<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/browse?output=omeka-xml&amp;page=113&amp;sort_field=added" accessDate="2026-11-04T17:28:06+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>113</pageNumber>
      <perPage>10</perPage>
      <totalResults>2223</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="2463" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2474">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/6adced883f6da28790edf87244da0916.pdf</src>
        <authentication>181f3c06ce07076d44aef6397748ce4b</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12805">
                    <text>^e2of^&gt;

cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

&lt;o

Z12462 C
14

23. Juli 1997

CLINTON: POLEN WIRD WEGBEREITER
FÜR FREIHEIT UND SICHERHEIT
Rede des Präsidenten in Warschau

NATO

GRUNDE FÜR DIE NATO-ERWEITERUNG
Anhörung von Abteilungsleiter Kornblum

VEREINTE NATIONEN

WICHTIGSTE PUNKTE DES
UNO-REFORMPAKETS
Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO
REFORMPAKET FÜR DIE UNO IST
"BEDEUTSAMER SCHRITT"
Ansprache von Bill Richardson
VEREINIGTE STAATEN UNTERSTÜTZEN
UNO-REFORM
von Princeton Lyman

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND IST DER ANKER
EINES GEEINTEN EUROPAS
Anhörung von John Kornblum

TERRORISMUS

TERRORISMUS BLEIBT GLOBALES THEMA
von Botschafter Philip Wilcox, Jr.

FRAUEN

INTEGRATION DER GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN PERSPEKTIVE
Rede von Seth Winnick

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�NATO
23. Juli 1997

Clinton: Polen wird Wegbereiter
für Freiheit und Sicherheit
Rede des Präsidenten in Warschau

WARSCHAU - (AD) - "Vor acht Jahren haben Sie den Weg zur Freiheit angeführt. Jetzt bitten wie Sie, erneut
Wegbereiter zu sein", äußerte Präsident Clinton am 10. Juli 1997 gegenüber den Bürgern von Warschau in einer
Rede, die er zwei Tage nach der Einladung Polens zum NATO-Beitritt hielt. Nachfolgend veröffentlichen wir die
Ansprache Präsident Clintons im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Bürgermeister, Major Kuklelka,
Leutnant Blazeusz, liebe Bürger von Warschau und
Polen. Ich bin stolz darauf, zu Ihnen sprechen zu
dürfen und Sie - gemeinsam mit dem Volk Ungarns
und Tschechiens - als neue Mitglieder der NATO und
neue Verbündete der Vereinigten Staaten von Amerika
willkommen heißen zu dürfen.

wird nichts über Sie entschieden ohne Ihre Zustimmung. Jetzt tritt Polen der NATO bei. Polen nimmt
seinen Platz in der Gemeinschaft demokratischer
Staaten ein. Nie wieder werden andere über Ihr
Schicksal entscheiden. Nie wieder wird Ihnen Ihr
Geburtsrecht auf Freiheit verweigert. Polen kommt
nach Hause.

Mein Dolmetscher möge mir vergeben, wenn ich von
meinem Redetext abweiche und sage, daß die amerikanische Delegation stolz darauf ist, hier sein zu
dürfen. Für zwei unserer Delegationsmitglieder hat
dieser Tag eine besondere Bedeutung, und ich bitte
sie, sich zu erheben. Eines ist unsere Außenministerin, die in der Tschechischen Republik geboren und
von den Unruhen vertrieben wurde, die den Polen
während der letzten 50 Jahre so viele Sorgen bereiteten - Madeleine Albright. Die zweite ist eines der
herausragendsten Mitglieder des amerikanischen
Kongresses, deren beide Großväter polnische Einwanderer waren - Senatorin Barbara Mikulski aus
Maryland.

Vor 200 Jahren brannte in Polen ein helles Licht der
Freiheit. Damals gaben Sie Europa seine erste und
der Welt ihre zweite schriftlich niedergelegte Verfassung - nach der amerikanischen. Dieser feierliche
Pakt gab Ihren Vorfahren Kraft und Hoffnung, selbst
als Polen immer wieder Opfer der Tyrannei wurde.
Aber diese Woche sprechen die in dieser Verfassung
enthaltenen Worte und die derjenigen, die sie befolgten, über Jahrhunderte hinweg zu uns. "Wir schreiben
feierlich diese Verfassung in dem Willen, von der
gegenwärtigen Situation in Europa und dem günstigen
Moment zu profitieren, der uns wieder zu uns selbst
finden läßt." Bürger Polens, dieser günstige Moment
läßt Sie wieder zu sich selbst finden.

Wir kommen heute zusammen, um diesen Moment
erfüllter Versprechen zu feiern. Hier, im Dämmerlicht
des 20. Jahrhunderts, richten wir unseren Blick auf ein
neues Jahrhundert, ein Jahrhundert, in dem Polen
endlich eine freie Nation im Herzen eines freien,
neuen, ungeteilten, demokratischen und friedlichen
Europas wird.

Es ist ein von Ihnen gemachter Moment. Ebenso wie
hier vor 200 Jahren die Freiheit geboren wurde, ist sie
vor acht Jahren wiedergeboren worden, als Sie den
Lauf der Geschichte veränderten. Und jetzt haben wir
Polen wieder zurück nach Europa geführt und zu der
Zukunft, die Sie verdienen. Von diesem Tag an wird
Polen das, was es in Frieden aufbaut, in Sicherheit
bewahren.

Diese Woche vor drei Jahren kam ich in diese großartige Stadt und gab das folgende Versprechen ab: Es

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�Den Bürgern meines eigenen Landes sage ich: Dieses
Land, von dem aus ich spreche, hat die schlimmsten
Kriege des 20. Jahrhunderts erlebt. Durch die Erweiterung der NATO werden wir einen erneuten Krieg
verhindern, in den Polen hineingezogen werden
könnte, einen erneuten Krieg in Europa und einen
erneuten Krieg, der das Leben von Amerikanern
kosten könnte.
Wir sind diesem Augenblick dankbar für seine Segnungen, uns aber auch der großen Verantwortung bewußt,
die er beinhaltet. Durch die Macht seines Beispiels
und das Beispiel seiner Macht hat unser Nordatlantisches Bündnis nahezu ein halbes Jahrhundert die
Sicherheit Westeuropas, Kanadas und der Vereinigten
Staaten gewährleistet. Kein NATO-Mitglied ist je
angegriffen worden. Die NATO hat nie aggressiv
zurückgeschlagen.
Jetzt müssen wir unser Bündnis an eine neue Zeit
anpassen. Unser gemeinsamer Feind - die kommunistische Unterdrückung - ist verschwunden, aber
gemeinsame Gefahren bestehen immer noch. Zu viele
Menschen fürchten immer noch den Wandel, weil sie
seine Vorteile noch nicht spüren. Sie sind immer noch
empfänglich für die zersetzenden Aufrufe extremer
Nationalisten zu ethnischem, rassischem und religiösem Haß. Verbrecherische Staaten versuchen, die
Staatengemeinschaft der Demokratien zu unterminieren. Terroristen, internationale Kriminelle und Drogenhändler respektieren keine Grenzen. Das sind unsere
gemeinsamen Gefahren, die wir gemeinsam bekämpfen müssen.
Die NATO trägt ihren Teil dazu bei - sie nimmt neue
Mitglieder auf, übernimmt neue Aufgaben und arbeitet
mit neuen Partnern zusammen. Ebenso wie Polen
haben wir auch die Ukraine einbezogen, um zur
Konsolidierung der Stabilität in Europa beizutragen,
und wir arbeiten mit einem neuen Rußland als unserem Partner beim Aufbau eines Europas zusammen, in
dem jede Nation frei ist und jede freie Nation zur
Sicherung von Frieden und Stabilität für alle beiträgt.
Jetzt müssen Sie - wie Ihr Präsident es formulierte weiterhin Ihren Beitrag leisten. Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik werden jetzt Vollmitglieder des
Bündnisses mit der vollen Verantwortung der Mitgliedschaft - der Verantwortung, Ihre Demokratien zu
pflegen, zu stärken und zu verteidigen, weil - wie wir in
Amerika wissen - nach über 200 Jahren der Kampf für
Demokratie nie beendet ist und jeden Tag gekämpft
werden muß.
Die Verantwortung zur Fortsetzung der bemerkenswerten Umgestaltung Ihrer Volkswirtschaft, weil Sie,
nachdem Sie die Armut kennengelernt haben, den
echten Wert des Wohlstands zu schätzen wissen, den
Sie gerade angefangen haben zu schaffen. Die Ver-

Seite 2

antwortung zur Einbeziehung all Ihrer Nachbarn im
Osten wie im Westen, einschließlich der Menschen in
Rußland. Sie müssen weiterhin in Toleranz das
aufbauen, was andere im Haß zerstört haben.
Die Verantwortung zur Erfüllung der hohen militärischen Standards der NATO und zur Übernahme der
Kosten, weil echte Sicherheit Stärke und Einsatzbereitschaft erfordert. Wir wissen, daß Sie bereit sind, die
Lasten der Verteidigung der Freiheit zu teilen, weil Sie
den Preis des Verlusts der Freiheit kennen.
Andere Nationen blicken auf Sie, damit Sie ihnen
zeigen, welchen Beitrag neue Mitglieder leisten
können. Sie sind nicht durch die Tür der NATO
getreten, damit sie hinter Ihnen geschlossen wird.
Diese Tür bleibt offen.
Vor acht Jahren haben Sie den Weg zur Freiheit
angeführt. Jetzt bitten wir Sie, erneut Wegbereiter zu
sein. Die Menschen in Warschau, das polnische Volk
und das amerikanische Volk wissen aufgrund der
harten Lektionen dieses Jahrhunderts, daß Ihr Schicksal und unsere Zukunft miteinander verbunden sind.
Nach dem Ersten Weltkrieg haben sich die Vereinigten
Staaten aus der Welt zurückgezogen, und das flakkemde Licht der Freiheitsfackel wurde durch die Nacht
in Europa verdunkelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg
hielten wir und unsere Verbündeten das Symbol der
Freiheit in die Höhe - aber es konnte nur den halben
Kontinent erleuchten.
Heute sind wir hier zusammengekommen, um das
wertvollste Geschenk der Geschichte zu feiern - eine
zweite Chance. Eine zweite Chance, um das Opfer
derjenigen wiedergutzumachen, die von den Küsten
der Normandie bis zu den Straßen von Warschau für
unsere Freiheit kämpften. Eine zweite Chance, um
endlich Europa nicht durch die Gewalt der Waffen,
sondern die Macht des Friedens zu vereinen.
Vor einer Woche haben wir den 4. Juli - den amerikanischen Unabhängigkeitstag - gefeiert. Vor über 200
Jahren haben Sie Ihre Söhne entsandt, um zur
Sicherung unserer Zukunft beizutragen. Das hat
Amerika nie vergessen. Heute werden wir zusammenarbeiten, um die Zukunft eines ungeteilten Europas für
Ihre und unsere Freiheit zu sichern.
Das ist das Versprechen, das uns heute hier zusammenbringt. Das ist das Versprechen, das uns in
einem neuen Europa für ein neues Jahrhundert
verbindet. Das ist unser Versprechen an alle heute
hier versammelten jungen Menschen und an künftige
Generationen: Sicherheit für 100 Jahre. Demokratie
für 100 Jahre. Freiheit für 100 Jahre.
Gott schütze Amerika und Gott schütze Polen. Ich
danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 14

�NATO

23. Juli 1997

Gründe für die NATO-Erweiterung
Anhörung von Abteilungsleiter Kornbium

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Abteilungsleiters für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, John Kornblum, vor dem nationalen Sicherheitsausschuß
des Repräsentantenhauses am 17. Juli 1997.

Einleitung
Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Ich begrüße diese
Gelegenheit, über die historischen Ereignisse der
vergangenen Woche in Madrid und ihre Bedeutung für
das amerikanische Volk sprechen zu können. Während wir unsere Aufmerksamkeit von den Vorbereitungen auf Madrid und zur Erlangung der Ziele des
Gipfeltreffens auf den Beginn der Beitritts- und Ratifizierungsphase verlagern, sehen wir der engen
Zusammenarbeit mit Ihnen erwartungsvoll entgegen
um sicherzustellen, daß die logische Begründung, die
Vorteile und Kosten der Erweiterung und Anpassung
der NATO von diesem Gremium und dem amerikanischen Volk voll und ganz verstanden werden. Ich
hege die Hoffnung, wenn nicht sogar die Erwartung,
daß diese Bestrebungen in ihrem weiteren Verlauf
ebenfalls uneingeschränkt begrüßt und unterstützt
werden.
Wir haben uns sehr gefreut, daß so viele Mitglieder
des Repräsentantenhauses und des Senats, darunter
der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Norman
Sisisky, mit uns zusammen am Madrider Gipfel
teilnehmen konnten. Wie Senator Roth vor dem
Nordatlantikrat betonte, war der Gipfel von Madrid eine
historische Wasserscheide in der Entwicklung des
Bündnisses zu einer "neuen NATO" für ein neues
Jahrhundert. Es ist wichtig, daß wir hierbei die enge
Zusammenarbeit zwischen der Administration und dem
Kongreß fortsetzen.
Gründe für die Erweiterung der NATO
Bevor ich die Leistungen des Gipfeltreffens und die
Pläne für das nächste Jahr im einzelnen darlege,

AMERIKA DIENST 14

möchte ich nochmals die Gründe für die Erweiterung
und Anpassung der NATO anführen.
Vor sechs Jahren befand sich die NATO an einem
Scheideweg: Der Kalte Krieg war vorüber und der
Hauptgrund für die Existenz der NATO - die Abwehr
einer möglichen sowjetischen Bedrohung - bestand
nicht mehr. Viele fragten sich, warum wir die NATO
noch benötigen. Das Bündnis selbst stellte sich die
Frage und gelangte zu folgender Antwort: "Weil die
NATO das effektivste Militärbündnis der Geschichte ist
und eine entscheidende Rolle dabei zu spielen hat,
zum ersten Mal in der Geschichte einen ungeteilten,
friedlichen und sicheren Kontinent zu schaffen." Wir
erkannten jedoch, daß sich die NATO verändern
mußte, um dieser Rolle gerecht zu werden. Seit sechs
Jahren paßt sich die NATO an die Realitäten der Zeit
nach dem Kalten Krieg und das neue Sicherheitsumfeld in Europa an. In der vergangenen Woche
haben wir in Madrid die entscheidenden Schritte zu
dieser Anpassung und zur Verwirklichung unseres
Ziels eines geeinten und von Konflikten freien Europas
unternommen.
Die neue NATO ist besser zur Bewältigung der
Herausforderungen unserer Sicherheit in der Zeit nach
dem Kalten Krieg ausgerüstet als jede andere Institution. 50 Jahre lang war die NATO die effektivste
Abschreckung gegen einen Konflikt größeren Ausmaßes. In diesen 50 Jahren wurde kein NATOMitglied angegriffen und kein NATO-Mitglied hat ein
anderes Land angegriffen. Aber stellen Sie sich eine
Welt ohne die NATO vor. Während Institutionen wie
die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die Vereinten Nationen (UNO) und die
Europäische Union (EU) immer noch ihre elementaren
Funktionen ausüben würden, gäbe es keine der NATO

Seite 1

�vergleichbare Organisation. Ohne die NATO würden
wir erneuten Konflikten und der Möglichkeit Tür und
Tor öffnen, daß wiederum amerikanische Soldaten für
den Schutz amerikanischer Interessen und Werte
kämpfen und sterben müßten. Vor seiner Reise nach
Madrid erklärte Präsident Clinton: "Wenn wir aus dem
20. Jahrhundert auch nur eine Lehre gezogen haben,
dann die, daß unsere Zukunft und die Europas untrennbar verbunden sind."
Durch die NATO-Erweiterung stärken wir die NATO
und die Sicherheit und Stabilität in ganz Europa.
Polen, Ungarn und die Tschechische Republik werden
nicht nur Sicherheit in Anspruch nehmen, sondern
auch Sicherheit schaffen. Sie teilen die Verpflichtung
der NATO zu den Prinzipien von Demokratie und
freien Märkten. Sie werden Sicherheit jenseits ihrer
Grenzen verbreiten und mit ihren Nachbarn an der
Konsolidierung der bereits erzielten enormen Fortschritte zusammenarbeiten. Sie werden die Vorteile
genießen, aber sie werden auch die Pflichten und
Kosten der NATO-Mitgliedschaft übernehmen. Durch
die Erweiterung der NATO tragen wir zur Konsolidierung und Fortsetzung der Fortschritte zu Reform und
Demokratie in ganz Europa bei. Und wir löschen für
immer die Trennlinie aus, die Europa 50 Jahre lang
geteilt hat. Die Erweiterung der NATO wird gewährleisten, daß diese neue NATO weiterhin das effektivste
Militärbündnis der Geschichte bleibt. Es ist eine neue
NATO für ein neues Jahrhundert.

chen Erfolg der Partnerschaft für den Frieden hin und
räumten ein, daß die NATO ohne die PfF nicht in der
Lage gewesen wäre, die IFOR und die SFOR so
effektiv und effizient unter Beteiligung so vieler Partner
nach Bosnien zu entsenden. Am zweiten Tag des
Gipfels trafen 28 Staats- und Regierungschefs der
Mitgliedsländer des EAPR beziehungsweise ihre
Stellvertreter erstmals in der Geschichte im Rahmen
der NATO mit ihren Amtskollegen aus dem Bündnis
zusammen.
Die führenden Vertreter des Bündnisses unterzeichneten die Charta zwischen der NATO und der Ukraine,
die dem Bündnis und der Ukraine die Stärkung ihrer
Konsultationen und Kooperation ermöglicht, und sie
erkannten die historische Unterzeichnung der Grundakte zwischen der NATO und Rußland im Mai an. Der
neue Ständige Gemeinsame Rat der NATO und
Rußlands wird der NATO und Rußland erlauben, zu
beratschlagen, zusammenzuarbeiten und - das
möchte ich betonen - "wo es angebracht ist", gemeinsam zur Bewältigung der sicherheitspolitischen
Herausforderungen in Europa zu handeln. Er wird
Rußland kein Vetorecht bei den Entscheidungen des
Bündnisses einräumen - auch das möchte ich betonen,
weil es kürzlich von einigen Kommentatoren mißverstanden wurde. Wo die NATO und Rußland sich auf
gemeinsame Aktionen einigen, werden sie diese auch
durchführen. Wo das nicht geschieht, hat das Bündnis
die Freiheit, ihm angemessen erscheinende Aktionen
durchzuführen.

Die Leistungen von Madrid
Die Einladung an Polen, Ungarn und die Tschechische
Republik zur Aufnahme der Beitrittsverhandlungen war
in keinster Weise die einzige Leistung des Madrider
Gipfels, wenn auch die bemerkenswerteste. Die
Erweiterung kann nicht isoliert betrachtet werden. Sie
ist nur ein Element umfassenderer Bestrebungen zur
Schaffung einer sichereren euroatlantischen Gemeinschaft.
In Madrid haben die Verbündeten klargestellt, daß
diese Erweiterung der NATO nicht die letzte sein wird.
Sie verabschiedenten ein solides Konzept der offenen
Tür, das die Fortsetzung der intensivierten Dialoge der
NATO mit den die Mitgliedschaft anstrebenden
Partnern, eine Verpflichtung zur Überprüfung des
Status dieser Dialoge beim nächsten Gipfeltreffen im
Jahr 1999 sowie stärkere und tiefere kooperative
Beziehungen mit den Partnern durch den neuen
Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR) und einer
erweiterte Partnerschaft für den Frieden (PfF) enthält.
Der Euroatlantische Partnerschaftsrat wird die Konsultationen der NATO mit ihren Partnern stärker in den
Brennpunkt rücken, Umfang und Inhalt unserer
praktischen Zusammenarbeit verbessern sowie
Transparenz und Vertrauen zwischen allen Mitgliedstaaten des EAPR erhöhen. In ähnlicher Weise
wiesen die Bündnismitglieder auf den außerordentli-

Seite 2

Ferner stellten die Verbündeten fest, daß Fortschritte
bei der internen Anpassung der NATO gemacht
wurden und einigten sich darauf, ausstehende Fragen
über die Befehlsstruktur und die Entwicklung einer
gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI) möglichst im Rahmen der NATO
und des Konzepts der Alliierten Streitkräftekommandos
bis zum Ministertreffen des Nordatlantikrats im Dezember zu lösen. Diese Elemente der NATO-Anpassung Erweiterung, das Verhältnis zu Rußland und zur
Ukraine, der EAPR, die erweitere PfF und die interne
Anpassung - werden die laufenden Bestrebungen
anderer euroatlantischer Institutionen wie OSZE, EU,
Europarat und WEU zur Erlangung unseres Ziels eines
sicheren, integrierten Europas ergänzen.
Die nächsten Schritte
Beitrittsgespräche
Im September und Oktober wird die NATO mit den
eingeladenen Ländern Beitrittsgespräche führen. Die
Gespräche werden offiziell die Bereitschaft und
Fähigkeit jedes zum Beitritt eingeladenen Landes
bestätigen, die Verpflichtungen des Nordatlantikvertrags zu erfüllen und die politischen und rechtlichen
Voraussetzungen des Bündnisses zu akzeptieren.
Ferner werden die Gespräche das Verhältnis jedes

AMERIKA DIENST 14

�Landes zum Verteidigungsplanungssystem der NATO
und ihrer integrierten Militärstruktur festlegen. Die
NATO möchte die Gespräche bis zum Ministertreffen
des Nordatlantikrats am 16. und 17. Dezember
abschließen, bei dem die Außenminister der NATOStaaten die Beitrittsprotokolle unterzeichnen werden.

hungen zwischen der NATO und der Ukraine mit Leben zu erfüllen. Wir werden mit unseren Verbündeten
und Partnern an der Entwicklung dieser Foren zusammenarbeiten.

Anschließend beginnt der Ratifizierungsprozeß. Der
Zusatzartikel zum Washingtoner Vertrag über die
Aufnahme von drei Ländern muß von allen 16 NATOMitgliedstaaten ratifiziert werden. In Madrid unterstützten die Verbündeten das Ziel Präsident Clintons,
den Ratifizierungsprozeß rechtzeitig abzuschließen,
damit die drei eingeladenen Länder der NATO offiziell
am 50. Jahrestag des Washingtoner Vertrags im April
1999 beitreten können.

Bei der internen Anpassung der NATO wurden bereits
beträchtliche Fortschritte erzielt, aber die Arbeit muß
noch fertiggestellt werden. Die NATO wird sich darum
bemühen, diese Aufgaben ebenfalls bis zum Ministertreffen im Dezember abzuschließen. Wir werden
weiterhin mit unseren Kollegen in Frankreich und
anderen verbündeten Ländern nach Wegen suchen,
die Kommandofrage bei den Alliierten Streitkräften
Südeuropa zu lösen.

Kosten

Schlußbemerkung

Bis Dezember wird die NATO eine umfassende
Analyse der Kosten der Erweiterung sowie eine
detaillierte Analyse der militärischen Erfordernise im
Zusammenhang mit der Erweiterung um die drei
eingeladenen Länder abschließen. Die Erklärung des
Madrider Gipfels enthält das Eingeständnis, daß die
Erweiterung Auswirkungen auf die der NATO zur
Verfügung stehenden Mittel haben wird sowie die
Verpflichtung, die zur Deckung dieser Kosten notwendigen Mittel aufzubringen.

In den letzten drei Monaten haben wir gemeinsam mit
unseren Verbündeten in der NATO und unseren
Partnern in Europa eine Reihe außergewöhnlicher
Maßnahmen ergriffen, um dem Ziel eines friedlichen,
sicheren und ungeteilten Europas näherzukommen.
Sie und Ihre Kollegen im Kongreß haben uns auf
jedem Schritt dieses Weges begleitet. Nicht alle
stimmten jeder unserer Aktionen zu, und es gibt viele
Fragen. Das sollte auch so sein. Ihre Fragen und
Anliegen haben unsere Entscheidungen besser und
stärker gemacht. In Zusammenarbeit haben wir den

Die Erklärung wurde von allen Bündnismitgliedern
gebilligt. Wir werden darauf bestehen, daß unsere
derzeitigen und zukünftigen Mitglieder ihren gerechten
Teil der Kosten der Mitgliedschaft tragen.
EAPR, PfF, Rußland und die Ukraine
Ein anderes wichtiges Ziel in den kommenden Monaten wird darin bestehen, den EAPR, den Ständigen
Gemeinsamen Rat mit Rußland und die neuen Bezie-

*

AMERIKA DIENST 14

Interne Anpassung

Rahmen für die weitreichendsten Veränderungen in

der europäischen Sicherheitsstruktur seit dem Ende
des Kalten Krieges geschaffen. Jetzt haben wir die
Chance, zusammen unsere gemeinsame Vision von
einer neuen NATO für ein neues Europa und ein
neues Jahrhundert zu realisieren. Meine Kollegen in
der Administration und ich sehen der Zusammenarbeit
mit Ihnen bei diesem Bestreben erwartungsvoll
entgegen.

*

Seite 3

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Wichtigste Punkte des UNO-Reformpakets
Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO

VEREINTE NATIONEN - (AD) - UNO-Generalsekretär Kofi Annan legte der UNO-Generalversammlung am 16.
Juli 1997 einen 95-seitigen Bericht vor, der die Reformen und Reorganisationsmaßnahmen enthält, mit denen der
Generalsekretär die Vereinten Nationen in den kommenden Jahren zu einer effektiveren und effizienteren
Organisation machen möchte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die wichtigsten Punkte des Berichts.

Die in dem vorliegenden Bericht enthaltenen Maßnahmen und Vorschläge umfassen das vom Generalsekretär während der ersten sechs Monate seiner
Amtszeit eingeleitete Reformprogramm. Es sieht
tiefgreifende und weitreichende Veränderungen vor,
um die Organisation entschlossen auf den Weg zu
wichtigen und grundlegenden Reformen zu bringen,
die sie zielgerichteter, kohärenter und flexibler machen
sollen. Einige Maßnahmen wurden bereits durchgeführt, andere erfordern mehr Zeit, und viele benötigen Entscheidungen der Mitgliedstaaten. Reform ist
schließlich ein andauernder Prozeß und nicht ein
einzelnes Ereignis.
Die Aktionen und Empfehlungen konzentrieren sich
vornehmlich auf folgende Bereiche von oberster
Priorität:
Schaffung einer neuen Führungs- und Verwaltungsstruktur, mit der die Fähigkeit des Generalsekretärs zur
Übernahme der Führungsrolle und Sicherstellung der
Rechensschaftspflicht verbessert wird, die die Organisation erfordert, durch:
a.

Einrichtung der Position eines Stellvertretenden Generalsekretärs.

b.

Einrichtung einer hochrangigen Verwaltungsgruppe.

c.

Weiterentwicklung und Stärkung der vom
Generalsekretär im Januar 1997 gegründeten
Exekutivausschüsse der sektoralen Gruppen,

AMERIKA DIENST 14

in denen alle Abteilungen, Fonds und Programme der Vereinten Nationen enthalten
sind.
d.

Dezentralisierung des Entscheidungsprozesses auf Landesebene und Konsolidierung der
Präsenz der Vereinten Nationen unter "einer
Flagge".

e.

Schaffung einer strategischen Planungseinheit.

Gewährleistung finanzieller Solvenz durch die Einrichtung eines Umlauffonds von bis zu 1 Milliarde
Dollar, der aus freiwilligen Beiträgen oder von den
Mitgliedstaaten vorzuschlagenden anderen Mitteln
finanziert wird, abhängig von einer dauerhaften Lösung
der Finanzprobleme der Organisation.
Reduzierung von 12 Sekretariatseinheiten auf fünf und
die vorgeschlagene Konsolidierung von fünf behördenübergreifenden Gremien in zwei.
Eine veränderte Verwaltungsstruktur zusammen mit
Maßnahmen zur Verbesserung der Verwaltung und
Effizienz, durch die mindestens 1.000 Mitarbeiterpositionen abgebaut, die administrativen Kosten um ein
Drittel gesenkt, die Leistungen verbessert und über die
Jahre hinweg zusätzliche Einsparungen bei Personalkosten vorgenommen werden.
Durchführung einer gründlichen Überprüfung der das
Humankapital betreffenden Maßnahmen und Praktiken

Seite 1

�um sicherzustellen, daß alle Mitarbeiter die notwendigen Fertigkeiten haben und die Grundvoraussetzungen für effektiven Dienst mitbringen.
Förderung von andauernder und nachhaltiger Entwicklung als oberste Priorität der Vereinten Nationen durch:
a.

b.

c.

d.

e.

Zusammenlegung der Fonds und Programme
der Vereinten Nationen mit Entwicklungsoperationen in einer Entwicklungsgruppe der
Vereinten Nationen, die Konsolidierung und
Zusammenarbeit unter den Mitgliedstaaten
erleichtert ohne ihre Unterschiedlichkeit oder
Identität aufs Spiel zu setzen.
Vorschlag einer "Entwicklungsdividende", um
Ressourcen von der Verwaltung zu Entwicklungsaktivitäten zu verlagern.
Einrichtung eines neuen Büros zur Finanzierung von Entwicklung mit einem Stellvertretenden Generalsekretär, der die Führungsrolle bei der Einführung innovativer Mittel zur
Mobilisierung neuer Finanzressourcen für
Entwicklung übernimmt.
Vorschläge zur Lastenteilung und besseren
Berechenbarkeit durch mehrjährige ausgehandelte und freiwillige Zusagen zur Finanzierung der Entwicklungsoperationen der Vereinten Nationen.
Stärkung der umweltpolitischen Dimension der
Aktivitäten der Vereinten Nationen, insbesondere des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen (UNEP).

Stärkung und gezielte Ausrichtung der normativen
Politik- und wissensbezogenen Funktionen des
Sekretariats und seiner Fähigkeit, den behördenübergreifenden Gremien der Vereinten Nationen durch die
Einrichtung einer konsolidierten Sektoralgruppe für
wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten zu dienen.
Verbesserung der Fähigkeit der Organisation zur
rascheren Entsendung von friedenssichernden und
anderen Operationen vor Ort, einschließlich der
Erweiterung der schnellen Einsatztruppe der Vereinten
Nationen.
Stärkung der Fähigkeit der Vereinten Nationen zur
Friedensschaffung nach Konflikten mit der Benennung
der Abteilung für politische Angelegenheiten als
Einrichtung vor Ort für diesen Zweck.
Unterstützung internationaler Bestrebungen zur
Bekämpfung von Verbrechen, Drogenhandel und Ter-

Seite 2

rorismus durch die Konsolidierung der Programme und
Aktivitäten der Vereinten Nationen in Wien in einem
Büro für Drogenkontrolle und die Verhinderung von
Verbrechen.
Erweiterung der Menschenrechtsaktivitäten durch die
Reorganisation und Umstrukturierung des Menschenrechtssekretariats und der Integration von Menschenrechten in alle wichtigen Aktivitäten und Programme der Vereinten Nationen.
Förderung der Abrüstungsagenda durch die Einrichtung einer Abteilung für Abrüstung und Rüstungskontrolle zur Inangriffnahme der Reduzierung von
Rüstungen und Massenvernichtungswaffen sowie der
Rüstungskontrolle.
Verbesserung der Reaktion auf humanitäre Bedürfnisse durch die Einrichtung eines neuen Büros zur
Koordinierung von Katastrophenhilfe, das die Abteilung
für humanitäre Angelegenheiten ersetzt und seine
Fähigkeiten auf die effektivere Bewältigung komplexer
Notfälle konzentriert.
Grundlegende Verbesserung der Information der
Öffentlichkeit und Kommunikationsstrategie und
Funktionen der Vereinten Nationen, um die sich
verändernden Erfordernisse der Organisation zu
meistern.
Berücksichtigung der Notwendigkeit zu grundlegenderen Veränderungen durch Empfehlungen des Generalsekretärs an die Mitgliedstaaten, folgendes in
Erwägung zu ziehen:
a.

Konzentration der Arbeit der Generalversammlung auf Probleme von höchster Priorität
und Verkürzung der Sitzungen der Versammlung.

b.

Einrichtung einer Kommission auf Ministerebene zur Prüfung der Notwendigkeit für
grundlegende Veränderungen durch die
Überprüfung der Charta der Vereinten Nationen und der rechtlichen Instrumente, aus
denen die Sonderorganisationen der Vereinten Nationen ihre Satzungen ableiten.

c.

Ernennung der im Jahr 2000 abzuhaltenden
Sitzung der Generalversammlung zur "Jahrtausendversammlung", die sich auf die Vorbereitung der Vereinten Nationen zur Bewältigung der größten Herausforderungen und
Erfordernisse der Völkergemeinschaft im 21.
Jahrhundert konzentrieren soll und mit einer
"Völkerversammlung" einhergeht.

AMERIKA DIENST 14

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Reformpaket für die UNO ist "bedeutsamer Schritt"
Ansprache von Bill Richardson

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Das von UN-Generalsekretär Kofi Annan am 16. Juli 1997 bekanntgegebene
Reformpaket ist dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika bei den Vereinten Nationen, Bill
Richardson, zufolge ein bedeutsamer Schritt. Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die Richardson
kurz nach der Vorlage des 95-seitigen Berichts des Generalsekretärs vor der UN-Generalversammlung hielt.

Herr Präsident, als der Generalsekretär im März den
ersten Entwurf seines Reformplans vorstellte, wurde
dieser von meiner Delegation rückhaltlos begrüßt.
Heute freuen wir uns außerordentlich, daß die sorgfältig erwogenen, überarbeiteten Vorschläge des Generalsekretärs der Generalversammlung vorgestellt
werden. Da wir den vollständigen Bericht erst heute
erhalten haben, müssen wir natürlich ebenso wie
andere Delegationen die Einzelheiten sorgfältig prüfen.

sein, wenn die Bestrebungen zur Stärkung der Vereinten Nationen Früchte tragen sollen.
In diesem Zusammenhang schlägt meine Delegation
vor, daß wir die heutige Chance ergreifen, unserer
kollektiven Entschlossenheit zur Fortsetzung des
Reformweges Ausdruck zu verleihen.

Mit der Unterbreitung dieser Vorschläge unternahm
der Generalsekretär einen bedeutsamen Schritt zu der
Strukturreform, die den Vereinten Nationen heute und
in Zukunft gestatten wird, mehr für die Menschen auf
der Welt zu tun, es besser und billiger zu tun.

Wir fordern die Generalversammlung dringend auf,
noch heute auf den Vorschlag von Präsident Razali zur
Einrichtung eines Ad-hoc-Ausschusses aus dem
gesamten Plenum zur Prüfung der Vorschläge des
Generalsekretärs zu reagieren. Dieser Ausschuß stellt
bei der Fortsetzung des Reformprozesses den nächsten logischen Schritt dar.

Wir beglückwünschen den Generalsekretär zu seinen
bisherigen Initiativen und sagen ihm unsere volle
Unterstützung zu, damit der Reformprozeß bei den
Vereinten Nationen Wirkung zeitigt.

Die heutigen Ankündigungen sind ein greifbarer
Ausdruck der Reformkultur, die sich während der
letzten Jahre hier bei den Vereinten Nationen und in
ihren Mitgliedstaaten kräftig entwickelte.

Wir sind uns bewußt, daß der Generalsekretär nicht
alle vorgeschlagenen Reformen alleine durchführen
kann.
Viele zentrale Elemente des Vorschlags
erfordern Aktionen aller Mitgliedstaaten. Das Sekretariat und die Mitgliedstaaten sind gemeinsam für den
Kurs des Reformprozesses als Ganzes verantwortlich.
Zusammenarbeit wird von elementarer Bedeutung

Wir wollen es zu unserer Priorität machen, auf dem
heutigen guten Anfang aufbauend gemeinsam für eine
Organisation zu arbeiten, die in den kommenden
Jahren besser im Dienst aller Menschen stehen kann.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * * * *

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Vereinigte Staaten unterstützen UNO-Reform
von Princeton Lyman

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Abteilungsleiter für internationale Organisationen im USAußenministerium, Princeton Lyman, verfaßten Artikel über die Notwendigkeit einer Reform der Vereinten
Nationen.

Vor 52 Jahren räumte die Welt die Trümmer des
Zweiten Weltkriegs beiseite und gründete die Vereinten Nationen in der Hoffnung, dadurch ein Wiederaufleben solcher Zerstörung, Greueltaten und solchen
Leids zu verhindern. Die Vereinigten Staaten sind
stolz auf ihre bei der Schaffung dieser Organisation
übernommene Führungsrolle und die einzigartige
Unterstützung, die wir ihr seitdem gewährt haben. Wie
Präsident Clinton wiederholt betonte, ist die Rolle der
UNO als internationaler Treffpunkt und Medium für
kooperative Aktionen heute ebenso bedeutend wie zu
jedem anderen Zeitpunkt in ihrer Geschichte. Die
Anforderungen der Welt haben sich jedoch gewandelt,
und wir müssen sicherstellen, daß die Vereinten
Nationen sich so verändern, daß sie zur Erfüllung der
Bedürfnisse der internationalen Staatengemeinschaft
in der Lage sind.
Erfolgreiche Regierungen und Unternehmen hören nie
mit der Suche nach Wegen zur Verbesserung ihrer
Arbeit auf, und das sollte die UNO auch nicht. Diese
Institution ist viel zu wichtig, um sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. In der Zeit seit dem fünfzigsten Jahr
ihres Bestehens, die von intensiven Debatten und der
Vorlage internationaler Reformvorstellungen geprägt
war, haben die Mitgliedstaaten und die Vertreter der
UNO ein großes gemeinsames Interesse an der
Bewilligung und Durchsetzung konkreter Reformmaßnahmen entwickelt.
Es wurden bereits Bestrebungen eingeleitet, einige der
Mängel der Vereinten Nationen zu beheben. Moderne
Managementpraktiken fassen Fuß. Ein rigoroses
Inspektionssystem wurde eingeführt. Die Erhöhung
der Effektivität gestattet Haushaltskürzungen und
Personalabbau. Die Fähigkeit des Generalsekretärs

AMERIKA DIENST 14

zur Organisation und Leitung von Friedenssicherungsoperationen wurde beträchtlich gestärkt, und der
Sicherheitsrat zeigt jetzt äußerste Disziplin bei der
Bewilligung neuer Missionen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen den Ansatz von
Generalsekretär Annan zur weiteren Stärkung der
UNO durch Reformen. Seine Initiativen zur Zusammenlegung der Abteilungen des Sekretariats,
Ausarbeitung eines Verhaltenskodex für die UNOMitarbeiter und zum Abbau der Bürokratie werden eine
neue Arbeitsweise im UNO-Hauptquartier ermutigen.
Er verdient und erhält von den Mitgliedstaaten starke
Unterstützung für seine Reformbestrebungen. Von
besonderer Bedeutung ist seine Konzentration auf die
Verringerung der Gemeinkosten der Vereinten Nationen von derzeit 38 auf 25 Prozent und die Verwendung
der Ersparnisse für Wirtschafts- und Sozialprogramme.
Alle Mitgliedstaaten sollten sich Versuchen zur Verlangsamung dieser Reformen widersetzen. Es gibt
keine Rechtfertigung für den Erhalt oder Schutz
überflüssiger Arbeitsplätze in den UNO-Sitzen in New
York und Genf auf Kosten der Bedürftigsten der Welt,
denen dann weniger Hilfe gewährt werden kann. Beim
jüngsten G-8-Gipfel in Denver wurde der Generalsekretär entschieden zu der von ihm vorgeschlagenen
Umstrukturierung der Vereinten Nationen ermutigt, und
die Generalversammlung wird die Gelegenheit haben,
diesen Veränderungen in den kommenden Monaten
zuzustimmen.
Vor diesem Hintergrund bekräftigen die Vereinigten
Staaten ihre starke Unterstützung für die UNO und ihr
Engagement für die Bewältigung des ständigen
Problems der amerikanischen Rückstände, die zusammen mit den Rückständen vieler anderer

Seite 1

�zahlen. Das ist eine ungesunde Situation, durch die
die UNO stets den Haushaltsengpässen einiger
weniger Mitglieder aussetzt ist. Obwohl diese Situation
nicht rasch behoben werden kann, weil so viele
Mitgliedstaaten arm sind, sollten die Vereinten Nationen damit beginnen, sich für den Großteil ihrer Finanzierung weniger abhängig von einem Mitgliedstaat
- den Vereinigten Staaten - zu machen. Zweifelsohne
können die kleinen Summen, die durch die amerikanischen Vorschläge umverteilt würden, ohne gleichzeitige Erhöhung ihrer Beiträge von den Mitgliedstaaten übernommen werden, deren Volkswirtschaften in
den vergangenen Jahren schnei! gewachsen sind.

Staaten - zur Finanzkrise der Vereinten Nationen
beigetragen haben. Präsident Clinton arbeitet mit dem
amerikanischen Kongreß an der umfassenden Lösung
dieses Problems. Ein bald vom Kongreß zu billigender
Gesetzentwurf würde den Vereinigten Staaten gestatten, im Verlauf von drei Jahren die meisten ihrer
Rückstände bei der UNO zu bezahlen und in Zukunft
ihre Beiträge ganz zu begleichen. Der Gesetzentwurf
spezifiziert Reformparameter, die zur Leistung dieser
Zahlungen erreicht werden müssen. Wir sind uns
bewußt, daß andere Mitgliedstaaten diesen Ansatz
nicht als völlig zufriedenstellend ansehen werden. In
unserem Regierungssystem ist es jedoch üblich, daß
der Kongreß Bedingungen oder Parameter für die
Durchführung in- und ausländischer Programme durch
den Präsidenten festsetzt. Das Wichtigste ist, ob
andere Mitgliedstaaten der Ansicht sind, daß diese
Parameter gut für die Vereinten Nationen sind.
Unseres Erachtens ist das der Fall.

Der zweite schwierige Parameter besteht darin, die
Vereinten Nationen zu bitten, bis zur endgültigen
Regelung die Rückstände auf ein "umstrittenes" Konto
einzuzahlen, bei denen wir Differenzen mit den
Vereinten Nationen haben. Das ist nicht neu. Es
wurde in der Vergangenheit bereits mehrmals für
andere Mitglieder für die Dauer ihrer Verhandlungen
mit den Vereinten Nationen über die kontroversen
Punkte praktiziert. Darüber hinaus bezieht sich ein
Viertel des umstrittenen Betrags auf ein kompliziertes
Steuererstattungssytem, das nur die amerikanischen
Beschäftigten bei der UNO betrifft.

Erstens wurden die meisten in diesem Gesetzentwurf
enthaltenen Reformen von anderen UNO-Mitgliedern
und dem Generalsekretär selbst befürwortet, wie
beispielsweise Personal- und Haushaltsdisziplin,
verbesserte Rechenschaftspflicht und regelmäßige
Programmauswertungen. Ohne diese Reformen wird
die UNO weder die Glaubwürdigkeit noch die Fähigkeit
zur Ausübung ihrer Funktionen haben.

Die Schlüsselfrage für andere Mitglieder lautet: Was
steht auf dem Spiel? Präsident Clinton hat die amerikanische Verpflichtung gegenüber den Vereinten
Nationen aufs Entschiedenste bekräftigt.

Wir sind uns bewußt, daß die schwierigeren Parameter
die amerikanischen Beiträge und Zahlungsrückstände
betreffen. Die Vereinigten Staaten versuchen, ihre
Beiträge im nächsten Jahr von 25 Prozent auf 22
Prozent und bis zum Jahr 2000 auf 20 Prozent zu
senken. Das scheint nicht ganz im Einklang mit dem
Prinzip der "Zahlungsfähigkeit" zu stehen. Aber die
Vereinigten Staaten haben viele Jahre lang eine
enorme Verantwortung bei der Finanzierung von
Friedens- und Sicherheitsaktivitäten auf der ganzen
Welt übernommen, die weit über die der UNO hinausgehen. Darüber hinaus würden die Vereinigten
Staaten selbst mit diesem reduzierten Beitragssatz die
höchsten Beiträge entrichten - im vergangenen Jahr
zahlten sie 1,5 Milliarden Dollar an das UNO-System.
Am wichtigsten ist jedoch, daß eine Verringerung des
amerikanischen Beitragssatzes ein notwendiger Schritt
zur Übernahme größerer Verantwortung der Vereinten
Nationen ist. Heute zahlen 155 der 185 Mitgliedstaaten zusammen weniger als 13 Prozent der Ausgaben
der UNO, während 14 Mitglieder mehr als 80 Prozent

* *

Seite 2

Als der Senat mit 90 zu 5 Stimmen über die erste
Version dieses Gesetzentwurfs abstimmte, hatte er die
Unterstützung des breitesten Spektrums der amerikanischen Politiker. Welche Probleme das Gesetz auch
enthalten mag - es geht einen großen Schritt über die
Debatten und die an der UNO in den vergangenen
Jahren geübte Kritik hinaus. Und es bietet den
Vereinten Nationen die Chance, die Finanzkrise im
Großen und Ganzen zu bewältigen.
Die Alternative wäre mehr Konfrontation, mehr Krisen und so lange das andauert weniger effektive Vereinte
Nationen. Nur die Gegner der UNO könnten diese
Aussicht gutheißen. Wir benötigen die Unterstützung
der anderen Mitglieder, damit dieser Plan funktioniert.
Wir sind der Auffassung, daß er sich zu unser aller
Vorteil auswirken wird.

*

AMERIKA DIENST 14

�USA-DEUTSCHLAND
23. Juli 1997

Deutschland ist der Anker eines geeinten Europas
Anhörung von John Kornblum

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des designierten Botschafters für Deutschland,
John Kornblum, bei seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats am 15. Juli 1997.

Ich danke für die Gelegenheit, im Zusammenhang mit
meiner Nominierung zum Botschafter der Vereinigten
Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland eine Rede vor diesem Ausschuß halten zu dürfen.
Ich habe meine Laufbahn im auswärtigen Dienst vor
über 30 Jahren in Deutschland begonnen. Seit damals
haben sich Europa und Deutschland dramatisch
verändert. Ich hatte das Privileg, an vielen der wichtigen Ereignisse auf dem Weg dorthin teilnehmen zu
können. 1970 und 1971 war ich an der Aushandlung
der ersten entscheidenden Öffnung zwischen Ost und
West - dem Viermächteabkommen über Berlin beteiligt. Ich trug zum Entwurf der Schlußakte von
Helsinki bei und war der Vertreter der Vereinigten
Staaten bei der OSZE in Helsinki und Wien. Während
des Zusammenbruchs des Kommunismus in Europa
war ich Stellvertretender Ständiger Vertreter bei der
NATO. Die Grundlagen für die neue NATO von heute
wurden in diesen Jahren geschaffen. Und als Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium konnte ich direkt
an der Entwicklung der amerikanischen Rolle im
Europa der Zeit nach dem Kalten Krieg mitarbeiten.
Deutschland liegt im Zentrum dieses dramatischen
Zeitalters des Wandels. An jedem entscheidenden
Punkt der Nachkriegszeit war Deutschland ein wichtiger Partner der Vereinigten Staaten. Unsere Vision
einer engen und gleichberechtigten atlantischen
Partnerschaft und unsere unermüdlichen Bestrebungen zur Schaffung von Demokratie in ganz Europa
haben wir gemeinsam mit unseren deutschen Verbündeten verfolgt. Während wir in die noch dynamischere
Welt des 21. Jahrhunderts eintreten, wird es praktisch
kein wichtiges amerikanisches Ziel geben, auf das
Deutschland nicht direkt Einfluß hat.

AMERIKA DIENST 14

Es ist mir eine Ehre, von Präsident Clinton zum
Vertreter der Vereinigten Staaten in Deutschland in
dieser Zeit kontinuierlichen Wandels ernannt worden
zu sein. Außenministerin Albright hat ein aktives
amerikanisches Engagement in Deutschland und
Europa zum Kernstück unserer Bestrebungen erklärt.
Unsere engen Verbindungen und gemeinsame Vision
sind ein ausgezeichneter Ausgangspunkt, um die von
der Außenministerin dargelegten Ziele zu erreichen.
Die Herausforderungen schnellen Wandels erfordern
immer engere Konsultationen und Kooperation
zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland.
Im Falle meiner Bestätigung werde ich auf der Grundlage der engen persönlichen Beziehungen zwischen
Präsident Clinton und Bundeskanzler Kohl einen
umfassenden Dialog zwischen den Politikern und
Völkern unserer beiden Länder über die uns konfrontierenden Herausforderungen anregen. Es wird
mein Ziel sein, einen Weg für den Umgang mit Chancen und Problemen zu finden. Gemeinsam sollten wir
über derzeitige Belange hinausschauen und einer
noch umfassenderen Zusammenarbeit in einem neuen
Jahrhundert Impulse geben.
Dabei gehe ich nicht von automatischer Übereinstimmung oder einem leichten Weg zum Konsens in
allen Fragen aus. Wir haben bereits Bereiche ausgemacht, in denen Deutschland und die Vereinigten
Staaten hart arbeiten müssen, um einen gemeinsamen
Ansatz zu neuen und schwierigen Problemen zu
finden. Ich werde jedoch auf meine in Deutschland
und Europa gemachten Erfahrungen und dem auf
beiden Seiten des Atlantiks vorhandenen Goodwill
aufbauen. Ich hoffe, eng mit Ihnen, Herr Vorsitzender,
und den anderen Kongreßabgeordneten zusammenzuarbeiten und die breite Grundlage der Außenpolitik

Seite 1

�der Vereinigten Staaten zu untermauern. Ferner hoffe
ich, Angehörige beider Kammern und ihre Mitarbeiter
regelmäßig in Deutschland begrüßen zu können. Ihr
fortgesetztes Engagement ist integraler Bestandteil
dieser wesentlichen Partnerschaft.
Herr Vorsitzender, Deutschland ist ein sehr wichtiges
Land. Es ist auch ein Land, das unsere Vision und
unsere Ziele für die moderne Welt teilt. Es ist der
Anker eines geeinten Europas und einer der Grundpfeiler für die Brücke über den Atlantik. Unsere Länder
sind eng miteinander verbunden - durch unsere
Menschen und unsere engen Handels- und Investitionsbeziehungen.

Ungefähr ein Viertel der Amerikaner hat Vorfahren aus
Deutschland, etwa 400.000 Deutsche sind bei in

*

Seite 2

Deutschland
niedergelassenen
amerikanischen
Unternehmen beschäftigt, und rund 500.000 Amerikaner arbeiten bei deutschen Unternehmen in den
Vereinigten Staaten. Unser gemeinsames Engagement in Berlin trug dazu bei, den Geist der Demokratie
in einem geteilten Europa zu definieren. Unsere
Entschlossenheit zur Bewältigung der Herausforderungen im Europa nach dem Kalten Krieg hat bereits
großen Nutzen gebracht.
Die Chancen für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit sind unbegrenzt. Die Herausforderungen sind enorm. Ich verspreche, mit Ihrer Unterstützung die Interessen der Vereinigten Staaten in unseren wichtigen Beziehungen zu Deutschland zu verteidigen und zu fördern.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

�TERRORISMUS
23. Juli 1997

Terrorismus bleibt globales Thema
von Botschafter Philip Wilcox, Jr.

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Koordinators für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium, Botschafter Philip Wilcox, Jr.

Die Welt von heute ist immer noch ein gefährlicher Ort.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion und das Ende
des Kalten Krieges führten weder das "Ende der
Geschichte" noch einen neuen Weltfrieden und
Harmonie herbei. Statt dessen rückten diese Veränderungen die ernsthaften globalen Probleme und
Bedrohungen in den Mittelpunkt.
Sie kennen die Liste bereits: Ethnische Konflikte,
Verbreitung von Waffen, Umweltzerstörung, unhaltbares Bevölkerungswachstum, internationales Verbrechen und Terrorismus. Diese globalen Probleme
betreffen direkt unser Wohlergehen und unsere
Sicherheit. Daher wird ihnen in der außenpolitischen
Tagesordnung der Clinton-Administration hohe
Priorität beigemessen.
Aber keines dieser Probleme hat bei den Amerikanern
mehr Furcht ausgelöst als Terrorismus.
Terrorismus, den wir als politisch motivierte Gewalt
gegen Nichtkombattanten definieren, ist ein altes Übel,
und seit Jahren sind die amerikanischen Interessen
Ziel von Terroristen im Ausland. Heute scheint die
Bedrohung jedoch zuzunehmen - vielleicht weil die
Bedrohung eines konventionellen Krieges gegen die
Vereinigten Staaten abgenommen hat und wir Opfer
von zwei schrecklichen Terroranschlägen bei uns im
Inland wurden - dem Bombenattentat auf das World
Trade Center und das Regierungsgebäude in Oklahoma City. Nicht zu vergessen die beiden Bombenanschläge auf amerikanische Streitkräfte in SaudiArabien und die Rohrbombe bei den Olympischen
Spielen in Atlanta.
Es ist ein Paradoxon, daß wir uns besonders mit
Terrorismus beschäftigen und die Regierungen seiner

AMERIKA DIENST 14

Bekämpfung außerordentliche Aufmerksamkeit zuwenden, obwohl verglichen mit anderen Formen der
Gewalt durch Terrorismus relativ wenige Menschen
ums Leben kommen. Warum?
Erstens ruft Terrorismus tiefsitzende Angst und
Unsicherheit hervor - mehr als andere Formen der
Gewalt.
Terroristen suchen sich - häufig willkürlich und ohne
Warnung - unschuldige Zivilisten als Opfer aus. Wir
denken, wir können uns gegen andere Formen der
Gewalt schützen, aber gegenüber Terroristen fühlen
wir uns hilflos.
Die Terroristen wissen das, und sie versuchen uns
einzuschüchtern, damit sie uns ihren politischen Willen
oder ihre Ideologie aufzwingen können. Töten ist nur
ein Mittel zum Zweck. Indem sie Furcht und Panik
auslösen, versuchen Terroristen Konzessionen zu
erzwingen oder Regierungen zu schwächen und zu
diskreditieren, indem sie deutlich machen, daß diese
zum Schutz ihrer Bürger nicht in der Lage sind.
Terrorismus wird auch als billiges Instrument strategischer Kriegführung genutzt, manchmal von verbrecherischen Staaten unter Einsatz von Helfershelfern und manchmal von durch Ideologie, Religion
oder ethnische Zugehörigkeit motivierten Gruppen, die
Regierungen stürzen und den Lauf der Geschichte
verändern wollen.
Terroristen setzen Gewalt auch weniger zielgerichtet
ein, um Protest und Wut zum Ausdruck zu bringen,
messianische und fanatische religiöse Programme zu
verbreiten sowie aus noch obskureren pathologischen
Gründen.

Seite 1

�Man kann argumentieren, daß Terrorismus als strategische Waffe historisch gescheitert ist. Aber das ist
kein Grund zur Beruhigung. Es besteht kein Zweifel,
daß er den amerikanischen Interessen und denen
unserer Freunde auf der ganzen Welt großen Schaden
zugefügt hat. Terrorismus hat beispielsweise den
israelisch-palästinensischen Konflikt und den Nordirlandkonflikt um Jahre verlängert. Echte Fortschritte
zum Frieden bei diesen Auseinandersetzungen
wurden nur erzielt, wenn die Terroristen aufgaben und
geächtet wurden.
Terrorismus verursacht auch hohe wirtschaftliche
Kosten. Allein die Regierung der Vereinigten Staaten
gibt pro Jahr rund 5 Milliarden Dollar zum Schutz vor
Terrorismus im In- und Ausland aus, und diese Kosten
werden zweifelsohne steigen. Terrorismus kann auch
ganze Volkswirtschaften lahmlegen. In Ägypten haben
Terroristen beispielsweise monatelang fast die gesamte lebenswichtige Tourismusindustrie zum Stillstand gebracht, indem sie sich einige wenige Touristen
zum Ziel nahmen.
Die Technologie hat die terroristische Bedrohung noch
verschärft. Im Jahr 1605 versuchte Guy Fawkes in
einer Verschwörung mit 29 Fässern Sprengstoff König
James und das britische Parlament in die Luft zu
sprengen. Heute könnte ein kleiner Zünder in einer
Handtasche dieselbe Wirkung erzielen. Und Anleitungen zum Bau einer Bombe sind ohne Schwierigkeiten
im Internet zu finden.
Terroristen verwenden Computer, Handys und
Kryptographie-Software, um sich ihrer Entdeckung zu
entziehen, und sie haben moderne Mittel zum Fälschen von Pässen und Dokumenten. Ramzi Ahmed
Yousef und seine Bande, die wegen des Versuchs
verurteilt wurden, 12 amerikanische Flugzeuge über
dem Pazifik in die Luft zu sprengen, benutzten alle
dieses Handwerkszeug.
Noch gefährlicher ist die Aussicht, daß Terroristen
Material der - chemischen, biologischen oder atomaren
- Massenvernichtung einsetzen, um die Zahl der Opfer
weit über das herkömmliche Maß hinaus zu multiplizieren. Der Saringasanschlag in der Tokioter U-Bahn im
Jahr 1995 durch die apokalyptische japanische Aum
Shinrikyo-Sekte zeigte, daß die Bedrohung durch
chemischen Terrorismus jetzt eine Realität ist.
Die Bereitschaft einiger fanatischer oder verrückter
Terroristen zu Kamikazekommandos machen Terroristen, die Massenvernichtungswaffen einsetzen, zu
einer noch unheimlicheren Bedrohung.
Und schließlich hat Terrorismus aufgrund der Massenmedien heute eine sehr viel zerstörerische Wirkung als
in der Vergangenheit. Keine Story hält sich besser
oder länger als ein Terroranschlag. Die Medien von
heute, insbesondere das Fernsehen, multiplizieren die

Seite 2

durch Terrorismus erzeugte Angst, indem sie seine
Schrecken lebhaft übermitteln. Und das verstärkt in
hohem Maße unserer kollektives Gefühl der Verletzlichkeit. Natürlich wissen die Terroristen das. Und sie
versuchen, die Medienberichterstattung zu nutzen, um
uns und unsere Regierungen psychologisch in die
Defensive zu drängen.
Wie sieht der derzeitige Trend bei Terrorismus aus?
Wer sind die Terroristen von heute? Und was tut die
US-Regierung, um sie zu bekämpfen und in die
Defensive zu drängen, wo sie hingehören?
Erstens der Trend. Es gibt gute und schlechte Nachrichten. Die aktuelle Zahl internationaler Terroranschläge hat in den vergangenen Jahren abgenommen, von einem Höchststand von 665 im Jahr 1987
auf durchschnittlich 300 - 400 in den letzten Jahren.
Es gibt verschiedene Gründe für diesen positiven
Trend:
Die Sowjetunion und nahezu alle der vielen von ihr
unterstützten revolutionären Terrorgruppen sind jetzt
Geschichte.
Nach 50 Jahren des Krieges und Terrorismus kämpfen
die Araber und Palästinenser jetzt für Frieden. Die
PLO verzichtet jetzt auf Terroranschläge, und auch die
meisten arabischen Staaten verurteilen ihn unmißverständlich.
Nur einige wenige verbrecherische Staaten unterstützen weiterhin den Terrorismus.
Heute besteht ein zunehmender internationaler
Konsens, daß Morde an Unschuldigen aus politischen
Gründen absolut inakzeptabel sind, ungeachtet der
Motivation und des Grundes.
Die Mehrheit der Staaten möchte dementsprechend
mit allen vorhandenen Mitteln gegen Terroristen
vorgehen, insbesondere unter Anwendung des
Gesetzes zur Terrorbekämpfung.
Es gibt jedoch auch eine negative Seite:
Ungeachtet des Engagements der palästinensischen
und arabischen Hauptströmung für den Frieden im
Nahen Osten verübten Gruppen wie die Hamas und
der palästinensisch-islamische Dschihad 1995 in Israel
im Rahmen einer bösartigen Verzögerungstaktik
gezielt Bombenanschläge, um den Friedensprozeß zu
stören.
Und ein israelischer Terrorist ermordete Ministerpräsident Rabin aus demselben Grund.
Der Iran setzt ungeachtet der amerikanischen Bestrebungen, das Land durch Sanktionen in Schach zu

AMERIKA DIENST 14

�halten, weiterhin Terrorismus als außenpolitische
Waffe ein, um Dissidenten umzubringen und den
Friedensprozeß zu unterminieren.
Obwohl Libyens terroristische Aktivitäten im Ausland
durch Sanktionen der UNO eingeschränkt wurden,
widersetzt es sich weiterhin der Forderung der UNO,
zwei der des Bombenanschlags auf Pan Am-Flug 103
über Lockerbie Verdächtigte einem britischen oder
amerikanischen Gericht auszuliefern.
Terroristen nutzen in zunehmendem Maße die Religion
für ihre Zwecke aus. Früher waren die meisten
Terrorgruppen weltlich, während heute immer mehr
Terroristen den Anspruch erheben, im Namen der
Religion, insbesondere des Islam, zu handeln. Einige
sind Teil organisierter Gruppen wie der Hamas, der
libanesischen Hisbollah oder der ägyptischen Gamaat.
Andere sind ad hoc gebildete islamische Elemente wie
die Gang von Ramzi Ahmed Yousef, die großenteils in
Afghanistan ausgebildet werden.
Die Ausschlachtung der Religion für politische Zwecke
und Gewaltanwendung ist ein uraltes Phänomen. Man
muß sich vor Augen halten, daß alle Religionen
abweichlerische und gefährliche Randgruppen
hervorgebracht haben und der Islam - ebenso wie
Christentum und Judentum - Frieden und Gewaltlosigkeit predigt. Angeblich im Namen des Islam handelnde
Terroristen mißbrauchen ihren Glauben und werden in
der ganzen islamischen Welt immer stärker verurteilt.
Inländischer Terrorismus - der auf die Bürger oder das
Territorium von nur einem Staat beschränkt ist - hat mit
der Zeit abwechselnd zu- und abgenommen. Heute
scheint er, beispielsweise in Südasien, abzunehmen.
Messianische Kultgruppen, wie die japanische Aum
Shinrikyo, die sich des Terrorismus zur Erfüllung ihrer
Visionen vom letzten Kampf zwischen Gut und Böse
bedienen, könnten ebenfalls eine wachsende Bedrohung darstellen. Sie sind um so gefährlicher, wenn
sie Zugang zu Geld und Technologie haben.
Die Vereinigten Staaten unternehmen viel zur Bekämpfung des Terrorismus:
Unsere Politik besteht darin, alle Terroristen, ungeachtet ihrer Zugehörigkeit, unermüdlich aufzuspüren
und zu bestrafen, wobei wir uns einer Kombination aus
Mitteln der Strafverfolgung, Diplomatie und Nachrichtendienste bedienen. Wir konnten die für den
Anschlag auf das World Trade Center verantwortlichen
Terroristen, die Verschwörer - darunter Scheich Abdul
Rahman -, die den Holland Tunnel in New York, das
Gebäude der Vereinten Nationen und verschiedene
Bundesbehörden in New York in die Luft sprengen
wollten, und die Gang, die Anschläge auf amerikanische Flugzeuge über dem Pazifik plante, ihrer

AMERIKA DIENST 14

gerechten Strafe zuführen, was echte Erfolgsgeschichten sind.
Wir machen Terroristen gegenüber keine Zugeständnisse. Wir weigern uns, den Forderungen nach
politischen Konzessionen oder Lösegeld nachzugeben.
Wir identifizieren Staaten, die den Terrorismus fördern,
verhängen Wirtschaftssanktionen gegen sie und bitten
unsere Freunde, ebenso zu handeln. In einer an
unsere europäischen Verbündeten gerichteten Rede in
Stuttgart äußerte der damalige Außenminister Christopher: "Die Zusammenarbeit gegen dem Terrorismus
Vorschub leistende Staaten ist ein Gebot, keine
Option.... Unser auf Prinzipien gegründetes Engagementfürfreien Handel verpflichtet uns nicht, Geschäfte
mit aggressiven Tyranneien wie Iran und Libyen
abzuschließen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln,
um durch wirksame multilaterale Maßnahmen diesen
verbrecherischen Regimen die Mittel zu verweigern,
nach denen sie streben."
Die Vereinigten Staaten betonen die Rechtsstaatlichkeit beim Umgang mit Terroristen und bestehen
darauf, daß Terrorismus ungeachtet seiner Motive
oder Gründe ein Verbrechen ist, für das es keine
mildernden Umstände gibt. Durch die Stärkung der
amerikanischen Gesetze zur Terrorismusbekämpfung
und die aggressive Förderung internationaler Verträge
und Konventionen gegen den Terrorismus, von denen
es derzeit 10 gibt, führen wir einen weltweiten Trend
zur Anwendung des Gesetzes als unserer effektivsten
Waffe gegen Terroristen an.
Hinzuzufügen ist:
Wir verfügen über herausragende militärische Mittel,
die wir einsetzen können, wenn außergewöhnliche
Situationen das erfordern.
Da Terroristen im Dunkeln operieren, investieren wir in
großem Maße in die Sammlung und Analyse nachrichtendienstlicher Informationen.
Das Büro für diplomatische Sicherheit im Außenministerium bildete im Rahmen des Hilfsprogramms
zur Terrorismusbekämpfung mehr als 18.000 Beamte
aus über 80 Ländern in Terrorismusbekämpfungstechnik und Flugsicherheit aus.
Wir haben ein wirkungsvolles Forschungs- und
Entwicklungsprogramm im Bereich der Technologie für
die Terrorismusbekämpfung, insbesondere für das
Aufspüren von Sprengstoffen.
Und schließlich ist die Zusammenarbeit mit anderen
Staaten unerläßlich, um Terroristen Einhalt zu gebieten, denn der Terrorismus wird ein zunehmend
transnationales Phänomen. Aus diesem Grund hat

Seite 3

�Präsident Clinton der Terrorismusbekämpfung auf
unserer diplomatischen Agenda hohe Priorität eingeräumt. Wir beraten uns jährlich mit Dutzenden von
Regierungen und fördern multilaterale Aktionen wie
den Friedensgipfel von Scharm-el-Scheich, die
Folgetreffen zur Terrorismusbekämpfung in Washington und die G-7-Ministerkonferenz über Terrorismus in
Paris.

*

Seite 4

Wir können stolz auf unsere unter Einsatz dieser
Maßnahmen und Instrumente erzielten Erfolge sein.
Aber wir dürfen nicht selbstgefällig sein, denn der
Terrorismus ist ein bewegliches Ziel.

*

AMERIKA DIENST 14

�FRAUEN
23. Juli 1997

Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive
Rede von Seth Winnick

GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Vertreters der Vereinigten Staaten
beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen in Genf vom 9. Juli 1997.

Herr Präsident,
ich danke für diese Gelegenheit, vor dem Wirtschaftsund Sozialrat das wichtige Thema der Integration der
geschlechtsspezifischen Perspektive ansprechen zu
dürfen.
Wir möchten dem Sekretariat für die ausgezeichnete
Dokumentation für diesen Tagesordnungspunkt
danken. Als wir an der Umsetzung der Erklärung von
Peking und der Aktionsplattform arbeiteten, stellten wir
fest, daß wir als ersten Schritt Richtlinien für die
Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive in
alle Maßnahmen und Programme des UNO-Systems
benötigen. Das Papier des Sekretariats enthält mit
seiner klaren Definition der Integration und der nötigen
praktischen Schritte dafür diese ersten Richtlinien.
Die Vereinigten Staaten stimmen mit der Analyse des
Sekretariats überein, daß Integration folgendes
erfordert:
Engagement auf höchster Ebene.
Eine klare politische Aussage begleitet von institutionellen Strategien.
Rechenschaftspflicht oder Anreize zur Verstärkung der
Bedeutung von Integration.
Die Erkenntnis, daß geschlechtsspezifische Themen in
Bereichen angesprochen werden müssen, die traditionell als technisch oder geschlechtsneutral angesehen
werden.

Gruppen, die über die technische Kapazität verfügen,
Anleitung zu geben und die Integration der Geschlechter vehement voranzutreiben.
Es muß dafür gesorgt werden, daß diese Gruppen
oder zentralen Anlaufstellen nicht zum einzigen
Bereich der Organisation werden, der sich mit geschlechtsspezifischen Fragen befaßt. Sollte dies
geschehen, werden die Gruppen selbst zu Instrumenten der Ausgrenzung.
In den Vereinigten Staaten arbeiten wir an der Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive in
der gesamten Bundesregierung. Im August 1995
richtete Präsident Clinton einen interministeriellen Rat
für Frauenfragen ein um sicherzustellen, daß die
Vereinigten Staaten die Erklärung von Peking und die
Aktionsplattform umsetzen. Außenministerin Albright
ist die Vorsitzende des Rats und First Lady Hillary
Rodham Clinton die Ehrenvorsitzende. Gesundheitsministerin Donna Shalala, die erste Vorsitzende des
Rats, beteiligt sich aktiv an seiner Arbeit. Der Rat setzt
sich aus hohen Vertretern aller Bundesbehörden
zusammen.
Der Hauptgrund für den Erfolg des Rats ist wahrscheinlich sein Engagement auf höchster Ebene. Er
sendet die Botschaft an alle Ebenen der Regierung,
daß die Umsetzung der Dokumente von Peking wichtig
ist und nicht ignoriert werden darf.
Während der ersten anderthalb Jahre seines Bestehens konzentrierte sich der Rat auf die Durchführung
von Veränderungen in jeder einzelnen Behörde der
US-Regierung durch folgende Maßnahmen:

Mitarbeiterkapazitäten für die Integration.

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�Analyse der aktuellen und vorgesehenen Projekte und
Programme, um sie gegen die Ziele der Aktionsplattform abzuwägen.
Identifizierung neuer Initiativen, mit deren Hilfe staatliche Behörden das Leben von Frauen und Mädchen
verbessern könnten;
Einführung weitreichender Veränderungen bei ihren
Programmen und Operationen um sicherzustellen, daß
die Ziele von Peking integraler Bestandteil des täglichen Geschäftslebens werden.
Vor kurzem begann der Rat mit der Einrichtung
interministerieller Arbeitsgruppen, damit der Wandel in
der gesamten Bundesregierung wirksam wird. Gestatten Sie mir, hierfür drei Beispiele zu nennen:
Geschlechterfragen und institutioneller Wandel
Das Amt für internationale Entwicklung (AID), das bei
der Durchsetzung eines Aktionsplans für die Gleichstellung der Geschlechter an vorderster Front der
amerikanischen Behörden steht, leitet eine Arbeitsgruppe zur Prüfung der Frage, wie geschlechtsspezifische Perspektiven in seine Arbeit integriert werden
können. Ziel der Arbeitsgruppe ist die Gewährleistung,
daß positive Veränderungen - insbesondere im
Hinblick auf die Integration - zu einem festen Bestandteil der Institution werden und nicht so leicht wieder
zunichte gemacht werden können.
Geschlechtsspezifische Datentrennung
Unter Leitung des Landwirtschaftsministeriums befaßt
sich eine Arbeitsgruppe mit der geschlechtsspezifischen Trennung und Analyse von Daten. Dies
entspricht der Ansicht des Generalsekretärs, daß
Geschlechterfragen in Bereichen untersucht werden
müssen, die traditionell als technisch oder geschlechtsneutral angesehen wurden. Obwohl viele
amerikanische Behörden einige Daten nach Geschlecht trennen, gibt es keine einheitliche Politik der
Regierung. Die Arbeitsgruppe bewertet die derzeitige
Situation und prüft Gesetze oder Vorschriften über die
Sammlung und Analyse von Daten.

*

Seite 2

Mentorenarbeit
Unter Leitung des Bildungsministeriums befaßt sich
eine Arbeitsgruppe mit Mentorenarbeit, um sicherzustellen, daß junge Menschen an der Umsetzung der
Beschlüsse von Peking mitwirken. Diese Arbeitsgruppe soll herausfinden, an welchen Arten von
Mentorenprogrammen sich die einzelnen Behörden
beteiligen, welche nachahmenswert sind, welche
neuen Aktivitäten ermutigt werden sollten und wo es
möglich sein könnte, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen Mentorenprogramme zu entwerfen und umzusetzen.
Der interministerielle Rat des Präsidenten für Frauenfragen erwartet die Gründung zusätzlicher Arbeitsgruppen in diesem Jahr.
Vor Peking wurden wir oft daran erinnert, daß die
Vorbereitung der Vierten Weltfrauenkonferenz wichtiger sei als die Konferenz selbst - daß die Überprüfung
und Neubewertung des Status der Frau und die
Verpflichtung zur Erlangung von Gleichberechtigung
bis zum Jahr 2000 auch außerhalb der Konferenz
wertvoll ist. In diesem Tenor ist die Umsetzung der
Erklärung von Peking und der Aktionsplattform von
größter Bedeutung.
Obwohl "Integration der geschlechtsspezifischen
Perspektive" nicht poetisch klingt und wahrscheinlich
auch keine Schlagzeilen machen wird, gehört sie zu
den wesentlichsten und dauerhaftesten Aktionen, die
wir ergreifen können. Durch die Integration der
geschlechtsspezifischen Perspektive im gesamten
UNO-System, allen Maßnahmen und Programmen - ob
sie sich mit Armut, Bildung und Ausbildung, Gesundheit, Gewalt, bewaffneten Konflikten, der Wirtschaft,
Macht und Entscheidungsfindung, Menschenrechten,
der Umwelt oder Kindern befassen - werden wir
sicherstellen, daß jede Politik und jedes Programm auf
eine Art und Weise konzipiert, entwickelt und umgesetzt wird, die für alle Männer und Frauen von Vorteil
ist.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12800">
                <text>23.07.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12801">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12802">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12803">
                <text>Amerikadienst 23.07.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12804">
                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Polen wird Wegbereiter für Freiheit und Sicherheit &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in Warschau&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gründe für die NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von Abteilungsleiter Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wichtigste Punkte des UNO-Reformpakets&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reformpaket für die UNO ist "bedeutsamer Schritt"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Bill Richardson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten unterstützen UNO-Reform&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Princeton Lyman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutschland ist der Anker eines geeinten Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Terrorismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Terrorismus bleibt globales Thema&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Philip Wilcox, Jr.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Seth Winnick&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2464" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2475">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/d7d8eeeef9c9a2769e8a7630559f3f29.pdf</src>
        <authentication>e1c91db5a2c899a751f493809ee42533</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12811">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
6. August 1997

15

USA-DEUTSCHLAND

BESUCH VON BUNDESPRÄSIDENT HERZOG
IN DEN USA
Erklärung des Weißen Hauses

ABSCHIEDSREDE
von J.D. Bindenagel

NATO

COHEN ERÖRTERT GRUNDE FÜR DIE NATOERWEITERUNG
Rede des Verteidigungsministers

BOSNIEN

DIE IMPLEMENTIERUNG DES DAYTONER
ABKOMMENS
Übersicht des US-Außenministeriums

HANDEL

AMERIKANISCH-EUROPAISCHE WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Rede von Jeffrey Lang

UMWELT

ENTWICKLUNGSLÄNDER MÜSSEN EBENFALLS TREIBHAUSGASE REDUZIEREN
Rede von Staatssekretär Timothy Wirth

ZIVILANGELEGENHEITEN

BETRACHTUNGEN DER ZUKUNFT
von H. Allen Holmes

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND
6. August 1997

Besuch von Bundespräsident Herzog in den USA
Erklärung des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Erklärung des Pressesprechers des Weißen
Hauses aus Anlaß des Staatsbesuchs von Bundespräsident Roman Herzog in den Vereinigten Staaten, in
dessen Rahmen er am 24. Juli 1997 mit Präsident Clinton zusammentraf.

Zusammenkunft Präsident Clintons mit Bundespräsident Herzog

in der Ukraine und die Stärkung der Partnerschaft
zwischen der NATO und der Ukraine hin.

Präsident Clinton empfing heute Bundespräsident
Herzog im Weißen Haus. Die beiden Präsidenten
führten im Oval Office ein Gespräch, dem ein Arbeitsessen im Old Family Dining Room folgte.

Die Präsidenten waren sich über die Notwendigkeit
einer beschleunigten Implementierung des Daytoner
Abkommens in Bosnien einig, wobei der Rückkehr der
Flüchtlinge besonderes Gewicht zukommt.
Sie
berieten sich über die Bestrebungen Deutschlands und
der Vereinigten Staaten zur Vergrößerung der Chancen von Minderheiten und zur Förderung ethnischer
Toleranz.

Die beiden Präsidenten stimmten im Hinblick auf die
grundlegende Bedeutung der Partnerschaft zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten überein. Sie
bekräftigten ihr gemeinsames Engagement für die
Erlangung von Demokratie und Freiheit in ganz Europa
sowohl durch die Erweiterung der NATO und der
Europäischen Union um die neuen Demokratien
Zentral- und Osteuropas als auch durch die Förderung
der Demokratie in Rußland. Ferner wiesen sie auf die
Bedeutung der Unterstützung von Wirtschaftsreformen

In Anerkennung der Anwesenheit mehrerer renommierter Privatpersonen in der deutschen Delegation
unterstrichen die Präsidenten auch den Wert von
persönlichen Kontakten, Austauschprogrammen und
Besuchen von Parlamentariern für die Stärkung der
engen Bande der Freundschaft zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.

* * * * *

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�USA-DEUTSCHLAND
6. August 1997

Abschiedsrede
von J.D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 17. Juli 1997 im Gästehaus der Landesvertretung Berlin
gehaltene Abschiedsrede von Charge dAffaires J.D. Bindenagel.

Herr Bundesminister Bohl, Frau Staatssekretärin
Boucsein, liebe Freunde,
mein fünfter Abschied von Deutschland gibt mir die
Gelegenheit, meine letzten drei Jahre in Bonn Revue
passieren zu lassen und - wenn Sie gestatten - ein
paar Worte über die ersten 25 Jahre meiner Tätigkeit
in drei Deutschlands zu sagen.
Als ich vor drei Jahren nach Deutschland kam,
verabschiedeten wir die Berlin Brigade, die nahezu 50
Jahre lang in Berlin Wache gestanden hatte. Die
Europäer arbeiteten an der Wiederherstellung des
Friedens in Bosnien ohne die amerikanischen Streitkräfte oder die Bundeswehr.
Wir unternahmen
Bestrebungen zur Verstärkung der wirtschaftlichen und
kulturellen Präsenz der Vereinigten Staaten in den
neuen Bundesländern und riefen deutsch-amerikanische "Neue Traditionen" in Berlin ins Leben. Wir
hatten gerade mit dem Aufbau einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur mit neuen NATO-Mitgliedern begonnen, ebenso wie dem Entwurf einer
Grundakte zwischen der NATO und Rußland sowie
der NATO und der Ukraine und internen Anpasssungen der Befehlsstruktur des Bündnisses.
Heute, nur wenige Tage nach dem NATO-Gipfel in
Madrid, steht die europäische Sicherheit auf einer
neuen, soliden Grundlage. Auf dem Balkan mag der
Frieden noch nicht Fuß gefaßt haben, aber wenn das
der Fall sein wird, haben die Bundeswehr und die
amerikanischen Streitkräfte dazu beigetragen.
Lassen Sie mich hier noch ein paar Worte über die
bedeutende Rolle Deutschlands in der NATO sagen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Vereinigung Deutschlands wurde immer deutlicher, daß

AMERIKA DIENST 15

die Bundesrepublik zusammen mit den anderen
Bündnismitgliedern Streitkräfte zu diesen Krisenreaktions- und Friedenssicherungsbestrebungen beisteuern kann und sollte, wenn die Stabilität in Europa
in Gefahr ist. Das Bundesverfassungsgericht hat
bewundernswürdig klare Richtlinien dafür gegeben,
wie die Bundeswehr in solchen Situationen eingesetzt
werden darf, und wir respektieren die Notwendigkeit,
daß das Militär ein Mandat vom Bundestag erhält. Die
erfolgreiche Beteiligung der Bundeswehr an der IFOR
und der SFOR zeigt, daß Deutschland in eine neue
Rolle hineinwächst.
Im wirtschaftlichen Bereich der "Neuen Traditionen"
sind die Vereinigten Staaten zum größten ausländischen Investor in den neuen Bundesländern geworden. Die Botschaft hat in enger Zusammenarbeit mit
der American Chamber of Commerce drei amerikanische Wirtschaftskonferenzen in Leipzig, Weimar und
Erfurt sowie Potsdam veranstaltet. Für Oktober ist
eine weitere in Dessau geplant. Wir arbeiten gemeinsam an der Bereitstellung von Chancen für amerikanische und deutsche Unternehmen im Telekommunikations- und Energiesektor,
einschließlich
der
amerikanischen Beteiligung an der BEWAG in
Berlin.
Und da Berlin nicht nur Hauptstadt ist, sondern auch
Sitz der Regierung wird, sehen wir dem Umzug
unserer Botschaft an den Pariser Platz neben dem
Brandenburger Tor erwartungsvoll entgegen. Unser
Umzug nach Berlin symbolisiert unsere Bestrebungen,
die amerikanische Präsenz in Deutschland an neue
Gegebenheiten hier anzupassen. Auf kulturellem
Gebiet werden amerikanische Institutionen wie die
neue Amerikanische Akademie und die Fulbright-

Seite 1

�Kommission neben dem Aspen Institute ihren Sitz in
Berlin haben.
Obwohl Wandel in der Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges zum Schlagwort geworden ist, hat sich die aus
dem Fall des Kommunismus resultierende tiefgreifende
Umgestaltung in Europa und Amerika als ziemlich
beunruhigend erwiesen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Geschichte - die fünf Jahrzehnte
lange Geschichte der deutsch-amerikanischen
Zusammenarbeit - uns eine hervorragende Basis zur
Bewältigung dieser Herausforderungen bietet. Die
Stärke unserer Beziehungen liegt in unserer Verpflichtung zur Demokratie.
Die Bundesrepublik
Deutschland kann mit ihrer Ablehnung von Totalitarismus und Unterstützung der Demokratie voll Stolz
auf ihre Geschichte zurückblicken, während sie sich
den Herausforderungen der Zukunft stellt.

Verpflichtung zu ewiger Wachsamkeit, sie zu schützen,
verbinden Amerikaner und Deutsche jetzt und für
immer.
Als Enkel eines Präriepioniers und ausgewandertem
Pommer, der in mir ein starkes Gefühl für die Werte
der Prärie und ein preußisches Pflichtbewußtsein
weckte, bin ich stolz, diese erste Hälfte meiner Laufbahn an vielen der wichtigsten politischen Entwicklungen in Deutschland beteiligt gewesen zu sein. Mein
Schicksal ist es, ein Amerikaner in Deutschland zu
sein. Ich beklage mich nicht. Es ist ein großartiges
Schicksal, weil ich es mit vielen von Ihnen teilen kann.
Ich habe mein erstes Vierteljahrhundert deutschamerikanischer Tätigkeit sehr genossen:
ob in Bremen, wo meine Frau herausfand, daß
ihr Vorfahr kurz vor dem amerikanischen
Bürgerkrieg bremischer Konsul in Philadelphia
gewesen war und wo die "Grünen" zum ersten
Mal in eine Bürgerschaft gewählt wurden;

Ein geschätzter Freund von mir ließ sich kürzlich auf
eine Auseinandersetzung mit mir über meinen Versuch
ein, die zeitgenössische Geschichte Deutschlands und
die Differenzierung zwischen meinen eigenen Aufgaben in den drei Deutschlands unter dem Begriff
"Berliner Republik" zusammenzufassen. Der Begriff
"Berliner Republik", von meinem Freund Daniel
Hamilton 1994 bei der Carnegie-Stiftung geprägt, wird
sicherlich weiter diskutiert.

oder in Bonn während der unruhigen Zeit der
großen Demonstrationen gegen Bundeskanzler Kohls Entscheidung zur Stationierung von
Pershing-Raketen;
oder in der Studiengruppe "Deutschland und
Amerika" des Aspen Institute, in der ich zahlreiche Freundschaften schloß, darunter die zu
Hildegard Boucsein, Wolfgang Ischinger,
Dieter Spöri und vielen anderen;

Wir haben alle die politischen Debatten der vergangenen drei Jahre beobachtet oder uns daran beteiligt, bei
denen die politischen Entscheidungsträger von
geopolitischen Kräften, der Geschichte und den
demokratischen Prinzipien hin- und hergerissen
wurden, während sie versuchten, dieses neue
Deutschland in einem neuen Europa zu definieren.
Symbolischerweise repräsentiert Berlin alle drei
Elemente dieser dynamischen politischen Diskussion
über Maßnahmen für das neue Europa. Geographisch
liegt Berlin näher an Osteuropa und Rußland. Historisch war es die Hauptstadt der preußischen Hegemonie sowie der Nazi- und SED-Diktatur.
Für Amerikaner ist Berlin das Berlin des Kalten Krieges
und die Verkörperung unseres gemeinsamen Kampfes
für Freiheit. Wir kennen die Geschichte des Kalten
Krieges, weil es unsere gemeinsame Geschichte ist die Luftbrücke, der Aufstand des 17. Juni, die Berliner
Mauer, John Kennedy, das Viermächteabkommen,
Präsident Reagans Appell an Präsident Gorbatschow,
die Berliner Mauer niederzureißen, die demokratische
Revolution von 1989 und die Vereinigung Deutschlands. Aus der Bonner Republik heraus wurde das
vereinte Deutschland in Freiheit geboren. Unser
gemeinsames Engagement für Freiheit und unsere

*

Seite 2

*

oder in Ostberlin, als die Deutschen in der
DDR die Berliner Mauer niederrissen und
meine Teilnahme an den Gesprächen ermöglichten, die zur Vereinigung Deutschlands
führten;
oder wiederum in Bonn als "amtierender"
amerikanischer Botschafter oder Charge
d'Affaires ad infinitum.
Bald ist es an der Zeit für mich, Ihnen und Deutschland
erneut "Auf Wiedersehen" zu sagen. Jean und ich
gehen mit vielen schönen Erinnerungen an unsere Zeit
in allen drei Deutschlands. Und wir ergeben uns
glücklich in unser Schicksal. Mein Wunsch ist: Mögen
diese beruflichen und persönlichen amerikanischen
Verbindungen zu Deutschland immer stark bleiben.
Ihnen möchte ich alles Gute wünschen, und als
geübter Deutschlandwiederkehrer sage ich "Dankeschön und auf Wiedersehen!"

*

*

AMERIKA DIENST 15

�NATO

6. August 1997

Cohen erörtert Gründe für die NATO-Erweiterung
Rede des Verteidigungsministers

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister William Cohen
vor dem Commonwealth Club of California am 21. Juli 1997.

Vor wenigen Jahren, inmitten der Ruinen des sowjetischen Imperiums und der Trümmer der Berliner Mauer
schrieb Francis Fukayama, daß der Lauf der
Geschichte zu Ende gehe und der wirtschaftliche und
politische Liberalismus des Westens die Welt als neue
universelle Kultur erfassen würde. Seine These wurde
von einem südafrikanischen Akademiker namens
Peter Vale etwas umgangssprachlicher aufgegriffen,
der kommentierte: "Freut Euch, meine Freunde, oder
weint aus Trauer. Was Kalifornien heute ist, wird die
Welt morgen sein."

Diese Vision zu untermauern ist die unerläßliche
Voraussetzung für ein weiteres Engagement der
Vereinigten Staaten in internationalen Angelegenheiten
und zur Einflußnahme auf die Aktionen anderer Freunde und Feinde - die unser nationales Wohlergehen beeinflussen können. Heute gibt es einige,
die unseren Rückzug aus der Welt wünschen und die
zentralen Lektionen dieses Jahrhunderts vergessen:
Wenn Amerika die Probleme der Welt vernachlässigt,
legt die Welt häufig ihre Probleme vor Amerikas
Türschwelle.

Obwohl Fukayama Unrecht hatte, trifft es zu, daß wir
heute wirklich an einem Wendepunkt in der Geschichte
stehen. Auf der einen Seite der Welt bieten sich
enorme Chancen mit florierenden Märkten, atemberaubenden Technologien und mutigen neuen Demokratien. Aber auf der anderen Seite der Welt gibt es
beunruhigende neue Gefahren, zunehmende ethnische Konflikte, regionale Aggressoren und Terrorismus. Und wir - die Vereinigten Staaten - stehen vor
der Herausforderung, über die Denkweise der Zeit
nach dem Kalten Krieg hinauszugehen und uns für ein
neues Jahrhundert neu zu orientieren. Wir müssen
Amerikas Vision für dieses neue Jahrhundert artikulieren und dann auf ihre Verwirklichung hinarbeiten - von
den neuen Chancen profitieren und neue Gefahren
vermeiden.

Diese Lektion wurde von der Generation von Amerikanern gut verstanden, die den Zweiten Weltkrieg
gewonnen hatten. Diese Generation artikulierte eine
Vision für Frieden und Stabilität in Europa und der
asiatisch-pazifischen Region. Auf beiden Kontinenten
gründete diese Vision auf der Prämisse, daß Amerika
nicht nur mit starken Streitkräften vorne stationiert,
sondern auch ein Amerika war, das eine helfende
Hand reichte und den Wiederaufbau besiegter Feinde
wie Deutschland und Japan anstrebte.

Als Verteidigungsminister kann ich Ihnen sagen, daß
die Sicherheitsvision der Vereinigten Staaten für
dieses neue Jahrhundert ziemlich einfach ist: Wir
streben eine Welt an, in der es mehr Stabilität in mehr
Regionen, mehr Demokratie und mehr Wohlstand in
mehr Nationen und daher weniger Bedrohungen der
amerikanischen Interessen gibt.

AMERIKA DIENST 15

Heute besteht die beste Art, in der wir diese Generation des Zweiten Weltkriegs ehren können, in der
Vollendung der globalen Vision für Frieden, die sie
artikulierte - sowohl in Europa als auch in der
asiatisch-pazifischen Region. Damit würden wir auch
der ersten Generation des nächsten Jahrhunderts ein
großes Geschenk machen.
Dieser wichtigen Aufgabe wurde durch die Tatsache
noch mehr Bedeutung verliehen, daß die Technologie
die Welt miniaturisiert und die riesigen Ozeane, die an
unsere Küsten schwappen, zu bloßen Teichen gemacht hat. Heute können wir uns nicht einfach in

Seite 1

�einen kontinentalen Kokon einspinnen und die Entfaltung der Welt auf CNN beobachten.
Vor Jahrhunderten entdeckte Archimedes das Geheimnis der Hebelwirkung und erklärte: "Gebt mir
einen Ort, an dem ich stehen kann, und ich werde die
Welt bewegen." Heute hat die Geschichte den
Vereinigten Staaten einen Ort gegeben, an dem sie
stehen können. Wenn wir unsere Ideale, unsere
Diplomatie und unsere militärische Macht als Hebel
einsetzen, haben wir die einzigartige Chance, die Welt
zu bewegen, nicht nur zum Besseren der anderen,
sondern zu unserem eigenen Besseren.
In der Tat ist es unsere Pflicht und unser Schicksal,
diesen Hebel anzusetzen und sowohl die atlantische
als auch die pazifische Region in die Gestaltung eines
neuen Jahrhunderts einzubeziehen.
Ein neues
Jahrhundert, das nicht durch Konflikte, sondern
Zusammenarbeit definiert ist. Nicht durch seine
Gefahren, sondern seine Versprechen.
In der asiatisch-pazifischen Region Archimedes zu
sein, bedeutet eine Stärkung des amerikanischjapanischen Sicherheitsbündnisses - wie wir es mit
unseren andauernden Verhandlungen tun, um es an
die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen - und sicherzustellen, daß es weiterhin eine
beruhigende Kraft für Frieden und Stabilität in der
gesamten Region ist.
Es bedeutet die Bewahrung eines starken Bündnisses
mit der Republik Korea, die Einsatzbereitschaft für
einen Spannungsfall in absehbarer Zukunft und die
Bereitschaft zur Förderung unserer gemeinsamen
Interessen auf lange Sicht, selbst nach Beendigung
der Teilung der Halbinsel.
Es bedeutet die Erweiterung unserer Beziehungen zu
Freunden und Verbündeten in Südostasien - der
Region, die bald anstelle von Europa unser zweitgrößter Exportmarkt sein wird und von wachsender
Bedeutung für die amerikanische Sicherheit ist.

Im Juni 1947, als das vom Krieg zerstörte Europa den
Wiederaufbau versuchte, wagte Marshall, sich Europa
als einen neuen Kontinent vorzustellen - geheilt,
ungeteilt und frei - im Frieden mit sich selbst und der
Welt und mit Amerika über eine Brücke der Hilfe,
Hoffnung und des gemeinsamen Erbes verbunden.
Marshalls Vision wurde zum Marshallplan. Die Hälfte
Europas nahm den Plan an und baute starke Demokratien, starke Volkswirtschaften und ein starkes
Bündnis namens NATO auf. Aber der anderen Hälfte
Europas wurde der Marshallplan verweigert, als
Joseph Stalin den Eisernen Vorhang auf Amerikas
helfende Hand fallen ließ.
Vor zwei Wochen unternahmen die Vereinigten
Staaten und ihre europäischen Verbündeten in Madrid
historische Schritte zur Vollendung von Marshalls
Vision.
Erstens bekräftigte die NATO ihre Verpflichtung zur
Entwicklung echter Zusammenarbeit mit Rußland und
der Ukraine. Die im Mai unterzeichnete Grundakte mit
Rußland und die in Madrid unterzeichnete Charta
zwischen der NATO und der Ukraine werden die
NATO auf einen künftigen Kurs der Konsultationen und
Kooperation mit diesen beiden großartigen europäischen Nationen bringen, Moskau ein Mitspracherecht aber kein Vetorecht und keine Stimme - in Brüssel
einräumen und der NATO engere Beziehungen zu
einer Ukraine ermöglichen, die rasch zu einem Modell
für die Förderung paneuropäischer Zusammenarbeit
wird. Gemeinsam widerlegen diese beiden Dokumente entschieden das Argument, daß die NATO-Erweiterung "neue Trennlinien" in Europa schafft.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, als ich direkt
nach dem Gipfel von Madrid nach Lviv reiste, um an
einer Übung der Partnerschaft für den Frieden mit
Streitkräften der Vereinigten Staaten, der Ukraine und
neun anderen Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts teilzunehmen, die alle zusammenkamen, wo
einstmals das größte sowjetische militärische Übungsgelände war.

In der asiatisch-pazifischen Region Archimedes zu
sein bedeutet auch, eine Strategie des Engagements
für China zu verfolgen: Zusammenarbeit mit China,
wenn möglich, Meinungsverschiedenheiten, wenn
nötig, und alles in unserer Macht Stehende zur
Gewährleistung einer Zukunft zu tun, in der China
einen Beitrag zu wirtschaftlichem Aufschwung, Kooperation und Vertrauen leistet, die sich jetzt im pazifischen Becken abzeichnen.

Sie sollten wissen, daß die amerikanischen Streitkräfte
der kalifornischen Nationalgarde angehörten, die eine
Partnerschaft mit den Streitkräften der Ukraine geschlossen hat. Es war ein wirklich erhebender Anblick.
Auf Boden, der einst unter dem Tritt der Truppen aus
einer Hälfte Europas erbebte, die für einen Krieg mit
der anderen Hälfte übten, kamen Streitkräfte aus ganz
Europa zusammen, um für den Frieden zu üben.

Auf der anderen Seite des Globus - über den Atlantik
hinweg in Europa - bedeutet die Rolle des Archimedes,
daß die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren
NATO-Verbündeten den Traum vollenden, von dem
George Marshall als Erster sprach, als er vor 50
Jahren zum Podium in Harvard schritt.

Aber natürlich war der größte von der NATO in Madrid
zur Vollendung von Marshalls Vision unternommene
Schritt die Einladung an drei neue Demokratien Polen, Ungarn und die Tschechische Republik - zur
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, die zur Vollmitgliedschaft in der NATO führen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 15

�Durch die Entscheidung für diese drei Länder erkannte
das Bündnis die enormen Fortschritte an, die diese
beim Aufbau ihrer neuen Demokratien, der Öffnung
ihrer Volkswirtschaften und Modernisierung ihrer
Streitkräfte erzielt haben. Die NATO machte in Madrid
aber auch vollkommen deutlich, daß die ersten neuen
Mitglieder nicht die letzten sein werden. Die Tür zur
NATO-Mitgliedschaft muß und wird für alle offen
bleiben, die zur Übernahme der mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten in der Lage sind.
Als Präsident Clinton, Außenministerin Albright und ich
in den Tagen nach dem Madrider Gipfel den europäischen Kontinent bereisten, überbrachten wir sowohl
den für eine Mitgliedschaft ausgewählten Nationen als
auch den anderen, die noch den Weg vor sich haben,
die Botschaft, daß die mit der NATO-Mitgliedschaft
einhergehenden Pflichten tatsächlich sehr groß sind.
Erweiterung bedeutet die Ausweitung der feierlichsten
Garantien, die eine Nation abgeben kann - die Verpflichtung zur Gewährleistung der Sicherheit eines
anderen Landes. Daher unterstrichen der Präsident,
die Außenministerin und ich in Warschau, Prag und
Budapest, daß der Beitritt zum Bündnis bedeutet,
einen Beitrag zur Sicherheit zu leisten und nicht nur ihr
Nutznießer zu sein. Wir betonten die Notwendigkeit für
diese Länder, die Modernisierung ihrer Streitkräfte
fortzusetzen und sie mit denen der NATO interoperabel zu machen. Ich kann Ihnen versichern: Ich
habe keinen Zweifel, daß zum Zeitpunkt des Beitritts
dieser drei Nationen zum Bündnis im Jahr 1999 die
Hinzufügung ihrer Streitkräfte die NATO nicht nur
größer, sondern auch stärker machen wird.
Die Vorteile einer größeren, stärkeren NATO sind
enorm - sowohl für Europa als auch für Amerika.
Wir brauchen nur in die Geschichtsbücher zu schauen
um zu sehen, daß Amerika sicherer ist, wenn Europa
sicher ist. Und wenn der Frieden in Europa bedroht ist,
dann ist er das auch in Amerika. Präsident Clinton
erklärte bereits im Mai, daß das Schicksal Europas
und die Zukunft Amerikas untrennbar miteinander
verbunden sind.
Zweimal in diesem Jahrhundert haben Tausende von
Amerikanern für die Verteidigung der Freiheit in
Europa gekämpft und sind dafür gestorben. In den
letzten 50 Jahren floß jedoch kein amerikanisches Blut
mehr bei einem Krieg in Europa. Der Grund dafür ist
die NATO. Außenministerin Albright erklärte: "Wir
haben gelernt, daß Bündnisse die Androhung von
Gewalt glaubwürdiger machen und daher der Einsatz
von Gewalt weniger wahrscheinlich ist - daß durch die
Zusage, falls nötig zu kämpfen, es weniger nötig wird,
zu kämpfen."

NATO-Erweiterung wird dazu beitragen, Bedrohungen
dieser Interessen abzuschrecken. Sie beinhaltet das
Wissen, daß eine Ausweitung der Freiheit eine
Gewährleistung der Freiheit ist. Und sie wird die
künstlichen Trennlinien, die den Kontinent teilten,
durch ein größeres Sicherheitsfeld ersetzen, das das
Bündnis stärkt und besser in die Lage versetzt, den
Frieden zu schützen und zukünftige Kriege zu verhindern.
Der zweite Grund für die NATO-Erweiterung besteht in
der Verteidigung der europäischen Errungenschaften
bei Demokratie und Wohlstand. Eine erweiterte NATO
kann für ganz Europa das leisten, was die NATO
bereits für Westeuropa getan hat: Gewährleistung von
Sicherheit und Stabilität, damit die neuen Demokratien
prosperieren können, ebenso wie es früher bei
Deutschland, Italien und Spanien geschah.
Diese Sicherheit und Stabilität sind auch die Schlüsselelemente für die Förderung des Wohlstands in den
Vereinigten Staaten und Europa. Die Europa von der
NATO gebotene Stabilität hilft uns nicht nur bei der
Vermeidung der Kosten zukünftiger Kriege, sondern ist
auch die Grundlage für Investitionen, Handel und
Wirtschaftswachstum, die Amerikanern und Europäern
gleichermaßen zugute kommen - von Berkeley bis
Budapest und darüber hinaus.
Der dritte Grund für die NATO-Erweiterung besteht
darin, auf dem gesamten Kontinent ein Klima des
Friedens zu schaffen, örtliche Rivalitäten zu verhindern, Anreize für einen Rüstungswettlauf zu vermindern und ein Gebiet des Vertrauens und der
Zusammenarbeit zu schaffen, in dem die Mitglieder
ihre Differenzen durch Verhandlungen anstatt durch
Konfrontation lösen können.
Allein die Aussicht auf eine Erweiterung war während
der letzten Jahre eine mächtige Kraft für Frieden und
veranlaßte die Länder zur dramatischen Verbesserung
der Beziehungen zu ihren Nachbarn und Umstrukturierung ihrer Militärs unter demokratischer ziviler Kontrolle. Diese Dynamik bewirkte die Beilegung alter
Streitigkeiten zwischen Polen und Litauen, Polen und
der Ukraine, Ungarn und Rumänien, Italien und
Slowenien sowie Deutschland und der Tschechischen
Republik.
Dies sind dieselben Streitigkeiten, die den Ersten
Weltkrieg auslösten, die Hitler ausnutzte, um den
Zweiten Weltkrieg zu beginnen, und die im ehemaligen
Jugoslawien zu dem schlimmsten Morden seit dem
Zweiten Weltkrieg führten. Heute veranlaßt der
Erweiterungsprozeß die Nationen zur Beilegung dieser
Streitigkeiten, damit sie nicht weiter schwelen oder
durch engstirnige Nationalisten geschürt werden
können.

Niemand bezweifelt, daß Amerika in Zentral- und
Osteuropa wichtige Sicherheitsinteressen hat. Die

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�Schließlich wird die NATO-Erweiterung das Unrecht
der Vergangenheit wiedergutmachen und den Nationen Sicherheit und Stabilität bieten, die fünf Jahrzehnte
lang unter der sowjetischen Unterdrückung gelitten
haben. Die NATO nicht zu erweitern, würde einer
Bestätigung der 1945 von Joseph Stalin gezogenen
Trennlinie gleichkommen, für deren Überwindung zwei
Generationen von Amerikanern und Europäern
gekämpft haben. Dadurch würden - mit den Worten
von Außenministerin Albright - "während eines halben
Jahrhunderts auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gebrachte Opfer zunichte gemacht und es
würde eine ständige Quelle für Spannungen im Herzen
Europas geschaffen."
Manche behaupten, trotz dieser Vorteile einer erweiterten NATO wären die Kosten für Amerika einfach
zu hoch - sowohl in finanzieller Hinsicht als auch im
Hinblick auf mögliche Opfer. Das ist einfach nicht
wahr. Den günstigsten Schätzungen des Verteidigungsministeriums zufolge werden sich die direkten
Grenzkosten für die Vereinigten Staaten für den
Zeitraum von 10 Jahren auf 100 bis 200 Millionen
Dollar belaufen. Diese Zahlen könnten sich ändern,
wenn wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln,
was benötigt wird, damit neue Mitglieder besser
gemeinsam mit den Streitkräften der NATO operieren
und diese im Krisenfall besser in ihrem Land tätig
werden können. Tatsächlich sind einige unserer
technischen Experten der Ansicht, daß wir die möglichen Kosten überschätzt haben.
Ich kann Ihnen jedoch versichern, daß eine angemessene Verteidigung zwar immer teuer ist, Bündnisse sie
jedoch billiger machen - weil die Kosten geteilt werden
und weil interoperable Streitkräfte effektiver und
effizienter sind. Und ich kann Ihnen versichern, daß
die Kosten der NATO-Erweiterung im Vergleich zu
unseren finanziellen und menschlichen Opfern eines
möglichen Krieges in Europa lächerlich gering sind ein durch Instabilität verursachter Krieg, den wir nicht
verhinderten, weil wir das Bündnis nicht erweiterten.

*

Seite 4

Die Natur der Amerika konfrontierenden Herausforderung jenseits des Atlantiks und des Pazifiks
wurde in einer auf der anderen Seite der Bucht - in
Berkeley - gehaltenen Rede gut dargelegt. Der
Redner stellte fest, "in Europa, ... im Nahen Osten, in
Indonesien, in China, ... in Japan und Korea sind
Charakter und Stärke der (amerikanischen) Führungsrolle in der gegenwärtigen Situation möglicherweise
entscheidend. Sich der Frage durch Passivität zu
entziehen ... würde unsere dominante Führungsposition aushöhlen und uns damit eine sekundäre
Rolle zuweisen - eine Rolle, die jeden von uns zweifelsohne der amerikanischen Grundsätze von Freiheit
und Gerechtigkeit berauben würde, die wir immer mit
allen Mitteln hochgehalten haben." Und ich möchte
hinzufügen, daß sie uns der Früchte des Wirtschaftswachstums berauben würde.
Diese Rede wurde 1948 bei den Feierlichkeiten aus
Anlaß des Jahrestags der Gründung der University of
California von George Marshall in Berkeley gehalten,
als er das Land bereiste, um Unterstützung für seinen
Plan zu gewinnen. Heute finden Marshalls vorausschauende Worte über die Jahrzehnte hinweg bei uns
ihren Widerhall und unterstreichen die Bedeutung, das
Licht der Geschichte hochzuhalten, damit wir auf dem
Weg in die Zukunft nicht stolpern.
Abschließend möchte ich die Äußerung Winston
Churchills bei einem von ihm vor vielen Jahren zu
Ehren des Journalisten Stuart Alsop gegebenen
Abendessens widergeben. Nach dem Essen, als man
Champagner und etwas Brandy getrunken hatte,
erklärte Churchill: "Amerika. Amerika. Ein großartiges
und mächtiges Land. Wie ein starkes Pferd zieht es
die übrige Welt aus dem Morast der Verzweiflung zu
Frieden und Wohlstand." Dann richtete er seine kalten
blauen Augen anklagend auf Alsop und fragte: "Aber
wird Amerika den Kurs halten?" Nahezu fünfzig Jahre
später können wir seine Frage beantworten. Amerika
hat den Kurs gehalten, weil das unsere Pflicht ist. Wir
werden den Kurs halten, weil das unser Schicksal ist.

* * *

*

AMERIKA DIENST 15

�BOSNIEN
6. August 1997

Die Implementierung des Daytoner Abkommens
Übersicht des US-Außenministeriums

(AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht wurde am 1. August 1997 vom Büro des Sondergesandten von
Präsident Clinton und Außenministerin Albright für die Implementierung des Daytoner Abkommens, Robert S.
Gelbard, herausgegeben.

Wichtige Leistungen
Die Kämpfe wurden eingestellt, die verfeindeten
Streitkräfte entflochten und die schweren Waffen
eingelagert.
Das reale Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1995
nahezu verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit ist von 90 auf
50 Prozent gesunken.
Die internationalen Geber führen ein dreijähriges
vorrangiges Wiederaufbauprogramm in Höhe von 5,1
Milliarden Dollar durch.
Die Infrastruktur wird wiederaufgebaut.
Bei den Wahlen im September 1996 wurden neue
nationale, regionale und kantonale Regierungen
gewählt, die jetzt zu funktionieren beginnen.

Ungefähr 150.000 Flüchtlinge sind aus dem Ausland
nach Bosnien und über 160.000 Vertriebene in ihre
Häuser zurückgekehrt.
Das von den Vereinigten Staaten unterstützte Open
Broadcast Network ist zu einem tragfähigen Fernsehnetz geworden.
Der Schiedsspruch von Brcko wurde friedlich umgesetzt, und der internationale Monitor hat seine Arbeit
aufgenommen.
Militärische Stabilität
Die Kämpfe wurden eingestellt und die verfeindeten
Truppen entflochten.
Schwere Waffen wurden unter internationaler Kontrolle
eingelagert und mehr als 2.000 schwere Waffensysteme zerstört.

Die logistischen Vorbereitungen der OSZE für die
diesjährigen Kommunalwahlen verlaufen nach Plan.
2,5 Millionen Wähler sind registriert, und ungefähr
20.000 Kandidaten stellen sich in 136 Kommunen zur
Wahl.

Zunächst die IFOR und dann die SFOR haben den
Frieden mit nur minimalen Verlusten erhalten. Die
Zusammenarbeit vor Ort mit der IFOR/SFOR war
ausgezeichnet.

In der Föderation werden eine gemeinsame Polizei, ein
gemeinsames Militär, ein gemeinsamer Zoll und
integrierte Finanzinstitutionen geschaffen.

Durch eine Kombination von Rüstungskontrolle mit
dem Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm wurde
ein stabiles militärisches Gleichgewicht geschaffen.

Im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms wurde militärisches Gerät im Wert von
über 300 Millionen Dollar für die Bosnische Föderation
beschafft, und es wurden internationale Ausbildungsbestrebungen koordiniert.

Illegale ausländische Streitkräfte wurden aus dem
Land vertrieben, und Bosnien hat die militärische und
nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit dem Iran
und anderen extremistischen Ländern eingestellt.

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�Das Gesetz über die Verteidigung der Föderation
wurde im Juli 1996 verabschiedet, es wurden Abkommen über die Truppenstruktur der Föderation und
die gemeinsame Befehlsstruktur geschlossen sowie
vertrauensbildende Maßnahmen, beispielsweise die
Einrichtung einer Hotline in den verschiedenen
militärischen Hauptquartieren, durchgesetzt.
Wirtschaftswachstum
Das reale Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1995
nahezu verdoppelt. Für 1997 wird ein Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts von ungefähr 30 Prozent
erwartet. (Der Großteil des Wirtschaftswachstums
findet in der Föderation statt.)

Das Amt hofft, bis Ende dieses Jahres 10 Millionen
Dollar monatlich als Anleihe zur Verfügung stellen zu
können.
Bis Ende 1997 werden im Rahmen des Programms
von AID für städtische Infrastruktur und Dienstleistungen größere Projekte in mehr als 38 Kommunen
abgeschlossen und über 10.000 neue Arbeitsplätze
geschaffen.
Unter der Führung der Vereinigten Staaten richten sich
nahezu alle Geber nach unseren Bedingungen, denen
zufolge nur denjenigen Hilfe gewährt wird, die das
Daytoner Abkommen einhalten. Infolgedessen gingen
1996 nur drei Prozent der Gelder an die Republika
Srpska.

Die Arbeitslosenquote sank von 90 auf 50 Prozent.
Neue staatliche Institutionen
Die Löhne und Gehälter in der Föderation haben sich
mehr als vervierfacht (von 46 DM monatlich auf 260
DM monatlich).

Bei den Wahlen im September 1996 wurden neue
nationale, regionale und kantonale Regierungen
gewählt.

Die Infrastruktur wird wiederaufgebaut.
Einer Absichtserklärung des IWF wurde zugestimmt,
und die Umschuldung des Londoner Clubs wurde
abgeschlossen.
Internationale Wiederaufbaubestrebungen
Internationale Geber unter Führung der Weltbank
arbeiteten ein dreijähriges vorrangiges Wiederaufbauprogramm in Höhe von 5,1 Milliarden Dollar aus. Seit
Anfang 1996 haben die Geber 3,2 Milliarden Dollar für
dieses Programm zugesagt.
In den ersten beiden Jahren des Programms leisteten
die Vereinigten Staaten einen Beitrag von 524 Millionen Dollar und werden im Haushaltsjahr 1998 weitere
200 Millionen Dollar beisteuern.

Das bosnische Staatspräsidium und der Ministerrat
kommen in regelmäßigen Sitzungen zusammen.
Das Verfassungsgericht hat die Arbeit aufgenommen.
Die parlamentarische Versammlung wurde gebildet
und hat vor kurzem ein Paket von Wirtschaftsgesetzen
erlassen.
Der Ständige Ausschuß für militärische Angelegenheiten hat während des jüngsten Besuchs von Außenministerin Albright in Sarajevo seine Eröffnungssitzung
abgehalten.
Die Zentralbank wurde eingerichtet.
Strukturen der Föderation und Integration

1996 wurden mehr als 320 Kilometer Straße und
15.000 Wohneinheiten erneuert (darunter mehr als
2.500 durch das Amt für internationale Entwicklung -

Auf Föderations- und Kantonsebene wurden Regierungsstrukturen eingeführt.

AID), und in weiteren 32.000 wurde die Heizung

Es werden eine gemeinsame Polizei, ein gemeinsames Militär, ein gemeinsamer Zoll und integrierte
Finanzinstitutionen geschaffen.

wieder instand gesetzt. 400 Schulgebäude wurden
repariert, und in 40 Städten wurde die Wasserversorgung und Kanalisation ausgebessert.
1996 nahmen fünf Kraftwerke ihren Betrieb wieder auf,
und in allen größeren Städten und vielen ländlichen
Gebieten wurde die Stromversorgung wiederhergestellt. Ungefähr 776.000 Menschen (etwa ein Viertel
der Gesamtbevölkerung Bosniens) bekamen dank von
Gebern finanzierter
Energieversorgungsprojekte
wieder Strom.
AID gewährte 95 mittelständischen bosnischen
Unternehmen Kredite in Höhe von 52 Millionen Dollar,
wodurch fast 10.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Seite 2

Im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms wurde militärisches Gerät im Wert von
über 300 Millionen Dollar für die integrierte Verteidigungsstreitmacht der Bosnischen Föderation beschafft, und es wurden internationale Ausbildungsbestrebungen koordiniert.
Öffentliche Sicherheit
Die Polizei der Föderation wird im Einklang mit internationalen Polizeinormen unter der Aufsicht der interna-

AMERIKA DIENST 15

�tionalen Polizei-Einsatztruppe (IPTF) der Vereinten
Nationen von Grund auf neu aufgebaut.
Zwei der 10 Föderationskantone (Sarajevo und
Gorazde) haben die Anfangsphase der Umstrukturierung abgeschlossen. Erwartungsgemäß wird dies in
den übrigen Kantonen bis September 1997 geschehen.
Die Polizei von Mostar wurde ethnisch integriert, und
im Juli 1997 wurden gemeinsame Patrouillen bosnischer und bosnisch-kroatischer Beamten eingeführt.
Die gute Koordinierung zwischen den Parteien - der
IPTF und der IFOR - bei der Planung der öffentlichen
Sicherheit führte im September 1996 zur sicheren
Durchführung von Wahlen.
In Sarajevo wurden von der US-Regierung geförderte
Ausbildungsprogramme über die Wahrung der
menschlichen Würde und grundlegende Qualifikationen eingeführt. Der IPTF wurde die Befugnis erteilt,
angebliche Menschenrechtsverletzungen durch die
Polizei im Dezember zu überprüfen, und sie arbeitet
mit der örtlichen Polizei bei der Entwicklung eigener
Fähigkeiten zusammen.
Flüchtlinge
Ungefähr 150.000 Flüchtlinge sind aus dem Ausland
nach Bosnien und über 160.000 Vertriebene in ihre
Häuser zurückgekehrt.
Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen und die US-Regierung haben gemeinsam die
ersten drei "offenen Städte" bestimmt, die rückkehrende ethnische Minderheiten aufnehmen. Viele andere
Gemeinden haben ihr Interesse an dem Programm
bekundet.
Seit dem 2. Juli 1997 sind 164 bosnische Familien in
ihre Heimat auf der serbischen Seite der Schutzzone
im Gebiet um Brcko zurückgekehrt. Die ersten 16
bosnischen Familien sind nach Stolac zurückgekommen - einer der vier Föderationsgemeinden, die in
Dayton als "Pilotprojekt" für die Rückkehr bestimmt
wurden und die am widerwilligsten zurückkehrende
Flüchtlinge aufnimmt.
Die Präsidentin der Republika Srpska, Plavsic, hat der
Implementierung von Projekten in Sipovo zugestimmt,
die die Rückkehr der Bosniaken ermöglichen.
Minenräumung
Die Vereinigten Staaten waren bei der Einrichtung
einer effektiven Struktur zur Minenräumung vor Ort
behilflich. Regionale Minenräumtrupps haben im
November 1996 mit der Überwachung und Räumung
von Minen begonnen.

AMERIKA DIENST 15

Demokratisierung
Die nationalen, regionalen und kantonalen Wahlen im
vergangenen Jahr verliefen ohne Zwischenfälle, und
gewählte Regierungsvertreter haben ihr Amt angetreten.
Die logistischen Vorbereitungen der OSZE für die
diesjährigen Kommunalwahlen verlaufen nach Plan.
2,5 Millionen Wähler sind registriert und ungefähr
20.000 Kandidaten stellen sich in 136 Kommunen zur
Wahl.
Verschiedene Geber bieten aufstrebenden politischen
Parteien Unterstützung.
Die finanzielle und personelle Unterstützung für
Anhang 6 des Berichts der Menschenrechtskommission hat die Respektierung der Menschenrechte und
Rechtsstaatlichkeit verbessert.
Medien
Das von den Vereinigten Staaten unterstützte Open
Broadcast Network ist zu einem tragfähigen Fernsehnetz geworden.
Der Betrieb von VOA und RFE sowie von Gebern
geförderte Medienprojekte vor Ort tragen weiterhin zur
Informationsvielfalt in Bosnien bei.
Das Amt für internationale Entwicklung leistet den
kleinen alternativen Rundfunksendern in Banja Luka,
Doboj, Bijeljina und Prijedor lebenswichtige Unterstützung.
Die Vereinigten Staaten und andere Geber haben
Dutzende bosnischer Journalisten in journalistischen
Praktiken und Medienbetrieb des Westens unterrichtet.
Brcko
Der Schiedsspruch wurde friedlich umgesetzt. Der
internationale Monitor und seine Mitarbeiter haben ihre
Arbeit aufgenommen.
Ein IPTF-Kontingent wurde auf volle Stärke aufgestockt und ist vor Ort.
Infrastrukturprojekte wurden eingeleitet und Häuser für
die Flüchtlinge wiederaufgebaut.
Die Rückkehrverfahren für die Flüchtlinge wurden
genehmigt, mit internationaler Finanzhilfe werden neue
Häuser gebaut und viele Flüchtlinge zur Rückkehr
aufgefordert.
Die Häuserkommission hat die Arbeit aufgenommen
und entscheidet über Eigentumsansprüche.

Seite 3

�HANDEL
6. August 1997

Amerikanisch-europäische
wirtschaftliche Zusammenarbeit
Rede von Jeffrey Lang

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Stellvertretende
US-Handelsbeauftragte Jeffrey Lang am 23. Juli 1997 bei einer Anhörung im Handelsunterausschuß des
Repräsentantenhauses hielt.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
ich freue mich über die Gelegenheit, dem Unterausschuß die Ansichten der US-Handelsbeauftragten über
die Auswirkungen unserer Handelspolitik auf die neue
transatlantische Agenda (New Transatlantic Agenda NTA) und damit in Zusammenhang stehende Initiativen

Handel und Investitionen zwischen den Vereinigten
Staaten und den 15 Mitgliedstaaten der EU übersteigt
eine Billion Dollar. Die EU bildet den größten Absatzmarkt für amerikanische Waren und Dienstleistungen - und umgekehrt. 1996 belief sich der
Handel mit Waren und Dienstleistungen in beide

darzulegen.

Richtungen auf nahezu 400 Milliarden Dollar.

Ich werde mich kurz fassen, damit ich

anschließend noch eventuelle Fragen der Ausschußmitglieder beantworten kann.
Zunächst möchte ich folgende Feststellung machen:
Während die sicherheitspolitische Zusammenarbeit
der Vereinigten Staaten mit Europa die Grundlage des
nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Friedens
war, bildeten die amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen die Verankerung des internationalen
Handelssystems seit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) im Jahr
1947. Die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft - seit dem Vertrag von Maastricht als
Europäische Union bezeichnet - sind die beiden
größten Akteure der Weltwirtschaft und haben beide
von den fortlaufenden Bestrebungen zur Liberalisierung des multilateralen Handels profitiert. Man kann
zweifelsohne behaupten, daß die amerikanischen
Anstrengungen zur weiteren Liberalisierung des
multilateralen Handels ohne die aktive Beteiligung der
EU keine Fortschritte machen können.
Die Richtigkeit dieser Behauptung wird offensichtlich,
wenn man sich die Dimension der transatlantischen
Wirtschaftsbeziehungen betrachtet. Wenn die EU ein
Nationalstaat wäre, würde dieser mit den Vereinigten
Staaten die lebhaftesten Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt unterhalten. Die Zahlen sind auf
jeden Fall beeindruckend. Das Gesamtvolumen von

AMERIKA DIENST 15

Die

amerikanischen Warenexporte in die Europäische
Union betrugen in demselben Jahr 127,5 Milliarden
Dollar - ein Anstieg um 3,9 Milliarden Dollar oder 3,2
Prozent im Vergleich zu 1995. Die Importe aus der
EU beliefen sich 1996 auf 142,7 Milliarden Dollar. Im
Durchschnitt hielt sich in der Nachkriegszeit der
Handel in beide Richtungen ungefähr die Waage. Die
ausländischen Direktinvestitionen der Vereinigten
Staaten in der EU betrugen 1996 315,4 Milliarden
Dollar. Die Vereinigten Staaten und die EU tätigten
1995 jeweils etwa die Hälfte ihrer Auslandsinvestitionen bei dem anderen Wirtschaftspartner. Um dies in
die richtige Perspektive zu rücken, sollte man berücksichtigen, daß 1996 der Handel mit Waren und
Dienstleistungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Kanada in beide Richtungen 327 Milliarden Dollar
und 1995 mit China 62 Milliarden Dollar betrug. Eine
der grundlegenden Botschaften, die ich Ihnen heute
übermitteln möchte, lautet, daß das enorme Ausmaß
der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen ungeachtet anderer sich uns in der Welt eröffnender
Chancen gebietet, daß wir die wirklich vitalen Wirtschaftsinteressen der Vereinigten Staaten bei ihren
Beziehungen zu Europa im Auge behalten müssen.
In Anerkennung der möglicherweise großen Vorteile
einer Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Regionen für beide Seiten erklärten
Präsident Clinton und die Staats- und Regierungschefs

Seite 1

�der EU beim amerikanisch-europäischen Gipfel im
Dezember 1995 in Madrid Initiativen im Handels- und
Investitionsbereich zum integralen Bestandteil der
neuen transatlantischen Agenda. Grund für die
^Stellung der neuen transatlantischen Agenda ist der
'unsch fühlender Politiker auf beiden Seiten, die
; iarken historischen Bande zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa zu bekräftigen und ihre Vision von
einem Europa nach dem Ende des Kalten Krieges auf
der Grundlage von Demokratie und freier Marktwirtschaft umzusetzen. Die Wahrung und Förderung des
transatlantischen Wohlstands wurde als Schlüsselelement jeglicher Bestrebungen zur Gestaltung der
transatlantischen Beziehungen im Zeitalter nach dem
Ende des Kalten Krieges und im 21. Jahrhundert
gesehen.
Nach vielen innenpolitischen und transatlantischen
Gesprächen entschieden sich die Vereinigten Staaten
und die EU für einen pragmatischen Ansatz bei der
Aufgabe einer Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen. Da Kooperation das wichtigste Konzept für die
Belebung der neuen transatlantischen Agenda darstellt, arbeiteten wir an einer Reihe multilateraler und
transatlantischer Fragen, bei denen wir positive
gemeinsame Schritte unternehmen können und ließen
dabei das Gezänk und die gegenseitigen Beschuldigungen hinter uns, die oft unsere Handelsbeziehungen
charakterisierten. Das Resultat findet in dem "gemeinsamen Aktionsplan" der neuen transatlantischen
Agenda seinen Niederschlag. Der Wirtschaftsfragen
behandelnde Teil des Plans verleiht der Absicht beider
Seiten Ausdruck, zur Förderung der weiteren Evolution
des multilateralen Handelssystems zusammenzuarbeiten. Ferner führt er die zur Vertiefung der
transatlantischen
Beziehungen
eingegangenen
Verpflichtungen auf - die zusammengenommen als
"Initiative neuer transatlantischer Markt" bezeichnet
werden. Als Ergänzung dieser zwischenstaatlichen
Bestrebungen befürwortete die neue transatlantische
Agenda auch eine größere Rolle der europäischen und
amerikanischen Wirtschaft durch die Mitwirkung am
transatlantischen Wirtschaftsdialog. Obwohl ich die
allgemeine Analyse des Prozesses der neuen transatlantischen Agenda dem Außenministerium überlassen will, möchte ich doch kurz auf jede dieser drei
wichtigen Komponenten zu sprechen kommen.
Der Wirtschaftsteil des gemeinsamen Aktionsplans
beinhaltet multilaterale und transatlantische Bestrebungen der Wirtschaft, von denen viele 1996 eingeleitet
wurden und bis 1997 und darüber hinaus andauern.
Unter anderem werden folgende Aktionen zur Stärkung des multilateralen Handels- und Investitionssystems durchgeführt: Konsolidierung der Welthandelsorganisation, Prüfung von Wegen zum weiteren Abbau der Zölle, einschließlich eines Abkommens
über die Abschaffung von Zöllen auf Informationstechnologieprodukte (das Informationstechnologieabkommen oder ITA), Aufnahme der Arbeit an neuen

Seite 2

internationalen Richtlinien zum Schutz des Rechts auf
geistiges Eigentum und für die staatliche Auftragsvergabe sowie Einigung auf gemeinsame Bestrebungen im Rahmen der OECD zum Abschluß eines
multilateralen Investitionsabkommens.
Die vor dem Hintergrund des neuen transatlantischen
Marktes ergriffenen Aktionen zur Vergrößerung der
amerikanisch-europäischen wirtschaftlichen Chancen
umfassen eine laufende gemeinsame Untersuchung
der verbleibenden Hemmnisse für transatlantischen
Handel und Investitionen sowie Wege zu ihrem Abbau;
die Umsetzung eines Abkommens über Zusammenarbeit im Zollwesen; die Stärkung der Bestrebungen
zur Beilegung bestehender Handelsstreitigkeiten als
Bestandteil eines vertrauensbildenden Prozesses und
der Abschluß von Abkommen über gegenseitige
Anerkennung (Mutual Recognition Agreements MRAs) zur Verringerung der Belastung der Unternehmen durch Vorschriften. Andere Verpflichtungen im
Zusammenhang mit dem neuen transatlantischen
Markt beinhalten die Ausweitung des derzeitigen
Dialogs über die Informationsgesellschaft (Information
Society Dialogue) zur Ankurbelung von Innovation und
Gewährleistung von gegenseitigen Verbindungen und
Interoperabilität sowie die Gründung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe für Beschäftigung und Arbeitsfragen.
Der transatlantische Wirtschaftsdialog ist ein Forum, in
dem führende amerikanische und europäische Wirtschaftsvertreter zusammentreffen und über Wege zum
Abbau der Hindernisse für amerikanisch-europäischen
Handel und Investitionen sprechen können. Die 1995
in Sevilla veranstaltete Konferenz über den transatlantischen Wirtschaftsdialog leitete einen Prozeß der
Beurteilung von Hindernissen für die Wirtschaft in
Europa und Amerika durch den Privatsektor ein. Das
Ergebnis war eine Reihe von Empfehlungen der
Wirtschaft für staatliche Aktionen zur Beseitigung
dieser Hemmnisse.
Was wurde durch die von mir beschriebenen Initiativen
in den anderthalb Jahren seit der Bekanntgabe der
neuen transatlantischen Agenda erreicht?
Vom
Standpunkt eines US-Handelsbeauftragten aus würde
ich sagen, daß die Ergebnisse gemischt sind, was wir
aber zu diesem Zeitpunkt des Prozesses nicht anders
erwartet hätten. Zweifelsohne profitieren die Vereinigten Staaten von den bemerkenswerten Erfolgen
im multilateralen Kontext. Der Abschluß des Informationstechnologieabkommens und das WTO-Abkommen über Basistelekommunikationsdienste stellen
große Fortschritte für unsere Hochtechnologieunternehmen dar, die zu unseren konkurrenzfähigsten
zählen. Wie ich eben sagte, hätten solche Meilensteine nicht ohne die Beteiligung der EU erreicht
werden können. Beim Ministertreffen der WTO in
Singapur im Dezember vergangenen Jahres schlössen
wir einen meines Erachtens funktionierenden Kompro-

AMERIKA DIENST 15

�miß mit der EU über die Behandlung sogenannter
"neuer Fragen" wie Handel und Umwelt, Handels- und
Arbeitsnormen, Handel und Investitionen sowie Handel
und Wettbewerb durch die WTO.
Unter der Rubrik neuer transatlantischer Markt wurde
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union ein Abkommen über Zusammenarbeit im
Zollwesen geschlossen, das unseren Zollbeamten
durch die Umstrukturierung ihrer Operationen und
Förderung der Bestrebungen zu seiner Durchsetzung
helfen wird. Ferner schlössen wir unter großen
Schwierigkeiten ein Veterinäräquivalenzabkommen,
das zwar nicht so ehrgeizig wie erhofft ist, aber
dennoch viel zur Erleichterung des Handels mit
lebenden Tieren und Tierprodukten beiträgt. Wir
haben eine gemeinsame Studie über Wege zum
Abbau von Hemmnissen für den transatlantischen
Handel initiiert, indem wir uns auf eine ausgewählte
Gruppe von Sektoren für die anfängliche Untersuchung einigten. Natürlich steht die Aktion neuer
transatlantischer Markt, der von Privatsektor und
Regierungen gleichermaßen große Aufmerksamkeit
gewidmet wurde, für das Bestreben, die Verhandlungen über MRAs abzuschließen.
Dieser Versuch wurde von den am transatlantischen
Wirtschaftsdialog beteiligten amerikanischen und
europäischen Unternehmen als oberste Priorität auf
der transatlantischen Agenda und als wichtigstes
Handelsanliegen von Präsident Clinton und den
Staats- und Regierungschefs der EU angesehen. Das
von uns nach drei langen Jahren erst letzten Monat
erzielte Verhandlungsergebnis schafft einen Präzedenzfall in der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit
bei Reformen des Regelwerks, die die Belastung der
Unternehmen maßgeblich erleichtern werden.
So umfangreiche und verzweigte internationale
Wirtschaftsbeziehungen wie die zwischen den Vereinigten Staaten und Europa können nicht ohne
Probleme funktionieren. Die bloße Dynamik, die diese
Maschinerie antreibt, führt unweigerlich zu gewissen
Spannungen, insbesondere da sich das Tempo von
Innovation und Anpassung in der Geschäftswelt
weiterhin beschleunigt. Und in der Tat sehen wir uns
mit einer Vielfalt von Problemen im Hinblick auf unsere
Beziehungen zur EU konfrontiert. Diese Meinungsverschiedenheiten können ernsthafter Natur sein.
Manchmal kann - wie bei der Haltung der EU zur
Regulierung des Handels mit biotechnologisch manipulierten Nahrungsmitteln - Handel im Wert von
Millionen Dollar auf dem Spiel stehen.
Viele unserer Differenzen bestehen seit langem und
stehen auf die eine oder andere Weise in Zusammenhang mit der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU.
Einige Meinungsverschiedenheiten im Agrarbereich
leiten sich auch aus der Haltung der Europäer gegenüber dem Schutz der Umwelt und der menschlichen

AMERIKA DIENST 15

Gesundheit her. Die europäische Einstellung zum
Artenschutz führte zu einer Drohung der EU, amerikanische Pelzexporte zu unterbinden. Wir erhalten
häufig Beschwerden von amerikanischen Unternehmen bezüglich der europäischen Praxis, auf EU- und
Mitgliedstaatenebene Standards einzuführen - daher
das beträchtliche Interesse der Unternehmen an den
MRAs.
Europäische Industriesubventionen, insbesondere für die Flugzeug- und Schiffbauindustrie,
sind seit langem eine Quelle der Frustration für
amerikanische Firmen.
Im multilateralen Bereich sind wir über gewisse
Anzeichen besorgt, daß die EU, die wiederholt ihre
Verpflichtung zur erfolgreichen Umsetzung der
Uruguay-Runde und zum reibungslosen Funktionieren
der WTO zum Ausdruck gebracht hat, durch ihre
Aktionen das internationale Handelssystem unter
Druck setzt, dem dieses System nicht standhalten
könnte. Wir finden jüngste Bestrebungen der EU
besonders beunruhigend, Streitfälle, die mehr politischer als kommerzieller Natur sind, der WTO vorzulegen. Das schafft einen schlechten Präzedenzfall,
der die harte Arbeit unterminieren könnte, die alle
Seiten in die Gestaltung der WTO als objektives, auf
Vorschriften gründendes System zur Verwaltung
globalen Handels einbringen.
Wenn handelsbezogene Meinungsverschiedenheiten
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU andere
heikle Bereiche der Außenpolitik berühren, riskieren
wir eine Verschlechterung des generellen Geschäftsklimas. Glücklicherweise erzielten wir im Frühjahr
Übereinstimmung mit den Europäern bezüglich ihrer
Vorbehalte gegenüber unseren Sanktionen gegen
Kuba, Iran und Libyen - jedoch erst nach Monaten
häufig harter Kritik seitens der EU. Wir hoffen weiterhin, daß die Differenzen über die Fusion von
Boeing/McDonnell-Douglas so rasch wie möglich
beigelegt werden können.
In den kommenden Monaten haben wir viele Chancen,
unsere Fähigkeit zur gemeinsamen Lösung von
Problemen und Förderung der Handelsliberalisierung
unter Beweis zu stellen. Die WTO-Verhandlungen
über Finanzdienstleistungen wurden wieder aufgenommen, und wenn wir zusammenarbeiten, können die
Vereinigten Staaten und die EU im Dezember den bei
den Basistelekommunikationsdiensten erzielten Erfolg
für die Finanzdienstleistungen wiederholen.
Wir
müssen bis zu dem festgesetzten Termin im Frühjahr
gemeinsam auf den Abschluß eines multilateralen
Abkommens über Investitionen in der OECD hinarbeiten. Wir blicken auch auf Europa, damit wir
zusammen Fortschritte bei der vorgeschlagenen
OECD-Konvention über Bestechung und offizielle
Korruption erzielen können. In der WTO gibt es eine
Vielzahl von Bereichen, in denen ein gemeinsamer
amerikanisch-europäischer Ansatz einen Unterschied
bei der Aufnahme neuer Mitglieder bewirken kann -

Seite 3

�von staatlicher Beschaffung über Marktzugangsinitiativen bis zu der unbeendeten Tagesordnung der
Uruguay-Runde. In diesem Zusammenhang möchte
ich die bevorstehende Aufnahme neuer WTO-Agrarhandelsgespräche besonders erwähnen. Wie in der
Vergangenheit wird die Zusammenarbeit der EU im
Agrarbereich eindeutig den Unterschied zwischen
Erfolg und Mißerfolg ausmachen.
Im transatlantischen Kontext können wir die Suche
nach neuen Chancen zur Erweiterung der wirtschaftlichen Wechselbeziehungen fortsetzen. Wir beabsichtigen, die gemeinsame Studie über den Abbau von
Handels- und Investitionshemmnissen aktiv zu verfolgen und erwarten, vorläufige Empfehlungen für
staatliche Aktionen bis Ende dieses Jahres vorliegen
zu haben. Der Erfolg der MRA-Verhandlungen hat
bereits zu der gemeinsamen Verpflichtung geführt,
zusätzliche Sektoren zu prüfen, die von dieser Art
regulierender Zusammenarbeit profitieren könnten.
In hoffe, daß die Vereinigten Staaten und Europa über
ihre Differenzen hinausblicken und das umfassendere
Ziel der Erweiterung transatlantischen und globalen
Wohlstands im Auge behalten können. Europa hat bei
der Bewältigung der internen Angelegenheiten in den
kommenden Jahren über vieles nachzudenken. Unser
aufrichtiger Wunsch ist, daß diese Konzentration auf
innere Angelegenheiten nicht eine konstruktive Rolle
für Europa im transatlantischen und globalen Kontext
ausschließt.
Wir auf der amerikanischen Seite werden weiterhin die
Lösung anhängiger Dispute und wenn möglich die
Entschärfung von Situationen anstreben, bevor sie zu
einer Krise eskalieren. Niemand - am wenigsten
Unternehmen und Arbeitnehmer - profitiert von einer
spannungsgeladenen Atmosphäre.
Wir werden
natürlich versuchen, Meinungsverschiedenheiten in
der WTO auszuräumen - dafür haben wir das WTOSystem geschaffen - und werden alles in unserer
Macht Stehende tun um sicherzustellen, daß es die
ihm zugedachte Aufgabe erfüllt.
Ferner müssen wir weiterhin über diese Meinungsverschiedenheiten hinaus auf die Chancen blicken, die
Europa für unsere Unternehmen bietet. Dies ist
besonders angebracht angesichts der möglichen
Verhandlungen über den Beitritt Zentral- und Osteuropas zur EU und der zur Vervollständigung dieses
Prozesses erforderlichen internen EU-Reformen. Die
Erweiterung der EU um viele der zentral- und osteuropäischen Staaten sollte zu beträchtlichen neuen
Marktchancen für amerikanische Firmen führen.
Man kann andere Möglichkeiten für die Vereinigten
Staaten und die EU in Erwägung ziehen - Zusammenarbeit, um die übrige Welt der Offenheit und Transparenz zu öffnen, die die transatlantischen Geschäfts-

Seite 4

beziehungen heute generell charakterisieren. Wir
haben in Drittländern beispielsweise viele gemeinsame
Interessen. Ein klarer Fall, bei dem die Vereinigten
Staaten und die EU durch die Einnahme einer gemeinsamen Haltung sehr viel erreichen können, ist die
Aufnahme neuer Mitglieder in die WTO - vor allem
China, Rußland und die Ukraine.
Abschließend möchte ich noch einige Worte zum
transatlantischen Wirtschaftsdialog sagen. Nach
meiner Teilnahme an der ersten Konferenz des
transatlantischen Wirtschaftsdialogs in Sevilla war ich
sehr beeindruckt von diesem Prozeß, Regierungsvertretern auf beiden Seiten des Atlantiks wirtschaftliche
Belange und Ideen zugänglich zu machen. Ich war
besonders beeindruckt von dem Engagement europäischer Unternehmen, die für gewöhnlich nicht die
Möglichkeit hatten, etwas in den offiziellen Entscheidungsprozeß einzubringen, was amerikanische
Unternehmen inzwischen als gegeben ansehen. Der
transatlantische Wirtschaftsdialog stellte unter Beweis,
wie bedeutend Liberalisierung als Kraft im Verlauf der
MRA-Verhandlungen sein kann. Hätte es den guten
Rat und die starke, rechtzeitige Intervention des
transatlantischen Wirtschaftsdialogs nicht gegeben,
hätten die MRA-Gespräche - so kann man fairerweise
sagen - keinen Erfolg haben können.
Der Dialog ist zuallererst ein Forum für Debatten
zwischen Unternehmen. Das ist gut so. Die Regierungen können vielleicht nicht immer alles tun, was der
Dialog möchte. Ich möchte nur auf die kluge Einschätzung der amerikanischen Regierung des großen
Potentials für eine konstruktive Beteiligung des Dialogs
und des Privatsektors beider Kontinente an der
Förderung der transatlantischen und globalen Liberalisierung des Marktes verweisen. An den transatlantischen Wirtschaftsdialog gewandt sage ich: Sie haben
sich als wertvoll erwiesen, und wir hoffen, daß sie
diese gute Arbeit fortsetzen.
Ich möchte den Unterausschuß bitten zu berücksichtigen, daß diese umfassenden und größtenteils äußerst
erfolgreichen Wirtschaftsbeziehungen zu europäischen
Märkten einen enormen Beitrag zu unserem nationalen
Wohlstand leisten und ein großes Potential für künftiges Wachstum bieten. Um dieses Potential vollständig
auszuschöpfen, sollten wir meines Erachtens weiterhin
mit der EU durch den Prozeß der neuen transatlantischen Agenda und andere geeignete Foren zusätzliche multilaterale und transatlantische Ziele bei der
Handelsliberalisierung sondieren. Die Zustimmung
des Kongresses zu einem neuen Fast-track-Mandat
würde natürlich die Bereiche beträchtlich erweitern, in
denen wir gemeinsam tätig werden könnten. Schließlich ist es an den Vereinigten Staaten und Europa, das
Tempo für die internationale Wirtschaft zu bestimmen,
und wir sollten uns dieser Verantwortung nicht entziehen.

AMERIKA DIENST 15

�UMWELT
6. August 1997

Entwicklungsländer müssen ebenfalls
Treibhausgase reduzieren
Rede von Staatssekretär Timothy Wirth

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Staatssekretär Timothy
Wirth bei einer Anhörung des Ausschusses für internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses am 24.
Juli 1997.

Ich freue mich, heute mit Ihnen die andauernden
Verhandlungen über die nächsten Schritte gemäß der
UN-Rahmenkonvention über den Klimawandel erörtern
zu können. Diese Verhandlungen wurden im August
1995 aufgenommen und sollen im Dezember bei der
dritten Konferenz der Parteien in Kyoto mit der Verabschiedung eines neuen Protokolls oder anderen
rechtlichen Instruments zu Ende gehen.
In seiner Rede vor der Sondersitzung der UN-Generalversammlung im vergangenen Monat erklärte Präsident Clinton, "die wissenschaftlichen Fakten sind klar
und überzeugend", und verpflichtete die Vereinigten
Staaten zu einer Führungsrolle bei der Bewältigung
der Probleme des Klimawandels. Der Präsident
verpflichtete sich zu einem Dialog mit dem amerikanischen Volk und dem Kongreß zur Erörterung der
realen und drohenden Gefahren des Klimawandels,
der damit einhergehenden wirtschaftlichen Kosten und
Nutzen sowie der Chancen, die amerikanische
Technologie und Innovation bieten können. Der
Präsident verpflichtete sich ferner, "ein starkes amerikanisches Engagement für realistische und bindende
Obergrenzen in die Konferenz von Kyoto einzubringen,
die unsere Treibhausgasemissionen beträchtlich
reduzieren werden".
In den vergangenen Wochen hat sich das Interesse an
den Verhandlungen intensiviert, insbesondere im
Kongreß. Die Administration begrüßt dieses Interesse,
möchte für unsere Arbeit an einem neuen Abkommen
in Kyoto einen möglichst intensiven Dialog ermutigen
und fordert die Vorsitzenden des Senats und des
Repräsentantenhauses zur Einrichtung von Beobachtergruppen auf, mit denen wir in den kommen-

AMERIKA DIENST 15

den Wochen und Monaten noch enger zusammenarbeiten können.
Ich möchte mich heute auf zwei Anliegen konzentrieren - erstens die Berücksichtigung spezifischer
umweltpolitischer Ziele unserer im Rahmen der
Klimakonvention ausgehandelten Aktionen und
zweitens die Notwendigkeit, daß die Entwicklungsländer ihrer Rolle bei der Erlangung dieser Ziele
besser gerecht werden.
Ich möchte mit der Wissenschaft beginnen, weil die
Wissenschaftler diejenigen waren, die als Erste unsere
Aufmerksamkeit auf den Klimawandel gelenkt haben,
und weil wir weiterhin unsere Maßnahmen auf die
besten wissenschaftlichen Beweise und genauesten
Analysen gründen. Obwohl ich weiß, daß vielen von
Ihnen die grundlegenden Fakten bekannt sind, könnte
es meines Erachtens nützlich sein, einige der entscheidendsten Punkte zu wiederholen, die von den
Wissenschaftlern dargelegt wurden.
Der "Treibhauseffekt" wird durch Gase wie Kohlendioxid, Methan und Stickoxid verursacht, die sich in der
Atmosphäre ansammeln und die Rückstrahlung der
Sonnenenergie verhindern, wodurch der Planet sich
mehr als sonst erwärmt. Die natürlichen Konzentrationswerte dieser Treibhausgase in der Atmosphäre
halten die Temperaturen auf einem Niveau, bei dem
Leben gedeihen kann. Ohne den Hintergrundeffekt
der Treibhausgase in unserer Atmosphäre wäre die
Erdtemperatur rund 33° C kälter.
Menschen erhöhen die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre vor allem durch die

Seite 1

�Verbrennung von fossilen Brennstoffen - Kohle, Öl und
Erdgas - sowie durch eine Reihe anderer industrieller
Prozesse. Veränderte Landnutzuhg, insbesondere
Abholzung und Bodenerosion, spielen ebenfalls eine
Rolle, indem sie die Fähigkeit der natürlichen Umwelt
zur Absorption von Kohle aus der Atmosphäre verringern. Seit der industriellen Revolution Im 18. Jahrhundert ist die Konzentration von Kohlendioxid in der
Atmosphäre um 30 Prozent angestiegen. Während
des gleichen Zeitraums hat sich die Methankonzentration verdoppelt, und die Stickoxidkonzentrationen
haben sich' ÜrH rÜrld 15 Prozeht erhöht.

bis zum Jahr 2100 nahezu verdreifachen und höher
steigen als zu jedem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 50 Millionen Jahren. Veränderungen unseres
Klimasystems würden sich auch über die von aktuellen
Studien vorhergesagten Auswirkungen hinaus bemerkbar machen. Die Risiken würden sich dramatisch
vergrößern, während die Konzentrationen weiterhin
ansteigen. Ferner gibt es keinen Grund zu der
Annahme, daß diese zusätzlichen Effekte linear sein
werden. Sie werden höchstwahrscheinlich unberechenbare und äußerst unerfreuliche Wege einschlagen.

Seit der vorindustriellen Zeit hat sich die Erde um rund
0,5° C erwärmt. Wissenschaftler glauben, daß der
beobachtete Anstieg wahrscheinlich nicht ausschließlich auf natürliche Ursachen zurückzuführen ist. In
seiner jüngsten wissenschaftlichen Einschätzung
gelangte der zwischenstaatliche Ausschuß für Klimawandel (lPCC) zu der Schlußfolgerung, daß die
Beweise unter dem Strich auf einen beträchtlichen
menschlichen Einfluß auf das Klimasystem deuten.

Ich möchte jetzt auf die Teilung der Verantwortung
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern eingehen.

Projektionen für künftigen Klimawandel auf der Grundlage von komplexen Klimamodeflen und unserem
besten Verständnis der Physik des Klimasystems
legen bis zum Jahr 2100 einen Anstieg von weiteren 1 °
- 3,5° C mit einer durchschnittlich größeren Zunahme
als in den vergangenen 10.000 Jahren nahe. Die
Erwärmung erfolgt nicht einheitlich - sie wird wahrscheinlich an höheren Breitengraden und an den Polen
größer sein.
Anhand dieser Erwärmungstrends wird der Meeresspiegel aufgrund der thermischen Ausdehnung der
Meere und des Schmelzens von Gletschern und
Eisdecken bis zum Jahr 2100 voraussichtlich um 0,45
cm ansteigen. Dadurch würden ohne Präventivmaßnahmen hier in den Vereinigten Staaten - vor allem in
Florida und Louisiana - 18.500 km2 Küstengebiete
überschwemmt und jedes Jahr ungefähr 100 Millionen
Menschen weltweit Opfer von Stürmen.
Mit anderen Worten gibt der Weg, auf dem wir uns
befinden, Anlaß zu beträchtlicher Sorge. Der Klimawandel wird wahrscheinlich weitreichende und meistenteils negative Auswirkungen auf die menschliche
Gesundheit haben. Sowohl das natürliche als auch
das künstliche Ökosystem sind in Gefahr. Die Lebensfähigkeit und Ansiedelung von Wäldern und landwirtschaftlichen Gebieten wird sich maßgeblich verändern.
Darüber hinaus konzentrieren sich praktisch alle
Studien über die Auswirkungen der Störung des
Klimas auf die prognostizierte Verdoppelung der
atmosphärischen Konzentration von Treibhausgasen.
Aber wenn Anfang des nächsten Jahrhunderts keine
einschneidenden Maßnahmen ergriffen werden, ist es
sehr wahrscheinlich, daß sich die atmosphärischen
Konzentrationen verglichen mit der vorindustriellen Zeit

Seite 2

Wie ich bereits ausführte, wissen wir, daß die vom
Menschen verursachten Emissionen die Konzentration
um rund 30 Prozent erhöhen - von 280 ppm in vorindustriellen Zeiten auf ungefähr 336 ppm heute. Wir
wissen, daß die Industrieländer das meiste Kohlendioxid in die Atmosphäre emittieren und das C0 2 dort
für 100 bis 150 Jahre verbleibt. Wir wissen, daß die
Vereinigten Staaten die meisten Treibhausgase
emittieren. 4 Prozent der Weltbevölkerung leben in den
Vereinigten Staaten, und auf uns entfallen 22 Prozent
der Kohlendioxidemissionen. Wir wissen auch, daß
die Entwicklungsländer angesichts der derzeitigen
Trends die Industrienationen in rund 30 Jahren als
Emittent überholen werden. (Dann leben ungefähr 70
Prozent der Weltbevölkerung in den Entwicklungsländern). China, mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern,
wird wahrscheinlich die Vereinigten Staaten gegen
Ende des ersten Quartals des neuen Jahrhunderts
überholen.
Daher werden Aktionen der Industrieländer allein uns
nicht auf den Weg zu sicheren Konzentrationen von
Treibhausgasen bringen. Wir benötigen auch Aktionen
der Entwicklungsländer. Aus unseren bisherigen
Diskussionen und Verhandlungen wird jedoch sehr
deutlich, wenn die Industrienationen mit ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Kapazität, ihren technischen
Fähigkeiten und ihrem energieverschwendenden
Lebensstil nicht zuerst handeln - ein Beispiel geben
und die Emissionen verringern - dann werden die
Entwicklungsländer auch nicht handeln. Wir müssen
den Weg anführen. Und wir müssen schnell handeln.
Andernfalls wird eine Verdoppelung der Konzentrationen sicher sein, und wir begeben uns auf den
Weg zu einer Verdreifachung oder noch höheren
Konzentrationswerten - deren Konsequenzen unsicher, wahrscheinlich aber katastrophal sind.
1992 verabschiedete die internationale Staatengemeinschaft die UN-Rahmenkonvention über den
Klimawandel in dem Bestreben, diese Umweltbedrohung in den Griff zu bekommen. In der Konvention
einigten sich die Entwicklungsländer auf eine Reihe

AMERIKA DIENST 15

�von Aktionen zur Abschwächung des Klimawandels
und Erleichterung der Anpassung an seine Auswirkungen. Die Industriestaaten stimmten zu, dieselben Maßnahmen zu ergreifen, wollen jedoch darüber
hinaus Schritte unternehmen, um ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000 auf den Stand von 1990
zu senken.
1995 beschlossen die Unterzeichnerstaaten der
Klimakonvention, daß die unter dem Vertrag bestehenden Verpflichtungen zur Bewältigung der Bedrohung
nicht ausreichen. Dementsprechend einigten sie sich,
einen Prozeß zur Aushandlung der nächsten Schritte
einzuleiten. Da das für die Industriestaaten gesetzte
"Ziel" nur bis zum Jahr 2000 gültig ist, begannen sie
mit der Erörterung von Zielen, die ihre Bestrebungen
im ersten und eventuell zweiten Jahrzehnt des nächsten Jahrhunderts leiten sollen. Die Industriestaaten
einigten sich auf die Festsetzung quantitativer Ziele für
die Beschränkung und Verringerung von Treibhausgasemissionen bis zu einem noch zu bestimmenden
Zeitpunkt - wie 2005, 2010 oder 2020. Damals
forderten die Entwicklungsländer - von denen viele
gerade erst mit der Umsetzung bestehender Verpflichtungen im Rahmen der Konvention begonnen
hatten - der Verhandlungsprozeß sollte nicht zu neuen
Verpflichtungen für sie führen.
Sie stimmten jedoch der Förderung einer Umsetzung
ihrer bestehenden Verpflichtungen zu.
Die Vorschläge der Vereinigten Staaten bei den
derzeitigen Verhandlungen zielen auf eine Fortsetzung
des Prozesses ab. Der amerikanische Vorschlag
erkennt an, daß die 1992 in Anhang I der Konvention
aufgeführte Liste der "Entwicklungsländer", die
Unterzeichnerstaaten sind, nicht mehr den derzeitigen
Gegebenheiten entspricht. Eine Reihe von Entwicklungsländern gehört bereits durch die Mitgliedschaft in
der OECD und auf andere Weise zur entwickelten
Welt, und andere stehen kurz davor. Unser Vorschlag
zur Ausarbeitung eines "Anhang B" würde solche
Länder auf freiwilliger Basis in die Lage versetzen,
ihren derzeitigen Status - bei dem sie nicht unter.
Anhang I aufgeführt sind - zu überwinden und bindende Verpflichtungen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen einzugehen, was ihren sich
schnell verändernden wirtschaftlichen Status widerspiegelt und ihnen ermöglicht, sich mit den Industriestaaten auf Vergünstigungen für eine Verringerung der
Treibhausgasemissionen zu einigen.
In ähnlicher Weise fordert Artikel 16 des amerikanischen Vorschlags von den Unterzeichnerstaaten aus
dem Kreis der Entwicklungsländer, bis zum Jahr 2005
bindende Verpflichtungen einzugehen, damit alle
Vertragsparteien quantitative Bestimmungen über ihre
Treibhausgasemissionen haben und es einen Mechanismus oder "Auslöser" für die automatische Anwen-

AMERIKA DIENST 15

dung dieser Bestimmungen auf der Grundlage vereinbarter Kriterien gibt.
Indem sie diese "evolutionäre" Politik fordern, sind die
Vereinigten Staaten fast allen Ländern weit voraus und
werden dementsprechend kritisiert. Beispielsweise
sind mehrere Industriestaaten der Ansicht, daß unser
Vorschlag den Entwicklungsländern unfaire Lasten
auferlegt. Die meisten Entwicklungsländer sind der
Ansicht, daß "Evolution" über die Klimakonvention und
das Berliner Mandat hinausgeht. Meines Erachtens
haben wir das richtige Konzept: Niemand sollte
ausgenommen werden; da wir die größten Emissionen
haben, sollten wir als erste handeln, aber andere
müssen sich uns im Laufe der Zeit anschließen.
Die gesamten Verhandlungen über den Klimawandel
sind äußerst kompliziert - die kompliziertesten, die ich
seit 25 Jahren im öffentlichen Leben gesehen habe und der Aspekt der "Evolution" ist vielleicht der
wichtigste von allen. Wir haben - ebenso wie einige
Kongreßabgeordnete - Vorschläge unterbreitet. Jetzt
müssen wir einen endgültigen Vorschlag und eine
Verhandlungsposition ausarbeiten. Wir begrüßen Ihre
Beiträge, Ihre Unterstützung und Kreativität bei der
Lösung dieses Problems. Und ich sehe Ihren Ideen,
Fragen und Kommentaren erwartungsvoll entgegen.
Die Frage ist nicht, ob die Entwicklungsländer, insbesondere die großen und in schnellem Wachstum
begriffenen, eine quantitative Verpflichtung zur Begrenzung oder Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen eingehen sollten - zweifelsohne wird es
unmöglich sein, die Bedrohung des Klimawandels zu
verringern, wenn sie das nicht tun. Die Frage lautet,
wann solche Verpflichtungen gültig werden sollten,
welche Kriterien angelegt werden und auf wen sie
anwendbar sind.
Es gibt signifikante Unterschiede zwischen dem
Volkseinkommen der Industriestaaten und der Entwicklungsländer. Und es gibt enorme Unterschiede
bei der Emission von Treibhausgasen pro Kopf. Einige
Entwicklungsländer argumentieren, diese Kluft müsse
schmaler werden, bevor sie Verpflichtungen zur
quantitativen Emissionsbeschränkung oder -Verringerung akzeptieren.
Obwohl dieses Argument verständlich ist, läßt es zwei
wesentliche Punkte außer Acht. Erstens kann die
durch den globalen Klimawandel hervorgerufene
Bedrohung nicht abgewendet werden, wenn die
Nationen erst handeln, wenn das Volkseinkommen
oder die pro-Kopf-Emissionen irgendwann in der
Zukunft übereinstimmen.
Zweitens werden die
Industrienationen einfach keine signifikanten Bestrebungen zur Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen unternehmen, wenn ihre Anstrengungen durch
den unbegrenzten Anstieg von Emissionen in den
Entwicklungsländern unterminiert werden.

Seite 3

�Die Rahmenkonvention - die von Präsident Bush
unterzeichnet wurde, an der der Senat beratend
mitwirkte und zu der er seine überwältigende Zustimmung gab - stellte den Grundsatz auf, daß die
Nationen der Welt im Hinblick auf den Klimawandel
gemeinsame aber voneinander abgegrenzte Pflichten
und unterschiedliche Fähigkeiten haben. Es ist weder
realistisch noch mit der vom Senat gebilligten Konvention vereinbar, darauf zu bestehen, daß die Entwicklungsländer umgehend bindende Emissionsziele
akzeptieren, die die Industriestaaten aushandeln
wollen. Darauf zu bestehen, daß die Entwicklungsländer, die jetzt in zunehmendem Maße zum globalen
Anstieg von Treibhausgasen beitragen, erst dann
handeln müssen, wenn sie ein bestimmtes Volkseinkommen oder bestimmte pro-Kopf-Emissionen erreichen, ist jedoch ebenso unrealistisch und mit dem
Hauptziel der Konvention nicht vereinbar.

Das Abkommen von Kyoto kann die Nationen mit den
erforderlichen Instrumenten versehen, damit sie
wesentliche, bindende Verpflichtungen zur Beschränkung und Verringerung der Treibhausgasemissionen
eingehen. Dazu zählen über mehrere Jahre gehende
Pläne für Treibhausgasemissionen, die jährliche
Fluktuationen ausgleichen. Das beinhaltet vollständige
nationale Flexibilität bei der Auswahl von Maßnahmen
zur Erlangung solch bindender Emissionspläne.
Ferner zählen dazu Vergünstigungen für Nationen mit
bindenden Emissionsplänen unter Beteiligung des
Privatsektors, um dadurch die Kosten der Umsetzung
zu senken. Und das umfaßt die gemeinsame Durchführung zum Nutzen der Nationen mit bindenden
Emissionsplänen gegenüber denjenigen, die noch
keine solchen Pläne haben - sowohl zur Senkung der
Kosten der Umsetzung als auch zur Förderung von
Wirtschaftsentwicklung und Umweltschutz.

Das in Kyoto zu erzielende Abkommen wird das
Problem des globalen Klimawandels nicht lösen.
Ungeachtet dessen, wie ehrgeizig es ist, wird es nur
ein zweiter Schritt auf einem viel längeren Weg zur
Erreichung des übergeordneten Ziels der Klimakonvention sein. Bei unseren Vorbereitungen auf
Kyoto müssen wir auch weitere, darüber hinausgehende Schritte vorbereiten. Insbesondere müssen wir
gewährleisten, daß alle Nationen, die einen beträchtlichen Teil der Verantwortung für die globalen Treibhausgasemissionen tragen, die Notwendigkeit der
Begrenzung oder Verringerung ihrer Emissionen
akzeptieren und sich in diese Richtung bewegen.

Herr Vorsitzender, wir haben für die nächsten Monate
tatsächlich einen ehrgeizigen Kurs eingeschlagen. Die
enormen Gefahren für unseren Planeten erfordern
nichts Geringeres. Ich bin zuversichtlich, daß wir mit
Ihrer fortgesetzten Unterstützung und der anderer
Kongreßabgeordneter in Kyoto zu Ergebnissen
kommen werden, die auf dem weitaus längeren Weg
zur Rettung des Klimasystems der Erde für gegenwärtige und künftige Generationen einen beträchtlichen
Schritt darstellen. Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 15

�ZIVILANGELEGENHEITEN
6. August 1997

Betrachtungen der Zukunft
von H. Allen Holmes

WASHINGTON - (AD) - In einer Welt abnehmender militärischer Konfrontationen widmet das amerikanische
Militär dem Wiederaufbau vom Krieg zerstörter Infrastrukturen wie dem Bau von Brücken und Brunnen sowie der
Räumung von Minen zunehmende Aufmerksamkeit. In einer Rede vor der internationalen Konferenz über
Zivilangelegenheiten 1997 erörtert der Abteilungsleiter für SpezialOperationen und unterschwellige Konflikte im
US-Verteidigungsministerium, H. Allen Holmes, die zivile Dimension heutiger Militäroperationen in vielen Teilen
der Welt.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sehen sich die
Vereinigten Staaten mit einem dynamischen und
instabilen Sicherheitsumfeld konfrontiert. Wir befinden
uns in einer Periode strategischer Chancen. Mit dem
Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des
Warschauer Pakts hat die Bedrohung eines globalen
Krieges abgenommen. Die von uns geschätzten
Werte - Demokratie und Marktwirtschaft - werden in
vielen Teilen der Welt übernommen. Und gleichzeitig
verändern die sich wandelnde Weltwirtschaft und die
Verbreitung
internationaler
Informationssysteme
weiterhin die Kultur, den Handel und globale Interaktionen.

vier Jahren konnten wir die zunehmende Bedeutung
von Zivilangelegenheiten bei militärischen Operationen
- abgesehen von Kriegen - beobachten. In Anerkennung des Werts von Zivilangelegenheiten befassen
sich die Stabsoffiziere und Planer unserer Streitkräfte
darüber hinaus immer mehr mit der Planung der zivilen
Dimension von Militäroperationen. In Bosnien beispielsweise wurde die Planung der militärischen
Unterstützung der Wahlen von Mitarbeitern der
Abteilungen Operationen, Strategie und Politik durchgeführt, während unser Personal für Zivilangelegenheiten das entscheidende Bindeglied zwischen den
militärischen und zivilen Planern darstellte.

Dennoch ist die Welt weiterhin ein äußerst unsicherer
Ort mit immer komplexeren und gefährlicheren Bedrohungen der nationalen Sicherheit. Wir sehen uns
nach wie vor mit einer Vielzahl gravierender regionaler
Gefahren in Südwestasien, im Nahen Osten und
Ostasien konfrontiert. Wie wir in Somalia, im ehemaligen Jugoslawien und vor kurzem an Orten wie Zaire
beobachten konnten, drohen darüber hinaus gescheiterte oder scheiternde Staaten Instabilität, interne
Konflikte und menschliche Krisen hervorzurufen. In
einigen Fällen verlieren die Regierungen ihre Fähigkeit
zur Wahrung der öffentlichen Ordnung und Erfüllung
der Bedürfnisse des Volkes und schaffen die Voraussetzungen für Bürgerunruhen, Hungersnöte, massive
Migrationsströme über internationale Grenzen hinweg
und aggressive Aktionen von Nachbarstaaten.

In den vergangenen Jahren lernten viele Länder
außerhalb der Vereinigten Staaten den Wert amerikanischer Zivilmissionen schätzen und führen solche
Einheiten in ihrem eigenem Militär ein, wobei ihnen
unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten als Modell
dienen. Einige Länder haben die Bedeutung von
Zivilangelegenheiten erkannt und ihr militärisches
Personal an das U.S. Army John F. Kennedy Special
Warfare Center and School geschickt, mobile Übungsteams angefordert und unsere Einheiten für Zivilangelegenheiten besucht um herauszufinden, warum
unsere Zivilangelegenheiten für Befehlshaber so
nützlich sind. Zwei unserer wichtigsten Verbündeten,
Großbritannien und die Republik Korea, sind hier bei
dieser internationalen Konferenz vertreten. Andere,
darunter Frankreich und Deutschland, haben großes
Interesse zum Ausdruck gebracht.

In diesem Kontext wurde die Arbeit unserer Streitkräfte
für Zivilangelegenheiten immer herausragender. In nur

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�Eine unserer künftigen Herausforderungen besteht
darin, unsere Einheiten für Zivilangelegenheiten darauf
vorzubereiten, von einer multinationalen Perspektive
aus zu arbeiten. Unsere Planer für Zivilangelegenheiten müssen Unterschiede in den Doktrinen für Zivilangelegenheiten bei unseren Verbündeten antizipieren
und auf Zusammenarbeit zur Erlangung übergeordneter Ziele vorbereitet sein.
Die vor kurzem abgeschlossene vierteljährliche
Umstrukturierung unserer Verteidigung war eine
umfassende Überarbeitung der amerikanischen
Verteidigungserfordernisse bis zur Jahrhundertwende.
Im Rahmen dieser Überarbeitung formulierte Verteidigungsminister William Cohen eine klare Vision für das
Verteidigungsministerium bis zum Jahr 2015 und
unterbreitete einen Plan für ein strategisch orientiertes,
ausgewogenes und finanzierbares Verteidigungsprogramm. Indem wir eine nationale Sicherheitsstrategie für unser Engagement befolgen, werden wir
weiterhin ein starke Führungsrolle in der internationalen Staatengemeinschaft übernehmen und alle
Dimensionen unserer Fähigkeiten nutzen, um auf das
gesamte Spektrum von Spannungsfällen zu reagieren,
das internationale Sicherheitsumfeld zu gestalten und
uns auf die Bewältigung der Herausforderungen einer
ungewissen Zukunft vorzubereiten. Diese drei Komponenten - Reaktion, Gestaltung und Vorbereitung bilden die strategische Grundlage der vierteljährlichen
Umstrukturierung und unserer künftigen Verteidigungsstrategie.
Reaktion auf Krisen
Jüngste Erfahrungen am Golf, in Haiti und Bosnien
haben das Ausmaß unter Beweis gestellt, in dem
unsere Streitkräfte für SpezialOperationen und insbesondere unser Personal für Zivilangelegenheiten die
Effektivität unserer konventionellen Kampftruppen bei
der Reaktion auf Krisen verbessern und, nachdem die
Krise vorüber ist, unseren Diplomaten bei der Gestaltung des Sicherheitsumfelds behilflich sind.
Während der Operation Wüstensturm unterstützten
unsere Streitkräfte für SpezialOperationen beispielsweise eine größere Kampfoperation der Koalitionsstreitmacht erstmals nach ihrer Wiedereinsetzung.
Unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten waren
während des Stadiums von Wüstensturm nach dem
Konflikt maßgeblich daran beteiligt, der kuwaitischen
Regierung bei der Bereitstellung elementarer Dienstleitungen für das kuwaitische Volk und der Wiederherstellung ihrer Amtsgewalt behilflich zu sein.
Im Anschluß daran waren unsere Streitkräfte für
Zivilangelegenheiten bei der Reaktion auf ein breites
Spektrum humanitärer Krisen behilflich - zum Beispiel
mit der Operation Provide Comfort, bei der unser
Personal für Zivilangelegenheiten bei der Rückführung
der Kurden half, und kleineren Operationen wie Pacific

Seite 2

Heaven, bei denen wir andere Kurden umsiedeln
halfen, die uns nachrichtendienstliche Erkenntnisse
und andere Hilfe für Guam zur Verfügung gestellt
hatten.
In Haiti führten unsere Soldaten für Zivilangelegenheiten Aktivitäten durch, die von der Wiederherstellung
der Elektrizität im ganzen Land bis zur Bereitstellung
von Experten für 12 Ministerien reichten.
In Bosnien-Herzegowina war das amerikanische
Personal für Zivilangelegenheiten unter der Führung
eines britischen Korpskommandeurs während der Zeit
der IFOR bei der Koordinierung des militärischen
Engagements für den Wiederaufbau der zivilen
Infrastruktur und der Bereitstellung von Hilfe für über
500 internationale, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen behilflich.
Während der IFOR lag das Augenmerk der Einheiten
für Zivilangelegenheiten auf friedenssichernden Operationen und kleinen Gemeindeprojekten in Gebieten,
in denen Truppen stationiert waren. Mit der Stationierung der SFOR gab es eine Verlagerung der Aufmerksamkeit zu Zielen auf nationaler Ebene. Aus diesem
Grund nutzt die SFOR die zivil-militärische Einsatztruppe als ihr Verbindungsglied zu zivilen Einrichtungen bei der Förderung der wirtschaftlichen Erholung
und dem Wiederaufbau des Landes, bei der Unterstützung der Rückkehr der Flüchtlinge und dem Aufbau
dauerhafter Institutionen für den Frieden. Die von
einem amerikanischen Kommandeur befehligte
Einsatztruppe war an buchstäblich Hunderten größerer
Projekte zur Unterstützung der SFOR und an der
Förderung der zivilen Implementierung der Abkommen
von Dayton beteiligt.
Unsere jüngsten Erfahrungen verweisen auf die
Möglichkeit, daß das amerikanische Militär zur Beteiligung an komplexeren, nicht herkömmlichen
Operationen aufgefordert wird - die enge Verbindungen zu anderen amerikanischen Regierungsbehörden,
nichtregierungsabhängigen
und
internationalen
Organisationen sowie unseren Verbündeten beinhalten. Damit weist die von uns in der Vergangenheit
geleistete Arbeit eindeutig den Weg zu dem künftigen
Sicherheitsumfeld, mit dem wir uns konfrontiert sehen.
In diesem Zusammenhang haben unsere Einheiten für
Zivilangelegenheiten viel zu bieten. Die Art und Weise,
in der diese Streitkräfte eingesetzt werden, muß jedoch
sehr sorgfältig erwogen werden, bevor wir uns an einer
Operation beteiligen. Dies kann zum Teil in den frühen
Planungsphasen einer Operation durch die Einbeziehung von Mechanismen für die Übergabe der
Verantwortung von unserem Militär an die entsprechenden amerikanischen Regierungsbehörden und
letztlich zurück an den Aufnahmestaat angesprochen
werden. Das bedeutet die Beteiligung der zuständigen

AMERIKA DIENST 15

�Büros im US-Außen-, Justiz- und anderen Ministerien,
wenn wir eine Operation planen.
Gestaltung des internationalen Sicherheitsumfelds
Die Arbeit unserer Einheiten für Zivilangelegenheiten
am Golf, in Haiti und Bosnien-Herzegowina zeigt, wie
gut diese das internationale strategische Umfeld
gestalten können, nachdem upsere traditionellen
Streitkräfte auf eine Krise reagiert haben. Ebenso
wichtig ist die tägliche Arbeit unserer Einheiten für
Zivilangelegenheiten vor Krisenbeginn.
Unsere
weltweiten humanitären Bestrebungen zur Minenräumung sind ein eindrucksvolles Beispiel für den von
unserem Personal für Zivilangelegenheiten geleisteten
signifikanten Beitrag.
Die durch Antipersonenminen ausgelöste Krise hat von
Bevölkerungen und Regierungen auf der ganzen Welt
einen enormen Tribut gefordert. Das Versäumnis oder
die Unfähigkeit eines Landes, sich mit der Weiterverbreitung von Antipersonenminen zu befassen, verursacht ganz offensichtlich nicht nur persönliches Leid,
sondern macht den Landwirten auch die Nutzung ihrer
Felder unmöglich, was die Wiederaufnahme der
landwirtschaftlichen Produktion behindert, den Zugang
zu Märkten verhindert, das Vertrauen der Öffentlichkeit
in neue Regierungen untergräbt und viele andere
Hürden für eine Nation aufbaut, die die Wunden des
Krieges heilen möchte. Zusätzlich zu den Menschen
zugefügten Verletzungen und den daraus entstehenden medizinischen Kosten treiben Minenfelder ganze
Gesellschaften in hilflose Armut, aus der es keinen
Ausweg zu geben scheint.
Die humanitären Bestrebungen zur Minenräumung
sind eine der grundlegendsten Missionen, an denen
sich die Vereinigten Staaten beteiligen können, und
haben für die Clinton-Administration hohe Priorität. Es
ist unser Ziel, die Länder beim Aufbau einer dauerhaften heimischen Infrastruktur zu unterstützen, mit deren
Hilfe die Bevölkerung lernen kann, sich vor Landminen
zu schützen, die Gefahren durch Landminen abzuwehren und in verminten Gebieten den früheren
Zustand wiederherzustellen.

unseren humanitären Minenräumprogrammen zu
spielen. Das Personal für Zivilangelegenheiten dient
als Verbindungsglied zwischen unseren Minenräumteams, der Regierung des Aufnahmestaats und der
US-Botschaft. Darüber hinaus verfügen die Streitkräfte
für Zivilangelegenheiten über die erforderlichen
Fähigkeiten, um Personal des Aufnahmestaats
auszubilden, heimische Minenräumeinheiten aufzustellen und langfristig autonome Programme
aufrechtzuerhalten, was das höchste Ziel dieses
entscheidenden Programms darstellt.
Unser Personal für Zivilangelegenheiten bringt auch
unmittelbare, direkte und greifbare Vorteile für Aufnahmestaaten auf der ganzen Welt: Es werden
Straßen und Schulen gebaut, Brunnen ausgehoben,
Regierungen stabilisiert, Chaos und Verwirrung
beseitigt und die Ordnung wiederhergestellt. Indem sie
für das Leben der Bevölkerung vor Ort wirklich einen
Unterschied bewirken, untermauern die Mitarbeiter
unserer Einheiten für Zivilangelegenheiten den
Goodwill der Vereinigten Staaten in den Augen der
Welt - unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten
stellen zweifelsohne wertvolle diplomatische Multiplikatoren dar.
Im Hinblick auf die Zukunft ist es von entscheidender
Bedeutung, daß wir unsere Präsenz aufrechterhalten
und in Regionen Beziehungen aufbauen, die für
unsere nationalen Interessen wichtig sind. Unsere
Herausforderung besteht darin, trotz haushaltspolitischer Engpässe weltweit eine effektive militärische Präsenz beizubehalten. Zu diesem Zweck
müssen wir kostenintensive Lösungen vermeiden und
verstärkte internationale Zusammenarbeit anstreben.
Genau das gestattet uns unser Personal für Zivilangelegenheiten.

Das Programm hilft dem Aufnahmestaat bei der
Entwicklung aller Aspekte der Aufklärung der Bevölkerung über Minen und von Minenräumprogrammen
unter dem Vorbehalt, daß kein amerikanisches
Personal Landminen entschärft oder scharfe Minenfelder betritt. Streitkräfte für SpezialOperationen sind
die Hauptquelle des amerikanischen Militärs für die
Ausbildungsprogramme.

Eine Momentaufnahme zeigt, wie das Personal für
Zivilangelegenheiten in Ruanda und Namibia als Teil
humanitärer Minenräumteams tätig ist, im Aufnahmeland Mali als Vermittler bei einer Operation zur Verbesserung der medizinischen Infrastruktur dient, in
Belize an kleinen Bauprojekten wie Brunnenbau und
Straßenausbesserung mitwirkt, an der Wahlvorbereitung in Bosnien beteiligt ist, die Zuweisung
humanitärer Hilfe für Kambodscha koordiniert und der
kambodschanischen Regierung beim Aufbau einer
Infrastruktur behilflich ist, dank derer der Staat den
Menschen die erforderlichen Dienste anbieten kann.
Und sie zeigt, wie das Personal mit nichtstaatlichen
Behörden und privaten Trägern an Zivilprojekten in
Laos zusammenarbeitet, wo vor einem Jahr noch kein
amerikanisches Militär zugelassen war.

Als wir vergangenes Jahr zu diesem Zeitpunkt zusammentrafen, war unser Personal für Zivilangelegenheiten erst vor kurzem in die Minenräumteams einbezogen worden. Jetzt beginnen unsere Soldaten für
Zivilangelegenheiten allmählich eine Schlüsselrolle bei

Die Arbeit unseres Personals für Zivilangelegenheiten
spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung
regionaler Stabilität, Verhinderung oder Entschärfung
von Konflikten und Bedrohungen, Abschreckung von
Aggression und Gewalt weltweit. Die Fähigkeiten der

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�Einheiten für Zivilangelegenheiten wiederum bieten
unseren regionalen Kommandeuren, Botschaftern und
Politikern ein breites Spektrum von Optionen.

partner von der Unterstützung unserer Bestrebungen
abzuhalten oder uns größere Opfer als erwartet zuzufügen, um unsere nationale Entschlossenheit zu
schwächen. In Anbetracht dieser nichtmilitärischen
Bedrohungen gewinnt die Arbeit unserer Streitkräfte für
Zivilangelegenheiten zunehmend an Bedeutung, da ihr
Verständnis für den zivilen Sektor größer ist als das
unserer konventionellen Streitkräfte.

Vorbereitung auf eine ungewisse Zukunft
Ebenso wie die Streitkräfte für SpezialOperationen
früherer Jahre, werden auch die von heute mit ungewöhnlichen Herausforderungen konfrontiert.
Sie
müssen sich auf die heutigen nichttraditionellen
Herausforderungen einstellen und gleichzeitig die
Kampffähigkeit und Reservestruktur der Amerikaner
verändern, damit sie künftigen Herausforderungen
effektiv begegnen können.

Vergangenes Jahr habe ich erwähnt, daß das Personal für Zivilangelegenheiten eine bedeutende Rolle
dabei übernehmen kann, andere Regierungen und ihre
Bürger auf den Umgang mit Terrorangriffen vorzubereiten. Ich fordere Sie dringend auf, weiter nach
Wegen zu suchen, wie Sie auf diesem Gebiet einen
Beitrag leisten können.

Um darauf vorbereitet zu sein, die Kriege unserer
Nation zu führen und zu gewinnen, um eine Reihe
schwieriger Operationen in Spannungsfällen durchzuführen, um zur Unterstützung unserer Freunde und
Verbündeten in der Dritten Welt bei der Schaffung
eines sicheren Umfelds bereit zu sein, müssen wir
ständig neue Taktiken und Ausrüstung entwickeln, die
der Kriegführung des neuen Zeitalters, mit der wir im
21. Jahrhundert konfrontiert sein werden, angemessen
sind.

Ferner fordere ich Sie eindringlich dazu auf, bei dieser
Konferenz den Rednern gut zuzuhören, die zukünftige
Herausforderungen und verfügbare Mittel erörtern,
welche Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen könnten. Ich
möchte Sie ermutigen, Fragen zu stellen, Kommentare
abzugeben, auf Ihren Erfahrungen basierende Vorschläge zu machen und neue Ideen zu unterbreiten.
Dies wird Politikern aller Behörden und den Oberbefehlshabern hilfreiche Anregungen bieten.

Wir müssen damit rechnen, daß unsere Gegner sich in
zunehmendem Maße ungewöhnlicher Mittel oder
unkonventioneller Ansätze bedienen werden, um
unsere Stärken zu umgehen oder zu unterminieren
und unsere Schwächen auszunutzen. Um die direkte
militärische Konfrontation mit den Vereinigten Staaten
zu vermeiden, könnten uns unsere Gegner mit terroristischen Gewalttaten, dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen oder nachrichtendienstlicher Kriegführung zur Erlangung ihrer Ziele drohen. In einem
konventionellen Krieg könnten diese Mittel auch
eingesetzt werden, um unseren Zugang zu entscheidenden Einrichtungen zu verzögern oder zu
verhindern, unsere Kommando- und Kontrollnetze zu
zerstören, Verbündete und potentielle Koalitions-

* *

Seite 4

Die kommenden Jahre werden unsere gesamten
Streitkräfte auf eine harte Probe stellen. Kürzungen im
Verteidigungshaushalt werden den Wert von Anpassungsfähigkeit und unserer Fähigkeit zum Umgang
mit dem Wandel erhöhen. Ich bin zuversichtlich, daß
die heutigen Streitkräfte für Zivilangelegenheiten über
die Kreativität, Flexibilität und Professionalität verfügen, neue unkonventionelle Aufgaben zu bewältigen
und gleichzeitig ihre traditionellen Fähigkeiten zu
bewahren. Und ich bin zuversichtlich, daß die Streitkräfte für Zivilangelegenheiten aus dem nächsten
Jahrzehnt stark und mit einem neuen Zielbewußtsein
in einer geänderten Welt hervorgehen werden.

*

AMERIKA DIENST 15

�Frciü

Gaby N i e s e n
F r ü i Beet 1 ön
boii ü

Ü5i^

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12806">
                <text>06.08.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12807">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12808">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12809">
                <text>Amerikadienst 06.08.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12810">
                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Besuch von Bundespräsidenten Herzog in den USA &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abschiedsrede&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Cohen erörtert Gründe für die NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Implementierung des Daytoner Abkommens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Jeffrey Lang&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Entwicklungsländer müssen ebenfalls Treibhausgase reduzieren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Timothy Wirth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Zivilangelegenheiten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Betrachtungen der Zukunft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von H. Allen Holmes&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2465" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2476">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/2c72aa30054c5587acd9854983ba15a2.pdf</src>
        <authentication>b3acaa5ab63d367b0d16c280e979c50e</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12817">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16

20. August 1997

DAS PROGRAMM DES WEISSEN HAUSES
FÜR DAS NÄCHSTE JAHRTAUSEND
Rede von Präsident Clinton

GESELLSCHAFT

RECHT UND GLAUBEN
von Richter Anthony Kennedy

NAHER OSTEN

ALBRIGHT VERURTEILT GEWALT, TERROR
UND UNILATERALE AKTIONEN
Rede der US-Außenministerin

TELEKOMMUNIKATION

VERBRAUCHER WELTWEIT PROFITIEREN
VON SENKUNG DER TELEFONGEBÜHREN
FÜR AUSLANDSGESPRÄCHE
Rede von Reed Hundt

PORTRAT

JOHN C. KORNBLUM
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

MICHAEL C. POLT
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Das Programm des Weißen Hauses
für das nächste Jahrtausend
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Am 15. August 1997 gaben Präsident Bill Clinton und die First Lady, Hillary Rodham
Clinton, in den National Archives das Programm des Weißen Hauses für das nächste Jahrtausend bekannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Wie die First Lady bereits sagte, haben wir jetzt eine

eine Zeit des Niedergangs oder eine Zeit der Erneuerung einleiten? Ungeachtet der Prophezeiungen und
Voraussagen - von denen es in den nächsten Jahren
noch viele geben wird - ungeachtet der Hoffnungen
und Ängste ist das Jahrtausend nicht länger eine

außergewöhnliche Gelegenheit, die Vergangenheit in

entfernte Möglichkeit. Es rückt näher. Wir werden die

Ehren zu halten, uns die Zukunft vorzustellen und
beide im Geist und für unsere amerikanischen Mitbürger miteinander zu verbinden. Das 20. Jahrhundert
wurde das amerikanische Jahrhundert genannt.
Während Kriegen und der großen Wirtschaftskrise, der
industriellen Revolution und jetzt der Informationsrevolution haben uns der amerikanische Geist der
Entdeckung, Innovation und der Glaube an die Zukunft
angespornt und Milliarden Menschen auf der ganzen
Welt inspiriert.

Zukunft erleben und müssen sie jetzt für uns und
unsere Kinder bestimmen.

Vielen Dank, Gouverneur Carlin, für Ihre Gastfreundschaft an diesem wunderbaren Ort, im Schatten
unserer bedeutendsten historischen Dokumente.

Jetzt sind wir an einem Meilenstein angelangt - dem
Ende eines aufregenden Jahrzehnts, das den Fall des
Kommunismus und den Aufstieg der Demokratie
weltweit gesehen hat, in dem die Geheimnisse des
menschlichen Körpers analysiert und die Beschaffenheit des Mars erforscht wurde sowie neue amerikanische Ideen und Kunst entstanden. Jetzt haben wir
die meines Erachtens wichtigste Erforschung begonnen: Die Wiederentdeckung und Bekräftigung unserer
gemeinsamen Identität als Volk in einer ganz neuen
und anderen Zeit, in der wir als ein Amerika zusammenkommen.
Noch am Anfang unserer Reise stehen wir als Nation
kurz vor der ersten Jahrtausendwende. Seit Jahrhunderten haben sich die Menschen gefragt, was
dieses Jahrtausend bringen würde. Würde es die
Apokalypse bedeuten oder eine neue Welt verkünden,

AMERIKA DIENST 16

Während das Jahr 2000 näher rückt, müssen wir uns
fragen, was wir zur Bewältigung seiner Herausforderungen und zur Definition dieser Zukunft benötigen und müssen uns auf ein neues Jahrhundert und
ein neues Jahrtausend vorbereiten. Wir müssen uns
fragen, welche Werte und welches Erbe wir mitnehmen
und mit welchen Gaben wir die Zukunft beschenken
sollten.
Weltweit bereiten sich Nationen und Gemeinden mit
verschiedenen Bestrebungen auf das neue Jahrtausend vor. Großbritannien baut Brücken, Museen,
neue Parks und eine neue Universität. Deutschland
veranstaltet die Expo 2000, die erste Weltausstellung
zur Feier einer Jahrtausendwende. Ich nehme gerne
die Einladung von Bundeskanzler Kohl an, gemeinsam
mit 143 anderen Organisationen und Nationen an der
Expo 2000 teilzunehmen. Österreich richtet im Jahr
2000 die Sommerolympiade aus. Island feiert den
tausendsten Jahrestag der Reise Leif Eriksons in die
Neue Welt.
Das Programm des Weißen Hauses für die Jahrtausendwende wird Richtschnur für die Feiern Amerikas aus diesem Anlaß, indem es die Leistungen
hervorhebt, die uns als Nation definieren - unsere

Seite 1

�Kultur, unsere Forschung, unsere wissenschaftlichen
Entdeckungen. Ich begrüße das Interesse der First
Lady an diesem Unternehmen und freue mich, daß sie
bei unseren Bestrebungen eine führende Rolle
übernehmen wird. Ferner weiß ich die Arbeit zu
würdigen, die sie und Ihr Stab bereits geleistet haben.
Und ich möchte Ellen McCulloch-Lovell, der ehemaligen Direktorin des Präsidialausschusses für die
Künste und Geisteswissenschaften, danken, daß sie
zugesagt hat, das Büro für das Jahrtausendprogramm
des Weißen Hauses zu leiten. Vielen Dank, Ellen.
Heute möchte ich darlegen, was wir bereits unternehmen, um uns auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten
und uns dieses neue Jahrtausend zu eigen zu machen. An erster und wichtigster Stelle erklären wir die
Erziehung unserer Kinder zu unserer obersten Priorität. Schließlich werden sie den Großteil ihres Lebens
in diesem neuen Jahrtausend und dem neuen Jahrhundert verbringen. Diesen Monat habe ich ein
historisches Gesetz unterzeichnet, das nicht nur einen
ausgeglichenen Haushalt vorsieht, sondern auch
große Investitionen in die Bildung einer Generation von
der frühen Kindheit bis zum College und darüber
hinaus. In den kommenden Monaten werde ich mich
weiterhin dafür einsetzen, hohe und meßbare nationale Maßstäbe für herausragende akademische
Leistungen zu setzen.
Wir haben uns das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2000
jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek in den
Vereinigten Staaten an das Internet anzuschließen.
Ich danke dem Kongreß für die Finanzierung dieses
Unternehmens und dem Privatsektor, daß er uns
bislang geholfen hat, unserem Zeitplan sogar ein
kleines Stück voraus zu sein. Wir müssen unsere
Bestrebungen verdoppeln um sicherzustellen, daß
jeder unserer Mitbürger die Mittel hat, in dem neuen
Jahrhundert erfolgreich zu sein.
Zweitens müssen wir den Weg fortsetzen, der Optimismus und Wachstum unserer Wirtschaft wiederhergestellt hat - jetzt jedoch um sicherzustellen, daß alle
Amerikaner die Möglichkeit erhalten, davon zu profitieren.
Drittens müssen wir sicherstellen, daß unser einzigartiges und pulsierendes kulturelles Leben in dem
neuen Jahrhundert floriert und unsere reiche
Geschichte bewahrt und in Ehren gehalten wird. Ich
freue mich, daß die National Endowment for the
Humanities eine nationale Fernsehserie - Millennium
Minutes - über tausend Jahre mit wichtigen Menschen,
Ereignissen und Errungenschaften sponsert. Das
führende Projekt der National Endowment for the Arts
für die Jahrtausendwende wird über die Kunst die
Geschichten Amerikas erzählen und neue Projekte in
die Wege leiten, beispielsweise neue Knabenchöre
nach dem Modell des berühmten Knabenchors von
Harlem. Die National Endowment for the Arts wird

Seite 2

auch Teams von Fotografen ins ganze Land entsenden, damit sie ihre Vision von Amerika zur Jahrtausendwende festhalten. Und der Präsidialausschuß
für die Künste und Geisteswissenschaften wird sein
Worthy Ancestors-Programm einleiten, in dessen
Rahmen Wirtschaft, Kunst und gemeinnützige Organisationen zusammenkommen, um Kulturgüter aus dem
Bereich folkloristischer, volkstümlicher und klassischer
Tradition zu retten.
Viertens müssen wir Schritte unternehmen um sicherzustellen, daß die Dokumente unserer Demokratie für
die Zukunft sowie die Millionen von Amerikanern,
neuen Einwanderern und ausländischen Besuchern
erhalten werden, die sie jedes Jahr besichtigen. Sie
mögen es vielleicht nicht glauben: Die Dokumente - die
Verfassung, die Bill of Rights und die Unabhängigkeitserklärung - werden von Zeit und Elementen ernsthaft
bedroht, wenn wir nicht innerhalb der nächsten drei
Jahre handeln, um sie zu retten. Aus diesem Grund
freue ich mich sehr, daß die National Archives unter
der Leitung von Gouverneur Carlin einen Dreijahresplan verfolgen um zu gewährleisten, daß diese Papiere
auch den Übergang ins nächste Jahrhundert überleben.
Das wichtigste Projekt der Smithsonian Institution für
die Jahrtausendwende besteht darin, bis zum Jahr
2001 unser Sternenbanner zu retten - die Flagge, die
über Fort McHenry wehte und Francis Scott Key zu
seinem Gedicht inspirierte, das zum Text unserer
Nationalhymne wurde.
Fünftens müssen wir weiterhin die Grenzen von
Wissenschaft und Technologie erweitern und die
Erforschung des Universums fortsetzen. Die Landung
der Marssonde Sojourner am 4. Juli hat die Welt in
Erstaunen versetzt. Sie inspiriert eine neue Generation, und ich habe die Hoffnung, daß sie die Mehrheit
der Amerikaner von der weiteren Unterstützung der
Erforschung des Weltraums überzeugt hat. Die NASA
wird 1998, 2001 und 2003 neue unbemannte Flüge
zum Mars durchführen.
Die National Science Foundation feiert im Jahr 2000
ihr 50-jähriges Bestehen. Aus Anlaß dieses Jahrestages und um junge Menschen zu einer wissenschaftlichen Laufbahn zu ermutigen, wird die Stiftung das
Programm "National Science Foundation 2000" ins
Leben rufen - eine nationale Kampagne über die
Bedeutung von Wissenschaft, Technik und Mathematik.
Wir wissen bereits aus zahllosen Berichten, daß sich
nicht nur das Jahrtausend wendet, sondern auch die
Daten in unseren Computern. Die Experten machen
sich Sorgen, daß viele unserer Informationssysteme
nicht zwischen den Daten im 20. und 21. Jahrhundert
unterscheiden können. Ich möchte dem amerikanischen Volk versichern, daß die Bundesregierung in

AMERIKA DIENST 16

�Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten, den Kommunen und dem Privatsektor Schritte
unternimmt, um Unterbrechungen bei den staatlichen
Dienstleistungen zu vermeiden, die von einem guten
Funktionieren der staatlichen Computersysteme
abhängen. Wir können nicht zulassen, daß das
amerikanische Volk sich auf ein neues Jahrhundert
und ein neues Jahrtausend vorbereitet, während seine
Computer - das Symbol modernen Lebens und des
neuen Zeitalters - es behindern. Wir sind entschlossen, das nicht zuzulassen.
Sechstens müssen wir sicherstellen, daß wir das uns
von Gott gegebene Land für zukünftige Generationen
bewahren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärte
Theodore Roosevelt: "Wir bauen unser Land nicht für
einen Tag auf - es soll die Zeiten überdauern." Am
Vorabend eines neuen Jahrhunderts haben wir eine
moralische Verpflichtung, dieser Forderung weiterhin
gerecht zu werden. Wir haben uns bereits für den
Schutz einiger unserer größten Schätze eingesetzt vom Lake Tahoe über das Grand Staircase-Escalante
National Monument bis zu den Florida Everglades.
Und wir arbeiten daran, das sehr reale Problem des
Klimawandels im kommenden Jahrhundert zu bekämpfen.
Als nächstes müssen wir alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um den Geist des Dienstes an
der Gemeinschaft wiederzubeleben. Jeder Amerikaner sollte die Chance dazu erhalten. Und ich freue
mich sehr, daß AmeriCorps, unser Programm für den
nationalen Sozialdienst, sich zum Ziel gesetzt hat, die
Zahl seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter bis zum Jahr
2000 zu verdoppeln. Ferner freue ich mich, daß das
Peace Corps auf dem Vermächtnis seiner Dienste
aufbauen wird, indem es sich vornimmt, den Umfang
seiner globalen Partnerschaft für das Lernen - World
Wise Schools - bis zur Jahrtausendwende zu verdreifachen. Dieses Programm verbindet die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Peace Corps mit Lehrern
und Schülern hier in Amerika, um internationale und
interkulturelle Verständigung zu fördern.
Und schließlich müssen wir weiterhin als ein Amerika
zusammenkommen. Walt Whitman hat einmal gesagt:
"Wir sind eine Nation der Nationen." Unsere in
unserer Demokratie lebende Vielfalt ist die Quelle
unserer Kreativität, unseres Erfindungsgeistes und
unserer Fähigkeit zu weltweiter Kommunikation. Aus
diesem Grund habe ich im Juni unsere amerikanischen Mitbürger dazu aufgerufen, einen großen
nationalen Dialog über Rasse und Versöhnung zu
beginnen, damit wir gut in das neue Jahrtausend
kommen.
Dies sind nur einige Arten, auf die wir das neue
Jahrtausend feiern und es zu unserem machen.
Letztlich muß jeder Amerikaner entscheiden, welches
Geschenk er der Zukunft machen möchte, aber alle

AMERIKA DIENST 16

haben eine Verantwortung gegenüber unserem
gemeinsamen Schicksal. Daher möchte ich jeden
Bürger, jede Familie und jede Gemeinde auffordern
darüber nachzudenken, auf welche Weise wir das
Jahrtausend feiern und seiner gedenken können - vom
Wiederaufbau und der Verjüngung unserer Gemeindeschulen bis zur Wiederherstellung historischer
Denkmäler und der Aufzeichnung mündlich überlieferter Geschichten von Familienangehörigen.
Die Städte in ganz Amerika planen bereits ihre eigenen
Feiern. In den nächsten drei Jahren werden die First
Lady und ich mit Gouverneuren, Bürgermeistern und
Gemeindevertretern zusammenarbeiten, um dieses
Jahrtausend wirklich zu einer nationalen Feier für die
Zukunft zu machen. Ich lade Sie ein, uns Ihre Gedanken zu übermitteln, indem Sie unsere neue Webseite
über das Jahrtausendprogramm des Weißen Hauses
unter www.whitehouse.gov besuchen.
Ich habe
beschlossen, daß ich eine Zukunft habe, wenn ich 800
Nummern und Webseiten vergebe. Wir können nur
hoffen, daß wir ebenso viele Besucher haben wie die
National Archives Gouverneur Carlin zufolge.
Das ist eine ernsthafte Sache. Wir wollen die besten
Ideen für diese Gedenkfeier und die größtmögliche
Anzahl von Amerikanern zur Zusammenarbeit mobilisieren und motivieren, um einen Beitrag zur Zukunft zu
leisten. Und die Technologie kann uns dabei behilflich
sein. Wir möchten, daß Menschen jeglichen Alters und
aus allen Lebensbereichen uns ihre Ideen über die
Webseite vermitteln. In den nächsten drei Jahren wird
die Webseite uns auch die Chance bieten, dem
amerikanischen Volk unsere Planungen mitzuteilen.
Wir werden die besten örtlichen Projekte mit dem
Ehrentitel "Jahrtausendgemeinde" auszeichnen. Und
wir werden diese Geschichten auf unseren Webseiten
veröffentlichen, damit andere Gemeinden sie lesen
und aus ihnen lernen können. Andere Nationen sind
außerordentlich interessiert an unseren Plänen für das
neue Jahrtausend, und aus diesem Grund überträgt
die Voice of America diese Veranstaltung weltweit. Die
Voice of America hat auch ihr eigenes Projekt - eine
Reihe besonderer Sendungen darüber, wie wir das
Jahrtausend feiern.
Wir markieren unser Leben mit Meilensteinen und
Geburtstagen. Wir markieren die Geschichte unserer
Nation mit Gedenkfeiern - der Zweihundertjahrfeier
unserer Unabhängigkeit, dem 50. Jahrestag der
alliierten Landung in der Normandie, dem 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs im Pazifik und
nächsten Monat mit dem 40. Jahrestag der historischen Entscheidung des Obersten Bundesgerichtshofs
über die Aufhebung der Rassentrennung in der
zentralen High School von Little Rock.
Jeder unserer wichtigsten Wendepunkte war eine
Bekräftigung unserer Werte, und während wir ihrer

Seite 3

�gedenken, erneuern wir diese Werte und gewinnen
neue Energie aus ihnen. Angesichts des neuen
Jahrtausends müssen wir jetzt über unsere Verpflichtung gegenüber der Zukunft entscheiden. Vor
langer Zeit stellte Thomas Paine fest: "Es liegt in
unserer Macht, die Welt von neuem zu beginnen." Wir
haben das immer im Hinblick auf unser Land geglaubt,
und wir müssen jetzt an der Schwelle zu diesem neuen
Jahrtausend Bilanz ziehen und uns verpflichten, die

Welt für unsere Kinder, unsere Kindeskinder und für
die Menschen, die in einem neuen Jahrhundert leben,
neu zu beginnen. Den Menschen dieses neuen
Jahrhunderts müssen wir alle unsere besten Geschenke geben. Für sie werden wir dieses Jahrtausend
feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Recht und Glauben
von Richter Anthony Kennedy

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Richters am Obersten Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten, Anthony Kennedy, die er am 2. August 1997 vor der Jahresversammlung des
amerikanischen Anwaltvereins in San Francisco gehalten hat.

Unser Berufsstand und unser Recht sind ein Spiegelbild der Vereinigten Staaten. Der juristische Beruf ist
ein Spiegelbild des Erbes der Nation, ihres gegenwärtigen Zustands und ihrer Zukunft. Richterin O'Connor
und ich wissen, daß viele von Ihnen keine detaillierte
Kenntnis der Gerichtsbeschlüsse für Ihr spezielles
Fachgebiet benötigen. Wir wissen, daß nicht jeder
Anwalt jeden Tag in die Kanzlei eilt um zu lesen, was
wir in der amtlichen Sammlung der Entscheidungen
des Obersten Bundesgerichts geschrieben haben.
Viele Anwälte erteilen Ratschläge, um die Beziehungen und Transaktionen zu erleichtem, die sich ohne
die Notwendigkeit eines Eingreifens der Regierung
ergeben. In diesen unterschiedlichen Fachbereichen
erfreuen Sie alle sich der Freiheit. Wir wissen auch,
daß es ein spezielles Band zwischen allen Richtern
und Anwälten gibt. Wir sind durch den Beruf verbunden. Von Beginn der Republik drängten Anwälte für
Wirtschaftsrecht Kollegen, die sie besonders bewunderten, zur Tätigkeit in der Judikative, wodurch sie
Vertrauen und Solidarität in allen Bereichen des Berufs
zum Ausdruck brachten. Wir sind durch unser gemeinsames Erbe und unser gemeinsames Jurastudium verbunden, und so sprechen wir dieselbe Sprache
- die Sprache des Gesetzes. Einer von Ihnen kann
den Telefonhörer in die Hand nehmen und mit einem
Juristen sprechen, den er nie getroffen hat und der von
Ihnen durch einen Kontinent und vielleicht eine oder
zwei Generationen getrennt ist. Dennoch kennen Sie
sich in dem Sinne, daß dieses Band sie verbindet und
Sie diese Sprache des Gesetzes sprechen. Die
Sprache unseres Berufs ist eine unserer großartigen
nationalen Ressourcen. Viele andere Menschen und
viele andere Gesellschaften beneiden uns darum.

AMERIKA DIENST 16

Und dennoch sehen sich unser Berufsstand und die
Nation trotz unserer historischen Stärke und unseres
Prestiges mit einer schwierigen und drängenden
Aufgabe konfrontiert. Jeder heute bei dieser Versammlung Anwesende muß ihr Gewicht spüren.
Unsere Aufgabe besteht in der Bestätigung und
Bekräftigung des Glaubens unserer Mitbürger an das
Gesetz. Wenn die Rechtsstaatlichkeit erhalten werden
soll, müssen wir unseren Glauben an ihre einfachsten,
grundlegenden Prinzipien wiederherstellen und
wiederbeleben. Das Recht muß im Bewußtsein eines
Volkes leben. In einer freien Gesellschaft muß das
Recht ein Teil unseres intellektuellen Bewußtseins
sein. Der Glaube muß konstant sein, um dieses
Bewußtsein zu schaffen und dann zu bewahren. Es
wäre eine Übertreibung, wenn ich sagen würde, es
gäbe eine Krise des Unglaubens in unserer Nation,
aber unser erneutes und vertieftes Engagement ist
dennoch vordringlich. Wir dürfen nicht warten, bis wir
am Rande des Abgrunds stehen.
Wir müssen uns verstärkt für das Recht in seinem
grundlegendsten Sinn engagieren, nicht nur für uns
selbst, sondern für die neuen aufstrebenden Demokratien, die von uns den Beweis erwarten, daß die
Rechtsstaatlichkeit funktioniert. Auch an diesen Orten
gibt es oder könnte es bald eine Krise des Unglaubens
geben.
Hier ein Beispiel. Während der letzten Sitzungsperiode des Obersten Bundesgerichts und nach über
einjähriger Planung konnten wir in Washington ein
Treffen der Gerichtsvorsitzenden der Länder der
westlichen Hemisphäre von Kanada bis Argentinien
und Uruguay einberufen. Die Richter führten drei Tage
lang Gespräche. Unser Präsident des Obersten

Seite 1

�Bundesgerichtshofs und die Richter O'Connor, Scalia
und Breyer hielten ebenso wie ich Vorträge über
verschiedene Themen. Mein Vortrag widmete sich
einen ganzen Vormittag lang Fragen juristischer Ethik
und juristischer Unabhängigkeit. Ich erörterte die
theoretischen Grundpfeiler der juristischen Unabhängigkeit sowie einfache Regeln wie die Feststellung der
Nichteignung aufgrund finanzieller Interessen und das
Verbot einseitiger Kontakte zum Gericht. Als ich
geendet hatte, bat einer der Vorsitzenden aus Südafrika - ein äußerst engagierter Jurist - um das Wort.
Er sagte: "Richter Kennedy, ich stimme mit allen Ihren
Ideen, Konzepten und Vorschlägen überein. Das von
Ihnen beschriebene System ist das, was wir anstreben, nach dem wir uns alle sehnen. Und dennoch
können wir es nicht haben. Unsere Juristen und
unsere Bürger würden eine so rigorose Ethik nicht
einhalten können. Unsere Bürger würden nicht
glauben, daß dies möglich ist." Es wurde still im Saal.
Die Stille war quälend, greifbar und schmerzlich. Wir
wußten, daß dies einer der unerwarteten Augenblicke
bei einem Seminar oder Treffen war, der einen Wendepunkt markiert. Ich konnte nur eine Antwort geben.
Ich sagte: "Herr Vorsitzender, Sie müssen diese
Rechtskultur ändern, und Sie müssen heute damit
beginnen. Die Freiheit Ihres Volkes steht auf dem
Spiel."
Die neuen Demokratien in Ost- und Zentraleuropa
sehen sich mit einer ähnlichen Herausforderung
konfrontiert. Sie befinden sich am Scheideweg in der
Geschichte der menschlichen Freiheit. 1848 entschied
sich Deutschland gegen demokratische Institutionen
und leitete so eines der zerstörerischsten Jahrhunderte ein, das die Welt je gesehen hat. Heute hat die
Demokratie Ost- und Zentraleuropa erreicht, aber sie
steht noch auf tönernen Füßen. Die Geschichte wird
noch urteilen müssen, ob die Demokratie dort sicher
ist. Diese Nationen, die so mutig die Einführung der
Rechtsstaatlichkeit versuchen, werden von mächtigen
gegnerischen Kräften bedrängt: Verbrechen, Korruption und der Gefahr eines Demagogen, der die falschen Ideen lehrt. Es wäre tragisch, wenn ehrliche
Menschen, die das Funktionieren der Rechtsstaatlichkeit wollen, nicht mit diesen Kräften ringen könnten.
Die Menschen in Ost- und Zentraleuropa dürfen nicht
denken, sie hätten einfach die Gesetzlosigkeit eines
Diktators gegen die Gesetzlosigkeit des Mob eingetauscht. Sie müssen sicher sein, daß es einen Ort der
Ruhe zwischen der Skylla der Tyrannei und der
Charybdis der Anarchie gibt. Sie blicken auf die
Vereinigten Staaten, um den Stand unserer Gesetze,
den Tenor unserer öffentlichen Debatte und den
Zustand unserer gesamten sozialen Ordnung zu
erfahren. Was sie sehen, kann einen echten Unterschied bei ihrer Entschlossenheit und ihrem Durchhaltevermögen bewirken.
Lassen Sie uns dann die Grundsätze erwägen, an die
unsere eigene Gesellschaft und unser Volk glauben

Seite 2

und die sie bewahren müssen, wenn unsere Rechtsordnung sicher und eine Quelle der Inspiration für uns
und andere sein soll. Am Anfang wissen wir, daß wir
einen gemeinsamen Glauben an einige generelle
Prinzipien teilen, die Staatstreue vorschreiben und
eine Vielfalt von Überzeugungen berücksichtigen.
Freie Institutionen setzen diese Vielfalt voraus. Die
Verfassung der Vereinigten Staaten, die Charta von
1789 mit der Bill of Rights und ihren elementaren
Verfassungszusätzen, ist ein notwendiger Ausgangspunkt. Diese Verfassung ist unsere grundlegende
Charta, das Instrument, das die Gerichte interpretieren,
das Dokument, das weiterhin ein Monument in der
gesamten Geschichte des menschlichen Denkens ist.
Sie kennen diese Verfassung sehr genau, und unser
Volk hält sie in Ehren.
Die Grundsätze, die ich erörtern möchte, beziehen sich
auf Verfassungen im allgemeinen. Verfassungen
beinhalten den Gesamtzustand unserer Gesellschaft
mit allen Konventionen, Sitten, Gebräuchen und
Überzeugungen, die freie Menschen charakterisieren.
Das gilt auch, wenn die Verpflichtungen nicht durch
das Gesetz durchgesetzt werden können und sollten.
Ich meine die Verfassungen, über die Plato und
Aristoteles, Hobbes und Locke sprachen, als sie
untersuchten, ob eine Gesellschaft anständig und
gerecht ist. Verfassungen im allgemeinen setzen
dauerhaften Glauben unsererseits an bestimmte
Regeln voraus, wenn die offizielle Verfassung und die
Rechtsstaatlichkeit gesichert sein sollen. Die Anwaltschaft hat eine besondere Verantwortung zur Wahrung
dieser Grundsätze, von denen ich heute drei ansprechen möchte.
Erstens müssen wir auf der Verantwortung des
Einzelnen bestehen. Jeder muß die Verantwortung für
seine Taten übernehmen. Dieser Grundsatz beinhaltet
die Pflicht zur Umsetzung des Strafrechts und des
bürgerlichen Rechts, erstreckt sich aber auch auf
Bestrebungen der Gesellschaft und die gesellschaftlichen Beziehungen. Persönliche Verantwortung ist für
die Definition von Individualität unerläßlich. Jedes
Mitglied unserer Gesellschaft - auch junge Menschen muß diese Idee verstehen und respektieren. Freiheit
des Einzelnen setzt Verantwortung des Einzelnen
voraus.
Dieses Thema taucht in mehreren Zusammenhängen
auf. Als ein Beispiel möchte ich die Verteidigung mit
dem Argument verminderter Rechtsfähigkeit im
Strafrecht nennen. Wenn dieses im Strafrecht überhaupt anerkannt wird, sollte das nur in den seltensten
Fällen geschehen. James Q. Wilson erzählt von
einem Kriminalfall, bei dem ein Mann eines Verbrechens angeklagt wurde, das er begangen haben
soll, als er sich an einem Aufstand beteiligte. Er
plädierte auf verminderte Rechtsfähigkeit, da er von
der Aufregung und den Emotionen mitgerissen worden
sei. Das ist eine seltsame Verdrehung der Rechts-

AMERIKA DIENST 16

�Staatlichkeit. Unsere Gesellschaft ist mitfühlend und
daher versucht, den Einzelnen aufgrund früherer
Ungerechtigkeit oder hartnäckiger sozialer Mißstände
von der Verantwortung zu entbinden. Wenn wir
unsere Gesellschaft verbessern möchten, müssen wir
uns mit diesen Defiziten befassen, was aber nicht so
weit gehen sollte, daß die Idee persönlicher und
moralischer Verantwortung unterminiert wird. Wir
dürfen das Grundprinzip nicht verdecken.
Wenn unsere Nation sich vor der Geschichte rechtfertigen muß, werden wir nicht verminderte Rechtsfähigkeit zu unserer Verteidigung anführen können.
Und wenn unsere Helden gezählt werden, gehören
dazu diejenigen, die erkannt haben, daß die Verantwortung des Einzelnen die Freiheit fördert, nicht
verweigert.
Der zweite und dritte Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit
sind Vernunft und staatsbürgerliches Verhalten. Diese
Grundsätze gelten ganz allgemein für alle gesellschaftlichen Bestrebungen. Zum Beruf des Juristen
gehört die besondere Verpflichtung zu vernunftbestimmtem und staatsbürgerlichem Verhalten, denn
wir wollen Ordnung in eine andernfalls ungeordnete
Debatte bringen. Vernunftbestimmtes und staatsbürgerliches Verhalten sollten zwei der wichtigsten
Beiträge darstellen, die der juristische Beruf zur
sozialen Ordnung leisten kann.
Die Verpflichtung zur Vernunft ist das eine freie
Gesellschaft untermauernde Grundprinzip. Zweifelsohne impliziert es andere elementare Werte wie
Neutralität, Objektivität und Aufrichtigkeit, die Lincoln
und so viele Juristen in diesem Land unter Beweis
stellten. Die Idee der Vernunft ist, daß eine durch das
Gesetz geeinte Gruppe von Bürgern ein Problem
ausreichend informiert untersuchen und zu einer
vernünftigen, gemeinsamen Schlußfolgerung gelangen
kann. So müssen wir im Rahmen des offiziellen
Rechtssystems, beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen mit Geschworenen, vorgehen. Und so sollten
Bürger, insbesondere Juristen, unsere öffentliche
Debatte führen.
Betrachten Sie sich die Debatten über Vorschläge zur
Verbesserung oder Förderung des Rechtssystems. Es
gibt kaum ein Spektakel, das destruktiver für das
Ansehen unseres Berufs ist, als wenn ein Jurist oder
eine Gruppe von Juristen zu Vorschlägen über
Gesetzesänderungen Stellung nehmen, die nur auf
den finanziellen Eigeninteressen dieser Juristen
basieren. Unser Berufsstand und die Nation verdienen
Ihr objektives Urteil und kein von Eigeninteressen
geleitetes Lobbying. Bisweilen müssen wir als bezahlte Waffe eines anderen agieren; wir brauchen jedoch
keine bezahlte Waffe für uns selbst zu sein.

Bestandteil. Staatsbürgerliches Verhalten ist ein
populärer Ausdruck, weil er nicht politisch belastet ist
und keine parteipolitischen Implikationen hat. Und
genau darum geht es. Daß dieses Konzept akzeptabel
ist, zeigt, daß es grundlegend und nicht belanglos ist.
Es handelt sich nicht um eine zufällige Idee, einen
Ausdruck, vor dem wir uns kurz verneigen, bevor wir
uns in eine erbitterte Debatte stürzen. Es ist kein
Slogan auf irgendeinem Aufkleber wie "Hast Du heute
schon Deinen Feind umarmt?" Staatsbürgerliches
Verhalten ist das Kennzeichen einer erfolgreichen und
herausragenden Persönlichkeit - und mehr. Es ist ein
Selbstzweck. Staatsbürgerliches Verhalten ist tief in
der Idee verwurzelt, den Einzelnen zu respektieren.
Wir behandeln uns mit gegenseitigem Respekt, weil
wir die Bestrebungen anderer Menschen und ihre
Gleichstellung in der demokratischen Gesellschaft
respektieren. Wir müssen Staatsbürgertum in jedem
Teil unseres Rechtssystems und der öffentlichen
Debatte wiederherstellen. Staatsbürgerliches Verhalten definiert unser gemeinsames Anliegen einer
Förderung der Rechtsstaatlichkeit. Unsere ehrlichen
und anständigen Bürger müssen dazu überredet
werden, sich im öffentlichen Leben zu engagieren,
aber sie werden das nur ungern tun, wenn unser
Dialog nicht durch staatsbürgerliches Verhalten
charakterisiert ist. Wenn unsere besten Bürger unsere
Debatte nicht bewundern, werden Angehörige anderer
Nationen das erst recht nicht tun - die Menschen, die
nach den Prinzipien verlangen, die die Grundlage
gemeinsamer Überzeugungen sind und die Rechtsstaatlichkeit in einer Gesellschaft untermauern.
Staatsbürgerliches Verhalten bedeutet nicht, daß die
Argumente eines Juristen nicht überzeugend sein
dürfen. Es übersieht auch nicht die elementare Rolle
des Juristen oder Bürgers, die ihre Stimme aus Protest
gegen die Ungerechtigkeit erheben müssen. Die Idee
des Protests ist in unserer gesetzlichen Tradition von
lebenswichtiger Bedeutung. Protest enthält oft eine
Bitte, die die Gesellschaft lieber nicht hören möchte,
was jedoch nicht heißt, daß sie der Staatsbürgerlichkeit entbehrt. Gezielter Protest ist Protest gegen
Ungerechtigkeit, und Ungerechtigkeit ist grober Mangel
an staatsbürgerlichem Verhalten. Die Geschichte von
Antigone, die ihren Bruder entgegen dem gesetzlosen
Befehl des Tyrannen beerdigt; die Realität von Rosa
Parks würdevoller Weigerung, sich im Bus einen
anderen Sitzplatz zu suchen; das Bild eines jungen
chinesischen Studenten, der kurz vor den tragischen
Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens
einen Panzer stoppt; die von Wel Jingshend in seiner
Zelle in China verfaßte - in sehr höfliche Worte gekleidete - vernichtende Kritik an den Politikern - all diese
Proteste spiegeln den amerikanischen Geist wider.
Wir dürfen jedoch eines nicht vergessen: Freiheit mag
aus Protest geboren werden, sie überlebt jedoch nur in
einem Rechtsstaat.

Staatsbürgerliches Verhalten - der dritte Grundsatz ist eng mit Vernunft verbunden, wenn nicht sogar ihr

AMERIKA DIENST 16

Seite 3

�Das bringt mich zurück an den Anfang meiner Ausführungen. Das Recht kann nicht im Bewußtsein der
Menschen leben, ohne daß diese von den Prinzipien
individueller Verantwortung, Vernunft und Staatsbürgerlichkeit überzeugt sind. Niemand ist stärker an
einem erneuten Engagement für Rechtsstaatlichkeit
und diese Grundsätze interessiert und offener dafür als
die heutige Generation der Jurastudenten und jüngsten Absolventen juristischer Fakultäten. Abschließend möchte ich kurz auf sie zu sprechen kommen.
Ich besuche juristische Fakultäten in verschiedenen
Regionen und sogar verschiedenen Ländern und habe
gerade einen Kurs abgeschlossen, den ich in Europa
gelehrt habe. 120 Studenten von 23 verschiedenen
juristischen Fakultäten aus den Vereinigten Staaten
und anderen Ländern nahmen daran teil. Ich muß
sagen, daß ich in meinen mehr als 33 Jahren Unterrichtserfahrung keine Generation mit so viel Mäßigung,

*

Seite 4

Anstand, Altruismus, Vernunft, staatsbürgerlichem
Verhalten und Sinn für staatsbürgerliche Pflichten
erlebt habe. Viele Professoren der Jurisprudenz und
anderer Disziplinen sowohl hier als auch im Ausland
teilen meine Ansicht. Diese jungen Menschen, die
bald die wichtigsten Treuhänder unserer rechtlichen
Tradition sein werden, möchten hören, daß es eine
Ehre ist, Mitglied der Anwaltschaft und dieses Anwaltsvereins zu sein. Wenn wir uns jetzt erneut dem
Glauben an das Gesetz und seine Grundsätze verschreiben, werden wir sie nicht enttäuschen. Unser
erneutes Engagement und unsere erneute Bekräftigung dieser Grundsätze werden die Grundlage für ein
neues Bündnis mit allen Demokratien bilden - kein
Bündnis der Waffen, sondern des Glaubens an die
Erhöhung der Standards, die das Recht, die Rechtsstaatlichkeit sichern - das Recht, das das einzige Mittel
ist, die Fortschritte der Menschheit zu sichern.

*

AMERIKA DIENST 16

�NAHER

OSTEN
20. August 1997

Albright verurteilt Gewalt, Terror
und unilaterale Aktionen
Rede der US-Außenministerin

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Madeleine Albright am 6. August
1997 vor dem National Press Club gehaltene Rede.

Der israelisch-palästinensische Friedensprozeß
Verehrte Mitglieder des National Press Club, liebe
Gäste, Kollegen und Freunde. Ich freue mich sehr,
daß wir unter der Führung Präsident Clintons während
des ersten halben Jahrs meiner Amtszeit als Außenministerin Fortschritte auf mehreren Gebieten erzielt
haben, die für Sicherheit, Wohlstand und das Wertesystem des amerikanischen Volkes von Bedeutung
sind.
Die Vereinigten Staaten sind der Chemiewaffenkonvention beigetreten.
Die NATO hat drei der neuen zentraleuropäischen
Demokratien zum Beitritt eingeladen und historische
Partnerschaften mit Rußland und der Ukraine begonnen.
Der Kongreß hat einer stärkeren Finanzierung internationaler Angelegenheiten zugestimmt und einen Plan
ausgearbeitet, die UN-Reform anzukurbeln und
gleichzeitig die amerikanischen Zahlungsrückstände
bei dieser Organisation zu begleichen.
Wir machen Fortschritte bei der Implementierung des
Daytoner Abkommens und der Förderung des Kriegsverbrechertribunals.
Wir haben normale Handelsbeziehungen zu China
wiederhergestellt, gleichzeitig aber offen unsere
Besorgnis über die Weiterverbreitung von Waffen
sowie unsere Unterstützung der Menschenrechte
gezeigt.

AMERIKA DIENST 16

Wir haben neue Richtlinien für unsere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Japan entworfen,
Fortschritte auf dem Weg zu Vierparteiengesprächen
in Korea erzielt, unsere Arbeitsbeziehungen zu
Mexiko, Zentralamerika und der Karibik gestärkt und
einen Plan zum Ausbau von Handel und Investitionen
in Afrika bekanntgegeben. Insgesamt war es eine
bemerkenswerte Zeit. Bedauerlicherweise sind die im
Nahen Osten - einem für unsere Interessen wichtigen
Gebiet - erzielten Fortschritte zwischen Israelis und
Palästinensern jetzt in Gefahr.
Heute möchte ich die Gründe für den Stillstand des
Friedensprozesses in dieser Region erörtern und
Vorschläge für die Wiederherstellung der positiven
Dynamik unterbreiten.
Die Dringlichkeit dieses Ziels trat vor einer Woche zu
Tage, als bei dem Bombenanschlag auf den Mahane
Yehuda Markt in Jerusalem 13 Israelis - darunter einer
mit amerikanischem Paß - umkamen und 168 verletzt
wurden. Hinter diesen Zahlen verbergen sich die
Gesichter von Müttern, Vätern, Großeltern und Kindern, die umgebracht wurden - nicht wegen etwas, das
sie getan hatten, sondern nur aus dem Grund, wer und
wo sie waren. Tragischerweise ist das israelische Volk
- nach nahezu 50-jähriger Geschichte seines Staates immer noch die Zielscheibe einer mörderischen
Terrorkampagne.
Kein Volk sollte so leben müssen.
Gleichzeitig sagen solche Vorfälle auch etwas sehr
Positives und Richtiges über das israelische Volk aus:
Daß es sich niemals an derartige Ereignisse gewöh-

Seite 1

�nen und niemals aufhören wird, darauf mit Empörung
und Trauer zu reagieren, die verfrüht beendeten
Menschenleben zu betrauern, die Familien zu trösten
und ein Ende der Terroranschläge zu fordern - und
daß es sich niemals geschlagen geben wird.
Es sagt auch etwas Hoffnungsvolles über die Zukunft
des Nahen Ostens aus, daß diesen Sommer 162
arabische, israelische und palästinensische Teenager
an einem vom Programm "Saat des Friedens" gesponserten Ferienlager in den Wäldern von Maine teilnehmen, und daß dieser tragische Bombenanschlag diese
jungen Menschen durch den Schock, die Trauer und
Entschlossenheit geeint hat, dem Teufelskreis der
Gewalt in ihrer Region ein Ende zu setzen.
Amerikaner nehmen Anteil an allen diesen Gefühlen
und Reaktionen. Unsere Gedanken sind bei den
Familien und Freunden der vergangene Woche
Getöteten oder Verwundeten. Wir stehen Israel bei
seinem Kampf gegen den Terror zur Seite. Wir
bewahren unser unerschütterliches Engagement für
die israelische Sicherheit. Und wir verurteilen gemeinsam mit anderen Regierungen und Völkern aus jedem
Teil der Erde den brutalen Anschlag von letzter
Woche.
Wir haben klare Überzeugungen. Terrorismus ist ein
Übel, für das es keine Rechtfertigung gibt. Er ist ein
Instrument von Feiglingen. Er tötet Unschuldige nicht
zufällig, sondern absichtlich. Und die Absicht im
Nahen Osten ist, den Friedensprozeß zu zerstören,
indem die Sicherheit untergraben und die Hoffnung auf
Frieden vernichtet wird.
Wir wissen noch nicht, wer den Bombenanschlag auf
den Mahane Yehuda Markt verübt hat.
Aber wir können sicher sein, daß dieses Verbrechen
nicht wahllos verübt wurde. Terroristen schlagen oft
zu, wenn sie der Ansicht sind, daß die Parteien
Fortschritte machen. Es mag mehr als nur ein Zufall
sein, daß der jüngste Anschlag kurz nach der Ankündigung verübt wurde, daß die im Rahmen des HebronAbkommens geschaffenen Interimsausschüsse ihre
Verhandlungen wiederaufnehmen würden - und am
Vorabend der amerikanischen Bestrebungen, sich an
der Überwindung der gegenwärtigen Pattsituation zu
beteiligen.
Wir haben im arabisch-israelischen Friedensprozeß zu
viel erreicht um zuzulassen, daß die Aasgeier der
Gewalt die Zukunft der Region bestimmen.
Es steht zu viel auf dem Spiel. In der Vergangenheit
wurden bereits zu große Opfer gebracht.
Und die Menschen in der Region wurden bereits zu
lange durch Blutvergießen und Streit belastet.

Seite 2

Wir müssen denjenigen antworten, die dem Frieden
den Krieg erklärt haben, indem wir dem Terror den
Krieg erklären - in dem Wissen, daß die Schaffung von
Frieden und die Bekämpfung von Terrorismus keine
separaten Kämpfe sind, sondern vielmehr zwei Seiten
ein und desselben Kampfes. Wir können nicht in
einem Kampf erfolgreich sein, wenn wir nicht in beiden
die Oberhand behalten.
Der vor uns liegende Weg ist schwierig, aber dasselbe
gilt auch für den bereits zurückgelegten.
Im Lauf der Jahre war das Streben nach Frieden im
Nahen Osten bereits mehreren Erschütterungen,
Rückschlägen und Traumata ausgesetzt. Wir sahen
mit Entsetzen, wie Bombenanschläge auf Busse und
Märkte verübt, Schulkinder angegriffen, große Staatsmänner wie Präsident Sadat und Ministerpräsident
Rabin ermordet und Unschuldige sogar in Gotteshäusern niedergeschossen wurden.
Trotzdem kamen in Madrid, Oslo, Washington, Kairo
und am Arava historische Feinde zusammen und
sprachen die Sprache des Friedens. Wir waren
Zeuge, wie die Bande zwischen Arabern und Israelis
enger wurden und diese sich im Rahmen eines
Prozesses regionaler Zusammenarbeit schwierigen
Fragen wie Wasserversorgung, Umwelt und Flüchtlingsproblemen widmeten.
Wir haben gesehen, wie arabische und israelische
Geschäftsleute bei einer Reihe von Wirtschaftsgipfeln
Kontakt aufnahmen und die Grundlagen für verstärkten
Handel und Investitionen und erhöhten Wohlstand
legten.
Wir haben gesehen, wie umfassende Fortschritte zur
Beendigung des Sekundär- und Tertiärboykotts Israels
gemacht wurden, wodurch israelische Produkte für die
Welt und die Produkte der Welt für Israel zugänglich
wurden. Wir waren Zeuge substantieller Verhandlungen zur Erlangung einer umfassenden Einigung
zwischen Israel und allen seinen arabischen Nachbarn.
Und wir haben gesehen, wie viele Nationen außerhalb
dieser Region, die jedoch von ihr beeinflußt werden beispielsweise Rußland, Norwegen, Japan und
Mitglieder der EU - dem Frieden diplomatische,
politische und finanzielle Unterstützung gewähren. Wir
müssen uns fragen, warum dieser Prozeß alle Traumata überlebt hat, und wie er trotz Bitterkeit, Trauer,
Leid und Wut Bestand haben konnte.
Die Antwort lautet, daß die überwältigende Mehrheit
der Menschen in der Region - Israelis, Araber und
Palästinenser - zu der Überzeugung gelangt ist, daß
der Status quo inakzeptabel ist, die Kosten des
Konflikts zu hoch sind und das Streben nach Frieden

AMERIKA DIENST 16

�zumindest das Versprechen einer besseren Zukunft
beinhaltet.
Sie wissen, daß ihre Gesellschaften, wenn es keinen
Frieden gibt, weiterhin von den Sorgen der Vergangenheit gebeutelt werden, ihre Region auf dem Weltmarkt
weiter zurückfällt und ihre Kinder in Unsicherheit,
Gefahr und Angst aufwachsen.
Der Wunsch des Volkes nach Frieden ist dauerhaft,
unverwüstlich und stark.
Davor fürchten sich Extremisten und Terroristen am
meisten. Und aus diesem Grund hat der Friedensprozeß trotz des Bombenanschlags von vergangener
Woche und trotz weiterer Gewaltandrohung überlebt
und wird es auch in Zukunft tun.
Als Israelis und Palästinenser 1993 in Oslo zusammenkamen, trat das Bestreben zur Erlangung des
Friedens in eine neue Phase ein. Die Parteien einigten
sich erstmals auf gegenseitige Anerkennung. Und sie
beschlossen, wie die auf kollidierenden Ideologien und
Gewalt basierende ehemals unlösbare Konfrontation in
realisierbare politische Verhandlungen auf der Grundlage gemeinsamer Interessen umgewandelt werden
kann. Die Politiker konnten sich darauf einigen, weil
das israelische und palästinensische Volk die Notwendigkeit verstanden, sich gegenseitig anzuerkennen,
direkt miteinander zu sprechen und die politische
Identität des anderen zu akzeptieren.
Nachdem jetzt die Schwelle zu gegenseitiger Anerkennung überschritten worden ist, gibt es keine
Rückkehr zu gegenseitiger Ablehnung. Keine Partei
kann zu den früheren Zeiten zurückkehren.
Indem sich Israelis und Palästinenser einigten, sich
gegenseitig als Partner zu akzeptieren, unternahmen
sie einen unumkehrbaren Schritt zur Beendigung ihres
Konflikts.
Die Frage lautet heute nicht ob, sondern wann Israelis
und Palästinenser ein für beide Seiten akzeptables
Abkommen erlangen. Die Zeitfrage ist sehr wichtig.
Mit unserer Hilfe können sich Israelis und Palästinenser stetig einer besseren Zukunft nähern oder aber
weiterhin in gegenseitigem Mißtrauen und gegenseitigen Beschuldigungen verhaftet bleiben.
Je länger Entscheidungen hinausgeschoben werden,
desto mehr Konflikt und Leiden werden sich daraus
ergeben.
Ministerpräsident Netanjahu äußerte
kürzlich, an der Spitze Israels sei man wie "auf Rosen
gebettet", jedoch "mit vielen Dornen".
Ich nehme an, daß der PLO-Vorsitzende Arafat seinen
Job mit ähnlichen Worten beschreiben könnte. Man
kann nicht fair über den Nahen Osten sprechen, ohne
die Schwierigkeiten anzuerkennen, mit denen die

AMERIKA DIENST 16

führenden Politiker konfrontiert werden. Man kann
nicht zutreffend über die Region sprechen, ohne
anzuerkennen, wie wichtig der Frieden für das israelische und das palästinensische Volk gleichermaßen
ist und ohne anzuerkennen, daß beide Völker sich für
den Frieden entschieden haben.
In jeder Gesellschaft ist es wichtig, daß das Zentrum
harte Arbeit leistet, um die Oberhand über die Extremisten zu behalten. Und es ist von elementarer
Bedeutung, die Botschaft zu übermitteln, daß es nicht
länger akzeptabel ist, die für die Suche nach dem
Frieden erforderlichen schwierigen Entscheidungen zu
umgehen. Bedauerlicherweise gab es während der
letzten Monate seitdem verheißungsvollen Abkommen
über Hebron keine neuen Fortschritte. Jetzt werden
wir mit einer Vertrauenskrise konfrontiert, die bisherige
Fortschritte in Gefahr bringt, alte Animositäten Wiederaufleben läßt und Israelis und Palästinenser gleichermaßen mit Angst vor der Zukunft zurückläßt.
Um den gegenwärtigen toten Punkt zu überwinden,
müssen Israelis und Palästinenser zu den Grundprinzipien zurückkehren. Diese Prinzipien konzentrieren sich nicht auf den Inhalt der Verhandlungen,
über den die Parteien am Verhandlungstisch sprechen
müssen, sondern auf die viel grundlegendere Frage,
wie die Parteien die Verhandlungen angehen sollten,
um das günstigste Klima für Erfolg zu schaffen.
Welches sind diese Prinzipien? Erstens: Unerläßliche
Bedingung für Fortschritt ist die gegenseitige Verpflichtung zu Sicherheit und Gewaltlosigkeit. Das ist
grundlegend. Das gebietet der gesunde Menschenverstand. Im Friedensprozeß ist kein Platz für Gewalt
oder Terror und kein Platz für den Einsatz von sicherheitspolitischer Zusammenarbeit als Druckmittel
bei Verhandlungen.
Dieser Ansatz zerstört das
Vertrauen, leistet dem Extremismus Vorschub und
unterminiert die Aussichten auf Frieden.
In den letzten Monaten sind viele Israelis zu der
Überzeugung gelangt, daß die palästinensische
Autonomiebehörde ihr Versprechen zur Bekämpfung
des Terrors nicht ernst nimmt, den Worten der Palästinenser keine Taten folgen und die Worte selbst nicht
konsequent oder klar sind. Sie machen sich Sorgen,
daß die Gewalt auf den Straßen inszeniert sein könnte.
Und sie fragen sich, ob die palästinensische Autonomiebehörde alles in ihrer Macht Stehende unternimmt,
um Anstiftung zu Gewalt und Terroranschlägen zu
verhindern.
Sie fürchten, daß die Gewalt grünes Licht bekommt,
während in Oslo rotes Licht gefordert wurde, das für
den Friedensprozeß unerläßlich ist. Wir wollen nicht
das Unmögliche. Bei Selbstmordterroristen gibt es
kein perfektes System, um die Sicherheit zu garantieren. Wir können keinen hundertprozentigen Erfolg
erwarten. Wir müssen jedoch hundertprozentige

Seite 3

�Bestrebungen im Hinblick auf unilaterale Maßnahmen
der palästinensischen Autonomiebehörde zur Bekämpfung des Terrorismus sowie bei der israelisch-palästinensischen Sicherheitszusammenarbeit in die Wege
leiten.
Was bedeutet das im Einzelnen? Es bedeutet Informationsaustausch und die Koordinierung von Maßnahmen im Bereich der Strafverfolgung. Es bedeutet
unermüdliche Bestrebungen zum Aufdecken potentieller terroristischer Gewaltakte und ihrer Abschreckung.
Es bedeutet Aufspüren und Beschlagnahme von
geheimen Waffenlagern, wie es der palästinensischen
Polizei vor zwei Wochen in Beit Sahour gelungen ist.
Es bedeutet die Festnahme und Verfolgung derjenigen, die an der Planung, Finanzierung, Unterstützung
oder Ermutigung des Terrorismus beteiligt sind. Und
es bedeutet, alles in unserer Macht Stehende zur
Schaffung eines moralischen Umfelds zu unternehmen, in dem die Befürwortung von Gewalt und Terror
abnimmt. Die Terroristen geben nicht auf, und deshalb
dürfen wir in unserem Kampf gegen sie ebenfalls nicht
aufgeben. In dieser Sache darf man kein Auge
zudrücken, es darf keine Doppeldeutigkeit oder
Doppelmoral geben - und im Hinblick auf die Gefangennahme von Terroristen keine Drehtüren.
Und das Niveau der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit darf nicht mit den Höhen und Tiefen der Verhandlungen schwanken.
Die Verpflichtung der
Palästinenser
zur
Bekämpfung des Terrors
muß konstant und absolut sein. Das ist von elementarer Bedeutung für Fortschritte beim Friedensprozeß.
Es ist offensichtlich erforderlich, in Israel ein Klima
größerer Sicherheit und größeren Vertrauens zu
schaffen. Aber das ist auch für die Palästinenser
unerläßlich.
Extremistische Gewalt stellt für die
palästinensische Gesellschaft eine große Bedrohung
dar. Palästinenser sind bisweilen direkte Zielscheibe
dieser Gewalt. Und sie leiden unter wirtschaftlichen
und humanitären Härten, wenn Israel die Gebiete
abriegelt.
Obwohl die Israelis zu häufig Opfer des Terrors
geworden sind, muß man fairerweise sagen, daß die
Anschläge durch den Islamischen Heiligen Krieg und
die Hamas auch von den Palästinensern einen
schrecklichen Preis gefordert haben - nicht nur in
ihrem täglichen Wohlergehen, sondern auch im
Hinblick auf ihre langfristigen Hoffnungen und Chancen. Israelis und Palästinenser müssen sich zur
Bekämpfung ihres gemeinsamen Feindes - des
Terrorismus - zusammenschließen. Sie müssen sich
zur Beendigung der Gewalt zusammenschließen, die
dafür Verantwortlichen verhaften und ein Umfeld
schaffen, in dem alle nicht nur überleben, sondern
auch prosperieren und die Aufgabe in Angriff nehmen
können, ein sicheres und produktives Leben auf-

Seite 4

zubauen. Das ist das erste Prinzip von Oslo und der
Eckpfeiler eines dauerhaften Friedens.
Das zweite Prinzip ist, daß beide Seiten die Beilegung
ihrer Streitigkeiten über die Themen am Verhandlungstisch und nirgendwo sonst vereinbart haben. Es liegt
im Interesse beider Parteien, Schritte zu vermeiden,
die das Vertrauen des anderen in den Prozeß unterminieren. In der Praxis bedeutet das die Abkehr von
unilateralen Aktionen, die vorschnelle Entscheidungen
über Themen herbeiführen, die den Verhandlungen
über den endgültigen Status vorbehalten sind.
Ich möchte mich klar ausdrücken. Es gibt kein moralisches Äquivalent zwischen Selbstmordattentätern
und Planierraupen, zwischen der Ermordung unschuldiger Menschen und dem Bau von Häusern. Es
ist einfach nicht möglich, politische Themen ernsthaft in
einem Klima der Einschüchterung und des Terrors
anzusprechen.
Aber das Prinzip, nutzlose unilaterale Aktionen zu
unterlassen, ist entscheidend für die Bewahrung des
gegenseitigen Vertrauens. Insbesondere mit Blick auf
die Verhandlungen über den endgültigen Status ist es
unerläßlich, daß die Parteien überdenken, wie ihre
Aktionen das Umfeld für diese Verhandlungen beeinträchtigen.
Die Palästinenser argumentieren, daß Israel in den
vergangenen Monaten Aktionen unternommen hat, die
eine vorschnelle Entscheidung über Themen bewirken,
die den Verhandlungen über den endgültigen Status
vorbehalten sind. Dazu zählen Siedlungsaktivitäten,
Bauvorhaben in Har Homa und die Beschlagnahme
von Land. Diese Aktionen haben bei vielen Palästinensern Unsicherheit über die Absichten der Israelis
hervorgerufen, die Logik der Verhandlungen für sie
unterminiert und eine Vertrauenskrise gegenüber
ihrem israelischen Partner bewirkt. Die Frage ist
berechtigt: Wie kann man ein glaubwürdiges Umfeld
für Verhandlungen schaffen, wenn Aktionen erfolgen,
die das Ergebnis vorwegzunehmen scheinen?
Um das Vertrauen wiederherzustellen, müssen beide
Seiten ernsthaft und im Vorhinein über die möglichen
Auswirkungen dessen nachdenken, was sie tun und
sagen. Sie müssen mehr tun als zu fragen, ob eine
Aktion technisch legal ist; sie müssen fragen, ob sie
klug ist und im Einklang mit dem Geist ihrer Partnerschaft steht und sie den Zielen ihrer Abkommen
näherbringt.
Die dritte Regel für den Verhandlungsprozeß lautet,
daß beide Seiten mit Worten und Taten demonstrieren
müssen, daß sie Frieden nicht als eine Option von
vielen verstehen, sondern als die einzige Option, die
Sicherheit und Wohlergehen ihres Volkes bietet.

AMERIKA DIENST 16

�Es war diese gegenseitige Anerkennung, die Israel
und die Palästinenser zu Partnern beim Streben nach
Frieden machte. Und es ist die Logik dieser Partnerschaft, die eine Überwindung der Hindernisse und
Rückschläge der Vergangenheit möglich gemacht hat,
wie es das in diesem Jahr abgeschlossene HebronAbkommen demonstriert.
Sowohl die israelischen als auch die palästinensischen
Politiker haben einhellig ihre Verpflichtung zu Frieden
zum Ausdruck gebracht. Aber der Erfolg des Verhandlungsprozesses erfordert mehr. Sie müssen ihre
Verpflichtung zu Partnerschaft und Zusammenarbeit
bei der Lösung von Problemen bekräftigen.
Sie müssen bekräftigen, daß die Zukunft ihrer beiden
Völker kein Nullsummenspiel ist, bei dem eine Partei
gewinnt und die andere verliert, oder bei dem einer mit
einem Vorteil vor dem anderen vom Verhandlungstisch
aufsteht. Wenn zwei Menschen in einem Boot auf eine
Stromschnelle zusteuern, sollten sie nicht darüber
diskutieren, wie sie dorthin gekommen sind - sie
sollten gemeinsam auf das sichere Ufer zurudern.
Die Israelis und Palästinenser werden weiterhin
beträchtliche Differenzen bei ihren Verhandlungen
haben, insbesondere in der noch anzusprechenden
Frage des endgültigen Status. Das Ausmaß dieser
Differenzen macht es umso unerläßlicher, daß die
Parteien nach Wegen zum Wiederaufbau des gegenseitigen Vertrauens und zur Wiederherstellung eines
dynamischen Friedensprozesses suchen.
Der Geist der Partnerschaft muß beide Seiten motivieren. Und eine Anerkennung der legitimen Rechte
des Partners muß das Verhalten beeinflussen. In der
Tat muß die neue Geisteshaltung lauten: "Kein
Problem ist zu groß, als daß wir es nicht gemeinsam
lösen können."
Während Israelis und Palästinenser auf die Wiederbelebung ihrer Verhandlungen hinarbeiten, ist es
unabdingbar, daß die internationale Staatengemeinschaft ihren Teil zur Unterstützung dieser Bestrebungen beiträgt und erkennt, daß Wohlstand ein Vorläufer
des Friedens ist. Jede Nation mit einem Interesse an
der Region - insbesondere Israel - hat ein Interesse an
sozialen und wirtschaftlichen Fortschritten der palästinesischen Autonomiebehörde und sollte einen entsprechenden Beitrag dazu leisten.
Den arabischen Staaten kommt die Verantwortung
zum Aufbau des Friedens durch eine Normalisierung
der Beziehungen in ihrer gesamten Region zu. Dialog,
geschäftliche und persönliche Kontakte sollten an die
Stelle von Boykotten und Feindseligkeit treten. Das ist
die dem im November in Doha geplanten NahostWirtschaftsgipfel zugrundliegende Logik. Die Länder
in der Region werden dem Friedensprozeß und ihrer

AMERIKA DIENST 16

eigenen wirtschaftlichen Zukunft nur schaden, wenn
sie an diesem Gipfel nicht teilnehmen.
In diesem Zusammenhang möchte ich König Hussein
sowohl für seinen direkten Beitrag zu dem Friedensprozeß als auch für die von ihm unternommenen
Anstrengungen danken, die Araber und Israelis
gleichermaßen von den wirtschaftlichen und politischen Vorteilen des Friedens zu überzeugen.
Seit Jahrzehnten haben sich die Vereinigten Staaten
entschieden für einen umfassenden Frieden im Nahen
Osten engagiert. Ebenso wie seine Vorgänger mißt
Präsident Clinton dem oberste Priorität bei und arbeitet
hart an der Unterstützung der Bestrebungen der
Parteien zur Erlangung dieses Ziels.
Seit Jahren gründet die Politik der Vereinigten Staaten
gegenüber dem arabisch-israelischen Friedensprozeß
auf Schlüsselelementen, die unseren Ansatz unterstreichen.
Diese zentralen Elemente besitzen auch heute noch
Gültigkeit. Ich möchte sie nochmals hervorheben:
Wir streben einen gerechten und dauerhaften Frieden
an, der durch direkte Verhandlungen auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats erlangt wird, einschließlich des Prinzips, auf dem
jedes arabisch-israelische Abkommen aufbaut - Land
für Frieden. Unseres Erachtens muß der Frieden mit

wirklichem Schutz Israels und seiner arabischen
Nachbarn vor Bedrohungen von außen und Gewaltakten einhergehen.
Unserer Ansicht nach muß der Frieden gerecht,
dauerhaft, umfassend sein und zu Verträgen führen,
die auf normalen Beziehungen und einem echten
Frieden zwischen zwei Völkern basieren - auch
zwischen Israel und Syrien sowie Israel und dem
Libanon - und wir glauben, daß der Frieden die
legitimen politischen Rechte des palästinensischen
Volkes ansprechen muß. Prinzipien können jedoch
keine Abkommen hervorbringen. Die harte Verhandlungsarbeit tut das. Und die Vereinigten Staaten
haben über eine Vielzahl von Wegen versucht, diesen
Prozeß zu fördern.
Manchmal haben wir auf die Abschirmung und den
Schutz der Verhandlungen hingearbeitet. Wir haben
die Entschärfung von Krisen sowohl an der israelischpalästinensischen als auch an der israelisch-libanesischen Front angestrebt. Wir haben wirtschaftliche und
politische Unterstützung gewährt.
Und wir sind
manchmal sogar über die traditionelle Rolle des
Wegbereiters hinausgegangen und haben die des
Vermittlers gespielt wie bei den israelisch-syrischen
Gesprächen auf der Wye Plantation und während der
Hebron-Verhandlungen.

Seite 5

�Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten keine Partei
in dem arabisch-israelischen Konflikt. Wir übernehmen nicht dieselben Risiken und Pflichten wie die
Parteien, die sich mit den Problemen der politischen
Identität und dem physischen Überleben befassen.
Infolgedessen können, sollten und werden wir keine
Lösungen aufzwingen.
Genausowenig können wir den politischen Willen
bewirken, den Araber und Israelis für die harten
Entscheidungen auf dem Weg zu Frieden benötigen.
Das sind ihre Entscheidungen - nicht unsere. Aber
angesichts unserer unerläßlichen Rolle und dem uns
entgegengebrachten Vertrauen haben wir die Pflicht, in
guten wie in schlechten Zeiten mit ihnen beim Streben
nach Frieden zusammenzuarbeiten.
In der Tat
möchten sie, daß wir diese Rolle spielen. Und das
werden wir weiterhin tun.
Als in den vergangenen Monaten die Verhandlungen
ins Stocken gerieten und sich die gegenseitigen
Beschuldigungen der Israelis und Palästinenser
verschärften, haben wir mehrfach versucht, den
Prozeß wieder auf Kurs zu bringen. In enger Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Präsidenten
Mubarak - unserem strategischen Partner im Frieden versuchten wir, eine Basis zu definieren, auf der sich
die Parteien wieder engagieren könnten. Wir haben
direkte Kontakte gefördert, um praktische Arbeitsbeziehungen zwischen Israelis und Palästinensern
wiederherzustellen.
Wir konzentrierten uns auf parallele Schritte, die jede
Seite unternehmen könnte, um die Anliegen der
anderen Seite anzusprechen. Wir bauten auf diesen
Kontakten auf, um die Diskussion über Probleme des
Interimsabkommens wiederzubeleben und entwickelten Ideen zur Überwindung der Differenzen, die eine
Anberaumung der Gespräche über den endgültigen
Status verhinderten.
Am Abend des Anschlags vom 30. Juli in Jerusalem
hatten der Präsident und ich in der Tat das Gefühl, es
sei an der Zeit, Dennis Ross zur Übermittlung der
amerikanischen Ideen in die Region zu entsenden.
Diese Reise wird er nun Ende dieser Woche antreten.
Botschafter Ross wird sich bei seinem Besuch vornehmlich auf die Sicherheitsdimension der gegenwärtigen Krise konzentrieren. Wenn die richtigen Schritte
zur Verbesserung des Sicherheitsumfelds unternommen werden, haben wir eine Basis für Fortschritte bei
politischen Themen - die wir erzielen müssen -,
angefangen mit der Notwendigkeit der Wiederherstellung des Vertrauens und Fortschritten bei der
Erfüllung der Bedingungen des Interimsabkommens.
Wir müssen jedoch auch bereit sein, mehr zu tun. Die
israelisch-palästinensische Vertrauenskrise hat den
Friedensprozeß sechs Monate gekostet. Verdächti-

Seite 6

gungen und Mißtrauen sind an der Tagesordnung. Die
auf gegenseitiger Anerkennung basierende Logik von
Oslo ist überzeugend, aber der Gesamtansatz des
Interimsabkommens muß mit einem beschleunigten
Ansatz zu den Verhandlungen über den endgültigen
Status einhergehen.
Um wieder an Dynamik zu gewinnen, müssen wir auf
beiden Seiten das Vertrauen in den Verhandlungsprozeß und das mögliche Ergebnis der Gespräche
über den endgültigen Status wiederherstellen. Wenn
beide Parteien ein klares und positives Gefühl bezüglich der endgültigen Richtung der Verhandlungen
haben, wird es leichter für sie, Rückschläge zu
überwinden und Ablenkungen auf dem Weg zu
vermeiden. Das erfordert eine Beschleunigung der
Verhandlungen über den endgültigen Status.
Dieser Schritt ist heute vordringlich und wichtig. Unter
der Voraussetzung von Fortschritten bei den Sicherheitsfragen bin ich daher bereit, Ende dieses
Monats in den Nahen Osten zu reisen. Ich werde
intensive Konsultationen mit den Politikern der Region
und insbesondere mit den israelischen und palästinensischen Politikern führen, um das Klima für Verhandlungen zu verbessern sowie die verfahrenstechnischen und substantiellen Aspekte der Probleme des
endgültigen Status zu erörtern.
Die Wiederbelebung des israelisch-palästinensischen
Friedensprozesses wird nicht über Nacht erfolgen. Sie
erfordert Zeit. Aber Präsident Clinton und ich werden
weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, um den
Parteien zum Erfolg zu verhelfen.
Wir werden auch in Zukunft unsere Rolle als vollwertiger Partner übernehmen. In dieser Partnerschaft
dürfen nur die Parteien die Entscheidungen treffen,
aber wir können sie unterstützen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die Parteien die Verhandlungen
führen, aber wir können mit ihnen am Verhandlungstisch sitzen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die
Parteien die Gestalt bestimmen, die der Frieden
annehmen soll, aber wir können mit ihnen zusammenarbeiten, um diesen Frieden zu erleichtern, zu bewahren und zu erweitern.
Es besteht kein Zweifel daran, daß die Vereinigten
Staaten weiterhin alles zur Förderung des Friedens
zwischen Israelis und Palästinensern und im gesamten
Nahen Osten tun werden. Wir werden alles tun, weil
Fortschritte zu Frieden unseren elementaren Interessen dienen, zum Schutz unserer Freunde beitragen,
unsere Werte reflektieren und weil es richtig ist.
Keine Region der Welt hat größeres Leid oder länger
anhaltende Konflikte gesehen als der Nahe Osten.
Keine Generation hatte eine bessere Chance als die
gegenwärtige, den Teufelskreis des Konflikts zu
durchbrechen.

AMERIKA DIENST 16

�An der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert gibt es
keine Trennlinien des Kalten Krieges, die regionale
Rivalitäten schüren. Und der - einst dunkle - Weg zu
Frieden wurde zuerst in Madrid und dann noch klarer
in Oslo und den inzwischen geschlossenen Abkommen aufgezeichnet.
Israelis und Palästinenser gleichermaßen stehen jetzt
vor der Entscheidung über ihre Zukunft. Sie können
vor den Risiken des Friedens zurückschrecken und
eine Zukunft mit mehr Unsicherheit, Härten und
Kämpfen wählen, oder sie können zur Erneuerung
ihrer Partnerschaft und der Erfüllung der Versprechen
des Friedens zusammenkommen.
Für die Israelis ist dies das Versprechen einer prosperierenden Wirtschaft mit dem Potential des pazifischen
Beckens. Es ist die Gewißheit einer gemeinsamen
Front beim Kampf gegen den Terror, die Gewißheit der
stetigen Zunahme regionaler Zusammenarbeit und der
Fähigkeit, Kinder in Sicherheit und Frieden großzuziehen. Für die Palästinenser ist es das Versprechen des Endes von jahrzehntelangen Konflikten.
Es ist die Chance, ihre Energien und Talente als
vollwertige Partner in einer wachsenden regionalen
Volkswirtschaft einzusetzen, um eine Zukunft von

*

AMERIKA DIENST 16

stetig wachsendem Wohlstand, Würde und Hoffnung
für sich zu schaffen.
Und für alle Menschen in der Region ist es das
Versprechen - wie Präsident Clinton es formulierte "ein Land aufzubauen, das so reich an Schätzen und
friedlich ist wie es heilig ist" und das Angebot des
"Wunders eines normalen Lebens" an Israelis und
Palästinenser gleichermaßen.
Die Vereinigten Staaten können diese Zukunft weder
für Israel noch die Palästinenser entscheiden. Das ist
ihre Entscheidung und ihre Herausforderung. Wir
unterschätzen die Schwierigkeiten nicht. Wir sind uns
der Gefahren bewußt. Aber Amerika gründet auf
Optimismus und dem Glauben, daß die Zukunft besser
als die Vergangenheit sein kann, nicht nur innerhalb
unserer eigenen Grenzen, sondern innerhalb aller
Grenzen auf der Welt.
In diesem Geiste und mit dieser Überzeugung fordern
wir von uns und unseren Partnern erneute und
entschlossene Bestrebungen, um den flüchtigen
Traum eines Nahostfriedens Realität werden zu
lassen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 7

�TELEKOMMUNIKATION
20. August 1997

Verbraucher weltweit profitieren von Senkung
der Telefongebühren für Auslandsgespräche
Rede von Reed Hundt

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 7. August 1997 gehaltene Rede des Leiters der
amerikanischen Fernmeldebehörde FCC, Reed Hundt.

Die heutigen Maßnahmen sind neue Bezugspunkte für
die Festsetzung der Preise, die amerikanische Netzbetreiber zum Endpunkt der Verbindung bei Auslandsgesprächen zahlen. Sie werden zu Einsparungen in
Milliardenhöhe für die Verbraucher in den Vereinigten
Staaten führen und zur Förderung eines wettbewerbsfähigeren, florierenden internationalen Telekommunikationsmarkts beitragen.
Zur Zeit beträgt der Durchschnittspreis eines Auslandsgesprächs 88 Cents pro Minute, verglichen mit 13
Cents pro Minute für ein Inlandsgespräch. Dieser
Unterschied ist vornehmlich auf das monopolistische
Kartell zurückzuführen, das seit langem auf Verrechnungsgebühren bestanden hat, die die Kosten für
die Bereitstellung der Dienstleistung häufig um das
Fünf- bis Zehnfache übersteigen. Dieser Grundsatz
und das Abkommen der Welthandelsorgansation zur
Öffnung der internationalen Telekommunikationsmärkte werden zusammenwirken, um das Wachstum
und die Wettbewerbsfähigkeit der internationalen
Märkte enorm zu steigern, so daß die Verbraucher und
Netzbetreiber weltweit gleichermaßen profitieren
können.
Dieser Grundsatz wird den Verbrauchern hier in den
Vereinigten Staaten und andernorts außerordentliche
Vorteile bringen.
Unseren Schätzungen zufolge
werden die Verbraucher auf der Grundlage der
derzeitigen Markttrends allein in den Vereinigten
Staaten in den nächsten sechs Jahren über 17
Milliarden Dollar einsparen. Zusammen mit unserem
Grundsatz über die Reform des Zugangs von Anfang
dieses Jahres ist dies der größte Vorteil, der amerikanischen Verbrauchern in der Geschichte dieser
Behörde je zuteil wurde.

AMERIKA DIENST 16

Infolge dieses Grundsatzes und des WTO-Abkommens prognostizieren wir, daß der Durchschnittspreis
für ein Auslandsgespräch von heute 88 Cents in fünf
Jahren auf 20 Cents fallen wird - ein Abnahme von
nahezu 80 Prozent.
Und wir sagen vorher, daß sich der amerikanische
Markt für internationale Dienstleistungen in den
nächsten vier Jahren infolge dieses Grundsatzes mehr
als verdoppeln wird. Auf dem Weltmarkt wird wahrscheinlich ein ähnlicher Ansatz erfolgen.
In den vergangenen Jahren wurde ein internationaler
Konsens bezüglich der Notwendigkeit einer Reform
des veralteten Verrechnungssystems erzielt. Dieses
System reicht über 100 Jahre zum Zeitalter des
Telegraphen zurück und diente früher als der Mechanismus für nationale Telekommunikationsbetreibermonopole zur Festsetzung internationaler Verrechnungsgebühren. Die internationale Fernmeldeunion
und andere internationale Organisationen haben
beträchtliche Anstrengungen unternommen, um die
Reform des Verrechnungssystems zu prüfen. Wir
haben bei diesen Bestrebungen eng mit dem Ausland
zusammengearbeitet, und werden das auch in Zukunft
tun. Wir ermutigen unsere Freunde in Übersee zu
gemeinsamen Fortschritten mit uns bei der Reform des
Verrechnungssystems, weil es integraler Bestandteil
eines erfolgreichen Übergangs zur Welt nach der
Welthandelsorganisation ist. Wir sind überzeugt, daß
eine multilaterale Lösung der beste Weg zu einer
Reform ist und haben in dem heute zu verabschiedenden Bericht an die Endstelle (Report &amp; Order) versprochen, diese Bezugspunkte zu überprüfen, sollte
eine zufriedenstellende multilaterale Lösung erzielt
werden.

Seite 1

�Heute vertritt die FCC die Ansicht, daß die Lösung für
die Finanzierung des globalen Kommunikationsnetzes
nicht in immer weiter ansteigenden Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telefongesellschaften liegen kann. Ferner muß unserer
Meinung nach ein globales Netz aufgebaut werden,
und der einzige Weg hierzu besteht darin, dieselben
Gesetze des Wettbewerbs und der Marktfinanzierung
anzuwenden wie auf allen anderen Gebieten. 1996
beliefen sich die gesamten Nettoauszahlungen
amerikanischer Netzbetreiber an ausländische
Netzbetreiber auf 5,4 Milliarden Dollar. Mehr als 70
Prozent dieser Auszahlungen stellen Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telekommunikationsgesellschaften dar.
Ob es um den Endpunkt von Inlands- oder Auslandsverbindungen geht - gewisse Grundsätze bleiben
bestehen. Die Grundsätze des Wettbewerbs im
Telekommunikationswesen sind - ebenso wie die
Gesetze der Physik - in South Dakota dieselben wie in
Südkorea. Im Telekommunikationsgesetz des vergangenen Jahres stellte der Kongreß verschiedene
Grundsätze für die Einführung des Wettbewerbs bei
Ortsgesprächen auf. Dazu zählte die Forderung, daß
die Preise für Wettbewerber für die Schaltverbindung
mit dem örtlichen Netzbetreiber kostenorientiert sein
müssen und niemanden diskriminieren dürfen.
Internationale Verrechnungsgebühren sind nur eine
spezielle Form der Schaltverbindung, die nationale
Grenzen überschreitende Dienste beinhaltet. Die
Bezugsgrößen, auf die wir uns heute einigen, bieten
einen Rahmen zur Förderung des Wettbewerbs bei
internationalen Diensten, indem sie kostenorientierte,
nichtdiskriminierende Preise für internationale Dienst-

*

Seite 2

leistungen bis zum Endpunkt von Verbindungen
fördern. Ferner berücksichtigen sie die Bedürfnisse
der Entwicklungsländer, indem sie den Netzbetreibern
solcher Länder höhere Bezugspunkte und mehr Zeit
zu ihrer Erlangung einräumen.
Verbraucher weltweit werden höherwertige Dienste,
mehr Serviceoptionen und niedrigere Verrechnungsgebühren erhalten, da die Verrechnungsgebühren auf
eine stärker an den Kosten orientierte Ebene gesenkt
werden. Eine Reform der Verrechnungsgebühren wird
auch jedem Netzbetreiber zugute kommen, der
internationale Dienste anbietet, da sie das Wachstum
internationaler Dienste ankurbelt. Das derzeitige
Verrechnungssystem unterdrückt die globale Nachfrage, indem es zu inflationären Preisen für Auslandsgespräche beiträgt. Wenn die Verrechnungsgebühren
und damit wiederum die Telefongebühren gesenkt
werden, wird die Nachfrage nach Auslandsgesprächen
erhöht. Noch wichtiger ist, daß eine Reform des
Verrechnungssystems wesentlich ist, wenn die
Netzbetreiber, die derzeit von künstlich hoch gehaltenen Verrechnungsgebühren profitieren und sich darauf
verlassen, überleben wollen. Ohne eine Reform bei
den Verrechnungsgebühren würden diese Netzbetreiber von einem globalen Telekommunikationsmarkt an den Rand gedrängt, der künstlich teuer
gehaltene Leitungen immer stärker umgeht - entweder
mit Hilfe der preisgünstigsten Praktiken wie Rückruf
oder mit technischen Innovationen wie Telefonieren im
Internet (das nicht den Verrechnungsgebühren
unterliegt). Nur die Disziplin eines wettbewerbsfähigen
Marktes kann das globale Kapital anziehen, das für
den Aufbau einer globalen Informationsinfrastruktur
erforderlich ist.

* * *

*

AMERIKA DIENST 16

�PORTRAT
20. August 1997

John C. Kornblum
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Botschafter John C. Kornblum, der am
20. August 1997 in der Bundesrepublik Deutschland eintreffen wird.

Am 21. Mai 1997 ernannte Präsident Clinton John C.
Kornblum zum amerikanischen Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland. Er wurde am 31. Juli
vom Senat bestätigt und am 11. August vereidigt. Vor
seiner Ernennung war Botschafter Kornblum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium und Sondergesandter bei den Verhandlungen über das Friedensabkommen von Dayton. Für seine herausragenden
Leistungen während der Krise auf dem Balkan erhielt
er 1996 eine Auszeichnung des amerikanischen
Außenministers.
Botschafter Kornblum begann 1964 eine bemerkenswerte Laufbahn im auswärtigen Dienst der Vereinigten
Staaten.
Erste Stationen waren Hamburg und
Washington. 1969 wurde er in die politische Abteilung
der US-Botschaft nach Bonn entsandt, wo er als
Verbindungsmann für Berlin tätig war und der amerikanischen Delegation bei den Viermächteverhandlungen
angehörte.
1973 kehrte Botschafter Kornblum nach Washington,
D.C., zurück, wo er verschiedene politische Ämter
innehatte - zunächst als Mitglied des politischen
Planungsstabs und später als Direktor der Abteilung
für europäische regionalpolitische Angelegenheiten.
Von 1979 bis 1981 war Botschafter Kornblum Politischer Berater in der US-Mission in Berlin. Im Juli 1981
wurde er zum Leiter der Abteilung für zentraleuropäische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt. Im August 1985 kehrte Botschafter Kornblum
als amerikanischer Gesandter und Stellvertretender

AMERIKA DIENST 16

Kommandant nach Berlin zurück. Nach zweijähriger
Tätigkeit in Berlin wurde er zum Stellvertretenden
Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten bei der
NATO in Brüssel ernannt.
In Anerkennung der herausragenden Leistungen von
John Kornblum ernannte Präsident Bush ihn zum
amerikanischen Botschafter bei der Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Der USSenat bestätigte seine Nominierung am 19. Oktober
1991. In dieser Funktion war Botschafter Kornblum
Leiter der amerikanischen Delegation bei der HelsinkiFolgekonferenz 1992 und übernahm eine führende
Rolle beim Entwurf der Deklaration, die beim Gipfeltreffen von Helsinki im Juli 1992 verabschiedet wurde.
Botschafter Kornblum stellte im August 1992 die neue
amerikanische Delegation bei der KSZE in Wien
zusammen, wo er bis April 1994 tätig war.
Botschafter Kornblum wurde im Juni 1994 zum
Stellvertretenden Abteilungsleiter für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt und hatte diese Position bis zu seiner Nominierung zum Abteilungsleiter im Februar 1996 inne.
Während seiner Tätigkeit im europäischen Büro wirkte
Botschafter Kornblum maßgeblich am Friedensabkommen von Dayton mit und spielte eine zentrale
Rolle bei der Erarbeitung der Strategie der Administration für eine neue Sicherheitsstruktur in Europa.
Botschafter Kornblum ist mit Helen Sen verheiratet und
Vater von zwei Söhnen: Alexander (geboren 1988) und
Stephen (geboren 1990).

Seite 1

�PORTRAT
20. August 1997

Michael C. Polt
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
BONN- (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Michael C. Polt, dem neuen Gesandten der USBotschaft in der Bundesrepublik Deutschland.

Michael C. Polt wurde im August 1997 zum Gesandten
der Amerikanischen Botschaft in Bonn ernannt.
Gesandter Polt ist Berufsdiplomat im höheren auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten mit 20-jähriger
Erfahrung im US-Außenministerium und in diplomatischen Vertretungen in Europa und Lateinamerika. Vor
seiner jetzigen Tätigkeit war er Gesandter und Geschäftsträger der Amerikanischen Botschaft in der
Schweiz.
Nach seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst im
Jahr 1977 wurde Herr Polt an die Amerikanischen
Botschaften in Mexiko City und Kopenhagen entsandt.
Im Anschluß daran war er persönlicher Referent des
amerikanischen Botschafters in Bonn, Leiter des
Amerikanischen Konsulats in Bremen und Botschafts-

rat an der Amerikanischen Botschaft in Panama. In
Washington war Herr Polt Stellvertretender Leiter des
Büros für europäische Sicherheits- und politische
Angelegenheiten und später persönlicher Referent des
Staatssekretärs für internationale Sicherheitsangelegenheiten im US-Außenministerium.
Michael Polt wurde mit dem Superior Honor Award des
US-Außenministeriums und mehreren Meritorious
Honor Awards ausgezeichnet. Er machte seinen
Magister in Verwaltungswissenschaften an der
University of Tennessee. Herr Polt wurde in Österreich geboren. Seine Heimat ist der Bundesstaat
Tennessee. Er spricht Deutsch und Spanisch. Der
Gesandte ist mit Frau Hallie L. Polt, geborene Smith,
verheiratet. Die Familie hat zwei Kinder, Nicholas (16)
und Lindsay (11).

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12812">
                <text>20.08.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12813">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12814">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12815">
                <text>Amerikadienst 20.08.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12816">
                <text>&lt;strong&gt;1. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Programm des Weißen Hauses für das nächste Jahrtausend&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Recht und Glauben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Richter Anthony Kennedy&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright verurteilt Gewalt, Terror und unilaterale Aktionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Außenministerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Telekommunikation&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Verbraucher weltweit profitieren von Senkung der Telefongebühren für Auslandsgespräche&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Reed Hundt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John C. Kornblum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Michael C. Polt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2466" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2477">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/e85a874cedefa4853d9b26cb90125314.pdf</src>
        <authentication>0bb832ca727d0640e5a228e4af29bffb</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12823">
                    <text>Amerikadienst&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Herausgeber: U.S. Information Service Embassy of the United States of America Z12462 C 3. September 1997 17 WTO ENTSCHEIDUNG DER WTO ÜBER RINDFLEISCHEXPORTE GIBT USA RECHT Erklärung der US-Handelsbeauftragten ABRÜSTUNG RÜSTUNGSKONTROLLE - EIN ZENTRALES ELEMENT DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK von John D. Holum NICHTVERBREITUNGSSTRATEGIE DER VEREINIGTEN STAATEN HAT HÖCHSTE PRIORITÄT von James Steinberg MARSHALLPLAN GEORGE C. MARSHALL: DER LETZTE GROSSE AMERIKANER? von Lance Morrow GESELLSCHAFT DER ANDERE SPIEGEL - DIE VEREINIGTEN STAATEN ALS MULTIRASSISCHE GESELLSCHAFT von Ronald Takaki Informationen über die Politik der US-Regierung und die Vereinigten Staaten im allgemeinen können auf der Home Page von USIS-Deutschland im World Wide Web des Internet unter http://www.usia.gov/posts/bonn.html abgerufen werden. Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten Deichmanns Aue 29 D 53170 Bonn Tel.: 0228-339 2372 Fax: 0228-333 138 e-mail: bbsbonn@usia.gov internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html �WTO 3. September 1997 Entscheidung der WTO über Rindfleischexporte gibt USA Recht Erklärung der US-Handelsbeauftragten WASHINGTON - (AD) - Das Büro der US-Handelsbeauftragten veröffentlichte am 18. August 1997 eine Erklärung über eine Entscheidung der Welthandelsorganisation (WTO) zugunsten der Vereinigten Staaten. Die WTO gab die Ergebnisse ihrer Prüfung des Importverbots der Europäischen Union für mit Wachstumshormonen behandeltes Fleisch am 30. Juni an die betroffenen Regierungen und am 18. August an die Öffentlichkeit weiter. Nachfolgend veröffentlichen wir eine Stellungnahme des Büros der US-Handelsbeauftragten zu der Entscheidung der WTO. WTO-Bericht über Hormone bestätigt Sieg der Vereinigten Staaten Die Welthandelsorganisation (WTO) gab heute den Abschlußbericht des Schlichtungsausschusses über das Importverbot der Europäischen Union für mit Wachstumshormonen behandeltes Fleisch an die Öffentlichkeit. Die Untersuchungsergebnisse des WTO-Ausschusses, die die Forderungen der Vereinigten Staaten unterstützen, wurden am 30. Juni 1997 vertraulich an die betroffenen Regierungen weitergeleitet. Dies war die erste Auseinandersetzung über das Abkommen über sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen (SPS-Abkommen). "Dieser Abschlußbericht bestätigt den Wert des neuen WTO-Abkommens über die Anwendung sanitärer und phytosanitärer Maßnahmen für die Unterscheidung zwischen legitimen Anforderungen an die Nahrungsmittelhygiene und unwissenschaftlichen und ungerechtfertigten Hemmissen für amerikanische Exporte", erklärte die US-Handelsbeauftragte Charlene Barshefsky. "Ich freue mich über die Bestätigung der WTO, daß die EU keine wissenschaftliche Grundlage für die Unterbindung des Verkaufs von amerikanischem Rindfleisch in Europa hat. Das zeigt, daß der Konfliktlösungsmechanismus der WTO komplexe und schwierige Streitigkeiten lösen kann, bei denen ein WTO-Mitglied sich um die Rechtfertigung von Handelhemmnissen bemüht, indem es sie als gesundheitliche AMERIKA DIENST 17 Maßnahmen deklariert. Ich freue mich, daß der Ausschuß die Notwendigkeit bekräftigt hat, Maßnahmen im Bereich der Nahrungsmittelhygiene auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, ebenso wie das in den Vereinigten Staaten geschieht." "Der heute von der WTO herausgegebene Abschlußbericht ist für die amerikanische Rindfleischindustrie eine willkommene Nachricht", erklärte Landwirtschaftsminister Dan Glickman. "Der Schlichtungsausschuß der WTO hat bestätigt, was wir bereits seit mehr als neun Jahren wissen: daß den europäischen Verbrauchern gute Qualität und sichere Produkte aufgrund von Einfuhrbestimmungen verweigert werden, die keinem wissenschaftlichen Test standhalten. Der Ausschuß stützte sich bei seiner Entscheidung über die Unzulässigkeit des Importverbots der EU für amerikanisches Rindfleisch auf die Befunde herausragender Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Ich hoffe, daß die EU jetzt Schritte unternehmen wird, um diese Einfuhrbestimmung in Einklang mit ihren Verpflichtungen im Rahmen der WTO zu bringen und das Verbot für Rindfleisch aus den Vereinigten Staaten, Kanada und anderen betroffenen Ländern aufzuheben. Wir sind zur Zusammenarbeit mit Vertretern der Europäischen Union bereit, um dies so bald wie möglich zu erreichen." Der WTO-Bericht befindet, daß das europäische Verbot des Einsatzes von sechs Hormonen zur Seite 1 �Förderung des Wachstums von Vieh unvereinbar mit den Verpflichtungen der EU unter dem SPS-Abkommen ist. Insbesondere bekräftigt der Bericht des Ausschusses, daß das Verbot der EU einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Es basiert nicht auf einer Risikobeurteilung oder den relevanten internationalen Standards, und die EU nimmt eine willkürliche oder ungerechtfertigte Unterscheidung zwischen ihrer Hormonpolitik und der im Hinblick auf andere Wirkstoffe vor, was zu einer Diskriminierung beziehungsweise versteckten Handelsbeschränkung führt. Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, daß der WTO-Bericht zu einer neuen Politik der EU führen wird, die im Einklang mit den internationalen Handelsverpflichtungen der EU steht. Der Hormonstreit ist der vierte Fall, den die Vereinigten Staaten dem Konfliktschlichtungsmechanismus der WTO erfolgreich vorgelegt haben. (Anmerkung: Der vollständige Text aller Berichte des WTO-Ausschusses ist auf der World Wide Web-Seite der WTO unter http:wto.org. erhältlich.) Vorgeschichte Am 1. Januar 1989 verhängte die EU ein Verbot für Importe von Tieren und Fleischprodukten, die mit Wachstumshormonen behandelt wurden. Die Vereinigten Staaten protestierten bei sechs spezifischen Hormonen gegen dieses Verbot. Diese sechs Hormone wurden von allen Ländern, die sie untersuchten, als sicher für den Einsatz zur Wachstumsförderung erklärt. Darüber hinaus prüften die unabhängigen Experten des Codex Alimentarius-Ausschusses fünf dieser Hormone und befanden sie als sicher (sie wurden nie um die Untersuchung des sechsten gebeten, das nur selten eingesetzt wird). Tatsächlich hat die EU zweimal eine wissenschaftliche Studie über diese fünf Hormone in Auftrag gegeben, und beide Male wurden diese von den Wissenschaftlern als sicher befunden. Drei der fraglichen Hormone sind von Natur aus in jedem Fleisch und in jedem Menschen vorhanden. Der Hormonspiegel im Rindfleisch von Tieren, die zu Wachstumszwecken mit diesen Hormonen behandelt wurden, liegt durchaus im normalen Rahmen. Tatsächlich ist die in Rindfletsch enthaltene Menge beispielsweise viel niedriger als die in einem Ei. (Ein normaler Erwachsener müßte etwa 77 Kilogramm mit diesen Hormonen behandeltes Rindfleisch essen, um die in einem Ei enthaltene Hormonmenge zu sich zu nehmen.) Die Einlassung der Vereinigten Staaten gegen das Importverbot der EU gründete sich primär auf das Argument, daß das Verbot Bestimmungen des WTOAbkommens über die Anwendung von sanitären und Seite 2 phytosanitären Maßnahmen verletzt. Das war die erste Meinungsverschiedenheit über das SPS-Abkommen. Das Abkommen bewahrt eindeutig das Recht der Regierungen zur Anwendung von Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene zum Schutz des menschlichen Lebens und der Gesundheit, aber gleichzeitig fordert es, daß solche Maßnahmen tatsächlich auf diesen Zweck ausgerichtet sind und nicht aus protektionistischen Gründen verhängt werden. Das SPS-Abkommen setzt Regeln für die Entscheidung fest, ob Importverbote und andere den Handel einschränkende Aktionen, die von den Regierungen als Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene bezeichnet werden, die Gesundheit schützen oder für die einheimischen Produzenten einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Das SPS-Abkommen stützt sich insbesondere auf wissenschaftliche Fakten, um legitime Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene von verstecktem Protektionismus zu unterscheiden. Das SPS-Abkommen sieht Ausschüsse zur Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten mit klaren Richtlinien für deren Überwachung vor. Es sieht ferner vor, daß die Maßnahmen auf wissenschaftlichen Prinzipien gründen müssen, nicht ohne ausreichende wissenschaftliche Beweise aufrechterhalten werden dürfen, sich auf eine wissenschaftliche Einschätzung stützen müssen, ob es Risiken für das menschliche Leben oder die Gesundheit gibt, den Handel nicht mehr als notwendig einschränken dürfen, um angemessenen Schutz vor solchen Risiken zu erreichen. Falls vorhanden, müssen sie auf internationalen Normen, Richtlinien oder Empfehlungen basieren, außer es wird ein noch strengerer Standard als angemessen erachtet, um ein anderes Schutzniveau zu erreichen, oder es gibt eine wissenschaftliche Rechtfertigung. Das SPS-Abkommen ermutigt auch die Schlichtungsausschüsse, Experten zu wissenschaftlichen Problemen zu befragen, die von dem Ausschuß in Konsultationen mit den gegnerischen Parteien ausgewählt werden. Um zu der Entscheidung in diesem Streit zu gelangen, holte der Ausschuß den Rat von unabhängigen Wissenschaftlern ein. Es war das erste Mal, daß der WTO-Ausschuß dieses Verfahren anwendete. Der Ausschußbericht faßt die von den Experten erhaltenen Ratschläge zusammen und enthält eine Abschrift der Gespräche des Ausschusses mit den Experten. In diesem Fall ignoriert das Importverbot der EU eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse - einschließlich der in den eigenen Überprüfungen der EU enthaltenen - daß es unbedenklich ist, Fleisch von Tieren zu essen, die im Einklang mit guter Tierhaltung mit diesen Wirkstoffen behandelt wurden. Während des WTO-Gerichtsverfahrens behauptete die EU, das Verbot gründe sich auf Gesundheitsbelange. Als das Verbot verhängt wurde, räumte die EU jedoch AMERIKA DIENST 17 �ein, daß es der Abschaffung von Wettbewerb bei Importen von hormonbehandeltem Rindfleisch auf dem europäischen Markt und der Herbeiführung von gleichberechtigtem Wettbewerb in Europa diente, wo einige Länder vor dem EU-Verbot den Einsatz von Wachstumshormonen für die landwirtschaftliche Tierzucht erlaubten und andere nicht. Die Vereinigten Staaten argumentierten, daß das mit diesen sechs Wachstumshormonen behandelte amerikanische Fleisch sicher ist und der Versuch der EU, die inländische Produktion vor mehr Konkurrenzimporten (auch innerhalb der EU) zu schützen, Handelsprotektionismus und nicht Schutz der Gesundheit und Hygiene ist. Dieser Streit hat eine lange Geschichte. Das EUVerbot von 1989 unterband amerikanische Rindfleischexporte in die EU zum damaligen Wert von ungefähr 100 Millionen Dollar jährlich. Die Vereinigten Staaten versuchten, im Rahmen der damals zur Verfügung stehenden Schlichtungsverfahren eine Einlassung zu machen, aber die EU verweigerte einer Gruppe technischer Experten die Prüfung des Falls. Als Reaktion auf die Blockade von Schlichtungsverfahren durch die EU erhöhten die Vereinigten Staaten die Zölle auf bestimmte Produkte der EU gemäß Paragraph 301 des Handelsgesetzes von 1974. Die erhöhten amerikanischen Zölle blieben wirksam, bis * AMERIKA DIENST 17 die Vereinigten Staaten Erfolg bei der Einrichtung eines WTO-Ausschusses zur Prüfung des Hormonverbots der EU hatten. Nach der Gründung der Welthandelsorganisation beriefen sich die Vereinigten Staaten auf die neuen WTO-Schlichtungsverfahren, um gegen das EU-Verbot vorzugehen. Gemäß der neuen WTO-Verfahren kann die EU den Prozeß nicht blockieren, wie sie es im Rahmen der bisherigen Verfahren konnte. Die Vereinigten Staaten baten Ende Januar 1996 um Konsultationen mit der EU, und im Mai 1996 richtete das WTO-Schlichtungsgremium einen Ausschuß zur Anhörung des Falles ein. Kanada erhob später eine parallele Klage gegen das EU-Verbot, und dieselben Ausschußmitglieder wurden für die Anhörung des kanadischen Falls eingesetzt. Dieser Ausschuß hat seinen Abschlußbericht mit ähnlichen Entscheidungen im Hinblick auf die kanadische Klage veröffentlicht. Die WTO sieht die Möglichkeit einer Berufung gegen die Abschlußberichte des Ausschusses vor. Umfangreichen Presseberichten zufolge beabsichtigt die EU, gegen diesen Ausschußbericht Berufung einzulegen. Die Vereinigten Staaten erwarten, daß der Berufungsausschuß der WTO die Schlußfolgerungen des Ausschusses unterstützen wird. * * * * Seite 3 �ABRÜSTUNG 3. September 1997 Rüstungskontrolle - Ein zentrales Element der amerikanischen Außenpolitik von John D. Holum WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von John D. Holum, dem Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA). Die Rüstungskontrollerfolge der Vereinigten Staaten haben die Welt zu einem sichereren Ort gemacht. Die Realität ist jedoch, daß wir immer noch in einer gefährlichen Welt leben, die immer noch vor Massenvernichtungswaffen starrt und in der die Gefahr der Weiterverbreitung durch verbrecherische Regime, ons Convention - CWC) durch den Senat - ist bereits erreicht worden. Der Präsident forderte auch ein Verbot der ungeschützten Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen oder andere Explosivstoffe, die Stärkung des nuklearen Nichtverbreitungsregimes, Verbesserung der Einhaltung der Konvention über aufflammenden Nationalismus und Terrorismus weiter biologische Waffen (Biological Weapons Convention - besteht. Es ist eine Welt, in der jetzt 40 Länder die technische und materielle Fähigkeit zur Entwicklung von Nuklearwaffen besitzen, sollten sie sich dafür entscheiden. Mehr als 15 Nationen sind mindestens im Besitz von Kurzstreckenraketen - und viele streben den Besitz von Massenvernichtungswaffen an. Rund 20 Länder verfügen über ein Chemiewaffenprogramm. BWC), ein globales Verbot von Antipersonenminen (Anti-Personnel Landmines - APL) und den kontinuierlichen Abbau von Nuklearwaffen. In Anbetracht dieser Gefahren der Zeit nach dem Kalten Krieg müssen die Vereinigten Staaten als die einzige verbliebene Supermacht der Welt weiterhin Rüstungskontrolle zum zentralen Element ihrer Außenpolitik und nationalen Sicherheitsstrategie machen. Im September 1996 hat Präsident Clinton als erster Regierungschef der Welt den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) unterzeichnet - das in der Geschichte der Rüstungskontrolle vielleicht am meisten angestrebte Ziel. Der Vertrag umfaßt jetzt stolze 150 Signatarstaaten. Er wird Atomtestversuche für alle Zeiten beenden. Bei der Unterzeichnung des CTBT legte Präsident Clinton vor der UN-Generalversammlung die sechs Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungsziele der Vereinigten Staaten dar. Eines davon - die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention (Chemical Weap- AMERIKA DIENST 17 Die Chemiewaffenkonvention Im April 1997 gab der Senat seine Zustimmung zur Chemiewaffenkonvention als Schutz gegen einen chemischen Angriff von verbrecherischen Staaten und Terroristen. Die Vereinigten Staaten fordern andere Nationen weiterhin zur unverzüglichen Unterzeichnung und Ratifizierung des Vertrags auf. 95 Nationen haben bisher unterzeichnet. Inzwischen zerstören wir unser 30.000 Tonnen umfassendes Chemiewaffenarsenal, und Rußland hat sich zur Zerstörung seines deklarierten Arsenals von 40.000 Tonnen bereit erklärt. Der Vertrag über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material Wir fordern die Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on Disarmament - CD) auf, Verhandlungen über einen Vertrag über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material (Fissile Material Cutoff Treaty FMCT) aufzunehmen, der die Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen für immer einstellen würde. Die Vereinigten Staaten, Rußland, Frankreich und Großbritannien haben bereits die Einstellung der Herstellung von spaltbarem Material für Nuklearwaffen Seite 1 �angekündigt. Ein solcher Vertrag würde ein Verbot der Produktion von Waffen für Nuklearwaffenstaaten und Schwellenländer in die Praxis umsetzen und maßgeblich zum nuklearen Abrüstungsprozeß beitragen. Der Nichtverbreitungsvertrag Die universelle Einhaltung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) und die Stärkung der erforderlichen Instrumente zur Gewährleistung seiner Einhaltung ist ein weiteres vom Präsidenten genanntes Ziel. Dies würde neue Sicherheitsvorschriften der internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) wie Messungen der Umweltbelastung und Zugang zu nicht deklarierten Anlagen beinhalten. Wir fordern alle Nationen, die dem N W noch nicht beigetreten sind, auf, dies unverzüglich zu tun. Sobald Brasilien beitritt, werden nur vier Länder diesem Grundstein von Nichtverbreitungsverträgen nicht beigetreten sein. Die Konvention über biologische Waffen Wir streben ferner nach Mitteln zur Verbesserung der Einhaltung der Konvention über biologische Waffen mit solchen Maßnahmen wie obligatorische Deklarierung und Vor-Ort-Aktivitäten. Die Vereinigten Staaten sind ein aktives Mitglied der Ad-hoc-Gruppe, die auf die Schaffung eines rechtlich bindenden Instruments zur Stärkung der Effektivität und Verbesserung der Umsetzung der BWC hinarbeitet. Antipersonenminen Die Vereinigten Staaten drängen die Genfer Abrüstungskonferenz zur raschen Aushandlung eines globalen Verbots von Einsatz, Lagerung, Produktion und Transfer von Antipersonenminen, durch die jedes Jahr rund 25.000 Menschen verstümmelt oder getötet werden. Das ist eine der obersten Prioritäten der Clinton-Administration in ihrer zweiten Amtszeit. Die Vereinigten Staaten setzen ihr Moratorium über die Produktion und den Transfer von APL fort und fordern andere Nationen auf, es ihnen gleich zu tun. Die Vereinigten Staaten fordern ferner die Staaten zur Ratifizierung des geänderten Landminenprotokolls (Protokoll II) der Konvention über konventionelle Waffen auf, die dies noch nicht getan haben. Abbau von Nuklearwaffen Schließlich drängen die Vereinigten Staaten nach wie vor auf weitere Erfolge bei der Reduzierung des globalen Arsenals von Nuklearwaffen. Die Bestrebungen der Vereinigten Staaten und Rußlands bei der Zerlegung von Trägersystemen für strategische Waffen wie Flugzeuge und Raketen sind dem im ersten Vertrag über die Verringerung strategischer Rüstungen (Strategie Arms Reduction Treaty - START I) festgelegten Zeitplan weit voraus. Die ab dem 5. Dezember 1999 einzuhaltenden Obergrenzen für Seite 2 dislozierte Trägersysteme für strategische Waffen wurden beispielsweise Anfang 1997 erreicht. Darüber hinaus haben die Vereinigten Staaten unabhängig von START I seit 1990 fast 10.000 atomare Gefechtsköpfe beseitigt. Rußland berichtet, daß es ebenfalls nukleare Gefechtsköpfe abbaut. Kasachstan, Belarus und die Ukraine haben die Tausende früher in ihren Ländern gelagerten nuklearen Gefechtsköpfe an Rußland übergeben, und diese Staaten sind jetzt frei von Nuklearwaffen. Der Nachfolgevertrag von START I - der START IIVertrag - sieht einen ordentlichen Mechanismus für die Vereinigten Staaten und Rußland zur drastischen Verringerung der für strategische Offensivwaffen verwendeten Ressourcen und die Verbesserung von Stabilität und Sicherheit vor. Der US-Senat hat über START II beraten und dem Vertrag zugestimmt. Die russische Duma muß den Vertrag jedoch noch verabschieden. Präsident Jelzin hat die Bedeutung der unverzüglichen Ratifizierung des Vertrags unterstrichen, und obwohl wir nicht vorhersagen können, wann die Duma handeln wird, hoffen wir, daß die positive Abstimmung des Senats ebenso wie die eindeutigen Vorteile von START II die russische Duma zu einer ähnlichen Handlungsweise ermutigen. Sobald START II in Kraft tritt, werden die Vereinigten Staaten und Rußland unverzüglich Verhandlungen über ein START Ill-Abkommen aufnehmen, wie von den Präsidenten Clinton und Jelzin beim Gipfeltreffen von Helsinki im März 1997 vereinbart. START III wird Reduzierungen bei dislozierten strategischen Gefechtsköpfen auf 2.000 oder 2.500 bis zum 31. Dezember 2007 beinhalten. Darüber hinaus vereinbarten die Vereinigten Staaten und Rußland sicherzustellen, daß die Vorteile der START-Verträge unumkehrbar sind, indem sie versuchen, Probleme im Zusammenhang mit dem Ziel, den derzeitigen START-Verträgen unbegrenzte Dauer zu verleihen, zu lösen. Das Inkrafttreten und die Umsetzung von START II sowie die Aushandlung von START III werden einen wichtigen Beitrag zum obersten Ziel der Vereinigten Staaten und aller Parteien des Nichtverbreitungsvertrags - einer Welt ohne Nuklearwaffen und ohne die Gefahr eines Krieges - leisten. Dieser Prozeß kann jedoch nicht über Nacht geschehen. Die Vereinigten Staaten vertreten weiterhin die Ansicht, daß Fortschritte im Bereich der Abrüstung nur schrittweise erfolgen können, wobei die legitimen Sicherheitsbelange aller Staaten sorgfältig in Betracht gezogen werden müssen. Ebenfalls in Helsinki bekräftigten die beiden Regierungschefs die Verpflichtung ihrer Nationen zum ABMVertrag und bestätigten, daß beide Seiten die Option der Aufstellung und Dislozierung effektiver schauplatzgebundener Raketenabwehrsysteme haben müssen. AMERIKA DIENST 17 �Kooperative Verringerung der Bedrohung Durch die im Rahmen des Programms zur kooperativen Verringerung der Bedrohung (Cooperative Threat Reduction - CTR; auch als Nunn-Lugar-Programm bekannt, weil es von Senator Richard Lugar und dem ehemaligen Senator Sam Nunn vorgeschlagen wurde) bereitgestellten Gelder waren die Vereinigten Staaten Rußland und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bei Transport, Sicherung und Zerlegung ihrer Nuklearwaffen behilflich. Beispielsweise gewähren die Vereinigten Staaten Rußland derzeit Hilfe beim Entwurf und Bau einer Einrichtung zur sicheren Lagerung spaltbaren Materials, das aus zerlegten Nuklearwaffen aus Mayak stammt. Die Aushandlung und Gewährleistung der Vernichtung nuklearer Gefechtsköpfe und ihres spaltbaren Materials ist eine äußerst komplizierte Aufgabe. Die Bedrohung durch "herrenlose Nuklearwaffen" - nukleare Sprengköpfe oder spaltbares Material, die der Kontrolle der Regierung entgleiten könnten - wurde von zahlreichen Experten zu Recht als eine der größten Gefahren unserer Zeit bezeichnet. Sicherzustellen, daß sie nie zur Realität wird, ist eine der größten uns konfrontierenden Herausforderungen. Der globale Ansatz, diesen Aspekt des Kalten Krieges in den Hintergrund treten zu lassen, enthält vier wesentliche Elemente. Erstens müssen die Staaten kooperativ zusammenarbeiten, um Nuklearschmuggel an der Wurzel zu stoppen und sicherzustellen, daß alles waffenfähige Nuklearmaterial sicher und nachweisbar gelagert wird. Im Juni 1996 einigten sich die Teilnehmerstaaten des Nukleargipfels in Moskau auf ein "Programm zur Verhinderung und Bekämpfung des Schmuggels mit Nuklearmaterial", um verstärkte Zusammenarbeit bei allen Aspekten von Prävention, Aufspüren, Informationsaustausch, Ermittlung und strafrechtlicher Verfolgung sicherzustellen. Beim Moskauer Gipfel wurde auch die grundlegende Verantwortung jedes Landes bekräftigt, die Sicherheit aller in seinem Besitz befindlicher Nuklearmaterialien auf nationaler Ebene zu gewährleisten. Das beinhaltet effektive Systeme für Nachweis und Kontrolle von Nuklearmaterial sowie physischen Schutz. Zweitens müssen die Staaten zusammenarbeiten, um Sicherheit durch Transparenz zu erreichen. Effektive Überwachungs- und Verifizierungsregime beeinflussen die Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen durch alle Parteien. Maßnahmen wie Datenaustausch und gegenseitige Inspektionen bauen Vertrauen in die Stabilität und Unumkehrbarkeit des Abbaus auf und gewährleisten die Kontrolle von Gefechtsköpfen und spaltbarem Material gleichermaßen. Der Austausch solcher Informationen ist kein Altruismus, sondern eine praktische Notwendigkeit, um Doppeldeutigkeit, Unsicherheit und Unwissenheit zu verringern, die eine AMERIKA DIENST 17 zügige Beendigung des Abbaus von Nuklearwaffen behindern. Drittens müssen wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen, damit nicht übermäßig viel spaltbares Material gelagert wird. Wie bereits erwähnt, sollten wir einen FMC-Vertrag anstreben, um die Produktion ungesicherten, hochangereicherten Urans oder Plutoniums zu verhindern und damit die für die Waffenherstellung verfügbare Menge zu begrenzen. Die zunehmende weltweite Anhäuf ung von abgespaltenem Plutonium für zivile Zwecke stellt eine eigene Weiterverbreitungsgefahr dar. Die Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht, daß keine Nation - ungeachtet der Wahl ihres Brennstoffkreislaufs - übermäßig viel Nuklearmaterial lagern darf und alle Nationen mit der Zeit den Abbau dieser Vorräte in die Wege leiten sollten. Das Abkommen von Moskau ist in der Hinsicht ermutigend, daß es zumindest im Kontext des Umgangs mit überschüssigem Nuklearmaterial das Ziel verfolgt, alle Bestände an abgespaltenem Plutonium und hochangereichertem Uran durch die friedliche Nutzung nichtexplosiver, sicherer und endgültiger Entsorgung so bald wie möglich zu verringern. Viertens müssen wir das überschüssige Plutonium und hochangereicherte Uran entsorgen - sowohl um zu bestätigen, daß die Abrüstung nie mehr rückgängig gemacht werden kann, als auch um sicherzustellen, daß dieses Material nie in die falschen Hände gelangt. Die Vereinigten Staaten unterstützen entschieden die beim Moskauer Gipfel getroffene Entscheidung, eine umfassende multilaterale Kooperation zur Entsorgung des überschüssigen spaltbaren Materials in die Wege zu leiten. Optionen zur Langzeitlagerung werden unparteiisch geprüft - wobei Nichtverbreitung, Sicherheit sowie technische, umweltpolitische und wirtschaftliche Faktoren in Betracht gezogen werden. Die Unsicherheit über die Endlagerung des aus zerlegten Waffen stammenden spaltbaren Materials darf nie ein Hindernis für den zügigen Abschluß der nuklearen Abrüstung sein. Konventionelle Rüstungskontrolle Zusätzlich zu diesen Prioritäten der Rüstungskontrolle drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf Maßnahmen im Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle und der Vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen. Der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-Vertrag) hat zur Beseitigung von über 51.300 Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Artilleriegeschützen, Kampfflugzeugen und Angriffshubschraubern sowie zu mehr als 2.700 Inspektionen vor Ort geführt. Der KSE-Vertrag bleibt der Grundstein der europäischen Sicherheit und ein Modell für konventionelle Rüstungskontrolle in anderen Regionen der Welt. Seite 3 �Im Rahmen des Mandats der Überprüfungskonferenz für den KSE-Vertrag von 1996, bei der Wirksamkeit und Umsetzung des Vertrags während der ersten fünf Jahre seiner Laufzeit beurteilt wurden, begannen die 30 Vertragsparteien einen Prozeß der Anpassung des Vertrags an das Zeitalter nach dem Kalten Krieg. Bei diesem Prozeß werden die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten gewährleisten, daß der Vertrag weiterhin Sicherheit und Stabilität in Europa fördert. Ferner werden die Vereinigten Staaten ihre Bestrebungen fortsetzen sicherzustellen, daß die Rüstungskontrolle auf dem Balkan vollständig erfolgt und zu Stabilität in der gesamten Region beiträgt. Wir müssen auch unsere internationalen Bestrebungen zur Erhöhung von Transparenz und Zurückhaltung beim Transfer konventionaller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie verstärken. Afrika. Regionale Rüstungskontrolle gewinnt an Bedeutung in der Welt nach dem Kalten Krieg, in der wir in ein neues Sicherheitsumfeld gelangen, das durch regionale Instabilität und Spannungen charakterisiert ist, die durch politische, militärische, ethnische und religiöse Antagonismen hervorgerufen werden. Eine Möglichkeit zur Verstärkung der nationalen Sicherheit und regionalen Stabilität der Vereinigten Staaten ist die Förderung der weltweiten Verabschiedung von Rüstungskontrollmaßnahmen. Dies ist eine bedeutende Ära zukünftiger Rüstungskontrollbestrebungen der Länder, die von solchen Spannungen betroffen sind. Derartige Anstrengungen werden Spannungen abbauen, den Frieden fördern oder wahren und den Anreiz zu Rüstungswettlauf oder zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme nehmen. Regionale Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen Die Vereinigten Staaten haben eine ehrgeizige Agenda. Angesichts der die Welt konfrontierenden Herausforderungen wäre jede weniger ehrgeizige Tagesordnung unverantwortlich. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende unternehmen um sicherzustellen, daß die Waffen, die früher unser letzter Ausweg waren, zu den am wenigsten zugänglichen Waffen der Welt werden. Schließlich intensivieren die Vereinigten Staaten ihre Bestrebungen zur Entwicklung, Förderung und Unterstützung regionaler Vertrauens- und sicherheitsbildender Maßnahmen in Eurasien, dem Nahen Osten, der asiatisch-pazifischen Region, Lateinamerika und * * Seite 4 * * * AMERIKA DIENST 17 �ABRÜSTUNG 3. September 1997 Nichtverbreitungsstrategie der Vereinigten Staaten hat höchste Priorität von James Steinberg WASHINGTON - (AD) - Ein wesentliches Element der amerikanischen Nichtverbreitungsstrategie ist die Bewältigung der "unterschwelligen Konflikte und Spannungen, die der Weiterverbreitung in drei Schlüsselregionen Vorschub leisten", erklärte der Stellvertretende Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, James Steinberg. Nachfolgend veröffentlichen wir eine überarbeitete Version seiner am 9. Juni 1997 vor der Carnegie Endowment for International Peace in Washington gehaltenen Rede. Zweifelsohne können die heutigen komplexen und vielfältigen Herausforderungen im Bereich der Weiterverbreitung nicht mit einer einfachen Politik bewältigt werden. Präsident Clinton hat jedoch deutlich gemacht, daß es für die Vereinigten Staaten keine höhere Priorität gibt. Die Strategie der Vereinigten Staaten besteht aus drei wesentlichen Elementen. Erstens dem Abschluß und der Stärkung internationaler Vertragsregime; zweitens dem Umgang mit dem Problem von Waffenlieferungen durch multilaterale Mechanismen zur Kontrolle der Verbreitung von Technologie, Gerät und Material, die der Weiterverbreitung Vorschub leisten; und schließlich dem Umgang mit dem Aspekt der Nachfrage durch den Entwurf und die Durchführung regionaler Ansätze, um den Anreiz zur Weiterverbreitung zu verringern. Unsere erste Verteidigungstaktik sind internationale Verträge, die normative und rechtliche Strukturen für den Umgang mit der Bedrohung durch Weiterverbreitung errichten. Die letzten vier Jahre stellten den krönenden Abschluß bemerkenswerter, jahrzehntelanger Bestrebungen dar, die Schlüsselemente eines globalen Rahmens zu schaffen - den Nichtverbreitungsvertrag (NW), die Chemiewaffenkonvention (Chemical Weapons Convention - CWC) und die Konvention über biologische Waffen (Biological Weapons Convention - BWC). Jetzt stehen wir vor einer doppelten Herausforderung: Erstens eine möglichst große Mitgliedschaft bei diesen Regimen zu gewährleisten und zweitens, effektive Verifizierungs- AMERIKA DIENST 17 und Durchsetzungssysteme zu entwickeln und umzusetzen. Das nukleare Regime hat die größten Fortschritte gemacht. Mit Hilfe unserer führenden Politiker ist der N W zu einem dauerhaften Bestandteil der internationalen Politik geworden, dem fast alle Länder angehören. Der UN-Sicherheitsrat hat einmütig einen Präzedenzfall für Aktionen gegen Staaten wie beispielsweise Irak und Nordkorea geschaffen, die den Vertrag verletzen. Der rechtliche Status des N W wird durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und ihre umfassenden Sicherheitsinspektionen gestärkt. Die internationale Staatengemeinschaft wurde auf ernüchternde Weise wachgerüttelt, als wir das geheime Nuklearwaffenprogramms des Irak aufdeckten. Wir reagierten darauf mit der Stärkung von Rolle und Ressourcen der IAEO, die letzten Monat in der Annahme des Protokolls über das neue Modell gipfelte. Das Protokoll wird die Autorität und Fähigkeit der IAEO zur Aufdeckung geheimer Nuklearwaffenaktivitäten der Vertragsparteien des N W beträchtlich stärken. Präsident Clinton möchte dem Senat dieses Protokoll Anfang kommenden Jahres zur Ratifizierung vorlegen. Der Erfolg des globalen NW-Regimes wird durch regionale nuklearwaffenfreie Zonen wie die in Lateinamerika, Afrika und im Südpazifik vergrößert. Die Vereinigten Staaten arbeiten derzeit mit den Parteien der nuklearwaffenfreien Zone in Südostasien an der Lösung von Fragen, die der Einhaltung durch die Vereinigten Staaten noch im Wege stehen, und wir Seite 1 �sehen neuen Informationen über die vorgeschlagene nuklearwaffenfreie Zone in Zentralasien erwartungsvoll entgegen. Ferner hoffen wir, daß die betreffenden Parteien in naher Zukunft Gespräche über die Schaffung nuklearwaffenfreier Zonen in Südasien und im Nahen Osten aufnehmen können. Präsident Clinton hat auch die Aushandlung eines Vertrags über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material (Fissile Material Cutoff Treaty FMCT) gefordert - ein Vertrag, der besonders wertvoll für die Regionen wäre, in denen ein destabilisierender Rüstungswettlauf die Sicherheit gefährdet und die zur Deckung sozialer Bedürfnisse erforderlichen Ressourcen beansprucht. Unseres Erachtens sollten die Verhandlungen über die wesentlichen Gesichtspunkte unverzüglich aufgenommen werden. Obwohl sie theoretisch sehr attraktiv erscheint, ist die Verknüpfung mit einem zeitgebundenen, umfassenden nuklearen Abrüstungsschema einfach nicht zweckmäßig. Und es steht zu viel auf dem Spiel um zuzulassen, daß das Perfekte zu einem Feind des Guten wird. Im Gegensatz zu dem nuklearen Regime sind internationale Bestrebungen zur Verhinderung der Weiterverbreitung chemischer oder biologischer Waffen weniger gut vorangekommen. Nach dem Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention müssen wir jetzt sicherstellen, daß die Organisation für das Verbot chemischer Waffen die zur Umsetzung der CWC erforderlichen Ressourcen und politische Unterstützung erhält. Die Mitglieder der CW-Konvention müssen zusammenarbeiten, um den Kreis der Unterzeichner der Chemiewaffenkonvention auszuweiten. Insbesondere hoffen wir, daß die russische Duma die CW-Konvention so bald wie möglich unterzeichnet. Die Konvention über biologische Waffen stellt in mancher Hinsicht sogar eine noch größere Herausforderung dar. Obwohl dieser Vertrag bereits 1972 in Kraft trat und ihm fast alle Länder beigetreten sind, hat das Regime keine Mechanismen zu seiner Einhaltung oder Durchsetzung. Präsident Clinton rief vergangenes Jahr bei den Vereinten Nationen die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, bis 1998 ein rechtlich bindendes Protokoll zur BWC zu verabschieden, das strenge Vorgehensweisen zu ihrer Einhaltung - unter anderem Inspektionen vor Ort - vorsieht. Wir sehen der Arbeit zur Erlangung dieses Ziels erwartungsvoll entgegen. Unser zweites wesentliches Instrument im Kampf gegen die Weiterverbreitung ist die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Lieferanten von Atommaterial, um den Export von Technologie, Gerät und Material zu kontrollieren, die zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme beitragen können. Das ist ein schwieriges Vorhaben. Die neuen marktwirtschaftlichen Demokratien Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion bemühen Seite 2 sich um die Überwindung ökonomischer Härten und die Einrichtung effektiver Exportkontrollsysteme. Mit Ausnahme einiger äußerst spezialisierter Technologien hat eine langfristige Strategie der Verweigerung von Technologie reale Grenzen. In den heutigen zunehmend offenen Gesellschaften wird es immer schwieriger, den Transfer oder die Entwicklung der für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen erforderlichen grundlegenden industriellen Infrastruktur und des technischen Know-hows im eigenen Land zu verhindern. Trotzdem kann und muß die internationale Staatengemeinschaft - sowohl mit Hilfe nationaler als auch multilateraler Mechanismen - wichtige Schritte zur Bewältigung dieser Herausforderung unternehmen. Die meisten westlichen Lieferanten von Atommaterial haben die einheimischen Kontrollen von Mehrzwecktechnologie verschärft und Informationsaustausch sowie Zusammenarbeit im Bereich der strafrechlichen Verfolgung erhöht, um den Schmuggel mit gefährlichen Technologien zu bekämpfen. Jetzt müssen wir die Zahl der Mitglieder erhöhen und die multilateralen Exportkontrollbestrebungen verbessern - im ZanggerAusschuß, in der Gruppe der Lieferanten von Atommaterial, der Australien-Gruppe sowie beim Raketentechnologie-Kontrollregime (Missile Technology Control Regime - MTCR). Das Wassenaar-Abkommen, dem 33 Staaten angehören, ist ein einzigartiges Instrument zur Stärkung von Verantwortung und Transparenz beim Verkauf von konventionellen Waffen und Mehrzwecktechnologie sowie zur Mobilisierung internationaler Unterstützung für die Einschränkung des Handels mit Pariastaaten. Letztlich hängt die Effektivität dieser multilateralen Bestrebungen von der uneingeschränkten Beteiligung aller potentiellen Lieferanten ab. Insbesondere Rußland und China sind entscheidend bei der Bewältigung der durch Lieferanten dargestellten Herausforderung. Wir haben ein starkes nationales Interesse an der Zusammenarbeit mit Rußland um sicherzustellen, daß die Zukunft des Landes in engeren Beziehungen zum Westen besteht. Die neue Grundakte zwischen der NATO und Rußland ist nur ein Beispiel unserer umfassenderen Strategie zur Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Integration Rußlands. Dennoch gibt es wirtschaftliche und politische Ängste, die aus dem Verlust von Rußlands traditionellen Märkten herrühren und Druck auf die Entwicklung von Beziehungen für die Lieferung von waffenfähigem Material an die Besorgnis erregenden Länder ausüben. Ich möchte hier insbesondere die Frage von atomarer und raketentechnischer Hilfe für den Iran erwähnen. Obwohl wir Präsident Jelzins Zusagen zu schätzen wissen, daß Rußland seine nukleare Hilfe für den Iran einschränken wird, sind wir weiterhin besorgt, daß der Iran sich den Bau von russischen Atom- AMERIKA DIENST 17 �kraftwerken zunutze machen wird, um in den Besitz des Fachwissens und der Infrastruktur zu gelangen, mit denen das Land seine Nuklearwaffenambitionen fördern kann, auch wenn Präsident Jelzin klargestellt hat, daß das nicht die Absicht Rußlands ist. Wir sind auch beunruhigt über jüngste Berichte, daß Rußland Irans Langstrecken-Raketenprogramm unterstützt. Offensichtlich liegt es nicht im langfristigen Interesse Rußlands, eine Raketenstreitmacht zu schaffen, die Rußland selbst bedrohen könnte. Präsident Jelzin hat erklärt, daß Rußland eine solche Hilfe ablehnt, und wir werden weiterhin eng mit der russischen Regierung zusammenarbeiten, um die Umsetzung dieser Politik zu gewährleisten. Auch China bietet ein uneinheitliches Bild. Einerseits hat China eine zunehmend hilfreiche Rolle bei der Unterstützung der internationalen Regime gespielt, einschließlich der Verabschiedung des Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) und der (unbegrenzten) Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags, und arbeitet mit uns an der Lösung spezifischer Nichtverbreitungsbelange wie der nordkoreanischen nuklearen Bedrohung zusammen. Andererseits sind wir nach wie vor zutiefst besorgt über Bestrebungen Chinas, waffenfähiges Material zu liefern sowie über die Defizite seines unangemessenen, wenn auch besser werdenden Systems von Exportkontrollen, um nicht genehmigte Verkäufe zu verhindern. Im vergangenen Jahr haben wir bei der Behandlung dieses Problems Fortschritte erzielt. China hat seine nukleare Zusammenarbeit mit dem Iran eingeschränkt - insbesondere auf Gebieten, die zur Nuklearwaffenfähigkeit des Iran beitragen können - und China unternimmt Schritte zur Einlösung seines Versprechens, ungeschützten Nuklearanlagen keine Hilfe zu gewähren. Wenn China ein effektives Exportkontrollsystem einführt, kann das Land eine Basis für die Aktivierung des Vertrags von 1985 zwischen unseren beiden Nationen über atomare Zusammenarbeit zu friedlichen Zwecken (Peaceful Nuclear Cooperation Agreement - PNCA) schaffen. Gleichzeitig bleiben jedoch Probleme bestehen. Vor kurzem haben wir Sanktionen gegen mehrere Chinesen und chinesische Privatunternehmen verhängt, weil sie zum Chemiewaffenprogramm des Iran beigetragen haben. Wir sind auch besorgt über andauernde Berichte über Exporte von raketenfähigem Material Chinas nach Pakistan und Iran. Wir werden weiterhin alle uns zur Verfügung stehenden Mittel - Zusammenarbeit, kontinuierliche Diplomatie, gezielte Sanktionen, wo angemessen - nutzen, um Verbesserungen bei den Nichtverbreitungsbestrebungen Chinas zu ermutigen. Unseres Erachtens muß China sich bewußt werden, daß es im eigenen Interesse des Landes liegt, nicht AMERIKA DIENST 17 zur Verbreitung von gefährlichen Waffen oder Instabilität in seiner Nachbarschaft beizutragen. Die dritte wichtige Komponente unserer Nichtverbreitungsstrategie besteht in der Bewältigung der unterschwelligen Konflikte und Spannungen, die der Weiterverbreitung in drei Schlüsselregionen Vorschub leisten: der nordkoreanischen Halbinsel, dem Nahen Osten und Südasien. In diesen Regionen können die internationalen Verträge und multilateralen Exportkontrollabkommen zur Verlangsamung der Weiterverbreitung beitragen oder zumindest Hemmnisse schaffen, die Länder von der offenen Verletzung von Nichtverbreitungsnormen abschrecken. Substantielle Erfolge erfordern jedoch eine Veränderung in der Sicherheitsgleichung der fraglichen Staaten. Auf der koreanischen Halbinsel wurde Nordkoreas Program zur Herstellung von Nuklearmaterial mit dem Rahmenabkommen von 1994 eingefroren und ein Plan für die mögliche Einhaltung der lAEO-Sicherheitsvorschriften durch Nordkorea, die Beseitigung von Nuklearmaterial und die Zerlegung der nordkoreanischen Atomanlagen eingeführt. Gleichzeitig ist das Rahmenabkommen jedoch auch anfällig für politischen Druck und regionale Spannungen. Darüber hinaus sind wir weiterhin besorgt über die Chemiewaffenfähigkeiten und das Raketenprogramm Nordkoreas, einschließlich der Exporte. Um diese Bedrohungen zu meistern, beinhaltet unsere Sicherheitsstrategie in der Region die Aufrechterhaltung eines starken Bündnisses mit Südkorea und die Aufnahme der Vierparteiengespräche, um dauerhaften Frieden auf der Halbinsel zu schaffen und direkte Kontakte mit Nordkorea zu Raketen- und Chemiewaffenfragen herzustellen. Im Nahen Osten wird der Weiterverbreitung durch die strategische Rivalität zwischen Iran und Irak um die Vormachtstellung am Golf und das Fehlen eines umfassenden Friedens zwischen Israel und seinen Nachbarn Vorschub geleistet. Unsere Strategie umfaßt drei Hauptelemente: Erstens müssen wir weiterhin die Bestrebungen des Irak zur Wiederbelebung seines Waffenprogramms aufmerksam verfolgen, indem wir die Beschränkungen des UN-Sicherheitsrats für die militärischen Fähigkeiten des Irak aufrechterhalten und die von der UN-Sonderkommission und der IAEO durchgeführten eingehenden Inspektionsregime unterstützen. Zweitens versuchen wir, die internationalen Bestrebungen zu stärken, dem Iran die Mittel zur Entwicklung von Nuklear- und Chemiewaffen sowie ballistischen Raketen zu verweigern. Und schließlich verpflichten wir uns zur Fortsetzung einer aktiven Rolle beim Abbau von Spannungen und der Lösung des arabisch-israelischen Konflikts, die eine Wiederaufnahme der regionalen Rüstungskontroll- und Sicherheitsgespräche ermöglichen und letztlich die Anreize für Weiterverbreitung nehmen würde. Seite 3 �In Südasien haben sich Indien und Pakistan Nuklearund Raketenfähigkeiten beschafft und setzen die Erweiterung ihrer Programme fort, obwohl jede Seite die Bekanntgabe ihrer Fähigkeiten und die Stationierung solcher Waffen vermieden hat. Eine kurzfristige politische Lösung der Weiterverbreitung in Südasien ist unwahrscheinlich. Es gibt jedoch hoffnungsvolle Anzeichen, daß die neuen Regierungen in Neu-Delhi und Islamabad wirklich an einem Dialog und der Verbesserung der bilateralen Beziehungen interessiert sind, die die von beiden Seiten eingehaltenen De-facto-Beschränkungen verstärken können. Die Vereinigten Staaten werden Indien und Pakistan weiterhin zur Beilegung ihrer Differenzen am Verhandlungstisch ermutigen. Wir drängen auch nach wie vor beide Seiten zu Schritten in die richtige Richtung beim CTB- und FMCVertrag, um ihre Arsenale an Nuklear- und Raketenmaterial einzufrieren und letztlich zu beseitigen. * * * * * Seite 4 AMERIKA DIENST 17 �MARSHALLPLAN 3. September 1997 George C. Marshall: Der letzte große Amerikaner? von Lance Morrow WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Lance Morrow, dem Autor von "Heart: A Memoir". Morrow schreibt Essays für die Zeitschrift TIME und ist Professor an der Boston University. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift SMITHSONIAN, August 1997. Copyright© 1997, Smithsonian Institution. Alle Rechte vorbehalten. Meines Erachtens könnte ein Diagramm der amerikanischen Militärgeschichte mit einem Parallelogramm vier Mal George - beginnen: George Washington und George Marshall; George Armstrong Custer und George Patton. Eine Geometrie paarweiser Gegenstücke. In gewisser Weise ist George Marshall der Beste von allen. Custer und Patton sind die Heißsporne, streitbare Kampfhähne, mutig, großspurig und - in Custers Fall auf fatale Weise unachtsam. Der Kavalier George bevorzugte das Extravagante: Custer mit seiner persönlichen Flagge und einer Regimentsband, hoch zu Roß, wie er "Garryowen" über die Ebenen von Montana hinweg spielt. Patton mit elfenbeinverzierten Pistolen und seinem kriegerischen, mystischen Dejävu-Erlebnis - er dachte, er habe in einem anderen Leben mit Alexander dem Großen gekämpft. Nun, wie George Marshall wehmütig sagte, muß ein demokratischer Führer selbst im Krieg die Menschen unterhalten. Custer und Patten waren Unterhaltungskünstler, die die Bühne mit großspurigen Auftritten, Putz und Glanz ausfüllten. Sie dachten, daß die Schlacht im Wesentlichen eine dramatisch vergrößerte Projektion ihrer selbst sei. Patton mit Custer zu vergleichen, ist vielleicht unfair. Custers Schlußszene war ein Akt der Selbstopferung und Torheit. Im Gegensatz dazu war Patton ein brillanter Taktiker und ausgezeichneter Kampfführer, der seine Exzesse wieder gutmachte, als er die 3. Armee der Vereinigten Staaten quer durch Europa trieb, um gegen Hitler loszuschlagen. AMERIKA DIENST 17 Die anderen beiden Seiten des Parallelogramms - die Stoiker - gestalteten die umfassenderen amerikanischen Geschäfte. Washington und Marshall waren Soldaten mit Reife und Gewicht: Vaterfiguren, keine Söhne. Bei beiden Generälen entwickelte sich die Pflicht über das Ego hinaus zu einer Art höherer Selbstauslöschung - einer Identifikation, durch die sie selbst mit den Zielsetzungen des Landes verschmolzen. Die Griechen hätten Patton und Custer vielleicht für verkörperte Hybris gehalten und Washington und Marshall in schwindelnden Höhen oder im Bereich der Tugend angesiedelt - die Selbstverwirklichung in hehrer Erfüllung für den Staat. Washington und Marshall waren nicht nur Krieger, sondern - nach ihren Kriegen - etwas Konstruktiveres. Emerson sagte: "Jeder Held wird schließlich langweilig." Washington und Marshall könnten beide zu gut um wahr gewesen sein. Aber wenn ich Washington und Marshall Seite an Seite stelle und sie vor dem Hintergrund der jetzt amtierenden nationalen Führung betrachte, gelangt man leicht zu der Schlußfolgerung, daß sie die ersten - und letzten - Amerikaner sind, die erwachsen wurden. Wie jeder andere rettete Marshall die weltweite Demokratie in dem Augenblick ihrer größten Gefahr. Er trat seinen Dienst als Inspekteur und Generalstabschef der Armee am 1. September 1939 an, dem Tag, an dem Hitler in Polen einmarschierte. Er begann mit einem absurd schlecht ausgerüsteten Heer von 174.000 Mann, das an 17. Stelle weltweit hinter Nationen wie Bulgarien und Portugal stand, und machte es zu einer globalen Streitmacht von mehr als Seite 1 �acht Millionen Soldaten - einer Armee, ohne die die Alliierten Nazi-Deutschland und Japan nicht hätten besiegen können. Ulysses Grant war der erste Meister der industriellen Kriegführung. Marshall war das erste Genie in bürokratischer Kriegführung - ein Napoleon, der auf einem Schreibtisch ritt. Keine kriegerische Extravaganz, sondern Logistik rettete die Welt in den Jahren von 1939-45, obwohl die Welt vielleicht immer noch nicht reif genug ist, um das zu verstehen. Hätte irgendein anderer die Arbeit so gut wie Marshall machen können? Nein. War Marshall unersetzlich? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, außer vielleicht ein Zitat von Tao Te Ching: "Der Meister spricht nicht, er handelt. Wenn seine Arbeit getan ist, sagen die Leute: 'Erstaunlich - das haben wir alles selbst gemacht!'" Ungeachtet des vor kurzem begangenen 50. Jahrestages des Marshallplans ist George Marshall als Soldat heute fast, oder zu vier Fünfteln, vergessen - dessen war er sich wohl bewußt. Das war Teil seiner Tugend. Es gab einen Augenblick in der Zeit von Thanksgiving 1943, der alles verändert und Marshall in einen höheren historischen Orbit katapultiert haben könnte. Franklin Roosevelt mußte sich für den General entscheiden, der die alliierte Invasion in Frankreich und die Rückeroberung Europas leiten sollte. Jeder nahm an, daß der Inspekteur und Generalstabschef des Heeres George Marshall den Posten bekommen würde, den er sich wirklich verdient hatte. Auf seinem Weg zu Gesprächen in Kairo und Teheran erörterte Roosevelt die Frage mit Dwight Eisenhower, dem damaligen Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordafrika und am Mittelmeer. Als sie über Tunesien flogen, dachte der Präsident laut: "Ike, Du und ich wissen, wer während der letzten Tage des Bürgerkriegs Generalstabschef war, aber praktisch niemand sonst, obwohl jedes Schulkind die Namen der Generäle im Feld - Grant natürlich und Lee und Jackson, Sherman, Sheridan und die anderen kennt. Ich hasse den Gedanken, daß in 40 Jahren praktisch niemand weiß, wer George Marshall war. Das ist einer der Gründe, warum ich möchte, daß George das große Kommando übernimmt. Es steht ihm zu, seinen Platz in der Geschichte als großartiger General zu etablieren." Eisenhower hörte schweigend zu. Natürlich wollte er den Oberbefehl über die Invasion, dachte aber wie alle anderen, daß Marshall den Posten bekommen würde. Anfang Dezember versuchte Roosevelt in Kairo, Marshall zu einer Äußerung bewegen, was er persönlich bevorzugen würde. Marshall sagte nur, er werde das tun, was der Präsident von ihm wünsche. Tage später traf Roosevelt seine Entscheidung. Er argumentierte, niemand könne mit dem Kongreß so Seite 2 effektiv umgehen wie Marshail - kein anderer Soldat hätte Marshalls enorme moralische Autorität und Glaubwürdigkeit. Kein anderer kenne die militärische Situation so gut. Und als die Kairoer Konferenz endete, sagte Roosevelt zu Marshall: "Ich habe das Gefühl, daß ich nachts nicht schlafen kann, wenn Sie nicht im Land sind." Die Entscheidung war gefallen. Marshall akzeptierte sie ohne Kommentar und ohne sie in Frage zu stellen. Roosevelt und Marshall behielten Recht mit ihrer Vorhersage, daß Marshall die ihm zustehende Ehre in der Geschichte versagt würde, wenn er an seinem Schreibtisch im Kriegsministerium bliebe. Die Geschichte ist nicht fair. Marshall war ein größerer Staatsmann als Dwight Eisenhower, aber es war Ike, der acht Jahre lang im Weißen Haus war. Marshall war ein größerer General und ein besserer Mann als der theatralische und Eigenwerbung betreibende Douglas MacArthur. Dennoch lebt MacArthur lebhafter in der verbliebenen historischen Erinnerung der Vereinigten Staaten fort. Trotz des Angebots siebenstelliger Vorschüsse von Verlegern weigerte sich Marshall, nach dem Krieg seine Memoiren zu Scheiben. Wenn er das täte, erklärte er, müßte er die ganze Geschichte erzählen, und die ganze Wahrheit würde wahrscheinlich manche Kollegen verletzen. Seine Sorge um andere versteckte sich für gewöhnlich hinter einer pflichtbewußten, ernst-forschen Gewohnheit zu befehlen, die selten Wärme oder Vertrautheit durchdringen ließ. Der joviale Franklin Roosevelt nannte ihn bei mehreren Gelegenheiten "George", aber Marshall wies es als für seinen Oberbefehlshaber nicht angemessen zurück. Er hatte Sinn für Humor, den er jedoch so selten zeigte und der so versteckt und trocken war, daß andere ihn oft gar nicht bemerkten. Bei einer Feier anläßlich des Waffenstillstands im Ersten Weltkrieg erörterten ein französischer Attache und ein britischer Beobachter die Verteilung der deutschen Kolonien nach dem Krieg. Als der Franzose großzügig vorschlug, Syrien an die Vereinigten Staaten zu geben, lehnte Marshall ab: "Amerika ist gegen jede Kolonie, die eine Regen- oder Trockenzeit und eine abnormale Anzahl von Insekten hat." Er räumte jedoch ein, daß Bermuda akzeptabel sei. Der Engländer war "not amused". Colin Powell und Norman Schwarzkopf, die Helden eines 42-tägigen Videokrieges, machten Millionen mit ihren Memoiren. Marshall gehörte einer fast plutarchischen Ordnung vor dem Fernsehzeitalter an. In gewisser Weise war die Last, die er trug, größer als die von Churchill oder Roosevelt, weil Marshall der Mann war, der die Politik - bloße Ideen - in Männer und Stahl, in Fakten umsetze. Er wurde gnadenloser als die anderen an den Standards der Realität gemessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sagte Churchill, der eng mit Marshall zusammengearbeitet und häufig mit ihm AMERIKA DIENST 17 �über die Strategie der Alliierten gestritten hatte, über den Generalstabschef: "Nachfolgende Generationen dürfen seine Leistungen und sein Beispiel nicht vergessen." Franklin Roosevelts Karriere als Präsident hatte zwei Akte - die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Marshall spielte seine beiden Akte in umgekehrter Reihenfolge, vom Krieg zum Frieden erst als der Organisator der globalen Schlacht, dann als herausragender Staatsmann der Nachkriegszeit. Während der dreißiger Jahre, als Amerika im Wesentlichen isolationistisch und im Großen und Ganzen pazifistisch war, hatte Marshall zusammen mit einigen anderen die historische Gabe, einen Krieg in einem Umfang zu antizipieren, den die meisten Amerikaner als apokalyptische Phantasie angesehen hätten. Nach dem Krieg war es wiederum er, der Amerika mit dem Marshallplan aus der Isolation herausführte. Marshalls zwei große Akte überschnitten sich an einem Tag im Jahr 1947, im Juni dieses Jahres vor 50 Jahren. Der Präsident der Harvard University, James B. Conant, verlieh George Catlett Marshall die Ehrendoktorwürde der Jurisprudenz. Die Ehre, erzählte Conant den 8.000 Anwesenden im Hof der Universität, ging an "einen Amerikaner, dem die Freiheit andauernde Dankbarkeit schuldet, einen Soldaten und Staatsmann, dessen Fähigkeit und Charakter nur mit einem Mann in der Geschichte dieser Nation vergleichbar ist." Conant verstand die Symmetrie: Mit dem Vergleich war natürlich George Washington gemeint. Im Juni 1947 war die mit dem Sieg einhergehende Erleichterung neuen Ängsten gewichen. Churchill, der als Premierminister abgesetzt worden und Führer der loyalen Opposition war, grollte: "Was ist Europa jetzt? Es ist ein Schutthaufen, ein Leichenhaus, ein Nährboden für Pest und Haß." Das Bündnis aus Kriegszeiten mit der Sowjetunion war völlig aufgelöst; die Bedrohung durch kommunistische Regime in Europa und am Mittelmeer war real. Und jetzt, im Jahr 1947, hatte Marshall einen neuen Posten - den des Außenministers. Marshall mißtraute Eloquenz. Er sagte, er könne schlecht mit Worten umgehen und dachte, ein Offizier solle sich durch seine Taten ausdrücken. Er blickte auf den Hof von Harvard, rückte seine Lesebrille zurecht und begann: "Ich muß Ihnen nicht sagen, daß die Lage der Welt sehr ernst ist..." Damit legte Marshall das europäische Gesundungsprogramm dar, oder - wie alle es bald nannten - den Marshallplan. Als der Kalte Krieg begann, leitete er ein Programm in die Wege, das Westeuropa vor dem wirtschaftlichen und politischen Chaos und dem Totalitarismus retten würde, der China und die Ostblockländer erfaßte. Nachdem Marshall den Plan im Kongreß und in anderen Gremien durchgebracht hatte, wurde er schließlich trotz beträchtlicher Opposition verabschiedet. "Ich habe daran gearbeitet", sagte er AMERIKA DIENST 17 später, "als wenn ich für den Senat oder das Präsidentenamt kandidiert hätte." Er hatte nicht nur eine Anhörung vor dem Kongreß - er reiste durch das Land und erklärte geduldig. Es sei kein kostenloses Programm, sagte er den Geschäftsleuten. Die Länder, die finanzielle Unterstützung wünschten, hatten praktische Vorschläge für die wirtschaftliche Gesundung vorgelegt. Die Hilfe hatte eine zeitliche Begrenzung und eine festgesetzte Obergrenze für die Kosten. Sie würde von einem amerikanischen Geschäftsmann - keinem Bürokraten verwaltet, und die Rechenschaftspflicht war gesichert. Wo würden wir ohne ein prosperierendes Europa kaufen und verkaufen? Welche Chance gab es für dauerhaften Frieden ohne parlamentarische Demokratie auf dem Kontinent? Zweimal in 50 Jahren, erinnerte er die Isolationisten, war Amerika in den Krieg gezogen, um Europa vor der "Beherrschung durch eine einzige Macht" zu bewahren - ein klarer Beweis dafür, wieviel Europa Amerika bedeutete. In einer Vision, die wir heute besser verstehen als damals, stellte er darüber hinaus fest, daß die sich während des Zweiten Weltkriegs rasch verbreitende moderne Kommunikation augenfälliger als in der Vergangenheit gemacht hatte, daß der Unterschied zwischen reichen und armen Nationen zum Auslöser künftiger Probleme werden könnte, wenn nicht etwas getan würde, um das Ungleichgewicht zu beheben. In den vier Jahren zwischen 1948 und 1952 leitete der Marshallplan 16 europäischen Ländern rund 13 Milliarden Dollar an Wiederaufbau- und technischer Hilfe zu. Dafür erhielt Marshall 1953 den Friedensnobelpreis. Ein Junge aus einer kleinen Stadt Als Soldat und Staatsmann diente Marshall in seiner 50-jährigen Laufbahn acht Präsidenten. Er wurde am letzten Tag des Jahres 1880, nur 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg in Uniontown (Pennsylvania), in einer vornehmlich landwirtschaftlichen Nation mit 38 Bundesstaaten geboren. Seine Laufbahn - junger Leutnant auf den Philippinen zur Zeit der Jahrhundertwende, General Pershings Stabschef im Ersten Weltkrieg, Organisator des Sieges im Zweiten Weltkrieg, Außenminister, als sich der Kalte Krieg verschärfte - personifizierte die Umgestaltung der Vereinigten Staaten von kleinstädtischer Insellage zu globaler Vorherrschaft. Der Bogen seines Lebens war auch die Trajektorie der Nation. Er gestaltete sein Leben und seine Arbeit entsprechend seiner Pflicht und seiner Nation - und diese vier Dinge wurden Eins. Marshalls Herkunft aus Pennsylvania erinnerte an ein leicht zu handhabendes, unabhängiges und im Wesentlichen unschuldiges, für die Kindheit kongeniales Universum - eine Art Emersonsches Zentrum, von dem aus Tom Sawyer in die große Welt hätte gegan- Seite 3 �gen sein können. Das durch eine solche Kindheit gewonnene Selbstbewußtsein war eine dieser entscheidenden (aber für gewöhnlich dunklen) Quellen der nationalen Energie, als die Vereinigten Staaten für das Amerikanische Jahrhundert hinaus in die Welt gingen. Es war die Art von Kindheit, deren sich ein repräsentativer Amerikaner wie Charles A. Lindbergh erfreute und von der Henry Ft. Luce, der Sohn eines Missionars in China, aus der Ferne träumte und die er nie erlebte. Der Boden einer solchen Kindheit nährte den Mythos der amerikanischen Fülle, Großzügigkeit, Makellosigkeit und Immunität gegenüber dem Bösen in der Welt. Theodore Roosevelt feuerte diese Annahmen auf die Welt, als wären sie Kanonenkugeln. Woodrow Wilson machte sie zu einer Art missionarischer Theologie. George Marshall war der Nachkomme von John Marshall, dem dritten Vorsitzenden des Obersten Bundesgerichts, und von einigen der ältesten aristokratischen Familien Virginias - Catletts, Picketts, Taliaferros. Sein Vater, ein wohlhabender Geschäftsmann aus Uniontown, pflegte mit der Genealogie zu prahlen. Der Sohn reagierte peinlich berührt und irritiert. "Ich hatte das Gefühl, daß die ständige Erwähnung des Namens John Marshall unangebracht war", kommentierte er später. "Es war an der Zeit, daß ein anderer für die Familie schwimmt." In einer Jahre später, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, in Uniontown gehaltenen Rede erklärte Marshall, er habe sich erst nach 1899 für eine militärische Laufbahn entschieden, als er mit 18 Jahren der triumphalen Rückkehr der Kompanie C des 10. Pennsylvanischen Infanterieregiments von den Philippinen zusah: "Kein Mann von Kompanie C konnte in dieser Gemeinde etwas kaufen. Die Stadt gehörte ihm... Es war eine großartige Demonstration des Stolzes in einer kleinen Stadt, die die Einführung der Vereinigten Staaten in die Angelegenheiten der Welt jenseits der Meere widerspiegelte." Dieser vielversprechende Augenblick - Amerikas Abenteuer im Ausland, gefeiert zu den Klängen von Marshalls Vater war ein Demokrat, der William Jennings Bryan unterstützte. Marshall entschied sich für das Virginia Military Institute (VMI) in Lexington (Virginia), das Generationen von Marshalls besucht hatten. Sein älterer Bruder, Stuart, der 1894 am VMI seinen Abschluß machte, war gegen diese Wahl. Die beiden Brüder kamen nicht miteinander aus. Marshall erinnerte sich: "Ich hörte, wie Stuart mit meiner Mutter sprach und sie überreden wollte, mich nicht gehen zu lassen, weil er meinte, ich würde dem Familiennamen Schande bereiten. Das hat mich mehr beeindruckt als alle Lehrer, elterlicher Druck oder anderes. Ich beschloß an Ort und Stelle, ihn auszustechen." Marshall bekam seine Rache. Er erbrachte am VMI nicht nur herausragende Leistungen und wurde in seinem letzten Jahr einstimmig zum ersten Kapitän, dem höchstrangigen Offizier gewählt, sondern machte auch einer Frau aus Lexington, der sechs Jahre älteren Lily Coles, die Stuart als Kadett verehrt hatte, den Hof und heiratete sie nach seinem Abschluß 1901. Aufbruch nach Mindoro Der Spanisch-Amerikanische Krieg war vorüber, Spanien hatte Kuba aufgegeben, Puerto Rico und Guam an die Vereinigten Staaten abgetreten und ihnen die Philippinen für 20 Millionen Dollar verkauft. Der blutige Aufstand auf den Philippinen veranlaßte die Vereinigten Staaten dann jedoch, ihr stehendes Heer auf 100.000 Mann aufzustocken. Marshall, ein großer, schlanker, gutaussehender 20-Jähriger mit stechenden blauen Augen und einer gewissen Zurückhaltung, wurde als Leutnant in das Heer aufgenommen. Anfang des Jahres 1902 verabschiedete er sich von seiner jungen Frau und brach zur Philippineninsel Mindoro auf, wo seine militärische Laufbahn begann. Sie endete 49 Jahre und sieben Monate später mit der Versetzung von Verteidigungsminister George Marshall in den Ruhestand im dauerhaften Rang eines Fünfsternegenerals. John Philip Sousa - würde mehrere Generationen Eine von Marshalls einnehmenden Führungsqualitäten später, an dem dunkleren Ende der Trajektorie wiederkehren, als die Soldaten, einzeln, aus Vietnam zurückkamen und kein "Willkommen zu Hause" sie empfing, sondern nur ein starrer Blick, eine komplizierte Stille, oder das höhnische "Babymörder!" (Ich habe mich manchmal gefragt, was George Marshall getan hätte, wenn er 30 Jahre später geboren worden wäre und sein Generalstabschef ihn gebeten hätte, Westmoreland unter MacNamara im amerikanischen Krieg in Vietnam zu sein. Marshall war schließlich ein in seiner Loyalität untadeliger Soldat und äußerst genau beim Befolgen von Befehlen.) war seine Weigerung, herablassend zu sein oder andere herumzukommandieren, was er vielleicht durch sein Verhältnis zu seinem älteren Bruder gelernt hatte. Eine energische und intelligente Zurückhaltung war elementarer Bestandteil seiner Autorität: Keine Dummheiten, aber auch keine übermäßige Machtdemonstration. Er hatte viel Temperament, das er allmählich zu zügeln lernte. Er verstand sehr gut, wie Disziplin im Kontext der Hierarchie des Heeres auf der demokratischen Grundlage von gegenseitigem Respekt funktionierte. Als Marshall einmal Zeuge wurde, wie einer seiner Offiziere einen Soldaten herunterputzte (der es zweifellos verdient hatte), rief Marshall ihn beiseite und sagte: "Vergessen Sie nicht, Der junge Marshall wollte nach West Point, aber beide Senatoren aus Pennsylvania waren Republikaner und Seite 4 AMERIKA DIENST 17 �daß dieser Mann ebenso ein amerikanischer Staatsbürger ist wie Sie." Auf den Philippinen führte er schnell einen eisernen, aber zurückhaltenden Kommandostil ein. Als er eines Tages seine siebenköpfige Patrouille im Gänsemarsch durch einen Fluß im Dschungel führte, rief einer der Männer: "Krokodile!". Die Patrouille stürmte auf das Ufer zu und überrannte Marshall dabei. "Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um sie zu verfluchen", erinnerte er sich Jahre später. Statt dessen stand er auf, watete weiter, befahl den Männern, anzutreten, führte sie dann an der Spitze der Reihe zurück durch den Strom und anschließend wieder ins Wasser - in richtiger militärischer Art und Weise. Anschließend nahm er eine Inspektion der Waffen vor. Im November 1903 wurde Marshall in die Vereinigten Staaten zurückbeordert. Damit begannen lange Jahre harter Arbeit in der Dunkelheit einer Friedensarmee, die sich vorwiegend mit polizeilichen Aufgaben, der Erstellung von Karten und notwendigen theoretischen Militärübungen die Zeit vertrieb. Ein Heer in Friedenszeiten ist wie ein Tier im Winterschlaf; angesichts der Rangfolge nach Dienstalter läßt eine Beförderung auf sich warten. Der Dienst in der Garnison macht die Putz- und Flickstunde - und die Langeweile - zum Ritual. Marshall war eine Zeitlang in Fort Reno in Oklahoma, an der nördlichsten Gabelung des Canadian River stationiert. Das alte Grundprinzip des Heeres für den Dienst in der Prärie war überholt; die Weißen hatten ihre Ansiedlung und die Unterdrückung der Indianer noch nicht beendet. Von Fort Reno aus brach Marshall per Wagen und Esel auf, um den 5.000 km2 großen Südwesten von Texas zu kartographieren eine der rauhesten Landschaften Amerikas. Aufgrund der Rangfolge nach Dienstalter wurde Marshall erst im Spätwinter 1907 Oberleutnant. 1906 wurde er aber in die Infanterie- und Kavallerieschule des Heeres von Fort Leavenworth in Kansas aufgenommen. Solche Schulen sollten zum Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen den älteren Konservativen des Heeres und seinen jüngeren Reformern werden, die sahen, daß sich die Natur des Krieges angesichts neuer Waffen, des Verbrennungsmotors und des Telegrafen von Marconi grundlegend geändert hatte. Beweglichkeit, Mobilität, Kommunikation und Feuerkraft waren im Begriff, seine Metaphysik zu verändern. Letztlich war es Marshalls meisterhafter Umgang mit den neuen Gegebenheiten - die Notwendigkeit, schnell zu denken und zu improvisieren, im Feld einen sicheren Schnellschußinstinkt zu haben und von hervorragend organisierter Logistik und Kriegsstärke unterstützt zu werden - der ihn zum letzten beherrschenden Genie des Zweiten Weltkriegs machte. AMERIKA DIENST 17 Marshalls Biograph, Ed Cray, schätzt die historischen Kosten des Übergangs in der militärischen Denkweise und des Widerstands der Alten Garde des Militärs gegen neue Ideen zu Beginn des Jahrhunderts folgendermaßen ein: "Die von völlig überalterten britischen und französischen Generälen zu Beginn des Ersten Weltkriegs blindlings angeordneten sukzessiven Blutbäder sollten den Reformern Recht geben, allerdings auf Kosten einer Generation junger europäischer Männer." Marshall, der in Leavenworth Jahrgangserster war, wurde zum Oberleutnant befördert und besuchte das Army Statt College von Leavenworth. In den darauf folgenden Jahren bis 1917, als er nach Frankreich in den Krieg zog, erbrachte er herausragende Leistungen in einem frustrierend niedrigen Rang. Im Alter von 34 Jahren -1915 - und immer noch Oberleutnant, äußerte er einem Kommandanten am VMI gegenüber: "Die absolute Stagnation bei der Beförderung in der Infanterie hat mich veranlaßt, zaghafte Pläne für meinen Rücktritt zu machen, sobald sich die Wirtschaftbedingungen etwas verbessern." Bald besann er sich eines Besseren. Marshall ragte als Stabsoffizier heraus, der sich bei einer Reihe militärischer Manöver großen Stils - an der Grenze zwischen Texas und Mexiko, in Connecticut, auf den Philippinen - als brillanter Improvisator erwies, der mit bemerkenswertem Geschick ganze Armeen bewegte. Eine Heereslegende besagt, daß nach dem Manöver von Batangas auf den Philippinen im Januar 1914 der kommandierende General seinen Stab zusammenrief, um Marshall als "das größte militärische Genie seit Stonewall Jackson" zu rühmen. In Fort Douglas (Utah) machte der Kommandeur, Oberstleutnant Johnson Hagood, Marshall 1916 ein bemerkenswertes Kompliment in seiner Beurteilung: "Dieser Offizier ist sehr gut qualifiziert, in Kriegszeiten im Rang eines Generalmajors eine Division zu befehligen, und ich würde sehr gerne unter ihm dienen." Woodrow Wilson, der 1916 aufgrund seines Versprechens wiedergewählt wurde, Amerika aus dem Krieg herauszuhalten (wie Franklin Roosevelt 1940 und Lyndon Johnson 1964 versprachen) verwickelte Amerika schließlich im April 1917 in den Krieg und schickte zwei Millionen Amerikaner unter General John J. Pershing, der frisch von der Verfolgung Pancho Villas in Mexiko kam, nach Frankreich. Zu wertvoll für den Kampf 1917 machte sich kein intelligenter Soldat mehr Illusionen über den Grabenkrieg, der Europa seit drei Jahren zerstörte. Innerhalb eines Tages - am 1. Juli 1916, bei der Schlacht an der Somme - verlor England 60.000 Männer - 2.000 mehr, als Amerika in den zwölf Jahren des Indochinakrieges verloren hatte. Seite 5 �Als für den Einsatz der 1. Division verantwortlicher Offizier - ein Posten, der normalerweise einem Oberstleutnant zukam - begann Marshall mit der Ausbildung und Zusammenstellung der unerfahrenen amerikanischen Truppen in Gondrecourt in der Lorraine. Er war kurz als Beobachter an General Henri-Philippe Petains Front von Verdun tätig. (Marshall geriet unter Beschuß, verfing sich im Stacheldraht und ein Stück seiner Hose blieb daran hängen, als er zurück in den Graben krabbelte.) Er wurde amtierender Stabschef der 1. Division und hatte eine denkwürdige Begegnung mit Pershing. Der General platzte vor Wut gegenüber Marshalls Kommandeur, General William L Sibert. Marshall wiederum verlor seine Beherrschung im Namen von Sibert und erging sich Pershing gegenüber in einem wütenden Monolog über den Zustand der Truppen, den unzureichenden Nachschub und Transport. Marshalls Offizierskameraden waren der Überzeugung, Marshall hätte vor ihren Augen beruflichen Selbstmord begangen. Tatsächlich gelangte Pershing jedoch zu der Überzeugung, daß er endlich einen Offizier gefunden hatte, der ihm die Wahrheit sagte. Marshall hoffte auf ein Kommando. Douglas MacArthur, der ungefähr sein Alter hatte, war bereits Oberst und Stabschef der 42. Division. Marshall wurde jedoch als zu wertvoll eingeschätzt, um Stabsoffizier zu werden. Er wurde in Pershings Hauptquartier nach Chaumont versetzt. General Ludendorffs Offensive im Frühjahr 1918 - Deutschlands letzte Hoffnung auf einen Sieg - scheiterte aus Mangel an Treibstoff. Marshall wurde angewiesen, den amerikanischen Teil des Gegenangriffs der Alliierten zu planen. Marshalls weiterer Werdegang im Zweiten Weltkrieg zu wertvoll für den Kampf und gegen seinen Willen dazu verdammt, als eine Art militärisches Schreibtischgenie zu funktionieren - wurde bereits in den Feldzügen von St. Mihiel und Meuse in der Argonne angedeutet. Er stieg schnell auf und organisierte - jetzt in dem vorübergehenden Rang eines Obersten - den Transfer von etwa 600.000 amerikanischen Soldaten und 900.000 Tonnen Nachschub und Munition vom Sektor St. Mihiel zum Schlachtfeld an der Meuse in der Argonne. Das Ganze geschah im Geheimen bei Nacht, und ohne daß die Deutschen es merkten. Es war eine der längsten und kompliziertesten logistischen Unternehmungen des Krieges. Die Operation an der Meuse in der Argonne im Herbst 1918 war eine Art örtlich begrenzte Generalprobe für die globale Aufgabe, die Marshall im Zweiten Weltkrieg bewältigte. Er nutzte seine bemerkenswerte Gabe, sich sachlich und nüchtern auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren. Seine zweite Frau, Katherine Tupper Marshall - eine Witwe, die Marshall 1930, drei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete beobachtete sein Verhalten während der ersten trostlosen Monate des Jahres 1942, als die Alliierten Seite 6 an fast allen Fronten weltweit zurückgeschlagen wurden. Sie erklärte: "Es war, als würde er außerhalb seines Ich leben und George Marshall wäre jemand, den er ständig beurteilte, beriet und auf die Bewältigung einer Situation vorbereitete." Weder der Feldzug an der Meuse in der Argonne noch die Logistik von Amerikas globalem Krieg waren nur aus dem Grund erfolgreich, weil Marshall Charakter hatte. Er besaß außergewöhnlichen Intellekt, ein erstaunliches Gedächtnis und eine kinetisch zu nennende militärische Vorstellungskraft - eine geniale Gabe, die dynamische Interaktion von Fakten in der schnellen Bewegung durch die Zeit zu sehen. Marshalls konzentrierte analytische Intelligenz kam zu Tage, als er als Inspekteur und Generalstabschef des Heeres Anhörungen vor Kongreßausschüssen hatte oder gelegentlich Pressekonferenzen gab. Während des Zweiten Weltkriegs lud er manchmal 40 oder 50 Berichterstatter in sein Büro ein, hörte sich eine lange Reihe ihrer Fragen an und hielt dann ohne Notizen einen halbstündigen Monolog, in dem er auf jede Frage einging (und sich dem Berichterstatter, dessen Frage er gerade beantwortete, direkt zuwandte). Gleichzeitig verband er alle Antworten zu einem kohärenten Ganzen. Nach dem Ersten Weltkrieg entmobilisierte Amerika, kehrte den Alpträumen im Ausland mit Schrecken und Erleichterung den Rücken und wandte sich einem Isolationismus zu, der sich auf den enormen atlantischen und pazifischen Graben verließ. Marshall kehrte als persönlicher Assistent Pershings nach Amerika zurück. Zusammen mit seinem Kommandeur führte er lange Gespräche mit Präsident Warren G. Harding. Marshall stand über der Parteipolitik, lernte aber den Umgang mit Politikern und Regierungsvertreten - eine Lehre, die sich später auszahlte. Seine Jahre als Assistent des Generalstabschef des Heeres vermittelten Marshall Kenntnisse über die politischen Realitäten des Soldatentums in einer Demokratie. Die "Revolution von Benning" Obwohl Marshall entsetzt genug über das Gemetzel des Krieges war, sah er sich erneut mit der Frustration eines Soldaten in Friedenszeiten konfrontiert. Die Nation baute ihr Heer achtlos auf praktisch symbolische Dimensionen ab, und Marshall wurde der ständige Rang eines Majors verliehen. Nach fünf Jahren mit Pershing und einer Beförderung zum Oberstleutnant wurde er stellvertretender Kommandeur der Infanterieschule von Fort Benning in Georgia. Dort begann er mit der Ausbildung junger Offiziere in Feuerkraft und Manövrierbarkeit, die die Grundlage für das neue Heer bildeten. Die Taktik sollte nicht mehr statisch sein. Marshall bildete die Offiziere im Hinblick darauf aus, was Cray als "jenen ersten aggressiven Vorstoß eines zunehmend motorisierten Feindes" AMERIKA DIENST 17 �beschrieb, "der eher mit Flugzeugen als mit Kavallerie auf Erkundung geht". In einer Vorlesung erklärte Marshall einmal: "Stellen Sie sich den Eröffnungsfeldzug eines Krieges vor. Er ist wie eine Wolke voller Unsicherheiten, Eile, schneller Bewegungen, Staus auf den Straßen, unbekanntem Gebiet, Fehlen von Munition und Nachschub zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, Kommunikationsmängel, entsetzlicher Ausdauertests und Mißverständnisse in direktem Verhältnis zu der Unerfahrenheit der Offiziere und der aggressiven Aktionen des Feindes. Dazu kommen noch die schnellen Flugzeuge, Panzer und gepanzerten Fahrzeuge..." Er beschrieb exakt den von Deutschland 1940 gegen Frankreich geführten Blitzkrieg. In seinen fünf Jahren in Benning - während der vom Heer als "Revolution von Benning" bezeichneten Zeit stellte Marshall in seinem ausgezeichneten Gedächtnis oder seinem sagenhaften "schwarzen Buch", das er nach Meinung seiner Offiziere führte, eine Namensliste auf, mit deren Hilfe er später die militärische Führung Amerikas im Zweiten Weltkrieg zusammenstellte. Oberstleutnant Joseph Stillwell und Major Omar Bradley zählten zu Marshalls Ausbildern in Benning. In Benning erwarb Marshall auch den Ruf, Offiziere skrupellos zu beurteilen und sogar die erfahrensten Männer zugunsten junger Offiziere zu entlassen, die seines Erachtens ein modernes Heer führen konnten. Dieser Ruf wurde später zu einer bisweilen traurigen Heereslegende. Die dreißiger Jahre waren für Marshall schwierig. Er war in seinen Fünfzigern und immer noch Oberst. Das arteriosklerotische System des Heeres hatte sich erneut bestätigt. Er gestand Pershing gegenüber ein: "Ich werde zu alt, um im Heer noch eine bedeutende Zukunft zu haben." Im Oktober 1936 wurde Marshall schließlich Brigadegeneral. Weniger als zwei Jahre später kam er als Stellvertretender Generalstabschef des Heeres unter General Malin Craig nach Washington. Zu diesem Zeitpunkt glich die Geschichte einer Fotomontage dunkler Wolken in einer Zeitlupenaufnahme im Film. Von Tokio bis Berlin, von Moskau bis * AMERIKA DIENST 17 Chunkging, von London über Washington bis New York verschlechterte sich die Weltlage. Stalin, Hitler, Mussolini, Roosevelt, Chiang, Mao und die Japaner unternahmen erste vorbereitende Schritte. Die Invasion der Italiener in Äthiopien machte die Schwäche des Völkerbundes auf dramatische Weise deutlich und bildete die Einleitung zu einer Tragödie größeren Ausmaßes. In der Sowjetunion begann Stalin die Schauprozesse, die zur Inhaftierung oder Exekution von Millionen Parteifunktionären, Beamten, Militäroffizieren, Ärzten und Wissenschaftlern führten - eine gesellschaftliche und kulturelle Apokalypse. Im März 1936 besetzte Hitler das entmilitarisierte Rheinland, ohne auf Widerstand zu stoßen. Deutschland ging Bündnisse mit Italien und Japan ein und half Francisco Franco, in Spanien seine Macht zu festigen. Im März 1939 besetzte Hitler die restliche Tschechoslowakei. Im September war Polen an der Reihe. Aissich Brigadegeneral Marshall im Kriegsministerium in Washington zum Dienst meldete, begrüßte ihn Stabschef Craig, ein alter Freund aus dem Ersten Weltkrieg, mit den Worten: "Gott sei Dank, George, daß Sie gekommen sind, meine zitternden Hände zu halten." Heute erscheinen der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach wie das Zeitalter der Dinosaurier - eine lange zurückliegende Zeit, in der riesige Tiere auf der Erde umherzogen und primitive Dinge taten (Faschismus, globale Eroberung, Völkermord und das nukleare Erwachen, das den letzten Akt des Krieges darstellte). Die Charaktere dieses Schauspiels (Hitler, Stalin, Churchill, Roosevelt, Mussolini, Mao) haben eine welterschütternde, mythische Qualität. Aus dem ursprünglichen Mythos wurde Hitler zum Ursprung des Bösen, wie München zum warnenden Modell des Appeasement wurde. Für mich wird George Marshall zum Paradigma einer bestimmten amerikanischen Tugend, die keinesfalls ausgestorben ist. Marshall ist meines Erachtens im Gedächtnis der Nation immer noch mit nachdenklicher Schärfe präsent - einer Art Vorwurf. * * * * Seite 7 �GESELLSCHAFT 3. September 1997 Der andere Spiegel - die Vereinigten Staaten als multirassische Gesellschaft von Ronald Takaki (AD) - Im nachfolgenden Artikel zeigt Ronald Takaki ein Bild von der Rassensituation in den Vereinigten Staaten, das sich nicht auf die Unterscheidung zwischen Schwarzen und Weißen beschränkt, und stellt fest, daß bei den heutigen Rassenbeziehungen noch viele Fragen offen sind. Professor Ronald Takaki von der University of California in Berkeley ist Verfasser von A Different Mirror: A History of Multicultural America (1993). Sein nächstes Buch A Larger Memory: Voices of Multicultural America wird 1998 von Little, Brown and Company herausgegeben. Als Präsident Clinton in seiner am 14. Juni 1997 in San Diego gehaltenen Rede die amerikanische Gesellschaft als "multirassisch" bezeichnete, beschrieb er nicht nur, wie wir im kommenden Jahrhundert sein werden, sondern auch, wie wir seit unseren Anfängen an den Küsten von Virginia und Massachusetts im 17. Jahrhundert gewesen sind. Der Präsident stellte fest, daß es in 50 Jahren in Amerika keine Rasse mehr geben wird, die "die Mehrheit stellt". Mit anderen Worten: Wir alle werden Minderheiten angehören. Den Prognosen zufolge wird die amerikanische Bevölkerung im Jahr 2050 zur Hälfte aus Weißen bestehen (verglichen mit zur Zeit 73 Prozent); 24 Prozent werden Hispanoamerikaner (mehr als das Doppelte der derzeitigen 11 Prozent), 14 Prozent Afroamerikaner (ein leichter Anstieg gegenüber den heutigen 12 Prozent) und 10 Prozent Amerikaner asiatischer Herkunft (mehr als das Doppelte von gegenwärtig 4 Prozent) sein. Diese demographische Umgestaltung wird in Kalifornien innerhalb weniger Jahre erfolgen und hat in vielen großen Städten des Landes bereits stattgefunden. Man könnte befürchten, dieses sich verändernde Gesicht Amerikas würde unser Land "entzweien". Wir können es aber auch als eine Chance begrüßen, unsere Vielfalt anzuerkennen und eine umfassendere Sicht davon zu bekommen, wer wir als Amerikaner sind. AMERIKA DIENST 17 Die Geschichte unseres Volkes in "einem anderen Spiegel" gesehen zeigt, daß Amerika eine lange Geschichte als multirassische Gesellschaft hat. Weder die monolithische Sicht von Amerikanern als ursprünglich Weiße oder Europäer noch die binäre Sicht von Amerikanern als entweder Weiße oder Schwarze reflektiert akkurat unsere Vielfalt, die wir in Zukunft haben werden oder in der Vergangenheit hatten. Als im 17. Jahrhundert die ersten Engländer an der Ostküste unseres Kontinents ankamen, hatten die Ureinwohner dort schon seit Tausenden von Jahren gelebt. Dann landeten 1619, ein Jahr vor der Ankunft der Mayflower in Massachusetts, Afrikaner in Virginia, die von einem holländischen Sklavenschiff dorthin gebracht worden waren. Die Afrikaner wurden in den nachfolgenden Jahren weiterhin in die Kolonien gebracht, um den Bedarf der Tabakanbauer an Arbeitskräften zu decken. Die Kolonialisten vertraten nach wie vor die Ansicht, diese neue Gesellschaft sollte rassisch homogen sein ein New England und ein Virginia (benannt nach Queen Elizabeth, der "jungfräulichen Königin" - "Virgin Queen"), das die Bevölkerung ihrer alten Heimat widerspiegelte. Bald nachdem durch den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eine unabhängige Republik geschaffen worden war, verabschiedete der US-Kongreß ein Gesetz, dem zufolge nur "Weiße" die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen durften. Mehrere Jahre später, kurz bevor Präsident Thomas Seite 1 �Jefferson den Erwerb von Louisiana aushandelte, äußerte er James Monroe gegenüber, er freue sich auf die Zukunft, wenn es auf diesem Kontinent viele "Menschen" gäbe, die "dieselbe Sprache sprechen, in ähnlicherweise und mit Hilfe ähnlicher Gesetze regiert werden". Die "Menschen", die Jefferson auf dem Kontinent sah, waren jedoch nur "Weiße". Jeffersons Erwerb des Gebiets im Westen ebnete aber den Weg zu einer Expansion, die zur Annektierung des Südwestens, der Einbeziehung der indianischen und mexikanischen Bevölkerung sowie den Wanderbewegungen aus China und Japan ostwärts nach Amerika führte. Am Ende des 19. Jahrhunderts war unsere moderne multirassische Gesellschaft aus der Expansion nach Westen und der Industrialisierung entstanden. Eingewanderte Arbeiter aus China und Irland hatten die transkontinentale Eisenbahn gebaut - das Stahlband quer durch Amerika, das das Verkehrssystem für die Entwicklung der Landwirtschaft sowie der Fertigungsindustrie darstellte und die Städte von Küste zu Küste miteinander verband. Irische Einwanderer arbeiteten in New England in Fabriken, die Textilien aus Baumwolle herstellten, welche von schwarzen Sklaven auf Land angebaut wurde, das den Indianern und Mexikanern genommen worden war. Diese Realität unserer ethnischen und rassischen Vielfalt veranlaßte den amerikanischen Autor Herman Melville im 19. Jahrhundert zu folgender Beobachtung: "Das Blut der Welt fließt durch die Venen der Amerikaner. Wir sind kein begrenzter Stamm." Neben der Wirtschaft, die unsere verschiedenen Gruppen integrierte, gab es etwas Tiefergehendes, Prpfunderes, das uns als Amerikaner einte. Als Jefferson die eindringlichen Worte, daß "alle Menschen gleich geschaffen sind", schrieb, weitete er die "unveräußerlichen Rechte" nicht auf die Schwarzen aus. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung besaß 200 Sklaven. Aber lange danach, während des Amerikanischen Bürgerkriegs, nahm Präsident Abraham Lincoln eine Neudefinition von Gleichheit als dem Recht jedes einzelnen, ungeachtet seiner Rasse vor. Gleichheit sei das zentrale "Vorhaben" unserer Nation, erklärte er, und die Amerikaner hätten die Verpflichtung, diese "unbeendete Arbeit" fortzuführen. In Gettysburg dachte Lincoln über die Bedeutung der großen Krise nach und erkannte auch den Beitrag an, den die 186.000 schwarzen Soldaten zum Erhalt der Union geleistet hatten. Frederick Douglass rief seine schwarzen Mitbürger dringlich zur Teilnahme an den Kämpfen mit dem Hinweis auf, in der Verfassung stehe "Wir, das Volk" und nicht "Wir, die Weißen". Die chinesischen Einwanderer verstanden diese Wahrheit ebenfalls. Sie waren in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts zunächst zu den Goldfeldern geeilt, aber denjenigen, die nach dem "goldenen Amerika" suchten, folgten jene Zehntausenden, die als Landwirte oder Industriearbeiter kamen. 1882 ver- Seite 2 abschiedete der Kongreß jedoch das Gesetz über den Ausschluß der Chinesen, das eine weitere chinesische Einwanderung unterband. Ein Einwanderer protestierte wütend gegen das, was er als eine Verletzung der Gründungsprinzipien Amerikas ansah. "Keine Nation kann es sich leisten, ihre hehren Ideale aufzugeben", schrieb Yan Phou Lee in der North American Review. "Die Gründer der Amerikanischen Republik bekräftigten den Grundsatz, daß alle Menschen gleich geschaffen sind und machten dieses schöne Land zu einem Zufluchtsort für die Welt. Daher ist es seine Bestimmung - sein "Manifest Destiny" - Lehrer und Führer der freien Nationen zu sein... Wie weit diese Republik von ihren hehren Idealen abgewichen ist und ihre traditionelle Politik ins Gegenteil umgekehrt hat, zeigt sich an den gegen die Chinesen verabschiedeten Gesetzen." Lees Protest wurde zweifelsohne von den meisten Amerikanern zurückgewiesen, aber der Kampf, damit diese Republik gemäß ihren Idealen lebte, wurde fortgesetzt, als weitere Einwanderungswellen kamen. Viele dieser Menschen wurden mit Vorurteilen konfrontiert, die auf Vorstellungen von kultureller oder ethnischer Unterlegenheit gründeten, aber die meisten sahen genügend Chancen, den Kampf für eine Gesellschaft mit mehr Gleichberechtigung fortzusetzen. Ein Wendepunkt kam im Zweiten Weltkrieg. Der Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland mit seiner Ideologie arischer Überlegenheit zwang uns als Bürger einer Demokratie, die Unvereinbarkeit unserer Ideale mit unserer Behandlung rassischer und ethnischer Minderheiten zu sehen. Dieser Widerspruch wurde zum konzeptionellen Rahmen für Gunnar Myrdals 1944 veröffentlichtes Buch An American Dilemma: The Negro Problem and Modern Democracy. Während die Amerikaner diesen "ideologischen Krieg" gegen den Nazismus führen, erklärte er, müssen sie das Prinzip der Demokratie expliziter auf die Rasse anwenden. "Faschismus und Nazismus gründen auf einem rassischen Überlegenheitsdogma ... und diese Regierungen kamen durch rassische Verfolgung und Unterdrückung an die Macht." Aus diesem Grund müßten die Amerikaner sich mit ihrer Unterstützung von rassischer Toleranz und Gleichheit vor die gesamte Welt stellen. "Dieses Land", schrieb Myrdal, "hat eine nationale Erfahrung bei der Vereinigung rassischer und kultureller Vielfalt und eine nationale Theorie - wenn nicht sogar eine konsequente Praxis - der Freiheit und Gleichheit für alle. Der Haupttrend der Geschichte (dieses Landes) ist die allmähliche Verwirklichung des amerikanischen Credos." Mit der Bekräftigung dieses Credos trug Franklin D. Roosevelt der Notwendigkeit einer ideologischen Konfrontation mit dem Nazismus Rechnung, um die Amerikaner für den Krieg zu mobilisieren. Wir kämpfen, so Roosevelt, für die "vier Freiheiten" - Redefrei- AMERIKA DIENST 17 �heit, Religionsfreiheit, Freiheit von Not und Freiheit von Angst. Unsere Verpflichtung zu diesen Idealen, erläuterte er, verurteilt Rassismus: "Das Prinzip, auf das dieses Land gegründet und von dem es stets geleitet wurde, lautet, da3 Amerikanismus eine Angelegenheit des Geistes und des Herzens ist. Amerikanismus ist und war nie eine Angelegenheit der Rasse oder Herkunft." Amerikaner aller ethnischen Zugehörigkeit und Rasse kämpften für die Verteidigung dieser Demokratie. Die Schwarzen verließen die Farmen im Süden und die Ghettos im Norden, die Lateinamerikaner ihre Viertel, die Chinesen ihre Chinatowns, die Indianer ihre Reservate und einige Amerikaner japanischer Abstammung verließen sogar die Internierungslager. Alle Angehörigen von Minderheiten erbrachten Opfer für das, was sie als "Krieg für den doppelten Sieg" bezeichneten - den Kampf gegen Faschismus im Ausland und Rassismus im Inland. Was Lincoln als "die mystischen Klänge der Erinnerung" beschrieben hatte, die von den Schlachtfeldern bis zu den Gräbern der Patrioten ertönten, war multirassisch geworden. Diese nationale Bekräftigung unserer Vielfalt und unseres Engagements für das im Zorn des Zweiten Weltkriegs entstandene "Vorhaben" der Gleichheit ebnete der Bürgerrechtsära der sechziger Jahre den Weg. Bei dem Marsch auf Washington im Jahr 1963 vermittelte Martin Luther King seine Vision von Amerikas wirklichem "Manifest Destiny": "Ich sage Ihnen heute, meine Freunde, daß ich trotz der Schwierigkeiten und Frustrationen des Augenblicks immer noch einen Traum habe. Es ist ein Traum, der tief im Amerikanischen Traum verwurzelt ist. Ich träume davon, daß sich diese Nation eines Tages erheben und gemäß der wahren Bedeutung ihres Credos leben wird: 'Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind.'" Die Bürgerrechtsbewegung rüttelte die Nation auf und veranlaßte den Kongreß zur Verabschiedung des Bürgerrechtsgesetzes von 1964. Ein Jahr später ging Präsident Lyndon Johnson mit dem Präsidialerlaß 11246 über sein Diskriminierungsverbot hinaus. Mit dem Ziel "der vollständigen Verwirklichung von gleichen Beschäftigungschancen" verlangte dieses Gesetz von Firmen, die Geschäfte mit der Bundesregierung tätigten, "Gleichstellungmaßnahmen" zu ergreifen. Die Unternehmen mußten "in gutem Glauben Ziele und Zeitpläne" für die Beschäftigung von "nicht ausreichend genutzten", qualifizierten, Minderheiten angehörenden Arbeitnehmern festsetzen. In seiner Rede an der Howard University im Jahr 1966 erklärte Johnson, warum Gleichstellung notwendig sei: "Sie nehmen nicht einen Menschen, der jahrelang mit Ketten gefesselt war und befreien ihn, bringen ihn an die Startlinie eines Wettrennens und sagen dann: 'Du bist frei und kannst mit den anderen konkurrieren' und glauben immer noch, daß Sie völlig AMERIKA DIENST 17 fair gewesen sind... Deshalb ist es nicht genug, die Tore für Chancen zu öffnen. Alle unsere Bürger müssen die Möglichkeit haben, durch diese Tore zu gehen. Das ist das nächste und umfassendere Stadium des Kampfes für Bürgerrechte. Wir streben nicht nur Freiheit, sondern Chancen an - nicht nur rechtliche Gleichheit, sondern menschliche Fähigkeit nicht nur Gleichheit als ein Recht und eine Theorie, sondern Gleichheit als eine Tatsache und Gleichheit als ein Ergebnis." Dreißig Jahre später ist Gleichheit als eine Tatsache jedoch für Millionen von Amerikanern noch ein unverwirklichter Traum. Wir müssen immer noch die übergeordnete Frage ansprechen, die W.E.B. Du Bois ausmachte, als er voraussagte, das Problem des 20. Jahrhunderts werde das Problem der Hautfarbe sein. In der Dämmerung dieses Zeitalters ist dieses Problem immer verwirrender geworden. In ganz Amerika ist Arbeit in den Innenstädten "verschwunden", um die bittere Beschreibung des Wissenschaftlers William Julius Wilson zu verwenden. Die beunruhigend hohe Anzahl junger schwarzer Männer in Gefängnissen bekräftigt die Korrelation zwischen Verbrechen und Armut und zwingt viele Bundesstaaten, mehr Geld für Gefängnisse als für Universitäten auszugeben. Was Myrdal als das "amerikanische Dilemma" bezeichnete, ist in der Tat zu vielen Dilemmas geworden. Die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Rassen beschränken sich nicht mehr nur auf Schwarze und Weiße, sondern beziehen jetzt auch Lateinamerikaner und Asiaten ein. Die Unruhen in Los Angeles von 1992 schienen eine neue Ära multirassischer Konflikte anzukündigen. Im Kontext dieser sich vertiefenden rassischen Kluft und härterer Reaktionen auf Gleichstellungsmaßnahmen und Einwanderer hielt Präsident Clinton am 14. Juni 1997 seine Rede "Vielfalt ist von elementarer Bedeutung" an der University of California, San Diego. In dieser historischen Rede beschrieb Clinton als erster Präsident die amerikanische Gesellschaft als "multirassisch". Er forderte uns auch auf, die "unbeendete Arbeit" unserer Nation fortzuführen - ein impliziter Bezug zu Lincolns Gettysburg Address. Wird es uns gelingen? Werden wir es im 21. Jahrhundert schaffen? Obwohl zu viele der Aussichten nicht vielversprechend erscheinen, haben wir Grund zur Hoffnung. Die Geschichte des multikulturellen Amerika in "einem anderen Spiegel" gesehen, bietet uns Ermutigung: Die Geschichten unserer unterschiedlichen rassischen und ethnischen Gruppen unterscheiden sich, sind jedoch nicht unvereinbar. Im gesamten Verlauf unserer Geschichte waren wir miteinander verbunden wie Walt Whitmans "große, vorwärtsdrängende, hoffnungsvolle Armee von Arbeitern" beim Aufbau der Volkswirtschaft unseres Landes. Seit der Gründung unserer Nation haben wir auch um die Verwirklichung unsere politischen Ideale Seite 3 �von Demokratie und Gleichheit gekämpft. Diese "umfassendere Erinnerung" unseres unterschiedlichen Selbsts fordert uns konstant zur Fortsetzung unserer "unbeendeten Arbeit" zur Erlangung "einer perfekteren Union" auf. * * * * * Seite 4 AMERIKA DIENST 17</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
          <elementSet elementSetId="1">
            <name>Dublin Core</name>
            <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
            <elementContainer>
              <element elementId="50">
                <name>Title</name>
                <description>A name given to the resource</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12824">
                    <text>Amerikadienst 03.09.1997</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
              <element elementId="41">
                <name>Description</name>
                <description>An account of the resource</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12825">
                    <text>1. WTO ENTSCHEIDUNG DER WTO ÜBER RINDFLEISCHEXPORTE GIBT USA RECHT&#13;
Erklärung der US-Handelsbeauftragten&#13;
2.ABRÜSTUNG RÜSTUNGSKONTROLLE - EIN ZENTRALES ELEMENT DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK&#13;
von John D. Holum&#13;
NICHTVERBREITUNGSSTRATEGIE DER VEREINIGTEN STAATEN HAT HÖCHSTE PRIORITÄT&#13;
von James Steinberg&#13;
3.MARSHALLPLAN GEORGE C. MARSHALL: DER LETZTE GROßE AMERIKANER?&#13;
von Lance Morrow&#13;
4. GESELLSCHAFT DER ANDERE SPIEGEL - DIE VEREINIGTEN&#13;
STAATEN ALS MULTIRASSISCHE GESELLSCHAFT&#13;
von Ronald Takaki </text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
              <element elementId="39">
                <name>Creator</name>
                <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12826">
                    <text>U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
              <element elementId="48">
                <name>Source</name>
                <description>A related resource from which the described resource is derived</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12827">
                    <text>U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
              <element elementId="45">
                <name>Publisher</name>
                <description>An entity responsible for making the resource available</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12828">
                    <text>U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
              <element elementId="40">
                <name>Date</name>
                <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12829">
                    <text>03.09.1997</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
              <element elementId="44">
                <name>Language</name>
                <description>A language of the resource</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12830">
                    <text>Deutsch</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
              <element elementId="51">
                <name>Type</name>
                <description>The nature or genre of the resource</description>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12831">
                    <text>Digitalisat</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12818">
                <text>03.09.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12819">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12820">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12821">
                <text>Amerikadienst 03.09.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12822">
                <text>&lt;strong&gt;1. WTO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Entscheidung der WTO über Rindfleischexporte gibt USA Recht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung der US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rüstungskontrolle - ein zentrales Element der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John D. Holum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nichtverbreitungsstrategie der Vereinigten Staaten hat höchste Priorität&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von James Steinberg&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;George C. Marshall: der letzte große Amerikaner?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lance Morrow&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der andere Spiegel - die Vereinigten Staaten als multirassische Gesellschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Ronald Takaki&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="23">
        <name>Abrüstung</name>
      </tag>
      <tag tagId="24">
        <name>Gesellschaft</name>
      </tag>
      <tag tagId="25">
        <name>Marshallplan</name>
      </tag>
      <tag tagId="26">
        <name>WTO</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
  <item itemId="2467" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2478">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/7ea8cbb5935dab388ce89131de4c8ad6.pdf</src>
        <authentication>f0a3ba4458858bcb5ad0d74e65a0f715</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12837">
                    <text>^ e äfv

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

I.Oktober 1997

19

POLITIK

CLINTONS INNEN- UND AUSSENPOLITISCHE
AGENDA
Rede des Präsidenten vor der American University

NAHER OSTEN

ALBRIGHT: ARABISCHE WELT MUSS SICH
GEEINT FÜR FRIEDEN UND SICHERHEIT
EINSETZEN
Rede der US- Außenministerin vor dem GolfKooperationsrat

NATO

ALBRIGHT: WIR WOLLEN, DASS DER FRIEDEN
BESTAND HAT
Rede der Außenministerin vor dem Ständigen
Gemeinsam Rat der NATO

**

DIE NATO-ERWEITERUNG - LEICHTSINN ODER
NOTWENDIGKEIT?
Rede von Botschafter Robert Hunter

USA-EUROPA

DIE NEUE TRANSATLANTISCHE AGENDA
Rede von Staatssekretär Eizenstat

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�POLITIK
I.Oktober 1997

Clintons innen- und außenpolitische Agenda
Rede des Präsidenten vor der American University

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 9. September 1997 vor der
American University gehaltene Rede über die innen- und außenpolitischen Zielsetzungen der Administration.

Vielen Dank. Zuerst möchte ich Ihnen allen für Ihre
herzliche Begrüßung danken. Ich habe Rektor Ladner
bereits gesagt, daß ich nach diesem wunderbaren
Willkommen eigentlich gar keine Rede mehr halten
möchte.
Ich freue mich über die Begrüßung durch den Rektor
und seine profunden Worte. Ich danke Neal Sharma
für seine Einführung und seine Führungsrolle in der
Studentenschaft.
Ich begrüße den Vorsitzenden
Jacobs und Professor Mintz, Minister Dalton und
Gattin, den Stadtverordneten Thomas, alle Treuhänder
und Ehemaligen, die Fakultätsmitglieder, den Lehrkörper, die hier anwesenden Studenten und die Freunde
der American University, die heute gekommen sind.
Viele Mitglieder unserer Administration haben an der
American University ihren Abschluß gemacht oder sind
auf andere Weise mit ihr verbunden. Dazu zählt auch
Ihr ehemaliger Rektor, Joe Duffy. Eines der wichtigsten hat mich heute hierher begleitet - die ehemalige
Dozentin Judy Winston, die Direktorin meiner Rasseninitiative ist, über die ich heute unter anderem sprechen möchte.
Der Beginn eines neuen Studienjahres ist der Zeitpunkt, an dem sich die Studenten und auch wir hier in
Washington nach der Sommerpause des Kongresses
im August wieder an die Arbeit machen. Es ist eine
Zeit echter Hoffnung und des verdienten Optimismus
für Amerika. Und das höre ich heute an Ihren lebhaften Stimmen. Meines Erachtens ist das für mich ein
guter Zeitpunkt, zu Ihnen und unserem Land darüber
zu sprechen, was wir in den verbleibenden Monaten
dieses Jahres tun müssen, um unser Land optimal auf
das 21. Jahrhundert vorzubereiten.

AMERIKA DIENST 19

Ich kann kaum glauben, daß es fast sechs Jahre her
ist, seit ich meine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekanntgab. Damals - Ende 1991 - schien
Amerika sich dem neuen Jahrhundert mit unsicheren
Schritten zu nähern. Dramatische Veränderungen
unserer Lebens- und Arbeitsweise sowie unserer
Beziehungen untereinander und zu der übrigen Welt
bedrohten die Werte, die unser Leben bestimmen. Wir
waren in Gefahr, genau zu dem Zeitpunkt als Nation
stärker gespalten zu werden, an dem wir energisch
gemeinsame Fortschritte machen sollten.
An dem Tag, an dem ich meine Kandidatur bekanntgab, erklärte ich, unsere Mission als Volk müsse darin
bestehen, den Amerikanischen Traum für alle am
Leben zu erhalten, die dafür arbeiten wollen; Amerika
weiterhin als weltweit stärkste Kraft für Frieden,
Freiheit und Wohlstand zu erhalten und unsere Bürger
über alle uns trennenden Gräben hinweg als ein
Amerika zusammenzubringen.
Die ältesten und
dauerhaftesten Werte Amerikas - Chancen für alle,
Verantwortung aller, eine Gemeinschaft aller - mußten
in einer neuen und anderen Zeit stark und lebendig
bleiben. Das erforderte einen neuen Kurs.
Unsere Nation ist jetzt seit mehr als 220 Jahren jung
und stark geblieben, indem sie stets neue Herausforderungen auf eine Art und Weise bewältigt, die
unsere ältesten Werte erneuert. Das ist die Urquelle
unserer Größe. Unsere Nation wurde nicht auf
Religion, Rasse oder Geografie gegründet, sondern
auf einer Reihe leuchtender Ideale, die zu jedem
entscheidenden Moment unserer Geschichte wiederholt, bekräftigt und befürwortet wurden: Lincoln in
Gettysburg; die Progressiven bei der Schaffung einer
neuen Freiheit für das Industriezeitalter; Franklin
Roosevelt, der Amerika im Namen unserer ältesten

Seite 1

�Ideale aus dem Abgrund rettete; Dr. King, der Amerika
aufforderte, die wahre Bedeutung unseres Credos zu
leben. In jedem Moment der Herausforderung und des
Wandels haben wir Amerikaner einen Weg gefunden,
um diese alten Ideale zu bewahren, so daß sie keine
auf Pergamentpapier geschriebenen abgedroschenen
Worte sind, sondern vielmehr lebende Wegweiser für
eine neue Ära.
Seit viereinhalb Jahren arbeiten die Amerikaner daran,
dies zu einer Zeit des Wandels für unsere Generation
zu machen. Wir haben einen mutigen neuen Wirtschaftskurs eingeschlagen, unser Haushaltsdefizit
noch vor dem jüngsten Abkommen über einen ausgeglichenen Haushalt um mehr als 80 Prozent gesenkt,
Exporte durch mehr als 200 Handelsvereinbarungen
ausgeweitet und in unsere Menschen und ihre Zukunft
investiert. Wir machten uns daran, Amerika in der Zeit
nach dem Ende des Kalten Krieges Glaubwürdigkeit
zu verleihen, neue Bündnisse zu schmieden und uns
von Bosnien bis Haiti für unsere Werte einzusetzen.
Wir befaßten uns mit einer Vielzahl tiefgehender
sozialer Probleme einer Generation; wir gingen die
Herausforderungen von Verbrechen, Sozialhilfe und
Armut mit Arbeit, Verantwortung und Gemeinschaftsaktionen an. Und wir begannen mit der Zusammenstellung einer neuen Regierung, die nicht alles tun will,
sich aber nicht damit zufrieden gibt, nichts zu tun.
Vielmehr ist es eine progressive Regierung, die sich
verpflichtet, den Menschen die erforderlichen Werkzeuge zu geben, damit sie das Meiste aus ihrem
Leben machen können.
Heute sehen wir die Ergebnisse. Die Arbeitslosigkeit
liegt unter 5 Prozent, seit 1993 wurden fast 13 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die Inflation ist
niedrig und stabil, das Wachstum von Investitionen
und das Vertrauen der Verbraucher sind größer als
seit einer Generation. Familieneinkommen beginnen
endlich zu steigen, nachdem sie jahrzehntelang niedrig
waren.
Gewaltverbrechen nehmen seit Jahren
dramatisch ab. Wir waren Zeuge der stärksten
Abnahme von Sozialleistungen in der Geschichte.
Und viele unserer ärmsten städtischen und ländlichen
Gemeinden durchleben einen Frühling der Erneuerung.
Ende Juli erreichte Amerika einen neuen Meilenstein,
als ich den ersten ausgeglichenen Haushalt seit einer
Generation unterzeichnete. Dabei ging es um mehr
als nur um Zahlen. Er verkörpert die größte Zunahme
an Unterstützung für das Bildungswesen seit 1965. Er
umfaßt die größte Zunahme an Hilfe, damit die Menschen aufs College, auf Gemeindecolleges und
Graduate Schools gehen können. Das ist der größte
Anstieg seit der Verabschiedung des Gl-Gesetzes vor
50 Jahren - und er wird praktisch jedem die Tür zu
einem Collegebesuch öffnen, der dafür zu arbeiten
bereit ist.

Seite 2

Dieser Haushalt beinhaltet die größte Einzelinvestition
in die Gesundheitsfürsorge seit der Einführung von
Medicaid im Jahr 1965, die vor allem die Versicherung
von fast fünf Millionen Kindern zum Ziel hat, die derzeit
noch nicht krankenversichert sind. Er sieht die
Wiedereinführung gerechter Leistungen für legale
Einwanderer vor und stellt Milliarden Dollar bereit, um
den Menschen noch stärker zu helfen, die von der
Sozialhilfe wieder zur Arbeit zurückfinden wollen.
Nachdem das Haushaltsdefizit jahrelang unsere Politik
behindert und unsere Wirtschaft gelähmt hat, konnte
Amerika endlich die nächste Generation von dieser
Last befreien. Nach Jahren, in denen die beiden
Parteien oft so müde und gefangen erschienen wie
zusammengeschlagene Kämpfer in einem Ring, der
immer kleiner wird, fanden wir endlich einen Weg für
Demokraten und Republikaner, im nationalen Interesse zusammenzuarbeiten. Und damit haben wir uns
selbst bewiesen, daß Amerika noch funktioniert.
Wir dirigieren die sich heute in den Bereichen Technologie, Handel und Soziales stattfindenden Veränderungen - Veränderungen, die einst so viel Zweifel und
Unsicherheit hervorriefen - auf eine Art und Weise, die
sicherstellt, daß sie mächtige Kräfte des Guten
werden. Bei alledem möchte ich betonen, daß wir
nicht nur auf der Welle des letzten Konjunkturaufschwungs reiten. Unser Wirtschaftsplan, in dessen
Mittelpunkt ein ausgeglichener Haushalt steht, ist die
Grundlage, auf der wir die Zukunft Amerikas aufbauen.
Die Amerikaner dieser Generation gestalten und leiten
eine völlig neue Wirtschaft. Heute arbeitet ein größerer Prozentsatz von Amerikanern in der Computerindustrie als auf der Höhe der fünfziger Jahre in der
Automobilindustrie. Und in den Industriezweigen der

Zukunft - Computer, Biotechnologie, Luftfahrt - ist
Amerika weltweit führend. Aber Amerika ist auch
erstmals seit den siebziger Jahren bei Produktion und
Verkauf von Autos wieder führend.
In dieser neuen Volkswirtschaft wird es noch Höhen
und Tiefen geben, es wird Rezessionen und Krisen
geben, die Aktionen erfordern. Aber die Volkswirtschaft hat sich grundlegend verändert. Früher führten
vor allem die Goldvorräte im Boden, unser reichlich
vorhandenes Farmland oder die Kapazität unserer
Fabriken zum Reichtum der Menschen. Heute wissen
Sie ebenso gut wie jeder andere, daß die Fähigkeiten
unserer Menschen und unsere Vorstellungskraft dazu
führen.
Heute haben wir gute Nachrichten. Und angesichts
guter Nachrichten ist es am leichtesten, sich zu
erholen, Urlaub zu machen, zu glauben, daß unsere
Arbeit getan ist und zufrieden zu sein, daß unsere
Herausforderungen bewältigt sind. Aber Selbstgefälligkeit ist keine Option, und Ferien müssen in einer Zeit
voller Herausforderungen und Veränderungen weiterhin kurz sein. In der Tat muß sehr viel mehr getan

AMERIKA DIENST 19

»•

�werden, um unsere Werte zu erneuern, unsere Nation
zu stärken, noch ungelöste Probleme anzugehen,
wenn wir Ihnen wirklich das 21. Jahrhundert geben
sollen, das Sie verdienen. Wir müssen jetzt die
Schritte unternehmen, die klar vor uns liegen. Und die
Zeit für den Beginn ist jetzt - in diesem Herbst - mit
einer Reihe konkreter Aktionen, die den krönenden
Abschluß für ein Jahr echter Fortschritte für Amerika
bilden.
Zuallererst müssen wir Chancen für alle unsere Bürger
bereitstellen. Chancengleichheit ist unser zentraler
Wert, aber ihre wahre Bedeutung hat sich grundlegend
geändert. Im 19. Jahrhundert bedeutete Chancengleichheit beispielsweise die Zuteilung eines kostenlosen Stücks Land. Im 21. Jahrhundert wird es ein PellStipendium an einem Gemeindecollege, einer Handelsschule oder einer Universität sein. Und mehr
Ausbildung ist wichtig. Wir haben enorme Fortschritte
gemacht. Wie ich bereits sagte, enthält dieser Haushaltsentwurf die größte Aufstockung von Mitteln, um
den Menschen in 50 Jahren Zugang zu weiterführender Bildung zu gewähren - nicht nur das höchste PellStipendium unserer Geschichte, sondern auch
300.000 weitere Jobs, mit denen man sich das Geld für
ein Studium verdienen kann, neue Einsparungsmöglichkeiten beim privaten Rentenkonto für die
Collegeausbildung und Steuerfreibeträge, die praktisch
jedem im Land eine zweijährige Collegeausbildung
ermöglichen, der bisher keinen Zugang zum College
hatte, und eine vierjährige Ausbildung sowie den
Besuch der Graduate School gestatten. So etwas hat
es nie zuvor gegeben, und es wird die Chancen
revolutionieren, wenn es um die Möglichkeit einer
Collegeausbildung geht.
Ich möchte erläutern, warum es so wichtig ist, daß wir
uns auf die nächsten drei Monate konzentrieren. Die
Vereinbarung über einen ausgeglichenen Haushalt
enthält einen Fünfjahresplan für den Ausgleich des
Haushalts, und sie enthält Steuersenkungen. Sie
enthält einen Ausgabenplan. Der Ausgabenplan muß
jedoch jedes Jahr erneut umgesetzt werden. Dies wird
der Kongreß in den nächsten drei Monaten mit der
Verabschiedung der Mittelzuweisungen tun. Er muß
das Geld für die Pell-Stipendien genehmigen. Er muß
das Geld für die Jobs genehmigen, mit denen man sich
das Geld für ein Studium verdienen kann. Er muß eine
Verdoppelung der Mittel für Computer in jedem
Klassenzimmer genehmigen, damit wir unser Ziel
verwirklichen können, jedes Klassenzimmer und jede
Bibliothek bis zum Jahr 2000 an das Internet anzuschließen. Er muß die Initiative "Amerika liest"
genehmigen - mit der wir Gemeindemitarbeiter,
jobbende Studenten im ganzen Land und Tausende
von AmeriCorps-Studenten mobilisieren können, die in
unsere Schulen gehen und mit Lehrern und Eltern
zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß jeder
Drittklässler in diesem Land eigenständig lesen kann.
Das müssen wir tun.

AMERIKA DIENST 19

Wir müssen den Prozeß der Mittelbereitstellung
durchlaufen, ohne daß unsere Verpflichtung zu
nationalen Bildungsstandards Schaden nimmt. Wir
wissen zum Beispiel, daß die Vereinigten Staaten das
beste System für weiterführende Bildung der Welt
haben, und die Menschen kommen aus der ganzen
Welt, um hier zu studieren. Darauf bin ich sehr stolz.
Wir wissen jedoch auch, daß wir in der Ausbildung
unserer Kinder vom Kindergarten bis zur 12. Klasse
nicht so gut abschneiden wie wir sollten. Natürlich ist
es in Amerika schwieriger als an vielen anderen Orten
- wir haben mehr Vielfalt. Wir haben mehr rassische
Vielfalt, wir haben mehr sprachliche Vielfalt, wir haben
mehr kulturelle Vielfalt, und wir haben ein größeres
Einkommensgefälle als uns lieb ist. Die andere Vielfalt
ist nur zum Besten, denke ich.
Aber wir machen Fortschritte. Im internationalen
Notenvergleich in Mathematik und Naturwissenschaften lag unsere Nation in diesem Jahr gut über
dem nationalen Durchschnitt - und weit über dem
internationalen Durchschnitt in Mathematik und
Naturwissenschaften bei Viertklässlern. Bei den Noten
der Achtklässler lagen wir jedoch noch weit unter dem
Weltniveau, da unsere Kinder mit dem Erwachsenwerden und all den anderen Schwierigkeiten kämpfen, mit
denen sie sich konfrontiert sehen. Wir müssen besser
werden.
Wir sind die einzige große Nation der Welt, die keine
hohen, klaren, einheitlichen akademischen Standards
für herausragende Leistungen in Grundkursen in
öffentlicher Bildung hat. Wir haben keine. Für die
Ausbildung vom Kindergarten bis zur 12. Klasse sind
verfassungsmäßig die Bundestaaten und die örtlichen
Schulbehörden verantwortlich. Aber der Mathematikunterricht ist in Maine und Montana gleich. Und Kinder
müssen lesen lernen, ob sie in Washington oder an
der Südspitze von Florida leben.
Wir stehen jetzt kurz vor der Gründung einer vom
Kongreß eingerichteten überparteilichen Behörde, die
Prüfungen für Viertklässler im Lesen und für Achtklässler in Mathematik genehmigen soll. Einige denken,
das sollten wir nicht tun. Sie sagen, die Bundesregierung würde damit Macht an sich reißen. Das ist
nicht der Fall. Diese Prüfungen sind freiwillig. Kein
Bundesstaat und keine Schule muß sich daran
beteiligen. Die Bundesregierung hat diese Tests nicht
erarbeitet, wir bezahlen sie nur.
Ich hoffe jedoch, daß alle von Ihnen, die hier an diese
Universität gekommen sind, auf die 52,2 Millionen
Kinder blicken, die heutzutage in Amerika den Kindergarten und die Schule bis zur 12. Klasse besuchen das ist die größte Anzahl von Kindern aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, die es je gab. Wir
berauben sie der Zukunft, die Sie hier für sich in
Anspruch nehmen, wenn wir sie ohne die Grundqualifikationen aus der Schule entlassen, die sie für den

Seite 3

�Erfolg an der Universität benötigen. Und ich hoffe, Sie
werden unsere Bestrebungen bei den nationalen
Standards unterstützen.
Ihr Studentenvertreter hat eine sarkastische Bemerkung über die Sozialversicherung gemacht - und ich
weiß, daß viele von Ihnen denken, daß es sie nicht
geben wird. Aber es wird sie geben. Zweifelsohne
gehört es zu unserer größten Verantwortung sicherzustellen, daß es für die nächste Generation von
Amerikanern eine Sozialversicherung und Medicare
geben wird. Es ist falsch, Menschen in einen Fonds
für Leistungen einzahlen zu lassen, in deren Genuß
sie nie kommen. Das ist falsch.
In den nächsten drei Monaten werden wir auf diesem
Haushaltsabkommen aufbauen, wenn wir uns mit
Medicare befassen. Diese Haushaltsvereinbarung
verlängert die Gültigkeitsdauer des Medicare-Treuhandfonds um ein Jahrzehnt. In der Tat könnte dank
der von uns eingebauten strukturellen Veränderungen
genug Geld gespart werden, um ihn lange darüber
hinaus beizubehalten. Die führenden Kongreßabgeordneten und ich werden jedoch auch eine überparteiliche Kommission ins Leben rufen, die Medicare
prüfen und Empfehlungen abgeben soll, wie die
Krankenversicherung bis weit ins 21. Jahrhundert für
die nächste Generation von Amerikanern erhalten
werden kann.
Wir haben unter Beweis gestellt, daß wir unseren
Haushalt in Ordnung bringen und gleichzeitig die
Leistungen für die älteren Mitbürger verbessern
können. Jetzt müssen wir die Zukunft dieses Programms sicherstellen. Und dann können wir uns auch
mit der Sozialversicherung befassen. Wir können es
tun. Wenn wir den Haushalt ausgleichen können,
können wir ohne Zweifel auch das. Diese Probleme
haben mit den demographischen Veränderungen in
unserer Gesellschaft zu tun, und wir schulden es
Ihnen, nicht mit dieser Last konfrontiert zu werden. Ich
bin zuversichtlich, daß wir unserer Verantwortung
gerecht werden.
Als nächstes müssen wir unsere Bestrebungen zur
Ausdehnung des Handels auf die übrige Welt fortsetzen. Die Vereinigten Staaten sind jetzt wieder der
Exporteur Nummer Eins der Welt. Das müssen wir
aber auch weiterhin sein. Wir müssen es weiterhin
sein - nicht nur, weil es das Richtige für uns ist,
sondern weil es das Richtige für die Welt ist. Ich
möchte Ihnen einige interessante statistische Daten
nennen. In diesem Land leben weniger als fünf
Prozent der Weltbevölkerung; rund 20 Prozent des
Wohlstands der Welt entfällt auf unser Land. Wir
können unseren Wohlstand nicht erhalten, wenn wir
nicht das, was wir haben, an die anderen 95 Prozent
der Menschen in der restlichen Welt verkaufen.

Seite 4

Zweitens werden die wachsenden Volkswirtschaften
der aufstrebenden Länder, vor allem in Asien und
Lateinamerika - aber auch zunehmend in Afrika - in
den nächsten zehn Jahren sehr viel schneller wachsen
als die modernen Volkswirtschaften in Amerika,
Kanada und Europa. Wenn wir uns an diesem
Wachstum beteiligen, können wir eine enorme Zahl
von Ländern, die jetzt als arme Nationen eingestuft
sind, in den Rang von Nationen mit mittlerem Einkommen erheben, in denen Millionen von Kindern eine
würdigere, humanere und erträglichere Zukunft haben;
in denen Demokratie gedeiht; in denen wir gute
Partner nicht nur für die Wirtschaftsbeziehungen,
sondern auch für die Lösung der anderen Probleme
der Welt haben werden, bei denen wir die Verantwortung für sie übernehmen müssen.
Die Vereinigten Staaten haben eine eindeutige Verpflichtung zur weiteren Ausdehnung der Handelsgrenzen. Und morgen werde ich im Ostzimmer des
Weißen Hauses eine Kampagne in die Wege leiten,
um den Kongreß von der Erneuerung der traditionellen
Befugnis zu überzeugen, die Präsidenten jetzt seit
über 20 Jahren haben, ausländische Handelshemmnisse für amerikanische Waren und Dienstleistungen
abzubauen. Das ist für Sie und Ihre Zukunft sehr
wichtig.
Wir brauchen uns vor Handel mit der übrigen Welt
nicht fürchten. Wir sind die produktivste Volkswirtschaft der Welt. Es wird immer Veränderungen in
dieser Volkswirtschaft geben. Es wird immer neue
Arbeitsplätze geben, die geschaffen und abgeschafft
werden. Unter dem Strich haben wir jedoch seit 60
Jahren davon profitiert, daß wir den Weg zur Integration der Volkswirtschaften der Welt angeführt
haben. Das wird Frieden fördern, es wird Freiheit
fördern, es wird Stabilität fördern, es wird den Lebensstandard in anderen Teilen der Welt erhöhen und
gleichzeitig die Vereinigten Staaten als die wohlhabendste Nation der Welt erhalten. Und ich hoffe,
daß Sie auch das unterstützen werden.
Während wir die Chancen erweitern, müssen wir auch
weiterhin Verantwortungsbewußtsein von unseren
Mitbürgern fordern. Unter anderem haben wir die
gemeinsame Verantwortung, alles in unserer Macht
Stehende zu tun, um unsere Familien für das 21.
Jahrhundert zu stärken. Diese neue Volkswirtschaft
setzt die Eltern außerordentlich unter Druck, verlangt
von ihnen mehr Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern
verbringen können, bringt vermehrte Nachfrage nach
finanzierbaren Kindertagesstätten mit sich, bombardiert die Kinder selbst mit Werbung, die es schwieriger denn je macht, sie entsprechend unseren
grundlegenden Werten zu erziehen.
Wir arbeiten an der Verabschiedung eines Jugendstrafgesetzes, um unsere Kinder aus Banden heraus
und von Drogen und Waffen fern zu halten. Wir

AMERIKA DIENST 19

�werden die allererste Konferenz des Weißen Hauses
über Kinderbetreuung veranstalten, um Wege zu
sondieren, wie alle Schichten der Gesellschaft einschließlich der Regierung - das vielleicht größte
Problem angehen können, mit dem sich unsere
arbeitenden Eltern heute konfrontiert sehen. Und wir
müssen diese historische Chance bei unseren Bestrebungen zum Schutz unserer Kinder vor den Gefahren
von Tabak nutzen, indem wir strenge Gesetze erlassen, die sich vor allem darauf konzentrieren, daß junge
Menschen weniger rauchen. Mehr Menschen sterben
durch das Rauchen als aufgrund eines anderen
Problems unserer heutigen Gesellschaft.
Als nächstes müssen wir in den kommenden drei
Monaten die riesige Herausforderung der Umweltzerstörung angehen. Wir werden im Dezember in Kyoto
auf einen weltweiten Vertrag über Klimawandel
hinarbeiten, der die Umwelt schützt und gleichzeitig
globales Wachstum fördert, indem er die Unterzeichnerstaaten zu spezifischen, klaren Richtlinien bei der
Verringerung von Treibhausgasemissionen in die
Atmosphäre verpflichtet. Wir wissen - Sie dürfen
applaudieren - daß es richtig ist.
Hier sind Studenten aus der ganzen Welt, aus dem
ganzen Land versammelt. Viele von Ihnen - und Ihre
Familien - haben im letzten Jahrzehnt in ihrer eigenen
Heimatstadt
beträchtliche
Klimaveränderungen
beobachtet, und es entwickeln sich noch dramatischere klimatische Verhältnisse. Es wird Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs in ganz Amerika, über die
Jahrhundertflut zu sprechen, die wir am Mississippi
hatten. Ein Kongreßabgeordneter, der Mitglied der
anderen Partei ist, sagte mir neulich: "Herr Präsident,
in den vergangenen fünf Jahren hatten wir drei
Jahrhundertfluten in meinem Heimatstaat. Heißt das,
ich muß 500 Jahre warten, bis wir wieder eine schlimme Flut haben?"
Viele von Ihnen, die sich mit diesem Problem befassen, wissen, daß eine Gruppe von über 2.500 Wissenschaftlern zu der Schlußfolgerung gelangt ist, das
Erdklima erwärme sich auf eine Art und Weise, die
nicht genau vorhersagbare, aber mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit zerstörerische Konsequenzen haben wird, wenn wir nicht etwas dagegen
unternehmen.
Das ist etwas, das Menschen aller Einkommensschichten, aller sozialen Schichten, aus allen Teilen
des Landes und in der Tat der ganzen Welt betreffen
wird. Wir benötigen die jungen Menschen Amerikas insbesondere die Studenten, die dieses Problem
studieren können - um es zu einem fesselnden
nationalen Thema zu machen. Und wir benötigen
Menschen, die das Vertrauen in unsere Fähigkeit
haben, neues technologisches und wissenschaftliches
Terrain zu erschließen, sich stark zu machen und zu
sagen: "Sie können mich nicht davon überzeugen, daß

AMERIKA DIENST 19

wir die Treibhausgasemissionen nicht beträchtlich
verringern können und die amerikanische Wirtschaft
dennoch weiterhin wächst."
Mit der bereits zur
Verfügung stehenden Technologie könnten wir sie
ohne irgend welche Kosten morgen reduzieren, wenn
wir nur unsere Vorgehensweise ändern würden.
Das wird eine sehr kontroverse Debatte. Und einige
werden sagen, Präsident Clinton hat sich fünf Jahre
lang überschlagen, um die amerikanische Wirtschaft
wiederzubeleben, und jetzt bringt er sie mit der
Verpflichtung zu Fall, die Treibhausgasemissionen in
Amerika zu reduzieren. Das ist nicht wahr. Aber wenn
Sie zulassen, daß der Meeresspiegel steigt und die
Südküste von Florida und die Südküsten von Louisiana
überflutet werden und auf sonstige Weise das Leben
stören, das es in den Vereinigten Staaten in den
nächsten 50 Jahren geben wird, dann werden unsere
Kinder den Preis für unsere Versäumnisse zahlen. Wir
können dieser Volkswirtschaft zu Wachstum verhelfen
und das Richtige für die Umwelt tun. Ich denke, Sie
glauben das, und ich brauche Sie, um mit mir zusammen das amerikanische Volk zu überzeugen, daß
es getan werden kann.
Und schließlich haben wir die Verantwortung zur
Verbesserung unseres politischen Systems. Das von
beiden Parteien aufgebrachte Geld verdoppelt sich
jetzt alle vier Jahre. Die treibende Kraft ist der Zugang
zu Ihnen - den Wählern. Es ist der Zugang zu Ihnen mit Fernsehsendungen, Radiosendungen, mit der Post
und mit Drucksachen - der uns antreibt. Wir müssen
den Kandidaten, die sich für Ämter zur Wahl stellen,
kostenlose oder verbilligte Sendezeit zur Verfügung
stellen, damit sie nicht mehr so viel Geld brauchen.
Und das wollen wir jetzt tun.
Eine von dem republikanischen Senator John McCain
und dem demokratischen Senator Russ Feingold
unterstützte äußerst wichtige Gesetzesvorlage wird
dem Senat gegen Ende dieses Monats vorgelegt. In
jedem Jahr seit meinem Amtsantritt habe ich einen
guten Gesetzentwurf zur Reform der Wahlkampffinanzierung befürwortet. Und jedes Jahr wurden
diese Gesetzesvorlagen durch Obstruktion im USSenat blockiert. Diejenigen, die das dieses Jahr nicht
wollen, sagen, sie werden wieder ganz von vorne
anfangen. Das können sie tun. Aber wenn sie es in
diesem Jahr tun, werden wir dafür sorgen, daß es im
vollen Rampenlicht der Öffentlichkeit geschieht. Ich
bitte um Ihre Unterstützung für die Reform der Wahlkampffinanzierung in diesem Jahr.
Als Drittes müssen wir in den nächsten drei Monaten
hart an der Förderung unserer Interessen und unserer
Führungsrolle in der Welt arbeiten. Wir leben in einer
Welt, die sich stark von der des Kalten Krieges
unterscheidet, und wir müssen noch viel tun, um sie zu
gestalten. Wir haben die Chance, die Vorteile von
Demokratie, Stabilität und freien Märkten zu konsoli-

Seite 5

�dieren und die Grundlagen für das Jahrhundert zu
schaffen, in dem Sie den Großteil Ihres Lebens leben
werden.
In diesem Jahr haben wir bereits die Chemiewaffenkonvention ratifiziert, so daß unsere Soldaten und
Bürger sicherer vor der Bedrohung durch Giftgas sind.
Wir haben hart am Aufbau eines ungeteilten, demokratischen und friedlichen Europas zum ersten Mal in der
Geschichte gearbeitet - und Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik zum NATO-Beitritt eingeladen.
Ich sehe der Zusammenarbeit mit dem Senat bei der
Ratifizierung dieses historischen Schritts im nächsten
Jahr erwartungvoll entgegen und freue mich, daß eine
Gruppe führender Bürgervertreter sie befürwortet.
Wir schmieden neue Partnerschaften mit Rußland, der
Ukraine und den anderen neuen Demokratien Europas
und arbeiten mit allen unseren Freunden in Europa
zusammen, um den Menschen in Bosnien eine
Chance zu geben, sich an der demokratischen Zukunft
Europas zu beteiligen.
Erst haben wir den Krieg beendet und Schlachtfelder
wieder zu Spielfeldern und Luftschutzkeller zu Schulen
gemacht. Jetzt müssen wir unsere Anstrengungen
zum Aufbau eines dauerhaften Friedens verdoppeln.
In den kommenden Monaten werden wir weiterhin
nach Frieden im Nahen Osten und in Nordirland
streben, weiterhin verbrecherische Staaten und
Terroristen bekämpfen, weiterhin sicherstellen, daß
unser Militär und unsere Diplomatie die stärksten der
Welt sind. Aber vor allem werden wir in den verbleibenden Monaten dieses Jahres unsere Hemisphäre und Asien einbeziehen.
Im letzten Jahrzehnt sind auf dem gesamtamerikanischen Kontinent Staatsstreiche, Konflikte und
Planwirtschaften Demokratien und freien Märkten
gewichen. Im nächsten Monat werde ich nach Venezuela, Brasilien und Argentinien reisen, um den Handel
zu erweitern, Drogenhandel zu bekämpfen, die Umwelt
zu schützen und unsere Partnerschaften zu stärken.
Der gesamtamerikanische Kontinent kann zu einem
Bollwerk für unseren Frieden und unsere Sicherheit
werden.
Übrigens entfallen 70 Prozent des gestiegenen
Handels im vergangenen Jahr auf den gesamtamerikanischen Kontinent - er kommt von unseren Nachbarn in unserer Hemisphäre, und wir sollten das
fortsetzen.
Weil ich wollte, daß dies ein wirklich überparteiliches
Unternehmen ist, habe ich den republikanischen
Gouverneur von Massachusetts, Bill Weld, gebeten,
Botschafter in Mexiko zu werden - einem unseren
wichtigsten Verbündeten und Nachbarn. Meines
Erachtens ist er immer noch der beste Kandidat für
den Posten des Botschafters in Mexiko. Und ich

Seite 6

glaube - und das würde ich auch glauben, wenn es um
den Präsidenten einer anderen Partei mit einem
Kandidaten ginge, mit dem ich nicht einverstanden
wäre - wenn ein Präsident jemanden für einen Posten
nominiert, dann steht dieser Person eine Anhörung vor
dem Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten zu,
und ich finde, er sollte diese Anhörung bekommen.
Im Herbst wird der chinesische Staats- und Parteichef
nach Washington kommen. China ist die Heimat von
einem Viertel der Weltbevölkerung. In weniger als
zwei Jahrzehnten könnte die Volkswirtschaft dieses
Landes die größte der Welt sein. Amerika hat ein
profundes Interesse daran, daß China stabil und offen
ist und in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. Wir
möchten, daß es sich politischem Pluralismus und den
internationalen Regeln zivilisierter Verhaltensweisen
verschreibt. Wir möchten ein China, das mit uns am
Aufbau einer Zukunft in Sicherheit und Wohlstand
zusammenarbeitet. China wird sein Schicksal selbst in
die Hand nehmen, aber wenn wir uns in China engagieren, statt uns von dem Land zu isolieren, können
wir den von ihm eingeschlagenen Weg beeinflussen.
Der Besuch von Staats- und Parteichef Jiang Zemin ist
eine gute Gelegenheit - nicht so sehr für großartige
Erklärungen und dramatische Gesten, sondern
vielmehr für konstruktive Arbeit an gemeinsamen
Herausforderungen wie der, mit der wir uns auf der
koreanischen Halbinsel konfrontiert sehen oder dem
Schutz der Umwelt, der Eindämmung der Verbreitung
von Nuklearwaffen und der Erweiterung der Grenzen
des freien Handels zwischen uns. Ich sehe auch eine
Chance für uns, unsere Differenzen bei Themen wie
Menschenrechten und Religionsfreiheit offen und von
Angesicht zu Angesicht anzusprechen.
Uns einander gegenüber an einen Tisch zu setzen,
wird wahrscheinlich sehr viel eher Fortschritte hervorbringen als über den Pazifik hinweg mit dem Finger auf
den anderen zu zeigen. Wenn Staats- und Parteichef
Jiang Zemin hierherkommt, hoffe ich, daß das amerikanische Volk ihn willkommen heißt und sagen wird:
"Ja, es gibt Bereiche, in denen wir Meinungsverschiedenheiten haben, aber Sie repräsentieren ein
Viertel der Weltbevölkerung, einen noch größeren Teil

der Zukunft der Welt und Ihrem und unserem Volk wird
es besser gehen, wenn wir einen Weg zur gemeinsamen Gestaltung dieser Zukunft finden."
Und schließlich werden wir in den nächsten drei
Monaten neue Wege sondieren, um den vielleicht
zerbrechlichsten Wert von allen zu erhalten: Die Bande
der Gemeinschaft, die uns als Amerikaner verbinden.
In diesem Jahrhundert haben wir Welle um Welle von
Einwanderern aufgenommen, die von unserer reichlichen Fülle und unseren Idealen angezogen werden.
Dieses Jahrhundert hat beispiellose rassische Fortschritte erlebt und Afroamerikaner und andere Minderheiten schließen sich dem amerikanischen Haupt-

AMERIKA DIENST 19

�Strom an. Dennoch können eben diese Kräfte des
Fortschritts, die uns nach vorne katapultieren, uns
auch auseinander reißen, uns zu isolieren drohen jeden mit seiner eigenen Web-Seite, aber durch
wenige menschliche Bande der Gemeinschaft verbunden.
Das jahrhundertealte Dilemma der rassischen Ungerechtigkeit, rassischen Vorurteile oder nur schlicht der
alten Ängste und des Mißtrauens gegenüber Menschen, die anders sind als wir, wird verschärft durch
die neue Aufgabe, neue Gruppen von Einwanderern in
die bereits vielfältigste Demokratie aufzunehmen.
Binnen eines Jahrzehnts wird unser größter Staat Kalifornien - keine rassische Mehrheit mehr haben. In
nur wenigen Jahrzehnten wird dieses ganze Land
keine rassische Mehrheit mehr haben. Wir können die
demographischen Muster studieren und wissen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert aussehen wird, aber wir
müssen nach innen blicken, um uns vorzustellen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert sein wird. Die Antwort
liegt bei uns allen.
Ich habe die Nation gebeten, mit mir gemeinsam eine
eingehende nationale Konversation über das Thema
Rasse zu führen in dem Bestreben, Ungleichgewichte
zu beheben, Haß und Vorurteile abzubauen und sich
mit den realen zugrundliegenden Problemen zu
befassen, die nicht notwendigerweise etwas mit Rasse
zu tun haben, sich aber in rassischer Ungleichgerechtigkeit und Spannungen manifestieren, und - vor
allem - die Amerikaner mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenzubringen, damit sie sich ehrlich über
die uns trennenden Linien gegenübertreten können.
Ihr Rektor stellte fest, daß hier auf diesem Unversitätscampus Menschen aus 140 verschiedenen rassischen
und ethnischen Gruppen vertreten sind. Das ist gut für
Sie. Sie können Amerikas Labor sein. Sie probieren
es aus und lassen uns das Ergebnis wissen.
Diese unsere Vielfalt ist ein Geschenk des Himmels.
Sie ist ein riesiges Geschenk in einer globalen Wirtschaft und einer globalen Gesellschaft. Wenn wir
einen Weg finden können, unsere Unterschiede nicht
nur zu respektieren, sondern uns tatsächlich dazu zu
bekennen und immer noch sagen, was uns verbindet,
ist noch wichtiger - dann werden wir das Problem
gelöst haben, das Bosnien lähmt, das immer noch
dazu führt, daß sich Menschen selbst in die Luft jagen,
um unschuldige Kinder im Nahen Osten zu töten,
wegen dem die Menschen in Irland immer noch über
das argumentieren, was vor 600 Jahren geschah, das
zu gemeinen Stammeskriegen in Afrika geführt hat, bei
denen Hunderttausende Menschen abgeschlachtet
wurden. Und dennoch - blicken Sie sich in diesem
Saal um.
Das ist eine Frage der Vorstellungskraft, der Vision
und des Herzens. Und sie ist auch so wichtig, daß

AMERIKA DIENST 19

man sie nüchtern angehen muß. Bis jeder wirklich
reale wirtschaftliche Chancen, reale Bildungschancen
und sichere Straßen hat, wird es rassische Unterschiede in Amerika geben, die sich in Dingen manifestieren, die wie Rassendiskriminierung aussehen, ob
sie es sind oder nicht. Auch hier müssen wir uns mit
den realen zugrundeliegenden Ursachen befassen.
Aber machen Sie sich nichts vor - die Angst vor
Menschen, die anders sind, ist eine reale zugrundeliegende Ursache. Wie wurden Menschen in Bosnien
Serben, Kroaten oder Muslime? Warum gehörten sie
in Bosnien der orthodoxen Kirche, der katholischen
Kirche oder dem muslimischen Glauben an? Es ist ein
Zufall der Geschichte oder der Jahrhunderte zurückgehenden Geopolitik. Biologisch sind die Menschen
nicht zu unterscheiden. Aber sie waren überglücklich,
Jahrzehnte des Friedens aufzugeben und binnen
Wochen damit zu beginnen, sich mit Hingabe umzubringen und vor nicht allzu langer Zeit gegenseitig
ihre Kinder zu erschießen.
In uns allen ist etwas, das uns in unseren defensivsten
Augenblicken jemanden finden lassen möchte, auf den
wir herabblicken können - das soll heißen, egal, wie
schlecht es mir geht, zumindest bin ich nicht sie oder
er. Stimmt das nicht? Und jeder von uns hat das auf
die eine oder andere Weise einmal an einem Punkt
seines Lebens getan.
Sie sind auf dieses herrliche Universitätsgelände
gekommen, Sie freuen sich mit Ihrem großen Enthusiasmus und Ihrer Hoffnung auf die Zukunft, Sie
sehen einander an, und Sie sind verschieden, und es
gefällt Ihnen. So müssen wir unser tägliches Leben in
Amerika gestalten. Die Menschen müssen am Morgen
aufstehen und sich wegen diesem Land mit all seiner
Vielfalt gut fühlen können, weil wir wissen müssen,
was gut an den Unterschieden zwischen uns ist und
uns zu ihnen bekennen müssen, und wir müssen auch
wissen, was uns verbindet: Was sind die Bedingungen
der Mitgliedschaft in der amerikanischen Gemeinde?
An was muß man glauben, nach welchen Maßstäben
muß man leben und für was muß man einzutreten
bereit sein, um Amerikaner zu sein? Das ist es, was
wir tun werden. Wir müssen uns unsere Zukunft als
eine wirklich multirassische, multiethnische und
multireligiöse Demokratie vorstellen, die immer noch in
einer geraden Linie von hier den ganzen Weg bis zu
George Washington zurückverfolgt werden kann. Ich
bin überzeugt, daß wir es tun können, aber ich bin
auch überzeugt, daß Sie alle den Weg anführen
müssen.
Gestatten Sie mir zu sagen, daß ein Großteil dieser
Arbeit mit dem Kongreß getan werden muß. Und ich
bin sehr erfreut über die Beziehungen, die wir bei der
Arbeit am Haushaltsausgleich hatten. Ich werde mit
dem Kongreß zusammenarbeiten, damit wir alles in
unserer Macht Stehende zur Umsetzung des Haus-

Seite 7

�halts tun und die Richter und die anderen bestätigen
können, die unser Handeln erwarten. In gewisser
Weise befinden wir uns auf unbekanntem Terrain, aber
wir wissen, daß die Zeiten unser Handeln erfordern,
und ich bin sicher, daß das amerikanische Volk
unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit unsere
Zusammenarbeit im Interesse der Öffentlichkeit
wünscht.
Überlegen Sie sich folgendes: Es sind noch 844 Tage
bis zum Jahr 2000 - bis zu einem neuen Jahrhundert,
einem neuen Jahrtausend und einem neuen Zeitalter
menschlicher Unternehmungen.
Wird es neue
Fortschritte, neuen Wohlstand und neue Größe für
Amerika bringen? Es liegt im Wesentlichen an uns.
Vor 34 Jahren hielt Präsident Kennedy hier an der
American University eine Rede, die von vielen als
seine beste angesehen wird. Es war eine Zeit, die vor
der Spannung zwischen den Supermächten knisterte,
aber Präsident Kennedy blickte nach vorn und sah
einen Tag, an dem der Kalte Krieg ein Relikt der
Vergangenheit sein würde. Nach Jahrzehnten der
Arbeit, in denen Amerikaner beider Parteien für unsere
Werte eingetreten sind, leben wir jetzt in der Welt, die
sich John Kennedy vor 34 Jahren an der American
University vorstellte.

*

Seite 8

Mit diesem Gedanken möchte ich mich verabschieden:
Es hängt alles von Ihrer Vorstellungskraft ab. Denken
Sie daran, wievielen Kindern wir in all den Krisenherden der Welt das Leben retten könnten, wenn alle
Menschen mit Macht und die Menschen, die sie
unterstützen sich ihre Zukunft nur in einer anderen
Weise vorstellen könnten - wenn sie nur Mut fassen
und mit einem anderen Bild kommen würden als dem,
das sie jeden Morgen beim Aufstehen vor sich sehen.
Das ist die wichtigste Kraft in der Welt.
Präsident Kennedy stellte sich die Welt, in der wir
heute leben, vor 34 Jahren in der Rede hier an der
American University vor. Jetzt ist es an Ihnen und mir
und unseren Mitbürgern, uns vorzustellen, was das
21. Jahrhundert sein wird, und dann das Erforderliche
zu tun, um diese Vision zur Realität für alle unsere
Menschen werden zu lassen. Aus diesem Grund bin
ich hierher gekommen - um Ihre Hilfe und die jedes
anderen Amerikaners zu erbitten. Für Sie hängt viel
davon ab, und ich setze darauf, daß wir dorthin
kommen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

AMERIKA DIENST 19

�NAHER

OSTEN
I.Oktober 1997

Albright: Arabische Welt muß sich geeint
für Frieden und Sicherheit einsetzen
Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat

ABHA (SAUDI-ARABIEN) - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die USAußenministerin Madeleine Albright am 14. September 1997 beim Ministertreffen des Golf-Kooperationsrats (Gulf
Cooperation Council - GCC) in Abha im Südwesten Saudi-Arabiens hielt.

Vielen Dank. Ich freue mich außerordentlich, hier zu
sein.
Zunächst möchte ich Seiner Majestät, König Fahd,
Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Saud, und der
Regierung von Saudi-Arabien für die Veranstaltung
dieses Treffens danken. Mein Dank gilt ferner Minister
Hamad für die Führungsrolle seines Landes im GolfKooperationsrat in diesem Jahr sowie allen Außenministern, die meine erste gemeinsame Sitzung mit
dem Rat ermöglicht haben.
Diese Gelegenheit ist für mich und meine Pflichten als
Außenministerin sehr wichtig, weil die Vereinigten
Staaten ihrer Freundschaft mit den Mitgliedern des
Kooperationsrats großen Wert beimessen. Ich weiß,
daß unsere Beziehungen für Präsident Clinton hohe
Priorität haben. Und ich freue mich über die Möglichkeit, Ihnen die Ansichten der Vereinigten Staaten
darzulegen und Ihre Meinung über die Themen zu
hören, die für uns alle von Belang sind.
Die Vereinigten Staaten haben grundlegende gemeinsame Interessen mit den Golf Staaten und vielen
anderen Ländern in der arabischen Welt. Wir wollen
alle, daß unsere Völker frei von der Bedrohung des
Krieges in Frieden leben können. Wir sind der Ansicht,
daß die Nationen eine Verantwortung zur Respektierung des Gesetzes in ihren gegenseitigen Beziehungen haben. Wir verabscheuen Extremismus und
verurteilen Terrorismus. Wir haben enge wirtschaftliche Beziehungen und möchten, daß unsere Bürger
zusammenarbeiten und die Gelegenheiten nutzen, die
durch den zunehmend integrierten und dynamischen
globalen Markt geschaffen werden.

AMERIKA DIENST 19

Wie Ihre Exzellenzen wissen, ist dies meine erste
Reise in diese Region in meinem derzeitigen Amt. Ich
komme mit Sorge um die Zukunft in diese altehrwürdigen Länder. Bei meiner Reise hatte ich die Gelegenheit, mit jungen Menschen aus Jerusalem und Ramallah zusammenzutreffen. Und bevor ich Washington
verließ, kam ich mit einer anderen Gruppe junger
Menschen zusammen, darunter einigen aus Ihren
Ländern, die an dem Seeds of Peace-Programm
teilnehmen. Zunächst möchte ich Ihnen gegenüber
äußern, was ich auch schon zu diesen Menschen, zu
Ministerpräsident Netanjahu und dem PLO-Vorsitzenden Arafat gesagt habe.
Für den Nahen Osten ist Frieden die einzige Option.
Der Weg des Konflikts führt nur zu Kummer und Leid.
Für Israelis, Palästinenser und Araber ist das ein
versiegender Brunnen. Er bietet nur eine Zukunft mit
mehr Gewalt, mehr Opfern, mehr Leid und mehr Haß.
Es wäre eine düstere Zukunft, die die Menschen in
dieser Region nicht verdienen und nicht akzeptieren
werden. Obwohl der Weg zum Frieden sehr schwierig
sein kann, bietet er eine andere Zukunft - eine Zukunft,
die reich an gegenseitigem Respekt, verstärkter
Zusammenarbeit und Würde für alle Völker ist.
Aus diesem Grund ist es so wichtig, daß die derzeitige
Vertrauenskrise beendet wird und die Staats- und
Regierungschefs den lähmenden Kreislauf von
gegenseitigen Beschuldigungen durchbrechen und
wieder pragmatische Schritte unternehmen, die für die
Fortsetzung des Friedensprozesses erforderlich sind.
Zu diesem Zweck müssen alle, die ein Interesse am
Frieden haben, ihrer Verantwortung nachkommen.

Seite 1

�Die Palästinensische Autonomiebehörde muß alles in
ihrer Macht Stehende unternehmen, um Terrorismus
zu verhindern und zu bestrafen sowie die in Oslo
eingegangene unumkehrbare Verpflichtung zu vertiefen, Israel nicht wie einen Gegner, sondern wie einen
dauerhaften Partner im Frieden zu behandeln. Wie der
PLO-Vorsitzende Arafat bereits sagte, leidet niemand
stärker unter den Auswirkungen des Terrorismus als
die Palästinenser.
Die israelischen Politiker müssen sich unilateraler
Aktionen enthalten, die das Vertrauen der Palästinenser in ihre Absichten unterminieren, und sollten - selbst
während sie die Wahrung der Sicherheit ihres Volkes
anstreben - nicht vergessen, daß keine Nation ein
größeres Interesse am Wohlstand der Palästinenser
als Israel hat.
Die Vereinigten Staaten haben eine Verantwortung der wir uns bewußt sind -, den Frieden zu unterstützen, ohne ihn aufzuzwingen zu wollen. Präsident
Clinton hat deutlich gemacht, daß wir dieser Verantwortung weiterhin gerecht werden, indem wir im
Einklang mit den Resolutionen 242 und 338 des UNSicherheitsrats, einschließlich des Prinzips Land
gegen Frieden, einen umfassenden Frieden unterstützen.
Schließlich haben die arabischen Staaten eine Verantwortung, der Sie sich ebenfalls bewußt sind: Den
Friedensprozeß zu unterstützen und gegen die Feinde
des Friedens anzugehen. Alles in Ihrer Macht Stehende zu unternehmen, damit extremistische Gewalttäter
wie beispielsweise die Hamas keine Hilfe irgendwelcher Art erhalten. Der Palästinensischen Autonomiebehörde großzügige Hilfe zu gewähren, während diese
sich um den Aufbau ihrer Wirtschaft und die Schaffung
einer auf Rechtsstaatlichkeit basierenden Gesellschaft
bemüht. Mehr zur Überwindung der Hindernisse zu
unternehmen, die zwischen Ihren Gesellschaften und
der Israels - dem Partner der Palästinenser im Frieden
- bestehen. Und sich den Vereinigten Staaten und
anderen beim Erhalt des Trends zu regionaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Wachstum anzuschließen.
Im Hinblick auf diesen letzten Punkt möchte ich
nochmals unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, daß
die Mitglieder des Kooperationsrats am diesjährigen
Nahost-Nordafrika-Gipfel (Middle East North Africa MENA) teilnehmen, den die Regierung von Qatar
großzügigerweise veranstaltet.
Die Bestrebungen zur Verbesserung dieser regionalen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit sind keine Konzession an Israel, wie einige nahezulegen scheinen. Sie
sind ein unerläßlicher Stützpfeiler der langfristigen
Aussichten auf Frieden. Gemeinsamer Wohlstand
wird eine gemeinsame Verpflichtung zu Frieden
schaffen und den gewalttätigen Extremisten die

Seite 2

Grundlage entziehen, die auf Entbehrung setzen.
Vermehrter Handel und Investitionen zwischen den
Völkern der Region werden auch die Beziehungen
stärken, Vertrauen aufbauen und die Überwindung der
Rückschläge für den Frieden erleichtern.
In den vergangenen drei Jahren haben die MENAGipfeltreffen in Casablanca, Amman und Cairn erfolgreich ausländische Investoren in die Region angezogen und das Mißtrauen abgebaut, das die Regierungen so lange gespalten und den Privatsektor von der
Zusammenarbeit zu ihrem gegenseitigen Vorteil und
dem ihrer Gesellschaften abgehalten hat.
Der Doha-Gipfel ist eine weitere Möglichkeit, der Welt
eine Botschaft zu übermitteln, daß der Nahe Osten
eine Quelle für wirtschaftliche Dynamik und Chancen
sein kann und die Golfstaaten aktiv ihre Interessen
diversifizieren und regionalen Wohlstand schaffen.
Und er wird den Gegnern des Friedens eine Botschaft
senden, daß sie weder die Politik diktieren noch
Fortschritte zu einer Region aufhalten können, in der
alle von den Vorteilen größerer Stabilität und zunehmenden Wohlstands profitieren.
Während wir eine vielversprechendere Zukunft durch
unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit anstreben,
müssen wir auch eine sichere Zukunft durch unsere
andauernde diplomatische und sicherheitspolitische
Zusammenarbeit aufbauen.
Das erfordert Zusammenarbeit, um terroristische
Bedrohungen auszumachen und darauf zu reagieren
sowie die für Terrorakte Verantwortlichen vor Gericht
zu bringen.
Und das erfordert unsere weitere gemeinsame
Entschlossenheit zur Sicherung von Frieden und
Stabilität in der gesamten Golfregion.
Die Vereinigten Staaten werden alle Anstrengungen
aller Seiten vereiteln, unsere regionalen Freunde zu
zwingen, einzuschüchtern oder die Navigationsfreiheit
in den internationalen Gewässern des Golfs einzuschränken.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin entschlossen zu
verhindern, daß der Irak je wieder Sie oder andere in
der Region bedroht. Wir bestehen nach wie vor
darauf, daß das Regime in Bagdad seine friedlichen
Absichten unter Beweis stellt und die Rechtsstaatlichkeit respektiert, indem das Land alle entsprechenden
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats einhält. Bedauerlicherweise ist der Irak weiterhin weit von diesem
Standard entfernt. Die Vereinigten Staaten sind jedoch
erfreut, daß der Sicherheitsrat einem Plan zugestimmt
hat, der den Verkauf begrenzter Mengen von irakischem Öl gestattet, um den Kauf von Nahrungsmitteln
und anderen humanitären Hilfsgütern für das irakische
Volk zu finanzieren.

AMERIKA DIENST 19

�Unsere Sicherheitszusammenarbeit erfordert auch,
daß wir die Ereignisse in Teheran sorgfältig im Auge
behalten.
Die Wahl von Seyyed Mohammad Khatami zum neuen
Präsidenten des Iran ist eine interessante und möglicherweise hoffnungsvolle Entwicklung. Das iranische
Volk hat seinen Wunsch nach Wandel zum Ausdruck
gebracht. Unklar ist noch, ob und in welchem Ausmaß
der Wandel tatsächlich stattfinden wird.
In jüngster Zeit hat die Politik des Iran Instabilität
genährt und internationale Normen in drei Bereichen
verletzt: Unterstützung von internationalem Terrorismus und gewalttätigem Widerstand gegen den NahostFriedensprozeß; Bestrebungen zur Beschaffung von
Massenvernichtungswaffen und Bestrebungen zur
Destabilisierung freundlich gesinnter Staaten. Aus
einer internationalen Perspektive gesehen, wird
Präsident Khatamis neue Regierung in diesen Bereichen auf die Probe gestellt.
Obwohl wir auf einen positiven Wandel im Iran hoffen,
können wir nicht damit rechnen. Wir werden ihn nicht
an den Worten, sondern an den Taten messen. Wir
müssen Seite an Seite stehen und auch die Ver-

*

AMERIKA DIENST 19

einigten Arabischen Emirate und Bahrain gegen
iranische Einschüchterungsversuche unterstützen.
Abschließend möchte ich nochmals die Bedeutung
unserer andauernden Partnerschaft betonen, wenn wir
Stabilität bewahren, gemeinsame vitale Interessen
schützen und Frieden mit Sicherheit und Würde für alle
Völker dieser Region fördern wollen. Weil unsere
Partnerschaft vor mehr als fünf Jahrzehnten begann,
wissen wir, daß sie dauerhaft ist. Weil unsere Partnerschaft zur Gewährleistung einer Zukunft in Wohlstand
für unsere Bürger beitragen kann, wissen wir, daß sie
klug ist. Weil unsere Partnerschaft den Gesetzesinteressen dient, wissen wir, daß sie gerecht ist. Und weil
unsere Partnerschaft sich dem Frieden verschrieben
hat, wissen wir, daß sie richtig für unsere Kinder und
unsere Kindeskinder ist.
Nochmals herzlichen Dank, daß ich an dieser Konferenz teilnehmen durfte. Ich weiß Ihre Gastfreundschaft
wirklich zu schätzen. Und ich sehe der Zusammenarbeit mit Ihnen bei der weiteren Stärkung unserer
Partnerschaft in den kommenden Monaten und Jahren
erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 3

�NATO
I.Oktober 1997

Albright: Wir wollen, daß der Frieden Bestand hat
Rede der Außenministerin vor dem
Ständigen Gemeinsamen Rat der NATO

NEW YORK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Madeleine Albright beim
Treffen des Ständigen Gemeinsamen Rats der NATO und Rußlands am 26, September 1997.

Herr Generalsekretär,
verehrte Kollegen,

Außenminister

Primakow,

es ist mir eine große Freude, mit Ihnen gemeinsam
den offiziellen Beginn der neuen und historischen
Partnerschaft zwischen der NATO und Rußland feiern
zu können. Ich möchte nur einige Worte über unsere
Ziele in diesem Ständigen Gemeinsamen Rat und die
vor uns liegende Arbeit sagen. Ich möchte Sie alle
auch in New York - der Stadt, die niemals schläft,
außer vielleicht bei einer Sitzung der UN-Generalversammlung - willkommen heißen.
Wir haben uns hier versammelt, weil jeder von uns
einige unleugbare und hoffnungsvolle Tatsachen
anerkannt hat: Wir wissen, Europa verändert sich,
Rußland verändert sich, die NATO verändert sich.
Wir sind uns bewußt, daß der Integrationsprozeß in
Europa uns so weit bringen sollte, wie die Grenzen der
Freiheit reichen werden. Wir sind der Überzeugung,
daß das Streben nach Sicherheit in Europa kein Spiel
ist und niemals hätte sein sollen, in dem der Gewinn
einer Nation der Verlust der anderen ist.
Vor vier Monaten vereinbarten unsere Staats- und
Regierungschefs in Paris, von diesen Fakten ausgehend grundlegend andere Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland aufzubauen. Heute sind diese
Beziehungen im Entstehen begriffen.
Bei Augenblicken wie diesen greifen wir für gewöhnlich
auf das Cliche zurück, daß Kooperation an die Stelle
von Konfrontation getreten ist, und wir erinnern uns
daran, daß der Kalte Krieg wirklich und vollständig
hinter uns liegt. In der Tat geht die Umgestaltung, die
wir gesehen haben, sehr viel tiefer als das.

AMERIKA DIENST 19

Zum ersten Mal in der Geschichte sehen die großen
europäischen und atlantischen Mächte einander nicht
als potentielle Gegner. Zum ersten Mal in der Geschichte sind die kleinen Mächte sicher und frei genug
zur Gestaltung ihrer Zukunft.
Einige fragen sich, warum wir uns in dieser Zeit
relativen Friedens in Europa so sehr auf die Sicherheit
konzentrieren. Die Antwort lautet, wir wollen, daß der
Frieden Bestand hat. Wir wollen die richtigen Sicherheitsarrangements treffen, damit wir uns in der
Zukunft nicht mehr so viele Gedanken über die
Sicherheit machen müssen - und mit der Aufgabe der
Erweiterung von Chancen und Wohlstand fortfahren
können.
Dieser Rat ist eines der Arrangements, die wir richtig
machen müssen. Wenn wir ihn gut nutzen, werden die
NATO und Rußland eine Partnerschaft haben, dank
derer wir zusammen große Dinge tun können. Und
das liegt sicherlich in unserem gemeinsamen Interesse.
Hier werden wir Konsultationen über unsere Militärstrategien, Verteidigungspolitik und Friedenssicherung
führen, hier werden wir praktische Schritte zur Verhinderung der nuklearen Weiterverbreitung und zur
Verringerung der Bedrohungen durch chemische und
biologische Waffen unternehmen. Hier können wir die
Art und Weise unserer Zusammenarbeit verbessern,
wenn Truppen der NATO und Rußlands bei komplexen
Missionen wie der SFOR dienen.
Natürlich werden wir nicht immer bei allem einer
Meinung sein. Und natürlich gibt es noch einen
weiteren Grund, warum wir diesen Rat gegründet

Seite 1

�haben: Um durch regelmäßige Dialoge und verbesserte Transparenz Vertrauen aufzubauen.

folgreich waren und wir uns über die Notwendigkeit
einig sind, die Bestimmungen von Dayton in den
kommenden Monaten mit erneuter Kraft umzusetzen.

Ich weiß, viele Russen bezweifeln, daß ihr Land
vertrauensvolle Beziehungen zur NATO aufbauen
kann. Gestatten Sie mir zu sagen, ich erwarte nicht,
daß diese Treffen diese Einstellung über Nacht
ändern. Ich erwarte nicht, daß Rußland sich plötzlich
in die NATO verliebt.

Unsere Diskussionen über Bosnien im besonderen
und Friedenssicherung im allgemeinen stehen erst am
Anfang. Wir haben einen Rahmen für Partnerschaft,
jetzt müssen wir ihn mit den Einzelheiten füllen.

Meine einzige, leicht ironische Hoffnung ist, daß
Rußland die NATO irgendwann langweilig wird. Mit
anderen Worten, ich hoffe und erwarte, daß Rußland
die echte NATO als das kennenlernt, was sie ist:
Weder eine Bedrohung für Rußland noch die Antwort
auf die drängendsten Probleme des Landes, sondern
einfach als eine Institution, die Rußland bei der
besseren Integration in den europäischen Hauptstrom
behilflich sein kann.

Dazu zählen die Schritte, die zu unternehmen wir
bereits versprochen haben. Wir sehen der Ankunft
eines russischen militärischen Vertreters bei der NATO
erwartungsvoll entgegen. Wir müssen Verbindungsmissionen bei den wichtigsten Militärkommandos des
jeweils anderen Landes einrichten. Die NATO muß ein
Informationszentrum in Moskau eröffnen. Wir sind
bereit, das alles zu tun. Lassen Sie uns dies bis
Dezember erledigen, damit wir eine ehrgeizigere
Tagesordnung für die Zukunft in Angriff nehmen
können.

Ich glaube, daß wir beim Aufbau dieser Art von
Verständnis in Bosnien große Fortschritte erzielt
haben. Die Geschichte wird belegen, daß die NATO,
als sie das erste Mal in Aktion trat, dies zusammen mit
- nicht gegen Rußland gerichtet - tat.

Ich möchte auch betonen, daß die Grundakte zwischen der NATO und Rußland engere russische
Zusammenarbeit mit der NATO in der Partnerschaft für
den Frieden und im Euroatlantischen Partnerschaftsrat
ermutigt.

Im Namen aller meiner Kollegen in der NATO möchte
ich sagen, daß der Beitrag Rußlands zur SFORMission unerläßlich war.

Die grundlegendsten Entscheidungen, die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Nichtmitgliedstaaten
betreffen, werden im EAPR in Anwesenheit aller
unserer Partner getroffen. Im November wird der
EAPR zur Erörterung der Stabilität im südöstlichen
Europa zusammenkommen, und wir werden eine gute
Gelegenheit haben, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir dieses unerläßliche Forum voll und ganz
nutzen können.

Gleichzeitig sind unsere gemeinsamen Bestrebungen
in Bosnien mehr als ein Test unserer Zusammenarbeit,
mehr als ein Test der Verfahrensweise. Sie sind ein
Test unserer Prinzipien. Unser Ziel ist nicht nur
Zusammenarbeit, sondern Zusammenarbeit der Art,
daß künftige Aggression abgewehrt wird, Gerechtigkeit
geschieht und ein vereintes Bosnien seinen Platz in
einem ungeteilten Europa einnehmen kann. Unsere
Verpflichtung, unparteiisch zu sein, erfordert von uns,
jede Partei in Bosnien an dem gleichen objektiven
Standard zu messen: Wie sie die Ziele des Abkommens von Dayton voranbringt.

Die Vereinigten Staaten sehen der Sondierung all
dieser Möglichkeiten mit Rußland und unseren Verbündeten in der NATO erwartungsvoll entgegen. Wir
sind zufrieden, daß dieser Prozeß begonnen hat, und
ich danke Ihnen für diese Gelegenheit, die Ansichten
meines Landes zum Ausdruck zu bringen und die
Ihren zu hören.

Aus diesem Grund bin ich erfreut, daß unsere Konsultationen in dieser Woche ernsthaft, substantiell und er-

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 19

�NATO
I.Oktober 1997

Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Rede von Botschafter Robert Hunter

CHICAGO - (AD) - Die Erweiterung der NATO ist dem Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika
bei der NATO, Robert Hunter, zufolge "eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter Sicherheit in Europa".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Botschafter Hunter am 16. September 1997
vor dem Chicago Council on Foreign Relations in Chicago hielt.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Es ist mir eine Ehre,
wieder vor dem Chicago Council on Foreign Relations
sprechen zu dürfen - einer zweiten Heimat und
zweifelsohne einem Mekka für diejenigen, die Außenpolitik und die elementare Rolle des amerikanischen
Volkes bei der Erfüllung unserer Verpflichtungen im
Ausland ernst nehmen.
Es ist eine doppelte Ehre, mit Ihrem Präsidenten, John
Rielly, hier zu sein. Seit 30 Jahren darf ich ihn stolz
meinen "Freund und Kollegen" nennen, und seit 25
Jahren steht er dem Chicago Council vor, der dieses
Jahr sein diamantenes Jubiläum feiert und unter Johns
Leitung bei der Förderung des Verständnisses für das
Ausland und Amerikas angemessener Rolle in der
Welt unübertroffen ist.
Somit möchte ich kurz zwei nationale Aktivposten
würdigend hervorheben: den Chicago Council on
Foreign Relations und seinen herausragenden Präsidenten, John Rielly.
Herr Vorsitzender,
dies ist eine außergewöhnliche Zeit für die NATO.
Vor nur wenigen Jahren wurde ein Nachruf auf das
Bündnis geschrieben. Es wurde zusammen mit dem
Warschauer Pakt für Karl Marx' "Aschehaufen der
Geschichte" vorgesehen. Heute freue ich mich jedoch,
berichten zu können, daß die NATO "gesund und
munter" ist und die starke Unterstützung von 16
Verbündeten, drei zum Beitritt eingeladenen Ländern
und 24 Partnern für den Frieden genießt.

AMERIKA DIENST 19

Die NATO ist gesund und munter, weil sie sich erneut
als unverzichtbare Institution für die Erfüllung der
Bedürfnisse und das Ergreifen von Sicherheitschancen
in Europa erwiesen hat - nicht nur heute, sondern bis
hinein ins nächste Jahrhundert.
Alle 16 Verbündeten haben beschlossen, daß sie ihre
Sicherheit gemeinsam - nicht separat - verteidigen
wollen, obwohl der ursprüngliche Grund für ihr Zusammenkommen - der Kalte Krieg und die Sowjetunion
- nicht mehr existieren. Niemand möchte die Verteidigung erneut zur "nationalen Sache" machen; alle
möchten das erprobte und richtige NATO-Bündnis
fortsetzen.
Die NATO ist auch weiterhin die Grundlage für die
einzigartigen Errungenschaften der Geschichte: Die
Tatsache, daß die 15 Mitgliedstaaten der EU nichts
Geringeres erreicht haben, als den Krieg als Instrument ihrer gegenseitigen Beziehungen abzuschaffen. Es ist jetzt undenkbar, daß Deutschland und
seine Nachbarn erneut Krieg führen, und niemand
bezweifelt die Klugheit der zeitlich und territorial
möglichst umfassenden Wahrung und Ausweitung des
"europäischen zivilen Raums".
Wir in der NATO haben jetzt die Chance und die
Ambition, diesen zivilen Raum - Schritt für Schritt nach Osten auszuweiten, um Gesellschaften einzubeziehen, die bislang nicht in der Lage waren, sich
eine Zukunft ohne immer wieder auftretende Konflikte
vorzustellen. Das Bündnis hat sich über seine alten
Grenzen hinaus ausgedehnt - in diesem Sinne haben
wir die "Erweiterung" bereits vollzogen - was das
Versprechen und die Aussicht beinhaltet, Sicherheit
auf dem gesamten Kontinent zu schaffen - die dieses

Seite 1

�Mal Bestand haben wird und alle Länder und Völker
Europas einbeziehen kann, die zur Teilnahme bereit
und willens sind.
Ferner haben wir anerkannt, daß Frieden und Sicherheit in Europa einen revolutionären Ansatz zu
Rußland erfordern - dem Land, dessen Schicksal sich
als entscheidend für die Zukunft Europas erweisen
könnte: Wir dürfen es nicht wie einen Pariahstaat
behandeln, der einen Krieg verloren hat - wie Deutschland nach 1918 behandelt wurde - sondern vielmehr
als großartige Nation mit einem legitimen Recht, Teil
Europas, seiner Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und
Sicherheit zu sein - wie das Deutschland nach 1943,
das sich zu der freien und demokratischen Bundesrepublik entwickelte, wie wir sie heute kennen.
Gleichzeitig hat sich die NATO der Herausforderung
der ernstesten und dauerhaftesten Kämpfe in Europa
seit dem Zweiten Weltkrieg - in Bosnien - gestellt: Eine
Brücke zwischen Sarajevo 1914 und Sarajevo 1997 zu
schlagen. Heute ist der 637. Tag seit die NATOTruppen den Menschen in Bosnien-Herzegowina eine
Chance boten, ihr Leben in Frieden anstatt inmitten der
tragischen Konflikte der letzten Jahre zu gestalten.
Und die NATO stellt erneut unter Beweis, daß sie für
die Vereinigten Staaten in der Welt von entscheidender
Bedeutung ist. Wir sind schon lange eine europäische
Macht, was ein angemessenes Spiegelbild unserer
strategischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen ist - sowie unserer demokratischen Werte und
Ziele.
Hierbei sind wir meines Erachtens einer Meinung, und
unser fortgesetztes Engagement für die NATO ist der
wichtigste Ausdruck dieser dauerhaften Interessen und
Werte. Ich bin dankbar, daß jeder Kongreßabgeordnete beider Parteien, der der NATO während
meiner Zeit dort einen Besuch abgestattet hat, seiner
Unterstützung für ein fortgesetztes Engagement der
Vereinigten Staaten für die europäische Sicherheit
Ausdruck verliehen hat. Gleichzeitig wurde dieses
Engagement auf dem Kontinent wieder als wesentlich
anerkannt. Die Verbündeten erwarten erneut von uns
Inspiration, eine Führungsrolle und Engagement.
Dies ist ein ernüchternder Gedanke. Es ist ein Anzeichen für die Pflichten, um deren Übernahme diese
Generation von Amerikanern erneut gebeten wird,
sowie für die schwierigen Verhandlungen und die
wesentlichen Entscheidungen, die wir Amerikaner
gemeinsam treffen müssen. Dies ist ein zusätzlicher
Grund, nach Chicago, ins Herz Amerikas, zu kommen.
Letztlich wird unsere Rolle für die europäische Sicherheit vom amerikanischen Volk entschieden
werden. Das ist richtig, angemessen und notwendig,
denn jede von uns eingegangene Verpflichtung dieser
Größenordnung muß tief in unserer politischen Kultur
verwurzelt sein.

Seite 2

Herr Vorsitzender,
ist die NATO-Erweiterung Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Das ist keine rhetorische Frage und auch keine, die wir
leicht beantworten können. Seien wir ehrlich: Was wir
jetzt tun müssen - Polen, Ungarn und die Tschechische Republik in die NATO aufzunehmen - wird die
Vereinigten Staaten unwiderruflich an die Sicherheit
Europas binden. Das wird zu neuen Ansprüchen und
zu zusätzlichen Kosten führen. Es beinhaltet ein
dauerhaftes Engagement für die Sicherheit und
Stabilität Zentraleuropas. Es bedeutet, die Anliegen
Rußlands ernst zu nehmen und zu versuchen, ihnen
zu entsprechen. Und es verlangt von den NATOVerbündeten, gemeinsam sicherzustellen, daß dies
alles gelingt, damit jedes Land im transatlantischen
Raum - von Nordamerika über ganz Eurasien zumindest in gewissem Umfang ein Interesse am
Erfolg der Verbündeten hat. Wir möchten, daß die
Menschen in Chicago, Frankfurt, Warschau, Prag,
Budapest, Bukarest und den Baltischen Staaten, in
Kiew und Moskau zum gegebenen Zeitpunkt sagen
können, daß die NATO ihnen zu einer sichereren
Zukunft verholten hat.
Und schauen Sie sich die Möglichkeiten an, wenn es
uns gelingt. Wir haben jetzt die Chance, Millionen
Menschen einzubeziehen, die seit langem unter
kommunistischer Tyrannei und sowjetischer Herrschaft
daniederliegen - abgeschnitten von der vollen Blüte
der westlichen Demokratie und den bemerkenswerten
wirtschaftlichen Erfolgen der letzten Jahrzehnte. Wir
haben die Chance, die Wunden zu heilen, die nicht nur
in einem, sondern in allen drei großen europäischen
Kriegen dieses Jahrhunderts geschlagen wurden. Wir
bieten nichts Geringeres als eine einzigartige Chance,
noch einmal die Geschichte beeinflussen zu können:
Die Arbeit des Marshallplans zu beenden und am
Aufbau demokratischer, prosperierender und sicherer
Gesellschaften in ganz Europa teilzunehmen - diesmal
nicht durch einen Eisernen Vorhang getrennt.
Die NATO hat ihre Erneuerung begonnen. Zu diesem
Zweck nahmen dieses Frühjahr führende Politiker des
Bündnisses 44 Tage lang an einer Reihe bemerkenswerter Aktivitäten teil - von der Unterzeichnung der
Grundakte zwischen der NATO und Rußland in Paris
über das Treffen von 43 Staats- und Regierungschefs
beim historischen NATO-Gipfel in Madrid. Und als die
Arbeit erledigt war, hatte sich die NATO grundlegender
gewandelt als zu jedem anderen Moment seit ihrer
Gründung vor nahezu einem halben Jahrhundert.
Dies war eine direkte Reaktion auf Präsident Clintons
Führungsrolle und basierte auf den beim Brüsseler
Gipfel von 1994 getroffenen Entscheidungen. Die
NATO war auf acht verschiedenen Gebieten tätig, die
sich gegenseitig bekräftigten und gemeinsam einen

AMERIKA DIENST 19

�kohärenten und beständigen Rahmen für die europäische Sicherheit schufen.
Im Juli vereinbarten die 16 Staats- und Regierungschefs der NATO in Madrid, die ersten drei Länder zum
NATO-Beitritt einzuladen - und wählten diejenigen aus,
die die Pflichten der Mitgliedschaft am ehesten erfüllen
und die Zustimmung zum Beitritt in den 16 Parlamenten am ehesten erhalten würden. Wir handeln jetzt mit
ihnen die Beitrittsurkunden aus.
Diese werden
nächstes Jahr an die Parlamente weitergeleitet, und im
Falle ihrer Ratifizierung - die zwei Drittel der Stimmen
des US-Senats erfordert - werden die ersten neuen
Mitglieder dem Bündnis bei einem Gipfeltreffen in
Washington am 50. Jahrestag der NATO im April 1999
beitreten.
Gleichzeitig vereinbarten die Verbündeten in Madrid,
die Tür zur Mitgliedschaft offen zu halten. Dies beides
ist miteinander verbunden - Mitgliedschaft und offene
Türen. Das Konzept istTrennlinien in Europa auszuradieren, nicht neue zu ziehen. Aus der Sicht der
Vereinigten Staaten bleibt die Tür zur NATO-Mitgliedschaft so lange offen wie europäische Länder zur
Übernahme der Pflichten einer NATO-Mitgliedschaft
bereit und willens sind. Wer der nächste sein und
wann die Aufnahme erfolgen wird, ist noch nicht
entschieden. Aber die Verpflichtung ist unumstößlich.
Die Staats- und Regierungschefs gingen jedoch noch
weiter. Vor drei Jahren leitete die NATO eines ihrer
erfolgreichsten Projekte in die Wege: Die Partnerschaft
für den Frieden. Diese hat 27 Länder in den Einflußbereich und Aktionsradius der NATO einbezogen, von
Zentraleuropa über die Ukraine und Rußland bis zu
Zentralasien. Für die wenigen Länder, die den NATOBeitritt anstreben, ist die "PfF" - wie wir sie nennen die Zwischenstation für die Mitgliedschaft, das
Übungsgelände für das Bündnis, der Übergang, der
vor dem Beitritt statt hinterher erfolgt - so daß die
Antwort Ja lauten wird, wenn der Senat der Vereinigten
Staaten fragt, ob sie bereit sind. Den Ländern, die der
NATO - zumindest nicht sofort - beitreten, ermöglicht
die PfF permanentes Engagement für das Bündnis,
und sie können buchstäblich alles tun, was ein Bündnispartner tun kann. In der Tat dienen 14 dieser
Partner jetzt bei der SFOR in Bosnien und tragen wie
jedes NATO-Mitglied ihren Teil zur Wahrung des
Friedens bei.
Gleichzeitig hat die NATO der Partnerschaft für den
Frieden durch die Gründung eines neuen Euroatlantischen Partnerschaftsrats größeres politisches
Gewicht verliehen, der seinen 43 Mitgliedern die
Festlegung des Kurses der PfF und das Vorbringen
ihrer Sicherheitsbelange im Zentrum des Bündnisses
gestattet.
Am bemerkenswertesten ist jedoch vielleicht die
Grundakte zwischen der NATO und Rußland. Sie

AMERIKA DIENST 19

bietet Rußland die Chance, eine Hauptrolle in der
europäischen Sicherheit zu spielen - wenn das Land,
wie jedes andere auch, die Spielregeln einhält. Die
Grundakte wahrt uneingeschränkt die Fähigkeit der
NATO, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und
ihre entscheidenden Qualitäten als ein Verteidigungsbündnis zu erhalten, aber sie sieht auch ein breites
Spektrum an Konsultationen, Kooperation und sogar
gemeinsamen Aktionen mit Rußland vor. In der
nächsten Woche wird der neue Ständige Gemeinsame
Rat der NATO und Rußlands bei einem Ministertreffen
in New York zusammenkommen und mit dem Entwurf
eines Arbeitsprogramms beginnen, das sich - unter der
Voraussetzung, daß es auf beiden Seiten Goodwill und
echte Anstrengungen gibt - zu einer strategischen
Partnerschaft entwickeln kann, von der beide Seiten
profitieren, während sie gleichzeitig die Interessen aller
anderen voll wahrt. Es ist immer noch schwierig, sich
vorzustellen, daß heute 1.300 russische Soldaten in
Bosnien im Rahmen der von der NATO angeführten
SFOR dienen - amerikanische und russische Soldaten
patrouillieren zusammen und verstärken sich gegenseitig zum ersten Mal seit der Auflösung der Grand
Alliance nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die NATO hat mit einer Charta, die der elementaren
Bedeutung dieses Landes im Herzen Europas Rechnung trägt, auch eine besondere Partnerschaft mit der
Ukraine besiegelt. Das ist ein entscheidender Test für
alles, was wir zu erreichen versuchen.
Die neue NATO verändert auch in tiefgreifender Art
ihre Arbeitsweise, um die höchst unterschiedlichen
militärischen Anforderungen des neuen Jahrhunderts
zu meistern. Wir werden die Anzahl der Hauptquartiere um zwei Drittel verringern; wir schaffen neue Mittel
für Organisation und Befehlsstruktur der Streitkräfte für
friedenssichernde Missionen und andere Krisen; wir
werden jedoch auch sicherstellen, daß das Bündnis
weiterhin jede mögliche militärische Herausforderung
bewältigen kann - und eine größere NATO ebenso
stark und effektiv ist wie heute.
Und schließlich haben wir bei der NATO auf den
Wunsch unserer europäischen Verbündeten reagiert,
durch eine neue Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität mehr Verantwortung für die Verteidigung und einen größeren Teil der Last zu übernehmen. Zum ersten Mal wird die Europäische Union
unter Zuhilfenahme der NATO eigenständig militärische Operationen durchführen können, während
sie gleichzeitig die Beziehungen über den Atlantik
hinweg verstärkt, statt mit ihnen zu konkurrieren.
Herr Vorsitzender,
vor diesem Hintergrund sollten wir meines Erachtens
die Erweiterung der NATO beurteilen - als einen Schritt
in einer Sicherheitsstruktur, die Bestand haben kann,

Seite 3

�weil sie die legitimen Erfordernisse aller in Europa
engagierten Länder erfüllt.

Das wäre tatsächlich ein Mißerfolg; das wäre tatsächlich Leichtsinn.

Mit der offiziellen Bündnismitgliedschaft wollen wir die
Länder Zentraleuropas aus der Geschichte herauslösen - der Geschichte eines Jahrhunderts, in dem
Unsicherheit und Instabilität sie und so viele andere
wiederholt in Konflikte und Tragödien gestürzt hat. Wir
wollen den Wettlauf um Vorherrschaft und Kontrolle in
dieser Region beenden - so daß diese ewigen Ziele
der Machtpolitik ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen können. Wir wollen diesen Menschen das
Vertrauen geben, ohne Einmischung ihren Wiederanschluß an den Westen zu verfolgen, ihre neuen
Demokratien zu stärken, Marktwirtschaften aufzubauen und ein neues Leben für sich und ihre
Familien zu gestalten. Und damit wollen wir demonstrieren, daß die NATO für niemanden eine Bedrohung
darstellt, sondern vielmehr eine legitime Rolle für alle
bietet, die mit uns arbeiten möchten.

Ich bin jedoch zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
werden - und insbesondere, daß das amerikanische
Volk die vor einem halben Jahrhundert mit dem
Marshallplan und der Gründung der NATO begonnene
Arbeit beenden wird. An dieser Bestrebung beteiligen
wir uns alle; wir alle sind ebenso gefordert wie die
mutigen und visionären führenden Politiker vor einem
halben Jahrhundert. Isaac Newton erklärte einmal, er
stünde "auf den Schultern von Riesen". Und dasselbe
gilt für uns. Ich bin zuversichtlich, daß die Geschichte,
wenn sie uns in einem halben Jahrhundert beurteilt, zu
der Überzeugung gelangen wird, daß wir den Test
bestanden haben.

Die NATO-Erweiterung ist unserer Ansicht nach daher
eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter
Sicherheit in Europa.
Aber ist sie auch leichtsinnig? Das wäre der Fall,
wenn wir bei dem scheitern würden, was wir jetzt mit
ihren zahlreichen, ineinandergreifenden Aspekten
versuchen; wenn uns bei einem Verbündeten nicht die
Ratifizierung der Beitrittsurkunde gelänge; wenn wir
nicht die Mittel - die bescheidenen Mittel - zum Erhalt
der Stärke der NATO bereitstellen könnten; oder wenn
wir nicht die Vision umsetzen könnten, die den Kern
unserer derzeitigen Bestrebungen darstellt: Die
Schaffung dauerhafter Sicherheit in Europa für das 21.
Jahrhundert, die zur Wiedergutmachung der entsetzlichen Geschichte des 20. Jahrhunderts beitragen kann.

Wenn wir die Zukunft der NATO betrachten, sprechen
wir im Kern über menschliche Werte, den Glauben an
die Freiheit, der dieses Land zu dem gemacht hat, was
es ist. Vor 80 Jahren wurde eine amerikanische
Expeditonstruppe zur Verteidigung dieser Werte nach
Frankreich geschickt und erinnerte sich bei ihrer
Ankunft an einen großen europäischen Patrioten
unseres Unabhängigkeitskrieges mit den bekannten
Worten: "Lafayette, wir sind hier." Während wir uns
heute erneut der Beendigung der Aufgabe widmen, die
wir in Europa vor mehr als einem halben Jahrhundert
begonnen haben, erinnern wir uns an einen anderen
großen europäischen Patrioten, der zur Sicherung
unserer Freiheit beitrug - den Adjutanten von General
Washington, dem vom Kongreß per Gesetz die
amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen wurde.
Wir wollen sagen können: "Tadeusz Kosciuszko, wir
sind hier!"
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 19

�USA-EUROPA
I.Oktober 1997

Die neue transatlantische Agenda
Rede von Staatssekretär Eizenstat

BRÜSSEL - (AD) - Die neue transatantische Agenda (New Transatlantic Agenda - NTA) "ist nicht nur ein Erfolg,
sondern auch zum unschätzbaren Rahmen geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft
weiterentwickeln", erklärte der Staatssekretär für wirtschaftliche und landwirtschaftliche Angelegenheiten, Stuart
Eizenstat, am 11. September 1997 in einer Rede vor der American Chamber of Commerce in Belgium.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Staatssekretär Eizenstat.

Ich muß diesem Publikum die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
nicht erläutern. Ich möchte nur kurz hervorheben,
warum sie weiterhin so entscheidend sind. Wenn wir
uns auf die Probleme des Tages konzentrieren,
übersehen wir häufig einige der grundlegenden
wirtschaftlichen Tatsachen:
Der Handel zwischen den Vereinigten Staaten
und der EU übersteigt 250 Milliarden Dollar
jährlich.
Die Handelsbilanz ist im Großen und Ganzen
ausgeglichen, was für die Ähnlichkeit unserer
Volkswirtschaften spricht.
Wir sind die größten Investoren auf dem Markt
des jeweils anderen Landes. Die Vereinigten
Staaten haben 325 Milliarden Dollar in Europa
investiert, und europäische Unternehmen sind
der größte Investor in 41 unserer Bundesstaaten und die Nummer Zwei in den übrigen.
Jeder 12. amerikanische Fabrikarbeiter ist bei
einer europäischen Firma tätig.

Menschenrechten auf der ganzen Welt. Und über die
Jahrzehnte hinweg haben wir wiederholt gesehen, daß
wir beträchtliche Fortschritte bei globalen Herausforderungen erzielen können, wenn wir zusammenarbeiten.
Es sind weniger als zwei Jahre seit der Unterzeichnung der NTA in Madrid durch Präsident Clinton,
Präsident Santer und Ministerpräsident Gonzales
vergangen. Zu jener Zeit herrschte auf beiden Seiten
des Atlantiks das Gefühl vor, daß Amerikaner und
Europäer mit dem Ende des Kalten Krieges neue
Wege zur Bekräftigung unserer langen und für beide
Seiten vorteilhaften Beziehungen finden sollten. Die
NTA war das Produkt dieser Gedanken. Sie umriß vier
umfassende Ziele, die die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union zu einer "Straßenkarte" für unsere
Beziehungen im 21. Jahrhundert weiterentwickelten.
Sie enthält folgende Punkte:
1.

Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung.

2.

Reaktion auf globale Herausforderungen.

3.

Weiterentwicklung des Welthandels
engere Wirtschaftbeziehungen.

4.

Herstellung persönlicher Kontakte.

Amerikanische Unternehmen beschäftigen
drei Millionen Arbeitnehmer in Europa.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind jedoch nicht nur Wirtschaftspartner. Unsere enge
politische Zusammenarbeit ist entscheidend für die
Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie und

AMERIKA DIENST 19

und

Ich erinnere mich, daß ich den Madrider Gipfel mit
großen Erwartungen und Stolz auf die Rolle verließ,
die meine Kollegen und ich dabei gespielt hatten, die

Seite 1

�neue transatlantische Agenda zum Leben zu erwecken. Unsere führenden Politiker brachten ihre
eigenen hohen Erwartungen zum Ausdruck. Felipe
Gonzalez bezeichnete die NTA als einen "Quantensprung nach vorne". Jacques Santer erklärte, die
Unterzeichnung sei ein "historischer Augenblick ... der
zeige, daß Europa und Amerika jetzt die Mittel und den
Willen zu der gemeinsamen Führungsrolle haben, die
die Welt so dringend benötigt". Bill Clinton bemerkte:
"Unser Schicksal in Amerika ist immer noch mit Europa
verbunden... Diese Aktionsagenda macht deutlich,
daß unsere Partnerschaft sich entwickelt und wir neue
Herausforderungen ausmachen, die wir jedoch
gemeinsam bewältigen müssen".
Es ist genug Zeit verstrichen, um die NTA jetzt anhand
von realen Erfahrungen auszuwerten.
Ich kann voller Vertrauen sagen, die NTA ist nicht nur
ein Erfolg, sondern auch zum unschätzbaren Rahmen
geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft weiterentwickeln. Sie wird zum Grundstein der
amerikanischen und der europäischen Außenpolitik.
Das soll nicht heißen, daß wir nicht mehr tun und es
besser tun müssen. Aber Inhalt und Zielrichtung der
NTA hilft uns, greifbare Vorteile für Millionen von
Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.
Ohne den NTA-Prozeß könnten wir nicht auf die im
Juni unterzeichneten Abkommen über gegenseitige
Anerkennung (Mutual Recognition Agreements MRAs) verweisen. Sie werden Handelshemmnisse in
sechs Industriesektoren abbauen, die Handel im Wert
von rund 50 Milliarden Dollar in beide Richtungen
abdecken. Das kann direkt in mehr Arbeitsplätze und
Gewinne auf beiden Seiten des Atlantiks umgesetzt
werden.
Über die NTA haben wir auch ein Zollabkommen
abgeschlossen, das Verfahren standardisieren,
Bürokratie abbauen und zur Aufdeckung von Betrug
beitragen wird. Die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union haben ein Abkommen über die
Kontrolle von chemischen Grundstoffen unterzeichnet,
das eine Verbindung zwischen unseren Strafverfolgungsbehörden herstellt und ihnen beim Aufspüren
von großen Mengen von Chemikalien behilflich sein
kann, die an illegale Drogen produzierende Einrichtungen geliefert werden.
Diese drei Punkte sind unsere jüngsten und vielleicht
greifbarsten Erfolge, aber der NTA-Rahmen und die
"gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit", die er hervorgebracht hat, erleichtern uns die Lösung von Problemen an ihrer Wurzel. In diesem Zusammenhang
denke ich daran, wie die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union bisher kränkende gegenseitige
Beschuldigungen wegen des Libertad-Gesetzes besser bekannt als Helms-Burton-Gesetz - und des
Sanktionsgesetzes zu Iran und Libyen vermeiden
konnten. Die Gefühle bezüglich dieser Themen

Seite 2

schlagen in den Vereinigten Staaten und Europa
weiterhin hohe Wellen. Dank des intensivierten
Dialogs der NTA und ihrer erweiterten Tagesordnung
haben jedoch beide Seiten erkannt, daß nicht einzelne
Differenzen das außerordentlich breite Spektrum
gemeinsamer Interessen in Gefahr bringen dürfen.
Das war uns bei der Bewältigung realer Differenzen über Taktiken, nicht Ziele - im Hinblick auf die Regime
in Kuba, Iran und Libyen behilflich. Durch gewohnheitsmäßige engere Konsultationen haben wir die
schädlichen politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen vermieden, die fundamentale Meinungsverschiedenheiten verursacht hätten und gleichzeitig die
Aufmerksamkeit vermehrt auf grundlegende Prinzipien
gelenkt: Unterstützung von Demokratie, Respektierung
der Menschenrechte und Ablehnung von Terrorismus.
Dir Vereinigten Staaten und die Europäische Union
haben auch in internationalen Foren ausgezeichnete
Zusammenarbeit entwickelt. Wenn wir gemeinsam
handeln, können wir bei der Förderung einer Welt mit
mehr Sicherheit und Frieden etwas bewirken - und wir
arbeiten immer mehr zusammen. Mit der NTA als
Leitfaden koordinieren wir unsere Bestrebungen zur
Förderung von Frieden und Milderung humanitärer
Krisen auf der ganzen Welt. Allein im letzten Jahr
haben die Vereinigten Staaten und die EU über die
Energieentwicklungsorganisation der koreanischen
Halbinsel (KEDO) auf Frieden und Stabilität auf der
koreanischen Halbinsel hingearbeitet, zu der die EU
einen wichtigen finanziellen Beitrag geleistet hat und
bei der sie Vorstandsmitglied sein wird. Wir haben den
Wiederaufbau von Bosnien koordiniert, wo vor kurzem
der schlimmste Konflikt Europas seit dem Zweiten
Weltkrieg ausgetragen wurde, und streben nach
Frieden im Nahen Osten. Die EU leistet den größten
staatlichen Beitrag zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Der Direktor des Amts für internationale
Entwicklung (AID), Brian Atwood, und Kommissarin
Emma Bonino kommen regelmäßig zur Koordinierung
humanitärer Hilfe für Orte zusammen, an denen
unsere Bestrebungen wortwörtlich den Unterschied
zwischen Leben und Tod für Millionen Menschen
bewirkt haben.
Seit der Unterzeichnung der NTA kommen hochrangige Regierungsvertreter aus Washington und Brüssel
vier bis sechs Mal pro Jahr zusammen um zu prüfen,
wo wir neue Bestrebungen in die Wege leiten oder die
Aktivitäten bei laufenden Initiativen verdoppeln müssen. Die Hochrangige Beratergruppe trifft sich während jeder Präsidentschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks und hat dazu beigetragen, die alle sechs
Monate stattfindenden Gipfeltreffen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU aktionsorientierter und
substantieller zu machen. Ich wage zu sagen, daß nur
diese Fähigkeit, ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu
konzentrieren, Realzeit-Fristen zu setzen und spezielle
bürokratische Interessen zu überwinden, ein Abkommen wie die MRAs ermöglicht hat.

AMERIKA DIENST 19

�Wenn ich zu meinem direkten Verantwortungsbereich unserem wirtschaftlichen Wohlergehen - zurückkomme, muß ich dieses Publikum wohl kaum an die
großen Auswirkungen des transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic Business Dialogue TABD) erinnern. Dieses Forum, das auf einzigartige
Weise Geschäftsleute und Regierungsvertreter auf
beiden Seiten des Atlantiks zusammenbringt und die
vielen Bereiche gemeinsamer Interessen hervorhebt,
war die treibende Kraft hinter den MRAs, dem Informationstechnologieabkommen (Information Technology
Agreement - ITA) der WTO, dem Abkommen über
Basistelekommunikationsdienste und Zusammenarbeit
in anderen wichtigen Sektoren wie Autos. Es beeinflußt den Handel und die Investitionsagenda. Wir
erwarten ähnliche Anstöße von dem gerade ins Leben
gerufenen transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD).
Mit Blick auf die Zukunft sehe ich eine NTA, die eine
immer wichtigere Rolle spielt, insbesondere da die EU
ihre Kompetenzen auf neue bedeutende Gebiete
ausweitet und ihre Grenzen erweitert, um zentraleuropäische Mitglieder aufzunehmen. Wir haben
gelernt, daß die Welt aufhorcht, wenn wir bei schwierigen Handelsfragen gemeinsam vorgehen. Bei Handelsfragen besteht meines Erachtens Spielraum für die
Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
zugunsten der derzeit in Genf stattfindenden Gespräche über Finanzdienstleistungen - ebenso wie es bei
dem Informationstechnologieabkommen und dem
Abkommen über Basistelekommunikationsdienste
geschehen ist. Die Uruguay-Runde hat bewiesen, daß
etwas bewegt wird, wenn die Vereinigten Staaten und
die EU sich mit einer koordinierten Haltung an Drittländer wenden.
Im Rahmen der NTA halte ich auch eine engere
Zusammenarbeit bei der dritten Säule (juristische und
innenpolitische Angelegenheiten) für möglich. Die
Vereinigten Staaten sind ein bereitwilliger Partner und
sehen produktiven und kooperativen Beziehungen zur
EU erwartungsvoll entgegen, die auch gegenseitige
Unterstützungsprogramme in der Karibik, Zentraleuropa, Lateinamerika und den neuen unabhängigen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion beinhalten. Wir
verstärken kooperative Initiativen zur Drogenbekämpfung, beispielsweise in der Karibik. Und wir freuen uns
auf eine noch engere Zusammenarbeit, wenn Europol
voll funktionsfähig ist.
Einer der erfolgreichsten Aspekte der NTA, der oft
übersehen wird, war die vierte Säule: persönliche
Kontakte. Der TABD ist ein enormer Erfolg und hat die
transatlantische Wirtschaftsgemeinschaft auf bemerkenswerte Art und Weise in unseren staatlichen
Entscheidungsfindungsprozeß eingebettet. Ebenso
begann eine vergangenen Mai vom US-Außenministerium organisierte große Konferenz, die zahlrei-

AMERIKA DIENST 19

che Nichtregierungsorganisationen anzog, mit der
Ausarbeitung eines innovativen Programms für
persönliche Kontakte im Rahmen des vierten Kapitels
der NTA. Wir erwarten, daß daraus während der
kommenden Monate eine Reihe konkreter Projekte
hervorgeht, einschließlich des kreativen Einsatzes des
Internet für den Austausch transatlantischer Erfahrungen und der Schärfung des Bewußtseins der Generationen, für die Weltkrieg, Wiederaufbau und sogar der
Kalte Krieg nur Geschichte sind.
Haben wir die großen Erwartungen erfüllt, die unsere
Staats- und Regierungschefs an die NTA gestellt
haben? Nein, das haben wir nicht - noch nicht.
Präsident Clinton erklärte vor drei Jahren in Berlin, als
die ersten Pläne für die spätere NTA gemacht wurden,
ein integriertes Europa sei Amerikas bester natürlicher
Partner für das 21. Jahrhundert. Wir haben in kurzer
Zeit viele Fortschritte gemacht, aber es wird wahrscheinlich Jahre dauern, bevor wir hoffen können, das
Potential der NTA zum Aufbau dieser Art von Beziehungen und für die Reaktion darauf zu nutzen.
Im Bereich der Wirtschaft könnten "gewohnheitsmäßige Konsultationen" auf den Gebieten Biotechnologie, öffentliche Gesundheit und Umwelt stärker
eingesetzt werden. Dies sind heikle Themen, die für
das Wohlergehen unserer Familien wichtig sind und
Gebiete, bei denen die Menschen gefühlsbetont
reagieren, wenn sie nicht alle Fakten kennen. Wir
sollten besondere Vorsicht walten lassen, damit die
von uns für die öffentlichen Belange unternommenen
Schritte auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage basieren und nicht dem legitimen Handel mit neuen
Produkten schaden. Wir sind beispielsweise sehr
besorgt über das vorgeschlagene Verbot von spezifizierten Risikomaterialien (Specified Risk Materials SMR), das einer wissenschaftlichen Grundlage
entbehrt und amerikanische Exporte nach Europa in
Milliardenhöhe betreffen könnte. Wenn wir uns einmal
von diesem grundlegenden Prinzip abgewandt haben,
öffnen wir nicht nur allen möglichen protektionistischen
Maßnahmen auf beiden Seiten des Atlantiks Tor und
Tür, sondern laufen auch Gefahr, wissenschaftlichen
Fortschritt zu behindern, der unserer Gesundheit dient,
Kosten verringern und allgemein unsere Lebensqualität verbessern könnte.
Für die EU wird es auch wichtig sein, sich an die
jüngste Entscheidung der WTO gegen das Bananenregime der EU zu halten. Wir können keinen Schadensersatz akzeptieren. Unseres Erachtens können
wir ein im Einklang mit der WTO stehendes Abkommen aushandeln, das auch die Notwendigkeit
eines Marktzugangs der karibischen Länder zum EUMarkt anerkennt. Es ist wichtig, daß die EU den
neuentwickelten
Konfliktschlichtungsmechanismus
respektiert - wie es die Vereinigten Staaten in den von
ihnen verlorenen Fällen getan haben.

Seite 3

�Die NTA vermeidet ehrgeizige langfristige Ziele wie
eine mögliche transatlantische Freihandelszone
zugunsten eines progressiven Abbaus oder einer
Beseitigung von Handelshemmnissen. Auf beiden
Seiten des Ozeans gab es keine angemessene
Unterstützung für mehr. Wir möchten, daß die von der
NTA vorgeschriebene gemeinsame Wirtschaftsstudie
konkrete und ehrgeizige Empfehlungen hervorbringt.
Wir sollten uns jedoch immer wieder fragen, ob wir
unsere Ziele hoch genug gesetzt haben und ob es
auch die richtigen Ziele sind. Ich persönlich bin der
Überzeugung, daß wir ein langfristiges wirtschaftliches
Ziel setzen werden und müssen, das ehrgeiziger ist als
nur die Überwindung einer kleinen Hürde nach der
anderen.
Der umfassenden Nutzung der NTA im Bereich der
Außenpolitik stehen zahlreiche Hindernisse im Weg.
Die EU arbeitet noch hart an der Verbesserung ihrer
internen Mechanismen. Wir sehen den aus der
zwischenstaatlichen Konferenz resultierenden Vorteilen nach der Ratifizierung ihrer Ergebnisse erwartungsvoll entgegen. Diese werden jedoch zweifelsohne nicht die Schwierigkeiten beilegen, denen sich die
EU bei der schnellen und gemeinsamen Reaktion auf
Krisen oft gegenübersieht. Es sollte kein Zweifel daran
bestehen, daß die Vereinigten Staaten eine zusammenhängendere, direktere, einheitlichere Stimme der
EU in der politischen Arena befürworten. Dadurch
würde die EU zu einem noch effektiveren Partner der
Vereinigten Staaten bei internationalen Angelegenheiten.
Wir in den Vereinigten Staaten brauchen noch mehr
Praxis bei der Entwicklung der Instinkte für echte
Konsultationen und echte Partnerschaft mit einer
Körperschaft, mit der die Zusammenarbeit oft frustrierend langsam und kompliziert ist - und die ihre eigenen
Ideen davon hat, was in Situationen getan werden
sollte, in denen sie beträchtliche Hilfe leistet. Bosnien,
der Nahe Osten, die Bestrebungen zur Entschärfung
der Spannungen in der Ägäis, zur Überwindung der
Teilung von Zypern und zur Stärkung der Beziehungen
des Westens zu unserem türkischen Verbündeten sind
nur einige der Themen, die uns alle weiterhin auf die
Probe stellen. Zypern ist ein ausgezeichnetes Beispiel
für die elementare Bedeutung der Zusammenarbeit
zwischen der EU und den Vereinigten Staaten, um
dieser geplagten Insel - einem zukünftigen Mitgliedstaat der EU - Frieden zu bringen. Präsident Clintons
Ernennung von Richard Holbrooke zum Sondergesandten unterstreicht die Bedeutung, die wir diesem
Thema beimessen.
Wir müssen in noch engerem Kontakt bleiben und
offen miteinander sprechen, während in den letzten
Jahren dieses Jahrzehnts und dieses Jahrhunderts
Ereignisse von wahrhaft historischer Bedeutung
stattfinden: Die Erweiterung der EU und der NATO, die
Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) sowie die

Seite 4

Einführung des Euro. Letzteres ist der vielleicht
mutigste Schritt zur politischen und wirtschaftlichen
Integration Europas. Die Vereinigten Staaten, die seit
dem Marshallplan überzeugter Befürworter der
Integration sind, wünschen sich einen Erfolg der
Wirtschafts- und Währungsunion. Die EWWU hat
größere Auswirkungen auf die Gestalt Europas im
neuen Jahrtausend als nahezu alles andere. Die
Vereinigten Staaten und die EU sollten ihre Diskussionen über in Verbindung mit der EWWU stehende Schritte in den nächsten Monaten intensivieren.
Folglich besteht Grund zu Optimismus im Zusammenhang mit der NTA. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich
beiden Seiten eine Zwei-plus geben - eine gute Note
nach nur zwei Jahren. Dennoch haben wir noch einen
langen Weg vor uns, um die Vision vom "besten
Partner" zu realisieren, auf der die NTA gründet.
Die NTA ist ein machtvolles, flexibles, aber auch
zerbrechliches Werkzeug. Unsere führenden Politiker
werden darauf bestehen, daß es noch produktiver
wird, wenn es weiterhin ihr Interesse erregen und ihre
Unterstützung erhalten soll. Das verlangt von denjenigen, die es täglich nutzen, zwei nur bei oberflächlichem Hinsehen gegensätzliche Dinge: Die Routine
fortzusetzen und hart an der Entwicklung gemeinsamer Ansätze bei den 1001 Fragen dieser äußerst
komplexen Beziehungen zu arbeiten, nachdem die
erste Begeisterung und der erste Glamour verflogen
sind. Den Trott bürokratischer Routine zu vermeiden,
uns vor Augen zu führen, daß das Ziel dieses Unterfangens nicht noch mehr Gipfelerklärungen sind,
sondern vielmehr die Stärkung - sogar die Neuerfindung - der transatlantischen Beziehungen, die Umstrukturierung des zentralen Elements der gegenseitigen Sicherheitsbande zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa.
Dieses ehrgeizige Ziel kann nicht von der Regierung
alleine erreicht werden. Ich habe bereits darauf
hingewiesen, in welch hohem Maße die Erfolge der
NTA auf die äußerst effektive Rolle des TABD zurückzuführen sind, die Aufmerksamkeit der Regierung
darauf zu lenken, was für die Verbesserung Ihrer
Fähigkeit zur Abwicklung von Geschäften erforderlich
ist. Wesentlich ist, daß Sie bei diesem Prozeß engagiert bleiben und uns bei der Konzentration auf
Themen behilflich sind, die direkte Auswirkungen auf
Gesundheit, Wohlergehen und Wohlstand unserer
Bürger haben. Ich vertrete zwar gerne die Ansicht,
daß wir Ihre Bedürfnisse antizipieren können, aber nur
Sie können uns sagen, welche Schritte Ihre Fähigkeit
zur Abwicklung von Geschäften verbessern. Wir
müssen weiterhin die Initiative ergreifen, um beiden
Seiten Ihre Ansichten und Empfehlungen deutlich zu
machen.
Ferner müssen Sie auch konsequent
sicherstellen, daß wir Ihre Empfehlungen befolgen.
Letztlich hängen Erfolg und Gesundheit der transatlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischen-

AMERIKA DIENST 19

�atlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit ab, sondern - viel grundlegender - von Ihnen und den anderen Teilen unserer

Gesellschaften, die eine gemeinsame Vision haben
und zusammen auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 19

Seite 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12832">
                <text>01.10.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12833">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12834">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12835">
                <text>Amerikadienst 01.10.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12836">
                <text>&lt;strong&gt;1. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clintons innen- und außenpolitische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der American University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: arabische Welt muss sich geeint für Frieden und Sicherheit einsetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: Wir wollen, dass der Frieden Bestand hat&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin vor dem Ständigen Gemeinsam Rat der NATO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Robert Hunter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue transatlantische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Eizenstat&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="27">
        <name>Europa</name>
      </tag>
      <tag tagId="12">
        <name>NATO</name>
      </tag>
      <tag tagId="28">
        <name>Osten</name>
      </tag>
      <tag tagId="29">
        <name>Politik</name>
      </tag>
      <tag tagId="30">
        <name>USA</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
  <item itemId="2468" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2479">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/ee6e90cee96bc1c9ad308890d4b7bf9a.pdf</src>
        <authentication>c3838005872adf95061e586738c4ceee</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12843">
                    <text>. e o s&gt;

omcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20

15. Oktober 1997

DER WEG ZU FORTSCHRITTEN IN BOSNIEN

BOSNIEN

Rede des Nationalen Sicherheitsberaters
Samuel Berger

GLOBALISIERUNG

GLOBALISIERUNG UND DIPLOMATIE
von Strobe Talbott

UMWELT

UNSERE GLOBALE ZUKUNFT: KLIMAWANDEL
von Timothy Wirth

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�BOSNIEN
15. Oktober 1997

Der Weg zu Fortschritten in Bosnien
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor der Georgetown University am 23. September 1997 erörterte der
Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, Samuel Berger, die Richtung der amerikanischen Politik in
Bosnien. Nachfolgend veröffentlichen wir seinen vorbereiteten Redetext.

Ich möchte heute zu Ihnen darüber sprechen, wie weit
wir auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden in
Bosnien gekommen sind und in welche Richtung wir
uns bewegen - über die von uns erzielten Fortschritte
und die uns konfrontierenden Herausforderungen.
Nach einem so tiefgreifenden und bitteren Konflikt wie
dem in Bosnien kann man diese Nation leicht als von
der Geschichte verflucht, in jahrhundertealtem Haß
verhaftet, abschreiben. Die Flüchtlingsströme, die
ausgemergelten Gefangenen, die blutigen Marktplätze
- diese Erinnerungen sind lebhaft und führen leicht zu
Zweifel und Angst.
Einige sagen, Bosnien könne nie den Konflikten seiner
Vergangenheit entrinnen. Aber obwohl wir von der
Vergangenheit informiert werden müssen, dürfen wir
nicht durch sie gefangen genommen werden - wir
dürfen nicht zulassen, daß sie die Gegenwart überschattet oder die Zukunft vorherbestimmt. Bei der
Einschätzung der Aussichten für Bosnien müssen wir
mit einem sich selbst korrigierenden Realismus
vorgehen, nicht mit einem sich selbst zerstörenden
Pessimismus.
Die Vereinigten Staaten haben heute ebenso wie vor
zwei Jahren - als die amerikanische Führungsrolle die
Kämpfe militärisch durch die NATO und diplomatisch
durch die Verhandlungen von Dayton beendete großes und dauerhaftes Interesse an Frieden und
Stabilität in Bosnien.
Wenn wir erörtern, wo wir in Bosnien stehen, müssen
wir mit dem Anfang beginnen. Vor weniger als zwei
Jahren, als die Gespräche in Dayton aufgenommen
wurden, war Bosnien eine vom schlimmsten Konflikt in

AMERIKA DIENST 20

Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zerrissene und in
Trümmern liegende Nation. Gegnerische Armeen
standen sich in einem Land gegenüber, das von
Schützengräben durchzogen und mit Landminen
übersät war. Bosnien war buchstäblich dezimiert
worden: Mehr als jeder Zehnte - 560.000 - waren
getötet oder verwundet worden. Die Hälfte der
Überlebenden - 2,1 Millionen Menschen - wurden aus
ihrer Heimat vertrieben. 80 Prozent waren von
Nahrungsmittellieferungen der Vereinten Nationen
abhängig. 90 Prozent waren arbeitslos. Unter
amerikanischer Führung war ein zerbrechlicher
Waffenstillstand in Kraft getreten, aber die Flammen
des extremen Nationalismus und ethnischen Hasses
loderten immer noch glühend rot.
Unter so verzweifelten Umständen kann keine Nation
sich selbst wiederbeleben und zu einer friedlichen
Aussöhnung gelangen. Zur Zeit des Daytoner Abkommens gab es für ein amerikanisches Engagement
in Bosnien allein aus humanitären Erwägungen
zwingende Gründe. Ohne die Unterstützung der
Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft wäre Bosnien mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlich wieder in Gewalt und Verzweiflung
versunken.
Unser Interesse war jedoch nicht nur humanitärer Art.
Unter diesen Umständen wäre Bosnien auch weiterhin
eine Quelle gefährlicher Instabilität in Europa geblieben. Wir haben aus harter Erfahrung in diesem
blutigen Jahrhundert gelernt, daß Amerikas Sicherheit
und Europas Stabilität eng verbunden sind. Ohne
Brandmauern gegen ethnischen Haß hätte sich der
Krieg in Bosnien leicht zu Brennpunkten wie dem
Kosovo, Albanien und Mazedonien ausweiten können

Seite 1

�und mehrere der neuen Demokratien in Europa in
Gefahr gebracht. Ein größerer Konflikt hätte die vitalen
Interessen Griechenlands und der Türkei bedroht zwei unserer engsten Verbündeten und wichtige
Mitglieder der NATO.
Ein größerer Konflikt hätte in der Tat Zweifel an der
Lebensfähigkeit des Bündnisses selbst aufkommen
lassen. Zuzulassen, daß nationalistische Aggressoren
Bosnien in der Mitte Europas zersplittern, hätte die
Aussichten für den Aufbau eines neuen, demokratischen, ungeteilten und in Frieden lebenden Europas
unterminiert - eines Europas, das die Sicherheit der
Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert stärken kann.
Hätte der Frieden nicht Fuß gefaßt, hätten die Vereinigten Staaten nicht zur Seite stehen können, als die
humanitären friedenssichernden Bemühungen der
Vereinten Nationen scheiterten und Südosteuropa
erneut vor einem Krieg stand.
Aus diesem Grund haben wir und unsere Partner uns
unter Präsident Clintons Führung nicht nur zur Eindämmung des Konflikts, sondern auch dazu verpflichtet, dem bosnischen Volk bei der Schaffung eines
echten Friedens behilflich zu sein. Wir und die
internationale Gemeinschaft taten uns mit den in
Dayton vertretenen Parteien zusammen, um drei Ziele
zu erlangen: Den Waffenstillstand zu sichern und die
Chancen für erneute Kämpfe zu verringern, den
Parteien beim Aufbau einer einzigen Nation mit einem
Gleichgewicht zwischen übergreifender Einheit und
Autonomie für die beiden Gebietskörperschaften zu
helfen und ihnen die Chancen zur Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu bieten.
Dayton hat außerordentlich umfangreiche und komplexe militärische und politische Bestrebungen in Gang
gebracht. Die von der NATO angeführte IFOR übernahm die Verantwortung für die Entflechtung der
gegnerischen Parteien, überwachte den Gebietsaustausch, setzte den Waffenstillstand durch, entmobilisierte die Armeen, überwachte die Verlegung schwerer Waffen in Lagerhallen und schuf das für den
Beginn der politischen und wirtschaftlichen Gesundung
unerläßliche sichere Umfeld. Sie führte ihr Mandat mit
großem Geschick und Entschlossenheit aus. Die
Nachfolgetruppe - SFOR - erhält diesen Standard
heute aufrecht und bewahrt die erforderliche Stabilität,
damit der Dayton-Prozeß täglich Fortschritte erzielen
kann. Bei diesen Missionen hat sich die NATO
erfolgreich der größten Herausforderung gestellt, mit
der sie sich seit dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert sah und - in Zusammenarbeit mit Soldaten aus
Rußland, der Ukraine und den meisten anderen
unserer europäischen Partnerländer - ihre unerläßliche
Rolle bei der Gewährleistung der künftigen Sicherheit
Europas unter Beweis gestellt.
Zusammen mit den militärischen Bestrebungen leitete
die internationale Gemeinschaft auch eine Mission für

Seite 2

die zivile Umsetzung von Dayton in die Wege - um den
ehemaligen Feinden bei den notwendigen Schritten zu
einem sich selbst tragenden Frieden behilflich zu sein.
Wir wußten, daß das bosnische Volk Hilfe benötigte,
um zu reparieren und wieder aufzubauen - nicht nur
seine Häuser und Fabriken, sondern sein Vertrauen
und seine Toleranz. Wir glaubten, daß es möglich ist,
weil dieses Jahrhundert mit all seinem Blutvergießen
gezeigt hat, daß Haß nicht mit eisernen Gesetzen der
Genetik oder Kultur von einer Generation an die
andere weitergegeben wird. Haß kann von zynischen
Politikern geschürt werden, aber die Menschen
können sich selbst mit der Hoffnung auf eine bessere
Zukunft über den Haß erheben.
Aus diesem Grund beinhalten die Ziele, zu deren
Erlangung wir und die internationale Staatengemeinschaft angetreten sind, und zu denen sich die Parteien
verpflichtet haben, folgende Punkte, die alle Bestandteil des Abkommens von Dayton sind:
Schaffung eines stabilen militärischen Gleichgewichts, das erneute Kämpfe verhindern
kann.
Reform der Polizei.
Stärkung demokratischer Institutionen und der
Rechtsstaatlichkeit.
Die sichere Rückkehr der Flüchtlinge.
Wiedereinführung der Bewegungsfreiheit im
Land.
Stärkung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus.
Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen.
Dies war von Anfang an eine ehrgeizige Tagesordnung, und es war klar, daß sie beispiellose zivile
Bestrebungen über mehrere Jahre hinweg erfordert.
In der vergangenen Woche erinnerte uns der schreckliche Hubschrauberabsturz in Bosnien, der das Leben
von fünf amerikanischen Zivilisten und sieben anderen
an dieser Mission Beteiligten forderte, an das Engagement derjenigen, die diese Arbeit in Angriff genommen
haben - und an die Kosten, Risiken und die von ihnen
erbrachten Opfer.
Weniger als zwei Jahre nach Dayton - und nach so viel
Zerstörung - ist die Arbeit noch lange nicht getan. Wir
sind noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Aber
angesichts der Komplexität der Herausforderung
überrascht das kaum. Bosnien begeht immer noch
einen Drahtseilakt, bewegt sich zentimeterweise auf
eine bessere Zukunft zu, ist jedoch immer noch nicht
über den Gefahrenpunkt hinaus. Die große Mehrheit
der Flüchtlinge kann immer noch nicht nach Hause
zurückkehren. Die Republika Srpska befindet sich

AMERIKA DIENST 20

�inmitten eines harten Kampfes - nicht nur um Macht,
sondern um ihre Zukunft und ihre Beziehungen zu dem
Ganzen. Prominente angeklagte Kriegsverbrecher allen voran Radovan Karadzic und Ratko Mladic befinden sich immer noch auf freiem Fuß. Viele der
Medien sind noch nicht unabhängig, und einige von
ihnen verbreiten die ultranationalistischen Beschimpfungen, die zum Ausbruch des Krieges vor sieben
Jahren beitrugen. Die Fortschritte sind an vielen
Fronten unerträglich langsam, auch beim wirtschaftlichen Wiederaufbau.
Ist es also die Mühe wert? Ist es das wert, knappe
Ressourcen auszugeben, unsere Truppen Gefahren
auszusetzen und einige unserer engagiertesten
Diplomaten und Beamten zu verlieren, um ein geeintes, friedliches Bosnien zu erhalten, Grundfreiheiten
wiederherzustellen, einer zerstörten Volkswirtschaft
wieder auf die Beine zu helfen? Einige argumentieren,
die Bilanz zeige, daß wir in Dayton unsere Ziele zu
hoch gesteckt hätten - und nur eine ethnische Teilung
die von uns gewünschte Stabilität hervorbringen
würde, so daß wir uns aus Bosnien zurückziehen
könnten.
Meines Erachtens haben die Anhänger einer Teilung
Unrecht, weil die Teilung zu akzeptieren die Ratifizierung der schlimmsten ethnischen Säuberung in Europa
in über einem halben Jahrhundert bedeuten würde.
Wir dürfen nicht die Gerechtigkeit aufgeben und
Aggression belohnen.
Die Teilung wäre auch falsch, weil sie den ethnischen
Fanatikern überall auf der Welt die Botschaft senden
würde, daß die internationale Gemeinschaft die
Neufestlegung von Grenzen durch Gewalt gestattet.
Indem sie die Art von ethnisch reinen Staaten schafft,
die häufig eine gefährliche Streitlust nähren - Gebietskörperschaften, die inhärent instabil, letztlich nicht
lebensfähig wären und zu expansionistischer Aggression neigen - würde die Aufteilung nicht zu
Frieden, sondern zu Krieg führen. Mit anderen
Worten: Teilung zu befürworten, heißt, die Niederlage
zu akzeptieren.
Wenn Dayton scheitert, wird Bosnien fast sicher in
einen Konflikt zurückfallen, der möglicherweise zu
einem größeren Krieg in Südosteuropa führt. Es
würde die Glaubwürdigkeit der NATO in einem entscheidenden Augenblick unterminieren, in dem sich
das Bündnis auf neue Mitglieder und neue Missionen
vorbereitet. Das würde die amerikanische Führungsrolle in Europa in Frage stellen - mit gravierenden
Konsequenzen für unsere Bürger und andere freiheitsliebende Menschen auf der ganzen Welt.
Ebenso wichtig sind die zunehmenden Beweise, daß
diese Kritiker bei den Fakten Unrecht haben und die in
Dayton getroffenen Entscheidungen echte, positive
Veränderungen in Bosnien bewirken. Dayton hat dazu

AMERIKA DIENST 20

geführt, daß die Waffen still und Bosnien intakt blieb
und die Wiederaufbauarbeit hier und dort Fortschritte
erzielt.
Umfragen des US-Informationsamts zufolge sind
beträchtliche Mehrheiten der bosnischen Muslime,
Kroaten und Serben der Überzeugung, daß die
Bedingungen für einen dauerhaften Frieden geschaffen werden. Und für die meisten Menschen in Bosnien
- vor allem in der Föderation - verbessert sich das
Leben wirklich, wenn auch langsam. Das ist nicht die
Geschichte, die wir für gewöhnlich hören und lesen,
aber der Frieden beginnt Fuß zu fassen. Die Errungenschaften sind nicht unumkehrbar - und um sie zu
konsolidieren, ist das weitere Engagement der internationalen Gemeinschaft in Bosnien in irgend einer Form
auf absehbare Zukunft erforderlich. Aber an nahezu
allen Maßstäben gemessen, ist das Leben für die
Menschen in Bosnien heute besser als vor zwei
Jahren.
Betrachten Sie die Situation mit den Augen eines
bosnischen Kindes, und Sie wissen warum. Stellen
Sie sich einen Moment lang vor, wie es ist, ein 15jähriges Mädchen in einer bosnischen Stadt zu sein.
Es lebte nahezu die Hälfte seines Lebens im tödlichen
Würgegriff des Krieges. Heute besucht es die Schule,
statt sich in einem kalten, matschigen Keller zusammenzukauern, um dem unaufhörlichen Beschuß
durch Granatwerfer zu entfliehen.
Hunderte von durch den Krieg beschädigten oder
zerstörten Schulen wurden mit Hilfe internationaler
Geber wieder aufgebaut, die mehr als 1 Milliarde der
für den zivilen Wiederaufbau zugesagten 3,2 Milliarden
Dollar gespendet haben, darunter 524 Millionen der
Vereinigten Staaten. Nach der Schule verbringt das
Mädchen die Zeit mit Freunden, statt Wasserkannen
nach Hause zu schleppen - wie während des Krieges weil in den meisten Orten die Wasserversorgung
wiederhergestellt worden ist.
Vielleicht lebt es in einer der 24.000 Wohnungen, die
allein im letzten Jahr mit Hilfe der internationalen
Gemeinschaft repariert wurden. Zweifelsohne wird es
zum ersten Mal seit sieben Jahren keine Angst davor
haben, in diesem Winter zu frieren, weil die Heizungen
fast überall im Land wieder funktionieren. Es ißt Obst
und Gemüse, nicht von NATO-Flugzeugen abgeworfene Militärrationen. Es hat ordentliche Kleidung, weil
seine Familie mehr verdient: Seit Beendigung der
Kämpfe haben sich die Durchschnittslöhne in Bosnien
vervierfacht, die Arbeitslosigkeit ist von 90 Prozent auf
50 Prozent gesunken, und die Volkswirtschaft wird von einem immer noch niedrigen Niveau - in diesem
Jahr voraussichtlich um 30 Prozent wachsen.
Vor allem hat das Mädchen jetzt ein neues Gefühl der
Sicherheit. Es kann durch die Straßen gehen in dem
Wissen, daß sich in den Hügeln nicht länger Hecken-

Seite 3

�schützen verstecken, daß es nicht wegen seiner
ethnischen Identität entführt oder vergewaltigt wird,
daß die Granatwerfer nicht länger auf die Spielplätze
gerichtet sind.
Dieser Teenager ist nicht allein in seinem neugefundenen Gefühl der Sicherheit. Aufgrund der Arbeit der
IFOR und der SFOR wurden die gegnerischen Streitkräfte entflochten, über 370.000 Soldaten sind ins
zivile Leben zurückgekehrt und weiteres Blutvergießen
wurde verhindert. Schwere Waffen wurden internationaler Überwachung unterstellt, und mehr als 2000
wurden zerstört.
Gleichzeitig trägt unser Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm für die Streitkräfte der Föderation zu
einem stabileren militärischen Gleichgewicht bei und
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß jemand auf
erneute Kämpfe setzt. Und wir dürfen Folgendes nicht
vergessen: Wir haben es zu einer Bedingung des
Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms gemacht,
daß Bosnien alle militärischen und nachrichtendienstlichen Verbindungen zum Iran abbricht - damit hat eine
Nation, die Radikalismus exportiert und Terrorismus
fördert, die wichtige Basis in Europa verloren, die sie
bei Beginn des Krieges 1992 erhielt.
Die internationale Gemeinschaft ist dem bosnischen
Volk auch bei der Umstrukturierung und Reform der
örtliche Polizei behilflich, so daß sie die Bürger schützt,
statt sie einzuschüchtern. Diese Arbeit ist noch lange
nicht erledigt. Aber die seit kurzem integrierten
Streitkräfte beginnen zum ersten Mal seit dem Krieg in
Sarajevo, sich den Gewaltverbrechern und Selbstgerechten entgegenzustellen und das Recht und die
Sicherheit der Bürger aller ethnischen Gruppen zu
schützen. Diese Schritte sind ein Vorbild für die
Reform der Polizei in anderen Regionen.
Eine der schwierigsten Herausforderungen des
Abkommens von Dayton war die Wiedereinführung der
Bewegungsfreiheit. Zu jener Zeit mußte jeder Bürger,
der zwischen Städten in Bosnien hin- und herreiste,
ein Dutzend oder mehr Polizei-Kontrollpunkte passieren und riskierte dabei alles von Schikanen und
Erpressung bis zu Entführung und Gewaltanwendung.
Heute sind die Kontrollpunkte verschwunden, die
Straßen sind frei. Fahrzeuge jeglicher Herkunft fahren
frei auf den Hauptverkehrsstraßen. Was noch vor
zwei Jahren unvorstellbar gewesen wäre, überrascht
heute nicht mehr: Autos mit Kennzeichen der Republika Srpska in Sarajevo oder der Föderation in den
Straßen von Banja Luka. Und Bauern, Händler und
Familien überqueren die Grenzen der Gebietskörperschaften leicht und regelmäßig zu Fuß, im Auto oder
sogar in dem öffentlichen Bus, der täglich fährt.
Die Menschen in Bosnien haben nicht nur mehr
Freiheit, sich im Land zu bewegen - sie sind generell
einfach freier. In einem größeren Ausmaß als je zuvor

Seite 4

werden die Bosnier von Menschen ihrer eigenen Wahl
regiert. Die nationalen und regionalen Wahlen des
vergangenen Jahres, die von den Niedergangspropheten als zu gefährlich erklärt wurden, brachten
Bosnien auf den schwierigen Weg zur Demokratie. In
der vergangenen Woche unternahm Bosnien einen
weiteren wichtigen Schritt, als über 2 Millionen Wähler
- oder mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten - aus
den über 20.000 Kandidaten, die sich zur Wahl gestellt
hatten, Bürgermeister, Stadträte und andere Gemeindevertreter wählten. Und nächste Woche erwarten wir, daß unter internationaler Aufsicht eine wichtige
Parlamentswahl in der Republika Srpska stattfindet.
Die Selbstverwaltung wird in Bosnien zur Gewohnheit,
und die nationalen Institutionen des Staates wurden
geschaffen. Das Gemeinsame Präsidium, der Ministerrat, das Oberste Bundesgericht und die gemeinsame Militärkommission wurden eingerichtet. Sie sind
noch auf fremde Hilfe angewiesen, und häufig ist
internationaler Druck erforderlich, damit alle Seiten
weiterhin zusammenarbeiten. Aber in diesem Monat
haben die serbischen, kroatischen und muslimischen
Mitglieder des Gemeinsamen Präsidiums ihre Differenzen überwunden, um ein integriertes Telekommunikationssystem einzuführen, das das Land zusammenhalten und den Wiederaufbau beschleunigen soll. Und
der muslimische und der serbische Kovorsitzende des
Ministerrats - des bosnischen Kabinetts - die im
Frühjahr kaum davon überzeugt werden konnten,
gemeinsam mit Regierungsvertretern in Washington
zusammenzukommen, organisierten im letzten Monat
selbst ihre Reise nach Malaysia, um gemeinsam
Lobbying für Investitionen zu betreiben.
Das Versprechen des Friedens wird jedoch nur dann
vollständig verwirklicht, wenn die Vorteile des Friedens
unter allen Menschen in Bosnien verbreitet werden.
Bis heute hat der Großteil des Wirtschaftswachstums
in Bosnien in der Föderation stattgefunden. Im
Gegensatz dazu hat der Widerstand vieler serbischer
Politiker zur Lähmung der Republika Srpska geführt.
Sie haben ihre Pflichten im Rahmen des Daytoner
Abkommens nicht erfüllt und dadurch die internationalen Geber veranlaßt, nahezu die gesamten
Wiederaufbaugelder für Srpska zurückzuhalten. Das
muß nicht sein. Aber die serbischen Anführer in Pale
haben darauf bestanden, am Haß der Vergangenheit
festzuhalten, statt sich den Versprechungen der
Zukunft zuzuwenden. Sie haben den Weg der Selbstisolierung gewählt. Srpskas andauernde Armut wird
nur beendet werden, wenn die Politiker der Republik
ihre Verpflichtungen erfüllen und die Aufbaugelder
wieder fließen können.
Der jetzt in Srpska stattfindende Kampf ist sowohl
hoffnungsvoll als auch unsicher. Er spielt die extremen Sezessionisten und Anhänger der ethnischen
Säuberung in Pale - die das serbische Volk in den
Krieg geführt haben - gegen eine wachsende Bewe-

AMERIKA DIENST 20

�gung der bosnischen Serben aus, die einer Regierung
von Profitmachern überdrüssig sind. Diese Einwohner
von Srpska lehnen die überhandnehmende Korruption
ab, die mit Ausnahme einiger weniger alle zu Armen
macht. Sie haben die Verbesserungen in der Föderation auf der anderen Seite der Grenze gesehen - sie
wollen an den Vorteilen des Friedens teilhaben.
Präsidentin Plavsic und viele ihrer Anhänger treten
immer noch für den serbischen Nationalismus ein.
Aber im Gegensatz zu dem alten Regime sind sie sich
bewußt, daß der einzige Weg zu Fortschritten über
Dayton geht, daß die Republika Srpska in Isolation
nicht prosperieren kann und es im Rahmen von
Dayton Raum für die Erfüllung ihrer legitimen Ansprüche gibt. Sie wollen ein blutiges Kapitel ihrer
Geschichte schließen und ein neues der Hoffnung und
des Wiederaufbaus öffnen.
Wir haben in Srpska nicht "Partei für eine Seite
ergriffen". Die Vereinigten Staaten, die SFOR und die
internationale Gemeinschaft sind weiterhin unparteiisch - unparteiisch bei der Unterstützung von Dayton.
Das bedeutet die Unterstützung derjenigen, die für
Dayton eintreten, und die entschiedene Ablehnung
derjenigen, die es nicht tun. Wir lehnen die falsche
Entscheidung für Kompromisse zwischen denen, die
Dayton behindern, und denen, die zusammenarbeiten
wollen, ab. Ich möchte eindeutig klarstellen, was das
bedeutet: Es bedeutet, die paramilitärische Polizei von
Pale, die es gewohnt ist, Dissidenten zu bedrohen und
zu bestrafen, wie die abtrünnigen Militäreinheiten zu
behandeln, die sie sind; schnell und entschieden zu
handeln, wenn die Medien dazu benutzt werden, zu
bedrohen und aufzustacheln; entschlossen auf
Versuche zu reagieren, die SFOR zu provozieren oder
einzuschüchtern oder das sichere Umfeld aufs Spiel
zu setzen, zu dessen Gewährleistung die SFOR sich
verpflichtet hat. General Clark, der Oberste Alliierte
Befehlshaber in Europa, erklärte vor kurzem: "Wir
lassen uns nicht einschüchtern. Wir lassen uns durch
den Mob nicht abschrecken. Wir werden alle uns zur
Verfügung stehenden Mittel, einschließlich tödlicher
Waffen, zum Schutz unserer Streitkräfte und zur
Fortsetzung unserer Mission einsetzen."
Wir sind ebenso entschlossen, daß diejenigen, die
Dayton unterstützen, in den Genuß der Vorteile ihrer
Entscheidung kommen, wo immer sie leben. Aus
diesem Grund haben wir trotz der Versuche der
Hardliner in Pale den Gemeinden in Srpska Hilfe
geboten, die die Rückkehr der Flüchtlingen akzeptieren. Wir stellen der Polizei von Srpska, die Reformen
zugestimmt hat, technische Unterstützung und Gerät
zur Verfügung, ebenso wie wir es für die Polizei der
Föderation getan haben - und allein in den letzten
beiden Monaten hat sich nahezu ein Viertel der zivilen
Polizei in Srpska an diesem Programm beteiligt. Wir
begrüßen und unterstützen die Zunahme unabhängi-

AMERIKA DIENST 20

ger Medien in Srpska und versorgen sie mit technischer Hilfe und Gerät, so daß ihre Botschaft überall
vernommen werden kann.
In Srpska findet heute ein wichtiger Kampf statt, und
sein Ergebnis ist entscheidend - denn das ist Aufruhr
aus den richtigen Gründen, für Veränderung ohne
Korruption oder ethnischen Krieg.
Wir müssen realistisch sein: Die internationale Gemeinschaft und das bosnische Volk sehen sich mit
vielen realen Herausforderungen konfrontiert, die
Geduld und andauernde Anstrengungen erfordern.
Wir sind beispielsweise nicht mit der Zahl der zurückkehrenden Flüchtlinge zufrieden. Bisher sind nur
ungefähr 150.000 oder 15 Prozent derjenigen, die
Bosnien während des Krieges verlassen haben,
heimgekehrt. Diese Zahl wird sich nur erhöhen, wenn
Stabilität und Sicherheit wiederhergestellt sind.
Wir müssen helfen, die Bosnier in Marktwirtschaft zu
unterrichten. Während die übrigen Länder der ehemals kommunistischen Welt in Zentraleuropa Anfang
der neunziger Jahre einen Schnellkurs in diesem Fach
erhielten, brach Bosnien einfach zusammen. Viele
Gewohnheiten einer Kommandowirtschaft bestehen
noch fort zusammen mit einer Korruption, die zu häufig
die Wiederaufbaubestrebungen unterminiert.
Wir müssen auch unsere Bemühungen zur Entschärfung der Pulverfässer von Gewalt in Bosnien
verdoppeln, die den Erfolg gefährden. In Brcko, einem
schmalen Korridor, der die beiden Hälften von Srpska
und die Föderation mit Europa verbindet, sind die
Spannungen weiterhin groß und die Fortschritte
erfolgen bestenfalls im Schneckentempo. Die Schlichtung, die über die Zukunft dieses Gebiets entscheidet,
erfolgt in sechs Monaten. Wir machen beiden Parteien
gegenüber klar, daß eine Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen inakzeptabel ist und sie bei der endgültigen Entscheidung den Preis für ihr Verhalten zahlen
müssen.
Welchen Schluß können wir also aus unseren bisherigen Erfahrungen in Bosnien ziehen? Nach zwei
Jahren bietet sich ein gemischtes Bild. Wir sehen
anhaltende Schwierigkeiten und Widerstand. Aber wir
sehen auch, daß Fortschritte einen echten Unterschied
im Leben des bosnischen Volkes und für die Stabilität
dieser entscheidenden Region bewirken. Es wurde
gesagt, das Kennzeichen eines Genies sei die Fähigkeit, gleichzeitig offensichtliche Widersprüche im Kopf
zu haben. Wenn wir heute auf Bosnien blicken, sind
einige Genies gefragt. Wir müssen unsere Augen auf
beide Seiten des Bildes richten - und wir dürfen die
wichtigen Interessen nicht vergessen, die uns leiteten:
Nicht nur ein stabileres, friedlicheres Bosnien anzustreben, sondern darauf hinzuarbeiten.

Seite 5

�Wie Präsident Clinton erklärt hat, wird die SFORMission im Juni 1998 enden. Aber das Engagement
der internationalen Gemeinschaft wird fortgesetzt. Ob
eine internationale Sicherheitspräsenz Teil dieses
Engagements sein wird und welche Rolle die Vereinigten Staaten spielen könnten, bleibt abzuwarten.
Diese Entscheidung wird zum Teil davon abhängen,
wie die Lage ist, wenn sich der Zeitpunkt des Abzugs
der SFOR nähert.
Aber eines ist klar: Ebenso wie wir damals, als die
NATO handelte, um das Gemetzel 1995 zu beenden,
zusammen mit unseren Partnern die Gespräche von
Dayton anberaumten, haben die Vereinigten Staaten
heute ein großes Interesse an der Schaffung eines
dauerhaften Friedens in Bosnien. Der beste Weg zur

*

Seite 6

Förderung dieses Interesses ist über den bei diesen
Verhandlungen vereinbarten Rahmen. Aus diesem
Grund haben die Vereinigten Staaten ein beträchtliches und anhaltendes Interesse am Erfolg von
Dayton.
Dayton kann Erfolg haben. Und Dayton wird Erfolg
haben - wenn die Politiker in Bosnien die Verantwortung für die Zukunft ihres Landes übernehmen und
ihr Volk zum Aufbau des Friedens führen, den es
verdient, wenn die internationale Gemeinschaft nicht
die Geduld oder Entschlossenheit verliert und wenn wir
alle mit klarem Blick auf Bosnien schauen - nicht durch
eine rosarote Brille, aber auch nicht durch ein dunkles
Glas.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�GLOBALISIERUNG
15. Oktober 1997

Globalisierung und Diplomatie
von Strobe Talbott

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott.
Copyright © 1997 Carnegie Endowment for International Peace. Veröffentlichung und Übersetzung mit
freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Foreign Policy, Herbst 1997.

Es war früher Morgen am Montag, dem 4. Oktober
1993, als sich in Moskau neue Probleme zusammenbrauten. Panzer hatten das Weiße Haus umstellt, das
riesige Parlamentsgebäude am Ufer der Moskva, in
dem sich die Abgeordneten des Obersten Sowjet einige schwer bewaffnet - dem Befehl Boris Jelzins
zuwider, die Legislative aufzulösen und Neuwahlen
anzuberaumen, verschanzt hatten. Nur Stunden zuvor
hatten bewaffnete Aufrührer das Büro des Moskauer
Bürgermeisters und die wichtigste Fernsehstation der
Stadt angegriffen.
Ich hatte die Nacht auf dem Sofa in meinem Büro im
siebten Stock des Außenministeriums verbracht. Um
3.00 Uhr ging ich den Gang hinunter zum Lagezentrum
- unserem Kommunikationszentrum - des Ministeriums, wo eine Einsatztruppe rund um die Uhr die sich
anbahnende Krise überwachte.
Von einem der
Telefone im Lagezentrum rief ich den Stellvertretenden
Außenminister Georgi Mamedow an, der in seinem
Büro in dem Stalin-gotischen Wolkenkratzer am
Smolensker Platz war, nur rund anderthalb Kilometer
von dem belagerten Parlament entfernt. Seit Beginn
der Kraftprobe vor 24 Stunden standen wir häufig in
Kontakt.

blutigen Ende kam. Nach gestaffelten Angriffen, die
den im Weißen Haus Verschanzten mehrere Gelegenheiten boten, sich zu ergeben, eroberten die Regierungstruppen das Gebäude zurück und verhafteten die
Oppositionsführer.
Die Vereinigten Staaten und Rußland hatten einen
langen Weg von der Politik des äußersten Risikos
wegen Berlin und Kuba in der Zeit des Kalten Krieges
zurückgelegt. Jetzt war der Krisenherd ein interner
Machtkampf in Rußland, eine Kraftprobe zwischen
einem demokratisch gewählten Machthaber und einer
reaktionären Legislative. Und statt ihn im Geheimen
hinter den Mauern des Kreml zu führen, wurde der
Kampf auch noch weltweit live für Millionen von
Zuschauern übertragen.
Hier war der "CNN-Effekt" am offensichtlichsten.
Ebenso wie der Sender es möglich gemacht hatte, daß
Mamedow und ich sahen, wie sich ein Ereignis in
Realzeit vor unseren Augen entfaltete, während wir die
Auswirkungen über das Telefon diskutierten, hatte die
Kommunikationsrevolution zur Umgestaltung dieses
Landes und unserer Welt beigetragen.
Von Bretton Woods bis Denver

Mitten in unserer Unterhaltung wurden wir beide
plötzlich still. Nach einem lagen Augenblick fragte
Mamedow: "Sehen Sie, was ich sehe?" Ich sah, was
er sah. Wir hatten beide CNN an. Der Sender hatte
mit der Liveübertragung russischer Kommandos
begonnen und zeigte, wie Schützenpanzer in Position
gingen, um das Weiße Haus zu stürmen. In der
nächsten halben Stunde sahen Mamedow und ich
gebannt zu und tauschten gelegentlich Eindrücke aus,
während die Schlacht zu ihrem dramatischen und

AMERIKA DIENST 20

In den achtziger Jahren hatten die sich selbst isolierenden Diktaturen von Chile bis zur Sowjetunion den
Idealen von Demokratie und freien Märkten nachgegeben, die über Radio, Fernsehen, Fax und E-mail
verbreitet wurden. Seit damals haben die mächtigen
technologischen Kräfte des Informationszeitalters abgesehen von der Unterminierung der Berliner Mauer
und der Zerstückelung des Eisernen Vorhangs - dazu
beigetragen, das wirtschaftliche, politische und

Seite 1

�kulturelle Leben von Nationen zu verknüpfen und die
Grenzen durchlässiger für den Fluß von Menschen,
Produkten und Ideen zu machen. Als Präsident Bill
Clinton im Juli Bukarest besuchte, nahm ihn sein
Gastgeber, Emil Constantinescu, ein demokratischer
Aktivist und Reformer, der sieben Monate zuvor zum
rumänischen Präsidenten gewählt worden war, in sein
Arbeitszimmer mit und zeigte ihm stolz den Computer,
der ihm Zugang zum Cyberspace verschaffte.
Für viele Millionen von Menschen bedeutet die Globalisierung größere Freiheit und größeren Wohlstand.
Aber für Millionen andere bedeutet der gleiche Prozeß
wirtschaftliche Nachteile und soziale Zerrüttung.
Streikende Arbeiter in Südkorea und Argentinien
lehnten Veränderungen ab, auf denen ihre Politiker
bestanden, weil sie zur Erfüllung der Erfordernisse der
Weltwirtschaft nötig waren. Der unerwartete Sieg der
Sozialistischen Partei bei den Parlamentswahlen in
Frankreich im Frühjahr war zum Teil auf die Besorgnis
der Wähler über die Globalisierung zurückzuführen. In
den Vereinigten Staaten haben politische Figuren wie
Ross Perot und Pat Buchanan auf ähnliche Ängste
gesetzt.
Nicht alle, die einen Fernseher in Reichweite haben,
denken, daß es ihnen deshalb besser geht - in der Tat
ist häufig genau das Gegenteil der Fall. In den Slums
der Megastädte der Welt gibt es Satellitenschüsseln,
und die Signale, die sie von Hollywood und der
Madison Avenue empfangen, können Unmut und
Ärger auslösen: Die Kommunikationsrevolution hat das
Potential, Revolutionen anderer Art zu schüren.
Die Globalisierung selbst ist weder gut noch schlecht.
Die Regierungen können ihre Auswirkungen nicht von
ihren Bürgern fernhalten, ohne sie auch vor ihren
Chancen und Vorteilen abzuschotten. Sie können sie
jedoch zu ihrem nationalen und internationalen Vorteil
nutzen.
Diese Aufgabe ist zwar ein zunehmend wichtiges und
explizites Thema der amerikanischen Diplomatie in der
Zeit nach dem Kalten Krieg - sie ist jedoch nicht neu.
Im wirtschaftlichen Bereich geht sie mindestens auf die
unmittelbare Nachkriegszeit sowie die Gründung der
Weltbank und des Internationalen Währungsfonds in
Bretton Woods zurück. Drei Jahrzehnte später - 1975
- unternahmen die Staats- und Regierungschefs von
Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, der Vereinigten Staaten und Westdeutschlands gemeinsam
einen weiteren Schritt nach vorne. Sie kamen in dem
malerischen französischen Dorf Rambouillet zusammen um zu erörtern, wie sie den Handel erweitern, die Währungspolitik koordinieren und ihre
Verletzbarkeit durch steigende Ölpreise verringern
könnten. Es war das erste Treffen dieser Länder, das
im nächsten Jahr in London mit der Aufnahme Kanadas zum jährlichen Treffen der Gruppe der sieben
führenden demokratischen Industrienationen wurde.

Seite 2

Als die Nachfolger dieser Politiker sich zum 22. Mal im
Juni in Denver trafen, war auch Boris Jelzin dabei. Es
war das erste Mal, daß der Präsident der Russischen
Föderation von Anfang bis Ende an dem Gipfeltreffen
teilnahm. Ebenso wie die Zahl der Darsteller hatte sich
auch die Tagesordnung seit Rambouillet erweitert.
Transnationalen Bedrohungen wie dem Klimawandel,
der Verbreitung ansteckender Krankheiten und dem
internationalem organisierten Verbrechen wurde
ebenso viel Aufmerksamkeit gewidmet wie den
wirtschaftlichen Aspekten der Interdependenz. Muster
im Energieverbrauch, die Zahl der Impfungen von
Kindern und Drogentherapieprogramme - einstmals als
fast ausschließlich innenpolitische Probleme angesehen - waren zu Themen von internationalem Belang
und zum Ziel konzertierter Aktionen geworden.
Obwohl andere Nationen die Geld- und Haushaltspolitik der US-Regierung seit langem aufmerksam
beobachten, haben die innenpolitischen Aktionen der
Vereinigten Staaten inzwischen in zahllosen anderen
Bereichen zunehmende internationale Auswirkungen.
Die Europäische Union war anfänglich gegen die
beabsichtigte Fusion von Boeing und McDonnell
Douglas mit dem Argument, sie würde den Wettbewerb auf dem globalen Flugzeugmarkt unterminieren. Hochrangige mexikanische Regierungsvertreter
haben öffentlich erklärt, daß das Anfang dieses Jahres
in Kraft getretene neue amerikanische Einwanderungsgesetz die Rechte der in den Vereinigten Staaten
lebenden Mexikaner verletzt. Regulierungsbehörden
auf der ganzen Welt richten sich häufig nach der
amerikanischen Nahrungsmittelbehörde bei der
Genehmigung oder dem Verbot von Nahrungsmitteln
und Medikamenten mit Konsequenzen für Tausende
von Unternehmen und Millionen Verbraucher.
Aus dem gleichen Grund hat die Innenpolitik anderer
Nationen zunehmende Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten. Das Ausmaß, in dem Mexiko die
Umweltbestimmungen
des
Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens (NAFTA) umsetzt, wird die
Qualität von Luft und Wasser in Arizona, Kalifornien,
New Mexico und Texas beeinflussen. Das Ausmaß, in
dem China zum Schutz des Rechts auf geistiges
Eigentum bereit ist, wird Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer schaffen oder abschaffen.
Kolumbiens Fähigkeit und Bereitschaft, die Produktion
von Drogen einzustellen, wird das Kräftegleichgewicht
im Krieg gegen illegale Drogen in den Vereinigten
Staaten beeinflussen. Und im Gegenzug werden
Kolumbien und anderen Nationen auf der Angebotsseite des internationalen Drogenhandels nur Erfolg bei
ihrem Teil des Kampfes haben, wenn die Vereinigten
Staaten ihre Nachfrage im Inland reduzieren können.
Die dringende Notwendigkeit von Veränderungen
Globale Interdependenz beeinflußt die Art, in der
praktisch alle Regierungen über internationale Bezie-

AMERIKA DIENST 20

�hungen denken und Diplomatie praktizieren. Je mehr
sie in einem Prozeß engagiert und von ihm betroffen
sind, desto mehr müssen sie sich verändern. Für die
Vereinigten Staaten ist die Notwendigkeit von Veränderungen deshalb besonders zwingend und wird in
dem Gebäude, in dem ich arbeite, besonders akut
gespürt.
Das US-Außenministerium ist eine stolze Institution und sie ist zu Recht stolz. Aber die Empfindlichkeit
einer Institution gegen Reformen ist umgekehrt
proportional zu ihrer Ehrwürdigkeit, und das State
Department ist keine Ausnahme. Das Gebäude steht
in einem Stadtteil von Washington, der Foggy Bottom
(Nebelloch) heißt - ein Name, der zu einem manchmal
liebevollen, manchmal boshaften Spitznamen für das
Ministerium selbst geworden ist, mit nicht gerade
schmeichelhaften Implikationen für die Geistesverfassung der 13.000 Menschen, die dort und in
unseren 249 Vertretungen im Ausland arbeiten.
Während das Außenministerium versucht, die Trägheit
zu überwinden, die einer so großen Organisation mit
einer langen Geschichte inhärent ist, muß es auch mit
weniger finanzieller Unterstützung der Nation, der es
dient, mehr - und besser - arbeiten. Seit 1985 ist der
Etat der Vereinigten Staaten für internationale Angelegenheiten in realen Zahlen um 50 Prozent gesunken.
Er hat auch in relativen Zahlen abgenommen. 1984
betrugen die Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten 2,5 Prozent des Bundeshaushaltes; heute belaufen
sie sich auf ungefähr 1 Prozent. In den vergangenen
vier Jahren mußten wir 32 Botschaften und Konsulate
auf der ganzen Welt schließen. Obwohl die Haushaltsvereinbarung zwischen dem Weißen Haus und dem
Kongreß für 1998 diese nachteiligen Kürzungen zum
Teil wieder aufhebt, werden wir in absehbarer Zukunft
mit gravierenden Einschränkungen operieren. Nur
indem wir unsere Ressourcen sinnvoll einsetzen und
sie klüger verwalten, kann das Außenministerium die
Herausforderungen meistern, die sich der amerikanischen Diplomatie durch Globalisierung und Interdependenz stellen.
Global werden
Der bilaterale Ansatz von Regierung zu Regierung, der
traditionell das Hauptthema der amerikanischen
Diplomatie ist, reicht häufig für die Inangriffnahme von
Bedrohungen wie Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung nicht aus, die fast immer regional und sehr oft global - in ihrem Ausmaß sind. Diese
neuen Herausforderungen werden nur international
koordinierten, langfristigen Bestrebungen weichen.
Als Reaktion auf diese sich verändernden Realitäten
hat Präsident Clinton zu Beginn seiner Amtszeit die
Position eines Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium geschaffen, dem die

AMERIKA DIENST 20

Verantwortung für mehrere Büros des Außenministeriums übertragen wurde, die sich mit "funktionalen"
Querverbindungen befassen: Schutz der Umwelt,
Förderung von Demokratie und Menschenrechten,
Bewältigung der Bevölkerungs- und Migrationsprobleme sowie Strafverfolgung. Das hatte zur Folge,
daß diesen Zielen im politischen Entscheidungsprozeß
und in der Diplomatie erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit gab Vizepräsident
AI Gore einen umfassenderen Plan für Reformen und
die Eingliederung der Behörden für auswärtige Angelegenheiten in das Außenministerium bekannt, der teils
auch eine Reaktion auf die Globalisierung ist. Durch
die Integration des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung und des US-Informationsamts in das
Außenministerium und die Vorbereitung der teilweisen
Konsolidierung des Außenministeriums und des Amts
für internationale Entwicklung werden wir die Hauptaufgaben dieser Behörden besser in das Gefüge der
amerikanische Außenpolitik eingliedern können.
Die Vielfältigkeit, Größenordnung und Komplexität der
transnationalen Probleme und die gemeinsamen
Arrangements, mit denen wir auf ihre Bewältigung
hinarbeiten, erfordern auch ein Umdenken bei der
Einstellung und Ausbildung der Mitarbeiter des
Ministeriums. Wir unternehmen verstärkte Anstrengungen, Leute einzustellen, die bereits über Erfahrung
in Bereichen wie internationales Finanzwesen, Arbeitsfragen, Umweltpolitik und Strafverfolgung verfügen.
Wir erweitern den sogenannten Kernlehrstoff für die
Ausbildung von neu eingestellten Beamten. Das
Foreign Service Institute, das Zentrum des Außenministeriums für den Fremdsprachenunterricht,
Landeskundestudien und die Ausbildung in technischen Fertigkeiten, hat einen Kurs eingeführt, der
sich mit Themen wie Drogenhandel und Flüchtlingsströmen befaßt sowie mit dem sich ausdehnenden
globalen Markt für amerikanische Umwelttechnologien.
In der Zwischenzeit pflegen unsere Diplomaten im
Ausland in größerem Maße als je zuvor regionale und
transnationale Beziehungen, wobei die amerikanischen Beziehungen zu der jeweiligen Gastregierung
immer noch Priorität haben. Unsere Botschaften in
Lima und Quito arbeiten mit den Regierungen von
Argentinien, Brasilien und Chile bei der Lösung der
Grenzstreitigkeiten zwischen Ecuador und Peru
zusammen. Unsere Botschaft in Pretoria widmet einen
Großteil ihrer Energie der Zusammenarbeit mit der
südafrikanischen Regierung für Frieden in Angola und
im Kongo. Und unabhängig von unseren Differenzen
mit Peking engagieren wir uns gemeinsam mit den
Chinesen, Japanern und Südkoreanern für die andauernden Bestrebungen zur Verringerung der
Spannungen auf der koreanischen Halbinsel.

Seite 3

�Neue Maßnahmen, neue Partner
Die Globalisierung hat auch die Notwendigkeit einer
aktiven Rolle anderer Ministerien und Behörden der
US-Regierung bei der Verfolgung amerikanischer
Interessen im Ausland verstärkt - und der systematischeren Zusammenarbeit des Außenministeriums mit
ihnen. Diese Zusammenarbeit ist besonders eng bei
Wirtschafts-, Verteidigungs- und Strafverfolgungsangelegenheiten.
Wirtschaft. Da Handel und internationale Investitionen für die amerikanische Volkswirtschaft wichtiger
geworden sind, haben das Außenministerium und die
Wirtschaftsbehörden der US-Regierung ihre Zusammenarbeit erweitert und vertieft. Die während der
beiden vergangenen Jahre bei der Welthandelsorganisation erzielten Abkommen zum Abbau von
Zöllen und zur Verstärkung des weltweiten Handels mit
Informationstechnologie
und Telekommunikation
stehen für solche gemeinsamen Anstrengungen. In
Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium, dem
Büro der US-Handelsbeauftragten und der Bundesbehörde für das Fernmeldewesen haben Vertreter des
Außenministeriums im In- und Ausland eine entscheidende Rolle gespielt und sich mit Vertretern
amerikanischer Unternehmen vor Ort getroffen, um
unsere Verhandlungsstrategie zu verfeinern und
ausländische Regierungsvertreter in über 60 Ländern
zur Annahme der amerikanischen Positionen gedrängt.
Während die amerikanischen Diplomaten beim
Verfassen der Vorschriften und dem Aufbau der
Institutionen behilflich sind, die die globale Wirtschaft
leiten, verfechten sie auch aggressiv die Interessen
amerikanischer Unternehmen auf der ganzen Welt.
Das Ministerium arbeitet mit der Export-Import Bank
und anderen Bundesbehörden zusammen um sicherzustellen, daß amerikanische Firmen gleiche Wettbewerbschancen haben. Im Jahr 1995 erhielt NYNEX
dank der Vermittlung unserer Botschaften und des
Wirtschaftsministeriums den Zuschlag für ein
Unterwasser-Fiberoptikkabelprojekt in Höhe von 1,5
Milliarden Dollar, das Länder in Afrika, Asien und
Europa verbinden wird und erwartungsgemäß amerikanische Exporte von nahezu 650 Millionen Dollar und
mehrere Tausend amerikanische Arbeitsplätze
unterstützt.
Verteidigung. Lastwagen, die über den Potomac
hinweg zwischen Foggy Bottom und dem Pentagon
hin- und herfahren, sind nichts Neues. Dennoch hat
das Ende des Kalten Krieges der Zusammenarbeit
zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium eine neue Dimension verliehen. Wir arbeiten sehr
viel enger zusammen, um die Institutionen und Gewohnheiten der Demokratie auf der ganzen Welt zu
fördern. Durch friedenssichernde Operationen in für
amerikanische Interessen entscheidenden Regionen
und neue Sicherheitsarrangements wie der Partner-

Seite 4

schaft für den Frieden ermutigen wir die Unterstellung
der Streitkräfte unter ein ziviles Kommando, die
Respektierung internationaler Grenzen, den Schutz
der Rechte von Minderheiten und die Bewegungsfreiheit der Menschen.
Als die Vereinigten Staaten 1994 im Rahmen einer
internationalen Koalition Truppen zur Wiederherstellung der Demokratie nach Haiti entsandten,
erarbeitete die US-Regierung einen innovativen,
einheitlichen Plan für politisch-militärische Operationen. Er sollte sicherstellen, daß die zivilen und
militärischen Aspekte der Operation gleichzeitig und
mit der gleichen Präzision umgesetzt werden. Als die
Friedenstruppen die Angehörigen des haitianischen
Militärs entwaffneten, hatte das Amt für internationale
Entwicklung infolgedessen Programme bereit, um den
entmobilisierten Soldaten bei der Erlangung der
Qualifikationen behilflich zu sein, die sie für die
Reintegration in die bürgerliche Gesellschaft benötigten.
Strafverfolgung. Die sich abzeichnenden Bedrohungen durch das internationale organisierte Verbrechen
und Drogenhandel erfordern von unseren Diplomaten
die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden in bisher ungekanntem Ausmaß.
Beamte mit Fachgebiet Politik arbeiten mit Mitarbeitern
des Justizministeriums zusammen, die in entscheidenden regionalen Botschaften wie Moskau und Bangkok
stationiert sind, um bilaterale Ausweisungsverträge
und Abkommen auszuhandeln, mit denen die Regierungen Informationen über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft oder Polizei austauschen können. Und in
jede diplomatische Vertretung der Vereinigten Staaten
entsandte Konsularbeamte kooperieren in persona
und per Computer mit Agenten der Drogenbekämpfungsbehörde (DEA), dem FBI, der Einwanderungsund Einbürgerungsbehörde sowie den Nachrichtendiensten, um verdächtige Drogenschmuggler, Terroristen und Verbrecher aufzuspüren und ihnen die
Einreise in die Vereinigten Staaten zu verweigern.
In Budapest haben wir eine internationale Strafverfolgungsakademie eröffnet, um den neuen Demokratien des ehemaligen Sowjetblocks bei der Einführung der Rechtsstaatlichkeit behilflich zu sein, die
für eine gesunde Demokratie unerläßlich ist. Die vom
Außenministerium finanzierte und verwaltete Akademie
bringt Experten von FBI, DEA, Zollamt, Secret Service,
der Bundessteuerbehörde, dem Büro für Alkohol,
Tabak und Feuerwaffen und dem Energieministerium
zusammen, damit sie mit ihren Kollegen aus Zentraleuropa, den Neuen Unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion und Westeuropa die neuesten Verbrechensbekämpfungstechniken und -technologien austauschen können. In den nächsten Monaten
werden wir eine ähnliche Institution in Zentralamerika
gründen.

AMERIKA DIENST 20

�Zusammengenommen haben diese neuen Formen der
Zusammenarbeit die Zahl der in Übersee stationierten
Mitarbeiter der US-Regierung beträchtlich erhöht, die
nicht bei den herkömmlichen Behörden für auswärtige
Angelegenheiten beschäftigt sind. In der Tat sind 63
Prozent von ihnen, die jetzt unseren Botschaftern und
Gesandten unterstehen, keine Mitarbeiter des USAußenministeriums.
Während die Globalisierung
voranschreitet, wird diese Zahl wahrscheinlich ebenso
zunehmen wie die Herausforderung einer Koordinierung der Präsenz der amerikanischen Regierung im
Ausland.
"Multi-multilaterale" Arbeit
Obwohl die Globalisierung internationalen Zusammenhalt herbeiführt und internationalen Unternehmen
zusätzliche Befugnisse verleiht, hebt sie paradoxerweise auch die Grenzen nationaler Macht hervor.
Regierungen sind häufig zu schwerfällig, um effektiv
auf transnationale Bedrohungen zu reagieren - auch
wenn solche Bedrohungen innerhalb ihrer eigenen
Grenzen offenkundig sind. Teilweise infolgedessen
wird die politische Amtsgewalt von oben nach unten
und vom Zentrum nach außen auf kommunale und
regionale Regierungen und Gemeindeorganisationen
übertragen, die an der Basis arbeiten.
Aus diesem Grund versuchen viele Regierungen,
einschließlich der amerikanischen, knappe Ressourcen sorgfältig einzusetzen und ihre Fähigkeit zur
Inangriffnahme transnationaler Bedrohungen zu
verbessern, indem sie Koalitionen mit "nichtstaatlichen
Akteuren" bilden - multinationalen Unternehmen,
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen,
der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds. Diese Koalitionen gestatten den Vereinigten
Staaten nicht nur auf multilateraler, sondern auf multimultilateraler Ebene über mehrere Organisationen und
Institutionen gleichzeitig zu arbeiten.
In Bosnien arbeiten neun Behörden und Ministerien
der US-Regierung mit über einem Dutzend anderen
Regierungen, sieben internationalen Organisationen
und 13 wichtigen NGOs - vom Roten Kreuz über die
internationale Krisengruppe bis zum amerikanischen
Anwaltsverein - an der Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton.
Im Nahen Osten haben die Vereinigten Staaten den
Vorsitz über eine multilaterale Arbeitsgruppe für
Wasserressourcen - eine Gruppe von 47 Ländern und
internationalen Organisationen, die an der Gewährleistung arbeiten, daß die gemeinsame Abhängigkeit
der Region von knappen Ressourcen nicht zu einer
Bedrohung der politischen Stabilität wird. Die Regierungen von Israel, Japan, Oman, Südkorea und der
Vereinigten Staaten haben das regionale NahostMeerwasserentsalzungszentrum in Maskat gegründet,

AMERIKA DIENST 20

um Forschungen zur Reduzierung der Kosten der
Entsalzung zu unterstützen.
Eine integrierte Arbeitsgruppe für Nahrungsmittelhygiene unter dem gemeinsamen Vorsitz des Außenministeriums, des Landwirtschaftsministeriums und
des Amts für internationale Entwicklung sondiert neue
Wege zur Anwendung von amerikanischem Wissen,
Technologie, Ressourcen und des Einflusses um
sicherzustellen, daß es genug Nahrungsmittel gibt, um
den Bedarf des nächsten Jahrhunderts zu decken.
Unter der Schirmherrschaft dieser Gruppe leitet die
amerikanische nationale Behörde für Ozeane und die
Atmosphäre eine internationale Initiative, die Regierungen, Privatunternehmen und NGOs zusammenbringt,
um die experimentelle Vorhersage saisonaler Klimamuster aufzunehmen, so daß die Aussaat des Getreides an den erwarteten jährlichen Niederschlag
angepaßt wird, wodurch die gravierendste Nahrungsmittelknappheit verringert werden kann.
Das Organigramm dieser Art von kollaborativen
Bestrebungen ist ein Patchwork von Kästchen, die
durch sich überschneidende und sich kreuzende
durchgezogene und gepunktete Linien miteinander
verbunden sind. Es obliegt häufig dem Außenministerium, die Arbeit der anderen Behörden der US-Regierung zu koordinieren und sicherzustellen, daß ihre
Unternehmungen einer übergreifenden und kohärenten Strategie dienen. Das Ministerium arbeit auch an
der Integration der staatlichen Bestrebungen der
Vereinigten Staaten in den Aufgabenbereich anderer
Regierungen - und zunehmend von NGOs und
anderen Organisationen.
Das Ende der Außenpolitik
Im Kontext der vielen globalen Probleme, mit denen
sich die Vereinigten Staaten heute konfrontiert sehen,
und auch im Kontext ihrer Lösung, wird das Wort
"ausländisch" unmodern. Von der Börse in Singapur
bis zum Dach der Welt über Patagonien, wo es ein
Ozonloch gibt, gilt: Was dort geschieht, ist hier von
Bedeutung - und umgekehrt. Das ist nicht nur eine
Tatsache und eine nützliche Kurzdefinition der Globalisierung selbst, es ist auch der ausschlaggebende
Punkt für diejenigen von uns, die inner- und außerhalb
der Regierung versuchen, Außenpolitik für die Amerikaner weniger ausländisch und relevanter zu machen.
Aufgrund des Fehlens einer großen, einigenden
Bedrohung, wie sie die Sowjetunion während des
Kalten Krieges darstellte, scheint die Notwendigkeit
des amerikanischen Engagements in der Welt offenkundig. Größtenteils infolgedessen hat das Interesse
der amerikanischen Öffentlichkeit und der Medien im
letzten Jahrzehnt merklich nachgelassen.
Um diesen Trend umzukehren, hat das Ministerium in
den vergangenen drei Jahren 40 "Gemeindeversamm-

Seite 5

�lungen" abgehalten, bei denen unsere Diplomaten
Themen vom Nahost-Friedensprozeß bis zur Förderung der Menschenrechte erörterten. In den ersten
20 Wochen ihrer Amtszeit hat Außenministerin Madeleine Albright 15 Reisen in den Vereinigten Staaten
unternommen, um mit den Amerikanern in Schulen,
Bibliotheken und vom Deck eines Flugzeugträgers aus
über Außenpolitik zu reden. Ebenso wie Präsident
Constantinescu von Rumänien hat sie das World Wide
Web benutzt, auf dem die Home Pages der Außenministerin und des Außenministeriums durchschnittlich
1,7 Millionen Zugriffe im Monat verzeichnen.

ternationalen Engagements vergrößern vielmehr
unsere Macht über unser eigenes Schicksal als Nation
- was die treffendste Definition von Souveränität ist.
NATO, NAFTA, die Chemiewaffenkonvention, die
Partnerschaft für den Frieden und unsere Beteiligung
an den Vereinten Nationen - so unterschiedlich sie in
der Zusammensetzung und Funktionsweise auch sind
- haben alle eines gemeinsam: Sie helfen den Vereinigten Staaten, die Kräfte der Interdependenz zu
kanalisieren und sie zum Vorteil unserer Bürger und
dem anderer Nationen zu nutzen, die unsere Interessen und Werte teilen.

Diese Art von "Einbeziehung", wie wir unsere öffentlichen Bildungsprogramme bezeichnen, ist sehr viel
mehr als ein speziellen Plädoyer für das Außenministerium oder seinen Haushalt. Es geht darum, an
der Heimatfront für das amerikanische Engagement
und den Aktivismus im Ausland triftige Gründe vorzubringen.

Wenn wir zustimmen, die allgemeinen Regeln einzuhalten, erhalten wir die Zusage anderer, nach
gegenseitig akzeptablen Standards in Bereichen wie
Arbeitsrecht, Recht auf geistiges Eigentum, Umweltschutz, Luftverkehrssicherheit und öffentlicher Gesundheit zu leben. Dabei schaffen wir auch die
Instrumente, mit denen wir die Einhaltung sinnvoll, fair
und durchsetzbar messen.

Im kommenden Jahr sehen sich die Vereinigten
Staaten einer Reihe wichtiger Entscheidungen gegenüber, von denen jede - im weitesten Sinne - eine
Entscheidung darüber sein wird, wie unser Land auf
die Chancen und Herausforderungen der Globalisierung reagiert. Wir müssen den Kongreß überzeugen,
daß die Erweiterung der NATO um mehrere
der neuen Demokratien in Zentral - und
Osteuropa die Stabilität einer Region erhöht,
in der über 500.000 Amerikaner in diesem
Jahrhundert ihr Leben gelassen haben,
daß die Ausdehnung des NAFTA auf andere
Nationen in Lateinamerika Arbeitsplätze in den
Vereinigten Staaten schaffen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln wird,
daß die Annahme bindender Obergrenzen für
Treibhausgasemissionen bei der Konferenz
über Klimawandel in Japan im Dezember für
die langfristige Fähigkeit des Planeten, die
Umwelt zu erhalten, unerläßlich ist.
Gegner dieser und anderer Initiativen argumentieren
häufig, sie setzten die nationale Sicherheit aufs Spiel
oder würden sie verwässern. In der Tat ist das
Gegenteil der Fall. Gut ausgearbeitete internationale
Verpflichtungen und eine umfassende Strategie des in-

*

Seite 6

Andere Nationen sind zur Einhaltung dieser Standards
bereit, nicht nur weil sie Zugang zum amerikanischen
Markt suchen oder sich mit einer Weltmacht gut
verstehen wollen. Sie tun es, weil sie sich bewußt
sind, daß ein auf diesen Standards gründendes
System der Gleichberechtigung und Offenheit der
Schlüssel zu ihrer eigenen Fähigkeit ist, vom Phänomen der Globalisierung zu profitieren. Und das
bedeutet Zusammenarbeit, um die Evolution des
Phänomens selbst in die Richtung von gerechter
Wirtschaftsentwicklung, eines handhabbaren Bevölkerungswachstums, nachhaltiger Nutzung unserer
natürlichen Ressourcen sowie der Verbreitung und
Konsolidierung der Demokratie zu lenken.
Sechs Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges kann
man sagen, daß wir in gewisser Weise immer noch in
einer bipolaren Welt leben. Aber heute ist die Trennlinie nicht ein Eiserner Vorhang zwischen Ost und
West. Sie verläuft vielmehr zwischen den Kräften von
Stabilität und Instabilität, Integration und Desintegration, Wohlstand und Armut. Die Vereinigten Staaten
müssen bei diesem neuen Kampf eine zentrale Rolle
spielen, ebenso wie sie es in dem alten getan haben.
Und wieder einmal wird der Erfolg den vollen Einsatz
der diplomatischen Ressourcen der Vereinigten
Staaten auf der ganzen Welt - und in Foggy Bottom erfordern.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�UMWELT
15. Oktober 1997

Unsere globale Zukunft: Klimawandel
von Timothy Wirth

LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 15. September 1997 in Kew Gardens gehaltene Rede
des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy Wirth.

Mein zentrales Thema heute ist der Klimawandel. Ich
möchte die Verhandlungsposition der Vereinigten
Staaten zu diesem elementaren Thema im Vorfeld der
für Dezember anberaumten internationalen Konferenz
in Kyoto im Einzelnen erläutern. Ich möchte jedoch
damit beginnen, dieses Thema in einen Kontext zu
stellen, weil es in mehrerer Hinsicht typisch für die Art
von Bedrohungen und Chancen ist, mit denen wir uns
im 21. Jahrhundert konfrontiert sehen.
Überall auf der Welt beginnen die Nationen sich ihrer
Chancen und Verantwortung bewußt zu werden, über
die Krisen des Augenblicks hinaus auf die zugrundeliegenden Ursachen zu blicken, die die Welt immer
komplexer machen und die Prioritäten für die langfristige nationale Sicherheit und globale Stabilität neu
definieren. Sie müssen nur meine Erfahrungen und
die meiner Generation denen meiner Kinder und deren
Kinder gegenüberstellen.
Im August 1961 war ich Gefreiter und erlebte mit, wie
die Berliner Mauer errichtet wurde, und ich erinnere
mich, daß ich dachte, wir könnten zu einem Krieg in
Zentraleuropa verschifft werden. 30 Jahre später
saßen meine Kinder zusammen mit ungefähr 750.000
anderen jungen Leuten auf derselben Mauer, um ein
Pink Floyd-Konzert zu hören.
Für meine Generation war die Ost-West-Konfrontation
sicherlich eine prägende Erfahrung. Sie definierte, wer
wir als Land waren, was wir als wertvoll und was wir
als wichtig erachteten. Für meine Kinder ist der Kalte
Krieg ein sich im Rückspiegel immer weiter entfernender Gegenstand.
Das durch das Ende des Ost-West-Konflikts entstandene Vakuum hat verschiedene Vorschläge über

AMERIKA DIENST 20

unsere nationale Zielsetzung hervorgerufen. Einige
vertreten die Ansicht, die Mission der Vereinigten
Staaten sei nur innenpolitisch, und da sich unsere
Interessen und Pflichten auf der Welt maßgeblich
verringert hätten, sollten wir einfach eine starke
Verteidigung aufrechterhalten, um uns vor militärischen Bedrohungen und traditionellen Sicherheitsbelangen zu schützen. Diese Sichtweise ignoriert sehr
viel mehr als die zunehmende Interdependenz unseres
Planeten. Sie ignoriert das schreckliche Leid und die
verlorenen Chancen der Welt von heute. Und sie
ignoriert unsere Verantwortung, Fortschritte und
Hoffnung für die Zukunft sicherzustellen.
Wir sind es gewohnt, in solchen Faktoren wie Ideologie, Geopolitik, wirtschaftlichem Ungleichgewicht oder
in durch Nationalismus, Rasse und religiösen Fanatismus geschürtem intensivem Haß nach der internationalen Zielsetzung und den Ursachen für internationale Instabilität zu suchen.
Diesen Faktoren
müssen wir jetzt die enormen globalen Faktoren wie
rapides Bevölkerungswachstum, Klimawandel und den
Verlust der Artenvielfalt sowie die drohenden Folgen
hinzufügen:
Bodenerosion,
Luftverschmutzung,
Überweidung, abnehmende Frischwasservorräte,
ansteckende Krankheiten, Abbau der Ozonschicht und
viele andere. Selbst verglichen mit den komplexen
Erwägungen, die unsere nationale Sicherheitspolitik
während des Kalten Krieges bestimmten, sind die
neuen globalen Bedrohungen der internationalen
Stabilität beinahe verwirrend in ihrer Wechselwirkung
mit vom Menschen erzeugten Naturphänomenen. Alle
diese Faktoren sind durch eine komplexe Kette von
Ursache und Wirkung verbunden, die zu Problemen
führen, die selbst die nukleare Abschreckung als ein
einfaches Vorhaben erscheinen lassen. Die Berechnungen der Klimaveränderungen - um nur ein

Seite 1

�Beispiel zu nennen - stellen sogar die modernsten und
stärksten Computer, die für unsere Waffenprogramme
im Kalten Krieg entworfen worden waren, vor eine
Herausforderung.

Weideland erhalten wir Fleisch, Milch, Leder und
Wolle; Ozeane, Flüsse und Seen bringen Nahrungsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie hervor.

Komplexität muß jedoch nicht der Feind eines kohärenten Konzepts für politisch orientierte globale
Themen sein. Von uns allen erfordert die Einbeziehung globaler Bedrohungen in die Definition globaler
und nationaler Sicherheit der Zeit nach dem Kalten
Krieg den Abbau von Schranken und - mit den Worten
von Abraham Lincoln - uns von alten Ideen und den
Paradigmen von gestern "zu befreien".

In der Sprache der Geschäftswelt könnte man sagen,
die Wirtschaft ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Umwelt. Aber wenn wir dieses ökologische
System verschmutzen, zerstören und unwiederbringlich aufs Spiel setzen, beginnen wir, die Wirtschaft
ernsthaft zu schädigen.

So attraktiv es einigen in unserem Kongreß auch
erscheinen mag - mit passiver Isolation werden wir
diese Pflichten nicht erfüllen können. Statt dessen
müssen wir neue Pflichten und neue Herausforderungen - Themen, die das 21. Jahrhundert definieren
werden - erkennen und uns an sie anpassen. Und
eine der wichtigsten ist nachhaltige Entwicklung - das
zentrale Konzept, das beim Erdgipfel im Jahr 1992
vereinbart wurde.

Das ist in Zentral- und Osteuropa geschehen, wo wir
die tiefgreifende Umweltzerstörung erst jetzt entdecken
und verstehen. In der Tat geschieht es überall auf der
Welt, selbst in vielen der Krisengebiete, die heute in
den Schlagzeilen stehen.

Wie Maurice Strang hier vor vier Jahren so klar
dargelegt hat, bedeutet nachhaltige Entwicklung im
Wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt
versuchen sollten, die Bedürfnisse der heutigen
Generation zu erfüllen, ohne Kompromisse zu machen
oder künftige Generationen zu berauben. Es ist ein in
der Erkenntnis des sich gegenseitig verstärkenden
wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen
Fortschritts wurzelndes Konzept.
Bedauerlicherweise ist das größte Hindernis beim
Streben nach nachhaltiger Entwicklung der Irrglaube,
daß der Schutz der Umwelt im Widerspruch zu
Wirtschaftsinteressen steht. Viel zu viele werden mit
dem Kopf nicken und sagen: "Ja, ich bin für Umweltschutz, solange er keine Arbeitsplätze kostet." Und in
eben dieser schrecklich falschen Analyse treffen wir
auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung für
nachhaltige Entwicklung und das Gebot konzertierter
Aktion. Die Wahrheit ist, daß die Umwelt von grundlegender Bedeutung für die Wirtschaft ist.
Ökologische Systeme sind die entscheidende Grundlage unserer Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft, bei der sozialen und wirtschaftlichen
Planung. Fünf unerläßliche biologische Systeme Felder, Wälder, Weideland, Ozeane sowie Flüsse und
Seen - unterstützen die Weltwirtschaft. Mit Ausnahme
von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle
Rohstoffe für die Industrie und alle unsere Nahrungsmittel: Felder liefern Nahrungsmittel, Tierfutter und die
endlose Vielzahl von Rohstoffen für die Industrie wie
Pflanzenöle; Wälder sind die Quelle für Brennstoff,
Holz, Papier und zahllose andere Produkte und bergen
wertvolle Wasserscheiden, die Trinkwasser für
wachsende städtische Gebiete bereitstellen; durch

Seite 2

Ist das nur ein theoretisches Konzept? Nein.

Zum Beispiel:
In Ruanda geschah das unbeschreiblich brutale
Massaker von 1994 vor dem Hintergrund des explodierenden Bevölkerungswachstums, der Umweltzerstörung und der ungleichen Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate zählt zu den
höchsten der Welt - über acht Kinder pro Frau. Das
einstmals reiche Farmland der Nation ist so stark
ausgebeutet und zerstört, daß zwischen 1980 und
1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungswachstums - die Nahrungsmittelproduktion dramatisch sank.
Im Staat Chiapas in Mexiko haben Jahrzehnte von
Konflikten wegen der Ressourcen zu der Rebellion in
Mexikos krisengeschütteltster Region geführt. Die
ungleiche Verteilung von Land und das rasche Bevölkerungswachstum haben die armen Bauern - meistens
Einheimische - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung von umweltgefährdetem Land auf den
Hochebenen durchzuschlagen. Aber dieser Boden ist
schnell ausgelaugt, wodurch die zunehmende Bevölkerung noch weiter in die Armut gestürzt wird. Ein
ähnlicher Zyklus wurde an so unterschiedlichen Orten
wie den Philippinen, dem Himalaja, der Sahelzone,
Indonesien, Brasilien und El Salvador beobachtet.
In Haiti sind schwindende Ressourcen von noch
zentralerer Bedeutung für den sozialen Kollaps, der die
Insel erfaßte, die einst das Kronjuwel des Französischen Imperiums war. Nahezu völlig entwaldet, der
schlechte Boden mit jeder Generation in kleinere und
weniger produktive Parzellen unterteilt, wurden diese
Probleme verschärft durch eine ausbeuterische
Regierung, die die knappen Ressourcen erschöpfte
und nicht in ihr Volk investierte. Über diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und politischen Kollaps
schwebt drohend die Tatsache, daß Haitis Bevölkerung von sieben Millionen - denen schon jetzt in keiner
Hinsicht Lebensuntererhalt geboten werden kann -

AMERIKA DIENST 20

�sich voraussichtlich in den nächsten 18 Jahren
verdoppelt.

Planeten unter enormem Druck stehen. Wir zerstören
unsere eigenen Überlebenssysteme.

Und in China - wo 20 Prozent der Weltbevölkerung
leben - bedrohen ernsthafter Wassermangel und
Bodenerosion die Fähigkeit des Landes, seine Bevölkerung zu ernähren. Zwischen 1987 und 1990 nahm
Chinas anbaufähiger Boden um rund 50 Millionen
Acker ab - ein Gebiet von der Größe aller Bauernhöfe
in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den
Niederlanden zusammengenommen. Diese Bodenerosion führt zu einem Exodus aus dem verarmten
Inneren des Landes zu den boomenden Küstenstädten. China und die Erfordernisse seiner raschen
Industrialisierung rasen auf einen Umweltabgrund zu,
in den seine Volkswirtschaft bald mit voller Geschwindigkeit stürzen wird. Einige dieser gefährlichen Trends
sind das Produkt der Armut. 1,8 Milliarden Menschen
auf der Welt leben in schrecklicher Armut. Mehr als 2
Milliarden leben ohne Zugang zu angemessenen
Sanitäreinrichtungen.

Die rasche Zerstörung unserer lebenserhaltenden
Systeme illustriert unsere Interdependenz mit der
Natur und unsere sich wandelnden Beziehungen zu
dem Planeten.

Arme Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika
benötigen verzweifelt Brennstoff und bebaubaren
Boden. Ihre Bedürfnisse und ihre Zahl machen sie zu
unwissenden, aber mächtigen Kräften der Zerstörung,
sei es in tropischen Regenwäldern oder auf umweltgefährdeten Hügeln - eine Tragödie für die Umwelt
und ihre eigene Zukunft.
Aber Armut ist nicht die einzige - oder die schlimmste Kraft, die die globale Umwelt vergiftet.
Der Appetit der Wohlhabenden auf Holzprodukte ist für
die Wälder von Malaysia, Indonesien, der Philippinen,
Brasilien und der Vereinigten Staaten eine gleich
große Bedrohung.
Der Großteil des Grundwassers, das unserer Zukunft
entzogen wird, fließt in die erleuchteten Städte derjenigen, die alles haben, nicht auf das ausgedörrte Land
derjenigen, die nichts haben.
Eben diese Städte und wir, die darin leben, heizen die
Erderwärmung an.
Wir lernen auch, daß Umweltkapital nicht einfach
gemessen werden kann, indem man Bäume, Fischbestände oder Kornähren zählt. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Abwässer filtern,
den Boden regenerieren, das Wetter und die klimatischen Bedingungen bestimmen und die Frischwasservorräte auffüllen. Diese Systeme, die jetzt in einem
neuen, aufregenden und fesselnden Gebiet der
ökologischen Wirtschaft als Dienstleistungen im
Umweltbereich bezeichnet werden, erlauben uns das
Leben auf dieser Erde. Der Abbau der Ozonschicht,
der Verlust der Artenvielfalt und der zunehmende
Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre sind Reflexionen der Tatsache, daß die ökologischen Systeme des

AMERIKA DIENST 20

Unsere Sicherheit ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden. Die Sicherheit unserer Welt hängt davon
ab, ob wir ein tragfähiges, ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen und der
Fähigkeit des Planeten zum Erhalt des Lebens
schaffen können.
Warum wurden diese neuen Aspekte der Sicherheit
erst kürzlich erkannt? Zwei Trends sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der Bevölkerung.
Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 verdoppelt und
beläuft sich jetzt auf nahezu sechs Milliarden. Jedes
Jahr nimmt die Welt um weitere 91 Millionen Einwohner zu - das entspricht einem weiteren New York
jeden Monat, einem weiteren Mexiko jedes Jahr, einem
weiteren China jedes Jahrzehnt. 95 Prozent dieses
Wachstums finden in den verarmten Entwicklungsländern statt, die schon jetzt darum kämpfen, Arbeitsplätze und den Lebensunterhalt für ihre Bewohner
bereitzustellen.
Gleichzeitig haben die Industrienationen die Fähigkeit
und das Konsumverhalten entwickelt, in einer Geschwindigkeit Ressourcen zu verbrauchen und Müll zu
produzieren, die in der Menschheitsgeschichte
ihresgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrienationen zwei Drittel aller konsumierten
Ressourcen und produzieren vier Fünftel aller Schadstoffe und Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche Lage die Bevölkerung der Welt nimmt in einem Maße zu,
dem nur unsere wachsende Fähigkeit, Ressourcen zu
konsumieren und Müll zu produzieren, entspricht oder
diese übertrifft. Der Kurs, auf dem wir uns zur Zeit
befinden, ist unhaltbar.
Ein besonderes Anliegen für uns in den Vereinigten
Staaten sind die "Großen Drei": Bevölkerung, Artenvielfalt und Klimawandel. Unseres Erachtens haben
alle drei große Dringlichkeit.
Obwohl es zutrifft, daß das Bevölkerungswachstum
abnimmt, ist die Grundlage, auf der diese Rate angewandt wird, größer als je zuvor in der Weltgeschichte.
Nahezu die Hälfte der heutigen Bevölkerung ist 15
Jahre oder jünger - sie tritt gerade ins geburtenfähige
Alter ein. Ein Großteil der Zukunft der Welt wird davon
abhängen, ob diese neuen jungen Eltern zwei, drei,
vier oder mehr Kinder haben. Aufgrund des Kairoer

Seite 3

�Aktionsprogramms wissen wir, was wir tun müssen.
Wir müssen es jetzt tun.

mit enormen Versprechungen für die Nachwelt verbunden werden können.

Das Zweite der "Großen Drei" ist die Artenvielfalt, das
Hauptthema von Kew Gardens und Ihrer hervorragenden Arbeit auf der ganzen Welt. Wir müssen uns der
Notwendigkeit bewußt werden, über die abstrakten
Worte der Erhaltung und Nutzung unseres biologischen Erbes hinauszugehen. Ich bin immer mehr
davon überzeugt, daß das Thema Artenvielfalt in nicht
allzu ferner Zukunft alle anderen in den Schatten stellt.

Und jetzt zum Dritten der "Großen Drei": Klimawandel.
Die durch unsere jährliche Emission von Milliarden
Tonnen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in die Atmosphäre verursachte Erderwärmung
wird wahrscheinlich enorme Auswirkungen auf jeden
Aspekt der natürlichen Ordnung haben. Wir müssen
über den Klimawandel als Problem der nachhaltigen
Entwicklung und als globales Problem nachdenken.

Das 21. Jahrhundert wird zweifelsohne das Jahrhundert der Biologie. Mehr als 50 Prozent der am
meisten verkauften Pharmazeutika von heute kommen
bereits direkt von pflanzlichen Biochemikalien, und
viele geheime Versprechen erwarten uns: Ein
Immergrün-Betrieb in Madagaskar liefert ein Mittel
gegen bestimmte Formen von Leukämie, Brustkrebs
und Krebsarten, die Kinder befallen. Fingerhut, eine
Pflanze aus der Familie der Löwenmäulchen, auch als
Digitalis bekannt, ist der Grundstoff für ein wichtiges
Medikament, das bei chronischem Herzversagen
eingesetzt wird. Chinin, das aus der Rinde eines
Strauchs aus der Familie der Kaffeepflanzen gewonnen wird, war ein Jahrhundert lang das Hauptmittel
gegen Malaria; und Penizillin, das wichtigste und
berühmteste Antibiotikum, wurde aus gewöhnlichem
Schimmel entwickelt.

Unserer Ansicht nach sind die wissenschaftlichen
Fakten überzeugend:

Die Liste geht immer weiter, bietet unermeßliche Hilfe
und Beruhigung für die Menschheit und schafft
Dollarmärkte in Milliardenhöhe.
Entsprechend entstammt auch unsere Nahrungsmittelbasis dem Reservoir der Natur. Nur drei Arten
von Getreide - Reis, Weizen und Mais - sind beispielsweise die Hauptnahrungsmittel des Menschen,
dennoch ist die Fülle in der Natur viel größer.
Wir können die Entfernung zum Mond auf Zentimeter
genau messen, aber wir haben noch nicht das Wunder
der Arten unserer eigenen Welt erforscht. Gibt es 10
Millionen, 50 Millionen oder 100 Millionen, und welche
genetischen Wunder versprechen sie? Sicherlich ist
das die allerwichtigste Grenze der Zukunft, innerhalb
der wir nach Nahrungsmitteln, Brennstoff, Pharmazeutika oder Fasern suchen können, wie wir einst nach
Gold in Südafrika oder Silber im amerikanischen
Westen gesucht haben. Leider wird das in den
Vereinigten Staaten nicht genug verstanden; es sind
Kräfte in unserem Land im Gange, die eine biologische
Übersicht unserer Nation vereiteln, das Artenschutzgesetz außer Kraft setzen und den internationalen
Vertrag über Artenvielfalt ignorieren wollen. Eine der
größten uns konfrontierenden Herausforderungen ist
die Veränderung der Begriffe der biologischen Debatte, so daß sie als eine phänomenale Zukunft verstanden wird, in der wir beweisen können, daß wirtschaftlicher Wohlstand und die Erhaltung der Umwelt

Seite 4

Die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre
wird durch anthropogene Treibhausgasemissionen
verändert. Die kontinuierliche Ansammlung dieser
Gase wird den natürlichen Treibhauseffekt vergrößern
und eine Veränderung des globalen Klimas bewirken.
Auf der Grundlage dieser und zusätzlicher wissenschaftlicher Fakten wurde in der zweiten globalen
Studie des zwischenstaatlichen Gremiums für den
Klimawandel (IPCC) berichtet, "die vorliegenden
Beweise legen nahe, daß es einen erkennbaren
menschlichen Einfluß auf das globale Klima gibt".
Mit dieser letzten Erkenntnis wurde zum ersten Mal ein
Konsens zwischen führenden Klimaforschern erzielt,
daß die sich verändernden Klimabedingungen der Welt
mehr als die natürlichen Unbeständigkeiten des
Wetters sind. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der
IPCC haben die zwingenden Fakten des wissenschaftlichen Verständnisses dieses Problems noch
unterstrichen.

Dennoch besteht weiterhin Unsicherheit. Die Wissenschaftler können uns noch nicht genau sagen, wie
sehr, wann oder in welcher Geschwindigkeit das Klima
der Erde auf die Ansammlung der Treibhausgase
reagieren wird. Anhand der bestmöglichen Schätzung
auf der Grundlage dessen, was über das komplexe
Klimasystem bekannt ist, vertreten die Wissenschaftler
jedoch die Ansicht, daß die derzeitigen Emissionstrends (die in den nächsten Jahrzehnten die effektive
Verdoppelung von vorindustriellen Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre zur Folge haben
werden) zu globalen Temperaturen führen werden, die
im Durchschnitt 2 bis 6,5 Grad wärmer sind als heute
und in einem Maße steigen, das größer ist als je zuvor
in den vergangenen 10.000 Jahren.
Auf der Grundlage dieser Schätzungen deuten die
besten wissenschaftlichen Beweise darauf hin, daß der
vom Menschen verursachte Klimawandel, wenn er
unvermindert anhält, tiefgreifende Konsequenzen für
die Wirtschaft und die Lebensqualität künftiger Generationen haben könnte:

AMERIKA DIENST 20

�Die menschliche Gesundheit steht durch die projizierte
Zunahme von durch Hitze herbeigeführten Todesfällen
und der Verbreitung von Krankheiten wie Malaria,
Gelbfieber und Cholera auf dem Spiel. In der Tat
sehen die Weltgesundheitsorganisationen die Auswirkung des Klimawandels als eine der größten
Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit im 21.
Jahrhundert.
Die Nahrungsmittelsicherheit könnte durch eine Reihe
von Auswirkungen der Erderwärmung bedroht sein,
wenn die Felder sich nach Norden verlagern und
einige Regionen der Welt sich einer ernsthaften
Nahrungsmittelknappheit ausgesetzt sehen.
Das
macht die Arbeit von Kew Gardens an ihrer Saatenbank außerordentlich relevant und wichtig für dieses
Problem.
Die Wasserressourcen werden erwartungsgemäß
immer mehr beansprucht mit beträchtlichen Kosten für
die Wirtschaft, Gesellschaft und die Umwelt in Regionen, deren Wasservorräte bereits begrenzt sind, und
vielleicht mit politischen Kosten an Orten, wo es bereits
einen Konflikt wegen begrenzter Ressourcen gibt.
Die Küstengebiete - wo ein hoher Prozentsatz der
Weltbevölkerung lebt - sind aufgrund des Anstiegs des
Meeresspiegels in Gefahr. Allein in den Vereinigten
Staaten schätzen unsere Planer die Kosten für den
Schutz der Küsten vor einem Anstieg von einem Meter
auf 100 bis 300 Milliarden Dollar.
Unserer Ansicht nach hat das IPCC den politischen
Entscheidungsträgern gegenüber eindeutig bewiesen,
daß zur Bewältigung diese Herausforderung weitere
Maßnahmen ergriffen werden müssen.
Die Maßnahmen der Vereinigten Staaten zum Klimawandel stützen sich auf diese wissenschaftlichen
Fakten - das Risiko ist zu groß, um ignoriert zu
werden, und wir müssen jetzt handeln.
Unsere Vorschläge enthalten drei zentrale Komponenten:
Wir schlagen vor, daß alle Industrienationen realistische und erreichbare Ziele und Zeitpläne für die
beträchtliche Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen festlegen.
Wir schlagen vor, daß die Entwicklungsländer Fortschritte bei ihren im Rahmen des Vertrags zum
Klimawandel eingegangenen Verpflichtungen erzielen
müssen und darüberhinaus einem Prozeß zustimmen,
der sicherstellt, daß sie eine Verpflichtung zu eigenen
bindenden Emissionsbegrenzungen eingehen.
Und schließlich schlagen wir die Einrichtung eines
Systems handelbarer Emissionszertifikate und andere
Marktmechanismen vor, die die Kosten der Emissions-

AMERIKA DIENST 20

begrenzungen in den Industrie- und Entwicklungsländern senken.
Ich möchte jeden dieser drei Aspekte unseres Vorschlags im Einzelnen ansprechen.
Ich möchte mit unserer Idee eines Systems handelbarer Emissionszertifikate und den Marktmechanismen
beginnen, weil wir sie als unerläßlich für unseren
Vorschlag insgesamt ansehen - sowohl im Hinblick auf
die Umwelt als auch auf die Wirtschaft. Unseres
Erachtens können diese Marktmechanismen die
Kosten der Umsetzung beträchtlich verringern - und
uns dadurch in den Industrie- und Entwicklungsländern
gleichermaßen sehr viel größere Emissionsverringerungen ermöglichen.
In den Vereinigten Staaten wurde das Konzept des
Handels mit Emissionszertifikaten erfolgreich für die
bis zu zehnfache Verringerung der Kosten der Einhaltung der Standards eingesetzt, die für Kraftwerksemissionen von Schwefeldioxid festgesetzt wurden.
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel stellen wir
uns vor, daß die beteiligten Nationen und ihre Privatunternehmen mit den Zertifikaten für Treibhausgasemissionen handeln dürfen und damit dort die Möglichkeit zur Reduzierung von Emissionen schaffen, wo
dies am billigsten ist. Ein solches Programm könnte
die Kosten der Emissionsverringerung um bis zu 50
Prozent senken.
Es muß ein internationales Regime für den Handel mit
Emissionszertifikaten entworfen und umgesetzt
werden. Wir müssen ein zuverlässiges System der
Überwachung und Verifizierung einführen um sicherzustellen, daß jeder die Regeln einhält - das trifft
jedoch auf fast alle internationalen Abkommen zu, von
Rüstungskontrolle bis zum Recht auf geistiges Eigentum.
Ein weiteres Schüsselelement unserer Klimastrategie
ist gemeinsame Umsetzung. Wir schlagen vor, daß
Privatunternehmen in Industrienationen Projekte zur
Emissionsverringerung in Entwicklungsländern einführen und diese Reduzierungen gegen ihre eigenen
Emissionen aufrechnen. Unseres Erachtens kann die
gemeinsame Umsetzung von dem Fachwissen und
Kapital des Privatsektors profitieren, um die globalen
Treibhausgasemissionen in kostengünstiger Weise zu
verringern.
Die Vereinigten Staaten haben bereits viele erfolgreiche Demonstrationsprojekte für gemeinsam durchgeführte Aktivitäten in die Wege geleitet, von Wiederaufforstung bis zu Energieeinsparung, von Costa Rica
bis zur Tschechischen Republik, von Belize über
Bolivien bis Rußland.
Wie diese Projekte bewiesen haben, kann die gemeinsame Umsetzung sehr viel mehr bewirken als nur die

Seite 5

�Kosten verringern. Die Entwicklungsländer müssen
aus einem solchen System durch den Transfer
modernster Technologien und Unternehmenspraktiken
substantielle und langfristige Vorteile ziehen. Wie wir
in Mittelamerika gesehen haben, können Projekte für
die gemeinsame Umsetzung darüber hinaus einen
unschätzbaren Mechanismus zum Schutz der Wälder
und anderer entscheidender Lebensräume auf der
ganzen Welt bieten.
Wir sehen die Kombination des Handel mit Emissionszertifikaten mit gemeinsamer Umsetzung als eine
umfassendere "grünere" Alternative zu der Idee einer
europäischen "bubble" und anderen rein regionalen
Schemata. Klimawandel ist ein globales, kein regionales Problem, und die Mechanismen, die wir zur
Kostenreduzierung einführen, sollten so umfassend
wie möglich sein. Um ganz sicher zu gehen, sollten
wir die europäischen Regierungen und Unternehmen
zur Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und
Australien, Rußland und Japan, China und Indien
ermutigen. Das Leitprinzip sollte die Maximierung der
Vorteile für die Umwelt mit niedrigsten Kosten sein.
Wir sollten die Emissionen reduzieren, wo immer und
wann immer wir können, selbst wenn dies das Überqueren nationaler oder regionaler Grenzen bedeutet.
Geringere Kosten werden uns wiederum in die Lage
versetzen, sehr viel bedeutendere Reduzierungen von
Treibhausgasemissionen anzustreben und dann zu
erlangen.
Gleichzeitig denken wir, daß alle Industrienationen
signifikante Maßnahmen zur Emissionsreduzierung
ergreifen sollten. Das ist ein Problem, das jede Nation
betrifft, und jede Nation muß Teil der Lösung sein.
Aber im Gegensatz zum Handel mit Emissionszertifikaten würde die "EU-bubble" ein System schaffen, in dem Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland wenig oder keinen Anreiz zur Begrenzung
ihrer Emissionen haben - in der Tat würde der aktuelle
Vorschlag der EU diese Länder zu einer Erhöhung
ihrer Emissionen um bis zu 40 Prozent über das
Niveau von 1990 ermutigen. Das ist nicht der beste
Weg zur Verringerung der Emissionen insgesamt, und
es ist nicht das richtige Signal, das wir den seit kurzem
zu den Industrienationen zählenden Ländern wie
Mexiko und Korea senden wollen.
Das bringt mich zu den Zielen und Zeitplänen für die
Emissionsverringerung in Industrienationen.
Präsident Clinton ist sich bewußt, daß die Vereinigten
Staaten als das Land, das die meisten Treibhausgase
emittiert, ein gutes Beispiel für andere Nationen auf der
Welt geben müssen. Aus diesem Grund haben der
Präsident und seine Kabinettsmitglieder jetzt eine
intensive Aufklärungskampagne eingeleitet, um die
Amerikaner und den Kongreß davon zu überzeugen,
daß das Problem des Klimawandels real und drohend
ist. Und aus diesem Grund hat Präsident Clinton

Seite 6

versprochen, daß "wir zu der Konferenz von Kyoto
eine starke Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu
realistischen und bindenden Obergrenzen mitbringen,
die unsere Treibhausgasemissionen beträchtlich
reduzieren werden". Unseres Erachtens werden
Marktmechanismen wie die von mir erörterten die
Erlangung bedeutender Emissionsreduzierungen in
kosteneffektiver Weise ermöglichen.
Aber selbst mit solchen Mechanismen gibt es Grenzen
dessen, was wir in Kyoto vereinbaren können oder
sollten. Man kann sehr wohl sagen, daß jedes unserer
Länder in den nächsten zwei Jahrzehnten die Emissionen um 15 oder 20 Prozent unter das Niveau von 1990
senkt. Wir müssen jedoch ehrlich bezüglich dessen
sein, was realistisch erreicht werden kann, und wir
müssen unsere Versprechen halten. Sonst wird der
gesamte internationale Verhandlungsprozeß über den
Klimawandel zu politischen Positionen verkommen,
und - mit keinem Abkommen in Sicht - werden die
Emissionen weiterhin rasch ansteigen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Großbritannien schwierige und bewundernswürdige Entscheidungen zur
Senkung der Energiesubventionen getroffen. Damit
geben Sie ein gutes Beispiel für andere Nationen auf
der Welt, die in den kommenden Jahren ähnliche
Entscheidungen fällen müssen. Wir beglückwünschen
Premierminister Blair zu seinem enthusiastischen und
öffentlichen Engagement für weitere Emissionsreduzierungen.
Wahrscheinlich werden im Jahr 2000 Großbritannien,
Deutschland und die Nationen der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas die einzigen Industriestaaten
sein, die ihre Emissionen auf dem Stand von 1990
eingefroren haben. Deutschland wird seine Emissionsziele durch die Schließung von Fabriken in der
ehemaligen DDR erreichen, während Rußland und
seine osteuropäischen Nachbarn das nur durch
massive, extrem schmerzhafte wirtschaftliche Umstrukturierungen tun können.
Mit Blick auf das Gesamtbild müssen wir uns auch
bewußt werden, daß Aktionen der Vereinigten Staaten,
Großbritanniens und anderer Industriestaaten allein
nicht ausreichen, um die Welt auf den Weg zu stabilen
Treibhausgaskonzentrationen zu bringen. Wie ich
bereits darlegte, ist Klimawandel eine globale Frage,
die eine weltweite Antwort erfordert. Wir haben nur
eine Atmosphäre - ob sie nun durch amerikanische
Kraftwerke, brasilianische Stahlwerke oder koreanische Verkehrsstaus verschmutzt wird.
Zur Zeit entfallen ungefähr 60 Prozent der globalen
Emissionen auf die Industriestaaten. Aber auch die
Emissionen der Entwicklungsländer steigen schnell an
und werden im Jahr 2020 mehr als die Hälfte der
weltweiten Emissionen ausmachen. China - das im
Hinblick auf Treibhausgasemissionen weltweit bereits

AMERIKA DIENST 20

�an zweiter Stelle steht - wird die Vereinigten Staaten in
den nächsten 15 Jahren übertreffen, weshalb es
dringend geboten ist, daß in Zukunft jeder Schritt
Aktionen von Industriestaaten und Entwicklungsländern gleichermaßen beinhaltet.
Ich sollte noch hinzufügen, der Kongreß der Vereinigten Staaten teilt unsere Ansicht, daß eine Beteiligung der Entwicklungsländer sehr wichtig ist.
Tatsächlich zeigte der Senat vor kurzem durch ein
Votum von 95 zu 0, daß er nur dann einem Abkommen
zum Klimawandel zustimmen wird, wenn es spezifische Bestimmungen zur Bewältigung dieses Problems beinhaltet. Viele meiner früheren Kollegen im
Senat halten das für ein Problem des Wettbewerbs.
Ein großer und steigender Prozentsatz der amerikanischen Exporte geht in die Entwicklungsländer; wir
konkurrieren auf der ganzen Welt mit China, dem
weltweit größten Exporteur von Verbrauchsgütern.
Sehr viele Amerikaner machen sich Sorgen, daß ein in
Kyoto geschlossenes Abkommen zum Export ihrer
Arbeitsplätze ins Ausland führen könnte.
Wir erachten die Beteiligung der Entwicklungsländer
als wesentlichen Bestandteil eines umfassenden
Abkommens von Kyoto - zusammen mit den rechtlich
bindenden Verpflichtungen der Industriestaaten und
der Schaffung eines kostengünstigen Mechanismus zu
seiner Umsetzung. Es gibt mehr als 100 Entwicklungsländer, die sich im Hinblick auf ihre Größe und

Nationen ihre Energieeffizienz verbessern, Subventionen abschaffen, eine marktorientierte Preisfestsetzung
unterstützen, den Einsatz erneuerbarer Energien
verstärken, Investitionen in umweltfreundliche Technologien erleichtern und die Entwicklung und den
umweltfreundlichen Umgang mit den Wäldern und
anderen Kohlenstoffsenken und -reservoiren fördern
sollten. All diese Maßnahmen sind wirtschaftlich
gerechtfertigt und können auch zur Lösung anderer
Umweltprobleme beitragen.
Wie sollten wir die Entwicklungsländer kategorisieren?
Sie sind nicht alle gleich. Einige tragen aufgrund ihrer
großen Volkswirtschaften die Verantwortung für einen
beträchtlichen Teil der globalen Emissionen. Andere
haben ein höheres Pro-Kopf-Einkommen, was sie in
die Lage versetzt, mehr Pflichten zu übernehmen.
Unterscheidungen zwischen den einzelnen Entwicklungsländern sind gerechtfertigt, und unseres Erachtens begründen sie die Schaffung einer besonderen Klasse von Nationen, die um freiwillige Festsetzung von Zielen für ihre Emissionen gebeten würden.
Diese Nationen dürften dann mit ihren Emissionszertifikaten handeln.
Drittens müssen wir uns mit der dringenden Notwendigkeit eines Regimes befassen, innerhalb dessen alle
Nationen - insbesondere die größeren und reicheren gleichberechtigte Partner bei der Reaktion auf die
Bedrohung des Klimawandels werden. Das bedeutet,

ihren Entwicklungsstand stark unterscheiden; aber

daß Kyoto ein erster Schritt in einem Prozeß wird, der

jede dieser Nationen kann und sollte Aktionen ergreifen, die ihren Fähigkeiten und Pflichten entsprechen.

über viele Jahre hinweg fortgesetzt werden muß.
Unsere Arbeit wird in Kyoto nicht beendet, aber es ist
wichtig, daß sie mit einem ernsthaften und engagierten
ersten Schritt beginnt.

Der Vorschlag der Vereinigten Staaten für die Beteiligung der Entwicklungsländer enthält drei Elemente:
Erstens rufen wir alle Nationen - Industriestaaten und
Entwicklungsländer - dazu auf, die Umsetzung ihrer
bestehenden Verpflichtungen zur Ergreifung von
Maßnahmen zum Klimaschutz zu fördern.
Zweitens ersuchen wir die Schwellenländer, insbesondere diejenigen mit einem OECD-Status,
freiwillige Emissionsbeschränkungen vorzunehmen.
Drittens fordern wir eine neue Verhandlungsreihe zur
Ausarbeitung mengenmäßig festgelegter Verpflichtungen für alle Länder und zur Einführung eines "Auslösers" für die automatische Anwendung dieser
Verpflichtungen auf der Grundlage vereinbarter
Kriterien.
Lassen Sie mich noch ein paar Worte über unsere
Strategie für die Entwicklungsländer sagen:
Zunächst geht es hierbei um die Förderung der
Umsetzung bestehender Abkommen im Rahmen der
Klimakonvention. Wir sind der Ansicht, daß alle

AMERIKA DIENST 20

Ich bin im Hinblick auf die logische Grundlage unseres
Vorschlags für Kyoto ziemlich ins Detail gegangen,
weil die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union sich möglichst bald auf eine gemeinsame
Position einigen müssen, damit wir während der
bevorstehenden Verhandlungen zusammenarbeiten
können. Das Bündnis, das unseren gemeinsamen
Interessen während des Ersten Weltkriegs, des
Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs so gut
gedient hat, wird auch hier von elementarer Bedeutung
sein. Aus diesem Grund bin ich heute hier: Um mit
Ihnen zu sprechen und Konsultationen mit Ihrer
Regierung zu führen.
Dies ist eine ehrgeizige, interessante und anstrengende Agenda, die nicht ohne Kosten und Hindernisse ist,
aber bewältigt werden kann. Tatsächlich lautet die
Frage nicht länger, was getan werden muß, sondern
vielmehr wie das, was offensichtlich getan werden
muß, erleichtert werden kann. Vom Erfolg werden
unsere beiden Nationen, unsere beiden Volkswirtschaften und - was am wichtigsten ist - derzeitige und
künftige Generationen profitieren. Meines Erachtens
hängt unser Vermächtnis großenteils von unserer

Seite 7

�Fähigkeit ab, diese neuen Herausforderungen zu
verstehen und darauf zu reagieren. Die zukünftige
Bewohnbarkeit und Stabilität der Welt steht auf
Messers Schneide.
1948, als die Erforschung des Weltraums noch
Sciencefiction war, erklärte der Astronom Fred Hoyle:
"Wenn wir erst einmal eine aus dem Weltraum aufgenommene Fotografie der Erde haben, werden neue
Ideen entwickelt, die mächtiger sind als alle anderen in
der Geschichte."
Zwanzig Jahre später, als die Raumfahrt Realität
wurde, verliehen die Astronauten Hoyles Gefühl für
die Einheit der Welt überzeugend Ausdruck. Ich
möchte eine Äußerung des amerikanischen Astronauten James Irwin zitieren:
"Dieses wunderschöne, warme, lebendige Objekt sah
so zerbrechlich, so zart aus, als würde es bei der
ersten Berührung brechen und zerfallen."

*

Seite 8

Und ein russischer Kosmonaut äußerte: "Nachdem
eine orangefarbene Wolke - die sich als Ergebnis
eines Sandsturms über der Sahara gebildet hatte - die
Philippinen erreicht und dort mit dem Regen zu Boden
fiel, verstand ich, daß wir alle in demselben Boot
sitzen."
In diesem letzten Jahrzehnt des Jahrtausends haben
wir die Macht und die enorme Verantwortung, dieses
Boot vorsichtig zu steuern. Wir haben auch die
Fähigkeit, den Wandel zum Nutzen der gesamten Welt
zu gestalten. Den heute in diesem Raum widergespiegelten Interessen und intellektuellen Fähigkeiten
kommt in diesem Zusammenhang eine besondere
Verantwortung zu. Wenn wir zusammenarbeiten, sind
Ihre Begabungen, Ihre Energie und Ihre Macht den
Herausforderungen und beteiligten Institutionen mehr
als gewachsen. Ich weiß, daß jeder Einzelne von
Ihnen sich an diesem Bestreben beteiligen wird und
wir unsere Energie und Klugheit in den Dienst dieser
Ziele stellen können. Zweifelsohne hängt unsere
Zukunft davon ab.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12838">
                <text>15.10.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12839">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12840">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12841">
                <text>Amerikadienst 15.10.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12842">
                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Weg zu Fortschritten in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Globalisierung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globalisierung und Diplomatie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere globale Zukunft: Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Timothy Wirth&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="31">
        <name>Bosnien</name>
      </tag>
      <tag tagId="32">
        <name>Globalisierung</name>
      </tag>
      <tag tagId="33">
        <name>Umwelt</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
  <item itemId="2469" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2480">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/d352bf51a580c126298a9f40e9f5c5c4.pdf</src>
        <authentication>9e97159e1148cd7557d133d103081fe5</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12849">
                    <text>^n^

amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Oktober 1997

21

PROBLEM DES KLIMAWANDELS REFLEKTIERT
NEUE REALITÄTEN DES 21. JAHRHUNDERTS
Rede von Präsident Clinton

UMWELT

WIRTH: EUROPÄER BEFÜRWORTEN
"UNREALISTISCHE" ZIELE
Rede des Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten

WIRTSCHAFT

DIE AUSWIRKUNGEN DER EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND UND AMERIKA: EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
von Botschafter John Kornblum
JOHN C. KORNBLUM IM SENDER
FREIES BERLIN
Interview mit dem amerikanischen Botschafter

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

29. Oktober 1997

Problem des Klimawandels reflektiert
neue Realitäten des 21. Jahrhunderts
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die US-Präsident Clinton am 22. Oktober 1997
vor der National Geographie Society in der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Vielen Dank Herr Murphy, Herr Vizepräsident. Ich
danke allen, die heute gekommen sind, vor allem den
Kongreßabgeordneten, den Arbeitnehmer- und
Arbeitgebervertretern, allen Mitgliedern der Administration und insbesondere den Mitarbeitern des Weißen
Hauses, die der Vizepräsident erwähnte, dem Energieminister, der Direktorin des Umweltamts (Environmental Protection Agency - EPA) und allen anderen,
die uns unterstützt haben.
Auf dem Weg hierher trafen wir führende Vertreter der
National Geographie Society, denen ich zu ihrer
jüngsten zweiteiligen Serie über das Römische Reich
gratulierte. Es ist faszinierend zu lesen, wie dieses
Imperium aufstieg, wie es sich Hunderte von Jahren
hielt, warum es fiel und welche Spekulationen darüber
angestellt werden, welche Relevanz es - wenn überhaupt - für die Vereinigten Staaten und den Westen
haben könnte.
Einer der Herren sagte: "Wir haben zu diesem Thema
viele interessante Kommentare bekommen, einschließlich eines Briefs, der sich auf eine Büste des
Kaisers Vespasian bezog. Und einer unserer Leser
fragte, warum um Himmels willen wir eine Statue von
Gene Hackman in einem Artikel über das Römische
Reich abbilden. Ich erzähle das vor allem, um folgendes zu zeigen: Je mehr sich die Dinge verändern,
desto mehr bleibt alles beim Alten.
Denn die Grundlage einer Zivilisation - all unserer
Zivilisationen - ist das ständige Streben nach Erneuerung, die Fähigkeit, abschlägige Antworten zu vermeiden und die Zukunft auf realistische und humane, aber
entschlossene Art und Weise anzugehen. Morgen ist
es sechs Jahre her, daß ich - kurz nach Beginn

AMERIKA DIENST 21

meines Präsidentschaftswahlkampfes - in meine Alma
Mater nach Georgetown zurückkehrte und eine
Vorlesungsreihe mit drei Reden hielt, in denen ich
meine Vision von Amerika im 21. Jahrhundert darlegte
- wie wir den Amerikanischen Traum für all unsere
Menschen lebendig halten könnten, wie wir die
Führungsrolle Amerikas für Frieden, Freiheit und
Wohlstand aufrechterhalten könnten, und wie wir die
Trennlinien überwinden könnten, die heute noch
verhindern, daß wir als ein Amerika geeint sind.
Gemeinsam haben wir in den letzten nahezu fünf
Jahren, in denen der Vizepräsident und ich das
Privileg hatten, an dieser Aufgabe zu arbeiten, viele
Fortschritte gemacht. An der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert floriert unsere Wirtschaft, wird
unser soziales Gefüge verbessert, und wir tragen dazu
bei, die Welt zu mehr Frieden und Zusammenarbeit zu
führen.
Meines Erachtens ist das großenteils darauf zurückzuführen, daß wir eine andere Philosophie über die
Rolle der Regierung hatten. Heute ist die Regierung
kleiner, zielorientierter und stärker darauf ausgerichtet,
den Menschen die nötigen Werkzeuge und Bedingungen zu bieten, die sie zur Lösung ihrer Probleme und
zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unseren
Bürgern brauchen. Noch wichtiger ist, daß das meiner
Meinung nach darauf zurückzuführen ist, daß wir
harte, aber keine falschen Entscheidungen getroffen
haben.
Bei der Wirtschaft haben wir die Entscheidung getroffen, den Haushalt auszugleichen und in unsere
Menschen und unsere Zukunft zu investieren. Bei der
Verbrechensbekämpfung haben wir die Entscheidung

Seite 1

�getroffen, entschlossen und klug vorzugehen und das
Umfeld zu verändern, das Kriminalität hervorbringt.
Bei der Sozialhilfe haben wir die Entscheidung getroffen, daß die Menschen arbeiten müssen, wir aber auch
die Kinder von Sozialhilfeempfängern unterstützen.
Bei der Familienpolitik haben wir die Entscheidung
getroffen, Eltern bei der Suche nach mehr und besseren Arbeitsplätzen zu unterstützen und ihnen zu
helfen, ihren Kindern mehr Zeit zu widmen und Mittel
zur Verfügung zu stellen. Und bei der Umwelt haben
wir die Entscheidung getroffen, unsere Luft, unser
Wasser und unseren Boden reinzuhalten, unsere
Nahrungsmittelversorgung zu verbessern und die
Wirtschaft anzukurbeln.
Dieser vernunftbestimmte Ansatz, der in unseren
grundlegendsten Werten und unserem andauernden
Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit freier Menschen
wurzelt, die Herausforderungen jedes Zeitalters zu
meistern, muß in die Arbeit einfließen, die noch zu
leisten ist, um den Menschen und der Welt den Weg in
ein neues Jahrhundert und ein neues Jahrtausend zu
ebnen.
Heute haben wir eine klare Verantwortung und eine
wunderbare Chance zur Bewältigung einer der
wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts der Herausforderung des Klimawandels - durch eine
umweltfreundliche und wirtschaftsfördernde Strategie
zur Erlangung bedeutender Reduktionen von Treibhausgasen in den Vereinigten Staaten und in allen
Industrie- und Entwicklungsländern. Wenn diese
Strategie richtig durchgeführt wird, schafft sie eine
Vielzahl neuer Chancen für Unternehmer im Inland,
erhält unsere Führungsrolle im Ausland aufrecht und
setzt die Macht der freien Märkte zur Befreiung
unseres Planeten von einer inakzeptablen Gefahr ein.
Es ist eine Strategie, die unserer Verpflichtung entspricht, falsche Entscheidungen abzulehnen.
Amerika kann sich für unsere nationalen Interessen
und für die gemeinsamen Interessen der internationalen Staatengemeinschaft einsetzen. Amerika
kann heute auf Wohlstand bauen und gewährleisten,
daß unsere Kinder morgen auf einem gesunden
Planeten leben.
Das Problem des Klimawandels reflektiert in vielerlei
Weise die neuen Realitäten des neuen Jahrhunderts.
Vielen Bedrohungen der Vergangenheit konnten wir
innerhalb unserer eigenen Grenzen begegnen, aber
die Erderwärmung erfordert eine internationale
Lösung. Viele Bedrohungen der Vergangenheit kamen
von einem einzigen Feind, aber die Erderwärmung hat
Millionen Quellen. Viele Bedrohungen der Vergangenheit stellten eine offensichtliche und gegenwärtige
Gefahr dar; die Erderwärmung ist jedoch viel subtiler
und warnt uns nicht mit lärmenden Motoren oder
brennenden Flüssen, sondern mit unsichtbaren
Gasen, langsamen Veränderungen in unserer Umge-

Seite 2

bung und immer gravierenderen Klimaveränderungen,
von denen die meisten Amerikaner Gott sei Dank noch
nicht betroffen sind. Aber irren Sie sich nicht: Das
Problem ist real. Und wenn wir jetzt nicht unseren
Kurs ändern, wird das früher oder später vernichtende
Auswirkungen auf Amerika und die Welt haben.
Die überwältigende Mehrheit der Klimaforscher auf der
Welt ist zu folgender Schlußfolgerung gelangt: Wenn
die Länder der Welt nicht zur Verringerung der Emission von Treibhausgasen zusammenarbeiten, werden
die Temperaturen ansteigen und das Klima stören.
Tatsächlich vertreten die meisten Wissenschaftler die
Ansicht, daß dieser Prozeß bereits begonnen hat. Die
Zahl zerstörerischer meteorologischer Ereignisse wird
größer.
Krankheiten übertragende Insekten kommen in
Gebiete, die früher zu kalt für sie waren. Die Durchschnittstemperaturen steigen an.
Die Gletscher
beginnen zu schmelzen.
Die Wissenschaftler kennen noch nicht die genauen
Auswirkungen dieser Entwicklungen. Wir wissen
jedoch genug, um sagen zu können, daß die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre während des Industriezeitalters dramatisch angestiegen
ist; ihr Abbau wird ein Jahrhundert oder länger dauern.
Wir wissen, daß dieser Prozeß verlangsamt und
schließlich gestoppt werden muß, wenn wir weiterhin
wirtschaftliche Fortschritte machen und die Lebensqualität in den Vereinigten Staaten und auf dem
gesamten Planeten erhalten wollen. Wir wissen, was
getan werden muß.
Die Treibhausgasemissionen sind großenteils auf die
ineffiziente Verbrennung von Kohle oder Öl zur
Energiegewinnung zurückzuführen. Ungefähr ein
Drittel dieser Emissionen stammen aus der Industrie,
ein Drittel aus dem Verkehr und ein Drittel aus Wohnund Bürogebäuden. In jedem Fall ist die Umwandlung
von Brennstoff in Energie extrem ineffizient und könnte
mit Hilfe bereits existierender oder sich abzeichnender
Technologien auf eine viel sauberere Art und Weise
geschehen, die nicht die Wirtschaft schädigt, unsere
neuen Unternehmen und neuen Arbeitsplätze jedoch
stärkt. Wenn wir es richtig machen, werden wir
unseren Wohlstand nicht aufs Spiel setzen, sondern
ihn erhöhen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich bekanntgeben,
welche Anweisungen ich unseren Unterhändlern bei
ihrem Streben nach einem realistischen und effektiven
internationalen Vertrag über den Klimawandel gebe.
Und ich kündige einen weitreichenden Vorschlag an,
der flexible marktorientierte und kostengünstige Wege
zur Erlangung bedeutender Reduktionen hier in
Amerika bietet. Ich möchte betonen, daß wir nicht erst
dann handeln dürfen, wenn der Vertrag ausgehandelt
und ratifiziert ist. In den Vereinigten Staaten wohnen

AMERIKA DIENST 21

�weniger als 5 Prozent der Weltbevölkerung, die 22
Prozent des weltweiten Wohlstands genießen, jedoch
für mehr als 25 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Wir müssen jetzt
anfangen, uns für die Zukunft zu versichern.
Bei den internationalen Klimaverhandlungen werden
die Vereinigten Staaten einen umfassenden Rahmen
mit drei Elementen anstreben, die uns zusammengenommen in die Lage versetzen, ein starkes und
widerstandsfähiges globales Abkommen auszuarbeiten. Erstens werden die Vereinigten Staaten in
Kyoto vorschlagen, daß wir uns dem bindenden und
realistischen Ziel verpflichten, die Emissionen zwischen 2008 und 2012 auf dem Niveau von 1990
einzufrieren. Und dabei sollten wir es nicht belassen.
Wir sollten uns verpflichten, die Emissionen in den
darauf folgenden fünf Jahren auf einen niedrigeren
Stand als den von 1990 zu senken, und später sollten
wir hart an weiteren Reduktionen arbeiten.
Die Industriestaaten haben bereits einmal auf freiwilliger Basis versucht, die Emissionen auf dem Stand
von 1990 einzufrieren, aber bedauerlicherweise ist das
den meisten von uns - einschließlich insbesondere der
Vereinigten Staaten - nicht gelungen. Jetzt müssen wir
uns erneut entschlossen für diese Reduktionen
einsetzen, wozu wir uns bindenden Obergrenzen
verpflichten müssen.
Zweitens werden wir flexible Mechanismen zur
Erlangung dieser Obergrenzen befürworten. Wir
schlagen ein innovatives gemeinsames System zu
ihrer Durchsetzung vor, das einem Unternehmen in
einem Land Investitionen in ein Projekt zur Verringerung von Emissionen in einem anderen Land gestattet,
die ihm im eigenen Land angerechnet werden. Und
wir schlagen ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate vor. Durch diese Innovationen
werden die weltweite Verschmutzung verringert, die
Kosten niedrig gehalten und auch die Entwicklungsländer beim Schutz ihrer Umwelt unterstützt, ohne daß
dies auf Kosten ihres Wirtschaftswachstums ginge.
Drittens müssen Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen an der Bewältigung der Herausforderung des Klimawandels beteiligt sein.
Die
Industriestaaten müssen eine Führungsrolle übernehmen, aber auch die Entwicklungsländer müssen
einbezogen werden. Die Vereinigten Staaten werden
nur dann bindende Verpflichtungen eingehen, wenn
sich die wichtigsten Entwicklungsländer in bedeutendem Ausmaß an diesen Bestrebungen beteiligen.
Präsident Carlos Menem legte letzte Woche bei
meinem Staatsbesuch in Argentinien überzeugend dar,
daß ein globales Problem wie der Klimawandel eine
globale Antwort erfordert. Wenn die gesamte industrialisierte Welt ihre Emissionen während der nächsten Jahrzehnte verringert, die Emissionen der

AMERIKA DIENST 21

Entwicklungsländer jedoch mit der derzeitigen Geschwindigkeit weiter ansteigen, wird die Konzentration
von Treibhausgasen in der Atmosphäre weiterhin
zunehmen. Die Entwicklungsländer haben die Chance, in Zukunft einen anderen energiepolitischen Kurs
einzuschlagen, der ihrem Wachstumspotential und
ihren legitimen wirtschaftlichen Bestrebungen entspricht.
Was Argentinien, dem ein dramatisches Wirtschaftswachstum prognostiziert wird, erkannt hat, gilt auch für
andere Länder: Wir können und müssen bei diesem
Problem auf eine Weise zusammenarbeiten, die für
uns alle von Vorteil ist. In unserem Land müssen wir
Fortschritte machen, indem wir die ganze Macht der
freien Märkte und technologischer Innovationen
freisetzen, um die Herausforderung des Klimawandels
zu bewältigen. Ich schlage einen umfassenden Plan
vor, um Anreize zu bieten und Hindernisse zu beseitigen, damit unsere Unternehmen und unsere Bürger
neue und kreative Wege zur Verringerung der Treibhausgasemissionen finden können.
Erstens müssen wir Steuersenkungen vornehmen und
während der kommenden fünf Jahre 5 Milliarden Dollar
in Forschung und Entwicklung investieren - gezielte
Anreize zur Ermutigung der effizienten Nutzung von
Energie und zum Rückgriff auf sauberere Energiequellen.
Zweitens müssen wir die Unternehmen auffordern,
frühzeitig Aktionen zur Emissionsreduzierung zu
ergreifen und zu gewährleisten, daß sie angemessene
Anerkennung für ihre Wegbereiterfunktion bekommen.
Drittens müssen wir ein Marktsystem für die möglichst
kostengünstige Verringerung von Emissionen hier und
im Ausland schaffen - ein System, das sich unseren
Erfolg und unsere Erfahrung mit handelbaren Zertifikaten für sauren Regen zunutze macht.
Viertens müssen wir den Kauf und Verbrauch von
Energie durch die Bundesregierung, den größten
Energieverbraucher der Nation, umstrukturieren.
Durch neue Technologien, erneuerbare Energiequellen, innovative Partnerschaften mit Unternehmen aus
der Privatwirtschaft und die Bewertung der Treibhausgasemissionen von großen Projekten der Bundesregierung wird die Bundesregierung eine wichtige
Rolle dabei übernehmen, unserer Nation bei der
Erlangung ihres Ziels zu helfen. Heute verpflichte ich
die Bundesregierung als Vorableistung für unsere
Millionen Dollar umfassende Initiative zur Einführung
von Sonnenkollektoren, bis zum Jahr 2010 20.000
dieser Systeme auf den Dächern unserer Bundesgebäude zu installieren.
Fünftens müssen wir Wettbewerb in der Elektrizitätsindustrie zulassen, damit überholte Vorschriften
abgeschafft werden und die Amerikaner Milliarden

Seite 3

�Dollar sparen. Wir müssen das auf eine Art und Weise
tun, die zu noch größeren Fortschritten bei der Reinhaltung unserer Luft führt und eine bedeutende
Vorableistung zur Verringerung von Treibhausgasemissionen darstellt. Heute werden zwei Drittel der
zur Bereitstellung von Elektrizität verwendeten Energie
als Abwärme verschwendet. Das können wir viel
besser machen.
Sechstens müssen wir weiterhin die Schlüsselindustrien ermutigen, eigene Pläne für die Reduktion von
Treibhausgasen auszuarbeiten. Und wir müssen in
Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten und den Kommunalverwaltungen die Hindernisse für größtmögliche Energieeinsparungen beseitigen. Die Bundesregierung kann der Industrie bei
beträchtlichen Verringerungen von Treibhausgasemissionen auf freiwilliger Basis behilflich sein, und wir
werden unsere dementsprechenden Bestrebungen
verdoppeln.
Dieser Plan ist vernünftig und solide. Da es sich um
ein langfristiges Problem handelt, das eine langfristige
Lösung erfordert, wird diese stufenweise eingeführt.
Aber wir wollen jetzt handeln. Wir beginnen mit
unserem Paket von starken marktwirtschaftlichen
Anreizen, Steuersenkungen und gemeinsamen Bestrebungen mit der Industrie. Wir wollen Anreize zu
frühzeitigem Handeln geben und eine Führungsrolle
ermutigen. Und während wir im kommenden Jahrzehnt unsere Emissionen durch diese Bestrebungen
verringern, werden wir regelmäßige Überprüfungen
vornehmen um zu sehen, was für die Umwelt, Wirtschaft und unsere nationale Sicherheit am besten
funktioniert.
Wenn wir auf ein Jahrzehnt an Erfahrungen, Daten
und technologischen Innovationen zurückblicken
können, werden wir eine umfassende Initiative zur
Einführung eines Systems handelbarer Emissionszertifikate einleiten um zu gewährleisten, daß wir
unsere bindenden Ziele erreichen. Falls die veränderten Muster des Energieverbrauchs in Amerika
dann zu Problemen führen, haben wir die moralische

heutigen sind und der die Verschmutzung um 90
Prozent reduziert. Der Durchbruch wurde durch
unsere bahnbrechende Partnerschaft mit der Automobilindustrie zur Entwicklung einer neuen Fahrzeuggeneration ermöglicht. Im Rahmen eines von der
Behörde für moderne Forschungsprodukte (Advanced
Research Products Agency) des Verteidigungsministeriums und des nationalen Instituts für Wissenschaft und Technologie (National Institute of Science
and Technology) des Wirtschaftsministeriums finanzierten Projekts wurde ein anderer Plan ausgearbeitet, der zu ähnlichen Ergebnissen führt.
Die Entdeckung des Energieministeriums hat bemerkenswerte Auswirkungen. Heute wird das Benzin in
den Verbrennungsmotoren äußerst ineffizient genutzt etwa 80 Prozent seiner Energie geht verloren. Im
Rahmen des gestern von A.D. Little and Company
bekanntgegebenen Projekts des Energieministeriums
gehen 84 Prozent des Benzins direkt in die Brennstoffzelle. Dadurch wird die Energieeffizienz gegenüber
dem traditionellen Motor um mehr als das Vierfache
erhöht.
Und ich darf vom Standpunkt all derer, die an dem
gegenwärtigen System beteiligt sind, hinzufügen, daß
der fortgesetzte Einsatz von Benzin bedeutet, daß
keines der derzeitigen Verteilersysteme verändert
werden muß. Das ist eine sehr bedeutende, aber
keinesfalls die einzige Entdeckung, die den Weg in
unsere Zukunft weist.
Ich möchte auch unterstreichen, daß die meisten der
im Rahmen der Marktmechanismen zur Erlangung
dieses Ziels verfügbaren Technologien bereits existieren - wir müssen sie nur nutzen. Beispielsweise
forderte ein Physik- und Chemielehrer namens Hector
Ibarra in West Branch, Iowa, seine Sechstklässler
dazu auf, die Experimente aus dem Klassenzimmer
praktisch anzuwenden, um ihre Schule energieeffizienter zu machen. Die Klasse erhielt ein Darlehen in
Höhe von 14.000 Dollar von einer örtlichen Bank und
ergriff einfache Maßnahmen. Die Schüler senkten den
Energieverbrauch ihrer Schule um 70 Prozent. Ihre

Verpflichtung, den betroffenen Arbeitnehmern und

Einsparungen waren so beeindruckend, daß die Bank

Unternehmen zu helfen - ebenso wie wir es heute bei
allen unseren wirtschaftlichen Veränderungen tun, von
denen die Menschen schuldlos betroffen sind.

beschloß, ihre eigene Energieeffizienz zu verbessern.

Dieser Plan setzt auf unsere Stärken - Innovation,
Kreativität, Unternehmergeist. Unsere Unternehmen
weisen durch die Entwicklung phantastischer Umwelttechnologie und die Umsetzung von Lösungen zum
Schutz der Natur bereits den Weg.

Dem Beispiel dieser Sechstklässler folgend haben
andere größere Unternehmen in Amerika ähnliche
Ergebnisse erzielt. Sie brauchen sich nur die nachweisbaren Ergebnisse von Firmen wie Southwire, Dow
Chemical, Dupont, Kraft, Interface Carpetmakers und
einer Vielzahl anderer in jeder Wirtschaftsbranche
anzuschauen um zu sehen, was getan werden kann.

Erst gestern gab Energieminister Pena einen von
seinem Ministerium finanzierten dramatischen Durchbruch bei der Brennstoffzellentechnologie bekannt ein Durchbruch, der den Weg zur Entwicklung von
Autos bereitet, die doppelt so energiesparend wie die

Unsere Industrien haben effiziente neue Kühlschränke,
Computer, Wasch- und Trockenmaschinen sowie
andere elektrische Geräte hergestellt, die sehr viel
weniger Energie verbrauchen, sparsamer und umweltfreundlicher sind. Allein die Revolution bei Beleuch-

Seite 4

AMERIKA DIENST 21

�tungskörpern ist wirklich verblüffend. Eine kompakte
fluoreszierende Lampe, die von einem Menschen
während seines ganzen Lebens benutzt wird, erspart
der Atmosphäre die Emission von fast einer Tonne
C0 2 und kostet den Verbraucher weniger Geld.
Wenn jeder in den nächsten 15 Jahren nur diese
energiesparenden Produkte kaufen würde, die in den
Geschäften mit dem "Energiestern" des Umweltschutzamtes ausgezeichnet sind, würden unsere Energierechnungen während dieses Zeitraums um ungefähr
100 Milliarden Dollar schrumpfen und unsere Treibhausgasemissionen dramatisch gesenkt.
Trotz dieser Innovationen, die für alle Seiten von
Vorteil sind, und der Verpflichtungen, die buchstäblich
jeden Tag eingegangen werden, bin ich mir sehr wohl
bewußt, daß unsere Ziele und Zeitpläne von manchen
als zu ehrgeizig kritisiert werden. Und natürlich
werden andere behaupten, sie gingen nicht weit
genug. Bevor jedoch die Debatte ernsthaft beginnt,
wollen wir nicht vergessen, daß wir während der
letzten Generation im Bereich der Umwelt, auch bei
der Energieeffizienz, enorme Fortschritte gemacht
haben - zu sehr viel geringeren Kosten als man sich
hätte vorstellen können. Und dabei wurden ganz neue
Industrien aufgebaut.
Während der letzten drei Jahrzehnte, in denen unsere
Wirtschaft gewachsen ist, haben wir die Standards für
das Wasser, das unsere Kinder trinken, nach oben
und nicht nach unten geschraubt. Obwohl unsere
Fabriken ausgebaut werden, verlangen wir von ihnen
die Reinigung ihres Giftmülls. Obwohl eine Rekordzahl neuer Häuser gebaut wurde, sparen unsere
Kühlschränke mehr Energie und damit unsere Verbraucher mehr Geld.
1970, als der Smog unsere Städte erstickte, schlug die
Bundesregierung neue Autoabgasnormen vor. Viele
Umweltschützer behaupten, die Normen würden wenig
zur Verhinderung einer Katastrophe beitragen.
Industrievertreter prognostizierten, die Kosten der
Umsetzung hätten katastrophale Auswirkungen auf die
Industrie. Es stellte sich heraus, daß beide Seiten
Unrecht hatten. Beide unterschätzten die Erfindungsgabe des amerikanischen Volkes. Die Automobilhersteller halten die weitaus strengeren Emissionsvorschriften von heute mit weniger als halb so hohem
Kostenaufwand wie vorhergesagt ein, und die neuen
Kraftfahrzeuge stoßen durchschnittlich nur 5 Prozent
der Schadstoffe der 1970 gebauten Autos aus.
Wir haben dieses Muster immer wieder gesehen. Wir
sahen es, als wir uns in den siebziger Jahren gemeinsam für das Verbot des Karzinogens Vinylchlorid
einsetzten. Vertreter der Kunststoffindustrie sagten
massive Bankrotte voraus, aber die Chemiker entdeckten kostengünstigere Ersatzstoffe, und die Branche
prosperierte. Wir sahen das, als wir die Verwendung

AMERIKA DIENST 21

von bleihaltigem Benzin stufenweise verringerten. Und
wir sehen das bei unserem Programm für handelbare
Zertifikate für sauren Regen - das dem Zeitplan bereits
40 Prozent voraus ist - zu weniger als der Hälfte der in
den optimistischsten Prognosen veranschlagten
Kosten. Wir sehen das, während die Fluorchlorkohlenwasserstoffe praktisch ohne jeden Kostenaufwand auf
eine Art und Weise aus der Atmosphäre entfernt
werden, die anscheinend zu einer erneuten Verdikkung der Ozonschicht führt.
Die Lektion ist einfach: Wenn Umweltinitiativen klug
geplant sind und flexibel durchgeführt werden, kosten
sie weniger als erwartet und bieten unvorhergesehene
wirtschaftliche Chancen. Obwohl wir uns bewußt sind,
daß unsere heutige Herausforderung größer ist als
jede umweltpolitische Aufgabe der Vergangenheit,
kann der Klimawandel uns durch das einen, was
Amerika am besten kann: Wir führen Neuerungen ein,
wir konkurrieren, wir finden Lösungen für Probleme,
und wir tun das auf eine Weise, die unternehmerisches
Denken fördert und die amerikanische Wirtschaft
stärkt.
Wenn wir es richtig anstellen, wird der Klimaschutz
keine Kosten, sondern Gewinne mit sich bringen; keine
Belastungen, sondern Vorteile; keine Opfer, sondern
einen höheren Lebensstandard. Wir haben genug
Beweise dafür, daß Energieeinsparung bessere
Dienstleistungen zu niedrigeren Kosten mit höheren
Gewinnen hervorbringt. Wir müssen die Hindernisse
für das erfolgreiche Funktionieren der Märkte beseitigen und bessere Anreize für ihre Nutzung geben. Ich
fordere die amerikanischen Unternehmen zur Übernahme einer Führungsrolle auf, aber ich rufe auch die
Regierungen - auf nationaler, bundesstaatlicher und
kommunaler Ebene - dazu auf, der Wirtschaft die für
diese Arbeit erforderlichen Werkzeuge zu verschaffen
und auf allen Gebieten ein Beispiel zu geben.
Wir wollen nicht vergessen, daß es bei der uns heute
konfrontierenden Herausforderung nichfnur um Ziele
und Zeitpläne geht. Es geht um unsere grundlegenden
Werte und größten Verpflichtungen.
Ich werde heute noch die Ehre haben, mit dem
ökumenischen Patriarchen Bartholomew zusammenzutreffen - dem geistlichen Führer von 300 Millionen
orthodoxen Christen - einem Mann, der immer wieder
die dem Geschenk Gottes an die Natur innewohnenden großen Verpflichtungen betont. Er erinnert uns
daran, daß sich der erste Teil des Wortes "Ökologie"
vom griechischen Wort für Haus herleitet. Um unser
Verhalten gegenüber dem Haus zu verändern, das wir
alle bewohnen, müssen wir mit den Worten des
Patriarchen die verlorenen spirituellen Verbindungen
wiederentdecken und die menschlichen Werte bekräftigen. Er hat natürlich Recht. Es ist unsere feierliche
Verpflichtung, mit Mut und Weitblick Fortschritte zu

Seite 5

�machen, damit wir unser Haus unseren Kindern und
künftigen Generationen hinterlassen können.
Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß dies
nur eine weitere Herausforderung in Amerikas langer
Geschichte ist - die wir genauso bewältigen können
wie alle früheren Herausforderungen. Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß es eindeutige
Beweise dafür gibt, daß wir das auf eine Weise tun
können, die zu Wirtschaftswachstum führt - nicht durch

abschlägige Antworten, sondern indem wir eine neue
Herausforderung der Erneuerung entschlossen und
freudig begrüßen. Wir sollten froh sein, daß wir in der
heutigen Zeit leben und diese Herausforderung
angehen können, und wir sollten das in dem sicheren
Wissen tun, daß unsere Kinder und Enkel uns dafür
dankbar sein werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 21

�UMWELT
29. Oktober 1997

Wirth: Europäer befürworten "unrealistische" Ziele
Rede des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten

WASHINGTON - (AD) - Nach Ansicht des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium,
Timothy Wirth, befinden sich die Vereinigten Staaten und die Europäische Union im Hinblick auf die Verringerung
der Treibhausgasemissionen in einer Art "Sackgasse", weil die 15 Mitgliedstaaten der EU "unrealistische" Ziele
befürworten. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Timothy Wirth am 9. Oktober
1997 vor einem Ausschuß des Kongresses hielt.

Heute möchte ich nicht nur über den gegenwärtigen
Stand unserer Klimaverhandlungen berichten, sondern
auch drei andere Themenbereiche ansprechen:
Erstens die "bubble" der Europäischen Union, zweitens im Zusammenhang mit der Beteiligung der
Entwicklungsländer stehende Fragen und drittens die
verschiedenen Mechanismen, durch die wir den
Entwicklungsländern die entsprechenden Technologien zukommen lassen können, die ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels helfen.
Zunächst möchte ich Sie auf den neuesten Stand
bringen und mich dabei besonders auf die Entwicklungen seit meinem letzten Erscheinen vor diesem
Ausschuß im Juni dieses Jahres konzentrieren.
Wir nähern uns mit großer Geschwindigkeit dem Ende
der Verhandlungen im Vorfeld der dritten Sitzungsperiode der Konferenz der Parteien, die vom 1.-10.
Dezember in Kyoto anberaumt ist. Von heute an
bleiben nur noch 64 Tage, von denen nur 18 für
offizielle Verhandlungen vorgesehen sind. Bei einigen
wichtigen Fragen wurden Fortschritte erzielt, und es
zeichnet sich eine Übereinkunft ab. Wenn wir Erfolg
haben, wird diese Übereinkunft wahrscheinlich
wesentliche Elemente des von uns unterbreiteten
Vorschlags beinhalten. Dazu zählen:
Ein Emissionsplan, der einen Ausgleich von
Fluktuationen bei meteorologischen und
ökonomischen Variablen gestattet und eine
gewisse Flexibilität bei der zeitlichen Festlegung der Emissionsreduzierungen erlaubt.

AMERIKA DIENST 21

Ein Multigasansatz, der nicht nur Kohlendioxid, sondern alle Treibhausgase beinhaltet
(obwohl es beträchtlichen Widerstand gegen
die Aufnahme von "Senken" gibt).
Ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate und ihre gemeinsame
Umsetzung, die beide auf eine Erhöhung der
Flexibilität abzielen, indem sie den Parteien
gestatten, Emissionen im eigenen Land gegen
Emissionsreduzierungen andernorts auszutauschen.
Mechanismen für die Überwachung und
Verifizierung des Emissionsabbaus, die
gleiche Bedingungen für alle Parteien gewährleisten.
Aktionen der Entwicklungsländer als Ergänzung zu Zielsetzungen und Zeitplänen der
Industrieländer.
Damit will ich nicht sagen, daß der endgültige Text alle
diese Elemente in der Form beinhaltet, in der sie im
Vorschlag der Vereinigten Staaten vom vergangenen
Januar unterbreitet wurden, denn das gestattet der
Verhandlungsprozeß nicht. Die Administration hat
jedoch ein von einem Großteil der Welt akzeptiertes
allgemeines Muster für weitere Fortschritte bei der
Lösung dieses gravierenden Problems vorgeschlagen:
Eine Lösung mit größtmöglicher Flexibilität bei der
Umsetzung und gleichzeitiger Gewährleistung von
Integrität und Umweltschutz bei den Emissionszielen.

Seite 1

�Die Administration hat noch keine endgültige Entscheidung über ein Ziel für die Emissionskontrolle
getroffen. Wir werden Sie über unsere in dieser
Hinsicht gemachten Fortschritte auf dem Laufenden
halten. Wir haben die in diesem Ausschuß geäußerten
Befürchtungen sowie die in der Resolution des Senats
vom Beginn des Sommers enthaltenen Anliegen zur
Kenntnis genommen. Ich möchte an dieser Stelle
nochmals betonen, daß unsere Übereinkunft die
amerikanische Wettbewerbsfähigkeit schützt und im
besten Interesse des amerikanischen Volkes liegt. Der
Präsident hat sich diesen Zielen am Montag bei der
Konferenz im Weißen Haus erneut verpflichtet, und es
sind Ziele, an denen wir während des gesamten
Verhandlungsprozesses konsequent festgehalten
haben.
Bei vielen Aspekten unseres Vorschlags sind wir
jedoch sehr deutlich gewesen, und der Konsens im
eigenen Land unterstützt diesen Ansatz. Die Administration hat diese Elemente unserer Vorschläge in
einer intensiven Runde bilateraler und multilateraler
Verhandlungen aggressiv gefördert. Der Präsident hat
den Klimawandel zu einem Thema seiner Zusammenkünfte mit ausländischen Staats- und Regierungschefs
sowie der Sitzungen am Rande der UN-Generalversammlung gemacht. Auch der Vizepräsident und die
Außenministerin haben den Klimawandel in ihren
Gesprächen zum Thema gemacht. Ich habe an
verschiedenen Treffen in Europa und Saudi-Arabien
sowie mit wichtigen Ministern aus Japan, Australien,
Kanada und Neuseeland teilgenommen und werde
diese Frage auch bei meinen Gesprächen in China
Ende des Monats ansprechen. Hochrangige Regierungsvertreter haben unsere Position in Lateinamerika

über 1990 entschieden. Um die Verhandlungen noch
komplizierter zu gestalten, bestehen die Mitgliedstaaten der Europäischen Union darauf, mit ihren Emissionen zu handeln - die sogenannte "bubble". Das
bedeutet, daß die Gesamtemissionen auf ein festgesetztes Ziel gesenkt werden können, jedes einzelne
Land diese Obergrenze aber nicht unbedingt erreichen
muß. Tatsächlich geht man davon aus, daß ein
signifikanter Anteil der gesamten Emissionsreduzierung der EU auf die Wiedervereinigung Deutschlands
und die Abschaffung von Kohlesubventionen in
Großbritannien sowie die Umstellung auf Erdgas
zurückzuführen sein wird. Obwohl wir die Schließung
ineffektiver und umweltschädigender Fabriken und die
Abschaffung von Subventionen im Energiesektor
zweifellos begrüßen, ist nicht klar, warum solche
Aktionen andere EU-Staaten von der Notwendigkeit
befreien sollen, selbst etwas zu unternehmen. Im
Rahmen des Vorschlags der EU wird von manchen
Ländern jedoch überhaupt keine Verringerung ihrer
Emissionen verlangt - und manchen wird sogar ein
Anstieg gestattet. Portugal beispielsweise wird bis
zum Jahr 2010 ein Emissionsanstieg von 40 Prozent
gegenüber 1990 erlaubt, Spanien darf seinen C0 2 Ausstoß um 17 Prozent erhöhen, und Frankreich muß
seine Emissionen lediglich auf dem Stand von 1990
einfrieren.
Der Kongreß hat umgehend einige der dieser Art von
"Lastenteilung" innewohnenden Probleme aufgezeigt.
Ich möchte mit Ihnen einige der Fragen erörtern, die
wir uns im Zusammenhang mit diesem Thema gestellt
haben:

allmählich aus, da unsere Sichtweise in das Bewußtsein der Menschen eindringt. Wir hegen weiterhin die
Hoffnung, daß unsere fortgesetzten Bestrebungen im
Vorfeld von Kyoto einen Konsens hinsichtlich unseres
Ansatzes hervorrufen werden.

Wir haben uns gefragt, in welcher Beziehung
der Vorschlag der EU zu dem internationalen
System handelbarer
Emissionszertifikate
steht. Wenn es nur ein Vorschlag ist, bei dem
jedes Land einen Einheitssatz hat und dann
auf dem Markt mit Emissionszertifikaten
handeln kann, würden wir diesen Ansatz
unterstützen.

Unsere Verbündeten bei den Verhandlungen gehören
allen Blöcken an: Unter den Industriestaaten besteht
größte Übereinstimmung mit Australien, Kanada,
Japan und Neuseeland. Diese unterstützen unsere
Vorschläge über die Flexibilitätselemente, die in Kyoto
für ein dauerhaftes, erfolgreiches und wirtschaftlich
mögliches Abkommen von großer Bedeutung sind.
Viele Länder der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas unterstützen unsere Vorschläge ebenfalls.
Mit unseren europäischen Kollegen sind wir jedoch in
eine Art Sackgasse geraten.

Uns wurde nicht gesagt, wie die EU die Rechenschaftspflicht sicherstellen will. Welche
Erfüllungsmechanismen gibt es beispielsweise
für den Fall, daß die EU die Obergrenzen
überschreitet? Wird jeder EU-Mitgliedstaat
dieselben Verpflichtungen haben wie die
Länder außerhalb der EU? Ist jedes Land
lediglich für seinen "Anteil" verantwortlich?
Wie wird dieser festgesetzt?

und Asien dargelegt.

Unsere harte Arbeit zahlt sich

Die EU-"bubble"
Wie Sie wahrscheinlich alle wissen, hat sich die EU für
das - von vielen Analysten als unrealistisch und
unerreichbar bezeichnete - Ziel einer Verringerung der
Emissionen bis zum Jahr 2010 um 15 Prozent gegen-

Seite 2

Was für ein Beispiel gibt die EU den Entwicklungsländern? Wenn einigen Industriestaaten
ein 40-prozentiger Anstieg gestattet wird, dann
kann man von den Entwicklungsländern noch
viel weniger verlangen. Um angemessene
Maßstäbe zu setzen, müssen wir von den
Industriestaaten mehr fordern.

AMERIKA DIENST 21

�Wie werden die Mitgliedstaaten der EU einbezogen? Wenn die Zahl der Länder durch
die Aufnahme osteuropäischer Länder mit
niedrigen Emissionen vergrößert wird, wird
dann das Gesamtziel angepaßt?
Dieser Fragenkatalog gibt Ihnen hoffentlich eine Idee
von dem Ausmaß, in dem wir bei der internationalen
Debatte Antworten erwarten.
Klarheit bei diesen
Fragen ist für mögliche Übereinkünfte in Kyoto wesentlich.
Die Entwicklungsländer
Jetzt möchte ich mich einem anderen Thema widmen,
das für die Mitglieder dieses Ausschusses und andere
außerhalb dieses Raums ebenfalls von großer Bedeutung ist: Die Einbeziehung der Entwicklungsländer. Ich
möchte mich deutlich ausdrücken: Die Entwicklungsländer müssen an diesem Vertrag beteiligt sein. Das
Grundprinzip für Aktionen der Entwicklungsländer ist
klar: Obwohl sie derzeit für weniger als die Hälfte der
globalen Emissionen verantwortlich sind, wird ihr Anteil
in den nächsten Jahrzehnten anwachsen, obwohl ihre
Pro-Kopf-Emissionen weiterhin weit unter unseren
liegen. Wir müssen uns mit diesem Trend steigender
Emissionen befassen, wenn wir das Problem langfristig lösen wollen.
Meiner Ansicht nach sollte man jedoch eine andere
Sichtweise dieser Frage besser verstehen - die der
Entwicklungsländer. Betrachten wir einige Zahlen.
Dem zwischenstaatlichen Gremium für den
Klimawandel (IPCC) zufolge werden jährlich
500 Millionen Fälle von Malaria berichtet. Die
Experten sind jedoch der Ansicht, daß sich die
Malaria infolge des Klimawandels weiter
ausbreiten wird. Die meisten Malariatoten
sind Kinder unter fünf Jahren - und nahezu
alle diese Kinder leben in Entwicklungsländern.
Der Weltbank zufolge leben zwei Milliarden
Menschen von weniger als zwei Dollar täglich
und 1,3 Milliarden von weniger als einem
Dollar täglich - und alle leben in den Entwicklungsländern.
Das ist die Sichtweise der Entwicklungsländer, und
das sind die Faktoren, die sie betrachten, wenn sie die
Industriestaaten auffordern, als Erste zu handeln.
Viele nicht informierte Beobachter haben behauptet,
das derzeitige Abkommen enthalte keine Verpflichtungen für die Entwicklungsländer. Das ist nicht richtig.
Tatsächlich werden die Entwicklungsländer unter
anderem aufgefordert, eine Liste ihrer Treibhausgasemissionen aufzustellen, Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels und zur Anpassung daran zu

AMERIKA DIENST 21

ergreifen, an der Entwicklung und dem Transfer von
Technologien mitzuwirken, die Klimaforschung und
entsprechende Bildung und Ausbildung zu fördern und
sich daran zu beteiligen.
Die Entwicklungsländer haben Maßnahmen zur
Erfüllung
ihrer
FCCC-Verpflichtungen
ergriffen.
Ebenso wie wir an der Verringerung unserer Emissionen arbeiten, haben die Entwicklungsländer aggressiv
Programme zur Reduzierung ihrer eigenen Emissionen
eingeleitet. Ein Teil der Bestrebungen der Entwicklungsländer ist das Ergebnis erfolgreicher Programme,
die vom Amt für internationale Entwicklung (AID), vom
U.S. Country Studies Program, von der U.S. Initiative
on Joint Implementation sowie im Zuge bilateraler und
multilateraler Schenkungen von anderen Ländern und
internationalen Organisationen durchgeführt wurden.
Viele der Ressourcen und der Anstoß für Aktionen
haben ihren Ursprung jedoch in diesen Ländern.
Während wir uns auf ein anderes Niveau internationaler Verpflichtungen zubewegen, ist es wichtig zu
verstehen, was bislang erreicht worden ist.
Verschiedene Beispiele für von den Entwicklungsländern unternommene Bestrebungen illustrieren diese
Fortschritte. Der Weltbank zufolge nahmen zwischen
1991 und 1996 die Subventionen für fossile Brennstoffe in 14 Entwicklungsländern, auf die 25 Prozent
der weltweiten Kohlendioxidemissionen entfallen, um
ungefähr 45 Prozent ab - von 60 Milliarden Dollar auf
33 Milliarden Dollar (Zum Vergleich: Die Subventionen
der OECD wurden um ungefähr 20,5 Prozent abgebaut
- von 12,5 Milliarden Dollar auf 9,9 Milliarden Dollar.)
China, das für ungefähr 12 Prozent der weltweiten
C0 2 -Emissionen verantwortlich ist, reformiert aktiv die
Energiepreise und hat die Subventionen von 37
Prozent im Jahr 1984 auf 29 Prozent 1995 gesenkt,
während die Erdölsubventionen von 5 Prozent im Jahr
1990 auf 2 Prozent 1995 gefallen sind. Ferner war
eine Steigerung der chinesischen Effektivität wesentlich: Ohne Interventionen wären die Emissionen 1990
um fast 155 Millionen Tonnen höher gewesen als mit
Hilfe politischer Maßnahmen. Und Ende 1993 wurden
12 Prozent der installierten Elektrizität mit Hilfe von
Kohle und Gas erzeugt. Viele andere Entwicklungsländer fördern ebenfalls aktiv ihre Energieeffizienz.
Beispielsweise wurde in Brasilien durch ein aggressives Programm für den Einsatz von Äthanol aus
Zuckerrohr nahezu die Hälfte des Benzins eingespart,
das ansonsten verbraucht worden wäre.
Was sagt uns das alles? Zweifelsohne sagt es uns,
daß ihre und unsere Erwartungen von unterschiedlichen Annahmen ausgehen. Wir blicken sie an und
verweisen auf die künftige Ursache des Problems; sie
blicken uns an und verweisen auf die jetzige Ursache
des Problems. Wir blicken sie an und machen uns
Sorgen über die Wettbewerbsfähigkeit; sie blicken uns
an und verweisen auf unseren so viel besseren
Lebensstil und unseren Lebensstandard - den die

Seite 3

�meisten von ihnen verzweifelt kopieren wollen, jedoch
zu hören bekommen, daß das aufgrund der Folgen für
die Umwelt für sie nicht in Frage kommt. Wie Präsident Clinton bei der Konferenz im Weißen Haus am
Montag erklärte, ist unser Problem mit China ein
nationales Sicherheitsproblem - es könnte sein, daß
China unserem Emissionsweg folgt und damit eine
Welt schaffen würde, in der wir alle nicht mehr leben
können. Wir blicken auf Kyoto und fordern, daß alle
Länder daran teilnehmen; die Entwicklungsländer
blicken auf Kyoto und stimmen zu, Aktionen durchzuführen - aber erst, wenn die Industrienationen
Schritte unternommen haben.
Historisch sind die Bündnisse der Entwicklungsländer
schwer zu durchbrechen, ungeachtet der häufig
großen Schwierigkeiten innerhalb der Gruppe. Wir
können das Bedürfnis kleiner Inselstaaten nachfühlen,
die sich durch den Anstieg des Meeresspiegels mit
ihrem Untergang konfrontiert sehen, auf aggressiven
Zielen zu bestehen. Wir können zu der Schlußfolgerung gelangen, daß es ein Fehler ist, alle Entwicklungsländer in einen Topf zu werfen - und wir können
vorschlagen, daß arme Länder, die praktisch nichts
emittieren, andere Verpflichtungen haben sollten als
die wohlhabenderen Länder, die einen beträchtlichen
Anteil an dem globalen Ganzen haben.
Wir können die Sorgen der Entwicklungsländer
ausräumen, daß Unterschiede beim Entwicklungsstand real sind, indem wir Flexibilität bei den Verpflichtungen bieten, auf deren Übernahme für sie wir
bestehen. Viele Entwicklungsländer akzeptieren, daß
sie eines Tages größere Verantwortung für den
Umgang mit dem Klimawandel übernehmen müssen sie schlagen jedoch vor, daß der geeignete Zeitpunkt
für solche Aktionen dann wäre, wenn sie eine bestimmte Schwelle der wirtschaftlichen Entwicklung
überschritten haben.
Wir können auch die Sorgen ansprechen, die Entwicklungsländer bezüglich des Ungleichgewichts bei
unseren Erwartungen zum Ausdruck gebracht haben daß von ihnen die Festlegung von Standards erwartet
wird, bevor wir unseren guten Glauben unter Beweis
gestellt haben. Dies wird am besten erreicht, wenn
unsere eigenen Programme voll finanziert werden und
wir aggressiv die Entwicklung der Technologien
anstreben, die für globale Reduzierungen erforderlich
sind.
Wir können durch unsere bestehenden bilateralen und
multilateralen Hilfsprogramme weiterhin aktive Zusammenarbeit zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern fördern. Der Beweis für den Erfolg dieser
Bestrebungen zeichnet sich in vielen Entwicklungsländern mit der Entwicklung erneuerbarer Technologien, dem Abbau von Subventionen, der Verbesserung
der Effizienz und der Umsetzung von Klimaaktionsplänen ab. Mit unserem eigenen Engagement können

Seite 4

wir demonstrieren, daß wir diese Umweltbestrebungen
zu schätzen wissen und die Vereinigten Staaten den
Ländern zur Seite stehen, die in das langfristige und
globale Wohlergehen investieren.
Letztlich sind es die Aktionen selbst, die den internationalen Erfolg bei der Bewältigung des Problems des
Klimawandels ausmachen - nicht das Instrument, das
die Verpflichtungen kodifiziert, oder der Prozeß, durch
den die Aktionen ausgelöst werden können. Echte
Emissionsreduzierungen in allen Ländern der Welt zu
den geringsten Kosten sind unsere Ziele. Es mag
auch andere geben - und wir müssen sie alle zu
unserem Vorteil nutzen.
Ich schlage nicht vor, wir sollen unsere Meinung
ändern: Daß sowohl die Industrie- als auch die Entwicklungsländer handeln müssen, um die andauernde
und potentiell katastrophale globale Erwärmung zu
verhindern. Ich sage vielmehr, wir müssen das, was
wir von den Entwicklungsländern erwarten, mit einer
realistischen und fairen Einschätzung dessen verbinden, wie sie die Welt sehen. Das Ausmaß und der
Zeitpunkt der Verpflichtungen jedes Landes müssen im
Einklang mit seinen nationalen Fähigkeiten und seinem
Entwicklungsstand stehen.
Ausgewogenheit und
Fairneß müssen bewahrt werden. Und jedes Paket,
dem wir in Kyoto zustimmen, wird sicherstellen, daß
dies geschieht.
Unser Vorschlag für die Entwicklungsländer hat drei
Teile:
1.

Erfordert eine Fortsetzung der Förderung der
Umsetzung von Verpflichtungen: Er definiert
im Einzelnen, was das bedeutet und fordert
sie außerdem zur Erhöhung ihrer Energieeffizienz, der Betonung von marktorientierter
Preisfestsetzung, dem vermehrten Einsatz von
emeuerbaren Ressourcen, der Verbesserung
ihres Transportsektors - und im allgemeinen
zu Aktionen zur Bewältigung des Klimawandels auf, die wirtschaftlich für sich allein schon
gerechtfertigt sind.

2.

Er schafft eine neue Kategorie von Ländern
(Annex B), in denen die Entwicklungsländer
freiwillig rechtlich bindende Verpflichtungen zu
Emissionsbegrenzungen oder -reduzierungen
eingehen.

3.

Er sieht vor, daß alle Parteien sich letztlich auf
Bestimmungen einigen, so daß alle Parteien
(einschließlich der Entwicklungsländer) quantitative Treibhausgasemissionsverpflichtungen
haben und es einen Mechanismus für die
automatische Anwendung progressiver Verpflichtungen für Parteien auf der Grundlage
vereinbarter Kriterien gibt.

AMERIKA DIENST 21

�Obwohl wir bei den Verfahren, mit denen jedes dieser
Elemente Teil des Kyoto-Pakets wird, zu Flexibilität
bereit sind, sind wir hinsichtlich der Substanz weiterhin
absolut überzeugt. Die Entwicklungsländer müssen
eindeutig integraler Bestandteil der nächsten Schritte
sein, damit die Vereinigten Staaten in Betracht ziehen
können, Vertragspartei zu werden. Die Vereinigten
Staaten werden keine bindenden Verpflichtungen
eingehen, bis die Entwicklungsländer angemessene
Zusagen im Hinblick auf ihre eigenen Verpflichtungen
machen.
Entwicklung der Infrastruktur
Ich möchte mich nun der umfassenderen Frage
zuwenden, wie wir die Mechanismen entwickeln
wollen, um den Entwicklungsländern die geeigneten
Technologien zu vermitteln, damit wir ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels behilflich sein können.
Wir sind uns alle bewußt, daß die Emissionen der
Entwicklungsländer voraussichtlich im Rahmen ihrer
Wirtschaftsentwicklung steigen werden, wenn wir nicht
Abhilfe schaffen. Meiner Ansicht nach - und ich
glaube, das ist auch die Ansicht der meisten Mitglieder
dieses Komitees - wird es entscheidend sein, Wege
zur Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern bei
der Verringerung der Emissionen zu finden. Das muß
eine Priorität sein, unabhängig von dem Ansatz, den
wir über die Konvention oder irgendein anderes darauf
folgendes rechtliches Instrument wählen.
Was heißt das? Es heißt, wir müssen die nächsten
100 Gigawatt an energieerzeugenden Kapazitäten
aufbauen, um sauberer und effizienter zu sein. Es
heißt, wir müssen die globale Umweltfazilität voll
finanzieren. Es heißt, wir müssen versuchen, unsere
Bestrebungen zur Entwicklung von Initiativen für die
Förderung von Umwelt-Exportkrediten und -initiativen
fortzusetzen. Es heißt, wir müssen unsere Kreditvergabe über die multilateralen Entwicklungsbanken
und unsere bilateralen Hilfsprogramme rationalisieren,
um Umweltbelange abzudecken. Und es heißt, wir
müssen weiterhin Anstrengungen bei der Entwicklung
und Umsetzung der neuen Technologien der Zukunft
unternehmen.
Lassen Sie uns kurz zwei Entwicklungsländer betrachten, die am meisten emittieren: China und Indien.
Selbst nach mehr als einem Jahrzehnt außerordentlich
starken Wirtschaftswachstums ist China immer noch
ein wirklich unterentwickeltes Land. Auf Pro-KopfBasis beträgt das Bruttoinlandsprodukt rund 620
Dollar. Über 100 Millionen Chinesen haben immer
noch keine Elektrizität. In dem Versuch, die Energieknappheit im Inland zu beheben, fordert Chinas
Fünfjahresplan zusätzliche 70 Gigawatt an elektrizitätserzeugenden Kapazitäten vor dem Jahr 2001.
Das heißt, China wird in den nächsten vier Jahren
jeden Monat ein 1.000 Megawatt starkes Elektrizitätswerk hinzufügen müssen. Im Augenblick werden die

AMERIKA DIENST 21

meisten mit Kohle beheizt - die zur Zeit rund 75
Prozent der chinesischen Elektrizität erzeugt. Dennoch gibt es beträchtliche Möglichkeiten, China dabei
behilflich zu sein, mehr Gas und erneuerbare Energien
mit Gewinnchancen für amerikanische Unternehmen
einzusetzen.
Indien befindet sich in einer ähnlichen Kalamität.
Zwischen 1986 und 1995 stiegen die C02-Emissionen
um 40 Prozent, die Industrialisierung erfolgt durch
inländische Kohle. Zur Zeit hat Indien noch geringere
Pro-Kopf-Emissionen als China - und liegt nahezu
fünfmal unter dem Weltdurchschnitt von vier Tonnen
pro Person und ungefähr ein Zwanzigstel unter den
Emissionen der Vereinigten Staaten. Ebenso wie
China installiert auch Indien enorme Quantitäten neuer
energieerzeugender Kapazitäten - Pläne fordern die
Installation von 62 Gigawatt bis 2002. Ineffizienz und
schlechte Technologie beeinträchtigen die derzeitige
Infrastruktur des Landes. Zur Zeit gehen in Indien bis
zu 40 Prozent der erzeugten Elektrizität bei der
Übertragung und Verteilung verloren. Auch hier gibt es
Profitchancen für amerikanische Unternehmen.
Wir müssen Wege sondieren, um diese Länder zum
Aufbau einer klimafreundlicheren Energieinfrastruktur
zu ermutigen. Glücklicherweise stehen Möglichkeiten
zur Verfügung, in eine tragfähigere Richtung zu gehen.
Wir können beispielsweise mit den internationalen
Finanzinstitutionen (einschließlich der Weltbank und
den regionalen Entwicklungsbanken) zusammenarbeiten und von ihnen verlangen, daß sie die Auswirkungen der Finanzierung von Kraftwerken genauer
prüfen. Das könnte bedeuten, daß wir von einigen der
derzeitigen Lösungen abweichen müssen, die von den
internationalen Finanzinstitutionen als kostengünstigste angesehen wurden, weil die Schäden durch den
Klimawandel nicht in frühere Kostenrechnungen
eingegangen sein könnten. Wir würden einen intensiveren Dialog mit dem Kongreß über Wege zur Verbesserung der Kreditvergabestrategien für Energieprojekte begrüßen.
Viele der von den Entwicklungsländern durchzuführenden Aktionen werden gut für die globale Umwelt sein sie werden jedoch Geld kosten. Wir müssen die der
globalen Umweltfazilität zur Verfügung stehenden
Mittel aufstocken, die einen Teil der Kosten übernehmen möchte, um die Vorteile für die globale Umwelt zu
nutzen, die der Planet so dringend benötigt.
Wir müssen Wege sondieren, um auch unseren
Privatsektor in den Dialog einzubeziehen. Kommerzielle Energielieferanten suchen Chancen zur Energieerzeugung in Entwicklungsländern. Um das Meiste
aus diesen Möglichkeiten zu machen, benötigen wir
Mechanismen, die "Emissionsgutschriften" für solche
Investitionen von Firmen und/oder Industriestaaten
vorsehen. Wir benötigen andere Exportfinanzierungsbehörden, die Standards wie die Emissionsrichtlinien

Seite 5

�der Export-Import Bank für die von ihr unterstützten
Projekte einführen und gleichzeitig finanzielle Anreize
für amerikanische Exporteure und ausländische Käufer
bieten, die erneuerbare Energien und Technologieoptionen mit niedrigen Emissionen bei der Erfüllung
ihres Bedarfs an Energieerzeugung wählen. Maßnahmen wie die der Ex-Im Bank müssen mit der
globalen Erkenntnis und Akzeptanz starker Umweltkriterien einhergehen. Sobald unsere Firmen bewiesen haben, daß neue brennstoffeffiziente Technologien und erneuerbare Energiequellen kommerziell
tragfähig sind, können wir davon ausgehen, daß die
Entwicklungsländer diese Technologien schnell
einführen. Wir sollten auch Wege zur Ermutigung von
Forschung und Entwicklung für energieeffiziente und
erneuerbare Energien sondieren - sowohl durch
unseren Privatsektor als auch durch staatliche Finanzierung und Forschung. Die Entwicklung langfristiger Alternativen wird auf dem Weg zu einer

*

Seite 6

tragfähigen Zukunft von entscheidender Bedeutung
sein. Der Kongreß stand an vorderster Front bei der
Förderung von Investitionen des Privatsektors. Wir
würden einen weiteren Dialog darüber begrüßen, wie
unsere Umweltziele durch solche Mechanismen
vorangebracht werden können.
Es ist klar, daß diese Aktionen durchgeführt werden
müssen. Es ist jedoch ebenso klar, daß keiner dieser
wichtigen Schritte von der Administration im Alleingang
unternommen werden kann. Jeder benötigt die
Unterstützung des Kongresses. Die Aufmerksamkeit,
die der Senat dem Klimaproblem widmet, hat die
Bedeutung des Problems und die Notwendigkeit, alle
Länder in die Lösung einzubeziehen, in den Brennpunkt gerückt. Vor diesem Hintergrund müssen wir
jetzt zusammenarbeiten, um diese Lösung zu finden.
Genau das möchte ich jetzt tun.

* * * *

AMERIKA DIENST 21

�WIRTSCHAFT
29. Oktober 1997

Die Auswirkungen der EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Stellvertretenden
US-Finanzministers Lawrence H. Summers vor dem Haushaltsausschuß des Senats vom 21. Oktober 1997.

Guten Morgen. Ich freue mich, hier zu sein. Vor
vierzig Jahren war der Zusammenschluß der europäischen Volkswirtschaften durch die Einführung einer
gemeinsamen Währung das in weiter Ferne liegende
Ziel einige europäischer Denker. Heute scheint dieses
ehrgeizige Projekt kurz vor seiner Realisierung zu
stehen - und erregt hier in den Vereinigten Staaten
große Aufmerksamkeit.
Wie Sie wissen, beschlossen die europäischen Staatsund Regierungschefs 1992 mit der Unterzeichnung
des Maastrichter Vertrags über die Europäische Union
die Einführung einer einheitlichen Währung. Der
Vertrag enthält einen Zeitplan für die Einführung der
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU) bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Seitdem
ist die Umsetzung dieser Pläne ein großes Anliegen
der europäischen Politiker.
In etwas mehr als sechs Monaten kommt das Projekt
mit der Auswahl der ersten Mitglieder der neuen
Währungsunion in sein letztes Stadium. Weitere
knapp sechs Monate später, am 1. Januar 1999,
geben diese Länder die Kontrolle über ihre Währungspolitik und die Umsetzung ihrer Wechselkurspolitik an
die neue europäische Zentralbank ab, und die neue
Währung - der Euro - wird Realität.
Im Jahr 2002 könnte eine Reise durch große Teile
Westeuropas nicht mehr Gänge zum Devisenschalter
einer Bank erfordern als eine Reise quer durch die
Vereinigten Staaten.
Auf den Finanzmärkten herrscht eine wachsende und
weitverbreitete Überzeugung, daß die EWWU eingeführt wird, und daß das pünktlich geschieht. Daher ist
dies für diesen Ausschuß - und für die Vereinigten

AMERIKA DIENST 21

Staaten allgemein - ein äußerst angemessener
Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Dies ist im
Grunde eine europäische Angelegenheit, die von den
Europäern entschieden wird. Die Administration hat es
nie als angemessen für die Vereinigten Staaten
erachtet, sich an Debatten darüber zu beteiligen, ob
eine einheitliche Währung das Richtige für Europa ist,
wie die Struktur einer Währungsunion auszusehen hat
und noch viel weniger, welche Länder ihr angehören
sollten. Ich werde heute nicht von diesem Ansatz
abweichen. Diese Fragen müssen von den Europäern
selbst beantwortet werden. Ich möchte jedoch erörtern, welche Auswirkungen dieses Projekt einer
einheitlichen Währung wahrscheinlich auf die amerikanische Wirtschaft haben wird.
Ich möchte mich bei meinen Ausführungen auf drei
Themenbereiche konzentrieren: Erstens, welche
Auswirkungen die Einführung einer gemeinsamen
Währung auf die Europäische Union als bedeutende
Volkswirtschaft und internationalen Partner der
Vereinigten Staaten haben könnte; zweitens, wie sie
das internationale Finanzsystem als Ganzes beeinflussen könnte und drittens, wie wir uns auf diese
Veränderung vorbereiten.
I.

Die Auswirkungen der EWWU auf Europa und seine Partner

Wie Sie wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu Europa schon seit langem der Grundstein
unserer Wirtschafts- und Außenpolitik. Wir haben das
europäische Streben nach engerer Integration von
Anfang an unterstützt. Die Gründung der Montanunion, des Gemeinsamen Marktes, des Binnenmarktes

Seite 1

�und jetzt die Pläne für eine Erweiterung der EU - all
dies haben wir gefördert, und all dies liegt in unserem
ureigenen Interesse.
Wir haben dasselbe Interesse an der Einführung einer
einheitlichen Währung wie an jeder anderen bedeutenden Entwicklung in Europa. Uns ist damit gedient,
wenn die Wirtschaft dieser Region prosperiert und die
Öffnung von Märkten sowie die Stärkung ihrer Beziehungen zur Weltwirtschaft anstrebt. Europa wird
Vorteile durch eine Wirtschafts- und Währungsunion
haben, die diese Ziele unterstützt - und wenn Europa
prosperiert, erhöht das auch den Wohlstand in den
Vereinigten Staaten.
1.1

Die EWWU und europäisches Wirtschaftswachstum

Ein schnell wachsendes Europa bietet auch einen
dynamischeren Markt für unsere Exporte - und ist
weltweit für uns ein stärkerer Partner. Im vergangenen
Jahr überstieg unser gesamter Warenhandel mit der
EU 270 Milliarden Dollar - womit die EU nur von
Kanada übertroffen wird. Mehr als die Hälfte unserer
ausländischen Direktinvestitionen - nahezu 400
Milliarden Dollar - werden in Europa getätigt. Und wir
verzeichnen dabei einen Aufwärtstrend: Zwischen
1982 und 1995 stieg die Zahl amerikanischer Investitionen in Europa durchschnittlich um ungefähr 11
Prozent - etwas schneller als unsere Investitionen in
der übrigen Welt.
Diese Zahlen zeugen von den zahlreichen Handelsund Investitionsmöglichkeiten, die das Ergebnis der
jüngsten Schritte zu engerer europäischer Integration
sind. Es lohnt sich festzustellen, daß die engere
Abstimmung der Wirtschaftspolitik der einzelnen
Länder und die veränderten Erwartungen an die
Märkte im Zuge der Vorbereitungen auf die EWWU für
viele Länder signifikante wirtschaftliche Vorteile
beinhalten. In Italien sind beispielsweise die langfristigen Zinsen seit Anfang 1993 um 5,5 Prozentpunkte gefallen, da sich das Verhältnis zwischen den
italienischen und deutschen Wertpapierkursen durch

Jahren angestiegen ist. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in der EU betrug letztes Jahr mehr als 11
Prozent - ungefähr das Doppelte von 1979. In manchen Ländern ist jeder vierte Bürger im Alter von
Anfang Zwanzig arbeitslos, während fast die Hälfte der
Arbeitslosen seit mehr als einem Jahr keine Arbeit
mehr hat.
Teilweise als Ergebnis dieser Mängel des Arbeitsmarktes sah sich Europa in den letzten Jahren auch
mit gravierenden haushaltspolitischen Ungleichgewichten konfrontiert. Der Maastrichter Vertrag von 1992
legte Kriterien für den Beitritt zur EWWU fest, die
sicherstellen sollten, daß alle Mitglieder diese Probleme vor ihrem EWWU-Beitritt gelöst haben. Diese
Kriterien haben zahlreiche Regierungen zu beträchtlichen Fortschritten angespornt.
Der von den europäischen Staats- und Regierungschefs vergangenen Dezember in Dublin vereinbarte
Stabilitäts- und Wachstumspakt soll gewährleisten,
daß die Länder ihre Staatsverschuldung weiterhin
streng unter Kontrolle halten, wenn sie der EWWU
angehören. Aber ebenso wie die Vereinigten Staaten
sieht sich jedes europäische Land weiterhin der
Herausforderung der zunehmenden Alterung der
Bevölkerung gegenüber - einer Herausforderung für
die Rentensysteme und das Gesundheitswesen
gleichermaßen.
Die europäischen Regierungen haben wiederholt
darauf hingewiesen, daß sie die notwendigen Strukturreformen durchführen wollen, um die hohe Arbeitslosigkeit und diese drohenden finanziellen Engpässe
anzugehen. Wir haben jedoch gesehen, daß es oft
schwierig war, einen politischen Konsens über diese
Fragen zu erzielen - nicht zuletzt, weil bei vielen die
erforderlichen Reformen den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in Europa treffen, der sich im Laufe
dieses Jahrhunderts entwickelt hat.
Die Einführung der EWWU wird es für die Regierungen
entscheidender machen, diese Strukturreformen in
Europa fortzusetzen, damit dieser Kontinent ein

die erhöhten Erwartungen an einen Beitritt Italiens

stabiles Wachstum genießen kann.

angepaßt hat.
Dieses gestärkte Vertrauen des
Marktes in die italienischen Kapitalanlagen hat die
Darlehenskosten für die Regierung beträchtlich
gesenkt und einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen
Erholung Italiens geleistet.

Schocks für die inländische Nachfrage werden die
einzelnen Mitgliedstaaten der EWWU nicht mehr über
alle Freiheiten verfügen, mit einer Auf- oder Abwertung
ihrer Währungen oder der Senkung beziehungsweise
Erhöhung ihrer Zinssätze zu reagieren. Und angesichts der kombinierten Zwänge des Finanzstabilitätspakts, der bestehenden Schulden und Haushaltsdefizite können sie nicht länger steuerliche Anreize zur
Förderung des Wachstums geben.

Trotz aller positiven Auswirkungen dieser verstärkten
Integration zweifelt niemand daran, daß Europa immer
noch mit ernsthaften wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert ist - die gemeistert werden müssen,
wenn die EWWU erfolgreich sein soll.
An oberster Stelle der Liste steht die hohe Arbeitslosenrate in Europa, die - nur unterbrochen von
gelegentlichen Atempausen - seit den frühen achtziger

Seite 2

Im Falle eines

Sollte der Umgang mit der neuen Währung die Politiker
von der Notwendigkeit der Durchführung grundlegender Reformen ablenken, könnte die verringerte
ökonomische Autonomie der Teilnehmer zu Wachstumsverlusten führen. Das macht es um so ermutigen-

AMERIKA DIENST 21

�der, im gesamten europäischen politischen Spektrum
Stimmen zu hören, die einräumen, daß die EWWU
gelungene Strukturreformen voraussetzt und die Politik
in diese Richtung gehen sollte. Wie wir bei der
jüngsten Flut länderübergreifender Fusionen und
Akquisitionen gesehen haben, reagiert der europäische Privatsektor bereits auf die Erfordernisse der
neuen Situation. Für die Regierungen besteht die
Herausforderung darin, auf dem wachsenden Konsens
zugunsten des Wandels aufzubauen und diesen in zu
echten Strukturreformen führende Bahnen zu lenken.
1.2

Die EWWU und die Rolle Europas in der
Weltwirtschaft

Die EWWU darf die europäischen Politiker ebenso
wenig von ihren innenpolitischen Herausforderungen
ablenken wie von den Europa konfrontierenden
internationalen Herausforderungen. Von besonderer
Bedeutung in diesem Kontext ist die Erweiterung der
EU um verschiedene Länder des ehemaligen sowjetischen Blocks.
Dies ist ein ehrgeiziges Unterfangen, an dessen Erfolg
die US-Regierung interessiert ist. Obwohl die Schwierigkeiten und damit einhergehenden Kosten beträchtlich sein mögen, gilt das ebenso für die potentiellen
Ergebnisse. Die Osterweiterung bietet nicht nur die
Möglichkeit eines Transfers von Technologie und
Kapital, sondern auch von demokratischen und
marktorientierten Institutionen und Kulturen. Sie alle
würden viel dazu beitragen, den Übergang dieser
Länder zu marktwirtschaftlichen Demokratien langfristig zu festigen.
Allgemein wird es in den Jahren nach der Einführung
der EWWU für die Europäische Union sehr wichtig
sein, verbleibende Ängste über die Schaffung einer
"Festung Europa" durch die weitere Öffnung von
Märkten und die Stärkung der Verbindungen zur
Weltwirtschaft zu zerstreuen. Die EWWU wird für die
weitere Entwicklung der G-7 und die Art der Beteiligung Europas an internationalen Organisationen
wie beispielsweise dem Internationalen Währungsfonds bedeutsame Fragen auf werfen. Wir sehen einer
Zusammenarbeit mit der EU bei diesen Fragen im
nächsten Jahr nach der Auswahl der ersten Mitglieder
erwartungsvoll entgegen.
Bestrebungen zur Lösung dieser Fragen müssen ein
übergeordnetes Ziel haben: Daß Europa aus der
EWWU mit der Fähigkeit hervorgeht, bei politischen,
währungspolitischen und anderen Fragen auf der
internationalen Bühne eine aktive, konstruktive Rolle
zu übernehmen. Die logische Schlußfolgerung ist, daß
die europäischen Politiker es vermeiden müssen, sich
zu stark mit dem Aufbau und der Verfeinerung der
Architektur der Währungsunion zu befassen.

AMERIKA DIENST 21

II.

Die zukünftige Rolle des Euro im globalen
Finanzsystem

Die Einführung einer neuen europäischen Währung
am 1. Januar 1999 würde die größte Veränderung im
internationalen Währungssystem seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der
siebziger Jahre darstellen. Es wäre wirklich ein nie
zuvor dagewesenes Ereignis - in der europäischen
Geschichte und in der Weltgeschichte. Zweifelsohne
haben die Vereinigten Staaten großes Interesse an
den Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die
internationalen Finanzmärkte.
In diesem Zusammenhang wurden zwei Themenkomplexe angesprochen: Erstens die Auswirkungen der
EWWU auf die internationale Rolle des Dollar und
zweitens die möglichen Auswirkungen auf den kurzfristigen Handel und die Entwicklung der Wechselkurse. Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im
allgemeinen spekulieren wir nicht über die zukünftigen
Werte existierender Währungen, sei es unsere eigene
oder die anderer Länder. Diese Bescheidenheit
erstreckt sich zweifelsohne auf zukünftige Trends bei
der Bewertung von Währungen, die noch nicht existieren. Nach diesen allgemeinen Einschränkungen
möchte ich jedoch versuchen, ein paar generelle
Beobachtungen zu jedem dieser Themenkomplexe
anzustellen.
11.1

Der Dollar als Reservewährung

Man sollte sich immer wieder vergegenwärtigen, daß
der Stand des Dollar im internationalen Finanzsystem
im Vergleich zu anderen Währungen letztlich immer
stärker von den Entwicklungen in den Vereinigten
Staaten als von denen in anderen Ländern abhängt.
Man könnte sagen, der Schwarze Peter geht von uns
aus und kommt immer wieder zu uns zurück. Wenn
die Vereinigten Staaten entschiedene und glaubwürdige Maßnahmen ergreifen, bleibt der Dollar eine stabile
Währung: Das Schicksal des Dollar liegt großenteils in
unseren Händen.
Obwohl die internationale Verwendung des Dollar in
den siebziger und achtziger Jahren eine leichte
Abnahme verzeichnete, hat sie sich seitdem mehr als
stabilisiert. Im vergangenen Jahr wurden 64 Prozent
der offiziellen ausländischen Währungsreserven in
Dollar gehalten - verglichen mit ungefähr 57 Prozent im
Jahr 1990. Mit Blick auf die Zukunft erscheint der
Dollar einzigartig geeignet, von der charakteristischen
Entwicklung der Weltwirtschaft unserer Zeit und dem
Wachstum entstehender Märkte zu profitieren. Noch
offensichtlicher ist, daß ein sehr großer Teil der
internationalen Währungsreserven in Dollar gehalten
wird und die Mehrheit der grenzüberschreitenden
Transaktionen in Lateinamerika und Asien in dieser
Währung abgewickelt werden.

Seite 3

�Es ist schwierig, mit Sicherheit vorauszusagen, welche
Rolle der neugeschaffene Euro übernehmen wird.
Wer erwartet, daß er schnell an Bedeutung zunimmt,
deutet damit an, daß er die gemeinsame Währung von
Ländern sein wird, die einen beträchtlichen Teil des
globalen Output darstellen. Die Skeptiker weisen
darauf hin, daß die neue Währung keine Leistungen
vorweisen kann und die Investoren zuerst Fortschritte
bei der Preisstabilität sehen wollen, bevor sie eine
Verpflichtung eingehen. Trotz der eindeutigen Unterstützung der Mitgliedstaaten gibt es Zweifel hinsichtlich
des Funktionierens der Währungspolitik innerhalb des
neuen Systems - Zweifel, die letztlich nur von der
Erfahrung ausgeräumt werden.
Wenig Uneinigkeit besteht hinsichtlich der Frage, daß
sich internationale Devisenbestände - politische Fehler
großen Ausmaßes vorbehalten - nicht schnell ändern.
Insbesondere werden sich die europäischen Finanzmärkte nicht über Nacht verändern. Es stimmt, daß
die EWWU nahezu direkt zur Schaffung einer Vielzahl
von Vermögenswerten in Euro führen wird - das
Vielfache der derzeit in D-Mark vorhandenen. Es
erfordert jedoch Zeit, bevor dieses breite Spektrum
dem in den Vereinigten Staaten entspricht oder - vor
dem Hintergrund unterschiedlicher Ansichten über die
Kreditwürdigkeit der einzelnen Staatspapiere - der
Homogenität des amerikanischen Marktes für Staatsschulden.

keine Nation oder Region ihren Weg zu Wohlstand
abwerten kann. Im Verlauf dieses Jahrhunderts haben
wir gelernt, daß konkurrierende Abwertungen angesichts schlechter Bedingungen im Inland ein unzulänglicher Ersatz für konzertierte Anstrengungen zur
Inangriffnahme der innenpolitischen Wurzeln des
Problems sind. Das Gleiche gilt für Europa nach der
EWWU. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig,
daß das Wachstum auf festen Fundamenten steht einschließlich einer soliden und breitgefächerten
Binnennachfrage.
Und schließlich haben viele der Besorgnis Ausdruck
verliehen, daß die Finanzmärkte während der Übergangsphase zur EWWU ungewöhnlich großen
Schwankungen ausgesetzt sein könnten. In Anbetracht der Größenordnung der Veränderungen ist
dies keine unberechtigte Sorge. Wir glauben jedoch
nicht, daß es einen inhärenten Grund gibt, aus dem die
bisher angekündigten Vorbereitungen für eine einheitliche Währung eine beträchtliche Erhöhung der
Schwankungen auslösen könnten. Auf jeden Fall
sollte eine solche Erhöhung mit der Zeit abebben,
während sich die Märkte an das neue Umfeld gewöhnen.

Die wichtigsten europäischen Volkswirtschaften setzen
ihre Wechselkurse seit einiger Zeit untereinander fest,
wobei die Tendenz zu Schwankungen gering ist. In
diesem Sinne haben die Länder Europas bereits seit

Andere haben dargelegt, daß die EWWU langfristig zu
größeren Wechselkursschwankungen führen wird, weil
die Regierungen eine entspanntere Haltung gegenüber
Wechselkursfluktuationen einnehmen könnten. Die
logische Begründung ist, daß Wechselkursstörungen
auf kleine, offene Volkswirtschaften größere Auswirkungen haben. Europa ist aus einzelnen kleineren
Volkswirtschaften mit einem höheren Prozentsatz
zwischen Handel und Bruttoinlandsprodukt zusammengesetzt als die Vereinigten Staaten und ist aus
diesem Grund mehr an einer Dämpfung der Instabilität
des Wechselkursmarkts interessiert. Wenn die EWWU
eingeführt wird, werden die Mitglieder jedoch Teil einer
kollektiven Einheit sein, die ungefähr die Größe der
amerikanischen Volkswirtschaft mit einem ähnlichen
Handelsniveau haben wird. Daher wird argumentiert,
daß die europäischen Regierungen größere Wechselkursfluktuationen zulassen werden - eben weil dies ein

einigen Jahren eine gemeinsame Währungspolitik.

kleineres Problem ist.

Der generelle Ansatz jedes Landes spiegelt die
Erkenntnis wider, daß eine starke Währungspolitik
unerläßlich ist, um ein gesundes Umfeld für Investitionen und Wachstum zu schaffen - Investitionen und
Wachstum, die Europa benötigt, wenn es ernsthaft
gegen die Arbeitslosigkeit vorgehen will. Wir begrüßen
die weitverbreitete Erkenntnis der europäischen
Regierungen, daß eine solide Währungspolitik durch
ein starkes Finanzsystem und eine solide Haushaltspolitik unterstützt werden muß - und starke, unabhängige Zentralbanken voraussetzt.

Man könnte spekulieren, daß dies geschieht, und man
könnte dennoch argumentieren, daß die EWWU die
Wechselkursinstabilität tatsächlich dämpft, indem sie
die Versuchung verringert, kontraproduktive Bestrebungen zur Kontrolle der Wechselkurse zu unternehmen. Die bloße Bandbreite dieser Vorhersagen ist ein
Grund zur Vorsicht.

Selbst wenn es in den Jahren nach der EWWU
Bewegung in diese Richtung gäbe, würden unsere
Finanzmärkte zweifelsohne die liquidesten der Welt
bleiben. Vor diesem Hintergrund ist es sehr unwahrscheinlich, daß die Einführung des Euro in absehbarer
Zukunft bedeutende Auswirkungen auf die Kreditkosten in den Vereinigten Staaten haben wird.
11.2

Handel und Wechselkursschwankungen

Mit Blick auf die Zukunft sollten die Europäer sich
bewußt werden - was viele bereits getan haben - daß

Seite 4

Ich wiederhole - es ist absolut möglich, daß die EWWU
eher eine Kraft der Kontinuität sein wird. Schließlich
wird die externe Wechselkurspolitik der EWWUMitglieder wahrscheinlich der aktuellen deutschen
Politik sehr nahe sein, die auch der Japans und der
Vereinigten Staaten ziemlich ähnlich ist. Unter den

AMERIKA DIENST 21

�führenden Währungen wird es immer noch ein flexibles
Wechselkurssystem geben, das nicht auf bestimmte
Wechselkursniveaus abzielt. Und wir werden immer
noch einen effektiven Prozeß der Zusammenarbeit bei
der Währungs- und Wechselkurspolitik beibehalten,
wenn die Umstände solche Bestrebungen nahelegen.
IM.

Vorbereitungen auf die EWWU
Vereinigten Staaten

in den

Die EWWU ist in vieler Hinsicht ein umfangreiches und
ehrgeiziges Projekt. Allein die Größenordnung der
Veränderungen gibt Grund zur Sorge, daß etwas
falsch laufen könnte, jedoch keinen Grund, daß etwas
falsch laufen wird. Das Finanzministerium, die Bundeszentralbank und andere Behörden beobachten die
Entwicklungen sorgfältig, haben jedoch keinen Anlaß
zu der Vermutung, daß die Ereignisse eine ungewöhnliche Reaktion unsererseits erfordern werden.

Informationsmanagement sehr viel tun - Arbeit, die
angesichts der Nähe der EWWU wahrscheinlich in den
kommenden Monaten beschleunigt werden muß.
Es wurde beispielsweise Besorgnis über die speziellen
Schwierigkeiten bei der Vorbereitung von Computersystemen für die EWWU geäußert - Probleme, die in
vieler Hinsicht denen für das Jahr 2000 vorhergesehenen vergleichbar sind. Diese Probleme und durch die
Einführung einer einheitlichen Währung aufgeworfene
Rechtsfragen könnten erforderlich machen, daß Bankund Wertpapieraufsichtsbeamten die Aufmerksamkeit
auf das Problem lenken und sicherstellen, daß die
Firmen zur Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber Kunden
und Handelspartnern bereit sind. Obwohl ich den
amerikanischen Unternehmen nicht garantieren kann,
daß die EWWU wie versprochen eingeführt wird,
möchte ich ihnen raten, vorbereitet zu sein.
IV.

Die europäischen Regierungen, die Zentralbanken und
der Privatsektor treffen praktisch alle Vorbereitungen
für dieses Projekt. Vertreter des Finanzministeriums
und der Bundeszentralbank kommen mehrere Male
pro Jahr auf vielen Ebenen mit ihren europäischen
Amtskollegen zusammen. Es überrascht nicht, daß die
EWWU im vergangenen Jahr ein wichtiges Thema
dieser Diskussionen war. Ich möchte hinzufügen, daß
die Regierung der Vereinigten Staaten bei den meisten
Vorbereitungen für die EWWU keine direkte Rolle
spielt.
Für Privatunternehmen, die aktiv am internationalen
Handel, an Finanztransaktionen beteiligt oder in
Europa tätig sind, ist es anders. Sie müssen in den
Bereichen Rechnungs- und Finanzwesen sowie

*

AMERIKA DIENST 21

Schlußfolgerung

Ich möchte mit dem Punkt abschließen, mit dem ich
begonnen habe. Die Vereinigten Staaten haben ein
starkes wirtschaftliches und sicherheitspolitisches
Interesse an einem stabilen und wohlhabenden
Europa - das unser Interesse an einer Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion weckt, die der Region
die Stärke und das Vertrauen vermittelt, die sie
benötigt, um die Reformen und die weitere Integration
ihrer Wirtschaft in die der übrigen Welt fortzusetzen.
Ich sage gerne, wenn die EWWU für Europa funktioniert, wird sie auch für die Vereinigten Staaten funktionieren. Je mehr die einheitliche Währung Europa bei
der Entwicklung einer robusten und gesunden, für die
Weltmärkte offenen Wirtschaft behilflich ist, desto
willkommener wird das Projekt sein.

* * *

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

Deutschland und Amerika:
Eine selbstverständliche Partnerschaft
vor neuen Herausforderungen
von Botschafter John Kornblum
DESSAU - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des amerikanischen Botschafters John Kornblum bei
der vierten American Business Conference in Schloß Köthen am 17. Oktober 1997.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
zu unserer vierten American Business Conference
möchte ich Sie herzlich begrüßen. Der Aufbau Ost und
die Förderung amerikanischer Investitionen in den
neuen Bundesländern bleibt uns ein wichtiges
Anliegen. Diese Konferenz soll in Zusammenarbeit mit
unseren deutschen Partnern amerikanischen Firmen
neue attraktive Betätigungsfelder in den neuen
Bundesländern aufzeigen und das schon beträchtliche
amerikanische Engagement im Osten Deutschlands
festigen.
Die Tatsache allein, daß wir uns zum vierten Mal
treffen, zeigt, daß wir nach dem Ende des Kalten
Krieges dabei sind, neue Tradition zu entwickeln. Wir
alle, Sie und ich, wirken an der Neudefinition unserer
Beziehungen mit.
Das Neue stellt sich nicht zufällig und spontan ein. Es
bedarf der Überlegung und Reflexion. Wir müssen die
Richtung angeben, aus der wir kommen und in die wir
gehen möchten.
Natürlich nehmen die Wirtschaftsbeziehungen nach
Ende des Kalten Krieges einen neuen Stellenwert ein.
Diese Konferenz und Ihre Anwesenheit sind der beste
Beleg dafür. Doch werden auch sie nur florieren, wenn
sie in einen Rahmen des historischen Bewußtseins der
politischen
Bedeutung
unserer
Kooperation
eingebunden sind.
Aus diesem Grund möchte ich den Auftakt zur
diesjährigen Konferenz in Sachsen-Anhalt zum Anlaß
nehmen, nicht nur über die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen unseren Nationen, sondern über unser

AMERIKA DIENST 21

Verhältnis in seiner ganzen Breite und in seinem
historischen Kontext zu sprechen.
Ich betrachte Deutschland und Amerika als
selbstverständliche Partner. Das galt für die Zeit des
kalten Krieges und das gilt auch heute.
Darum
entbehrt auch all das Gerede und Geraune um eine
Entfremdung zwischen Deutschland und Amerika nach
Ende des Kalten Krieges jeglicher Grundlage.
Warum sind wir selbstverständliche Partner? Natürlich
spielt hier die Geschichte eine Rolle. Wir waren dies
nicht immer, wie zwei Weltkriege in diesem
Jahrhundert gezeigt haben. Aber der demokratische
Wiederaufbau Deutschlands und das Zusammenstehen während der kommunistischen Bedrohung
haben unsere Nationen sehr nahe gebracht.
Sicherlich hat sich in dieser Zeit die viel beschworene
Wertegemeinschaft gebildet.
Aber was die
Selbstverständlichkeit der Partnerschaft in der
Nachkriegszeit begründet hat, ist - so glaube ich - der
pragmatische Umgang mit diesen Werten im
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Alltag.
Dieser Pragmatismus, der in Amerika vielleicht schon
seit Pioniertagen verankert ist und ja auch in einer
philosophischen Schule Ausdruck gefunden hat, ist
unseren Völkern gemeinsam.
Seit wir ihn in der
Nachkriegszeit als Basis des gemeinsamen Handelns
entdeckt haben, hat er uns erlaubt, ohne ideologische
Grundsatzstreitigkeiten zu tragfähigen Lösungen aller
dringlicher Probleme zu kommen.
Ich kenne jedenfalls keine andere Nation, mit der wir
selbst bei Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen so

Seite 1

�schnell zu tragfähigen und zukunftsweisenden
Lösungen kommen können. Diese Fähigkeit macht
Deutschland und die USA zu selbstverständlichen
Partnern.
Die Liste von Erfolgen, mit der ich diese These
belegen könnte, ist lang. Sie reicht von der Abwehr
kommunistischer Pressionen wie der Berlin-Blockade
in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur
Zusammenarbeit bei der Erweiterung der NATO heute.
Aber der größte Erfolg der pragmatischen
Partnerschaft ist die Wiedervereinigung Deutschlands
gewesen.
Daran müssen wir uns bei dieser
Konferenz erinnern, denn ohne diesen Erfolg wären
wir heute nicht hier. Die deutsche Wiedervereinigung
hat sicherlich viele Väter: Die völlige Diskreditierung
des Totalitarismus, sein wirtschaftlicher Zusammenbruch und der Mut und die Entschlossenheit der ihm
unterworfenen Bürger, ihn mit friedlichen Mitteln zu
beseitigen.
Bundeskanzler Kohls Entschlossenheit, die deutsche
Einheit herbeizuführen und die vorausschauende
Politik von Michael Gorbatschow sind sicherlich
entscheidende Faktoren gewesen.
Aber ohne
amerikanisches Zutun wäre die Vereinigung auch nur
schwer vorstellbar gewesen.
Die Vereinigten Staaten hatten keine Bedenken oder
Furcht vor einem wiedervereinten Deutschland. Ja,
wir Amerikaner waren davon überzeugt, daß die
Wiedervereinigung ein berechtigtes Anliegen ist und
daß sie dem Frieden in Europa dienen würde.
Wir haben den Wiedervereinigungsprozeß deshalb
vorbehaltslos unterstützt. Wir wollten ihn aber auch
steuern und in einem stabilen Rahmen halten, der die
Interessen aller Beteiligten berücksichtigt. Dies haben
wir zuerst durch die Prinzipien getan, die Präsident
Bush Ende 1989 formuliert hat, wozu vor allem das
Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes und
der Vollzug der Vereinigung im Rahmen der deutschen
Mitgliedschaft in der NATO und anderen europäischen
Organisationen gehörten.
Zweitens, haben wir einen Verhandlungsrahmen
vorgeschlagen, die sogenannten Zwei-Plus-VierVerhandlungen, die das internationale Fundament für
den Vereinigungsprozeß legten. Die amerikanische
Präsenz und strategische Partizipation waren damit
gesichert. Und schließlich konnten wir auch Rußland
dafür gewinnen.
Deutsche und Amerikaner zogen hierbei von Anfang
an an einem Strang. Unsere enge Zusammenarbeit
mündete in eine pragmatische Strategie zur
Überwindung der Teilung Deutschlands.

Seite 2

Als jemand, der sein ganzes professionelles Leben an
der Überwindung des europäischen Totalitarismus
gearbeitet hat, erfüllt mich dieser Erfolg mit großer
Genugtuung und Stolz. Die deutsche Vereinigung hat
in eindrucksvoller Weise die Selbstverständlichkeit
unserer Partnerschaft bestätigt.
Ich habe viel Verständnis für die praktischen
Probleme, die das Zusammenwachsen der beiden
Hälften Deutschlands mit sich bringt. Ich habe aber
überhaupt kein Verständnis für Kleinmut und
Wehleidigkeit.
Die Vereinigung hat nämlich das
geschaffen, was Deutsche und Amerikaner als
wesentliche Voraussetzung ihrer Partnerschaft und der
Organisation des gesellschaftlichen Lebens ihrer
Länder ansehen: Freiheit für alle Menschen in
Deutschland und Europa.
Nur in Freiheit sind politische Selbstbestimmung und
sinnvolles Zusammenleben möglich, nur in Freiheit
sind produktive wirtschaftliche Betätigung und
Prosperität möglich, nur in Freiheit kann sich kulturelle
Kreativität entfalten.
Ich werde nicht so schnell vergessen, wie ich in den
achtziger Jahren nach Dessau kam und dort das
Bauhaus suchte.
Kein Hinweisschild machte auf
diese
zentrale
Institution
der
westlichen
Architekturgeschichte aufmerksam. Man mußte sich
mühevoll
durchfragen,
um
das
offizielle
Schweigegebot der kommunistischen Machthaber zu
durchbrechen.
Heute sind Dessau und das Bauhaus wieder Teil der
freien Welt, wie die neuen Bundesländer Teil der
freiheitlichen Demokratien und einer freiheitlichen
Wirtschaftsordnung sind. Möglich wurde dies auch
durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit
zwischen Deutschland und Amerika.
Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir die
deutsche Vereinigung bewältigt haben, müssen wir
auch die zukünftigen Aufgaben anpacken.
Dazu
gehört auch der wirtschaftliche Wiederaufbau in den
neuen Bundesländern, der ja schon in erstaunlichem
Maße fortgeschritten ist.
Ich war letzte Woche mit Kanzler Kohl bei der
Einweihung der Guardian Glas-Fabrik, die viele von
ihnen heute auch besucht haben. Ich denke, daß sie
nicht umhin konnten, von der zukunftsweisenden
Modernität der Anlagen beeindruckt zu sein. Hier in
den neuen Ländern entstehen augenblicklich die
modernsten Industriestrukturen in Europa. Und das
sollte uns Hoffnung geben.
Amerikanische Firmen sind an dem industriellen
Aufbauprozeß als größter ausländischer Investor an
vorderster Front beteiligt. Die Zahlen brauche ich hier
nicht zu wiederholen. Das Opel-Werk ist eines der

AMERIKA DIENST 21

�modernsten in Europa und der ganzen Welt.
Der
Landmaschinenhersteller Case wird in Sachsen sein
Zentrum für die Erschließung des osteuropäischen
Marktes einrichten.
Guardian
und
Case
folgen
dem
Beispiel
herausragender Firmen wie Dow Chemical, Advanced
Micro Devices und Morrison-Knudsen.
Ich bin mir
sicher, daß sie nicht die letzten sein werden.
Wir wissen natürlich alle, daß es noch viel zu tun gibt,
insbesondere was den Arbeitsmarkt und eine
nachhaltige, sich selbst tragende, industrielle Struktur
anbelangt.
Aber die enormen Fortschritte, die der Aufbau Ost
sieben Jahre nach der Vereinigung gebracht hat, sind
unübersehbar: Die neuen Länder bieten eine moderne
Infrastruktur, in einigen Bereichen sogar moderner als
im
Westen,
die
Produktivität
hat
erheblich
zugenommen, und die Qualität der Produkte braucht
keinen Vergleich mehr zu scheuen.
Auch dem
Raubbau an der Umwelt ist ein Ende gesetzt worden.
Das reale Bruttoinlandsprodukt ist seit 1991 um 39
Prozent gestiegen, die Lebensverhältnisse der Bürger
haben sich dem westlichen Niveau stark angenähert.
Die neuen Länder sind ein höchst attraktiver Markt mit
zahlungskräftigen Konsumenten.
Was Investoren vor allem aber anziehen sollte, ist die
Tatsache, daß die neuen Länder in den letzten sieben
Jahren einen grundlegenden und schmerzlichen
Strukturwandel durchgemacht haben. Hier im Osten
war man bereit, Wandel unter großen Opfern zu
akzeptieren, der in den alten Bundesländern auf
großen Widerstand gestoßen wäre.
Darum sind ständiges Klagen, Wehleidigkeit und
Nostalgie völlig fehl am Platz. Hier sind Menschen,
die veränderungsbereit sind, die offen sind für neue
betriebliche Strukturen, neue Vertriebsformen und vor
allem für neue Ideen. Hier gibt es die Bereitschaft,
Risiken und Wagnisse einzugehen. Die neuen Länder
sind nicht die Region der Stagnation in Deutschland,
sondern der Veränderung!
Welche Rolle können die Vereinigten Staaten beim
wirtschaftlichen
Aufbauprozeß
in
den
neuen
Bundesländern spielen? Es dürfte uns allen klar sein,
daß staatliche Hilfe und Staatsinterventionen nicht die
Antwort sein können. Die Hauptlast, aber auch die
Hauptchancen, müssen von privaten Unternehmen
getragen werden. Ich glaube, daß dies auch der
langfristige Trend der deutschen Politik gegenüber den
neuen Bundesländern ist - selbst bei Fortbestand der
effektiven staatlichen Förderungsprogramme.

Dienstleistungsorientierung und eine flexible Mischung
von Vermarktungs- und Herstellungsmethoden. Sie
sind deshalb besonders in der Lage, Anstöße für neue
Strategien zu geben, internationale Märkte zu
erschließen und so die neuen Länder besser in den
globalen Markt zu integrieren.
Einen großen Beitrag zum Wiederaufbau
in
Ostdeutschland
könnten
vor
allem
kreative
Finanzierungsintrumente leisten, insbesondere die
größere Verfügbarkeit von Wagnis- und Risikokapital.
Amerikanische Finanzinstitute und Investitionsbanken
haben große Erfahrung auf diesem zukunftsträchtigen
Gebiet.
In den Vereinigten Staaten gehen etwa 60 Prozent des
Risikokapital in Zukunftindustrien, in den Hightech- und
Biotechbereich. Das heißt, die Verfügbarkeit des
Risikokapitals schafft die Industrien der Zukunft. Da in
den neuen Bundesländern die Verfügbarkeit von
Risikokapital ein besonderes Problem ist, denke ich,
daß amerikanische Bankhäuser und Investoren mit
ihrer Bereitschaft, Risiken einzugehen und ihren
kreativen Finanzierungsmechanismen eine besonders
nützliche Rolle spielen können.
Die Mobilisierung von Risikokapital ist deshalb eines
der wichtigen Themen unserer Konferenz.
Ein
anderes Thema werden Investitionen in den
Umweltschutz sein. Trotz sehr großer Fortschritte
bleibt die Umweltsanierung in Ostdeutschland ein
wichtiger Bestandteil des Aufbau Ost. Beispiele sind
die
vielen
Industriebrachen,
die
enormen
Umweltschäden,
die
die
Besatzungstruppen
hinterlassen haben, und die Konsequenzen der
Braunkohleförderung im Tagebau. Hier geht es nicht
nur darum, die Umweltschäden zu beseitigen, sondern
Gebiete für Neuinvestitionen und Industrieansiedlung
zu erschließen.
Amerikanische Firmen können hier maßgeschneiderte
Lösungspakete anbieten, die sich auf innovative
integrierte
Umwelttechnologie
stützen,
die
Verschmutzung an der Quelle bekämpft, anstatt teure
Nachrüstungsverfahren
zu
benutzen.
Für
amerikanische Firmen bieten sich die neuen
Bundesländer als ein wichtiger Standort an, um auch in
Osteuropa
Fuß zu fassen, wo der
größte
Nachholbedarf an Umwelttechnologie besteht.
Die neuen Bundesländer sind ein attraktiver Standort.
Wie
verträgt
sich
diese
Aussage
mit
der
Standortdebatte? Lassen Sie mich nur soviel hierzu
sagen. Ich habe wenig Anlaß für eine Standortschelte.
Das deutsche Wirtschaftsmodell ist eines der
erfolgreichsten in der modernen Wirtschaftsgeschichte
gewesen. Angesichts des globalen Wettbewerbs sind
Anpassungen sicherlich erforderlich.

Amerikanische Firmen bieten innovative Produktionsund Herstellungsverfahren, eine starke Kunden- und

AMERIKA DIENST 21

Seite 3

�Deutschland ist dabei, eine Vielzahl von Maßnahmen
zur Verbesserung der Standortbedingungen zu
ergreifen. Der Bundeskanzler selbst hat die Initiative
ergriffen, um ein Finanzmarktförderungsgesetz und
eine Aktienrechtsreform auf den Weg zu bringen. Er
war dabei sehr offen für amerikanische Anregungen.
Deutschland wird ein besserer Standort.
Gleichzeitig liegt mir nichts ferner, als ein
amerikanisches Modell zu propagieren oder für alle
gültige Patentlösungen aus Amerika anzubieten. Die
haben wir nicht. Unsere Länder haben alle spezifische
Probleme und ihre eigenen Traditionen und
Erwartungen. In Deutschland etwa ist das Bedürfnis
nach kollektiver sozialer Absicherung höher entwickelt
als in den USA. Das muß man respektieren. Zur
selbstverständlichen Partnerschaft gehört eben auch,
daß jeder seine eigenen Lösungswege bei der
Bekämpfung von wirtschaftlichen Problemen geht.
Wichtig ist nur, daß das endlose Reden und
Debattieren aufhört und Handeln an die Stelle von
Worten tritt. Belastend für unser Verhältnis wäre nur
ein Deutschland, das in politische Lähmung verfällt.
Doch ist diese Gefahr sehr gering. Auf meinen Reisen
und bei meinen Gesprächen in Deutschland treffe ich
nur auf Menschen in der Politik und in der Wirtschaft,
die veränderungswillig sind. Ich habe keine Zweifel
daran, daß Deutschland die Herausforderungen der
Zukunft meistern wird.
Wie sollen sich unsere Beziehungen in der Zukunft
entwickeln? Die Basis ist gelegt und tragfähig, die
Beziehungen, wie ich sie beschreibe, sind
selbstverständlich geworden. Gerade deshalb aber
dürfen sie nicht in Routine erstarren. Sie brauchen
ständig neue Impulse - aus der Politik, aus der
Wirtschaft und aus der Kultur.
Die neuen Länder sind ohne Zweifel eine Tatsache,
die uns veranlassen sollte, ausgetretene Routinepfade
zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. Wenn
es um neue Formen der wirtschaftlichen Kooperation,
des wissenschaftlichen Austauschs oder der
Zusammenarbeit im Umweltschutz geht, dann sollen
die neuen Länder an vorderster Front stehen.
Die Wiedervereinigung hat den Horizont der
deutsch-amerikanischen Beziehungen erweitert und
für neue Handlungsfelder gesorgt. Dies wird sich noch
mehr mit dem Umzug der Regierung und unserer
Mission nach Berlin zeigen, wenn die neuen Länder
praktisch vor unserer Haustür liegen.
Deutschland und Amerika werden weiterhin in
selbstverständlicher Partnerschaft verbunden bleiben,
aus dem einfachen Grund, daß es häufig kein
besseres Tandem bei der Lösung vieler Probleme gibt.
Dies hat sich gerade bei grundlegenden

Seite 4

außenpolitischen
Fragen erwiesen, wie der
Friedenserhaltung in Bosnien, der Erweiterung der
NATO oder der Zusammenarbeit bei der Stabilisierung
der Ukraine.
Das gilt auch für neue Herausforderungen wie den
Klimaschutz, die Bekämpfung des internationalen
Verbrechens, der Bestechung und des Drogenhandels.
Die Aufrechterhaltung eines freien
Welthandelssystems, die Vermeidung von Finanzkrisen im internationalen Weltwährungssystem und die
Förderung von Marktwirtschaft und Demokratie in
Rußland und den anderen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion sehen Deutschland und Amerika als
Projekte von überragendem gemeinsamen Interesse.
Natürlich wird es manchmal
innenpolitische
Widerstände geben.
Die "Innenpolitiker" haben
gelegentlich andere, aber durchaus
legitime
Prioritäten. Das gilt für den amerikanischen Kongreß
wie für den Bundestag und die dort vertretenen
Parteien. Aber seit dem Zweiten Weltkrieg haben die
innenpolitisch orientierten Kräfte verstanden, daß sie
nicht die Agenda in den internationalen Beziehungen
bestimmen können. Ihren Anliegen und Bedenken
muß Rechnung getragen werden, aber sie sind weise
genug, auf beherrschenden Einfluß zu verzichten.
Das gilt für unsere beiden Nationen und sichert unsere
Handlungsfähigkeit.
Die Vereinigten Staaten haben immer den
europäischen Integrationsprozeß unterstützt, weil er
ein unverzichtbarer Garant der Stabilität in Europa ist.
Dazu gehört das Ziel, eine gemeinsame Währung
einzuführen. Wir wünschen, daß Europa enger
zusammenwächst und noch effizientere Märkte
hervorbringt.
Unsere Unternehmen haben vom Binnenmarkt
genauso profitiert wie europäische Unternehmen. Wir
hoffen, daß die Kooperationsfähigkeit in der
internationalen Währungspolitik voll erhalten bleibt.
Auch dies ist ein Gebiet, wo Deutschland und Amerika
identische Interessen haben.
Als größtes und wichtigstes Mitgliedsland in der EU hat
Deutschland so viel Gewicht, daß wir auf einen Dialog
mit Deutschland in EU-Angelegenheiten gar nicht
verzichten können. Starke Beziehungen zwischen den
USA und Deutschland stärken auch die Europäische
Union. Es gibt kein Nullsummenspiel zwischen guten
deutsch-amerikanischen Beziehungen und guten
Beziehungen zwischen der EU und den USA.
Vielmehr sind beide feste Bestandteile eines
lebendigen transatlantischen Verhältnisses.
Vor uns stehen große Aufgaben. Meiner Ansicht nach
können diese Aufgaben nur zu einer Intensivierung der
Beziehungen führen.
Die Agenda wird sich
ausweiten, nicht schrumpfen.
Die Schwerpunkte

AMERIKA DIENST 21

�werden sich dabei möglicherweise etwas verschieben.
Wirtschaftsfragen werden einen größeren Stellenwert
einnehmen. Aber an der Zentralität und an der
Selbstverständlichkeit der Beziehungen wird sich
nichts ändern.
Unsere Beziehungen werden bei sich verändernden
Problemen und Herausforderungen immer wieder
Neudefinitionen unterworfen sein, aber keiner
Grundrevision, sondern einem ständigen Prozeß des

"finetuning". Dieses "finetuning" ist kein natürlicher
Prozeß, dem wir ausgesetzt sind, sondern wir alle
können ihn aktiv gestalten. Diese Konferenz ist eine
von vielen Gelegenheiten, an ihm mitzuwirken, und wir
sollten diese Gelegenheit heute und morgen nicht
verstreichen lassen.
Ich danke Ihnen und wünsche unserer Konferenz den
besten Erfolg.

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

John C. Kornblum im Sender Freies Berlin

Interview mit dem amerikanischen Botschafter

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 30. September 1997 nach seinem
Antrittsbesuch beim Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, im Sender Freies Berlin gab.

Frage: Neuer Amerikanischer Botschafter in Deutschland, John Kornblum. Was macht eine Metropole aus,
und wie weit sind wir hier in Berlin von wahrer Internationalität noch entfernt? Oder sind wir sogar schon
Mittelpunkt für Wissenschaft, Kultur und Ideen Europas?
John Kornblum, der neue Botschafter der Vereinigten
Staaten in Deutschland, Jahrgang 1943, Großeltern
aus Ostpreußen Ende des vorigen Jahrhunderts nach
den Vereinigten Staaten ausgewandert. Europa,
Deutschland und besonders Berlin sind der Dreh- und
Angelpunkt einer Karriere, die Mitte der sechziger
Jahre in Hamburg begonnen hatte als amerikanischer
Vizekonsul. Jetzt muß man ganz lange ausholen:
Mitwirkender sind Sie gewesen beim Aushandeln des
Viermächteabkommens, politischer Chef der Berliner
US-Mission, Amerikas Botschafter bei der NATO,
KSZE, Leiter der Abteilung für europäische und
kanadische Angelegenheiten im State Department,
Chefunterhändler für Bosnien und jetzt in Deutschland.
Herr Kornblum, Peter Ustinov, der Spötter, hat kürzlich
gesagt, Diplomaten sind nichts anderes heutzutage
mehr als Oberkellner, denen es erlaubt ist, sich hin
und wieder zu setzen. Ist das tatsächlich eine stimmende Beschreibung?
Kornblum: Nein, ist es nicht. Bei der Bewirtung von
Gästen haben wir doch viel zu tun. Ich habe das
gerade heute in Berlin noch mal gesehen. Aber ich
behaupte - und ich glaube, ich habe auch Recht Botschafter und Diplomaten sind sogar wichtiger
geworden.

AMERIKA DIENST 21

Frage: Warum?
Kornblum: Weil durch die Medien - durch Fernsehen,
aber auch zunehmend durch das Internet - die Kommunikation zweifellos schneller wird. Aber das heißt,
die Möglichkeiten von Mißverständnissen werden
ebenfalls größer. Man sieht also - und es ist mir auch
bei Bosnien mehrmals passiert - man sieht ein Zweisekundenstück auf CNN und sagt: Aha, da ist etwas
passiert. Und wenn man schnell schaltet und sagt,
dann sagen wir denen die Meinung, ohne einen
Botschafter oder jemand anderen vor Ort, ohne
jemanden, der vielleicht doch Cocktailpartys gegeben
hat oder, wenn er gut ist, Essen gegeben hat oder
Gespräche mit den Menschen geführt hat, ein wenig
Vertrauen gewonnen hat. Wenn man das alles nicht
hat, dann kann man sehr sehr schnell zu Mißverständnissen und teilweise zu großen Konfrontationen
kommen. Also Botschafter sind sehr wichtig, aber sie
müssen natürlich ihre Aufgabe verstehen.
Frage: Heutzutage telefoniert Helmut Kohl mit Bill
Clinton direkt. Sie tauschen sich aus. Was hat der
Botschafter da für eine Rolle?
Kornblum: Der Botschafter hat da folgende Rolle:
Erstens, in diesem Fall, Helmut Kohl gut zu kennen,
die Agenda auch gut zu kennen, Bill Clinton auf diesen
Anruf vorbereitet zu haben. Auch nachher, nachdem
das Gespräch vorbei ist - sie reden sehr selten länger
als fünf oder vielleicht zehn Minuten - die Vereinbarungen durchzuführen oder auch die Differenzen
irgendwie zu glätten. Wie gesagt, die Existenz eines
Telefons bedeutet nur, daß die führenden Staatsleute

Seite 1

�öfter miteinander reden können. Aber es ist auch nicht
ihre Rolle, nachher die Arbeit zu machen.
Frage: Willy Brandt hat 1989 gesagt: "Nichts mehr
wird so sein, wie es war." Das ist eingetreten. Welche
Rolle hat Deutschland unter den neuen Bedingungen
aus der Sicht der Vereinigten Staaten?
Kornblum: Ich glaube, man muß die ganze Sache in
einem möglichst großen Kontext sehen. Man kann
nicht sagen, welche genaue Aufgabe Deutschland jetzt
hat. Das geht nicht. Deutschland ist, wie wir wissen,
in diesem Jahrhundert ein dramatisches Land gewesen, ein Land mit sehr vielen Höhepunkten, aber auch
den wahrscheinlich tiefstmöglichen Tiefpunkten. Und
das ist teilweise auf Entwicklungen innerhalb Deutschlands zurückzuführen, aber auch auf die ganze
europäische Konstruktion. Was ist für Amerika jetzt
am Ende des Jahrhunderts wichtig? Wir wollen
erstens natürlich, daß es Frieden gibt. Wir wollen, daß
es einen demokratischen Frieden gibt. Wir wollen
auch, daß die Völker Europas - nicht nur bis zur Oder,
sondern bis Moskau - in Demokratie, Frieden und
Wohlstand leben. Um all dies zu erreichen, muß es
Zusammenarbeit und Stabilität geben. Und wenn wir
unsere Agenda zusammenstellen, müssen wir fragen,
welche Punkte für uns wichtig sind. In sehr vielen
Fällen - nicht immer, es gibt auch Bereiche, wo
Deutschland nicht so direkt beteiligt ist - in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist Deutschland einer
der wichtigsten Partner, die wir haben.
Frage: Deutschland mußte in der Vergangenheit - die
Bundesrepublik Deutschland, die alte - außenpolitische
Aktionsräume eigentlich nicht durchmessen. Sie war
ein Trittbrettfahrer, nicht zuletzt der Vereinigten
Staaten. Jetzt kommt eine eigene Verantwortung auf
dieses Land zu. Wenn Sie jetzt, der Sie Deutschland
sehr gut kennen, die mentale Situation der Deutschen
heute einschätzen: Sind sie für diese größere Verantwortung, die sie wahrnehmen müssen, gerüstet?
Kornblum: Es wäre auch nicht richtig, wenn Deutschland auf einmal eine andere Verantwortung bekommen
würde.
Deutschland hatte immer eine wichtige
Verantwortung. Sie war nur anders definiert. Die
Tatsache, daß das Land in Demokratie und Freiheit
wiederaufgebaut ist, war auch schon eine wichtige
Aufgabe für Europa. Es ist zehn Jahre her, seit ich
Berlin im Sommer 1987 verlassen habe. Wenn ich
jetzt hierher komme, spüre ich, rieche ich ein Land,
das neu gemacht wird. Hier in Berlin natürlich eine
Stadt, die vor unseren Augen neu gebaut wird. Aber
auch Deutschland wird kräftig durchgeschüttelt. Und
ich glaube, da ist ein Prozeß im Gange, bei dem man
nicht weiß, was am Ende herauskommt. Aber man
kann sehen, daß Deutschland Schritt für Schritt eine
andere Rolle für sich definiert, und daß die Erfüllung
dieser Rolle auch vorangeht, z.B. die Rolle der Bundeswehr in Bosnien. Ein sehr gutes Beispiel.

Seite 2

Frage: Ist Deutschland heute eine Großmacht?
Kornblum: Nein, Deutschland ist keine Großmacht.
Ich glaube, es gibt - wenn ich das sagen darf und es
sich nicht anmaßend anhört - im Moment nur eine
richtige Großmacht auf der Welt: die Vereinigten
Staaten. Das wird womöglich nicht immer so bleiben.
Aber für diese Phase, nach dem Ende des Kalten
Krieges, gibt es nur ein Land, das selbstbewußt seine
Ressourcen, geografische Position etc. einsetzt, um
eine wichtige Rolle in der Welt zu spielen. Europa
könnte eine Großmacht sein. Deutschland ist ein sehr
wichtiger Bestandteil von Europa.
Frage: Ist der Eindruck richtig, daß die Vereinigten
Staaten darauf aus sind, den ostmitteleuropäischen
Raum besonders der Bundesrepublik zuzuteilen und
allein das Verhältnis zu Rußland zu betreiben?
Kornblum: Nein. Diese These habe ich nie gehört.
Nein. Was wir wollen - und Präsident Clinton hat das
gleich am Anfang seiner Amtszeit gesagt - wir wollen,
daß Europa, und dazu gehört auch Rußland, integriert
wird. Das heißt nicht, daß alles EU wird. Oder alles
NATO wird. Sondern daß Europa ein integriertes
Gefühl von Frieden und Freiheit und auch Wohlstand
hat. Und daß die Beziehungen unter den europäischen Staaten organische und natürlich auch positive
werden. Mitteleuropa - Mittel- und Osteuropa, wie man
öfter sagt - ist sehr wichtig für Deutschland, weil es
natürlich immer dazugehört hat. Und es wurde
künstlich abgeschnitten, wegen der Linien, die am
Ende des Krieges gezogen wurden. Wichtig ist, daß
Ost- und Mitteleuropa jetzt in ein gemeinsames Europa
integriert werden. Und wichtig ist auch, daß Rußland
ein Gefühl der Offenheit hat. Daß Rußland auch sieht,
daß man eine Partnerschaft mit ihm haben möchte und
daß es keine künstlichen Grenzen gibt zwischen
irgendeinem Europa und einem Rußland. Und wir
müssen alle daran arbeiten. Da ist keine Frage von
irgendeiner Reservierung Rußlands für die Vereinigten
Staaten. Ganz im Gegenteil. Wir wollen das zusammen mit unseren europäischen Partnern machen.
Frage: Ist imperiale Bestrebung Rußlands mit Demokratie vereinbar?
Kornblum: Ich würde sagen, daß imperiales Bestreben, wenn es so verstanden wird, wie ich das verstehe, sehr selten mit Demokratie vereinbar sein kann,
weil Demokratie einem solchen Verhalten normale
Grenzen setzt. Aber ich sehe im Moment kein imperiales Bestreben Rußlands. Ich glaube, Rußland ist mit
sich selbst beschäftigt. Rußland muß auch eine sehr
sehr unsichere und teilweise sehr schlimme Vergangenheit überwinden. Wir werden in den nächsten
Jahren, ich weiß nicht wie lange, sehen, daß Rußland
sehr mit sich selbst beschäftigt sein und Partnern auch
etwas mißtrauisch gegenüberstehen wird. Und das ist
auch der Sinn unserer gemeinsamen Beziehungen,

AMERIKA DIENST 21

�zwischen Deutschland, Europa, Amerika und Rußland,
daß wir ihnen ein wenig die Wege glätten. Daß wir
ihnen durch die Grundakte NATO-Rußland nicht nur
schöne Worte, sondern auch eine konkrete Partnerschaft bieten.
Frage: Warum ist eine NATO-Erweiterung aus Sicht
der Vereinigten Staaten nötig?
Kornblum: Die NATO hat immer verschiedene Rollen
gespielt. Eine der wichtigsten Rollen war als Grundlage für die anderen Arten von Integration in Europa.
Durch Sicherheit, durch Partnerschaft und auch durch
Integration. Wenn wir das ernst meinen, wenn wir
sagen, daß die ursprünglichen Ziele der atlantischen
Partnerschaft auch in Europa ausgeweitet werden
müssen, dann ist es auch von Bedeutung, daß die
wichtigsten Institutionen, das heißt NATO und EU in
diesem Sinne, nicht geschlossen bleiben. Daß wir
nicht sagen, hier ist der Westen, hier soll alles Teil des
Westens sein, nur nicht Teil unserer Institutionen
werden. Daß man auch ein dynamisches Gefühl hat.
Daß diese Prinzipien auch dynamisch sind. Und
deshalb ist eine Erweiterung der NATO, aber auch der
EU - diesen Herbst werden wahrscheinlich die ersten
Schritte beschlossen - nicht nur praktisch notwendig
oder gut, sondern auch symbolisch und idealistisch
sehr wichtig. Daß wir zeigen, daß unser Westen keine
künstlichen Grenzen gezogen hat.
Frage: Gehört Rußland zu Europa?
Kornblum: Rußland ist teils europäisch, teils nicht.
Wie die Vereinigten Staaten. Ich finde es sowieso
nicht richtig, hier irgendwelche willkürlichen Grenzen
zu ziehen. Europa hat ein Bewußtsein, und dieses
Bewußtsein wird sich entwickeln.

Kornblum: Sie haben Willy Brandt zitiert: "Nichts wird
mehr so sein, wie es war." Wenn das so ist - und ich
persönlich meine, daß das so ist - dann wird es
natürlich eine längere Phase des Umbruchs geben,
gewaltige Veränderungen geben, neue Beziehungen
geben, und man kann nicht erwarten, daß das sehr
einfach ist. Ich zitiere auch Beispiele aus meiner
eigenen Vergangenheit, aber auch aus der deutschamerikanischen Vergangenheit, um diesen Punkt
teilweise zu unterstreichen. Wenn wir hier vor zehn
Jahren gesessen hätten - was wir beide eigentlich
auch getan haben - wie war die Diskussion in Deutschland über Amerika? Arbeitslosigkeit, Inflation, Kriminalität, Umweltschäden etc. etc. Man hat sogar von
manchen in Europa einen gewissen mitleidenden Ton
gehört, als solche Dinge diskutiert wurden. Ich werde
nie vergessen, wie ich hier in Berlin ein Pressegespräch hatte. Ich sagte, wir sind mitten in einem
Umwälzungsprozeß. Und eine Sache, die bei uns
völlig geändert wird, ist diese bürokratisierte Stadt.
Europa ist sehr bürokratisiert, und Sie werden sehen,
daß das geändert werden muß. Sie haben gelacht. Ich
sage das jetzt sehr offen. Sie haben gelacht. Sie
erwiderten: "Sie meinen, wir sind überbürokratisiert?"
Wir haben den Weg gefunden. Was meine ich damit?
Was ich damit meine ist, wir Amerikaner haben eine
lange, schmerzhafte Phase hinter uns. Mit großen
Konfrontationen. Und jetzt stehen wir am Ende der
neunziger Jahre sehr gut da. Aber es hat uns sehr
sehr viel gekostet. Diese Phase hat, ich würde sagen,
in Europa zehn Jahre später angefangen. Sie sind
noch in der ersten Halbzeit. Und das wird auch enorm
viele Schwierigkeiten bringen, sehr viel Konfrontation,
sehr viel Debatte. Und es bleibt natürlich offen, wie
das am Ende aussehen wird. Aber daß sich hier Dinge
ändern, ist klar. Ist man darauf vorbereitet? Ich würde
sagen, nein. Man ist nie auf solche Umwälzungen
vorbereitet.

Frage: Welches Bewußtsein hat Europa?
Frage: Sind Sie zuversichtlich?
Kornblum: Das werden wir sehen. Europa hat
mindestens ein Bewußtsein als ein Kulturland, als eine
Idee, als eine Geschichte. Rußland ist teils europäisch, teils nicht. Wichtig ist, daß diese Ideale, die auch
sehr stark durch die Vereinigten Staaten vertreten
werden, nicht anderen verschlossen bleiben.
Frage: Was ist Deutschland heute mental für Sie? Ich
komme noch mal darauf zurück, Sie haben vorhin
gesagt, Sie spüren, dieses Land ist in einem Umbruch,
hier verändert sich enorm viel. Hat der Botschafter der
Vereinigten Staaten den Eindruck, daß die Deutschen
auf diese neue Situation eingestellt sind?
Kornblum: Ich würde sagen, wahrscheinlich nein.
Aber das wundert mich auch nicht.
Frage: Warum nicht?

AMERIKA DIENST 21

Kornblum: Im Grunde ja. Wenn ich dieses Land
sehe, wenn ich die Talente und das hier aufgebrachte
Kapital - ich meine jetzt finanziell, aber auch menschlich - sehe, dann glaube ich nicht, daß Deutschland
eine schlechte Zukunft hat. Ich glaube, daß es jetzt
nicht unbedingt klar ist, wie diese Zukunft aussehen
wird und wie erfolgreich sie sein wird. Da ist doch
Arbeit zu leisten, ohne Frage. Ich will das jetzt hier
nicht alles schönmalen. So meine ich das nicht. Ich
meine nur, daß solche Änderungen immer Schweiß
und Blut kosten.
Frage: Wenn die Deutschen unter jetzt normalen
Bedingungen in einer Situation hektischen Stillstands,
wie man ihn vielleicht beschreiben könnte, ihre
Interessen definieren, dann werden sie in Kollision
kommen mit anderen. Und die Gefahr besteht - und
das ist glaube ich auch eine Befürchtung in diesem
Lande - daß sie von der Vergangenheit eingeholt

Seite 3

�werden. Daß ihnen etwas entgegengestellt wird: Da
war doch was, 1933-45, und daß das auch instrumental benutzt werden kann.
Kornblum: Ich würde nicht sagen, daß diese Gefahr
nicht besteht. Aber diese Gefahr besteht seit Anfang
der Bundesrepublik. Und es hat auch Kapitel gegeben, wo diese Gefahr vielleicht stärker gesehen wurde
als andere. Aber bis jetzt hat die Bundesrepublik
dieses Schicksal, wenn Sie wollen, sehr gut gehandhabt. Das war, gebe ich zu, in der meisten Zeit
auf der Basis der alten Bundesrepublik. Jetzt gibt es
das vereinigte Deutschland. Man wird meines Erachtens jetzt sehen müssen, daß es konkrete Probleme gibt, die man anpacken muß. Und diese Probleme
können nur in den seltensten Fällen allein gelöst
werden - vor allem für ein Land wie Deutschland, das
bei seinen 82 Millionen Einwohnern immer noch
verhältnismäßig begrenzt in seinen Möglichkeiten ist
und wo das nur zusammen mit anderen gemacht
werden kann. Und ich sehe keinen Grund zu fürchten,
daß die politische Führung in diesem Land das anders
sieht.
Frage: Sie haben von draußen zugesehen, wie die
Deutschen den Streit um die Hauptstadt ausgefochten
haben. Was war denn Ihre Reaktion auf diesen Streit?
Kornblum: Ich kann Ihnen die amerikanische Reaktion beschreiben. Das ist noch wichtiger als meine.
Man hat es nicht verstanden. Aber ich glaube, daß es
zu verstehen ist, wenn man die Geschichte betrachtet.
Aber für Amerikaner, Engländer, Franzosen, andere wenn man 50 Jahre lang versucht hat, wiedervereinigt
zu sein und die Hauptstadt wieder zu errichten - war
das eine klare Sache. Und es wurde bei uns sehr viel
darüber berichtet und nicht immer ganz verstanden,
worum es sich handelte.
Frage: Was ist diese Stadt heute, wenn sie wieder
politisches Zentrum werden wird in absehbarer Zeit?
Wie wird sich diese Stadt, die Sie ja in- und auswendig
kennen aufgrund Ihrer langjährigen Aufenthalte hier in
Berlin, wie wird sich die Stadt verändern? Gibt es eine
Prognose von Ihnen?

Frage: Berlin war die Grundlage für die deutschamerikanische Freundschaft. Es war auch die Grundlage für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Die Blockade als ein ganz wesentlicher Punkt für
dieses Verhältnis. Ist diese Stadt heute gerüstet für die
neue Zeit, die auf sie zukommt? Ich meine damit, Herr
Kornblum, in der Vergangenheit war diese Stadt - der
Westteil der Stadt - nicht in den Blutkreislauf der alten
Bundesrepublik Deutschland einbezogen. Sehen Sie
hier die Ressourcen für das Bild, was Sie gerade
beschrieben haben?
Kornblum: Ja doch, ich sehe sie. Ich bin völlig Ihrer
Meinung, ich würde das vielleicht sogar noch stärker
sagen. Zwei Ereignisse - die Berliner Wahl im Oktober
1946, die nicht gerade so ein riesiges historisches
Ereignis für viele ist. Aber ich habe mich ziemlich in
die Sache vertieft: Es hat viele beeindruckt in Amerika,
daß alle Berliner so gewählt haben und auch so
demokratisch gewählt haben so kurz nach dem Krieg.
Und zweitens die Blockade und die Reaktion der
Berliner auf die Blockade. Und danach die Luftbrücke.
Das hat mehr als nur Freundschaft zementiert, was es
bestimmt auch getan hat. Es hat für die Vereinigten
Staaten auch eine Grundlage für ein Engagement in
Europa geschaffen. Weil es sehr wichtig war. Und es
hat - wie Sie eben angedeutet haben - zu einer ganz
besonderen Beziehung geführt. Ich bin jetzt einer, der
glaubt, Berlin braucht sich nicht zu rüsten für eine neue
Beziehung zu den USA oder eine neue Rolle in
Europa. Berlin braucht eine neue Rolle nicht einstudieren. Berlin wird einfach Berlin sein. Und, wie
gesagt, eine kritische Größe. Und diese kritische
Größe wird eine Rolle für Berlin definieren. Ich weiß
nicht genau, wie das aussehen wird. Aber es wird da
sein. Und mich interessiert es nicht so sehr, wie diese
Stadt vorbereitet ist. Sie wird einfach da sein und eine
sehr große Rolle spielen.

Was hat sie für Fähigkeiten,

was hat sie für Nachteile?
Kornblum: Es gibt Städte auf der Welt - und interessanterweise teilweise völlig unabhängig von ihrer
geografischen Lage, ihrer Kultur, ihrer Sprache - die
einfach eine Größe erreichen, wo sie sich selbst
produzieren. Wirtschaft, Kultur, Menschen, Ideen,
Streitereien. Sie werden eine Kultur für sich. Wir
haben New York. Ich glaube, Amerika hat mindestens
drei davon. New York, Chicago, und neuerdings Los
Angeles. Berlin ist eine solche Stadt. Daß Berlin jetzt
wieder eine Stadt in einem vereinigten Land ist, mit
den ganzen Potentialen, die hier sind, auch mit offenen
Grenzen nach Osten und Süden - und Westen natürlich - macht sie zu einer sogenannten kritischen Masse

Seite 4

und einem unheimlichen Anziehungspunkt. Die Stadt
wird Impulse geben und wird mitten in Europa wenn
nicht der einzige Platz, bestimmt der wichtigste Platz,
wo Kultur, Ideen und auch Streitereien produziert
werden.

Frage: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen der
Vergangenheit waren ganz besonders geprägt durch
personale Beziehungen, die bestanden. Von Leuten
hier zu den Vereinigten Staaten dort. Diese personalen Beziehungen lassen sich nicht beliebig konservieren, weil die Umstände sich ändern, auch die Leute
nicht mehr da sind. Gibt es da ein Vakuum?
Kornblum: Vielleicht im Moment, weil wir so zwischen
zwei Phasen sind. Aber die Tatsache, daß die Bundesregierung hier sein wird, die Tatsache, daß Berlin
sich wieder als eine Stadt entwickelt, wird meiner
Meinung nach zu einer neuen Art von persönlichen
Beziehungen führen. Es gibt sie teilweise schon, ich
kenne junge Menschen, oder jüngere Menschen in der

AMERIKA DIENST 21

�Geschäftswelt oder der Kunst oder der Architektur. Ich
kenne zwei junge Architekten in Washington. Sie
haben an sich nichts mit Deutschland zu tun, aber sie
fahren alle zwei Jahre nach Berlin, nur um zu sehen,
was hier passiert. Wie wird diese neue Art von
Beziehungen aussehen? Sie wird wahrscheinlich in
Zukunft nicht mehr so strukturiert sein.
Frage: Auch nicht mehr so gefühlsbetont?
Kornblum: Ja, mag sein. Das kommt darauf an, was
Sie mit gefühlsbetont meinen. Es wird nicht so sehr
gefühlsbetont in dem Sinne, daß man sagt, dies sind
ganz besondere Beziehungen für uns. Es wird aber
vielleicht sogar noch gefühlsbetonter, wenn man sagt,
um das so salopp auszudrücken: "Mensch, das ist ein
toller Platz."
Frage: Die Deutschen haben eine Befürchtung, die in
diesem Land kursiert: Sie sagen, jetzt gibt es nur noch
eine Weltmacht - das sind die Vereinigten Staaten und diese Weltmacht orientiert sich hin in den pazifischen Raum, weg von dem europäischen Kontinent.
Ist der Eindruck stimmend?
Kornblum: Es stimmt, daß Asien wichtiger wird. Es
stimmt auch, daß man an der Westküste eine Orientierung nach diesem neuen Asien spürt. Aber ich glaube,
es handelt sich wieder um die Frage, was gute,
wichtige Beziehungen in dieser neuen Zeit bedeuten.
Vor dem Fall der Mauer waren Beziehungen unter
Staaten, unter Ländern, unter Völkern ein bißchen
stilisiert, wie man sagt. Man interessierte sich für
Europa. Wenn man sich nicht für Europa interessierte,
hatte das - vielleicht nur im Hinterkopf - die Bedeutung,
die ganze Friedensstruktur würde nicht mehr bestehen. Jetzt befinden wir uns in einer ganz offenen,
vielfältigen Welt. Was mich in den letzten Jahren
immer wieder interessiert hat, auch bei meiner Arbeit in
Washington, war, wie unwichtig es war, diese Vision
zu haben, und wie wichtig es war, einfach die Aufgaben zu erfüllen. Und wie ich am Anfang unseres
Gesprächs gesagt habe: Bei den Aufgaben, die wir
uns selber stellen - und mit "wir" meine ich die Vereinigten Staaten - müssen wir uns fragen: Was wollen
wir für die Gesundheit, für die Sicherheit unseres
Volkes erreichen? Die überwiegende Mehrzahl dieser
Interessen fließen durch Europa. Und das wird meiner
Meinung nach auch in Zukunft so sein.
Frage: Es gibt zwei verschiedene Versionen. Die
eine sagt, John Kornblum habe Ronald Reagan 1987
bei seiner Rede vor dem Brandenburger Tor den Satz
"Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"
hineingeschrieben. Andere sagen, nein, das hat er
nicht getan. Welche ist denn richtig?

Frage: Wenn Sie heute zurückschauen: Gab es für Sie
einen Zeitpunkt, oder vielleicht sogar ein dauerndes
Gefühl, diese Situation in diesem Deutschland im
allgemeinen, und in diesem Berlin im besonderen, wird
sich eines Tages ändern, möglicherweise sogar bis hin
zu einer deutschen Wiedervereinigung?
Kornblum: Ja, das ist immer schwierig zu beantworten, ohne dabei zu übertreiben. Aber ich habe
immer daran geglaubt, daß es sich ändern würde, und
zwar aus verschiedenen Gründen. Nicht nur, weil ich
da emotionell engagiert war, sondern weil ich die Lage
doch sehr gut kennengelernt habe und mir irgendwie
klar war, daß diese Teilung, dieser Kalte Krieg sich
nicht ewig halten könnte. Gab es Zeitpunkte? Ich
glaube, es gab zwei für mich. Einmal war Solidarnosc
Anfang der achtziger Jahre, die Gewerkschaftsbewegung in Polen, wo ganz klar war, daß sich das
dortige System nicht halten konnte. Und zweitens
interessanterweise, noch viel subtiler, Sommer 1986.
Damals begann ich, nebenbei gesagt, den ReaganBesuch zu konzipieren. Die Mauer bestand, Sie
erinnern sich, seit 25 Jahren. Und es hat ziemlich viele
Gedenktage und Fernsehsendungen gegeben. Ich
habe mehrere Interviews im Fernsehen gegeben deutsch-amerikanische, englische. Und als man die
Lage dort und auch die Reaktion des Ostens, also der
DDR, betrachtete, war ganz klar - nicht daß da irgendwie Aufruhr gewesen wäre oder Opposition - daß diese
Mauer zunehmend unbedeutend wurde. Und sozusagen der Lage nicht mehr gerecht wurde. Und
irgendwie bekam ich in dem Sommer das Gefühl,
diese Mauer wird sich nicht lange halten.
Frage: Wann zieht der Botschafter John Kornblum in
die neue Botschaft Amerikas am Pariser Platz?
Kornblum: Die Amerikanische Botschaft wird ab
Sommer 1999 in Berlin voll funktionieren. Wir sind
schon hier. Aber ab Sommer 1999 wird es keine
Amerikanische Botschaft Bonn mehr geben. Wann wir
in das neue Haus ziehen, ist noch nicht klar, aber ich
würde sagen, es wird kurz nach der Jahrtausendwende sein.
Frage: Für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
war das Aspen Institute in Berlin eine wichtige Institution. Es gibt es weiterhin. Sein letzter Leiter ist
leider verstorben - ein Kollege von Ihnen. Was wird
aus dem Institut?
Kornblum: Erstens ist es nicht meine Verantwortung.
Aber ich weiß, daß der Vorstand nach einem neuen
Direktor sucht. Und ich glaube, wenn sie diese Person
finden, werden sie die Aktivitäten des Instituts sehr
unterstützen. Ich kann nur sagen, daß ich dieses
Institut weiterhin sehr stark unterstützen werde.

Kornblum: Ich habe versucht, in diese Debatte nicht
hineingezogen zu werden, weil es keinen Sinn hat.
Man weiß, was man gemacht hat.

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�Frage: Als amerikanischer Botschafter in Deutschland, herzlich willkommen hier in Berlin, in Deutschland. Vielen Dank für das Gespräch.

Kornblum: Herzlichen Dank,

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 21

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12844">
                <text>29.10.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12845">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12846">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12847">
                <text>Amerikadienst 29.10.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12848">
                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Problem des Klimawandels reflektiert neue Realitäten des 21. Jahrhunderts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wirth: Europäer befürworten "unrealistische" Ziele&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Auswirkungen der EWWU&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Deutschland und Amerika: eine selbstverständliche Partnerschaft vor neuen Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;John C. Kornblum im Sender Freies Berlin&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit dem amerikanischen Botschafter&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="2">
        <name>Deutschland</name>
      </tag>
      <tag tagId="33">
        <name>Umwelt</name>
      </tag>
      <tag tagId="30">
        <name>USA</name>
      </tag>
      <tag tagId="4">
        <name>Wirtschaft</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
  <item itemId="2470" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2481">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/9f2b63ad0459b6f6b04e180d344a4290.pdf</src>
        <authentication>ac56e53804c114bac3c0c1f57e52a0fe</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12856">
                    <text>Amerikadienst&#13;
&#13;
Herausgeben U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
22&#13;
&#13;
13. November 1997&#13;
&#13;
USA-EUROPA&#13;
&#13;
AMERIKA UND EUROPA - EINE&#13;
UNENTBEHRLICHE PARTNERSCHAFT&#13;
von Botschafter John C. Kornblum&#13;
&#13;
DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE&#13;
SICHERHEITSARCHITEKTUR FÜR DAS&#13;
"EUROPÄISCHE HAUS"&#13;
Rede des Gesandten Michael C. Polt&#13;
&#13;
USA-DEUTSCHLAND&#13;
&#13;
REDE VON GEORGE BUSH AM TAG DER&#13;
DEUTSCHEN EINHEIT&#13;
Besuch des ehemaligen Präsidenten in Berlin&#13;
&#13;
WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
NEUE WIRTSCHAFTLICHE HERAUSFORDERUNGEN UND CHANCEN&#13;
Rede von Senator Roth&#13;
&#13;
Informationen über die Politik der US-Regierung und&#13;
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können&#13;
auf der Home Page von USIS-Deutschland&#13;
im World Wide Web des Internet unter&#13;
http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
abgerufen werden.&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Tel.: 0228-339 2372&#13;
&#13;
Fax: 0228-333 138&#13;
e-mail: bbsbonn@usia.gov&#13;
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
&#13;
�USA-EUROPA&#13;
&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Amerika und Europa - eine&#13;
unentbehrliche Partnerschaft&#13;
von Botschafter John C. Kornblum&#13;
&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der&#13;
Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 12. November 1997 in der Friedrich-Ebert-Stiftung hielt.&#13;
&#13;
Ich freue mich über die Gelegenheit, heute zu Ihnen&#13;
sprechen zu dürfen. Wie Sie wissen, bin ich erst vor&#13;
einigen Monaten nach Deutschland gekommen. Ich&#13;
genieße es, wieder hier zu sein, alte Freunde und&#13;
Kollegen wiederzusehen und die faszinierende Palette&#13;
von Themen zu erörtern, mit denen Deutsche, Amerikaner - alle Bürger der transatlantischen Gemeinschaft&#13;
- konfrontiert sind.&#13;
Hier bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sein, weckt bei&#13;
mir viele Erinnerungen. Wir haben zahlreiche Fragen&#13;
zusammen erörtert und sogar debattiert. Ungeachtet&#13;
dessen, wie weitreichend unsere Diskussionen&#13;
gewesen sein mögen - wer von uns hätte sich die&#13;
enormen Veränderungen vorstellen können, die&#13;
Europa in den letzten zehn Jahren erlebt hat?&#13;
In Deutschland wird heute viel über die Geschwindigkeit des Wandels diskutiert. Wandel kann beängstigend sein. Aber Besorgnis über die heutigen&#13;
Fragen sollte nicht die nahezu revolutionären Veränderungen ignorieren, zu denen unsere beiden&#13;
Länder seit 1990 beigetragen haben. Wir sind wahrhaft Partner im Wandel - positivem Wandel, der für&#13;
unsere beiden Nationen von Vorteil ist.&#13;
Zahl und Ausmaß unserer Erfolge sind überwältigend:&#13;
Die Wiedervereinigung Deutschlands, die Demokratisierung Zentral- und Osteuropas, der Zusammenbruch&#13;
der Sowjetunion, die Wiederherstellung der Souveränität der baltischen Staaten und der Ukraine, die Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO, gemeinsame&#13;
Friedenssicherungsoperationen der NATO und&#13;
Rußlands in Bosnien, deutsche Streitkräfte vor Ort in&#13;
Bosnien, ein neuer Rahmen für die Zusammenarbeit&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
der Vereinigten Staaten mit der Europäischen Union.&#13;
Muß ich noch mehr hinzufügen?&#13;
Mit anderen Worten: Die Herausforderung der Anpassung unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen ist in Wirklichkeit nur möglich, weil&#13;
zahlreiche Veränderungen bereits stattgefunden&#13;
haben. Mein Land hat mehr als ein Jahrzehnt mit den&#13;
Herausforderungen des neuen Zeitalters gekämpft.&#13;
Amerika steht heute so gut da, weil wir hart gearbeitet&#13;
und offen debattiert haben. Und wir haben bewiesen,&#13;
daß Wandel möglich ist!&#13;
Vor kurzem stieß ich auf den Begriff "Weltinnenpolitik",&#13;
der die uns konfrontierenden Herausforderungen&#13;
treffend beschreibt. Durch das Ende des Kalten&#13;
Krieges verloren wir den soliden Stabilitätsrahmen,&#13;
innerhalb dessen unser Wohlstand geschaffen wurde.&#13;
Unsere Gesellschaften wurden mit weltweitem Einfluß&#13;
von außen konfrontiert. Die schnelle Globalisierung&#13;
von Industrie und Handel zerstörte für immer die&#13;
Illusion, irgendein Land, einschließlich der Vereinigten&#13;
Staaten, könnte sich von weltweiten Entwicklungen&#13;
isolieren.&#13;
Unsere bestehenden Konzepte von nationalen oder&#13;
sogar regionalen Grenzen der "Weltinnenpolitik"&#13;
wurden somit belanglos. Die Art unserer Zusammenarbeit muß revidiert werden, um dieser neuen Situation&#13;
gerecht zu werden. Die Herausforderungen des&#13;
Wandels stellen sich uns - egal was wir tun.&#13;
Unsere Erfolge haben eine klare Regel für Erfolg im&#13;
neuen Zeitalter aufgestellt: Die atlantische Partnerschaft ist nicht überholt, sie ist nicht in Gefahr - sie ist&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�unentbehrlich. Die zentrale Logik des Zeitalters nach&#13;
dem Kalten Krieg lautet: Das Verschwinden traditioneller Grenzen verlangt eine Vertiefung und Erweiterung&#13;
der praktischen werteorientierten Zusammenarbeit&#13;
zwischen demokratischen Gesellschaften. Ohne eine&#13;
zentrale Bedrohung wird unsere Welt zunehmend&#13;
chaotisch erscheinen - es sei denn, die demokratischen Nationen Europas und Nordamerikas erweitern&#13;
ihren Horizont und definieren eine gemeinsame&#13;
Agenda für den Wandel im transatlantischen Raum&#13;
und auf der ganzen Welt. Unser Atlantisches Bündnis&#13;
bietet den effektivsten Rahmen für diese Bestrebungen.&#13;
Diese gemeinsame Agenda hat viele Kapitel. Heute&#13;
möchte ich über ein wesentliches Element sprechen,&#13;
das auch weiterhin die Grundlage unserer Bestrebungen bleibt - der Erhalt von Frieden und Stabilität in&#13;
Europa.&#13;
Obwohl die sowjetische Bedrohung nicht mehr existiert, müssen wir uns weiterhin auf die Stabilität&#13;
Europas konzentrieren. Dreimal in diesem Jahrhundert standen sich gewaltige Armeen im Zentrum&#13;
Europas gegenüber. Zweimal brach Krieg aus. Beim&#13;
dritten Mal grenzte ein Bündnis westlicher Demokratien die Konfrontation auf den sogenannten Kalten&#13;
Krieg ein.&#13;
Dieser Krieg mag "kalt" gewesen sein, aber es war ein&#13;
Krieg - ein Krieg um Geist und Seele der Menschen,&#13;
und ein Krieg, der den zukünftigen Kurs der westlichen&#13;
Gesellschaft bestimmen sollte. Diese Konfrontation&#13;
ist glücklicherweise vorüber, und erstmals in der&#13;
Geschichte kann unsere atlantische Welt einen&#13;
demokratischen Frieden für ganz Europa aufbauen&#13;
und ausweiten.&#13;
Die wichtigste Lektion des Kalten Krieges lautet somit,&#13;
daß unsere Partnerschaft in der Tat unentbehrlich ist.&#13;
Das Atlantische Bündnis ist keine zeitweilige Struktur&#13;
zur Ankurbelung der Erholung Europas. Es war nie&#13;
ausschließlich zur Eindämmung der Sowjetunion&#13;
konzipiert. Es war von Anfang an eine Definition einer&#13;
zentralen Realität unseres Zeitalters.&#13;
Die schnelle Ausweitung von Technologie und Industrie im 20. Jahrhundert - einschließlich der Technologie des Krieges - hat die Demokratien Europas und&#13;
Nordamerikas zu einer großen Sicherheits- und&#13;
Partnerschaftszone geeint. Amerika ist eine wahrhaft&#13;
europäische Macht. Aber Europa ist auch ein integraler Bestandteil der amerikanischen Realität. Es&#13;
gibt keine separate Zukunft. Es gibt keinen dritten&#13;
Weg.&#13;
Vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten begannen&#13;
die Vereinigten Staaten und Europa den Aufbau einer&#13;
neuen demokratischen Friedensstruktur. Seit 1990&#13;
haben wir auf der Basis unserer beiden großartigen&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Institutionen - NATO und EU - Demokratie und Stabilität in ganz Europa auf der Grundlage einer dauerhaften euroatlantischen Gemeinschaft ausweiten können.&#13;
Präsident Clinton definierte seine Vision im Januar&#13;
1994, als er die Integration ganz Europas in unsere&#13;
demokratische Partnerschaft forderte - eine Partnerschaft, die Westeuropa und Nordamerika so viel&#13;
Freiheit und Wohlstand gebracht hat. In diesem Jahr,&#13;
in dem wir den 50. Jahrestag des Marshallplans feiern,&#13;
können wir stolz auf die bereits erzielten Fortschritte&#13;
sein.&#13;
Aber auch wenn wir auf unsere Leistungen zurückblicken, müssen wir uns bewußt sein, daß keine&#13;
Strategie stagnieren darf. Die NATO ist die Grundlage&#13;
für eine sich schnell entwickelnde europäische Sicherheitsstruktur. Unser amerikanisches Ziel ist die&#13;
Ausweitung des gemeinsamen Sicherheitsraums auf&#13;
all jene, die daran teilhaben möchten und einen Beitrag&#13;
zu unserer demokratischen Staatengemeinschaft&#13;
leisten können.&#13;
Dieser gemeinsame Sicherheitsraum setzt sich aus&#13;
verschiedenen Elementen zusammen:&#13;
Die NATO entwickelt sich schnell zu einer&#13;
gesamteuropäischen Sicherheitsorganisation.&#13;
Die Bündnismitgliedschaft allein sollte und&#13;
kann jedoch nicht zum Maßstab für Frieden&#13;
und Stabilität in Europa werden. Die aus der&#13;
integrierten Militärsstruktur des Bündnisses&#13;
resultierende Stärke strahlt Sicherheit für alle&#13;
Partnerstaaten aus, egal ob sie volle Mitglieder werden oder nicht. Das Projekt der&#13;
Alliierten Streitkräftekommandos (Combined&#13;
Joint Task Force - CJTF) erlaubt dem Bündnis&#13;
die Durchführung gemeinsamer Operationen&#13;
mit Nichtmitgliedstaaten der NATO. Beispielsweise sind 17 Nationen, einschließlich Rußlands, mit uns in Bosnien. Programme wie die&#13;
Partnerschaft für den Frieden, der Ständige&#13;
Gemeinsame NATO-Rußland-Rat und natürlich die Unterstützung für Friedenssicherungsaktionen wie die in Bosnien haben das Bündnis zur echten Grundlage für den Frieden in&#13;
der euroatlantischen Welt gemacht.&#13;
Es war eine der großen Errungenschaften der&#13;
NATO, die tiefgreifende und ständige Integration der Europäischen Union zu ermöglichen. Im Zuge der Erweiterung und&#13;
Vertiefung der EU erwartet man von ihr auch&#13;
die Übernahme von mehr Verantwortung für&#13;
den Aufbau eines gemeinsamen euroatlantischen Sicherheitsraums. Die Ausweitung der&#13;
schon existierenden sozialen und politischen&#13;
Stabilität ist ein wesentlicher Bestandteil&#13;
dieser Aufgabe. Selbst während der komplexe Erweiterungsprozeß beginnt, können die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�Mitgliedstaaten der EU einen direkten Beitrag&#13;
zum Aufbau von Demokratie in Zentral- und&#13;
Osteuropa leisten.&#13;
Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der europäischen Verbündeten ist ein weiteres wichtiges Ziel.&#13;
Über das wann und wie wurden während der vergangenen 20 Jahre äußerst komplexe Debatten geführt.&#13;
Ein übergeordnetes Ziel muß die Gewährleistung sein,&#13;
daß das Atlantische Bündnis durch eine verstärkte&#13;
europäische Verteidigungssäule gestützt wird.&#13;
Im Juni 1995 wurden die Fundamente für die Erreichung dieses Ziels geschaffen. Das Berlin-Kommunique der NATO sah vor, daß die NATO und die WEU&#13;
gemeinsam Missionen planen sollten, die von europäschen Verbündeten konzipiert und geleitet werden,&#13;
und bei denen die größten Truppenbeiträge von&#13;
europäischen Nationen kommen sollten.&#13;
Noch&#13;
wichtiger ist, daß die Vereinigten Staaten sich zur&#13;
Unterstützung solcher Missionen auf Gebieten wie&#13;
Logistik, Kommunikation und Nachrichtendienste&#13;
verpflichtet haben.&#13;
Das war ein revolutionärer Schritt. Er kombinierte die&#13;
europäische und die atlantische Vision auf eine Weise,&#13;
die die beiden tragenden Säulen unserer Partnerschaft&#13;
stützt. Um Erfolg zu haben, muß sich jeder beteiligen,&#13;
und sowohl die NATO als auch die WEU müssen ihre&#13;
Tätigkeit fortsetzen. Beispielsweise muß die WEU&#13;
eine Entscheidungsbefugnis bewahren, die von den&#13;
nicht sicherheitsrelevanten Aspekten der EU unabhängig ist.&#13;
Ein weiteres wesentliches Element unserer&#13;
neuen Sicherheitsstruktur ist die Integration&#13;
Rußlands in eine engere Partnerschaft mit der&#13;
übrigen europäischen Welt. Die EU hat&#13;
beschlossen, daß Rußland kein offizielles&#13;
Mitglied ihrer Gemeinschaft werden sollte.&#13;
Was im Hinblick auf die NATO geschieht, ist&#13;
noch offen: In den kommenden Jahren muß&#13;
sich Rußland jedoch allmählich für die Zusammenarbeit mit dem Westen öffnen.&#13;
Die am 29. Mai 1997 unterzeichnete Grundakte zwischen der NATO und Rußland führt&#13;
Rußland in eine echte Partnerschaft mit dem&#13;
Bündnis. Zusätzlich zu der bereits umfassenden Zusammenarbeit im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden und der gemeinsamen&#13;
Mission in Bosnien werden Rußland und die&#13;
NATO auf Gebieten von gemeinsamem&#13;
Interesse Konsultationen führen und gemeinsame Projekte entwickeln.&#13;
Die gestärkten Beziehungen der NATO zur&#13;
Ukraine sind ein weiterer wichtiger Meilenstein. Die Vereinigten Staaten haben ein&#13;
vitales Interesse an der Entwicklung der&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Ukraine, Rußlands und der neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu&#13;
modernen, stabilen, in die internationale&#13;
Staatengemeinschaft integrierten Demokratien. Besondere Beziehungen zur Ukraine&#13;
werden diesem wichtigen Land helfen, seine&#13;
Geschicke zu lenken.&#13;
Neue sicherheitspolitische Herausforderungen&#13;
verlangen flexible und innovative Methoden.&#13;
Ein besonders flexibler Rahmen wird durch&#13;
ein anderes Schlüsselelement der neuen&#13;
Friedensstruktur geboten: die Organisation für&#13;
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die&#13;
oft als Helsinki-Prozeß bezeichnet wird. Die&#13;
OSZE hat viele Vorteile:&#13;
Sie ist umfassend und einbeziehend.&#13;
56 Nationen haben die Verpflichtungen der Schlußakte von Helsinki als&#13;
Grundlage für ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit angenommen.&#13;
Die OSZE bietet eine universelle&#13;
Grundlage. Die fortgesetzte Überwachung der Respektierung der Menschenrechte bleibt eine wichtige Aufgabe des Helsinki-Prozesses. Eine&#13;
Kontrolle der Einhaltung stellt uns ein&#13;
politisches "Zeugnis" für unsere Bestrebungen aus.&#13;
Die OSZE ist flexibel. Durch ihre&#13;
umfassende politische Verpflichtung&#13;
zu Zusammenarbeit kann sie sich&#13;
situationsgerecht entwickeln. Rechtlich bindende Verträge können die der&#13;
OSZE zugewiesenen zahlreichen&#13;
Aufgaben nicht erfüllen.&#13;
Die OSZE ist pragmatisch. Die OSZE&#13;
hat ausgezeichnete neue Methoden&#13;
für Frühwarnung, Konfliktverhütung&#13;
und Krisenmanagement entwickelt.&#13;
Sie hat in Bosnien Wahlen veranstaltet, den Frieden an Orten wie Moldawien und Makedonien überwacht und&#13;
einen Rahmen für die bedeutenden&#13;
KSE-Verhandlungen geboten.&#13;
Die OSZE hat eine glanzvolle Zukunft&#13;
vor sich, aber sie kann nicht sein, was&#13;
sie nicht ist. Sie ist ein flexibles Instrument für die Konsensbildung.&#13;
Aber sie kann nicht die einzige Struktur in Europa sein. Sie kann nicht die&#13;
NATO ersetzen. Sie kann nicht den&#13;
Frieden erzwingen oder von jedem&#13;
eine Einhaltung ihrer Grundsätze&#13;
verlangen.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Mehr als rechtlich bindende Übereinkünfte oder eine neue Sicherheitscharta benötigt die OSZE dreierlei:&#13;
Politischen Willen: Es wurden neue&#13;
Instrumente entwickelt, die jedoch&#13;
nicht immer eingesetzt oder akzeptiert&#13;
werden. Beispielsweise wurde der&#13;
Mechanismus zur friedlichen Beilegung von Streitigkeiten noch nie genutzt. Einige Länder lehnen immer&#13;
noch Frühwarnmissionen oder Konfliktverhütungsmissionen ab. Manche&#13;
Teilnehmerstaaten verlangen eine&#13;
strenge Bestrafung in den Fällen, in&#13;
denen Vermittlung der bessere Ansatz wäre. Wir bemühen uns, Koalitionen von Friedensstiftern aufzubauen. Die OSZE hat noch viel ungenutztes Potential.&#13;
Verantwortung: Die OSZE kommt&#13;
nicht oft genug zum Einsatz. Sie&#13;
sollte der Rahmen für gemeinsame&#13;
Aktionen einer Vielzahl ihrer Mitglieder sein.&#13;
Bedauerlicherweise&#13;
herrscht zwischen den einzelnen&#13;
Organisationen noch Konkurrenz, es&#13;
gibt noch bilaterale Rivalitäten und&#13;
Länder, die sich nicht beteiligen wollen. Beispielsweise hatten die OSZE&#13;
und die EU einen unziemlichen Streit&#13;
darüber, wer für Albanien Verantwortung trägt - sogar als das Land in&#13;
Anarchie versank. Mehrere Länder&#13;
mit gravierenden internen Problemen&#13;
bitten die OSZE nicht um Hilfe.&#13;
Mittel: Während die OSZE immer&#13;
mehr Aufgaben übernimmt, werden&#13;
ihre Mittel immer knapper. Ich bin oft&#13;
erstaunt über Länder die behaupten,&#13;
die Vereinigten Staaten nähmen die&#13;
OSZE nicht ernst, weil wir großartige&#13;
neue Sicherheitserklärungen ablehnen. Wir sind im Hinblick auf Personal und Finanzmittel bei weitem der&#13;
größte Beitragszahler. Darüber hinaus stammen viele der Innovationen,&#13;
die von der OSZE ausgehen, aus den&#13;
Vereinigten Staaten. Im Gegensatz&#13;
dazu hat eine der lautesten Stimmen,&#13;
die weitere Erklärungen der OSZE&#13;
fordern, keinen Pfennig zur OSZEMission in Bosnien beigesteuert. Es&#13;
ist an der Zeit, der OSZE die für ihre&#13;
Arbeit erforderlichen Mittel zu geben!&#13;
Mit anderen Worten: Ein neuer Umgang mit sicherheitspolitischen Herausforderungen innerhalb des&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
OSZE-Raums bedeutet nicht, großartige neue Organisationskonzepte zu finden. Es bedeutet, die bereits&#13;
geschaffene Grundlage zu nutzen und darauf aufzubauen. Die OSZE kann uns dabei helfen, einen&#13;
konzeptionellen Durchbruch zu erzielen, der ein neues&#13;
Verständnis für den Einsatz unterschiedlicher&#13;
Sicherheits- und anderer kooperativer Mechanismen&#13;
fördert, um den Wandel in eine positive Richtung zu&#13;
lenken.&#13;
Die Prinzipien und Verpflichtungen von Helsinki sind&#13;
ein dramatisches "Empowerment" von Völkern und&#13;
Nationen. "Empowerment" bedeutet "Hilfe zur Selbsthilfe", was an Aktivitäten an der Basis denken läßt und&#13;
daran, wie Bürger entdecken, daß sie auch auf den&#13;
Gebieten ein Mitspracherecht haben, die vorher der&#13;
politischen Elite vorbehalten schienen. "Empowerment" beinhaltet auch, daß die Sicherheit nicht mehr&#13;
ausschließlich von den einflußreichen Staaten bestimmt wird. Jeder Bürger und jeder Staat hat ein&#13;
Interesse und ein Mitspracherecht an unserer gemeinsamen Zukunft.&#13;
Damit dies nicht zu theoretisch klingt, sollten wir ein&#13;
Beispiel aus der Vergangenheit erörtern: Das Thema&#13;
Menschenrechte. In den siebziger und achtziger&#13;
Jahren führten wir endlose Diskussionen darüber, ob&#13;
Menschenrechte tatsächlich ein mit unseren internationalen Partnern zu verfolgendes legitimes Thema&#13;
sind. Es hat über 10 Jahre gedauert, den Konsens zu&#13;
erzielen, daß Menschenrechte ein legitimer Bestandteil&#13;
der internationalen Beziehungen sind. Als sich dieser&#13;
Konsens abzeichnete, stellte er einen konzeptionellen&#13;
Durchbruch dar - ein echtes neues Verständnis, wie&#13;
Sicherheit funktioniert.&#13;
Das Gleiche geschieht jetzt im Hinblick auf unser&#13;
Verständnis von den Ursachen des Konflikts und den&#13;
uns zur Verfügung stehenden Mitteln zur Schaffung&#13;
eines dauerhaften Gefühls der Sicherheit unter allen&#13;
Völkern der atlantischen Welt. Es wurden viele&#13;
Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch mehr zu tun.&#13;
Die Themen wurden definiert, und die Mechanismen&#13;
beginnen zu greifen. Aber ein endgültiger Konsens&#13;
wurde noch nicht erreicht.&#13;
Die OSZE kann ein neues Sicherheitsmodell schaffen,&#13;
das uns auf eine neue Ebene des gegenseitigen&#13;
Verständnisses führt - eine Ebene, auf der die Organisationen die Möglichkeit haben, wirklich miteinander zu&#13;
kooperieren, um Ergebnisse zu erzielen. Vor allem&#13;
müssen wir zu einem neuen Verständnis unter den&#13;
Mitgliedstaaten kommen, daß die Anwendung der&#13;
gegenseitigen Sicherheitsmechanismen keine Bedrohung darstellt.&#13;
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß&#13;
der Schlüssel zu einem Durchbruch in der breiteren&#13;
Annahme des Konzepts von "Empowerment" liegt.&#13;
Präsident Clinton hat überzeugende Argumente für die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�Notwendigkeit der Herstellung eines Gleichgewichts&#13;
von Bestrebungen vorgebracht, diejenigen gleichermaßen zurückzuhalten und ihnen "Empowerment" zu&#13;
geben, die sich in den von uns geschaffenen Rahmen&#13;
einfügen.&#13;
Wenn wir die gegenseitige Sicherheit über das traditionelle Konzept der Kontrolle erheben wollen, benötigen&#13;
wir eine positive Definition von Sicherheitszusammenarbeit und müssen "Empowerment" als positives&#13;
Gegenstück zu äußerem Zwang sehen. Ein Sicherheitssystem ist traditionell ein Mittel zur Kontrolle&#13;
von Macht und ihrer Kanalisierung zu einem positiven&#13;
Zweck. Diese Aufgabe ist immer noch von Bedeutung.&#13;
Aber neben den verteidigungspolitischen Aspekten der&#13;
Kontrolle von Macht sollte Sicherheitszusammenarbeit&#13;
in Zukunft auch die Mittel finden, Macht zu gegenseitigen Zielen und Zusammenarbeit zu lenken. Insbesondere sollten kleinere Staaten von der kollektiven&#13;
Stärke ihrer Zusammenarbeit profitieren können, um&#13;
eine aktive Rolle bei ihrer eigenen Sicherheit zu&#13;
spielen.&#13;
Die Herstellung eines Gefühls von "Empowerment"&#13;
versucht die NATO beispielsweise mit dem neuen&#13;
Euroatlantischen Partnerschaftsrat. Die OSZE, die&#13;
eine breitere Grundlage und konzeptionelle Basis als&#13;
der EAPR hat, kann eine wesentliche Rolle bei der&#13;
Definition dieses neuen Konzepts übernehmen,&#13;
ebenso wie sie es vor 20 Jahren bei den Menschenrechten getan hat.&#13;
Wenn ich nun meine heutigen Ausführungen abschließe, möchte ich sowohl die Neuartigkeit als auch&#13;
die Kontinuität unserer Arbeit an einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur betonen. Unsere Arbeit&#13;
ist neuartig, weil wir neue Strukturen schaffen und vor&#13;
allem neue Denkweisen bewirken. Aber es gibt auch&#13;
eine grundsätzliche Kontinuität. Als die Vereinigten&#13;
Staaten vor 50 Jahren den Marshallplan in die Wege&#13;
leiteten, hatten sie Frieden, Stabilität, Demokratie und&#13;
Integration in Europa im Sinn. Das sind dieselben&#13;
Ziele, auf die wir heute hinarbeiten. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker erklärte neulich, daß&#13;
wir nicht von der "NATO-Erweiterung" oder von der&#13;
"Osterweiterung" der Europäischen Union sprechen&#13;
sollten, sondern von der Vervollständigung Europas.&#13;
Mit dieser Sichtweise stimme ich voll und ganz überein.&#13;
Die Vervollständigung Europas, die Konsolidierung&#13;
unserer Sicherheit, das gute Funktionieren unserer&#13;
Institutionen und deren weitere Anpassung - das alles&#13;
sind unentbehrliche Bestandteile der transatlantischen&#13;
Partnerschaft. Ein Ereignis in einem Land hat das&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Potential, Auswirkungen auf die gesamte Region,&#13;
wenn nicht sogar die ganze Welt zu haben. Dafür gibt&#13;
es kein besseres Beispiel als den Krieg in Bosnien und&#13;
die Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland.&#13;
Wir alle kämpfen mit der Globalisierung und den&#13;
daraus resultierenden mannigfaltigen Veränderungen.&#13;
Unsere Länder werden oft mit denselben Fragen und&#13;
Herausforderungen konfrontiert. Wenn sich Amerikaner die Liste der wichtigsten innenpolitischen Herausforderungen der Deutschen ansehen, sind ihnen diese&#13;
sehr vertraut: Steuerreform, Gesundheitsreform,&#13;
Rentenreform, Kriminalität, Schaffung von Arbeitsplätzen, die Aufgaben lebenslangen Lernens, Umschulung, Globalisierung, Einwanderung etc. Wir&#13;
sehen auch, wie mehr und andere Elemente aus&#13;
unseren Ländern in unseren Dialog einfließen. Der&#13;
Privatsektor wird zunehmend einbezogen, um bei der&#13;
Lösung von Problemen zu helfen, die früher ausschließlich in den Aufgabenbereich der Regierung&#13;
fielen.&#13;
Was wir hier sehen, ist die effektive Gewährung von&#13;
mehr Rechten für neue Segmente unserer Gesellschaft, die im eigenen Land und in der transatlantischen Gemeinschaft ein Mitspracherecht erhalten. Die&#13;
Art, in der die transatlantische Gemeinschaft den&#13;
Wandel meistert, kann exemplarisch für andere&#13;
Regionen auf der Welt sein. Der Bereich Sicherheitspolitik kann auch wegweisend für andere demokratische Prozesse sein. Das bedeutet, wenn wir es richtig&#13;
machen, sind wir nicht die einzigen, die profitieren. Es&#13;
bedeutet aber auch, wenn wir zögern oder scheitern,&#13;
halten wir Fortschritte auf der ganzen Welt auf.&#13;
Während all dieser Veränderungen sind das Atlantische Bündnis und die deutsch-amerikanische Partnerschaft die Grundlage des Wandels und seine treibende&#13;
Kraft. Ohne unsere enge Zusammenarbeit hätte es&#13;
keine Wiedervereinigung Deutschlands, keine Freiheit&#13;
in Osteuropa, keinen KSE-Vertrag und kein Friedensabkommen für Bosnien gegeben.&#13;
Ohne unsere zukünftige enge Zusammenarbeit wird es&#13;
keine neue Sicherheitsstruktur in Europa geben.&#13;
Während der vergangenen sieben Jahre haben wir&#13;
gemeinsam an wahrhaft revolutionären Veränderungen gearbeitet.&#13;
Unsere Partnerschaft ist wirklich unentbehrlich. Ich bin&#13;
fest davon überzeugt, daß das Beste noch vor uns&#13;
liegt.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�USA-EUROPA&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Die Vereinigten Staaten und die&#13;
Sicherheitsarchitektur für das "europäische Haus"&#13;
Rede des Gesandten Michael C. Polt&#13;
&#13;
WESSELING - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Gesandte der&#13;
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Michael C. Polt, am 6.&#13;
November 1997 beim Eichholzer Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung auf Schloß Eichholz in Wesseling hielt.&#13;
&#13;
Ich freue mich über die Gelegenheit, heute zu Ihnen&#13;
sprechen zu dürfen. Wie Sie wissen, sind Botschafter&#13;
Kornblum und ich erst vor einigen Monaten nach&#13;
Deutschland gekommen. Wir genießen es beide,&#13;
wieder hier zu sein, alte Freunde und Kollegen wiederzusehen und die faszinierende Palette von Themen zu&#13;
erörtern, mit denen Deutsche und Amerikaner - und&#13;
alle Bürger der transatlantischen Gemeinschaft konfrontiert sind.&#13;
Mir gefällt der Ausdruck, den Sie als Untertitel für&#13;
meine heutigen Ausführungen gewählt haben "Weltinnenpolitik". Dieses Konzept beinhaltet ein&#13;
Element, das der Kern unseres Brainstorming, unserer&#13;
Debatten und Diskussionen darüber ist, wie wir besser&#13;
zusammenarbeiten können, um die europäische&#13;
Stabilität zu konsolidieren und über die im Kalten Krieg&#13;
künstlich gezogene Linie hinaus auszudehnen.&#13;
Die Stabilität Europas ist für die Sicherheit der Vereinigten Staaten von elementarer Bedeutung. Sie&#13;
hören von Amerikanern oft die Äußerung, die Vereinigten Staaten seien eine europäische Macht. Das&#13;
ist keine vom Außenministerium geäußerte Platitüde;&#13;
hinter diesem Aphorismus verbirgt sich ein Universum&#13;
gemeinsamer Interessen. Ob man sich unsere&#13;
kulturellen Bande, den enormen Handel in beide&#13;
Richtungen oder die Amerikanern und Europäern&#13;
gemeinsamen Werte anschaut - man sieht einen&#13;
überzeugenden Beweis unseres gemeinsamen&#13;
Interesses an Zusammenarbeit.&#13;
Das Ziel der Vereinigten Staaten - das wir mit Europa&#13;
teilen - besteht in der Vervollständigung des Aufbaus&#13;
eines wahrhaft integrierten, demokratischen und&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
sicheren Europas. Dieses Ziel ist die Grundlage&#13;
unserer täglichen Arbeit. Im Rückblick auf die letzten&#13;
50 Jahre dürfen wir nicht die Tatsache aus den Augen&#13;
verlieren, daß dieses übergeordnete Ziel zum ersten&#13;
Mal in Reichweite liegt.&#13;
Ich möchte einige der Bereiche beleuchten, auf die wir&#13;
in den Vereinigten Staaten großen Wert legen, während wir gemeinsam mit unseren europäischen&#13;
Partnern den Plan für eine europäische Sicherheitsarchitektur für das nächste Jahrhundert ausarbeiten.&#13;
Die NATO steht im Mittelpunkt unserer Bestrebungen.&#13;
Sie bleibt der Anker des amerikanischen Engagements&#13;
in Europa und der Dreh- und Angelpunkt der transatlantischen Sicherheit. Als Garant für die Demokratie&#13;
in Europa und Kraft für die europäische Stabilität muß&#13;
die NATO eine führende Rolle bei der Förderung eines&#13;
integrierteren, sichereren Europas übernehmen, das&#13;
zur Bewältigung neuer Herausforderungen bereit ist.&#13;
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin ungefähr&#13;
100.000 Soldaten in Europa stationieren, um ihren&#13;
Einfluß und ihre Führungsrolle in der NATO zu bewahren, die lebenswichtigen transatlantischen Beziehungen zu pflegen, eine sichtbare Abschreckung zu&#13;
bieten, auf Krisen zu reagieren und zu regionaler&#13;
Stabilität beizutragen. Die NATO ist die Verkörperung&#13;
des amerikanischen Engagements für die europäische&#13;
Sicherheit.&#13;
Die NATO ist und bleibt vor allem eine Militärorganisation, das heißt ein der kollektiven Verteidigung verpflichtetes Bündnis. Die alte Bedrohung, die 1949 zur&#13;
Gründung der NATO führte, existiert nicht mehr, aber&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�bedauerlicherweise sind neue, potentielle Gefahren&#13;
entstanden. In den letzten fünf Jahren sind infolge von&#13;
Kriegen wie dem im ehemaligen Jugoslawien und im&#13;
Kaukasus mehr Europäer eines gewaltsamen Todes&#13;
gestorben als während der 45 Jahre davor. Hier in&#13;
Europa sind Ihre Bürger noch stärker als die Amerikaner von diesen Tragödien betroffen, weil Sie - insbesondere Deutschland - Hunderttausende von&#13;
Flüchtlingen und Asylsuchenden aufgenommen haben.&#13;
Aber selbst in Europa mögen neue Bedrohungen - aus&#13;
dem Süden oder aus dem Osten - als in weiter Ferne&#13;
liegend erscheinen. Wie wir alle sehr wohl wissen,&#13;
sind sie jedoch nicht unvorstellbar. Dies gilt insbesondere in einem Zeitalter, in dem sich Raketentechnologie und Massenvernichtungswaffen ausbreiten.&#13;
Selbst während die NATO ihre Kräfte zur Bewältigung&#13;
dieser neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen bündelt, bleibt sie eine politische Organisation von&#13;
großer Bedeutung. Sie wurde als Katalysator für die&#13;
Stärkung der Werte und Institutionen bezeichnet, die&#13;
ihren Mitgliedern gemein sind: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Respektierung der Menschen- und&#13;
Bürgerrechte, Toleranz gegenüber ethnischen und&#13;
religiösen Unterschieden sowie eine zivile Kontrolle&#13;
des Militärs. Es mag Sie überraschen zu hören, daß&#13;
die gerade von mir vorgetragene Beschreibung vor&#13;
einigen Wochen von Vaclav Havel in Washington&#13;
vorgenommen wurde.&#13;
Präsident Havel und seine Amtskollegen in Polen und&#13;
Ungarn verleihen dem Wunsch ihrer Landsleute nach&#13;
einer NATO-Mitgliedschaft Ausdruck - nicht nur wegen&#13;
der Sicherheitsgarantien des Bündnisses, sondern&#13;
auch wegen seiner politischen Ziele. Diese Länder&#13;
zählen zu den leidenschaftlichsten Befürwortern des&#13;
Bündnisses. Soldaten aus Polen und der Tschechischen Republik - zwei der drei vorgeschlagenen&#13;
Beitrittskandidaten - taten im Golfkrieg Seite an Seite&#13;
mit Amerikanern Dienst. Ferner unterstützten diese&#13;
beiden Länder gemeinsam mit dem dritten Beitrittskandidaten - Ungarn - NATO-Truppen und Soldaten&#13;
aus anderen aufstrebenden Demokratien bei friedenssichernden Missionen im ehemaligen Jugoslawien.&#13;
Tatsächlich hätten wir unsere Truppen ohne die&#13;
entscheidende Hilfe Ungarns und ohne unser Bereitstellungsgelände in Taszar nicht so schnell und&#13;
reibungslos nach Bosnien entsenden können. Dies ist&#13;
nur eines von zahlreichen Beispielen für die Unterstützung dieser Nationen für die Prinzipien der Pflichtenteilung.&#13;
Eine NATO, der die neuen europäischen Demokratien&#13;
angehören, wird eher in der Lage sein, ihre Missionen&#13;
zu erfüllen, das Territorium ihrer Mitglieder zu verteidigen und Konflikte zu bewältigen, die eine Gefahr für&#13;
den gemeinsamen Frieden darstellen. Die Erweiterung des Bündnisses wird sicherstellen, daß kein Teil&#13;
Europas wieder zu einer Zone des Wettbewerbs der&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Großmächte oder zur Einflußsphäre wird. Sie wird&#13;
Vertrauen bilden und den neuen Demokratien einen&#13;
großen Anreiz zur Konsolidierung ihrer Reformen&#13;
geben. Die NATO-Erweiterung zielt nicht darauf ab,&#13;
eine Teilung Europas durch eine neue zu ersetzen.&#13;
Vielmehr soll sie die Sicherheit aller Staaten Europas&#13;
erhöhen.&#13;
Ähnliche Ziele sind die Grundlage unserer Arbeit mit&#13;
den Partnerstaaten der NATO. Die zunehmenden&#13;
Verbindungen zwischen der NATO und ihren Partnerstaaten geben letzteren die Möglichkeit, einen Beitrag&#13;
zu Missionen der NATO zu leisten, beispielsweise der&#13;
im ehemaligen Jugoslawien. Derzeit haben 14 dieser&#13;
Partner Soldaten in die SFOR entsandt und tragen&#13;
damit - ebenso wie jedes andere NATO-Mitglied - ihren&#13;
Teil zum Erhalt des Friedens bei.&#13;
Der neue Euroatlantische Partnerschaftsrat (EAPR)&#13;
versetzt seine 43 Mitglieder in die Lage, den Kurs des&#13;
Programms Partnerschaft für den Frieden zu bestimmen und dem Bündnis dessen Sicherheitsbelange&#13;
nahezubringen. Der EAPR wird die Konsultationen&#13;
zwischen der NATO und ihren Partnerstaaten vertiefen&#13;
und stärker in den Mittelpunkt rücken, Umfang und&#13;
Inhalt unserer praktischen Kooperation verbessern und&#13;
Transparenz und Vertrauen aller Partnerstaaten&#13;
erhöhen. Diesen Monat trifft sich der EAPR, um die&#13;
Stabilität in Südosteuropa zu erörtern, was für uns eine&#13;
gute Gelegenheit darstellt, gemeinsam darüber&#13;
nachzudenken, wie wir dieses wesentliche Forum&#13;
umfassend nutzen können.&#13;
Die Grundakte zwischen der NATO und der Russischen Föderation sowie der Ständige Gemeinsame&#13;
Rat markieren den Beginn der neuen und historischen&#13;
Partnerschaft der NATO mit Rußland. Dieser Schritt&#13;
zeigt, daß wir allmählich ein neues gegenseitiges&#13;
Verständnis entwickeln.&#13;
Die gestärkten Beziehungen der NATO zur Ukraine&#13;
sind ein weiterer wichtiger Meilenstein. Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an der&#13;
Entwicklung der Ukraine, Rußlands und der anderen&#13;
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zu&#13;
modernen, stabilen Demokratien, die in eine Völkergemeinschaft integriert sind, in der parlamentarische&#13;
Regierungen, Rechtsstaatlichkeit, freier und fairer&#13;
Handel sowie kooperative Sicherheit die Norm sind.&#13;
Ein wichtiges Element dieser Entwicklung ist das&#13;
Verhältnis dieser Staaten zur NATO.&#13;
Bei der inneren Anpassung der NATO haben wir&#13;
Fortschritte gemacht, aber es bleibt immer noch viel zu&#13;
tun. Und im Vorfeld des für Dezember anberaumten&#13;
Ministertreffens prüfen wir Wege zur Lösung ausstehender Fragen.&#13;
Die NATO hat auf den Wunsch unserer europäischen&#13;
Verbündeten reagiert, im Rahmen einer neuen euro-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�päischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität mehr&#13;
Verantwortung für die Verteidigung und einen größeren Teil der Lasten zu übernehmen. In Zukunft wird&#13;
die Westeuropäische Union in der Lage sein, unter&#13;
Nutzung von Aktivposten der NATO auf eigene Faust&#13;
Militäroperationen durchzuführen und dabei die&#13;
Beziehungen über den Atlantik hinweg zu stärken,&#13;
anstatt damit zu konkurrieren.&#13;
Lassen Sie mich noch kurz die Kosten der NATOErweiterung ansprechen.&#13;
Der US-Senat hat, wie Sie wissen, bereits seine&#13;
Beratungen über die NATO-Erweiterung begonnen,&#13;
und viele der von den Senatoren aufgeworfenen&#13;
Fragen konzentrieren sich auf die Kosten der Erweiterung. Wir alle in der NATO müssen die von uns&#13;
in Madrid eingegangenen Verpflichtungen erfüllen: Der&#13;
NATO werden infolge der Erweiterung Kosten entstehen, diese Kosten sind tragbar und werden gedeckt.&#13;
Zu einer Zeit, in der viele unserer europäischen&#13;
Verbündeten mit wirtschaftlichen Herausforderungen&#13;
großen Ausmaßes konfrontiert sind - darunter Arbeitslosigkeit und Stagnation der Wirtschaft - besteht die&#13;
Gefahr, daß die Unterstützung der Öffentlichkeit für die&#13;
Finanzierung einer nach außen orientierten Außenpolitik und größerer Integration allmählich untergraben&#13;
wird. Ich freue mich besonders, daß Konferenzen wie&#13;
diese stattfinden, weil sie das öffentliche Bewußtsein&#13;
schärfen und dadurch die Unterstützung der Öffentlichkeit verbessern können. Verteidigungsminister Cohen&#13;
hat im vergangenen Monat vor dem Bewilligungsausschuß des Senats erklärt: "Bündnisse sparen Geld.&#13;
Die kollektive Verteidigung ist kostengünstiger als die&#13;
nationale Verteidigung." Die Kosten der Erweiterung&#13;
müssen gegen die Kosten der Nichterweiterung&#13;
abgewogen werden. Diese Botschaft hat nicht nur&#13;
Anziehungskraft für unsere Moral, sondern auch für&#13;
unsere Brieftasche.&#13;
Das Umfeld der Zeit nach dem Kalten Krieg bietet uns&#13;
mehr Chancen, die Struktur unserer Organisationen&#13;
und Institutionen maßgerecht an unsere Erfordernisse&#13;
anzupassen. Die Organisation für Sicherheit und&#13;
Zusammenarbeit in Europa ist ein ausgezeichnetes&#13;
Beispiel dafür, wie Form der Funktion folgt. Die&#13;
Flexibilität der OSZE und das Fehlen einer starren&#13;
Rechtsstruktur gestatten uns die schnelle und pragmatische Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse. Wir&#13;
sollten alle darauf hinarbeiten sicherzustellen, daß die&#13;
OSZE weiterhin eine anpassungsfähige, kreative und&#13;
innovative Organisation bleibt.&#13;
Die Vereinigten Staaten messen der Arbeit der OSZE&#13;
große Bedeutung bei. Ich kann Ihnen das sagen, weil&#13;
mein Büro direkt neben dem von jemandem liegt, der&#13;
sozusagen "bei wichtigen Ereignissen in der Geschichte der OSZE dabei war". Wie viele von Ihnen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
wissen, war Botschafter Kornblum der Leiter der&#13;
Delegation der Vereinigten Staaten beim Gipfel von&#13;
Helsinki 1992 und danach der Botschafter der Vereinigten Staaten bei der KSZE in Wien. Ich stimme voll&#13;
und ganz mit Botschafter Kornblums Feststellung&#13;
überein, daß die OSZE neue Wege zu gemeinsamen&#13;
Aktionen finden muß, wenn OSZE-Prinzipien und&#13;
-Verpflichtungen verletzt werden. Die OSZE muß&#13;
unverzüglich und effektiv handeln können. Die OSZE&#13;
sollte ein Sicherheitsmodell für das nächste Jahrhundert ausarbeiten, muß jedoch auch bereit sein,&#13;
ihren Worten und Deklarationen praktische Aktionen&#13;
folgen zu lassen.&#13;
In Lissabon haben wir vereinbart, daß ein Sicherheitsmodell die Grundlage für eine neue Definition der&#13;
gemeinsamen Sicherheit werden und diese zu Recht&#13;
in einer Charta verankert werden könnte. Es ist jedoch&#13;
unerläßlich, daß wir die vor uns liegende Arbeit&#13;
bewältigen, statt darüber zu debattieren, wie wir sie auf&#13;
dem Papier in den Griff bekommen. Um ein wirklich&#13;
nützliches Dokument zu erarbeiten, werden wir in der&#13;
Tat wahrscheinlich einen konzeptionellen Sprung&#13;
machen und neue Methoden der Sicherheitszusammenarbeit entdecken müssen, insbesondere ein&#13;
besseres Verständnis, wie wir die in Europa stattfindenden dramatischen Veränderungen in eine&#13;
positive und kooperative Richtung lenken können.&#13;
Dieser konzeptionelle Sprung wird uns weit über alte&#13;
Vorschläge über den rechtlichen Status und OSZEVerträge hinausbringen.&#13;
Ein zu sondierender Bereich ist die Umsetzung. Viele&#13;
Länder sehen ein Dilemma in der Entwicklung der&#13;
OSZE. Wir haben solide Strukturen aufgebaut. Wir&#13;
haben zahlreiche Instrumente im Zusammenhang mit&#13;
Konfliktverhütung entwickelt. Was wir nicht entwickelt&#13;
haben, ist ein Mittel der Gewährleistung, daß diese&#13;
Instrumente auf die bestehenden Probleme angewendet werden. Die Antwort liegt wiederum nicht in&#13;
rechtlichen Antworten auf politische Probleme, sondern&#13;
im Aufbringen des erforderlichen politischen Willens.&#13;
Der beste Weg hierzu ist konzertierte Aktion - eines&#13;
der einzigartigen Attribute der OSZE.&#13;
Innerhalb des OSZE-Raums ist ein neuer Ansatz zu&#13;
Sicherheitsherausforderungen erforderlich.&#13;
Die&#13;
Vereinigten Staaten hoffen in Wien einen konzeptionellen Durchbruch zu erreichen, der ein neues Verständnis für den Einsatz unterschiedlicher Sicherheitsund anderer kooperativer Mechanismen fördert, um&#13;
den Wandel in eine positive Richtung zu lenken.&#13;
Damit dies nicht zu theoretisch klingt, sollten wir ein&#13;
potentielles Beispiel der Vergangenheit erörtern: Das&#13;
Thema Menschenrechte. In den siebziger und achtziger Jahren führten wir endlose Diskussionen darüber, ob Menschenrechte tatsächlich ein mit unseren&#13;
internationalen Partnern zu verfolgendes legitimes&#13;
Thema sind. Es hat über 10 Jahre gedauert, um den&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Konsens zu erzielen, daß Menschenrechte ein legitimer Anlaß zu Besorgnis in internationalen Beziehungen sind. Als sich dieser Konsens abzeichnete, stellte&#13;
er einen konzeptionellen Durchbruch dar - ein echtes&#13;
neues Verständnis, wie Sicherheit funktioniert.&#13;
Das Gleiche geschieht jetzt im Hinblick auf präventive&#13;
Diplomatie und Konfliktverhinderung. Es wurden viele&#13;
Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch sehr viel&#13;
mehr zu tun. Die Themen wurden definiert, und die&#13;
Mechanismen beginnen zu greifen. Aber der endgültige Konsens wurde noch nicht erzielt.&#13;
Die derzeitigen Wiener Verhandlungen befassen sich&#13;
weiterhin mit den Themen, die in dem 1994 in Budapest vereinbarten Verhaltenskodex so sorgfältig&#13;
niedergelegt wurden. Aber viele der in Wien unterbreiteten Vorschläge kommen uns wie eine Wiederverwertung alter Ideen oder Fragen vor, zu denen wir&#13;
bereits einen Konsens erlangt haben.&#13;
Wir hoffen, daß das neue Sicherheitsmodell uns zu&#13;
einer neuen Ebene des gegenseitigen Verständnisses&#13;
bringen wird - ein gegenseitiges Verständnis unter&#13;
Organisationen, so daß sie wirklich miteinander&#13;
kooperieren können, um Ergebnisse zu erzielen. Vor&#13;
allem müssen wir zu einem neuen Verständnis unter&#13;
den Mitgliedstaaten kommen, daß die Anwendung der&#13;
OSZE-Mechanismen keine Bedrohung ist.&#13;
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß&#13;
der Schlüssel in der breiteren Annahme des Konzepts&#13;
von "Empowerment" liegt. "Empowerment" bedeutet,&#13;
daß nicht mehr länger nur die einflußreichen Staaten&#13;
oder die politische Elite sicherheitspolitische Entscheidungen treffen. Präsident Clinton selbst hat die&#13;
Arbeit an der Herstellung eines Kräftegleichgewichts&#13;
betont, das diejenigen gleichermaßen zurückhält und&#13;
ihnen mehr "Empowerment" verleiht, die in den&#13;
Rahmen gelangen, den wir aufbauen.&#13;
Wenn wir die gegenseitige Sicherheit über das traditionelle Konzept der Kontrolle hinausbringen wollen,&#13;
benötigen wir eine positive Definition der Sicherheitszusammenarbeit. Mit anderen Worten: Mehr "Empowerment" ist ein positives Gegenstück zur Durchsetzung. Ein Sicherheitssystem ist traditionell ein Mittel&#13;
zur Kontrolle von Macht und ihrer Kanalisierung zu&#13;
einem positiven Zweck. Diese Aufgabe ist immer noch&#13;
von Bedeutung. Aber abgesehen von den verteidigungspolitischen Aspekten der Kontrolle von Macht&#13;
sollte Sicherheitszusammenarbeit in der Zukunft auch&#13;
die Mittel finden, auf der Stärke gemeinsamer Ziele&#13;
und Zusammenarbeit aufzubauen, um einen positiven&#13;
Zweck zu erzielen. Insbesondere sollten die kleinen&#13;
Staaten von der kollektiven Stärke ihrer Zusammenarbeit profitieren können, um eine aktive Rolle bei der&#13;
Handhabung ihrer eigenen Sicherheit zu spielen.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Die Schaffung eines Gefühls von mehr "Empowerment" ist beispielsweise das, was die NATO mit dem&#13;
neuen Euroatlantischen Partnerschaftsrat zu tun&#13;
versucht. Die OSZE, die eine breitere Grundlage und&#13;
konzeptionelle Basis als der EAPR hat, muß auch&#13;
damit beginnen, ihren Teilnehmerstaaten mehr&#13;
"Empowerment" zu verleihen. Das kann durch die&#13;
breitere Beteiligung der Bürger und Nichtregierungsorganisationen an der Arbeit der OSZE geschehen.&#13;
Diese Erörterung der OSZE und der NATO zeigt&#13;
hoffentlich das Ausmaß, in dem wir Innovationen&#13;
durchführen und unsere Instrumente und Methoden&#13;
neu definieren. Wir sind bei unserem Ansatz sehr viel&#13;
mehr nach außen orientiert und beziehen mehr ein.&#13;
Und das hat das praktische Ergebnis, unsere Bestrebungen auf den Export von Sicherheit zu konzentrieren&#13;
sowie dem europäischen Sicherheitsfundament&#13;
kontinuierlich besseres Verständnis und zunehmende&#13;
Interaktion hinzuzufügen.&#13;
Während wir am Aufbau einer umfassenden europäischen Sicherheitsarchitektur arbeiten, müssen wir uns&#13;
auch auf regionale Sicherheitsherausforderungen&#13;
konzentrieren. Wir sind weiterhin den Zielen des&#13;
Abkommens von Dayton verpflichtet, und in Bosnien&#13;
sind wir weiterhin der Erlangung eines sich selbst&#13;
tragenden Friedens verpflichtet.&#13;
Wenn ich nun meine heutigen Ausführungen abschließe, möchte ich sowohl die Neuartigkeit als auch&#13;
die Kontinuität unserer Arbeit an einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur betonen. Unsere Arbeit&#13;
ist neuartig, weil wir neue Strukturen schaffen und&#13;
sogar neue Denkweisen bewirken. Aber es gibt auch&#13;
eine grundsätzliche Kontinuität. Als die Vereinigten&#13;
Staaten vor 50 Jahren den Marshallplan in die Wege&#13;
leiteten, hatten sie Frieden, Stabilität, Demokratie und&#13;
Integration in Europa im Sinn. Das sind dieselben&#13;
Ziele, auf die wir heute hinarbeiten. Deutschlands&#13;
ehemaliger Bundespräsident, Richard von Weizsäcker,&#13;
erklärte neulich, daß wir nicht von der "NATO-Erweiterung" oder von der "Osterweiterung" der Europäischen Union sprechen sollten, sondern von der&#13;
Vervollständigung Europas. Mit dieser Sichtweise&#13;
stimme ich voll und ganz überein.&#13;
Die Vervollständigung Europas, die Konsolidierung&#13;
unserer Sicherheit, das gute Funktionieren unserer&#13;
Institutionen und deren weitere Anpassung - das alles&#13;
sind unerläßliche Bestandteile des Konzepts der&#13;
"Weltinnenpolitik". Ein Ereignis in einem Land hat das&#13;
Potential, Auswirkungen auf die gesamte Region,&#13;
wenn nicht sogar die ganze Welt zu haben. Dafür gibt&#13;
es kein besseres Beispiel als den Krieg in Bosnien und&#13;
die Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland.&#13;
Die Globalisierung findet nicht nur in der Finanz- und&#13;
Geschäftswelt, sondern auch in politisch-militärischen&#13;
Angelegenheiten statt. In allen diesen Bereichen wird&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�die Art, in der die transatlantische Gemeinschaft den&#13;
Wandel meistert, exemplarisch für andere Regionen&#13;
auf der Welt sein. Das bedeutet, wenn wir es richtig&#13;
machen, sind wir nicht die einzigen, die profitieren. Es&#13;
bedeutet aber auch, wenn wir zögern oder scheitern,&#13;
halten wir Fortschritte auf der ganzen Welt auf.&#13;
Wir befinden uns wahrhaftig in einem neuen Zeitalter&#13;
der internationalen Beziehungen, und dieses neue&#13;
Zeitalter fordert uns heraus, die Welt durch eine neue&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Brille zu betrachten. Ich glaube, wir können uns zu&#13;
unserer Aufgeschlossenheit und den weitblickenden&#13;
Entscheidungen gratulieren, die wir seit dem Ende des&#13;
Kalten Krieges getroffen haben - von denen viele vor&#13;
nur wenigen Monaten in Paris oder Madrid ihren&#13;
Höhepunkt fanden. Aber unsere Arbeit ist noch nicht&#13;
getan. Wir wollen sie im Geiste des Muts und der&#13;
Kreativität fortsetzen, mit denen wir begonnen haben.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�USA-DEUTSCHLAND&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Rede von George Bush am Tag der Deutschen Einheit&#13;
Besuch des ehemaligen Präsidenten in Berlin&#13;
&#13;
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der frühere Präsident der Vereinigten Staaten von&#13;
Amerika, George P. Bush, am 3. Oktober 1997 bei einer Veranstaltung der Organisationen "Wir für Deutschland"&#13;
und "Aktion Gemeinsinn" in Berlin hielt.&#13;
&#13;
Ich danke Ihnen. Herr Bundeskanzler, herzlichen&#13;
Dank für Ihre bewegenden Worte. Ich freue mich&#13;
außerordentlich, hier zu sein, und zwar aus mehreren&#13;
Gründen. Ich kenne keine Stadt in den Vereinigten&#13;
Staaten, in der 12 Cellisten gleichzeitig ein und&#13;
dieselbe Melodie spielen. Das war wunderbare Musik,&#13;
und ich danke den Musikern dafür. Ich wünschte, sie&#13;
wären nicht so schnell wieder weg gewesen, aber sie&#13;
hatten sicherlich noch einen weiteren Auftritt am Tag&#13;
der Deutschen Einheit. Gestatten Sie mir, mich&#13;
Bundeskanzler Kohl anzuschließen und Herrn Dr.&#13;
Odewalk, Herrn Dr. Zumwinkel, Professor Schwitzer&#13;
und andere zu begrüßen, denen ich für meine Einladung am heutigen Tag danken möchte. Es ist sehr&#13;
schön, daß Herr DeMaziere heute gekommen ist, und&#13;
ich war stolz, daß Bundeskanzler Kohl ihn herausgehoben und extra begrüßt hat.&#13;
Zunächst möchte ich sagen, daß ich es sehr bedauere,&#13;
daß meine Frau Barbara nicht hier sein kann. Sie war&#13;
heute morgen bei diesem wunderbaren Ereignis in&#13;
Stuttgart dabei. Ich wünschte, alle Berliner hätten das&#13;
sehen können. Ich kann ihnen sagen, daß es womöglich ebenso gefühlsbewegend war wie die wundervolle Parade, die hier von den Deutschen aus Anlaß&#13;
des Tags der Einheit abgehalten wurde. Zumindest für&#13;
mich war es ein wunderbarer Tag. Andererseits bin&#13;
ich vielleicht froh, daß meine Frau nicht hier ist. Denn&#13;
ich bin wohl mit einer der populärsten Frauen in den&#13;
Vereinigten Staaten verheiratet, und wohin ich auch&#13;
gehe, fragen mich die Menschen: "Wo ist Barbara?&#13;
Warum ist sie nicht gekommen?" Sie ist also nicht&#13;
hier, und ich freue mich, hier allein vor Ihnen zu stehen&#13;
und die liebenswürdigen Worte meines Freundes,&#13;
Ihres Bundeskanzlers, hören zu dürfen.&#13;
&#13;
Nach einem außergewöhnlichen Tag wie dem heutigen ist es schwierig, einen Anfang für meine Ausführungen zu finden, abgesehen von meinem Dank an&#13;
Sie, der von Herzen kommt. Es ist schwierig, nicht von&#13;
den Emotionen eines Tages wie diesem überwältigt zu&#13;
werden. Und daß ich heute im historischen, geeinten&#13;
Berlin bin, macht dies für mich zu einem ganz besonderen Tag. Natürlich schulde ich - ebenso wie Sie&#13;
- meinem geschätzten Freund und Kollegen, Bundeskanzler Kohl, besonderen Dank. Ich habe grenzenlose Achtung vor ihm, und heute an diesem&#13;
besonderen Tag bei ihm in Deutschland zu sein und&#13;
dem Geist des deutschen Volkes Tribut zu zollen dem Geschenk, als das er die deutsche Einheit&#13;
bezeichnete - ist etwas, an das ich mich lange erinnern&#13;
werde.&#13;
Es ist angebracht, den Abschluß dieses Tags der&#13;
Einheit hier in Berlin mit zwei Organisationen zu feiern,&#13;
die den Geist des modernen Deutschland verkörpern:&#13;
"Wir für Deutschland" und "Aktion Gemeinsinn".&#13;
Schließlich waren es die Menschen, deren Hunger&#13;
nach Freiheit und einem besseren Leben vor einem&#13;
Jahrzehnt die Ereignisse ins Rollen brachte, die letzten&#13;
Endes den Lauf der Geschichte veränderten und den&#13;
Weg zur Vereinigung Deutschlands ebneten. Es war&#13;
nicht schwer für mich, Bundeskanzler Kohl und dem&#13;
deutschen Volk in der Frage der Vereinigung zur Seite&#13;
zu stehen - vielleicht weil ich alt genug bin, um den&#13;
Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben, wo ich zu hassen&#13;
lernte.&#13;
Dann aber sah ich ein demokratisches&#13;
Deutschland und verstand die Veränderungen. Und es&#13;
ist viel einfacher, in einem freien, geeinten Deutschland durch dieses Tor zu fahren als früher.&#13;
Ebenso wie Ihr Geist im Kalten Krieg den Sieg davontrug, ist es heute Ihr Geist, der Deutschland vor-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�antreibt. Dieser Geist manifestiert sich, wie wir vor&#13;
kurzem sahen, auf vielerlei Weise und in vielen&#13;
verschiedenen Menschen.&#13;
Der Bundeskanzler&#13;
erinnerte an das Hochwasser an der Oder, das&#13;
Zehntausende Deutsche betraf. Es war eine schwierige Zeit für Deutschland, als der Schaden eskalierte.&#13;
Die Menschen verloren ihre Häuser, ihr Eigentum&#13;
wurde beschädigt, Unternehmen wurden ruiniert,&#13;
Existenzen zerstört. Aber inmitten dieses Leidens sah&#13;
ich von der anderen Seite des Atlantiks, was Sie hier&#13;
sahen. Wir sahen alle, daß etwas Dramatisches&#13;
geschah. Wir sahen wie Deutsche - nicht nur im&#13;
Osten, sondern aus dem ganzen Land und in Polen gemeinsam Hilfe leisteten. Und wir sahen, wie sie&#13;
dem Schlimmsten der Natur mit dem Besten des&#13;
menschlichen Geistes begegneten.&#13;
Herr Bundeskanzler, damals sprachen Sie vom Geist&#13;
der Solidarität und der Nachbarschaftshilfe, und sie&#13;
wiesen heute erneut darauf hin. Sie sprachen von den&#13;
Mitarbeitern der Hilfswerke und den Freiwilligen, die&#13;
die Ärmel hochkrempelten und die Deiche entlang des&#13;
Flusses sicherten. Während meiner Zeit als Präsident,&#13;
und sogar heute, als ich mit Ihrem Minister Neuter&#13;
darüber sprach, nannte ich das eine engagierte&#13;
Staatsbürgerschaft, eines von Tausend Glanzlichtern.&#13;
Die vom deutschen Volk Anfang August unter Beweis&#13;
gestellte Solidarität erklärt durch ihr Beispiel möglicherweise besser als meine Worte, was es bedeutet, sich&#13;
zu engagieren. Bei der Bewältigung der vor uns&#13;
liegenden Herausforderungen gibt es Dinge, die eine&#13;
Regierung nicht sehr gut leisten kann. Manchmal kann&#13;
die Regierung einfach nicht dieses besondere Einfühlungsvermögen zeigen wie ein engagierter Bürger,&#13;
der in seiner Gemeinde tätig ist und einem Freund in&#13;
Not hilft - sei dieser das Opfer einer Flutkatastrophe&#13;
oder jemand, der nicht lesen kann. Ich sage immer&#13;
gerne, es gibt in Amerika kein Problem, das nicht von&#13;
engagierten Bürgern irgendwo bereits gelöst wird.&#13;
Ebenso wie die beiden Organisationen - die Gastgeber&#13;
des heutigen Abends - es in Deutschland tun. Stein&#13;
um Stein, Dorf um Dorf bewirken Sie einen Unterschied. Sie werden Ihrer Verantwortung als freies Volk&#13;
in einer freien Gesellschaft gerecht und tragen als&#13;
einzelne Bürger dazu bei, dieses großartige Land in&#13;
Freiheit voranzubringen.&#13;
Während wir diesen Tag der Einheit feiern, beglückwünsche ich Sie zu Ihren selbstlosen Taten und Ihrem&#13;
engagierten Beitrag zur Gestaltung einer noch besseren Zukunft für Deutschland. Tatsächlich sind Organisationen wie Ihre ein weiterer Grund, warum ich&#13;
optimistisch hinsichtlich der Zukunft dieses großartigen&#13;
Landes bin, und warum andere das auch sind. Der 3.&#13;
Oktober 1990 war nach Ansicht vieler Menschen das&#13;
erste von zahlreichen Kapiteln der deutschen Erfolgsgeschichte der kommenden Jahre, Jahrzehnte und&#13;
Jahrhunderte. Wenn ich das hinzufügen darf, ich&#13;
hoffe, daß die äußerst wichtigen deutsch-amerikanischen Beziehungen sich weiterhin erfolgreich&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
entwickeln, denn meines Erachtens sind sie entscheidend für das zukünftige Wohlergehen nicht nur&#13;
unserer großartigen Länder, sondern auch von Europa&#13;
und darüber hinaus. Besonders möchte ich die&#13;
Bedeutung der jungen Menschen und ihrer wichtigen&#13;
Rolle hervorheben, die sie in dieser Hinsicht in Zukunft&#13;
übernehmen werden. Ich weiß, daß manche sich&#13;
Sorgen über die Zukunft machen, aber schauen Sie&#13;
auf den Weg, den wir bereits zurückgelegt haben und&#13;
sehen Sie, wie weit wir gekommen sind. Ich meine&#13;
damit die freien Nationen der Welt. Und schauen Sie&#13;
auf Deutschland. Betrachten Sie den zurückgelegten&#13;
Weg und wie weit Sie gekommen sind.&#13;
Wo ich gerade über junge Menschen spreche. Ich&#13;
arbeite mit Freunden in Deutschland und den Vereinigten Staaten an der Förderung von mehr deutschamerikanischen Austauschprogrammen zwischen&#13;
Akademikern. Meines Erachtens wird das Projekt&#13;
"Endowment for the 21 st Century" - das von einem&#13;
Mann namens Heinz Prechter, einem auf seine&#13;
deutsche Herkunft stolzen Amerikaner, ins Leben&#13;
gerufen wurde - zu einem besseren Verständnis&#13;
zwischen unseren Völkern führen. Das sind Glanzlichter. Es ist nicht die Regierung, es sind die Menschen,&#13;
die mit ihren Möglichkeiten versuchen, etwas zu&#13;
bewirken.&#13;
Heute stehen wir an der Schwelle zu einem neuen&#13;
Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend, und während&#13;
wir uns auf das Unbekannte vorbereiten, wissen wir&#13;
eines: Die Welt von heute ist sicherer, freier und&#13;
wohlhabender als je zuvor. Ein neues und hoffnungsvolles Zeitalter ist angebrochen. Aber es liegt noch viel&#13;
Arbeit vor uns. Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber&#13;
neue Herausforderungen sind entstanden, und daher&#13;
ist es angebracht, daß wir diesen besonderen Tag mit&#13;
einer Botschaft des Dienstes begehen. Die Art von&#13;
Dienst, für den nicht nur diese beiden Organisationen&#13;
am heutigen Abend beispielhaft sind, sondern die Art&#13;
von Dienst, die zahllose Deutsche einer hehren und&#13;
selbstlosen Sache täglich erweisen. In diesem Sinne&#13;
geben Sie ein leuchtendes Beispiel dafür, daß jeder&#13;
von uns jeden Tag etwas bewirken kann. Ich beglückwünsche Sie zu dem, was Sie geleistet haben. Ich&#13;
beglückwünsche Sie zu dem, was Sie tun und wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg bei&#13;
Ihrer wichtigen Arbeit.&#13;
Man hat mir zehn Minuten für meine Ausführungen&#13;
gegeben, und ich werde sie mit einem Witz beenden,&#13;
den mein Freund, der große Prediger Billy Graham,&#13;
erzählt hat. "Er stand da, wo ich jetzt meine Rede&#13;
halte. Und er redete 10 Minuten, er redete 20 Minuten,&#13;
er sprach eine Stunde. Daraufhin zog der Vorsitzende&#13;
seinen Schuh aus und warf ihn nach dem Redner. Er&#13;
traf nicht ihn, sondern eine Dame, die in der ersten&#13;
Reihe saß. Worauf diese sagte: Noch einmal. Ich&#13;
kann ihn immer noch hören." Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Neue wirtschaftliche Herausforderungen und Chancen&#13;
Rede von Senator Roth&#13;
&#13;
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Senator William Roth, der Vorsitzende des&#13;
Finanzausschuß des Senats und Präsident der Nordatlantischen Versammlung, am 16. Oktober 1997 vor dem&#13;
DIHT in Bonn hielt.&#13;
&#13;
Vielen Dank. Es ist mir eine Freude, hier zu sein und&#13;
mit dieser Gruppe herausragender Wirtschaftsvertreter&#13;
zusammenzutreffen. Es sind Ihre Energie, Ihre Ideen,&#13;
Ihre Führungsrolle, Ihr Management und Ihre Risikobereitschaft, die Nationen vorantreiben, und das&#13;
sollten Regierungsmitglieder immer bedenken.&#13;
Unternehmen brauchen Regierungen und Gesetze,&#13;
um gemeinsame Regeln zur Gewährleistung von&#13;
Fairneß, Gerechtigkeit und gleichberechtigten Beziehungen zu fördern, aber die Regierung darf sich selbst&#13;
nie als Wohltäter der Wirtschaft betrachten oder als&#13;
von ihr abhängig sehen. Eine solche Art von Beziehung schafft ein Ungleichgewicht, das eine Gefahr für&#13;
den Unternehmergeist darstellt und den Markt behindert.&#13;
&#13;
fallen Besteuerung, internationale Handelsbeziehungen und Sozialpolitik. Er ist zuständig für mehr als 75&#13;
Prozent aller staatlichen Ausgaben und für 100&#13;
Prozent der staatlichen Einnahmen. Und er hält mich&#13;
in Atem!&#13;
&#13;
Vor diesem Hintergrund möchte ich mich bei meinen&#13;
heutigen Ausführungen auf einige der Herausforderungen und Chancen konzentrieren, denen Sie als&#13;
Unternehmer gegenüberstehen.&#13;
&#13;
Diese beiden Chancen eröffnen mir eine meines&#13;
Erachtens einzigartige Perspektive, die es mir gestattet, Wirtschafts- und Außenpolitik zu einem prägnanten&#13;
und funktionierenden Paradigma zusammenzufügen&#13;
und diese beiden Bereiche nicht nur getrennt voneinander zu verstehen, sondern auch zu sehen, welche&#13;
Symbiose und Synergieeffekte sie in Kombination&#13;
bilden.&#13;
&#13;
Ich möchte darlegen, was die Regierung meines&#13;
Erachtens tun sollte, um Ihnen bei der Bewältigung der&#13;
Herausforderungen und Ergreifung der Chancen zu&#13;
helfen. Anschließend möchte ich Ihnen eine Aufgabe&#13;
geben, die sich meiner Meinung nach für Sie, Ihre&#13;
Unternehmen und die Zukunft als Segen erweisen&#13;
könnte.&#13;
Dabei werde ich zwei einzigartige Chancen nutzen, die&#13;
mein Verständnis beeinflußt und zu meiner Meinungsbildung beigetragen haben. Die erste betrifft die&#13;
Möglichkeiten, die ich als Vorsitzender des Finanzausschusses des Senats habe. Dieser Ausschuß ist&#13;
großenteils verantwortlich für die amerikanische&#13;
Wirtschaftspolitik. In seinen Zuständigkeitsbereich&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Die zweite Chance habe ich in meiner Eigenschaft als&#13;
Präsident der Nordatlantischen Versammlung, dem&#13;
parlamentarischen Arm der NATO. In dieser Funktion&#13;
arbeite ich eng mit mehr als 200 Abgeordneten aus&#13;
ungefähr 40 Parteien innerhalb des Bündnisses&#13;
zusammen. Wir beteiligen uns aktiv am Prozeß der&#13;
NATO-Erweiterung, der Entwicklung der Europäischen&#13;
Union und zahlreichen anderen transatlantischen&#13;
Fragen von entscheidender Bedeutung.&#13;
&#13;
Mit Blick auf die Wirtschafts- und Außenpolitik zusammengenommen können wir nur sagen, daß wir in&#13;
einem der dynamischsten Zeitalter der Geschichte&#13;
leben.&#13;
Der Kalte Krieg ist beendet. Wir werden täglich&#13;
Zeugen einer Revolution in der Medizin- und Kommunikationstechnologie. Der Frieden verspricht steigenden Wohlstand. Die NATO wird um neue demokratische Nationen Zentraleuropas - Nationen mit pulsierenden, lebensprühenden Volkswirtschaften - er-&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�weitert, und die Europäische Union folgt schnell ihrem&#13;
Beispiel. Mit der Einführung der Europäischen Währungsunion und dem Euro sowie der Aufnahme des&#13;
Transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic&#13;
Business Dialogue - TBD) verstärken wir unsere&#13;
gemeinsamen Anstrengungen zur Liberalisierung von&#13;
Handel und Investitionen.&#13;
Was für eine verheißungsvolle Zeit - eine Zeit des&#13;
Optimismus. Fortschritte bei jeder dieser Entwicklungen beeinflussen Fortschritte auf anderen Gebieten&#13;
- alle tragen meines Erachtens zu erhöhter Sicherheit&#13;
und größerer Stabilität auf dem europäischen Kontinent und in der transatlantischen Gemeinschaft bei&#13;
und schaffen mehr Chancen für Beschäftigung und&#13;
Wirtschaftswachstum.&#13;
Gestatten Sie mir, noch folgendes hinzuzufügen: Ich&#13;
weiß, daß Ihre großartige Nation die Herausforderungen annimmt. Diese Herausforderungen stehen in&#13;
Verbindung mit der - wirtschaftlichen, politischen und&#13;
psychologischen - Wiedervereinigung. Sie kämpfen&#13;
noch mit einer hohen Arbeitslosigkeit (11,5 Prozent),&#13;
einem Haushaltsdefizit, einem Übermaß an Vorschriften und einer Industrie, die sich über ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit und die höchsten&#13;
Lohnkosten der Welt Sorgen macht.&#13;
Mit Ausnahme der Wiedervereinigung sahen sich die&#13;
Vereinigten Staaten vor nicht allzu langer Zeit ähnlichen Herausforderungen gegenüber. Ich erinnere&#13;
mich lebhaft daran, wie Vertreter der Presse und&#13;
Kommentatoren vor nur wenigen Jahren behaupteten,&#13;
Amerika hätte seine besten Tage bereits hinter sich.&#13;
Die Ansicht war weit verbreitet, wir hätten als Nation&#13;
unseren Wettbewerbsvorteil verloren und zukünftige&#13;
Generationen würden nicht mehr dieselbe Lebensqualität genießen können wir ihre Eltern. Arbeitslosigkeit und Zinssätze waren hoch. Das Haushaltsdefizit&#13;
wuchs. Stahlwerke und andere traditionelle Fabrikationsbetriebe schlössen ihre Pforten.&#13;
Viele stellten die Vermutung an, die Zukunft gehöre&#13;
den Anrainerstaaten des Pazifik. Unter den Amerikanern machte sich Besorgnis und ein wachsendes&#13;
Gefühl der Unsicherheit breit.&#13;
Während dieser schwierigen Zeit habe ich gepredigt,&#13;
was allgemein als das Evangelium von der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik bezeichnet wurde Steuersenkungen, Beschränkung der staatlichen&#13;
Ausgaben, Deregulierung, offene Märkte. Glücklicherweise war 1994 die Mehrheit des Kongresses derselben Meinung wie ich. Innerhalb der ersten Sitzungsperiode des Kongresses veränderten wir die Arbeitsweise der Regierung. Wir verabschiedeten die&#13;
Sozialhilfereform. Wir beschlossen die erste Steuersenkung seit 16 Jahren (obwohl sie nicht so hoch&#13;
ausfiel, wie ich gerne gesehen hätte!). Wir senkten die&#13;
staatlichen Ausgaben und verabschiedeten einen&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
ausgeglichenen Haushalt.&#13;
Wir verringerten das&#13;
Haushaltsdefizit um 75 Prozent, und heute tendiert es&#13;
erstmals seit 1969 gegen Null. Im Zuge dieser Maßnahmen verdoppelten sich die Börsenkurse, die&#13;
Zinssätze fielen, die Beschäftigung stieg explosionsartig an, der Handel nahm zu, die Stundenlöhne der&#13;
amerikanischen Arbeitnehmer stiegen real an, die&#13;
Unternehmen erlebten einen Boom, und die Wirtschaft&#13;
wuchs.&#13;
Ich sage Ihnen das nicht, um zu prahlen oder zu&#13;
belehren. Wie ich bereits erklärte, bin ich mir durchaus&#13;
bewußt, daß die deutsche Wirtschaft mit Herausforderungen konfrontiert ist, die über die hinausgehen,&#13;
denen wir uns in Amerika gegenübersahen. Aber ich&#13;
erzähle von diesen Erfolgen, um zu zeigen, daß sich&#13;
das Blatt wenden kann - und daß es sich sehr schnell&#13;
wenden kann.&#13;
Steuersenkungen kurbeln das Wirtschaftswachstum&#13;
an und ermutigen Spar- und Investitionstätigkeit. Eine&#13;
Kontrolle der staatlichen Ausgabenpolitik setzt Kapital&#13;
frei, regt die Märkte an und fördert neue Unternehmen.&#13;
Ein Übermaß an Vorschriften beeinträchtigt Investitionen und erfordert höhere Gewinne zur Deckung der&#13;
Kosten. Deregulierung bewirkt das Gegenteil, und&#13;
diese Maßnahme hat großen Einfluß auf Ihre Wirtschaft - ebenso wie das bei uns der Fall war.&#13;
Deutschland hat eine Industrie von Weltklasse - sehr&#13;
gut ausgebildete und äußerst effiziente Arbeitnehmer.&#13;
Sie haben in kapitalintensive Produkte investiert, die&#13;
hohe geistige Fähigkeiten verlangen. Jetzt müssen&#13;
Sie - ebenso wie wir in den Vereinigten Staaten das&#13;
versuchen - die deutsche Industrie von den Fesseln&#13;
befreien, damit sie ihre Stärken nutzen kann. Aufgrund&#13;
der hohen Steuern und dem Übermaß an Vorschriften&#13;
sind die Investitionen in Deutschland größtenteils auf&#13;
die Fertigung und Vermarktung von Produkten beschränkt, die auf dem deutschen Markt verkauft&#13;
werden. Das ist langfristigem Wachstum nicht förderlich.&#13;
Ebenso wie die Vereinigten Staaten muß&#13;
Deutschland sich selbst als Exportplattform sehen und&#13;
auf den Weltmarkt schauen, wo ausreichend niedrige&#13;
Kosten gestatten, die übrige Welt mit Produkten zu&#13;
versorgen.&#13;
Deutschland und die Vereinigten Staaten sehen sich&#13;
beide einer Welle wirtschaftlichen Wandels gegenüber&#13;
- einer dynamischen Globalisierung. Die Frage für&#13;
unsere beiden Nationen ist einfach: Werden wir auf&#13;
dieser Welle reiten, oder wird sie über uns hinwegrollen?&#13;
Meines Erachtens müssen wir in dieser Hinsicht&#13;
ebenso mutig sein wie auf geopolitischem Gebiet.&#13;
Schauen Sie sich an, wie wir andere einbeziehen und&#13;
die Volkswirtschaften Zentral- und Osteuropas integrieren. Betrachten Sie unsere Bestrebungen zur Erweiterung der NATO und zur Schaffung einer Zone&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�größerer Stabilität im Osten und überlegen Sie sich,&#13;
wie das unseren wirtschaftlichen Zielen dient und&#13;
diese fördert. Neben diesen mutigen Initiativen gibt es&#13;
andere, beispielsweise das Engagement Deutschlands&#13;
bei der Entsendung von Soldaten zu internationalen&#13;
Friedensmissionen, ganz zu schweigen von den&#13;
Bemühungen zur Errichtung der europäischen Währungsunion.&#13;
Die Einführung einer gemeinsamen Währung könnte&#13;
sich - wenn sie richtig durchgeführt wird - zu einem&#13;
enormen Vorteil für in Europa tätige Unternehmen&#13;
entwickeln. Eine richtige Einführung muß auf drei&#13;
grundlegenden Kriterien basieren: Erstens einer&#13;
Währungs- und Finanzpolitik, die Inflation bekämpft&#13;
und reale Erträge aus Investitionen fördert; zweitens&#13;
muß sie auf eine Art und Weise erfolgen, die bestehende Verträge nicht antastet; und drittens müssen die&#13;
übrigen Länder Europas das Maß an währungspolitischer Verantwortung gewinnen, das Deutschland&#13;
während der letzten 50 Jahre erworben hat.&#13;
Jedes dieser Kriterien stellt eine mutige und interessante Entwicklung dar.&#13;
Diese Art von Vision&#13;
müssen wir auch im Hinblick auf unsere zukünftigen&#13;
Ziele an den Tag legen. Die Vereinigten Staaten und&#13;
Deutschland waren bei der Ausweitung des Handels&#13;
auf der ganzen Welt immer führend. Gemeinsam&#13;
haben wir uns im Rahmen des GATT und der WTO für&#13;
den Abbau von Handelshemmnissen eingesetzt. Jetzt&#13;
ist es für uns an der Zeit, diese Bestrebungen auf die&#13;
nächsthöhere Ebene zu bringen. Wir müssen überlegen, welche Ziele wir bei der nächsten Runde von&#13;
Handelsgesprächen anstreben.&#13;
Damit Amerika und Deutschland international wirksam&#13;
konkurrieren können, müssen wir uns gemeinsam für&#13;
den allgemeinen Abbau von Handelshemmnissen&#13;
einsetzen, anstatt alles immer nur mit gleicher Münze&#13;
heimzuzahlen, wie das bei früheren Verhandlungen&#13;
geschehen ist. Wir müssen eine Reihe von Regeln für&#13;
alle fördern - allgemeine, umfassende Regeln, die&#13;
einen freien Handel ermöglichen. Wir brauchen&#13;
Regeln, die einige Handelshemmnisse - wie Zölle und&#13;
Quoten - beseitigen und andere - wie den Schutz&#13;
geistigen Eigentums - harmonisieren.&#13;
Das ist viel verlangt. Aber meiner Meinung nach&#13;
müssen wir sicherstellen, daß unser Umgang mit&#13;
wirtschaftlicher Entwicklung so dynamisch und mutig&#13;
ist wie unser Ansatz bei internationalen Sicherheitsfragen. Tatsächlich sind beide eng miteinander&#13;
verbunden. Während sich unsere wirtschaftliche&#13;
Partnerschaft durch die von mir dargelegten Maßnahmen entwickelt, werden wir innerhalb der trans-&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
atlantischen Gemeinschaft noch mehr Fähigkeiten zur&#13;
Bewältigung globaler Herausforderungen erwerben.&#13;
Solche Beziehungen werden meines Erachtens auf&#13;
den zahlreichen Ähnlichkeiten zwischen unseren&#13;
Nationen gründen.&#13;
Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, mit&#13;
Richard von Weizsäcker zusammenzutreffen, als er&#13;
vor beiden Häusern des Kongresses eine Rede hielt.&#13;
Ich werde nie vergessen, was er bei dieser Gelegenheit sagte: "Sie haben uns geholfen, so daß sich unser&#13;
Land erholen und wir eine solide Demokratie aufbauen&#13;
konnten. Gemeinsam sind wir in eine verläßliche&#13;
Partnerschaft hineingewachsen und in ein starkes&#13;
Bündnis, das schließlich entscheidend dazu beitrug,&#13;
der Spaltung Europas ein Ende zu bereiten."&#13;
Heute wird das Ende eines geteilten Europas zu einer&#13;
einzigartigen Chance - einer Chance, die wir ergreifen&#13;
müssen. Und daher schließe ich meine Ausführungen&#13;
mit einer Aufgabe. Ich habe oft gehört, das achte&#13;
Weltwunder sei das Orakel der Kommunikation und&#13;
Werbung in der Wirtschaft. Von Volkswagen bis&#13;
McDonalds haben die Botschaften der Wirtschaft einen&#13;
charakteristischen Einfluß auf unsere Kulturen. Wenn&#13;
diese furchteinflößende Macht tatsächlich das achte&#13;
Weltwunder ist, würde ich vorschlagen, daß das&#13;
neunte Weltwunder die Tatsache ist, daß davon so&#13;
wenig Gebrauch gemacht wird, um jene Ideen und&#13;
Maßnahmen zu fördern, die den Zielen der freien&#13;
Marktwirtschaft dienen.&#13;
Die Wirtschaft muß ihre kreativen Fähigkeiten und ihre&#13;
Kommunikationsressourcen nutzen, um die Öffentlichkeit zu erziehen. Wir kennen die Macht von Steuererleichterungen, die Notwendigkeit einer Deregulierung, die Vorteile von Zollsenkungen, die durch die&#13;
NATO-Erweiterung herbeigeführte Stärkung von&#13;
Frieden und Stabilität.&#13;
Wir wissen, welche Vorteile Deutschland durch die&#13;
Europäische Union und die Aussicht auf eine Währungsunion genießt. Jetzt müssen Sie als führende&#13;
Vertreter der Industrie dieses Wissen anderen zukommen lassen. Und gemeinsam müssen wir uns für&#13;
die Förderung von Maßnahmen einsetzen, die den&#13;
Handel stärken, die Sicherheit erhöhen, unsere&#13;
Familien schützen und Chancen für die Menschen in&#13;
ganz Deutschland und den Vereinigten Staaten&#13;
schaffen.&#13;
Heute habe ich meines Erachtens grob skizziert, was&#13;
aus meiner Perspektive getan werden muß. Jetzt bitte&#13;
ich Sie, diese Botschaft gemeinsam mit mir zu verbreiten. Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12850">
                <text>13.11.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12851">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12852">
                <text>U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12853">
                <text>Amerikadienst 13.11.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12854">
                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika und Europa - eine unentbehrliche Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten und die Sicherheitsarchitektur für das "Europäische Haus"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten Michael C. Polt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rede von George Bush am Tag der Deutschen Einheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Besuch des ehemaligen Präsidenten in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue wirtschaftliche Herausforderungen und Chancen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Senator Roth&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="44">
            <name>Language</name>
            <description>A language of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12855">
                <text>Deutsch</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2471" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2482">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/1910c3c2f42a28442c9b7357420031ea.pdf</src>
        <authentication>cd5168a1d2a83006bad112aff5ea0458</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12862">
                    <text>cimcrika
dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26. November 1997

23

USA-DEUTSCHLAND

DIE HERAUSFORDERUNG FÜR
AMERIKA HÄUSER
Rede von John C. Kornblum

WIRTSCHAFT

USA FORDERN ABKOMMEN ZUR
BESTRAFUNG VON BESTECHUNG
von Wirtschaftsminister William Daley
BESTECHUNG MUSS GEACHTET WERDEN
von Stuart Eizenstat

DATENAUTOBAHN

USA WOLLEN MÖGLICHST WENIG
REGULIERUNG DES INTERNET
von Larry Irving

THANKSGIVING

DIE NATIONEN LERNEN DIE LEKTION
VON FREIHEIT UND DEMOKRATIE
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND
26. November 1997

Die Herausforderung für Amerika Häuser
Rede von John C. Kornblum

HAMBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in
der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 20. November 1997 im Amerikazentrum in Hamburg
gehaltene Rede.

Dies ist wirklich ein bedeutender Anlaß für mich. Ich
habe meine diplomatische Laufbahn 1965 in Hamburg
direkt nach dem Collegeabschluß mit sehr wenig
Ahnung von dem Job begonnen, den ich tun sollte. Ich
habe schnell gelernt und damit genau in diesem
Gebäude hier angefangen. Es war nicht meine
offizielle Tätigkeit im Konsulat, die mich mit Hamburg,
Niedersachsen und Schleswig-Holstein zusammenbrachte, es war nicht meine Arbeit im Büro, die mir
einen ersten Eindruck von der Rolle der Vereinigten
Staaten in einem immer noch geteilten Deutschland
vermittelte. Es waren die Kontakte, Diskussionen und
Konferenzen, an denen ich unter der Schirmherrschaft
des Amerika Hauses Hamburg teilnahm. Und ich
sollte hinzufügen, daß die Bande zwischen den
Vereinigten Staaten und Norddeutschland in beträchtlichem Maße durch die Arbeit dieser Institution und
ihrer engagierten deutschen und amerikanischen
Mitarbeiter geknüpft wurden.
Wenn ich mir diese schöne Stadt betrachte, sehe ich
sehr viel Vertrautes. Aber ich sehe noch viel mehr,
das sich verändert hat - sehr viel mehr, als ich vor 32
Jahren hätte ahnen können. Eine der wichtigsten
Veränderungen ist die Art, in der wir miteinander
reden. Die Art, in der wir diese atlantische Gemeinschaft aufbauen, die uns so viel bedeutet hat.
Während meiner Jahre in Hamburg waren die "Medien" - wie wir sie jetzt bezeichnen - auf die offiziellen
Programme des Norddeutschen Rundfunks, die
hervorragenden Zeitungen dieser Stadt und die
unregelmäßigen
Lieferungen
englischsprachiger
Publikationen beschränkt. Manchmal gelang es mir,
AFN-Bremerhaven oder den World Service der BBC
zu hören. Aber alle Teile der Welt - einschließlich der

AMERIKA DIENST 23

Vereinigten Staaten - hatten nur begrenzten Zugang zu
Eindrücken aus dem Ausland.
Auch Deutschland war 1965 ein anderer Ort. Die physischen und psychischen - Wundes des Krieges
waren noch sehr gut sichtbar. Die Berliner Mauer war
erst vier Jahre alt. Die Botschaft Amerikas war noch
immer eine der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Ein amerikanischer Diplomat war überwältigt von den
Fragen und der Neugier bezüglich unseres Landes.
Das Amerika Haus spielte eine entscheidende Rolle
bei der Wiederherstellung des Selbstvertrauens dieser
Stadt. Es bot eine Verbindung zu der weiten Welt. Es
gab Beispiele für Fortschritt im modernen Zeitalter. Es
durchbrach die Isolation, in die Deutschland während
und nach der schrecklichen Zeit des Dritten Reichs
gefallen war.
In manchen Jahren spielte das Amerika Haus eine
andere Rolle. Es war das Zentrum von Diskussionen,
Debatten und manchmal der Wut junger Deutscher
über die Verwirrungen des Wandels. Als meine Zeit in
Hamburg zu Ende ging, trat an die Stelle der Sicherheit
der Nachkriegszeit die Unsicherheit einer postindustriellen Kultur - eine Kultur, die sich rasch entwickelte.
Neue Werte wurden erprobt, und die einstmals
bequeme schützende Rolle der Vereinigten Staaten
schien einer Generation im Weg zu stehen, die dem
Konservatismus der Nachkriegszeit entfliehen wollte.
Passenderweisewaren es die Vereinigten Staaten, die
ein Modell für die Veränderungen boten. Jugendkultur
und Studentenrevolten waren auch ein Import aus
Amerika. Wir führten lange und harte Diskussionen.
Traurigerweise eskalierten die Diskussionen manch-

Seite 1

/

�mal zu Gewalt. Auch diese Zeit erduldete das Amerika
Haus loyal.
Heute ist Amerika weder ein Hafen für ein gebrochenes Deutschland noch ein Ziel für die Frustrationen
eines neu entstehenden Deutschlands. Unsere beiden
Länder sind heute das Rückgrat einer wachsenden
transatlantischen
Gemeinschaft
demokratischer
Nationen. Gemeinsam haben wir den Kalten Krieg und
die Teilung Deutschlands überwunden. Gemeinsam
haben wir die Grundlagen für die erste Periode eines
demokratischen Friedens in der Geschichte Europas
geschaffen. Unsere Partnerschaft ist natürlich und
unentbehrlich. Und das Beste kommt noch!
An der Schwelle zu diesem hoffnungsvollen neuen
Zeitalter müssen wir auch sorgfältig darüber nachdenken, wie wir miteinander sprechen und voneinander
lernen. Wir brauchen nicht mehr drei Tage lang auf
englischsprachige Nachrichten zu warten. Amerikanische Bücher können unverzüglich im Internet bestellt
werden. Wir werden mit Eindrücken aus aller Welt
überschüttet. Es ist nicht schwer, aktuelle Nachrichten
aus jedem Teil der Welt zu erhalten. Internationale
Kultur - vor allem die amerikanische - ist allgegenwärtigDie Tage, in denen Amerika die Welt von draußen
nach Deutschland bringen mußte, sind lange vorüber.
Man muß einem besiegten Land nicht mehr Demokratie und amerikanische Kultur einflößen. Statt dessen
benötigen wir einen konzertierten Dialog zwischen
Partnern über die vielen Herausforderungen, mit
denen wir uns an der Schwelle zu diesem neuen
Jahrhundert konfrontiert sehen. Wir müssen offen und
eingehend reden. Und wir müssen die vielen Personengruppen zusammenbringen, die jetzt unsere
Kontakte und Partnerschaften ausmachen.
Wir haben in der Tat Glück, daß die Geschichte der
Kontakte und Dialoge zwischen Amerika und Deutschland in Hamburg und Norddeutschland so omnipräsent
ist. Die Arbeit des Amerika Hauses und des Generalkonsulats der Vereinigten Staaten kann auf über zwei
Jahrhunderte geschäftlicher, intellektueller und
familiärer Bande aufbauen, um eine neue Art von
Partnerschaft für das 21. Jahrhundert zu gründen.
Jetzt besteht unsere Arbeit darin, diesen Dialog
relevant und effizient zu machen. Die offiziellen
Programme der US-Regierung, die das Amerika Haus
so erfolgreich gemacht haben, sollten in zunehmendem Maße durch eine Mischung aus privaten, staatlichen und ehrenamtlichen Aktivitäten ersetzt werden,
die die breite Palette unserer Kontakte und unserer
Partnerschaft widerspiegeln.
Der Geist des neuen Amerikazentrums reflektiert
diesen Wandel. Die Vereinigten Staaten werden die
Arbeit des Amerikazentrums weiterhin entschieden
unterstützen. Ich habe Ihnen versprochen, mich

Seite 2

persönlich zu engagieren, damit die Qualität unseres
Dialogs verbessert wird und die Beteiligung zunimmt.
Wir sprechen nicht über eine neue Cyberwelt im
Internet, wie manche behauptet haben. Unsere
Aufgabe ist es, die Menschen zusammenzuführen, um
gemeinsame Belange zu erörtern, gemeinsame
Interessen auszumachen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.
Ich hoffe, daß wir uns den Wandel zunutze machen
können, um eine neue Grundlage für den
deutsch-amerikanischen Dialog in Hamburg zu
schaffen. Wir können die Führungsrolle aus den
Händen der Regierungen in die Hände derjenigen
legen, die am meisten profitieren - unsere jungen
Menschen, Wissenschaftler, Geschäftsleute und
Bürger aus allen Bevölkerungsschichten.
Mit dem Übergang vom Amerika Haus zum neuen
Amerikazentrum verringern wir nicht die kulturelle
Präsenz Amerikas in Norddeutschland und beschränken zweifelsohne auch nicht den Dialog zwischen
unseren Ländern. Unser Ziel besteht in der verstärkten Einbeziehung von Gruppen und Einzelpersonen auf beiden Seiten des Atlantiks in die Finanzierung
und Pflege unserer Kontakte.
Wir haben in München mit der Einrichtung des neuen
"Bayerisch-Amerikanischen Zentrums" einen ähnlichen
Schritt unternommen.
In dieser weit entfernten
süddeutschen Stadt hat eine Koalition aus Regierung,
Universitäten und privaten Vereinigungen die Herausforderung angenommen. Ich weiß, daß die Reaktion in
Hamburg ebenso stark sein wird.
Lassen Sie mich hervorheben, was wir meines
Erachtens unternehmen müssen. Es geht hier nicht
darum, sich einer alten Institution anzunehmen, die
sich die Regierung der Vereinigten Staaten nicht
länger leisten kann. Es bedeutet zweifelsohne nicht,
ein Informationsprogramm der amerikanischen
Regierung durch private Institutionen finanzieren zu
wollen. Vielmehr geht es hier um die Erkenntnis, daß
Deutschland und die Vereinigten Staaten in der Welt
von Morgen eine besondere Grundlage haben, auf der
sie aufbauen können. Wenn die Vereinigten Staaten
Deutschland geholfen haben, die Zerstörung des
Krieges zu überwinden, dann waren es die Stärke und
Vision der Deutschen, die den Vereinigten Staaten bei
der Definition und Umsetzung ihrer neuen Rolle in
Europa geholfen haben.
Im Vorfeld des 50. Jahrestages der Berliner Luftbrücke
brauchen wir uns keine großen Gedanken über das
von uns Erreichte zu machen. Wenn wir über die
durch die Wiedervereinigung Deutschlands herbeigeführten Veränderungen nachdenken, brauchen wir
uns nicht vorzustellen, wie die Welt ohne das Engagement unserer beiden Länder für die Beendigung der
Teilung Europas ausgesehen hätte.

AMERIKA DIENST 23

�Mit anderen Worten: Wir sind besondere Partner. Und
diese besondere Partnerschaft kann hier in Europa
und in Deutschland am besten gelebt werden. Das
neue Amerikazentrum kann dieser besonderen
Verantwortung Form und Inhalt geben. Es kann
Geburtsstätte einer neuen Art des Dialogs und Austausche werden, die ebenso wichtig sind wie die ersten
zögernden Kontakte, die wir hier vor 45 Jahren
anknüpften.
Ich bin überzeugt, daß Hamburg seine Herausforderung auf dieselbe Art und Weise meistern wird wie
München. Wir können in Nord- und Süddeutschland
zusammenarbeiten, um eine neue Art des Dialogs und
der Partnerschaft zu schaffen, die über die Herausforderung der Kriegzeiten hinaus in eine neue Zukunft
für unsere Länder und die atlantische Welt weist.
Dieselbe Überzeugung veranlaßte den Rektor der
Universität Hamburg, Dr. Jürgen Lüthje, und eine
Reihe anderer engagierter Menschen zur Gründung
des Amerikazentrums Hamburg e.V.
Die US-Regierung unterstützt diesen privaten Verein
durch das US-Informationsamt (United States Informa-

*

AMERIKA DIENST 23

tion Service - USIS) mit einer Sachspende von mehr
als 500.000 DM. Das beinhaltet Möbel und Regale im
Wert von 150.000 DM, Computer und Drucker im Wert
von 10.000 DM, eine Büchersammlung von 200.000
DM sowie Zeitungen und Zeitschriften im Wert von
65.000 DM. Im kommenden Jahr wird USIS auch eine
Zeitschriftensammlung auf CD-ROM im Wert von
17.000 DM, neue Nachschlagewerke im Wert von
9.000 DM sowie eine Anschubfinanzierung von 51.000
DM in bar bereitstellen.
Ferner unterstützt USIS das Amerikazentrum durch die
Entsendung von Sprechern für öffentliche Kulturprogramme.
Vieles wird beim Alten bleiben. Aber eines wird sich
verändern. In München wird das Gebäude des
Amerika Hauses als Heimat der neuen Institution
überleben. In Hamburg ist das noch nicht sicher. Ich
freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Senat und
der Universität, um das Amerikazentrum zu einem
Erfolg zu machen. Ich hoffe, daß ein Teil des Erfolgs
der Fortbestand dieser bekannten Adresse - Tesdorpfstraße 1 - als Zentrum unseres Dialogs über diese
Stadt sein wird.

• * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
26. November 1997

USA fordern Abkommen zur Bestrafung
von Bestechung
von Wirtschaftsminister William Daley

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von US-Wirtschaftsminister William Daley, in dem dieser ein
internationales Vorgehen gegen Bestechung bei Geschäftstransaktionen fordert.

In meiner kurzen Zeit als Wirtschaftsminister habe ich
beobachtet, wie das folgende deprimierende Szenarium sich mit entmutigender Regelmäßigkeit wiederholte: Ein Entwicklungsland vergibt ein großes Infrastrukturprojekt - das angeblich das Leben seiner Bürger
verbessert - an ein Unternehmen oder Konsortium, das
weder in Bezug auf Preis, noch auf Qualität oder
Erfahrung an der Spitze liegt. Später erfahren wir
dann, daß die Vergabe mit Hilfe von Bestechung
erfolgte.
Korruption hat viele Formen. Aber ungeachtet dessen,
welche Form sie hat, sind ehrliche Unternehmen und
unschuldige Bürger dabei die Verlierer.
Seit Mitte 1994 wissen wir, daß bei der Vergabe von
ungefähr 180 internationalen Handelsverträgen durch
ausländische Unternehmen Bestechungsgelder im
Wert von nahezu 80 Milliarden Dollar gezahlt wurden.
In 80 Prozent der Fälle, in denen ein Unternehmen
einem ausländischen Staatsbeamten ein Bestechungsgeld zahlt, wird der Vertrag an dieses Unternehmen
vergeben. Die Londoner Times zitierte kürzlich die
Behauptung des Vorstands eines großen multinationalen deutschen Unternehmens, es würde 10 Jahre
dauern, Personal, Kontakte und Verbindungen im
Ausland neu zu besetzen, die sich derzeit alle auf die
Grundlage "notwendiger" Bestechung stützen.
Als Wirtschaftsminister bin ich erbost, wenn ich sehe,
daß ehrliche Unternehmen Vertragsabschlüsse an
Unternehmen verlieren, die Schindluder treiben. Für
noch betrüblicher halte ich es jedoch, daß Korruption
der Wirtschaftsentwicklung der weniger entwickelten
Länder schadet.

AMERIKA DIENST 23

Vergangenen Mai traf ich mit den Wirtschafts-, Finanzund Außenministern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
zusammen, und die Vereinigten Staaten wandten sich
gemeinsam mit 28 anderen Mitgliedstaaten gegen die
Plage transnationaler Bestechung. Wir OECD-Minister
einigten uns auf den Abschluß einer Konvention bis
Ende dieses Jahres, die Ende nächsten Jahres in Kraft
treten und alle Mitgliedstaaten verpflichten soll, die
Bestechung ausländischer Staatsbeamter bei Geschäftstransaktionen unter Strafe zu stellen. Die
OECD wird einen Kontrollmechanismus in Gang
setzen, um die effektive Umsetzung und Durchsetzung
dieser Konvention sicherzustellen. Das war eine
historische Entscheidung.
Nach der ersten Verhandlungsrunde im Juli schien der
Abschluß einer effektiven Konvention bis Ende 1997
ein erreichbares Ziel zu sein. Ich bin jedoch äußerst
betrübt, daß bei der Zusammenkunft im Oktober bei
einigen entscheidenden Fragen ernsthafte Rückschritte gemacht wurden.
Einfach ausgedrückt: Wir müssen sicherstellen, daß
diese Konvention im Zusammenhang mit Geschäftstransaktionen stehende Bestechung ausländischer
Gesetzgeber, politischer Parteien und ihrer Funktionäre sowie staatlicher Unternehmen wirksam verbietet.
Die OECD-Minister einigten sich im Mai darauf, die
Bestechung von Gesetzgebern in die Konvention
aufzunehmen. Die deutschen und österreichischen
Verhandlungspartner bestehen jetzt jedoch darauf,
daß nur eine kleine Kategorie von Bestechungsgeldern
an Gesetzgeber illegal sein sollte. Sie argumentieren,

Seite 1

�die Konvention müßte entweder ihre nationalen
Gesetze widerspiegeln, die generell nur die Bestechungsgelder verbieten, die im Gegenzug zu einem
bestimmten Abstimmungsverhalten an Gesetzgeber
gezahlt werden, oder ihre Unternehmen müßten von
den strengeren Bestimmungen der Konvention gegen
die Bestechung ausländischer Gesetzgeber ausgenommen werden.
Ebenso betrüblich ist, daß die meisten OECD-Mitgliedstaaten die Position beziehen, die Konvention sollte
keine Bestimmungen über die Bestechung politischer
Parteien und ihrer Funktionäre bei internationalen
Geschäftstransaktionen beinhalten. Stellen Sie sich
vor, wie effektiv eine Konvention wäre, die keine
Bestechung politischer Apparate wie dem Mobutus in
Zaire oder dem von Ferdinand Marcos auf den Philippinen verbietet. Die Vereinigten Staaten haben solche
Schmiergelder seit 1977 verboten.
Und wir müssen die gesamte Palette der Unternehmen
einbeziehen, die im Besitz von Regierungen sind oder
von ihnen kontrolliert werden, da es in den Entwicklungsländern viele solcher Firmen gibt. Tun wir das
nicht, könnte allein dieses Schlupfloch die Konvention
ernsthaft schwächen.
Diese Positionen sollten für die Minister, die sich im
Mai auf die Bestrafung von Bestechung einigten,
äußerst beunruhigend sein. Ist es nach den politischen Bestechungsskandalen, die in den letzten
Jahren in der OECD so viel Schaden anrichteten,
möglich, daß irgendein OECD-Mitgliedsland öffentlich
darauf besteht, daß diese Konvention nicht die Bestechung staatlicher Unternehmen, ausländischer
Gesetzgeber, politischer Parteien und ihrer Funktionäre unter Strafe stellt? Wenn diese Formen der Beste-

chung nicht abgedeckt werden, schaffen wir beträchtliche Schlupflöcher. Anstatt eine Konvention über die
Ächtung von Bestechung zu verabschieden, gehen wir
das Risiko ein, den Weg zu "legaler" Bestechung zu
weisen.
Eine andere entscheidende Frage ist, wann diese
Konvention in Kraft treten soll. Verschiedene OECDMitgliedsländer, darunter Frankreich, Deutschland und
Japan, bestehen darauf, daß sie nur in Kraft treten
darf, wenn eine kritische Masse großer Nationen sie
unterzeichnet - und führen als Grund die Sorge an, die
Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen würde
untergraben. Zweifelsohne wären diese Schlüsselländer unter den ersten, die diese Konvention ratifizieren
und würden zusammen mit den Vereinigten Staaten
eine wirklich kritische Masse bilden. Wer die Ratifizierung der Konvention verzögert, wird unter starken
Druck seiner Handelspartner geraten.
lch bleibe dem im Mai von den Ministern formulierten
Ziel entschlossen verpflichtet. Ich kenne eine Reihe
von OECD-Mitgliedsländern, die ihm ebenso verpflichtet sind. Ich bitte diejenigen, die sich nicht an die
im Mai eingegangenen Verpflichtungen halten und
auf unklugen Beschränkungen des Umfangs dieser
Konvention bestehen, das zu tun, wovon sie wissen,
daß es richtig ist.
Vor der von uns im Mai für Dezember festgesetzten
Frist findet nur noch eine Verhandlungsrunde statt.
Wir wollen unsere Entschlossenheit erneuern, diese
Frist einzuhalten. Wir wollen die ausstehenden Fragen
bei der Sitzung im November lösen und ein strenges
Abkommen ohne Schlupflöcher ausarbeiten, das die
Bestechung ausländischer Staatsbeamter auf allen
möglichen Kanälen wirksam unter Strafe stellt.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�WIRTSCHAFT
26. November 1997

Bestechung muß geächtet werden
von Stuart Eizenstat

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und
landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat.

Die meisten der größten industrialisierten Demokratien
der Welt stehen bereit, um einen historischen Schritt
im Kampf gegen Korruption zu unternehmen. In den
nächsten Wochen werden 34 Regierungen versuchen,
in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD) den endgültigen Wortlaut
einer weitreichenden Konvention auszuarbeiten, in der
die Bestechung ausländischer Beamter bei internationalen Geschäftstransaktionen als illegal erklärt wird.
Die Kosten der Bestechung sind hoch. Schmiergelder
verzerren den Handel, führen zu schlechter Regierungsführung in den Entwicklungsländern und bestrafen die Bürger dieser Länder durch höhere Preise
für die bei der Bestechung involvierten Produkte und
Dienstleistungen.
Nach ihrer Fertigstellung wird die Konvention den
Strom von Schmier- und Bestechungsgeldern wieder
auf die wachsenden Märkte der Entwicklungsländer
zurückleiten. Sie wird die Wirtschaftsentwicklung
fördern, Rechenschaftspflicht und gute Regierungsführung unterstützen sowie freien und fairen Wettbewerb in internationalen Unternehmen stärken.
Es steht enorm viel auf dem Spiel. Verträge über
staatliche Beschaffung in Milliarden-Dollar-Höhe pro
Jahr beinhalten beispielsweise internationalen Wettbewerb mit entscheidenden Auswirkungen auf das
Wirtschaftswachstum und die Entwicklung in den
Gastländern. Die vorgeschlagene Konvention wird die
Chancen entschieden verbessern, daß solche wichtigen Entscheidungen eher auf wirtschaftlicher Effizienz
statt auf der persönlichen Habgier der korrupten
Beamten gründen.

AMERIKA DIENST 23

Mehrere Schlüsselfragen müssen jedoch in den
abschließenden Verhandlungen über diese Konvention
noch geklärt werden. Wir müssen sicherstellen, daß
das Bestechungsverbot nicht nur alle Beamten der
Exekutive, Legislative und Judikative erfaßt, sondern
auch Beamte öffentlicher Unternehmen, die sich im
Besitz der Regierung befinden oder von ihr kontrolliert
werden. Wir müssen Strafen für Firmen, die der
Bestechung bezichtigt werden, effektiv und abschreckend machen. Und wir müssen gewährleisten,
daß diese neue Konvention unverzüglich umgesetzt
wird, sobald Länder zu ihrer Inkraftsetzung bereit sind.
Dies sind entscheidende Punkte, aber es ist wichtig,
daß wir uns insbesondere auf eine andere, ungelöste
Schlüsselfrage konzentrieren: Ob es unter Strafe
gestellt wird, bei internationalen Geschäftstransaktionen Bestechungsgelder an politische Parteien im
Ausland und ihre Funktionäre zu zahlen.
Es geht hier nicht darum, legale Zahlungen an politische Parteien im Ausland zu verbieten, die nach den
dortigen Gesetzen gestattet sind. Vielmehr geht es
darum, die Zahlungen an Parteien und ihre Funktionäre abzuschaffen, die im Gegenzug für das Versprechen eines Parteifunktionärs geleistet werden, eine
gewünschte staatliche Maßnahme zu ergreifen.
Teilweise vor dem Hintergrund von Enthüllungen Mitte
der siebziger Jahre über von amerikanischen Unternehmen an politische Parteien gezahlte Bestechungsgelder verbietet das amerikanische Gesetz über
ausländische korrupte Praktiken solche Schmiergeldzahlungen explizit seit 1977. Ich war als wichtigster
innenpolitischer Berater Präsident Carters an der
Ausarbeitung dieses Gesetzes beteiligt. Es verbietet
die Zahlung von Bestechungsgeldern durch amerikanische Unternehmen an ausländische Staatsbeamte

Seite 1

�mit dem Ziel von Vertragsabschlüssen und stellt die
Zahlung von Bestechungsgeldern durch Unternehmen
unter Strafe.
In einem Großteil der Entwicklungsländer fließt der
Strom staatlicher Macht und der Entscheidungsprozesse ebenso leicht durch stark kontrollierte
politische Parteien wie durch die Ministerien. Die
Zahlung einer großen Summe kann ebenso effektiv zur
Beschaffung staatlicher Aufträge beitragen wie die
Bestechung eines korrupten Staatsbeamten. Das gilt
insbesondere für Länder, in denen das politische
System von einer einzigen Partei dominiert wird.
Stellen Sie sich vor, wie effektiv eine OECD-Konvention über die Bekämpfung von Bestechung wäre, die
kein Verbot der Zahlung von Bestechungsgeldern an
politische Parteien in Ländern wie Zaire unter Mobutu
oder den Philippinen unter Ferdinand Marcos enthielte.
Gibt es irgendeinen Grund zu der Annahme, daß
skrupellose Unternehmen ihre Zahlungen von Bestechungsgeldern nicht einfach nur auf von starken
Männern kontrollierte politische Organisationen
verlagern?
Sollte eine solche Vorgehensweise
weiterhin legal (und in manchen Ländern sogar
steuerlich absetzbar) sein?
Die Antwort sollte ein entschlossenes "Nein" sein.

*

Seite 2

Eine OECD-Konvention, die keine Bestimmungen zu
Bestechungsgeldern für ausländische politische
Parteien und ihre Funktionäre beinhaltet, würde die
Möglichkeit der Zahlung von Bestechungs- und
Schmiergeldern offenlassen und vielleicht sogar
wegweisend für weitere Korruptionsversuche unehrlicher Wirtschaftsvertreter werden.
Es bleiben nur noch wenige Wochen, um die von den
OECD-Ministern im Mai eingegangene Verpflichtung
zu erfüllen, bis Ende des Jahres eine Konvention über
die Bekämpfung von Korruption zu verabschieden.
Die OECD-Regierungen haben beträchtliche Fortschritte zur Erlangung dieses Ziels gemacht. Wir
müssen jedoch sicherstellen, daß die Konvention
umfassend und effektiv ist - und zu diesem Zweck bei
internationalen Geschäftstransaktionen die Zahlung
von Bestechungsgeldern an politische Parteien und
ihre Vertreter verbieten.
Allzu lange ist die Zahlung von Bestechungsgeldern
international als "Geschäftspraktik" entschuldigt
worden. Für die Korruption wurde in Form von
vergeudeten wirtschaftlichen Ressourcen und politischer Instabilität ein zu hoher Preis gezahlt. Die
OECD-Regierungen sind kurz davor, solchen Praktiken Einhalt zu gebieten. Wir müssen sicherstellen,
daß wir diese Aufgabe erfüllen.

*

AMERIKA DIENST 23

�DATENAUTOBAHN
26. November 1997

USA wollen möglichst wenig Regulierung des Internet
von Larry Irving

(AD) - Der nachfolgende Artikel des Abteilungsleiters für Kommunikation und Information im US-Wirtschaftsministerium, Larry Irving, erschien erstmals in leicht abgewandelter Form im Handelsblatt vom 22723. November
1997.

Das Internet wird auf vielerlei Weise beschrieben. Ich
möchte eine Metapher für das digitale Zeitalter hinzufügen - Jazz.
Ein amerikanischer Jazzkritiker
argumentierte kürzlich, Jazzmusik - insbesondere der
improvisierte Jazz - verkörpere eine Ästhetik, die
wesentliche Lebens- und Aktionsmuster widerspiegelt.

Ferner hat das Internet neue Kommunikationswege für
diejenigen eröffnet, die in den traditionellen Medien auf
große Zugangsbeschränkungen gestoßen sind. Ein
Grund dafür ist, daß die Anbieter von Inhalten besseren Zugang zum Internet haben und damit von den
Verbrauchern gewünschter Inhalt angeboten wird.

Die Musiker in einem Jazzensemble werden durch die
grundlegenden Rhythmen und Sequenzen verbunden.
Auf dieser Basis sind sie kreativ, denken sich Variationen des Themas aus, strukturieren es um, reagieren
auf den Beitrag ihrer Mitspieler, spielen mit ihnen
zusammen und bereichern das Ganze.

Wir in den Vereinigten Staaten haben das beispielsweise im Hinblick auf Minderheiten beobachtet. Eine
jüngste Studie von Target Market News kam zu dem
Ergebnis, daß Afroamerikaner im vergangenen Jahr
mehr als zweieinhalbmal soviel für Online-Dienste
ausgaben als die Haushalte von Weißen, weil diese
Dienste für ihre Gemeinschaft wertvoller sind.

Die Analogie zwischen dem digitalen Zeitalter und dem
Jazz ist verblüffend.
Telekommunikations- und
Informationstechnologien schaffen Netzwerke und
versetzen den Einzelnen gleichzeitig in die Lage, das
zu tun, was er am besten kann. Individuelle Kreativität
und Innovation werden durch Kommunikation und
Interaktivität unterstützt und bereichert.
Heute verkörpert das Internet die Fähigkeit neuer
Technologien, dem Einzelnen mehr Möglichkeiten zu
bieten. Das Internet gibt den Menschen eine neue
Stimme und die Macht, sie zu gebrauchen. Die
Menschen kommunizieren direkt mit den Regierungsmitgliedern und den Gemeindevertretern.
Elektronischer Geschäftsverkehr ist das elementare
unternehmerische Medium, das von Menschen auf der
ganzen Welt genutzt wird - von Künstlern in New
Mexico über Teppichweber in Marokko bis zu Korbmachern in Botswana.

AMERIKA DIENST 23

Kein Kommunikationsmedium hat jemals ein so
schnelles Wachstum erlebt wie das Internet. Niemand
hatte dieses Wachstum richtig prognostiziert. Niemand
hat meines Wissens vor drei Jahren vorausgesagt,
daß Ende dieses Jahres 82 Millionen Personalcomputer Zugang zum Internet haben würden, wobei die
Geschäftswelt führend ist. Oder daß bis Ende 1997
2,7 Milliarden E-mails verschickt würden. Oder daß
Ende 1996 80 Prozent der von Fortune aufgelisteten
500 führenden Unternehmen eine Webseite hätten.
1996, als 85 Prozent der Werbung im Internet mit der
Computer- oder Hightechindustrie zusammenhingen,
hätte niemand prognostiziert, daß 1997 80 Prozent
dieser Anzeigen den Durchschnittsverbraucher zum
Ziel haben würden.
1995 sah meines Wissens
niemand vorher, daß die Investoren 1997 OnlineInvestitionen in Höhe von mehr als 100 Milliarden
Dollar tätigen würden.

Seite 1

�Vor drei Jahren hätte niemand vorhergesagt, daß "real
audio" 1995 im Internet akustisch und 1996 mit Bild
senden würde, oder daß "RealNetwork" 1997 erstmals
ein großes Publikum im Internet audiovisuell erreichen
würde.
Wer hätte vor drei Jahren, als Telefonieren im Internet
noch ein Hobby war, prognostiziert, daß es 1998 ein
ernstzunehmender Konkurrent zum traditionellen
Fernsprechverkehr würde, und daß im Zusammenhang mit Telefonieren im Internet stehende Aktien an
der Börse heiß gehandelt würden?
Der Wert des Internet als Medium für elektronischen
Geschäftsverkehr wird nicht länger in Zweifel gezogen.
Schätzungen von Forrester Research zufolge werden
in den nächsten fünf Jahren Waren und Dienstleistungen im Wert von 327 Milliarden Dollar im
Internet gehandelt. Einer Studie von International Data
Corp. zufolge plant fast die Hälfte (46,4 Prozent) der
amerikanischen Unternehmen, ihren Kunden die
Möglichkeit zum Kauf ihrer Produkte über das Internet
zu geben oder bietet diesen Service bereits an.
Internet-Nutzer haben bereits einen Markt für Software
und Dienstleistungen mit schätzungsweise 12,2
Milliarden Dollar Einnahmen im Jahr 1997 aufgebaut ein 60-prozentiger Anstieg im Vergleich zu den 7,5
Milliarden Dollar von 1996. INPUT, ein Informationsdienst für die Technologiebranche, prognostiziert, daß
der weltweite Verkauf von Waren und Dienstleistungen
durch CD-ROM-Kataloge, Online-Geschäfte und
Internet-Einkaufszentren von 700 Millionen Dollar 1995
bis zum Jahr 2000 auf 230 Milliarden Dollar ansteigen
wird - eine Wachstumsrate von insgesamt mehr als
200 Prozent.
Diese Prognosen orientieren sich am Markt und an der
Technologie.
Wo war die Regierung bei all diesen Entwicklungen?
In den Vereinigten Staaten trat die Regierung großenteils nicht in Erscheinung - und das sollte auch so sein.
Praktisch alle Entscheidungen über die Entwicklung
und den Einsatz neuer Technologien werden vom
Markt und auf dem Markt getroffen. Die treibende Kraft
dieser digitalen Revolution sind die Unternehmer, die
Erfinder und die Verbraucher. In den meisten Fällen
beinhalten diese Entwicklungen Entscheidungen, die
die Regierung nicht beeinflussen kann und sollte.
Die Clinton-Administration vertritt die Ansicht, daß das
Internet genau aus dem Grund ein sprunghaftes
Wachstum erlebte, weil es als laufendes Projekt
angesehen und nicht reguliert wurde. Wir fürchten,
daß Regulierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach
nur zu einer Beschränkung von Investitionen und
Innovationen des Privatsektors und damit zu einer

Seite 2

Behinderung des Wachstums des Internet führen würde.
Das Internet und der elektronische Geschäftsverkehr
wecken Interesse und Unternehmergeist, die neue
Produkte und neue Geschäftspraktiken hervorbringen.
Man spürt das, wenn man sich mit jemandem unterhält, der im Internet aktiv ist und über das Netz
kommuniziert.
Die Clinton-Administration hat ihre Vision und die zu
deren Realisierung erforderlichen Grundsätze und
Maßnahmen in einem am 1. Juli 1997 von Präsident
Clinton veröffentlichten Dokument "Ein Rahmen für
globalen elektronischen Geschäftsverkehr" dargelegt.
Dieser Rahmen basiert auf der grundlegenden Prämisse, daß die Regierungen zur Nutzung des gesamten Potentials des elektronischen Geschäftsverkehrs einen marktorientierten Ansatz zum elektronischen Geschäftsverkehr ohne staatliche Eingriffe
durch Regulierung wählen müssen, der das Entstehen
eines transparenten und vorhersehbaren rechtlichen
Umfelds für die Unterstützung von weltweitem Geschäftsverkehr und Handel erleichtert.
Die Regierungen müssen die einzigartige Natur von
Kommunikationsnetzen respektieren und sich bewußt
werden, daß weitverbreiteter Wettbewerb und zunehmende Auswahl der Verbraucher - und nicht strenge
Regulierung - die charakteristischen Merkmale eines
neuen digitalen Marktes sein sollten.
Vizepräsident Gore hat die Grundsätze dieses Rahmens als Hippokratischen Eid für das Internet bezeichnet, der die Regierung ermahnt, als erste Regel zu
beachten: "Du sollst niemandem Schaden zufügen."
Wenn ich die staatlichen Bestrebungen betrachte, das
Internet zu regulieren, sehe ich, daß der Wunsch nach
Regulierung teilweise auf Unwissenheit zurückzuführen ist - viele von uns in der Regierung verstehen
die neue Technologie nicht.
Manche Regulierungsbestrebungen sind aus Angst
geboren - einer Angst, daß wir von den neuen Technologien überrollt werden. Und offen gesagt, manche
wollen aus Neid regulieren - einige Regierungen sind
besorgt, die Vereinigten Staaten würden das Web und
seinen Inhalt jetzt und in Zukunft dominieren.
Diese letztgenannte Besorgnis kann sicherlich am
besten ausgeräumt werden, wenn andere Nationen
ihre Beiträge zum Internet verbessern und das Net
fördern, anstatt lästige und schlechte Gesetze oder
Vorschriften zuzulassen oder zu ermutigen.
Wir sollten uns immer vor der Last von Vorschriften
hüten. Ich wurde daran erinnert, als ich in einem
neueren Artikel in der National Review folgende
Statistik las: "Das Vaterunser hat 66 Worte, die

AMERIKA DIENST 23

�Gettysburg Address 286 Worte, die Unabhängigkeitserklärung 1.322 Worte, aber die Vorschriften der
Regierung zum Verkauf von Kohl haben insgesamt
26.911 Worte."
Wer versteht, welche Richtung wir mit dem elektronischen Geschäftsverkehr einschlagen wollen, weiß
zweifelsohne auch, daß die Regierungen durch
freiwillige Selbstkontrolle der Versuchung zu regulieren
widerstehen müssen.
Präsident Clinton und Vizepräsident Gore haben
absolut Recht - die Länder sollten nicht übereilt die
Aktivitäten im Internet regulieren.
Die Clinton-Administration ist besorgt über den
Versuch einiger Nationen, das Internet zu regulieren sei es in Form einer Zensur des Inhalts (Singapur,
China), des Verbots von Telefonieren im Internet
(Tschechische Republik) oder neuer Steuern. Natürlich haben auch wir in den Vereinigten Staaten Momente der Schwäche erlebt - und die Gerichte haben
uns geholfen, wenn wir versucht waren, zu regulieren.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, daß neue Gesetze
erlassen werden. Zweifelsohne erfordert es jedoch die
energische Durchsetzung bestehender Gesetze.
Drittens sollten die Regierungen einen vernünftigen
Steuerplan ausarbeiten.
Die Forderung des Präsidenten sicherzustellen, daß
das Internet eine steuerfreie Zone ist, zeigt den
richtigen Weg. Das Internet wird durch eine Reihe von
Steuern auf kommunaler und Bundesebene, die zu
einer übermäßigen Belastung werden, Nachteile
erleiden.
Viertens sollten die Regierungen mit der Industrie
zusammenarbeiten und diese ermutigen, technologische Möglichkeiten zu bieten, Kinder vor Zugang zu
Material im Internet zu schützen, das ihre Eltern oder
Erziehungsberechtigten für unangemessen halten.
Fünftens sollten die Regierungen staatliche Dienstleistungen im Internet anbieten.

Ebenso wichtig ist, daß auch internationale Organisationen das Internet nicht regulieren sollten. Bestehende internationale Organisationen - beispielsweise die
internationale Fernmeldegewerkschaft ITU (International Telecommunications Union) und die Weltorganisation für geistiges Eigentum (World Intellectual
Property Organization - WIPO) - sollten keine globalen
Regulierungsbehörden werden, und es sollten keine
neuen Institutionen zur Regulierung des Internet ins
Leben gerufen werden.

Diese Dienstleistungen können von der Beantragung
von Lizenzen bis zur Berücksichtigung von Zonenerlässen reichen. Die Clinton-Administration hat es zu
einer Priorität gemacht, daß die Bundesbehörden auf
diesem Gebiet mehr unternehmen, und infolgedessen
stellt die Bundesregierung einen sehr großen Teil ihrer
Informationen elektronisch zur Verfügung - von
Katastrophenhilfeformularen über Anträge für Stipendien bis zu Formularen für die staatliche Beschaffung.
Trotzdem kann auf diesem Gebiet noch viel mehr
getan werden.

Von Regulierung Abstand zu nehmen, bedeutet nicht,
daß es für die Regierung keine angemessene Rolle
gibt. Die Regierung kann und sollte verschiedene
äußerst wichtige Tätigkeiten übernehmen, um den
elektronischen Geschäftsverkehr und das Wachstum
des Internet zu fördern.

Sechstens müssen wir das Recht auf geistiges
Eigentum schützen, damit Musik, Filme und Kunst
angeboten werden, aber die Piraterie, die sie bereits
um Einnahmen von nahezu 11 Milliarden Dollar
beraubt hat, auf dem globalen elektronischen Markt
nicht explosionsartig ansteigt.

Erstens sollten Regierungen ein günstiges Investitionsklima schaffen.
Wir müssen Bestrebungen zur
Liberalisierung der Märkte fördern.

Die Verkäufer müssen wissen, daß ihr geistiges
Eigentum nicht gestohlen wird, und die Käufer müssen
wissen, daß sie authentische Produkte erhalten.

Wir müssen das Versprechen des Telekommunikationsgesetzes von 1996 realisieren. Und die Umsetzung der WTO-Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und Informationstechnologie ist von
entscheidender Bedeutung.
Liberalisierung und
verstärkte Privatinvestitionen werden zusammen zur
weiteren Verbreitung von Netzen führen, die wiederum
die Technologie und ihre Anwendung am Arbeitsplatz
und zu Hause fördern.

Siebtens sollten die Regierungen mit der Industrie
zusammenarbeiten, um im vernetzten Umfeld den
Schutz der Privatsphäre zu gewährleisten, damit die
Menschen auf diesem elektronischen Markt unbesorgt
Geschäfte abschließen können.

Zweitens sollten die Regierungen etwas gegen Betrug
im Internet unternehmen. Die Verbraucher benötigen
in der virtuellen Welt ebensoviel Schutz wie in der
physischen.

AMERIKA DIENST 23

Wir müssen uns für den Schutz der Privatsphäre von
Kindern im Netz einsetzen. Und wir müssen die
Privatsphäre von Verbrauchern schützen, damit
privilegierte Informationen, die rechtmäßig für eine
Transaktion verwendet werden, nicht auf andere,
unerlaubte Art und Weise genutzt werden können.

Seite 3

�Der Privatsektor hat viel zu einem sinnvollen, verbraucherfreundlichen, selbstbeschränkenden Schutz
der Privatsphäre beigetragen, und unseres Erachtens
ist das der richtige Weg für den Umgang mit diesem
Thema.
Schließlich können Regierungen eine wertvolle Rolle
übernehmen sicherzustellen, daß alle Teile der
Gesellschaft von den neuen Telekommunikations- und
Informationstechnologien und ihrer Anwendung
profitieren.
Anekdoten liefern eine überzeugende Begründung für
die Ausweitung des Internet auf unterentwickelte
Länder.
1995 gründete beispielsweise der Internationale Fonds
für landwirtschaftliche Entwicklung der UNO (International Fund for Agricultural Development - FAD) das
Kommunikationsnetz FidAmerica in dem Bestreben,
wiederholte Fehler bei landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekten zu vermeiden und in 17 Ländern
Lateinamerikas und der Karibik praktische Informationen zu verbreiten.
Dieses Netzwerk bot ein elektronisches Forum für
einen Dorfhäuptling aus dem Amazonasgebiet, den in
der Entwicklungshilfe Tätigen zu erklären, wie seine
Gemeinde einen Vertrag mit Body Shop über den
Verkauf ätherischer Öle aushandelte. Es gestattete
chilenischen Farmern, ihr Überangebot an Kartoffeln
anzubieten und zu verkaufen. Und es ermöglichte
einem Bauern aus der Dominikanischen Republik, die
Frage eines Guatemalteken zur Bewässerung zu
beantworten.

Rede von Jeff Kennett, dem Ministerpräsidenten von
Victoria, in der dieser eloquent über die Verantwortung
der Regierungen und führenden Politiker für die
Informationsgesellschaft sprach.
Er erklärte: "Wir ziehen eine Generation auf, die keine
direkte Erfahrung mit den wichtigsten Ereignissen in
der Geschichte des 20. Jahrhunderts gemacht hat, für
die Elektronik aber zur zweiten Natur geworden ist.
Für sie muß es ein Gleichgewicht zwischen technologischem Fortschritt und bürgerlichen Werten geben,
damit die Vorteile dieser Fortschritte der gesamten
Gemeinschaft zukommen... Die Herausforderung
besteht darin, sich auf die wirklich erstaunlichen
technologischen Entwicklungen vorzubereiten, die
stattfinden werden, und Pläne auszuarbeiten, wie sie
weltweit zum Guten eingesetzt werden können."
Wir müssen sicherstellen, daß jeder Amerikaner, jedes
Mitglied der Weltgemeinschaft, von der Informationsgesellschaft profitiert.
Der Fernsehnachrichtensprecher Tom Brokaw erklärte
in einer Rede vor der Abschlußklasse der Fairfield
University in Connecticut: "Es ist leicht, schnell ein
paar Dollar zu verdienen, aber es ist schwer, im Leben
wirklich etwas zu bewirken." Unsere Herausforderung
besteht im Einsatz dieser Technologien für das Gute.
Ebenso wie beim Jazz stellt die Abstimmung der
Begabung des Einzelnen mit den Erfordernissen der
Gruppe eine große Herausforderung dar. Und ebenso
wie das beste Jazzensemble kann auch die Gesellschaft dieses Gleichgewicht herstellen. Wir werden mit
zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, aber auch
mit enormen Chancen - als Einzelne und als Nationen.

Als ich in Australien war, hörte ich eine großartige

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 23

�THANKSGIVING
26. November 1997

Die Nationen lernen die Lektion
von Freiheit und Demokratie
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

WASHINGTON - (AD) - Wenn Amerika in diesem Jahr am 27. November Thanksgiving feiert, wachsen seine
Kinder, so Präsident Clinton, "frei von den Schatten des Kalten Krieges und der Bedrohung des nuklearen
Holocaust auf".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation des Präsidenten.

Ein anderes Jahr unserer amerikanischen Reise ist ins
Land gegangen. Der Wechsel der Jahreszeiten
bildete einen weiteren Jahreszyklus, und in Amerika ist
Erntezeit.
Erneut werden Millionen Amerikaner
gemeinsam mit ihren Familien und Freunden Gott für
die zahlreichen Segnungen danken, die er uns zuteil
werden ließ.
An diesem Thanksgiving sind wir wie jeden Tag
dankbar für das Geschenk der Freiheit, für die Vision,
die die Gründerväter unserer Nation Realität werden
ließen und die durch den Mut, die Wachsamkeit und
Opferbereitschaft von Generationen von Amerikanern
bewahrt wurde. Wir sind dankbar für den Reichtum
und die Schönheit dieses großartigen Landes, das
über die Jahre hinweg so viele an seinen Küsten
willkommen geheißen hat. Wir danken für die Liebe
unserer Familien und Freunde. Wir freuen uns, durch
die Frucht ehrlicher Arbeit für die Zukunft unserer
Kinder sorgen zu können. Und ebenso wie die
Pilgerväter, die vor mehr als 300 Jahren Thanksgiving
feierten, danken wir Gott, daß er uns sicher an die
Schwelle zu einer neuen Welt geführt hat, die voller
belebender Herausforderungen und Versprechen
steckt.
In dieser neuen Welt wachsen unsere Kinder frei von
den Schatten des Kalten Krieges und der Bedrohung
des nuklearen Holocaust auf. Einst im Kommunismus
gefangene Nationen lernen die Lektion von Freiheit
und Demokratie. Die technologische Revolution hat
die Menschen einander näher gebracht und beinhaltet

AMERIKA DIENST 23

die Aussicht auf mehr Wissen und Wohlstand für die
ganze Welt.
Mehr als drei Jahrhunderte des Wandels und Wachstums trennen uns von den Pilgervätern und ihren
indianischen Freunden, die Thanksgiving gemeinsam
das Mahl einnahmen. Aber das Vorbild und die
Erfahrung dieser frühen Amerikaner haben für uns
heute immer noch große Bedeutung. Sie erinnern uns
daran, daß die Liebe Gottes uns stärkt und stützt - als
Einzelnen und als Nation. Sie erinnern uns daran, daß
jeder einen Beitrag leisten kann und wir alle bereichert
werden, wenn wir lernen zu teilen. Sie vermitteln uns
eine einfache, aber überzeugende Lektion, die jede
Generation von Amerikanern lernen und weitergeben
muß: Wir brauchen einander. Ebenso wie die Pilgerväter sollten wir, wenn wir in unserer neuen Welt
prosperieren wollen, nicht als isolierte Einzelne
vorgehen, sondern als Mitglieder einer Familie, eines
Amerikas, indem wir unsere Gaben teilen und niemanden zurücklassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, Donnerstag,
den 27. November 1997 zum nationalen Feiertag
Thanksgiving. Ich fordere alle Bürger der Vereinigten
Staaten auf, sich im Geiste des guten Willens und beim
Gebet zu Hause, in Gotteshäusern und Gemeindezentren zu versammeln, um Gott ihren tiefempfundenen
Dank für die zahlreichen Segnungen des Lebens zum

Seite 1

�Ausdruck zu bringen und unseren Brüdern und
Schwestern in diesem Land, die gemeinsam unsere
großartige amerikanische Familie bilden, die Hand der
Freundschaft zu reichen.

Unterzeichnet am 21. Tag des November, im Jahre
des Herrn 1997 und im 222. Jahr der Unabhängigkeit
der Vereinigten Staaten von Amerika.

William J. Clinton

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12857">
                <text>26.11.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12858">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12859">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12860">
                <text>Amerikadienst 26.11.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12861">
                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Herausforderung für Amerika Häuser&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern Abkommen zur Bestrafung von Bestechung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Wirtschaftsminister William Daley&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bestechung muss geächtet werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stuart Eizenstat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA wollen möglichst wenig Regulierung des Internet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Larry Irving&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Thanksgiving&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Nationen lernen die Lektion von Freiheit und Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="34">
        <name>Datenautobahn</name>
      </tag>
      <tag tagId="2">
        <name>Deutschland</name>
      </tag>
      <tag tagId="35">
        <name>Thanksgiving</name>
      </tag>
      <tag tagId="30">
        <name>USA</name>
      </tag>
      <tag tagId="4">
        <name>Wirtschaft</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
  <item itemId="2472" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2483">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/20b555e780ef42c5b2a1fbd468e99940.pdf</src>
        <authentication>4a9b60d3b1fba1802184158b58d13be9</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12868">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

10. Dezember 1997

24

OPTIMISMUS BEZÜGLICH DER EINDÄMMUNG VON EMISSIONEN
Rede von Vizepräsident Gore

UMWELT

USA BEZIEHEN ENTSCHIEDENE POSITION ZUM
KLIMAWANDEL
von Mark Hambley

BOSNIEN

IMPLEMENTIERUNG DES FRIEDENS IN
BOSNIEN
Stellungnahme von Strobe Talbott

USA-EUROPA

STUART EIZENSTAT ERHÄLT "TRANSATLANTIC LEADERSHIP AWARD
Auszeichnung durch das European Institute

USA-DEUTSCHLAND

DIE BEZIEHUNG ZU AMERIKA - EINE
EINZIGARTIGE PARTNERSCHAFT
Rede von Botschafter John C. Kornblum

DEUTSCHLAND UND AMERIKA - EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
von Botschafter John C. Kornblum

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax:0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

10. Dezember 1997

Optimismus bezüglich der Eindämmung
von Emissionen
Rede von Vizepräsident Gore

KYOTO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Vizepräsident Gore beim Klimagipfel in Kyoto am 8.
Dezember 1997 gehaltenen Rede.

Ministerpräsident Hashimoto und Präsident Figueres,
Präsident Kinza Clodumar, verehrte Staats- und
Regierungschefs, sehr geehrte Delegierte, meine
Damen und Herren.
Es ist mir eine Ehre, bei dieser historischen Zusammenkunft in dieser alten Hauptstadt von solcher
Schönheit und Anmut anwesend sein zu dürfen. Im
Namen von Präsident Clinton und stellvertretend für
das amerikanische Volk und unseren Unterhändler,
Botschafter Stu Eizenstat, möchte ich unseren japanischen Gastgebern herzlich für ihre großzügige
Gastfreundschaft danken und vor allem Ihnen, Herr
Ministerpräsident Hashimoto, sowie unseren anderen
Vorsitzenden - Minister Ohki und Botschafter Estrada besonderen Dank für ihre harte Arbeit und Führungsrolle aussprechen.
Seit unserem Treffen bei der Konferenz von Rio 1992
haben wir mit wissenschaftlichem Konsens und
politischem Willen viel erreicht. Wenn wir einen
Moment innehalten und um uns blicken, können wir
sehen, wie außergewöhnlich diese Zusammenkunft
wirklich ist.
Wir haben in der Entwicklung der menschlichen
Zivilisation ein grundlegend neues Stadium erreicht, in
dem es erforderlich ist, die Verantwortung für die
jüngste, aber tiefgreifende Veränderung in den Beziehungen zwischen unseren Arten und unserem
Planeten zu übernehmen. Aufgrund unserer neuen
technologischen Macht und unserer zunehmenden
Bevölkerung müssen wir jetzt die Konsequenzen
dessen sorgfältig abwägen, was wir der Erde antun insbesondere der Atmosphäre.

AMERIKA DIENST 24

Auch andere Teile des ökologischen Systems der Erde
werden von den immer härteren Auswirkungen
gedankenlosen Verhaltens bedroht:
Die Vergiftung zu vieler Orte, an denen Menschen - insbesondere arme Menschen - leben,
und der Tod zu vieler Kinder - insbesondere
armer Kinder - durch verschmutztes Wasser
und schmutzige Luft.
Die gefährliche und nicht haltbare Überfischung der Ozeane.
Die rasche Zerstörung entscheidender Lebensräume - Regenwälder, gemäßigte und
boreale Wälder, Feuchtgebiete, Korallenriffe
und andere kostbare Quellen genetischer
Vielfalt, von der die Zukunft der Menschheit
abhängt.
Aber der verletzlichste Teil der Umwelt ist die äußerst
dünne Schicht von Luft in der Nähe der Oberfläche des
Planeten, in die wir jetzt so fahrlässig Gase emittieren,
daß wir die Beziehungen zwischen der Erde und der
Sonne verändern - indem wir mehr Solarstrahlung
unter dieser die gesamte Erde umgebenden wachsenden Decke von Verschmutzung ansammeln.
Die zusätzliche Hitze, die nicht entweichen kann,
beginnt die globalen Muster des Klimas zu verändern,
an das wir so gewöhnt sind und an das wir uns in den
vergangenen 10.000 Jahren angepaßt haben.
Letzte Woche haben wir von Wissenschaftlern erfahren, daß dieses Jahr - 1977 - von dem nur noch drei
Wochen übrig sind, seit der statistischen Erfassung

Seite 1

�das heißeste Jahr sein wird. In der Tat hatten wir in
den vergangenen 10 Jahren 90 Prozent der heißesten
Jahre. Der Trend ist eindeutig. Wenn wir nicht
handeln, sind die Konsequenzen für den Menschen und die wirtschaftlichen Kosten - undenkbar. Mehr
Rekordüberschwemmungen und Dürren. Krankheiten
und Seuchen, die sich auf neue Gebiete ausbreiten.
Mißernten und Hungersnöte. Schmelzende Gletscher,
schlimmere Stürme und steigende Meeresspiegel.

tern. Die Milderung der Armut und der Schutz der
Umwelt sind beides entscheidende Komponenten
einer wirklich nachhaltigen Entwicklung. Wir möchten
eine dauerhafte Partnerschaft schmieden, um eine
bessere Zukunft zu erlangen. Ein Schlüssel dazu ist
die Mobilisierung neuer Investitionen in Ihren Ländern
um sicherzustellen, daß Sie einen höheren Lebensstandard mit modernen, sauberen und effizienten
Technologien haben.

Unsere grundlegende Herausforderung besteht jetzt
darin herauszufinden, ob und wie wir die Verhaltensweisen ändern können, die das Problem verursachen.

Das streben unsere Vorschläge für den Handel mit
Emissionszertifikaten und die gemeinsame Umsetzung
an.

Das erfordert Bescheidenheit, weil die geistigen
Wurzeln unserer Krise Hochmut und das mangelnde
Verständnis sind, unsere Verbindungen zu Gottes
Erde und untereinander zu verstehen und zu respektieren.

An unsere Partner in den Industrienationen gerichtet
möchte ich sagen, daß wir auch Ihnen zugehört und
von Ihnen gelernt haben. Wir sind uns bewußt, daß
wir zwar ein gemeinsames Ziel haben, jeder von uns
sich jedoch mit einzigartigen Herausforderungen
konfrontiert sieht.

Jede der hier vertretenden 160 Nationen hat einzigartige Perspektiven unterbreitet, aber wir alle wissen,
daß unsere Arbeit in Kyoto nur der Anfang ist. Keiner
der hier erörterten Vorschläge wird alleine das Problem vollständig lösen. Aber wenn wir hier den
richtigen Anfang machen, können wir rasch Dynamik
entwickeln, während wir gemeinsam lernen, diese
Herausforderung zu bewältigen. Unser erster Schritt
sollte in der Festsetzung realistischer und erreichbarer,
bindender Emissionsobergrenzen bestehen, die neue
Märkte für neue Technologien und Ideen schaffen, die
wiederum die Grenzen des Möglichen erweitern und
zu neuer Hoffnung berechtigen. Dann werden andere
Schritte folgen. Und dann werden wir letztlich ein
sicheres Gesamtkonzentrationsniveau für Treibhausgase in der Atmosphäre erreichen.
Das ist der schrittweise Ansatz, den wir vor 10 Jahren
in Montreal vereinbart haben, um das Problem des
Abbaus der Ozonschicht anzugehen. Und er funktioniert.
Dieses Mal erfordert der Erfolg vor allem, daß wir die
Meinungsverschiedenheiten unter uns überwinden.
Die wichtigste Aufgabe für die Industrienationen
besteht darin, den drängendsten Problemen der
Entwicklungsländer ihr Ohr zu leihen. Und ich darf
sagen, die Vereinigten Staaten haben zugehört und
gelernt.
Wir sind uns bewußt, daß es unsere erste Priorität ist,
unsere Bürger aus der Armut zu befreien, die so viele
von ihnen ertragen müssen, und starke Volkswirtschaften aufzubauen, die eine besser Zukunft gewährleisten. Das ist Ihr Recht: Es wird Ihnen nicht verweigert.
Und ich möchte Ihnen eine klare Antwort geben: Wir
wollen nicht aufgrund einer falschen Prämisse schei-

Seite 2

Sie haben hier Führungsstärke bewiesen, und dafür
sind wir dankbar. Wir sind nach Kyoto gekommen, um
neue Wege zur Überbrückung unserer Differenzen zu
finden. Dabei dürfen wir jedoch nicht in unserer
Entschlossenheit nachlassen. Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich ihrerseits weiterhin zu einer starken,
bindenden Obergrenze, die unsere eigenen Emissionen um nahezu 30 Prozent verringert - eine Verpflichtung, die so stark oder stärker ist als alles, was
wir hier von einem anderen Land gehört haben. Nun
ist es das Gebot der Stunde hier, das zu tun, was wir
versprechen, statt etwas zu versprechen, was wir nicht
tun können.
Wir alle müssen natürlich die Worte derjenigen
verwerfen, die uns glauben machen wollen, daß es
überhaupt kein Problem gibt. Wir kennen ihre Argumente - wir haben im gesamten Verlauf der Geschichte
ähnliche gehört. In meinem Land erinnern wir uns
beispielsweise an den Sprecher des Tabakunternehmens, der so lange insistiert hat, daß Rauchen
nicht schadet. Denen, die versuchen, Verwirrung zu
stiften und zu uns behindern, sagen wir: Wir werden
nicht zulassen, daß Ihr Eure persönlichen Interessen
über die Interessen der gesamten Menschheit stellt.
Was schlagen die Vereinigten Staaten also vor, was
sie tun sollten?
An erster Stelle jedes Vorschlags muß sein Verdienst
für die Umwelt stehen, und unserer ist umweltpolitisch
solide.
Es ist stark und umfassend und deckt sechs wichtige
Treibhausgase ab. Er trägt der Verbindung zwischen
Luft und Land Rechnung und bezieht Quellen und
Senken ein. Er bietet die Instrumente um sicherzustellen, daß Obergrenzen eingehalten werden
können - indem er den Handel mit Emissionszertifika-

AMERIKA DIENST 24

�ten, gemeinsame Umsetzung und Forschung als
mächtige Motoren der technologischen Entwicklung
und des Transfers anbietet. Er reduziert die Emissionen im Jahr 2012 und darüber hinaus weiter - unter die
Grenzen von 1990. Er stellt die Mittel zur Verfügung
um zu gewährleisten, daß alle Nationen uns bei der
Bewältigung dieser gemeinsamen Herausforderung zu
ihren eigenen Bedingungen folgen.

xibilität bei den Verhandlungen zu zeigen, wenn ein
umfassender Plan in die Praxis umgesetzt werden
kann - ein Plan mit realistischen Obergrenzen und
Zeitplänen, Marktmechanismen und der konstruktiven
Beteiligung der wichtigsten Entwicklungsländer.

Er ist auch wirtschaftlich solide. Und bei strenger
Überwachung und Rechenschaftspflicht gewährleistet
er, daß wir unsere Verbindungen untereinander halten.

"Bis man sich verpflichtet, gibt es ein
Zögern, die Chance eines Rückzugs
und immer Ineffektivität. Im Hinblick
auf alle Initiativen ... gibt es eine
grundlegende Wahrheit, die zahllose
Ideen und hervorragende Pläne zerstört, wenn man sie nicht kennt: Daß
in dem Moment, in dem man sich
verpflichtet, auch die Vorsehung
eingreift."

Anfang dieses Jahrhunderts schrieb der schottische
Bergsteiger W.H. Murray:

Unabhängig davon, ob hier Einigung erzielt wird oder
nicht werden wir konkrete Schritte zur Bewältigung
dieser Herausforderung unternehmen.
Präsident
Clinton und ich wissen, daß es unsere oberste Pflicht
ist, dieses Thema bei uns zu Hause anzusprechen.
Ich verspreche Ihnen heute, daß die Vereinigten
Staaten bereit sind zu handeln - und handeln werden.
Ich meinerseits bin hierhin nach Kyoto gekommen, weil
ich sowohl entschlossen als auch optimistisch bin, daß
wir Erfolg haben können. Meines Erachtens haben wir
schon durch unser Treffen in Kyoto einen größeren
Sieg errungen - einen Sieg des Inhalts und des
Geistes. Ich habe keinen Zweifel, daß der von uns hier
begonnene Prozeß in den kommenden Tagen oder
Jahren unweigerlich zu einer Lösung führen wird.
Einige von Ihnen hier haben vielleicht aus ihren

Hauptstädten gehört, daß Präsident Clinton und ich
unablässig telefoniert haben, um zu konsultieren und
neue Ideen auszutauschen. Heute möchte ich folgendes hinzufügen. Nachdem ich heute morgen mit
unseren Unterhändlern gesprochen und von hier aus
vor kurzem mit Präsident Clinton telefoniert habe,
weise ich unsere Delegation jetzt an, zunehmende Fle-

*

AMERIKA DIENST 24

Lassen Sie uns also weitermachen. Lassen Sie uns
geloben, uns so zu verhalten, daß unsere Enkelkinder
über den "Geist von Kyoto" lesen und den Ort und die
Zeit erinnern, als die Menschheit sich zum ersten Mal
entschied, gemeinsam eine langfristige Beziehung
zwischen unserer Zivilisation und der Umwelt einzugehen.
In diesem Geiste wollen wir unsere Differenzen
überwinden und uns der Sicherung unseres gemeinsamen Schicksals verpflichten: Eines ungeteilten und
gesunden Planeten, dessen Nationen im Frieden,
wohlhabend und frei und dessen Menschen überall in
der Lage sind, das ihnen von Gott gegebene Potential
zu verwirklichen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�UMWELT
10. Dezember 1997

USA beziehen entschiedene Position zum Klimawandel
von Mark Hambley

(AD) - Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in leicht geänderter Form in der Frankfurter Rundschau vom
29. November 1997. Botschafter Mark Hambley ist Sonderbeauftragter der Vereinigten Staaten von Amerika bei
der UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung und Sonderunterhändler für den Klimawandel. Während des
Golfkriegs war er Botschafter im Staat Katar und anschließend Botschafter im Libanon.

Präsident Clinton engagiert sich für ein umfassendes
Programm zur Verringerung der Treibhausgasemissionen, einschließlich realistischer und bindender Emissionsziele. Was die Initiative des Präsidenten im
Vergleich zu anderen im Vorfeld der Klimakonferenz
von Kyoto unterbreiteten Vorschlägen einzigartig
macht, ist die Tatsache, daß sie einen konkreten Plan
für ihre Umsetzung mit bestimmten Aktionen zur
Erlangung eines Emissionsabbaus vorsieht.

ländern, ihre Umwelt mit Hilfe neuentwickelter Technologien zu schützen, ohne das Wirtschaftswachstum zu
beeinträchtigen.

Der Vorschlag besteht aus mehreren Elementen. Das
erste verpflichtet die Vereinigten Staaten und alle
anderen Signatarstaaten, innerhalb des Zeitrahmens
von 2008 bis 2012 rechtlich bindende Verpflichtungen
zur Stabilisierung der Emissionen von Kohlendioxid
und anderen zur Erderwärmung führenden Treibhausgasen auf dem Stand von 1990 einzugehen.
Ferner schlagen wir vor, die Emissionen in den darauf
folgenden fünf Jahren unter das Niveau von 1990 zu
senken und an weiteren Reduktionen in der Zukunft zu
arbeiten.

Die dritte Komponente des Plans macht geltend, daß
Industriestaaten und Entwicklungsländer sich gleichermaßen daran beteiligen müssen. Der Klimawandel ist
ein globales Problem, das eine globale Lösung
erfordert. Es ergibt keinen Sinn, wenn nur die in
Anhang I aufgeführten Industriestaaten ihren Ausstoß
von Treibhausgasen in die Erdatmosphäre senken,
selbst wenn es kurzfristig signifikante Reduktionen
sind, die übrigen Länder sich aber nicht an diesem
wichtigen Bestreben beteiligen. Meines Erachtens
erkennen die meisten Länder die Tatsache an, daß es
sich hier um ein weltweites Problem handelt, an
dessen Lösung sich alle Länder beteiligen müssen.
Der Präsident hat darauf hingewiesen, daß er keine
rechtlich bindenden Abkommen unterzeichnen wird,
bis die wichtigsten Entwicklungsländer sich in bedeutendem Ausmaß beteiligen.

Der zweite wichtige Aspekt des Plans von Präsident
Clinton ist die Einführung flexibler Mechanismen zur
Erreichung dieser Obergrenzen. Wir schlagen ein
gemeinsames System zu ihrer Durchsetzung vor, das
einem Unternehmen in einem Land Investitionen in ein
Projekt zur Verringerung von Emissionen in einem
anderen Land gestattet, die ihm zu Hause angerechnet
werden. Und wir schlagen ein internationales System
handelbarer Emissionszertifikate vor. Diese Mechanismen sind sehr wertvolle Instrumente, die Unternehmen und unserem Land als Ganzem die Verringerung
von Emissionen mit Hilfe wirtschaftlicher Anreize
gestatten. Gleichzeitig helfen sie den Entwicklungs-

Manche Kritiker behaupten, unsere vorgeschlagenen
Ziele einer Emissionsverringerung seien nicht aggressiv genug. Offen gesagt ist unser Plan in vielerlei
Hinsicht mindestens ebenso aggressiv wie andere
derzeit vorliegende Pläne. Um ein Beispiel zu nennen:
Im Vergleich zu dem Vorschlag der Europäischen
Union, der eine 15-prozentige Verringerung der
Emissionen von drei Treibhausgasen fordert, sieht
unser Plan die Verringerung der Emissionen aller
sechs Treibhausgase vor. Meines Erachtens wäre es
weitaus schwieriger für die Europäer, eine 15-prozentige Verringerung zu erreichen, wenn ihr Plan eine
Reduktion aller Gase fordern würde. Sowohl die

AMERIKA DIENST 24

Seite 1

�Vorschläge der Europäer als auch unsere Empfehlungen spiegeln dasselbe Bestreben wider, die
Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2010 zu
verringern.
Ich möchte auch darauf hinweisen, daß unsere
Wirtschaft während der vergangenen Jahre außerordentlich stark war. Dieses Wachstum wurde von
einem großen Anstieg der Treibhausgasemissionen in
den Vereinigten Staaten begleitet. Wir erwarten eine
etwa 30-prozentige Erhöhung unserer Emissionen von
1990 bis 2010. Aus diesem Grund würde unser Plan,
im Zeitraum zwischen 2008 und 2012 die Emissionen
auf das Niveau von 1990 zurückzuschrauben, eine
nahezu 30-prozentige Verringerung im Vergleich zu
unserer normalen Vorgehensweise bedeuten. Das ist
eine beträchtliche Reduktion. Tatsächlich bedeutet
das, unsere Energiepolitik völlig neu zu überdenken.
Der Präsident möchte das auf eine Art und Weise tun,
die am wenigsten negative Auswirkungen auf die
amerikanische Wirtschaft hat. Aus diesem Grund
geben uns die bereits erwähnten flexiblen Mechanismen wie der gemeinsame Plan für die Durchsetzung und das System handelbarer Emissionszertifikate
die marktgestützte Kosteneffizienz, die wir zur Bewältigung der uns bevorstehenden Übergangsphase
benötigen.
Der Präsident möchte die innenpolitische Agenda des
amerikanischen Plans möglichst bald umsetzen.
Beispielsweise fordert er in seinem Vorschlag Steuererleichterungen sowie Investitionen in Forschung und
Entwicklung im Wert von etwa fünf Milliarden Dollar
während der nächsten fünf Jahre, um die Energieeffizienz zu erhöhen und einen Anreiz zum Einsatz
sauberer Energiequellen zu geben. Ferner werden die
Schlüsselindustrien dazu aufgefordert, in den nächsten
neun Monaten Pläne für bestmögliche Emissionsreduzierungen auszuarbeiten und die Firmen angemessen zu belohnen, die frühzeitig entsprechend
handeln. Der Vorschlag beinhaltet auch einen mutigen
Plan für die Umstrukturierung der Elektrizitätsversorgung sowie umfassende Bestrebungen, den Einsatz
existierender energieeffizienter Technologien auszuweiten.
Das nationale und internationale System handelbarer
Emissionszertifikate würde eingeführt, nachdem
bereits ein Jahrzehnt lang Erfahrungen mit steuerlichen Anreizen, Forschung und Entwicklung, der
Umstrukturierung der Elektrizitätsversorgung und
anderen Maßnahmen gemacht wurden. Wir halten
den Plan zur Einführung eines Systems handelbarer
Emissionszertifikate für sehr bedeutend, damit wir die
wichtigen Ziele des vom Präsidenten bekanntgegebenen aggressiven Plans erreichen können. Ein Handel
mit Emissionszertifikaten macht sich die Effizienz des
Privatsektors zunutze, um umweltpolitische Ziele zu
erreichen und neue, möglichst kostengünstige Technologien zu fördern. Mit Hilfe eines solchen Verfahrens

Seite 2

wäre ein Land oder ein Unternehmen in der Lage, sein
Ziel einer Emissionsreduzierung zu erreichen, indem
es entweder selbst die Verschmutzung verringert, oder
ihm die von einem anderen Land oder Unternehmen
über dessen Zielsetzung hinaus erreichte Reduktion
angerechnet wird. Es wäre auch eine Kombination von
beiden Möglichkeiten denkbar.
Einer der Gründe, warum wir das System handelbarer
Emissionszertifikate unterstützen, ist unsere Erfahrung
in den Vereinigten Staaten mit seinem Einsatz zur
Verringerung von Schwefeldioxidemissionen, die
sauren Regen verursachen. Den Prognosen zufolge
sollte uns die Verringerung der Schwefeldioxidemissionen pro Tonne 200 Dollar kosten. Tatsächlich
kostet sie jetzt vor allem dank eines äußerst erfolgreichen Systems handelbarer Lizenzen weitaus weniger,
und der saure Regen hat drastisch abgenommen. Wir
sind überzeugt, daß dasselbe System zur CGyVerringerung eingesetzt werden kann. Die Situation hierbei
ist zugegebenermaßen viel komplizierter. Wir haben
noch keine Zauberformel, die uns ein automatisches
System handelbarer Emissionszertifikate für Kohlendioxid gibt. Wir müssen es mit der Zeit entwickeln,
aber wir sind der Ansicht, daß das im Lauf der nächsten Jahre geschehen kann.
Andererseits haben wir gewisse Schwierigkeiten, den
europäischen Vorschlag einer sogenannten "bubble"
bei der Verringerung der Treibhausgase zu übernehmen. Dieser Vorschlag gestattet den 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Grunde genommen,
ein Ziel - die 15-prozentige Reduktion der Emissionen
unter das Niveau von 1990 bis zum Jahr 2010 - zu
setzen und zu seiner Erlangung ein System der
Lastenteilung zwischen den einzelnen Ländern
einzuführen. Das Problem besteht darin, daß ein
solches System Ländern wie Portugal und Griechenland einen Emissionsanstieg von 40 beziehungsweise
30 Prozent gestatten würde und Frankreich seine
Emissionen lediglich einfrieren müßte.
Welche
Botschaft senden wir den Entwicklungsländern der
Welt, wenn die Emissionen einiger Industriestaaten um
40 Prozent anwachsen dürfen, während andere
Industriestaaten zu einer gravierenden Verringerung
aufgefordert werden? Unseres Erachtens würde ein
globales System handelbarer Emissionszertifikate das
Problem lösen. Die einzige Möglichkeit, wie die
Europäer unserer Ansicht nach ihre vorgeschlagenen
signifikanten Reduktionen erreichen können, ist
internationaler Handel mit Emissionszertifikaten.
Der Kern unserer Bestrebungen im Ausland besteht
darin, die Entwicklungsländer zur Verabschiedung von
Maßnahmen zu veranlassen, die zu einer Verringerung
von Treibhausgasemissionen führen. Es ist wichtig zu
verstehen, daß die Industriestaaten zwar derzeit für 60
Prozent der gesamten weltweiten Emissionen verantwortlich sind, die Emissionen der Entwicklungsländer
aber rapide ansteigen und wahrscheinlich in den

AMERIKA DIENST 24

�nächsten Jahrzehnten weit über die der Industriestaaten hinausgehen werden. In den Entwicklungsländern
gibt es jedoch viele Möglichkeiten für eine Emissionsverringerung, einschließlich einer gemeinsamen
Durchführung mit der Verteilung von "Emissionsgutschriften", die sich internationaler Partnerschaften
bedient, um kostengünstige Verringerungen der
Treibhausgasemissionen zu erreichen. Bei gemeinsamer Durchführung könnte ein in den Vereinigten
Staaten ansässiges Unternehmen beispielsweise in
ein Projekt investieren, das Emissionen in einem
Entwicklungsland wie Indonesien verringert, und dann
diese "Gutschrift" für die Verringerung als kostengünstigeren Weg zur Erlangung seines eigenen Ziels
verwenden. Das Projekt in dem Entwicklungsland
könnte die Umwandlung eines kohlebetriebenen
Kraftwerks in ein saubereres, erdgasbetriebenes
beinhalten. Auf jeden Fall würde das einerseits zu
einem Transfer von Technologie in das Entwicklungsland führen und andererseits zu geringeren Kosten der
Erreichung von Emissionsobergrenzen für das amerikanische Unternehmen, denn ähnliche Emissionsreduzierungen im eigenen Land wären weitaus
kostenintensiver und komplizierter.
Meiner Meinung nach besteht einer der positivsten
Aspekte der gemeinsamen Durchführung möglicherweise darin, daß sie die beste Alternative zur offiziellen
Entwicklungshilfe bietet, die - nebenbei gesagt - seit
einigen Jahren stagniert, wenn nicht sogar abgenommen hat. Die gemeinsame Durchführung bietet uns
auch eine außerordentlich kreative Möglichkeit,
dringend benötigte Technologie - effiziente, effektive,
erstklassige Technologie - an die Entwicklungsländer
zu liefern.
Präsident Clinton hat ein Hilfspaket in Höhe von einer
Milliarde Dollar zugesagt, das durch das US-Amt für
internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID) gewährt wird und sich erneut
verpflichtet, im Rahmen der globalen Umweltfazilität
Finanzhilfe zu geben. Das Hilfspaket würde dazu
verwendet, den größten Entwicklungsländern bei der
Suche nach Wegen zu einer optimierten Energieversorgung durch bestimmte Programme zu helfen,

*

AMERIKA DIENST 24

den Einsatz alternativer Energiequellen und erneuerbarer Technologien zu fördern und Schulungen
anzubieten, die zur Aufstellung einer Liste der Treibhausgasemissionen erforderlich sind.
Gleichzeitig fordern die Vereinigten Staaten die großen
Entwicklungsländer zu signifikanten Maßnahmen zur
Emissionsbeschränkung auf. Wir sind uns bewußt,
daß es zwischen den einzelnen Entwicklungsländern
Unterschiede gibt. Der Präsident hat darauf hingewiesen, daß bei der Festsetzung von Verpflichtungen der
ärmeren und unterentwickelteren Länder dem Stand
ihrer Wirtschaftsentwicklung und dem Wachstumsbedarf ihrer Volkswirtschaften Rechnung getragen
werden muß. Es ist nicht unser Ziel, den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt Beschränkungen
aufzuerlegen. Diese Länder haben noch viele Jahre
vor sich, bis sie das Problem der Treibhausgase
verschärfen. Wir halten es jedoch für logisch und klug,
daß sich die anderen Entwicklungsländer an diesen
Bestrebungen beteiligen.
Im Dezember findet in Kyoto die dritte Konferenz der
Teilnehmerstaaten der UN-Klimarahmenkonvention
statt. Die Parteien planen auf der Konferenz die
Verabschiedung eines rechtlich bindenden Übereinkommens zur Verringerung von Treibhausgasemissionen. Aber alles, dem wir in Kyoto zustimmen, kann nur
mit voller Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit und durch den US-Kongreß umgesetzt werden.
Der Kongreß hat sich zu dieser Frage geäußert und
seiner großen Besorgnis hinsichtlich der Verhandlungen Ausdruck verliehen. Der Präsident hat versucht, auf diese Besorgnis einzugehen und die
amerikanische Öffentlichkeit durch eine Reihe von
sehr öffentlichkeitswirksamen Zusammenkünften mit
Wirtschaftsvertretern, Wissenschaftlern und hochrangigen Vertretern nichtstaatlicher Organisationen über die
ernste Natur des Problems aufzuklären. Ich bin
zuversichtlich, daß die internationale Gemeinschaft
durch fortgesetzte Bestrebungen in dieser Richtung sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen
Ländern - das Problem des Klimawandels mit der ihm
gebührenden Entschlossenheit angehen kann.

*

Seite 3

�BOSNIEN
10. Dezember 1997

Implementierung des Friedens in Bosnien
Stellungnahme von Strobe Talbott

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Stellvertretenden Außenminister Strobe Talbott am 9.
Dezember 1997 bei der Jahresvollversammlung des Friedensimplementierungsrates für Bosnien und
Herzegowina abgegebene Stellungnahme.

Ich möchte mich dem Dank anschließen, der Ihnen,
Herr Vorsitzender, und der Bundesregierung gegenüber für ihre Gastfreundschaft bei der Veranstaltung
dieser Konferenz zum Ausdruck gebracht wurde und
auch Carlos Westendorp für sein Engagement als
Hoher Repräsentant danken.
Wie alle von uns bin ich traurig, betroffen und gleichzeitig bestärkt durch die Erinnerung an unsere verstorbenen Kollegen - die zwölf internationalen Beamten, die im September in den Hügeln von Zentralbosnien ums Leben gekommen sind. Zu ihnen zählte ein
herausragender deutscher Diplomat, Gerd Wagner,
der vielen von uns in Washington ein bewunderter
Freund war, wo er so ausgezeichnete Arbeit leistete,
bevor er diesen Posten als Stellvertretender Hoher
Repräsentant annahm, der sich so tragisch als sein
letzter erweisen sollte. Er und mein Landsmann, der
Stellvertretende Leiter der IPTF, Kris Kriskovich,
verkörperten das Engagement der internationalen
Gemeinschaft für ein Bosnien, das frei von ethnischem
Haß sein, sich der Rechtsstaatlichkeit zuwenden und
bereit sein sollte, seinen Platz unter den europäischen
Nationen einzunehmen.
Ich stimme mit meinen Vorrednern überein, daß seit
Sintra Fortschritte an mehreren Fronten erzielt worden
sind: Kommunalwahlen, Reform der Polizei, offene
Medien, die Verhaftung einer Reihe von mutmaßlichen
Kriegsverbrechern, die Volkswirtschaft. Wir müssen
jetzt auf diese Leistungsbilanz aufbauen und das
Tempo der Implementierung von Dayton noch mehr
beschleunigen. Aus diesem Grund möchte ich im
Namen von Präsident Clinton und Außenministerin
Albright vor allem fünf Punkte hervorheben:

AMERIKA DIENST 24

Erstens begrüßen wir die Unterstützung der Konferenz, dem Hohen Repräsentanten die Befugnis zu
bindenden Interimsentscheidungen beim gesamten
Spektrum ziviler Implementierungsfragen zu verleihen.
Wir stimmen zu, daß er die Amtsgewalt erhalten soll,
die Obstruktionspolitik derjenigen zu vereiteln, die die
vollständige Implementierung von Dayton blockieren
wollen.
Zweitens müssen wir darauf hinarbeiten, daß das Jahr
1998 von der Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat
gekennzeichnet ist. Sonst werden große Teile Bosniens nolens volens ethnisch gesäubert und de facto
aufgeteilt. Das garantiert künftige Instabilität und
Konflikt. Die Flüchtlinge werden nicht in ihre Heimat
zurückkehren, bis es angemessene Vorkehrungen für
ihre Sicherheit gibt.
Das bringt mich zu meinem dritten Punkt: Die Bedeutung der Zusammenstellung einer Polizei, die dem Volk
und der Idee gegenüber loyal ist, Bosnien als Ganzes
zu sehen, und nicht loyal gegenüber einem feindlichen
Lager von Nationalisten und Extremisten. Die Vereinigten Staaten werden ihren Beitrag zu diesen
Bestrebungen leisten. Wir fordern andere Länder auf,
sich uns anzuschließen und die Ressourcen für die
Ausbildung und Ausrüstung einer professionellen
Polizei in Bosnien zur Verfügung zu stellen. Das wird
ein Schlüsselelement jeder internationalen Sicherheitspräsenz in Bosnien sein.
Viertens müssen wir weiterhin entschlossen darauf
hinarbeiten, daß Kriegsverbrecher dort enden, wo sie
hingehören - nämlich vor dem Tribunal in Den Haag.
Zum ersten Mal hat sich eine beträchtliche Anzahl von
Angeklagten selbst dem Prozeß gestellt, teils dank der

Seite 1

�Hilfe der kroatischen Regierung. Gerechtigkeit kann
jedoch nicht den Angeklagten selbst - oder ihren
Beschützern - überlassen werden. Belgrad und Pale
sollten wissen, wenn sie nicht mit dem Kriegsverbrechertribunal zusammenarbeiten, werden sie von
der internationalen Gemeinschaft weiterhin isoliert.
Fünftens unterstützt meine Regierung eine weitere
Rolle der OSZE in Bosnien, einschließlich der Überwachung künftiger Wahlen. Das ist die beste Gewährleistung, daß Bosnien seine Teilungen überwindet und
sich dem Pluralismus zuwendet. Wenn wir hier ebenso wie bei vielen anderen Unternehmen - in
unseren Anstrengungen nachlassen oder sie vorzeitig
beenden, hieße das, die Niederlage aus den Klauen
des Sieges zu reissen.

*

Seite 2

Schließlich möchte ich mich den vielen anderen
anschließen, die die gespannte Situation im Kosovo
angesprochen haben. Die andauernde Unterdrückung
im Kosovo gibt Anlaß zu zunehmender Besorgnis, daß
die regionale Stabilität durch einen neuen Ausbruch
von Gewalt auf dem Balkan bedroht sein könnte. Die
Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner
werden auf einen Dialog zwischen Belgrad und
Pristina hinarbeiten. Eine Beilegung des Konflikts im
Kosovo muß die politischen und humanitären Rechte
der albanischen Gemeinschaft innerhalb der derzeitigen internationalen Grenzen gewährleisten.
Vielen Dank, Herr Vorsitzender.

* * *

*

AMERIKA DIENST 24

�USA-EUROPA
10. Dezember 1997

Stuart Eizenstat erhält
"Transatlantic Leadership Award"
Auszeichnung durch das European Institute

WASHINGTON - (AD) - Dem Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, wurde am 21. November 1997 der Transatlantic
Leadership Award des European Institute verliehen. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der
Rede von Staatssekretär Eizenstat bei der Entgegennahme der Auszeichnung, die er sich mit EU-Kommissar Sir
Leon Brittan teilt.

Es ist mir eine große Ehre, heute als diesjähriger
Empfänger des Transatlantic Leadership Award zu
Ihnen sprechen zu dürfen. Ganz besonders freue ich

Ohne die Arbeit von Sir Leon, Mickey Kantor und
anderen hätte es keine Uruguay-Runde gegeben.

mich darüber, daß mir diese Auszeichnung vom

Das Streben nach der Erreichung dieser gemeinsamen Ziele bringt uns heute hier zusammen. Während unsere Differenzen und Konflikte unsere Zeit,
Energie und Mühe beanspruchen mögen, wird unsere
Partnerschaft durch unser Engagement für die gemeinsamen Prinzipien definiert.

European Institute verliehen wird. Das Institute spielt
eine wesentliche Rolle bei der Bereitstellung des
erforderlichen Forums für die Erörterung von Schlüsselfragen unserer transatlantischen Beziehungen und
fördert damit das Verständnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.
Ich danke meinem Freund Hugo Paeman für seine
freundlichen Worte und dauerhafte Unterstützung.
Seine Fähigkeiten, Kreativität und Kooperation machen
ihn zu einem äußerst wertvollen Vertreter der Europäischen Union hier in Washington und zu einer der
wichtigsten Stützen der amerikanisch-europäischen
Beziehungen.
Dem anderen Empfänger der heutigen Auszeichnung
möchte ich meine Glückwünsche aussprechen und
ihm versichern, wie sehr ich mich freue, die heutige
Ehrung mit ihm zu teilen. Er ist mein Kollege und
Gegenstück, Gegner und Freund, Konkurrent und
Kohorte - alles in einem. Sir Leon, sie haben während
der vergangenen Jahre großen Einfluß auf den
Welthandel gehabt. Und auch wenn wir nicht bei allem
einer Meinung sind, haben wir doch dieselben Ziele
und dieselbe Vision: Engere Bande zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union zum
Wohle aller Bürger auf beiden Seiten des Atlantiks.

AMERIKA DIENST 24

Es ist eine immer engere und sich entwickelnde
Beziehung, die auf gegenseitigem Verständnis und
dem Bewußtsein der Bedeutung von Handel und
Sicherheit gleichermaßen basiert.
Die Vereinigten Staaten und Europa verbinden
einzigartige historische und kulturelle Bande. Wir
haben in diesem Jahrhundert drei große Kriege in
Europa geführt - zwei heiße und einen kalten - und
haben uns der Zusammenarbeit mit Europa verpflichtet, um Frieden auf diesem Kontinent und der
ganzen Welt zu sichern. Das hat für uns eindeutig
Priorität gehabt - vom Marshallplan vor 50 Jahren bis
zur Unterstützung des Aufbaus und der Erweiterung
der Europäischen Union heute.
Gemeinsam beendeten wir den Kalten Krieg, unterstützten die aufstrebenden Demokratien in Zentralund Osteuropa und riefen die Partnerschaft für den
Frieden (PfF) ins Leben, die alte Trennlinien in Europa
weiter beseitigt. Aus der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und der Spaltung des Kalten Krieges

Seite 1

�entstand eine dauerhafte Partnerschaft, die auf den
Lektionen der Geschichte basiert und eine prosperierende und friedliche Welt anstrebt.
Obwohl wir die Bedeutung von Handel und Investitionen in aufstrebende Märkte verstehen, dürfen wir nie
vergessen, wie wichtig unsere eigenen Handelsbeziehungen sind. Die Vereinigten Staaten und die EU
produzieren gemeinsam nahezu die Hälfte aller Waren
und Dienstleistungen weltweit, und auf sie entfällt mehr
als die Hälfte des gesamten Welthandels. Die EU ist
bei weitem unser größter Handelspartner. Die Exporte
in beide Richtungen und der Absatz von Tochtergesellschaften auf dem jeweils anderen Markt eingerechnet,
beläuft sich der transatlantische Handel auf ungefähr
zwei Billionen Dollar jährlich. Tatsächlich ist der
europäische Markt - Exporte und Absatz von Tochtergesellschaften eingeschlossen - für die amerikanischen Unternehmen doppelt so groß wie der kanadische und japanische zusammengenommen.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Förderung des Welthandelssystems. Während der
vergangenen 50 Jahre war jeder Fortschritt des
Welthandelssystems das Ergebnis amerikanischeuropäischer Übereinkünfte und Initiativen. Wenn wir
uns nicht einig sind - wie beim Thema Landwirtschaft
in der Uruguay-Runde - macht der offene Handel
wenig Fortschritte. Was durch eine gemeinsame
amerikanisch-europäische Führungsrolle erreicht
werden kann, zeigt der Blick auf die jüngsten Erfolge die Uruguay-Runde, die Gründung der Welthandelsorganisation (WTO), das Informationstechnologieabkommen und das Abkommen über Telekommunikationsdienste.
Die Verabschiedung der neuen transatlantischen
Agenda (New Transatlantic Agenda - NTA) im Dezember 1995, die einen Plan für die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union bis ins 21. Jahrhundert
darstellt, hat unsere Partnerschaft gestärkt und
gefördert. Die NTA erweitert unsere Zusammenarbeit
um den Handel. Sie beinhaltet mehr kooperative
Mechanismen denn je - halbjährliche Gipfeltreffen,
regelmäßige Zusammenkünfte unterhalb der Kabinettsebene sowie eine breite Palette von Kontakten auf
Arbeitsebene.
Unsere Beziehungen entwickeln sich ständig weiter
und passen sich an interne und externe Veränderungen an. Wir sind uns bewußt, daß sich die EU verändert - sie wird durch die Aufnahme neuer Mitglieder
erweitert, durch die Einführung der Wirtschafts- und
Währungsunion integriert und entwickelt sich zu einem
immer wichtigeren Forum, in dem Europa diplomatische Fragen, Themen der Strafverfolgung und globale
Probleme erörtern und gemeinsame Maßnahmen
ergreifen kann. Diese Veränderungen bergen Herausforderungen und Chancen. Gleichzeitig widmen wir

Seite 2

der Ausweitung und Vertiefung unserer Handels- und
Investitionsbeziehungen besondere Aufmerksamkeit,
um unser gemeinsames Ziel der Schaffung eines
transatlantischen Marktes ohne Handelshemmnisse zu
erreichen.
Eine andere wichtige Innovation und Bestandteil der
NTA ist der transatlantische Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), eine einzigartige
Partnerschaft zwischen Regierung und Wirtschaft, die
uns bei der Suche nach Gemeinsamkeiten zur Beseitigung der Hindernisse für offenen und fairen Handel
hilft. Wir erwarten von den praktischen Empfehlungen
des transatlantischen Wirtschaftsdialogs die Stärkung
der Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
und üben starken Druck auf unsere jeweiligen Regierungen aus, die Umsetzung dieser Empfehlungen
sicherzustellen.
Damit gibt der transatlantische
Wirtschaftsdialog unseren Politikern auf beiden Seiten
des Atlantiks eine zukunftsorientierte Agenda an die
Hand, während wir uns für die Beseitigung der Handelshemmnisse und die Stärkung der Handelsbeziehungen einsetzen.
Obwohl die Handels- und Investitionsbeziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU stark
sind, wäre ich nicht ehrlich, wenn ich nicht zugeben
würde, daß wir auch wesentliche Differenzen haben Differenzen, bei deren Überwindung diese Institutionen
eine konstruktive Rolle übernehmen können. Zu
diesen Differenzen zählen die von der EU vorgeschlagene Richtlinie über spezifizierte gefährliche Stoffe und
kosmetische Mittel sowie der Einsatz von Sanktionen.
Zur Frage der Sanktionen habe ich kürzlich im Kongreß im Rahmen einer Anhörung erörtert, wie das
Außenministerium einen Prozeß eingeleitet hat, um die
Verhängung von Sanktionen durch die US-Regierung,
ihre Wirksamkeit und die Möglichkeit ihrer verbesserten Integration in unsere Gesamtstrategie zu analysieren. Diese Überprüfung soll gewährleisten, daß der
Einsatz von Sanktionen unsererseits klar definierte
Ergebnisse erzielt und im allgemeinen nur dann erfolgt,
wenn andere diplomatische Maßnahmen erfolglos
waren. Ferner unternehmen wir mehr, um die Regierungen der Bundesstaaten einzubeziehen, damit der
Einsatz von Sanktionen durch sie disziplinierter erfolgt.
Neben der internen Überprüfung von Sanktionen
bemühen wir in den Vereinigten Staaten uns um
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten, um Wege
zur Entwicklung eines gemeinsamen Ansatzes bei
internationalen Problemen zu finden, die eine Gefahr
für unsere Werte, unsere Sicherheit sowie die persönlichen und Eigentumsrechte unserer Bürger darstellen.
Aus diesem Grund haben wir vorgeschlagen, daß die
Vereinigten Staaten und die EU als Teil der derzeitigen
Verhandlungen über Maßnahmen gemäß dem HelmsBurton-Gesetz einen hochrangigen Konsultationsmechanismus ins Leben rufen, um auf Probleme

AMERIKA DIENST 24

�dieser Art zu reagieren. Ich hoffe, daß wir bei dieser
Frage zu Übereinstimmung und Verständnis gelangen,
damit wir an gemeinsamen Zielen zusammenarbeiten
können und damit eher in der Lage sind, notfalls
individuelle Maßnahmen zu ergreifen, um auf Bedrohungen unserer gemeinsamen Interessen und
Werte zu reagieren.
Die laufenden Verhandlungen zu diesem Thema
beinhalten auch die Arbeit an einer Lösung der HelmsBurton-Frage. Diese Verhandlungen drehen sich um
die Schaffung von Disziplinen zur Behinderung oder
Abschreckung von Investitionen in enteignetes
Eigentum. Unseres Erachtens haben Unternehmen
auf beiden Seiten des Atlantiks guten Grund, ein
Abkommen zu unterstützen, das Eigentumsrechte
weltweit stärkt.
Wie viele von Ihnen wissen, prüfen wir im Hinblick auf
den Iran derzeit die von Unternehmen aus Frankreich,
Rußland, Kanada, Indonesien und Malaysia mit dem
Iran abgeschlossenen Verträge über Ölfeldprojekte
und untersuchen, ob diese Verträge unter dem
Sanktionsgesetz für Iran und Libyen eine mit Sanktionen zu belegende Aktivität darstellen. Wir haben ein
Team, das mit den an diesem Geschäft beteiligten
Unternehmen sowie den betroffenen Regierungen
spricht, um mehr Informationen zu bekommen und
unsere Besorgnis im Zusammenhang mit Investitionen
im Iran zu erörtern, während die iranische Regierung
weiterhin den internationalen Terrorismus unterstützt
und versucht, Massenvernichtungswaffen zu beschaffen. Wir werden unsere Untersuchungen gewissenhaft
fortsetzen, und abhängig von den Ergebnissen werden
Sanktionen eine mögliche Option bleiben. Das Ziel der
Gesetze besteht jedoch darin, gemeinsam Bedrohungen der internationalen Sicherheit durch Iran und
Libyen abzuwehren.
Ferner streben wir die Unterstützung der Wirtschaft für
ein starkes multilaterales Investitionsabkommen
(Multilateral Agreement on Investment - MAI) an. Wir
müssen die Sicherheit von Investitionen erhöhen und
ein hohes Maß an Liberalisierung erreichen.
Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß wir uns
bei den heutigen OECD-Verhandlungen erfolgreich auf
den endgültigen Text einer umfassenden Konvention
über das Verbot der Bestechung ausländischer
Staatsbeamter bei internationalen Wirtschaftstransaktionen geeinigt haben. Die heutige Vereinbarung
stellt einen großen Vorstoß im Kampf gegen Korruption
dar. Die internationale Wirtschaftsbestechung unterminiert gute Regierungsführung, schadet der wirtschaftlichen Effizienz und verzerrt den Handel. Wir
begrüßen das Übereinkommen der OECD-Mitgliedsländer, weitere spezifische Aktionen zu erwägen, um
wirtschaftliche Bestechung im staatlichen Sektor zu
bekämpfen und alle beteiligten Länder zu drängen, die

AMERIKA DIENST 24

schnelle Ratifizierung und Durchsetzung der heutigen
Übereinkunft sicherzustellen.
Dies ist ein Beispiel für Zusammenarbeit zur Bewältigung unserer Herausforderungen und Schwierigkeiten
sowie eine weitere Demonstration der Stärke und
Vitalität unserer Beziehungen insgesamt. Am 5.
Dezember ist Präsident Clinton Gastgeber des Gipfeltreffens der Vereinigten Staaten und der Europäischen
Union, bei dem wir zahlreiche Fragen von gemeinsamem Interesse erörtern werden, die Verständnis
fördern, Zusammenarbeit verbessern und uns am
besten auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten
werden. Beim Umgang mit diesen Herausforderungen
müssen wir auch unsere gemeinsamen Ziele im Auge
behalten:
Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung in den Krisenherden der
Welt. Wir müssen unsere Bestrebungen zur
Schaffung eines dauerhaften Friedens in
Bosnien fortsetzen und gemeinsam an der
Schaffung eines Klimas für Fortschritte beim
Friedensprozeß im Nahem Osten arbeiten.
Fortsetzung unserer entscheidenden Zusammenarbeit bei der Reaktion auf globale
Herausforderungen wie Terrorismusbekämpfung und Drogenmißbrauch sowie verstärkte
Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von
organisiertem Verbrechen und Umweltzerstörung.
Ausweitung des Welthandels und Stärkung
der Wirtschaftsbeziehungen durch die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit in multilateralen Foren. Wir haben unsere Fähigkeit zum
Erzielen von Ergebnissen durch das Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und das Informationstechnologieabkommen unter Beweis gestellt und können darauf
aufbauen. Das beinhaltet die Weiterentwicklung des Konzepts eines neuen transatlantischen Marktes - insbesondere unter Führung
des Privatsektors entsprechend den Empfehlungen und der Initiative des transatlantischen
Wirtschaftsdialogs.
Bau von Brücken zwischen Amerikanern und
Europäern, insbesondere der Generation nach
dem Kalten Krieg, was zu fortgesetzter Unterstützung der Öffentlichkeit für die transatlantischen Beziehungen und zur Beteiligung des
Privatsektors beitragen soll, während wir uns
für die Bewältigung der Herausforderungen
und Chancen eines neuen Jahrhunderts
einsetzen.
Wir sind durch unsere Verpflichtung zur Förderung von
Frieden, Wohlstand, Demokratie, Menschenrechten

Seite 3

�und offenen, marktorientierten Volkswirtschaften
miteinander verbunden. Wir standen bei vielen
äußerst wichtigen Fragen während der vergangenen
40 Jahre Seite an Seite. Unsere gemeinsame Geschichte und unser gemeinsames Erbe müssen ein
Bindeglied zwischen uns darstellen, während wir uns

künftigen Herausforderungen stellen. Diese Beziehungen sollten weiterhin durch unsere Leistungen definiert
werden, während wir gemeinsam den Weg in eine
Zukunft voller Versprechungen und Möglichkeiten
zurücklegen. Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 24

�USA-DEUTSCHLAND
10. Dezember 1997

Die Beziehung zu Amerika - eine einzigartige
Partnerschaft
Rede von Botschafter John C. Kornblum

MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Botschafter der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. Dezember 1997
in München hielt.

Ein neuer Anfang
Wir sind heute Abend hierher gekommen, um einen
wichtigen Schritt bei den engen Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten von Amerika, Bayern und der
Stadt München zu markieren. Ende Dezember wird
das beliebte Amerika Haus in der Form, wie wir es seit
mehr als vier Jahrzehnten kennen, aufhören zu
existieren. Es wird durch eine neue Institution - das
Bayerisch-Amerikanische Zentrum - ersetzt. Das
Gebäude bleibt das gleiche, viele der Programme
bleiben bestehen, aber die Institution wird eine andere
sein.
Ich möchte heute zu Ihnen über diese neue Institution
sprechen, über ihre Zukunft und die sie konfrontierenden Herausforderungen. Wenn ich diese neuen
Bestrebungen erörtere, möchte ich auch einige Lehren
für die nächste Phase der deutsch-amerikanischen
Beziehungen darlegen. Denn die beiden gehen Hand
in Hand. Unsere neue Institution kommt genau zum
richtigen Zeitpunkt. Bei dem Versuch, die Welt zu
beschreiben, in die sie geboren wird, können wir auch
dazu beitragen, ihre künftige Arbeit zu leiten, um die
deutsch-amerikanische Partnerschaft zu unterstützen,
die wir aufzubauen versuchen.
Zuerst einmal der unmittelbare Grund für den Wandel.
In der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges haben
die traditionellen Informations- und Kulturzentren der
Vereinigten Staaten fast aufgehört zu existieren. Im
Zeitalter des direkten Zugangs zu den Medien ist es
schwierig, eine staatliche Finanzierung kultureller
Präsentationen zu rechtfertigen. Einige dieser Zentren

AMERIKA DIENST 24

werden weiterbestehen, aber entsprechend unserem
im vergangenen Jahr verabschiedeten Haushaltsgesetz ist die staatliche Finanzierung für unsere
Einrichtungen in München und Hamburg verringert
worden. Die Tatsache, daß sie so lange bestanden
haben, zeugt von der Bedeutung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Ähnliche Institutionen existieren
in Frankreich und Großbritannien bereits seit Jahren
nicht mehr. Heute gibt das US-Informationsamt
(United States Information Service - USIS) immer noch
mehr als die Hälfte seines Europa-Etats für Deutschland aus.
Diese Tatsachen allein sollten zeigen, daß die Vereinigten Staaten weiterhin einen wesentlichen Beitrag
zu Informations- und Kulturaktivitäten in München und
Bayern leisten werden. Unsere neue Nachschlagebibliothek im Generalkonsulat ist die beste ihrer Art. Die
Unterstützung für Kulturprogramme und Diskussionen
wird fortgesetzt. Wir haben in Form von Finanzmitteln
und Sachspenden einen großen Beitrag zu dem neuen
Bayerisch-Amerikanischen Zentrum geleistet. Aber die
vollständige Finanzierung eines offiziellen Kulturzentrums war nicht länger möglich.
Diese Notwendigkeit hat eine bedeutende Chance
hervorgebracht. Insbesondere in München ist es an
der Zeit, mit neuen Formen von Dialog und Austausch
zu experimentieren. Es ist zweifelsohne nicht mehr
nötig, amerikanische Kultur und Kunst nach Bayern zu
bringen. Dieser Bedarf wird über private Kanäle mehr
als gedeckt. Amerikanische Ideen und Modelle sind
ebenfalls reichlich vorhanden.

Seite 1

�Erforderlich ist der innovative Dialog, den das neue
Bayerisch-Amerikanische Zentrum bieten kann:
Die Einbeziehung vieler verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in die Planung und
Durchführung der Prüfung neuer Formen der
Zusammenarbeit über den Atlantik hinweg.
Ein neues deutsch-amerikanisches Entscheidungsgremium wird beschließen müssen, was
geschehen soll und wie es geschieht;
Ein Dach für die zahlreichen Einzelinitiativen,
die unsere Beziehungen seit Jahren bereichern.
Neue Programme, die Zusammenarbeit in
Bereichen gestalten können, in denen sie
normalerweise nicht von einer traditionellen
Einrichtung dieser Art abgewickelt wird.
Ich bin stolz sagen zu können, daß die Reaktion auf
diese neue Herausforderung großartig war. Die
bayerische Regierung hat großzügig Mittel und Ideen
beigesteuert. Unser Gebäude wird erhalten. Seine
Programme werden im neuen Jahr ohne Unterbrechung fortgesetzt. Wir können uns besonders
glücklich schätzen, daß Dr. Chris Peters - seit mehr als
34 Jahren selbst eine Institution - weiterhin die Programme und die neue Institution leiten wird. Ich bin
sicher, daß jeder unter den Zuhörern des heutigen
Abends meine Bewunderung für die von ihm geleistete
Arbeit teilt.
Besonders glücklich schätzen können wir uns auch,
daß eine sehr aktive Gruppe von Sponsoren und
Förderern am Aufbau einer Organisation mitwirkt, die
dazu beitragen kann, den Erfolg der neuen Unternehmung sicherzustellen. Ich bezweifle nicht, daß das
Amerika Haus in Zukunft Stätte eines noch lebhafteren
Dialogs sein wird als in der Vergangenheit.
Die Definition eines neuen Zeitalters
Soviel zur Organisation. Was geschieht mit der
hervorragenden Arbeit, die wir am heutigen Abend
feiern? Ich hoffe, daß dieses innovative Unterfangen
die Kontakte zwischen Bayern und den Vereinigten
Staaten mehr als festigen wird. Ich hoffe, daß wir in
diesem innovativsten Teil Deutschlands eine Definition
der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit beginnen können, die bis weit ins nächste Jahrhundert
hinein ihren Zweck erfüllt.
Was meine ich, wenn ich von der Notwendigkeit einer
neuen Definition spreche? Offensichtlich meine ich
keine neue Grundlage oder grundlegende Neuorientierung, wie ich manchen Presseberichten zufolge
angeblich vorgeschlagen habe.
Die Grundlage
unserer Partnerschaft war nie stärker. Aber eine neue

Seite 2

Arbeitsweise und eine geänderte Definition unserer
gegenseitigen Rollen wären nützlich. Ein kurzer
geschichtlicher Rückblick wird dazu beitragen, die
Szenerie zu beschreiben.
Deutschland und Amerika sind aus verschiedenen
Gründen natürliche Partner geworden. Wir haben in
den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen
eine neue Friedensstruktur in Europa geschaffen - eine
Struktur, die auf der Grundlage neuer Beziehungen
über den Atlantik hinweg ruht.
Die Vereinigten Staaten unterhalten natürlich enge,
kooperative Beziehungen zu zahlreichen Verbündeten
in Europa. Aber es war Deutschland, mit dem wir die
neue Nachkriegsdefinition unserer Welt erarbeiteten.
Deutschland hatte sogar vor 1945 viel mit den Vereinigten Staaten gemein. Unsere natürliche Freundschaft war jedoch von den Nazis zerstört worden und
in einem grausamen Krieg untergegangen. Nach 1945
war es nicht möglich, einfach dort weiterzumachen, wo
wir aufgehört hatten. Wir mußten etwas völlig Neues
schaffen.
Dieses völlig Neue ging aus den Herausforderungen
des Kalten Krieges und der Bedrohung der Demokratie
in ganz Europa durch die Sowjetunion hervor. Unsere
gegenseitige Antwort auf die Berlin-Blockade - Festigkeit und Mut auf Seiten der Deutschen und Amerikaner
gleichermaßen - stellte die Weichen für die Schaffung
einer integrierten Vision von einem neuen Europa.
Jeder von uns hatte eine wichtige Rolle. Amerika bot
die Vision, die Mittel und die Verpflichtung, sich in der
neuen atlantischen Gemeinschaft weiterhin zu engagieren, die aus dem alten europäischen Gleichgewicht
entstanden war, das durch den Zweiten Weltkrieg
zerstört wurde.
Deutschland brachte Energie, Mut und eine Vision von
Demokratie in Deutschland und Europa ein, die aus
der dauerhaften Gemeinschaft über den Atlantik
hinweg erwuchs. Eine treibende Kraft dieser Zusammenarbeit war Notwendigkeit. Deutschland hatte
dringenden Bedarf an Freunden und Ressourcen.
Amerika war die einzige verfügbare Quelle. Amerika
benötigte eine feste Grundlage im Zentrum Europas,
auf der es die Vision von Demokratie auf dem gesamten Kontinent verwirklichen konnte. Deutschland
war der naheliegende Partner.
Eine weitere treibende Kraft war emotioneller Natur.
Kurz nach dem Krieg entdeckten wir die große Übereinstimmung von Einstellung und Ansatz unserer
beiden Länder wieder. Deutschland und Amerika
gingen aufgrund der starken Ähnlichkeit unserer Völker
und Gesellschaften eine natürliche Partnerschaft ein.
Ich weiß, daß ich darüber hier in Bayern nicht viel
sagen muß. Hier fühlen wir Amerikaner uns wirklich zu
Hause.

AMERIKA DIENST 24

�Aber dieser im Grunde genommen gleiche Ansatz
zeigt sich in ganz Deutschland, wie ich auf meinen
Reisen durch die neuen Bundesländer entdecken
konnte. Nachdem die Herausforderungen der Nachkriegszeit bewältigt sind, bieten Deutschland und
Amerika die Definition für die übrige atlantische Welt.
Eine historische Errungenschaft dieser Partnerschaft
war die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Rückkehr der Freiheit nach ganz Deutschland schloß ein
leidvolles Kapitel der deutschen und europäischen
Geschichte. Gleichzeitig war dies ein charakteristisches Moment einer neuen und sogar noch hoffnungsvolleren Phase unserer Bestrebungen, eine sogar
noch kraftvollere transatlantische Gemeinschaft
aufzubauen.
Amerika war aus zweierlei Gründen ein wesentliches
Element bei der Wiedervereinigung: Wir glaubten
unbeirrt an das Ziel eines geeinten Deutschlands, und
wir hatten die Mittel, dazu einen Beitrag zu leisten.
Unsere Vision von Deutschland und Europa war nicht
von historischen Ressentiments oder Konkurrenzdenken verdunkelt. Und unsere führenden Politiker hatten
die Kraft und die Ressourcen sicherzustellen, daß
Bundeskanzler Kohls Vision von einem geeinten
Deutschland, das sowohl in Europa als auch in die
atlantische Welt integriert ist, erfolgreich umgesetzt
werden konnte.
Eine Agenda für die Zukunft
Diese Stärken - Offenheit und Wille - sind auch die
beiden Pfeiler der nächsten Phase unserer Partnerschaft. Deutschland und die Vereinigten Staaten sind
offene Gesellschaften, die am Scheideweg des
Wandels stehen. Wir sind, jeder auf seine Weise, ein
Magnet für die neuen und oftmals beunruhigenden
Tendenzen auf der ganzen Welt. Jeder von uns hat
die Fähigkeit, diese Veränderungen zu verarbeiten und
sich daran anzupassen. Wir sind ein Meister darin,
neue Lösungen vorzuschlagen. Jeder von uns ist Teil
des Rückgrats der neuen demokratischen Welt, die wir
über den Atlantik hinweg und in ganz Europa aufbauen
wollen.
Ein Beweis für dieses neue Zeitalter ist die lange
Agenda von Themen, an denen wir gemeinsam
arbeiten - auf bilateraler Ebene und in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern und Verbündeten. Die traditionelle Sicherheitsagenda wurde von
einem komplexen Programm der Herausforderungen
auf ganz unterschiedlichen Gebieten abgelöst: Zusammenarbeit im Weltraum, Biotechnologie und
Nahrungsmittelproduktion, Beziehungen zu sogenannten verbrecherischen Staaten, der Aufbau von Demokratie in Zentral- und Osteuropa sowie die Friedensmission in Bosnien.

AMERIKA DIENST 24

Oftmals konzentrieren sich diese Fragen auf unser
gemeinsames Streben nach der Vollendung Europas,
um es mit den Worten von Altbundespräsident Richard
von Weizsäcker auszudrücken. Wir sind die beiden
wichtigsten Partner bei der Erlangung der demokratischen Integration der neuen Demokratien in ein
friedliches und prosperierendes Europa.
Unser
gemeinsamer Erfolg beim Aufbau einer neuen NATO
ist nur ein Beispiel für diese wichtige Zusammenarbeit.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen konzentrieren
sich in zunehmendem Maße auf Fragen von weltweiter
Bedeutung. Die Bewältigung der Herausforderungen
der Gesellschaft in der Zeit nach dem Ende des Kalten
Krieges und im Informationszeitalter sind in dieser
Hinsicht von besonderer Bedeutung. Wir sind nicht
immer derselben Meinung. Aber in den meisten Fällen
sind es Deutschland und Amerika, die bei der Lösung
des Problems eine zentrale Rolle spielen. Wenn
unsere beiden Länder diesen pragmatischen Ansatz
wählen, können wir beim Umgang mit den neuen
Herausforderungen auf kooperativer Basis helfen,
selbst wenn wir nicht in allen Einzelheiten übereinstimmen. Und die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit trägt dazu bei, die atlantische Harmonie mit ganz
Europa zu gewährleisten. Gemeinsam werden wir zur
Stärkung der wesentlichen Rolle der EU beitragen.
Wenn diese neue Zusammenarbeit wirklich erfolgreich
sein soll, müssen wir die neue Definition einen Schritt
weiterführen. Wie wir damit umgehen, hängt stark von
unserem Erfolg ab, die grundlegende Dynamik unserer
Partnerschaft zu verstehen. Die Welt hat sich so
grundlegend verändert, daß neue Konzepte erforderlich sind.
Vor 1990 waren die zahlreichen Facetten unserer
Beziehungen von der überwältigenden Bedeutung der
Sicherheit überschattet - von der Rolle der Vereinigten
Staaten bei der Verteidigung Deutschlands und
Europas gegen die Sowjetunion; und von der Rolle
Deutschlands, die Festung für diese Verteidigung zu
bieten. Amerika war gleichermaßen die Großmacht
und das gesellschaftliche Modell.
Der Beitrag
Deutschlands bestand vor allem darin, beim Wiederaufbau von Demokratie und Wirtschaft erfolgreich zu
sein und zur militärischen Verteidigung beizutragen.
Es war eine äußerst erfolgreiche Beziehung. Sie war
jedoch in vieler Hinsicht auch eindimensional - jeder
spielte eine Rolle, aber das aus der wechselseitigen
Abhängigkeit geborene Gefühl der Unsicherheit stellte
oft einen beschränkenden Faktor dar.
Einige Beispiele: Die Fixierung der Vereinigten Staaten
auf die Wirtschaft und die innenpolitische Dynamik
Deutschlands war oft übertrieben. Als junge Diplomaten mußten wir in den sechziger Jahren über jedes Auf
und Ab der politischen Landschaft berichten. Tatsächlich bestand eine der traditionellen Rollen der Amerika
Häuser darin sicherzustellen, daß sich der politische

Seite 3

�Dialog in Deutschland in die richtige Richtung bewegte.
Die Deutschen wiederum schrieben die dramatischsten Gefahren auf Aspekte der amerikanischen Politik
zurück, die der Sache der Stabilität in Europa nicht
direkt dienlich erschienen. Am dramatischsten war
vielleicht die Debatte über die Stationierung von
Mittelstreckenraketen in Europa in den achtziger
Jahren. Auch 1990, zu Beginn des Golfkriegs, gab es
eine äußerst emotionale Reaktion.
Ich freue mich sagen zu können, daß viele dieser
gegenseitigen Tendenzen bereits verschwunden sind.
Bei meiner Rückkehr nach Deutschland nach zehnjähriger Abwesenheit bin ich von der Normalität der
politischen und sozialen Debatte in diesem Land
beeindruckt. Ich weiß, daß es Kontroversen gibt. Und
Probleme sind wichtig. Aber bei der Debatte geht es
um konkrete künftige Herausforderungen, nicht um
echte oder imaginäre Ängste, die aus der Unsicherheit
des Kalten Krieges resultieren.
Vom amerikanischen Standpunkt aus kann ich hinzufügen, daß unsere Einstellung zu Deutschland sich
schnell über die traditionellen Fragen europäischer
Sicherheit hinausbewegt. Unsere Botschaft in Bonn
und Berlin hat eine Agenda, die praktisch jede wichtige
Frage unserer Zeit beinhaltet. Deutschland ist ein
natürlicher und produktiver Partner - sowohl bilateral
als auch als wichtiger Teilnehmer an der sich schnell
vertiefenden europäischen Integration.
Wir sind
wahrhaft Partner, die füreinander und für die Welt
unentbehrlich sind.
Die Rolle Amerikas

Es ist auch eine neue Herausforderung entstanden für unsere beiden Länder. Diese Arbeit kann das
Bayerisch-Amerikanische Zentrum vielleicht am besten
leisten. Es geht um die Verpflichtung, sich mit der
Rolle Amerikas in einer Welt ohne Konfrontation
auseinanderzusetzen. "America the Inescapable"
nannte es Josef Joffe in der New York Times.
Dieses Phänomen wird auf vielerlei Weise offensichtlich. Es gibt ein unausgesprochenes Unbehagen
angesichts der kulturellen und politischen Hegemonie
Amerikas. Man verdächtigt uns, Pläne für eine
weltweite Vorherrschaft zu schmieden, selbst wenn die
Beweise auf das Gegenteil hindeuten. Die außenpolitische Führungsrolle der Vereinigten Staaten kann
bisweilen anmaßend erscheinen, aber Präsident
Clinton hat persönlich die Notwendigkeit einer kooperativen amerikanischen Einstellung zur Führungsrolle
in diesem neuen Zeitalter betont. Dies ist in Deutschland weniger ein Thema als in einigen anderen Teilen
Europas, aber ich habe auch hier davon reden gehört.

Seite 4

Dann gibt es Amerika als gesellschaftliches und
wirtschaftliches Modell. Während meiner frühen Tage
in Deutschland war die Einstellung zu Amerika überwältigend positiv. Wir waren für viele ein Vorbild.
Später wurden wir für manche Deutschen zum Beispiel
für alles, was moderne Gesellschaften nicht tun sollten.
Jetzt werden wir wieder überall beneidet. Wir sind
tatsächlich stolz auf unsere Gesellschaft und ihre
jüngsten Leistungen. Sie wurden durch harte Arbeit
und viele Debatten möglich. Wir können anderen
manches beibringen. Aber wir sind kein Modell.
Schließlich gibt es Amerika als Philosophie. Es gibt
einen "American way of life", der immer noch eine der
revolutionärsten Philosophien in der Menschheitsgeschichte darstellt. Wir glauben an Gerechtigkeit und
Offenheit. Wir beurteilen die Menschen nach dem,
was sie können; nicht danach, wer sie sind und woher
sie kommen. Es ist leicht, sich in Amerika und im
Umgang mit Amerikanern wohlzufühlen, ungeachtet
der eigenen Herkunft. Diese Offenheit bringt Kreativität und Leistung hervor. Sie ist eines der Geheimnisse
unseres Erfolgs.
Europa und Deutschland sind folglich mit Beziehungen
zu mehreren Amerikas gleichzeitig konfrontiert. Wir
sind in politischer und militärischer Hinsicht die
wichtigste Macht in Europa und auf der Welt. Ohne
unser Engagement könnte es keine europäische
Stabilität geben. Gleichzeitig definieren wir den
Rahmen für einen Großteil der sozialen und technologischen Fortschritte Ende des 20. Jahrhunderts.
Unsere Dynamik scheint manchmal genau die Unabhängigkeit und das Verantwortungsbewußtsein zu
hemmen, die wir bei anderen - insbesondere in
Deutschland - fördern wollen.

Manchmal schafft es

Unmut, der amerikanischen Führung bei Fragen folgen
zu müssen, auf die wir Amerikaner eindeutig nicht alle
Antworten haben. Das Fehlen einer offenen militärischen Konfrontation erschwert es bisweilen noch
mehr, unsere Macht zu akzeptieren.
Es deutet nichts darauf hin, daß die sich selbst reproduzierende Dynamik der Vereinigten Staaten
abnehmen wird - egal was der Konjunkturzyklus uns
bringen mag. Während die europäische Welt ihren
Bürgerkrieg des 20. Jahrhunderts beendete, wurden
die Vereinigten Staaten allmählich zum Sammelbecken
für soziale und technologische Innovationen auf der
ganzen Welt.
Letztlich liegt die Stärke unseres Landes nicht in
seinen Armeen oder seiner Währung. Unsere wirkliche Stärke wird unsere Fähigkeit sein, Ideen und
Aktionen hervorzubringen und Probleme auf unerwartete Weise zu lösen. Wir ziehen die Begabungen
von Menschen verschiedener Nationalität und Herkunft
an und "amerikanisieren" sie auf ziemlich ungewöhnliche Weise. Diese neuen Amerikaner übernehmen
nicht notwendigerweise die Gebräuche unserer

AMERIKA DIENST 24

�europäischen Vergangenheit. Aber sie übernehmen
Amerika als System und als Philosophie und machen
es stärker.
Ein Großteil dieser Ereignisse hat unabhängig von der
Politik der US-Administration stattgefunden - egal
welche Partei an der Macht war. Das Votum des
amerikanischen Kongresses beeinflußt sie nicht oft.
Selbst wenn wir uns manchmal über Tendenzen in
unserer Politik Sorgen machen, uns nach innen zu
wenden, hat sich die Zahl der Amerikaner, die im
Ausland leben und arbeiten, in den letzten zehn
Jahren nahezu verdoppelt. Die Ergebnisse unseres
einzigartigen Systems werden nicht als offizielle Kultur
oder Außenpolitik exportiert, sondern als die Synthese
von Ideen, die oft von anderen in unser Land gebracht
worden sind.
Wenn wir diesen Aspekt der amerikanischen Realität
besser verstehen, werden wir erfolgreicher bei der
Formulierung einer neuen Definition der deutschamerikanischen Partnerschaft sein. Zum Beispiel: Es
sind nicht die äußerlichen Beispiele der Beziehungen,
die wichtig sind. Zunehmend wird es auch der gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmen sein, der
unsere neue Welt definiert. Anstatt sich über Europa
und Amerika als separate Gebilde Sorgen zu machen,
definieren unsere Geschäftsleute und Wissenschaftler
auf der Basis unserer integrierten Bestrebungen eine
gemeinsame Realität. Amerikanische und europäische Unternehmen haben gleichermaßen Teil an den
Ergebnissen der sogenannten "Globalisierung".
Traditionelle Definitionen von Partnerschaft und
nationalem Interesse passen nicht in diese neue
Situation. Die Amerikaner selbst haben oft Schwierigkeiten, die Auswirkungen dieser neuen Art weltweiter
Synthese zu verstehen, die von ihrer Gesellschaft
hervorgebracht wird. Die etablierten außenpolitischen
Instrumente haben keinen Einfluß auf den machtvollen
Wandel, der stattfindet. Um nur ein Beispiel zu
nennen: Der US-Dollar ist weltweit so sehr zu einer
gemeinsamen Währung geworden, daß seine Fälschung zu einem "globalisierten" Handel großen Stils
geworden ist. Unsere Regierungen geben jährlich
Millionen in dem Versuch aus, dem entgegenzuwirken.
Sowohl Freunde der Vereinigten Staaten als auch die
Amerikaner selbst sind öfters durch diesen Trend
verwirrt. Wie sieht die Zukunft der sogenannten
gleichgewichtigen Partnerschaft aus, wenn der
überwältigende Einfluß der Vereinigten Staaten mit
jedem Jahr stärker zu werden scheint? Wie und wann
sollen Amerikaner ihren Einfluß geltend machen? Was
tun wir, wenn Partner sich nicht beteiligen können oder
wollen? Wie können Alternativen zu amerikanischen
Lösungen, von denen viele logisch und wichtig sind, in
diesem zunehmend amerikanischen Äther noch gehört
werden?

AMERIKA DIENST 24

Ich möchte ein paar einfache Gedanken anbringen.
Sie stellen keine Lösungen dar, könnten bei unserer
Suche nach einer neuen Definition, die ich bereits
angesprochen habe, jedoch hilfreich sein:
Visionen sind nicht die Antwort. Insbesondere
die atlantische Welt sollte sich nicht mit Debatten darüber beschäftigen, wer gleichberechtigter oder wer mehr im Recht ist. Wir haben
einen gemeinsamen Rahmen für Zusammenarbeit geschaffen. Wir sollten zulassen, daß
er funktioniert.
Es gibt kein Monopol auf gute Ideen. Die
Europäer fragen oft, wann Amerika sie wie
gleichberechtigte Partner behandeln wird. Auf
vielen Gebieten tun wir das bereits. Auf
einigen Gebieten, wie dem Handel, haben wir
es mit einer europäischen Supermacht zu tun.
Aber der Wunsch nach Einheit sollte nicht
benutzt werden, um neue Ideen oder Wandel
abzublocken. Die europäischen Methoden
sind nicht genau die gleichen wie die der
Amerikaner, aber sie sollten auch nicht als
Vorwand für andere Interessen benutzt werden. Was zählt, ist der Inhalt.
Abhängigkeit liegt im Auge des Betrachters.
Wer jedoch versucht, die Dinge nur aus dem
Grund anders zu machen als Amerika, um
nicht abhängig zu erscheinen, schlägt fehl.
Einer der faszinierendsten Aspekte dieser
neuen amerikanischen Dynamik liegt darin,
daß sie nicht imperialistisch im traditionellen
Sinne ist. Wir entwickeln Lösungen, keine
Gesellschaftsmodelle. Die Innovationen eines
multikulturellen Amerikas sind per definitionem
das Produkt zahlreicher Kulturen und können
sich für Situationen innerhalb und außerhalb
Amerikas eignen.
Die Bedeutung des Dialogs
Warum ist es dann so entscheidend, daß unser neues
Bayerisch-Amerikanisches Zentrum Erfolg hat? Weil
die Lösungen für viele der von mir hier angesprochenen Fragen im Dialog und in gemeinsamen Bestrebungen liegen - nicht in konkurrierenden Definitionen der
Realität. Die neue Definition der deutsch-amerikanischen Partnerschaft wird wahrscheinlich ebenso aus
praktischer Zusammenarbeit hervorgehen wie aus
Zukunftsvisionen. Wir haben eine starke Grundlage.
Darauf müssen wir aufbauen.
Es gibt sowohl Herausforderungen als auch Chancen.
Die traditionelle Vorgehensweise wird auch in Zukunft
unter Druck geraten. Es wird Differenzen und sogar
Kontroversen geben. Der Fortschritt mag oft langsam,
der Druck des Wandels manchmal überwältigend
erscheinen. Viele derselben Kriterien hätten auf die

Seite 5

�ersten Jahre unserer Partnerschaft vor 50 Jahren
angewendet werden können. Mehr als 45 Jahre lang
hat das Amerika Haus München als Podium für die
Herausforderungen des Wandels gedient. Wir haben
unsere Aufgaben brillant erfüllt.
Das neue Bayerisch-Amerikanische Zentrum ist mit
einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert. Ich

wollte einige Gedanken darüber darlegen, was es tun
sollte. Was wir jetzt alle tun sollten, ist, es startklar zu
machen. Ich sage Ihnen mein vollständiges persönliches Engagement und das meiner Regierung für den
Erfolg dieser Bestrebungen zu. Ich weiß, daß die
Menschen in München und Bayern diese Herausforderung ebenso deutlich sehen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 24

�USA-DEUTSCHLAND
10. Dezember 1997

Deutschland und Amerika - eine selbstverständliche
Partnerschaft
von Botschafter John C. Kornblum

EBENHAUSEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. Dezember 1997 bei der Stiftung
Wissenschaft und Politik in Ebenhausen gehalten hat.

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, zu den Freunden
und Mitgliedern der Stiftung zu sprechen.

Stabilität und sogar der Wohlstand Europas eng
miteinander verbunden sind.

Die Stiftung Wissenschaft und Politik ist für ihre
konzeptionelle Denkweise auf dem Gebiet der Weltpolitik bekannt. Daher freue ich mich ganz besonders,
daß Sie mich gebeten haben, über die Dynamik von
zwei der wichtigsten Entwicklungen in den internationalen Beziehungen der letzten Jahrzehnte zu
sprechen, nämlich die Erweiterung der Europäischen
Union und der NATO sowie die Interdependenz dieser
beiden Prozesse.

1949, als der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten sich mit dem Nordatlantikvertrag befaßte,
stellte er eine explizite Verbindung zwischen der NATO
und der europäischen Integration her. Der Ausschuß
formulierte damals: "... der Nordatlantikpakt stellt die
Mittel für Zusammenarbeit bei Fragen der kollektiven
Sicherheit und nationalen Verteidigung bereit und
schafft damit ein günstiges Klima für weitere Schritte
zu einer immer engeren europäischen Zusammenarbeit." Fünfzig Jahre später besitzt diese Behauptung
immer noch viel Gültigkeit.

Überlegen Sie sich einen Moment, in welcher Situation
wir uns vor nur zehn Jahren befanden. Deutschland
war geteilt, Osteuropa wurde von kommunistischen
Systemen beherrscht, und in den Beziehungen
zwischen Moskau und Washington war ein gefährliches militärisches Gleichgewicht zwischen Ost und
West das zentrale, dominierende Thema. Damals
hätte sich niemand träumen lassen, daß wir heute die
Mitgliedschaft Polens in der NATO oder die Mitgliedschaft Ungarns in der EU erörtern würden. Und ich
hätte sicherlich nicht gedacht, daß ich heute hier, in
einem vereinigten Deutschland eine Rede über diese
beiden Erweiterungsprozesse halten würde.
Die dramatische Umgestaltung seit dem Ende des
Kalten Krieges hat uns zum Umdenken gezwungen.
Gleichzeitig hat sie uns auch die Gelegenheit gegeben, einige wesentliche Grundsätze wiederzuentdekken, die in den letzten Jahrzehnten als Leitgedanken
für unsere Politik gedient haben. Einer dieser Grundsätze lautet, daß diese Institutionen in einem größeren
Zusammenhang operieren und Integration, Sicherheit,

AMERIKA DIENST 24

Veränderungen finden statt und müssen natürlich
stattfinden. Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit
der europäischen Verbündeten ist ein wichtiges Ziel.
Eine Schlüsselaufgabe ist sicherzustellen, daß die
europäische Verteidigungssäule im atlantischen
Bündnis eine immer wichtigere Rolle übernimmt.
Wann und wie das geschehen soll, war während der
vergangenen 20 Jahre Gegenstand äußerst komplexer
Debatten.
Ferner haben wir erörtert, ob die NATO in der Welt
nach dem Ende des Kalten Krieges eine Rolle übernehmen sollte. Vor sechs Jahren stand die NATO an
einem Scheideweg: Der Kalte Krieg war vorüber, der
Hauptzweck der NATO - die Abwehr einer potentiellen
sowjetischen Bedrohung - existierte nicht mehr. Viele
Menschen stellten die Frage: "Wozu benötigen wir
noch eine NATO?"

Seite 1

�Das Bündnis selbst stellte sich diese Frage und
fandeine Antwort: Weil die NATO das effektivste
Militärbündnis in der Geschichte ist und ihr eine
wesentliche Rolle dabei zukommt, zum ersten Mal in
der Geschichte einen ungeteilten, friedlichen und
sicheren Kontinent zu schaffen. Aber wir erkannten,
daß sich die NATO verändern muß, um dieser Rolle
gerecht zu werden.
Seit sechs Jahren paßt sich die NATO den Realitäten
der Zeit nach dem Kalten Krieg und dem neuen
Sicherheitsumfeld in Europa an. In diesem Sommer
haben wir in Madrid die wichtigsten Schritte unternommen, um diese Anpassung vorzunehmen und unser
Ziel eines geeinten und von Konflikten freien Europas
zu verwirklichen. Heute prüft der amerikanische Senat
die Frage der Erweiterung.
Ebenso wie 1949, als die Senatoren aufgefordert
wurden, ihren Rat und ihre Zustimmung zu unserem
Atlantischen Pakt zu geben, unterziehen sie seine
Bedeutung einer eingehenden Prüfung. Der ehemalige Außenminister Dean Acheson äußerte in seinen
Memoiren, er wollte, daß die Senatoren damals "den
Platz des Vertrags in der sich entwickelnden Strategie
des Westens" berücksichtigten. Er wollte, daß sie ihn
als Teil eines größeren Zusammenhangs in einem
neuen Zeitalter sahen.
Der Zweck einer Rückschau auf diese Ereignisse
besteht darin, sowohl die Kontinuität als auch den
Wandel in unserer transatlantischen Welt zu unterstreichen. Ohne die Entscheidung unserer Gesetzgeber beeinflussen zu wollen, zeichnet sich meiner
Ansicht nach ab, daß es uns gelungen ist, im Falle der
NATO-Erweiterung den Wandel für uns arbeiten zu
lassen. Und das ohne größere Unruhen. Überlegen
Sie nur einen Augenblick: 1997 scheint es die natürlichste Sache der Welt zu sein, daß Polen, die Tschechische Republik und Ungarn unserem Bündnis
beitreten.
Auch die Europäische Union paßt sich an. Der
Erweiterungsprozeß hat begonnen, die interne Reform
der EU-Strukturen wird erörtert, und im Integrationsprozeß der Europäischen Union steht ein Meilenstein
bevor - die Wirtschafts- und Währungsunion.
Die EU hat das Potential, dazu beizutragen, noch
bestehende Trennlinien und Brüche in Europa zu
überwinden. Ebenso wie die Aussicht auf die NATOErweiterung die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat,
sich als potentielle Verbündete statt als Gegner oder
Konkurrenten zu sehen, hat auch die Aussicht auf die
EU-Mitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen und manchmal schmerzlichen Schritte zu
unternehmen, um ihre Wirtschafts- und Rechtssysteme
auf den richtigen Weg zu bringen. Die erfolgreichsten
unter ihnen haben das getan und gleichzeitig die
zusätzlichen Lasten und Kosten der Annahme von EU-

Seite 2

Normen für ihre Produkte übernommen, lange bevor
sie in der Lage sein werden, uneingeschränkt auf
europäischen Märkten zu agieren.
Der Kolumnist der New York Times, Thomas Friedman, hat die Idee politischer Hard- und Software
populär gemacht - wobei Hardware die Marktwirtschaft
und Software die Rechtsstaatlichkeit ist. Die EU hat
das Potential, die Entwicklung beider Systeme zu
beeinflussen und zu ermutigen, und das ist keine
leichte Aufgabe in einer Region, die bis vor kurzem
durch Totalitarismus politisch stranguliert und durch
Planwirtschaft wirtschaftlich gelähmt wurde.
Durch die Möglichkeit des Beitritts zu einem so
gewichtigen Markt und solch einer Gemeinschaft
wurden diese Länder aufgefordert, die erforderliche
Hardware zu entwickeln, um zu konkurrieren und zu
prosperieren. Gleichzeitig wurden sie vor die Herausforderung gestellt, die hohen politischen Standards der
EU-Mitglieder anzunehmen:
Rechenschaftspflicht,
Unabhängigkeit des Rechtssystems, Gewaltenteilung die Merkmale rechtsstaatlicher Systeme.
Wir haben in diesen Ländern bereits bemerkenswerte
Veränderungen beobachtet. Die gründliche Überprüfung der Verfassungen, die Schaffung eines
Gewinne machenden Privatsektors, die Einführung
ziviler Kontrolle des Militärs, demokratische Wahlen das sind nur einige Punkte auf einer langen Liste von
Leistungen seit 1989.
Die Aussicht, über eine Mitgliedschaft in der EU und
der NATO wieder zu einem lebendigen und integralen
Teil Europas zu werden, erklärt zu einem großen Teil
die Dynamik des radikalen Wandels in diesen Ländern. Diese Länder wissen, daß es in unseren Institutionen keinen Platz für Konflikte oder Animositäten
gibt und durch Zusammenarbeit sehr viel mehr erreicht
werden kann.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß der Erweiterungsprozeß weiterhin so weit wie
möglich nach außen gerichtet ist und ein offenes Ende
hat. Wir dürfen keine neuen Trennlinien ziehen oder
irgendeinem Land in Europa die Tür zu neuen Chancen verschließen.
Es wurde gesagt, wir hätten die Wahl: Wir können
entweder Stabilität exportieren oder Instabilität importieren. Diese Aussage enthält in der Tat sehr viel
Wahres: Zum einen glaube ich, daß sie den externen
Druck übertreibt, unter dem wir uns dem Erweiterungsthema stellen. Zum anderen meine ich, daß sie unser
eigenes Interesse an der Erweiterung nicht gebührend
berücksichtigt.
Der Fall Türkei und EU verdeutlicht meinen Punkt.
Sowohl die Türkei als auch die EU haben ein Interesse
an der Stärkung ihrer Beziehungen, und wir alle haben

AMERIKA DIENST 24

�ein Interesse an der Entwicklung der Türkei als
starker, wohlhabender, säkularer und demokratischer,
in die westliche Gemeinschaft integrierter Staat. Es ist
daher von elementarer Bedeutung, daß unser Ziel
darin bestehen sollte, die Türkei in westlichen Institutionen zu verankern und ihre Orientierung zum
Westen zu unterstützen.
Die Entscheidung der Türkei, sich dem Westen
zuzuwenden, geht auf den Anfang dieses Jahrhunderts zurück. Damals traf die Türkei eine weitblickende, strategische Entscheidung, in der wir sie
nach Möglichkeit nicht enttäuschen oder behindern
sollten. Daher hoffen wir, daß die Diskussion über die
Beziehungen der Türkei zur EU der Bedeutung des
Säkularismus in der Türkei Rechnung trägt.
Angesichts der historischen Entscheidung der Türkei,
sich dem Westen zuzuwenden, wäre es eine Ironie
des Schicksals, wenn die Europäische Union die Tür
zu einem möglichen Beitritt der Türkei verschließen
sollte. Die Einbeziehung der Türkei in die europäische
Konferenz beim bevorstehenden Gipfeltreffen in
Luxemburg ist ein konkreter Schritt, die westliche
Orientierung der Türkei gleichermaßen zu berücksichtigen und zu ermutigen.
Natürlich werden Fragen im Zusammenhang mit der
Aussicht auf Freizügigkeit gestellt. Und die Türkei muß
noch ihre demokratischen Institutionen konsolidieren.
Es ist von entscheidender Bedeutung, daß sich die
Erwägungen der EU bezüglich der Türkei auf solche
substantiellen Anliegen konzentrieren.
Sie mögen fragen: Was veranlaßt die Vereinigten
Staaten, über interne Prozesse der EU zu sprechen?
Natürlich trifft es zu, daß die Vereinigten Staaten in der
EU keine Stimme haben. Aber das bedeutet nicht, daß
wir keine Meinung zu den Problemen haben, vor die
sich die EU gestellt sieht. Wir möchten eine erfolgreiche EU, die ihrem Potential gerecht wird und zu
Stabilität, Sicherheit und Wohlstand in Europa beiträgt.
Die Vereinigten Staaten sind integraler Bestandteil der
europäischen Realität, ebenso wie Europa integraler
Bestandteil der amerikanischen ist.
Wenn ich die aktuellen Debatten in Europa über diese
fundamentalen Themen höre, frage ich mich manchmal, ob die Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts und ihre Auswirkungen vollständig verstanden
worden sind. Man ist sich bewußt, daß Änderungen
vorgenommen werden müssen wie Erweiterung,
Reform und Kürzungen der Budgets. Allzu häufig
scheint jedoch die Betonung auf der Last statt auf der
Chance zu liegen, die sie darstellen.
Gelingt es uns nicht zu erkennen, wie gut es uns geht,
weil wir unsere Bestrebungen und das Geld unserer
Steuerzahler in die Erweiterung der Gemeinschaft
demokratischer Staaten investieren statt in die Ein-

AMERIKA DIENST 24

dämmung des Kommunismus und die Verhinderung
eines Krieges? Und haben wir darüber hinaus nicht
jeden Grund, unsere Strukturen wo immer möglich für
Staaten zu öffnen, die sich an unseren wichtigsten
Institutionen beteiligen und zu ihnen beitragen wollen,
ohne eine größere Last zu sein?
Es ist kein Geheimnis, daß einige im amerikanischen
Kongreß sagen, die Europäische Union hätte gut
daran getan, eine sehr viel größere Gruppe von
Kandidaten zur Beteiligung an der bevorstehenden
Erweiterung einzuladen. Eine ähnliche Sichtweise
wurde in Europa und Deutschland zum Ausdruck
gebracht. Diese Meinungen wurzeln in der Sorge, daß
die historischen Chancen nicht voll und ganz genutzt
werden.
Mit anderen Worten: Wir sollten das Ausmaß nicht
unterschätzen, in dem wir die Konturen der Zukunft
durch unsere heutigen Aktionen gestalten können. Wir
müssen unser Bewußtsein schärfen, daß künftige
Probleme durch einen jetzt vertretenen vorausschauenden Ansatz minimiert, wenn nicht sogar verhindert
werden können.
Die Geschichte Europas während der vergangenen 50
Jahre bestätigt diese These voll und ganz. Die engen
Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zwei ehemaligen Feinden - wurden in der Werkstatt
der europäischen Integration geknüpft. Es war der
Weitblick von Menschen wie Jean Monnet, Konrad

Adenauer und George Catlett Marshall, der diesen
Beziehungen und dem umfassenderen Prozeß der
europäischen Integration den Weg zum Erfolg ebneten.
Ich beeile mich hinzuzufügen, daß es der Schutz der
NATO war, der die tiefgreifende und permanente
Integration der europäischen Union ermöglichte. Ohne
die äußere Sicherheit, wie sie vom Atlantischen
Bündnis garantiert wird, hätten der derzeitige Wohlstand und die Stabilität Europas wahrscheinlich nicht
geschaffen werden können.
Abschließend möchte ich über die Bedeutung der
deutsch-amerikanischen Partnerschaft in dem Prozeß
der Umgestaltung und Erweiterung unserer Institutionen sprechen. Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist ein großer Erfolg und ist in diesem Prozeß
selbstverständlich geworden. Das heißt nicht, daß wir
uns gegenseitig als selbstverständlich hinnehmen
können. Es heißt vielmehr, daß wir ein so hohes Maß
an Verständnis, eine so starke Gemeinschaft und so
viele gemeinsame Interessen haben, daß es manchmal schwierig ist, von zwei verschiedenen Gebilden zu
sprechen.
Der deutsch-amerikanische Pfeiler der transatlantischen Welt ist gleichzeitig ihre Antriebsachse. Ohne
unsere enge Zusammenarbeit wäre im letzten Jahr-

Seite 3

�zehnt vieles nicht erreicht worden, und Zusammenarbeit ist der Schlüssel zu unserem Erfolg im nächsten
Jahrhundert.

Ich wünsche uns weiter Erfolg in der Zukunft sowie die
dazu erforderlichen Eigenschaften: Kreativität und Mut.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 24

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12863">
                <text>10.12.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12864">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12865">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12866">
                <text>Amerikadienst 10.12.1997</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12867">
                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Optimismus bezüglich der Eindämmung von Emissionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA beziehen entschiedene Position zum Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Mark Hambley&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Implementierung des Friedens in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stellungnahme von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Stuart Eizenstat erhält "Transatlantic Leadership Award"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszeichnung durch das European Institute&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Beziehung zu Amerika - eine einzigartige Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Deutschland und Amerika - eine selbstverständliche Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="31">
        <name>Bosnien</name>
      </tag>
      <tag tagId="2">
        <name>Deutschland</name>
      </tag>
      <tag tagId="27">
        <name>Europa</name>
      </tag>
      <tag tagId="33">
        <name>Umwelt</name>
      </tag>
      <tag tagId="30">
        <name>USA</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
</itemContainer>
