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Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

47

2 3 . November 1983

INHALT

DOKUMENTATION
Rede des US-Präsidenten vor dem japanischen Parlament
- Wortlaut Gemeinsame Erklärung von Präsident Reagan und
Ministerpräsident Nakasone in Tokio
Gemeinsame Erklärung Präsident Reagans und Präsident Chuns

Um Ubcr/cncJung von
Belegexemplaren
wifd gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

23. November 1983

47

REDE DES US-PRÄSIDENTEN VOR DEM JAPANISCHEN PARLAMENT
Wortlaut

TOKIO - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 11. November 1983 in einer
Rede vor dem japanischen Parlament (Reichstag) erneut den Willen der Vereinigten Staaten zur Rüstungskontrolle unterstrichen.

"Ein Atomkrieg kann niemals

gewonnen werden und darf nie stattfinden", sagte Reagan.

"Der einzige Wert

des Besitzes von Kernwaffen besteht darin, dafür zu sorgen, daß sie niemals
eingesetzt werden können."

Der amerikanische Präsident betonte, daß die Ver-

einigten Staaten bei den Genfer Verhandlungen über nukleare Mittel Streckensysteme (INF) niemals einem Abkommen zustimmen würden, das die Bedrohung durch
solche Raketen von Europa nach Asien verlagern würde.
Die Rede von Präsident Reagan hat folgenden Wortlaut:
Es erfüllt mich mit großer Ehre und Achtung, wenn ich heute vor Sie trete - der erste amerikanische Präsident, der je vor dem japanischen Reichstag
gesprochen hat.
Ich bin

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Ich bin erst zwei Tage in Ihrem Lande, aber wenn ich für mich und meine
Frau Nancy sprechen darf, so möchte ich sagen, daß Sie dafür gesorgt haben,
daß wir uns mehr als zuhause fühlen:

Die Herzlichkeit Ihrer Begrüßung hat

unsere Herzen gerührt. Wenn Sie uns begrüßen, dann ehren Sie damit 230 Millionen Amerikaner, die zu vertreten ich die Ehre habe. Von allen meinen Landsleuten möchte ich zu Ihnen allen sagen:

Die Bande der Freundschaft, die uns

verbinden, sind mächtiger als der Ozean, der uns trennt. Die japanisch-amerikanische Freundschaft ist unverbrüchlich.
Es war vor einem Dutzend Jahren, an einem Herbsttag wie diesem, daß ich
Japan zum erstenmal besuchte.

Heute wie damals spürte ich Energie, Initiative

und Betriebsamkeit wie einen mächtigen Strom des Fortschritts Ihr Land durchfließen.

Und wie damals bin ich beeindruckt von einer einmaligen Begabung des

japanischen Volkes: Sie bauen Ihre Zukunft nicht auf Kosten des Anmuts und
der Schönheit der Vergangenheit auf.
Das geschätzte Merkmal der japanischen Zivilisation ist Harmonie, und
das hat den Amerikanern schon immer gefallen. Harmonie setzt voraus, daß
Differenzen überwunden werden im Dienste höherer Ideale, von denen wir viele
gemeinsam haben. Als der frühere amerikanische Präsident Ulysses S. Grant im
Jahr 1897 Japan besuchte, entdeckte er, daß es ein bezauberndes Land ist.
Japan, so sagte er, sei über alle Beschreibungen schön.
Während seines Aufenthaltes traf er mit dem Kaiser zusammen, und ihr Gespräch wandte sich der Demokratie zu, der drängenden Frage des Tages. Präsident Grant wies darauf hin, daß Regierungen immer stabiler und Nationen immer
wohlhabender seien, wenn sie wirklich ihr Volk vertreten.
Ich bin stolz, diese ein Jahrhundert alte Tradition fortsetzen zu dürfen
- ein Treffen mit Ihrem Kaiser nach meiner Ankunft und jetzt zusammen mit
Ihnen die Feier eines großen Tages in Ihrer Geschichte: der 100. Sitzung des
Reichtags unter der neuen japanischen Verfassung. In sechs Jahren werden Sie
das 100jährige Bestehen einer repräsentativen Regierung in Japan feiern - so

- 2 -

�feiern - so wie wir die Geburt unseres Kongresses feiern.

Ich überbringe

Ihnen die besten Wünsche und herzlichen Grüße Ihrer amerikanischen Kollegen
im Kongreß der Vereinigten Staaten.
Man kann nicht hier in dieser Kammer sein, ohne sich als Teil Ihrer stolzen Geschichte der nationalen Existenz und Demokratie zu fühlen und den Geist
der Hoffnung zu spüren, der die Träume ihres freien Volkes beflügelt.

Von

all den Stärken, die wir besitzen, von all den Bindungen, die uns verknüpfen,
ist, wie ich glaube, unsere Hingabe an die Freiheit die größte.

Japan und

Amerika stehen in der ersten Reihe der freien Nationen und der freien Wirtschaften in der Welt.
Sicherlich, wir liegen 5000 Meilen auseinander.
Gebräuchen, Sprache und Tradition verschieden.
renten auf den Weltmärkten.

Wir sind sicherlich in

Und wir sind auch oft Konkur-

Aber ich glaube, daß das durch dieses stolze Par-

lament vertretene Volk und das durch meinen eigenen amerikanischen Kongreß
vertretene Volk in ihrer Hingabe an die Prinzipien unserer freien Gesellschaften eines Herzens sind.
Ich spreche von Prinzipien, die mit dem geheiligten Wert des Lebens beginnen: dem behüteten Platz der Familie; der Verantwortung von Eltern und
Schulen, Lehrer der Wahrheit, der Toleranz, der harten Arbeit, der Zusammenarbeit und der Liebe zu sein; und der Rolle unserer wichtigen Institutionen
- Regierung, Industrie und Gewerkschaften - freien Menschen die Chancen und
die Sicherheit zu bieten, eine bessere Welt aufbauen und sie ihren Kindern
und Kindeskindern hinterlassen zu können.
Amerika und Japan liegen räumlich weit auseinander, aber wir sind vereint in unserem Glauben, daß Freiheit die Hingabe an Würde, Rechte und Gleichheit der Menschen bedeutet.

Ykichi Fukuzawa, Ihr großer Lehrer aus der

Meiji-Zeit,hat es Ihnen gesagt:

Der Himmel hat keinen Menschen höher oder

keinen Menschen niedriger gemacht als irgendeinen

anderen Menschen.
Unser großes

- 3 -

�Unser großes amerikanisches Vorbild Abraham Lincoln hat uns das als politische Perspektive aufgezeigt:

Kein Mensch ist so gut, dal? er einen anderen

Menschen ohne dessen Einwilligung regieren dürfte.
Recht, eine

Wir beide schätzen das

Regierung unserer eigenen Wahl zu haben.

Regierung, daß sie dem Volke dient.

Wir erwarten von der

Wir gehen nicht davon aus, daß das Volk

der Regierung dient.
Amerika und Japan sprechen eine unterschiedliche Sprache, aber beide
sprechen, beten und wirken in der Sprache der Freiheit.

Wir verteidigen das

Recht, unsere Meinung zu äußern, unseren Dissens ohne Angst zum Ausdruck zu
bringen und den inneren Frieden durch die Verbindung zu Gott zu finden.
Wir glauben an lohnende Initiative, Ersparnisse und Risiko.

Und wir er-

mutigen jene, die ihren Blick auf die am weitesten entfernten Sterne richten
und die durch Wind und Wellen des Handels neue Wege des Fortschritts suchen.
Andere zensieren und bevormunden ihre Bürger.

Wir vertrauen auf die Frei-

heit, die Vielfalt und Kreativität nährt, die uns alle bereichern.
mit Ihrem Dichter Basho sprechen:

Ich möchte

Es gibt viele Arten von Pflanzen, und jede

triumphiert mit ihrer besonderen Blüte.
Und schließlich löst unsere Freiheit keine Angst aus, denn sie stellt
keine Bedrohung dar. Und wir werden uns von niemandem nötigen lassen. Die
Vereinigten Staaten bauen keine Mauern, um ihre Bevölkerung festzuhalten; wir
besitzen keine Armeen von Geheimpolizei, um die Menschen ruhig zu halten; wir
weisen keine Dissidenten in sogenannte Nervenkliniken ein; und wir würden niemals ein unbewaffnetes Passagierflugzeug aus heiterem Himmel abschießen. Wir
trauern mit Ihnen um diesen tragischen und unnötigen Verlust des Lebens unschuldiger Menschen.
Unsere beiden
unvollkommenen und
Japan die tiefsten
der Welt - frei zu

Länder sind alles andere als vollkommen. Aber in dieser
gefährlichen Welt verkörpern die Vereinigten Staaten und
Hoffnungen und Wünsche der Männer und Frauen überall auf
sein, in Frieden zu leben und den Reichtum der Fülle und

�Fülle und der geistigen Erfüllung zu schaffen und zu erneuern.

Ich bin nach

Japan gekommen, weil wir eine historische Chance, ja, eine historische Verpflichtung haben. Wir können zu mächtigen Partnern des Guten werden - nicht
nur in unseren eigenen Ländern, nicht nur im pazifischen Raum, sondern auf
der ganzen Welt.
Sehr verehrte Damen und Herren, meine Frage ist die:

Besitzen wir die

Entschlossenheit, die Aufgabe der Partnerschaft zu meistern und das alles
wahr zu machen?

Meine Antwort kommt ohne Zögern: Jawohl, wir besitzen sie,

und wir werden es wahr machen.
Während eines großen Teils unserer Geschichte haben wir nach innen geblickt.

Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Mit unseren Volkswirtschaften zu-

sammengenommen stellen wir die Hälfte der Produktion der freien Welt, und
wir können uns deshalb unseren globalen Verpflichtungen nicht entziehen. Unsere Industrien hängen von der Einfuhr von Energie und Rohstoffen aus fernen
Ländern ab.

Unsere Prosperität braucht ein gesundes internationales Finanz-

system und freie und offene Märkte. Und unsere Sicherheit ist untrennbar
mit der Sicherheit unserer Freunde und Nachbarn verbunden.
Es genügt nicht, einfach nur auf Weltfrieden und Prosperität zu hoffen.
Unsere beiden großen Nationen müssen in Zusammenarbeit mit anderen die Werte
und die Freiheiten bewahren, für die unsere Gesellschaften so hart gekämpft
haben.

Und wir dürfen unsere Partnerschaft für Frieden, Prosperität und

Freiheit nicht als ein Streben nach gegensätzlichen Zielen ansehen. Wir können
keinen Wohlstand haben, wenn wir nicht sicher sind.
sein, wenn wir nicht frei sind.

Wir können nicht sicher

Und wir werden bei keiner dieser Anstrengun-

gen Erfolg haben, wenn Japan und Amerika nicht in Harmonie zusammenarbeiten.
Wenn ich in Ihr Land gekommen bin, dann habe ich den tiefen Wunsch Amerikas nach Frieden mitgebracht.

Ich weiß, daß unser Wunsch von Ministerprä-

sident Nakasone und ganz Japan geteilt wird.

Wir sind Menschen des Friedens.

Wir kennen das schreckliche Trauma des menschlichen Leidens.

- 5 -

Ich habe zu

�t

hpbe zu meinen Lebzeiten vier Kriege erlebt.

Ich spreche also nicht einfach

nur als Präsident der Vereinigten Staaten, sondern auch als Ehegatte, als Vater und als Großvater.

Nach meiner Überzeugung kann es nur eine Politik für

die Erhaltung unserer kostbaren Zivilisation in der modernen Zeit geben:

Ein

Atomkrieg kann niemals gewonnen werden und darf nie stattfinden.
Der einzige Wert des Besitzes von Kernwaffen besteht darin, dafür zu
sorgen, daß sie niemals eingesetzt werden können.

Ich weiß, daß ich für Men-

schen überall auf der Welt spreche, wenn ich sage, daß es unser Traum ist, den
Tag zu erleben, an dem die Kernwaffen vom Antlitz der Erde verbannt sein werden.
Rüstungskontrolle muß Rüstungsverringerung sein. Amerika trägt das Seine
dazu bei. Wie ich vor weniger als zwei Monaten vor der Vollversammlung der
Vereinten Nationen zugesagt habe, werden die Vereinigten Staaten jedes gerechte, verifizierbare Abkommen annehmen, das Streitkräfte auf niedrigerem Niveau
als gegenwärtig stabilisiert.

Wir wollen bedeutsame Verringerungen, und wir

sind zu Kompromissen bereit.
Bei den Verhandlungen über eine Verringerung der strategischen Rüstungen
(START) drängen die amerikanischen Unterhändler weiterhin die Sowjetunion
nach einer Formel, die diese Ziele erreicht. In den Verhandlungen über nukleare Mittel Streckensysteme (INF) verfolgen wir den gleichen Kurs; wir haben
sogar die Beseitigung dieser ganzen Kategorie von Waffen angeboten. Ich
bin mir unserer Verpflichtung bei diesen Verhandlungen voll und ganz bewußt,
denn es geht um Dinge, die auch die Sicherheit und das Wohlergehen des japanischen Volkes berühren. Erlauben Sie mir, eines in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir dürfen und wir werden kein Abkommen annehmen, das die Bedrohung durch
weiterreichende nukleare Mittel Streckensysteme von Europa nach Asien verlagert.
Unsere grofe Enttäuschung war die mangelnde Bereitschaft der anderen Seite,
in gutem Glauben zu verhandeln.

Wir wollten tief einschneidende Verringerungen

unserer nuklearen Arsenale, und wir wollen das noch immer. Aber die Sowjets
blockieren die dramatischen Verringerungen, die die Welt will.

- 6 -

In unseren

�In unseren Bemühungen, die Verhandlungen in gutem Glauben voranzubringen,
haben wir neue Initiativen geboten, die wesentliche Verringerungen auf einen
gleichen Stand vorsehen - und je niedriger dieser Stand ist, desto besser.
Aber wir warten noch immer auf eine positive Reaktion.
Trotz dieses trüben Bildes werde ich mich von meinem Streben nach einem
Durchbruch nicht abbringen lassen.
renztisch niemals verlassen.

Die Vereinigten Staaten werden den Konfe-

Der Frieden ist zu wichtig.

fordert, daß wir ausharren, und wir werden ausharren.

Die Vernunft er-

Wir leben in unsicheren

Zeiten.

Es gibt Anfechtungen und Prüfungen der Freiheit, wo immer sie auf-

tritt.

Sie packen uns an wie die Tragödie über dem Japanischen Meer, wo 269

unschuldige Menschen für die Sache des sogenannten geheiligten Luftraums getötet wurden.

Sie sind so real wie die Angriffe von Terroristen auf die Füh-

rung der Republik Korea im vorigen Moant in Rangun und gegen französische und
amerikanische Angehörige der internationalen Friedenstruppe in Beirut.

Und

sie sind so beredt wie das Sicheinmauern unserer Gegner am Konferenztisch und
ihre

plumpen Versuche, alle friedliebenden Menschen unter Druck zu setzen.

Diese Bedrohung des Friedens und der Freiheit unterstreicht die Bedeutung einer engeren Zusammenarbeit unter allen freien Nationen. Sie haben ein
altes Sprichwort, das besagt, daß ein einzelner Pfeil leicht zerbrochen werden
kann, aber ein Bündel von drei Pfeilen nicht. Je stärker der Einsatz Japans,
der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten für den Frieden durch Stärke
ist, umso größer wird unser Beitrag zum Aufbau einer sichereren Zukunft sein.
Der amerikanisch-japanische Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit und Sicherheit muß uns weiterhin als Grundfeste unserer Sicherheitsbeziehungen dienen.
Japan wird nicht allein die Last der Verteidigung der Freiheit tragen müssen.
Amerika ist Ihr Partner. Wir werden die Last gemeinsam tragen.
Die Verteidigung der Freiheit muß eine gemeinsam getragene Last sein.
Wir können es uns leisten, die Freiheit zu verteidigen, aber wir können es uns
nicht leisten, sie zu verlieren.

Die Segnungen Ihres Wirtschaftswunders, das

durch das Genie eines begabten, entschlossenen und dynamischen Volkes zustande

- 7 -

�Volkes zustandekam,

kann nur im sicheren Hort der Freiheit geschützt werden.

In seinem Buch "Auf der Suche nach Frieden und Freiheit" hat der frühere
Ministerpräsident Sato geschrieben:

In den 100 Jahren seit der Maiji-Restau-

ration hat sich Japan ständig bemüht, die modernsten Länder der Welt einzuholen
und schließlich zu überholen.

Ich glaube nicht, daß es Schlagzeilen bringen

wird, wenn ich sage, daß Sie nicht nur aufgeholt haben, sondern auf einigen
Gebieten in Führung gegangen sind.
entscheidender Bedeutung.

Und auch hier ist unsere Partnerschaft von

Aber in diesem Falle können Sie der Lehrer sein.

Allen denjenigen, denen es am Glauben an den menschlichen Geist mangelt, kann
ich nur sagen:

Kommt nach Japan.

Kommt in ein Land, dessen wirtschaftliche

Produktion in Kürze die der Sowjetunion übertreffen wird, was die Wirtschaft
Japans zur zweitgrößten der Welt machen wird.

Kommt, um von einer Kultur zu

lernen, die ihrem Volk einen starken Geist der Zusammenarbeit, Disziplin und
des Strebens nach dem Besten einflößt; und lernt von einer Regierungspolitik,
die geholfen hat, dieses Wirtschaftswunder hervorzurufen - nicht so sehr durch
zentrale Planung als durch Förderung des Wettbewerbs, Ermutigung der Initiative
und Belohnung des Sparens und der Risikofreudigkeit.
Unser Land hat in den letzten drei Jahren große Schritte in diese Richtung getan. Wir korrigieren Fehler der Vergangenheit. Die Hoffnung wird neu
belebt. Das Vertrauen kehrt zurück. Amerikas Zukunft sieht wieder glänzend
aus. Wir haben den Kurs der zu hohen Steuern, der zu hohen Ausgaben, der Rekordzinssätze, der hohen Inflation und des geringen Wachstums verlassen. Die
Vereinigten Staaten stehen in der ersten Phase einer industriellen Wiedergeburt,
und wir helfen anderen Ländern zu einem weltweiten Wiederaufschwung.
Aber manche Leute in meinem Lande schrecken noch immer vor der Notwendigkeit der Beschränkung der Ausgaben zurück.

Unter dem Vorwand, Defizite abbauen

zu wollen, möchten sie zu einer Politik höherer Steuern zurückkehren.
möchten die Lehre aus Japan in den Wind schlagen.

Sie

Ein Blick auf die Nach-

kriegsgeschichte Japans führt zu zwei erstaunlichen Schlußfolgerungen:

Unter

den großen Industriestaaten hatten Sie immer die niedrigsten Steuern, und Ihre

- 8 -

�und Ihre Wachstums- und Sparraten waren immer die höchsten.

Sparer in Japan

können mit sehr hohen Zinseinkommen aus der Besteuerung rechnen;
steuerung des sogenannten nicht verdienten Einkommens ist niedrig.
keine Kapitalertragssteuer auf Anlagepapiere.

Ihre BeSie haben

Und die überwältigende Mehr-

heit Ihrer arbeitenden Bevölkerung sieht sich vor dramatisch niedrigere Steuersätze

gestellt als in irgendeinem anderen Industriestaat, einschließlich meines

eigenen Landes. Anreize für jeden - das ist das Geheimnis des starken Wachstums
für eine glänzende Zukunft, erfüllt mit Hoffnung und Möglichkeiten und Anreizen
für Wachstum.

Dies - nicht Steuererhöhungen - muß auch unsere Politik in Ame-

rika sein.
Partnerschaft muß eine Zweibahnstraße sein, die auf gegenseitigem Vertrauen aufgebaut ist. Wollen wir doch jederzeit bereit sein, voneinander zu
lernen und miteinander zusammenzuarbeiten.

Wir haben allen Grund, das zu tun.

Unsere Volkswirtschaften zusammengenommen nehmen fast 35 Prozent der beiden
großen Überseehandelspartner der Welt auf.

Im vorigen Jahr hat Japan rund 10

Prozent unserer Gesamtexporte aufgenommen, und wir haben rund 25 Prozent Ihrer
Exporte gekauft.

Unser gegenseitiger Handel wird im Jahr 1983 wertmäßig 60

Milliarden Dollar übersteigen, also doppelt so viel wie vor sieben Jahren.
Auf dem Wirtschaftsgipfel in Williamsburg im Mai dieses Jahres verpflichteten sich die Führer der demokratischen Industrieländer, bei der Bekämpfung
des Protektionismus zusammenzuarbeiten.

Mein persönliches Engagement bezüg-

lich dieses Zieles basiert auf wirtschaftlichen Prinzipien, altmodischem gesunden Menschenverstand und Erfahrung.

Ich bin alt genug, um mich zu erinnern,

was schließlich das vorige Mal geschah, als Länder ihre Märkte vor Konkurrenz
schützten:

ein Alptraum, den man als Weltwirtschaftskrise bezeichnetec

Der

Welthandel ging um 60 Prozent zurück, und jeder - Arbeiter, Bauern und Hersteller - wurden getroffen.
Wollen wir doch die Klugheit aufbringen, diese Torheit nie wieder zu begehen. Wir sitzen mit unseren Handelspartnern auf der ganzen Welt in einem
Boot. Wenn einer unserer Partner ein Loch in dieses Boot schießt, ist es dann

- 9 -

�es dann sinnvoll, wenn ein anderer ein weiteres Loch in das Boot schießt?
Manche Leute meinen ja - und bezeichnen es als Festigkeit.
bezeichne es als einen Sturz ins Wasser.

Verzeihen Sie, ich

Statt Löcher zu schießen, sollten

wir zusammenarbeiten, um sie abzudichten, damit unser Boot der freien Märkte
und des fairen Handels uns zu umso größerem wirtschaftlichen Wachstum und umso größerer internationaler Stabilität tragen kann.
Ich habe mich raschen Auswegen des Protektionismus in Amerika nachhaltig
widersetzt - wettbewerbsfeindlichen Gesetzen, wie dem Gesetz über den einheimischen Arbeits- und Materialanteil von Produkten, das beispielsweise unsere einheimischen Automobil herstell er zwingen würde, einen höheren Anteil an
amerikanischem Arbeits- und Materialaufwand zu benutzen.

Es wäre ein schreck-

licher Witz, die Preise zu erhöhen, ohne Arbeitsplätze zu schützen.
weniger bei Ihnen kaufen.

Sie würden weniger bei uns kaufen.

Weltwirtschaft würde kleiner.

Wir würden

Der Kuchen der

Vergeltung und Diskriminierung würden zunehmen.

Es ist für einen gewählten Regierungsvertreter nicht einfach, die Anliegen seiner Wähler mit den höheren Interessen der Nation in Ausgleich zu
bringen. Aber das ist genau unser aller Aufgabe. Und wir brauchen Ihre Hilfe,
indem Sie freien Handel demonstrieren, um den Anliegen meines eigenen Volkes
gerecht zu werden. Die Amerikaner glauben, daß Ihre Märkte weniger offen seien
als die unsrigen. Wir brauchen Ihre Unterstützung, um die Handelsschranken
weiter abzubauen, die es vielen amerikanischen Produkten noch immer schwer
machen, auf Ihren Markt zu gelangen. Die Reihe von Maßnahmen, die Ihre Regierung kürzlich ergriffen hat, um die Handelsschranken zu verringern, sind
positive Schritte in diese Richtung. Wir hoffen sehr, daß dieser Fortschritt
anhalten und sich beschleunigen wird. Umgekehrt verpflichte ich mich, den
Kampf gegen protektionistische Maßnahmen in meinem eigenen Lande zu unterstützen.
Wenn jeder von uns nur ein bißchen gibt, dann können wir alle viel gewinnen. Als zwei große und reife Demokratien sollten wir die Überzeugung
haben, aneinander zu glauben, auf unsere lange und gute Freundschaft zu bauen

�zu bauen und unsere Partnerschaft zu erweitern. Wir sind führende Mächte in
der Weltwirtschaft. Wir und andere Industriestaaten haben eine gemeinsame Verantwortung, Kapital- und Handelsmärkte zu eröffnen, größere Investitionen im
jeweils anderen Land zu fördern, den Entwicklungsländern zu helfen und das
Durchsickern von militärischer Technologie zu einem Gegner zu stoppen, der
auf Aggression und Beherrschung aus ist.
Wir sind der Überzeugung, daß die Währung der zweitgrößten freien Marktwirtschaft der Welt die wirtschaftliche Stärke und politische Stabilität widerspiegeln muß, derer Sie sich erfreuen. Wir gehen davon aus, daß der Yen eine
größere Rolle in den internationalen Finanz- und Wirtschaftsangelegenheiten
spielen wird.

Wir begrüßen den jüngsten Trend zu einem stärkeren Yen. Und

die Welt begrüßt die zunehmend aktive Rolle Japans in globalen Angelegenheiten.
Ihre führende Rolle bei der Hilfe für Flüchtlinge und in der Wirtschaftshilfe
für verschiedene Länder war von höchster Bedeutung als Beitrag zur Schaffung
größerer Stabilität in Schlüsselgebieten der Welt.

Ihr Rat bei Initiativen

zur Rüstungsverminderung wird bei uns hoch geschätzt.
Wir mögen gelegentlich Differenzen haben, aber es herrscht kein echter
Streit zwischen uns. Der herrscht mit jenen, die die Freiheit reglementieren
wollen; die Plackerei statt dynamische Initiative wollen; künftige Verzweiflung statt Gewißheit der Besserung und die Zwangsernährung eines militärischen
Goliath statt des persönlichen Interesses an den Produkten und dem Fortschritt
von morgen.
Sie und Ihre Nachbarn sind leuchtende Beispiele für all jene, die rasche
Entwicklung suchen. Das pazifische Becken stellt heute die interessanteste
Region für das wirtschaftliche Wachstum in der Welt dar. Die Menschen Ihres
Landes strengen ihre Fähigkeiten bis zum Äußersten an, und wenn eine ganze
Nation das tut, dann geschehen Wunder. Als Kalifornier habe ich viele Wunder
gesehen, die fleißige Japaner nach unseren Küsten gebracht haben.
Im Jahr

- 11 -

�Im Jahr 1865 verließ ein junger Samurai-Schuler, Kamaye Nagasawa, Japan,
um zu erfahren, was den Westen wirtschaftlich stark und technologisch führend
gemacht hatte.

Zehn Jahre später gründete er eine kleine Weinkellerei in

Santa Rosa in Kalifornien, die den Namen Fountaingrove Round Barn and Winery
trug.

Bald wurde er zum König der Winzer in Kalifornien.

Nagasawa kam nach

Kalifornien, um zu lernen, und blieb, um unser Leben zu bereichern.

Unsere

beiden Länder verdanken diesem zum Geschäftsmann gewordenen Krieger viel.
Im Laufe der Jahre haben unsere Kontakte in erstaunlichem Tempo zugenommen.

Heute studieren rund 13 000 Ihrer besten Studenten in Amerika.

Und

eine wachsende Zahl amerikanischer Bürger kommt hierher, um alles mögliche
über Japan zu erfahren.

Firmen wie Nissan, Koycera, Sony und Toshiba haben

Tausende von Arbeitsplätzen nach Amerika gebracht.

Der Bundesstaat Kalifornien

plant den Bau eines Schnellzuges in der Art Ihrer so erfolgreichen Superschnellzüge.

Im Jahr 1985 werden sich die Vereinigten Staaten mit Japan an einer gro-

ßen Ausstellung von Wissenschaft und Technologie in Tsukulba besteiligen ein weiteres Symbol unserer Zusammenarbeit.
ich diese neue pazifische Woge.

Was mich betrifft, so begrüße

Möge sie friedlich dahinrollen und einen

zweiseitigen Austausch von Menschen und Ideen tragen, der die Barrieren des
Argwohns und des Mißtrauens überwinden und Bande der Freundschaft und des gemeinsamen Optimismus knüpfen kann.
Unsere beiden Nationen mögen einer unterschiedlichen Vergangenheit entstammen. Wir mögen an entgegengesetzten Enden der Welt leben, aber wir sind
durch unseren unüberwindlichen Geist der Entschlossenheit zusammengeführt
worden, durch unsere Freiheitsliebe und unsere Hingabe an den Fortschritt.
Wir sind wie Kletterer, die ihren Aufstieg an entgegengesetzten Seiten des
Berges beginnen. Je mehr wir uns anstrengen, je höher wir steigen, desto
näher kommen wir uns - bis zu dem Moment, da wir am Gipfel ankommen und vereint sind.
Denken Sie an das, was im vorigen Monat geschah.

Eine amerikanische und

zwei japanische Gruppen machten sich an die Besteigung des Mount Everest - die

- 12 -

�Mount Everest - die Japaner von der nepalesischen Seite und die Amerikaner
von der tibetanischen Seite aus.

Die Verhältnisse waren so schwierig und

gefährlich, daß vor Abschluß der Expedition zwei japanische Bergsteiger ums
Leben kamen.

Die tapferen Bergsteiger trafen alle zusammen und schüttelten

sich unterhalb des Gipfels die Hand.

Dann bestiegen sie gemeinsam den Gipfel,

um gemeinsam den majestätischen Augenblick des Triumphes zu genießen.
Gute und teure Freunde in Japan:

Wenn diese Bergsteiger auf dem Dach der

Welt sich die Hände schütteln konnten, dann stellen Sie sich einmal vor, wie
hoch unsere 350 Millionen Bürger steigen können, wenn wir alle als mächtige
Partner für die Sache des Guten zusammenarbeiten.

Es gibt nichts, was Japan

und die Vereinigten Staaten nicht zusammen tun könnten.

- 13 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

23. November 1983

47

GEMEINSAME ERKLÄRUNG VON PRÄSIDENT REAGAN UND MINISTERPRÄSIDENT NAKASONE
IN TOKIO

TOKIO - (AD) - Präsident Reagan und der japanische Ministerpräsident
Nakasone gaben am 10. November 1983 in Tokio die folgenden Erklärungen ab:
MINISTERPRÄSIDENT NAKASONE:

Es ist für das japanische Volk, die japanische

Regierung wie auch für mich selbst ein besonderes Vergnügen, den Präsidenten
der Vereinigten Staaten von Amerika und Mrs. Reagan als Staatsgäste willkommen
zu heißen.
Der Präsident und ich hatten gestern wie heute überaus produktive Treffen, wobei eine große Bandbreite von Themen angesprochen wurde.

Diese Tref-

fen bestätigten die Bedeutung dieser Fragenkomplexe für Japan und die Vereinigten Staaten - zwei Länder, die die Ideale und Werte von Freiheit und Demokratie sowie das Ziel der Förderung weiterer Zusammenarbeit in Richtung auf
Frieden und Wohlstand in dieser Welt gemeinsam haben.
Der Präsident hat eine klare Vorstellung von der Bedeutung des asiatischen
und pazifischen Raumes. Sein jetziger Besuch Japans und der für das nächste

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�das nächste Jahr geplante Besuch Chinas legen eindeutig Beweis für diese Tatsache ab - zusammen mit seinem Besuch der Länder in Südostasien, der, dessen
bin ich sicher, für die nächste Zukunft wieder eingeplant werden wird.

Die

wirtschaftliche Dynamik der asiatischen und pazifischen Region ist eines der
zentralen Elemente der Expansion der Weltwirtschaft.

Daher herrscht zwischen

dem Präsidenten und mir volle Übereinkunft darüber, daß wir auch weiterhin
alle Anstrengungen zur weiteren Entwicklung der asiatischen und pazifischen
Region unternehmen sollten.
Herr Präsident, ich gab am 1. November in Tokio zusammen mit Bundeskanzler
Kohl die Tokio-Erklärung ab, die in Einklang mit dem Geist der politischen Deklaration

steht, die im Mai dieses Jahres beim Gipfel von Williamsburg verab-

schiedet wurde und in der es heißt, daß wir die Einigkeit und Solidarität zwischen den westlichen Ländern in unserem gemeinsamen Bemühen bewahren sollten,
Freiheit, Frieden und Stabilität der Weltwirtschaft sowie die Entwicklung der
Dritten Welt auch weiterhin zu verfolgen.
Angesichts der jüngsten Ereignisse zunehmender Spannung der Ost-WestBeziehungen und angesichts der Häufigkeit regionaler Dispute und Gewalt in
den verschiedensten Regionen der Welt bin ich beunruhigt darüber, daß der Weltfrieden ernsthaft bedroht ist, wenn solche Tendenzen auch weiterhin anhalten
und sich noch verstärken. Angesichts dessen bin ich der festen Überzeugung,
daß die Länder dieser Welt ihre Entschlossenheit bekräftigen sollten, Frieden,
Freiheit und Stabilität zu bewahren, damit es zu einer Wiederbelebung der Weltwirtschaft und zum Wohlstand der Völker dieser Welt kommen kann.
Ich bin zunehmend der Meinung, daß vernünftige Dialoge und Verhandlungen
geführt werden sollten, damit solche internationalen Konflikte und Streitfragen
gelöst werden können, und daß die betroffenen Parteien keine Mühe scheuen sollten, im Verfolg dieser entscheidenden Ziele schrittweise Maßnahmen zu ergreifen,
die sie dann auch mit Beständigkeit und Realismus durchführen. Dies gilt meiner
Meinung nach vor allem für die Rüstungskontrollverhandlungen.
Die westlichen

- 2 -

�Die westlichen Länder sollten fest, einig und solidarisch für Freiheit
und Frieden eintreten und nicht zögern, für ihre Sache auch die entsprechenden
Lasten zu tragen.

All diese Punkte sind in der Erklärung von Tokio enthalten.

Und es ist ja auch bezeichnend, daß Sie, Herr Präsident, dieser Erklärung während unseres Treffens Ihre volle Zustimmung gaben.
Der Präsident und ich hatten einen Meinungsaustausch über die Ost-WestBeziehungen, wobei besondere Betonung auf die Fragen der Rüstungskontrolle
und die Lage in Regionen wie Asien, dem Nahen Osten und Mittelamerika gelegt
wurde.

Insbesondere hinsichtlich der INF-Verhandlungen wurde erneut bekräf-

tigt, daß die Verhandlungen nicht zu Lasten der asiatischen Region gehen, sondern auf globaler Grundlage geführt werden sollten, wobei auch die Sicherheit
Asiens mit in Erwägung gezogen werden sollte.
Hinsichtlich der kürzlichen Bombenattentate in Burma, diesem furchtbaren
Akt des Terrorismus, waren wir beide der Ansicht, daß sie schärfstens verurteilt werden sollten als unentschuldbarer Versuch, Frieden und Ordnung dieser
Welt herauszufordern, und daß die größten Anstrengungen unternommen werden
müssen, auf der koreanischen Halbinsel Frieden und Stabilität herbeizuführen.
Hinsichtlich des Nahen Ostens brachte ich meine höchste Wertschätzung für die
Rolle zum Ausdruck, die die multinationale Friedenstruppe zur Stabilisierung
der Lage im Libanon spielt.
Die japanisch-amerikanischen Sicherheitsabkommen sind die Grundlage für
Frieden und Sicherheit Japans und des Fernen Ostens. Ich möchte zum Ausdruck
bringen, daß Japan auch weiterhin seine Anstrengungen fortsetzen wird, um die
Glaubwürdigkeit der japanisch-amerikanischen Sicherheitsvereinbarungen zu erhöhen. Hinsichtlich der Verbesserung unserer Verteidigungskapazität möchte
ich weitere Anstrengungen unternehmen, wie sie im gemeinsamen Kommunique vom
Mai 1981 zum Ausdruck kamen.
Was die Weltwirtschaft angeht, so unterstrichen der Präsident und ich
- im Einklang mit der Erklärung des Gipfels von Williamsburg - die Bedeutung,

- 3 -

�die Bedeutung, die einem anhaltenden, nichtinflationären Wachstum der Weltwirtschaft, dem Zurückdrängen von Protektionismus und einem Rückgang der
derzeitigen hohen Zinsen zukommt.

Wir halten dies zusammen mit einer erhöh-

ten finanziellen Zusammenarbeit für bedeutsam, um die Last der Entwicklungsländer etwas zu erleichtern, die unter den angehäuften Schulden leiden.
Hinsichtlich bilateraler Wirtschaftsfragen sprachen wir unsere Anerkennung für das bislang Erreichte aus und kamen überein, mit unseren Bemühungen
zur Lösung der noch ausstehenden Probleme fortzufahren.

In diesem Zusammen-

hang würdigte ich insbesondere die Verpflichtung des Präsidenten, gegen Protektionismus in den Vereinigten Staaten anzugehen.

Der Präsident und ich

sind uns auch hinsichtlich der Bedeutung der Yen-Dollar-Frage einig.

Wir

kamen überein, Konsultativforen über Fragen des Wechselkurses und Investitionen einzurichten.

Dabei drängte ich auf weitere amerikanische Anstrengun-

gen zur Senkung der amerikanischen Zinssätze.
Der Präsident und ich unterstrichen auch die Bedeutung einer Förderung
der Vorbereitungen für eine neue Runde multilateraler Handelsverhandlungen,
um das Freihandelssystem zu konsolidieren und der Weltwirtschaft neues Vertrauen einzugeben. Ich bin sehr glücklich darüber, daß der Präsident in
einem so hohen Maß meiner Ansicht war. Wir beabsichtigen, auch andere Länder dazu aufzufordern, sich unseren Anstrengungen anzuschließen.
Herr Präsident, in der derzeitigen internationalen Lage ruht auf Ihren
Schultern eine gewaltige, weltweite Verantwortung. Ich werde auch meinerseits
zu Frieden und Wohlstand der Welt den mir möglichen Beitrag leisten. Vielen
Dank.

+ + +

- 4 A

�PRÄSIDENT REAGAN:

Im Namen des amerikanischen Volkes und seiner Regie-

rung möchte ich Seiner Kaiserlichen Majestät sowie Ministerpräsident Nakasone,
der Regierung und dem japanischen Volk für den großzügigen und herzlichen
Empfang danken, der meiner Frau Nancy, mir selbst und meinen Mitarbeitern während unseres Besuches in Ihren Land zuteil wurde.
Wie Sie gerade gehört haben, haben Ministerpräsident Nakasone und ich
zwei Tage überaus produktiver Gespräche über eine große Bandbreite bilateraler Fragen und weltweiter Themen beendet. Als Führer zweier großer pazifischer
Nationen sind wir Hüter einer starken, reichen und vielfältigen Beziehung.
Japan und Amerika sind durch die gemeinsamen Werte der Freiheit, der Demokratie
und des Friedens miteinander verbunden.
Wir streben in Zukunft eine noch größere Zusammenarbeit auf einem weiten
Spektrum von politischen, wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen, bildungspolitischen, kulturellen und wissenschaftlichen Bereichen an.
Ich komme als ein Freund Japans in dem Bestreben, unsere Partnerschaft
für Frieden, Wohlstand und Fortschritt zu stärken.

Ich werde Japan in der

Zuversicht verlassen, daß unsere Partnerschaft stärker denn zuvor ist, und in
der Zuversicht, daß wir am Beginn einer neuen Ära der japanisch-amerikanischen
Zusammenarbeit für den Fortschritt stehen, wobei wir aus der gewaltigen Quelle
des Talentes, der Entschlossenheit, der Energie und der Schaffenskraft unserer
freien Völker schöpfen können.
Wir begrüßen Japans ausdrückliche

Rolle als Mitverwalter von Frieden

und Fortschritt in den internationalen wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten.

Wir haben globale Themen besprochen und haben hinsichtlich der

Möglichkeiten für Zusammenarbeit in vielem die gleiche Sicht.
Die Prinzipien, die Ministerpräsident Nakasone die Erklärung von Tokio
nannte, sind Prinzipien, die ich voll unterstreiche.
Wir haben

�Wir haben zusammen keine größere Verantwortung als die, unsere Welt zu
einem sichereren Ort zu machen.

Es gibt auf der Halbinsel Korea, im Nahen

Osten, in der Karibik und über dem nordwestlichen Pazifik ernste Bedrohungen
des Friedens.

Und die Haltung unserer Gegner am Verhandlungstisch bei den

Rüstungskontroilgesprä'chen steht gleichfalls nicht in Einklang mit dem Willen
der Menschen dieser Welt, die Waffen des Krieges zu verringern und einen stabileren Frieden zu schaffen.
Ich brachte dem Ministerpräsidenten gegenüber meine Zufriedenheit darüber zum Ausdruck, daß sich unsere wechselseitigen Sicherheitsbeziehungen ohne
Schwierigkeiten entwickeln.

Japan ist Gastland für 45 000 amerikanische Sol-

daten,und unsere Stüztpunkte in Japan - ermöglicht durch den Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit und Sicherheit - sind nicht nur für die Verteidigung Japans von entscheidender Bedeutung, sondern tragen auch zum Frieden und
zum Wohlstand im Fernen Osten bei. Was die Verteidigungsanstrengungen Japans
angeht, so sind die Vereinigten Staaten auch weiterhin davon überzeugt, daß
der wichtigste Beitrag, den Japan zur Sicherheit und zum Frieden in Asien
leisten kann, darin besteht, daß Japan sich um seine eigene Verteidigung bemüht und einen größeren Anteil an den Lasten unserer gemeinsamen Verteidigungsanstrengung übernimmt.
Während unseres Gespräches über die Rüstungskontrolle versicherte ich
Ministerpräsident Nakasone, daß wir die globale Verringerung der sowjetischen
Mittelstreckenraketen SS-20 auf den niedrigstmöglichen Umfang anstreben. Die
Vereinigten Staaten werden bei den INF-Verhandlungen keinerlei Schritte unternehmen, die sich nachteilig auf die Sicherheit Asiens auswirken könnten. Wir
kamen auch hinsichtlich der Dringlichkeit überein, eine Übereinstimmung bei
internationalen Sicherungsvorkehrungen herbeizuführen, um die Verbreitung von
Kernwaffen zu verhindern.
Ministerpräsident Nakasone und ich sprachen über die zwingenden internationalen Verpflichtungen Japans und Amerikas im Wirtschaftsbereich, wie dies
schon auf dem Gipfeltreffen von Williamsburg zum Ausdruck gekommen war. Ge- 6 -

�war.

Gemeinsam müssen wir auf eine weitere Liberalisierung des Welthandels

und des Finanzsystems dringen, gegen den Protektionismus ankämpfen, die wirtschaftliche Entwicklung fördern, ohne daß es dadurch wieder zu einer Inflation kommt, indem das freie Unternehmertum in der ganzen Welt ermutigt wird.
Schließlich müssen wir uns in die Verpflichtung teilen, den Entwicklungsländern zu helfen - einschließlich jener, die vor schwerwiegenden Schuldenproblemen stehen. Wir kamen auch ü'berein, die Koordination bei der Auslandshilfe
zu verstärken.
Bei den japanisch-amerikanischen Beziehungen nehmen Handelsfragen eine
herausragende Rolle ein.

Für unsere Handelsprobleme gibt es keine einfachen

Lösungen von einem Tag zum anderen; aber wir sind uns darin einig, die intensivsten Anstrengungen zu unternehmen, um diese Probleme zu lösen.
Wir begrüßen die jüngsten Maßnahmen Ihrer Regierung zum Abbau von Handelsbarrieren, und ich habe die Bedeutung weiterer Maßnahmen unterstrichen,
um den japanischen Markt für Handel und Investitionen zu öffnen.

Ich bin

nicht gekommen, um über spezielle Handelsfragen zu verhandeln; allerdings
habe ich auf bestimmte Fragen hingewiesen, die für uns von dringlichster Bedeutung sind.

Wegen ihrer Wichtigkeit sowohl für den Handel als auch für die

Verbraucher streben wir z.B. Verringerungen der hohen Zölle Japans bei bestimmten Produkten an, bei denen die Vereinigten Staaten in hohem Maß wettbewerbsfähig sind.

Auch die japanischen Quoten bei landwirtschaftlichen Produkten

sind ein ernster Grund zur Besorgnis.
Umgekehrt müssen die Vereinigten Staaten gegen Protektionismus im eigenen
Land ankämpfen, und ich habe dem Ministerpräsidenten versprochen, dies zu tun.
Ein Fortschritt bei japanisch-amerikanischen Handelsfragen kann weltweit eine
größere Handelsliberalisierung fördern - wie dies etwa die Forderung des Ministerpräsidenten nach einer neuen Runde multilateraler Handelsverhandlungen
unterstrich, die ich nachdrücklich unterstütze.
Ich verwies

�Ich verwies darauf, daß man auf die Vereinigten Staaten als verläßlichen
und langfristigen Lieferanten von Energie an Japan vertrauen könne - insbesondere von Kohle - und war erfreut darüber, daß Ministerpräsident Nakasone diese
Ansicht teilt.

Größerer Handel im Energiebereich würde mehr Arbeitsplätze für

Amerikaner und größere Sicherheit für unsere beiden Länder bedeuten.
Mit Zustimmung von Ministerpräsident Nakasone und mir selbst wird heute
eine gemeinsame Presseerklärung von Finanzminister Takeshita und Finanzminister
Regan zur Yen-Dollar-Frage und anderen Finanz- und Wirtschaftsfragen von beiderseitigem Interesse veröffentlicht.
Wir sind der Meinung, daß die in dieser Erklärung dargelegten Verpflichtungen und Maßnahmen die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan noch weiter verstärken werden.
Wir haben die Bedeutung freier und offener Kapitalmärkte in beiden Ländern für den Yen-Dollar-Wechselkurs unterstrichen. Wir betonten die Notwendigkeit enger wirtschaftlicher Konsultationen zwischen unseren beiden Regierungen. Eine Arbeitsgruppe auf Ministerebene wird eingesetzt, um den Fortschritt
auf beiden Seiten zu überwachen, der hinsichtlich der vereinbarten Maßnahmen
erzielt wird, den Wechselkurs zwischen Yen und Dollar zu verbessern.
Unsere beiderseitige Verpflichtung zu konkreten Schritten, um offene
Kapitalmärkte zu erlangen, wird es auch dem Yen ermöglichen, Japans politische
Stabilität und wirtschaftliche Stärke als zweitgrößte Volkswirtschaft der Freien Welt umfassender widerzuspiegeln.
Der Fortschritt muß allmählich kommen; aber Japan und Amerika haben begonnen, gemeinsam Schritte in diese Richtung zu unternehmen.

Es ermutigt mich,

daß - beginnend mit unserem ersten Treffen im vergangenen Januar, dann während
des Gipfels von Williamsburg und nun erneut während unseres Besuches in dieser
Woche - Ministerpräsident Nakasone und ich der gleichen Ansicht dahingehend
sind, daß unsere beiden großen Demokratien einander gegenüber und gegenüber
der ganzen Welt eine ganz besondere Verantwortung tragen.
Gehen wir
- 8 -

�Gehen wir gemeinsam weiter, indem wir Schritt um Schritt auf unserem
Fortschritt aufbauen.

Unsere Erfolge bei diesem Bemühen um den Fortschritt

müssen Meilensteine sein, die sicherstellen, daß wir unser Ziel erreichen.
Der Ministerpräsident und ich werden hierüber auch morgen noch eingehender
sprechen.
Dieser Besuch hat die Bande der Freundschaft zwischen unseren beiden
großen Nationen verstärkt.
Wir sind jetzt besser gerüstet für eine Zusammenarbeit als Partner, um
bei uns und in der ganzen Welt auf eine friedlichere und gedeihlichere Zukunft hinzuarbeiten.
müssen.

Wir wissen, was zu tun ist.

Wir wissen, wie wir es tun

Haben wir den Glauben zueinander, den Mut, das Notwendige anzupacken,

und die Entschlossenheit, es zum Ende zu führen.

- 9 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

23. November 1983

47

GEMEINSAME ERKLÄRUNG PRÄSIDENT REAGANS UND PRÄSIDENT CHUNS

SEOUL - (AD) - Der amerikanische Präsident Ronald Reagan und der koreanische Präsident Chun Doo Hwan veröffentlichten anläßlich des Staatsbesuchs
von Präsident Reagan am 13. November 1983 (Ortszeit) in Seoul eine gemeinsame
Erklärung, die folgenden Wortlaut hat:
Auf Einladung von Präsident Chun Doo Hwan statteten der Präsident der
Vereinigten Staaten von Amerika, Ronald Reagan,und seine Frau Nancy der Republik Korea vom 12. bis 14. November 1983 einen Staatsbesuch ab.

Die bei-

den Präsidenten trafen am 12. und abermals am 13. November zu Gesprächen sowohl über bilaterale Fragen als auch Fragen der Weltpolitik zusammen. Die
Gespräche fanden in einer äußerst herzlichen und offenen Atmosphäre statt.
Präsident Reagan sprach vor der Nationalversammlung, besuchte Einrichtungen sowohl der koreanischen als auch der amerikanischen Streitkräfte und
traf auch mit höheren koreanischen Regierungsbeamten, koreanischen Bürgern
und einer Gruppe amerikanischer Geschäftsleute zusammen.
Präsident Chun

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Präsident Chun brachte gegenüber Präsident Reagan seine Dankbarkeit für
die standhafte Unterstützung Amerikas in der Zeit nach den Tragödien zum Ausdruck, die das Volk von Korea in jüngster Zeit durchgemacht hat: dem sowjetischen Angriff auf ein koreanisches Zivilflugzeug am 1. September und dem
nordkoreanischen Terroranschlag in Burma, der tragischerweise 17 unschuldigen
Koreanern das Leben kostete, darunter viele führende Persönlichkeiten aus den
Bereichen der Wirtschaft, der Diplomatie und der Politik.
Die beiden Präsidenten nahmen Kenntnis von der gründlichen und schlüssigen Untersuchung des abscheulichen Bombenanschlags von Rangun am 9. Oktober
durch die burmesische Regierung, die unwiderlegbare Beweise dafür erbracht
hat, daß die nordkoreanische Regierung diesen vorsätzlichen Akt des Staatsterrorismus begangen hat. Beide stimmten darin überein, daß ein derartiges
Vorgehen nicht geduldet werden kann,und forderten wirksame internationale
Sanktionen gegen Nordkorea.

Präsident Reagan bekräftigte seine Bewunderung

für die Entschlossenheit und den Mut des koreanischen Volkes und dessen Führung angesichts dieser barbarischen Vorfälle.
Präsident Chun sprach Präsident Regan und dem amerikanischen Volk sein
Beileid zu den Verlusten an Menschenleben aus, die durch den Anschlag auf
eine Unterkunft amerikanischer Marinesoldaten in Beirut vom 23. Oktober verursacht wurden. Präsident Chun und Präsident Reagan bekundeten gemeinsam
die unbeugsame Opposition des koreanischen und des amerikanischen Volkes gegenüber derartigen Terrorakten und sicherten zu, anhaltende Anstrengungen zu
unternehmen, um die Geissei des Terrorismus von der Erde zu tilgen.
Die beiden Staatschefs führten einen Meinungsaustausch über eine Reihe
internationaler Fragen von beiderseitigem Interesse.

Präsident Reagan unter-

strich die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, die Verteidigung der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten zu stärken, sich um eine Verminderung
der Spannungen in unstabilen Gebieten wie dem Nahen Osten zu bemühen und eine
Vereinbarung über die Verminderung der weltweiten Dislozierungen strategischer
Waffen anzustreben.
Präsident Chun
- 2 -

�Präsident Chun umriß die Sicherheitslage der Halbinsel Korea in Einzelheiten und bezog sich hierbei insbesondere auf die anhaltende Bedrohung durch
Nordkorea, die in Nordkoreas militärischem Aufbau zum Ausdruck kommt und durch
seine eigenen inneren Probleme verschärft wird.
Beide Präsidenten unterstrichen die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung
der Abschreckungskräfte und der Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und
in Nordostasien - einem Gebiet von entscheidender strategischer Bedeutung.
Präsident Reagan erklärte, die Vereinigten Staaten würden ihre Rolle und
Verantwortlichkeiten als einer pazifischen Macht nachkommen, die sich der Aufrechterhai tung von Frieden und Stabilität in diesem Raum verpflichtet fühlt.
Präsident Reagan bekräftigte unter Hinweis darauf, daß die Sicherheit
der Republik Korea unentbehrlich für den Frieden und die Stabilität Nordostasiens sei und diese letztere!wiederum von entscheidender Bedeutung für die
Sicherheit der Vereinigten Staaten seien, die anhaltende starke Verpflichtung
der Vereinigten Staaten zur Gewährleistung der Sicherheit der Republik Korea.
Die beiden Präsidenten gelobten, die Verpflichtungen aufrechtzuerhalten, die
im gegenseitigen Verteidigungsabkommen zwischen der Republik Korea und den
Vereinigten Staaten von 1953 niedergelegt sind, und sie wiesen auf den Erfolg
dieses Bündnisses und seine abschreckende Wirkung in mehr als 30 Jahren hin.
Präsident Reagan betonte, daß die Vereinigten Staaten auch weiterhin
amerikanische Streitkräfte in Korea belassen und deren Schlagkraft stärken
würden.

Präsident Chun bekräftigte sein Eintreten für die Präsenz amerika-

nischer Truppen in Korea als Teil der den Vereinten Nationen und dem Gemeinsamen
Kommando unterstellten Streitkräfte in Korea.
Präsident Reagan nahm zur Kenntnis, daß Korea sechs Prozent seines Bruttosozialprodukts für die Verteidigung aufwendet, und er nahm ferner Kenntnis von
den Anstrengungen der Republik Korea, ihre Verteidigungskapazitäten zu modernisieren und zu steigern.

Die beiden Präsidenten waren der übereinstimmenden

- 3 -

�der übereinstimmenden Auffassung, daß dieses Programm wichtig sei, soll der
Friede erhalten bleiben.

Präsident Reagan bekräftigte erneut, daß die Ver-

einigten Staaten auch künftig die Waffensysteme und Technologien bereitstellen werden,die notwendig sind, um die Stärke der koreanischen Streitkräfte
zu mehren.
Präsident Chun erläuterte die anhaltenden Anstrengungen der koreanischen
Regierung, die Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Süd- und Nordkorea und ihre
Politik der friedlichen Wiedervereinigung unter dem Gesichtspunkt zu erreichen,
die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel zu vermindern und der Verwirklichung des langgehegten Wunsches des koreanischen Volkes näherzukommen, die
Wiedervereinigung in Frieden zu vollziehen.

Präsident Reagan, der die Unter-

stützung der diesbezüglichen ernsthaften und geduldigen Bemühungen der Republik Korea durch die Vereinigten Staaten zum Ausdruck brachte, verwies insbesondere auf Präsident Chuns umfassenden Vorschlag vom 22. Januar 1982, eine
demokratische Wiedervereinigung über eine nationale Aussöhnung anzustreben.
Präsident Reagan unterstrich erneut, daß die Vereinigten Staaten keine
Gespräche mit Nordkorea ohne die volle und gleichberechtigte Teilnahme der Republik Korea führen werden. Die beiden Präsidenten versicherten, daß jedwede
einseitigen Schritte seitens der Hauptverbündeten Nordkoreas zugunsten Nordkoreas, die nicht auch die Republik Korea begünstigen, der Sache der Förderung von Stabilität und Frieden in diesem Gebiet nicht dienlich wären.
Präsident Reagan gab seiner Bewunderung und Unterstützung der zunehmenden und immer aktiveren Rolle Ausdruck, die die Republik Korea in der internationalen Diplomatie spielt, und nahm Kenntnis von der Entschlossenheit der
Republik Korea, eine Politik der offenen Tür im Zwiegespräch mit allen Völkern
zu betreiben.

Die beiden Präsidenten unterstrichen die Bedeutung der Rolle

ihres jeweiligen Landes als Gastgeber für wichtige weltweite Veranstaltungen
und Ereignisse, darunter die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles und 1988
in Seoul.

Beide Länder stehen zu der Verpflichtung, Vertreter aller Nationen

zur Teilnahme an diesen internationalen Veranstaltungen zuzulassen.
In Anerkennung
- 4 - .

�In Anerkennung der zunehmenden Bedeutung des asiatisch-pazifischen Raumes
und des wachsenden Zusammengehörigkeitsgefühls unter den Pazifik-Anliegerstaaten

stimmten die beiden Präsidenten darin überein, daß die Intensivierung des

Austausches auf allen Ebenen unter den pazifischen Nationen notwendig sei, um
den regionalen Zusammenhalt zu festigen.

Sie waren sich ferner darin einig,

daß die multilateralen Beziehungen unter den Ländern dieser Region auf den Gebieten des Handels, der Finanzen, der Wissenschaft, der Technik, der Kultur
und des Tourismus verstärkt werden sollen.
Die beiden Präsidenten gaben ihrer Überzeugung Ausdruck, daß die Republik
Korea gemäß dem Prinzip der Universalität der Vereinten Nationen in diese aufgenommen werden sollte und daß der Eintritt der Republik Korea in die Vereinten Nationen zur Verminderung der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel und
zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens beitragen würde.

Präsident

Reagan sicherte sein anhaltendes Eintreten für die Aufnahme der Republik Korea
in die Vereinten Nationen zu.
Die beiden Präsidenten unterstrichen die Bedeutung der Verteidigung und
Stärkung der Freiheit und der Institutionen, die der Freiheit, der Offenheit
und der politischen Stabilität dienen.
Präsident Chun und Präsident Reagan führten einen Meinungsaustausch über
eine Reihe von wirtschaftlichen Fragen.

Sie machten deutlich, wie wichtig es

ist,sicherzustellen, daß ein weltweiter Wirtschaftsaufschwung nicht durch eine
Rückwende zum Protektionismus behindert werde.

Präsident Reagan begrüßte

insbesondere die Maßnahmen zur Handelsliberalisierung, die die koreanische
Regierung trotz anhaltender Außenhandelsdefizite und des weltweiten Trends
zum Protektionismus unternimmt bzw. zu unternehmen plant.

Die beiden Präsi-

denten stimmten darin überein, daß Schritte dieser Art beispielgebend für positive Maßnahmen seien, die alle Handelsnationen ergreifen sollten, um das
Welthandelssystem gegen protektionistische

Angriffe zu verteidigen, und sie

konstatierten eine dringende Notwendigkeit für konzertierte diesbezügliche
internationale Anstrengungen.
Die beiden
- 5 -

�Die beiden Präsidenten nahmen mit Befriedigung von der fortgesetzten
Ausweitung des bilateralen Handels zwischen beiden Ländern Kenntnis, dessen
Volumen sich im Jahr 1982 auf mehr als 11 Milliarden Dollar bezifferte und
die Republik Korea zu einem der wichtigsten Handelspartner der Vereinigten
Staaten, dem fünftgrößten Markt für amerikanische Agrarprodukte, werden ließ,
und die Vereinigten Staaten für die Republik Korea zum größten Handelspartner
bei den Ausfuhren wie bei den Einfuhren machte.

Sie stimmten beide darin

Überein, daß das kontinuierliche Wachstum des beiderseitigen Handels Zeugnis
für die Lebenskraft der amerikanisch-koreanischen Wirtschaftsbeziehungen ablegt.
Präsident Chun gab ferner seiner Dankbarkeit für Präsident Reagans starkes Bekenntnis zum Freihandel wie auch seiner Hoffnung Ausdruck, daß den wichtigsten Exportprodukten der Republik Korea durch die Verlängerung der Berechtigung Koreas zur Inanspruchnahme von GSP-Vergünstigungen auf nicht-diskriminierender Basis größerer Zugang zum amerikanischen Markt gewährt werde.

Prä-

sident Reagan nahm Präsident Chuns Ansichten zu diesen Fragen zur Kenntnis.
In diesem Zusammenhang stellten die beiden Präsidenten Maßnahmen ihrer beiden Regierungen zum Abbau verschiedener Zollbarrieren und außertariflicher
Handelsschranken in Aussicht.
Präsident Chun erläuterte die jüngsten Anstrengungen der koreanischen
Regierung, ein günstigeres Umfeld für ausländische Investitionen in die Republik Korea zu schaffen, und forderte die Vereinigten Staaten auf, von diesen
verbesserten Möglichkeiten Gebrauch zu machen.

Die beiden Präsidenten wiesen

darauf hin, daß ein gastliches Klima für Auslandsinvestitionen in beiden Ländern auch in Zukunft zum Transfer von Technologien und zur Ausweitung der Beschäftigungsmöglichkeiten in der Republik Korea und in den Vereinigten Staaten
beitragen werde.

Die beiden Präsidenten werteten die laufende Beteiligung

amerikanischer Firmen an den wichtigsten Entwicklungsprojekten in der Republik
Korea in Gestalt der Lieferung hochqualifizierter Güter und Dienstleistungen
zu wettbewerbsorientierten

Preisen « S ein Zeichen für die starken koopera-

tiven wirtschaftlichen Bindungen, diejdie Republik Korea und die Vereinigten
Staaten miteinander verknüpfen.
Präsident Chun

�Präsident Chun und Präsident Reagan erörterten die Aussichten auf eine
weitere Verbreiterung der Zusammenarbeit auf den Gebieten der Technologie und
der Energie. Sie kamen überein, Programme für die wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit auch weiterhin zu fördern.
Präsident Reagan versicherte Präsident Chun, daß die Vereinigten Staaten ein verläßlicher Lieferant von Energiestoffen und Energietechnologien
seien und insbesondere auch bemüht bleiben werden, die Republik Korea bei der
Gewährleistung einer stabilen Energieversorgung für den Fall eines Sicherheitsnotstandes zu unterstützen; in dieser Hinsicht zeigte sich Präsident Reagan
positiv von den Anstrengungen der koreanischen Regierung beeindruckt, Energievorräte für wirtschaftliche Krisensituationen anzulegen.

Präsident Chun be-

kundete seine Dankbarkeit für die amerikanische Zusicherung und das Interesse
der

Republik Koreas am Kauf von Energiestoffen und an der Entwicklung von

Energiequellen in den Vereinigten Staaten.
Präsident Chun und Präsident Reagan nahmen Kenntnis von den starken und
vielfältigen Banden der Freundschaft und Zusammenarbeit, die die Vereinigten
Staaten und die Republik Korea in den Nachkriegsjähren miteinander verbunden
haben, und kamen zu dem Urteil, daß diese Beziehungen ausgezeichnet seien.
Als Zeugnis für die zunehmende Breite und Bedeutung dieser Beziehungen informierte Präsident Reagan Präsident Chun von der Absicht der Vereinigten Staaten, in naher Zukunft ein Konsulat in Pusan zu eröffnen, Koreas zweitgrößter
Stadt und Brennpunkt auch für den amerikanisch-koreanischen Wirtschaftsverkehr.
Präsident Chun begrüßte diese Entscheidung.
Präsident Chun und Präsident Reagan sicherten zu, dafür zu sorgen, daß
alle Tagungen und Konsultationen zu Sicherhietsfragen wie auch auf den Gebieten der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaften und der Kultur, die auf
der gemeinsamen Tagesordnung anstehen, voll und ganz durchgeführt werden, um
die ohnehin ausgezeichneten Beziehungen auf diesen Teilbereichen aufrechtzuerhalten und zu vertiefen.
Die beiden

�Die beiden Präsidenten unterstrichen die Notwendigkeit einer weiteren
Förderung des gegenseitigen Verständnisses und des Austausches zwischen dem
koreanischen und dem amerikanischen Volk und kamen überein, einen erweiterten
Kultur- und Erziehungsaustausch einzuleiten. Die beiden Präsidenten zeigten
sich befriedigt über die Förderung der Amerikakunde in der Republik Korea und
auch die Förderung der Koreakunde in den Vereinigten Staaten.
Präsident Reagan und seine Frau sprachen Präsident Chun und seiner Gattin
ihre tiefe Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme aus, die sie in der Republik
Korea fanden; sie richteten ihren tiefempfundenen Dank auch an das Volk der
Republik Korea für die Gastfreundschaft, die Freundlichkeit und den guten Willen, die es ihnen entgegengebracht hat. Die beiden Präsidenten waren sich
darin einig, daß der Austausch von Präsidenten-Besuchen zur Weiterentwicklung
der bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern beiträgt. In diesem Zusammenhang lud Präsident Reagan Präsident Chun zu einem
erneuten Besuch nach Washington zu einem geeigneten Zeitpunkt ein, und Präsident Chun nahm diese Einladung dankbar an.

+ + + + +

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                    <text>AMERIKA DIENST
A

^r-

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43

23. November 1988

INHALT

DOKUMENTATION
Amerikanische Vorschläge zum Agrarhandel modifiziert
- Präsident Reagans Rede vor der Amerikanischen Handelskammer Reagan: USA und Sowjets auf dem Weg zu Abkommen über Kernwaffen
- Erklärung zu den Gesprächen über Nuklear- und Weltraumwaffen -

INFORMATION
Thornburgh bekannt für Härte in der Verbrechensbekämpfung
- Porträt von Justizminister Richard Thornburgh Cavazos Leistungen führen zu seiner Wiederernennung durch Bush
- Porträt des Erziehungsministers Lauro Cavazos Darman kehrt in die Regierung zurück
- Porträt des neuen Haushaltsdirektors Sununu bringt konservative Haltung in Führung des Weißen Hauses ein
- Porträt des designierten Stabschefs John Sununu -

HINTERGRUNDMATERIAL
Präsident Reagans Rede zum Handel
- Eine"Übersicht des Weißen Hauses -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Halfan - ein neues Medikament gegen Malaria

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
\ ü N

4

Dokumentation

23. November 1988

43

AMERIKANISCHE VORSCHLÄGE ZUM AGRARHANDEL MODIFIZIERT
- Präsident Reagans Rede vor der Amerikanischen Handelskammer WASHINGTON - (AD) - Im Rahmen einer von der Amerikanischen Handelskammer
veranstalteten "Konferenz über das Erbe der Reagan-Administration" erklärte
Präsident Reagan am 17. November, die Vereinigten Staaten seien nunmehr bereit, ihre im Hinblick auf die Uruguay-Runde multilateraler Verhandlungen vorgelegten Reformvorschläge zum internationalen Agrarhandel in zwei Punkten abzuändern. Der ursprüngliche amerikanische Vorschlag forderte alle Teilnehmerländer auf, innerhalb von zehn Jahren Quoten, Subventionen und andere Hemmnisse für den Agrarhandel abzuschaffen.
Reagan verwies ferner auf die Fortführung seiner Handelspolitik unter dem
neu gewählten Präsidenten Bush.
Nachfolgend veröffentlichen wir diese Rede im Wortlaut:
Acht Jahre lang und durch erbitterte Kämpfe hindurch haben uns die
Handelskammer und die National Chamber Foundation als Verbündete beigestanden - in schlechten Zeiten, als
aridere schwach wurden, sind sie für
die Sache der Freiheit eingestanden.
Und wenn ich all das bedenke, was wir
erreicht haben, muß ich daran denken,
was der berühmte und wortgewaltige
Hollywood-Produzent
Samuel
Goldwyn
einmal über ein Drehbuch gesagt hat:
"Diese Geschichte ist wunderbar. Sie
ist ausgezeichnet. Daraus läßt sich
etwas machen."
Und genau das ist unsere Geschichte auch - sie ist wunderbar,
ausgezeichnet, und daraus läßt sich
auch etwas machen. Ich habe die Geschichte unserer wirtschaftlichen Er-

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folge im ganzen Land schon hundertmal
erzählt - wie wir das Amt angetreten
und die größte wirtschaftliche Katastrophe der vergangenen 50 Jahre angetroffen haben; wie wir unsere Ärmel aufgekrempelt, die Steuern gesenkt und die Vorschriften abgebaut
haben und wie die Wirtschaft reagiert
hat, als Inflationsrate und Zinssätze
aus Rekordhöhen auf den niedrigsten
Stand der letzten zehn Jahre fielen,
während Wachstum, Produktivität und
Löhne wieder zum Leben erweckt wurden. Heute haben mehr Menschen Arbeit als jemals zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Wir haben in den vergangenen Jahren Geschichte gemacht, wie sie geradewegs aus "Frag mich was'" stammen
könnte: sechs Jahre - das sind 72

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�Monate - anhaltenden Wirtschaftswachstums: der längsten jemals dokumentierten Wachstumsperiode in Friedenszeiten; 18 Millionen während dieser
Expansion
neugeschaffener
Arbeitsplätze: mehr als alle anderen Industrieländer zusammen; die Produktivität in der verarbeitenden Industrie
anderthalb mal so hoch wie der Durchschnitt nach dem Zweiten Weltkrieg.
Und als ich nach Washington kam, mußte ich erkennen, daß das, was die
Statistiker
Arbeitskräftepotential
nennen, Junge und Alte umfaßt, von 16
Jahren aufwärts. Dazu zählen Schüler, Mütter, die zuhause ihre Kinder
versorgen sowie Pensionäre. Und heute ist ein größerer Teil dieses Arbeitskräftepotentials beschäftigt als
jemals zuvor - 62,7 Prozent.
Aber die Geschichte, die wir geschrieben haben, betrifft nicht nur
die Wirtschaft. Der Philosoph Ludwig
von Mises schrieb: "Eine Nation ist
heute umso wohlhabener, umso weniger
sie versucht, dem Geist des freien
Unternehmertums und der privaten Initiative Hindernisse in den Weg zu legen."
In den Jahren vor unserem
Amtsantritt hatten viele Menschen die
dauerhafte und in ihren Grundsätzen
moralische Verbindung zwichen Freiheit und Wohlstand aus den Augen verloren - Länder, die einstmals die
Wohltaten der Freiheit gekannt hatten, waren in eine Art Erstarrung gefallen und erlebten den Niedergang
ihres Lebensstandards. Andere sanken
tiefer in den Morast der staatlich
gelenkten Wirtschaft.
Vor 200 Jahren stand ein freiwilliger Soldat auf der Concord Bridge
und feuerte den Schuß ab, der auf der
ganzen Welt vernommen wurde, und irgendwann in diesen acht Jahren haben
die Freiwilligen unserer Zeit - Amerikas Unternehmer - einen weiteren
auf der ganzen Welt hörbaren Schuß
abgefeuert.
Als wir die Steuern,
Zinssätze, die Inflationsrate gesenkt
und die Vorschriften abgebaut haben,
haben wir nur das getan, was Paul
Revere getan hat, als er die zwei Laternen in der alten North Church
- 2

brennen sah - wir sind übers Land geritten und haben die Tapferen aufgefordert, mitzukommen, alles zu riskieren, um das Land neu aufzubauen.
Und ebenso wie damals die Freiwilligen sind sie gekommen. Die meisten
der in unserer Wachstumsperiode geschaffenen neuen Arbeitsplätze wurden
von fünf oder weniger Jahre alten
Firmen und von Unternehmen mit unter
20 Mitarbeitern eingerichtet - Firmen
mit Unternehmergeist, die ein Produkt
der Freiheit in Amerika sind.
Und auf der ganzen Welt haben die
Menschen ihre Geschichte - die Geschichte Amerikas - vernommen und
sind aus ihrer Erstarrung erwacht.
In Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, in Indien und Japan
sind die Steuersätze gefallen und unnötige Vorchriften abgebaut worden.
In Europa wird der Gemeinsame Markt
bald zu einem Markt werden, der wirklich allen Mitgliedern offensteht,
wenn im Jahr 1992 die Beseitigung der
innereuropäischen
Handelsschranken
ansteht.
Und sogar in China, der Sowjetunion und Osteuropa ist unser Beispiel in den Zitadellen des Kommunismus nicht ungehört verhallt und hat
einen Umschwung eingeleitet, den vor
zehn Jahren noch niemand für möglich
gehalten hätte. Eine Wahrheit, die
Sie jüngst vernommen haben und die
mir wiederholt von anderen Politikern
bstätigt worden ist, lautet: Amerika
wird von der ganzen Welt beneidet.
Obwohl wir der Welt in diesen
acht Jahren ein neues Gesicht verliehen haben, bleibt noch viel zu tun.
Und in keinem Bereich sind die
Schritte nach vorn so wichtig für die
Zukunft Amerikas und der Welt wie im
Welthandel. Der große britische Historiker und Staatsmann des 19. Jahrhunderts, Thomas Macauley, schrieb,
daß "freier Handel, eine der Segnungen, mit denen eine Regierung ein
Volk bedenken kann, in nahezu jedem
Land unbeliebt ist."
Nicht so in
Amerika. Im letzten Jahr des Wahlkampfes waren Protektionismus und hö-

�here Steuern mit einem Todesstoß
gleichzusetzen. Und warum? Seit der
Zeit George Washingtons über die
Große Depression der dreißiger Jahre
bis zum heutigen Tag an dem Amerikas
Handel mit dem Ausland expandiert,
ist die Zahl der Arbeitsplätze gestiegen - wenn er zurückging, so verringerte sich auch die Zahl der Arbeitsplätze. Und heute sind mehr als
zehn
Millionen
amerikanische
Arbeitsplätze Import- oder exportabhängig oder beides. Und wir exportieren
mehr als jemals zuvor in unserer Geschichte.
Was die Verbraucher anbelangt, so
haben uns die Schlagzeilen vor nur
zwei Jahren eine Lektion über den
Preis der Protektion erteilt.
Das
geschah, als der Staat New York unter
dem Druck der Handelskommission der
Bundesregierung eine Handelsschranke
abbaute.
Er ließ die Einfuhr von
Milch aus New Jersey zu. Und unmittelbar darauf fiel der Durchschnittspreis für eine Gallone Milch auf der
Lower East Side von Manhattan um 40
Cents.
Und dies ist nicht einmal
Beispiel für den Handel mit einem
Produkt zwischen zwei Ländern, sondern zwischen zwei Bundesstaaten.
Wenn wir das auf eine weltweite Ebene
transponieren, wissen Sie, warum Amerikaner in diesem Jahr wiederholt erklärt haben, daß Protektionismus mit
Destruktivität gleichzusetzen ist und
sie daran nicht teilhaben wollen. So
einfach ist das: Amerika und die
Welt brauchen mehr, nicht weniger
Handel. Und wir sind entschlossen,
den Handel am Leben zu erhalten.
Heute verfolgen wir eine Politik
der drei Schritte. Beim Plaza-Abkommen, dem Tokioter Gipfel und in diesem Jahr beim Weltwirtschaftsgipfel
In Toronto haben wir mit den anderen
wichtigen Industrieländern am ersten
Schritt zusammengearbeitet - der Erweiterung internationaler Zusammenarbeit bei der Währungs- und Steuerpolitik sowie in anderen makroökonomischen Bereichen.
In der Zwischenzeit haben wir als

zweiten Schritt jedes uns im Rahmen
internationaler Abkommen zur Verfügung stehende Instrument benutzt, um
ausländische Märkte zu öffnen. Und
wir sind die erste Administration,
die jemals Fälle unfairer Handelspraktiken aufgegriffen und nicht abgewartet hat, bis die Industrie die
Initiative ergreift. Und vor nicht
allzu langer Zeit haben wir die - von
der Administration und der Industrie
aufgegriffenen - Fälle addiert und
sind zu dem Ergebnis gekommen, daß
die Vereinigten Staaten unter dieser
Administration mehr Fällen unfairer
Handelspraktiken den Kampf angesagt
hat als alle Administrationen in der
Geschichte.
Und wir haben- viel Erfolg gehabt
- bei Agrargütern und juristischen
Dienstleistungen bis zu Bauvorhaben
in Japan, bei Versicherungsfällen und
geistigem Eigentum in Korea sowie
beim Agrarhandel mit Europa.
Die
Märkte sind geöffnet worden. Vor 40
Jahren hat Amerika die Hälfte der
Weltwirtschaft bestritten. Wir waren
im Vergleich zu allen anderen so
groß, daß wir die meisten unfairen
Handelspraktiken im Ausland ignorieren konnten. Heute sind wir auf ein
Viertel zurückgefallen. Und es ist
Zeit, daß sich jeder, der mit uns
Handel treiben will, an die Spielregeln hält.
Dies ist nicht, wie manche behaupten, ein Fall vom Niedergang Amerikas. Tatsächlich ist unser Anteil
am Welthandel seit 1980 gestiegen.
Aber die Depression und der Zweite
Weltkrieg haben uns gelehrt, daß unser Frieden, Wohlstand und unsere
Freiheit nur solange gewährleistet
sind wie der Frieden, Wohlstand und
die Freiheit unserer Freunde.
Im Handel gewinnt jeder, wenn die
Märkte größer werden. Das ist kein
Kampf mit einem Verlierer, obwohl einige Kritiker genau das über den Handel zu denken scheinen.
Allseitige Vorteile sind genau
der Grund, aus dem wir den dritten

- 3 -

�Schritt unserer Strategie der drei
Schritte unternehmen: Bilaterale und
multilaterale Verhandlungen.
In einigen Wochen wird die Zwischenbilanz
der Uruguay-Runde von Handelsgesprächen in Montreal stattfinden.
Ich
kenne kein Problem der letzten acht
Jahre, das in unserer Regierung eine
ähnlich breite Basis der Unterstützung gefunden hätte wie diese Gespräche. Der Kongreß hat seine Unterstützung dokumentiert, indem er dem
Handelsgesetz schnell durchführbare
Bestimmungen beigab. Der neu gewählte Präsident Bush hat bei jedem
Schritt daran mitgewirkt. Jeder, der
sich dem Gedanken hingibt, diese Politik würde sich unter der neuen Administration oder mit dem neuen Kongreß ändern, macht sich etwas vor.
Tatsächlich
beabsichtigen
der
neue Präsident und ich, noch vor der
Zwischenbilanz mit dem Handelsbeauftragten Clayton Yeutter und Landwirtschaftsminister Dick Lyng zusammenzutreffen, um unsere allseitige Unterstützung dieser Verhandlungen zu bekräftigen. Was Handelsgespräche anbelangt, so schreiten diese mit voller Kraft voran.
Vor Aufnahme meiner gegenwärtigen
beruflichen Tätigkeit habe ich als
Vertreter
der
Schauspielergewerkschaft bei den Vertragsverhandlungen
mit den Studios Verhandlungstaktik
gelernt.
Nach
den
Studios
war
Gorbatschow ein Kinderspiel.
Aber
ich habe gelernt, daß es nicht Besseres als einen einzuhaltenden Termin
gibt, um die Verhandlungen wunderbar
zu lenken. Und das ist hier geschehen.
Die Tatsache der anstehenden
Zwischenbilanz hat die Gespräche so
intensiviert und beschleunigt, daß
sie meiner Ansicht nach bereits zu
Beginn dieses Treffens von Erfolg gekrönt sein werden.
Wir versuchen jetzt nicht, die
gesaraten Verhandlungen der UruguayRunde in Montreal durchzuführen. Wir
gehen schrittweise vor, und die hier
zu unternehmenden Schritte sind ganz
einfach. Wie Bergsteiger, die sich

auf die letzte Etappe ihres großen
Aufstiegs vorbereiten, wollen wir sicherstellen, daß wir uns alle darüber
einig sind, wo der Gipfel ist, welchen Weg wir dahin nehmen und wann
wir dort ankommen wollen. Auf dem
Programm stehen geistiges Eigentum,
Dienstleistungen, Investitionen, der
Abbau von Handelsschranken für unsere
Produkte im Ausland und die Verbesserung des Schlichtungsmechanismus bei
Streitigkeiten im Rahmen des GATT.
Dies sind heute die Pfähle im Fleisch
des Welthandels und die großen Lücken
im GATT-System.
Obwohl der Handel mit Dienstleistungen schneller wächst als irgendein anderer Bereich des Welthandels,
gibt es zum Beispiel im Rahmen des
GATT dazu keine Vorschriften, und es
bestehen ganz einfach keine Bestimmungen zum Schutz geistigen Eigentums. Allein im Jahr 1986 haben die
Computer- und
Softwarebranche
aufgrund
fehlender
Vorschriften
zum
Schutz geistigen Eigentums Verluste
im Wert von mehr als vier Milliarden
Dollar erlitten. Es ist an der Zeit,
daß wir etwas dagegen unternehmen,
und ich bin zuversichtlich, daß wir
dies tun werden.
Einer der wichtigsten von uns zu
behandelnden Bereiche ist die Landwirtschaft. Wer kann heute über die
weltweite
staatliche
Agrarpolitik
glücklich sein?
Hat es jemals ein
besseres Beispiel dafür gegeben, wie
sich alles ins Negative verkehren
kann, wenn Regierungen sich zu stark
einmischen? Teuer, destruktiv - insgesamt gesehen bringt die staatliche
Rolle in der Landwirtschaft Nachteile
für die Verbraucher, sie schadet den
Volkswirtschaften der Entwicklungsländer und auch den Bauern.
Die Aussagen von Mises über Nationen treffen auch auf Industriezweige ud einzelne Sektoren zu - umso
geringer die Hindernisse gegenüber
der Privatinitiative, umso besser
geht es ihnen allen.

- 4 -

Wir haben erwähnt, daß die Mit-

�glieder des GATT bis zum Ende des
Jahrhunderts eine Beendigung von politischen Maßnahmen vereinbaren sollten, die den Agrarhandel verzerren.
Andere Länder sagen, dieser Zeitplan
sei unrealistich. Sie könnten teilweise Recht haben. Und deshalb möchte ich heute verkünden, daß unsere
Unterhändler in Montreal bereit sein
werden, eine flexible Anpassung zu
erörtern. Sie werden im Hinblick auf
den Zeitplan solange flexibel sein,
wie alle darüber einig sind, einen
Plan über eine Anpassung mit festen
Terminen für die Beseitigung handelsverzerrender Subventionen und Marktzugangsbeschränkungen zu verabschieden. Was wichtig ist, ist das Endziel.
Einige Länder sind auch besorgt
darüber, daß sie bei wegfallenden
Handelsschranken
in der Landwirtschaft der Gnade anderer ausgeliefert
sind, wenn die Nahrungsmittelvorräte
knapp werden. Auch sie könnten zum
Teil recht haben. Deshalb werden wir
in Montreal auch bereit sein, über
die staatliche Lagerbestände, Erwerb
von Grundeigentum und andere Möglichkeiten der "Nahrungsmittelsicherheit"
zu sprechen.
Man könnte es so formulieren, daß
wir in Montreal bereit sein werden,
über Geflügel, Weizen, Hirse und all
das zu sprechen. Unseren Informationen zufolge liegt der Hemmschuh der
Verhandlungen über den Agrarhandel
bei den starren Zeitplänen und der
Nahrungsmittelsicherheit.
Dieser
Vorschlag dokumentiert das Bestreben
der Vereinigten Staaten, diesen Hemmschuh zu lösen, die Schäden zu beheben und sicherzustellen, daß sich die
Verhandlungen auf ihr Ziel im Jahr
1990 zubewegen.
Es steht mehr auf dem Spiel als
nur ein paar Produkte oder ein paar
Verhandlungen. Die Welt steht an der
Schwelle
eines
neuen
Zeitalters.
Neue Technologien und neue Möglichkeiten, die sich vor einigen Jahren
noch unserer Vorstellungskraft entzogen, werden jetzt verwirklicht. Sie

stellen für die Menschheit eine unvergleichliche Hoffnung dar.
Biotechnologie,
Kommunikationstechik,
medizinische Technik und vieles mehr
können Krankheiten besiegen, dem Hunger auf der Welt ein Ede bereiten und
all das tun, was wir jetzt tun - und
noch mehr - und gleichzeitig in der
Umwelt weniger Schaden anrichten.
Dennoch ist ganz sicher, daß der Weg
zum Eintritt in dieses neue Zeitalter
über den Abbau von Handelsschranken
weltweit führt.
Denken Sie nur an die Computer.
In den sechziger Jahren kostete ein
Computer, der eine Million Instruktionen pro Minute verarbeiten konnte,
fast zwei Millionen Dollar.
Heute
kostet er nur 1 000 Dollar. Die heutigen Tischcomputer sind keine Errungenschaft eines einzigen Landes, sondern die Leistung von drei der vier
Länder, und ihre Halbleiter können
aus irgendeinem von über zehn Ländern
stammen, wobei nicht genau zu sagen
wäre, aus welchem. Wir können die
aufstrebenden
neuen
Technologien
nicht von dem Markt fernhalten, der
sie hervorgebracht hat.
Vor einigen Jahren schrieb der
Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Friedrich Hayek, ich zitiere:
"Während es in den modernen technischen Entwicklungen nichts gibt, das
uns zu umfassender Wirtschaftsplanung
zwingt, beinhalten diese Entwicklungen vieles, das die einer solchen
Planungsgewalt gegebene Macht unendlich gefährlich macht."
Und doch
könnte die gegenwärtig stattfindende
technologische Revolution dieser zentralen Autorität Macht nehmen anstatt
sie mächtiger zu machen. Ein TischPC hat heutzutage eine größere Rechenkapazität als ein ganzer Raum
voller Computer im Jahr 1960. Trotzdem hat vor kurzem ein führender amerikanischer
Forscher
vorausgesagt,
daß in 15 Jahren ein einziger Computer-Chip die gleiche Kapazität wie
die modernsten Supercomputer von heute haben werde.
Der Schriftsteller George Gilder

i-

�hat argumentiert, daß die Kalkulationen zentraler Planer immer bedeutungsloser würden, wenn solche Macht
in die Hände jedes Hackers und jedes
Unternehmers gelegt wird. Je schneller das Tempo der Innovationen, desto
vergeblicher werden sich staatliche
Autoritäten bemühen, Schritt zu halten, Druck auszuüben oder eine Führungsrolle zu Ubenehmen. Das Äußerste, was die Regierungen noch tun
können, besteht darin, große und ungezügelte Märkte bereitzustellen, die
befruchtend für Innovationen wirken
können und solchen Unternehmen, die
im internationalen Wettbewerb bestehen wollen, eine solidere heimische
Grundlage zu bieten.
Aus diesem Grunde haben wir uns
im Verlauf unserer Anstrengungen zum
Abbau der Handelsschranken in der
ganzen Welt darum bemüht, die meisten
Schranken gegenüber unserem wichtigsten Partner, Kanada, zu beseitigen.
Was die Vereinigten Staaten betrifft,
so ist das Freihandelsabkommen ein
Beispiel für Kooperation par excellence. Es ist ein Beweis für das Engagement unserer Regierungen für die
Prinzipien des offenen Markts und der
wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Wie
die führenden Politiker der wichtigsten Industriestaaten beim Gipfel von
Toronto folgerten, stellt es ferner
einen Katalysator für die übrigen
Mitglieder des Welthandelssystems dar.

zusammen einen Schritt nach vorn in
Richtung auf freieren Handel gegangen
sind, waren die Ergebnisse genau wie
erwartet - produktivere und wettbewerbsfähigere Volkswirtschaften, mehr
Arbeitsplätze und größere Vorteile
für die Bürger jedes Landes.
Alle Staaten der Welt stehen vor
der gleichen Frage:
Voranschreiten
oder zurückweichen? Und ich glaube,
es liegt etwas in der Seele des Menschen - der Geist der Hoffnung, ein
Verlangen nach einer besseren Zukunft
für die Kinder, ein Gebet für den
Frieden -, das uns alle letztlich,
vielleicht erst nach langem Zögern,
nach vorn katapultieren wird.
Es
wird uns den Mut geben, uns der Zukunft zu stellen, uns dem Licht des
Morgens zuzuwenden und - wie unsere
Vorfahren dies für uns taten, eine
bessere Welt für unsere Kinder und
deren Kinder in den kommenden Generationen aufzubauen.

Während wir weltweite Verhandlungen über den Handel anstreben, sind
die Vereinigten Staaten der Überzeugung, daß die Zukunft denen gehört,
die Handelsschranken abbauen.
Dies
sind die Länder, die bei der Technologie an vorderster Front stehen.
Dies
sind
die Länder, die den
schnellsten Anstieg des Lebensstandards erleben werden. Dies sind die
Länder, die in den kommenden Jahren
eine führende Rolle in der Welt spielen werden. Wir können nach vorn in
diese Zukunft schreiten oder in die
Vergangenheit des Protektionismus zurückfallen.
Auf einen Nenner gebracht heißt das:
Jedesmal, wenn
Länder in irgendeiner Region der Welt
- 6 -

* * * * * *

�^os^

AMERIKA DIENST
Dokumentation

23. November 1988

A3

REAGAN:

USA UND SOWJETS AUF DEM WEG ZU ABKOMMEN ÜBER KERNWAFFEN

- Erklärung zu den Gesprächen über Nuklear- und Weltraumwaffen -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat am 16. November 1988 erklärt, er
hinterlasse seinem Nachfolger George Bush "eine solide Grundlage" für den Abschluß von Abkommen mit Moskau in den Gesprächen über Nuklear- und Weltraumwaffen.
In einer schriftlichen Erklärung zum Abschluß der 10. Runde der Gespräche
über Nuklear- und Weltraumwaffen teilte Reagan mit, es bestünden weiterhin
"Meinungsverschiedenheiten in wichtigen Bereichen". Die Vereinigten Staaten
und die UdSSR befänden sich jedoch "auf dem Weg" zum Abschluß eines Abkommens
zuc "erheblichen Reduzierung" ihrer strategischen Kernwaffenarsenale.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut.

Heute wurde die 10. Runde der Gespräche über Nuklear- und Weltraumwaffen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion abgeschlossen. Im Verlauf dieser Verhandlungen
bestand mein Ziel darin, mit der Sowjetunion ein Abkommen über einschneidende, gleichgewichtige und verifizierbare Reduzierungen
in den
strategischen
Kernwaffenarsenalen
beider Seiten als Teil umfassender
Bemühungen zur Verbesserung der strategischen Stabilität und der Verringerung des Kriegsrisikos zu erlangen.
Wir haben in diesen Verhandlungen
bedeutsame Fortschritte erzielt. Wir
haben den INF-Vertrag abgeschlossen
und mit dessen Durchführung begonnen,
den ersten Vertrag, der eine gesamte
Kategorie amerikanischer und sowje-

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tischer Raketen beseitigt, mit den
umfangreichsten je in einen Vertrag
aufgenommenen
Verifizierungsbestimmungen. In den Gesprächen zur Reduzierung
der
strategischen
Waffen
(START) sind wir ebenfalls unserem
Ziel, Reduzierungen bei den destabilisierendsten
Kernwaffen,
den
schnellfliegenden ballistischen Raketen, hier insbesondere bei den schweren Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen,
nähergekommen.
Die Unterhändler haben in einem gemeinsamen Vertragsentwurf umfangreiche und bedeutsame Bereiche der Übereinstimmung fixiert - sowie auch Bereiche, in denen noch Meinungsverschiedenheiten herrschen. Dieser gemeinsame
Vertragsentwurf
spiegelt
ferner
die
von
Generalsekretär
Gorbatschow und mir bei unseren Be-

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�gegnungen in Genf und Reykjavik sowie
bei den Gipfeltreffen in Washington
und Moskau erzielten
Bereiche der
Übereinstimmung sowie die Fortschritte wider, die bei den amerikanischsowjetischen Ministertreffen und in
zehn Verhandlungsrunden in Genf erreicht wurden.
Bei START machen wir gute Fortschritte auf dem Weg zu einem Abkommen, das den Umfang der amerikanischen
und
sowjetischen
strategischen Kernwaffenarsenale erheblich
reduzieren wird. Es besteht Einvernehmen über die Halbierung der stationierten strategischen Streitkräfte
auf eine Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen auf 1 600 strategischen
Trägersystemen sowie über Untergrenzen von 4 900 ballistischen Gefechtsköpfen sowie 1 540 Gefechtsköpfen auf
154 schweren Raketen. Beide Seiten
haben sich geeinigt, daß das Wurf gewicht der sowjetischen ballistischen
Raketen um ca. 50 Prozent verringert
wird, so daß auf beiden Seiten gleiche Obergrenzen bestehen.
Einvernehmen wurde über die Zahl der jedem
bestehenden Typ ballistischer Raketen
zugeordneten Gefechtsköpfe sowie über
einige Regeln für das Zählen der Bewaffnung auf schweren Bombern erzielt.
Ferner wurde Einigung über
die Umrisse einer Verifizierungsregelung erlangt, darunter mehrere Arten
von Vor-Ort-Inspektionen, Datenaustausch
sowie Maßnahmen, um Täuschungsmöglichkeiten
einzuschränken.
Beide Seiten haben in diesen Bereichen detaillierte Vorschläge gemacht.
Es bleiben Meinungsverschiedenheiten in wichtigen Bereichen bestehen, darunter solche in Bezug auf mobile Interkontinentalraketen, seegestützte Marschflugkörper, die Berechnung der Zahl luftgestützter Marschflugkörper, Untergrenzen bei ICBM-Gefechtsköpfen, Modernisierung schwerer
ICBMs sowie sowjetische Versuche, den
START-Vertrag mit Verfügungen zu verknüpfen, die SDI verstümmeln würden.
Bei den Gesprächen über Weltraumverteidigung haben wir unsere Bemü-

hungen fortgesetzt, Einvernehmen darüber zu erzielen, wie wir und die Sowjets gemeinsam einen stabilen Übergang zu verstärkter Stützung auf
wirksame Verteidigungssysteme vornehmen könnten, falls diese sich als
machbar erweisen. SDI stellt unsere
größte Hoffnung auf eine sicherere
Welt dar, in der sich Abschreckung
zunehmend auf - niemand bedrohende Verteidigungssysteme stützt statt auf
die Androhung von Vergeltung. Ferner
ist SDI für die Sowjets ein wichtiger
Anreiz gewesen, über die Reduzierung
von Kernwaffen zu verhandeln.
Wir
werden SDI nicht zum Verhandlungsgegenstand machen oder Beschränkungen
für SDI akzeptieren, die über die im
ABM-Vertrag vereinbarten hinausgehen.
Schließlich bleibt auch die fortgesetzte mangelnde Bereitschaft der
Sowjets zum Abbau des phasengesteuerten Großradars in Krasnojarsk, das
eine erhebliche Verletzung zentraler
Bestandteile des ABM-Vertrags darstellt, ein Anlaß zu tiefer Besorgnis. Wir haben den Sowjets gegenüber
verdeutlicht, daß wir nichts außer
der vollständigen Einhaltung des Vertrags akzeptieren werden und daß wir
keine weiteren Abkommen über die Verringerung der strategischen Waffen
abschließen können, bevor nicht diese
Verletzung auf eine überprüfbare, unseren Kriterien gerecht werdende Art
und Weise korrigiert worden ist.
Zum Abschluß dieser Runde möchte
ich den Botschaftern Max Kampelman,
Read Hanmer und Henry Cooper sowie
ihren Verhandlungsgruppen meine Anerkennung für die hervorragende Arbelt
aussprechen, die sie in diesen Verhandlungen geleistet haben.
In den Gesprächen über Kern- und
Weltraumwaffen haben wir erhebliche
Fortschritte auf dem Weg zu Vereinbarungen gemacht, die unsere Sicherheit und die unserer Verbündeten
stärken werden. Wir streben jedoch
nach guten, nicht nach schnellen Verträgen, und wir werden auf diesem Weg
keine Abkürzungen nehmen. Wir hinterlassen der nächsten Administration

- 2 -

�eine solide Grundlage, auf der diese
in Zukunft aufbauen kann, und ich bin
zuversichtlich, daß wir - falls die
Sowjets bereit sind, weitere Fortschritte zu erzielen - in der Lage
sein werden, die schwierigen, noch
ausstehenden Probleme zu lösen.

* * * * *

- 3 -

�AMERIKA DIENST
VON

Information

4

23. November 1988

43

THORNBURGH BEKANNT FÜR HARTE IN DER VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
- Porträt von Justizminister Richard Thornburgh -

WASHINGTON - (AD) - Der von dem neu gewählten Präsidenten George Bush in
seinem Amt bestätigte Justizminister Richard "Dick" Thornburgh genießt den Ruf
eines "harten Mannes in der Verbrechensbekämpfung" und unerbittlichen Strafverfolgers.

Er ist bekannt für seinen "methodischen Arbeitsstil" und für einen
kühlen Kopf
in Krisensituationen.
Ferner wird er als "Arbeitstier" beschrieben.

tion vollziehen wird. Thornburgh zufolge wird ihm die Wiederernennung
"Gelegenheit geben, den wie ich hoffe
positiven und produktiven Kurs des
Ministeriums weiterzusteuern".

Bush verkündete am 21. November
1988, daß er den gemäßigten Republikaner als Leiter des Justizministeriums behalten möchte, weil er "das
Ministerium gut kennt" und "eine Bilanz unbestrittener Integrität sowie
Engagement für die Aufrechterhaltung
höchster ethischer Normen" vorweisen
kann.

Neben der Führungsrolle im Kampf
gegen Drogen wird das Justizministerium Thornburgh zufolge seine Bemühungen in der Bekämpfung von Wirtschaftsverbrechen
fortsetzen.
Im
Hinblick auf Korruption im Staatsapparat sagte Thornburgh, es "sollte
wichtig sein, hohe ethische Normen im
Staatsdienst und in unseren Wirtschaftsinstitutionen
zu gewährleisten". Er deutete an, daß Korruption
in Zusammenhang mit Umweltangelegenheiten und Bürgerrechten von den Mitarbeitern des Ministeriums besondere
Aufmerksamkeit gewidmet werde.

Aufgrund
des
Verbleibs
von
Thornburgh an der Spitze des Ressorts
wird allgemein erwartet, daß dieses
Ministerium einen nahtlosen Übergang
von der Reagan zur Bush-Administra-

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�Thornburgh leitet das Justizministerium seit 12. August 1988, als er
zum Nachfolger von Edwin Meese und
76. Justizminister ernannt wurde.
Bei seiner Nominierung im vergangenen Sommer hob Präsident Reagan
Thornburghs "hervorragende Laufbahn"
als ehemaliger Gouverneur von Pennsylvania sowie als erfolgreicher Bekämpfer des organisierten Verbrechens
und des Drogenhandels hervor.

Wiederherstellung der Moral in seinem
Ressort, nachdem ein Sonderstaatsanwalt Ermittlungen gegen seinen Vorgänger Meese geführt hatte. (Meese
wurde nicht angeklagt und behauptete,
die Ermittlungen des Sonderstaatsanwalts hätten seine Unschuld erwiesen.)
Während seiner kurzen Amtszeit
bemühte sich Minister Thornburgh
- die
Moral
wiederherzustellen,
teilweise indem er die Posten auf
der Leitungsebene neu organisierte;

Thornburgh trat sein Amt mit dem
Versprechen an, "Drogenhandel und
Drogenmißbrauch
zum
öffentlichen
Feind Nummer eins zu machen". Zur
zweiten Priorität seines Ministeriums
erklärte er das organisierte Verbrechen sowie Wirtschaftsstraftaten und
Korruption im Amt.
Vor seiner Nominierung durch Präsident Reagan hatte Thornburgh aktiv
am Wahlkampf für Bush teilgenommen.
Sein Name war sogar als möglicher
Kandidat für die Vizepräsidentschaft
genannt worden.
Schließlich entschied Bush sich jedoch für Senator
Dan Quayle.
Schon vor dem republikanischen
Konvent im August hatte es Presseberichte gegeben, denen zufolge Bush
Thornburgh im Amt behalten wollte.
Der republikanische Senator Gordon
Humphrey
zum Beispiel bezeichnete
Thornburghs Nominierung im Juli als
"die erste Nominierung einer Bush-Administration" .
Obwohl der neu gewählte Präsident
angeblich erwogen hatte, Thornburgh
durch jemand anderen abzulösen, geht
das Justizministerium nun nach seiner
Bestätigung
mit
einem
fliegenden
Start in die neue republikanische Administration.
Thornburghs ursprüngliche Nominierung, die eine Bestätigung durch
den Senat erforderte, wurde von beiden Parteien unterstützt.
Der neue Leiter des Justizministeriums unternahm rasch Schritte zur

- den innerhalb des Ministeriums
herrschenden Arbeitsstil von der
Konfrontation zum Kompromiß zu
wandeln;
- neue Bestimmungen für Dienstreisen einzuführen, die Dienstreisen
untersagen, wenn sie nicht unmittelbar mit der Arbeit des Ministeriums in Zusammenhang stehen.
Ferner stellte er eine Anweisung
seines Vorgängers in Frage, die es
Sonderanklägern gestattet hätte, Ermittlungen gegen Mitglieder des Kongresses durchzuführen, die Verfehlungen beschuldigt wurden.
Thornburgh wird wahrscheinlich in
den kommenden Monaten auf die Probe
gestellt werden, wenn sein Ministerium mit erwarteten Haushaltskürzungen konfrontiert wird.
Der Christian Science Monitor
schrieb, von ihm werde erwartet, Mittel umzuverteilen "wo immer dies möglich ist, um die Verwaltung zu verkleinern und die Strafverfolgungsund Ermittlungsbehörden zu verstärken
- insbesondere die Abteilung für Verbrechen sowie die Behörde zur Bekämpfung
des
Drogenhandels
und -mißbrauchs".
Zum Miranda-Urteil, das die Rechte eines Verdächtigen garantiert, hat
Thornburgh erklärt, dieses Urteil
könne noch etwas "Verfeinerung" vertragen. Er ist jedoch nicht der Mei-

- 2 -

�nung, es sei möglich oder nützlich,
es abzuschaffen.
Vor dem Posten
sters war Thornburgh
stitute of Politics
School of Government
versity.

des JustizminiDirektor des Inan der Kennedy
der Harvard Uni-

Thornburgh wurde im Jahr 1932 als
Sohn einer Familie von Ingenieuren in
einem Vorort von Pittsburgh geboren.
Er trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren und machte im Jahr 1954 sein
Diplom als Tiefbauingenieur an der
Yale University. Später entschloß er
sich jedoch, Rechtswissenschaft zu
studieren und erlangte im Jahr 1957
einen Abschluß an der University of
Pittsburgh.
Im Jahr 1958 wurde er in Pennsylvania als Anwalt zugelassen und
nahm im folgenden Jahr eine Anwaltstätigkeit
für die Kanzlei Kirkpatrick,
Lockhart,
Johnson
and
Hutchinson in Pittsburgh auf. Dort
arbeitete er fast zehn Jahre lang und
kehrte auch von 1977 bis 1979 für
zwei Jahre zu dieser Kanzlei zurück.
Thornburgh war ferner von 1967
bis 1969 Direktor der American Civil
Liberties Union in Pittsburgh.

sierte Verbrechen verwickelten Straftätern. Seine Erfolge wurden vom damaligen Präsidenten Gerald Ford zur
Kenntnis genommen und führten im Jahr
1975 zu seiner Ernennung zum Stellvertretenden Staatsanwalt der Abteilung Verbrechensbekämpfung im Justizministerium. Er schuf die Abteilung
für die Integrität des Staatsdienstes, die der Verfolgung von Korruption im Amt diente.
Drei Jahre später wurde Thornburgh zum Gouverneur von Pennsylvania
gewählt. Seine Fähigkeit als Krisenmanager wurde ernsthaft auf die Probe
gestellt, als er nach nur drei Monaten im Amt den Unfall im Atomreaktor
von Three Mile Island bei Harrisburg,
der fast eine Kernschmelze zur Folge
hatte, zu bewältigen hatte.
Im Jahr 1987 schlug Thornburgh
das Angebot aus, zum Direktor des FBI
ernannt zu werden.
Thornburgh, der als unersättlicher Leser und Sportfan beschrieben
wird, ist verheiratet und hat vier
Söhne, drei von seiner ersten Frau
Virginia, die im Jahr 1960 bei einem
Autounfall ums Leben kam, und einen
von seiner zweiten Frau, die ebenfalls den Namen Virginia trägt.

Im Jahr 1969 wurde er zum Staatsanwalt für das westliche Pennsylvania
ernannt und erwarb sich bald einen
Ruf als unerbittlicher Verfolger von
in den Drogenhandel oder das organi-

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23. November 1988

A3

CAVAZOS LEISTUNGEN FÜHREN ZU SEINER WIEDERERNENNUNG DURCH BUSH
- Porträt des Erziehungsministers Lauro Cavazos -

WASHINGTON - (AD) - Der neu gewählte Präsident Bush verlieh seiner Befriedigung über die Leistungen von Lauro Cavazos Ausdruck, der erst seit kurzer Zeit Erziehungsminister ist, und bestätigte am 21. November den HispanoAmerikaner auch unter der neuen Administration in seinem Amt.
Cavazos ist einer der wenigen Minister in der Geschichte, die unter
einem neuen Präsidenten ihre Position
behalten.
Dennoch wird wenigstens
zwei weiteren Ministern in der BushAdministration diese Ehre zuteil.
Der Justizminister Richard Thornburgh
wird weiterhin das Justizministerium
leiten und Nicholas Brady wird Finanzminister bleiben.
Cavazos, damals Präsident der
Texas Technical University, wurde von
Präsident Reagan am 9. August nominiert und kam so ins Erziehungsministerium. Er ist für seinen Einsatz
für Hispano-Amerikaner
und andere
Minderheiten bekannt - insbesondere
für seine Bemühungen um eine Reduzierung der Quote vorzeitiger Schulabgänger bei dieser Gruppe.

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Embassy of the United States of America

Cavazos ist Texaner in der sechsten Generation und wurde nach der
Bestätigung seiner Nominierung durch
den Senat der erste Hispano-Amerikaner im einem Ministeramt.
Der amerikanischen Verfassung zufolge ist eine erneute Nominierung
und Bestätigung nicht erforderlich.
In einer Rede vor Schulleitern in
Texas betonte Cavazos 1986, daß Hispano-Amerikaner, die zu 45 Prozent
vorzeitig die Schule verlassen, "Ende
dieses Jahrhunderts in unserem Schulsystem die Mehrheit darstellen werden, und es wird schwierig sein, sie
zum weiteren Besuch der Schule zu bewegen." Er fügte hinzu: "Wir werden
niemals die Welt bekommen, die wir
haben möchten, wenn unsere Kinder ungebildet sind."

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Tel.: 0228-339 2035
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�Cavazos erklärte ebenfalls, Bildung sollte nicht nur den entsprechenden
Berufsgruppen
überlassen
bleiben, sondern jeder Bürger sollte
sie als entscheidenden Bestandteil
der demokratischen Gesellschaft Amerikas unterstützen.
"Es ist sicher wichtig, zur militärischen Verteidigung des Landes bereit zu sein, aber ebenso wichtig ist
die innere Bereitschaft, jedem Kind
eine qualitativ gute Erziehung angedeihen zu lassen."
Obwohl Cavazos Demokrat ist, hat
Reagan ihn den "idealen Kandidaten"
genannt, der William Bennett als Leiter des Erziehungsministeriums ablösen soll. "Sein Engagement für den
Lehrberuf und die Qualität der Erziehung, sein Glauben an die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen, und
vor allem seine Betonung der besonderen Bedeutung der Erziehung für Amerikas Minderheiten sind Botschaften,
die hoffentlich überall im Land Gehör
finden werden," erklärte Reagan.

1980 erhielt Cavazos als erster
Absovent der Texas Technical University und erster Hispano-Amerikaner
zwei Posten - als Präsident dieser
Universität und ihrer medizinischen
Fakultät.
Von 1964 bis 1980 war er Professor für Anatomie an der medizinischen
Fakultät der Tufts University und
wurde 1975 ihr Dekan. Von 1954 bis
1964 lehrte er am Medical College in
Virginia als Dozent für Anatomie.
Von 1949 bis 1951 lehrte Cavazos an
der Texas Technical University.
Er hat Abschlüsse der Texas Technical University (1949 B.A., 1951
M.A.) und promovierte 1954 an der
Iowa State University. Von 1945 bis
1946 diente er in der US-Army.
Cavazos ist 1927 geboren und hat
mit seiner Frau Peggy zehn Kinder.
Wohnsitz der Familie ist Lubbock,
Texas.
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4

23. November 1988

43

DARMAN KEHRT IN DIE REGIERUNG ZURÜCK
- Porträt des neuen Haushaltsdirektors -

WASHINGTON - (AD) - Für Richard Darman hatte sein Verlassen des Staatsdienstes zugunsten einer Laufbahn in der Privatwirtschaft lediglich den Charakter einer Stippvisite.
Als der fleißige Darman - in der
Reagan-Administration ein wichtiger
Planer der Außen- und Wirtschaftspolitik - seine Position als Stellvertretender Finanzminister im vergangenen April gegen einen hohen Posten in
Wall Street eintauschte, gab er dafür
"familiäre Verpflichtungen" an, die
"sich im Privatsektor besser erfüllen
ließen".
Am 21. November verkündete der
neu gewählte Präsident George Bush,
Darman werde als Direktor seines
Haushaltsbüros (OMB) wieder für die
Regierung in den Ring steigen. Damit
wird dem 45jährigen Darman die wichtigste Rolle bei der Aufgabe zugewiesen, die manche als die größte Herausforderung der Bush-Administration
betrachten:
die Senkung des hohen

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Embassy of the United States of America

Haushaltsdefizits.
Bei der Ankündigung seiner Wahl
erklärte Bush, die Position erfordere
"eingehende Kenntnis der Bundesregierung, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit dem Kongreß und das Verständnis seiner Arbeitsweise sowie
die Fähigkeit, Einzelheiten von Regierungsprogrammen aufzugreifen und
sie in eine umfassendere Strategie
für die Zukunft unseres Landes einzupassen".
Darman hat in fünf Ministerien
gearbeitet, und als wichtiges Mitglied im Stab des Weißen Hauses unter
Präsident Reagan qualifiziert er sich
Bush zufolge "in allen Punkten".
Bei

seiner

sechsjährigen

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Arbeit

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�unter Präsident Reagan wurde der neue
Leiter des OMB als einer der führenden Köpfe bei der Ausarbeitung des
Programms der Administration betrachtet.
Bei der Formulierung der Strategie über Steuersenkungen und Kürzungen im Bundeshaushalt wurde ihm 1981
eine Schlüsselrolle zugewiesen, ebenso bei den Waffenverkäufen an SaudiArabien 1982 und der Überarbeitung
des Sozialversicherungssystems 1983.
Ferner war er 1985 einer der Wegebereiter des Plaza-Abkommens, in dessen
Rahmen sich die Finanzminister der
wichtigsten Industrieländer zur Wertminderung des Dollars verpflichteten,
damit das Haushaltsdefizit abgebaut
werden konnte.
Darman war einer der wichtigsten
Wegbereiter von Bemühungen der Regierung, die amerikanische Steuergesetzgebung zu ändern, eine Aufgabe, die
1986 mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Steuerreform durch beide
Parteien im Kongreß erfolgreich abgeschlossen wurde.
Darman machte auf dem Capitol
Hill viele Überstunden um das zu erarbeiten, was vielen als unerreichbarer Kompromiß erschien. Der damalige
Vorsitzende des Finanzausschusses im
Senat, Senator Robert Packwoood, lobte ihn als "Juwel, ein richtiges Juwel".
Andere haben Darman vielfach als
brillianten, engagierten, kreativen
Mitarbeiter mit Talent beschrieben manchmal mit soviel Selbstbewußtsein,
daß er sich an der Grenze zur
Schroffheit bewegt.
Als Darman die Regierung verließ,
um eine Stelle als Geschäftsführer
der Investmentbank Shearson Lehman
Hutton Inc. anzunehmen, hieß es, er
sei von der Auffassung getrieben, der
Reagan-Administration sei die Luft
ausgegangen und sie könne, geschwächt
durch den Iran-Contra Skandal nichts
Grundlegendes mehr hervorbringen.

Er stritt dies ab und erklärte,
"es gibt für die Reagan-Administration noch interessante Dinge zu tun".
Eines dieser Dinge: der Abschluß eines Kompromisses zum Haushalt mit dem
Kongreß - eine Aufgabe, die er jetzt
in der Bush-Administration leiten
wird.
Obwohl ein großer Teil seiner Arbeit unter der Reagan-Administration
im
Hintergrund
stattfand,
konnte
Darman dennoch Kontroversen in der
Öffentlichkeit hervorrufen. Im Jahr
1987 hielt er eine Rede als Stellvertretender Finanzminister, in der er
die größten Unternehmen des Landes
als aufgebläht und ineffizient bezeichnete.
Er sprach von "einem Problem, das
oftmals unter der Bezeichnung 'corpocracy' zusammengefaßt wird und ein
Hinweis auf die Tendenz von Amerikas
Großunternehmen ist, wie eine Bürokratie zu funktionieren, über die von
Amerikas FUhrungskräften gern gelästert wird: sie sei aufgebläht, wenig risikofreudig, ineffizient und
phantasielos".
Als er im Jahr 1987 zu Shearson
ging, gab Darman in einem Interview
mit der Washington Post zu, daß
jährliche Haushaltsdefizite, die während der Reagan-Administration bis
auf 221 Milliarden Dollar angestiegen
waren, "ein Element der Fehleinschätzung" beinhalteten.
Neben anderen Punkten - so Darman
- "sah das ursprüngliche Wirtschaftsprogramm der Reagan-Regierung den Abbau von Ausgaben im Inland in größerem Umfang vor als sich dies politisch durchführen ließ. Und da ich
zur Gruppe derer gehörte, die die ursprüngliche Strategie ausgearbeitet
und später auch an der Entwicklung
dieser Strategie gearbeitet hat, muß
ich einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen."
Im Gegensatz zu manch anderen
Vertretern der Reagan-Administration
hat Darman eindeutig dargelegt, daß

- 2 -

�er an die Fähigkeit der Regierung
glaubt, eine positive Kraft in der
Gesellschaft zu sein. In einem 1983
erschienenen Buch über die Reagan-Administration
schreibt
Lawrence
Barrett, "Darmans schmutziges kleines
Geheimnis lautete, daß er an den
Staat und auch an die Bundesregierung
glaubte."
In
dem
Interview
mit
der
Washington Post sprach Darman über
eine Meinungsverschiedenheit zwischen
ihm
und Reagan.
Während Reagan
glaubt, die enorme Komponente der Sozialversicherung
im
Bundeshaushalt
"muß und kann abgebaut werden", erklärt Darman, politisch betrachtet,
würden die Ausgaben in diesem Bereich
"nahezu auf ihrem jetzigen Stand
bleiben".

Darman wurde 1943 in Charlotte
(North
Carolina) geboren, erhielt
1964 seinen B.A. cum laude und schloß
1967 sein Examen in Betriebswirtschaft ab - beide an der Harvard University.
Im Laufe seiner früheren
Tätigkeit im Staatsdienst hatte er in
den siebziger Jahren verschiedene Positionen inner Unterabteilungsleiter
für Gesundheit und Soziales, Assistent
des
Verteidigungsministers,
Sonderberater
des
Justizministers,
Abteilungsleiter im Handelsministerium und Stellvertretender Vorsitzender der amerikanischen UN-Delegation
bei der Seerechtskonferenz.
Er war von 1977 bis 1980 Dozent
für
Politik
und
Verwaltung
in
Harvard, 1981 wurde er im Weißen Haus
Assistent von Präsident Reagan und
erhielt 1985 seine Stellung im Finanzministerium.
Darman und seine
haben zwei Söhne.

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Frau

Kathleen

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23. November 1988

43

SUNUNU BRINGT KONSERVATIVE HALTUNG IN FÜHRUNG DES WEISSEN HAUSES EIN
- Porträt des designierten Stabschefs John Sununu -

WASHINGTON - (AD) - Der neu gewählte Präsident Bush hat mit seiner Wahl
des Gouverneurs von New Hampshire, John Sununu, einen fähigen Manager und konservativen Ideologen zum neuen Stabschef des Weißen Hauses bestimmt.

Sununu, der einen tief in der
Tradition
möglichst
geringfügiger
staatlicher
Eingriffe
verwurzelten
Staat regiert, wird seine republikanischen Werte der Nichteinmischung
in die Wirtschaft, niedriger Steuern
und Staatsausgaben sowie einer starken Verteidigung mit nach Washington
nehmen.
Diese Haltung könnte den neuen
Stabschef in einer Zeit, in der vielfach Forderungen nach einem Ausgleich
laut werden, auf Kollisionskurs zum
demokratisch kontrollierten Kongreß
bringen. Andere Stimmen sehen jedoch
in Sununus Härte einen positiven Faktor bei der Bildung der neuen Administration, die Bush frei machen wird,
selbst im Kongreß um Unterstützung
seiner Politik zu werben.

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Beobachtern zufolge wird Sununu
den Stil eines als Ingenieur ausgebildeten Menschen mit politischem
Temperament ins Weiße Haus einbringen. Es wird ihm nachgesagt, daß er
peinlich genau ist und viele Aufgaben
lieber selbst in die Hand nimmt als
sie zu delegieren.
Sununu wurde am 2. Juli 1939 in
Havana geboren, als sich seine Eltern
im Rahmen einer Geschäftsreise auf
Kuba aufhielten. Sein Vater, ein Libanese, war Inhaber einer Import-Export-Firma in Boston. Seine Mutter
stammt aus El Salvador. Seine Eltern
leben heute als Rentner in Florida.
Sununu machte zunächst mehrere
akademische Abschlüsse in Ingenieurwissenschaft am Massachussetts Insti-

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�tute of Technology (MIT).
Er war
Professor für Ingenieurwissenschaft
und schließlich Stellvertretender Dekan an der Tufts University.

will, einem Problem, das Notenbankchef Alan Greenspan zufolge in die
wirtschaftliche
Katastrophe
führen
könnte.

In seinen drei zweijährigen Amtszeiten als Gouverneur war Sununu beim
Abbau des jährlichen Haushaltsdefizits seines Staates von 44 Millionen
Dollar erfolgreich.
Es gelang ihm
ferner, die Arbeitslosenrate weit unter dem Bundesdurchschnitt zu halten.

"Meiner Ansicht nach liegt ein
wichtiger Faktor zum Abbau des Defizits in der Zusammenarbeit zwischen
dem Weißen Haus und dem Kongreß," erklärte Sununu.
"Im Kongreß deuten
viele Anzeichen darauf hin, daß dies
jetzt als ein Bestreben beider Parteien anerkannt wird, eine Partnerschaft zwischen Exekutive und Legislative."

Er war stellvertretender Vorsitzender von Bushs Wahlkampfleitung,
und Bushs Sieg in der Vorwahl des
Staates New Hamshire, der seiner nach
der Niederlage in den Caucus-Versammlungen von Iowa ins Trudeln geratenen
Kandidatur neuen Auftrieb verschaffte, wird weithin Sununus Unterstützung zugeschrieben.
Sununu wird ein lebhaftes Temperament nachgesagt. Eigenen Aussagen
zufolge war er jedoch sehr gut in der
Lage, mit den Mitgliedern des Staatsparlaments
zusammenzuarbeiten.
Er
könne sehr wohl eine kompromißbereite
Haltung einnehmen, wenn dies nötig
sei.
Kritische Verweise auf seine
mangelnde Erfahrung
in Washington
konterte Sununu unlängst wie folgt:
"Einer meiner Pluspunkte besteht darin, daß ich auf beiden Seiten in
Haus und Senat eine Menge guter
Freunde habe. Ich komme sehr gut mit
ihnen aus."
Trotzdem ist Sununu der Meinung,
daß sich hauptsächlich der neue Präsident um die Unterstützung des Kongresses bemühen wird.
"Eine der besten Voraussetzungen
in der Auseinandersetzung mit dem
Kongreß ist ein Präsident, der das
System versteht - er war früher Mitglied des Kongresses - und ein Präsident, der ein gutes Verhältnis zu Republikanern und Demokraten hat", erklärt Sununu.
Und er versichert, daß der Kongreß mit dem Präsidenten am Abbau des
Haushaltsdefizits
zusammenarbeiten

"Der Vizepräsident hat erklärt,
er wolle dabei persönlich die Führung
übernehmen. Und ich denke, in diesem
Bereiche werden Sie viele Aktivitäten
beobachten
...
der
Vizepräsident
selbst wird mit der Führungsspitze
zusammentreffen und die notwendige
Kommunikation einleiten. Meiner Ansicht nach werden Kongreß und Präsident tatkräftig und schnell an der
Bewältigung dieses Problems zusammenarbeiten."
Eine der schwierigsten Kontroversen, denen sich Sununu aussetzte, war
seine Weigerung, sich an der Verurteilung einer Resolution der Vereinten Nationen zu beteiligen, die Zionismus mit Rassismus gleichsetzt.
Als Vorsitzender der Vereinigung der
Gouverneure war er 1986 der einzige
von 50 Gouverneuren, der nicht unterschrieb.
Aber Sununu stellte zahlreiche
Kritiker zufrieden, als er bei einer
Pressekonferenz am 17. November nach
der Ankündigung seiner Ernennung für
das Weiße Haus erklärte, warum er
diese Verurteilung nicht unterschrieben hatte. Er verwies darauf, daß
der Gouverneur eines Staates zwar die
Gelegenheit zum Gedenken an außenpolitische Ereignisse ergreifen kann,
als Vertreter des Bundesstaates aber
keine formelle Zustimmung zu außenpolitischen Erklärungen abgeben sollte.
Aber er erklärte seine Unterstützung für die Verurteilung der UN-Re-

- 2 -

�Solution gegen den Zionismus als einer Angelegenheit der amerikanischen
Außenpolitik. "Die Haltung der Vereinten Nationen muß geändert werden,"
erklärte Sununu.
Sununu wird als Außenseiter in
Washington eine der wichtigsten Positionen innehaben.
Aber er glaubt,
sein Erfolg könnte von seiner Fähigkeit abhägen, im Hintergrund zu wirken. "Vielleicht habe ich Glück und
bleibe in diesem Prozeß unsichtbar,
aber im Hinblick auf den Druck der
Presse denke ich, daß es sich um einen harten Job handelt."
"Aber wenn es mir gelingt, unsichtbar zu bleiben, habe ich viel
geleistet. Der Schlüssel liegt darin, den Präsidenten zu unterstützen
und ihm das Material für Entscheidungen an die Hand zu geben, aus dem er
dann seine eigenen Schlußfolgerungen
ziehen muß. Und wenn ich hinter ihm
zurücktrete, stimmt das Bild."

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Hintergrundmaterial

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23. November 1933

PRÄSIDENT REAGANS REDE ZUM HANDEL
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine am 17. November
vom Weißen Haus herausgegebene Übersicht zu Präsident Reagans Rede aus Anlaß
der "Konferenz über das Erbe der Reagan-Administration" der Chamber of Commerce Foundation:

Präsident Reagan hat heute vor
der National Chamber of Commerce
Foundation erklärt, daß " in keinem
Bereich die Schritte nach vorn so
wichtig für die Zukunft Amerikas und
der Welt sind wie im Welthandel".
Der Präsident umriß die Tagesordnung der Vereinigten Staaten für die
im nächsten Monat in Montreal stattfindende Zwischenbilanz der UruguayRunde des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT).
Die wichtigsten von den Vereinigten Staaten bei
der Uruguay-Runde eingebrachten Vorschläge betreffen die Bereiche Landwirtschaft, Schutz geistigen Eigentums, Dienstleistungen, Investitionen
und Beilegung von Streitigkeiten.
Von

Beginn

an

war

Präsident

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Reagan ein starker Befürworter der
Uruguay-Runde und ihrer Vollendung
innerhalb des in Punta del Este im
Jahr 1986 vorgesehenen Zeitraums von
vier Jahren. Falls eine fristgerechte Beendigung der Verhandlungen nicht
erreicht werden kann, könnte dies
eine gefährliche Wiedergeburt des
Protektionismus zur Folge haben. Die
Zwischenbilanz ist ein bedeutender
Meilenstein auf diesem Weg. Der Präsident erwartet, daß "wir sichergestellen, daß wir uns alle darüber
einig sind, wo der Gipfel ist, welchen Weg wir dahin nehmen und wann
wir dort ankommen wollen".
Bis heute waren die Verhandlungen
über Landwirtschaft besonders schwierig, was weitgehend auf Besorgnis
über den Zeitplan für Reformen und

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�über Nahrungsmittelsicherheit zurückzuführen ist. Der Präsident kündigte
in diesem Zusammenhang eine Politik
der "flexiblen Anpassung" an, der zufoLge die Vereinigten Staaten bei den
Zeitplänen eine flexible Haltung einnehmen werden, falls die anderen sich
bereiterklären, einen Anpassungsplan
zur
Beendigung
handelsverzerrender
Subventionen und Handelsschranken sowie zur Harmonisierung der Gesundheits- und
HygienebeStimmungen
mit
angemessenen internationalen Normen
zu fixieren.
Der Präsident erklärte ferner,
die Vereinigten Staaten seien bereit,
über
"Nahrungsmittelsicherheit"
zu
sprechen.
Dies betrifft die Frage
des Zugangs zu Nahrungsmitteln für
jedes Land nach Abbau der Handelsschranken.
Er erwähnte dabei ausdrücklich staatliche Vorräte, Landaufkäufe und andere Methoden zur Bewältigung des Problems der Nahrungsmittelknappheit als Ergebnis von Natur- und anderen Katastrophen.
Der Präsident betonte ausdrücklich die Kontinuität der amerikanischen Politik in bezug auf die Verhandlungen der Uruguay-Runde und berief sich dabei auf die Unterstützung
des neu gewählten Präsidenten Bush
für die gegenwärtigen Ziele der amerikanischen Politik. Ferner stellte
er fest, daß er und der neu gewählte
Präsident sich vor der am 5. Dezember
beginnenden Zwischenbilanz mit dem
amerikanischen
Handelsbeauftragten
Clayton Yeutter treffen werden.

Schutz geistigen Eigentums - Der
amerikanische
Vorschlag
zum
Schutz geistigen Eigentums betrifft Handelsprobleme im Hinblick auf Nachahmung oder Produktpiraterie. Er erstreckt sich
auf sämtliche Formen von Rechten
an
geistigem
Eigentum,
einschließlich Patenten, Warenzeichen und Geschäftsgeheimnissen.
Dienstleistungen - Der amerikanische Vorschlag zum Welthandel
mit Dienstleistungen - heute der
wichtigste Sektor der amerikanischen Wirtschaft - würde zum
ersten Mal multilaterale Regelungen über den Handel mit Dienstleistungen einführen.
Investitionen und andere Ziele Weitere amerikanische Ziele in
der Uruguay-Runde sind die Erweiterung der GATT-Regeln und Vorschriften
auf
handelsrelevante
Investitionsmaßnahmen, die Ausweitung
des
Zugangs
amerikanischer Exporteure
zu ausländischen Märkten sowie die Verbesserung des GATT-Mechanismus für
die Schlichtung von Streitfällen.

Hintergrund; Allgemeines Zoll- und
Handelsabkommen (GATT)
Die Vereinigten Staaten waren die
treibende Kraft hinter der Gründung
des GATT im Jahr 1947. Es stelLt das
wichtigste multilaterale Forum dar,
durch das die Reagan-Administration
das Welthandelssystem zu verbessern
versucht hat.

Die amerikanische Tagesordnung
1. Landwirtschaft - Der ursprüngliche Vorschlag der Vereinigten
Staaten in bezug auf den Welthandel mit Agrarprodukten fordert
die gänzliche Abschaffung aller
den Agrarhandel verzerrenden Maßnahmen bis zum Jahr 2000. Dies
ist der umfassendste und weitreichendste Vorschlags für die Reform des Weltagrarhandels, der
jemals unterbreitet wurde.

- GATT ist sowohl ein Regelkodex
als auch ein Forum, in dessen
Rahmen Verhandlungen und andere
Arten
von
Handelsgesprächen
stattfinden. Im Januar 1988 waren 96 Staaten, die über vier
Fünftel des Welthandels ausmachen, Vertragsparteien, wie die
Mitglieder bezeichnet werden.

�Die Uruguay-Runde
Sieben
multilaterale
Verhandlungsrunden sind innerhalb des GATT
durchgeführt worden. Die letzte war
die im Jahr 1979 beendete Tokio-Runde.
Am 20. September 1986 trafen
sich die Handelsminister aus 74 GATTStaaten in Punta del Este (Uruguay),
um eine neue Runde multilateraler
Handelsgespräche einzuleiten, die als
Uruguay-Runde bekannt sind.
- Die Verhandlungsstruktur der Uruguay-Runde wurde im Januar 1987
verabschiedet.
Sie besteht aus
speziellen Verhandlungsgruppen in
15 Themenbereichen.
Die erste
Serie von Gruppentreffen begann
im Februar 1987, die zweite Phase
im Januar 1988.
- Im Dezember 1987 wurde zwischen
den GATT-Vertragsparteien vereinbart, zur Halbzeit ein Treffen
auf Ministerebene abzuhalten, um
die im Verlauf der Uruguay-Runde
erzielten Fortschritte zu bewerten.

einigten Staaten hat zu einer Rekord-Beschäftigungsquote
beigetragen. Seit Beginn des heutigen
Wirtschaftsaufschwungs im November 1982 wurden 18,4 Millionen
neue Arbeitsplätze geschaffen.
Die Beschäftigung in der Textilindustrie wuchs allein im Jahr
1987 um 22 000 Arbeitsplätze. In
den vergangenen zwei Jahren stieg
die Beschäftigung in der verarbeitenden Industrie um 768 000.
Die Vereinigten Staaten haben in
den vergangenen fünf Jahren mehr
Arbeitsplätze geschaffen als alle
anderen westlichen Industriestaaten und Japan zusammen. Der Prozentsatz neugeschaffener Arbeitsplätze lag in den Vereinigten
Staaten doppelt so hoch wie in
Großbritannien, dreimal so hoch
wie in Japan, viermal so hoch wie
in der Bundesrepublik Deutschland
und betrug achtmal soviel wie in
Italien.

Beispiellose Schritte gegen unfaire
Handelspraktiken
Bedeutende Fortschritte im
amerikanischen Handel und deren Auswirkungen auf die Beschäftigung
In der heutigen Rede hat Präsident Reagan viele Leistungen seiner
Administration
aufgezählt.
Durch
harte Maßnahmen gegen die unfairen
Handelspraktiken
anderer
Staaten,
durch die Stärkung der Koordinierung
internationaler Handelspolitik sowie
durch Verhandlungen zur Liberalisierung des Welthandels hat die Administration bedeutende Fortschritte im
amerikanischen Handel erzielt.

Die Reagan-Administration war die
erste Regierung, die aus eigenem Antrieb Fälle unfairer Handelspraktiken
gemäß Abschnitt 301 des Handelsgesetzes von 1974 untersucht hat anstatt
auf Beschwerden der Industrie zu warten, wie dies in der Vergangenheit
üblich war. Während der Reagan-Administration
haben
die
Vereinigten
Staaten mehr Fälle unfairer Handelspraktiken geprüft als jede andere Administration in der Geschichte der
Vereinigten Staaten.

- Seit dem dritten Quartal des Jahres 1986 sind die Exporte amerikanischer Waren real um 40 Prozent gestiegen. Ein Großteil des
enormen Anstiegs der amerikanischen Exportaktivität wurde im
Produktionssektor erzielt.

- Seit der Präsident im September
ein energisches Vorgehen gegen
die unfairen Handelspraktiken anderer Staaten ankündigte, hat die
Administration aufgrund der ihr
in
Abschnitt
301
verliehenen
Macht in 26 Fällen Handelspraktiken untersucht.

- Das

- In 20 Fällen führte dieses Vorge-

Exportwachstum

in

den Ver- 3

�hen zu einer Liberalisierung des
Handels.
In acht dieser Fälle
verfügte Präsident Reagan Sanktionen gemäß Abschnitt 301.

Verstärkte wirtschaftspolitische
Zusammenarbeit
Bei aller Bedeutsamkeit dieses
Vorgehens sind den meisten Wirtschaftswissenschaftlern zufolge unfaire Handelspraktiken doch nur für
einen Bruchteil des amerikanischen
Handelsdefizits verantwortlich. Weit
wichtiger ist der Anteil der makroökonomischen Maßnahmen.
- Die
Reagan-Administration
hat
sich energisch darum bemüht, die
internationale
Koordinierung
wirtschaftspolitischer
Maßnahmen
als Mittel zur Reduzierung der
Ungleichgewichte im Handel, zur
Stabilisierung der Devisenmärkte
und Förderung des Wirtschaftswachstums zu stärken.
- Der
Erfolg
dieser
Bemühungen
spiegelt sich in den von der
Gruppe der sieben führenden Industriestaaten (G-7 = USA, Japan,
Frankreich,
Bundesrepublik
Deutschland, Großbritannien, Kanada und Italien) erzielten Vereinbarungen über den grundsätzlichen Kurs ihrer Wirtschaftspolitik wieder sowie in den speziellen Verpflichtungen, die sie
zur Erlangung dieses Ziels eingegangen sind.
- Der gegenwärtige Export-Boom sowie der erhebliche Rückgang des
Handelsdefizits sind unmittelbar
auf die Tatsache zurückzuführen,
daß die Koordinierung der internationalen Wirtschaftspolitik die
amerikanischen Exporte auf einem
wachsenden
Weltmarkt
preislich
extrem wettbewerbsfähig gemacht
haben.

* * * * * *

- 4-

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Wissenschaft und Technik

43

23. November 1988

HALFAN - EIN NEUES MEDIKAMENT GEGEN MALARIA

- WASHINGTON - (AD) - Trotz der intensiven Bemühungen um die Ausrottung
der Malaria steht das "Sumpffieber" noch immer als Todesursache bei Kindern in
der Dritten Welt an erster Stelle. Etwa drei Millionen Menschen fallen ihm
alljährlich zum Opfer. Maßnahmen zur Ausrottung sowohl der Parasiten-Überträger (Anopheles-MUcken) als auch zur Bekämpfung der Krankheitserreger (Plasmodien) im Blut scheitern letztlich immer wieder an der Bildung resistenter
Stämme dieser Organismen. Einen wirksamen Impfstoff gibt es noch nicht, obgleich schon seit vielen Jahren daran gearbeitet wird.

Der Hartnäckigkeit der Forscher
sind aber immer wieder Teilerfolge zu
verdanken. Als solcher ist auch die
Entwicklung
des Präparates "Halofantrine"
(in der Pharmazie als
"Halfan" bezeichnet) zu werten, mit
dem Malaria noch bekämpft werden
kann, wenn andere Medikamente infolge
Resistenz der Erreger nichts mehr bewirken. Auf dem 12. Weltkongreß für
Tropische Medizin und Malaria in
Amsterdam (Ende September 1988) wurde
ausführlich darüber berichtet. Mitarbeiter des Arzneimittelunternehmens
"Smith Kline and French Laboratories
International", dem Hersteller des
Präparates, sprachen von einer Heilungsrate von mehr als 95 Prozent sowohl bei Infektionen mit Plasmodium
falciparum (Verursacher von 85 Prozent der Malariafälle mit meist töd-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

lichem Ausgang) als auch bei Infektionen mit Plasmodium vivax, dem
zweithäufigsten Erreger.
Dies traf
auch dort zu, wo das bewährte Chloroquin versagt hatte.
Das ursprünglich im Walter Reed
Army-Forschungsinstitut
(Washington)
entwickelte Halfan wurde seit 1986 in
Malawi, Kenia, Gabun, Pakistan, Thailand und auf den Salomon-Inseln klinisch erprobt. Beteiligt waren daran
einheimische Mediziner und Forscher
aus England sowie Mitarbeiter der
Arzneimittelfirma.
Angesichts der
guten Ergebnisse hat Frankreich das
Medikament
inzwischen
zugelassen;
sechs westafrikanische Länder dürften
es noch 1988 freigeben, die weltweite
Freigabe wird bis Ende 1989 erwartet.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Halfan ist ein rasch wirksames
Mittel in der Schizontenphase der
komplexen Zyklen bei der Vermehrung
der Parasiten. Es wird in Tablettenform verabreicht - dreimal in zwölf
Stunden je zwei Tabletten zu 250 mg.
Diese Dosis normalisiert die Temperatur des Patienten in 24 bis 36 Stunden und macht das Blut in 36 bis 48
Stunden parasitenfrei.
Für Kinder
ist das Medikament in Form eines Saftes verfügbar. Dennoch sei das Präparat "nicht als endgültige Antwort,
sondern eben nur als wertvolle Hilfe
bei
Resistenzentwicklung
gegenüber
Standardmedikamenten" zu betrachten,
sagte Dr. Paul Klein vom Walter-ReedInstitut. Irgendwann werde es gegen
Halfan ebenfalls Resistenz geben, wie
diese bei Chloroquin und Meflouin,
auf das man vor Jahren viele Hoffnungen setzte, zu beobachten sei. Dennoch erweisen sich mancherorts diese
Präparate noch immer als wirksam.

die mithelfen, zu verhindern, "daß
Menschen den Parasiten bis zum Entwicklungsstadium als Wirt dienen".
Mit Einzelmaßnahmen sei Malaria wohl
nie auszurotten. Sie müsse von vielen Seiten her gleichzeitig attakkiert werden.

Bei der Suche nach einem Impfstoff, mit dem die Krankheit besiegt
werden könnte, arbeitet Dr. Klein zufolge das Walter-Reed-Institut eng
mit der pharmazeutischen Industrie
zusammen.
Bis er gefunden werde,
müsse aber alles erdenkliche unternommen werden, um, angefangen bei der
Bekämpfung der Moskito-Überträger, in
den gesamten Entwicklungs- und Lebenszyklus der Parasiten einzugreifen, wo immer dies nur möglich ist.
Bis Anfang der vierziger Jahre
war Malaria auch in den Vereinigten
Staaten ein Problem. Man habe damals
mit Insektenvernichtungsmitteln, Wasserbaumaßnahmen und Besprühen stehender Gewässer mit Öl zur Ausrottung
von Moskito-Brutstätten sowie mit der
Verabreichung vorbeugender Medikamente an gefährdete Bevölkerungsgruppen
versucht, die Ubertragungsmechanismen
und Entwicklungszyklen zu unterbrechen. Aus heutiger Sicht könne das
allein jedoch nicht bewirkt haben,
daß Malaria in den USA praktisch verschwunden sei, meinte Dr. Klein.
Eine überzeugende Erklärung gebe es
dafür noch nicht. Allerdings komme
Medikamenten doch große Bedeutung zu,
- 2 -

* * * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Vorschläge zum Agrarhandel modifiziert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Präsident Reagans Rede vor der Amerikanischen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Handelskammer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reagan: USA und Sowjets auf dem Weg zu Abkommen über Kernwaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung zu den Gesprächen über Nuklear- und Weltraumwaffen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Thornburgh bekannt für Härte in der Verbrechensbekämpfung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Justizminister Richard Thornburgh&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Cavazos Leistungen führen zu seiner Wiederernennung durch Bush&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des Erziehungsministers Lauro Cavazos&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Darman kehrt in die Regierung zurück&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen Haushaltsdirektors&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sununu bringt konservative Haltung in Führung des Weißen Hauses ein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des designierten Stabschefs John Sununu&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Reagans Rede zum Handel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Eine Übersicht des Weißen Hauses -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Halfan - ein neues Medikament gegen Malaria</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

46

BOSNIEN

23. November 1994

ERFOLGREICHE MILITARAKTION DER NATO
Erklärung von Außenminister Christopher

ANGRIFF DER KRAJINA-SERBEN
RECHTFERTIGT MILITÄRISCHE REAKTION
DER NATO
Erklärung von Botschafterin Albright

ABRÜSTUNG

DAS RAKETENTECHNOLOGIEKONTROLLREGIME
Eine Übersicht des ACDA

MENSCHENRECHTE

USA FORDERN "NEUE ENERGIE" BEI
UN-MENSCHENRECHTSBESTREBUNGEN
Rede von Botschafterin Ferraro

THANKSGIVING

CLINTON: AMERIKANER MÜSSEN
FRIEDENSPROZESS NÄHREN
Proklamation des Präsidenten
zu Thanksgiving

GESELLSCHAFT

FAMILIENWERTE UND DIE ROLLE
DER FRAU
von James Q. Wilson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�BOSNIEN
23. November 1994

ERFOLGREICHE MILITÄRAKTION DER NATO
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher und NATO-Generalsekretär Willy Claes
erklärten am 21. November 1994 bei einer gemeinsamen Pressekonferenz übereinstimmend, der Luftangriff
der NATO auf den Flugplatz Udbina in Kroatien, von dem aus die Angriffe auf die UNO-Schutzzone Bihac
durchgeführt wurden, sei erfolgreich gewesen.
Christopher erklärte: "Die entsprechenden Verantwortungsträger der NATO entschieden sich für eine
militärische Mission. Sie führten sie effektiv und präzise durch."
Nachfolgend veröffentlichen wir die vom amerikanischen Außenminister bei der Pressekonferenz abgegebene
Eingangserklärung im Wortlaut.

Guten Morgen meine Damen und Herren. Ich freue
mich, Willy Claes bei seinem ersten offiziellen
Besuch in Washington in seiner Funktion als NATOGeneralsekretär begrüßen zu dürfen. Wir alle
kennen ihn natürlich durch seine vorherige herausragende Tätigkeit als Außenminister Belgiens. Willy
Claes übernimmt seine neue Rolle in einem für die
Geschichte der NATO und Europas entscheidenden
Augenblick. Sein Besuch hier findet zu einem im
Hinblick auf die langfristigen Herausforderungen in
Europa und die unmittelbaren Herausforderungen in
Bosnien besonders angemessenen Zeitpunkt statt.
Generalsekretär Claes spielte bei den bedeutenden
Ereignissen dieses Wochenendes eine wichtige
Rolle. Wie Sie wissen, gipfelten diese Ereignisse in
der Annahme von Resolution 958 durch den UNSicherheitsrat, die zum Einsatz von Luftstreitkräften
in Kroatien ermächtigt. Sofort nach dieser Aktion
des Sicherheitsrats kam der Nordatlantikrat unter der
Führung von Generalsekretär Claes zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, bei der schnelle Einigung
über die Umsetzung dieser neuen UN-Resolution
erzielt wurde.
Diesen Entscheidungen gemäß bombardierten heute
morgen Kampfflugzeuge der NATO den Flughafen
Udbina in Kroatien, von dem aus die Angriffe auf
Bihac durchgeführt wurden. Diese Angriffe stellten
sowohl eine Verletzung der Flugverbotszone als
auch der UN-Resolutionen über Schutzzonen dar.

AMERIKA DIENST 46

Wir haben von dieser Aktion erst vorläufige Berichte
erhalten, es scheint jedoch, daß es den NATOFlugzeugen gelang, die Landebahn unbrauchbar zu
machen und die den Flugplatz umgebenden BodenLuft-Raketen zu zerstören. Die Serben feuerten
einige tragbare Flugabwehrraketen ab, aber alle
Flugzeuge kehrten sicher zurück.
Ich möchte den serbischen Streitkräften gegenüber
deutlich machen, daß sie keine Maßnahmen ergreifen
sollten, mit denen die Sicherheit der UNPROFORStreitkräfte gefährdet würde. Sie sollten ihre Verletzungen der UN-Resolutionen einstellen. Sie sollten
ihre Angriffe auf Bihac einstellen. Die NATO verfügt
über umfassende Befugnis zur Verteidigung der
UNPROFOR und Gewährleistung der Befolgung der
UN-Resolutionen, und sie wird nicht zögern, diese
Autorität geltend zu machen.
Diese Angriffe bedeuten jedoch kein Ende der Krise
um Bihac. Wir werden die Lage weiterhin genau
beobachten und mit unseren Verbündeten eine Reihe
von Optionen für zusätzliche Aktionen der NATO
erarbeiten, um die Schutzzonen zu sichern und der
serbischen Offensive Einhalt zu gebieten.
Der hiesige Besuch von Generalsekretär Claes findet
zu einem besonders günstigen Zeitpunkt statt, da in
der ersten Dezemberwoche in Europa eine Reihe von
bedeutenden Zusammenkünften geplant ist. Sie
beginnen mit einem Treffen des Nordatlantikrates,

Seite 1

�dem eine Zusammenkunft des Nordatlantischen
Kooperationsrates folgt. Beide Treffen finden in
Brüssel statt. Anschließend kommen in Budapest
Vertreter der KSZE zusammen. An diesem Treffen
wird auch Präsident Clinton teilnehmen. Diese
Zusammenkünfte geben uns die wichtige Gelegenheit, unsere umfassende Strategie für Europa weiterzuentwickeln.
Die NATO ist und bleibt das Kernstück des amerikanischen Engagements für die Sicherheit Europas.
Jetzt besteht unsere Herausforderung jedoch darin,
die vom Bündnis bereitgestellte Sicherheits- und
Stabilitätszone über den ganzen Kontinent nach
Osten hin zu erweitern. Das Bündnis wird dieser
Herausforderung gerecht, indem es seine ehemaligen Gegner einbezieht und angesichts der Gefahren
für die europäische Sicherheit neue Mittel und
Ansätze entwickelt.
Die Partnerschaft für den Frieden ist das Schlüsselelement der NATO-Strategie und seit ihrer Gründung
im Januar sicherlich unser eindrucksvollster Erfolg.
Streitkräfte, die einst zum Kampf gegeneinander
ausgebildet wurden, planen und üben jetzt gemeinsam. Die Vereinigten Staaten halten eine voll

*

Seite 2

*

funktionierende und aktive Partnerschaft für den
Frieden für einen äußerst wichtigen Bestandteil der
modernen europäischen Sicherheitsstruktur. Sie stellt
eine unerläßliche Verbindung zwischen den Mitgliedstaaten und den Nichtmitgliedern der NATO dar und
ist für die eine NATO-Mitgliedschaft anstrebenden
Länder der beste Weg hierzu.
Abschließend möchte ich betonen, daß die Vereinigten Staaten sich entschieden für eine stetige,
transparente und überlegte Erweiterung der NATO
einsetzen. Es ist unser Ziel, die Stabilität in Europa
auszuweiten, anstatt alte Spaltungen zu erhalten oder
neue zu schaffen. Wir sehen einer engen Zusammenarbeit mit Generalsekretär Claes und unseren
Verbündeten erwartungsvoll entgegen, während wir
diesen bedeutenden Prozeß zur Erweiterung der
NATO und Integration Europas durchlaufen.
Herr Generalsekretär - Willy - Sie sind hier herzlich
willkommen. Meines Erachtens ist es äußerst
angebracht und günstig, daß Sie gerade an dem
Wochenende den Vereinigten Staaten einen Besuch
abstatten, an dem diese wichtigen Entscheidungen
getroffen wurden.

* *

AMERIKA DIENST 46

�BOSNIEN
23. November 1994

ANGRIFF DER KRAJINA-SERBEN RECHTFERTIGT
MILITÄRISCHE REAKTION DER NATO
Erklärung von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In einer Ansprache vor dem UN-Sicherheitsrat nach der Genehmigung von
Luftangriffen auf Ziele in Kroatien stellte die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, am 19. November 1994 fest, der Angriff der Krajina-Serben auf die bosnische Schutzzone
Bihac rechtfertige "eine militärische Reaktion der NATO" und fügte hinzu, "alle - heute oder in Zukunft
gestellten - Anträge auf Luftangriffe der NATO auf Ubdina werden eine positive Reaktion hervorrufen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Ich möchte zunächst den Mitgliedern dieses Rats
verdeutlichen, warum wir weiterhin über das Thema
Bosnien beraten müssen. Im Juli wurde der von der
Kontaktgruppe erarbeitete Friedensplan vom Sicherheitsrat verabschiedet. In der Zwischenzeit hat
die bosnische Regierung dem Plan ebenso wie die
bosnischen Kroaten zugestimmt - nur die bosnischen
Serben haben sich geweigert.
Weil die bosnischen Serben den Friedensplan nicht
unterzeichnet haben, dauern die Kämpfe in Bosnien
an und eskalieren. Ich weiß, daß einige Bosnien für
die jüngsten Angriffe auf die Streitkräfte der bosnischen Serben in Mittel- und Westbosnien verurteilen.
Meine Regierung bedauert die andauernden Kampfhandlungen. Wir sollten jedoch Angriffe zur Rückgewinnung von durch Aggression verlorenem Territorium nicht mit Aggression selbst verwechseln. Wir
sollten die Aktionen einer Regierung, die ihren
Wunsch nach Frieden zum Ausdruck gebracht hat,
nicht mit einer kleinen, unnachgiebigen, kriegstreiberischen Gruppe verwechseln. Die bosnische
Regierung hat diesen Krieg nicht begonnen und will
ihn beenden. Die bosnischen Serben haben diesen
Krieg begonnen und weigern sich, ein Abkommen zu
seiner Beendigung zu unterzeichnen.
Wir stehen jetzt an einem Wendepunkt. Zur Unterstützung der Aggression der bosnischen Serben
kollaborieren die sogenannten Krajina-Serben bei
einem Angriff auf das souveräne Territorium von
Bosnien-Herzegowina. Sie stellen die Regierung
Kroatiens vor ein schwieriges Dilemma. Die Vereinigung des von den sogenannten Krajina-Serben
gehaltenen Territoriums mit von den bosnischen

AMERIKA DIENST 46

Serben kontrolliertem Territorium könnte die Regierung Kroatiens zur Intervention veranlassen und so
eine neue Eskalation des Krieges bewirken. Die
kroatische Regierung hat bisher lobenswerte Zurückhaltung geübt.
Kein Mitglied dieses Rats sollte jedoch Zweifel daran
hegen, daß die Kollaboration der Krajina-Serben bei
der Aggression der bosnischen Serben einen größeren Balkankrieg auslösen könnte.
Die Streitkräfte der Krajina-Serben haben eine
internationale Grenze verletzt. Ihre Angriffe aus der
Luft und vom Boden aus gefährden die Zivilisten in
Bihac, ganz zu schweigen von den dort stationierten
UNO-Truppen.
Dieser Rat hat jetzt eindeutig klargestellt, daß der
Einsatz von Luftstreitkräften zum Angriff auf Ziele in
Kroatien genehmigt ist, die Schutzzonen in Bosnien
oder in Bosnien operierende UNO-Truppen bedrohen.
Gestern haben die Krajina-Serben Bosnien angegriffen, und der UNO-Befehlshaber für das ehemalige
Jugoslawien, General De Lapresle, hat das Thema
einer Reaktion der NATO aus der Luft angesprochen.
Meine Regierung vertritt die Auffassung, daß eine
unverzügliche positive Antwort in den Resolutionen
dieses Rats eine juristische Handhabe haben würde.
Heute morgen wurde ein von demselben Flugplatz in
Ubdina aus gestarteter Angriff auf Ziele in der Enklave Bihac gerichtet. Wiederum waren Opfer unter
der Zivilbevölkerung das tragische Resultat. Wir
sollten unmißverständlich klarstellen: Wir werden

Seite 1

�Zeuge von Aktivitäten auf dem Flugplatz Ubdina, die
die Schutzzone Bihac, die Zivilisten in der Enklave
Bihac und die dort stationierten UNPROFOR-Truppen gefährden.
Meine Regierung ist der Ansicht, daß dieses Muster
militärischer Aktivitäten eine militärische Reaktion der
NATO rechtfertigt.
•

Seite 2

*

Aus diesem Grund begrüßen wir diese Resolution.
Sie verdeutlicht die Absicht dieses Rats, die Bombardierung Bosniens zu verhindern.
Wir gehen davon aus, alle - heute oder in Zukunft
gestellten - Anträge auf Luftangriffe der NATO auf
Ubdina werden eine positive Reaktion hervorrufen.

*

*

AMERIKA DIENST 46

�ABRÜSTUNG
23. November 1994

DAS RAKETENTECHNOLOGIE-KONTROLLREGIME
Eine Übersicht des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die kürzlich vom US-Amt für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency - ACDA) herausgegebene Übersicht über das
Raketentechnologie-Kontrollregime 1987.

Der Eckpfeiler der amerikanischen Raketen-Nichtverbreitungspolitik ist das Raketentechnologie-Kontrollregime (Missile Technology Control Regime MTCR). Das MTCR wurde 1987 von den Vereinigten Staaten mit ihren Wirtschaftspartnern in der G-7
(Bundesrepublik
Deutschland, Großbritannien,
Italien, Japan und Kanada) ins Leben gerufen.
Heute sind 25 Nationen Mitglieder des MTCR.
Zusätzlich zu der wachsenden Anzahl von Mitgliedern nimmt auch die Zahl von Ländern zu, die
einseitig die Richtlinien einhalten.
Ziel des MTCR ist die Einschränkung der Verbreitung von Raketen, unbemannten Luftfahrzeugen und
verwandter Technologie für diese Systeme, die eine
Nutzlast von 500 Kilogramm über eine Entfernung
von mindestens 300 Kilometern befördern können
sowie von Trägersystemen für Massenvernichtungswaffen.
Dem MTCR zufolge versteht man unter Raketen
ballistische Raketen, Trägerraketen für Raumfahrzeuge und Sondenraketen. Zu den unbemannten
Luftfahrzeugen zählen Marschflugkörper, Dronen
und ferngesteuerte Fahrzeuge.
Ursprünglich befaßte sich das MTCR nur mit nuklearfähigen Trägersystemen. Seit dem Golfkrieg im
Jahr 1991 wurde das MTCR erweitert und umfaßt
nun Raketen, die als Trägersysteme für alle Massenvernichtungswaffen (nukleare, chemische und
biologische) dienen können.
Das MTCR ist weder ein Vertrag noch ein internationales Abkommen, sondern ein freiwilliges
Arrangement zwischen Ländern mit einem gemeinsamen Interesse an der Einschränkung der Raketenverbreitung. Das Regime besteht aus gemeinsamen
Exportrichtlinien, die auf eine gemeinsame Liste
kontrollierter Güter Anwendung finden.
Jedes

AMERIKA DIENST 46

Mitgliedsland erfüllt seine Verpflichtungen im Kontext
seiner eigenen nationalen Exportgesetze.
Die kontrollierten Güter sind im MTCR-Anhang über
Gerät und Technologie aufgeführt, der Technologie in
zwei Kategorien einteilt. Kategorie I besteht aus
vollständigen Raketen oder in einem System der
Kategorie I verwendbaren vollständigen Untersystemen. Der Transfer von Gütern der Kategorie I
erfordert eine Prüfung von Fall zu Fall, die zur
Verweigerung des Transfers führen kann.
Der
Transfer von speziell entworfenen Produktionseinrichtungen für diese Systeme ist definitiv verboten.
Kategorie II umfaßt ein breites Spektrum von Mehrzwecktechnologien. Der Transfer dieser Güter ist
gestattet, solange sie nicht für die endgültige Verwendung in Systemen der Kategorie I vorgesehen
sind.
Die MTCR-Richtlinien stellen ausdrücklich fest, daß
das Regime "nicht darauf ausgerichtet ist, nationale
Weltraumprogramme oder die internationale Zusammenarbeit bei solchen Programmen zu behindern, solange solche Programme nicht zu Trägersystemen für Massenvernichtungswaffen beitragen
können". Die Vereinigten Staaten halten sich an eine
strikte Interpretation dieser Erklärung. Trotz einiger
Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf die
kommerzielle Anwendung im All stimmen alle Partner
überein, daß die in Trägerraketen für Raumfahrzeuge
verwendete Technologie mit der in einer ballistischen
Rakete verwendeten absolut identisch ist, die ein
echtes Potential für Raketenverbreitung darstellt.
Das Bild der weltweiten Raketenverbreitung ist
gemischt: Die Vereinigten Staaten und ihre MTCRPartner hatten einen gewissen Erfolg bei der Verlangsamung der Verbreitung, aber die Raketenentwicklung und der Technologietransfer dauern an.
Rußland und die Ukraine haben bilaterale Raketen-

Seite 1

�abkommen mit den Vereinigten Staaten unterzeichnet, und Ungarn war das erste Land in Osteuropa,
das dem MTCR beigetreten ist. In Südamerika
wurde Argentiniens Condor-Raketenprogramm
eingestellt, was zum Beitritt des Landes zum MTCR
im Dezember 1993 führte. Am 4. Oktober 1994
unterzeichneten die Vereinigten Staaten und Südafrika ein bilaterales Export-Import-Abkommen über
Raketen sowie eine gemeinsame Erklärung über
Schritte, die Südafrika zur Beendigung seines
Kategorie I-Raketenprogramms unternehmen wird.
Das bilaterale Abkommen verpflichtet Südafrika zur
Einhaltung der MTCR-Richtlinien.
Andererseits dauert die Raketenverbreitung in
Südasien an, obwohl die MTCR-Kontrollen weitere
Fortschritte vereitelt haben. Staaten im Nahen

* *

Seite 2

Osten setzen ihre Beschaffung von Raketensystemen
fort. Nordkorea ist weiterhin ein verbrecherischer
Lieferant von Raketen und Technologie. Bei ihren
Bemühungen zur Unterbindung dieser Aktivitäten
verhängen die Vereinigten Staaten unilaterale Sanktionen beim Raketenhandel oder üben politischen
Druck gegen Nichtmitgliedsländer des MTCR aus, die
in Verletzung der MTCR-Normen Transfers vornehmen.
(Mitgliedstaaten des MTCR sind zur Zeit: Argentinien, Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland,
Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien,
Irland, Island, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg,
Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Österreich,
Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien, Ungarn und
die Vereinigten Staaten.)

*

*

AMERIKA DIENST 46

�MENSCHENRECHTE
23. November 1994

USA FORDERN "NEUE ENERGIE" BEI
UN-MENSCHENRECHTSBESTREBUNGEN
Rede von Botschafterin Ferraro
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten wollen dem UN-Menschenrechtssystem "neue Energie
und Zielsetzungen verleihen", erklärte US-Botschafterin Geraldine Ferraro am 16. November 1994 in einer
Rede vor dem Dritten Ausschuß der UN-Generalversammlung und verwies auf die Ratifizierung von zwei
Menschenrechtsverträgen durch die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr - die Konvention gegen Folter
und grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlung sowie die Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Rassendiskriminierung. Ferner drängen die Vereinigten Staaten auf die Ratifizierung der
Konvention über die Abschaffung aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen.

Die Ratifizierung von Verträgen und die Gründung von Institutionen allein werden nicht die rassischen und
ethnischen Spannungen oder andere Menschenrechtsprobleme der Welt lösen, so Ferraro, aber "diese
Konventionen und die sich auf natürliche Weise daraus ergebenden Debatten bilden die Grundlage für den
Aufbau einer internationalen Gemeinschaft mit mehr Fairness, Pluralismus und letztlich mehr Gerechtigkeit".
"Die Vereinigten Staaten wollen in der jetzt stattfindenden Debatte über sich abzeichnende internationale
Normen eine effektivere Rolle spielen. Im Ausschuß über Rassendiskriminierung und andernorts wollen wir
die auf hartem Wege erworbenen Erfahrungen der Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung von Rassen- und
anderen Formen der Diskriminierung mit der Weltgemeinschaft teilen", stellte die Vertreterin der Vereinigten
Staaten beim UN-Menschenrechtsausschuß, Ferraro, fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Ferraro im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, als Vertreterin der Vereinigten
Staaten bei der UN-Menschenrechtskommission bin
ich besonders erfreut, vor dem Dritten Ausschuß
über das wichtige Thema der Umsetzung von
Menschenrechtsinstrumenten sprechen zu dürfen.
Inzwischen ist es eine Binsenwahrheit, daß wir nach
dem Ende des Kalten Krieges und der tiefgreifenden
ideologischen Auseinandersetzungen, die unser
Jahrhundert definierten, an der Schwelle einer neuen
und im großen und ganzen ungenau skizzierten Welt
stehen.
Es ist eine Welt großer Versprechungen, gleichzeitig
sind wir jedoch mit schwierigen und in höchstem
Maße beunruhigenden Problemen auf der Weltbühne konfrontiert. Wir sehen, wie ethnische und
rassische Spannungen für politische Zwecke ausgenutzt, zu gewalttätigen Flächenbränden geschürt
werden, oder heimtückisch in Gesellschaften am
Werk sind. Wir beobachten, wie repressive Regierungen sich dem weltweiten Trend zu Menschen-

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rechten, Demokratie und bürgerlichen Gesellschaften
hartnäckig widersetzen. Wir sehen, wie wirtschaftliche, demographische und umweltpolitische Zwänge
die Regierungen in ungekanntem Maße belasten.
Diese Probleme werten wiederum Herausforderungen
für die Kreativität und den Einfallsreichtum der
internationalen Staatengemeinschaft bei der Gestaltung und Umsetzung des Völkerrechts auf.
Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
zählen zu den wichtigsten Prinzipien, die uns bei der
Suche nach Lösungen für die globalen Herausforderungen leiten müssen. Diese Prinzipien sind fest in
das Gefüge der Weltgeschichte eingebettet und
verkörpern das Streben von Männern und Frauen auf
der ganzen Welt. Unter der Führung von Präsident
Clinton sind die Vereinigten Staaten in Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft
dem Aufbau einer Welt auf der Grundlage dieser
Prinzipien verpflichtet.

Seite 1

�Eines der von uns zu diesem Zweck eingesetzten
Instrumente ist das Völkerrecht. Seit den ersten
Tagen ihrer Amtszeit war die Clinton-Administration
der Ratifizierung wichtiger Menschenrechtsverträge
und -konventionen verpflichtet.
Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten
in dieser Hinsicht eine Reihe von Schritten unternommen.
Erstens haben wir die Konvention gegen Folter und
grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlung unterzeichnet. Bei der Weltkonferenz über
Menschenrechte in Wien vergangenes Jahr drängte
die US-Regierung alle Nationen zur Verabschiedung
von Gesetzen, um Isolationshaft zu verhindern und
den Menschenrechtsorganen Vor-Ort-Inspektionen
aller Inhaftierungseinrichtungen zu gestatten.
Unserer Auffassung nach sollten Folterer einzeln für
ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden und
es sollte keine Statuten oder Einschränkungen
bezüglich ihrer Verfolgung geben.
Zweifelsohne stimmen alle Menschen guten Willens
überein, daß die Praxis der Folter beendet werden
muß - zu diesem Punkt besteht ein Konsens. Und
indem wir zunächst einen Konsens zu grundlegenden Problemen wie Folter erzielen, können wir die
Grundlage für ein erneuertes Völkerrecht bilden, das
die Achtung der Menschenrechte fördert.
Die Vereinigten Staaten haben auch eine Führungsrolle bei der Hilfe für Folteropfer übernommen. Ich
freue mich bestätigen zu können, daß die Vereinigten Staaten im Jahr 1994 1,5 Millionen Dollar zu
dem freiwilligen Fonds für Folteropfer der Vereinten
Nationen beigetragen haben.
Zweitens haben wir die Konvention über die Abschaffung aller Formen von Rassendiskriminierung
ratifiziert. Diese Konvention wird zu einem wertvollen Werkzeug, wenn die internationale Staatengemeinschaft aus rassischen und ethnischen Animositäten entstehende humanitäre und Menschenrechtskrisen anspricht und auf sie reagiert. In diesem
Zusammenhang sind wir über den von der internationalen Staatengemeinschaft während der letzten
Sitzung der UN-Menschenrechtskommission erzielten Konsens erfreut, daß Antisemitismus in der Tat
eine Form von Rassismus ist.
Die Vereinigten Staaten wollen in der jetzt stattfindenden Debatte über sich abzeichnende internationale Normen eine effektivere Rolle spielen. Im
Ausschuß über Rassendiskriminierung und andern-

*

Seite 2

*

orts wollen wir die auf hartem Wege erworbenen
Erfahrungen der Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung von Rassen- und anderen Formen der
Diskriminierung mit der Weltgemeinschaft teilen.
Drittens haben wir dem UN-Menschenrechtsausschuß
den ersten Bericht der Vereinigten Staaten über die
Befolgung eines internationalen Menschenrechtsinstruments, speziell der internationalen Konvention
über bürgerliche und politische Rechte, durch unser
Land vorgelegt.
Unseres Erachtens bieten die
Rechts- und politischen Systeme der Vereinigten
Staaten unserem Volk einen Menschenrechtsschutz
von Weltklasse. Wir sind stolz auf unsere Bilanz im
Inland, arbeiten hart an der Behebung unserer
eigenen Unzulänglichkeiten und sind erfreut, unsere
Verpflichtung zu der Konvention durch die uneingeschränkte Berichterstattung über ihre Einhaltung
durch unser Land zu stärken.
Und schließlich verfolgt die Administration aktiv die
Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen,
worüber wir im vergangenen Monat positive Berichte
vom amerikanischen Senatsausschuß für auswärtige
Beziehungen erhielten. Wir hoffen, daß wir mit der
Wiederaufnahme der Sitzungen durch den Kongreß
auch für dieses Instrument die endgültige Zustimmung erhalten.
All diese Bestrebungen sind Teil unserer umfassenderen Bemühungen, dem UN-Menschenrechtssystem
neue Energie und Zielsetzungen zu verleihen. Eine
der bei der Weltkonferenz über Menschenrechte in
Wien im vergangenen Jahr gelernten Lektionen
lautete, daß multilaterale Gremien und nichtstaatliche
Organisationen eine zunehmend weitreichende Rolle
bei der Gestaltung der Welt nach dem Kalten Krieg
spielen. Durch Zusammenarbeit können Regierungen, multilaterale und nichtstaatliche Organisationen
einen entscheidenden und nachhaltigen Effekt auf die
Entwicklung und Stärkung von Menschenrechtsmechanismen bewirken.
Wir glauben nicht, daß die Ratifizierung von Verträgen und die Gründung von Institutionen allein die
rassischen und ethnischen Spannungen oder andere
Menschenrechtsprobleme der Welt lösen, repressive
Regierungen stürzen oder politische Systeme reformieren wird. Aber diese Konventionen und die sich
auf natürliche Weise daraus ergebenden Debatten
bilden die Grundlage für den Aufbau einer internationalen Gemeinschaft mit mehr Fairness, Pluralismus und letztlich mehr Gerechtigkeit.

*

*

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�THANKSGIVING
23. November 1994

CLINTON: AMERIKANER MÜSSEN
FRIEDENSPROZESS NÄHREN
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving
WASHINGTON - (AD) - In einer Proklamation zu dem in diesem Jahr am 24. November gefeierten
Thanksgiving appellierte Präsident Clinton an die Amerikaner, die Verantwortung zu übernehmen, "auf der
ganzen Welt den Friedensprozeß und die Menschenrechte mit Anteilnahme zu nähren".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation des Präsidenten.

Während sich das Jahr dem Ende zuneigt, sind wir
erneut mit Dank für die Gaben des fruchtbaren
Bodens erfüllt. Seit 206 Jahren haben die Amerikaner die Ernte im Herbst mit Dankbarkeit und Freude
begrüßt. Am Thanksgiving Day legen wir unsere
tägliche Routine ab, um der Vielfalt und Gnade der
göttlichen Vorsehung zu danken. Wir begeben uns
in den Schoß der Familie und der Gemeinde und
besinnen uns auf die Herausforderung, Verantwortung und die Privilegien, die wir als Bürger der
Vereinigten Staaten haben.
Es ist unser großes Glück, in einem Land des
Überflusses und der Versprechungen zu leben einem Land der Freiheit für alle. Nur wenige Generationen von den Gründern unserer Nation entfernt,
setzen wir den Weg zu Stabilität und Gerechtigkeit
fort. Beim Streben, uns näher zu Gottes Gnaden zu
erheben, sind wir weiterhin entschlossen, das Leid
der vielen Menschen zu mildern, die nur Armut und
Verzweiflung kennen. Unsere Reise ist noch lange
nicht beendet.
Unser Ziel muß die Bereitstellung der Mittel für jeden
von uns sein, Wohlstand zu mehren sowie eine gute
Ausbildung, ein erfülltes Arbeitsleben, Gesundheitsfürsorge und persönliche Sicherheit zu genießen.
Unsere Verantwortung ist die Schärfung des nationalen Bewußtseins, damit wir uns durch die Förderung
von Tugenden, Klugheit und moralischen Werten an
unserem Wachsen als ein Volk erfreuen können.
Unsere Herausforderung besteht darin, gerechte und
faire Hilfe und Ermutigung zu bieten, die das

menschliche Leiden mildern. Es ist unsere Verantwortung, auf der ganzen Welt den Friedensprozeß
und die Menschenrechte mit Anteilnahme zu nähren.
Und wie bei anderen Pionieren vor uns, ist es unser
Privileg, nach hehren Zielen zu streben.
Während sich im ganzen Land die Menschen mit
ihren Lieben versammeln, um sich der Fülle der
Gaben von Thanksgiving zu erfreuen, lade ich jede
Familie, jede Kirchengemeinde, jede Gemeinde und

jede Stadt ein, unser amerikanisches Erbe zu feiern.
Reicht den Menschen in Eurer Heimatstadt die Hand
der Freundschaft und Zusammenarbeit. Übernehmt
die Verantwortung, allen Bewohnern der Erde Eintracht und Hoffnung, Frieden und Wohlstand zu
bringen. Teilt das Privileg der Freiheit und die
Herausforderung, auf eine bessere Welt hinzuarbeiten.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, Donnerstag, den 24. November 1994 zum nationalen Feiertag
Thanksgiving. Ich fordere die Bürger dieser großartigen Nation auf, diese geliebte Tradition fortzusetzen und zu stärken, indem sie sich zu Hause und in
Gotteshäusern versammeln, um ihren tiefempfundenen Dank für die zahlreichen Segnungen unseres
Lebens zum Ausdruck zu bringen.
Unterzeichnet am 27. Tag des Oktober, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * * *

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Seite 1

�GESELLSCHAFT
23. November 1994

FAMILIENWERTE UND DIE ROLLE DER FRAU
von James Q. Wilson
WASHINGTON - (AD) - Wir beobachten tiefgreifende, weltweite, langfristige Veränderungen der Familie, die
wahrscheinlich von Dauer sind. Der Verfasser des nachfolgend veröffentlichten Artikels erörtert den
Niedergang der Familie - die Abnahme dauerhafter Ehen und ehelicher Geburten - und vertritt die Ansicht, da
dieses Phänomen in vielen Ländern zu beobachten sei, könne es nicht ausschließlich als Ergebnis der Politik
oder Eigenheiten einer Gesellschaft betrachtet werden.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Commentary, April 1993. Copyright (c)
1993 James Q. Wilson.

Es gibt zwei Ansichten über die heutige amerikanische Familie - eine wird von der Öffentlichkeit, die
andere von der politischen Elite vertreten. Die
Meinung der Öffentlichkeit lautet folgendermaßen:
Die Familie ist der Ort, an dem Kindern die meisten
grundlegenden Werte beigebracht werden.
Im
Verlauf der letzten Jahre sind diese Werte jedoch
weniger sicher geworden, teilweise weil die Familie
selbst schwächer geworden ist, teilweise weil ihre
Konkurrenten - vor allem Fernsehen und Kinos stärker wurden. Ein Grund, warum die Familie
schwächer geworden ist, liegt darin, daß immer
mehr Kinder in Familien mit nur einem Elternteil
aufwachsen, wobei dieser oftmals eine Mutter im
Teenageralter ist. Ein weiterer Grund ist, daß die
Eltern - sei es in Familien mit einem alleinerziehenden oder mit zwei Elternteilen - weniger Zeit mit
ihren Kindern verbringen. Da Werte wie die Familie
so wichtig sind, sollten die Kandidaten für politische
Ämter darüber sprechen, obwohl nicht klar ist, ob die
Regierung in dieser Hinsicht viel unternehmen kann.
Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner ist der
Ansicht, es sei für die Kinder besser, wenn ein
Elternteil zu Hause bleibt und nicht berufstätig ist,
selbst wenn der Familie dadurch weniger Geld zur
Verfügung steht.
Unter Wissenschaftlern und Politikern ist kein solcher
Konsens zu finden. Das spricht für sich. Von vielen
für selbstverständlich gehaltene Ansichten über die
Familie werden unter denjenigen kontrovers diskutiert, deren Aufgabe in der Erforschung oder Förderung der Familie besteht.

AMERIKA DIENST 46

Ein gutes Beispiel für die Argumentationsweise der
Elite war kürzlich auf der ersten Seite von The
Washington Post zu lesen. Ein Journalist zitierte
die Aussage einiger Sozialwissenschaftler, die
herkömmliche, aus zwei Elternteilen bestehende
Familie sei nicht so wichtig für die gesunde Entwicklung von Kindern wie ursprünglich angenommen.
Dadurch fühlte sich David Popenoe, Soziologieprofessor an der Rutgers University, der ausführlich
über die Familie publizierte, berufen, The New York
Times einen Artikel zu senden, der die in The Post
gemachten Aussagen in Frage stellte. Popenoe
behauptete, "Dutzende" von Studien seien zu der
gegenteiligen Schlußfolgerung gelangt, und die Fülle
der Beweise unterstütze "entschieden" die Ansicht,
eine Familie mit zwei Elternteilen sei besser als eine
Familie mit einem alleinerziehenden Elternteil.
"Entschieden" vielleicht für ihn, aber nicht für andere.
Judith Stacey, Soziologieprofessorin an der University
of California in Davis, antwortete in einem Leserbrief
an The Times, der Wert einer Familie mit zwei
Elternteilen sei lediglich ein nicht durch empirische
Studien belegtes "weitverbreitetes Vorurteil". Popenoe versucht ihr zufolge, "fehlgeleitete Nostalgie ... in
sozialwissenschaftliche Wahrheit" umzuwandeln. Die
Familienforscherin Arlene Skolnick und der Kriminologe Jerome Skolnick, beide an der University of
California in Berkeley tätig, räumten ein, Popenoe
möge zwar recht haben, aber durch eine solche
Aussage in der Öffentlichkeit könnten die Kinder
"unnötig stigmatisiert werden", die nicht in Mustertamilien aufwachsen.

Seite 1

�Die von Stacey und den Skolnicks vertretenen
Überzeugungen sind durchaus repräsentativ für die
Ansichten von Wissenschaftlern zu diesem Thema.
Auch viele Politiker und Journalisten geben diese
Gedanken wider und führen das Argument noch
einen Schritt weiter: Ein Haushalt mit zwei Elternteilen, in dem der Vater berufstätig ist und die Mutter
zu Hause bleibt, ist nicht nur ein nostalgisches
Vorurteil und eine fälschliche Stigmatisierung, sondern auch eine Art von Familie, die kaum mehr
existiert. Die Zeitungen weisen täglich darauf hin,
daß die meisten Kinder nicht in Familien mit zwei
Elternteilen aufwachsen. Die Botschaft ist eindeutig:
Eine aus zwei Elternteilen bestehende Familie ist
nicht nur nicht besonders gut für die Kinder, sondern
glücklicherweise auch im Abnehmen begriffen.
Ob Familien mit zwei Elternteilen für die Kinder gut
sind oder nicht - es ist eindeutig falsch, daß diese
Art von Familie ein historisches Relikt geworden ist.
Obwohl - insbesondere unter Schwarzen - der Anteil
der Kinder, die einen Teil oder sogar Großteil ihrer
Jugend in Familien mit einem Elternteil verbringen,
drastisch angestiegen ist, lebt die überwältigende
Mehrheit der Kinder - landesweit ungefähr 73
Prozent - bei verheirateten Eltern. Heutzutage ist es
wahrscheinlicher als früher, daß in diesen Familien
die Mütter berufstätig sind, wenn auch meistens
nicht ganztags.
Die Sprache, in der die Debatte über Familien mit
zwei Elternteilen geführt wird, deutet darauf hin, daß
es um mehr geht als wissenschaftliche Unsicherheit.
Wenn es den Amerikanern einzig und allein um die
Frage gegangen wäre, ob Familien mit einem oder
zwei Elternteilen besser für die Kinder sind, würde
zwar immer noch eine Debatte geführt, jedoch nicht
im Ton kaum verhüllter Wut in den Leitartikeln der
Zeitungen.
Es geht natürlich um die Rolle der Frau. Kritiker
fürchten, mit der aus zwei Elternteilen bestehenden
Familie werde eine Institution verteidigt, in der
Frauen ih'em Ehemann untergeordnet und auf
Hausarbeit beschränkt sind, keine Karrierechancen
haben und ihre Kinder in dem Glauben erziehen
müssen, daß dieses Arrangement richtig sei. Die
Verteidigung der traditionellen Familie kommt der
Verteidigung des Sexismus gleich. Da die überwiegende Mehrheit alleinerziehender Elternteile
Frauen schwarzer Hautfarbe sind, ist eine Kritik
solcher Familien nicht nur sexistisch, sondern
rassistisch.

Rechte des einzelnen respektieren, wurden viele
Ehen nur respektiert, wenn sie auf der Achtung von
Rechten basierten. Was für die Kinder das Beste sei,
wurde nicht diskutiert. Kinder, so schien es, waren in
einer Ehe nebensächlich, mit Ausnahme der Tatsache, daß sie für ihre Eltern, insbesondere ihre Mütter,
eine Last darstellen.
Die Beweismittel
Eine auf Rechten basierende, individualistische
Einstellung zur Ehe ist an sich schon fraglich. Diese
theoretischen Fragen wurden jedoch zu unüberwindlichen Einwänden, wenn gezeigt werden konnte,
daß Kindern das Leben mit einer alleinerziehenden
Mutter, in einer Wohngemeinschaft oder bei einem
geschiedenen Elternteil schadete.
Eine in den
siebziger Jahren durchgeführte wissenschaftliche
Untersuchung von Familien erbrachte jedoch keine
unumstrittenen Beweismittel die zeigten, daß das der
Fall war. In mehreren Studien wurde der Versuch
unternommen, die Auswirkungen des Lebens mit
einer alleinerziehenden Mutter auf die schulischen
Leistungen, den beruflichen Erfolg und das Verhalten
eines Kindes zu quantifizieren. Viele Studien entdeckten jedoch entweder keine oder verschwommene
beziehungsweise fragwürdige Auswirkungen.
Ich wurde mir dessen erstmals Anfang der achtziger
Jahre bewußt, als der Psychologe Richard J. Herrnstein von der Harvard University und ich zusammen
Crime and Human Nature verfaßten. Eine meiner
Aufgaben bestand darin, den ersten Entwurf des
Kapitels über die Auswirkungen sogenannter zerrütteter Familien auf die Verbrechensrate anzufertigen.
Ich erwartete, eine Unmenge von Studien zu finden
die belegten, durch das Leben mit einer alleinerziehenden Mutter steige die Neigung eines Kindes,
insbesondere eines Jungen, für kriminelles Verhalten.
Das Ergebnis entsprach jedoch nicht meinen Mutmaßungen. Sicherheitshalber befaßte ich mich auch mit
der bekannten Tatsache, daß eine unverhältnismäßig
große Anzahl männlicher Gefangener aus zerrütteten
Familien stammen, aber sie haben oft auch Eltern,
die selbst Verbrechen begingen oder kommen aus
armen, Minderheiten angehörenden Familien. Da
diese Faktoren - Klasse, Rasse, Straffälligkeit der
Eltern und Familienstatus - in Zusammenhang
stehen, wurde nicht klar, daß der familiäre Hintergrund unabhängig von der individuellen Persönlichkeit
oder den Lebensumständen Auswirkungen hat.
Unterschiedliche Elternhäuser

Hauptthema vieler Veröffentlichungen über Ehe und
Familie während der siebziger und achtziger Jahre
waren die Rechte des einzelnen. Ebenso wie
Regierungen nur dann legitim sind, wenn sie die

Seite 2

Seit ich dieses Kapitel schrieb, wurden jedoch immer
mehr Beweise dafür gefunden, daß Familien mit nur
einem Elternteil schlecht für die Kinder sind. Es wird

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�nur dann einen abschließenden Beweis für diese
Behauptung geben, wenn Sozialwissenschafter
Babys bei ihrer Geburt willkürlich an Familien mit
einem oder zwei Elternteilen unterschiedlicher
wirtschaftlicher Situation und ethnischer Herkunft
verteilen und dann beobachten, wie sie heranwachsen. Glücklicherweise wird ein solcher Versuch
durch Gesetze und Traditionen unwahrscheinlich.
Die besten Beweise stammen jedoch aus Langzeitstudien, in denen Kinder in der Familie beobachtet
werden, die die Natur ihnen gab.
Ein Beispiel: Seit mehreren Jahren haben der
Psychiater Sheppard Kellam und seine Kollegen an
der Johns Hopkins University mehrere Hundert
arme, schwarze Kinder - angefangen im Alter von
sechs Jahren - beobachtet, die in einem heruntergekommenen Bezirk von Chicago leben. Jedes Kind
entstammt einer ganz anderen Art von Familie,
abhängig davon, wieviele und welche Erwachsenen
ihr angehören. Bei einem Drittel der Familien war
die Mutter der einzige anwesende Erwachsene, bei
einem weiteren Drittel gehörten ihr beide Elternteile
an. (Nur ein sehr kleiner Teil lebte ohne die Mutter
beim Vater). Der verbleibende Teil bestand aus
verschiedenen Kombinationen von Müttern, Großeltern, Onkeln, Tanten, erwachsenen Schwestern
und Brüdern sowie verschiedenen Verwandten. Im
Alter von acht Jahren befanden sich die Kinder
alleinerziehender Mütter im Hinblick auf ihre Sozialisierung in der schlechtesten Lage. Nach 10 Jahren
begingen die Söhne alleinerziehender Mütter (zu
diesem Zeitpunkt etwa die Hälfte) unabhängig vom
Einkommen der Familie mehr Straftaten als diejenigen, die in Familien mit mehreren Erwachsenen,
insbesondere einem Vater, aufwuchsen.
Eine bedeutende Studie jüngeren Datums über die
Familienstruktur wurde 1988 vom amerikanischen
Gesundheitsministerium durchgeführt. Sie befaßt
sich mit der familiären Situation von über 60.000
Kindern aus dem ganzen Land. Es wurden Befragungen durchgeführt, um Probleme der Kinder in
bezug auf Gesundheit, schulische Leistungen und
Verhalten zu erfassen. Die Resultate wurden nach
Alter, Geschlecht und ethnischer Herkunft des
Kindes sowie Einkommen und Familienstand der
Eltern tabellarisch angeordnet.
Die Ergebnisse waren verblüffend.
Auf jedem
Einkommensniveau mit Ausnahme des höchsten
(über 50.000 Dollar jährlich) ging es den Kindern
beiderlei Geschlechts - Weißen, Schwarzen und
Hispanoamerikanern gleichermaßen - die mit einer
unverheirateten oder geschiedenen Mutter zusammenlebten, wesentlich schlechter als den in Familien
mit beiden Elternteilen lebenden. Im Vergleich zu
Kindern, die bei beiden biologischen Eltern leben,

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war bei Kindern Alleinerziehender die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch, der Schule verwiesen oder
suspendiert zu werden, emotionale oder Verhaltensstörungen zu zeigen und Probleme mit ihrer Peergroup zu haben. Ferner zeigten sie viel eher asoziales Verhalten. Diese Unterschiede manifestierten
sich in Haushalten mit einem Einkommen von mehr
als 35.000 Dollar ebenso wie in denen mit weniger
als 10.000 Dollar.
Charles Murray vom American Enterprise Institute
befaßte sich mit Menschen, deren Leben im Rahmen
der nationalen Langzeitstudie über Jugendliche
untersucht wurde, seit sie die weiterführende Schule
besuchten (sie sind jetzt Ende zwanzig oder Anfang
dreißig). Die Studie führt nicht nur genau Buch über
Schule, Arbeit und Einkommen dieser jungen Menschen, sondern untersucht auch die familiäre Situation, in der sie ihre Kinder erziehen. Die Beobachtungen zu Hause erstrecken sich auch auf das
Gefühlsleben, Beteiligung der Eltern an der Betreuung der Kinder, Art der Erziehung und anderes. Die
beobachteten Elternhäuser reichen von den besten
bis zu den schlimmsten.
Murray verglich die Situation im Elternhaus mit dem
wirtschaftlichen Status der Eltern und dem rechtlichen
Status des Kindes. Das Los der Kinder, die in den
schlimmsten Elternhäusern aufwuchsen, wurde am
stärksten von zwei Fragen bestimmt: Ob die Eltern
bei der Geburt des Kindes verheiratet waren und ob
sie regelmäßig Sozialhilfe bezogen. Für das Kind
einer unverheirateten Frau, die ständig von der
Sozialhilfe lebte, bestand eine Wahrscheinlichkeit von
1 zu 6, in dem - in emotionaler Hinsicht - schlimmsten Umfeld aufzuwachsen. Für das Kind einer
verheirateten Frau, die niemals Sozialhilfe bekam,
bestand nur eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 42.
Kinder leiden unter Armut. Kinder leiden unter einer
heruntergekommenen Umgebung.
Kinder leiden
zweifellos unter Gefühlskälte oder Vernachlässigung
durch ihre Eltern. Gleiches gilt, wenn sie unehelich
sind und von der Sozialhilfe leben. Dies trifft allgemein auf Weiße und Schwarze zu.
Dies gilt auch für die Kinder von Müttern im Teenageralter. Der Soziologe Frank Furstenberg von der
University of Pennsylvania und seine Kollegen
beobachteten viele Jahre lang 300 in Baltimore
lebende Mütter im Teenageralter. Ihre Erkenntnisse
untermauern die von der Öffentlichkeit vertretene
Ansicht. Müttern im Teenageralter geht es viel
schlechter als denjenigen, die erst später Kinder
bekommen - und das trifft sogar auf Mädchen mit
demselben sozioökonomischen Hintergrund und
derselben akademischen Begabung zu. Sie werden
eher von Sozialhilfe abhängig und die Wahrschein-

Seite 3

�lichkeit ist geringer, daß sie stabile Ehen eingehen.
Die Kinder von Müttern im Teenageralter haben im
Vergleich zu denen älterer Mütter mehr Schwierigkeiten in der Schule, sind aggressiver und verfügen
über weniger Selbstbeherrschung. Das gilt insbesondere für Jungen.
Es gab in allen Ländern schon immer Mütter im
Teenageralter, und in einigen weniger entwickelten
Gesellschaften ist das die Norm. Neu und beunruhigend an der derzeitigen Situation in den Vereinigten Staaten ist die starke Zunahme der Anzahl
von Müttern im Teenageralter und ihre Konzentration
in einigen Wohngegenden. Ein Mädchen mit einem
Baby ist ein Problem, wenn es ein seltenes Phänomen oder in eine Familie eingebettet ist, die ihm
Beistand und Hilfe durch ältere, mit ihm lebende
Frauen zukommen läßt. Das Mädchen stellt ein
ganz anderes und sehr viel ernsthafteres Problem
dar, wenn es eines von Tausenden Jugendlichen in
ähnlicher Situation ist, die in derselben Nachbarschaft oder demselben sozialen Wohnungsbauprojekt leben und versuchen, mit Sozialhilfe einen
eigenen Haushalt zu führen.
Ich glaube, die Amerikaner haben die richtige Sichtweise der Familie. Wenn sie den dramatischen
Anstieg von Scheidungen, Alleinerziehenden und
unehelichen Kindern der vergangenen 30 Jahre
betrachten, sehen sie den Niedergang der Familie.
Sie benötigen keine Studien, die belegen, daß diese
Erfahrung und Situation generell schlecht ist, weil sie
ihnen oder ihren Bekannten widerfahren ist. Scheidung mag manchmal das richtige und notwendige
Mittel bei einer gescheiterten Ehe und die durch den
Mißbrauch oder die Vernachlässigung des Ehepartners entstandene Situation sein, aber im allgemeinen steht man nach einer Scheidung noch schlechter da: Die Frauen werden ärmer und die Kinder
leiden mehr. Die richtige Erziehung eines Kindes ist
eine enorme Verantwortung, die häufig die Anstrengung und Energie beider Elternteile erfordert ein Elternteil allein ist leicht überfordert. Unehelich
geborene Kinder sind in der großen Mehrheit der
Fälle in Armut geborene Kinder. Millionen Menschen sind der lebende Beweis dieser nüchternen
Fakten. Wenn Wissenschaftler erklären, die Beweise seien nicht schlüssig, dann kann man nur sagen:
Soviel zum Thema wissenschaftliche Arbeit. Aber
jetzt beginnen die Wissenschaftler meines Erachtens, harte Fakten zur Untermauerung allgemeiner
Eindrücke heranzuziehen.
Die Debatte über die Auswirkungen der Familienstruktur deutet die Aussicht auf einen Konsens in
naher Zukunft an. Aber im Hinblick auf das andere
heiße Thema bei Familienstudien - Kindertagesstätten - ist nicht einmal der Ansatz einer solchen

Seite 4

Übereinstimmung in Sicht. Der vorherrschenden
Auffassung unter Kinderpsychologen nach sind
Tagesstätten nicht schädlich. Professor Jay Belsky
von der Abteilung für Familienleben und Entwicklung
an der Pennsylvania State University, der ursprünglich diese Sichtweise teilte, ist jetzt der Meinung,
Tagesstätten seien insbesondere im ersten Lebensjahr in mancher Hinsicht schädlich für einige Kinder.
In einem eingehend kommentierten Artikel von 1988
überprüfte Belsky alle Studien, die sich mit den
Auswirkungen von nichtmütterlicher Fürsorge auf das
Gefühlsleben und die soziale Entwicklung von Kindern befaßten, und gelangte vorbehaltlich zahlreicher
Einwände zu der Schlußfolgerung, "die Unterbringung
in einer Kindertagesstätte im ersten Lebensjahr für 20
oder mehr Stunden pro Woche ist ein 'Risikofaktoi"
für die Entwicklung eines stabilen Gefühlslebens in
der Kindheit und kann für erhöhte Aggressivität,
Ungehorsam und Kontaktarmut in der Vorschule und
den ersten Schuljahren verantwortlich sein".
Einige Kritiker argumentierten mit Belsky auf wissenschaftlicher Basis und äußerten, die Beweise seien
weniger eindeutig als er vorgebe, die von ihm verwendete Meßlatte des emotionalen Wohlbefindens
(bei der Beobachtung der Reaktionen eines Kindes
nach der Trennung von der Mutter) sei unzulänglich,
in Kulturen, in denen nichtelterliche Fürsorge an der
Tagesordnung ist, erlitten die Kinder keinen Schaden,
und welche schlechten Auswirkungen es auch geben
möge (falls überhaupt), seien sie nicht von Dauer.
Viele griffen ihn jedoch politisch an, und selbst die
wissenschaftlichen Kritiker nahmen ihn aufs Korn.
Ebenso wie bei der Familienstruktur stehen bei dieser
Kontroverse nicht nur Fakten und Interpretationen auf
dem Spiel, sondern auch Philosophie und Politik:
Wenn die Unterbringung in einer Tagesstätte schlecht
ist, dann sollten sich die Frauen zu Hause um ihre
Kinder kümmern. Dies ist eine politisch unrichtige
Schlußfolgerung.
Viele Wissenschaftler haben
meines Erachtens das Gefühl, die Unterstützung der
Behauptung des Niedergangs der Familie sei Hilfestellung und Beruhigung für konservative Politiker und
Religionsführer, die diesen Niedergang beklagen und
die Bekräftigung "traditioneller Werte" fordern.
Freiheit des einzelnen
Seit den fünfziger Jahren haben sowohl Schwangerschaften unter Teenagern als auch Alleinerziehende
dramatisch zugenommen. Wirtschaftliche Veränderungen und das Angebot an Sozialleistungen erklären
diesen Zuwachs jedoch nur teilweise. Zweifelsohne
hat die amerikanische Gesellschaft einige ihr eigene
Charakteristika, die zum Teil dafür verantwortlich
sind, aber da der Niedergang der Familie - das heißt,

AMERIKA DIENST 46

�die Abnahme dauerhafter Ehen und ehelicher
Geburten - sich in zahlreichen Nationen vollzieht,
kann er nicht ausschließlich das Ergebnis amerikanischer Politik oder Eigenheiten sein.
Wir beobachten tiefgreifende, weltweite, langfristige
Veränderungen der Familie, die wahrscheinlich von
Dauer sind. Die Ursachen dieser Veränderungen
sind nicht ganz eindeutig, jedoch wahrscheinlich auf
zwei Faktoren zurückzuführen: Eine Verlagerung
der wirtschaftlichen Funktion der Familie und eine
Verlagerung der Kultur, in die sie eingebettet ist.
Die Familie ist nicht mehr die Einheit, die wirtschaftliche Produktion verwaltet, wie es der Fall war, als die
Landwirtschaft die vorherrschende Produktionsform
war, und sie ist auch nicht mehr das Kernstück für
die Unterstützung der Älteren oder die Ausbildung
der Jüngeren.
Gleichzeitig übt die Familie nicht länger soviel Kontrolle über ihre Angehörigen aus wie früher und
größere Zusammenschlüsse (Clans, Stämme und
Großfamilien) haben weniger Kontrolle über die
Kernfamilie. Seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist die vorherrschende Tendenz im juristischen
und philosophischen Denken die Emanzipation des
einzelnen von allen Formen der Bevormundung des Staates, der Offenbarungsreligion, alter Sitten
und Gebräuche - einschließlich der Bevormundung
durch die Blutsverwandten. Diese Emanzipation hat
sich episodisch und ungleichmäßig, aber unweigerlich vollzogen. Die liberale politische Theorie feiert
den einzelnen und schränkt den Staat ein, schweigt
jedoch über die Familie.
Bemerkenswert ist, wie gut die Familie diesen
Prozeß überdauert hat. Wäre die Familie der bloße
soziale Zusammenschluß, den sich einige Wissenschaftler vorstellen, wäre sie längst den Weg der
Heimindustrie und des landwirtschaftlichen Betriebs
im Eigenbesitz gegangen und das unvermeidliche
Opferder individualisierenden und rationalisierenden
Tendenzen des modernen Lebens geworden. Aber
natürlich ist die Familie nicht eine zur Erfüllung eines
Ziels erfundene menschliche Einrichtung, die zur
Erlangung anderer Ziele neu erfunden oder neu
formuliert werden kann.
Eine universelle Institution
Familie und Verwandte sind im allgemeinen die
grundlegenden Organisationsfaktoren aller primitiven
oder modernen menschlichen Gesellschaften und
sind dies seit Zehntausenden von Jahren gewesen.
Die Familie ist das Produkt evolutionärer Prozesse,
die eine Auswahl gegen die Menschen getroffen
haben, die ihre Nachkommen wahrscheinlich verlassen werden, und zugunsten derjenigen, die für sie

AMERIKA DIENST 46

zu sorgen bereit sind und diese Fürsorge innerhalb
von Verwandtschaftssystemen anbieten, die vornehmlich anhand der Genetik definiert sind.
Wenn die Familie nur eine Bequemlichkeit wäre und
ausschließlich auf wirtschaftliche Umstände reagieren
würde, wäre die derzeitige Debatte über die Familienpolitik sehr viel weniger erbittert als sie ist. Die
Liberalen würden professionelle Kindererziehung in
Tagesstätten unterstützen.
Die Konservativen
würden Kindererziehung zu Hause durch Steuerfreibeträge unterstützen. Die Liberalen würden das
Sozialhilfeproblem ausschließlich als Problem der
Armut definieren und als Lösung großzügigere
Sozialleistungen empfehlen.
Die Konservativen
würden es ausschließlich als Problem der Abhängigkeit definieren und eine Kürzung der Sozialleistungen
empfehlen. Die Liberalen würden davon ausgehen,
daß die Familien zuwenig Geld haben, die Konservativen, daß die Familien das ihnen zur Verfügung
stehende Geld vom Staat erhalten.
Aber sobald man das Familienproblem dahingehend
betrachtet, daß es in beträchtlichem Maße den
Konflikt zwischen einem universellen Kriterium der
menschlichen Gesellschaft und einer tiefgreifenden
kulturellen Herausforderung an die Macht dieser
Institution beinhaltet, nimmt das Problem einen
anderen Charakter an. In dem Maße, in dem man an
die kulturelle Herausforderung glaubt - also an
Emanzipation und Entscheidungsfreiheit des einzelnen - neigt man dazu, die Legitimität und den Einfluß
der Familie in Frage zu stellen. In dem Maße, in
dem man an die Familie glaubt, ist man dazu verleitet, die kulturelle Herausforderung teilweise oder
insgesamt in Frage zu stellen.
Aus diesem Grund wird die Debatte über "Familienwerte" so hitzig geführt. Auf beiden Seiten haben die
Menschen das Gefühl, es sei die zentrale Schlacht im
jetzt die Vereinigten Staaten (oder zumindest die
amerikanische Elite) erfassenden kulturellen Krieg.
Sie haben absolut recht. Für viele Liberale bedeutet
der Begriff Familienwerte eine Bestätigung der
männlichen Autorität, eine Schmälerung der hart
erkämpften Rechte der Frau und einen Freibrief für
die Eltern, ihre Kinder ohne prompte und entschiedene soziale Intervention zu mißhandeln oder zu
vernachlässigen. Für viele Konservative sind Familienwerte das Hauptargument des Widerstands
gegen Ehen zwischen Homosexuellen, bürokratisierte
Kindererziehung und obligatorischen Sexualkundeunterricht in Schulen. Für einige Konservative bedeutet
die Familie eine Verteidigung gegen die bloße Idee
einer geplanten Gesellschaft.
Vernünftige Menschen - beispielsweise die typische
Mutter oder der typische Vater - sehen die Alternati-

Seite 5

�ven weniger eindeutig. Sie werden mit den Konservativen übereinstimmen, daß die Familie die
zentrale Institution der Gesellschaft ist und ohne
verheerende Konsequenzen nicht ersetzt oder
wesentlich verändert werden kann. Sie werden
jedoch auch zahlreichen Liberalen zustimmen, daß
die Gesellschaft Frauen nicht auf eine Rolle im
Haushalt beschränken oder männlicher Macht
unterwerfen sollte und die Institutionen sich der
finanziellen Härten junger Paare heutzutage bewußt
sein sollten, die mit nur einem Gehalt in einer Großstadt zu leben versuchen.
Ein Thema, mit dem sich die meisten Eltern auf
Seiten der Konservativen uneingeschränkt identifizieren, ist meines Erachtens das zentrale Thema. Sie
wollen Politiker, die Medien, Fernsehprogramme und
Filme, um Partei in dem Krieg über das Wesen der
Familie ergreifen zu können. Die Familie ist nicht
eine von mehreren Lebensformen, sie ist keine
Arena, in der Rechte ausgehandelt werden, sie ist
keine altmodische und reaktionäre Barriere zu einem
Sexualleben in Promiskuität, sie ist keine Serie von
Kosten-Nutzen-Rechnungen. Sie ist eine Verpflichtung. Weil die meisten Menschen dies verstehen,
haben der wirtschaftliche und kulturelle Druck auf die
moderne Familie sie nicht zerstört.
Das zentrale Thema der Familienpolitik lautet, ob sie
ausschließlich von einer wirtschaftlichen Sichtweise
dür Familienfunktionen belebt wird oder nicht und
ausschließlich aus wirtschaftlichen Lösungen für
Bedürfnisse der Familie besteht. Die Hauptquelle
sozialpolitischer Ratschläge für Bill Clinton während
seiner Präsidentschaftskampagne waren das Progressive Policy Institute (PPI) sowie vor allem Elaine
Kamarck und William Galston. "Das beste Programm zur Bekämpfung der Armut von Kindern ist
eine stabile, intakte Familie" schreiben sie in dem
PPI-Bericht Mandate for Change. Obwohl das PPI
wirtschaftliche Maßnahmen wie Steuerfreibeträge für
jedes Kind und als Ergänzung zum Lohn berufstätiger Armer nicht unberücksichtigt läßt, fordert das
Institut, daß die Scheidungsgesetze zum besseren

bei der Betonung der Bedeutung intakter und fürsorglicher Familien geltend zu machen.
Die Wahrheit ist jedoch, daß die wichtigsten Kriterien
des Familienlebens außerhalb der Reichweite der
Politik liegen.
Das vor kurzem verabschiedete
amerikanische Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ratifiziert im wesentlichen nur die Möglichkeiten, die große Firmen ihren Angestellten bereits
seit einiger Zeit gewähren: Den Müttern der Mittelschicht wird es etwas leichter gemacht, aber für arme
Mütter im Teenageralter wird wenig getan. Das sehr
viel umstrittenere Thema der Reform des Sozialwesens wird nicht so leicht zu lösen sein, aber praktikable Veränderungen der bestehenden Regeln, die bei
der Anzahl unehelich geborener Kinder etwas bewirken, sind schwer vorstellbar. Die Erhöhung der
Steuertreibeträge könnte armen berufstätigen Eltern
helfen, aber wollen die Amerikaner wirklich, daß eine
alleinstehende Mutter eines zweijährigen Kindes
arbeitet? Die Verschärfung der Scheidungsgesetze
ist vielleicht eine gute Idee, bewirkt jedoch für die
Eltern keinen Unterschied, die erst gar nicht geheiratet haben. Die Verbesserung des Unterhaltssystems
für Kinder ist eine gute Idee, aber viele Väter, die ihre
Kinder verlassen, haben wenig Geld, und es ihnen
abzuverlangen, wird auf keinen Fall einen guten
Vater aus ihnen machen.
Ich vermute, daß die Familienkultur von Grund auf
reformiert werden muß. Die meisten Amerikaner
verstehen wahrscheinlich sehr gut den Unterschied
zwischen einer traditionellen Familie und einer unter
Druck stehenden. Sie wollen ersteres, nicht letzteres.
Die meisten Frauen, vermute ich, können sehr klar
zwischen den von ihnen erkämpften Rechten und den
ihnen auferlegten Pflichten unterscheiden.
Sie
würdigen beide und sehen keinen grundlegenden
Konflikt zwischen ihnen, außer dem Problem, daß
man nicht genug Zeit hat und so jeder einzelne
Entscheidungen treffen muß.
Es ist bemerkenswert, wie gut die meisten Ehemänner und Ehefrauen es ausgehalten haben, angesichts

Schutz der Kinder geändert, die Bestrebungen zur

einer Kultur, in der das von den meisten gewollte

Förderung der elterlichen Verantwortung für die
Kinderfürsorge intensiviert werden sollten, schwangere, drogenabhängige Frauen sich regelmäßigen
Drogentests unterziehen müßten und das Einkommen unterhaltspflichtiger Eltern zur Unterstützung
ihrer Kinder besteuert werden sollte. Der Bericht
fordert den Präsidenten ferner auf, seinen Einfluß

Familienleben von den Medienzaren und Universitätspäpsten als Karikatur angesehen wird, und nur gut
dafür ist, um sich darüber lustig zu machen und es
abzulehnen. Wenn die Geschichte unserer Zeit
geschrieben wird, verdient dieser wütende Kulturkrieg
besondere Aufmerksamkeit, denn er hat sehr viel
größere Konsequenzen als alles andere uns Trennende.

*

Seite 6

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*

*

AMERIKA DIENST 46

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erfolgreiche Militäraktion der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Angriff der Krajina-Serben rechtfertigt militärische Reaktion der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Raketentechnologiekontrollregime&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des ACDA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern "Neue Energie" bei UN-Menschenrechtsbestrebungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Ferraro&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Thanksgiving&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Amerikaner müssen Friedensprozess nähren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Familienwerte und die Rolle der Frau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von James Q. Wilson&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^HON

^

51

23. Dezember 1992
;8^'

, t , S v'

NAKR

EAGLEBURGER FORDERT KOOPERATION
VON NAKR UND NATO BEI FRIEDENSSICHERUNG
Erklärung bei NAKR-Ministertreffen

GATT

AMERIKANISCHER VERHANDLUNGSFÜHRER
DRÄNGT AUF ENDE DES PATTS BEI
GATT-GESPRÄCHEN
Erklärung von Rufus Yerxa

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFTSGIPFEL KONZENTRIERTE
SICH AUF LANGSAMERES WACHSTUM
UND INVESTITIONEN
Auszüge der Redebeiträge

PORTRAT

ANGESEHENER BÜRGERMEISTER ALS
WOHNUNGSBAUMINISTER NOMINIERT
Porträt von Henry Cisneros

BURGERRECHTE

DAS GESETZ, DAS AMERIKA VERÄNDERTE
von Jeannye Thornton-Hencke

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1992

Mit dieser letzten Ausgabe des Jahres 1992
wünscht die Redaktion des Amerika Dienst allen
Beziehern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest
und ein friedliches und erfolgreiches neues Jahr
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�NAKR
23. Dezember 1992

EAGLEBURGER FORDERT KOOPERATION VON
NAKR UND NATO BEI FRIEDENSSICHERUNG
Erklärung bei NAKR-Ministertreffen
BRÜSSEL - (AD) - Die Einigung über ein Programm kooperativer Vorbereitungen für Friedenssicherungsoperationen sollte dem amerikanischen Außenminister Eagleburger zufolge ein Ziel des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) und der NATO sein.
Beim Außenministertreffen des NAKR verwies Eagleburger am 18. Dezember 1992 in Brüssel darauf, man
betrachte es innerhalb der NATO als 'besonders wichtig, daß wir innerhalb des NAKR bei Planung, Ausbildung
und anderen Vorbereitungen für Friedenssicherungsoperationen eng zusammenarbeiten".
"Dies ist nicht nur wichtig zur Gewährleistung größerer Effektivität und der breitestmögliehen Beteiligung an
Friedenssicherungsoperationen", erklärte Eagleburger. "Es ist darüber hinaus lebenswichtig, mit den NAKRStaaten die Art von Partnerschaft und gewohnheitsmäßiger Zusammenarbeit ins Leben zu rufen, die innerhalb
der NATO traditionelle Feinde zu echten Freunden und Verbündeten gemacht hat."
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Erklärung im Wortlaut.

Das heutige Treffen markiert auf internationaler Ebene
das Ende meiner sehr kurzen Tätigkeit als Au ßenminister. Nachdem ich fast 35 Jahre mit dem Kalten Krieg
zu tun hatte, freut es mich besonders, die internationale Bühne vor dieser ersten institutionellen Gründung
der Zeit nach dem Kalten Krieg zu verlassen, einer
Organisation, die unsere Hoffnungen verkörpert, die
Spaltung zwischen Ost und West, die nach wie vor das
grausamste Erbe des Kalten Krieges ist, zu überwinden.
Wir treffen in einem Moment zusammen, in dem der
Frieden des neuen Europas an zahlreichen Fronten
bedroht ist - in Bosnien, Nagorny-Karabach und andernorts. Es ist, als ob Europa zwischen dem Traum
von einer demokratischen Zukunft und dem Alptraum
seiner nationalistischen und intoleranten Vergangenheit gefangen wäre.
Es wäre unrealistisch gewesen anzunehmen, daß wir
über Nacht eine neue Sicherheitsarchitektur aufbauen
könnten, um die neue und zerbrechliche Ordnung vor
den alten und mächtigen Kräften zu schützen, die wir
heute am Werk sehen. Aber wir haben erfolgreich den
Grundstein zu einem wirklich europaweiten Sicherheitssystem gelegt, indem wir sowohl die NATO erneuert als auch den Nordatlantischen Kooperationsrat
geschaffen haben. Diese beiden Institutionen können
AMERIKA DIENST 51

uns im Lauf der Zeit gemeinsam dabei helfen, in
unserem gesamten gemeinsamen demokratischen
Raum zu erlangen, was die NATO innerhalb ihres
Territoriums verwirklicht hat - den Krieg zwischen und
unter ihren Mitgliedstaaten undenkbar zu machen.
In diesem ersten Jahr haben wir einen soliden Anfang
gemacht. Der NAKR hat sich als nützliches Forum des
Dialogs über drängende Sicherheitsfragen etabliert
und ein Programm der Zusammenarbeit bei Fragen
eingeleitet, die von der Konversion der Rüstungsindustrie bis zur Umwelt reichen. Der NAKR erweist sich
als wertvolles Instrument, um den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zu helfen, mit ihrer Hinwendung
zu Demokratie und freier Marktwirtschaft den Übergang zu friedensmäßigen Einsatzkonzepten und sicherheitspolitischen Maßnahmen zu vollziehen.
Wenn jedoch der NAKR gemeinsam mit der NATO
beginnen soll, sein wahres Potential als Eckpfeiler
eines europäischen Sicherheitssystems zu entfalten,
muß er eine substantielle Tagesordnung im Hinblick
auf die wirklichen Sicherheitsherausforderungen entwickeln, vor denen das neue Europa heute steht.
Glücklicherweise haben wir uns auf die meisten Aspekte eines neuen Arbeitsplans verständigt, der unsere
Zusammenarbeit weiterbringen und uns in diese Richtung führen wird. Ich muß jedoch leider feststellen,
Seite 1

�daß wir keine Einigung über ein Programm zur Zusam- menarbeiten, um Bedrohungen des Friedens und der
menarbeit in dem Bereich erzielt haben, der für unsere Stabilität auf diesem Kontinent entgegenzutreten, wo
gemeinsame Sicherheit in den kommenden Jahren am immer sie auftreten.
entscheidendsten sein wird: der Friedenssicherung.
Deshalb hoffen wir, daß wir uns heute darauf verstänInnerhalb der NATO haben wir die Friedenssicherung digen können, ein konkretes und detailliertes Prozur Unterstützung der KSZE und der Vereinten Natio- gramm von Maßnahmen in den NAKR-Arbeitsplan
nen als eines der wichtigsten Elemente unserer Stra- aufzunehmen, die den Weg für gemeinsame Planung,
tegie definiert, um die Instabilitäten der Zeit nach dem Ausbildung und sogar gemeinsame Manöver für FrieKalten Krieg in den Griff zu bekommen. Bei der denssicherungsoperationen ebnen werden. Und wir
Unterstützung solcher Friedenssicherungsoperationen hoffen deshalb auch, da ß die einzige Nation, die bisher
möchten wir eng mit Nichtmitgliedstaaten der NATO nicht bereit war, einer solchen Zusammenarbeit zuzuzusammenarbeiten - insbesondere, wie das Bündnis stimmen, erkennt, daß wir vorwärts gehen müssen.
gestern eindeutig festgestellt hat, mit unseren Part- Das heißt, wir wünschen uns die Teilnahme aller
nern im NAKR.
Mitgliedstaaten des NAKR bei diesem wichtigen Vorhaben.
Unseres Erachtens ist es besonders wichtig, daß wir
innerhalb des NAKR bei Planung, Ausbildung und Der Eckpfeiler der amerikanischen Außenpolitik war
anderen Vorbereitungen für Friedenssicherungsope- während des Großteils meines Lebens - und in der Tat
rationen eng zusammenarbeiten. Dies ist nicht nur während meiner gesamten diplomatischen Laufbahn wichtig zur Gewährleistung größerer Effektivität und die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten die untrennder breitestmöglichen Beteiligung an Friedenssiche- bare Verbindung zwischen ihrer Sicherheit und der
rungsoperationen. Es ist darüber hinaus lebenswich- Europas anerkannten. Ohne das amerikanische
tig, mit den NAKR-Staaten die Art von Partnerschaft Engagement wären wederdie Befreiung Westeuropas
und gewohnheitsmäßiger Zusammenarbeit ins Leben vom Würgegriff Hitlers noch der erfolgreiche Widerzu rufen, die innerhalb der NATO traditionelle Feinde stand gegen Stalins imperialen Kommunismus im
zu echten Freunden und Verbündeten gemacht hat. Anschluß an den Zweiten Weltkrieg möglich gewesen.
Und mit der Verfestigung solcher Gewohnheiten und Aufgrund des amerikanischen Engagements hier sind
Muster der Zusammenarbeit könnte ein Beitrag zur sowohl Europa als auch die Vereinigten Staaten heute
Umgestaltung der Zusammensetzung des Bündnis- frei und sicher.
ses selbst geleistet werden.
Eine neue Führungsgeneration wird in meinem Land
Darüber hinaus gehen wir davon aus, daß uns die nun die Amtsgeschäfte übernehmen, und dies geZusammenarbeit zwischen dem Bündnis und dem schieht genau in einem Augenblick, in dem die Welt
NAKR bei der Friedenssicherung dabei helfen wird, die selbst sich verändert hat. Die Vereinigten Staaten
Art von Krisen und Konflikten zu überwinden, denen werden unterder neuen Führung in Theorie und Praxis
wir in den kommenden Jahren unvermeidlich ausge- dem Bündnis mit unseren demokratischen Partnern in
setzt sein werden. So ist zum Beispiel die Krise im Europa und der Idee verpflichtet bleiben, daß unsere
ehemaligen Jugoslawien, über die die NATO gestern Sicherheit ein und dasselbe und unteilbar ist. Aber
sowohl ihrer starken Besorgnis als auch ihrer Bereit- heute, in dieser Zeit des Übergangs, ist es mehr denn
schaft zum Handeln Ausdruck verliehen hat, gleicher- je entscheidend, daß unser Engagement auf Gegenmaßen eine Herausforderung für Mitteleuropa und die seitigkeit gegründet und unsere Partnerschaft ebenRepubliken der ehemaligen Sowjetunion. Wenn die bürtig bleibt und daß sich die Institutionen, die die
Sicherheitsinteressen Europas im Osten und Westen transatlantischen politischen und Sicherheitsbeziehunwirklich unteilbar werden sollen - wie dies meines gen verkörpern, wirklich anpassen, um den radikal
Erachtens der Fall sein mu ß -, werden wir alle handeln neuen Herausforderungen gerecht zu werden, mit
müssen, als ob dies der Fall wäre, indem wir zusam- denen uns das Zeitalter nach dem Kalten Krieg konfrontiert.
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 51

�GATT
23. Dezember 1992

AMERIKANISCHER VERHANDLUNGSFÜHRER
DRÄNGTAUF ENDE DES PATTS BEI
GATT-GESPRÄCHEN
Erklärung von Rufus Yerxa
GENF - (AD) - Der amerikanische Chefunterhändler bei den Welthandelsgesprächen der Uruguay-Runde hat
erklärt, eine Einigung sei vor dem Jahresende inzwischen unmöglich geworden, die Bemühungen für eine
Lösung müßten jedoch andauern.
Der Stellvertretende US-Handelsbeauftragte Rufus Yerxa erklärte vor dem Verhandlungsausschu ß Handel der
Uruguay-Runde am 18. Dezember 1992, man solle "die wahren Ursachen der Verzögerung und der Meinungsverschiedenheiten ausfindig machen" und sie mit "echten Verhandlungen und nicht mit Scheingefechten oder
dem Verstecken hinter anderen" angehen, um die Gespräche erfolgreich abzuschließen.
"Zweifellos möchten wir alle Erfolg haben", stellte Yerxa fest. "Die Frage lautet, ob wir einen Weg finden können."
Nachfolgend veröffentlichen wir Yerxas Erklärung im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten kommen
zu diesem Treffen mit Enttäuschung darüber, daß die
Umstände und Ereignisse uns zu wenig Zeit belassen,
um bis zum Jahresende einen politischen Konsens
über die Uruguay-Runde zu erzielen. Wir sind jedoch
nach wie vor der Überzeugung, daß die Bemühungen
zur Erlangung der erforderlichen Reform des internationalen Handelssystems andauern müssen.
Es wird eine Menge "Stammtischgespräche" von
Personen außerhalb des Verhandlungsprozesses
darüber geben, was falsch gelaufen ist und wer daran
die Schuld trägt. Einige werden zweifeltos Schuldzuweisungen vornehmen, während wir alle die Welt
davon zu überzeugen versuchen, daß unsere jeweilige
Regierung nicht für diese unglückliche Lage verantwortlich gemacht werden kann. Dies ist zu erwarten.
Wenn wir aber wirklich entdecken, was für den Abschluß der Uruguay-Runde erforderlich sein wird, wird
es für uns entscheidend sein, die wahren Ursachen der
Verzögerung und der Meinungsverschiedenheiten
ausfindig zu machen. Nur dann können wir beginnen,
sie systematisch und mit Realismus anzugehen. Heute
ist nämlich offenkundig, daß es weiterer harter Verhandlungen - echter Verhandlungen und nicht Scheingefechten oder dem Verstecken hinter anderen

AMERIKA DIENST 51

bedarf -, um das durchgreifendste Handelsabkommen
in der Geschichte zu einem erfolgreichen Abschlu ß zu
bringen. Es wird nicht mit Patentrezepten oder Tricks
zu lösen sein, die niemand unter uns im eigenen Land
verkaufen könnte, sondern nur mit einem vollständig
ausgehandelten Schlußdokument, dem alle Teilnehmer verpflichtet sind.
Eines unserer größten Hindernisse war die Tatsache,
daß unvorhergesehene Umstände zu einem solch
späten Start der Auf nähme der wirklichen Verhandlungen über Marktzugang geführt haben. Dies hat zweifellos die Gesamtfortschritte in Genf beeinträchtigt.
Ich freue mich, feststellen zu können, daß die Europäische Gemeinschaft nun einen Zeitplan für die Agrarverhandlungen vorgelegt hat, obwohl ich bereits sagen
kann, daß Elemente ihres Angebots weitere Probleme
aufwerfen, die die Verhandlungen verlängern werden.
Unglücklicherweise war es unmöglich, über Marktzugang im Agrarbereich zu verhandeln, bevor die Gemeinschaft ihre internen Probleme beigelegt hatte.
Diese Lösung wurde gerade erst erzielt. Einige möchten Sie vielleicht davon überzeugen, daß zwischen der
Vorlage am 17. Dezember und einer Frist bis zum 22.
Dezember genug Zeit für den Abschluß einer politischen Vereinbarung auf der Grundlage dieser neuen

Seite 1

�Vorlage bleibt, aber ich stelle die Logik dieser Behauptung in Frage. Überdies sind andere wichtige Teilnehmer immer noch nicht in der Lage, umfassende Angebote im Agrarbereich zu präsentieren.

lungsausschusses Handel (TNC) nicht das Klima für
Fortschritte in den Bereichen 3 und 4 geschaffen.
Einige Teilnehmer meinen, wir sollten dieses Problem
lösen, indem wir den Zuschlag erteilen und den Entwurf der Schlußakte verabschieden. Das ist unrealiWas jetzt erforderlich - und in der Tat überfällig ist -, ist stisch. Viele Delegationen haben substantielle, intereine bedeutsame Verhandlungsrunde über das Paket pretative und Entwurfsprobleme zur Sprache gebracht,
zum Marktzugang im Agrarbereich. Ohne Fortschritte die sie behandelt sehen möchten. Natürlich möchten
in diesem Bereich werden viele Teilnehmer einem viele in diesem Raum Schuldzuweisungen vornehGesamtabkommen schlicht die politische Zustimmung men, damit jemand anders den schwarzen Peter dafür
verweigern. Wenn die Positionen gewisser Teilneh- zugeschoben bekommt, daß Bereiche außerhalb der
mer in diesem Prozeß die Oberhand gewinnen, wer- Landwirtschaft angesprochen wurden. Das wahre
den die Bedingungen des Marktzugangs im Agrarbe- Problem ist jedoch die Weigerung, die Notwendigkeit
reich darüber hinaus nach dem Abschlu ß der Uruguay- anzuerkennen, an die schwierige und sensible AufgaRunde noch restriktiver ausfallen. Ein solches Ergeb- be der Fertigstellung des Textes zu gehen.
nis können wir weder akzeptieren, noch liegt es im
besten Interesse der meisten Länder.
Beim TNC-Treffen am 13. Januar verwies die EG auf
ihre Probleme mit den Agrarteilen des Textes, den wir
Bei Industrieprodukten waren die Teilnehmer bisher übrigens zu akzeptieren bereit waren. Beim gleichen
noch nicht in der Lage, ein Paket zum Marktzugang Treffen erklärten die Vereinigten Staaten, "wir finden,
auszuhandeln, das den Zielen aller Rechnung trägt daß gewisse andere Textpassagen Defizite aufweiund ein Maximum an Liberalisierung gewährleistet. sen" und stellten fest, daß "in einigen Fällen der Text
Einige möchten sich rasch auf ein Mindestpaket ver- beim Abbau von Schranken, bei der Festsetzung von
ständigen. Wir haben andererseits kein Geheimnis rigorosen Normen oder der Gewährleistung starker
aus der Notwendigkeit gemacht, ein Paket zu erhalten, Disziplinen und Mittel gegen unfaires Verhalten nicht
das zahlreiche zollfreie Sektoren einbezieht, darunter weit genug geht". Wir erklärten den Parteien, daß wir
Elektronik, Holz, Papier, nichteisenhaltige Metalle und alle bereit sein müssen, unsere verbleibenden Meiviele andere. Wir sind bereit, unseren Beitrag zu einem nungsverschiedenheiten beizulegen, da wir andernsolchen Paket zu leisten, auch im Bereich der Spitzen- falls ein Scheitern riskierten.
zollsätze, die alle weiterhin auf dem Verhandlungstisch liegen. Wir werden die gegenwärtig bestehende In den nächsten 10 Monaten stellten wir jedoch fest,
Blockade bei den Zöllen auf Industrieprodukte ohne daß es unmöglich war, multilaterale Verhandlungen
eine Verpflichtung aller Seiten, für das Schlußpaket über Probleme zu führen, die für uns von Bedeutung
einen Maximalansatz - anstatt eines Minimalansatzes waren. Statt dessen war es erforderlich, zu sehen, ob
- zu wählen, nicht beseitigen.
wir zugunsten zahlreicher betroffener Agrarexporteure den Bedenken der EG im Bereich Landwirtschaft
Einige mögen auf die unlängst erfolgte Vorlage eines entgegenkommen könnten. Sie alle kennen die Geüberarbeiteten Angebots der Europäischen Gemein- schichte dieses Dramas, und ich werde nicht weiter
schaft verweisen. Dieses Angebot ist jedoch im we- darauf eingehen. Es soll ausreichen, anzumerken,
sentlichen ein Schnappschuß des Verhandlungspro- daß hier in Genf ein stillschweigendes Einverständnis
zesses, der die Notwendigkeit weiterer Verhandlun- darüber herrschte, daß wir einen solchen Durchbruch
gen illustriert, wenn wir ein Paket zum Marktzugang im Agrarbereich benötigten. Dies sollte jedoch nievollenden möchten. Die Vereinigten Staaten sind mandes Urteil erschüttert haben, daß ein konzentrierbereit, ein ähnliches Angebot in Form eines "Statusbe- ter und intensiver Prozeß zur Lösung der Probleme in
richts" zu Beginn der nächsten Woche vorzulegen. anderen Bereichen des Entwurfs erforderlich ist. Der
Wenn wir dies tun, werden wir jedoch andere darauf TNC war nicht in der Lage, einen solchen Prozeß zu
hinweisen, daß wir nur durch das Engagement, über entwickeln und ihm genug Zeit einzuräumen, um die
politisch sichere Positionen hinauszugehen und eine Aufgabe zu bewältigen. Die Vereinigten Staaten haben
maximale Öffnung der Märkte zu erzielen, das erfor- seit Mitte November ein vollständiges Team entsandt,
derliche Signal geben können, daß das Paket über daß genau für diese Verhandlungen bereitsteht. Wir
Industriezölle schließlich doch Gestalt annimmt.
sind weiterhin willens, dieses schwierige Unterfangen
durchzuführen. Eine Reihe von Vorschlägen liegen
Diese bedauerlichen und unvorhergesehenen Verzöheute auf dem Verhandlungstisch. Unsere Gespräche
gerungen bei der Erlangung echter, greifbarer Ergebder letzten Tage bestätigen, daß in einigen Fällen die
nisse beim Marktzugang haben uns daran gehindert,
Unterhändler Sprachregelungen vorgelegt haben, die
den erforderlichen Schwung zu gewinnen, um unsere
anscheinend bereits seit einiger Zeit in ihren GesäßtaDifferenzen über den Entwurf der "Schlu ßakte" auszuschen angewärmt wurden, da sie nur auf den richtigen
räumen. Tatsächlich haben die Bereiche 1 und 2
Moment warteten.
entgegen dem Plan des Vorsitzenden des Verhand-

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AMERIKA DIENST 51

�Die Realität ist einfach: Wir waren nicht in der Lage,
die Schlußabmachung auszuhandeln. So soll es denn
sein. Zumindest wissen wir jetzt, wo die wirklichen
Differenzen liegen, die uns alle von einer fröhlichen
Unterzeichnungszeremonie trennen. Was wir alle jetzt
tun müssen, ist, in den kommenden Wochen unsere
informellen Kontakte untereinander zu intensivieren,
um zu sehen, wie wir unsere Meinungsverschiedenheiten beilegen können. Zweifellos möchten wir

alle Erfolg haben. Die Frage lautet, ob wir einen
Weg finden können.
Herr Vorsitzender, wir freuen uns darauf, unsere
Gespräche im neuen Jahr in einer erneuerten Atmosphäre der Hoffnung ebenso wie mit einem nüchternen
Realitätssinn im Hinblick auf die vor uns liegenden
Aufgaben wiederaufzunehmen.

*

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*

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�WIRTSCHAFT
23. Dezember 1992

WIRTSCHAFTSGIPFEL KONZENTRIERT SICH AUF
LANGSAMES WACHSTUM UND INVESTITIONEN
Auszüge der Redebeiträge
LITTLEROCK-(AD)-Beidem vom künftigen Präsidenten Clinton am 14. und 15. Dezember 1992 anberaumten
"Wirtschaftsgipfel" zogen Wirtschaftswissenschaftler Bilanz der amerikanischen und internationalen Wirtschaftslage, erörterten die wesentlichen Probleme und unterbreiteten Vorschläge zu deren Lösung. Die
Veranstaltung wurde landesweit im Fernsehen übertragen.
Nachfolgend veröffentlichen wir kurze Auszüge aus den Redebeiträgen von zwölf Teilnehmern.
Robert Solow, Nobelpreisträger und Professor am
Massachusetts Institute of Technology

schnittsfamilie verbessert sich nur langsam - und ein
zunehmendes Gefälle - das bedeutet, der Lebensstandard vieler Familien wird niedriger statt höher. Die
Wir leben mit den Folgen vierjähriger Stagnation, einzige Lösung für das Produktivitätsproblem sind
erwarten das Ende einer Rezession, die nicht aufhören Investitionen in moderne Industrieausrüstung, Forwill. Jeder sucht nach Anzeichen für eine Gesundung schung und Entwicklung, die Verkehrs- und Kommuniwie Landwirte nach Regen Ausschau halten...
kationsinfrastruktur sowie Aus- und Fortbildung.
Die einzige Lösung für das langfristige Problem sind
mehr Investitionen aller Art. Es gibt jedoch nichts
Lähmenderes für Unternehmensinvestitionen als eine
Volkswirtschaft, die stagniert und ihre vorhandenen
Produktionskapazitäten nicht nutzt. Hätte 1991 und
1992 eine normale Erholung stattgefunden, hätte die
amerikanische Industrie zusätzliche Investitionen in
neue Betriebe und Ausrüstung in Höhe von mindestens 100 Milliarden Dollar getätigt, und wir wären
mindestens 100 Milliarden Dollar näher an einer effizienten Industriebasis, die technologisch auf dem
neuesten Stand ist...

Aus- und Fortbildung sind von zweifacher Bedeutung.
Sie dienen einem doppelten Zweck, denn sie sind die
einzige uns zur Verfügung stehende realistische Chance
zur Verbesserung der Einkommensmöglichkeiten der
Armen, damit auch sie von steigenden Einkommen
profitieren können.

Schließlich lautet die vordringlichste Aufgabe, einen
starken Aufschwung herbeizuführen. Dies ist nicht nur
unabdingbar, weil es das einzige ist, was wir tun
können, um in den nächsten drei oder vier Jahren
Ergebnisse zu zeitigen. Ohne einen starken Aufschwung erhalten wirauch nicht die benötigten InvestiIn den vergangenen 15 Jahren hat sich in der amerika- tionen, und die langfristigen Probleme werden gravienischen Wirtschaft eine wichtige Entwicklung vollzo- render und schwieriger zu beheben.
gen... Die Kluft zwischen Reichen und Armen ist
größer geworden als zuvor... Die 20 Prozent der Alan Blinder, Professor für WirtschaftswissenFamilien mit den niedrigsten Einkommen im Jahr 1992 schaften, Princeton University
hatten absolut niedrigere Einkommen als die 20 Prozent der Familien im Jahr 1977. Die nächsten paar Ich möchte heute morgen hier ein sehr einfaches
Prozent konnten ihren Stand gerade halten. Rund 40 Thema anschneiden - nämlich, daß die unzureichenProzent der Familien konnten zwischen 1977 und den Investitionen in unser Humankapital, die Qualität
1992 geringe Zuwächse verzeichnen, aber nur die unserer Arbeitskräfte, einen Großteil des vor uns lieoberen 20 Prozent der Familien haben wirklich dazu- genden Problems darstellen und eine Behebung dieser Situation einen wesentlichen Teil der Lösung
gewonnen...
ausmacht. Aus diesem Grund wurde im WahlkampfDie zwei grundlegenden langfristigen Probleme unse- programm die Betonung vornehmlich auf den Menrer Volkswirtschaft sind schwacher Produktivitätszu- schen gelegt - und dies war meines Erachtens durchwachs - das heißt, der Lebensstandard der Durch- aus angemessen.
AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�Was ist also das Problem?... In der Tat gibt es zwei
Probleme. Das erste ist der absolut erschreckende
Rückgang des Produktivitätszuwachses... Der zweite
Teil des Problems ist... der unzumutbare Anstieg des
Einkommensgefälles...

Es wurde bereits eine Vielzahl von Projekten ausgemacht, die sich potentiell außerordentlich bezahlt
machen. Zum Beispiel können sich die Einnahmen
aus dem Bundesautobahnnetz auf 30 bis 40 Prozent
belaufen. Auch zunehmende Ausgaben wie etwa für
die Flugsicherung und die Rollbahnen können sich äuDie erste Reaktion der Vereinigten Staaten auf das ßerst bezahlt machen. Die Fakten belegen ferner die
Problem des Produktivitätsrückgangs hat das Pro- Bereitschaft der Bevölkerung, für höhere staatliche Inblem des Einkommensgefälles noch verschlimmert. vestitionen zu bezahlen. Wann immer sie über AusgaIch beziehe mich hier natürlich auf die angebotsorien- ben für Brücken, Wasser- und Abwassersysteme,
tierte Wirtschaft oder eine Wirtschaftsentwicklung von Straßen oder Umweltprojekte abstimmen sollen, sind
oben nach unten mit Sickereffekt - wie immer Sie es sie für gewöhnlich zu einem sehr hohen Prozentsatz
bezeichnen wollen. Ich möchte betonen, daß die dem für die Vorschläge.
Programm zugrundeliegende Logik absolut schlüssig
war. Diese Denkweise war nicht irreführend. Steuer- Michael Porter, Professor für Betriebswirtschaft,
anreize für Spareinlagen und Investitionen verschaf- Harvard University
fen - wenn sie funktionieren - dem Land mehr Kapital,
Arbeitnehmer mit mehr Kapital sind produktiver und Das herkömmliche Paradigma war eines, bei dem sich
produktivere Arbeitnehmer verdienen besser. Das Erfolg auf den Zugang zu Rohstoffen, Arbeitskräften
und wissenschaftlichen Erkenntnissen gründete. Das
war die Logik.
herkömmliche Paradigma war eines, in dem UnternehWenn man jedoch das nackte Gerüst der Logik mit auf men sich großer, auf dem Binnenmarkt erwirtschafteForschung, Erkenntnisse und nicht zuletzt gesunden ter Kostenersparnisse durch optimale BetriebsvergröMenschenverstand gegründeten Zahlen versieht, sum- ßerung erfreuen konnten und florierten. Mit diesem
miert sich das bedauerlicherweise zu keinem sehr alten Paradigma sind wir gut gefahren. Dieses alte
großen Sickereffekt. ..Während der Zeit derangebots- Paradigma wurde jedoch durch ein neues ersetzt - die
orientierten Wirtschaft nahmen die Reallöhne um rund Globalisierung des Wettbewerbs und den technologiein Viertelprozent pro Jahr in einem Zeitraum von 11 schen Fortschritt.
Jahren zu. Das ist eine nationale Tragödie.
Heute sind Rohstoffe auf Weltmärkten frei verfügbar.
Glücklicherweise gibt es eine alternative Strategie zur Heute können Firmen arbeitskräfteintensive AktivitäWirtschaftsentwicklung von oben nach unten, nämlich ten an jeden Ort der Welt verlagern, um von niedrigeeine von unten nach oben. Die Logik entspricht genau ren Lohnkosten zu profitieren. Heute sind wissender schlüssigen Logik des Sickereffekts. Das heißt, schaftliche Erkenntnisse leicht zu beschaffen... Alles
wenn man die Verbesserung der Qualität der Erwerbs- befindet sich heute im freien Fluß.
bevölkerung anstrebt und damit Erfolg hat, erhöht sich
die Produktivität des Kapitals in unserer Volkswirt- Heute ist das alte Paradigma durch ein neues ersetzt
schaft, vermehrt sich das Einkommen der Kapitaleig- worden - durch internationalen Wettbewerb. Und
ner und es gibt nichts, was Investitionen mehr ankur- dieses Paradigma gründet sich auf Dynamik, die
Fähigkeit von Unternehmen zu Innovation und höchbelt als höhere Kapitalerträge...
ster Modernisierung, um konkurrenzfähig zu sein. Dieses
Alicia Munnell, Vizepräsidentin und Forschungs- neue Paradigma bedeutet, daß Nachteile in Vorteile
umgewandelt werden können. Japan hat sehr hohe
direktorin, Bundeszentralbank von Boston
Energie- und Grundstückskosten. Durch Innovation
Jüngste Forschungen belegen, daß die öffentliche haben die Japaner diese Nachteile in energiesparende
Infrastruktur zum Produktivitätszuwachs des Privat- Produkte und raumsparende Produktionstechniken
sektors beiträgt. Betrachten Sie sich beispielsweise umgekehrt wie "just-in-time". Mit dem neuen Paradigdie einzelnen Bundesstaaten im Hinblick auf ein be- ma sind Kostenersparnisse durch optimale Betriebsstimmtes Niveau von Privatkapital und Arbeitskräften, vergrößerungen veraltet und werden durch dynamiso produzieren Bundesstaaten mit einer besseren schere Konkurrenten ersetzt...
öffentlichen Infrastruktur mehr Waren und Dienstleistungen. Studien haben ferner ergeben, daß Ausga- Die Frage ist, was geschieht, wenn sich Unternehmen
ben für die Infrastruktur im Gegensatz zur herkömmli- entwickeln. Und hier wird die gesamte amerikanische
chen Meinung von Ökonomen Privatinvestitionen nicht Industrie investitionsmäßig einfach dramatisch überverdrängen, sondern sie vielmehr stimulieren. Zusam- treffen. Die Graphik zeigt, daß wir bei Anlage- und
mengenommen belegen die Fakten, daß Investitionen Ausrüstungsinvestitionen übertroffen werden. In diein die Infrastruktur den wirtschaftlichen Kuchen in sen Bereichen investieren wir bedeutend weniger als
Zukunft vergrößern können...
unsere großen internationalen Konkurrenten...

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�Wir können in den Vereinigten Staaten unsere Probleme mit fehlenden Privatinvestitionen nicht durch verstärkte staatliche Investitionen lösen. Dafür haben wir
einfach ein zu großes Haushaltsdefizit. Es gibt keine
Möglichkeit für die Bundesregierung,... jemals genug
Geld in das System zu pumpen, um fehlende Privatinvestitionen auszugleichen.
Was bedeutet das? Es bedeutet zweierlei. Erstens
müssen wir unsere Probleme direkt auf dem Sektorder
Privatinvestitionen angehen. Wir müssen sie auf
direktem Weg lösen. Zweitens dürfen wir die knappen
Mittel unseres Landes nicht um ihrer selbst willen
nutzen, sondern müssen mit ihrer Hilfe Anreize schaffen und größere Investitionen im Privatsektor herbeiführen. Staatliche Investitionen können kein Ersatz für
Privatinvestitionen sein, sondern sollten letztere auslösen und ergänzen.
Rüdiger Dornbusch, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology
Europa hat zwei Probleme. Eines davon ist Deutschland. Die Bundesbank ist ständig auf die Inflation
fixiert. Das ist einerseits richtig, denn die Inflationsrate
steigt; andererseits wären andere Möglichkeiten der
Inflationsbekämpfung - Zurückhaltung bei Lohnerhöhungen und Maßnahmen im Bereich der Haushaltspolitik - vielleicht besser. Tatsache ist jedoch, daß
Deutschlands Geldpolitik ganz Europa in ihren Sog
gezogen hat, und daß dort ein Wandel nicht so schnell
zu erwarten ist...
Wenn die Inflation in Deutschland weiterhin ein Problem bleibt, wenn sich die anderen Länder weiterhin an
die Deutsche Mark klammern, weil sie keine Alternative dazu sehen, dann wird es in Europa sicherlich
Nullwachstum und vielleicht sogar eine Rezession
geben. Eine europäische Rezession ist jedoch keine
Lösung, denn Osteuropa braucht Märkte, Osteuropa
braucht Reformen, und wenn die Westeuropäer das
Gefühl haben, daß sich die Wirtschaftslage verschlechtert, dann verschlimmert das nur die Aussichten für die
Weltwirtschaft.

kommt jetzt vielleicht zu spät und reicht zur Lösung des
japanischen Problems nicht aus. Sehr wenig Wachstum im kommenden Jahr, vielleicht Nullwachstum oder
sogar eine Rezession - so sind die Aussichten wahrscheinlich für Japan...
Wenn es aus Europa und Japan schlechte Nachrichten gibt, so trifft das auch auf Lateinamerika zu. Das
Wachstum ist auf 1,5 bis 2 Prozent gesunken, und in
Mexiko werden die Probleme immer größer, da die
Währung dort derart überbewertet ist, daß die Regierung das Wachstum bremsen muß. In Argentinien
sind die Reformen ins Stocken geraten, weil die überbewertete Währung plötzlich viele positive Ereignisse
der letzten Jahre wieder in Frage stellt. In Venezuela
ist der Populismus die Regel, und in Brasilien erweist
sich der neue amtierende Präsident schon vor Ende
des ersten Monats seiner Amtszeit als ein Populist.
Lateinamerika, das in den letzten Jahren aufgrund der
zunehmenden Liberalisierung seiner Volkswirtschaften ein wichtiger Markt war, könnte in den nächsten
Jahren für uns zu einem Problemgebiet und weniger zu
einer Quelle des Wachstums werden.
Zum Schluß äußerst schlechte Nachrichten aus der
ehemaligen Sowjetunion... das Chaos in Rußland, die
bevorstehende Hyperinflation, fehlende Fortschritte
im Bereich der marktwirtschaftlichen Reformen, immer offensichtlicheres Fehlen politischer Stabilität...
all das bedeutet, daß es für die Weltwirtschaft weniger
Gewißheit und folglich eine weniger stabile Weltwirtschaft gibt.
Jeffrey Garten, Professor für Finanz- und Wirtschaftswissenschaften an der Business School
der Columbia University

Die Aussichten für die europäische Wirtschaft sind
düster... Aber neben der wirtschaftlichen gibt es eine
soziale Situation, die meiner Meinung nach außer
Kontrolle zu geraten droht. Das große Problem sind
die Flüchtlinge, nicht nur aus Osteuropa, sondern auch
aus Nordafrika. In ganz Europa sind wir Zeuge heftiger
Reaktionen von Bürgern, die um ihre Arbeitsplätze
fürchten, sich über steigende Mieten Sorgen machen,
über all die drängenden Probleme, die dieser breite
Neben dem drängenden Problem der deutschen Infla- Zustrom von Menschen mit sich bringt...
tion existiert das noch viel gravierendere Problem, daß
Europa sein Ziel verliert. Maastricht, ein geeintes Das Wechselkurssystem Europas steht kurz vor dem
Westeuropa, war in den Zeiten des Kommunismus Zusammenbruch. Angesichts der wirtschaftlichen
und der Mauer eine außergewöhnliche Idee, die je- Umstände überrascht es nicht, daß in Europa der Ruf
doch heute wenig Sinn hat...
nach Protektionismus lauter wird... Da das europäische Wechselkurssystem kurz vor dem ZusammenIn Japan sieht es ebenso schlecht aus... Die Ge- bruch steht, wird das Finanzsystem der Welt sich
schäftswelt ist angesichts der schwindenden Nachfra- enormen Unsicherheiten gegenübersehen...
ge und der steigenden Lagerbestände wie gelähmt,
alle Banken sind bankrott und die Regierung ist prak- Meiner Ansicht nach müssen wir so eng wir können mit
tisch hilflos... Man versucht jetzt, dem Problem im den Europäern und Japanern zusammenarbeiten, um
Bereich der Haushaltspolitik beizukommen, aber das ... sie zu ermuntern, keine deflationäre, wie das jetzt
Paket, das nun vom Parlament angenommen wurde, der Fall ist, sondern eine wachstumsorientierte Politik

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�zu verfolgen... In Ländern wie Deutschland oder
Japan gibt es ein so großes Führungsvakuum, die
Politiker verfolgen meiner Meinung nach keine klare
Linie, und das ist für die Vereinigten Staaten wirklich
eine gute Gelegenheit.

Nachricht sind neu entstehende Märkte, insbesondere
in Lateinamerika. Die Märkte der Entwicklungsländer
haben dieses Jahr fast drei Viertel zum Exportwachstum der Vereinigten Staaten beigetragen. Allein die
Exporte nach Lateinamerika stiegen 1991 um 18 Prozent und steigen fast dreimal so schnell wie die ameIch denke, wir müssen die Uruguay-Runde so bald wie rikanischen Exporte in die ganze Welt. Das ist fast
möglich zu einem Abschlu ß bringen. Ich wei ß, daß das viermal so schnell wie der Anstieg bei Exporten in die
kein perfektes Abkommen ist. Es wird niemals ein Europäische Gemeinschaft und siebenmal so schnell
perfektes Abkommen geben. Aber ein Abschluß der wie der Anstieg bei Lieferungen in alle EntwicklungsUruguay-Runde würde auf der ganzen Welt das Ver- länder.
trauen in die Wirtschaft stärken, es wäre für das
Welthandelssystem wie ein Schuß Adrenalin...
Der Handel mit Lateinamerika reicht jedoch nicht aus.
Der Handel mit dieser Region ist nur ein relativ kleiner
Larry Summers, Chefökonom der Weltbank
Teil unseres gesamten Handels. Die schnelle Wachstumsrate unserer Exporte nach Lateinamerika kann
Das einzige, was schneller gesunken ist als der Output
wegen der erneuten enormen Außenhandelsdefizite
in Osteuropa und der früheren Sowjetunion sind Schätvieler dieser Länder nicht aufrechterhalten werden.
zungen über den Wohlstand dieser Länder, nachdem
Darüber hinaus hält die Schwäche der größten Volkswestliche Wirtschaftswissenschaftler die Möglichkeit
wirtschaft der Region, Brasilien, weiter an, und am
bekommen hatten, die Vorgänge dort zu untersuchen.
Horizont türmen sich dunkle Wolken auf in dem Maße,
Nach den neuesten Schätzungen beträgt der Lebensin dem die Unzufriedenheit mit dem langsamen Anstandard dort ein Achtel des Lebensstandards in den
wachsen wirtschaftlicher Vorteile für die einkommensVereinigten Staaten.
schwächeren Gruppen in jener Region steigt.
Die sozialen Indikatoren sind noch schlechter. Aufgrund der Umweltprobleme und der Probleme im James Tobin, Nobelpreisträger, Yale University
Gesundheitssektor ist die Lebenserwartung der Män- Das Problem (der amerikanischen Wirtschaft) ist ein
ner in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion in Problem der Nachfrage, das heißt, es wird nicht genug
den letzten 25 Jahren um mehr als zwei Jahre gesun- ausgegeben - von Konsumenten, Ausländern, die
ken...
unsere Produkte kaufen, Regierungen, die Waren und
Dienstleistungen erwerben, Unternehmern, die InveMutige Reformen sind hierauf die einzige Antwort und
stitionen tätigen. Besteht also Anreiz zur Schaffung
die einzige Aussicht auf Erfolg. Manche, die sich die
der Arbeitsplätze, die wir bis 1996 benötigen? Meines
wirklich desolate Wirtschaftslage in Osteuropa und der
Erachtens ja. Der Arbeitsmarkt ist aus vielerlei Grünehemaligen Sowjetunion anschauen, sind der Meiden schwächer, als die Arbeitslosenquote vermuten
nung, sie erfordere langsamere, schrittweise Reforläßt. Zahlreiche Arbeitnehmer wurden unfreiwillig auf
men oder eine andere Lösung. Das stimmt nicht. Es
Kurzarbeit gesetzt, obwohl sie lieber Vollzeit arbeiten
ist offenkundig, daß das Fehlen von Reformen, nicht
würden...
jedoch ihre Ergebnisse, das Problem sind. Eine fünfzigprozentige Verringerung des Handels innerhalb der Eine Frage lautet, warum kann die Bundeszentralbank
ehemaligen Sowjetunion, ein Verteidigungssektor, der diese Aufgabe nicht alleine bewältigen? Nun, wir
früher ein Fünftel der sich im freien Fall befindlichen haben gestern vom Bankrott der Banken gehört und
Wirtschaft ausmachte, eineduich ständige Subventio- sehen, daß es die Bundeszentrabank mehr oder weniger
nen hervorgerufene Hyperinflation - das und nicht die aufgegeben hat, irgend etwas zur Ankurbelung der
Reformbemühungen sind die Gründe für den Verfall Nachfrage in die Wege zu leiten, obwohl sie eine
der Wirtschaft.
Spanne von 300 Punkten zwischen den Zinssätzen hat
- den aktuellen Zinssätzen für kurzfristige Anlagen und
Paula Stern, Präsidentin der Stern Group
Null. Vielleicht hat die Bundeszentralbank während
Der anhaltende starke Anstieg der Exporte und die der jüngsten Konjunkturflaute zu spät zu wenig unterVerringerung des amerikanischen Haushaltsdefizits nommen, so daß sie die Erwartungen von Wirtschaft
sind jetzt großen Bedrohungen ausgesetzt. Diegrößte und Unternehmen nicht erfüllen konnte. Aus diesem
Gefahr für die Exporte der Vereinigten Staaten ist die Grund benötigt das Land kurzfristig gewisse Steueranwirtschaftliche Verlangsamung in den meisten Indu- reize. Praktisch jeder Konjunkturaufschwung seit dem
strieländern... Das hat zur Folge, daß unsere wichtig- Zweiten Weltkrieg erfolgte mit Hilfe steuerlicher Anreisten Exportmärkte stagnieren und eine Belastung für ze und Sie erinnern sich vielleicht, daß der Aufschwung
der achtziger Jahre dank der Steuersenkungen und
eine mögliche binnenwirtschaftliche Erholung sind.
militärischen Aufrüstung der Reagan-Administration
Zusätzlich stellt die gegenwärtige Unterbewertung des mit den massivsten steuerlichen Anreizen gestützt
Yen eine Gefahr für den Handel der Vereinigten Staa- wurde, die je in Friedenszeiten gewährt wurden.
ten dar. Das war die schlechte Nachricht. Die gute
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AMERIKA DIENST 51

�Im Augenblick ist Inflation unwahrscheinlich, nicht
existent, und wir sind weit von einer Überschwemmung der Kapitalmärkte entfernt. Wegen dieser Tatsachen gibt es keinen besonderen Grund, sich mit der
Expansion der Wirtschaft zurückzuhalten.

nehmensexpansion aufrechtzuerhalten. Ein Programm
in Höhe von 20 bis 30 Milliarden Dollar für kurzfristige
Steueranreize sollte meiner Meinung nach abgeschlossen und wie benötigt Anfang 1993 gesetzlich verankert
werden, allerdings mit einer Option, es auf Eis zu
legen, wenn der derzeitige wirtschaftliche Aufschwung
Sie als Mitglieder der neuen Administration wollen die zu viel Auftrieb erhält.
Bundeszentralbank auf Ihrer Seite haben, damit sie
einen gesunden Aufschwung bewirkt, und ich hoffe, Die Kriterien der bei diesen steuerlichen Anreizen
daß das Finanzministerium unter dem neuen Minister verwendeten Maßnahmen sollten meines Erachtens
aufhören wird, Obligationen mit langer Laufzeit zu doppelte Aufgaben erfüllen oder in dem Sinn wirksam
übertrieben hohen langfristigen Zinssätzen herauszu- werden, daß es Maßnahmen sind, die kurzfristiges
geben.
Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen
ankurbeln, gleichzeitig jedoch die mögliche Produktion
Die Steuerpolitik zur wirtschaftlichen Gesundung hebt langfristig erhöhen. Zu Möglichkeiten für diese doppelzwangsläufig das Defizit vorübergehend an. Wir lügen te Aufgabenstellung oder wirksamen Maßnahmen dieser
uns selbst in die Tasche, wenn wir davon ausgehen, es Art zählen: Ausgaben für die Infrastruktur von Stragäbe steuerliche Anreize, die nicht dieses Ergebnis ßen, Autobahnen, Gebäuden, Flughäfen, Schienenzeitigen. Meines Erachtens mu ß man die kurzfristigen und Telekommunikationsnetzen sowie steuerlich
steuerlichen Anreize mit glaubwürdigen Maßnahmen absetzbare Kredite für Investitionen in Gerät. All diese
zum Abbau des Defizits verbinden, die später so weit Maßnahmen können kurzfristig die Schaffung von
wie möglich schrittweise eingeführt und wirksam wer- Arbeitsplätzen und Wachstum fördern, längerfristig
den - seien es Steuererhöhungen oder Ausgabenredu- jedoch zu potentieller Produktion beitragen. Steuerlich
zierungen. Wir wissen ferner alle, daß eine der Not- absetzbare Kredite für Investitionen würden pro Dollar
wendigkeiten bei jedem Plan zum Defizitabbau langfri- den größten Gewinn erzielen, wenn sie für produktives
stig in der Lösung der Probleme im Gesundheitswesen Gerät getätigt und aufgestockt werden können oder
besteht.
erstattungsfähig sind. Andere Möglichkeiten sind
Maßnahmen wie Inflationsindexierung der KapitalerAngesichts der heutigen flauen Konjunktur wären fisträge, steuerlich absetzbare Kredite für Forschung und
kalische Sparmaßnahmen kontraproduktiv und würEntwicklung, Aus- und Fortbildungsprogramme sowie
den die Investitionen in Betriebe, Ausrüstung, TechnoAnreize für mittelständische Unternehmen.
logie und Humankapital für die Zukunft eher verringern... Die Clinton-Administration hat die Chance, die Kurzfristige steuerliche Anreize können als Versichefür eine kurzfristige Gesundung erforderlichen steuer- rung dafür angesehen werden, daß die Wirtschaft auf
lichen Anreize zur Verfügung zu stellen, indem sie Dauer ihre Flaute hinter sich lä ßt oder als jetzt getätigte
Anleihen aufnimmt und Ausgaben tätigt, die ständige Anzahlung für die zum Wiederaufbau der KapitalreserProduktivitätszuwächse aufgrund von Investitionen in ven des Landes, Anhebung des ProduktivitätswachsInfrastruktur und Bildungswesen zur Folge haben, was tums, Verbesserung der Bildungschancen sowie Aufin bemerkenswertem Gegensatz zu den Zielen steht, stockung der zur potentiellen Produktion erforderlifür die in den achtziger Jahren Defizite angehäuft chen langfristigen Maßnahmen. Um stimulierend zu
wurden.
wirken, bringen diese Maßnahmen zwangsläufig eine
vorübergehende geplante Erhöhung des HaushaltsAllen Sinai, führender Wirtschaftswissenschaftler
defizits mit sich.
der Anlagefirma Boston Company
Wie kann das für die Schaffung neuer Arbeitsplätze Es sollten jedoch größere Anstrengungen unternomerforderliche schnellere Wachstum bewirkt werden? men werden, um Maßnahmen zum Anstieg des WachsLetztlich ist es die langfristige potentielle Produktion - tums ohne Erhöhung des Haushaltsdefizits auszumadas maximal oder optimal erreichbare Wachstum für chen. Einige Möglichkeiten wären: Verbesserte Vordie Wirtschaft - die angehoben werden muß. Diese schriften für Bankanleihen zur Ankurbelung des WachsRate beträgt unseren Schätzungen zufolge jetzt nur tums bei geringen Kosten für den Etat, eine Verlagerund 2 oder 2,5 Prozent pro Jahr- entschieden weniger rung bei Finanzierungen durch das Finanzministerium
als der Trend der Vorkriegszeit von 3 Prozent und von Obligationen mit langer Laufzeit, um die Zinskomehr sowie realen Begrenzungen bei der Schaffung sten für Finanzierungen der Bundesregierung zu reduzieren, größere Effizienz und verringerte Kosten für
von Arbeitsplätzen auf kurze und lange Sicht.
das Angebot von Dienstleistungen im GesundheitsweKurzfristig ist wahrscheinlich eine bescheidene Dosis sen, neue Finanzierungsmechanismen für Infrastruksteuerlicher Nettoanreize erforderlich, um Wachstum turprogramme wie neue steuerfreie Bürgschaften oder
und die Schaffung von Arbeitsplätzen als Teil der Anlagegesellschaften, die von der Bundesregierung
Aufgabe anzukurbeln, das potentielle Wachstum gestützte oder durch sie versicherte Bürgschaften herlangfristig zu steigern und die aufstrebende Unter- ausgeben.
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�Würden Investitionen in kurzfristiges Wachsum dem
längerfristigen Ziel der Reduzierung des Haushaltsdefizits zuwidertaufen? Nicht zwangsläufig. Es muß
festgestellt werden, daß schnelleres Wachstum zu
zusätzlichen Steuereinnahmen und niedrigeren Ausgaben des Staates für Arbeitslosenhilfe führt. Steuerliche Maßnahmen, die Defizite und Wachstum steigern, machen sich daher von selbst bezahlt, wenn
auch nicht in vollem Umfang. Wenn die Maßnahmen
wirksam sind, auf kurze Sicht Wachstum und die
Schaffung von Arbeitsplätzen anheben sowie langfristig die potentielle Produktion steigern, würde das
Potential der Wirtschaft verbessert, höhere Steuereinnahmen bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung zu bewirken.

Daher würde man mit einem wirtschaftlichen Anreiz
dieser Höhe meiner Ansicht nach kein Risiko eingehen. Andere bevorzugen jedoch vielleicht geringere
Anreize.
Auf lange Sicht sollte dies bewirkt werden, indem man
die für die langfristige Reduzierung des Haushaftsdefizits notwendigen Schritte ankündigt und - soweit
möglich - einleitet. Und Allen Sinai hat schon darauf
hingewiesen, daß das für später geplante Steuererhöhungen miteinschließen könnte - beispielsweise bei
der Benzin- und Kohlesteuer. Das würde unter anderem auch alle zusätzlichen Kürzungen im Verteidigungshaushalt miteinbeziehen, die noch über die von
Präsident Bush vorgeschlagenen hinausgehen und
denen die neue Administration zustimmen müßte.

Senator Bentsen, Vorsitzender des Finanzausschusses des Senats und designierter Finanzminister

Ich denke, mit diesem dualen Programm wären wir
unserem Land und dem Ausland gegenüber glaubwürdig. Letzteres hat ein ebenso großes Interesse wie wir
Wir sprechen jetzt über ein Wachstum von ungefähr 3 an einem Wachstum in der Weltwirtschaft und der
Prozent, was nicht besonders hoch, aber auch nicht Vermeidung einer internationalen Stagnation oder
schlecht ist. Ein Großteil dessen geht mit einem 2,5- Rezession, das heißt, niedrigen Zinssätzen in Europa
prozentigen Produktivitätszuwachs und daher netto und Japan sowie in den Vereinigten Staaten.
mit einer sehrgeringen Erhöhung der Zahl von Arbeitsplätzen einher. Ich wüßte gerne, was Sie von kurzfri- Henry Aaron, Direktor der wirtschaftswissenschaftstigen Anreizen, insbesondere ihrer Höhe und Dauer, lichen Abteilung der Brookings Institution, einer
privaten Forschungsinstitution in Washington
halten.

Herr Sinai sprach darüber, hier eine Option offenzulassen, um diesen Anreiz abschwächen zu können, wenn
die Wachstumsrate überß Prozent steigt. Ich verbinde
das jedoch mit dem Problem, daß wir meines Erachtens die G-7 stärken müssen, die Vereinigten Staaten
hierbei eine führende Rolle spielen sollten und wir eine
Geldpolitik ausarbeiten wollen, die eine Rezession in
Europa und in diesem Land verhindert sowie für uns
alle von Vorteil sein würde. Daher müssen wir glaubwürdig sein, wenn wir Deutschland und Japan klarmachen wollen, daß wir gleichzeitig im Bereich der Steuerpolitik verläßlich sind.

Zunächst einmal möchte ich einige kurze Anmerkungen zu dem vorgeschlagenen Paket schneller Anreize
machen. Sie haben wahrscheinlich bis heute immer
die Haltung eingenommen, es sei klug und weise, die
wirtschaftliche Entwicklung am Jahresende abzuwarten. Betrachten Sie das Bruttosozialprodukt im vierten
Quartal des Jahres, die Arbeitslosenquote im Dezember sowie andere Indikatoren. Meines Erachtens ist
das ein vernünftiger Kurs. Vielleicht ist ein Anreiz
notwendig, aber wenn die Wirtschaft andauernde
Anzeichen von Erholung zeigt, sollte er äußerst klein
gehalten und möglicherweise immer weiter reduziert
werden.

Herr Dr. Tobin, ich würde gerne von Ihnen hören, was
sie über die Höhe und die Dauer dieses Anreizes Jetzt möchte ich mich dem Thema der langfristigen
Defizitreduzierung widmen, die öfters mit einer Krankdenken.
heit verglichen wird. Meines Erachtens ist das ein
James Tobin
treffender Vergleich, denn es ist eine langwierige,
kräftezehrende Krankheit. Heute liegt das EinkomIch würde für zwei Jahre Anreize in Höhe von ungefähr men jedes Amerikaners - Erwachsener oder Kind - im
einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts befürworten Durchschnitt 1.000 Dollar unter dem Einkommen, das
- das wären um die 60 Milliarden Dollar pro Jahr. Man er ohne das Haushaltsdefizit der letzten 10 Jahre
könnte die Summe im zweiten Jahr etwas senken, gehabt hätte. Es wird sich jährlich um weitere 1.000
wenn das angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung Dollar verringern, wenn das Haushaltsdefizit weiterhin
des Jahres 1993 wünschenswert erscheint. Wenn so hoch bleibt. Und das Volksvermögen wird, wenn
man jetzt noch den Multiplikatoreffekt der aus dem das Defizit ein weiteres Jahrzehnt bestehen bleibt,
Anreiz resultierenden Aufwendungen miteinbezieht, 2.500 Milliarden Dollar geringer ausfallen...
dann kommt man auf ungefähr 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich. In meinen Ausführungen Ich spreche hier nicht über wirtschaftswissenschaftlihabe ich bereits darauf hingewiesen, daß wir eine che Abstraktionen, sondern überdie tägliche mühevolLücke von fünf bis sechs Prozent schließen wollen. le Arbeit der amerikanischen Arbeiter und Geschäfts-

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AMERIKA DIENST 51

�leute. Wenn unser Haushaltsdefizit lediglich ein abstrakter Begriff bleibt, eine für die menschliche Vorstellungskraft zu große Zahl, eine mit menschlichem Vertust
und menschlicher Frustration, die es unweigerlich mit
sich bringt, unverbundene Größe, dann werden wir
niemals wirklich damit fertig werden können...
Eine im Verlauf dieser Konferenz angesprochene
Möglichkeit ist meiner Ansicht nach nicht hilfreich. Ein
Investitionshaushalt ändert nicht die zentralen haushaltspolitischen Tatsachen. Wenn in der Wirtschaft
Vollbeschäftigung oder nahezu Vollbeschäftigung
herrscht und die Regierung Anleihen aufnimmt, wird
Geld von Privatinvestitionen für die private Spartätigkeit abgezweigt. Die Privatwirtschaft in den Vereinigten Staaten leidet zur Zeit nicht unter einem Überangebot von Privatkapital... Die Vereinigten Staaten benötigen mehr, nicht weniger Investitionen.. Das impliziert
meines Erachtens, daß künftig alle Staatsausgaben
entweder durch Kürzungen in anderen Ausgabenbereichen oder durch Steuererhöhungen, nicht jedoch
durch weitere Verschuldung finanziert werden sollten.
Wenn die Bundesregierung Anleihen für Infrastrukturausgaben oder ähnliches aufnimmt, kann die Privatwirtschaft entweder im Land weniger investieren oder
muß im Ausland mehr Geld leihen. In beiden Fällen
werden die amerikanischen Bürger dann um die Investitionserträge gebracht, entweder weil keine Investitionen getätigt werden, oderweil die Erträge an ausländische Besitzer fließen...

Wachstum förderlicher, wenn die Regierung für das,
was sie kauft, auch zahlt...
Die Erfahrung mit Investitionshaushalten scheint all
dem zu widersprechen, aber die Erfahrung der Bundesstaaten in diesem Bereich ist meiner Meinung nach
äußerst irreführend. Effektenbewertungsgesellschaften bestrafen die Bundesstaaten, die mit ihrem Investitionshaushalt M i ßbrauch treiben, schnell und hart. Die
Bundesregierung unterliegt keiner solchen Disziplin.
Auf Bundesebene sind die Möglichkeiten, Mißbrauch
zu treiben, unbegrenzt und gefährlich. Ich kann mir
praktisch keine Tätigkeit der Bundesregierung vorstellen, die geschickte Rechtsanwälte nicht als Investitionen bezeichnen könnten...
Wir müssen uns die Notwendigkeit einer Reduzierung
des Defizits immer klar vor Augen halten, da sie eine
wichtige und - falls wir uns gerechterweise alle daran
beteiligen - auch durchführbare Aufgabe ist. Einige der
beliebtesten Patentrezepte sind meines Erachtens
irreführend. Wir können und müssen, wie hier bereits
betont wurde, die Kosten im Gesundheitswesen reduzieren. Aber strukturell sinnvolle Kürzungen erfordern
Zeit. Ich denke, im ersten Jahr werden die Ersparnisse
recht gering sein, aber bis zum Jahr 2000 sind große
Einsparungen möglich.

Das erhöhte Wachstum wird spontan zu einigen zusätzlichen Einnahmen führen, aber die Früchte der
wachstumssteigernden Maßnahmen werden nur klein
Wenn bei einem Investitionshaushalt auf Defizite ver- sein und langsam reifen. Insbesondere unter den
ursachende Ausgaben verzichtet wird, hat das eine Befürwortern dieser Idee wurden - aus meiner Sicht narkotisierende Wirkung: Es ist Kapital, also können die wachstumsfördernden Effekte von Investitionen in
wir Geld aufnehmen, um es zu bezahlen. Natürlich die Infrastruktur stark übertrieben. Diese Wirkungen
sind Geldanleihen manchmal berechtigt, beispielswei- sind in vielen Fällen kleiner als die von Privatinvestitiose um die Wirtschaft während einer Rezession anzu- nen, die sie - wenn durch Anleihen finanziert - verdränkurbeln. Aber normalerweise sind sie zur Finanzie- gen würden, und ich möchte betonen, daß es praktisch
rung staatlicher Aktivitäten nicht gerechtfertigt, es sei nur in sehr wenigen Fällen möglich sein wird, sie
denn, es gibt stichhaltige Beweise, daß die staatlichen schnell genug herbeizuzaubern, um etwas gegen die
Investitionen viel produktiver sind als die Privatinvesti- jetzige Rezession zu unternehmen.
tionen, die sie ersetzen. Aber selbst dann wäre es dem
* * * * *

AMERIKA DIENST 51

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�PORTRAT
23. Dezember 1992

ANGESEHENER BÜRGERMEISTER ALS
WOHNUNGSBAUMINISTER NOMINIERT
Porträt von Henry Cisneros

WASHINGTON - (AD) - Die Berufung von Henry
Cisneros zum Minister für Wohnungs- und Städtebau
(HUD) trägt dazu bei, das Versprechen des gewählten
Präsidenten Clinton einzulösen, in seinem Kabinett für
Vielfalt zu sorgen.
Cisneros, der für seine achtjährige Dienstzeit als Bürgermeister von San Antonio (Texas) Anfang der achtziger Jahre viel Beifall erhielt, ist jedoch bei weitem
mehr als lediglich der erste in Clintons Kabinett aufgenommene Hispanier.

Mondales im Jahr 1984. Mondale entschied sich
schließlich in dem erfolglosen Wahlkampf für Geraldine Ferraro.
Der Name Cisneros gehörte wiederum zu einem der
ersten, die auftauchten, als es um die mögliche Nachfolge von Lloyd Bentsen als Senator für Texas ging,
nachdem Clinton Bentsen zuvor als Finanzminister
nominiert hatte.

Neben seinem politischen Geschick hat sich der designierte Wohnungsbauminister im akademischen BeBei der Bekanntgabe dieser Berufung bezeichnete reich bereits auf dem Gebiet städtischer AngelegenClinton Cisneros am 17. Dezember 1992 als "einen der heiten, für das er im HUD zuständig sein wird, profiliert.
talentiertesten Staatsdiener unserer Zeit". Mit ihm an Nach dem Abschluß seines Grundstudiums an der
der Spitze des Ressorts, das sich mit ihren besonde- Texas A&amp;M University 1968 erwarb er an derselben
ren Problemen beschäftigt "werden die Städte Ameri- Universität 1970 den Magister im Fach Stadtplanung.
kas die Stimme und die Vision haben, die sie benötigen Darüber hinaus wurde ihm 1973 an der Harvard Uniund verdienen", erklärte der künftige Präsident.
versity ein Magister im Fach öffentliche Verwaltung
verliehen. 1976 promovierte er in derselben Disziplin
Aussagen zur Person von Cisneros neigen für ge- an der George Washington University.
wöhnlich zu solchen Superlativen. Während er noch
Bürgermeister von San Antonio war, betonte das bio- Er hatte ein White-House-Stipendium, lehrte am Colgraphische Jahrbuch Current Biography Yearbook von lege und war Mitglied des Stadtrats von San Antonio,
1987 seinen Erfolg bei "der weitgehenden Entschär- bevor er zur ersten von vier zweijährigen Amtszeiten
fung der aus der traditionellen ethnischen Polarisie- als Bürgermeister von San Antonio gewählt wurde.
rung zwischen den Stadtbewohnern angelsächsischer
und lateinamerikanischer Herkunft herrührenden Als er 1988 bekanntgab, daß er nicht für eine fünfte
Spannungen und beim Aufbau einer breiten Koalition Amtszeit kandidieren werde, äußerte Cisneros den
des Wandels durch die schiere Kraft seiner persönli- Wunsch, in der Privatwirtschaft tätig zu werden und
chen Ausstrahlung und geistigen Fähigkeiten, seines sich mehr um familiäre Belange zu kümmern, insbepolitischen Scharfsinns und unermüdlichen Engage- sondere die medizinischen Probleme seines jungen
ments sowie seiner strategischen Vision für die zehnt- Sohnes. Nur wenige Wochen darauf kursierten Berichte über eine außereheliche Beziehung mit einer
größte Gemeinde der Vereinigten Staaten".
Wahlkampfhelferin - Berichte, die er schließlich bestäSolche Einschätzungen sowie seine prominente Stel- tigte.
lung als erster hispanischer Bürgermeister einer großen amerikanischen Stadt machten ihn - im Alter von Später versöhnte er sich mit seiner Frau, Mary Alice,
nur 37 Jahren - zum starken Bewerber um die Position die mit ihm gemeinsam bei der Bekanntgabe seiner
des Vizepräsidentschaftskandidaten auf der Liste Walter Nominierung am 17. Dezember in Little Rock auftrat.

AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�Nach dem Ausscheiden aus dem Amt gründete der
ehemalige Bürgermeister die Cisneros Asset Management Company, ein Vermögensverwaltungsunternehmen, und moderierte ein Kommentarprogramm für
den Rundfunk, das von 40 Stationen im ganzen Land
ausgestrahlt wurde. Er war Mitglied des Vorstands der
Zentralbank von Dallas.

Bevor er zur Bekanntgabe seiner Nominierung nach
Little Rock flog, deutete Cisneros in einem Gespräch
in einer Grundschule von Dallas ehrgeizige Pläne für
dasHUDan. Er erklärte, erfühlesich "verpflichtet, dies
zu mehr als einem nur für Wohnungsbau zuständigen
Ressort zu machen, nämlich zu einem Ministerium für
Lebensqualität in den Gemeinden".

* * * *

*

•

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AMERIKA DIENST 51

�BURGERRECHTE
23. Dezember 1992

DAS GESETZ, DAS AMERIKA VERÄNDERTE
von Jeannye Thornton-Hencke
Die in New York lebende Jeannye Thornton-Hencke ist Mitherausgeberin eines wöchentlich erscheinenden
landesweiten Nachrichtenmagazins. Nachfolgend veröffentlichen wir einige redaktionell bearbeitete Auszüge
aus einem von ihr verfaßten Artikel - einer umfassenden Darstellung des epochalen Bürgerrechtsgesetzes von
1964. Thornton-Henckes Beitrag wurde bereits 1989 geschrieben. Erwähnenswert ist, daß seither das
Bürgerrechtsgesetz des Jahres 1992, mit dem die in den amerikanischen Gesetzen verankerten Bürgerrechtsbestimmungen weiter gestärkt wurden, vom Kongreß verabschiedet und von Präsident Bush durch seine
Unterschrift in Kraft gesetzt wurde.

In der Geschichte der Vereinigten Staaten gibt es
nichts, was sich an Mut und Dramatik, an Momenten
ungeahnten Schreckens und größter Hoffnung sowie
im Hinblick auf die Tatsache, wie eine einzelne Ära und
ein einzelnes Gesetz die amerikanische Gesellschaft
umgestaltet haben, mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre und dem Bürgerrechtsgesetz von 1964 messen kann.
Selbst heute noch, nach 25 Jahren, beleuchten die
Bilder aus jener Zeit frappierende Gegensätze in der
amerikanischen Gesellschaft und im menschlichen
Verhalten. Schwarz und weiß, nackte Gewalt und
mutige Gewaltlosigkeit, Wut und Nachsicht, Würde
und Entmenschlichung. Solche Kräfte trafen aufeinander und kulminierten in dem so bezeichneten "Gesetz,
das eine Nation veränderte".
Das am 2. Juli 1964 verabschiedete Gesetz war nicht
das erste amerikanische Bürgerrechtsgesetz. Solche
Gesetze gehen bis auf das Jahr 1866 zurück, und erst
wenige Jahre vor dem Gesetz von 1964 hatte der
Kongreß 1957 und 1960 Bürgerrechtsgesetze verabschiedet. Diese beiden Gesetze waren jedoch "äußerst schwach und unwirksam", wie der Washingtoner
Anwalt Joseph Rauh erklärt, der eine wichtige Rolle bei
der Formulierung des Gesetzes von 1964 spielte.
"Keines hatte mehr als nur symbolische Bedeutung.
Beide Gesetze boten wenig Durchsetzungsmöglichkeiten und leisteten fast nichts, um die tatsächlichen
Lebens- und Arbeitsbedingungen Schwarzer in Amerika zu verändern."

Abschnitten wurde versucht, "die letzten Relikte" von
Diskriminierung zu beseitigen. Behandelt wurden das
Wahlrecht, öffentliche Unterkünfte, öffentliche Einrichtungen und öffentliche Schulen. Es wurde auf Dauer
eine Bürgerrechtskommission eingesetzt, um die Durchführung der Bürgerrechtsgesetze zu überwachen, es
behandelte die Fragen staatlicher Hilfe, Beschäftigung, Statistiken, Gerichte und beratende Dienstleistungen und garantierte das Recht auf ein Geschworenenverfahren in Fällen von Störung der Rechtspflege,
die sich aus Bestimmungen des Gesetzes ergeben.
Mit der Unterzeichnung des Gesetzes wurde Diskriminierung in öffentlichen Unterkünften verboten. Schwarzen durfte auf Reisen die Übernachtung in Hotels und
Raststätten nicht mehr versagt werden. Auch durfte
ihnen der Zugang zu Theatern oder anderen Unterhaltungsstätten, zu Restaurants oder öffentlichen Toiletten nicht länger verweigert werden und es war untersagt, ihnen dort bestimmte Plätze zuzuweisen.
Fortan konnte schwarzen Kindern und ihren Eltern der
Besuch städtischer Parks oder Schwimmbäder nicht
mehr verwehrt werden. Das Gesetz garantierte ihnen
nun gleichen Zugang und gleiche Leistungen in allen
öffentlichen Einrichtungen. Mit einer besonders wichtigen Bestimmung autorisierte das Gesetz überdies die
Regierung der Vereinigten Staaten, allen Schulbezirken, in denen die Rassentrennung aufgehoben werden
sollte, technische und finanzielle Hilfe zur Verf ügu ng zu
stellen.

Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 war sicherlich mehr
Was das Bürgerrechtsgesetz von 1964 so bemerkens- als ein Gesetz, das lediglich ein Büro zur Schlichtung
wert und so wirksam machte, war sein umfassender von Rassenauseinandersetzungen im US-JustizminiCharakter. Auf seinen 27 Seiten und in 11 Titeln" oder sterium schuf oder die Regierung ermächtigte, denje-

AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�nkjen, die Diskriminierung praktizierten, staatliche Gelder
vorzuenthalten. Mit dem Gesetz wurde kühn und
durchgreifend versucht, den großen Widerspruch in
Amerika grundsätzlich und unumkehrbar auszuräumen: ein Land, das auf Freiheit, Gleichheit, Chancen
und Gerechtigkeit für alle beruhte, diese Rechte aufgrund der Hautfarbe jedoch 300 Jahre lang verweigert
hatte.

rechtsgesetzes präzisiert, der Diskriminierung am
Arbeitsplatz untersagt. Dazu Berry: "Einer Studie
zufolge haben Frauen und Angehörige von Minderheiten seither Milliarden Dollar an Arbeitsplätzen verdient,
die sie ohne diese Bestimmungen nicht bekommen
hätten."

Die Rechtsanwältin und Chef lobbyistin der Nationalen
Vereinigung zur Förderung Farbiger (National Association for the Advancement of Cobred People - NAACP),
Arthea Simmons, stellt fest, daß das Bürgerrechtsgesetz neben seiner Funktion als Grundlage des Wahlrechts und von Gesetzen gegen Diskriminierung im
Wohnungswesen im Jahr 1972 Basis für ein Gesetz
gegen die Diskriminierung von Behinderten und alten
Menschen war sowie für weitere Schutzmaßnahmen
gegen unfaire Praktiken bei Wohnungsvermietung und
im Bildungswesen.

Trotz des Vermächtnisses des Bürgerrechtsgesetzes
gibt es auch heute noch vereinzelt Diskriminierung in
den Vereinigten Staaten. "Heute, 25 Jahre danach,
sind wir immer noch nicht frei von Diskriminierung",
erklärt Althea Simmons von der NAACP, "aber wir
haben die Instrumente, um dagegen zu kämpfen."

Die heutigen Erfolge von Schwarzen und anderen
lassen es kaum noch als vorstellbar erscheinen, wie
Während das Bürgerrechtsgesetz von 1964 viel für die anders Amerika vor 25 Jahren aussah - wie schlecht
schwarzen Amerikaner geleistet hat, half es auch die Lage der Schwarzen war, welche Fortschritte sie
vielen anderen, darunter den Hispaniern sowie ande- seither gemacht haben und wie kurz diese Zeitspanne
ren rassischen oder ethnischen Minderheiten, Behin- gewesen ist.
derten, Homosexuellen und Lesbierinnen sowie den
Frauen. Tatsächlich hat jede Gruppe, die protestierte Als Martin Luther King beim Marsch auf Washington
und weitere bürgerliche Freiheiten forderte, von der 1963 seine berühmte Rede mit dem Titel "Ich habe
schwarzen Bürgerrechtsbewegung gelernt und das einen Traum" hielt, sprach er von seinen Hoffnungen
Bürgerrechtsgesetz als Sprungbrett benutzt, um wei- auf ein besseres Amerika. "Ich habe einen Traum",
tere Gesetze oder Schutzgarantien zu fordern. "Es ist erklärte er, "daß meine vier kleinen Kinder eines Tages
das Modell für Antidiskriminierungsgesetzgebung nicht in einem Land leben werden, in dem sie nicht nach ihrer
nur für Schwarze, sondern auch für Frauen, Behinder- Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt
te und Senioren. Es hat einen Maßstab dafür gesetzt, werden."
wie die anderen (Gesetze) geschrieben werden sollten", erklärt die Rechtsanwältin und Juraprofessorin Heute würden die meisten Amerikaner wahrscheinlich
Mary Frances Berry, die Mitglied der US-Bürgerrechts- sagen, daß Kings Traum der Realität näher liegt als
jemals zuvor. Schwarze, die dereinst hauptsächlich zu
kommission ist.
niederen, schlechtbezahlten Arbeiten verurteilt waren,
sind
heute in allen Bereichen des öffentlichen und
Rauh fügt hinzu: "Das Bürgerrechtsgesetz leitete eine
privaten
Sektors und allen Berufssparten anzutreffen.
juristische Revolution ein. Dieses Gesetz und die
Nachdem
man ihnen einst das Wahlrecht verweigerte,
beiden anderen Gesetze, denen es den Weg ebnete werden
sie
heute in Tausende von Staats- und komdem Wahlrechtsgesetz von 1965 und dem Gesetz
munalen
Ämtern
gewählt. Nachdem man sie einst in
gegen Diskriminierung im Wohnungswesen von 1968
den
Geschäften
entwürdigender Behandlung unter-, stellten gemeinsam das Rechtssystem dieses Lanwarf,
besitzen
sie
heute selbst Geschäfte aller Art.
des auf den Kopf. Vor diesen Gesetzen gab es ein
Nachdem
man
sie
einst von bestimmten Schulen
Rechtssystem, das die Rassentrennung unterstützte.
ausschloß,
besuchen
sie heute die prestigeträchtigDurch das Verbot der Rassentrennung verursachten
sten
Universitäten
der
Vereinigten Staaten.
diese Gesetze eine juristische Revolution in Amerika.''

Für Amerikaner, seien sie schwarz oder weiß, die sich
an die Rassentrennung erinnern und sich die schlimmen Unruhen jener Zeit vor Augen führen, stellt das
Bürgerrechtsgesetz von 1964 einen eindeutigen historischen Wendepunkt dar - einen Punkt, an dem die
Vereinigten
Staaten einen aufrichtigen Versuch unterDas wichtigste Merkmal von Titel VII des Bürgernahmen,
ihre
Widersprüche und ihre Einschränkunrechtsgesetzes von 1964, in dem es um Beschäftigung
gen
zu
beseitigen.
Alle Amerikaner, Schwarze und
geht, ist die Gleichstellungsvorschrift für Angehörige
Weiße,
haben
davon
profitiert.
von Minderheiten und Frauen, erklärt Berry. Die
Rechte von Frauen wurden in dem Teil des Bürger* * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 51

�THEMENINDEX
23. Dezember 1992

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1992
Nachstehend eine Liste der Themen, die im Amerika Dienst (2. Halbjahr 1992) erschienen sind. Angegeben
ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

NUMMER DER AUSGABEN

AIDS

26,30

Flüchtlinge

32, 33, 41

Abtreibung

27

Flüchtlingshilfe

31

Auslandshilfe

40

Fulbright

35

Aussenpolitik

49
GATT

45, 47, 49, 51

GUS-Hilfe

43,44

Irak

35,43

Jugoslawien

35, 36, 39, 47

KSZE

28,31,39,50

Kongress

42

Menschenrechte

37, 49, 50

NAFTA

30, 33, 35

NAKR

51

NATO

39

Nichtverbreitung

29

B-Waffen

37

Bildungswesen

34

Bosnien

33

Bosnien/Serbien

32

Bürgerrechte

51

Bush/Baker

33

C-Waffen

36

Chemische Waffen

30,31,41

Clinton-Aussenpolitik

47,48

Clinton-Kongress

46,47

Deutschland-USA

36

Einwanderung

28,30

Erdgipfel

30

AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�Porträt

27. 28. 29, 45,
47, 50, 51

Präsident Clinton

44

Problems of Communism

32

Rassenbeziehungen

48,49

Russland

44

Rüstungskontrolle

29,31

START

26, 40, 44

Serbien

50

Somalia

34, 36, 38, 49

Soziales

26

Übergangsteam

45

Umwelt

26, 32, 42, 46

UN-Generalversammlung

41

UN-Sanktionen gegen Irak

30

UNO
US-Aussenpolitik

44.46

US-Kongress

40

USA-Deutschland

26,39

USA/Deutschland/Europa

48

USA-Unabhängigkeitstag

27

Verteidigung
Vietnam

44

Vizepräsident Gore

44

Wahlen '92

26, 27, 28, 29, 30,
33, 34, 37, 38, 39,
40, 41,42,43,45

Weltpolitik

26

Weltwirtschaftsgipfel

27, 28

Willy Brandt

41

Wirtschaft

37, 38, 44, 51

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 51

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United

States

53 B o n n - B a d
Tel:

Nummer

Information

Godesbergl,

89-3240

Information

Service

Postfach

300

11110
DOKU mefltotion

T e i e x : 08 • 8 54 32

4

2 4 . Januar 1973

Inhalt
INFORMATION:
Erklärung Präsident Nixons zum Waffenstillstand in Vietnam
-WortlautLyndon B. Johnson-Sein Glaube war Amerika
Minicomputer-Ausstellung im US-Handelszentrum in Frankfurt

DOKUMENTATION:
Die Antrittsrede Präsident Nixons
-WortlautAußenminister Rogers fordert neue Friedensbemühungen im Nahen Osten
-Auszüge aus seiner Anspräche vom 17. Januar-

HINTERGRUND:
Die Wahl zeigt: Die Amerikaner wollen den Wandel
Von Louis Harris

WIRTSCHAFT:
Die kommenden amerikanisch-europäischen Handels-und Währungsverhandlungen
-Rede des scheidenden US-Handelsministers Peterson in New York-

Um Übersendung v o n Belegexemplaren w i r d gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

Information

300

Telex:08-85432

4/1973

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT NIXONS ZUM WAFFENSTILLSTAND IN VIETNAM
•Wort l a u t -

WASHINGTON --(AD)-- Präsident Nixon hat am Abend des 23. Januar (Washingtoner Zeit) in einer Rundfunk~und Fernsehansprache den Abschluß eines Waffenstillstandes in Vietnam bekanntgegeben, der am 27. Januar um 2400 Uhr
Greenwich Mean Time ("28. Januar 0100 Uhr MEZ) in Kraft treten wird.
Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Guten Abend! Ich habe um diese Sendezeit im Rundfunk und Fernsehen gebeten, um bekanntzugeben, daß wir heute ein Abkommen geschlossen haben, um
den Krieg zu beenden und einen ehrenvollen Frieden in Vietnam und in Südostasien herbeizuführen. Die folgende Erklärung wird zu diesem Zeitpunkt in
Washington und Hanoi veröffentlicht:
'Heute am 23. Januar 1973 um 1230 Uhr Pariser Zeit wurde das Abkommen
über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in
Vietnam von Dr. Henry Kissinger im Namen der Vereinigten Staaten und von
Sonderberater Le Duc Tho im Namen der Demokratischen Republik Vietnam
paraphiert.
Das

-1-

�Das Abkommen wird von den Beteiligten der Pariser Vietnam-Konferenz
am 27. Januar 1973 im Internationalen Konferenzgebäude in Paris formell unterzeichnet werden. Der Waffenstillstand wird am 27. Januar um 2400 Uhr
Greenwich Mean Time in Kraft treten.
Die Vereinigten Staaten und die Demokratische Republik Vietnam bringen
die Hoffnung zum Ausdruck, daß dieses Abkommen einen stabilen Frieden in
Vietnam garantieren und zur Erhaltung eines dauerhaften Friedens in Indochina und Südostasien führen wird.8
Soweit die formelle Erklärung.
Während all der Jahre der Verhandlungen haben wir auf einem ehrenhaften
Frieden bestanden. In meinen Ansprachen an die Nation vom 25. Januar und
8. Mai legte ich die Ziele dar, die wir als von entscheidender Bedeutung für
einen ehrenhaften Frieden erachteten. Mit der Regelung, der jetzt zugestimmt
worden ist, wurden alle von mir damals gestellten Bedingungen erfüllt.
Ein international überwachter Waffenstillstand wird am Sonnabend, dem
27. Januar um 1900 Uhr Washingtoner Zeit in Kraft treten.
Innerhalb von sechzig Tagen - von diesem Sonnabend an gerechnet - werden alle in Indochina festgehaltenen amerikanischen Kriegsgefangenen freigelassen werden. Über die im Einsatz Vermißten wird eine genauestmögliche
Auskunft erteilt.
Während dieses Zeitraums von sechzig Tagen werden alle amerikanischen
Truppen aus Südvietnam abgezogen werden.
Dem südvietnamesischen Volk ist das Recht garantiert worden, ohne Einmischung von außen selbst über seine Zukunft zu entscheiden.
Aufgrund einer gemeinsamen Absprache werden der volle Text des Abkommens sowie die Durchführungsprotokolle morgen veröffentlicht werden.
Während

�Während dieser Verhandlungen standen wir in engster Konsultation mit
Präsident Thieu sowie mit anderen Vertretern der Republik Vietnam. Diese Regelung entspricht den Zielen und hat die volle Unterstützung Präsident Thieus
und der Regierung der Republik Vietnam sowie aller unserer anderer Verbündeten, die hiervon berührt werden.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin die Regierung der Republik Vietnam als die einzige rechtmäßige Regierung von Südvietnam anerkennen. Wir werden Südvietnam im Rahmen des Abkommens weiterhin unterstützen, und wir werden
Bemühungen der Bevölkerung von Südvietnam unterstützen, ihre Probleme friedlich unter sich selbst zu regeln.
Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß die Beendigung des Krieges
nur der erste Schritt zum Aufbau des Friedens ist. Alle Beteiligten müssen
jetzt dafür sorgen, daß dies ein Friede wird, der hält, und auch ein Friede,
der heilt - und ein Friede, der nicht nur den Krieg in Südostasien beendet,
sondern zu den Friedensaussichten in der ganzen Welt beiträgt. Das bedeutet,
daß die Bedingungen des Abkommens ganz genau eingehalten werden müssen. Wir
werden alles tun, was das Abkommen von uns verlangt, und wir werden von den
anderen Beteiligten erwarten, daß sie alles tun werden, was es von ihnen verlangt. Wir werden auch von anderen interessierten Nationen erwarten, daß sie
mithelfen, um sicherzustellen, daß das Abkommen eingehalten und der Frieden
aufrechterhalten wird.
Da nun dieser lange und sehr schwierige Krieg zu Ende geht, möchte ich
einige besondere Worte an all jene richten, die an dem Konflikt beteiligt gewesen sind.
Der Bevölkerung und der Regierung von Südvietnam möchte ich sagen:
Durch Ihren Mut, durch Ihre Opfer, haben Sie das kostbare Recht gewonnen, ihre
eigene Zukunft zu bestimmen. Und Sie haben die Stärke aufgebaut, dieses Recht
zu verteidigen. Wir sehen der künftigen Arbeit mit Ihnen mit Erwartung ent-

-3-

�entgegen - als Freunde im Frieden, so wie wir Verbündete im Krieg gewesen
sind.
Den Führern Nordvietnams möchte ich, wo wir jetzt den Krieg durch Verhandlungen beendet haben, sagen: Laßt uns nun einen Frieden der Versöhnung
schaffen. Wir unsererseits sind bereit, uns nachdrücklich um die Verwirklichung dieses Zieles zu bemühen. Aber wie Gegenseitigkeit nötig war, um den
Krieg zu beenden, so wird auch Gegenseitigkeit nötig sein, um den Frieden zu
schaffen und ihn zu stärken.
Den anderen großen Mächten, die engagiert waren - wenn auch indirekt möchte ich sagen, daß jetzt die Zeit beiderseitiger Zurückhaltung gekommen
ist, damit der von uns erreichte Frieden von Dauer sein kann.
Und schließlich möchte ich Ihnen allen, die mir zuhören, dem amerikanischen Volke, sagen: Die Standhaftigkeit, mit der Sie unser Beharren auf einem
ehrenhaften Frieden unterstützt haben, hat diesen ehrenhaften Frieden möglich
gemacht.
Ich weiß, Sie hätten es nicht gewünscht, daß dieser Friede gefährdet wird.
Hätte ich, als unsere Geheimverhandlungen vor kurzem in dieser heiklen Phase
waren, öffentlich über unsere Bemühungen zur Sicherung des Friedens gesprochen, dann hätte ich nicht nur unsere Absprache mit Nordvietnam verletzt, sondern dann würde dies auch die Chancen für den Frieden ernsthaft beeinträchtigt
und möglicherweise zerstört haben. Deshalb weiß ich, daß Sie jetzt verstehen
können, warum ich während dieser letzten Wochen keine öffentliche Erklärungen
über diese Bemühungen abgegeben habe.
Es war wichtig, nicht über den Frieden zu sprechen, sondern den Frieden zu
erlangen, und zwar den richtigen Frieden. Dies haben wir getan. Nachdem wir
jetzt ein ehrenhaftes Abkommen erreicht haben, können wir stolz darauf sein,
daß Amerika sich nicht auf einen Frieden einließ, der unsere Verbündeten be-

�betrogen, unsere Kriegsgefangenen aufgegeben oder den Krieg zwar für uns beendet, aber ihn für die fünfzig Millionen Menschen in Indochina fortgesetzt
hätte. Wir können stolz sein auf die zweieinhalb Millionen junger Amerikaner,
die in Vietnam gedient haben - die in Ehren und mit Auszeichnung in einem
der selbstlosesten Unternehmen in der Geschichte der Völker gedient haben.
Und wir wollen stolz sein auf die, die sich opferten, die ihr Leben
hingaben, damit das südvietnamesische Volk in Freiheit und damit die Welt in
Frieden leben kann.
Insbesondere möchte ich noch ein Wort zu jenen tapfersten Menschen, die
ich kenne, sagen - zu den Frauen, den Kindern, den Familien unserer Kriegsgefangenen und der im Kampfeinsatz Vermißten. Wenn andere uns aufforderten, wir
sollten den Konflikt unter allen Bedingungen beilegen, so hatten Sie

en Mut,

für die rechte Art eines Friedens einzutreten, damit jene,die starben und
duldeten, nicht umsonst gestorben seien und geduldet hätten, und damit dort,
wo für diese Generation Krieg geherrscht hatte, für die nächste Generation
Frieden sein sollte. Nichts bedeutet mir in diesem Augenblick mehr als die
Tatsache, daß Ihre lange Prüfung nun Ihrem Ende entgegengeht.
Eben, gestern ist ein großer Amerikaner, der einst dieses Amt bekleidete,
gestorben. In seinem Leben mußte Präsident Johnson die Schmähungen jener ertragen, die versuchten, ihn als einen Mann des Krieges zu zeichnen. Dabei gab
es nichts, was ihm so sehr am Herzen lag, als die Schaffung eines dauerhaften
Friedens in der Welt.
Ich erinnere mich an das letzte Mal, da ich mit ihm sprach - es war genau
der Tag nach Neujahr. Er sprach damals über seine Sorge um das Zustandekommen
des Friedens - wie man zu einem rechten Frieden gelangen könnte. Und ich war
dankbar, daß er mich erneut seiner Unterstützung bei meinen Bemühungen um die
Erlangung eines solchen Friedens versicherte.Niemand hätte diesen Frieden mehr

-5-

�mehr begrüßt als er. Und ich weiß, daß er mit mir zu jenen, die starben, und
zu jenen, die leben, sagen würde: Laßt uns diesem Augenblick seine Weihe
geben, indem wir zusammen fest beschließen, diesen Frieden, den wir erzielten,
zu einem Frieden von Dauer zu machen.
Ich danke Ihnen. Guten AbendJ."

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4/1973

LYNDON B.JOHNSON-SEIN GLAUBE WAR AMERIKA
--(AD)-- Lyndon Baines Johnson, der 36. Präsident der Vereinigten Staaten
von Amerika,ist am 22. Januar 1973 im Alter von 64 Jahren nach einem Herzanfall verstorben - nur 28 Tage nach einem seiner großen Amtsvorgänger,
Harry S. Truman. Wie Truman mußte Johnson nach dem Tode des gewählten Präsidenten als Vizepräsident die Geschicke seines Landes übernehmen, wie Truman
wurde Johnson dann als Präsident gewählt, und wie Truman hat sich Johnson
aus einfachen Verhältnissen mit Begabung und Fleiß zum höchsten Amt emporgearbeitet - und wie Truman glaubte Johnson zutiefst an Amerika und seine
Mission.
"Für Präsident Johnson", so heißt es in dem Nachruf von Präsident Nixon,
"war der 'amerikanische Traum1 mehr als nur ein Schlagwort - er war eine
Realität seines eigenen Lebens. Er glaubte an Amerika - an das, was Amerika
all seinen Bürgern bedeuten kann und was Amerika für die Welt bedeuten kann.
Im Dienste dieses Glaubens gab er sich ganz hin."
Als ein Attentat er am 22. November 1963 in Dallas, Texas, Präsident
John F. Kennedy niederstreckte, übernahm sein noch auf dem Flughafen vereidigter Nachfolger Lyndon B. Johnson unter dramatischen Umständen zwei gewaltige Komplexe: Die Bürgerrechtsfrage und den Vietnamkrieg.

Es ist dem

Geschick und der Beharrlichkeit des Demokraten Johnson aus dem Süden der USA

-1-

�t

l
USA zu verdanken, daß der amerikanische Kongreß wichtige Bürgerrechtsgesetze
verabschiedete, die er Kennedy verweigert hatte. Und es ist letztlich dem
dramatischen Verzicht auf Bombardierung und erneute Präsidentschaftskandidatur für 1968 zu verdanken, daß die Vietnam-Verhandlungen in Gang kamen,
die zu einer ehrenvollen Beendigung dieses Krieges führen.
Der Lebensweg von Lyndon B. Johnson ist ein Spiegelbild dessen, was
man sich unter Amerika vorstellt - oder zumindest vorstellte. Er wurde am
27. August 1908 als Sohn von Samuel Ealy und Rebekah Johnson auf einer Farm
unweit des kleinen Ortes Stonewall in Texas geboren, wo sich seine Vorfahren
in der Pionierzeit als Baumwo11farmer und Viehzüchter niedergelassen hatten.
Die Schule besuchte er in Johnson City, einer Kleinstadt, die sein Großvater
gegründet hatte. Johnson stammte "vom Lande", und daraus rührte wohl auch
seine Vorliebe für seine große Farm am Pedernales-Fluß in Texas - von Freunden
einfach "the ranch" genannt -, auf die er sich nach seinem Ausscheiden aus dem
politischen Leben zurückgezogen hatte.
Das Studium an der Pädagogischen Hochschule in Texas verdiente Johnson
v

sich selbst, um dann in Houston seine erste Lehrerstelle anzutreten. Aber sein
politischer Ehrgeiz war ebenfalls erwacht, und im Jahre 1932 nahm ihn der
texanische Kongreßabgeordnete Richard M. Kleberg als seinen Sekretär mit nach
Washington. Johnson studierte in seiner Freizeit an der Georgetown-Universität
Jura, um dann drei Jahre später von Präsident Roosevelt als Regionalleiter des
amerikanischen Jugendwerkes nach Texas entsandt zu werden. Bereits 1937 konnte er eine Nachwahl für den Kongreß für sich entscheiden, während er vier Jahre
später eine Nachwahl für den Senat nicht gewinnen konnte - übrigens die einzige verlorene Wahl in seinem Leben. Im Repräsentantenhaus, in das er von 1938
bis 1946 alle zwei Jahre regelmäßig wiedergewählt wurde, war er ein entschiedener Verfechter der "New Deal"-Politik, die Präsident Roosevelt konzipiert
hatte. Soziale Gerechtigkeit war für ihn ein echtes Anliegen, das sich in

-2-

�in seiner eigenen Konzeption von der "Großen Gesellschaft" und dem "Krieg
gegen die Armut" niederschlug, deren Ziel das war, was heute als "Qualität
des Lebens" bezeichnet wird.
Im Jahre 1948 zog Johnson dann als Senator in den Kongreß ein; 1953
wurde er Vorsitzender seiner Fraktion und hatte dieses Amt bis 1961 inne.
Maßvolle Haltung und staatspolitische Klugheit ließen ihn zu einem Politiker
werden, der Aufmerksamkeit erregte. Als er sich 1960 mit John F. Kennedy zusammen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei bewarb,
hatte er einen reichen Schatz an politischer Erfahrung. Wenn auch auf dem
Parteikonvent damals Kennedy zum Präsidentschaftskandidaten gewählt wurde,
so wurde Johnson per Akklamation als Mitstreiter und Vizepräsidentschaftskandidat bestätigt.
Sein persönlicher und politischer Lebensweg ist ohne seine Familie nicht
denkbar - nicht ohne seine Frau Claudia Alta - oder besser bekannt als "Lady
Bird" - und seine beiden Töchter und seine Enkelkinder.
Johnsons persönlicher Stil war von Energie und Arbeit geprägt, und sein
Arbeitstag betrug meist 18 Stunden - was eine doppelte Besetzung der Sekretärinnenposten notwendig machte. Den Glanz und das Charisma seines Vorgängers
Kennedy mußte er durch unermüdlichen Einsatz ausgleichen. Dieser Einsatz galt
Amerika und der Gerechtigkeit und der Freiheit. Er glaubte nicht, daß einem
die Dinge einfach zufallen, und so mahnte er seine Landsleute und die Welt in
seiner letzten Botschaft über die Lage der Nation am 10. Januar 1967: "Denken wir bei allem Übel, das uns befällt, bei allen Ängsten, die wir ausstehen
müssen... daran, daß diejenigen, die die Segnungen der Freiheit ernten wollen,
sich wie Männer der Mühe unterziehen müssen, sie zu erhalten."

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4/1973

MINICOMPUTER-AUSSTELLUNG IM US-HANDELSZENTRUM IN FRANKFURT

--(AD)-- Eine Ausstellung mit angeschlossener Fachtagung, die ausschließlich
dem Thema "Minicomputer und Peripheriegeräte" gewidmet ist, findet vom 12.16.Februar 1973 im US-Handelszentrum in Frankfurt am Main, Bockenheimer Landstraße 2-4 statt. Über 50 amerikanische Hersteller von EDV-Geräten werden sich
an dieser Fachausstellung beteiligen, darunter rund ein Drittel, die neu auf
dem europäischen bezw. deutschen Markt sind.
Das Programm der Ausstellung umfaßt unter anderem:
Minicomputer, Terminals mit Sichtanzeigen, Tastatureingabeeinheiten,
Streifenlocher und Leser, Belegleser, Magnetbandgeräte und Kassettenrecorder,
Magnetbandreinigungs-und Wartungsgeräte, Plattenspeicher, Interface-Bausteine,
Datendrucker, Plotter, Mikrofilm-Plotter, Sprachsimulatoren, Signalumsetzer,
Digitalisiereinrichtungen, Videosysteme, Literatur und Software.
Die angeschlossene Tagung dauert vom 13.-16.Februar und befaßt sich mit
Neuentwicklungen sowie Anwendungsmöglichkeiten von Kleinrechnern einschließlich
der dazugehörigen Peripherie.Die Referenten sind EDV-Fachleute aus Europa und
den USA.
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4/1973

DIE ANTRITTSREDE PRÄSIDENT NIXONS

gehalten in Washington am 20. Januar 1973 anläßlich
seiner zweiten Amtseinführung

�Als wir vor vier Jahren hier zusammenkamen, war die Stimmung in Amerika
düster und gedrückt ob der Aussicht auf einen anscheinend endlosen Krieg
in Übersee und einen destruktiven Streit im eigenen Lande.
Wenn wir heute hier zusammenkommen, dann stehen wir an der Schwelle
einer neuen Ära des Friedens in der Welt.

Die zentrale Frage, die sich uns stellt, lautet: Wie sollen wir diesen
Frieden nutzen?
Seien wir entschlossen, daß diese Ära, in die wir jetzt eintreten,
nicht so sein wird, wie andere Nachkriegsepochen es oft waren; eine Zeit
des Rückzuges und der Isolierung, die zu Stagnation im eigenen Lande führt
und neue Gefahren in Übersee heraufbeschwört.

Seien wir entschlossen, daß diese Ära das sein wird, was sie werden
kann: Eine Zeit großer Aufgaben, in Größe gemeistert, in der wir den
Geist und die Verheißung Amerikas erneuern, da wir in unser drittes Jahrhundert als Nation eintreten.

Das vergangene Jahr brachte weitreichende Ergebnisse unserer neuen
Politik für den Frieden.Durch die Neubelebung unserer traditionellen
Freundschaften

und durch unsere Reisen nach Peking und nach Moskau konnten

wir die Basis für ein neues und dauerhafteres System von Beziehungen
zwischen den Völkern der Welt schaffen. Aufgrund der kühnen Initiativen
Amerikas wird man sich an 1972 noch lange als an das Jahr erinnern, in dem
der größte Fortschritt seit dem zweiten Weltkrieg in Richtung auf einen
dauerhaften Frieden in der Welt gemacht wurde.

Der

�Der Friede, den wir für die Welt anstreben, ist kein oberflächlicher
Friede, der nichts weiter als ein Zwischenspiel zwischen zwei Kriegen ist,
sondern ein Friede, der für spätere Generationen Bestand haben kann.

Es ist wichtig, daß wir sowohl die Notwendigkeit als auch die Grenzen
der Rolle kennen, die Amerika bei der Erhaltung dieses Friedens spielen
kann.
Wenn wir in Amerika nicht dafür arbeiten, diesen Frieden zu erhalten,
dann wird es keinen Frieden geben.
Wenn wir in Amerika nicht dafür arbeiten, die Freiheit zu erhalten,
dann wird es keine Freiheit geben.
Wollen wir uns jedoch völlig im klaren sein über die neue Art der
Rolle, die Amerika aufgrund der neuen Politik spielt, die wir im Laufe
dieser letzten vier Jahre eingeschlagen haben.

Wir werden unsere vertraglichen Verpflichtungen respektieren.

Wir werden nachdrücklich das Prinzip unterstützen, daß kein Land das
Recht hat, einem anderen seinen Willen oder seine Herrschaft gewaltsam
aufzuzwingen.

Wir werden in dieser Ära der Verhandlungen weiter auf die Begrenzung
der Nuklearwaffen und die Verringerung der Gefahr einer Konfrontation
zwischen den Großmächten hinarbeiten.

Wir werden unseren Teil zur Verteidigung von Frieden und Freiheit auf
der Welt beitragen, aber wir werden von den anderen erwarten, daß sie das
Ihre dazu beitragen.

Die

�Die Zeit ist vorbei, da Amerika die Konflikte aller anderen Länder
zu seinen eigenen gemacht hat

oder da es sich verantwortlich fühlte für

die Zukunft jedes anderen Landes oder da es sich anmaßte, den Völkern
anderer Länder zu sagen, wie sie ihre eigenen Angelegenheiten regeln sollten.

So wie wir das Recht eines jeden Landes respektieren, über seine
eigene Zukunft zu entscheiden, so erkennen wir auch an, daß jedes Land
die Verantwortung für die Sicherung seiner eigenen Zukunft trägt.

So wie auf die Rolle Amerikas bei der Erhaltung des Weltfriedens nicht
verzichtet werden kann, genauso wenig kann auf die Rolle jedes einzelnen
Landes bei der Erhaltung seines eigenen Friedens verzichtet werden.
Seien wir entschlossen, gemeinsam mit der übrigen Welt auf den Anfängen, die wir bereits gemacht haben, weiter aufzubauen. Wollen wir fortfahren, die Mauern der Feindschaft einzureißen, die die Welt zu lange getrennt haben, und an ihrer Stelle Brücken der Verständigung errichten auf daß die Völker der Welt, trotz tiefgehender Unterschiede zwischen den
Regierungssystemen, Freunde sein können.
Wollen wir ein Gebäude des Friedens in der Welt errichten, in dem
die Schwachen genauso sicher sind wie die Starken - in dem jeder das Recht
des anderen respektiert, in einem andersgearteten System zu leben - in
dem diejenigen, die andere beeinflussen möchten, dies durch die Stärke ihrer
Ideen und nicht durch die Macht ihrer Waffen tun.

Wollen wir diese hohe Verantwortung nicht als eine Bürde, sondern
freudig auf uns nehmen - freudig, weil die Chance, einen solchen Frieden
zu schaffen, die vornehmste Aufgabe ist, die ein Land auf sich nehmen
kann; freudig auch, weil wir nur dann eine große Nation bleiben werden,
wenn wir mit Größe unseren Verpflichtungen im Ausland nachkommen. Und
nur wenn wir eine große Nation bleiben, werden wir mit Größe unseren Ver-

- 3-

�Verpflichtlingen im eigenen Lande nachkommen können.

Wir haben heute die Chance, mehr zu tun als jemals zuvor in unserer
Geschichte, um das Leben in Amerika zu verbessern - um eine bessere Schulbildung, bessere Gesundheitseinrichtungen, bessere Wohnungen, bessere
Verkehrseinrichtungen, eine sauberere Umwelt zu gewährleisten - um die
Achtung vor dem Gesetz wiederherzustellen, um unsere Gemeinden lebensfreundlicher zu gestalten - um das von Gott gegebene Recht jedes einzelnen Amerikaners auf umfassende und gleiche Chancen sicherzustellen.

Da der Rahmen dessen, was nötig ist, so weit gesteckt ist - da der
Bereich dessen, was möglich ist, so groß ist, - sollten wir kühn sein in
unserer Entschlossenheit, diese Erfordernisse auf neue Weise zu erfüllen.
So wie die Errichtung eines Gebäudes des Friedens in der Welt es
erforderte, daß wir uns von der alten Politik abwandten, die versagt hat,
so erfordert es der Aufbau einer neuen Ära des Fortschritts im eigenen
Lande, daß wir von der alten Politik ablassen, die ebenfalls versagt hat.

In der Welt bedeutete der Übergang von der alten Politik zu einer
neuen keine Abkehr von unseren Verpflichtungen, sondern vielmehr einen
besseren Weg zum Frieden.

Im eigenen Lande wird der Übergang von einer alten Politik zu einer
neuen keine Abkehr von unseren Verpflichtungen sein, sondern vielmehr
ein besserer Weg zum Fortschritt.

In der Welt wie im eigenen Lande liegt der Schlüssel zu dieser neuen
Politik in der Verteilung der Aufgaben. Wir haben zu lange mit den Folgen
des Versuches gelebt, alle Gewalt und Verantwortung in Washington zu vereinen.

In
- 4-

�In der Welt wie im eigenen Lande ist die Zeit gekommen, da wir uns
von der herablassenden Politik des Paternalismus - des "Washington weiß
es am besten" - abwenden.
Jemand kann nur verantwortungsbewußt handeln, wenn er Verantwortung
trägt. Dies liegt in der Natur des Menschen. Wir sollten die Menschen im
eigenen Lande und die anderen Völker ermutigen, selbst mehr zu tun und
selbst mehr zu entscheiden. Wollen wir das, was wir für andere tun, nach
dem bemessen, was sie selbst für sich tun.
Das ist der Grund, warum ich heute nicht verspreche, daß die Regierung
schon alle Probleme lösen wird. Wir haben zu lange mit diesem falschen
Versprechen gelebt. Indem wir zu sehr auf die Regierung bauten, haben wir
mehr von ihr gefordert, als sie geben kann. Dies führt nur zu übersteigerten Erwartungen, zu geringeren Anstrengungen des einzelnen, und zu Enttäuschung und Frustration, die das Vertrauen in das, was die Regierung
und was die Bevölkerung leisten können, untergraben.

Die Regierung muß lernen, weniger von den Menschen zu nehmen, so
daß diese mehr für sich selbst sorgen können.

Jeder von uns sollte sich daran erinnern, daß Amerika nicht von der
Regierung, sondern vom Volke geschaffen wurde - nicht durch Wohlfahrt,
sondern durch Arbeit - nicht durch Zurückschrecken vor der Verantwortung,
sondern durch Übernahme von Verantwortung.

In unserem eigenen Leben sollte sich jeder von uns fragen: Was kann
ich selbst für mich tun, und nicht, was wird die Regierung für mich tun.

Bei den Aufgaben, vor denen wir gemeinsam stehen, sollte jeder von
uns fragen: Wie kann ich helfen, und nicht, wie kann die Regierung helfen.

Unsere

�Unsere Bundesregierung hat eine große und entscheidend wichtige Rolle
zu spielen. Ich versichere Ihnen, daß diese Regierung, wo sie handeln
sollte, mutig handeln, und führen wird. Aber genauso wichtig ist die Rolle,
die jeder einzelne von uns spielen muß, als Einzelperson und als Mitglied seiner eigenen Gemeinde.
Von

dem heutigen Tage an sollte sich jeder vpn uns zutiefst in

seinem Herzen verpflichten, seiner Verantwortung nachzukommen, seinen Beitrag zu leisten, seine Ideale zu verwirklichen, so daß wir gemeinsam ein
neues Zeitalter des Fortschritts für Amerika anbrechen sehen und gemeinsam - da wir jetzt den 200. Gründungstag unserer Nation begehen werden stolz sein können auf die Erfüllung des Versprechens, das wir uns und
der Welt gegeben haben.

Wo jetzt der längste und schwierigste Krieg Amerikas seinem Ende
entgegengeht, müssen wir erneut lernen, über unsere Meinungsverschiedenheiten mit Würde und Anstand zu debattieren. Und jeder von uns sollte
sich um jenes kostbare Gut bemühen, das die Regierung einem nicht geben
kann, nämlich um ein neues Maß an Respekt vor den Rechten und Gefühlen
des anderen und um ein neues Maß an Respekt vor der Menschenwürde, die
das kostbare angeborene Recht eines jeden Amerikaners ist.

Und vor allem anderen ist jetzt die Zeit für alle Amerikaner gekommen,
den Glauben an uns selbst und an Amerika zu erneuern.

In den letzten Jahren ist dieser Glaube in Frage gestellt worden.

Unseren Kindern ist gesagt worden, sie müßten sich ihres Landes,
ihrer Eltern, der Taten Amerikas hier im eigenen Lande und seiner Rolle
in der Welt schämen.

Bei jeder Krise sind wir von denjenigen bedrängt worden, die an

- 6-

�an Amerika alles falsch und nur wenig richtig finden.

Aber ich bin zuversichtlich, daß dies nicht das Urteil der Geschichte
über diese bemerkenswerten Zeiten sein wird, in denen wir leben dürfen.

Was Amerika in diesem Jahrhundert geleistet hat, an Verantwortungsbewußtsein, an Großherzigkeit, an schöpferischer Kraft und an Fortschritt
ist ohne Parallele in der Weltgeschichte.

Wir können stolz darauf sein, daß unser System mehr Freiheit und mehr
Wohlstand hervorgebracht und gegeben hat - und zwar für mehr Menschen -,
als irgendein System in den letzten hundert Jahren der Geschichte der
Menschheit.
Wir können stolz darauf sein, daß wir in jedem der vier Kriege, in
denen wir in diesem Jahrhundert gekämpft haben - das gilt auch für denjenigen, den wir jetzt beenden - nicht für eigennützige Vorteile gefochten
haben, sondern um anderen zu helfen, einer Aggression zu widerstehen.

Wir können stolz darauf sein, daß wir mit unseren kühnen, neuen
Initiativen und mit unserem unerschütterlichen Eintreten für einen ehrenhaften Frieden einen Durchbruch erzielt haben, um in der Welt etwas zu
schaffen, was die Welt zuvor noch nie gehabt hat - ein Gebäude des Friedens
nicht nur für unsere Zeit, sondern für künftige Generationen.

Wir treten heute hier in eine Ära ein, die uns vor so gewaltige Aufgaben stellt, wie sie kein Land und keine Generation je zuvor zu bewältigen
hatte.

Wir werden Gott, der Geschichte und unserem Gewissen gegenüber dafür
verantwortlich sein, wie wir diese Jahre nutzen werden.
Wenn
- 7-

�Wenn ich jetzt hier an dieser so ehrwürdigen Stätte der Geschichte
stehe, dann denke ich an die anderen, die vor mir hier gestanden haben.
Ich denke an das, was sie sich für Amerika erträumt hatten, und ich denke
daran, wie jeder von ihnen sich darüber im klaren war, daß er Hilfe benötigte, die weit über seine eigene Kraft hinausging, um diese Träume
Wirklichkeit werden zu lassen. Heute bitte ich Sie, dafür zu beten, daß
ich in den kommenden Jahren Gottes Hilfe haben möge, um die Entscheidungen
zu treffen, die für Amerika richtig sind, und ich bitte Sie um Ihre Unterstützung, damit wir gemeinsam unserer großen Aufgabe gerecht werden können.

Wollen wir gemeinsam das feierliche Gelübde ablegen, die nächsten
vier Jahre zu den besten vier Jahren in der Geschichte Amerikas zu machen,
so daß Amerika an seinem 200. Geburtstag so jung und dynamisch sein wird
wie zu seinem Beginn und ein genauso

leuchtender Hoffnungsstrahl für

die ganze Welt.

Wollen wir von hier aus voranschreiten, zuversichtlich voll Hoffnung,
stark in unserem Glauben aneinander, gestärkt durch unseren Glauben an
Gott, der uns geschaffen hat, und in dem steten Streben, seinen Zielen zu
dienen.

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4/1973

AUSSENMINISTER ROGERS FORDERT NEUE FRIEDENSBEMÜHUNGEN IM NAHEN OSTEN

-Auszüge aus seiner Ansprache vom 17. Januar-

NEW YORK --(AD)-- Der amerikanische Außenminister William P. Rogers hat sich
am 17. Januar für neue Friedensbemühungen,vor allem auch im Nahen Osten,eingesetzt. Rogers sprach auf einem Abschiedsessen für den scheidenden israelischen Botschafter Rabin . Nach einigen einleitenden Worten, in denen er die
Verdienste Rabins würdigte, führte der amerikanische Außenminister wörtlich
aus:
"Für die Motivierung der Politik eines Landes gibt es selbstverständlich
kein höheres Ziel als das Streben nach einem gerechten und dauerhaften Frieden. Diesem Ziel hat sich die amerikanische Außenpolitik verschrieben, nämlich eine Welt zu schaffen, in der der Soldat, wie im Falle von Botschafter
Rabin, hinter den Diplomaten zurücktritt. Präsident Nixon hat dies in seiner
ersten Amtseinführungsrede so ausgedrückt: »Wir wollen dort den Frieden
willkommen machen, wo man ihn nicht kennt; wir wollen dort den Frieden stärken, wo er schwach ist; wir wollen dort den Frieden dauerhaft machen, wo er
nur vorübergehend ist.1
In

-1-

�In den letzten vier Jahren haben wir dramatische, wenn auch nicht immer
glatte Fortschritte in Richtung auf dieses Ziel gemacht. Wir werden während
der nächsten vier Jahre, wo immer dies notwendig sein wird, dieses Bemühen
mit allem Nachdruck fortsetzen.
Ohne Frage ist unser Erfolg beim drastischen Abbau der Spannungen zwischen den Großmächten - zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
sowie zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China - ein wesentlicher Fortschritt in Richtung auf eine Zukunft in Frieden. Langjährige
von Zank und Streit getragene Beziehungen werden zu Beziehungen »einer gegenseitig nützlichen Zusammenarbeit*. Selbstverständlich werden fundamentale
Differenzen bleiben. Aber wir haben die feste Absicht, einen Rahmen beiderseitiger Verpflichtungen zu schaffen,durch den der natürliche Wunsch unserer
Völker nach einer von Krieg freien Welt gestärkt wird.
Für den von uns erzielten Fortschritt waren geduldige, einfallsreiche
und beharrliche Verhandlungen von entscheidender Bedeutung. Wenn wir unsere
realistische Hoffnung auf eine Generation des Friedens verwirklichen wollen,
dann sind weitere Fortschritte notwendig.
Wir werden in den kommenden Monaten jede Gelegenheit benutzen, um in
Richtung auf dieses Ziel weiterzukommen:
- Wir werden versuchen, mit der UdSSR nicht nur eine Begrenzung, sondern
eine Verringerung der strategischen Offensivwaffen zu erreichen. Wir haben bereits die Raketenabwehrsysteme (ABM) begrenzt und vereinbart, sie nicht für
eine Verteidigung unserer nationalen Hoheitsgebiete zu dislozieren. Wir müssen
jetzt danach streben, den Stand der strategischen Offensivkräfte, die die Bedrohung unserer jeweiligen Sicherheit darstellen, de facto abzubauen.
- Wir werden versuchen, eine größere Freizügigkeit von Personen und
Ideen in ganz Europa herbeizuführen. In einer Periode der Interdependenz und
der Entspannung wird ein besseres gegenseitiges Verständnis und ein verstärkter Austausch von Ideen und Menschen von entscheidender Bedeutung für einen

�einen stabilen Frieden sein. In diesem Zusammenhang ermutigt uns die kürzliche Äußerung von Parteichef Breschnew, daß 'die Möglichkeiten hier recht weitgesteckt sind', zu der Hoffnung, daß die kommende Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa einen Fortschritt in dieser Richtung bringen
wird.
- Wir werden eine beiderseitige und ausgewogene Verringerung der Streitkräfte in Mitteleuropa anstreben. Im Rahmen einer besser werdenden politischen
Atmosphäre in Europa kann eine beiderseitige Verringerung der Streitkräfte
weiter zum Abbau der Spannungen beitragen, während gleichzeitig die Sicherheit
beider Seiten gewährleistet wird. In den Vorbereitungsgesprächen, die in Kürze
beginnen, werden wir die Grundlage für ernsthafte Verhandlungen zu diesem Zweck
im kommenden Herbst schaffen.
- Wir werden versuchen, im Jahre 1973 unsere Austausch-und Besuchsprogramme mit der Volksrepublik China auszuweiten und unseren Handel mit diesem Land
mindestens zu verdoppeln. Wir haben unseren Handel mit China bereits von weniger als fünf Millionen Dollar auf über 100 Millionen Dollar gesteigert und haben das erste bedeutsame Besucheraustauschprogramm seit 25 Jahren ins Leben gerufen. Wir sind über diesen Fortschritt erfreut und rechnen damit, daß er
stetig weiter zunimmt.
Es sind nicht große Worte, sondern Leistungen dieser Art, aus denen die
Grundlagen einer friedlichen Welt gebaut werden.
So haben wir eh und je versucht, einen dauerhaften und ehrenhaften Frieden in Vietnam herbeizuführen. Wie Sie wissen, war die Entscheidung des Präsidenten, die Bombardierung, Beschießung und weitere Verminung von Nordvietnam
einzustellen, das Ergebnis eines Fortschritts bei der jüngsten Verhandlungsrunde.
Der Frieden in Vietnam ist natürlich ein Hauptanliegen;es kann jedoch
keine Garantie für eine Generation des Friedens geben, solange es keine dauerhafte Regelung im Nahen Osten gibt.
Die

3-

�Die Vereinigten Staaten haben in den letzten vier Jahren diesem Ziel
ernsthafte und eingehende Bemühungen gewidmet - einem Ziel, das die Welt ein
Viertel Jahrhundert lang nicht erreichen konnte. Die Waffenruhe von 1970 entlang des Suezkanals - das Ergebnis einer amerikanischen Initiative, bei deren
Zustandekommen Botschafter Rabin eine wichtige Rolle spielte -, war ein Vorsignal. Die Kämpfe entlang des Kanals ruhen seit fast zweieinhalb Jahren, was
weiterhin für alle Beteiligten von Vorteil ist.
Noch sind keine Verhandlungen im Gange. Wir sind der Überzeugung, daß
eine Lösung nur durch einen - direkten oder indirekten - echten und bedeutsamen Verhandlungsprozeß erreicht werden kann. Die Entscheidung, in Verhandlungen einzutreten, erfordert keine Änderung der Zielsetzungen oder der Politik.
Verhandlungen setzen nur die Bereitschaft voraus, nach Lösungen zu suchen und
ernsthaft und überlegt die Möglichkeiten einer gegenseitigen Annäherung zu
prüfen. Verhandlungen können die gegenseitige Klärung der Vorstellungen und
die Festlegung

des letztlichen nationalen Interesses bringen, aus denen ein

dauerhafter Frieden erwachsen kann.
Als Präsident Nixon vor vier Jahren die Hoffnung zum Ausdruck brachte,
daß die Welt aus einer Ära der Konfrontation heraus-und in eine Ära der Verhandlungen eintreten werde, sprach er nicht ausschließlich über die Beziehungen
zwischen Supermächten. Er sprach von dem Fortschritt und von der Hoffnung, die
ein solcher Fortschritt für die Regelung von Streitigkeiten zwischen allen Nationen bietet. So haben also ernsthafte und umfassende Verhandlungen nicht nur
zwischen uns und der Sowjetunion und der Volksrepublik China stattgefunden,
sondern auf dem ganzen .Erdball haben Gegner Verhandlungen aufgenommen: die
Ostdeutschen mit den Westdeutschen, die Pakistanis mit den Indern, die Nordkoreaner mit den Südkoreanern. Ich glaube, es liegt auf der Hand, daß die
Politik des Präsidenten zu diesen begrüßenswerten Entwicklungen und zur Verbesserung des Friedensklimas in allen Teilen der Welt beigetragen hat.
Der

-4-

�Der Nahe Osten bildet weiterhin eine Ausnahme in den Bemühungen, Differenzen durch einen aktiven Dialog beizulegen. Das Nachlassen der Spannungen
zwischen den Großmächten, verbesserte Verhältnisse in anderen Ländern des
Gebietes und die Aufrechterhaltung des militärischen Gleichgewichtes tragen
zusammen dazu bei, das Jahr 1973 zu einem günstigen Zeitpunkt für Verhandlungen zu machen. Wir sind überzeugt, daß beide Seiten - Araber und Israelis eine Lösung wünschen, die auf der Resolution des Weltsicherheitsrates vom
November 1967 beruht. Daher bleiben nach unserer Auffassung die Türen der
Diplomatie offen.
Wir sind weiterhin überzeugt, daß der realistischste Weg der wäre, mit
Verhandlungen über ein Interimsabkommen über den Suezkanal zu beginnen. Eine
solche Entwicklung würde:
- die militärischen Kräfte beider Seiten auseinanderrücken;
- die Waffenruhe festigen;
- zu einem Teilabzug der Israelis führen; und
- den Suezkanal für den Welthandel öffnen.
Der Abschluß und die Einhaltung des Interimsabkommens würde Vertrauen
schaffen und den Bemühungen um eine endgültige Regelung Auftrieb geben. Das
Zustandekommen des Interimsabkommens wäre nicht der Abschluß eines Prozesses,
sondern ein erster entscheidender Schritt, um Verhandlungen über die Durchführung der Sicherheitsratsresolution Nr. 242 in ihrer Gesamtheit zu erleichtern.
Präsident Nixon hat öffentlich erklärt, daß wir dem Nahen Osten eine
sehr hohe Priorität einräumen werden. Wir werden uns aktiv darum bemühen
festzustellen, ob und wie wir den Beteiligten helfen können, einen echten
Verhandlungsprozeß in Gang zu bringen...."

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4/1973

DIE WAHL ZEIGT: DIE AMERIKANER WOLLEN DEN WANDEL
Von Louis Harris

&lt;

Louis Harris,der Präsident von Louis Harris
and Associates, hat sich in zwei Jahrzehnten einen Platz als einer der bekanntesten
und meist geachteten Meinungsforscher der
Welt erobert. Seine Voraussage des überwältigenden Sieges Nixons traf das Endergebnis um zwei Zehntel Prozent. Diese erfolgreiche, genaue Vorhersage ist jedoch nach
seinen eigenen Worten "nicht das, worum
es bei der Meinungsforschung geht. Der
'Existenzgrund1 für die Meinungsumfragen
ist vielmehr die Erweiterung des Verständnisses für das, was vorgeht hinsichtlich
der treibenden Kräfte bei einer bestimmten
Wahl - und was dies über die Zukunft erkennen läßt". Aus seiner Überzeugung heraus,
daß die Öffentlichkeit ein Recht hat, die
Kriterien und die Methoden zu erfahren, die
seinen Schlußfolgerungen zugrunde liegen,
hat er der amerikanischen Kongreßbibliothek
die kompletten Unterlagen seiner politischen
Meinungsumfragen zur Verfügung gestellt,die
er bei den Wahlen 1968 und 1972 durchführte.

Der entscheidende Punkt bei den amerikanischen Wahlen im Jahre 1972 war
der, daß die Vereinigten Staaten geteilt waren zwischen den Kräften, die für
den Wandel eintraten und den Kräften, die keinen Wandel wollten. Es ging

-1-

�ging nicht um einen Wettkampf zwischen einer ideologischen Rechten und einer
ideologischen Linken mit einer "ausschlaggebenden" Mehrheitsgruppe in der
Mitte.
Nach meiner Auffassung ist es unmöglich zu begreifen, was bei diesen
Wahlen vor sich ging, ohne diese grundlegenden Fakten zu erkennen. Der entscheidende Punkt bei den Wahlen im November vorigen Jahres scheint mir zu
sein, daß Richard Nixon offensichtlich diese Lehre von einer sich verändernden Wählerschaft sehr gut begriffen hat, was die zentrale Frage der Außenpolitik angeht. Und am Ende gelang es ihm, eine Mehrheit zustandezubringen,
die sich aus Anhängern der Gruppe des Wandels und der des "Nichtwandeis"
zusammensetzte.
Die Zukunft des politischen Prozesses in den Vereinigten Staaten, so
wie wir sie heute sehen, kündet mehr Wandel,mehr Unbeständigkeit seitens der
Wählerschaft an als etwa eine Festigung, eine Verhärtung oder etwa eine
neue Mehrheit um einen amorphen Mittelpunkt herum.
Bis 1976 wird sich die für den Wandel eintretende Gruppe, die sich bereits jetzt auf rund 50 Prozent der Wählerschaft vergrößert hat, wahrscheinlich auf 55 Prozent erhöhen.
Eines können wir nach der Wahl von 1972 sicherlich sagen: Die neue,
höchst unabhängige Gruppe, die den Wahlzettel nicht einfach nach der Partei
ausfüllt, sondern die genau differenziert und für den Wandel eintritt, wird
die treibende Kraft in der amerikanischen Politik sein. Und jeder Politiker,
der das ignoriert, wird das zu seinem Nachteil tun.
Lassen Sie mich mit einigen grundlegenden Fakten des politischen Lebens
beginnen, wie sie weitgehend existierten, bevor der Wahlkampf 1972 überhaupt
angefangen hatte,und wie sie sich heute,nachdem das alles vorbei ist, nicht
verändert haben.
Tatsache Nr. 1: Obwohl ein Präsident im Amt mit einem Erdrutsch wiedergewählt worden ist, fühlen sich mehr als vier von zehn Amerikanern im Alter
von 18 Jahren und darüber der Führung öffentlicher und privater amerikani-

-2-

�amerikanischer Institutionen entfremdet. Seit 1966 hat diese Entfremdung in
unserer Bevölkerung dramatisch zugenommen.
Tatsache Nr. 2: Im Brennpunkt dieser Entfremdung stehen nicht entfernt
so stark die vielbehandelten Ziele wie die protestierende Jugend, die militanten Schwarzen oder drogensüchtige Hippies oder Langhaarige, die obszöne
Worte gebrauchen, sondern das Ziel, auf das es hinausläuft, kann am besten
als das "Establishment" bezeichnet werden - die Leute, in deren Händen die
beherrschenden Institutionen in unserem Lande liegen.
Hier ein paar Beispiele dafür, wie sehr das Establishment -das öffentliche wie das private- in der Gunst der Öffentlichkeit im Verlauf der
letzten sechs Jahre gesunken ist: die Medien - Presse und Fernsehen - und
zwar, was das Vertrauen in sie anbetrifft, von 29 auf 18 Prozent; das Oberste
Bundesgericht von 51 Prozent auf 28 Prozent; die Exekutive der Bundesregierung von 41 Prozent auf 27 Prozent; der Kongreß von 41 Prozent auf 21 Prozent; die militärische Führung von 62 Prozent sogar bis auf 35 Prozent; die
Geschäftsleute und Unternehmer von 58 Prozent auf 27 Prozent.
Diese Zahlen weisen warnend darauf hin, daß die amerikanische Bevölkerung - falls sich die Qualität des Lebens in den USA nicht verbessert durchaus gewillt und bereit ist, diejenigen, die jetzt auf dem Thron der
Macht sitzen, von ihren Posten zu verdrängen und zwar sowohl im öffentlichen
wie im privaten Sektor. Und es kann kein Zweifel bestehen, daß sie im Rahmen
des politischen und wirtschaftlichen Systems der Vereinigten Staaten dazu
durchaus die Macht haben.
Tatsache Nr. 3: Aber Veränderungen noch grundlegenderer Art haben in
unserer Wählerschaft seit 1968 stattgefunden - Veränderungen, wie sie sich nie
zuvor in einem vergleichbaren Zeitabschnitt von vier Jahren in unserer modernen Geschichte vollzogen haben. Bei einer Wählergruppe, der ganz besondere
Aufmerksamkeit zuteil wurde, zeigte sich die Tendenz, sich jedem Wechsel in
wachsendem Maße zu widersetzen. Was die Gemüter der Angehörigen dieser Gruppe
erhitzt, sind Fragen wie die Bemühung um rassischen Ausgleich in den Schulen

-3-

�Schulen durch das neu eingerichtete Schulbussystem; Amnestie für landesflüchtige Wehrdienstverweigerer; Straferleichterung für den Besitz von Marihuana,
wobei die Ansicht vertreten wird, daß die Richter und andere Organe des
Rechtsvollzugs in den Vereinigten Staaten schon seit langem hier viel zu
nachsichtig gewesen seien. In dieser Gruppe finden sich unter denen, die
besonders empfindlich auf alle diese Fragen reagieren, vor allem Vertreter der
Altersgruppe über 50, Gewerkschaftsmitglieder; Leute, die überwiegend nur eine
Grundschulbildung besitzen sowie Kleinstadtbewohner und viele aus der Einkommensgruppe zwischen 5 000 und 10 000 Dollar jährlich.
Man hat diese Gruppe Amerikas Mitte - oder auch die schweigende Mehrheit genannt. Das besondere Kennzeichen der in dieser Gruppe vereinigten Wähler besteht aber darin, daß ihr zahlenmäßiger Anteil an der Gesamtheit der Wählerstimmen zurückgeht.
Insgesamt betrug der Anteil dieser Gruppen - die man vielleicht als
Koalition des Patt oder des Status quo bezeichnen könnte - an der Gesamtwählerzahl im Jahre 1968 noch etwa 55 Prozent, im Jahre 1972 aber nur noch 50 Prozent .
Eine ganz andersartige Gruppe findet man bei den Wählern unter 30 Jahren,
unter denen, die sich selbst als unabhängig bezeichnen und sich an keine politische Partei gebunden fühlen. Personen, die in den Vorstädten leben, die
ein gewisses Maß an Collegeausbildung erhalten haben und deren Einkommen in
der Größenordnung von 15 000 Dollar jährlich und darüber liegt.
Das besondere Kennzeichen dieser neuen "Koalition für Wandel und Veränderungen" besteht darin, daß die zu ihr Gehörigen von einer ganz anderen Reihe
von Problemen bewegt und bedrängt werden. Für sie ist die Qualität des Lebens
ein Anliegen besonderer Wichtigkeit, sie wünschen schärfere Maßnahmen zur Eindämmung der Luft-und Wasserverschmutzung. Sie waren bei den 1972er Wahlen führend in der Aufstellung und Propagierung von Referenden für Maßnahmen zum Umweltschutz. Sie befürworten die Legalität der Abtreibung bis zum dritten
Schwangerschaftsmonat; Zwei Drittel von ihnen haben nichts gegen lange Haare

-4-

�Haare und die neuen Formen von Mode und Verhalten bei der Jugend. Vor allem
aber wollen sie zu einer Ära des Friedens gelangen anstelle der Konfrontation,
die die Gefahr birgt, zu einem nuklearen Krieg zu eskalieren. Die Mehrheit dieser Menschen ist prinzipiell für Veränderungen - für konkrete und pragmatische nicht ideologische - aber für reale Veränderungen. Wenn Präsident Nixon eine
"Veränderung, die sich bewährt" in Aussicht stellte, so war das eine Sprache,
die von diesem Menschen verstanden wurde, und viele fanden den Präsidenten
denn auch überzeugend.
Ohne Ausnahme hat diese Koalition, die für Veränderungen eintritt, ihren
zahlenmäßigen Anteil an der Wählerschaft verstärkt. Es ist mehr als genug
über den Einfluß der Jungwähler auf die Gesamtzahl der Wählerstimmen gesagt
worden. Tatsache ist jedenfalls, daß von den geschätzten 18 Prozent bei den
Wahlen im Jahre 1968 zu den 24 Prozent der im Jahre 1972 registrierten Stimmen
ein Zuwachs von 6 Prozent erfolgte.Dies zeigt, daß die Jungwähler keinesfalls
die Wählergruppe waren, die den rapidesten Zahlenanstieg verzeichnete. Die Zahl
der Unabhängigen ist von 16 Prozent bei den Wahlen vor vier Jahren auf 22 Prozent im Jahre 1972 - und damit ebenfalls um 6 Prozent - gestiegen. Die Zahl der
Wähler aus den Vorstädten schnellte von 27 auf 33 Prozent, ist also ebenfalls um
6 Prozent höher. Die Wähler mit Collegebildung machten im Jahre 1968 nur 27 Prozent der Gesamtwählerzahl aus und stiegen um 8 Prozent auf 35 Prozent im Wahljahr 1972. Und die Wähler aus der Gruppe mit einem Jahreseinkommen von 15 000
Dollar und darüber schnellte von 11 auf 20 Prozent und verzeichnete damit eine
Zunahme um neun Prozent.
Als Ganzes genommen stellte diese Gruppe, diese neue Koalition für den
Wandel, im Jahre 1968 rund 45 Prozent der Wählerschaft, aber im Jahre 1972 gehörten ihr schon rund 5o Prozent aller Wähler an: sie hat also mit der Gruppe,
die nicht für den Wandel ist, praktisch gleichgezogen.
In seiner langen Kampagne um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat
der Demokraten hat Senator George McGovern von Anfang an eine zwiefältige
Strategie verfolgt: Einmal, daß er einen festen Ankerpunkt als derjenige

-5-

�derjenige Demokrat setzen würde, der für den Wandel und für die neue Politik
eintritt, und zum andern ging er davon aus, daß sich die Demokraten der Mitte
bei den Vorwahlen gegenseitig ausschalten würden. Darüberhinaus wollte er
eine Armee junger Leute mobilisieren, die bei den Vorwahlen ihre Stimme in
die Waagschale werfen konnten.
Diese Strategie hat offensichtlich bis zum Parteikonvent der Demokraten
und während des Konvents selbst funktioniert. Hubert Humphrey hat einen beträchtlichen Teil der Stimmen für Muskie auf sich gezogen, und John Lindsay
und Henry Jackson ging der Atem aus. Die große Überraschung der Vorwahlen war
jedoch die Staerke von George Wallace auch außerhalb des Südens. Das Phänomen
Wallace und das Phänomen McGovern zeigte damals eines gemeinsam, nämlich eine
grundsätzliche Anziehungskraft: Beide fanden Anklang bei den 47 Prozent der
Wählerschaft, die entfremdet waren,und beide kamen der Enttäuschung der Wähler
über das Establishment, vor allem das Big Business, und dem weitverbreiteten
Wunsch nach Steuerreform entgegen.
Trotz der übertriebenen Behauptungen der Manager von McGovern, daß dieser
eine Mehrheit unter den eingeschriebenen Demokraten habe, zeigten ihre eigenen
Meinungsumfragen in den Einzelstaaten, in denen Vorwahlen stattfanden, daß
seine Anhängerschaft im Durchschnitt kaum über die 30 Prozent-Marke hinauskam.
Unsere eigene Höchstnotierung für McGovern bei den Demokraten lag bei 27 Prozent. Für Wallace ging sie nie über 22 Prozent hinaus.
Zu Ende der Vorwahlen hatte sich die Demokratische Partei in eine Position
hineinmanövriert, in der ihr nichts anderes übrig blieb, als einen Kandidaten
unter den Minderheitsanwärtern auszusuchen.
Die Verlagerung der Stimmen, die sich von Wallace ab-und Nixon zuwandten
und zwar in einem Verhältnis von 80 zu 20, hat Anfang Juni wahrscheinlich die
Chancen von George McGovern zunichte gemacht, das Weiße Haus zu erobern. Unsere
eigenen Meinungsumfragen zeigten, daß die entscheidende Periode der Stimmenabwanderung von McGovern nicht etwa während oder nach der Eagleton-Affäre lag
(als McGovern seinen designierten Vizepräsidentschaftskandidaten aufgeben mußte,
weil sich dieser früher einer psychiatrischen Behandlung unterzogen und dies

-6-

�dies verschwiegen hatte - d.R.) und sicherlich auch nicht auf den Parteikonvent der Demokraten zurückzuführen war, der bedeutsamer, ansprechender und
interessanter war als der Konvent der Republikaner. McGovern geriet bereits
in der letzten Woche der Vorwahlen in Kalifornien Anfang Juni auf die Bahn
nach unten.. Es war nämlich in Kalifornien, als Senator Humphrey mit seinem
Angriff auf das Steuerreform-Einkommensneuverteilung-Wohlfahrtsreform-Paket
den wunden Punkt seines Rivalen fand. Dieser Vorschlag McGoverns wurde unauslöschlich von dem Versprechen geprägt, jedem Mann, jeder Frau und jedem
Kind einfach 1 000 Dollar im Jahr aus dem großen Topf der Bundesregierung zu
geben. Diese Idee wurde von den Wählern selbst rundweg abgelehnt, und zwar
mit 73 gegen 15 Prozent, und dieser Vorschlag hing McGovern bis zum Wahltag
an. Noch am Wochenende vor dem Wahltag fand eine Mehrheit von 62 gegen 24 Prozent diesen Einkommensneuverteilungsplan einfach zu "radikal".
Man hat heute bereits vergessen, daß McGovern im Mai vorigen Jahres in
unseren Umfragen nur sieben Punkte hinter Präsident Nixon zurücklag - mit
einem Verhältnis von 48 zu 41 Prozent. Er lag im Osten der USA in Führung und
kam im Mittelwesten und im Westen bis knapp an Nixon heran. Er lag in den
Großstädten klar vorn und in den entscheidend wichtigen Vororten nur um wenige
Punkte zurück. Er lag bei der Jugend an der Spitze und bei den Unabhängigen
nur um einen Punkt zurück, und bei der Einkommensgruppe um 15 000 Dollar pro
Jahr und darüber nur um sechs Punkte zurück. Er hatte eindeutig eine goldene
Chance, eine Koalition des lebendigen Wandels zustandezubringen, die ihn praktisch an den Präsidenten herangebracht hätte. Zusammen mit seiner Führung von
vier gegen eins bei den Schwarzen hätte er es im November durchaus schaffen
können.
Nach den Vorwahlen in Kalifornien im Juni fiel McGovern jedoch von sieben Punkten Rückstand auf 16 Punkte zurück. Er war auf 20 Punkte Rückstand
zurückgefallen, bevor der Parteikonvent der Demokraten noch begonnen hatte,
und kam nach der Eagleton-Affaire mit 23 Punkten Rückstand heraus. Die eigentliche Auswirkung der Eagleton-Episode bestand darin, daß er bei den jungen
Menschen unter Dreißig endgültig die Führung verlor, denn mit zwei gegen eine

-7-

�eine vertrat die Gruppe, mit der er so stark gerechnet hatte, die Auffassung,
daß

McGovern in der Frage der geistigen Gesundheit - also einer vernünfti-

gen Frage - einen unvernünftigen Standpunkt eingenommen und sich im übrigen wie
ein Politiker üblichen Stils verhalten habe.
Den letzten Anstoß gab dann das Bemühen McGoverns, die Einheit in den
demokratischen Reihen dadurch wiederherzustellen, daß er bei den Gewerkschaften und den katholischen Wählern mit den üblichen massiven Wahlversprechungen
Boden zu gewinnen versuchte, gleichzeitig gegen die Gesetze für ein Recht auf
Arbeit loszog, sich gegen Lohnkontrollen wandte und für eine Unterstützung
von Konfessionsschulen aussprach und in der Abtreibungsfrage Rückzieher machte.
Langsam aber sicher verlor er immer mehr an Boden bei seinen ursprünglichen Anhängern unter der Koalition für einen Wandel.
Mit anderen Worten, McGovern machte sich selbst zu dem eigentlichen Thema
des Wahlkampfes 1972 und verlor in diesem Prozeß seine eigene Identität.
Aber wenn auch das Problem der Person McGoverns schließlich zum zentralen
Faktor für den Ausgang der Wahlen des Jahres 1972 wurde, so bleibt immer noch
die schwierige Frage: Wie konnte Richard Nixon, der als Präsident im Weißen
Haus saß und von A3 Prozent der Wähler für einen in seiner Grundeinstellung
"Konservativen" gehalten wurde, für einen Mann, den man gleichsam als Symbol
für das Establishment und den Verteidiger des Status quo setzen konnte, wie
konnte dieser Mann die Wahl fast 22 Punkte vor George McGovern gewinnen, der
mehr als jeder andere Demokrat im Jahre 1972 von seiner der Sache des Wandels
verschriebenen Partei nominiert worden war?
Mitte des Jahres, 1971 hatte die Beliebtheit Nixons etwa ihren Tiefstpunkt
erreicht, und es sah ganz so aus, als würde er sich mit einer Amtszeit als
Präsident zufriedengeben müssen. Die günstigste Beurteilung fanden allenfalls
noch seine Bemühungen um den Frieden in der Welt, und hier lag er punktmäßig
etwa bei 48 zu 48. Was die Kriegführung in Vietnam anbetraf, so wurde sie von
61 Prozent negativ beurteilt; zur Steuer-und Ausgabenpolitik äußerten sich
75 Prozent negativ; zur Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung sowie zur
Verbrechensbekämpfung 63 Prozent negativ; zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit

-8-

�1

71 Prozent negativ; zur Senkung der Lebenshaltungskosten 83 Prozent negativ;
zur wirtschaftlichen Stabilität und Gesundheit 73 Prozent negativ und zu der
Frage, ob er persönlich das Vertrauen ins Weiße Haus stärke, hatten 56 Prozent
eine negative Meinung.
Bei "Probeläufen"gegen die Demokraten lag Nixon bis zu sechs Punkten zurück,und die Demokraten hatten ihre Kampagne gegen ihn noch nicht einmal gestartet. Richard Nixon hatte in der Vietnam-Frage und bezüglich des Problems
Wirtschaft eindeutig Schwächen.
Im Sommer 1971 machte Nixon in seiner Einstellung zum Wähler eine Wendung
um 180 Grad. Er trat für den Wandel ein - nicht ideologisch,sondern sachlich,
nicht theoretisch, sondern praktisch.
In rascher Folge gab er seinen Besuch in Peking bekannt, dann verkündete
er am 15. August die Einfrierung aller Löhne und Preise. Das war der gleiche
Richard Nixon, der einmal gelobt hatte, er werde niemals zu Kontrollen Zuflucht
nehmen, um die wirtschaftlichen Übel des Landes zu beseitigen. Und schließlich
teilte er mit, daß er nach seinem Besuch in Peking auch zu einem Gipfeltreffen
in die Sowjetunion reisen werde. Mit der Präzision eines Chirurgen machte sich
Nixon daran, seine beiden offenkundigsten Angriffspunkte zu beseitigen - den
Krieg und die Rezession - und gleichzeitig erhob er den kühnen Anspruch, die
Wiederwahl als der Kandidat des Friedens zu gewinnen.
Die Ergebnisse dieser Strategie schlugen sich rasch in unseren eigenen
Umfragen nieder und sicherten ihm schließlich die Wiederwahl.
Die Gesamtbeurteilung Nixons im Amt durch die Öffentlichkeit verbesserte
sich von dem Tiefstand von 44 Prozent positiv im Juni 1971 auf 56 Prozent
positiv im Juni 1972 nach seiner Moskaureise und erreichte dann im Oktober
mit 59 bis 60 Prozent den höchsten Stand seit den glücklichen Tagen im Jahre
1969.
Was den Aspekt der Friedensarbeit anbetrifft,so stieg er von einem 48 zu
48 Gleichstand auf einen Vorsprung von 67 gegen 31 Prozent.
Was

-9-

�Was die Wirtschaft angeht, so wandelte sich die Mehrheit von 62 gegen
24 Prozent, die der Auffassung war, das Land befinde sich in einer Rezession,
bis Oktober in eine Mehrheit von 51 gegen 34 Prozent, die glaubte, die Rezession sei endlich vorbei. Die Mehrheit von 56 gegen 29 Prozent, die sich
hinsichtlich des Vertrauens negativ ausdrückte, verwandelte sich zum Zeitpunkt
der Wahl in eine Mehrheit von 51 gegen 41 Prozent, die dem Mann im Weißen
Haus ihr Vertrauen schenkte.
Der Wandel in der Einstellung der Wähler war augenfällig. Statt sechs
Punkte hintan zu liegen, endete Nixon mit einem Vorsprung von 22 Punkten
- was einen Umschwung von 28 Punkten bedeutet. Der Nettogewinn, den der Präsident bei der

Gruppe machte, die keinen Wandel wollte, belief sich auf

rund 16 Punkte, lag also um 12 Punkte niedriger als die Gewinnmarge bei
der Gesamtwählerschaft, die Nixon in den 18 Monaten erzielte. Bei der Gruppe
der für den Wandel eintretenden Wähler - der Jugend, den Unabhängigen, den
Vorstadtbewohnern, der Einkommensgruppe von 15 000 Dollar pro Jahr und darüber und den akademisch Gebildeten - machte die Zunahme die erstaunliche
Zahl von 36 Punkten gegenüber seinem Tiefstand aus - lag also um 8 Punkte
über dem Durchschnitt.
Der entscheidende Punkt ist, daß Richard Nixon aus der Position eines
potentiellen Verlierers im Sommer 1971 die Position eines Gewinners mit überwältigendem Abstand im November 1972 machte. Das bedeutsamste Element dieser Entwicklung ist die Tatsache, daß es ihm gelang, die fast sichere Opposition der Gruppen für den Wandel fest für sich zu gewinnen. Was für einen
Mann, der nie für sich in Anspruch nehmen konnte, daß seine persönliche Wärme
oder sein Charisma besonders angekommen wären, vielleicht noch wichtiger ist,
ist die Tatsache, daß es ihm jetzt zum ersten Mal gelungen war, eine beachtliche Mehrheit zu finden, die ihm die persönliche Fähigkeit zutraute, im
Weißen Haus Vertrauen auszustrahlen.
Es wird zwar heute oft das Gegenteil behauptet, aber die Außenpolitik
- der tiefe und echte Friedenswunsch des amerikanischen Volkes - hat ohne
Frage den Wettlauf zum Weißen Haus entschieden. Den zweifellos größten Vor-

-10-

�Vorsprung vor McGovern hatte Richard Nixon durch seine Fähigkeit und Möglichkeit, mit den Russen und Chinesen zu verhandeln:70 gegen 14 Prozent. Von
Vietnam angefangen bis zu den spektakulären Durchbrüchen in Peking und Moskau
war der dominierende Punkt, von dem aus sich die Wählerschaft ihr Haupturteil
bildete, Friede und Außenpolitik.
Das Urteil des amerikanischen Volkes über Richard Nixon entstand nicht
aus innenpolitischen Fragen, sondern aus der Frage des Friedens heraus nicht aus dem, was er sagte, sondern aus dem, was er tat. Die Öffentlichkeit
sieht seine Handlungen in der Außenpolitik als eine Option für den Wandel,
ja, den radikalen Wandel.
Im Grunde tat das Land bei der Wahl nichts anderes, als daß es Präsident
Nixon ein mächtiges "Mandat für den Wandel"übertrug, was die Friedenspolitik
und die Außenpolitik angeht - aber dem Kongreß ein ebenfalls mächtiges "Mandat
für den Wandel" auf dem Gebiet der Innenpolitik gab. In beiden Fällen bedeutet
das Mandat nach meiner Auffassung einen Auftrag für einen pragmatischen Wandel,
einen "Wandel, der funktioniert", wie Nixon es selbst ausgedrückt hat, und
nicht für den Status quo.
Richard Nixon mag vielleicht keine neue und dauerhafte politische Mehrheit zusammenschweißen. Er war im Jahre 1972 eher so etwas wie eine Brücke
zwischen dem Alten und dem Neuen. George McGovern konnte am Ende weder das
Alte noch das Neue für sich gewinnen - und bisher ist es weder der einen
noch der anderen der beiden großen politischen Parteien - Demokraten und Republikaner - gelungen, sich an und mit der neuen Gestaltung der Wählerschaft
zu messen.
+4-H-

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4/1973

DIE KOMMENDEN AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN HANDELS-UND WAHRUNGSVERHANDLUNGEN
-Rede des scheidenden US-Handelsministers Peterson in New York-

NEW YORK --(AD)— Der scheidende amerikanische Handelsminister Peter G.
Peterson, dessen Nachfolge Frederick Dent antritt, hat am 18. Januar vor
dem Conference Board von New York über die kommenden Verhandlungen der USA
mit ihren westlichen Handelspartnern gesprochen. Die Rede, die den Titel
"Die Auswirkung einer sich verändernden Wirtschafts-und Währungspolitik
auf den internationalen Handel: Unsere kommenden Verhandlungen mit unseren
westlichen Partnern"trägt, hat folgenden Wortlaut:
Sie haben mich gebeten, heute abend zu Ihnen über die Frage unserer kommenden Verhandlungen mit unseren westlichen Handels-und Sicherheitspartnern
zu sprechen.
Wenn man von der außerordentlichen Bedeutung, ja dem Schwierigkeitsgrad
der Verhandlungen ausgeht; wenn man von der Tatsache ausgeht, daß noch immer
kritische Studien über alternative Verhandlungsziele und - Strategien entwickelt werden; und wenn man davon ausgeht, daß mein Status als Regierungsbediensteter nur noch auf Wochen begrenzt ist, dann glaube ich, daß ich am

-1-

�besten zwei Dinge tue: Erstens möchte ich unterstreichen, daß das, was ich
hier vortrage, meine persönlichen und vorläufigen Auffassungen sind und keine
amtlichen oder endgültigen. Zweitens möchte ich mich mehr auf die allgemeinen
umrisse einer möglichen Tagesordnung konzentrieren und nicht so sehr auf die
spezifischen amerikanischen Standpunkte, die eingenommen werden könnten.
Es liegt auf der Hand, daß diese Entscheidungen noch nicht getroffen worden
sind und in jedem Fall vom Präsidenten getroffen werden müssen.
Es ist nun einmal eine Tatsache im Leben, ob man dies wahrhaben will
oder nicht, daß jede Beziehung, sei es zwischen Einzelpersonen oder zwischen
Völkern, gepflegt werden muß und im Denken und Fühlen der jeweiligen Beteiligten nicht als zweitrangig deklassiert werden darf, wenn dies nicht zu einer
Verschlechterung führen soll.
Es gibt ernsthafte, denkfähige und besorgte Bürger auf beiden Seiten
des Atlantiks und Pazifiks, die der Überzeugung sind, daß unsere alten und
wertvollen Beziehungen zu den Ländern Westeuropas, zu Japan und Kanada in
Gefahr sind, sich auf diese Weise zu verschlechtern. Diese Leute sagen, daß
wir zu sehr mit den historischen Initiativen des Präsidenten gegenüber der
Sowjetunion und China und natürlich mit dem Vietnamproblem beschäftigt seien.
Diese Leute sagen ferner, daß die Gewinne aus den Initiativen gegenüber
Rußland und China zwar unschätzbar groß gewesen seien, daß jedoch unsere unbeabsichtigte Vernachlässigung Europas und unserer anderen wichtigen Partner das Ganze zu einem nicht ganz reinen Segen werden lassen könnte.
Diese Initiativen drängen offensichtlich vielen Europäern die Auffassung
auf, die Vereinigten Staaten hielten die zugrundeliegenden Motive oder zumindest die ursprünglichen Gründe für das Bündnis - politisch und sicherheitsmäßig gesehen - für nicht mehr so dringend und die Vereinigten Staaten
seien trotz unserer ethnischen, politischen, geistigen und wirtschaftlichen

-2-

�wirtschaftlichen Bindungen indifferent geworden . Es wäre eine Ironie des
Schicksals und ein politischer Verlust von ungeahnten Ausmaßen, wenn wir,
weil wir uns gegenüber dieser möglichen europäischen Schlußfolgerung taub
stellen, uns der Beschuldigung aussetzen würden, zwar die Sowjetunion und
China "zu gewinnen", aber Europa "zu verlieren". Der Präsident ist sich
darüber selbstverständlich völlig im klaren, und ich ganz sicher, daß er
und seine Berater den gleichen Einfallsreichtum und die gleiche Hingabe einsetzen werden, um die unerläßlichen alten Bindungen zu stärken, wie sie sie
benutzt haben, um neue Beziehungen zu China und der Sowjetunion zu schaffen.
Ich glaube, man darf in diesem Zusammenhang jedoch fairerweise auch
sagen, daß einige unserer Verbündeten sich unseren Empfindungen gegenüber
ebenso taub gestellt haben wie wir uns möglicherweise gegenüber den ihrigen.
So haben sie beispielsweise - befangen in ihrem Drang, die Europäische Gemeinschaft auszuweiten - die Ausbreitung von Präferenzabkommen bis zu einem
Ausmaß betrieben, das weit über das hinausgeht, was wir aus unserer ursprünglichen Politik der Unterstützung einer erweiterten Gemeinschaft erwarten
konnten.
Der Gemeinsame Markt, der als ein positiver Schritt zum wirtschaftlichen Wachstum konzipiert wurde, hat mehr und mehr den Charakter eines wirtschaftlichen Schutzwalles angenommen. Es ist nur ein kleiner, aber gefährlicher Schritt von der Vorstellung, daß einen gemeinsame Bande mit einem
oder mehreren Ländern verbinden, zu der leichten, aber trügerischen Fortsetzung des Gedankens, daß die Anerkennung der Bindung eine Form annehmen
kann, die in der Mißachtung der Interessen besteht, welche man mit jenen
außerhalb der Gruppe teilt.
Die Geringschätzung der legitimen Besorgnisse des anderen sowohl seitens der Europäer als der Amerikaner droht nicht nur auf Kosten der Wirtschaft beider Seiten zu gehen, sondern auch auf Kosten des Verlustes

-3-

�Verlustes unseres Gefühls der gemeinsamen Zielsetzung. Wenn diesen Entwicklungen nicht gesteuert wird, dann könnten sie leicht zu verstärkter Bitterkeit und der Forderung nach einseitigen, in wachsendem Maße isolationistischen und, wie ich meine, selbstzerstörerischen Konfrontationen führen. Es
gehört bei uns schon zu den traditionellen Formulierungen bei internationalen
Beziehungen, von unseren "besonderen Beziehungen" zu Westeuropa zu sprechen.
In früheren Zeiten war einigermaßen klar, was wir mit dieser Formulierung
meinten. Heute jedoch, angesichts der kühnen Initiative des Präsidenten gegenüber der Sowjetunion und China und angesichts des raschen Wachstums der wirtschaftlichen Macht des Gemeinsamen Marktes, müssen wir diese besondere Beziehung neu definieren und ihr eine neue praktische und auch menschliche Bedeutung geben. Darüberhinaus ist es so, daß wir, wenn wir dies erfolgreich tun
wollen, mit einigen der herkömmlichen Denkweisen über unsere Beziehungen
brechen müssen. Bisher haben wir traditionsgemäß wirtschaftliche Probleme
ausschließlich durch wirtschaftliche Mittel und Wege behandelt. Heute sprechen beide Seiten erneut von "wachsendem wirtschaftlichem Druck" gegeneinander und zwar in voller Wechselseitigkeit. Die Einstellung war: Quote für
Quote und Zollsatz um Zollsatz. In wachsendem Maße messen Handelsminister Sieg
oder Niederlage nach diesem engen Maßstab, statt von einer umfassenden Gesamtaufrechnung der allgemeinen und beiderseitigen Interessen unseres Bündnisses
auszugehen. Die gleiche Einstellung ist leider auch die Regel gewesen, wenn
es um Verteidigungs-, Währungs- und Entwicklungshilfefragen ging. Nach meiner
Überzeugung kann diese herkömmliche und vielleicht engstirnige Einstellung
in der Zukunft nur magere Ergebnisse bringen.
Ich meine, wir sollten uns überlegen, die Vorstellung von getrennten Konten und getrennten Hauptbüchern aufzugeben, und nach einer Symmetrie in unseren Gesamtbeziehungen streben, statt nach einem Ausgleich auf jedem einzelnen
Konto. Angemessener Vorteil ist die erste Regel eines effektiven Managements

-4-

�1

Managements der Mittel. Das sollte auch für die Beziehungen unter Nationen
auf den Gebieten der Politik, der Sicherheit, der Wirtschaft und des Sozialwesens gelten. Die Teilung der Lasten braucht nicht auf die einzelnen Sektoren
beschränkt zu bleiben, sondern kann über sie hinausgehen. Als Beitrag zu den
gemeinsamen Zielen des Friedens, der Prosperität und der Verbesserung der
Lebensqualität sind Handelskonzessionen, Währungsanpassungen, Militärhilfe,
Auslandshilfe und technologisches know-how in einem gewissen Sinne konvertible
Währungen.
Die Probleme,vor denen wir heute stehen, sind überall bekannte Probleme.
Einige von ihnen gehören zur Tradition: Sicherheit und das Streben nach wirtschaftlicher Prosperität; andere sind relativ neu und sind ironischerweise
aus der Art und Weise entstanden, in der wir in der Vergangenheit unsere mehr
traditionellen Probleme gelöst haben. Zu dieser Kategorie gehören der Raubbau
an natürlichen Hilfsquellen - vor allem der Energie - und die immer drängender
werdenden Probleme der "Qualität des Lebens". Die Hilfsquellen, die uns für
die Lösung dieser Probleme zur Verfügung stehen, sind endlich, aber endlich
bedeutet nicht gleichmäßig verteilt. So wie unsere gerneinsamenProbleme sich
in unterschiedlichem Grade auf eine unterschiedliche Zahl im Bündnis auswirken, so ist auch unsere Fähigkeit, mit ihnen fertig zu werden, unterschiedlich. Schon die Vernunft gebietet deshalb, bei der Aufteilung der Lasten nicht
nach einem bilateralen Ausgleich auf jedem einzelnen Konto zu suchen. Die Beziehung, die wir anstreben, ist eine totale Beziehung - eine Beziehung, bei
der die Beiträge der Partner einander ergänzen, eine Beziehung mit einer echten Aufteilung , eine Beziehung, bei der man nicht von der Frau erwartet, daß
sie die halbe Männerarbeit übernimmt, weil der Mann die halbe Frauenarbeit
übernimmt.
Die Situation, vor der wir stehen, birgt eine ungewöhnliche Herausforderung. Wenn wir sie ignorieren, könnten wir noch weiter von unseren europäischen Partnern wegtreiben. Das Tückische an dieser Art des Wegtreibens ist,
daß man es nicht bemerkt. Es ist nur zu leicht, an einem unerwünschten Ziel

-5-

�Ziel anzukommen, ohne daß man bemerkt hat, daß man an den richtigen Wegweisern
vorbeigegangen ist.
Kriege werden selten geplant, Länder treiben in sie hinein. In ähnlicher
Weise werden wirtschaftliche Konfrontationen selten mit Absicht herbeigeführt.
Niemand wollte, daß die beiden Kriege in den dreißiger Jahren stattfanden, und
doch haben sie stattgefunden, und ihre verheerenden Auswirkungen auf den Welthandel sind erst nach dem zweiten Weltkrieg korrigiert worden.
Wenn wir unseren Bindungen Stärke verleihen wollen, dann wird dies positive Schritte erfordern; es wird die Artikulierung gemeinsamer Entschlüsse, gemeinsamer Ziele, gemeinsamer Projekte und gemeinsamer Interessen erfordern. Darüberhinaus wird es erforderlich sein, daß sie ebensoweit in die Zukunft hinein
abgesteckt werden, wie der Präsident dies bei seinen Initiativen gegenüber
China und der Sowjetunion getan hat.

Mögliche Elemente einer Tagesordnung
Was könnten also die Elemente einer erfolgreichen Methode sein, um erstens
einige der großen Probleme zu lösen, vor denen die Vereinigten Staaten stehen,
und zwar ohne ein Anwachsen eines politisch-wirtschaftlichen Antagonismus gegenüber Europa, Japan und Kanada, der zu einem verstärkten Wirtschaftskrieg und
zu politischer Spaltung führen würde, und um zweitens in unseren Beziehungen
zu unseren Verbündeten wieder kooperative Verhaltensweisen zu schaffen, die
sowohl zu unserem beiderseitigen Wohlergehen als auch zu internationaler Stabilität, Sicherheit und Zusammenarbeit in der übrigen Welt beitragen werden.
Wie ich es sehe, müßte wohl eine Reihe von Bedingungen erfüllt werden.
Diese könnten eine mögliche, jedoch höchst vorläufige Tagesordnung für Verhandlungen abgeben, und ich muß immer wieder betonen, daß all dies vorläufige und
persönliche Überlegungen sind.
Das

-6-

�Das politische Wollen
Um die Lösungen für unsere vielen beiderseitigen Probleme zu finden,
muß irgendwie das politische Wollen auf den höchsten Regierungsebenen angeregt werden. Krieg ist eine viel zu bedeutsame Sache, als daß man sie den
Generalen überlassen könnte, und Handel ist eine zu wichtige Sache, als daß
man sie den Handelsministern überlassen könnte. Und so meine ich, daß die
Kombination all unserer beiderseitigen Probleme eine zu wichtige Sache ist,
als daß man sie jemand anders als den Staats-oder Regierungschefs überlassen könnte. Ich weiß, daß es Leute gibt, die sagen, die Führer Europas seien
zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt - ob es die Inflation
im eigenen Lande ist, die Wirtschafts-und Währungsintegration der Gemeinschaft oder die "Ostpolitik" - um die Führungsrolle zu übernehmen und die
Sache der Welt oder auch nur des Atlantischen Bündnisses zu vertreten. Es
gibt viele, die behaupten, auf der "Europa-Ebene" sei eine Art politischer
Lähmung eingetreten. Und doch hat es jüngst einige ermutigende Erklärungen
von höchster Ebene in Europa gegeben, in denen die fundamentale Bedeutung
unserer totalen Beziehung unterstrichen wurde.

Eine langfristige Betrachtung
Ein zweites Element, dem mögliche Verhandlungen dienen können, könnte
eine langfristigere Betrachtung der Beziehung sein. Wir müssen dem Atlantischen Bündnis eine neue Zielsetzung geben. Aber wir müssen ihm auch ein Gefühl der Dauerhaftigkeit und Haltbarkeit verleihen.
Als amerikanischer Vorsitzender der Amerikanisch-Sowjetischen Handelskommission war ich in der glücklichen Lage, ein wichtiges Paket von grundsätzlichen und langfristigen Prinzipien für die Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auszuhandeln, die der Präsident und

-7-

�und Parteichef Breschnew unterzeichneten. Wenn man also auf beiden Seiten
des Atlantiks bereit ist, langfristige Abkommen und Grundsatzpakete mit der
Sowjetunion ins Auge zu fassen, dann muß man sich fragen, warum keine Abkommen
mit unseren besten Freunden möglich sein sollten.
Man könnte sich vorstellen, daß beide Seiten eine neue und umfassende
Grundsatzerklärung, eine Art Grundkontrakt ins Auge fassen, der für die langfristigen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa, Japan
und Kanada gelten würde - ähnlich, jedoch vielleicht noch spezifischer als
das Grundsatzpaket, das der Präsident mit der sowjetischen Führung unterzeichnete. Ich meine, daß es uns mit echter Überlegung und echtem Einfallsreichtum
gelingen könnte, ein wichtiges Grundsatzpaket zustandezubringen. Zu diesen
Grundsätzen könnte eine Definition der Art von Wirtschaftswelt gehören, die wir
wollen (wie etwa die Verpflichtung zu einer Reform des Währungssystems, die
fair ist und einen Ausgleich und ein Gleichgewicht auf beiden Seiten vorsieht);
eine Verpflichtung, Regeln und Verfahren zur Beilegung von Streitfragen im Handel zu akzeptieren. Dazu gehört die ganze Entwicklungswelt, wo es einige sehr
wichtige Gebiete der Zusammenarbeit gibt (wie etwa das ganze Gebiet der Enteignung und der Investitionen); dazu gehören Grundsätze der Sicherheit und
Lastenteilung, kooperative Unternehmen auf dem Gebiet der Energie, der Gesundheit, der Drogen, der Raumfahrt, der Umweltverschmutzung und des Verbrechens.
Alle diese Gebiete verlangen dringend nach mehr Zusammenarbeit.
Kurz gesagt - und wenn es nur darum ist, den Vereinigten Staaten zu helfen,
selbst klarere Vorstellungen zu gewinnen - sollten wir vielleicht prüfen, welche Grundsätze auch immer nach unserer Überzeugung weiterhin unsere Beziehung
zu einer "besonderen" machen sollen.

Sicherheit

-8-

�Sicherheit
In dem Prozeß der Verhandlungen über die Sektoren hinweg, aus dem heraus
ein umfassendes langfristiges Abkommen mit den Europäern entstehen könnte,
ist das vielleicht fundamentalste Element unsere gegenseitige Sicherheit
und der Beitrag, den jeder von uns zur Sicherheit Europas und der Welt leisten
kann.
Unsere militärische Präsenz in Europa ist nun schon von so langer Dauer,
daß sie manchmal als selbstverständlich betrachtet wird. Ein ander Mal mag
sie temporär und unsicher erscheinen. Auf jeden Fall wird sie wohl unterbewertet. Obwohl ich kein Experte für Verteidigungsangelegenheiten bin und auf
diesem Gebiet keinen Namen habe, möchte ich Sie doch bitten, folgende Überlegungen anzustellen:
- Es wird mir erklärt, daß die amerikanischen Verteidigungsausgaben -absolut gemessen - etwa das Dreifache derer unserer westlichen Partner betragen und prozentual zum Bruttosozialprodukt etwa doppelt so hoch sind.
- Es wird mir von einer Vielzahl von Experten erklärt, daß in Europa
Übereinstimmung darüber herrscht, daß jede bedeutsame Veränderung des gegenwärtigen Standes der dort stationierten amerikanischen Truppen jeden schlechter
stellen würde, da die Anfälligkeit der Europäer gegenüber sowjetischem Druck
wachsen würde, da das Gespenst Deutschlands als Nuklearmacht sich erheben würde und fast sicher jede westeuropäische Regierung gezwungen wäre, ihren Verteidigungshaushalt neu zu überdenken und Mittel und Wege zu suchen, um zu vermeiden, daß Gelder für vorwiegend innenpolitische Zwecke anders verwendet werden müssen.
- Es wird mir erklärt, daß die Schaffung eines voll unabhängigen europäischen Verteidigungssystems, bei dem jeder auf konventionelle Waffen begrenzt
wäre, ein Maß an politischer Einheit in Europa erfordern würde, das heute nicht
existiert. Die Kosten einer glaubwürdigen europäischen nuklearen Abschreckung

-9-

�Abschreckung und die politischen Probleme, die es zu lösen gilt (wer trifft
die Entscheidungen?) wären so gewaltig, daß diese Angelegenheit zumindest für
die nächsten Jahre eine akademische Frage ist.
- Es wird mir erklärt, daß für jene Europäer, die noch immer die strategische nukleare Abschreckung als die ultima ratio der europäischen Sicherheit
betrachten, die amerikanische militärische Präsenz von entscheidender Bedeutung ist, um die Abschreckung zu einer wirksamen Abschreckung zu machen. Für
die anderen, die nicht so recht am die Abschreckung glauben und die einen taktischen Nuklearkrieg als eine Katastrophe betrachten, sind die amerikanischen
Streitkräfte die einzige Garantie, daß ein Krieg in Europa noch vor einer totalen Katastrophe eingedämmt werden könnte.
- Es wird mir erklärt, daß die europäische Flottenkapazität im wesentlichen darin besteht, die Handelsschiffahrt zu schützen, während die amerikanische Flotte eine Angriffsstreitmacht sei, und keine von ihnen sehr leicht die
Rolle der anderen übernehmen könne.
Zusammengenommen heben alle derartigen Faktoren die Tatsache heraus, daß
die amerikanische Militärmacht für jetzt und noch für einige Zeit von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit Europas und unsere totale Beziehung bleibt.
Wie mir scheint, müssen wir sehr vorsichtig sein, damit nicht der Eindruck entsteht, daß der Geist oder der Inhalt dieser Verhandlungen die Form von "Erpressung" annimmt, sondern daß vielmehr der Versuch gemacht wird, eine faire beiderseitige Aufteilung der totalen Lasten unserer totalen Beziehung zu erreichen.

Definition unserer wirtschaftlichen Prioritäten
Beide Seiten werden - und vielleicht zu Recht - kritisiert, daß sie sich
nicht gerade auszeichnen, was unseren Zusammenhalt und unsere Übereinstimmung
in der Definition unserer wahren Prioritäten angeht. Und mann kann uns vielleicht auch beiden zu Recht vorwerfen, das Ziel des üblichen Verhandlungsführers

-10-

�Verhandlungsführers zu verfolgen, nämlich viel zu erwarten und nichts aufzugeben. Und schließlich finde ich, daß auf beiden Seiten die Selbstgerechtigkeit
in reichem Maße vorhanden ist. So reden wir beispielsweise unentwegt von der
Agrarpolitik der Gemeinschaft. Das sollten wir auch, denn sie ist ein
Anachronismus. Aber es handelt sich hier um einen alten Anachronismus, der in
den einheimischen politischen Realitäten Europas tief verwurzelt ist, und
wir werden hier einige Zeit brauchen - was einer der Gründe dafür ist, warum
wir ein Paket von langfristigeren Abkommen erörtern sollten. Aber es ist auch
wichtig, daß wir einige unserer eigenen Anachronismen auf dem Agrarsektor
unter die Lupe nehmen - von denen ich allerdings ehrlich glaube, daß sie für
die europäischen Agrarinteressen weit weniger schädlich sind. Aber sie sind
trotzdem vorhanden. Im Grunde sind die meisten unserer echten langfristigen
Interessen tatsächlich die gleichen - nämlich niedrigere Lebensmittelpreise selbst auf dem Agrarsektor.
Wir sprechen auch beide, manchmal recht zungenfertig, von nicht-tarifären
Handelsschranken. Welche spezifischen Schranken sind die wichtigsten? Über
welche sind wir bereit zu verhandeln? Gerade hier hat der Präsident eine intensive Überprüfung angeordnet, und wir dürfen hoffen, daß unsere Handelspartner
das gleiche tun.
Viele von uns, die wir im Geschäftsleben stehen, neigen dazu, sich nur
zu leicht von der Währungsreform bange machen zu lassen, und sind trotzdem nur
zu bereit, sie den sagenhaften Heinzelmännchen zu überlassen, wo immer diese
in unseren Tagen leben mögen. Ich bin erfreut darüber, daß die Währungsreform
einen so wichtigen Platz auf Ihrer Tagesordnung einnimmt, da ich der Meinung
bin, daß die kühnen und umfassenden Vorschläge von Finanzminister Shultz für
ein Gleichgewicht in der Praxis statt einem Gleichgewicht in der Theorie von
ungeheurer Bedeutung und höchster Priorität sind.
Ich

�•'

Ich möchte noch ein weiteres Thema aufgreifen,das ich für höchst bedeutsam erachte: das Problem der Marktverzerrung. Wirtschaftliche und politische Realitäten überall machen klar, daß in einigen Fällen Importe zu stark
und zu rasch hereinkommen, als daß sie wirtschaftlich und politisch verdaut
werden könnten, und daß wir einige neue, beiderseits vereinbarte und zivilisierte Spielregeln brauchen, die den Anpassungsprozeß erleichtern, ohne der
Vorstellung vom Ablauf eines vernünftigen offenen und expandierenden Welthandels eine ständige Krücke anzulegen (oder vielleicht sollte ich besser sagen,
ihm

eine "Verrenkung" zu bringen). Auch hier hat der Präsident eine Vielzahl

von Mitteln und Wegen zur Behebung von Marktverzerrungen - Anpassungshilfen angeregt.
Wenn ich mich jetzt noch kurz einem weiteren Thema auf der wirtschaftlichen Tagesordnung - der Entwicklungshilfe - zuwende, dann möchte ich nur ein
Argument bringen und auf einen Grundsatz zurückkommen, den ich bereits vorher
angesprochen habe: nämlich eine faire Lastenteilung in den Aufgaben der totalen Beziehung. Ich weiß, daß nach den herkömmlichen Erkenntnissen jedes der
Industrieländer den gleichen Prozentsatz des Bruttosozialproduktes in die Entwicklung stecken sollte. In der neuen Welt der wirtschaftlichen Parität unserer westlichen Partner sollten wir fragen: Ist das noch immer eine gültige
Konzeption? Oder ist dies ein Gebiet, wo einige mehr dieser Lasten tragen sollten, während andere mehr die anderen Lasten tragen?

Das Energieproblem
Die zu erwartenden Energiehandelsdefizite der Vereinigten Staaten, Japans
und Europas könnten sich bis 1980 auf insgesamt 60 Milliarden Dollar belaufen, wenn die gegenwärtigen Trends nicht geändert werden. Solche massiven Defizite könnten nicht nur traumatische Auswirkungen auf das internationale
Währungssystem haben, sondern könnten dazu führen, daß die westlichen Handels-

-12-

�Handelspartner sich in einen kannibalistischen Kampf nicht nur um Energie,
sondern auch um Exporterlöse stürzen, um dafür bezahlen zu können - eine
Situation, die wohl kaum dazu angetan sein dürfte, unser westliches Bündnis
neu zu gestalten.
Nach meiner Auffassung sollte zu jeder neuen Strategie des westlichen
Bündnisses eine kühne und kooperative Strategie bezüglich unserer beiderseitigen Energieprobleme in den siebziger und achtziger Jahren gehören. Manche
Europäer mögen vielleicht noch nicht erkannt haben, was für ein kritisches
globales Problem dies werden wird. Wenn sie es nicht erkannt haben, dann ist
es unsere Aufgabe, es ihnen klar zu machen.

Andere gemeinsame Probleme
Energie ist nur eines der gemeinsamen Probleme, vor denen wir zusammen mit
unseren Partnern in den nächsten Jahrzehnten stehen werden. Es wird eine Fülle
anderer Probleme geben, einschließlich Umweltverschmutzung, anderer Umweltaufgaben, Bevölkerungskontrolle, Urbanprobleme, Verkehrsprobleme, medizinische
Probleme usw. Die Forderung nach Verbesserung der Qualität des Lebens beschäftigt in zunehmendem Maße die Aufmerksamkeit der führenden Männer in der ganzen
Welt. Führer der Europäischen Gemeinschaft sprechen heute weniger von einem
wirtschaftlichen Wachstum und mehr von dem, was sie die "Humanisierung" ihrer
wirtschaftlichen Gewinne nennen. Einige führende Leute in Japan entfernen sich
ebenfalls von einer primär wachstumsorientierten Wirtschaft und wenden sich
einer Wirtschaft zu, in der der Nachdruck stärker auf dem Verbraucher und der
Erhöhung des Lebensstandards liegt.
Was wir hier versuchen müssen, ist, solche kooperativen Gebiete mit mehr
Einfallsreichtum und Bedeutung zu erfüllen. Wenn wir Erfolg haben (in der Vergangenheit hatten wir keinen), dann könnte eine solche Zusammenarbeit unserer

-13-

�1

unserer neuen Beziehung zu Europa eine menschliche Dimension geben, die so
technischen und kalten Fragen - und mögen sie noch so fundamental sein - wie
Sicherheit und Währung fehlen.

Ost-West-Handel und Entspannung
Ein weiteres Element auf unserer Tagesordnung für den Neubau des Atlantischen Bündnisses hat weniger mit der Art und Weise zu tun, in der wir an
Europa herantreten, als vielmehr damit, wie sich die Art und Weise, in der wir
an andere herantreten, auf Europa auswirkt. Die Fortschritte, die wir auf den
Gebieten des Handels und der Sicherheit mit China und der Sowjetunion erzielt
haben, sind von historischer Bedeutung und könnten die Grundlage einer langen
und einträglichen Beziehung bilden.
Das wird jedoch nicht der Fall sein, wenn eine Nebenwirkung unserer Entspannung in einer Verschlechterung unserer Beziehungen zu unseren westlichen
Partnern besteht. Die Sicherheit, mit der wir an die ganze Frage der Aussöhnung mit dem Osten herangehen, hat die Solidarität des westlichen Bündnisses
zur Voraussetzung. Wir dürfen diese Voraussetzung nicht vergessen.
Es muß Teil unserer Gesamtstrategie sein sicherzustellen, daß die Herbeiführung der Entspannung sowohl zwischen den Vereinigten Staaten und dem Osten
als auch zwischen den Ländern des Gemeinsamen Marktes und dem Osten gegen Keile
gefeit ist, die uns spalten könnten. Dies bringt mich zu der Auffassung, daß
auf die Tagesordnung unserer Verhandlungen auch eine kooperative Einstellung
zum Ost-West-Handel gehört.

Zusammenfassung

-14-

�Zusammenfassung

Dies sind nach meiner Auffassung die Art von Fragen und die Art von
Einstellungen, über die wir sprechen müssen, wenn wir der Erosion unserer
atlantischen Bindungen Einhalt gebieten und unsere beiderseitigen Sicherheits-, Wirtschafts- und Sozialinteressen bekräftigen wollen.
Ich darf sagen, daß Akademiker und Atlantiker und jene von uns in der
Bürokratie schon sehr lange die Hände gerungen haben, wie ernst unsere europäischen Probleme geworden sind. Aber wir haben alle sehr wenig Vorschläge
gemacht, was wir zu ihrer Lösung tun sollten. In den kommenden Monaten werden wir all diese und noch mehr Probleme mit den verschiedenen Vertretern
der europäischen Regierungen erörtern. Der Präsident ist sich höchst bewußt, wie wichtig es ist, diese historischen Bindungen aufrechtzuerhalten
und zu stärken.
Zu keiner Zeit habe ich ihn je etwas anderes zum Ausdruck bringen hören
als die höchste Anerkennung der Bedeutung der totalen Beziehung. Sie können
damit rechnen, daß er mit der gleichen Kühnheit, Gesamtschau und Sensibilität
im Sinne der langfristigen Interessen und der Sicherheit der Nation handeln
wird, die er bei seinen Initiativen in der Sowjetunion und China und bei
seinem neuen Wirtschaftsprogramm vom 15. August 1971 angelegt hat.

THT

-15-

�</text>
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T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Dokumentation

Postfach 300

T e I e x : 0 8 - 8 54 3 2

5/1973

PROTOKOLL ÜBER DIE KRIEGSGEFANGENEN
-Wortlaut-

WASHINGTON _-(AD)-- Das am 24. Januar vom Weißen Haus in Washington veröffentlichte Protokoll über die Rückführung der gefangengehaltenen Militärpersonen und ausländischen Zivilisten sowie der gefangengehaltenen und
internierten vietnamesischen Zivilisten hat folgenden Wortlaut:
Die an der Pariser Vietnam-Konferenz beteiligten Parteien haben zur
Durchführung von Artikel 8 des an diesem Tage unterzeichneten Abkommens
über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in
Vietnam, der die Rückführung der gefangengehaltenen Militärpersonen und ausländischen Zivilisten sowie der gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten vorsieht, folgendes vereinbart:

Die Rückführung der gefangengehaltenen Militärpersonen
und der ausländischen Zivilisten

Artikel 1
Die Parteien, die das Abkommen unterzeichnet haben, sollen die von den
Parteien gefangengehaltenen Militärpersonen gemäß Artikel 8 a wie folgt zurückführen:
-- alle

�-- alle gefangengehaltenen Militärpersonen der Vereinigten Staaten und
die der anderen in Artikel 3 a des Abkommens erwähnten Länder sollen amerikanischen Stellen übergeben werden;
-- alle gefangengehaltenen vietnamesischen Militärpersonen, ob sie regulären oder irregulären Streitkräften angehören, sollen den beiden südvietnamesischen Parteien übergeben werden; sie sollen derjenigen südvietnamesischen Partei übergeben werden, unter deren Kommando sie gedient haben.

Artikel 2
Alle gefangengehaltenen Zivilisten, die Staatsangehörige der Vereinigten Staaten oder eines der anderen in Artikel 3 a des Abkommens erwähnten
Länder sind, sollen amerikanischen Stellen übergeben werden. Alle anderen
gefangengehaltenen ausländischen Zivilisten sollen den Stellen ihres Heimatlandes durch eine der Parteien, die dazu bereit und in der Lage ist, übergeben werden.
Artikel 3
Die Parteien sollen heute vollständige Listen der in Artikel 1 und 2
dieses Protokolls erwähnten gefangengehaltenen Personen austauschen.

Artikel 4
a)

Die Rückführung aller in Artikel 1 und 2 dieses Protokolls erwähnten ge-

fangengehaltenen Personen soll innerhalb von sechzig Tagen nach Unterzeichnung des Abkommens beendet sein und zwar in einem Tempo, das nicht geringer
ist als das des Abzuges der Streitkräfte der Vereinigten Staaten und der
anderen in Artikel 5 des Abkommens erwähnten Länder aus Südvietnam.
b)

Personen, die schwer krank, verwundet oder verstümmelt sind, alte Per-

sonen sowie Frauen sollen als erste zurückgeführt werden. Die Übrigen sollen
entweder durch völlige Räumung eines Internierungslagers nach dem anderen

�anderen oder nach den Daten ihrer Gefangennahme zurückgeführt werden, wobei
mit denen begonnen wird, die am längsten gefangengehalten sind.

Artikel 5
Die Rückführung und die Aufnahme der in Artikel 1 und 2 dieses Protokolls erwähnten Personen soll an Orten erfolgen, die den betroffenen Parteien
genehm sind. Über den Ort der Rückführung soll sich die Gemeinsame ViererMilitärkommission einigen. Die Parteien sollen die Sicherheit des mit der
Rückführung und Aufnahme dieser Personen befaßten Personals gewährleisten.
Artikel 6
Jede Partei soll die Rückführung aller in Artikel 1 und 2 dieses Protokolls erwähnten Personen ohne Verzögerung vornehmen und deren Rückführung
und Aufnahme erleichtern. Die Internierungsparteien sollen die Rückführung
aus keinem Grunde verweigern oder verzögern, auch nicht in dem Falle, daß
gefangengehaltene Personen aus irgendwelchen Gründen angeklagt oder verurteilt worden sind.

Rückführung von gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten
Artikel 7
a)

Die Frage der Rückführung der vietnamesischen Zivilisten, die in Süd-

vietnam gefangengehalten werden und interniert sind, wird durch die beiden
südvietnamesischen Parteien auf der Grundlage der Prinzipien von Artikel 21 b
des Abkommens über die Beendigung der Feindseligkeiten in Vietnam vom 20. Juli
1954 geregelt, der wie folgt lautet:
"Der Begriff »zivile Internierte1 ist so zu verstehen, daß damit alle
Personen gemeint sind, die - indem sie in irgendeiner Weise zu der politischen und bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien
beigetragen haben - aus diesem Grunde festgenommen und von der einen

3-

�einen oder der anderen Partei während des Zeitraums der Feindseligkeiten interniert wurden."

b)

Die beiden südvietnantesischen Parteien werden dies im Geiste der natio-

nalen Wiederaussöhnung und Eintracht tun mit der Absicht, Haß und Feindschaft
zu beenden, damit das Leiden gelindert und die Familien wiedervereint werden.
Die beiden südvietnamesischen Parteien werden alles in ihren Kräften stehende
tun, um diese Frage innerhalb von neunzig Tagen nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes zu lösen.
c)

Die beiden südvietnamesischen Parteien werden innerhalb von fünfzehn

Tagen nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes Listen mit den Namen der von
beiden Parteien gefangengehaltenen und internierten Zivilisten sowie Listen
mit den Namen der Lager, in denen sie festgehalten werden, austauschen. .

Behandlung der gefangengehaltenen Personen während der Internierung

Artikel 8
a)

Alle von den Parteien gefangengehaltenen Militärpersonen und alle gefan-

gengehaltenen ausländischen Zivilisten sollen zu jeder Zeit human und in Übereinstimmung mit den internationalen Praktiken behandelt werden. Sie sollen
vor jeder Gefährdung von Leben und Person geschützt werden, insbesondere vor
Mord in jeder Form, vor Verstümmelung, Folterung und grausamer Behandlung
sowie vor jeder Verletzung der persönlichen Würde. Diese Personen sollen nicht
gezwungen werden, in die Streitkräfte der Internierungspartei einzutreten.
Sie sollen ausreichende Nahrungsmittel, Bekleidung, Unterkunft und die
für die Erhaltung ihrer Gesundheit erforderliche medizinische Betreuung bekommen. Es soll ihnen gestattet sein, Postkarten und Briefe mit ihren Familien auszutauschen und Pakete zu erhalten.
b)

-4-

�b)

Alle in Südvietnam gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen

Zivilisten sollen zu jeder Zeit human und in Übereinstimmung mit den inter nationalen Praktiken behandelt werden. Sie sollen vor jeder Gefährdung von
Leben und Person geschützt werden, insbesondere vor Mord in jeder Form, vor
Verstümmelung, Folterung und grausamer Behandlung sowie vor jeder Verletzung
der persönlichen Würde. Die Internierungsparteien sollen die Rückführung aus
keinem Grunde verweigern oder verzögern, auch nicht in dem Falle, daß gefangengehaltene Personen aus irgendwelchen Gründen angeklagt oder verurteilt
worden sind. Diese Personen sollen nicht gezwungen werden, in die Streitkräfte der Internierungsparteien einzutreten.
Sie sollen ausreichende Nahrungsmittel, Bekleidung, Unterkunft und
die für die Erhaltung ihrer Gesundheit erforderliche medizinische Betreuung
bekommen. Es soll ihnen gestattet sein, Postkarten und Briefe mit ihren Familien auszutauschen und Pakete zu erhalten.

Artikel 9
a)

Um zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen der von den Parteien

gefangengehaltenen Militärpersonen und ausländischen Zivilisten beizutragen,
sollen sich die Parteien innerhalb von fünfzehn Tagen nach Inkrafttreten
des Waffenstillstandes über die Benennung von zwei oder mehr nationalen Rotkreuzgesellschaften einigen, die alle Lager besuchen sollen, in denen gefangengenommenes Militärpersonal und ausländische Zivilisten festgehalten werden.
b)

Um zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen der gefangengehaltenen

und internierten vietnamesischen Zivilisten beizutragen, sollen sich die beiden südvietnamesischen Parteien innerhalb von fünfzehn Tagen nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes über die Benennung von zwei oder mehr nationalen
Rotkreuzgesellschaften einigen, die alle Lager besuchen sollen, in denen die
gefangengenommenen und internierten vietnamesischen Zivilisten festgehalten
werden.
Tote
-5-

�Tote und vermißte Personen
Artikel 10
a)

Die Gemeinsame Vierer-Militärkommission soll die Durchführung von Ar-

tikel 8 b des Abkommens aufgrund gemeinsamer Maßnahmen der Parteien sicherstellen. Wenn die Gemeinsame Vierer-Militärkommission ihre Tätigkeit beendet
hat, soll eine Gemeinsame Vierer-Militärgruppe beibehalten werden, um diese
Aufgabe fortzuführen.
b)

Hinsichtlich der toten oder vermißten vietnamesischen Zivilisten in

Südvietnam sollen die beiden südvietnamesischen Parteien einander bei der Beschaffung von Informationen

über die vermißten Personen unterstützen, die

Lage der Gräber feststellen und für ihre Erhaltung sorgen und zwar im Geiste
der nationalen Wiederaussöhnung und Eintracht entsprechend den Erwartungen
der Bevölkerung.

Andere Bestimmungen
Artikel 11
a)

Die Gemeinsame Vierer-Militärkommission und die Gemeinsame Zweier-Mi-

litärkommission sind dafür verantwortlich, unverzüglich die Modalitäten
der Durchführung der Bestimmungen dieses Protokolls festzulegen in Übereinstimmung mit ihren jeweiligen Verantwortungen unter Artikel 16 a und 17 a
des Abkommens. Falls die Gemeinsamen Militär-Kommissionen bei der Durchführung ihrer Aufgaben keine Einigung über Angelegenheiten im Zusammenhang mit
der Rückführung der gefangengehaltenen Personen erzielen können, sollen sie
sich an die Internationale Kommission um Unterstützung wenden.
b)

Die Gemeinsame Vierer-Militärkommission soll zusätzlich zu den auf

Grund des Protokolls über die Waffenruhe in Vietnam und die Gemeinsamen Militär-Kommissionen geschaffenen Gruppen eine Unter-Kommission für gefangengehaltene Personen und, falls erforderlich, Gemeinsame Militärgruppen für gefangengehaltene Personen bilden, die die Kommission bei ihren Aufgaben unterstützen sollen.

sl
-6-

�c)

Vom Zeitpunkt des Inkrafttretens des Waffenstillstandes an bis zu dem

Zeitpunkt, da die Gemeinsame Zweier-Militärkommission ihre Tätigkeit aufnimmt, sollen die Delegationen der beiden südvietnamesischen Parteien bei
der Geraeinsamen Vierer-Militärkommission eine provisorische Unter-Kommission
sowie provisorische Gemeinsame Militärgruppen bilden, um ihre Aufgaben bezüglich der gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten
auszuführen.
d)

Die Gemeinsame Vierer-Militärkommission soll Gemeinsame Militärgruppen

zur Beobachtung der Rückführung der in Artikel 1 und 2 dieses Protokolls
erwähnten Personen an jeden Ort in Vietnam entsenden, an dem solche Personen
rückgeführt werden, sowie an die letzten Internierungslager, von wo aus diese Personen an die Rückführungsorte gebracht werden. Die Gemeinsame ZweierMilitärkommission soll Gemeinsame Militärgruppen zur Beobachtung der Rückführung der gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten an
jeden Ort in Südvietnam entsenden, an dem solche Personen rückgeführt werden
sowie an die letzten Internierungslager, von wo aus diese Personen an die
Rückführungsorte gebracht werden.

Artikel 12
Im Zuge der Durchführung der Artikel 18 b und 18 c des Abkommens soll di
Internationale Kontroll-und Überwachungskommission dafür verantwortlich sein,
die Beachtung der Artikel 1 bis 7 dieses Protokolls zu kontrollieren und zu
überwachen und zwar durch Beobachtung der Rückführung der gefangengehaltenen
Militärpersonen, der ausländischen Zivilisten und der gefangengehaltenen und
internierten vietnamesischen Zivilisten an jedem Ort in Vietnam, an dem diese Personen rückgeführt werden, sowie an den letzten Internierungslagern,
von wo aus diese Personen an die Rückführungsorte gebracht werden, sowie
durch Überprüfung der Listen, und durch die Untersuchung von Verletzungen
der Bestimmungen der oben erwähnten Artikel.
Artikel 13

�Artikel 13

Jede Partei soll innerhalb von fünf Tagen nach Unterzeichnung dieses Protokolls den Text des Protokolls veröffentlichen und ihn an alle gefangenengehaltenen Personen weiterleiten, auf die das Protokoll zutrifft und die
von der jeweiligen Partei interniert sind.

Artikel 14
Dieses Protokoll soll mit Unterzeichnung durch die bevollmächtigten Vertreter aller an der Pariser Vietnam-Konferenz beteiligten Parteien in Kraft
treten. Es soll von allen betroffenen Parteien strikt durchgeführt werden.

Ausgefertigt in Paris am 27. Tage des Januar Eintausendneunhundertunddreiund'
siebzig in vietnamesischer und englischer Sprache. Die vietnamesischen und
englischen Texte sind offiziell und gleichermaßen authentisch.

Für

-8-

�Für die Regierung der

Für die Regierung der Republik

Vereinigten Staaten von Amerika

Vietnam

William P. Rogers

Tran van Lam

Außenminister

Außenminister

Für

• 9-

�Für die Regierung der

Für die provisorische Revolutions-

Demokratischen Republik Vietnam

regierung der Republik Südvietnam

Nguyen Thi Binh

Nguyen Duy Trinh
Außenminister

Außenminister

Zu

-10-

�Zu unterzeichnen im internationalen
Konferenzzentrum, Paris
Sonnabend nachmittag, Pariser Zeit
27. Januar 1973

Protokoll
zum Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung
des Friedens in Vietnam
über
die Rückführung der gefangengehaltenen Militärpersonen und der ausländischen Zivilisten sowie der gefangengehaltenen und internierten
vietnamesischen Zivilisten

Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika in Übereinstimmung
mit der Regierung der Republik Vietnam,
Die Regierung der Demokratischen Republik Vietnam in Übereinstimmung
mit der provisorischen Revolutionsregierung der Republik Südvietnam,

haben zur Durchführung von Artikel 8 des an diesem Tage unterzeichneten Abkommens über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in
Vietnam, der die Rückführung der gefangengehaltenen Militärpersonen und der
ausländischen Zivilisten sowie der gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten vorsieht, folgendes vereinbart:
(Artikel 1-13 des Protokolls sind identisch mit obigen Artikeln)

Artikel 14

�Artikel 14
Das Protokoll zu dem Pariser Abkommen über die Beendigung des Krieges
und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam über die Rückführung der
gefangengehaltenen Militärpersonen und der ausländischen Zivilisten sowie
der gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten soll
mit Unterzeichnung dieses Dokumentes durch den Außenminister der Regierung
der Vereinigten Staaten von Amerika und den Außenminister der Regierung der
Demokratischen Republik Vietnam und mit Unterzeichnung eines Dokumentes
gleichen Inhalts durch den Außenminister der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, den Außenminister der Regierung der Republik Vietnam, den
Außenminister der Demokratischen Republik Vietnam und den Außenminister
der provisorischen Revolutionsregierung der Republik Südvietnam in Kraft
treten. Das Protokoll soll von allen betroffenen Parteien strikt ausgeführt
werden.

Ausgefertigt in Paris am 27. Tage des Januar Eintausendneunhundertunddreiundsiebzig in vietnamesischer und englischer Sprache. Die vietnamesischen
und englischen Texte sind offiziell und gleichermaßen authentisch.

Für die Regierung der

Für die Regierung der Demokrati-

Vereinigten Staaten von Amerika

sehen Republik Vietnam

William P. Rogers

Nguyen Duy Trinh

Außenminister

Außenminister

-12-

�</text>
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United
53

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Dokumentation

300

T e I e x : 08 - 8 5 4 3 2

5/1973

PROTOKOLL ÜBER DIE RÄUMUNG DER MINEN
-Wortlaut-

WASHINGTON --(AD)— Das am 24. Januar vom Weißen Haus in Washington veröffentlichte Protokoll über die Räumung, Entschärfung oder Zerstörung der
Minen in den Territorialgewässern, den Kriegs-und Handelshäfen sowie den
Wasserstraßen der Demokratischen Republik Vietnam hat folgenden Wortlaut:
Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika,
Die Regierung der Demokratischen Republik Vietnam,
haben zur Durchführung von Paragraph zwei Artikel 2 des an diesem Tage unterzeichneten Abkommens über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam folgendes vereinbart:
Artikel 1
Die Vereinigten Staaten werden alle Minen, die sie in den Territorialgewässern, den Kriegs-und Handelshäfen sowie den Wasserstraßen der Demokratischen Republik Vietnam gelegt haben, räumen. Diese Minenräumoperation soll
so erfolgen, daß die Minen durch Räumung, dauerhafte Entschärfung oder Zerstörung unschädlich gemacht werden.

Artikel 2

�»

Artikel 2
Zur Gewährleistung dauernder Sicherheit für den Verkehr von Menschen
und Wasserfahrzeugen und zum Schutze wichtiger Einrichtungen sollen die Minen
auf Ersuchen der Demokratischen Republik Vietnam in den bezeichneten Gebieten
geräumt oder zerstört werden; und wo ihre Räumung oder Zerstörung nicht möglich ist, sollen die Minen dauerhaft entschärft und ihre Lage eindeutig markiert werden.
Artikel 3
Die Minenräumoperation soll am 27. Januar 1973 um 2400 Uhr GMT beginnen.
Die Vertreter der beiden Parteien sollen sich umgehend über die relevanten
Faktoren konsultieren und sich über/frühestmöglichen Zeitpunkt für die Beendigung der Arbeit einigen.
Artikel 4
Die Minenräumoperation soll entsprechend den Prioritäten und dem Zeitplan durchgeführt werden, der von den beiden Parteien vereinbart worden ist.
Daher sollen Vertreter der beiden Parteien zu einem baldigen Zeitpunkt zusammenkommen, um eine Vereinbarung über ein Programm und einen Durchführungsplan
zu treffen. Hierzu werden:
a)

Die Vereinigten Staaten ihren Plan für die Minenräumoperationen zur Ver-

fügung stellen, einschließlich der Lagepläne der Minenfelder und der Informationen über Art, Zahl und Ausstattung der Minen;
b)

die Demokratische Republik Vietnam alle verfügbaren Karten und hydro-

graphischen Pläne zur Verfügung stellen und die verminten Stellen sowie alle
sonstigen potentiellen Gefahren für die Minenräumoperationen angeben, die der
Demokratischen Republik Vietnam bekannt sind;
c)

-2-

�.

c)

die beiden Parteien eine Vereinbarung über die zeitliche Durchführung

jedes einzelnen Teiles des Planes treffen und die Öffentlichkeit rechtzeitig,
zumindest 48 Stunden vor Beginn der Minenräumoperationen in diesem Teile,
unterrichten.

Artikel 5
Die Vereinigten Staaten werden verantwortlich für die Minenräumung auf
den Binnenwasserstraßen der Demokratischen Republik Vietnam sein. Die Demokratische Republik Vietnam wird sich mit aller Kraft aktiv in die Minenräumung einschalten und zwar durch Vermessung, Räumung und Zerstörung sowie mit
Hilfe technischer Beratung durch die Vereinigten Staaten.

Artikel 6
Zur Gewährleistung eines sicheren Verkehrs von Personen und Wasserfahrzeugen auf den Wasserstraßen und zur See werden die Vereinigten Staaten bei
dem Minenräumverfahren rechtzeitig Informationen über den Fortschritt der
Minenräumung in jedem Gebiet sowie bezüglich der restlichen, noch zu zerstörenden Minen geben. Die Vereinigten Staaten werden ein Kommunique herausgeben, wenn die Operationen abgeschlossen sind.

Artikel 7
Bei der Durchführung der Minenräumoperationen soll das an diesen Operationen beteiligte amerikanische Personal die Souveränität der Demokratischen
Republik Vietnam respektieren und sich in keinerlei Tätigkeiten einlassen,
die mit dem Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam sowie mit diesem Protokoll nicht zu vereinbaren
sind. Das an den Minenräumoperationen beteiligte amerikanische Personal soll
für die Dauer der Minenräumoperationen Immunität gegenüber der Gerichtsbarkeit der Demokratischen Republik Vietnam haben.

Die
-3-

�Die Demokratische Republik Vietnam soll die Sicherheit des amerikanischen Personals für die Dauer ihrer Minenräumtätigkeit auf dem Territorium der
Demokratischen Republik Vietnam gewährleisten und diesem Personal jede mögliche Hilfe sowie die in der Demokratischen Republik Vietnam benötigten Mittel
zur Verfügung stellen, wie dies von den beiden Parteien vereinbart worden ist.

Artikel 8
Dieses Protokoll zu dem Pariser Abkommen über die Beendigung des Krieges
und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam soll mit der Unterzeichnung
durch den Außenminister der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und
den Außenminister der Regierung der Demokratischen Republik Vietnam in Kraft
treten. Es soll von den beiden Parteien strikt durchgeführt werden.

Ausgefertigt in Paris am 27. Tage des Januar Eintausendneunhundertunddreiundr.
siebzig in vietnamesischer und englischer Sprache. Die vietnamesischen und di e
englischen Texte sind offiziell und gleichermaßen authentisch.

Für die Regierung der

Für die Regierung der

Vereinigten Staaten von Amerika

Demokratischen Republik Vietnam

William P. Rogers

Nguyen Duy Trinh

Außenminister

Außenminister

-4-

�</text>
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5/1973

PROTOKOLL ÜBER DEN WAFFENSTILLSTAND UND DIE MILITÄRKOMMISSIONEN
-Wortlaut-

WASHINGTON --(AD)-- Das am 24. Januar in Washington vom Weißen Haus veröffentlichte Protokoll über den Waffenstillstand in Südvietnam und die Gemeinsamen Militärkommissionen hat folgenden Wortlaut:
Die an der Pariser Vietnam-Konferenz beteiligten Parteien haben zur
Durchführung von Paragraph eins des Artikels 2, von Artikel 3, Artikel 5,
Artikel 6, Artikel 16 und Artikel 17 des an diesem Tage unterzeichneten Abkommens über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam, die den Waffenstillstand in Südvietnam und die Schaffung
einer Gemeinsamen Vierer-Militärkommission und einer Gemeinsamen Zweier-Militärkommission vorsehen, folgendes vereinbart:

Waffenstillstand in Südvietnam
Artikel 1
Die Oberkommandos der Parteien in Südvietnam sollen umgehend und rechtzeitig an alle ihrem Befehl unterstehenden regulären und irregulären Truppen
und bewaffneten Polizeiverbände Befehl erteilen, die Feindseligkeiten in ganz

�ganz Südvietnam zu dem genauen, in Artikel 2 des Abkommens genannten Zeitpunkt
völlig einzustellen, und gewährleisten, daß diese Truppen und bewaffneten Polizeiverbände diesen Befehlen nachkommen und den Waffenstillstand einhalten.

Artikel 2
a)

Sobald der Waffenstillstand in Kraft getreten ist und bis von den Ge-

meinsamen Militärkommissionen Bestimmungen erlassen worden sind, sollen alle
Land-, Fluß-, See-und Luftverbände der Parteien in Südvietnam an ihrem Standort verbleiben; das heißt, um die Einhaltung eines stabilen Waffenstillstandes zu gewährleisten, darf es keine größeren Redislozierungen oder Truppenbewegungen geben, durch die das von jeder Partei kontrollierte Gebiet ausgedehnt würde, oder die zu Berührungen zwischen den gegnerischen Truppen und
etwa erfolgenden Zusammenstößen führen würden.
b)

Alle regulären und irregulären Truppen und bewaffneten Polizeiverbände

der Parteien in Südvietnam sollen sich an das Verbot

der folgenden Betäti-

gungen halten:
1) Entsendung von bewaffneten Patrouillen in von gegnerischen Truppen
kontrollierte Gebiete und Flüge von Bomben-und Kampfflugzeugen
aller Typen, ausgenommen unbewaffnete Flüge für Schulungs-und Wartungszwecke;
2) bewaffnete Angriffe gegen irgendwelche Militär-oder Zivilpersonen
unter Einsatz welcher Mittel auch immer; darunter fallen auch der
Einsatz von Handfeuerwaffen, Granatwerfer und Artillerie, Bombardierung und Beschuß durch Flugzeuge sowie der Einsatz aller anderen
Arten von Waffen oder Sprengstoffen;
3) alle Kampfoperationen zu Lande, auf Flüssen, zur See und in der
Luft;
4) alle feindseligen Handlungen, Terror und Vergeltungjund
5) alle Handlungen, die Menschenleben oder öffentliches oder privates
Eigentum in Gefahr bringen.
Artikel 3

�Artikel 3
a)

Die oben erwähnten Verbote dürfen nicht zu einer Behinderung oder

Einschränkung führen:
1) Des zivilen Nachschubs, der Bewegungsfreiheit, der freien Wahl des
Arbeitsplatzes, der Freiheit der Bevölkerung, Handel zu treiben, sowie des zivilen Nachrichten-und Transportwesens zwischen allen und
innerhalb aller Gebiete in Südvietnam;
2) des Einsatzes militärischer Nachschubverbände, zum Beispiel Pionierund Transporteinheiten durch jede Partei in den von ihr kontrollierten Gebieten zwecks Wiederinstandsetzung und Errichtung öffentlicher
Einrichtungen und für den Transport und die Versorgung der Bevölkerung;
3) der normalen militärischen Ausbildung, die von den Parteien in den
unter ihrer jeweiligen Kontrolle stehenden Gebieten bei angemessener Beachtung der öffentlichen Sicherheit durchgeführt wird.

b)

Die Gemeinsamen Militärkommissionen sollen umgehend Vereinbarungen

treffen über Korridore, Routen und sonstige Bestimmungen für Flüge militärischer Transportmaschinen sowie für Fahrten militärischer Transportfahrzeuge
und militärischer Transportschiffe der einen Partei durch von den anderen Parteien kontrollierte Gebiete.

Artikel 4
Zur Vermeidung von Konflikten und zur Gewährleistung normaler Bedingungen
für die Truppen, die direkt in Berührung miteinander stehen, sollen - bis zu
einer Regelung durch die Gemeinsamen Militärkommissionen - die Kommandeure
der an diesen Stellen eines direkten Kontakts sich gegenüberstehenden Truppen
zusammenkommen,sobald der Waffenstillstand in Kraft getreten ist, um zu

einer

Vereinbarung über vorübergehende Maßnahmen zur Vermeidung eines Konfliktes
und zur Sicherstellung von Versorgung und ärztlicher Betreuung dieser Truppen
zu gelangen.

Artikel 5

�Artikel 5
a)

Jede Partei soll ihr Äußerstes tun, um innerhalb von 15 Tagen nach In-

krafttreten des Waffenstillstandes die Beseitigung oder Entschärfung aller
Sprengsätze, Minenfelder, Fallen, Hindernisse oder sonstigen gefährlichen
Objekte, die früher gelegt oder errichtet worden waren, zum Abschluß zu bringen, damit Freizügigkeit und Arbeit der Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden; dies gilt in erster Linie für Wasserstraßen, Landstraßen und Eisenbahnen
in Südvietnam. Die Minen, die innerhalb dieser Zeit nicht geräumt oder entschärft werden können, sollen eindeutig markiert werden und müssen so bald
wie möglich geräumt oder entschärft werden.
b)

Das Legen von Minen ist verboten, ausgenommen als Verteidigungsmaßnah-

me am Rande militärischer Einrichtungen, an Stellen, wo sie Freizügigkeit und
Arbeit der Bevölkerung sowie den Verkehr auf den Wasserstraßen, den LandStraßen und den Eisenbahnen nicht beeinträchtigen. Bereits gelegte Minen und
sonstige Hindernisse am Rande militärischer Einrichtungen können dort verbleiben, wenn sie sich an Stellen befinden, wo sie Freizügigkeit und Arbeit
der Bevölkerung sowie den Verkehr auf den Wasserstraßen, den Landstraßen und
den Eisenbahnen nicht behindern.

Artikel 6
Ziviles Polizei-und ziviles Sicherheitspersonal der Parteien in Südvietnam, das für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung verantwortlich
ist, soll die in Artikel 2 dieses Protokolls aufgeführten Bestimmungen strikt
einhalten. Bedingt durch ihre Aufgaben, sind sie normalerweise berechtigt,
Pistolen zu tragen. Wenn aber ungewöhnliche Umstände dies erfordern, kann
ihnen erlaubt werden, auch andere Handfeuerwaffen zu tragen.

Artikel 7

�Artikel 7

a)

Die Einbringung von Ersatzwaffen, Munition und Kriegsmaterial, wie

sie in Artikel 7 des Abkommens zugelassen ist, soll unter Überwachung und
Kontrolle der Gemeinsamen Zweier-Militärkommission und der Internationalen
Kontroll-und Überwachungskommission und an solchen Übergangsstellen erfolgen,
die ausschließlich von den beiden südvietnamesischen Parteien vereinbart werden. Die beiden südvietnamesischen Parteien sollen innerhalb von 15 Tagen
nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes solche Übergangsstellen vereinbaren. Die beiden südvietnamesischen Parteien dürfen bis zu sechs Übergangsstellen auswählen, die nicht in der Liste der Orte angeführt sind, an denen
Gruppen der Internationalen Kontroll-und Überwachungäkommission nach Artikel
4 d des Protokolls über die Internationale Kommission stationiert werden
sollen. Gleichzeitig können die beiden südvietnamesischen Parteien auch
Übergangsstellen aus der Liste der Orte auswählen, die in Artikel 4 d dieses
Protokolls angeführt sind.

b)

Jede der so bezeichneten Übergangsstellen soll nur derjenigen südviet-

namesischen Partei zur Verfügung stehen, die die Kontrolle über diese Stelle
ausübt. Die beiden südvietnamesischen Parteien werden eine gleiche Zahl von
Übergangsstellen haben.
Artikel 8
a)

Bei Durchführung von Artikel 5 des Abkommens sollen die Vereinigten

Staaten und die anderen in Artikel 5 des Abkommens genannten Länder alle ihre
Waffen, ihre Munitionsbestände und ihr Kriegsmaterial mitnehmen. Ein Transfer solcher Gegenstände, bei dem diese in Südvietnam verbleiben würden, darf
nach Inkrafttreten des Abkommens nicht mehr erfolgen, ausgenommen der Transfer von Nachrichten-und Transport- sowie anderem
wendbarem

nicht für Kämpfe ver-

Material an die Gemeinsame Vierer-Militärkommission der Inter-

nationalen Kontroll-und Überwachungskommission.

b)
-5-

�b)

Die Vereinigten Staaten werden die Gemeinsame Vierer-Militärkommission

und die Internationale Kontroll-und Überwachungskommission innerhalb von fünf
Tagen nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes über die allgemeinen Zeitpläne für den vollständigen Truppenabzug unterrichten, der in vier Phasen von
je 15 Tagen erfolgen soll. Es wird erwartet, daß die Zahl der in jeder Phase
abgezogenen Truppen wahrscheinlich nicht sehr unterschiedlich sein wird,
wenngleich es nicht möglich ist, gleiche Zahlen zu gewährleisten. Die ungefähre Zahl der in jeder Phase abgezogenen Truppen soll der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission und der Internationalen Kontroll-und Überwachungskommission rechtzeitig vor dem tatsächlich Abzug angegeben werden, so daß diese
ordnungsgemäß ihre Aufgaben in diesem Zusammenhang wahrnehmen können.

Artikel 9
a)

Bei Durchführung von Artikel 6 des Abkommens sollen die Vereinigten

Staaten und die anderen in diesem Artikel genannten Länder alle militärischen
Stützpunkte der Vereinigten Staaten und der anderen in diesem Artikel genannten Länder in Südvietnam, einschließlich der Waffen, Minen und sonstigen militärischen Ausrüstungen in diesen Stützpunkten, demontieren und aus Südvietnam entfernen oder zerstören, so daß sie für militärische Zwecke unbrauchbar
gemacht werden.
b)

Die Vereinigten Staaten sollen der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission

und der Internationalen Kontroll-und Überwachungskommission die erforderlichen Informationen über Pläne für die Demontage der Stützpunkte geben, so
daß diese Kommissionen ordnungsgemäß ihre Aufgaben in diesem Zusammenhang
wahrnehmen können.

Die

-6-

�DIE GEMEINSAMEN MILITARKOMMISSIONEN

Artikel 10
a)

Die Durchführung des Abkommens ist Aufgabe der Parteien, die das Ab-

kommen unterzeichnet haben.
Die Gemeinsame Vierer-Militärkommission hat die Aufgabe, ein gemeinsames
Vorgehen der Parteien bei der Durchführung des Abkommens zu gewährleisten, indem sie als Kommunikationsbrücke zwischen den Parteien dient, indem sie die
Pläne entwirft und die Modalitäten festlegt, um die in Artikel 16 des Abkommens
genannten Bestimmungen zur Durchführung zu bringen, den Ablauf zu koordinieren, zu verfolgen und zu inspizieren, und indem sie Verhandlungen über alle
die Durchführung dieser Bestimmungen betreffenden Fragen führt und diese regelt.
b)

Die konkreten Aufgaben der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission sind:
1) Die Durchführung der oben erwähnten Bestimmungen des Abkommens durch
die vier Parteien zu koordinieren, zu verfolgen und zu inspizieren;
2) Verletzungen zu verhindern und festzustellen, sich mit den Fällen
solcher Verletzung zu befassen, Konflikte und Streitfälle zwischen
den Parteien in bezug auf die oben genannten Bestimmungen beizulegen;
3) je nach Erfordernis eine

oder mehrere gemeinsamen Gruppen umgehend

in jeden Teil Südvietnams zu entsenden, um angebliche Verletzungen
des Abkommens zu untersuchen und den Parteien dabei zu helfen, Maßnahmen zu finden, damit das Wiederauftreten ähnlicher Fälle verhindert wird;
4) Beobachtungsaufgaben an Orten zu übernehmen, wo dies für die Ausübung
ihrer Funktionen notwendig ist;
5) Zusätzlich sich stellende Aufgaben, die durch einstimmigen Beschluß
festgelegt werden, auszuführen.
Artikel 11

�Artikel 11
a)

Es soll eine Zentrale Gemeinsame Militärkommission mit Sitz in

Saigon geben. Jede Partei soll umgehend eine militärische Delegation von
59 Personen benennen, die sie in der Zentralen Kommission vertritt. Der
von jeder Partei benannte vorgesetzte Offizier soll im Generals- oder
entsprechenden Rang stehen.
b)

Es soll sieben regionale Gemeinsame Militärkommissionen mit Sitz

in den Regionen geben, die auf der beigefügten Karte gezeigt werden und
die an den folgenden Orten stationiert sind:
Region:

Ort:

I

Hue

II

Danang

III

Pleiku

IV

Phan Thiet

V

Bien Hoa

VI

My Tho

VII

Can Tho

Jede Partei soll eine militärische Delegation von 16 Personen benennen, die sie in jeder der regionalen Kommissionen vertritt. Der von
jeder Partei benannte vorgesetzte Offizier soll jeweils im Rang eines
Oberstleutnants oder Obersten oder einem entsprechenden Rang stehen.
c)

Es soll eine Gemeinsame Militärgruppe für jedes der auf der beigegeben
fügten Karte angegebenen Gebiete/mit Stationierung an folgenden Orten in
Südvietnam:

Region I:

- 8-

�Region I:

Region II:

Region III:

Region: IV:

Quang Tri

Hoi An

Kontum

Da Lat

Phu Bai

Tarn Ky

Hau Bon

Bao Loc

Chu Lai

Phu Cat

Phan Rang

Tuy An
Ninh Hoa
Ban Me Thuot
Region V:

Region VI:

Region VII:

An Loc

Moc Hoa

Tri Ton

Xuan Loc

Giong Trom

Vinh Long

Ben Cat

Vi Thanh

Cu Chi

Knanh Hung

Tan An

Quan Long

Jede Partei soll vier qualifizierte Persönlichkeiten für jede
Geraeinsame Militärgruppe benennen. Die von jeder Partei als Vorgesetzter
benannte Persönlichkeit soll ein Offizier im Rang eines Majors oder Oberstleutnants oder einem entsprechenden Rang sein.
d)

Die Regionalen Gemeinsamen Militärkommissionen sollen die Zentrale

Gemeinsame Militärkommission bei der Durchführung ihrer Aufgaben unterstützen und die Arbeit der Gemeinsamen Militärgruppen überwachen. Die
Region Saigon-Cia Dinh ist der Aufsicht der Zentralen Kommission unterstellt, die Gemeinsame Militärgruppen benennen wird, die in dieser
Region tätig sein sollen.
e)

Jeder Partei soll ermächtigt werden, für ihre Delegationen bei der

Zentralen Gemeinsamen Militärkommission und den Regionalen Gemeinsamen
Militärkommissionen sowie für ihre Mitglieder bei den Gemeinsamen
Militärgruppen Hilfs- und Wachpersonal zu stellen. Die Gesamtzahl des
Hilfs- und Wachpersonals soll für jede Partei 550 nicht übersteigen.

- 9-

�f)

Die Zentrale Gemeinsame Militärkommission kar^n entsprechend den

jeweiligen Erfordernissen Gemeinsame Unterausschüsse, Gemeinsame Stäbe
und Gemeinsame Militärgruppen einsetzen. Die Zentrale Kommission soll
die Zahl des benötigten Personals für die von ihr eingesetzten zusätzlichen Unterausschüsse, Stäbe oder Gruppen festlegen unter der
Voraussetzung, daß jede Partei einviertel der Zahl des benötigten
Personals stellt und daß die Gesamtzahl des Personals der gemeinsamen
Vierer-Militärkommissionen, einschließlich ihrer Stäbe, Gruppen und des
Hilfspersonals 3.300 nicht übersteigt.
g)

Die Delegationen der beiden südvietnamesischen Parteien können

durch Vereinbarung provisorische Unterkommissionen und Gemeinsame
Militärgruppen zur Durchführung der ihnen in Artikel 17 des Abkommens
speziell übertragenen Aufgaben einsetzen. Was Artikel 7 des Abkommens
anbetrifft, so können die Delegationen der beiden südvietnamesischen
Parteien bei der Gemeinsamen Vierer-MilitärkommissLon Gemeinsame Militärgruppen an Übergangsstellen nach Südvietnam einsetzen, die für die
Ersatzbeschaffung von Waffen, Munition und Kriegsmaterial gemäß
Artikel 7 dieses Protokolls bezeichnet werden. Für die Zeit vom Inkrafttreten
meinsame

des Waffenstillstandes bis zu dem Zeitpunkt:, an dem die GeZweier-Militärkommission ihre Funktion übernimmt, sollen die

Delegationen der beiden südvietnamesischen Parteien bei der Gemeinsamen
Vierer-Militärkommission eine provisorische Unterkommission und provisorische Gemeinsame Militärgruppe bilden, die deren Aufgaben bezüglich der
gefangen gehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten wahrnehmen sollen. Soweit es zu dem obenerwähnten Zweck notwendig ist, können
die beiden Parteien vereinbaren, den beiden südvietnamesischen Delegationen
bei der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission zusätzliches Personal zuzuteilen.

Artikel 12

- 10 -

�Artikel 12
a)

Im Einklang mit Artikel 17 des Abkommens, der festlegt, daß die

beiden südvietnamesischen Parteien umgehend ihre jeweiligen Vertreter für
die Bildung der Gemeinsamen Zweier-Militärkommission benennen, sollen die
beiden designierten Delegationen der südvietnamesischen Parteien bei der
Gemeinsamen Zweier-Militärkommission innerhalb von 24 Stunden nach Inkrafttreten des Waffenstillands in Saigon zusammenkommen, um so bald wie
möglich eine Vereinbarung über die Organisation und Tätigkeit der Gemeinsamen Zweier-Militärkommission sowie über Maßnahmen und Struktur zu
treffen, die dem Ziele dienen, den Waffenstillstand durchzusetzen sowie
den Frieden in Südvietnam zu wahren.
b)

Für die Zeit vom Inkrafttreten des Waffenstillstandsbis zu dem

Zeitpunkt, an dem die Gemeinsame Zweier-Militärkommission ihre Funktion
übernimmt, sollen auf allen Ebenen die Delegationen der beiden südvietnamesischen Parteien bei der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission
gleichzeitig auf allen Ebenen die Aufgaben der Gemeinsamen ZweierMilitärkommission zusätzlich zu ihren Funktionen als Delegationen bei
der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission übernehmen.
c)

Wenn zu dem Zeitpunkt, an dem die Gemeinsame Vierer-Militärkom-

mission gemäß Artikel 16 des Abkommens ihre Arbeit einstellt, noch keine
Vereinbarung über die Organisation der Gemeinsamen Zweier-Militärkommission erreicht ist, sollen die Delegationen der beiden südvietnamesischen
Parteien die auf allen Ebenen bei der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission
arbeiten, weiter vorübergehend als provisorische Gemeinsame ZweierMilitärkommission zusammenarbeiten und die Aufgaben der Gemeinsamen ZweierMilitärkommission auf allen Ebenen übernehmen, bis die Gemeinsame ZweierMilitärkommission ihre Funktion übernimmt.

Artikel 13

�Artikel 13
Entsprechend dem Prinzip der Einstimmigkeit sollen die Gemeinsamen
Militärkommissionen keine Vorsitzenden haben, und Sitzungen sollen auf
Antrag jedes Vertreters einberufen werden. Die Gemeinsamen Militärkommissionen sollen Arbeitsverfahren einschlagen, wie sie für die wirksame
Erledigung ihrer Funktionen und Aufgaben geeignet sind.

Artikel 14
Die Gemeinsamen Militärkommissionen und die Internationale Kontrollund Überwachungskommission sollen miteinander eng zusammenarbeiten und
sich gegenseitig bei der Durchführung ihrer jeweiligen Funktionen unterstützen. Jede Gemeinsame Militärkommission soll die Internationale Kommission über die Durchführung der Bestimmungen des Abkommens unterrichten,
für die diese Gemeinsame Militärkommission verantwortlich ist und die im
Rahmen der Zuständigkeit der Internationalen Kommission liegen. Jede
Gemeinsame Militärkommission kann die Internationale Kommission ersuchen,
spezifische Beobachtungsaufgaben durchzuführen.

Artikel 15
Die Zentrale Gemeinsame Vierer-Militärkommission soll ihre Arbeit 24
Stunden nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes aufnehmen. Die Regionalen
Gemeinsamen Vierer-Militärkommissionen sollen die Arbeit 48 Stunden nach
Inkrafttreten des Waffenstillstands aufnehmen. Die Gemeinsamen Militärgruppen, die an den in Artikel 11 c dieses Protokolls aufgeführten Orten
stationiert sind, sollen die Arbeit nicht später als 15 Tage nach dem
Inkrafttreten des Waffenstillstandes aufnehmen. Die Delegationen der beiden
südvietnamesischen Parteien sollen gleichzeitig die Aufgaben der Gemeinsamen
Zweier-Militärkommission, wie in Artikel 12 dieses Protokolls vorgesehen,
aufnehmen.
Artikel 16
- 12 -

�Artikel 16
a)

Den Gemeinsamen Militärkommissionen auf allen Ebenen soll von

den Parteien voller Schutz und alle erforderliche Hilfe bei der Durchführung ihrer Aufgaben gewährt werden.
b)

Die Gemeinsamen Militärkommissionen und ihr Personal sollen bei

der Durchführung ihrer Aufgaben die gleichen Privilegien und die gleiche
Immunität wie die diplomatischen Missionen und die Diplomaten genießen.
c)

Das Personal der Gemeinsamen Militärkommission darf Pistolen und

besondere Abzeichen tragen, über die von jeder Zentralen Gemeinsamen
Militärkommission entschieden wird. Das Personal jeder Partei kann für
die Bewachung von Einrichtungen oder Ausrüstungen der Kommission ermächtigt werden, andere individuelle Handfeuerwaffen zu tragen, so wie
dies von jeder Zentralen Gemeinsamen Militärkommission festgelegt wird.

Artikel 17

a)

Die Delegation jeder Partei bei der Gemeinsamen Vierer-Militär-

kommission und der Gemeinsamen Zweier-Militärkommission soll ihre eigenen
Büroräume, Nachrichtenverbindungen sowie Versorgungs- und Transporteinrichtungen, einschließlich Flugzeuge, falls erforderlich, haben.
b)

Der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission und der Gemeinsamen

Zweier-Militärkommission soll auf allen Ebenen angemessene Büro- und
Wohnräume von jeder der Parteien in den von ihr kontrollierten Gebieten
zur Verfügung gestellt werden.
c)

Die Parteien sollen sich darum bemühen, der Gemeinsamen Vierer-

Militärkommission und der Gemeinsamen Zweier-Militärkommission mietoder leihweise oder als Schenkung die üblichen Arbeitsmittel, einschließlich der Einrichtungen für Nachrichtenverbindungen, Versorgung
und Transport und auch, falls erforderlich, Flugzeuge zur Verfügung zu
stellen. Die Gemeinsamen Militärkommissionen können die erforderlichen
- 13 -

�erforderlichen Einrichtungen, Ausrüstungen und Dienstleistungen, die
nicht von den Parteien gestellt werden, von jeder anderen Stelle
käuflich erwerben. Die Gemeinsamen Militärkommissionen sollen diese
Einrichtungen und Ausrüstungen in Besitz haben und nutzen.
d)

Die oben erwähnten Einrichtungen und Ausrüstungen für den

gemeinsamen Verbrauch sollen an die Parteien zurückgegeben werden,
wenn die Gemeinsamen Militärkommissionen ihre Arbeit beendet haben.

Artikel 18
Die gemeinsamen Ausgaben der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission
sollen in gleicher Höhe von den vier Parteien getragen werden und die
gemeinsamen Ausgaben der Gemeinsamen Zweier-Militärkommission in Südvietnam sollen in gleicher Höhe von diesen beiden Parteien getragen
werden.

Artikel 19

Diese Protokoll soll mit der Unterzeichnung durch die bevollmächtigten Vertreter aller an der Pariser Vietnam-Konferenz beteiligten
Parteien in Kraft treten. Es soll von allen betroffenen Parteien strikt
ausgeführt werden.

Ausgefertigt in Paris am 27. Tage des Januar Eintausendneunhundertunddreiundsiebzig in vietnamesischer und englischer Sprache. Die vietnamesischen und englischen Texte sind offiziell und gleichermaßen
authentisch.

Für

- 14 -

�Für die Regierung der

Für die Regierung der

Vereinigten Staaten von Amerika

Republik Vietnam

William P. Rogers

Tran van Lam

Außenminister

Außenminister

- 15 -

�Für die Regierung der

Für die provisorische Revolutions-

Demokratischen Republik Vietnam

regierung der Republik Südvietnam

Nguyen Thi Binh

Nguyen Duy Trinh

Außenminister

Außenminister

- 16 -

�Zu unterzeichnen im internationalen
Konferenzzentrum, Paris,
Sonnabend Nachmittag, Pariser Zeit,
27. Januar 1973

PROTOKOLL ZUM ABKOMMEN ÜBER DIE BEENDIGUNG DES KRIEGES
UND DIE WIEDERHERSTELLUNG DES FRIEDENS IN VIETNAM
BEZÜGLICH DES WAFFENSTILLSTANDS IN SÜDVIETNAM UND
DER GEMEINSAMEN MILITÄRKOMMISSION

Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika in Übereinstimmung mit der Regierung der Republik Vietnam,
Die Regierung der Demokratischen Republik Vietnam in Übereinstimmung mit der provisorischen Revolutionsregierung der
Republik Südvietnam,
haben zur Durchführung von Paragraph eins des Artikels 2, von Artikel 3,
Artikel 5, Artikel 6, Artikel 16 und Artikel 17 des an diesem Tage unterzeichneten Abkommens über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam, die den Waffenstillstand in Südvietnam
und die Schaffung einer Gemeinsamen Vierer-Militärkommission und einer
Gemeinsamen Zweier-Militärkommission vorsehen, folgendes vereinbart:
(Artikel 1-18 des Protokolls sind identisch mit obigen Artikeln)

Artikel 19
Das Protokoll zu dem Pariser Abkommen über die Beendigung des Krieges
und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam bezüglich des Waffenstillstands in Südvietnam und der Gemeinsamen Militärkommissionen soll mit
Unterzeichnung dieses Dokuments durch den Außenminister der Regierung der

- 17 -

�der Vereinigten Staaten von Amerika und den Außenminister der Regierung
der Demokratischen Republik Vietnam und mit Unterzeichnung eines Dokuments gleichen Inhalts durch den Außenminister der Regierung der
Vereinigten Staaten von Amerika, den Außenminister der Regierung der
Republik Vietnam, den Außenminister der Demokratischen Republik Vietnam
und den Außenminister der provisorischen Revolutionsregierung der
Republik

Südvietnam in Kraft treten. Das Protokoll soll von allen

betroffenen Parteien strikt ausgeführt werden.
Ausgefertigt in Paris am 27. Tage des Januar Eintausendneunhundertunddreiundsiebzig in vietnamesischer und englischer Sprache. Die vietnamesischen und englischen Texte sind offiziell und gleichermaßen
authentisch.

Für die Regierung der

Für die Regierung der

Vereinigten Staaten von Amerika

Demokratischen Republik Vietnam

William P. Rogers

Nguyen Duy Trinh

Außenminister

Außenminister

i l i

- 18 -

�</text>
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und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1979

I N H A L T

DOKUMENTATION
Carter erhielt Martin Luther King-Friedenspreis
- Auszüge aus der Ansprache des Präsidenten in Atlanta Stabilität in Ostasien: Die Rolle der Vereinigten Staaten
- Von Außenminister Cyrus Vance Brzezinski umreißt Außen- und China-Politik der USA
- Wortlaut WIRTSCHAFT
Carter ersucht um Verlängerung der Vollmacht zum Verzicht auf Ausgleichszölle
- Schreiben des Präsidenten an den Kongreß Presseverlautbarung des Sonderberaters des US-Präsidenten für Handelsverhandlungen zur Frage des Verzichts auf Ausgleichszölle
Solomon erläutert US-Standpunkt zum Weltwährungssystem
HINTERGRUNDMATERIAL
Produktion geht vor Import
- US-Energieminister Schlesinger zur Erdgaspolitik -

Um Übei/endung von
BcIcgcHcmplorcn wird
gebeten

Postfach 20 03 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1979

CARTER ERHIELT MARTIN LUTHER KING-FRIEDENSPREIS
- Auszüge aus der Ansprache des Präsidenten in Atlanta

ATLANTA, GEORGIA - (AD) - Präsident Jimmy Carter erhielt am
14. Januar 1979 den Martin Luther King-Friedenspreis, der zum Gedenken
des 50. Geburtstages des ermordeten Bürgerrechtlers verliehen wurde.
In einer Ansprache anläßlich der Feierlichkeiten in Atlanta im Staate
Georgia hielt Präsident Carter eine Ansprache, in der er neue Friedensinitiativen im Nahen Osten ankündigte und auch seine Absicht mitteilte,
einen SALT II-Vertrag nach dem Abschluß dem amerikanischen Senat als
Vertrag zur Ratifizierung - wozu eine Zweidrittelmehrheit notwendig ist zu unterbreiten.

Ferner nahm der Präsident zu Fragen der Menschenrechte

Stellung.
Die wesentlichen Auszüge aus der Ansprache des Präsidenten haben
folgenden Wortlaut:
Wir können heute zu dem empfindlichen Thema der Menschenrechte als
Nation in der ganzen Welt mit einer Stimme sprechen, weil Martin Luther

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�v

Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung dazu beigetragen haben,
alle Amerikaner von den Ketten des amtlichen Rassismus hier in unserem
Lande zu befreien.
Hätte er nicht gelebt, hätten wir seine Stimme nicht vernommen, hätte
sich seine Handlungsweise nicht durchgesetzt, dann wäre es für die
Vereinigten Staaten heute peinlich, in internationalen Gremien den Begriff
"Menschenrechte" zu erwähnen.
Vater King sprach die Wahrheit, als er sagte, "viele Menschen glauben,
Martin befreie nur schwarze Menschen.

In Wahrheit hat er geholfen, alle

Menschen zu befreien."
Die große Aufgabe, vor der wir alle - und besonders die Regierung heute stehen, ist, sich des Vertrauens würdig zu erweisen, das die
Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King in Amerika gesetzt haben.
Er vertraute unserem Lande.

Er vertraute unserer Regierung.

Er vertraute

unserem Volk, selbst wenn ein objektiver Beobachter bei voller Wahrheit
sagen könnte, daß es Zeiten gab, in denen unsere Regierung, ihre Gesetze
und viele Amerikaner dieses Vertrauen nicht verdienten.
Möge niemand daran zweifeln, wo ich stehe. Meine Administration
und ich selbst sind auf Ihrer Seite. Wir haben uns den Bürgerrechten
verschrieben. Wir haben uns der Gleichheit der Chancen verschrieben.
Wir haben uns der Gleichheit vor dem Gesetz verschrieben - und Sie können
sich auf uns verlassen.
Diese Administration ist darum bemüht, die moralische Autorität
Amerikas in der Welt wiederherzustellen. Wie ich schon oft gesagt habe,
die Menschenrechte sind die Seele der Außenpolitik unseres Landes. Und
solange ich Präsident bin, wird Amerika in dem Kampf um die Menschenrechte
weiterhin an der Spitze stehen.
Martin Luther King
- 2 -

&lt;

�Martin Luther King sagte einmal, "wir müssen Hand an die Weltordnung
anlegen und vom Krieg sagen, 'diese Art der Beilegung von Meinungsverschiedenheiten ist nicht recht'."
Er erklärte, daß die entscheidende politische und moralische Frage
unserer Zeit die Notwendigkeit sei, Unterdrückung und Gewalt zu überwinden,
ohne selbst zu Unterdrückung und Gewalt zu greifen.

Das ist und bleibt

eine schwierige, aber auch eine entscheidende Frage.
Ich versuche, den Frieden, dessen sich unser Land heute, Gott sei
Dank, erfreut, zu verewigen und auszubreiten und unsere moralische Stärke
und unsere guten Dienste einzusetzen, um alte Feinde zur Aufgabe ihrer
Streitigkeiten zu bewegen, damit die Energien und Talente ihrer Völker
dazu benutzt werden können, statt Leiden und Tod ein besseres Leben
hervorzubringen.
Im südlichen Afrika arbeiten wir mit den dortigen Regierungen und
Völkern - Menschen, denen seit langem die Grundrechte verweigert wurden daran, eine Mehrheitsregierung zustande zu bringen, dem Rassismus und
Haß ein Ende zu setzen und die rechtliche Billigung der Apartheid überall
in diesem großen Kontinent zu beenden.
In Nikaragua arbeiten wir mit anderen Ländern daran, in einem Streit
zu vermitteln und in einem unserer Nachbarländer Freiheit und demokratische
Grundsätze herbeizuführen.
•

Im Nahen Osten versuchen wir, unter höchst schwierigen politischen
Umständen als Vermittler aufzutreten, um Frieden zwischen alten Feinden
zu stiften. Wir haben aufgrund des Wunsches der dortigen Völker nach
Frieden recht große Fortschritte erzielt. In dieser Woche werden wir eine
weitere Delegation von Unterhändlern und Vermittlern nach dem Nahen
Osten entsenden, um die letzten Elemente der Differenzen in den sprachlichen
Formulierungen des Friedensvertrages auszuräumen. Und dann werden wir

- 3 -

�wir uns der höchst wichtigen politischen Frage zuwenden, wie die Übereinkommen von Camp David in größtmöglichem Umfang verwirklicht werden können.
Da es sich hier im Augenblick um eine politische Frage handelt, bin
ich sicher, daß dies zumindest bis auf die Ebene der Außenminister angehoben werden wird.

Und falls notwendig werde ich nicht zögern, Präsident

Sadat und Ministerpräsident Begin zu einem erneuten Treffen mit mir einzuladen, um einen Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten zu bekommen.
Ein einiges Amerika gibt uns mit Ihrer Unterstützung eine starke und
tragende Stimme, die im Ausland gehört wird.
Abschließend möchte ich sagen, daß ich im Kriegshandwerk ausgebildet
wurde, aber ich teile den Traum von Martin Luther King, daß die Menschheit
einen besseren Weg finden kann.
Wir haben erlebt, wie das ist.

Unsere Generation kennt zu viel Krieg.
Es bedeutet, daß mitten in der Nacht

tausende von Tonnen von Bomben fallen.

Es bedeutet Elend und Tod in einem

nassen und einsamen Schützenloch auf einem gefrorenen Hügel oder im
dampfenden Dschungel - ohne Fanfarenstöße und ohne Glorie.
Die armen Menschen, die nicht in der Lage sind, die Mittel für eine
College-Ausbildung aufzubringen, sind die ersten die in den Krieg ziehen
und ihr Leben für unser Land geben, und dadurch wird es möglich, daß sie
ihrer Chancen beraubt werden. Das darf niemals wieder geschehen.
Krieg bedeutet ein sterbendes kleines Kind in einem brennenden Dorf,
einen alten Mann, der seinen einzigen Sohn begräbt, mit einer Trauer im
Herzen, die niemals getröstet werden kann. Es bedeutet die Zerstörung
des menschlichen Geistes und all dessen, was wir an Schönem und Wertvollem besitzen.
Der Krieg bedeutet eine echte Drohung der massiven nuklearen Vernichtung.

- 4 -

�Vernichtung. Nur Wahnsinnige können heute glauben, daß der Krieg eine
Lösung für irgendetwas wäre.
Wir versuchen, ehemaligen Gegnern die Hand der Freundschaft zu reichen,
Differenzen zu überbrücken und für den Frieden in der Welt zu sorgen.

Wir

befinden uns in den letzten Stadien der Verhandlungen über ein SALT IIAbkommen, das der weiteren Ausbreitung von Kernwaffen zwischen uns und der
Sowjetunion Grenzen setzen

und der Welt ein deutliches Beispiel geben

wird, daß unsere Nation für Frieden einsteht.
Dieser Vertrag, dessen Verhandlungen ich persönlich überwacht habe,
wird die Sicherheitsinteressen unseres Landes schützen.

Er wird die Aus-

sichten für einen zukünftigen Fortschritt in den kommenden Jahren enthalten, die Kernwaffen weiter einzuschränken,und er wird dem Senat als
Vertrag zur Ratifizierung vorgelegt werden, sobald er abgeschlossen ist.
Eine Ablehnung dieses Vertrages würde der Kontrolle und Eindämmung von
Kernwaffen einen schweren Schlag versetzen.

Sie würde den friedlichen

Beziehungen zwischen den beiden größten Militärmächten der Welt einen
schweren Schlag versetzen.

Sie würde der Meinung, die friedliebende

Menschen in den kleinen Ländern und in den Entwicklungsländern in der
ganzen Welt von uns haben, einen schweren Schlag versetzen.

Und sie

würde der Meinung von uns und der Unterstützung, derer sich die Vereinigten
Staaten bei unseren westlichen Verbündeten und bei all jenen erfreuen,
die mit uns gemeinsame Verteidigungsverträge eingehen, einen schweren
Schlag versetzen.
Sie würde dem Ruf unseres Landes als friedliebende Nation einen
schweren Schlag versetzen.

So wie Dr. King und Mahatma Gandhi wußten,

daß Gewaltlosigkeit nicht das Verhalten von Feialingen ist, so ist unsere
Suche dach Frieden kein Zeichen der Schwäche,sondern ein Zeichen der
Stärke.

Wir müssen auch unter Beweis stellen, daß die menschlichen

Werte Amerikas so stark wirken, daß sie wert sind, daß auch andere Nationen

- 5 -

�Nationen sie annehmen und für sie eintreten.
Wir werden niemals einen Frieden erkaufen, der lediglich eine Kapitulation unserer Ideale und Überzeugungen wäre, und ebenso wenig werden wir
versuchen, anderen unsere Werte aufzuzwingen.

Auch das wäre eine

Kapitulation unserer Verpflichtungen und unserer Prinzipien.
Martin Luther King sprach von zwei Arten von Frieden, einem negativen
Frieden, der das Nichtvorhandensein von Furcht und Spannung bedeutet,
und er sprach von einem positiven Frieden, der die Präsenz der Gerechtigkeit
bedeutet.
Was wir heute anstreben, ist ein positiver Frieden - ein Frieden,
der seinen kühnen Traum am Leben erhält, daß alle Menschen Nahrung und
Gesundheitsfürsorge

für ihren Körper, Ausbildung und Kultur für ihren

Verstand und Würde, Gleichheit und Freiheit für ihren Geist haben können.
Es ist dieses Ideal Amerika- ein Amerika, das es bisher noch nicht
gab, das es aber geben kann und das es geben wird - das wir für unsere
Kinder und unsere Kindeskinder anstreben.
Als Präsident werde ich jene unaufhörliche Revolution fortführen,
die unsere Gründerväter begonnen haben und die viele von Ihnen weitergeführt
haben, um unsere Nation zu einem Muster der Gerechtigkeit und der Freiheit
und der Chancengleichheit zu machen.

+ + + + +

- 6 -

�Dokumentation
»

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1979

STABILITÄT IN OSTASIEN: DIE ROLLE DER VEREINIGTEN STAATEN
- Von Außenminister Cyrus Vance -

Der amerikanische Außenminister Cyrus Vance
hat am 15. Januar 1979 vor Geschäftsleuten
über die China-Politik der Vereinigten Staaten und auch über die Chancen des ChinaHandels gesprochen. Nachfolgend geben wir
die Ausführungen von Vance im vollen Wortlaut wieder.

Ich freue mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind.

Ich möchte den

beiden hier vertretenen großen Wirtschaftsverbänden, vor allem ihren Vorständen, für ihre Bemühungen danken, das Verständnis der Öffentlichkeit für ein
wichtiges außenpolitisches Problem zu fördern.

Beide Organisationen haben

bei der Stärkung unserer wirtschaftlichen Beziehungen eine wichtige Rolle gespielt - und werden sie weiterhin spielen.
Es ist jetzt einen Monat her, seit der Präsident bekanntgegeben hat, daß
die Vereinigten Staaten und die Volksrepublik China sich auf die Herstellung
voller und normaler diplomatischer Beziehungen geeinigt haben.

Heute möchte

ich mit Ihnen zusammen etwas den Hintergrund erhellen, der zu der historischen
Entscheidung des Präsidenten geführt hat, und Ihnen darlegen, was diese Ent-

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�Entscheidung nach unserer Auffassung für die Vereinigten Staaten und für die
Welt bedeutet.
Wenige außenpolitische Probleme haben die Amerikaner so lange gespalten
wie die China-Frage.

In den dreißiger Jahren wurden sich die Amerikaner zu-

tiefst der Tragödie und der Leiden in China bewußt und nahmen oft leidenschaftlich Stellung.

Anfang der vierziger Jahre fochten beide Länder gemein-

sam gegen die Achsenmächte.

Ende der vierziger Jahre haben wir - letztlich

ohne Erfolg - versucht, beiden Seiten des chinesischen Bürgerkriegs zu einer
friedlichen Beilegung ihres Konflikts zu verhelfen.
In den fünfziger Jahren erreichten die Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten einen Tiefpunkt.

Unsere Armeen

stießen in Korea aufeinander, und hier in den Vereinigten Staaten hinterließ
die China-Frage eine tiefe Wunde in der innenpolitischen Landschaft.

Zu den

Tragödien jener Zeit gehört die Zerstörung der Karriere einiger hervorragender
Angehöriger des Auswärtigen Dienstes, weil sie über die Ereignisse in Asien
so berichteten, wie sie sie sahen.
Obwohl in den sechziger Jahren untrügliche Zeichen einer ernsthaften
Rivalität zwischen der Sowjetunion und China zutage traten, blieben unsere
Beziehungen zu Peking auf einem toten Punkt.

Die Vereinigten Staaten, in

militärische Engagements in Südostasien verwickelt, und China, mit der Kulturrevolution beschäftigt, konnten keine Fortschritte in der Überwindung ihrer
Differenzen erzielen.
Das Jahr 1971 war der Beginn einer neuen Phase, über eine tiefe Kluft
des Mißverständnisses und des gegenseitigen Mißtrauens hinweg begannen die
Regierungen in Peking und Washington einen Dialog, der mit dem dramatischen
Besuch Henry Kissingers in Peking im Jahre 1971 und dem Besuch Präsident
Nixons im Jahre 1972 seinen Anfang nahm. Das Kommunique von Schanghai aus
jenem Jahr schuf den Rahmen für unser neues Verhältnis.
Aber

- 2 -

�Aber dieser Dialog war noch unvollständig.

Die Vereinigten Staaten kann-

ten immer noch formell die Republik China - deren de facto Kontrolle sich nur
auf Taiwan (Formosa) und einige anliegende Inseln erstreckte - als die rechtmäßige Regierung Chinas an.

Trotzdem gelang es uns, Kontakte aufzunehmen und

schließlich im Jahre 1973 sogar Verbindungsbüros in Washington und Peking zu
eröffnen.

Aber die Art unserer Beziehung zu Peking blieb in Umfang und Tiefe

durch die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Folgen des Fehlens der
gegenseitigen Anerkennung begrenzt.

Die Nichtanerkennung - dieser heikle Status, in dem sich unsere Beziehungen zu Peking in den sechs Jahren nach dem Schanghai-Kommunique abspielten brachte uns täglich reale und konkrete Probleme.

Auch wenn beide Seiten sich

bemühten, diese Beschränkungen zu verringern, so wurden sie doch immer hinderlicher.

Gespräche mit den Chinesen scheiterten oft letztlich an der Tatsache,

daß ohne eine Anerkennung viele Aktivitäten entweder überhaupt nicht vorankommen konnten oder aber auf einer niederen Ebene geführt werden mußten.

Kon-

takte standen unter dem Zwang solcher Begrenzung, darunter auch solche, die
vielleicht zu einer besseren Verständigung in globalen Fragen hätten führen
können.

Der Handel war begrenzt,und oft gingen Chancen an andere verloren.

Kommerzielle Transaktionen wurden wegen amerikanischer Ansprüche und eingefrorener PRC-Guthaben, die auf das Jahr 1950 zurückgingen, von rechtlichen
Problemen überschattet.

Was aber noch wichtiger ist:

Den Versuch aufgeben,

zu einem Fortschritt zu gelangen, hätte die Gefahr eines Rückschritts bedeutet - und ein Rückschritt in den amerikanisch-chinesischen Beziehungen
hätte unserer Position in der Welt schweren Schaden zugefügt.

So traf Präsident Carter noch vor seinem Amtsantritt seine erste Entscheidung in bezug auf China.

In einem Akt der Kontinuität mit den beiden

früheren Präsidenten bekräftigte er das Schanghai-Kommunique als Grundlage
für unsere Beziehung und versicherte ausdrücklich, daß er sich für eine Normalisierung der Beziehungen einsetzen würde.

Wir waren zu jener Zeit keines-

falls sicher, ob wir in der Lage sein würden, dieses Endziel normaler Beziehungen tatsächlich zu erreichen.

Aber wir hielten es für entscheidend wich-

- 3 -

�wichtig, den Versuch zu machen, und wir waren bereit, uns so viel Zeit zu
nehmen, wie notwendig war, um es auf einer annehmbaren Basis zu erreichen.
In dieser Absicht begannen wir innerhalb der Administration mit Erörterungen und führten auch eine Reihe intensiver Konsultationen sowohl mit
Kongreßmitgliedern wie auch mit einem breiten Querschnitt von Vertretern der
amerikanischen Wirtschaft, mit Gelehrten und Wissenschaftlern und anderen.
Aus unseren Konsultationen und Analysen ergaben sich zwei starke zentrale
Grundtendenzen und verschiedene spezifische Besorgnisse.
Diese Grundtendenzen hätten nicht klarer heraustreten können:

Einer-

seits hegte ein großer Zeil der Amerikaner den Wunsch, daß die Vereinigten
Staaten und die Volksrepublik China diplomatische Beziehungen aufnehmen sollten; gleichzeitig aber zeigte sich ein ebenso großer Teil tief besorgt über
den künftigen wirtschaftlichen Wohlstand, die Sicherheit und die Stabilität
Taiwans.

Auch wir teilten diese Besorgnisse.

Der Präsident entschied, daß

wir nur dann diplomatische Beziehungen mit Peking aufnehmen würden, wenn eine
solche Aktion in einer Weise durchzuführen wäre, die dem Wohlergehen der Bevölkerung auf Taiwan keinen Schaden zufügte und auch nicht die Chancen für
eine friedliche Regelung der Taiwan-Frage durch die Chinesen selbst verringerte.
Außer diesen grundsätzlichen Erwägungen ergaben sich verschiedene spezifische Besorgnisse. Erstens bestand eine weitverbreitete und berechtigte Besorgnis darüber, daß Peking beharrlich daran festhielt, die Vereinigten Staaten müßten vor einer Normalisierung den Gemeinsamen Verteidigungsvertrag mit
Taiwan einseitig aufkündigen, statt ihn in Einklang mit Vertragsbestimmungen
zu beendigen, auf die sich die Vereinigten Staaten und Taiwan im Jahre 1954
geeinigt hatten. Außerdem wollten wir festlegen, daß nach der Aufnahme normaler diplomatischer Beziehungen und der Beendigung der diplomatischen Beziehungen mit Taiwan alle anderen Abkommen und Verträge Gültigkeit behalten sollten.
Zweitens waren wir genauso wie der Kongreß und die amerikanische Öffentlichkeit tief besorgt über den von offiziellen chinesischen Vertretern erho-

�erhobenen unbedingten Anspruch in der Frage ihres Rechts, Taiwan auf jede
ihnen geeignet erscheinende Weise zu "befreien".

Die friedliche Lösung des

Taiwan-Problems durch die Chinesen selbst war vom amerikanischen Standpunkt
von entscheidender Bedeutung; wir konnten keinen Schritt weiter vorangehen,
wenn Peking fortfuhr,über die Taiwan-Frage in so aufreizender Weise zu sprechen und zu denken.
Drittens, innerhalb und außerhalb der Regierung kam es rasch zu einem
Konsens, daß es von wesentlicher Bedeutung sei, daß wir nach der Normalisierung auch weiterhin einen breiten Bereich von Beziehungen zu der Bevölkerung von Taiwan auf einer nicht regierungsamtlichen Basis beibehalten. Im
besonderen würde unter diese Beziehungen nach der Normalisierung auch der
weitere Verkauf von Verteidigungswaffen an Taiwan fallen.
Nachdem diese Prioritäten aufgestellt waren, besuchte ich im August
1977 Peking,und Dr. Brzezinski reiste im Mai 1978 dorthin.

Wir trafen in

Peking auf eine neue selbstbewußte Führung, die sich nach dem Abklingen der
Unruhen im Innern des Landes gebildet hatte.

Es ergaben sich viele Punkte

gemeinsamen Interesses in globalen Fragen, wenngleich wir in bezug auf einige
wichtige Probleme auch weiterhin Differenzen hatten.
eine Normalisierung waren explanatorischer Art.

Unsere Gespräche über

Diese die Gesamtlage betref-

fenden Gespräche bestärkten uns in unserer Ansicht, daß ein starkes, sicheres
und friedliches China im Interesse des Weltfriedens lag.
Im Frühsommer wies Präsident Carter den Chef unseres Verbindungsbüros
in Peking, Botschafter Leonard Woodcock an, in einer Reihe von Darstellungen
unsere Ansichten zur Normalisierung zu umreißen. In fünf Zusammenkünften
legte Botschafter Woodcock die amerikanische Position dar.
Am 19. September traf Präsident Carter mit dem neuen Leiter des chinesischen Verbindungsbüros in Washington, Botschafter Chai Zemin, zusammen.
Indem er sich zum erstenmal direkt in die Gespräche einschaltete, erklärte
der Präsident seinem chinesischen Gesprächspartner, daß wir zu einer Normali- 5 -

�Normalisierung der Beziehungen bereit wären, wenn unsere Besorgnisse über
das künftige Wohlergehen der Bevölkerung von Taiwan entsprochen würde.
Beim Abschluß seiner Darlegungen am 4. November gab Botschafter Woodcock
der chinesischen Seite zu verstehen, daß wir bereit wären, das Datum des 1.
Januar 1979 als Zielpunkt für die Normalisierung unserer Beziehungen anzusteuern, wenn unseren Besorgnissen entsprochen würde.
ihre Antwort Anfang Dezember zu unterbreiten.

Die Chinesen begannen

Mitte Dezember intensivierten

sich die Verhandlungen, wobei der Stellvertretende Ministerpräsident Deng
Xiaoping persönlich beteiligt war. Am 14. Dezember schließlich erreichten
wir eine Übereinkunft, die unseren grundsätzlichen Besorgnissen Rechnung trug,
und die Bekanntgabe unserer Entscheidung, diplomatische Beziehungen aufzunehmen, erfolgte am 15. Dezember.
Wir konnten volle diplomatische Beziehungen mit der Volksrepublik China
in einer Weise aufnehmen, die das Wohlergehen der Bevölkerung auf Taiwan
schützt.

Die Bedeutung dieses Schrittes findet voll und ganz ihren Nieder-

schlag in den Vorkehrungen, die wir getroffen haben und noch treffen werden.
Erstens, die Vereinigten Staaten werden den Gegenseitigen Verteidigungsvertrag nicht abbrechen. Wir haben vielmehr angekündigt, daß wir von unserem
Recht Gebrauch machen werden, den Vertrag mit Taiwan gemäß seinen Bestimmungen
zu beenden, die eine Aufkündigung seitens der einen oder der anderen Seite
mit einjähriger Kündigungsfrist gestatten. Alle anderen Verträge und Abkommen werden in Kraft bleiben.
Das zweite ist die wichtige Angelegenheit der friedlichen Lösung der TaiwanFrage durch die Chinesen selbst. Aus den Maßnahmen und Erklärungen der Volksrepublik China während des letzten Monats wird deutlich, daß die Normalisierung
(der Beziehungen) praktisch die Möglichkeiten für eine Lösung mit friedlichen
Mitteln gefördert hat, wie auch immer die endgültige Regelung dieser Frage
aussehen mag.
Seit

- 6 -

�Seit der Normalisierung der Beziehungen hat die Volksrepublik China einen
merklich gemäßigteren Ton in der Taiwan-Frage angeschlagen:

- Am 9. Januar dieses Jahres erklärte der Stellvertretende Ministerpräsident Deng den Senatoren Nunn, Glenn, Hart und Cohen, daß "über das gesellschaftliche System Taiwans von der Bevölkerung Taiwans entschieden wird.

Verände-

rungen nehmen vielleicht hundert Jahre oder tausend Jahre in Anspruch.
meine ich eine lange Zeit.

Damit

Wir werden die Gesellschaftsform nicht durch Ge-

walt verändern."

- Am Neujahrstag stellte die Volksrepublik China nach 25 Jahren ihre aus
Propagandagründen erfolgte Artilleriebeschießung der dem Festland vorgelagerten Inseln Quemoy und Matsu ein.

Und drittens und letztens werden wir nach Beendigung des Gegenseitigen
Verteidigungsvertrages am 31. Dezember 1979 auch weiterhin unsere bisher betriebene Politik des Verkaufes sorgfältig ausgewählter Verteidigungswaffen an
Taiwan fortsetzen.

Wenn auch die Volksrepublik China erklärt hat, sie miß-

billige dies, so ist sie dennoch unter voller Kenntnis unserer Absichten mit
der Normalisierung vorangeschritten.

Bei der Gestaltung eines neuen Verhältnisses mit der Bevölkerung auf
Taiwan ergreifen wir praktische Schritte, um die Kontinuität der Handelsbeziehungen sowie die kulturellen und anderen nicht-amtlichen Beziehungen sicherzustellen.

Der Präsident hat Maßnahmen eingeleitet, die die ununterbrochene

Fortsetzung solcher Beziehungen vom 1. Januar 1979 an garantieren sollen.

In

Zukunft werden diese Beziehungen durch eine private gemeinnützige Körperschaft
fortgeführt werden, die den Namen Institut auf Taiwan führt.

Diese Körper-

schaft wird die bestehenden und - wie wir zuversichtlich hoffen - sich noch vertiefenden Bindungen zwischen dem amerikanischen Volk und der Bevölkerung auf
Taiwan fördern.

Taipeh wird seine nicht-amtlichen Beziehungen mit unserem

Lande in ähnlicher Weise handhaben.
Lassen

- 7 -

�Lassen Sie mich noch einige Sätze zu dem amerikanischen Institut auf
Taiwan sagen, zu der erforderlichen Gesetzgebung und zu seiner Tätigkeit.
Der amerikanische Kongreß wird ersucht werden, eine Gesamtvorlage zu verabschiedet, mit der die Finanzierung des amerikanischen Instituts auf Taiwan
gesichert, und dessen Vollmacht bekräftigt wird, auf einem weiten Bereich
tätig zu werden.

Ich hoffe, daß wir Ihre aktive Unterstützung für eine zü-

gige Verabschiedung dieser Gesetzesvorlagen erhalten werden.

Das Institut wird seinen Hauptsitz in Washington haben, mit Außenstellen
auf Taiwan.

Es wird die vollen kommerziellen und anderen Dienste anbieten,

die bisher den Geschäftsleuten aus den USA und aus Taiwan durch offizielle
Kanäle gewährt wurden.

In Ihren privaten Geschäften auf Taiwan können Sie

sich jederzeit an die Mitarbeiter des Institutes wenden

oder Sie können

auch direkt mit den örtlichen Firmen und den dortigen Behörden in Verbindung
treten.

Kurz gesagt, wir sehen keinerlei Änderung, die notwendig wäre, um

private amerikanische Geschäfte auf Taiwan anders als bisher durchzuführen.
Anleihen der Export-Import-Bank, Garantien der überseeischen Privaten Investitionsgesellschaft (OPIC)

sowie andere wichtige Vorkehrungen werden weiterbe-

stehen.

Angesichts dieser neuen Vorkehrungen erwarten wir, daß Taiwan auch weiterhin wirtschaftlich gedeihen wird.

Das dynamische wirtschaftliche Wachstum

Taiwans ist einer der eindrucksvollen Faktoren des letzten Jahrzehnts; Taiwan
ist gegenwärtig der achtgrößte Handelspartner der USA, und das Pro-Kopf-Einkommen zählt zu den höchsten in Asien.
Jeder, der sich mit dieser Frage befaßt hat, kann bezeugen, daß die Normalisierung der Beziehung zu Peking kein leichter Schritt war.

Die Schwierig-

keiten lagen immer auf der Hand, und jeder Präsident war immer versucht, die
Dinge weiter hinauszuzögern.

Aber wir alle waren uns doch darüber im klaren,

daß früher oder später etwas unternommen werden müßte.

Wie ich bereits ge-

sagt habe, hätte ein Unterlassen des Versuches, Fortschritt zu erzielen, die
Gefahr heraufbeschworen, Rückschläge in Kauf nehmen zu müssen - und zwar zu

- 8 -

�zu großen Kosten für unsere Position in der Welt.

Zu der Zeit, als wir die-

sen entscheidenden Schritt unternahmen, hatten alle anderen Mitglieder der
NATO, unsere beiden Partner im ANZUS-Pakt sowie Japan seit langem die Volksrepublik China anerkannt - wie auch die meisten anderen Länder der Welt.
Sie waren auf unsere Maßnahme vorbereitet, und die meisten von ihnen, einschließlich aller Mitglieder der Vereinigung Südostasiatischer Nationen
(ASEAN) begrüßten sie.
Als wir diese Maßnahme ergriffen, geschah dies in einer Weise, die in
bedeutsamem Maße die Aussicht auf Stabilität und Frieden in Asien und im
Pazifik fördert. Wir handelten in einer Art und Weise, die uns unserem Ziel
eines stabilen Systems unabhängiger Nationen in Asien näher bringt und die
darüber hinaus die Chancen für die Wahrung eines stabilen Gleichgewichtes
zwischen den Vereinigten Staaten, Japan, China und der Sowjetunion aufrechterhält.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin eine aktive Rolle spielen,
um dieses stabile Gleichgewicht zu wahren. Aus geographischen, historischen
und wirtschaftlichen Gründen sind wir genauso eine pazifische Nation wie eine
atlantische Nation, mit tiefgreifenden kontinuierlichen nationalen Interessen
in diesem Gebiet.

Wir werden ausgewogene und flexible Streitkräfte in diesem

Raum aufrechterhalten, wie der jüngste erfolgreiche Abschluß des StützpunktAbkommens mit den Philippinen so deutlich gezeigt hat. Und wir werden nicht
zögern, falls erforderlich, Maßnahmen zu ergreifen, um unsere lebenswichtigen
nationalen Interessen zu schützen.
Die sich rasch entwickelnden Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
auf dem Gebiete der Wissenschaft, des Handels und des Austausches erfordert
eine Struktur, die nur diplomatische Beziehungen gewähren können.

Und bei

einer vollen Aufnahme der Beziehungen befinden wir uns in einer weit besseren
Position, um Chinas Rolle als ein konstruktives Mitglied der Weltgemeinschaft
zu fördern. Alle diese Fragen werden wir mit dem Stellvertretenden Ministerpräsidenten Deng erörtern, wenn er in zwei Wochen die USA besucht.
Bei
- 9 -

�Bei dieser Gelegenheit ist es besonders nützlich, auf einige der wirtschaftlichen Vorteile hinzuweisen, die wir im Rahmen der Aufnahme diplomatischer
Beziehungen mit der Volksrepublik China erwarten.

Dazu gehören unsere Betei-

ligung als regelmäßiger Lieferant landwirtschaftlicher Güter nach China, die
Fähigkeit der amerikanischen Exporteure, auf einer gleichberechtigten Basis
mit anderen Lieferanten zu konkurrieren, sowie die Wiederaufnahme der Schifffahrts-, Luft-, Bank- sowie anderer normaler wirtschaftlicher Beziehungen
mit China.
Lassen Sie mich noch einmal zum Ausdruck bringen, daß wir mit der Normalisierung der Beziehungen in einer Art und Weise handelten, die keine andere
Nation bedroht, sondern die vielmehr das Gemeinschaftsgefühl der Nationen fördert, das wir zu ermutigen trachten.
Wir sind der Überzeugung, daß China bei dem Bemühen um einen Weltfrieden
und um globale Stabilität eine wichtige Rolle zu spielen hat. Das gleiche
gilt für die Sowjetunion. Unseren nationalen Interessen ist am besten dadurch gedient, daß wir eine Verbesserung der Beziehungen mit beiden Nationen
anstreben, während wir gleichzeitig unsere lebenswichtigen strategischen Interessen schützen. Dies war der Fall während des späten Winters sowie des Frühjahres 1972 - eines Zeitraumes, in dem sowohl das Kommunique von Schanghai als
auch SALT I erreicht wurden. Ausgeglichenheit und Stabilität - nicht Isolation - sind unsere strategischen Ziele. Aus diesem Grunde rechnen wir auch
mit dem baldigen Abschluß des SALT-Abkommens mit der Sowjetunion sowie mit
einer Verbesserung unserer Handelsbeziehungen mit den Sowjets als auch mit
den Chinesen.
Darf ich Sie zum Abschluß mit Nachdruck auffordern, die Entscheidung des
Präsidenten sowie die Gesetzgebung zur Fortsetzung der Beziehungen mit der Bevölkerung auf Taiwan zu unterstützen.

Wir brauchen Ihre Unterstützung bei der

Darlegung der strategischen und historischen Notwendigkeit dieses Schrittes.
Und wir ermuntern Sie, einen stärkeren Handel und intensivere Kontakte sowohl
mit der Volksrepublik China als auch mit der Bevölkerung auf Taiwan zu ent- 10 -

�entwickeln.

Es dauerte knapp sieben Jahre von der Formulierung des Kommuniques

von Schanghai bis zur Normalisierung der Beziehungen, über einen schwierigen
Zeitraum hinweg begannen zwei große Nationen damit, Kontakte wiederherzustellen
und eine neue Beziehung zu gestalten.

Wir alle sind uns darüber im klaren,

daß ein neues Zeitalter begonnen hat. Möglichkeiten und Chancen, die uns bisher verwehrt waren, beginnen nunmehr, Gestalt anzunehmen.
Die Nationen, die sich um den größten Ozean der Welt, den Pazifik, gruppieren, umfassen nahezu die Hälfte der Bevölkerung der Welt. Diese Nationen
müssen nun darüber entscheiden, ob sie den Weg einer stärkeren Zusammenarbeit
und eines größeren Wachstums gehen oder ob sie in ein Zeitalter des offenen
Kampfes um Einfluß eintreten wollen.
Was uns angeht, so werden die Vereinigten Staaten in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts mit der Bereitschaft eintreten, eine führende
Rolle bei der Suche nach Frieden und wirtschaftlichem Wohlergehen zu spielen.
Die Tatsache, daß zwischen den Vereinigten Staaten und China keine diplomatischen Beziehungen bestanden, war seit vielen Jahren ein Hindernis auf dem
Wege zum Fortschritt. Nachdem wir nun dieses Hindernis überwunden haben,
sehen wir uns einer gewaltigen Aufgabe gegenüber - mit großer Erwartung und
großer Hoffnung.

- 11 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1979

BRZEZINSKI UMREISST AUSSEN- UND CHINA-POLITIK DER USA
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Der Berater Präsident Carters für Fragen der nationalen
Sicherheit, Zbigniew Brzezinski, hat am 15. Januar 1979 vor amerikanischen Geschäftsleuten die neue China-Politik der Vereinigten Staaten erläutert und dabei gleichzeitig die weltpolitischen Ziele der USA umrissen.
Die Ausführungen Brzezinskis haben folgenden Wortlaut:
Ich möchte Ihnen eine Darstellung unserer China-Politik in einem umfassenden Rahmen geben.
Während ich hier zu Ihnen spreche, werden die Schlagzeilen der Presse von
einer Reihe beunruhigender Entwicklungen beherrscht.
- Der Schah von Persien plant den Antritt eines Erholungsurlaubs, wobei
er eine neue Regierung zurückläßt, die versuchen will, wieder Ruhe in ein von
Wirren aufgewühltes Land zu bringen, an dem die Vereinigten Staaten ein so ungeheuer großes Interesse haben.
- Vietnam

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�- Vietnam hat eine Invasion gegen seinen Nachbarn Kambodscha durchgeführt.

Durch einen Aggressionsakt hat es ein ihm unterwürfiges Regime dem

kambodschanischen Volke aufgezwungen, das der inhumanen, hartherzigen Herrschaft Pol Pots überdrüssig war.
- Eine der ersten Regierungen, die das neue, von Vietnam eingesetzte Regime in Phnom Penh anerkannten, war Afghanistan, ein strategisch bedeutsames
Land mit Grenzen gegen Iran und Pakistan, in dem der sowjetische Einfluß während der letzten Monate beträchtlich zugenommen hat.
- Die Lage am Hörn von Afrika und in Süd-Jemen, Angola und im südlichen
Afrika bleibt weiterhin unsicher, solange kubanische Truppen dort fortfahren,
für die sowjetischen Interessen tätig zu sein.
- Es ist so, daß all die Entwicklungsländer in dem Bogen von Nordostasien
bis zum südlichen Afrika weiterhin auf der Suche nach lebensfähigen Regierungsformen sind, die fähig wären, den Prozeß der Modernisierung durchzuführen.
Ihre mangelnde Stabilität, Unsicherheit und Schwäche kann von außenstehenden
Kräften ausgebeutet und intensiviert werden. Gegenüber diesen beunruhigenden
Entwicklungen jedoch gibt es eine Reihe von ruhigeren, jedoch bedeutsameren
positiven Entwicklungen:
- So wurde ein Fortschritt im Bemühen erzielt, dem Nahen Osten den Frieden
zu bringen. Der Fortschritt ist langsam und oft mühsam. Aber durch die beharrliche Diplomatie von Präsident Carter und Außenminister Vance bewegen wir
uns, wie ich glaube, unaufhaltsam auf die Verwirklichung der Abkommen von Camp
David hin. Wir tragen damit in einem der hitzigsten und schwierigsten Konflikte in der Welt zur Versöhnung bei.
- In Lateinamerika hat die Politik der Vereinigten Staaten einen bedeutsamen Wandel erlebt, und unsere Beziehungen zu den meisten Ländern dieser Region sind so gut wie nie zuvor. Die Ratifizierung der Panamakanal-Verträge
war ein Markstein in der Geschichte.
- Wir
- 2 -

�- Wir haben auch die Art unserer Beziehungen zu den Ländern Schwarzafrikas erheblich verbessert.
- Unsere Beziehungen zu Indien waren nie besser als heute, und wir bewahren unsere freundschaftlichen Bande mit Pakistan.
- In Ostasien besteht ein sehr empfindliches Gleichgewicht der Kräfte,
das unseren Interessen günstig ist. Wir haben unsere Beziehungen zu China
normalisiert, auch um dieses Gleichgewicht zu konsolidieren.
- Regionale Organisationen wie ASEAN und OAU spielen in wachsendem Maße
eine positive Rolle in dem Bemühen, in diesen Gebieten Stabilität zu erzielen.
- Angesichts der wachsenden konventionellen militärischen Kapazität der
Sowjetunion erhöhen wir - wie auch unsere NATO-Verbündeten - unsere Militärausgaben, um sicher zu gehen, daß unsere europäische Verteidigungsposition
stark bleibt.
- Wenn es uns auch noch nicht gelungen ist, ein stabileres Weltwährungsund Welthandelssystem zu schaffen, so haben wir doch in den vergangenen Monaten Fortschritte bei der Stabilisierung des Dollar und der Schaffung eines
geordneteren und expandierenden Weltmarkts durch die Multilateralen Handelsverhandlungen erzielt.
- Wir werden zu einem SALT-II-Abkommen gelangen, das der Dislozierung
von neuen und weiteren Raketen ein Ende setzen und in das prekäre strategische Gleichgewicht zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten einen
Zug von Stabilität bringen wird.
Zu diesen günstigen Entwicklungen kommen noch die auf geistigem Gebiet
hinzu.

Nach dem unsere Kräfte verzehrenden Jahrzehnt von

Vietnam und Water-

gate findet unser Volk wieder zurück zu seinem festen gesellschaftlichen Fundament und zeigt wieder seinen traditionellen Willen und Idealismus.

Auch

weltweit gesehen haben wir mit der Bedeutung, die wir den Menschenrechten, der
- 3 -

�der Nichtweiterverbreitung nuklearen Waffenmaterials und der Einschränkung
der Verkäufe von konventionellen Waffen zumessen, wieder das Banner der moralischen Führung übernommen.

Die Art und Weise,wie die Vereinigten Staaten

offen und geradeheraus die Probleme unseres Zeitalters angehen, steht sicherlich in keiner Weise der einer anderen Großmacht nach, ja übertrifft sie
wahrscheinlich sogar.

Wir bleiben eine neuen Ideen aufgeschlossene Gesell-

schaft und eine Quelle der Inspiration für die Welt.
Diese positiven Entwicklungen sind das Ergebnis der Verpflichtung des
Präsidenten - wie er sie vor mehr als einem Jahr vor der Universität von
Notre Dame dargelegt hat - auf eine Politik des konstruktiven weltweiten
Engagements, auf eine Politik, die den Versuch macht, die Veränderungen unseres Zeitalters dahingehend zu beeinflussen, daß sie in Übereinstimmung mit
unseren Interessen und Wertvorstellungen stehen.

Unter diesem allgemeinen

Blickwinkel haben sich sieben fundamentale Ziele für unsere Außenpolitik herauskristallisiert:
erstens, unsere militärische Sicherheit zu fördern;
zweitens, die Bindungen mit unseren Hauptverbündeten zu stärken und ein
kooperativeres Weltsystem zu fördern;
drittens, in einer positiven Weise auf die wirtschaftlichen und moralischen
Aufgaben des sogenannten Nord-Süd-Verhältnisses zu reagieren;
viertens, die Beziehungen zwischen Ost und West zu verbessern;
fünftens, zu einer Lösung gefährlicher regionaler Konflikte und Spannungen beizutragen;
sechstens, mit solchen globalen Problemen wie der nuklearen Proliferation
und den Waffenlieferungen fertig zu werden; und
schließlich die traditionellen amerikanischen Werte, insbesondere die
Menschenrechte, zu bekräftigen.
Zunächst sollte ich darauf hinweisen, daß die amerikanische Außenpolitik
vor einer grundlegenden analytischen Frage steht:

Sind die Probleme, die ich

vorhin angesprochen habe - Iran, Indochina, das Hörn von Afrika, Afghanistan

- 4 -

�Afghanistan - Hinweise auf längerfristige Trendenzen?

Reagieren wir auf diese

Probleme nicht nur mit einem Gefühl der Dringlichkeit, die ohne Frage geboten
ist, sondern auch mit einem Gefühl der historischen Verzweiflung?

Oder sind

die positiven Entwicklungen eher kennzeichnend für unser Zeitalter?

Sollten

wir auf diesem Kurs bleiben?

Kurz gesagt, ist eine optimistische oder pessimistische Betrachtung der
Geschichte gerechtfertigt?

Mir scheint, daß diese Frage der sich entwickeln-

den außenpolitischen Debatte in den Vereinigten Staaten zugrunde liegt.

Ohne einem blinden Optimismus das Wort reden zu wollen, muß ich doch sagen, daß diese Administration grundlegend optimistisch ist. Wir sind uns
darüber im klaren, daß die Zukunft uns nur gehört, wenn wir uns um sie bemühen.
Anhaltende Wachsamkeit seitens Amerikas, Bereitschaft und Entschlossenheit sind
notwendig, um die bessere vor uns liegende Zukunft zu gestalten.

Aber eine op-

timistische Einstellung zur Geschichte und zur Zukunft Amerikas bildet das
Kernstück der Außenpolitik dieser Administration und auch unserer China-Politik.

Ich möchte damit nicht den Ernst der gegenwärtigen außenpolitischen Herausforderungen herunterspielen oder verkleinern.
ja um lebenswichtige Fragen.

Es geht hier um wichtige,

Aber in jeder Situation reagieren wir mit Ant-

worten, die den Herausforderungen, um die es geht, angemessen sind.

Die Ver-

einigten Staaten werden gelegentlich Rückschläge erleiden, aber wir werden
auch in Zukunft unsere Verluste mit Gewinnen anderswo wettmachen können - wie
in den letzten Jahren hinsichtlich unserer Beziehungen zu Indien, Ägypten,
Osteuropa, Ghana, dem Sudan und Ostasien.

Was wir mit Nachdruck ablehnen, sind apokalyptische Visionen bezüglich
der zukünftigen Fähigkeit der Vereinigten Staaten, unsere Interessen im Ausland zu verfolgen und zu verteidigen.

Der Pessimismus, der von mancher Seite

zum Ausdruck gebracht wird, vermittelt einen Sinn des sozusagen letzten Gefechtes und der Notwendigkeit, ohne einen Gedanken zu verlieren, bei jeder
Herausforderung auf die Barrikaden zu steigen.
Wir
- 5 -

�Wir streben heute weder eine auf einer Pax Americana basierende Weltordnung an, noch eine Ordnung, die auf einem sowjetisch-amerikanischen Kondominium beruht.
Wir sind vielmehr dabei, eine vielfältige und stabile Gemeinschaft unabhängiger Staaten zu schaffen.

In Zusammenarbeit mit unseren traditionellen

Verbündeten - denn all eine können wir die Arbeit nicht leisten - beginnen wir
damit, einen Rahmen zu schaffen für eine weitreichende internationale Zusammenarbeit, die die Vereinigten Staaten, Westeuropa, Japan sowie zahlreiche
der aufstrebenden regionalen Mächte wie Mexiko, Venezuela, Brasilien, Nigeria,
Saudi-Arabien, Indien und Indonesien einschließt.

Und mit der Aufnahme voller

diplomatischer Beziehungen zur Volksrepublik China erweitern wir in sehr bedeutsamem Maße den Bereich der internationalen Zusammenarbeit.
Selbstverständlich wünschen wir die Sowjetunion in diesen Rahmen der
Zusammenarbeit einzubeziehen. Ja, die Sowjetunion steht vor der fundamentalen
Entscheidung, ob sie ein verantwortungsvoller Partner bei der Schaffung eines
globalen Systems echter unabhängiger Staaten werden will, oder ob sie sich
selbst von weltweiten Tendenzen ausschließen und ihre Sicherheit ausschließlich aus ihrer militärischen Mächt und ihrer Beherrschung einiger weniger
Länder herleiten will. Wir hoffen, daß die Sowjetunion - und dazu ermuntern
wie sie - kooperativ sein wird, aber welchen Weg die Sowjetunion auch immer
einschlägt, wir werden unsere Bemühungen um die Schaffung eines Rahmens für
eine globale Kooperation fortsetzen, die sich nicht auf Beherrschung stützt,
sondern auf die Respektierung der Vielfalt.
Wir sind uns darüber im klaren, daß sich die Welt unter dem Einfluß
von Kräften verändert, die keine Regierung kontrollieren kann. Die Bevölkerung der Welt macht jetzt den Prozeß eines politischen Erwachens in einem
Ausmaß durch, das es bisher in der Geschichte noch nicht gab. Das weltweite
System erfährt jetzt eine bedeutsame Neuverteilung der politischen und wirtschaftlichen Macht.

�Die Bilanz der letzten zwei Jahre läßt jedoch erkennen, daß die Vereinigten Staaten diese Veränderungen nicht zu fürchten brauchen.

Im Gegenteil, die-

se Bilanz zeigt, daß wir diese Veränderungen zu unserem Nutzen gestalten und
in einer Welt der Vielfalt Sicherheit erlangen können.
Die Bilanz der letzten zwei Jahre läßt nicht nur erkennen, daß ein realistischer Optimismus angebracht ist. Unsere eigene Vergangenheit sowie die
Qualität unseres Volkes ermutigen auch zur Zuversicht.

Denn unsere Erfahrung

als Nation der vielfältigsten Herkunft und des Wandels spricht für die sich abzeichnenden globalen Verhältnisse.

Nicht nur unser Reichtum, nicht nur unsere

militärische Macht, sondern unsere Geschichte als pluralistisches Volk sowie
unser Eintreten für die Werte der Freiheit und der Unabhängigkeit, die gegenwärtig die gesamte Menschheit aufrühren, verleihen uns eine Hauptrolle bei der
Gestaltung der Trends unserer Zeit.
Angesichts unserer Beurteilung der Geschichte und aufgrund der Ziele unserer Administration sollten folgende Punkte hinsichtlich unserer China-Politik
hervorgehoben werden.
- Wir messen einer Normalisierung langfristige, historische Bedeutung bei.
Sie ist Teil unserer Anstrengungen, unsere Beziehung mit allen aufstrebenden
Mächten in der Welt zu konsolidieren und zu verbessern.

Und keine dieser Mäch-

te ist wichtiger als China mit seiner Bevölkerung von nahezu einer Milliarde
Menschen und dem drittgrößten Verteidigungshaushalt der Welt.
- Wir haben unsere Beziehungen nicht aus taktischen oder zweckdienlichen
Erwägungen normalisiert.

Wir haben vielmehr der Realität Rechnung getragen.

Die Volksrepublik China wird in zunehmendem Maße eine Rolle in weltpolitischen
Angelegenheiten spielen, und es war für uns wichtig, mit dieser Regierung
kontinuierliche, erweiterte und organisch gegliederte Beziehungen zu pflegen.
- Wir sind uns darüber im klaren, daß die Volksrepublik China und wir
unterschiedliche Ideologien sowie unterschiedliche wirtschaftliche und poli-

- 7 -

�politische Systeme haben.

Wir sind uns ferner darüber im klaren, daß zu einer

Überwindung dieser Unterschiede sowie zu einer erfolgreichen Gestaltung unserer neuen Beziehungen Geduld, Klugheit und Verständnis erforderlich sind.
Wir haben weder die Hoffnung noch den Wunsch, daß wir durch erweiterte Kontakte
mit China dieser Nation das amerikanische Image aufprägen könnten.
- Ja, wir akzeptieren unsere Unterschiede.

Die Normalisierung ist ein

wichtiger Teil unserer weltweiten Anstrengungen, eine stabile Gemeinschaft
vielfältiger und unabhängiger Nationen zu schaffen.

Wie Präsident Carter in

seinem Telegramm an Ministerpräsident Hua Guofeng am 1. Januar erklärt hat,
wünschen "die Vereinigten Staaten eine Welt der Vielfalt, in der jede Nation
die Freiheit hat, einen charakteristischen Beitrag ... zu den vielfältigen
Bestrebungen ... der Menschheit zu leisten.

Wir begrüßen das wachsende En-

gagement der Volksrepublik China in weltpolitischen Angelegenheiten."
- Wir betrachten China als einen Hauptfaktor für den Weltfrieden, allein
schon, weil es China ist:

Eine unabhängige und starke Nation, die sich um

vermehrte Kontakte mit der übrigen Welt bemüht, während sie gleichzeitig
grundsätzlich auf sich selbst vertraut und allen Bemühungen anderer, sie zu
beherrschen, Widerstand entgegensetzt.
- Wie Vizepräsident Mondale erklärt hat, "empfinden wir Bande der Freundschaft, aber Gefühle alleine können die Kluft zwischen uns nicht überbrücken.
Was uns zusammengebracht hat, ist die Erkenntnis unserer parallel laufenden
Interessen bei der Schaffung einer Welt des Fortschritts, der Stabilität und
des Friedens."
Das gemeinschaftliche Interesse, das wir mit China teilen, wird besonders
deutlich in Asien, wo wir beide Frieden, Stabilität sowie Nationen sehen möchten, die frei von äußerer Beherrschung sind.
Ostasien, Südostasien
Regionen der Welt.

sowie Südasien bilden heute eine der bedeutsamsten

Die Volkswirtschaften in diesem Gebiet blühen und gedei•

- 8 - '

�gedeihen, die Bevölkerung ist dynamisch.

Die Vereinigten Staaten haben große

wirtschafts- und sicherheitspolitische Interessen am Rande Asiens:

in Japan,

Südkorea, allen pazifischen Inseln bis hinunter zu den Philippinen und auch
Südostasien.

Um unsere Interessen zu schützen, erhalten wir eine starke militärische
Präsenz in diesem Raum aufrecht, wir führen angemessene Waffenverkäufe in
diesem Bereich durch, und wir sind darauf vorbereitet, in bezug auf unsere
Interessen Maßnahmen zu ergreifen, sollte dies notwendig werden.

Nur wenige

Maßnahmen werden jedoch mehr zur Sicherheit und Stabilität unserer wichtigen
Positionen am Rande Asiens beitragen als ein konstruktives Engagement gegenüber China.

Wenn wir unsere Beziehung mit Peking verbessern, dann wird China

bestrebt sein, daß wir in diesem Raum engagiert bleiben,und nicht danach trachten, uns - wie in der Vergangenheit - von dieser Region abzusetzen.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten können wir uns in gleicher Weise guter
Beziehungen sowohl zu China als auch zu Japan erfreuen.
Tatsache ist wohl kaum zu hoch zu bewerten.

Die Bedeutung dieser

Die Normalisierung der Beziehun-

gen konsolidiert ein günstiges Gleichgewicht der Kräfte im Fernen Osten und
fördert die Sicherheit unserer Freunde.

Die Chinesen öffnen sich nunmehr dem Ausland und strecken ihre Hand dem
Westen entgegen.

Wir sind bereit, darauf zu reagieren - und zwar weniger in

der Zuversicht, daß ihre Hand auch in Zukunft ausgestreckt bleiben wird, als
vielmehr in dem Wissen, daß ohne ein entsprechende Geste ihre Hand ohne Frage
zurückgezogen werden würde.

Und durch die Entwicklung von Handelsbeziehungen

sowie durch ein gemeinsames Verständnis verringern wir die Chancen künftiger
Animositäten.

Deshalb haben wir den Prozeß der Normalisierung abgeschlossen, der durch
Präsident Nixon, Präsident Ford und Außenminister Kissinger in Gang gesetzt
wurde.
Die

- 9 -

�Die Normalisierung ist deshalb eine Maßnahme, die in historischem Optimismus sowie in politischem Realismus wurzelt.

Dieser Wechsel in unserer

China-Politik stellt keineswegs eine Aufgabe unserer früheren Positionen dar.
Vielmehr reflektiert er unsere Entschlossenheit, weltweit engagiert zu bleiben, die Vielfalt zu fördern und unsere Zukunft zu gestalten.
Eine Generation lang sagten wir "Nein" zur Realität in Ostasien.

Wir

weigerten uns, die Realität anzuerkennen, wir bemühten uns, China zu isolieren, und wir lebten nach Mythen - mit zwei Kriegen und unter unermeßlichen
Kosten für diesen Raum und für uns.
Jetzt sagen wir "Ja" zur Realität.

Wir sind davon überzeugt, daß wir

als eine nach Asien und dem Pazifik hin orientierte Macht mit einem positiven
Verhältnis zu Peking wesentlich zum Frieden und zur Prosperität des amerikanischen Volkes und aller Völker in diesem Raum beitragen werden.

+ + + + +

- 10 -

�Wirt/choft
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1979

CARTER ERSUCHT UM VERLÄNGERUNG DER VOLLMACHT ZUM VERZICHT AUF AUSGLEICHSZÖLLE
- Schreiben des Präsidenten an den Kongreß -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carter hat den amerikanischen Kongreß
am 15. Januar 1979 in einem Schreiben um die Verlängerung der Vollmacht des
US-Finanzministers ersucht, gemäß dem Handelsgesetz von 1974 auf die Erhebung von Ausgleichszöllen auf subventionierte

Einfuhrprodukte zu ver-

zichten.
Das Schreiben hat folgenden Wortlaut:
An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Ich übermittle dem Kongreß heute eine Gesetzesvorlage zur Verlängerung
der Vollmacht des Finanzministers, gemäß Abschnitt 303 (D) des Zollgesetzes
von 1930 auf die Erhebung von Ausgleichzöllen zu verzichten. Die Vollmacht
des Ministers, auf die Erhebung von Ausgleichzöllen zu verzichten, ist am
2. Januar 1979 erloschen. Die Verlängerung dieser Vollmacht ist notwendig,
um dem Kongreß Zeit zu geben, die Ergebnisse der Tokio-Runde der Multi-

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Multilateralen Handelsverhandlungen zu beraten.

Sollte diese Vollmacht

nicht verlängert werden, würde dies wahrscheinlich den Abschluß dieser
Verhandlungen verhindern und unsere nationalen Wirtschaftsinteressen
beeinträchtigen.

Deshalb ersuche ich den Kongreß dringend, das erforderliche

Gesetz zum frühestmöglichen

Zeitpunkt zu erlassen.

Wie vom Kongreß im Handelsgesetz von 1974 verfügt, war das Zustandebringen einer zufriedenstellenden Regelung bezüglich Subventionen und
Ausgleichszölle eines der amerikanischen Hauntziele in der Tokio-Runde.
Wir haben eine Vereinbarung angestrebt, die die Disziplin hinsichtlich der
Gewährung von Subventionen, die den internationalen Handel negativ beeinträchtigen, verbessern soll.

Ich freue mich, mitteilen zu können, daß

unsere Verhandlungsdelegation in den letzten Wochen die Verhandlungen
über eine zufriedenstellende Regelung des Fragenkomplexes Subventionen
und Ausgleichszölle im wesentlichen zum Abschluß bringen konnte.
Regelung schließt folgendes ein:

1.

Die

Neue Regeln für die Gewährung von

Binnen- und Exportsubventionen, die den Schutz der amerikanischen landwirtschaftlichen und industriellen Handelsinteressen erheblich verstärken,
und

2. wirksamere Bestimmungen bezüglich der Publikation von Streit-

fällen, der Konsultation über sie und der Beilegung derselben, die eine
umgehende Regelung von Streitigkeiten möglich machen werden, die aus
Außenhandelssubventionen im internationalen Handel resultieren.
Mein Sonderbeauftragter für Handelsverhandlungen hat mich davon in
Kenntnis gesetzt, daß die Verhandlungen über fast sämtliche Themenkreise
der Multilateralen Handelsverhandlungen im wesentlichen abgeschlossen sind
und daß die fraglichen Vereinbarungen den grundlegenden amerikanischen
Zielen entsprechen.

Allerdings ist ein Schlußabkommen nicht wahrscheinlich,

solange die Verzichtvollmacht nicht auf den Zeitraum ausgedehnt wird,
den der Kongreß gemäß der im Handelsgesetz von 1974 vorgesehenen Verfahren
für die Beratung dieser Vereinbarungen und der zu ihrer Verwirklichung
erforderlichen Gesetzesmaßnahmen benötigt.
Aufgrund

�Aufgrund bestehender Vollmachten kann auf die Auferlegung von Ausgleichszöllen in besonderen Fällen nur verzichtet werden, wenn unter
anderem "ausreichende Schritte unternommen worden sind, die abträglichen
Auswirkungen der fraglichen Subventionen zu eliminieren oder erheblich
zu vermindern".

Diese und andere einschränkenden Bestimmungen in bezug

auf die Anwendung der Verzichtvollmacht, die Teil des bestehenden Rechts
sind, werden weiterhin in Kraft bleiben, wenn die Verzichtvollmacht
verlängert wird.

Auf diese Weise werden amerikanische Produzenten und

Arbeitnehmer auch weiterhin gegen die schädlichen Auswirkungen
subventionierter Konkurrenzprodukte abgeschirmt.
Ein erfolgreicher Abschluß der Multilateralen Handelsverhandlungen
liegt in unserem nationalen Interesse wie auch im Interesse einer weiteren
Ausweitung des Welthandels. Wird die Verzichtsvollmacht nicht verlängert,
wird ein erfolgreicher Abschluß der Handelsverhandlungen ernstlich gefährdet. Demgemäß ersuche ich den Kongreß dringend, diesen Gesetzesvorschlag zum frühestmöglichen Zeitpunkt positiv zu verabschieden.

+ + + + +

- 3 -

�1

Ulifl/chofl

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1979

PRESSEVERLAUTBARUNG DES SONDERBERATERS DES US-PRÄSIDENTEN
FÜR HANDELSVERHANDLUNGEN ZUR FRAGE DES VERZICHTS AUF AUSGLEICHSZÜLLE

WASHINGTON - (AD) - Das Büro des Sonderbeauftragten des US-Präsidenten
für Handelsverhandlungen veröffentlichte im Zusammenhang mit der Einbringung
einer Gesetzesvorlage zur Verlängerung der Vollmacht des Finanzministers zum
Verzicht auf Ausgleichszölle durch den Präsidenten am 15. Januar 1979 eine
Presseerklärung.

Ausgleichszölle werden normalerweise auf Importwaren er-

hoben, deren Herstellung im Ursprungsland durch staatliche Beihilfen
subventioniert werden.
Die Presseverlautbarung hat folgenden Wortlaut:
Präsident Carter hat den neu zusammengetretenen 96. Kongreß um
Verlängerung der Vollmacht ersucht, unter gewissen begrenzten Umständen
auf die Erhebung sogenannter Ausgleichszölle auf subventionierte Einfuhren
zu verzichten.

In der Gesetzesvorlage wird vorgeschlagen, die Verzichts-

vollmacht bis zum 30. September 1979 zu verlängern.

Das Schreiben des

Präsidenten mit dem Antrag an den Kongreß wurde von Botschafter Robert

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Tel: 02221-89 32 40
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�Robert S. Strauss, dem Sonderbeauftragten des Präsidenten für Handelsverhandlungen, veröffentlicht . Der Antrag des Präsidenten, der heute im
Senat eingegangen ist, wird am 18. Januar dem Repräsentantenhaus zugestellt.
Die Vorlage stützt sich auf die Verhandlungen zum Abschluß einer
neuen internationalen Verhaltensordnung; sie soll die Gewährung von
Subventionen einschränken, die geeignet sind, traditionelle Handelsverbindungen zu stören. Der Entwurf einer solchen Verhaltensordnung, der
in der Schlußphase der Multilateralen Handelsverhandlungen in Genf erarbeitet wurde, ist nahezu fertiggestellt.

1
Die Vollmacht zum Verzicht auf solche Zölle war unter anderem an
die Bedingung geknüpft, daß eine internationale Vereinbarung über eine
Verhaltensordnung für die Gewährung von Subventionen getroffen wird.
Diese Vollmacht ist jedoch am 2. Januar 1979 ausgelaufen, noch ehe eine
solche Ordnung fertiggestellt werden konnte.

Seither verlangt der

Finanzminister von den hiervon betroffenen Importeuren die Hinterlegung
einer Kaution oder eines Kreditbriefes als Sicherheit für den Strafzoll,
der dann fällig würde, wenn eine Vereinbarung über eine solche internationale Verhaltensordnung nicht zustande kommt oder diese Vereinbarung
vom Kongreß abgelehnt werden sollte.
Wenn es nicht möglich sein sollte, diese Flexibilität in einer
wichtigen Angelegenheit beizubehalten, die kurz vor ihrer endgültigen
Regelung steht, so erklärte Botschafter Strauss, dann würde damit dem
Kongreß die Gelegenheit verwehrt, eine freundschaftliche und realisierbare
langfristige Lösung zu der heiklen Außenhandelsfrage der Subventionen
und Ausgleichszölle zu erwägen. Strauss betonte, daß die Vereinigten
Staaten die Erhebung von Strafzöllen zu einem Zeitpunkt beginnen würden,
in dem eine Neuregelung in greifbare Nähe gerückt sei, was zu einem
völligen Zusammenbruch nicht nur dieser Teilverhandlungen, sondern der

- 2 -

�der Multilateralen Handelsverhandlungen insgesamt führen könnte.
Strauss wies darauf hin, daß beide Häuser des 95. Kongresses in
der letzten Woche seiner Sitzungsperiode im Oktober vergangenen Jahres
auf Ersuchen des Präsidenten einer Verlängerung der Verzichtsvollmacht
zugestimmt haben, daß aber nicht genügend Zeit verblieben war, geringe
und nicht sachbezogene Abweichungen in den Versionen des Senats und
des Repräsentantenhauses zu bereinigen.

+ + + + +

�Ulift/choft
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1979

S0L0M0N ERLÄUTERT US-STANDPUNKT ZUM WELTWÄHRUNGSSYSTEM

- (AD) - Der Staatssekretär für Währungsfragen im amerikanischen
Finanzministerium, Anthony M. Solomon, hat in einer Ansprache vor dem
Royal Institute of International Affairs in London am 12. Januar 1979
die amerikanischen Vorstellungen von einem künftigen Weltwährungssystem
- und den Standpunkt zu einem Europäischen Währungssystem (EWS) - dargelegt. Die Ausführungen Solomons haben folgenden Wortlaut:
Ein Großteil des vorigen Jahres war durch große internationale
Währungsunruhen gekennzeichnet. Anhaltende große Zahlungsungleichgewichte unter den Industriestaaten wurden von schweren Unruhen auf den
Devisenmärkten begleitet, die schließlich nachhaltige und international
koordinierte Gegenmaßnahmen erforderten. Diese Unruhen haben zu einem
weitverbreiteten Gefühl Anlaß gegeben, daß unsere Währungsmechanismen
nicht so gut arbeiten wie sie sollten. Es wurden die verschiedensten
Ideen für Veränderungen vorgebracht. Im vorigen Jahr erlebten wir auch
wesentliche Modifizierungen der formalen Struktur des Währungssystems,
mit der Einführung geänderter Artikel des Internationalen Währungsfonds

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Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Währungsfonds (IWF) und den Schritten zu einem neuen Währungsabkommen
innerhalb der Europäischen Gemeinschaft.
Die neuen Bestimmungen des IWF und die Anstrengungen der Europäischen
Gemeinschaft, eine engere monetäre Zusammenarbeit und eine größere wirtschaftliche Stabilität zu schaffen, bieten große Hoffnungen auf ein
reibungsloser arbeitendes internationales Währungssystem für die Zukunft.
Ich möchte heute über diese Entwicklungen sprechen und einige der
Auswirkungen für die künftige Entwicklung des Systems andeuten.
Mein Ausgangspunkt ist das Eingeständnis, daß die internationalen
wirtschaftlichen Ungleichgewichte und Spannungen zu einem großen Teil aus
den Erfolgen der Entscheidung nach dem Zweiten Weltkrieg herrühren - einer
brillianten und weitreichenden Entscheidung übrigens - auf die Schaffung
eines offenen und liberalen Systems für den internationalen Handel und
den internationalen Zahlungsverkehr hinzuarbeiten.

Durch die schrittweise

Handelsliberalisierung katalysiert und durch den internationalen Kapitalfluß stimuliert brachte die Weltwirtschaft nach dem Kriege eine rasche und
anhaltende Steigerung des Wohlstandes und des Lebensstandards in den
Industriestaaten und Fortschritte in den Entwicklungsländern.

Ein weiteres

Ergebnis der Entwicklung zu einem offenen Handels- und Kapital System war
ein wachsendes und beispielloses Maß an internationaler gegenseitiger
wirtschaftlicher Anhängigkeit - Interdependenz - vor allem unter den
Industriestaaten, deren industrielle und landwirtschaftliche Strukturen
heute stark von Bezugsquellen und Märkten im Ausland abhängig sind.

Und

das kompliziert die Beherrschung des Systems in zunehmendem Maße.
Gegen Ende der sechziger Jahre und in den siebziger Jahren geriet
der große Nachkriegsrekord an Wachstum, Beschäftigung und Prosperität
ins Stocken.

Wir sind alle nur zu vertraut mit der Beschleunigung der

Inflation als die Vereinigten Staaten den Krieg in Vietnam eskalierten

- 2 -

�eskalierten und immer mehr Mittel hineinpumpten; mit den Schocks für
das System durch die multilateralen Kursangleichungen anfang der siebziger
Jahre; mit dem gleichzeitigen Boom in den Industrieländern und dem damit
verbundenen Anstieg der Rohstoffpreise in der ganzen Welt; mit dem ölembargo und der massiven Erhöhung der öl preise 1973/74; und mit der schweren
Rezession von 1974/75.

Wir haben einen großen Teil dieses Jahrzehnts nicht nur mit zerstörerisch
hohen Inflationsraten weltweit gelebt, sondern auch mit stark unterschiedlichen
Inflations- und Wachstumsraten in den Industrieländern.

Aufgrund des starken

Abbaus der Handelsschranken und der größeren Leichtigkeit, mit der Kapital
über internationale Grenzen fließen kann, können heute die Unterschiede in
den Wachstums- und Inflationsraten der Industrieländer sich nicht nur
potentiell stärker auswirken, sondern sie haben auch eine unmittelbare
Auswirkung auf die Richtung und den Umfang des Handels und der Kapitalströme - und auf die Devisenmärkte.

Unsere stark gewachsene Interdependenz

hat uns allen größeren Wohlstand und einen höheren Lebensstandard gebracht
als er sonst möglich gewesen wäre. Aber diese Gewinne haben auch etwas
gekostet.

Wir mußten alle unseren Preis bezahlen - wir sind heute alle

gegenüber Entwicklungen in anderen Ländern und den Abläufen des internationalen Wirtschaftssystems verwundbar geworden.

Die Entwicklungen des Jahres 1978 haben diese Verwundbarkeit sehr
deutlich erkennen lassen und uns auf zwei eng miteinander zusammenhängenden
aber doch unterscheidbaren Gebieten vor neue Aufgaben gestellt. Erstens,
wir müssen uns überlegen, ob Veränderungen unserer bestehenden Währungsvereinbarungen praktikabel und wünschenswert sind.

Zweitens - und das ist

noch wichtiger - wir müssen bessere Mittel und Wege entwickeln, um unsere
Wirtschaftspolitiken und unsere wirtschaftliche Leistung in eine bessere
Harmonie zu bringen - in dem Bemühen, die international störenden Auswirkungen scharfer Divergenzen in der volkswirtschaftlichen Leistung der
einzelnen Länder zu dämpfen oder zu vermeiden.
Das

- 3 -

�Das internationale Währungssystem und besonders der Devisenmarkt sind
die Brennpunkte, an denen der von unserer interdependenten Weltwirtschaft
ausgehende Druck spürbar wird.

Begreiflicherweise sind internationale

monetäre Vereinbarungen auch ein zentraler Punkt geworden, an dem Vorschläge
zur Behebung dieses Drucks ansetzen.

Manche Leute haben vorgeschlagen,

daß die Währungsbehörden Ziele oder Zonen für die Wechselkurse aufstellen
und durchsetzen.

Andere haben eine Begrenzung der internationalen Kapital -

ströme vorgeschlagen, um eine größere Währungs- und Wechsel kursstabilitat
zu erreichen.

Wieder andere sehen in der großen Rolle des Dollar in den

internationalen Reserven die Hauptursache für die internationalen Währungsschwierigkeiten und haben vorgeschlagen, daß Schritte unternommen werden,
um die Reserverolle des Dollar zu verringern.

Lassen Sie mich etwas zu

diesen drei getrennten, aber nicht notwendigerweise von einander unabhängigen Fragen sagen.

Die Entwicklungen auf den Devisenmärkten während des letzten Jahres
haben ohne Frage ernste Probleme aufgeworfen. Wenn Unsicherheit über die
Gültigkeit der grundlegenden Wirtschaftspolitiken wichtiger Länder herrscht,
dann haben wir gesehen, daß die sich selbst überlassenen Devisenmärkte
eine psychologische Atmosphäre schaffen können, in der die Wechselkurse
sich weit über das Maß hinaus verändern, das nach allen objektiven Maßstäben gerechtfertigt wäre. Aber bedeutet diese Tatsache - und ich glaube
das wird weitgehend als Tatsache anerkannt -, daß die Welt jetzt zu einem
sehr viel besser durchstrukturierten Komplex von Vereinbarungen über die
Intervention auf den Devisenmärkten übergehen kann oder soll?
Im Falle der Vereinigten Staaten drohte der Abfall des Dollar unter
gestörten und ungeordneten Bedingungen im vorigen Herbst unsere Anstrengungen
zur Bekämpfung der Inflation zu unterminieren und das Klima für anhaltende
Investitionen und ein anhaltendes Wachstum in den Vereinigten Staaten und
im Ausland zu gefährden.

Unsere gemeinsam mit der Bundesrepublik Deutschland,

Japan und der Schweiz durchgeführte Entscheidung vom 1. November 1978, ein

- 4 -

�ein großes Programm der koordinierten Intervention zu starten, war eine
ausdrückliche Reaktion auf das, was auf den Devisenmärkten geschah und
geschehen war.

Um jedoch erfolgreich zu sein, mußte diese Antwort in

einen größeren Zusammenhang hineinpassen - einen Zusammenhang zwischen
umfassenden politischen Maßnahmen der Vereinigten Staaten zur Korrektur
ihrer einheimischen Wirtschaftsprobleme und deutlichen Aussichten auf
eine sehr starke Verbesserung der Außenposition der Vereinigten Staaten
zwischen 1978 und 1979.
Die Vereinigten Staaten handeln heute nachhaltig, um mit ihrem
Inflationsproblem fertig zu werden. Die Haushaltpolitik hat eine entscheidende Wende zur Zurückhaltung genommen. Wie sich dieser Tage zeigen
wird, schnallt der Präsident in seinem Haushaltvoranschlag für 1980 den
Gürtel noch enger und senkt das Defizit auf unter 30 Milliarden Dollar oder kaum mehr als ein Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Man muß
das mit Defiziten von durchschnittlich 4,5 Prozent des Bruttosozialprodukts vergleichen, die andere wichtige Industriestaaten heute haben.
Die Währungspolitik ergänzt die haushaltmäßige Zurückhaltung, wie sich
aus einem weiteren angekündigten Anstieg der Zinssätze und einer willkommenen Verlangsamung des Anwachsens der Hauptgeldansammlungen zeigt.
Und diese Maßnahmen zur Zügelung der Nachfrage werden in wichtiger Weise
durch Lohn- und Preisnormen ergänzt, die ein großes Maß an Unterstützung
und Befolgung durch das amerikanische Volk gewinnen.
Wir rechnen mit einer sehr starken Verbesserung der amerikanischen
Position auf den laufenden Konten zwischen 1978 und 1979. Das wird die
kombinierten Folgen einer ganzen Reihe von Faktoren widerspiegeln, einschließlich des rasch wachsenden Erfolges unserer Exportbemühungen, der
Durchführung unseres Energieprogramms und eines langsameren Wachstums
in den USA verbunden mit einem rascheren Wachstum in anderen Ländern.
Selbst bei der jüngst angekündigten Erhöhung des ölpreises rechnen wir
damit, das Defizit im Jahre 1979 ganz wesentlich senken zu können.

Wir
- 5 -

�Wir sind uns darüber im klaren, daß unser Inflationsproblem nicht
nur für unsere wirtschaftliche Leistung und unsere wirtschaftlichen Ziele
im eigenen Lande schädlich ist, sondern auch für unsere Außenposition.
Das Problem entstand nicht über Nacht, und es kann nicht leicht und
schmerzlos gelöst werden.

Aber es ist die Politik der amerikanischen

Regierung, dieses Problem zu überwinden, und der Präsident ist entschlossen,
sich nicht davon abbringen zu lassen und es erfolgreich zu lösen.
Wir sind über die ersten Reaktionen auf das Programm vom 1. November
1978 ermutigt, und wir sind durch die besseren Bilanzen auf den Märkten
ermutigt, die sich in letzter Zeit abgezeichnet haben.

Wir sind überzeugt,

daß das Programm einen Rahmen für größere Stabilität und Ordnung bieten
wird, innerhalb dessen die Märkte positiv auf die Stärkung der grundlegenden
Position der Vereinigten Staaten reagieren können.

Bei der Verwirklichung

der internationalen Aspekte des Programms haben wir unsere Konsultationen
über die Politik und den Ablauf an den Devisenmärkten mit anderen beteiligten Ländern stark intensiviert und vertieft.

Dieser Prozess hat

sich für uns als äußerst wertvoll erwiesen bei der Analyse und der Beurteilung der Entwicklungen auf den Devisenmärkten, und wir erwarten eine
Fortsetzung der engen Konsultationen und Zusammenarbeit, die durch diese
Anstrengung hervorgebracht wurden.
Aber so wichtig diese kooperative Initiative war, wir wußten, daß
unsere Interventionsanstrengungen nur Erfolg haben konnten, wenn die
zugrunde liegenden Bedingungen sich zu unseren Gunsten entwickelten und
wenn wir die politischen Maßnahmen zur Hand hatten, um dafür zu sorgen,
daß sie sich weiterhin zu unseren Gunsten entwickelten. Nach unserem
Urteil drückte eine Art Psychose den Dollar in übertriebenem Maße, wie
es den grundlegenden wirtschaftlichen Faktoren überhaupt nicht entsprach
und die Tatsache völlig außer acht blieb, daß die politischen Maßnahmen
zur Hand waren, um unsere Position grundlegend zu verbessern. Die Wahl
des Zeitpunktes war von wesentlicher Bedeutung, und ich glaube nicht, daß

- 6 -

�daß sich das Interventionsprogramm gelohnt oder daß es Erfolg gehabt hätte,
wenn nicht diese Vorbedingungen erfüllt gewesen wären.
Kurz gesagt, großangelegte Interventionen können unter Bedingungen
ernster Unordnung nützlich und wirksam sein, wenn die Grundvoraussetzungen
für eine größere Stabilität erfüllt sind. Aber es wäre falsch, das
Programm vom 1. November als eine Abkehr von einer Politik zu interpretieren,
die es den Wechselkursen erlaubt, die fundamentalen Faktoren verschiedener
Volkswirtschaften zu reflektieren - die Kurse haben diese Faktoren nicht
reflektiert. Die Initiative vom 1. November bedeutet nicht, daß eine
solche Intervention Erfolg haben kann, wenn sie die Wechselkurse gegen
grundlegende Trends halten will oder daß solche Bemühungen wünschenswert
wären. Die Erfahrung der letzten Monate bestätigt vielmehr unsere
Auffassung, daß angemessene wirtschafts- und finanzpolitische Maßnahmen
zur Verfügung stehen müssen, wenn eine sinnvolle und dauerhafte Stabilität
auf den Devisenmärkten erreicht werden soll. Und ich glaube, diese Ansicht
wird von den an den Devisenmärkten selbst Beteiligten voll anerkannt und
selbst immer wieder zum Ausdruck gebracht.
Zweitens, das Potential für sehr große internationale Kapitalströme
mit ihren wichtigen Auswirkungen auf die Wechselkursbewegungen hat manche
Leute zu der Ansicht verleitet, daß eine stärkere amtliche Kontrolle der
Kapital ströme eine nützliche Technik zur Stabilisierung der Devisenmärkte
bieten würde.

Unsere eigenen Erfahrungen in den Vereinigten Staaten mit

Kapitalkontrollen in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre bieten
keine Gewähr, daß Kontrollen eine brauchbare Methode wären.

Es scheint

mir sogar eine Methode zu sein, die ein entscheidendes Element der Grundlage unseres offenen und interdependenten weltweiten Systems wegnimmt.
Das könnte die greifbaren wirtschaftlichen Erfolge aushöhlen, die wir im
letzten Jahrzehnt erzielt haben.
Und schließlich ist es eine Methode, die davon ausgeht, daß Kapital -

- 7 -

�Kapitalströme die Wechselkurse nicht beeinflussen dürften - daß nur die
Bewegung von realen Gütern und Dienstleistungen die Kurse beeinflussen
dürfte.

Es fällt mir sehr schwer, diesen Gedanken zu akzeptieren.

Ich bin der Meinung, daß Schritte unternommen werden können, um die
Informationen über die Geldmärkte der Welt auszuweiten und zu verbessern,
und vielleicht den amtlichen Einfluß auf diese Märkte zu stärken.

So

könnten Überlegungen nützlich sein, ob Schritte unternommen werden könnten,
um die auf dem Euromarkt arbeitenden Banken vollständig und ausdrücklicher
den Bestimmungen und der Aufsicht der nationalen Bankaufsichtsbehörden zu
unterstellen.

Ich weiß, daß manche Leute glauben, der Euromarkt sei anker-

los und ungeregelt.

Das ist eine ziemliche Übertreibung.

So sind bei-

spielsweise Zweige amerikanischer Banken, die im Ausland tätig sind - eine
wesentliche Komponente des Eurowährungsmarktes übrigens - den amerikanischen
Berichtspflichten und Bankprüfungsverfahren unterworfen wie die einheimischen
Zweigstellen amerikanischer Banken.

Darüber hinaus arbeitet die Bank für

Internationalen Zahlungsverkehr (BIS) gegenwärtig an einer Ausweitung und
Verbesserung ihres Berichtsverfahrens und ihrer Datensammlung - in dem
Bemühen, eine Grundlage für ein besseres Verständnis des Euromarktes zu
schaffen.

Aber es könnte durchaus noch weitere Schritte geben, um die

Überwachung der Banken zu verstärken und den Eindruck zu zerstreuen, daß
der Markt ein explosives Potential habe.
Und schließlich gibt es die Auffassung, daß die Rolle des Dollar als
Reservewährung und der sehr große Umfang amtlicher Dollarbestände im Ausland
eine wichtige Ursache für die Instabilität des internationalen Währungssystems darstelle. Diese Auffassung hat zu den verschiedenartigsten Vorschlägen geführt - für eine Finanzierung oder Konsolidierung von Dollarguthaben, für eine Verstärkung der Rolle der Sonderziehungsrechte (SDR) im
ganzen System und für eine europäische Währungseinheit oder die stärkere
Heranziehung anderer nationaler Währungen, wie z.B. der Deutschen Mark
oder des japanischen Yen.
Ich

�Ich persönlich hege einige Zweifel, daß die Existenz von - amtlichen
oder privaten - Dollarguthaben im Ausland eine wesentliche Ursache für
die Probleme und die Instabilität des Dollar darstellten. Sicherlich können
plötzliche Veränderungen im Stand dieser Guthaben zusätzlichen Druck auf
die Devisenmärkte ausüben, und das ist gelegentlich sogar geschehen, aber
es gibt auch unabhängig von den Dollarbeständen im Ausland genügend Spielraum für Kapitalbewegungen und Druck auf die Devisenmärkte.

Schritte zur

Finanzierung oder Konsolidierung amtlicher Dollarguthaben im Ausland
könnten zwar eine gewisse positive Wirkung haben, aber mir scheint, daß
diese nicht die eigentliche Ursache für die Unordnung auf den Devisenmärkten
oder die Instabilität des Dollar sind.
Lassen Sie mich in aller Deutlichkeit sagen, daß die Vereinigten
Staaten kein Interesse an einer künstlichen Verlängerung einer besonderen
internationalen Rolle des Dollar haben. Die gegenwärtige Rolle des Dollar
ist die Folge eines Entwicklungsprozesses. Wir rechnen damit, daß die
Rolle des Dollar sich mit den wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen
der Weltwirtschaft weiterentwickeln wird, und eine natürliche Folge könnte
eine relative Einschränkung dieser Rolle in der Zukunft sein.
An dieser Stelle ist es schwierig, genau vorauszusagen, welche
evolutionären Veränderungen in den kommenden Jahren stattfinden mögen,
aber wir können bestimmte Möglichkeiten absehen. Sicherlich können wir
damit rechnen, daß die Sonderziehungsrechte eine immer größere Rolle in
dem System übernehmen werden. Die Welt hat kürzlich wichtige Schritte
unternommen, um die Rolle dieser international geschaffenen Verrechnungseinheit zu vergrößern, indem das Ausmaß ihrer Verwendbarkeit ausgeweitet
wurde, indem ihre finanziellen Eigenschaften gestärkt wurden und durch die
Entscheidung, die Zuteilung von Sonderziehungsrechten nach einem Zeitraum
von sieben Jahren wieder aufzunehmen, in denen keine Zuteilungen vorgenommen wurden. Wir in den Vereinigten Staaten setzen große Hoffnungen
auf den Fortschritt der Sonderziehungsrechte. In dem Maße, in dem die

- 9 -

�die Erfahrung mit dieser Einheit wächst, in dem Maße, in dem Zuteilungen
über einen bestimmten Zeitraum erfolgen, und in dem Maße in dem die Verwendbarkeit dieses Instruments zunimmt, wird es nach unserer Auffassung
das Versprechen erfüllen, das seine Schöpfer in es setzten und eine zunehmen wertvollere Rolle spielen.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, daß bestimmte nationale
Währungen eine zunehmende Rolle spielen werden.

Im letzten Jahrzehnt

haben die Deutsche Mark und der japanische Yen absolut und relativ eine
immer größere Rolle als Reservewährung gespielt.

Ich möchte in diesem

Zusammenhang feststellen, daß die Behörden anderer Länder im allgemeinen
dazu neigten, von Verwendung ihrer Währungen als Reserve abzuraten hauptsächlich aus Sorge über die möglichen Auswirkungen auf den Geldumlauf im eigenen Lande und aus Angst, daß das Management der Finanzen im
eigenen Lande schwieriger werden könnte.

Ob diese Einstellung weiter

anhält, wird voraussichtlich eine wichtige Auswirkung auf künftige
Entwicklungen haben - ebenso wie Fragen der Größe und der Zugänglichkeit
von Nicht-Dollar-Kapitalmärkten.
Eine neue Möglichkeit für die internationale Währungsentwicklung
bietet sich durch die derzeitigen Bemühungen der Europäischen Gemeinschaft
auf dem internationalen Währungsgebiet. Zumindest in der Eingangsphase
ist das Hauptaugenmerk dieser Anstrengungen auf Vereinbarungen für die
Intervention und die Regelung unter den beteiligten EG-Ländern gerichtet.
Es besteht jedoch die Möglichkeit, daß sich mit der Zeit eine europäische
Währungseinheit als eine Reservewährung von breiterem Interesse und
breiteren Verwendungsmöglichkeiten entwickeln könnte.
Wir sind bereit, aufgeschlossen über diese und andere Ideen für
die Weiterentwicklung des Reservesystems zu sprechen. Solche Ideen
könnten die Möglichkeit einer Reduzierung der relativen Rolle des Dollar
in sich bergen, und diese Aussicht an sich schreckt uns in den Vereinigten

- 10 -

�Vereinigten Staaten nicht. Wir leben nicht in einer statischen Welt,
und wir müssen uns veränderten Umständen anpassen.

Wir werden uns dem

Wandel nicht widersetzen, sondern werden uns vielmehr Gedanken darum
machen, wie wir sicherstellen können, daß jeder Wandel eine Verbesserung
bedeutet, und daß er reibungslos und in einer Weise vollzogen wird, die
unser offenes internationales Handels- und Zahlungssystem stärkt.
Bezüglich jedes dieser Aspekte unserer internationalen Währungsvereinbarungen - des Wechselkurssystems, der internationalen Kapitalmärkte
und des Reservesystems - sind die Vereinigten Staaten bereit, voll und ganz
mit anderen zusammenzuarbeiten, um zu überlegen, wo Verbesserungen möglich
sein könnten. Ich glaube jedoch nicht, daß mögliche Maßnahmen auf einem
dieser Gebiete - oder sogar auf allen diesen Gebieten - die fundamentalen
Probleme lösen werden, vor denen das System steht. So wie ich es sehe,
ist das Grundproblem ein anderes: Wie können wir die wirtschaftliche
Leistung der wichtigen Länder besser koordinieren, um die Inflationsraten
und deren Unterschiede zu senken und die Wachstumsraten in den einzelnen
Ländern in den Griff zu bekommen, um ein besseres Gleichgewicht in den
globalen Wirtschaftsbeziehungen zu erreichen.
Das ist kein kurzfristiges Problem, sondern ein lang anhaltendes.
Es gibt auch kein Wundermittel, um es über Nacht zu lösen. Die Aufgabe
der Koordinierung der internationalen Politik kann letztlich höchst heikle
Probleme der nationalen Souveränität berühren. Trotzdem ist das nach
meiner Auffassung die eigentliche Aufgabe, die wir in Angriff nehmen müssen,
wenn wir es mit der Aufrechterhaltung unseres offenen Systems und der Herbeiführung einer größeren Stabilität in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen ernst meinen.
Es fehlt uns nicht an Einrichtungen, mit deren Hilfe wir diese
Anstrengungen vorantreiben können. Die Industrieländer kommen regelmäßig
in den verschiedenen Gremien der Organisation für Wirtschaftliche Zusammen-

- 11 -

�Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammen, und die Regierungschefs
haben s ch immer häufiger zusammengefunden, um wirtschaftliche Probleme
zu besprechen»

Erst kürzlich hat der IWF in seinen neuen Artikeln

potentiell wichtige Vollmachten übertragen können, den Betrieb des internationalen Währungssystems und den Prozess der Angleichung der Zahlungsbilanzen zu überwachen.
In den neuen Überwachungsvollmachten des IWF wird eindeutig das grundlegende Problem anerkannt, vor dem das System steht, nämlich die Tatsache,
daß die Erreichung der Stabilität des Devisenmarktes von der Entwicklung
der grundlegenden Wirtschaft1ichen und finanziellen Stabilität in den
Mitgliedsländern abhängt. Diese Bestimmungen rüsten den IWF mit der
Fähigkeit aus, das Problem der Koordinierung der Politiken mit einem
Blick auf die Erreichung eines stabileren Verhältnisses der Zahlungsbilanzposition und einem reibungslosen Funktionieren des internationalen
Währungssystems anzupacken. Im Mittelpunkt des Interesses des IWF steht
nicht nur die Wechsel kurspolitik im engen Sinne, sondern auch die Binnenwirtschaftspolitiken, soweit sie den Prozess der Anpassung der Zahlungsbilanzen berühren, Der IWF hat die erhöhte Fähigkeit, nicht nur Länder
mit Zahlungsbilanzschwierlgkeiten, sondern auch Länder mit Überschüssen
über die internationalen Auswirkungen ihrer Politiken und darüber zu beraten, welchen Kurs sie einschlagen sollten, um ihre Zahlungsbilanzungleichgewichte auszugleichen - eine symmetrische Methode, die nach unserer
Auffassung fUr ein wirksam funktionierendes Währungssystem unerläßlich ist.

Bei der Verwirklichung de&gt;" neuen Überwachungsrone des IWF ist man
vorsichtig und überlegt vorgegangen. Das ist verständlich, wenn man überlegt, daß diese Vollmachten erst seit kurzem existieren, Wir sind jedoch
der Überzeugung, daß die Zeit für den IWF gekommen ist, hier nachdrücklicher
zu handeln, um seine Möglichkeiten auf diesem Gebiet auszuschöpfen, und
wir sind entschlossen, ihn in diesen Anstrengungen zu unterstützen. Ich
habe keinen Zweifel daran, daß die neuen Bestimmungen des IWF der interna-

- 12 -

�internationalen Gemeinschaft einen Rahmen für die Koordinierung ihrer
Politiken bieten, der wirksam zum tragen gebracht werden kann.
Möglichkeiten sind vorhanden.

Die

Die Frage ist, ob die Regierungen es zu-

lassen - ja sogar helfen - werden, daß diese Möglichkeiten genutzt werden.
Wenn sie dazu bereit sind, dann sind die Aussichten für eine anhaltende
Währungsstabilität und die Aufrechterhaltung unseres offenen, interdependenten
Systems gut.
Wir brauchen wirklich eine neue Einstellung zu den Dingen - die Erkenntnis, daß Länder bereit sein müssen, einige ihrer Freiheiten aufzugeben, deren sie sich hinsichtlich ihrer volkswirtschaftlichen Entscheidungen
ohne volle Rücksichtnahme auf die internationale Umwelt erfreut haben, wenn
sie sich der Vorteile einer interdependenten Welt mit freiem Handel und
Zahlungsverkehr erfreuen wollen. Als Teil einer interdependenten Weltwirtschaft
muß jedes Land größere Verpflichtungen in den eigenen volkswirtschaftlichen
Entscheidungen akzeptieren, um seine Politik und sein Verhalten besser mit
denen anderer Länder zu koordinieren. Wie das auch immer institutionell
aussehen mag, wenn die Länder nicht bereit sind, diese Pflichten der
Interdependenz zu übernehmen, dann können sie auch nicht erwarten, ihre
vollen Vorteile zu erhalten.
Die potentielle Rolle der entstehenden europäischen Währungsvereinbarungen
sollte im Lichte der breiteren Entwicklung des Systems gesehen werden.

Die

europäische Anstrengung ist im Grunde von dem Ziel der letztlichen politischen
und wirtschaftlichen Einigung inspiriert - einem Ziel, das weltweit auf
viele Jahre hinaus kaum vorstellbar sein wird.

Im Lichte dieses Zieles

unternimmt die EG einen kühnen und lobenswerten Schritt, um auf vielen der
von mir angesprochenen Gebieten einen Fortschritt zu erzielen.

Was am

wichtigsten ist, die beteiligten EG-Länder machen einen Versuch, eine echte
wirtschaftliche Koordination zu erreichen - in dem Bemühen, die Ungleichgewichte innerhalb der Gemeinschaft auszugleichen und Bedingungen für eine
größere Stabilität der Devisenmärkte zu schaffen.

Die
- 13 -

�Die Anstrengungen der EG auf regionaler Ebene können einen wichtigen
Beitrag zur Verwirklichung der internationalen wirtschaftlichen
Interdependenz leisten, und wir bieten der EG alle Ermutigung zur Erreichung
ihrer Ziele.

Wir haben nur darum gebeten, daß sie die Interessen der

Nichtmitglieder und des Systems insgesamt nicht aus den Augen verliert,
vor allem die unbedingte Notwendigkeit, die Rolle des IWF in dem System
weiterzuentwickeln.

Es wurde uns versichert, daß dies geschehen werde.

Abschließend möchte ich sagen, daß die Entwicklungen des letzten
Jahres eindeutig auf die Notwendigkeit einer Verbesserung unserer Wirtschaftsvereinbarungen hinweisen.

Wir können und werden mit anderen darüber

sprechen, ob Verbesserungen in den mehr mechanischen Aspekten dieser
Vereinbarungen möglich und wünschenswert sind.

Aber Verbesserungen

unseres Währungsmechanismus können das fundamentalere Problem des Systems
nicht lösen, nämlich die Notwendigkeit, daß die Regierungen die internationale
Koordinierung ihrer Wirtschaftspolitiken verbessern - aus der Erkenntnis
ihres eigenen Interesses an der Erhaltung des Systems heraus.

Das muß

nach unserer Auffassung der Brennpunkt unserer Anstrengungen sein, und das
eröffnet als einziges echte Aussichten auf eine dauerhafte Stabilität.

+ + + + +

- 14 -

�2

24. Januar 1979

PRODUKTION GEHT VOR IMPORT
US-Energieminister Schlesinger zur Erdgaspolitik

- (AD) - Vor maßgeblichen Vertretern der amerikanischen Erdöl Wirtschaft
erörterte Energieminister James Schlesinger die Prinzipien, an denen sich angesichts der internationalen Situation auf dem ölsektor die Erdgaspolitik der
Vereinigten Staaten orientieren sollte.

Ausgangsbasis ist die voraussicht-

liche Produktion in den 48 kontinentalen Bundesstaaten der USA (ohne Alaska
und Hawaii), die infolge

der Verabschiedung des Erdgasgesetzes von 1978 be-

reits eine wesentliche Ausweitung erfahren haben.

Schon jetzt stünden, so

Schlesinger, ca. 28 Milliarden cbm mehr Gas zur Verfügung.

Die erste Aufgabe

der Politik sei es, dafür zu sorgen, daß dieses Gas auf die bestmögliche Weise
vom Markt aufgenommen werde.

"Dies ist aus zwei Gründen wichtig", erklärte

der amerikanische Energieminister.

"Erstens können wir dadurch unseren Im-

portbedarf an Erdöl um 60 000 bis 70 000 Tonnen pro Tag reduzieren, und zweitens ließen sich dann chronische Produktionsüberschüsse vermeiden, die den
Anreiz zur allgemeinen Verstärkung der Produktion erheblich dämpfen würden."

Solange es Erdgasüberschüsse gebe, werde sich das US-Energieministerium
darum bemühen, daß diese, wo immer möglich, anstelle von Importöl, insbesondere von öldestillaten, eingesetzt werden.

So werde man zumindest in den

Postfach 20 03 OO Tel: 02221-89 32 40
D5300 Bonn 2
Telex:08-85432

�den kommenden drei bis vier Jahren Industrie- und Elektrizitätsunternehmen
mit Heizanlagen, die sowohl mit öl als auch mit Gas betrieben werden können,
zur Verwendung von Gas ermutigen.

Dessen ungeachtet stehe aber die Regierung

zu dem Beschluß, daß in neuen Kesselanlagen künftig Kohle anstelle von öl
oder Gas verfeuert werden solle.
Längerfristig gesehen gebe es natürlich manche Unsicherheitsfaktoren,
erklärte Minister Schlesinger.

Dazu zählten z.B. die tatsächlichen Auswir-

kungen der Anreize, die das neue Gesetz mit höheren Preisen, Schutz gegen Inflation, stabilere Markt- und Finanzierungsbedingungen auf die künftige Gasproduktion habe. Alles in allem erwarte die Regierung nach einer gewissen
Übergangszeit sehr viel mehr Aktivitäten in bezug auf den Ausbau vorhandener
und die Erschließung zusätzlicher einheimischer Gasvorkommen.

Sie rechne

damit, daß 1985 ca. 56 - 60 Milliarden cbm mehr Gas gefördert würden, als es
den Gepflogenheiten entsprochen hätte, wie sie vor Inkrafttreten des neuen
Gesetzes bestanden.
Die Förderung in den 48 US-Bundesstaaten dürfe, so Schlesinger, nicht
durch die Anlieferung von Gas anderer Herkunft entmutigt werden. Als Quellen
kämen, nach ihrer Bedeutung geordnet, in Frage:
1) Alaska (die Real kosten für Alaska-Gas werden, längerfristig gesehen,
zurückgehen, sobald es erst einmal auf dem Markt ist);
2) Pipelinegas aus Kanada oder Mexiko (die Menge hängt vom Markt in den USA
ab und wird letztlich vom Preis bestimmt);
3) verflüssigtes Erdgas, das über kurze Frachtwege angeliefert wird;
4) in den USA hergestelltes Synthesegas (wenn die technischen Probleme und
die Kostenfrage gelöst sind); und
5) teures Flüssiggas aus weit entfernten Produktionsgebieten, dessen Antransport außerdem mit einem großen Unsicherheitsfaktor belastet ist.

�In welchem Umfang Gas aus den nachgeordneten Quellen Liberhaupt verwendet
werde, hänge in erster Linie von der Verfügbarkeit bzw. der Produktion unter
Punkt 1 ab.
Nach Meinung Schlesingers sollte jetzt, nach der Verabschiedung des
Energiegesetzes, das Alaska-Gas mit Vorrang erschlossen werden, da es einen
wesentlichen Ausgleich für ölimporte darstelle und dem Gas aus anderen Versorgungsquellen überlegen sei. Volkswirtschaftlich gesehen helfe es selbst
bei erheblicher Überziehung der jetzt veranschlagten Kosten - berücksichtige
man nur die Bindung der Gaspreise an die Weltpresse für öl - ca. fünf Milliarden Dollar einzusparen, wenn das Projekt über 20 Jahre laufe. Wenn sich die
Zeitspanne der Ergiebigkeit der Alaska-Felder ausdehne, erhöhe sich die Entlastung für die amerikanische Zahlungsbilanz beträchtlich. Die anfänglich
hohen Kosten würden sich mit den rasch sinkenden Gebühren für den PipelineTransport - bei stetig steigendem ölpreis - bald so verändern, daß der Verbrauch von Alaska-Gas für den amerikanischen Konsumenten nur von Vorteil sein
könne. Und die Aussicht auf die Auffindung weiterer, noch wesentlich umfangreicherer Vorkommen sowie auf den Einsatz der Gaspipeline über 30 bis 50 anstatt nur über 20 Jahre lasse es absolut zwingend erscheinen, das Projekt
in Angriff zu nehmen.
Zusätzliches Pipelinegas von Nachbarländern wie Kanada oder Mexiko sei,
wie Schlesinger betonte, willkommen, sofern es zuverlässig und zu annehmbaren
Preisen geliefert werde und nicht zur Drosselung der einheimischen Produktion
zwinge. Der letztgenannte Punkt sei ein Aspekt des Problems, der häufig zu
wenig beachtet oder ganz übersehen werde. Was aber ausländisches Flüssiggas mit langen Wegen des Antransports angehe, so habe dieses entgegen den
nach der Ölkrise von 1973/74 und der Erdgasverteuerung von 1976/77 häufig geäußerten Meinungen viel an Attraktivität verloren. Längerfristig gesehen
würden die Kosten für solches Flüssiggas nicht nieeriger liegen als die für
Synthesegas amerikanischer Produktion. Die Belastung der Zahlungsbilanz und
die möglichen Risiken im Zusammenhang mit solchem Flüssiggas liegen also auf
der Hand. Seine Attraktivität basierte auf Subventionen - dem Verfahren, es
- 3 -

�es zusammen mit billigem einheimischem Gas in großen Mengen auf den Markt
zu bringen, der direkten Subventionierung von Flüssiggas-Tankern und den
Krediten von der Export-Import-Bank.

Flüssiggas aus dem Ausland beschwöre

außerdem die Gefahr herauf, daß die Produktion von billigerem einheimischen
Erdgas gedrosselt werde.

Das bedeute jedoch nicht, wie Schlesinger erklärte,

daß die Vereinigten Staaten dem Flüssiggas die Tore verschließen - aber sie
sollten es nur dann in Anspruch nehmen, wenn att.raktievere, billigere Quellen
nicht zu mobilisieren sind.
Für die nächste Zeit sei mehr als genug Gas vorhanden.

Auch mittel- und

längerfristig sei Gas verhältnismäßig attraktiv - es habe weit bessere Aussichten als öl, denn insgesamt gesehen sei das Angebot ausreichend.

In den

Vereinigten Staaten könne innerhalb der nächsten 20 - 30 Jahre der Gasverbrauch sogar ansteigen.

Und da man sich für Entscheidungen Zeit lassen könne,

habe Amerika die Möglichkeit, eine optimale Politik zu entwickeln, um Unsicherheiten der Versorgung aus einheimischen Quellen abzubauen und die Preisgestaltung wie die tatsächliche Verfügbarkeit bei der Inanspruchnahme alternativer
Gasquellen besser zu verstehen.

+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Carter erhielt Martin Luther King-Friedenspreis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus der Ansprache des Präsidenten in Atlanta -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Stabilität in Ostasien: Die Rolle der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Außenminister Cyrus Vance -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Brzezinski umreißt Außen- und China-Politik der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Carter ersucht um Verlängerung der Vollmacht zum Verzicht auf Ausgleichszölle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Schreiben des Präsidenten an den Kongress -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Presseverlautbarung des Sonderberaters des US-Präsidenten für Handelsverhandlungen zur Frage des Verzichts auf Ausgleichszölle&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Solomon erläutert US-Standpunkt zum Weltwährungssystem&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Produktion geht vor Import&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Energieminister Schlesinger zur Erdgaspolitik -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation

{•}

L*3

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24. Januar 1980

INHALT

DOKUMENTATION

Präsident Carters Botschaft Über die Lage der Nation
- 23. Januar 1980 -

Um Übcr/cndung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex: 0 8 - 8 5 4 3 2

�24. Januar 1980

5

PRÄSIDENT CARTERS BOTSCHAFT OBER DIE LAGE DER NATION
- 23. Januar 1980 -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 23. Januar 1980
vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses seine in der Verfassung
vorgeschriebene Botschaft über die Lage der Nation (State of the Union
Message) verlesen. Die diesjährige Botschaft hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident, Mr. Speaker, Mitglieder des 96. Kongresses, meine
Mitbürger.
Die letzten Monate sind nicht leicht gewesen.

Wenn wir heute

abend zusammenkommen, dann ist niemals zuvor deutlicher geworden, daß
die Lage unserer Nation von der Lage der Welt abhängt. Und heute abend
hängen, wie in unserer ganzen Generation, Freiheit und Frieden in der
Welt von der Lage der amerikanischen Nation ab.
Die achtziger Jahre wurden im Umsturz und Wandel geboren. Wir
leben in einer Zeit der Herausforderung unserer Interessen und Werte -

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Werte - einer Zeit, die unsere Klugheit und unseren Willen auf die Probe
stellt.
In diesem Augenblick werden im Iran noch immer 50 Amerikaner,
unschuldige Opfer des Terrorismus und der Anarchie, gefangengehalten.
In diesem Augenblick versuchen massive sowjetische Invasionsstreitkräfte das stolze,unabhängige und tiefreligiöse Volk von Afghanistan zu
unterjochen.
Diese beiden Akte - ein Akt des internationalen Terrorismus und
ein Akt der militärischen Aggression - stellen eine ernste Herausforderung
der Vereinigten Staaten und der anderen Länder der Welt dar.

Zusammen

werden wir diese Bedrohungen des Friedens meistern.
Ich bin entschlossen, daß die Vereinigten Staaten die stärkste aller
Nationen bleiben, aber unsere Macht wird niemals genutzt werden, um eine
Bedrohung der Sicherheit irgendeines Landes oder der Rechte irgendeines
Menschen auszuüben. Wir wollen sicher sein und sicher bleiben - eine
Nation in Frieden in einer stabilen Welt. Aber um sicher zu sein, müssen
wir uns der Welt stellen, so wie sie ist.
Drei grundlegende Entwicklungen haben mitgewirkt, um diese unsere
Herausforderungen Gestalt annehmen zu lassen:
-

Das stetige Anwachsen und die verstärkte Darstellung sowjetischer
Militärmacht über ihre eigenen Grenzen hinweg;

-

die überwältigende Abhängigkeit der demokratischen Industriestaaten von der Ölversorgung aus dem Mittleren Osten; und

-

der Druck sozialen religiösen, wirtschaftlichen und politischen

- 2 -

�i

politischen Wandels in vielen Ländern der Entwicklungswelt,
beispielhaft gezeigt durch die Revolution im Iran.
Jeder dieser Faktoren ist für sich allein von Bedeutung.

Jeder

wirkt sich auf die anderen aus. Alle drei konzentrieren sich jetzt
auf ein Unruhegebiet der Welt.

All diese Faktoren müssen zusammen gemeistert

werden - klar und mutig.
Wir werden uns diesen Herausforderungen stellen.
mit dem Besten meistern, was wir haben.

Wir werden sie

Und wir werden nicht versagen.

Als Antwort auf den abscheulichen Akt im Iran hat sich unsere
Nation erhoben und vereint wie niemals zuvor in Friedenszeiten. Unser
Standpunkt ist klar. Wir werden der Erpressung niemails nachgeben.
Wir verfolgen weiterhin diese spezifischen Ziele:
-

Die gegenwärtigen und künftigen Interessen der Vereinigten
Staaten zu schützen;

-

das Leben der amerikanischen Geiseln zu erhalten und auf jede
mögliche Weise ihre sichere Freilassung zu erreichen;

-

wenn möglich Blutvergießen zu vermeiden, das das Leben unserer
amerikanischen Mitbürger noch mehr gefährden könnte;

-

die Hilfe anderer Länder zu gewinnen, um diese verbrecherische
Verletzung der moralischen und rechtlichen Normen einer zivilisierten
Welt zu beenden;

-

und

die iranischen Führer zu überzeugen, daß die wirkliche Gefahr
für ihr Land im Norden von den sowjetischen Truppen in Afghanistan

3 -

�&gt;

Afghanistan ausgeht und daß der ungerechtfertigte iranische
Streit mit uns ihre Antwort auf diese größere Gefahr behindert.
Wenn die amerikanischen Geiseln Schaden erleiden, dann wird dies
teuer bezahlt werden.
Wir werden nicht ruhen, bis jedes dieser Opfer freigelassen ist.
Aufgrund der kürzlichen militärischen Aktion der Sowjetunion stehen
wir nunmehr einer umfassenderen, grundlegenderen Herausforderung in der
Region gegenüber.
,

'

•

•

•

'

•

•

Wie im Verlauf der letzten dreieinhalb Jahrzehnte stellt die
Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion den wichtigsten
Faktor bei der Entscheidung dar, ob die Welt in Frieden leben oder in einen
weltweiten Konflikt stürzen wird.

&gt;

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Amerika anderen Staaten
dabei vorangegangen, sich der Herausforderung wachsender sowjetischer
Macht zu stellen.
gewesen.

Dies ist keine einfache oder statische Beziehung

Zwischen uns gab es Zusammenarbeit, es gab Wettstreit, und es

gab Zeiten der Konfrontation.
-

In den vierziger Jahren übernahmen wir die Führung bei der
Schaffung des Atlantischen Bündnisses als Antwort auf die
Unterdrückung und die Konsolidierung des osteuropäischen
Machtbereichs der Sowjetunion und der sich daraus ergebenden
Bedrohung Westeuropas.
- i

-

In den fünfziger Jahren halfen wir dabei, weitere sowjetische
Herausforderungen in Korea und im Nahen Osten einzudämmen, und wir
rüsteten

auf, um diese Eindämmung zu garantieren.

iü
-4-

�.

-

In den sechziger Jahren stellten wir uns den sowjetischen
Herausforderungen in der Berlin- und der kubanischen Raketenkrise; daraufhin versuchten wir, die Sowjetunion an der bedeutenden
Aufgabe zu beteiligen, den Kalten Krieg zu beenden und von der
Konfrontation wegzukommen.

-« Und in den siebziger Jahren verhandelten drei amerikanische
Präsidenten mit der sowjetischen Führung in dem Versuch, dem
zunehmenden nuklearen Wettrüsten Einhalt zu gebieten.

Wir

versuchten, Verhaltensregeln einzuführen, die das Risiko eines
Konflikts vermindern, und wir suchten nach Gebieten der Zusammenarbeit, die unsere Beziehungen reziprok machen könnten - nicht
nur zum Nutzen unserer beiden Länder, sondern auch für die
Sicherheit und den Frieden der Welt.

Bei allen diesen Schritten haben wir zwei Verpflichtungen eingehalten:
bereit zu sein, uns jeder Herausforderung durch die sowjetische Militärmacht zu stellen, und Wege zu bahnen, um Streitigkeiten zu schlichten
und den Frieden zu erhalten.

Die Vermeidung eines Atomkriegs ist die

oberste Verantwortung der beiden Supermächte.

Aus diesem Grund handelten

wir die Verträge über die Begrenzung der strategischen Rüstungen aus SALT I und SALT II. Gerade jetzt in einer Zeit großer Spannung wird
die Beachtung der durch die Bedingungen dieser Verträge gegenseitig auferlegten Beschränkungen im besten Interesse beider Länder sein - und
dabei helfen, den Weltfrieden zu bewahren.

Ich werde eng mit dem Kongreß

zusammenarbeiten bei unserem Bemühen um die Kontrolle der Kernwaffen.
Diese Anstrengung wird nicht aufgegeben.

Wir Supermächte haben auch eine Verantwortung zur Ausübung von
Zurückhaltung beim Einsatz militärischer Macht.

Die Integrität und

die Unabhängigkeit schwächerer Staaten darf nicht bedroht werden.
jetzt hat die Sowjetunion einen radikalen
unternommen.

Aber

und aggressiven neuen Schritt

Sie setzt ihre große militärische Macht gegen ein verhältnis-

- 5-

�I
verhältnismäßig schutzloses Land ein.

Die Implikationen der sowjetischen

Invasion Afghanistans könnten die ernsthafteste Bedrohung des Weltfriedens
seit dem Zweiten Weltkrieg darstellen.
Die große Mehrheit der Staaten dieser Welt hat diesen neuesten
Versuch der Sowjets verurteilt, ihre kolonialistische Beherrschung anderer
auszuweiten und den sofortigen Abzug der Invasionsstreitkräfte gefordert.
Die islamische Welt ist besonders und zurecht über diese Aggression gegen ein
islamisches Volk empört.

Kein Schritt einer Weltmacht wurde jemals so

rasch und so überwältigend verurteilt.
Aber verbale Verurteilung ist nicht genug.

Die Sowjetunion muß

einen konkreten Preis für ihre Aggression bezahlen.

Solange die Invasion

anhält,können wir und andere Länder der Sowjetunion gegenüber nicht so
tun, als sei nichts geschehen.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten der Sowjetunion
energische wirtschaftliche Strafmaßnahmen auferlegt. Ich werde
sowjetischen Schiffen keine Fischfangrechte in den Küstengewässern der
Vereinigten Staaten gewähren. Ich habe den sowjetischen Zugang zu hochtechnologischer Ausrüstung und zu Agrarprodukten abgeschnitten. Ich
habe anderen Handel mit der Sowjetunion begrenzt und unsere Verbündeten
und Freunde aufgefordert, sich uns in der Zurückhaltung im Handel mit
der Sowjetunion anzuschließen und unsere eigenen, vom Embargo betroffenen
Produkte nicht zu ersetzen. Ich habe das Olympische Komitee darüber
informiert, daß weder das amerikanische Volk noch ich selbst es unterstützen, ein olympisches Team nach Moskau zu entsenden, solange die
sowjetischen Invasionsstreitkräfte in Afghanistan stehen.
Die Sowjetunion muß einige grundlegenden Fragen beantworten: will
sie dabei helfen, ein stabileres internationales Umfeld zu fördern, in
dem ihre eigenen legitimen, friedlichen Anliegen verfolgt werden können?

�können?

Oder will sie fortfahren, ihre militärische Macht weit über ihre

echten Sicherheitsbedürfnisse hinaus auszudehnen und diese Macht für
koloniale Eroberung auszunützen?
Die Sowjetunion muß einsehen, daß ihre Entscheidung, militärische
Gewalt in Afghanistan zu gebrauchen, jeder von ihr geschätzten politischen
und wirtschaftlichen Beziehung teuer zu stehen kommt.
Die jetzt durch die sowjetischen Truppen in Afghanistan bedrohte
Region ist von großer strategischer Bedeutung: in ihr liegen mehr als
zwei Drittel des exportierbaren Öls der Welt. Die sowjetischen Anstrengungen,Afghanistan zu beherrschen,haben die sowjetischen Streitkräfte
bis auf 300 Meilen vom Indischen Ozean entfernt gebracht und eng an
die Straße von Hormuz - ein Seeweg, durch den ein Großteil des Öls der
freien Welt transportiert werden muß. Die Sowjetunion versucht, eine
strategische Position zu konsolidieren, die eine schwere Bedrohung für
die freie Bewegung des Mittelostöls darstellt.
Diese Situation verlangt sorgfältige Überlegungen, gute Nerven
und entschlossenes Handeln - nicht nur in diesem Jahr, sondern über viele
Jahre hinaus.

Sie erfordert kollektive Anstrengungen, um dieser neuen

Bedrohung der Sicherheit im Persischen Golf und Südwestasien zu begegnen.
Sie verlangt die Beteiligung all jener, die vom öl aus dem Mittleren
Osten abhängig und um den Frieden und die Stabilität in der Welt besorgt
sind.

Und sie erfordert Konsultationen und enge Zusammenarbeit mit Ländern

des Gebietes, die bedroht sein könnten.
Diese Herausforderung zu meistern,wird nationalen Willen, diplomatische
und politische Klugheit, wirtschaftliche Opfer und selbstverständlich
militärische Kapazität erfordern. Wir müssen das Beste in uns fordern,
um die Sicherheit dieser entscheidend wichtigen Region zu erhalten.
Unser

�Unser Standpunkt muß absolut klar sein:
Ein Versuch durch eine Macht von außen, die Kontrolle über die
Region des Persischen Golfes zu erlangen, wird als ein Angriff auf die
lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten betrachtet werden.
Und solch ein Angriff wird durch den Einsatz aller notwendigen Mittel,
einschließlich militärischer Macht, zurückgewiesen werden.
Während der letzten drei Jahre haben wir Maßnahmen ergriffen, um
unsere eigene Sicherheit und die Aussichten auf Frieden zu verbessern nicht nur in den lebenswichtigen ölerzeugenden Gebieten am Persischen
Golf, sondern in der ganzen Welt.
-

Wir haben unsere reale Zusage für die Verteidigung jährlich
erhöht, und wir werden diese verstärkte Anstrengung während
unseres Fünfjahres-Verteidigungsprogramms durchhalten.

Es ist

eine zwingende Notwendigkeit, daß der Kongreß diesen starken
Verteidigungshaushalt für 1981, der einen fünfprozentigen
Real Zuwachs an Bewilligungen vorsieht, ohne jede Kürzung billigt.
-

Wir verbessern unsere Kapazität, amerikanische Streitkräfte
rasch in entfernt gelegene Gebiete zu dislozieren.

-

Wir haben mitgeholfen, die NATO und unsere anderen Bündnisse
zu stärken. Wir und unsere NATO-Verbündeten haben beschlossen,
modernisierte nukleare Mittel Streckensysteme zu entwickeln
und zu dislozieren, um einer ungerechtfertigten und wachsenden
Bedrohung durch die Kernwaffen der Sowjetunion entgegenzutreten.

-

Wir arbeiten mit unseren Verbündeten daran, einen Konflikt im
Nahen Osten zu verhüten.

Der Friedensvertrag zwischen Ägypten

und Israel ist ein bemerkenswerter Erfolg, der einen strategischen
Pluspunkt für Amerika darstellt und der auch die Aussichten auf
- 8 -

�auf einen regionalen und weltweiten Frieden fördert.

Wir sind gegen-

wärtig an weiteren Verhandlungen beteiligt, um für die Bevölkerung des
Westufers (West Bank) sowie des Gaza-Streifens die volle Autonomie zu
erreichen und die Palästinafrage in all ihren Aspekten zu lösen und
den Frieden und die Sicherheit Israels zu bewahren.

Möge niemand an

unserer Verpflichtung zur Sicherheit Israels zweifeln.

In wenigen

Tagen werden wir ein historisches Ereignis erleben, wenn Israel einen
weiteren Rückzug vom Sinai vornimmt und Botschafter zwischen Israel
und Ägypten ausgetauscht werden.

- Wir haben unsere eigene Sphäre der Freundschaft ausgeweitet.
Unsere tiefe Verpflichtung gegenüber den Menschenrechten und
der Erfüllung menschlicher Ansprüche hat unser Verhältnis zu
einem Großteil der Dritten Welt verbessert.

Unsere Entscheidung,

unsere Beziehungen zur Volksrepublik China zu verbessern, wird
dazu beitragen, Frieden und Stabilität in Asien und im westlichen
Pazifik zu erhalten.

- Wir haben unsere Flottenpräsenz im Indischen Ozean erhöht und
verstärkt, und wir treffen gegenwärtig Abmachungen für entscheidend
wichtige Flotten- und Lufteinrichtungen, die von unseren Streitkräften in der Region des nordöstlichen Afrikas und des Persischen
Golfes benutzt werden können.

- Wir haben unser Abkommen von 1959 neu bekräftigt, um Pakistan
bei der Erhaltung seiner Unabhängigkeit und Integrität zu helfen.
Die Vereinigten Staaten werden - in Übereinstimmung mit unseren
eigenen Gesetzen - Maßnahmen ergreifen, um Pakistan bei dem
Widerstand gegen jede Aggression von außen zu unterstützen.
Ich ersuche den Kongreß ausdrücklich, diese Verpflichtung zu
bestätigen.

Ich arbeite ferner, zusammen mit anderen Ländern,

daran, zusätzliche militärische und wirtschaftliche Hilfe für
Pakistan zu leisten.

Dieser Antrag wird Ihnen in einigen Tagen

- 9-

�Tagen zugehen.
-

In den kommenden Wochen werden wir unsere politischen und
militärischen Bindungen mit anderen Ländern in der Region weiter
verstärken.

-

Wir sind der Überzeugung, daß es keine unüberwindlichen Differenzen
zwischen uns und irgendeinem islamischen Volk gibt. Wir achten
den islamischen Glauben, und wir sind bereit, mit allen moslemischen
Ländern zusammenzuarbeiten.

-

Und wir sind schließlich bereit, mit anderen Ländern der Region
zusammenzuarbeiten, um einen kooperativen Sicherheitsrahmen zu
schaffen, der unterschiedliche Werte und politische Überzeugungen
respektiert, jedoch die Unabhängigkeit,die Sicherheit und
Prosperität aller fördert.

All diese Anstrengungen bekräftigen unsere Verpflichtung, die lebenswichtigen Interessen unserer Nation und die unserer Verbündeten zu
verteidigen und zu bewahren - nicht nur in Europa und im Pazifik, sondern
auch in dem Teil der Welt, der für uns eine so große strategische Bedeutung
hat und der sich vom Nahen Osten bis nach Südwestasien erstreckt.
Ich werde diese Anstrengungen mit Kraft und Entschlossenheit
verfolgen und so handeln, wie es nötig ist, um die Sicherheit unserer
Nation zu bewahren.
Die Männer und Frauen der amerikanischen Streitkräfte sind heute
abend in vielen Teilen der Welt im Dienst.

Ich bin stolz auf die Arbeit,

die sie tun, und ich weiß, daß Sie diesen Stolz teilen.

Ich bin über-

zeugt, daß unsere Freiwilligenstreitkräfte unseren gegenwärtigen Verteidigungsbedürfnissen angemessen sind.

Ich hoffe, daß es nicht notwendig sein wird,

�wird, wieder die Wehrpflicht einzuführen. Wir müssen jedoch für diese
Möglichkeit gerüstet sein. Aus diesem Grund habe ich bestimmt, den
selektiven Wehrdienst jetzt wieder ins Leben zu rufen.

Ich werde nächsten

Monat dem Kongreß Gesetzgebung und Budgetvorschiä'ge zusenden, so daß wir
mit der Registrierung beginnen können und den Mobilisierungsanforderungen
im Bedarfsfall rasch entsprechen können.
Wir brauchen darüber hinaus die rasche Verabschiedung einer neuen
Satzung, um die gesetzmäßige Amtsbefugnis und Verantwortlichkeit unserer
Nachrichten- und Aufklärungsdienste klar zu definieren. Während garantiert
wird, daß Mißbräuche sich nicht wiederholen werden, müssen wir unverantwortliche
Behinderungen unserer Fähigkeit beseitigen, Nachrichten zu sammeln und unsere
Kontrollen sensitiver Nachrichteninformationen zu verschärfen. Eine
wirkungsvolle Nachrichten- und Aufklärungskapazität ist für die Sicherheit
unseres Landes lebenswichtig.
Das vor uns liegende Jahrzehnt wird eine Zeit des raschen Wandels
sein, da überall Staaten versuchen werden, mit neuen Problemen und uralten
Spannungen fertigzuwerden. Aber Amerika braucht keine Angst zu haben wir können in einer Welt des Wandels blühen, wenn wir unseren Werten
treu bleiben und weiterhin aktiv an der Förderung des Weltfriedens
arbeiten.
Wir werden auch weiterhin im Nahen Osten und in Südafrika tätig
sein - um regionale Streitigkeiten zu lösen. Wir werden weiterhin unsere
Bande mit den Entwicklungsländern stärken und dabei die nationale Unabhängigkeit respektieren und zu fördern helfen, für deren Erhalt sie gekämpft
haben.

Und wir werden weiterhin die Entwicklung der Demokratie und der

Menschenrechte unterstützen.
In repressiven Regimen hat das Gefühl der Vergeblichkeit im Volk
oft kein anderes Ventil als die Gewalt.

- 11 -

Aber wenn Völker und ihre

�ihre Regierungen ihre Probleme gemeinsam angehen - durch offene, demokratische Methoden -, ist die Grundlage für Stabilität und Frieden viel
solider und haltbarer.
Aus diesem Grund ist unsere Unterstützung der Menschenrechte in
anderen Ländern ebenso in unserem nationalen Interesse wie Teil unseres
National Charakters.
•

Frieden- ein Frieden, der die Freiheit bewahrt - bleibt Amerikas
oberstes Ziel.

In den kommenden Jahren werden wir als mächtiges Land

auch weiterhin den Frieden verfolgen.
Aber um im Ausland stark zu sein, müssen wir daheim stark bleiben.
Um stark zu sein, müssen wir uns auch weiterhin den schwierigen Problemen
stellen, denen wir uns heute als Nation gegen'übersehen.

Die Krisen im

Iran und in Afghanistan haben eine sehr wichtige Lektion unterstrichen:
unsere Abhängigkeit von ausländischem öl ist eine deutliche und gegenwärtige
Gefahr für unsere nationale Sicherheit.
drängender.

Die Notwendigkeit war niemals

Wir müssen endlich ein klares, umfassendes Energieprogramm

für unser Land haben.
Ich habe während der letzten drei Jahre mit dem Kongreß in konzentrierter
und beharrlicher Weise zusammengearbeitet, um dieser dringenden Forderung
nachzukommen.
Wir haben Fortschritte erzielt. Aber der Kongreß muß jetzt rasch
handeln, um dieses lebenswichtige Energiegesetz endgültig zu verabschieden.
Unser Land wird dann eine große Einsparungsanstrengung unternommen
haben,außerdem eine bedeutende Initiative zur Entwicklung der Sonnenenergie,
eine realistische Preisfestsetzung auf der Basis des echten Wertes des
Öls sowie starke Anreize zur Kohleförderung und anderer fossiler Brennstoffe

�Brennstoffe in Amerika und die massivste Investition unserer Nation
zu Friedenszeiten bei der Entwicklung synthetischer Brennstoffe.
Das amerikanische Volk macht Fortschritte bei der Energieeinsparung.
Im letzten Jahr haben wir den Gesamtverbrauch an Rohöl um 8 Prozent
gesenkt und den Benzinverbrauch um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Wir müssen jetzt mehr tun. Nach Beratungen mit den Gouverneuren
werden wir Benzineinsparungsziele für jeden der 50 Einzelstaaten festsetzen, und ich werde sie verordnen, wenn diese Ziele nicht erreicht
werden.
Ich habe für 1980 eine Importhöchstgrenze von 8,2 Millionen Barrel
pro Tag festgelegt - was weit unterhalb des Standes der ölimporte im
Jahre 1977 liegt. Ich erwarte, daß unsere Einfuhren noch sehr viel niedriger
sein werden, aber die Höchstgrenze wird, wenn notwendig, durch eine Importabgabe erzwungen werden. Ich bin bereit, unsere Importe noch weiter zu
senken, wenn andere ölverbrauchenden Länder sich uns in einer fairen und
beiderseitigen Verringerung anschließen werden. Wenn es zu einer ernsten
Verknappung kommt, werde ich nicht zögern, eine zwangsweise Benzinrationierung anzuordnen.
Der größte Einzelfaktor in der Erhöhung der Inflationsrate im
vorigen Jahr kam aus einer Quelle: den ins Unermeßliche steigenden OPECÖl preisen. Wir müssen alle notwendigen Maßnahmen treffen, um unsere
Abhängigkeit vom ausländischen öl zu verringern - um die Inflation
abzubauen. Als Einzelperson und als Familie können nur wenige von uns
selbst Energie produzieren. Aber wir alle können Energie sparen - jeder
von uns jeden Tag.
Ich appelliere heute abend an Sie, an alle Menschen in Amerika,
unserem Land zu helfen, sparen Sie Energie, beseitigen Sie Verschwendung

- 13 -

�Verschwendung, lassen Sie uns 1980 zum Jahr des Energiesparens machen.
Wir müssen weitere Maßnahmen ergreifen, um unsere Volkswirtschaft
zu stärken:
Erstens, wir werden weiterhin das Defizit des Bundeshaushaltes
abbauen und den Haushalt dann ausgleichen.
Zweitens, so wie wir weiterhin mit den Unternehmern zusammenarbeiten,
um die Preise niedrig zu halten, so werden wir auch auf dem historischen
nationalen übereinkommen mit den Gewerkschaften bauen, um in einem fairen
Kampf gegen die Inflation

die Lohnerhöhungen im Rahmen zu halten.

Drittens, wir werden unsere erfolgreichen Anstrengungen fortsetzen, um den Papierkrieg abzuschaffen und unnötige Reglementierungen zu
beseitigen.
Viertens, wir werden in dem Fortschritt nicht nachlassen, Arbeitsplätze für Amerika zu schaffen, und uns auf ein großes neues Programm zur
Beschaffung von Ausbildung und Arbeit für junge Menschen, vor allem Angehörigen der Minderheiten, zu konzentrieren. Es ist gesagt worden, daß
der Geist zu kostbar sei, als daß man ihn verschwende. Wir werden unseren
jungen Menschen in den achtziger Jahren neue Hoffnung auf Arbeitsplätze
und ein besseres Leben geben.
Fünftens, wir müssen das Jahrzehnt der achtziger Jahre nutzen,
um die grundlegenden strukturellen Probleme unserer Wirtschaft durch
Maßnahmen zur Erhöhung der Produktivität, der Rücklagen und der Investitionen
anzupacken« Mit dieser Politik auf den Gebieten der Energie und der Wirtschaft werden wir in diesem Jahrzehnt Amerika im eigenen Lande noch stärker
machen - so wie unsere Außen- und Verteidigungspolitik uns in der ganzen
Welt stärker und sicherer machen werden.
Wir
- 14 -

�Wir werden niemals unseren Kampf um eine gerechte und menschenwürdige Gesellschaft im eigenen Lande aufgeben.

Sie ist das Herz

Amerikas - und sie ist die Quelle unserer Fähigkeit, Menschen in anderen
Ländern zu inspirieren, ihre eigenen Rechte zu verteidigen.
Unsere materiellen Ressourcen sind, so groß sie auch sein mögen,
begrenzt.

Unsere Probleme sind zu komplex für einfache Schlagworte oder

rasche Lösungen.

Wir können sie nicht ohne Anstrengung und Opfer lösen.

Walter Lippman hat uns einmal daran erinnert:
"Ihr habt die guten Dinge als selbstverständlich vorausgesetzt.
Jetzt müßt ihr sie erneut erwerben. Für jedes Recht, auf das ihr euch
beruft, habt ihr eine Pflicht, die ihr erfüllen müßt. Für jede Hoffnung,
die ihr hegt, habt ihr eine Aufgabe, die ihr leisten müßt. Für alles
Gute, das ihr zu erhalten wünscht, werdet ihr euren Komfort und euer
Wohlbehagen opfern müssen. Es gibt heute nichts mehr umsonst".
Unsere Herausforderungen sind gewaltig.

Aber es herrscht ein

neuer Geist der Einigkeit und Entschlossenheit in unserem Lande. Wir
treten in die achtziger Jahre mit Vertrauen und Hoffnung ein - und mit
einer leuchtenden Vision des Amerika, das wir uns wünschen:
Ein starkes und freies Amerika.
Ein Amerika in Frieden.
Ein Amerika mit gleichen Rechten für alle Bürger - und für die
Frauen, wie dies in der Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert
ist.
Ein Amerika mit Arbeitsplätzen und einer guten Gesundheitsfürsorge
und Bildung für jeden Bürger.
Ein
- 15 -

�Ein Amerika mit einem sauberen und erfüllten Leben in seinen
Städten und auf seinen Farmen.
Ein Amerika, das die Welt ernähren hilft.
Ein Amerika,das seinen eigenen Energiebedarf sicher deckt.
Ein Amerika der Gerechtigkeit, der Toleranz und des Mitgefühls.
Wenn diese Vision sich erfüllen soll, dann müssen wir Opfer bringen,
aber diese nationale Verpflichtung wird ein erregendes Unterfangen sein,
das unser Volk einigen wird.
Laßt uns zusammen als ein Volk daran arbeiten, unsere Stärke im
eigenen Lande aufzubauen.

Laßt uns zusammen als eine unteilbare Nation

nach Frieden und Sicherheit in der ganzen Welt streben.
Laßt uns zusammen diese Zeit der Herausforderungen und Gefahr zu
einem Jahrzehnt der nationalen Entschlossenheit und des kühnen Erfolges
machen.

�</text>
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