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aniGrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States ot America

S r i G N ^.&lt;?

Z12462 C

05

12. März 1997

U SA-DEUTSCHLAND

DIE JUDISCHE DIMENSION DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

POLITIK

IST DER LIBERALISMUS IN AMERIKA TOT?
von Robert Earle

OSZE

OSZE MUSS ANPASSUNGSFÄHIG UND
KREATIV BLEIBEN
Rede von John Kornblum

UMWELT

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG NUR MIT
AKTIVER BETEILIGUNG DER BEVÖLKERUNG
MÖGLICH
von Botschafter Bill Richardson

DATENAUTOBAHN

DER BAU EINES NEUEN AMERIKA HAUSES
IM WEB
von Robert Earle

TELEKOMMUNIKATION

AUF DER SUCHE NACH EINEM STABILEN
TELEKOMMUNIKATIONSMARKT
von Larry Irving

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND

12. März 1997

Die jüdische Dimension
der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Der Charge d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, J.D. Bindenagel, hielt am 3. März 1997 vor dem American Jewish Committee im Amerika Haus
Berlin nachfolgende Rede.

Herr Regierender Bürgermeister, Herr Bubis, Herr
Ramer, liebe Freunde.
Herzlich willkommen im
Amerika Haus Berlin.
Die heutigen deutsch-amerikanischen Beziehungen
wurden auf der Grundlage demokratischer Prinzipien
vor dem Hintergrund einer Mischung tragischer und
hoffnungerweckender Ereignisse geknüpft.
Die
verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs
und die Schrecken des Holocaust können nur als
große Tragödie bezeichnet werden.
Vor dem Hintergrund dieser Geschichte weckte unser
Engagement für Demokratie jedoch große Hoffnungen.
Dies fand seinen Niederschlag in George Marshalls
Plan für wirtschaftlichen Wiederaufbau, der Deutschland zu Wohlstand verhalf; in der Berliner Luftbrücke,
die die Sicherheit der Bundesrepublik bewahrte; und in
Präsident Kennedys stolzem Ausruf eines freien
Mannes: "Ich bin ein Berliner." Auf dieser historischen
Grundlage faßte die Demokratie in Deutschland Fuß
und brachte eine der größten friedlichen Revolutionen
in der europäischen Geschichte hervor.
Während der 25 Jahre, die ich beruflich mit drei
Deutschlands zu tun hatte, insbesondere während der
Revolution von 1989, unterstützte die Politik der
Vereinigten Staaten die Vereinigung Deutschlands
uneingeschränkt. Unsere Unterstützung und Ermutigung basierten auf unseren Erfahrungen mit einem
demokratischen Westdeutschland. Und sie fanden
ihre Bestätigung in der demokratischen Revolution in
Ostdeutschland vor acht Jahren.

AMERIKA DIENST 05

Dieser massive und friedliche Ausdruck des Volkswillens demonstrierte, wie berechtigt die Vision der
Hoffnung von US-Außenminister James F. Byrnes war,
über die er 1946 in Stuttgart sprach. Damals verlieh
Byrnes dem Engagement der Vereinigten Staaten für
Deutschland und seine politische und wirtschaftliche
Einigung Ausdruck, und zum damaligen Zeitpunkt bot
Amerika denjenigen seine entschiedene Unterstützung
an, die an eine bessere Zukunft für Deutschland und
Europa glaubten.
Wir Amerikaner wissen, daß der Preis der Freiheit
ständige Wachsamkeit ist. Wir sind jedoch zuversichtlich, daß diese neue Berliner Republik zur Sicherung
von Frieden und Wohlstand in einem ungeteilten
Europa beitragen wird. Anstatt von der Vergangenheit
verfolgt zu werden, kann Deutschland sich seine in
mehr als einem halben Jahrhundert gemachten
Erfahrungen mit der Ablehnung von faschistischem
und kommunistischem Totalitarismus und dem Aufbau
von Demokratie zunutze machen.
Die Demokratie in Deutschland hat ihre eigene
Geschichte. Sie kann bis 1832 zum Hambacher
Schloß oder dem Parlament in der Frankfurter Paulskirche zurückverfolgt werden. Die moderne, neue
Tradition begann 1949 und fand ihre Legitimation in
der Revolution von 1989. Unsere Herausforderung
besteht darin, den Beziehungen Amerikas zu diesem
souveränen Deutschland eine neue Gestalt zu verleihen, während dieses sich an das neue Umfeld in
einem zunehmend integrierten Europa anpaßt.

Seite 1

�Einige sind zu der Schlußfolgerung gelangt, die
amerikanische Präsenz in Europa sei nicht länger von
elementarer Bedeutung für die nationalen amerikanischen Interessen, weil unser großartiges transatlantisches Projekt zur Beendigung des Kalten
Krieges abgeschlossen ist.

Öffentlichkeit zur Nutzung der historischen Chancen
veranlassen, die durch die Revolutionen geschaffen
wurden, die in Europa den Kommunismus beendeten
und den Weg zur Erweiterung von Frieden, Wohlstand
und demokratischen Prinzipien ebneten?
Ich möchte hierzu einige Gedanken anbringen.

Sie haben Unrecht. Amerika bleibt eine europäische
Macht. Zwar haben sich die "alten Hasen" im Kongreß, den Denkfabriken, den Medien und sogar dem
Außenministerium anderen Projekten gewidmet oder
sind im Ruhestand, aber in den deutsch-amerikanischen Beziehungen entstehen neue Institutionen und
neue Gebiete der Zusammenarbeit.
Diese Veränderung hat unserer Außenpolitik eine
andere Betonung gegeben. Viele prägende Erfahrungen renommierter europäischer Experten entstanden
durch die Appeasementpolitik und ihre katastrophalen
Auswirkungen sowie die Konfrontation des Kalten
Krieges. Die Erfahrungen meiner Generation wurden
durch den Vietnamkrieg sowie die Ereignisse von 1972
und 1973 in Europa geprägt. Der Terroranschlag auf
israelische Sportler bei der Münchner Olympiade war
eine dramatische Demonstration der Nähe des
Nahostkonflikts zu Europa. Dieser Vorfall sowie der
Jörn Kippur-Krieg brachten den arabisch-israelischen
Konflikt vor meine Türschwelle. Als Leutnant der
dritten amerikanischen Infanteriedivision half ich bei
der Verteidigung Deutschlands an der zentralen Front
des Kalten Krieges. Plötzlich hörten wir vom Kriegsausbruch in Israel, und das amerikanische Militär
wurde in Alarmbereitschaft versetzt, um zur Verteidigung Israels entsandt zu werden. Wir stellten unsere
Ausrüstung zusammen, bereiteten uns auf den Einsatz
vor und warteten auf den Marschbefehl in den Nahen
Osten. Der Krieg von 1973 war bald beendet, aber
nach diesen intensiven Kriegsvorbereitungen in den
Wäldern von Unterfranken war ich überzeugt, daß
Europa und der Nahe Osten eng mit den Vereinigten
Staaten verbunden sind. Seitdem erachte ich diese
Dimension der deutsch-amerikanischen Beziehungen
als eines der Grundelemente in unserem Verhältnis zu
Deutschland.
Dieser Aspekt unserer gemeinsamen Interessen ist ein
äußerst geeignetes Thema für unsere Konferenz. Sie
trägt zu unserem Verständnis für das Engagement des
American Jewish Committee für Europa und insbesondere Deutschland und Berlin bei. Wir begrüßen
die Initiative des Committee und seinen Wunsch, diese
bedeutende Dimension der Beziehungen Amerikas zu
Deutschland und Europa zu stärken.
Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der ideologische
Konflikte und Gefahren aus der Zeit des Kalten Krieges
politische Leidenschaften für die Mobilisierung nationaler Ressourcen entfachen. Aber wie können wir
an der Schwelle zu dem neuen Jahrhundert unsere

Seite 2

Erstens müssen wir die Erinnerung an die historischen
Ereignisse schützen und bewahren, auf deren Grundlage unsere Beziehungen geknüpft wurden. Daran
kann kein Zweifel bestehen.
Die Tatsache, daß Amerika Europa nach dem Ersten
Weltkrieg im Stich gelassen hat, lehrte uns, daß die
Vereinigten Staaten hier engagiert bleiben müssen.
Tragödien einschließlich des Holocaust hätten vermieden werden können, wenn sich die Vereinigten Staaten
nach dem Ersten Weltkrieg weiterhin engagiert hätten.
Unsere Verpflichtung zu Deutschland und Europa nach
dem Zweiten Weltkrieg lehrt uns, was durch aktives
amerikanisches Engagement erreicht werden kann.
Zweifelsohne kann jeder Besucher im Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn
sehen, wie die Amerikaner der Bundesrepublik beim
Wiederaufbau und der Einführung von Demokratie
geholfen haben.
Zweitens müssen wir unsere politische Analyse
revolutionieren. Wir müssen uns von dem ideologischen Muster des Ost-West-Konflikts befreien, das bis
zum Fall der Berliner Mauer vor acht Jahren unsere
eigenen politischen Erfahrungen maßgeblich beeinflußte. Die Öffnung von Institutionen wie der NATO,
der Europäischen Union und der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa für neue
Mitglieder ist absolut unerläßlich für unseren Erfolg.
Es ist jetzt an der Zeit, den Ländern Freundschaft,
Partnerschaft und Unterstützung anzubieten, die den
Wunsch geäußert haben, dem Westen beizutreten,
ebenso wie es Deutschland vor einem halben Jahrhundert getan hat. In der NATO arbeiten wir hart auf
die Schaffung eines neuen, umgestalteten Bündnisses
hin, das neue Mitglieder aufnehmen, seinen Dialog mit
anderen durch den neuen Atlantischen Partnerschaftsrat stärken und die Prinzipien besonderer Beziehungen
zu Rußland ausarbeiten kann.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen der letzten
Jahrzehnte sind ein praktisches Beispiel für das gute
Funktionieren des Modells der Erweiterung der
Interessengemeinschaft. Trotz der Ängste, die sich vor
einigen Jahren zur Zeit der deutschen Vereinigung
breit machten, daß die tiefgreifenden Veränderungen
eine Katastrophe für Deutschland und Europa bedeuten könnten, hat sich diese nicht ereignet. Trotz der
durch die Vereinigung herbeigeführten manchmal
schmerzlichen Veränderungen hat Deutschland

AMERIKA DIENST 05

�Grund, stolz auf seinen Platz in Europa und der Welt
zu sein. Der Geist der Demokratie hat Fuß gefaßt.
In meinem dritten Gedankengang möchte ich hervorheben, wie wichtig es ist, mehr Deutsche und
Amerikaner zusammenzubringen. Keine MultimediaTechnologie - so modern oder interaktiv sie auch sein
mag - kann persönliche Kontakte, Verbindungen und
Freundschaften ersetzen. Es ist die menschliche
Dimension der Kontakte, die dauerhafte Ergebnisse
zeitigt.
Die erneuerte transatlantische Gemeinschaft wird auf
dem jahrhundertealten Vermächtnis kultureller und
familiärer Bande aufgebaut. Und sie gründet auf der
jüngeren Geschichte. Unser Erbe gibt uns ein Gefühl
für unsere Identität und für unsere gemeinsamen
Wurzeln in der menschlichen Dimension, die uns
verbindet. Wir sollten unser Erbe, unser Selbstverständnis nicht verlieren, es aber auch nicht zur
Verzerrung der historischen Wahrheit einsetzen.
Wir in den Vereinigten Staaten werden unsererseits
getreu unserem Erbe als Einwanderernation handeln
und die Verbindung zu den 60 Millionen Amerikanern
aufrechterhalten, die deutscher Herkunft sind. Ich bin
der Nachfahre eines preußischen Musketiers, der nach
einer in Königgrätz beendeten früheren historischen
Epoche emigrierte.
Ein Punkt, der in unseren heutigen Diskussionen nicht
vergessen werden sollte, ist, daß die deutsch-amerikanischen Beziehungen eine von den Schrecken des
Holocaust beeinflußte, aber auch darüber hinausgehende Dimension haben.
Millionen Amerikaner
jüdischen Glaubens können kulturelle und historische
Verbindungen zu Deutschland entdecken, die tausend
Jahre zurückreichen. Die jüdische Dimension der
deutsch-amerikanischen Beziehungen ist vielleicht
weniger offensichtlich, bleibt aber ein wichtiger Aspekt
der historischen Bande, die unsere Beziehungen
definieren helfen.
Mit anderen Worten - Deutsche und Amerikaner haben
gleichermaßen in den vergangenen Jahren intensive
Bestrebungen in die Wege geleitet, um die Verbindungen zwischen Deutschland und Europa zu erweitern.
Wir haben mit dem amerikanischen Holocaust Memorial, der Gedenkstätte Topographie des Terrors, dem
Alliierten Museum und dem Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland historischer Ereignisse
gedacht.
Es ist jedoch nicht genug, sich auf Geschichte und
Erbe zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten verstärken, die uns zusammenbringen und sich auf
die Zukunft konzentrieren.

AMERIKA DIENST 05

Programme wie der Austausch zwischen dem amerikanischen Kongreß und dem Deutschen Bundestag
haben großes Interesse erweckt. Seit seiner Gründung im Jahr 1983 haben bis heute ungefähr 10.000
Deutsche und Amerikaner am Parlamentarischen
Patenschaftsprogramm
Kongreß/Bundestag
teilgenommen.
Das Aspen Institute Berlin hat eine Generation von
Kontakten hervorgebracht und vertieft seine Bande in
Berlin mit Amerikanern sowie Zentral- und Osteuropäern.
Die 1987 gegründete Studiengruppe Deutschland des
Kongresses unterhält reguläre Kontakte zwischen dem
Kongreß und dem Bundestag.
Von der Bundesregierung eingerichtete Universitätszentren für herausragende Studenten in Harvard,
Georgetown und Berkeley stellen sicher, daß sich die
akademische Dimension weiterentwickelt.
Die RIAS Kommission fördert herausragende Leistungen im journalistischen Bereich zum Gedenken an die
Beiträge des Radiosenders während des Kalten
Krieges.
Kongreßdelegationen und führende Politiker kommen
nach Bonn, um die politischen Verbindungen zwischen
unseren beiden Ländern zu Beginn der zweiten
Amtszeit der Clinton-Administration wiederzubeleben.
Es gibt auch bereits Pläne für die Erweiterung der
Kontakte. Die amerikanische Akademie für Gelehrte
der schönen Künste und Geisteswissenschaften wird
in Berlin gegründet.
Die Besuche von Millionen Beschäftigten und Familienangehörigen amerikanischer und deutscher Unternehmen im jeweils anderen Land sind ein Anreiz für
unsere nächste Generation, neue und gemeinsame
Erfahrungen zu sammeln.
Und schließlich fügt die Entscheidung des American
Jewish Committee zur Öffnung eines ständigen Büros
in Berlin eine wichtige Dimension hinzu. Sie bereichert
die kulturelle, historische und familiäre Tradition.
Wir begrüßen Ihre Entscheidung, Ihren amerikanischen Beitrag in die deutsch-amerikanischen
Beziehungen einzubringen und das zu schaffen, was
wir gerne als "Neue Tradition" in Berlin, Deutschland
und Europa bezeichnen.
Ich danke Ihnen.

Seite 3

�POLITIK
12. März 1997

Ist der Liberalismus in Amerika tot?
von Robert Earle

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen von Robert Earle, dem Gesandten-Botschaftsrat für öffentliche
Angelegenheiten bei der US-Botschaft Bonn, verfaßten Artikel über die Bedeutung des Wortes "liberal" in der
amerikanischen Politik.

Amerika kann nur sich selbst die Schuld geben, wenn
irgend jemand im In- oder Ausland zu der Schlußfolgerung gelangt, der Liberalismus in Amerika sei tot. Das
Wort "liberal" selbst hat in unseren öffentlichen Diskursen ein trauriges Schicksal erlitten. Es ist ein Unwort,
ein Begriff, der besser vermieden wird. Das ist nichts
Neues. Seit 1980 wurden in jedem Jahr von Präsidentschaftswahlkämpfen eindrucksvolle Trauerfeierlichkeiten abgehalten.
Das Problem dabei ist, daß man - wenn man sorgfältig
hinhört - wie in einer Geschichte von Edgar Allen Poe
ein beunruhigendes Klopfen aus dem Sarg vernehmen
kann. Denn vor wenigen Tagen hat die politische
Partei, mit der Liberalismus amerikanischen Stils am
engsten in Verbindung gebracht wird, wieder ihren
Platz im Weißen Haus eingenommen. Das legt die
Vermutung nahe, daß das, was wir als liberal bezeichnen, einer Überprüfung unterzogen oder zumindest in
einen breiteren Kontext gestellt werden sollte, wenn
die Amerikaner die geringste Hoffnung haben wollen,
auf der Welt verstanden zu werden.
Die Herausforderung besteht darin, zwischen amerikanischem Liberalismus, Parteipolitik und -taktik zu
differenzieren und ihn nicht nur als die Grundlage,
sondern den instinktiven Stil amerikanischen politischen Denkens zu sehen. Das geht weit über Demokraten und Republikaner hinaus.
Der Aufstieg des parteipolitischen Liberalismus im 20.
Jahrhundert ist eng mit Franklin D. Roosevelt verknüpft, einem Demokraten, dessen Maßnahmen des
New Deal das Zeitalter eines aufgeblähten Regierungsapparats - 'big government' - und des Sozialstaats einleiteten. Der Niedergang des parteipoliti-

AMERIKA DIENST 05

schen Liberalismus - so mögen einige argumentieren kam an dem Tag, als Präsident Clinton, ebenfalls ein
Demokrat, erklärte: "Das Zeitalter des 'big government'
ist vorüber."
Unter FDR begannen die Amerikaner Liberalismus als
Instrument des Staates zu sehen, auf die Bedürfnisse
der Verarmten und Benachteiligten zu reagieren. In
den dreißiger Jahren trafen diese Begriffe auf viele
Amerikaner zu. Liberalismus ergab Sinn und war gute
Politik. Bis zur Zeit der Präsidentschaft von Lyndon
Johnson, als es uns wirtschaftlich gut ging, war der
Liberalismus des 'big government' zum weitverbreiteten Credo und Markenzeichen der Demokraten
geworden. Sozialstaatsprogramme waren nicht dazu
gedacht, die Mehrheit vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten, sondern vielmehr, eine
Minderheit in das Wirtschaftswachstum einzubeziehen.
In parteipolitischer Hinsicht kümmerten sich die
Demokraten um die Arbeiterklasse und die Armen,
während sich die Republikaner um die Unternehmer
und die Reichen kümmerten.
Bedauerlicherweise verursachten diese spezifischen
taktischen Anwendungen liberaler Ideen und diese
groben parteipolitischen Stereotypen den allmählichen
Tod des "Liberalismus" als bedeutungsvollem Begriff
im amerikanischen politischen Diskurs.
Liberalismus wurde schließlich auf beiden Seiten des
Atlantiks als Mittel geboren, um die Souveränität von
wenigen auf die vielen zu übertragen - vom einzelnen
Souverän auf den souveränen Einzelnen. Das war
eine strategische Verlagerung in der westlichen Politik,
an der sich alle Demokraten beteiligten und stand für
eine enorme Erweiterung der menschlichen Freiheit -

Seite 1

�daher der Begriff Liberalismus. Die amerikanische
Verfassung mit ihrem Schutz des Einzelnen und der
Einschränkung der Regierung ist ein liberales Dokument. Die Vereinigten Staaten waren und sind ein
liberales Land.
Aber lange bevor spezifische politische Anwendungen
und Parteipolitik die Bedeutung von "Liberalismus"
zunichte machten, war ein anderer Faktor - Pragmatismus - der amerikanischen Erfahrung inhärent. Pragmatismus war in praktischer Hinsicht von ebenso
großer Bedeutung wie Liberalismus in konzeptioneller
Hinsicht. Er entwickelte sich als politischer Instinkt,
weil der Triumph des ideologischen Liberalismus im
Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eine nichtideologische Instrumentalisierung erforderte, wenn eine
funktionelle Republik von dreizehn oder mehr Einzelstaaten gegründet werden sollte. Keiner dieser
Staaten war stark genug, um ein klassisches Kräftegleichgewicht anzustreben, das eine Herausforderung
für die liberalen Prinzipen des Unabhängigkeitskrieges
dargestellt hätte, wenn das möglich gewesen wäre. Im
Gegenteil - die Verteilung amerikanischer Macht und
amerikanischen Einflusses war so unklar (und rangierte vom riesigen New York bis zum winzigen Delaware),
daß ein anderes operatives Prinzip entstehen mußte,
um befriedigende politische Lösungen zu erzielen.
Hundert Jahre nach seiner Geburt wurde dieses
operative Prinzip als Pragmatismus bezeichnet und
von amerikanischen Philosophen wie Charles Pierce,
William James und insbesondere John Dewey studiert.
Pragmatismus ist nicht Opportunismus - weit gefehlt.
Er ist vielmehr ein auf Herumprobieren, Experimente
und Gültigkeit gegründeter politischer (und philosophischer) Ansatz, oder - in weniger erhabenen Formulierungen - eine Einstellung, die besagt: "Laß' es uns
versuchen und sehen, ob er gute Ergebnisse erzielt."
Ironischerweise war es Bertram Russell, ein britischer
Philosoph, nicht ein amerikanischer, der die Verbindung zwischen Liberalismus und Pragmatismus am
präzisesten erfaßte: "Das Wesen der liberalen Sichtweise liegt nicht darin begründet, welche Meinungen
man vertritt, sondern wie man sie vertritt: Statt sie
dogmatisch zu vertreten, werden sie vorläufig vertreten
und mit dem Bewußtsein, daß neue Tatsachen jeden
Augenblick dazu führen können, sie aufzugeben."
Ohne Pragmatismus zu erwähnen, akzeptiert Russell
ihn uneingeschränkt als die Praxis im Ethos des
Liberalismus. Mehr als Liberalismus ist es Pragmatismus, der das Verständnis der amerikanischen Politik
so erschwert, weil Pragmatismus ebenso wie die
Wissenschaft dazu neigt, die operativen Prämissen
des vergangenen Jahres mit den Zeitungen von
gestern auszurangieren.
Stellen Sie sich vor (weil es wahr ist): Trotz der
Weltwirtschaftskrise hatte FDR keine ideologischen
Vorbehalte, zu Beginn seiner Administration einen

Seite 2

ausgeglichenen Bundeshaushalt vorzulegen, und
dennoch endete er als Prototyp des amerikanischen
Liberalen. Bill Clinton hat ebenfalls den Ausgleich des
Bundeshaushalts vorgeschlagen. Dafür wurde er
bezichtigt, letztlich doch kein Liberaler zu sein. Also,
wer ist der wirkliche Liberale? Um diese Frage zu
beantworten, muß man sich eine grundlegende
Tatsache vor Augen führen: Fast alle amerikanischen
Präsidenten tendieren dazu, liberale Pragmatiker zu
sein, unabhängig davon, ob sie in Bürgerkriegen,
Weltkriegen, Wirtschaftskrisen oder Ost-West-Konflikten verhaftet waren. Sie sind liberal in dem Sinne,
daß sie um den Schutz und die Erweiterung demokratischer Freiheiten besorgt sind, und sie sind pragmatisch in dem Sinne, daß die amerikanische Geisteshaltung, die nicht nur während der liberalen, sondern
auch während der wissenschaftlichen Revolution
entstand, eher experimentell als dogmatisch ist. Durch
das verfassungsmäßige Recht der freien Rede
geschützte freie Nachfrage ist der intellektuelle
Wirkstoff, der alle Konzepte von Hegemonie oder
Kräftegleichgewicht in der amerikanischen Politik
verbrennt. Daher stehen amerikanische Politiker
gerne breitbeinig, um ihr eigenes Gleichgewicht in der
sich wandelnden Szene offener demokratischer
Debatte zu bewahren.
Der Republikaner Dwight Eisenhower erklärte einmal:
"Ich bin vermutlich in geschäftlicher Hinsicht ein
Konservativer und im Umgang mit Menschen ein
Liberaler." Welches von beiden war er nun? Der
Präsident, der aufhörte, solche Gedanken zu äußern
und der Liberalismus zu einem Schimpfwort machte,
war natürlich Ronald Reagan. Reagan stellte in der
amerikanischen Politik gerade deswegen eine außerordentliche Kraft dar, weil er die auf breiter Basis
ruhende pragmatische Tradition mit einer auf kleinerer
Basis gestützten moralistischen Tradition herausforderte.
Reagan war der echte Amerikaner des 17. Jahrhunderts, ein Emblem der puritanischen Wurzeln
Amerikas, die in den sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts bereits verdorrten. Er war - zumindest in
rhetorischer Hinsicht - ein Absolutist. Er schuf Einfachheit aus der Komplexität moderner Kommunikation, aber tatsächlich brach er mit dem Pragmatismus,
nicht mit dem Liberalismus. Er war ein absolut verfassungstreuer Liberaler. Und er war der Überzeugung,
daß pragmatische Ansätze zum Liberalismus einen
moralischen Ausverkauf darstellten. Diese Nachricht
wollte er nicht nur den Demokraten, sondern auch den
Anhängern seiner republikanischen Vorgänger Ford
und Nixon übermitteln. Moralischer Liberalismus - ein
Liberalismus, der in das eingebettet war, was von
einigen konservativen Denkern als "gottgegebenes
Naturgesetz" bezeichnet wurde - stellte die Quintessenz des Reaganismus dar.

AMERIKA DIENST 05

�Reagan wurde 1980 in seinem Wahlkampf der moralischen Erneuerung von mächtigen Kräften unterstützt.
Der durch Henry Kissinger verkörperte Pragmatismus
Nixons hatte in gewisser Weise nicht funktioniert.
Trotz Detente stellte die Sowjetunion immer noch eine
Bedrohung dar, China war immer noch kommunistisch,
und dasselbe galt für Vietnam, Kuba und schließlich
Afghanistan. Ferner ging es der unter der Ölkrise
leidenden Wirtschaft unter Carter schlecht, was noch
durch die Nachwirkungen der durch den Vietnamkrieg
hervorgerufenen Inflation verschlimmert wurde.
Amerika erschien Reagan und seinen Anhängern im
Wahlkampf 1980 tatsächlich wie Nixons "bedauernswerter Riese". Und diese Anhänger gehörten zu den
talentiertesten politischen Aktivisten seit den Braintrustern von Franklin D. Roosevelt.
Mitte der achtziger Jahre wurde die Reagan-Revolution schwächer und verlor an Glanz. Vertreter von
Pragmatismus und Skeptizismus in Amerika sahen,
wie bestimmte Dinge im nationalen Leben Amerikas
nicht funktionierten, wobei das explodierende Haushaltsdefizit an erster Stelle stand. Die Republikaner
nahmen schnell eine Kurskorrektur vor. Die folgenden
beiden Präsidentschaftskandidaten der Republikaner
waren dieselbe Art von liberalen Pragmatikern wie es
Ford und Nixon gewesen waren.
Nixon - ein liberaler Pragmatiker? Die nachfolgende
Reagan-Revolution stellte ihn in diesem Licht dar. Es
stimmt, daß Nixon sich zum Zweck der Inflationsbekämpfung weigerte, bestimmte vom Kongreß
bewilligte Gelder auszugeben. Reagan hätte wohl
dasselbe getan, wenn der Kongreß es zugelassen
hätte. Aber Nixon machte Lyndon Johnson's Regierung größer denn je. Unter anderem gründete er das
Umweltschutzamt, weil er die Regierung für ein
legitimes Instrument hielt, das den Interessen der
Öffentlichkeit dienen kann und sollte - wenn es
funktioniert.
Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt: 'Big government' ist nicht der Maßstab für die Lebensfähigkeit
des Liberalismus in Amerika und auch kein Glaube
und keine Ideologie um seiner oder ihrer selbst willen,
nicht einmal für die Demokraten. Ein aufgeblähter
Regierungsapparat, der nicht die gewünschten Ziele
erreicht, ist ein Feind des Liberalismus, nicht sein
Freund.
Es ist extrem schwierig, diese Idee zu vermitteln, weil
wir 'big government' lange Zeit mit Liberalismus
assoziierten und die ganze Frage damit so parteipolitisch wurde. Zudem sind mit der Fortsetzung
spezifischer staatlicher Ansätze und Programme
machtvolle Interessen verbunden. Unter Franklin
Roosevelt waren die Amerikaner verzweifelt. Sie
hätten praktisch alles versucht. Jetzt sind die Amerika-

AMERIKA DIENST 05

ner zwar pragmatisch, aber alles andere als verzweifelt. Sie würden nicht alles versuchen. Wir sahen
das an ihrer Reaktion auf die Debatte über die Gesundheitsreform, die den Demokraten zum Nachteil
gereichte, und wir sahen das an ihren Reaktionen auf
die Vorschläge zu Kürzungen der Sozialleistungen und
auf die Zahlungsunfähigkeit der Regierung, die den
Republikanern zum Nachteil gereichten.
In diesem Sinn ist die amerikanische Wählerschaft bei
ihrem Experiment mit einer geteilten Regierung republikanische Mehrheit im Kongreß, Demokrat im
Weißen Haus - zunehmend aktivistisch geworden.
Nicht Parteizugehörigkeit und Ideologie sind von
Bedeutung, wichtig ist die Mischung politischer Kräfte,
die den Amerikanern bessere Dienstleistungen
bereitstellen - vorzugsweise (aber nicht notwendigerweise) zu geringeren Kosten.
Wir haben es hier keinesfalls mit einem Toten zu tun dieses Geräusch im Sarg ist der amerikanische
Liberalismus, der sich räuspert, um wieder das Wort
ergreifen zu können. Er weiß, daß er sich in einer
engen Kiste befindet. Die pragmatische Frage lautet wie kommt er heraus? Wie benutzt ein liberaler
Präsident aus den Reihen der Demokraten die Regierung nicht nur zur Bereitstellung notwendiger Leistungen und Durchführung von Veränderungen im Dienste
des amerikanischen Volkes, sondern auch für neue
Anreize, die von Unternehmen und nichtstaatlichen
Organisationen finanziert und umgesetzt werden?
Das erfolgt wahrscheinlich nicht durch eine neue
Doktrin oder ein Dogma, obwohl die Fähigkeit des
Reaganismus zu doktrinärer Denkweise Tradition
bleibt. Vielmehr geschieht es wahrscheinlich durch
kunstvoll gestaltete Initiativen, denen man am besten
erst nach ihrer Umsetzung einen Namen gibt. Das
wird in der Innenpolitik und in der Außenpolitik geschehen. Einige werden uns den Vorwurf der Inkonsequenz machen, aber das bleibt unsere größte Stärke,
während wir den liberal-demokratischen Überzeugungen treu bleiben - mit vielen pragmatischen Drehungen
und Wendungen auf dem Weg.
Ein demokratischer Präsident, der behauptet, die
Regierung könne nicht für alles sorgen und das
Zeitalter des 'big government' sei vorüber, mag ein
ungewöhnlicher Demokrat sein, aber er ist ein typischer Amerikaner auf der Suche nach dem, was
funktioniert und was erfüllt. Darüber hinaus verfügt er
über einen Haushalt von 1,6 Billionen Dollar. Als
Vermittler spielt die US-Regierung eine wichtige Rolle
im amerikanischen Leben und auf der internationalen
Bühne - und der Liberalismus bestimmt weiterhin die
nationalen Ziele Amerikas, ebenso wie der Pragmatismus unsere bevorzugte politische Vorgehensweise
definiert.

Seite 3

�OSZE

12. März 1997

OSZE muß anpassungsfähig und kreativ bleiben
Rede von John Kornblum

WIEN - (AD) - Der Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium,
John Kornblum, hielt am 6. März 1997 vor dem Ständigen Rat der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die nachfolgende Rede.

Es ist mir eine große Freude, zu einer Zeit hierher
zurückzukehren, in der die OSZE eine neue Bedeutung erlangt hat. Wer von uns 1992 in Helsinki dabei
war, als wir ein Aktionsprogramm für die OSZE
entwarfen, hätte sich nicht vorstellen können, wieviele
Fortschritte die OSZE in fünf kurzen Jahren machen
würde.

des Gefühls der Instabilität, das für viele Teile Europas
immer noch eine Belastung darstellt. Und im neuen
Zeitalter demokratischer Zusammenarbeit heißt das
vor allem, den Menschen und Nationen unserer
Gemeinschaft die Initiative für die Schaffung von
Sicherheit zu überlassen.
Wenn wir unseren Menschen das Gefühl geben

Die OSZE gewinnt jeden Tag an Glaubwürdigkeit und
Einfluß. Als die einzige Organisation, die sich vollständig der Schaffung von Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und über den Atlantik hinweg widmet,
ist die OSZE prädestiniert, eine zentrale Rolle bei
unseren gemeinsamen Bestrebungen zum Aufbau
einer demokratischen Sicherheitsordnung in Europa zu
übernehmen.
Ich kann Ihnen versichern, daß diese Lektion auch in
den Vereinigten Staaten beherzigt wird. Die Bosnienmission und die Mission von Felipe Gonzalez haben
der OSZE mehr Anerkennung denn je verschafft.
Außenministerin Albright ist eine besonders entschiedene Befürworterin der OSZE, wie viele von
Ihnen in ihrer Anhörung vernommen haben. Wenn wir
in Washington nach Mitteln zur Lösung drängender
Probleme suchen, wenden wir uns in immer stärkerem
Maße der OSZE zu. Die Vereinigten Staaten betrachten die OSZE als elementaren Aspekt unserer Hoffnung auf ein - wie Präsident Clinton es formulierte wahrhaft integriertes Europa.
Integration ist für uns keine spezifische organisatorische Lösung oder ein gut durchdachter Vertrag. Sie
bedeutet Integration aller Aspekte der Zusammenarbeit
innerhalb und zwischen Gesellschaften und Regierungen auf allen Ebenen. Sie beinhaltet die Überwindung

AMERIKA DIENST 05

können, daß wir in unsere gegenseitige Sicherheit
investieren und daß sie offen und positiv miteinander
umgehen können, dann haben wir unser Ziel echter
Integration erreicht.
Die OSZE ist der beste, vielleicht der einzige Ort, an
dem diese komplexen Aspekte debattiert, definiert und
in konkrete Aktionen umgesetzt werden können.
Die OSZE ist von Natur aus ein Organ, das ständig
verbessert und umstrukturiert wird. Wir haben in
diesem Saal und andernorts zahllose Debatten über
die richtige Gestaltung der OSZE geführt. Viele von
Ihnen kennen die Überzeugung der Vereinigten
Staaten, daß die OSZE eine einzigartige Einrichtung
ist. Sie ist eine werteorientierte, politische Organisation, die genau deswegen stark ist, weil sie keine
formalrechtliche Struktur hat.
Diesem Konzept schließen sich nicht alle Mitgliedstaaten an. Es gibt andere legitime Visionen für die Zukunft
der OSZE. Aber es gibt auch Zeiten, in denen wir nicht
zulassen sollten, daß die Debatte über Visionen den
Aktionen im Weg steht - und dies ist eine solche Zeit.
Der Lissabonner Gipfel hat einen wesentlichen Beitrag
zu unserer Arbeit geleistet. Jetzt besteht unsere
Aufgabe darin, den Entscheidungen unserer führenden
Politiker Substanz zu verleihen.

Seite 1

�Es ist offensichtlich, daß wir diese Organisation stark,
kreativ und einsatzbereit halten müssen. Wir haben
mehrere Institutionen ins Leben gerufen, die jetzt als
Modelle für innovative Diplomatie angesehen werden.
Unsere ständigen Implementierungstreffen sind ein
Ausgangspunkt für unsere Aktionen. Die OSZE ist
auch eine der beiden Organisationen, die nach Ansicht
der NATO und der WEU ein Mandat für Operationen
zur Friedenssicherung und Konfliktverhütung haben.
Dies ist ein wichtiger Moment um sicherzustellen, daß
die OSZE weiterhin an vorderster Front der Bestrebungen zur Förderung von Sicherheit, Demokratie und
Wohlstand auf ihrem gesamten Gebiet steht.
Eine andere wichtige Frage für die OSZE lautet, wie
sie zu dem Ort werden kann, an dem wir die Sicherheitsagenda für die ganze Region bestimmen.
Aufgrund ihrer umfassenden Mitgliedschaft können alle
Nationen und Völker in der OSZE das Gefühl haben,
daß sie in der zu schaffenden Sicherheitsgemeinschaft
vertreten sind. Dieser gemeinsame Sicherheitsraum
bietet Platz für viele verschiedene Bestrebungen. Die
NATO wird weiterhin eine wesentliche Rolle spielen ebenso wie die Europäische Union, der Europarat und
die in der Schlußakte von Helsinki enthaltenen zahlreichen regionalen Bestrebungen. Letztlich wird unsere
Zukunft jedoch von den demokratischen Grundlagen
der Sicherheit bestimmt.
Durch die Stärkung der Fähigkeit der OSZE zu
handeln und auf dieser Grundlage unser Sicherheitsmodell für das 21. Jahrhundert zu definieren, können
wir sicherstellen, daß die OSZE wirklich die führende
Institution für Sicherheitszusammenarbeit in dem
neuen Zeitalter ist. Aber Worte sind nicht genug. Es
müssen Taten folgen. Aus diesem Grund möchte ich
heute einen Aktionsplan für das kommende Jahr
vorschlagen, der der wichtigen Arbeit zusätzliche
Substanz verleiht, die wir bereits leisten:
Verstärkte Konzentration auf die andauernde
Instabilität auf dem Balkan. Kritische Themen
müssen bewältigt werden. Darunter natürlich
die aktuelle Krise in Albanien, wo die OSZE in
einer einzigartigen Position ist, einen unverzüglichen und dauerhaften Beitrag zu
leisten. Ich fordere die albanische Regierung
auf, die guten Dienste der OSZE uneingeschränkt zu nutzen, damit sie zur Behebung
der Instabilität beitragen kann, die das Land
bedroht.
Es gibt auch eine Reihe anderer drängender Probleme
auf dem Balkan, die unsere Aufmerksamkeit erfordern.
Die Verstärkung unserer Bestrebungen für Kommunalwahlen müssen eine Priorität sein. Jeder teilnehmende
Bundesstaat muß maximale Anstrengungen unternehmen, damit diese Wahlen ungestört ablaufen.

Seite 2

Darüber hinaus sollten wir unseren Einsatz für Menschenrechte und die Demokratisierung in Bosnien
zielgerichteter gestalten, die Einhaltung von Artikel II
und IV der Rüstungskontrollabkommen prüfen, den
Weg für demokratische Wahlen in Serbien ebnen, den
Dialog im Kosovo fördern, den Konflikt in Albanien
ansprechen und die Rolle der OSZE nach UNTAES in
Ostslavonien festlegen.
Ein ausgezeichnetes Forum für die gründliche
Erörterung dieser Probleme wäre ein Treffen
des Hohen Rats. Wie Sie wissen, haben wir
ein solches, im Budapester Dokument von
1994 vorgeschriebenes Treffen seit nahezu
einem Jahr nicht mehr abgehalten. Ein gut
besuchtes und gut organisiertes Treffen des
Hohen Rats würde nicht nur unsere Arbeit auf
das Ziel ausrichten, sondern auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die entscheidende Rolle lenken, die die OSZE jetzt
bei der Stabilisierung dieser Region spielt.
Wir sollten auch die Zusammenstellung von
"Demokratisierungsteams"
in
Erwägung
ziehen, damit sich die instabilen Demokratien
erfolgreicher entwickeln können.
Diese
Teams wären mehr als die isolierten Konsultationsbesuche hochrangiger OSZE-Vertreter
und etwas weniger als eine Langzeitmission.
Sie könnten aus Experten, Diplomaten und Politikern
bestehen, die eine Reihe von Besuchen machen oder
mehrere Wochen bleiben würden, um den Regierungen bei der Erarbeitung von Strategien zur Bewältigung von Problemen wie wirtschaftlicher oder ethnischer Instabilität, Planung effektiver Wahlen oder
Förderung der zivilen Kontrolle des Militärs behilflich zu
sein. Die Zusammenstellung dieser Teams, möglicherweise unter der Schirmherrschaft des Büros für
demokratische Institutionen und Menschenrechte
(BDIMR) wäre ein weiteres Instrument, das flexibel
zum Abbau von Spannungen eingesetzt werden
könnte.
Wir sollten auch dem Arbeitsprogramm für das
Sicherheitsmodell verstärkte Aufmerksamkeit
widmen. Im Einklang mit unseren Lissabonner Vereinbarungen möchten wir die "neuen
Verpflichtungen" definieren, die wir in diesem
Zusammenhang eingehen können.
Am
wichtigsten wird das Sondieren neuer Wege
für gemeinsame Aktionen sein, damit wir
unverzüglich und effektiv handeln können,
wenn OSZE-Prinzipien und -Verpflichtungen
verletzt werden. Unsere Arbeit an dem Sicherheitsmodell sollte vor allem sehr viel mehr
als eine Maßnahme sein, nur eine weitere
Deklaration zu entwerfen.

AMERIKA DIENST 05

�Meines Erachtens müssen wir auch die Art und Weise
eingehend prüfen, wie wir die uns jetzt zur Verfügung
stehenden Handlungsmechanismen entschiedener
einsetzen können. So aktiv die OSZE ist, können wir
doch noch effektivere Überwacher unserer eigenen
Standards sein. Sobald wir diese praktische Seite des
Programms umgesetzt haben, können wir überlegen,
wie wir am besten damit arbeiten - durch eine Charta
oder andere Mittel.
Wir haben den wichtigen wirtschaftlichen,
umweltpolitischen und wissenschaftlichen
Aspekten der OSZE nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Die wirtschaftliche Dimension
wurde der Schlußakte hinzugefügt, um der
Tatsache Rechnung zu tragen, daß demokratische Institutionen ohne eine solide Grundlage des Wohlstands nicht prosperieren können.
Die Vereinigten Staaten und Rußland haben
Initiativen in die Wege geleitet, um die wirt-

schaftliche Dimension zu beleben. Wie die
dramatischen Ereignisse der vergangenen
Wochen demonstrieren, ist der wirtschaftliche
Aspekt der Sicherheit von zentraler Bedeutung
für uns. Es ist an der Zeit, daß alle Teilnehmerstaaten auch ihrer Verantwortung in
diesem Bereich gerecht werden.
Dies sind nur einige wenige Bereiche, in denen wir
meiner Ansicht nach in den kommenden Wochen und
Monaten Entscheidungen treffen können. Ich möchte
hier die andauernde Notwendigkeit unterstreichen, daß
die OSZE weiterhin anpassungsfähig und kreativ
bleibt. Unsere Standards und Werte sind konstant sie sind die unveränderliche Grundlage unserer
Zusammenarbeit. Aber ihre Umsetzung sollte noch
innovativer sein. Auf diese Weise wird sich die
Einzigartigkeit und Relevanz der OSZE entsprechend
der Ereignisse weiterentwickeln, statt statisch zu
werden.

* * * * *

AMERIKA DIENST 05

Seite 3

�UMWELT
12. März 1997

Nachhaltige Entwicklung nur mit aktiver
Beteiligung der Bevölkerung möglich
von Botschafter Bill Richardson

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Bill Richardsen, dem
Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, über die Überprüfung und Bewertung
der Umsetzung von Agenda 21: Ad-hoc-Arbeitsgruppe der Kommission für nachhaltige Entwicklung bei den
Vereinten Nationen, 24. Februar 1997.

Herr Vorsitzender, es ist mir eine Freude und Ehre, zu
Beginn meiner zweiten Woche als Ständiger Vertreter
der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen
diese Chance zu haben, über ein für uns alle so
wichtiges Thema zu sprechen. Ich möchte auch
unsere Kovorsitzenden zu ihrer Wahl beglückwünschen, die unsere Staatengemeinschaft bei der
Vorbereitung der Sondersitzung der UN-Generalversammlung über die Agenda 21 im Frühjahr leiten.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sind das globale
Jahrhundert, die Deklaration von Rio und das Aktionsprogramm der Agenda 21 für nachhaltige Entwicklung
bahnbrechende Leistungen, die einer einfachen
Wahrheit Rechnung tragen. In der interdependenten
Welt von heute können Probleme und Aktionen überall
auf der Welt die Menschen überall auf der Welt
betreffen. Wir gelangen immer mehr zu der Erkenntnis, daß Armut, die Umwelt, soziale Gerechtigkeit, die
Wirtschaft und Sicherheit auf globaler Ebene untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Faktoren
haben wir in das Zentrum unserer Außenpolitik gestellt,
während wir gleichzeitig diese Herausforderungen hier
in den Vereinigten Staaten in Angriff nehmen.
Bei der Vorbereitung auf die Überprüfung der seit dem
Erdgipfel vergangenen fünf Jahre ist es daher von
Bedeutung, daß das Streben nach nachhaltiger
Entwicklung weiterhin eine der obersten Prioritäten
und gemeinsamen Missionen für alle Nationen im
nächsten Jahrtausend bleibt.

AMERIKA DIENST 05

Meine Regierung vertritt die Ansicht, daß die Ergebnisse der Sondersitzung zur Erlangung unserer Ziele
sowohl zielgerichtet als auch durchführbar sein sollten.
Unser Programm muß eindeutig die Tatsache berücksichtigen, daß nachhaltige Entwicklung über Umweltfragen hinausgeht und wirtschaftliche sowie soziale
Entwicklung umfaßt.
In Kopenhagen haben wir
bekräftigt, daß dies sich gegenseitig verstärkende
Komponenten unserer Bestrebungen sind, allen
Menschen eine höhere Lebensqualität zu bieten. Im
Juni sollten unsere Staats- und Regierungschefs in
New York eine politische Erklärung abgeben, die sich
auf folgendes konzentriert:
Die Umsetzung der Agenda 21 auf nationaler
und lokaler Ebene
Die sektoralen Probleme des Umweltschutzes
und die sektorenübergreifenden Probleme
nachhaltiger Entwicklung
Die erforderlichen Institutionen zur Koordinierung und Durchführung dieser Bestrebungen
bis ins nächste Jahrhundert
Während wir mit der Überprüfung von Agenda 21
beginnen, kann die Sondersitzung unseres Erachtens
die Fortschritte im einzelnen hervorheben und einen
Anreiz für weitere Aktionen zu mehreren entscheidenden Themen bieten. Dazu zählen:

Seite 1

�Der Vertrag über den Klimawandel
Stratosphärisches Ozon und der Prozeß des
Montrealer Protokolls
Schädliche und toxische Substanzen
Internationale Wälder
Die Konvention über Artenvielfalt und das
Protokoll über Biosicherheit
Verschmutzung der Meere
Fischereiwesen
Versteppung
Trinkwasserfragen
Herr Vorsitzender, nachhaltige Entwicklung funktioniert, wenn der Ansatz integriert und die Beteiligung
umfassend ist sowie der Prozeß von unten nach oben
initiiert und weiterentwickelt wird.
In regierungsunabhängigen Foren können wir uns auf
Normen und Standards sowie optimale Praktiken und
Maßnahmen einigen. Die Durchsetzung kann jedoch
nur auf möglichst dezentralisierter Ebene erfolgen - sei
es auf nationaler, subnationaler oder lokaler Ebene.
Durch kollektive zwischenstaatliche Zusammenarbeit
können wir ein unseren Zielen förderliches Umfeld
gestalten. Aber die Schaffung von Arbeitsplätzen und
die Bekämpfung der Armut erfordern umfassendes und
nachhaltiges Wirtschaftswachstum, das auf solider
nationaler Politik basiert. Umweltschutz setzt in
Entwicklungs- und Industrieländern gleichermaßen
eine durchdachte und allgemein umgesetzte Staatspolitik voraus. Und Kindererziehung sowie Gesundheit
und Wohlergehen unserer Menschen hängen von
Humankapital und Einrichtungen auf nationaler Ebene
ab.
Eine der großen Errungenschaften von Rio war die
Partnerschaft zwischen Staaten und der bürgerlichen
Gesellschaft,

die

bestimmte

Interessenvertreter

entsandte.
Ein wesentliches Element in diesem
Prozeß, das wir in der Kommission für nachhaltige
Entwicklung bislang vielleicht vernachlässigt haben
und dem wir bei der Sondersitzung vollständig Rechnung tragen müssen, ist gute Regierungsführung.
Damit meinen wir eine repräsentative, rechenschaftspflichtige, transparente und zurückhaltende Regierung.
Nur eine solche Regierungsführung gestattet die
Einbeziehung aller Elemente der bürgerlichen Gesellschaft in die Politik der Kommunal- und Zentralregierung zur Erlangung nachhaltiger Entwicklung.
Die bürgerliche Gesellschaft ist die Grundlage für
nachhaltige Entwicklung auf kommunaler und na-

Seite 2

tionaler Ebene. Es ist offensichtlich, daß Regierungen
Programme für nachhaltige Entwicklung nicht im
Alleingang erfolgreich durchführen können. Und es ist
selbstverständlich, daß die Regierungen, die sich
keinen Praktiken für gute Regierungsführung verschreiben und sie befolgen, weder wirksam regieren
noch umweltfreundliches, umfassendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum fördern können.
Herr Vorsitzender, bei unserer Arbeit an sektorenübergreifenden Fragen muß die Erklärung der Sondersitzung nicht nur die Fortsetzung und Stärkung der
Agenda 21, sondern auch die Leistungen und Vereinbarungen der in Rio begonnenen Serie großer internationaler Konferenzen hervorheben.
Wir müssen uns sowohl mit der Finanzierung als auch
dem Technologietransfer befassen und in diesem
Zusammenhang unseren Dialog erweitern, damit er
über die Finanzierung des öffentlichen Sektors und die
offizielle Entwicklungshilfe hinausgeht und auch die
Nutzung der enormen Macht von in- und ausländischem Privatkapital und Investitionen einbezieht. Die
Sondersitzungen der Kommission für nachhaltige
Entwicklung haben den Rahmen für Gespräche über
Finanzierungsfragen derart gestaltet, daß folgenden
Tatsachen Rechnung getragen wird: Die private
Finanzierung geht bereits weit über die externe Hilfe
hinaus, und der Schwerpunkt bei den Finanzdiskussionen sollte auf der verbesserten Nutzung bestehender
Ressourcen, der Ermutigung von Privatinvestitionen
zur Förderung nachhaltiger Entwicklung sowie der
Prüfung innovativer Finanzmechanismen liegen.
Bei der Vorbereitung der Sondersitzung müssen wir
auch die Nachhaltigkeit von Produktion und Verbrauch
erneut berücksichtigen. Auf diesem Gebiet sowie bei
sektoralen Umweltfragen besteht eine dringende
Notwendigkeit sicherzustellen, daß die Kosten internalisiert werden, damit der Markt Signale senden und
Anreize für die Förderung von Nachhaltigkeit in allen
Ländern geben kann.
Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten sehen der
Zusammenarbeit mit allen Ländern und den Interessenvertretern der bürgerlichen Gesellschaft erwartungsvoll entgegen um zu gewährleisten, daß unsere
Arbeit in diesem Kreis, bei der fünften Sitzungsperiode
der Kommission für nachhaltige Entwicklung im April
sowie bei der Sondersitzung im Juni erfolgreich und
produktiv wird. Es muß unser Ziel sein, die Agenda 21
und das für Millionen von Menschen daraus resultierende Versprechen im nächsten Jahrhundert fortzuführen. Wir müssen versuchen, uns nicht durch das
wiederholte Lesen und Aushandeln einzelner Zeilen
und Kapitel behindern zu lassen. Vielmehr sollten wir
mit dem lohnenden Ziel im Blick die Foren aufbauen
und die Mechanismen ausfeilen, die für den Erfahrungsaustausch vor Ort sowie auf kommunaler und
nationaler Ebene bei der Erlangung nachhaltiger

AMERIKA DIENST 05

�Entwicklung benötigt werden. In Rio einigten wir uns
darauf, die Bedürfnisse der heute lebenden Menschen
zu decken, ohne das Wohlergehen unserer Kinder und
Enkel aufs Spiel zu setzen. Das ist unsere Heraus-

forderung, und ich sehe unserer Zusammenarbeit in
den kommenden Wochen und Monaten erwartungsvoll
entgegen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 05

Seite 3

�D A T E N A U T O BAHN
12. März 1997

Der Bau eines neuen Amerika Hauses im Web
von Robert Earle

Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Gesandten-Botschaftsrat bei der Amerikanischen Botschaft in
Bonn, Robert Earle.

"The times they are changing" - Bob Dylan

Hamburg auszuziehen und unsere kulturellen und
Informationsprogramme statt dessen von den Konsulaten aus durchzuführen.

Anfang der sechziger Jahre, als Bob Dylan seine
besten Lieder schrieb, geschah etwas, das noch
andauert. Wir alle begannen, unser Leben um das
Konzept des Wandels herum aufzubauen. Unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg wollten viele von uns die
Dinge wieder so handhaben, wie sie es in Friedenszeiten getan hatten. Das war der Geist der fünfziger
Jahre. Aber die sechziger Jahre leiteten radikale
Innovation als den kulturellen Stil der westlichen Welt
ein. Bürgerrechte, Feminismus, Umweltschutz, die
sexuelle Revolution und andere Bewegungen begannen, die jahrhundertealten kulturellen Praktiken zu
verändern. Der Impuls zu Wandel war menschlich.
Die Methode des Wandels nahm gelegentlich technologische und sogar chemische Dimensionen an.

Während wir in den vergangenen Jahren über diese
Entscheidungen berieten, nahmen wir parallel auch
Gespräche über die Entwicklung neuer Dimensionen
in den deutsch-amerikanischen Beziehungen auf.
Eine Frage, die wir uns stellten, war, ob wir eine neue
Art von Amerika Haus im World Wide Web aufbauen
könnten. Wenn die historische Prämisse der Amerika
Häuser lautete, daß die Deutschen ungehindert
Amerika entdecken sollten, indem sie unsere Schwelle
überschritten, könnte dann dieses Ziel in einer anderen, phantasievollen Weise erreicht werden, die von
kulturellem und technologischem Wandel profitierte,
statt sich ihm zu widersetzen?

Heute, in den neunziger Jahren, hat der kulturelle Tanz
der Menschheit und Technologie den hitzigen Rhythmus eines Tangos angenommen. Sogar die seriöse
Diplomatie, von der selbst die Diplomaten manchmal in
Kategorien wie gestärkten Kragen und endlosen
offiziellen Empfängen denken, wurde vom Fieber des
Wandels ergriffen. Aber Fieber kann, wie wir alle
wissen, Anfälle von Delirium, Halluzinationen und
Unsicherheiten bewirken. Werden solche Träume je
Realität?
In Deutschland ist eines unserer erfolgreichsten
diplomatischen Programme - einige würden es als das
erfolgreichste bezeichnen - das Amerika Haus. In den
fünfziger Jahren gab es 50 Amerika Häuser. Verschiedene Faktoren, nicht zuletzt der Haushalt, haben
diese Zahl auf sechs verringert, und wir haben jetzt
Pläne, aus den Amerika Häusern in München und

AMERIKA DIENST 05

Wir glauben, wir haben es jetzt geschafft - nach drei
Jahren Arbeit und sehr hohen Investitionen in Mitarbeiter und Technologie. Noch während wir die
Schmerzen ertrugen, unsere uns lieb gewordenen
Amerika Häuser schließen zu müssen und uns mit
unseren deutschen Freunden sorgten, daß dies als
amerikanisches Disengagement oder ein Zusammenbruch des kulturellen Dialogs angesehen werden
würde, haben wir ein erfolgreiches, voll funktionierendes Amerika Haus im Web aufgebaut, das eine neue
Generation Deutscher offenkundig zu schätzen weiß.
Natürlich hat das World Wide Web keine Fenster,
durch die die Sonne auf Sie scheint, während Sie eine
Ausgabe von Huckleberry Finn in der Hand halten,
aber deutsche Buchgeschäfte haben Fenster, und sie
haben Huckleberry Finn und außerdem Tausende
anderer klassischer und zeitgenössischer amerikanischer Titel. Darüber hinaus benutzen Tausende von

Seite 1

�Deutschen jede Woche unser Amerika Haus im Web
für Zwecke, die weit über Literatur hinausgehen. In der
Tat kommen jetzt jede Woche mehr Deutsche zu
unserem Amerika Haus im Web als je zu einem
unserer Amerika Häuser in Deutschland gekommen
sind, und sie finden Antworten auf ihre dringendsten
Fragen. Die USIS-Germany Homepage (die unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html zu finden ist) hat
über 10.000 Besucher pro Woche. Sie funktioniert
uneingeschränkt, obwohl sie immer noch weiterentwickelt wird, während wir sie verbessern und
erweitern. Beispielsweise lesen 1.500 Menschen
wöchentlich politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche
und kulturelle Texte, die wir auf Deutsch im Amerika
Dienst veröffentlichen - einer teuren Publikation, die
wir bisher nur gedruckt per Post an ein ausgewähltes
Publikum verschickten. Weitere 1.000 Menschen
konsultieren unsere Homepage jede Woche für
detaillierte Informationen über ein Studium in den
Vereinigten Staaten. Und mehrere Hunderte zusätzlich lesen auf der Homepage die U.S. Policy Quotes, in
denen die Aussagen hochrangiger Politiker zu Themen
von NATO bis zu Bevölkerungspolitik wörtlich wiedergegeben sind. Konsularische und Visainformationen sind ein weiteres populäres Element unseres
neuen elektronischen Amerika Hauses. Und 1.000
Deutsche benutzen jede Woche unsere Homepage,
um direkt zur USIA-Homepage in Washington zu
gelangen, die wiederum mit den meisten Ministerien
der US-Regierung verbunden ist, einschließlich des
Weißen Hauses.
Man kann unterschiedlich auf all das reagieren,
angefangen mit: "Es ist nicht dasselbe!" Und man
kann sich fragen, wer diese deutschen Nutzer sind und
was sie davon haben, unser Amerika Haus im Web zu
besuchen. Im Augenblick können wir das nicht in Erfahrung bringen, aber diese Deutschen von heute sind

für uns im modernen Informationszeitalter ebenso
wichtig wie ihre Eltern (und Großeltern!) es in den
vergangenen Jahrzehnten waren. Darüber hinaus
wissen wir, daß die von uns angebotenen Informationen so spezifisch sind, daß nur Leute, die sich wirklich
für den deutsch-amerikanischen Dialog engagieren, sie
nutzen. Amerika D/ensf-Artikel sind keine leichte Kost,
ebensowenig wie U.S. Policy Quotes. Viele Anwender
sind offensichtlich Journalisten, Forscher sowie
Politiker und Regierungsvertreter. Aber auch Studenten kommen. Jeden Monat sehen wir steigende
Zahlen, und wir passen unser Angebot entsprechend
an. Eines unserer nächsten Angebote wird eine
Zeitschrift über die Reform des Energiemarktes sein,
die dem letztes Jahr von uns veröffentlichten erfolgreichen telecommunications newsletter folgt. Solche
elektronischen Publikationen sprechen die drängendsten Probleme an, mit denen sich hochentwickelte
Nationen wie die Vereinigten Staaten und Deutschland
in den neunziger Jahren konfrontiert sehen.
Unser Amerika Haus im Web wird sich weiterentwikkeln. Wir sehen es als eine elektronische Struktur, die
konstant modifiziert werden kann, während ihre Türen
den Deutschen in ganz Deutschland (und der Welt) 24
Stunden lang geöffnet sind. Unserer Ansicht nach wird
diese neue Dimension des deutsch-amerikanischen
Dialogs sich noch vergrößern, und zwar exponentiell.
Das rechtfertigt weitere Investitionen in ein Forschungs-/Technologie-/lnformationsteam, das sich an
den Prozeß des Wandels anpassen und ihn vielleicht
anführen kann. Wenn unsere Aufgabe darin besteht,
Amerika so zu repräsentieren wie wir sind, dann ist
diese Art von Amerika Haus im Web ein unerläßlicher
Bestandteil des Engagements der Vereinigten Staaten
für den deutsch-amerikanischen Dialog in den neunziger Jahren.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 05

•HtfW •

�TELEKOMMUNIKATION
12. März 1997

Auf der Suche nach einem stabilen
Telekommunikationsmarkt
von Larry Irving

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Abteilungsleiter für Kommunikation und Information im USWirtschaftsministerium, Larry Irving, verfaßten Artikel über die Einführung des Wettbewerbs auf dem
Telekommunikationsmarkt.

Wir suchen einen stabilen Markt. Und das wird von
uns jetzt auch erwartet. Auf diesem Markt erfordert der
Übergang von gesetzlich geregelten Monopolen für
viele Telekommunikationsdienste zu uneingeschränktem Wettbewerb Zeit. Wie Vizepräsident Gore erklärte, ist dies "das erste Jahr eines Veränderungsprozesses, der gewisse Zeit benötigt".

Im Hinblick auf die Förderung des Wettbewerbs
zwischen Netzbetreibern müssen wir Vorschriften für
Vernetzung und Anschlußgebühren einführen, die den
richtigen Anreiz bieten und tatsächlich ein Umfeld für
Wettbewerb schaffen, der wiederum die Preise für
Unternehmen und Verbraucher senkt. Wir müssen die
Anschlußgebühren senken, damit wir den Firmen die
richtigen wirtschaftlichen Signale senden, die sich um
den Aufbau neuer Netze und die Bereitstellung neuer
Dienstleistungen bemühen.

Wir befinden uns in einer Übergangszeit und sollten
nicht vergessen, daß ein Übergang normalerweise
nicht einfach ist. Gewöhnlich ist er von einem hohen
Maß an Unsicherheit und Störung gekennzeichnet.
Damit werden wir auch jetzt auf dem Telekommunikationsmarkt konfrontiert.

Die gute Nachricht lautet, daß die amerikanischen
Bundesstaaten bereits Übergangsregelungen getroffen
und in einigen Fällen endgültige Vorschriften für
Vernetzung und Wiederverkaufsrabatte erlassen
haben. Landesweit werden derzeit mehr als 250
Vereinbarungen geprüft.

Es ist, als würde man Schwimmer beobachten, die
vom Meer zur Küste schwimmen. Manche werden von
den tosenden Wellen auf den Strand geworfen, andere
von einem Sog erfaßt; wieder andere überraschen
uns, indem sie auf den Wellen reiten und elegant
angeglitten kommen.

Die Auswirkungen der jüngsten oder geplanten
Fusionen von Telekommunikationsanbietern auf den
Wettbewerb sind unklar. Fusionen waren zweifelsohne die große Neuigkeit des Jahres 1996 - Bell Atlantic
mit Nynex, PacTel mit SBC Corporation, MCI mit
British Telecom. Die Vorteile solcher Fusionen für die
Öffentlichkeit bestehen in der Möglichkeit, daß sie den
jeweiligen Unternehmen gestatten, die durch das
Telekommunikationsgesetz geschaffenen Wettbewerbsherausforderungen anzugehen und den Wettbewerb zu erhöhen. Die Gefahr solcher Fusionen ist,
daß diese Unternehmen ihre neue Größe und ihre
Mittel zum Schutz ihres Marktanteils und zur Behinderung weiteren Wettbewerbs einsetzen. In diesem
Bereich müssen wir wachsam sein und sicherstellen,

Wo stehen wir ein Jahr nach der Verabschiedung des
Telekommunikationsgesetzes von 1996?

Der Telekommunikationsmarkt
Unsere Suche nach einem soliden Markt hat drei
Dimensionen. Erstens möchten wir einen pulsierenden Markt, der uneingeschränkten Wettbewerb unter
den Anbietern von Telekommunikationsdienstleistungen ermöglicht. Der wichtigste Aspekt dieses Ziels
besteht im Ausbau der Kommunikationsnetze.

AMERIKA DIENST 05

Seite 1

�daß Fusionen sich nicht als wettbewerbsschädigend
erweisen.

Markt, deren Besitzer oder Betreiber Angehörige von
Minderheiten und Frauen waren.

Wettbewerb ist nicht vorhersehbar.
Tatsächlich
machen drahtlose Dienstleistungen den Telefongesellschaften einen Großteil der Konkurrenz, den viele eher
von Seiten des Kabelfernsehens erwartet hätten.
Vergangenes Jahr gewannen die drahtlosen Dienste
10 Millionen neue Kunden. Derzeit gibt es in den
Vereinigten Staaten 38 Millionen Kunden drahtloser
Dienste - das sind fast 15 Prozent aller Amerikaner.
Die Arbeitnehmer haben Vorteile durch diesen Wettbewerb: Die Industrie für drahtlose Kommunikationsdienste ist stolz darauf, daß sie jeden Monat 1.000
neue Arbeitnehmer einstellt.

Es war auch in gutes Jahr für Kabelgeschäfte. Die
führende Maklerfirma für Kabelunternehmen berichtete
von 47 kabelbezogenen Transaktionen mit Fusionen
und Firmenübernahmen im Wert von 2,6 Milliarden
Dollar.

Das Aufkommen drahtloser Dienste als lebhafter
Konkurrent wird zu einem weltweiten Phänomen. In
Japan hat ein neuer drahtloser Dienst, genannt
Personal Handyphone System (P.H.S.), in den ersten
anderthalb Jahren nach seiner Einführung 4,3 Millionen Kunden gewonnen. Das enorme Wachstum von
P.H.S. zusammen mit der Deregulierung und der
darauf folgenden Preissenkung für Funktelefone haben
den japanischen Markt zu einem der am schnellsten
wachsenden Märkte der Welt für Mobiltelefone
gemacht. Heute unterschreiben jeden Monat mehr als
eine Million Japaner Verträge für diese Dienstleistung alle zwei Sekunden ein neuer Kunde.
In Finnland besitzt nahezu ein Drittel der fünf Millionen
Einwohner des Landes ein Mobiltelefon, und die Zahl
steigt jährlich um 27 Prozent. Darüber hinaus haben
die Finnen Handys, mit denen man elektronische Post
verschicken und sich ins Internet einloggen kann.

Darüber hinaus schlägt die FCC jetzt eine weitere
Lockerung der Eigentumsbestimmungen vor. Die
Vorschläge der FCC würden den gemeinsamen Besitz
von zwei UHF-Sendern oder eine Kombination von
UHF/UKW-Frequenzen auf einem Markt gestatten.
Meines Erachtens ist das eine äußerst schlechte Idee.
Die Unterscheidung zwischen UHF und UKW ist
praktisch irrelevant. Jetzt ist digitales Fernsehen im
Geschäft. Das bedeutet eine enorme Konzentration an
Eigentum.
Viele dieser Veränderungen ergeben wirtschaftlich
Sinn, aber zu welchen Kosten für die Vielfalt der
Inhaberschaft? Geht es unserer Nation nur um
wirtschaftliche Effizienz? Oder wird der Gewährleistung einer Fülle von Gesichtspunkten für Verbraucher immer noch die Priorität beigemessen, die
sie historisch hatte? Die nächsten Jahre werden
entscheidend für die Lösung dieser Fragen sein.
Verbraucher und der Telekommunikations- und
Informationsmarkt
Die dritte Dimension eines stabilen Marktes ist die
uneingeschränkte Beteiligung der Verbraucher. Der
Schlüssel dazu sind verbesserte Auswahl und verringerte Kosten.

Der Ideenmarkt
Zweitens sucht die Clinton-Administration einen
stabilen Ideenmarkt. Das Telekommunikationsgesetz
führte zur Abschaffung oder zum Abbau vieler Eigentumsbeschränkungen für Sendelizenzen. Als Reaktion
auf das Gesetz schaffte die amerikanische Fernmeldebehörde (Federal Communications Commission FCC) die Obergrenze von 12 für den Besitz von
Fernsehsendern ab und setzte die Begrenzung für
Zuschauerzahlen von 25 auf 35 Prozent der Bevölkerung herauf. Das führte zu einem Kaufrausch Fernsehtransaktionen im Wert von 10 Milliarden Dollar
im Jahr 1996 verglichen mit 4,7 Milliarden Dollar 1995.
Nach der Fusionswelle von 1996 - Aufkauf von
CapCities/ABC durch Walt Disney Co., von CBS durch
Westinghouse sowie der verbliebenen 80 Prozent von
New World Communications Group Inc. durch News
Corp/Fox Television Stations Inc. - ist die ClintonAdministration weiterhin über die Konzentration der
Medien besorgt. Besondere Sorgen machen wir uns
über das potentielle Verschwinden jener Sender vom

Seite 2

Im vergangenen Jahr haben die Verbraucher von der
größeren Auswahl auf dem Telekommunikations- und
Informationsmarkt profitiert. Den Verbrauchern stehen
jetzt neue drahtlose Dienste zur Verfügung.
Zu diesem Zeitpunkt stellt die Frage der Kosten die
große Herausforderung für den Verbraucher dar.
Während die Kosten für Telefondienste mit der Inflation
Schritt hielten, schnellten die Kabelgebühren für
Basisdienstleistungen 1996 um 7,8 Prozent in die
Höhe.
Kostenerwägungen führen auch zu dem wichtigen
Thema universeller Dienstleistungen. Unsere nationalen Fortschritte bei Telefondiensten für 94 Prozent
der Amerikaner und 40 Prozent der Haushalte, die
einen PC besitzen, sind bewundernswert, verschleiern
jedoch gravierende Ungleichgewichte. Heute haben
ungefähr jeder vierte Haushalt der Amerikaner,
Indianer, Eskimos und auf den Aleuten sowie über die
Hälfte - 53 Prozent - der Haushalte von Amerikanern
indianischer Abstammung in Reservaten und 12
Prozent der Afroamerikaner und Hispanier kein

AMERIKA DIENST 05

�Telefon. Verglichen damit haben vier Prozent der
Weißen und zwei Prozent der Inselbewohner im
asiatisch-pazifischen Raum kein Telefon.

sowie Hardware, Software und Ausbildung bereitzustellen, wird dies zur dauerhaften Vernetzung aller
Schulen und Bibliotheken beitragen.

Das Telekommunikationsgesetz enthält eine Bestimmung, die sicherstellt, daß Schulen, Bibliotheken,
Kliniken und ambulante Einrichtungen finanzierbaren
Zugang zu modernen Telekommunikationsdiensten
haben werden. Im Herbst vergangenen Jahres
kündigte Präsident Clinton seine Unterstützung für
einen Vorschlag des Kongresses an, bei Telekommunikationsdiensten in Schulen einen "B-Tarif" genannten
"Bildungstarif" einzuführen.

Schlußbemerkung

Im November letzten Jahres gaben das gemeinsame
Telekommunikationsgremium der bundesstaatlichen
und kommunalen Verwaltungen der FCC der Behörde
ihre Empfehlung zu diesem Thema bekannt, die viele
Vorschläge der Administration enthielt, einschließlich
des Zugangs zum Internet, hoher Rabatte für über
geringste Mittel verfügende Schulen und Bibliotheken,
einer konkurrenzfähigen Ausschreibungsstruktur sowie
eines technologisch neutralen Unterstützungssystems,
das Schulen die Flexibilität des Zugangs zu den von
ihnen benötigten Diensten bietet.
Im Rahmen der Empfehlung des gemeinsamen
Gremiums wird Schulen mit den geringsten Mitteln
unter anderem ein 90-prozentiger Preisnachlaß auf
ihre Monatsrechnung für Verbindungen zu modernen
Netzen, Internet-Zugang und Vernetzung innerhalb
des Schulgebäudes gewährt. Zusammen mit maßgeblichen Bestrebungen des Privatsektors und
anderer Finanzquellen, in Schulen Kabel zu verlegen

*

AMERIKA DIENST 05

*

Es ist leicht, ungeduldig zu werden und zu sagen, das
Telekommunkationsgesetz habe Deregulierung versprochen und zu beklagen, daß sie bisher nicht
eingeführt wurde. Dies ist die Zeit für Fortschritte in die
richtige Richtung mit den richtigen Bestimmungen - zu
uneingeschränktem
und
hartem
Wettbewerb.
Schlimmstenfalls könnten wir unregulierte Monopole
schaffen. Wir müssen uns auf den realen Wert und die
Ziele des Gesetzes konzentrieren - niedrigere Kosten,
größere Auswahl und eine Vielfalt von Gesichtspunkten für die Verbraucher sowie die Ankurbelung
von Innovation.
Das Telekommunikationsgesetz hat den Weg für
große Chancen in diesem Bereich geebnet. Wir alle
müssen die Initiative ergreifen und uns durch die
schwierigen Themen arbeiten.
In seinem Bericht zur Lage der Nation erklärte Präsident Clinton: "Die neuen Verheißungen der Weltwirtschaft, das Informationszeitalter, unvorstellbare neue
Arbeit, lebensverbessernde Technologie - all dies
müssen wir nutzen. Das ist unsere Pflicht und unsere
Herausforderung. Wir müssen die Ereignisse gestalten, nicht nur Beobachter sein. Denn wenn wir nicht
handeln, wird der Augenblick verstreichen - und wir
werden die besten Chancen für unsere Zukunft
verpassen."

*

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die jüdische Dimension der deutsch-amerikanischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ist der Liberalismus in Amerika tot?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Earle&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. OSZE&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;OSZE muss anpassungsfähig und kreativ bleiben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nachhaltige Entwicklung nur mit aktiver Beteiligung der Bevölkerung möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Bill Richardson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Bau eines neuen Amerika Hauses im Web&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Earle&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Telekommunikation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auf der Suche nach einem stabilen Telekommunikationsmarkt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Larry Irving&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>^ e äfv

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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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Z12462 C

06

26. März 1997
y

USA-RUSSLAND

ZIEL IST EIN STABILES, DEMOKRATISCHES,
GEEINTES EUROPA
Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung

FRAUEN

FÖRDERUNG DES STATUS DER FRAU IST
BESTANDTEIL DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Reden der Außenministerin und der First Lady

USA-EUROPA

DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
Rede von Wirtschaftsminister Daley

USA-DEUTSCHLAND

AKTUELLE THEMEN DER EUROATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel
KULTURBRUCH MIT AMERIKA - NEIN DANKE!
Rede von J.D. Bindenagel

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-RUSSLAND
26. März 1997

Ziel ist ein stabiles, demokratisches, geeintes Europa
Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung

HELSINKI - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die beim Gipfel von Helsinki am 21. März 1997 verabschiedete
gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung zur europäischen Sicherheit.

Die Präsidenten Clinton und Jelzin erörterten die
derzeitige Sicherheitslage im euroatlantischen Raum.
Sie bekräftigten ihr Engagement für das gemeinsame
Ziel, ein stabiles, sicheres, integriertes und ungeteiltes
demokratisches Europa aufzubauen. Die Rolle der
Vereinigten Staaten und Rußlands als Mächte mit
weltweiten Pflichten stellt an diese Länder die besondere Anforderung, zur Erlangung dieses Ziels eng
zusammenzuarbeiten. Die Präsidenten bekräftigten,
daß diese Zusammenarbeit im Geist von Offenheit und
Pragmatismus stattfinden wird, der in den letzten
Jahren charakteristisch für die amerikanisch-russischen Beziehungen gewesen ist.
In Erinnerung an die gemeinsame Erklärung zur
europäischen Sicherheit vom Mai 1995 stellten die
Präsidenten fest, daß ein dauerhafter Friede in Europa
auf der Integration des gesamten Kontinents in eine
Reihe sich gegenseitig unterstützender Institutionen
und Beziehungen gründen sollte, die gewährleisten,
daß es keine erneute Teilung oder Konfrontation
geben wird. Keine Institution kann die Sicherheit
alleine gewährleisten. Die Präsidenten stimmten
überein, daß die Entwicklung von Sicherheitsstrukturen
auf eine Art und Weise stattfinden sollte, die keinen
Staat bedroht und das Ziel des Aufbaus eines stabileren und integrierten Europas fördert. Diese Evolution
soll auf einer umfassenden Verpflichtung zu den
Grundsätzen der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) basieren, wie sie
in der Schlußakte von Helsinki, dem Verhaltenskodex
von Budapest und anderen OSZE-Dokumenten
niedergelegt sind, einschließlich der Respektierung
von Menschenrechten, Demokratie und politischem
Pluralismus, der Souveränität und territorialen Integrität
aller Staaten sowie ihres natürlichen Rechts auf die

AMERIKA DIENST 06

Auswahl der Mittel zur Gewährleistung ihrer eigenen
Sicherheit.
Die Präsidenten sind überzeugt, daß die Stärkung der
OSZE, deren Potential noch voll entfaltet werden muß,
den Interessen der Vereinigten Staaten und Rußlands
dient. Die Präsidenten verliehen ihrer Zufriedenheit
über das Ergebnis des OSZE-Gipfels von Lissabon
Ausdruck und waren sich über die Bedeutung der
Umsetzung der dort getroffenen Entscheidungen einig,
die Ziele der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
genauer zu definieren und weiter nach innovativen
Methoden für die Erfüllung der wachsenden Zahl von
der OSZE übernommener Aufgaben zu suchen.
Sie unterstrichen ihr Engagement für die Förderung
der operativen Fähigkeiten der OSZE als einzigem
Rahmen für die europäische Sicherheitszusammenarbeit, der die umfassende und gleichberechtigte
Beteiligung aller Staaten vorsieht. Die Konsensregelung soll die unantastbare Grundlage für den
Entscheidungsfindungsprozeß der OSZE sein. Die
Präsidenten bekräftigten ihr Engagement für die
Zusammenarbeit bei den laufenden Bestrebungen der
OSZE zur Entwicklung eines Sicherheitsmodells für
Europa, das der drastisch veränderten Situation am
Vorabend des 21. Jahrhunderts und den auf dem
Gipfel von Lissabon getroffenen Entscheidungen über
eine Charta zur europäischen Sicherheit Rechnung
trägt. Die wesentliche Rolle der OSZE in Bosnien und
Herzegowina und ihre Fähigkeit zur Entwicklung neuer
Formen der Friedenssicherung und Konfliktverhütung
sollten ebenfalls aktiv weiterentwickelt werden.
Bei ihren Gesprächen in Helsinki richteten die beiden
Präsidenten ihr besonderes Augenmerk auf die Frage
der Beziehungen zwischen der NATO und der Russi-

Seite 1

�sehen Föderation. Uneinig waren sie sich weiterhin
über die Frage der NATO-Erweiterung. Um die
möglichen Auswirkungen dieser Meinungsverschiedenheiten gering zu halten, einigten sich die Präsidenten, auf bilateraler Ebene und gemeinsam mit
anderen Ländern ein Dokument auszuarbeiten, das
die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland
als wichtiges Element eines neuen umfassenden
europäischen Sicherheitssystems festlegt. Das von
den Staatschefs der NATO-Mitgliedstaaten und
Rußlands unterzeichnete Papier würde eine dauerhafte Verpflichtung auf höchster politischer Ebene
darstellen. Ferner stimmten die Präsidenten darin
überein, daß die in diesem Dokument definierten
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
Konsultationen, Koordination und - soweit möglich und
wo angemessen - gemeinsame Entscheidungsfindung
und Aktionen bei gemeinsame Belange betreffenden
Sicherheitsfragen vorsehen soll.
Die Präsidenten stellten fest, das von der NATO und
Rußland verabschiedete Dokument würde sowohl die
tiefgreifende Umgestaltung der NATO, einschließlich
ihrer politischen und friedenssichernden Dimension,
als auch die neuen Realitäten Rußlands beim Aufbau
einer demokratischen Gesellschaft berücksichtigen
und dazu beitragen.
Das Dokument verkörpert
darüber hinaus das gemeinsame Engagement der
NATO und Rußlands bei der Entwicklung ihrer Beziehungen in einer die gegenseitige Sicherheit verbessernden Weise.
Die Präsidenten erinnerten an die historische Bedeutung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in
Europa bei der Schaffung des erforderlichen Vertrauens für den Aufbau eines gemeinsamen Sicherheitsraums auf dem Kontinent im Interesse aller
Staaten in Europa, ob sie einem militärischen oder
politischen Bündnis angehören oder nicht, und werden
weiterhin jegliche destabilisierende Aufrüstung von
Streitkräften in unterschiedlichen Regionen Europas
verhindern.
Die Präsidenten unterstrichen die Bedeutung einer
Anpassung des KSE-Vertrags. Sie stimmten bezüglich

der Notwendigkeit einer Beschleunigung der Verhandlungen zwischen den KSE-Parteien überein mit dem
Ziel, bis Ende Frühjahr oder Anfang Sommer 1997

ein Rahmenabkommen abzuschließen, das die
grundlegenden Elemente eines angepaßten KSEVertrags enthält, im Einklang mit den Zielen und
Prinzipien des in Lissabon im Dezember 1996 vereinbarten Dokuments über den Umfang und die Parameter.
Präsident Jelzin betonte die Sorge Rußlands, die
NATO-Erweiterung werde zu einer potentiell bedrohlichen Aufrüstung permanent stationierter Streitkräfte der NATO in der Nähe Rußlands führen.
Präsident Clinton unterstrich, daß das Bündnis keine
diesbezüglichen Aktionen in Erwägung zieht.
Präsident Jelzin begrüßte Präsident Clintons Erklärungen und bekräftigte, Rußland würde entsprechende Zurückhaltung bezüglich der Stationierung
seiner konventionellen Streitkräfte in Europa üben.
Präsident Clinton verwies auch auf die Politik der
NATO im Hinblick auf die Stationierung von Nuklearwaffen, wie sie am 10. Dezember 1996 vom Nordatlantikrat formuliert wurde, daß die NATO-Mitglieder
"keine Absicht, keinen Plan und keinen Grund" zur
Stationierung von Nuklearwaffen auf dem Territorium
von Staaten haben, die jetzt Mitglied des Bündnisses
sind, und auch keine zukünftige Notwendigkeit dafür
sehen. Präsident Clinton verwies auf die Bereitschaft
der NATO, einen spezifischen Hinweis auf diese Politik
in das von der NATO und Rußland verabschiedete
Dokument einzubeziehen. Präsident Jelzin sprach
sich für eine Einbeziehung eines solchen Hinweises in
das Dokument aus.
Die Präsidenten waren sich einig, daß sich die Vereinigten Staaten, Rußland und ihre Partner in Europa
mit zahlreichen gemeinsamen Sicherheitsbedrohungen
konfrontiert sehen, die am besten durch Zusammenarbeit zwischen allen Staaten des euroatlantischen
Raums angesprochen werden können. Sie verpflichteten sich zur Intensivierung ihrer Bestrebungen,
auf dem bei ihren Treffen in Helsinki erarbeiteten
gemeinsamen Terrain aufzubauen, um die Effektivität
der europäischen Sicherheitsinstitutionen zu verbessern, einschließlich des in dieser Erklärung
enthaltenen Abschlusses von Abkommen und Vereinbarungen.

* * * *

*

.

Seite 2

AMERIKA DIENST 06

�FRAUEN
26. März 1997

Förderung des Status der Frau ist
Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik
Reden der Außenministerin und der First Lady

WASHINGTON - (AD) - US-Außenministerin Madeleine Albright erklärte am 12. März 1997 bei einer
Veranstaltung im US-Außenministerium aus Anlaß des internationalen Tags der Frau, die Förderung des Status
der Frau sei nicht nur ein moralisches Gebot, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil der amerikanischen
Außenpolitik.
Auch die First Lady Hillary Rodham Clinton forderte die "vollständige Einbeziehung der Bedürfnisse von Mädchen
und Frauen in die amerikanische Außenpolitik".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Reden von Außenministerin Albright und der First Lady unwesentlich gekürzt.

Madeleine Albright: Zu Beginn meiner Ausführungen
am heutigen Morgen möchte ich eine einfache Feststellung machen. Die Förderung des Status der Frau
ist nicht nur ein moralisches Gebot, sondern sie wird
aktiv in die Außenpolitik der Vereinigten Staaten
integriert. Sie ist unsere Aufgabe. Das ist die richtige und offen gesagt auch eine kluge - Vorgehensweise.

saal des Kriegsverbrechertribunals über die weitreichenden Operationen der UN-Hochkommissarin für
Flüchtlinge bis zur obersten Etage des US-Außenministeriums.

Am Vorabend des neuen Jahrhunderts wissen wir, daß
wir die von uns angestrebte Zukunft nicht ohne den
Beitrag der Frauen gestalten können. Und wir wissen,
daß Frauen weltweit nur dann entsprechend ihren
Begabungen einen vollwertigen Beitrag leisten können,
wenn sie gleichen Zugang, gleiche Rechte, gleichen
Schutz und eine faire Chance an den Hebeln der
wirtschaftlichen und politischen Macht erhalten.

Bei meiner jüngsten Reihe von Staatsbesuchen traf ich
mit sechs Präsidenten, vier Ministerpräsidenten, acht
Außenministern, drei Verteidigungsministern, zwei
Premierministern, einem Kanzler, einem Generalsekretär und einem Handelsminister zusammen. Und wenn
wir alle in einem Raum säßen, sähe man 26 Anzüge
und mein Kostüm.

Wir haben bei der Erlangung dieser Ziele Fortschritte
gemacht. Ich habe einmal gesagt, wenn ich eine oder
zwei Generationen früher geboren worden wäre und
eine definitive Aussage zur amerikanischen Außenpolitik hätte machen wollen, hätte ich nur die Möglichkeit gehabt, Mitglied der Gesellschaft zu werden und
einem Botschafter, der beleidigende Äußerungen
macht, Tee über die Hose zu gießen.
Heute sind Frauen an jeder Facette internationaler
Angelegenheiten beteiligt - vom politischen Entscheidungsfindungsprozeß bis zu Vertragsabschlüssen, von Rüstungskontrolle bis Handel, vom Gerichts-

AMERIKA DIENST 06

Wir haben also allen Grund zu feiern. Aber wir haben
noch einen weiten Weg vor uns.

Dieser Mangel an Frauen in Spitzenpositionen spiegelt
sich in den politischen und ökonomischen Strukturen
der meisten Nationen wider. Ob man gegen eine
unsichtbare Schranke läuft oder schmutzige Arbeit
verrichtet - Gleichberechtigung bleibt für die meisten
von uns eher ein Wunsch als eine Realität.
Es liegt im amerikanischen Interesse, das zu ändern.
Die Förderung des Status der Frau steht in direktem
Zusammenhang mit unseren außenpolitischen Zielen.
Wir wollen Frieden schaffen und den Kreis demokratischer Länder erweitern. Wir möchten eine wachsende
Weltwirtschaft aufbauen, die gute Arbeitsplätze für
Amerikaner schafft. Und wir streben eine Zukunft an,

Seite 1

�in der unsere Werte von mehr Menschen in Ehren
gehalten werden.
Auf jeden Fall können wir unser Ziel nicht erreichen,
wenn die Frauen ausgegrenzt werden.
Frauen
müssen auf jedem Schritt dieses Weges einbezogen
werden.
Betrachten Sie sich beispielsweise das Streben nach
Frieden.
Ich gehöre nicht zu den Vertretern der Ansicht, wenn
nur Frauen das Sagen auf der Welt hätten, gäbe es
keine Kriege mehr. Die menschliche Neigung zu
Dummheit und Fehlkalkulation ist weit verbreitet. Aber
die Geschichte dieses Jahrhunderts lehrt uns, daß
Demokratie der Vater des Friedens ist. Und der
gesunde Menschenverstand sagt uns, daß echte
Demokratie nicht ohne die vollständige Beteiligung der
Frau möglich ist.
Die Weltfrauenkonferenz in Peking hat den Frauen
neue Impulse gegeben, für ihre Rechte einzutreten,
sich zu engagieren, zu organisieren, zur Wahl zu
gehen und sich zur Wahl zu stellen. Das von Frauen
geschaffene große Netz nichtregierungsabhängiger
Organisationen konzentriert sich auf diese Aufgaben.
Größere Beteiligung führt zu mehr Demokratie und
repräsentativerer Politik. Und in den Regionen, in
denen Demokratie für den Frieden am meisten bewirkt,
arbeiten Frauen hart an der Schaffung und Erweiterung der Institutionen zur Förderung der Freiheit.
Ich war in Bosnien Zeuge der Bestrebungen von
Frauengruppen, die Wunden ethnischer Spaltung zu
heilen. Die Frauen in diesem Land sind entschlossen
zum Aufbau einer Gesellschaft, in der sie - die einen
enormen Preis für in der Vergangenheit getroffene
falsche Entscheidungen zahlen mußten - daran
mitwirken, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft
zu treffen.
Ich habe gesehen, wie in Zentraleuropa und den
Neuen Unabhängigen Staaten Bewegungen entstanden, die Frauen beim Aufbau der neuen Demokratien ein Mitspracherecht geben wollen. Das ist von
entscheidender Bedeutung, denn die Frauen haben
am stärksten unter den wirtschaftlichen und sozialen
Zerrüttungen der letzten Jahre gelitten.
In Burundi sah ich, wie Hunderte von Hutu- und TutsiFrauen Seite an Seite arbeiteten, um zu verhindern,
daß in ihrem Land ein solcher Völkermord stattfindet
wie der, der im benachbarten Ruanda so viel Leid
verursachte.
Während der Weltfrauenkonferenz und danach habe
ich erlebt, wie Vertreter von Gruppen aus der ganzen
Welt - afrikanische, asiatische, lateinamerikanische,

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jüdische, islamische und christliche - sich der gemeinsamen Sache des Erhalts der weltweiten Dynamik zu
offeneren und repräsentativeren politischen Systemen
verschrieben haben.
Das ist ihr Ziel, und es ist das Ziel von uns Amerikanern.
Dasselbe gilt für Wirtschaftswachstum.
Seit 1993 haben wir unter der Führung Präsident
Clintons mehr als 200 Handelsvereinbarungen ausgehandelt, damit dem Welthandel enormen Auftrieb
verliehen und Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen.
Damit die Weltwirtschaft weiterhin wächst, müssen
Frauen überall mehr Zugang zu wirtschaftlichen
Chancen und Macht erhalten.
Wirtschaftswachstum erfordert eine moderne Volkswirtschaft. Und wie Kemal Atatürk vor sieben Jahrzehnten erklärte, kann man nicht mit der modernen
Welt Schritt halten, wenn man nur die halbe Bevölkerung modernisiert.
Trotz der jüngsten Errungenschaften bleiben Frauen
eine unterbewertete und unterentwickelte Ressource
der Menschheit. Das heißt jedoch nicht, daß Frauen
nur schwer Arbeit finden.
In vielen Gesellschaften verrichten Frauen neben der
Geburt und Erziehung von Kindern den Großteil
anderer Arbeiten. Aber oftmals dürfen sie kein Land
besitzen, nicht zur Schule gehen, erhalten weniger
Nahrung und haben in der Regierung nur wenig oder
kein Mitspracherecht.
Es ist kein Zufall, daß weltweit der Großteil der Menschen, die in bitterer Armut leben, Frauen sind. Oft
müssen sie ihre Kinder ohne die Hilfe der Väter
aufziehen. Viele sind bereits in jungen Jahren in
einem Netz von Unwissenheit und Mißbrauch gefangen.
Frauen sind bereit, als vollwertige Partner zu nachhaltiger Entwicklung beizutragen, aber sie benötigen
Bildung, angemessene Gesundheitsfürsorge, Zugang
zu Krediten und Schutz vor Gewalt. Sie benötigen
Wissen und die Macht, eigene Entscheidungen zu
treffen.
Wir wissen aus Erfahrung, daß bei Erfüllung dieser
Voraussetzungen der Teufelskreis der Armut gebrochen und die Geburtenrate stabilisiert werden kann,
das Umweltbewußtsein wächst, die Ausbreitung
sexuell übertragbarer Krankheiten abnimmt und die
Wahrscheinlichkeit der Weitergabe sozial konstruktiver
Werte an die jüngere Generation steigt. Das ist ein

AMERIKA DIENST 06

�unbezahlbares und dauerhaftes Geschenk an die
Nachwelt.

behandelt werden. Das heißt, unsere Welt wird besser
und wir alle werden bereichert.

Wir dienen auch der Zukunft, wenn wir für die grundlegenden Werte der Rechtsstaatlichkeit und Respektierung der Würde jedes menschlichen Wesens eintreten.

Bei den Bestrebungen zur Förderung des Status der
Frau haben die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle
übernommen. Aber eine Führungspersönlichkeit kann
nicht untätig zusehen - und wir sehen nicht untätig zu.
Auf Initiative von Präsident Clinton beziehen wir
Frauen betreffende Anliegen in die amerikanische
Außenpolitik ein. Was heißt das?

Vor einem halben Jahrhundert war eine großartige
First Lady die treibende Kraft bei der Verabschiedung
der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In
Peking bekräftigte eine andere großartige First Lady
eloquent die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu
dieser Erklärung und ihrer Anwendung auf alle Menschen - insbesondere auf Frauen und Kinder.
Ich weiß nicht, ob dies die Folge einer Unterhaltung
zwischen diesen beiden First Ladies war.
Aber ich weiß, daß die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte geistige und moralische Werte
verkörpert, die von zentraler Bedeutung für alle
Kulturen sind und sowohl die uns definierende wunderbare Vielfalt respektieren als auch die uns verbindenden menschlichen Bande.
Die Erklärung verpflichtet alle Regierungen, mit
Gesetzen und in der Praxis den Schutz der Rechte
derjenigen anzustreben, die ihrer Gerichtsbarkeit
unterstehen. Und durch ihr bloßes Vorhandensein
beweist sie, daß die Einhaltung dieser Verpflichtung
durch eine Regierung nicht nur ein innenpolitisches,
sondern ein universelles Anliegen ist.
Bedauerlicherweise werden Frauen heute auf der
ganzen Welt in verabscheuungswürdiger Weise
mißbraucht. Einige sagen, dieser Mißbrauch sei
kulturell bedingt, und wir könnten nichts dagegen tun.
Ich sage, es ist ein Verbrechen, und es ist die Verantwortung jedes Einzelnen von uns, dem Einhalt zu
gebieten.
Es ist ermutigend, daß die Bestrebungen zur Eindämmung der Gewalt gegen Frauen nach der Konferenz von Peking verstärkt wurden. In einem Land
nach dem anderen sehen wir Projekte, mit denen das
Bewußtsein geschärft und den Frauen besserer
Schutz im Rahmen der Gesetze eingeräumt werden
soll.
Das ist wichtig, weil jedes Mal eine spezielle Polizeieinheit gegründet wird, um die unverzügliche Reaktion auf
sexuellen Mißbrauch oder häusliche Gewalt sicherzustellen; jedes Mal werden gemeinsame Anstrengungen unternommen, um die Verstümmelung weiblicher
Genitalien zu beenden; jedes Mal wird ein Programm
in die Wege geleitet, um die Ausbeutung von Frauen
und Kindern zu stoppen; jedes Mal werden Schritte
unternommen, damit Frauen gleichberechtigt als
Einzelpersonen, Familienmitglieder und Bürger

AMERIKA DIENST 06

Zum einen heißt es, daß in diesem Jahr das USAußenministerium den Vorsitz über den letztes Jahr
zur Umsetzung der Aktionsplattform von Peking
gegründeten interministeriellen Rat für Frauen führen
wird.
Es heißt, daß unser Hilfsprogramm für Länder in
Übersee weiterhin die Betonung auf Projekte legen
wird, die die Fähigkeit von Frauen zur wirtschaftlichen
und politischen Beteiligung verbessern, ihnen Zugang
zu Bildung und Gesundheitsfürsorge, einschließlich
reproduktiver Gesundheitsfürsorge, gewähren und sie
selbst gegen Gewalt und Krankheiten schützen.
Es heißt, daß wir uns besonders auf die Institutionen
der bürgerlichen Gesellschaft konzentrieren, die
Frauen und Flüchtlingshilfe einbeziehen und den
Erfordernissen der Frauen gerecht werden.
Es heißt, daß wir weiterhin in ehrlicher und gründlicher
Weise über Menschenrechtsverletzungen berichten,
und wir werden diese Menschenrechtsverletzungen
verurteilen - seien sie Unterlassungssünden derjenigen, die sich weigern, bei häuslicher Gewalt zu
ermitteln oder sie strafrechtlich zu verfolgen, oder
vorsätzliche Vergehen von Diktatoren wie in Burma
oder Extremisten wie in Afghanistan.
Es heißt, daß wir weiterhin das internationale Kriegsverbrechertribunal unterstützen, weil wir die Auffassung vertreten, daß die für ethnische Säuberungen
Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden
sollten und diejenigen, die Vergewaltigung nur als eine
weitere Waffe des Krieges ansehen, für ihre Verbrechen bezahlen sollten.
Es heißt, daß wir uns an globalen Bestrebungen
beteiligen, um scharf gegen den illegalen Menschenhandel mit Frauen und Kindern vorzugehen. Und ich
möchte hinzufügen, daß diejenigen, die mit Drogen
handeln, ebenso schwer bestraft werden sollten wie
die Schlepperbanden.
Und es heißt, ich werde explizit sagen, daß es höchste
Zeit für die Vereinigten Staaten ist, Vertragspartei der
Konvention über die Abschaffung der Diskriminierung
von Frauen zu werden, wenn ich in einigen Wochen in
North Carolina im Jesse Helms Center sprechen
werde.

Seite 3

�Wie die meisten von Ihnen inzwischen wissen, habe
ich meines Erachtens sehr gute Beziehungen zum
Vorsitzenden des Ausschusses für auswärtige Beziehungen. Wir sind - wenn möglich - einer Meinung und
streiten uns freundschaftlich, wenn wir zu einem
Thema Meinungsverschiedenheiten haben.
Die Integration der Frau in unsere Außenpolitik ist ein
aktiver, kontinuierlicher, weltweiter Prozeß. Er erfordert nicht nur die Zusammenarbeit mit anderen
Regierungen, sondern auch mit Nichtregierungsorganisationen und anderen Befürwortern von Fortschritt. Er betrifft alles - von der Erarbeitung von
Programmen des Amts für internationale Entwicklung
über politische Entscheidungen, die von unseren
Büros hier in Washington getroffen werden, bis zu den
Aktivitäten unserer Botschaften auf der ganzen Welt.
Und er verkörpert unsere Auffassung, daß Fortschritt
nicht nur das Öffnen von Türen erfordert, sondern
auch tatkräftige Anstrengungen, andere einzubeziehen
und die Kunde zu verbreiten, daß das alte Zeitalter der
Ungerechtigkeit und Unterdrückung enden muß, damit
ein neues Zeitalter der Chancen und uneingeschränkten Beteiligung anbrechen kann.
Abschließend möchte ich ein paar Worte über unsere
nächste Rednerin sagen, denn sie ist zweifelsohne
eine der Frauen, die wir in unsere Außenpolitik
einbezogen haben.
In den vergangenen vier Jahren ist Hillary Rodham
Clinton zur am meisten respektierten und geschätzten
- wenn auch inoffiziellen - Botschafterin der Vereinigten
Staaten geworden.
Sie hat Amerikas Tagesordnung für Frieden, Demokratie, Wirtschaftswachstum und Rechtsstaatlichkeit von
Indien bis Indonesien, von China bis Kopenhagen und
von der Ukraine bis zu einer denkwürdigen diplomatischen und kulinarischen Erfahrung in Ulan Bator
vorangebracht.
Sie geht die ihr zugewiesenen Aufgaben mit enormer
Energie, Intelligenz, Engagement und höchster
Eloquenz an.
Diejenigen von Ihnen, die Reden vor der Öffentlichkeit
gehalten haben, wissen, wie schwer es sein kann, ein
Publikum problemlos mitzureißen. Stellen Sie sich vor,
wie schwer es ist, wenn die Zuhörer aus 150 verschiedenen Ländern kommen und die meisten von
ihnen mit Kopfhörern dasitzen, deren Kabel in alle
Richtungen gehen, und einer emotionslosen und nicht
immer akkuraten Übersetzung zuhören.
Und dennoch begeisterte diese Frau, die Ehrenvorsitzende unserer Delegation, in Peking genau diese
Art von Publikum.

Seite 4

Ihre Botschaft klingt noch nach, ihr Beitrag zur amerikanischen Führungsrolle wird weiter ausgebaut, ihre
Klugheit ist zu einer internationalen Kraft für das Gute
geworden. All dies - und sogar ein Grammy Award.
Als Außenministerin kann ich mir kein größeres
Geschenk vorstellen, als die First Lady an meiner Seite
und an der Seite Amerikas zu haben.
Auf meine Bitte hin wird sie an diesem Wochenende
nach Afrika reisen, einer Region von großer Bedeutung für die Vereinigten Staaten und den Fortschritt der
Frauen.
Ich sehe dem Bericht über ihre Reise erwartungsvoll
entgegen, und ich weiß, wir alle sind jetzt gespannt auf
ihre Ansprache.
Wir begrüßen unsere großartige First Lady, Hillary
Rodham Clinton.
Hillary Clinton: Vielen Dank, Frau Außenministerin.
Ich benutze diese Anrede immer noch gerne. Wir
treffen uns heute aus Anlaß des internationalen Tags
der Frau im Zentrum des Außenministeriums. Wir
Amerikaner haben viel zu feiern, angefangen mit einer
Außenministerin, die aufgrund ihres Geschlechts eine
Schwelle überschritt und - was viel wichtiger ist - sich
nicht nur für die Rechte von Amerikanern einsetzt,
sondern für die Bürger auf der ganzen Welt ungeachtet
ihres Geschlechts.
Madeleine Albright hat nicht nur viele unsichtbare
Schranken durchbrochen, sondern auch oft Frieden
ausgehandelt. Sie hat nicht nur viele Türen geöffnet,
sondern auch den Horizont vieler Menschen erweitert.
Da Frau Albright es ansprach - während meines
letzten Gesprächs mit Frau Roosevelt sagte diese mir,
wie erfreut sie gewesen sei, als ihr Mann die erste
Frau in der Geschichte der Vereinigten Staaten in sein
Kabinett berief, und wie sehr sie sich jetzt freue, daß
mein Mann erstmals eine Frau an die Spitze des
Außenministeriums gestellt hat.
Ich danke Außenministerin Albright für ihre Führung,
ihren Mut und - ganz persönlich - für ihre Freundschaft.
Ich freue mich außerordentlich, daß sie zugestimmt
hat, dem interministeriellen Rat des Präsidenten für
Frauenfragen vorzusitzen, wobei ihr Theresa Loar, Tim
Wirth und andere hilfreich zur Seite stehen werden.
Wir wissen, daß unsere neue Außenministerin und wir
alle mit zahllosen Pflichten konfrontiert sind. Unserer
Außenpolitik mangelt es nicht an Herausforderungen.
Wir müssen den Abbau von Massenvernichtungswaffen fortsetzen. Wir müssen den Traum dieses
Jahrhunderts von einem vollständig geeinten, demokratischen und friedlichen Europa erfüllen.
Wir
müssen uns für die Nutzung neuer Chancen in Asien
einsetzen, die Chancen für Frieden im Nahen Osten

AMERIKA DIENST 06

�und anderen Gebieten nutzen, die nicht nur für die
Vereinigten Staaten, sondern für die ganze Welt von
strategischer Bedeutung sind.
Wir müssen mit unseren Partnern in Lateinamerika,
Afrika und andernorts am Aufbau einer alle einbeziehenden und expandierenden Weltwirtschaft
arbeiten. Wir müssen unsere Menschen vor den
Bedrohungen durch Terrorismus, Extremismus,
internationales Verbrechen, Drogen und Umweltzerstörung retten.
All das verlangt unsere Aufmerksamkeit und unser
Engagement. Heute möchte ich eine einfache Idee
vorbringen:
Die vollständige Einbeziehung der
Bedürfnisse von Mädchen und Frauen in die amerikanische Außenpolitik. Trotz der von ihnen geleisteten
Arbeit bei der Kindererziehung und in der Gemeinde
genießen allzu viele Frauen auf dieser Welt, insbesondere in den Entwicklungsländern, weder Gleichberechtigung noch werden ihnen Chancen eröffnet.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken. Die Herausforderung ist nicht auf die Entwicklungsländer beschränkt. Wir haben hier in den Vereinigten Staaten
und in anderen Industrieländern genug zu tun um
sicherzustellen, daß Frauen an der Demokratie
beteiligt sind. Ein Ziel jedes Landes sollte die Gewährleistung sein, daß alle Bürger ungeachtet ihrer Rasse,
ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder
ihrer Religion ihren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft einnehmen können.
Sie werden mir vergeben, wenn ich kurz abschweife:
Gestern war ich in Arkansas, wo ich die Menschen
besuchte, die morgens von einem schrecklichen
Tornado heimgesucht worden waren. Noch vor dieser
Katastrophe machten diese Menschen bereits Überstunden, um sich das von ihnen angestrebte Leben zu
ermöglichen. Die ganzen Vorteile der amerikanischen
Gesellschaft lagen für sie noch in weiter Ferne. Nach
diesem Tornado schien alles verloren, wofür sie
gearbeitet und was sie sich erhofft hatten.
Später hielt ich eine Rede bei einer Veranstaltung, auf
der Gelder gesammelt wurden, um alleinerziehenden
Eltern, vor allem Frauen, den Besuch eines College
oder einer Berufsschule zu ermöglichen. Ich sprach
mit fünf Frauen, die mir sagten, wie wichtig es für sie
war, daß die Gesellschaft in Form derjenigen, die die
Gelder aufbrachten, sie einbezog und ihnen mitteilte,
daß sie etwas aus ihrem Leben machen könnten, aufs
College gehen und den Lebensunterhalt für sich und
ihre Kinder verdienen könnten.
Sie hatten die in Amerika immer noch viel zu oft
geäußerte Botschaft gehört: Sie seien nichts wert und
niemand hätte Interesse an ihnen. Eine junge Frau
erzählte mir: "Vor fünf Jahren war ich in einem heruntergekommenen Frauenhaus in Fayetteville (Ar-

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kansas). Ich besaß nichts. Nicht nur, daß ich kein
Auto hatte, ich hatte auch keinen Führerschein, und
mein Gesicht sah aus, als wäre ein Lastwagen drübergefahren. Und plötzlich gab es Menschen, die mich
davon überzeugten, daß ich etwas aus mir machen
und auch für meinen neun Monate alten Sohn sorgen
könnte. Ich fragte mich, wieso diese Menschen an
mich glaubten, mir zutrauten, aufs College zu gehen
und mich selbst zu ernähren. Wieso kümmerten sich
diese Menschen um mich, wo sich doch nicht einmal
mein eigener Mann um mich kümmerte."
All dies erinnerte mich an andere Geschichten, die mir
auf der ganzen Welt erzählt wurden, als die Frauen in
Bangladesch, Indien, Nicaragua oder Chile sich
erhoben und mir sagten, was es für sie bedeuten
würde, daß ihnen jemand zutraute, ihre Familien zu
ernähren, ihre Fähigkeiten auf dem Markt Wert hätten,
daß ihre Kinder, insbesondere ihre Töchter, ein
besseres Leben haben könnten.
Den Frauen, mit denen ich gestern abend zusammentraf, wurde die Rückkehr auf die Schulbank ermöglicht,
und heute sind sie Bürgerinnen der Vereinigten
Staaten im wahrsten Sinne des Wortes. Die Einkommensunterschiede in unserem Land und auf der
Welt führen dazu, daß Menschen zurückgelassen
werden, von der Datenautobahn abkommen, nicht die
Chancen der Demokratie nutzen können. Amerika
muß um seiner selbst sowie um seiner Führungsrolle
in der Welt von heute und morgen willen in jeder

Nation Demokratie und eine bürgerliche Gesellschaft
fördern, damit alle Bürger - Männer, Frauen und Kinder
- ihre von Gott gegebenen Begabungen nutzen
können.
Man könnte jetzt natürlich sagen: "Es ist gut, sich um
die Frauen von Arkansas zu kümmern, aber warum
sollten ich oder irgendein anderer Amerikaner sich mit
den Frauen in den Entwicklungsländern und andernorts auf der Welt befassen?" Warum sollten Frauen,
wie Außenministerin Albright gerade eloquent darlegte,
zu einem unserer Belange und einem Bestandteil der
amerikanischen Außenpolitik werden?
Die Außenministerin hat es bereits geäußert und diese
Administration ist davon überzeugt, daß die Hälfte der
Bürger dieser Welt unterbewertet, unterbezahlt, nicht
ausreichend gebildet und vertreten, schlecht ernährt
ist, nicht genug beachtet und gedemütigt wird. In einer
solchen Situation können wir unsere demokratischen
Werte und unsere Lebensweise nicht bewahren.
Wenn die Amerikaner sich als Nation um die Öffnung
ausländischer Märkte für amerikanische Waren und
Dienstleistungen bemühen, wenn wir in Anbetracht
neuer Bedrohungen die Sicherheit unseres Landes
erhöhen wollen, wenn wir Frieden und Wohlstand
ausweiten möchten, dann müssen wir uns mit der
Situation der Frauen auf der Welt befassen.

Seite 5

�Sie in diesem Saal wissen besser als jeder andere,
daß sich unsere Welt inmitten einer großartigen
Umgestaltung befindet, die mehr Demokratie ankündigt, welche hoffentlich zu mehr Frieden führt. Die
großen Versprechungen dieser Zeit beinhalten jedoch
luch Herausforderungen. Globaler Wettbewerb, die
nformationsrevolution und die hohe Geschwindigkeit
les Wandels üben Druck auf jede Gesellschaft aus 'on der Regierung bis zu den einzelnen Familien.
Diese Zwänge stellen uns an der Schwelle zum 21.
Jahrhundert vor unvermeidliche Fragen. Wie können
-vir Wege finden, um ein Gleichgewicht zwischen den
Rechten und Pflichten des einzelnen und der Gesellschaft zu finden? Wie können Eltern ihre Kinder in
Anbetracht der Einflüsse der Massenmedien und der
Konsumgesellschaft aufziehen? Was machen wir mit
dem scheinbaren Konflikt zwischen persönlicher
Identität und der im Zeitalter der Globalisierung und
Hochtechnologie zur Verfügung stehenden Arbeit?
Was geschieht mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft? Wir werden die Menschen ihren ethnischen
Stolz bewahren und ihre Staatsbürgerschaft schätzen,
und wie werden Nationen ihre Souveränität schützen,
während sie gleichzeitig auf regionaler und globaler
Ebene mit anderen Ländern zusammenarbeiten?
Wenn wir über diese Fragen und die Antwort einer
freien Nation wie der unsrigen nachdenken, dürfen wir
nicht vergessen, daß es bei der Demokratie nicht nur
um gesetzlich geschützte Rechte, Wahlen oder die
freie Marktwirtschaft geht. Es geht um die Verinnerlich ung demokratischer Werte in den Herzen und
Köpfen der Menschen. Es geht darum, wie die
Demokratie im täglichen Leben der Menschen verwurzelt ist, wenn es weder einen heißen noch einen kalten
Krieg gibt.
Angesichts der Veränderungen um uns herum dürfen
wir unsere weltweiten Interessen nicht länger nur mit
Machtblöcken und großen Waffenarsenalen verfolgen.
Weltweit und in unserem eigenen Land wurden wir
nach dem Ende des Kalten Krieges frei, uns auf die
Probleme direkt vor der eigenen Haustür zu konzentrieren. Wie ziehen wir unsere Kinder auf? Wie stellen
wir eine angemessene Krankenversicherung für
unsere Familien sicher?
Wie können wir dafür
sorgen, daß Demokratien und freie Märkte nicht nur
Verbraucher, sondern Staatsbürger hervorbringen?
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir in dieser
Zeit weltweiter Herausforderungen weiterhin mit dem
sogenannten traditionellen Gleichgewicht der Kräfte
konfrontiert sind. Ich möchte aber auch betonen, daß
wir in diese Gleichung, die oft als Realpolitik bezeichnet wird, die Idee einbringen müssen, daß das reale
Leben vielleicht ebenso eng mit der Frage verknüpft
ist, ob Demokratien überleben und prosperieren.
Die heute angesprochenen Fragen sollten nicht nur als
Frauenfragen angesehen werden. Es ist zweifelsohne

Seite 6

fair zu behaupten, daß Frauen oft zwangsläufig zu
Experten für die Gefahren und Wechselfälle des
Lebens werden und daher besser verstehen und
würdigen können, welch ureigenes Interesse sie daran
haben sicherzustellen, daß ihre Gesellschaften und
Regierungen diese Herausforderungen des realen
Lebens angehen.
Ich war Zeuge, wie Frauen auf verschiedenen Kontinenten Lösungen gefunden haben. Junge Mütter in
Jakarta kommen wöchentlich zu Kursen über Familienplanung und bessere Ernährung ihrer Kinder zusammen. Ärzte und Krankenschwestern in Belarus
und der Ukraine kümmern sich um die Kinder von
Tschernobyl. Frauen von Santiago bis San Diego
befassen sich mit so verschiedenen Fragen wie
Bildung, Verbrechen und Umwelt.
Diese Fragen stehen im Zentrum unserer globalen
demokratischen Interessen, denn Demokratie zeichnet
sich durch die faire und echte Beteiligung an jedem
Aspekt des Lebens aus. Leider ist es nötig darauf
hinzuweisen, daß ein größeres Mitspracherecht von
Frauen bei ihre Zukunft betreffenden Fragen in
direktem Zusammenhang mit der Gesundheit von
Demokratien steht, denn Frauen sind in den meisten
Ländern und weltweit in der Mehrheit. Das Credo der
Vereinigten Staaten sollte folgendermaßen lauten: Eine
Demokratie ohne die umfassende Beteiligung der
Frauen ist ein Widerspruch in sich. Um ihr volles
Potential zu erreichen, muß die Demokratie alle Bürger
einbeziehen.
Offensichtlich hat die Frage, ob uns die Stärkung demokratischer Werte auf der Welt gelingt, besondere
Auswirkungen auf Frauen, die in unserem Land und
andernorts immer noch danach streben, ihren rechtmäßigen Platz in Regierung, Wirtschaft und Gesellschaft zu erlangen oder sogar zu bestimmen, und die
ihren rechtmäßigen Anteil an persönlicher, politischer,
wirtschaftlicher und bürgerlicher Macht verlangen. Die
Förderung des Status von Frauen und Mädchen und
Investitionen in ihre Fähigkeiten sollen sicherstellen,
daß sie über die Mittel verfügen, die Chancen eröffnen:
Bildung, Gesundheitsfürsorge, Kreditwürdigkeit und
Arbeit, Rechtsschutz und das Recht auf die umfassende Teilnahme am politischen Leben in ihren Ländern.
Aus diesem Grund müssen die Vereinigten Staaten
ihre überparteiliche Tradition der Unterstützung von
Initiativen fortsetzen, die unsere Welt diesen Zielen
näherbringen.
Heute werden mehr als 600 Millionen Frauen weltweit
Bildungsmöglichkeiten verwehrt. Zwei Drittel aller
Analphabeten sind Frauen. Dabei ist die wichtigste
Investition, die ein Entwicklungsland tätigen kann, die
Ausbildung von Mädchen und Frauen. Wir entdecken,
daß in einem Land nach dem anderen die Vorteile der
Ausbildung von Frauen weit über das Klassenzimmer
und die Schule hinausgehen. Sie bringt stärkere

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�Familien, bessere Gesundheit und Ernährung, höhere
Löhne und Gehälter und verstärkte Beteiligung am
politischen Leben hervor.
Ich habe gesehen, wie die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die weltweite Ausbildung von
Frauen und Mädchen sich auszahlt. Ich habe gesehen, wie ähnliche soziale Investitionen, von denen
ebenfalls viele vc n den Vereinigten Staaten unterstützt
werden, in so un arschiedlichen Ländern wie Brasilien,
den Philippinen, Nepal und Pakistan etwas bewirken.
Da ich - ebenso wie viele von Ihnen - viel reise, habe
ich mit eigenen Augen gesehen, daß Investitionen in
Mädchen und Frauen zur Umgestaltung von Gemeinden beitragen, die wiederum ganze Gesellschaften verändern. Weder Frauen noch die Demokratie können sich voll entfalten, solange Frauen
innerhalb und außerhalb des Hauses unterbewertet
sind.
Viele Experten für Wirtschaftsentwicklung aus der
ganzen Welt haben mir gesagt, die Arbeit der Frau sei
kein Bestandteil der Volkswirtschaften und Frauen
seien kein Akteur auf den Märkten. Und trotzdem
habe ich bei meinen Reisen durch städtische und
entlegende ländliche Gebiete mit eigenen Augen
gesehen, daß Frauen oft den Großteil der Arbeitslast
tragen: Sie säen, ernten und ermöglichen kleinen
Unternehmen das Prosperieren auf den Märkten.
Ich weiß, daß Frauen arbeiten. Ihr Beitrag schlägt sich
vielleicht nicht im Bruttoinlandsprodukt ihrer Gesellschaften nieder, aber er ist wertvoll. Wenn alle Frauen
der Welt morgen aufhören würden, außerhalb des
Hauses zu arbeiten, würden sämtliche Volkswirtschaften zusammenbrechen.
Es ist an der Zeit, den von Frauen innerhalb und
außerhalb des Hauses geleisteten Beitrag zu honorieren und zu würdigen. Investitionen in die Frau beinhalten auch Investitionen in ihre Gesundheit und damit
wiederum in die Gesundheit ihrer Familien. Ich freue
mich ganz besonders, daß die Vereinigten Staaten im
Rahmen des Amts für internationale Entwicklung (AID)
Hilfe gewähren um sicherzustellen, daß Frauen, Kinder
und Familien Zugang zum gesamten Spektrum
kostengünstiger, hochwertiger Gesundheitsdienste
erhalten - von Geburtsvorbereitungskursen für werdende Mütter über Grundimpfungen für Kinder bis zur
Rehydrationstherapie zur Behandlung von unter
Diarrhöe leidenden Kindern.
Ich möchte noch gesondert auf Familienplanung und
ihre Bedeutung in diesem größeren Zusammenhang
eingehen. Familienplanung ist grundlegend dafür, daß
Frauen die Verantwortung für sich und ihre Kinder
übernehmen.
Dennoch haben derzeit etwa 100
Millionen Frauen weltweit keinen Zugang zu Familienplanungsdiensten oder nutzen sie nicht, weil sie arm,
ungebildet und ohne Fürsorge sind. Etwa 20 Millionen

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Frauen lassen einen gefährlichen Schwangerschaftsabbruch vornehmen. Einige dieser Frauen tragen
lebenslängliche Behinderungen davon, einige leiden
unter anderen gesundheitlichen Problemen.
Im Grunde genommen ist die Zahl riskanter Schwangerschaftsabbrüche an sich schon eine Tragödie.
Hohe Raten von Schwangerschaftsabbrüchen sind
kein Anzeichen für die Gleichberechtigung der Frau.
Vielmehr repräsentieren sie ein Versäumnis unsererseits, Frauen bei der Verhinderung ungewollter
Schwangerschaften zu helfen. Wenn wir wirklich die
Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen verringern und
starke Familien fördern wollen, dürfen wir der Verpflichtung Amerikas zu Familienplanungsprojekten in
Übersee nicht den Rücken zuwenden.
Wenn wir die Frauen wirklich in allen Gesellschaften
der Welt zu gleichberechtigten Partnern machen
wollen, müssen wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen
- sei es versteckter häuslicher Mißbrauch oder eine
offenkundige Kriegstaktik. Es gibt keine isolierte
soziale Investition, die als Patentrezept für Frauen oder
Entwicklungsländer dienen kann, und Amerika sollte
sich auch nicht jeder gerechten Sache auf der Welt
verschreiben. Aber ich bin überzeugt, daß eine stabile,
prosperierende Welt außerhalb unserer Reichweite
liegt, solange Frauen in hohem Maße diskriminiert und
ungerecht behandelt werden.
Insgesamt sind unsere Investitionen in soziale Entwicklung wesentlich für die Stärkung freier Märkte, die
Verbreitung unserer demokratischen Ideale und die
Verbesserung unserer Sicherheit. Mit der Zeit hat
Amerika gelernt, daß unsere Ideale und Interessen
nicht von den uns umgebenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strömungen getrennt werden
können.
Wir haben hoffentlich auch gelernt, daß weltweites
Engagement sowohl Chancen im Inland als auch
Verpflichtungen im Ausland beinhaltet.
Ich möchte Ihnen ein kleines Beispiel geben. Kürzlich
hielt ich bei einer von AID veranstalteten Konferenz mit
dem Titel "Lektionen ohne Grenzen" eine Rede. Der
Bürgermeister von Baltimore, Kurt Schmoke, sprach
bei dieser Konferenz darüber, daß Regierungsvertreter
aus dieser Stadt nach Afrika gegangen waren, um
etwas über einfache, kostengünstige Strategien zu
lernen, die auf diesem Kontinent eingesetzt werden,
Eltern zur Impfung ihrer Kinder zu ermutigen. Jetzt
werden in Baltimore ähnliche Programme in Gemeindekliniken, einem Impfmobil und bei Hausbesuchen durchgeführt, wodurch die Impfrate für
Kinder unter drei Jahren anstieg.
Wir können von unseren Nachbarn auf der ganzen
Welt lernen. Wir werden feststellen, daß viele der

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�Lektionen, die wir lernen können, mit Hilfe unserer
Außenpolitik gelehrt wurden. Weniger als ein Prozent
unseres Haushalts - und dennoch kann das Leben
zahlloser Menschen verbessert werden, und wir
können die Lebensqualität hier zu Hause verbessern.
abschließend möchte ich einige Worte über meine
evorstehende Afrikareise sagen. Ich fühlte mich sehr
eehrt,
als ich gebeten wurde, diese Reise zu machen,
;
veil meines Erachtens Amerikas Engagement in der
A/elt das Engagement für Afrika südlich der Sahara
oeinhalten muß. Die zeitgenössische Geschichte ist
eine Geschichte, die die Bürger und Länder schreiben,
und es gibt eine neue Geschichte, die erzählt werden
muß. Jede Region trägt ihr eigenes Kapitel bei. Afrika
hat eine bemerkenswerte Geschichte, wenn wir ihr nur
Aufmerksamkeit schenken.
Afrika ist auf dem Weg zu Demokratie. In den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl der Demokratien von
fünf auf 23 gestiegen. Afrika verzeichnet ein Wirtschaftswachstum und geht von erstickenden staatlich
kontrollierten Volkswirtschaften zu offenen Märkten
über, dank denen sich das menschliche Potential voll
entfalten kann. Letztes Jahr hatten 30 Länder positives Wirtschaftswachstum.
Afrika beginnt, neue Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten zu knüpfen. Beziehungen, die nicht nur auf
Hilfe, sondern gemeinsamen Idealen, gegenseitiger
Verantwortung, Integration in die Weltwirtschaft und
Partnerschaften gründen, die Konflikte lösen und
gemeinsame Herausforderungen bewältigen sollen.
Natürlich sind viele der afrikanischen Demokratien neu
und daher noch instabil. Die Hoffnungen sind noch
zaghaft. Ein zu großer Teil des Kontinents wird
weiterhin von Krankheiten, Unterernährung, Armut,
Ungerechtigkeit, Korruption, gefährlichen Konflikten
und ihren schrecklichen Auswirkungen heimgesucht Flüchtlingskrisen, die vor allem Frauen und Kinder zu
einem Leben verurteilen, das immer schlimmer wird.
Und trotz dieser Herausforderungen können wir in
diesem Augenblick der Geschichte zum ersten Mal
sehen, daß es in Afrika Grund zu sehr viel mehr
Hoffnung als Verzweiflung gibt. Mit der Unterstützung
der Vereinigten Staaten können wir diese Hoffnung
stabilisieren.
Ich habe die Ehre, Senegal, Südafrika, Simbabwe,
Tansania, Uganda und Eritrea zu besuchen. Ich freue
mich, daß so viele Botschafter aus diesen Ländern und
anderen Ländern in Afrika heute hier anwesend sind.
Ich hoffe, die Anstrengungen der jeweiligen Länder
beim Aufbau von Demokratie und einer starken
bürgerlichen Gesellschaft aus erster Hand erfahren
und hervorheben zu können. Ich werde mich besonders auf Basisinitiativen und Bestrebungen kon-

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zentrieren, die Frauen und Kinder betreffen. Diese
Reise wird - so hoffe ich - dem amerikanischen Volk
ein erneutes Gefühl für die Bedeutung unseres
Engagements für Afrika vermitteln. Sie soll zeigen,
warum wir alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung von Demokratie und sozialen Investitionen in Afrika sowie zur Stärkung von Afrikas Platz in
der internationalen Staatengemeinschaft tun müssen.
Ich hoffe, diese Reise wird zeigen, daß das amerikanische Engagement nicht nur an Dollars für Hilfsleistungen oder humanitären Bestrebungen nach
Tragödien und Krisen gemessen werden kann,
sondern an den demokratischen Werten, die wir
verstärken, den Menschenrechten, die wir verteidigen,
und den Konflikten, die wir präventiv lösen helfen.
Natürlich steht die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten auf dem Spiel. Instabilität in Afrika - sei sie in
Krieg, Terrorismus, organisiertem Verbrechen, Krankheiten, Umweltzerstörung oder Armut begründet betrifft auch uns. Darüber hinaus steht die Wirtschaft
auf dem Spiel. Zur Zeit halten die Vereinigten Staaten
nur einen Anteil von sieben Prozent des afrikanischen
Marktes von 600 Millionen Menschen. Indem wir
stärkere wirtschaftliche Bande mit Afrika knüpfen,
tragen wir auch in hohem Maße zur Sicherung des
Wohlstands unseres eigenen Volkes bei.
Aber letztlich leiten sich die wichtigsten Gründe
unseres Engagements für Afrika aus einer positiven
Grundlage her. Afrika ist in Bewegung - mit einer
neuen Generation von Politikern, dem frischen Wind
politischer Reformen und prosperierenden multiethnischen Gesellschaften.
Wenn wir uns die Zukunft des amerikanischen Engagements auf der Welt betrachten, stellen wir fest, daß
wir ein Interesse am Erfolg des anderen haben - wo
immer wir dazu beitragen, die Grundlage für Demokratie zu schaffen, wo immer wir aus gegenseitigem
Respekt heraus den Menschen die Hand reichen,
damit sie sich selbst helfen können, wo immer wir klar
verstehen, daß dies eine Zeit der Interdependenz und
Verbindungen ist. Wir werden gemeinsam Fortschritte
erzielen. Wenn wir unseren Freunden in den neuen
Demokratien in Afrika behilflich sind und mit ihnen
zusammenarbeiten oder uns die Bedeutung unseres
Engagements für Frauen und Kinder vor Augen führen
- immer stehen die amerikanischen Interessen auf dem
Spiel.
Aber sehr viel wichtiger ist, daß Amerikas Werte auf
dem Spiel stehen. Wenn wir von diesen Werten
geleitet handeln, werden wir dazu beitragen, die Welt
in die neue Zukunft zu führen, die wir für unsere Kinder
und alle Kinder auf der ganzen Welt für möglich
erachten.

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�USA-EUROPA
26. März 1997

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Europa
Rede von Wirtschaftsminister Daley

WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration begrüßt die jüngsten Aktionen der Europäischen Union zur
Förderung von Demokratie in Kuba, ist jedoch enttäuscht, daß die EU ein Gremium der Welthandelsorganisation
(WTO) um die Überprüfung der amerikanischen Politik gegenüber Kuba gebeten hat, äußerte Wirtschaftsminister
William Daley bei der Konferenz des European Institute in Washington am 14. März 1997.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Wirtschaftsminister Daley im Wortlaut.

Wenn ich mir die Natur der amerikanisch-europäischen Beziehungen betrachte, kommen mir die Worte
von Präsident Clinton bei seinem ersten Besuch in
Brüssel 1994 in den Sinn:
"Europa bleibt von zentralem Interesse für die Vereinigten Staaten ...
unser wertvollster Partner, nicht nur in
der Sache von Demokratie und Freiheit, sondern auch was Handel und
Investitionen betrifft."
Es gab eine Zeit, in der die Vereinigten Staaten Europa
ausschließlich als Sicherheitsanliegen sahen. Die
Eindämmung des Kommunismus und der sowjetischen
Expansion, die Gewährleistung von Frieden und
Stabilität auf dem Kontinent sowie der Aufbau von
Bündnissen gegen auftretende strategische Bedrohungen auf der ganzen Welt waren die treibende
Kraft hinter unseren Beziehungen. Heute - nach dem
Ende des Kalten Krieges und mit einer prosperierenden Weltwirtschaft - haben sich unsere Bande erweitert und vertieft.
Während die Vereinigten Staaten Beziehungen in
anderen Teilen der Welt kultivieren, sind wir uns
bewußt, daß keine andere Beziehung so wichtig ist wie
die zwischen unserem Land und der Europäischen
Union. Wir haben gemeinsame historische und
kulturelle Bande, und noch wichtiger ist, wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Förderung von Frie-

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den, Demokratie und Entwicklung auf der ganzen Welt
sowie eine gemeinsame Verpflichtung dazu. Gemeinsam haben wir den Krieg in Bosnien beendet und mit
dem Aufbau einer Grundlage für Demokratie und
Wohlstand in der Region begonnen. Wir haben den
aufstrebenden Demokratien in Zentral- und Osteuropa
geholfen und eine Partnerschaft für den Frieden
eingeführt, die alte Trennlinien in Europa durch eine
echte militärische Koalition aller europäischen Länder
ersetzt. Und indem wir unsere gemeinsamen diplomatischen, wirtschaftlichen und strategischen Ressourcen
einsetzen, unterstützen wir den Friedensprozeß im
Nahen Osten und stellen uns gemeinsam gegen die
nukleare Weiterverbreitung auf der koreanischen
Halbinsel.
Aus der Verwüstung des Zweiten Weltkriegs und der
Teilung des Kalten Krieges ist eine Partnerschaft
hervorgegangen, die auf globale Herausforderungen
mit den Lektionen der Geschichte und der Kraft der
Einheit reagiert. Am ermutigendsten ist jedoch, daß
diese Partnerschaft nicht nur eine Partnerschaft der
militärischen Macht und des militärischen Einflußbereichs ist. Das gemeinsame Terrain zwischen den
Vereinigten Staaten und Europa ist vielmehr ebenso
stark durch gemeinsame Wirtschafts- und Handelsinteressen definiert. Die EU ist nicht der größte
Exportmarkt der Vereinigten Staaten - das trifft auf
Kanada zu. Aber die EU ist bei weitem unser größter
Handelspartner - ein Markt für Exporte und Verkäufe
amerikanischer Firmen in Höhe von über einer Billion

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�Dollar und steht damit für nahezu die Hälfte des
Weltmarkts für amerikanische Unternehmen. In der
Tat ist Europa ein viermal größerer Markt für amerikanische Firmen als Kanada oder Japan.
Ebenso beeindruckend wie die Größenordnung der
von uns getätigten Geschäfte ist die Tatsache, daß die
Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa ausgeglichen sind. Drei Millionen
Europäer arbeiten für amerikanische Firmen in Europa,
und drei Millionen Amerikaner sind bei europäischen
Unternehmen in Amerika tätig. In der Tat befindet sich
jeder zwölfte Arbeitsplatz in der Fertigungsindustrie in
den Vereinigten Staaten in einer europäischen Fabrik.
Und auch unsere Handelsbilanz ist im Großen und
Ganzen ausgeglichen. In den vergangenen 25 Jahren
beliefen sich die Handelsüberschüsse und -defizite mit
Europa auf plus-minus Null. Im Vergleich dazu erzielte
der Handel der Vereinigten Staaten mit Asien ein
Defizit von 1,5 Billionen Dollar.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Entwicklung und Unterstützung des Welthandelssystems. Die Hälfte des Welthandels entfällt auf die
Vereinigten Staaten und Europa. Wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Öffnung von Weltmärkten und der Förderung von größerer wirtschaftlicher
Freiheit. Und in den vergangenen 50 Jahren waren
alle Fortschritte beim Welthandelssystem die Folge
unserer gemeinsamen Vereinbarungen und Maßnahmen. Wenn wir nicht übereinstimmen - wie es
während der Uruguay-Runde im Agrarbereich eine
Reihe von Jahren der Fall war - macht der offene
Handel wenig Fortschritte.
Wenn wir jedoch gemeinsam auf gemeinsame Ziele
hinarbeiten, ist unsere globale Führungsrolle ein
beeindruckender Katalysator. Betrachten Sie sich,
was wir in jüngster Zeit durch unsere gemeinsamen
Bestrebungen erreicht haben: Den Abschluß der
Uruguay-Runde, die Gründung der WTO, das Informationstechnologieabkommen und das Abkommen über
Telekommunikationsdienste.
Aber unsere beiden Seiten zum Vorteil gereichenden
bilateralen Beziehungen und unsere gemeinsamen
globalen Interessen bedeuten nicht, daß wir ständig
einer Meinung sind. Über die Jahre hinweg waren
Meinungsverschiedenheiten eine Realität, und wir
haben zweifelsohne auch heute einige - wobei die
größte über das Libertad- oder Helms-Burton-Gesetz
besteht.
Um ganz offen zu sein: Die Clinton-Administration ist
enttäuscht, daß die EU ein Gremium der Welthandelsorganisation (WTO) um die Überprüfung der amerikanischen Politik gegenüber Kuba gebeten hat. Die
Förderung eines friedlichen Übergangs zu Demokratie
in Kuba ist seit langem ein wichtiges Element der
überparteilichen amerikanischen Außenpolitik. Und

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das Schlüsselelement dieser Politik - einschließlich
des während der Kennedy-Administration und dem
Libertad-Gesetz von 1996 verhängten Embargos - sind
Jahrzehnte zurückreichende Gesetze und Bestimmungen, die für die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten als grundlegend angesehen werden. Unsere
Aktionen und Maßnahmen gegenüber Kuba waren nie
durch Profitdenken motiviert. In der Tat ist das
Gegenteil der Fall. Wir waren bereit, den wirtschaftlichen Preis für unsere Prinzipien zu bezahlen, selbst
als ausländische Firmen bereitwillig Geschäfte mit
Kuba getätigt haben. Aber die amerikanische Haltung
in dieser Frage ist klar: Die WTO ist nicht das geeignete Forum zur Lösung von Differenzen in der
Außenpolitik.
Vor diesem Hintergrund möchte ich hinzufügen, daß
diese Administration die jüngsten Aktionen der Europäischen Union zur Förderung von Demokratie in
Kuba begrüßt, insbesondere die "gemeinsame Position" der EU zu Kuba. Auch die Vereinigten Staaten
haben im Geist der Zusammenarbeit gehandelt. Im
Januar hat Präsident Clinton angesichts der kooperativen Bestrebungen unserer Partner das Recht, unter
Titel III des Libertad-Gesetzes Klage zu erheben, zum
zweiten Mal ausgesetzt. Der Präsident hat darüber
hinaus seine Absicht bekundet, das auch weiter zu tun,
solange die EU ihre verstärkten Anstrengungen zur
Förderung von Frieden in Kuba aufrechterhält.
Ich hoffe, daß wir in diesem Geist der Zusammenarbeit
fortfahren und stimme mit Sir Leon Brittans Einschätzung überein, daß wir bezüglich unserer Differenzen
über das Libertad-Gesetz gute Fortschritte gemacht haben. Wir werden zusammen mit der EU alles in
unserer Macht Stehende tun, um eine beide Seiten
zufriedenstellende Resolution zu erzielen. Wenn wir
jedoch unsere Meinungsverschiedenheiten nicht
unverzüglich beilegen, werden die Vereinigten Staaten
die WTO offiziell davon in Kenntnis setzen, daß das im
Februar eingerichtete Gremium keine Befugnis für ein
Verfahren hat, weil es sich hierbei um eine die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihre
Außenpolitik betreffende Angelegenheit handelt.
Abgesehen von Kuba gibt es auch eher routinemäßige
Themen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren
Verbündeten in der EU. Im Agrarbereich haben wir ein
besonders ernstes Problem, da der Mangel an Fortschritten seitens der EU beim Abschluß eines
Veterinär-Äquivalenzabkommens die amerikanischen
Fleisch- und Geflügelexporte in Höhe von über 1
Milliarde Dollar zu stören droht. Wenn wir diesen
Disput nicht bis zum 1. April lösen - in nicht einmal
zwei Wochen - wird das nicht nur Auswirkungen auf
die amerikanischen Exporte, sondern auch auf die der
EU haben. Darüber hinaus haben wir seit einiger Zeit
Differenzen bei anderen Themen, wie den audiovisuellen Quoten der EU, dem Verbot der EU für nicht BSEverseuchtes amerikanisches Rindfleisch, Öko-Kenn-

AMERIKA DIENST 06

�Zeichnungsprogrammen, die europäische Produktionsmethoden bevorzugen, handelsrestriktive Zollkategorie-Neuklassifizierungen von bestimmtem Informationstechnologiegerät und Auftragsvergabepraktiken
bei Stromversorgungsunternehmen.
Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese - und
andere in der Zukunft zweifellos auftauchende Probleme unsere Freundschaft, unsere gemeinsamen
Interessen und die Notwendigkeit von Zusammenarbeit überschatten.
In ihren ersten vier Jahren arbeitete die ClintonAdministration mit der Europäischen Union an der
Schaffung eines transatlantischen Kooperationsmechanismus, der umfassender denn je ist - der
neuen transatlantischen Agenda (NTA). Sie ist eine
ehrgeizige Tagesordnung für die Ausweitung der
amerikanisch-europäischen
Zusammenarbeit, die
Förderung von Frieden und Demokratie, die Erweiterung des Handels und die Ermutigung von
Kontakten zwischen jungen Amerikanern und Europäern, die die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten im Zeitalter nach dem Kalten Krieg sind.
Ferner konzentriert sich die NTA auf das, was möglicherweise als die nächste Generation von Sicherheitsbedrohungen bezeichnet werden könnte - Verbrechen,
Drogen, Gesundheitsgefährdungen und Umweltzerstörung.
Der zweite wichtige Mechanismus, der transatlantische
Wirtschaftsdialog, unterstützt unsere Unternehmen bei
ihrer Suche nach Gemeinsamkeiten beim Abbau von
Hindernissen für die Wirtschaft sowie offenem und
fairem Handel. Der transatlantische Wirtschaftsdialog
ist ein weiteres Hilfsmittel bei den Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union und bietet Unternehmen und Regierung
eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Die Einrichtung
dieser neuen transatlantischen Institutionen ist eine
große Leistung der ersten Clinton-Administration. In
ihrer zweiten Amtszeit sollte unsere Aufgabe darin
bestehen, die bilateralen Probleme schneller zu lösen
und eine Agenda für die Zukunft aufzustellen, damit
keine neuen Probleme entstehen.
Die neue transatlantische Agenda und der transatlantische Wirtschaftsdialog sollten ein wertvolle'
Aktivposten bei der Bewältigung von Aufgaben wie der
genaueren Definition von einem neuen transatlantischen Markt ohne Handelsschranken, von Schritten zu
seiner Erlangung sowie von gemeinsamen Bestrebungen zur Öffnung weiterer Märkte auf der ganzen Welt
sein. Die Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten des
Atlantiks haben ihrem Wunsch nach einem offenen
transatlantischen Markt ohne Handelshemmnisse
Ausdruck verliehen, und genau das ist unser Ziel. Wir
haben einen pragmatischen, schrittweisen Ansatz zu
dem neuen transatlantischen Markt gewählt, der
meines Erachtens der richtige Weg ist. Das wichtigste

AMERIKA DIENST 06

ist jetzt, weitere Einzelheiten unserer Bestrebungen zu
beschließen und klare Ziele zu setzen.
Ein wichtiges frühes Element des neuen transatlantischen Marktes ist ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition Agreement MRA) zur Verringerung der Kosten von Produkttests
und Kontrollen im atlantischen Raum. Wir handeln
derzeit mehrere dieser Abkommen über die gegenseitige Anerkennung der Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union aus, die sich auf bilateralen
Handel im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar
beziehen. Beim amerikanisch-europäischen Gipfel im
vergangenen Dezember wurde das Ziel gesetzt, die
Verhandlungen über das MRA bis Ende Januar
abzuschließen. Demnach hätten wir heute den 73.
Januar! Die Uhr tickt also, obwohl wir uns alle Mühe
geben. Die verbleibenden Schwierigkeiten auf dem
Gebiet von Pharmazeutika und medizinischem Gerät
können überwunden werden, und die diese Woche
geführten kleinen Verhandlungsrunden für diese
Sektoren erzielten vielversprechende Ergebnisse. Ich
kann Ihnen versichern, daß beide Seiten äußerst
motiviert sind und wissen, daß die Augen aller im
Weißen Haus und an der Spitze der EU-Kommission
auf ihnen ruhen. Ich möchte keine zeitlichen Prognosen anstellen, aber nach optimistischen Schätzungen
können wir eher früher als später mit einer Einigung
rechnen - zweifellos vor dem nächsten amerikanischeuropäischen Gipfel Ende Mai.
Eine Vielzahl anderer Fragen im Zusammenhang mit
dem transatlantischen Markt erfordern in den kommenden Monaten unsere Aufmerksamkeit:
Abschluß des Prozesses zur Harmonisierung
von Kraftfahrzeugnormen - ein vor einem Jahr
eingeleitetes Projekt.
Fortschritte bei Zollfragen, dem Schutz geistigen Eigentums und auf anderen Gebieten, auf
denen Kostensenkungen möglich sind, in den
Bereichen Biotechnologie, Pharmazie und
chemische Industrie.
Entwicklung einer gemeinsamen Politik zu
Kryptologie und Entschlüsselung.
Lösung globaler Fragen, beispielsweise
Beschleunigung der Umsetzung von Abkommen der Uruguay-Runde, Abschaffung
der Zölle, Zusammenarbeit bei der Suche
nach dem besten Weg für einen WTO-Beitritt
Chinas und Rußlands.
Besondere Aufmerksamkeit möchte ich auch den
gemeinsamen amerikanisch-europäischen Aktionen
beim Kampf gegen Bestechung und Korruption im
Welthandel widmen. Europa könnte weitaus mehr
unternehmen, um die Empfehlungen der OECD zur

Seite 3

�Bestrafung von Bestechung und Beendigung der
Möglichkeit ihrer steuerlichen Absetzung durchzusetzen. Für Bestechung sollte im Welthandel kein
Raum sein, und die Clinton-Administration möchte,
daß Europa uns bei der Abschaffung dieser Abschreckung von fairem, offenem Handel zur Seite
steht.
In dem Bestreben, die führenden amerikanischen
Unternehmen auf der Weltbühne für offene Märkte und
internationalen Handel zu halten, habe ich mein
Ministerium angewiesen, unsere handelspolitischen
Aufgaben möglichst klar und detailliert darzulegen. Es
steht außer Frage, daß Handelsmissionen effektiv und
gleichermaßen im Interesse von Amerikanern und
Europäern sind. Ich wollte zahlreicheren und unterschiedlicheren Unternehmen die Teilnahme daran
ermöglichen und jede Kritik fernhalten, die Unternehmen dabei behindern könnte. Unsere Handelsmissionen werden offene, zugängliche, transparente
und zielgerichtete Bestrebungen sein, und ich sehe der
Aufgabe erwartungsvoll entgegen, sie zu leiten und die
Botschaft offener Märkte an die führenden Politiker von
Entwicklungsländern weiterzugeben, in denen die
Chancen am größten sind und amerikanische sowie
europäische Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermaßen die größten Erfolge erzielen.
Die uns konfrontierenden Fragen - Differenzen über
Kuba, China und Rußland betreffende Angelegenheiten, technische und spezifische Belange des neuen
transatlantischen Marktes - verblassen in Anbetracht

der großen Gemeinsamkeiten zwischen Amerika und
Europa. Unsere gemeinsame Kultur - Millionen von
amerikanischen Familien mit Geschichte und Wurzeln
in Europa -, unsere gemeinsamen Anliegen - Millionen
von Arbeitnehmern, die ihre Familien mit Arbeitsplätzen in amerikanischen und europäischen Unternehmen ernähren -, und unsere gemeinsame Geschichte - von den Einwanderern, die Amerika aufbauten, bis zu den amerikanischen Soldaten, die Seite
an Seite mit unseren Verbündeten die Kräfte des
Nazismus besiegten und den Totalitarismus abwehrten
- sind ein elementarer Bestandteil der amerikanischeuropäischen Beziehungen.
Der Präsident
hat
Amerika aufgefordert, die Tage zu nutzen, in denen wir
Wohlstand im Inland und Frieden mit dem Ausland
genießen. Dasselbe gilt auch für uns, insbesondere
vor dem Hintergrund, daß die amerikanisch-europäischen Beziehungen der Dreh- und Angelpunkt einer
wachsenden Weltwirtschaft voller Chancen sind, in der
das Leben der Menschen mit jedem Tag reicher,
gesünder, sicherer und freier wird.
Es stünde uns gut an, dem Beispiel von George
Marshall zu folgen, dessen Arbeit im Dienste Amerikas
Europa so sehr dabei half, sich von den Folgen des
Krieges zu erholen und wieder seinen Platz unter den
führenden Nationen der Welt einzunehmen: "Kriege
entstehen durch Armut und Unterdrückung", erklärte
Marshall. "Fortgesetzter Friede ist nur in einer relativ
freien und prosperierenden Welt möglich."
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 06

�USA-DEUTSCHLAND
26. März 1997

Aktuelle Themen der euroatlantischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

ERFURT - (AD) - Der Charge d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, J.D. Bindenagel, hielt am 17. März 1997 beim Treffen der Arbeitsgruppe für außenpolitische Fragen
der CDU/CSU Bundestagsfraktion in Erfurt/Thüringen nachfolgende Rede.

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute zu Ihnen
sprechen zu dürfen. Es ist eine Ehre, mit dieser
herausragenden Gruppe Gedanken über die drängendsten Probleme unserer Zeit auszutauschen.
Es ist mir auch eine besondere persönliche Freude,
heute hier in Thüringen sein zu können. Als der
dienstälteste amerikanische Diplomat in Deutschland
bin ich mir unserer gemeinsamen Erfahrungen aus der
Vergangenheit und der Grundlage wohl bewußt, die
diese Geschichte für unsere Zukunft bildet. Das ist
nirgends offenkundiger als hier in Erfurt.
Im Jahr 1945 gab es eine amerikanische Präsenz in
Thüringen. Auch mein Vater war als Infanterist der
104. Infanteriedivision hier stationiert. Nachdem die
letzte große Schlacht in Halle gekämpft war, wurden er
und seine Division von der Mulde für das historische
Treffen mit russischen Streitkräften nach Torgau
verlegt. Aber wenige Monate später zogen die
amerikanischen Truppen ab, und wir kamen rund
siebenundvierzig Jahre lang nicht zurück. In diesen
dazwischenliegenden Jahren spürten wir, wie hoch der
Preis der nicht vorhandenen amerikanischen Präsenz
ist.
Im vergangenen Monat, am 11. und 12. Februar,
waren die amerikanischen Streitkräfte wieder in
Thüringen - dieses Mal, um eine Übung mit Truppen
der 1. Infanteriedivision durchzuführen. Diese Übung
ist nicht nur ein Anzeichen dafür, wie weit wir seit der
Vereinigung Deutschlands gekommen sind, sondern
steht auch als Symbol, wohin wir beim Streben nach
Sicherheit für ganz Europa gehen wollen.

AMERIKA DIENST 06

Die Beseitigung von Trennlinien, die Förderung von
Stabilität und Wohlstand - das sind die Ziele, von
denen unsere Politik geleitet ist - in der NATO und den
transatlantischen
Beziehungen
gleichermaßen.
Während die Clinton-Administration ihre zweite
Amtszeit antritt, sind dies unsere unumstrittenen
Prioritäten.
Seit die neue Administration am 20. Januar ihre
Geschäfte aufnahm, haben bereits Außenministerin
Albright, Finanzminister Rubin und Verteidigungsminister Cohen Deutschland und andere Hauptstädte
unserer Verbündeten besucht, um diese Prioritäten
umzusetzen und unsere gemeinsame Tagesordnung
eines ungeteilten Europas voranzubringen.
Ein entscheidender Schritt in diesem Prozeß wird die
Anpassung der NATO sein - neue Mitglieder, Umstrukturierung und die Charta zwischen der NATO und
Rußland. Ende der Woche werden die Präsidenten
Clinton und Jelzin in Helsinki zusammenkommen, um
dieses vorrangige Thema zu erörtern.
In wenigen Monaten wird das Bündnis ein
außerordentliches Gipfeltreffen abhalten, um
potentielle neue Mitglieder zur Aufnahme von
Verhandlungen über die Mitgliedschaft einzuladen.
Im gesamten Verlauf des Aufnahmeprozesses
- einem offenen Prozeß, der nicht im Juli endet
- müssen wir sicherstellen, daß die Länder, die
nicht in der ersten Verhandlungsrunde über
die NATO-Mitgliedschaft zum Beitritt eingeladen werden, ihre Beteiligung an einer erweiterten Partnerschaft für den Frieden oder

Seite 1

�besonderen Beziehungen zur NATO aufrechterhalten und sogar vertiefen. Wir sehen,
welche positiven, stabilisierenden Auswirkungen dies bereits in der Region gehabt hat.
Die übergeordneten Ziele der Vereinigten Staaten für
die europäische Sicherheit haben sich in der zweiten
Clinton-Administration nicht geändert. Sie sehen
einige neue Gesichter und einen gewissen neuen Stil
in der amerikanischen Diplomatie, aber unser Ziel
bleibt gleich: Der Aufbau eines friedlichen, integrierten
Europas in einer neuen atlantischen Gemeinschaft.
Diese Gemeinschaft muß in der Lage sein, die Sicherheitsherausforderungen des 21. Jahrhunderts
effektiv zu bewältigen.
Amerika hat seinerseits eine Führungsrolle in der sich
verändernden NATO übernommen. Im Frühjahr 1993
formulierte die erste Clinton-Administration ihre Politik
im Hinblick auf den Krieg auf dem Balkan. Wir wurden
daran erinnert, daß Bismarck einmal gesagt hat, der
Balkan sei nicht das Leben eines einzigen pommerischen Grenadiers wert. Diese Debatte über "elementare" nationale Interessen der Vereinigten Staaten in
Europa war eine lebhafte, eindringliche Prüfung der
Rolle Amerikas in Europa.
Im April 1993 wurde das Holocaust Memorial Museum
in Washington eröffnet - ein Ereignis, das uns die
Gelegenheit bot, das amerikanische Engagement in
Europa durch ein neues Prisma zu betrachten. Der
Eröffnung wohnten zahlreiche Politiker aus Zentraleuropa bei, die uns bei diesem Anlaß an die Instabilität
in Europa entlang der alten Trennlinie des Kalten
Krieges erinnerten. Elie Wiesel, ein Überlebender des
Holocaust, verwies auf die besondere Notwendigkeit
einer andauernden amerikanischen Präsenz in Europa
in solchen Zeiten. Es war nicht nur die Geschichte
lange vergangener Zeiten, sondern auch die jüngere
Geschichte, die die Vereinigten Staaten veranlaßte,
ihre Verpflichtung zu Stabilität und Sicherheit in Europa
erneut zu bekräftigen.
Die NATO paßt sich wie alle wichtigen Institutionen
kreativ an die neue Welt an, in der wir uns wiederfinden. Im Hinblick auf die interne Struktur der NATO ist
Frankreich dabei, seine Beziehungen zum Bündnis
neu zu definieren.
Auch wir suchen nach Wegen zur Stärkung des
europäischen Pfeilers, damit wir den sich abzeichnenden Sicherheitsherausforderungen effektiver begegnen können.
Dies ist nirgends offensichtlicher als bei der Stationierung von NATO-Truppen in Bosnien. Die SFOR, und
davor die IFOR, beweisen, daß die NATO die Aufgaben des 21. Jahrhunderts mit Hilfe von Verbündeten
und Nichtverbündeten gleichermaßen angehen kann.

Seite 2

Auf diese Erfahrung können wir die mögliche CJTFMission der Zukunft aufbauen.
Die Partnerschaft für den Frieden der NATO hat weit
über die anfänglichen Erwartungen hinaus Erfolge
gezeigt. Der bleibende Wert der durch die PfFÜbungen gebotenen konkreten Zusammenarbeit und
persönlichen Erfahrungen ist unermeßlich. Während
wir die PfF erweitern, indem wir mehr gemeinsame
Übungen durchführen und die Ebene unserer bilateralen und multilateralen Kontakte erweitem, wird die PfF
zu einem unerläßlichen Ergänzungsmechanismus für
verstärkte Zusammenarbeit. Aber es gibt noch viele
andere Wege, dies zu erreichen. Die bilateralen
Bestrebungen der Vereinigten Staaten, die wir als den
Aktionsplan für die baltischen Staaten bezeichnen,
sind ein Beispiel.
Und als Teil dieser umfassenden Umgestaltung öffnet
die NATO ihre Türen für neue Mitglieder.
Damit die NATO-Erweiterung Erfolg haben kann, muß
sie in einer Weise vollzogen werden, die Sicherheit
und Stabilität auf dem gesamten Kontinent stärkt - für
Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen. Vor
allem darf sie keine neuen Trennlinien in Europa
schaffen.
Aus diesem Grund ist es entscheidend, daß Rußland
seinen rechtmäßigen Platz in dem neuen Europa
einnimmt. Rußland ist von zentraler Bedeutung bei
unserem Streben nach Stabilität in Europa. Wir
wünschen ein friedliches, stabiles und demokratisches
Rußland, das fest in einen ungeteilten Kontinent
integriert ist.
Ein entscheidendes Element der russischen Integration in europäische Institutionen wird die Entwicklung einer strategischen Partnerschaft zwischen
Rußland und der NATO sein. Diese Partnerschaft
muß auf der Respektierung der legitimen Sicherheitsinteressen der jeweils anderen Seite gründen. Sie
geht von der Überzeugung aus, daß konkrete Zusammenarbeit der Art, wie wir sie zwischen der NATO
und den russischen Bodentruppen in Bosnien gesehen
haben, zum Vorteil aller Parteien ist.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft durch die
Verhandlungen über eine Charta Form und Fokus zu
verleihen. Als Chefunterhändler könnte Generalsekretär Solana später mehr Einzelheiten nennen. Ich
möchte nur sagen, daß wir uns zutiefst zur Entwicklung
dieser Partnerschaft verpflichtet haben und intensiv auf
die Erlangung dieses Ziels hinarbeiten. Gleichzeitig
haben wir uns verpflichtet, mit unserer Tagesordnung
der Erweiterung des Bündnisses fortzufahren. Wie
Außenministerin Albright kürzlich sagte, möchten wir
Rußland ein Mitspracherecht, aber kein Vetorecht
einräumen.

AMERIKA DIENST 06

�Ein anderer wesentlicher Bestandteil unserer Agendafür europäische Stabilität ist die Frage der konventionellen Streitkräfte.
Sie führt die verschiedenen
Elemente - Erweiterung, Partnerschaft mit Rußland
und interne Anpassung - zu einem einheitlichen
Ganzen zusammen. Der KSE-Vertrag bietet die
unerläßliche Grundlage für konventionelle Stabilität auf
dem gesamten europäischen Kontinent. Aber er
wurde zu einer anderen Zeit unter ganz anderen
Umständen konzipiert. Heute arbeiten wir an der
Anpassung des Vertrags an die derzeitigen strategischen Gegebenheiten.
Die NATO unterbreitete in Wien einen weitreichenden
Vorschlag, um die alten Blockstrukturen durch ein
neues System nationaler und territorialer Grenzen zu
ersetzen. Wir möchten die Sicherheit aller Parteien
erhöhen, indem wir die Transparenz auf den niedrigeren Ebenen der Streitkräfte verbessern. Die Verhandlungen über die Anpassung dieses rechtlich bindenden
Vertrags sind ein wichtiger Bestandteil unserer Agenda
für europäische Sicherheit. Diese impliziert auch die
Bestrebung, Stabilität zu einer langfristigen Errungenschaft zu machen, die in einem Vertrag kodifiziert ist.
Unsere neuen Sicherheitsbeziehungen zu Rußland
werden auch durch Wirtschaftsbeziehungen ergänzt.
Die Gore-Tschernomyrdin-Kommission ist zu einem
zentralen Element bei der Gestaltung der Beziehungen
Amerikas und der anderen westlichen Staaten zu
Rußland geworden.
Im Hinblick auf Investitionen, Unterstützung, Beratung
und Goodwill haben wir viel für Rußland - und die
neuen unabhängigen Staaten - erreicht.
Wir reichen Rußland die Hand der Freundschaft, und
Rußland reagiert.
Die russischen Wähler haben in überwältigender Zahl
gezeigt, daß sie zur Bewahrung ihrer neugewonnenen
Freiheiten und zur Fortsetzung des Reformweges
entschlossen sind. Obwohl sie mit großen Schwierigkeiten konfrontiert sind, kämpfen sie darum, über die
sehr realen Härten des Augenblicks hinaus in eine
bessere Zukunft zu blicken.
Unser Ansatz ist umfassend. Er ist nicht auf die
Reform der NATO beschränkt. Vielmehr nutzt er die
bestehenden multilateralen Institutionen wie die
Europäische Union, die Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa und die Welthandelsorganisation. Wir möchten alle verschiedenen Institutionen einbeziehen, weil wir unser Konzept der
neuen atlantischen Gemeinschaft auf eine umfassende
Definition von Sicherheit gründen, die über traditionelle
Militärfragen hinausgeht.
Diese neue Gemeinschaft gründet auf den Idealen, die
Staatsmänner wie George Marshall, Konrad Adenauer

AMERIKA DIENST 06

und Jean Monnet vor nahezu 50 Jahren von einem
wahrhaft integrierten Europa vom Atlantik bis zum Ural
hatten. Sie wird die Partnerschaft der Vereinigten
Staaten nicht nur mit einem integrierteren Europa,
sondern weltweit vertiefen.
Diese Gemeinschaft basiert auf unseren bilateralen
Beziehungen zu allen Ländern Europas sowie auf
unseren Verbindungen im Rahmen multilateraler
Institutionen wie der NATO, der EU und der OSZE.
Durch die Europäische Union, die NATO und die
OSZE haben wir eine historische Chance zur Ausweitung von Frieden und Wohlstand. Durch die
Öffnung demokratischer Institutionen für neue Mitglieder machen wir Gegner zu Freunden und Verbündeten, verbreiten Freiheit und Wirtschaftsreformen und
öffnen unsere Gesellschaften für eine Weltwirtschaft,
die wirklich keine Grenzen kennt. Gemeinsam verfolgen wir eine umfassende Strategie zur Vermeidung
künftiger Konflikte in einem integrierten Europa.
Die ersten Schritte werden nicht allein von der NATO
unternommen.
Die neuen Demokratien Zentraleuropas öffnen sich ebenfalls nach Osten und Westen
um sicherzustellen, daß der Dialog fortgesetzt wird und
fruchtbar ist.
An diesem Punkt möchte ich die positive Rolle Polens
in der Region hervorheben. Polen hat besonderes
Geschick bei der Pflege der Beziehungen zu seinen
Nachbarn im Westen und Osten gleichermaßen
bewiesen und nicht die Tatsache aus den Augen
verloren, daß seine Beziehungen zu diesen Ländern
eine wichtige Priorität bleiben. Polen hat die alte Kluft
überwunden und gemeinsame Friedenssicherungsbataillone mit der Ukraine und Litauen geschaffen.
Polen hat die PfF genutzt, um die Beziehungen zu
seinen Nachbarn im Osten zu verbessern, und nicht
nur, um seine Eignung für einen NATO-Beitritt unter
Beweis zu stellen. Durch diese Bestrebungen hebt
sich Polen als stabilisierender Akteur im neuen
Zentraleuropa ab, dessen Anstrengungen zur Nachahmung empfohlen werden.
Abschließend möchte ich betonen, daß wir uns zwar
einen ehrgeizigen, aber auch den richtigen Zeitplan
gesetzt haben.
Würde der Prozeß langsamer vonstatten gehen,
könnte die politische Unterstützung der NATO in den
Mitgliedstaaten auf unnötige Weise unterminiert
werden. Das Bündnis hat seine ursprüngliche Entscheidung zur Erweiterung vor drei Jahren - 1994 getroffen, und es ist jetzt an der Zeit, Fortschritte zu
machen und die NATO an die derzeitigen Gegebenheiten anzupassen.
Noch länger zu warten, würde einen Aufschub der
vielen mit einer NATO-Erweiterung einhergehenden
Vorteile bedeuten. Madeleine Albright formulierte es

Seite 3

�kürzlich folgendermaßen: "Gleichzeitig gewinnen wir
neue Verbündete, die bestrebt und zunehmend fähig
sind, einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheitsagenda zu leisten - vom Kampf gegen den
Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis zur Sicherung von Stabilität in
Krisenregionen wie dem ehemaligen Jugoslawien."
Allein die Aussicht auf eine NATO-Erweiterung gibt
Zentral- und Osteuropa mehr Sicherheit, als es in
diesem Jahrhundert genossen hat.
Gleichzeitig wollen wir das Tempo nicht forcieren,
denn das könnte - ebenso wie unnötige Verzögerungen - zu Instabilität führen. Wir haben einen überlegten, schrittweisen und transparenten Anpassungsprozeß eingeleitet. Die militärische Effektivität wird
bewahrt. Vor allem werden die 16 Mitgliedstaaten der
NATO während des gesamten Anpassungsprozesses
weiterhin Entscheidungen per Konsens fällen.
Bei unseren Diskussionen über die Zukunft der NATO
sollten wir - und insbesondere diejenigen unter uns,
die an dem politischen Entscheidungsfindungsprozeß
beteiligt sind - nicht vergessen, daß die NATO mehr
bewirkt hat als die Eindämmung der sowjetischen

Bedrohung. Bei ihrer Gründung bot die NATO das
Vertrauen und die Sicherheit, die Europas zerstörte
Volkswirtschaften für ihren Wiederaufbau benötigten.
Sie ermöglichte die europäische Integration, indem sie
die Annäherung von Frankreich und Deutschland
bewirkte. Und sie stabilisierte die Beziehungen
zwischen Griechenland und der Türkei.
Die NATO bot weitaus mehr als die Verteidigung
unserer Lebensweise gegen militärische Aggression.
Sie diente als Forum für Zusammenarbeit bei einer
Vielzahl anderer Fragen. Letztlich wurde sie zu einem
Ort, an dem viele unserer bedeutenden multilateralen
und sogar bilateralen Gespräche stattfanden.
Amerikaner und Europäer können untereinander die
Integration neuer Mitglieder in den Bereichen Politik
und Wirtschaft, Verteidigung und Sicherheit gewährleisten. Wenn wir dieses Ziel erreicht haben, werden
wir auf das Ende des 20. Jahrhunderts als eine Zeit
zurückblicken, in der wir die richtigen Entscheidungen
trafen und den Mut hatten, die historischen Chancen
zu nutzen.
Vielen Dank.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 06

�USA-DEUTSCHLAND
26. März 1997

Kulturbruch mit Amerika - nein danke!
Rede von J.D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 16. März 1997 bei der
Fulbright-Woche in Berlin gehalten hat.

Herr Außenminister, Frau Dr. Ischinger, Mitglieder des
Fulbright-Vereins, liebe Fulbright-Stipendiaten und
Alumni,
vielen Dank für die Gelegenheit, zu Ihnen sprechen zu
dürfen - vor allem hier in Berlin. Immer wenn ich in
diese Stadt komme, denke ich an ihre Geschichte
dramatischer Veränderungen und des Aufruhrs. Man
kann praktisch nicht umhin. Wenn man durch die
Stadt geht und zu der Ruine der Gedächtniskirche
kommt, muß man sich an den Strudel der Gewalt
erinnern, der seine Narben auf diesem Land und der
Welt hinterließ. Der Flughafen Tempelhof erinnert uns
an die 18 Monate der Berliner Luftbrücke und die
Solidarität der Alliierten. Und ein Spaziergang entlang
dem Schöneberger Rathaus ruft die Filme meiner
Jugend und einen jungen amerikanischen Präsidenten
ins Gedächtnis, der uns erklärte, der stolzeste Satz
eines freien Bürgers sei: "Ich bin ein Berliner." Wir
hatten das Glück, diese Stadt ungeteilt und frei zu
erleben, als Symbol nicht nur für ein vereintes
Deutschland, sondern auch für einen Kontinent, der
endlich die letzten Grenzen und Schranken des Kalten
Krieges niederreißt. Sie dürfen nie wieder aufgebaut
werden.
Weswegen wurden diese Schranken überhaupt
errichtet? Wodurch wurden die Kontakte zwischen
West und Ost unterbunden? Ich gebe zu, daß die
Antwort für uns heute von Bedeutung ist, wenn wir die
Reisefreiheit und den Austausch von Gedanken
schützen wollen - die kostbarsten, hart erkämpften
Errungenschaften dieses Jahrhunderts der Konflikte.
Als die Sowjetunion ihre politische Kontrolle über die
Länder Zentral- und Osteuropas konsolidierte, sorgte
Stalin dafür, daß es keine privaten Kontakte zu der
Welt dort draußen gab. Als seine Nachfolger sahen,

AMERIKA DIENST 06

daß die Deutschen aus dem unfreien Teil Deutschlands auf der Suche nach Freiheit und Chancen in den
Westen strebten, errichteten sie Wachposten und die
Berliner Mauer. Als George Marshall vor fünfzig
Jahren Wirtschaftshilfe und Chancen versprach, war
ein Teil Europas, der ebenso zerstört war wie der Rest,
nicht frei, sich daran zu beteiligen. Und als William
Fulbright darauf drängte, daß junge Menschen Studenten - international reisen und zum freien Fluß
von Menschen und Gedanken beitragen, konnte sich
halb Europa nicht daran beteiligen. Wenn uns dieses
zu Ende gehende Jahrhundert nur eines lehrt, dann,
daß Freiheit schnell verloren und massiv, extensiv
unterdrückt werden kann. Diese Unterdrückung kann
letztlich überwunden werden, aber nur nach großem
Leid. Wenn der Staat dem Volk die Kontrolle entzieht
oder die Menschen ihre Freiheit dem Staat abtreten, ist
der freie Fluß der Menschen und Gedanken meistens
das erste Opfer. Robert Frost sagte einmal, etwas in
der menschlichen Natur verabscheue eine Mauer.
Das mag zutreffen, aber wir dürfen nicht untätig
zusehen. Wir benötigen Brücken, die jede Mauer
überspannen können.
Das Fulbright-Austauschprogramm ist eine solche
Brücke - vielleicht unsere wichtigste. Sie ist stabil und
jetzt über fünfzig Jahre alt. Mehr als 20.000 Menschen
haben diese Brücke zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten überquert. Ihre Erfahrungen und
Leistungen im Leben beweisen, daß die Deutschen
und Amerikaner, die diese Brücke überquerten, in
hohem Maße von ihren Studien und Reisen profitiert
haben. Sie haben unsere beiden Länder auch bereichert. Sie sind Minister und Fernsehkommentatoren,
Leiter von Unternehmen und Anwaltskanzleien,
führende Akademiker und Wissenschaftler geworden.
Ein amerikanischer Fulbright-Stipendiat in Deutschland

Seite 1

�wurde ein Astronaut, und einem deutschen FulbrightStipendiaten in den Vereinigten Staaten wurde vor
einigen Jahren der Friedensnobelpreis für Medizin
verliehen. Wie es ein Bundestagsabgeordneter vor
kurzem formulierte, war das deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm in den letzten fünfzig Jahren der
Eckpfeiler der bilateralen kulturellen Beziehungen.
Und Präsident Herzog erklärte in einer Rede hier in
Berlin vor nur einem Jahr, das Fulbright-Programm sei
eine wunderbare Investition in unsere gemeinsame
Zukunft. Präsident Clinton schrieb im vergangenen
Jahr, das Fulbright-Programm sei wichtiger als je zuvor
- ein maßgeblicher Beitrag zur Entwicklung einer auf
Frieden, Wohlstand und Freiheit gegründeten globalen
Staatengemeinschaft.
Diese starken Worte des Lobes und Engagements
sollten uns erfreuen und ermutigen. Austauschschüler, Alumni und alle an der ausgezeichneten
Durchführung des Fulbright-Programms in Deutschland Beteiligten können zu Recht stolz sein. Aber die
durch das Fulbright-Programm gebaute "Brücke"
benötigt noch unsere Unterstützung. Wir leben in
einer Zeit, in der sich die Regierungen unserer beiden
Länder großem Druck ausgesetzt sehen, zu sparen
und die fortgesetzte Notwendigkeit jedes Programms
unter Beweis zu stellen. In meinem Land sieht das
Modell für staatliche Aktivitäten - das von manchen als
Paradigma bezeichnet wird - vor, daß Programme nur
mit staatlichen Geldern gefördert werden, wenn sie
eine Partnerschaft mit dem Privatsektor vorweisen
können. Die Fulbright-Kommission in Deutschland
erfüllt diese Bedingung mit ihrem neuen Verein der
Freunde und Förderer des deutsch-amerikanischen
Fulbright-Programms, der sowohl Praktikantenplätze
als auch Stipendien anbietet. Ich bin überzeugt, wenn
der Privatsektor ein echtes Engagement für staatlich
unterstützte
Austauschprogramme
demonstriert,
werden Regierungen nicht vor ihren Verpflichtungen
zurückschrecken. Sie werden an diesem Erfolg
teilhaben wollen. In diesem Jahr ist der FulbrightFörderverein ebenso gewachsen wie der Beitrag der
amerikanischen und der deutschen Regierung.
Ich möchte eine logische Schlußfolgerung ziehen.
Wer sich die gesamten deutsch-amerikanischen
Austauschprogramme ansieht - berufliche, akademische, Jugendaustausch, Städtepartnerschaften - ist
zweifelsohne verblüfft, wenn er sich die staatlichen
Beiträge ansieht. Die zahlreichen Stiftungen, Berufsgruppen, Privatvereinigungen und Unternehmen fügen
den Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
jedes Jahr im realen Leben und im Cyberspace immer
mehr Brücken hinzu. Sie ersetzen die Rolle der
Regierung nicht, sondern ergänzen sie. Wahrscheinlich kann niemand genau sagen, wieviele private
Übereinkünfte zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen
geschlossen wurden. Wir wissen, daß es viele gibt möglicherweise mehr als je zuvor. Das heißt jedoch

Seite 2

nicht, daß wir das Fulbright-Programm weniger nötig
hätten.
Wir müssen den Privatsektor, die akademischen
Institutionen und die Medien insgesamt in unsere
Kulturbeziehungen einbeziehen. Allzu viele vertreten
die irrige Annahme, zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten gebe es einen Kulturbruch. Das
Gegenteil ist der Fall. Die Vereinigten Staaten haben
in Europa keinen wichtigeren Austauschpartner auf
kultureller, akademischer und beruflicher Ebene als
Deutschland. Und ich wage zu behaupten, daß es für
Deutschland außerhalb von Europa kein wichtigeres
Tourismus- und Austauschland gibt als die Vereinigten
Staaten. Diese Beziehungen sind zu umfassend, zu
vielfältig und zu dynamisch, um in die enge Schablone
von Beziehungen zwischen spezifischen Institutionen
gepreßt zu werden. Es sind Beziehungen mit vielen
Brücken, nicht nur mit einer.
Die selektive Lektüre einiger Zeitungen mag den
Eindruck erwecken, in Amerika habe sich das Bild von
Deutschland geändert oder Deutschland sei für
Amerika nicht länger einzigartig.
Solche Artikel
erwähnen den Abbau der amerikanischen Streitkräfte
in Deutschland oder die Umstrukturierung einiger
Amerika Häuser. Aber sie begreifen nicht das Wesentliche: Wir leben nicht mehr in einer Zeit der Selbstverständlichkeit oder des automatischen Konsenses,
sondern in einer Zeit der Partnerschaft. Ein amerikanischer Kommentator schrieb letzte Woche in der
Washington Post nachdem er diese Stadt besucht
hatte, in Deutschland sei die größte Story, daß es
keine Story gebe - das heißt, wie er es formulierte, "die
alte Nation scheint vollkommen verschwunden zu
sein".
Glücklicherweise werden wir nicht mehr mit der
Tyrannei konfrontiert, die dieses Jahrhundert in
Aufruhr versetzte. Die Mauern sind gefallen, und auf
den Brücken herrscht mehr Geschäftigkeit denn je.
Dies ist das normale und aufregende Zeitalter der
Vorbereitung auf das neue Jahrhundert in internationaler Partnerschaft. Das Fulbright-Programm ragt
als leuchtendes Beispiel heraus und verbindet unsere
beiden Gesellschaften miteinander. Es gibt keinen
Kulturbruch.
Sie wissen, daß es eine Tradition gibt, die so alt ist wie
das Fulbright-Programm in diesem Land. Jedes Jahr
im Herbst kommen die derzeitigen und ehemaligen
Mitglieder des Fulbright-Programms in Bremen
zusammen, wo die ersten deutschen Fulbright-Stipendiaten in den fünfziger Jahren mit dem Schiff in die
Vereinigten Staaten aufbrachen und die ersten
amerikanischen Austauschschüler in Deutschland
ankamen. Jedes Frühjahr kommen sie hier in Berlin
zusammen. Bei diesen jährlichen Zusammenkünften
sprechen sie über die Geschichte, deren Bestandteil
sie sind und jetzt in Berlin über die Zukunft, in der sie

AMERIKA DIENST 06

�eine wichtige Rolle spielen werden. Ich bin überzeugt,
daß diese Rolle angesichts steigernder Kommunikation und Kontak'e zwischen unseren beiden Ländern
an Bedeutung gewinnen und die Zeit immer weiter
zurück in die Geschichte verweisen wird, in der diese
Kontakte tatsächlich unterbrochen waren. Wenige
Dinge verbinden uns so stark wie das halbe Jahrhundert unseres gemeinsamen Engagements für un-

sere grundlegenden Menschenrechte - Reisefreiheit
und freier Gedankenaustausch. Mit Ihrem persönlichen Engagement und mit Unterstützung unserer
beiden Regierungen wird es nie wieder einen solchen
Bruch geben.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 06

Seite 3

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                <text>Amerikadienst 26.03.1997</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ziel ist ein stabiles, demokratisches, geeintes Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Förderung des Status der Frau ist Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Reden der Außenministerin und der First Lady&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Wirtschaftsminister Daley&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aktuelle Themen der euroatlantischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kulturbruch mit Amerika - Nein Danke!&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Amerikadienst&#13;
&#13;
Herausgeber: U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
9. April 1997&#13;
&#13;
07&#13;
&#13;
AUSSENPOLITIK&#13;
&#13;
DIE AMERIKANISCHE FUHRUNGSROLLE&#13;
IM 21. JAHRHUNDERT ZUR GESTALTUNG&#13;
DER ZUKUNFT&#13;
Rede von Außenministerin Madeleine Albright&#13;
EINE AUSSENPOLITISCHE AGENDA FÜR&#13;
DIE ZWEITE CLINTON-ADMINISTRATION&#13;
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters&#13;
&#13;
ABRÜSTUNG&#13;
&#13;
CLINTON DRANGT AUF RATIFIZIERUNG&#13;
DER CHEMIEWAFFENKONVENTION&#13;
Ansprache des Präsidenten&#13;
RATIFIZIERUNG DER CHEMIEWAFFENKONVENTION IST OBERSTE PRIORITÄT&#13;
Übersicht des Weißen Hauses&#13;
ABRÜSTUNGSKONFERENZ STREBT&#13;
MULTILATERALES ABRÜSTUNGSABKOMMEN FÜR DIE GANZE WELT AN&#13;
Abschiedsrede von&#13;
Botschafter Stephen Ledogar&#13;
&#13;
PORTRAT&#13;
&#13;
GEORGE J. TENET&#13;
Der designierte CIA-Direktor&#13;
&#13;
Informationen über die Politik der US-Regierung und&#13;
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können&#13;
auf der Home Page von USIS-Deutschland&#13;
im World Wide Web des Internet unter&#13;
http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
abgerufen werden.&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Tel.: 0228-339 2372&#13;
&#13;
Fax: 0228-333 138&#13;
e-mail: bbsbonn@usia.gov&#13;
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
&#13;
�AUSSENPOLITIK&#13;
9. April 1997&#13;
&#13;
Die amerikanische Führungsrolle im 21. Jahrhundert&#13;
zur Gestaltung der Zukunft&#13;
Rede von Außenministerin Madeleine Albright&#13;
&#13;
WINGATE - (AD) - US-Außenministerin Madeleine Albright hielt am 25. März 1997 an der Wingate University&#13;
(North Carolina), der Alma Mater des republikanischen Senators Jesse Helms, im Rahmen der Jesse HelmsVortragsreihe eine Rede, deren vorbereiteten Text wir nachfolgend veröffentlichen.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender, vielen Dank für Ihre einleitenden&#13;
Worte und Ihre Gastfreundschaft. Ich bin im Ausland&#13;
geboren, wuchs in Denver auf und arbeite in Washington, aber nach dem heutigen Tag fühle ich mich fast&#13;
wie eine Einheimische von Tarheel. Ganz herzlichen&#13;
Dank.&#13;
Dr. McGee, Dr. Provost, Herr Dodd, Herr Baldwin,&#13;
liebe Studentinnen und Studenten, liebe Fakultätsangehörige, verehrte Gäste, es ist mir eine Ehre, im&#13;
Rahmen der Jesse Helms-Vortragsreihe zu Ihnen zu&#13;
sprechen.&#13;
Ich weiß um die Rolle, die Wingate University im Leben&#13;
von Senator Helms gespielt hat, und um den Ruf, den&#13;
diese Universität in einem Bundesstaat erworben hat,&#13;
der mit hochwertigen Bildungseinrichtungen reich&#13;
gesegnet ist.&#13;
Als ehemalige Dozentin liebe ich das akademische&#13;
Umfeld - und alte Gewohnheiten legt man nur schwer&#13;
ab. Bei meinen Anhörungen im Ausschuß von Senator&#13;
Helms erinnert dieser mich immer wieder daran, daß&#13;
nicht jede Frage eine 50 Minuten lange Antwort&#13;
verlangt.&#13;
Trotzdem kommen wir beide gut miteinander aus - was&#13;
manche erstaunt. Sie fragen sich, was uns verbindet.&#13;
Schließlich wurde der Senator im ländlichen North&#13;
Carolina geboren und ich in der Hauptstadt der&#13;
Tschechoslowakei.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
Er kann Square Dance tanzen, ich habe den Macarena&#13;
getanzt - und im Gegensatz zu Vizepräsident Gore&#13;
bewege ich mich dabei auch.&#13;
Er ist Republikaner, während ich - bevor ich Diplomatin&#13;
wurde und man alle meine parteipolitischen Instinkte&#13;
chirurgisch entfernte - den Demokraten angehörte.&#13;
Was also haben wir gemeinsam?&#13;
Meines Erachtens ist die Antwort schon auf der ersten&#13;
Seite des von Senator Helms verfaßten Buchs zu&#13;
finden.&#13;
Ich habe "keinen Zweifel", schreibt der Senator darin,&#13;
"daß es das größte Glück eines Menschen ist, im 21.&#13;
Jahrhundert als Amerikaner geboren zu werden".&#13;
Senator Helms und ich sind nicht immer einer Meinung. Aber wir sind beide dankbar für das Privileg, in&#13;
diesem Land zu leben.&#13;
Wir sind uns beide bewußt, daß unsere Fähigkeit, frei&#13;
und ohne Angst über Meinungsverschiedenheiten zu&#13;
reden, nicht als selbstverständlich hingenommen&#13;
werden kann. Millionen sind für dieses Recht gestorben. Und Millionen Menschen wird es immer noch&#13;
verwehrt.&#13;
Wir sind beide der Ansicht, daß der in der amerikanischen Verfassung niedergelegte Gedanke der&#13;
Freiheit des einzelnen auch nach mehr als 200 Jahren&#13;
die mächtigste und positivste Kraft für den Wandel ist.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Und wir sind beide der Meinung, daß wir der Welt nicht&#13;
den Rücken zuwenden dürfen, wenn unsere Freiheiten&#13;
im nächsten amerikanischen Jahrhundert überleben&#13;
sollen.&#13;
&#13;
Werte fördern, auf denen Demokratie und Identität der&#13;
Vereinigten Staaten gründen.&#13;
&#13;
Sie an der Wingate University wissen das ebenfalls.&#13;
Wie Ihre Broschüre sagt, muß man hier über die&#13;
Gegebenheiten auf der Welt Bescheid wissen.&#13;
&#13;
Als Ergebnis der amerikanischen Diplomatie und der&#13;
von Administrationen beider Parteien gezeigten&#13;
militärischen Führung sind unsere Bürger heute&#13;
sicherer als zu jedem anderen Zeitpunkt in der&#13;
Geschichte.&#13;
&#13;
Die Angehörigen der Universität werden zum Reisen&#13;
ermutigt und dabei unterstützt. Das ist ein wichtiger&#13;
Bestandteil ihrer Vorbereitung auf die Zukunft.&#13;
&#13;
Russische Raketen sind nicht länger auf unsere&#13;
Häuser gerichtet, und aus der Ukraine, Belarus und&#13;
Kasachstan wurden die Nuklearwaffen abgezogen.&#13;
&#13;
Wenn die hiesigen Studenten Ihren Abschluß gemacht&#13;
haben, werden Sie auf einem globalen Markt konkurrieren. Ihre Arbeitsplätze hängen vielleicht von der&#13;
Stärke des Handels in Übersee ab. Die Sicherheit&#13;
Ihrer Familien wird davon beeinflußt, ob sie die&#13;
Weiterverbreitung von Nuklearwaffen verhindern und&#13;
die Ausweitung kleiner Kriege zu großen stoppen und&#13;
ob wir den Kampf gegen internationalen Terrorismus,&#13;
Verbrechen, Drogen und Krankheiten gewinnen&#13;
können.&#13;
&#13;
Das Nuklearwaffenprogramm Nordkoreas&#13;
eingefroren und wird eingestellt.&#13;
&#13;
Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit als Außenministerin besteht darin, die Öffentlichkeit zu informieren, daß Erfolg oder Scheitern der amerikanischen&#13;
Außenpolitik einer der bestimmenden Faktoren in&#13;
ihrem Leben sein wird - wie auch in meinem.&#13;
Und ich schlage vor, daß Sie beim Nachdenken über&#13;
Ihre Zukunft auch überlegen, wie Sie zum Erfolg&#13;
Amerikas beitragen könnten. Für mich gibt es kein&#13;
bedeutenderes oder aufregenderes Ziel und kein&#13;
interessanteres Gebiet als internationale Angelegenheiten.&#13;
Wer weiß, ob nicht vielleicht einer von Ihnen eines&#13;
Tages Außenminister oder Vorsitzender des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten wird.&#13;
Ich hoffe es. Und ich hoffe auch, daß die Welt, die Sie&#13;
dann vorfinden, ebenso gut oder sogar noch besser ist&#13;
als die heutige.&#13;
Vor diesem Hintergrund ist die amerikanische Außenpolitik drei zentralen Zielen verpflichtet.&#13;
Erstens wollen wir weiterhin die Sicherheit unserer&#13;
Bürger gewährleisten, indem wir sie gegen Bedrohungen unserer Sicherheit und der unserer Verbündeten&#13;
und Freunde verteidigen.&#13;
Zweitens wollen wir den Wohlstand unserer Bürger&#13;
erhalten, indem wir eine in ständigem Wachstum&#13;
begriffene Weltwirtschaft schaffen, in der Begabungen&#13;
und Produktivität der Amerikaner belohnt werden.&#13;
Drittens sind wir zur Bewahrung der Freiheit unserer&#13;
Menschen entschlossen, indem wir die Prinzipien und&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
wurde&#13;
&#13;
Saddam Hussein im Irak bleibt in einer strategischen&#13;
Zelle gefangen und kann seine Nachbarn - oder uns nicht mehr bedrohen.&#13;
In Asien gründen wir mit Verbündeten und Freunden&#13;
eine Gemeinschaft der Nationen mit gleichen Interessen und einer gemeinsamen Verpflichtung zum&#13;
Frieden.&#13;
In Europa, wo Amerika in diesem Jahrhundert zwei&#13;
heiße Kriege und einen Kalten Krieg geführt hat,&#13;
machen wir Fortschritte bei der Schaffung eines&#13;
vollständig geeinten, friedlichen und freien Kontinents.&#13;
Und wir arbeiten mit unseren NATO-Verbündeten an&#13;
der Anpassung unseres großartigen Bündnisses an&#13;
neue Missionen sowie an der Aufnahme neuer Mitglieder.&#13;
Diese Bestrebungen sind kein Altruismus unsererseits,&#13;
sondern vielmehr Realismus. Sie sind richtig und klug.&#13;
Wir wissen jedoch, daß Einsatzbereitschaft auch ihren&#13;
Preis hat.&#13;
Es kostet Geld, eine Nukleareinrichtung in Nordkorea&#13;
oder Irak zu inspizieren oder Nuklearmaterial aus der&#13;
ehemaligen Sowjetunion sicher zu zerlegen und zu&#13;
entsorgen. Es kostet Geld, unseren Partnern bei der&#13;
Schaffung von Frieden und Demokratie zu helfen und&#13;
transnationale Verbrechen zu bekämpfen.&#13;
Unter der Clinton-Administration bestehen wir darauf,&#13;
daß andere Länder den ihnen zukommenden Teil der&#13;
Kosten unserer gemeinsamen Unternehmungen tragen. Amerika ist ein Kämpfer, kein Dummkopf.&#13;
Aber ohne Mittel können wir keine Führungsrolle&#13;
übernehmen.&#13;
Ich habe den Ausschußvorsitzenden Helms aufgefordert - ebenso wie ich das jetzt bei Ihnen tue - dem&#13;
Antrag des Präsidenten zur Finanzierung unserer&#13;
Programme für internationale Angelegenheiten&#13;
stattzugeben. Der Betrag für alles - von Hilfe für Israel&#13;
über die Schaffung des Friedens in Bosnien bis zum&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�Kauf von Bleistiften für unsere Botschaft in Tokio entspricht einem Prozent unseres Gesamthaushalts.&#13;
Aber dieses eine Prozent könnte fünfzig Prozent der&#13;
Geschichte unseres Zeitalters bestimmen, und es wird&#13;
das Leben von einhundert Prozent des amerikanischen Volkes bestimmen.&#13;
Eine der ersten und obersten Prioritäten des Präsidenten, die zweifelsohne unser Leben beeinflußt, ist&#13;
der Vertrag über das weltweite Verbot chemischer&#13;
Waffen.&#13;
Dieser als CW-Konvention bezeichnete&#13;
Vertrag tritt am 29. April in Kraft. Unser Ziel ist die&#13;
Ratifizierung des Vertrags vor diesem Zeitpunkt, damit&#13;
Amerika zu den ursprünglichen Vertragsunterzeichnern zählt.&#13;
Chemiewaffen sind unmenschlich. Sie töten auf&#13;
schreckliche und massive Art und sind - wenn sie erst&#13;
einmal stationiert sind - ebenso unkontrollierbar wie&#13;
der Wind. Aus diesem Grund haben wir vor langer Zeit&#13;
beschlossen, unsere Bestände an diesen Waffen zu&#13;
beseitigen. Wir werden sie nicht gegen andere&#13;
einsetzen. Die Chemiewaffenkonvention wird dazu&#13;
beitragen sicherzustellen, daß andere sie nie gegen&#13;
uns einsetzen.&#13;
Die Chemiewaffenkonvention besagt, daß keine Nation&#13;
Chemiewaffen herstellen oder besitzen darf. Sie gibt&#13;
uns starke und effektive Instrumente zur Durchsetzung&#13;
dieser Bestimmung. Dadurch wird es Terroristen oder&#13;
verbrecherischen Staaten erschwert, diese schrecklichen Waffen herzustellen, zu kaufen oder heimlich zu&#13;
besitzen.&#13;
Nicht jeder stimmt dem zu. Es gibt auch aufmerksame&#13;
Kritiker des Vertrags, die ihn als fehlerhaft bezeichnen,&#13;
weil wir nicht von einer frühzeitigen Ratifizierung und&#13;
vollständigen Befolgung durch verbrecherische&#13;
Staaten ausgehen können.&#13;
Das ist ein ernst gemeintes Argument, aber es überzeugt mich nicht. Es ist, als würde man einem Gesetz&#13;
gegen den Drogenhandel seinen Sinn absprechen,&#13;
weil es Drogenhändler gibt. Wir dürfen nicht zulassen,&#13;
daß Verbrecher die Spielregeln vorgeben. Wir und&#13;
andere gesetzestreue Nationen müssen die Normen&#13;
festsetzen, nach denen alle beurteilt werden.&#13;
General Norman Schwarzkopf bemerkte kürzlich,&#13;
wenn der Senat die CW-Konvention ablehne, würden&#13;
die Vereinigten Staaten nicht länger auf derselben&#13;
Seite stehen wie unsere Verbündeten, sondern auf der&#13;
Seite von Ländern wie Libyen und Irak.&#13;
Und das ist noch nicht alles. Wenn wir die Chemiewaffenkonvention nicht bis Ende April ratifizieren, verlieren&#13;
wir das Recht, an der Aufstellung der Regeln mitzuwirken, anhand deren die Konvention umgesetzt&#13;
wird.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
Wir würden das Recht verlieren, an der Verwaltung&#13;
und Durchführung von Inspektionen mitzuwirken.&#13;
Und wir würden gravierende wirtschaftliche Verluste&#13;
riskieren.&#13;
Einem von mehr als einem Dutzend Geschäftsführern&#13;
von Unternehmen mit Zweigstellen hier in North&#13;
Carolina unterzeichneten Brief zufolge könnte "der&#13;
Status der chemischen Industrie der Vereinigten&#13;
Staaten als bevorzugter Lieferant der Welt auf dem&#13;
Spiel stehen, wenn der Senat nicht für die CW-Konvention stimmt".&#13;
"Wir riskieren den Verlust von Millionen Dollar an&#13;
Verkäufen in Übersee und setzen Tausende gut&#13;
bezahlter amerikanischer Arbeitsplätze aufs Spiel", so&#13;
die Geschäftsführer.&#13;
Die Ratifizierung der CW-Konvention durch Amerika ist&#13;
richtig und klug. In der Tat trägt die Konvention über&#13;
und über die Worte "made in America". Sie wurde von&#13;
Präsident Reagan befürwortet, unter Präsident Bush&#13;
ausgehandelt und wird von unseren Militärs stark&#13;
unterstützt.&#13;
In den kommenden Wochen werden der Präsident und&#13;
ich versuchen, die Senatoren davon zu überzeugen,&#13;
diesem wichtigen Vertrag rechtzeitig zuzustimmen.&#13;
Ein zweites wesentliches Ziel der amerikanischen&#13;
Außenpolitik ist die Schaffung von amerikanischen&#13;
Arbeitsplätzen. Die Clinton-Administration verzeichnete hier außerordentliche Erfolge. Seit 1993 wurden&#13;
über 200 Handelsabkommen vereinbart, wodurch die&#13;
Exporte in die Höhe schnellten und landesweit schätzungsweise 1,6 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.&#13;
Das ist wichtig für Staaten wie North Carolina, die in&#13;
hohem Maße von Exporten abhängen. Senator Helms&#13;
trug dieser Tatsache Rechnung, als er im vergangenen&#13;
Jahr die Botschafter von sieben südostasiatischen&#13;
Nationen hierhin einlud.&#13;
Er weiß, was auch unsere Geschäftsleute wissen: Der&#13;
Wettbewerb um die Weltmärkte ist hart. Häufig liegen&#13;
unsere Firmen Kopf an Kopf mit ausländischen&#13;
Konkurrenten, die aktiv von ihren Regierungen&#13;
unterstützt werden.&#13;
Unser Ziel ist, daß amerikanische Unternehmen,&#13;
Arbeitnehmer und Landwirte gleiche Chancen beim&#13;
Wettbewerb haben.&#13;
Und wir machen weiterhin&#13;
Fortschritte in diese Richtung.&#13;
Im Dezember letzten Jahres vereinbarten wir ein&#13;
internationales Technologieabkommen, das für viele&#13;
Hightechfirmen in North Carolina neue Märkte öffnen&#13;
wird.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Und Anfang dieses Jahres unterzeichneten wir ein&#13;
globales Telekommunikationsabkommen, das die&#13;
Verkäufe und Investmentchancen für Unternehmen&#13;
aus dieser Region und in ganz Amerika dramatisch&#13;
erhöhen wird.&#13;
Solange ich Außenministerin bin, wird unsere Diplomatie ein globales Wirtschaftssystem anstreben, das&#13;
zunehmend offen und fair ist. Unsere Botschaften&#13;
werden amerikanischen Firmen jegliche Unterstützung&#13;
gewähren. Unsere Unterhändler werden auf Handelsabkommen hinarbeiten, die zur Schaffung neuer&#13;
amerikanischer Arbeitsplätze beitragen. Und ich&#13;
persönlich werde dafür eintreten - wie ich es während&#13;
meiner jüngsten Reise nach Südkorea, Japan und&#13;
China getan habe - daß andere den Vereinigten&#13;
Staaten gestatten müssen, Geschäfte in ihrem Land zu&#13;
machen, wenn sie in unserem Hinterhof verkaufen&#13;
wollen.&#13;
Macht, starke Bündnisse, wirtschaftliche Führung und&#13;
aktive Diplomatie tragen zu unserer Sicherheit und&#13;
unserem Wohlergehen bei. Aber um die Zukunft zu&#13;
gestalten, die wir für unsere Kinder wünschen, müssen&#13;
wir auch getreu den amerikanischen Werten leben.&#13;
Einige meinen, die Vereinigten Staaten seien dumm,&#13;
bei der Durchführung der Außenpolitik moralische&#13;
Grundsätze anzulegen.&#13;
Meines Erachtens kann eine Außenpolitik ohne&#13;
moralische Erwägungen das amerikanische Volk nie&#13;
richtig repräsentieren. Weil wir an unsere Prinzipien&#13;
geglaubt haben, ist die amerikanische Führungsrolle in&#13;
den meisten Teilen der Welt nicht nur notwendig,&#13;
sondern willkommen.&#13;
Deswegen müssen wir internationales Verbrechen&#13;
bekämpfen und die Geschäfte derjenigen für immer&#13;
unterbinden, die mit illegalen Drogen handeln.&#13;
Aus diesem Grund müssen wir uns den Kräften des&#13;
internationalen Terrorismus stellen.&#13;
Aus diesem Grund sollten wir unsere Stimme gegen&#13;
diejenigen erheben, die Menschenrechte verletzen sei es in Bagdad, Burma, Burundi oder Beijing.&#13;
Aus diesem Grund sollten wir unser Wort halten und&#13;
unsere Schulden bei den internationalen Organisationen bezahlen, auf die wir uns bei der Bekämpfung von&#13;
Hunger, der Kontrolle von Epidemien, der Sorge um&#13;
Flüchtlinge und der Gewährleistung des Überlebens&#13;
von Babys und Kindern verlassen.&#13;
Aus diesem Grund sollten wir zu Recht formulierte&#13;
internationale Konventionen über Menschenrechte&#13;
ratifizieren, einschließlich der Konvention über die&#13;
Abschaffung der Diskriminierung der Frau - nahezu&#13;
zwanzig Jahre nach ihrer Unterzeichnung.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Wenn es um die Rechte von mehr als der Hälfte der&#13;
Menschen auf der Welt geht, sollte Amerika den Weg&#13;
weisen. Heute werden Frauen auf der ganzen Welt in&#13;
verabscheuungswürdiger Weise mißbraucht - von&#13;
häuslicher Gewalt über Morde wegen der Mitgift bis zu&#13;
jungen Mädchen, die zur Prostitution gezwungen&#13;
werden. Einige sagen, dies sei alles kulturell bedingt,&#13;
und wir könnten nichts dagegen tun. Ich sage, es ist&#13;
ein Verbrechen, und wir alle haben die Verantwortung,&#13;
das zu beenden.&#13;
Wenn wir unseren amerikanischen Werten getreu&#13;
leben, müssen wir alles in unserer Macht Stehende&#13;
tun, damit die Regierung "des Volkes, durch das Volk&#13;
und für das Volk" weiterhin Fortschritte auf der Welt&#13;
erzielt.&#13;
Eine der wichtigsten Lektionen dieses Jahrhunderts&#13;
lautet, daß Demokratie der Vater des Friedens ist.&#13;
Freie Nationen sind gute Nachbarn. Verglichen mit&#13;
Diktaturen werden sie mit geringerer Wahrscheinlichkeit Akte der Aggression begehen, Terroristen unterstützen, internationales Verbrechen fördern oder&#13;
Flüchtlingsströme verursachen.&#13;
In Haiti handelten die Vereinigten Staaten richtig bei&#13;
der Wiedereinsetzung der demokratisch gewählten&#13;
Führung und klug bei der Beseitigung der Quelle des&#13;
Terrors, die Tausende veranlaßte, an unsere Küsten&#13;
zu fliehen.&#13;
In Kuba handeln die Vereinigten Staaten richtig beim&#13;
Drängen auf demokratischen Wandel und klug bei der&#13;
Zusammenarbeit mit lateinamerikanischen und&#13;
europäischen Politikern, damit von allen Seiten Druck&#13;
ausgeübt wird.&#13;
Heute ist in unserer Hemisphäre nur Kuba ein unfreies&#13;
Land. Und wie Senator Helms des öfteren ausführte,&#13;
hat das kubanische Regime nicht die Zeit auf seiner&#13;
Seite. Wie könnte es auch? Der Kommunismus&#13;
wurde geschaffen, um die Probleme des 19. Jahrhunderts zu lösen - und versagte. Er wurde im 20.&#13;
Jahrhundert prominent und verursachte den Tod oder&#13;
die Inhaftierung von Millionen von Menschen. Heute,&#13;
an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, ist er ein Relikt,&#13;
ein sinkendes Schiff, das bald in den Wellen der&#13;
Geschichte versinkt. Er konnte nicht mit der Idee der&#13;
Freiheit konkurrieren.&#13;
Vor einem halben Jahrhundert erarbeitete eine&#13;
Generation amerikanischer Führungspersönlichkeiten,&#13;
darunter Außenminister George Marshall und Senator&#13;
Arthur Vandenberg, der republikanische Vorsitzende&#13;
des auswärtigen Ausschusses des Senats, einen&#13;
überparteilichen Konsens zur Verteidigung der Freiheit&#13;
gegen die Bedrohungen ihrer Zeit.&#13;
Sie taten dies nicht, weil es gute Politik, sondern weil&#13;
es am besten für Amerika war.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�Sie verstanden, daß wir eher Erfolg haben, wenn die&#13;
Amerikaner Seite an Seite stehen und über Parteigrenzen hinweg handeln.&#13;
Sie wußten, daß unser Engagement größeres Vertrauen hervorbringt, wenn wir zusammen sind. Und&#13;
diejenigen, die zum Widerstand gegen uns versucht&#13;
sind, werden es noch einmal überdenken - oder&#13;
mehrfach überdenken, wenn sie heute Senator Helms&#13;
und mich sehen, wie wir uns gegen sie verbünden.&#13;
Vor allem verstanden unsere Vorgänger, daß die&#13;
Bande, die Amerika verbinden, sehr viel stärker sind&#13;
als Meinungsverschiedenheiten über eine bestimmte&#13;
Politik und sehr viel dauerhafter und weitreichender als&#13;
jede Parteizugehörigkeit.&#13;
Das erinnert mich an eine Geschichte aus der Bibel&#13;
über den Propheten Elias, der, über die Widerspenstigkeit seines Volkes aus der Fassung gebracht, Führung&#13;
von oben suchte. Während Elias in einer Höhle&#13;
kauert, erhebt sich ein starker Wind und spaltet Berge&#13;
und bricht Felsen. Aber Elias findet Gott nicht in dem&#13;
Wind. Nach dem Wind kommt ein Erdbeben, aber Gott&#13;
ist nicht in dem Erdbeben. Dann kommt ein Feuer,&#13;
aber Gott ist nicht in dem Feuer. Nach dem Feuer&#13;
kommt schließlich eine ruhige, kleine Stimme. Und in&#13;
dieser Stimme hört Elias Gott.&#13;
&#13;
Ich glaube, daß diejenigen, die nach dem Geheimnis&#13;
von Amerikas Stärke suchen, sie nicht in unseren&#13;
Raketen finden werden, obwohl unsere Raketen auch&#13;
Berge spalten und Felsen brechen können. Sie&#13;
werden sie nicht in den hohen Gebäuden in der Wall&#13;
Street, den großen Einkaufszentren oder den luxuriösesten Privathäusern finden.&#13;
Ich glaube, sie werden sie statt dessen in der ruhigen,&#13;
kleinen Stimme finden, die uns nicht nur als Amerikanern, sondern als Volk hilft, Recht von Unrecht zu&#13;
unterscheiden, andere so zu beurteilen, wie wir&#13;
beurteilt werden möchten und in der Tiefe unseres&#13;
Herzens an das Geburtsrecht jedes menschlichen&#13;
Wesens zu glauben, frei zu sein.&#13;
Lassen Sie uns alle - Republikaner und Demokraten,&#13;
alt und jung, reich und arm - diese Stimme bewahren.&#13;
Lassen Sie uns auf die Bedrohungen unserer Zeit&#13;
reagieren, indem wir eine Zukunft aufbauen, die sich&#13;
auf das gründet, was richtig und klug ist; eine Zukunft,&#13;
die unsere Menschen verbindet, unsere Freiheit sichert&#13;
und unsere Bürger in den verbleibenden Jahren dieses&#13;
Jahrhunderts und im nächsten schützt.&#13;
Um dieses Ziel zu erreichen, verspreche ich, mein&#13;
Bestes zu tun und bitte um Ihre Hilfe. Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* *&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�AUSSENPOLITIK&#13;
9. April 1997&#13;
&#13;
Eine außenpolitische Agenda für die&#13;
zweite Clinton-Administration&#13;
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Nationale Sicherheitsberater des&#13;
Präsidenten, Samuel R. Berger, am 27. März 1997 vor dem Zentrum für strategische und internationale Studien&#13;
&#13;
in der Bundeshauptstadt Washington hielt.&#13;
&#13;
Vergangenen Monat stellte Präsident Clinton in seinem&#13;
ersten Bericht zur Lage der Nation in seiner zweiten&#13;
Amtszeit das amerikanische Volk vor eine Herausforderung. "Vor fünfzig Jahren", erklärteer, "übernahm&#13;
ein weitblickendes Amerika die Führungsrolle bei der&#13;
Gründung der Institutionen, die zum Sieg im Kalten&#13;
Krieg führten und baute eine wachsende Weltwirtschaft auf... Jetzt stehen wir erneut vor einer Zeit des&#13;
Wandels und der Entscheidungen - und wiederum&#13;
einer Zeit des Weitblicks, um Amerika weitere 50 Jahre&#13;
der Sicherheit und des Wohlstands zu bescheren."&#13;
Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssen wir&#13;
zuerst die Natur des uns umgebenden Wandels&#13;
verstehen. Es sind elf Jahre seit Glasnost, acht Jahre&#13;
seit dem Fall der Berliner Mauer, sechs seit der&#13;
Wiedervereinigung Deutschlands und fünf seit dem&#13;
Zerfall der Sowjetunion vergangen. Da sich aber der&#13;
Kalte Krieg in nichts auflöste und nicht mit einer&#13;
Konferenz beendet wurde, und da der Übergang zur&#13;
&#13;
Demokratie in den vor kurzem befreiten Staaten&#13;
Europas zwar revolutionär in seinen Auswirkungen&#13;
war, aber evolutionär von seinem Verlauf her, war der&#13;
außenpolitische Dialog allzu lange in der Rhetorik des&#13;
"Zeitalters nach dem Kalten Krieg" eingefroren.&#13;
Ich bin heute nicht nur hierher gekommen, um das&#13;
"Zeitalter nach dem Kalten Krieg" zu rühmen, sondern&#13;
um es zu begraben. Dieser Satz beschreibt, was&#13;
aufgehört hat, nicht was beginnt; was abgebaut, nicht&#13;
was aufgebaut wurde. Heute, da wir dem Anfang des&#13;
21. Jahrhunderts näher sind als dem Ende des Kalten&#13;
Krieges, beginnen wir ein Zeitalter des Aufbaus auf der&#13;
Grundlage neuer Gegebenheiten, aber dauerhafter&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
Werte und Interessen. Die Blöcke und Schranken, die&#13;
50 Jahre lang die Welt teilten, existieren großenteils&#13;
nicht mehr. Jetzt besteht unsere Herausforderung in&#13;
der Schaffung neuer und der Anpassung alter Institutionen und Beziehungen sowie der Stärkung&#13;
unserer Sicherheit und unseres Wohlstands für weitere&#13;
50 Jahre und darüber hinaus.&#13;
Während der letzten 50 Jahre, in denen Eindämmung&#13;
die Richtschnur unserer Außenpolitik war, sahen wir&#13;
auf der Weltkarte nach vorne und hinten verschobene&#13;
Linien, die rote und blaue Gebiete trennten - diejenigen, die unter der brutalen Knute des Kommunismus&#13;
standen und die anderen, wobei die letztgenannten&#13;
von Demokratien bis zu mehr oder weniger autoritären&#13;
Regimen reichten, die durch ihren Antikommunismus&#13;
verbunden waren.&#13;
Da wir ein halbes Jahrhundert unerschütterlich&#13;
blieben, ist diese Richtschnur jetzt veraltet. Das neue&#13;
Zeitalter wird zunehmend von den Kräften der Integration gestaltet. Sie schaffen einzigartige Chancen&#13;
für den Fortschritt. Wir sollten uns jedoch keinen&#13;
Illusionen hingeben: Sie beseitigen nicht alle Gefahren&#13;
und Tyrannen der Welt. Und sie können auch dazu&#13;
beitragen, neue Bedrohungen für die von uns angestrebte Sicherheit, den Frieden und Wohlstand zu&#13;
schaffen.&#13;
Wenn wir die Erde von einem anderen Planeten aus&#13;
beobachten könnten, wäre eines der mächtigsten&#13;
Phänomene, deren wir Zeuge würden, die Auswirkung&#13;
der wirtschaftlichen Integration - die durch eine&#13;
Kommunikations- und technologische Revolution&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�verstärkt wird, die Zeit und Raum verkürzt. Mit einem&#13;
Tastendruck auf dem Computer und einem 50-DollarModem umrunden Ideen und Informationen innerhalb&#13;
einer Nanosekunde die Welt. Händler, Käufer und&#13;
Investoren tauschen stündlich weltweit eine Billion&#13;
Dollar aus.&#13;
Ich werde nie vergessen, wie ich einmal spät in der&#13;
Nacht in meinem Hotelzimmer in Islamabad - eine&#13;
halbe Welt von Amerika entfernt - ankam, CNN&#13;
anschaltete und eine Debatte zwischen George&#13;
Stephanopoulos und Bob Reich darüber sah, wer&#13;
"Primary Colors" geschrieben hat. Männer und Frauen&#13;
guten Glaubens können darüber diskutieren, ob das&#13;
Fortschritt ist. Tatsache ist jedoch, daß dadurch&#13;
unsere Arbeits-, Lebens- und Kommunikationsweise&#13;
verändert wird. Oder betrachten Sie sich die berühmten Bilder des Li auf den chinesischen Wandgemälden.&#13;
Wenn man sich heute ein Foto davon anschaut, sieht&#13;
man, daß die Häuser an diesem Fluß Satellitenschüsseln auf dem Dach haben.&#13;
Die Kräfte der Integration verbreiten auch Werte - und&#13;
die Ideen, die heute in zunehmendem Maße, wenn&#13;
nicht sogar weltweit, angenommen werden, sind die&#13;
zentralen Ideen, die Amerika definieren: Demokratie,&#13;
Freiheit, freies Unternehmertum. Erstmals in der&#13;
Geschichte lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung unter einer Regierung ihrer Wahl. In dieser&#13;
Hemisphäre, wo vor nur drei Jahrzehnten nahezu ein&#13;
Drittel der Länder unter autoritärer Herrschaft stand, ist&#13;
heute mit einer Ausnahme jedes Land eine Demokratie. Von den Philippinen bis Chile, von Südafrika bis&#13;
Estland, von Korea bis Guatemala bauen Menschen,&#13;
die vor weniger als einer Dekade noch unterdrückt&#13;
wurden, ihre eigene Demokratie auf. Wir können&#13;
heute deutlicher als je zuvor sehen, daß Freiheit nicht&#13;
nur ein amerikanisches Geburtsrecht oder ein westliches Ideal ist, sondern das Streben aller Menschen.&#13;
Diese Kräfte der - wirtschaftlichen, technologischen&#13;
und politischen - Integration finden ihren praktischen,&#13;
wenn auch nicht perfekten Ausdruck in den internationalen Regeln, die zu einer Berliner Mauer zwischen&#13;
den Ländern werden: Zwischen denjenigen, die sich&#13;
für einen Beitritt zur Völkergemeinschaft entscheiden,&#13;
und denjenigen, die außerhalb bleiben. Diese Regeln&#13;
- Bündnisse gleichgesinnter Staaten, Rechtsstaatlichkeit, offener Handel und Wettbewerb, umfassende&#13;
Kontrollregime für gefährliche Waffen - sind an sich&#13;
schon wichtig. Aber sie sind auch wichtig, weil sie&#13;
Stein für Stein ein Gebäude der Sicherheit und des&#13;
Wohlstands für alle schaffen, die sich zu ihrer Befolgung entschließen. Und sie definieren die Modalitäten&#13;
der Isolation derjenigen, die außerhalb bleiben.&#13;
Während die Welt immer kleiner wird, werden die&#13;
Kosten für den Ausschluß aus der Völkergemeinschaft&#13;
immer größer.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Wir müssen jedoch auch verstehen, daß die machtvolle Bewegung zur Integration auch ihre Tiefen und&#13;
Gefahren birgt. Wenn man Grenzen so leicht überwinden kann wie eine Linie im Sand, werden die&#13;
Nationen zunehmend den transnationalen Flutwellen&#13;
ausgesetzt - denken Sie nur an die Währungskrise des&#13;
mexikanischen Peso, die nicht nur die Volkswirtschaft&#13;
Mexikos, sondern auch Arbeitsplätze in Amerika und&#13;
die Stabilität von Entwicklungsländern auf der ganzen&#13;
Welt bedrohte.&#13;
Die Kräfte der Integration leisten auch den Gegenkräften des Zerfalls Vorschub: Terroristen, organisiertem Verbrechen, Drogenhändlern, die internationale&#13;
Netze der Korruption und Zerstörung knüpfen. Auch&#13;
sie profitieren vom technologischen Wandel und dem&#13;
freien Fluß von Waren und Informationen. Und sie&#13;
werden häufig von verbrecherischen Staaten wie Iran,&#13;
Irak, Libyen und Sudan unterstützt, die nicht der&#13;
internationalen Staatengemeinschaft angehören - und&#13;
sie destabilisieren wollen.&#13;
Darüber hinaus kann Integration die Ungleichheiten&#13;
zwischen und innerhalb von Ländern verschärfen.&#13;
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt zwei&#13;
Tagesmärsche von einem Telefon entfernt - buchstäblich von Gegenwart und Zukunft abgeschnitten. In&#13;
vielen Entwicklungs- und Industrieländern wird die&#13;
Kluft zwischen Arm und Reich immer größer, obwohl&#13;
der allgemeine Wohlstand dramatisch angestiegen ist.&#13;
Mit anderen Worten: Integration ist nicht an sich schon&#13;
gut oder schlecht. Sie ist jedoch an sich eine Tatsache&#13;
des modernen Lebens. Und sie wird mit oder ohne .&#13;
uns stattfinden. Die von uns zu beantwortende&#13;
grundlegende Frage lautet: Werden wir unsere&#13;
einzigartige Position nicht nur als mächtigstes Land&#13;
der Welt, sondern als mächtigste Idee der Welt nutzen,&#13;
um weiterhin den Kampf für eine Zukunft mit mehr&#13;
Frieden, Wohlstand und Sicherheit anzuführen - oder&#13;
werden wir zurückgelassen? Wie es Präsident Clinton&#13;
bereits formulierte, ist Untätigkeit der Feind unserer&#13;
Zeit.&#13;
Die von diesem Präsidenten angenommene Herausforderung besteht in der weitestgehenden Ermutigung&#13;
der positiven Kräfte der Integration - und der gleichzeitigen Verhinderung, daß die Kräfte des Zerfalls die&#13;
Zukunft bestimmen.&#13;
Seine Vision wird von sechs entscheidenden strategischen Zielen bestimmt: Arbeit für ein erstmals in der&#13;
Geschichte ungeteiltes, demokratisches, friedliches&#13;
Europa; Aufbau einer starken, stabilen asiatischpazifischen Gemeinschaft; kluge, aber nicht ängstliche&#13;
Förderung unserer Rolle als entscheidende Kraft für&#13;
den Frieden auf der Welt; Errichtung eines Bollwerks&#13;
gegen transnationale Sicherheitsherausforderungen;&#13;
Schaffung von Arbeitsplätzen und Förderung von&#13;
Wachstum durch ein offeneres und konkurrenz-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�fähigeres Handelssystem sowie die Beibehaltung&#13;
eines starken Militärs und einer Diplomatie, die über&#13;
die erforderlichen Finanzmittel zur Erfüllung dieser&#13;
Aufgaben verfügt. Diese ehrgeizigen, aber erreichbaren Ziele stellen die Orientierungspunkte Amerikas&#13;
in der Welt dar. Ich möchte jedes kurz beschreiben.&#13;
Das erste strategische Ziel ist die Arbeit für ein ungeteiltes, friedliches, demokratisches Europa. Zweimal in&#13;
diesem Jahrhundert hat Krieg in Europa die Amerikaner in einen tödlichen Konflikt hineingezogen. Jetzt&#13;
haben wir die Chance, einen dauerhaften europäischen Frieden zu schaffen, indem wir die Teilungen,&#13;
die diesen Kontinent in der Vergangenheit gequält&#13;
haben, durch Bande der Partnerschaft zur Gestaltung&#13;
einer gemeinsamen Zukunft ersetzen.&#13;
Gemeinsam mit unseren Verbündeten verhelfen wir&#13;
den neuen europäischen Demokratien zu mehr Stärke.&#13;
Wir ermutigen ihre Integration in den Westen, entwickeln eine produktive Partnerschaft mit einem demokratischen Rußland und - was besonders wichtig ist passen die NATO an neue Herausforderungen an.&#13;
Amerika hat die Führungsrolle bei der Öffnung der&#13;
Türen des Bündnisses für neue Mitglieder übernommen - anstatt die Verankerung unseres Engagements&#13;
in Europa aufzugeben oder das Bündnis in den&#13;
Gegebenheiten des Kalten Krieges einzufrieren. Die&#13;
NATO kann für den Osten Europas bewirken, was sie&#13;
für den Westen Europas getan hat: Die Stärkung der&#13;
Kräfte des Friedens und der Stabilität.&#13;
Der Prozeß der NATO-Erweiterung wird im Juli dieses&#13;
Jahres in Madrid einen großen Schritt vorwärts&#13;
machen, wenn das Bündnis die ersten potentiellen&#13;
Mitglieder zu Beitrittsgesprächen einläd. Dabei ist es&#13;
mit drei Herausforderungen konfrontiert: Die erste ist&#13;
die Entscheidung darüber, welche Länder aufgenommen werden. Natürlich beginnen wir mit denen, die am&#13;
besten auf die Übernahme der mit einer Mitgliedschaft&#13;
einhergehenden Verpflichtungen vorbereitet sind aber die Tür wird sich nicht hinter ihnen schließen.&#13;
Somit besteht unsere zweite Herausforderung in der&#13;
Stärkung von Sicherheit und Zuversicht der Länder,&#13;
die nicht zu der ersten Gruppe gehören - was durch&#13;
die Ausweitung der Rolle der Partnerschaft für den&#13;
Frieden sowie dadurch geschieht, jedem Partner bei&#13;
der Koordinierung der gemeinsamen Aktivitäten ein&#13;
Mitspracherecht zu geben.&#13;
Die dritte Herausforderung wird am kontroversesten&#13;
diskutiert: Wie können die Narben der Vergangenheit&#13;
Europas abheilen, ohne daß neue Wunden entstehen?&#13;
Manche fürchten, der Prozeß der NATO-Erweiterung&#13;
werde Rußland seines rechtmäßigen Platzes in&#13;
Europa berauben - und die entstehende russische&#13;
Demokratie unterhöhlen. Andere wiederum machen&#13;
sich Sorgen, die Zusammenarbeit mit Rußland würde&#13;
auf Kosten Zentral- und Osteuropas sowie der Fähig-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
keit des Bündnisses zur Gestaltung seiner Zukunft&#13;
erfolgen. Zwischen Skylla und Charybdis der NATOErweiterung zu navigieren, ist der entscheidende Test&#13;
für unser Engagement zur Schaffung von Stabilität&#13;
über den Atlantik hinweg.&#13;
Letzte Woche unternahmen die Präsidenten Clinton&#13;
und Jelzin in Helsinki einen bedeutenden Schritt. Sie&#13;
einigten sich, hinsichtlich der Erweiterung keine&#13;
Einigung zu erzielen - Rußland ist dagegen, aber sie&#13;
wird erfolgen. Sie stimmten aber auch darin überein,&#13;
daß die lebenswichtigen Beziehungen zwischen den&#13;
Vereinigten Staaten und Rußland und die Vorteile der&#13;
Zusammenarbeit zwischen ihnen für alle zu bedeutend&#13;
sind, um aufs Spiel gesetzt zu werden.&#13;
Die NATO und Rußland werden so schnell wie möglich&#13;
Fortschritte erzielen, um die Verhandlungen über eine&#13;
Charta für ihre Zusammenarbeit abzuschließen.&#13;
Rußland erhält ein Mitsprache-, aber kein Vetorecht.&#13;
Gleichzeitig machten die beiden Präsidenten wichtige&#13;
Fortschritte bei Rüstungskontrolle und wirtschaftlicher&#13;
Zusammenarbeit. Helsinki war ein Wendepunkt: Dort&#13;
wurde offenkundig, daß unsere gemeinsamen Ziele Aufbau einer sicheren Zukunft für Europa, weitere&#13;
Verringerung der nuklearen Gefahr, Zunahme von&#13;
Handel und Investitionen - schwerer wiegen als unsere&#13;
Meinungsverschiedenheiten.&#13;
Unser zweites strategisches Ziel ist der Aufbau einer&#13;
starken, stabilen, integrierten asiatisch-pazifischen&#13;
Gemeinschaft. Vor wenig mehr als einem Jahrzehnt&#13;
ging die allgemeine Meinung dahin, daß Asien,&#13;
Nordamerika und Europa zu drei rivalisierenden&#13;
Blöcken würden, die ein Kopf-an-Kopf Rennen veranstalten. Präsident Clinton hatte eine andere Vision,&#13;
die auf Amerikas dauerhaftem Platz als einer pazifischen Macht basierte. Kurz nach seiner Amtsübernahme berief er das erste asiatisch-pazifische Gipfeltreffen ein, bei dem sich die Staats- und Regierungschefs von China über Indonesien bis Australien auf ein&#13;
gemeinsames Ziel einigten: Unsere Zukunft nicht nur&#13;
vom asiatischen oder amerikanischen Standpunkt aus&#13;
zu definieren, sondern zunehmend vom asiatischpazifischen.&#13;
Das ist ein evolutionärer Prozeß. Ausweitung des&#13;
offenen Handels. Fortsetzung des amerikanischen&#13;
Sicherheitsengagements in der Region. Die Anerkennung der Tatsache, daß wir in einem Umfeld, in&#13;
dem regionale Rivalitäten immer noch gefährlich sind,&#13;
ein ausgleichendes Moment für Stabilität schaffen, das&#13;
unser aller Wachstum dient.&#13;
Um erfolgreich zu sein, müssen wir drei unmittelbare&#13;
Herausforderungen bewältigen. Erstens müssen wir&#13;
unsere Partnerschaft mit Japan - dem Grundpfeiler des&#13;
amerikanischen Engagements in Asien - vertiefen,&#13;
indem wir unser Sicherheitsbündnis weiter stärken,&#13;
unsere diplomatische Zusammenarbeit verbessern&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�und die Marktöffnungsinitiativen fortführen, die zu einer&#13;
41-prozentigen Erhöhung unserer Exporte seit 1993&#13;
geführt haben.&#13;
Zweitens müssen wir weiterhin eng mit unserem&#13;
Verbündeten Südkorea beim Abbau der Spannungen&#13;
an der letzten Grenze des Kalten Krieges zusammenarbeiten. Wachsamkeit gegenüber den Launen eines&#13;
Nordkorea in Not. Streben nach einem stabileren&#13;
Frieden auf der Halbinsel im Rahmen der Vierparteiengespräche.&#13;
Gewährleistung der Einstellung des&#13;
derzeit eingefrorenen nordkoreanischen Nuklearprogramms.&#13;
Drittens müssen wir unseren strategischen Dialog mit&#13;
China vertiefen. Wir haben großes Interesse daran,&#13;
daß China zu einer stabilen, in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht offeneren, in militärischer Hinsicht&#13;
nichtaggressiven Macht wird - mit anderen Worten zu&#13;
einem Land, das sich auf eine sichere internationale&#13;
Ordnung zubewegt, anstatt sich davon zu entfernen.&#13;
Letztlich entscheidet China selbst über sein Schicksal.&#13;
Aber auf die eine oder andere Weise werden wir ihm&#13;
bei seinen Entscheidungen helfen.&#13;
Unsere Strategie des Engagements in China ist keine&#13;
Belohnung für gutes Verhalten. Sie ist ein Mittel zur&#13;
Ausweitung der Bereiche, in denen wir zur Förderung&#13;
unserer strategischen Interessen zusammenarbeiten&#13;
können - beispielsweise das umfassende Atomtestverbot und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in denen wir unsere grundlegenden Differenzen&#13;
direkt angehen können - beispielsweise bei Menschenrechten, Marktzugang und bestimmten chinesischen Waffenverkäufen.&#13;
Es gibt keine Garantie, daß es uns durch unser&#13;
Engagement gelingen wird, China in Richtung der&#13;
internationalen Staatengemeinschaft zu bewegen und&#13;
von einem nationalistischeren, egozentrischeren Kurs&#13;
abzuhalten. Aber der Versuch, China zu isolieren oder&#13;
uns von China zu isolieren, wird das Land zweifellos in&#13;
die falsche Richtung drängen und die Stabilität unterminieren, die Amerika, China und die gesamte&#13;
asiatisch-pazifische Region für eine Zukunft in Sicherheit und Wohlstand benötigen.&#13;
Unser drittes strategisches Ziel besteht darin, weder&#13;
vor der unausweichlichen Realität zurückzuschrecken,&#13;
daß Amerika häufig die entscheidende Kraft für den&#13;
Frieden auf der Welt sein kann, noch sich davon in&#13;
den Bann schlagen zu lassen. Die Größe Amerikas&#13;
rührt nicht nur von unserer Größe und Stärke her,&#13;
sondern auch von unserer Vielfalt und der Macht&#13;
unserer Ideale. Wir haben die einzigartige Fähigkeit,&#13;
anderen auf der Welt beizustehen, die ihre Differenzen&#13;
überbrücken wollen - und eine stärkere Grundlage für&#13;
Frieden, Sicherheit und Zusammenarbeit zu schaffen.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Wann, wo und wie wir für den Frieden eintreten&#13;
können - dafür gibt es, wie Außenministerin Albright&#13;
sagte, keine allgemeingültige Antwort. Obwohl wir von&#13;
den Zwängen der Eindämmung befreit sind, haben wir&#13;
eine schwierigere Aufgabe geerbt, insbesondere in&#13;
einer Welt, in der Konflikte sofort auf die Weltbühne&#13;
kommen. Wir müssen in einer Übung kluger Entscheidungsfindung ein Gleichgewicht zwischen Interessen und Risiken, Machbarkeit und Kosten, Klarheit&#13;
der Mission und Unterstützung durch andere finden.&#13;
Wir können nicht überall sein und sollten nicht alles&#13;
tun. Aber wir müssen bereit sein, uns zu engagieren,&#13;
wenn wichtige Interessen und Werte auf dem Spiel&#13;
stehen und wir etwas bewirken können.&#13;
Oftmals ist unser Engagement diplomatischer Natur es bleibt eine unverminderte Kraft für Frieden vom&#13;
Nahen Osten über Nordirland bis Zentralafrika.&#13;
Manchmal muß unsere Diplomatie vorsichtig mit&#13;
Gewalt unterstützt werden. In Bosnien beendeten&#13;
unsere Luftangriffe durch die NATO in Kombination mit&#13;
entschlossener Diplomatie einen Krieg, der die&#13;
Stabilität Europas bedrohte. Jetzt bietet unsere&#13;
fortgesetzte Präsenz im Rahmen der SFOR Bosniens&#13;
zerbrechlichem Frieden eine Chance, Fuß zu fassen.&#13;
In Haiti, wo eine brutale Diktatur Zehntausende zur&#13;
Flucht an unsere Küsten zwang, veranlaßten wir die&#13;
Diktatoren, friedlich zurückzutreten und der Demokratie zu neuem Leben zu verhelfen.&#13;
Es gibt andere Orte, an denen unser Engagement&#13;
wichtiger denn je ist. Ich möchte drei nennen. Südasien bleibt nicht nur ein Brennpunkt für Konflikte,&#13;
sondern auch eine riesige Chance für Zusammenarbeit. Das großartige Ressourcenpotential und die&#13;
strategische Lage des Kaukasus und Zentralasiens&#13;
bewirken, daß wir ein großes Interesse an der Stabilität&#13;
dieser Region und dem Aufbau von Beziehungen mit&#13;
ihr haben. Und es liegt in unserem ureigensten&#13;
Interesse, der Türkei, die an einem strategischen und&#13;
kulturellen Scheideweg steht, zu helfen, im Westen&#13;
verankert und der Demokratie verpflichtet zu bleiben&#13;
sowie seine Differenzen mit unserem griechischen&#13;
Verbündeten friedlich zu lösen.&#13;
Unser viertes strategisches Ziel ist der Umgang mit&#13;
den von mir bereits erwähnten neuen transnationalen&#13;
Sicherheitsbedrohungen - Terroristen, internationale&#13;
Verbrecher, Drogenhändler - und der Widerstand&#13;
gegen die dauerhafte Gefahr verbrecherischer Regime.&#13;
Es gibt Zeiten, in denen wir im Alleingang handeln&#13;
müssen und werden. Damit andere sich uns anschließen, müssen wir manchmal mit gutem Beispiel&#13;
vorangehen. Und es gibt so unerhörtes Verhalten, daß&#13;
wir sogar dann handeln müssen, wenn andere es nicht&#13;
tun würden. Aber unser Kampf gegen diese Kräfte, die&#13;
oftmals nationenübergreifend sind, zwingt uns, die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�Vorteile kollektiver Aktionen zu suchen. Ob es die&#13;
Bedrohung durch Terrorismus oder die Geißel der&#13;
Drogen betrifft - wir müssen unsere Bestrebungen&#13;
intensivieren, ein stärkeres Gefühl für die Dringlichkeit&#13;
der Gefahren und die Bereitschaft zu entwickeln, sie&#13;
durch kollektive Verteidigung abzuwehren.&#13;
Aus diesem Grund arbeiten wir am Aufbau internationaler Koalitionen zur Bewältigung dieser neuen&#13;
Herausforderungen - Rüstungskontrollabkommen über&#13;
das Verbot von Chemiewaffen, stärkere internationale&#13;
Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden im&#13;
Kampf gegen Drogenhändler und verbrecherische&#13;
Kartelle, Austausch nachrichtendienstlicher Informationen zur Ausrottung von Korruption, eine konzertiertere&#13;
Strategie zur Terrorismusbekämpfung.&#13;
Manche&#13;
betrachten Zusammenarbeit bestenfalls als schwer&#13;
erreichbares Ziel, schlimmstenfalls als Zeichen der&#13;
Schwäche. Bei grenzüberschreitenden Bedrohungen&#13;
ist sie eine Quelle der Stärke.&#13;
Amerikas fünftes strategisches Ziel ist der Aufbau&#13;
eines neuen, offenen Handelssystems für das 21.&#13;
Jahrhundert.&#13;
Das wirtschaftliche Wohlergehen&#13;
unserer Nation ist mit dem der übrigen Welt verbunden. Die Arbeitsplätze von elf Millionen Amerikanern&#13;
sind exportabhängig. Wir sollten die Herausforderung&#13;
der Weltwirtschaft nicht fürchten. Unsere Arbeitnehmer und Unternehmen können solange konkurrieren,&#13;
wie der Wettbewerb offen, das Feld konkurrenzfähig&#13;
ist, die Regeln fair sind und eingehalten werden.&#13;
Im Rückblick auf diese Zeit werden Historiker die&#13;
weitreichendsten Veränderungen im Welthandelssystem seit den Tagen von Harry Truman sehen. Wir&#13;
brachten die umfassendste Runde der GATT-Verhandlungen zum Abschluß; wir schlössen ein weitreichendes Handelsabkommen mit unseren beiden Nachbarn;&#13;
wir schafften die Handelshemmnisse in Hochtechnologiebereichen ab, in denen Amerika weltweit führend&#13;
ist; und wir leiteten einen Prozeß für offeneren und&#13;
konkurrenzfähigeren Handel in unserer Hemisphäre&#13;
und der asiatisch-pazifischen Region ein.&#13;
Diese Bestrebungen haben sich für unser Volk&#13;
ausgezahlt. Die Weltwirtschaft ist kein Nullsummenspiel - wir schaffen gute Arbeitsplätze im Inland, indem&#13;
wir neue Märkte im Ausland erschließen. Der Präsident ist zur Fortsetzung dieses Kurses und der&#13;
Gratwanderung zwischen Protektionismus und ungezügeltem freiem Handel entschlossen.&#13;
Protektionismus ist in der heutigen Weltwirtschaft&#13;
einfach keine Option mehr. Der Prozeß der Integration&#13;
wird auch dann nicht beendet, wenn wir ihm den&#13;
Rücken kehren - er geht dann einfach ohne uns weiter.&#13;
Andere in Europa und Asien werden davon profitieren.&#13;
Sich zurückzuziehen würde bedeuten, 95 Prozent der&#13;
Verbraucher auf der Welt den Rücken zuzuwenden&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
und unser Interesse an den Märkten der Zukunft zu&#13;
verwirken.&#13;
Ebensowenig wie Protektionismus ist ungezügelter&#13;
Freihandel eine Option. Wettbewerb führt zu Erschütterungen - insbesondere unter denjenigen, die&#13;
nicht über genügend Ausbildung und Fähigkeiten&#13;
verfügen, um in der Weltwirtschaft zu konkurrieren.&#13;
Wir dürfen uns nicht von ihnen abwenden - wir sind&#13;
verpflichtet, die abgeschlossenen Übereinkünfte&#13;
durchzusetzen und den Wandel in den Dienst aller mit&#13;
Bildung und Ausbildung zu stellen, damit nicht nur&#13;
einige wenige die Vorteile des Fortschritts genießen,&#13;
während andere die Last tragen.&#13;
Um unsere große Dynamik zu bewahren, benötigen&#13;
wir die Befugnis, kluge, neue Marktöffnungsabkommen&#13;
abzuschließen. Allein in Lateinamerika überstiegen&#13;
1995 unsere Exporte unseren Absatz in Japan und&#13;
Deutschland zusammengenommen. Wir müssen die&#13;
begonnene Arbeit abschließen, in dieser Hemisphäre&#13;
und global Märkte zu öffnen, an diesem Wachstum&#13;
teilzuhaben und uns nicht davon abzuwenden.&#13;
Schließlich können wir uns nicht die Kräfte der Integration zunutze machen, ohne über die zur Erledigung der Arbeit erforderliche Stärke und die Mittel zu&#13;
verfügen - und ohne die Last mit gleichgesinnten&#13;
Nationen zu teilen.&#13;
Wir haben das beste Militär der Welt. Es ist der Stahl,&#13;
der die amerikanische Führungsrolle glaubwürdig&#13;
macht und notfalls unsere Freiheit sichert. Der&#13;
Präsident ist zur Bewahrung unserer Fähigkeit entschlossen, jedes Schlachtfeld zu dominieren. Das ist&#13;
eine unerläßliche Investition in unseren Frieden und&#13;
unsere Sicherheit.&#13;
Das bedeutet auch, unsere Verpflichtung zur umfassenden Finanzierung der amerikanischen Diplomatie&#13;
zu erfüllen. Unser Etat für auswärtige Angelegenheiten für das laufende Haushaltsjahr ist real nur halb so&#13;
groß wie vor einem Jahrzehnt. Das ist schlichtweg&#13;
unklug. Wir müssen die Investitionen zur Förderung&#13;
der amerikanischen Interessen in den kommenden 50&#13;
Jahren ebenso wie in den vergangenen 50 Jahren&#13;
tätigen.&#13;
Der Haushaltsantrag von Präsident Clinton kehrt den&#13;
gefährlichen Abwärtstrend bei der Finanzierung&#13;
internationaler Angelegenheiten um. Unser Antrag ein Prozent des Gesamtetats - ist für alle Steuerzahler&#13;
von Vorteil: Es stärkt unsere Fähigkeit zur Förderung&#13;
des Friedens, Bekämpfung von Drogen, Verfolgung&#13;
von Terroristen, Bekämpfung der nuklearen Weiterverbreitung, Erhöhung von Exporten und Erfüllung&#13;
unserer Verpflichtungen gegenüber der internationalen&#13;
Staatengemeinschaft.&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�Wir dürfen auch nicht die falsche Entscheidung&#13;
zwischen einem Alleingang oder Untätigkeit treffen. Es&#13;
ist einfach eine Frage des gesunden Menschenverstands, die Kosten und Risiken der Führungsrolle mit&#13;
anderen, wie der Weltbank und den Vereinten Nationen, zu teilen. Jetzt ist es an der Zeit, auf Fortschritt&#13;
zu drängen - schwierige Reformen durchzuführen,&#13;
unsere Rechnungen zu bezahlen, die UNO und die&#13;
multilateralen Entwicklungsbanken wieder auf eine&#13;
solide Finanzgrundlage zu stellen.&#13;
Meine Damen und Herren, wenn heute ein Kind&#13;
geboren wird, wächst es nicht nur in einem neuen&#13;
&#13;
Jahrhundert, sondern in einer neuen Welt auf - in der&#13;
Menschen eher durch Hoffnung als durch Angst geeint&#13;
sein könnten.&#13;
Die außenpolitische Agenda der&#13;
Vereinigten Staaten, die zwar ehrgeizig ist, aber in&#13;
Reichweite liegt, reflektiert das Versprechen dieser&#13;
Zeit - ein nüchternes Bewußtsein für ihre Gefahren und&#13;
die Überzeugung, daß Amerika eine Führungsrolle&#13;
übernehmen muß, wenn wir vom Wandel profitieren&#13;
wollen. Dies ist ein entscheidender Moment. Lassen&#13;
Sie uns das Beste daraus machen - in der Zuversicht,&#13;
daß unsere Sache gut, unser Kurs richtig und die&#13;
Zukunft unser ist.&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
Seite 6&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�ABRÜSTUNG&#13;
9. April 1997&#13;
&#13;
Clinton drängt auf Ratifizierung&#13;
der Chemiewaffenkonvention&#13;
Ansprache des Präsidenten&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Bei einer Feierstunde auf dem Rasen hinter dem Weißen Haus am 4. April 1997, bei der&#13;
auch zahlreiche ehemalige und derzeitige Regierungsvertreter und Senatoren das Wort ergriffen, forderte&#13;
Präsident Clinton den Senat zur Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention vor ihrem Inkrafttreten am 29. April&#13;
auf. Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.&#13;
&#13;
Vielen Dank, Senator Boren, für Ihre Ansprache und&#13;
Ihre Anwesenheit bei dieser Veranstaltung. Wir haben&#13;
gelacht, bevor wir hierher kamen. Senator Boren und&#13;
ich begannen unsere politische Laufbahn beide 1974,&#13;
aber er fand eine Präsidentschaft, die keine zeitliche&#13;
Begrenzung hat, und dazu kann ich ihm nur gratulieren.&#13;
Herr Vizepräsident, Frau Außenministerin, Herr&#13;
Verteidigungsminister, Minister Baker, Senatorin&#13;
Kassebaum-Baker, General Shalikashvili. Ich möchte&#13;
allen danken, die hier das Wort ergriffen haben. Sie&#13;
haben bereits alles gesagt. Und ich danke allen, die&#13;
heute unter den Zuhörern sind, um Amerika und dem&#13;
Senat eine klare, eindeutige, einstimmige Botschaft zu&#13;
senden.&#13;
Ich danke General Colin Powell und Senator Warren&#13;
Rudman, den früheren Rüstungsunterhändlern Paul&#13;
Nitze, Edward Rowny und Ken Adelman, den zahlreichen Kongreßabgeordneten, die uns unterstützt&#13;
haben, einschließlich der heute anwesenden Senatoren Biden und Levin, den herausragenden Vertretern&#13;
von Militär, Wirtschaft, religiösen Vereinigungen und&#13;
Menschenrechtsgruppen sowie den Wissenschaftlern&#13;
und Rüstungskontrollexperten.&#13;
Minister Baker hat meines Erachtens auf einen sehr&#13;
wichtigen Punkt hingewiesen, den auch andere&#13;
angesprochen haben. Es geht zunächst einmal um die&#13;
Frage, ob wir auf unserem Weg in eine neue Zeit eine&#13;
starke und sichere Führungsrolle Amerikas beibehalten wollen. Wir müssen es tun, und es wird uns nur&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
gelingen, wenn wir die Herausforderung der Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention meistern.&#13;
Am Ende des 20. Jahrhunderts haben wir jetzt die&#13;
Chance, eine sich erweiternde internationale Verpflichtung zum weltweiten Verbot von Giftgas im 21.&#13;
Jahrhundert einzugehen. Es ist im Grunde genommen&#13;
eine einfache Frage, obwohl die Einzelheiten etwas&#13;
komplex sind. Präsidenten und Gesetzgeber beider&#13;
Parteien, Militärs und Rüstungskontrollexperten haben&#13;
sich dieser gemeinsamen Sache verpflichtet, einfach&#13;
weil sie für die Zukunft jedes Amerikaners gut ist.&#13;
Ich habe kürzlich zwei eindrucksvolle Briefe erhalten,&#13;
in denen die Ratifizierung gefordert wurde. Einer&#13;
wurde bereits erwähnt und stammt von Senatorin&#13;
Nancy Kassebaum-Baker, Senator Boren und dem&#13;
ehemaligen Nationalen Sicherheitsberater Brent&#13;
Scowcroft. Den anderen verfaßten die Generäle&#13;
Powell, Jones, Vessey und Schwarzkopf sowie mehr&#13;
als ein Dutzend weiterer Generäle und Admiräle im&#13;
Ruhestand - und alle sagen mit einer Stimme, daß&#13;
Amerika die Chemiewaffenkonvention ratifizieren muß&#13;
und das noch vor ihrem Inkrafttreten am 29. April&#13;
geschehen muß.&#13;
Natürlich ist dieser Vertrag kein Patentrezept. Kein&#13;
Rüstungskontrollvertrag kann absolut perfekt sein und&#13;
keiner kann Wachsamkeit ersetzen. Aber keine Nation&#13;
kann sich im Alleingang vor der Bedrohung durch&#13;
Chemiewaffen schützen. Wenn wir auf eigene Faust&#13;
versuchen würden, diese Bedrohung einzudämmen,&#13;
käme das dem Versuch gleich, den Wind zu stoppen,&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�der das Gift zu seinem Ziel befördert. Wir benötigen&#13;
eine internationale Lösung für ein globales Problem.&#13;
&#13;
die Chemiewaffenkonvention zu isolieren versucht.&#13;
Das dürfen wir nicht zulassen.&#13;
&#13;
Die Konvention enthält klare und überwältigende&#13;
Vorteile für unser Volk. Im Rahmen eines vom Kongreß in den achtziger Jahren erlassenen Gesetzes&#13;
zerstören wir bereits die meisten unserer Chemiewaffen. Die Konvention fordert andere Nationen auf,&#13;
unserem Beispiel zu folgen, ihre Giftgasarsenale zu&#13;
beseitigen und die Entwicklung, Produktion und&#13;
Beschaffung solcher Waffen aufzugeben. Wie Verteidigungsminister Cohen erklärte, können wir durch die&#13;
Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention unsere&#13;
Soldaten vor einem der todbringendsten Kampfstoffe&#13;
des Schlachtfelds schützen. Wir können unseren&#13;
Kindern etwas geben, das unsere Eltern und Großeltern nie hatten - umfassenden Schutz vor der&#13;
Bedrohung eines chemischen Angriffs. Und wir&#13;
können unsere Führungsrolle im Kampf gegen Terrorismus und Weiterverbreitung auf der ganzen Welt&#13;
stärken.&#13;
&#13;
Es ist an der Zeit, diesen Vertrag zu verabschieden,&#13;
wie es 70 andere Nationen bereits getan haben. Seit&#13;
ich dem Senat die CW-Konvention vor dreieinhalb&#13;
Jahren übersandt habe, gab es mehr als ein Dutzend&#13;
Anhörungen, über 1.500 Seiten an Aussagen und&#13;
Berichten. Während der vergangenen drei Monate&#13;
haben wir sehr eng mit dem Senat zusammengearbeitet, damit er noch mehr unternimmt, um die noch&#13;
ausstehenden Fragen zu beantworten und Besorgnisbereiche zu beheben. Ich möchte denjenigen im&#13;
Senat, die mit uns zusammengearbeitet haben, für ihre&#13;
Führungsrolle und ihre Anstrengungen danken.&#13;
&#13;
Wenn der Senat die Konvention nicht vor ihrem&#13;
Inkrafttreten ratifiziert, werden unsere nationale&#13;
Sicherheit&#13;
und unsere wirtschaftliche Sicherheit&#13;
leiden. Wir werden die Instrumente des Vertrags nicht&#13;
gegen verbrecherische Staaten und Terroristen&#13;
einsetzen können. Wir werden nicht die Chance&#13;
haben, zur Umsetzung der Regeln beizutragen, die wir&#13;
mit formuliert haben, und Amerikaner werden nicht als&#13;
internationale Inspektoren tätig werden können etwas, das für diejenigen besonders wichtig ist, die&#13;
Besorgnis über die Inspektionsbestimmungen des&#13;
Vertrags zum Ausdruck gebracht haben.&#13;
Wenn wir nicht zu den Ratifizierern des Abkommens&#13;
gehören, sind es ironischerweise unsere Chemiekonzerne und führenden Exporteure, die sich obligatorischen Handelsrestriktionen ausgesetzt sehen, die sie&#13;
Millionen Dollar an Verkäufen kosten könnten. Bei&#13;
kurzfristigen Aufträgen werden die Vereinigten Staaten&#13;
ihre Position als führende Nation der Welt aufgeben&#13;
müssen und dem Kreis der Pariastaaten beitreten, die&#13;
&#13;
Ich möchte nochmals betonen, daß die Ratifizierung&#13;
der Chemiewaffenkonvention wichtig ist - sowohl&#13;
wegen ihres Inhalts als auch wegen ihres Wortlauts.&#13;
Sie stellt fest, daß die Vereinigten Staaten sich zum&#13;
Schutz unserer Truppen, der Bekämpfung von Terrorismus, der Beendigung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, der Einführung und Durchsetzung&#13;
von Normen des internationalen Verhaltens und zu&#13;
einer Führungsrolle in der Welt bei der Bewältigung der&#13;
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts verpflichten.&#13;
Ich fordere den Senat auf, gemäß der besten Tradition&#13;
der Überparteilichkeit und in unserem nationalen&#13;
Interesse zu handeln.&#13;
Ich möchte auch wiederholen, daß meine heutigen&#13;
Worte unbedeutend sind verglichen mit der Präsenz,&#13;
Laufbahn, Erfahrung, Urteilskraft und dem Patriotismus&#13;
der Republikaner und Demokraten sowie der Militärs, •&#13;
die sich hier versammelt haben und die im ganzen&#13;
Land diesen so außerordentlich wichtigen Bestrebungen ihre Unterstützung gewähren. Wir dürfen nicht&#13;
versagen. Es gibt viel zu tun, aber ich gehe heute von&#13;
hier fort in dem Vertrauen, daß wir gemeinsam die&#13;
Arbeit bewältigen können.&#13;
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie. Gott schütze&#13;
Amerika.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�ABRÜSTUNG&#13;
9. April 1997&#13;
&#13;
Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention&#13;
ist oberste Priorität&#13;
Übersicht des Weißen Hauses&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine am 4. April 1997 vom Weißen Haus herausgegebene Übersicht über die Chemiewaffenkonvention.&#13;
&#13;
Die Chemiewaffenkonvention ist ein weltweiter Vertrag,&#13;
der eine ganze Gattung von Massenvernichtungswaffen - Chemiewaffen - verbietet. Die CW-Konvention verbietet Herstellung, Beschaffung, Lagerung,&#13;
Weitergabe und Einsatz chemischer Waffen. Sie tritt&#13;
am 29. April in Kraft - mit oder ohne Beteiligung der&#13;
Vereinigten Staaten. Die Chemiewaffenkonvention&#13;
wird seit langem von Vertretern beider Parteien&#13;
unterstützt, darunter Präsident Bush, General Brent&#13;
Scowcroft, General Colin Powell und Senator Richard&#13;
Lugar.&#13;
Chemiewaffen stellen nicht nur für unser Militär,&#13;
sondern auch für unschuldige Zivilisten eine Bedrohung dar, wie beispielsweise der Giftgasanschlag&#13;
auf die Tokioter U-Bahn letztes Jahr zeigte. Bestimmte&#13;
Aspekte der Chemiewaffenkonvention, einschließlich&#13;
ihrer Anforderungen an Gesetzesvollzug und ihrer&#13;
Nichtverbreitungsbestimmungen, werden bestehende&#13;
Bestrebungen zur Bekämpfung des Terrorismus mit&#13;
Chemiewaffen stärken. Der Präsident erachtet die&#13;
Ratifizierung der CW-Konvention durch den Senat als&#13;
oberste Priorität. Die Chemiewaffenkonvention ist&#13;
ein zentrales Element der amerikanischen Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungspolitik, die die nationale&#13;
Sicherheit der Vereinigten Staaten stärken und zur&#13;
globalen Stabilität beitragen wird.&#13;
Präsident Clinton erklärte vergangenen Herbst bei den&#13;
Vereinten Nationen: "Ich bedaure zutiefst, daß der USSenat noch nicht über die Konvention abgestimmt hat,&#13;
möchte Ihnen und den Menschen überall auf der Welt&#13;
aber versichern, daß ich diesen Vertrag nicht sterben&#13;
lassen werde und wir uns den Nationen anschließen&#13;
werden, die zur Verhinderung der Weiterverbreitung&#13;
von Chemiewaffen entschlossen sind."&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
Unter der Chemiewaffenkonvention verpflichtet sich&#13;
jede Vertragspartei, niemals und unter keinen Umständen&#13;
Chemiewaffen zu entwickeln, zu produzieren,&#13;
auf andere Weise zu beschaffen, zu lagern, zu&#13;
besitzen oder an irgend jemanden auf direkte&#13;
oder indirekte Weise weiterzugeben,&#13;
Chemiewaffen einzusetzen,&#13;
an militärischen Vorbereitungen für den&#13;
Einsatz von Chemiewaffen teilzunehmen,&#13;
irgend jemanden bei einer Aktivität zu unterstützen, zu ermutigen oder dazu zu veranlassen, die einer Vertragpartei dieser Konvention&#13;
verboten ist.&#13;
Darüber hinaus verpflichtet sich jeder Unterzeichner im&#13;
Einklang mit den Bestimmungen der Konvention,&#13;
die in seinem Besitz oder an irgendeinem Ort&#13;
auf seinem Hoheitsgebiet oder unter seiner&#13;
Kontrolle befindlichen Chemiewaffen zu&#13;
zerstören,&#13;
alle von ihm auf dem Territorium einer anderen Vertragspartei zurückgelassenen Chemiewaffen zu zerlegen und&#13;
alle Einrichtungen zur Herstellung von Chemiewaffen in seinem Besitz oder an irgendeinem Ort auf seinem Hoheitsgebiet oder&#13;
unter seiner Kontrolle zu zerstören.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Derzeit gehen wir davon aus, daß sich 20 Länder im&#13;
Besitz von Chemiewaffen befinden oder diese entwickeln. Diese Waffen sind attraktiv für Länder und&#13;
Einzelpersonen, die nach der Fähigkeit zur Massenvernichtung streben, weil sie relativ billig zu produzieren sind und zu ihrer Herstellung nicht die komplizierte&#13;
technische Infrastruktur benötigen wie Nuklearwaffen.&#13;
Aus diesem Grund ist die Errichtung eines internationalen Bollwerks gegen die Beschaffung und den&#13;
Einsatz dieser Waffen von elementarer Bedeutung.&#13;
Die Chemiewaffenkonvention ist der ehrgeizigste&#13;
Vertrag in der Geschichte der Rüstungskontrolle.&#13;
Während die meisten Rüstungskontrollverträge in der&#13;
Vergangenheit nur Obergrenzen für Waffen vorsahen,&#13;
verlangt die CW-Konvention ihre vollständige Abschaffung. Die Unterzeichner der Konvention müssen&#13;
sämtliche Chemiewaffen und Einrichtungen zu ihrer&#13;
Herstellung zerstören.&#13;
Die CW-Konvention bestraft die Länder, die ihr nicht&#13;
beitreten. Bei ihrem Inkrafttreten wird die Chemiewaffenkonvention eine kleine Anzahl ihr nicht beitretender&#13;
Staaten als internationale Pariastaaten isolieren und&#13;
ihren Zugang zu bestimmten, durch den Vertrag&#13;
kontrollierten Chemikalien verhindern. Da viele dieser&#13;
Chemikalien nicht nur für die Produktion chemischer&#13;
Waffen erforderlich sind, sondern auch für die Industrie&#13;
benötigt werden, bestehen sowohl wirtschaftliche als&#13;
auch politische Anreize, dem Vertrag beizutreten.&#13;
&#13;
Chemikalien herstellen, verarbeiten oder einsetzen,&#13;
damit diese nicht für verbotene Zwecke abgezweigt&#13;
werden.&#13;
Die Bestimmungen der Chemiewaffenkonvention über&#13;
chemische Einrichtungen wurden mit aktiver Beteiligung von Vertretern der Industrie entwickelt. Das&#13;
Verifizierungsregime ist streng genug, um Zuversicht&#13;
zu wecken, daß die Mitgliedstaaten den Vertrag&#13;
befolgen. Es respektiert aber andererseits die legitimen Interessen der Industrie, urheberrechtliche&#13;
Informationen zu schützen und Störungen der Produktion zu vermeiden.&#13;
Bei seiner Anhörung vor dem Senatsausschuß für&#13;
auswärtige Angelegenheiten erklärte Fred Webber, der&#13;
Präsident und Geschäftsführer des Verbands der&#13;
Chemiehersteller: "Wir haben diesen Vertrag eingehend geprüft und getestet. Unseres Erachtens ist die&#13;
CW-Konvention ein gutes Geschäft für die amerikanische Industrie...&#13;
Die Chemiewaffenkonvention&#13;
schützt unsere elementaren Wirtschaftsinteressen. Ich&#13;
weiß das, weil wir beim Entwurf der Berichtformulare&#13;
halfen. Und ich weiß das, weil wir bei der Erarbeitung&#13;
von Inspektionsverfahren Beistand leisteten, die&#13;
Handelsgeheimnisse schützen und gleichzeitig&#13;
garantieren, daß keine Chemiewaffen hergestellt&#13;
werden... Die Chemiewaffenkonvention ist ökonomisch sinnvoll und politisch klug... Wir haben eine&#13;
einfache Bitte: Verabschieden Sie die Chemiewaffenkonvention."&#13;
&#13;
Die CW-Konvention und die Industrie&#13;
Die CW-Konvention und das Militär&#13;
Der größte Exportsektor der Vereinigten Staaten ist die&#13;
chemische Industrie, deren Exporte sich auf 60&#13;
Milliarden Dollar belaufen. Wenn die Vereinigten&#13;
Staaten der CW-Konvention nicht beitreten, werden&#13;
ihre engsten Verbündeten und Handelspartner sich&#13;
gezwungen sehen, Handelsbeschränkungen gegen&#13;
aus den Vereinigten Staaten stammende oder dorthin&#13;
zu liefernde Chemikalien zu verhängen. Amerikanischen Unternehmen könnte Absatz in Millionenhöhe&#13;
entgehen und viele amerikanische Arbeitsplätze&#13;
könnten verloren gehen, weil die Vereinigten Staaten&#13;
dem Vertrag nicht beigetreten sind.&#13;
Die CW-Konvention ist der erste Rüstungskontrollvertrag, der große Auswirkungen auf den Privatsektor hat.&#13;
Obwohl die Vereinigten Staaten keine Chemiewaffen&#13;
herstellen, produzieren, verarbeiten und verwenden&#13;
sie eine Reihe von Chemikalien, die zur Herstellung&#13;
von Chemiewaffen eingesetzt werden können.&#13;
Beispielsweise kann ein in Kugelschreiberminen&#13;
verwendetes Lösungsmittel leicht in Senfgas umgewandelt werden, und eine für die Produktion von&#13;
feuerhemmenden Stoffen und Pestiziden verwendete&#13;
Chemikalie kann für die Herstellung von Nervenkampfstoffen genutzt werden. Aus diesem Grund muß jeder&#13;
Vertrag über das Verbot chemischer Waffen die&#13;
Industrieeinrichtungen überwachen, die Mehrzweck-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Die Chemiewaffenkonvention gestattet den Vertragsparteien ausdrücklich die Beibehaltung von Programmen zur Verteidigung gegen Chemiewaffen und&#13;
beschränkt die nichtchemischen militärischen Antworten nicht auf einen Angriff mit Chemiewaffen.&#13;
General John Shalikashvili, der Vorsitzende der&#13;
Vereinigten Stabschefs, erklärte in einer Anhörung vor&#13;
dem Senat: "Die Operation Wüstensturm hat bewiesen, daß für die Abschreckung vom Einsatz chemischer Waffen keine Vergeltung mit gleichen Mitteln&#13;
erforderlich ist." Er erklärte, "die Fähigkeit des amerikanischen Militärs zur Abschreckung von Chemiewaffen in der Welt nach der Verabschiedung der CWKonvention beruht sowohl auf einer starken Verteidigungsfähigkeit gegen Chemiewaffen als auch auf der&#13;
Fähigkeit, schnell eine überlegene und überwältigende&#13;
Militärmacht als Vergeltung für einen Angriff mit&#13;
Chemiewaffen einzusetzen."&#13;
Wie Verteidigungsminister Cheney während des Golfkriegs erklärte und&#13;
Verteidigungsminister Perry wiederholte, wäre die&#13;
amerikanische Antwort auf einen Angriff mit Chemiewaffen "absolut überwältigend" und "vernichtend".&#13;
In seiner Anhörung vor dem Senatsausschuß für&#13;
auswärtige Angelegenheiten erklärte Generalleutnant&#13;
Wesley Clark im Namen der Vereinigten Stabschefs im&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�März: "Aus militärischer Sicht liegt die Chemiewaffenkonvention zweifellos in unserem nationalen Interesse... Die Nichtverbreitungsaspekte der Konvention&#13;
werden die Ausbreitung von Chemiewaffen aufhalten&#13;
und dadurch die Wahrscheinlichkeit verringern, daß&#13;
amerikanische Streitkräfte in einem regionalen Konflikt&#13;
mit Chemiewaffen konfrontiert werden. Obwohl wir auf&#13;
die Fähigkeit verzichten, Vergeltung mit gleichen&#13;
Mitteln zu üben, behält sich das amerikanische Militär&#13;
die nötigen Mittel vor, von einem Chemiewaffenangriff&#13;
abzuschrecken und sich dagegen zu verteidigen... Ich&#13;
unterstütze diese Konvention entschieden und fordere&#13;
Sie mit allem Respekt auf, die Zustimmung zu ihrer&#13;
Ratifizierung zu geben."&#13;
Notwendigkeit der Ratifizierung durch die USA&#13;
Unabhängig von der Chemiewaffenkonvention zerstören die Vereinigten Staaten bereits ihre Chemiewaffen im Einklang mit einem vom Kongreß vor mehr als&#13;
einem Jahrzehnt verabschiedeten Gesetz, das die&#13;
Zerstörung des Großteils der amerikanischen Chemiewaffenarsenale vorsieht. Dieser Prozeß ist im Gange&#13;
und wahrscheinlich bis Ende des Jahres 2004 abgeschlossen. Die CW-Konvention würde von allen&#13;
anderen im Besitz von Chemiewaffen befindlichen&#13;
Vertragsparteien die Zerstörung ihrer Arsenale bis&#13;
April 2007 verlangen.&#13;
Wenn der Senat nicht vor Inkrafttreten der Konvention&#13;
im Frühjahr handelt, hat das negative Auswirkungen&#13;
auf die nationale Sicherheit und die Wirtschaftsinteressen der Vereinigten Staaten. Die Vereinigten&#13;
Staaten würden dann nicht dem Exekutivrat zur&#13;
Überwachung der Umsetzung der CW-Konvention&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
angehören, und amerikanische Staatsbürger dürften&#13;
nicht als internationale Inspektoren oder in anderen&#13;
Schlüsselpositionen im Zusammenhang mit der&#13;
Verifizierung des Vertrags tätig werden. In wirtschaftlicher Hinsicht wäre die amerikanische Chemieindustrie mit ihren mehr als 60 Milliarden Dollar an&#13;
Exporten dem möglichen Verlust von Millionen Dollar&#13;
an Verkäufen und zahlreichen Arbeitsplätzen ausgesetzt.&#13;
Die CW-Konvention stellt rechtlich bindende internationale Normen auf, die Erwerb, Besitz und Einsatz von&#13;
Chemiewaffen verbieten. Die Konvention verlangt&#13;
nicht nur von den Vertragsparteien die Zerstörung ihrer&#13;
Chemiewaffenarsenale, sondern verbietet ihnen auch&#13;
die Weitergabe chemischer Waffen an Drittländer oder&#13;
die Unterstützung bei verbotenen Aktivitäten. In&#13;
Kombination mit Beschränkungen des Handels mit von&#13;
der CW-Konvention kontrollierten Chemikalien mit&#13;
NichtVertragsparteien werden diese Bestimmungen die&#13;
Kosten und Schwierigkeiten der Beschaffung von&#13;
Chemiewaffen für die Staaten erhöhen, die der&#13;
Konvention nicht angehören.&#13;
Die universelle Befolgung des Vertrags und die&#13;
vollständige Vernichtung von Chemiewaffen werden&#13;
nicht sofort erreicht. Die Konvention wird jedoch die&#13;
Verbreitung chemischer Waffen durch die Isolierung&#13;
einer kleinen Zahl verbrecherischer Staaten, die den&#13;
Beitritt zum Regime verweigern, verlangsamen und&#13;
sogar umkehren, indem sie deren Zugang zu chemischen Grundstoffen beschränkt und internationalen&#13;
politischen und wirtschaftlichen Druck ausübt, wenn&#13;
diese Staaten ihr Chemiewaffenprogramm fortsetzen.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�ABRÜSTUNG&#13;
9. April 1997&#13;
&#13;
Abrüstungskonferenz strebt multilaterales&#13;
Abrüstungsabkommen für die ganze Welt an&#13;
Abschiedsrede von Botschafter Stephen Ledogar&#13;
&#13;
GENF - (AD) - Der Vertreter der Vereinigten Staaten bei der Genfer Abrüstungskonferenz (CD), Botschafter&#13;
Stephen Ledogar, äußerte in seiner Abschiedsrede am 20. März 1997 in Genf, die Chemiewaffenkonvention und&#13;
der Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (CTBT) "stehen für das, was dieses Gremium leisten kann,&#13;
wenn seine Mitglieder es wünschen".&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Botschafter Ledogar.&#13;
&#13;
Herr Präsident,&#13;
heute ergreife ich zum letzten Mal das Wort. Es ist&#13;
sowohl ein glücklicher Zufall als auch eine Ironie des&#13;
Schicksals, daß ich dies unter Ihrer Präsidentschaft&#13;
tue, da die Vereinigten Staaten und Rußland so viele&#13;
Jahre im Mittelpunkt der Gespräche in dieser Kammer&#13;
gestanden haben. Wenn ich also nur die üblichen&#13;
Platitüden von mir geben und sagen würde, wie sehr&#13;
ich mich freue, daß Sie den Vorsitz führen, würde das&#13;
diesen merkwürdigen Zufall nur bagatellisieren.&#13;
Ich war über sieben Jahre in Genf tätig und hatte das&#13;
Glück, an einigen der wichtigsten und dauerhaftesten&#13;
Unternehmungen der CD beteiligt gewesen zu sein.&#13;
Die Chemiewaffenkonvention und der Vertrag über ein&#13;
umfassendes Atomtestverbot stehen für das, was&#13;
dieses Gremium leisten kann, wenn seine Mitglieder&#13;
es wünschen. Der erfolgreiche Abschluß dieser&#13;
Verträge ist in der Tat die Ratifizierung der Bedeutung&#13;
des multilateralen Verhandlungsprozesses, selbst&#13;
wenn die universelle Ratifizierung dieser Verträge sehr&#13;
problematisch sein mag. Und wir müssen uns vor&#13;
Augen führen, daß dieser Prozeß alles ist, was wir bei&#13;
den globalen Bestrebungen zur Verringerung des&#13;
Rüstungsniveaus auf der Welt und zur Stabilisierung&#13;
ihrer Auswirkungen haben.&#13;
Mein Gefühl des Stolzes auf diese Leistungen wird&#13;
jedoch durch die wachsende Frustration über das&#13;
getrübt, was ich nur als zum Scheitern verurteilte&#13;
Versuche bezeichnen kann, die Nuklearmächte zu&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
zwingen, in diesem Forum die Elemente eines Abrüstungsprozesses auszuhandeln, den sie andernorts&#13;
durchführen. Die unnachgiebigen Gegner des Abrüstungsprozesses haben auf absehbare Zeit die&#13;
gesamte Arbeit dieses Gremiums blockiert - sogar die&#13;
Arbeit, die im Interesse der Mitglieder dieses Gremiums liegt. Ihre Bestrebungen bewirken genau das&#13;
Gegenteil und wirken sich zum Nachteil der gesamten&#13;
internationalen Staatengemeinschaft aus. Die CD soll&#13;
ein reines Verhandlungsgremium sein - sie ist jedoch&#13;
nicht immun gegen die Gesetze der Politik. Und Politik&#13;
ist - wie wir alle wissen - die Kunst des Möglichen.&#13;
Wenn ich jetzt von Ihnen Abschied nehme, kann ich&#13;
nur hoffen, daß erneut ein Sinn für Realität in der CD&#13;
vorherrscht und die Mitglieder dieses Gremiums es&#13;
nicht zulassen, daß es durch unrealistische und&#13;
unpolitische Forderungen gelähmt wird. Die realen&#13;
Abrüstungserfordernisse der Weltgemeinschaft sind&#13;
einfach zu überwältigend und dringend. Die CD sollte&#13;
tun, was sie kann und helfen, wo sie kann. Sie sollte&#13;
versuchen, die Bedeutung wiederzuerlangen, die sie in&#13;
der Vergangenheit hatte. Sie sollte nicht versuchen,&#13;
auf dem Unmöglichen zu bestehen.&#13;
Die nukleare Abrüstung geschieht jetzt. In der Zukunft&#13;
wird sie noch öfter und sogar noch schneller vollzogen.&#13;
Daß die CD in absehbarer Zukunft nicht die führende&#13;
Rolle in diesem Prozeß übernehmen kann, lenkt weder&#13;
von der Bedeutung der Mission der CD ab, multilaterale Rüstungskontrollabkommen für die ganze Welt&#13;
anzustreben, noch von ihrem Status als einziges&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�globales Verhandlungsgremium für Rüstungskontrolle&#13;
der Welt.&#13;
Herr Präsident, in den etwas mehr als sieben Jahren&#13;
meiner Tätigkeit hier hatte ich die Ehre, mit einigen der&#13;
klügsten und kompetentesten Diplomaten der Welt&#13;
zusammenzukommen. Mit einigen war ich nicht einer&#13;
Meinung. In der Tat bewirkten meine Anweisungen zu&#13;
dem einen oder anderen Zeitpunkt, daß ich mit vielen&#13;
von Ihnen Meinungsverschiedenheiten hatte. Auch&#13;
mein Stil paßt vielen nicht - eine Tatsache, die ich mit&#13;
einer ambivalenten Mischung aus Stolz und Bedauern&#13;
zur Kenntnis nehme. Ich mußte gelegentlich rasche&#13;
Entscheidungen treffen, und habe einige Blessuren&#13;
davongetragen. Aber ich kann ehrlich sagen, daß&#13;
diese Versammlung stets professionell und höflich war,&#13;
und gemeinsam haben wir sehr viel Dauerhaftes&#13;
geschaffen.&#13;
&#13;
Mit bleibt nur, Ihnen - meinen Kollegen und Ihren&#13;
Mitarbeitern - für die Ernsthaftigkeit und Professionalität zu danken, die sie mir und meiner Delegation über&#13;
die Jahre hinweg entgegengebracht haben. Ich danke&#13;
auch den Dolmetschern, allen, die zum Gelingen der&#13;
Konferenz beigetragen haben, und den Mitgliedern des&#13;
internationalen Sekretariats für ihre Unterstützung und&#13;
die Aufmerksamkeit, die sie der CD im allgemeinen&#13;
und meiner Delegation im besonderen gewidmet&#13;
haben. Das Engagement, das die internationale&#13;
Staatengemeinschaft für die Aufgabe der multilateralen&#13;
Abrüstung aufbringt, manifestiert sich in der Professionalität aller, die mit oder in diesem Gremium arbeiten.&#13;
Es spricht für die CD und gibt mir die Hoffnung, daß sie&#13;
überdauern und prosperieren wird.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
�PORTRAT&#13;
9. April 1997&#13;
&#13;
George J. Tenet&#13;
Der designierte CIA-Direktor&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Am 19. März 1997 nominierte Präsident Clinton George J. Tenet für das Amt des CIADirektors, nachdem Anthony Lake seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Nachfolgend veröffentlichen wir das&#13;
vom Weißen Haus herausgegebene Porträt von George J. Tenet, der derzeit amtierender Direktor des&#13;
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA ist.&#13;
&#13;
George J. Tenet wurde am 3. Juli 1995 als Stellvertretender Direktor des amerikanischen Nachrichtendienstes CIA vereidigt. Als Hauptstellvertreter des&#13;
CIA-Direktors umfaßt sein Aufgabenbereich die&#13;
Nachrichtendienste sowie die Leitung des CIA.&#13;
Zuvor war Tenet Sonderberater des Präsidenten und&#13;
ranghöchster Direktor für nachrichtendienstliche&#13;
Programme im Nationalen Sicherheitsrat. In dieser&#13;
Position war er der wichtigste nachrichtendienstliche&#13;
Ratgeber des Nationalen Sicherheitsberaters Anthony&#13;
Lake.&#13;
Er koordinierte die Präsidialerlässe über&#13;
nachrichtendienstliche Prioritäten, sicherheitspolitische&#13;
Zusammenarbeit, die Effektivität amerikanischer&#13;
Spionageabwehr sowie über die amerikanische Politik&#13;
zu weltraumgesteuerten Sensoren. Ferner war er&#13;
Koordinator aller behördenübergreifenden Geheimaktionen.&#13;
Vor seiner Tätigkeit im Nationalen Sicherheitsrat&#13;
gehörte Tenet dem Übergangsteam Präsident Clintons&#13;
für nationale Sicherheit an. In dieser Funktion war er&#13;
für die Beurteilung der amerikanischen Nachrichtendienste zuständig. Ferner war er mehr als vier Jahre&#13;
lang Stabsleiter des nachrichtendienstlichen Sonderausschusses des Senats unter dem Vorsitz von&#13;
Senator David C. Boren mit einem Stab von 40&#13;
Mitarbeitern aus beiden Parteien. Er war verantwortlich für die Abstimmung der gesamten Kontrolltätigkeit und gesetzgeberischen Aktivitäten des&#13;
Ausschusses, einschließlich erhöhter Anforderungen&#13;
an die Berichterstattung über Geheimaktionen, der&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 07&#13;
&#13;
Einsetzung eines ordentlichen CIA-Generalinspekteurs&#13;
und der Einführung umfassender Gesetze zur Neustrukturierung der amerikanischen Nachrichtendienste.&#13;
Vor seiner Arbeit in diesem Ausschuß gehörte George&#13;
Tenet als Beauftragter des Vizevorsitzenden Senator&#13;
Patrick Leahy bis August 1985 dem Stab von Senator&#13;
John Heinz an. Diese Funktion hatte er bis 1986 inne.&#13;
Von 1986 bis zu seiner Ernennung zum Stabsleiter war&#13;
Tenet für die Überwachung aller Rüstungskontrollverhandlungen zwischen der Sowjetunion und den&#13;
Vereinigten Staaten durch den Ausschuß zuständig.&#13;
Diese Arbeit gipfelte in der Vorbereitung eines Berichts&#13;
an den Senat über die Fähigkeit der amerikanischen&#13;
Nachrichtendienste zur Überwachung des INF-Vertrags.&#13;
Tenet arbeitete drei Jahre lang für den verstorbenen&#13;
Senator John Heinz aus Pennsylvania - sowohl als&#13;
Gesetzesberater für nationale Sicherheit und Energiefragen als auch als gesetzgebender Direktor.&#13;
1976 erwarb Tenet an der Fakultät für den auswärtigen&#13;
Dienst der Georgetown University den Bachelor of&#13;
Science und 1978 an der Fakultät für internationale&#13;
Angelegenheiten der Columbia University einen&#13;
Master of International Affairs.&#13;
Tenet ist gebürtiger New Yorker. Er ist mit A. Stephanie Glakas-Tenet verheiratet und wohnt in Potomac&#13;
(Maryland). Sie haben einen Sohn, John Michael.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
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                    <text>PORTRAT
9. April 1997

George J. Tenet
Der designierte CIA-Direktor

WASHINGTON - (AD) - Am 19. März 1997 nominierte Präsident Clinton George J. Tenet für das Amt des CIADirektors, nachdem Anthony Lake seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Nachfolgend veröffentlichen wir das
vom Weißen Haus herausgegebene Porträt von George J. Tenet, der derzeit amtierender Direktor des
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA ist.

George J. Tenet wurde am 3. Juli 1995 als Stellvertretender Direktor des amerikanischen Nachrichtendienstes CIA vereidigt. Als Hauptstellvertreter des
CIA-Direktors umfaßt sein Aufgabenbereich die
Nachrichtendienste sowie die Leitung des CIA.
Zuvor war Tenet Sonderberater des Präsidenten und
ranghöchster Direktor für nachrichtendienstliche
Programme im Nationalen Sicherheitsrat. In dieser
Position war er der wichtigste nachrichtendienstliche
Ratgeber des Nationalen Sicherheitsberaters Anthony
Lake.
Er koordinierte die Präsidialerlässe über
nachrichtendienstliche Prioritäten, sicherheitspolitische
Zusammenarbeit, die Effektivität amerikanischer
Spionageabwehr sowie über die amerikanische Politik
zu weltraumgesteuerten Sensoren. Ferner war er
Koordinator aller behördenübergreifenden Geheimaktionen.
Vor seiner Tätigkeit im Nationalen Sicherheitsrat
gehörte Tenet dem Übergangsteam Präsident Clintons
für nationale Sicherheit an. In dieser Funktion war er
für die Beurteilung der amerikanischen Nachrichtendienste zuständig. Ferner war er mehr als vier Jahre
lang Stabsleiter des nachrichtendienstlichen Sonderausschusses des Senats unter dem Vorsitz von
Senator David C. Boren mit einem Stab von 40
Mitarbeitern aus beiden Parteien. Er war verantwortlich für die Abstimmung der gesamten Kontrolltätigkeit und gesetzgeberischen Aktivitäten des
Ausschusses, einschließlich erhöhter Anforderungen
an die Berichterstattung über Geheimaktionen, der

AMERIKA DIENST 07

Einsetzung eines ordentlichen CIA-Generalinspekteurs
und der Einführung umfassender Gesetze zur Neustrukturierung der amerikanischen Nachrichtendienste.
Vor seiner Arbeit in diesem Ausschuß gehörte George
Tenet als Beauftragter des Vizevorsitzenden Senator
Patrick Leahy bis August 1985 dem Stab von Senator
John Heinz an. Diese Funktion hatte er bis 1986 inne.
Von 1986 bis zu seiner Ernennung zum Stabsleiter war
Tenet für die Überwachung aller Rüstungskontrollverhandlungen zwischen der Sowjetunion und den
Vereinigten Staaten durch den Ausschuß zuständig.
Diese Arbeit gipfelte in der Vorbereitung eines Berichts
an den Senat über die Fähigkeit der amerikanischen
Nachrichtendienste zur Überwachung des INF-Vertrags.
Tenet arbeitete drei Jahre lang für den verstorbenen
Senator John Heinz aus Pennsylvania - sowohl als
Gesetzesberater für nationale Sicherheit und Energiefragen als auch als gesetzgebender Direktor.
1976 erwarb Tenet an der Fakultät für den auswärtigen
Dienst der Georgetown University den Bachelor of
Science und 1978 an der Fakultät für internationale
Angelegenheiten der Columbia University einen
Master of International Affairs.
Tenet ist gebürtiger New Yorker. Er ist mit A. Stephanie Glakas-Tenet verheiratet und wohnt in Potomac
(Maryland). Sie haben einen Sohn, John Michael.

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&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
08&#13;
&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
NATO&#13;
&#13;
DIE WIRTSCHAFTLICHEN VORTEILE&#13;
DER NATO-ERWEITERUNG&#13;
Rede des Stellvertretenden Finanzministers&#13;
&#13;
MARSHALLPLAN&#13;
&#13;
DER MARSHALLPLAN - EINE VISION VON&#13;
SICHERHEIT, WOHLSTAND UND&#13;
PARTNERSCHAFT&#13;
Rede von Staatssekretär Peter Tarnoff&#13;
&#13;
WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
EINE FUHRUNGSROLLE BEI DER&#13;
BEKÄMPFUNG VON BESTECHUNG&#13;
von Alan P. Larson&#13;
&#13;
MENSCHENRECHTE&#13;
&#13;
US-DELEGATION: MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN DAUERN AN&#13;
Rede von Nancy Rubin&#13;
USA: GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG&#13;
IST SCHUTZ DES KINDES&#13;
Rede von Gere Smith&#13;
&#13;
MEDIEN&#13;
&#13;
DIE ROLLE DER MEDIEN IN EINER&#13;
DEMOKRATIE&#13;
von George A. Krimsky&#13;
&#13;
Informationen über die Politik der US-Regierung und&#13;
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können&#13;
auf der Home Page von USIS-Deutschland&#13;
im World Wide Web des Internet unter&#13;
http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
abgerufen werden.&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Tel.: 0228-339 2372&#13;
&#13;
Fax: 0228-333 138&#13;
e-mail: bbsbonn@usia.gov&#13;
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
&#13;
�NATO&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Die wirtschaftlichen Vorteile der NATO-Erweiterung&#13;
Rede des Stellvertretenden Finanzministers&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Die sicherheitspolitischen Vorteile einer NATO-Erweiterung gehen nach Ansicht des&#13;
Stellvertretenden US-Finanzministers Lawrence Summers mit den wirtschaftlichen Vorteilen für Europa und die&#13;
Vereinigten Staaten einher. Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Summers am 11. April 1997 vor der&#13;
U.S. Chamber of Commerce hielt.&#13;
&#13;
Guten Morgen. Ich freue mich außerordentlich über&#13;
die Gelegenheit, wieder im International Forum der&#13;
Chamber of Commerce zu sein und die herausragenden Vertreter der Wirtschaft und des öffentlichen&#13;
Lebens zu treffen, die dieses Forum regelmäßig&#13;
zusammenbringt.&#13;
Heute möchte ich über die Zukunft der amerikanischen&#13;
Unternehmen in Europa und die Zukunft der amerikanischen Unternehmen weltweit sprechen. Insbesondere möchte ich mich auf eine Initiative der Administration&#13;
konzentrieren, die vielen Vertretern der amerikanischen Geschäftswelt vielleicht nicht unbedingt&#13;
bekannt ist, es jedoch sein sollte: Das Bestreben der&#13;
Administration, beim Aufbau eines ungeteilten, demokratischen, friedlichen und prosperierenden Europas&#13;
zu helfen und als Bestandteil dieses Ziels die Erweiterung des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses zur Aufnahme neuer Mitglieder aus Zentraleuropa anzustreben.&#13;
Sie können sich fragen, warum sich der Stellvertretende Finanzminister mit der NATO-Erweiterung&#13;
befaßt. Die Antwort lautet, daß diese Frage elementare ökonomische Auswirkungen hat. Die Wahl des&#13;
Themas meiner heutigen Ausführungen soll unterstreichen, welch großes wirtschaftliches Interesse wir&#13;
und unsere Verbündeten an der NATO-Erweiterung&#13;
haben. Unsere in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg&#13;
gewonnenen Erfahrungen zeigen, daß wirtschaftlicher&#13;
Wohlstand und Sicherheit untrennbar miteinander&#13;
verbunden sind. Die Führungsrolle der Vereinigten&#13;
Staaten beim Wiederaufbau Europas nach dem Krieg&#13;
durch unilaterale Maßnahmen wie den Marshallplan&#13;
und multilaterale Institutionen wie die Internationale&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung halfen, die&#13;
Grundlagen für den Frieden zu schaffen. Aus dem&#13;
gleichen Grund half das von uns in Europa gebildete&#13;
Sicherheitsbündnis bei der Schaffung der Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum und wirtschaftliche&#13;
Erholung. Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges,&#13;
haben wir eine Chance, diesen Kreis von Sicherheit&#13;
und Wohlstand zu erweitern.&#13;
Wie Präsident Clinton seit seinen ersten Tagen im Amt&#13;
erklärte, bietet uns das Ende des Kalten Krieges eine&#13;
einzigartige Gelegenheit zum Aufbau eines umfassenderen Europas, das erstmals in der Geschichte durch&#13;
demokratische Praktiken und freie Märkte geeint ist.&#13;
Zur Erlangung dieses Ziels haben wir während der&#13;
vergangenen fünf Jahre eine Reihe von Maßnahmen&#13;
entwickelt und verfolgt, die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Belange verbinden. Diese reichen von&#13;
unserer Unterstützung für die politischen und wirtschaftlichen Reformen in Rußland und den anderen&#13;
neuen unabhängigen Staaten bis zu einer Vielzahl&#13;
sicherheitspolitischer Maßnahmen - beispielsweise&#13;
unsere Politik zur Beschränkung konventioneller und&#13;
nuklearer Waffen in Europa.&#13;
Auf wirtschaftlichem Gebiet waren die internationalen&#13;
Finanzinstitutionen wie der IWF und die Weltbank&#13;
wichtige Katalysatoren für Wirtschaftsreformen,&#13;
Finanzstabilität und Entwicklung. In den Schwellenländern haben sich die internationalen Finanzinstitutionen&#13;
auf die Stärkung der Institutionen des Privatsektors&#13;
konzentriert, damit diese Stütze für Wachstum und&#13;
Stabilität werden. Dementsprechend ist es dem&#13;
Präsidenten zufolge von elementarer Bedeutung, daß&#13;
wir unsere Rechnungen bei diesen Institutionen&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�begleichen um sicherzustellen, daß sie stark bleiben&#13;
und unsere Führungsrolle unbeeinträchtigt bleibt.&#13;
Als Teil dieser umfassenden Strategie internationalen&#13;
Engagements besteht eine der obersten Prioritäten&#13;
des Präsidenten in der Anpassung der NATO - dem&#13;
erfolgreichsten Bündnis in der Menschheitsgeschichte&#13;
- an die neuen Erfordernisse eines neuen Europas.&#13;
Diese Bestrebungen beinhalten Veränderungen bei&#13;
den Missionen der NATO sowie die Anknüpfung neuer&#13;
Beziehungen zwischen der NATO und dem im Prozeß&#13;
der Demokratisierung befindlichen Rußland. Ein&#13;
anderer wesentlicher Bestandteil dieser Bestrebungen&#13;
umfaßt die Aufnahme neuer zentraleuropäischer&#13;
Mitglieder in das Bündnis - ein Schritt, den sowohl der&#13;
Präsident als auch die NATO 1994 befürworteten und&#13;
1999 beim 50. Jahrestag des Bündnisses realisieren&#13;
wollen.&#13;
Diejenigen unter Ihnen, die der Geschäftswelt angehören, mögen sich fragen, was das mit Wirtschaft zu tun&#13;
hat. Meine Antwort lautet: Eine ganze Menge. Eine&#13;
größere, modernere NATO wird bei der Bewahrung&#13;
eines Sicherheitsumfelds in Europa helfen, das eine&#13;
Vorbedingung für Wirtschaftswachstum ist. Sie wird&#13;
dazu beitragen, Zentraleuropa in die Praktiken marktwirtschaftlicher Demokratien und Versöhnung zwischen Nachbarländern zu integrieren - Praktiken, die&#13;
diese Region zur am schnellsten wachsenden in ganz&#13;
Europa gemacht haben. Und sie wird unsere Bestrebungen ergänzen, ein demokratisches, in mehr&#13;
Wohlstand lebendes Rußland zu fördern.&#13;
Vor allem wird die amerikanische Entscheidung, die&#13;
NATO-Erweiterung fortzusetzen, ein starkes Signal&#13;
hinsichtlich unserer Rolle in Europa und der Welt&#13;
senden. Es wird nicht nur eine Entscheidung über die&#13;
Aufnahme neuer Mitglieder in das Bündnis, sondern&#13;
eine Bekräftigung unseres aktiven Engagements in&#13;
Europa und unserer Entschlossenheit sein, unsere&#13;
Sicherheit und Wirtschaftsinteressen im Ausland aktiv&#13;
zu verfolgen.&#13;
Lassen Sie mich etwas detaillierter erklären, warum&#13;
diese Initiative nicht nur für das Außen- und das&#13;
Verteidigungsministerium, sondern auch für das&#13;
Finanzministerium von großer Bedeutung ist.&#13;
Zunächst einmal ist die zentrale Bedeutung Europas&#13;
für die Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft zu&#13;
nennen. Ich weiß, daß ich nicht lange brauche, um&#13;
dieses Publikum davon zu überzeugen. Sie wissen,&#13;
daß unsere Beziehungen zu Europa der Kern unseres&#13;
wirtschaftlichen Kosmos sind. Europa und die Vereinigten Staaten produzieren zusammen mehr als die&#13;
Hälfte der Waren und Dienstleistungen weltweit.&#13;
Unser jährlicher bilateraler Handel mit Europa übersteigt die 250 Milliarden Dollar-Marke. Unsere Direktinvestitionen in Europa betragen ebenfalls mehr als&#13;
250 Milliarden Dollar und sind größer als in jeder&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
anderen Region der Welt. Obwohl wir nicht immer bei&#13;
jeder wirtschaftlichen Frage mit unseren europäischen&#13;
Partnern übereinstimmen, bleibt die Tatsache bestehen, daß unsere gemeinsamen Werte und Ansichten&#13;
uns zu den wichtigsten Partnern bei Bestrebungen von&#13;
der internationalen Koordinierung der Währungen über&#13;
die Verhandlungen im Rahmen der Uruguay-Runde&#13;
des GATT bis zur Gründung der Welthandelsorganisation gemacht haben. Und die Entwicklung Europas zu&#13;
einem integrierten Markt im Rahmen der Europäischen&#13;
Union ist ein Projekt, das wir unterstützen und von dem&#13;
wir profitieren.&#13;
Zentraleuropa ist auch für unsere wirtschaftliche&#13;
Zukunft von elementarer Bedeutung. Obwohl es&#13;
gemessen an der gesamten europäischen Wirtschaft&#13;
nur einen kleinen Prozentsatz darstellt, ist es wohl die&#13;
aktivste Region Europas. Seit Beginn dieses Jahrhunderts, als die durch kommunistische Herrschaft und&#13;
Kommandowirtschaft verursachte Zerstörung mutigen&#13;
marktwirtschaftlichen Reformen Platz machte, ist die&#13;
Region zwischen Elbe und Ural Zeuge schneller&#13;
Erneuerung und soliden Wachstums, insbesondere in&#13;
Zentraleuropa, wo die Reformen am weitreichendsten&#13;
und tiefgehendsten waren.&#13;
Die Volkswirtschaften Zentraleuropas, einschließlich&#13;
der Baltischen Staaten, wachsen jährlich real um vier&#13;
bis fünf Prozent, und alle Anzeichen deuten darauf hin,&#13;
daß sie ihre beeindruckende Leistung fortsetzen. Die&#13;
amerikanischen Exporte in die Region verzeichnen&#13;
zweistellige Wachstumsraten. Obwohl die westeuropäischen Märkte für die meisten Gebrauchsgüter&#13;
großenteils saturiert sind, verzeichnet Osteuropa eine&#13;
starke Nachfrage nach Autos, Fernsehern, Videorekordern, Kühlschränken und Inneneinrichtungsgegenständen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die&#13;
Autoverkäufe in Polen stiegen 1996 um 41 Prozent an.&#13;
Riesige Chancen werden auch durch die Bestrebungen dieser Länder eröffnet, staatliche Betriebe zu&#13;
privatisieren, die antiquierte Infrastruktur zu verbessern&#13;
und Umweltschäden zu beheben, die eine der zahlreichen dunklen Vermächtnisse des Kommunismus sind.&#13;
Die Beispiele reichen von den Bestrebungen der&#13;
Tschechischen Republik in Höhe von 3 Milliarden&#13;
Dollar zur Modernisierung ihrer Stromversorgungseinrichtungen bis zur Modernisierung des Telekommunikationswesens im Wert von einer Milliarde Dollar in&#13;
Polen. Zentraleuropa als Wirtschaftsstandort bietet&#13;
auch ein eifriges und gut ausgebildetes Arbeitskräftepotential mit hervorragendem Zugang zum&#13;
riesigen Markt der Europäischen Union. Infolgedessen&#13;
wurden seit dem Fall der Berliner Mauer in diesen&#13;
Staaten ausländische Direktinvestitionen im Wert von&#13;
nahezu 40 Milliarden Dollar getätigt - ungefähr ein&#13;
Viertel von Seiten der Vereinigten Staaten - und wir&#13;
erwarten weitere 40 Milliarden Dollar in den letzten vier&#13;
Jahren dieser Dekade. Heute, nur acht Jahre nachdem sich diese Länder dem Westen geöffnet haben,&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�liest sich die Liste amerikanischer Firmen, die in der&#13;
Region prosperieren, wie das Who's who von Fortune&#13;
mit seinen Wirtschaftsgiganten und Kleinunternehmen&#13;
gleichermaßen.&#13;
Unsere Administration ergreift eine Vielzahl von&#13;
Initiativen um sicherzustellen, daß Zentraleuropa sich&#13;
weiterhin dieses starken Wachstums der Märkte&#13;
erfreut und amerikanische Unternehmen auch in&#13;
Zukunft einen beträchtlichen Anteil daran haben. Im&#13;
Januar 1995 veranstaltete das Weiße Haus eine&#13;
Konferenz über Handel und Investitionen in Zentraleuropa, um die Chancen für amerikanische Firmen in&#13;
der Region herauszustellen. Wir eröffneten im Wirtschaftsministerium ein Business Information Center für&#13;
Zentral- und Osteuropa einschließlich einer Einrichtung&#13;
zur Unterstützung kleiner Unternehmen um zu gewährleisten, daß kleinere amerikanische Firmen&#13;
ebenfalls vom Wachstum dieser Region profitieren&#13;
können. Im Rahmen der Gesamtstrategie der Regierung zur Erschließung der großen, neuentstehenden&#13;
Märkte entwickelten wir ein Programm für den großen&#13;
neuentstehenden Markt Polen. Und wir setzten&#13;
beträchtliche Zeit und Mittel für die Unterstützung der&#13;
Wirtschaftsreformen in Rußland und den anderen&#13;
neuen unabhängigen Staaten ein, weil sie ebenfalls ein&#13;
Bestandteil Europas sind. Unsere Unterstützung für&#13;
diese Länder im Rahmen des Freedom Support Act&#13;
umfaßte mehr als 2 Milliarden Dollar zur Finanzierung&#13;
von Initiativen des Privatsektors, die Entwicklung von&#13;
Unternehmensfonds wie dem "Investitionsfonds USARußland" und dem "Fonds für kleine russische Unternehmen" sowie andere Programme zur Förderung der&#13;
wirtschaftlichen Umstrukturierung dieser Volkswirtschaften. Ferner stellten wir Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten mehr als 7 Milliarden&#13;
Dollar an Garantien, Darlehen und Sicherheiten der&#13;
Export-Import Bank und der Entwicklungsgesellschaft&#13;
OPIC zur Verfügung.&#13;
Wenn unser Ziel in der Unterstützung amerikanischer&#13;
Unternehmen besteht, damit sie von dem starken&#13;
Wachstum in Europa und Zentraleuropa profitieren,&#13;
müssen Sicherheitsfragen ein unerläßlicher Bestandteil unserer Strategie sein. Für Unternehmen und&#13;
Staaten gleichermaßen ist Sicherheit wie Sauerstoff:&#13;
Man denkt nicht viel darüber nach, aber wenn er fehlt,&#13;
kann man an nichts anderes mehr denken. Fragen Sie&#13;
nur einmal die Unternehmen in Zaire oder in Afghanistan - wenn Sie welche antreffen. Die EU ist ein&#13;
wichtiger Bestandteil der transatlantischen Sicherheit,&#13;
aber wir benötigen auch die NATO - für die Gewährleistung von Sicherheit und Wohlstand. Ohne Sicherheit und Stabilität auf dem europäischen Kontinent&#13;
- die großenteils der NATO zu verdanken sind - hätten&#13;
sich unsere starken Wirtschaftsbeziehungen zu&#13;
Europa während der vergangenen 50 Jahre nicht&#13;
entwickeln können. Und ebenso wie das ursprüngliche Bündnis Westeuropa ein halbes Jahrhundert&#13;
Sicherheit und Wachstum bescherte, kann eine neue&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
und größere NATO die für Wohlstand erforderliche&#13;
Sicherheit bieten und von Westeuropa auf den Osten&#13;
ausweiten.&#13;
Lassen Sie mich kurz erklären, wie weit wir mit der&#13;
NATO-Erweiterung gekommen sind. Seit dem Ende&#13;
des Kalten Krieges hat sich die NATO an ein stark&#13;
verändertes Sicherheitsumfeld angepaßt. Nach dem&#13;
Verschwinden der sowjetischen Bedrohung stellte die&#13;
NATO ihre Stolperdraht-Strategie der Vornestationierung von Truppen an der Front im Osten ein, verringerte ihre Truppenstärke, erklärte, daß sie Rußland nicht&#13;
mehr als Feind betrachtet und begann die Bewältigung&#13;
einer Reihe neuer Sicherheitsherausforderungen - von&#13;
Out-of-area-Missionen wie der in Bosnien bis zu&#13;
aufkommenden Bedrohungen wie der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.&#13;
Ein Schlüsselelement dieses Anpassungsprozesses ist&#13;
die Aufnahme der zentraleuropäischen Demokratien in&#13;
das Bündnis. Im Juli wird Präsident Clinton in Madrid&#13;
gemeinsam mit den anderen Staats- und Regierungschefs der NATO die ersten Staaten benennen, die zur&#13;
Aufnahme in das Bündnis eingeladen werden. Nach&#13;
den Aufnahmegesprächen mit den neuen Staaten wird&#13;
der Präsident den Senat um die Ratifizierung der&#13;
Ergänzung des Nordatlantikvertrags von 1949 durch&#13;
diese Staaten bitten. Sowohl er als auch die NATO&#13;
haben erklärt, es wäre wünschenswert, wenn diese&#13;
Staaten bis 1999 ihren Platz als Mitglieder einnähmen.&#13;
Diese neuen Verbündeten werden Vollmitglieder und&#13;
profitieren von denselben feierlichen Sicherheitsverpflichtungen, die die derzeitigen NATO-Verbündeten&#13;
eingehen, stimmen jedoch auch der Übernahme der&#13;
Verantwortung zu, Sicherheit zu schaffen und sie für&#13;
sich in Anspruch zu nehmen.&#13;
Die Strategie der NATO-Erweiterung beinhaltet ebenfalls Schritte zur Gewährleistung, daß wir keine neuen&#13;
Trennlinien schaffen, wenn wir die von Stalin vor einem&#13;
halben Jahrhundert durch Europa gezogenen illegitimen Trennlinien ausradieren. Aus diesem Grund hat&#13;
der Präsident ferner erklärt, daß die NATO-Erweiterung ein Prozeß sein wird, nicht eine einmalige&#13;
Angelegenheit - ebenso wie die wirtschaftliche Umgestaltung Europas ein andauernder Prozeß ist - und die&#13;
erste Gruppe der in die NATO aufgenommenen&#13;
Staaten nicht die letzte sein wird. Während die NATO&#13;
neue Mitglieder aufnimmt, baut sie auch tiefere und&#13;
konstruktivere Beziehungen zu Rußland, der Ukraine&#13;
und anderen Staaten auf, die noch nicht die Aufnahme&#13;
in das Bündnis anstreben. Das ist ein Grund, warum&#13;
der jüngste Helsinki-Gipfel so wichtig war - weil er&#13;
demonstrierte, daß die NATO mit der Aufnahme neuer&#13;
Mitglieder unseren Beziehungen zu Rußland auch eine&#13;
tiefere Dimension hinzufügen kann, wenn sie unerschütterlich und entschlossen ist.&#13;
Der Präsident, Außenministerin Albright und die&#13;
anderen Mitglieder des nationalen Sicherheitsteams&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�des Präsidenten haben häufig die sicherheitspolitischen Vorteile unterstrichen, die eine NATO-Erweiterung mit sich bringen wird. Sie wird die Stabilität&#13;
in Zentraleuropa gewährleisten - einer Region, deren&#13;
bisherige Instabilität zum Ausbruch der beiden Weltkriege in Europa und des Kalten Kriegs beigetragen&#13;
hat. Und sie wird der NATO wertvolle neue Mitglieder&#13;
bescheren, die bereits ihre Bereitschaft unter Beweis&#13;
gestellt haben, zur Sicherheit des Westens beizutragen, indem sie beispielsweise Streitkräfte zu der&#13;
Militärmission in Bosnien entsenden.&#13;
Aber mit den sicherheitspolitischen Vorteilen der&#13;
NATO-Erweiterung gehen auch wirtschaftliche Vorteile&#13;
einher - für Europa und die amerikanischen Unternehmen. Indem sie das heute in Zentraleuropa bestehende stabile Sicherheitsumfeld bewahrt, wird die NATOErweiterung vor allem die Fortsetzung des soliden&#13;
Wirtschaftswachstums sicherstellen. Aus diesem&#13;
Grund sollten amerikanische Unternehmen die NATOErweiterung nicht nur als die Garnierung auf dem&#13;
Teller des zentraleuropäischen Wirtschaftswachstums&#13;
sehen. Sie ist ein Teil der Grundlage, auf der dieses&#13;
Wirtschaftswachstum ruht.&#13;
Ich möchte kurz vier spezifische Aspekte darlegen, wie&#13;
das europäische Unternehmensklima und die amerikanischen Unternehmen von der NATO-Erweiterung&#13;
profitieren werden. Erstens hat die Aussicht der&#13;
NATO-Erweiterung bereits dazu beigetragen, die&#13;
zentraleuropäischen Praktiken der marktwirtschaftlichen Demokratie zu konsolidieren, die für Wirtschaftswachstum unerläßlich sind. Die dem Übergang von&#13;
Plan- zu Marktwirtschaften inhärenten politischen&#13;
Unruhen haben den politischen Entscheidungsprozeß&#13;
und die Staatsführung in Osteuropa außerordentlich&#13;
erschwert. Aber der über das gesamte politische&#13;
Spektrum hinweg weithin gehegte Wunsch, den&#13;
europäischen Wirtschafts- und Sicherheitsstrukturen einschließlich der NATO - beizutreten, hat starken&#13;
Einfluß auf den politischen Entscheidungsprozeß&#13;
ausgeübt und den Ländern geholfen, auf dem Kurs&#13;
des politischen und wirtschaftlichen Übergangs zu&#13;
bleiben.&#13;
Die NATO hat beispielsweise explizit zum Ausdruck&#13;
gebracht, daß die Praktiken einer demokratischen&#13;
Marktwirtschaft die Voraussetzung für die Mitgliedschaft sind, und die Staaten in der Region haben&#13;
bemerkenswerte Anstrengungen unternommen, um&#13;
diese Qualifikation zu erfüllen. In Ungarn hat die&#13;
Aussicht auf die NATO-Mitgliedschaft die politischen&#13;
Extremisten geschwächt und die Zentristen gestärkt,&#13;
die eine zweite Runde der Privatisierung eingeleitet&#13;
haben. Rumänien hat seine wirtschaftlichen Maßnahmen radikal geändert und zeigt Offenheit für&#13;
ausländische Investitionen.&#13;
Die Regierung von&#13;
Estland hat wiederholt erklärt, daß es die Aussicht auf&#13;
den Beitritt zu Institutionen des Westens - sowohl der&#13;
NATO als auch der EU - ist, die das Land auf dem&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Kurs radikaler Freihandelsmaßnahmen gehalten hat,&#13;
einschließlich außerordentlich niedriger Zölle. Und als&#13;
die neue reformistische Regierung Bulgariens die alten&#13;
Betonköpfe aus dem Amt vertrieb, die das Land&#13;
zugrunde gewirtschaftet hatten, taten sie zweierlei - sie&#13;
kehrten den Wirtschaftskurs um und erklärten ihr&#13;
Interesse am NATO-Beitritt - und sagten uns, für sie&#13;
seien diese beiden Schritte miteinander verbunden.&#13;
Der zweite spezifische wirtschaftliche Vorteil der&#13;
NATO-Erweiterung ist, daß sie die zentraleuropäischen Staaten zur Beilegung alter Grenzstreitigkeiten&#13;
und zu einer fairen Behandlung ethnischer Minderheiten ermutigt. Viele dieser Dispute hatten das Potential,&#13;
die Wirtschaftsbeziehungen in der Region zu schädigen und sogar zu destruktiver und hochexplosiver&#13;
Gewalt zu eskalieren. Aber diese Staaten wissen, daß&#13;
sie die Streitigkeiten mit ihren Nachbarn beilegen&#13;
müssen, wenn sie für eine Bündnismitgliedschaft in&#13;
Erwägung gezogen werden wollen. Und selbst für die&#13;
Staaten in der Region, die nicht sofort für eine Mitgliedschaft in Frage kommen, haben die Vereinigten&#13;
Staaten die zentrale Bedeutung der Beilegung ihrer&#13;
Streitigkeiten unterstrichen. Eine unvollständige Liste&#13;
der teils infolge der amerikanischen Bestrebungen&#13;
geschlossenen Abkommen enthält Vereinbarungen&#13;
zwischen Polen und Litauen, Ungarn und Rumänien,&#13;
Italien und Slowenien, Griechenland und Mazedonien,&#13;
der Tschechischen Republik und Deutschland. Diese&#13;
und andere Abkommen haben die grenzüberschreitenden Beziehungen, die Stabilität der Region und das&#13;
Unternehmensklima verbessert - weil regionale&#13;
Stabilität für Unternehmen so wichtig ist wie für den&#13;
Frieden.&#13;
Der dritte Grund, warum diese Strategie von Vorteil für&#13;
die amerikanischen Unternehmen ist, betrifft Rußland.&#13;
Wie Sie vielleicht wissen, habe ich einen Großteil&#13;
meiner Zeit im Finanzministerium damit verbracht,&#13;
Wege zur Stützung der russischen Wirtschaftsreformen und der Ermutigung der Integration des Landes in&#13;
die multilateralen Wirtschaftsinstitutionen auszuarbeiten, damit es eine konstruktive und produktive&#13;
Rolle bei globalen Wirtschaftsangelegenheiten übernehmen kann. Ein wohlhabendes, demokratisches&#13;
Rußland ist für die Sicherheit Europas und der Vereinigten Staaten ebenso unerläßlich wie eine erweiterte NATO. Und im Gegensatz zu den Äußerungen einiger russischer und amerikanischer Kritiker&#13;
schließen sich die beiden weder gegenseitig aus noch&#13;
sind sie inkompatibel.&#13;
Es stimmt, daß Präsident Jelzin und andere russische&#13;
Politiker ihren Widerstand gegen die NATO-Erweiterung unterstrichen haben. Dennoch bin ich der festen&#13;
Überzeugung, daß diese Politik zusammen mit den&#13;
anderen Maßnahmen, die wir im Hinblick auf Rußland&#13;
in der Region ergreifen, die Sicherheit Rußlands und&#13;
seine Integration in den Westen verbessern kann.&#13;
Schließlich wird die NATO-Erweiterung demokratische&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�Stabilität entlang Rußlands Westgrenze fördern - einer&#13;
Region, die häufig der Nährboden für Bedrohungen&#13;
von Rußland selbst waren. Und sie wird das Vertrauen vertiefen und deshalb umfassendere Wirtschaftsbeziehungen zwischen Moskau und Zentraleuropa ermöglichen. Die Zentraleuropäer wissen, daß&#13;
sie einen sicheren, wohlhabenden Nachbarn in ihrem&#13;
Osten haben wollen. Darüber hinaus stellen Fragen&#13;
über die Zukunft der NATO kein Kernstück der Beziehungen unseres Landes zu Rußland dar - das Kernstück sind die Bestrebungen, die Rußlands wirtschaftliche und politische Entwicklung betreffen. Teils&#13;
aus diesem Grund werden wir bei der Erweiterung des&#13;
Bündnisses umfassende Bestrebungen zur Unterstützung der andauernden Reformen in Rußland einleiten&#13;
und außerdem unsere Bemühungen zur Einbeziehung&#13;
Rußlands in Institutionen wie den G-7-Prozeß, die&#13;
OECD, den Pariser Club und die WTO fortsetzen.&#13;
Präsident Clinton unterstrich seine Verpflichtung zu&#13;
diesen Schritten in Helsinki, und sie können dazu&#13;
beitragen, Rußland davon zu überzeugen, daß unser&#13;
Ziel nicht darin besteht, Rußland zu bedrohen oder zu&#13;
isolieren, sondern es in einem umfassenderen,&#13;
demokratischen und wohlhabenden Europa willkommen zu heißen.&#13;
Schließlich müssen die Unternehmen sich bewußt&#13;
machen, daß die Abstimmung der Vereinigten Staaten&#13;
über die NATO-Erweiterung nicht nur eine Entscheidung darüber ist, ob man einer militärischen Gruppe&#13;
einige Mitglieder hinzufügt. Sie wird auch eine Aussage über unsere Rolle in der Welt sein. Sie wird hier&#13;
und im Ausland als Zeichen dafür gesehen, ob wir die&#13;
Absicht haben, andere beim Streben nach Wohlstand&#13;
und Sicherheit einzubeziehen, oder ob wir nach dem&#13;
Ende des Kalten Krieges beabsichtigen, uns von&#13;
unserer Verantwortung zur Förderung der Prozesse&#13;
der globalen Sicherheit, Marktreformen und Handelsliberalisierung zurückzuziehen.&#13;
Tatsache ist, daß dies eine der ersten Debatten nach&#13;
dem Ende des Kalten Krieges sein wird, die die&#13;
Menschen zu der Frage veranlaßt, warum wir eine&#13;
NATO haben, warum wir in Europa sind und warum&#13;
Europa wichtig für unseren eigenen Wohlstand und&#13;
unsere Sicherheit ist. Aus diesem Grund wird die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Ratifizierung der NATO-Erweiterung im nächsten Jahr&#13;
den amerikanischen Unternehmen Auftrieb verleihen.&#13;
Sie wird die Unterstützung unserer Nation für nach&#13;
außen gerichtete Maßnahmen bekräftigen, nicht nur im&#13;
Hinblick auf die NATO, sondern auch im Hinblick auf&#13;
Handel und alles andere, was wir im Ausland tun.&#13;
Wenn diese Bestrebungen jedoch scheiterten, würden&#13;
sie die Stimmen in Amerika ermutigen, die sagen, wir&#13;
sollten uns um die Bedürfnisse im Inland kümmern und&#13;
nicht um unsere Pflichten im Ausland - als ob wir das&#13;
eine ohne das andere erreichen könnten. Unsere&#13;
Unternehmen haben ein Interesse daran, einen&#13;
amerikanischen Rückzug aus der Welt zu verhindern,&#13;
und im weitesten Sinne ist es das, worum es bei der&#13;
Abstimmung über die NATO-Erweiterung geht.&#13;
Auch sollte sich niemand der Illusion hingeben, daß die&#13;
NATO-Erweiterung leicht oder automatisch erfolgen&#13;
wird. Sie ist ein Schritt, der von den Regierungen aller&#13;
16 NATO-Partner ratifiziert werden muß. Hier in&#13;
Washington erfordert sie zwei Drittel der Stimmen im&#13;
Senat und die Mehrheit in beiden Kammern für die&#13;
Bereitstellung der notwendigen Finanzierung. Und&#13;
außerhalb von Washington benötigt die NATO-Erweiterung die eindeutige Unterstützung einer informierten Öffentlichkeit, weil dies ein Teil dessen ist, was&#13;
unseren Sicherheitsgarantien in der NATO Bedeutung&#13;
verleiht.&#13;
Die amerikanischen Unternehmen können eine&#13;
Schlüsselrolle bei der Aufklärungsarbeit übernehmen,&#13;
die wir zur Erlangung dieser Art von Unterstützung&#13;
benötigen. Sowohl hier als auch im Ausland hören die&#13;
Menschen auf das, was wir in der Regierung zu sagen&#13;
haben, aber sie beobachten, was Sie als Unternehmer&#13;
tun. Die Unternehmen haben ein einzigartiges Ansehen in der Öffentlichkeit und der Presse, und Sie&#13;
können erklären helfen, warum diese Art von aktiver,&#13;
internationalistischer Strategie gut für Amerikas&#13;
Eigeninteressen ist. Ich hoffe, daß die amerikanischen&#13;
Unternehmen dieser Initiative die uneingeschränkte&#13;
Aufmerksamkeit und Unterstützung gewähren, die sie&#13;
verdient - denn bei dieser Frage sind Ihre wirtschaftlichen Interessen, unsere umfassenderen nationalen&#13;
Interessen und unsere transatlantische Zukunft ein und&#13;
dasselbe.&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�MARSHALLPLAN&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Der Marshallplan - eine Vision von Sicherheit,&#13;
Wohlstand und Partnerschaft&#13;
Rede von Staatssekretär Peter Tarnoff&#13;
&#13;
PARIS - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär im US-Außenministerium, Peter&#13;
Tarnoff, am 15. April 1997 vor dem französischen Senat hielt.&#13;
&#13;
Herr Senatspräsident, verehrte Abgeordnete, meine&#13;
Damen und Herren,&#13;
&#13;
zu können, die durch die Vision und Bestrebungen der&#13;
Generation von Botschafterin Harriman möglich wurde.&#13;
&#13;
es ist für mich ein bewegender Moment, hier im Senat&#13;
zu stehen - einem der ältesten und herausragendsten&#13;
Volksvertretungsorgane der Welt. Hier spüre ich, daß&#13;
die Menschenrechtserklärung und die Verfassung der&#13;
Französischen Republik ein wertvoller Bestandteil des&#13;
demokratischen Erbes der Menschheit sind.&#13;
&#13;
Es gibt kein besseres Beispiel für die Zusammenarbeit&#13;
der Alliierten beim Streben nach Frieden und Wohlstand als den Marshallplan, dessen 50. Jahrestag wir&#13;
dieses Jahr feiern. Die Landung in der Normandie&#13;
stellte die Freiheit auf dem europäischen Kontinent&#13;
wieder her, der Marshallplan gab neue Hoffnung.&#13;
Europa ergriff diese Gelegenheit und begann einen&#13;
bemerkenswerten Integrationsprozeß, der immer noch&#13;
andauert und bis weit in die Zukunft fortgesetzt wird.&#13;
&#13;
Wie Sie wissen, sollte eigentlich die verstorbene&#13;
Botschafterin Pamela Harriman diese Rede halten.&#13;
Und ich weiß, wie sehr sie sich darauf gefreut hatte.&#13;
Es wäre für sie eine Ehre gewesen, die ihrem großartigen Dienst an den Vereinigten Staaten, Europa,&#13;
den transatlantischen Verbindungen und vor allem den&#13;
amerikanisch-französischen Beziehungen und der&#13;
Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern&#13;
entsprochen hätte. Botschafterin Harrimans plötzlicher&#13;
Tod war für uns alle ein Schock. Heute ist es für mich&#13;
sowohl eine Ehre als auch ein trauriger Anlaß, statt&#13;
ihrer vor Ihnen zu stehen.&#13;
Als Thomas Jefferson 1785 als Gesandter für Frankreich in Paris ankam, sagte er über seinen Vorgänger&#13;
Benjamin Franklin: "Ich trete seine Nachfolge an, aber&#13;
niemand kann ihn ersetzen." Auch ich kann heute&#13;
Botschafterin Harriman nicht ersetzen. Ich kann nur&#13;
versuchen, ihrem brennenden Wunsch nach intensiven und engen transatlantischen Beziehungen Ausdruck zu verleihen. Ein Großteil dessen, was ich&#13;
ansprechen werde, hat sie persönlich erlebt. Meine&#13;
Generation und jüngere Generationen genossen das&#13;
Privileg, in einer freien, stabilen, prosperierenden und&#13;
demokratischen transatlantischen Gemeinschaft leben&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Botschafterin Harriman erlebte, welchen Stellenwert&#13;
der Marshallplan in der Geschichte hat. Sie war&#13;
Anfang der fünfziger Jahre in Paris, sah das Elend der&#13;
Menschen und erlebte dann das neugewonnene&#13;
Vertrauen, das der Marshallplan erweckte. Wer 1948&#13;
verzweifelt war, hatte 1952 Hoffnung. Das war das&#13;
Ziel von Außenminister George Marshall - "das&#13;
Vertrauen der Europäer in die wirtschaftliche Zukunft&#13;
ihres eigenen Landes und Europas als Ganzem"&#13;
wiederherzustellen.&#13;
Lassen Sie uns kurz an jene Jahre unmittelbar nach&#13;
dem Krieg und die damit einhergehenden furchterregenden Herausforderungen erinnern. Nach sechs&#13;
Jahren Krieg war Europa erschöpft. Die Städte waren&#13;
zerstört, die Kirchen nur noch Ruinen. 1947 hatte sich&#13;
das Leben noch nicht verbessert. Der Winter war der&#13;
schlimmste des Jahrhunderts. Europa befand sich in&#13;
einer großen Wirtschaftskrise. Die demokratischen&#13;
Werte in Westeuropa waren bedroht, als Stalin ein&#13;
zentraleuropäisches Land nach dem anderen unterwarf.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Es mußten schnell drastische Maßnahmen ergriffen&#13;
werden. "Der Patient verfällt zusehends", äußerte&#13;
Marshall, "während sich die Ärzte beraten." Präsident&#13;
Truman und Außenminister Marshall beschlossen, daß&#13;
koordinierte Wirtschaftshilfe in nie gekanntem Ausmaß&#13;
in Verbindung mit weitreichenden Wirtschaftsreformen&#13;
in Europa die beste Chance boten, den Patienten zu&#13;
retten.&#13;
Marshall machte deutlich, daß die europäische&#13;
Erholung auch im besten Interesse der Vereinigten&#13;
Staaten läge. Er bekräftigte: "Unsere Politik richtet&#13;
sich nicht gegen irgendein Land oder irgendeine&#13;
Doktrin, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung&#13;
und Chaos. Ihr Ziel sollte die Wiederbelebung einer&#13;
funktionierenden Weltwirtschaft sein, um das Entstehen politischer und sozialer Bedingungen zu&#13;
gestatten, unter denen freie Institutionen bestehen&#13;
können." Schließlich bestand Marshall noch darauf,&#13;
daß die Bestrebungen in Zusammenarbeit erfolgen&#13;
sollten.&#13;
Ein Großteil Europas reagierte schnell. Ernest Sevin&#13;
erklärte: "Wir ergriffen den Rettungsring mit beiden&#13;
Händen", und Präsident Vincent Auriol kündigte an:&#13;
"Heute geschieht etwas Neues im Leben der Franzosen." Vertreter von 16 europäischen Ländern trafen im&#13;
Juli 1947 in Paris zusammen und beschlossen, sich an&#13;
dem Plan zu beteiligen und die wirtschaftliche Erholung durch den Ausschuß für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit zu koordinieren. Vier Jahre und&#13;
13,3 Milliarden Dollar später war der Marshallplan mit&#13;
den Worten von Avereil Harriman "erfolgreicher als&#13;
sich irgend jemand hätte erträumen können". Der&#13;
Ausschuß wurde schließlich zur Organisation für&#13;
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung&#13;
(OECD), die von ihrer Zentrale in Paris aus weiterhin&#13;
eine wertvolle Rolle bei der Förderung von Wohlstand&#13;
in Europa und auf der ganzen Welt spielt und die&#13;
Feiern zum Gedenken an den Marshallplan zu Recht&#13;
als Feiern aus Anlaß ihres eigenen Geburtstages&#13;
betrachtet.&#13;
Der Vorschlag von Truman und Marshall war von einer&#13;
Vision geleitet: Die Vereinigten Staaten würden bei der&#13;
Schaffung eines neuen Europas helfen. Das neue&#13;
Europa würde dem wirtschaftlichen und politischen&#13;
Nationalismus den Rücken zuwenden, der die Ursache von einem Krieg nach dem anderen war. Die&#13;
Länder Westeuropas, einschließlich Deutschlands,&#13;
würden ihre Volkswirtschaften öffnen und einen&#13;
europaweiten Markt aufbauen. Das neue Europa wäre&#13;
dynamisch und demokratisch, und es wäre auch ein&#13;
enger Verbündeter der Vereinigten Staaten.&#13;
Mit Unterstützung des Marshallplans und angeregt von&#13;
ihrer eigenen Vorstellung von einem modernen,&#13;
integrierten, in Frieden lebenden Europa machten sich&#13;
herausragende Franzosen wie Robert Schuman und&#13;
Jean Monnet zusammen mit anderen europäischen&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Politikern an die Arbeit, diese Vision in die Praxis&#13;
umzusetzen. Die Ergebnisse waren beeindruckend&#13;
und beinhalteten den Europarat, die Montanunion und&#13;
die Römischen Verträge, deren 40. Jahrestag wir&#13;
dieses Jahr ebenfalls feiern.&#13;
Diese wirtschaftlichen und politischen Fortschritte&#13;
hingen wiederum von einem sicheren Umfeld ab, das&#13;
Westeuropa, die Vereinigten Staaten und Kanada&#13;
durch eine ebenso visionäre Initiative, den Nordatlantikvertrag, boten.&#13;
Das waren Heldentaten. Sie basierten auf einer&#13;
einfachen, aber weitreichenden Erkenntnis, die von&#13;
Europäern und Amerikanern aus Pamela Harrimans&#13;
Generation geteilt wurde und durch jahrzehntelange&#13;
gemeinsame Prüfungen durch Krieg und Wirtschaftskrise entstanden war: Europas und Amerikas Schicksal ist eng verflochten, und wenn wir nicht zusammen&#13;
Fortschritte machen, machen wir wahrscheinlich gar&#13;
keine Fortschritte.&#13;
Die Errungenschaften dieser "Gründergeneration"&#13;
haben uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen: zu&#13;
einer gleichberechtigten Partnerschaft.&#13;
Unsere&#13;
gemeinsame Pflicht besteht darin, ihre Vision von&#13;
einem ungeteilten und freien, Amerika partnerschaftlich&#13;
verbundenen Europa zu erfüllen und diese Partnerschaft zur Förderung unserer gemeinsamen Interessen auf der Welt zu nutzen.&#13;
Trotz all unserer früheren Erfolge bleiben in Europa&#13;
Herausforderungen bestehen, die vor mehr als 50&#13;
Jahren bereits erwartet wurden. 1948 äußerte der&#13;
Staatssekretär im Außenministerium Robert Lovett&#13;
gegenüber Avereil Harriman:&#13;
"Unser Ziel sollte&#13;
weiterhin die immer engere wirtschaftliche und politische Integration des derzeit freien Europas und&#13;
letztlich aller befreiten Teile Europas sein."&#13;
Wir sollten uns daran erinnern, daß die Vision von&#13;
George Marshall und Jean Monnet den gesamten&#13;
Kontinent umfaßte. Bedauerlicherweise hinderte Stalin&#13;
die Sowjetunion und mehrere zentraleuropäische&#13;
Länder daran, unsere Einladung zur Beteiligung am&#13;
Marshallplan anzunehmen, was dazu führte, daß der&#13;
Sowjetblock von der dramatischen wirtschaftlichen&#13;
Erholung isoliert wurde, die 1949 begann. Heute liegt&#13;
es in unserem gemeinsamen Interesse, die Integration&#13;
Europas zu vervollständigen - dieses Mal ohne&#13;
Ausnahmen.&#13;
Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber die Trennungen bleiben bestehen. Sie werden offenkundig im&#13;
wirtschaftlichen Ungleichgewicht zwischen Ost und&#13;
West, dem Gefühl der Unsicherheit, das immer noch&#13;
das Vertrauen der neuen demokratischen Nationen&#13;
unterminiert, an der Umweltverschmutzung, die das&#13;
Leben der Menschen in Teilen Zentral- und Osteuropas verkürzt, an der Unterdrückung und Gewalt,&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�die Familien zur Flucht aus ihrer Heimat veranlaßt.&#13;
Aber bedenken Sie, wieviel wir den Europäern schulden, die 1980 im Namen der Freiheit eine polnische&#13;
Schiffswerft besetzten, den Europäern, die die Berliner&#13;
Mauer niederrissen, den Europäern aus 14 zentralund osteuropäischen Nationen, die uns heute in&#13;
Bosnien zur Seite stehen, den Europäern, die in&#13;
ehemals kommunistischen Ländern freie Institutionen&#13;
aufbauen. Zum ersten Mal in der Geschichte kann und&#13;
muß dieser Kontinent ungeteilt, prosperierend und frei&#13;
sein.&#13;
Die Strukturen, auf denen ein integriertes Europa&#13;
aufbaut, werden vielfältig und beeindruckend sein. Im&#13;
Bereich der Sicherheit begann die Partnerschaft mit&#13;
der NATO, einem Bündnis, das jetzt an die heutigen&#13;
Herausforderungen angepaßt ist. Präsident Clinton&#13;
erklärte: "Ich bin überzeugt, daß die NATO für Osteuropa das leisten kann, was sie für Westeuropa&#13;
geleistet hat - die Verhinderung des Wiederauflebens&#13;
lokaler Rivalitäten, Stärkung von Demokratie gegen&#13;
zukünftige Bedrohungen und Schaffung der für&#13;
Wohlstand erforderlichen Bedingungen."&#13;
Gemeinsam schaffen wir eine neue NATO mit neuen&#13;
Fähigkeiten zu neuen Aufgaben und einer erweiterten&#13;
europäischen Rolle. Wir öffnen ihre Türen für die&#13;
aufstrebenden Demokratien Europas. Und wir bauen&#13;
starke Beziehungen auf der Grundlage der Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland sowie der&#13;
NATO und der Ukraine auf.&#13;
Im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden hat die&#13;
NATO bereits kooperative Beziehungen zu 27 Nichtmitgliedstaaten aufgebaut. Die PfF ist zu einem&#13;
dauerhaften Bestandteil des transatlantischen Sicherheitssystems geworden. Wir werden dieses&#13;
Programm weiterhin fördern und es bald durch den&#13;
neuen Atlantischen Partnerschaftsrat stärken.&#13;
Wir werden auch das Bündnis selbst erweitern. Beim&#13;
Gipfeltreffen im Juli in Madrid wird die NATO ein oder&#13;
mehrere zentraleuropäische Länder zur Aufnahme der&#13;
Beitrittsverhandlungen einladen. Wir wollen die NATOErweiterung, um die veralteten Trennlinien des Kalten&#13;
Krieges auszuradieren, Sicherheit und Stabilität in&#13;
einer Region zu konsolidieren, in der sich häufig&#13;
Konflikte ausgebreitet haben, sowie demokratische&#13;
und Marktreformen in den jungen Demokratien zu&#13;
unterstützen. Präsident Clinton vertritt die Auffassung,&#13;
daß die erste Gruppe von Ländern 1999 als vollwertige&#13;
Mitglieder beitreten sollten.&#13;
Die NATO-Erweiterung ist gegen niemanden gerichtet.&#13;
Außenministerin Albright hat erklärt: "Denjenigen, die&#13;
sich Sorgen machen, daß die Erweiterung Europa teilt,&#13;
sage ich, die NATO sollte den Eisernen Vorhang nicht&#13;
als seine östliche Grenze erhalten. Die NATO muß die&#13;
Tür zur Mitgliedschaft für jede europäische Nation&#13;
offenhalten, die die Pflichten des Bündnisses überneh-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
men kann und gleichzeitig eine starke und dauerhafte&#13;
Partnerschaft mit allen Demokratien Europas aufbaut."&#13;
Die Zusammenarbeit mit einem wohlhabenden,&#13;
demokratischen, vollständig in regionale und internationale Organisationen integrierten Rußland ist unerläßlich für die Schaffung eines wirklich sicheren&#13;
Europas. Unseres Erachtens können die NATO und&#13;
Rußland vollwertige Partner bei der Gewährleistung&#13;
der Sicherheit Europas werden. Das derzeit verhandelte Abkommen zwischen der NATO und Rußland&#13;
wird klare Prinzipien und Arrangements für Konsultationen, Zusammenarbeit und wenn möglich gemeinsame Aktionen bei einem breiten Spektrum von&#13;
Themen von beiderseitigem Interesse festlegen.&#13;
Ebenso wie der Marshallplan ist die neue NATO eine&#13;
Investition in langfristigen Frieden.&#13;
Die NATO paßt sich auch intern an die uns konfrontierenden neuen Herausforderungen an. Wir&#13;
arbeiten zusammen, um Europa im Bündnis eine&#13;
stärkere Rolle zu verleihen und passen die Bündnisstrukturen an, um auf die neuen Bedrohungen der&#13;
europäischen Sicherheit zu reagieren. Wie wir in&#13;
Bosnien gesehen haben, werden Militäraktionen über&#13;
die integrierte militärische Struktur der NATO durchgeführt. Präsident Chiracs historische Entscheidung&#13;
zugunsten einer stärkeren Beteiligung Frankreichs an&#13;
der NATO wird nicht nur unsere Fähigkeit zur Bildung&#13;
von Koalitionen stärken, sondern die NATO zu einer&#13;
noch effektiveren Friedensstreitmacht machen.&#13;
Die neue NATO ist nicht nur ein wichtiger Rahmen für&#13;
die amerikanisch-europäische Zusammenarbeit. Die&#13;
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in&#13;
Europa (OSZE), die alle Nationen Europas und der&#13;
ehemaligen Sowjetunion sowie Kanada und die&#13;
Vereinigten Staaten einschließt, bietet ein umfassendes Sicherheitskonzept. Ihre Verpflichtung zu demokratischer Entwicklung, wirtschaftlicher Zusammenarbeit, sicherheitspolitischen und humanitären Rechten&#13;
definiert im Großen und Ganzen die neue atlantische&#13;
Gemeinschaft, die unser Ziel ist. Jetzt benötigt die&#13;
OSZE unsere praktische Unterstützung, während sie&#13;
sich der Herausforderung der Konfliktbewältigung in&#13;
Bosnien, Albanien und andernorts stellt.&#13;
Die Europäische Union ist eine weitere Schlüsselinstitution in dem neuen Europa. Sie hat sich eine&#13;
ehrgeizige Tagesordnung der Liberalisierung der&#13;
Märkte aufgestellt, während sie größere Integration bis&#13;
zum Ende dieses Jahrhunderts anstrebt. Die Vereinigten Staaten unterstützen diesen Prozeß ebenso&#13;
enthusiastisch wie die möglichst schnelle und umfassende Erweiterung der Union, damit sie die neuen&#13;
Marktwirtschaften Europas einbezieht. Die enormen&#13;
Vorteile der Union und die Pflichten, die sie auferlegt,&#13;
sollten auf die seit kurzem freien Nationen Europas&#13;
ausgedehnt werden.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Eine erweiterte Union ist gut für Europa und gut für die&#13;
Vereinigten Staaten. Je zuversichtlicher und wohlhabender ganz Europa ist, desto besser. Ich möchte&#13;
es so klar wie möglich formulieren: Eine starke und&#13;
erweiterte Europäische Union wird ein willkommener&#13;
Partner für die Vereinigten Staaten sein. Es liegt in&#13;
unserem Interesse, daß Europa auf dem Kurs der&#13;
Integration und Erweiterung bleibt, um die Arbeit zu&#13;
vollenden, die Nationen in das europäische Haus&#13;
einzubeziehen, deren Hoffnung auf Freiheit und ein&#13;
besseres Leben zu lange enttäuscht wurde.&#13;
Unsere kollektiven Bestrebungen in Bosnien haben&#13;
sowohl die Möglichkeiten als auch die Dringlichkeit des&#13;
Aufbaus einer neuen atlantischen Gemeinschaft&#13;
demonstriert. In vieler Hinsicht steht Bosnien dort wo&#13;
Europa 1947 stand. Eineinhalb Jahre lang wurde&#13;
Sarajevo belagert. Die Menschen zerhackten Parkbänke und verbrannten Bücher, um heizen zu können.&#13;
Auf den Märkten waren keine Waren erhältlich, und&#13;
Naturerzeugnisse wurden in Stadtparks angebaut.&#13;
Heute ist der Krieg vorüber, und es wurde ein in&#13;
Dayton formulierter und in Paris ratifizierter Weg zu&#13;
Demokratie, Gerechtigkeit und Integration gefunden.&#13;
Gemeinsam haben wir den Frieden gesichert. Jetzt&#13;
müssen wir gemeinsam die bosnischen Politiker auf&#13;
die Erfüllung ihrer Verpflichtungen drängen und allen&#13;
Nationen des ehemaligen Jugoslawiens helfen, Europa&#13;
wieder beizutreten.&#13;
Am Vorabend eines neuen Jahrhunderts muß jedoch&#13;
eine neue Welt gestaltet werden - mit Herausforderungen, die nicht geringer sind als diejenigen, mit denen&#13;
sich unsere Amtskollegen vor einen halben Jahrhundert konfrontiert sahen. Terrorismus, internationales Verbrechen, aggressiver Nationalismus und&#13;
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen&#13;
bedrohen unsere Sicherheit. Globale Probleme wie&#13;
Umweltzerstörung, untragbares Bevölkerungswachstum und Massenbewegungen von Flüchtlingen&#13;
unterminieren aufstrebende Demokratien und das&#13;
Wohlergehen aller Nationen. Krankheiten, die in&#13;
früheren Zeiten eine örtlich begrenzte Heimsuchung&#13;
geblieben wären, haben jetzt globale Ausmaße.&#13;
In diesem globalen Zeitalter hängt unsere Sicherheit in&#13;
beispiellosem Maße von effektiverer und umfassenderer wirtschaftlicher, politischer und diplomatischer&#13;
Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union,&#13;
ihren Mitgliedstaaten und den Vereinigten Staaten ab.&#13;
Wir sind unerläßliche Partner bei der Lösung von&#13;
Problemen auf der ganzen Welt, vom Nahen Osten bis&#13;
zum Herzen von Afrika, von den Bevölkerungs- und&#13;
Umweltproblemen bis zu Terrorismus und nuklearer&#13;
Weiterverbreitung.&#13;
Aus diesem Grund haben wir eine neue transatlantische Tagesordnung aufgestellt, die uns zu einem&#13;
ehrgeizigen Rahmen für gemeinsame Aktionen zur&#13;
Förderung von Frieden und Demokratie, zur Reaktion&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
auf neue globale Herausforderungen, zur Unterstützung des transatlantischen und des internationalen&#13;
Handels und zur Stärkung der Bande zwischen&#13;
unseren Menschen verpflichtet.&#13;
Diese neue Welt gemeinsamer Herausforderungen ist&#13;
bereits Realität. Für einige kam sie zu schnell. Sie&#13;
argumentieren, das verbindende Element der gemeinsamen Bedrohung gebe es nicht mehr. Sie vertreten&#13;
die Auffassung, zunehmende wirtschaftliche Herausforderungen und divergierende nationale Interessen&#13;
würden nahezu unweigerlich die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa schwächen.&#13;
Europa und Amerika durchlaufen eine schwierige&#13;
soziale und wirtschaftliche Anpassung.&#13;
Unsere&#13;
Unternehmen sind starke Wirtschaftskonkurrenten.&#13;
Wir müssen hart - sehr hart - arbeiten, um die wirtschaftlichen Spannungen zwischen den führenden&#13;
demokratischen Marktwirtschaften einzudämmen,&#13;
während sie sich an die Erfordernisse eines neuen&#13;
Wirtschaftszeitalters anpassen.&#13;
Das sind ernsthafte Anliegen, und sie sollten ernsthaft&#13;
behandelt werden. Ich muß jedoch sagen, daß ich&#13;
nicht mit diesen pessimistischen Vorhersagen übereinstimme. Jede gründet sich auf die Annahme: "Ich&#13;
gewinne, du verlierst." Sie bieten uns die falsche&#13;
Wahl.&#13;
Größerer Wohlstand auf beiden Seiten des Atlantiks&#13;
bedeutet neue Märkte für amerikanische und französische Unternehmen und neue Arbeitsplätze für amerikanische und französische Arbeitnehmer. Die Verbraucher in beiden Ländern können aus einem&#13;
breiteren Spektrum kostengünstiger und qualitativ&#13;
hochwertiger Waren wählen. Jedes Jahr tätigen&#13;
amerikanische und französische Firmen transatlantische Geschäfte in Höhe von mehr als 50 Milliarden&#13;
Dollar. Amerikanische Investitionen in Frankreich&#13;
bieten gute Arbeitsplätze für über 400.000 Männer und&#13;
Frauen, während die französischen Investitionen in&#13;
den Vereinigten Staaten äußerst vielfältig sind - von&#13;
Hightech-Golfanlagen in Kalifornien bis zu Pharmaund Biotechnologie in Iowa.&#13;
Sicherlich gibt es Zeiten, in denen wir bei Wirtschaftsund anderen Themen nicht einer Meinung sind.&#13;
Beispielsweise haben wir manchmal Differenzen&#13;
darüber, wie wir mit Nationen umgehen sollen, die&#13;
unsere Lebensweise bedrohen. Wenn Meinungsverschiedenheiten auftreten, muß man sich vor Augen&#13;
führen, daß es diese dauerhaften Qualitäten sind, die&#13;
Frankreich und Amerika gemeinsam haben, die unsere&#13;
Freundschaft manchmal trüben. Wir sind beide&#13;
unerschütterlich in unserer Überzeugung und offen bei&#13;
unseren Meinungsverschiedenheiten.&#13;
Wir haben&#13;
beide globale Interessen und weigern uns, sie eng zu&#13;
definieren. Ob das Thema Krieg oder Frieden, Armut&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�oder Menschenrechte ist - Frankreich und Amerika&#13;
schrecken nicht zurück. Wir sind da - auf jedem&#13;
Kontinent, voller Vertrauen in unsere Fähigkeit zur&#13;
Gestaltung einer besseren Welt. Und so sollte es sein.&#13;
Abschließend möchte ich sagen, wenn wir an die uns&#13;
heute konfrontierenden Probleme denken - ethnische&#13;
Konflikte, Umweltzerstörung, Drogenhandel, Terrorismus, Armut - ist es offensichtlich, daß wir den Geist der&#13;
Zusammenarbeit des Marshallplans benötigen. Weder&#13;
die Vereinigten Staaten noch Europa können diese&#13;
Probleme alleine lösen.&#13;
Wir bevorzugen ein zuversichtliches Europa, ein&#13;
starkes, stabiles und vereintes Europa. Präsident&#13;
Clinton hat erklärt: "Wenn Europa im Frieden lebt, wird&#13;
unsere Sicherheit gestärkt. Wenn Europa prosperiert,&#13;
dann prosperieren auch die Vereinigten Staaten."&#13;
Meines Erachtens liegt der Schlüssel für ein weiteres&#13;
Engagement der Vereinigten Staaten in der Übernahme einer Führungsrolle, wenn sie es sollten, und&#13;
einer echten Verpflichtung zur Rollenteilung. Der&#13;
Schlüssel für Europa liegt in der Beendigung der Arbeit&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
der Vereinigung, der weiteren Verpflichtung zu offenen&#13;
Volkswirtschaften und dem politischen Willen zur&#13;
Übernahme einer größeren sicherheitspolitischen&#13;
Rolle. Ich habe immer wieder gesehen, daß wir&#13;
Großartiges leisten könne, wenn wir zusammenarbeiten.&#13;
Vor fünfzig Jahren sprach George Marshall zu einer&#13;
von Krisen geschüttelten Welt.&#13;
Die Vereinigten&#13;
Staaten unternahmen damals große Anstrengungen,&#13;
zur Schaffung eines neuen Europas und einer neuen&#13;
Partnerschaft beizutragen. Jetzt müssen die Vereinigten Staaten und Europa einen Schritt nach vorne&#13;
machen, nicht als Siegermacht und am Boden liegender Kontinent, sondern - und ich freue mich, dies&#13;
sagen zu können - als gleichberechtigte Partner in ein&#13;
neues Jahrhundert der Sicherheit und des Wohlstands. Denn unsere Partnerschaft ist immer noch die&#13;
unerläßliche Partnerschaft der Welt. Botschafterin&#13;
Harriman war stolz, Teil dieses historischen Prozesses&#13;
zu sein - ihr Vermächtnis und die Erinnerung an sie&#13;
sollten uns zur Ausdauer anregen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�WIRTSCHAFT&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Eine Führungsrolle bei der&#13;
Bekämpfung von Bestechung&#13;
von Alan P. Larson&#13;
&#13;
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wie einen vom Abteilungsleiter für wirtschaftliche und unternehmerische&#13;
Angelegenheiten im US-Außenministerium und ehemaligen Botschafter der Vereinigten Staaten bei der&#13;
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Alan P. Larson, verfaßten Artikel über&#13;
Wirtschaftskorruption.&#13;
&#13;
Der Geschäftsführer eines großen europäischen&#13;
Telekommunikationsunternehmens&#13;
besucht&#13;
den&#13;
Minister für öffentliche Arbeiten eines Landes mit&#13;
einem pulsierenden, neu entstehenden Markt. Er&#13;
schließt ein Abkommen, das seinem Unternehmen zu&#13;
einem Vertrag im Wert von einer Milliarde Dollar&#13;
verhilft. Normalerweise wäre das ein für beide Teile&#13;
gewinnbringendes Ereignis in unserer sich immer&#13;
mehr ausweitenden Weltwirtschaft, aber in diesem Fall&#13;
gibt es ein Problem.&#13;
Er zahlte ein Bestechungsgeld. Kurzfristig verbesserte&#13;
diese illegale Zahlung die Bilanzen seiner Firma und&#13;
die Besitzverhältnisse des Ministers. Sie verwehrte&#13;
dem Entwicklungsland jedoch den Zugang zum&#13;
kostengünstigsten Anbieter und zweigte Gelder ab, die&#13;
besser für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung&#13;
sowie die korrupten, instabilen demokratischen&#13;
Institutionen hätten ausgegeben werden können.&#13;
Ferner korrumpierte sie den Geschäftsführer, sein&#13;
Unternehmen und die Regierung seines Heimatlandes.&#13;
Der Geschäftsführer und sein Unternehmen begingen&#13;
eine illegale Handlung im Land des ausländischen&#13;
Regierungsvertreters, da jedes Land die Bestechung&#13;
seiner Beamten verbietet. Bestechung fördert ein&#13;
Klima der Korruption, das die Rechenschaftspflicht der&#13;
Unternehmen unterminiert. Wenn Bestechung und&#13;
Korruption auf einigen Märkten toleriert oder ermutigt&#13;
werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß sie auch&#13;
andernorts stattfinden. Darüber hinaus hätte der&#13;
Geschäftsführer, wenn er aus Frankreich oder&#13;
Deutschland gekommen wäre, seine Regierung zum&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Komplizen dieser illegalen Aktivität gemacht; beide&#13;
Länder sowie verschiedene andere OECD-Mitgliedstaaten gestatten weiterhin die steuerliche Absetzung&#13;
von Schmiergeldern, wodurch Korruption tatsächlich&#13;
subventioniert wird.&#13;
Man könnte meinen, dieses Szenarium sei selten, aber&#13;
es ist im internationalen Geschäftsleben allzu verbreitet. Jeder Vertreter des internationalen Wirtschaftslebens weiß, daß es ein größeres Problem ist.&#13;
Bislang gilt nur in wenigen Ländern die Zahlung von&#13;
Schmiergeldern als Straftat.&#13;
Entwicklungs- und Schwellenländer streben die&#13;
Unterstützung der großen Exportnationen bei effektiven Aktionen zur Beendigung dieser illegalen Praktiken an. Vor einem Jahr verabschiedeten alle Mitglieder der Organisation Amerikanischer Staaten die&#13;
Interamerikanische Konvention gegen Bestechlichkeit.&#13;
Diese Konvention verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, die transnationale Bestechung von Staatsbeamten&#13;
unter Strafe zu stellen, macht transnationale Bestechung zu einem Auslieferung nach sich ziehenden&#13;
Vergehen, bietet gegenseitigen gesetzlichen Beistand&#13;
bei Ermittlungen gegen Korruption und fordert die&#13;
Beschlagnahme und Einziehung illegaler Gewinne.&#13;
In der Generalversammlung der Vereinten Nationen&#13;
verabschiedeten vergangenen Dezember Entwicklungs- und Schwellenländer gemeinsam mit den&#13;
Vereinigten Staaten die Erklärung über Korruption und&#13;
Bestechlichkeit bei transnationalen Geschäftstransaktionen. Diese politische Entschließung beinhaltet,&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�daß Bestechung nicht mehr an der Tagesordnung sein&#13;
darf und fordert konzertierte internationale Aktionen zu&#13;
ihrer Bekämpfung.&#13;
In den Vereinigten Staaten haben das Gesetz über&#13;
ausländische korrupte Praktiken und damit in Zusammenhang stehende Gesetzesbestimmungen zur&#13;
Bekämpfung von Bestechung zur strafrechtlichen&#13;
Verfolgung Dutzender amerikanischer Unternehmen&#13;
geführt, die beträchtliche Bußgelder und Gefängnisstrafen nach sich zogen. Oftmals sind wir von anderen&#13;
Regierungen abhängig, die uns mit den nötigen&#13;
Informationen versorgen müssen, damit wir Anklage&#13;
gegen der Bestechung verdächtigte amerikanische&#13;
Unternehmen erheben können. Diese Abschreckung&#13;
wird zu einem dominierenden Faktor für Verhalten und&#13;
Kultur von Unternehmen und setzt höhere Maßstäbe.&#13;
Unserer Ansicht nach sollten in den Ländern ähnliche&#13;
Gesetze erlassen werden, in denen internationale&#13;
Wirtschaftsbestechung praktiziert wird. Es ist von&#13;
elementarer Bedeutung, daß die wirtschaftlich führenden Länder der Welt - wie die Vereinigten Staaten und&#13;
ihre Partner in der OECD - sich zur Übernahme einer&#13;
Führungsrolle in dieser Angelegenheit verpflichten.&#13;
Im Mai werden die OECD-Minister die Chance haben,&#13;
unverzüglich zu handeln. Die meisten OECD-Länder&#13;
sind fest zur Verabschiedung nationaler Gesetze&#13;
entschlossen, die Wirtschaftsbestechung im Ausland&#13;
und die steuerliche Absetzbarkeit solcher Schmiergelder strafbar machen. Ein Abkommen über einen&#13;
gemeinsamen Standard als Richtlinie für die nationale&#13;
Strafgesetzgebung sowie einen detaillierten und&#13;
effektiven Überwachungsmechanismus zur Sicherstellung der wirklichen Durchführung und Umsetzung&#13;
ist in greifbare Nähe gerückt.&#13;
Das verbleibende Hindernis für frühzeitige Aktionen ist&#13;
die Einstellung einiger europäischer Länder - darunter&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Frankreich und Deutschland -, die nationale Aktionen&#13;
bis zum Zeitpunkt einer "OECD-Konvention" verschieben wollen. Dies ist bestenfalls Zeitverschwendung, schlimmstenfalls eine Hinhaltetaktik.&#13;
In Kürze wird die Europäische Union ein Abkommen&#13;
schließen, das Bestechung innerhalb der EU unter&#13;
Strafe stellt. Unternehmer aus der EU könnten dann&#13;
für die Bestechung von Angehörigen des öffentlichen&#13;
Dienstes eines anderen EU-Mitgliedslandes strafrechtlich verfolgt werden. Dies wird ein kleiner Schritt nach&#13;
vorne sein, jedoch einen unhaltbaren Zustand fortsetzen: Dieselben Unternehmer aus der EU sind weiterhin&#13;
gegen Strafverfolgung immun - und können ihre&#13;
Bestechungsgelder vielleicht sogar steuerlich absetzen&#13;
- wenn sie einen nichteuropäischen Beamten bestechen!&#13;
Jede Nation hat die Pflicht zur Bekämpfung von&#13;
Wirtschaftskriminalität. Es ist an der Zeit für solche&#13;
konzertierten Aktionen im Rahmen nationaler Gesetze.&#13;
Handelt man nicht, wird die Demokratie in den Entwicklungsländern unterminiert, und unsere eigenen&#13;
Institutionen und Werte werden auf gefährliche Weise&#13;
ausgehöhlt.&#13;
Schließlich ist Korruption ein gefährlicher Kurs.&#13;
Zweifelsohne korrumpiert die Bestechung durch&#13;
Unternehmen von OECD-Mitgliedern im Ausland diese&#13;
"anderen" Beamten und Institutionen. Es trifft jedoch&#13;
ebenso zu, daß unsere eigenen Unternehmen und&#13;
Institutionen korrumpiert werden, wenn wir diese&#13;
Praktik tolerieren - und sogar subventionieren. Der&#13;
amerikanische Dichter Carl Sandburg formulierte es&#13;
folgendermaßen: "Beim Umgang mit Honig, Teer und&#13;
Dung bleibt etwas davon an den Fingern kleben."&#13;
Bestechung korrumpiert beim Händedruck beide&#13;
Seiten.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�MENSCHENRECHTE&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
US-Delegation: Menschenrechtsverletzungen&#13;
dauern an&#13;
Rede von Nancy Rubin&#13;
&#13;
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß "internationale Menschenrechtsnormen wie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert - ein gemeinsamer Standard für alle Nationen&#13;
sind", erklärte die Leiterin der amerikanischen Delegation bei der Menschenrechtskommission der Vereinten&#13;
Nationen, Nancy Rubin, am 9. April 1997.&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir Rubins Rede im Wortlaut.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender, dreimal im Jahr geben die Vereinigten Staaten offizielle Erklärungen über die Menschenrechtssituation in den Ländern der Welt ab. Die&#13;
erste Erklärung erfolgt anläßlich der Veröffentlichung&#13;
der Jahresberichte Ende Januar. Die zweite bei der&#13;
Erörterung von Punkt 10 hier in der Kommission und&#13;
die dritte bei der Sitzung des Dritten Ausschusses der&#13;
UN-Generalversammlung.&#13;
Das sind keine zufälligen Anlässe, sondern Gelegenheiten, die wir sehr ernst nehmen. Unsere Regierung&#13;
arbeitet hart an der Zusammenstellung verläßlicher&#13;
Informationen um zu entscheiden, in welchem Maße&#13;
Menschenrechte in den Ländern der Welt respektiert&#13;
oder verletzt werden.&#13;
Dabei erheben wir nicht den Anspruch der Perfektion.&#13;
Aber es gibt Gründe für unser Vorgehen. Vor allem die&#13;
Tatsache unserer Auffassung, daß internationale&#13;
Menschenrechtsnormen - wie in der Allgemeinen&#13;
Erklärung der Menschenrechte verankert - ein gemeinsamer Standard für alle Nationen sind. Diese grundlegenden Rechte und Freiheiten gelten nicht nur für&#13;
Amerikaner, sie gelten für alle in allen Ländern. Diese&#13;
tiefe Überzeugung verpflichtet uns, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern.&#13;
Unsere Verpflichtung zu Menschenrechten und ihrer&#13;
Anwendung auf alle Menschen hat tiefgehende und&#13;
dauerhafte Wurzeln in unseren nationalen Institutionen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
und unserer Identität. In der Tat wurden die Vereinigten Staaten auf den Prinzipien gegründet, daß alle&#13;
Menschen gleich geschaffen und mit den unveräußerlichen Rechten auf Leben, Freiheit und das&#13;
Streben nach Glück ausgestattet sind.&#13;
Die Geschichte dieses Jahrhunderts hat eindeutig&#13;
bewiesen, daß Nationen, die die Menschenrechte ihrer&#13;
eigenen Bürger achten, die Rechte ihrer Nachbarn&#13;
respektieren. Respektierung der Demokratie, Grundfreiheiten und Rechtsstaatlichkeit im eigenen Land&#13;
bedeutet auch ihre Respektierung im Ausland - zum&#13;
Nutzen aller Nationen und aller Menschen.&#13;
Diejenigen, die das nicht akzeptieren oder verstehen&#13;
können, sollten über die dunklen Kapitel der Geschichte dieses Jahrhunderts nachdenken - von den&#13;
schrecklichen Greueltaten des Ersten und Zweiten&#13;
Weltkriegs bis zum sowjetischen Gulag und der&#13;
chinesischen Kulturrevolution, von den Feldern des&#13;
Todes in Kambodscha bis zu den Grausamkeiten der&#13;
Apartheid und den Tragödien im ehemaligen Jugoslawien, in Ruanda und Burundi - die Lektionen sind&#13;
gleich. Die Kosten einer Tolerierung von Menschenrechtsverletzungen sind immens hoch.&#13;
Und dennoch kommen Nationen hierher, die Menschenrechte nicht verteidigen, sondern aushöhlen,&#13;
Menschenrechtsverletzungen nicht aufdecken, sondern die Aufmerksamkeit davon ablenken wollen.&#13;
Einige dieser Nationen möchten wir heute zusammen&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�mit denen erörtern, die Lob für die von ihnen erzielten&#13;
Fortschritte verdienen.&#13;
In unserer Hemisphäre war der überwältigende Trend&#13;
im vergangenen Jahrzehnt die Konsolidierung der&#13;
Demokratie und Institutionen einer bürgerlichen&#13;
Gesellschaft. Es überrascht nicht, daß dies sehr viel&#13;
Gutes bewirkt hat: Gesündere Volkswirtschaften und&#13;
gesündere Gesellschaften. Dennoch gibt es einen&#13;
Staat, der weiterhin die Realität mißachtet und gleichzeitig seinen Bürgern die äußerst greifbaren Vorteile&#13;
der Demokratie verweigert. Ich beziehe mich natürlich&#13;
auf Kuba, die einzige verbliebene Diktatur der Hemisphäre - das Land, das nach wie vor Menschenrechtsaktivisten und Verfechter der Demokratie, die es&#13;
als Bedrohung ansieht, verhaftet, inhaftiert, bedroht&#13;
und schikaniert. Bedauerlicherweise hat Fidel Castro&#13;
klargemacht, daß er parallel zu den von seiner Regierung in den vergangenen Jahren eingeführten begrenzten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Liberalisierung keine politische Öffnung beabsichtigt.&#13;
Im Gegensatz dazu schloß das Ende Dezember von&#13;
der Regierung Guatemalas und den URNG-Guerillas&#13;
unterzeichnete endgültige Friedensabkommen ein&#13;
Jahr beträchtlicher Verbesserungen im Hinblick auf die&#13;
Respektierung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit in diesem Land ab. Die guatemaltekische&#13;
Regierung hat ihren politischen Willen unter Beweis&#13;
gestellt, daß keiner ungestraft davonkommen darf. In&#13;
einer offensichtlichen Abkehr von der Praxis vorheriger&#13;
Jahre verurteilten die Gerichte Angehörige der Sicherheitskräfte, denen Menschenrechtsverletzungen&#13;
vorgeworfen worden waren. Darüber hinaus wurden&#13;
paramilitärische Streitkräfte entlassen, die Guerillas&#13;
sind dabei, sich zu demobilisieren und das Militär wird&#13;
abgebaut und umstrukturiert, um seine angemessene&#13;
Rolle innerhalb einer demokratischen Gesellschaft zu&#13;
übernehmen.&#13;
Die Regierung von Kolumbien kämpft um die Verbesserung der Menschenrechtssituation im Land,&#13;
während sie sich gleichzeitig mit gewalttätigen Guerillagruppen, paramilitärischen Einheiten und Drogenhändlern auseinandersetzen muß. Während der&#13;
Sitzung der Kommission im vergangenen Jahr stimmte&#13;
die kolumbianische Regierung zu, ein Büro des UNHochkommissars für Menschenrechte in Bogota&#13;
einzurichten, um die Menschenrechte zu fördern und&#13;
zu schützen, Menschenrechtsverletzungen zu überwachen und analytische Berichte für den Hochkommissar&#13;
für Menschenrechte vorzubereiten. Dennoch muß die&#13;
Regierung weiterhin den politischen Willen zeigen, die&#13;
Menschenrechtssituation anzusprechen, indem sie&#13;
Menschenrechtsverletzer in den Sicherheitskräften&#13;
verhaftet und verfolgt sowie illegale Kollaboration&#13;
zwischen dem Militär und den paramilitärischen&#13;
Einheiten aufdeckt und bestraft.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin zutiefst besorgt&#13;
über die explosive Situation auf dem Balkan. Die&#13;
Verschlechterung der Bedingungen in Albanien stellt&#13;
nach wie vor eine große Bedrohung für die Menschenrechte der Bürger dieses Landes dar, und wir&#13;
unterstützen uneingeschränkt die Bestrebungen der&#13;
OSZE, der EU und der von Italien geleiteten multinationalen Streitmacht zur Eindämmung dieser potentiellen humanitären Krise.&#13;
Obwohl die Vereinigten Staaten die Tatsache begrüßen, daß die serbische Regierung endlich der demokratischen Opposition die Übernahme der Kontrolle&#13;
über die von ihr bei den Wahlen im November gewonnenen Kommunen gestattet hat, sind wir weiterhin&#13;
besorgt über die mangelnde Verpflichtung der serbischen Regierung zu demokratischen Reformen und&#13;
unabhängigen Medien. Die Vereinigten Staaten sind&#13;
außerdem nach wie vor äußerst besorgt über die&#13;
andauernde Verweigerung grundlegender Menschenrechte für die albanische Minderheit im Kosovo und die&#13;
Weigerung der serbischen Regierung, dieses Thema&#13;
anzusprechen. Darüber hinaus hält Belgrad die&#13;
entscheidenden Bestimmungen des Daytoner Abkommens nicht ein und gewährt weiterhin einer Reihe&#13;
von Personen Schutz, die vom internationalen Kriegsverbrechertribunal der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind.&#13;
Bei seinem Bestreben, Teil der Gemeinschaft demokratischer Nationen zu werden, ist es für Kroatien&#13;
wichtig, weiterhin umfassend mit der UN-Übergangsverwaltung für Ostslawonien zusammenzuarbeiten, um&#13;
die friedliche Wiedereingliederung Ostslawoniens zu&#13;
garantieren und gleichzeitig die Respektierung der&#13;
Menschenrechte aller Bürger, zurückkehrenden Vertriebenen und Flüchtlinge sicherzustellen. Die Vereinigten Staaten drängen Kroatien nach wie vor, alle&#13;
durch das internationale Kriegsverbrechertribunal&#13;
Verurteilten festzunehmen und auszuliefern, Pressefreiheit zu garantieren, der serbischen Volksgruppe vor&#13;
Ort eine Vertretung auf allen Regierungsebenen zuzusichern und die legitimen und bürgerlichen Rechte der&#13;
Serben unter kroatischem Gesetz zu schützen.&#13;
In Osteuropa steht das jüngste Verhalten der Regierung von Belarus bedauerlicherweise in starkem&#13;
Kontrast zu den positiven Errungenschaften der&#13;
Nachbarländer Polen, Tschechische Republik und&#13;
Ungarn. Die Vereinigten Staaten sind zutiefst besorgt&#13;
über das sich beschleunigende Abrutschen in den&#13;
Autoritarismus in Belarus. Die von der Regierung&#13;
Lukaschenko verhängten strengen Beschränkungen&#13;
von Wirtschaftsreformen, demokratischer Opposition&#13;
und den Medien mindern zwangsläufig die Hoffnungen&#13;
des Landes auf Entwicklung.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin äußerst besorgt&#13;
über die Menschenrechtssituation und das Potential für&#13;
Gewalt zwischen einzelnen Volksgruppen auf Zypern.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�Wir rufen die griechische und die türkisch-zypriotische&#13;
Gemeinschaft auf dieser Insel zur Schaffung eines&#13;
Klimas auf, in dem eine gerechte Lösung für ihre&#13;
Differenzen gefunden werden kann.&#13;
Die afrikanischen Staaten insgesamt werden häufig&#13;
aufgrund der Menschenrechtsprobleme in einigen&#13;
dieser Länder kritisiert. Die Vereinigten Staaten haben&#13;
nicht diese stark vereinfachende Sicht der Dinge,&#13;
stellen aber mit Zufriedenheit fest, daß viele afrikanische Staaten im vergangenen Jahr Fortschritte&#13;
gemacht haben. In Ghana beispielsweise waren die&#13;
jüngsten Wahlen frei und fair. Gleichzeitig machte das&#13;
Land bemerkenswerte Fortschritte im wirtschaftlichen&#13;
Bereich sowie bei der Stärkung seiner bürgerlichen&#13;
Institutionen. Auch Mali unternimmt positive Schritte&#13;
auf seinem Weg zu weiterer Demokratisierung.&#13;
Nach mehreren Fehlschlägen gibt der Waffenstillstand&#13;
in Liberia Anlaß zu der Hoffnung, daß der lange&#13;
Abstieg des Landes ins Chaos endlich beendet ist und&#13;
der Heilungsprozeß bald mit nationalen Wahlen&#13;
beginnen kann. Und in Südafrika wird der Prozeß der&#13;
nationalen Versöhnung durch die kluge Vorgehensweise der Regierung von Nelson Mandela und die&#13;
vorsichtigen Verhandlungen der National Truth&#13;
Commission fortgesetzt.&#13;
Gleichzeitig ist die Menschenrechtssituation in Nigeria&#13;
sehr schlecht. Das Regime von General Abacha stützt&#13;
sich weiterhin auf willkürliche Festnahmen, Inhaftierungen sowie ständige Schikanen, um die zahlreichen&#13;
Kritiker zum Schweigen zu bringen. Die Sicherheitskräfte nehmen standrechtliche Erschießungen vor,&#13;
foltern und schlagen Verdächtige und Häftlinge und&#13;
verfolgen Menschenrechtsaktivisten und Demokratieverfechter. Diese und zahlreiche andere Übergriffe&#13;
finden in einem Klima ernsthafter Verletzungen der&#13;
Rede-, Reise- Versammlungs- und Koalitionsfreiheit&#13;
sowie der Arbeitnehmerrechte statt.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin äußerst besorgt&#13;
über die Situation in Zentralafrika. Wir fordern die&#13;
Rebellen unter Laurent Kabila eindringlich dazu auf,&#13;
mit der derzeitigen Regierung ein Abkommen zu&#13;
schließen, um weiteres Blutvergießen und Leiden in&#13;
Zaire zu verhindern. Außerordentlich bedauern wir&#13;
den Tod der Menschenrechtsinspektoren in Ruanda&#13;
vergangenen Herbst und fordern die dortige Regierung&#13;
und die Burundis dazu auf, alles ihnen Mögliche zu&#13;
unternehmen, um die massiver Menschenrechtsverletzungen und des Völkermords Schuldigen vor Gericht&#13;
zu stellen.&#13;
Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges am Persischen Golf weigert sich die Regierung des Irak immer&#13;
noch, die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zu&#13;
befolgen und seine Massenvernichtungswaffen&#13;
vollständig zu zerstören. Gleichzeitig hat die Unterdrückung des irakischen Volkes durch Saddam&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Hussein nicht nachgelassen - trotz der großen Härten,&#13;
die er seinem Volk zumutet.&#13;
Zwischenzeitlich hat sich auch die Menschenrechtsbilanz der iranischen Regierung nicht verbessert. Ihre&#13;
systematischen Menschenrechtsverletzungen beinhalten standrechtliche Erschießungen, Massenexekutionen, das Verschwinden von Personen, weitverbreitete&#13;
Folterungen, willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen, Mangel an fairen Prozessen sowie Beschränkungen der Rede- und Pressefreiheit. Ferner beklagen wir&#13;
die fortgesetzten Übergriffe gegen praktizierende&#13;
Bahaiisten. Und es ist uns unverständlich, daß die&#13;
iranische Regierung nicht handelte, um die iranischen&#13;
Bürger zurückzuhalten, die eine Prämie auf den Tod&#13;
von Salman Rushdie ausgesetzt haben.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin äußerst besorgt&#13;
über die von den Taliban gegen afghanische Frauen&#13;
und Mädchen verhängten lähmenden Beschränkungen. Es ist zweifelsohne eine grausame Menschenrechtsverletzung und darüber hinaus eine unkluge&#13;
Politik, den Frauen die Teilnahme am Arbeitsleben zu&#13;
verbieten, wenn viele von ihnen die einzige Unterhaltsquelle für ihre Familien sind. In ähnlicher Weise kann&#13;
es nur zur geistigen Verarmung eines Landes beitragen, wenn Mädchen der Schulbesuch verboten wird.&#13;
Die gravierende Unterdrückung der Menschenrechte&#13;
in Burma gibt weiterhin Anlaß zu großer Sorge, da die&#13;
Militärmachthaber der SLORC umfassende Beschränkungen der grundlegenden Rede-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit aufrechterhalten.&#13;
Die politische Tätigkeit der bekanntesten Bürgerrechtlerin des Staates, der Nobelpreisträgerin Aung San&#13;
Suu Kyi, unterliegt weiterhin starken Beschränkungen.&#13;
Ferner stellten wir eine besorgniserregende Verschlechterung der Menschenrechtssituation in Sri&#13;
Lanka fest. Ein besonderes Anliegen sind das ungeklärte Verschwinden von mehr als 700 Personen in&#13;
Jaffna sowie die langsamen Fortschritte der Regierung&#13;
bei der strafrechtlichen Verfolgung von an Menschenrechtsverletzungen beteiligten Sicherheitskräften.&#13;
Ferner sind wir besorgt über das Vorgehen der&#13;
Streitkräfte und der LTTE-Rebellen, entsprechend dem&#13;
Ausmaß des Konflikts Kriegsgefangene zu nehmen, da&#13;
angeblich beide Parteien die Politik verfolgen, keine&#13;
Gefangenen zu machen. Daher fordern wir die&#13;
Regierung und die LTTE auf, die internationalen&#13;
Menschenrechtsnormen zu befolgen.&#13;
Wir suchen zwar nicht die Konfrontation mit China über&#13;
Menschenrechtsfragen, sind aber fest davon überzeugt, daß die Volksrepublik China für die Einhaltung&#13;
der internationalen Normen zur Rechenschaft gezogen&#13;
werden sollte, die das Land selbst befürwortete - und&#13;
zweifelsohne ist das in dieser Kommission der Fall.&#13;
Die chinesische Gesellschaft hat sich seit der Einführung von Wirtschaftsreformen beträchtlich gewan-&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�delt, was zu größerer individueller Entscheidungsfreiheit führte. Trotzdem macht sich die chinesische&#13;
Regierung weiterhin weitverbreiteter und nachgewiesener Menschenrechtsverletzungen schuldig und&#13;
beschränkt gravierend die grundlegende Rede-,&#13;
Presse, Versammlungs-, Koalitions- und Religionsfreiheit unter Verletzung der international akzeptierten&#13;
Normen.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender, kein Land sollte sich dem prüfenden&#13;
Blick dieser Kommission entziehen können, noch&#13;
sollten die Bestrebungen derjenigen, die Fortschritte&#13;
gemacht haben, unserer Aufmerksamkeit entgehen.&#13;
Unser Ziel in der Kommission sind Schutz und Förderung der grundlegenden Rechte und Freiheiten&#13;
jedes einzelnen. Durch Offenheit und Ehrlichkeit&#13;
können wir das erreichen. Denn Schweigen ist der&#13;
beste Gefährte des Bösen, und Licht der größte Feind&#13;
dunkler Machenschaften. Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�MENSCHENRECHTE&#13;
&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
USA: Größte Herausforderung ist Schutz des Kindes&#13;
Rede von Gere Smith&#13;
&#13;
GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Leiters der amerikanischen&#13;
Delegation bei der 53. Sitzung der UN-Menschenrechtskommission vom 14. April 1997.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender,&#13;
wenige Themen betreffen die Zukunft unserer Nationen so direkt wie die Belange der Kinder. Dennoch&#13;
haben Kinder mit die geringsten Befugnisse auf&#13;
unserer Erde, und viele der Versuche, ihre Rechte zu&#13;
stärken und durchzusetzen, sind gescheitert. Wenn&#13;
wir heute die Rechte von Kindern ansprechen, wollen&#13;
wir einige der unseres Erachtens wichtigsten Herausforderungen bei den internationalen Bestrebungen&#13;
zum Schutz der Kinder auf der Welt darlegen.&#13;
Kinderarbeit zählt zu den herausragendsten Problemen, wenn es um die Rechte von Kindern geht. Wenn&#13;
wir dieses Thema in Angriff nehmen, sollte die Kommission den Unterschied zwischen allen Formen der&#13;
Kinderarbeit und der Ausbeutung von Kindern im&#13;
Auge behalten. Nicht alle Arbeiten, die Kinder verrichten, sind notwendigerweise schlecht für sie oder&#13;
ihre Familien. In der Tat können Kinder, die auf dem&#13;
Bauernhof der Familie oder in Familienbetrieben&#13;
arbeiten oder nach der Schule einen Teilzeitjob haben,&#13;
von dem Gehalt und der Erfahrung profitieren und zum&#13;
Wohlergehen der Familie beitragen. Diese Art von&#13;
Arbeit abzuschaffen, wäre kontraproduktiv.&#13;
Andererseits sind Jobs, die Kinder vom Schulbesuch&#13;
abhalten oder sie gefährlichen Bedingungen aussetzen, Ausbeutung. Solche Arbeit schadet sowohl&#13;
den Kindern als auch den Ländern, in denen sie leben.&#13;
Bildung ist ebenso der Schlüssel zur Zukunft eines&#13;
Kindes wie zur Zukunft einer Nation. Beraubt man das&#13;
Kind seiner Chancen, sich zu verbessern, beraubt man&#13;
auch das Land dieser Chance.&#13;
Wenn wir uns dies vor Augen führen, müssen wir die&#13;
Entscheidung der Nationen in Frage stellen, in denen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
es weder eine Schulpflicht für den Besuch der Grundschule gibt noch die Schulbildung vom Staat angeboten oder durchgesetzt wird. Erwarten solche Nationen,&#13;
daß das nächste Jahrhundert weniger gebildete&#13;
Bürger als heute erfordert? Sind die wenigen Cents,&#13;
die ihre Söhne und Töchter heute verdienen, wichtiger&#13;
als die Dollars, die sie nach der Schule verdienen und&#13;
die Beiträge, die sie für ihr Land leisten werden?&#13;
Viele der schätzungsweise 250 Millionen Kinder&#13;
zwischen 5 und 14 Jahren, die arbeiten, sind dazu&#13;
gezwungen - manchmal unter entsetzlich grausamen&#13;
Bedingungen und zu so niedrigen Löhnen, daß sie&#13;
kaum der Rede wert sind. In den tragischsten Fällen&#13;
werden Kinder als Leibeigene und sogar als Sklaven&#13;
gehalten. Das geht über Ausbeutung hinaus. Es ist&#13;
barbarisch und muß ein Ende haben.&#13;
Kinder, die arbeiten, benötigen Schutz vor Ausbeutung&#13;
und Mißbrauch, einschließlich Schutz vor übermäßig&#13;
langer Arbeitszeit, Kontakt mit schädlichen Chemikalien, beengten und unhygienischen Arbeitsplätzen und&#13;
Nähe zu gefährlichem Gerät. Auch hier ist der kurzfristige Vorteil der Feind des gesunden Menschenverstands und langfristiger Planung. Kinder, die schädlichen Bedingungen oder emotionaler Belastung ausgesetzt sind, können ihre geistigen und körperlichen&#13;
Fähigkeiten nicht voll entfalten. Infolgedessen können&#13;
sie wenig zum Wachstum des Landes beitragen. Statt&#13;
Waren und Dienstleistungen zu produzieren, benötigen sie diese.&#13;
Aber es werden Fortschritte erzielt. In Bangladesch&#13;
unterzeichneten die Bekleidungshersteller des Landes&#13;
vor zwei Jahren ein Abkommen mit der UNICEF und&#13;
der Internationalen Arbeitsorganisation. Daraufhin&#13;
wurden minderjährige Arbeiter aus ihren Fabriken&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�entfernt und in ein speziell entworfenes Bildungsprogramm eingegliedert. Inzwischen wurden über 285&#13;
solcher Schulen gegründet, und es sollen noch mehr&#13;
werden.&#13;
Ein anderes positives Beispiel ist Pakistan, wo sich&#13;
UNICEF, die IAO und Save the Children gemeinsam&#13;
mit der Sportartikelbranche um den Abbau von&#13;
Kinderarbeit bei der Herstellung von Fußbällen&#13;
bemühen. In Nepal versuchen die Teppichhersteller&#13;
im Rahmen des Rugmark-Programms, Produktherstellung ohne Kinderarbeit zu gewährleisten und&#13;
Schulen für arbeitende Kinder zu finanzieren.&#13;
Solche Kombinationen von Initiativen des öffentlichen&#13;
und Privatsektors • die Suche nach realen Lösungen&#13;
für reale Probleme - zeigen, daß bei Vorhandensein&#13;
von Anreizen und Bereitwilligkeit ein Weg zur Beendigung mißbräuchlicher Praktiken gefunden werden&#13;
kann. Herr Vorsitzender, die Einstellung der Ausbeutung von Kindern würde in der Tat einen Sieg für&#13;
uns alle darstellen.&#13;
Bewaffnete Konflikte sind ein anderer bösartiger Feind&#13;
der Kinder. Sie treten deren Rechte mit Füßen und&#13;
hinterlassen oft Narben fürs Leben. Und dennoch sind&#13;
wir immer wieder Zeuge von Kriegen, bei denen&#13;
Jungen, die nicht älter als 12 Jahre sind, eingezogen&#13;
und in den Kampf geschickt werden.&#13;
Mädchen droht der Horror von Vergewaltigungen, die&#13;
allzu oft Begleiterscheinung von Krieg und inneren&#13;
Unruhen sind. Die Vereinigten Staaten verurteilen&#13;
entschieden jeden Fall von Vergewaltigung, umso&#13;
mehr, wenn sie systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wird. Es gibt keine Entschuldigung für die&#13;
internationale Staatengemeinschaft, solche Praktiken&#13;
zu tolerieren, und wir rufen alle Nationen auf, ihre&#13;
Verpflichtungen unter den Gesetzen des bewaffneten&#13;
Konflikts zum Schutz von Nichtkombattanten vollständig zu erfüllen.&#13;
&#13;
Ein drittes großes Anliegen ist Kinderprostitution und&#13;
-pornografie. Obwohl wir noch nicht Mitglied der&#13;
Konvention über die Rechte des Kindes sind, zählen&#13;
unsere Gesetze über diese Fragen zu den stärksten&#13;
und effektivsten der Welt und haben unsere Entschlossenheit genügend unter Beweis gestellt, unsere&#13;
Kinder vor sexueller Ausbeutung zu schützen.&#13;
Allein in den letzten Jahren haben die Bundesregierung und die einzelnen Bundesstaaten umfassende&#13;
Gesetze erlassen, um Kinderpornografie, den Handel&#13;
mit Kindern zum Zweck ihrer sexuellen Ausbeutung&#13;
und Sexualverbrechen an Kindern zu bekämpfen.&#13;
Zusätzlich haben die Vereinigten Staaten, wie in der&#13;
Rede über Frauenfragen bereits angesprochen,&#13;
Schritte unternommen, um die Teilnahme unserer&#13;
Bürger am sogenannten Sextourismus zu verhindern.&#13;
Herr Vorsitzender, abschließend möchte ich nochmals&#13;
betonen, daß die Vereinigten Staaten Kindern betreffenden Fragen große Bedeutung beimessen. Das&#13;
Interesse an Problemen im Zusammenhang mit&#13;
Kinderarbeit wächst in unserem Land, und die Verbraucher bemühen sich in zunehmendem Maße,&#13;
Produkte zu kaufen, die nachweislich ohne Mitwirkung&#13;
von Kindern hergestellt wurden. Wir spielen eine&#13;
aktive Rolle dabei, die Länder für Kinderarbeit zur&#13;
Rechenschaft zu ziehen und ihnen bei der Beendigung&#13;
dieser Praktiken im Rahmen multilateraler Institutionen&#13;
wie der Internationalen Arbeitsorganisation zu helfen.&#13;
Ferner werden wir den Kampf gegen die sexuelle&#13;
Ausbeutung von Kindern fortsetzen. Unsere Gesetze&#13;
und unser Gefühl für menschlichen Anstand erfordern&#13;
es.&#13;
Wir versprechen, daß die amerikanische Regierung&#13;
weiterhin nach praktischen Lösungen für diese&#13;
Probleme suchen wird und fordern andere Regierungen dazu auf, sich uns bei diesem Bestreben anzuschließen. Wir werden nicht nachlassen, diejenigen&#13;
ins Auge zu fassen, die Kinder ausbeuten, und den&#13;
Kampf gegen sie erst beenden, wenn wir gewonnen&#13;
haben.&#13;
&#13;
* *&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�MEDIEN&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Die Rolle der Medien in einer Demokratie&#13;
von George A. Krimsky&#13;
&#13;
(AD) - In einer marktwirtschaftlichen Demokratie trifft das Volk letztlich die Entscheidung, wie die Presse handeln&#13;
sollte, erklärt George Krimsky, der ehemalige Leiter von Associated Press World Services und Verfasser von&#13;
Hold the Press (The Inside Story on Newspapers). In dem nachfolgenden Artikel erläutert Krimsky die&#13;
Geschichte der amerikanischen Medien und zeigt die Herausforderungen auf, mit denen sie sich im&#13;
elektronischen Zeitalter konfrontiert sehen.&#13;
&#13;
Es sind Bände über die Rolle der Massenmedien in&#13;
einer Demokratie geschrieben worden. Die Gefahr bei&#13;
all diesen Ausführungen besteht darin, sich bei der&#13;
Behandlung dieses Themas in einem Sumpf von&#13;
Platitüden zu ergehen. Die Frage, ob eine freie Presse&#13;
die beste Kommunikationslösung in einer Demokratie&#13;
ist, hat am Ende dieses Jahrhunderts äußerst große&#13;
Bedeutung und muß sachlich geprüft werden.&#13;
Vor der Behandlung des Themas ist eine Definition der&#13;
Terminologie hilfreich. Im weitesten Sinne umfaßt die&#13;
Fernseh- und Filmunterhaltungsindustrie eine Vielfalt&#13;
von regelmäßig veröffentlichtem gedrucktem Material&#13;
sowie Public Relations und Werbung. Die "Presse"&#13;
soll ein ernsthaftes Mitglied dieser Familie sein, sich&#13;
auf das reale Leben statt auf Phantasie konzentrieren&#13;
und einem möglichst breiten Publikum dienen. Ein&#13;
guter Oberbegriff für die Presse im elektronischen&#13;
Zeitalter ist "Nachrichtenmedien". Die Betonung bei&#13;
dieser Definition liegt auf dem Inhalt, nicht der Technologie oder dem Übermittlungssystem, weil die Presse zumindest in Industrienationen - in diesen Tagen im&#13;
Internet, Fax oder dem Äther anzutreffen ist.&#13;
Per definitionem muß eine autonome Gesellschaft ihre&#13;
eigenen Entscheidungen treffen. Das kann sie nicht&#13;
ohne durch einen offenen Gedankenaustausch&#13;
aufgelockerte konkrete Informationen.&#13;
Abraham&#13;
Lincoln formulierte dieses Konzept in höchst treffender&#13;
Weise mit den Worten: "Gebt dem Volk die Fakten,&#13;
und das Land wird sicher sein."&#13;
Einige mögen Lincolns Sichtweise angesichts der&#13;
Komplexität und Technologien des 20. Jahrhunderts&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
als etwas naiv erachten, aber die Notwendigkeit&#13;
öffentlicher Nachrichten war praktisch von Anfang an&#13;
ein Eckpfeiler des amerikanischen Systems.&#13;
Thomas Jefferson setzte sich so vehement für das&#13;
Prinzip der Redefreiheit ein, daß er etwas sagte, das&#13;
Nichtdemokraten als Absurdität ansehen müssen:&#13;
"Wenn mir die Entscheidung überlassen bliebe, ob wir&#13;
eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne&#13;
eine Regierung haben sollten, würde ich keinen&#13;
Moment zögern und das Letztere vorziehen." Diese&#13;
Worte implizieren, daß Selbstverwaltung essentieller&#13;
ist als die Regierung selbst. Das klingt vielleicht nicht&#13;
so absurd, wenn man gerade einen Krieg gegen eine&#13;
Diktatur geführt hat.&#13;
Nach Amerikas erfolgreichem Unabhängigkeitskrieg&#13;
wurde die Entscheidung getroffen, daß es in der Tat&#13;
eine Regierung geben sollte - jedoch nur, wenn sie&#13;
dem Volk gegenüber Rechenschaft ablegte. Das Volk&#13;
wiederum konnte die Regierung nur zur Rechenschaft&#13;
ziehen, wenn es wußte, was diese tat und sich gegebenenfalls - beispielsweise mit seiner Wählerstimme als Fürsprecher einsetzen konnte. Diese Rolle des&#13;
öffentlichen "Wachhunds" wurde daher von einer&#13;
Presse der Bürger übernommen, und infolgedessen&#13;
wurde die Regierung der Vereinigten Staaten aus dem&#13;
Nachrichtengeschäft herausgehalten. Die einzigen im&#13;
Besitz der Regierung befindlichen oder von ihr kontrollierten Medien in den Vereinigten Staaten sind&#13;
diejenigen, die in Übersee senden, wie die Voice of&#13;
America. Per Gesetz darf dieser Nachrichtendienst&#13;
nicht im Inland senden. In den Vereinigten Staaten&#13;
werden das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Hörfunk zum Teil staatlich subventioniert, aber Sicherheitsbestimmungen schützen sie gegen politische&#13;
Einflußnahme.&#13;
Weil die Verfassung das oberste Gesetz des Landes&#13;
ist, sind alle Versuche von Gerichten, Gesetzgebern&#13;
und Strafverfolgungsbeamten, geschützte Freiheiten&#13;
wie die Redefreiheit einzuschränken, im allgemeinen&#13;
vermeidbar.&#13;
Ziemlich einfach in der Theorie, aber wie hat das alles&#13;
funktioniert?&#13;
Generell gesprochen, ziemlich gut, obwohl das&#13;
Konzept einer freien Presse jeden Tag in der einen&#13;
oder anderen Gemeinde im ganzen Land vor eine&#13;
Herausforderung gestellt und verteidigt wird. Die&#13;
amerikanische Presse war immer einflußreich, häufig&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
mächtig und gelegentlich gefürchtet - aber sie wurde&#13;
selten geliebt. In der Tat rangieren Journalisten heute&#13;
in den unteren Rängen der öffentlichen Popularität.&#13;
Einerseits werden sie als zu mächtig, andererseits als&#13;
nicht vertrauenswürdig angesehen.&#13;
In ihren Anfängen war die amerikanische Presse wenig&#13;
mehr als eine Flugblätter verfassende Industrie im&#13;
Besitz konkurrierender politischer Interessen und mit&#13;
einem konstanten Propagandakrieg befaßt. Vertrauen&#13;
war kein Thema. Es war die Vielzahl der Stimmen, die&#13;
bewirkte, daß die Presse zu einem Instrument für&#13;
demokratische Entscheidungsfindung wurde. Irgendwie gelang es der allgemein anerkannten Wahrheit,&#13;
aus dieser chaotischen Fülle von Informationen und&#13;
Fehlinformationen hervorzugehen. Das Streben nach&#13;
Objektivität war die Folge.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die wirtschaftlichen Vorteile der NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Marshallplan - eine Vision von Sicherheit, Wohlstand und Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Peter Tamoff&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Führungsrolle bei der Bekämpfung von Bestechung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Alan P. Larson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Delegation: Menschenrechtsverletzungen dauern an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Nancy Rubin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA: Größte Herausforderung ist Schutz des Kindes&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Gere Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Medien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle der Medien in einer Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von George A. Krimsky&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SroM 4V

Z12462 C

7. Mai 1997

09

NATO

DIE VORTEILE DER NATO-ERWEITERUNG
Rede von Außenministerin Albright

USA-DEUTSCHLAND

DIE NATO UND DIE NEUEN
TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

NEUE INITIATIVEN ZUR FÖRDERUNG DER
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

EINWANDERUNG

RHETORIK VERSUS REALITÄT - DAS NEUE
AMERIKANISCHE EINWANDERUNGSGESETZ
von Rosemary Jenks

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�NATO
7. Mai 1997

Die Vorteile der NATO-Erweiterung
Rede von Außenministerin Albright

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Außenministerin Madeleine Albright am 23.
April 1997 bei einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des Senats hielt.

Einleitung
Herr Vorsitzender, ich freue mich sehr über diese
Möglichkeit, über die wichtigsten außen- und verteidigungspolitischen Fragen unserer Zeit zu sprechen. Mit
unserem Erscheinen vor diesem Ausschuß leitet die
Administration ernsthafte Bestrebungen ein, bei der
Verwirklichung dieses historischen Unterfangens in
Europa partnerschaftlich mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Meine heutigen Ausführungen über die NATO-Erweiterung sind natürlich vorläufiger Natur. Wir haben
die ersten Beitrittskandidaten noch nicht ausgesucht.
Die Gespräche des Bündnisses mit Rußland und
anderen Nationen sind noch nicht abgeschlossen.
Aber die Grundzüge und der Kurs unserer Politik sind
klar. Im Senat wächst in beiden Parteien das Interesse, wofür die NATO-Beobachtergruppe unter
Leitung von Senator Lott nur ein Beispiel ist.
Es ist an der Zeit, unseren Dialog auf eine andere
Ebene zu verlagern, denn wenn unsere Politik erfolgreich sein soll, benötigen wir Ihre Unterstützung.
Als ich mir überlegte, was ich heute hier sagen will,
war ich zugegebenermaßen versucht, den Rat von
James Reston, dem legendären Reporter und Kolumnisten der New York Times zu befolgen, den dieser
gab, nachdem Außenminister Dean Acheson 1949
dem Senat den NATO-Vertrag vorgelegt hatte.
"Es gibt viele Arten", schrieb Reston, "wie ein Außenminister dem Senat einen Vertrag vorlegen kann, aber
die beste ist, den Senatoren alles zu erzählen. Das
versetzt sie in Erstaunen, langweilt sie schließlich zu
Tode, und mildert letzten Endes die Qual."

AMERIKA DIENST 09

Ungeachtet dieses Ratschlags, Herr Vorsitzender,
werde ich mich kurz fassen.
Zunächst einmal möchte ich das grundlegende Ziel
unserer Politik darlegen. Es besteht darin, erstmals
eine friedliche, demokratische und ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen. Es besteht
darin, Frieden und Wohlstand, deren sich Westeuropa
bereits seit 50 Jahren erfreut, nach Osten auszudehnen. Auf diese Weise wird Amerika starke neue
Partner für Sicherheit und Handel finden. Und wir
werden die Zuversicht gewinnen, daß unsere Streitkräfte nicht wieder zum Kampf auf europäischem
Boden aufgefordert werden.
Viele Organisationen tragen ihren Teil dazu bei,
Wohlstand und Sicherheit in Europa zu gewährleisten.
Die Europäische Union wird erweitert. Die OSZE
fördert Demokratie und hilft bei der Lösung von
Konflikten vom Kaukasus bis zum Balkan. Viele der
neuen marktwirtschaftlichen Demokratien treten der
WTO und der OECD bei.
Die NATO übernimmt jedoch die Führungsrolle,
ebenso wie sie es im vergangenen halben Jahrhundert
getan hat. Sie ist immer noch der Anker unseres
Engagements in Europa, die einzige Organisation in
Europa mit echter militärischer Macht, die einzige, die
Vertrauen und Sicherheit bieten kann, von denen
unsere anderen Ziele abhängen.
Die Debatte über die NATO-Erweiterung ist tatsächlich
eine Debatte über die NATO selbst. Es geht dabei um
den Wert der Bewahrung von Bündnissen in Friedenszeiten und um den Wert unserer Partnerschaft mit
Europa.

Seite 1

�Ich bin Diplomatin. Und ich weiß, daß der beste
Freund der Diplomaten eine effektive Militärmacht und
die glaubwürdige Möglichkeit ihres Einsatzes ist.
Diese Lektion haben wir im Golfkrieg, in Bosnien und
während der gesamten Geschichte gelernt. Und diese
Lektion müssen wir in Europa im Gedächtnis behalten,
wo wir immer noch mit Bedrohungen konfrontiert
werden, die nur eine kollektive Verteidigungsorganisation abschrecken kann.

den anderen wichtigen Staaten auf einem solchen
Kontinent gestaltet würden.

Kein Bündnis war je bei der Abschreckung von
Aggression erfolgreicher als die NATO. Während ihrer
ersten 50 Jahre bot die NATO den zerstörten europäischen Volkswirtschaften die für ihren Wiederaufbau
erforderliche Sicherheit. Sie half bei der Versöhnung
ehemaliger Feinde, wodurch die Einheit Europas
ermöglicht wurde. Sie brachte die ehemals faschistischen Nationen - erst Italien, dann Deutschland, dann
Spanien - wieder in die Familie europäischer Demokratien zurück. Sie entnationalisierte die europäische
Verteidigung.
Sie stabilisierte die Beziehungen
zwischen Griechenland und der Türkei. Und das alles,
ohne daß ein Schuß abgefeuert wurde.

Wie Sie wissen, wird die NATO beim Gipfel im Juli in
Madrid mehrere Nationen zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen einladen. Wir möchten diese Gespräche rechtzeitig abschließen, damit die Beitrittsdokumente im Dezember unterzeichnet werden
können.

Die NATO ist eine Interessengemeinschaft, die schon
vor dem Kalten Krieg bestand und ihn überlebte. Aus
diesem Grund beschlossen die Vereinigten Staaten,
ein vereinigtes Deutschland und unsere anderen
Verbündeten, das Bündnis auch nach dem Fall der
Berliner Mauer zu erhalten. Aus diesem Grund
würden weder wir noch irgendein anderes derzeitiges
Bündnismitglied auch nur daran denken, die NATO zu
verlassen oder sich auf einen verwässerten Ersatz
einzulassen, und aus diesem Grund möchten ihr jetzt
so viele andere Länder beitreten.
Gründe für die NATO-Erweiterung
Wenn eine Einrichtung wie die NATO nicht schon
bestünde, würden wir sie gründen. Wir würden eine
möglichst starke Partnerschaft mit den europäischen
Nationen aufbauen, die unsere Werte und Interessen
teilen.
Ebenso einleuchtend ist, daß ein heute zu schaffendes
neues Bündnis nicht den Eisernen Vorhang als
Ostgrenze hätte. Wir würden kein einziges demokratisches Land ausgrenzen, nur weil es früher gegen
seinen Willen dem Warschauer Pakt angehörte.
Die einzige Frage, die wir erörtern würden, lautet:
Welche demokratischen Nationen in Europa sind
wichtig für unsere Sicherheit und welche sind willens
und in der Lage, einen Beitrag zu unserer Sicherheit
zu leisten? Mit anderen Worten, wir würden nicht
durch alte Denkweisen oder Nullsummenkalkulationen
aus dem Kalten Krieg eingeschränkt. Wir würden auf
völlig neue Weise darüber nachdenken, wie ein
geeinter und freier europäischer Kontinent aussehen
würde und wie unsere Beziehungen zu Rußland und

Seite 2

Genau das geschieht bei unserer Planung für die
Erweiterung der NATO, bei der Stärkung ihrer Partnerschaft für den Frieden, dem Aufbau des neuen Atlantischen Partnerschaftsrats und der Entwicklung der
neuen Partnerschaften der NATO mit Rußland, der
Ukraine und den anderen europäischen Nationen.

1998 werden der Senat und die Parlamente unserer
Verbündeten zur Ratifizierung der Erweiterung aufgefordert. Mit Ihrer Zustimmung werden die ersten
Mitglieder 1999 beitreten.
Die NATO-Erweiterung beinhaltet die feierlichsten
Verpflichtungen, die eine Nation einer anderen gegenüber eingehen kann. Lassen Sie mich genau erklären,
warum dies in unserem Interesse liegt.
Erstens, um Europa vor einem weiteren Krieg zu
schützen.
Dreimal in diesem Jahrhundert mußten amerikanische
Soldaten in Europa - in zwei heißen Kriegen und einem
Kalten Krieg - Konflikte beenden, die ihren Ursprung in
Zentraleuropa nahmen.
Aber während des vergangenen halben Jahrhunderts
wurde Amerika nie aufgefordert, in den Krieg zu
ziehen, um ein anderes Bündnismitglied zu verteidigen. Wir haben gelernt, daß Bündnisse die Androhung
von Gewalt glaubwürdiger und daher den Einsatz von
Gewalt unwahrscheinlicher machen - daß das Versprechen, wenn notwendig zu kämpfen, es weniger
notwendig macht, zu kämpfen.
Die Vereinigten Staaten haben wichtige Sicherheitsinteressen in Zentral- und Osteuropa. Wenn Frieden
und Sicherheit in dieser Region ernsthaft bedroht
wären, wäre die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß wir
uns unabhängig von einer NATO-Erweiterung zum
Handeln entschlössen. Das Hauptargument für die
NATO-Erweiterung ist, das Entstehen einer solchen
Bedrohung abzuschrecken.
Der zweite Grund ist die Verteidigung der Errungenschaften Europas bei Demokratie, Frieden und
Integration.
Allein die Aussicht auf eine Erweiterung hat Zentralund Osteuropa mehr Stabilität verliehen als je zuvor in
diesem Jahrhundert. Alte Streitigkeiten zwischen

AMERIKA DIENST 09

�Polen und Litauen, Polen und der Ukraine, Ungarn und
Rumänien, Italien und Slowenien, Deutschland und der
Tschechischen Republik schwinden, während die
Nationen sich nach der NATO ausrichten. Demokratische Reformen machen Fortschritte. Ein Land nach
dem anderen hat sichergestellt, daß Soldaten ihre
Befehle von Zivilisten entgegennehmen.
Diese
Nationen lösen genau die Probleme, die zu einem
zweiten Bosnien hätten führen können.
Die potentiellen NATO-Mitglieder wissen, daß sie nicht
alleine dastehen, wenn in ihrer Region Frieden und
Sicherheit bedroht sind. Das gibt ihnen einen Grund,
einen destabilisierenden Rüstungswettlauf zu vermeiden. Das bedeutet, daß wir weiterhin in ganz Europa
konventionelle Waffen abbauen können. Es bedeutet,
daß das Vertrauen in der Region wachsen und
gestatten wird, daß sich auch die politischen und
wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland verbessern.

in der SFOR vertreten. Sie beherzigen unseren
Appell, die Beziehungen zu verbrecherischen Staaten
wie Iran und Irak einzustellen. Und sie unterstützen
die Ausdehnung demokratischer Prinzipien und
Achtung der Menschenrechte auf der ganzen Welt.
Unsere zukünftigen Verbündeten werden die Kosten
der Verteidigung der Freiheit tragen, weil sie den Preis
des Verlusts der Freiheit kennen. Jetzt ist es an uns
zu entscheiden, ob die Menschen, die den Totalitarismus in Europa zu Fall brachten und uns behilflich
waren, uns vom Kalten Krieg zu befreien, achtbare
Mitglieder der größten demokratischen Allianz der
Geschichte sind.
Der Präsident und ich sind der Auffassung, daß einige
jetzt bereit, willens und fähig sind, und wir sind zuversichtlich, daß der Senat zustimmen wird.
Antwort auf kritische Stimmen

Herr Vorsitzender, der dritte Grund ist, wie bereits
erwähnt, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen. Wenn wir die NATO nicht erweitern,
werden wir die 1945 von Stalin gezogene Trennlinie
bestätigen, für deren Beseitigung zwei Generationen
von Amerikanern und Europäern gekämpft haben.
Das darf nicht sein. Nach dem Ende des Kalten
Krieges gibt es keine moralische oder strategische
Grundlage dafür, dem amerikanischen Volk zu sagen:
"Wir müssen uns für immer mit den alten Demokratien
Europas zusammenschließen, dürfen das aber
niemals mit den neuen europäischen Demokratien
tun."
Das würde dauerhaftes Unrecht schaffen und während
eines halben Jahrhunderts auf beiden Seiten des
Eisernen Vorhangs gebrachte Opfer verhöhnen. Und
es würde eine ständige Quelle für Spannungen im
Herzen Europas schaffen.
Der letzte Grund für die Erweiterung besteht darin, daß
sie die NATO durch die Aufnahme fähiger neuer
Mitglieder stärkt.
Verteidigungsminister Cohen wird aus erster Hand
über die militärischen Fähigkeiten der potentiellen
NATO-Mitglieder und ihre Fortschritte bei der Erfüllung
der von der NATO gesetzten Maßstäbe berichten. Ich
möchte betonen, daß die Erweiterung den politischen
und militärischen Zusammenhalt des Bündnisses
stärken wird.
Die Nationen, die wir für eine Mitgliedschaft in Erwägung ziehen, teilen unsere grundlegendsten Werte und
Wünsche für Europa und die Welt. Viele von ihnen
teilten im Golfkrieg die Risiken mit unseren Soldaten.
Ohne zu zögern entsandte jedes Land Truppen zur
NATO in Bosnien, Ungarn schuf die Grundlagen, von
denen aus die NATO ihre Mission in die Wege leitete,
und alle diese Nationen sind heute gemeinsam mit uns

AMERIKA DIENST 09

Dennoch weiß ich, daß viele weiterhin skeptisch sind.

Ich möchte ihre Sorgen so offen und direkt ansprechen
wie ich kann.
Einige sagen, die Erweiterung würde nur eine neue
Trennlinie in Europa schaffen und die unsichersten
Länder ausschließen. Wir haben jedoch zahlreiche
Schritte unternommen, um dieses Resultat zu vermeiden.
Wir haben klargestellt, daß die ersten neuen Mitglieder
der NATO nicht die letzten sein werden und die Tür
einer zukünftigen Mitgliedschaft nicht den Ländern vor
der Nase zugeschlagen werden darf, die noch nicht
bereit sind.
Die NATO leitet ferner eine Reihe interner Reformprogramme ein und stärkt ihre Partnerschaft für den
Frieden, so daß unsere Partner gemeinsam mit uns
handeln können, wann immer unsere Verbündeten
handeln. Und wir schaffen den Atlantischen Partnerschaftsrat, der aus den NATO-Verbündeten und den
Mitgliedern der Partnerschaft für den Frieden zusammengesetzt ist, so daß jede neue Demokratie,
unabhängig davon, ob sie der NATO früher, später und
gar nicht beitritt, ein Mitspracherecht an der Zukunft
Europas haben wird. Dieser Ansatz hat die Unterstützung unserer Partner vom Baltikum über Polen bis zur
Ukraine.
Wir unternehmen besondere Anstrengungen zur
Einbeziehung der Ukraine. Wir arbeiten auf die
Unterzeichnung eines Dokuments hin und streben die
Stärkung der praktischen Zusammenarbeit zwischen
der NATO und der Ukraine an, um das neue polnischukrainische Friedenssicherungsbataillon zu unterstützen, die militärischen Reformen zu fördern, die
Interoperabilität mit der NATO zu verbessern und die

Seite 3

�Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und ihren
Nachbarn zu ermutigen.
Es gibt nur zwei mögliche Alternativen zu dieser
Gesamtstrategie. Wir könnten die Teilung Europas wie
im Kalten Krieg einfrieren. Oder wir könnten den
kleinsten gemeinsamen Nenner für die NATO definieren, der alle einbezieht und niemandem Pflichten
auferlegt. Diese beiden Alternativen sind inakzeptabel.
Es ist weitaus besser, die stärksten Kandidaten jetzt
zum Beitritt einzuladen und die Tür für alle Demokratien offenzuhalten, die die Verantwortung der Mitgliedschaft übernehmen können.
Wir sollten uns auch vor Augen halten, daß bei der
Gründung der NATO 1949 wichtige Länder wie
Deutschland, Griechenland und die Türkei nicht
einbezogen wurden. Dennoch ließ die NATO keinen
Zweifel daran, daß sie ein direktes und materielles
Interesse an ihrer Sicherheit hatte - und es war kein
Zufall, daß die Berlin-Blockade nur einen Monat nach
der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags aufgehoben wurde. Der Einflußbereich der NATO war stets
größer als das Gebiet ihrer Mitglieder, und das wird
auch in Zukunft so sein.

Mitgliedschaft vorzubereiten. Der Gedanke, die NATO
könne für immer so bleiben wie sie ist, während die
Zentraleuropäer sich für immer glücklich an der
Partnerschaft für den Frieden ohne die Aussicht auf
einen Beitritt zum Bündnis beteiligen, ist eine Illusion.
Andere kritische Stimmen behaupten häufig, wir
brauchten uns überhaupt nicht um die NATO kümmern, weil es keine militärische Bedrohung in Europa
gibt. Größtenteils wegen Bosnien sind tatsächlich in
den letzten fünf Jahren mehr Europäer in gewalttätigen
Konflikten ums Leben gekommen als in den vergangenen 45. Es besteht also kein Anlaß zur Selbstgefälligkeit.
Gleichzeitig kann ich angesichts unserer starken
Führungsrolle, eines inzwischen stabilisierten Bosniens, des russischen Engagements in der NATO und
der Fortschritte bei der atomaren Abrüstung verstehen,
warum einige im Augenblick keine Bedrohung sehen.
Es it so, weil unsere Politik funktioniert.
Herr Vorsitzender, wenn Sie keinen Rauch sehen, ist
das kein Grund, die Beitragszahlungen für die Feuerversicherung einzustellen.

Andere sagen, wenn wir die neuen Demokratien
Europas integrieren wollen, dann könne die Europäische Union oder die Partnerschaft für den Frieden der
NATO die Arbeit allein erledigen. Offen gesagt finde
ich es etwas herablassend anzunehmen, alle diese
stolzen Nationen würden eine Teilmitgliedschaft in
westlichen Institutionen akzeptieren, nur weil sie sich
zufällig auf der falschen Seite einer veralteten Trennlinie befinden. Warum sollten sie sich mit einer
Mitgliedschaft zweiter Klasse zufriedengeben, wenn
sie bereits einen erstklassigen Beitrag geleistet
haben?

Wie jede gute Versicherungspolice wird die NATOErweiterung sicherlich Kosten mit sich bringen. Diese
Kosten sind in dem Bericht aufgeschlüsselt, den wir
dem Kongreß im Februar vorgelegt haben. Verteidigungsminister Cohen wird näher auf die militärischen
Kosten eingehen, und auch das zivile Budget der
NATO wird einen geringen Betrag übernehmen
müssen, obwohl man die genaue Höhe zu diesem
Zeitpunkt noch nicht einschätzen kann.

Die Erweiterung der EU ist von elementarer Bedeutung. Aber die von der NATO gebotene Sicherheit war
stets entscheidend für den von der EU versprochenen
Wohlstand. Die EU-Erweiterung wird von den neuen
Mitgliedern auch eine umfassende Anpassung ihrer
Vorschriften erfordern. Wenn die NATO jetzt Fortschritte machen kann, warum warten, bis beispielsweise die Tomatenzüchter in Zentraleuropa anfangen,
die richtigen Pestizide zu verwenden? Und während
die EU erweitert wird, kann nur die NATO sicherstellen,
daß ein vereinigtes Europa seine stärkste Verbindung
zu Amerika aufrechterhält.

Die NATO würde ein Relikt der Vergangenheit und
Bedeutungslosigkeit, wenn nicht sogar ihre Auflösung
riskieren. Unsere Führungsrolle in Europa würde aufs
Spiel gesetzt, und unsere Beziehungen zu unseren
traditionellen Verbündeten würden sich verschlechtern.

Die Partnerschaft für den Frieden war wirklich ein
großer Erfolg, und sie wird weiterhin von entscheidender Bedeutung sein. Wir sollten uns jedoch daran
erinnern, daß viele Nationen sich der Partnerschaft
angeschlossen haben, um dauerhafte Beziehungen
zur NATO zu entwickeln und sich auf die mögliche

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Als Außenministerin bin ich ebenso besorgt über die
Kosten der Entscheidung gegen die Erweiterung.

Zu Recht oder Unrecht könnte man sagen, wir hätten
die Bestrebungen der Möchtegernverbündeten der
NATO nur abgeblockt, weil Rußland Einwände erhob.
In Zentraleuropa würde das Vertrauen zerstört und zu
einer Suche nach Sicherheit mit anderen Mitteln
führen, darunter Aufrüstung und zunehmende Spannungen zwischen Nachbarn. Die schlimmsten Elemente in Rußland würden ermutigt, sicher in ihrer
Überzeugung, daß Europa in neue Einflußsphären
unterteilt werden kann und sich die Konfrontation mit
dem Westen bezahlt macht. Es gäbe wenig Aussicht
auf den Aufbau einer konstruktiven Partnerschaft
zwischen Rußland und der NATO.

AMERIKA DIENST 09

�Rußland
Herr Vorsitzender, ich bin nicht der Ansicht, daß die
Diskussion über die NATO auf eine Diskussion über
Rußland reduziert werden sollte. Schließlich leben
vom Baltikum bis zum Balkan über 200 Millionen
Menschen in den anderen neuen und aufstrebenden
Demokratien Europas.
Gleichzeitig stimmen alle NATO-Partner und alle
zentraleuropäischen Demokratien zu, daß wir ein
ungeteiltes und freies Europa erst aufbauen können,
wenn ein demokratisches Rußland vollständig in
Europa integriert ist.
Das bedeutet, daß wir die beträchtliche Distanz, die
Rußland seit der Ablehnung des Kommunismus
zurückgelegt hat, sowie unser eigenes Interesse
berücksichtigen müssen, dafür zu sorgen, daß Rußland eine wichtige Rolle in Europa übernimmt - als eine
Großmacht und nicht länger als imperiale Macht. Wir
müssen uns vor Augen führen, daß Rußland sich für
Demokratie und freie Märkte entschieden und den
schlimmsten Voraussagen über seine Evolution die
Stirn geboten hat.
Angesichts der Geschichte lehnen einige den bloßen
Gedanken einer russischen Zusammenarbeit mit dem
Bündnis ab. Wir hingegen sehen Rußlands Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der NATO angesichts
der Geschichte als eine zu ergreifende Chance, nicht
als Grund, das Silber zu verstecken.
Ein Bereich der Zusammenarbeit sind unsere Bestrebungen zur Anpassung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa. Die Vorschläge der NATO
zum KSE-Vertrag sind eine Reaktion auf die bemerkenswerten Veränderungen im europäischen Sicherheitsumfeld seit der Unterzeichnung des Vertrags
im Jahr 1990. Er fordert im Einklang mit den andauernden Sicherheitserfordernissen der NATO
beträchtliche Reduzierungen bei der Anzahl der in der
Region vom Atlantik bis zum Ural erlaubten konventionellen Waffen. Er kann sicherstellen, daß es nirgendwo in Europa eine destabilisierende Konzentration
militärischen Geräts gibt. Und er stellt eindeutig klar,
daß die Idee eines Vorrückens von NATO-Panzern
und Artillerie zu Rußlands Grenzen ein Hirngespinst
ist.
Ein entscheidender Teil unseres Ansatzes zur Anpassung des KSE-Vertrags ist die rechtzeitige Verabschiedung des "Flankendokuments" durch den
Senat, dem alle 30 KSE-Staaten am 31. Mai 1996
zugestimmt haben. Dieses Abkommen spricht die von
Rußland und der Ukraine zum Ausdruck gebrachte
Besorgnis über die Auswirkungen der Obergrenzen
des Vertrags für Gerät in der KSE-"Flankenzone" bei
gleichzeitiger Anwendung neuer Beschränkungen und

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spezieller Transparenzmaßnahmen wie zusätzliche
Versicherung gegen exzessive Truppenkonzentrationen an. Das Flankendokument ist ein ausgewogenes Abkommen, das den amerikanischen Interessen
dient.
Damit es in Kraft treten kann, müssen alle 30 Vertragsparteien dem Flankendokument bis zum 15. Mai 1997
offiziell zustimmen. Wenn es bis dahin nicht in Kraft
tritt, wird diese wertvolle und vernünftige Vereinbarung
aufs Spiel gesetzt, und die Aussichten auf eine
erfolgreiche KSE-Anpassung würden schwinden.
In den vergangenen Monaten hat die NATO auch die
Bedingungen einer Charta erörtert, die ihre praktische
Zusammenarbeit mit Rußland institutionalisieren wird.
Beim Gipfeltreffen von Helsinki haben die Präsidenten
Clinton und Jelzin die Möglichkeiten einer solchen
Partnerschaft umrissen.
Wir werden mit Rußland zusammen handeln können,
um die Weiterverbreitung zu bekämpfen, die Nukleararsenale zu sichern und auf humanitäre Krisen und
Bedrohungen des Friedens zu reagieren. Wir werden
auf die von unseren Truppen in Bosnien geschaffene
Zusammenarbeit aufbauen und sicherstellen, daß sie
weiter andauert, nachdem der letzte ausländische
Soldat das Land verlassen hat. Ein gemeinsamer Rat
der NATO und Rußlands wird Rußland ein Mitspracheaber kein Vetorecht einräumen - eine Chance, in
Partnerschaft mit der NATO, nicht innerhalb der NATO,
zu arbeiten. Beide Seiten werden bei Themen, bei
denen wir nicht übereinstimmen, vollständigen Handlungsspielraum behalten.
Präsident Clinton hat Präsident Jelzin gegenüber die
Grenzen eindeutig klargestellt, die wir nicht überschreiten und die Schranken genannt, die wir beim
Aufbau der Partnerschaft zwischen der NATO und
Rußland nicht errichten werden.
Erstens wird die NATO-Erweiterung ohne Verzögerung
fortgesetzt.
Zweitens wird keine europäische Nation bei den
Erwägungen außer Acht gelassen.
Drittens werden die neuen NATO-Mitglieder die
uneingeschränkten Vorteile der Mitgliedschaft genießen.
Viertens wird der neue Gemeinsame Rat der NATO
und Rußlands ein Forum für Konsultationen, Kooperation und wenn möglich gemeinsame Aktionen. Er hat
weder die Macht, NATO-Entscheidungen zu verwässern, verzögern oder zu blockieren noch den Nordatlantikrat der NATO zu ersetzen. Er wird nur in dem
Maße an Bedeutung gewinnen, in dem Rußland ihn
konstruktiv nutzt.

Seite 5

�Und schließlich wird sich die NATO weiterentwickeln,
aber ihre Kernfunktion der kollektiven Verteidigung
wird erhalten und erweitert, und die Qualitäten, die das
Bündnis zum erfolgreichsten in der Geschichte
gemacht haben, werden bewahrt.
Wie Sie wissen, möchte Rußland, daß wir in der
Charta über die Stationierung nuklearer und konventioneller Streitkräfte auf dem Territorium der neuen
Mitglieder auch definitive Verpflichtungen eingehen.
Aber wir werden bei diesem Thema keine Kompromisse machen.
Alles, was wir getan haben und tun werden, ist die
Wiederholung der unilateral bestehenden NATOPolitik: In dem derzeitigen und absehbaren Sicherheitsumfeld haben wir weder einen Plan, die Notwendigkeit und Absicht zur Stationierung von Nuklearwaffen in den neuen Mitgliedstaaten, noch ziehen wir die
permanente Stationierung substantieller Kampftruppen
in Betracht. Die einzigen bindenden Obergrenzen für
konventionelle Streitkräfte in Europa werden mit den
zentraleuropäischen Ländern und allen anderen am
Verhandlungstisch
vertretenen
Signatarstaaten
während der Anpassung des KSE-Vertrags festgesetzt.
Ich möchte auch hervorheben, daß es bei dem
zwischen der NATO und Rußland geschlossenen
Abkommen nicht darum geht, Rußland zur Zustimmung zu einer NATO-Erweiterung zu überreden. Wir
benötigen nicht die Zustimmung Rußlands zur Erweiterung. Vielmehr geht es um die Förderung eines
Ziels um seiner selbst willen: Unser Interesse an der
Förderung der Integration eines demokratischen
Rußlands und der Zusammenarbeit bei der Bewältigung der Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts.
Ich erwarte nicht, daß die russische Regierung ihre
Meinung über die Pläne des Bündnisses für die
Aufnahme neuer Mitglieder ändert. Wir müssen dieser
Tatsache ins Auge blicken, sollten sie aber auch als
das erkennen, was sie ist: Eine Frage der Auffassung
und nicht der militärischen Realität. Die NATO stellt
keine Gefahr für Rußland dar, ebenso wie Rußland
keine Gefahr für die NATO darstellt. Wir würden den
Demokaten in Rußland keinen Gefallen tun, wenn wir
etwas anderes behaupteten.

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Das Schicksal der russischen Demokratie steht bei
den Entscheidungen des Bündnisses über die Erweiterung zweifelsohne nicht auf dem Spiel. Die
Zukunft Rußlands als freie und prosperierende Nation
wird von der Fähigkeit seiner führenden Politiker und
Bürger abhängen, eine offene Gesellschaft aufzubauen, Kriminalität und Korruption zu bekämpfen,
Wirtschaftswachstum anzukurbeln und alle in den
Genuß seiner Vorteile zu bringen. Das russische Volk
weiß, daß seine Zukunft in Moskau, in Irkutsk, in
Nowgorod entschieden wird und nicht im NATOHauptquartier in Brüssel.
Die Wahrheit ist, daß das Streben nach Freiheit und
Sicherheit in Europa kein Nullsummenspiel ist, in dem
Rußland verlieren muß wenn Europa gewinnt und
umgekehrt. Solches Denken hat während der vergangenen 50 Jahre zu enormen menschlichen und
wirtschaftlichen Kosten geführt, und wir haben die
Pflicht und die Chance, es zu überwinden.
In diesem neuen Europa haben die Vereinigten
Staaten und Westeuropa eine Chance, neue Verbündete und Partner zu gewinnen, die zu unserer gemeinsamen Sicherheit beitragen können und wollen. Die
Menschen in Zentraleuropa haben die Chance, Zeuge
der Beseitigung der Trennlinie aus der Zeit des Kalten
Krieges zu werden, die sie von der europäischen
Hauptströmung abschnitt. Die Menschen in Rußland
haben die Chance, die weitreichendste und echteste
Integration in den Westen zu erleben, in deren Genuß
ihre Nation je gekommen ist.
Herr Vorsitzender, zweimal in diesem Jahrhundert
waren wir nach Kriegsende mit der Herausforderung
konfrontiert, diese Art von Europa zu gestalten. Wir
hatten nach dem Ersten Weltkrieg die Chance, aber
allzu vielen - in den Vereinigten Staaten und andernorts - mangelte es an der Vision. Nach dem Zweiten
Weltkrieg fehlte es nicht an Vision, aber halb Europa
wurde der Chance beraubt.
Heute haben wir die Vision und die Chance zum
Aufbau eines Europas, in dem jede Nation frei und jede
freie Nation unser Partner ist. Mit fortgesetzter
überparteilicher Unterstützung durch den Senat und
das amerikanische Volk wird dies, da bin ich zuversichtlich, das Europa sein, das unsere Kinder und
Enkel kennen.

AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Die NATO und die neuen transatlantischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

DÜSSELDORF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 25. April 1997 beim
Jahrestreffen der American Chamber of Commerce in Düsseldorf gehalten hat.

Ich danke Ihnen für die Einladung, über ein Thema zu
sprechen, das uns allen lieb und teuer ist: Die neuen
Realitäten in den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Es ist mir eine besondere Ehre, zu Ihnen als
Ehrenpräsident sprechen und meinen Dank für alles
zum Ausdruck bringen zu dürfen, was Sie im vergangenen Jahr zum Funktionieren unserer Partnerschaft
zwischen der Chamber und der Botschaft beigetragen
haben.
Es ist bemerkenswert, daß Bundeskanzler Kohl, der
historische Entscheidungen von der Stationierung der
Pershing II bis zu den zur Vereinigung führenden Zweiplus-Vier-Gesprächen formuliert und herbeigeführt und
der gesagt hat, "Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist ein sicheres Fundament, auf dem wir auch in
Zukunft aufbauen können", eine Rede vor dieser
herausragenden Gruppe halten wird.
Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet:
Deutschland ist vereinigt, aber was genau sind die
neuen Realitäten und was bedeuten sie für unsere
Beziehungen?
Um die neuen Realitäten zu verstehen, sollte man
tatsächlich mit dem Fall der Berliner Mauer beginnen.
Die Berliner Mauer wurde weder durch die auf beiden
Seiten massierten Armeen niedergerissen, die auf den
Ausbruch des unvermeidlichen Krieges warteten, noch
durch ein mysteriöses, historisches Ende der kommunistischen Idee. Die Berliner Mauer wurde durchbrochen und dann durch den nicht zu unterdrückenden
menschlichen Wunsch nach Freiheit gestürzt.
Auf der Grundlage der Prinzipien der Menschenrechte,
Demokratie und des menschlichen Geistes werden die

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deutsch-amerikanischen Beziehungen gedeihen - nicht
nur auf der Grundlage unseres lobenswerten gemeinsamen Engagements während des Kalten Krieges,
unserer parallelen Handels- und Investitionspolitik oder
des kulturellen Erbes der deutschen Einwanderer in
die Vereinigten Staaten.
Durch die unsere beiden Länder betreffenden Ereignisse - von der Einwanderung seit 1683 bis zum
Kampf für Freiheit im Kalten Krieg und der Vereinigung
Deutschlands - zieht sich eine historische und dauerhafte Verpflichtung zu bestimmten Prinzipien.
Beweise dafür sind überall zu finden:
in dem neuen Alliierten Museum in Berlin mit
der Geschichte der Berliner Luftbrücke und
der Verteidigung Berlins durch die Alliierten,
im Bonner Haus der Geschichte mit Exponaten, die den Aufbau der Demokratie in
Deutschland darstellen,
oder in dem Museum am Checkpoint Charlie
mit seiner Chronik der Heldentaten einzelner
Menschen, die sich von der kommunistischen
Tyrannei befreien wollten.
All dies erinnert uns an Präsident Kennedy, der sagte,
daß die stolzesten Worte eines freien Mannes sind:
"Ich bin ein Berliner."
Aber erst mit der demokratischen Revolution von 1989,
einer Revolution, die die Vereinigung Deutschlands
möglich machte, konnten die Ostberliner ihr Recht auf
Freiheit in Anspruch nehmen. Ich war als Stellver-

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�tretender Botschafter der Vereinigten Staaten in der
DDR dabei.
Die Geschichte ist faszinierend. Am 9. November
1989 eskalierte die lange schwelende Unzufriedenheit
in Ostdeutschland auf den Straßen Berlins, um ihren
Höhepunkt in einer Revolution zu finden - einer
friedlichen Revolution, aber dennoch einer Revolution.
Die Zurückhaltung der Demonstranten unter der
Führung von lutherischen Geistlichen, die äußerst
effektive NATO-Politik der Abschreckung sowie der
Wunsch von Präsident Gorbatschow nach mehr
Freiheit für die sowjetischen Völker wirkten in Deutschland in bemerkenswerter Weise zusammen, um das
klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der 9. November 1989 markierte das Ende der
Berliner Mauer und der Teilung Deutschlands und
brachte den Anfang der neuen Realitäten in Deutschland und Europa. Nur dank des Weitblicks und der
Klugheit der Unterhändler des Zwei-plus-Vier-Vertrags
konnten alle Deutschen an der Freiheit teilhaben. Und
als die Entscheidung über eine Regierung für das neue
Deutschland anstand, war es die Bundesrepublik, die unverändert in ihrer verfassungsmäßigen Form - die
Verantwortung für Deutschlands neue Realität übernahm.
Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, unsere Denkweise
und unsere Institutionen an diese neuen Realitäten
anzupassen. Deutschland und die Vereinigten Staaten
teilen ein lebhaftes Interesse an der Anpassung
unserer lebenswichtigen europäischen und transatlantischen Institutionen, damit sie uns im 21. Jahrhundert so gut dienen wie sie es in diesem getan
haben.
Obwohl die Berliner Mauer keine Konkurrenz für die
atlantische Brücke darstellte, bedarf der Sicherheitspfeiler einer Anpassung, und wir benötigen breiteren
Raum für Wirtschaft und Kultur.
Ich möchte unsere Ziele für das nächste Jahrhundert
ansprechen. Oberste Priorität ist die Schaffung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden neuen Herausforderungen vor. Das
amerikanische Volk weiß, daß die Aufgabe der NATO
im Schutz unserer Werte besteht, und wir alle wissen,
daß der Preis der Freiheit ewige Wachsamkeit ist. Wir
brauchen die NATO.
Wir gestalten die NATO zu dem Zweck um, Frankreich
und Spanien in die integrierte Militärstruktur einzubeziehen, neue Mitglieder aufzunehmen, besondere
Beziehungen zu Rußland aufzubauen und unsere
Verbindungen zu Partnerstaaten zu stärken. Angesichts des herannahenden NATO-Gipfels im Juli in

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Madrid und der kontinuierlichen Arbeit, neue Beziehungen zwischen der NATO und Rußland aufzubauen,
sehen wir uns einer Zeit enormer Herausforderungen
und Chancen gegenüber.
Wir unternehmen große Anstrengungen um sicherzustellen, daß nicht nur potentielle neue Mitglieder
ausgemacht werden, sondern auch parallel dazu neue
Beziehungen zwischen Rußland und der NATO
geknüpft werden, um zur Überwindung der alten
Denkweise, alter Feindseligkeiten und Konflikte
beizutragen. Wir wollen Rußland ein Stimm-, aber kein
Vetorecht einräumen und unter Beweis stellen, daß
Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist.
Ferner haben wir unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine
Verringerung der militärischen Fähigkeiten des
Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt. Die Reise ist jedoch noch
nicht beendet, und wir werden nur dann eine Charta
verabschieden, wenn die Substanz stimmt.
Diese Bestrebungen reichen jedoch noch nicht aus.
Frieden in Europa und unsere neue transatlantische
Sicherheitspartnerschaft sind nicht gesichert ohne
Wohlstand und solide Wirtschaftsbeziehungen.
Wirtschafts- und Handelsfragen erfordern jetzt gleichermaßen unsere Aufmerksamkeit. Das ist nirgendwo deutlicher sichtbar als in der Zusammenarbeit
unserer Botschaft mit der Chamber.
Wenn ich auf meine Amtszeit in Deutschland, dieses
Mal als Stellvertretender und amtierender Botschafter
in der Berliner Republik, zurückblicke, bin ich zutiefst
beeindruckt von der engen Zusammenarbeit zwischen
der Botschaft und der Chamber. Wir haben gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig, Weimar/Erfurt
und Potsdam organisiert, die ein großartiges Beispiel

dafür waren, wie die Partnerschaft zwischen dem
öffentlichen und dem Privatsektor amerikanische
Investitionen fördern und eine starke neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen
kann.
Diese Konferenzen sind zu einer Art Bilanz dessen
geworden, wo wir im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen Bestrebungen beim Wiederaufbau der
Wirtschaft in einem ehemals kommunistischen Land
stehen. Die vierte dieser Konferenzen ist für Oktober
in Dessau geplant, und ich bin zuversichtlich, daß sie
der Investitionstätigkeit und unseren Beziehungen
weiteren Auftrieb verleiht.

AMERIKA DIENST 09

�Während meiner letzten drei Jahre in Deutschland
haben wir in Deutschlands Wirtschaft bemerkenswerte
Veränderungen beobachtet. Unter der Überschrift
"Standortdebatte" hat Deutschland begonnen, sich auf
seine ernsthaftesten wirtschaftlichen Herausforderungen zu konzentrieren und strukturelle Verkrustungen,
inflexible Arbeitsmärkte und nicht wettbewerbsfähige
Praktiken in Angriff zu nehmen.
Die Chamber hat sich aktiv an dieser Debatte beteiligt.
Sie bringen eine einzigartige Perspektive, zwei
unterschiedliche Untemehmenskulturen zu überbrücken, in diese Probleme ein. Wir in der Botschaft
beteiligen uns ebenfalls an dieser Diskussion und
haben ein aktives Interesse an der deutschen Wirtschaftspolitik und ihren Auswirkungen auf amerikanische Unternehmen.
Weil unsere Volkswirtschaften so eng miteinander
verbunden sind, haben wir großes Interesse an der
wirtschaftlichen Umstrukturierung Deutschlands und
seinen Veränderungen. Wir bekräftigen die konstruktiven Äußerungen der Chamber, und meines
Erachtens können wir stolz auf unseren gemeinsamen
Beitrag zu der Standortdebatte sein.
Schließlich ist Deutschland ein besserer Standort
geworden.
Viele Entwicklungen im Bereich der
Privatisierung und Deregulierung wären noch vor zehn
Jahren undenkbar gewesen, insbesondere angesichts
der Tatsache, daß einige der Vereinbarungen im
Grundgesetz verankert und nicht leicht zu ändern
waren. Die Wiedergeburt der Behörden als Unternehmen gestaltet jedoch ebenfalls die Telekommunikations-, Energie- und Transportmärkte um.
Dieser Prozeß der Deregulierung, Privatisierung und
Einführung von Wettbewerb hat neue Chancen für
amerikanische Unternehmen und ihre Tochtergesellschaften in Deutschland geschaffen. Er hat unsere
Länder auch durch zunehmende und intensivere
Geschäftsverbindungen enger zusammengebracht.
Betrachten Sie die Liberalisierung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten.
Das Luftfahrtabkommen "Open Skies" von 1996 hat
nicht nur eine gewinnbringende Partnerschaft zwischen zwei großen Fluggesellschaften gestärkt,
sondern ist auch ein anregendes Beispiel für die
globale Luftfahrtpolitik.
Entsprechend wird die Liberalisierung des Telekommunikationswesens schließlich zu niedrigeren
Gebühren führen, was gut für die Unternehmen und
Verbraucher in Deutschland ist. Das wird eine vermehrte Benutzung des Internet zur Folge haben, die
Türen zu globalem Elektronikhandel öffnen und
Deutschlands Eintritt in das Informationszeitalter des
nächsten Jahrhunderts beschleunigen.
Echter
Wettbewerb wird jedoch nur stattfinden, wenn wir eine

AMERIKA DIENST 09

unabhängige Aufsichtsbehörde haben, die den
Wettbewerb fördert und schützt und gleichberechtigten
Zugang aller interessierten Parteien zum Netz des
führenden Anbieters gewährleistet. Hier hat Deutschland noch eine vorrangige Aufgabe zu bewältigen.
Auch bei der Arbeit an transparenteren Beschaffungspraktiken in Deutschland haben wir große Fortschritte
erzielt. Das Wirtschaftsministerium erarbeitet zur Zeit
einen Gesetzentwurf, der den effektiven rechtlichen
Schutz von Bewerbern um einen Auftrag durch einen
gerichtlichen Überprüfungsprozeß außerordentlich
verbessern wird. Von diesem transparenteren Beschaffungssystem werden aus- und inländische
Bewerber gleichermaßen profitieren.
Dennoch
erfordert dieser sich entwickelnde Prozeß weiterhin
politisches Engagement auf hoher Ebene und die
uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Chamber und
der Botschaft.
Die Deregulierung des Energiesektors ist ein weiteres
aufregendes Feld für Innovationen. Natürlich trifft sie
auf den Widerstand von Gewerkschaften und Unternehmen, die mit dem Status quo zufrieden sind, sowie
auf den von Länder- und Gemeinderegierungen. Wir
in den Vereinigten Staaten sind jedoch überzeugt, daß
die Deregulierung letztlich von Vorteil für die Verbaucher ist und ausländische Investitionen fördert. Wir
haben vor kurzem eine Reise für Vertreter der Länderund Gemeinderegierungen sowie der deutschen
kommunalen Versorgungsunternehmen in die Vereinigten Staaten organisiert, die unseren deutschen
Besuchern demonstrierte, daß Deregulierung kein
lebensbedrohliches Ereignis sein muß.
Es gibt
Anpassungsmechanismen, die neue Chancen für
diejenigen schaffen, die davon ausgingen, daß sie nur
als Monopol prosperieren können. Diese Botschaft der
"Chancen im Wandel" sollte - und wird - von der
Amerikanischen Botschaft und der Chamber verbreitet.
Gleichzeitig weiß ich es zu schätzen, daß wir und die
Chamber uns der ehrlichen Erörterung von Meinungsverschiedenheiten wie über das Helms-Burton-Gesetz
und das Gesetz über Sanktionen gegen Iran und
Libyen nicht verschließen. Wir hatten eindeutig
unterschiedliche Ansichten zur Frage der Sanktionen,
und ich verstehe natürlich den Wunsch der Unternehmer, Geschäfte und Investitionen mit so wenig Beschränkungen wie möglich zu tätigen.
Ebenso bin ich sicher, wir alle begrüßen die jüngste
Ankündigung von Botschafter Eizenstat, daß die
Vereinigten Staaten und die EU im Hinblick auf das
Helms-Burton-Gesetz zu einer vorläufigen Einigung
gekommen sind. Die EU stimmte einer Aussetzung
ihrer Klage bei der WTO zu, was angemessen ist.
Meines Erachtens können wir alle etwas aus diesem
Vorfall lernen, durch den unsere weiterreichenden
Interessen in der WTO und unsere bilateralen Bezie-

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�hungen beinahe Schaden genommen hätten. Wir in
den Vereinigten Staaten vertreten weiterhin die
Ansicht, daß der überlegte Einsatz von Sanktionen ein
angemessenes Mittel zur Förderung grundlegender
außenpolitischer Ziele ist, und wir werden argumentieren, daß unser Ansatz nicht erfolglos war. Wir erachten dies als Verzicht auf bestimmte wirtschaftliche
Vorteile beim Streben nach übergeordneten Zielen, wie
beispielsweise der Eindämmung von Terrorismus und
der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Nichts Geringeres als das erwartet die Weltgemeinschaft von ihren wohlhabendsten Bürgern.
Wir haben den Eindruck, daß die Vereinigten Staaten
und Europa sich für gewöhnlich über die Ziele einig
sind, hinsichtlich der Mittel zu ihrer Erlangung jedoch
häufig nicht einer Meinung sind. Bedauerlicherweise
behindert diese Meinungsverschiedenheit beide Seiten
bei der Verfolgung unserer gemeinsamen Ziele. Die
Frage lautet: Wer sollte bei der Gestaltung einer
gemeinsamen Politik Kompromisse schließen? Bei
Kuba bewegen wir uns bereits auf eine gemeinsame
Politik zu. Um uns einander näher zu bringen, sollten
wir die parlamentarischen Austauschprogramme
intensivieren, um ein größeres Verständnis für die
Interessen des anderen zu entwickeln - und zwar
bevor die Gesetze ausgearbeitet werden.
Im Hinblick auf verbrecherische Staaten wie den Iran
müssen wir noch stärker darauf hinarbeiten, daß
unsere gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten
nicht unsere sehr viel größere grundsätzliche Übereinstimmung überschatten.
Wir sind weiterhin der
Auffassung, daß wir unsere eigenen Wirtschaftsinteressen mit solchen Staaten zurückstellen müssen,
damit sie nicht an die Ressourcen gelangen, die sie
zweifelsohne zur Unterstützung von Terrorismus, der
Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und zur
Destabilisierung ihrer Nachbarn und insbesondere des
Nahost-Friedensprozesses verwenden würden. Das
jüngste Urteil im Mykonos-Prozeß bekräftigt nur
unsere Entschlossenheit in dieser Hinsicht. Wir
begrüßen die Reaktion der europäischen Regierungen, den sogenannten "kritischen Dialog" auszusetzen
und ihre Botschafter zurückzurufen. Wir hoffen, daß
die ernüchternde Wirkung des Mykonos-Urteils nicht

nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Wir haben in
dieser Woche eine hochrangige Delegation in europäische Hauptstädte - auch nach Bonn - entsandt, um
unseren Dialog darüber zu vertiefen, wie das Verhalten
des Iran gemäßigt werden kann. Die Vereinigten
Staaten haben sich verpflichtet, eine verbesserte
Koordinierung der transatlantischen Politik in diese
Schlüsselfrage einzubringen.
Ungeachtet der staatlichen Entscheidungen muß sich
die Wirtschaft bewußt sein, daß Iran und Libyen in
unserem politischen Prozeß weiterhin heikle Themen
sind und den dem Sanktionsgesetz für Iran und Libyen
zugrundeliegenden schwierigen Kompromiß im Auge

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behalten. Wir haben absichtlich versucht, ein Gesetz
mit minimalen - sogar unbedeutenden - Auswirkungen
auf den Handel, selbst mit Iran, zu verabschieden,
während wir gleichzeitig von beträchtlichen Investitionen abraten, die Irans Fähigkeit zu terroristischen
Aktivitäten stärken könnten.
Zu einem damit in Zusammenhang stehenden Punkt:
Es wird manchmal angedeutet, diese Politik zeige, daß
Amerika immer unilateralistischer werde. Es wäre
falsch, unsere Sanktionen als Abkehr vom Multilateralismus in unserer allgemeinen Handelspolitik anzusehen. Multilateralismus wird unser bevorzugter
Kurs bei der Ausübung unserer globalen Führungsrolle
bleiben.
Die Vereinigten Staaten waren weltweit führend bei der
Gründung der WTO, des GATT, der Vereinten Nationen, der Weltbank, des IWF und praktisch jeder
anderen maßgebenden globalen Institution. Wir waren
an vorderster Front der jüngsten erfolgreichen Bestrebungen zur Abschaffung aller Zölle für Informationstechnologieprodukte. Dasselbe gilt für den lebenswichtigen Telekommunikationssektor, wo das Insistieren der Vereinigten Staaten auf offenen Marktzugang
zur Ermöglichung des jüngsten WTO-Abkommens
über Telekommunikationsdienste beitrug.
Jetzt verlassen wir uns auf die verbesserten Regeln
des multilateralen Konfliktschlichtungsmechanismus in
der WTO, den wir in 21 Fällen offiziell angerufen
haben. Wir haben Fälle gewonnen und verloren,
haben aber immer die Entscheidungen der WTO in
Handelsfragen respektiert. Natürlich erwarten wir von
unseren Partnern dasselbe, auch bei so schwierigen
Kontroversen mit der EU wie denen über Bananenimporte und Rinderhormone.
Trotz unserer gelegentlichen Differenzen besteht bei
Handelsfragen innerhalb des multilateralen Rahmens
enge Zusammenarbeit zwischen der EU und den
Vereinigten Staaten sowie zwischen Deutschland und
den Vereinigten Staaten. Die jüngsten WTO-Abkommen über Telekommunikations- und Informationstechnologie waren das Ergebnis gemeinsamer Ansätze der Vereinigten Staaten und der EU bei der Marktöffnung.
Die Grundlage für das Informationstechnologieabkommen wurde eigentlich durch den transatlantischen Wirtschaftsdialog gelegt. Diese Initiative führte
die Wirtschaftssektoren Europas und Amerikas zusammen, um direkten Einfluß auf die Politik auszuüben.
Um auf diesem Erfolg aufzubauen, arbeiten wir jetzt an
einem beeindruckenden Bündel gegenseitiger Anerkennungsabkommen mit der EU zusammen, die die
lästigen und überflüssigen Prüfverfahren in den
wichtigsten Handelssektoren abschaffen.

AMERIKA DIENST 09

�Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand, daß die
Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten eng und
lebhaft sind. Aber wie wir alle wissen, ist eine andere
Säule - die Säule der zwischenmenschlichen Kontakte
- ebenso wichtig.

Der Marshallplan ist jetzt Teil der gemeinsamen
Kulturgeschichte der Vereinigten Staaten und Europas.
Er beeinflußte entscheidend die politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Westeuropas. Und er veranlaßte die deutsche Regierung
zu Investitionen in den German Marshall Fund der
Vereinigten Staaten, eine Stiftung, die das Wachstum
freier Märkte, bilaterale Austauschprogramme und die
demokratische Entwicklung in Osteuropa unterstützt.
Kluge Unternehmen wie solche, die die zahlreichen
Feiern zum Gedenken an den Marshallplan unterstützen, können mit klugen Regierungen zusammenarbeiten, um die politischen, geschäftlichen und
kulturellen Bande zu stärken und diese Bestrebungen
in unsere Beziehungen zu reinvestieren.

Allzu viele vertreten die irrige Idee, es gebe eine Art
von "Kulturbruch" zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten. Das Gegenteil ist der Fall. Für
die Vereinigten Staaten gibt es in ihren kulturellen
Beziehungen zu Europa keinen wichtigeren Partner als

Als Amerikaner sind wir aufgrund unserer Kultur - nicht
so sehr durch unsere Steuern - gezwungen, unserer
Gesellschaft etwas von dem in unserem Leben
gewonnenen Wohlstand zurückzugeben. Ein wunderbares Beispiel für Selbstlosigkeit und Rücksichtnahme

Deutschland.

Für Deutschland gibt es außerhalb

auf die Gesellschaft findet sich auch in Deutschland.

Europas kein wichtigeres Reiseziel für Tourismus oder
Austauschprogramme als die Vereinigten Staaten.

Erich Marx, der vor kurzem seine private Kunstsammlung dem "Museum der Gegenwart" im Hamburger
Bahnhof in Berlin stiftete, verlieh seiner Hoffnung
Ausdruck, daß dieser Geist guter unternehmerischer
Staatsbürgerschaft in Deutschland eine neue Tradition
würde. Ferner forderte er seine Landsleute und
andere Europäer auf, bestehende Einstellungen zu
überdenken, die den Privatsektor und den Einzelnen
von Beiträgen zur Kultur abhalten.

In der OECD streben wir ein Abkommen an, um
Wirtschaftskorruption im Ausland durch Angehörige
der OECD unter Strafe zu stellen und die steuerliche
Abschreibung solcher Schmiergelder abzuschaffen.
Dies sind multilaterale Bestrebungen, denen sich
Deutschland hoffentlich rechtzeitig anschließt, damit
beim OECD-Ministertreffen im nächsten Monat eine
Vereinbarung getroffen werden kann.

Bei der selektiven Lektüre einiger Zeitungen könnte
man den Eindruck gewinnen, "Das Deutschlandbild in
den Vereinigten Staaten hat sich gewandelt" oder
"Deutschland ist für Amerika nicht mehr einzigartig".
Solche Überschriften verkennen das Wesentliche. Wir
leben vielleicht wirklich nicht mehr im Zeitalter der
Selbstverständlichkeit und des automatischen Konsenses, aber wir leben tatsächlich in einem Zeitalter der
Partnerschaft.
Die Kultur ist ein Element von Beziehungen, in denen
es viele Brücken gibt. Die Mauern, die den europäischen Kontinent geteilt haben, sind gefallen, und das
Treiben auf den Brücken über den Atlantik ist geschäftiger denn je. Das Fulbright-Programm mit seinem
privatwirtschaftlichen Förderverein beispielsweise ragt
heraus und verbindet unsere beiden Gesellschaften.
Die amerikanischen Unternehmen in Europa helfen bei
der Stärkung der amerikanischen Tradition von
Kulturförderung durch den Privatsektor. Ein Beispiel
ist der Beitrag der Citibank zu einer Ausstellung aus
Anlaß des 50. Jahrestages des Marshallplans, der
Europa nach dem Krieg zu solchem Wohlstand verhalf.
Kluge Geschäftsleute wußten immer schon, daß sie
sich am öffentlichen Leben beteiligen müssen. Wie
Woodrow Wilson erklärte, ist "jeder große Geschäftsmann in gewissem Maße auch ein Idealist".
Dieser Idealismus kam am 5. Juni vor 50 Jahren zum
Tragen, als Außenminister George Marshall in der
Harvard University seine historische Rede hielt, in der
er einen Hilfsplan für die zerstörten europäischen
Länder forderte.

AMERIKA DIENST 09

Dies ist ein Bereich, in dem die neue Welt mit ihrer
Tradition, das kulturelle Erbe der Gesellschaft durch
Beiträge des Einzelnen zu schützen, Deutschland
etwas bieten kann, insbesondere in einer Zeit, in der
wir alle mit Haushaltskürzungen konfrontiert sind.
Abschließend möchte ich betonen, daß das Ende des
Kalten Krieges uns die historische Chance zum Aufbau
eines neuen, ungeteilten Europas gegeben hat. Es hat
uns die Chance zur Stärkung unserer transatlantischen Partnerschaft gegeben, damit wir ein breiteres
Spektrum globaler Fragen besser angehen können.
Wir erleben eine Zeit der Umgestaltung - in Europa, bei
den transatlantischen Beziehungen und sogar bei den
deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Außenminister Kinkel erklärte vor kurzem: "Die Pflege
der Freundschaft zu den USA ist ein ungeschriebener
Verfassungsartikel der Bundesrepublik Deutschland."
Solche Worte hört man in den Vereinigten Staaten sehr
gern, und sie stoßen bei uns auf Widerhall.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen müssen
gepflegt werden, damit ihr dauerhafter Erfolg gesichert
ist. Wir haben viele wirtschaftliche und kulturelle
Verbindungen, familiäre Bande sowie gemeinsame
Interessen. Deutschland ist zweifelsohne der unerläßliche Partner der Vereinigten Staaten bei der

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�Lösung der wichtigsten globalen Fragen. Wir müssen
im Rahmen unserer neuen gleichberechtigten Partnerschaft zur Wahrung und zum Schutz der Freiheit
zusammenarbeiten, die wir in jenen langen Jahren des
Kalten Krieges und durch die demokratische Revolution von 1989 gewonnen haben.
Manchmal erscheint der Druck des historischen
Moments, in dem wir leben, wie eine Last. Aber wir
sollten uns an die Worte von Harry S. Truman, dem 33.

Präsidenten der Vereinigten Staaten, erinnern: "Der
Mensch gestaltet die Geschichte, nicht umgekehrt...
Fortschritte werden gemacht, wenn mutige, geschickte
Staatsmänner die Chance ergreifen, die Dinge zum
Guten zu wenden." Ich wünsche uns allen in diesem
Zeitalter neuer Realitäten das Beste für die deutschamerikanischen Beziehungen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Neue Initiativen zur Förderung der
deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d' Affaires a.i. bei der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 3. Mai 1997 im Deutsch-Amerikanischen Club in
München hielt.

Da ich sehr viel von der deutsch-amerikanischen
Zusammenarbeit an der Basis halte, freue ich mich
außerordentlich, heute in meiner Eigenschaft als
Charge d'Affaires der US-Botschaft bei der Eröffnung
der 43. Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche
eine Rede halten zu dürfen. Ihre Arbeit ist in vielerlei
Hinsicht eine Verkörperung unserer Beziehungen - der
zwischenmenschlichen Bande, die unsere beiden
Länder in Freundschaft und Einvernehmen verbinden.
Ganz besonders freue ich mich, wieder in Bayern zu
sein, das meine Heimat war, als ich von 1972 bis 1974
als Leutnant der Dritten US-Division in Würzburg
stationiert war. Bayern ist Deutschland in den Herzen
vieler Angehöriger des amerikanischen Militärs, die
hier ihren Dienst tun durften. Ich werde mich immer
gerne an die Schönheit der Landschaft, das gute Bier,
den Frankenwein und vor allem den direkten und
offenen Umgang erinnern, für den die Bayern, ebenso
wie die Amerikaner, bekannt sind.
Ministerpräsident Edmund Stoiber wird für sein
Engagement für die deutsch-amerikanischen Beziehungen die Lucius D. Clay Medal verliehen. Seine
wohlbekannten Ansichten als überzeugter Atlantiker
und Befürworter der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit sind eine mehr als hinlängliche Rechtfertigung für diese herausragende Auszeichnung. Er
hat aus der Geschichte gelernt. Aber wie wir alle
wissen, lehrt er ein Fach mit dem Namen "Zukunft".
Und in dieser Zukunft sieht der Ministerpräsident
Deutschland und Amerika stolz Seite an Seite.
Wir Amerikaner wissen die begeisterte Unterstützung
von Ministerpräsident Stoiber für das amerikanische

AMERIKA DIENST 09

Militär in Bayern ganz besonders zu schätzen. Als
ehemaliger Gl kann ich Ihnen sagen, daß eine solche
Haltung unseren jungen Männern und Frauen in
Uniform bei der Bewältigung ihrer schwierigen Arbeit
und wechselnden Aufgaben eine große Hilfe ist. Die
Anerkennung der äußerst positiven Rolle der in
Deutschland stationierten amerikanischen Streitkräfte
ist eine Tradition, die wenigstens bis zu den Tagen
zurückreicht, als Franz Josef Strauß bayerischer
Landesvater war, und ich freue mich, daß Ministerpräsident Stoiber sie in dem neuen, geeinten Deutschland
fortsetzt. Vielen Dank, Herr Ministerpräsident.
Die bayerische und die amerikanische Regierung
stimmen überein, daß ihre Bürger grundlegende
kulturelle, wirtschaftliche und politische Interessen
gemein haben. Jetzt besteht ihre Herausforderung in
der Anpassung ihrer Zusammenarbeit an neue
Realitäten. Wir müssen uns die Frage stellen: "Wie
können die bayerisch-amerikanische und die deutschamerikanische Zusammenarbeit gestärkt und verbessert werden?"
Wie Sie wissen, beinhalten die neuen Realitäten bei
den bayerisch-amerikanischen Beziehungen die
Entscheidung der Vereinigten Staaten, das USInformationsamt (U.S. Information Service - USIS) aus
dem Amerika Haus - einer historischen Institution von
unschätzbarem Wert, die unsere Freundschaft zu dem
gemacht hat, was sie heute ist - ins Konsulat zu
verlegen. Das war eine schmerzhafte aber unvermeidliche Entscheidung.
Glücklicherweise bietet das
Konsulat USIS ausgezeichnete Möglichkeiten für die
Fortsetzung seiner entscheidenden Mission, Austauschprogramme zu unterstützen, Gespräche auf

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�Expertenebene zu arrangieren und die zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise im Rahmen des Städtepartnerschaftsprogramms, zu fördern.
Wir hätten diesen Schritt jedoch nicht ohne Übereinstimmung und Diskussion auf höchster Regierungsebene im US-Außenministerium und hier über den
Erhalt von Arbeit und Geist des Amerika Hauses
treffen können. Die amerikanische und die bayerische
Regierung haben sich der Einrichtung einer Nachfolgeinstitution auf der soliden Grundlage verpflichtet,
die uns 50 Jahre lang so gut gedient hat. Was können
wir tun, um die Zukunft ebenso interessant zu gestalten wie die Vergangenheit? Ministerpräsident Stoiber,
Abteilungsleiter Kornblum, meine Kollegen und ich
haben dieses Thema während des letzten halben
Jahres ausführlich erörtert.
Das amerikanische Engagement ist umfassend. Die
Regierung stiftet eine vollständige Nachschlagebibliothek mit den modernsten Informationsprodukten, die
heute auf dem Markt sind. Wir werden weiterhin
regelmäßig Vorträge herausragender amerikanischer
Experten anbieten. Wir werden der neuen Institution
unseren gesamten Bestand an Informationsmaterial
über das Studium in den Vereinigten Staaten überlassen. Und wir werden bei der Ausstattung der neuen
Institution helfen. Dies ist die Hauptrichtung des
direkten Engagements unserer Regierung, das sich
auf neue Art und Weise und in neuen Dimensionen
manifestiert.
Die Fulbright-Kommission und das
internationale Besucherprogramm unserer Botschaft
werden unseren Dialog ebenfalls intensivieren und
bereichern.
Das ist jedoch nur ein Teil unserer Bestrebungen. Ein
ebenso wichtiger Bestandteil ist das Engagement für
die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zur Unterstützung eines von den Freunden des Amerika Hauses
organisierten umfassenden Kultur- und Informationsprogramms. Wir werden die Unternehmen einbeziehen, sie zur Mitgliedschaft bei den Freunden des
Amerika Hauses ermutigen und versuchen, die
Zusammenarbeit zwischen der Privatwirtschaft und der
Welt der Kultur zu fördern, ebenso wie wir es in den
Vereinigten Staaten praktizieren. Das ist von elementarer Bedeutung, wenn wir in der Welt nach dem
Kalten Krieg - einer Welt der interdependenten Weltwirtschaft - ein getreues Bild von uns selbst geben
wollen. Unsere Arbeitnehmer, unsere Wissenschaftler
und unsere leitenden Angestellten müssen tief in die
Quellen kultureller Kreativität vordringen, wenn sie die
notwendige Energie und Dynamik finden wollen, damit
wir auf dem Weltmarkt konkurrieren können. Und wir
wollen konkurrenzfähig bleiben.
Die Vergangenheit bietet ein starkes Fundament für
unsere Zukunft. In den langen Jahren des Kalten
Krieges vereinten unsere Länder ihre Kräfte für eine
gemeinsame Sache, und gemeinsam haben wir

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gewonnen. 1989 war ich als Stellvertretender USBotschafter in der DDR in Ostberlin Augenzeuge des
Triumphs des menschlichen Geistes, als sich die
Ostdeutschen erhoben und das kommunistische
Regime absetzten.
Heute ist Deutschland eine
demokratische, prosperierende Gesellschaft, die den
Wandel meistert und in die Zukunft schaut. Und
Präsident Clinton hat bereits 1994 vor dem Brandenburger Tor zugesagt: "Amerika steht an Ihrer Seite jetzt und für immer."
Amerika stand während des jahrzehntelangen Kampfs
gegen den Kommunismus an der Seite Deutschlands.
Wir standen an der Seite derjenigen, die in Ostdeutschland auf Freiheit in einer neuen Welt drängten.
Wir standen an der Seite beider Teile Deutschlands bei
der Vereinigung. Heute stehen wir an der Seite
unseres Verbündeten, Freundes und Partners - des
geeinten Deutschlands.
Jetzt müssen wir unsere Präsenz in Deutschland
umgestalten. Wir werden uns in zunehmendem Maße
auf Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten, Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen, Investoren und Geschäftsleute verlassen. Ihre
individuellen Bestrebungen sind Teil eines noch
engmaschigeren Netzes von Clubs und Organisationen, die die deutsch-amerikanische Freundschaft
fördern und die Beziehungen zwischen unseren
beiden Ländern bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir gedenken historischer
Ereignisse durch das U.S. Holocaust Memorial
Museum, das Alliierte Museum und das Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag sind auf großes Interesse gestoßen. Der
1983 begonnene Austausch zwischen Kongreß und
Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der Studiengruppe Deutschland
des Kongresses, die 1987 gegründet wurde, sind
Beweis für den fortgesetzten begeisterten Einsatz
dieses Gremiums für die Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten.

AMERIKA DIENST 09

�Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und natürlich haben die deutsch-amerikanischen
Clubs die deutsch-amerikanischen Beziehungen
dauerhaft geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte
zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie haben
auch einen Beitrag in ihren Gemeinden geleistet.

ich nur meine Überzeugung wiederholen, daß durch
diese privaten Initiativen sehr viel Gutes getan werden
kann. Wenn man sich betrachtet, daß diese Initiativen
mit einem Minimum an Unterstützung durch die
Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist
das ein überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute
für die Gesellschaft tun können.
Ich freue mich berichten zu können, daß bereits Pläne
für die Ausweitung von Kontakten zwischen Deutschen
und Amerikanern gemacht werden. In Berlin wird die
American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein festes Büro in Berlin. Und
der Austausch zwischen dem amerikanischen Militär
und Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln. Ich

In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere

hoffe, daß die Nachfolgeinstitution in München auf die

die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.

wachsende Liste neuer Initiativen bei den deutschamerikanischen Beziehungen gesetzt wird.

Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein weiterer Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs Sinn dafür,
was durch gemeinsamen Einsatz für eine gute Sache
bewirkt werden kann.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Leistungen des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg in Form von elf Kinderspielplätzen
immer noch einen Beitrag zur Gemeinde leistet. Wenn
ich daran denke, wieviele Generationen von Kindern
durch solche Projekte glücklich gemacht wurden, kann

*

AMERIKA DIENST 09

Jetzt ist es an der Zeit, über neue Aktivitäten zur
Stärkung unserer zwischenmenschlichen Kontakte und
Ausweitung unserer Vereine und Freundschaft
nachzudenken. Insbesondere jetzt, da die Bürger sich
aufgerufen fühlen, ihre Umwelt zu verbessern, anstatt
auf eine Führungsrolle ihrer Regierung zu warten,
nimmt die Rolle von Clubs wie diesem an Bedeutung
zu. Ich rufe Sie - Einzelpersonen und Clubs - auf, Ihre
erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, indem sie neue
Möglichkeiten für die Bereicherung der deutschamerikanischen Freundschaft finden.
Heute ist es am allerwichtigsten, unsere Aufmerksamkeit auf die Zukunft zu richten. Das bedeutet nicht,
unsere Vergangenheit und die erstaunlichen Leistungen in der Basisarbeit bei den deutsch-amerikanischen
Beziehungen zu vergessen. Vielmehr bedeutet es,
sich auf unsere gemeinsamen Interessen und Werte
zu konzentrieren und gleichzeitig neue Wege zu
suchen, sie in der Zukunft zu pflegen.
Ich danke Ihnen.

*

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�EINWANDERUNG
7. Mai 1997

Rhetorik versus Realität - das neue
amerikanische Einwanderungsgesetz
von Rosemary Jenks

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Rosemary Jenks über das neue amerikanische
Einwanderungsgesetz. Jenks ist Senior Fellow im Zentrum für Einwanderungsstudien, einer Forschungsgruppe
mit Sitz in Washington.

Die weitverbreitete Panik, die amerikanische Einwanderer und Lateinamerika nach der Verabschiedung
des neuen amerikanischen Einwanderungsgesetzes
erfaßte, ist ein bedauerlicher Beweis für die Macht der
Rhetorik.
In den gesamten Vereinigten Staaten warnten Juristenvereinigungen und Bürgerrechtsgruppen legale und
illegale Einwanderer, das neue Gesetz würde zu
Massenabschiebungen, dem Verlust von Rechten und
drakonischen Strafen führen. Diese Botschaft wurde
von Politikern und Vertretern der Öffentlichkeit in
Lateinamerika aufgegriffen, von denen viele das
Gesetz als rassistisch und ausländerfeindlich bezeichneten.
Die Realität des neuen Gesetzes sieht jedoch weitaus
weniger dramatisch aus. Die Vereinigten Staaten
haben die großzügigste Einwanderungspolitik der Welt
- eine Politik, die im vergangenen Jahr 916.000
Einwanderern ein legales Aufenthaltsrecht in den
Vereinigten Staaten gewährte. Das wird sich unter
dem neuen Einwanderungsgesetz nicht ändern.
Die amerikanischen Politiker verfolgten bei der Verabschiedung dieses Gesetzes zwei Ziele: Erstens eine
deutliche Botschaft zu senden, daß die Vereinigten
Staaten eine Nation der Gesetze sind, die keine
eklatante Mißachtung des Gesetzes toleriert, wie
illegale Einwanderung sie darstellt; und zweitens, die
Hintertürchen zu schließen, die amerikanische Juristen
ausnutzten, um die Durchsetzung bereits existierender
Gesetze gegen illegale Einwanderung zu vereiteln.

AMERIKA DIENST 09

Eine Betrachtung der Bestimmungen des neuen
Gesetzes sollte die leidenschaftliche Rhetorik beenden, die zu Panikmache führte:
Das Gesetz fordert keine Massenabschiebungen. Es
macht die Abschiebung von Einwanderern einfacher
und schneller, die gravierende Verbrechen begangen
haben oder sich illegal im Land aufhalten. Ferner sieht
es Strafen für Einwanderer vor, die sich nach dem 1.
April 1997 illegal sechs Monate oder länger in den
Vereinigten Staaten aufhalten. Einwanderern ohne
Aufenthaltsgenehmigung, die zwischen sechs Monaten
und einem Jahr in den Vereinigten Staaten bleiben,
wird die erneute Einreise drei Jahre lang verboten,
während denjenigen, die ein Jahr oder länger im Land
gelebt haben, die erneute Einreise zehn Jahre lang
verboten wird.
Das neue Gesetz beraubt legale und illegale Einwanderer nicht ihres gesetzlichen Schutzes. Es
beschränkt jedoch die Möglichkeiten für gerichtliche
Überprüfungen einer vorherigen Entscheidung bei im
Abschiebungsprozeß
befindlichen
Einwanderern
sowie bei Einwandereren, die sich ohne gültige
Papiere Zugang zum Land verschaffen wollen. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, nur deswegen
eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, weil es ihnen
mehrere Jahre lang gelungen ist, nicht gefaßt zu
werden. Das neue Gesetz verlangt von solchen
Einwanderern den Beweis, daß sie mindestens zehn
Jahre lang in den Vereinigten Staaten gelebt haben
und ihre Abschiebung eine "außergewöhnliche und
extrem unübliche Härte" für direkte Angehörige
darstellen würde, die US-Bürger oder legale Einwanderer sind.

Seite 1

�Das neue Gesetz weist die Polizei und die
Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization Service - INS) nicht an, in
Wohngegenden und Gemeinden Suchaktionen
durchzuführen, um illegale Einwanderer aufzuspüren.
Es gestattet der Polizei die Zusammenarbeit mit der
INS, wenn sie einen mutmaßlichen Verbrecher
festnimmt, der sich illegal im Land aufhält. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, mit Hilfe gefälschter Papiere Arbeit zu bekommen.
Das neue Gesetz verbietet die Abschiebung von
Ausländern, die Schutz vor echter Verfolgung suchen.
Es verbessert das Asylverfahren und erschwert einen
Mißbrauch des Asylrechts, um eine Arbeitserlaubnis
zu erhalten. Ferner fordert es von illegalen Einwanderern, innerhalb eines Jahres nach Einreise in die
Vereinigten Staaten einen Antrag auf Asyl zu stellen,
damit illegale Einwanderer, die gefaßt werden, ihr
Asylrecht nicht zur Verzögerung oder Vermeidung
ihrer Abschiebung nutzen können.
Schließlich hat das neue Gesetz nicht die Hispanoamerikaner oder irgendeine andere ethnische oder
rassische Gruppe zum Ziel. Es fordert die Gleichbe-

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handlung aller Einwanderer. Ein kanadischer oder
deutscher illegaler Einwanderer, der in den Vereinigten
Staaten gefaßt wird, wird ebenso schnell und nach
denselben Vorschriften abgeschoben wie ein mexikanischer oder chinesischer Einwanderer.
Die Vereinigten Staaten haben zweifelsohne das Recht
und die Pflicht gegenüber ihren Bürgern und legal
Ansässigen, die illegale Einwanderung zu kontrollieren, ebenso wie Mexiko das Recht auf die Kontrolle
der illegalen Einwanderung aus Zentralamerika hat.
Tatsächlich ist Mexiko bei der Kontrolle der illegalen
Einwanderung weitaus effektiver als die Vereinigten
Staaten.
Derzeit leben mehr als fünf Millionen Einwanderer
ohne Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten
Staaten, und jedes Jahr kommen 400.000 weitere
dazu. Das neue Einwanderungsgesetz ist eine klare
Erklärung, daß diese Situation nicht akzeptabel ist.
Einwanderer, die legal in die Vereinigten Staaten
einreisen und die amerikanischen Gesetze befolgen,
sind willkommen. Wer das Land auf gesetzeswidrige
Weise betritt oder danach das Gesetz bricht, wird
schnell aber fair nach Hause zurückgeschickt.

AMERIKA DIENST 09

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VON

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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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Z12462 C

10

28. Mai 1997

AUSSENPOLITIK

ALBRIGHT FORDERT FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG INTERNATIONALER PROGRAMME
Rede der Außenministerin in Denver

USA-EUROPA

DIE USA, DIE EU UND UNSERE GEMEINSAMEN
AUFGABEN
Rede von Strobe Talbott

USA-DEUTSCHLAND

NEUE REALITÄTEN DER TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND DER NEUEN
BERLINER REPUBLIK
Rede von J.D. Bindenagel an der
Europa-Universität Viadrina

DIE BEDEUTUNG DER FORSCHUNGSKOOPERATION FÜR DIE DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

WIRTSCHAFT

USA BEZIEHEN KEINE STELLUNG ZUR EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND WÄHRUNGSUNION
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
21. Mai 1997

Albright fordert finanzielle Unterstützung
internationaler Programme
Rede der Außenministerin in Denver

DENVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die US-Außenministerin
Madeleine Albright am 13. Mai 1997 beim Gastgeberkomitee für das G-8-Gipfeltreffen in Denver (Colorado) hielt.

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich. Es ist schön für
mich, wieder zu Hause - in Denver - zu sein.
Ich weiß, daß Präsident Clinton seinem Besuch in
Denver erwartungsvoll entgegensieht, und ich darf
Ihnen seine Grüße sowie die Ihres ehemaligen
Bürgermeisters und meines derzeitigen Kabinettskollegen - Federico Pena - übermitteln.
Es ist wirklich schön, wieder hier zu sein und so viele
alte und neue Freunde zu sehen.
Eben hatte ich die Möglichkeit, meine alte Schule zu
besuchen, wo ich vor vielen Jahren einen Club für
internationale Angelegenheiten gründete und mich
selbst zur Präsidentin ernannte.
Ich hatte schon immer großes Interesse an der
Außenpolitik. Aber ich hätte nie erwartet, daß ich vier
Jahrzehnte, drei Töchter und zwei Enkelkinder später
Außenministerin sein würde. Oder daß ich die Welt
bereisen würde, wie ich es gerade letzte Woche mit
dem Präsidenten der Vereinigten Staaten tat.
Wie Sie vielleicht wissen, besuchte der Präsident
Mexiko, Zentralamerika und die Karibik, um die
amerikanischen Interessen an der Grenze im Süden
unseres Landes zu fördern und zu schützen. Als
ehemalige Professorin hielt ich diese Reise für ein
faszinierendes Beispiel dafür, was ich als das tägliche
Brot der Diplomatie bezeichnen würde. Es gab kein
aufsehenerregendes Abkommen, sondern eine
Vielzahl von Entscheidungen, die die Lebensqualität
der Menschen auf beiden Seiten der Grenze verbessern werden.

AMERIKA DIENST 10

Hierzu zählen die verbesserte Zusammenarbeit im
Kampf gegen den Drogenschmuggel, Übereinkünfte im
Bereich der Luftfahrt und beim Autodiebstahl sowie
eine Vielzahl von Abkommen im Gesundheits-, Arbeits-, Umwelt- und Energiebereich.
Diese mit diesen Ländern getroffenen Maßnahmen
sind Bestandteil eines übergeordneten Integrationsprozesses, den ich heute mit Ihnen erörtern möchte.
Zuvor möchte ich aber die Frage der Finanzmittel
ansprechen.
Dank der Bestrebungen von Administrationen beider
Parteien sowie dem Mut, der Energie und dem Genie
unserer Bevölkerung ist Amerika an der Schwelle zu
einem neuen Jahrhundert ein starkes, prosperierendes, respektiertes und friedliches Land.
Dies ist kein Zufall, und seine Fortdauer ist nicht
unvermeidlich. Der demokratische Fortschritt, ein
steigender Lebensstandard und erhöhte Sicherheit
müssen so erhalten werden, wie sie geschaffen
wurden - mit Hilfe der amerikanischen Führungsrolle.
Aber wir können nicht führen, wenn wir keine Mittel
haben.
Dementsprechend fordere ich Sie - ebenso wie ich das
bei Amerikanern im ganzen Land getan habe - dazu
auf, den Antrag des Präsidenten auf vollständige
Finanzierung unserer Programme für internationale
Angelegenheiten anzunehmen. Dieser Antrag umfaßt
alles - von der Flüchtlingshilfe über die Prüfung von
Visaanträgen bis zu Rüstungskontrollverhandlungen und entspricht etwa einem Prozent unseres Bun-

Seite 1

�deshaushalts. Dieses eine Prozent könnte jedoch 50
Prozent der Geschichte unseres Zeitalters bestimmen
und wird das Leben des amerikanischen Volkes zu
100 Prozent beeinflussen.

Beispielsweise werden Präsident Clinton und die
anderen Regierungschefs kommenden Monat hier in
Denver nach Wegen zur Förderung der Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Bedrohung durch
internationalen Terrorismus suchen.

Mit Ihrer Unterstützung und der des Kongresses haben
wir die einzigartige Chance zur Gestaltung einer
Zukunft, in der die Nationen sich in zunehmendem
Maße auf die Grundprinzipien von Demokratie, offenen
Märkten und Rechtsstaatlichkeit einigen.

Sie werden Strategien zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens erörtern, das weltweit verbreitet ist,
Demokratien korrumpiert, Gewalt fördert und unsere
Kinder mit tödlichen Drogen vergiftet.

Wir verfolgen dieses Ziel durch die Anpassung der
wichtigsten Institutionen und Bündnisse, den Aufbau
starker Beziehungen zu den Großmächten der Welt
und die Ziehung klarer Grenzen zwischen für die
internationale Staatengemeinschaft akzeptablem und
nicht akzeptablem Verhalten.

Sie werden einen Meinungsaustausch darüber führen,
wie die Verbreitung von Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen gestoppt und die Geißel des
wahllosen Einsatzes von Landminen abgeschafft
werden kann, die seit allzu langer Zeit in allzu vielen
Ländern allzu viele Kinder tötet oder verstümmelt.

Aus diesem Grund arbeiten wir mit unseren Verbündeten am Aufbau einer NATO, die durch neue Mitglieder
gestärkt und auf neue Missionen vorbereitet ist.

Und sie werden Möglichkeiten zur fortgesetzten
Ausweitung der Weltwirtschaft erörtern, die eine der
zentralen Ziele der Außenpolitik der Vereinigten
Staaten darstellt.

Aus diesem Grund haben wir mit unseren Freunden in
Asien das nordkoreanische Nuklearprogramm eingefroren und den Weg für einen dauerhaften Frieden auf
der koreanischen Halbinsel geebnet.
Aus diesem Grund stellen wir uns im Nahen Osten, in
Nordirland, Bosnien und anderen Krisenherden der
Welt auf die Seite derjenigen, die Frieden schließen
und gegen diejenigen, die Bomben legen.
Aus diesem Grund räumen wir dem nächsten Monat
hier in Denver anberaumten G-8-Gipfel hohe Priorität
ein.
Ihre Stadt kann stolz darauf sein, daß sie während
dieses Gipfeltreffens Gastgeber eines historischen
Ereignisses sein wird. Erstmals wird Rußland ein
vollwertiges Diskussionsmitglied bei der bislang als
G-7 bekannten Gruppe sein. Das reflektiert den
Prozeß der Einbeziehung, den Präsident Clinton beim
Gipfel von Helsinki im März hervorhob. Und es zeigt,
daß wir wirklich eine neue Zukunft für Europa aufbauen - eine Zukunft, in der jede Demokratie, einschließlich Rußlands, unser Partner ist und jeder
Partner sich am Aufbau des Friedens beteiligt.
Es gibt weltweit zahlreiche internationale Organisationen und Abmachungen, aber die Gruppe der Sieben,
plus Rußland, ragt durch den wirtschaftlichen und
politischen Einfluß seiner Mitglieder heraus. Wenn
diese Länder beschließen, gemeinsam zur Förderung
von Frieden, wirtschaftlicher Sicherheit, Menschenrechten oder anderen Initiativen zu handeln, kann
dadurch wirklich etwas bewirkt, weltweit ein höherer
Maßstab gesetzt und politischer Einfluß ausgeübt
werden.

Seite 2

Während der letzten vier Jahre haben wir unter
Präsident Clinton unsere Diplomatie sehr erfolgreich
zur Schaffung von Wohlstand eingesetzt. Während
dieser Zeit wurden mehr als 200 Handelsvereinbarungen ausgehandelt, wodurch die Exporte in die
Höhe schnellten und schätzungsweise 1,6 Millionen
neuer amerikanischer Arbeitsplätze geschaffen
wurden.
Das ist besonders wichtig für stark exportabhängige
Bundesstaaten wie Colorado. Ihr Hochtechnologiesektor wird beispielsweise vom Zugang zu neuen Märkten
profitieren, die durch das von uns Anfang dieses
Jahres
ausgehandelte
Informationstechnologieabkommen erschlossen wurden. Bei unserer Reise
nach Zentralamerika letzte Woche unterzeichneten wir
Abkommen über "Offene Himmel" ähnlich denen, die
es dem internationalen Flughafen von Denver während
der vergangenen zwei Jahre gestatteten, Nonstopflüge
nach Frankfurt, Amsterdam, Toronto und zu anderen
Zielen in ihr Programm aufzunehmen.
Unsere Geschäftsleute wissen, daß auf den Weltmärkten erbitterter Wettbewerb herrscht. Oft veranstalten
unsere Unternehmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit
ausländischen Konkurrenten, die von ihrer Regierung
aktiv unterstützt werden.
Unser Ziel besteht darin, amerikanischen Unternehmen, Arbeitnehmern und Landwirten gleiche Wettbewerbsbedingungen anzubieten - ob sie nun Erntemaschinen für Weizen verkaufen oder Technologien
zum Aufspüren von Scherwinden wie das System, das
eine von unserem Amt für Handel und Entwicklung
unterstützte Firma aus Boulder derzeit im Fernen
Osten baut.

AMERIKA DIENST 10

�Solange ich Außenministerin bin, wird unsere Diplomatie ein zunehmend offenes und faires globales Wirtschaftssystem anstreben. Unsere Botschaften werden
den amerikanischen Unternehmen angemessene
Hilfestellung leisten. Unsere Unterhändler werden
Handelsvereinbarungen anstreben, die zur Schaffung
neuer amerikanischer Arbeitsplätze beitragen. Und ich
persönlich werde immer wieder betonen - wie ich das
während meiner Besuche bei vielen unserer wichtigsten Handelspartner weltweit getan habe - daß die
Länder, die vor unserer Haustüre Geschäfte machen,
uns gestatten sollten, dasselbe vor ihrer zu tun.

Und gerade letzte Woche habe ich den Präsidenten in
den Regenwald von Costa Rica begleitet, wo wir das
Engagement der Vereinigten Staaten für den Schutz
der natürlichen Ressourcen der Welt unterstrichen und
dieses Engagement unter Beweis stellten, als wir naß
bis auf die Haut wurden.

Unsere Behauptung, die auch Grundlage für den G-8Gipfel ist, lautet, daß wirtschaftlicher Fortschritt kein
Nullsummenspiel ist.
Wenn wir das Wachstum
anderer Nationen fördern, erweitern wir das System
marktwirtschaftlicher Demokratien, an dem unsere
Nation das größte Interesse hat. Und wir schaffen
auch Chancen in unserem Land.

Beim Gipfel in Denver werden wir darüber sprechen,
wie wir diese Verpflichtung als Fortsetzung der
Umweltkonferenz von Rio vor fünf Jahren erfüllen
können. Es gibt kaum einen angemesseneren Ort für
eine solche Diskussion als Colorado, wo die Schönheit
der Natur große wirtschaftliche Vorteile bringt und viele
der modernsten Forschungsarbeiten zum weltweiten
Klimawandel stattfinden.

1995 stellte unser Amt für internationale Entwicklung
(AID) Weizen, Bohnen und Linsen aus Colorado im
Wert von nahezu 17 Millionen Dollar für hungernde
Menschen im Ausland zur Verfügung. Und so unterschiedliche Organisationen aus Colorado wie Global
Steel und Colorado Springs Junior Achievement haben
sich an unseren Hilfsprogrammen beteiligt.

Der Erhalt einer gesunden, vielfältigen globalen
Umwelt ist nicht nur ein außenpolitisches Interesse der
Vereinigten Staaten, sondern eine Verpflichtung
gegenüber zukünftigen Generationen, die jeder
einzelne von uns hat.

Colorado ist auch die Heimat unseres führenden
Umweltexperten im US-Außenministerium, des äußerst
aktiven und erfolgreichen Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten, Timothy Wirth. Und von Dottie
Lamm, die vor anderthalb Jahren ein führendes
Mitglied der amerikanischen Delegation bei der
Weltfrauenkonferenz in Beijing war.

Ich werde dem G-8-Gipfel und der Aufgabe des
Aufbaus starker Volkswirtschaften, der Öffnung neuer

Dottie gründete auch zusammen mit Botschafterin

Märkte und der Schaffung von Arbeitsplätzen viel

Swanee Hunt die Women's Foundation of Colorado.

Aufmerksamkeit widmen. Wir werden aber auch einen
Zusammenhang zwischen diesen und anderen Zielen
herstellen - und das ist die Zukunft unserer globalen
Umwelt.
Die Menschen in Colorado wissen ebenso wie alle
anderen in unserem Land, wie wichtig es ist, daß
unser Wirtschaftswachstum gesund und nachhaltig ist.
In den letzten Jahren habe ich fast jede Region der
Welt bereist.
Ich bin über Bergketten geflogen, auf denen keine
Bäume mehr wuchsen.
Ich habe gesehen, wie sich Bauern in Afrika und Haiti
abmühten, auf viel zu steilen Hängen zu pflanzen, weil
andere Böden ausgelaugt waren.
Ich habe gesehen, wie in für ihre Wirtschaftsstärke
bekannten Gebieten die Lebensqualität durch verschmutzte Luft, verseuchtes Wasser und ein völlig
überlastetes Verkehrssystem beeinträchtigt war.
Ich habe mit Menschen gesprochen, deren Familien
seit Generationen Fischer sind und die verzweifelt
sind, weil die Fischbestände vernichtet wurden.

AMERIKA DIENST 10

Die Bestrebungen dieser Stiftung zur Förderung der
Unabhängigkeit der Frau spiegeln sich in denen
anderer Basisorganisationen auf der ganzen Welt
wider. Sie stellen unter Beweis, daß Frauen - ob sie im
Beruf benachteiligt werden oder schmutzige Arbeit
verrichten, vollwertige Partner bei der Entwicklung
ihrer Gesellschaften sein wollen. Ob sie diese Chance
erhalten, entscheidet über Erfolg oder Scheitern der
Förderung von nachhaltiger Entwicklung auf der
ganzen Welt.
Schließlich wissen wir aus Erfahrung, daß der Teufelskreis der Armut, in dem allzu viele Länder gefangen
sind, durchbrochen werden kann, wenn Frauen über
das Wissen und die Macht verfügen, selbst über ihr
Leben zu entscheiden. Die Geburtenrate sinkt. Das
Umweltbewußtsein steigt. Die Ausbreitung sexuell
übertragbarer Krankheiten verlangsamt sich. Und es
werden mehr positive Werte an die jüngere Generation
weitergegeben.
Eine der ermutigendsten Entwicklungen unseres
Zeitalters ist die weltweite Zusammenführung von
Organisationen und Einzelpersonen, die sich der
Herausforderung der Förderung des Status der Frau
stellen.

Seite 3

�Beispielsweise nahm ich vergangene Woche in
Zentralamerika mit unserer First Lady, Hillary Rodham
Clinton, und Frauen aus jedem Land dieser Region an
einem Zusammentreffen teil.

gemeinsamen Zukunft. Die amerikanischen Werte, die
uns gemein sind, gründen im Engagement für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit - nicht
nur für einige, sondern für alle Menschen.

Dabei war es ermutigend zu erfahren, daß dank der
Bosrebungen von betroffenen Nichtregierungsorganisationen eines der Länder ein Gesetz verabschiedete, das von neuen Kongreßabgeordneten
ausstehende Unterhaltszahlungen für ihre Kinder
verlangt, bevor sie ihr Amt antreten dürfen. In einem
anderen Staat haben die Gerichte erstmals Gesetze
aufgehoben, die Frauen bei der Bestrafung von
Verbrechen nachweislich diskriminieren.

Nur in Freiheit kann das menschliche Potential durch
gleichberechtigte Männer und Frauen voll verwirklicht
werden, die sich ihrer Rechte sicher sind und ihre
Pflichten erfüllen können. Nur wenn unsere Nation
nach außen offen ist, wenn wir verantwortungsbewußt
und unseren Werten getreu handeln, können wir unser
Potential voll realisieren - zu führen und das nächste
amerikanische Jahrhundert zu gestalten.

Den Bestrebungen von Nichtregierungsorganisationen
sollte Beifall gezollt werden, aber auch die Regierungen müssen das Ihre unternehmen.
Als Außenministerin arbeite ich mit anderen Administrationsmitgliedern zusammen, um Fragen im
Zusammenhang mit dem Status der Frau die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Beispielsweise unterstützen unsere Auslandshilfeprogramme Projekte zur Förderung der Möglichkeiten
für Frauen, umfassend am wirtschaftlichen und
politischen Leben ihrer Gesellschaften teilzunehmen.
Wir legen Wert darauf, daß Frauen und Mädchen
Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge erhalten
und richten unsere Flüchtlingshilfe auf die Bedürfnisse
der Frau aus.

Vor nahezu fünfzig Jahren kam meine Familie auf der
Flucht vor dem Kommunismus und auf der Suche nach
Freiheit hierher. Damals hatte die Denver Post den
Slogan "Es ist ein Privileg, in Colorado zu leben." Mein
Vater wiederholte dieses Motto regelmäßig, fügte aber
oft noch eine Ermahnung hinzu: "Kinder", pflegte er zu
sagen, "vergeßt nie, daß es auch ein Privileg ist, in den
Vereinigten Staaten zu leben".
Die Amerikaner in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich der Herausforderung gegenüber,
einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
Ihre Ziele waren unseren heutigen Zielen ähnlich. Sie
wußten, daß Nationen, die beim Handel und als
Partnerin Friedenszeiten zusammenarbeiten, geringere Gefahr liefen, in den Abgrund des Krieges zu fallen.

Wir unterstützen Bestrebungen zur Gewährung von
Darlehen an Kleinunternehmerinnen.

Sie waren der Ansicht, daß das Engagement der
Nationen für hohe Standards bei Gesetz und Menschenrechten die Welt weniger brutal und ungerecht
machen würde.

Wir bemühen uns, daß die Konvention über die
Abschaffung der Diskriminierung der Frau endlich
ratifiziert wird.

Und sie glaubten an menschlichen Fortschritt - denn
sie hatten gerade die größten Feinde des Fortschritts
bekämpft, die es je auf der Erde gegeben hatte.

Wir sind führend bei den globalen Bestrebungen im
Kampf gegen illegalen Frauen- und Mädchenhandel,
weil wir der Ansicht sind, daß nicht nur Drogenhändler,
sondern auch Menschenhändler hart bestraft werden
sollten.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten riefen sie neue
Institutionen ins Leben, um die Freiheit zu bewahren,
Volkswirtschaften wiederaufzubauen, das Gesetz zu
verteidigten und den Frieden zu erhalten.

Wir setzen uns für die Beendigung von Gewalt gegen
Frauen ein. Heute werden weltweit entsetzliche
Greueltaten gegen Frauen verübt - von häuslicher
Gewalt über Mitgiftmorde bis zum Verkauf junger
Mädchen in die Prostitution. Manche sagen, das sei
kulturell bedingt und wir könnten nichts dagegen
unternehmen. Ich halte es für kriminell, und jeder
einzelne von uns hat die Pflicht, dem Einhalt zu
gebieten.
Wenn wir uns für die grundlegenden Werte von Gesetz
und Respektierung der Menschenwürde jedes einzelnen einsetzen, leisten wir einen Dienst an unserer

Seite 4

Heute sehen wir uns der Herausforderung gegenüber,
diese Institutionen zu stärken und an die Gegebenheiten unserer Zeit anzupassen. Es gibt keine Region auf
der Erde, die von den Vorteilen des internationalen
Systems oder seinen Verpflichtungen ausgeschlossen
werden sollte. Und es gibt keinen Amerikaner, der
keine Vorteile durch den Aufbau einer Welt mit mehr
Wohlstand, Sicherheit und Freiheit genießt.
Wie ich bereits sagte, obliegt die Aufgabe der Gestaltung der Zukunft nicht nur den Regierungen. Sie
erfordert stetige Bestrebungen und das unerschütterliche Engagement von Städten wie Denver und Bürgern
wie Ihnen für eine starke Partnerschaft.

AMERIKA DIENST 10

�Der Beschluß der Stadt Denver, Gastgeber des G-8Gipfels zu sein, und der Erfolg der Women's Foundation of Colorado beweisen, daß die Zukunft in guten
Händen liegt.

Ich begrüße alles, was Sie noch leisten werden.
Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und
Gastfreundschaft am heutigen Tag. Ganz herzlichen
Dank.

Ich bewundere Sie für alles, was Sie leisten und
geleistet haben.

* * * *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 5

�USA-EUROPA
28. Mai 1997

Die USA, die EU und unsere gemeinsamen Aufgaben
Rede von Strobe Talbott

WASHINGTON - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott
am 6. Mai 1997 bei der US-EU-Konferenz "Die Brücke über den Atlantik - eine Verbindung von Volk zu Volk"
gehalten hat.

Diese Konferenz ist dem Brückenbau über den Atlantik
gewidmet. Ich arbeite für einen Präsidenten, der eine
Brücke ins nächste Jahrtausend bauen möchte; daher
finde ich den Vergleich durchaus angebracht. Viele
der hier Anwesenden beschäftigen sich mit den
praktischen Einzelheiten der Stärkung der Strukturen
der transatlantischen Zusammenarbeit, beispielsweise
mit Studenten- und Personalaustauschprogrammen,
Städtepartnerschaften,
wirtschaftlichen
Partnerschaften, Internet-Verbindungen und dem ständigen
hin und her der transatlantischen Beziehungen.
Ich möchte hier ganz besonders ein Austauschprogramm erwähnen, das als Vorbild für viele andere
gedient hat.
Vor etwa fünfzig Jahren hatte ein Staatsmann aus
Arkansas namens William Fulbright eine glänzende
Idee, nämlich ein Stipendium zu schaffen, das Amerikanern und anderen die Möglichkeit bot, im Ausland zu
leben und zu studieren. Seither haben Tausende ihr
Fulbright-Erlebnis dazu benützt, immer engere Bande
zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zu
knüpfen.
Es ist mir eine besondere Freude, Frau Harriet Fulbright heute hier begrüßen zu können. Ich möchte
Ihnen sagen, Harriet, daß ein Freund, Bewunderer und
früherer Assistent Ihres Mannes im Senat, Präsident
Clinton, alles in seiner Macht Stehende tun wird, um
dieses bemerkenswerte Programm ebenso wie einige
ähnliche Programme zu stärken und zu verlängern,
wie die Ron-Brown- und Edmund-Muskie-Stipendien,
die es Studenten aus den neuen demokratischen
Ländern Europas ermöglichen, in Amerika zu studieren.

AMERIKA DIENST 10

Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Union über höhere Schulen und
Berufsschulung hat schon zur Einrichtung von Dutzenden von Bildungskonsortien geführt. Die vom früheren
Außenminister Christopher im vergangenen September vorgeschlagene "Fellowship of Hope" ist bereits
eingeführt worden und bietet amerikanischen und
europäischen Beamten eine Chance, in den außenpolitischen Behörden unserer Regierungen Erfahrungen zu sammeln. Ich freue mich auch darüber, daß
ein transatlantischer Dialog im Gewerkschaftsbereich
zu dem transatlantischen Dialog im Geschäftsbereich
hinzugekommen ist, und ich weiß, daß Sie schon an
einer Reihe vielversprechender Vorschläge arbeiten angefangen mit einem transatlantischen AIDSNET bis
zu einer "Telecity" und einem digitalen Bibliothekenprojekt, von neuen Städtepartnerschaften mit Gemeinden in Mittel- und Osteuropa bis zu Austauschprogrammen für Manager und Angestellte.
Wir alle - die Regierungen, der Privatsektor, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen - arbeiten an unserer gemeinsamen Aufgabe eng zusammen.
Ihr Zweck ist nicht nur, bestehende transatlantische
Strukturen zu stärken, sondern auch neue Strukturen
zu schaffen, die auf den Werten gründen, die uns in
einer einzigen transatlantischen Gemeinschaft vereinigen.
Ich möchte heute Morgen zu Ihnen darüber sprechen,
wie sich unsere Gemeinschaft in mehrfacher Weise
verändert. Grundsätzlich verändert sie sich zum
Guten, jedoch in einer Weise, die uns vor neue
Herausforderungen stellt.
Sowohl auf dieser Seite des großen Teichs, in der
westlichen Hemisphäre, als auch auf der anderen

Seite 1

�Seite, in Europa, heißt die Losung unserer Zeit "Integration". Außenministerin Albright, die Sie grüßen
läßt, ist gerade in Mexiko, wo sie sich zusammen mit
Präsident Clinton und mehreren anderen Kabinettsmitgliedern um die Verwirklichung der Integration unserer
Hemisphäre bemüht, die unserer Regierung sehr am
Herzen liegt.

Weltbank und der IWF - machten nicht nur den
Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Volkswirtschaften möglich, sondern auch die Versöhnung und
Integration unter den früheren europäischen Widersachern. Sie trugen letzten Endes wesentlich zur
Schaffung der Grundlage für die Europäische Union
selbst bei.

Aber das Bemühen um Integration ist ebenso ein
transatlantisches Phänomen und ist es seit den
Anfängen unseres Landes gewesen. Im Jahr 1785,
ehe Thomas Jefferson Außenminister wurde, war er
unser Gesandter in Frankreich. Das war eine Zeit
intensiver, häufig buchstäblich halsabschneiderischer
Konkurrenz in Europa. Von seinem Posten in Paris
aus arbeitete Jefferson einen Vorschlag zum Handel
zwischen der Alten und der Neuen Welt sowie zu
einem Übereinkommen über die universalen Rechte
der Staatsbürger aller Nationen aus.

Vor fünfzig Jahren brachen wir gemeinsam in eine
Epoche noch nie dagewesenen Friedens und Wohlstands auf, und zusammen haben wir die dynamischsten Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt
aufgebaut.

Im selben Jahr, als Piraten von der Küste Nordafrikas
die Schiffahrtswege des Mittelmeers und des Atlantiks
bedrohten, schlug Jefferson vor, daß die Vereinigten
Staaten eine multinationale Seemacht zusammenstellen sollten, um dieser Bedrohung zu begegnen.
Man könnte im Rückblick fast sagen, daß einer
unserer Gründerväter einen Plan für einen Prototyp
der NATO erdacht habe. Jedoch wurde er von seinen
Vorgesetzten zurückgepfiffen mit der Begründung, daß
das Projekt für unser junges Land unter anderem
unerschwinglich sei. Wir sehen also, daß die gelegentlichen Schwierigkeiten, den Kongreß dazu zu
überreden, die Mittel für Amerikas außenpolitisches
Engagement zu bewilligen, nichts Neues sind.
Hundertdreißig Jahre später gingen Amerikaner "nach
drüben", nach Europa, um in dem Krieg, der wie
Woodrow Wilson sagte, alle Kriege beenden sollte, zu
kämpfen und die Welt für die Demokratie zu sichern.
Aber natürlich führte all das Blutvergießen zu nichts
dergleichen, zum Teil weil danach Amerika eine
längere Periode des Isolationismus durchmachte.
Erst nach einem zweiten Weltkrieg gelang es Amerika
und Europa endlich, eine dauerhafte Verbindung über
den Atlantik aufzubauen.
Dieses Jahr feiern wir den 50. Jahrestag des Marshallplans, der angemessenerweise zu etwa derselben
Zeit in Kraft trat wie das Fulbright-Austauschprogramm
und der ebenfalls der Förderung des Engagements für
transatlantische Zusammenarbeit diente.
Die langfristigen Auswirkungen des Marshallplans
können noch heute nicht nur in den Stahlwerken,
Eisenbahnnetzen und landwirtschaftlichen Unternehmen Westeuropas gesehen werden, sondern auch in
den Institutionen, welche die zwei Kontinente politisch
und wirtschaftlich näher zusammengebracht haben.
Die OECD und die Bretton-Woods-Institutionen - die

Seite 2

Aber dies hat auch noch einen anderen entscheidenden Aspekt, sowohl historisch gesehen als auch
zukunftsweisend: Wir, das heißt die Vereinigten
Staaten und Europa, beschränkten unsere gemeinsamen Bemühungen oder ihre Früchte nicht auf uns
allein, sondern wir beziehen auch andere Regionen
und andere Märkte ein. Wir sahen das Muster der
Mosaiksteinchen, die wir zusammensetzten als einen
Teil eines größeren Mosaiks. Dabei handelte es sich
nicht um eine Abstraktion - im Gegenteil, es hätte nicht
praktischer sein können. Mit anderen Worten, es hatte
in erster Linie wirtschaftliche und kommerzieller
Bedeutung. Die USA und die EU bemühten sich
gemeinsam um die Liberalisierung des Welthandels.
Die Uruguay-Runde des GATT war der Höhepunkt
dieser Bemühungen.
Wir können also stolz darauf sein, daß wir uns angewöhnt haben, global zu denken, zu handeln und
Handel zu treiben, während wir regional aktiv waren.
Aber da unser prophetischer Weitblick begrenzt war,
gewöhnten wir uns auch an den Kalten Krieg. Wir
hielten ihn für einen dauerhaften Bestandteil des
menschlichen Lebens, und den Eisernen Vorhang für
eine permanente Einrichtung des europäischen
Kontinents. Unser Mangel an Voraussicht in dieser
Hinsicht erinnert mich an eine Bemerkung von Dan
Quisenberry, einem bekannten Baseball-Spieler der
Kansas City Royais, der sagte: "Ich habe die Zukunft
gesehen, und sie ist genau wie die Gegenwart, bloß
länger."
Dann plötzlich vor acht Jahren, im Jahr 1989, wurde
die Zukunft zur Gegenwart und sah ganz, ganz anders
aus. Die Mauern stürzten ein und enthüllten eine neue
Landschaft, in der die alten Denkweisen und die alten
Grenzen keine Bedeutung mehr hatten. Heute liegen
die Länder mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum
östlich der Elbe. Soldaten aus Rußland und der
Ukraine, Estland und Polen, Großbritannien und
Frankreich, Amerika und Kanada und vielen anderen
Ländern, die vor nur einem Jahrzehnt Mitglieder
feindlicher Blöcke waren, dienen heute Seite an Seite
in Bosnien. Und letzte Woche war ich mit Außenministerin Albright in Moskau, um Verhandlungen über

AMERIKA DIENST 10

�ein kooperatives Verhältnis zwischen Rußland und der
NATO zu führen.
All dies beweist den treffenden Mutterwitz eines
weiteren berühmten philosophierenden Baseballspielers, des unvergleichlichen Yogi Berra, der sagte:
"Die Zukunft ist auch nicht mehr was sie mal war."
Mit dem Ende des Kalten Krieges wurden die Kräfte,
die uns die gemeinsame Verteidigung gekostet hatte,
zunehmend frei und konnten statt dessen zur Stärkung
unserer grundlegenden Institutionen eingesetzt
werden. Eine hiervon ist die EU selbst, über die ich
gerne ein paar Worte sagen möchte.
Aber ich möchte zuerst einen allgemeinen Grundsatz
aufstellen - einen Rahmen für die amerikanische
Unterstützung für die EU und die gelegentliche
Besorgnis über sie: Wir glauben, daß die regionale
Integration in Europa und andernorts den direkt
betroffenen Ländern ermöglichen sollte, die herkömmlichen Unterschiede in Gewohnheiten und Geschichte,
Geographie und Kultur zu überbrücken. Folglich sollte
die Integration eher nach außen als nach innen wirken.
Dies ist unsere beste Rückversicherung gegen die
Möglichkeit, daß die falsche Art von regionalem
Zusammenhalt die schlimmste Art interregionalen
Konflikts zeugen könnte. Diese Sorge hat einige
unserer besten, am weitesten vorausschauenden
Denker schon recht lange bewegt. Direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg schrieb George Orwell seinen
futuristischen Alptraum "1984". Dieser Roman handelt
von einer Welt, die in drei gegeneinander kriegführende Superregionen - Eurasien, Ostasien und Ozeanien aufgeteilt ist. Nun, 1984 liegt jetzt schon 13 Jahre
zurück, und wir sind hoffentlich der Gefahr, vor der
Orwell gewarnt hat, sicher entkommen.
Aber wir dürfen uns nicht in einem falschen Gefühl der
Sicherheit wiegen. Wir müssen weiterhin dafür
sorgen, daß die Zusammenarbeit innerhalb der
Regionen die Zusammenarbeit zwischen den Regionen stützt und verstärkt. Von diesem Grundsatz läßt
sich unsere eigene Regierung in ihrer Haltung gegenüber der NAFTA leiten, wie Präsident Clinton und die
Minister Albright, Rubin und Daley heute in Mexiko
ihren Gastgebern versichern. Er bestimmt auch
unsere Politik gegenüber Südamerika und dem Fernen
Osten - und die Möglichkeiten, Brücken zwischen den
beiden Regionen zu schlagen. Wer hätte vor zehn
Jahren gedacht, daß Chile eines Tages eines der
dynamischsten Mitglieder einer Organisation namens
APEC sein würde - wobei das A und das P "asiatisch-pazifisch" bedeuten?
Und dieselbe Betonung der Weltoffenheit und des
Brückenschlags wird unsere Reaktion auf die EU und
unser Zusammenwirken mit ihr bestimmen.

AMERIKA DIENST 10

Um eine Sprache zu gebrauchen, die den hier vertretenen Europäern besonders geläufig ist: Wenn
unsere Regierung sagt, daß wir die europäische
Integration unterstützen, meinen wir damit sowohl ihre
Vertiefung als auch ihre Ausweitung. Wir meinen die
Konsolidierung internationaler Institutionen und ihre
Erweiterung oder Vergrößerung. Das bedeutet, daß
wir unsere Freunde und Bündnispartner in Europa
ermutigen, sich für die breiteste, umfassendste,
aufgeschlossenste Art der Integration zu engagieren.
Dies soll keine Kritik früherer oder gegenwärtiger
EU-Politik sein. Im Gegenteil, wir sind beeindruckt von
den weitsichtigen Entscheidungen, die die EU schon
getroffen hat, wie zum Beispiel ihre Unterstützungsprogrammefür Mittel- und Osteuropa, ihr Engagement
für die Erweiterung und die Rolle, die sie in der neuen
transatlantischen Tagesordnung spielt.
Andererseits sind wir uns auch bewußt, daß in Europa
gegenwärtig eine Debatte über ein Thema stattfindet,
von dem die Teilnehmer glauben, daß es weitgehend
eine interne europäische Angelegenheit sei. Ich meine
die europäische Währungsunion. Ich möchte einige
wohlüberlegte Worte über unsere Ansichten zu diesem
wichtigen und heiklen Thema sagen. Die Erfahrung
zeigt, daß die Vereinigten Staaten in den letzten fünfzig
Jahren jede frühere Initiative zur größeren politischen
und wirtschaftlichen Einheit der europäischen Völker
unterstützt haben. Dies lag in unserem eigenen
Interesse. Ein politisch geeintes Europa wird ein
stärkerer Partner zur Erreichung unserer gemeinsamen Ziele sein. Ein wirtschaftlich vereinigtes Europa
schafft ein weit attraktiveres Klima für amerikanische
Investitionen.
Was die EWWU betrifft, haben wir uns gehütet, in eine
Debatte einzugreifen, an der sich schon genügend
qualifizierte Parteien beteiligen. Es steht uns nicht an,
zu sagen, wie sich diese Initiative zu entwickeln hat
oder wer daran teilnehmen soll. Aber wir haben
keinen Zweifel und zögern nicht frei heraus zu sagen,
daß eine EWWU, die einen offenen Binnenmarkt festigt
und Wirtschaftswachstum in Europa anregt, gut für die
amerikanische Wirtschaft sein wird. Wenn die EU
dank dieser gewagten Initiative eine noch aktivere und
konstruktivere Rolle auf der Weltbühne spielen kann,
dann wird das auch gut für Amerika sein.
Ich möchte nun ein anderes Thema anschneiden, das
ebenfalls eine heftige Debatte ausgelöst hat, nämlich
die Beziehungen zwischen der EU und den Ländern im
Osten. Mittel- und Osteuropa ist die Region, in der die
beiden heißen Kriege unseres Jahrhunderts sowie der
Kalte Krieg begannen. Neue Gefahren lauern immer
noch dort, wie aus der erschreckenden Tatsache klar
wird, daß in den letzten fünf Jahren in Bosnien,
Kroatien und Albanien auf dem Balkan sowie in
Tschetschenien und Berg-Karabach im Kaukasus
mehr Europäer brutal umgekommen sind als in den

Seite 3

�vorangegangenen fünfundvierzig Jahren. Die Unruhen
in diesen Gebieten bedrohen den Frieden ganz
Europas.
Vaclav Havel hat uns alle daran erinnert - und ich
zitiere: "Ebenso wie es unmöglich ist, daß ein halbes
Zimmer immer warm bleibt und die andere Hälfte kalt,
ist es undenkbar, daß zwei verschiedene Europas auf
die Dauer nebeneinander existieren könnten ohne daß
es beiden schadet - und die stabilere und wohlhabendere Hälfte würde dabei den größeren Schaden
erleiden."
Havel ist einer der mutigen führenden Politiker tapferer
Völker, die seit 1989 die Ketten gesprengt, die Tore
weit geöffnet und die Mauern niedergerissen haben.
Staaten, die vor nur zehn Jahren noch in Knechtschaft
lebten, mit einer Festungsmentalität und Kommandowirtschaften, halten jetzt Wahlen ab, führen den
Rechtsstaat ein, öffnen ihre Märkte, erlauben Pressefreiheit und klopfen an die Türen der verschiedenen
internationalen Verbände und Institutionen unserer
Gemeinschaft.
Wir müssen auf dieses Klopfen hin unsere Türen
öffnen. In der Debatte darüber, ob , wie schnell und zu
welchen Bedingungen wir das tun, sollten wir daran
denken, daß zu der Zeit, zu der George Marshall den
Plan, der seinen Namen trägt, ins Leben rief, Deutschland und Frankreich völlig zerstört waren und es ihnen
in vieler Hinsicht schlechter ging als den mittel- und
osteuropäischen Länder heute. Deutschland, Frankreich und der Rest der EU personifizieren heute den
Triumph der Integration über das, was Marshall 1947
"den Hunger, die Armut, den Despotismus und das
Chaos" Westeuropas nannte.
Daher ist die Erweiterung der Strukturen, welche die
transatlantische Gemeinschaft stützen, kein riskantes
neues Unterfangen, sondern eine logische Fortführung
der Strategie von Marshall, Adenauer und Monnet.
Dies waren auch die Gründe für den Entschluß der
Staats- und Regierungschefs der NATO vor drei
Jahren, das Bündnis auf Mittel- und Osteuropa
auszudehnen. Die NATO hatte auch eine andere
Wahl. Sie hätte sich auf ihre Mitglieder der Zeit des
Kalten Krieges beschränken können. Aber das hätte
bedeutet, daß unsere Interessen und Hoffnungen am
Checkpoint Charlie Halt machen würden, oder, wie
kürzlich gesagt wurde, daß an diesem Punkt die
Geschichte selbst aufhört. Das wäre ein strategischer
Fehler ungeheuren Ausmaßes gewesen und hätte lang
andauernde Folgen gezeitigt.
Ich möchte die Beweggründe unserer Regierung
erklären. Wir - die Vereinigten Staaten - haben eine
Reihe sich gegenseitig verstärkender Gründe für die
NATO-Erweiterung. Wir glauben, daß dies der beste

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Weg ist, um die Stabilität Osteuropas zu sichern und
die Demokratie zu stärken.
Aber ich will ganz ehrlich sein: Wir haben auch noch
einen anderen Grund. Wir hoffen nämlich, daß die
Erweiterung der NATO, in der wir auch Mitglied sind,
zu den Bedingungen für eine Erweiterung der EU
beitragen wird, in der wir zwar nicht Mitglied sind, aber
an der wir ein großes und entscheidendes Interesse
haben.
Dabei handelt es sich nicht nur darum, daß die NATO
mit gutem Beispiel vorangeht, sondern auch darum,
daß die NATO-Erweiterung ein Klima schafft, das
dadurch, daß es stabiler und friedlicher ist, die Erweiterung der EU nach Osten erleichtern wird. Viele
der neuen europäischen Demokratien haben große
Fortschritte in bezug auf die Erfüllung der wirtschaftlichen Bedingungen für die EU-Mitgliedschaft gemacht.
Aber die Regierungen der EU-Mitglieder und westliche
Investoren müssen auch darauf vertrauen können, daß
die Region auf die Dauer Sicherheit bieten kann, und
das ist Sache der NATO.
Es wurde auch schon argumentiert, daß das Gegenteil
der Fall sei - daß die NATO-Erweiterung der EU einen
Vorwand biete, keine neuen Mitglieder aufzunehmen.
Die Tatsachen beweisen jedoch das Gegenteil. Je
entschiedener wir uns für die feste Absicht der NATO
eingesetzt haben, neue Mitglieder aufzunehmen, desto
entschiedener ist auch die EU für ihre eigenen Erweiterungspläne eingetreten. Und außerdem muß
man ehrlich zugeben, es ist kaum vorstellbar, daß der
Prozeß der EU-Erweiterung schneller vorangetrieben
werden könnte. Die EU verlangt mit vollem Recht von
den Beitrittskandidaten, daß sie viele komplizierte
Änderungen in ihrer Wirtschafts- und Verwaltungspolitik einführen. Aber wie Außenministerin Albright
bereits sagte, sollte die von der NATO gebotene
Sicherheit nicht warten müssen "bis die Tomatenanbauer in Mitteleuropa die richtigen Schädlingsbekämpfungsmittel anwenden".
Wir betrachten die NATO-Erweiterung und die
EU-Erweiterung als separate aber parallele Prozesse,
die demselben Zweck dienen: Einer erweiterten und
vertieften transatlantischen Gemeinschaft.
Wenden wir uns nun einer dritten schwierigen und
wichtigen Frage zu, der sich die EU gegenübersieht,
wenn sie nach Osten - und Süden blickt. Ich rede von
der Herausforderung an das europäische Selbstverständnis und was ein EU-Beitritt der Türkei für die
Zukunft der EU bedeuten würde. Auch in dieser Frage
haben die Vereinigten Staaten kein offizielles Mitspracherecht, aber sie berührt zweifelsohne auch ihre
Interessen.
Die Türkei macht gegenwärtig die Wehen des Übergangs zur Modernität durch, und das betrifft auch die

AMERIKA DIENST 10

�Bereiche Demokratie und Menschenrechte. Diese
Bereiche
bieten
zusammen
mit
den
türkisch-griechischen
Beziehungen
gerechtfertigte
Gründe zur Besorgnis für die EU. Diese Schwierigkeiten bedeuten jedoch nicht, daß die Türkei deshalb
weniger europäisch ist. Genau genommen haben
viele gegenwärtige EU-Mitglieder in diesem Jahrhundert noch viel schlimmere Traumata überwunden,
um es milde auszudrücken. Und vergessen wir nicht,
daß die Türkei am Anfang dieses Jahrhunderts, nach
dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Osmanischen Reichs, unter der Führung von Kemal Atatürk
eine strategische Wahl in bezug auf ihr Wesen und
ihre Orientierung traf, und zwar eine Wahl, die von
unserem Standpunkt aus gesehen die richtige war.
Wir glauben, daß diese Wahl auch vom türkischen
Standpunkt her die richtige war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Türkei dann der
NATO bei. Das geschah natürlich hauptsächlich weil
die Türkei eine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion hatte und dadurch buchstäblich an vorderster
Front im Kalten Krieg stand. Aber heute steht sie
ebenso an der vordersten Front im Hinblick auf die
vielen Herausforderungen der Epoche nach dem
Kalten Krieg. Die fortgesetzte strategische Bedeutung
der Türkei gründet auf der Tatsache, daß sie an den
Grenzen des Irak, Syriens und des Irans liegt, sowie
auf ihre geographische Nähe und sprachliche Verwandtschaft mit den Ländern des Kaukasus und
Zentralasiens.
Aus diesen Gründen haben wir weiterhin ein Interesse
daran, daß die Türkei sich zu einem starken, wohlhabenden, säkularen und demokratischen Staat
entwickelt, der voll in unsere Gemeinschaft integriert
ist. Nur mit einer solchen Türkei können wir gemeinsam die Oberhand behalten in dem Kampf, der an die
Stelle des Kalten Krieges getreten ist - dem Kampf
zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen
Wohlstand und Armut, kurz gesagt, zwischen den
Kräften der Integration und des Zerfalls.
Wir haben Verständnis dafür, wie schwierig und
vielschichtig das Thema Türkei ist, nicht zuletzt für die
Türkei selbst, aber auch für andere. Wir sind uns
bewußt, daß das Verhältnis der Türkei zu der EU für
mehrere größere EU-Staaten nicht nur ein außenpolitisches Problem darstellt, sondern auch ein
innenpolitisches in Anbetracht der Tatsache, daß eine
EU-Mitgliedschaft auch Freizügigkeit bedeutet.
Hier in den Vereinigten Staaten haben wir einige
Erfahrung mit derartigen Fragen, wie jeder weiß, der
die Debatte über das NAFTA verfolgt oder heute
Morgen die Nachrichten über die Demonstrationen
gehört hat, die Präsident Clinton bei seiner Ankunft in
Mexiko City erwarteten. Ich würde sogar sagen, daß
die Vereinigten Staaten und die EU gemeinsam das
Dilemma haben, wie man einerseits die Notwendig-

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keiten und Vorteile der regionalen Integration und der
offenen Grenzen mit unseren Nachbarn in Einklang
bringen kann und andererseits die Notwendigkeiten
einer vernünftigen und humanen Einwanderungspolitik.
Bei ihrem Besuch in Mexiko werden Präsident Clinton
und seine Minister betonen, daß wir die legale Einwanderung unterstützen wollen, die unsere Kultur und
Wirtschaft bereichert und die Vereinigten Staaten zum
fünftgrößten hispanischen Land der Welt gemacht hat.
Wir wollen legale Einwanderer ermutigen, unsere
Staatsbürgerschaft zu erwerben, während wir gleichzeitig die illegale Einwanderung verhindern wollen, die
nur den Konsens für engere Beziehungen stört.
Wir wissen, daß die EU und die Türkei entschlossen
daran arbeiten, diese komplizierten Probleme gegeneinander abzuwägen und so viele Gemeinsamkeiten
wie möglich zu finden. Seit über einem Jahr hat die
EU ein Zollunionsabkommen mit der Türkei, und letzte
Woche gab die EU bekannt, daß der Beitritt der Türkei
zu denselben Bedingungen, die für andere Beitrittskandidaten gelten, stattfinden kann. Wir begrüßen
auch die Einrichtung einer "Gruppe von Weisen" in der
letzten Woche, um die Probleme zu prüfen, die so
große Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei verursacht haben.
Und doch gibt es noch viele, die sich heftig dem
Gedanken widersetzen, daß Nationen östlich des
Gebiets, das man das "traditionelle Europa" nennen
könnte, je wirklich ein Teil eines größeren Europas des
einundzwanzigsten Jahrhunderts werden könnten. Wir
sind überzeugt, daß diese Haltung ganz und gar falsch
ist - und möglicherweise sehr gefährlich. Über die
Jahrhunderte hat Europa in seiner besten Form - und
in seinen friedlichsten und wohlhabendsten Zeiten sich nicht als durch künstliche Grenzen begrenzt
empfunden, wie einen Fluß hier, eine Bergkette dort,
oder eine Mauer aus Zement und Stacheldraht
woanders. Nein, Europa wurde Europa weil es solche
Grenzen überwand und sich zu einer Völkergemeinschaft mit gemeinsamen Werten, Zielen und Lebensweisen entwickelte.
Die Türkei ist seit dem 16. Jahrhundert ein Teil des
europäischen Systems gewesen. Selbstverständlich
hat sie kulturelle Bindungen an Zentralasien und den
Nahen Osten. Aber dasselbe gilt für Rußland, das
ebenfalls ein Teil des zukünftigen integrierten Europas
sein muß, wenn es so etwas überhaupt geben soll. Es
trifft zwar zu, daß der größte Teil der Türkei von
Europa durch eine schmale Wasserstraße getrennt ist,
aber dasselbe gilt auch für Großbritannien.
Ich möchte nun einige Worte über den Islam sagen. In
der gegenwärtigen Debatte über die Türkei hört man
häufig die Schlagworte "Kultur", oder manchmal auch
"Zivilisation". Diese Worte sind oft Euphemismen für
"Religion". Zur Zeit ist eine Theorie in Mode, nach der
die Rivalität des Kalten Krieges zwischen Kommu-

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�nismus und Kapitalismus von einem "globalen Kampf
der Kulturen" abgelöst worden ist, wie zum Beispiel
dem Kampf zwischen den westlichen und den islamischen Ländern.

Außenministerin Albright ist derselben Meinung, und
sie wird ihre Amtszeit dazu nutzen, Europa zu ermutigen, sich als möglichst umfassend und aufgeschlossen zu definieren.

Diese Vorstellung ignoriert sowohl die großen Unterschiede innerhalb dieser Kulturen als auch ihre
Gemeinsamkeiten. Sie unterschätzt ebenfalls die
ethnische und religiöse Vielfalt in den Vereinigten
Staaten, die auch zunehmend in Westeuropa anzutreffen ist. Und sie unterschätzt die Gefahren,
denen wir in der Zukunft ausgesetzt sein werden,
wenn wir heute künstliche Barrieren errichten gegen
die Bemühungen eines europäischen Landes, das
willens ist, die Normen und Pflichten unserer demokratischen Gemeinschaft zu akzeptieren, oder wenn wir
die Zugehörigkeit eines Dorfes zu Europa danach
bestimmen wollen, ob es von einem Kirchturm oder
einem Minarett überragt wird.

Abschließend möchte ich bemerken, daß die Vereinigten Staaten bezüglich der drei Fragen, die ich
heute Morgen angeschnitten habe - die EWWU, die
Beziehungen zwischen der EU und den früheren
kommunistischen Ländern im Osten sowie die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei - als Leitgedanken für die Europapolitik weiterhin eben diese
Ziele und Werte empfehlen, die Ihrer Arbeit zugrundeliegen, die Sie hier zu dieser Konferenz zusammengeführt hat. Wir werden die EU ermutigen, in Zukunft das
zu tun, was die hier anwesenden Einzelpersonen und
die hier vertretenen Organisationen bereits tun,
nämlich Brücken zu schlagen, das Netzwerk von
Kontakten und Verbänden zu vertiefen und auszubauen sowie Austauschprogramme innerhalb und zwischen den lokalen, nationalen und regionalen Gemeinden zu fördern, die die weltweite Gemeinschaft
ausmachen zu der wir alle gehören.

Wie Warren Christopher im Frühjahr letzten Jahres
erklärte, darf unsere Integrationsstrategie "keine
grundsätzlichen Grenzen zwischen den katholischen,
orthodoxen und islamischen Teilen Europas dulden.
Diese Gegensätze trugen zu dem Krieg im früheren
Jugoslawien bei, und sie dürfen keinerlei Rolle spielen
in dem Europa, das wir jetzt schaffen."

* *

Seite 6

*

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�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Neue Realitäten der transatlantischen Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der
neuen Berliner Republik
Rede von J.D. Bindenagel an der Europa-Universität Viadrina

FRANKFURT AN DER ODER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge
d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 13. Mai 1997 an der
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder hielt.

Rektor Weiler, sehr geehrte Fakultätsmitglieder, liebe
Studenten,
vielen Dank für die Einladung, bei dieser einzigartigen,
zukunftsorientierten Institution eine Rede zu halten.
Die Europa-Universität Viadrina mit ihrer Kombination
aus Altem und Neuem, ihrem interkulturellen und
internationalen Charakter und ihrer Lage in der Nähe
des geographischen Herzens von Europa verkörpert
viele der neuen Realitäten, die Deutschland nach der
Revolution von 1989 und der Vereinigung umgeben.
Diese Universität zeigt ihre Anerkennung und Würdigung dieser neuen Realitäten durch die Zusammensetzung ihrer Studentenschaft und ihrer Studienschwerpunkte. Aktivitäten wie die unlängst erfolgte Gründung
des Instituts für Transformationsstudien repräsentieren
das innovative Denken, das von uns allen verlangt
wird - in der akademischen Welt, der Regierung, der
Wirtschaft und bei unseren zwischenmenschlichen
Kontakten.
Ich weiß die Veränderungen zu würdigen, die Deutschland bewältigt hat und gegenwärtig in Angriff nimmt.
Während der Revolution von 1989 in der DDR war ich
in der Amerikanischen Botschaft in Ostberlin Stellvertretender Botschafter und hatte das Privileg, Augenzeuge eines Ereignisses von immenser historischer
Bedeutung zu werden: Die lange schwelende Unzufriedenheit der Menschen gipfelte in einer Revolution, die friedlich genug war, um Blutvergießen zu
verhindern, aber machtvoll genug, die Berliner Mauer
zu Fall zu bringen.

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Es war das Zusammentreffen mehrerer Zufälle - von
der Zurückhaltung der Demonstranten über die von
der NATO verfolgte Politik der Abschreckung bis zur
Bereitschaft des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, den Völkern der Sowjetunion ein gewisses
Maß an Freiheit zu geben - die zusammenwirkten, um
das klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der Zusammenbruch des Systems, das Deutschland
und Europa so viele Jahrzehnte lang geteilt hatte, ist
dem Mut und Optimismus der Menschen aus beiden
Blöcken zu verdanken, die der Überzeugung waren,
daß die Demokratie obsiegen konnte und sollte. Der
Fall der Berliner Mauer wurde weder durch die auf
beiden Seiten des Eisernen Vorhangs massierten
Armeen erreicht, die auf den Beginn des unvermeidlichen Krieges warteten, noch durch ein mysteriöses,
historisches Ende der kommunistischen Idee. Die
Berliner Mauer wurde durch die ununterdrückbare
Sehnsucht der Menschen nach Freiheit durchbrochen
und schließlich zu Fall gebracht.
Vor wenigen Jahren schien dieser grundlegende
Wunsch, der die Menschen im Ostblock aufgrund der
Verweigerung der Reisefreiheit erfaßte, wie ein
unerfüllbarer Traum. Heute ist er eine Realität, die so
tief in unserem Denken verwurzelt ist, daß wir uns
kaum vorstellen können, dieses Recht nicht zu
besitzen.
Wir haben in den letzten acht Jahren einen langen
Weg zurückgelegt. Die Teilung Europas rückt immer

Seite 1

�mehr in die Ferne, insbesondere da Länder im Osten
und Westen, die so lange als entfremdete Nachbarn
auf einem einzigen Kontinent gelebt hatten, sich jetzt
gegenseitig neu entdecken und den Reichtum der
Kultur und Geschichte des anderen in sich aufnehmen.
Die negative Spannung aus der Zeit des Kalten
Krieges, die einst in Berlin vorherrschend war, ist jetzt
durch die positive Spannung von Aktivität, Umgestaltung und Kreativität ersetzt worden.
Europa setzt seinen Einigungsprozeß fort, und wo
einst Mauern standen, entstehen jetzt Brücken. Die
Brücke, die Sie so passend in das Abzeichen Ihrer
Universität aufgenommen haben, ist das wesentliche
Symbol unserer Zeit. Sie ist das Symbol für Freundschaft und den Weg zu mehr Interaktion und Verständigung.
Deutschland verlegt in Anerkennung seiner Rolle im
Zentrum Europas seinen Regierungssitz in die Hauptstadt Berlin. Bei diesem Umzug können wir eine
Mischung aus Alt und Neu sehen. Die Berliner
Republik repräsentiert die Vermischung der demokratischen Entwicklung Deutschlands mit seiner Ablehnung
des Totalitarismus, seiner Anerkennung historischer
Realitäten und Verantwortung sowie seiner Stärke als
führender Akteur in den wichtigsten europäischen und
transatlantischen Institutionen.

Ebenso wie die Vereinigten Staaten vor 50 Jahren den
Marshallplan entwickelten, um Deutschland und dem
übrigen Westeuropa beim Wiederaufbau nach dem
Zweiten Weltkrieg zu helfen, kann Deutschland als
führendes Mitglied der wichtigsten Institutionen
Europas eine positive Rolle bei der Förderung von
Sicherheit und Wohlstand im Osten übernehmen.
Die Erweiterung der Europäischen Union wird nach
dem Ende des Kalten Krieges eine entscheidende
Entwicklung für Europa darstellen. Die Einbeziehung
aller Länder Zentraleuropas und der baltischen
Staaten in die EU wird äußerst positive Auswirkungen
auf die Region haben. Sie wird diese Länder enger an
den Westen binden, die marktwirtschaftliche Entwicklung stärken, demokratische Institutionen fördern und
einen großen Anreiz für die Weiterentwicklung der
engen gutnachbarschaftlichen Beziehungen geben,
wie wir sie an Orten wie Frankfurt an der Oder sehen.

Deutschland ist ein natürlicher Fürsprecher der
Nationen, die früher in der Tyrannei des Ostblocks
gefangen waren. Das gilt insbesondere für Polen, ein
Land, dessen Geschichte stark von Deutschland
beeinflußt wurde. Von besonderer Bedeutung sind die
Bestrebungen Deutschlands und Polens, neue

Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie multilaterale
Zusammenarbeit in dieser Region zur Bewältigung der
Herausforderungen in einem geeinten Europa funktionieren kann, ist das Border Region Study Project, das
jetzt mit Unterstützung des US-Informationsamts
(USIA) und des German-American Marshall Fund
durchgeführt wird. Diese Initiative vereint die Regierung, den Privatsektor und die akademische Welt. Sie
setzt einen weitreichenden und fruchtbaren Austausch
von Ideen und Erfahrungen bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und Entwicklung zwischen
Frankfurt an der Oder und seinen polnischen und
tschechischen Partnern und Pendants in Yuma
(Arizona) und Sonara (Mexiko) in Gang. Der EuropaUniversität Viadrina kommt bei diesem Prozeß eine

Bindeglieder zu finden.

Schlüsselrolle zu.

Ein Symbol für diese neue

enge Beziehung zwischen Deutschland und Polen ist
die Tatsache, daß der polnische Außenminister
Dariusz Rosati den Nationalfeiertag seines Landes am
3. Mai dieses Jahr nicht in Polen, sondern in Deutschland feierte. Dieses Ereignis zeigt, wie weit Polen und
Deutschland bei der Erneuerung ihrer Beziehungen
und dem Verheilen alter Wunden gekommen sind.
Ein weiteres Beispiel sind persönliche Kontakte. Als
Institution, die sich der multikulturellen Bildung verschrieben hat, kennen Sie die Vorteile, wenn Parlamentsabgeordnete, Geschäftsleute und interessierte
Bürger zusammentreffen, um gemeinsame Probleme
zu erörtern und Ideen auszutauschen. All diese
Bestrebungen leisten einen Beitrag zum Aufbau
dauerhafter Verbindungen, die die polnisch-deutschen
Beziehungen bereichern und stärken.
Multilaterale Bestrebungen wie die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und
Polen sind ein anderer Weg zur Stärkung von Kontakten und dem Auffinden gemeinsamer Interessen.
Derartige Bestrebungen können alte Grenzen abschaffen und die Stabilität Europas stärken.

Seite 2

Parallel zu dieser Initiative wird eine neue, vielversprechende Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt an
der Oder und Yuma (Arizona) begründet, die beim
bevorstehenden Besuch des Bürgermeisters von
Yuma offiziell ins Leben gerufen wird.
Die Vereinigten Staaten als europäische Macht und als
ein Land mit vielen Bürgern, die Vorfahren in diesem
Teil der Alten Welt haben, sind an der Ausweitung von
Stabilität und Wohlstand in dem neuen, geeinten
Europa interessiert. Ob man sich unsere Bestrebungen in den baltischen Staaten, die Investitionen
amerikanischer Unternehmen in den östlichen Bundesländern, die Bestrebungen zur Entsorgung von
Altlasten auf den ehemaligen Militärstützpunkten oder
die Finanzhilfeprogramme der Vereinigten Staaten
betrachtet - man spürt das aktive Interesse der
Amerikaner an der Anknüpfung neuer Beziehungen
und der Entwicklung engerer Kontakte.
Mit einem Investitionsvolumen von 12 Milliarden Mark
sind die Vereinigten Staaten der größte Investor in den
neuen Ländern. Die jährlichen Steigerungsraten

AMERIKA DIENST 10

�betragen mehr als 20 Prozent. Damit sind 50.000
Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert worden.
Die Investitionen sind ein wichtiger Beitrag zum
Wachstum dieser Region und der Schlüssel für die
wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundesländer.

Bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zählen
jedoch nicht nur Investitionen, sondern auch vertiefte
Information und Kommunikation. So haben wir versucht, unsere Erfahrungen mit neuen Finanzierungskonzepten wie Risikokapital in den neuen Ländern
publik zu machen.

Bundeskanzler Kohl hat kürzlich auf einer Tagung der
American Chamber of Commerce in Germany das
Engagement der USA als führender Investor ausdrücklich gewürdigt. In der Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges sind diese Investitionen die wesentlichen
Pfeiler der Brücken über den Atlantik.

Wirtschaftliches Engagement führt auch zu verstärkten
zwischenmenschlichen Kontakten. Das Engagement
von Dow Chemical hat 40 amerikanische Familien in
den Raum Leipzig gebracht. Es entstand eine internationale Schule mit amerikanischen Lehrplänen, die
auch für deutsche Schüler interessant ist.

Zu den wichtigsten Investitionsprojekten gehören:

Wichtig ist, daß wir das "networking" verstärken. Ich
selbst habe vor kurzem mit dem Vorsitzenden der
Max-Planck-Gesellschaft an einer Konferenz der
Universität Leipzig teilgenommen, um nach Wegen zu
suchen, das "networking" zwischen Wissenschaftlern
in den neuen Ländern und den USA zu beschleunigen.
Eine derartige transatlantische Forschungsinfrastruktur

Die Mehrheitsbeteiligung von Dow Chemical in
Höhe von vier Milliarden DM in der Chemieindustrie der neuen Länder.
Coca Colas Engagement von mehr als einer
Milliarde DM in Abfüllanlagen, Zuteilungs- und
Verkaufszentren.
Die neue Halbleiterfabrik, die der amerikanische Konzern AMD in Dresden baut. Diese
hat ein Volumen von 1,2 Milliarden DM. Damit
faßt einer der zukunftsträchtigsten Industriezweige in den neuen Ländern Fuß, der entscheidend für die Hochtechnologie in den
neuen Ländern wie auch in Osteuropa sein
wird.
Investitionen von mehr als einer Milliarde DM
in das Automobilwerk Opel in Eisenach, wo
das aufgebaut wird, was wir auf amerikanisch
eine state-of-the-art Fabrik nennen. Diese
Fabrik setzt Maßstäbe für den Automobilbau in
ganz Europa.
Aber nicht nur die publizitätsträchtigen großen Projekte
sind wichtig. Über 300 amerikanische Firmen - dazu
zählen das verarbeitende Gewerbe, die Bereiche
Landerschließung und Bau, Unternehmensberatung
und Handel - sind in den neuen Bundesländern aktiv
und agieren im gesamten Spektrum wirtschaftlicher
Aktivitäten durch Errichtung von Niederlassungen,
Firmenvertretungen und Franchise-Unternehmen.
Gleichzeitig pflegen wir eine enge Zusammenarbeit
zwischen der Botschaft und der American Chamber of
Commerce zur Förderung von Investitionen. Wir haben
gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig,
Weimar/Erfurt und Potsdam organisiert, die ein
großartiges Beispiel dafür waren, wie die Partnerschaft
zwischen dem öffentlichen und dem Privatsektor
amerikanische Investitionen fördern und eine starke
neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen kann. Und wir werden diese Tradition
dieses Jahr in Dessau fortsetzen.

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ist unverzichtbar, wenn Technologie und Wissenschaft

eine immer größere Rolle bei Investitionsprojekten
spielen.
Unsere Aktivitäten hierzulande sind jedoch nicht nur
wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln unser Engagement
für die Zukunft dieses Kontinents wider - eine auf den
Werten Demokratie und freie Marktwirtschaft basierende Zukunft. Ein anderer Aspekt ist für die hier lebenden Amerikaner ebenfalls von Bedeutung - die Möglichkeit, den kulturellen und historischen Reichtum in
diesen Teilen der Welt wiederzuentdecken, die so
lange unzugänglich waren. Die Wiederentdeckung
und Verbindung der Teile Europas, die früher getrennt
waren, sowie der Kulturaustausch zwischen Zentralund Osteuropa und Westeuropa ist eine der interessantesten Entwicklungen. Europa und die Welt
werden durch diese Erfahrung reicher. Natürlich ist
das nicht einfach und geschieht auch nicht automatisch. In einigen Teilen Westeuropas akzeptiert man
die Tatsache nur zögernd, daß es einen völlig neuen
wachsenden und dynamischen Teil Europas gibt. Hier
im Zentrum Europas ist noch viel zu entdecken und zu
würdigen.
Häufig haben die Amerikaner einen natürlichen Hang,
diese früher isolierten Teile Europas zu entdecken.
Viele Amerikaner haben hier ihre kulturellen Wurzeln.
Ungefähr 60 Millionen Amerikaner sind deutscher
Herkunft und Millionen andere haben ihre Wurzeln in
der jetzigen Tschechischen Republik, der Slowakei,
Polen, Ungarn und den Baltischen Staaten.
Genau diese prägenden Verbindungen wurden
kürzlich von Vaclav Havel in seiner Rede vor dem
Deutschen Bundestag angesprochen. Präsident Havel
äußerte:

Seite 3

�"Der Mensch, wie bekannt, ist keine
Erscheinung an sich, deren Identität
in keinem Zusammenhang mit ihrer
Umgebung stünde und davon völlig
unabhängig wäre.
Im Gegenteil:
Unsere Identität wird durch zahlreiche
Schichten oder Kreise dessen mitgestaltet, was im allgemeinen als
unser Zuhause bezeichnet werden
kann."
Kontakte sind von lebenswichtiger Bedeutung und
schaffen dauerhafte Verbindungen. Sie reichen jedoch
nicht aus, um dauerhafte Sicherheit und Stabilität in
einer Region zu schaffen, die von so vielen Kriegen
heimgesucht wurde. Das wichtigste multilaterale Ziel
der Vereinigten Staaten besteht im Aufbau von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden Herausforderungen vor.
Mit der Umgestaltung der NATO verfolgen wir folgende
Ziele: Einbeziehung von Frankreich und Spanien in die
integrierte Militärstruktur, Aufnahme neuer Mitglieder,
Aufbau guter Beziehungen zu Rußland, Stärkung
unserer Beziehungen zu den Partnerstaaten. In
Anbetracht des für Juli anberaumten NATO-Gipfels in
Madrid und der laufenden Arbeit am Aufbau neuer
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland stehen
wir vor enormen Herausforderungen aber auch großen
Chancen.
Wir verfolgen nicht nur die Mitgliedschaft von neuen
Staaten, sondern parallel dazu sollen neue Beziehungen zwischen Rußland und der NATO geknüpft
werden, um zur Überwindung der alten Denkweise,
alter Feindseligkeiten und Konflikte beizutragen. Wir
wollen Rußland ein Stimm-, aber kein Vetorecht
einräumen und unter Beweis stellen, daß Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist. Ferner haben wir
unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine Verringerung der
militärischen Fähigkeiten des Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt.
Außenministerin Albright und NATO-Generalsekretär
Solana arbeiten weiterhin mit ihren russischen Amtskollegen an dieser Frage. Wir hoffen, daß wir in den
nächsten Wochen Fortschritte machen können. Die
Arbeit an dieser Charta wird heute und morgen (am 13.

Seite 4

und 14. Mai) in Moskau fortgesetzt. Sie ist jedoch erst
beendet, wenn die Substanz der Charta stimmt.
Die Sicherheitsagenda wird verändert, um den Anforderungen des neuen Jahrhunderts gerecht zu
werden. Dasselbe kann über die kulturelle Präsenz
der Vereinigten Staaten in Europa gesagt werden, die
sich verändert und gleichzeitig stark und lebensfähig
bleibt. Die menschlichen Bande stellen einen der
dauerhaftesten Beiträge zu Verständigung und
Freundschaft zwischen Deutschland, den Vereinigten
Staaten und Zentraleuropa dar. Das ist ein Grund
dafür, daß die Vereinigten Staaten so großes Interesse
an der Erneuerung dieses Pfeilers unserer Beziehungen haben.
Wie Sie in der akademischen Welt wissen, stellen
Austauschprogramme für Studenten ein besonders
lebendiges und ausbaufähiges Gebiet dar. Tausende
von Studenten überqueren jährlich den Atlantik, um
Erfahrungen auszutauschen und - vor Ort - etwas über
Umfeld und Kultur des anderen zu lernen. Es sind
diese intensiven Beziehungen, die ich neben den
zahlreichen kulturellen Kontakten zwischen uns
hervorheben möchte, um die These zurückzuweisen,
es gäbe einen Kulturbruch zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten.
Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Beziehungen sind
zu umfassend, zu vielfältig und zu dynamisch, um nur
in Beschreibungen von Aktivitäten einiger weniger
Institutionen eingefaßt zu werden. Denken Sie an die
Amerikaner deutscher Herkunft, die nicht nur in den
Vereinigten Staaten eine wesentliche Rolle spielten,
sondern auch in der Weltgeschichte - beispielsweise
Albert Einstein und Henry Kissinger. Und Levi Strauss
hat nicht Weltgeschichte gemacht, aber er ist hier
wahrscheinlich gut vertreten.
Unsere Beziehungen bestehen aus vielen Brücken,
nicht nur aus einer. Unsere Kontakte verändern sich
und passen sich an die uns umgebenden neuen
Realitäten an.
Derzeit gestalten wir unsere Präsenz in Deutschland
um. Wir stützen uns dabei in zunehmendem Maße auf
Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten,
Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen,
Investoren und Geschäftsleute. Ihre individuellen
Bestrebungen sind Teil eines noch engmaschigeren
Netzes von Clubs und Organisationen, die die
deutsch-amerikanische Freundschaft fördern und die
Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir werden uns der gemeinsamen historischen Erfahrung bewußt durch das U.S.

AMERIKA DIENST 10

�Holocaust Memorial Museum, das Alliierte Museum
und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag stoßen auf großes Interesse. Der 1983
begonnene Austausch zwischen Kongreß und Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der 1987 gegründeten Studiengruppe Deutschland des Kongresses sind Beweis für
den ungebrochenen Einsatz dieses Gremiums für die
Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.
Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und die deutsch-amerikanischen Clubs haben die
deutsch-amerikanischen
Beziehungen
dauerhaft
geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie sind auch im
Sozialleben ihrer Gemeinden aktiv.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Aktivitäten des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg - die Bereitstellung von elf Kinderspielplätzen - auch heute noch einen Beitrag zur
Gemeinde leistet. Wenn ich daran denke, wieviele
Generationen von Kindern durch solche Projekte gute
Erfahrungen gemacht haben, kann ich nur meine
Überzeugung wiederholen, daß durch diese privaten
Initiativen sehr viel Gutes getan werden kann. Wenn
man sich bewußt macht, daß diese Initiativen mit
einem Minimum an Unterstützung durch die Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist das ein
überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute für die
Gesellschaft tun können.

AMERIKA DIENST 10

In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere
die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.
Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein wichtiger Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs ein Verständnis davon, was durch gemeinsamen Einsatz für
eine gute Sache bewirkt werden kann.
Ich freue mich berichten zu können, daß viele neue
Pläne für die Ausweitung von Kontakten zwischen
Deutschen und Amerikanern bestehen. In Berlin wird
die American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein Büro in Berlin. Und der
Austausch zwischen dem amerikanischen Militär und
Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln.
Aus diesem Grund ist es so wichtig für jeden einzelnen
von uns, zu prüfen, wie wir zur Stärkung der persönlichen Bande zusammenarbeiten können, um neue
Gelegenheiten für den Austausch von Erfahrungen
und ihre künftige Nutzung zu finden.
Wir beginnen unsere Arbeit nicht in einem Vakuum.
Vielmehr stehen wir auf einer soliden Basis gemeinsamer Interessen und Werte - unser wachsamer
Schutz der Freiheit, unser Engagement für Demokratie, unser Streben nach Erhalt von Frieden und
Stabilität in Europa. Diese Prinzipien einen die
Vereinigten Staaten und ihre Partner in Europa seit
Jahrzehnten.
Abschließend möchte ich die in Reichweite von
Studenten wie Ihnen liegenden Chancen hervorheben,
einen Beitrag zur Umgestaltung Europas zu leisten.
Ihr Geist ist nicht von alten Paradigmen und überholter
Denkweise belastet, zu deren Überwindung wir in
älteren Generationen uns immer wieder bewußt
aufrufen müssen. Unmittelbar vor Ihnen liegt die
Chance, die Zukunft zu gestalten.

Seite 5

�Betrachten Sie einen Moment die Worte Victor Hugos,
der sagte: "Die Zukunft hat viele Namen.

Für die Überlegten und Mutigen ist sie das Ideal."

Für die Schwachen ist sie das Unmögliche.

Auch Sie sollten nach dem Ideal streben. Die Chance
liegt direkt vor Ihnen.

Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte.

Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Die Bedeutung der Forschungskooperation
für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

LEIPZIG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 7. Mai 1997 an der Universität
Leipzig hielt.

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, heute hier in
Leipzig zu Ihnen sprechen zu dürfen. Jedes Mal,
wenn ich diese historische Stadt besuche, erinnere ich
mich an die dramatischen Veränderungen, die hier
stattgefunden haben. Vor fünfzig Jahren versprach
George Marshall wirtschaftliche Hilfe und einen neuen
Anfang für Europa. Allerdings konnte ein Teil Europas
- genauso zerstört wie der Rest des Kontinents - sich
nicht daran beteiligen. Und als William Fulbright es
jungen Menschen - Studenten und Wissenschaftlern ermöglichte, ins Ausland zu reisen und sich am freien
Austausch von Menschen und Meinungen zu beteiligen, war die Hälfte Europas davon ausgeschlossen. In dieser Stadt, während der großen Montagsdemonstrationen auf dem Leipziger Ring - nur wenige
Meter von hier entfernt - begann eine Revolution.
Diese Revolution brachte letztlich die SED-Herrschaft
zu Fall und verhalf diesem Teil Deutschlands sowie
den Ländern Osteuropas zur Freiheit.
Im Laufe der letzten vierzig Jahre haben wir oft davon
gesprochen, Brücken über den Atlantik zu bauen. Wir
haben den Meinungsaustausch und den Austausch
von Bürgern unserer Länder gefördert. Dies beinhaltet
politischen Dialog und Beratung ebenso wie wirtschaftliche Zusammenarbeit, kulturelle Kontakte,
Studentenaustausch, Städtepartnerschaften und natürlich - die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Die
Kooperation von Forschern und Studenten ist ein
Grundelement unseres Verständnisses und der
Zusammenarbeit. Die professionelle Zusammenarbeit
und die persönlichen Freundschaften, die daraus
erwachsen sind, gehören zu den Herzstücken unserer
bilateralen Beziehungen.

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Das Symbol der Brücke ist oft eine angemessene
Analogie zur Beschreibung unserer bilateralen Austauschprogramme. Als ich aber meinen heutigen
Redebeitrag vorbereitete, habe ich erkannt, daß dieses
Symbol unsere wissenschaftlichen Beziehungen nicht
länger adäquat wiedergibt. Wir sehen den gegenwärtigen Stand der deutsch-amerikanischen wissenschaftlichen Kooperation mehr als ein dynamisches
Netzwerk. Das Netzwerk hat einen stabilen Kern,
aber außen verändert es sich und wächst unter dem
Einfluß zahlreicher äußerer Faktoren.
Die neuen Technologien üben sicher einen starken
Einfluß auf unsere Forschungsbeziehungen aus, denn
damit ist die Interaktion einfach und effizient geworden:
Delta Airlines fliegt täglich von Berlin nach New York.
Telefon, Faxverbindungen und E-mail ermöglichen uns
den unmittelbaren Kontakt miteinander. Und wenn wir
"online" miteinander kommunizieren, dann sind wir
über das Internet virtuell präsent im "Global Village"
und im "Cyberspace". Es kann Ihnen passieren, daß
Sie gar nicht mehr genau wissen, wo die Person, mit
der Sie Kontakt aufnehmen, sich gerade aufhält. Oder
wo sich der Computer befindet, von dem Sie sich
Informationen herunterladen.
Im globalen Wettstreit um Wissen, Technologie und
Innovation zählt nur noch die verfügbare Information,
das vorhandene Fachwissen. Viele unserer internationalen Firmen nutzen dies zu ihrem Vorteil. Wenn
die Mitarbeiter der deutschen Forschungsabteilung
abends nach Hause gehen, werden die Daten in die
USA überspielt, wo gerade ein neuer Arbeitstag
begonnen hat. Acht Stunden später wird die Arbeit
fortgesetzt von Industrieforschern in Japan oder

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�anderen asiatischen Ländern. Was vor nicht allzu
langer Zeit als Zukunftsmusik gegolten hätte, ist heute
Realität. Dies ist einer der Gründe, warum wir für
unsere Konferenz den Titel "Netzwerke" vorgeschlagen haben.
Mit diesem Titel möchten wir jedoch Ihr Augenmerk
auch auf die Komplexität der Bindungen zwischen
deutschen und amerikanischen Forschern lenken.
Die heutigen wissenschaftlichen Verbindungen haben
viele Facetten und Verknüpfungen. Sie existieren auf
verschiedenen Ebenen und nehmen verschiedene,
manchmal sich überlagernde Formen an. Dies reicht
vom einmaligen bilateralen Austausch von Forschungsergebnissen oder Publikationen bis zur
langfristigen, kontinuierlichen Zusammenarbeit in der
Forschung. Sie bestehen auf der Ebene des einzelnen Wissenschaftlers ebenso wie auf regionalem
oder institutionellem Niveau, oder in Kombination aller
Möglichkeiten. Wir haben zwar einen technischen
Begriff gewählt, um den Stand unserer Forschungszusammenarbeit zu beschreiben. Wir sollten aber
bedenken, daß zu einem Netzwerk mehr gehört als
technische Anschlüsse, Gateways und Hochgeschwindigkeitsverbindungen. Im innersten Kern der Partnerschaft finden wir Deutsche und Amerikaner mit dem
gemeinsamen Wunsch zu forschen, zu entdecken und
Erfolg zu haben.
Besonders hervorheben möchte ich, daß ein Netzwerk
integrieren kann und fähig ist, sich an neue und
veränderte Umstände anzupassen. Wir sind nicht nur
daran interessiert, die bestehenden Verbindungen und
Verknüpfungen zu pflegen. Wir möchten vielmehr
auch die Netzwerke erweitern, um immer mehr Partner
aus den neuen Ländern einzubinden.
Später werden einige Wissenschaftler über ihre
persönlichen Erfahrungen in Bereich Austausch und
Zusammenarbeit berichten. Lassen Sie mich Ihnen
einen Überblick geben, wie umfangreich das deutschamerikanische Kooperationsnetzwerk ist. Im Bereich
der Industrieforschung sind unsere beiden Länder eng
verbunden. Deutsche Firmen betreiben mehr als 100
Forschungslabors in den USA. Diese Einrichtungen
sind vor allem in den Sektoren tätig, in denen die
deutsche Wirtschaft besonders stark ist, also im
Automobilbereich, in der Chemie und in der pharmazeutischen Industrie.
Umgekehrt haben amerikanische Firmen erheblich in
ihre deutschen Forschungskapazitäten investiert.
Allein im Jahr 1993 waren dies mehr als 3 Milliarden
Dollar.
Angesichts der jüngsten amerikanischen
Investitionen in den neuen Ländern wird diese Zahl
noch ansteigen. Ich möchte hier Dow-Chemical in
Sachsen-Anhalt, Opel in Thüringen und AMD in
Sachsen nennen. Damit ist Deutschland der bevorzugte ausländische Standort für die Forschung
amerikanischer Firmen.

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Es gibt weitere Beispiele für die Internationalisierung
der Forschung. Amerikaner sind die bevorzugten
Partner der meisten deutschen Wissenschaftler. Etwa
ein Viertel aller internationalen Projekte in Deutschland
werden in Verbindung mit einem US-Partner durchgeführt. Zwar sind umgekehrt die USA nicht ganz so
konzentriert auf Deutschland, aber im Hinblick auf
gemeinsame Vorhaben sind die Deutschen immer bei
den drei Besten. Die Zusammenarbeit mit Deutschland macht etwa 10 Prozent aller internationalen
Programme in den Vereinigten Staaten aus. Nur zwei
Länder, beide englischsprachig, erreichen dieses
Niveau: Kanada und Großbritannien.
In unseren beiden Ländern sind die Universitäten
Bastionen der Forschung und der neuen Ideen. Da wir
heute in einem Universitätshörsaal zusammen-gekommen sind, ist der Hinweis angebracht, daß es mehr
als 500 Kooperationsabkommen zwischen deutschen
und amerikanischen Universitäten gibt. Diese Kontakte gehen zurück bis ins Jahr 1954, als die Universität
Bonn ihr Kooperationsprogramm mit der Universität
von Wisconsin in Madison aufnahm. Ein Jahr später
folgte die Verbindung der Universität Köln mit der
Universität von Kalifornien in Berkeley, und die
Partnerschaft der Universität von Minnesota mit der
Freien Universität Berlin.
Heute sind Hunderte von Universitäten auf beiden
Seiten beteiligt, viele auch in den neuen Bundesländern. Allein die Universität von Washington in Seattle
unterhält seit 1975 Kooperationsabkommen mit zehn
deutschen Universitäten, darunter der Hochschule
Weimar. Die Leipziger Universität hat sechs Partnerschaften. Darunter sind nicht nur Programme mit
anderen amerikanischen Universitäten, sondern auch
mit den National Institutes of Health - der führenden
amerikanischen Forschungseinrichtung in der Medizin
und den Biowissenschaften. Die National Institutes of
Health sind heute hier vertreten durch Prof. Henry
Webster, dessen Beteiligung an der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit ich gerne hervorheben
möchte.
Wir haben Sie heute aber nicht eingeladen, um den
beiderseitigen Nutzen unseres wissenschaftlichen
Netzwerkes zu betonen. Ich glaube, daß Sie ohnehin
darin mit mir übereinstimmen. Als wir die Idee für eine
"Netzwerke"-Konferenz entwickelten, hatten wir
mehrere Ziele vor Augen. Als erstes und vielleicht
bescheidenstes Ziel hoffen wir, daß Sie heute Ihr
eigenes Netzwerk erweitern durch das Zusammentreffen und die Interaktion mit Wissenschaftlern aus
anderen Regionen, Instituten und Fachgebieten. Diese
persönlichen Beziehungen sind eine Grundlage für
jedes Netzwerk.
Zweitens möchten wir Ihnen im Workshop heute
nachmittag etwas vermitteln von der Vielfalt der
Möglichkeiten für die deutsch-amerikanische Zu-

AMERIKA DIENST 10

�sammenarbeit. Heute sprechen zu Ihnen Vertreter der
führenden Wissenschafts- und Austauschorganisationen Deutschlands und Amerikas. Zusätzlich bieten wir
eine Informationsbörse - eine Internet "homepage", die
Ihnen helfen soll, Kontakte zu den wesentlichen
amerikanischen Forschungs-instituten und Universitäten zu entwickeln.
Schließlich - und das ist vielleicht unser ehrgeizigstes
Ziel - hoffen wir, daß unsere verehrten Sprecher heute
morgen Sie dazu anregen, den gegenwärtigen Stand
der Forschung und unsere Rolle darin zu bedenken.
Hat sich diese Rolle im neuen Deutschland verändert?
Sind die Netzwerke so schnell gewachsen, wie es
notwendig ist, um die Wissenschaftler der neuen
Länder zu integrieren? Welchen Problemen, die einer
Zusammenarbeit hinderlich sind, stehen die Forscher
gegenüber? Was könnte getan werden, um die
Hindernisse zu überwinden?
Lassen Sie mich kurz einige Felder benennen, auf
denen wir herausgefordert sind. Wir leben in einer
Zeit, in der unsere beiden Regierungen unter enormem
Druck stehen, Gelder einzusparen und die Notwendigkeit jedes einzelnen Programms zu prüfen und zu
rechtfertigen. Nun gibt es eine wohlbekannte Verbindung zwischen wissenschaftlicher Spit-zenleistung und
Wettbewerbsfähigkeit. Wir glauben, daß der wissenschaftliche Austausch ein effizienter Weg ist, Informationen zu übermitteln, unnötige Duplikation wissenschaftlicher Arbeit zu vermeiden und unsere beiderseitige Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.
Manche meinen, der Austausch zwischen unseren
Ländern sei etwas einseitig: Viel mehr Deutsche
gehen zu Forschungs- oder Studienzwecken nach
Amerika als umgekehrt. Wenn man sich die Statistiken
ansieht, gibt es dafür sicher einige Berechtigung.
Professor Berchem, der Präsident des Deutschen
Akademischen Austauschdienstes, hat die Vereinigten
Staaten "die spröde Geliebte" genannt. Amerikanische
Wissenschaftler sind in einem großen Land zu Hause
und mögen manchmal den Blick über die eigenen
Grenzen vernachlässigen.
Oder sie können auf
Angebote für gemeinsame Projekte aus der ganzen
Welt warten. Aber während es sicher viele Länder
gibt, die um die amerikanischen Forscher werben, sind
doch nur wenige so gut wie Deutschland darauf
vorbereitet, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ich
möchte Deutschland ermutigen, auf seine Stärken zu
bauen: seine exzellenten Einrichtungen, sein hohes
akademisches Niveau und seine Nähe zu den europäischen Forschungseinrichtungen.
In der gegenwärtigen Debatte zum Standort Deutschland wird oft gesagt, daß es den Deutschen an
Unternehmergeist fehle. Lothar Späth, der frühere
Ministerpräsident und heutige Vorsitzende von Jenoptik, hat einmal auf den philosophischen Unterschied
zwischen dem englischen Begriff "Venture Capital"

AMERIKA DIENST 10

und dem deutschen "Risikokapital" hingewiesen:
Wenn sie eine Investition erwägen, konzentrieren sich
die Amerikaner auf die Chancen, die Deutschen auf
die Risiken. Ich möchte behaupten, daß die deutschen
Wissenschaftler
grundsätzlich
Unternehmergeist
haben. Schließlich sind Experi-mente auf der Suche
nach Wissen die Basis ihrer Arbeit. Hunderte von
neuen Firmen in der Computerindustrie, in der Biotechnologie und in der Umwelttechnologie belegen,
daß deutsche Wissenschaftler sowohl über innovative
Technologien verfügen als auch über den Unternehmergeist in der Vermarktung.
Derzeit können wir auf dem Gebiet der Gentechnik in
Deutschland - einem Feld intensiver Debatten - viele
Erneuerungen und Veränderungen beobachten. Ich
beziehe mich dabei auf die Gesetzgebung, die als
Reaktion auf die befürchteten Einschränkungen der
Forschungsfreiheit verändert wurde. Das neue deutsche Gentechnikgesetz hat die Genehmigungsverfahren für Genforschung wesentlich vereinfacht.
Die daraus resultierende Zunahme der Forschung in
diesem Bereich kann großen Nutzen in der Medizin
und den Biowissenschaften bringen. Die deutschen
Forscher haben beste Voraussetzungen für den
Wettbewerb mit der Weltspitze. Ich bin fest davon
überzeugt, daß Deutschland auf diesem Gebiet in den
kommenden Jahren eine führende Rolle spielen wird.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich die Bedenken ansprechen, es könnte für die Wissenschaftler in
den neuen Ländern schwierig sein, Zugang zu den
bestehenden wissenschaftlichen Netzwerken zu
finden. Deutsche und amerikanische Institute haben
viele Jahre erfolgreich zu-sammengearbeitet, und
vielleicht wird der Nutzen aus der Integration der
Neueinsteiger nicht immer erkannt. Wir sollten immer
bedenken, daß persönliches Engagement und Initiative
den entscheidenden Unterschied machen können.
Große Fortschritte sind erzielt worden - für manche
mag es jedoch zu langsam gehen.
Zum Abschluß möchte ich sagen, daß die
wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA einen Mikrokosmos
unserer gesamten bilateralen Verbindungen darstellt.
Dieselbe Offenheit und Initiative, die wir in unsere
wirtschaftlichen und politischen Beziehungen einbringen, bereichern auch den wissenschaftlichen
Austausch. Wenn Wissenschaftler und Forscher wie
Sie Ihre Sache weiterhin mit Optimismus und Engagement vorantreiben, sind Ihnen keine Grenzen gesetzt
für das, was Sie erreichen können. Und wir auf der
anderen Seite des Netzwerks freuen uns auf die
Zusammenarbeit mit Ihnen in künftigen Projekten.
Lassen Sie mich in der Hoffnung schließen, daß diese
Konferenz einen weiteren Baustein darstellt für eine
fruchtbare Kooperation auf viele Jahre hinaus. Vielen
Dank.

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�WIRTSCHAFT

28. Mai 1997

USA beziehen keine Stellung zur
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

NEW YORK - (AD) - Die Vereinigten Staaten unterstützen seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration, beziehen jedoch keine Stellung zur Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU), erklärte der Stellvertretende Finanzminister Lawrence Summers.
Diesbezügliche Fragen müßten die Europäer selbst beantworten, stellte Summers am 30. April 1997 bei der
Euromoney-Konferenz in New York fest. Er sprach jedoch den Einfluß an, den die Gründung der EWWU auf die
amerikanische Wirtschaft, das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem und die Rolle Europas in der Welt
haben wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Stellvertretenden Finanzministers.

Es ist mir ein Vergnügen, heute bei dieser wichtigen
Konferenz über "Die EWWU und das sich wandelnde
Gesicht Europas" anwesend sein zu dürfen. Wie Sie
wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten Staaten
zu Europa seit langem der Eckpfeiler unserer
Wirtschafts- und Außenpolitik. In der Tat feiern wir in
diesem Jahr den 50. Jahrestag des Marshallplans, der
zusammen mit den Institutionen von Bretton Woods,
der OECD und unserem Militärbündnis NATO zur
Schaffung der Bedingungen für ein halbes Jahrhundert
von Frieden und Wohlstand beigetragen hat. Heute ist
das Schicksal der Vereinigten Staaten weiterhin sehr
eng mit dem Europas verbunden. Natürlich haben wir
ein Sicherheitsinteresse an dem, was auf dem europäischen Kontinent geschieht. Wir haben jedoch auch ein
elementares wirtschaftliches Interesse an dem, was
jenseits des Atlantiks geschieht.
Im Jahr 1995 betrug unser jährlicher Warenhandel mit
der Europäischen Union über 250 Milliarden Dollar,
während unser Handel mit Dienstleistungen 115
Milliarden Dollar erreichte.
Die amerikanischen
Direktinvestitionen in Europa belaufen sich auf 360
Milliarden Dollar - das ist mehr als die Hälfte aller
amerikanischen ausländischen Direktinvestitionen.
Und obwohl viele glauben, Europa sei nichts Neues
und keine wirtschaftliche Grenze, haben die amerika-

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nischen Direktinvestitionen in Europa von 1982 bis
1995 im Durchschnitt jährlich um 11,1 Prozent zugenommen, verglichen mit einer Wachstumsrate von
9,9 Prozent für amerikanische Direktinvestitionen
weltweit.
Die europäische Integration ist ein Schlüsselelement in
diesem Prozeß. Die Vereinigten Staaten unterstützen
seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration und werden dies auch weiterhin tun, obwohl
die Entscheidung über die Fortsetzung dieses Prozesses bei Europa liegt.
Die vorgeschlagene Europäische Wirtschafts- und
Währungsunion ist der letzte Schritt in dem Prozeß der
europäischen Integration und einer der komplexesten.
Er wird einen grundlegenden Wandel in der Finanzstruktur Europas und seiner makroökonomischen
Politik darstellen. Angesichts unseres Interesses an
der Zukunft Europas sollte es nicht überraschen, daß
wir die Entwicklungen an dieser Front genau verfolgen.
Gleichzeitig ist es jedoch eine europäische Angelegenheit, die von den Europäern entschieden werden muß.
Ich möchte mich von Anfang an klar ausdrücken. Ich
werden keine Stellung zu folgenden Fragen beziehen:
"Wird oder soll es eine EWWU geben?", "Wie sollte die

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�EWWU strukturiert sein?" oder "Wer sollte beitreten?".
Diese Fragen müssen die Europäer selbst beantworten.
Ich möchte heute jedoch zu Ihnen darüber sprechen,
wie dieses Projekt wahrscheinlich die amerikanischen
Interessen beeinflussen wird. Heute Nachmittag
werde ich meine Ausführungen auf drei Themen
konzentrieren: Erstens die direkten Auswirkungen der
Einführung einer einheitlichen Währung auf die
amerikanische Wirtschaft; zweitens die Auswirkungen
der EWWU auf das internationale Wirtschafts- und
Finanzsystem als Ganzes; und drittens die Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der EWWU auf
die Vereinigten Staaten
Der Hauptmechanismus, mit dem die EWWU die
amerikanische Wirtschaft beeinflussen kann, ist ihr
Einfluß auf die wirtschaftliche Lebensfähigkeit Europas. Den amerikanischen Wirtschaftsinteressen ist gut
gedient, wenn Europa prosperiert. Ein schneller
wachsender europäischer Markt ist gut für unsere
Exporte, und ein wirtschaftlich stärkeres Europa ist auf
der ganzen Welt ein stärkerer Partner für uns.
Die westeuropäischen Volkswirtschaften haben in
vieler Hinsicht eine beneidenswerte wirtschaftliche
Bilanz erzielt - die Einkommen und der Lebensstandard sind hoch, die Inflationsrate und die Armutsgrenze niedrig. Dennoch sieht sich Europa heute mit
einer Reihe wirtschaftlicher Herausforderungen
konfrontiert. Ich möchte diese kurz erörtern, denn wie
die EWWU diese bewältigt, wird letztlich über ihren
Erfolg und ihre Auswirkungen auf die Vereinigten
Staaten entscheiden.
Hohe Arbeitslosenquoten in einem Großteil Europas
sind das offensichtlichste Symptom der wirtschaftlichen Herausforderungen Europas.
Langfristige
Arbeitslosigkeit hat enorme Kosten an entgangenem
Output und vergeudeten Leben zur Folge. Dies trifft
insbesondere auf die Jugendlichen zu. In mehreren
europäischen Ländern ist jeder Vierte Anfang zwanzig
arbeitslos, 40-50 Prozent der Arbeitslosen sind seit
über einem Jahr ohne Arbeit.
Europäische Beobachter haben auch auf andere
Herausforderungen verwiesen. Die große Zunahme
der Verschuldung des öffentlichen Sektors in vielen
europäischen Ländern in den vergangenen 15 Jahren
erfordert große Aufmerksamkeit. Um die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrags einhalten zu können,
haben viele europäische Regierungen ihre Bestrebungen zur Kontrolle der Haushaltsdefizite erheblich
verstärkt.
Dank dieser Fortschritte konnten die
Zinssätze in den vergangenen Jahren beträchtlich
gesenkt werden, und niedrigere Zinssätze in Europa
halten auch die Zinssätze in den Vereinigten Staaten

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niedrig. Dennoch sehen sich die meisten europäischen Länder ebenso wie die Vereinigten Staaten
aufgrund der Überalterung der Bevölkerung und der
damit einhergehenden Belastung der Renten- und
Krankenkassen dauerhaften
Herausforderungen
gegenüber. Wir alle wissen, wie unpopulär es sein
kann, diese Probleme anzusprechen, insbesondere
wenn sie eine Reform der Versicherungsansprüche
beinhalten.
Die Regierungen in Europa wissen, was getan werden
muß, und sie haben wiederholt angedeutet, daß sie die
Verabschiedung der zur Bewältigung der hohen
Arbeitslosigkeit und der drohenden Haushaltsengpässe erforderlichen langfristigen Strukturreformen
beabsichtigen.
Dennoch hat sich die Erlangung des politischen
Konsenses zur Lösung dieser Probleme als ziemlich
schwierig erwiesen, weil die notwendigen Reformen
den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in
Europa betreffen.
Es ist paradox, daß der Erfolg der EWWU davon
abhängt, Strategien zur Bewältigung dieser Herausforderungen zu finden, die EWWU sie selbst jedoch
nicht direkt anspricht.
Als Mitglieder der Währungsunion werden die Länder
die Fähigkeit zur Verfolgung unabhängiger Interessen
und Wechselkursmaßnahmen verlieren, die den
Freiraum gewähren, auf länderspezifische wirtschaftliche Störungen zu reagieren. Das ist im gegenwärtigen
Kontext von besonderer Bedeutung, weil die Fähigkeit
der Länder zum Einsatz von Haushaltsmaßnahmen als
antizyklisches Instrument gravierend beschränkt wird,

bis die Defizite und der Schuldenbestand auf ein
besser zu bewältigendes Niveau gesenkt werden. In
einem solchen Umfeld macht die EWWU strukturelle
Arbeitsmarkt- und langfristige Etatreformen zur
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Erlangung
soliden Wachstums noch erforderlicher.
Unter dem Aspekt, daß die EWWU einen Anreiz für die
von Europa einzuführenden Wirtschafts- und Strukturreformen bietet, wird sie eindeutig von Vorteil sein.
Wenn jedoch der die Währungsunion umgebende
Prozeß Europa von einigen seiner wirtschaftlichen und
strukturellen Herausforderungen ablenkt, wird er
Opportunitätskosten im Hinblick auf entgangenes
Wirtschaftswachstum mit sich bringen.
Ein erfolgreicher Übergang zur EWWU birgt das
Potential, die Fähigkeit Europas zur Inangriffnahme der
bedeutenden wirtschaftlichen Herausforderungen zu
verbessern, mit denen sich das Land konfrontiert sieht.
Die Vereinigten Staaten würden eine EWWU begrüßen, die einen glaubwürdigen, wachstumsorientierten
politischen Rahmen in Europa schafft, der mit beträcht-

AMERIKA DIENST 10

�liehen Fortschritten bei den mikroökonomischen
Hemmnissen für schnelleres Wachstum einhergeht.
Die EWWU und das globale Währungssystem
Ich möchte mich jetzt der Frage zuwenden, wie die
Europäische Währungsunion das globale Währungssystem beeinflussen würde. Die EWWU verspricht,
die dramatischste Veränderung im internationalen
Währungssystem seit dem Zusammenbruch des
Bretton Woods-Systems vor über 20 Jahren zu
werden. Sie ist ein außergewöhnliches Unterfangen
auf dem Gebiet von Währungsinnovationen. Mit
wenigen Ausnahmen gab es historisch stets ein
Verhältnis von 1:1 zwischen Ländern und Währungen.
Es gibt außergewöhnlich viele Spekulationen über die
Auswirkungen der EWWU auf den Stand des Dollar
und die Rolle des Dollar in dem System. Ich kann
diese Spekulationen für Sie heute nicht aus dem Weg
räumen. Wir spekulieren generell nicht über den
zukünftigen Wert existierender Währungen - seien sie
unsere oder andere. Diese Bescheidenheit erstreckt
sich zweifelsohne auf zukünftige Trends beim Wert
von Währungen, die noch nicht existieren. Mit diesen
generellen Einschränkungen möchte ich einige
generelle Anmerkungen über die möglichen Auswirkungen der EWWU auf das Währungssystem
insgesamt machen.
Grundsätzlich denke ich, daß der Dollar in absehbarer
Zukunft weiterhin die Hauptwährungsreserve bleiben
wird und jede weitere Aushöhlung seiner Stellung in
dem System - wenn sie geschieht - sich nur langsam
vollzieht. Es stimmt, daß die Rolle des Dollar als
Währungsreserve in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwas abgenommen hat. Seit 1973, als der Dollar
ungefähr 76 Prozent der offiziellen Währungsreserven
ausmachte, ist sein Anteil an den Gesamtreserven um
rund zehn Prozentpunkte auf ungefähr 65 Prozent
gefallen. Einigen glauben, daß dieser Prozeß sich
drastisch beschleunigen wird, weil die Investoren den
Euro als attraktiveres Investitionsinstrument ansehen
als die einzelnen Währungen, die er ersetzt.
Meines Erachtens sind die Vorhersagen aus mehreren
Gründen stark übertrieben.
Erstens benötigen die Märkte wahrscheinlich etwas
Zeit, um sich an die neue Währung zu gewöhnen und
ihr zu vertrauen. Es braucht normalerweise Zeit, bis
sich Glaubwürdigkeit einstellt. Und selbst unter den
besten Bedingungen ist es vernünftig, eine gewisse
Unsicherheit zu erwarten, wie das neue währungspolitische Regime in Europa operieren und ob der
politische Kontext, in dem es operiert, zu einer Verpflichtung zu einer so soliden Preisstabilität führen
wird, wie sie die Bundesbank demonstriert.

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Zweitens wird die Revolution auf den europäischen
Finanzmärkten, die viele im Gefolge der EWWU
erwarten, nicht über Nacht stattfinden. Es stimmt, daß
der unmittelbare Effekt der EWWU eine substantielle
Ausweitung der in Euros denominierten Vermögenswerte sein wird - vielleicht ein mehrfaches derjenigen,
die jetzt in der D-Mark denominiert sind. Dennoch wird
es immer noch unterschiedliche Einschätzungen
bezüglich der Kreditrisiken der von den Mitgliedstaaten
ausgegebenen Staatsanleihen geben.
Und die
Bandbreite verfügbarer Instrumente könnte erst in
einiger Zeit denen der amerikanischen Kapitalmärkte
entsprechen.
Und schließlich darf man die Macht der Trägheit nicht
unterbewerten. Märkte können vorausschauend und
viele Teilnehmer zuversichtlich sein, daß sie letztlich
eine dramatische Verlagerung von anderen Währungen zum Euro beobachten können, aber Vorsicht ist
angesichts von Unsicherheit auch eine mächtige Kraft.
Der möglichen Rolle der Zentralbanken in diesem
Prozeß wurde sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet.
Man muß sich jedoch vor Augen führen, daß die
Aktionen der offiziellen Behörden von denen der
Privatinvestoren in den Schatten gestellt werden. Die
gesamten offiziellen Reserven der Vereinigten Staaten,
der Europäischen Union und Japans machen weniger
als fünf Prozent der gesamten ausstehenden Staatsverschuldung und einen etwas geringeren Prozentsatz
der gesamten finanziellen Vermögenswerte aus. Und
es ist zu diesem Zeitpunkt äußerst unklar, wie die
Regierungen - sogar in Europa - auf das Erscheinen
des Euro reagieren werden.
Einige Beobachter in Europa haben den Wunsch zum
Ausdruck gebracht, dem Euro aus Prestigegründen
eine dominante Reserverolle zukommen zu lassen.
Meines Erachtens verwechselt diese Sichtweise
Ursache und Wirkung. Prestige alleine wird kein
erfolgreiches wirtschaftliches Ergebnis bewirken.
Erfolgreiche wirtschaftliche Ergebnisse schaffen
Prestige. Letztlich wird es die Glaubwürdigkeit des
neuen makroökonomischen politischen Regimes in
Europa und sein Erfolg bei der Herbeiführung einer
dynamischeren Volkswirtschaft - nicht der Währungsunion per se - sein, die den Einsatz des Euro als
Währungsreserve entscheidet.
Aus allen diesen Gründen erwarten wir, daß der
Einfluß des Euro auf das Währungssystem anfänglich
ziemlich begrenzt ist und sich nur allmählich bemerkbar macht. Aus der amerikanischen Perspektive wäre
das beste Ergebnis ein solider - von soliden europäischen makroökonomischen Maßnahmen untermauerter - Euro.
Letztlich wird die Stellung des Dollar in dem System
wahrscheinlich mehr von den Entwicklungen in den
Vereinigten Staaten als denen in Europa oder Japan

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�abhängen. Wenn die Vereinigten Staaten einschneidende und glaubwürdige Maßnahmen beibehalten,
wird der Dollar eine solide Währung bleiben. Das
Schicksal des Dollar liegt immer noch im Großen und
Ganzen in unserer Hand.
Europas Rolle in der Welt
Ebenso wichtig für die potentiellen wirtschaftlichen
Auswirkungen der EWWU sind ihre potentiellen
Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt und in
den internationalen Foren.
Dies ist nicht der Ort für Spekulationen über die
spezifischen Veränderungen der Institutionen des
Systems, das die Währungsunion letztlich benötigt. Es
gibt umfassendere Fragen bezüglich der möglichen
Entwicklung der G-7 und der Beteiligung Europas in
internationalen Foren wie den internationalen Finanzinstitutionen.
Diese Fragen müssen nicht unverzüglich angesprochen werden. Und unabhängig von der Art und Weise,
in der sie behandelt werden, ist entscheidend, daß
Europa aus dem Prozeß der EWWU mit der Fähigkeit
zur Übernahme einer aktiven, konstruktiven Rolle auf
der Weltbühne im Hinblick auf politische, währungspolitische und andere Themen hervorgeht.
Würde die EWWU die Politiker vom Handeln bei
innenpolitischen Herausforderungen ablenken, wäre
dies ebenso bedauerlich wie wenn sie Europa von den
das Land konfrontierenden wichtigen internationalen
Herausforderungen ablenken würde.
Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang
sind die Osterweiterung der EU, die europäische
Führungsrolle bei der Förderung der weiteren Integration in die Weltwirtschaft insgesamt und die
Fähigkeit Europas zur effektiven Zusammenarbeit mit
den Vereinigten Staaten und anderen Ländern bei der
Bewältigung anderer besonders besorgniserregender
Herausforderungen in der Weltwirtschaft.

*

Seite 4

Die Europäische Union zieht jetzt eine größere
Erweiterung und Integration vieler der ehemaligen
Ostblocknationen in Betracht. Dies ist ein ehrgeiziges
Unterfangen, von dem die US-Regierung hofft, daß es
Erfolg hat. Obwohl die Herausforderungen groß und
die Kosten hoch sind, ist auch die potentielle Belohnung groß. Die EU-Erweiterung würde nicht nur
eine Chance zum Transfer von Technologie und
Kapital darstellen, sondern auch für einen Transfer
demokratischer und marktorientierter Institutionen und
Kulturen. Die Tatsache, daß dies eine europäische
Lösung für ein europäisches Problem wäre, bedeutet,
daß wir auf lange Sicht ihre Tragfähigkeit erwarten
können.
Mit Blick in die Zukunft muß Europa weiterhin seine
Märkte öffnen und seine Verbindungen zur Weltwirtschaft stärken. Das erfordert ein starkes Europa mit
einem EntScheidungsprozeß, der rasches und effektives Handeln auf der internationalen Bühne gestattet.
Und es erfordert, daß Europa nicht über die Maßen
durch die andauernde innenpolitische Beschäftigung
mit den politischen und wirtschaftlichen Dimensionen
des äußeren und inneren Aufbaus der Währungsunion
beschränkt wird.
Ich möchte dort abschließen, wo ich begonnen habe.
Letztlich muß die Entscheidung der Länder Europas,
wie sie diese nächste Phase der Integration angehen,
eine europäische Entscheidung sein.
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an
dem zukünftigen Wachstum und Wohlstand der
Region. Unserer Interesse besteht in der Entwicklung
einer soliden und gesunden europäischen Wirtschaft,
die für die Weltmärkte offen ist.
Die Vereinigten Staaten werden erfolgreiche Bestrebungen uneingeschränkt unterstützen, die Europa die
Stärke und das Vertrauen verleihen, die es für Fortschritte bei den Reformen und der weiteren Integration
seiner Volkswirtschaft in die übrige Welt benötigt.

* * *

*

AMERIKA DIENST 10

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright fordert finanzielle Unterstützung internationaler Programme&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin in Denver&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die USA, die EU und unsere gemeinsamen Aufgaben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Realitäten der transatlantischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der neuen Berliner Republik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel an der Europa-Universität Viadrina&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der Forschungskooperation für die deutsch-amerikanischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA beziehen keine Stellung zur europäischen Wirtschafts- und Währungsunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Finanzministers&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
\TZ»

*

*-

dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Juni 1997

11

MARSHALLPLAN

GEIST DES MARSHALLPLAN MUSS FÜR
DIE NÄCHSTEN 50 JAHRE UND DARÜBER
HINAUSWIRKEN
Rede von Präsident Clinton
DIE INTEGRATION EUROPAS HÄNGT VOM
DAYTONER ABKOMMEN AB
Rede von Außenministerin Albright an der
Harvard University

NATO

EINE NEUE NATO MIT NEUEN MISSIONEN,
NEUEN MITGLIEDERN UND NEUEN PARTNERN
Rede des Präsidenten in West Point
GRUNDAKTE BEDEUTET AUFGABE DER
SELBSTISOLIERUNG RUSSLANDS
Rede von Außenministerin Albright
beim Nordatlantikrat

EAPR

ALBRIGHT: ZIEL IST DIE ECHTE
INTEGRATION EUROPAS UND DER
TRANSATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT
Rede der Außenministerin beim EAPR

BOSNIEN

DAYTONER ABKOMMEN MUSS VON ALLEN
PARTEIEN EINGEHALTEN WERDEN
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Geist des Marshallplans muß für die nächsten 50 Jahre
und darüber hinaus wirken
Rede von Präsident Clinton

DEN HAAG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton bei der Feier zum 50.
Jahrestag des Marshallplans in Den Haag am 28. Mai 1997.

Eure Majestät, Herr Premierminister, verehrte Amtskollegen, Minister, Parlamentarier, Kongreßabgeordnete, Jugendvertreter aus Europa und Amerika und
alle, die etwas mit dem Marshallplan zu tun hatten oder
von seinen Auswirkungen berührt wurden. Ich möchte
ein besonderes Wort der Wertschätzung an zwei
herausragende Amerikaner richten - die ehemaligen
Botschafter General Vernon Walters und Arthur
Hartman, die als junge Männer am Marshallplan
mitgearbeitet haben und heute hier unter uns weilen.
Dies ist ein wunderbarer Anlaß. Wir danken der
Königin, der Regierung und dem Volk der Niederlande,
daß sie unser Gastgeber sind und diese Feier zum
Gedenken an diese 50 Jahre veranstalten. Die Worte
von Herrn Sedee erreichen uns über die Generationen
hinweg - unabhängig davon, wo wir herkommen oder
welche Sprache wir sprechen. Sie warnen uns vor
dem, was geschehen kann, wenn Menschen sich
gegeneinander wenden und inspirieren zu dem, was
wir erreichen können, wenn wir alle an einem Strang
ziehen. Das ist eine Botschaft, die wir uns ins Gedächtnis schreiben sollten.
Ebenso wie wir die großen Leistungen von vor 50
Jahren würdigen, müssen wir - wie der Premierminister
es so eloquent formulierte - den Geist des Marshallplans für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus
bewahren, um ein Europa aufzubauen, das demokratisch in Frieden lebt und zum ersten Mal in der Geschichte ungeteilt ist - ein Europa, das nicht die
dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts wiederholt,
sondern stattdessen die Versprechen des 21. Jahrhunderts erfüllt.

AMERIKA DIENST 11

Hier in der Zitadelle einer wohlhabenden, toleranten
holländischen Demokratie können wir uns kaum
vorstellen, wie anders Europa vor nur 50 Jahren war.
Die Bilder, die wir gesehen haben, erinnerten uns
zusammen mit der Musik daran, daß noch immer
ungefähr 30.000 Tote unter den Trümmern in Warschau begraben liegen, 100.000 Häuser in Holland
zerstört wurden, Deutschland in Schutt und Asche lag,

Großbritannien sich mit einem schrecklichen Mangel
an Kohle und Strom konfrontiert sah, die Fabriken in
ganz Europa kaum noch arbeiteten, der Handel
gelähmt war und Millionen den Hungertod fürchteten.
Auf der anderen Seite des Atlantiks waren die Amerikaner begierig, zu dem Leben zurückzukehren, das sie
während des Krieges aufgeben mußten. Aber sie
befolgten den Ruf einer bemerkenswerten Generation
amerikanischer Politiker - General Marshall, Präsident
Truman, Senator Vandenberg - die zusammen mit
gleichgesinnten Politikern in Europa ebenso auf
Europas wirtschaftliche Erholung hinarbeiten wollten
wie sie für sein Überleben gekämpft hatten. Sie
wußten, daß Europas Schicksal und Amerikas Zukunft
wie nie zuvor zusammenhingen.
Der Marshallplan war eine Kur, keine Krücke. Er war
nie ein Almosen, sondern immer eine helfende Hand.
Er sagte den Europäern: Wenn Ihr Eure Trennungen
überwindet, wenn Ihr zusammenarbeitet, um Euch
selbst zu helfen, dann wird Amerika mit Euch zusammenarbeiten.
Der britische Außenminister Ernest Bevin nannte den
Marshallplan "eine Rettungsleine für ertrinkende
Menschen, der Hoffnung dorthin brachte, wo es keine
gab". Vom Nördlichen Eismeer bis zum Mittelmeer

Seite 1

�ergriffen die europäischen Nationen diese Rettungsleine und arbeiteten wie nie zuvor an einem gemeinsamen Programm der wirtschaftlichen Gesundung
zusammen. Die Aufgabe war nicht leicht, aber ihre
gemeinsame Hoffnung war mächtiger als ihre Differenzen.
Das erste Schiff lief von Texas nach Frankreich mit
19.000 Tonnen Weizen aus. Bald nahm an jedem
Tag ein Konvoy der Hoffnung Kurs auf Europa mit
Treibstoff, Rohmaterial und Geräten. Am Ende des
Programms im Jahr 1952 hatte der Marshallplan 13
Milliarden Dollar in Europas verwüstete Volkswirtschaften gepumpt. Das entspricht heute 88 Milliarden
Dollar. Er bot den Menschen in Europa das zum
Wiederaufbau ihres zerstörten Lebens erforderliche
Handwerkszeug. Es gab Netze für norwegische
Fischer, Wolle für österreichische Weber, Traktoren für
französische und italienische Bauern, Maschinen für
holländische Unternehmer.
Für einen Jungen in Deutschland war die Hilfe des
Marshallplans die großzügige Hand, die dazu beitrug,
sein Heimatland aus seiner ruinösen Vergangenheit zu
erheben. Er erinnert sich noch an die amerikanischen
Lastwagen, die auf den Schulhof fuhren und Suppe
brachten, die die Herzen und Hände erwärmte. Dieser
Junge wurde zu einem leidenschaftlichen Verfechter
von Freiheit und Einheit in Europa sowie einem
großartigen und geschätzten Freund Amerikas. Er
wurde der erste Kanzler eines freien und vereinten
Deutschlands. Mit seinem Leben und seiner Arbeit ist
Helmut Kohl zum Symbol für die Substanz und den
Geist des Marshallplans geworden. Ich danke Ihnen.
Heute sehen wir den Erfolg des Marshallplans und die
Nationen, zu deren Wiederaufbau er beitrug. Noch
mehr sehen wir ihn jedoch in den Beziehungen, die er
neu definierte. Der Marshallplan veränderte die
Verbindungen von Amerika zu Europa, und dabei
veränderte er die Verbindungen der europäischen
Nationen untereinander. Er baute die Institutionen auf,
die Westeuropa aneinanderbinden sollten - von der
OECD bis zur Europäischen Union und der NATO. Er
ebnete den Weg für die Aussöhnung jahrhundertealter
Differenzen.
Wie bereits gesagt wurde, umfaßte Marshalls Vision
ganz Europa. Aber die Realität jener Zeit entsprach
dem nicht. Stalin schloß Europas östliche Hälfte darunter einige unserer treuesten Verbündeten im
Zweiten Weltkrieg - davon aus, ihren Platz am Tisch
einzunehmen, an der Erholung Europas teilzuhaben
und verschloß die Tür zu ihrer Freiheit. Die gefesselten Nationen verloren jedoch nie das Vertrauen, und
der Westen akzeptierte nie die Endgültigkeit ihres
Schicksals. Und endlich fielen die Berliner Mauer und
der Eiserne Vorhang dank der tapferen Männer und
Frauen, die entschlossen waren, ein Leben in Freiheit
zu leben.

Seite 2

Heute erleuchten die aufstrebenden neuen Demokratien den Weg zu einem neuen Europa in einem neuen
Jahrhundert - einer Zeit, in der Amerika und Europa die
ruhmreiche Reise beenden müssen, die Marshalls
Generation begann, und dieses Mal wird niemand
zurückgelassen. Ich beglückwünsche Premierminister
Kok zu seiner Führung und der Führungsrolle, die
seine Nation bei der Sicherstellung übernommen hat,
daß niemand zurückgelassen wird.
Das Europa des 21. Jahrhunderts wird ein besseres
Europa sein. Erstens, weil es frei und ungeteilt sein
wird und zweitens, weil es nicht durch die Macht der
Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens
vereinigt sein wird. Wir müssen uns jedoch vor Augen
führen, daß die Möglichkeiten von heute keine Garantien sind. Obwohl Mauern niedergerissen wurden,
bestehen weiterhin Schwierigkeiten: Bei dem andauernden Kampf der seit kurzem freien Nationen
beim Aufbau prosperierender Volkswirtschaften und
widerstandsfähiger Demokratien; bei der Verletzlichkeit
derjenigen, die Wandel fürchten und seine Vorteile
noch nicht kennen; bei der Abwendung von extremem
Nationalismus, Haß und Teilung; bei der verworrenen
Denkweise derjenigen, die die europäische Landschaft
immer noch als Nullsummenspiel im Hinblick auf die
Vergangenheit sehen; und bei den uns konfrontierenden neuen Gefahren, die wir nicht alleine bekämpfen
können - von der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen über Terrorismus und organisiertes
Verbrechen bis zur Umweltzerstörung.
Ebenso wie die Generation vor uns muß unsere
Generation sich entscheiden. Ohne die Bedrohung
des Kalten Krieges, ohne die Schmerzen des wirtschaftlichen Ruins, ohne die frische Erinnerung des
Gemetzels des Zweiten Weltkriegs ist es verlockend,
unsere privaten Interessen zu verfolgen - sich einfach
zurückzulehnen und die Geschichte ihren Lauf nehmen zu lassen. Dieser Versuchung müssen wir
widerstehen. Stattdessen müssen wir uns mit der
Entschlossenheit auf den Weg machen, die Hoffnung
dieses Augenblicks Geschichte werden zu lassen, auf
die wir stolz sein können.
Wir, die wir dem Beispiel der Generation folgen, die wir
heute ehren, müssen genau das tun. Unsere Aufgabe
ist klar: Wir müssen den von dieser Generation
ermöglichten Frieden, die Freiheit und den Wohlstand
für eine gemeinsame Zukunft gestalten, in der alle
Menschen die Sprache der Demokratie sprechen, in
der sie das Recht zur Kontrolle ihres Lebens und eine
Chance zur Verwirklichung ihrer Träume haben, in der
Wohlstand über den ganzen Kontinent hinweg reicht
und Staaten Handel treiben, keine Eroberung vornehmen; in der Sicherheit die Domäne aller freien Nationen ist, die zusammenarbeiten; in der keine Nation
Europas je wieder gegen ihren Willen ausgeschlossen
wird, unserem Wertebündnis beizutreten und wir

AMERIKA DIENST 11

�gemeinsam der übrigen Welt helfen, die von uns so
hoch geschätzten Ziele zu erlangen.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben sich dieser
Mission verschrieben. Wir machen Fortschritte auf
einer Landkarte moderner Wunder. Mit der Unterstützung Amerikas und der Europäischen Union legen die
seit kurzem freien Nationen Europas den Grundstein
der Demokratie. Mit Hilfe der Voice of America des
US-Informationsamts (USIA) kann die heutige Feier
von Menschen überall auf diesem großartigen Kontinent ungehindert gehört werden.
In Prag, wo es früher eine Straftat war, westliche
Sender zu hören, hat Radio Free Europe eine neue
Heimat gefunden, und eine unabhängige Presse
floriert. In Bukarest hat die Demokratie das Mißtrauen
überwunden, während Rumänen und gebürtige
Ungarn zum ersten Mal in einer demokratischen
Koalitionsregierung vereint sind.

Während die neuen Demokratien weiterhin die Berge
der Marktreform erklimmen, besteht unsere Herausforderung darin, ihnen behilflich zu sein, die Vorteile
des Wohlstands besser zu nutzen, auf ein möglichst
stabiles und sicheres Unternehmensklima hinzuarbeiten, in ihre Volkswirtschaften zu investieren, ihnen
unternehmerisches Geschick zu vermitteln und die
Türen von Institutionen zu öffnen, dank denen unsere
Gemeinschaft prosperieren kann.
Ich möchte nochmals wiederholen, daß die Vereinigten
Staaten die Europäische Union zu ihrem Engagement
für die Erweiterung nach Zentral- und Osteuropa
beglückwünschen. Wir unterstützen diesen historischen Prozeß und würden sein schnelles Vorankommen begrüßen. Ein wohlhabenderes Europa wird ein
stärkeres Europa sein und auch ein stärkerer Partner
für Europas nordamerikanische Freunde in Amerika
und Kanada.
Nationen, die schwierige Reformen in Angriff nehmen,

Von Wladiwostok bis Kaliningrad gingen die Menschen

sollten wissen, daß das, was sie in Freiheit aufbauen,

in Rußland im letzten Sommer zu einer für alle von
uns, die sie beobachteten, völlig demokratischen und
offenen Nationalwahl.

in Sicherheit Bestand haben kann. Durch die NATO,
das Kernstück der transatlantischen Sicherheit,
können wir für den Osten Europas das tun, was wir für
den Westen Europas geleistet haben - die Freiheit
verteidigen, Demokratie stärken, alte Rivalitäten
beschwichtigen, Integration beschleunigen und ein
stabiles Klima schaffen, in dem sich Wohlstand
mehren kann.

Wir müssen jetzt die Herausforderung bewältigen
sicherzustellen, daß diese Welle der Demokratie
anhält. Die seit kurzem freien Nationen müssen die
schwierige Arbeit der Reformen fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten und Westeuropa müssen weiterhin konkrete Unterstützung für ihre Fortschritte leisten
und Rechtssysteme zur Bekämpfung von Verbrechen
und Korruption fördern, gegenseitige Kontrolle zur
Verhinderung von Machtmißbrauch einführen, zur
Einrichtung des Apparats freier und fairer Wahlen
beitragen, so daß sie immer wiederholt werden
können; die freien Medien und bürgerliche Gruppen
stärken, um Rechenschaftspflicht zu fördern und damit
eine gute Regierung dem Volk näherzubringen, so daß
es tatsächlich ein Mitspracherecht bei sein Leben
betreffenden Entscheidungen hat.
Wir waren auch den neuen Demokratien behilflich, ihre
am Boden liegenden Volkswirtschaften umzugestalten
und von Hilfe zu Handel und Investitionen überzugehen. In Warschau teilen sich Männer und Frauen,
die einst um Lebensmittel anstanden, die Früchte von
Europas am schnellsten wachsender Volkswirtschaft,
in der fast ein Zehntel der Einzelhandelsunternehmen
in privater Hand sind. Seit dem Fall der Berliner Mauer
haben die internationalen Finanzinstitutionen den
neuen Demokratien rund 50 Milliarden Dollar zur
Stärkung der Grundlagen ihrer Marktwirtschaften
zufließen lassen. Und während neue Märkte auftauchten, flössen weitere 45 Milliarden Dollar an
Privatinvestitionen von Orten wie Boston und London,
um Unternehmen von Budapest bis L'viv zu unterstützen.

AMERIKA DIENST 11

Wir passen die NATO zur Übernahme neuer Aufgaben
an - öffnen ihre Türen für Europas neue Demokratien,
unterstützen ihre Verbindungen zu Nichtmitgliedstaaten durch eine gestärkte Partnerschaft für den Frieden
und schaffen eine praktische, dauerhafte Partnerschaft
zwischen der NATO und einem demokratischen
Rußland - dies alles ist darauf ausgerichtet sicherzustellen, daß die NATO stark bleibt, das Zusammenwachsen Europas unterstützt und bei der Bewältigung
unserer neuen Sicherheitsherausforderungen eine
Führungsrolle übernimmt.
Gestern haben die Staats- und Regierungschefs der
NATO und Rußlands in Paris die historische Grundakte unterzeichnet, die uns alle sicherer machen wird.
Wir werden konsultieren, koordinieren und - wo wir
beide einer Meinung sind - gemeinsam handeln, so
wie wir es jetzt in Bosnien tun.
Überlegen Sie, was dies für ein Meilenstein ist. Seit
Jahrhunderten war die größte sicherheitspolitische
Sorge in Europa die Konfrontation zwischen Ost und
West. Zum ersten Mal haben eine neue NATO und ein
neues Rußland die Zusammenarbeit als Partner bei
der Bewältigung von Herausforderungen für ihre
gemeinsame Sicherheit in einem neuen und ungeteilten Europa vereinbart, in dem keine Nation ihre Größe
im Hinblick auf ihre Fähigkeit definiert, ihre Nachbarn
zu dominieren.

Seite 3

�Wir müssen jetzt die Herausforderung meistern,
Sicherheit über veraltete Trennlinien hinweg zu
fördern, sicherstellen, daß die NATO-Partnerschaft mit
Rußland funktioniert und die historische Umgestaltung
der NATO fortsetzen.
In weniger als sechs Wochen wird die NATO erneut in
Madrid zusammenkommen, um die ersten neuen
Demokratien Europas einzuladen, das Bündnis zu
verstärken. Die Aussicht einer NATO-Mitgliedschaft
hat bereits zu größerer Stabilität geführt, da die eine
Mitgliedschaft anstrebenden Länder die Reformen
verstärken und eben die Meinungsverschiedenheiten
beilegen, die zu künftigen Konflikten führen könnten.
Die ersten neuen Mitglieder werden nicht die letzten
sein. Die Türen der NATO müssen und werden für all
diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft in der Lage sind. Wir
werden die Partnerschaft für den Frieden stärken und
einen neuen euroatlantischen Partnerschaftsrat
gründen, so daß andere Nationen ihre Zusammenarbeit mit der NATO verstärken und die Vorbereitungen für die Mitgliedschaft fortsetzen können.
Wir wollen jedoch eindeutig klarstellen: Es gibt auch
Pflichten. Erweiterung bedeutet die Ausdehnung der
feierlichsten Garantien, die eine Nation geben kann eine Verpflichtung zur Sicherheit des anderen.
Sicherheit und Frieden sind nicht billig. Neue und
derzeitige Verbündete gleichermaßen müssen bereit
sein, die Last unserer Ideale und unserer Interessen
zu tragen.
Unsere kollektiven Bestrebungen in Bosnien spiegeln
sowohl die Dringlichkeit als auch das Versprechen
unserer Mission wider. Wo einst Terror und Tragödien
regierten, stehen NATO-Truppen mit 14 Partnernationen - Amerikanern und Russen, Deutschen und Polen,
Norwegern und Bulgaren - für die gemeinsame Sache
Seite an Seite, Frieden in das Herz Europas zu
bringen. Wir müssen jetzt diesen hart erkämpften
Frieden konsolidieren, politische Aussöhnung und
wirtschaftlichen Wiederaufbau fördern, die Arbeit des
Internationalen Kriegsverbrechertribunals hier in Den
Haag unterstützen und dazu beitragen, daß der
bosnische Frieden die Versprechen des Daytoner
Abkommens Realität werden läßt.
Heute bekräftige ich gegenüber den Menschen in
Europa, was General Marshall vor 50 Jahren sagte:
Die Amerikaner stehen an Ihrer Seite. Wir haben aus
der Geschichte gelernt. Wir werden nicht weggehen.

*

Seite 4

Ebenso wie vor fünf Jahrzehnten sind unsere Schicksale miteinander verknüpft.
Für die Vereinigten
Staaten ist die Verpflichtung zu unserer gemeinsamen
Zukunft keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wir
schließen die Tür zum 20. Jahrhundert - einem
Jahrhundert, das die Menschheit von ihrer schlimmsten und von ihrer besten Seite gesehen hat. Wir
wollen uns heute hier zur Zusammenarbeit verpflichten, um das neue Jahrhundert zu einer Zeit zu
machen, in der die Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa das Leben aller Menschen auf der Welt
verbessert.
Wir wollen den Geist der Hoffnung und Erneuerung
wiederbeleben, für den die Lebensgeschichte von
Gustaaf Sedee steht. Er hat einen Sohn, Bert, der ein
Bankmanager ist. Heute trägt er dazu bei, das Vermächtnis zu verwirklichen, das sein Vater so bewegend beschrieben hat - denn ebenso wie der Marshallplan die Investitionen tätigte, die zur Wiederankurbelung der Industrie Hollands beitrugen, hilft Bert Sedees
Bank holländischen Unternehmen bei der Finanzierung von Investitionen in Zentral- und Osteuropa.
Ebenso wie das amerikanische Volk den Menschen
seines Heimatlandes die Hand reichte, reichen Bert
Sedee und seine Kollegen den Menschen in Slowenien, Lettland, Bosnien und andernorts die Hand.
Unsere Gedanken sind heute auch bei den jüngsten
Mitgliedern der Familie Sedee - Gustaaf Sedees
Enkelkindern Roeland und Sander, neun Monate und
eineinhalb Jahre alt. Ich frage mich, was sie in 50
Jahren sagen werden. Ich hoffe, daß sie und all die
anderen jungen Leute, die zuhören - diejenigen, die
wissen, was vor sich geht, und diejenigen, die noch zu
jung sind, um es zu verstehen - sagen können, wir
vermachen Euch 50 Jahre Frieden, Freiheit und
Wohlstand. Ich hoffe, daß Sie Ihre Söhne und Töchter
in einem Europa großgezogen haben, dessen Horizonte weiter als seine Grenzen sind. Ich hoffe, Sie werden
Ihren Enkelkindern - deren Gesichter die meisten von
uns nicht mehr sehen werden - sagen, daß diese
Generation sich der Herausforderung gestellt hat,
Gestalter des Friedens zu sein.
Ich hoffe, daß wir alle des Vermächtnisses von George
Marshall gedenken werden und uns eine vielversprechendere Zukunft vorstellen als die Menschen je
erlebt haben.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Die Integration Europas hängt vom
Daytoner Abkommen ab
Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University

CAMBRIDGE - (AD) - "Die friedliche Integration Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen
von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist", erklärte Außenministerin Albright am 5. Juni 1997 bei einer
Abschlußfeier der Harvard University.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Außenministerin.

Vielen Dank, Rektor Pforzheimer.
Gouverneur Weld, Rektor Rudenstine, Rektor Wilson,
verehrte Ehrengäste, liebe Harvard-Gemeinde, Gäste
und Freunde - ich danke Ihnen. Ich freue mich, heute
an diesem besonderen Tag hier sein zu können.
Meine herzlichsten Glückwünsche an den Jahrgang
'97 - Sie haben sich vielleicht verschuldet, aber Sie
haben es geschafft.
Als ehemalige Dozentin und als Mutter gestehe ich
Ihnen, daß ich Abschlußfeiern liebe, insbesondere,
wenn sie mit einem ehrenhalber verliehenen akademischen Grad einhergehen. Ich liebe die Zeremonie,
ich liebe die akademische Umgebung und ich sage
ganz ehrlich, ich liebe es - obwohl es heute für mich
schwierig sein wird - während einer Abschlußrede
meinen Tagträumen nachzuhängen.
Abschlußfeiern sind einzigartige Meilensteine in
unserem Leben, weil sie der bisherigen Leistungen
gedenken und gleichzeitig die Zukunft antizipieren.
Das trifft auf jeden der Absolventen von heute zu. Und
es trifft auf die Vereinigten Staaten zu.
Während der vergangenen Jahre scheinen wir den 50.
Jahrestag von allem möglichen gefeiert zu haben.
Dank der Medien und unserer Erinnerung konnten wir
erneut die Fallschirmtruppen am Himmel über der
Normandie, die Befreiung von Buchenwald, den Kuß
eines Seemanns auf dem Times Square, das Her-

AMERIKA DIENST 11

unterlassen des Eisernen Vorhangs und den Baseballspieler Jackie Robinson beobachten, wie er einen
Punkt machte.
Heute erinnern wir uns an einen anderen Wendepunkt
dieser Ära. Denn heute vor 50 Jahren hielt Außenminister George Marshall eine Rede vor den Absolventen dieser Universität. Er sprach zu einem Jahrgang,
der durch viele bereichert wurde, die für die Freiheit
gekämpft hatten und vieler beraubt wurden, die für die
Freiheit ihr Leben ließen.
Die Worte des Außenministers waren klar. Aber seine
Botschaft erreichte mehr Menschen als das auf diesem
Platz versammelte Publikum - ein amerikanisches
Volk, das des Krieges und neuer Versprechungen
müde war und ein Europa, in dem die lebensnotwendigen Verbindungen zwischen Bauernhof und Markt,
Unternehmen und Kapital, Hoffnung und Zukunft
unterbrochen waren.
Außenminister Marshall schmückte seine Rhetorik
nicht mit hochfliegenden Phrasen und sagte nur, es sei
logisch für Amerika, zur Wiederherstellung "des
normalen wirtschaftlichen Zustands der Welt beizutragen, ohne den es keine politische Stabilität und
keinen gesicherten Frieden geben kann".
Er heftete seinem Plan nicht das Etikett "Made in
America" an, sondern war vielmehr für die Ideen der
Europäer offen und forderte von den europäischen

Seite 1

�Ländern, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich
selbst zu helfen.
Seine Vision war umfassend und ließ die Tür zur
Beteiligung aller offen, einschließlich der Sowjetunion
und - damit es keine Wiederholung des bestrafenden
Friedensvertrages von Versailles geben würde - auch
für Deutschland.
Der britische Außenminister Ernest Bevin bezeichnete
den Marshallplan als eine "Rettungsleine für ertrinkende Menschen" - und er war es. Mit dieser
Rettungsleine trugen die Vereinigten Staaten zur
Vereinigung von Westeuropa auf der Grundlage
demokratischer Prinzipien bei und säten die Saat der
transatlantischen Partnerschaft, die bald in Form der
NATO und der kooperativen Institutionen eines neuen
Europas gedeihen sollte.
Ebenso wichtig war die amerikanische Führungsrolle,
die der Marshallplan verkörperte. Nach dem Ersten
Weltkrieg hatten sich die Vereinigten Staaten aus der
Welt zurückgezogen, sich der Verantwortung entzogen
und Risiken vermieden. Andere taten dasselbe. Das
Ergebnis im Herzen Europas war das Entstehen eines
großen Übels. Nach der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und den entsetzlichen Greueln des Holocaust war es nicht genug zu sagen, der Feind sei
besiegt und das, was wir bekämpft hatten, sei gescheitert.
Die Generation von Marshall, Truman und Vandenberg
war zum Aufbau eines dauerhaften Friedens entschlossen. Und die Botschaft, die diese Generation
vom Weißen Haus, von beiden Parteien auf dem
Capitol Hill und vom Volk in unserem ganzen Land
übermittelte, das Millionen an Bargeld, Kleidung und
Nahrungsmitteln spendete, lautete, daß sich Amerika
dieses Mal nicht nach innen wenden, sondern eine
Führungsrolle übernehmen würde.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, ist es nicht
genug, wenn wir sagen, der Kommunismus ist gescheitert. Auch wir müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen, Verantwortung und eine Führungsrolle übernehmen.
Weil wir in ein Jahrhundert eintreten, in dem es viele
miteinander verbundene Zentren der Bevölkerung,
Macht und des Wohlstands gibt, können wir unseren
Blickwinkel nicht ausschließlich - wie Marshall es in
seiner Rede tat - auf das zerstörte Schlachtfeld eines
vorangegangenen Krieges konzentrieren. Unsere
Vision muß nicht nur einen, sondern alle Kontinente
einbeziehen.
Im Gegensatz zu Marshalls Generation sehen wir uns
nicht nur einer einzigen akuten Bedrohung gegenüber.
Die Gefahren, denen wir uns stellen, sind weniger
sichtbar und vielfältiger - einige so alt wie ethnische

Seite 2

Konflikte, einige so neu wie Briefbomben, einige so
schwierig wie der Klimawandel und andere so tödlich
wie Nuklearwaffen, die in die falschen Hände gelangen.
Um uns gegen diese Gefahren zu wappnen, müssen
wir die sich uns jetzt bietende historische Chance
ergreifen, die Welt in einem auf Demokratie, offenen
Märkten, Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu
Frieden gründenden internationalen System zusammenzubringen.
Wir wissen, daß noch nicht jede Nation willens oder in
der Lage ist, ihren Teil in das System einzubringen.
Eine Gruppe befindet sich noch im Übergang von
Planwirtschaft und totalitärer Herrschaft. Eine andere
hat erst mit wirtschaftlichen und politischen Reformen
begonnen. Einige Nationen sind noch zu schwach, um
sich in bedeutsamer Weise zu beteiligen. Und einige
Länder haben Regime, die offen gegen die Prämissen
sind, auf denen dieses System ruht.
Weil die uns heute konfrontierende Situation sich von
der der Generation Marshalls unterscheidet, können
wir nicht immer dieselben Mittel einsetzen. Aber wir
können dieselbe Geisteshaltung bewahren.
Wir können denselben Geist der Überparteilichkeit
anstreben, der Amerika in Marshalls Zeit gestattete,
sowohl den Verbündeten als auch den Gegnern eine
geeinte Front darzubieten.
Wir können die erforderlichen Ressourcen investieren,
um die wirtschaftliche, militärische und diplomatische
Stärke der Vereinigten Staaten zu bewahren in
demselben Bewußtsein wie Marshall, daß diese
jeweiligen Stärken sich gegenseitig untermauern.
Wir können in demselben Wissen handeln, daß in
unserem Zeitalter Sicherheit und Wohlstand der
Vereinigten Staaten an die gesunde wirtschaftliche und
politische Lage im Ausland gebunden sind.
Und während wir die Helden der Geschichte ehren,
können wir uns bewußt machen, daß wir die Pflicht
haben, Autoren der Geschichte zu sein.
Das sollte sich jede Nation eingestehen. Heute bietet
sich allen die Chance, Teil eines auf demokratischen
Prinzipien gegründeten Systems zu sein. Das war vor
50 Jahren nicht der Fall.
Damals wurde dem Chef meines Vaters, Jan Masaryk
- dem Außenminister der damaligen Tschechoslowakei
- von Stalin in Moskau gesagt, sein Land dürfe sich
nicht am Marshallplan beteiligen, obwohl es in seinem
nationalen Interesse läge. Bei seiner Rückkehr nach
Prag erklärte Masaryk, in diesem Augenblick habe er
verstanden, daß er einer Regierung diente, die in
ihrem eigenen Land nicht länger souverän war.

AMERIKA DIENST 11

�Heute gibt es keinen Stalin, der Befehle erteilt. Wenn
jetzt eine Nation von der internationalen Staatengemeinschaft isoliert ist, dann entweder, weil das Land
einfach zu schwach zur Erfüllung der internationalen
Normen ist, oder weil seine Politiker sich absichtlich für
die Mißachtung dieser Normen entschieden haben.
In der vergangenen Woche erklärte Präsident Clinton
in den Niederlanden, daß keine demokratische Nation
in Europa aus der transatlantischen Gemeinschaft
ausgeschlossen würde. Heute sage ich, keine Nation
auf der Welt wird aus dem globalen System ausgeschlossen, das wir aufbauen. Und jede Nation, die
sich beteiligen möchte und alles in ihrer Macht Stehende tut, um sich selbst zu helfen, erhält die Hilfe der
Vereinigten Staaten bei der Suche nach dem richtigen
Weg.

sident Clinton es letzte Woche formulierte, "nicht nur
durch die Macht der Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens".
Wo vor einem halben Jahrhundert die amerikanische
Führungsrolle dazu beitrug, Westeuropa zu Wohlstand
und Demokratie zu verhelfen, hilft heute die gesamte
transatlantische Gemeinschaft Europas den seit
kurzem freien Nationen beim Aufbau ihrer Volkswirtschaften und der Konsolidierung der Rechtsstaatlichkeit.

In Afrika haben Armut, Krankheiten, Unruhe und
schlechte Regierung Millionen Menschen von dem
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist

Im nächsten Monat wird die NATO in Madrid neue
Mitglieder aus den Demokratien Zentral- und Osteuropas einladen und gleichzeitig die Tür der zukünftigen Mitgliedschaft für andere offen halten. Das wird
nicht - wie einige fürchten - eine neue Teilung in
Europa schaffen. Im Gegenteil, es radiert die vor
einem halben Jahrhundert aufgezwungene unfaire und
unnatürliche Trennlinie aus. Und es bietet den
Nationen einen zusätzlichen Anreiz zur Beilegung von

ein an menschlichen und natürlichen

Ressourcen

Gebietsstreitigkeiten, Respektierung von Minderheiten

reicher Kontinent. Und heute führen seine besten
neuen Politiker Reformen durch, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen helfen, Fuß zu
fassen. In Zusammenarbeit mit anderen müssen wir
dieser Entwicklung Auftrieb verleihen, indem wir
unsere Hilfe aufrechterhalten, Investitionen ermutigen,
die Schuldenlast verringern und erfolgreiche Modelle
schaffen, denen andere folgen können.

und Menschenrechten sowie der Vollendung des
Reformprozesses.

In Lateinamerika und der Karibik ist die Integration
sehr viel weiter fortgeschritten. Die Nationen in der
gesamten Hemisphäre erweitern die Wirtschaftsbeziehungen, bekämpfen Verbrechen, arbeiten auf die
Erhöhung des Lebensstandards hin und kooperieren
um sicherzustellen, daß die wirtschaftlichen und
politischen Systeme Bestand haben.
In Asien und dem Pazifik sehen wir eine Region, die
nicht nur dem internationalen System beigetreten,
sondern zu einer treibenden Kraft dahinter geworden
ist - eine Region, die das Zentrum von acht der zehn
am sehne Isten wachsenden Volkswirtschaften der
Welt ist.

Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis ohne territorialen Ehrgeiz. Sie betrachtet keinen Staat als Gegner,
und ganz bestimmt nicht ein demokratisches und
reformfreudiges Rußland, das eine Integration im
Westen anstrebt, mit dem es eine historische Partnerschaft eingegangen ist, die vor nur neun Tagen in
Paris unterzeichnet wurde.
Heute stellen wir von der Ukraine bis zu den Vereinigten Staaten und von Reykjavik bis Ankara unter
Beweis, daß das Streben nach europäischer Sicherheit
kein Nullsummenspiel mehr ist. Die NATO hat neue
Verbündete und Partner. Die Nationen Zentral- und
Osteuropas treten jetzt in der Praxis der Wertegemeinschaft bei, die sie im Geist nie verlassen hatten. Und
das russische Volk bekommt etwas, das es jahrhundertelang nicht hatte - einen echten und dauerhaften Frieden mit den Nationen in seinem Westen.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten arbeiten wir an
der Verringerung der Bedrohung durch das nordkoreanische Nuklearprogramm und haben das Land aufgefordert, seine selbst auferlegte Isolation zu beenden.
Und wir haben China zur Erweiterung seiner Beteiligung an dem internationalen System und zur
Einhaltung internationaler Normen von Menschenrechten bis zum Export von rüstungsbezogenen Technologien ermutigt.

Die Schatten des Kalten Krieges verdunkeln Europa
nicht länger, aber ein Gespenst aus der Vergangenheit
geht noch um. Die Geschichte lehrt uns, daß es
keinen natürlichen geographischen oder politischen
Endpunkt für den Konflikt auf dem Balkan gibt, wo der
Erste Weltkrieg begann und sich in diesem Jahrzehnt
die schlimmsten Gewaltakte Europas der vergangenen 50 Jahre ereigneten. Die friedliche Integration
Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist.

Und schließlich streben wir in Europa die Verwirklichung der von Marshall proklamierten, aber durch den
Kalten Krieg verhinderten Vision an - der Vision eines
ungeteilten und freien Europas, vereinigt, wie Prä-

Als er vor 50 Jahren die kühnen Ideen des Marshallplans verteidigte, äußerte Senator Arthur Vandenberg,
es hätte wenig Sinn, einem in sechs Meter Entfernung
Ertrinkenden eine viereinhalb Meter lange Rettungs-

AMERIKA DIENST 11

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�leine zuzuwerfen. Genausowenig können wir in
Bosnien unsere Ziele erreichen, wenn wir nur gerade
genug unternehmen, um einen unmittelbaren Krieg zu
verhindern. Vielmehr müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, um den Menschen in Bosnien bei
der Schaffung eines dauerhaften Friedens zu helfen.
Vor einigen Tagen hat Präsident Clinton Schritten
zugestimmt, den Friedensprozeß unumkehrbar zu
machen und für jede Partei ein deutliches Interesse an
seinem Erfolg zu wecken.
Vergangenes Wochenende bin ich in die Region
gereist, um den Parteien persönlich folgende Botschaft
zu übermitteln: Wenn sie internationale Anerkennung
oder unsere Hilfe wünschen, müssen sie ihre Verpflichtungen erfüllen, einschließlich der umfassenden
Zusammenarbeit mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal.
Das Tribunal ist nicht nur für Bosnien und Ruanda das
Beste, sondern auch für die Welt. Wir können Greueltaten als unvermeidlich hinnehmen oder einen höheren
Standard anstreben. Wir können so tun als ob nur
Gott und die Opfer vergeben können, oder wir können
die eindrucksvollste Lektion dieses Jahrhunderts
beherzigen, daß nämlich Böses - wenn man ihm nichts
entgegensetzt - noch mehr Böses hervorbringt.
Die Mehrheit der Toten in Bosnien starb nicht auf dem
Schlachtfeld, sondern auf den Märkten, Straßen und
Spielplätzen, wo Männer und Frauen wie Sie und ich,
Mädchen und Jungen wie die, die wir kennen, mißbraucht oder ermordet wurden - nicht weil sie etwas
verbrochen hatten, sondern nur aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Wir alle haben ein Interesse daran, zur Abschreckung
weiterer Greueltaten einen Präzedenzfall zu schaffen,
dem Tribunal durch die Unterscheidung zwischen
Unschuldigen und Schuldigen bei der Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu helfen, die ethnischer Säuberungen Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und
diejenigen, die Vergewaltigung lediglich für eine
weitere Kriegstaktik halten, für ihre Verbrechen büßen
zu lassen.
Seit George Marshalls Zeiten spielen die Vereinigten
Staaten eine führende Rolle im internationalen System,
nicht als alleiniger Richter über Gut und Böse, denn
darüber kann keiner allein entscheiden, sondern als
Wegbereiter - als die Nation, die den Weg weisen
kann, wenn andere dazu nicht in der Lage sind.
In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
hat Amerika nicht nur durch den Marshallplan, sondern
auch durch die Trumandoktrin, die Berliner Luftbrücke
und die Antwort auf die kommunistische Aggression in
Korea diese Führungsrolle unter Beweis gestellt.

Seite 4

In diesem Jahrzehnt war Amerika führend bei der
Niederschlagung von Saddam Hussein, der Ermutigung nuklearer Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der ehemaligen Sowjetunion, der Wiedereinsetzung der gewählten Politiker in Haiti, der Aushandlung des Daytoner Abkommens und der Unterstützung der Friedenswilligen gegenüber den Bombenlegern im Nahen Osten und anderen strategischen
Regionen.
Wir begrüßen diese Führungsrolle, um mit Teddy
Roosevelts Worten zu sprechen, nicht weil wir uns
international überall einmischen möchten, sondern weil
wir aus Erfahrung wissen, daß unsere Interessen und
die unserer Verbündeten von regionalen oder Bürgerkriegen sowie Machtvakuen beeinträchtigt werden
können, die Chancen für Kriminelle und Terroristen
schaffen und die Demokratie bedrohen.
Aber Amerika kann die Arbeit nicht alleine leisten. Wir
können den Weg weisen, aber andere müssen bereit
sein, sich uns anzuschließen und selbst Verantwortung zu übernehmen. Andere müssen bereit sein,
sich uns im Rahmen ihrer eigenen Ressourcen und
Fähigkeiten beim Aufbau einer Welt anzuschließen, in
der gemeinsames Wirtschaftswachstum möglich ist,
gewalttätige Konflikte eingedämmt werden und
diejenigen, die Gesetze befolgen, immer mehr Sicherheit genießen.
Bei meinem Besuch in Sarajevo besuchte ich einen
Spielplatz in einem Gebiet, das früher als "Straße der
Heckenschützen" bezeichnet wurde. Viele Bosnier
wurden dort aufgrund von ethnischem Haß umgebracht. Letztes Wochenende spielten die Kinder dort
jedoch ungeachtet dessen, ob das Kind neben ihnen
Muslim, Serbe oder Kroate ist. Und sie dankten
Amerika für die Hilfe, dank derer ihre Schaukeln
repariert werden konnten, und baten mich, einen Baum
zu pflanzen, den sie zu hegen und pflegen versprachen.
Dabei kam mir der Gedanke, daß dies eine passende
Metapher für die Rolle der Vereinigten Staaten vor 50
Jahren war, als wir die Saat für erneuten Wohlstand
und echte Demokratie in Europa säten. Und auch eine
Metapher für die Rolle Amerikas während der letzten
Jahre dieses Jahrhunderts bis hinein in das nächste.
Durch die ausländischen Studenten, die sie anzieht,
die Forschung, die hier durchgeführt wird, die Kurse,
die sie anbietet und das Feingefühl, das sie übermittelt,
trägt diese großartige Universität der Tatsache Rechnung, daß ihre Absolventen ein globales Leben führen
werden. Sie werden auf einem Weltmarkt konkurrieren, weiter und öfter reisen als alle früheren Generationen, mit ihren Kollegen aus allen Kulturen Ideen,
Vorlieben und Erfahrungen austauschen und erkennen, daß sie sich nach außen öffnen müssen, um eine
erfüllte und lohnenswerte Zukunft zu haben.

AMERIKA DIENST 11

�Während Sie und Ihr Land das tun, müssen wir den
von Marshall gesetzten hohen Standard anstreben,
zeitgemäße Mittel auf der Grundlage von dauerhaften
Werten einsetzen und dürfen nie vergessen, daß
Amerika auf der Seite der Freiheit steht.
Ich sage Ihnen das in meiner Eigenschaft als Außenministerin. Ich sage es auch als einer jener zahllosen
Menschen, deren Leben von den Turbulenzen in
Europa Mitte dieses Jahrhunderts und von der Führungsrolle Amerikas in diesem Jahrhundert beeinflußt
wurde.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich während
des Krieges in England in einem Luftschutzkeller saß,
die Angst mit Singen zu vertreiben suchte und Gott für
die Hilfe der Vereinigten Staaten dankte.
Ich kann mich noch erinnern, wie wir nach dem Krieg
und der Machtergreifung der Kommunisten in Prag hier
in den Vereinigten Staaten ankamen, wo ich nur den
Wunsch hatte, akzeptiert zu werden und wollte, daß
meine Eltern und mein neues Land auf mich stolz sein
können.
Weil meine Eltern rechtzeitig flohen, entkam ich Hitler.
Zu unserem großen und anhaltenden Schmerz gelang
das Millionen Menschen nicht.
Dank der Großzügigkeit Amerikas entkam ich Stalin.
Millionen konnten das nicht.
Aufgrund der Vision der Generation von Truman und
Marshall genoß ich das Privileg, ein Leben in Freiheit
zu führen^ Millionen Menschen hatten nie diese
Chance.
Das mag für diejenigen, die sich nicht an jene Zeit vor
50 Jahren erinnern können, schwer verständlich sein.
Aber Sie rrlüssen versuchen zu verstehen.
Mit den Jahren halten viele den Zweiten Weltkrieg für
den letzten "guten Krieg", denn wenn es je eine
gerechte Sache gegeben hat, dann diese; und wenn
die Zukunft der Menschheit je auf dem Spiel gestanden
hat, dann zu dieser Zeit.
Zwei Generationen von Amerikanern sind seit diesem
Krieg herangewachsen - erst meine, dann Ihre Generation. Zwei Generationen von Jungen und Mädchen,
die die Veteranen bei Picknicks, Paraden und Feuerwerk, salutierend und ordensgeschmückt sehen
konnten. Sie sahen deren Stolz und dachten vielleicht:
"Wie großartig muß das gewesen sein - bei einer
großen Sache auf die Probe gestellt zu werden und
den Sieg davonzutragen."
Aber gerade am heutigen Tag dürfen wir nicht vergessen, daß jede Medaille und jedes Ordensband eine
Geschichte hat - sie erzählen von Heldentaten, aber

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auch von abgrundtiefer Traurigkeit, denn der Zweite
Weltkrieg war kein guter Krieg.
Von Nordafrika bis Salerno, von der Normandie über
die Ardennen bis nach Berlin mußte ein ganzer dem
Faschismus zum Opfer gefallener Kontinent Dorf um
Dorf, Hügel um Hügel zurückgewonnen werden. Und
weiter östlich, von Tarawa bis Okinawa, war der
tödliche Kampf um Asien ein Angriff auf eingegrabene
Stellungen, der nur von unglaublichem Mut zu einem
unerträglich hohen Preis übertroffen wird.
Heute ist die größte Gefahr für Amerika nicht ein
ausländischer Gegner, sondern die Möglichkeit, daß
wir dem Beispiel dieser Generation nicht genug
Beachtung schenken, zulassen, daß die dynamische
Entwicklung zu Demokratie ins Stocken gerät, daß wir
die Institutionen und Prinzipien, auf denen unsere
Freiheit gründet, für selbstverständlich halten und
vergessen, woran uns die Geschichte dieses Jahrhunderts erinnert: Daß Probleme im Ausland allzu oft
auch Amerika heimsuchen, wenn man sich ihnen nicht
stellt.
In einem oder zwei Jahrzehnten werden wir entweder
als die Neoisolationisten bekannt werden, die das
Wiederaufleben von Tyrannei und Gesetzlosigkeit
zuließen, oder als die Generationen, die den globalen
Triumph demokratischer Prinzipien konsolidierten.
Wir werden entweder als die Neoprotektionisten
bekannt, deren Mangel an Vision zum finanziellen Ruin
führte oder als die Generationen, die weltweit die
Grundlagen für wachsenden Wohlstand schufen.
Wir werden entweder als die Zauderer von Weltklasse
bekannt, die dem Säen erneuter globaler Konflikte
tatenlos zuschauten oder als die Generationen, die
entschiedene Maßnahmen ergriffen, um Bündnisse zu
schließen, Aggression abzuschrecken und den
Frieden zu wahren.
Es gibt kein Patentrezept für den Erfolg - weder für
Einzelpersonen, noch für eine Generation. Letztlich ist
es eine Frage des Urteilsvermögens und der eigenen
Entscheidung.
Wenn wir diese Entscheidung treffen, sollten wir uns
daran erinnern, daß es keine Seite im Buch der
amerikanischen Geschichte gibt, auf die wir stolz sind,
die von einem chronischen Nörgler oder Untergangspropheten geschrieben wurde. Wir sind Macher.
Wir haben eine Verpflichtung in unserer Zeit, ebenso
wie andere sie in der ihren hatten, nicht zu Gefangenen der Geschichte zu werden, sondern diese zu
gestalten - die Verpflichtung, die Rolle des Wegbereiters zu übernehmen und zusammen mit anderen
ein globales Netz von Zielen und Gesetzen zu knüpfen, die unsere Bürger schützen, unsere Interessen

Seite 5

�verteidigen, unsere Werte erhalten und zukünftigen
Generationen ein ebenso stolzes Vermächtnis wie das
hinterlassen, dessen wir heute gedenken.

Dafür werde ich mich mit aller Kraft einsetzen und bitte
Sie, dasselbe zu tun. Nochmals ganz herzlichen
Dank.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 11

�NATO
11. Juni 1997

Eine neue NATO mit neuen Missionen,
neuen Mitgliedern und neuen Partnern
Rede des Präsidenten in West Point

WEST POINT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 31. Mai 1997 bei der
Militärakademie der Vereinigten Staaten in West Point (New York) gehaltene Rede unwesentlich gekürzt.

Liebe Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs
1997, heute treten Sie der langen Reihe der grauuniformierten Heeressoldaten bei, die sich über zwei
Jahrhunderte treuen Dienstes an Amerika und an der
Freiheit erstreckt, die unser kostbarster Schatz ist.
Von der Verteidigung von Fort Erie im Krieg von 1812
bis zur Schlacht am Antietam, von den Schützengräben der Argonne über Okinawa bis zu Heartbreak
Ridge, dem Mekong Delta und der glühend heißen
Wüste des Golfkriegs haben die Offiziere aus West
Point unserer Nation gedient und für sie Opfer gebracht.
In den vier Jahren seit meiner letzten Rede hier vor
Ihnen haben Ihre Absolventen dazu beigetragen, in
Haiti die Demokratie wiederherzustellen, in Ruanda
Hunderttausende von Menschen vor Völkermord und
Hungersnot zu retten und dem Blutvergießen in
Bosnien ein Ende zu setzen. Während unserer
Geschichte haben die Männer und Frauen aus West
Point uns nie im Stich gelassen, wenn die Pflicht rief.
Und ich spreche im Namen aller Amerikaner, wenn ich
sage: Ich weiß, daß Sie es nie tun werden.
Ich möchte West Point meinen besonderen Dank
aussprechen und insbesondere den Absolventen
dieses Jahrgangs gratulieren, die aus dem Ausland
kommen. Wir heißen Sie hier herzlich willkommen und
sind stolz darauf, daß Sie Teil unserer Tradition des
Militärdienstes geworden sind. Und wir wünschen
Ihnen für die Rückkehr in Ihre Heimat alles Gute. Wir
hoffen, daß auch Sie die Sache der Freiheit voranbringen können, denn das ist im 21. Jahrhundert
unsere gemeinsame Aufgabe.

AMERIKA DIENST 11

Vor zwei Tagen kehrte ich von einer Mission aus
Europa zurück, bei der wir auf eines der stolzesten
Kapitel der amerikanischen Geschichte zurückblickten
und in die Zukunft schauten, die wir für unsere Kinder
und Enkel gestalten möchten. Diese Woche feiern wir
den 50. Jahrestag des Marshallplans, den Winston
Churchill als den uneigennützigsten Akt in der Geschichte bezeichnet hat.
1947 wurden die vom Krieg erschöpften Amerikaner,
die zu Hause ihr Leben weiterführen wollten, von einer
Generation bemerkenswerter Politiker - General
George Marshall, Senator Arthur Vandenberg, Präsident Harry Truman - zur erneuten Übernahme einer
Führungsrolle aufgefordert. Diese führenden Politiker
wußten, daß es keinen dauerhaften Frieden und keine
Sicherheit für ein Amerika geben konnte, das sich
hinter seine Grenzen zurückzog und sich von der Welt
und seinen Pflichten distanzierte. Sie boten die
unerläßliche Führung für die Umsetzung des Marshallplans, die Gründung der NATO und der ersten globalen Finanzinstitutionen. Sie versetzten Amerika und
unsere Verbündeten in die Lage, durch Zusammenarbeit innerhalb von Organisationen die Herausforderungen ihrer Zeit zu bewältigen - einzigartigen
Wohlstand zu schaffen und dem sowjetischen Expansionismus die Stirn zu bieten, bis das Licht der Freiheit
ganz Europa erhellte.
Der zweite Grund für meine Reise war untrennbar mit
dem ersten verbunden. Er bestand darin, in die
Zukunft zu schauen, auf die Möglichkeit, das zu
erreichen, wovon Marshalls Generation nur träumen
konnte - ein erstmals in der Geschichte demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa; und die
Notwendigkeit für Amerika und seine Verbündeten, uns

Seite 1

�erneut zur Bewältigung der Herausforderungen
unserer Zeit zusammenzufinden, um Frieden und
Wohlstand für die nächsten 50 Jahre und danach zu
sichern.

Sicherheit gibt. Ich bin der Ansicht, daß es teilweise
deshalb keine starke Bedrohung gibt, weil die NATO
existiert. Und die Erweiterung wird ihre Stärke noch
vergrößern.

Zur Gestaltung und Sicherung eines neuen, friedlichen, demokratischen und endlich ungeteilten Europas
ist eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen
Mitgliedern und neuen Partnern vonnöten.
Wir
schaffen diese Art von NATO seit drei Jahren mit
neuen Partnern im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden und der ersten Out-of-area-Mission in Bosnien. In Paris unternahmen wir letzte Woche einen
weiteren Riesenschritt, als Rußland eine neue Partnerschaft mit der NATO einging und sich für Kooperation
anstelle von Konfrontation entschied, während beide
Seiten bekräftigten, daß sich die Welt verändert hat.
Die europäische Sicherheit ist nicht länger ein Nullsummenwettbewerb zwischen Rußland und der NATO,
sondern ein gemeinsames Ziel, das wir in Ehren
halten.

Meines Erachtens sollten wir aus vier Gründen neue
Mitglieder in das Bündnis aufnehmen. Erstens wird die
NATO dadurch gestärkt, um die sicherheitspolitischen
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sowie die
Konflikte zu bewältigen, die den Frieden aller bedrohen.

In wenig mehr als einem Monat werde ich mit den
anderen Staats- und Regierungschefs der NATO in
Madrid zusammentreffen und dort die ersten neuen
Demokratien Zentraleuropas zum NATO-Beitritt
einladen - mit Zustimmung des Senats im Jahr 1999,
dem 50. Jahrestag der Gründung des Bündnisses.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die NATO-Erweiterung in unserem nationalen Interesse liegt. Da
sie nicht ohne Kosten und Risiken erfolgen kann,
benötigen wir im Vorfeld unserer Maßnahmen eine
offene, umfassende, nationale Diskussion. Ich möchte
diese Diskussion hier in nicht unbeträchtlichem Maße
fördern, da sie insbesondere für die Absolventen
dieses Jahrgangs von Bedeutung ist. Denn als Hüter
unserer Sicherheit in den kommenden Jahren wird Ihre
Arbeit leichter und sicherer, wenn wir das Richtige tun
- und gefährlicher und weitaus schwieriger, wenn wir
das nicht tun.

Betrachten Sie sich Bosnien: Die Tschechische
Republik, Polen, Rumänien, die baltischen Staaten und
andere zentraleuropäische Nationen leisten bereits
einen Beitrag zur Friedenssicherungsmission in
Bosnien in Form von Truppen und Militärstützpunkten.
Wir Amerikaner hätten ohne die Hilfe Ungarns und
ohne unser Sammellager in Taszar, das ich besucht
habe, unsere Truppen nicht so sicher, reibungslos und
schnell in Bosnien stationieren können. Die neuen
Demokratien, die wir zum Beitritt in die NATO einladen,
sind bereit und in der Lage, einen beträchtlichen Teil
der Verteidigungslast zu tragen, denn sie kennen den
Preis des Verlusts der Freiheit.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung dazu beitragen,
die historischen Errungenschaften der Demokratie in
Europa zu sichern. Die NATO kann für Osteuropa
leisten, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg für
Westeuropa getan hat - ein sicheres Umfeld schaffen,
in dem Freiheit, Demokratie und Wohlstand prosperieren können. Der NATO-Beitritt half Italien, Deutschland und Spanien in der Vergangenheit bei der
Konsolidierung ihrer Demokratien. Jetzt hat die
Öffnung der Türen des Bündnisses die zentraleuropäischen Nationen bereits zur Vertiefung ihrer demokratischen Reformen, Stärkung ziviler Kontrolle über das
Militär und Öffnung ihrer Volkswirtschaften veranlaßt.
Die NATO-Mitgliedschaft und ihre Zukunftsaussichten
werden ihnen das Selbstvertrauen geben, den Kurs zu
halten.

Das Schicksal Europas und die Zukunft Amerikas sind
eng miteinander verbunden. Zweimal in einem halben
Jahrhundert haben Amerikaner zur Verteidigung von

Drittens wird die NATO-Erweiterung mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer Differenzen

Freiheit und Frieden ihr Leben in Weltkriegen geopfert,

ermutigen. Auf der ganzen Welt sehen wir zu unserem

die in Europa ihren Ausgang nahmen. Und wir sind
während des gesamten Kalten Krieges in sehr großer
Zahl in Europa geblieben. Wenn wir jetzt, da wir die
Chance haben, kluge Schritte zur Stärkung unserer
gemeinsamen Sicherheit unternehmen, helfen wir bei
der Gestaltung einer Zukunft ohne die Fehler und
Spaltungen der Vergangenheit und können uns auf die
Bewältigung der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen des neuen Jahrhunderts vorbereiten. Bei
dieser Aufgabe sollte die NATO unser schärfstes
Schwert und unser stärkstes Schutzschild sein.

Entsetzen Menschen, die durch ihren eigenen ethnischen, regionalen und nationalistischen Haß gefangen sind und sich und ihre Kinder aufgrund ihrer
primitiven, destruktiven Impulse des Lebens berauben,
das sie führen könnten.

Manche behaupten, wir brauchten die NATO nicht
mehr, weil es jetzt keine starke Bedrohung unserer

Seite 2

Als wir 1949 den Nordatlantikvertrag unterzeichneten,
erklärte Präsident Truman, hätte die NATO bereits
1914 oder 1939 existiert, hätte sie die Weltkriege
verhindert, die die Welt auseinanderrissen.
Die
Erfahrung der letzten 50 Jahre untermauert diese
Sichtweise. Die NATO trug zur Versöhnung jahrhundertealter Gegner wie Frankreich und Deutschland
bei, die jetzt enge Freunde und Verbündete sind. Und

AMERIKA DIENST 11

�sie hat über all diese Jahrzehnte hinweg eindeutig die
Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei
verringert. Die bloße Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft hat bereits Länder in Zentraleuropa davon
überzeugt, mehr als ein halbes Dutzend Grenz- und
ethnische Streitigkeiten beizulegen, die alle zu künftigen Konflikten hätten führen können. Das wiederum
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß Sie je wieder
zum Kampf in einem Krieg auf der anderen Seite des
Atlantiks gerufen werden.
Viertens wird die Erweiterung der NATO zusammen
mit der Partnerschaft für den Frieden mit vielen
anderen Nationen und ihrem speziellen Abkommen mit
Rußland sowie der in Kürze zu unterzeichnenden
Partnerschaft mit der Ukraine die von Stalin gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren und Europa in
Sicherheit zusammenbringen und nicht in Instabilität
auseinanderhalten.
Die NATO-Erweiterung bedeutet nicht ein anders
geteiltes Europa. Sie ist Teil des europäischen
Einigungsprozesses.
Die ersten NATO-Mitglieder
sollten nicht ihre letzten sein. Die Türen der NATO
werden für alle offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft willens und in der Lage
sind, und wir müssen weiterhin unsere Partnerschaften
mit Nichtmitgliedern stärken.
Ich möchte Ihnen gegenüber eindeutig klarstellen, daß
diese Vorteile weder kosten- noch risikofrei sind. Die
Vereinigten Staaten werden im nächsten Jahrzehnt
schätzungsweise 200 Millionen Dollar pro Jahr für die
Erweiterung zahlen müssen. Unsere Verbündeten in
Kanada und Westeuropa sind ebenso wie die neuen
Mitglieder der NATO bereit, ihren Beitrag zu leisten.
Und auch wir müssen das Unsrige tun.
Noch wichtiger ist, die Erweiterung erfordert von uns,
daß wir das feierlichste Sicherheitsgelöbnis des
Bündnisses auf die neuen Mitglieder ausdehnen, einen
Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle anzusehen.
Diesem Gelöbnis haben wir durch die Stationierung
unserer Truppen und die Abschreckung mit unseren
Nuklearwaffen stets Glaubwürdigkeit verliehen. In den
kommenden Jahren bedeutet es, daß Sie gebeten
werden könnten, Ihr Leben für ein neues NATOMitglied aufs Spiel zu setzen, ebenso wie Sie heute
aufgefordert werden können, die Freiheit unserer
Verbündeten in Westeuropa zu verteidigen.
Während ich die NATO in den vergangenen drei
Jahren bei der Öffnung ihrer Türen für die neuen
Demokratien Europas leitete, habe ich diese Kosten
sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen.
Ich
gelangte zu der Schlußfolgerung, daß die Vorteile der
Erweiterung - Stärkung der NATO für die Zukunft,
Konsolidierung der Errungenschaften der Demokratie
in Zentraleuropa, Aufbau von Stabilität über den
Atlantik hinweg, die Vereinigung Deutschlands, nicht

AMERIKA DIENST 11

seine Teilung - daß diese Vorteile die Lasten entschieden aufwiegen. Für mich ist die Sache klar: Die
Erweiterung der NATO wird unsere Sicherheit erhöhen. Sie ist richtig. Wir dürfen die Herausforderung
der Geschichte in diesem Augenblick zum Aufbau
eines friedlichen, demokratischen und ungeteilten, mit
uns bei der Bewältigung der neuen Sicherheitsbedrohungen des neuen Jahrhunderts verbündeten
Europas nicht verpassen. Ein Europa, das die Wiederholung der dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts vermeiden und die brillanten Möglichkeiten
des 21. Jahrhunderts verwirklichen wird.
Diese Vision eines neuen Europas ist von zentraler
Bedeutung für unsere umfassendere Sicherheitsstrategie, zu deren Um- und Durchsetzung Sie aufgefordert werden. Unsere Tagesordnung muß jedoch
darüber hinausgehen, weil wir mit unserer gesamten
Macht und unserem Wohlstand in einer Welt leben, in
der unser Einfluß von unserer Erkenntnis abhängt, daß
unsere Zukunft von der anderer Nationen abhängt und
wir mit ihnen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten
müssen, weil wir sehen, daß die uns morgen konfrontierenden Herausforderungen nationale Grenzen
überschreiten werden. Sie werden durch moderne
Technologie, Kommunikation und Reisen noch
vergrößert. Sie müssen von gleichgesinnten Nationen
durch Zusammenarbeit gemeistert werden - unabhängig davon, ob wir über Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder Umweltzerstörung sprechen.
Aus diesem Grund müssen wir fünf andere Ziele
verfolgen. Erstens müssen wir eine Gemeinschaft
asiatisch-pazifischer Nationen aufbauen, die durch die
gemeinsame Verpflichtung zu Stabilität und Wohlstand
verbunden sind. Wir haben in einem halben Jahrhundert drei Kriege in Asien geführt. Die Stabilität
Asiens beeinflußt unseren Frieden, und das explosionsartige Wachstum Asiens beeinflußt unseren
Wohlstand. Deshalb haben wir unsere Sicherheitsverbindungen zu Japan und Korea verstärkt, deshalb
kommen wir jetzt jedes Jahr mit den Staats- und
Regierungschefs der asiatisch-pazifischen Region
zusammen, und deshalb müssen wir mit China
zusammenarbeiten und dürfen uns nicht von China
isolieren.
Eine die Zukunft Ihrer Generation von Amerikanern
bestimmende große Frage lautet, wie China seine
eigene Größe als Nation definiert. Wir haben mit
China zusammengearbeitet, weil es unseres Erachtens wichtig ist, in einer Art zu kooperieren, die die
Definition dieser großartigen Nation in positiver, nicht
negativer Weise beeinflußt. Wir müssen zur Aufrechterhaltung normaler Handelsbeziehungen nicht
bei allen Fragen mit China übereinstimmen, aber wir
benötigen normale Handelsbeziehungen, um die
Chance zu haben, allmählich Einigung mit China bei

Seite 3

�Fragen von elementarer Bedeutung für die Vereinigten
Staaten und die Welt zu erzielen.
Zweitens bauen wir auf der ganzen Welt Koalitionen
auf, um diese neuen Sicherheitsbedrohungen in Angriff
zu nehmen, die keine Grenzen kennen: Weiterverbreitung von Waffen, Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung. Wir müssen eine Führungsrolle bei
der Erarbeitung globaler Arrangements übernehmen,
die uns die Instrumente zur Bewältigung dieser
gemeinsamen Bedrohungen an die Hand geben: Die
Chemiewaffenkonvention, den Nichtverbreitungsvertrag, den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und unsere Bestrebungen mit Rußland zur
weiteren Verringerung der Nuklearwaffen.
Unsere größte Aufgabe besteht jetzt darin, solche
Arrangements auch für die Bekämpfung von Terrorismus, Drogenhändlern und organisiertem Verbrechen
zu vereinbaren. In drei Wochen werde ich den Gipfel
der acht führenden Industrienationen dazu nutzen,
diese Tagesordnung voranzubringen.
Drittens müssen wir ein offenes Handelssystem
aufbauen. Unsere Sicherheit ist mit dem Interesse
verbunden, das andere Nationen daran haben, frei und
offen zu bleiben sowie mit anderen zusammen, nicht
gegen sie zu arbeiten. Aufgrund der von uns ausgehandelten Handelsvereinbarungen haben wir nicht
zuletzt unsere Position als Exporteur Nummer eins der
Welt wiedererlangt und unseren Einfluß in einer Weise
verbessert, die gut für unsere Sicherheit ist. Um diese
Fortschritte fortzusetzen, müssen wir die Befugnis zum
Abschluß kluger, neuer Marktöffnungsabkommen
haben, die jeder Präsident seit 20 Jahren hatte.
Einige unserer Mitbürger glauben, der Präsident
benötige diese Befugnis nicht länger. Sie glauben, die
globale Wirtschaft stelle irgendwie eine Bedrohung für
uns dar. Meiner Ansicht nach ist es jedoch offensichtlich, daß die Amerikaner nicht nur das stärkste und
beste Militär, sondern auch die beste Volkswirtschaft
der Welt haben - das amerikanische Volk kann jeden
Konkurrenten in den Schatten stellen, wenn es eine
faire Chance hat.

Viertens müssen wir zu unserer Rolle als entscheidende Kraft für Frieden stehen. Sie können und sollten
nicht überall hingehen. Aber wenn unsere Werte und
Interessen auf dem Spiel stehen, ist unsere Mission
kristallklar und möglich - Amerika sollte Seite an Seite
mit seinen Verbündeten auf der Welt stehen, die
Frieden bringen und ein Gemetzel verhindern. Vom
Nahen Osten bis Bosnien, von Haiti bis Nordirland
haben wir zusammengearbeitet, um Konflikte einzudämmen, Frieden zu unterstützen und den Kindern
eine vielversprechendere Zukunft zu geben, und es hat
unsere Sicherheit verbessert.
Wir haben die Instrumente für diese Arbeit: Das
mächtigste und am besten ausgebildete Militär der
Welt und eine vollständig finanzierte Diplomatie zur
Minimierung der Chancen, daß militärische Macht
notwendig wird.
Der von uns gerade abgeschlossene langfristige
Verteidigungsplan wird unsere Bereitschaft, Fähigkeiten und unseren technologischen Vorsprung
verbessern. In einer Welt andauernder Gefahren
müssen und werden Sie in der Lage sein, die Konflikte
der Zukunft zu beherrschen wie Sie es auf den
Schlachtfeldern der Vergangenheit getan haben.
Vor 55 Jahren, in den ersten Tagen des Zweiten
Weltkriegs, sprach der Mann, den wir in dieser Woche
ehrten - General George Marshall - hier bei Ihrer
Abschlußfeier über die Notwendigkeit, unsere Nation
für die schwere Prüfung des Krieges zu organisieren.
Er erklärte, wir seien entschlossen, daß unsere Flagge
einerseits als ein Symbol der Freiheit und andererseits
als Symbol überwältigender Macht anerkannt wird,
bevor die Sonne über diesem schrecklichen Kampf
untergeht.
Heute weht unsere Flagge der Freiheit und Macht
höher als je zuvor, aber weil unsere Nation auf der
Höhe ihrer Macht ist, befindet sie sich auch auf der
Höhe ihrer Verantwortung. Während Sie unsere
Flagge in dieses neue Zeitalter tragen, müssen wir uns
daher organisieren, um den Herausforderungen der
nächsten 50 Jahre zu begegnen.

Hierbei geht es aber um mehr als nur Geld und
Arbeitsplätze. Es geht um die Sicherheit. Die Welt
und insbesondere die demokratischen Nachbarn in
unserem Süden blicken auf uns. Wenn wir keine
wirtschaftlichen Brücken zu ihnen aufbauen, wird es
ein anderer tun. Wir müssen klarstellen, daß die
Vereinigten Staaten freie Menschen und fairen,
offenen Handel unterstützen.

*

Seite 4

Wir müssen den

Frieden für ein bald anbrechendes neues und besseres Jahrhundert gestalten, so daß Sie Ihren Kindern
und Enkelkindern das Amerika und die Welt geben
können, die sie verdienen.
Gott schütze Sie, und Gott schütze Amerika.

*

AMERIKA DIENST 11

�NATO
11. Juni 1997

Grundakte bedeutet Aufgabe der
Selbstisolierung Rußlands
Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Albright beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats am 29. Mai 1997 in Sintra gehaltene Rede.

Herr Generalsekretär, Herr Ehrenpräsident, verehrte
Kollegen. Es ist mir eine Ehre, die Vereinigten Staaten
bei dieser Sitzung des Nordatlantikrats vertreten zu
dürfen.
In den vergangenen Monaten - und insbesondere
während der letzten beiden Wochen - haben wir harte
Arbeit geleistet, die historische Ergebnisse hervorbrachte.
Im Januar bin ich in Brüssel zum ersten Mal mit Ihnen
zusammengekommen und habe versprochen, daß die
Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende zur
Verwirklichung unserer gemeinsamen Vision einer
neuen NATO tun werden. Heute fügen sich alle
Elemente dieser Vision zu einem Ganzen zusammen.
Wir sind bereit für Madrid, und die NATO ist bereit für
die Herausforderungen eines neuen Jahrhunderts.
Wir haben neue Beziehungen zu einem demokratischen Rußland hergestellt. Hier in Sintra werden wir
eine Charta zwischen der NATO und der Ukraine
paraphieren. Wir werden die Partnerschaft für den
Frieden weiter stärken. Wir werden den euroatlantischen Partnerschaftsrat ins Leben rufen. Wir werden
uns auf ein historisches Gipfeltreffen vorbereiten, bei
dem wir neue Partner einladen, dem Bündnis beizutreten.
In den nächsten 40 Tagen werden wir uns auf die
Einzelheiten des Prozesses, Protokolls und der
Planung für den Gipfel konzentrieren. Wir sollten
jedoch unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Das Ziel ist, zum ersten Mal eine friedliche, freie und
ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen

AMERIKA DIENST 11

sowie den Frieden und Wohlstand nach Osten auszudehnen, den Westeuropa seit 50 Jahren genießt. Auf
diese Art und Weise werden wir den Sieg der Freiheit
über die alten Trennlinien Europas sicherstellen. Wir
werden starke neue Partner für Sicherheit und Handel
gewinnen. Und wir werden die Wahrscheinlichkeit
verringern, daß unsere Streitkräfte je zum Kampf auf
dem Boden dieses Kontinents gerufen werden.
Wenn wir in die Zukunft blicken, hoffe ich, daß wir uns
auch einen Augenblick lang an die Geschichte erinnern, die Europa und Amerika jetzt feiern. Nächste
Woche vor genau 50 Jahren schlug George Marshall
den Wiederaufbau dieses Kontinents nach dem Krieg
vor. Das Unternehmen markierte die Geburt der
modernen transatlantischen Partnerschaft.
Wie
Premierminister Kok und Präsident Clinton uns so
eloquent in ihren gestrigen Reden in Den Haag
erinnerten, inspiriert er heute unsere Vision von
Europa.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß der Marshallplan sehr viel mehr war als das Bestreben, den durch
den Zweiten Weltkrieg verursachten physischen
Schaden zu beheben. Sein dauerhaftestes Vermächtnis ist heute nicht so sehr in den Stahlwerken, Eisenbahnschienen und Ländereien unserer reich ausgestatteten Gemeinschaft zu sehen, sondern in den
Institutionen, die Jahrhunderte europäischer Konflikte
überdauerten, über alte Denkweisen hinausgingen und
die Grundlage der westeuropäischen und transatlantischen Einheit bildeten.
Mit seiner Vision eines ungeteilten und freien Kontinents sollte der Marshallplan nicht das alte Europa

Seite 1

�wiederaufbauen.
aufbauen.

Er sollte ein völlig neues Europa

Unbeendet, weil 50 Jahre lang die östlichen Grenzen
der europäischen Integration nicht durch die Entscheidung freier Menschen oder die Interessen freier
Nationen bestimmt wurden, sondern durch die westlichen Grenzen des Vormarsches der Roten Armee im
Jahr 1945.

Rußland hat die Selbstisolierung abgelehnt. Es hat
beschlossen, sich an der europäischen Sicherheitszusammenarbeit zu beteiligen und von ihr zu profitieren während das Land seine Volkswirtschaft und
Gesellschaft in die Europas und der Welt eingliedert.
Die Grundakte ist das sicherste Zeichen, daß Rußland
seine Stärke, Sicherheit und die Beziehungen zu
seinen Nachbarn in einer neuen Weise definieren wird.
Rußland hat erkannt, daß Europa nicht in gegnerische
Blöcke geteilt sein sollte, die durch Pufferzonen
ausgeschlossener Staaten getrennt gehalten werden
müssen.

Vor zwei Tagen haben wir in Paris historische Schritte
über diese unnatürliche Trennlinie getan, als unsere
Staats- und Regierungschefs zusammen mit Präsident
Jelzin die Grundakte über die neuen Beziehungen der
NATO zu Rußland unterzeichneten.

Die Grundakte bedeutet nicht, daß Rußland die NATOErweiterung in irgendeiner Weise befürwortet - und
das haben wir auch nicht angestrebt. Wir wissen, daß
es Zeit erfordert, bis das Vertrauen in unseren Beziehungen den Prozeß des Wandels einholt.

Die NATO und Rußland hätten diesen Punkt nicht
erreicht, wenn es nicht in unserem gemeinsamen
Interesse gelegen hätte. Aber genausowenig würde
es ohne das Geschick von Generalsekretär Solana
eine Grundakte geben. Herr Generalsekretär, ich
gratuliere Ihnen zu einer bemerkenswerten Leistung.
Sie haben diesem Bündnis und unserer gemeinsamen
Zukunft außergewöhnlich gute Dienste geleistet.

Wir haben jedoch bereits demonstriert, daß unser
Streben nach Sicherheit in Europa, wie es Präsident
Clinton in Paris formulierte, "nicht ein Nullsummenspiel
ist, bei dem der Gewinn der NATO der Verlust Rußlands und Rußlands Stärke die Schwäche unseres
Bündnisses ist". Die NATO wird bald neue Verbündete
und stärkere Partner haben. Und das russische Volk
wird etwas haben, das es seit Jahrhunderten nicht
hatte: Einen echten, tragfähigen Frieden mit den
Nationen in seinem Westen.

Wir unternehmen Schritte, um die noch unbeendete
Arbeit heute zu erledigen.

Die Herausforderung für uns - und Rußland - besteht
jetzt darin, das Versprechen der Partnerschaft in eine
alltägliche Realität umzusetzen, indem wir der in der
Grundakte enthaltenen Tagesordnung und den
Mechanismen Leben einhauchen.
Lassen Sie uns kurz überdenken, was das bedeutet.
Es bedeutet, daß wir unser Ziel der Zusammenarbeit
mit Rußland ohne Veränderung der Kernfunktion der
NATO - der kollektiven Verteidigung - oder ihrer
anderen Qualitäten voranbringen, die sie zum erfolgreichsten Bündnis der Geschichte gemacht haben. Es
bedeutet, daß die praktische Zusammenarbeit der
russischen Streitkräfte mit den NATO-Truppen in
Bosnien sowie mit den NATO-Planern in Brüssel und
im Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in
Europa (SHAPE) als Gewohnheit angesehen wird. Es
bedeutet, daß wir zusammen mit Rußland handeln
können, wenn sich unsere Interessen decken und
offen und konstruktiv reden, wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben.
Aber es gibt noch etwas Wichtigeres.
Mit der Unterzeichnung der Grundakte haben Präsident Jelzin und Rußland eine so grundlegende
Entscheidung getroffen wie die Entscheidung für
Demokratie und freie Märkte, die das russische Volk
im Jahr 1991 fällte.

Seite 2

All dies geschah, weil die NATO vor drei Jahren ihre
eigene Entscheidung traf. Wir kleideten diese Entscheidung in eine einfache Frage. Würde unser
Bündnis für immer als eine Organisation von Ländern
bekannt sein, die sich einst gegen ein bedrohliches
Imperium gestellt hatten, das nicht mehr existiert?
Oder würde es als eine Organisation fähiger Demokratien bekannt sein, die sich zur Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft zusammengeschlossen
hatten?
Wir entschieden, wenn die zweite Antwort die richtige
war, dann würden die Missionen der NATO und die
Zahl ihrer Mitglieder wie während des Kalten Krieges
nicht ausreichen. Die NATO mußte ihre inneren
Strukturen anpassen und für neue Mitglieder offen
sein, die in der Lage sind, einen Beitrag erster Klasse
zu leisten.
Bei der inneren Anpassung haben wir große Fortschritte erzielt. Wir schaffen die Mittel, um bündnisintern statt getrennt von der NATO eine europäische
Sicherheits- und Verteidigungsidentität aufzubauen.
Wir setzen das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos um. Wir werden zur Verabschiedung der
wesentlichen Elemente einer neuen Kommandostruktur in Madrid bereit sein. Unsere europäischen
Verbündeten haben jetzt eine Chance, diese Möglichkeiten zu nutzen. Wir hoffen, daß sie es tun werden.

AMERIKA DIENST 11

�Die Partnerschaft für den Frieden gewinnt ebenfalls an
Bedeutung. Wir haben drei Jahre lang hart daran
gearbeitet.
Wir haben Dutzende von Übungen,
Hunderte von Austauschprogrammen durchgeführt.
Und unsere Partner haben hervorragend reagiert. Die
Erweiterungen, denen wir heute zustimmen, werden
bedeuten, daß sie mehr tun können als nur bei von der
NATO geleiteten Operationen zu üben und sich daran
zu beteiligen. Sie werden eine aktive Rolle bei der
Planung der Missionen spielen können, die wir gemeinsam unternehmen.
Wir erfüllen auch unsere Verpflichtung zur Stärkung
unserer Partnerschaft mit der Ukraine. Die von uns
heute paraphierte Charta, die unsere Staats- und
Regierungschefs in Madrid unterzeichnen werden,
trägt der entscheidenden Rolle der Ukraine für die
Zukunft Europas Rechnung. Sie spiegelt unsere
Verpflichtung zur Unterstützung der Souveränität und
Unabhängigkeit einer demokratischen Ukraine und die
Verpflichtung der Ukraine zur Integration in Europa
wider.
Morgen werden alle unsere Partner gemeinsam mit
uns am ersten Treffen des neuen euroatlantischen
Partnerschaftsrats teilnehmen.
Der EAPR bietet
sowohl den Verbündeten als auch den Partnern etwas,
das uns noch fehlt. Er bietet unseren Partnern einen
Platz am Tisch, wenn wir die Zukunft unserer Zusammenarbeit gestalten. Und er bietet uns einen
offiziellen politischen Dialog mit einer Gruppe von
Nationen, die noch enger mit der NATO kooperieren
werden - bei genau den Herausforderungen, mit denen
wir uns in Zukunft am ehesten konfrontiert sehen.
Diese Schritte werden zu der Gewährleistung beitragen, daß der Bereich der Belange der NATO immer
größer sein wird als der Bereich ihrer Mitglieder.
Zusammen mit den von unseren Partnern unternommenen Schritten zur Beilegung ihrer Differenzen
können sie sicherstellen, daß die Regionen Europas
auf der Landkarte nie wieder rot, blau - oder grau markiert sein werden.
Es erübrigt sich jedoch zu sagen, daß immer noch
viele Herausforderungen vor uns liegen.
Von jetzt bis zum Gipfeltreffen in Madrid sollten wir
wenn möglich in Wien Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Rahmenabkommen erzielen, das die
Grundelemente eines angepaßten Vertrags über
konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) enthält.
Die uns leitenden Prinzipien sind klar. Erstens dürfen
wir keine Schritte unternehmen, die die Fähigkeit der
NATO zur Erfüllung ihrer künftigen Verpflichtungen
unterminieren, ihre politische Evolution beeinträchtigen
und zukünftige Mitglieder zu einem Status zweiter
Klasse verurteilen würden. Zweitens muß jedes KSEAbkommen nicht nur den Interessen der 16 NATO-

AMERIKA DIENST 11

Verbündeten oder eines einzelnen Landes Rechnung
tragen, sondern denen aller 30 KSE-Staaten.
Beim Gipfel selbst werden unsere Staats- und Regierungschefs natürlich einige unserer Partner zur
Aufnahme der Beitrittsgespräche einladen. Die NATOErweiterung wird vielen Zwecken dienen. Es gibt
jedoch zwei grundlegende Ziele, die wir berücksichtigen müssen, wenn wir die Entscheidungen über die
Größe und Zusammensetzung der ersten Runde von
jetzt bis Madrid treffen.
Erstens wollen wir die NATO stärker und geschlossener machen, indem wir neue Mitglieder hinzufügen, die
zu einem Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheit
bereit und in der Lage sind. Wir möchten, daß die
erste Runde der Erweiterung als ein solider Erfolg
unter diesen Bedingungen angesehen wird und durch
eine starke Mehrheit in den Parlamenten und der
Öffentlichkeit unterstützt wird.
Zweitens möchten wir den Nationen Zentral- und
Osteuropas einen Anreiz zur richtigen Entscheidung
über ihre Zukunft bieten. Wir möchten sie zur Beilegung ihrer alten Streitigkeiten, Konsolidierung von
Demokratie sowie Respektierung der Menschenrechte
und internationalen Normen ermutigen. Genau das hat
die Aussicht auf Erweiterung bisher getan.
Diese beiden Ziele stellen uns vor eine doppelte
Herausforderung.
Erstens müssen wir weiterhin insistieren, daß die
Kandidaten für eine NATO-Mitgliedschaft möglichst
hohen Standards entsprechen, bevor sie zum Beitritt
eingeladen werden. Das Bündnis sollte nur jene
neuen Demokratien aufnehmen, die eindeutig die
höchsten Reformhindernisse überwunden und unter
Beweis gestellt haben, daß sie alle mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten erfüllen können.
Die NATO-Erweiterung ist kein Förderprogramm. Das
würde unser Bündnis schwächen, unsere Parlamente
in Alarmbereitschaft versetzen und unseren Plan
vereiteln, im Osten weitere Reformen zu ermutigen
und die Versöhnung zu fördern.
Ein zweiter und ebenso wichtiger Punkt: Wir müssen in
Madrid eine klare und glaubwürdige Verpflichtung
gegenüber den Nationen eingehen, die für eine
Mitgliedschaft noch nicht bereit sind. Wir müssen
zusagen, daß die ersten neuen Mitglieder nicht die
letzten sein werden und keine europäische Demokratie
aufgrund ihrer geographischen Lage ausgeschlossen
wird.
Die Nationen Europas, die sich noch um die Überwindung des Vermächtnisses von Diktatur und Konflikten bemühen und sich die NATO-Mitgliedschaft zum
Ziel gesetzt haben, müssen wissen, daß wir ihre

Seite 3

�Bestrebungen begrüßen. Sie müssen sicher gehen
können, daß vor der von uns versprochenen offenen
Türe keine unsichtbare Schranke steht. Sie benötigen
die Zuversicht, daß das Versprechen der Integration in
Europa real ist und am Ende des Tunnels der Reformen ein helles Licht brennt.
Stellen Sie sich bitte einmal vor, was geschehen
würde, wenn wir den bevorstehenden Gipfel als erste
und letzte Chance für einen NATO-Beitritt deklarieren
würden, als einmaliges Ereignis wie die Ankunft des
Kometen Hale-Bopp. Das würde in Madrid zu einem
wahnsinnigen Streit um eine Aufnahme ins Bündnis
und großer Enttäuschung unter denjenigen führen, die
außen vor bleiben.
Das wäre ein Rückschlag für all unsere Bestrebungen
zur Stärkung der Zusammenarbeit des Bündnisses mit
Nichtmitgliedsländern. Es würde alle positiven Anreize
unterminieren, die die Aussicht auf Kooperation und
letztlich eine NATO-Mitgliedschaft geben - auch auf
dem Balkan. Die dauerhaft Ausgeschlossenen würden
sich gegenseitig fürchten und könnten nicht auf uns
zählen. Dadurch würden sie in Versuchung geraten,
Sicherheit mit anderen Mitteln anzustreben, einschließlich eines Rüstungswettlaufs und anderer
destabilisierender Verhaltensweisen.
Wir können keinem Land versprechen, daß es eines
Tages der NATO beitritt. Wir können jedoch ein
Verfahren anbieten, das den von uns eingegangenen
Verpflichtungen Substanz verleiht und den beitrittswilligen Nationen zeigt, was sie tun und welche Veränderungen sie durchführen müssen, um eine Mitgliedschaft zu ermöglichen.
Mit anderen Worten: Ein Europa ohne Teilungen ist
kein Europa ohne Unterschiede. Diese Unterschiede
müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und
Gegebenheiten, nicht auf alter Geschichte oder
Geographie basieren.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß die NATO nach dem Gipfeltreffen in Madrid eine
neue Phase des Dialogs mit den beitrittswilligen
Ländern einleitet. Ein solcher Dialog wäre das deutlichste Anzeichen für die Erweiterungspläne der NATO
in den kommenden Jahren. Es wäre die wesentliche
Ergänzung zu unserer Entscheidung über die Frage,
wer aufgenommen wird.
Dieser Prozeß sollte genau verdeutlichen, was in
militärischer Hinsicht die Umsetzung unserer Verpflichtungen gemäß Artikel V und in politischer Hinsicht
die Vollmitgliedschaft in der NATO bedeutet, damit die
Kandidaten den Unterschied zwischen dem Status als
Partner und als Mitglied sehen.
Es geht nicht darum, bei unseren Partnern Hoffnungen
zu wecken, sondern sie zu konstruktiver Zusammen-

Seite 4

arbeit und Fortschritten zu veranlassen. Es geht nicht
darum, den Erweiterungsprozeß zu beschleunigen,
sondern ihn so zu gestalten, daß Effektivität und
Zusammenhalt des Bündnisses gewahrt werden.
Wir alle müssen beim Aufbau einer neuen und erweiterten NATO eine letzte Herausforderung bewältigen: Die Ratifizierung der Aufnahme neuer Mitglieder
durch unsere Parlamente. Das stellt für Präsident
Clinton und mich im kommenden Jahr die wichtigste
Aufgabe dar.
Wir können Verschiedenes unternehmen, um sie zu
vereinfachen.
Wir müssen unsere Gesetzgeber in den Prozeß
einbeziehen und sie bei allen Fragen konsultieren, die
wir diskutieren. Ich freue mich, daß uns eine Delegation von amerikanischen Kongreßabgeordneten unter
Leitung von Senator William Roth - dem Präsidenten
der Nordatlantischen Versammlung - nach Madrid
begleitet.
Wir dürfen auch nichts unternehmen, das darauf
hindeutet, daß wir den Ausgang des Verfahrens in der
Legislative für selbstverständlich halten. Nach Madrid
und insbesondere nach dem Abschluß der Beitrittsprotokolle will die NATO ihre Beziehungen zu den
potentiellen Mitgliedern weiterentwickeln. Das beinhaltet vollständige Transparenz hinsichtlich der Vorgehensweise des Gemeinsamen Rats der NATO und
Rußlands sowie der Arrangements zur Erleichterung
des Übergangs zur Mitgliedschaft. Wir sollten diesen
Nationen jedoch keinen offiziellen Status verleihen, der
die Ratifizierung präjudizieren und möglicherweise
gefährden würde.
Und schließlich müssen wir hinsichtlich der Kosten der
Erweiterung offen und ehrlich sein. Wir alle - alte und
neue Bündnismitglieder gleichermaßen - müssen unter
Beweis stellen, daß wir zur Übernahme unseres
Lastenanteils bereit sind, um die Glaubwürdigkeit der
wichtigsten Aufgabe der NATO - der kollektiven
Verteidigung - zu bewahren.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich noch ein
anderes Thema ansprechen, das für den Erfolg
unseres Bündnisses und unserer Vision von einem
geeinten, demokratischen Europa von elementarer
Bedeutung ist.
Bosnien erinnert uns daran, daß unsere Strategie der
Integration in Europa nur ein Mittel zum Zweck ist.
Was wir gemeinsam tun, ist viel wichtiger als die
Frage, wie wir zusammenkommen.
Unsere anfänglichen Sicherheitsziele in Bosnien sind
erreicht worden. Wir haben die Kämpfe beendet, die
Truppen entflochten und das Vertrauen verbessert.
Die landesweiten Wahlen waren erfolgreich. Es

AMERIKA DIENST 11

�wurden gemeinsame Institutionen ins Leben gerufen.
Der Wiederaufbau hat begonnen und die Wirtschaft
wächst wieder.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht zu
sagen, daß der Krieg vorüber ist. Es bleibt noch zu
viel zu tun. Zu wenige führende Politiker der Region
haben sich echter politischer und sozialer Integration
verschrieben.
Die SFOR hat nur noch ein Jahr vor sich. Wir sollten
nicht vergessen, daß ihre Aufgabe während dieses
Zeitraums nicht in der Bewahrung der Leistungen der
IFOR besteht, sondern in deren Fortsetzung. Unsere
Arbeit kann nicht als Erfolg gewertet werden, wenn wir
lediglich den Status quo sichern; wir müssen ihn
verbessern. Unser Ziel besteht darin zu gewährleisten, daß unsere Truppen Bosnien ohne die Angst
verlassen können, unsere Interessen bedrohende
neue Gewalt könnte sie eines Tages zur Rückkehr
zwingen.
Das setzt gleichzeitige Fortschritte an allen Fronten diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Front voraus. Beispielsweise konzentriert sich die SFOR
zwar weiterhin hauptsächlich auf die Implementierung
der militärischen Aspekte des Daytoner Abkommens,
muß aber auch im Rahmen ihrer Mandate und Fähigkeiten die wesentlichen zivilen Implementierungsaufgaben unterstützen. Sie muß zur Schaffung eines
sicheren Umfelds für die geregelte Rückkehr der
Flüchtlinge, den Einsatz gewählter Beamter in bestimmten Zielgebieten sowie für Wiederaufbauprojekte
- beispielsweise die zivile Luftfahrt und die Wiederherstellung der Kommunikation zwischen den Gebietskörperschaften - beitragen.
Wenn die Parteien ihren Rüstungskontrollverpflichtungen nicht nachkommen, hat der Befehlshaber der
SFOR auch die Option, Bewegungen und Ausbildung
des Militärs zu beschränken.
Die vollständige Einhaltung muß auf jedem Gebiet
unser Ziel sein. Und auch wenn dieses Ziel nicht mit
Gewalt durchgesetzt werden kann, werden wir denjenigen, die sich ihm widersetzen, unsere Hilfe verweigern. Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten
Landes beiträgt, das den Menschen hilft, die zum
Erfolg des Daytoner Abkommens beitragen.
Das beinhaltet die uneingeschränkte Befolgung der
Anordnungen des Kriegsverbrechertribunals. Aus die-

*

AMERIKA DIENST 11

sem Grund bin ich zuversichtlich, daß für die Greueltaten, von denen Bosnien vier Jahre lang heimgesucht
wurde, ein Preis gezahlt wird. Bis er von denen
bezahlt wird, die diese Verbrechen begingen, wird er
von denjenigen gezahlt, die den Verbrechern Schutz
gewähren.
Wir werden das Unsrige tun, um den Menschen im
ehemaligen Jugoslawien die Ziele von Dayton verständlich zu machen. Wir möchten Südosteuropa zu
einem Teil der europäischen Hauptströmung machen.
Wir möchten, daß ein friedliches, geeintes Bosnien
seinen Platz in einem friedlichen, geeinten Europa
einnimmt. Und ich bin überzeugt, daß das eines
Tages der Fall sein wird.
Ich weiß, daß zur Zeit gerne behauptet wird, die
Euphorie, die ganz Europa 1989 erfaßte, sei naiv
gewesen und unsere Ziele seien bescheidener
geworden.
Wenn wir jedoch realistisch hinsichtlich des ruinösen
Vermächtnisses der Teilung Europas im Kalten Krieg
sind, haben wir allen Grund, uns über die bei ihrer
Überwindung gemachten Fortschritte zu freuen.
Die transatlantische Partnerschaft ist stark und für die
Bewältigung neuer Herausforderungen gerüstet.
Unsere europäischen Partner stärken ihre internen
Bande und beziehen den Osten ein. Wirkliche Freiheit
mit all ihren realen Unzulänglichkeiten hat in fast ganz
Zentraleuropa und der ehemaligen Sowjetunion Fuß
gefaßt.
Heute wollen die Menschen in praktisch jeder europäischen Nation - von der aufstrebenden Mittelschicht in
Estland und Polen über die jungen Demonstranten für
die Freiheit in Bulgarien und Serbien - Teil der zu
schaffenden Gemeinschaft sein. Und wir sind bereit,
sie willkommen zu heißen.
Meines Erachtens wird sich der Optimismus des
Jahres 1997 als bedeutungsvoller und dauerhafter
erweisen als die Begeisterung von 1989. Denn er
beruht nicht auf flüchtigen Hoffnungen, sondern auf
soliden Errungenschaften.
Es ist für mich ein großes Privileg, in den kommenden
Monaten und Jahren mit Ihnen an der Konsolidierung
dieser Errungenschaften zusammenzuarbeiten. Ich
freue mich über diese Chance und auf das Wiedersehen mit Ihnen allen in Madrid.

* * *

*

Seite 5

�EAPR
11.Juni 1997

Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft
Rede der Außenministerin beim EAPR

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Albright anläßlich der Gründung
des Euroatlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) am 30. Mai 1997.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen. Wir kommen
heute hier zusammen, um einen weiteren Schritt zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnerländern zu unternehmen. Wir beenden
die Arbeit des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und gründen den Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR).
Ich möchte einige Worte darüber sagen, wie wir an
diesem Punkt angelangt sind und wohin wir meines
Erachtens von hier gehen sollten.
Vor sechs Jahren, als der NAKR gegründet wurde,
waren die Überreste der Berliner Mauer noch sichtbar
und freie Institutionen begannen gerade erst, im Osten
Fuß zu fassen. Alle stimmten überein, daß etwas
getan werden mußte, um das ungeteilte Deutschland
zusammenzubringen.
Aber nicht alle stimmten
überein, was getan werden sollte.
Einige glaubten, daß in der Welt nach dem Kalten
Krieg alle Institutionen, an die wir uns gewöhnt hatten,
abgeschafft würden. Die NATO würde den Weg des
Warschauer Pakts gehen und aussterben, und wir
würden Hand in Hand in ein gemeinsames europäisches Haus gehen - eine Gemeinschaft, die alle
einbezog, aber keinem echte Pflichten auferlegte.
Andere nahmen an, unsere Herausforderung in
Zentral- und Osteuropa bestehe nur in der Bereitstellung von Hilfe und Rat. Sie hatten es nicht eilig,
unsere Institutionen Nationen und Völkern zu öffnen,
die fremd, weit entfernt und unaussprechlich schienen.
Mehr als alles andere lehrte der Krieg im ehemaligen
Jugoslawien uns, daß wir uns bei unserem Verhalten

AMERIKA DIENST 11

gegenüber den neuen Demokratien Europas weder
Unbestimmtheit noch Indifferenz leisten können.
Der Aufbau eines friedlichen, integrierten Europas war
ein vordringliches Ziel, das einen praktischen Plan und
erprobten Ansatz erforderte. Aus diesem Grund
entschieden wir, die Institutionen, die uns so lange so
gut gedient hatten - angefangen mit der NATO und der
EU - anzupassen und zu erweitern.
Der von zweien unserer herausragenden Vorgänger James Baker und Hans-Dietrich Genscher - ins Leben
gerufene NAKR war die erste Brücke, die die NATO
über die Trennlinie in Europa baute. Es war ein guter
Anfang. Unter anderem half er uns bei der ersten
Anpassung des KSE-Vertrags nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber jetzt haben wir sehr viel
mehr getan.
Die NATO beendete den Krieg in Bosnien - und unsere
Partner teilen jetzt mit uns die gleichen Risiken und
Errungenschaften.
Die Partnerschaft für den Frieden hat die Zusammenarbeit zwischen unseren Streitkräften so reibungslos,
kontinuierlich und erfolgreich gemacht, daß sie heute
schon selbstverständlich erscheint.
Und gestern
haben die NATO-Minister neue Maßnahmen verabschiedet, die unseren Partnern die Beteiligung an
der Planung und Umsetzung praktisch jeder von uns
durchgeführten Mission gestatten.
Die NATO und Rußland haben die Grundakte über ihre
neuen Beziehungen unterzeichnet.
Und gestern
haben die NATO und die Ukraine eine Charta para-

Seite 1

�phiert, die ihre spezielle Partnerschaft auf eine neue
Ebene bringt.

der Tagesordnung der NATO sowie der Tagesordnung
des EAPR stehen.

In 40 Tagen werden wir die erste Gruppe von Partnern
einladen, dem Bündnis beizutreten. Gestern habe ich
die NATO vor dem Nordatlantikrat zu einer klaren und
glaubwürdigen Zusage aufgefordert, daß die ersten
neuen Mitglieder nicht die letzten sein werden.

Vor allem unsere gemeinsamen Bestrebungen in
Bosnien erinnern uns daran, daß unsere neue Partnerschaft kein Mittel zum Zweck, sondern ein Aktionsinstrument ist.

Mit anderen Worten: Wir sind weit über den reinen
Dialog und die Zusammenarbeit hinausgegangen.
Heute streben wir die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft an. Wir machen
ein Europa gemeinsamer Ideale zu einem Europa
gemeinsamer Pflichten.
Das ist das Ziel, das der EAPR verkörpern muß.
Wir erarbeiten gemeinsam eine neue Struktur. Der
EAPR wird der Partnerschaft für den Frieden eine
politische Dimension verleihen. Er wird der Ort sein,
an dem die Partner zur Gestaltung von Missionen wie
der IFOR und SFOR beitragen, die wir gemeinsam
durchführen. Er wird unsere Verteidigungsplanung in
Einklang bringen. Dort werden wir Konsultationen
über Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von
Massenvernichtungswaffen,
Terrorismus,
zivile
Notstände und Katastrophenhilfe sowie das gesamte
Spektrum von Friedensunterstützungsoperationen
führen. Er wird zu der Gewährleistung beitragen, daß
die Partner am Verhandlungstisch sind, wenn wir
unsere gemeinsamen Unternehmungen planen - und
auf dem Boden, wenn wir sie umsetzen.
Er wird nicht nur der Ort für diejenigen sein, die eine
Mitgliedschaft in der NATO anstreben, sondern auch
für diejenigen, die sich dagegen entscheiden. Und er
wird unsere gemeinsamen Bestrebungen in der OSZE
ergänzen.
Der EAPR ist Teil einer umfassenderen Struktur, die
wir zur Verhinderung künftiger Konflikte in Europa
aufbauen. Er verkörpert unsere Auffassung, daß wir
mehr tun müssen, als nur auf Krisen zu reagieren daß wir dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub
leisten, wenn wir auf das Entstehen einer Bedrohung
warten.
Gleichzeitig wäre es unverantwortlich, unsere gesamte
Zeit auf einen großartigen Entwurf der Zukunft zu
verwenden, wenn wir die realen Bedrohungen für das
menschliche Leben und die Freiheit ignorieren, mit
denen sich Europa zur Zeit konfrontiert sieht. Heute
müssen viele dieser Bedrohungen in Südosteuropa
angegangen werden. Unser Ziel muß der Aufbau von
Stabilität in dieser Region sein, während wir gleichzeitig Fortschritte bei unseren Bemühungen zur
Anpassung der NATO und Gestaltung eines ungeteilten Europa erzielen. Dieses Ziel sollte weit oben auf

Seite 2

Die SFOR-Mission wird noch ein weiteres Jahr in
Bosnien stationiert bleiben. Wir werden unsere Zeit
nicht aufs Spiel setzen. Wir sind entschlossen, den
Status quo zu verbessern, nicht nur zu bewahren. Wir
werden uns nicht mit weniger zufriedengeben als der
uneingeschränkten Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben die Verantwortung sicherzustellen, daß
unsere Truppen ohne die Furcht abziehen können,
daß die unsere Interessen bedrohende Gewalt wieder
ausbricht. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten eine Wiederbelebung der zivilen Aspekte des
Daytoner Abkommens gefordert. Die Risiken des
Zurückschreckens vor dieser Verantwortung sind sehr
viel größer als die Risiken ihrer Übernahme.
Albanien ist ein weiteres Beispiel der Art von Krise, der
wir uns in den kommenden Jahren in Europa und
darüber hinaus gegenübersehen und der Notwendigkeit der NATO und des EAPR, gemeinsam mit der
OSZE unsere Anstrengungen auf die Verhinderung
von Konflikten zu konzentrieren. Die Zusammensetzung der multinationalen Streitmacht in Albanien
erinnert uns auch daran, daß die Friedensoperationen
in Europa von jetzt an von Verbündeten und Partnern
durchgeführt werden, die zusammenarbeiten.
Ich beglückwünsche Italien, Frankreich, Rumänien und
die anderen Mitglieder der multinationalen Streitmacht
zu ihrer Führungsrolle bei der Reaktion auf diese
Krise. Meines Erachtens sollte die NATO jetzt in
absehbarer Zukunft ein Bewertungsteam des Obersten
Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte in Europa
(SHAPE) nach Albanien entsenden um festzustellen,
wie das Bündnis zu einem funktionierenden, demokratisch kontrollierten Militär in diesem Land beitragen
kann. Die Ergebnisse einer solchen Mission sollten im
EAPR erörtert werden, so daß wir alle effektiv auf die
Wiederherstellung von Stabilität in dieser krisengeschüttelten Region hinarbeiten können.
Die ehemalige Republik Mazedonien ist ein weiteres
Pulverfaß in Südosteuropa. Die Präventiveinsatztruppe der Vereinten Nationen ist seit 1992 stationiert,
und wir begrüßen die gestrige Erneuerung ihres
Mandats. Wenn wir uns zu einem Abzug der UNStreitmacht entscheiden, wird der EAPR der geeignete
Ort für die Diskussion darüber sein, wie wir konstruktiv
engagiert bleiben können.

AMERIKA DIENST 11

�Aus all diesen Gründen bin ich überzeugt, daß der
EAPR unseren Interessen dienen wird, unabhängig
davon, ob die NATO sich für die Aufnahme neuer
Mitglieder entschieden hätte oder nicht. Denn mit
diesem Rat und seinen Mitgliedern werden wir unsere

gemeinsame Reaktion auf die wahrscheinlichsten
Eventualfälle erarbeiten, mit denen wir uns jetzt in
Europa konfrontiert sehen. Ich freue mich, daß wir
heute beginnen können.

* * * * *

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�BOSNIEN
11. Juni 1997

Daytoner Abkommen muß von allen
Parteien eingehalten werden
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Außenministerin Madeleine
Albright am 30. Mai 1997 in Sintra beim Ministertreffen des Rates zur Implementierung des Friedens in Bosnien
hielt.

Verehrte Kollegen, zunächst möchte ich Carl Bildt für
die von ihm während der letzten anderthalb Jahre und
zuvor geleistete ausgezeichnete Arbeit für den Frieden
in Bosnien danken.
Das Amt des Hohen Repräsentanten ist für unsere
Bestrebungen zur Durchsetzung des DaytonerAbkommens von zentraler Bedeutung. Wir begrüßen
die Entscheidung für Carlos Westendorp und sehen
der intensiven Zusammenarbeit mit ihm erwartungsvoll
entgegen. Er wird wahrscheinlich die internationale
Staatengemeinschaft eindringlich um Hilfe bitten.
Wir sind unter anderem hier in Sintra, weil die NATO
an der Spitze gemeinsamer Bestrebungen zum Aufbau
eines vollkommen friedlichen und freien Europas ohne
Mauern steht. Wir nehmen an diesem Ministertreffen
teil, weil wir uns bewußt sind, daß unsere Vision von
Europa erst dann realisiert werden kann, wenn wir das
Daytoner Abkommen über den Frieden in Bosnien
vollständig umsetzen.
Die Implementierung der Vereinbarungen von Dayton
war schon immer ein ehrgeiziges Ziel. Manche sind
der Ansicht, es könne nichts unternommen werden,
um den Haß und die Spaltungen zu überwinden, die
den Frieden in Bosnien immer noch bedrohen ebenso wie früher manche glaubten, es könne nichts
zur Beendigung des Krieges unternommen werden.
Wir sind zur Durchsetzung des Daytoner Abkommens
entschlossen - nicht aus Sturheit, sondern weil wir
Realisten sind.

AMERIKA DIENST 11

Denn es gibt keine Alternative zu Dayton außer dem
Schrecken, dem das Abkommen ein Ende setzte. Es
gibt keine Alternative zu einem geeinten Bosnien außerdem Wiederaufflammen der Gewalt, zu dem ein
Scheitern unweigerlich führen würde.
Dayton war als Abmachung zwischen der internationalen Gemeinschaft einerseits und den Parteien in
Bosnien andererseits konzipiert.
Wir sind entschlossen, unseren Teil dieser Abmachung
einzuhalten.
Unsere ersten Sicherheitsziele sind bereits erreicht
worden. Die Streitkräfte wurden entflochten und
zahlenmäßig verringert; es wurden vertrauensbildende
Maßnahmen ergriffen und alle schweren Waffen in den
Quartieren eingelagert.
Die Vereinigten Staaten
arbeiten im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms mit anderen Ländern an der
Stabilisierung des langfristigen Sicherheitsumfelds
zusammen. Die Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Entschärfung von Landminen
haben möglicherweise mehr Menschenleben gerettet
als uns bewußt ist.
All dies hat in Bosnien den Übergang von einem
Kriegsgebiet zu einem Wirtschaftsgebiet ermöglicht.
Die wichtigsten Straßen, Eisenbahnverbindungen und
Brücken werden wieder aufgebaut. Grundlegende
Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung
werden wieder bereitgestellt. Die Wirtschaft wächst
wieder.

Seite 1

�Auch der politische Wiederaufbau ist im Gange. Es
wurden landesweit friedliche Wahlen veranstaltet. Und
es wurden alle drei Volksgruppen einbeziehende
Institutionen gegründet, die ihre Arbeit aufgenommen
haben.
Heute beglückwünsche ich alle drei Parteien zu einem
entscheidenden Fortschritt bei der Annahme des
letzten Elements eines Startpakets elementarer
Wirtschaftsgesetze. Dies ist ein klares Anzeichen für
die Entschlossenheit der Parteien nach dem Anfang
dieser Woche erzielten Übereinkommen über die
Zentralbank und die Zollgesetze, die beide die Grundlage für eine Vereinbarung mit dem IWF darstellen.
Ich möchte Carl Bildt und Michael Steiner für ihre harte
Arbeit bei der Erlangung dieses Abkommens danken.
Die Vereinigten Staaten waren stolz auf ihre Mitwirkung, die Parteien zu diesem wichtigen Schritt
gedrängt zu haben, wie auch ich es bei meiner
Zusammenkunft mit den drei Präsidenten vor zwei
Stunden tat.
Die internationale Staatengemeinschaft muß noch viel
unternehmen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Vor allem können wir nicht zulassen, daß so
viele unserer obersten Prioritäten in Bosnien keine
Finanzmittel erhalten.
Wenn wir dauerhafte öffentliche Sicherheit in Bosnien
wünschen, müssen wir die Polizei ausbilden und
ausrüsten. Wenn wir möchten, daß das bosnische
Volk die Verantwortung für die Gestaltung seiner
Zukunft übernimmt, müssen wir die bevorstehenden
Kommunalwahlen angemessen unterstützen. Wenn
wir die Rückkehr der Flüchtlinge wünschen, müssen
wir unseren Teil zur Unterstützung der Vermögenskommission beitragen, die über widersprüchliche
Ansprüche entscheidet.
Solange die Parteien ihren Verpflichtungen nachkommen, müssen wir bei der bevorstehenden Konferenz der Geberländer bereit sein, das Ziel von neuen
Zusagen in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar zu erreichen.
Die erzielten Fortschritte reflektieren außengewöhnliche internationale Bestrebungen, die Beiträge von 48
Ländern und Dutzenden multilateraler und privater
Organisationen beinhalten. Dieses Unternehmen bot
eine Chance, die viele Bosnier zum Wiederaufbau
ihres Lebens sowie zur Verbesserung der Zukunftsaussichten für ihre Kinder nutzten.
Wir müssen bei unserer Einschätzung der Leistungen
vieler Politiker dieses Landes, von denen einige heute
hier sind, jedoch offen und ehrlich sein.
Mit wenigen Ausnahmen haben sie keine echte
politische und soziale Integration gefördert. Die

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dreigeteilten politischen Institutionen verwirklichen bei
weitem nicht ihr Potential. Die Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre Heimat stößt weiterhin
auf Widerstand. Insbesondere Srpska ist bei der
Erfüllung seiner Rüstungskontrollverpflichtungen weit
in Verzug.
Die grundlegenden Menschenrechte unterliegen
Beschränkungen. Viele Bosnier haben keinen Zugang
zu freien Medien. Die Zusammenarbeit mit dem
Kriegsverbrechertribunal ist mangelhaft.
Die Parteien können nicht auswählen, welchen
Elementen des Daytoner Abkommens sie den Vorzug
geben und welche sie lieber ignorieren. Das Lenkungsgremium spricht mit einer Stimme wenn wir
sagen, daß es kein business as usual für die Politiker
und Militärs in Bosnien geben wird, wenn die wichtigsten Aspekte der Implementierung nicht befolgt
werden.
Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder
unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten Landes
beiträgt oder den Menschen hilft, die zum Erfolg des
Daytoner Abkommens beitragen. Diese Botschaft
werde ich an diesem Wochenende mit nach Bosnien,
Kroatien und Serbien nehmen.
Das beinhaltet beispielsweise, daß wir den Kommunalbehörden keine Wirtschafthilfe gewähren, die die
Rückkehr der Flüchtlinge blockieren - seien es kroatische Behörden, die zulassen, daß in Drvar serbische
Häuser niedergebrannt werden oder serbische
Behörden, die zulassen, daß in Gajevi muslimische
Häuser zerstört werden.
Für die Vereinigten Staaten bedeutet das, daß unser
neues Unterstützungsprojekt Open Cities Support
Project nur die Gemeinden unterstützt, die bereit sind,
den ethnischen Minderheiten angehörenden Flüchtlingen eine sichere Heimkehr zu ermöglichen. Uns
stehen 8,6 Millionen Dollar zur Wiederherstellung von
Gebäuden, Gewährung von landwirtschaftlicher Hilfe
und Geschäftskrediten sowie zur Ausbildung von
Arbeitnehmern in bestimmten Gemeinden zu Verfügung.
Das bedeutet, Beamte, die betrügen oder die bevorstehenden Wahlen fälschen wollen, dürfen nicht
kandidieren.
Das bedeutet, wir engagieren uns dafür sicherzustellen, daß Ende dieses Jahres jede Gemeinde einer
bestimmten Größe in jedem Teil Bosniens Zugang zu
unabhängigen Rundfunk- und Fernsehberichten hat,
die keine Falschinformationen oder Haß verbreiten.
Das bedeutet, daß das Ausmaß unserer Unterstützung
für die beiden Gebietskörperschaften von deren

AMERIKA DIENST 11

�Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal abhängt.
Das bedeutet, wenn die bosnische Regierung nicht bis
Ende dieses Sommers Botschafter nominiert und
bestätigt, die die neuen gemeinsamen Institutionen
vertreten, werden wir nicht mit denen verhandeln, die
über die festgesetzte Zeit hinaus im Amt bleiben.
Das bedeutet, unsere Fähigkeit zur Veranstaltung der
Konferenz der Geberländer hängt von der Bereitschaft
der Parteien zur Durchsetzung des neuen vereinbarten
Pakets elementarer Wirtschaftsgesetze ab.
Und vor allem bedeutet es, daß die Parteien weder der
internationalen Staatengemeinschaft beitreten noch
von der Zugehörigkeit zur europäischen oder globalen
Wirtschaft profitieren können, bis sie bei der Einhaltung des Daytoner Abkommens größere Fortschritte
machen. Das trifft auch auf Kroatien und Serbien zu die ihre in Dayton eingegangenen Verpflichtungen
erfüllen müssen, auch im Hinblick auf Kriegsverbrecher.
Ich möchte nicht die bereits erzielten bemerkenswerten Fortschritte verschweigen.
Der Krieg ist
beendet. Heute sprechen wir über die Bestrafung von
Kriegsverbrechen und brauchen nicht mehr zu bera-

*

AMERIKA DIENST 11

ten, wie wir ihnen ein Ende setzen können.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht aus
zu sagen, daß die Kämpfe beendet wurden. Wir
müssen den Blick auf die Zukunft richten und uns
fragen, wie Bosnien in fünf oder zehn Jahren aussehen wird.
Schließlich sind die wichtigsten Wahlen nicht die von
1996 oder 1997, sondern die von 1998, wenn das
Mandat der SFOR ausgelaufen ist, sowie jede danach
abgehaltene ehrliche Wahl.
Die wichtigsten Kinder sind nicht nur diejenigen, die wir
heute in ihre Heimat zurückbringen können, sondern
diejenigen, die heute geboren werden und nie die
Angst und den Schmerz kennenlernen sollten, die eine
Flucht mit sich bringt.
Die wichtigste Sicherheit ist nicht nur, daß heute in
Sarajevo kein Gewehrfeuer zu hören ist, sondern die
Gewährleistung eines friedlichen Bosnien in einem
friedlichen, geeinten Europa.
Das - und nichts Geringeres - müssen unsere Ziele
sein. Zu ihrer Erlangung verspreche ich, mein Bestes
und das Beste der Vereinigten Staaten zu geben, und
ich erbitte von Ihnen dasselbe.

* * *

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geist des Marshallplan muss für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus wirken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Integration Europas hängt vom Daytoner Abkommen ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen Mitgliedern und neuen Partnern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in West Point&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Grundakte bedeutet Aufgabe der Selbstisolierung Russlands&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. EAPR&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und der transatlantischen Gemeinschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin beim EAPR&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Daytoner Abkommen muss von allen Parteien eingehalten werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Madeleine Albright&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

25. Juni 1997

12

G-8

GIPFEL IN DENVER IST VORBEREITUNG
AUF ZUKÜNFTIGE GLOBALE
HERAUSFORDERUNGEN
Radioansprache von Präsident Clinton

GESELLSCHAFT

CLINTON: VIELFALT IST VON
ELEMENTARER BEDEUTUNG
Rede des Präsidenten in San Diego

WIRTSCHAFT

RUBIN FORDERT FORTGESETZTES
INTERNATIONALES ENGAGEMENT
DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Finanzministers

AUSSENPOLITIK

THEMEN DER GESAMTEUROPÄISCHEN
SICHERHEITSPOLITIK
Ansprache von J.D. Bindenagel

TERRORISMUS

TERRORISMUS, DIE MEDIEN UND DAS
21. JAHRHUNDERT
von Raphael F. Perl

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�G-8
25. Juni 1997

Gipfel in Denver ist Vorbereitung
auf zukünftige globale Herausforderungen
Radioansprache von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Radioansprache, die Präsident Clinton im Vorfeld des
vom 20.-22. Juni 1997 in Denver abgehaltenen Wirtschaftsgipfels der Staats- und Regierungschefs der acht
führenden Industriestaaten hielt.

Guten Morgen. Ich spreche heute aus Denver (Colorado) zu Ihnen, wo die Staats- und Regierungschefs
der führenden demokratischen Industriestaaten am
G-8-Gipfel teilnehmen. Während der nächsten zwei
Tage werden die Augen der Weltöffentlichkeit auf
Denver und Amerika ruhen, und wir haben allen
Grund, stolz zu sein.
Unsere Volkswirtschaft ist die gesündeste seit einer
Generation und die stärkste der Welt mit der niedrigsten Arbeitslosenquote seit 24 Jahren, der niedrigsten
Inflationsrate seit 30 Jahren, der größten Verringerung
der Ungleichheit unter unseren Arbeitnehmerfamilien
seit den sechziger Jahren und mehr als 12 Millionen
neuen Arbeitsplätzen. Unsere Exporte befinden sich
auf dem Höchststand. Wir bahnten einen neuen Weg
zu Wohlstand und Sicherheit mit einer Strategie zum
Abbau des Haushaltsdefizits, Investitionen in unsere
Menschen und der Öffnung der Welt für unseren
Handel. Amerika ist bereit zur Übernahme einer
Führungsrolle im 21. Jahrhundert, wie wir sie schon im
zu Ende gehenden 20. Jahrhundert innehatten.
Heute möchte ich darüber sprechen, warum dieser
Gipfel für unsere Nation und unser Volk von Bedeutung ist und was wir dort erreichen wollen. Die
führenden Staats- und Regierungschefs der Vereinigten Staaten, Kanadas, Frankreichs, Deutschlands,
Italiens, Großbritanniens, Japans, der Europäischen
Union und Rußlands werden an einem Tisch sitzen.
Die Tatsache, daß sie zusammenkommen, sagt schon
alles über die Welt von heute aus. Unsere Heimatländer liegen Tausende von Kilometern voneinander
entfernt, aber das durch die Revolution im
Technologie-, Verkehrs- und Kommunikationsbereich

AMERIKA DIENST 12

angekurbelte Wachstum der Weltwirtschaft hat uns alle
einander nähergebracht. Und die Tatsache, daß ein
demokratisch gewählter Regierungschef Rußlands
erstmals einem dieser jährlichen Treffen von Anfang
bis Ende beiwohnt, zeigt, wie weit wir seit den Tagen
des Kalten Krieges gekommen sind.
Dieser Moment der Möglichkeiten bietet enorme
Chancen für all unsere Völker - Ideen, Waren und
Dienstleistungen, Technologie und Kapital überqueren
die Grenzen schneller denn je, bereichern unser
Leben auf vielfältige Weise und erhöhen unseren
Wohlstand. Aber während sich der Fortschritt schnell
auf der Welt verbreitet, kann das bei Problemen
ebenfalls geschehen. Eine Währungskrise in einem
Land kann auch weit über seine Grenzen hinaus
Erschütterungen verursachen, Arbeitsplätze und
Stabilität in einem völlig anderen Teil der Welt gefährden. Moderne Technologien und offenere Grenzen
tragen zum Prosperieren der Unternehmen bei können aber auch Terroristen, Drogenhändlern und
Verbrechern beim Planen und Verwischen ihrer
Spuren behilflich sein.
Vermehrte Reisen und Handel setzen unsere Menschen neuen Kulturen und Chancen aus, aber auch
der Verbreitung gefährlicher Krankheiten, gegen die
keine Nation immun ist. Und die Verschlechterung der
Qualität der Umwelt in einem Land kann zu globalen
Problemen beitragen, die die Lebensqualität aller
verschlechtern.
In den vergangenen vier Jahren haben wir hart
gearbeitet, um gemeinsame Maßnahmen gegen diese
Bedrohungen zu ergreifen und diese gemeinsamen

Seite 1

�Maßnahmen zum zentralen Bestandteil unserer
Gipfeltreffen zu machen. Hier in Denver werde ich
weitere Schritte zum Schutz unserer Bürger vor diesen
Bedrohungen ankündigen. Vor zwei Jahren, als wir in
Halifax zusammenkamen, vereinbarten wir Zusammenarbeit zur Abwendung von Finanzkrisen und deren
Verbreitung im Falle ihres Auftretens. Inzwischen
haben sich unsere Finanzminister auf die Schaffung
eines globalen Netzwerks von Bank- und Marketingvertretern zur Überwachung der Finanzpolitik der
jeweiligen Länder und riskanter Maßnahmen geeinigt.
Unsere Zusammenarbeit wird verhindern, daß ein
Finanzschock im Ausland den Wohlstand hier bei uns
zu Hause bedroht.
Wir arbeiten auch mit den Entwicklungsländern an der
Verabschiedung solider Finanzpraktiken zusammen,
so daß ihre Märkte ungestört funktionieren, sie stabile
Unternehmen aufbauen sowie Handel und Investitionen anziehen können. Diese aufstrebenden Volkswirtschaften sind die am schnellsten wachsenden der
Welt. Ihnen bei der Schaffung von mehr Wohlstand
behilflich zu sein, bedeutet größere Chancen für
amerikanische Exporte und bessere amerikanische
Arbeitsplätze.
Wir werden auch unseren Kampf gegen Grenzen
mißachtende neue Kräfte der Zerstörung fortsetzen.
Als wir im vergangenen Jahr in Lyon zusammenkamen, vereinbarten wir eine Reihe von Maßnahmen zur
Bekämpfung von Terrorismus und organisiertem
Verbrechen. In der Zwischenzeit haben wir konkrete
Schritte durchgeführt, von der Verbesserung der
Flugsicherheit bis zur Verweigerung von Zuflucht für
Verbrecher. Darüber hinaus haben wir beträchtliche
Fortschritte bei der Verbesserung der Sicherheit und
sicheren Lagerung von Nuklearmaterial erzielt - was
ohne Rußland als Partner einfach nicht möglich
gewesen wäre.
Gemeinsam arbeiten die Acht auf die verschärfte
Kontrolle von Plutonium aus zerlegten Gefechtsköpfen

*

Seite 2

hin, damit es nicht in die falschen Hände gerät. Um
Nuklearschmuggel besser zu verhindern und solche
Fälle zu ermitteln, haben wir ein rasches Reaktionsnetz aufgebaut und die Zusammenarbeit zwischen
Strafverfolgungs- und Zollbehörden, den Nachrichtendiensten sowie die Arbeit unserer Gerichte verbessert,
damit wir die Quellen von geschmuggeltem Nuklearmaterial besser ausmachen können. Bald werden sich
uns über 20 zusätzliche Länder in Europa und Zentralasien bei diesen gemeinsamen Unternehmungen
anschließen.
In diesem Jahr werden wir eine weitere globale
Herausforderung in Angriff nehmen: Die Verbreitung
von ansteckenden Krankheiten. Viele glauben, daß
dies eines der gravierendsten Probleme des 21.
Jahrhunderts sein wird. Ich werde auf ein Abkommen
zur gemeinsamen Entwicklung eines globalen Krankheitsüberwachungsnetzes drängen, das frühzeitig über
den Ausbruch einer Krankheit informiert, so daß wir
rasch und effektiv reagieren können. Um diese
Reaktion zu koordinieren, damit wir die richtigen
Medikamente so schnell wie möglich dort zur Verfügung haben, wo sie benötigt werden, und zur Stärkung
des öffentlichen Gesundheitssystems - insbesondere
in den Entwicklungsländern - werde ich ferner die
anderen Staats- und Regierungschefs bitten, sich
Amerika bei der vehementen Suche nach einem
HIV/AIDS-lmpfstoff anzuschließen, wie ich bereits im
vergangenen Monat in meiner Rede vor der Morgan
State University in Maryland gefordert habe.
Das Treffen der Acht ist Teil der von uns unternommenen umfassenderen Bestrebungen zur Gestaltung der
Welt, damit sie die Herausforderungen in dem vor uns
liegenden Jahrhundert meistern kann. Wir wissen,
wenn wir unsere Stärke, unsere Erfahrung und unsere
Ideen koordinieren, haben wir eine sehr viel bessere
Chance auf Erfolg. Und für die amerikanischen
Familien bedeutet dies mehr Wohlstand, mehr Frieden
und mehr Sicherheit für unsere Kinder.

* * *

*

AMERIKA DIENST 12

�GESELLSCHAFT
25. Juni 1997

Clinton: Vielfalt ist von elementarer Bedeutung
Rede des Präsidenten in San Diego

SAN DIEGO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede, die Präsident Clinton am 14.
Juni 1997 im Rahmen einer Abschlußfeier an der University of California in San Diego hielt. Darin konzentriert
sich der Präsident auf die Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten und stellt einen Plan vor, den Dialog
zu fördern und Rassentrennung auf allen Gebieten zu überwinden.

Heute feiern wir Ihre Leistungen in einem für Amerika
wahrhaft glücklichen Moment. Der Kalte Krieg ist
vorüber und überall auf der Welt ist die Freiheit auf
dem Vormarsch. Mehr als die Hälfte der Menschen
weltweit leben erstmals unter einer Regierung ihrer
Wahl.
Unsere Wirtschaft ist die gesündeste seit einer Generation und die stärkste der Welt. Unsere Kultur, unsere
Wissenschaft und unsere Technologie versprechen
unvorstellbare Fortschritte und interessante neue
Berufswege. Dank unserer Bestrebungen bekommen
wir unsere sozialen Probleme - von Kriminalität bis
Armut - endlich in den Griff.
Natürlich liegen vor Ihnen noch Herausforderungen.
Jenseits unserer Grenzen müssen wir Terrorismus,
organisiertes Verbrechen und Drogenhandel, die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
sowie potentielle neue Krankheiten und Umweltkatastrophen bekämpfen.
In unserem Land müssen wir sicherstellen, daß jedes
Kind die Chance zur Entwicklung seiner von Gott
gegebenen Fähigkeiten erhält. Wir dürfen den Kindern
nicht erst Beachtung schenken, wenn sie in Schwierigkeiten sind.
Wir müssen weiterhin die Geißel von Jugendbanden,
Verbrechen und Drogen bekämpfen. Wir müssen uns
darauf vorbereiten, daß die Babyboom-Generation in
Rente geht, damit uns noch Geld für die Bekämpfung
der Armut unter Kindern übrigbleibt. Wir müssen die
Kräfte von Wissenschaft und Technologie zum Wohl
der gesamten amerikanischen Öffentlichkeit einsetzen.

AMERIKA DIENST 12

Aber meines Erachtens ist unsere größte Herausforderung auch unsere größte Chance. Das komplexeste aller unsere Gesellschaft immer noch konfrontierenden Probleme von Diskriminierung und
Vorurteilen ist das älteste und in mancher Hinsicht
auch neueste: das Rassenproblem. Können wir das
Versprechen Amerikas erfüllen und dabei die Bürger
aller Rassen einbeziehen - nicht nur an einer Universität, deren Studenten verständige Dozenten und
die Zeit haben, nachzudenken, sich zu entfalten und
sich im täglichen Leben kennenzulernen? Mit anderen
Worten: Können wir im 21. Jahrhundert zu einem
Amerika werden?
Ich weiß und habe das auch bereits gesagt, daß
dieses Ziel nicht mit Geld erkauft, nicht mit Gewalt
erzwungen und nicht mit Technologie geschaffen
werden kann. Es kann nur vom menschlichen Geist
ausgehen - dem Geist, der sichtbar wurde, als der aus
Angehörigen vieler Rassen bestehende Chor die
Gospels sang.
Heute hat der Bundesstaat Hawaii, der hier durch
einen Senator und eine Kongreßabgeordnete vertreten
ist, keine rassische oder ethnische Mehrheit. Es ist ein
wunderbarer Ort voller Freundschaft und Patriotismus.
Binnen drei Jahren wird hier in Kalifornien keine
rassische oder ethnische Gruppe mehr die Mehrheit
der Bevölkerung des Bundesstaates ausmachen. Fünf
unserer größten Schulbezirke haben bereits Schüler
aus mehr als 100 verschiedenen rassischen und
ethnischen Gruppen. Auf diesem Campus haben 12
Nobelpreisträger aus neun verschiedenen Ländern
gelernt oder gelehrt. In einem halben Jahrhundert,

Seite 1

�wenn unsere Enkel aufs College gehen, wird es in
Amerika keine Rasse geben, die die Mehrheit stellt.
Was für ein Amerika wird das sein? Wird es ein
Amerika sein, das seine Unterschiede nicht nur
respektiert, sondern feiert, und vor allem seine Gemeinsamkeiten betont? Werden wir definieren können, was es bedeutet, ein Amerikaner zu sein, nicht
nur im Zusammenhang mit dem Kompositum, das
unsere ethnische Herkunft angibt, wie zum Beispiel
afroamerikanisch, sondern vor allem im Hinblick auf
unsere Bindung an die Werte, für die Amerika steht
und nach denen wir leben? Unsere Herzen sehnen
sich danach, diese Fragen mit Ja zu beantworten, aber
unsere Geschichte erinnert uns daran, daß das
schwierig ist. Die uns verbindenden Ideale sind so alt
wie unsere Nation, aber dasselbe gilt für die uns
trennenden Kräfte. Unsere Gründerväter wollten eine
perfektere Union bilden: Die in diesem Satz enthaltene
Demut und Hoffnung ist die Geschichte von Amerika
und unsere heutige Mission.
Halten Sie sich folgendes vor Augen: Wir wurden mit
einer Unabhängigkeitserklärung als Staat geboren, die
bekräftigt, daß wir alle gleich geschaffen sind und einer
Verfassung, die die Sklaverei festschrieb. Wir kämpften einen blutigen Bürgerkrieg, um die Sklaverei
abzuschaffen und die Union zu erhalten, blieben
jedoch ein weiteres Jahrhundert lang geteilt und
ungleich vor dem Gesetz. Wir drangen im Namen der
Freiheit auf den gesamten Kontinent vor, vertrieben
dabei aber die Indianer von ihrem Land und vernichteten oftmals ihre Kultur und ihr Leben. Unsere
Freiheitsstatue heißt die armen, müden, gebeutelten
Massen der Einwanderer an unseren Grenzen willkommen, aber jede neue Welle spürte den Stachel der
Diskriminierung.
Im Zweiten Weltkrieg kämpften die Amerikaner
japanischer Herkunft mutig für die Freiheit in Europa
und brachten große Opfer, während ihre Familien zu
Hause in Internierungslager gepfercht wurden. Die
berühmten schwarzen Kampfpiloten aus Tuskegee
verloren während des Krieges keinen ihrer Bomber,
aber ihre afroamerikanische Herkunft beraubte sie
vieler Rechte, als sie in Friedenszeiten nach Hause
zurückkehrten.
Obwohl Angehörige von Minderheiten heute mehr
Chancen denn je haben, sehen wir immer noch
Beweise für Intoleranz: Von der Entweihung von
Gotteshäusern - seien es Kirchen, Synagogen oder
Moscheen - bis zu abfälligen Bemerkungen in Unternehmen. Sie, die Absolventen des Jahrgangs 1997,
haben noch viel Arbeit vor sich. Wer jedoch sagt, wir
könnten das Problem der Vorurteile nicht in das
Versprechen der Einheit umwandeln, vergißt, wie weit
wir schon gekommen sind und hat wahrscheinlich
noch nie einen Jahrgang wie den Ihren gesehen.

Seite 2

Wenn ich Sie betrachte, kann ich mich fast nicht mehr
an mein eigenes Leben erinnern. Ich wuchs während
des höchst dramatischen Kalten Krieges im patriotischen Süden auf. Schwarze und weiße Bürger der
Südstaaten trugen gleichermaßen die nationale
Uniform zur Verteidigung der Freiheit gegen den
Kommunismus. Sie kämpften und starben gemeinsam
- von Korea bis Vietnam. Aber zu Hause ging ich in
nach Rassen getrennte Schulen, schwamm in nach
Rassen getrennten Schwimmbädern, saß im Kino in
dem für Weiße abgetrennten Bereich und reiste in
meinem Heimatstaat durch kleine Städte, in denen
Toiletten und Wasserspender noch nach "Weiß" und
"Farbig" getrennt waren.
Durch die Gnade Gottes hatte ich einen Großvater, der
zwar nur eine Grundschulbildung, dafür aber das Herz
eines wahren Amerikaners hatte. Er brachte mir bei,
daß das falsch ist. Und durch die Gnade Gottes gab
es mutige Afroamerikaner wie den Kongreßabgeordneten John Lewis, die immer wieder ihr Leben aufs
Spiel setzten, um das Unrecht zu beheben. Und es
gab weiße Amerikaner wie den Kongreßabgeordneten
Bob Filner, der gemeinsam mit John Lewis den langen,
edlen Kampf für die staatsbürgerlichen Rechte kämpfte
und wußte, daß es auch ein Kampf zur Befreiung der
Weißen war.
Es gibt zweifellos noch unerledigte Angelegenheiten
zwischen schwarzen und weißen Amerikanern, aber
das klassische amerikanische Dilemma ist jetzt zu
einer Vielzahl von Dilemmas der Rasse und ethnischen Zugehörigkeit geworden. Wir sehen sie an
den Spannungen zwischen schwarzen und hispanischen Kunden und ihren koreanischen oder arabischen Lebensmittelhändlern, an dem wiederauflebenden Antisemitismus sogar auf dem Campus einiger
Colleges, an der Feindseligkeit gegenüber neuen
Einwanderern von Asien über den Nahen Osten und
die ehemals kommunistischen Länder bis nach
Lateinamerika und der Karibik - selbst denen, die
durch harte Arbeit und dank starker Familien Erfolg auf
die amerikanische Art hatten.
Wir beobachten eine beunruhigende Tendenz, das zu
beanstandende Verhalten einiger Mitglieder bestimmter Gruppen, einschließlich der weißen Mehrheit, auf
die ganze Gruppe zu übertragen. Wenn ein farbiger
Amerikaner ein Verbrechen begeht, sollte man dieses
selbst verurteilen - aber dabei nicht vergessen, daß die
meisten Afroamerikaner hart arbeitende, gesetzestreue Bürger sind. Wenn das Mitglied einer Gang von
Latinos Drogen schmuggelt, sollte man das verurteilen
- aber dabei nicht vergessen, daß die große Mehrheit
der Hispanoamerikaner
verantwortungsbewußte
Bürger sind, die ebenfalls die Geißel der Drogen in
unserem Leben beklagen. Wenn weiße Teenager
einen afroamerikanischen Jungen nur wegen seiner
Rasse fast zu Tode prügeln, dann verurteilen Sie das
um Gottes willen - aber vergessen Sie nicht, daß die

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�überwältigende Mehrheit der Weißen das ebenso
verabscheuungswürdig findet. Wenn eine asiatische
Großhändlerin ihre einer anderen Minderheitengruppe
angehörenden Kunden diskriminiert, sollte man sie
darauf ansprechen - aber dabei nicht vergessen, daß
sehr viele Asiaten ebenfalls unter Vorurteilen gelitten
haben und nicht möchten, daß das jemand anderem
passiert.
Vergessen Sie auch nicht, daß wir trotz hartnäckiger
Vorurteile integrierter denn je sind. Es gibt in Wohngegenden, bei der Arbeit, in der Schule und bei
sozialen Aktivitäten, im religiösen Leben und sogar in
der Liebe und Ehe mehr die Rassenschranken
überwindende Verbindungen als je zuvor. Mehr
Amerikaner denn je erfreuen sich der Gesellschaft und
unterschiedlichen Kultur anderer Rassen. Und mehr
denn je erkennen die Vorteile unserer rassischen,
sprachlichen und kulturellen Vielfalt in einer globalen
Gesellschaft, in der Handels- und Kommunikationsverbindungen die Menschen näherbringen und
diejenigen reich belohnen, die das Leben jenseits der
Grenzen ihrer Nation verstehen.
Mit nur einem Zwanzigstel der Weltbevölkerung aber
einem Fünftel des Welteinkommens müssen wir
Amerikaner in den übrigen 95 Prozent der Verbraucher
auf der Welt Abnehmer finden, um unseren Lebensstandard beizubehalten. Da wir aus allen Kulturen der
Erde stammen, sind wir hierzu in einer einzigartigen
Weise befähigt. Über den Handel hinaus können die
unterschiedliche Herkunft und die Begabungen
unserer Bürger Amerika helfen, den Globus zu erhellen und den durch Rasse, Religion und ethnische
Herkunft gespaltenen Ländern zu zeigen, daß es einen
besseren Weg gibt.
Wie Sie uns heute gezeigt haben, bereichert unsere
Vielfalt unser Leben auf immaterielle Weise - sie
vertieft unser Verständnis der menschlichen Natur und
der Unterschiede zwischen den Menschen und macht
unsere Gemeinden interessanter, vergnügter und
sinnvoller. Deshalb bin ich heute hierher gekommen.
Ich möchte das amerikanische Volk bitter), sich mir bei
dem großen nationalen Bestreben anzuschließen, das
Versprechen Amerikas für diese neue Zeit zu vervollkommnen, in der wir den Aufbau einer vollkommeneren Union anstreben.

Teilnahme an diesen Bestrebungen ebenso viel
gewinnen wie alle anderen - sie werden durch ein
Amerika bereichert, in dem wir endlich die Verantwortung für alle unsere Kinder übernehmen, damit sie,
wie Martin Luther King hoffte, "nicht anhand ihrer
Hautfarbe, sondern anhand ihres Charakters" beurteilt
werden.
Was müssen wir tun? Ich arbeite seit viereinhalb
Jahren daran, Amerika auf das 21. Jahrhundert
vorzubereiten - mit Chancen für alle, Pflichten für alle
und einer amerikanischen Gemeinschaft aller Bürger.
Um auf diesen Gebieten Erfolg zu haben, müssen wir
uns mit den Realitäten und Vorstellungen aller Rassen
in Amerika befassen.
Erstens müssen wir weiterhin die Chancen verbessern. Umfassende Beteiligung an einer starken
und wachsenden Wirtschaft ist das beste Mittel gegen
Neid, Verzweiflung und Rassismus. Wir müssen
Fortschritte machen, um Millionen aus Armut und
Sozialhilfe zu retten und ihnen Arbeit zu geben, die
Innenstädte mit Unternehmergeist zu erfüllen und
unsere Bestrebungen zu verdoppeln, die ländlichen
Gebiete zu erreichen, die noch nicht in den Genuß des
Wohlstands gekommen sind. Und am wichtigsten ist,
daß wir unseren jungen Menschen die beste Bildung
der Welt bieten müssen.
Es gibt keine Kinder, die aufgrund ihres ethnischen
oder rassischen Hintergrunds nicht den von uns

gesetzten höchsten akademischen Standards entsprechen können, wenn wir ihnen gut ausgebildete
Lehrer und gut ausgestattete Klassenzimmer geben
und weiterhin vernünftige Reformen zur Förderung
herausragender Leistungen unterstützen, wie beispielsweise die Bewegung zur Gründung von Privatschulen.
Zu einer Zeit, in der eine Collegeausbildung Stabilität,
einen guten Arbeitsplatz und Zugang zur Mittelschicht
bedeutet, müssen wir allen Amerikanern die Tür zum
College öffnen, damit am Vorabend des nächsten
Jahrhunderts ein mindestens zweijähriger Collegebesuch ebenso üblich wird, wie es heute das HighSchool-Diplom ist.

Jetzt, da mehr Grund zur Hoffnung als zur Angst
besteht und wir nicht durch Notfälle oder soziale
Umwälzungen unter Druck stehen, ist der richtige
Zeitpunkt, gemeinsam zu lernen, miteinander zu
sprechen und gemeinsam das eine Amerika aufzubauen.

Bei unseren Bestrebungen zur Ausweitung von
Wirtschafts- und Bildungschancen für alle unsere
Bürger müssen wir die Rolle von Programmen zur
beruflichen Gleichstellung in Betracht ziehen. Ich
weiß, daß diese in Amerika nicht perfekt waren,
weshalb wir vor zwei Jahren Bestrebungen in die
Wege leiteten, die Mängel zu beseitigen. Aber wenn
sie richtig eingesetzt werden, funktionieren sie.

Ich weiß, daß viele Amerikaner weißer Hautfarbe den
Eindruck bekommen können, dieses Gespräch würde
sie ausschließen oder bedrohen. Das darf nicht sein.
Meines Erachtens können die Weißen durch die

Die berufliche Gleichstellung brachte eine ganze
Generation von Führungskräften auf Gebieten hervor,
die früher exklusive Clubs waren - in denen Menschen
wie ich den Vorteil einer 100-prozentigen Gleich-

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�Stellung genossen. Jetzt gibt es mehr Unternehmerinnen denn je. Und es gibt mehr Rechtsanwälte und
Richter, Wissenschaftler und Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und Geschäftsführer afrikanischer, hispanischer
und asiatischer Herkunft denn je.

der Ausbildung der Studenten geschehen. Wir dürfen
bei der weiterführenden Bildung nicht wieder die
Rassentrennung einführen oder es den Privatuniversitäten überlassen, die Arbeit der Öffentlichkeit zu
übernehmen.

Das beste Beispiel für berufliche Gleichstellung ist
jedoch unser Militär. Unsere Streitkräfte sind vollkommen vielfältig - vielleicht die integrierteste Institution in unserer Gesellschaft und zweifelsohne das
integrierteste Militär der Welt. Und noch wichtiger ist,
daß niemand in Frage stellt, daß sie die besten der
Welt sind. Soviel zu dem Argument, herausragende
Leistungen und Vielfalt gingen nicht Hand in Hand.

Zu einer Zeit, in der wir daran arbeiten müssen, besser
zusammen zu leben und zu lernen, sollten wir weiterhin versuchen, wirtschaftliche Chancen anzugleichen.
Diejenigen, die Förderprogramme ablehnen, bitte ich,
eine Alternative zu bieten. Ich würde sie akzeptieren,
wenn ich dadurch einen besseren Weg finden könnte.
Und denjenigen unter uns, die sie noch unterstützen,
sage ich, wir sollten uns weiterhin dafür einsetzen, wir
sollten diejenigen einbeziehen, die anderer Meinung
oder unsicher sind, und über die praktischen Auswirkungen dieser Probleme reden, und man sollte nie
von uns denken, daß wir nicht mit denen zusammenarbeiten wollen, die anderer Meinung sind als wir, um
neue Wege zu finden, den Menschen weiterzuhelfen
und die Menschen zusammenzubringen.

Einige argumentieren, daß die bei einheitlichen Tests
erzielten Noten der einzige Qualifikationsmaßstab für
die Zulassung zum College oder zur Universität sein
sollten. Häufig wird jedoch für die Kinder von Ehemaligen oder Studenten mit sportlichen Fähigkeiten nicht
derselbe Maßstab angelegt.
Meines Erachtens haben Studenten, die die herausragenden Leistungen und die Vielfalt der Menschen
verkörpern, mit denen wir leben und arbeiten werden,
einen eigenständigen erzieherischen Wert. Blicken
Sie um sich. Glauben Sie nicht, daß Sie aufgrund der
Sie umgebenden Vielfalt sehr viel mehr gelernt haben
als wenn alle um Sie herum genauso aussehen
würden wie Sie? Ich glaube, Sie haben sehr viel mehr
gelernt.
Und über den erzieherischen Wert hinaus liegt es im
öffentlichen Interesse, weil Sie lernen, in der Welt, in
der Sie besser leben werden, zu leben und zu arbeiten. Wenn junge Menschen Seite an Seite mit Menschen unterschiedlichster Herkunft sitzen, lernen sie
etwas, das sie in die Welt mitnehmen können. Sie
werden bessere Bürger sein.
Viele Studenten, die an einem Förderprogramm
teilgenommen haben, erbringen herausragende
Leistungen. Sie arbeiten hart, sie bestehen die
Prüfungen, sie gehen und dienen den Gemeinden, die
sie wegen ihres Fachwissens und als Vorbild brauchen. Wenn wir ihnen die Tür verschließen, werden
wir unsere großartigsten Universitäten schwächen,
und es wird schwieriger sein, die Gesellschaft aufzubauen, die wir im 21. Jahrhundert benötigen.
Ich weiß, daß die Bürger Kaliforniens ohne böse
Absicht für die Aufhebung der Förderprogramme
gestimmt haben. Die große Mehrheit tat es einfach
aus der Überzeugung heraus, daß Diskriminierung und
Isolierung keine Barrieren für Leistung mehr sind.
Aber betrachten Sie sich die Ergebnisse. Die Immatrikulationszahl der Angehörigen von Minderheiten an
juristischen Fakultäten und anderen Graduiertenprogrammen ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten
gesunken. Stellen Sie sich vor, dasselbe würde bei

Seite 4

Abgesehen von den Chancen müssen wir von jedem
Amerikaner
Verantwortungsbewußtsein
fordern.
Unsere Stärke als Gesellschaft hängt von beidem ab davon, daß die Menschen die Verantwortung für sich
selbst und ihre Familien übernehmen, ihren Kindern
Werte beibringen, hart arbeiten und das Gesetz
befolgen und den anderen etwas zurückgeben. Die
neue Wirtschaft bietet weniger Garantien, enthält mehr
Risiken, aber auch größere Belohnung. Sie fordert von
uns allen, noch mehr Verantwortung für unsere
Ausbildung zu übernehmen als je zuvor.
In dem derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung hat nur
eine rassische oder ethnische Gruppe in den Vereinigten Staaten tatsächlich einen Einkommensrückgang erlebt - die Hispanoamerikaner. Ein Hauptgrund dafür ist, daß die Zahl der Schulabbrecher an
hispanischen High Schools weit über der von Weißen
und Schwarzen liegt. Einige der Abbrecher wollen
unbedingt arbeiten. Wir bewundern die legendäre
Bereitschaft, viele Stunden lang eine harte Arbeit bei
schlechter Bezahlung zu übernehmen. In der alten
Wirtschaft war das vernünftig. Aber in der neuen
Wirtschaft, in der Ausbildung der Schlüssel ist, bedeutet Schulbesuch Verantwortung.
Keine Verantwortung ist grundlegender als das
Befolgen von Gesetzen. Es ist nicht rassistisch, darauf
zu bestehen, daß jeder Amerikaner das tut. Der Kampf
gegen Verbrechen und Drogen ist ein Kampf für die
Freiheit aller unserer Menschen - einschließlich und
vielleicht insbesondere der Minderheiten, die in
unseren ärmsten Vierteln leben. Aber die Respektierung der Gesetze muß in beide Richtungen erfolgen.
Die schockierend unterschiedlichen Auffassungen
über die Fairneß unseres Strafrechtssystems erwachsen aus den realen Erfahrungen, die so viele
Angehörige von Minderheiten mit den Strafverfol-

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�gungsbeamten gemacht haben. Die Antwort besteht
zum Teil darin, daß alle unserer Bürger die Gesetze
befolgen, aber die Grundregel muß lauten, daß das
Gesetz alle unsere Bürger respektiert.
Und das gilt auch für die Durchsetzung unserer
Gesetze über die Bürgerrechte. Die Behörde für die
Gleichberechtigung am Arbeitsplatz hat beispielsweise
einen enormen Überhang an Fällen von Diskriminierungsklagen - obwohl wir diesen in den vergangenen
vier Jahren um 25 Prozent reduziert haben. Ohne
mehr Ressourcen können wir nicht sehr viel mehr tun.
Es ist unerläßlich, daß der Kongreß - insbesondere die
Abgeordneten, die sagen, sie seien für Bürgerrechte
aber gegen Förderprogramme - uns mindestens das
erforderliche Geld für die Umsetzung des Rechts des
Landes geben und zwar bald.

unterrichtet, einen Dialog in jeder Gemeinde des
Landes fördert, um diese Probleme in Angriff zu
nehmen und durchzuarbeiten, Führungspersönlichkeiten auf allen Ebenen anwirbt und ermutigt, Rassentrennung zu überwinden sowie konkrete Lösungen zu
unseren Problemen erarbeitet und umsetzt - Lösungen, die uns alle in der Regierung, den Unternehmen,
Gemeinden und als einzelne Bürger einbeziehen.
Ich werde dem amerikanischen Volk in regelmäßigen
Abständen von unseren Erkenntnissen und Aktionen
berichten, die wir alle durchführen müssen, um
Amerika voranzubringen.
Dieses Gremium wird
Amerikanern aller Rassen und aller Lebensbereiche
zuhören. Sie leisten einen großartigen Dienst am
Bürger, aber beim Aufbau eines Amerikas müssen alle
Bürger dienen.

Unser drittes Gebot ist vielleicht das Schwierigste. Wir
müssen eine auf die Respektierung des anderen und
unsere gemeinsamen Werte gründende amerikanische
Gemeinschaft aufbauen. An der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert müssen wir heute mit einer offenen
Diskussion über den Stand der Rassenbeziehungen
und die Auswirkungen auf Amerikaner so vieler
unterschiedlicher Rassen beginnen, die zusammen
leben und arbeiten. Seit langem reden wir aneinander
vorbei und übereinander. Es ist höchste Zeit, daß wir
alle beginnen, miteinander zu reden.

Wie ich beim Gipfeltreffen des Präsidenten über den
Dienst am Bürger in Philadelphia erklärt habe, sind
solche Akte des Dienstes am Bürger grundlegende
Akte der Staatsbürgerschaft. Die Regierung muß ihre
Rolle spielen, ein Großteil der Arbeit muß jedoch vom
amerikanischen Volk als Dienst am Bürger geleistet
werden. Dieses Unternehmen wird uns stärken und
uns näher zusammenbringen.

Im kommenden Jahr möchte ich mit dem amerikanischen Volk ein großartiges und beispielloses Gespräch über Rassen führen. An den Bestrebungen der
Gemeinden von Lima in Ohio bis zu Billings in Montana, an bemerkenswerten Experimenten rassenübergreifender Kommunikation wie dem einzigartigen
ERACISM habe ich gesehen, was Amerikaner tun
können, wenn sie aufeinander zugehen.

allen anerkannt wird.

Ich habe einen der größten Gelehrten der Vereinigten
Staaten, Dr. John Hope Franklin, gebeten, den Vorsitz
über ein Beratergremium von sieben herausragenden
Amerikanern zu übernehmen, um mir bei diesem
Unternehmen behilflich zu sein. Es sind die ehemaligen Gouverneure Thomas Kean aus New Jersey und
William Winter aus Mississippi - beide vehemente
Bürgerrechtsaktivisten; Linda Chavez-Thompson,
Stellvertretende Vorsitzende des amerikanischen
Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO; Reverend
Suzan Johnson Cook, Pfarrerin aus der Bronx und
ehemaliger Fellow des Weißen Hauses; Angela Oh,
Rechtsanwältin und Gemeindevertreterin von Los
Angeles sowie Robert Thompson, Geschäftsführer von
Nissan USA - alle herausragende Führungspersönlichkeiten und Führungspersönlichkeiten in ihrer Gemeinde.
Ich möchte, daß dieses Gremium die Amerikaner über
die Fakten im Zusammenhang mit Rassenfragen

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Mit anderen Worten: Ich möchte, daß Amerika das
Gefühl und den Geist bewahrt, den Sie alle uns heute
vermittelt haben. Ich möchte, daß das Gremium von
Ich möchte, daß Sie sich die

Freiheit nehmen, im nächsten Jahr mit Dr. Franklin
und den Angehörigen des Gremiums zu sprechen.
Zunächst wird ein ehrlicher Dialog nicht leicht sein.
Wir alle müssen unsere Abwehrhaltung, Furcht,
political correctness und andere Barrieren für Ehrlichkeit aufgeben. Die Emotionen können hohe Wellen
schlagen, aber wir müssen beginnen.
Was werden wir als Land wirklich erreichen? Wenn
wir nicht mehr tun als reden, wird es interessant sein aber nicht genug. Wenn wir nicht mehr tun als voneinander losgelöste Maßnahmen vorzuschlagen, wäre
das hilfreich - aber nicht genug.
Aber wenn die Menschen in zehn Jahren zurückblicken und sehen, daß dieses Jahr des ehrlichen
Dialogs und konzertierter Aktionen dazu beitrug, die
Zukunft unserer Kinder von der schweren Last der
Rassenfrage zu befreien, dann haben wir Amerika ein
wertvolles Geschenk gemacht.
Ich möchte Sie bitten, sich jetzt, nach dem schwierigen
Prozeß über den Bombenanschlag in Oklahoma,
einen Augenblick lang an diesen schrecklichen Tag zu
erinnern, als wir für Amerikaner geweint und einen
Moment lang vergessen haben, daß viele von ihnen
einer anderen Rasse angehörten.

Seite 5

�Erinnern Sie sich an die vielen Gesichter und Rassen
der Amerikaner, die nicht geschlafen und ihr Leben
aufs Spiel gesetzt haben, um zu retten, zu helfen und
Trost zu spenden. Erinnern Sie sich, daß Sie Naturkatastrophen wie hier in Kalifornien gesehen haben. Das
ist das Gesicht des echten Amerikas. Das ist das
Gesicht, das ich immer wieder gesehen habe. Das ist
das Amerika, das wir auf irgendeine Weise im täglichen Leben Amerikas real werden lassen müssen.
Sie als Absolventen werden eine bessere Chance
haben, Ihre Träume auszuleben als jede andere
Generation in unserer Geschichte, wenn wir aus
unseren vielen unterschiedlichen Elementen ein
Amerika machen - eine Nation in Frieden mit sich
selbst, die durch gemeinsame Werte, Wünsche und
Chancen sowie die Respektierung unserer Unterschiede verbunden ist.
Ich bin ein schottisch-irischer Baptist aus dem Süden
der Vereinigten Staaten, und ich bin stolz darauf. Aber
mein Leben wurde in unermeßlicher Weise durch die
Kraft der Thora, die Schönheit des Koran, die eindringlichen Weisheiten der Religionen Ost- und Südasiens
bereichert - die meine amerikanischen Mitbürger
ausüben. Ich habe unbeschreibliche Freude und
Frieden in Kirchen der Schwarzen und Pfingstler
gefühlt. Ich habe die Intensität und Selbstlosigkeit
meiner hispanischen Mitbürger gegenüber der Familie
lieben gelernt. Als Südstaatler bin ich mit Countrymusic und Dorffesten aufgewachsen, und sie
gefallen mir immer noch. Aber ich habe auch die
Feiern und das Essen, die Musik, Kunst und Kultur der
Indianer und Amerikaner aus jeder Region der Welt
genossen.
In jedem Land, das ich als Ihr Präsident besucht habe,
fühlte ich mich wie zu Hause, weil einige Bürger dieser
Länder in Amerika ein Zuhause gefunden haben. Seit
zwei Jahrhunderten ist ein Strom von Einwanderern,
angezogen von dem Versprechen der Freiheit und
fairen Chancen, an unsere Küsten gekommen, um ein
neues Leben aufzubauen. Was immer sie sonst
vorfanden - selbst Intolereanz und Gewalt - sie haben

*

Seite 6

Amerika jedoch nie aufgegeben. Selbst Afroamerikaner, von denen die ersten in Ketten hierhergebracht
wurden, haben Amerika nie aufgegeben.
Es ist an Ihnen zu beweisen, daß sie zu Recht an
Amerika glaubten. Isoliert auf Inseln - einige großartig,
andere armselig - zu leben, ist nicht die amerikanische
Art. Unsere Selbstachtung darauf zu gründen, auf
andere herabzusehen, ist nicht die amerikanische Art.
Zufrieden zu sein, wenn wir haben was wir möchten,
achtlos gegenüber anderen, die noch nicht einmal das
haben, was sie brauchen und verdienen, ist nicht die
amerikanische Art. Wir haben die Schranken in
unseren Gesetzen niedergerissen. Jetzt müssen wir
die Schranken in unserem Leben, in unseren Köpfen
und unseren Herzen niederreißen.
Vor über 30 Jahren, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung, stellte die Kerner-Kommission fest,
wir würden zu zwei Amerikas - einem weißen und
einen schwarzen, getrennt und ungleich. Heute sehen
wir uns mit einer anderen Entscheidung konfrontiert:
Werden wir nicht zwei, sondern viele Amerikas,
getrennt, ungleich und isoliert? Oder werden wir Kraft
aus allen unseren Menschen und unserem althergebrachten Glauben an die Qualität der menschlichen
Würde schöpfen, um die erste wirklich multirassische
Demokratie der Welt zu werden? Das ist die unbeendete Arbeit unserer Zeit - die Last der Rassentrennung
aufzuheben und das Versprechen Amerikas einzulösen.
Liebe Stundenten des Jahrgangs 1997 - ich bin im
Schatten eines nach Rassen getrennten Amerikas
aufgewachsen, aber ich habe den Hoffnungsschimmer
eines einzigen Amerikas gesehen. Sie haben mir
heute einen Hoffnungsschimmer gegeben. Das ist das
Amerika, das Sie schaffen müssen. Es beginnt mit
Ihren Träumen - also hegen Sie große Träume, leben
Sie Ihre Träume, stellen Sie Ihre Eltern vor eine
Herausforderung und erziehen Sie Ihre Kinder gut.
Gott schütze Sie.
Lebensweg.

* * *

Alles Gute für Ihren weiteren

*

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�WIRTSCHAFT
25. Juni 1997

Rubin fordert fortgesetztes internationales
Engagement der Vereinigten Staaten
Rede des Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Finanzminister Robert Rubin zufolge hat sich die Notwendigkeit der Führungsrolle und
des Engagements der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft seit dem Marshallplan nicht verändert.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Rubin bei einer von der George Washington University zum 50.
Jahrestag des Marshallplans veranstalteten Konferenz am 2. Juni 1997 hielt.

Ich freue mich über die Einladung, heute aus Anlaß
des 50. Jahrestages des Marshallplans zu Ihnen
sprechen zu dürfen. Es ist mir eine Ehre, mit denen
zusammenzutreffen, die am Marshallplan mitgewirkt
haben.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich einen
kurzen Rückblick vornehmen und anschließend
erörtern, wie Geist und Vision des Jahres 1947 in der
Welt von heute und morgen bewahrt werden können.
Vor fünfzig Jahren hielt George Marshall eine Rede an
der Harvard University, in der er seinen Hilfsplan für
Europa vorstellte, der nach ihm benannt wurde. Zu
einer Zeit, in der wir vom Krieg erschöpft waren und
die Versuchung groß war, sich von der Weltbühne
zurückzuziehen, griffen wir einem krisengeschüttelten
Europa mit einer dramatischen Hilfsaktion unter die
Arme. Die Kosten des Marshallplans beliefen sich auf
die enorme Summe von 13 Milliarden Dollar für drei
Jahre oder nahezu 10 Prozent des damaligen Bundeshaushalts. Aber der Ertrag unserer Investitionen
war ebenfalls enorm. Der Marshallplan war für den
Wiederaufbau Europas, die Stärke und den Wohlstand
der westlichen Volkswirtschaften entscheidend.
Dieser Plan - sein Geist und seine Vision - markierte
einen der großartigsten Momente Amerikas.
Es besteht kein Zweifel daran, daß der Marshallplan in
moralischer Hinsicht das Richtige war. Der Marshallplan lag jedoch auch in unserem wirtschaftlichen und
nationalen Sicherheitsinteresse. Amerika benötigte und benötigt auch heute noch - eine prosperierende
und erfolgreiche Welt, um selbst zu prosperieren und

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Erfolg zu haben. Visionäre wie George Marshall waren
sich dessen bewußt. Obwohl Marshall dem Militär
angehörte, wußte er, daß Sieg nicht bedeutet, daß die
Waffen beiseite gelegt werden und die Flagge gehißt
wird - es nur dann einen Sieg gibt, wenn die Bedingungen für dauerhaften Frieden und Wohlstand geschaffen sind. Mit anderen Worten: Er wußte, daß Stabilität
von heute morgen zu Konflikten führen kann und
präventive Diplomatie die effektivste Art von Diplomatie
ist.
Heute ist das Vermächtnis des Marshallplans klar. Er
trug zum Aufbau eines prosperierenden und freien
europäischen Kontinents bei, der sich immer stärker
auf eine Integration zubewegt. Er brachte die Vereinigten Staaten entschlossen auf den Kurs einer
Führungsrolle und des Engagements für internationale
Angelegenheiten. Und er zeigte, daß wir aus unserer
nach dem Ersten Weltkrieg getroffenen Entscheidung
zum Rückzug aus globalen Angelegenheiten etwas
gelernt haben.
Die Notwendigkeit der Führungsrolle und des Engagements der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft hat
sich seit dem Marshallplan nicht verändert - obwohl
sich die Umstände offensichtlich geändert haben.
Tatsächlich hat sich diese Notwendigkeit in mancher
Hinsicht verstärkt, ebenso wie die Bedeutung der
Wirtschaft für die Außenpolitik, die schon damals groß
war, in mancher Hinsicht zugenommen hat. 1947
waren 12 Prozent unserer Wirtschaft vom Handel
abhängig. Heute hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. 1947 sahen sich die meisten führenden amerikanischen Unternehmen als amerikanische Unterneh-

Seite 1

�men mit Auslandsniederlassungen. Heute betrachten
sie sich als globale Unternehmen mit Sitz in den
Vereinigten Staaten. 1947 gab es nationale Kapitalmärkte mit sehr wenig grenzüberschreitendem Kapitalfluß. Heute haben wir einen riesigen integrierten
globalen Kapitalmarkt mit enormen grenzüberschreitenden Investitionen und täglichem Finanzfluß.
Technologie, politischer Wandel und Marktöffnung
haben die Integration unserer Volkswirtschaften
beschleunigt und neue Wachstumsmöglichkeiten, aber
auch neue Risiken geschaffen. Es ist nicht übertrieben
zu sagen, daß unser wirtschaftliches Wohlergehen in
hohem Maße und irreversibel an das der übrigen Welt
gekoppelt ist. Kürzlich las ich eine Kolumne, deren
Verfasser die Globalisierung des Wirtschaftslebens
schlecht machte. Meines Erachtens hätte er sich
ebensogut über die Gezeiten beklagen können.
Meiner Meinung nach steht nicht die Realität zur
Diskussion. Die einzige Frage lautet, ob wir sie uns
zunutze machen - mit den möglicherweise großen,
daraus resultierenden Vorteilen - oder ob wir der
Realität den Rücken zuwenden - mit dem normalerweise daraus resultierenden Ergebnis. Es steht außer
Frage, wofür sich George Marshall entschieden hätte.
Die Förderung einer gesunden Weltwirtschaft liegt
1997 ebenso in unserem Interesse wie 1947. Damals
legte Marshall angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen des Europas nach dem Krieg eine aus
drei Teilen bestehende Strategie vor: Den zerstörten
Nationen das dringend benötigte Kapital für ihren
Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen, diese Hilfe an
wesentliche Wirtschaftsreformen zu binden und
Europa in die internationale Staatengemeinschaft zu
integrieren. Diese Bedingung und diese Vision von
integrierten Volkswirtschaften werden bisweilen
vergessen, aber sie waren integraler Bestandteil des
Marshallplans.
Die Strategie zur Förderung von Wachstum und
wirtschaftlichem Wohlergehen in den Industrie- und
Entwicklungsländern von heute ist sehr ähnlich: Die
Unterstützung einer soliden Wirtschaftspolitik in
Verbindung mit Hilfsleistungen, derzeit großenteils
durch die internationalen Finanzinstitutionen und ihre
an Bedingungen geknüpften Maßnahmen, die Überwindung der Hindernisse für wirtschaftliche Integration,
einschließlich der Bestrebungen des NAFTA, GATT,
APEC und der Freihandelszone auf dem amerikanischen Kontinent zur Liberalisierung des Handels
sowie die Bereitstellung von Kapital, obwohl das in der
heutigen Welt zunehmend durch die Förderung von
Bedingungen geschieht, die Privatkapital anziehen.
Das unterstreicht den grundlegenden Unterschied
zwischen der Herausforderung des Wiederaufbaus
von Europa 1947 und der Herausforderung, heute
Entwicklung und Wachstum weltweit zu fördern. In
den vierziger Jahren gab es keine globalen Kapitalmärkte.
Die im Marshallplan vorgesehenen 13

Seite 2

Milliarden Dollar an direkten zwischenstaatlichen
Krediten waren für den Wiederaufbau Europas von
entscheidender Bedeutung. Jetzt liegt der Schlüssel
für Entwicklung und Wachstum weniger in offizieller
Hilfe, sei es durch bilaterale oder internationale
Finanzinstitutionen, obwohl sie wichtig bleibt, sondern
vielmehr in der Schaffung eines Umfelds, das Anreize
für Privatinvestitionen gibt.
Wesentlich für die Schaffung dieses Umfelds ist ein
anderes Produkt dieser bemerkenswerten Periode
internationaler Vision und Führung in den späten
vierziger Jahren: Die Bretton Woods Institutionen - der
internationale Währungsfonds und die Weltbank sowie ihre jüngeren Begleitinstitutionen, die regionalen
Entwicklungsbanken und das GATT/die WTO.
Betrachten Sie sich die Entwicklungsländer weltweit,
die während der vergangenen 25 Jahre einen außergewöhnlichen Wandel durchgemacht haben. In Asien,
Lateinamerika und Zentraleuropa entsteht in einem
Land nach dem anderen ein fast universeller Konsens,
daß die freie Marktwirtschaft der Schlüssel zu Wohlstand ist, wobei viele Länder in jeder dieser Regionen
während der letzten Jahre - und in einigen Fällen,
insbesondere in Asien, während der letzten Jahrzehnte
- große wirtschaftliche Fortschritte gemacht haben.
Die internationalen Finanzinstitutionen waren hierfür
von zentraler Bedeutung. Sie investieren in Bildung,
Gesundheitsfürsorge und die anderen grundlegenden
Voraussetzungen für eine erfolgreiche, marktorientierte
Wirtschaft und ermutigen solide finanzpolitische und
andere Maßnahmen, indem sie ihre Hilfe an Bedingungen knüpfen - ebenso wie es der Marshallplan vor 50
Jahren tat. Das wiederum ist entscheidend für unser
Land, denn Wohlstand in den Entwicklungsländern und
den ehemals kommunistischen Ländern fördert
politische Stabilität und Demokratie, die wiederum zu
wirtschaftlicher Aktivität in unserem Land beitragen
und unsere nationale Sicherheit erhöhen.
Trotz aller Fortschritte in den Entwicklungsländern und
den im Übergangsstadium befindlichen Staaten bleibt
die Herausforderung bestehen, die gesamte Weltbevölkerung in die wirtschaftliche Hauptströmung
einzubeziehen. Unsere Zukunft - unser wirtschaftliches Wohlergehen, unsere nationale Sicherheit,
unsere Umwelt und unsere öffentliche Gesundheit hängen von der Bewältigung dieser Herausforderung
ab. Schätzungen der Weltbank zufolge leben 1,3
Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro
Tag, und selbst in vielen Ländern, in denen beträchtliche Fortschritte gemacht wurden, sind diese Errungenschaften nicht unumkehrbar.
Viele Teile Asiens haben wirtschaftliche Bedingungen
geschaffen, die vor 30 Jahren unmöglich erschienen
wären, aber eine große Zahl von Asiaten lebt noch in
Armut. Und Afrika ist ein ganzer Kontinent, der in
Armut gefangen ist, obwohl einige Länder Reformen

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�eingeleitet haben und jetzt echte wirtschaftliche
Verbesserungen erleben. Wenn man den Geist und
die Vision des Marshallplans auf Afrika anwendet, ist
es meines Erachtens gar keine Frage, daß ein wirtschaftlich erfolgreiches Afrika nicht nur im Interesse
der Afrikaner liegt, sondern auch in unserem.
Zur Erlangung dieser Ziele arbeitet die Administration
im Kongreß mit einer aus Mitgliedern beider Parteien
bestehenden Gruppe an einer tragfähigen Strategie für
Afrika und mit den internationalen Finanzinstitutionen
an einer signifikanten Erhöhung ihrer Konzentration
auf Afrika. Ein Afrika, das mit seinem Engagement für
Demokratie, Wirtschaftsreformen und nachhaltige
Entwicklung erfolgreich ist, bietet seinen Menschen
einen höheren Lebensstandard und ist in politischer
und sozialer Hinsicht stabiler. Das wiederum wird für
amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer von
Vorteil sein, aber auch unsere nationale Sicherheit
stärken, indem die Notwendigkeit verringert wird, auf
Krisen in Afrika zu reagieren.
Jede Komponente einer zukunftsorientierten internationalen Wirtschaftspolitik ruft jedoch unverzüglich die
Debatte über die Rolle unseres Landes in der Weltwirtschaft und in der Welt generell hervor - ebenso wie der
Marshallplan zu seiner Zeit eine umfassende Debatte
auslöste. Diese Debatte wird an vielen Fronten
deutlich. Eine davon ist der Bereich der Ressourcen.
Wir sind bei weitem die größte und wohlhabendste
Volkswirtschaft der Welt, und dennoch sind wir der
größte Schuldner der Vereinten Nationen, und auf uns
entfällt der Löwenanteil der Rückstände bei der
Weltbank sowie den multilateralen Entwicklungsbanken. Wir waren entscheidend an der Schaffung
dieser Institutionen beteiligt, und jetzt bedrohen wir ihre
Existenz.
Auch der Handelsliberalisierung scheinen die Vereinigten Staaten immer ablehnender gegenüberzustehen, während die Nationen auf der ganzen Welt
sich in vielfältigerweise zusammenschließen wie beim
Europäischen Binnenmarkt in Europa, dem MERCOSUR in Lateinamerika und dem ASEAN in Asien.
Diese Bewegung zu Integration wird andauern - mit
oder ohne uns. Die einzige Frage ist, ob wir dabei sein
und von den Vorteilen profitieren werden, oder sehr zu
unserem Nachteil außen vor bleiben.
Die Sicherung der politischen Unterstützung für die
Aufrechterhaltung unserer Führungsrolle im Ausland
erfordert den Aufbau öffentlicher Unterstützung für
diese zukunftsorientierten Maßnahmen. Auch dies
verstand George Marshall sehr gut. Als er 1947 in
Harvard über seinen Vorschlag, Europa zu helfen,
sprach, war er sich der politischen Herausforderung
bewußt, als er sagte: "Ein unerläßlicher Bestandteil

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jeder erfolgreichen Aktion der Vereinigten Staaten ist
das Verständnis der Menschen in Amerika über den
Charakter des Problems und der anzuwendenden
Mittel. Politische Leidenschaft und Vorurteile sollten
dort keinen Platz haben." Nachdem er den Vorschlag
unterbreitet hatte, leiteten Präsident Truman, der
republikanische Senator Arthur Vandenberg und
Mitglieder beider Parteien eine Kampagne zur Aufklärung der Öffentlichkeit über den Plan und für seine
Unterstützung ein. Der Marshallplan, der anfänglich
auf Skepsis und Ablehnung stieß, wurde schließlich mit
überwältigender Mehrheit von beiden Häusern des
Kongresses verabschiedet.
Heute sehen wir uns mit derselben Herausforderung
beim Aufbau des Verständnisses - um mit Marshalls
Worten zu sprechen - der Menschen in Amerika über
den Charakter des Problems und der anzuwendenden
Mittel konfrontiert. Die Regierungsvertreter, die sich
der Bewältigung dieser Herausforderung verpflichtet
haben, können dies nicht alleine tun. Alle, die verstehen, wie entscheidend unser Wohlergehen mit dem
Wohlergehen der übrigen Welt verbunden ist, müssen
sich beim Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses
aller Amerikaner über diese lebensnotwendige Verbindung zusammenschließen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete sich ein Großteil
der Unterstützung für den Marshallplan aus dem
dringenden Bedarf der Zeit des Kalten Krieges ab.
Heute besteht auch dringender Bedarf für die amerikanische Führungsrolle in der Welt, aber er ist weniger
offensichtlich und schwieriger zu verstehen und macht
die Herausforderung des Aufbaus öffentlicher Unterstützung umso größer. Ich möchte abschließen, indem
ich Sie auffordere, das heutige Programm an der
George Washington University nicht nur mit einem
vertieften Verständnis des Marshallplans und von
General George Marshall zu verlassen, sondern mit
der Verpflichtung, seinen Geist und seine Vision
angesichts der Herausforderungen von heute zu
bewahren - und zum Aufbau dieses gemeinsamen
Verständnisses unter allen unseren Bürgern über
unser gemeinsames Interesse an der übrigen Welt
beizutragen.
Ich habe mich heute Nachmittag primär auf die
wirtschaftliche Interdependenz konzentriert, aber in der
heutigen Welt sind nationale Sicherheit, öffentliche
Gesundheit, Umweltschutz, Verbrechen und Terrorismus zu Problemen geworden, die keine Nation - selbst
die reichste und mächtigste - alleine meistern kann.
Eine der großen Lektionen des 20. Jahrhunderts - eine
Lektion, die George Marshall völlig verstand - lautet
zweifelsohne, daß ein Rückzug aus internationalen
Angelegenheiten nicht funktionieren kann. Wenn wir
uns zurückziehen, leiden wir; wenn wir uns engagieren, prosperieren wir. Ich danke Ihnen.

Seite 3

�AUSSENPOLITIK
25. Juni 1997

Themen der gesamteuropäischen Sicherheitspolitik
Ansprache von J. D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 18. Juni 1997 beim Außenpolitischen Kongreß der
Sozialdemokratischen Partei hielt.

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, einige der
wichtigsten Themen auf unserer transatlantischen
Sicherheitstagesordnung erörtern zu dürfen, während
wir uns auf das 21. Jahrhundert vorbereiten.
Die Revolution von 1989 hat die Welt grundlegend
verändert. Wenn wir jedoch das gesamte Spektrum
der uns während dieser hektischen Tage des Wandels
konfrontierenden Probleme betrachten, stellen wir fest,
daß einige Themen herausstechen:
Integration,
Konsolidierung der Demokratie,
Erweiterung des Wohlstands und
Stärkung von Stabilität, Sicherheit und Freiheit.
Diese Themen unserer Außenpolitik ermöglichten den
westlichen Nationen die Prosperität während des
vergangenen halben Jahrhunderts. Unser Ziel sollte
darin bestehen, dieses Versprechen den Ländern zu
geben, die gerade erst begonnen haben, sich an der
transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft zu beteiligen. In diesem Kontext versuchen wir, unsere
wichtigsten Institutionen anzupassen.
Als europäische Macht haben sich die Vereinigten
Staaten zutiefst verpflichtet, die Trennlinien in Europa
auszuradieren. Es gibt eine Fehleinschätzung, daß die
NATO-Erweiterung neue Trennlinien in Europa
schaffen wird. Das Gegenteil ist der Fall.
Unsere gesamte Politik zielt auf die Schaffung eines
Europas ab, das frei von den während des Kalten
Krieges gezogenen künstlichen und unrechtmäßigen
Trennlinien ist. Ein Beweis dafür ist die Grundakte

AMERIKA DIENST 12

zwischen der NATO und Rußland über Zusammenarbeit und Sicherheit, die eine einzigartige Gelegenheit
für Kooperation zwischen dem Bündnis und Rußland
bei einem breiten Spektrum sicherheitspolitischer und
militärischer Angelegenheiten bietet. Darüber hinaus
unterstreicht sie, daß die NATO und Rußland grundlegende Prinzipien teilen - die von Demokratie und
Pluralismus bis zu gegenseitiger Transparenz bei der
Verteidigungspolitik und Militärdoktrin reichen. Unser
Engagement für diese Prinzipien wird ein sicheres und
ungeteiltes Europa fördern. Die Grundakte schafft
auch die Grundlage für gemeinsame Entscheidungen
und gemeinsame Aktionen der NATO und Rußlands
bei der Gestaltung der europäischen Sicherheit. Damit
wird offensichtlich, daß es bei unserer Vision der
europäischen Sicherheit nicht um Ausgrenzung,
sondern um Einbeziehung geht. Unsere Zusammenarbeit mit den russischen Streitkräften - und mit den
Streitkräften anderer an der Partnerschaft für den
Frieden beteiligter Länder - in Bosnien demonstriert,
daß dieser Ansatz funktionieren kann.
Aus diesem Grund möchte ich der in jüngster Zeit in
der Presse geäußerten Meinung widersprechen, daß
die Erweiterung die Handlungsfähigkeit der NATO
einschränken wird und die NATO zu einer Art Debattierclub würde - so die Überschrift eines Artikels von
Henri Kissinger in der "Welt am Sonntag" von vergangener Woche (8. Juni). Der Gedanke, die NATO
würde nur noch aus Worten und keinen Taten bestehen, entspricht schlicht und einfach nicht der Realität.
Wir konnten bereits Aktionen vor Ort beobachten reale Zusammenarbeit zwischen den NATO-Verbündeten und Partnerstaaten - die auf das Ende des Konflikts
und die Bewahrung des Friedens in Bosnien sowie die
Schaffung der Bedingungen für die Wiederherstellung

Seite 1

�von Ordnung und Demokratie in Albanien ausgerichtet
sind.
In diesem Zusammenhang möchte ich die konstruktive
Rolle unterstreichen, die die Partnerstaaten bereits
spielen und in Zukunft durch den Euroatlantischen
Partnerschaftsrat noch effektiver spielen werden. Der
Rat wird dem Bündnis und den Partnern einen politischen Rahmen für ihre kooperativen Beziehungen
bieten. Der EAPR ist Teil einer umfassenderen
Struktur, die wir zur Verhinderung zukünftiger Konflikte
in Europa aufbauen. Er verkörpert unsere Entscheidung, daß wir mehr tun müssen als nur auf Krisen zu
reagieren: Wir werden dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub leisten, wenn wir auf das Entstehen
einer Bedrohung warten.
Der EAPR ist ein lebender Beweis, daß die sich
innerhalb des NATO-Bündnisses vollziehenden
Veränderungen Europa integrieren, dem Kontinent
mehr Sicherheit bieten und ihn nicht teilen oder instabil
machen. Dieses neue Gremium ist nicht nur für
diejenigen ein Forum, die eine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, sondern auch für diejenigen, die sich
dagegen entscheiden.
Fragen bezüglich der Erweiterung der Mitgliedschaft
des Bündnisses stehen an oberster Stelle der Tagesordnung im Vorfeld des Madrider Gipfeltreffens im
kommenden Monat. Es ist der logische nächste Schritt
nach der Entscheidung des Bündnisses zur Erweiterung der Gemeinschaft von NATO-Verbündeten vor
drei Jahren. Durch die Erweiterung des Bündnisses
hofft die NATO, für den Osten Europas das zu tun, was
die NATO einst für den Westen Europas getan hat alten Haß zu überwinden, Integration zu fördern, ein
sicheres Umfeld für Wohlstand zu schaffen und Gewalt
in der Region abzuschrecken, in der zwei Weltkriege
und der Kalte Krieg begannen. Was die Frage neuer
Bündnismitglieder anbelangt, unterstützen die Vereinigten Staaten die Aufnahme einer kleinen Gruppe
von drei Ländern in der ersten Runde und in Zukunft
eine offene Tür für weitere Mitglieder.
Die Anpassung der NATO ist nicht auf neue Mitglieder,

Partner und unsere Charta mit Rußland und die mit der
Ukraine beschränkt. Sie beinhaltet auch die Umstrukturierung der militärischen Führung des Bündnisses, die Entwicklung einer
Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität innerhalb der
NATO sowie die Umsetzung des Konzepts Alliierter
Streitkräftekommandos (CJTF). Wir drängen darauf,
daß der im Juni 1996 in Berlin von den Außenministern
des Bündnisses vereinbarte Zeitplan für die interne
Anpassung eingehalten wird.
Unser Engagement für eine gestärkte OSZE - die
einzige gesamteuropäische Sicherheitsorganisation ist ein zusätzlicher Beweis für unser Vorhaben, die
Trennlinien der Vergangenheit zu beseitigen. Die

Seite 2

OSZE ist von Natur aus eine Organisation, die ständig
verbessert und umstrukturiert wird. Wir haben zahlreiche Debatten über den richtigen Aufbau der OSZE
geführt, und die Vereinigten Staaten sind weiterhin der
Ansicht, daß die Einzigartigkeit der OSZE eine ihrer
Stärken ist. Sie ist eine werteorientierte politische
Organisation, die stark ist, weil sie keine formalrechtliche Struktur hat. Wir müssen diese Organisation
stark, kreativ und bereit halten, damit sie weiterhin an
vorderster Front der Bestrebungen zur Förderung von
Sicherheit, Demokratie und Wohlstand im gesamten
OSZE-Gebiet steht.
Wir machen Fortschritte mit einer Agenda von Aktivitäten, die unsere Fähigkeit unter Beweis stellt, auf die
neue internationale Situation zu reagieren und uns auf
die Zukunft vorzubereiten. Wir sind von Anzeichen für
Wandel und Anpassung umgeben. Während wir hier
zusammentreffen, nehmen Dänemark, Deutschland,
Estland, Finnland, Großbritannien, Lettland, Litauen,
die Niederlande, Norwegen, Polen, Rußland, Schweden und die Vereinigten Staaten an der 25. jährlichen
amerikanischen Marineübung BALTOPS in der Ostsee
teil (16.-27. Juni). Dieses Manöver zeigt, wie weit wir
gekommen sind.
Wir arbeiten hart daran, Europa zusammenzubringen,
wobei wir, wie Außenministerin Albright es kürzlich
formulierte, folgendes bedenken sollten: "Ein Europa
ohne Teilungen ist kein Europa ohne Unterschiede.
Diese Unterschiede müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und Gegebenheiten, nicht auf alter
Geschichte oder Geographie basieren."
Ich möchte kurz auf die bedeutende Rolle Deutschlands in diesem ständigen Anpassungsprozeß zu
sprechen kommen. Nach dem Ende des Kalten
Krieges und der Vereinigung Deutschlands wurde
immer deutlicher, daß die Bundesrepublik zusammen
mit den anderen Bündnismitgliedern Streitkräfte zu
diesen Krisenreaktions- und Friedenssicherungsbestrebungen beisteuern kann und sollte, wenn die
Stabilität in Europa in Gefahr ist. Das Bundesverfassungsgericht hat klare Richtlinien dafür gegeben, wie
die Bundeswehr in solchen Situationen eingesetzt
werden darf, und wir respektieren die Notwendigkeit,
daß das Militär ein Mandat vom Bundestag erhält. Die
erfolgreiche Beteiligung der Bundeswehr an der IFOR
und der SFOR zeigt, daß Deutschland in diese neue
Rolle hineinwächst.
Wir werden uns alle für die Förderung des Friedens in
Europa einsetzen. Wie die jüngsten Entwicklungen in
Albanien jedoch deutlich machen, ist die Bedrohung
von Gewalt und Instabilität immer noch akut. Aus
diesem Grund soll Deutschland, ebenso wie seine
europäischen Partner und wir bereit sein, einen
militärischen Beitrag zu leisten, wenn Menschenleben
und der Frieden auf dem Spiel stehen. Unsere lange
Partnerschaft mit der Bundesrepublik nach dem Krieg

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�überzeugt uns, daß Deutschland für diese Rolle bereit
ist. Wir begrüßen die führende Rolle Deutschlands
innerhalb des Bündnisses, die Anpassung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa zu
bewirken. Diese Anpassung ist zu einem wichtigen
Aspekt der umfassenderen europäischen Sicherheit
geworden, da sie den Weg für die NATO-Erweiterung
bereitet. Wir konzentrieren uns auf erhöhte Sicherheit
anstatt erhöhte militärische Stärke, und der KSEVertrag ist ein wichtiger Mechanismus für die Erlangung dieses Ziels.

dieser Ziele unterstreichen. Diese Ziele basieren auf
dem gemeinsamen Engagement für Demokratie,
Menschenrechte und Freiheit, die in der Welt nach
dem Krieg im Zentrum der deutsch-amerikanischen
Partnerschaft stehen. Wenn wir unsere Aktionen auf
diese gemeinsamen Verpflichtungen und Prinzipien
gründen, können wir zuversichtlich sein, daß wir
unsere Ziele erreichen. Dann können wir auf das
Ende des 20. Jahrhunderts als eine Zeit zurückblicken,
in der wir die richtigen Entscheidungen trafen und den
Mut hatten, historische Chancen zu ergreifen.

Abschließend möchte ich die Bedeutung der deutschamerikanischen Zusammenarbeit bei der Erlangung

Ich danke Ihnen.

* * * * *

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Seite 3

�TERRORISMUS
25. Juni 1997

Terrorismus, die Medien und das 21. Jahrhundert
von Raphael F. Perl

(AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels, Raphael F. Perl, ist beim Forschungsteam des Kongresses in
der Library of Congress Experte für internationale Terrorismusfragen.

Bei der Konfrontation von Regierungen mit Terroristen
stellen die Medien weiterhin eine mächtige Kraft dar.
Wenn sie sich an die Öffentlichkeit wenden und diese
beeinflussen, hat das nicht nur Auswirkungen auf die
Aktionen von Regierungen, sondern auch von Terrorgruppen.

erstattung über einen Terroranschlag erwarten.
Anschließend untersucht er drei Trends, die Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Terrorismus
und Medien haben und bietet zum Abschluß einige
Optionen.
Die Erwartungen der Terroristen an die Medien

Aus der Sicht der Terroristen ist die Berichterstattung
in den Medien ein wichtiges Maß für den Erfolg
terroristischer Gewalttaten oder Kampagnen. Im Fall
von Geiselnahmen, bei denen die Medien für den
Terroristen möglicherweise die einzige unabhängige
Quelle für Berichterstattung über den Lauf der Ereignisse sind, kann die Berichterstattung eine Rettungsaktion erschweren.
Regierungen können sich der Medien bedienen, um
die Weltöffentlichkeit gegen ein terroristisches Land
oder eine Terrorgruppe aufzubringen. Öffentlichkeitsarbeit und die Medien können auch eingesetzt werden,
um die Öffentlichkeit in anderen Ländern zu mobilisieren, Druck auf die Regierung auszuüben, damit diese
gegen den Terrorismus vorgeht.
Margaret Thatcher stellte einmal fest, Publicity sei der
Sauerstoff für den Terrorismus. Das unterstreicht, daß
Public Relations eine wichtige Waffe der Terroristen
und die Medien das zentrale Medium für den Einsatz
dieser Waffe sind. Der Terrorismus spielt heute in den
Medien eine Rolle.
Dieser Artikel befaßt sich mit den widersprüchlichen
Ansichten über die wünschenswerte Rolle der Medien
bei der Berichterstattung über terroristische Zwischenfälle sowie den verschiedenen Erwartungen an die
Medien: Was die Terroristen erwarten, was die
Regierung erwartet, was die Medien von der Bericht-

AMERIKA DIENST 12

Terroristen, Regierungen und die Medien sehen
Funktion, Rolle und Pflichten der Medien bei der
Berichterstattung über Terroranschläge aus unterschiedlichen und oftmals scheinbar widersprüchlichen
Blickwinkeln. Diese Einstellungen leisten dem Gruppenverhalten während terroristischer Gewaltakte
Vorschub, was oftmals zu taktischen und strategischen
Vorteilen für die Terroristen und ihre Sache führt. Für
die Regierung und die Medien besteht die Herausforderung darin, die diesen Einstellungen innewohnende Dynamik zu erkennen und politische Optionen zu
entwickeln, die den jeweiligen Interessen dienen.
Terroristen wollen kostenlose Publicity, die
eine Gruppe normalerweise nicht bekommt
oder sich nicht leisten kann. Jegliche Publicity
macht die Welt auf ein existierendes Problem
aufmerksam, das nicht ignoriert werden darf
und angesprochen werden muß. Ein unredigiertes Interview ist ein kostbares Gut, beispielsweise das im Mai 1997 von CNN gesendete Interview mit Mohammad Bin Ladin.
Zugang zu einem Terroristen verspricht eine
heiße Story.
Terroristen wollen Verständnis für Ihre Sache,
wenn nicht sogar für ihre Aktionen. Man mag
ihren Aktionen nicht zustimmen, was jedoch
nicht ausschließt, daß man Teilnahme an

Seite 1

�ihrem Leiden und ihrer Sache zeigt. Die
Öffentlichkeit braucht Hilfe um zu verstehen,
daß ihre Sache gerecht und terroristische
Gewalt ihr einziges Mittel im Kampf gegen die
überlegenen Kräfte des Bösen ist. Daher sind
gute Beziehungen zur Presse für sie von
großer Bedeutung, weshalb sie oft über Jahre
aufgebaut und weiterentwickelt werden.
Terroristen versuchen unter Umständen, ihren
Anhängern Stellen im Pressebereich zu
vermitteln, insbesondere bei Nachrichtenagenturen, und bemühen sich manchmal
sogar, kleinere Medienorganisationen durch
Finanzhilfe zu kontrollieren. Ein Beispiel ist
Bin Ladin, der angeblich einen islamischen
Nachrichtendienst am Golf finanziert haben
soll, der einen harten Kurs verfolgt.
Sie wollen Legitimität. Die Presse soll das
legitimieren, was oft als eindeutige Spaltung
zwischen bewaffneten Gruppen und politischen Gruppierungen dargestellt wird. Die
IRA und die Hamas sind Beispiele. Musa Abu
Marzuq beispielsweise, dem der politische
Flügel der Hamas unterstand, hat angeblich
bestimmte Bombenanschläge und Morde
befürwortet. Solche Unterscheidungen dienen
oftmals dazu, den Menschen den Beitritt zu
Terrororganisationen zu erleichtern.
Sie wollen, daß die Presse den Erkenntnissen
und Ansichten speziell ins Leben gerufener
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Legitimation verschafft und prüft, welche Zentren
als Deckmantel für terroristische Finanzierung,
Anwerbung und Reisen von Terroristen ins
Zielland dienen können. Die Finanzierung des
palästinensisch-islamischen Dschihad und
seiner Kontrolle über World and Islam Studies
Enterprise ist nur eins von vielen Beispielen.
Ein zweites ist die von der Hamas finanzierte
Islamic Association for Palestine (IAP) mit Sitz
in Richardson (Texas).
Sie wollen - im Fall von Geiselnahmen Einzelheiten über Identität, Zahl und Wert der
Geiseln, über möglicherweise geplante Rettungsversuche sowie das Ausmaß der öffentlichen Berichterstattung über ihre Operation.
Insbesondere wenn staatliche Sponsoren
betroffen sind, wollen sie Einzelheiten über
Pläne für militärische Vergeltungsmaßnahmen.
Und sie wollen die Hilfe der Medien, um ihrem
Feind Schaden zufügen. Das gilt insbesondere, wenn die Gewalttäter und der Grund für ihr
Handeln anonym bleiben. Sie wollen, daß die
Medien Panik machen, Angst verbreiten,

Seite 2

wirtschaftliche Verluste wie beispielsweise
beim Tourismus herbeiführen, damit die
Bevölkerung das Vertrauen in die Fähigkeit
ihrer Regierungen verliert, sie zu schützen,
und damit Regierung und Bevölkerung in
bestimmten Situationen und im Hinblick auf
die gesamte Bedrohung durch den Terrorismus überreagieren.

Die Erwartungen der Regierungen an die Medien
Regierungen erwarten von den Medien Verständnis,
Zusammenarbeit, Zurückhaltung und Loyalität bei ihren
Bestrebungen, den durch Terrorismus verursachten
Schaden für die Gesellschaft zu begrenzen und die für
terroristische Gewalttaten Verantwortlichen zu bestrafen oder festzunehmen. Das gilt insbesondere für
folgende Bereiche:
Regierungen wollen Publicity zur Förderung
ihrer Tagesordnung und nicht der terroristischen. Aus ihrer Perspektive sollten die
Medien bei bestimmten Operationen die
Aktionen der Regierung unterstützen und ihr
die benötigten Informationen liefern.
Ein wichtiges Ziel besteht darin, den Terroristen von den Medien abzuschotten - und ihm
so das Forum für Propaganda zu entziehen,
ohne daß dies zu seiner unmittelbaren Niederlage führt.
Ein weiteres Ziel besteht darin, daß die Medien Terroristen als gemeine Verbrecher
brandmarken.
Im Fall von Geiselnahmen ziehen Regierungen es normalerweise vor, die Medien vom
unmittelbaren Vorgehen auszuschließen, aber
sie möchten von den Medien nachrichtendienstliche Informationen erhalten, wenn diese
Zugang zum Ort der Geiselnahme haben.
Sie wollen, daß die Publicity zur Entschärfung
der angespannten Lage beiträgt, nicht umgekehrt. Es ist ein wichtiges Ziel der Politik, die
Nation zu beruhigen.
Bei Zwischenfällen wollen sie den Zugang der
Terroristen zu Daten von außerhalb kontrollieren - Daten über Geiseln zurückhalten,
damit die Medien keine Informationen über
Terrorbekämpfungsaktionen preisgeben oder
die Terroristen mit Informationen versorgen,
die ihnen dienlich sind.
Nach Zwischenfällen wollen sie, daß die
Medien nichts darüber verlauten lassen,
welchen Handel die Regierung eingegangen

AMERIKA DIENST 12

�ist, um die Operation erfolgreich abzuschließen - und nichts über die erfolgreichen oder
erfolglosen Methoden der Terroristen verlauten lassen, damit diese nicht von anderen
Terroristen nachgeahmt werden können.
Sie wollen vermeiden, daß die Medien durch
Desinformationen getäuscht werden. Viele
Gruppen haben ein Motiv, unrichtige oder
falsche Informationen zu verbreiten.
Sie wollen, daß die Medien ein positives Bild
der staatlichen Stellen vermitteln. Die Behörden können gezielt Informationen zu bestimmten Medienvertretern durchsickern lassen, die
wiederum positiv über sie berichten und Kritik
an ihrer Vorgehensweise vermeiden.
Sie möchten, daß die Journalisten sie informieren, wenn sie Grund zu der Annahme
haben, daß ein Terroranschlag geplant oder
eine bestimmte Person an terroristischen
Aktivitäten beteiligt ist.
In extremen Fällen unter den gegebenen
Umständen möchten sie, wenn die nationale
Sicherheit auf dem Spiel steht und die Erfolgschancen groß sind, daß die Medien mit ihnen
zusammenarbeiten und eine Ente verbreiten,
die zur Aufhebung einer unmittelbaren terroristischen Bedrohung beiträgt.
Die Erwartungen der Medien im Falle terroristischer
Berichterstattung
Jeder Journalist wünscht sich die Freiheit, ohne
Einschränkungen - sei es von Seiten seiner Redaktion
oder der Regierung - über ein Ereignis berichten zu
können.
Die Medien wollen eine Story als erste herausbringen. Die Erstmeldung ist das Goldene
Vlies. Alte Neuigkeiten sind keine Neuigkeiten. Im heutigen äußerst konkurrenzfähigen, hochtechnisierten Kommunikationsumfeld ist die Informationsübermittlung in
Realzeit ein ständiges Muß.
Die Medien wollen die Story so früh und so
dramatisch wie möglich herausbringen möglichst in Form eines Interviews. Während
der Entführung der TWA 847 im Juni 1985
sendete ABC ausführliche Interviews mit
Kidnappern und Geiseln gleichermaßen. Es
wurde sogar ein Bild des Piloten mit der
Pistole an der Schläfe gezeigt.
Meistens wollen sie professionell und genau
sein und Desinformationen keinen Glauben

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schenken, so attraktiv sie auch scheinen
mögen.
Sie möchten ihre Fähigkeit bewahren, in der
Gesellschaft so sicher und frei wie möglich zu
agieren. In vielen Fällen geht dies über ihr
Recht zu relativ ungehinderter Berichterstattung hinaus. Es wird in persönliche physische
Sicherheit umgesetzt. Sie wollen sich selbst
schützen - und nicht während Operationen
getötet oder von Terroristen wegen negativer
Berichterstattung ermordet werden.
Sie wollen das Recht auf Information der
Gesellschaft schützen.
Und sie wollen eine konstruktive Rolle bei der
Lösung spezifischer Terrorsituationen spielen,
wenn dies ohne einen übermäßig hohen Preis
im Hinblick auf den Verlust der Story oder
moralische Kompromisse erfolgen kann.
Trends mit Auswirkungen auf den Terrorismus und
die Medien
Es scheinen sich eine Reihe von Trends abzuzeichnen, die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen
den Medien, den Terroristen und der Regierung
haben. Dazu zählen: 1. Ein Trend zu Anonymität bei
Terrorismus. 2. Ein Trend zu gewalttätigeren Terroranschlägen. 3. Ein Trend zu Angriffen auf Medienvertreter und -Institutionen.
Anonymität bei Terrorismus
Heute beobachten wir einen Trend zu anonymem
Terrorismus, bei dem niemand die Verantwortung
übernimmt und keine Forderungen gestellt werden.
Der Anschlag auf das World Trade Center ist nur ein
Beispiel. Diese Praxis räumt den Medien eine größere
Rolle für Spekulationen ein und hilft ihnen bei Behauptungen, sie würden die Forderungen oder Ziele
der Terroristen hochspielen. Dennoch kann die
andauernde aufgebauschte Berichterstattung über
Terrorakte Ziele der Terroristen fördern, wie die
Verbreitung von Angst, Beeinträchtigung des Tourismus und Provokation starker staatlicher Reaktionen,
die letztlich zu Einschränkungen der persönlichen
Freiheit führen.
Gewalttätigerer Terrorismus
In der Welt hochtechnologisierter Informationsgesellschaften von heute ist das Potential für gewalttätigeren
Terrorismus eine Realität, die nicht ignoriert werden
kann. Während der Terrorismus gewalttätiger wird,
könnte sich sehr wohl die Annahme breit machen, daß
die Presse in gewissem Maße für die Begünstigung
von Terrorismus oder das Hochspielen seiner Auswirkungen verantwortlich ist. Zunehmend bedrohte

Seite 3

�Gesellschaften könnten geneigt sein, angesichts der
Konsequenzen von massenhaften Opfern weniger
Risiken einzugehen und den Medien immer weniger
die Selbstkontrolle zutrauen.
Angriffe auf Medienvertreter und -institutionen
Wir könnten auch einen Trend zu Angriffen auf
Journalisten beobachten, die Terroristen betreffende
Themen offen ansprechen. Solche Aktivitäten gibt es
nicht nur in Algerien, Mexiko, Rußland, Tschetschenien oder London, sondern auch hier in der Bundeshauptstadt Washington im nationalen Pressegebäude und bei den Vereinten Nationen in New York.
Eine private Gruppe hat die 1995 von Terroristen
getöteten Journalisten auf 45 beziffert.

agenturen und Printmedien besteht. Die Fernsehberichterstattung über Zwischenfälle würde dann von
dem Fernsehmitarbeiter in dem Zentrum koordiniert.
Ein solches Zentrum könnte von einem Regierungssprecher (dem Koordinator für terroristische Informationen -TIC) geleitet werden, der unverzüglich versuchen
würde, der speziellen Terrorgruppe die Propaganda zu
entreißen.
Wenn Zwischenfälle in den Vereinigten Staaten
vorkommen, gibt es abgesehen von dem Vorfall selbst
ein Nachrichtenvakuum und bis zu dem Zeitpunkt, zu
dem die Regierungsbehörden sich geeinigt haben, was
gesagt und welche Position bezogen werden kann, ist
die Propagandainitiative der Regierung nur allzu
häufig bereits verloren.

Optionen

Medienpools

Es gibt eine Reihe von Optionen, um die Effektivität der
medienorientierten Reaktionen der Regierung auf
Terrorismus zu verbessern und zu verhindern, daß die
Medien unabsichtlich zur Förderung terroristischer
Ziele manipuliert werden. Dazu zählen: 1. Die
Finanzierung gemeinsamer Übungen der Medien und
der Regierung. 2. Die Einrichtung eines Reaktionszentrums der Regierung auf terroristische Informationen. 3. Verstärkter Einsatz von Medienpools. 4.
Förderung freiwilliger Richtlinien für Presseberichterstattung. 5. Überwachung von gegen Medien
gerichtetem Terrorismus.

Eine andere Option, insbesondere für die Berichterstattung bei Geiselnahmen, wäre der Einsatz eines
Medienpools, von dem die Nachrichten gleichzeitig
gesendet werden. Wenn man sich für diese Option
entscheidet, sollten Mechanismen für die Durchführung eines solchen Konzepts vorhanden sein.

Gemeinsame Übungen der Medien und der Regierung
Öffentlichkeitsarbeit muß vor der Story erfolgen, nicht
als Reaktion darauf. Die Nationen benötigen umfassende Strategien für Öffentlichkeitsarbeit, um von
Terroristen geleitete Initiativen zu bekämpfen, und die
Medien können im Rahmen einer solchen Strategie
eine wichtige Rolle spielen. Übungen sind hier von
entscheidender Bedeutung: Übungen wie die von der
George Washington University und dem Technologieinstitut in Holon (Israel) durchgeführten, die
Regierungs- und Medienvertreter zusammenbringen,
um eine Reaktion der Regierung und die Medienberichterstattung über Scheinangriffe von Terroristen zu
simulieren.
Ein Reaktionszentrum der Regierung auf terroristische Informationen
Eine Option, die Regierungen in Erwägung ziehen
könnten, wäre die Einrichtung eines ständigen Reaktionszentrums der Regierung auf terroristische
Informationen (TIRC). Nach Absprache mit den
Medien könnte ein solches Zentrum eine Gruppe für
rasche Reaktionen auf Terrorismus (über Kommunikationsverbindungen) in Rufbereitschaft haben, die aus
Mitarbeitern der Fernsehanstalten, Nachrichten-

Seite 4

Freiwillige Richtlinien für die Presseberichterstattung
Eine weitere Option wäre die Einführung eines lockeren freiwilligen Verhaltenskodex oder von Richtlinien,
zu denen die Redakteure und Reporter Zugang haben
sollten. Ein spezieller Mediengipfel - vielleicht unter
der G-7-Rubrik - würde für Geschäftsführer der
Fernsehanstalten und Printmedien einberufen, um
freiwillige Richtlinien für die Berichterstattung über
Terrorismus zu erarbeiten.
Es könnte Richtlinien für folgende Bereiche geben:
Beschränkung von Informationen über die
Geiseln, die ihnen schaden könnten, zum
Beispiel Anzahl der Geiseln, Nationalität,
berufliche Position, finanzielle Verhältnisse
oder wichtige Verwandte.
Beschränkung von Informationen über militärische Bewegungen während Rettungsoperationen.
Beschränkung von unredigierten Liveinterviews mit Terroristen oder die Vereinbarung,
sie nicht zu senden.
Sorgfältige Prüfung der Informationsquellen,
wenn der Druck auf Berichterstattung hoch ist,
die vielleicht nicht genau ist.
Abschwächung von Informationen, die weitverbreitete Panik verursachen könnten.

AMERIKA DIENST 12

�Selbst wenn keine spezifischen Richtlinien verabschiedet werden, würde ein solcher Gipfel das Verständnis
der Öffentlichkeit und der Presse über die Erfordernisse ihrer jeweiligen Institutionen verbessern.
Überwachung' von gegen Medien gerichtetem
Terrorismus
Schließlich könnte sich weltweit ein Trend von vermehrten Terrorangriffen auf Medienvertreter und -Institutionen abzeichnen. Überraschenderweise gibt es
jedoch keine schnell verfügbaren staatlichen Statistiken. Um diese Situation zu beheben, könnten Regierungsberichte über Terrorismus, wie der vom USAußenministerium unter dem Titel Patterns of Global
Terrorism veröffentlichte, weltweite jährliche Statistiken enthalten, die die Anzahl der pro Jahr bei Terroranschlägen getöteten oder verletzten Journalisten
angeben sowie die Anzahl von Terroranschlägen auf
Medienvertreter und -Institutionen pro Jahr.

Schlußbemerkung
Die Medien und die Regierung haben gleichermaßen
ein Interesse daran, daß die Medien nicht unabsichtlich
zur Förderung von Terrorismus oder seinen Methoden
manipuliert werden. Andererseits wollen die Politiker
jedoch nicht, daß der Terrorismus die Pressefreiheit einen Pfeiler demokratischer Gesellschaften - unterhöhlt.
Per definitionem ist dies ein Dilemma, das nicht
vollständig beseitigt werden kann und mit dem die
Gesellschaft ständig kämpfen muß. Die Kommunikation zwischen der Regierung und den Medien ist hier
ein wichtiges Element bei jeder Strategie, die auf die
Verhinderung von Terrorismus und den Erhalt der
Demokratie abzielt.
In der Realität sind Terrorismus und Demokratie nicht
vereinbar, und in von Verbrechern oder radikalen
religiösen Extremisten beherrschten Gesellschaften ist
die freie Presse eine der ersten Institutionen, die
verschwinden muß.

* *

AMERIKA DIENST 12

*

Seite 5

�</text>
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                <text>Amerikadienst 25.06.1997</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. G-8&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gipfel in Denver ist Vorbereitung auf zukünftige globale Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radioansprache von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Vielfalt ist von elementarer Bedeutung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in San Diego&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rubin fordert fortgesetztes internationales Engagement der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Themen der gesamteuropäischen Sicherheitspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Terrorismus, die Medien und das 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Raphael F. Perl&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>N^X*?^

amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SrioN ^

Z12462 C

13

9. Juli 1997

NATO

CLINTON NENNT VIER GRUNDE FÜR DIE
NATO-ERWEITERUNG
Rede des Präsidenten

ELEKTRONISCHER HANDEL

CLINTON FORDERT "GLOBALE
FREIHANDELSZONE" IM INTERNET
Rede des Präsidenten
SCHAFFUNG EINES GUNSTIGEN UMFELDS
FÜR ELEKTRONISCHEN HANDEL
Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers
GLOBALE INFORMATIONSNETZE ALS NEUES
ELEMENT DER WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
Rede von Wirtschaftsminister Daley

MARSHALLPLAN

DIE NEUE ROLLE EUROPAS AUS DER
SICHT DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von J.D. Bindenagel

UMWELT

CLINTON VERSPRICHT FONDS FÜR
ENERGIEPROJEKTE IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
Rede des Präsidenten beim Erdgipfel

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�4. JULI

BESTE WUNSCHE ZUM
UNABHÄNGIGKEITSTAG
Ansprache des Präsidenten

GESELLSCHAFT

OREGON TRAIL - DER WEG NACH WESTEN
von Brad Knickerbocker

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�NATO
9. Juli 1997

Clinton nennt vier Gründe für die NATO-Erweiterung
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir auszugsweise die Rede, die Präsident Clinton am 3. Juli
1997 vor Veteranen des Zweiten Weltkriegs im Weißen Haus hielt.

In der kommenden Woche werden wir einen historischen Schritt unternehmen um sicherzustellen, daß die
Menschen im In- und Ausland mehr Freiheit als je
zuvor genießen: Wir werden die neuen Demokratien
Zentraleuropas beim NATO-Gipfel in Madrid einladen,
unserem Bündnis beizutreten. Ich danke denjenigen,
die sich bereits vor mir für diese Länder eingesetzt
haben. Parallel zu unseren Bestrebungen zum Aufbau
von Beziehungen der NATO zu Rußland und der
Ukraine und im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden mit so vielen anderen europäischen Demokratien arbeiten wir an der Gestaltung eines Europas, das
erstmals seit der Existenz von Nationalstaaten auf
diesem Kontinent ungeteilt, demokratisch und friedlich
ist.
Unsere Nation hat seit mehr als fünf Jahrzehnten auf
dieses Ziel hingearbeitet und dafür Opfer gebracht.
Jetzt liegt es in unmittelbarer Reichweite. In Europa
haben wir nächste Woche die Chance zur Stärkung
der Werte, die wir alle in Ehren halten - Freiheit,
Demokratie und Sicherheit. Unsere Arbeit in Madrid
wird der krönende Abschluß der Führungsrolle unserer
Nation im 20. Jahrhundert und ein Grundpfeiler für ein
neues Zeitalter der Chancen im 21. Jahrhundert sein.
Ich sah heute in einer Zeitung eine Umfrage, die
besagt, daß nur sechs Prozent der Amerikaner der
Ansicht sind, sie verfolgten die Ereignisse innenhalb
des Bündnisses und wüßten viel über diese Vorgänge.
Das ist in gewisser Weise ein Zeichen gebührender
Anerkennung des Erfolgs der NATO, denn es wurde
noch nie ein Bündnismitglied angegriffen. Wäre das
der Fall gewesen, wüßten die Menschen viel mehr
über die NATO.

Jetzt ist es für uns an der Zeit sicherzustellen, daß
mehr Amerikaner sich der Bedeutung der NATO für
unsere Sicherheit bewußt werden und verstehen,
welche Rolle das Bündnis in Zukunft spielen kann und
warum seine Erweiterung im ureigensten Interesse des
amerikanischen Volkes liegt. Alle mit dieser Frage
beschäftigten Menschen und alle hier Anwesenden
haben einen großen Beitrag hierzu geleistet. Ich hoffe,
daß Sie nach Abschluß dieser Veranstaltung mit Ihren
Freunden und Nachbarn, Mitgliedern Ihrer Organisationen und allen, mit denen Sie Kontakt haben, über
diese Angelegenheit sprechen.
Es gibt vier Gründe, warum die NATO-Erweiterung im
Einklang mit unseren Werten steht und unsere Interessen fördert. Erstens wird unser Bündnis stärker und
kann die Herausforderungen der europäischen
Sicherheit besser bewältigen. Wie bereits gesagt
wurde: Wenn wir aus dem 20. Jahrhundert auch nur
eine Lehre gezogen haben, dann die, daß unsere
Zukunft und die Europas untrennbar verbunden sind.
Eine NATO, die Europas neue Demokratien umfaßt,
wird besser in der Lage sein, ihre Missionen durchzuführen, das Territorium ihrer Mitglieder zu verteidigen und die Konflikte anzusprechen, die unseren
gemeinsamen Frieden bedrohen. Die Tschechen und
Polen haben im Golfkrieg Seite an Seite mit amerikanischen Soldaten gekämpft.
Die Tschechische
Republik, Polen, Ungarn, Rumänien, die baltischen
Staaten und viele andere zentraleuropäische Länder,
die den Beitritt zur NATO anstreben, entsenden bereits
Truppen zur friedenssichernden Mission der NATO in
Bosnien.
In der Tat hätten wir unsere Truppen ohne die entscheidende Hilfe Ungarns und unser Bereitstellungs-

AMERIKA DIENST 13

Seite 1

�gelände in Taszar, das ich kurz nach seiner Einrichtung besucht habe, nicht so komplikationslos und
schnell nach Bosnien entsenden können. Indem wir
die neuen Demokratien in die NATO einbeziehen und
unsere Zusammenarbeit mit anderen, die zur Zeit nicht
Mitglieder aber Teil unserer Partnerschaft für den
Frieden sind, vertiefen, bauen wir ein stärkeres
Bündnis für alle zukünftigen Herausforderungen der
transatlantischen Sicherheit auf.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung offenkundig zur
Sicherung der Errungenschaften der Demokratie in
Europa beitragen. Die NATO kann für den Osten
Europas das tun, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg
für den Westen Europas getan hat - das erforderliche
Klima zu schaffen, damit Freiheit und Wohlstand
überleben, wachsen und prosperieren können.
Drittens wird die NATO-Erweiterung zweifelsohne
mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer
Meinungsverschiedenheiten ermutigen, und das wird
die Möglichkeit weiterer Konflikte in Europa verringern.
Die bloße Aussicht auf die NATO-Mitgliedschaft hat die
Länder in Zentraleuropa bereits zur Verbesserung der
Beziehungen zu ihren Nachbarn und zur Beilegung
von Grenz- und ethnischen Streitigkeiten veranlaßt, die
zu einem anderen Zeitpunkt und unter anderen
Gegebenheiten zu einem Konflikt hätten führen
können.

*

Seite 2

Und schließlich wird die NATO-Erweiterung die von
Stalin am Ende des Zweiten Weltkriegs gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren. Die NATO wird
Europa jetzt helfen, in Sicherheit zusammenzukommen
und nicht in Instabilität auseinandergehalten zu
werden. Die Türen der NATO werden für alle diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der Pflichten der
Mitgliedschaft bereit sind, so daß wir nicht eine alte
Teilung in Europa durch eine neue ersetzen. Die von
den NATO-Verbündeten in Madrid getroffene Entscheidung darf keine einmalige Entscheidung sein.
Einige argumentieren, die zentraleuropäischen Nationen, die zum NATO-Beitritt eingeladen werden, seien
nicht bereit, Seite an Seite mit uns zu stehen. Aber mit allem Respekt - sie haben Unrecht. Die Nationen,
die wir für die Mitgliedschaft in Betracht ziehen, teilen
unsere Werte und Wünsche. Das haben sie immer
wieder unter Beweis gestellt. Sie haben auch die
Fähigkeit, das zu tun, was von NATO-Mitgliedern
erwartet wird.
Wir müssen Europa eine Chance geben, zum ersten
Mal in seiner Geschichte frei und ungeteilt zu sein.
Darauf werden wir in der nächsten Woche und in den
kommenden Monaten und Jahren hinarbeiten, während wir weiterhin mit den Demokratien Europas
zusammenarbeiten, die NATO stärken und sie an die
Missionen des 21. Jahrhunderts anpassen.

* * *

*

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�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Clinton fordert "globale Freihandelszone" im Internet
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Anläßlich der Veröffentlichung des Berichts des Weißen Hauses mit dem Titel "Ein
Rahmen für globalen elektronischen Handel" erklärte Präsident Clinton am 1. Juli 1997, die Vereinigten Staaten
werden mit Hilfe der Welthandelsorganisation "das Internet innerhalb von 12 Monaten zu einer Freihandelszone"
machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten unwesentlich gekürzt.

Vor 139 Jahren feierten die Vereinigten Staaten hier im
Weißen Haus die erste technologische Revolution im
Kommunikationswesen. In diesem Jahr schickte
Königin Victoria das erste Telegramm über den Atlantik
an Präsident Buchanan - genau hier. Und später
befand sich das erste Telefon in der Bundeshauptstadt
Washington in einem Raum im Obergeschoß - dem
gleichen Raum, von dem aus Woodrow Wilson den
amerikanischen Einsatz im Ersten Weltkrieg leitete.
Wir haben also über die Jahre hinweg viele interessante technologische Entwicklungen im Weißen
Haus miterlebt.
Jetzt feiern wir das unglaubliche Potential des Internet
und des World Wide Web. Als ich - vor nicht allzu
langer Zeit - Präsident wurde, nutzten nur Physiker das
Internet. Heute sind ungefähr 50 Millionen Menschen
in 150 Ländern an die Datenautobahn angeschlossen.
Bis zum Jahr 2000 werden es fünfmal - wenn nicht
mehr - sein, die alles Erdenkliche tun. Wir können uns
nicht genau vorstellen, wie das 21. Jahrhundert
aussehen wird, aber wir wissen, daß die Wissenschaft
und Technologie sowie das beispiellose Verschmelzen
von Kulturen und Volkswirtschaften des kommenden
Jahrhunderts in hohem Maße vom Internet beeinflußt
werden.
Der heute veröffentlichte Bericht enthält unsere
Bestrebungen, das Internet für alle Menschen nutzbar
zu machen. Binnen einer Generation soll jedes Kind in
Sekundenschnelle mit der Maus jedes Buch, das je
geschrieben wurde, jede Symphonie, die je komponiert

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wurde, jeden Film, der je gedreht wurde und jedes
Gemälde, das je gemalt wurde, anklicken können.
Dieses Potential kommt einer Revolution gleich. Der
Vizepräsident und ich arbeiten darauf hin, bis zum Jahr
2000 jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek an das
Internet anzuschließen, so daß zum ersten Mal jedes
Kind ohne Rücksicht auf seine persönlichen, wirtschaftlichen oder geographischen Umstände Zugang
zu demselben Wissen in der gleichen Zeit und auf
demselben Qualitätsniveau haben kann. Das könnte
das Bildungswesen in den Vereinigten Staaten
revolutionieren.
Unser neuer Plan für einen ausgeglichenen Haushalt
enthält darüber hinaus 300 Millionen Dollar zur
Entwicklung der nächsten Generation des Internet, so
daß führende Universitäten und nationale Labors mit
einer 1.000 Mal höheren Geschwindigkeit kommunizieren können, um neue medikamentöse Behandlungen,
neue Energiequellen und neue Wege der Zusammenarbeit zu erarbeiten.
Aber wie bereits gesagt wurde, wird das Internet in der
Handelswelt auf revolutionärste Weise angewendet.
Wir können bereits Bücher und Kleidung kaufen,
geschäftliche Ratschläge erhalten und alles von
Gartenwerkzeug über scharfe Soßen bis zu Hightechgeräten über das Internet beschaffen. Und wir wissen,
das ist erst der Anfang. Der Handel über das Internet
verdoppelt oder verdreifacht sich jedes Jahr. In
wenigen Jahren wird er Milliarden von Dollar an Waren
und Dienstleistungen hervorbringen.

Seite 1

�Wenn wir ein Umfeld schaffen, in dem elektronischer
Handel wachsen und prosperieren kann, wird jeder
Computer eine Chance für jedes - kleine und große Unternehmen überall auf der Welt sein. Nicht nur
führende Wirtschaftsunternehmen wie IBM werden in
der Lage sein, neue Märkte zu erschließen; auch die
kleinste neugegründete Firma wird ein unbegrenztes
Verkaufs- und Verteilernetz zur Verfügung haben. Es
wird buchstäblich möglich sein, morgen ein Unternehmen zu gründen und nächste Woche Geschäfte mit
Japan, Deutschland und Chile zu tätigen, ohne zu
reisen - etwas, das man früher über Jahre hinweg
hätte aufbauen müssen. Auf diese Weise kann und
sollte das Internet für Unternehmen jeder Größenordnung eine wirkliche Unterstützung sein.
Heute wissen wir jedoch, daß der elektronische
Handel auch beträchtliche Risiken beinhaltet, die
außerordentliches Wachstum und Fortschritt verhindern könnten. Es gibt praktisch keine internationalen
Übereinkünfte oder Vereinbarungen über elektronischen Handel. Viele grundlegende Prinzipien für
Verbraucherschutz und Urheberrechte sind nicht im
Cyberspace enthalten. Elektronischer Handel ist in
vieler Hinsicht der Wilde Westen der Weltwirtschaft.
Unsere Aufgabe besteht darin sicherzustellen, daß
diejenigen, die darin Handel treiben wollen, ein
sicheres und stabiles Terrain vorfinden.
Dabei
müssen wir jetzt, da sich der elektronische Handel
noch in den Kinderschuhen befindet, mit anderen
Nationen zusammenarbeiten.
Zur Bewältigung dieser Herausforderung freue ich
mich, unseren neuen Bericht über globalen elektronischen Handel vorstellen zu dürfen, in dem unsere
Prinzipien bei unserem Bemühen dargelegt werden,
Grundregeln für den internationalen elektronischen
Handel mit möglichst wenigen Vorschriften und keinen
neuen diskriminierenden Steuern aufzustellen. Da das
Internet ein enormes Wohlstandspotential hat, sollte es
eine globale Freihandelszone sein. Es sollte ein Ort
sein, an dem Regierungen, wie der Vizepräsident
bereits erklärte, als erste die Initiative ergreifen und
nicht die Entwicklung behindern.
Wir wollen den Privatsektor soweit wie möglich zur

freiwilligen Selbstkontrolle ermutigen. Wir wollen alle
Nationen ermutigen, den elektronischen Handel nicht
mit diskriminierenden Steuern, Zöllen, unnötigen
Vorschriften und lästiger Bürokratie zu belasten.
Wo das Engagement der Regierung nötig ist, sollte es
auf die Unterstützung eines kalkulierbaren, beständigen, gesetzlichen Umfelds für Wirtschaft und Handel
abzielen, damit diese unter fairen und verständlichen
Bedingungen prosperieren können. Und wir sollten
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
bestehende Gesetze oder Vorschriften abzuändern,
die den elektronischen Handel behindern könnten. Wir

Seite 2

möchten diese Grundsätze bis zum 1. Januar 2000 in
die Tat umsetzen.
Heute möchte ich drei spezifische Aktionen zur
Erlangung dieses Ziels bekanntgeben und den
Vizepräsidenten bitten, unsere dabei erzielten Fortschritte zu überwachen. Erstens weise ich alle Leiter
der Bundesministerien und -behörden an, ihre den
globalen elektronischen Handel betreffende Politik zu
überprüfen und sicherzustellen, daß sie im Einklang
mit den fünf Grundprinzipien dieses Berichts steht.
Zweitens beauftrage ich die Mitglieder meines Kabinetts, sich für die Erlangung einiger unserer Hauptziele
im nächsten Jahr einzusetzen. Ich beauftrage Finanzminister Robert Rubin, die erforderlichen Abkommen
auszuhandeln, die eine neue diskriminierende Besteuerung des elektronischen Handels verhindern. Ich
weise unsere Handelsbeauftragte, Charlene Barshefsky, an, im Rahmen der Welthandelsorganisation
WTO das Internet innerhalb von 12 Monaten zu einer
Freihandelszone zu machen - auf der Grundlage von
Fortschritten bei unserem bahnbrechenden Informationstechnologieabkommen und unserem Globalen
Telekommunikationsabkommen, das bei Waren und
Dienstleistungen im Wert von mehr als einer Billion
Dollar Zölle abschaffte und Handelshemmnisse
abbaute.
Ich beauftrage Wirtschaftsminister Daley mit der
Entwicklung von grundlegendem Verbraucher- und
Urheberrechtsschutz für das Internet, um das erforderliche kalkulierbare rechtliche Umfeld für den
elektronischen Handel zu schaffen und unsere Einbeziehung des Privatsektors im Rahmen einer entsprechenden Strategie zu koordinieren.
Ich beauftrage die relevanten Behörden, mit dem
Wirtschaftsministerium, der Industrie und den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten und zu
gewährleisten, daß die Amerikaner ihren wirtschaftlichen Aktivitäten in einem sicheren elektronischen
Umfeld nachgehen können, das ihr Vertrauen und ihre
Zuversicht bewahrt. Nächste Woche werden Wirtschaftsminister Daley und Ira Magaziner mit einer
Delegation nach Europa reisen, um unseren europäischen Handelspartnern unsere Vision von elektronischem Handel vorzustellen.
Drittens fordere ich den Privatsektor auf, uns bei der
Bewältigung einer der größten Herausforderungen des
elektronischen Handels zu helfen: Sicherzustellen, daß
wir effektive Methoden für den Schutz der Privatsphäre
jedes Amerikaners entwickeln, insbesondere der
Kinder, die das Internet nutzen. Viele von Ihnen,
meine Damen und Herren, arbeiten bereits im Bundeshandelsausschuß mit dem Vorsitzenden Pitofsky
und Kommissar Varney bei dieser Frage zusammen.
Ich fordere Sie dringend dazu auf, diese Arbeit fortzusetzen und neue Wege zum Schutz unserer grund-

AMERIKA DIENST 13

�legenden Rechte und Freiheiten zu finden, damit wir in
Sicherheit Handel treiben, lernen und kommunizieren
können.
Wie ich bereits letzte Woche sagte, ist es von besonderer Bedeutung, Eltern und Lehrern die notwenigen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie das
Internet für Kinder sicher machen können. Nichteinmischung in den elektronischen Handel darf nicht zu
Gleichgültigkeit im Zusammenhang mit der Erziehung
und dem Schutz von Kindern führen. Ich bitte die
heute hier anwesenden Wirtschaftsvertreter, mit uns
an der Entwicklung einer Lösung für das Internet
zusammenzuarbeiten, die für den Computer ebenso
wirkungsvoll ist wie der V-Chip für das Fernsehen, so
daß Kinder im Einklang mit dem ersten Zusatzartikel
zur Verfassung geschützt werden.
Ende des Monats werde ich ein Treffen mit Vertretern
der Industrie und die Internetnutzer vertretenden
Gruppen, Lehrern, Eltern und Bibliothekaren einberufen, um den Eltern behilflich zu sein, ihre Kinder
vor anstößigem Inhalt im Cyberspace zu schützen.

*

AMERIKA DIENST 13

Heute wollen wir sicherstellen, daß der internationale
Handel im Internet frei von diskriminierenden Steuern,
Zöllen, Bestimmungen und Vorschriften sowie frei von
Produktpiraterie ist.
Im 21. Jahrhundert können wir einen Großteil unseres
Reichtums an Innovationen im Cyberspace schaffen auf Wegen, die sich die meisten von uns nicht einmal
vorstellen können. Diese Vision hat ein Amerika zum
Ziel, in dem jeder Amerikaner - Verbraucher, Kleinunternehmer und Geschäftsführer - unseren Handel in
die entferntesten Winkel der Erde ausdehnen kann.
Wenn wir jetzt das Richtige auf die richtige Weise tun,
können wir unsere Volkswirtschaft in ein neues
Zeitalter führen, in dem unsere Innovation, Flexibilität
und unsere Kreativität für alle unsere Bürger enorme
Vorteile erzielt, in dem wir die Chancen bewahren,
unsere Bürger einander näherbringen und Amerika der
Welt näherbringen.
Ich bin zuversichtlich und kann Ihnen versichern, daß
wir unseren Teil zur Umsetzung der Prinzipien beitragen, für die wir heute eintreten. Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Schaffung eines günstigen Umfelds
für elektronischen Handel
Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Wirtschaftsminister William
Daley bei der europäischen Ministerkonferenz über globale Informationsnetze hielt, die vom 6.-8. Juli 1997 in
Bonn veranstaltet wurde.

Vielen Dank, Herr Minister Wijers, für Ihre freundlichen
Einführungsworte. Ich möchte auch Kommissar Monti
und Staatssekretär Ueno danken, daß sie heute hier
anwesend sind und ihre Gedanken in unsere wichtige
Arbeit einbringen.
Es ist äußerst angebracht, daß wir zu unseren Erörterungen über diesen neuen Handelsbereich in Bonn
zusammenkommen.
Schließlich verkörpert diese
Stadt die Realitäten unserer Zeit und die globalen
Veränderungen, die wir alle erleben. Nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde Bonn als temporäre Bundeshauptstadt angesehen - als Sitz der Regierung, bis
Berlin vereinigt sein würde und seinen Platz auf der
internationalen Bühne wieder einnehmen könnte. Die
Jahre verstrichen, Bonn funktionierte weiterhin als
Zentrum der Regierung, und hier wurde in dem festen
Glauben, daß Berlin wartete, wenig gebaut oder
erweitert. Selbst als es schwieriger wurde, Büros zu
finden, selbst als die Nationen der Welt feststellten,
daß ihre Botschaften hier unter Raumnot litten, selbst
als die Erfordernisse eines produktiven und wohlhabenden Deutschlands größere Regierungseinrichtungen notwendig machten, blieb Bonn eine der
kleinsten Städte unter den großen Hauptstädten der
Welt.
Nach ungefähr 40 Jahren sah man schließlich Ende
der achtziger Jahre Baukräne und Baustellen als sich
unter den Politikern die Annahme verbreitete, daß die
Bundeshauptstadt vielleicht für immer Bonn sein
würde. Und gerade als die Bauarbeiten in Bonn
begannen, ging der Kalte Krieg plötzlich zu Ende, die
Berliner Mauer fiel und die Bundeshauptstadt kehrte
nach Hause zurück. Meines Erachtens ist dies eine

AMERIKA DIENST 13

gute Lehre und erinnert uns daran, daß sich unsere
Welt manchmal schneller als erwartet verändert, und
es an uns und den Staats- und Regierungschefs auf
der ganzen Welt ist, vernünftig, einsichtig und klug zu
handeln, während wir auf das nächste Jahrhundert
hinarbeiten.
Betrachten Sie sich die moderne amerikanische
Wirtschaft: Vor nicht allzu langer Zeit hätte niemand
gedacht, daß Hochtechnologie 40 Prozent der jährlichen Zunahme des Bruttoinlandsprodukts der
Vereinigten Staaten ausmachen, oder ein von einem
ungarischen Einwanderer betriebenes neugegründetes
Unternehmen namens Intel so profitabel wie General
Electric sein, oder mehr als ein Viertel der Amerikaner
das Internet nutzen, oder Silicon Valley so lebenswichtig für unsere Volkswirtschaft sein würde wie
Detroit oder New York. Was für die Vereinigten
Staaten zutrifft, gilt auch für die EU, Zentral- und
Osteuropa, Asien und das pazifische Becken, die
westliche Hemisphäre, Afrika und den Nahen Osten und wir befinden uns gemeinsam inmitten dieses
dramatischen und weitreichenden wirtschaftlichen und
sozialen Wandels.
Während wir überlegen, wie die alltäglichen Geschäfte
- Verhandlungen, Vergleiche, Vertragsabschlüsse,
Verkäufe, Ausschreibungen und Käufe - über das
Internet und die Globale Informationsinfrastruktur
abgewickelt werden können, haben wir eine Option:
als Partner vorzugehen. Weniger zu tun, hieße, diese
nächste großartige wirtschaftliche Phase für eine
weitere Trennlinie zwischen Nationen aufs Spiel zu
setzen, wobei uns Sprache, Kultur, Geographie,

Seite 1

�Währung, Geschichte und technologisches Geschick
immer noch von der Zusammenarbeit abhalten.
Wir befinden uns bereits in einer sehr glücklichen
Lage. Die für den elektronischen Handel erforderliche
Technologie existiert schon, wird angewendet und
verbindet heute rund 60 Millionen Menschen auf der
Welt in einem nahtlosen Netz. Jede Transaktion, die
aus der Ferne vorgenommen wird, sei es per Telefon,
Fax oder Post, kann über das Internet billiger, schneller und leichter erfolgen. Und angesichts der Tatsache, daß in weniger als 15 Jahren schätzungsweise 1
Milliarde Menschen auf der Welt - nahezu 20 Prozent
der Weltbevölkerung - durch das Internet verbunden
sein werden, kann man sich der Erkenntnis kaum
entziehen, daß der effektivste Weg, die meisten
Verbraucher in der Weltwirtschaft zu erreichen, der
elektronische Handel sein wird. Wenn wir die Technologie und Infrastruktur zur Verfügung haben, besteht
die uns konfrontierende Herausforderung darin, dieses
Versprechen zu erfüllen.
Ich möchte wiederholen, wir befinden uns in einer sehr
glücklichen Lage, weil die wichtigsten Prinzipien der
Clinton-Administration für den Internetmarkt von
unseren Verbündeten in Europa geteilt werden. Die
Bonner Erklärung hat eine beeindruckende Reihe von
Themen angesprochen und ist eine solide Grundlage,
auf der wir einen florierenden elektronischen Handel
aufbauen können. Wir sind einer Meinung, daß
elektronischer Handel auf vom Privatsektor erarbeiteten Lösungen und vom Markt geschaffenen Möglichkeiten gründen wird. Es wird und sollte nicht ein von
der Regierung betriebener Markt sein. In der Tat sollte
die Rolle der Regierung minimal sein: Übermäßige
Kontrollen sollten vermieden werden; schriftlich
niedergelegte Regeln, die heute veraltet sind oder
elektronischen Handel behindern, sollten überarbeitet
oder abgeschafft werden und Vertragsvereinbarungen,
bei denen Käufer und Verkäufer frei zusammenkommen, sollten an der Tagesordnung sein. Wenn
Regulierung ein Muß ist, dann sollte sie technologieneutral sein, weil neue Technologien die Bestimmungen so schnell veralten lassen wie sie erlassen
werden, und Regulierung sollte einfach nur Wettbewerb fördern, das Recht auf geistiges Eigentum und
die Privatsphäre schützen sowie Betrug verhindern.
Die Geschwindigkeit der technologischen Veränderungen und der Anwendung von elektronischem Handel
erfordert eine neue Art der Problemlösung, bei der
Unternehmens- und Industrievertreter eine Führungsrolle übernehmen. Um ein anschauliches Beispiel zu
nennen: Microsoft und Netscape legten ihre Talente
und Ressourcen zusammen um sicherzustellen, daß
das Internet nicht zu einem Mißbrauch der Privatsphäre einlädt, wie beispielweise dem unbeabsichtigten Zugang zu Dateien oder Netzwerken. So muß
elektronischer Handel sich entwickeln und verwaltet
werden - weil es die Unternehmen sind, die das größte

Seite 2

Interesse am Erfolg von elektronischem Handel haben,
und dieser nur möglich ist, wenn die Unternehmen den
Verbrauchern auf der ganzen Welt das Vertrauen zu
Transaktionen im Internet vermitteln.
Mit dem gemeinsamen Ziel eines prosperierenden,
wachsenden und wohlhabenden Marktes im Internet
stellt sich die Frage, wie man dorthin kommt. Vergangene Woche gab Präsident Clinton neun Empfehlungen bekannt, von denen die amerikanischen
Bestrebungen gemeinsam mit unseren Partnern bei
der Ankurbelung von elektronischem Handel geleitet
sein und die sicherstellen sollten, daß er sich in der für
alle Beteiligten nützlichsten und effizientesten Weise
entwickelt:
Erstens. Das Internet sollte zur Freihandelszone
erklärt werden - zu einem zollfreien Umfeld, wenn es
zur Lieferung von Produkten und Dienstleistungen
genutzt wird. Seit nahezu 50 Jahren haben die
Nationen Zollsenkungen ausgehandelt, weil die
Volkswirtschaften und die Bürger aller Nationen von
freiem Handel profitieren. Weil das Internet ein wirklich
globales Medium ist, ergibt es wenig Sinn, Zölle
einzuführen, die diese Transaktionen einer Menge
marktbeschränkender Hemmnisse aussetzen, die die
Vorteile des Handels auf dem Web unterminieren.
Zweitens. Da elektronische Zahlungssysteme noch
nicht so weit verbreitet sind, wäre es schwierig,
gleichermaßen zeitgemäße und effektive Maßnahmen
zu erarbeiten. Inflexible Vorschriften für den elektronischen Zahlungsverkehr sollten zugunsten einer
stichprobenartigen Kontrolle vermieden werden,
während sich die Zahlungssysteme weiterentwickeln.
Drittens. Geschäftspartner sollten im Internet ungeachtet der von ihnen vereinbarten Bedingungen
miteinander Geschäfte abwickeln können. Kalkulierbare und weithin akzeptierte rechtliche Grundsätze zur
Förderung des elektronischen Handels sind für
Privatunternehmen und freie Märkte von elementarer
Bedeutung. Wir werden uns für einen international
einheitlichen Handelskodex zur Vereinfachung und
Ermutigung von elektronischem Handel mit übereinstimmenden Vorschriften und Rechten einsetzen.
Viertens. Wir müssen das Recht auf geistiges Eigentum schützen, damit Musik, Filme und Kunst verfügbar
sind, sich aber die Produktpiraterie, die sie bereits um
nahezu 11 Milliarden Dollar ihrer Einnahmen beraubt,
nicht auf einem globalen elektronischen Markt explosionsartig verbreitet. Die Anbieter müssen wissen,
daß ihr geistiges Eigentum nicht gestohlen wird, und
die Käufer müssen wissen, daß sie authentische
Produkte bekommen. Internationale Abkommen über
klaren Copyright-, Patent- und Markenschutz zur
Bekämpfung von Produktpiraterie und Betrug sind ein
Muß.

AMERIKA DIENST 13

�Fünftens. Es ist von großer Bedeutung, in dem
vernetzten Umfeld die Privatsphäre zu wahren, damit
die Menschen auf diesem elektronischen Markt
beruhigt Handel treiben können. Wir müssen die
Kinder schützen und gleichzeitig die Rechte der
Unternehmen respektieren. Und wir müssen das
Recht unserer Verbraucher auf Privatsphäre schützen,
damit sie nicht durch vertrauliche Informationen, die für
eine Transaktion erforderlich sind, anderen ausgeliefert werden. Der Privatsektor hat sich stark für einen
sinnvollen, verbraucherfreundlichen, sich selbst
kontrollierenden Umgang mit der Privatsphäre eingesetzt, was unseres Erachtens auf diesem Gebiet der
richtige Weg ist.
Sechstens. Wir müssen Sicherheit durch den Einsatz
von hochentwickelter Kryptographie gewährleisten,
damit Daten wie Kreditkartennummern oder detaillierte
Verträge während Transaktionen nicht gelesen werden
können. Gleichzeitig müssen wir aber auch dafür
sorgen, daß die nationale Sicherheit durch die vernünftige Anwendung dieser Regeln bewahrt wird, damit
potentielle Terroristen oder andere raffinierte Kriminelle
ihre Arbeit nicht hinter Kryptographietechnologie
verstecken können.
Siebtens. Wir müssen weltweit mit unseren Partnern
zusammenarbeiten, um die Einheitlichkeit von Vorschriften und Rechten zu gewährleisten; anderenfalls
droht der elektronische Handel zu wenig mehr als
hochtechnisiertem Isolationismus zu werden. Und wir
müssen gemeinsam am Aufbau eines modernen
globalen Telekommunikationsnetzes arbeiten, das
zugänglich, finanzierbar und dem elektronischen
Handel förderlich ist.
Achtens. Das Internet enthält mehr Informationen und
Inhalte als die herkömmlichen Fernseh- und Radioprogramme je anbieten konnten, bietet seinen Nutzern
aber auch größere Chancen, Inhalt und Zugang zu
kontrollieren. Regeln, die jetzt routinemäßig auf
fragwürdige Inhalte in Rundfunk und Fernsehen
Anwendung finden, werden und sollten nicht auf das
Internet angewendet werden. Vielmehr sollten anstelle
von Inhaltsquoten und lästigen Vorschriften die
freiwillige Selbstkontrolle der Industrie, technische
Lösungen wie Filter und Alterskontrolle sowie Einstufung nach der Eignung für Jugendliche international
zum Schutz der Menschen vor anstößigem Material
eingesetzt werden.
Neuntens. Der Markt sollte die technischen Maßstäbe
setzen: Die Technologie entwickelt sich schneller als
die Gesetzgeber reagieren können, und Bestrebungen
der Regierung zum Betrieb des Internet werden nur die
technologische Innovation behindern.
Wir wissen, daß wir bei einigen Details des elektronischen Handels unterschiedliche Ideen haben.
Diskussionen über nichttarifäre Handelshemmnisse in

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Bezug auf den Inhalt, die Suche nach einem Gleichgewicht in der Kryptographie zwischen privaten Erfordernissen und nationalen Sicherheitsbelangen, mannigfaltige technische Standards und digitale Signaturen
sollten fortgesetzt werden. Die Vereinigten Staaten
vertreten eine klare Position, und wir haben allen
Grund zur Zuversicht, daß wir unsere Meinungsverschiedenheiten überwinden. Da jedoch beim Aufbau
dieses elektronischen Marktes große und andersartige
Gebiete abgedeckt werden müssen, gibt es de facto
mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen
der Bonner Erklärung und den Empfehlungen der
Vereinigten Staaten.
Elektronischer Handel sollte das beste Handels- und
Informationsmedium sein - eine im Wachstum begriffene Wirtschaft, die neugegründeten Unternehmen
Starthilfe geben, zum Wachstum der Unternehmen
beitragen und ihnen Zugang zu neuen, vielversprechenden Märkten geben kann, gleichzeitig aber auch
Bildungs- und Kommunikationsressourcen anbietet.
Und das alles mit wenig bürokratischer Einmischung.
Die Weiterentwicklung des elektronischen Handels,
sein Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Verbesserung des Lebensstandards, Unterstützung der
Verbraucher, Ankurbelung von Wirtschaftswachstum
und Überwindung von Entfernungen zwischen den
Menschen wird am besten vom Privatsektor unserer
Länder und durch unsere kooperativen Bestrebungen
geregelt. Wir müssen vermeiden, daß diese neue
elektronische Welt zu einer digitalen Kluft führt elektronischer Handel muß jede Gesellschaft respektieren, allen Gemeinden zugänglich sein und alle
Beteiligten in den Genuß seiner Vorteile bringen. Er
sollte, wie Vizepräsident Gore vorschlug, von einem
digitalen hippokratischen Eid geleitet sein: Erstens, Du
sollst niemandem Schaden zufügen.
Konzepte wie offene Märkte, freier Handel, Privatsphäre und Rechtstaatlichkeit müssen die Grundlage
für elektronischen Handel bilden. Die Akteure auf der
Weltbühne, die sich nicht an diese Grundsätze halten,
sollten den Stachel der Isolation spüren, während der
elektronische Handel sie ausgrenzt und seine konstruktiven Teilnehmer sich des Wohlstands und der
Möglichkeiten erfreuen, die der Markt im Internet bieten
kann. Als Präsident Clinton letzte Woche die Initiative
der Administration für elektronischen Handel bekanntgab, erklärte er: "Unsere Aufgabe besteht darin
sicherzustellen, daß diejenigen, die darin Handel
treiben wollen, ein sicheres und stabiles Terrain
vorfinden. Dabei müssen wir jetzt, da der elektronische Handel noch in den Kinderschuhen steckt, mit
anderen Nationen zusammenarbeiten." Seien Sie
versichert, daß wir partnerschaftlich zusammenarbeiten werden, damit der elektronische Handel
Nationen und Volkswirtschaften leicht und zuverlässig
verbinden kann, während unsere Völker entscheiden,
was er übermittelt und wie er funktioniert.

Seite 3

�Vor ungefähr 30 Jahren teilte Lyndon Johnson Amerika mit: "Wir müssen uns einer der großen unbeendeten Aufgaben unserer Generation widmen - und diese
unbeendete Aufgabe ist, Europa wieder als Ganzes
zusammenzufügen." Die Konferenz in Bonn, der
einstigen Hauptstadt eines geteilten Deutschlands und
dem Symbol eines geteilten Europas, ist die beste
Erinnerung daran, daß diese Aufgabe jetzt erledigt ist.
Unsere neue Aufgabe besteht darin, die Welt auf neue
Weise als Ganzes zusammenzufügen, damit Wohlstand und Chancen, Handel und Ideen ohne Unter-

*

Seite 4

brechung, Einmischung oder Eingriffe zwischen den
Nationen ausgetauscht werden können. Dabei werden
wir uns gegenseitig ebenso bereichern, wie wir selbst
bereichert werden, und für die Menschen auf der Welt
haben wir damit eine andere Möglichkeit geschaffen,
durch mehr Gemeinsamkeiten miteinander verbunden
zu werden und ein reicheres, leichteres und erfüllteres
Leben zu führen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Globale Informationsnetze als neues
Element der Wirtschaftsbeziehungen
Rede von Wirtschaftsminister Daley

FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Wirtschaftsminister
William Daley am 8. Juli 1997 vor der American Chamber of Commerce in Germany hielt.

Charge Bindenagel, Fred Irwin, meine Damen und
Herren. Es ist mir eine große Ehre, in der größten
American Chamber of Commerce in Europa und der
Zweitältesten American Chamber der Welt zu sein.
Ihre Arbeit hier ist von entscheidender Bedeutung für
den Erfolg der Handelsbeziehungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten sowie der
EU und den Vereinigten Staaten. Ich möchte Ihnen
allen für Ihren Einsatz und Ihr Engagement zur Stärkung unserer Handels- und Investitionsbeziehungen
danken und sehe einem lebhaften und produktiven
Dialog mit Ihnen in den kommenden Jahren erwartungsvoll entgegen.
In meiner erst sechsmonatigen Amtszeit ist dies meine
zweite Europareise, und das nicht nur, weil die Flugpreise günstig sind. Tatsache ist, daß die transatlantische Partnerschaft weltweit das wichtigste
geopolitische Bündnis ist.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben gemeinsam das Funktionieren der modernen Weltwirtschaft
ermöglicht. Unsere unermüdliche Verteidigung freier
Märkte, demokratischer Werte und Rechtsstaatlichkeit
gestattete, daß eben diese Grundsätze weltweit Fuß
fassen. Wir sind in vieler Hinsicht die Architekten einer
Welt, die nie in den Genuß von mehr Sicherheit oder
Wohlstand gekommen ist.
Nach dem Ende der sowjetischen Bedrohung - und
damit auch der drängenden Sicherheitsbelange des
Kalten Krieges - hat die Clinton-Administration ihren
transatlantischen Schwerpunkt auf den Bereich der
Wirtschaft verlagert, damit Europa, um mit den Worten
Präsident Clintons zu sprechen, zu "unserem wertvollsten Partner wird, nicht nur bei Demokratie und

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Freiheit, sondern auch im Hinblick auf Handel und
Investitionen."
Präsident Clinton und seine europäischen Amtskollegen setzen sich für die Stärkung der Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union durch neue Mittel wie die
neue transatlantische Agenda und den transatlantischen Wirtschaftsdialog ein. Nach langen Verhandlungen schlössen wir letzten Monat die Abkommen
über gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition
Agreements - MRAs) ab, die von den Vereinigten
Staaten und der EU die gegenseitige Anerkennung
ihrer Erfordernisse an Zertifizierung und Prüfung für
verschiedene darunter aufgelistete Produkte vorsehen.
Die MRAs werden die lästigen Inspektionskosten
abschaffen und mehr als 50 Milliarden Dollar für den
transatlantischen Handel freisetzen.
Die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Europäischen Union sind stärker denn
je. Die EU ist bei weitem unser größter Handelspartner, der von amerikanischen Unternehmen
angebotene Waren und Dienstleistungen im Wert von
einer Billion Dollar abnimmt. Gut die Hälfte der
internationalen Wirtschaftstätigkeit der Vereinigten
Staaten entfällt auf Europa, das somit ein doppelt so
großer Absatzmarkt ist wie Kanada und Japan zusammengenommen. Ein Zwölftel aller Arbeitsplätze in
der amerikanischen Fertigungsindustrie befindet sich
in einem in europäischem Besitz befindlichen Unternehmen.
Die Handelsbeziehungen zwischen Amerika und
Europa sind ausgewogen. Drei Millionen Amerikaner
arbeiten für in den Vereinigten Staaten ansässige

Seite 1

�europäische Unternehmen, und drei Millionen Europäer sind bei hier angesiedelten amerikanischen Firmen
beschäftigt. Während die Vereinigten Staaten bei
ihrem Handel mit Asien ein Handelsdefizit in Höhe von
1,5 Billionen Dollar zu verzeichnen haben, ist unser
Handel mit Europa in den letzten 25 Jahren fast
ausgeglichen. Das sind nicht nur trockene Statistiken.
Sie schlagen sich in guten Arbeitsplätzen, höheren
Löhnen und Gehältern sowie einem hohen Lebensstandard für Familien und Gemeinden auf beiden
Seiten des Atlantiks nieder.
Und die größte Volkswirtschaft in Europa, Deutschland
- und seine Verbindungen zu Amerika - sind Schlüsselelemente bei den transatlantischen Beziehungen.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland sind die
beiden größten Exporteure der Welt, und unser
bilateraler Handel erreichte im vergangenen Jahr die
Rekordzahl von 62 Milliarden Dollar. Unsere bilateralen Investitionen sind ebenso hoch und belaufen sich
auf mehr als 90 Milliarden Dollar. Keine Nation zieht
mehr deutsches Privatkapital an als die Niederlassungen amerikanischer Unternehmen in Deutschland, und
deutsche Niederlassungen in den Vereinigten Staaten
haben einen jährlichen Absatz von mehr als 150
Milliarden Dollar und stellen über eine halbe Million
Arbeitsplätze bereit.
Die American Chamber of
Commerce in Germany spielt eine unschätzbare Rolle,
indem sie bei den deutschen Entscheidungsträgern
darauf drängt, das wirtschaftliche Umfeld in diesem
Land für amerikanische Unternehmen weiterhin
attraktiv zu gestalten.
Wir arbeiten eng mit der Bundesregierung an einer
Reform der öffentlichen Auftragsvergabe, die für in
Deutschland angesiedelte amerikanische Unternehmen seit langem Anlaß zur Besorgnis über den
Marktzugang gab, insbesondere auf dem Gebiet
schweren elektrischen Geräts. Die jüngsten bilateralen Gespräche in Dresden und Bonn brachten große
Fortschritte bei der Einführung eines effizienten und
nichtdiskriminierenden Ausschreibungssystems für die
Beschaffung. Und die deutschen Behörden haben
viele unserer Sorgen über die Liberalisierung des
deutschen Telekommunikationsmarktes zerstreut. Ich
habe diese Woche in Bonn ein gutes Gespräch mit
Wirtschaftsminister Rexrodt geführt und sehe allen
Grund zu Optimismus hinsichtlich der Zukunft der
deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen.
Beim Aufbau der transatlantischen Partnerschaft
müssen wir auch immer die Auswirkungen jenseits
unserer Grenzen in Betracht ziehen. Sie findet
weltweit Widerhall, denn unsere gemeinsame Arbeit ist
entscheidend für die Entwicklung und Förderung des
gesamten Welthandelssystems. Betrachten Sie sich
unsere gemeinsamen Errungenschaften: Die Uruguayund die Singapur-Runde, die Gründung der Welthandelsorganisation, das Informationstechnologie-

Seite 2

abkommen und das Abkommen über Telekommunikationsdienste. Vor kurzem schlössen wir das OECDAbkommen über das Verbot von Bestechlichkeit ab ein wichtiger Schritt zur Beseitigung einer offensichtlich
korrupten Praxis, die dem internationalen Handel
schadet.
Jeder jüngste Meilenstein bei der Förderung von
wirtschaftlicher Freiheit und offenen Märkten ist das
Ergebnis gemeinsamer amerikanisch-europäischer
Aktionen und Führung. Und wenn wir nicht übereinstimmen - wie es mehrere Jahre während der
Uruguay-Runde im landwirtschaftlichen Bereich der
Fall war - erleidet die Sache des freien Handels
weltweit einen Rückschlag.
Vor diesem Hintergrund der Globalisierung und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit findet eine Revolution im Bereich der Informationstechnologie statt, die
im 21. Jahrhundert enorme Auswirkungen auf uns alle
haben wird - Regierung, Wirtschaft und Verbraucher.
Ich habe gerade in Bonn an der europäischen Ministerkonferenz über globale Informationsnetze teilgenommen und möchte bei meinem Besuch in Europa
insbesondere darüber sprechen, wie wir bei der
Förderung des elektronischen Handels zusammenarbeiten können.
Das Internet verändert das Wirtschaftsverhalten
praktisch vor unseren Augen. Bald werden die
alltäglichen Geschäfte - Verhandlungen, Vergleiche,
Vertragsabschlüsse, Verkäufe, Ausschreibungen und
Käufe - online abgewickelt: schneller, leichter und
billiger als per Post, Telefon oder Fax, wie es heute
geschieht.
Bereits 60 Millionen Menschen weltweit sind durch die
Datenautobahn verbunden. In weniger als 15 Jahren
wird diese Zahl schätzungsweise auf eine Milliarde
angestiegen sein. Zweifelsohne wird der elektronische
Handel die effektivste Möglichkeit sein, die Verbraucher in der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts zu
erreichen.
Betrachten Sie sich die Möglichkeiten: Die Verbraucher können ein Auto kaufen, Rechnungen bezahlen,
Flugtickets reservieren und Investitionen tätigen, ohne
ihren Computer verlassen zu müssen. Der elektronische Handel wird zur Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen für jeden beitragen und die
Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit für jeden senken vom Jungunternehmer bis zum größten multinationalen Unternehmen.
Der elektronische Handel birgt große Chancen, aber
auch große Herausforderungen. Wir müssen Privatsphäre, Sicherheit und den Schutz des Rechts auf
geistiges Eigentum gewährleisten. Wir müssen jedem
eine Teilnahme ermöglichen. Die Macht des elektro-

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�nischen Handels liegt in seiner Fähigkeit zur Überwindung traditioneller Hindernisse, Überwindung von
Weltmeeren und kulturellen Unterschieden. Wenn nur
eine kleine Elite in diesen Genuß kommt, sind unsere
Bemühungen vergeblich. Wir können uns keine
digitale Kluft leisten, die diejenigen, die im Besitz von
Informationen sind, von denjenigen trennt, die sie nicht
haben.
Wir werden diese Herausforderungen nur bewältigen,
wenn wir dem Privatsektor eine Führungsrolle einräumen und elektronischer Handel sich als vom Markt
getriebenes Phänomen entwickelt. Die Rolle der
Regierung besteht in der Bereitstellung eines einfachen und einheitlichen rechtlichen Rahmens, der als
Katalysator und Partner wirkt, nicht als lästiges
Regulativ. In diesem Geiste legte die Clinton-Administration in der vergangenen Woche den amerikanischen Bericht über globalen elektronischen Handel
(Framework for Global Electronic Commerce) vor, der
neun Empfehlungen enthält:
Erstens. Das Internet sollte zu einer Freihandelszone
erklärt werden - zu einem zollfreien Umfeld, wenn es
zur Lieferung von Produkten und Dienstleistungen
genutzt wird. Marktbeschränkende Hemmnisse für
elektronischen Handel aufzubauen, würde seine
Vorteile völlig unterminieren.
Zweitens. Da elektronische Zahlungssysteme noch
nicht so weit verbreitet sind, sollten wir sie stichprobenartig überprüfen statt unflexible Regeln und Vorschriften einzuführen.
Drittens. Geschäftspartner sollten im Internet gemäß
der von ihnen vereinbarten Bedingungen miteinander
Geschäfte abwickeln können. Wir müssen jedoch auf
einen international einheitlichen Handelskodex
hinarbeiten, der übereinstimmende Vorschriften und
Rechte einführt.
Viertens. Wir müssen das Recht auf geistiges Eigentum schützen. Wir müssen Musik, Filme und Kunst
anbieten während wir gleichzeitig gewährleisten, daß
sich die Produktpiraterie nicht auf einem globalen
elektronischen Markt explosionsartig verbreitet.
Fünftens. Die Wahrung der Privatsphäre ist unerläßlich, damit die Menschen in diesem elektronischen Umfeld beruhigt Handel treiben können.
Sechstens. Wir müssen Sicherheit durch den Einsatz
von hochentwickelter Kryptographie gewährleisten, die
Daten zum Schutz von Kreditkartennummern oder
anderen vertraulichen Informationen zerhackt. Wir
müssen uns auch bewußt sein, daß Kryptographie in
die falschen Hände gelangen kann. Wir müssen diese
Regeln vernünftig anwenden, damit Terroristen und
andere raffinierte Kriminelle ihre Arbeit nicht hinter
Kryptographietechnologie verstecken können.

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Siebtens. Die Nationen der Welt müssen zusammenarbeiten, um die Einheitlichkeit von Vorschriften und
Rechten zu gewährleisten und ein modernes, zugängliches, finanzierbares globales Telekommunikationsnetz aufzubauen, das elektronischen Handel unterstützt.
Achtens. Die freiwillige Selbstkontrolle der Industrie
und technische Lösungen - nicht strenge staatliche
Regeln oder Quoten - sind der beste Weg zum Schutz
der Menschen vor anstößigem Material im Internet.
Neuntens. Der Markt sollte die technischen Maßstäbe
setzen. Die Technologie entwickelt sich schneller als
die Gesetzgeber reagieren können, und Bestrebungen
der Regierung zum Betrieb des Internet werden nur die
technologische Innovation behindern.
Elektronischer Handel hat das Potential, zu unserem
mächtigsten wirtschaftlichen Instrument zu werden. Es
ist an uns in der Öffentlichkeit und im Privatsektor, das
Versprechen des elektronischen Handels einzulösen.
Das machen wir diese Woche in Bonn. Die Bonner
Erklärung enthält eine Reihe von Richtlinien, die die
Vorteile globaler Informationsnetze auf die Europäische Union ausdehnen. Ebenso wie der amerikanische Bericht fordert die Bonner Erklärung, daß dieser
Prozeß von der Industrie angeführt wird. Er fordert von
den Regierungen die Bereitstellung eines zuverlässigen rechtlichen und fiskalischen Rahmens für elektronischen Handel, die Reduzierung von Regulierung auf
ein Minimum und den Einsatz ihrer Kaufkraft zur
Ankurbelung der Entwicklungen des Privatsektors in
Bezug auf Inhalt und Technologie.
Wir wissen, daß wir bei einigen Details des elektronischen Handels unterschiedliche Ideen haben.
Nichttarifäre Handelshemmnisse bezüglich des Inhalts,
die Herstellung eines Gleichgewichts in der Kryptographie zwischen privaten Erfordernissen und nationalen
Sicherheitsbelangen sowie digitale Signaturen - zu all
diesen Themen sollte es andauernde Gespräche
geben.
Die Vereinigten Staaten vertreten klare Positionen, und
wir haben allen Grund zur Zuversicht, daß wir unsere
Meinungsverschiedenheiten überwinden. Angesichts
der Vielzahl komplexer Themen, die vom elektronischen Handel abgedeckt werden, gibt es sehr viel
mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen
der Bonner Erklärung und den Empfehlungen der
Vereinigten Staaten.
Während wir unsere Differenzen über elektronischen
Handel oder andere bilaterale Themen ausräumen,
können wir auf eine Geschichte gemeinsamer Kultur
und gemeinsamer Interessen zurückgreifen. Selbst
während wir geschäftig die Beziehungen zu aufstrebenden Märkten auf der ganzen Welt kultivieren,

Seite 3

�wird die Freundschaft zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa und den Vereinigten Staaten und
Deutschland immer etwas Einzigartiges sein.
Wir sehen diese Verbindung in jedem Aspekt unseres
Lebens. Wir sehen sie in unserer Sprache und
unseren Gesetzen, unseren gemeinsamen Werten und
unserem Geschmack. Wir sehen sie, wenn Frankfurt
Galaxy und Rhine Fire aus der World League vor
deutschen Zuschauern American Football spielen. Wir
sehen sie, wenn amerikanische Soldaten und Soldatinnen in Städten wie Heidelberg Teil der Gemeinde
werden. Wir sehen sie in dem außerordentlichen
Beitrag, den Millionen von Deutsch-Amerikanern in
meiner Heimatstadt Chicago geleistet haben. Um
Präsident Clinton aus seiner Proklamation zum Tag
der Deutsch-Amerikaner am 6. Oktober 1996 zu
zitieren: "Die in der deutschen kulturellen Tradition so
wichtige Charakterstärke und persönliche Ehre haben
auch in die zentralen Werte der amerikanischen
Gesellschaft Eingang gefunden."
Was wir gemeinsam geleistet haben, ist wirklich
außerordentlich. Die Früchte unserer gemeinsam im
Kalten Krieg gebrachten Opfer sind sieht- und greifbar:
Deutschland ist wieder vereinigt, der Eiserne Vorhang
ist gefallen. In dieser Woche in Madrid wird Europa,
wie wir es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
gekannt haben, sich für immer verändern, wenn die
Einladung zum NATO-Beitritt an Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik ausgesprochen wird.

*

Seite 4

Gemeinsam haben wir unter Beweis gestellt, daß wir
den beängstigendsten Herausforderungen widerstehen können. Aber während der Kalte Krieg aus den
täglichen Schlagzeilen in die Geschichtsbücher weicht,
dürfen wir nicht selbstgefällig werden. Das 21.
Jahrhundert hält neue Herausforderungen bereit, vor
denen wir nicht zurückschrecken dürfen.
In einer zunehmend automatisierten und elektronischen Welt müssen wir zusammenarbeiten, um von
der Technologie zu profitieren und sie zu einer Kraft für
Wachstum, Fortschritt und Chancen zu machen. Wir
müssen zusammenarbeiten, um einen grenzenlosen
elektronischen Markt aufzubauen, der jede Gesellschaft respektiert, jede Gemeinde in den Genuß ihrer
Vorteile kommen läßt und jedem Bürger der Welt mehr
Befugnisse verleiht. Wir müssen der Verantwortung
gerecht werden, die mit der Führungsrolle auf einem
globalen Markt einhergeht, dessen Instrumente immer
moderner werden.
In den vergangenen 50 Jahren war die wichtigste
Funktion des westlichen Bündnisses die eines Garants
für Frieden und nationale Sicherheit. Mit demselben
unerschütterlichen Engagement und Geist der Zusammenarbeit wollen wir jetzt zusammenarbeiten, um
im 21. Jahrhundert wirtschaftliche Sicherheit - Arbeitsplätze, Wohlstand und Chancen - in den Vereinigten
Staaten, in Europa und auf der ganzen Welt zu
schaffen. Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 13

�MARSHALLPLAN
9. Juli 1997

Die neue Rolle Europas aus der
Sicht der Vereinigten Staaten
Rede von J. D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires der Botschaft
der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, bei der von der Citibank veranstalteten
internationalen Wirtschaftskonferenz zum 50. Jahrestag des Marshallplans am 27. Juni 1997 in Berlin hielt.

Bundespräsident Herzog, Staatspräsident Kucan,
Bundestagsvizepräsidentin Vollmer, Minister Kuehnl,
Stellvertretender Außenminister Towpik, Dr. Ruding,
Mr. Kennedy, Botschafter Kimmit, meine Damen und
Herren, verehrte Gäste.
Ich freue mich, als höchstrangiger Vertreter der
Vereinigten Staaten in Deutschland eine Rede bei
dieser Gedenkfeier für den Marshallplan halten zu
dürfen. Präsident Clinton ist sich der Bedeutung dieser
von der Citibank veranstalteten Konferenz bewußt und
hat Bundespräsident Herzog seine Gedanken zu
diesem Anlaß in einem Brief übermittelt. Mit der
Zustimmung des Bundespräsidenten möchte ich aus
diesem Brief ein paar Worte Präsident Clintons
zitieren:

mit neuen Missionen, neuen Mitgliedern und neuen Partnern auf. Wir
helfen den neuen Demokratien Europas bei der Konsolidierung ihrer Reformen. Und wir arbeiten auf die
Gewährleistung hin, daß keine Nation
in Europa je wieder gegen ihren Willen daran gehindert wird, unserer
Interessen- und Wertegemeinschaft
beizutreten.
Das ist unsere Verantwortung gegenüber künftigen Generationen - und
der beste Weg, das Vermächtnis des
Marshallplans zu verwirklichen."
Ende des Zitats von Präsident Clinton.

"Heute sehen wir den Erfolg des
Marshallplans nicht nur an der Gesundung der Volkswirtschaften Westeuropas, sondern auch an dem Prozeß der europäischen Integration, den
er ermutigte; der Aussöhnung zwischen alten Gegnern, die er ermöglichte und den unzerreißbaren Banden, die er zwischen Amerika und
Europa schmiedete.
Heute hat unsere Generation die
Chance, die von Marshalls Generation begonnene große Aufgabe zu
vollenden: Zum ersten Mal in der
Geschichte ein demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa zu
schaffen. Wir bauen eine neue NATO

AMERIKA DIENST 13

Meine Damen und Herren, der Ausklang des 20.
Jahrhunderts bietet die Gelegenheit zu einem Rückblick und einer Vorschau. In den letzten Jahren haben
wir auf die vergangenen fünf Jahrzehnte und die
einzelnen Meilensteine dieses Jahrhunderts zurückgeblickt - wie das Ende des Krieges oder die Gründung der Vereinten Nationen. Der 50. Jahrestag des
Marshallplans ist ein weiterer bedeutender Meilenstein.
Er ist in besonderer Weise geeignet für diese Zeit des
Nachdenkens und des Versuchs, aus der Vergangenheit zu lernen, um uns auf eine bessere Zukunft
vorzubereiten.
Es gibt viele wichtige Lehren, die man aus dem
Marshallplan ziehen kann:
daß ein zerstörter Staat, der sich für die

Seite 1

�Demokratie entscheidet, unverzüglich wieder
der internationalen
Staatengemeinschaft
beitreten kann und sollte;
daß Teilungen mit der Bereitschaft zu Zusammenarbeit und einer helfenden Hand
überwunden werden können
und daß wirtschaftliche Gesundung, politische
Stabilität und Sicherheit miteinander verbunden sind.
Der finanzielle Beitrag zum Marshallplan war für die
Vereinigten Staaten zu jener Zeit nicht unerheblich rund 88 Milliarden Dollar am heutigen Wert des Dollar
gemessen. Aber das wahre Versprechen des Plans
lag in der von ihm gepflanzten Saat, die europäischen
Länder zusammenzubringen und sie zu ermutigen,
über das Nullsummendenken und den begrenzten
nationalen Horizont hinauszugehen.
Wie Außenminister Marshall es in seiner berühmten
Rede unter den Ulmen von Harvard formulierte, "muß
es eine Einigung unter den Ländern Europas bezüglich
der Erfordernisse der Situation und des Beitrags
geben, den diese Länder leisten werden". Die Vereinigten Staaten hatten nicht die Absicht zu bestimmen, wie Europa die Hilfe aufteilen sollte. Es war
vielmehr an den Europäern, diese Schritte selbst zu
unternehmen.
Die Art, in der die Hilfe von den Vereinigten Staaten
verwaltet wurde, ermutigte die Europäer zur Zusammenarbeit. Die Programme zur wirtschaftlichen
Erholung aller Länder bedurften der Genehmigung
nicht nur der Vereinigten Staaten, sondern auch der
Organization for European Economic Cooperation oder OEEC -, der 1948 von 16 europäischen Ländern
gegründeten europäischen Institution des Marshallplans.
Die OEEC, der Vorläufer der heutigen OECD und in
vieler Hinsicht der Europäischen Union von heute, war
in vielfältigerweise erfolgreich. Sie bot den Anreiz für:

Gesundung Europas nicht ad hoc erreicht werden
konnte. Ein Rahmenwerk war von entscheidender
Bedeutung. Ein Teil der amerikanischen Hilfe war
bereits zwischen dem Ende des Krieges und dem
Beginn des Marshallplans nach Europa geflossen. Der
vom Marshallplan bewirkte Unterschied lag in der Art,
in der die Hilfe zur Förderung der Zusammenarbeit
eingesetzt wurde.
Das sind wichtige Lektionen für uns, während wir uns
"an die Zukunft erinnern" - wie diese Konferenz es
formulierte - und versuchen, Wege zur Ausdehnung
von Stabilität und Wohlstand Europas zu sondieren.
Ebenso wie vor 50 Jahren spielt das Rahmenwerk
unserer Institutionen heute eine entscheidende Rolle.
In diesem Zusammenhang wird klar, warum die
Anpassung unserer Institutionen heute ein so wichtiges Unterfangen ist. Wie Außenministerin Albright vor
kurzem erklärte, müssen wir Fortschritte erzielen,
indem wir "an unsere Zeit angepaßte und auf den für
alle Zeiten gültigen Werten gründende Mittel anwenden". Das bedeutet die Bewahrung der Institutionen,
die uns so gut gedient haben, aber erfordert auch den
Mut zu ihrer Veränderung, Verbesserung und Öffnung
für neue Mitglieder, die die Werte teilen, die für uns von
größter Bedeutung sind.
Als eine europäische Macht haben sich die Vereinigten
Staaten verpflichtet, die Trennlinien in Europa auszuradieren. Präsident Clinton hat dies vor kurzem beim
Gipfeltreffen der Acht in Denver unter Beweis gestellt,
wo er der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß Rußland
immer weiter in die Arbeit dieser Gruppe einbezogen
werden kann. Es gibt jedoch noch andere Beispiele
eines nach außen gerichteten Ansatzes. Denken Sie
nur an die Erweiterung der OECD mit der Einbeziehung von Polen und Ungarn oder die Aufnahme neuer
Mitglieder in den Europarat.
Diese Institutionen bieten Strukturen für die Zusammenarbeit bei der Lösung - und Verhinderung - von
Problemen. In Anerkennung der Rolle dieser Institutionen haben die Vereinigten Staaten die Erweiterung der NATO befürwortet.

die Aufhebung von Handelsbeschränkungen,
das Teilen knapper Ressourcen,
die Verbesserung der Produktivität durch die
systematische Überwindung von Engpässen
und anderen Mängeln der Volkswirtschaften
Europas,
die Schaffung eines Systems für regelmäßige
Konsultationen über Angelegenheiten von
gemeinsamem wirtschaftlichem Interesse.
Marshall hatte die Gabe zu erkennen, daß die kurzfristige - ganz zu schweigen von der langfristigen -

Seite 2

Unsere gesamte Politik zielt auf die Schaffung eines
Europas ab, das frei von den während des Kalten
Krieges gezogenen künstlichen und unrechtmäßigen
Trennlinien ist. Ein Beweis dafür ist die im Mai dieses
Jahres unterzeichnete Grundakte zwischen der NATO
und Rußland über Zusammenarbeit und Sicherheit.
Sie bietet einzigartige Chancen für Zusammenarbeit
zwischen dem Bündnis und Rußland bei einem breiten
Spektrum von sicherheitspolitischen und militärischen
Angelegenheiten.
Ich möchte auch betonen, welch konstruktive Rolle die
Partnerstaaten der NATO bereits übernehmen und in
Zukunft im Rahmen des Euroatlantischen Partner-

AMERIKA DIENST 13

�schaftsrats, einer neu gegründeten Institution der
NATO, auf noch effektivere Weise spielen können.
Der Rat wird dem Bündnis und seinen Partnerstaaten
einen politischen Rahmen - und eine institutionelle
Grundlage - für ihre kooperativen Beziehungen bieten.
Im Hinblick auf neue NATO-Mitglieder unterstützen die
Vereinigten Staaten die Aufnahme einer kleinen
Gruppe von drei Ländern in der ersten Runde und in
Zukunft eine Politik der offenen Tür für weitere Mitglieder. Während sich das Bündnis auf die Entscheidungsfindung per Konsens in Madrid vorbereitet,
werden nicht geschichtliche oder geographische
Überlegungen die Grundlage für unsere Entscheidungen bilden, sondern die Fähigkeit der Kandidaten,
einen Beitrag zur NATO zu leisten.
Die NATO kann ein bedeutendes Forum für europäische Integration und Stabilität sein, aber sie ist nicht
das einzige Forum. Obwohl die Vereinigten Staaten
kein Mitglied der Europäischen Union sind, haben wir
unser Interesse an deren Entwicklung bereits unter

Beweis gestellt. Die Vereinigten Staaten haben
während der letzten 50 Jahre jede Initiative unterstützt,
die auf größere politische und wirtschaftliche Einheit
unter den europäischen Nationen abzielt. Wir taten
das aus Eigeninteresse: Ein politisch geeintes Europa
wird bei der Erlangung gemeinsamer Ziele ein stärkerer Partner sein, und ein wirtschaftlich geeintes Europa
schafft ein attraktiveres Umfeld für amerikanische
Investitionen.
Der Europäischen Union gebührt Lob für ihre vorausschauenden Entscheidungen, beispielsweise die
Bereitstellung von Hilfsprogrammen in Zentral- und
Osteuropa und ihr Engagement für eine Erweiterung.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß regionale Integration in Europa diesen Ländern bei der
Überwindung von traditionellen Problemen von
Grenzen, Geschichte und Geographie helfen kann.
Mein Land unterstützt Offenheit und Erweiterung und
ermutigt seine europäischen Partner dazu.
Unser Engagement ist jedoch nicht auf Worte beschränkt. Die Vereinigten Staaten und amerikanische
Firmen haben ein lebhaftes Interesse an der wirtschaftlichen Erholung Ost- und Zentraleuropas.
Amerikanische Unternehmen haben sehr früh die
Möglichkeiten in dieser Region erkannt und damit eine
führende Rolle übernommen.
Amerikanische Firmen tätigen auch den Großteil der
ausländischen Investitionen in den neuen Bundesländern. Damit wurden 50.000 Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert. Diese Investitionen, die etwa
8 Milliarden Dollar mobilisiert haben, sind ein wichtiger
Beitrag zum Wachstum Deutschlands und ein Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundes-

AMERIKA DIENST 13

länder. In der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges
sind diese Investitionen die wesentlichen Pfeiler der
Brücken über den Atlantik. Unsere Aktivitäten hier sind
jedoch nicht nur wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln
unser Engagement für die Zukunft dieses Kontinents
wider - eine auf den Werten Demokratie und freie
Marktwirtschaft basierende Zukunft.
Ein anderer Aspekt ist ebenfalls von Bedeutung für die
Amerikaner - die Möglichkeit, den kulturellen und
historischen Reichtum in diesen Teilen der Welt
wiederzuentdecken, die so lange abgeschottet waren.
Die Wiederentdeckung und Verbindung der Teile
Europas, die einst voneinander getrennt waren sowie
der Kulturaustausch zwischen Zentral- und Osteuropa
einerseits und Westeuropa andererseits ist eine der
interessantesten derzeitigen Entwicklungen. Europa
und die Welt werden durch diese Erfahrung bereichert.
Meine Damen und Herren, wir befinden uns inmitten
einer Zeit des Wandels - einer Zeit der Revolution,
wenn Sie so wollen. Wir haben eine vielversprechende Vergangenheit, aus der wir lernen und auf der wir
aufbauen können. Wir haben eine interessante und
verheißungsvolle Zukunft, auf die wir uns freuen und
die wir gestalten können. Es ist eine Zeit der Chancen
und Hoffnung. Ich möchte mit einem Zitat des amerikanischen Essayisten und Dichters, Ralph Waldo
Emerson, schließen. Erstellte 1837, sechs Jahrzehnte
nach der amerikanischen Revolution, die Frage:
"Wenn es irgendeine Zeit gibt, zu der
man geboren sein möchte, ist es dann
nicht das Zeitalter der Revolution, in
dem Alt und Neu Seite an Seite stehen, in dem die Energien aller Menschen von Angst und Hoffnung genährt werden, in dem der historische
Ruhm des Alten von den reichhaltigen
Chancen des Neuen kompensiert
werden kann?"
Unsere "reichhaltigen Chancen" können in der Verbreitung von Demokratie, Handel und Kommunikationsmöglichkeiten in den Teilen Europas bestehen,
die früher isoliert waren. Bei den Feiern zum 50.
Jahrestag des Marshallplans können wir stolz auf
unsere Leistungen sein. Abschließend möchte ich im
Hinblick auf die Zukunft betonen, daß Deutschland und
die Vereinigten Staaten nach den jüngsten Revolutionen ein gemeinsames Interesse an der Anpassung
ihrer lebenswichtigen europäischen und transatlantischen Institutionen haben, damit sie uns im 21.
Jahrhundert ebenso dienen wie in der letzten Hälfte
dieses Jahrhunderts.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei dieser Konferenz.
Ich danke Ihnen.

Seite 3

�UMWELT
9. Juli 1997

Clinton verspricht Fonds für Energieprojekte
in Entwicklungsländern
Rede des Präsidenten beim Umweltgipfel

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 26. Juni 1997 beim
Umweltgipfel der Vereinten Nationen gehaltene Rede.

Vor fünf Jahren befürworteten die Nationen der Welt in
Rio de Janeiro eine einfache, aber revolutionäre
Maxime: Daß der Fortschritt von heute nicht auf
Kosten der Zukunft erfolgen darf.
In unserem Zeitalter sind Umweltbelange an die
oberste Stelle der internationalen Tagesordnung
gesetzt worden, denn in welchem Maße eine Nation
Umweltschutz betreibt, wird gute oder schlechte
Auswirkungen haben, die auf der ganzen Welt spürbar
sind. Der Erhalt unserer gemeinsamen Ressourcen ist
nicht nur für die Qualität unserer Umwelt und Gesundheit entscheidend, sondern auch für die Bewahrung
von Stabilität und Frieden innerhalb und zwischen
Nationen. Um den Vater der amerikanischen Umweltbewegung, John Muir, zu zitieren: "Wenn wir
versuchen, etwas isoliert zu betrachten, stellen wir
fest, daß es mit allem anderen im Universum verbunden ist."
In den seit Rio vergangenen Jahren wurden in einigen
Bereichen echte Fortschritte erzielt. Die Nationen
haben die Verklappung von radioaktivem Müll in den
Ozeanen verboten und die Verschmutzung der Meere
vom Land her verringert. Wir arbeiten auf den Schutz
der kostbaren Korallenriffe hin, die Erhaltung bedrohter
Fischarten und die Eindämmung der Versteppung. Bei
der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung bekräftigten wir die entscheidende Bedeutung
kooperativer Bestrebungen zur Familienplanung für die
langfristige nachhaltige Entwicklung.
Hier in den Vereinigten Staaten haben wir eine Rekordzahl von Giftmülldeponien gesäubert und beabsichtigen, in den nächsten vier Jahren weitere 500
zu säubern. Wir haben neue Gesetze zum besseren

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Schutz unserer Gewässer erlassen und neue Nationalparks und Monumente geschaffen. Wir arbeiten auf
die Harmonisierung unserer Bestrebungen für Umweltschutz, Wirtschaftswachstum und soziale Verbesserung hin, wobei uns der herausragende Rat für
nachhaltige Entwicklung zur Seite steht.
Gestern habe ich die weitreichendsten Initiativen zur
Verbesserung der Luftqualität in unserem Land seit 20
Jahren bekanntgegeben, mit denen der Smog drastisch reduziert wird und zum ersten Mal in der
Geschichte Normen zur Verringerung der Anzahl
rußbildender feiner Partikel in der Atmosphäre festgesetzt werden. In den Vereinigten Staaten tritt Asthma
bei Kindern stark vermehrt auf, und diese Krankheit ist
heute der Hauptgrund für den Klinikaufenthalt von
Kindern. Diese Maßnahmen werden dazu beitragen,
das zu ändern, die Gesundheit der Menschen jeglichen Alters verbessern und den frühzeitigen Tod von
bis zu 15.000 Menschen pro Jahr verhindern.
Dennoch müssen wir noch sehr viel mehr tun, insbesondere unseren Anteil am globalen Klimawandel
verringern.
Die wissenschaftlichen Fakten sind klar und überzeugend: Wir Menschen verändern das globale Klima.
Die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ist seit über 200.000 Jahren am höchsten und
steigt drastisch. Wenn dieser Trend nicht aufgehalten
wird, erwarten die Wissenschaftler einen Anstieg des
Meeresspiegels von bis zu 60 cm oder mehr im
nächsten Jahrhundert. In den Vereinigten Staaten
bedeutet das die Überschwemmung von 23.000 km2 in
Florida, Louisiana und anderen Küstengebieten. In
Asien werden 17 Prozent von Bangladesch - Land, auf

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�dem sechs Millionen Menschen leben - verloren
gehen. Inselketten wie die Malediven werden von der
Landkarte verschwinden.
Klimaveränderungen
werden die Landwirtschaft beeinträchtigen sowie
schwere Dürren, Überschwemmungen und die
Verbreitung von ansteckenden Krankheiten verursachen, darunter 50 Millionen oder mehr Fälle von
Malaria jährlich. Wir müssen mit mehr Todesfällen
aufgrund der Hitze rechnen - vor nur zwei Jahren
erlebten wir in Chicago die Tragödie, daß über 400
unserer Mitbürger während einer großen Hitzewelle
starben.
Keine Nation kann dieser Gefahr entrinnen. Keine
Nation kann sich ihrer Verantwortung zu deren
Bewältigung entziehen. Wir alle müssen unseren
Beitrag leisten - Industrienationen, die die größten
Mengen von Treibhausgasen emittieren und Entwicklungsländer, deren Emissionen rasch zunehmen. Ich
beglückwünsche die Europäische Union zu ihrer
starken Konzentration auf diese Themen und die
Weltbank zur Festsetzung von Umweltnormen für
Projekte, die sie in den Entwicklungsländern finanzieren wird.
Wir in den Vereinigten Staaten müssen bessere
Leistungen erbringen. Mit 4 Prozent der Weltbevölkerung produzieren wir 20 Prozent der Treibhausgase
weltweit. Offen gesagt ist unsere Umweltbilanz seit
Rio nicht ausreichend. Uns werden seit mehreren
Jahren hohe Wachstumsraten beschert, die jedoch
trotz neuer Umweltschutzmaßnahmen zu einer
Erhöhung der Treibhausgasemissionen geführt haben.
Wir müssen unsere Umweltbilanz verbessern, und das
werden wir auch tun.
Die von mir gestern angekündigte Aktion zur Verbesserung der Luftqualität ist ein positiver erster
Schritt, dem jedoch noch viele folgen müssen. Um
eine Verringerung der Treibhausgase und Wirtschaftswachstum zu erzielen, müssen wir stärker in zukunftsträchtige Technologien investieren. Ich werde mein
Kabinett anweisen, darauf hinzuarbeiten. Die Regierung, Universitäten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer
müssen zusammenarbeiten. All diese Bestrebungen
müssen über Jahrzehnte fortgesetzt werden. Vizepräsident Gore erklärte am Montag: "Nachhaltige Entwicklung erfordert nachhaltiges Engagement." Mit diesem
Engagement können wir erfolgreich sein.
Wir müssen neue Technologien schaffen und neue
Strategien wie Vergünstigungen für umweltfreundliche
Unternehmen entwickeln, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren und fortgesetztes Wirtschaftswachstum zu fördern. Viele der Technologien, die zur
Erreichung der neuen Qualitätsstandards der Luft
beitragen, können uns auch beim Umgang mit dem
Klimawandel eine Hilfe sein. Dieser Herausforderung
müssen wir uns sofort stellen, und ich selbst werde
dabei eine wichtige Rolle übernehmen.

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Damit wir in den Vereinigten Staaten das Unsere tun
können, müssen wir zunächst das amerikanische Volk
und den Kongreß davon überzeugen, daß der Klimawandel ein reales und unmittelbares Problem ist. Ich
werde im Weißen Haus eine Konferenz über den
Klimawandel veranstalten, bei der wir die wissenschaftlichen Tatsachen darlegen, damit unser Volk
versteht, warum wir handeln müssen, sowie die
wirtschaftlichen Tatsachen, damit es sich der Kosten
und Nutzen bewußt wird. Mit den besten Ideen und
Strategien, mit neuen Technologien sowie mit erhöhter
Produktivität und Energieeinsparung können wir uns
diese Herausforderung zunutze machen.
Wir werden mit unserer Bevölkerung zusammenarbeiten - und in die für Dezember anberaumte
Konferenz von Kyoto eine entschiedene amerikanische Verpflichtung zu realistischen und bindenden
Obergrenzen einbringen, die zu einer signifikanten
Verringerung unserer Emissionen von Treibhausgasen
führen werden.
Heute möchte ich drei andere Initiativen erörtern, die
wir im Kampf gegen den Klimawandel und zur Förderung nachhaltiger Entwicklung hier und jenseits
unserer Grenzen ergreifen.
Erstens: Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß
die Vereinigten Staaten die Entwicklungsländer bei der
Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen unterstützen, indem sie ihnen während der nächsten fünf
Jahre Hilfe in Höhe von einer Milliarde Dollar zukommen lassen. Aus diesem Fonds fließen Gelder in
Programme zur Förderung von Energieeinsparung,
Entwicklung alternativer Energiequellen und Verbesserung des Ressourcenmanagements mit dem Ziel
der Förderung von Wachstum, das keine schädlichen
Auswirkungen auf das Klima hat.
Zweitens: Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
Privatinvestitionen ermutigen, die den Umweltstandards entsprechen. Beispielsweise fordert die Gesellschaft für Privatinvestitionen in Übersee (OPIC) jetzt,
daß ihre Projekte neuen und strengeren Umweltrichtlinien entsprechen, ebenso wie es bei unserer ExportImport Bank bereits der Fall ist und unsere Freunde
und Verbündeten es hoffentlich ebenfalls durchsetzen
werden. Gemeinsame Richtlinien für verantwortungsbewußte Investitionen können nachhaltiges Wachstum
in den Entwicklungsländern stärken.
Drittens: Zu Hause müssen wir mehr Kreativität
unserer Bevölkerung mobilisieren, damit wir die
Herausforderung des Klimawandels bewältigen
können. Wir arbeiten bereits mit unserer Automobilindustrie an der Herstellung von Fahrzeugen bis
Anfang des nächsten Jahrhunderts, die dreimal soviel
Kraftstoff sparen wie die heutigen Modelle. Aber wir
können mehr tun. Die Sonnenenergie kann unsere
Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Wir

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�werden mit Unternehmen und Gemeinden zusammenarbeiten, um bis zum Jahr 2010 auf einer Million
Hausdächern im ganzen Land Sonnenkollektoren zu
installieren. Indem wir die Sonnenwärme sammeln,
können wir zur Verringerung der Temperatur auf der
Erde beitragen.

Verehrte Amtskollegen, in all unseren Kulturen wurde
der Gedanke weitergegeben, der auch in der Bibel
geschrieben steht: "Eine Generation geht, und eine
Generation kommt; aber die Erde besteht sogar auf
unabsehbare Zeit." Wir müssen unsere Rolle als
Hüter der Umwelt stärken, damit eine reiche Erde
bestehen bleibt, wenn diese Generation geht - und die
nächste Generation eine ebenso reiche und gute Welt
vorfindet wie die, die wir kannten.

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�4.

JULI

9. Juli 1997

Beste Wünsche zum Unabhängigkeitstag
Ansprache des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Botschaft von Präsident Clinton zum Unabhängigkeitstag 1997.

Ich freue mich, den Unabhängigkeitstag gemeinsam
mit meinen amerikanischen Mitbürgern im ganzen
Land und auf der Welt feiern zu können.
Wenn wir über zwei Jahrhunderte hinweg zurückblicken, sind wir immer noch erstaunt über den Mut
und die Vision der Gründerväter unserer Nation. Mit
klarem Blick und aus tiefster Überzeugung gestalteten

ren begann, hat uns eine Zeit des Friedens und
Wohlstands beschert, eine Zeit beispielloser Chancen
zur Ausschöpfung des vollen Potentials aller unserer
Bürger. Als Erben der uns in der Unabhängigkeitserklärung vermachten Freiheit und Gleichheit ist es
jetzt unsere Verantwortung - und unser Privileg - auf
diesem Vermächtnis aufzubauen um sicherzustellen,
daß Amerikas Versprechen sich für unser Volk erfüllt.

sie eine neue Form der Regierung für unser neues

Land - eine Regierung, die die menschliche Würde
respektiert und die Rechte des Einzelnen schützt. Sie
entwarfen eine Demokratie, die stark genug war, die
Jahre zu überdauern und dennoch flexibel genug zur
Bewältigung der neuen Herausforderungen und
Verwirklichung neuer Träume. Damit machten sie
Amerika zum Symbol der Hoffnung von Generationen
von Menschen auf der ganzen Welt, die Freiheit und
Gerechtigkeit in Ehren halten.

Während wir mit unseren Familien und Freunden eines
weiteren 4. Juli gedenken, wollen wir uns verpflichten,
Amerika zu einem Land zu machen, in dem Vorurteile
und Diskriminierung keinen Platz haben, anzuerkennen, daß unsere gemeinsamen Werte und Ideale
mächtiger und beständiger sind als jede Kraft, die uns
zu teilen versucht, und das 21. Jahrhundert als die
"perfektere Union" zu beginnen, die unsere Gründerväter vor zwei Jahrhunderten vorhersahen.

An diesem Unabhängigkeitstag haben wir viel zu
feiern. Die Reise, die unsere Nation vor über 220 Jah-

Hillary und ich möchten Ihnen alles Gute für einen
schönen 4. Juli wünschen.

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�GESELLSCHAFT
9. Juli 1997

Oregon Trail - der Weg nach Westen
von Brad Knickerbocker

(AD) - Der nachfolgende Artikel von Brad Knickerbocker erschien erstmals in The Christian Science Monitor.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, Copyright
© 1993, the Christian Science Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.
Der Verfasser, Brad Knickerbocker, ist Journalist beim Christian Science Monitor.

Das Jahr 1993 markierte den 150. Geburtstag des
Oregon Trail - des Wegs nach Westen -, der ein
wesentliches Element in der Geschichte und Folklore
der Vereinigten Staaten darstellt. Der Trail - eigentlich
ein Netz ineinander übergehender Wege, die große
Teile der Route zu den Goldfeldern in Kalifornien und
des Mormonentrecks nach Utah umfassen - erschloß
einen Großteil des amerikanischen Westens für
Einwanderer aus dem Osten. Und er beschleunigte
die Schließung der Grenze um das Siedlungsgebiet von der Historikerin Patricia Nelson Limerick von der
University of Colorado respektlos als der Ort auf der
Landkarte bezeichnet, an dem Europäer "selten
wurden und Angst bekamen".
Es war eine unvermeidliche und in gewisser Weise
tragische Konsequenz, daß die Bewegung in Richtung
Westen entlang des auch als "Overland Trail" bezeichneten Wegs eine offizielle Politik beschleunigte, die
dem Nomadenleben der Indianer ein Ende setzte. Sie
hatten dort mehr als 12.000 Jahre gelebt, und zumindest während der ersten Jahre der Reise nach
Westen waren sie den Siedlern eher eine Hilfe als eine
Behinderung. Meistens wurden sie von den mächtigeren Neuankömmlingen jedoch als unwichtig, wenn
nicht sogar hinderlich für den Fortschritt und das
"Manifest Destiny" angesehen (die im 19. Jahrhundert
vertretene Überzeugung, daß es die Bestimmung der
Vereinigten Staaten ist, sich auf ganz Nordamerika
auszudehnen), denn sie hatten weder Land bestellt
noch Besitzansprüche geltend gemacht.
In den ungefähr drei Jahrzehnten zwischen dem
ersten organisierten Zug von Siedlern nach Oregon

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und dem Abschluß der Bauarbeiten an der Eisenbahnlinie in Richtung Westen legten mehr als 300.000
Menschen etwa 3.200 Kilometer zurück. Die meisten
kamen mit dem Güterzug oder zu Pferd. Einige zogen
Handkarren hinter sich her, andere liefen die ganze
Strecke neben ihren Ochsen und Eseln zu Fuß auf
Wegen, die heute noch sichtbar sind. Bis in die ersten
Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein reisten
diejenigen, die sich kein Auto oder Zugticket leisten
konnten, weiterhin entlang dieses Wegs nach Westen eine Reise, die Lillian Schlissen, Direktorin für Amerikastudien am Brooklyn College, als "eine der großen
Völkerwanderungen der Neuzeit" bezeichnet.
Obwohl es meistens alleinstehende Männer waren, die
sich später auf die Suche nach Glück und Gold
begaben, war die Wanderung nach Oregon großenteils
eine Familienbewegung. Es war nicht außergewöhnlich, mit sechs oder sieben Kindern zu reisen, und
ungefähr 20 Prozent der Frauen waren schwanger.
Die Ehepaare waren oft vollständig aufeinander
angewiesen, aber Frauen und Männer hatten normalerweise sehr unterschiedliche Ansichten über diese in
ihrem Leben einmalige Reise.
Für die Männer war es die Gelegenheit für Abenteuer
und unentgeltliches Land in dem fruchtbaren Flußtal
des Willamette. Aber für die Frauen auf den holpernden, staubigen, von Independence in Missouri aus
aufbrechenden Wagen war es eine weitere Entwurzelung, eine Trennung von der Familie und den
Freunden zu Hause. Viele fühlten sich wie Agnes
Stewart, die 1853 schrieb: "Ich bin dieser Reise müde.

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�Ich sehne mich nach der Ruhe eines Zuhauses, in
dem ich wieder in Frieden leben kann."
Die Reise war für alle gefährlich. Einigen Schätzungen
zufolge kamen 10 Prozent auf dem Weg um - meistens
aufgrund von Unfällen und Krankheiten.
Diese
Sterblichkeitsrate war sehr viel höher als die der
amerikanischen Soldaten in Vietnam.
Obwohl sie auf dem Weg viel erdulden mußten und
ihnen nach ihrer Ankunft harte Arbeit bevorstand,
hatten die meisten Auswanderer auch das Gefühl, daß
sie an einem Ereignis beteiligt waren, das sowohl
historisch als auch persönlich von Bedeutung war.
Tausende ritzten ihre Namen und ein Datum in
Felswände entlang des Wegs. Und am Ende des
Tages machten sie Eintragungen in ihre Tagebücher
oder schrieben Briefe.
"Kein anderes Ereignis in diesem Jahrhundert mit
Ausnahme des Bürgerkriegs brachte so viele persönliche Aufzeichnungen hervor wie diese Reise über
Land", schreibt Dr. Schüssel in ihrem Buch Women's
Diaries of the Westward Journey. Die Aufzeichnungen - einige ungeschliffen, andere eloquent - sind
aufschlußreich und häufig ergreifend. Über 800
wurden Schüssel zufolge veröffentlicht oder katalogisiert, und zahlreiche weitere sind in Familiensammlungen aufbewahrt.
Und was ist heute mit dem Territorium von Oregon,
diesem riesigen Landstrich, der ein Gebiet so groß wie
England, Frankreich und Deutschland zusammen-

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genommen umfaßt? Viele Nachfahren dieser in
Oregon Geborenen, die das Manifest Destiny überlebten, leben in Indianerreservaten entlang des Oregon
Trail - Wind River in Wyoming, Fort Hall in Idaho,
Umatilla und Warm Springs in Oregon - und sind oft
ärmer als die Nachkommen der Pioniere.
Obwohl noch ein Gefühl der Weite entlang der Route
vorherrscht (zumindest entfernt von den Städten),
haben die Ansiedlungen bemerkenswerte Veränderungen bewirkt. Die größten Flüsse des Columbia Basin
wurden zur Bewässerung und Stromerzeugung
gedämmt. Ein Großteil der ursprünglichen Wälder
wurde abgeholzt. Bergbau und Viehzucht haben die
Umwelt geschädigt. Überreste des Bombenbaus aus
der Zeit des Kalten Krieges haben ein Gebiet nördlich
des Columbia zur mit den meisten Giftstoffen belasteten Gegend Nordamerikas gemacht.
Solche Veränderungen würden die ersten fleißigen
Siedler von vor anderthalb Jahrhunderten erstaunen.
"Ich würde gerne die Reaktion einiger dieser Leute auf
das sehen, was wir dem Land heute angetan haben",
äußerte Joe Vogel hoch zu Roß, als er 1993 mit einer
Gruppe aus Nebraska nochmals den Trail entlangritt.
"Einiges ist nicht sehr gut." Dennoch herrscht heute
wie damals ein Gefühl der Möglichkeiten und Hoffnung
vor. Tausende Amerikaner (häufig aus dem dicht
bevölkerten Kalifornien) brechen ihre Zelte ab und
ziehen in die kleinen Städte und ländlichen Gebiete
von Oregon, Washington, Idaho, Montana und Wyoming. Sie sind die neuen Einwanderer entlang des
Oregon Trail.

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