäden, die diese Katastrophe,
die sich vor zehn Jahren ereignete, immer noch den
Menschen der Region zufügt. Wir helfen der Ukraine
sicherzustellen, daß es kein zweites Tschernobyl
geben wird. In Zentralasien sind wir den Nationen
dabei behilflich, sich von den sowjetischen Bewässerungspraktiken zu erholen, die einen Großteil des
Aralsees austrocknen ließen.
Unser regionales
Umweltzentrum in Budapest unterstützt die Bürgerrechtsgruppen in Zentraleuropa, die unerläßlich für
eine gesunde Demokratie und eine gesunde Umwelt
sind.
Die Vereinigten Staaten haben ebenfalls großes
Interesse an der Konsolidierung demokratischer
Institutionen und Öffnung von Märkten in ihrer Hemisphäre.
Zur Vertiefung des bemerkenswerten
Umgestaltungsprozesses, der derzeit in Lateinamerika
und der Karibik stattfindet, fördern wir die Agenda für
tragfähige Entwicklung, die unsere 34 Demokratien
beim gesamtamerikanischen Gipfel in Miami annahmen. Um der Demokratie zum Erfolg zu verhelfen,
müssen wir beispielsweise die Belastung durch
Abholzung und schnelles Bevölkerungswachstum
beseitigen, die sich auf den kahlen Hügeln und
überfüllten Straßen Haitis manifestiert.
Zur Aufrechterhaltung unseres Wohlstands müssen wir die
reiche Vielfalt des Lebens bewahren, die ich im
Regenwald am Amazonas sah. Damit die Wunden
alter Konflikte verheilen können, müssen wir die
Umweltschäden beseitigen, die wirtschaftliche Chancen verringern und illegale Einwanderung aus El
Salvador bewirkten. Und um zur Bekämpfung von
Drogenhandel und -kriminalität beizutragen, ermutigen
wir eine tragfähige Landwirtschaft als Alternative zum
Anbau von Mohn für die Opiumherstellung sowie
Kokapflanzen von Guatemala bis Kolumbien. Diese
Ziele werden beim Gipfel über tragfähige Entwicklung
im Dezember in Bolivien ganz oben auf unserer
Tagesordnung stehen.
In Afrika zielen unsere umweltpolitischen Bestrebungen darauf ab, Tausende von Menschenleben zu
retten, bewaffnete Konflikte zu verhüten und die
Notwendigkeit einer kostspieligen internationalen
Intervention zu vermeiden. Unsere Initiative für das
Hörn von Afrika befaßt sich beispielsweise mit den
Wurzeln der Umweltprobleme, durch die eine Dürre
zur Hungersnot und eine Hungersnot zum Bürgerkrieg
werden kann. Wir dürfen nicht die harten Lektionen
aus Ruanda vergessen, wo erschöpfte Ressourcen
und übermäßiges Bevölkerungswachstum die politischen und wirtschaftlichen Zwänge verschärften, die
schließlich in einer der größten Tragödien dieses

Seite 3

�Jahrzehnts eskalierten. Ferner haben wir ein nationales Interesse daran, den Nationen der Region bei
der Bewältigung der AIDS-Krise zu helfen, die eine
ganze Generation junger Afrikaner dezimiert und die
wirtschaftlichen Ressourcen verschwendet, die
afrikanische Nationen so dringend benötigen, um
stabile Regierungen und eine bessere wirtschaftliche
Zukunft zu schaffen.
Zur Intensivierung unserer regionalen umweltpolitischen Bestrebungen werden wir in den Botschaften
von Schlüsselländern Umweltzentren einrichten.
Diese sollen sich mit drängenden Fragen regionaler
natürlicher Ressourcen befassen, Ziele tragfähigen
Wachstums fördern und amerikanische Unternehmen
beim Verkauf von Umwelttechnologie, bei der sie
führend sind, unterstützen.
Das dritte Element unserer Strategie ist die bilaterale
Arbeit mit bedeutenden Partnern auf der ganzen Welt,
angefangen natürlich mit unseren Nachbarn. Sei es
der Fischfang an der Georges Bank oder im Golf von
Mexiko oder sauberes Trinkwasser von den Great
Lakes oder dem Rio Grande - wir können unsere
Umweltinteressen nicht von denen Kanadas oder
Mexikos trennen.
Wir erweitern unsere jahrhundertealte Zusammenarbeit mit Kanada, um in der Region der Great Lakes
sauberes Wasser zu gewinnen und sie vor Überschwemmungen zu schützen. Wir verbessern den
Naturschutz in unseren angrenzenden Nationalparks.
Im Rahmen der amerikanisch-kanadischen gemeinsamen Kommission schützen wir die Gesundheit des
Menschen und die natürlichen Lebensräume. Und wir
bilden mit allen unseren Nachbarn im Norden eine
Partnerschaft zum Schutz dieser gefährdeten Region.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen mit Mexiko haben
seit der Inkraftsetzung des Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens NAFTA vor zwei Jahren an
Bedeutung zugenommen. Im Rahmen der Zusatzabkommen des NAFTA über die Umwelt riefen wir
neue Institutionen ins Leben, die Gemeiden auf beiden
Seiten der Grenze beim Schutz gemeinsamer natürlicher Ressourcen Beistand leisten sollen. Gegen Ende
dieses Frühlings werden wir ein innovatives Programm
ins Leben rufen, das führende Wirtschafts- und
Regierungsvertreter aus Texas, New Mexiko und
Ciudad Juarez beim Kampf gegen eine der weltweit
stärksten Luftverschmutzungen unterstützen soll.
Wenn die Kabinette unserer beiden Nationen kommenden Monat in Mexiko City zusammentreffen, werde ich
die Bedeutung einer fortgesetzten Stärkung von
Umweltnormen durch Mexiko unterstreichen.
Im Rahmen unserer gemeinsamen Agenda mit Japan
bündeln die beiden größten Volkswirtschaften der Welt
ihre Ressourcen und Expertise, um das Bevölkerungswachstum zu stabilisieren, Polio auszurotten, AIDS zu

Seite 4

bekämpfen und neue "grüne" Technologien zu entwikkeln.
Unsere neue transatlantische Agenda mit der Europäischen Union verstärkt unsere globalen Bestrebungen
bei Fragen wie Klimawandel und toxischen Chemikalien. Gemeinsam fördern wir bereits unsere Umweltziele in Zentraleuropa und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Rußland und China werden beide mit großen Umweltproblemen konfrontiert, die tiefgreifende Auswirkungen
auf ihre - und unsere - Zukunft haben werden.
In Rußland könnte das Schicksal der Demokratie von
ihrer Fähigkeit abhängen, den Lebensstandard des
russischen Volkes anzuheben und der schockierenden
Abnahme der Lebenserwartung Einhalt zu gebieten.
Von Murmansk bis Wladiwostok werden unzureichend
gesicherte Lagerstätten mit nuklearen Abfällen noch
über Jahrhunderte hinaus eine Gefahr für das menschliche Leben darstellen. Wirtschaftsreformen werden
nicht ihr volles Potential entfalten, wenn ein Sechstel
der russischen Landmasse so verschmutzt bleibt, daß
sie selbst für industrielle Zwecke ungeeignet ist, und
wenn russische Kinder durch die Gifte, die sie einatmen und zu sich nehmen, Behinderungen bekommen.
Wir arbeiten mit Rußland an der Bewältigung dieser
Herausforderungen zusammen. In zehn Tagen wird
Präsident Clinton mit Präsident Jelzin und anderen
führenden Politikern in Moskau beim Gipfel über
nukleare Sicherheit zusammentreffen, der den sicheren Betrieb von Nuklearreaktoren und die geeignete
Lagerung von Nuklearmaterial fördern soll. Vizepräsident Gore und Ministerpräsident Tschernomyrdin
leiten gemeinsame Initiativen zum Schutz der arktischen Umwelt, Verringerung der Treibhausgasemissionen und Förderung des richtigen Umgangs mit
elementaren natürlichen Rohstoffen. Wir bedienen uns
sogar der Satellitenbilder, die früher zum Aufspüren
von Raketen und Panzern genutzt wurden, um Altlasten von Militärstützpunkten zu beseitigen und die
Verschmutzung der Meere nachzuweisen.

Wie wir heute morgen in Ihrem Institut für internationale Studien erörterten, sind die umweltpolitischen
Herausforderungen Chinas wahrhaft ernüchternd.
China, auf das 22 Prozent der Weltbevölkerung
entfaHen, besitzt nur sieben Prozent des Trinkwassers
und bebaubaren Landes der Erde, drei Prozent ihrer
Wälder und zwei Prozent der Erdölvorkommen. Die
Kombination von Chinas schnellem Wirtschaftswachstum mit der explosionsartigen Zunahme seiner Bevölkerung vergrößert die enormen Umweltbelastungen,
denen das Land bereits ausgesetzt ist. Dies ist einer
von vielen Gründen, warum unsere Politik des Engagements in China auch die Umwelt einbezieht. Ende
dieses Monats wird Vizepräsident Gore eine Initiative

AMERIKA DIENST 08

�zur Erweiterung der amerikanisch-chinesischen
Zusammenarbeit im Bereich tragfähiger Entwicklung
ins Leben rufen, die auch Elemente wie Energiepolitik
und Landwirtschaft enthält.
Bei anderen bilateralen Beziehungen haben wir
Partnerschaften ins Leben gerufen, die unsere Bande
verstärken und gleichzeitig das veraltete Denken hinter
sich lassen, das früher den unvermeidlichen Kampf
zwischen Nord und Süd bestimmte. Im Rahmen der
vergangenes Jahr mit Indien unterzeichneten gemeinsamen Agenda für die Umwelt arbeiten wir beispielsweise an einer Vielzahl gemeinsamer Anliegen
zusammen - von Investitionen in Umwelttechnologien
bis zur Kontrolle von Pestiziden und toxischen Chemikalien. Während meiner Brasilienreise letzten Monat
stärkten wir eine ähnliche gemeinsame Agenda durch
Abkommen über Zusammenarbeit im Weltraum, die
unser Wissen über Klimaveränderungen vergrößern
und den Umgang mit der Ressource Wald verbessern
wird.
Das vierte und letzte Element unserer Strategie
verstärkt diese diplomatischen Ansätze durch den
Aufbau von Partnerschaften mit Privatunternehmen
und nichtstaatlichen Organisationen.
Amerikanische Unternehmen wissen, daß eine
gesunde globale Umwelt für unseren Wohlstand
unerläßlich ist. Sie erkennen in zunehmendem Maße,
daß die Gegenüberstellung von Wirtschaftswachstum
und Umweltschutz zu "einer falschen Entscheidung"
führt, wie Präsident Clinton es nannte. Beide sind
notwendig, und beide sind eng miteinander verbunden.
Umweltschutz eröffnet auch neue wirtschaftliche
Chancen. Wir engagieren uns für die Unterstützung
amerikanischer Unternehmen bei der Erhöhung ihres
bereits dominierenden Anteils an dem 400-MilliardenMarkt für Umwelttechnologien. Dies war eine der
vielen Bestrebungen meines verstorbenen Kollegen
und Freundes, Wirtschaftsminister Ron Brown. Sein
letzter Besuch in Afrika verhalf einem amerikanischen
Unternehmen zu einem Vertrag, durch den Fischbestände und Trinkwasservorräte für 30 Millionen
Menschen in Uganda, Tansania und Kenia geschützt
werden. Bei meiner jüngsten Reise nach El Salvador
traf ich mit Vertretern amerikanischer Firmen, nichtstaatlicher Organisationen und ihren mittelamerikanischen Partnern zusammen, die bei der Nutzung von
Sonnen- und Windenergie in Kraftwerken Pionierarbeit
leisten.
Mit dem Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) zusammenarbeitende nichtstaatliche Organisationen spielten eine
entscheidende Rolle bei der Förderung unserer
Umweltziele im Ausland. Beispielsweise setzt sich der
Sierra Club seit vielen Jahren für internationale
bevölkerungspolitische Belange ein und leistete einen

AMERIKA DIENST 08

bedeutenden Beitrag zur Kairoer Konferenz. Als Teil
dieser gemeinsamen Bestrebungen hilft der World
Wildlife Fund beim Schutz der Artenvielfalt in über 40
Ländern, das World Resources Institute bekämpft die
Abholzung der Wälder in Afrika, und Nature Conservancy schützt Gehege mit wildlebenden Tieren in
ganz Lateinamerika. Im Rahmen der neuen "Partnerschaft für Umwelt und Außenpolitik" des Außenministeriums werden Umweltschutzorganisationen,
Wirtschaftsvertreter und Außenpolitiker zusammentreffen, um unsere Zusammenarbeit bei der Bewältigung umweltpolitischer Herausforderungen zu verbessern.
Es ist die Pflicht des Außenministeriums, eine Führungsrolle bei der Gewährleistung des Erfolgs jedes
der vier Elemente dieser Strategie zu übernehmen, die
ich heute erörtert habe - auf globaler, regionaler,
bilateraler Ebene sowie bei Partnerschaften mit der
Wirtschaft und nichtstaatlichen Organisationen. In
enger Zusammenarbeit mit dem Präsidenten und dem
Vizepräsidenten habe ich unsere Dienststellen und
Botschaften angewiesen, den Einsatz von Diplomatie
zur Förderung unserer Umweltziele zu verbessern.
Wir werden diese Fragen bei jeder Gelegenheit
anschneiden, bei der unser Einfluß nützlich sein kann.
Wir werden unsere Fähigkeit zur Verbindung von
Diplomatie und Wissenschaft sowie zur Aushandlung
globaler Abkommen über den Schutz unserer Gesundheit und unseres Wohlergehens verbessern. Wir
werden dem Staatssekretär für globale Angelegenheiten, dessen Amt zu Beginn unserer Administration für
die Behandlung transnationaler Angelegenheiten
geschaffen wurde, mehr Einfluß geben. Wir werden
unsere gemeinsamen Bestrebungen mit AID zur
Förderung tragfähiger Entwicklung durch wirksame
Umweltschutz- und Familienplanungshilfe verstärken.
Und wir werden die Umweltpartnerschaften untermauern, die wir mit dem Umweltschutzamt sowie dem
Verteidigungs-, Energie-, Wirtschafts-, Innen- und
Landwirtschaftsministerium gebildet haben.
Ferner gebe ich heute bekannt, daß das Außenministerium beginnend mit dem Tag der Erde 1997
einen Jahresbericht über globale Herausforderungen
an die Umwelt veröffentlichen wird. Dieser Bericht wird
ein wichtiges Werkzeug unserer Umweltdiplomatie
darstellen und eine Bewertung globaler Umwelttrends,
weltpolitischer Entwicklungen sowie amerikanischer
Prioritäten für das kommende Jahr vornehmen.
Ich werde weiterhin mit dem Kongreß zusammenarbeiten, um den Erfolg unserer umweltpolitischen
Bestrebungen sicherzustellen. Der derzeitige Kongreß
kürzte die wichtige Finanzierung erforderlicher Umweltprogramme im In- und Ausland. Wir werden den
Kongreß dringend auffordern, die zur Erledigung der
Arbeit notwendigen Mittel bereitzustellen.

Seite 5

�Unsere Stärke als Nation lag immer darin, unsere
Demokratie für die Bewältigung neuer Bedrohungen
unserer Sicherheit und unseres Wohlstands einzusetzen. Unser Credo als Volk lautete stets, das
Morgen für uns und unsere Kinder besser zu gestalten.
In Anlehnung an dieselben Ideale und Interessen, die
Amerikaner von Teddy Roosevelt bis Ed Muskie dazu
veranlaßten, dem Schutz unseres Bodens, unserer

Luft und unseres Wassers Priorität einzuräumen,
müssen wir uns der Herausforderung stellen, globale
Umweltfragen zu einem wesentlichen Bestandteil der
amerikanischen Außenpolitik zu machen. Um künftiger
Generationen willen müssen wir Erfolg haben.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 08

�USA-EUROPA

17. April 1996

Die Vereinigten Staaten und Europa
- globale Herausforderungen und globale Antworten
Rede von Botschafter Charles E. Redman

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, am 2. April 1996 anläßlich der Initiative BerlinUSA hielt.

Es ist mir eine Ehre, heute abend hier sein und vor
diesem erlesenen Publikum sprechen zu dürfen. Und
natürlich freue ich mich immer sehr, wieder in Berlin zu
sein - einer Stadt mit einer langen Tradition deutschamerikanischer Freundschaft.
Seit Jahrzehnten haben wir Amerikaner zusammen mit
unseren britischen und französischen Verbündeten an
der Seite aller Berliner gestanden - sowohl der in den
westlichen Sektoren in einer freien Enklave 200
Kilometer hinter dem Eisernen Vorhang isolierten als
auch jener im Osten, deren Isolation weitaus größer
war.

Schließlich sind wir angeblich die Vertreter des
Zweitältesten Gewerbes der Welt. Und wie beim
ältesten Gewerbe der Welt sind auch für uns die
Amateure unsere größte Konkurrenz.
Natürlich gibt es mehrere Berufe, die den Anspruch
darauf erheben könnten, der weltweit älteste zu sein.
Chirurgen beispielsweise könnten argumentieren,
einer von ihnen hätte Adam eine Rippe entnommen
und damit die menschliche Rasse geschaffen.
Ingenieure könnten darauf erwidern, es sei notwendig
gewesen, aus dem Chaos des Universums heraus die
Erde zu schaffen, bevor Adam und Eva das Paradies
genießen konnten. Aber wir Diplomaten sind immer
noch berechtigt zu fragen: "Und wer war Ihrer Meinung
nach verantwortlich für dieses ganze Chaos?"

Im Verlauf ihrer jahrzehntelangen Teilung wurde diese
Stadt zum Symbol unseres Strebens nach Freiheit.
Dieses Streben hat Erfüllung gefunden. Das geeinte
Berlin liegt im Zentrum Europas - dem Zentrum seiner
Kultur, seiner Wirtschaft und seiner Zukunft. Berlin ist
erneut gleichbedeutend mit Freiheit und Offenheit.
Keine Stadt der Welt außerhalb unserer Grenzen steht
den Amerikanern so nahe. Vor nahezu zwei Generationen wurde durch den Mut, den diese Stadt und die
unerschrockenen amerikanischen und alliierten Flieger
zeigten, die die Luftbrücke ermöglichten, eine dauerhafte Freundschaft geboren - eine Freundschaft, die
von Ihrer Organisation verkörpert und gepflegt wird.

Wer immer auch verantwortlich sein mag, es steht
außer Frage, daß auf der Weltbühne heute immer
noch viel Unruhe und Unsicherheit herrschen. Wandel
ist die einzige Konstante. Das geteilte Europa, das wir
ein halbes Jahrhundert lang kannten, ist mit erstaunlicher Geschwindigkeit Geschichte geworden. Heute
sind weder Deutschland noch Europa geteilt. Die
Sowjetunion existiert nicht mehr, und der Eiserne
Vorhang - und die Berliner Mauer - sind bereits
verblassende Erinnerungen.

Ich bin besonders dankbar, daß Sie sich heute abend
die Zeit nehmen, einem amerikanischen Diplomaten
zuzuhören. Wenn man die Zeitungen liest, sollte man
meinen, daß jeder Redakteur oder Gelehrte besser als
wir Diplomaten weiß, wie die Probleme der Welt gelöst
werden können. Aber das ist ein altes Dilemma.

Die Welt ist aber noch immer ein gefährlicher Ort.
Frieden und Wohlstand werden noch immer von
ethnischem Haß, nationalistischem Extremismus und
religiösem Fanatismus bedroht. Dies ist bereits eine
gefährliche Mischung. Aber sie wird wirklich tödlich
durch die Kombination mit der Weiterverbreitung von

AMERIKA DIENST 08

Seite 1

�Massenvernichtungswaffen, Nuklearschmuggel und
internationalem Terrorismus.

jetzt ein umfassendes Atomtestverbot für alle Länder in
greifbarer Nähe.

In den letzten Monaten wurden wir immer wieder daran
erinnert, wie gefährlich die Welt sein kann: Von
Selbstmordanschlägen in Israel über Bombenanschläge auf das World Trade Center in New York und das
Bundesgebäude in Oklahoma City bis zu der Androhung von Anschlägen der kurdischen Arbeiterpartei
PKK hier in Deutschland.

Als Ergebnis der Rüstungskontrollvereinbarungen mit
Rußland haben wir bereits Tausende von Nuklearwaffen vernichtet. Die Vereinigten Staaten ratifizierten den
START Il-Vertrag, und wir hoffen, daß auch Rußland
bald folgen wird. START II ist das ehrgeizigste
Rüstungskontrollabkommen der Geschichte und wird
zu einer Reduzierung der Nuklearwaffenarsenale
unserer beiden Länder um zwei Drittel führen.

Diese Kräfte des Zerfalls führen einen Krieg gegen die
Menschheit. Ebenso wie Kommunismus und Faschismus versuchen sie, Dunkelheit statt Licht zu verbreiten. Und ebenso wie Kommunismus und Faschismus werden sie nur besiegt, wenn freie Völker sich für
eine gemeinsame Sache einsetzen.
Dies sind die neuen Herausforderungen der "nationalen Sicherheit" im 21. Jahrhundert. Sie haben
globaleren Charakter als je zuvor. Sie können nur mit
Hilfe internationaler Zusammenarbeit bewältigt werden.
In unserem Weltdorf kann sich Fortschritt schnell
verbreiten - aber dasselbe gilt auch für Unruhe. Vor
sechs Jahrzehnten dauerte es mehrere Jahre, bis die
Wirtschaftskrise zu einer globalen Katastrophe wurde.
Heutzutage kann eine Wirtschaftskrise in Mexiko die
Weltwirtschaft innerhalb weniger Stunden beeinträchtigen.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert entwickeln sich
Schwierigkeiten an einem Ende der Stadt schnell zu
einer Plage für jeden. Wir können nicht die Drogenkriminalität ohne die Hilfe der Länder bekämpfen, in
denen Drogen hergestellt werden.
Wir können
Terroristen nicht ohne die Hilfe anderer Regierungen
aufspüren.
Um sicherzustellen, daß Massenvernichtungswaffen
nicht in die falschen Hände geraten, benötigen wir
internationale Zusammenarbeit. Man schätzt, daß
derzeit 40 Länder die Fähigkeit zur Entwicklung von
Nuklearwaffen besitzen.
Mehr als 15 Nationen
verfügen über ballistische Raketen, und viele von
ihnen streben den Erwerb von Massenvernichtungswaffen an oder besitzen sie bereits. Wir vermuten,
daß bereits mehr als zwei Dutzend Länder Chemiewaffenprogramme haben.
Dies sind nicht länger hypothetische Gefahren. Sie
sind äußerst real. Der tödliche Giftgasanschlag in der
Tokioter U-Bahn war der erste Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen die Zivilbevölkerung einer
Stadt - nicht durch eine Regierung, sondern durch
Terroristen.
Jetzt ist es an der Zeit, zu handeln. Die Welt unternahm vergangenes Jahr einen großen Schritt mit der
Entscheidung über die unbegrenzte Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags. Als nächster Schritt liegt

Seite 2

Diese Arsenale stellen jedoch weiterhin eine Gefahr
dar. Durch den Abrüstungsprozeß werden riesige
Mengen von Nuklearmaterial hinterlassen - ein
verlockendes Ziel für verbrecherische Staaten und
Terroristen. Um es deutlich auszudrücken: Nuklearschmuggel ist nicht mit anderen Arten von illegalem
Schmuggel vergleichbar. Eine kleine Menge Plutonium - von der Größe einer Pampelmuse - reicht aus,
um eine Stadt zu vernichten. Im Zusammenhang mit
Nuklearmaterial können wir es uns nicht leisten, daß
auch nur ein einziger Schmuggelfall erfolgreich
durchgeführt wird.
Auch chemische und biologische Waffen stellen eine
Bedrohung dar. Wir müssen die Chemiewaffenkonvention möglichst bald ratifizieren. Dadurch würde
unsere Fähigkeit zur Kontrolle der Weiterverbreitung
dieser schrecklichen Waffen maßgeblich verbessert.
Wie ich bereits erwähnte, können Fragen dieser Art
nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst
werden. Globale Probleme erfordern globale Antworten. Dies ist einer der zwingenden Gründe für die
Aufrechterhaltung und Erweiterung der Bündnisse, die
wir im Kalten Krieg eingingen. Jetzt müssen wir die
Vorteile - und Pflichten - der politischen und wirtschaftlichen Partnerschaften, die in den vergangenen
50 Jahren unsere Stärke darstellten, in möglichst
vielen Teilen der Welt zum Tragen bringen.
Dieser Integrationsprozeß wird uns helfen, eine
gemeinsame Zukunft mit ehemaligen Feinden und
Gegnern zu gestalten, die jetzt nach Wegen suchen, in
ihren Ländern Demokratie und Marktwirtschaft zu
verankern. Der Zusammenbruch des Kommunismus
zerstörte die Diktaturen, aber er hinterließ politische
und Rechtsinstitutionen, die immer noch instabil sind.
Einige würden argumentieren, diese seit kurzem
befreiten Nationen hätten den leichten Teil ihrer
Umgestaltung abgeschlossen - die Zerstörung der
alten Systeme. Jetzt bemühen sie sich - innerhalb von
wenigen Jahren - um die Schaffung neuer Strukturen
und neuer Verhaltensformen, deren Entwicklung im
Westen Jahrzehnte - wenn nicht Jahrhunderte
erforderte.

AMERIKA DIENST 0»

�Dieser Prozeß ist von elementarer Bedeutung. In die
Zukunft Europas führt einer von zwei sehr unterschiedlichen Wegen: Entweder entzweiende Intoleranz, die Bosnien in Schutt und Asche legte, oder
demokratische Integration, nach der die meisten
Nationen Zentraleuropas streben. Damit die richtige
Wahl getroffen wird, muß jede dieser Nationen die
Verantwortung für die Schaffung demokratischer
Stabilität von innen heraus übernehmen. Freie Wahlen
und freie Märkte sind nur der erste Schritt.
Die Schaffung einer wirklich demokratischen Kultur
erfordert nicht nur Toleranz, sondern auch die Respektierung von Menschenrechten und den Meinungen von
Minderheiten. Sie setzt eine freie Presse, freie
Gewerkschaften und ein Netz von Privatorganisationen voraus, die nicht von der Regierung kontrolliert
werden. Dies ist die Herausforderung für die neue
Generation dieser neuen Demokratien.
Die vor uns allen liegenden Herausforderungen sind
tatsächlich gewaltig, aber dasselbe gilt auch für die
Möglichkeiten.
Wir haben jetzt eine historische
Chance zur Erfüllung des Versprechens eines ungeteilten Europas freier Nationen, das sich von Rußland
im Osten bis zum Atlantik im Westen erstreckt.
Es steht enorm viel auf dem Spiel. Die Entscheidungen, die wir jetzt nach dem Ende des Kalten Krieges
treffen, werden unsere Zukunft ebenso beeinflussen,
wie es die bedeutenden Entscheidungen weitblickender Politiker der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg
taten. Vor fünfzig Jahren schufen der Marshallplan,
die NATO, das GATT und die internationalen Finanzinstitutionen von Bretton Woods die Grundlage für
unsere Gemeinschaft westlicher Demokratien und für
eine zunehmend interdependente Weltwirtschaft.
Obwohl diese Nachkriegsinstitutionen zur Schaffung
von einzigartigem Frieden und Wohlstand für ein
halbes Jahrhundert beitrugen, kam unglücklicherweise
nur die Hälfte des europäischen Kontinents in den
Genuß ihrer Vorteile. Und mit dieser Trennlinie
begann der Kalte Krieg.
Heute haben wir uns zu einem ungeteilten Europa
verpflichtet. Ferner sind wir entschlossen, unser Wort
gegenüber unseren neuen demokratischen Nachbarn
zu halten. Jetzt müssen wir die Tür öffnen, die Stalin
ins Schloß warf, als er den Marshallplan ablehnte.
Keine Nation in Europa sollte je wieder zu einer
Pufferzone zwischen zwei Großmächten oder zur
Einflußsphäre einer anderen Nation gemacht werden.
Aus diesen Grund streben wir die Öffnung unserer
Institutionen für jene ehemals kommunistischen
Länder an, die willens und bereit sind, sich zu multiethnischer Demokratie und offenen Märkten zu verpflichten. Wir arbeiten an der Schaffung eines neuen
transatlantischen Rahmens für das 21. Jahrhundert,

AMERIKA DIENST 08

der diesen Kontinent wieder vereinen und die überholten Grenzen des Kalten Krieges beseitigen wird.
Zur Erreichung dieses Ziels haben wir eine breitgefächerte Strategie für die europäische Sicherheit eingeleitet. Sie beinhaltet eine wiederbelebte NATO, die
Unterstützung für stärkere und umfassendere europäische Integration sowie starke und produktive Beziehungen zu Rußland.
Diese Strategie legt besondere Betonung auf die
Stärkung jener Organisationen, die durch die Schaffung einer Grundlage für Frieden und Wohlstand ihren
Wert unter Beweis gestellt haben. Wir verfügen bereits
über eine solide Basis mit Institutionen wir der NATO,
der Europäischen Union und der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).
Diese Organisationen waren auf einen geteilten
Kontinent zugeschnitten. Jetzt müssen wir sie an die
neuen Gegebenheiten anpassen und einen neuen
Sicherheitsrahmen schaffen, der auf Integration und
Einbeziehung gründet.
Ein zentrales Element dieser Bestrebungen sind starke
transatlantische Bande. Die Geschichte lehrt uns
unmißverständlich, daß das strategische Engagement
Amerikas in Europa für die Sicherheit von Europäern
und Amerikanern gleichermaßen notwendig ist.
Gemeinsam haben wir Gegner in Verbündete und
Diktaturen in Demokratien umgewandelt. Wir haben
Institutionen geschaffen, die unsere Sicherheit und
wirtschaftliche Stärke gewährleisteten. Wir haben
Seite an Seite gestanden und im Kalten Krieg obsiegt.
Derzeit ist der Weg zum Frieden in Bosnien der
dramatischste Beweis dafür, daß die transatlantische
Partnerschaft für das Streben nach einem friedlichen,
wohlhabenden und ungeteilten Europa von elementarer Bedeutung ist. Bosnien bietet den anschaulichsten
Beweis dafür, daß Amerika der europäischen Sicherheit verpflichtet bleibt.
Trotz Bosnien argumentieren einige, Amerika sei
seiner internationalen Verpflichtungen müde. Ich
stimme dem nicht zu. Die Amerikaner sind dreimal in
diesem Jahrhundert nach Europa gekommen zweimal in heißen Kriegen, einmal in einem kalten
Krieg. Jedesmal taten wir das aus Gründen, die nicht
nur unsere nationale Großzügigkeit und ein Gefühl für
unsere internationalen Verpflichtungen widerspiegeln,
sondern auch ein Eingeständnis unserer lebenswichtigen Eigeninteressen sind.
In den Vereinigten Staaten wird jedoch derzeit eine
ernsthafte Debatte geführt. Einige sind tatsächlich
überzeugt, wir könnten in der Welt eine untergeordnete
Rolle spielen, ebenso wie es manche nach dem
Zweiten Weltkrieg für möglich hielten, und wofür

Seite 3

�andere bereits nach dem Ersten Weltkrieg Sorge
trugen.

Hauptinstitution des amerikanischen Engagements für
die europäische Sicherheit.

Ein Großteil dieser Debatte betrifft die Vereinten
Nationen. Einige Amerikaner fragen, warum wir uns
mit der UNO belasten sollen. Andere beklagen sich
über ihre bürokratische Ineffizienz und veraltete
Prioritätensetzung.

Die NATO ist auch konkreter Ausdruck der transatlantischen Beziehungen.
Der Abzug unserer
Truppen aus Europa ist fast abgeschlossen. Aber
Abzug ist nicht dasselbe wie Disengagement. Mehr
als 80.000 amerikanische Soldaten sind noch in
Deutschland; über 100.000 verbleiben in Europa.
Diese Zahlen reflektieren nicht ein verringertes
amerikanisches Engagement für Europa, sondern nur
eine verringerte Bedrohung.

Diese Argumente sind nicht leicht zu entkräften. Die
Vereinten Nationen sind eindeutig nicht in jeder
Hinsicht das, was wir uns unter ihnen vorstellten, aber
sie sind eine Kraft des Guten und ein Schutz vor dem
Bösen. Sie haben den Krieg nicht abgeschafft, ihn
aber weniger wahrscheinlich gemacht.
Natürlich müssen die Vereinten Nationen reformiert
werden. Wie alle modernen Organisationen müssen
sie ihre allgemeinen Unkosten verringen und lernen,
mit weniger Mitteln mehr zu tun. Hierzu unterbreiteten
die Vereinigten Staaten dem UN-Haushaltsausschuß
spezifische Reformvorschläge, dank derer die Organisation Millionen Dollar sparen könnte.
In der Zwischenzeit dürfen wir nicht vergessen, daß
die Vereinigten Staaten immer noch der größte
Beitragszahler der Vereinten Nationen sind. 1995
zahlten wir mehr als doppelt soviel ein wie jede andere
Regierung und bestritten ein Drittel aller Ausgaben der
Organisation.
Insgesamt bin ich zuversichtlich, daß Amerika 50
Jahren des Erfolgs nicht den Rücken kehren wird.
Wenn diese Jahre uns irgend etwas gelehrt haben,
dann die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten die
einzigartige Pflicht und die einzigartige Fähigkeit
haben, auf der ganzen Welt eine Kraft für Frieden und
Fortschritt zu sein. Aber wir können nur erfolgreich
sein, wenn wir weiterhin eine Führungsrolle übernehmen.
Das bedeutet nicht, daß Amerika jedes Problem lösen
kann. Wir können und sollten nicht der Weltpolizist
sein. Aber wie Präsident Clinton erklärte, gibt es
Zeiten, in denen Amerika und die amerikanische
Führungsrolle den Unterschied zwischen Frieden und
Krieg bewirken.
Durch die Entscheidung, führend an der Beendigung
des tragischen Krieges in Bosnien mitzuwirken,
bekräftigen die Vereinigten Staaten erneut, daß ihr
Engagement für die Zukunft Europas eine nationale
Verpflichtung darstellt, die auf einem gemeinsamen
strategischen Ziel, kollektiven Wirtschaftsinteressen
und gemeinsamen Werten fußt.
Kern dieser Verpflichtung ist die NATO. Die NATO
bringt die amerikanische Macht und Zielsetzung auf
dem europäischen Kontinent zum Tragen. Sie ist auch
weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und die

Seite 4

Mit Blick auf die Zukunft müssen wir verständlicherweise alles Gute aus der Vergangenheit bewahren.
Die NATO muß ein effektives, funktionierendes
Militärbündnis bleiben, das über die Streitkräfte und
integrierte Befehlsstruktur zur Verteidigung seiner
Mitglieder verfügt.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle wichtigen Institutionen muß
sich auch die NATO kreativ an veränderte Gegebenheiten anpassen. Sie muß eine neue Strategie
entwickeln und eine neue Mission in Angriff nehmen.
Sie muß zur Stärkung der Demokratisierung und
regionalen Stabilität bei unseren neuen demokratischen Nachbarn beitragen.
Zu diesem Zweck hat die NATO bereits neue Initiativen
eingeleitet. Die Partnerschaft für den Frieden beispielsweise ist zur wichtigsten strategischen Entwicklung für die europäische Sicherheit seit dem Ende des
Kalten Krieges geworden. Im Rahmen der PFF halten
Nationen, die in der Vergangenheit Gegner waren, jetzt
gemeinsame friedenssichernde Manöver ab.
In Bosnien stellt die NATO unter Beweis, daß sie dort
ein Garant der transatlantischen Sicherheit ist. Die
bosnische Erfahrung zeigte erneut, daß eine wirksame
Außenpolitik selbst im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
immer noch die Fähigkeit voraussetzt, eine glaubwürdige Androhung militärischer Macht zu projizieren.
Somit demonstrierte Bosnien die Notwendigkeit einer
Beteiligung der Vereinigten Staaten und der NATO an
der Wahrung des Friedens in Europa.
Darüber hinaus hat die neue Koalition in Bosnien
historische Implikationen. Dies ist das erste Mal, daß
Soldaten aus jedem Staat und jeder Region Europas
an derselben Militäroperation teilnehmen. Russen und
Litauer, Griechen und Türken, Polen und Ukrainer,
Briten, Deutsche und Franzosen gehen gemeinsam mit
Amerikanern und Kanadiern dieselben Risiken ein unter derselben Flagge zur Erreichung desselben
hehren Ziels. Wenn wir bei der Überwindung der
Spaltung Bosniens helfen, tragen wir auch zur Überwindung der Spaltung Europas bei.

AMERIKA DIENST OB

�Die Mission in Bosnien gibt einigen unserer PFFPartner eine Chance zu beweisen, daß sie die mit der
Mitgliedschaft in einem erweiterten Bündnis einhergehenden Verpflichtungen erfüllen können. Sie sind
sich bewußt, daß sie vor Aufnahme in das Bündnis
demokratische Reformen konsolidieren, ihre Streitkräfte ziviler Kontrolle unterstellen und Streitigkeiten
mit ihren Nachbarn beilegen müssen.
Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis hat
sich zur Aufnahme neuer Mitglieder verpflichtet. Es
wird die neuen Demokratien nicht ewig warten lassen.
In diesem Jahr ist die NATO in die zweite Phase des
Erweiterungsprozesses eingetreten, die langsam,
bewußt und transparent verlief. Es wurden intensive
Konsultationen mit interessierten Partnern aufgenommen um zu entscheiden, was diese zur Vorbereitung
ihrer Mitgliedschaft tun müssen und was das Bündnis
tun muß.
Die Erweiterung wird kommen. Aber um erfolgreich zu
sein, muß sie auf eine Art und Weise stattfinden, die
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent
stärkt - für Mitgliedstaaten und Nichtmitgliedstaaten
gleichermaßen. Und vor allem darf sie keine neue
Spaltung in Europa bewirken.
Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, daß
Rußland in dem neuen Europa seinen rechtmäßigen
Platz einnimmt. Wir haben klar erkannt, daß die
Zukunft Rußlands im Zentrum unseres Strebens nach
europäischer Stabilität steht. Unser Ziel ist die Evolution eines friedlichen, stabilen und demokratischen
Rußlands, das fest in die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integriert ist.
Natürlich darf sich Rußland nicht isolieren. Seine
Integration wird ebenso wie die Zentraleuropas von
den Entscheidungen seiner führenden Politiker und
Bürger abhängen. Auf vielen Gebieten trifft Rußland
die richtigen Entscheidungen. Die Wirtschaft wird
zunehmend von marktwirtschaftlichen Prinzipien
bestimmt. Freie Wahlen werden Tatsache. Aber
Rußland hat noch nicht das ruinöse Vermächtnis von
sieben Jahrzehnten des Kommunismus überwunden ein Erbe, das in Form von Verbrechen, Korruption und
Armut sichtbar wird.
Das Rad der Geschichte kann nicht zurückgedreht
werden. Vor fünf Jahren entschieden sich Millionen
von Bürgern der ehemaligen Sowjetunion für die
Unabhängigkeit. Die Vereinigten Staaten werden sich
weiterhin dafür einsetzen, daß sie ihr Recht darauf
wahrnehmen können.
Von Beginn der Amtszeit dieser Administration an
wußte Präsident Clinton, daß wir nur durch Engagement in Rußland unsere nationalen Interessen schützen können. Unser Engagement brachte konkrete
Ergebnisse hervor, darunter einen massiven Abbau

AMERIKA DIENST 08

unserer Nuklearwaffenarsenale. Gleichzeitig setzten
wir uns für die Beilegung unserer Differenzen über
Fragen wie nukleare Zusammenarbeit mit dem Iran
oder den Krieg in Tschetschenien ein.
Wir sind uns bewußt, daß der Umgestaltungsprozeß
lang und hart wird und es keine Erfolgsgarantie gibt.
Aber wir unterstützen Reformen, weil sie langfristig
nicht nur von Vorteil für das russische Volk, sondern
auch für Europa und Amerika sind.
Wir sind entschlossen, unsere Zusammenarbeit mit
Rußland wo immer möglich fortzusetzen. Wir ermutigen Rußland weiterhin, langfristige besondere Beziehungen zur NATO aufzubauen. Wir sind bereit zu
helfen, aber Rußland muß wissen, daß seine Integration in die westlichen Institutionen von seiner
Bereitschaft abhängt, internationale Normen einzuhalten und auf dem Reformkurs zu bleiben.
Jetzt möchte ich auf die Europäische Union zu sprechen kommen. Diese ist zweifelsohne ein Eckpfeiler
der zukünftigen Sicherheit Europas und bietet die
Grundlage für Wirtschaftswachstum und Wohlstand
auf dem gesamten Kontinent. Nur die EU kann die von
den kürzlich liberalisierten Volkswirtschaften benötigten Märkte bieten. Nur durch eine EU-Mitgliedschaft
können die entscheidenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen in diesen neuentstehenden Demokratien konsolidiert werden.
Wir sind uns bewußt, daß sich die EU in den kommenden Jahren großen Herausforderungen stellen muß,
die wahrscheinlich zu einer Umgestaltung ihrer
Institutionen, Operationen und Identität führen werden.
Die EU muß im Zuge ihrer Erweiterung die Notwendigkeit effizienterer Entscheidungsfindungsprozesse mit
den Anforderungen an eine große und wachsende
Mitgliedschaft in Einklang bringen.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits begrüßen Bestrebungen zur Stärkung und Erweiterung der EU, ebenso
wie wir den Prozeß der europäischen Integration in
den vergangenen 50 Jahren unterstützt haben.
Amerikanische Administrationen - Demokraten und
Republikaner gleichermaßen - sind geeint in ihrer
Überzeugung, daß ein starkes Europa starke Vereinigte Staaten bedeutet. Unseres Erachtens trägt
eine erweiterte EU-Mitgliedschaft zur Schaffung eines
stabilen und demokratischen Europas bei.
Ferner fördern wir Schritte der Europäischen Union,
die sie sowohl in Europa als auch weltweit zu einem
stärkeren Partner machen. Um ein solcher Partner zu
werden, dessen politische und diplomatische Stärke
seiner wirtschaftlichen und handelspolitischen Macht
entspricht, muß die EU Wege finden, die über ihren
derzeitigen, oftmals begrenzten Ansatz bei vielen
außenpolitischen Fragen hinausgehen.

Seite 5

�Ich bin optimistisch, daß die Herausforderungen der
EU erfolgreich bewältigt werden. Gemeinsam führen
die Vereinigten Staaten und Europa die Welt zu
offenen Märkten und mehr Wohlstand. Seit einem
halben Jahrhundert haben sie eine gemeinsame Vision
von zunehmend offenem Welthandel, für deren
Realisierung sie sich zusammen einsetzten. Aber
unsere Arbeit ist noch nicht beendet. Wir haben immer
noch die Aufgabe, uns gemeinsam dem Protektionismus zu widersetzen und die Weltmärkte zu öffnen.
Nach dem Abschluß der Uruguay-Runde und der
Gründung der Welthandelsorganisation müssen wir mit
der Schaffung eines transatlantischen Konsenses über
zukünftige Richtungen unseres bilateralen Handels
und der Entwicklung eines gemeinsamen Ansatzes für
die weitere Öffnung der Weltmärkte beginnen.
Insbesondere müssen wir in den Bereichen auf
Fortschritte drängen, in denen die größten verbleibenden Hindernisse für die Ausweitung des transatlantischen Handels bestehen: Öffentliche Versorgungsbetriebe, Beschränkungen im audiovisuellen Bereich
sowie unnötige Normen und Vorschriften. Und es ist
unerläßlich, in dem Bereich schnelle Fortschritte zu
machen, der in der heutigen Weltwirtschaft wohl den
wichtigsten Wachstumssektor darstellt - beim Telekommunikationswesen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten traf in den
vergangenen Monaten bedeutende Entscheidungen,
die zu einer weiteren Öffnung des amerikanischen
Telekommunikationsmarktes für ausländische Investoren führen.
Diese Entscheidungen werden
Anreize für Privatinvestitionen geben, den Wettbewerb
fördern, Zugang zur Datenautobahn bieten, universelle
Dienstleistungen verbessern und ein flexibleres
Regelsystem errichten.
Das Gesetz hierzu ist ein weiterer Hinweis auf die
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, bei ihrer
Telekommunikationspolitik einen fortschrittlichen Kurs
zu verfolgen.
Dadurch wird der amerikanische
Telekommunikationsmarkt noch attraktiver für Investitionen ausländischer Unternehmen. Außerdem
unterstreicht das Gesetz, wie wichtig wir Privatinvestitionen und offenen Wettbewerb erachten.
Dies sind wesentliche Schritte zur Öffnung des
Telekommunikationsmarktes weltweit. Sie bieten eine
große Chance, die Europäer und andere nicht verpassen dürfen. Wie der Handelskommissar der Europäischen Union, Sir Leon Brittan, kürzlich äußerte, muß
auch Europa unbedingt seinen Telekommunikationsmarkt öffnen. In diesem Zusammenhang sehen wir
der für Ende dieses Jahres zugesagten Reform des
Telekommunikationswesens in Deutschland erwartungsvoll entgegen.
Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, unsere Wirtschaftsbeziehungen als selbstverständlich hinzuneh-

Seite 6

men. Ohne die Zwänge des Kalten Krieges können wir
nicht länger erwarten, daß handelspolitische Differenzen automatisch den gemeinsamen Sicherheitsanliegen untergeordnet werden. Wir dürfen jedoch
nicht zulassen, daß die unvermeidbaren Kontroversen
bei unseren Handelsbeziehungen die übergeordneten
Vorteile unserer Wirtschaftspartnerschaft unterminieren.
Bei den amerikanisch-europäischen Beziehungen
steht in wirtschaftlicher Hinsicht enorm viel auf dem
Spiel. Europa ist natürlich unser größter und wichtigster Handelspartner. Die jüngsten Zahlen zeigen, daß
die amerikanischen Exporte in die Europäische Union
sich jährlich auf 130 Milliarden Dollar belaufen, damit
noch vor Kanada, unserem zweitgrößten Absatzmarkt,
liegen und mehr als doppelt so hoch sind wir die nach
Japan, unserem drittgrößten Absatzmarkt. Die EU ist
der größte Markt für 29 der 50 amerikanischen Bundesstaaten, einschließlich der im Westen gelegenen
wie Kalifornien und Washington.
Die Zahlen sind nur ein Teil der Geschichte. Der
Großteil internationaler Geschäftstätigkeit erfolgt durch
Investitionen und Produktion auf ausländischen
Märkten - nicht durch Exporte. Während die weltweiten amerikanischen Exporte von Waren und
Dienstleistungen sich auf ungefähr 700 Milliarden
Dollar belaufen, betragen die Verkäufe von Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen im Ausland
ungefähr 1,6 Billionen Dollar. Mehr als die Hälfte
dieses Absatzes findet in Europa statt. Und wieder ist
es eine in beide Richtungen führende Straße: Die
Niederlassungen europäischer Unternehmen in den
Vereinigten Staaten setzen nahezu 700 Milliarden
Dollar ab.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind der größte Investor im anderen Land mit Investitionen von jeweils 270 Milliarden Dollar. Das sind
mehr als die Hälfte der amerikanischen Direktinvestitionen im Ausland - 40 Prozent mehr als in Lateinamerika und Asien zusammengenommen.
Die Tochterfirmen europäischer Unternehmen in den
Vereinigten Staaten beschäftigen drei Millionen
amerikanische Arbeitnehmer, und eine ebenso große
Anzahl von Europäern ist bei amerikanischen Firmen
in Europa angestellt.
Die Vermögenswerte amerikanischer Unternehmen in
Europa belaufen sich auf nahezu eine Billion Dollar weitaus mehr als die amerikanischen Vermögenswerte
in Asien in Höhe von 200 Milliarden Dollar. Und die
amerikanischen Neuinvestitionen in Europa sind immer
noch, größer als die Neuinvestitionen in Asien - trotz
des schnellen Wachstums der asiatischen Märkte.
Insgesamt beläuft sich der amerikanisch-europäische
Handel auf rund 1,7 Billionen Dollar jährlich - eine

AMERIKA DIENST 08

�überwältigende Zahl, die nahezu 50 Prozent höher ist
als unser transpazifischer Handel.
Natürlich haben sowohl Europa als auch Amerika
andere bedeutende kommerzielle Interessen. Die
Vereinigten Staaten wollen den Freihandel in Asien
und im Pazifik sowie in der westlichen Hemisphäre
erweitern. Europa möchte den Binnenmarkt weiter
integrieren sowie Zentral- und Osteuropa in diesen
Markt einbeziehen. Das sind wichtige Anliegen.
Unsere Interessen an anderen Orten der Welt lenken
jedoch nicht von der zentralen Bedeutung der
amerikanisch-europäischen Beziehungen ab.
Im
Dezember vergangenen Jahres unternahmen die
Vereinigten Staaten und Europa in Madrid bedeutende
Schritte zur Erweiterung und Vertiefung dieser Beziehungen, indem sie eine neue Tagesordnung der
politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit
vereinbarten.
Diese neue transatlantische Tagesordnung unterstreicht das breite Spektrum der Beziehungen und
befaßt sich nicht nur mit traditionellen Handelsfragen,
sondern auch mit einer großen Bandbreite politischer
und wirtschaftlicher Initiativen auf der ganzen Welt.
Gemeinsam werden wir versuchen, unser enormes
Gewicht und unseren Einfluß auf vielfältige Weise
einzusetzen. Zum einen werden wir unsere Bestrebungen zur Förderung von Frieden, Entwicklung und
Demokratie - sei es in Bosnien, dem Nahen Osten, der
Türkei oder andernorts - weiter koordinieren.
Wir werden die Zusammenarbeit bei den von mir
bereits erwähnten
globalen
Herausforderungen
erweitern - der Bekämpfung von organisiertem Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus sowie der
Bewältigung von Umweltproblemen, AIDS und anderen
Epidemien.
Wir haben zugestimmt, eine Führungsrolle bei der
Erweiterung des Welthandels durch die Unterstützung
der Welthandelsorganisation und mit konkreten
Schritten zum Abbau oder der Beseitigung von
Hindernissen für den Fluß von Waren, Dienstleistungen und Kapital zu übernehmen. Wir werden die
nichttarifären Hemmnisse für freien transatlantischen
Handel ansprechen, wie etwa widersprüchliche
Normen, doppelte Erprobungs- und Genehmigungsverfahren sowie andere Widersprüche bei den Bestimmungen.
Das mögen nur kleine Schritte sein. Wenn man sich
jedoch den Umfang der amerikanisch-europäischen
Beziehungen vor Augen hält, bedeutet eine Maßnahme, die den Handel um nur ein Prozent erhöht,
ungefähr 2 Milliarden Dollar an zusätzlichem Handel.
Das ist viel Geld. Und eine einprozentige Aufstockung
- oder mehr - ist in greifbare Nähe gerückt.

AMERIKA DIENST 08

Und schließlich haben wir uns bezüglich der andauernden Notwendigkeit geeinigt, Brücken über den
Atlantik zu schlagen, die bessere Kommunikation
zwischen unseren Bürgern, Wissenschaftlern, Lehrern,
Forschungsinstitutionen und unseren Geschäftsleuten
fördern.
Insgesamt gesehen hoffen wir, daß diese neue
transatlantische Tagesordnung den Rahmen und die
erforderliche Disziplin bietet, um unsere Zusammenarbeit effektiver und kohärenter zu gestalten. Sie wird
die EU für amerikanische Politiker transparenter
machen und das erste Mal markieren, an dem wir uns
umfassend mit der Europäischen Union auseinandergesetzt haben, nicht nur als politische Kraft mit
dem Potential, als Partner an der Seite der Vereinigten
Staaten bei einer Vielzahl außenpolitischer und
diplomatischer Initiativen zu stehen.
Die neuen transatlantischen Verbindungen von heute
werden auch durch ein reiches Vermächtnis kultureller
und familiärer Bande verstärkt, die Jahrhunderte
zurückreichen. Seit dem 17. Jahrhundert haben über
sieben Millionen Deutsche Europa verlassen, um in
Amerika ein neues Leben zu beginnen - und viele von
ihnen kamen aus dieser großartigen Stadt. Heute
zählen die Nachfahren dieser Einwanderer ungefähr
60 Millionen - und machen rund ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung aus.
Diese elementaren menschlichen Bande tragen zur
Stärke und Widerstandskraft unserer politischen und
sicherheitspolitischen Beziehungen bei. Es ist unsere
Aufgabe, darauf zu achten, daß diese Verbindungen
konstant erneuert werden. Seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs haben ungefähr 15 Millionen amerikanische
Soldaten und ihre Familienangehörigen in Deutschland
gelebt. Sie sind als Millionen "Botschafter" für Ihr Land
nach Amerika zurückgekehrt.
Während diese Präsenz verringert - oder wie in Berlin
vollständig abgebaut - wird, müssen wir kreativer beim
Sondieren neuer Wege sein, um Amerikaner und
Deutsche in Kontakt zueinander zu bringen. Wir
müssen weiterhin zusammenarbeiten, um die Relevanz und Lebensfähigkeit unserer gemeinsamen
Werte in diesen Zeiten des Wandels sicherzustellen.
Wir sehen uns heute vielfältigen Herausforderungen
gegenüber. Es sind jedoch nicht die ersten, denen wir
uns gemeinsam stellen, und es gibt keinen Grund zu
Pessimismus.
Die uns heute konfrontierenden
Gefahren unterscheiden sich von denen des Kalten
Krieges, aber unsere Antwort muß sich auf dieselben
Prinzipien gründen, die uns seit 50 Jahren so erfolgreich leiten. General Omar Bradley sagte nach dem
Zweiten Weltkrieg einmal: "Jetzt ist es an der Zeit,
anhand der Sterne zu steuern und nicht anhand der
Lichter jedes vorbeiziehenden Schiffs."

Seite 7

�Einer der am hellsten leuchtenden Sterne ist die
transatlantische Partnerschaft. Durch Zusammenarbeit haben wir beispiellosen Frieden und Wohlstand
geschaffen. Dies ist sicherlich nicht die richtige Zeit,
denen Glauben zu schenken, die Protektionismus und
Isolationismus predigen. Amerika und die Welt haben
diesen Kurs in den dreißiger Jahren eingeschlagen und unser Fehler führte zur Weltwirtschaftskrise und
bereitete den Weg für den Zweiten Weltkrieg.

Im Gegenteil, jetzt ist es an der Zeit für Engagement
und Führung. Gemeinsam haben wir jetzt eine
historische Chance zum Aufbau neuer Partnerschaften
über diesen Kontinent hinweg und auf der ganzen
Welt: Rückzug ist keine Option.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 8

AMERIKA DIENST 08

�USA-EUROPA

17. April 1996

Europa sollte nicht nur unter dem Aspekt der
Ost-West-Beziehungen gesehen werden
Rede von General John Sheehan

WILLIAMSBURG - (AD) - "Wir können es uns nicht mehr leisten, Europa ausschließlich unter dem Aspekt der
Ost-West-Beziehungen zu sehen, und wir dürfen Sicherheit nicht nur in einem militärischen Kontext definieren",
erklärte General John Sheehan von der US-Armee am 12. April 1996 bei einer Konferenz über westliche
Sicherheit in Williamsburg (Virginia). Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Generals bei der Konferenz
mit dem Titel "Streben nach westlicher Sicherheit angesichts globaler Unsicherheit", die vom College of William
and Mary und dem Obersten Alliierten Befehlshaber Atlantik (SACLANT) gemeinsam organisiert wurde.

Es ist mir eine Freude, Sie alle begrüßen zu dürfen.
Diese Konferenz ist eine weitere Errungenschaft bei
den beruflichen Beziehungen zwischen dem College of
William and Mary und dem Obersten Alliierten Befehlshaber Atlantik (SACLANT) der NATO. Unsere intellektuelle Verbindung kommt beiden Institutionen zugute.
Aber als jemand, der für zwei Studenten von William
and Mary die Studiengebühren bezahlt hat, sollte ich
nicht unerwähnt lassen, daß ich auch eine finanzielle
Beziehung zu dieser großartigen Universität habe.

Keiner von uns war aufgrund der Entfernung von den
Schrecken in Bosnien abgesondert. Im Zeitalter von
Skynet und CNN gelangen diese Konflikte täglich in
unsere Wohnzimmer.

Das Thema der diesjährigen Konferenz "Streben nach
westlicher Sicherheit angesichts globaler Unsicherheit"
ist höchst aktuell.

Ob es einem gefällt oder nicht: Die Zukunft der NATO
wird von ihrem Erfolg oder Scheitern in Bosnien
beeinflußt. Eine Wiederkehr des Krieges in diesem
Land könnte den Frieden, die Sicherheit und den
Wohlstand aller Nachbarstaaten des ehemaligen
Jugoslawiens bedrohen.

Derzeit versuchen in Bosnien 60.000 Soldaten,
Seeleute, Flieger und Marineinfanteristen aus Mitgliedstaaten und Nichtmitgliedstaaten der NATO, dem
Frieden in dem vom Krieg zerrütteten Land eine
Chance zu geben.
Sie befinden sich dort auf einer noblen, aber schwierigen und komplexen Mission, deren Konsequenzen
weit über die geographischen Grenzen Bosniens oder
sogar des ehemaligen Jugoslawiens hinausgehen.
Die Männer und Frauen der IFOR bemühen sich um
die Beendigung eines Bürgerkrieges, der bereits zum
schlimmsten Blutvergießen in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg geführt hat.

AMERIKA DIENST 08

Mit Bosnien als ernüchterndem Hintergrund erörtert
das transatlantische Bündnis heute einen Sicherheitsrahmen sowie seine eigene Zukunft im Hinblick auf die
potentiellen Auswirkungen eines noch unsicheren
Ergebnisses.

Wir haben seit jenen Tagen überschwenglicher
Begeisterung im Dezember 1989, als wir voller
Staunen Zeugen des Falls der Berliner Mauer wurden,
einen weiten Weg zurückgelegt. Damals prognostizierten viele, das Ende des Kalten Krieges signalisiere
das Ende von Konflikten.
Manche, wie Lady Thatcher, wußten es jedoch besser.
Sie warnte uns, "Euphorie ist ein schlechter Lehrmeister".
Während wir weiterhin eine Zeit dramatischer politischer Veränderungen und Unsicherheit auf der Welt

Seite 1

�erleben, ist die Notwendigkeit veränderter Perspektiven, nüchterner Einschätzungen sowie neuer Ideen
größer als jemals zuvor.
Diese Konferenz, an der Redner und Delegierte von
unterschiedlicher Herkunft, aus verschiedenen
Kulturen und Generationen teilnehmen, sollte uns
helfen, die Chancen und Erfordernisse für den entstehenden Sicherheitsrahmen zu artikulieren.
In der heutigen Welt ohne die Gewißheit der Regeln,
Parameter und Lösungen von vier Jahrzehnten des
Kalten Krieges mangelt es vielen Diskussionen über
die europäische Sicherheit oft an Substanz und Fokus.
Wenn man die Oberfläche ankratzt, wird klar, daß die
konzeptuelle Grundlage vieler Diskussionen immer
noch die Denkweise eines vergangenen, bipolaren
Zeitalters ist.
Wir können es uns nicht mehr leisten, Europa ausschließlich unter dem Aspekt der Ost-West-Beziehungen zu sehen, und wir dürfen Sicherheit nicht nur in
einem militärischen Kontext definieren.
Die heutigen Herausforderungen sind zu komplex und
diffus. Die Schaffung einer gemeinsamen Vision und
die Suche nach einer koordinierten Antwort erfordert,
daß wir neben der gewohnten militärischen Dimension
die politische, wirtschaftliche, kulturelle und sogar
umweltpolitische Dimension der heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen erkennen.
Wenn wir diese Fragen erörtern, sollten wir auch die
Konsequenzen eines möglichen Scheiterns ansprechen. Politiker, Journalisten und Gelehrte gleichermaßen gebrauchen - oder überstrapazieren - oft
Worte wie Krise oder Katastrophe, wenn sie darlegen,
was geschehen wird, wenn wir die heutigen Herausforderungen einer Anpassung und Stärkung existierender Sicherheitsstrukturen nicht bewältigen.
Die fortgesetzte starke Verringerung der Verteidigungsausgaben aller NATO-Mitgliedstaaten sowie der
Wahlkampf in den Vereinigten Staaten zeigen, daß
viele Bürger unserer Nationen nicht von der Notwendigkeit eines weiteren Engagements überzeugt sind.
Bei meinem Versuch, das derzeitige europäische
Sicherheitsumfeld zu verstehen, griff ich kürzlich zu
einem Buch über europäische Geschichte, das von
einem Professor der University of Chicago verfaßt
wurde. Im letzten Kapitel des Buches mit dem Titel "An
der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert" (On the
Threshold of a New Century) führt der Autor die
zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften europäischer Nationen im vergangenen
Jahrhundert sowie ihre Bedeutung für die Zukunft
Europas auf.

Seite 2

Der Verfasser legt überzeugend dar, politische und
wirtschaftliche Interaktion signalisierten, daß Europa in
ein neues Zeitalter eintrat, in dem Diplomatie, Verhandlungen und Kooperation an die Stelle von Konflikten
treten sollten.
Bedauerlicherweise war die Hypothese des Autors ein
wenig zu optimistisch. Sein Buch wurde nämlich 1911
veröffentlicht. In den sieben Jahren nach seinem
Erscheinen kamen in Europa 10 Millionen Menschen,
darunter mehr als 100.000 Amerikaner und 60.000
Kanadier, ums Leben - in einer als Erstem Weltkrieg
bezeichneten Auseinandersetzung, dem "Krieg zur
Beendigung aller Kriege".
Trotz dieser tragischen Verluste waren die Sieger nicht
in der Lage, nach dem Ersten Weltkrieg ein funktionierendes Sicherheitssystem zu schaffen, und innerhalb
eines Vierteljahrhunderts forderte ein weiterer Krieg in
Europa 50 Millionen Menschenleben, darunter das
von 250.000 Amerikanern und 42.000 Kanadiern.
Wenn man etwas über die Ereignisse der Jahre nach
dem Ersten Weltkrieg liest, ist man erstaunt darüber,
wie der Völkerbund trotz seines großen Versprechens
kollektiver Sicherheit aufgrund der Uneinigkeit und
dem Mißtrauen zwischen den Verbündeten scheiterte.
Nach dem Blutbad des Zweiten Weltkriegs waren
Menschen mit Weitblick und Mut entschlossen, die von
ihren Vorgängern in Versailles gemachten Fehler nicht
zu wiederholen. Einer dieser Visionäre, George C.
Marshall, hatte die mit der Schaffung globaler Sicherheit aus der Asche eines Weltkrieges einhergehenden Herausforderungen verstanden, als er
erklärte:
"Wenn der Mensch eine Lösung findet, um Frieden auf der Welt zu
schaffen, wird das der revolutionärste
Umbruch sein, den wir jemals erlebt
haben."
Als Veteran des Ersten Weltkriegs kannte er die
Konsequenzen, falls sich die wirtschaftlichen, politischen und Verteidigungsinstitutionen Europas nicht
vom Zweiten Weltkrieg erholen sollten. Er verstand
auch die Schwierigkeit der Nationen bei der Beibehaltung ihres Fokus und Engagements in einem Nachkriegsumfeld.
Seine Vision war von ihrem Fokus her einbeziehend
und von ihrem Ton her nicht kriegerisch. In seiner
berühmten Rede in Harvard, die später als Marshallplan bekannt wurde, erklärte er:
"Unsere Politik richtet sich nicht gegen irgendein Land oder eine Doktrin,
sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos. Ihr Ziel sollte

AMERIKA DIENST 08

�die Wiederbelebung einer funktionierenden Weltwirtschaft sein, damit
politische und soziale Bedingungen
geschaffen werden, unter denen freie
Institutionen existieren können."

Trotz anfänglicher Erfolge der IFOR müssen wir uns
immer wieder fragen: Ist es ein Zufall, daß ein großer
Konflikt jeweils am Anfang und am Ende dieses
Jahrhunderts sein Epizentrum an einem Ort namens
Sarajevo hatte?

Die Vision und Errungenschaften General Marshalls
am Ende des Zweiten Weltkriegs führten zu einem
wohlhabenden und friedlichen Westeuropa, aber seine
Vision eines geeinten Europas wurde schon bald vom
Kalten Krieg vereitelt.

Sind unsere Sicherheitsabkommen und -institutionen
der Aufgabe gewachsen, echte kollektive Sicherheit zu
bieten, oder sind sie die modernen Äquivalente des
Versailler Vertrags und des Völkerbundes?

Aufgrund der Lektionen der Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg verfolgen unsere Politiker heute eine kluge
Politik des Engagements bei unseren ehemaligen
Gegnern, anstatt sie während ihrer Übergangszeit zu
isolieren.
Bis heute haben die NATO und ihre Mitgliedstaaten
hart daran gearbeitet, das Militär von NATO-Ländern
und den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts
nach dem Kalten Krieg zusammenzubringen.
Das wichtigste Mittel für diese Interaktion war das im
Januar 1994 eingeleitete Programm der Partnerschaft
für den Frieden (PFF). Seitdem haben wir verschiedene Manöver und Ausbildungsaktivitäten mit einer
Anzahl von Ländern des früheren Warschauer Pakts
und den neuen Militärs der ehemaligen Sowjetunion
durchgeführt.
Beispielsweise veranstalteten wir vergangenes Jahr
die erste Übung der PFF auf amerikanischem Territorium. Bei einem "Cooperative Nugget" genannten
Manöver in Fort Polk (Louisiana) kamen mehr als
4.300 Soldaten aus 14 PFF-Ländern, Kanada, Großbritannien und den Vereinigten Staaten sowie Beobachter aus 11 weiteren PFF-Staaten drei Wochen
lang zu intensiven Friedenssicherungsübungen
zusammen.
Vergangenes Jahr führten wir auch zwei bilaterale
Übungen durch, im Rahmen derer ukrainische und
russische Truppen in die Vereinigten Staaten kamen,
um dort mit ihren amerikanischen Kollegen zusammenzuarbeiten.
Diese Kontakte zwischen den Militärs verschiedener
Länder haben bereits beeindruckende Dividenden
erbracht. Heute zählen Rußland und die Ukraine zu
den vielen PFF-Nationen, die Seite an Seite mit den
Vereinigten Staaten und anderen NATO-Mitgliedstaaten als Teil der IFOR in Bosnien tätig sind.
Vorläufige Berichte weisen auf ein Ausmaß der
Zusammenarbeit zwischen der IFOR und der PFF hin,
das weit über das von einigen Prognostizierte hinausgeht.

AMERIKA DIENST 08

Obwohl die dieses Jahrhundert dominierenden
ideologischen Spaltungen verschwunden sind, tritt jetzt
älterer und sogar noch bösartigerer kultureller und
religiöser Haß an die Stelle dieser Ideologien.
Die Geschichte lehrt uns, daß die Verhütung von
Konflikten weitaus mehr erfordert als guten Willen oder
Wunschdenken. Sie erfordert klare Analyse, intellektuelles Engagement, einen Plan sowie ausreichende
Mittel zu seiner Durchführung.
Obwohl sie nicht perfekt ist, lehrt uns die von der
NATO während des vergangenen halben Jahrhunderts
gemachte Erfahrung, daß kollektive Sicherheit funktioniert. Damit kollektive Sicherheit wirklich effektiv sein
kann, sind ein ernsthaftes Engagement aller Beteiligten
sowie größere Investitionen in Form von Zeit, Mühe
und Ressourcen erforderlich.
Während wir uns dem Ende des gewaltsamsten und
zerstörerischsten Jahrhunderts der Geschichte
nähern, besteht unsere Herausforderung darin, aus
den teuer bezahlten Lektionen des 20. Jahrhunderts
zu lernen, damit wir praktische Lösungen für andauernde Sicherheitsprobleme finden und einen
erneuten Rückfall in die Selbstisolation verhindern.
Bei diesem Symposium geht es um den Austausch
und die Erläuterung unserer Ideen, damit wir diese
historische Chance ergreifen können - die Erfüllung
von Marshalls Vision.
In den kommenden beiden Tagen werden wir vielen
herausragenden Rednern zuhören: Diplomaten,
Wissenschaftlern, Journalisten und einer ehemaligen
Regierungschefin - Lady Thatcher.
Ein solcher intellektueller Austausch ist von elementarer Bedeutung, wenn wir diese neuentstehende Welt
sinnvoll gestalten wollen und - noch wichtiger - die
Saat der Zusammenarbeit säen wollen, die uns helfen
wird, im Zeitalter nach dem Kalten Krieg das zu
erreichen, wofür sich General Marshall und seine
Zeitgenossen nach dem Zweiten Weltkrieg so stark
einsetzten.
Wenn Sie diesen herausragenden Rednern zuhören,
sollten Sie sich daran erinnern, daß unser Ziel die
Bewertung zeitgenössischer amerikanischer und

Seite 3

�europäischer Sicherheitsfragen und die Entwicklung
neuer Ideen oder eines Konsenses darüber sein
sohlte, wie wir unseren Sicherheitsrahmen zur Bewältigung der Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts umgestalten.
Da wir Neuland betreten, können wir alle zur Entwicklung neuer Strategien und innovativer Programme
beitragen, die uns einen klugen Einsatz unserer
begrenzten Mittel beim Umgang mit dem neuen
globalen Sicherheitsumfeld gestatten.

Am wichtigsten ist, daß diese Konferenz uns hoffentlich bei der Entwicklung einer gemeinsamen Vision
helfen wird - einer Vision davon, wo wir in der Zukunft
stehen wollen, die unabhängig von unserem derzeitigen Standort ist und definitiv unabhängig davon,
wo wir in der Vergangenheit standen.
Nur dann kann General Marshalls Vision von einem
sicheren, stabilen und demokratischen Bündnis
verwirklicht werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 08

�BOSNIEN
17. April 1996

Der Wiederaufbau Bosniens
von Lawrence H. Summers

WASHINGTON - (AD) - Im Vorfeld der in Brüssel anberaumten Konferenz der Geberländer über die
Wiederaufbauhilfe für Bosnien verfaßte der Stellvertretende Finanzminister und Leiter der US-Delegation bei der
Konferenz, Lawrence H. Summers, nachfolgenden Artikel.

Im vergangenen Jahr spielten die Vereinigten Staaten
in Zusammenarbeit mit ihren europäischen Partnern
eine zentrale Rolle bei der Herbeiführung des Friedens
in Bosnien. Aber die Unterzeichnung des Abkommens
von Dayton ist nur der Anfang eines Prozesses, der
beträchtliche internationale Beteiligung erfordern wird,
wenn wir einen dauerhaften Frieden schaffen wollen.
Die Friedenstruppe der NATO - IFOR - entsendete
unverzüglich ihre Soldaten, und die Gewehre wurden
im großen und ganzen zum Schweigen gebracht.
Wenn es jedoch einen echten und dauerhaften Frieden
für Bosnien geben soll, wenn die Waffen für immer
niedergelegt werden sollen, dann muß das bosnische
Volk eine Friedensdividende erhalten. Die - durch vier
Kriegsjahre verwüstete - Volkswirtschaft des Landes
muß wiederaufgebaut und reformiert werden, damit die
Kombattanten für sich und ihre Kinder im Frieden eine
vielversprechendere Zukunft sehen als in der Rückkehr zum Krieg.

der Föderation ist arbeitslos, und 80 Prozent
der Bosnier bedürfen humanitärer Hilfe.
Die Weltbank hat eine Führungsrolle bei der Erarbeitung eines internationalen Plans mit dreijähriger
Laufzeit in Höhe von 5,1 Milliarden Dollar für den
Wiederaufbau Bosniens übernommen.
Dieses
Programm umfaßt zehn Sektoren der Volkswirtschaft darunter Energie, Landwirtschaft und Verkehr - und
führt die Projekte sowie die erforderliche Unterstützung
der Geberländer für den Wiederaufbau der zerstörten
bosnischen Volkswirtschaft auf. Diese Bestrebungen
verdienen zusammen mit den außergewöhnlichen
Schritten der Bank, den Geldfluß für Bosnien zu
mobilisieren, besonderes Lob.

Dies ist eine enorme Herausforderung, und es steht
sehr viel auf dem Spiel.

Im Dezember vergangenen Jahres veranstalteten die
EU-Kommission und die Weltbank eine Minikonferenz
der Geberländer, um Starthilfe für den Wiederaufbau
zu leisten. Über 600 Millionen Dollar wurden bereits
zugewiesen, darunter 62,5 Millionen Dollar aus den
Vereinigten Staaten sowie großzügige Unterstützung
von Europa und der Weltbank.

Das Pro-Kopf-Einkommen der muslimischen
Bevölkerung sank von 1.900 Dollar vor dem
Krieg auf ungefähr 500 Dollar Ende 1995. Bei
Kriegsende betrug die Industrieproduktion
weniger als 10 Prozent der Zahlen vor dem
Krieg.

An diesem Wochenende werde ich die amerikanische
Delegation bei einer Konferenz der Geberländer für
Bosnien leiten, bei der die restlichen für den Wiederaufbau im Jahr 1996 benötigten 1,2 Milliarden Dollar
aufgebracht werden sollen. Die Vereinigten Staaten
werden ihren Beitrag leisten.

Rund 35 Prozent der bosnischen Straßen, 40
Prozent der Brücken und über 50 Prozent der
Grundschulen wurden zerstört oder beschädigt. Ungefähr 75 Prozent der Bevölkerung

Am 29. März bewilligte der Kongreß ein zusätzliches
Hilfspaket für Bosnien in Höhe von 198 Millionen
Dollar. Präsident Clinton erklärte wiederholt, der
Beitrag der Vereinigten Staaten zum Wiederaufbau
Bosniens würde sich in den nächsten drei Jahren auf

AMERIKA DIENST 08

Seite 1

�600 Millionen Dollar belaufen. Mit diesen Geldern soll
ein bereits eingeleitetes wirksames amerikanisches
Programm finanziert werden. Wir werden die grundlegende Infrastruktur wiederaufbauen und die kommunalen Dienstleistungen wiedereinführen. Wir werden
technische Hilfe zum Aufbau einer marktwirtschaftlichen Ordnung und demokratischen Gesellschaft
gewähren.

besondere in Europa und Japan auf, gemeinsam mit uns einen möglichst großzügigen
Beitrag zu leisten.
Der wirtschaftliche Wiederaufbau muß beschleunigt werden. Wir alle müssen den Mut
haben, unsere Wirtschaftshilfe so bald wie
möglich bereitzustellen. Zusagen müssen in
Auszahlungen umgewandelt werden. Die
Geberländer müssen vor Ort sein und ihre
Aktivitäten enger und intensiver mit dem
Programm der Weltbank koordinieren.

Diese Bestrebungen sind Bestandteil eines weitaus
umfassenderen Engagements der internationalen
Staatengemeinschaft zur Unterstützung der Menschen
in Bosnien beim Wiederaufbau ihrer Nation. Die NATO
trägt einen Großteil der Last bei der Wahrung des
Friedens. Die Vereinigten Staaten und Europa stellen
weiterhin humanitäre Hilfe großen Umfangs bereit, und
Hunderttausende von Flüchtlingen haben in ganz
Europa Zuflucht gefunden. Die internationale Staatengemeinschaft engagiert sich stark, den Menschen in
Bosnien bei der Vorbereitung freier und fairer Wahlen
in diesem Sommer zu helfen, die Rückkehr von
Vertriebenen und Flüchtlingen zu fördern, unerläßliche
staatliche Strukturen zu schaffen, Menschenrechte zu
schützen, eine effektive und fair arbeitende Polizei
aufzubauen und Millionen von Landminen zu entschärfen.
Das sind starke und kooperative Bestrebungen. Aber
die Herausforderungen sind enorm.
Der Bedarf an Ressourcen in Bosnien ist groß,
und wir alle sehen uns mit haushaltspolitischen Engpässen konfrontiert. Damit diese
Konferenz der Geberländer erfolgreich sein
kann, rufe ich alle unsere Verbündeten, ins-

Die Vertreter der Bosnischen Föderation
müssen beim Aufbau grundlegender staatlicher Institutionen und Strukturen bessere
Arbeit leisten. Sie müssen Zölle und Steuern
erheben, ein Haushaltsgesetz verabschieden
und eine solide Währung fördern. Andernfalls
kann ein Großteil unserer Hilfe nicht effektiv
eingesetzt werden und versickert.
Sowohl die Föderation als auch die Republik
Srpska müssen weiterhin das Ihrige zur
Unterstützung des Friedensprozesses unternehmen, indem sie alle Aspekte des Daytoner
Abkommens uneingeschränkt befolgen.
Das dieses Wochenende in Brüssel stattfindende
Treffen ist wirklich von elementarer Bedeutung. Es ist
wesentlicher Bestandteil der Arbeit der internationalen
Staatengemeinschaft zur Förderung eines dauerhaften
Friedens in Bosnien. Um erfolgreich zu sein, müssen
wir zusammenarbeiten und alles in unserer Macht
Stehende tun.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 08

�MENSCHENRECHTE

17. April 1996

Frauenrechte sind Menschenrechte
Rede von Botschafterin Ferraro

GENF - (AD) - In ihrer Rede vor der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf erklärte die
Leiterin der amerikanischen Delegation, Botschafterin Geraldine Ferraro, am 10. April 1996, es sei leicht, die
Worte "Frauenrechte sind Menschenrechte" zu sagen, aber schwierig, sie in die Praxis umzusetzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Ferraro im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
ein frischer, sauberer Wind weht durch diese Hallen
und treibt den Staub der Ungerechtigkeit und Vorurteile
vor sich her. Er steht für ein Konzept, das so alt ist,
daß es jahrhundertelang übersehen wurde, aber doch
so neu ist, daß es häufig Kontroversen auslöst. Er
gründet auf ein Prinzip, das so rein wie das Lachen
eines Kindes, so solide wie ein alpiner Berggipfel und
so gerecht ist, wie eine menschliche Sache sein kann.
Es ist beeindruckend in seiner Einfachheit, revolutionär
in seiner Reichweite und mächtig dank der darin
enthaltenen Möglichkeiten.
Drei Worte formen diesen mutigen neuen Wind - drei
einfache, leichte Worte. Aber sie verändern unsere
Denkweise über die Hälfte der Weltbevölkerung. Ja,
Herr Vorsitzender, wir haben diese Worte bei der
Menschenrechtskommission und bei der Pekinger
Frauenkonferenz gesprochen. Wir haben sie in
unseren Häusern geflüstert und am Arbeitsplatz
wiederholt. Und jetzt sagen wir sie zu Regierungen
auf der ganzen Welt. Diese drei Worte lauten: Frauenrechte sind Menschenrechte.
Wie leicht ist es, sie auszusprechen, wie belebend,
den Lauf der Geschichte zu fühlen, der durch sie fließt.
Und dennoch ist es so schwierig, sie in die Praxis
umzusetzen. Denn Gewalt bedroht Frauen noch
immer und überall. Sie ist eine Pest, die keine Grenzen respektiert. Kein Land und kein Bereich der
Gesellschaft ist vor Ansteckung gefeit.

AMERIKA DIENST 08

Gewalt gegen Frauen ist ein Angriff auf die grundlegenden Menschenrechte aller - Mann oder Frau. Und
dennoch werden in jedem Augenblick des Tages
Frauen geschlagen und mißbraucht; neugeborene
Mädchen ausgesetzt, weil ihre Familien einen Jungen
wollen; junge Mädchen verstümmelt im Namen
althergebrachter Sitten; Teenager in sexuelle Sklaverei
verkauft; Bräute auf dem Altar der Habgier geopfert;
Frauen als Politik des Krieges vergewaltigt; Mütter
gegen ihren Willen sterilisiert; weibliche Flüchtlinge in
die Prostitution gezwungen, weil sie Nahrungsmittel
brauchen und Witwen verbrannt, nur weil ihre Männer
vor ihnen starben.
Und dennoch wendet das Gesetz, das diese Frauen
schützen sollte, allzuoft sein Gesicht ab. Das können
wir nicht länger hinnehmen. Wir haben es viel zu
lange toleriert - als wären Vergewaltigung, Prügel und
Mißbrauch irgendwie eine natürliche Beigabe zur
Weiblichkeit, eine zu schmerzliche und zu alltägliche
Tatsache, als daß in der Öffentlichkeit darüber gesprochen würde.
Es gibt noch eine andere Art der Gewalt, die Frauen
bedroht. Es ist die Gewalt der Beraubung: Frauen und
Kindern die benötigten Nahrungsmittel, Bildung,
Gesundheitsfürsorge oder das Eigentum zu verweigern, um volle und produktive Mitglieder der Gesellschaft zu werden, als ob eine Frau in der Gesellschaft
weniger Wert hätte als ihr Bruder. Das Versagen,
Grundnahrungsmittel und Zugang zu unerläßlicher
Gesundheitsfürsorge bereitzustellen, verurteilt Millionen von Menschen zu Krankheit und sorgt dafür, daß
es künftigen Generationen an der erforderlichen Kraft

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�ermangelt, um gesunde und produktive Bürger zu
werden.
Ein Anzeichen ist die Zunahme von
HIV/AIDS-Infektionen unter Frauen. In der Tat sind die
Frauen die am schnellsten zunehmenden Opfer von
HIV/AIDS-Infektionen: Pro Tag infizieren sich ungefähr
3.000. Auch diese Art von Gewalt können wir nicht
hinnehmen, Herr Vorsitzender. Wir haben sie viel zu
lange toleriert, als wären diese Praktiken irgendwie
natürlich, wenn man arm und eine Frau ist.
Die Politik der Machtlosigkeit hält die meisten Frauen
der Welt immer noch in wirtschaftlicher Not gefangen.
Die Statistiken belegen, daß Frauen nur 10 Prozent
des Wohlstands der Weltbevölkerung und ein Prozent
des Landes besitzen, obwohl sie die Hälfte der
Weltbevölkerung ausmachen. Eine solche Ungerechtigkeit ist heutzutage völlig inakzeptabel, denn dadurch
wird sichergestellt, daß Frauen in den Nationen, in
denen sie leben, wenig Einfluß haben.
Aber die Zeiten ändern sich. Und heute stellen Frauen
auf der ganzen Welt - und nicht nur in einigen wenigen
Ländern, sondern in jedem Land - zum ersten Mal in
der Geschichte die Gesetze und Sitten in Frage, die
sie zweitklassig gemacht haben. Durch ihre Leistungen in der Regierung und in allen Lebensbereichen
zwingen sie die Welt, von dem Wandel Notiz zu
nehmen.
Die Zeit unseres Schweigens und unserer Unterwerfung geht zu Ende. Ein neuer Tag bricht für die Hälfte
der Menschen an, und in der Tat für alle. Die Frauen
haben die Worte gefunden, die ihnen vorenthalten
wurden. Frauenrechte sind Menschenrechte. Wir
werden diese schlichte Wahrheit jeder Regierung
gegenüber und in jedem Forum auf der ganzen Welt
äußern. Und mißverstehen Sie mich nicht: Die uns
konfrontierende Gewalt und Ungerechtigkeit werden
ein Ende haben.
Denn bei der Pekinger Frauenkonferenz ist etwas
geschehen. 40.000 Frauen und Männer haben sich
dort versammelt. Sie kamen aus jeder Region der
Welt, vertraten 189 Regierungen, Tausende von
Privatorganisationen - und manchmal nur sich selbst.
Und dort legten sie ein Gelübde ab: Frauen werden
nicht länger die Gefangenen des Schweigens sein.
Aber wir werden nicht nur mit Worten kämpfen. Die
bei der Pekinger Frauenkonferenz verabschiedete
Aktionsplattform bietet eine solide Grundlage, auf die
wir unsere künftigen Aktionen gründen können. In ihr
verpflichteten sich die Nationen der Welt zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen in allen ihren Formen.
Sie vereinbarten, daß Mädchen ebenso wie Jungen
geschützt und geschätzt werden müssen, daß Frauen
Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge sowie zu
den Schalthebeln der Wirtschaft und politischen Macht
haben müssen, daß die Verantwortung für die Familie
gleichermaßen getragen werden muß, daß Frauen das

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Recht zur Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit und zu Gleichberechtigung bei sexuellen Beziehungen haben
müssen und schließlich, daß sie die Freiheit haben
müssen, ihre Ansichten zum Ausdruck zu bringen,
denn Redefreiheit ist eine Voraussetzung für andere
Menschenrechte.
Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten hegen den
starken Wunsch, daß jede Nation, die der Plattform
zugestimmt hat, ihre Bestimmungen einhält. Wir
beglückwünschen alle Teilnehmer zu den aussagekräftigsten politischen Erklärungen, die je von der
internationalen Staatengemeinschaft im Hinblick darauf
abgegeben wurden, Frauen mehr Befugnis zu verleihen.
Aber wir blicken nicht nur auf andere Nationen bei der
Verwirklichung der Pekinger Plattform.
Unsere
Regierung nimmt ihre Verpflichtung, sie in die Praxis
umzusetzen, sehr ernst. Nach der Pekinger Konferenz
hat Präsident Clinton beispielsweise einen interministeriellen Rat für Frauen eingerichtet, der fordert,
daß jedes Ministerium die Empfehlungen der Plattform
durchführt. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Das
Büro für Gewalt gegen Frauen des Justizministeriums
hat infolgedessen umfassende nationale Bestrebungen
zur Bekämpfung von häuslicher und anderen Formen
von Gewalt gegen Frauen in die Wege geleitet und
dabei strenge Bundesgesetze mit Unterstützung für
Bundesstaaten und Kommunen bei der Strafverfolgung, Hilfe für Opfer und Verhinderung von Verbrechen kombiniert. Und im Rahmen unserer auswärtigen Beziehungen hat das Amt für internationale
Entwicklung (Agency for International Development AID) neue Programme eingeführt, um die Beteiligung
von Frauen an Kleinstunternehmen zu ermutigen und
dabei auf unsere bisherigen Programme aufgebaut,
verarmten Frauen den Zugang zum politischen Leben
zu ermöglichen.
Herr Vorsitzender, die Menschenrechtskommission hat
von buchstäblich Millionen Frauen gehört, die Petitionen mit der Forderung unterzeichneten, Frauenrechte
als Menschenrechte zu behandeln. Die Antwort der
Kommission bestand in der Einrichtung des Amts eines
Sonderberichterstatters für Gewalt gegen Frauen, der
in diesem Jahr Neuland erschlossen hat, indem er sich
auf Gewalt in Familien als Menschenrechtsanliegen
konzentrierte. Die Kommission hat auch ihre Sonderberichterstatter und Vertragskörperschaften angewiesen, die Rechte von Frauen in ihre Arbeit zu integrieren. Und in über 30 Resolutionen haben die Kommissionsmitglieder im vergangenen Jahr klargestellt, daß
die Rechte von Frauen in der Tat besondere Beachtung verdienen.
Es wird Menschen geben, die versuchen, uns von
unserem Kurs abzubringen, Kräfte, die darauf hinarbeiten, daß die Ergebnisse der Pekinger Frauenkonferenz Worte bleiben und nicht in Taten münden.

AMERIKA DIENST 08

�Aber diejenigen, die so denken, werden sich auf der
falschen Seite der Geschichte wiederfinden - dazu
verurteilt, daß sie ihnen jeden Tag schneller entflieht.
Denn es gibt einen Lauf der menschlichen Geschichte,

und er steht auf unserer Seite. Frauenrechte sind
Menschenrechte. Wir blicken dem Tag äußerst
erwartungsvoll entgegen, an dem diese drei einfachen,
leichten Worte für jeden Realität geworden sind. Ich
danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 08

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Diplomatie und die globalen Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten und Europa - globale Herausforderungen und globale Antworten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Charles E. Redman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Europa sollte nicht nur unter dem Aspekt der Ost-West-Beziehungen gesehen werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von General John Sheehan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Wiederaufbau Bosniens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lawrence H. Summers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frauenrechte sind Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Ferraro&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
3. April 1996

07

HAUSHALT

CLINTON: AUSGLEICH DES BUNDESHAUSHALTS IN SIEBEN JAHREN
Haushaltsvorlage des Präsidenten

AUSSENPOLITIK

DER HAUSHALT FÜR INTERNATIONALE
ANGELEGENHEITEN
Rede von Außenminister Christopher

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DEUTSCHLAND
UND ISRAEL - EIN GEMEINSAMES
SCHICKSAL
von J.D. Bindenagel

USA-DEUTSCHLAND

DIE ZUKUNFT DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
von J.D. Bindenagel

ABRÜSTUNG

RATIFIZIERUNG DER CHEMIEWAFFENKONVENTION IM FRÜHJAHR ANGESTREBT
Anhörung von Verteidigungsminister Perry

NAHER OSTEN

UNHCR SOLL FRIEDENSPROZESS
UNTERSTÜTZEN
Rede von Botschafterin Ferraro

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�HAUSHALT

3. April 1996

Clinton: Ausgleich des Bundeshaushalts
in sieben Jahren
Haushaltsvorlage des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Bei der Vorlage seines Haushaltsentwurfs für das am 1. Oktober beginnende Fiskaljahr
1997 gab Präsident Clinton seine Absicht bekannt, mit einem Ausgleich des Bundeshaushalts innerhalb von
sieben Jahren auf der starken wirtschaftlichen Bilanz der Vereinigten Staaten aufzubauen.
Bei gleichzeitiger Kürzung der Ausgaben zur freien Verfügung sei seine Haushaltsvorlage eine "Investition in die
Zukunft" für Bildung und Ausbildung, Technologie und Umweltschutz, so der Präsident.
Darüber hinaus zielt Clintons Haushaltsentwurf auf eine Reform des Sozialwesens sowie Steuererleichterungen
für Amerikaner mit mittlerem Einkommen und mittelständische Unternehmen ab.
Nachfolgend veröffentlichen wir die dem Haushaltsplan beiliegende Botschaft des Präsidenten.

An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Der Haushalt 1997, den ich Ihnen mit dieser Botschaft
übersende, bautauf der starken wirtschaftlichen Bilanz
der Vereinigten Staaten mit einem Ausgleich des
Bundeshaushalts innerhalb von sieben Jahren bei
gleichzeitigen weiteren Investitionen in das amerikanische Volk auf.
Der Haushaltsentwurf sieht Kürzungen bei unnötigen
und weniger wichtigen Ausgaben vor und schützt die
älteren Mitbürger, Arbeitnehmerfamilien und Kinder. Er
reformiert die Sozialhilfe, damit sich Arbeit bezahlt
macht, und räumt Amerikanern mit mittlerem Einkommen sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen Steuervergünstigungen ein.
Vor drei Jahren traten wir das Erbe einer Wirtschaft an,
die unter kurz- und langfristigen Problemen litt Problemen, die durch die Wirtschafts- und Finanzpolitik der vorherigen 12 Jahre geschaffen und verschärft wurden.
Auf kurze Sicht war das Wirtschaftswachstum langsam, und es wurden wenige Arbeitsplätze geschaffen.
Das Haushaltsdefizit, das Anfang der achtziger Jahre

AMERIKA DIENST 07

zu explodieren begann, stieg in unerschwingliche
Höhen.
Auf längere Sicht hatte sich die Produktivität seit
Anfang der siebziger Jahre verlangsamt und infolgedessen stagnierte oder sank der Lebensstandard für
die meisten Amerikaner. Gleichzeitig vergrößerte sich
die Kluft zwischen Armen und Reichen.
In den vergangenen drei Jahren haben wir haushaltspölitische und andere wirtschaftliche Maßnahmen
eingeführt, die den Kurs der Volkswirtschaft grundlegend veränderten - zum Guten. Wir haben stärkeres
Wachstum, niedrigere Zinssätze, stabile Preise,
Millionen neuer Arbeitsplätze, Exporte in Rekordhöhe,
geringere private und Unternehmensverschuldung
sowie einen höheren Lebensstandard geschaffen.
In Zusammenarbeit mit dem letzten Kongreß haben wir
1993 ein Wirtschaftsprogramm verabschiedet, das
besser als alle unsere Prognosen das Wachstum
ankurbelte und das Defizit abbaute. Wir haben das
Defizit um nahezu die Hälfte reduziert, von 290
Milliarden Dollar im Jahr 1992 auf 164 Milliarden Dollar
1995. Als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts
haben wir das Defizit in drei Jahren um mehr als die

Seite 1

�Hälfte verringert und es damit auf den niedrigsten
Stand seit 1979 gebracht.

Erarbeitung eines Abkommens erzielt. Wir sind zu weit
gekommen, um diese Chance zu vergeuden.

Bei gleichzeitiger Kürzung der Ausgaben zur freien
Verfügung haben wir die Ressourcen für Investitionen
in die Zukunft umgeleitet. Mit zunehmend an Qualifikationen gebundenen Löhnen und Gehältern haben wir
klug in Bildung und Ausbildung investiert, um den
Amerikanern beim Erwerb der Voraussetzungen
behilflich zu sein, die sie für die hochbezahlten Arbeitsplätze von morgen benötigen. Wir investierten darüber
hinaus auch vornehmlich in Wissenschaft und Technologie, die im gesamten Verlauf der Geschichte unserer
Nation ein starker Motor für Wirtschaftswachstum

Ein ausgeglichener Haushalt würde die Zinssätze für
alle Amerikaner senken, einschließlich der jungen
Familien im ganzen Land, die ihr erstes Haus kaufen
wollen. Er würde auch Mittel auf den Privatmärkten
freisetzen, mit denen Unternehmen in Fabriken und
Gerät oder die Ausbildung ihrer Arbeitnehmer investieren könnten.

Für Amerikaner, die kaum Geld für die Erziehung ihrer
Kinder und das Nötigste zum Leben haben, soll sich
Arbeit bezahlt machen. Wir haben den Einkommensteuerfreibetrag erhöht und Steuervergünstigungen für
15 Millionen Arbeitnehmerfamilien eingeführt. Und wir
haben 37 Bundesstaaten die Freiheit eingeräumt,
Wege zu sondieren, damit Menschen bei gleichzeitigem Schutz ihrer Kinder nicht länger von Sozialhilfe abhängig sind.
Während die Wirtschaft immer globaler wird, hängt der
Wohlstand zu Hause hauptsächlich von der Öffnung
ausländischer Märkte für amerikanische Waren und
Dienstleistungen ab. Vor diesem Hintergrund haben
wir Gesetze zur Umsetzung des Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommens und des Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens erlassen und über 80 weitere
Handelsabkommen geschlossen.
Unter unserer
Führung sind die Exporte auf Rekordhöhe gestiegen.
Mit diesen Maßnahmen haben wir den Weg zu einer
Zukunft mit tragfähigem Wirtschaftswachstum, niedrigen Zinssätzen, stabilen Preisen und mehr Chancen
für Amerikaner aller Einkommensschichten geebnet.
Aber unsere Arbeit ist noch nicht getan.
Beim Blick in die Zukunft müssen wir - wie ich vor
kurzem in meinem Bericht zur Lage der Nation feststellte - drei grundlegende Fragen beantworten: Wie
können wir den Amerikanischen Traum zur Realität für
alle Amerikaner werden lassen, die dafür zu arbeiten
bereit sind? Wie bewahren wir unsere althergebrachten und beständigen Werte auf dem Weg in die
Zukunft? Und wie meistern wir diese Herausforderungen gemeinsam, als ein Amerika?
Die Haushaltsvorlage spricht diese Fragen an.
Schaffung eines Zeitalters der Chancen
Ich habe mich zur Beendigung des von uns 1993 in
Angriff Genommenen verpflichtet - dem Haushaltsausgleich. Bei unseren Verhandlungen mit den Kongreßabgeordneten haben wir große Fortschritte bei der

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Wir müssen den Haushalt jedoch auch in der richtigen
Weise ausgleichen - indem wir unnötige oder weniger
wichtige Ausgaben kürzen, in die Zukunft investieren,
ältere Mitbürger und Arbeitnehmerfamilien, Kinder und
andere schwächere Mitglieder der Gesellschaft
schützen sowie Steuererleichterungen für Amerikaner
mit mittlerem Einkommen und mittelständische Unternehmen einführen.
Mein Haushalt tut das. Er stärkt Medicare und Medicaid, von denen Millionen ältere Mitbürger, Behinderte
und einkommensschwache Amerikaner abhängig sind.
Er reformiert die Sozialhilfe. Er kürzt andere Titel. Und
er nimmt tiefe Einschnitte bei den Ausgaben zur freien
Verfügung vor.
Aber bei gleichzeitiger Kürzung der frei verfügbaren
Ausgaben investiert meine Haushaltsvorlage in
Bildung und Ausbildung, die Umwelt, Wissenschaft und
Technologie, Strafverfolgung und andere Prioritäten,
um eine bessere Zukunft für alle Amerikaner aufzubauen. Wir sollten mehr für das ausgeben, was wir
benötigen, und weniger für das, was wir nicht benötigen.
Projektion der amerikanischen Führungsrolle
Weltweit leben wir in einer Zeit großer Chancen und
Herausforderungen. Nach dem Ende des Kalten
Krieges blickt die Welt auf die Vereinigten Staaten für
eine Führungsrolle. In der Annahme, daß dies eindeutig in unserem besten Interesse liegt, dürfen wir
uns nicht abwenden.
Mein Haushaltsplan sieht die erforderlichen Ressourcen zur Förderung der strategischen Interessen der
Vereinigten Staaten, der Umsetzung unserer Außenpolitik, Öffnung von Märkten im Ausland und Unterstützung amerikanischer Exporte vor. Er stellt auch die
Mittel zur Bewältigung der sich abzeichnenden globalen Bedrohungen bereit, die an die Stelle des Kalten
Krieges als Hauptgrund für Besorgnis getreten sind regionale, ethnische und nationale Konflikte, die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
internationaler Terrorismus und Verbrechen, Drogenhandel und Umweltzerstörung.
Auf diplomatischer Ebene konnten wir zahlreiche und
erfreuliche Erfolge verzeichnen, die die Welt zu einem

AMERIKA DIENST 07

�sichereren und stabileren Ort gemacht haben. Dank
unserer Führungsrolle tragen wir dazu bei, Frieden
nach Bosnien und in den Nahen Osten zu bringen, und
wir haben Fortschritte in Nordirland herbeigeführt. Wir
haben auch die Bewegung zu Demokratie und freien
Märkten in Rußland und Zentraleuropa ermutigt und
erfolgreich internationale Bestrebungen zur Entschärfung der nuklearen Bedrohung durch Nordkorea
angeführt.
Auf militärischer Ebene haben wir unsere Truppen dort
stationiert, wo sie einen effektiven Beitrag leisten
können und wo es in unserem Interesse lag, Stabilität
durch Beendigung des Blutvergießens (wie in Bosnien)
und Leidens (wie in Ruanda) zu fördern. Wir haben
auch den Einsatz von Gewalt zur Lockerung von
Spannungen angedroht, wie zur Amtsenthebung einer
unwillkommenen Diktatur in Haiti und im Falle des Irak,
als das Land erneut in Kuwait einzumarschieren
drohte.
Dieser Haushalt sieht die Mittel zur Unterhaltung und
Modernisierung der stärksten, am besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und einsatzbereitesten Streitmacht der Welt vor. Damit unterstützen wir weiterhin die Soldaten und ihre Familien mit
einer Verbesserung der Lebensqualität, während wir
die Beschaffung der neuen Technologien planen, die
Ende dieses Jahrzehnts verfügbar sein werden.
Schaffung von Chancen und Übernahme von
Verantwortung
Die Bundesregierung kann nicht - im Alleingang - die
meisten Probleme lösen und die meisten Herausforderungen ansprechen, mit denen wir uns als Volk
konfrontiert sehen. In manchen Fällen muß sie eine
Führungsrolle übernehmen - sei es, um die Gesundheitsfürsorge für die sozial Schwachen zu übernehmen, den Zugang zu Bildung und Ausbildung zu
verbessern, in Wissenschaft und Technologie zu
investieren, die Umwelt zu schützen oder die Steuerbelastung fairer zu gestalten. In anderen Fällen muß
sie eine partnerschaftliche Rolle spielen - mit den
Bundesstaaten, Kommunen, gemeinnützigen Gruppen,
Kirchen und Synagogen, Familien und Einzelpersonen
zusammenarbeiten, um die Gemeinden zu stärken,
damit Arbeit sich bezahlt macht, um die öffentliche
Sicherheit zu wahren und die Qualität der Bildung zu
verbessern.
Zur Wiederherstellung der amerikanischen Gemeinschaft sieht der Haushalt Investitionen in den nationalen Sozialdienst vor, in dessen Rahmen dieses
Jahr 25.000 Amerikaner bei der Lösung von Problemen in Gemeinden helfen und sich dabei Geld für
weiterführende Bildung oder zur Zurückzahlung von
Ausbildungsförderung verdienen. Wir wollen mehr
Ermächtigungszonen und Unternehmensgemeinschaften ins Leben rufen, um wirtschaftliche Entwick-

AMERIKA DIENST 07

lung zu fördern und die Chancen für die Bewohner
benachteiligter städtischer und ländlicher Gebiete zu
erhöhen. Wir wollen den Fonds der Finanzinstitutionen
für die Gemeindeentwicklung aufstocken, um Gemeinden Kredite und andere Dienstleistungen anbieten
zu können. Mit demselben Ziel vor Augen wollen wir
das Amt für Wohnungswesen und städtische Entwicklung in eine Behörde umwandeln, die sich besser für
die Bewältigung örtlicher Erfordernisse eignet. Und wir
wollen unsere Beziehungen zu den Indianern in
unserem Land aufrechterhalten sowie die wichtigen
Dienstleistungen, die wir ihnen anbieten.
Bei der Gesundheitsfürsorge besteht unsere Herausforderung in der Verbesserung des bereits bestehenden und überwiegend erfolgreichen Systems und nicht
in der Aufkündigung von Deckungszusagen, von
denen Millionen sozial schwacher Amerikaner abhängig sind. Mein Haushaltsentwurf stärkt Medicare und
Medicaid und garantiert ihren weiteren Bestand. Bei
Medicare unterstützt er den Treuhandfonds für Teil A,
bietet älteren und behinderten Bürgern mehr Wahlmöglichkeiten, gestaltet das Programm effizienter und
stärker auf die Bedürfnisse der Empfänger zugeschnitten. Bei Medicaid räumt er den Bundesstaaten mehr
Flexibilität bei der Verwaltung ihrer Programme ein und
bewahrt gleichzeitig die Garantie einer Gesundheitsfürsorge für die sozial schwächsten Amerikaner, hält die
derzeitigen Qualitätsstandards für Pflegeheime
aufrecht und schützt auch weiterhin die Ehepartner
von Pflegeheimbewohnern vor der Verarmung. Mein
Haushaltsentwurf sieht Reformen zur Verbesserung
des Zugangs zu privater Krankenversicherung und
ihrer Finanzierung vor sowie Hilfen für diejenigen, die
ihren Arbeitsplatz verloren haben, damit sie weitere
sechs Monate die Prämien für ihre private Versicherung bezahlen können. Ferner beabsichtige ich
Investitionen in verschiedene öffentliche Gesundheitsdienstleistungen, beispielsweise das Ryan WhiteProgramm zur Unterstützung von AIDS-Kranken sowie
Aktivitäten im Forschungs- und Gesetzgebungsbereich
zur Förderung der öffentlichen Gesundheit.
Da das amerikanische Sozialwesen krankt, haben wir
hart an der Verbesserung der Bereiche gearbeitet, die
keiner Aktionen des Kongresses bedürfen. Beispielsweise haben wir 37 Bundesstaaten die Möglichkeit
eingeräumt, Wege zu sondieren, um Sozialhilfeempfänger ohne Nachteile für ihre Kinder wieder in die
Arbeitswelt einzugliedern. Und wir kassieren Rekordsummen an Unterhaltszahlungen von Vätern. Aber
jetzt benötige ich die Hilfe des Kongresses. 1993
erhöhten wir gemeinsam den Einkommensteuerfreibetrag für 15 Millionen Arbeitnehmerfamilien und
belohnten dadurch Arbeit statt Abhängigkeit von
Sozialhilfe. Jetzt wird durch meinen Haushaltsentwurf
das Sozialversicherungssystem überholt, indem ein
Zeitrahmen für Bargeldzahlungen sowie strenge
Arbeitsanforderungen festgesetzt werden. Und ich
strebe eine parteiübergreifende Verabschiedung von

Seite 3

�Gesetzen an, die Arbeit und die Übernahme von
Verantwortung fordern, Kinder schützen und angemessene Mittel für die Versorgung und Ausbildung
der Kinder bieten.

Technologie abhängigen Behörden sowie für gemeinsame Projekte mit Universitäten und Industrie, beispielsweise den im Rahmen des Hochtechnologieprogramms geschlossenen Partnerschaften.

Bildung und Ausbildung werden in zunehmendem
Maße der Schlüssel zu einem höheren Lebensstandard. Obwohl die Amerikaner eindeutig wünschen,
daß die Bundesstaaten und Kommunen bei der
Bildung eine führende Rolle übernehmen, muß die
Bundesregierung wichtige Unterstützung bieten - von
der Finanzierung der Vorschule, in der Kinder auf das
Lernen vorbereitet werden, bis zur Verbesserung des
Zugangs zu Colleges und Umschulungseinrichtungen.
Mein Haushaltsentwurf sieht eine Fortsetzung der
hohen Investitionen vor, die Amerikanern die für gute
Arbeitsplätze erforderlichen Qualifikationen geben.
Neben meinen laufenden Investitionen schlägt der
Haushaltsentwurf einen Fonds für die Förderung von
technologischem Wissen vor, um die Vorteile der
Technologie in die Klassenzimmer zu bringen, ein
Stipendium in Höhe von 1.000 Dollar für die besten 5
Prozent unter den Absolventen jeder High School und
mehr Schulgründungen, damit Eltern, Lehrer und
Gemeinden öffentliche Schulen schaffen können, die
den Bedürfnissen ihrer Kinder entsprechen.

Im Bereich der Verbrechensbekämpfung muß die
Bundesregierung mit den Bundesstaaten und Gemeinden bei einigen Problemen zusammenarbeiten
und bei anderen eine Führungsrolle übernehmen. Zur
Unterstützung der Gemeinden investieren wir weiterhin
in das Programm "Bürgernahe Polizei", um 100.000
weitere Streifenpolizisten einzustellen. Wir helfen den
Bundesstaaten beim Bau neuer Gefängnisse, bei der
Durchsetzung des Brady-Gesetzes, damit Verbrecher
keine Handfeuerwaffen kaufen dürfen, sowie beim
besseren Umgang mit dem Problem jugendlicher
Gangs. Auf Bundesebene führen wir den Kampf zur
Unterbindung des Drogenschmuggels in unser Land
und zur Verbesserung der Behandlung Drogenabhängiger. Wir vergrößern unsere Anstrengungen
zur Sicherung der Grenzen gegen illegale Einwanderung und helfen gleichzeitig bei der Bestreitung der
Kosten solcher Einwanderung für den Staat.

Wir Amerikaner können stolz darauf sein, daß wir im
Laufe der letzten 25 Jahre unter der Leitung von
Präsidenten aus beiden Parteien unsere Umwelt
gesäubert haben. Aber unsere Arbeit ist noch nicht
beendet, da noch viele Amerikaner verschmutzte Luft
atmen oder unsauberes Wasser trinken. Mein Haushalt setzt unsere Suche nach Lösungen für unsere
Umweltprobleme fort, ohne die Unternehmen über
Gebühr zu belasten oder unnötige Verordnungen zu
verhängen. Wir stellen die notwendigen Gelder bereit,
um die Programme des Umweltschutzamtes durchzuführen, unsere Parks und Wälder zu schützen,
meinen Plan zur Renaturierung der Florida Everglades
umzusetzen, sowie für meine Initiative "Braunes Feld"
zur Sanierung verlassener, verseuchter Industriegebiete in benachteiligten städtischen und ländlichen
Gemeinden. Und wir setzen die Umstrukturierung des
Prozesses zum Erlaß von Vorschriften fort, indem wir
mit den Unternehmen zusammenarbeiten, anstatt sie
wie Gegner zu behandeln.
Angesichts der essentiellen Bedeutung von Wissenschaft und Technologie für unsere wirtschaftliche
Zukunft, unsere nationale Sicherheit und das Wohlergehen unseres Volkes sieht mein Haushaltsentwurf
eine Fortsetzung unserer Investitionen auf diesem
entscheidenden Gebiet vor. Zu diesem Zweck bitte ich
den Kongreß, meinen verschiedenen Gesuchen
nachzukommen - für Grundlagenforschung im medizinischen Bereich beim Nationalen Gesundheitsamt, für
Grundlagenforschung und Bildung bei der National
Science Foundation, für Forschung an anderen, zur
Erfüllung ihrer Aufgaben von Wissenschaft und

Seite 4

Für viele Familien besteht natürlich das größte Problem oftmals darin, die Rechnungen zu bezahlen.
Mein Haushalt sieht Steuererleichterungen für Amerikaner mit mittlerem Einkommen sowie für kleine und
mittelständische Unternehmen vor. Er bietet einen
Einkommensteuerfreibetrag für jedes Kind unter 13
Jahren, einen Nachlaß für Collegegebühren sowie
erleichterten Zugang zu den Rentenkassen des
einzelnen, um Familien beim Sparen für die Zukunft
und der Bezahlung von Collegegebühren, beim
Hauskauf, im Falle von Arbeitslosigkeit oder bei
medizinischer Behandlung und Pflegefällen Beistand
zu leisten. Für mittelständische Unternehmen sieht er
mehr Steuererleichterungen bei Investitionen vor und
erleichtert die Einrichtung einer Rentenversicherung.
Ferner soll Selbständigen der Abschluß einer Krankenversicherung erleichtert werden, indem diese steuerlich absetzbar wird.
Eine funktionierende Regierung
Diese Prioritäten werden wir mit einer schlankeren
Regierung verfolgen, die effizient arbeitet, klugen
Gebrauch von den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln
macht, sich auf Ergebnisse statt nur auf Ausgaben
konzentriert und dem amerikanischen Volk bessere
Dienstleistungen anbietet. Durch die Umstrukturierung
der Regierung unter der Führung von Vizepräsident
Gore machen wir echte Fortschritte beim Aufbau einer
Regierung, die "besser funktioniert und weniger
kostet".
Wir haben die Zahl der Bundesbediensteten um
200.000 verringert und somit die kleinste Mitarbeiterzahl seit 30 Jahren, die den geringsten Anteil an der
gesamten Erwerbsbevölkerung seit dem New Deal

AMERIKA DIENST 07

�stellt. Wir sind dem Zeitplan zur Streichung von
272.900 Stellen - wie im von mir unterzeichneten
Gesetz über die Umstrukturierung des Regierungsapparats - voraus.
Ebenso wichtig ist, daß die Regierung besser funktioniert.
Behörden wie die Sozialversicherungsverwaltung, die Zollbehörde und das Amt für Veteranen
bieten ihren Kunden weitaus bessere Dienstleistungen
an. In der gesamten Regierung nutzen die Behörden
die Informationstechnologie zur Bereitstellung von
weitaus effektiveren Dienstleistungen für mehr Menschen.

Hämmer, Aschenbecher und andere kleine Artikel, die
man in den Geschäften vor Ort billiger kaufen kann.
Mit Blick in die Zukunft planen wir eine engere Zusammenarbeit mit den Bundesstaaten und Kommunen,
mit Unternehmen und Einzelpersonen sowie mit
Regierungsbediensteten, um unsere Bestrebungen auf
die Verbesserung von Dienstleistungen für das
amerikanische Volk zu konzentrieren. Unter der
Leitung des Vizepräsidenten setzen die Behörden
immer höhere Standards für die Bereitstellung schnellerer und besserer Dienstleistungen.
Schlußbemerkung

Wir verringern die Gesetzeslast weiter und stellen
sicher, daß unsere Vorschriften zweckdienlich sind
und keine unnötige Belastung für Unternehmen und
Steuerzahler darstellen. Wir schaffen in der gesamten
Regierung 16.000 Seiten mit Verfügungen ab, und die
Behörden verbessern ihre Verfahren zum Erlaß von
Bestimmungen.

Unsere Tagesordnung funktioniert. Wir haben das
Haushaltsdefizit beträchtlich reduziert, die Wirtschaft
gestärkt, in unsere Zukunft investiert und die Regierung verkleinert, während wir gleichzeitig ihr Dienstleistungsangebot für das amerikanische Volk verbessert haben.

Zusätzlich modernisieren wir das staatliche Beschaffungswesen, damit die Regierung kostengünstiger
bessere Waren vom Privatsektor kaufen kann. Die
Regierung zahlt nicht länger überhöhte Preise für

Jetzt haben wir die Chance, auf unseren Erfolgen
aufzubauen, indem wir den Haushalt auf die richtige
Art und Weise ausgleichen. Wir sollten diese Chance
nicht verpassen.

*

AMERIKA DIENST 07

* * * *

Seite 5

�AUSSLNPOLITIK
3. April 1996

Der Haushalt für internationale Angelegenheiten
Rede von Außenminister Christopher

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine von US-Außenminister Warren Christopher am 27.
März 1996 vor dem Bewilligungsunterausschuß des Repräsentantenhauses für Operationen im Ausland
gehaltene Rede über den Haushalt für internationale Angelegenheiten im Finanzjahr 1997.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder. Es ist
mir eine Freude, erneut vor dem Bewilligungsunterausschuß des Repräsentantenhauses für Operationen im
Ausland sprechen zu dürfen. Ich sehe Konsultationen
mit Ihnen zu Beginn der neuen Haushaltsgespräche
erwartungsvoll entgegen.
Bei dem von uns heute zu erörternden Haushalt geht
es um sehr viel mehr als Dollar oder Cents. Er stellt
den Kongreß vor eine grundlegende Entscheidung.
Werden wir die Interessen des amerikanischen Volkes
fördern und die amerikanische Führungsrolle in der
Welt aufrechterhalten? Oder werden wir die bereits
erzielten Fortschritte unterminieren und die vor uns
liegenden Chancen verpassen?
Werden wir uns in Regionen von elementarer Bedeutung weiterhin für Frieden und Sicherheit einsetzen
oder die Bedrohungen ignorieren, bis sie unsere
Küsten erreichen? Werden wir die nach dem Zweiten
Weltkrieg geschaffenen Bündnisse und Institutionen
bewahren oder unseren Verpflichtungen den Rücken
kehren und uns selbst keine andere Option lassen, als
uns zukünftigen Krisen alleine zu stellen? Werden wir
neuen Bedrohungen die Stirn bieten, die keine Grenzen respektieren, oder unseren Kindern eine Welt
hinterlassen, die von nuklearer Weiterverbreitung,
Terrorismus und Umweltkrisen gekennzeichnet ist?
Präsident Clinton hat seine Entscheidung getroffen. Er
hat die zentrale Lektion dieses Jahrhunderts verstanden - daß Amerika eine Führungsrolle übernehmen muß. Das ist auch die Lektion der vergangenen
drei Jahre. Betrachten Sie sich, was wir durch unsere
Führungsrolle erreicht haben.

Wir beendeten den todbringenden Krieg in Bosnien
und beseitigten die Bedrohung für Sicherheit und
Stabilität im Herzen Europas, die er darstellte. Wir
setzten dem Zustrom haitianischer Flüchtlinge an
unseren Küsten ein Ende und gaben dieser Nation
eine Chance zur Schaffung von Demokratie und
Wohlstand. Wir erzielten die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags und verpflichteten mehr als 100 Länder, niemals
Nuklearwaffen zu bauen. Atomraketen in der ehemaligen Sowjetunion sind nicht länger auf amerikanische
Städte gerichtet.
Das nordkoreanische Nuklearprogramm befindet sich auf dem Weg der Verschrottung. Und unsere Wirtschaftsdiplomatie hat einen
Exportboom hervorgerufen und mehr als eine Million
hochbezahlter amerikanischer Arbeitsplätze geschaffen.
Amerika stand an der Seite derjenigen, die um des
Friedens willen mutig Risiken eingingen. Wir halfen
Israel und seinen arabischen Nachbarn, historische
Fortschritte zu einem umfassenden Frieden zu erzielen. Wir halfen den Menschen in Nordirland bei der
Annäherung an eine gerechte und dauerhafte Lösung.
Und nach den feigen Terroranschlägen der vergangenen Wochen stand Präsident Clinton an der Seite der
Friedensstifter.
Die außenpolitischen Errungenschaften dieser Administration waren möglich, weil wir ohne Zögern die
Führungsrolle übernahmen. Unsere Investitionen
zahlen sich für das amerikanische Volk aus. Unsere
Nation ist sicherer. Unsere Wirtschaft ist stärker. Und
unsere Werte sind im Kommen.
Das durch diese Art von Führungsstärke Erreichte
kann nicht umsonst erhalten werden - wenn wir das

AMERIKA DIENST 07

Seite 1

�amerikanische Volk nicht verändern wollen. Wir
können uns zur Projektion unserer Führungsrolle auch
nicht allein auf militärische Stärke verlassen - wenn wir
nicht die ganze Zeit unser Militär einsetzen wollen.
Das würde viele Dollar und Menschenleben kosten,
die wir nicht verschwenden können.
Der Haushalt für internationale Angelegenheiten ist
jedoch seit 1984 real um 51 Prozent geschrumpft.
Unser Gesuch für 1997 in Höhe von 19,2 Milliarden
Dollar, davon 12,8 Milliarden von diesem Unterausschuß, liegt unter dem vom letzten Jahr. Es erzielt das
bestmögliche Gleichgewicht zwischen unseren beiden
übergeordneten Zielen - Verfolgung unserer nationalen
Interessen und Erzielung eines Haushaltsausgleichs
innerhalb von sieben Jahren. Es ist das absolute
Minimum für eine Außenpolitik, die unser Land schützt
und die amerikanische Führungsrolle aufrechterhält.
Ich möchte näher darauf eingehen, wie unser Haushalt
uns in diesem Jahr und danach bei der Bewältigung
von drei Herausforderungen helfen wird: Streben nach
Frieden und Stabilität in Regionen von lebenswichtigem Interesse, Begegnung transnationaler Sicherheitsbedrohungen sowie Förderung von offenen
Märkten und Wohlstand.
Streben nach Frieden und Sicherheit
Zunächst möchte ich die Schlüsselregionen ansprechen, in denen wir den Frieden anstreben. In
jeder einzelnen schafft unser Beistand nicht nur
Sicherheit, sondern bewirkt auch die Hilfe unserer
Freunde und Verbündeten bei der Erlangung unserer
gemeinsamen Ziele.
Vor zwei Wochen bekräftigte Präsident Clinton bei
seinem Besuch in Ägypten und Israel die von den
Vereinigten Staaten beim Nahostfriedensprozeß
übernommene führende Rolle. Der Anti-Terror-Gipfel
in Scharm-el-Scheich brachte 29 führende Politiker
aus der ganzen Welt zusammen. Er demonstrierte
dramatischer als je zuvor, daß Israel jetzt in der
Region Partner hat, die sich gemeinsam mit diesem
Land dem Terrorismus entgegenstellen. Und der
Besuch des Präsidenten in Israel zeigte den Menschen
dort erneut, daß die Vereinigten Staaten sich dafür
einsetzen, ihnen den für die Erlangung von Frieden
und Sicherheit erforderlichen moralischen und materiellen Beistand zukommen zu lassen.
Jetzt müssen wir gemeinsam handeln. Morgen und
am Freitag werden in Washington Experten zur
Vorbereitung von Empfehlungen zusammentreffen, die
sie den Ministern vorlegen, damit die beim Gipfel
getroffenen Entscheidungen zügig und wirksam
umgesetzt werden.
Wir sind entschlossen zum Einsatz aller uns zur
Verfügung stehenden Instrumente, um den Terroris-

Seite 2

mus zu bekämpfen und die Feinde des Friedens zu
besiegen. Die israelische Regierung arbeitete mit uns
an der Identifizierung wichtiger Maßnahmen für den
Kampf gegen Terrorismus, deren Kosten sich auf
insgesamt 100 Millionen Dollar belaufen. Ich bitte Sie,
unverzüglich dem Ersuchen des Präsidenten für
zusätzliche 50 Millionen Dollar in diesem Jahr nachzukommen, die mit durch eine niedrige Inflationsrate
bedingten Einsparungen aus dem Haushalt des
Verteidigungsministeriums ausgeglichen werden. Die
Gelder sollen helfen, die vordringlichen Bedürfnisse
Israels zu decken, darunter Bombensuchgeräte und
Durchleuchtungseinrichtungen. Ferner werden wir die
Ausbildung und technische Zusammenarbeit mit Israel
zur Bekämpfung von Terrorismus erweitern.
Mit derselben Entschlossenheit, die wir aufbrachten,
um beim Anti-Terror-Gipfel den größten je dagewesenen Konsens gegen den Terrorismus zu schmieden,
werden wir den Parteien bei der Suche nach einem
dauerhaften und umfassenden Frieden beistehen.
Unser neuer Haushalt sieht 5,25 Milliarden Dollar zur
Unterstützung unserer Bestrebungen an diesem für
den Friedensprozeß entscheidenden Moment vor - das
schließt unsere fortgesetzten Investitionen in die
Sicherheit und Wirtschaftsentwicklung Israels und
Ägyptens ein, die Anker für Frieden und Stabilität in der
Region sind. Unsere Unterstützung für Jordanien wird
dem Land helfen, seine wichtigsten sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Erfordernisse anzusprechen, während es um des Friedens willen
Risiken eingeht. Unser Antrag in Höhe von 75 Millionen Dollar für das Westjordanland und den Gazastreifen wird den palästinensischen Behörden helfen, die
ihrer Kontrolle unterstehenden Gebiete zu verwalten,
den Palästinensern die konkreten Vorteile des Friedens vor Augen führen, die durch den Terrorismus
verursachte Armut lindern und zur Mobilisierung
zusätzlicher Unterstützung durch die internationale
Staatengemeinschaft beitragen.
Herr Vorsitzender, in die vergangene Woche fiel der
90. Tag der NATO-Mission in Bosnien. Unsere
Truppen haben ihre erste entscheidende Herausforderung bewältigt, den Rückzug der Kriegsparteien
von den Frontlinien zu überwachen, an denen sie vier
Jahre lang kämpften und starben. Jeder Amerikaner
kann stolz auf die von unseren Soldaten und Diplomaten übernommene Rolle sein, die diesen Erfolg
ermöglicht hat. Wer von Ihnen in Bosnien war, weiß,
welch herausragende Arbeit unsere Leute unter
äußerst schwierigen Umständen leisten.
Wir sind jetzt in eine neue, heikle Phase der Operation
eingetreten. Das Morden in Bosnien hat aufgehört,
aber Frieden im eigentlichen Sinne des Wortes gibt es
noch nicht. Unsere heutige Herausforderung besteht
darin, den Menschen in Bosnien bei der Aufnahme des
Wiederaufbauprozesses zu helfen. Sie besteht in der
Einrichtung einer zivilen Polizeitruppe. Sie besteht

AMERIKA DIENST 07

�darin, die durch das Abkommen von Dayton geschaffenen politischen Institutionen mit Leben zu erfüllen. Sie
besteht darin, die der Greueltaten Schuldigen vor den
Richter zu bringen.
Bei all diesen Fragen haben wir vergangene Woche in
Genf und Moskau Fortschritte erzielt. Die Parteien
stimmten einer Zusammenarbeit mit der IFOR beim
Umgang mit Bedrohungen und Gewalt in den Gebieten
zu, die unter dem Abkommen übertragen werden.
Serbien und Kroatien erklärten sich bereit, drei der
Kriegsverbrechen Verdächtigte an das Kriegsverbrechertribunal zu übergeben. Die Parteien in Bosnien
kamen überein, die restlichen Kriegsgefangenen
freizulassen und die für freie und faire Wahlen Ende
des Jahres - dem nächsten wichtigen Meilenstein auf
dem Weg zu Frieden - erforderlichen Grundregeln zu
akzeptieren.
Die Hauptverantworung für diese
Aufgaben tragen die Parteien. Aber ohne internationale Hilfe können die zivilen Bestrebungen keinen
Erfolg haben, und der Frieden wird nicht von Dauer
sein.
Die von uns letzten Dezember angekündigte Hilfe hat
die Bosnier bereits beim Wiederaufbau ihrer Häuser
unterstützt, Brennmaterial und Kleidung für den Winter
bereitgestellt und kurzfristige Beschäftigung herbeigeführt. Durch die Militärhilfe, die wir für dieses und
das kommende Jahr fordern, werden neue, zuverlässige Polizisten ausgebildet, Straßen und Felder in
Bosnien abgegrenzt und kleine Unternehmenskredite
gewährt, die den demobilisierten Soldaten den Übergang zum Frieden erleichtern sollen. Unser Gesuch
wird auch dazu beitragen, eine ständige Wahlkommission einzurichten, damit nach dem Abzug der Friedenstruppe IFOR freie Wahlen gewährleistet sind.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Diese Arbeit
kann, sollte und wird von den Vereinigten Staaten nicht
allein geleistet werden. Unser Antrag für zusätzliche
200 Millionen Dollar in diesem Jahr wird ein Mehrfaches dieser Summe aus Europa, dem Nahen Osten
und Asien sowie von der Weltbank und dem IWF
freisetzen. Wenn unser Nachtragsgesuch jedoch nicht
bis zum 12. April angenommen wird, übernehmen
unsere Partner vielleicht nicht ihren Part, und der
Friedensprozeß könnte in Gefahr geraten. Daher ist
es zwingend erforderlich, daß sich der Kongreß vor
der Frühjahrspause mit dieser Vorlage befaßt.
Herr Vorsitzender, diese Hilfe ist eine kleine Investition,
um ein Wiederaufflammen des Krieges in Bosnien zu
verhindern. Nachdem wir so weit gekommen sind und
so viel investiert haben, dürfen wir das von uns
Erreichte nicht gefährden, indem wir diese Mittel
verweigern.
Die Teilnahme so vieler mittel- und osteuropäischer
Länder an der IFOR stellt den Wert der Partnerschaft
für den Frieden (PFF) unter Beweis, in deren Rahmen

AMERIKA DIENST 07

sie seit zwei Jahren mit den Streitkräften der NATO
üben und planen. Ohne ihre Beteiligung und die
logistische Unterstützung, die Länder wie Ungarn den
amerikanischen Truppen gewährten, könnte die
internationale Koalition zur Wiederherstellung des
Friedens in Bosnien nicht existieren. Die Zusammenarbeit innerhalb der IFOR sowie im Rahmen der
Partnerschaft für den Frieden bereitet auch den Weg
interessierter Nationen zu einer NATO-Mitgliedschaft
vor. Die 60 Millionen Dollar, die wir von diesem
Unterausschuß für die PFF beantragen, sind entscheidend zum Erhalt dieses erfolgreichen neuen
Elements europäischer Sicherheit.
Unser Einsatz für den Frieden in Bosnien und im
Nahen Osten wurde auch durch unsere Zusammenarbeit mit Rußland gefördert. Wir setzen unsere
Kooperation ebenfalls in anderen, für unsere Sicherheit
entscheidenden Bereichen fort. Wir haben bereits
einen massiven Abbau des Nuklearwaffenarsenals
erreicht und die Sicherheit von Nuklearmaterial erhöht.
Vergangene Woche in Moskau machten wir wichtige
Fortschritte bei unseren gemeinsamen Bestrebungen
zum Abschluß eines Vertrags über ein umfassendes
Atomtestverbot in diesem Jahr. Ferner bereiteten wir
die Tagesordnung für den Moskaubesuch des Präsidenten im April zur Teilnahme am Nukleargipfel der
P-8 sowie für seine Zusammenkunft mit Präsident
Jelzin vor.
Natürlich haben wir auch weiterhin bedeutende
Differenzen, beispielsweise hinsichtlich des Krieges in
Tschetschenien, der NATO-Erweiterung sowie der
nuklearen Zusammenarbeit Rußlands mit dem Iran.
Die uns konfrontierende Herausforderung besteht
darin, bei Übereinstimmung unserer Interessen
zusammenzuarbeiten und mit unseren Differenzen
offen und konstruktiv umzugehen.
Obwohl pluralistische Wahlen und marktwirtschaftliche
Prinzipien in Rußland zunehmend Realität werden, ist
der Reformprozeß großen Belastungen ausgesetzt.
Die Menschen in Rußland müssen bei den Präsidentschaftswahlen im Juni eine wichtige Entscheidung
treffen - ein Wettstreit, bei dem die Vereinigten Staaten
neutral sind und sein sollten. Unsere Aufgabe besteht
in der Förderung freier und fairer Wahlen sowie
fortgesetzter politischer und wirtschaftlicher Reformen.
Das Grundprinzip ist klar: Unsere Hilfe trägt zur
Stärkung der demokratischen Institutionen Rußlands
und der Stützen einer Marktwirtschaft bei, in der drei
Viertel aller russischen Unternehmen sich in der einen
oder anderen Form in privater Hand befinden. Der
Großteil unserer Hilfe geht jetzt an Privatorganisationen und Kommunalregierungen. Sie konzentriert sich
auf konkrete Ziele wie Reaktorsicherheit, Entwicklung
klarer steuerlicher Bestimmungen und Unterstützung
freier Medien.

Seite 3

�Angesichts der bislang erzielten Fortschritte, der
neuen Reformbestrebungen in den anderen Neuen
Unabhängigen Staaten sowie unserer haushaltspolitischen Realitäten ist die Hilfe der Vereinigten
Staaten an Rußland seit 1994 stark gesunken.
Rußland wird nur 173 der 640 Millionen Dollar erhalten, die wir für die Neuen Unabhängigen Staaten
beantragt haben. Wo wir Chancen zur Konsolidierung
wichtiger Fortschritte sehen, erhöhen wir die Finanzhilfe. Die im Haushalt für internationale Angelegenheiten für die Ukraine bereitgestellten Gelder übersteigen
die für Rußland vorgesehenen. Die Ukraine ist derzeit
unser viertgrößter Hilfsempfänger, was die bei wirtschaftlichen und politischen Reformen von diesem
Land erzielten Fortschritte sowie unser Engagement
für seine Sicherheit und Prosperität widerspiegelt.
Unser Gesuch für das SEED-Programm zur Unterstützung der osteuropäischen Demokratien läßt im
Hinblick auf die Region Optimismus anklingen - die
Tschechiche Republik, Estland und Lettland haben
"ihre Prüfung bestanden". Jetzt, da die Tschechische
Republik Mitglied der OECD ist und andere bald folgen
werden, hat diese Hilfe ihr Ziel erreicht und ist nicht
länger vonnöten.
In Haiti gestattete Präsident Clintons Politik eines
entschlossenen und geduldigen Engagements es den
amerikanischen Truppen, friedlich in das Land zu
kommen und es rechtzeitig wieder zu verlassen. Die
letzten amerikanischen Soldaten werden am 15. April
abziehen, und Kanada erklärte sich bereit, eine
Nachfolgeoperation der UNO zu leiten. In den letzten
anderthalb Jahren hat sich die Sicherheits- und
Menschenrechtssituation dramatisch verbessert. Die
Amtseinführung Präsident Prevals im vergangenen
Monat war für Haiti die erste friedliche Übergabe der
Macht von einer gewählten Regierung zur nächsten.
Beim Besuch Prevals vergangene Woche erörterten
wir die enormen Herausforderungen, die Armut,
Gewalt und Unterentwicklung noch für das haitianische
Volk darstellen sowie die Notwendigkeit für Haiti,
grundlegende Wirtschaftsreformen und den Privatisierungsprozeß fortzusetzen. Die Kosten dafür,
dem haitianischen Volk bei einer Reform des Justizwesens, der Ausbildung von Polizisten sowie der
Verbesserung des Gesundheits- und Bildungswesens
zu helfen, sind bescheiden im Vergleich zu den Kosten
der Konsequenzen einer Diktatur. Unsere Hilfe wird
zur Konsolidierung der jüngsten Fortschritte beitragen
und gewährleisten, daß wir unser Ziel eines stabilen
Haitis erlangen, das den Menschen im eigenen Land
ein gutes Leben bieten kann.
In Nordirland hat die Bevölkerung die Entscheidung wie Präsident Clinton es formulierte - "Für Dialog statt
Teilung und für Hoffnung statt Angst" getroffen. Die
Vereinigten Staaten müssen ihr weiterhin zur Seite
stehen. Präsident Clintons persönlicher Einsatz und

Seite 4

die überparteiliche Unterstützung dieses Kongresses
haben dazu beigetragen, Allparteiengespräche in
greifbare Nähe zu rücken und Investitionen des
Privatsektors ermutigt, die den Menschen in Nordirland
Arbeitsplätze und Hoffnung bringen. Unsere Diplomatie und wirtschaftliche Unterstützung sind entscheidender als je zuvor, um den Weg zu einer gerechten und
dauerhaften Lösung zu ebnen.
Ostasien ist natürlich eine weitere Region, an der wir
ein elementares Interesse bei der Bewahrung von
Frieden und Stabilität haben. Durch unsere militärische und diplomatische Präsenz haben wir Peking
gegenüber die gravierenden Konsequenzen klargemacht, die sich aus dem Einsatz von Gewalt zur
Lösung der Taiwan-Frage ergeben würden. Wir haben
gehandelt, um das Risiko einer Fehleinschätzung zu
verringern und unser Interesse an der friedlichen
Beilegung der Probleme zwischen der Volksrepublik
China und Taiwan verdeutlicht - ein Schlüsselfaktor
unserer seit langem verfolgten Politik eines China. Wir
beglückwünschen das Volk von Taiwan zu seiner
historischen demokratischen Umgestaltung.
Wir
begrüßen die öffentlichen Erklärungen dieser Woche
aus Peking und Taipeh, in denen der Bereitschaft
Ausdruck verliehen wurde, die Differenzen zwischen
den beiden Ländern friedlich und unmittelbar durch die
Wiederaufnahme ihres Dialogs anzusprechen.
Herr Vorsitzender, wir haben weiter ernsthafte Meinungsverschiedenheiten mit China und verfolgen
entschlossen die amerikanischen Interessen bei
Nichtverbreitung und Menschenrechten. Weil wir
beispielsweise bei Menschenrechten keine Fortschritte
beobachten konnten, arbeiten wir in dieser Frage mit
der Europäischen Union bei der UN-Menschenrechtskommission zusammen.
Es gibt noch eine Reihe von Themen, bei denen
unsere Zusammenarbeit mit China unerläßlich ist. In
der Tat haben wir erfolgreich mit China beim Exportverbot für ballistische Raketen, der Einstellung des
nordkoreanischen Nuklearprogramms, der Herbeiführung des Friedens in Kambodscha, der Rückführung
illegaler Einwanderer und der Bekämpfung des
Drogenhandels kooperiert.
Der beste Weg zur
Verfolgung unserer Interessen ist für uns eine konsequente Politik des langfristigen Engagements. In
diesem Geiste werde ich mit dem Vizepremier und
Außenminister Quian Qichen am 19. April in den
Niederlanden zusammenkommen, um sowohl unsere
Belange anzusprechen als auch unsere Zusammenarbeit voranzubringen.
Inangriffnahme transnationaler Sicherheitsbedrohungen
Wie ich bereits ausführte, sehen wir uns auch mit der
Herausforderung konfrontiert, die Amerikaner vor
transnationalen Sicherheitsbedrohungen zu schützen.

AMERIKA DIENST 07

�In seiner Rede vor den Vereinten Nationen im Oktober
vergangenen Jahres unterstrich Präsident Clinton, daß
Weiterverbreitung,
Terrorismus,
internationales
Verbrechen, Drogen und Umweltzerstörung alle
Nationen in dieser interdependenten Welt bedrohen.
Wir müssen weiterhin auf die Eindämmung der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen hinarbeiten - der gravierendsten potentiellen Bedrohung
für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten.
Präsident Clinton wird beim Nukleargipfel kommenden
Monat in Moskau auf zusätzliche Schritte zur Eindämmung der Weiterverbreitung, Verbesserung der
nuklearen Sicherheit und Beendigung der Umweltzerstörung drängen.
Aufbauend auf unserem Erfolg bei der Erlangung der
unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags im vergangenen Jahr ist ein
weiterer Meilenstein in Sicht: Der Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot. In der letzten Woche
bin ich mit den Hauptunterhändlern in Genf zusammengetroffen und freue mich berichten zu können, daß
echte Fortschritte zum Abschluß eines Vertrags erzielt
werden, den Präsident Kennedy vor 35 Jahren als
erster befürwortete. Unser Ziel ist die rechtzeitige
Verabschiedung des Vertrags über ein umfassendes
Atomtestverbot zur Unterzeichnung in diesem Jahr.
Eine der wichtigsten Leistungen dieser Administration
war das Einfrieren des nordkoreanischen Nuklearprogramms. Seit der Unterzeichnung des Rahmenabkommens zwischen den Vereinigten Staaten und
der Demokratischen Volksrepublik Korea im Oktober
1994 wurden die nordkoreanischen Nukleareinrichtungen unter effektiver Überwachung der internationalen Atomenergie-Organisation eingefroren. Die
Energieentwicklungsorganisation der koreanischen
Halbinsel (Korean Peninsula Energy Development
Organization - KEDO), bei deren Einrichtung zur
Umsetzung des Rahmenabkommens wir beteiligt
waren, hat beträchtliche Fortschritte erzielt.
Im
Dezember vergangenen Jahres unterzeichneten die
KEDO und die Demokratische Volksrepublik Korea ein
weitreichendes Abkommen, um Leichtwasserreaktoren
für Nordkorea bereitzustellen und es der IAEO zu
ermöglichen, die Inspektionen von nicht eingefrorenen
Nukleareinrichtungen wiederaufzunehmen.
Dieser
Haushaltsantrag geht von der Finanzierung der KEDO
aus - einer notwendigen Investition zur Sicherung
dieser Errungenschaften sowie der Beiträge von
Südkorea und Japan, die unsere eigenen in den
Schatten stellen.
Die Bestrebungen von Paria-Staaten wie Irak, Iran und
Libyen zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen müssen ebenfalls unterbunden werden. Die
Nachricht, daß UN-Inspektoren das biologische
Waffenprogramm des Irak aufdeckten, ist erschrekkend. Es ist jetzt klar, daß Saddam Hussein im Besitz

AMERIKA DIENST 07

biologischer Waffen war und kurz davor stand, sie im
Golfkrieg gegen Zivilisten einzusetzen. In der vergangenen Woche verlieh der Hauptinspekteur der Vereinten Nationen für die Aufdeckung des Waffenprogramms des Irak seiner Besorgnis Ausdruck, daß
der Irak selbst fünf Jahre nach seiner Niederlage im
Golfkrieg immer noch mehr als ein Dutzend Raketen
mit biologischen Gefechtsköpfen versteckt haben
könnte. Dies ist eine weitere Mahnung, daß Saddam
Hussein sein Streben nach der Beschaffung von
Terrorwaffen nicht aufgegeben hat und die Sanktionen
aufrechterhalten werden müssen - und wir in unserer
Unterstützung der wichtigen Arbeit der IAEO im Irak
und auf der ganzen Welt nicht nachlassen dürfen. Es
ist ebenfalls eine Mahnung, daß wir die Chemiewaffenkonvention noch in diesem Jahr ratifizieren müssen.
Darüber hinaus müssen wir uns verschärft auf die
Bekämpfung internationaler Verbrecher, Terroristen
und Drogenhändler konzentrieren. Die Ernennung von
General Barry Mccaffrey zum Leiter unserer Suchtstoffbekämpfungskampagne durch den Präsidenten
wird unsere Bestrebungen im In- und Ausland intensivieren - einschließlich der Beschlagnahme von
Drogen. Meine Reise nach Lateinamerika und in die
Karibik im vergangenen Monat markierte bedeutende
Entwicklungen in unserer Zusammenarbeit mit den
karibischen Nationen bei der Drogenbekämpfung. In
Trinidad unterzeichneten wir das erste einer Reihe von
Abkommen, die engere Zusammenarbeit bei amerikanischen Drogenbekämpfungsoperationen vorsehen.
Wir sind absolut entschlossen, Drogenschmuggel an
der Quelle zu stoppen, Kuriere abzufangen und zu
verhindern, daß diese Drogen in die Vereinigten
Staaten gelangen.
In diesem Jahr beantragen wir beträchtlich mehr Mittel,
als im vergangenen Jahr für Ausbildungsprogramme
von Strafverfolgungsbeamten
in
Lateinamerika,
Zentraleuropa und den Neuen Unabhängigen Staaten
bewilligt wurden, sowie eine bescheidene Aufstockung
der Mittel für unsere globalen Hilfsprogramme zur
Terrorismusbekämpfung. Wir werden unsere Programme zum Anbau von Getreide anstelle von Cocapflanzen und unsere Unterstützung aus der Luft in den
Anden verbessern. Und wir werden unsere Bestrebungen zur Eindämmung des Heroinschmuggels in
Süd- und Südostasien erweitern.
Diese Administration widmet der internationalen
Dimension des Umweltschutzes in diesem Jahr
vermehrte Aufmerksamkeit. Wir haben die Zusammenarbeit beim Umweltschutz mit unseren globalen
Partnern verbessert und sie ermutigt, weitere Schritte
zum Erhalt von Ressourcen zu unternehmen. Unsere
gemeinsamen Tagesordnungen mit Japan, Brasilien
und Indien sind gute Beispiele dafür, wie wir unsere
Diplomatie zur Förderung eines breiten Spektrums von
Interessen einsetzen, die so grundlegend sind wie die
Gesundheit unserer Bürger und so komplex wie das

Seite 5

�Überleben des gesamten Ökosystems. Im vergangenen Monat habe ich ein Forschungsinstitut am Amazonas besucht, das gemeinsam von der Smithsonian
Institution und der brasilianischen Regierung geleitet
wird, und dessen Forschung auf den Schutz der
Artenvielfalt sowie die Erfindung von Produkten mit
großem kommerziellen Wert ausgerichtet ist.
1996 integriert das amerikanische Außenministerium
erstmals in vollem Umfang Umweltziele in unsere
tägliche Diplomatie. Wir nutzen Umweltinitiativen
besser zur Förderung unserer längerfristigen strategischen und wirtschaftlichen Ziele.
Beispielweise
ermutigen wir gemeinsame Wasserprojekte im Nahen
Osten und helfen unseren Umweltindustrien bei der
Erlangung eines größeren Anteils des globalen
Marktes in Höhe von 400 Milliarden Dollar. Und mit
unserem Beitrag von 100 Millionen Dollar zur globalen
Umweltfazilität unterstützen wir Bestrebungen zum
Schutz der Ozonschicht, schützen Amerikaner vor
Hautkrebs sowie vom Aussterben bedrohte Arten.
Unsere Programme zur Eindämmung der Bevölkerungsexplosion und für tragfähige Entwicklung können
definitiv etwas bei der Bewältigung der Bedrohungen
für unseren Wohlstand und die globale Stabilität
bewirken. Unser Antrag in Höhe von 3,8 Milliarden
Dollar beinhaltet Programme des Amts für internationale Entwicklung (Agency for International Development - AID) und freiwillige Beiträge zu internationalen
Organisationen, die Wirtschaftswachstum fördern.
Meinungsumfragen zu diesen wichtigen Themen
belegen, daß viele Amerikaner ihr Land als großzügigen Spender ansehen - so großzügig, wie wir in den
Tagen des Marshallplans waren, als immerhin 16
Prozent unseres Haushalts für Auslandshilfe aufgewandt wurden. Aber heute stehen die Vereinigten
Staaten an letzter Stelle unter den Industrienationen
mit nur 0,1 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für
Auslandshilfe. Das sollte kaum Anlaß zu Stolz in einer
Zeit sein, in der so viele der Länder, die unsere Hilfe in
der Vergangenheit empfangen haben, unsere größten
Handelspartner geworden sind. Der Wert unserer
Exporte nach Lateinamerika war beispielsweise allein
im Jahr 1994 doppelt so hoch wie in den vergangenen
44 Jahren.
Unsere Hilfe für Afrika muß aufrechterhalten werden,
insbesondere zu einer Zeit, in der viele Länder Fortschritte bei der Stabilisierung ihrer Volkswirtschaften
erzielen und sich auf dem Weg zu Demokratie befinden. Unser Haushaltsantrag für Afrika in Höhe von
704 Millionen Dollar wird wichtige Bestrebungen auf
Gebieten unterstützen, die von demokratischer
Regierungsführung bis zur Stabilisierung des Bevölkerungswachstums reichen. Unsere auf die Länder in
Afrika und andernorts ausgerichtete Hilfe soll auch
rechenschaftspflichtige Regierungen stärken, die
Menschenrechte respektieren. Basierend auf unserer

Seite 6

Überzeugung, daß Demokratie und Entwicklung Hand
in Hand gehen, verbessern unsere Bestrebungen im
Rahmen von AID und anderen Programmen die
Aussichten für offene Gesellschaften und offene
Märkte, die Stabilität und Wohlstand für ihre Bürger
bieten.
Von unserer humanitären Hilfe profitieren nicht nur die
von uns geimpften drei Millionen Kinder pro Jahr,
sondern auch die Tausenden von Katastrophenopfern,
für die wir Unterkunft, Kleidung und Nahrungsmittel
bereitstellen. Es liegt ferner im Interesse der Vereinigten Staaten, Forschung zu Infektionskrankheiten
wie Ebola und Malaria zu betreiben und diese zu
behandeln. Wir sind auch daran interessiert, Flüchtlingen so bald wie möglich die Rückkehr in ihre Heimat
zu ermöglichen.
In diesem Jahr haben wir eine Aufstockung der Mittel
beantragt, um unsere Beiträge zu multilateralen
Entwicklungsbanken wieder in voller Höhe leisten zu
können. Wie Sie wissen, sind unsere Beiträge für die
Banken unerläßlich als Ausgleich der Beiträge anderer
Nationen für die Bank. Darüber hinaus führen die
Vereinigten Staaten die Bestrebungen der G-7 zur
Reformierung der multilateralen Banken an, um sie
effizienter und effektiver zu machen. Man sollte sich
vor Augen führen, daß amerikanische Unternehmen
mehr Verträge über die multilateralen Entwicklungsbanken bekommen als jede andere Firma eines
Landes. Wir können die Vorteile dieser Reformen für
die amerikanischen Interessen nicht genießen, wenn
wir nicht unsere Verantwortung übernehmen.
Förderung von offenen Märkten und Wohlstand
Diese Administration mißt der Schaffung von Arbeitsplätzen für Amerikaner im Inland durch die Öffnung
von Märkten im Ausland höchste Priorität bei. Wir
bauen Handels- und Investitionshemmnisse am Pazifik
durch die APEC, am Atlantik durch die Europäische
Union und auf dem amerikanischen Kontinent durch
den Miami-Prozeß ab.
Unsere bilateralen Verhandlungen zeitigen ebenfalls
Ergebnisse, darunter 20 Abkommen zur Marktöffnung
mit Japan. Unsere Exporte nach Japan steigen jetzt
fünfmal schneller als die Importe. In diesem Jahr heißt
unsere Losung Umsetzung - die Gewährleistung, daß
diese Handelsvereinbarungen und -abkommen neue
Chancen für amerikanische Unternehmen und konkurrenzfähige Arbeitnehmer eröffnen.
Die Unterstützung amerikanischer Unternehmen im
Ausland erfordert konstante und sorgfältige Aufmerksamkeit seitens unserer Diplomaten in Washington
und vor Ort von Singapur bis Santiago. Sie bedingt die
Finanzierung von Vertretungen und Personal im
Ausland sowie von Programmen und Werbekampagnen. Sie kann nicht mit Teilzeitkräften in einer Welt

AMERIKA DIENST 07

�der 24-Stundenmärkte und Vollzeit-Exportförderung
durch unsere Konkurrenten geleistet werden.

Privatsektor benötigen unsere Mitarbeiter Ressourcen,
um ihre Arbeit leisten zu können.

In diesem Jahr beantragen wir 639 Millionen Dollar zur
Förderung von Handels- und Investitionsmöglichkeiten
für amerikanische Unternehmen durch die ExportImport Bank, die Entwicklungsgesellschaft OPIC sowie
das Amt für Handel und Entwicklung. Ihre Programme
finanzieren Exporte amerikanischer Waren und
Dienstleistungen, stellen Kredite für Märkte mit höherem Risiko wie in den Neuen Unabhängigen Staaten
bereit und erleichtern Infrastrukturprojekte für amerikanische Firmen auf den großen aufstrebenden Märkten
in Europa, Asien und Lateinamerika. Und sie unterstützen amerikanische Exporte in einer Größenordnung von 15-20 Milliarden Dollar sowie bis zu
300.000 amerikanische Arbeitsplätze.

Ohne die Plattformen, die unsere Botschaften anderen
Bundesbehörden und dem Außenministerium zur
Verfügung stellen, könnten wir keine Terroristen
verfolgen. Wir könnten nicht die Lage religiöser
Minderheiten in Osteuropa beobachten oder von
Amerikanern, die irgendwo auf der Welt als Geisel
gefangengehalten werden. Wir könnten keine Tropenkrankheiten dort bekämpfen, wo sie ausbrechen. Wir
könnten keine neuen Chancen für amerikanische
Unternehmen eröffnen.

Ein vernünftiger Handel, den das amerikanische
Volk unterstützen kann
Herr Vorsitzender, bei dieser Anhörung habe ich
mehrfach die absolut vitale Bedeutung unserer
Vertretungen auf der ganzen Welt und der Menschen
angesprochen, die dort arbeiten. Ich habe häufig
gesagt, daß unsere Diplomaten unsere erste Verteidigungslinie sind. In den vergangenen Wochen habe ich
Mitarbeitern Auszeichnungen verliehen, die eine
Botschaft in einer Kriegszone öffneten, einen Botschafter sicher aus einem Hinterhalt fuhren und traurigerweise - an die Familie eines Mannes, der in
dem Bestreben sein Leben ließ, Frieden nach Bosnien
zu bringen. Ihr Dienst verkörpert die Vereinigten
Staaten von ihrer besten Seite. Aber ebenso wie im

*

AMERIKA DIENST 07

Diejenigen, die sich unseren Verpflichtungen entziehen
und unsere Führungsrolle aufgeben wollen, legen
einen Mangel an Wertschätzung für das an den Tag,
was Amerika in den vergangenen 50 Jahren geleistet
hat, und einen Mangel an Vertrauen, daß unsere
großartige Nation die Zukunft gestalten kann. Aber
genau ein solcher Rückzug würde durch weitere
Kürzungen unserer Mittel bewirkt.
Mit acht Zehnteln von einem Prozent unseres nationalen Haushalts, die wir von diesem Unterausschuß
beantragen, gestalten wir die Außenpolitik dieser
großartigen Nation, um die Erfordernisse unserer
Nation zu erfüllen und Sicherheit, Wachstum und
Führung für das nachte Amerikanische Jahrhundert
gewährleisten zu können. Das ist ein vernünftiger
Handel, den meiner Ansicht nach jeder Amerikaner
unterstützen kann.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 7

�AUSSENPOLITIK
3. April 1996

Die Vereinigten Staaten, Deutschland und Israel ein gemeinsames Schicksal
von J.D. Bindenagel

JERUSALEM - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 11. März 1996 in Jerusalem gehaltene
Rede.

Guten Morgen. Ich danke Ihnen für die Einladung,
erneut vor diesem erlesenen Publikum eine Rede
halten und Ihnen meine Gedanken zu den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten, Deutschland
und Israel vermitteln zu dürfen. Natürlich werde ich
mich in meiner derzeitigen Funktion als Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in Bonn auf das konzentrieren, was ich am besten kenne - Deutschland und
die deutsch-amerikanischen Beziehungen - und die
Feinheiten der deutsch-israelischen Beziehungen
meinen Amtskollegen überlassen. Die Vorbereitung
auf meine heutigen Ausführungen bot mir jedoch eine
ausgezeichnete Gelegenheit, die faszinierende
Komplexität der Bande zu erforschen, die uns drei
verbinden.
Die Ereignisse des letzten Jahrzehnts waren wirklich
historisch. Der Kalte Krieg ist vorüber und damit
verschwand die sowjetische Bedrohung. Die Welt ist
jedoch immer noch ein gefährlicher Ort, und Frieden
und Wohlstand werden noch immer durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Nuklearschmuggel und Terrorismus bedroht.
Sie hier in Jerusalem wissen besser als andere, wie
gefährlich die Welt sein kann. Die jüngsten Selbstmordkommandos der Hamas sind eine grauenhafte
Mahnung. Deutschland und die Vereinigten Staaten
sind ebenfalls betroffen. Die weitverbreiteten, politisch
motivierten Brandanschläge auf türkische Geschäfte in
Deutschland dauern an. Bombenanschläge auf das
World Trade Center in New York und auf ein Bundesgebäude in Oklahoma City haben die Amerikaner aus
ihrer Selbstzufriedenheit gerüttelt, in die sie vielleicht
verfallen waren.

AMERIKA DIENST 07

Wir sind bedroht durch ethnischen Haß, nationalistischen Extremismus und religiösen Fanatismus, der vor
kurzem das Leben eines der größten Verfechter von
Frieden auf der ganzen Welt forderte: Ministerpräsident Rabin.
Diese Kräfte der Zersetzung führen Krieg gegen die
Menschheit. Ebenso wie Kommunismus und Faschismus verbreiten sie Dunkelheit statt Licht. Und ebenso
wie Kommunismus und Faschismus können sie nur
bekämpft werden, wenn freie Völker sich für eine
gemeinsame Sache zusammenschließen.
Unsere drei Nationen - Israel, Deutschland und die
Vereinigten Staaten - sind auf die Bewältigung dieser
Herausforderung gut vorbereitet. Wir sind durch das
verbunden, was ich als unser "gemeinsames Schicksal" bezeichnen möchte - ein auf historische Verbindungen, gemeinsame Werte und gemeinsame Interessen gegründetes Schicksal.
Dieses gemeinsame Schicksal ist vor allem das
Produkt einer von Triumphen und Tragödien durchzogenen Geschichte - einer Geschichte, in die alle drei
Länder eng verstrickt sind. Nichts kann das besser
verdeutlichen als das Leben von Chaim Weizmann. Er
verbrachte einen Großteil seiner Jugend in Deutschland, studierte in Berlin und Freiburg und lebte jahrelang in New York - wo er für die Sache des Zionismus
tätig war - bevor er 1948 der erste Präsident Israels
wurde.
Sein Leben spiegelte drei der herausragenden historischen Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts
wider: Den Zusammenbruch der alten europäischen

Seite 1

�Ordnung; die Erfüllung des langgehegten Traumes des
jüdischen Volkes von der Wiederansiedlung in der
Heimat seiner Vorfahren in Palästina, einem Land, das
die Wiege dreier der größten religiösen Traditionen der
Welt ist; und die Rolle der Vereinigten Staaten als
Anführer der internationalen Staatengemeinschaft eine Rolle, die sich infolge des Zusammenbruchs des
europäischen Staatensystems ergab.
Als amerikanischer Diplomat würde ich sagen, die
Geschichte hat uns gelehrt, daß eine engagierte,
aufgeklärte amerikanische Führungsrolle erforderlich
ist. Sie war notwendig, um nach der Katastrophe
zweier Weltkriege das Gleichgewicht in Europa
wiederherzustellen. Sie war notwendig, um Israel in
einer Zeit zu schützen, in der das Land von zutiefst
verfeindeten Nachbarn umgeben war, die von einer
aggressiven Supermacht unterstützt wurden.
Ich habe einen dieser historischen Augenblicke
miterlebt, als die amerikanische Führungsrolle etwas
bewirkte. Vor etwas mehr als sechs Jahren wurde die
Berliner Mauer geöffnet - sie wurde von der gebündelten Macht aufbegehrender Bürger in der erfolgreichsten Revolution der deutschen Geschichte niedergerissen. Als 1989 dieser Augenblick der Wahrheit gekommen war, standen wir - ebenso wie wir es in Israel
seit 1948 getan hatten - an der Seite des deutschen
Volkes bei seinem Streben nach Freiheit und Einheit.
Als die Zeit gekommen war, waren wir dort, um unsere
Verbündeten und Freunde zu unterstützen, weil wir an
die Richtigkeit ihrer Sache glaubten.
Wir taten richtig daran, an der Seite der Deutschen bei
ihrer demokratischen Revolution von 1989 und im
Prozeß der Wiedervereinigung zu stehen. Vor einem
Jahr, beim Staatsakt am 8. Mai 1995 zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, erfaßte
Bundespräsident Herzog das Wesen des neuen
Deutschlands mit den Worten:
"Heute steht die deutsche Demokratie
auf zwei gleich starken Beinen: auf
der geduldigen Aufbauarbeit und der
Lernfähigkeit der Westdeutschen seit
1948 und auf der ostdeutschen Revolution von 1989."
1989 waren jedoch nicht alle der Ansicht, daß ein
vereinigtes Deutschland eine Kraft für Frieden in der
Welt sein würde. Viele fürchteten Deutschland und
sahen im Falle der Wiedervereinigung eine Katastrophe für Europa voraus. Und nach der Wiedervereinigung fürchteten andere, daß der verheerende
Zustand der schwachen und nicht wettbewerbsfähigen
ostdeutschen Wirtschaft den Westen über Gebühr
belasten würde. Einige dachten, das Land könnte das
Opfer von sozialem Chaos oder wiederauflebendem
Extremismus werden.

Seite 2

Diese Ängste erwiesen sich jedoch als unbegründet.
Trotz aller durch die Wiedervereinigung verursachten
tiefgreifenden Veränderungen hat das vereinte und
freie Deutschland meines Erachtens Grund, seinen
Platz in Europa und der Welt mit Stolz zu betrachten.
Der Geist der Demokratie hat dauerhaft Fuß gefaßt.
Die Bundesregierung zieht wieder in ihre historische
Hauptstadt - Berlin. Aber die durch Bonn symbolisierte
Verpflichtung zu gemeinsamen westlichen Werten wird
Bestand haben. Wir sind der Auffassung, daß Berlin in
der Tat nicht nur diese Bonner Tradition fortsetzen,
sondern sie noch durch das Vermächtnis der ostdeutschen Revolution von 1989 bereichern wird.
Seit 1989 hat eine Reihe von Wahlen Deutschlands
Verpflichtung zu Demokratie bestätigt. Angesichts von
Gewaltakten gegen Ausländer demonstrierte das
deutsche Volk Zivilcourage, und das Rechtssystem
brachte die Schuldigen vor Gericht.
Zivilcourage besonderer Art wurde auch von den
Israelis bewiesen, die sich für Toleranz und Verständnis für ihre palästinensischen Nachbarn trotz der
blutigen historischen Bilanz und der andauernden
Provokationen einer extremistischen Minderheit
aussprachen.
Die Vereinigten Staaten sind zuversichtlich, daß
Deutschland nach über einem Jahrhundert der
Konflikte seinen Platz im Zentrum Europas gefunden
hat. Zusammen mit Deutschland haben wir neue
Verbindungen zu den aufstrebenden Demokratien in
Europa geknüpft und uns der Förderung demokratischer Werte auf der ganzen Welt verschrieben.
Ebenso sind die Bande zwischen Deutschland und
Israel noch enger geworden - wie durch den jüngsten
Staatsbesuch von Präsident Ezer Weizman in
Deutschland belegt - auch wenn die Schrecken der
Vergangenheit unvergessen sind. Diese Erinnerung
ist unerläßlich für die Wachsamkeit gegen Rechtsextremismus.
Die Erinnerung an die Tragödie des 20. Jahrhunderts
verkompliziert die deutsch-israelischen Beziehungen.
Aber an der Schwelle zum 21. Jahrhundert sehen wir
hoffnungsvolle Zeichen der Zusammenarbeit für die
Zukunft. Deutschland und Israel teilen eine gemeinsame Geographie trotz der physischen Distanz
zwischen ihnen. Beide Länder liegen im Westen von
Regionen, die enorme soziale, wirtschaftliche und
politische Veränderungen durchmachen - die seit
kurzem befreiten Nationen Zentral- und Osteuropas
auf der einen Seite und der krisengeschüttelte Nahe
Osten auf der anderen.
Beide Länder sind sich ihrer exponierten geopolitischen Lage und der daraus resultierenden Verletzlichkeit sehr wohl bewußt. Beide befinden sich in einem
Prozeß der Aussöhnung - zwischen den beiden

AMERIKA DIENST 07

�Hälften Europas und zwischen Juden und Arabern der die Welt zum Besseren wendet.
Wir in den Vereinigten Staaten - einem Labor für eine
multikulturelle Gesellschaft - wissen Toleranz sehr zu
schätzen und sind uns bewußt, wie schwierig Toleranz
und Versöhnung in der Praxis zu erlangen sind.
Schließlich arbeiten wir seit langem daran. Wir haben
durch Erfahrung gelernt, daß Toleranz und Respektierung der Rechte und Gefühle anderer trotz unvermeidlicher Spannungen die beste Chance für uns alle
bieten, in Frieden zu leben.
Die Diskussion über Toleranz ist ein konstantes
Thema in allen Demokratien. In Deutschland, in Israel,
in den Vereinigten Staaten und überall auf der Welt
müssen wir diejenigen zurückweisen, die mit harten
Worten über Rasse, ethnische Zugehörigkeit und
Religion einen Keil zwischen uns treiben wollen. Ich
bin sicher, daß unsere drei Nationen in dieser Hinsicht
eine gemeinsame Verpflichtung haben.
Über unsere gemeinsamen Werte und historischen
Bande hinaus verbinden uns vordringliche Interessen.
Die Vereinigten Staaten haben beispielsweise elementare Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen in Europa
und im Nahen Osten. In den vergangenen 50 Jahren
haben wir unser Leben, unser Gut und unsere geheiligte Ehre zur Verteidigung Europas und Israels gegen
Aggression eingesetzt. Hier im Nahen Osten ist diese
Gefahr geschwunden. In Europa ist sie im großen und
ganzen verschwunden. Aber in ihrem Gefolge sind
neue Instabilitäten entstanden.
Instabilität ist die größte Gefahr, mit der wir uns heute
konfrontiert sehen. In Europa haben wir mächtige
Instrumente zu ihrer Bekämpfung geschaffen. Das
wichtigste ist die NATO - das erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte. Die NATO ist als Sieger aus
der jahrzehntelangen Konfrontation zwischen den
mächtigsten Streitkräften der Geschichte hervorgegangen, ohne einen Schuß abfeuern zu müssen.
Nach diesem Sieg der freien Völker entschied sich das
Bündnis zu seiner Erweiterung, um über ganz Europa
hinweg die Stabilität zu verbessern. Dieser Prozeß
wird den Ländern, die nach Jahrzehnten kommunistischer Diktatur ihre Freiheit wiedergewonnen
haben, die erforderliche Sicherheit geben, um ihre
Volkswirtschaften wiederaufzubauen, ihre innenpolitischen Institutionen zu stärken und Frieden mit
ihren Nachbarn zu schließen.
Die ersten Schritte in diesem Prozeß wurden schon
vor langer Zeit unternommen. Der wichtigste war die
Partnerschaft für den Frieden. Die PFF verändert
bereits das politische und wirtschaftliche Gesicht
Zentral- und Osteuropas.

AMERIKA DIENST 07

In vielen Nationen ist die angestrebte NATO-Mitgliedschaftzum Hauptpunkt der Plattformen aller führenden
politischen Parteien geworden. Länder, die der NATO
beitreten wollen, legten stillschweigend ihre Grenzstreitigkeiten bei und führen den Schutz ethnischer
Minderheiten ein, um Spannungen mit ihren Nachbarn
zu verhindern.
Während dieser Prozeß vorangeht, ist es unerläßlich,
daß wir Rußland nicht isolieren. Wir streben direkte
und offene Beziehungen zu Rußland an, die seine
besondere Position und den Status des Landes
berücksichtigen sowie die Stabilität der anderen seit
kurzem unabhängigen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion verbessern. Schließlich liegt ein stabiles
und friedliches Europa stark im Interesse Rußlands.
Rußland ist bereits Mitglied der Partnerschaft für den
Frieden. Das Land führt einen intensiven, separaten,
andauernden Dialog mit der NATO. Und am dramatischsten ist, daß seine Streitkräfte gemeinsam mit der
IFOR-Friedenstruppe in Bosnien dienen.
Mit seinem Beitrag zur Schaffung dieser neuen
Strukturen - der Partnerschaft für den Frieden, der
NATO-Erweiterung und einer pragmatischen Partnerschaft mit Rußland - spielt Deutschland gemeinsam mit
den Vereinigten Staaten eine führende Rolle. Das
Engagement Deutschlands für die NATO ist ungebrochen und konnte die Unterstützung der Deutschen gewinnen, die dem Bündnis gegenüber vorher
skeptisch, wenn nicht sogar feindlich eingestellt waren.
Alle diese Entwicklungen sind vielversprechend. Aber
sie werden durch den Krieg in Bosnien bedroht.
Dieser Krieg bedroht daher unser aller Interessen.
Die Schüsse, die über Sarajevo verhallten, erinnerten
düster an die Anfänge des Ersten Weltkriegs. Auf den
Feldern des Todes und in den Konzentrationslagern
von Bosnien wurden im Herzen Europas die schrecklichsten Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wach.
Ohne den entschlossenen Einsatz von Gewalt der
NATO hätte unsere Diplomatie die Parteien nicht an
den Verhandlungstisch gebracht. Ohne die Aussicht
auf eine NATO-Friedenstruppe hätten die Parteien
nicht das Vertrauen gehabt, eine Lösung zu erzielen
und umzusetzen. Bosnien ist bis heute der dramatischste Beweis, daß Amerika weiterhin eine Führungsrolle übernehmen wird.
Bosnien hat auch demonstriert, daß Deutschland im
Einklang mit seiner neugefundenen Souveränität und
Macht in Europa andere Pflichten zu übernehmen
beginnt. Von seiner konstruktiven Rolle in der Kontaktgruppe bis zu der historischen Entscheidung des
Bundestages über die Entsendung deutscher Truppen
als Teil der IFOR hat Deutschland eine Reihe von
Schritten zur Übernahme einer größeren Rolle bei der

Seite 3

�Verteidigung unserer gemeinsamen
Interessen unternommen.

Werte

und

Einige in Deutschland argumentierten, aufgrund der
deutschen Geschichte könne Deutschland keine
Truppen auf den Balkan entsenden. In dieser Debatte
siegte die Erkenntnis, daß die Bundeswehr als Bewahrer des Friedens und Verteidiger der Menschenrechte
eine Rolle spielen muß, über die auf die Aktionen des
Naziregimes zurückzuführenden historischen Vorbehalte. In der Tat ist die Bundeswehr heute in
Bosnien zum Schutz eben der Werte stationiert, die die
Wehrmacht zu zerstören versuchte.
Natürlich ist die Debatte über den legitimen Einsatz
von Gewalt in jeder Demokratie - einschließlich
meiner - normal. Das gilt insbesondere für Deutschland, und diese Diskussion wird bei jedem Bundeswehreinsatz erneut entbrennen.
Wir Amerikaner verstehen, daß Deutschland Zeit
benötigt, um sich an seine neuen Rollen anzupassen
und Entscheidungen zu treffen, dank derer sich das
Land an seinem neuen Platz auf der internationalen
Bühne sicher fühlen kann. Wir sind jedoch zuversichtlich, daß Deutschland weiterhin in die richtige Richtung
geht.
Wir sehen Deutschland - und Israel - als entscheidende Partner bei der elementaren Aufgabe des Aufbaus
eines transatlantischen Sicherheitssystems, das
Demokratie, freie Märkte und die gemeinsame Sicherheit fördern wird.
Gemeinsame Verantwortung ist die andere Seite der
Medaille eines gemeinsamen Schicksals. Jeder von
uns bringt einzigartige Fähigkeiten in die uns konfrontierenden Probleme ein. Weder Amerika, noch
Deutschland oder Israel können Erfolg haben, wenn
wir nicht alle Erfolg haben.
Wir arbeiten zusammen, um die neuen Grenzen der
Freiheit zu erweitern und zu sichern sowie die Zone
des Friedens auszudehnen - sei es in Bosnien oder im
Westjordanland. Gemeinsam reichen wir Nationen die
Hand der Freundschaft, die mit der Überwindung des
lähmenden Vermächtnisses der Vergangenheit
kämpfen - in Europa, im Nahen Osten und andernorts.
Deutschland hat bei diesen Unternehmungen eine
Führungsrolle übernommen.
Wir begrüßen die
Zusammenarbeit mit Deutschland bei der Bekämpfung
der Weiterverbreitung in der Energieentwicklungsorganisation der koreanischen Halbinsel (Korean
Peninsula Energy Development Organization - KEDO)
- der internationalen Bestrebung zur Eindämmung und
Überwachung der nordkoreanischen Nuklearfähigkeit.
Und natürlich wissen wir Deutschland als verläßlichen
und großzügigen Partner in dieser Region zu schätzen. Sowohl beim Gipfeltreffen von Amman als auch

Seite 4

bei den wichtigen Gesprächen über Wasserrechte hat
Deutschland eine entscheidende Rolle gespielt.
Entsprechend wünschen wir, daß Deutschland einen
aktiveren Part bei der Entwicklungsbank für den Nahen
Osten übernimmt.
Zusammen mit unseren Verbündeten haben unsere
drei Länder darauf hingearbeitet, Gegner zu Verbündeten und Diktaturen zu Demokratien zu machen. Wir
haben Institutionen aufgebaut, die unsere Sicherheit
und wirtschaftliche Stärke gewährleisteten.
Aber es bleibt noch viel zu tun. Es gibt Bereiche, in
denen wir uns Herausforderungen gegenübersehen,
die wir gemeinsam meistern müssen - die globalen
Herausforderungen der Weiterverbreitung von Waffen
und Terrorismus, die ich eingangs erwähnte. Der Iran
ist ein gutes Beispiel. Das Land ist vielleicht in beiden
Fällen der gravierendste Verletzer. Der Iran ist ein
Fall, bei dem meines Erachtens unsere Werte und
Interessen koinzidieren.
Der Iran hat Maßnahmen ergriffen, die ein Anathem für
alle gesetzestreuen Nationen sind. Der Iran verübt
Terroranschläge, indem er seine Gegner ermordet
sowie palästinesischen Extremisten Material und
politische Unterstützung gewährt, die versuchen, den
Nahost-Friedensprozeß durch Gewalt zu unterminieren. Er unterstützt auch Oppositionsgruppen, die
säkulare Regime in der muslimischen Welt unterwandern wollen. Der Iran versucht, Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme zu beschaffen.
Der Iran unterhält ferner ein regionales Aufrüstungsprogramm, das die Stabilität der gesamten Region
bedroht. Im Inland werden die Rechte der Bürger grob
verletzt.
Die Vereinigten Staaten haben eine besondere
Verantwortung, eine Führungsrolle in der Welt dabei zu
übernehmen, Staaten anzuprangern, die internationalen Normen spotten. Um den Iran einzudämmen,
haben wir ein breites Spektrum politischer und wirtschaftlicher Maßnahmen angewandt. Unser Embargo
ist ein deutliches Signal für die Welt, daß die Aktionen
des Iran es dem Land unmöglich machen, wie gewohnt
seinen Geschäften nachzugehen.
Obwohl unsere politische Einstellung hinlänglich
bekannt ist, belegen die jüngsten Terroranschläge in
Israel, daß die Isolierung des Iran die beste Politik ist.
Wirtschaftliches Engagement und kritischer Dialog
haben sich als fruchtlos erwiesen.
Die amerikanische Führungsrolle ist entscheidend an
diesem kritischen Punkt des Nahost-Friedensprozesses. Präsident Clinton hat erneut bewiesen, daß er
fähig und willens zu handeln und zu führen ist. Der
Anti-Terrorismus-Gipfel in Scharm-el-Scheich in dieser

AMERIKA DIENST 07

�Woche ist ein äußerst wichtiger Beweis, daß die
Politiker, die auf dem Höhepunkt des Friedensprozesses für ihn eintraten, bereit sind, Seite an Seite zu
stehen und sich der terroristischen Bedrohung des
Friedens zu stellen.
Präsident Clinton hat seine einzigartige Fähigkeit unter
Beweis gestellt, die führenden Politiker der Welt
schnell zusammenzubringen, um den Befürwortern
von Terrorismus und denen des Friedens zu zeigen,
wo die Welt steht.
In diesem wie in anderen Fällen ist die amerikanische
Führungsrolle noch immer vonnöten. Wir sind noch
immer die Schlüsselfigur sowie der Dreh- und Angelpunkt dieser in einem gemeinsamen Schicksal verhafteten Gemeinschaft. In den neunziger Jahren findet
jedoch eine seit langem fällige Überprüfung unserer
Prioritäten statt, obwohl unsere Loyalität nicht in Frage
steht - die Loyalität, die Deutschland und Israel seit
Jahrzehnten stützt. Diese Überprüfung wird durch
unsere innenpolitischen Erfordernisse sowie durch
eine veränderte Welt erforderlich.
Wie jüngste Meinungsumfragen - einschließlich der
umfassenden Studie des Chicago Council on Foreign
Relations - eindeutig belegen, wird - und kann Amerika 50 Jahren des Erfolgs nicht den Rücken
kehren. Wenn diese Jahre uns irgend etwas gelehrt
haben, dann, daß die Vereinigten Staaten eine einzigartige Verantwortung und eine einzigartige Fähigkeit
besitzen, international eine Kraft für Frieden und
Fortschritt zu sein.
Diese Zeit atemberaubender globaler Veränderungen
bietet uns eine historische Chance. Es steht enorm
viel auf dem Spiel. Die von uns jetzt gefällten Entscheidungen werden ebenso sicher Auswirkungen auf
die Zukunft haben wie die bedeutenden Entscheidun-

*

AMERIKA DIENST 07

gen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs von weitblickenden Verbündeten getroffen wurden.
Angesichts vieler Schwierigkeiten haben wir den
Augenblick genutzt, um die Grundlage für eine neue,
integriertere Welt zu schaffen, um die Nationen
Zentral- und Osteuropas und des Nahen Ostens zu
demokratischen politischen Systemen und freien
Marktwirtschaften zu führen. Vor uns liegt die Möglichkeit eines Zeitalters mit mehr Frieden und Wohlstand.
Gemeinsam haben wir Hervorragendes geleistet. Wir
haben den Sieg im Kalten Krieg davongetragen und
sind auf dem Weg zu einer neuen, dauerhaften
Friedensordnung in dieser von jeher krisengeschüttelten Region. Wir dürfen jedoch nie die Wahrheit
dessen aus den Augen verlieren, was Präsident
Kennedy in der Paulskirche - der Wiege der deutschen
Demokratie - vor einer Generation sagte:
"Unsere Freiheit ist bedroht, wenn wir
uns auf unseren Errungenschaften
ausruhen und der Geschwindigkeit
des Fortschritts widerstehen. Denn
die Zeit und die Welt kennen keinen
Stillstand. Wandel ist das Gesetz des
Lebens. Und wer nur auf die Vergangenheit oder die Gegenwart blickt,
verpaßt mit Sicherheit die Zukunft."
Ich bin zuversichtlich, daß wir die Zukunft nicht
verpassen werden. Deutschland, Israel und die
Vereinigten Staaten haben ein durch die Geschichte,
gemeinsame Werte und Traditionen sowie einer
gemeinsamen Verpflichtung zu Frieden bedingtes
gemeinsames Schicksal. Dieses Schicksal wird über
alle vor uns liegenden Herausforderungen obsiegen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND

3. April 1996

Die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen
von J.D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 20. März 1996 im Bildungszentrum Wildbad
Kreuth gehaltene Rede.

Sehr geehrter Herr Dr. Meier-Walser, sehr geehrter
Herr Dr. Hirscher, meine Damen und Herren,
die deutsch-amerikanischen Beziehungen befinden
sich trotz aller Unkenrufe in guter Verfassung. Diese
Feststellung will ich an den Anfang meiner Ausführungen stellen. Nicht weil ich von Berufs wegen
Optimist bin, sondern weil ich mich in der privilegierten
Lage befinde, täglich zu beobachten, welche Fülle an
Kontakten besteht und wie unsere enge Zusammenarbeit Früchte trägt.
Wenn ich nur daran denke, wie intensiv sich unsere
Beziehungen zur Bundesregierung gestalten, dann
wundere ich mich immer wieder über Medienberichte,
die das Ende unseres engen Verhältnisses herbeireden.
Auch diese Expertentagung stellt sich die Frage, ob
nicht angesichts der weltpolitischen Veränderungen
mit einer Abschwächung der Beziehungen zu rechnen
ist. In der Tat haben das Ende des Kalten Krieges, die
deutsche Einheit und die Liberalisierung und Demokratisierung Osteuropas die politische Landkarte verändert. Diese Veränderungen sind beachtlich, und
zweifelsohne ist es legitim, nach den Konsequenzen
zu fragen.
Für die politische Analyse erscheint es mir allerdings
zwingend, die gewachsenen Strukturen nicht aus den
Augen zu verlieren. Weder hat sich Deutschland nach
Erlangung der uneingeschränkten Souveränität aus
seiner Westbindung gelöst, noch haben die Vereinigten Staaten Europa den Rücken gekehrt. Und es
ist nicht ersichtlich, daß sich beide Staaten in eine
derartige Richtung entwickeln.

AMERIKA DIENST 07

Das soll nun aber nicht heißen, unsere diplomatischen
Beziehungen seien keinem Wandel unterworfen. Die
Intensität von Beziehungen zwischen zwei Ländern
kann man zum einen an der Anzahl der bilateralen
Probleme festmachen, zum anderen aber auch an der
Summe der gemeinsamen Aufgaben und Herausforderungen, die beide Staaten zu bewältigen haben.
Ich neige zur zweiten Definition; angesichts der guten
Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten bleibt
mir auch keine andere Wahl.
Deshalb möchte ich auch über die Perspektiven
diskutieren und Ihnen nicht nur eine Zustandsbeschreibung aus offizieller Sicht geben.
Aktualität gewinnt das Thema durch die innenpolitische
Situation in beiden Ländern. In der Bundesrepublik
stehen drei Landtagswahlen an. In wenigen Tagen
werden wir wissen, welche bundesweiten Auswirkungen der Wahlausgang haben wird. In den Vereinigten
Staaten dagegen müssen wir uns noch etwas gedulden. Die Präsidentschaftswahlen finden erst am 5.
November statt. Gegenwärtig läuft der Auswahlprozeß
innerhalb der republikanischen Partei, die bekanntermaßen seit den Kongreßwahlen im November 1994
im Repräsentantenhaus und dem Senat die Mehrheit
stellt. Präsident Clinton hat keinen Herausforderer in
der eigenen Partei. Seit gestern hat Senator Dole
genügend Delegiertenstimmen für die Kandidatur bei
den Republikanern.
Insgesamt
996 Delegierte
müssen sich in 55 Auswahlverfahren auf einen
Kandidaten für das Präsidentenamt entscheiden. Erst
im August beginnt dann der eigentliche Wahlkampf.
Wie jeder Wahlkampf wird auch der Präsidentschaftswahlkampf mit Themen geführt, die eher innen-, sozialund wirtschaftspolititischer Natur sind. Außen- und

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�Sicherheitspolitik spielen in der Regel keine allzu
große Rolle. Dazu kommt, daß sich die Vereinigten
Staaten in einem Transformationsprozeß befinden. Mit
dem Ende des Kalten Krieges hat sich unsere internationale Perspektive gewandelt. Problemkonstellationen, die früher wenig Beachtung gefunden haben, sind
nun in das Blickfeld der politisch Verantwortlichen
gerückt. Die Staatsverschuldung, die Reform des
Wohlfahrtsstaats und der Abbau der Bürokratie sind
Themen, an denen sich politische Auseinandersetzungen entzünden.
Wenn ich davon sprach, daß Außen- und Sicherheitspolitik keine große Rolle im Wahlkampf spielen, dann
gilt dies natürlich nicht ausschließlich. Angesichts der
hohen Erwartungen, die weltweit an die amerikanische
Führungsrolle gestellt werden, erscheint es für die
Kandidaten zweckmäßig, hier und da das Thema
"Außenpolitik" pointiert anzusprechen. Wenn dann die
Medien bestimmte Aussagen kolportieren, kann man
fast den Eindruck gewinnen, Amerika würde dem
Isolationismus anheimfallen. Dem ist nicht so.
Allein die Aufzählung jüngster außenpolitischer
Initiativen und Erfolge macht deutlich, daß die Clinton-Administration mit ihrem außenpolitischen Engagement zweifelsohne Beachtliches geleistet hat. Ich darf
nur an das Friedensabkommen für Bosnien erinnern,
an die Demokratisierung Haitis, den Beginn einer
Versöhnung in Nordirland, die Drogenbekämpfung in
Kolumbien, den fortschreitenden Friedensprozeß im
Nahen Osten, die Abwendung einer nuklearen Konfrontation mit Nordkorea, das Wirtschaftspaket für
Mexiko und die kontinuierliche Unterstützung Rußlands und Osteuropas auf dem Weg zu Demokratie
und Marktwirtschaft.
Gerade auch im Bereich der Außenwirtschaftspolitik
wird doch ganz deutlich, welche Politik ein Land
verfolgt. Unsere Unterstützung für einen fairen und
offenen Welthandel ist und bleibt ungebrochen. Als
Weltmacht und Exportnation können wir uns Isolationismus gar nicht leisten. Die ökonomischen Interdependenzen des Weltmarktes sind inzwischen so groß,
daß ein Ausstieg weder sinnvoll noch finanzierbar ist.
Ich will aber gar nicht leugnen, daß es in meinem Land
isolationistische Tendenzen gibt. Nur gibt es dafür
keine parlamentarische Mehrheit.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß Amerika - ein
klassisches Einwanderungsland - sich abschottet und
seinen globalen Verpflichtungen nicht mehr nachkommt.
Allein die Tatsache, daß wir nach dem Ende des
Kalten Krieges unsere Streitkräfte in Europa auf
100.000 Mann reduziert haben, kann wohl kaum als
Beleg für eine Abwendung von Europa gelten.

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Lassen Sie mich folgendes dazu sagen: Die Vereinigten Staaten verstehen sich nach wie vor als eine
europäische Macht. An unserem Engagement für
Europa sollte angesichts zweier Weltkriege und einem
Kalten Krieg nicht gezweifelt werden. Wir haben
unsere historische Lektion gelernt. Unsere militärische
Präsenz und das politische und ökonomische Gewicht
der Vereinigten Staaten schufen die Voraussetzungen
für ein freies, stabiles und wohlhabendes Europa.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir uns aus Europa
zurückziehen.
Wir werden auch weiterhin eine
angemessene Truppenpräsenz aufrechterhalten,
sofern dies von unseren europäischen Bündnispartnern gewünscht wird.
Gleiches gilt auch für das Argument, die Vereinigten
Staaten würden sich auf Kosten Europas dem asiatisch-pazifischen Raum zuwenden. Angesichts der
hohen Wachstumsraten im pazifisch-asiatischen
Raum, der Globalisierung der Weltwirtschaft und der
Wettbewerbssituation auf dem Weltmarkt ist es
naheliegend, ökonomische Chancen wahrzunehmen.
Insbesondere dann, wenn mit der Ausdehnung des
Handels auch andere außenpolitische Ziele wie
beispielsweise die Einhaltung der Menschenrechte
verfolgt werden können. Aber, und das möchte ich
hier ausdrücklich hervorheben, diese sogenannte
Hinwendung zum pazifisch-asiatischen Raum beinhaltet natürlich keine Abkehr von Europa. Amerikanische
Außenpolitik ist nicht mit den Regeln des Nullsummenspiels zu erklären.
Sie werden sich sicherlich fragen, warum ich so lange
über die amerikanische Außenpolitik spreche. Aus
einem einfachen Grund: Ohne Standortbestimmung
bezüglich der gegenwärtigen Entwicklung läßt sich
schwerlich über die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen sprechen.
Wie eingangs erwähnt, kommt es darauf an, die Grundlagen unseres
Verhältnisses nicht aus den Augen zu verlieren.
Deutschland wird von uns als einer der wichtigsten
Verbündeten und Partner in vielen Politikbereichen
erachtet. Ohne Deutschlands politische Unterstützung
könnten viele Probleme nicht gelöst und gemeinsame
Ziele nicht verwirklicht werden.
Aus amerikanischer Sicht - und ich bin mir sicher, auch
von deutscher Warte aus - stellt die Wiedererlangung
der "deutschen Einheit" eine Zäsur in der deutschen
und europäischen Geschichte dar. Für uns Amerikaner ist es beeindruckend, wie Ihr Land an dieser
Vereinigung arbeitet. Innerhalb der letzten fünf Jahre
wurden große Fortschritte erzielt.
Ich komme leider nicht mehr so oft in den Osten wie
noch zu Zeiten meiner Verwendung in der Hauptstadt
der DDR. Einerseits ist dies bedauerlich, andererseits
erkenne ich mit dem zeitlichen Abstand sehr viel

AMERIKA DIENST 07

�deutlicher, wie sich das Erscheinungsbild geändert hat.
Der konsequente Ausbau der Infrastruktur, sei es nun
beim Verkehrswesen oder im Telekommunikationsbereich, die Erneuerungen der Universitäten und
Bildungseinrichtungen, die Reform des Gesundheitswesens und der Verwaltungen sind Leistungen, die
das Prädikat "außergewöhnlich" verdienen.
Was den unvoreingenommenen amerikanischen
Betrachter erfreut, ist die große Solidarität zwischen
den Deutschen.
Nicht nur der Finanztransfer ist
enorm. Die Bereitschaft, voneinander zu lernen und
miteinander die fünf neuen Bundesländer aufzubauen
und zu modernisieren, ist manifester Ausdruck einer
nationalen wie auch sozialen Solidarität.
Vielfach habe ich allerdings den Eindruck, daß die
erheblichen Fortschritte in der öffentlichen Diskussion
nicht zur Kenntnis genommen werden. Fortschritte,
die für manchen Beobachter nicht schnell genug
erreicht worden sind. Das mag in dem einen oder
anderen Fall auch richtig sein, aber jene, denen es
nicht schnell genug geht, sollten sich an den pragmatischen Ausspruch erinnern: "Auch Rom wurde nicht an
einem Tag erbaut."
Ich glaube, daß eine pragmatische Einstellung bei der
Beurteilung der Anstrengungen, die innere Einheit zu
vollenden, durchaus hilfreich sein kann. Was seit der
Aufteilung des Deutschen Reiches 1945 in Besatzungszonen getrennt war, konnte nicht über Nacht
wieder zusammengeführt werden. Zu unterschiedlich
hatten sich beide deutschen Staaten entwickelt; zu
unterschiedlich waren die ideologischen, politischen,
wirtschaftlichen und kulturellen Perspektiven.
Angesichts der Tatsache, daß weder die DDR noch die
Bundesrepublik in ihrer jeweils vierzigjährigen Geschichte Erfahrungen mit "Wiedervereinigungen"
sammeln konnten - wenn man einmal von der Wiedervereinigung des Saarlands mit der Bundesrepublik
1955 absieht - verlief der Vereinigungsprozeß bislang
trotz der gewaltigen Anpassungsprobleme überaus
erfolgreich.
Bei der Beurteilung der erbrachten Leistungen muß
man sich den Lauf der Geschichte immer wieder vor
Augen führen. Welche Aufgaben und Herausforderungen waren zu meistern, auf die man sich nicht lange
vorbereiten konnte? Im Gegensatz zu Korea hatte die
Bundesrepublik keinen Vereinigungsminister.
Die Leistungen auf beiden Seiten der innerdeutschen
Grenze waren beachtlich:
Die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR
haben sich zum erstenmal in der deutschen Geschichte die Demokratie in einer friedlichen Revolution
selbständig erkämpft. Und dies unter den Bedingungen eines totalitären Regimes. Mit der "Wende" hat

AMERIKA DIENST 07

die
Bevölkerung
unter
großen
Risiken
die
SED-Herrschaft beendet. Trotz der schmerzlichen
Erfahrungen vom Juni 1953, trotz der beträchtlichen
Gefahr einer chinesischen Gewaltlösung formierte sich
im Spätsommer 1989 landesweit der Protest. Ein
Protest, der sich gegen den bürokratischen Zentralismus, die Nomenklatura und andere Begleiterscheinungen richtete und wegen der allgemeinen
Unzufriedenheit mit den materiellen Lebensumständen, der politischen Gängelung und der fehlenden
Bewegungsfreiheit immer größeren Zulauf erhielt.
Wir alle wissen jetzt, wie schwierig es ist, einen
friedlichen Übergang von einer Diktatur zu einer
Demokratie zu erreichen. Es gibt in der jüngeren
Geschichte nicht allzu viele Beispiele, wo das ohne
Blutvergießen geschehen ist. Mut und Vertrauen in die
Richtigkeit des eigenen Handelns sind dabei unabdingbare Voraussetzungen. Auch Präsident Clinton
hat während seines Berlin-Besuchs im Sommer 1994
auf die Notwendigkeit von "Zivilcourage" hingewiesen.
Wenn wir uns den bisherigen Prozeß der äußeren und
inneren Vereinigung vergegenwärtigen, sollten wir
nicht verkennen, welchen Beitrag die alte Bundesrepublik geleistet hat, um diesem Unternehmen zum
Erfolg zu verhelfen.
Und da gibt es keinen Zweifel, daß Rechtsstaatlichkeit,
parlamentarische Demokratie und soziale Marktwirtschaft zu nennen sind. Der Wertekanon einer demokratischen Gesellschaft, eine bewährte rechtsstaatliche
Ordnung, Freiheit und Toleranz wie auch eine ausgeprägte politische Kultur haben den Übergang von der
Zweistaatlichkeit zur EinStaatlichkeit möglich gemacht.
Diese Wesensmerkmale der "alten" Bundesrepublik
waren meiner Ansicht nach entscheidend, um den
Vereinigungsprozeß in geordnete Bahnen zu lenken
und auch die nötige internationale Unterstützung zu
finden.
Als eine der Siegermächte des Zweiten
Weltkrieges, Mitglied des Alliierten Kontrollrates in
Berlin und Schutzmacht der Bundesrepublik im Kalten
Krieg sind wir durchaus stolz, daß die Demokratie in
der deutschen Bevölkerung Fuß gefaßt hat. Und
besonders freut uns, daß nach der friedlichen Revolution vom 9. November 1989 die parlamentarische
Demokratie in ganz Deutschland zum Durchbruch
gekommen ist.
Bedenken hatten wir keine, als wir vorbehaltlos die
bundesdeutsche Regierung nach dem Fall der Mauer
unterstützten. Im Gegenteil, die Verläßlichkeit der
Deutschen stand außer Frage. So hatte die "alte"
Bundesrepublik keinen Zweifel an der Richtigkeit der
von Konrad Adenauer eingeschlagenen Politik der
Westintegration aufkommen lassen. Die Rückkehr in
die zivilisierte Staatengemeinschaft war gelungen,
Deutschland hatte sich als treuer und berechenbarer
Partner im Atlantischen Bündnis erwiesen.

Seite 3

�Für uns und auch für die zögerlichen Nachbarstaaten
Deutschlands war es wichtig, daß die politische
Führung dieses Landes konsequent die Risiken von
"Sonderwegen" vermied. Die Ängste sind überwunden, Deutschland könne angesichts der Erlangung
seiner vollständigen Souveränität die engen Bindungen zur westlichen Staatengemeinschaft kappen und
seine Eigenständigkeit propagieren. In der "Stunde
der Wahrheit" hat die Bundesregierung souverän an
ihren politischen Grundüberzeugungen festgehalten
und damit das internationale Vertrauen in sie gerechtfertigt. Mit großem Elan hat sie aktiv an der Fortsetzung der europäischen Integration gearbeitet und jene
Vermutungen im Keim erstickt, Deutschland wäre
ausschließlich am eigenen nationalen Wohlbefinden
interessiert.
Damit hat Deutschland in einer schwierigen politischen
Übergangszeit Größe bewiesen und einen überaus
wichtigen Beitrag zur Erhaltung von Frieden und
Stabilität in Europa geleistet. Dies sind gute Voraussetzungen für den Aufbau einer ungeteilten europäischen Friedensordnung und ein stabiles Fundament
für unsere Partnerschaft.
Wir Amerikaner erkennen die Schwierigkeiten an, die
mit der Vereinigung einhergehen und deren Lösung
noch geraume Zeit erfordern sowie erhebliche Kraftanstrengungen nach sich ziehen wird. Dennoch, auch
auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Für uns
nimmt Deutschland eine Schlüsselrolle bei der Bewahrung des Friedens, der Stabilität und Sicherheit in
Europa ein.
Was hat sich mit der deutschen Wiedervereinigung für
uns Amerikaner geändert? Oder anders formuliert:
Wie hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis
nach der Vereinigung entwickelt?
Ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu können,
daß die deutsch-amerikanischen Beziehungen durch
die Vereinigung noch besser geworden sind. Formalrechtlich haben sich die diplomatischen Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland mit deren Erlangung der vollen und
uneingeschränkten Souveränität über die inneren und
äußeren Angelegenheiten gewandelt. Deutschland
vollzog seine Vereinigung in Ausübung des Selbstbestimmungsrechts der Völker gewaltlos und einvernehmlich mit den Grundsätzen der Schlußakte von
Helsinki. Mit der Vollendung der äußeren Einheit ist
die Epoche der Nachkriegszeit zu Ende gegangen.
Beide Staaten stehen sich nun gleichberechtigt und
partnerschaftlich verbunden gegenüber.
Faktisch hat sich wenig seit dem 15. Mai 1991 geändert, als die Sowjetunion die Ratifikationsurkunde des
"Vertrages über die abschließende Regelung in bezug
auf Deutschland" hinterlegte und Deutschland endgültig souverän wurde. Deutschland und die Vereinigten

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Staaten unterhalten enge und intensive Kontakte auf
dem gesamten Spektrum der deutsch-amerikanischen
Beziehungen. Das wird auch so bleiben, ob wir unsere
Botschaft nun in Bonn oder Berlin haben.
Dies ist ein weiterer, nicht unwesentlicher Aspekt, der
sich mit der deutschen Einheit ergeben hat. Der
Deutsche Bundestag hat beschlossen, den Regierungssitz von Bonn nach Berlin zu verlegen. Infolge
des Umzugs der Regierung und des Parlaments
werden auch wir in Berlin eine neue Botschaft errichten. Mit dem Fall der Mauer ist das Grundstück am
Pariser Platz wieder verfügbar geworden, wo vor dem
Zweiten Weltkrieg die Amerikanische Botschaft stand.
Sie war im Krieg schwer beschädigt worden und wurde
später abgerissen. Inszwischen haben wir einen
Architektenwettbewerb durchgeführt. Wann mit dem
Bau begonnen wird, hängt nicht zuletzt von der
Haushaltslage ab.
Eine Aktivität der Botschaft möchte ich nicht unerwähnt
lassen, da sie sich erst nach der Einheit ergeben hat,
seitdem aber konsequent verfolgt wird. In Übereinstimmung mit der Außenwirtschaftsstrategie der
Clinton-Administration laden wir in regelmäßigen
Abständen amerikanische Unternehmer und Investoren nach Ostdeutschland ein. Nicht nur um einen
Beitrag zum "Aufbau Ost" zu leisten, sondern auch um
auf die zahlreichen Investitionsmöglichkeiten hinzuweisen.
Bisher haben wir drei Unternehmerkonferenzen
organisiert. Die letzte fand im Oktober in Erfurt und
Weimar statt. An ihr nahmen rund 200 Firmenrepräsentanten aus den Vereinigten Staaten teil. Die
amerikanischen Investitionen in Ostdeutschland
belaufen sich auf circa 6,5 Milliarden Dollar; damit hat
die amerikanische Industrie rund 55.000 Arbeitsplätze
gesichert oder neu geschaffen.
Der Standort Deutschland ist trotz hoher Löhne und
Kosten für manche Unternehmen nach wie vor attraktiv. Das Wirtschaftsengagement in Ostdeutschland
unterstreicht auch die Brückenfunktion dieser Region
gegenüber den ost- und südosteuropäischen Staaten.
Die Erlangung der uneingeschränken Souveränität hat
auch Auswirkungen auf die Ziele und Methoden der
deutschen Außenpolitik gehabt. Natürlich interessiert
es uns, wie die Bundesregierung ihren neuen politischen und rechtlichen Handlungsspielraum nutzt. Mit
der Einheit hat Deutschland neue Rechte, aber auch
weitere Pflichten erhalten. Als dynamischer und
wohlhabender Staat mit den meisten Nachbarstaaten
liegt es nun an Deutschland, dieser Verantwortung
gerecht zu werden. Daß dies nicht einfach ist, hat eine
Episode zu Beginn des kriegerischen Auseinanderbrechens Jugoslawiens gezeigt.

AMERIKA DIENST 07

�Mit ihrer Anerkennung von Kroatien und Slowenien hat
die Bundesrepublik Deutschland Anfang der neunziger
Jahre den außenpolitischen Versuch unternommen,
einen Beitrag zur Eindämmung des Teilungskonfliktes
im ehemaligen Jugoslawien zu leisten. Diese Initiative
wurde von Deutschlands Verbündeten kritisch beurteilt. Besorgte Kommentatoren sprachen damals von
einem neuen außenpolitischen Stil, der die neu gewonnene Macht demonstriere.
Die Anerkennung von Grenzen - ohne gesicherten
Schutz derselben - konnte angesichts der hohen
Gewaltbereitschaft der politisch Verantwortlichen keine
friedensbewahrende Wirkung entfalten. Deutschland
hat für diese Vorgehensweise im In- und Ausland viel
Kritik erhalten. Historische Parallelen, wie sie in dieser
Diskussion Erwähnung fanden, waren meines Erachtens allerdings unzutreffend.
Argumente, die
Deutschlands Rolle in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts thematisieren, werden dem ausgeprägten
Friedenswillen des demokratischen Deutschlands nicht
gerecht, das aus seiner Geschichte gelernt hat.
Der Einsatz von Macht, politischem Gewicht, diplomatischem Engagement und vor allem militärischen
Optionen ist allerdings notwendig, um einem Friedenswillen die nötige Glaubwürdigkeit beziehungsweise
den nötigen Nachdruck zu verleihen. Dies hat der
Krieg im ehemaligen Jugoslawien uns allen - jeden
Tag durch das Fernsehen - schonungslos und unbarmherzig vor Augen geführt.
Ich möchte mit diesem Beispiel nur darauf hinweisen,
wie risikoreich außenpolitische Initiativen sind, wenn
sie nicht auf einem breiten internationalen Konsens
basieren. Der verantwortungsbewußte Umgang mit
Macht muß prinzipiell die internationalen, innenpolitischen und psychologischen Rahmenbedingungen
berücksichtigen, in denen das politische Gewicht eines
Staates eingesetzt wird.
Gleiches gilt natürlich auch, wenn europäische und
außereuropäische Kriege die westliche Staatengemeinschaft zum Handeln zwingen. Deutschland hat
begonnen, in eine Rolle zu wachsen, die seinem
politischen Gewicht und ökonomischen Leistungsvermögen besser gerecht wird. Andere können nun nicht
länger auf Deutschland zeigen, weil es seine Mitverantwortung bei der Lösung internationaler Konflikte
nicht übernehmen will. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über den Einsatz von Streitkräften
außerhalb des NATO-Vertragsgebietes zeigt deutlich,
daß die politische Führung Deutschlands die Verantwortung annimmt. Mit dem Einsatz von Bundeswehreinheiten im ehemaligen Jugoslawien trägt Deutschland zur Befriedung dieser vom Krieg heimgesuchten
Region Europas bei.
Die Bundesrepublik befindet sich aus meiner Sicht auf
dem Weg, die Mittel militärischer Macht als ein In-

AMERIKA DIENST 07

strument der Außenpolitik zu begreifen. Deutschland
kann sich nicht aus Konflikten heraushalten, die
gemeinsame europäische oder
transatlantische
Interessen tangieren. Die Verpflichtung zum Frieden
beinhaltet auch eine internationale Verantwortung
gegenüber jenen, die Opfer einer gewalttätigen Politik
geworden sind. Der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien zeigt zudem, daß wir uns klar werden müssen,
wie weit die postulierten Grundwerte in Europa reichen
und mit welchen Mitteln sie verteidigt werden sollen.
Wieder einmal mußten wir feststellen, daß mit diplomatischen Anstrengungen allein kein internationales
Recht durchzusetzen ist.
Ich will damit nicht einer wie auch immer gearteten
"Militarisierung der Außenpolitik" das Wort reden. Im
Gegenteil, es kommt darauf an, gemeinsam geeignete
und angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um
Konflikte zu verhüten und Formen der friedlichen
Beilegung von Streitigkeiten zu nutzen, um Krisen zu
entschärfen. Wenn Maßnahmen der Konfliktverhütung
nicht greifen, müssen friedenserhaltende und gegebenenfalls friedensschaffende Schritte unternommen
werden, die durch den Einsatz militärischer Mittel
unserem Engagement für den Frieden die nötige
Glaubwürdigkeit verleihen. Die amerikanische Regierung unterstützt die Bundesrepublik bei der Wahrnehmung ihrer neuen Verpflichtungen.
Unsere Beziehungen sollten nicht nur in einem
bilateralen Kontext betrachtet werden. Eine solche
Sichtweise kann der Bedeutung Deutschlands nicht
gerecht werden. Deutschland als eine treibende Kraft
der Europäischen Union gewinnt durch sein Engagement für die USA einen Stellenwert, der sich maßgeblich von jenen Staaten unterscheidet, die wenig
Interesse am Aufbau eines vereinten Europas haben.
Deutschlands Engagement für die Erweiterung der
NATO und der Europäischen Union wird von uns als
ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Stabilisierung dieser Region betrachtet. Hier zeichnen sich
Perspektiven ab, die vielfach in der Diskussion über
unser Verhältnis übersehen werden.
Ohne das Zusammenwirken der maßgeblichen Mächte
könnten derartige zukunftsweisende Aufgaben wie die
Erweiterung der NATO und der Europäischen Union
gar nicht gelöst werden. Wir wissen um die Schlüsselstellung Deutschlands in diesem Prozeß. Folglich
weist die Frage, ob sich die bilateralen Beziehungen
nach den machtpolitischen Veränderungen verschlechtern, in die falsche Richtung. Nur weil sich
etwas ändert, kann man nicht davon ausgehen, daß
der bilateralen Geschäftsgrundlage der Boden entzogen wird. Im Gegenteil, die sich uns stellenden
Herausforderungen ziehen einen erheblichen Koordinierungsbedarf nach sich.
Ohne Abstimmungen,
Verhandlungen und gemeinsames Vorgehen würden
wir Schiffbruch erleiden. Und das wäre höchst bedauerlich!

Seite 5

�Was die künftige Zusammenarbeit angeht, bin ich
optimistisch. Das transatlantische Verhältnis ist und
bleibt die Grundlage, von der aus wir operieren. Wenn
wir uns einmal den Verlauf von Krisen und Konflikten in
den letzten Jahren betrachten, dann läßt sich folgendes feststellen: In nahezu allen internationalen Krisensituationen verfolgen die Amerikaner und die meisten
Europäer gemeinsame Ziele. Vielfach unterscheiden
sich zwar die Vorschläge, die Lösungsmodelle und
Strategien zu deren Verwirklichung, doch was die
Bewahrung des Friedens und der Stabilität des
internationalen Systems angeht, zieht das transatlantische Bündnis an einem Strang. Das kann man
auch daran erkennen, daß es gerade diese Staatengruppe ist, die sich bereit erklärt, Garantien zu geben
und die aktiv an konstruktiven Friedenslösungen
arbeitet.
Lassen Sie mich kurz auf die programmatische
Zielsetzung der amerikanischen Europapolitik eingehen. Schon allein an den sechs Punkten ist zu
erkennen, daß unserer Engagement für Europa in
keiner Weise nachgelassen hat:
1.

Die Anpassung der NATO, das heißt interne
Reformen, Ausbau des Kooperationsprogramms "Partnerschaft für den Frieden" und
eine graduelle, durchdachte und transparente
Erweiterung der Atlantischen Allianz.

2.

Die Integration Rußlands und der neuen
unabhängigen Staaten in eine neue europäische Friedens- und Wirtschaftsordnung mit
besonderer Berücksichtigung der Beziehungen Rußlands zur NATO.

3.

Die Stärkung der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa.

4.

Die Integration der mittel- und osteuropäischen Staaten in westeuropäische Strukturen
bei gleichzeitigem Abbau von Regionalkonflikten durch präventive Diplomatie.

5.

Die Unterstützung der Europäischen Integration, die Erweiterung der EU und die Stärkung
der europäisch-amerikanischen Beziehungen
durch neue transatlantische Initiativen.

6.

Die Sicherung eines parteiübergreifenden
Konsenses im Kongreß und mit dem amerikanischen Volk hinsichtlich der Rolle Amerikas
als eine europäische Macht.

Von der Warte Washingtons aus ist das Altantische
Bündnis der einzig verfügbare Organisationsrahmen
für den Aufbau einer neuen europäischen Friedensordnung. Die lebhafte Debatte über die Erweiterung
der NATO und auch der Europäischen Union zeigt
deutlich, wie groß das Interesse der ost- und süd-

Seite 6

europäischen Staaten ist. Ich will gar nicht auf die
Schwierigkeiten eingehen, die bei einer Erweiterung
des Atlantischen Bündnisses zu lösen sind. Es steht
allerdings außer Frage, daß die osteuropäischen
Staaten einen angemessenen Platz in der neuen
europäischen Friedensordnung einnehmen müssen.
Gleichzeitig wollen wir deutlich machen, daß sich der
Prozeß der Erweiterung keineswegs gegen Rußland
richtet.
Unser Ziel ist es - und ich gehe davon aus, daß die
Bundesregierung dies genauso sieht - Europa auch im
kommenden Jahrtausend als eine Region des Friedens, der Stabilität und des Wohlstands zu erhalten.
Trotz aller Übereinstimmung gibt es natürlich auch
Bereiche, wo wir ab und zu divergierende Interessen
verfolgen.
Dies trifft teilweise auf unsere Wirtschaftsbeziehungen zu. Wir sind eben auch wirtschaftliche Konkurrenten, doch diese Tatsache sollten
wir ausdrücklich begrüßen. Denn es sind unsere
Unternehmen, die miteinander konkurrieren und uns
so ein besseres Angebot an Gütern und Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen ermöglichen.
Präsident Clinton hat immer wieder betont, daß wir uns
dem weltweiten Wettbewerb stellen wollen, "that we
want to compete, not retreat". Wir wollen uns nicht
hinter protektionistische Schutzwälle zurückziehen,
sondern offensiv die Marktchancen nutzen, die sich
unseren Unternehmen auf dem Weltmarkt bieten. Wir
sehen dazu keine Alternative, denn ohne offene
Märkte im Ausland sind die protektionistischen Stimmen im eigenen Lande nicht zum Schweigen zu
bringen. Freier Marktzugang und Marktöffnung im
Ausland sind für weltweit operierende Unternehmen
unverzichtbar. Aus diesem Grunde ist fairer und
ungehinderter Marktzugang eines der Hauptanliegen
unserer Außenwirtschaftspolitik. Dies berührt auch
unsere Beziehungen zu Deutschland und der Europäischen Union.
Man kann nicht über die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten
sprechen, ohne sie in den europäischen Zusammenhang zu stellen. Die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen sind Teil der transatlantischen
Wirtschaftsbeziehungen. Die Grundlage für diese
Zusammenarbeit sind gemeinsame Überzeugungen,
was den freien Welthandel, den ungehinderten Fluß
von Investitionen und marktwirtschaftliche Wettbewerbsstrukturen angeht. Wir sehen den privaten
Sektor als den wesentlichen Mechanismus für Wachs
tum und Innovation.
Dies ist jedoch nicht in allen Ländern der Europäischen
Union der Fall.
Allzuoft registrieren wir eine
Nord-Süd-Konfrontation, wobei die südlichen Länder
für Dirigismus und Protektionismus eintreten und die
nördlichen Länder für Wettbewerb und Freihandel.

AMERIKA DIENST 07

�Der schwierige Umgang mit der EU belastet zuweilen
auch die deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Dennoch unterstützen wir vorbehaltlos Deutschlands
Engagement in der Europäischen Union, die Vollendung des Binnenmarktes und die Erweiterung der
Europäischen Union.
Wegen der gemeinsamen
wirtschaftlichen Grundauffassungen hoffen wir, daß
Deutschland die Europäische Union in Wirtschaftsfragen zu mehr Offenheit drängt. Diese Offenheit sollte
von einem transparenten
Entscheidungsprozeß
getragen sein und nicht nur die Notwendigkeit zur
internen Konsensfindung, sondern auch die Interessen
der Handelspartner außerhalb der EU berücksichtigen.
In vielen Fragen wie beispielsweise der Behandlung
audiovisueller Dienstleistungen, wo einige europäische
Staaten diskriminierende Quoten für Filme und Fernsehserien bevorzugen, und bei der Frage des Bananenhandels arbeiten die Vereinigten Staaten und
Deutschland auf das gemeinsame Ziel eines Abbaus
von Handelsschranken hin.
In anderen Bereichen, wie zum Beispiel auf dem Markt
für Kraftwerksausrüstung, bestehen in Deutschland
strukturelle Rahmenbedingungen, die es ausländischen Anbietern fast unmöglich machen, ins Geschäft
zu kommen. Letztlich zahlen die Kunden der Energieerzeuger den Preis für fehlenden Wettbewerb.
Derartige Strukturen erschweren natürlich auch die
Kooperation mit internationalen Partnern, Beteiligungen und Joint-ventures. In manchen Bereichen sind
Direktinvestitionen, die Voraussetzung für Marktzugang sind, praktisch oder gesetzlich ausgeschlossen.
Besonders nachteilig haben sich staatlich geschützte
Monopolmärkte in der Telekommunikation ausgewirkt.
Sie haben nicht nur zum Ausschluß ausländischer
Konkurrenz geführt, sondern auch Innovationen,
günstigere Preise und bessere Leistungsangebote
verhindert. Ein Grund für den schwindenden Anteil
deutscher Gerätehersteller auf dem Telekommunikationsweltmarkt war das Fehlen von Konkurrenz und
dynamischer Nachfrage nach neuen Dienstleistungen
im Inland. Daß wir für eine gegenseitige Öffnung der
Telekommunikationsmärkte eintreten, wird sich für
beide Seiten als nützlich erweisen.
Das sind nur zwei Beispiele, die deutlich machen, daß
wir trotz unserer strategischen Partnerschaft nicht
aufhören können, unsere Wirtschaftsbeziehungen in
einem für alle Beteiligten annehmbaren Rahmen zu
gestalten. Da viel Geld auf dem Spiel steht, und
Arbeitsplätze, Marktanteile, Standorte - letztlich der
Wohlstand unserer Gesellschaften - vom Handel
abhängig sind, bleibt enge Zusammenarbeit eine
unabdingbare Voraussetzung für die Erlangung unserer Ziele.

AMERIKA DIENST 07

Meine Ausführungen über die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen im allgemeinen und der
deutsch-amerikanischen Beziehungen im besonderen
wären unvollständig, wenn ich nicht noch einige Worte
zu den Herausforderungen sagen würde, denen wir
uns stellen müssen - ob wir nun wollen oder nicht.
Auch hier scheint es mir zweckmäßig, unsere Politik zu
koordinieren und Zusammenarbeit zu praktizieren.
Als erstes will ich das Problem der nuklearen Weiterverbreitung ansprechen. Die Gefahren, die sich aus
einer unkontrollierbaren Weitergabe von Massenvernichtungswaffen ergeben, sind enorm. Der Golfkrieg die Befreiung Kuwaits - war eine ernstzunehmende
Warnung. Diktatoren gleich welcher Couleur dürfen
nicht in den Besitz dieser Waffen gelangen. Wir
müssen gemeinsam frühzeitig Maßnahmen ergreifen,
um dies zu verhindern, sei es nun durch diplomatische
Initiativen oder durch Handelssanktionen und Kontrollregime. Wichtig ist eine koordinierte Vorgehensweise.
Als zweites will ich den Kampf gegen den nationalen
und internationalen Terrorismus nennen. Die Attentatsserien in Frankreich oder der feige Mord an dem
israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin sowie
der jüngste IRA-Terror führen uns vor Augen, wozu
fehlgeleitete Menschen in der Lage sind. Wir dürfen
aber nicht zulassen, daß unsere demokratischen
Systeme durch sinnlose Gewaltverbrechen destabilisiert werden. Die Gefährdung der inneren Sicherheit
und des äußeren Friedens ist eine Herausforderung,
der wir uns gemeinsam stellen müssen. Die Bekämpfung kann nur dann erfolgreich sein, wenn Terroristen
nirgendwo mehr sicher sein können. Deshalb ist die
internationale Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden so wichtig.
Gleiches gilt für die Bekämpfung des Drogenhandels,
des organisierten Verbrechens und der Geldwäsche.
Diese Verbrechen greifen den Kern unserer liberalen
Gesellschaften an und belasten das Zusammenleben
unserer Völker. Die nicht minder große Bedrohung
unserer Lebensgrundlagen durch die Umweltverschmutzung sowie durch die Bevölkerungsexplosion
möchte ich hier nur am Rande erwähnen.
Lassen Sie mich zum Schluß kommen. Wir befinden
uns trotz aller Unwägbarkeiten dieser Übergangszeit
nach dem Ende des Kalten Krieges in einer Aufbauphase, die voller Optionen ist. Nutzen wir unsere
Chance, so wie Sie und mit Ihnen die Deutschen die
Chance der Vereinigung ergriffen haben. Ich bin mir
sicher, daß unser gemeinsamer Weg ins 2 1 . Jahrhundert von Erfolg gekrönt ist, wenn Frieden, Stabilität
und Wohlstand erhalten bleiben.
Ich danke Ihnen.

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�ABRÜSTUNG
3. April 1996

Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention
im Frühjahr angestrebt
Anhörung von Verteidigungsminister Perry

WASHINGTON - (AD) - In einer Anhörung vor dem Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten des Senats
forderte Verteidigungsminister William Perry den Senat zur Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention in diesem
Frühjahr auf.
Nachfolgend veröffentlichen wir den offiziellen Text der Anhörung.

Herr Vorsitzender,
ich freue mich, heute im Namen des amerikanischen
Verteidigungsministeriums für eine Anhörung über die
Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention anwesend
sein zu dürfen. Diese Konvention ist ein enormer
Fortschritt seit dem Genfer Protokoll von 1925 dahingehend, daß sie ein vollständiges Verbot chemischer
Waffen vorsieht, nicht nur ein Verbot ihres Einsatzes.
Die Administration hegt den starken Wunsch, daß
dieser Vertrag über das Verbot chemischer Waffen so
bald wie möglich in Kraft tritt. Unverzügliches Handeln
des Senats wird dieses wichtige Ziel unterstützen.
Die Chemiewaffenkonvention ist wirklich ein bedeutender Durchbruch im Bereich der Rüstungskontrolle. Sie
ist sowohl ein Abrüstungs- als auch ein Nichtverbreitungsvertrag, und die Konvention ist die umfassendste, die je ausgehandelt wurde.
Die CW-Konvention verpflichtet die Vertragsparteien,
niemals und unter keinen Umständen chemische
Waffen zu entwickeln, herzustellen, zu beschaffen, zu
lagern oder beizubehalten. Die Konvention verbietet
den Transfer chemischer Waffen in andere Staaten
und untersagt ferner, irgend jemanden bei gemäß dem
Vertrag verbotenen Aktivitäten behilflich zu sein, ihn zu
ermutigen oder auf ihn einzuwirken.
Zusätzlich zu diesem umfassenden Verbot erfordert
die CW-Konvention die Zerstörung aller chemischen
Waffen und ihrer Produktionsanlagen. In Fällen

AMERIKA DIENST 07

außerordentlich zwingender Notwendigkeit kann eine
Vertragspartei die Genehmigung zur Konversion einer
ehemaligen Produktionseinrichtung für Chemiewaffen
zu akzeptablen zivilen Zwecken einholen. Eine solche
konvertierte Produktionsanlage unterläge zusätzlichen
Verifikationsverfahren sowie Tätigkeitsbeschränkungen.
Die Chemiewaffenkonvention wird auch zur Bekämpfung der zunehmenden Verbreitung von chemischen
Waffen beitragen. Indem der Herstellung, Verarbeitung und Verwendung spezifizierter Chemikalien
anhand der Offenlegungs- und Verifikationsregime des
Vertrags nachgegangen wird, schafft die internationale
Organisation der Chemiewaffenkonvention einen
Rahmen und Mechanismen zur Eindämmung der
Verbreitung chemischer Waffen. Die Konvention
untersagt den Handel mit äußerst risikoreichen
Chemikalien mit NichtVertragsparteien. Drei Jahre
nach Inkrafttreten des Vertrags wird auch der Handel
mit bestimmten anderen Chemikalien mit diesen
Staaten verboten. Darüber hinaus wird ein Zertifikat
über den Endverbrauch für den Transfer von Chemikalien mit geringem Risiko an NichtVertragsparteien
erforderlich. Die Exportkontrollvorschriften stärken die
Konvention und machen sie zu einem wertvollen
Werkzeug für die Überwachung dieses potentiell
gefährlichen, mehrfach verwendbaren chemiewaffenfähigen Materials.
Andere Bestimmungen der CW-Konvention - die von
besonderer Bedeutung für das Verteidigungsministeri-

Seite 1

�um sind - gestatten einer Vertragspartei die Fortsetzung von Forschung zu Schutzmethoden wie Spür-,
Schutz- und Entkontaminierungsgerät. Die Konvention
fordert die Vertragsparteien ferner auf, durch die
internationale Organisation finanzielle und andere Hilfe
zur Verfügung zu stellen, wenn eine Partei einem
Angriff ausgesetzt ist oder dieser angedroht wird.
Solche Verfügungen der Konvention werden zur
Reduzierung der globalen Bedrohung durch Chemiewaffen beitragen und gleichzeitig den Schutz von
Chemiewaffen sowie die Hilfestellung für alle Signatarstaaten verbessern.
Die Anforderungen für Routineinspektionen, Wahrheitsfindungs- und Konsultationsmechanismen sowie
die Fähigkeit zur Durchführung einer kurzfristig
anberaumten Ad-hoc-lnspektion gleich an welchem Ort
schaffen eine einzigartige Synergie für die Verifizierung aller Rüstungskontrollabkommen. Die Chemiewaffenkonvention verfügt über das einschneidendste
Verifizierungsregime der Geschichte und ist effektiv
verifizierbar. Ich bin der festen Überzeugung, daß die
CW-Konvention maßgeblich zu den Sicherheitsinteressen des Verteidigungsministeriums und der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten insgesamt
beiträgt.
Die Verfasser des Vertrags definierten Reizstoffe für
den Polizeieinsatz (riot control agents - RCAs) getrennt
von chemischen Waffen. Sie vertraten die Auffassung,
daß diese chemischen Waffen besondere Berücksichtigung innerhalb der Konvention verdienten.
Der Einsatz von RCAs ist bei Strafverfolgungsoperationen und bei der Niederschlagung von Krawallen im
Inland gestattet, und eine Vertragspartei muß die Arten
von RCAs offenlegen, die sich in ihrem Besitz befinden. Die Konvention verbietet den Einsatz von RCAs
als Methode der Kriegführung. Dieses Verbot findet
nur auf ihren Einsatz als Methode der Kriegführung bei
internationalen und innenpolitischen bewaffneten
Konflikten Anwendung. Der Einsatz von RCAs bei
friedenssichernden Operationen, humanitären oder
Katastrophenhilfemissionen, Terrorismusbekämpfung
und der Rettung von Geiseln ist von der Konvention
nicht betroffen.
Ich möchte jetzt einige Fragen ansprechen, die dem
Verteidigungsministerium häufig in Zusammenhang mit
der Chemiewaffenkonvention gestellt werden. Die
Fragen erstrecken sich auf sechs generelle Bereiche:

Reizstoffe für den Polizeieinsatz
Vergeltungsfähigkeit
Erstens. Wie gehen wir - nachdem wir selbst als Mittel
der Vergeltung auf chemische Waffen verzichten - mit
dem Risiko um, daß eine NichtVertragspartei oder ein
Verletzer der CW-Konvention Chemiewaffen gegen
uns einsetzt? Das Verteidigungsministerium vertritt die
Auffassung, daß die Fähigkeit zu Vergeltungsschlägen
mit Chemiewaffen nicht länger ein erforderliches
Element bei der Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen ist. Dies trifft zu, selbst wenn die
Chemiewaffenkonvention nicht universell sein mag
oder universell eingehalten wird. Mehrere Administrationen sind nacheinander zu der Schlußfolgerung
gelangt, daß der nationalen Sicherheit der Vereinigten
Staaten am besten durch ein umfassendes Verbot
gedient ist.
Grundsätzlich unterstützt das Verteidigungsministerium den Gedanken, die Fähigkeit zu Vergeltungsschlägen mit Chemiewaffen aufzugeben, weil wir über
ein breites Spektrum alternativer Fähigkeiten zur
Abschreckung vom Einsatz chemischer Waffen oder
seiner Vergeltung verfügen. Unsere Schutzmaßnahmen und Fähigkeiten zur Bekämpfung der Weiterverbreitung sind verbessert worden - teils infolge der
im Golfkrieg gemachten Erfahrungen. Wir können uns
jedoch nicht auf Schutz allein verlassen. Aus offensichtlichen Gründen haben wir uns dafür entschieden,
nicht im Detail darzulegen, welche Antworten wir auf
einen Chemiewaffenangriff hätten. Wie wir während
des Golfkriegs erklärt haben, wird die Reaktion jedoch
"absolut überwältigend" und "verheerend" sein, wenn
ein Land dumm genug wäre, chemische Waffen
gegen die Vereinigten Staaten einzusetzen. Wir
benötigen keine Chemiewaffen, um eine effektive
Abschreckung bereitzustellen oder eine effektive
Antwort auf chemische Waffen zu geben.
Der Verzicht auf Vergeltung mit gleichen Mitteln
gestattet uns mit starker internationaler Unterstützung
unser seit langem bestehendes Ziel eines vollständigen Verbots effektiver zu verfolgen sowie uns die
Kosten und Kontroversen zu ersparen, die mit der
Aufrechterhaltung eines Chemiewaffenarsenals zur
Vergeltung einhergingen. Ich werde gleich im einzelnen auf unser Schutzprogramm eingehen.

Vergeltungsfähigkeit

Zerstörung chemischer Waffen

Zerstörung chemischer Waffen

Zweitens. Was ist erforderlich, um unsere Verpflichtungen zur Zerstörung chemischer Waffen im Ranmen
der CW-Konvention zu erfüllen? Unter der CWKonvention müssen die Vereinigten Staaten ihr
bestehendes Chemiewaffenarsenal zerstören. Es trifft
zwar zu, daß dies ein komplexer und kostenintensiver

Verifizierbarkeit
Schutz nationaler Sicherheitsinformationen

Seite 2

Programm zur chemischen Verteidigung

AMERIKA DIENST 07

�Prozeß sein wird, aber man sollte sich vor Augen
führen, daß der Kongreß die Exekutive bereits angewiesen hat, dem größten Teil dieser Verpflichtung
nachzukommen, unabhängig davon, ob die CWKonvention in Kraft tritt oder nicht.
Da die Vereinigten Staaten die Herstellung von
unitären CW-Kampfstoffen und -Munition im Jahr 1969
eingestellt haben, veralteten die unitären Waffen in
unseren Arsenalen zunehmend und wurden in einigen
Fällen unsicher. Als Resultat des Berichts der Überprüfungskommission für chemische Kriegführung von
1985 wies der Kongreß das Verteidigungsministerium
im Verteidigungsermächtigungsgesetz von 1986 an,
den Bestand an unitären Chemiewaffen bis zum 30.
September 1994 zu entsorgen. Das Verteidigungsermächtigungsgesetz von 1993 verlängerte den
Zerstörungszeitraum bis zum 31. Dezember 2004. Bis
heute haben wir über 1.000 Tonnen chemischer
Waffen in unserer Einrichtung auf Johnston Island
zerstört.
Mit anderen Worten: Die schwierigste Aufgabe - die
Zerstörung der alten Bestände an unitären Waffen bliebe mit oder ohne die CW-Konvention gleich. Aber
mit der Chemiewaffenkonvention erhalten wir bedeutende Vorteile bei der Kontrolle und Überwachung von
Chemiewaffen auf der ganzen Welt.
Wie können wir gewährleisten, daß der Bestand sicher
zerstört wird? Das gleiche Gesetz, das die aktuelle
Frist für die Zerstörung unitärer Waffenbestände
festsetzte, wies den Heeresminister zur Vorlage eines
Berichtes an den Kongreß an, in dem "die Pläne des
Heeres für die Zerstörung allen Materials zur chemischen Kriegführung der Vereinigten Staaten dargelegt werden".
Zusätzlich zur Zerstörung der unitären Waffenbestände werden unsere Verpflichtungen im Rahmen der
CW-Konvention folgendes beinhalten: Binäre chemische Munition; vergrabene chemische Munition,
wenn sie ausgegraben und entschieden wird, daß sie
die Definition der CW-Konvention erfüllt; bei Übungen
nicht explodierte chemische Waffen; nicht mit Chemiewaffen bestückte Trägersysteme und Gerät sowie
Produktionsanlagen für chemische Waffen. Das Heer
legte dem Kongreß im November 1993 einen Bericht
über nicht in Arsenalen gelagertes chemisches
Material vor und ist mit seiner Aktualisierung befaßt,
die im Frühjahr 1996 unterbreitet werden soll.
Gemäß der Anweisung des Kongresses wurde das
Zerstörungsprogramm für chemische Waffen - das
durch Verbrennung in speziell entworfenen Einrichtungen an derzeitigen Lagerstätten für Chemiewaffen durchgeführt wird - verschoben, bis das Heer dem
Kongreß einen Bericht über die Erkenntnisse und
Empfehlungen des nationalen Forschungsrats über

AMERIKA DIENST 07

das Verbrennungsprogramm und alternative Technologien vorgelegt hatte.
Das Heer überprüfte und erwog alle Erkenntnisse und
Empfehlungen des nationalen Forschungsrats. Das
Heer und ich stimmen mit dem nationalen Forschungsrat überein, daß der Verbrennungszerstörungsprozeß
sicher und effektiv ist und beschleunigt durchgeführt
werden sollte. Wir sind mit dem nationalen Forschungsrat ebenfalls einer Meinung, daß die Risiken
der dauerhaften Lagerung der Bestände die potentiellen Risiken der Verbrennung aufwiegen.
Von den vom nationalen Forschungsrat für weitere
Forschung empfohlenen vier alternativen Technologien
hat das Heer zwei getestet - Neutralisierung allein und
von biologischer Behandlung gefolgte Neutralisierung.
Die Ermittlungen über die Effizienz dieser Verfahren
dauern an.
In der Zwischenzeit verfeinern wir den Zerstörungsprozeß auf Johnston Island, und in jeder neuen
Einrichtung werden die gewonnenen Erfahrungen
berücksichtigt. Wir erwarten, daß die Arbeit in diesen
Einrichtungen Bedenken der Öffentlichkeit an den
Standorten beschwichtigen wird. Das Verteidigungsministerium arbeitet eng mit Kongreßabgeordneten
zusammen, die Chemiewaffenstandorte in ihren
Bundesstaaten und Bezirken haben, damit wir aufgeschlossen für ihre Anliegen sein sowie auf die spezifischen Umstände jedes Standorts eingehen können.
In Zusammenarbeit mit dem Kongreß wird das Verteidigungsministerium sicherstellen, daß sämtliches von
der Chemiewaffenkonvention erfaßte chemiewaffenfähige Material innerhalb der vertraglich vorgeschriebenen Zeit von zehn Jahren zerstört wird.
Verifizierbarkeit
Drittens, ist der Vertrag verifizierbar? Obwohl kein
Vertrag 100 Prozent verifizierbar ist, ist die CWKonvention effektiv verifizierbar. Die Chemiewaffenkonvention enthält die umfassendsten Verifizierungsbestimmungen aller Rüstungskontrollregime.
Das
Regime der CW-Konvention besteht aus detaillierter
Offenlegung, Routineinspektionen bekanntgegebener
Standorte sowie kurzfristig anberaumten Ad-hocInspektionen. Mit seinen sich ergänzenden und
überschneidenden Verifizierungserfordernissen sieht
das Regime der CW-Konvention die Mittel vor, um
eine Vertragspartei von der Verletzung der Bestimmungen der Konvention abzuschrecken. Wir sind zuversichtlich, daß Aktivitäten wie die Zerstörung bekanntgegebener Chemiewaffenbestände und Produktionsanlagen verifiziert werden können. Das Aufspüren der illegalen Herstellung geringer Mengen von
Chemiewaffen wird außerordentlich schwierig sein,
dagegen ist es leichter, die Produktion in großem
Umfang, das Füllen und die Lagerung chemischer

Seite 3

�Waffen aufzudecken. Mit der Zeit sollte sich das
Verifizierungsregime der CW-Konvention dank der
vorgesehenen Offenlegung, Routineinspektionen, der
Mechanismen für Wahrheitsfindung, Konsultationen
und Ad-hoc-lnspektionen als effektiv bei der Bereitstellung einer Vielfalt von Informationen über mögliche
Chemiewaffenprogramme erweisen, die ohne die
Konvention nicht zur Verfügung stehen würden. Wenn
wir die im Rahmen der CW-Konvention gewonnenen
Erfahrungen mit unseren nachrichtendienstlichen
Erkenntnissen und Einschätzungen kombinieren,
können wir ein fundiertes Urteil bezüglich der Einhaltung durch eine Vertragspartei fällen. Wenn wir die
durch das Regime der CW-Konvention vorgesehene
Abschreckung mit unserer militärischen Bereitschaft
kombinieren, haben wir einen effektiven Ansatz zur
Bekämpfung der Verbreitung von Chemiewaffen.
Schutz nationaler Sicherheitsinformationen
Viertens. Besteht ein Schutz der Privatsphäre unserer
Bürger und Unternehmen sowie nationaler Sicherheitsinformationen und Industrietechnologie, damit sie nicht
durch das Verifikationssystem der CW-Konvention
gefährdet werden? Während der Verhandlungen über
die Chemiewaffenkonvention mußte ein Gleichgewicht
zwischen den in vielen Verifikationsbestimmungen
vorgesehenen einschneidenden Maßnahmen und
berechtigten nationalen Sicherheitsanliegen und dem
Schutz geistigen Eigentums sowie verfassungsmäßigen Schutzbestimmungen geschaffen werden.
Nach Ansicht des Verteidigungsministeriums wurde ein
Gleichgewicht zwischen wirksamer Verifizierung der
Konvention und dem Schutz der nationalen Sicherheitsanliegen des Verteidigungsministeriums erzielt.
Zudem belegt die seit langer Zeit vom Verband der
Chemiewaffenhersteller für die Konvention gezeigte
Unterstützung, daß dem Schutz von Industriegeheimnissen ebenfalls Rechnung getragen wurde.
Die CW-Konvention bietet Schutzbestimmungen
gegen unseriöse oder unberechtigte Forderungen
nach Inspektionen. Das Inspektorenteam muß sich
streng an sein Inspektionsmandat halten. Es darf
keine Informationen sammeln oder zurückhalten, die
nicht im Zusammenhang mit Ziel und Zweck der
Konvention stehen oder dafür relevant sind. Bekanntgegebene Produktionsanlagen, die Routineinspektionen unterliegen, haben das Recht auf Aushandlung
von Übereinkünften zu der Einrichtung. Im Einklang
mit der CW-Konvention werden in diesen Übereinkünften Einzelheiten über das Ausmaß des Zugangs,
den Umfang der bereitzustellenden Informationen
sowie die Entnahme von Mustern oder die Kontrolle für
bestimmte Anlagen geregelt.
Diese Schutzbestimmungen gelten insbesondere für
Ad-hoc-lnspektionen. Hierbei hat ein Staat nach der
Ankündigung einer Inspektion 120 Stunden Zeit, bis er
Zugang zu dieser Anlage gewähren muß. Während

Seite 4

dieses Zeitraums handeln der zu inspizierende Staat
und das Inspektorenteam Art und Umfang des Zugangs zu der Einrichtung aus. Der inspizierte Staat
hat der Konvention zufolge das Recht, zum Schutz der
nationalen Sicherheit erforderliche Maßnahmen zu
ergreifen. Hierzu gehören unter Umständen die
Vernichtung oder Entfernung sicherheitsempfindlicher
Dokumente oder Gegenstände aus dem Gebiet oder
die Einschränkung der Analyse von Mustern. Die
Maßnahmen sind jedoch nicht darauf beschränkt. Der
zu inspizierende Staat darf auch sämtlichen verfassungsmäßigen Verpflichtungen Rechnung tragen, die
er im Hinblick auf Industriegeheimnisse, Durchsuchung
und Beschlagnahme haben mag. Diese strengen
Schutzbestimmungen sind gegen die Verpflichtung
abgewogen, sie nicht einzusetzen, um eine Einhaltung
der Konvention zu umgehen. Dementsprechend muß
ein Staat, der keinen vollständigen Zugang gewährt,
alle zumutbaren Bestrebungen unternehmen, um
alternative Mittel zur Klärung möglicher Vorwürfe einer
Nichtbefolgung bereitzustellen.
Die Industrie war stark an die Entwicklung der Verifikationsbestimmungen der CW-Konvention beteiligt, und
auf der Grundlage von im Verteidigungsministerium
gemachten Erfahrungen sind wir der Ansicht, daß die
Gefahr von Industriespionage, Beeinträchtigung des
Schutzes der Privatsphäre und Konzessionen bei
Informationen zur nationalen Sicherheit äußerst gering
ist.
Das Programm zur Bekämpfung der Weiterverbreitung von Chemiewaffen
Fünftens. Was unternimmt das Verteidigungsministerium zum Schutz unserer Truppen? Das Verteidigungsministerium wird eine starke chemische Verteidigungsfähigkeit bewahren, die von aggressiven Bestrebungen
zum Sammeln nachrichtendienstlicher Informationen
unterstützt wird. Im Zuge der grundlegenden Umstrukturierung des Verteidigungsministeriums verlagerten wir unsere Aufmerksamkeit vom Szenarium der
Kriegführung in Europa auf die nahezu gleichzeitige
Bewältigung von zwei regionalen Spannungsfällen.
Die daraus resultierende Einschätzung der regionalen
Bedrohung geht von einer hohen Wahrscheinlichkeit
aus, daß Aggressoren überall dort, wohin die Vereinigten Staaten voraussichtlich Truppen entsenden
würden, mit atomaren, biologischen oder chemischen
Waffen drohen oder diese einsetzen - darunter in
Nordostasien, am Persischen Golf und im Nahen
Osten. Folglich soll durch die Initiative des Verteidigungsministeriums zur Bekämpfung der Weiterverbreitung von Chemiewaffen sichergestellt werden, daß
die amerikanischen Streitkräfte so ausgerüstet und
ausgebildet sind, um sich einem im Besitz von Chemiewaffen befindlichen Aggressor wirksam entgegenstellen zu können. Die Entwicklung verbesserter
Fähigkeiten zum Aufspüren von Chemiewaffen sowie
zur Verteidigung vor ihnen ist ein wesentlicher Be-

AMERIKA DIENST 07

�standteil dieser Initiative. Diese Verpflichtung zum
Schutz unserer Streitkräfte in Kombination mit der
Fähigkeit zum schnellen Einsatz der überwältigenden
Macht unserer militärischen Fähigkeiten wird das
Rückgrat der militärischen Abschreckung gegen
jeglichen Aggressor in der Welt der Chemiewaffenkonvention sein.
Der Vertrag erkennt die Notwendigkeit für seine
Unterzeichnerstaaten an, ihre Programme zur Verteidigung gegen Chemiewaffen fortzusetzen. Dieses
Recht wird in Artikel X der Konvention klar und unmißverständlich festgelegt. Ihm zufolge soll keine in der
Konvention enthaltene Bestimmung so ausgelegt
werden, daß sie das Recht einer Vertragspartei
beeinträchtigt, für nicht in der Konvention verbotene
Zwecke Mittel zum Schutz vor Chemiewaffen zu
erforschen, zu entwickeln, zu produzieren, zu beschaffen, weiterzugeben oder zu nutzen. Ferner enthält
Artikel II in seiner Definition von "nicht verbotenen
Zwecken" auch den Schutz vor Chemiewaffen. Die
CW-Konvention sieht die Überwachung und Verifizierung dieser Programme vor um sicherzustellen, daß
solche Aktivitäten nicht zur Geheimhaltung offensiver
Programme genutzt werden können. Um zu gewährleisten, daß unsere Soldaten, Seeleute, Flieger und
Marineinfanteristen die am besten geschützte und
ausgebildete Kampftruppe für Operationen auf einem
atomaren, biologischen oder chemischen (ABC)
Schlachtfeld sind, haben wir mit Unterstützung des
Kongresses ein zentralisiertes Verwaltungs- und
Aufsichtsverfahren entwickelt, das die Erfordernisse
der Teilstreitkräfte auf diesen Gebieten koordinieren
soll.
Unsere ABC-Verteidigungsprogramme werden im
Einklang mit den Vertragsbestimmungen fortgesetzt,
und wir werden unseren Truppen auch in Zukunft
soviel Schutz wie möglich bieten. Keine Bestimmung
des Vertrags schränkt unsere diesbezüglichen Aktivitäten ein.
Reizstoffe für den Polizeieinsatz
Und was ist mit der Verwendung von Reizstoffen für
den Polizeieinsatz für legitime Zwecke? Die Chemiewaffenkonvention gestattet den Einsatz von RCAs bei
Strafverfolgungsoperationen und der Niederschlagung
von Krawallen im Inland, verbietet jedoch den Einsatz
von RCAs als Methode der Kriegführung. Die Administration ist sich bewußt, daß dieses Verbot nur auf
ihren Einsatz als Methode der Kriegführung bei
internationalen und innenpolitischen Konflikten Anwen-

*

AMERIKA DIENST 07

düng findet. Der Einsatz von RCAs bei Operationen in
Friedenszeiten wie normalen friedenssichernden
Operationen, humanitären und Katastrophenhilfemissionen sowie bei Terrorismusbekämpfung und der
Rettung von Geiseln ist von der CW-Konvention nicht
betroffen.
Weder die CW-Konvention noch das offizielle Verhandlungsprotokoll definieren "Methode der Kriegführung". Die Administration hat diese Frage sehr
sorgfältig geprüft und ist zu der Schlußfolgerung
gelangt, daß die Chemiewaffenkonvention den Einsatz
von RCAs bei Polizeieinsätzen in Bereichen, die direkt
und definitiv der militärischen Kontrolle der Vereinigten
Staaten unterstehen, nicht verbietet. Dazu zählt auch
der Einsatz gegen aufständische Kriegsgefangene
sowie in den hinteren Kampfbereichen außerhalb der
unmittelbaren Kampfzone, um Konvoys vor Störungen
durch Zivilisten, Terroristen und paramilitärische
Organisationen zu schützen. Die CW-Konvention
verbietet den Einsatz von RCAs nur gegen Kombattanten und im Einklang mit dem Verständnis unserer
Verbündeten und Vertragsunterzeichner selbst für
humanitäre Zwecke in Situationen, in denen Kombattanten und Nichtkombattanten vermischt sind. Im Brief
des Präsidenten an den Kongreß mit Datum von 23.
Juni 1994 steht jedoch: "Sollte sich das internationale
Verständnis in dieser Frage ändern, würden sich die
Vereinigten Staaten nicht durch diese Position gebunden fühlen". Ich möchte hinzufügen, daß das Schreiben des Präsidenten vom 23. Juni ebenfalls seine
Intention darlegt, das Büro des Verteidigungsministers
anzuweisen, "die Bestrebungen zu beschleunigen,
nichtchemische, nichttödliche Alternativen zu RCAs
zum Einsatz in Situationen zu bringen, in denen
Kombattanten und Nichtkombattanten vermischt sind".
Schlußbemerkung
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Verteidigungsministerium die Chemiewaffenkonvention als
einen ausgewogenen Vertrag erachtet, der in Verbindung mit unseren anderen Bestrebungen zur Eindämmung der Verbreitung von chemischen Waffen,
einem soliden Schutzprogramm gegen Chemiewaffen
und der Beibehaltung eines breiten Spektrums nichtchemischer Reaktionsfähigkeiten den besten Interessen der Vereinigten Staaten und der internationalen
Staatengemeinschaft dienen wird. Das Verteidigungsministerium unterstützt die Konvention uneingeschränkt. Ich bitte den Senat, die Ratifizierung des
Vertrags in diesem Frühjahr zu erörtern und ihr
zuzustimmen.

* * * *

Seite 5

�NAHER

OSTEN

3. April 1996

UNHCR soll Friedensprozeß unterstützen
Rede von Botschafterin Ferraro

GENF - (AD) - Der Leiterin der amerikanischen Delegation bei der 52. Sitzung der UN-Kommission für
Menschenrechte in Genf, Botschafterin Geraldine Ferraro, zufolge ist beim Streben nach Frieden im Nahen Osten
zuviel erreicht worden, um eine Handvoll Extremisten den Friedensprozeß vereiteln zu lassen. "Die Feinde des
Nahost-Friedensprozesses sind die Feinde der Menschenrechte", erklärte sie am 21. März 1996.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Ferraro im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, im Namen der amerikanischen
Delegation möchte ich Sie zu Ihrer Wahl als diesjähriger Vorsitzender der Menschenrechtskommission
beglückwünschen. Wir müssen uns in dieser Sitzungsperiode mit vielen wichtigen Themen befassen,
und ich bin zuversichtlich, daß wir dank Ihres kompetenten Vorsitzes die meisten von ihnen abhandeln
können.
Die Menschenrechte nehmen einen besonderen Platz
in dieser komplexen, konkurrierenden und zunehmend
interdependenten Welt ein. Auf der einen Seite stehen
sie für das höchste Streben der Menschheit. Auf der
anderen Seite ist die Tatsache, daß wir ihnen so häufig
nicht gerecht werden, eine konstante Erinnerung an
die Arbeit, die wir alle noch leisten müssen. So
langsam und frustrierend die allmähliche Artikulierung
der Menschenrechte manchmal auch erscheinen
mochte, war sie doch eine der wichtigsten Errungenschaften der vergangenen 50 Jahre. Wir müssen nur
auf die Meilensteine zurückblicken, die wir gesetzt
haben: Die Charta der Vereinten Nationen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Schlußakte von Helsinki und in jüngerer Zeit das Wiener
Dokument sowie die Plattform der Pekinger Frauenkonferenz.
Die in diesen Dokumenten verankerten oder bekräftigten Menschenrechte werden jetzt von praktisch jeder
Nation der Welt anerkannt. Das ist das Versprechen
der Menschenrechte. Es ist daher unsere Pflicht, auf
unseren bisherigen Errungenschaften aufzubauen und
aus dem Versprechen der alten Welt eine neue zu

AMERIKA DIENST 07

gestalten. Das ist eine kolossale Herausforderung.
Aber wir müssen uns ihr stellen. Wir können damit
beginnen, wenn jede Nation ernsthafte Anstrengungen
unternimmt, die Menschenrechtsvereinbarungen in die
Praxis umzusetzen, denen sie bereits zugestimmt hat.
Unser heutiges Thema ist der Nahe Osten, eine
Region, in der Hoffnung und Verzweiflung noch jeden
Tag miteinander ringen. Es ist eine Region, Herr
Vorsitzender, in der die Neue Welt, über die wir so
häufig gesprochen haben - eine Welt des Friedens und
der Versöhnung - noch immer auf die Probe gestellt
wird. Und dennoch wurden wir Zeuge, wie das
scheinbar Unmögliche Realität wurde. Der einstmals
undenkbar scheinende Frieden zwischen Arabern und
Israelis besteht seit nunmehr vier Jahren. Zusammen
mit Ägypten haben die Palästinenser und Jordanien
Friedensabkommen mit Israel unterzeichnet. Die
Belohnung ließ nicht lange auf sich warten. Der
Frieden bedeutete die Autonomie der palästinensischen Regierung für die Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen für einen fünf Jahre nicht
überschreitenden Zeitraum bis zur endgültigen Lösung
auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338. Er
bewirkte auch den Abzug der israelischen Streitkräfte
aus den größeren palästinensischen Städten und
umliegenden Dörfern, Wahlen für einen palästinesischen Rat und den Leiter seiner Exekutivbehörde
sowie die Einrichtung einer beeindruckenden Vielfalt
ziviler und politischer Institutionen.
Für Jordanien bedeutete der Frieden die Entwicklung
vielfältiger neuer Beziehungen zu Israel. Für beide

Seite 1

�Staaten lebenswichtige Fragen wie Wassernutzung
sind jetzt Gegenstand häufiger Konsultationen zwischen ihnen. Und viele andere arabische Staaten vom Golf bis Nordafrika - bereiten sich auf den sich
rasch entwickelnden regionalen Markt des Nahen
Ostens vor, der wirtschaftliche Vorteile für nahezu 100
Millionen Menschen verspricht.
Ich bin sicher, alle hier Anwesenden sind sich der
Bedeutung bewußt, die die Vereinigten Staaten dem
jetzt im Nahen Osten eingeleiteten Prozeß des Friedens und der Aussöhnung beimessen. Keine Nation
hat härter als wir gearbeitet, um den Arabern und
Israelis bei der Überwindung der Antipathien der
Vergangenheit behilflich zu sein und einen gerechten
und dauerhaften Frieden für alle Menschen der Region
zu sichern. Niemand darf irgendwelche Zweifel an
unserer Absicht hegen, den Prozeß weiter voranzubringen. Es erforderte großen Mut, die Bande des
Krieges und des Mißtrauens zu durchtrennen, die die
Völker des Nahen Ostens nahezu 50 Jahre lang in
einem Kreislauf von Gewalt, Haß und Vergeltung
gefangenhielten. Viele haben ihren Mut mit dem
Leben bezahlt. Aber Frieden - echter Frieden - hat
viele Helden. Es sind nicht nur die visionären Politiker,
die einem Land Hoffnung brachten, das so viele Jahre
des Krieges erlebte. Auch die Bürger haben einen
außerordentlichen Beitrag geleistet. In Städten und
Dörfern der Region haben Hunderttausende Araber
und Israelis begonnen, einander die Hand der Freundschaft und Zusammenarbeit zu reichen. Auch sie sind
Helden - denn ihnen gebührt der Tribut für die monumentale Arbeit am Aufbau des Friedens - eines
Friedens, der Bestand haben kann.
Das Versprechen des Friedens ist so groß, daß kein
Mörder oder Selbstmordkommando es zerstören kann.
Von den Zitrushainen im Gazastreifen bis zum See
Genezareth treibt Hoffnung die Geschichte voran.
Einige sind jedoch entschlossen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen - Menschen mit krankem
Geist, die sich am Leiden anderer erfreuen und mit
Bombenanschlägen auf Autobusse und terroristischen
Gewaltakten auf sich aufmerksam machen wollen.
Man sagt uns, dies diene einem höheren Ziel als dem
Frieden. Das ist völliger Unsinn. Dies sind Akte der
Verzweiflung, Arroganz und Feigheit.
Die Terroristen der Hamas und der islamischen
Dschihad haben die Zeiten und ihr eigenes Volk falsch
eingeschätzt. Die Menschen, die sie zu vertreten
behaupten, setzen ihr Vertrauen in Frieden, nicht in
Terror. Die Hoffnung hat im Nahen Osten grundlegende Veränderungen und mehr Fortschritte zu einem
gerechten Frieden gebracht, als dies ein Krieg jemals
tun könnte. Es ist folglich nicht überraschend, daß
nach dem Anti-Terror-Gipfel in Scharm-el-Scheich am
13. März Araber und Israelis gleichermaßen die
Bombenanschläge in Israel als feige Akte verurteilten.

Seite 2

Vielleicht überrascht es auch nicht, daß ein paar
Fehlgeleitete immer noch davon überzeugt sind, sie
allein hätten das Recht zu entscheiden, wer leben darf
und wer sterben soll. Das Überraschende ist, daß sie
glauben, die Menschen würden sie unterstützen. Es
steht außer Frage, daß die Weichen für den Frieden
wieder gestellt werden können - und das werden sie
auch. Die Nationen der Welt haben in Scharm-elScheich deutlich gemacht, daß sich die Regeln im
Nahen Osten geändert haben. Die Kämpfe zwischen
Arabern und Israelis gehören der Vergangenheit an.
Bedauerlicherweise suchen diejenigen, die den Lauf
der Geschichte nicht akzeptieren wollen, jetzt nach
einem anderen Schlachtfeld. Sie verüben Terroranschläge gegen die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit.
Herr Vorsitzender, sie dürfen nicht obsiegen. Wir
dürfen nicht tatenlos zusehen, wie eine Handvoll
Extremisten dem Friedensprozeß entgegenwirkt. Es
wurde schon zu viel erreicht als daß wir zulassen
könnten, daß ein paar verzweifelte Terroristen über die
Zukunft von Millionen Menschen im Nahen Osten
entscheiden. Wir müssen uns jetzt klar und deutlich
äußern. Die Feinde des Nahostfriedensprozesses
sind die Feinde der Menschenrechte. Vergangenes
Jahr nahm die Kommission einstimmig eine positive
Nahostresolution an. Die Vereinigten Staaten unterstützen dieses Jahr erneut eine solche Resolution.
Durch ihre erneute einhellige Billigung bei dieser
Sitzung sendet die Kommission die wichtige Botschaft,
daß wir den direkten Zusammenhang zwischen dem
Friedensprozeß und der Verbesserung der Menschenrechte im Gazastreifen und im Westjordanland
anerkennen. Wir begrüßen den Vorschlag des
Sonderberichterstatters, sein Mandat zu überprüfen
und zu erweitern. Ferner ist es unseres Erachtens an
der Zeit, der überflüssigen Rhetorik ein Ende zu
setzen, die in der Vergangenheit allzu oft charakteristisch für die einseitigen Resolutionen der Kommission
war. Die Kommission muß die veralteten und sich
wiederholenden jährlichen Resolutionen abschaffen,
die unter diesem Tagesordnungspunkt hervorgebracht
wurden. Wir sind der Ansicht, daß Punkt 4 der Tagesordnung unnütz ist und daher abgeschafft werden
sollte. Da der Frieden im Nahen Osten Fuß faßt, sollte
jede Überlegung zu Menschenrechtsproblemen unter
Punkt 10 erfolgen, wie es bei jedem anderen Land
auch geschieht. Diese Kommission muß sich erneut
der Unterstützung des Friedensprozesses widmen.
Die jüngsten Ereignisse beweisen, daß es noch Feinde
des Friedens gibt. Wir wollen sie nicht ermutigen. Wir
wollen ein für allemal zeigen, daß jede Delegation bei
dieser Kommission fest und unerschütterlich auf der
Seite des Friedens und der Menschenrechte im Nahen
Osten steht. Das sind wir uns selbst und der Geschichte schuldig.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 07

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                <text>Amerikadienst 03.04.1996</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Haushalt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Ausgleich des Bundeshaushalts in sieben Jahren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Haushaltsvorlage des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Haushalt für internationale Angelegenheiten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten, Deutschland und Israel - ein gemeinsames Schicksal&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention im Frühjahr angestrebt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;UNHCR soll Friedensprozess unterstützen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Ferraro&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
06

20. März 1996

NAHER OSTEN

CLINTON VERPFLICHTET SICH DEM
STREBEN NACH FRIEDEN
Eröffnungsansprache des Präsidenten
beim Anti-Terror-Gipfel

AUSSENPOLITIK

NEUE SICHERHEITSPOLITISCHE
HERAUSFORDERUNGEN IN DER WELT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede von Anthony Lake

DEMOKRATIE

UNTERSTÜTZUNG FÜR DEMOKRATIE UND
DIE NATIONALEN INTERESSEN DER USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers

ABRÜSTUNG

LEDOGAR: ABSCHLUSS DES CTBT IN
DIESEM JAHR MÖGLICH
Rede beim UN-Seminar in Genf
VERHINDERUNG DER NUKLEAREN
ANARCHIE
Auszüge aus Harvard-Studie

WIRTSCHAFT

PRIVATSEKTOR MUSS BEI UMSCHULUNG
VON ARBEITSLOSEN BEHILFLICH SEIN
von Robert Reich

WAHRUNG

DIE NEUEN 100-DOLLAR-NOTEN
Versand an örtliche Banken

USIS Germany richtet Internet-Home Page ein.
Nähere Informationen entnehmen Sie
bitte dem folgenden Brief.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�Liebe Amerika Dienst-Leser,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß das US-Informationsamt (U.S.
Information Service - USIS) auf dem World Wide Web des Internet eine Home Page
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Bundesrepublik Deutschland eingerichtet hat. Die Adresse (URL) für diese Leitseite
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Diese Seite enthält eine kurze Beschreibung der diplomatischen Vertretung der
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deutsch- und englischsprachige Texte, die unseres Erachtens für die Leser des
Amerika Dienst von Interesse sind.
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über den Sie uns Ihren Kommentar oder Vorschläge zukommen lassen können. Ich
lade Sie ein, unsere neue Home Page aufzurufen und würde gerne von Ihnen hören,
ob sie für Sie interessant und nützlich ist.
Mit freundlichen Grüßen

Robert L. Earle
Gesandter-Botschaftsrat
für öffentliche Angelegenheiten

�NAHER

OSTEN
20. März 1996

Clinton verpflichtet sich dem Streben nach Frieden
Eröffnungsansprache des Präsidenten beim Anti-Terror-Gipfel

SCHARM EL SCHEICH - (AD) - "Wir, die wir uns heute in Ägypten versammelt haben, sind dem Streben nach
Frieden verpflichtet. Schon unsere Präsenz hier unterstreicht die Tiefe unseres Engagements", äußerte Präsident
Clinton in seiner Eröffnungsansprache beim Anti-Terrorismus-Gipfel am 13. März 1996.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Als erstes möchte ich Präsident Mubarak für seine
außerordentlichen Anstrengungen in den vergangenen
beiden Wochen danken, dieses Treffen anzuberaumen
und uns hier willkommen zu heißen. Mein Dank geht
auch an Präsident Jelzin, der gemeinsam mit mir den
Friedensprozeß fördert, und an Sie alle, die kurzfristig
einen so weiten Weg zurückgelegt haben, um an
diesem äußerst wichtigen Treffen teilzunehmen.
Aus der ganzen Welt sind wir zur Sinaihalbinsel
gekommen, um eine einfache, einheitliche Botschaft zu
verkünden: Der Frieden wird obsiegen.
Dieses
Gipfeltreffen ist einzigartig in der Geschichte des
Nahen Ostens. Vor wenigen Jahren wäre es noch
undenkbar gewesen. Es steht als Beweis und Versprechen, daß diese Region für immer verändert ist.
Staats- und Regierungschefs aus Israel und der
arabischen Welt, aus Europa, Asien und Nordamerika
- 29 von uns - haben sich Seite an Seite der Unterstützung des Friedens verschrieben. Wir haben uns
schon früher versammelt, um neue Meilensteine auf
unserem Weg zu feiern, und heute stellen wir uns
gemeinsam denjenigen entgegen, die unsere Bestrebungen zunichte machen wollen. Wir sind hier, weil
wir wissen, was auf dem Spiel steht.
In den 18 Jahren, seit Ägypten und Israel das Wunder
von Camp David vollbrachten, haben Israelis und
Araber den Lauf der Geschichte in ihrem Land verändert. Schritt für Schritt haben sie mutig mit der
Vergangenheit gebrochen, die Waffen des Krieges
niedergelegt und einander die Hände gereicht. Aber
mit jedem Meilenstein auf dem Weg zu Frieden und
Fortschritt wurden die Feinde des Friedens rücksichts-

AMERIKA DIENST 06

loser und grausamer. Sie wissen, daß sie auf dem
Markt der Ideen nicht konkurrieren können, sie wissen,
daß sie nichts anzubieten haben außer Leid und
Verzweiflung. Und so greifen sie auf mörderische
Anschläge zurück, die ein Affront gegen die zivilisierte
Welt und die moralischen Grundsätze sind, die das
Kernstück der drei hier vertretenen Glaubensrichtungen bilden, wie Präsident Mubarak es so eloquent
formulierte.
In den belebten Straßen von Jerusalem, Ashqelon und
Tel Aviv verursachten Selbstmordkommandos eine
Welle des Terrors, um so viele Israelis wie möglich zu
ermorden. Männer und Frauen im Bus auf dem Weg
zur Arbeit, Familien, die für die Feiertage einkauften,
unschuldige Kinder in ihren Purim-Gewändern wurden
wegen des in ihren Adern fließenden Blutes ermordet.
Unser Mitgefühl gilt dem Volk Israels und allen Opfern
dieser Greueltaten, unter denen auch Palästinenser
und Amerikaner sind. Viele der heute hier vertretenen
Nationen haben den Alptraum des Terrors erlebt. Der
Tod unterscheidet nicht zwischen den Opfern der
Terroristen. In den vergangenen beiden Wochen
wurden die Verluste nicht nur von Israelis und Palästinensern, sondern auch von Amerikanern und Marokkanern verspürt.
Die hart erkämpften Errungenschaften des palästinensischen Volkes werden unterminiert. Die Händler des
Terrors wollen ihre Zukunft verspielen und ihre Träume
gegen Verzweiflung eintauschen. Und arabische
Mütter und Väter, die ein besseres Leben für ihre

Seite 1

�Kinder wünschen, erkennen, daß die Feinde des
Friedens auch sie ins Visier genommen haben.
Niemand sollte die Bedeutung unserer heutigen
Zusammenkunft unterschätzen.
Heute steht die
Trennwand nicht zwischen Arabern und Israelis. Sie
steht zwischen denen, die ein besseres Morgen
anstreben und denjenigen, die damit hadern; zwischen
denjenigen, die mit Haß und Terror handeln und
denjenigen, die auf den Frieden hinarbeiten.
An die Kräfte des Hasses und der Gewalt gewandt
sage ich, und wir alle sollten es sagen: Ihr tötet Euch
und andere mit dem Ziel, den Frieden zu töten, aber
wie Ihr heute seht, überlebt der Frieden. Und der
Frieden wird stärker werden. Ihr werdet keinen Erfolg
haben. Eure Zeit ist um. Ihr habt die Felder des
Hasses gepflügt, aber jetzt kommen wir, um Einheit
und neue Kraft zu ernten, um Euch zu besiegen und
um das Versprechen des Friedens und die Hoffnung
darauf am Leben zu erhalten.
Wir, die wir uns heute in Ägypten versammelt haben,
sind dem Streben nach Frieden verpflichtet. Schon
unsere Präsenz hier unterstreicht die Tiefe unseres
Engagements. Aber Worte und Gesten sind nicht
genug. Die Welt blickt auf uns, damit wir handeln, und
wir müssen unsere kollektive Entschlossenheit auf drei
spezifische Bereiche konzentrieren. Erstens müssen
wir unmißverständlich diejenigen verurteilen, die auf
Terror zurückgreifen. Gewalt hat keinen Platz in der
Zukunft, die wir alle für den Nahen Osten anstreben.
Zweitens müssen wir unsere gemeinsame Suche nach
einem umfassenden Frieden verstärken. Wir müssen
weitermachen, bis sich der Kreis des Friedens geschlossen hat. Und wir müssen darauf hinarbeiten,
den Menschen hier die Früchte des Friedens in ihren
Alltag zu bringen, denn wenn die Menschen ihre
Hoffnung auf Frieden verlieren, haben die Terroristen
Erfolg gehabt. Das wäre der grausamste Sieg, und wir
dürfen nicht zulassen, daß dies geschieht.

Seite 2

Drittens müssen wir aktiv mit allen uns zur Verfügung
stehenden Mitteln die Terroristen bekämpfen sowie
unsere Anstrengungen und unsere Stärke bündeln, um
ihre bösartigen Ziele zu vereiteln. Der PLO-Vorsitzende Arafat und die palästinensischen Behörden reagieren auf diese Herausforderung. Jeder von uns hier
muß das Seine beitragen, um ihnen bei ihrer Mission
zum Erfolg zu verhelfen. Wir wissen, daß wir keinen
"lOOprozentigen Erfolg garantieren können, aber wir
alle müssen den anderen und uns 100prozentige
Anstrengungen abverlangen.
Die uns konfrontierende Gefahr drängt, die Herausforderung ist klar, aber die Solidarität der Friedensstifter wird die Kräfte der Teilung besiegen, wenn wir
entschlossen sind, diese Solidarität zu bewahren.
Wir befinden uns heute nicht weit von dem Berg
entfernt, an dem Gott Moses das Evangelium gab, das
Gesetz der Menschheit, der Toleranz und des Glaubens, das uns heute leitet. Wir sind die Erben dieses
moralischen Vermächtnisses - seien wir Moslems,
Juden oder Christen. Wir kommen aus vielen Ländern
und haben unterschiedliche Traditionen, aber heute
sprechen wir alle die Sprache des Friedens.
In der Bibel steht geschrieben, daß Isaak, der Patriarch
der Juden, und Ismael, der Patriarch der Araber, sich
nur einmal trafen, als sie erwachsen waren. Sie
kamen beim Tode Abrahams zusammen, des gemeinsamen Vaters, des Vaters beider Völker. Heute haben
sich die Nachfahren von Isaak und Ismael im Geiste
der Wiedergeburt versammelt, um das gemeinsame
Versprechen eines Lebens in Frieden für alle Menschen in dieser Region zu bewahren. Diejenigen von
uns, die heute hierhin gekommen sind, um ihnen zur
Seite zu stehen, dürfen nicht zulassen, daß die Kräfte
der Vergangenheit ihnen die Zukunft verweigern, die
sie, die wir alle anstreben.
Möge unsere Sache heute vom Sinai aus weitergetragen werden, und wir werden den Kampf um Frieden
gewinnen. Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 06

�AUSSENPOLITIK
20. März 1996

Neue sicherheitspolitische Herausforderungen in der
Welt nach dem Kalten Krieg
Rede von Anthony Lake

WASHINGTON - (AD) - Wenn Diplomatie und die Macht des Beispiels der Vereinigten Staaten scheitern, müssen
sie zur Verteidigung ihrer nationalen Interessen auf das Beispiel ihrer Macht zurückgreifen, erklärte der Nationale
Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten, Anthony Lake.
In seiner am 6. März 1996 an der George Washington University gehaltenen Rede umriß Lake mehrere
Prinzipien der amerikanischen Außenpolitik im Hinblick auf den Einsatz von Gewalt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Rede des Nationalen
Sicherheitsberaters im Wortlaut.

Heute möchte ich über die schwierigste Frage sprechen, mit der ein Präsident konfrontiert werden kann:
Den Einsatz von amerikanischer Gewalt im Ausland.
Dies ist ein guter Zeitpunkt, das zu erörtern. In sechs
Wochen werden die letzten der mehr als 20.000
amerikanischen Soldaten der UNO-Mission in Haiti
nach Hause zurückkehren. Eine ähnlich große Zahl
leistet in Bosnien Dienst, um den dort gewonnenen
Frieden sichern zu helfen. Beide Missionen sind
Antworten auf die schwierige Frage nach dem Wann
und insbesondere dem Wie eines Einsatzes von Gewalt.
Zunächst einmal möchte ich meine Gedanken in einen
größeren Zusammenhang einordnen.
Auf halbem Weg zwischen dem Ende des Kalten
Krieges und dem Beginn eines neuen Jahrhunderts
leben wir in einem Augenblick der Hoffnung. Unsere
Nation ist sicher. Unsere Wirtschaft ist stark. Auf der
ganzen Welt leben mehr Menschen in Frieden und
Freiheit als jemals zuvor.
Aber den Versprechungen dieses Augenblicks kommen auch seine Gefahren gleich - woran uns die
verzweifelten und verabscheuungswürdigen Taten der
Feinde des Friedens im Nahen Osten auf traurige
Weise erinnern. Alte Bedrohungen wie ethnisch oder

AMERIKA DIENST 06

religiös bedingte Gewalt und Aggression verbrecherischer Staaten haben neue und gefährliche Dimensionen angenommen. Und niemand ist immun gegenüber
einer Vielzahl von Zerstörern der Chancengleichheit:
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Terrorismus, organisiertes Verbrechen, Drogenhandel,
Umweltzerstörung. Jeder einzelne könnte unsere
zunehmende Sicherheit unterminieren. Gemeinsam
verfügen sie über das Potential, ein entsetzliches
Chaos zu verursachen.
Angesichts der Versprechungen und der Probleme
unserer Zeit möchten einige - im linken und rechten
Lager sowie in beiden politischen Parteien - daß sich
Amerika von seinen Pflichten zurückzieht.
Einige verkünden, Amerika müsse engagiert bleiben,
verweigern uns dann aber die Instrumente und Mittel,
um ihrer Rhetorik zu entsprechen. Diese heimlichen
Isolationisten wollen uns an der Zusammenarbeit mit
anderen zur Teilung der Risiken und Kosten des
Engagements hindern. Sie möchten unsere diplomatische Bereitschaft zerstören und unsere Unterstützung
derjenigen kürzen, die um des Friedens willen Risiken
eingehen. Sie erkennen jedoch nicht, daß der weltweite Trend zu Demokratie und freien Märkten - und
den dadurch für unsere Menschen entstehenden
Chancen - weder unvermeidlich noch unumkehrbar ist.

Seite 1

�Er erfordert unsere Unterstützung, unsere Ressourcen
und unsere Führung.
Andere - nennen wir sie Neonichtwisser - argumentieren, daß es nach dem Sieg im Kalten Krieg sicher sei,
sich in eine Festung Amerika zurückzuziehen. Es ist
nicht die amerikanische Art, sich zurück- oder dem
Wettbewerb zu entziehen. Keine Mauer kann hoch
genug und kein Graben tief genug sein, um die
Bedrohungen für unser Wohlergehen abzuwehren oder um uns von der Weltwirtschaft zu isolieren. Wie
Präsident Clinton in seinem Bericht zur Lage der
Nation in diesem Jahr erklärte, müssen wir uns diesen
Herausforderungen jetzt stellen - oder später einen
weitaus höheren Preis für unsere Indifferenz zahlen.
Die Geschichte unseres Jahrhunderts belegt diese
Wahrheit sehr deutlich. Nach dem Ersten Weltkrieg
zog sich Amerika aus der Welt zurück und hinterließ
ein Vakuum, das von den Kräften des Hasses und der
Tyrannei gefüllt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg
waren wir weiterhin engagiert, arbeiteten mit anderen
zusammen und übernahmen mit Geduld, Ausdauer
und Pragmatismus eine Führungsrolle. Und wir
beteiligten uns an der Schaffung der Institutionen, die
dem amerikanischen Volk bereits ein halbes Jahrhundert lang Sicherheit und Wohlstand beschert
haben.
In den letzten drei Jahren baute die Clinton-Administration auf diesem überparteilichen Vermächtnis
einer Führungsrolle auf - durch die Verringerung der
atomaren Bedrohung, die Förderung des Friedens, die
Ausbreitung der Demokratie, die Öffnung von Märkten.
Ich bin stolz auf die Ergebnisse - für unser eigenes
Volk und die Menschen auf der ganzen Welt.
Wir bleiben - trotz unserer Differenzen - in Rußland
und den anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion
engagiert, weil das im Interesse des amerikanischen
Volkes liegt. Es sind keine russischen Raketen mehr
auf unsere Städte und Bürger gerichtet. Die Ukraine,
Belarus und Kasachstan verzichten auf die nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium zurückgelassenen Nuklearwaffen. Wir sichern
Nuklearmaterial und zerstören Atomwaffen, damit sie
nicht in die falschen Hände gelangen. Und wir haben
eine Führungsrolle bei der Sicherung, Ausweitung und
Förderung von bahnbrechenden Abrüstungsabkommen übernommen: START I und START II, dem
Nichtverbreitungsvertrag, dem Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot, der Chemiewaffenkonvention.
Wir übten auf Nordkorea beharrlich und geduldig
Druck aus. Jetzt hat es sein gefährliches Atomwaffenprogramm eingefroren.
Wir führen eine harte Kampagne zur Terrorismusbekämpfung mit strengeren Gesetzen, mehr Geldern,

Seite 2

Personal und Ausbildung für die Strafverfolgungsbehörden, Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde Staaten und engere Zusammenarbeit mit ausländischen Regierungen. Die für den Bombenanschlag
auf das World Trade Center Verantwortlichen sind
hinter Gittern. Wir vereitelten Anschläge in New York
und auf unsere Flugzeuge. Wir spürten weltweit
Terroristen auf und brachten sie vor Gericht.
Wir schickten unsere Soldaten, Schiffe und Flugzeuge
an den Persischen Golf, als Saddam Hussein seine
Streitkräfte an die kuwaitische Grenze verlegte. Jetzt
sind Kuwait und die Energieversorgung der Welt
sicher.
In Haiti unterstützten wir die Diplomatie mit Macht.
Jetzt gibt es dort keine Diktatoren mehr. Haiti feierte
die erste demokratische Machtübergabe seiner
Geschichte, und es gibt keine Flüchtlingsströme mehr
an unseren Küsten.
Unsere Soldaten setzen sich in Bosnien für den
Frieden ein. Jetzt sind ihre Einsatzbereiche nicht
länger Felder des Todes. Ein gefährliches Feuer im
Herzen Europas lodert nicht mehr wie in den vergangenen vier Jahren. Die Menschen in Bosnien haben
ihre erste echte Chance für Frieden.
Wir stehen an der Seite derjenigen, die um des
Friedens willen Risiken auf sich nehmen - in guten und
in schlechten Zeiten.
In Nordirland wird durch die Entschlossenheit von
Premierminister Major und seinem Amtskollegen
Bruton der Friedensprozeß wieder auf den richtigen
Weg gebracht - mit einem festgesetzten Verhandlungsdatum und hoffentlich einem neuen Waffenstillstand.
Wir wissen, daß sich die Fanatiker im Nahen Osten
durch nichts davon abhalten lassen, die Hoffnung auf
Frieden zu zerstören. Wie Sie wissen, gab der
Präsident Anweisung für eine Reihe von Schritten, um
die Friedensstifter bei ihrem Kampf gegen den Terrorismus unserer vollständigen Unterstützung zu versichern.
Ferner dürfen wir nicht die enormen Fortschritte aus
den Augen verlieren, die zu einer umfassenden
Lösung gemacht wurden - oder die Tatsache, daß die
überwältigende Mehrheit der Menschen Frieden will.
Wir werden nicht ruhen, bis dieser Wunsch erfüllt ist.
Durch die Öffnung von Märkten im Ausland schlössen
wir einen guten Handel für Amerika ab. Derzeit
exportieren wir mehr denn je, und es wurden Hunderttausende von Arbeitsplätzen für Amerikaner geschaffen. Allein mit Japan hat diese Administration 20
separate Handelsabkommen abgeschlossen. Die
unter diese Abkommen fallenden Sektoren - von
Autoteilen bis zu medizinischem Gerät - konnten einen

AMERIKA DIENST 06

�80prozentigen Anstieg ihrer Exporte verzeichnen. Das
ist fast doppelt so viel wie die Exporte anderer Sektoren - die ebenfalls schnell ansteigen.
Keine dieser Errungenschaften war einfach oder
automatisch zu erzielen. Sie sind darauf zurückzuführen, daß wir ein starkes Militär beibehielten und
gleichzeitig unsere Bündnisse an neue Erfordernisse
anpaßten; daß wir gemeinsam mit anderen handelten,
wenn möglich, und im Alleingang, wenn nötig; daß wir
geduldig genug waren, um bei der Diplomatie zu
bleiben, aber bereit zum Einsatz von Gewalt blieben;
daß wir Isolationismus zurückwiesen, uns aber bewußt
waren, daß wir nicht der Weltpolizist sein können; daß
wir zu jedem Zeitpunkt unsere Interessen und Werte
zusammen einbrachten; daß wir immer dort handelten,
wo wir etwas bewirken konnten.

sten Mittel sind weiterhin die Diplomatie und Macht
unseres Beispiels. Bisweilen müssen wir aber auch
auf das Beispiel unserer Macht zurückgreifen. Keine
Frage ist wichtiger als das Wann und Wie ihres
Einsatzes. Aus unserer Erfahrung mit der Abwehr
traditioneller Aggression - wie im Persischen Golf - und
dem Umgang mit neuen Krisen - wie in Haiti und
Bosnien - haben wir einige Grundsätze für den Einsatz
von Gewalt aufgestellt, die ich gerne mit Ihnen erörtern
würde.
Zunächst möchte ich ein grundlegendes und dauerhaftes Prinzip erwähnen: Zur Verteidigung unserer
nationalen Interessen werden wir immer zum Einsatz
von Gewalt bereit sein. Bis sich die Natur des Menschen ändert, werden Macht und Gewalt weiterhin im
Zentrum internationaler Beziehungen stehen.

Manche beklagen sich mit etwas seltsamer Sehnsucht
nach dem Kalten Krieg, unserer Politik fehle ein
übergeordnetes Prinzip - daß sie nicht mit einem
kurzen Satz zusammengefaßt werden kann. Aber
obwohl wie in einem völlig veränderten internationalen
Umfeld operieren, hat Amerikas grundlegende Mission
Bestand. Dieselben Ideen, die vom Kommunismus
und davor vom Faschismus attackiert wurden, bleiben
auch heute noch Angriffsziel. Wir verteidigen heute
ebenso wie damals eine Idee, die viele Namen hat Toleranz, Freiheit, Staatsbürgerlichkeit, Pluralismus aber immer ein und dasselbe Gesicht: Das Gesicht der
demokratischen Gesellschaft.
Unsere besondere
Rolle in der Welt besteht heute wie damals in der
Verteidigung, Erweiterung und Stärkung der Gemeinschaft demokratischer Nationen.

Das wirft die Frage auf, worin genau diese Interessen
bestehen. Ich möchte sieben Umstände anführen,
unter denen - allein oder in Kombination - der Einsatz
von Gewalt oder Streitkräften erforderlich sein kann:

Bei der Fortsetzung dieser Mission nähern sich unsere
Interessen und Ideale einander an. Wir wissen aus
Erfahrung, daß Demokratien nur selten gegeneinander
Krieg führen oder die Rechte ihrer Bürger mißbrauchen. Sie sind bessere Handelspartner. Und jede ist
ein möglicher Verbündeter im Kampf gegen die Kräfte
des Hasses und der Intoleranz - mögen diese Kräfte
in Form von verbrecherischen Staaten, ethnisch oder
religiös bedingtem Haß oder mit Massenvernichtungswaffen handelnden Terroristen auftreten.

Zur Bewahrung, Förderung und Verteidigung
von Demokratie, die unsere Sicherheit erhöht
und unsere Werte verbreitet.

Wir haben die Gewißheiten und Vereinfachungen der
Vergangenheit hinter uns gelassen, was nicht unbedingt schlecht ist. Während des Kalten Krieges
konnten die Politiker jede Handlung mit einem Wort
rechtfertigen: Eindämmung. Wir machten die wichtigen Dinge richtig - unsere Politik der Eindämmung
führte zu unserem Sieg im Kalten Krieg. Aber selbst
die beste Politik kann zur schlimmsten Zwangsjacke
werden, wenn sie zu starr und rückbezüglich verfolgt
wird - wie wir in Vietnam sahen.
Jetzt haben wir die Chance, erneut über die besten
Wege zum Schutz und zur Förderung amerikanischer
Interessen und Ideale nachzudenken. Unsere wichtig-

AMERIKA DIENST 06

Zur Verteidigung gegen direkte Angriffe auf die
Vereinigten Staaten, ihre Bürger und Verbündeten.
Zur Abwehr von Aggression.
Zur Verteidigung unserer wichtigsten Wirtschaftsinteressen, denn auf diesem Gebiet
steht für die meisten Amerikaner bei unserem
internationalen Engagement am meisten auf
dem Spiel.

Zur Verhinderung der Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen, von Terrorismus,
internationalem Verbrechen und Drogenhandel.
Zur Bewahrung unserer Verläßlichkeit, denn
wenn unsere Partnerschaften stark sind und
das Vertrauen in unsere Regierung groß ist,
können wir andere eher zur Zusammenarbeit
mit uns bewegen.
Zu humanitären Zwecken, zur Bekämpfung
von Hungersnöten, Naturkatastrophen und
gravierenden Verletzungen der Menschenrechte.
Keine dieser Interessen an sich - mit offensichtlicher
Ausnahme eines Angriffs auf unsere Nation, unser
Volk und unsere Verbündeten - sollte automatisch zum
Einsatz von Gewalt führen. Aber je größer die Zahl
und das Gewicht der auf dem Spiel stehenden Inter-

Seite 3

�essen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß wir
Gewalt zum Einsatz bringen - nachdem alle friedlichen
Mittel probiert wurden und scheiterten und nachdem
wir Kosten und Nutzen der Mission in menschlicher
und finanzieller Hinsicht abgewogen haben.
In Haiti sahen wir, wie das Volk der Demokratie
beraubt wurde. Als in unserer Hemisphäre die Herrschaft der Brutalität Fuß faßte, ein Strom von Flüchtlingen an unsere Küsten kam, internationale Übereinkünfte ständig verletzt wurden und Bestrebungen zur
Überwindung der Pattsituation durch Verhandlungen
und Sanktionen scheiterten, war die Notwendigkeit
einer Intervention zwingend. In Bosnien fanden die
schlimmsten Greueltaten in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg statt, ein gefährliches Feuer wütete im
Herzen des Kontinents.
Unsere Verpflichtungen
gegenüber unseren Verbündeten in der NATO sowie
ein Friedensabkommen der Parteien erforderten, daß
wir handelten.
Mehr als das "Wann" eines Einsatzes von Gewalt
unterstreichen Haiti, Bosnien und einige andere
jüngste Interventionen die Grundsätze für das "Wie"
eines Einsatzes von Gewalt.
Erstens kann die Androhung eines Einsatzes von
Gewalt dasselbe Ergebnis erzielen wir ihre tatsächliche Anwendung - jedoch nur, wenn man diese Drohung auch auszuführen bereit ist. Die am besten
ausgebildete, am besten ausgerüstete und am besten
vorbereitete Streitmacht der Welt hat eine einzigartige
Fähigkeit, die Gedanken ihrer Gegner zu konzentrieren, ohne einen einzigen Schuß abzufeuern. Als
das Militärregime in Haiti erfuhr, daß das 82. Luftlandegeschwader im Anflug war, machte es den Weg frei.
Im Persischen Golf zog der Irak seine Truppen aus
Kuwait ab, sobald Präsident Clinton amerikanische
Streitkräfte in die Region entsandt hatte. Und durch
die Untermauerung der Diplomatie mit der Präsenz
amerikanischer Streitkräfte zur Abschreckung eines
Angriffs auf den Süden überzeugten wir Nordkorea,
sein gefährliches Nuklearwaffenprogramm einzufrieren.
Das zweite Prinzip lautet, daß der selektive aber
substantielle Einsatz von Gewalt manchmal angemessener ist als ihr massiver Einsatz - vorausgesetzt, die Streitmacht ist der Aufgabe gewachsen.
Präsident Clinton weigerte sich, unsere Truppen in
einen Bodenkrieg in Bosnien zu verwickeln, weil er
wußte, daß keine äußere Macht den Parteien den
Frieden aufzwingen konnte. Ein solcher Versuch hätte
uns in eine ähnliche Klemme gebracht wie damals der
Vietnamkrieg. Aber diesen Sommer überzeugten eine
Kombination aus schweren und kontinuierlichen
Luftangriffen der NATO, Gewinne der Bosnier und
Kroaten am Boden sowie unsere entschlossene
Diplomatie die bosnischen Serben, den Krieg zu
beenden und mit der Schaffung des Friedens zu

Seite 4

beginnen. Jetzt sind unsere Soldaten nicht in Bosnien,
um Krieg zu führen, sondern um einen Frieden zu
sichern, den sie durch den sorgfältigen und wohldosierten Einsatz von Gewalt herbeiführten.
Der letzte Grundsatz lautet: Bevor wir unsere Truppen
in ein anderes Land schicken, sollten wir wissen, wann
und wie sie es wieder verlassen. Das hört sich einfach
und einleuchtend an. Aber sorgfältig definierte Abzugsstrategien für Interventionen im Ausland waren bis
jetzt kein Merkmal unserer Außenpolitik. Jetzt sind sie
es - was für Amerika und das Volk, dem wir helfen
wollen, sinnvoll ist.
Ich möchte kein engstirniger Prinzipienreiter sein und
eine Doktrin über eine Abzugsstrategie aufstellen. Bei
der Abschreckung von externer Aggression - wie im
Persischen Golf oder auf der koreanischen Halbinsel oder der Verteidigung unserer elementarsten Sicherheitsinteressen in einem Krieg sind Verpflichtungen mit einem offeneren Ende erforderlich. Unsere
Interessen bedingen jedoch in zunehmendem Maße,
daß unser Militär nach innenpolitischen Konflikten den
Frieden sichert. Für den Erfolg dieser Operationen
müssen genau darauf zugeschnittene Missionen und
klare Fristen für den Rückzug die Norm werden.
Der erste Schritt besteht darin, unseren Streitkräften
eine klare Aufgabe mit erreichbaren militärischen
Zielen zu geben - wie es Präsident Clinton in Haiti und
Bosnien getan hat. In Haiti sollten unsere Soldaten die
gewählte Regierung wieder an die Macht bringen und
ein Klima der Sicherheit wiederherstellen, damit
Zivilisten eine Polizeitruppe aufstellen, Wahlen abhalten und den Versöhnungsprozeß beginnen konnten.
In Bosnien überwachen unsere Soldaten die Durchsetzung der militärischen Seite des Abkommens von
Dayton - Truppenentflechtung, Bewahrung des
Waffenstillstands, Sicherung abgetretener Gebiete während die Zivilbehörden den Menschen in Bosnien
beim Wiederaufbau ihres Lebens und ihres Landes
behilflich sind. An beiden Orten sind unsere Truppen
gut ausgebildet, schwer bewaffnet und haben ganz
klare Einsatzregeln. Die Exekutive und der Kongreß
sind geeint in ihrer Verpflichtung zu den Zielen und
dem Erfolg des Militärs, wie es auch bei der Operation
Desert Storm der Fall war.
Vergleichen Sie diese Operationen mit Vietnam, dem
Libanon und Somalia. Dort waren keine klaren und
erreichbaren Missionen für unser Militär definiert. In
Vietnam machte unsere Gesellschaft unsere Soldaten
für eine Niederlage verantwortlich, die nicht ihre war.
Weil wir nicht die richtigen Fragen stellten und nicht
von Anfang an klare militärische Ziele steckten, zahlten
die Männer und Frauen unserer Streitkräfte einen
schrecklichen Preis - sowohl in Vietnam als auch bei
ihrer Rückkehr nach Hause. Wir dürfen sie nie wieder
in eine solche Lage bringen. Nie wieder.

AMERIKA DIENST 06

�Der nächste Schritt besteht darin, anhand der Ziele der
Mission Fristen für den Rückzug aufzustellen. In Haiti
informierte unser Militär den Präsidenten, daß unsere
Truppen ihre militärischen Aufgaben in anderthalb
Jahren abschließen könnten und in Bosnien in etwa
einem Jahr, was sie auch tun werden.
Die Festsetzung von Terminen ist aus folgenden
Gründen von großer Bedeutung:
Weder wir noch die internationale Staatengemeinschaft verfügen über die Verantwortung oder die Mittel,
alles Notwendige für den Wiederaufbau von Nationen
zu veranlassen. Hierfür gibt es viele Gründe.
Erstens bietet die Bereitstellung einer Sicherheitsdecke ohne deutlichen Hinweis darauf, daß sie
geliehen und nicht von Dauer ist, denjenigen, denen
wir helfen wollen, die bequeme Möglichkeit, sich ihrer
Verantwortung zu entziehen. Sie schafft unbegründete
Erwartungen, daß andere die harte Arbeit für sie
erledigen.
Zweitens. Durch die Übernahme von allzuviel Verantwortung für die Zukunft einer Nation entsteht die
Tendenz zur Unterminierung genau der Regierung, der
man zu helfen versucht. Je mehr Verantwortung wir in
Vietnam der schwachen Administration in Saigon
abnahmen, desto abhängiger wurde sie - und desto
offener für Vorwürfe, sie sei eine von Ausländern
abhängige Marionettenregierung. Wenn man nicht
ganz deutlich macht, daß eine Mission im Hinblick auf
Umfang und Dauer begrenzt ist, riskiert man den
Verlust von Legitimität der Regierung in den Augen
ihres eigenen Volkes.
Drittens. Eine zu lange andauernde Präsenz führt
letztlich zu Ressentiments gegenüber unserer Anwesenheit und bietet eine leichte Zielscheibe für Kritik,
wenn etwas schiefläuft. Diese Zielscheibe sind wir.
Durch die sorgfältige Definition der Mission und eine
klare Zielsetzung demonstrieren wir, daß unserer
einziges Ziel darin besteht, den Regierungen und
Völkern den für die Lösung ihrer Probleme nötigen
Freiraum zu geben. Diese Politik einer "harten Liebe"
mag einigen grausam, anderen wie ein Hasardspiel
vorkommen.
Betrachten Sie sich jedoch die Alternative: Völlig
sinnlose Bestrebungen zur Übernahme von Pflichten,
die nicht unsere sind, zur Schaffung von nicht tragfähigen Abhängigkeiten, anstatt den Nationen die
Chance zu geben, ihren Weg unabhängig zu gehen.
Es ist gefährlich und vermessen anzunehmen, wir
könnten andere Nationen wiederaufbauen. Aber wo
unsere eigenen Interessen auf dem Spiel stehen,
können wir den Nationen Hilfe zur Selbsthilfe geben und ihnen Zeit lassen, einen Anfang zu machen.

AMERIKA DIENST 06

Meines Erachtens können wir die Vorteile unserer
Doktrin für eine Abzugsstrategie in Haiti und Bosnien
sehen.
Als sie die Chance erhielten, konzentrierten sich die
Menschen in Haiti schnell auf Wahlen statt Waffen,
auf Handel statt Terror, auf Hoffnung statt Verzweiflung. In nur anderthalb Jahren hielten sie mit unserer
Hilfe Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen ab, bildeten eine Polizeitruppe aus, verbesserten die Menschenrechtssituation erheblich und
begannen mit einer Umkehr des wirtschaftlichen
Abschwungs der Jahre des Staatsstreichs. Haiti ist
nach wie vor die ärmste Nation auf dem amerikanischen Kontinent. Es gibt keine Garantie dafür, daß
die Demokratie Fuß faßt oder die Wirtschaft prosperiert. Aber die Menschen in Haiti haben jetzt eine
echte Chance für den Aufbau einer besseren Zukunft
für sich und ihre Kinder - und für die amerikanischen
Streitkräfte, die wie versprochen abziehen werden,
wenn wir sagen "Mission erfüllt".
Dieselbe Logik gilt auch für Bosnien. Die Bosnier
verstehen, daß unser Militär ihnen die Chance gab, in
Frieden über ihre Zukunft zu entscheiden - ihre
eigenen Politiker frei zu wählen, ihre Straßen und
Schulen, Fabriken und Krankenhäuser wiederaufzubauen, Kinder wieder mit ihren Eltern zusammenund Familien in ihre Heimat zurückzuführen. Wenn am
Ende dieses Jahres unsere Truppen abziehen, haben
wir berechtigten Grund zu der Hoffnung, daß die
Menschen in Bosnien mehr Interesse am Frieden als
am Krieg haben - daß der Frieden sein eigenes Leben
und seine eigene Logik entwickelt.
Einen Punkt möchte ich jedoch eindeutig klarstellen:
Der Freiraum, den unser Militär in Haiti und Bosnien
schafft, muß mit dem Sauerstoff der Wiederaufbauhilfe
gefüllt sein. Was wir als zivile Umsetzung bezeichnen,
ist der lebenswichtige und notwendige Begleiter jeder
Friedenssicherungsoperation. Unsere Verbündeten
stimmen dem zu. Aus diesem Grund stellen sie
ungefähr 80 Prozent der zivilen Hilfe für Haiti und
Bosnien. Je eher die Menschen in Konfliktgebieten
wieder die Segnungen eines normalen Lebens
genießen, desto größer sind die Chancen, daß unsere
Truppen ein Vermächtnis von Frieden und Hoffnung
hinterlassen.
Aus diesem Grund sollte der Kongreß eine bescheidene Menge ausstehender Entwicklungshilfe für Haiti zur
Finanzierung der Grundschulbildung, für
Kinderbetreuung und Impfungen freigeben - und zwar jetzt.
Aus diesem Grund arbeiten wir mit dem Kongreß an
unserem Ersuchen für 200 Millionen Dollar zur Unterstützung des zivilen Wiederaufbaus in Bosnien Gelder zur Förderung von wirtschaftlicher Erholung
und von Reformen, zur Entsendung internationaler
polizeilicher Beobachter sowie zur Entschärfung von
Minen. Dieses Geld wird jetzt benötigt.

Seite 5

�In Haiti und Bosnien gleichermaßen tun unsere
Soldaten alles, was wir von ihnen erwarten - und mehr.
Wir sollten uns ein Beispiel an ihnen nehmen. Ihre
Missionen werden nur erfolgreich sein, wenn die zivile
Seite das Ihrige tut. Die für Hilfe und Wiederaufbau
erforderlichen Gelder zurückzuhalten, dient nicht
unseren Soldaten, dient nicht den Menschen, denen
wir zu helfen versuchen, und dient nicht den Interessen unserer Nation.
Eines der großen Privilegien meiner Arbeit besteht
darin, die Welt zu bereisen und den Respekt für
unsere Nation aus erster Hand zu erleben. Die
Menschen erwarten von uns die Übernahme einer
Führungsrolle - nicht nur wegen der Größe und Stärke
unseres Landes, sondern auch wegen dem, wofür wir
eintreten, sowie dem, wogegen wir einzutreten bereK
sind. Mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in der
Geschichte hat Amerika die einzigartige Möglichkeit,
etwas für sein eigenes Volk und für die Menschen auf
der ganzen Welt zu bewirken.
Es ist unsere Pflicht, diese Macht so klug wie möglich
einzusetzen - und uns dabei von unseren Interessen
und Idealen leiten zu lassen. Präsident Clinton hat be-

reits erklärt, daß wir nicht überall sein und alles tun
können. Aber wo diese Interessen und Ideale es
erfordern, und wo wir etwas bewirken können, dürfen
wir nicht zögern, eine Führungsrolle zu übernehmen.
Das haben wir in der Vergangenheit nicht getan und
werden es auch in Zukunft nicht tun.
Wir dürfen auch hier nicht zögern. Viele Anwesende
beginnen eine Karriere in der Außenpolitik. Ob Sie das
als Lehrer oder Forscher, Regierungsbedienstete oder
Journalisten tun - Sie werden die Chance haben, bei
den großen außenpolitischen Fragen unserer Zeit
mitzusprechen - mit Leidenschaft, mit Argumenten vor allem aber, mitzusprechen. Amerika muß Ihre
Stimmen hören. Es muß Ihre Begeisterung spüren.
Derzeit ist keine Frage grundlegender und kein
Resultat wichtiger als die Rolle Amerikas in der Welt.
Wir können nur Erfolg haben, wenn wir weiterhin
führen. Das ist die Lektion des sogenannten Amerikanischen Jahrhunderts. Wenn wir seinem Ruf folgen,
bleiben wir eine Kraft für Freiheit und Fortschritt auf der
ganzen Welt sowie für echte Sicherheit und Wohlstand
in unserem Land. Und auch das nächste Jahrhundert
wird ein Amerikanisches Jahrhundert.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 06

�DEMOKRATIE
20. März 1996

Unterstützung für Demokratie und die
nationalen Interessen der USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers

WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende Außenminister der Vereinigten Staaten, Strobe Talbott, forderte in
einer am 1. März 1996 gehaltenen Rede vor der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden, während der
schmerzlichen Übergangszeit zu Demokratie und offenen Märkten Geduld und Verständnis zu zeigen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Vielen Dank Mort und Ihnen allen für die Gelegenheit,
heute hier sein zu dürfen. Mein Thema am heutigen
Nachmittag ist die Unterstützung von Demokratie als
Faktor der amerikanischen Außenpolitik sowie als
Mittel für die Förderung unserer nationalen Sicherheitsinteressen im Ausland. Natürlich ist das nicht der
einzige Faktor.
Demokratisierung ist Teil eines
umfassenderen, komplexeren, langgezogenen, oft
schmerzlichen und unberechenbaren Prozesses
politischer, sozialer und wirtschaftlicher Umgestaltung.
Dennoch ist sie auch ein wesentlicher Bestandteil
dieses übergeordneten Prozesses.
Isaias Berlin schrieb in seinem berühmten Essay über
Tolstoi über den Unterschied zwischen dem Fuchs,
"der über viele Dinge Bescheid weiß" und dem Igel,
"der über eine große Sache Bescheid weiß". Sir Isaias
unterschied zwischen denjenigen, die alles einem
einzigen universellen Organisationsprinzip unterordnen wollen einerseits und denjenigen, die den
ganzen Umfang menschlicher Erfahrungen und
Interessen einbeziehen - mit all seiner Unordnung,
Vielfalt und seinen inhärenten Widersprüchen.
Auf den ersten Blick erscheint die amerikanische
Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg für den
Fuchs am besten geeignet. Anstatt uns auf ein
einziges, übergeordnetes Ziel zu konzentrieren beispielsweise die Eindämmung des sowjetischen
Kommunismus - werden wir jetzt mit einer Vielzahl
konkurrierender wirtschaftlicher und sicherheits-

AMERIKA DIENST 06

politischer Belange konfrontiert, die gleichzeitig unsere
aktive, ständige Aufmerksamkeit erfordern.
Um die offensichtlichsten und drängendsten zu
nennen: Unser Wohlstand hängt von unserer Fähigkeit
zur Schaffung von Chancen für internationalen Handel
und Investitionen ab. Unsere Gesundheit und Sicherheit sind abhängig von unserem Erfolg bei der
Bekämpfung transnationaler Bedrohungen wie Umweltzerstörung, Terrorismus und Weiterverbreitung
atomarer, chemischer und biologischer Waffen.
Unsere Sicherheit erfordert konstruktive Beziehungen
zu den anderen Großmächten - unseren langjährigen
Verbündeten in Westeuropa und Japan sowie unseren
ehemaligen Gegnern in Rußland und China. Gleichzeitig haben wir mit Bedrohungen durch verbrecherische und gescheiterte Staaten zu kämpfen sowie mit
regionalen Konflikten - vom Balkan über Zentralafrika
bis zum Persischen Golf und der koreanischen
Halbinsel.
Trotz alledem gibt es im Bereich der amerikanischen
Außenpolitik Platz für den Igel. Wir werden die von mir
gerade aufgezählten Ziele und auch andere fördern,
wenn wir Zusammenschlüsse von etablierten Demokratien sowie den Übergang zur Demokratie in Staaten
unterstützen, die Diktatur oder zivile Unruhen erlebt
haben. Mit anderen Worten: Wir müssen die Demokratie verteidigen, erhalten und fördern, wo immer das
möglich ist, selbst wenn wir mit einer Vielzahl anderer
Aufgaben konfrontiert sind.

Seite 1

�Das ist natürlich kein neues Thema der amerikanischen Außenpolitik. Weit gefehlt. Es ist althergebracht und überparteilich. Die Förderung der
Demokratie geht nicht nur auf Trumans logische
Begründung für den Marshallplan, Franklin Roosevelts
für Lend-Lease und Woodrow Wilsons für seine
Vierzehn Punkte zurück, sondern auch auf Henry
Clays American System und Thomas Paines aggressive Verteidigung von "The Rights of Man".
Als amerikanische Soldaten und Seeleute in diesem
Jahrhundert in zwei Weltkriegen kämpften, wußten sie,
daß sie die amerikanischen Ideale und Interessen
verteidigen würden. Beim Kalten Krieg ging es im
Grunde genommen ebenfalls nicht nur um das internationale Verhalten von Staaten, sondern in hohem
Maße auch um konkurrierende Visionen der Beziehungen zwischen dem einzelnen Bürger und seiner
Regierung.
Obwohl sich die NATO als erfolgreichstes Militärbündnis in der Geschichte erwiesen hat, ist sie auch das
erfolgreichste demokratische Bündnis. Und der Kalte
Krieg wurde schließlich beendet, weil es auf beiden
Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs Verfechter
der Demokratie gab.
Heute gibt es weltweit mehr Unterstützung von
Demokratie an der Basis als zu jedem anderen
Zeitpunkt in der Geschichte des Menschen. Dies ist
teilweise auf das moderne Kommunikationswesen
zurückzuführen. Das kommunistische System der
ehemaligen Sowjetunion brach nicht nur zusammen,
weil es durch militärische Macht eingedämmt worden
war, sondern auch, weil es von Informationen und
Ideen durchdrungen und untergraben wurde. Selbst
die am stärksten gefestigten Grenzen wurden immer
durchlässiger - erst für das Radio, dann für das
Fernsehen und schließlich für interaktive Einflüsse wie
Telefax und elektronische Post. Im Gegensatz zu
George Orwells Vorhersage für 1984 wurde Big
Brother durch die technologische Entwicklung eher
geschwächt als gestärkt.
Der Zusammenbruch des Kommunismus sowjetischen
Stils bot den Vereinigten Staaten eine historische
Gelegenheit, eine weltweite Koalition zu bilden und
anzuführen, die auf demokratischen Prinzipien gründet
und diese fördert. Im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte haben wir in dieser Hinsicht wirkliche
Fortschritte gemacht. Jimmy Carter institutionalisierte
die Förderung der Menschenrechte im Außenministerium durch die Einrichtung eines Büros für ihre Unterstützung und Verteidigung (übrigens unter der Aufsicht
des damaligen Stellvertretenden Außenministers
Warren Christopher).
Die Reagan-Administration
übernahm unter anderem eine Schlüsselrolle bei der
Absetzung von Ferdinand Marcos und öffnete fast auf
den Tag genau vor zehn Jahren - in der letzten
Februarwoche 1986 - der Macht des Volkes die Tür.

Seite 2

Unser Gastgeber, Mort Abramowitz, zählt zu denjenigen, denen das Verdienst gebührt, Cory Aquino und
alles, was sie vertritt, beharrlich unterstützt zu haben.
George Bush reagierte auf den Fall der Berliner Mauer
mit einer Reihe von Initiativen zur Gewährleistung
eines ungeteilten und freien Europas.
Eine Priorität der Präsidentschaft Bill Clintons ist die
Unterstützung politischer Reformen in ganz Zentralund Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, wo
zwei Dutzend Länder mit unterschiedlichem Erfolg für
die Überwindung von jahrzehntelanger totalitärer
Herrschaft kämpfen. Ferner in Lateinamerika, Afrika
und Südasien, wo eine Generation junger Demokratien
sich um die Beseitigung des durch Militärregime,
Präsidenten auf Lebenszeit und andere Formen des
Despotismus verursachte Schäden bemüht; im Nahen
Osten, wo die Befürworter friedlichen politischen
Wandels sich denjenigen mutig entgegenstellen, die
auf Terrorismus und Mord zurückgreifen; in Ostasien
und im pazifischen Raum, wo die Bürger der jungen
Industrienationen in zunehmendem Maße ihre politischen Rechte geltend machen.
Wir tun das alles aus einem Grund, den Bill Clinton
bereits in seiner ersten Wahlkampfrede im Dezember
1991 an der Georgetown University anführte und
seitdem viele Male wiederholte: Die Förderung von
Demokratie ist ein Mittel zur Förderung amerikanischer
Interessen sowie amerikanischer Werte. Sie ist nicht
nur ein Thema der Moralpolitik, sondern auch der
Realpolitik. Warum? Weil Demokratien wahrscheinlich verläßlichere Partner in Handel und Diplomatie
sind und eher eine mit amerikanischen Interessen
vereinbare Außen- und Verteidigungspolitik verfolgen.
Die Wahrscheinlichkeit ist geringer, daß Demokratien
gegeneinander Krieg führen, Flüchtlingsströme
hervorrufen, Umweltkatastrophen verursachen oder
sich an terroristischen Aktivitäten beteiligen. Während
die Grenzen durchlässiger werden und ein Fluß von
Menschen, Technologien, Ideen, Waffen und Geld - sei
es schmutzig oder nicht - in beide Richtungen zu
beobachten ist, haben die Amerikaner ein zunehmendes Interesse daran, wie andere Gesellschaften auf
der ganzen Welt sich regieren - sei es gut oder
schlecht. Je größer und dichter geknüpft das Netz von
Demokratien ist, desto sicherer und wohlhabender sind
wir Amerikaner.
Die neuen Demokratien stellen für die amerikanische
Diplomatie jedoch eine besondere Herausforderung
dar. Unsere Erfahrung der letzten Jahre ist zwar in
vielerlei Hinsicht ermutigend, enthält aber auch viele
lebhafte Erinnerungen daran, daß demokratische
Politik oft schmutzig, unberechenbar und voller
Widersprüche - zwischen den Anforderungen für eine
Wahl und Wiederwahl einerseits und den Erfordernissen guter Regierungsführung und solider Staatskunst andererseits - ist. Das gilt selbst für Länder mit
einer langen Geschichte parlamentarischer Regierung

AMERIKA DIENST 06

�und etablierter Institutionen, einschließlich unseres
eigenen. Es ist daher wohl nicht erstaunlich, daß in
neuentstehenden Demokratien - in Ländern, wo die
Wunden des Bürgerkrieges noch schmerzen und das
Vermächtnis der Tyrannei noch groß ist - die Politik
besonders unbeständig sein kann. Die regierenden
Eliten des alten Systems und gewalttätige Splittergruppen suchen nach Wegen, die neue Ordnung zu
beherrschen - oder sich die alte Unordnung zunutze zu
machen. Neugewählte Politiker, die sich ihrer Macht
nicht sicher oder ihrer Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit allzu sicher sind, gehen manchmal hart gegen die
Opposition vor.
Demokratie ist abhängig von der Effektivität von
Institutionen wie einer unparteiischen Polizei, einer
unabhängigen Justiz sowie von ziviler Kontrolle
militärischer Institutionen, die in den Ländern, die
gerade erst ihre diktatorische Vergangenheit hinter
sich gelassen haben, entweder völlig fehlen oder
erbärmlich unzureichend sind. Zudem müssen die
institutionellen Reformen mit einer Veränderung der
öffentlichen Einstellung einhergehen, die bisweilen als
politische Kultur bezeichnet wird. Die Demokratie
hängt von der Bereitschaft ab, sich mit alten Feinden
zu versöhnen und abweichende Meinungen zu
tolerieren. Sie bedeutet den Bau von Brücken zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten
und Klassen.
Umgekehrt tendiert die Demokratie zum Zusammenbruch - beziehungsweise die im Übergang befindlichen
Staaten können sie nie verwirklichen - wenn die
Wählertreue übermäßig oder ausschließlich auf
ethnischer und Gruppenzugehörigkeit, religiöser oder
regionaler Loyalität gründet anstatt auf der Entscheidung für Parteien oder Kandidaten aufgrund ihres
Programms oder ihrer Politik. Wenn Gruppenzugehörigkeit zum Vorwand dafür wird, dem einzelnen Bürger
seine grundlegenden Rechte als Mensch und Staatsbürger zu verweigern, dann ist die Demokratie in
tödlicher Gefahr.
Ein weiterer Punkt: Alle Demokratien - und alle
Wahlen - stehen unter dem Slogan "Es ist die Wirtschaft, Du Dummkopf!". Und viele im Anfangsstadium
befindliche Demokratien haben mit großen wirtschaftlichen Nachteilen zu kämpfen. Armut, Unterentwicklung und wirtschaftliche Stagnation sollten nicht
zum Alibi für Tyrannei werden, aber es steht außer
Frage, daß sie Hindernisse für die Demokratie sind.
Diese Bedingungen sind jedoch oft in den Staaten
gegeben, die gerade erst die Diktatur hinter sich
gelassen haben. In einem Großteil Afrikas und Asiens
tragen sie die zusätzliche Last eines nicht tragfähigen
Bevölkerungswachstums.
Selbst bei einer wohlmeinenden, aufgeklärten politischen Führung ist es weniger wahrscheinlich, daß ein
erbärmlich armes Land eine demokratische Herrschaft

AMERIKA DIENST 06

aufrechthält. Ohne dauerhafte umfassende Wirschaftsentwicklung werden die Wähler wahrscheinlich
von der Politik und den Politikern und damit von der
Demokratie selbst enttäuscht.
Insbesondere in der postkommunistischen Welt ist das
Gefühl der Erleichterung und Befreiung angesichts des
Zusammenbruchs des alten, ineffektiven Befehlssystems einer weitverbreiteten Ablehnung der oft als
Unberechenbarkeit und Ungleichheit des Marktes
aufgefaßten Situation gewichen sowie der Unsicherheit
angesichts eines fehlenden Sicherheitsnetzes. Erst
seit kurzer Zeit wahlberechtigte Bürger neigen zu
unrealistisch hohen Erwartungen im Hinblick darauf,
was die von ihnen gewählten Politiker erreichen
können, wie lange sie dafür benötigen und wie groß
die damit einhergehenden Härten und der Schmerz
sind. Werden diese Erwartungen enttäuscht, werden
die Wähler anfällig für Demagogie und dumme, sogar
gefährliche Patentrezepte, die auf Sehnsucht nach der
Vergangenheit oder Angst vor der Zukunft gründen.
Aus all diesen Gründen haben wir es zu einer Priorität
der amerikanischen Außenpolitik gemacht, jungen
Demokratien während ihrer größten Schwächeperioden Beistand zu leisten. Wir taten das durch eine
Vielzahl von Mechanismen - einige bilateral, andere
multilateral - auf eine Art und Weise, die sich auf die
wirtschaftliche und politische Infrastruktur der im
Übergang befindlichen Länder konzentriert.
Ich
möchte Ihnen vier ganz unterschiedliche Beispiele
dafür nennen, wo das amerikanische Engagement
bereits förderlich war und weiterhin entscheidend ist.
Ich konzentriere mich absichtlich auf Fälle, die das mit
der Förderung von Demokratie einhergehende Dilemma und die Schwierigkeiten illustrieren sowie das
Gebot, diese Unterstützung fortzusetzen: Kambodscha, Haiti, Südafrika und Rußland.
Kambodscha hat unter äußerst schwierigen Umständen in kurzer Zeit einen langen Weg zurückgelegt.
Ich erinnere mich, Ende der siebziger Jahre Mort in
Bangkok besucht zu haben, und seine Frau Sheppy
verbrachte einen Großteil ihrer Zeit mit kambodschanischen Flüchtlingen an der Grenze. Kambodscha hat
bereits den Ausdruck "Felder des Todes" in unseren
Sprachschatz eingeführt, und in dem Land wurden die
schrecklichsten Massenmorde seit dem Holocaust
begangen.
Aber vor zweieinhalb Jahren war eine Mission der
Vereinten Nationen mit starker Unterstützung zunächst
der Bush- und dann der Clinton-Administration den
Kambodschanern dabei behilflich, die ersten freien,
fairen und umfassenden Wahlen in der Geschichte
ihres Landes abzuhalten. Über 90 Prozent der in
Frage kommenden Wähler beteiligten sich, und viele
von ihnen mußten buchstäblich Minenfelder überqueren, um zu den Wahlurnen zu gelangen. Seit jener
Wahl und der Gründung einer Koalitionsregierung ist

Seite 3

�die politische Gewalt drastisch zurückgegangen, rund
370.000 Flüchtlinge sind in ihre Heimat zurückgekehrt
und haben wieder ein normales Leben aufgenommen.
Dennoch - und Mort wird mir zustimmen - hat Kambodscha noch einen langen Weg vor sich. Das Land
leidet unter weitverbreiteter Korruption, einer personell
unzureichend besetzten und ausgebildeten Judikative
sowie inzwischen selteneren, aber anhaltenden
Überfällen der Roten Khmer. Und obwohl wir uns der
Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der politischen
Stabilität in einer prekären Situation bewußt sind, sind
wir auch besorgt über die andauernde Mißhandlung
rivalisierender Politiker und die Angriffe auf oppositionelle Zeitungen.
Vor den Kambodschanern liegt ein schwieriger Weg.
Sie werden es einfach nicht schaffen, wenn sie ihn
allein gehen müssen. Wir werden sie begleiten,
ebenso wie Japan und Australien - zwei der ältesten
Demokratien der Region - zusammen mit Frankreich der ehemaligen Kolonialmacht der Region.
Ein Handicap, das die Kambodschaner - und ihre
Freunde in der internationalen Staatengemeinschaft überwinden müssen, ist, daß Kambodscha in einer
äußerst unfreundlichen Nachbarschaft angesiedelt ist.
Von seinen vier südostasiatischen Nachbarn ist nur ein
Staat - Thailand - eine Demokratie. Laos und Vietnam
sind Anachronismen in der Hinsicht, daß sie sich
immer noch unter kommunistischer Herrschaft befinden. Das von einem brutalen Militärregime regierte
Burma ist einer der größter Exporteure illegaler Drogen
der Welt.
Im Gegensatz dazu lebt Haiti in einer guten Nachbarschaft, die natürlich auch unsere Nachbarschaft ist.
Noch vor 17 Jahren litten die meisten Nationen dieser
Hemisphäre unter irgendeiner Form der Diktatur.
Heute hat jede Regierung mit Ausnahme einer, mit der
wir uns im Augenblick stark befassen - Kuba - einen
Anspruch auf demokratische Legitimität.

in Port-au-Prince beiwohnen zu dürfen, der in einer
feierlichen Atmosphäre friedlich die Nachfolge eines
anderen antrat. Dies geschah zum ersten Mal in der
Geschichte Haitis. Im Gegensatz zu den Vorhersagen
vieler ist Jean-Bertrand Aristide jetzt aus dem Präsidentenpalast in Port-au-Prince ausgezogen. Er rief
eine private Stiftung ins Leben, die sich der Bekämpfung des Analphabetentums und der Förderung von
Demokratie verschrieben hat, weil er den Zusammenhang zwischen beidem versteht.
Aristides Streben nach Führung seines Volkes - wie er
es wiederholt formulierte - "aus dem Elend zur Armut
mit Würde" - findet auch in ganz Afrika seinen Widerhall. Es sind fast zwei Jahre vergangen, seit
Nelson Mandela den Amtseid als Südafrikas erster
öffentlich gewählter Präsident abgelegt hat. Dieses
Ereignis hatte Auswirkungen für die gesamte Region.
Nach Jahrzehnten des Kampfes gegen die Apartheid
konzentrieren heute die regionalen Politiker einen
Großteil ihrer Energien erneut auf die Stärkung der
demokratischen Herrschaft - nicht nur in ihren Staaten,
sondern auch durch eine "gutnachbarschaftliche
Politik", die wir aktiv unterstützen.
Aber selbst in Südafrika ist die harte Arbeit des
Aufbaus einer multiethnischen, multirassischen
Demokratie noch lange nicht beendet. Obwohl die
politische Gewalt im Land abgenommen hat, erreicht
die kriminelle Gewalt gefährliche Ausmaße. Die alte,
auf Apartheid gegründete und mit überflüssig gewordenen Büros für jede Rasse und jedes Homeland
durchsetzte Bürokratie verschwendet immer noch
enorme Ressourcen. Diese Ressourcen müssen
besser verwendet werden, damit die Regierung ihr
Versprechen von Arbeitsplätzen und Wohnungen
erfüllen kann.

Dieser Trend zu Demokratisierung in Lateinamerika

Ebenso wie die Zukunft Südafrikas dramatische
Auswirkungen auf alle anderen Länder in der Region
hat, wird auch das Schicksal der Demokratie in
Rußland weit über seine Grenze hinausreichende
Folgen haben - sicherlich für ganz Eurasien. Und es
wird auch tiefgreifende Auswirkungen für uns haben -

und der Karibik hat sich selbst verstärkt. Als die

für unsere Zukunft und unsere Sicherheit.

Demokratie in Guatemala im Juni 1993 bedroht war,
unternahmen die 34 Mitgliedstaaten der Organisation
Amerikanischer Staaten (OAS) unverzüglich und
einmütig Schritte, um einen Staatsstreich gegen den
Präsidenten abzuwehren. In den vergangenen Jahren
haben die OAS-Mitgliedstaaten auch unerläßliche
Unterstützung für die Demokratie in El Salvador, Peru,
Nicaragua, Surinam und die Dominikanische Republik
geleistet.

Die hohe Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen
vom Dezember legt nahe, daß die Russen sich an die
Wahl ihrer Politiker gewöhnen. Aber während die
Präsidentschaftswahlen im Juni näherrücken, machen
sich beunruhigende Trends bemerkbar. Kommunisten
und Ultranationalisten erzielen gute Ergebnisse in
Meinungsumfragen und im Parlamentswahlkampf,
während die Reformer und Zentristen gespalten sind.

Haiti ist heute endlich Bestandteil dieses regionalen und zunehmend globalen - Konsenses. Im vergangenen Monat hatten meine Frau und ich die Ehre, als
Mitglieder der Delegation von Madeleine Albright der
Einführung eines demokratisch gewählten Präsidenten

Selbst wenn - oder vielleicht sollte ich sagen: Insbesondere weil - die Richtung der russischen Politik
unsicher ist, müssen die Grundlagen der amerikanischen Politik klar und beständig bleiben. Eine dieser
Grundlagen ist, daß wir die Demokratie in Rußland

Seite 4

AMERIKA DIENST 06

�ebenso unterstützen wie andernorts. Es ist nicht an
uns, die Politiker Rußlands zu wählen. Das war noch
nie so. Das russische Volk hat jetzt die Macht, das
selbst zu tun. Und das ist gut. Es ist und bleibt eine
grundlegende Prämisse der amerikanischen Politik,
daß die Wahlberechtigung der russischen Bürger wenn sie beibehalten wird - gut für das Land, die Welt
und die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten
ist.
Ich möchte folgendes Argument vorbringen: Die
Schwierigkeiten, die Haiti, Kambodscha, Südafrika und
Rußland durchmachen, sollten uns auf keinen Fall von
der Unterstützung der Demokratie in diesen Ländern
oder andernorts abhalten. Ganz im Gegenteil. Wir
müssen den Mut unserer eigenen demokratischen
Überzeugungen haben. Die Freiheit der Entscheidung
und die Redefreiheit werden mit der Zeit diesen und
anderen neuen Demokratien zu einer bürgerlichen
Gesellschaft, Rechtsstaatlichkeit und den anderen
Eigenschaften von Staaten verhelfen, die als vollständig integrierte und konstruktive Mitglieder der
internationalen Staatengemeinschaft willkommen
geheißen werden.
Wir sollten dem Gedanken widerstehen und ihn
ablehnen, daß einige Rassen oder Kulturen für
Demokratie ungeeignet sind. Wir sollten uns vor
Stereotypen über den nationalen Charakter hüten,
insbesondere solchen, die - wenn sie zur Grundlage
unserer Politik werden - ganze Nationen zu Tyrannei,
Bürgerkrieg oder unendlichem Chaos aufgrund der
perversen Theorie verdammen würden, das sei das
Schicksal, das sie verdienen, oder das sei das ihren
Genen innewohnende Schicksal.
Die eher düsteren und warnenden Aspekte der von mir
zitierten vier Fälle sollten uns davon abhalten, von
einer "demokratischen Revolution" zu sprechen.
Demokratisierung ist per definitionem überhaupt nicht
revolutionär - sie ist evolutionär. Keine Gesellschaft
kann die Art ihrer Regierungsform über Nacht ändern.
Selbst mit Unterstützung der Vereinigten Staaten und
unserer demokratischen Verbündeten wird es in vielen
dieser Nationen Jahrzehnte oder sogar Generationen
dauern, diesen Übergang zu vollziehen. Zum Teil ist
das darin begründet, daß die Einführung einer echten
Demokratie mehr bedeutet als nur eine Verfassung zu
entwerfen und eine einzige Wahl, oder sogar zwei oder
drei fristgerecht abzuhalten. Unsere eigenen Gründerväter verstanden, daß das von ihnen im Jahr 1787 -11
Jahre nachdem wir die Unabhängigkeit erlangt hatten entworfene Stück Papier von der Rechtsstaatlichkeit
und der Garantie der Freiheiten des einzelnen abhing.
Und es lohnt, sich ins Gedächtnis zu rufen, daß die
Afroamerikaner den in der Bill of Rights enthaltenen
Schutz erst in den sechziger Jahren erhielten - nahezu
zwei Jahrhunderte zu spät. Mit anderen Worten:
Unsere eigene Erfahrung spricht für eine gewisse
Nachsicht mit anderen, die sich in den Frühstadien

AMERIKA DIENST 06

eines Experiments befinden, dessen Erfolg in unserem
Interesse liegt.
Unsere jüngste und derzeitige Erfahrung spricht auch
für ein grundlegendes Vertrauen, daß die Vorteile und
Macht der Demokratie die Unzulänglichkeiten und
Rückschläge überwinden werden. Führende Politiker und Apologeten - autoritärer Regime behaupten
manchmal, rückständige oder sich entwickelnde
Länder seien irgendwie "nicht bereit" für Demokratie.
Das vergangene halbe Jahrhundert hat uns jedoch
bewiesen, daß arme Nationen Demokratie ebenso
benötigen wie reiche, und sie brauchen sie aus
wirtschaftlichen und politischen Gründen. Selbst in
den ärmsten Ländern der Welt - von Haiti und Nicaragua bis zu Malawi, Albanien und Kambodscha - haben
demokratisch gewählte Führer eher als ihre autoritären
oder totalitären Vorgänger die Tendenz gezeigt, die
wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen zu ergreifen, die ihrem Volk am besten dienen. Weil sie
wissen, daß sie an der Wahlurne zur Rechenschaft
gezogen werden, lenken gewählte Führer eher die
Aufmerksamkeit auf die grundlegenden Bedürfnisse
ihrer Bürger. Der Harvard-Ökonom Amartya Sen
argumentierte anhand umfassender Statistiken, daß "in
einem Land mit einer demokratischen Regierungsform
und einer relativ freien Presse nie eine größere
Hungersnot stattgefunden hat".
Entsprechend haben vom Volk gewählte Regierungen
in weiter entwickelten Staaten von Argentinien über
Estland bis zu den Philippinen eher die Legitimität das heißt, die Unterstützung der Wähler - um schmerzliche aber notwendige wirtschaftliche Entscheidungen
zu treffen. Und an der Schwelle zum nächsten
Jahrhundert werden offene Gesellschaften am besten
vorbereitet sein, von den neuen Informationstechnologien zu profitieren: Im Zeitalter des Mikrochip und des
Modem wird die Wirtschaftsentwicklung scheitern,
wenn die Bürger mißtrauische, diktatorische Behörden
bekämpfen müssen, nur um ein Faxgerät besitzen,
Fotokopien eines Dokuments machen oder am Telefon
sprechen zu dürfen. Die Wahrheit wird immer offenkundiger, nicht nur für die Dissidenten und Reformer in
diesen Ländern, sondern auch für die zukünftigen
Mächte, oder zumindest die übernehmende Generation.
Ein abschließender Punkt: Was auch immer die
innenpolitischen Hindernisse für die Demokratisierung
sein mögen, das internationale Umfeld für den Prozeß
ist zunehmend günstig. Die Demokratisierung in
Rußland, Kambodscha, Haiti und Südafrika findet vor
dem Hintergrund von Globalisierung, Interdependenz
und der Kommunikationsrevolution statt - dem gleichen
Komplex von Trends, einige revolutionär, andere
evolutionär, die den Eisernen Vorhang niederrissen,
den Philippinen Machtbefugnis verliehen und die in
den achtziger Jahren die Oberste in Lateinamerika in
die Kasernen zurückschickten. Alle diese Fakten des

Seite 5

�internationalen Lebens werden weiterhin heilsame
Auswirkungen auf das nationale Leben von Ländern
haben, die mit dem Übergang zur Demokratie kämpfen.
Die Rolle der Vereinigten Staaten als Unterstützer und
Förderer dieses Prozesses wird auch in Zukunft
entscheidend sein - und uns auch in Zukunft Dividenden bringen. Wir profitieren nicht nur vom Erfolg der
Demokratie in anderen Ländern, sondern auch von
unserem eigenen Eintreten für die Sache der Freiheit.
Die Bilanz unseres Landes beim Verfechten demokratischer Ideale verleiht uns eine einzigartige Befugnis
und Glaubwürdigkeit in internationalen Angelegenheiten. Die Welt blickt weiterhin auf uns für eine Führungsrolle - nicht nur wegen unserer wirtschaftlichen
und militärischen Macht, sondern auch, weil wir am

besten sind, wenn wir die gleichen politischen Prinzipien im Ausland fördern und verteidigen, die wir hier zu
Hause wertschätzen. Kurzum: Unsere Außenpolitik
muß sich weiterhin auf unser Wesen als Gesellschaft
und unsere Interessen als Staat gründen. Das ist nicht
eine Frage der Nächstenliebe oder "Sozialarbeit" - es
ist eine Frage der Sicherung und Erweiterung der
internationalen Staatengemeinschaft, die unsere Werte
teilt und deren Interessen sich daher mit unseren
decken. Es ist eine Investition in unsere langfristige
Sicherheit. Die Losung der amerikanischen Außenpolitik sollte lauten: Geduld, Festigkeit und Konzentration. Wenn Tiere sprechen könnten, würden Sie das
von einem Igel hören.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 06

�ABRÜSTUNG

20. März 1996

Ledogar: Abschluß des CTBT in diesem Jahr möglich
Rede beim UN-Seminar in Genf

GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß der Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) in diesem Jahr abgeschlossen werden kann, dies
jedoch "harte Arbeit, schwierige Entscheidungen ... und Kompromisse" erfordern wird, äußerte der amerikanische
Vertreter bei der Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on Disarmament - CD), Stephen Ledogar, am 8. März
1996 in seinen Ausführungen bei einem von den Vereinten Nationen in Genf veranstalteten Seminar.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Ledogar im Wortlaut.

Heute um Mitternacht hat die Genfer Abrüstungskonferenz die ersten sieben Wochen ihrer Sitzungsperiode 1996 hinter sich. Nahezu 30 Prozent des
Verhandlungsjahres sind verstrichen. Die drängende
Frage lautet: Wird die Konferenz den CTBT rechtzeitig
zur Vorbereitung einer Unterzeichnungszeremonie im
September vor Beendigung der Feierlichkeiten zum
50jährigen Bestehen der Vereinten Nationen abschließen können?

bin ich der Ansicht, daß dieser Weg zum Erfolg
unseres gemeinsamen Ziels führt und den gleichen
Ansatz beinhaltet, den die Konferenz 1992 zum
Abschluß der Chemiewaffenkonvention einnahm. Der
CTBT kann nur durch die Verdoppelung unserer
Anstrengungen, erneute Überprüfung der nationalen
Positionen, Einbeziehung der Probleme, Trennung des
Wichtigen vom Unwichtigen und Kompromisse Realität
werden.

Meine Antwort auf diese Frage ist JA. Wir können es
schaffen. Der CTBT kann in diesem Jahr abgeschlossen werden. Wie Australien bei der Plenarsitzung der CD in der vergangenen Woche erklärte, ist
der Abschluß des Vertrags jedoch nicht "unvermeidlich", oder wie wir in den Vereinigten Staaten sagen,
der CTBT ist nicht "sicher". Obwohl es zutrifft, daß die
Konferenz in den vergangenen Wochen eine zunehmende Dynamik entwickelt hat, insbesondere mit der
Vorlage von zwei Modell-Vertragstexten durch den Iran
und Australien, ist es hinreichend bekannt, daß bei
allen Verhandlungen dieser Größenordnung die Dynamik jeden Augenblick umschlagen kann. Positive
Dynamik kann von allen Parteien nur durch entschlossenes Engagement und Ausdauer bewahrt werden.

Der zweite Weg ist verhängnisvoll und voller böser
Omen. Die Konferenzteilnehmer könnten selbstzufrieden und faul werden. Noch schlimmer wäre,
wenn die Delegationen starrköpfig und gierig werden
und auf nationalen Positionen beharren, die keine
Chance haben, eine umfassende Verhandlung zu
überleben. Die Konferenzteilnehmer können der
Verhandlung auch neue Erfordernisse wie ein Junktim
zwischen dem CTBT und weiteren Verpflichtungen im
Bereich der nuklearen Abrüstung auferlegen. Meiner
Ansicht nach führt dieser letztere Weg zu Katastrophen
und Enttäuschungen.

Die Konferenz nähert sich rasch einem entscheidenden Punkt, einer Wegegabelung auf der Straße, die zu
zwei unterschiedlichen und entgegengesetzten Wegen
führt. Der erste Weg ist der schwierigere. Er erfordert
harte Arbeit, schwierige Entscheidungen, Opfer und ist
äußerst zeitaufwendig und arbeitsintensiv. Natürlich

AMERIKA DIENST 06

Viele haben über die Chance gesprochen, die dieses
Jahr für den Abschluß des CTBT besteht. Der lange
und etwas gewundene Weg zu einem CTBT ist in der
Tat hinreichend bekannt und dokumentiert, wie Dr.
Goldblats Hintergrundpapier über ein Atomtestverbot
anschaulich erörtert. In den vergangenen Jahrzehnten
haben sich mehrfach, wenn auch nur geringe Chancen
für den CTBT eröffnet, die jedoch kurz danach verstrichen waren. 1996 scheint das anders zu sein.

Seite 1

�Bei der UN-Generalversammlung im Dezember
vergangenen Jahres erklärte die internationale
Staatengemeinschaft, 1996 sei "das Jahr des CTBT",
und die UN-Mitgliedstaaten empfahlen einen Zeitplan
für unsere Verhandlungen. Bisher ist es kaum vorgekommen, daß so viele Länder - über 180 - sich
hinter ein gemeinsames Abrüstungsziel gestellt haben.
So bietet sich wieder einmal eine Chance für den
CTBT mit gerade genug Zeit in diesem Kalenderjahr
für den Abschluß und die Unterzeichnung des Vertrags. Dennoch belegt die Geschichte, wie schnell
sich die Dinge wandeln können. Vorsicht. Die sich
jetzt für den CTBT bietende Chance kann jeden
Augenblick verstreichen, und der entstehende Schaden ist sehr wahrscheinlich irreparabel.
Ich fordere meine Kollegen an diesem Tisch und die
Mitglieder der Presse auf, die Konsequenzen eines
nicht in diesem Sommer abgeschlossenen CTBT zu
prüfen. Die verpaßten Chancen könnten enorm sein.
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einige lenken.
Der Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency ACDA), John Holum, erklärte bei der Eröffnungssitzung der CD am 23. Januar, der CTBT würde den
Atomwaffenstaaten neue Beschränkungen auferlegen,
insbesondere bei der Entwicklung moderner neuer
Waffen. Er fügte hinzu, der CTBT würde die Entwicklung neuer militärischer Anwendungen im nuklearen
Bereich verhindern. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit
auch auf einen kürzlich erschienenen SIPRI-Artikel von
Eric Arnett lenken, in dem er die beträchtliche Anzahl
bestehender und möglicher Nuklearwaffenprogramme
erörtert, die durch einen CTBT begrenzt werden
könnten. Diese Begrenzung würde uneingeschränkt
auf die fünf Atomwaffenstaaten und die nuklearen
Schwellenländer Anwendung finden.
Der CTBT wird auch ein unerläßlicher Schritt sein,
wenn die endgültige Beseitigung von Atomwaffen je
erzielt werden soll. Wenn wir jetzt - wie einige vorschlagen - ein Junktim zwischen der CD und den
beiden Abrüstungszielen in demselben Vertrag
herstellen, nämlich der Einstellung von Atomwaffentests und anderen Atomexplosionen sowie kontinuierlichen Fortschritten bei der Beseitigung von Nuklearwaffen, werden wir sicherlich scheitern. Ich bin der festen
Überzeugung, daß diejenigen, die ein Junktim anstreben, diese Verhandlungen vereiteln wollen. Ich

* *

Seite 2

bitte Sie inständig, die Motive derjenigen in Frage zu
stellen, die ich als "Meister des Junktims" bezeichne.
Sind sie besorgt, daß der Vertrag vorzeitig ihre
bestehenden Nuklearprogramme einfriert? Oder sind
sie besorgt, daß sie ihre Arsenale nicht aufstocken
oder ihre existierenden Atomwaffen nicht modernisieren können?
Diejenigen, die behaupten, der CTBT sei nutzlos,
solange er nicht einen expliziten Bezug zu einem
zeitgebundenen Rahmen für die vollständige Beseitigung von Nuklearwaffen enthält, argumentieren
unlogisch und machen viel heiße Luft. Der CTBT ist
eine wichtige Rüstungskontrollmaßnahme. Warum
hätten seit Ende der fünfziger Jahre sonst so viele
Länder so große Anstrengungen dafür unternommen?
Warum würden die UN-Generalversammlung und die
Parteien des Nichtverbreitungsvertrags sonst den
Abschluß des CTBT im Jahr 1996 fordern?
Der CTBT verfolgte stets ein einziges Ziel: Die
Einstellung von Atomwaffentests und anderen Nuklearexplosionen für alle Zeiten. Dankenswerterweise
gehen mit diesem Vertrag noch andere Vorteile einher.
Zusätzlich zu den von mir bereits erwähnten wird der
CTBT auch effektiv zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen mit allen ihren Aspekten,
zum Prozeß der nuklearen Abrüstung und daher zur
Verbesserung des internationalen Friedens und der
Sicherheit beitragen. Diese Worte sind nicht aus der
Luft gegriffen. Diese Worte entstammen dem Mandat,
das die CTBT-Verhandlungen seit 1993 leitet.
Die Atomwaffenstaaten geben mit der Unterzeichnung
des CTBT sehr viel auf. Wir vereinbaren, unserem
defensiven militärischen Einsatzkonzept zahlreiche
Beschränkungen aufzuerlegen. Offen gesagt waren
die Vereinigten Staaten nicht immer so großzügig bei
dieser Rüstungskontrollinitiative. Ich fordere meine
Verhandlungspartner auf, die Chance zu ergreifen,
bevor es zu spät ist. Obwohl es so aussieht, als hätten
wir das Verhandlungsjahr gerade erst begonnen, wird
die Zeit knapp. Die Zahl der Verhandlungstage im
Jahr 1996 ist stark begrenzt. Die Vereinigten Staaten
vertreten die Auffassung, daß der Erfolg in greifbare
Nähe gerückt ist, wir aber hart dafür arbeiten müssen.
Wir müssen denselben Weg verfolgen und das gleiche
Engagement an den Tag legen. Die Teilnehmer der
Konferenz - und nur sie - können das bewirken. Die
Entscheidung liegt bei uns.

* *

*

AMERIKA DIENST 06

�ABRÜSTUNG
20. März 1996

Verhinderung der nuklearen Anarchie
Auszüge aus Harvard-Studie

WASHINGTON - (AD) - Die neue Bedrohung eines nuklearen "Lecks" durch den Diebstahl und die Umleitung von
Nuklearmaterial nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat das Problem der Weiterverbreitung für die
Vereinigten Staaten und andere Nationen verändert, so die Schlußfolgerung einer vom Zentrum für Wissenschaft
und internationale Angelegenheiten der Harvard University veröffentlichten Studie.
Neben anderen Empfehlungen fordert der Bericht die Förderung von Programmen zur direkten Verbesserung der
nuklearen Sicherheit, den Aufbau konstruktiver Beziehungen zur russischen Regierung sowie die Erarbeitung und
Umsetzung eines langfristigen Plans für die Verwaltung von spaltbarem Material.
Die Autoren der Studie sind Graham T. Allison, Owen R. Cote, Jr., Richard A. Falkenrath und Steven E. Miller.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Bericht.

Das nukleare Leck

Sechs bekannte Vorfälle

Seit 1991 waren in der Presse zahlreiche Berichte
über den Diebstahl von Nuklearmaterial und Atomwaffen aus der ehemaligen Sowjetunion und den illegalen
Handel damit zu lesen. Über buchstäblich Hunderte
von Vorfällen wurde berichtet, aber in der Mehrzahl
waren es Falschmeldungen oder sie bezogen sich
nicht auf waffenfähiges Material. Dennoch geben die
Fakten aus mindestens vier Gründen Anlaß zu großer
Sorge. Erstens legt die große Anzahl realer oder
betrügerischer Bestrebungen zum Verkauf von
Nuklearmaterial in der früheren Sowjetunion die
weitverbreitete Erkenntnis nahe, daß solches Material
Marktwert hat. Zweitens weisen diese Fakten auf
beträchtliche Anstrengungen zur Erfüllung des Bedarfs
auf einem entstehenden nuklearen Schwarzmarkt hin.
Drittens ist es unwahrscheinlich, daß jeder Versuch
eines Nuklearschmuggels aufgedeckt und berichtet
wird. Per definitionem finden erfolgreiche Transaktionen auf dem Schwarzmarkt verdeckt und unbemerkt statt. Und viertens versteckt sich hinter der
großen Anzahl angeblicher Fälle eine kleine Zahl sehr
ernsthafter Vorfälle.

Seit 1992 wurden sechs Fälle von Diebstahl oder
illegalem Handel mit spaltbarem Material bekannt. Ein
Angestellter stahl Mitte 1992 ungefähr 1,7 kg hochangereichertes Uran (HEU) aus der Wissenschaftlichen Produktionsanlage Luch im russischen Podolsk.
Ein Kapitän der russischen Marine entwendete im
November 1993 rund 4,5 kg HEU aus einem U-BootTreibstofflager in Murmansk. Die deutsche Polizei
entdeckte im Mai 1994 per Zufall 5,6 Gramm superwaffenfähiges Plutonium in der Garage eines verdächtigten Banknotenfälschers in Tengen. Im Juni 1994
beschlagnahmte die bayerische Polizei in Landshut 0,8
Gramm HEU bei einem Scheingeschäft. Ein Scheingeschäft führte im August 1994 auch zur Beschlagnahme von einem halben Kilo beinahe waffenfähigem
Plutonium auf dem Münchner Flughafen. Und 2,7 kg
HEU wurden im Dezember 1994 in Prag beschlagnahmt. Um dies in einen Zusammenhang zu setzen:
Aus der ehemaligen Sowjetunion wurde mehr spaltbares Material gestohlen als die Vereinigten Staaten in
den ersten drei Jahren des Manhattan Project produzieren konnten.

AMERIKA DIENST 06

Seite 1

�Warum das Leck wahrscheinlich größer wird
Obwohl jedes Leck Anlaß zur Sorge gibt, hat ein
katastrophaler Zusammenbruch des russischen
Nuklearkomplexes, der eine enorme Menge von
Atomwaffen oder spaltbarem Material auf den internationalen Schwarzmarkt schwemmen würde, noch nicht
stattgefunden. Bedauerlicherweise gibt es eine Reihe
von Gründen für die Annahme, daß das atomare Leck
in Rußland weiterbestehen wird und leicht größer
werden kann: Die Ordnung der russischen Gesellschaft ist infolge sozialer und wirtschaftlicher Härten,
politischem Opportunismus und einer überhand
nehmenden Kriminalisierung empfindlich gestört. Der
weit verstreute russische Nuklearkomplex scheint sich
im endgültigen Stadium des wirtschaftlichen Niedergangs zu befinden. Das während der Sowjetära
entwickelte repressive innenpolitische Sicherheitssystem ist mehr oder weniger zusammengebrochen,
und die Integrität des noch vorhandenen ist fraglich.
Rußland hat kein nationales oder für die jeweiligen
Anlagen bestimmtes Inventursystem für den Bestand
an spaltbarem Material. Rußlands Nukleareinrichtungen verfügen über unzulängliche Sicherheitsvorkehrungen gegen Diebstahl - insbesondere Bedrohungen
von innen - und der Prozeß der Zerlegung der überschüssigen Gefechtsköpfe Rußlands übersteigt die
russischen Kapazitäten zur Lagerung der verbleibenden überschüssigen Waffenkomponenten. Angesichts
dieser Situation ist eine Ausweitung des nuklearen
Lecks wahrscheinlich, ernsthafte Vorfälle mit ausreichenden Mengen von spaltbarem Material sind eine
echte Möglichkeit, und das Risiko eines katastrophalen
Zusammenbruchs des russischen Überwachungssystems ist nach wie vor beunruhigend hoch.
Das nukleare Leck:
Die größte Bedrohung der nationalen Sicherheitsinteressen der USA
Das nukleare Leck ist heute und in absehbarer Zukunft
die ernsthafteste direkte Bedrohung elementarer
amerikanischer Interessen. Die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion entstandene neue Bedrohung hat das Problem der Weiterverbreitung für die
Vereinigten Staaten (und andere ernsthaft mit Weiterverbreitung befaßte Länder) verändert. Um diese
Bedrohung richtig einschätzen zu können, müssen vier
vorherrschende Mythen über Nuklearwaffen und
spaltbares Material über Bord geworfen werden:
Erstens, daß der Bau einer Atomwaffe schwierig ist.
Zweitens, daß spaltbares Material zu gefährlich oder
zu schwer zu schmuggeln ist. Drittens, daß eine
Atomwaffe in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln
eine Herausforderung ist und viertens, daß es keine
Nachfrage nach illegal beschafften Nuklearwaffen oder
spaltbarem Material gibt. Alle vier Annahmen sind
völlig falsch und zutiefst schädigend in dem Maße, in
dem sie die nationale Sicherheitspolitik eines Staates
leiten.

Seite 2

Die Verfügbarkeit von spaltbarem Material erleichtert die Herstellung von Atomwaffen
Die Verhinderung des Zugangs zu spaltbarem Material
ist das einzig verläßliche Mittel zur Verhinderung des
Zugangs zu Atomwaffen. Die Konstrukteure amerikanischer Waffen haben diese Binsenwahrheit seit
Anfang der siebziger Jahre wiederholt, als John
Foster, ein ehemaliger Direktor des Lawrence Livermore Nuklearwaffenlabors erklärte: "Das einzig
Schwierige bei der Herstellung einer Atombombe ist
die Bereitstellung von spaltbarem Material mit ausreichender Reinheit. Die Konstruktion der Bombe
selbst ist relativ leicht." Amerikanische Waffenkonstrukteure sind sich einig, daß die meisten Staaten und
viele Terrorgruppen eine einfache Nuklearwaffe bauen
könnten, wenn ihnen die ausreichende Menge von
spaltbarem Material zur Verfügung gestellt wird. Der
Zerfall der Sowjetunion und der darauf folgende
Zusammenbruch des Überwachungssystems für das
sowjetische nukleare Erbe hat einen schwachen Punkt
für den Transport von spaltbarem Material geschaffen,
da Staaten und wahrscheinlich sogar in Staaten
agierende Gruppen jetzt das kaufen oder stehlen
können, was sie vorher selbst herstellen mußten.
Der Transport ist leicht
Viele scheinen sich mit der Annahme zu beschwichtigen, daß die zur Herstellung von Waffen erforderliche
Menge spaltbaren Materials zu groß ist, um leicht
transportiert werden zu können, oder daß Nuklearschmuggler von den gesundheitlichen Gefahren
abgeschreckt würden, die mit der Handhabung
spaltbaren Materials einhergehen. Beide Ansichten
sind falsch. Die einfachste Bombenkonstruktion - wie
die über Hiroshima abgeworfene - erfordert wenig
mehr als 45 kg HEU. Eine etwas weiter entwickelte,
aber immer noch einfache Implosionswaffe kann mit
weniger als 9 kg Plutonium oder rund 18 kg HEU
gebaut werden. Solche Gewichte könnten physisch
von einer Person getragen werden und haben aufgrund der Dichte von spaltbarem Material einen sehr
geringen Umfang.
Im Gegensatz zur gängigen
Überzeugung kann waffenfähiges Material darüber
hinaus sicher gehandhabt werden: Plutonium ist
radioaktiv und emittiert Alphapartikel, aber diese
Partikel können die Haut nicht durchdringen. HEU ist
praktisch gar nicht radioaktiv.
Schmuggel in die Vereinigten Staaten ist leicht
Als die offenste Gesellschaft der Welt hat Amerika
außerordentlich durchlässige Grenzen. Die Menge an
Menschen und Gütern, die durch die legalen Einreiseorte in die Vereinigten Staaten kommt, ist enorm
und wird im großen und ganzen nicht kontrolliert.
Ferner müssen diejenigen, die Atomwaffen oder das
Material zu ihrer Herstellung in die Vereinigten Staaten
zu schmuggeln versuchen, nicht die legalen Ein-

AMERIKA DIENST 06

�reiseorte wählen. Das Aufspüren von Atomwaffen
oder spaltbarem Material durch Strafverfolgungsbeamte ist nicht leicht. Zum Aufspüren von Nuklearmaterial entworfene Technologien haben nur eine
äußerst geringe Reichweite und werden derzeit nur in
sicheren Lagereinrichtungen von wenigen speziellen
Suchteams verwendet. Und schließlich sind die
Möglichkeiten, solches Material in die Vereinigten
Staaten zu bringen, praktisch unbegrenzt. In Ermangelung der von den nuklearen Supermächten
bevorzugten interkontinentalen Trägersysteme würde
ein Terrorist oder verbrecherischer Staat mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf unkonventionelle Abschußvorrichtungen wie ein Schiff in
einem Hafen, eine Autobombe oder ein Flugzeug
zurückgreifen. Da sie keinen Absender hinterlassen,
sind unkonventionelle Angriffe schwer abzuschrecken
oder zu vergelten.

dieser Angelegenheit auf dem Spiel stehen. Während
der ersten drei Jahre nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion wurden praktisch keinerlei Fortschritte zur
Reduzierung der Wahrscheinlichkeit erzielt, daß eine
Atomwaffe oder eine Menge spaltbaren Materials aus
Rußland herausgeschmuggelt würde. Im Jahr 1995
wurden nach der sowjetischen Ära einige hoffnungsvolle Schritte in wenigen Bereichen des nuklearen
Archipels unternommen. Dennoch waren die meisten
der relevanten Einrichtungen Ende 1995 nicht sicherer
als beim Zerfall der Sowjetunion. Und obwohl jetzt
mehrere wichtige Einzelerfolge der amerikanischen
Politik ausgemacht werden können, ist nicht genug
getan worden, um die generelle Anfälligkeit des
nuklearen Überwachungssystems Rußlands zu
beheben.
Viele amerikanische Programme, aber zu langsame
Fortschritte

Die Nachfrage besteht
Niemand kann bezweifeln, daß eine Nachfrage für
Nuklearwaffen besteht: Sie wurde von über einem
Dutzend Staaten demonstriert, angefangen mit den
Kombattanten im Zweiten Weltkrieg. Die Frage, die
einige jedoch stellen, lautet, ob es eine Nachfrage für
gestohlendes oder illegal beschafftes spaltbares
Material oder Atomwaffen gibt. Bisher gibt es wenig
konkrete Beweise für die Existenz dieser besonderen
Form von Nachfrage nach Nuklearwaffen. Der Mangel
an Beweisen hat wahrscheinlich mit der Tatsache zu
tun, daß die illegale Beschaffung erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine mögliche Verbreitungsoption war. Da es Staaten gibt, die für die
Beschaffung von Nuklearwaffen jahrelange Anstrengungen und Milliarden von Dollar zu investieren
bereit sind, ist es nicht plausibel, daß sie den Diebstahl
oder Kauf von spaltbarem Material oder sogar der
Waffen selbst ablehnen würden, wenn sich eine
Chance böte. Und obwohl es keine konkreten Beweise für die Nachfrage nach Nuklearwaffen unter
Terroristen oder anderen innerhalb von Staaten
agierenden Gruppen gibt, ist diese Tatsache kein
Grund zur Beruhigung: Spaltbares Material befand sich
noch bis vor einigen Jahren außerhalb der Reichweite
von Terroristen, das trifft jedoch nicht länger zu. Selbst
angesichts der größeren Verfügbarkeit von Nuklearwaffen durch das nukleare Leck bestätigen einige
Beobachter, daß Terroristen einfach uninteressiert an
der Beschaffung oder dem Einsatz von Nuklearwaffen
sind. Eine ähnliche Einstellung hatte man gegenüber
Terroristen und chemischen Waffen, bis Sarin in der
Tokioter U-Bahn ausströmte.
Die amerikanische Reaktion auf die Bedrohung des
nuklearen Lecks: Unzureichend
Die amerikanische Reaktion auf diese neue Bedrohung des nuklearen Lecks steht in keinem Verhältnis zu den Interessen der Vereinigten Staaten, die bei

AMERIKA DIENST 06

Im Rahmen der derzeitigen politischen Zwänge hat die
Clinton-Administration ein breites Spektrum innovativer
Programme eingeführt, mit denen die vielen unterschiedlichen nuklearen Probleme in der ehemaligen
Sowjetunion bewältigt werden sollen. Diese Programme fallen in drei grundlegende Kategorien: Programme, mit denen die Sicherheit von Nuklearwaffen und
-material in der früheren Sowjetunion direkt verbessert
werden soll; Programme, die eine permanente Verlegung von spaltbarem Material anstreben und Programme, die "Vertrauen durch Offenheit" aufbauen wollen,
indem sie die Transparenz der russischen und amerikanischen nuklearen Rüstungsindustrie verbessern.
Im Hinblick auf die Verbesserung der Sicherheit von
Nuklearmaterial hat es einige wichtige Errungenschaften gegeben, aber im allgemeinen erfolgten die
amerikanischen Bestrebungen in diesem Bereich
langsam und in kleinem Rahmen und haben wenig
Chancen, eine kurzfristige Reduzierung der gravierenden Bedrohung durch das nukleare Leck
herbeizuführen. Auch die Verhandlungen über eine
langfristige Verlegung von spaltbarem Material und
Transparenz sind extrem langsam vorangekommen.
Obwohl einige bescheidene Erfolge bei der Frage der
langfristigen Verlegung zu verzeichnen waren, wurden
die Verhandlungen über Transparenz im großen und
ganzen durch die russische Kompromißlosigkeit
vereitelt.
Warum die Fortschritte langsam waren
Die amerikanischen Bestrebungen zur Reduzierung
der Bedrohung des nuklearen Lecks wurden durch die
mangelnde
Kooperationsbereitschaft
Rußlands,
finanzielle Engpässe, politische Gegebenheiten und
vom Kongreß auferlegte rechtliche Einschränkungen,
die unterschiedlichen Prioritäten der Clinton-Administration selbst sowie die kärglichen Beiträge der
amerikanischen Verbündeten behindert. Die grundlegende Schwäche der Reaktion der Clinton-Administra-

Seite 3

�tion auf die Bedrohung des nuklearen Lecks war das
Fehlen konzertierter Bestrebungen auf hoher Ebene
zur Überwindung dieser Hindernisse, insbesondere
unter Einbeziehung der Zusammenarbeit mit der
russischen Regierung und der Überzeugungsarbeit im
Kongreß, der amerikanischen Öffentlichkeit und den
anderen modernen Industrienationen, daß eine
ehrgeizigere und besser finanzierte Kampagne gegen
die Bedrohung des nuklearen Lecks notwendig ist.
Empfehlungen
Zur Bekämpfung der Bedrohung durch das nukleare
Leck müssen die politisch Verantwortlichen Rußlands,
der Vereinigten Staaten und der anderen führenden
Industrienationen einen Weg zur Überwindung der
Hindernisse für schnellere Fortschritte finden, mit
denen sie sich in den vergangenen vier Jahren
konfrontiert sahen. Der Präsident und seine hochrangigen Mitarbeiter sollten auf breitester Ebene mehr Zeit
und Energie auf die Schaffung des politischen Spielraums verwenden, den die Administration benötigt,
wenn sie beim Schutz der Vereinigten Staaten gegen
künftige nukleare Bedrohungen Erfolg haben will. Da
die bereits erwähnten politischen Zwänge hauptsächlich von Moskau und dem Capitol Hill ausgehen, sollte
die Clinton-Administration ihre Bestrebungen darauf
konzentrieren. Die Vereinigten Staaten sollten sich
auch intensiver auf die Sicherstellung der Zusammenarbeit mit ihren Freunden und Verbündeten sowie
deren Unterstützung konzentrieren. In der Annahme,
daß solche Bestrebungen den zur Bekämpfung des
nuklearen Lecks erforderlichen politischen Spielraum
vergrößern, sollten die Vereinigten Staaten Programme einführen, die zu folgenden drei Zielsetzungen
beitragen können:

Sicherheitsanalyse aller amerikanischen und russischen Nukleareinrichtungen vorschlagen.
Aufbau konstruktiver Beziehungen zur russischen
Regierung, insbesondere Minatom
Rasche Fortschritte bei wichtigen Programmen zur
Verringerung der Bedrohung eines nuklearen Lecks
sind nur im Kontext starker, kooperativer Beziehungen
zur russischen Regierung und vor allem dem Überwachungssystem der weit verstreuten nuklearen Arsenale
möglich. Aus diesem Grund sollte die US-Regierung
größere Betonung auf die Definition und Förderung
nuklearer Sicherheitsprogramme legen, die den
institutionellen Interessen führender russischer
Vertreter und den amerikanischen nationalen Sicherheitsinteressen gleichermaßen dienen. Daher
sollten die Vereinigten Staaten
1.

den amerikanischen Plan zum Kauf von
russischem HEU in einer Weise umändern,
die Minatom bessere wirtschaftliche Anreize
zur Zusammenarbeit mit den Vereinigten
Staaten bietet,

2.

gemeinsame nukleare Technologieprojekte
zwischen Minatom und westlichen Firmen
finanzieren,

3.

die gemeinsame Beseitigung der Altlasten bei
wichtigen Nuklearwaffeneinrichtungen
in
beiden Ländern finanzieren,

4.

das Programm für Industriepartnerschaften
(Industrial Partnering Program - IPP) erweitern
- das erfolgreichste amerikanische Programm,
das die Konversion der russischen Atomwaffenindustrie für nichtmilitärische kommerzielle
Zwecke zum Ziel hat,

5.

den beiden russischen Städten, in denen noch
waffenfähiges Plutonium hergestellt wird,
kurzfristig eine alternative Energiequelle zur
Verfügung stellen, so daß die russische
Regierung ihre drei verbliebenen Plutonium
produzierenden Reaktoren stillegen kann.

Förderung von Programmen, die nukleare Sicherheit direkt verbessern
Die oberste Priorität der amerikanischen Nichtverbreitungspolitik muß in der Überzeugung Rußlands
bestehen, unverzüglich konkrete Schritte zur Verringerung der Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Lecks in
absehbarer Zukunft zu unternehmen. Um das vordringliche Ziel der größtmöglichen Reduzierung der
Bedrohung des nuklearen Lecks in möglichst kurzer
Zeit zu erreichen, gibt es mindestens vier Programme,
die von den Vereinigten Staaten eingeführt oder mit
größerer Dringlichkeit verfolgt werden sollten. Erstens
sollten sie den Kauf von russischem HEU durch die
Vereinigten Staaten ausweiten und beschleunigen.
Zweitens sollte die amerikanische Regierung den Kauf
von Rußlands überschüssigem waffenfähigen Plutonium anbieten. Drittens sollten die Vereinigten Staaten
alles in ihrer Macht Stehende tun, um Sicherheitsverbesserungen in allen Nukleareinrichtungen der
ehemaligen Sowjetunion einzuführen oder zu beschleunigen. Und schließlich sollte die US-Regierung
Moskau eine gemeinsame Bestandsaufnahme und

Seite 4

Erarbeitung und Umsetzung eines langfristigen
Plans zur Verwaltung von spaltbarem Material
Schließlich sollten die Vereinigten Staaten in Zusammenarbeit mit Rußland und den anderen wichtigen
Atomwaffenstaaten einen langfristigen Plan zur
Handhabung des weltweiten Überschusses an
spaltbarem Material erarbeiten und die zur Umsetzung
dieses Plans erforderlichen Ressourcen bereitstellen.
Die langfristige Verwaltung von spaltbarem Material ist
eine Aufgabe globalen Ausmaßes, die auf der Grundlage von enger internationaler Zusammenarbeit und
Konsultationen durchgeführt werden könnte. Ange-

AMERIKA DIENST 06

�sichts ihres einzigartigen Status als nukleare Supermächte müssen die Vereinigten Staaten und Rußland
die Führungsrolle auf diesem Gebiet übernehmen. In
Anbetracht der Dringlichkeit der Bedrohung eines
nuklearen Lecks sollte eine langfristige Strategie zur
Handhabung von überschüssigem spaltbaren Material
zur Verstärkung der kurzfristigen Bestrebungen
entwickelt werden, ein nukleares Leck in der ehemaligen Sowjetunion zu verhindern. In diesem Zusammenhang sollten die Vereinigten Staaten
1.

ein Schritt für Schritt einzuführendes internationales Überwachungsregime für spaltbares
Material erarbeiten und einführen, das auf
bilateraler Basis mit Rußland beginnt und
allmählich multilaterale Kriterien annimmt,

2.

eine internationale Plutoniumbank oder ein
"Depot" als Interimlösung für die Verlegung
von Plutonium einrichten und

3.

die Führungsrolle bei konzertierten Bestrebungen der führenden Strafverfolgungsbehörden
und Nachrichtendienste der Welt übernehmen, um die zur effektiven und systematischen Bekämpfung von illegalem Handel mit
Nuklearmaterial erforderlichen Fähigkeiten
und Verfahren zu entwickeln sowie das Gerät
bereitzustellen - Bestrebungen, die kurz als
die Einrichtung einer "nuklearen Interpol"
bezeichnet werden.

* * *

AMERIKA DIENST 06

Seite 5

�WIRTSCHAFT
20. März 1996

Privatsektor muß bei Umschulung
von Arbeitslosen behilflich sein
von Robert Reich

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Arbeitsministers Robert Reich, der
erstmals am 6. März 1996 in der Financial Times erschien.

Pat Buchanan könnte im Endspurt um die Präsidentschaft im November von der politischen Bühne
verschwinden. Aber sein Wahlkampf wird angeheizt
vom Ärger über den sinkenden Lebensstandard vieler
Amerikaner, der sich wahrscheinlich nicht so schnell
verbessert.
Seit Ende der siebziger Jahre hat sich das Gehaltsgefälle vergrößert und die Reallöhne sind gesunken.
Obwohl die Clinton-Administration den Zuwachs an
Arbeitsplätzen wiederhergestellt sowie das Defizit
abgebaut hat und die Durchschnittslöhne nicht weiter
fallen, bleibt die langfristige Herausforderung der
Wiederherstellung des Lohnwachstums bestehen.
Aber während Buchanan das richtige Thema anspricht,
sind seine Lösungen unverantwortlich und gefährlich.
Der Fehler liegt nicht bei den Einwanderern, der
Welthandelsorganisation, dem Nordamerikanischen
Freihandelsabkommen, von Sozialhilfe abhängigen
Müttern,
Gleichstellungsmaßnahmen,
korrupten
Unternehmen oder habgierigen Geschäftsführern. Er
liegt in den beiden riesigen Veränderungen der
Organisation der Wirtschaft.
Die erste Veränderung ist der enorme Druck, unter den
das alte Massenproduktionssystem, das gute Arbeitsplätze für die Mittelschicht bereitstellte, durch neue
Informationstechnologien sowie globalen Handel und
Investitionen geriet. Dies verursachte solche Verwerfungen in der Wirtschaft, daß sich Millionen von
Amerikanern auf der falschen Seite einer großen Kluft
wiederfanden.

AMERIKA DIENST 06

Im Gegensatz zur Meinung einiger Neo-Ludditen gibt
es im Ergebnis nicht weniger Arbeitsplätze. Es gibt
sehr viele neue Arbeitsplätze, aber die guten liegen auf
der anderen Seite der Kluft. Sie erfordern technisches
oder problemlösendes Geschick und die Fähigkeit,
ständig neue Qualifikationen zu erwerben. Maschinisten werden durch Operator von computergestützten
Werkzeugmaschinen ersetzt, Automechaniker von
Automobiltechnikern, die die elektronischen Spielereien der Autos von heute reparieren können, Büroangestellte durch Bürotechniker, die im Umgang mit
Computern für die Speicherung und Aktualisierung von
Daten geschult sind.
In jeder modernen Volkswirtschaft verlagert sich die
Nachfrage schnell zugunsten derjenigen mit solchen
Qualifikationen und zum Nachteil derjenigen ohne sie.
Die Einkommen der ersteren steigen, die der letzteren
fallen (oder - wie in einem Großteil Westeuropas - sie
sind arbeitslos).
Diejenigen, die in der alten Volkswirtschaft verhaftet
bleiben, wissen entweder nicht, welche Qualifikationen
erforderlich sind, können die Kosten für Weiterbildung
nicht aufbringen, fühlen sich zu alt, um zu lernen oder
haben nicht die Kraft, dorthin umzuziehen, wo gute
Arbeitsplätze zu finden sind. Infolgedessen erzielen
die meisten Amerikaner, die ihren Arbeitsplatz verlieren und einen neuen finden, nie wieder ihr vorheriges
Einkommen.
Die zweite große Veränderung ist, daß sich der
inhärente Sozialvertrag aufgelöst hat, der die Unternehmen mit ihren Arbeitnehmern verband. Vor dreißig
Jahren konnte eine Firma, die gesunde Profite erwirt-

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�schattete, ihren Angestellten sichere Arbeitsplätze mit
steigenden Gehältern und Sozialleistungen anbieten und die Gemeinden konnten mit kontinuierlichen
Steuereinnahmen rechnen.
Wenn die Konjunktur abflaute, konnten die Beschäftigten vorübergehend entlassen werden. Aber wenn sich
die Wirtschaft belebte, gab es wieder Arbeit. Der
Begriff "vorübergehende Entlassung" legte an sich
schon eine temporäre Trennung nahe. Die Gewerkschaften spielten eine wichtige Rolle bei der Bewahrung dieses Sozialvertrags, aber er wurde vornehmlich
durch die Erwartungen der Öffentlichkeit umgesetzt eine unausgesprochene aber weithin akzeptierte
Norm, daß es den Beschäftigten und Gemeinden
ebenfalls gut ging, wenn es einem Unternehmen gut
ging. Es erschien ungebührlich, daß eine Firma die
Früchte ihres Erfolges nicht teilen würde.
Diese Zeiten sind vergangen aufgrund des sich
intensivierenden Wettbewerbs um Investitionen.
Deregulierung hat Flug- und Telefongesellschaften,
Versorgungsunternehmen, Verteilernetze und Finanzmärkte gezwungen, die Bilanz im Auge zu behalten.
Die Informationstechnologie hat die Zeiten für Transaktionen zwischen Lieferanten und Kunden verringert.
Leichter Zugang zu den Kapitalmärkten hat mittelständischen Unternehmen die Eroberung von Marktanteilen der Großunternehmen gestattet.
Hinzu kommt die Bequemlichkeit, mit der riesige
Kapitalmengen jetzt mit einem Tastendruck auf dem
Personalcomputer bewegt werden können, und das
Ergebnis ist "elektronischer Kapitalismus" - ein weltweites System, um unverzüglich Finanzwerte dorthin
zu verlagern, wo sie die höchsten Erträge erwirtschaften.
Für immer verschwunden ist das Investitionssystem
gentlemanlike, das einst Geschäftsführern das Abwägen der Interessen von Aktionären gegen die der
Beschäftigten und Gemeinden gestattete. Heute
riskieren Geschäftsführer Ärger, wenn sie ihre Beschäftigten und Gemeinden nicht im Stich lassen,
sollte die Bilanz es erfordern - während diejenigen, die
es tun, Vergünstigungen und Börsenoptionen in
Millionenhöhe kassieren. Sogar der Ausdruck "vorübergehende Entlassung" hat nicht mehr die gleiche
Bedeutung wie früher.
Die meisten vorübergehenden Entlassungen sind
inzwischen von Dauer. Man braucht ein neues Wort
zur Beschreibung dieses Phänomens - vielleicht
"ausrangiert" anstatt "vorübergehend entlassen".
Diese Veränderung des impliziten Sozialvertrags
erschwert den Umgang mit dem stärker auf Konkurrenz ausgerichteten wirtschaftlichen Umfeld. Die
ausschließliche Konzentration moderner Unternehmen
auf die Maximierung von Aktionärsdividenden verrin-

Seite 2

gert ihre Fähigkeit, der Erwerbsbevölkerung den
Übergang zu der neuen Wirtschaft zu erleichtern.
Einer Nation geht es insgesamt besser, wenn die
Arbeitgeber den Arbeitnehmern grundlegende oder
branchenspezifische Fähigkeiten vermitteln, die über
das für ihre derzeitige Arbeit Erforderliche hinausgehen. Volkswirtschaften als Ganzes sind flexibler und
produktiver, wenn die Arbeitgeber dafür sorgen, daß
nicht länger benötigte Arbeitskräfte für einen neuen
Arbeitsplatz ausgebildet werden und diesen erhalten.
Da jedoch die Aktionäre nicht in den vollen Genuß der
Früchte solcher Investitionen kommen, ist selbst der
fortschrittlichste Manager nur wenig geneigt, sie in dem
Ausmaß zu tätigen, das die Gesellschaft benötigt.
Was für ein einzelnes Unternehmen rational erscheinen mag, ist für die Gesellschaft irrational.
Nahezu drei Viertel des nationalen Outputs resultiert
von der menschlichen Arbeitskraft und nur ein Viertel
von Maschinen. Die Qualität des Arbeitskräftepotentials einer Nation ist der Motor für Wirtschaftswachstum; das physische Kapital ist das Fahrzeug.
Wenn einem großen Teil der Arbeitnehmerschaft die in
der neuen Wirtschaft benötigten Kenntnisse fehlen, ist
der Lebensstandard jedes einzelnen in Gefahr. Eine
Zunahme von Ungleichheit und Unsicherheit trägt auch
zu Kriminalität und einer Gefährdung der öffentlichen
Gesundheit bei.
Kann die Regierung die Lücke füllen? Nur teilweise.
Die Regierung kann zwar den Menschen bei der
Suche nach einem Arbeitsplatz helfen und ihnen im
Falle der Arbeitslosigkeit Unterstützung gewähren,
aber der massive Anstieg der öffentlichen Verschuldung in den letzten 15 Jahren erfordert Sparmaßnahmen. Wie Präsident Clinton bereits in seinem
Bericht zur Lage der Nation erklärte: "Das Zeitalter des
'Big Government' ist vorbei."
Natürlich kann die Regierung die ihr zur Verfügung
stehenden Mittel wirksamer einsetzen. Beispielsweise
hat die Administration Schritte unternommen, um die
Arbeitslosenversicherung, die während vorübergehender Entlassungen Einkommenshilfen gewährt, in ein
Wiederbeschäftigungssystem umzuwandeln, das den
Menschen schnell zu einem neuen Arbeitsplatz
verhelfen soll.
Der Präsident möchte die bundesstaatlichen Berufsausbildungsprogramme in Voucher umwandeln, die
arbeitslose oder schlecht bezahlte Arbeitnehmer in
Gemeindecolleges oder an technischen Schulen zum
Erwerb von Qualifikationen einlösen können. Ferner
schlug er beträchtliche Steuerfreibeträge vor, um
Familien für die Kosten eines Hochschulstudiums oder
einer Berufsausbildung zu entschädigen.

AMERIKA DIENST 06

�Aber der öffentliche Sektor kann diese Arbeit nicht
alleine leisten. Der Privatsektor muß mehr Verantwortung übernehmen, um den Amerikanern bei der
Überwindung der großen Kluft zwischen der alten und
der neuen Wirtschaft zu helfen.
Die Unternehmen benötigen Anreize für Projekte, die
nicht unbedingt die Dividenden der Aktionäre erhöhen,
aber der Gesellschaft als Ganzes zugute kommen.
Eine Möglichkeit (und dies ist weit von einem formalen
Gesetzesvorschlag entfernt) besteht in der Senkung
oder Abschaffung der Körperschaftssteuer für Unternehmen, die bestimmte Mindestanforderungen erfüllen
- beispielsweise die allgemeinen Kenntnisse von
Arbeitnehmern erhöhen, ihnen einen größeren Anteil
an den Gewinnen zukommen lassen und ihnen im
Falle einer Entlassung Umschulung sowie einen neuen
Arbeitsplatz anbieten.
Das ist eine bescheidene Maßnahme. Gemeinnützige
Unternehmen sind bereits von der Einkommensteuer
ausgenommen, und auch Handelsgesellschaften und
Einzelunternehmen erhalten Steuervergünstigungen.
Diese Unterschiede spiegeln Einschätzungen der
sozialen Vorteile und Pflichten wider, die von diesen
unterschiedlichen Organisationsformen herrühren.
Dieselbe Logik kann auf die Wirtschaft angewendet
werden: Die Verbesserung der Qualifikation und
Flexibilität der Arbeitskräfte hat soziale Vorteile, ihr
Fehlen verursacht der Gesellschaft Kosten. Bestimmte
Unternehmen sind zur Maximierung dieser Vorteile
und Minimierung dieser Kosten in der Lage - eher als
andere und zweifellos eher als die Regierung. Die
Gesellschaft sollte diese Unternehmen hierzu ermutigen und sie entsprechend belohnen.
Wer am Altar der freien Marktwirtschaft betet, braucht
nicht die Gotteslästerung zu fürchten. Unternehmen

*

AMERIKA DIENST 06

werden nicht aufgefordert, Arbeitnehmer zu behalten,
die insgesamt keinen Beitrag leisten oder in bestimmten Gemeinden zu bleiben, wenn es bessere Produktionsstandorte gibt. Es wäre ein einfaches Quidproquo; geringere oder gar keine Körperschaftssteuer
bei der Übernahme von mehr Verantwortung für die
sozialen Kosten und Vorteile des wirtschaftlichen
Wandels.
Wo können die verlorenen Einkünfte wiedergewonnen
werden? Eine mögliche Quelle wäre die Beendigung
der Vielzahl von Sondersubventionen und Steuerlükken für bestimmte Unternehmen, die der Öffentlichkeit
keine nennenswerten Vorteile bringen. Derartige
Unterstützung von Unternehmen beläuft sich Schätzungen der Denkfabriken des politischen Spektrums
zufolge in den Vereinigten Staaten jährlich auf über
100 Milliarden Dollar.
Manche werden andere Ideen dazu haben, wie
Unternehmen am besten auf die wachsende Ungleichheit und Unsicherheit reagieren, mit denen in der
alten Wirtschaft verhaftete Arbeitnehmer konfrontiert
sind. Aber die Diskussion über die angemessene
Rolle eines Unternehmens in diesem einzigartigen
Moment der Geschichte ist nicht weniger wichtig als
die derzeitige Diskussion über die Rolle der Regierung.
Wenn so viele trotz Rekordgewinnen und steigenden
Aktienkursen scheitern, gefährdet die mangelnde
Reaktionsfähigkeit des Privatsektors Wohlstand und
Stabilität. Wenn sich zu viele Menschen von den
Profiten des Wirtschaftswachstums ausgeschlossen
und von seinen Risiken und Kosten unverhältnismäßig
überlastet fühlen, werden sie letzten Endes eine Politik
unterstützen, die Wachstum der wirtschaftlichen
Sicherheit opfert - beispielsweise Protektionismus,
Kapitalkontrollen und unflexible Beschäftigungsvorschriften.

* * * *

Seite 3

�WAHRUNG

20. März 1996

Die neuen 100-Dollar-Noten
Versand an örtliche Banken

WASHINGTON - (AD) - US-Finanzminister Rubin und
der Vorsitzende der Federal Reserve - des
amerikanischen Zentralbankrates - haben heute
bekanntgegeben, daß die neugestalteten 100-DollarNoten ab dem 25. März 1996 vom Bundeszentralbanksystem an Banken für öffentliche Gelder
ausgegeben werden.
An diesem Tag werden die 37 Büros und
Niederlassungen des Federal Reserve System weltweit
damit beginnen, die 1996er-Serie der 100-Dollar-Noten
an Banken für öffentliche Gelder in verschiedenen
Gegenden des Landes zu verschicken. Zusätzlich wird
die Zentralbank Banknoten an US-Banken senden, die
im Auftrag von ausländischen Banken für öffentliche
Gelder neue Banknoten bestellt haben.
Nach dem ersten Versand wird die Zentralbank
Bestellungen von 100-Dollar-Noten nur noch mit den
neuen Scheinen nachkommen und die von den Banken
bei der Zentralbank deponierten Gelder durch die neue
Serie der 100-Dollar-Noten ersetzen. Diese neuen
Banknoten werden bei einigen Banken für öffentliche
Gelder am 26. März erscheinen und für die meisten
Kunden ab Ende März oder Anfang April erhältlich sein.
Demzufolge werden die neuen 100-Dollar-Scheine
nicht sofort allen Banken für öffentliche Gelder und
deren Kunden zur Verfügung stehen.
Die alten Banknoten werden nicht aus dem Verkehr
gezogen oder entwertet. Die Banknoten der alten
Serie werden zusammen mit den neuen Geldscheinen
im Umlauf sein und immer gültiges Zahlungsmittel
bleiben.
"Banken für öffentliche Gelder haben uns geholfen,
eine Strategie zu entwickeln, um eine geordnete
Einführung der neuen Banknoten zu gewährleisten",
sagte der Vorsitzende Greenspan. "Wir haben hart
gearbeitet, Bargeldinstitutionen sowohl im Inland als
auch im Ausland über die neuen Eigenschaften der

AMERIKA DIENST 06

Banknoten und den Einführungsprozeß zu informieren,
und ich erwarte einen reibungslosen Ablauf."
Die neuen Banknoten haben einige Verbesserungen,
die den USA helfen, die Sicherheit der Währung gegen
Fälschung zu gewährleisten. Die 100-Dollar-Note ist
die erste Banknote, die neu gestaltet wurde. Die
kleineren Banknoten werden in Abständen von etwa
einem Jahr folgen.
"Diese Änderung wird gewährleisten, daß die USWährung die sicherste und geachtetste der Welt bleibt",
erklärte Rubin. "Die US-Regierung hat sich der
Erhaltung der Integrität und Sicherheit ihrer Währung
verschrieben. Die von uns entwickelten Eigenschaften
sorgen dafür, daß unsere Banknoten einen Vorsprung
vor den neuen und bestehenden Vervielfältigungstechnologien und deren Möglichkeiten zur Falschgeldherstellung behalten."
Die neugestaltete Währung ist fälschungssicherer bei
gleichzeitiger Bewahrung des traditionellen "amerikanischen" Aussehens.
Größe, Farbe, Papier sowie
historische Porträts und Darstellungen werden bei den
Banknoten der neuen Serie beibehalten.
Die offensichtlichste Änderung ist ein vergrößertes
Porträt von Benjamin Franklin, welches leicht aus der
Mitte verschoben ist. Die Banknote hat außerdem
folgende Kennzeichen:
Ein Wasserzeichen rechts des historischen
Porträts, das dieselbe Figur wie das Porträt
darstellt. Das Wasserzeichen ist nur sichtbar,
wenn die Banknote gegen das Licht gehalten
wird.
Einen Sicherheitsfaden, der unter ultraviolettem Licht rot leuchtet. Der Faden befindet
sich bei jedem Nennwert an einer anderen
Stelle.

Seite 1

�Changierende Druckfarbe. Die Notenwertzahl
in der unteren rechten Ecke auf der Vorderseite der Banknote wechselt bei seitlicher
Betrachtung von grün zu schwarz.

Richard Schmierer, Presseattache,
Amerikanische Botschaft Bonn
Tel.
0228-339 2131
FAX: 0228-333 318

Mikrodruck in den Zahlen in der unteren linken
Ecke der Banknote sowie auf dem Porträt von
Benjamin Franklin.

Walter Theurer, Pressesprecher,
Außenstelle
der Amerikanischen Botschaft Berlin

Konzentrische feine Linien im Hintergrund des
Porträts und auf der Rückseite der Banknote.
Diese Art des Drucks ist ebenfalls schwierig zu
kopieren.
Andere Kennzeichen zur Erkennung und Verarbeitung der Währung mit Hilfe von Maschinen.
Während die 100-Dollar-Note alle diese Kennzeichen
hat, können die kleineren Banknoten mit weniger
Kennzeichen ausgestattet sein.
Zusätzliche Informationen und Veröffentlichungen sind
von folgenden Stellen erhältlich:
Interaktives Faxsystem des US-Finanzministeriums unter 001 202 622-2040 (fragen
Sie nach Dokument #591 als kompletten Index
des erhältlichen Materials).
Fernsehstationen können durch einen Anruf
beim Bureau of Engarving and Printing unter
001 202 874-3019 eine Kopie des Originals
erhalten.
Internet-Adresse des US-Finanzministeriums:
http:/www.ustreas.gov/.

Weitere Informationen erhalten Sie bei:

Tel.

030-238 5174

FAX:

030-238 6214

Craig Springer, Direktor
Amerika Haus Frankfurt
Tel.
069 - 971 448 0
FAX: 069 - 720 205
Lee James Irwin, Direktor
Amerika Haus Hamburg
Tel.
040-450 104 0
FAX: 040 - 444 705
Sandra Kaiser, Direktorin
Amerika Haus Köln
Tel.
0221-209 010
FAX: 0221 - 255 543
Greg Lynch, Direktor
Amerika Haus Leipzig
Tel.
0341-213 8420
FAX: 0341-213 8432
William Graves, Direktor
Amerika Haus München
Tel.
089 - 552 537 0
FAX: 089 - 553 578
Richard Gilbert, Vanessa Anderson,
Mike Johnson
Global Information Center, London
Tel. 0044 171 831 6262

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 06

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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verpflichtet sich dem Streben nach Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache des Präsidenten beim Anti-Terror-Gipfel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue sicherheitspolitische Herausforderungen in der Welt nach dem Kalten Krieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Anthony Lake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Demokratie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unterstützung für Demokratie und die nationalen Interessen der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ledogar: Abschluss des CTBT in diesem Jahr möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede beim UN-Seminar in Genf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verhinderung der nuklearen Anarchie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus Harvard-Studie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Privatsektor muss bei Umschulung von Arbeitslosen behilflich sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Reich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Währung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neuen 100-Dollar-Noten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Versand an örtliche Banken&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
6. März 1996

05

BOSNIEN

ERGEBNISSE DES NATO-TREFFENS IN ROM
Rede von Botschafter Hunter

FULBRIGHT

DIE VISION DES SENATORS FÜR AMERIKA
UND DIE WELT
Rede von USIA-Direktor Duffey

NACHRICHTENDIENSTE

DIPLOMATISCHE BERICHTERSTATTUNG
IST WERTVOLLE NACHRICHTENQUELLE
Erklärung von Abteilungsleiterin Toby Gati

WAHLEN '96

DIE VORWAHL VON NEW HAMPSHIRE
Ein Überblick
EMPFEHLUNGEN FÜR DIE GESTALTUNG
DER FERNSEHDEBATTEN IM
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLKAMPF
von Debra Gersh Hernandez

WAHRUNG

DIE NEUEN 100-DOLLAR-NOTEN
Aufklärungskampagne des
US-Finanzministeriums

DATENAUTOBAHN

NEUES VON DER DATENAUTOBAHN
Übersicht jüngster Entwicklungen

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN

6. März 1996

Ergebnisse des NATO-Treffens in Rom
Rede von Botschafter Hunter

BRÜSSEL - (AD) - Der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, Botschafter Robert E. Hunter,
hielt am 19. Februar 1996 vor dem Nordatlantikrat im Anschluß an das NATO-Treffen in Rom zur Überprüfung der
Friedenssicherungsbestrebungen in Bosnien eine Rede, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen. An der
Zusammenkunft am 17. und 18. Februar in Rom nahmen Vertreter der Kontaktgruppe sowie die Präsidenten der
drei Länder teil, die hauptsächlich an dem Friedensabkommen für Bosnien beteiligt sind.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Wie stets ist es mir
eine große Ehre, mit den Menschen zusammenzutreffen, für die wir im Rat alle arbeiten - den Menschen, deren Bestrebungen für den Erfolg unserer
Arbeit bei der NATO von größter Bedeutung sind.
Denn wir können unsere Arbeit nicht leisten, wenn wir
nicht das tun, was Ihnen und den Parlamenten der 16
Bündnismitglieder sinnvoll erscheint und wenn Sie
nicht ihre Wähler dazu veranlassen können, uns bei
unserer Arbeit zu unterstützen. Das gilt meines
Erachtens derzeit mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in der gesamten Geschichte des Bündnisses.
Wir haben keinen Genossen Stalin, um uns einen
Grund zu liefern. Wir haben nur die tief in unseren
Gesellschaften verankerten grundlegenden Werte,
nach denen wir 16 demokratischen Nationen uns
richten, und es ist viel schwieriger, zu einem Zeitpunkt
eine Lanze für die Sicherheit zu brechen, an dem im
übertragenen Sinn die Sonne scheint als zu einer Zeit
direkter militärischer Bedrohung, wie wir sie so lange
hatten.
Zunächst einmal möchte ich Sie alle hier begrüßen, die
Sie von nah und fern gekommen sind, insbesondere
diejenigen aus Nordamerika, die so weit gereist sind,
um diese Woche hier zu sein. Sie nahmen sich Zeit,
obwohl Sie sehr beschäftigt damit sind, sich für das zu
engagieren, was uns allen gemeinsam ist. Ich heiße
Sie willkommen und danke Ihnen für die Hilfe und
Unterstützung, die ich von dieser starken US-Delegation immer erhalten habe. Herzlichen Dank an Delegationsleiter Bereuter und alle seine Kollegen.
Es ist mir eine Ehre, heute morgen mit Präsident

AMERIKA DIENST 05

Karsten Voigt auf dem Podium zu sitzen, und wir alle
freuen uns, Peter Corterier bei so guter Gesundheit zu
sehen. Er hat uns vor einigen Monaten einen gehörigen Schrecken eingejagt. Die von Ihnen gezeigten
Führungsqualitäten, Peter, waren von entscheidender
Bedeutung, insbesondere in der Übergangszeit nach
dem Ende des Kalten Krieges. Sie, Karsten Voigt und
unser Vorsitzender heute morgen haben Außerordentliches bewerkstelligt.
60 Tage sind seit dem Beginn der Umsetzung des
Abkommens von Dayton vergangen, seit dem Tag der
Übergabe der Befehlsgewalt an die NATO, die die
Verantwortung für die Durchführung der militärischen
Teile der Übereinkunft über Bosnien übernahm. Dies
ist das erste Mal, daß wir offiziell Bodentruppen
außerhalb des NATO-Gebietes stationieren. Wir sind
eine feierliche Verpflichtung eingegangen um zu
gewährleisten, daß die militärischen Bestandteile
dieses Abkommens erfüllt werden. Dabei waren sich
alle 16 Länder der Umstände voll bewußt. Ich spreche
von 16, denn sogar Island, das über keine Truppen
verfügt, schickte einen Arzt und zwei Krankenschwestern. Wir sind zusammen dort. Wir haben uns
gemeinsam viele Monate lang mit Bosnien befaßt, und
jeder hier Anwesende weiß, daß wir uns nicht immer
darüber einig waren, was getan werden mußte,
wodurch für uns große Schwierigkeiten entstanden.
Aber wenn ich Jean Monnet zitieren darf, der an der
Gründung einer anderen Institution mitwirkte, die
ebenfalls ihren Sitz in dieser Stadt hat - der Europäischen Union - haben wir in Bosnien sein Ziel erreicht,
nämlich alle an einer Seite des Tisches sitzen zu
haben und das Problem an der anderen. Nach den

Seite 1

�langen Diskussionen und Debatten sowie den oft bis
spät in die Nacht andauernden Meinungsverschiedenheiten über Luftangriffe ist es bemerkenswert, daß wir
am 20. Dezember - zufällig auch der Tag, an dem
unser herausragender Generalsekretär Javier Solana
sein Amt antrat - in der Lage waren, innerhalb einer
Viertelstunde dem Operationsplan und der Übergabe
der Befehlsgewalt an die NATO zuzustimmen. Das ist
phantastisch verglichen mit den stundenlangen
Auseinandersetzungen, die vorher erforderlich waren.
Wir arbeiten hier alle zusammen - nicht als 16 Regierungen, sondern als 16 Nationen. Hier ist Ihre Arbeit
so entscheidend, denn Sie sind diejenigen, die direkt
die Fragen für Ihr Volk beantworten müssen, warum
wir das tun, was wir tun, wie wir Erfolg haben können,
wie wir die optimale Leistung der NATO erzielen wollen
- unter Umständen, in denen die jungen Männer und
Frauen, die in jedem Ihrer Länder so heldenhaft Dienst
tun, gute Chancen hätten, in größter Sicherheit ihrer
Arbeit nachzugehen.
Wir hielten letztes Wochenende in Rom ein Treffen ab.
Im wesentlichen war es die sogenannte Kontaktgruppe
- die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich,
Deutschland, Rußland - mit einem italienischen
Gastgeber. Der Hohe Repräsentant, Carl Bildt, war
dort. Der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa,
General Joulwan, war anwesend. Admiral Smith, der
Kommandeur der Friedenstruppe, war dabei sowie die
Präsidenten der drei wichtigsten betroffenen Länder:
Milosevic, Tudjman und Izetbegovic. Sie erzielten
Übereinkunft hinsichtlich der Behandlung des außerordentlich komplizierten Problems Mostar, das großenteils ein Test dafür ist, ob eines der wichtigsten
Elemente des Daytoner Abkommens Bestand hat - die
Kooperation innerhalb der bosnisch-kroatischen
Föderation. Wir erhielten neue Zusagen im Hinblick
auf das Verhalten jeder der drei Parteien und derjenigen, die darauf reagieren. Dazu zählt der Fall der
bosnischen Serben, bei dem unseres Erachtens
Präsident Milosevic für diesen Teil der Abmachung
verantwortlich ist. Weiterhin klärten wir das Verhältnis
der IFOR zu externen Bestrebungen, insbesondere
aenen des internationalen Kriegsverbrechertribunals
für das ehemalige Jugoslawien - die "Verkehrsregeln" damit wir als NATO das Unsrige zu der Einsicht
beitragen können, daß eine politische Regelung Hand
in Hand mit dem Streben nach Gerechtigkeit gehen
muß. Es muß aber auch entschieden ein klares
Verständnis bestehen, daß die wichtigsten Dinge
Vorrang haben, und das wichtigste ist, daß die Truppen der NATO/IFOR die ihnen zugewiesene Arbeit so
effektiv und sicher wie möglich erledigen müssen. Das
ist die erste Aufgabe. Wenn noch anderes getan
werden kann, sollte das natürlich in Betracht gezogen
werden. Wir müssen es richtig machen. Bei Kriegsverbrechern mußten wir die "Verkehrsregeln" einführen. Man könnte auch sagen, das Treffen in Rom
sei eine Realitätsprüfung gewesen. Es diente dazu,

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diese Politiker daran zu erinnern - nachdem wir
ungefähr ein Sechstel des Weges des NATO-Mandats
zurückgelegt haben - welche Verpflichtungen sie in
Dayton eingegangen sind.
Bei der NATO handeln wir 16 Mitglieder in dem klarem
Bewußtsein, daß wir gemeinsam nach Bosnien gingen
und es gemeinsam verlassen werden - und zwar zu
dem vorgesehenen Zeitpunkt, nach einem Jahr.
Manche fragten sich, warum wir uns auf diesen
begrenzten Zeitraum geeinigt haben. Meines Erachtens versteht jeder hier Anwesende den Grund.
Erstens müssen wir den Völkern unserer 16 Mitgliedsländer gegenüber Wort halten, die bereit waren, das
Leben junger Männer und Frauen aufs Spiel zu setzen
- einige in einem Land, das von ihrer Heimat weit
entfernt ist. Ferner müssen wir diesen jungen Männern und Frauen gegenüber Wort halten - diesen
engagierten und mutigen Streitkräften der NATO - und
denen anderer Länder, denn wir sind nicht allein. Wie
Sie wissen, sind 14 Mitglieder der Partnerschaft für
den Frieden, insgesamt 17 Länder, entweder in der
IFOR oder unter dem Kommando der NATO oder
werden es in Zukunft sein. Wir mußten auch ganz
deutlich machen, daß wir uns nicht in eine Situation mit
offenem Ende begeben, die ein zweites Zypern werden
könnte. Und wir mußten auch deutlich machen, daß
die Verantwortung für das Funktionieren des Friedens
genau dort liegen muß, wo die Verantwortung liegt - als
erstes bei den Menschen im ehemaligen Jugoslawien,
den Menschen in Bosnien. Und somit gingen wir
gemeinsam in dieses Land und werden es auch
gemeinsam verlassen.
Dies ist eine NATO-Operation. Unter der Führung der
NATO. Mit den Regeln der NATO für ein Engagement
und der Art der NATO, Dinge zu erledigen. Wir haben
für dieses Unternehmen außerordentliche Vorbereitungen getroffen. Wenn man ein historisches Beispiel
sucht - obwohl dieses zweifellos weniger komplex war
- wendeten wir für die Planung dieser Operation
ebensoviel Zeit auf wie für die Operation "Overlord" vor
50 Jahren. Wir haben außergewöhnlich viel Ausbildung und Mühe in andere NATO-Operationen
gesteckt, beispielsweise die Operation "Deny Flight",
um das Flugverbot über Bosnien durchzusetzen. Bis
zur Beendigung von "Deny Flight" im Dezember flogen
die NATO-Länder insgesamt 100.420 Einsätze erstaunliche Bestrebungen in der Luft. Im Rahmen
der Operation "Sharp Guard", die zwar ausläuft, aber in
begrenztem Maße immer noch in Kraft ist, um die
Blockade der montenegrinischen Küste durchzusetzen, wurden mehr als 66.000 Schiffe kontrolliert.
Ungefähr 50.000 Schiffe wurden durchsucht und etwa
1.400 umgelenkt. Sechs versuchten, die Blockade zu
umgehen, was keinem gelang. Diese Aktion haben wir
zusammen mit der WEU unternommen. Somit gingen
wir gut vorbereitet in die IFOR.
Wie unsere Befehlshaber Ihnen mitgeteilt haben

AMERIKA DIENST 05

�werden, ist das kein risiko- und kostenfreies Unternehmen, und es gab bereits einige Opfer. Die meisten
dieser Opfer resultieren jetzt - und vermutlich auch in
Zukunft - nicht von feindlichen Aktionen, obwohl das
noch eine reale Möglichkeit bleibt, sondern von der
Komplexität der Arbeit in einem so schwierigen Umfeld
- mit 3 bis 6 Millionen Minen, von denen es für viele
keinen Nachweis gibt.
Das Treffen in Rom war eine Bestandsaufnahme und
diente jedem der drei führenden Politiker auch als
Erinnerung, daß jeder einzelne von ihnen Aufgaben
hat. Das schließt die bosnische Regierung ein, die
ihrer Pflicht zur Ausweisung aller ausländischen
Streitkräfte nicht nachgekommen ist.
Sie haben
gesehen, was die NATO neulich getan hat, um unsere
genaue Haltung zu verdeutlichen.
Eines der wichtigsten Dinge, die in der IFOR im
Hinblick auf die anderen beteiligten Länder geschehen,
ist die Teilnahme von Streitkräften der Russischen
Föderation. Diese hat bereits zwischen 1.500 und
1.600 Soldaten in das Land entsandt, die als Teil der
NATO-Operation mit der amerikanischen Division
zusammenarbeiten. Während Rußland in diesem Jahr
im Hinblick auf die Wahlen einen äußerst schwierigen
und komplizierten Prozeß durchläuft - bei dem wir dem
Land alles Gute wünschen - hören wir aus diesem
Land viel über die NATO-Erweiterung. Aber wir hören
auch, daß diese russischen Streitkräfte tatsächlich in
Bosnien tätig sind - im Rahmen der Bestrebungen des
Bündnisses.
In meinem Büro ereignete sich am 8. November einer
jener Momente, an die Sie sich immer erinnern
werden, die Sie aber nicht wirklich glauben. Ein Teil
der endgültigen Planung für die IFOR war abgeschlossen, und der Plan für Befehlsarrangements
wurde paraphiert - in dem Allerheiligsten, von dem aus
wir den Kalten Krieg planten und führten. Verteidigungsminister Perry, der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa, General Joulwan, sowie Generaloberst
Schewtsow und Marshall Gratschow waren anwesend.
Sie alle unterzeichneten ein Abkommen über die von
der NATO geführte IFOR. Manchmal kann ich immer
noch nicht glauben, daß das geschehen ist.
Natürlich bestehen die Zukunft der NATO und unser
Engagement für sie aus weitaus mehr als nur Bosnien.
Von den vielen Gründen, die uns als Bündnis zu
Aktionen veranlaßten, war einer die Erkenntnis unserer
Mitglieder, daß wir weiterhin eine grundlegende
Verantwortung haben, in unserem eigenen Interesse
dieses Bündnis zu erhalten und zu erweitern.
Als Botschafter der Vereinigten Staaten bei der NATO,
der für den Präsidenten der Vereinigten Staaten
arbeitet - derzeit ein Demokrat - freue ich mich sagen
zu können, daß wir außerordentliche Unterstützung
durch den US-Kongreß erhalten haben - aus beiden

AMERIKA DIENST 05

Lagern. Heute ist eine herausragende Delegation von
Vertretern der amerikanischen Legislative anwesend,
von denen die meisten - einschließlich Senator Roth
und dem Abgeordneten Bereuter - meines Wissens
Republikaner sind. Sie werden noch selbst das Wort
ergreifen, aber ich glaube sagen zu können, daß das
Engagement Amerikas für seine Sicherheit und seine
Werte sowie für die gemeinsame Sicherheit und die
gemeinsamen Werte auf dieser Seite des Atlantiks tief
im amerikanischen Staatsgebilde verankert sind. Wir
hatten 50 Jahre lang Erfolg, weil wir auf überparteilicher Basis vorgingen. Heute sind wir aus demselben Grund erfolgreich. Ich bin zuversichtlich, daß
dieses Engagement fortgesetzt wird - ungeachtet
dessen, wer unsere Nation regiert - sowohl im Weißen
Haus als auch im Kapitol.
Ich würde in der Tat dahingehend argumentieren, daß
dies die vordringlichste Bestrebung der neuen NATO
ist. Die Vereinigten Staaten sind in Europa präsent.
Wir sind eine europäische Macht. Es liegt in unserem
Interesse, hier zu sein. Solange Sie - unsere europäischen Freunde - dies wollen, werden wir hier sein.
Präsident Bush stellte dies bei seinen Bemühungen
eindeutig klar, den Kalten Krieg zu einem Ende zu
bringen. Und sein Nachfolger, Präsident Clinton, für
den zu arbeiten ich die Ehre habe, hat außergewöhnliche Anstrengungen zur Gestaltung der Zukunft
unternommen.
Es gibt vier große Bestrebungen. Eine besteht genau
darin, daß die Vereinigten Staaten Teil dieser Gleichung sind.
Die zweite Bestrebung ist, die Errungenschaften der
vergangenen 50 Jahre zu bewahren. Das begann
damit, die erneute Nationalisierung der Verteidigung zu
verhindern.
Es ist bemerkenswert und vielleicht
einzigartig bei allen Bündnissen der Geschichte, daß
wir am Tag nach dem Sieg nicht nur ein Glas Champagner zusammen tranken und dann jeder seines Weges
ging. Statt dessen kam jeder zur Arbeit bei der NATO
wie gewöhnlich. Wenn 16 Länder an die europäische
Sicherheit denken, denken sie an die NATO. Ja, es
gibt andere Institutionen von entscheidender Bedeutung: Die OSZE (Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa), die WEU (Westeuropäische Union), die Europäische Union, den Europarat.
Das Kernstück bildet jedoch heute wie in der Vergangenheit die NATO. Und deren Kernstück bilden heute
wie in der Vergangenheit die Führungsrolle und das
Engagement der Vereinigten Staaten.
Etwas ebenfalls Bemerkenswertes geschah während
dieser 50 Jahre - bei der NATO, der Europäischen
Union und mit den Bestrebungen einer herausragenden Gruppe von Männern und Frauen mit Vision der
vorherigen Generation, die in den 15 Ländern der
Union und einigen anderen den Krieg als Instrument
ihrer Beziehungen untereinander abschafften. Heute

Seite 3

�ist es undenkbar, daß eines dieser Länder Krieg als
eine Option ansehen würde. Und dennoch befinden
wir uns in einem Jahrhundert, das in Sarajevo mit
einem schrecklichen Vorfall begann, der zum schlimmsten Blutbad in der menschlichen Geschichte überhaupt führte. Wir sind am Ende des Jahrhunderts an
demselben Sarajevo genannten Ort angelangt zu einer
Zeit großer Hoffnungen und des Wissens, daß wir in
diesem Teil des Kontinents die erschreckende Geschichte hinter uns gelassen haben, die diesen
Kontinent bis heute heimgesucht hat.
Nummer drei: Wir sind uns auch bewußt, daß wir
weitergehen müssen, wenn wir unseren Werten und
unserer Sicherheit gerecht werden wollen. Die NATO
wurde bereits erweitert. Das geschah mit dem neuen
strategischen Konzept und der Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats vor rund vier Jahren.
Wir - die 16 Länder - entschieden im Januar 1994
unter Präsident Clintons Führung, daß die NATO neue
Mitglieder aufnehmen wird.
Diese Entscheidung
wurde getroffen. Es ist jedoch keine Entscheidung, die
in der Luft hängt. Sie gründet auf der Erkenntnis der
Bedeutung, die unsere Hilfestellung für die Gesellschaften Zentraleuropas zur Übernahme des ihnen
angemessenen Platzes im Westen und innerhalb der
großartigen Institutionen des Westens hat.
Es gibt eine Parallele zum Marshallplan. Churchill
bezeichnete ihn als "den am wenigsten schmutzigen
Akt in der Geschichte". Er war jedoch auch ein
strategischer Akt in dem Bemühen, den Ländern beim
Aufbau oder der Schaffung von Demokratie und dem
Wiederaufbau von Volkswirtschaften behilflich zu sein.
Was wir und die NATO heute in Zentraleuropa tun, ist,
den Ländern, die sich der sowjetischen Macht und
Dominanz entledigt haben, Hoffnung zu vermitteln,
daß ihre Bestebungen zum Aufbau freier Gesellschaften Erfolg haben können. Als ein Bündnis sind
wir verpflichtet, eine entscheidende Rolle dabei zu
spielen.
Nummer vier: Wir alle verstehen sehr wohl, daß es ein
Land gibt, dessen Zukunft bei der Entscheidung von
wesentlicher Bedeutung ist, ob wir auf unbegrenzte
Zeit Frieden und Hoffnung haben werden, oder ob wir
einen weiteren Zyklus von Krisen und vielleicht sogar
Konflikten durchlaufen müssen - und das ist Rußland.
Wir haben ein entscheidendes, wenn nicht sogar
lebenswichtiges Interesse am Erfolg des russischen
Experiments in Demokratie, sozialem Wandel, der
Einführung einer Marktwirtschaft und dem Engagement
in der Welt und für die europäische Sicherheit, bei der
das Land eine uneingeschränkte und legitime Rolle
übernehmen soll. Die NATO ist mit dem Aufbau von
Beziehungen zu Rußland befaßt.
Als wir über die Bewältigung dieser vier Herausforderungen sprachen und uns auf die Aufnahme
neuer Länder vorbereiteten, sahen wir uns mit fünf

Seite 4

größeren Problemen konfrontiert.
Nummer eins
bezieht sich direkt auf Sie: Die Aufnahme eines neuen
Mitglieds ist nicht etwas, das mein Präsident oder
irgendein Ministerpräsident vornimmt. Sie wird von
Ihren 16 Parlamenten vollzogen. In den Vereinigten
Staaten handelt es sich dabei um einen Vertrag, der
zwei Drittel der abgegebenen Stimmen des amerikanischen Senats erfordert. Das ist ein feierlicher Akt.
Die NATO verfaßt keine Verträge, die nur auf dem
Papier bestehen. Wir wiederholen nicht die zwanziger
und dreißiger Jahre. Wenn wir eine Verpflichtung
eingehen, müssen wir es meinen, und das beginnt mit
Ihnen. Wir dürfen nicht scheitern.
Zweitens und teils um Ihnen zu demonstrieren, was
getan werden sollte, müssen die Länder, die der NATO
beitreten wollen, Produzenten und nicht nur Konsumenten von Sicherheit sein. Es gibt weder eine
kostenlose Fahrt noch ein kostenloses Essen.
Nummer drei: Wir werden die Länder einzeln und
Schritt für Schritt in die NATO aufnehmen. Wir haben
noch keine Entscheidung getroffen, um welche Länder
es sich handelt und wann genau dieser Schritt unternommen wird. Zweifelsohne haben wir keine Grenze
bezüglich des Beitritts gesetzt. Aber unabhängig
davon, wieviele Länder wir aufnehmen, werden einige
es nicht am ersten Tag und einige niemals schaffen.
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun um
sicherzustellen, daß wir mit der Aufnahme eines
Mitglieds nicht ein anderes ausgrenzen, weil wir das
Konzept von Grauzonen, Pufferstaaten, Einflußsphären und auch des Kräftegleichgewichts ablehnen, wie
es hier in Westeuropa möglich war.
Nummer vier: Wir wollen die NATO erweitern, ohne
eine neue Trennlinie in Europa zu ziehen. Wir brauchen keinen neuen Eisernen Vorhang.
Und letztens - wenn wir können, wollen wir die NATO
erweitem, ohne die Bemühungen von Demokraten
überall auf der Welt zu unterminieren, einschließlich
der Demokraten in Rußland.
In Bosnien lernen wir sehr viel. Wenn alles mit den
russischen Streitkräften dort klappt, dann können wir
dem russischen Militär sagen, daß es eine legitime
Rolle in Europa spielen muß und die Zukunft des
Landes nicht daran gemessen wird, was wir in Tschetschenien gesehen haben. Ich werde dem russischen
Volk sagen, daß es nicht ausgegrenzt, isoliert und
niedergeschlagen wird wie Deutschland im Jahr 1919.
Statt dessen sagen wir den Russen, daß sie eine
legitime Rolle haben, die sie übernehmen und richtig
spielen müssen, wie wir es Deutschland 1946 gesagt
haben. Die von den russischen Truppen in Bosnien
übernommene Rolle wird Boris Jelzin und seinen
Verbündeten auch vermitteln, daß sie recht hatten,
Beziehungen zum Westen aufzubauen.

AMERIKA DIENST 05

�Was wir mit den Partnern für den Frieden in der IFOR
lernen, ist ein ebenso präzises und praktisches
Lernexperiment dessen, was es heißt, ein NATOVerbündeter zu sein. Es wird uns bei der Anpassung
an das Bündnis behilflich sein. Wir müssen Dinge tun,
die uns helfen, beweglicher, effektiver, effizienter und
flexibler zu sein. Wir müssen durch schlankere,
effektivere Befehlssysteme Geld sparen. Wir tun es
auch aus einem weiteren Grund, als Teil einer der
wichtigsten Entwicklungen, die sich jetzt vollziehen dem erneuten Engagement Frankreichs für die
militärische Seite des Bündnisses. Wir passen uns an,
um auch dies zu ermöglichen. Wir müssen Frankreich
zu seinem Vorgehen beglückwünschen, denn seine
Rolle in Bosnien unterscheidet sich nicht von der jedes
anderen Verbündeten. Und zweifelsohne begrüßen
wir sie.
Die NATO hat drei große Projekte in Angriff genommen, mit denen die fünf Probleme bewältigt werden
sollen. Erstens die Erweiterung selbst. Wir haben die
gründliche Analyse - das "Wie" und "Warum" - aus
zwei Gründen vorgenommen. Wir mußten allen
Ländern sagen, welche Vorteile sie haben, wenn sie
der NATO beitreten und Verbündete werden wollen,
aber auch, was sie tun müssen. Die Studie war darauf
ausgelegt, auch uns zu sagen und uns zu vermitteln,
was wir tun müssen, damit wir ebenso stark sein
können und werden wie heute, wenn - nicht falls,
sondern wenn - wir 17, 18, 19 oder wer weiß wieviele
Verbündete sind.
Dieses Jahr gehen wir über die Studie hinaus und
leiten individuelle, eingehende Dialoge mit den Partnern ein, um herauszufinden, was genau sie tun und
was genau sie tun müssen, damit sie so viel wie
möglich über uns erfahren und vice versa und wir die
erforderliche Arbeit fortsetzen können, damit sie gute
Verbündete werden. Wir passen auch das Bündnis
weiter an.
Das zweite große Unterfangen ist die Partnerschaft für
den Frieden (PFF). Sie wird vielfach unterschätzt, ist
jedoch wahrscheinlich das Wichtigste, das die NATO
seit einer Generation unternommen hat. 27 Länder
sind beigetreten, aber offenkundig unterscheiden sie
sich voneinander. Einige arbeiten hart daran, andere
weniger hart. Das wußten wir, als wir die PFF ins
Leben riefen. Jedes Land unterzeichnet dasselbe
Rahmenabkommen und bereitet ein individuelles
Partnerschaftsprogramm vor. Die Vertreter dieser
Länder kommen in unser NATO-Gebäude. Sie gehen
zur Partnerschafts-Koordinierungszelle bei SHAPE.
Ironischerweise arbeiteten sie zuerst in einem Gebäude, das für das Vorgehen des Bündnisses im Falle
einer zweiten Berlin-Blockade gebaut worden war, falls
dieses erforderlich geworden wäre. Einige dieser
Offiziere des ehemaligen Warschauer Pakts fanden
ihren Arbeitsplatz hinter einem zur Erinnerung aufgestellten Teil der Berliner Mauer - und taten das Gegen-

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teil dessen, was sie während des Kalten Krieges getan
hatten. Es war eine Ironie des Schicksals.
Die PFF-Partner üben mit uns, sie nehmen unsere
Standards an, lernen, wie man auf parlamentarische
Kontrolle reagiert und gehen mit uns nach Bosnien.
Länder, die Mitglied der Partnerschaft für den Frieden
sind, können ständiger Bestandteil der NATO-Familie
werden, und wenn sie nicht die volle Mitgliedschaft
erhalten, werden sie feststellen, daß sie in der Partnerschaft für den Frieden einen Großteil dessen bekommen, was sie wirklich für die Sicherheit benötigen.
Und schließlich entwickeln wir die Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland auf direktem Wege.
Wir wissen, daß wir dies tun müssen, und wurden
auch von vielen unserer zentraleuropäischen Partner
darum gebeten. Vaclav Havel aus der Tschechischen
Republik hat dies vielleicht am deutlichsten mit folgenden Worten formuliert: "Ich möchte, daß es eine NATO
wird, die Rußland einbezieht, damit wir hier gemeinsam etwas Konstruktives aufbauen können." In der
NATO werden die Russen ein Stimmrecht haben, aber
- um Mißverständnissen vorzubeugen - niemand kann
sein Veto gegen NATO-Entscheidungen einlegen. Die
NATO wird die offizielle Erweiterung vorantreiben. Wir
beschleunigen sie weder, noch verzögern wir sie.
Unsere Fortschritte sind sorgfältig geplant, offen und
effektiv beim Aufbau der erforderlichen Unterstützung,
und wir erbitten Hilfe von den in diesem Raum Anwesenden. Rußland ist der Partnerschaft für den Frieden
um des Friedens willen beigetreten. Wir unterhalten
besondere Konsultationen. Rußland hat uns am
vergangenen Donnerstag das Dokument für die
offizielle Beteiligung an der IFOR vorgelegt: Die
"Theorie", die der "Praxis" folgt. Und wir werden auf
diese Beziehungen in dem Maße aufbauen, in dem
Rußland bereit und willens und in der Lage ist, dies zu
tun.
Dies sind die drei großen Projekte, die wir in der NATO
in Angriff genommen haben. Unserer Schätzung nach
führen sie zu einer klaren Perspektive bezüglich des
Aufbaus einer Zukunft in Sicherheit hier.
Ein letztes Wort. Ich möchte nochmals auf das
zurückkommen, was ich eingangs erwähnte und
warum wir von Ihnen Leitung, Führung und Unterstützung erwarten. Sine qua non - das ist die unerläßliche
Voraussetzung. Wir in der NATO sehen uns mit einer
großen Herausforderung konfrontiert, die auch eine
gewisse Furcht enthält, während wir das Urteil der
Geschichte abwarten. In einer Generation wird die
Welt auf das zurückblicken, was wir in diesem Raum
und andernorts jetzt tun, und sagen: "Ihr habt es richtig
gemacht", oder "Ihr habt versagt". Ich bin zuversichtlich, daß die Geschichte angesichts dessen, was ich in
den vergangenen drei Jahren in der NATO und in
diesem Nordatlantikrat gesehen habe, am Ende
urteilen wird: "Gut gemacht".

Seite 5

�Ich danke Ihnen sehr für die Gelegenheit, heute
morgen bei Ihnen sein zu können. Ich gratuliere Ihnen
zu Ihrem Engagement für unser gemeinsames Enga-

gement und unsere gemeinsamen Werte.
Vorsitzender, ich danke Ihnen,

Herr

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 05

�FULBRIGHT
6. März 1996

Die Vision des Senators für Amerika und die Welt
Rede von USIA-Direktor Duffey

FAYETTEVILLE - (AD) - Zum Gedenken an den früheren Senator von Arkansas und Verfasser des nach ihm
benannten Programms für Öffentlichkeitsarbeit, J. William Fulbright, hielt der Direktor des US-Informationsamts
(United States Information Agency - USIA), Joseph D. Duffey, bei einer Feierstunde am 28. Februar 1996 in
Fayetteville (Arkansas) nachfolgende Rede.

Das Fulbright-Programm wurde zu einer Zeit ins Leben
gerufen, die in vieler Hinsicht der jetzigen gleicht. Im
Jahr 1946 waren die Vereinigten Staaten gerade
siegreich aus einem langen, schwierigen Krieg
hervorgegangen und verspürten zu Recht ein Gefühl
des Triumphes - sie waren optimistisch bezüglich der
Zukunft sowohl im Hinblick auf die eigenen Aussichten
als auch die Möglichkeiten der Gestaltung einer neuen
Weltordnung. Senator Fulbright zählte zu den hoffnungsvollsten Personen des öffentlichen Lebens jener
Zeit und sprach bei jeder Gelegenheit die Empfehlung
aus, daß die Vereinigten Staaten die Führungsrolle bei
der Schaffung von Programmen und Organisationen
übernehmen sollten, die das Risiko wiederkehrender
Konflikte - ähnlich dem Zweiten Weltkrieg - verringern
könnten.
Aber ebenso wie heute machten sich beunruhigende
Befürchtungen breit - obwohl Sieg das ganze Land
erstrahlen ließ. Die Welt war immer noch ein gefährlicher Ort - damals wie heute hat die Schlichtung eines
großen Kampfes eine Vielfalt neuer und unerwarteter
Herausforderungen ausgelöst. Im Jahr 1946 lastete
die Furcht vor dem Kommunismus und der nuklearen
Vernichtung schwer auf dem Land. Senator Fulbright
hatte immer behauptet, daß die Atombomben von
Hiroshima und Nagasaki der Katalysator waren, der
seine Gedanken auf die Schaffung eines internationalen Austauschprogramms konzentrierte. Er nahm
die Warnung Albert Einsteins ernst, der schrieb, daß
"wir uns eine neue Denkweise zulegen müssen, wenn
die Menschheit überleben soll". Für Fulbright mußte
diese neue Denkweise die Änderung der Sichtweise
von Nationen zueinander beinhalten, und diese
Änderung durfte nicht auf der abgehobenen diplomati-

AMERIKA DIENST 05

schen Bühne stattfinden, auf der sich die internationalen Beziehungen für gewöhnlich entfalten,
sondern zwischen den Bürgern der vielen Nationen
der Welt. Nur der umfangreiche persönliche Austausch von Ideen, Kulturen und Geschichte vermittelte
Fulbright "eine gewisse Hoffnung, daß die menschliche
Rasse nicht Selbstmord begeht".
William Fulbrights Hoffnungen, daß sein Programm
das gegenseitige Verständnis weltweit vertiefen
könnte, gründeten sich auf seine eigenen äußerst
persönlichen Erfahrungen als Rhodes-Stipendiat in
den zwanziger Jahren, die ihn entscheidend prägten.
Obwohl Bill Fulbright seine Heimatstadt Fayetteville in
Arkansas liebte, erkannte er, daß ein Ort allein nicht
die Lektionen lehren kann, die unterschiedliche
Kulturen und Traditionen auf der ganzen Welt bieten
können. Ein einziger Ort ist stets per definitionem
provinziell - sei es Fayetteville, Paris, Oxford oder
Washington. Aber die Summe der Erfahrungen all
dieser Orte vermittelte Fulbright die Einsichten zum
Vermächtnis des einzelnen, das durch Auslandsaustausch erworben werden kann. Seine in Europa
gemachten Erfahrungen erweiterten seinen Horizont er war beeindruckt von der Komplexität der Weltgeschichte und der Kulturen. Vor allem hatten seine
Kontakte zu vielen unterschiedlichen Menschen die
Erkenntnis genährt, daß Amerikas Zukunft letztlich mit
der Zukunft der Weltgemeinschaft verbunden ist.
Die Geschichte des Fulbright-Austauschprogramms
erscheint wie ein Roman in unserer Zeit der Haushaltsengpässe und einem Umfeld, in dem weithin die
Meinung vertreten wird, daß die Regierung wenig zur
Verbesserung der Gesellschaft beitragen kann. Am

Seite 1

�27. September 1945 erhob sich der frischgebackene
Senator aus Arkansas im Senat und erbat von der fast
leeren Kammer die ungeteilte Zustimmung, Kredite aus
Reparationszahlungen und Rückzahlungen aus
Auslandsanleihen zur Finanzierung eines akademischen Austauschprograms zu verwenden. Die
Gesetzesvorlage ging praktisch unbemerkt durch den
Kongreß und erhielt bei jeder Abstimmung einhellige
Unterstützung. An der Seite von Präsident Truman
wohnte Fulbright im August 1946 der Unterzeichnung
des Gesetzes bei, das seinen Namen zum Synonym
für internationalen Goodwill und intellektuelle Offenheit
über die Grenzen hinweg machte. Der offizielle Zweck
des Gesetzes war und ist "die Vertiefung des gegenseitigen Verständnisses zwischen den Menschen in
den Vereinigten Staaten und den Menschen in anderen Ländern". Weder die Wohlhabenden noch die Elite
oder die Gelehrten sind die Hoffnungsträger für die
Verbesserung des internationalen Friedens, sondern
die Menschen aller Nationen. Nur indem die Möglichkeit des internationalen Verständnisses so weit wie
möglich verbreitet wird, konnte das Programm Senator
Fulbrights Überzeugung zufolge eine Chance haben,
jahrhundertealte Vorurteile und Mißtrauen zu überwinden. Später sagte er über das Programm, das
seinen Namen trug: "Es ist ein bescheidenes Programm mit einem unbescheidenen Ziel - der Einführung eines zivilisierteren, rationaleren und menschlicheren Regimes in internationalen Angelegenheiten...
Ich habe von Anfang an an diese Möglichkeit geglaubt
und tue es immer noch."
Gegen Ende seines Lebens gelangte Senator Fulbright
zu der Auffassung, das Fulbright-Programm sei nach
dem Ende des Kalten Krieges vielleicht noch notwendiger als auf dem Höhepunkt der amerikanisch-sowjetischen Spannungen. Im Gegensatz zu jenem Zeitalter,
in dem die Welt in zwei Glaubensrichtungen gespalten
war, leben wir heute in einer "multipolaren" Welt, in der
das Verständnis nuancierter Unterschiede zwischen
Kulturen von zunehmender Bedeutung ist.
Die
Beziehungen zwischen Ländern werden nicht länger
durch einige wenige Supermächte diktiert, sondern
vielmehr durch unzählige nicht greifbare und komplexe
Faktoren. Noch 1992 forderte Senator Fulbright den
Kongreß auf, das Engagement für das FulbrightProgramm zu bewahren, da es ein wichtiger Weg zum
Verständnis zwischen komplizierten Kulturen sei und
durch den Abbau von Barrieren zwischen Nationen
mehr denn je zur Sache des internationalen Friedens
beitragen könne. Bei jener Gelegenheit sagte er: "Die
größte Macht solcher Austauschprogramme ist
vielleicht, daß sie Nationen in Menschen verwandeln
und Ideologien in menschliches Streben umsetzen."
Seit der Einführung des Fulbright-Programms gingen
über 70.000 Amerikaner im Rahmen des Austauschprogramms ins Ausland, und es ermöglichte 130.000
Ausländern, die Vereinigten Staaten kennenzulernen.
Das Programm ist umfassend und bezieht Studenten

Seite 2

und Dozenten aus mehr als 500 amerikanischen
Colleges und Universitäten aus jedem Bundesstaat ein
sowie Grundschullehrer und Vertreter aller Berufe und
Schichten. Ausländische Studenten und Wissenschaftler von nahezu 700 ausländischen Institutionen
sind an rund 300 amerikanische Colleges und Universitäten in 46 Bundesstaaten gekommen und haben
damit Hunderttausenden die Möglichkeit verschafft,
aus erster Hand Erfahrungen mit dem noch unbeendeten Projekt der amerikanischen Demokratie zu machen.
Die Liste prominenter Teilnehmer am FulbrightProgramm ist zu lang um sie aufzuführen, aber unter
ihnen sind Universitäts-Rektoren, mit dem Nobelpreis
ausgezeichnete Wirtschafts- und Naturwissenschaftler,
Musiker, Schauspieler und ja, auch Politiker. Senator
Fulbright sah ein Programm voraus, das die führenden
Vertreter der Gesellschaft zur Förderung von Frieden
und Verständnis unter den Nationen anregen sollte.
Aber er sah das Programm auch als etwas, das die
Gesellschaft bewegen würde, wenn die Teilnehmer
ihre Erfahrungen einem immer größer werdenden
Kreis von Menschen vermittelten. Er hegte keinen
Zweifel, daß die durch Kontakte zu fremden Menschen
und Kulturen gelernten Lektionen nicht nur eine
Bereitschaft unter den Teilnehmern schaffen würden,
die umfassendere Sichtweise zu teilen, die sie aus der
sogenannten "Fulbright-Erfahrung" gewonnen hatten,
sondern auch eine brennenden Leidenschaft wecken
würden, andere von der Bedeutung dieser Erfahrung
zu überzeugen.
Der Prozeß der Entdeckung ist ein zentrales Merkmal
der Fulbright-Erfahrung: Die Entdeckung kultureller
Unterschiede, fundamentaler menschlicher Ähnlichkeit
und der quälenden, aber voreiligen Erkenntnis, daß die
eigenen grundlegenden Überzeugungen von Moral,
Politik und dem Sinn des Lebens nicht die vielfältigen
Möglichkeiten des menschlichen Lebens umfassen.
Senator Fulbright hoffte, daß das Austauschprogramm
ein Destillat der größten Qualitäten der Bildung sein
würde:
Der konstanten Herausforderung einer
Neudefinition der eigenen Annahmen, die erschütternde Erfahrung, die das Bekannte plötzlich fremd
erscheinen läßt und die brillante Eröffnung neuer
Sichtweisen. Obwohl William Fulbright stets der
Überzeugung war, daß gute Institutionen von zentraler
Bedeutung für eine gute Gesellschaft sind - wie man
beispielsweise seinem leidenschaftlichen Engagement
für die Vereinten Nationen und seinen lebenslangen
Versuchen zur Reform der Institutionen der USRegierung entnehmen kann - vertrat der Senator auch
die Auffassung, daß gute Institutionen allein unzureichend sind, wenn ein Land nicht rechtschaffene,
gebildete Staatsbürger hat.
Die Ziele der Bildung waren für Senator Fulbright klar
definiert. Vor dem Hintergrund der wachsenden
Betonung von Bildung als vorberuflicher Bildung wies

AMERIKA DIENST 05

�er die Betonung der beruflichen Bildung zurück, die wie er es formulierte - "das Gehirn in Geld umwandelt".
Vielmehr betrachtete er Bildung als großartiges
staatsbürgerliches Projekt, als einzigen Weg zur
Förderung staatsbürgerlicher Tugenden wie Dienst an
der Öffentlichkeit, zivilisiertes Verhalten anderen
gegenüber, Toleranz, Anstand und Gleichberechtigung. Es ist besonders lehrreich, sich Senator
Fulbrights Überzeugung vor Augen zu halten, daß es
in einer Demokratie keine bedeutendere Berufung gibt
als die eines Staatsbeamten. In seiner ersten Rede
als Rektor der University of Arkansas erklärte er:
"Meines Erachtens können Schulen durch die richtige
Betonung der richtigen Fächer den Schülern die
Bedeutung guter Regierungsführung verdeutlichen, sie
lehren, daß Politik der ehrenhafteste aller Berufe sein
kann und die Besten unter ihnen zu einer Laufbahn in
der Politik veranlassen." William Fulbrights Worte, sein
Werk und sein Leben widerlegen den vorherrschenden
Zynismus, der sich gegenwärtig gegen Politik und
Staatsbeamte richtet und sollte als Erinnerung dienen,
daß Bildung und eine gesunde Gesellschaft eng
miteinander verbunden sind.
Fulbright setzte überall große Hoffnung auf die Bildung, hielt sie in einer Demokratie jedoch für besonders wichtig. Nach dem Sieg der Vereinigten
Staaten im Kalten Krieg behaupteten manche, Demokratie sei die einzige Regierungsform, die in der
Zukunft Bestand haben könne. William Fulbright
zeigte sich jedoch nie zufrieden mit der Demokratie.
Vielmehr war er der Überzeugung, daß Demokratie
beständige und große menschliche Bestrebungen
erfordert, um weiterhin erfolgreich zu sein. Im Senat
äußerte er einmal: "Gott hat nicht verfügt, daß unsere
Regierungsform erfolgreich sein wird, und es gibt auch
keine historischen Beweise zur Untermauerung der
These, Demokratie sei die natürliche Gesellschaftsform." Er fuhr fort: "Unsere Regierungsform ist das
Produkt großartiger menschlicher Bestrebungen. Sie
wurde von unseren Vorvätern in der Erkenntnis
geschaffen, daß der Mensch gut, aber auch eine
Bestie sein kann. Es werden immer kluge Taten der
Menschen erforderlich sein, um zu verhindern, daß die
Bestie überhand nimmt."
Senator Fulbright war davon überzeugt, daß die für
den Erhalt der demokratischen Struktur erforderliche
Klugheit nur durch ein starkes System staatsbürgerlicher Erziehung erhalten werden kann. Seine Unterstützung für ein internationales Austauschprogramm
war nur eine Facette seiner Überzeugung, daß
Vorurteile und Mißtrauen überwunden und statt dessen
gegenseitiges Verständnis gefördert werden können,
wenn die Menschen einander nicht so fremd sind. Die
potentiellen Schranken zwischen den Menschen auf
der internationalen Bühne waren beängstigend, aber
er erachtete die Schranken zwischen den Menschen
innerhalb eines Landes als keine geringere Herausforderung. Als Fulbright älter, die Nation heterogener

AMERIKA DIENST 05

und weniger geeint wurde und die politische Rhetorik
an Schärfe zunahm, wuchs seine Überzeugung, daß
die Demokratie nur erhalten werden kann, wenn die
Menschen bei ihren Gesprächen eine gemeinsame
Grundlage haben - inspiriert durch eine Erziehung zu
zivilisiertem und staatsbürgerlichem Verhalten.
Obwohl Senator Fulbright immer ein engagierter
Weltbürger war, überraschte er seine Anhänger
bisweilen durch seine Kritik an der von ihm als missionarisch empfundenen Geisteshaltung Amerikas - dem
eifrigen Streben nach Lösung der weltweiten Probleme, das seines Erachtens oftmals auf Kosten der
demokratischen Gesundheit Amerikas ging.
In seinen späteren Reden und Büchern äußerte
Senator Fulbright zunehmend Kritik an der selbst
auferlegten Rolle der Vereinigten Staaten als Retter
der Welt. In seinem Buch "Wahn der Macht" (The
Arrogance of Power, 1966) schrieb er: "Eine exzessive
Beschäftigung mit auswärtigen Beziehungen ... lenkt
eine Nation von den Quellen ihrer Stärke ab - ihren
inneren Angelegenheiten." Sein Widerstand gegen
den Vietnamkrieg gründete in dieser Überzeugung.
Als internationaler Pragmatiker war er der Ansicht, daß
Amerika bei der Wahl seiner Schlachten klug vorgehen
müsse und die Vorteile des Krieges größer sein
müßten als der dadurch angerichtete Schaden. Seiner
Meinung nach war der Vietnamkrieg unnötig - nicht nur
für die Weltpolitik, sondern auch wegen seines zu
hohen Preises für die Amerikaner - sowohl in Form von
Soldaten als auch der Zerstörung des nationalen
Konsenses.
Er machte sich Sorgen, daß Amerika allzusehr wie ein
überragendes Imperium handelte - seine Regierenden
buchstäblich herumpfuschten, während die Nation
brannte. Er schrieb, "eine ehrgeizige Außenpolitik auf
einer sich verschlechternden Grundlage ist nur eine
begrenzte Zeit lang möglich.... Amerika wird irgendwann ein Desaster erleben, wenn wir nicht unser Haus
in Ordnung bringen oder, genauer gesagt, nicht die
Arbeit wiederaufnehmen, unsere Kinder zu erziehen,
die Armut zu bekämpfen, unsere Städte zu erneuern
und unsere Umwelt zu säubern." Wir brauchen uns
nicht den Isolationismus einiger extremer Kritiker des
gegenwärtigen Internationalismus zu eigen machen,
um mit Senator Fulbright darin übereinzustimmen, daß
jetzt - nach dem Ende des Kalten Krieges - eine echte
Neuüberprüfung der Prioritäten unserer Nation und
des politischen Kurses erforderlich ist, selbst wenn das
eine verringerte Betonung der Führungsrolle Amerikas
in der Welt beinhaltet.
Senator Fulbrights Überzeugung, daß Amerikas
oberste Verantwortung seine innenpolitische Gesundheit ist, war letztlich ein Spiegelbild seiner Ansicht, daß
Amerika nicht durch die Kraft seiner Waffen, sondern
durch die Kraft seines Beispiels eine Führungsrolle in
der Welt übernehmen konnte. Er schrieb: "Wenn die
Vereinigten Staaten der Welt einen Dienst zu leisten

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�haben ... ist es großenteils ein Dienst durch das von
ihnen gegebene Beispiel." Für Senator Fulbright gab
es keine einfache Trennung zwischen Innenpolitik und
internationalen Beziehungen. Die beiden waren eng
miteinander verbunden, und eine Nation, die nicht ein
friedliches, erfülltes, bewunderungswürdiges innenpolitisches Leben aufweisen konnte, hätte wenig
Hoffnung, durch ihr Beispiel Vertrauen zu erwecken.
Er zitierte gerne Edmund Burke, der geäußert hatte,
"das Beispiel ist die Schule der Menschheit, und sie
lernt durch nichts anderes".
Es war besonders wichtig für Demokratien, durch die
Kraft ihres Beispiels zu führen, denn Demokratie
basiert auf einer Reihe von Ideen zu Menschenrechten, Gleichheit und Freiheit. Seit der Unabhängigkeitserklärung - die teilweise mit "dem gebührenden
Respekt für die Meinungen der Menschheit" im
Hinterkopf verfaßt wurde - waren die Vereinigten
Staaten stets zu Recht bemüht, andere Nationen von
den herausragenden Errungenschaften des demokratischen Projekts Amerikas zu überzeugen. Diese
Erfordernis, immer auf die "Meinungen der Menschheit" zu achten, war auch Teil der Motivation des
Fulbright-Austauschprogramms.
Zu den wenigen
Kritikern des Programms zählte Senator Kenneth
McKellar aus Tennessee, der Fulbright nach der relativ
reibungslosen Verabschiedung des Gesetzes gegenüber äußerte "das ist ein sehr gefährliches Gesetzeswerk... Sie bringen unsere Jungen und Mädchen
dorthin und setzen sie Formen des ausländischen
'-ismus' aus." Senator Fulbright antwortete, durch die
Ermutigung einer Verbreitung amerikanischer Kultur
und Werte auf der ganzen Welt würde mehr für die
Förderung von Demokratie getan, als mit Waffen je
erreicht werden könnte.

Senator Fulbright wurde in den Jahren unter Senator
McCarthys Terrorregime Zeuge des Schadens, den
sogenannte Patrioten anrichten können, die eine
unreflektierte Liebe zu Amerika verlangen. Er war der
Ansicht, daß die Institutionen der Vereinigten Staaten,
ihre philosophischen Überzeugungen und Bürger
widerstandsfähig genug waren, um Fragen und
Herausforderungen von innen standhalten zu können.
Tatsächlich war er letztlich der Meinung, Amerikas
große Stärke bestehe darin, daß seine Bürger ihr Land
so sehr liebten, um es ständiger Verbesserung für
würdig zu erachten. Ihm zufolge ist es ein Zeichen der
"politischen und intellektuellen Gesundheit eines
Landes (daß Bürger ihrer Meinung Ausdruck verleihen
dürfen) mit Freiheit und Offenheit". Teil der Idee für
das Fulbright-Austauschprogramm war nicht nur, der
Welt die großartigen Errungenschaften und das
Potential Amerikas vor Augen zu führen, sondern
auch, die Amerikaner zur Erprobung alternativer
Visionen von gutem Leben in anderen Kulturen zu
ermutigen. Ich glaube nicht, daß irgendein FulbrightStipendiat von seinem Auslandsaufenthalt mit einer
Gehirnwäsche durch ausländische '-ismen" zurückkehrte - die Befürchtung von Senator McKellar.
Meines Erachtens sind fast alle Teilnahmer am
Fulbright-Programm mit einer größeren Wertschätzung
für Amerikas Stärken sowie einem Bewußtsein für
seine Mängel zurückgekehrt. Vor allem flößt ihnen die
Fulbright-Erfahrung großen Respekt für die Tatsache
ein, daß es in Amerika nicht nur ein Recht, sondern
eine Pflicht darstellt, sich nicht auf seinen Lorbeeren
auszuruhen, sondern Amerika immer wieder an seinen
eigenen hohen Maßstäben zu messen. Diese Maßstäbe, die sich das Land selbst setzte, waren auch die
Motivation für das Leben und Wirken von Senator J.
William Fulbright.

Obwohl er weiterhin großes Vertrauen in die Anziehungskraft der Demokratie setzte, wenn diese offen mit
anderen Ideologien konkurrieren darf, erachtete
Senator Fulbright das Austauschprogramm nie als
Werbekampagne für amerikanische Werte. Seiner
Meinung nach forderte das Vertrauen in die höchsten
Ideale Amerikas diejenigen, die Amerika lieben, auch
dazu auf, notfalls zum Kritiker Amerikas zu werden. Er
schrieb: "Sein Land zu kritisieren heißt, ihm einen
Dienst zu leisten und ihm Ehre zu erweisen... Kritik ist
mehr als nur ein Recht. Sie ist ein patriotischer Akt,
eine höhere Form des Patriotismus."

Nicht weit entfernt von dem Ort, an dem wir heute
zusammengekommen sind, steht eine Büste des
Senators, unter der die Worte eingraviert sind: "In der
Schönheit dieser Gärten ehren wir die Schönheit
seines Traums: Frieden unter den Nationen und freier
Austausch von Wissen und Ideen auf der ganzen
Erde." Wohl jeder von uns möchte ein solches
Vermächtnis hinterlassen, aber nur wenige verfügen
über den Elan, die Standhaftigkeit und Vision. Senator
Fulbrights Vision war tatsächlich klar und weitblickend.
Wir ehren das Andenken an ihn durch unser fortgesetztes Engagement für diese Vision.

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�NACHRICHTENDIENSTE
6. März 1996

Diplomatische Berichterstattung ist
wertvolle Nachrichtenquelle
Erklärung von Abteilungsleiterin Toby Gati

WASHINGTON - (AD) - Die Berichterstattung des Auswärtigen Dienstes stellt bei den meisten Bedrohungen die
kostengünstigste und risikoärmste Nachrichtenquelle dar, erklärte die Abteilungsleiterin für nachrichtendienstliche
Informationen und Forschung, Tobi Gati, am 22. Februar 1996 vor Kongreßabgeordneten.
In einer Anhörung vor dem Sonderausschuß des Senats für Nachrichtendienste äußerte Gati, diplomatische
Vermittlung und gezielte Auslandshilfe seien der naheliegendste und kostengünstigste Weg für den Umgang mit
Bedrohungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Abteilungsleiterin Gati in Auszügen.

Herr Vorsitzender, Herr Senator, es ist mir eine Ehre,
Ihnen die Ansichten der Abteilung für Nachrichtendienste und Forschung des Außenministeriums zu den
derzeitigen und prognostizierten weltweiten Bedrohungen unserer nationalen Interessen darlegen zu
dürfen. In seinem Bericht zur Lage der Nation definierte Präsident Clinton sieben Bedrohungen der
Sicherheit und nationalen Interessen der Vereinigten
Staaten: Terrorismus, Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
organisiertes
Verbrechen,
Drogenhandel, ethnisch und religiös bedingter Haß,
verbrecherische Staaten und Umweltzerstörung.
Diese sieben Bedrohungen sind unsere oberste
Priorität. Sie stellen unsere unmittelbarsten Gefahren
dar, auf die Dr. Deutch, General Hughes und ich uns
heute konzentrieren werden. Bedrohungen dieser Art
beinhalten die Aktionen feindlicher Staaten und
Gruppen oder transnationale Phänomene mit globalen
Konsequenzen (z.B. Drogenhandel und Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen). Solche
Bedrohungen werden jetzt weithin anerkannt und
ziemlich gut verstanden. Die Nachrichtendienste
leisten einen wertvollen Beitrag zu unserer nationalen
Sicherheit, indem sie diese Bedrohungen gezielt
zusammentragen und analysieren.
Es gibt eine zweite Art von Bedrohung, die oft nicht
erkannt wird - ähnlich dem Hund von Sherlock Holmes,

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der nicht bellte. Solche Bedrohungen entstehen durch
verpaßte oder ungenutzte Chancen zur Förderung
unserer nationalen Tagesordnung. Wenn wir diese
Gelegenheiten nicht erkennen oder unbegründete und
fehlgeleitete Strategien verfolgen, könnten wir existierende Gefahren vergrößern oder neue schaffen. Die
Nachrichtendienste können eine elementare Rolle bei
der Identifizierung von Möglichkeiten für diplomatische
Vermittlung übernehmen und unsere Politiker wesentlich bei ihrem Bemühen um die Lösung von Problemen
unterstützen, bevor diese amerikanische Bürger,
Soldaten oder Interessen gefahren sowie bei ihrem
Bemühen um die Aushandlung von Lösungen für
drängende Probleme. Das ist die Essenz von "Nachrichtendiensten zur Unterstützung der Diplomatie" - ein
oftmals ignorierter aber wesentlicher Bestandteil
unserer nationalen Sicherheit.
Unsere in Bosnien und Nordkorea gemachten Erfahrungen unterstreichen die Bedeutung der Nachrichtendienste bei der Unterstützung von Diplomatie und die
entstehenden Konsequenzen, wenn wir die diplomatischen Chancen nicht sofort ergreifen.
Ähnliche
Gelegenheiten für die Konfliktlösung bestehen auch
andernorts. Wesentlich ist, daß wir den Augenblick
nutzen, um Probleme auf dem Verhandlungsweg zu
lösen und dadurch verhindern, daß verpaßte Chancen zu Bedrohungen unserer Interessen werden.
Beispielsweise erwiesen sich vor kurzem die früh-

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�zeitige Entdeckung der entstehenden Krise in der
Ägäis und rechtzeitige nachrichtendienstliche Tätigkeit
während der entscheidenden Stunden möglicher
griechisch-türkischer Zusammenstöße als unschätzbar
bei der Verhinderung eines größeren Streits unter
NATO-Mitgliedern.
Unsere Diplomaten, das Militär und die Mitarbeiter der
Nachrichtendienste spielen wesentliche, sich ergänzende und gegenseitig unterstützende Rollen bei der
Identifizierung und Analyse von Bedrohungen der
Sicherheit und nationalen Interessen der Vereinigten
Staaten sowie der Reaktion darauf. Obwohl ich davon
überzeugt bin, daß alle drei bei diesen gemeinsamen
Bestrebungen entscheidend sind, muß ich eine
Warnung aussprechen: Die in meinen Ausführungen
sowie denen von Dr. Deutch und General Hughes
umrissenen Bedrohungen werden durch Aktionen
verschärft, die unsere weltweite diplomatische Präsenz
herabwürdigen.
Einfach ausgedrückt erzwingen
Haushaltskürzungen die Schließung von Dienststellen
in Übersee, die Abschaffung buchstäblich Tausender
von Positionen im Auswärtigen Dienst, das erzwungene Ausscheiden aus dem Amt von Mitarbeitern des
Auswärtigen
Dienstes
sowie
die
Kürzung verschiedener Programme. Dadurch wurde
bereits unsere Fähigkeit zur Identifizierung, Interpretation und Verringerung der Bedrohungen beeinträchtigt, die wir heute erörtern.
Die Berichterstattung des Auswärtigen Dienstes stellt
die kostengünstigste und risikoärmste nachrichtendienstliche Quelle für die meisten Bedrohungen dar,
und diplomatische Vermittlung sowie gezielte Auslandshilfe sind der naheliegendste, kostengünstigste
Weg für den Umgang mit jeder einzelnen von ihnen.
Was wir nicht länger durch unsere diplomatische
Präsenz und Berichterstattung erreichen können, muß
mit teureren, risikoreicheren Methoden zusammengetragen werden. Weiter verschlimmert wird das
Problem durch den Verlust oder die Verringerung
diplomatischer Foren für die Informationssammlung
durch Militärattaches, Wirtschaftsbeamte und andere
Mitarbeiter der US-Regierung. Noch gefährlicher ist
die Unterminierung unserer Fähigkeit zum Abbau von
Gefahren mit diplomatischen Mitteln und die damit
einhergehende erhöhte Wahrscheinlichkeit, daß den
Bedrohungen mit einer teuren und gefährlichen
Militärintervention begegnet werden muß.
Das geschrumpfte Budget für auswärtige Angelegenheiten hat direkte und negative Auswirkungen auf
unsere nachrichtendienstlichen Fähigkeiten. Wenn die
Tätigkeit unseres Auswärtigen Dienstes eingeschränkt
wird, leiden die Nachrichtendienste darunter. Wir
verlieren entscheidende Informationen und verringern
unsere Fähigkeit, Analysten und Informanten Feedback zu geben. Ferner werden wir der Einsichten der
Mitarbeiter des Auswärtigen Dienstes beraubt, die in

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der Lage sind, das Verhalten von Regierungsvertretern
anderer Nationen direkt einzuschätzen, die wir davon
zu überzeugen versuchen, gemeinsam mit uns gegen
verbrecherische Staaten und böswillige transnationale
Akteure vorzugehen.
Ich würde gerne eingehender auf die letztgenannten
Bedrohungen eingehen, werde mich jetzt aber dem
Hauptschwerpunkt dieser Anhörung zuwenden. Die im
folgenden erörterten Bedrohungen sind nach geographischen und funktionalen Gesichtspunkten, jedoch
nicht notwendigerweise ihrer Rangfolge nach geordnet. Alle rechtfertigen ernsthafte Besorgnis und
konzertierte Bestrebungen zur Verringerung der
Gefährdung amerikanischer Interessen.
Die in diesem Bericht erörterte gesamte Liste von
Bedrohungen ähnelt sehr stark der 1995 in meiner
Anhörung vor diesem Ausschuß dargelegten, aber die
Natur und Intensität spezifischer Bedrohungen hat sich
- oftmals als Ergebnis amerikanischer Diplomatie geändert. Obwohl Nordkorea in bezug auf Beschaffung, Analyse und Militär weiterhin eine beträchtliche
Herausforderung darstellt, wurde durch die erfolgreiche Umsetzung des Rahmenabkommens das Nuklearprogramm Pjöngjangs eingefroren, und die Amerikaner
arbeiten jetzt am Nuklearkomplex von Jongbjong an
der Gewährleistung der Sicherheit verbrauchten
Brennmaterials. In Bosnien gipfelten die diplomatischen Bestrebungen unter Führung der Vereinigten
Staaten im Abkommen von Dayton, das dem Land
Frieden brachte, aber jetzt werden wir mit der Bedrohung von Übergriffen auf amerikanisches Personal
(einschließlich amerikanischer Truppen) durch rückständige Mudschahedin und Unversöhnliche auf allen
Seiten konfrontiert. Ferner hat die amerikanische
Diplomatie die Bedrohungen für Amerikaner und
amerikanische Interessen im Nahen Osten verändert
und in gewisser Weise verringert. Fortschritte zu
einem umfassenden Frieden untergraben die Unterstützung für die Hamas und andere Terrorgruppen und
stärken gleichzeitig die Entschlossenheit anderer, den
Friedensprozeß noch stärker zu stören.
Einige der vergangenes Jahr festgestellten Bedrohungen sind jedoch besorgniserregender geworden. In
Südasien fordern Kommentatoren aus Indien und
Pakistan ihre Regierungen öffentlich auf, ihre Nuklearprogramme zuzugeben und zu intensivieren sowie
neue Raketensysteme zu entwickeln und zu dislozieren. Chinas militärische Aufrüstung wird fortgesetzt,
und Beijing veranstaltete eine Reihe bedrohlicher
militärischer Übungen, um Taiwan einzuschüchtern.
Sowohl in Südasien als auch in der Frage der Formosastraße könnte sich die Rolle der Diplomatie als
entscheidend für eine friedliche Lösung erweisen, aber
beides erfordert sorgfältige Überwachung durch die
Nachrichtendienste.

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�Rußland
Die Präsidentschaftswahlen im Juni werden ein
zukunftsweisendes politisches Ereignis für Rußland
sein. Offene und faire Wahlen markieren einen
wichtigen Schritt in der russischen Evolution zur
Rechtsstaatlichkeit. Aber die Umgestaltung Rußlands
in eine offenere Gesellschaft ist nicht gesichert. Die
Entwicklung Rußlands seit 1991 ist von Schwierigkeiten gekennzeichnet. Diese resultieren teilweise aus
der enormen Größe der Aufgabe, aber auch selbst
zugefügte Wunden, beispielsweise die Militärintervention in Tschetschenien, und das Erbe der sowjetischen
Vergangenheit spielen eine Rolle.
In den letzten fünf Jahren ist viel erreicht worden. Es
wurden Schritte unternommen, um die Wirtschaft zu
entmilitarisieren und größeres Gewicht auf Marktwirtschaft zu legen. Eine freie Presse, offene Debatten
und politischer Pluralismus wurden eingeführt.
Rußland erklärte, es akzeptiere die Unabhängigkeit
der anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion willkommene Worte, die in der Praxis ihren Niederschlag finden müssen - und es schuf kooperative
Beziehungen zu westlichen Staaten und Institutionen.
Rußland erfüllte termingerecht die im START I-Vertrag
vereinbarten Atomwaffen- und Raketenreduzierungen.
Bei der Nichtverbreitung stimmen wir vielleicht nicht
jeder russischen Unternehmung zu - beispielsweise
dem Verkauf von Atomreaktoren an den Iran - geben
Rußland aber generell gute Noten für seine Förderung
internationaler Nichtverbreitungsnormen und ihre
Befolgung.
Das gute Abschneiden der kommunistischen und
nationalistischen Kandidaten bei den Wahlen zur
Duma im Dezember 1995 demonstriert die Unzufriedenheit des Volkes mit der Kehrseite der Reformen - dem Anstieg wirtschaftlicher und politischer
Unsicherheit, Kriminalität, wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Korruption. Viele sehnen sich nach der
alten Sowjetunion zurück: Sie erinnern die Unbeweglichkeit und Stagnation des kommunistischen
Systems als Stabilität und Sicherheit. Das gilt insbesondere für die gesellschaftlichen Gruppen, die in
den letzten fünf Jahren am meisten gelitten haben,
sowie für die Russen, die sich über die abnehmende
Rolle Rußlands in der Welt ärgern. Ein Sieg der
überzeugten Reformgegner bei den Wahlen im Juni
wäre ein Rückschlag für Rußland. Er könnte die
Integration Rußlands in die Weltwirtschaft behindern,
die Möglichkeiten der Vereinigten Staaten zur Zusammenarbeit mit Rußland einschränken und die
Chancen für die westliche Wirtschaft vermindern,
einen Beitrag zum Wiederaufbau der russischen
Wirtschaft zu leisten. Umgekehrt wären im Falle der
Wahl eines reformorientierteren Präsidenten im Juni
die Chancen für ein stabileres, demokratischeres und
stärker nach außen gerichtetes Rußland größer.

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Ungeachtet des Wahlausgangs befinden wir uns in
einer Zeit zunehmender nationalistischer Rhetorik, die
mit ausdrücklichen Forderungen nach einer Stärkung
des russischen Staates und der Rolle Rußlands im
Ausland einhergeht, insbesondere in den neuen
unabhängigen Staaten. Kurzfristig sollten wir keine
dramatischen Veränderungen in der russischen
Außenpolitik erwarten. Der neue Außenminister,
Jewgenj Primakow, kennt die Welt und weiß, daß
Rußlands weltweiter Einfluß eher durch Engagement
als durch Isolation vergrößert wird. Rußland ist
weitaus weniger in der Lage, Macht über seine
Grenzen hinaus zu projizieren und westlichen Interessen in Drittländern den Kampf anzusagen als früher
die Sowjetunion. Ebenso wichtig ist, daß die innenpolitischen Kontrollmechanismen, die den wirtschaftlichen Wohlstand des Landes für politische und militärische Zwecke einsetzten, untergraben sind,
regionale Politiker zu neuer Macht gelangten und die
neuen unabhängigen Staaten sowie die einstmals von
der Sowjetunion kontrollierten zentraleuropäischen
Nationen zur Wahrung ihrer Unabhängigkeit entschlossen sind.
Gleichzeitig förderte der Krieg in Tschetschenien
ernsthafte Probleme innerhalb des russischen Militärs
zutage und löste brutale Militäroperationen aus, die die
Menschenrechte verletzten, die Opposition in Rußland
aktiv werden ließen, aber gleichzeitig nicht den
tschetschenischen Widerstand brechen konnten.
Während die andere Teile des Nordkaukasus einbeziehenden Vorfälle den Kreis der Zerstörung
vergrößern, steigen die Gefahren für Moskaus Autorität.
Der Balkan und Europa
Friede und Stabilität im ehemaligen Jugoslawien sind
nur möglich, wenn die Vereinigten Staaten und andere
beteiligte Streitkräfte, Diplomaten und humanitäre
sowie zivile Wiederaufbauorganisationen auf den
Leistungen der amerikanischen Diplomatie im DaytonAbkommen aufbauen. Die Gefahr feindlicher Aktionen
bleibt groß, sowohl zwischen den Parteien als auch auf
Seiten terroristischer Elemente aus dem Ausland. Die
Sicherung des Friedens wird schwierig und seine
Aussichten bleiben zweifelhaft, wenn die Truppenentflechtung und vertrauensbildende Maßnahmen nicht
von Erfolg bei den weitaus schwierigeren Aufgaben
wirtschaftlichen Wiederaufbaus und gesellschaftlicher
Versöhnung begleitet werden.
Diese Aufgaben
erfordern nicht ein oder zwei, sondern viele Jahre.
Das Ausmaß des erforderlichen Wiederaufbaus ist
erschreckend. Der Krieg in Bosnien hat die größten
Flüchtlingsströme seit dem Zweiten Weltkrieg verursacht. Die Infrastruktur und Wohnungen bedürfen
umfassender Reparaturen.
Die kriegführenden
Parteien müssen entwaffnet, Wahlen abgehalten und
die öffentliche Sicherheit wiederhergestellt werden.

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�Radikale Extremisten inner- und außerhalb Bosniens
werden versuchen, diesen Friedensprozeß zu vereiteln. Angeklagte Kriegsverbrecher könnten die
Verfolgung durch das internationale Kriegsverbrechertribunal zu umgehen versuchen, indem sie Zwietracht
säen und alte Animositäten schüren. Es ist unerläßlich, daß amerikanische Diplomaten ebenso wie die
Truppen der Vereinigten Staaten und der Alliierten die
uneingeschränkte Unterstützung der Nachrichtendienste erhalten.
Die Aussöhnung in Kroatien hat mit dem Abkommen
über die friedliche Integration des von den Serben
besetzten Ostslawonien unter der Leitung einer
Übergangsbehörde der Vereinten Nationen große
Fortschritte gemacht. Aber auch hier besteht die reale
Gefahr, daß Extremisten und Kriminelle die Entmilitarisierung, die Rückkehr der Vertriebenen und den
Schutz der lokalen Minderheiten - ohne die Ruhe und
soziale Gerechtigkeit nicht gewährleistet sind - zu
blockieren versuchen. Wenn der Frieden in Bosnien
und Kroatien nicht hält, besteht die ernsthafte Gefahr,
daß der Konflikt sich aufgrund aufflammender latenter
Meinungsverschiedenheiten in und zwischen den
anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien
ausbreitet.
In ganz Ostzentraleuropa kämpfen aufstrebende
Demokratien um die Konsolidierung der Reformen, die
Bewahrung der Dynamik der demokratischen Evolution und die Unterstellung der Streitkräfte und Sicherheitsdienste unter zivile Kontrolle. Die Stabilität in
dieser Region ist noch nicht sichergestellt. In Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE) und einer Reihe anderer fähiger
Partner drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf
Maßnahmen, mit denen diese Nationen gestärkt und in
westlichen Institutionen und Mustern der Zusammenarbeit verankert werden.
Der Nahe Osten und Nordafrika
Das Ziel der amerikanischen Politik im Nahen Osten ist
eine stabile, friedliche, wirtschaftlich prosperierende
und politisch offene Region, in der Israel vollständig
akzeptiert und sicher ist, die Öllieferungen garantiert
sind und der Drang zur Beschaffung weiterer todbringender Waffen in konstruktive Unternehmungen
umgeleitet wird. Der Abschluß des Nahost-Friedensprozesses ist der Schlüssel zur Erlangung dieser Ziele.
Despotische Regime, die zögerliche Einführung von
Wirtschaftsreformen, religiöser Extremismus und hohe
Geburtenraten gefährden noch immer die politische
und wirtschaftliche Stabilität. Nach wie vor bedrohen
Iran, Irak und Libyen ihre Nachbarländer. Unter
Saddam Hussein unternahm der Irak zwei katastrophale Militärinterventionen und verfolgte ein aktives

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Programm zum Bau nuklearer, chemischer und
biologischer Waffen. Seit mehreren Jahren behindert
Bagdad die Arbeit der UN-Kommission, die mit der
Zerstörung der Fähigkeiten des Landes zum Bau
solcher Waffen beauftragt ist. Nachrichtendienstliche
Erkenntnisse der Vereinigten Staaten waren der
UNSCOM bei der Ausübung ihrer Überwachungs- und
Verifizierungsaktivitäten von Massenvernichtungswaffen im Irak behilflich. Irak und Iran bedrohen
weiterhin zwei elementare Interessen der Vereinigten
Staaten: Die regionale Stabilität und den freien Fluß
von Energieressourcen am Golf.
Iran, Irak, Libyen, Syrien und Sudan gewähren noch
immer Terroristen Zuflucht. Mit Ausnahme des Sudan
erarbeiten oder planen sie Programme zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und Raketentechnologie.
Diese Maßnahmen sind besonders
gefährlich und beunruhigend, wenn sie von autoritären
Regimen mit einem erwiesenen Interesse an regionaler Destabilisierung verfolgt werden. Syrien, das
ebenfalls auf der Liste der Terrorismus fördernden
Staaten steht und chemische Waffen sowie moderne
Raketentechnologie zu beschaffen versucht, verhandelt auch aktiv mit Israel über ein Friedensabkommen.
Die Erlangung eines Abkommens hätte offenkundige
Auswirkungen auf das Verhalten Syriens in diesen
Bereichen.
Terrorismus
Der internationale Terrorismus stellt eine der alarmierendsten Bedrohungen der Sicherheit amerikanischer
Regierungsbediensteter, Zivilisten und anderer
Interessen wie den Nahost-Friedensprozeß dar. Im
Jahr 1995 töteten Terroristen zwei amerikanische
Regierungsvertreter bei einer Schießerei in Karatschi
und weitere fünf bei einem Bombenanschlag in Riad.
Effektive Terrorismusbekämpfungsoperationen verhinderten eine sehr viel höhere Zahl von Verletzten, da
die Versuche von Terroristen, die den für den Anschlag auf das World Trade Center Verantwortlichen
nahestanden, vereitelt wurden, mehrere amerikanische Zivilluftfahrtgesellschaften in Ostasien zu
bombardieren. Unsere Ressourcen für die Sicherheit
werden in der Tat durch die vielen Bedrohungen
unserer Diplomaten und Einrichtungen im Ausland aufs
äußerste strapaziert.
Auf der ganzen Welt sind Amerikaner das Ziel von
Geiselnehmern. Terroristen in Kolumbien und Kaschmir nehmen Amerikaner zur Erpressung von Lösegeld
und/oder als politisches Druckmittel gefangen, und in
mehreren Ländern sind Amerikaner das Ziel von
Terroristen. Der Anschlag auf das World Trade Center
ist eine konstante Erinnerung, daß die Amerikaner in
ihrem eigenen Land weiterhin ungeschützt gegen
ausländische Terroristen sind, die Schlagzeilen
machen und massenhaft Verletzte bewirken wollen.

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�Trotz der Verbreitung neuer, nicht staatlich geförderter
Terrorgruppen stellt staatlich geförderter Terrorismus
eine besondere Herausforderung dar. Angeführt wird
die Liste vom Iran, der Geld, Ausbildung und Waffen
für säkulare und islamische Radikale bereitstellt, die
Gewalt zur Unterminierung unserer Bestrebungen
einer Erleichterung des Friedens zwischen Arabern
und Israelis einsetzen. Im Sudan halten sich viele
Terrorgruppen auf, darunter die ägyptische islamische
Gama'at, die Ägypten mit der Verschwörung zur
Ermordung von Präsident Mubarak in Äthiopien im Juni
vergangenen Jahres zu destabilisieren versuchte.
Neuere terroristische Bedrohungen gehen von dem
Chaos in Afghanistan aus, wo nach dem Ende des
Krieges "Absolventen" die Ausbildungslager verlassen,
die auf die Bekämpfung konservativer Regime brennen. Der ethnische Konflikt in Rußland weitete sich
vor kurzem auf die internationale Arena aus, als
tschetschenische Separatisten ein türkisches Schiff im
Schwarzen Meer entführten. Die Friedenssicherung in
Bosnien wird durch potentielle terroristische Bedrohungen lokaler und ausländischer Elemente
gefährdet.
Drogenhandel und internationales Verbrechen
Große Organisationen, die Drogen produzieren und
schmuggeln, überschwemmen die Vereinigten Staaten
nach wie vor mit illegalen Suchtmitteln und machen
unsere Bestrebungen zur Reduzierung der Nachfrage
zunichte. Häufig beuten sie die Anfälligkeit der
weniger begünstigten Teile unserer Gesellschaft aus
und verschärfen bestehende soziale Defizite. Unser
Interesse an der Stärkung des Trends zu Demokratisierung in unserer eigenen Hemisphäre, das im
vergangenen Jahrzehnt so deutlich ausgeprägt war,
wird durch die Drogenhändler unterminiert.
Die
Tatsache, daß viele Drogenbarone straffrei ausgehen,
höhlt das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung
aus.
Ein Großteil des öffentlichen Augenmerks konzentriert
sich auf Lateinamerika, aber Heroin, das vorwiegend
aus dem südostasiatischen Goldenen Dreieck zwischen Thailand, Burma und Laos kommt, drängt
weiterhin auf den amerikanischen Markt. Fortschritte
bei der Bekämpfung des Drogenhandels waren
mühsam; ohne die Mitarbeit der Herstellerländer
können sie überhaupt nicht erzielt werden. Diese
Mitarbeit zu gewinnen, ist Aufgabe der Diplomatie mit
Unterstützung effektiver Programme für Länder, die
sich der Zusammenarbeit mit uns verpflichtet haben.
Internationales organisiertes Verbrechen kennt keine
Grenzen. Es bedroht den Betrieb amerikanischer
Unternehmen, stört den Übergang zu Demokratie und
Marktwirtschaften und beeinträchtigt die Verteilung und
Effektivität amerikanischer Hilfe. Unser Interesse an
Stabilität und Demokratie in den ehemals sowjetischen

AMERIKA DIENST 05

Republiken und Zentraleuropa wird von kriminellen
Gruppen bedroht, die Vorteile aus der Privatisierung
ziehen, Regierungsvertreter korrumpieren und illegal
erworbenen Reichtum sowie Einschüchterung nutzen,
um die Kontrolle über Banken und Unternehmen zu
erlangen. In dem Maße, in dem das russische organisierte Verbrechen an Stärke gewonnen hat, wurden
Bündnisse mit gut etablierten Kriminellen in Europa,
Südamerika und Asien geschlossen.
Weiterverbreitung
Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen stellt
eine ernsthafte und zunehmende Bedrohung der
nationalen Interessen der Vereinigten Staaten im Inund Ausland dar - und dies wahrscheinlich noch auf
Jahre hinaus. Die Vereinigten Staaten haben die
Eindämmung der Weiterverbreitung zur obersten
Priorität und zum Schlüsselelement ihrer diplomatischen Konsultationen und militärischen Vorbereitungen weltweit gemacht.
Die Vereinigten Staaten
werden die internationalen Bestrebungen zur Aushandlung eines Vertrags über ein umfassendes
Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty CTBT) anführen, den der Präsident im Verlauf dieses
Jahres unterzeichnen möchte. Der CTBT wird zusammen mit der unbegrenzten Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags (NW) und einem künftigen
Vertrag über die weltweite Einstellung der Produktion
von spaltbarem Material das globale Nichtverbreitungsregime beträchtlich stärken.
Zusätzlich zu diesen multilateralen Bestrebungen
werden sich die Vereinigten Staaten nach wie vor auf
wichtige regionale Brennpunkte konzentrieren, wo die
Weiterverbreitung am wahrscheinlichsten stattfindet
oder zunimmt. Zu diesen Regionen zählen der
Persische Golf, die koreanische Halbinsel und Südasien. Die Vereinigten Staaten werden darauf hinarbeiten, daß spaltbares Material nicht aus der ehemaligen Sowjetunion in die Hände entschlossener
Lieferanten oder Terroristen gelangt.
Am wichtigsten beim globalen Kampf zur Eindämmung
der Verbreitung von Nuklearwaffen sind die Bestrebungen zum Aufspüren und Sicherstellen spaltbaren
Materials in Rußland und den ehemaligen sowjetischen Republiken. Wir erachten dies als ein äußerst
ernsthaftes Problem, obwohl die Anzahl der Vorfälle
von Schmuggel mit spaltbarem Material aus der
früheren Sowjetunion im vergangenen Jahr verglichen
mit den 1994 berichteten Fällen drastisch abgenommen hat. Wir benötigen kontinuierliche internationale
Wachsamkeit seitens der diplomatischen, nachrichtendienstlichen und Strafverfolgungseinrichtungen zur
Bekämpfung des Schmuggels. Ein genaues Verständnis des uns konfrontierenden Problems wird zur
Erarbeitung einer diplomatischen Strategie für den
Nukleargipfel in Moskau im April beitragen.

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�Schlußbemerkung
Die Bedrohung der Amerikaner und amerikanischer
Interessen hat sich im vergangenen Jahrzehnt drastisch verändert. Die Gefahr eines absichtlichen - oder
zufälligen - Atomschlags hat sich stark verringert, aber
das Risiko eines Schadens durch einen Terrorakt oder
ein mit Drogen in Verbindung stehendes Verbrechen
hat sich erhöht. Mit dem Ende des Kalten Krieges, der
Ablösung autoritärer Regime durch aufstrebende
Demokratien sowie der zunehmenden Akzeptanz
offener Märkte und geteilter Verantwortung für Bedrohungen des globalen Ökosystems sollten wir uns
sicherer fühlen als es die meisten von uns tun.
Unser Kopf mag uns sagen, wir seien sicherer, aber
unser Instinkt - und Nachrichten - argumentieren
anders. Kopf und Instinkt haben beide recht. Die
Bedrohung des Überlebens der Vereinigten Staaten
hat sich enorm verringert, aber Bedrohungen unseres
Wohlergehens bestehen weiter und können sogar
zunehmen.

Die hier und in anderen Einlassungen für diese
Anhörung gegebene Übersicht über die wichtigsten
und am leichtesten zu identifizierenden Bedrohungen
unserer Sicherheit sind ein nützlicher Leitfaden für die
Herausforderungen, mit denen sich amerikanische
Politiker, Diplomaten, Militärplaner und Angehörige der
Nachrichtendienste konfrontiert sehen.
Unsere
Mitbürger haben jedoch andere Ängste und fühlen sich
durch die Gefahren bedroht, die weniger leicht zu
definieren oder zu quantifizieren sind. Die Nachrichtendienste leisten gute Arbeit bei der Beschaffung
und Interpretation von Informationen über die oben
erörterten "großen" Bedrohungen. Bei all diesen
Themen - und insbesondere bei transnationalen und
globalen Problemen beschneiden wir unsere
nachrichtendienstlichen Fähigkeiten, setzen unsere
Soldaten einem Risiko aus und schwächen unsere
nationale Sicherheit, wenn wir die diplomatische
Unterstützung oder Auslands- und Entwicklungshilfe
kürzen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 05

�WAHLEN

'9 6
6. März 1996

Die Vorwahl von New Hampshire
Ein Überblick

WASHINGTON - (AD) - Pat Buchanans knapper Sieg
in New Hampshire machte weltweit große Schlagzeilen, weil hier die ersten Vorwahlen der Vereinigten
Staaten stattfanden und sie daher die Aufmerksamkeit
der Medien auf sich zogen.
Aber Buchanans Sieg in dem "Granitstaat" muß im
Kontext gesehen werden. New Hampshire ist ein
kleiner Bundesstaat und infolgedessen entfallen auf
ihn relativ wenige -16 - Delegierte, die zum nationalen
Konvent der Republikaner entsandt werden. Verglichen damit hat Arizona, das die Vorwahlen am 27.
Februar abhielt, beispielsweise 39 Delegierte und
New York, wo die Vorwahlen am 7. März stattfinden,
sogar 102.
Darüber hinaus werden die Delegierten aus New
Hampshire entsprechend der abgegebenen Stimmen
proportional verteilt im Gegensatz zu anderen Bundesstaaten - zum Beispiel Delaware und Arizona - wo der
Wahlsieger alle Stimmen erhält ("winner-take-all"). So
konnte Buchanan die Mehrheit der Delegiertensitze in
New Hampshire auf sich vereinigen, aber bei weitem
nicht alle.
Wie die Washington Times ausführte, siegte Buchanan mit 28 Prozent der Stimmen knapper als bei seiner
Kandidatur im Jahr 1992. Damals konnte er in einem
Zweimannrennen mit Präsident Bush 37 Prozent der
Stimmen auf sich vereinigen. Die konservative Zeitung
schrieb jedoch auch, es sei "nicht besonders implausibel", daß die Stimmen für ihn aus echter Zustimmung für ihn abgegeben worden waren statt als
reine Proteststimmen.
New Hampshire hat in der amerikanischen Politik über
die Jahre hinweg einen gewissen Mythos erlangt, nicht
nur, weil dort die ersten Vorwahlen abgehalten werden, sondern auch, weil der Bundesstaat als starker
Indikator dafür gilt, wer schließlich von der Partei
nominiert wird.

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Auf republikanischer Seite wurde beispielsweise seit
1952 jeder Sieger von New Hampshire nominiert
(obwohl er nicht zwangsläufig die allgemeine Wahl
gewann), mit Ausnahme von Henry Cabot Lodge, dem
amerikanischen Botschafter in Vietnam, der 1964 bei
den Vorwahlen den Sieg davontrug, obwohl er nicht
auf der Kandidatenliste stand, dann aber gegen
Senator Barry Goldwater aus Arizona verlor. Goldwater wurde zwar nominiert, verlor die allgemeine Wahl
aber in einem Erdrutschsieg für Präsident Lyndon
Johnson. Die Präsidenten Eisenhower, Nixon, Ford,
Reagan und Bush hatten alle die Vorwahl von New
Hampshire gewonnen, bevor sie von der Partei
nominiert wurden. Bush verlor jedoch 1992 die
allgemeinen Wahlen.
Bei den Demokraten ist der Mythos weniger offensichtlich. Estes Kefauver war 1952 und 1956 Sieger der
Vorwahl von New Hampshire, aber jedes Mal wurde
Adlai Stevenson nominiert. Stevenson jedoch unterlag
bei beiden allgemeinen Wahlen dem Republikaner
Dwight Eisenhower. 1968 gewann zwar der amtierende Präsident Johnson die Vorwahl von New Hampshire, aber der Anti-Vietnamkriegskandidat Eugene
McCarthy erhielt 42 Prozent der Stimmen, weshalb ihn
die Presse als psychologischen Sieger der Vorwahl
bezeichnete. Johnson zog später seine Kandidatur
zurück, aber McCarthy wurde nicht nominiert. Die
Nominierung ging an Vizepräsident Hubert Humphrey,
der an gar keiner Vorwahl teilgenommen hatte.
1972 schnitt Edmund Muskie schlechter ab, als viele
vermutet hatten. Obwohl er die Vorwahl von New
Hampshire gewann, wurde letztlich George McGovern
nominiert. Gary Hart war 1984 der Sieger von New
Hampshire, nominiert wurde jedoch Walter Mondale.
1992 unterlag Bill Clinton zwar Paul Tsongas, wurde
aber dennoch nominiert. Clinton ist der einzige, der
die Vorwahl von New Hampshire verlor, aber die
Präsidentschaftswahlen gewann.

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�Die Vergangenheit ist natürlich keine sichere Richtschnur für die Zukunft. 1952, als die Vorwahl von New
Hampshire erstmals für die amerikanische Politik
Bedeutung erlangte, wurden noch in wenigen Bundesstaaten Vorwahlen abgehalten. Selbst wenn ein
Kandidat alle Vorwahlen gewann, gab es noch viele
Machenschaften, sowohl hinter den Kulissen als auch
im Nationalkonvent der Partei, bevor die Nominierung
sicher war.
1996 ist die Vorwahl in New Hampshire nur eine von
41. In diesem Jahr wandte sich die Aufmerksamkeit

schnell den anderen Bundesstaaten zu, die das Datum
ihrer Vorwahl gegenüber 1992 vorgezogen hatten.
Vorwahlen fanden bereits am 24. Februar in Delaware
(die ersten überhaupt), sowie am 27. Februar in
Arizona, North Dakota und South Dakota statt. Dieses
Jahr werden 23 Bundesstaaten ihre Vorwahlen bis
Ende März abhalten und nahezu 80 Prozent der
Delegierten wählen, wodurch Absprachen und Verhandlungen über das Abtreten von Stimmen zwischen
den Kandidaten während des Parteikonvents unwahrscheinlich werden.

* * * * *

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�WAHLEN

'9 6
6. März 1996

Empfehlungen für die Gestaltung der Fernsehdebatten
im Präsidentschaftswahlkampf
von Debra Gersh Hernandez

(AD) - Die Kommission für die Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten gab drei Empfehlungen für die
Gestaltung dieser Debatten im Wahlkampf 1996 ab und stellte Kriterien für die Zulassung von Kandidaten auf.
Der nachfolgende Artikel befaßt sich mit diesen Empfehlungen und stellt fest, daß die Kriterien für die
Moderatoren Fernsehjournalisten den Vorzug gegenüber Zeitungsjournalisten geben.
Debra Gersh Hernandez ist Redakteurin bei Editor &amp; Publisher in Washington.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 18. November 1995.
Copyright © 1995 Editor &amp; Publisher, Inc.

Der Kommission für die Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten zufolge sollen drei jeweils
90minütige Debatten der Präsidentschaftskandidaten
sowie eine der Vizepräsidentschaftskandidaten an
jedem Mittwoch zwischem dem 25. September und
dem 16. Oktober 1996 abgehalten werden. Die
Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten soll am 9.
Oktober stattfinden.
Von den drei Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten, in denen innen- und außenpolitische
Themen zur Sprache kommen, wird eine mit den
Kandidaten hinter traditionellen Rednerpulten stattfinden, die zweite in der Atmosphäre einer Bürgerversammlung, was 1992 bei den Wählern sehr beliebt
war, die dritte sowie die der Vizepräsidentschaftskandidaten in einem informelleren Umfeld, wobei Kandidaten und Fernsehmoderator sitzen.
An jeder Debatte wird nur ein Diskussionsleiter
teilnehmen und nicht das traditionelle Podium von
Fragestellern.
Dem Kovorsitzenden der Kommission, Frank J.
Fahrenkopf, zufolge, werden die Moderatoren von
ABC, CBS und NBC wahrscheinlich nicht für diese
Aufgabe ausgewählt, da die Kommission jemanden
vorziehen würde, der nicht mit den Kandidaten kon-

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kurriert. Eine "nicht bedrohliche und nicht egozentrische" Persönlichkeit wäre "der Verkehrspolizist, der
unseres Erachtens erforderlich ist".
"Diese Moderatoren umgibt die Aura eines Stars", so
der Kovorsitzende Paul G. Kirk. "Das ist unserer
Ansicht nach nicht notwendig. Die Menschen erwarten
von den Debatten der Kandidaten Informationen.
Diese Berühmtheit der Moderatoren könnte störend
sein."
Ausgewählte Gruppen aus der ganzen Nation, die im
Anschluß an die Debatten von 1992 befragt wurden,
wiesen darauf hin, daß die Form eines Podiums nicht
immer Zusatzfragen zuließ, erklärte Fahrenkopf.
Mit nur einem Fernsehmoderator sei die Diskussion oft
flüssiger und die Teilnehmer könnten "natürliche
Zusatzfragen" stellen, erklärte er bei einer Pressekonferenz in Washington im Zusammenhang mit der
Bekanntgabe der Debattenempfehlungen.
Kirk erläuterte, ein Bewerber für den Posten des
Diskussionsleiters brauchte Erfahrung mit politischen
und gegenwärtigen Entwicklungen, müßte mit Kamera
und Kopfhörer umgehen können und ein "gewisses
Talent und berufliche Fähigkeiten" fürs Fernsehen
besitzen.

Seite 1

�Das schließe nicht unbedingt die Journalisten der
Printmedien aus, so Fahrenkopf, da es auch unter
ihnen einige mit Fernseherfahrung gäbe. Dennoch
würden die Moderatoren erst gegen Ende des Verfahrens, möglicherweise sogar erst zwischen den Debatten ernannt, äußerte Kirk.

um zu haben, politische Unterstützung in einer Mehrheit von Wahlbezirken in diesen Bundesstaaten,
entsprechende Geldmittel oder andere Möglichkeiten
zur Finanzierung des Wahlkampfes sowie Förderung
durch Amtsinhaber auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene.

Ein 'alter Hase' des Fernsehens, Robert Asman,
wurde zum ausführenden Produktionsleiter der
Debatten bestimmt.

Um Medienberichterstattung und Konkurrenzfähigkeit
zu prüfen, holt die Kommission die Meinung von Chefs
der Washingtoner Nachrichtenzentralen, professionellen Wahlkampfmanagern, Meinungsforschern und auf
Wahlen spezialisierten Politologen ein. Zusätzlich wird
die Kommission Vergleiche hinsichtlich des Umfangs
der Berichterstattung in Zeitungen und im Fernsehen
zwischen diesen Kandidaten und denen der großen
Parteien anstellen und die veröffentlichte Meinung
politischer Kommentatoren berücksichtigen.

Von den ursprünglich vorgeschlagenen 40 Veranstaltungsorten wurden 10 - alle auf Campusgeländen - in die engere Wahl gezogen, von denen Ende
Januar oder Anfang Februar vier ausgewählt werden.
Die Kommission veröffentlichte auch ihre Kriterien für
die Teilnahme von Kandidaten an den Debatten. Die
Kandidaten der Demokraten und Republikaner sind
automatisch inbegriffen. Die Kriterien der Kommission
für die Parteilosen zielen den Richtlinien zufolge darauf
ab, nicht den beiden großen Parteien angehörige
Kandidaten zu identifizieren, die eine realistische
Chance haben, gewählt zu werden.
Die Kandidaten müssen landesweit politische Unterstützung genießen, für die nationalen Nachrichten von
Interesse und konkurrenzfähig sein und nationale
öffentliche Begeisterung oder Interesse aufweisen.
Zu den Indikatoren für die Unterstützung durch
politische Anhänger im ganzen Land zählen: Erfüllung
der verfassungsmäßigen Vorraussetzungen für die
Wahl zum Präsidenten, Erscheinen auf dem Stimmzettel in genügend Bundesstaaten, um eine realistische Chance für eine Mehrheit im Wahlmännerkollegi-

Um schließlich die nationale öffentliche Begeisterung
oder das Interesse feststellen zu können, wird die
Kommission die Ergebnisse von Umfragen nationaler
Meinungsforschungs- und Nachrichtenverbände sowie
die Teilnahme an Zusammenkünften und Versammlungen im ganzen Land prüfen und mit denen der
Kandidaten beider großen Parteien vergleichen.
Informationen über die Debatten - sowohl aktuelle als
auch historische Daten - können auf der Home Page
der Kommission im Internet unter folgender Adresse
abgerufen werden: http://park.org/fair/Events/Debates.
Die Kommission plant auch ein Projekt zur Wählererziehung unter dem Namen "Debate, Watch '96", das
Menschen zusammenbringen soll, um den Debatten
zuzusehen und sie in Schulen, Bibliotheken, Hörsälen

und anderen Foren zu erörtern.

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�WAHRUNG

6. März 1996

DIE NEUEN 100-DOLLAR-NOTEN
Aufklärungskampagne des US-Finanzministeriums

Washington - (AD) - Die amerikanische Regierung
informiert zur Zeit mit einer internationalen Aufklärungskampagne über die neuen 100-Dollar-Noten, die
im ersten Quartal 1996 weltweit in Umlauf kommen
sollen. Die neuen Geldscheine weisen modernste
Sicherheitsmerkmale auf, die aufgrund des technischen Fortschritts in der Drucktechnologie notwendig
wurden.
Für die großangelegte Aufklärungskampagne wurden
Broschüren, Poster, Videos, Kurzinfos und gezielte
Werbeanzeigen produziert, mit denen Millionen
Menschen in aller Welt, die den US-Dollar als Zahlungsmittel benutzen, informiert werden. Das USFinanzministerium hat detailliertes Informationsmaterial
an über 200 diplomatische Vertretungen in aller Welt
verschickt, deren Repräsentanten sich bereits mit
Vertretern von Regierungen, Finanzinstituten und der
Industrie zusammengesetzt haben, um sie über die
bevorstehende Einführung der neuen Währung zu
unterrrichten. Millionen von Informationsschriften in 20
Sprachen wurden aufgelegt.
Botschaften veranlaßten die Übersetzung des Informationsmaterials in weitere Sprachen, wie z.B. Lettisch,
Ägyptisch und Tagalog. Um allen Benutzern der
amerikanischen Währung einen möglichst raschen
Zugang zu Informationen zu gewähren, hat das
Finanzministerium sechs Global Information Centers
eingerichtet, die neben der Aufklärung der Öffentlichkeit auch die gezielte regionale Informationsverbreitung koordinieren.
"Nachdem zwei Drittel der amerikanischen Banknoten
im Ausland in Umlauf sind, ist es unsere Verantwortung, alle diejenigen über die bevorstehende
Veränderung aufzuklären, die ihr Vertrauen in unsere
Währung setzen", sagte der Staatssekretär des USFinanzministeriums, John D. Hawke.
Die dem Zentralbanksystem der Vereinigten Staaten
angehörenden 12 Bundesbanken und ihre 24 Filialen

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sind für die Unterrichtung der Finanzinstitute über die
neue Währung in ihren jeweiligen Regionen zuständig.
Im November 1995 leiteten sie ein umfassendes
Programm mit Schulungsseminaren für Geldinstitute in
die Wege und fungieren gleichzeitig als regionale
Auskunftsstelle für die Öffentlichkeit und alle, die im
Finanzwesen tätig sind.
Das Bureau of Engraving and Printing des US-Finanzministeriums legt seit September 1995 einen Vorrat an
neuen 100-Dollar-Noten an. Bisher wurden 600
Millionen Banknoten gedruckt. Nach dem Versand der
Banknoten an die Bundesbanken in allen Teilen der
Vereinigten Staaten sollen die sicheren Geldscheine
der 1996er Serie weltweit in Umlauf kommen, während
die alten Banknoten allmählich von der Zentralbank
ausgetauscht werden.
Neben den neuen 100-Dollar-Noten bleiben die alten
Geldscheine weiterhin gesetzliches Zahlungsmittel.
Die US-Regierung plant keine Abwertung der alten
oder neuen Währung. Regierungsvertreter raten
jedoch allgemein dazu, beim Umtausch von DollarNoten im Ausland darauf zu achten, daß der Umtausch
bei seriösen Devisenhändlern erfolgt, die für faire
Gebühren bekannt sind.
"Besitzern von US-Banknoten in aller Welt können wir
versichern, daß die US-Regierung nicht vorhat, die
alten Scheine aus dem Verkehr zu ziehen", sagte der
Vorsitzende des Zentralbankrates Alan Greenspan.
"Wenn alte Noten von den Finanzinstituten bei der
Zentralbank eintreffen, werden sie einfach gegen neue
ausgetauscht. Der alte und der neue Schein werden
zum vollen Nennwert honoriert".
Während die neue Währung gedruckt wird, informiert
die Aufklärungskampagne die Öffentlichkeit weltweit
über das neue Design der 100-Dollar-Noten, das dazu
beitragen soll, die Sicherheit der amerikanischen
Banknoten im Zeitalter der High-Tech-Drucktechnologie mit hochleistungsfähigen Reproduktionsmedien wie

Seite 1

�Farbkopierern, Digitalscannern, Laserdruckern und
Publishing-Software zu optimieren.
"Das ist die erste größere Änderung der US-Währung
seit 1928, obwohl die Neugestaltung von Banknoten
zur Verbesserung ihrer Sicherheit und Integrität
natürlich nichts Neues ist", sagte US-Schatzmeisterin
Mary Ellen Withrow, die im Rahmen der Aufklärungskampagne bisher schon zahlreiche öffentliche Auftritte
absolvierte. Die US-Währung hat ihr Aussehen seit
1785 mehr als zwölfmal geändert. Withrow fügte
hinzu, daß die neue Währung in bezug auf Format,
historische Porträts und Druckfarben dem charakteristischen "amerikanischen Look" treu bleiben wird.
Auch das Papier, eine Mischung aus Baumwolle und
Leinen, wird sich genauso anfühlen wie bisher.
Das neue Design weist jedoch einige zusätzliche
Sicherheitsmerkmale auf. Am auffälligsten ist das
größere Porträt, das außerdem weiter nach links
versetzt wurde, um einem Wasserzeichen Platz zu
machen.
Mikrodruck und Sicherheitsfäden, die
erstmals bei der Notenserie von 1990 in Erscheinung
traten, wurden beibehalten.
Die Sicherheitsmerkmale
Banknote umfassen:

der neuen

100-Dollar-

* Ein Wasserzeichen rechts des Porträts, das dieselbe historische Persönlichkeit darstellt wie das
Porträt selbst. Das Wasserzeichen läßt sich nicht
kopieren und ist nur sichtbar, wenn man den
Geldschein gegen das Licht hält.
* Ein Sicherheitsfaden, der in Ultraviolettlicht rot
leuchtet. Zur zusätzlichen Sicherheit befindet sich
der Faden bei jedem Nennwert an einer anderen
Stelle.
* Changierende Druckfarbe. Die Zahl in der unteren
rechten Ecke auf der Vorderseite des Geldscheins
erscheint grün, wenn man gerade daraufschaut,
und wechselt bei seitlicher Betrachtung zu schwarz.
* Mikrodruck in der Zahl in der unteren linken Ecke
sowie auf dem Mantel im Porträt Benjamin Franklins.
* Konzentrische feine Linien im Porträt und auf der
Rückseite der Banknote. Diese Art des Drucks ist
äußerst schwierig zu kopieren.
Die neue 100-Dollar-Note ist die erste einer ganzen
Reihe neuer Banknoten, die in jährlichen Abständen

eingeführt werden sollen. Die Sicherheitsmerkmale
können je nach Nennwert variieren. Die 100-DollarNote ist mit allen verbesserten Sicherheitsmerkmalen
ausgestattet, während es beim 1-Dollar-Schein
weniger sein werden. Die Hauptstärke der neuen
Notenserie liegt in der Kombination verschiedener
Sicherheitsmerkmale.

Richard Schmierer, Presseattache,
Amerikanische Botschaft Bonn
Tel. 0228-339 2131
FAX: 0228-333 318
Walter Theurer, Pressesprecher,
Außenstelle
der Amerikanischen Botschaft Berlin
Tel. 030-238 5174
FAX: 030-238 6214
Craig Springer, Direktor
Amerika Haus Frankfurt
Tel. 069 - 971 448 0
FAX: 069-720 205
Lee James Irwin, Direktor
Amerika Haus Hamburg
Tel. 040-450 104 0
FAX: 040-444 705
Sandra Kaiser, Direktorin
Amerika Haus Köln
Tel. 0221-209 010
FAX: 0221 - 255 543
•

Greg Lynch, Direktor
Amerika Haus Leipzig
Tel. 0341-213 8420
FAX: 0341-213 8432
William Graves, Direktor
Amerika Haus München
Tel. 089 - 552 537 0
FAX: 089-553 578
Richard Gilbert, Vanessa Anderson,
Mike Johnson
Global Information Center, London
Tel. 0044 171 831 6262
Weitere Informationen sind beim US-Finanzministerium per FAX 001 202 622-2040 oder über die WebSeite des Finanzministeriums unter http://WWw.
ustreas.gov/. erhältlich.

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AMERIKA DIENST 05

�DATEN AUTOBAHN
6. März 1996

Neues von der Datenautobahn
Übersicht jüngster Entwicklungen

WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel faßt die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten bei
Informations- und Telekommunikationstechnologien zusammen und erörtert Neuheiten auf dem Internet sowie die
Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur.

Bibliothekskiosk beantwortet Fragen
Ein Informationskiosk in der Bibliothek des Southwestern College in Kalifornien beantwortet Fragen, die
Auskünfte erteilenden, überarbeiteten Bibliothekaren
regelmäßig gestellt werden, wie "Wo kann ich Informationen über (die berühmte Person X) finden?". "Wir
haben festgestellt, daß zwei Drittel der an unseren
Informationsdienst gerichteten Fragen die Region
betreffen", äußert der Dekan des Colleges für Auskunftsdienste in der Zeitschrift Chronicle of Higher
Education. Der Kiosk bietet einen Rundgang durch
die Bibliothek mit Fotos und einem Grundriß an.
Exodus kommerzieller Dienstleistungen beobachtet
Kommerzielle Online-Dienste haben Schwierigkeiten,
Kunden zu halten und sich von anderen Anbietern
abzuheben, weil die informierten Computeranwender
zu kleinen Internet-Anbietern überwechseln, berichtet
The Wall Street Journal. Hand in Hand mit der
Abnahme der Kunden geht das Problem der Anbieter
von Internet-Inhalten, die zunehmend ihre eigenen
Informationen auf das Web schicken und so die
kommerziellen Dienste völlig umgehen. Während die
Zahl der Kunden kommerzieller Dienste im vergangenen Jahrzehnt auf ungefähr 12,5 Millionen gestiegen
ist (mit einer Verdoppelung im letzten Jahr), verachtfachte sich die Zahl der World Wide Web-Nutzer einer
Übersicht der International Data Corporation zufolge
allein im vergangenen Jahr auf acht Millionen.

Informationssysteme Leute, die sich mit dem Internet,
kundenfreundlicher Bedienung und Vernetzung
auskennen, berichten Kopfjäger in der Zeitschrift
Information Week.
Computerverbrechen
Die von einem Professor der Michigan State University
durchgeführte Befragung bei 150 Sicherheitsdirektoren
von Unternehmen ergab, daß 98,6 Prozent Computerverbrechen in ihren Unternehmen erlebt hatten, so die
Tampa Times. Die häufigsten Probleme waren
Kreditkarten- und Telekommunikationsbetrug, Benutzung der Computer für persönliche Zwecke durch die
Angestellten, nicht genehmigter Zugang zu vertraulichen Akten und das unrechtmäßige Kopieren von
Software. "75 bis 80 Prozent dieser Vorfälle geschehen im Haus", stellt ein Sicherheitsberater fest.
Sinkende Gebühren für Zellularfunk
Die Gebühren für Zellulartelephone in den Vereinigten
Staaten, die angesichts der enormen Nachfrage seit
Jahren hoch waren, könnten schließlich auf den
Wettbewerbsdruck reagieren und sinken, berichtet The
Wall Street Journal. Die Nachfrage verlangsamt sich,
und der Wettbewerb hat in New York, Chicago und
Washington zugenommen. Statistiken der 15 größten
Anbieter in den Vereinigten Staaten belegen eine
12prozentige Zuwachsrate im Jahr 1995, verglichen
mit 63 Prozent im Vorjahr. Der Vormarsch von
persönlichen Kommunikationsdienstleistungen könnte
die Preise noch weiter drücken.

Anforderungsprofil für Computerexperten
Im Jahr 1996 suchen die Arbeitgeber im Bereich der

AMERIKA DIENST 05

Seite 1

�Interessante Web Sites auf dem Internet

Text only:
http://www.pbs.org/newshour/textonly/hometext.html

Nachfolgend einige nützliche Adressen auf dem World
Wide Web.
The Food and Nutrition Information Center (FNIC) der
National Agricultural Library:
gopher://gopher.nal. usda.gov:70/11/infocntr/fnic
http://www.nalusda.gov/fnic/
Diese Seite enthält eine Vielfalt elektronischer Zugangspunkte für die vollständigen Texte der Bibliographien, Ressourcenlisten und Übersichten des Zentrums, darunter Material für die Nahrungsmittelkennzeichnung sowie Software über Nahrungsmittel und
Ernährung. Zusätzlich sind Informationen über die
menschliche Ernährung und Nahrungsmittelaufklärung
erhältlich.
College and University Home Pages:
http://www.mit.edu:8001/people/cdemello/univ.html
Diese Seiten bieten Knotenpunkte für die Home Pages
von über 2.300 Colleges und Universitäten in 77
Ländern. Alphabetische und geographische Listen
stehen zum browsen zur Verfügung.

Die an Graphiken reiche Seite bietet ausgewählte
Transkriptionen der wichtigsten Themen aller Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Verfügbar sind ferner auch "Hintergrundinformationen" - ausgewählte Transkriptionen aktueller
Sendungen von besonderem Interesse wie über
Bosnien, den Bundeshaushalt und Medicare. Eine
Nur-Text-Option wurde für Nutzer mit langsamen
Verbindungen eingerichtet.
The Hubble Telescope's "deepest-ever view of the
universe":
http://www.stsci.edu/pubinfo/PR/96/01.html
Mehrere Hundert nie zuvor gesehene Galaxien können
bei dieser "allertiefsten" Sicht des Universums betrachtet werden, die mit dem Hubble-Weltraumteleskop der
NASA vorgenommen wurde. Neben den klassischen
spiral- und ellipsenförmigen Galaxien gibt es eine
verblüffende Vielfalt anderer Formen und Farben von
Galaxien, die ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis
der Evolution des Universums sind.

PBS's Online News Hour:
http://www.pbs.org/newshour/
* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ergebnisse des NATO-Treffens in Rom &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Hunter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Fulbright&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Vision des Senators für Amerika und die Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von USIA-Direktor Duffey&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nachrichtendienste&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Diplomatische Berichterstattung ist wertvolle Nachrichtenquelle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Abteilungsleiterin Toby Gati&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen'96&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Vorwahl von New Hampshire&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Überblick&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Empfehlungen für die Gestaltung der Fernsehdebatten im Präsidentschaftswahlkampf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Debra Gersh Hermandez&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Währung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neuen 100-Dollar-Noten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aufklärungskampagne des US-Finanzministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neues von der Datenautobahn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht jüngster Entwicklungen&lt;/em&gt;</text>
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