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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16

20. August 1997

DAS PROGRAMM DES WEISSEN HAUSES
FÜR DAS NÄCHSTE JAHRTAUSEND
Rede von Präsident Clinton

GESELLSCHAFT

RECHT UND GLAUBEN
von Richter Anthony Kennedy

NAHER OSTEN

ALBRIGHT VERURTEILT GEWALT, TERROR
UND UNILATERALE AKTIONEN
Rede der US-Außenministerin

TELEKOMMUNIKATION

VERBRAUCHER WELTWEIT PROFITIEREN
VON SENKUNG DER TELEFONGEBÜHREN
FÜR AUSLANDSGESPRÄCHE
Rede von Reed Hundt

PORTRAT

JOHN C. KORNBLUM
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

MICHAEL C. POLT
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Das Programm des Weißen Hauses
für das nächste Jahrtausend
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Am 15. August 1997 gaben Präsident Bill Clinton und die First Lady, Hillary Rodham
Clinton, in den National Archives das Programm des Weißen Hauses für das nächste Jahrtausend bekannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Wie die First Lady bereits sagte, haben wir jetzt eine

eine Zeit des Niedergangs oder eine Zeit der Erneuerung einleiten? Ungeachtet der Prophezeiungen und
Voraussagen - von denen es in den nächsten Jahren
noch viele geben wird - ungeachtet der Hoffnungen
und Ängste ist das Jahrtausend nicht länger eine

außergewöhnliche Gelegenheit, die Vergangenheit in

entfernte Möglichkeit. Es rückt näher. Wir werden die

Ehren zu halten, uns die Zukunft vorzustellen und
beide im Geist und für unsere amerikanischen Mitbürger miteinander zu verbinden. Das 20. Jahrhundert
wurde das amerikanische Jahrhundert genannt.
Während Kriegen und der großen Wirtschaftskrise, der
industriellen Revolution und jetzt der Informationsrevolution haben uns der amerikanische Geist der
Entdeckung, Innovation und der Glaube an die Zukunft
angespornt und Milliarden Menschen auf der ganzen
Welt inspiriert.

Zukunft erleben und müssen sie jetzt für uns und
unsere Kinder bestimmen.

Vielen Dank, Gouverneur Carlin, für Ihre Gastfreundschaft an diesem wunderbaren Ort, im Schatten
unserer bedeutendsten historischen Dokumente.

Jetzt sind wir an einem Meilenstein angelangt - dem
Ende eines aufregenden Jahrzehnts, das den Fall des
Kommunismus und den Aufstieg der Demokratie
weltweit gesehen hat, in dem die Geheimnisse des
menschlichen Körpers analysiert und die Beschaffenheit des Mars erforscht wurde sowie neue amerikanische Ideen und Kunst entstanden. Jetzt haben wir
die meines Erachtens wichtigste Erforschung begonnen: Die Wiederentdeckung und Bekräftigung unserer
gemeinsamen Identität als Volk in einer ganz neuen
und anderen Zeit, in der wir als ein Amerika zusammenkommen.
Noch am Anfang unserer Reise stehen wir als Nation
kurz vor der ersten Jahrtausendwende. Seit Jahrhunderten haben sich die Menschen gefragt, was
dieses Jahrtausend bringen würde. Würde es die
Apokalypse bedeuten oder eine neue Welt verkünden,

AMERIKA DIENST 16

Während das Jahr 2000 näher rückt, müssen wir uns
fragen, was wir zur Bewältigung seiner Herausforderungen und zur Definition dieser Zukunft benötigen und müssen uns auf ein neues Jahrhundert und
ein neues Jahrtausend vorbereiten. Wir müssen uns
fragen, welche Werte und welches Erbe wir mitnehmen
und mit welchen Gaben wir die Zukunft beschenken
sollten.
Weltweit bereiten sich Nationen und Gemeinden mit
verschiedenen Bestrebungen auf das neue Jahrtausend vor. Großbritannien baut Brücken, Museen,
neue Parks und eine neue Universität. Deutschland
veranstaltet die Expo 2000, die erste Weltausstellung
zur Feier einer Jahrtausendwende. Ich nehme gerne
die Einladung von Bundeskanzler Kohl an, gemeinsam
mit 143 anderen Organisationen und Nationen an der
Expo 2000 teilzunehmen. Österreich richtet im Jahr
2000 die Sommerolympiade aus. Island feiert den
tausendsten Jahrestag der Reise Leif Eriksons in die
Neue Welt.
Das Programm des Weißen Hauses für die Jahrtausendwende wird Richtschnur für die Feiern Amerikas aus diesem Anlaß, indem es die Leistungen
hervorhebt, die uns als Nation definieren - unsere

Seite 1

�Kultur, unsere Forschung, unsere wissenschaftlichen
Entdeckungen. Ich begrüße das Interesse der First
Lady an diesem Unternehmen und freue mich, daß sie
bei unseren Bestrebungen eine führende Rolle
übernehmen wird. Ferner weiß ich die Arbeit zu
würdigen, die sie und Ihr Stab bereits geleistet haben.
Und ich möchte Ellen McCulloch-Lovell, der ehemaligen Direktorin des Präsidialausschusses für die
Künste und Geisteswissenschaften, danken, daß sie
zugesagt hat, das Büro für das Jahrtausendprogramm
des Weißen Hauses zu leiten. Vielen Dank, Ellen.
Heute möchte ich darlegen, was wir bereits unternehmen, um uns auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten
und uns dieses neue Jahrtausend zu eigen zu machen. An erster und wichtigster Stelle erklären wir die
Erziehung unserer Kinder zu unserer obersten Priorität. Schließlich werden sie den Großteil ihres Lebens
in diesem neuen Jahrtausend und dem neuen Jahrhundert verbringen. Diesen Monat habe ich ein
historisches Gesetz unterzeichnet, das nicht nur einen
ausgeglichenen Haushalt vorsieht, sondern auch
große Investitionen in die Bildung einer Generation von
der frühen Kindheit bis zum College und darüber
hinaus. In den kommenden Monaten werde ich mich
weiterhin dafür einsetzen, hohe und meßbare nationale Maßstäbe für herausragende akademische
Leistungen zu setzen.
Wir haben uns das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2000
jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek in den
Vereinigten Staaten an das Internet anzuschließen.
Ich danke dem Kongreß für die Finanzierung dieses
Unternehmens und dem Privatsektor, daß er uns
bislang geholfen hat, unserem Zeitplan sogar ein
kleines Stück voraus zu sein. Wir müssen unsere
Bestrebungen verdoppeln um sicherzustellen, daß
jeder unserer Mitbürger die Mittel hat, in dem neuen
Jahrhundert erfolgreich zu sein.
Zweitens müssen wir den Weg fortsetzen, der Optimismus und Wachstum unserer Wirtschaft wiederhergestellt hat - jetzt jedoch um sicherzustellen, daß alle
Amerikaner die Möglichkeit erhalten, davon zu profitieren.
Drittens müssen wir sicherstellen, daß unser einzigartiges und pulsierendes kulturelles Leben in dem
neuen Jahrhundert floriert und unsere reiche
Geschichte bewahrt und in Ehren gehalten wird. Ich
freue mich, daß die National Endowment for the
Humanities eine nationale Fernsehserie - Millennium
Minutes - über tausend Jahre mit wichtigen Menschen,
Ereignissen und Errungenschaften sponsert. Das
führende Projekt der National Endowment for the Arts
für die Jahrtausendwende wird über die Kunst die
Geschichten Amerikas erzählen und neue Projekte in
die Wege leiten, beispielsweise neue Knabenchöre
nach dem Modell des berühmten Knabenchors von
Harlem. Die National Endowment for the Arts wird

Seite 2

auch Teams von Fotografen ins ganze Land entsenden, damit sie ihre Vision von Amerika zur Jahrtausendwende festhalten. Und der Präsidialausschuß
für die Künste und Geisteswissenschaften wird sein
Worthy Ancestors-Programm einleiten, in dessen
Rahmen Wirtschaft, Kunst und gemeinnützige Organisationen zusammenkommen, um Kulturgüter aus dem
Bereich folkloristischer, volkstümlicher und klassischer
Tradition zu retten.
Viertens müssen wir Schritte unternehmen um sicherzustellen, daß die Dokumente unserer Demokratie für
die Zukunft sowie die Millionen von Amerikanern,
neuen Einwanderern und ausländischen Besuchern
erhalten werden, die sie jedes Jahr besichtigen. Sie
mögen es vielleicht nicht glauben: Die Dokumente - die
Verfassung, die Bill of Rights und die Unabhängigkeitserklärung - werden von Zeit und Elementen ernsthaft
bedroht, wenn wir nicht innerhalb der nächsten drei
Jahre handeln, um sie zu retten. Aus diesem Grund
freue ich mich sehr, daß die National Archives unter
der Leitung von Gouverneur Carlin einen Dreijahresplan verfolgen um zu gewährleisten, daß diese Papiere
auch den Übergang ins nächste Jahrhundert überleben.
Das wichtigste Projekt der Smithsonian Institution für
die Jahrtausendwende besteht darin, bis zum Jahr
2001 unser Sternenbanner zu retten - die Flagge, die
über Fort McHenry wehte und Francis Scott Key zu
seinem Gedicht inspirierte, das zum Text unserer
Nationalhymne wurde.
Fünftens müssen wir weiterhin die Grenzen von
Wissenschaft und Technologie erweitern und die
Erforschung des Universums fortsetzen. Die Landung
der Marssonde Sojourner am 4. Juli hat die Welt in
Erstaunen versetzt. Sie inspiriert eine neue Generation, und ich habe die Hoffnung, daß sie die Mehrheit
der Amerikaner von der weiteren Unterstützung der
Erforschung des Weltraums überzeugt hat. Die NASA
wird 1998, 2001 und 2003 neue unbemannte Flüge
zum Mars durchführen.
Die National Science Foundation feiert im Jahr 2000
ihr 50-jähriges Bestehen. Aus Anlaß dieses Jahrestages und um junge Menschen zu einer wissenschaftlichen Laufbahn zu ermutigen, wird die Stiftung das
Programm "National Science Foundation 2000" ins
Leben rufen - eine nationale Kampagne über die
Bedeutung von Wissenschaft, Technik und Mathematik.
Wir wissen bereits aus zahllosen Berichten, daß sich
nicht nur das Jahrtausend wendet, sondern auch die
Daten in unseren Computern. Die Experten machen
sich Sorgen, daß viele unserer Informationssysteme
nicht zwischen den Daten im 20. und 21. Jahrhundert
unterscheiden können. Ich möchte dem amerikanischen Volk versichern, daß die Bundesregierung in

AMERIKA DIENST 16

�Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten, den Kommunen und dem Privatsektor Schritte
unternimmt, um Unterbrechungen bei den staatlichen
Dienstleistungen zu vermeiden, die von einem guten
Funktionieren der staatlichen Computersysteme
abhängen. Wir können nicht zulassen, daß das
amerikanische Volk sich auf ein neues Jahrhundert
und ein neues Jahrtausend vorbereitet, während seine
Computer - das Symbol modernen Lebens und des
neuen Zeitalters - es behindern. Wir sind entschlossen, das nicht zuzulassen.
Sechstens müssen wir sicherstellen, daß wir das uns
von Gott gegebene Land für zukünftige Generationen
bewahren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärte
Theodore Roosevelt: "Wir bauen unser Land nicht für
einen Tag auf - es soll die Zeiten überdauern." Am
Vorabend eines neuen Jahrhunderts haben wir eine
moralische Verpflichtung, dieser Forderung weiterhin
gerecht zu werden. Wir haben uns bereits für den
Schutz einiger unserer größten Schätze eingesetzt vom Lake Tahoe über das Grand Staircase-Escalante
National Monument bis zu den Florida Everglades.
Und wir arbeiten daran, das sehr reale Problem des
Klimawandels im kommenden Jahrhundert zu bekämpfen.
Als nächstes müssen wir alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um den Geist des Dienstes an
der Gemeinschaft wiederzubeleben. Jeder Amerikaner sollte die Chance dazu erhalten. Und ich freue
mich sehr, daß AmeriCorps, unser Programm für den
nationalen Sozialdienst, sich zum Ziel gesetzt hat, die
Zahl seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter bis zum Jahr
2000 zu verdoppeln. Ferner freue ich mich, daß das
Peace Corps auf dem Vermächtnis seiner Dienste
aufbauen wird, indem es sich vornimmt, den Umfang
seiner globalen Partnerschaft für das Lernen - World
Wise Schools - bis zur Jahrtausendwende zu verdreifachen. Dieses Programm verbindet die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Peace Corps mit Lehrern
und Schülern hier in Amerika, um internationale und
interkulturelle Verständigung zu fördern.
Und schließlich müssen wir weiterhin als ein Amerika
zusammenkommen. Walt Whitman hat einmal gesagt:
"Wir sind eine Nation der Nationen." Unsere in
unserer Demokratie lebende Vielfalt ist die Quelle
unserer Kreativität, unseres Erfindungsgeistes und
unserer Fähigkeit zu weltweiter Kommunikation. Aus
diesem Grund habe ich im Juni unsere amerikanischen Mitbürger dazu aufgerufen, einen großen
nationalen Dialog über Rasse und Versöhnung zu
beginnen, damit wir gut in das neue Jahrtausend
kommen.
Dies sind nur einige Arten, auf die wir das neue
Jahrtausend feiern und es zu unserem machen.
Letztlich muß jeder Amerikaner entscheiden, welches
Geschenk er der Zukunft machen möchte, aber alle

AMERIKA DIENST 16

haben eine Verantwortung gegenüber unserem
gemeinsamen Schicksal. Daher möchte ich jeden
Bürger, jede Familie und jede Gemeinde auffordern
darüber nachzudenken, auf welche Weise wir das
Jahrtausend feiern und seiner gedenken können - vom
Wiederaufbau und der Verjüngung unserer Gemeindeschulen bis zur Wiederherstellung historischer
Denkmäler und der Aufzeichnung mündlich überlieferter Geschichten von Familienangehörigen.
Die Städte in ganz Amerika planen bereits ihre eigenen
Feiern. In den nächsten drei Jahren werden die First
Lady und ich mit Gouverneuren, Bürgermeistern und
Gemeindevertretern zusammenarbeiten, um dieses
Jahrtausend wirklich zu einer nationalen Feier für die
Zukunft zu machen. Ich lade Sie ein, uns Ihre Gedanken zu übermitteln, indem Sie unsere neue Webseite
über das Jahrtausendprogramm des Weißen Hauses
unter www.whitehouse.gov besuchen.
Ich habe
beschlossen, daß ich eine Zukunft habe, wenn ich 800
Nummern und Webseiten vergebe. Wir können nur
hoffen, daß wir ebenso viele Besucher haben wie die
National Archives Gouverneur Carlin zufolge.
Das ist eine ernsthafte Sache. Wir wollen die besten
Ideen für diese Gedenkfeier und die größtmögliche
Anzahl von Amerikanern zur Zusammenarbeit mobilisieren und motivieren, um einen Beitrag zur Zukunft zu
leisten. Und die Technologie kann uns dabei behilflich
sein. Wir möchten, daß Menschen jeglichen Alters und
aus allen Lebensbereichen uns ihre Ideen über die
Webseite vermitteln. In den nächsten drei Jahren wird
die Webseite uns auch die Chance bieten, dem
amerikanischen Volk unsere Planungen mitzuteilen.
Wir werden die besten örtlichen Projekte mit dem
Ehrentitel "Jahrtausendgemeinde" auszeichnen. Und
wir werden diese Geschichten auf unseren Webseiten
veröffentlichen, damit andere Gemeinden sie lesen
und aus ihnen lernen können. Andere Nationen sind
außerordentlich interessiert an unseren Plänen für das
neue Jahrtausend, und aus diesem Grund überträgt
die Voice of America diese Veranstaltung weltweit. Die
Voice of America hat auch ihr eigenes Projekt - eine
Reihe besonderer Sendungen darüber, wie wir das
Jahrtausend feiern.
Wir markieren unser Leben mit Meilensteinen und
Geburtstagen. Wir markieren die Geschichte unserer
Nation mit Gedenkfeiern - der Zweihundertjahrfeier
unserer Unabhängigkeit, dem 50. Jahrestag der
alliierten Landung in der Normandie, dem 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs im Pazifik und
nächsten Monat mit dem 40. Jahrestag der historischen Entscheidung des Obersten Bundesgerichtshofs
über die Aufhebung der Rassentrennung in der
zentralen High School von Little Rock.
Jeder unserer wichtigsten Wendepunkte war eine
Bekräftigung unserer Werte, und während wir ihrer

Seite 3

�gedenken, erneuern wir diese Werte und gewinnen
neue Energie aus ihnen. Angesichts des neuen
Jahrtausends müssen wir jetzt über unsere Verpflichtung gegenüber der Zukunft entscheiden. Vor
langer Zeit stellte Thomas Paine fest: "Es liegt in
unserer Macht, die Welt von neuem zu beginnen." Wir
haben das immer im Hinblick auf unser Land geglaubt,
und wir müssen jetzt an der Schwelle zu diesem neuen
Jahrtausend Bilanz ziehen und uns verpflichten, die

Welt für unsere Kinder, unsere Kindeskinder und für
die Menschen, die in einem neuen Jahrhundert leben,
neu zu beginnen. Den Menschen dieses neuen
Jahrhunderts müssen wir alle unsere besten Geschenke geben. Für sie werden wir dieses Jahrtausend
feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Recht und Glauben
von Richter Anthony Kennedy

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Richters am Obersten Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten, Anthony Kennedy, die er am 2. August 1997 vor der Jahresversammlung des
amerikanischen Anwaltvereins in San Francisco gehalten hat.

Unser Berufsstand und unser Recht sind ein Spiegelbild der Vereinigten Staaten. Der juristische Beruf ist
ein Spiegelbild des Erbes der Nation, ihres gegenwärtigen Zustands und ihrer Zukunft. Richterin O'Connor
und ich wissen, daß viele von Ihnen keine detaillierte
Kenntnis der Gerichtsbeschlüsse für Ihr spezielles
Fachgebiet benötigen. Wir wissen, daß nicht jeder
Anwalt jeden Tag in die Kanzlei eilt um zu lesen, was
wir in der amtlichen Sammlung der Entscheidungen
des Obersten Bundesgerichts geschrieben haben.
Viele Anwälte erteilen Ratschläge, um die Beziehungen und Transaktionen zu erleichtem, die sich ohne
die Notwendigkeit eines Eingreifens der Regierung
ergeben. In diesen unterschiedlichen Fachbereichen
erfreuen Sie alle sich der Freiheit. Wir wissen auch,
daß es ein spezielles Band zwischen allen Richtern
und Anwälten gibt. Wir sind durch den Beruf verbunden. Von Beginn der Republik drängten Anwälte für
Wirtschaftsrecht Kollegen, die sie besonders bewunderten, zur Tätigkeit in der Judikative, wodurch sie
Vertrauen und Solidarität in allen Bereichen des Berufs
zum Ausdruck brachten. Wir sind durch unser gemeinsames Erbe und unser gemeinsames Jurastudium verbunden, und so sprechen wir dieselbe Sprache
- die Sprache des Gesetzes. Einer von Ihnen kann
den Telefonhörer in die Hand nehmen und mit einem
Juristen sprechen, den er nie getroffen hat und der von
Ihnen durch einen Kontinent und vielleicht eine oder
zwei Generationen getrennt ist. Dennoch kennen Sie
sich in dem Sinne, daß dieses Band sie verbindet und
Sie diese Sprache des Gesetzes sprechen. Die
Sprache unseres Berufs ist eine unserer großartigen
nationalen Ressourcen. Viele andere Menschen und
viele andere Gesellschaften beneiden uns darum.

AMERIKA DIENST 16

Und dennoch sehen sich unser Berufsstand und die
Nation trotz unserer historischen Stärke und unseres
Prestiges mit einer schwierigen und drängenden
Aufgabe konfrontiert. Jeder heute bei dieser Versammlung Anwesende muß ihr Gewicht spüren.
Unsere Aufgabe besteht in der Bestätigung und
Bekräftigung des Glaubens unserer Mitbürger an das
Gesetz. Wenn die Rechtsstaatlichkeit erhalten werden
soll, müssen wir unseren Glauben an ihre einfachsten,
grundlegenden Prinzipien wiederherstellen und
wiederbeleben. Das Recht muß im Bewußtsein eines
Volkes leben. In einer freien Gesellschaft muß das
Recht ein Teil unseres intellektuellen Bewußtseins
sein. Der Glaube muß konstant sein, um dieses
Bewußtsein zu schaffen und dann zu bewahren. Es
wäre eine Übertreibung, wenn ich sagen würde, es
gäbe eine Krise des Unglaubens in unserer Nation,
aber unser erneutes und vertieftes Engagement ist
dennoch vordringlich. Wir dürfen nicht warten, bis wir
am Rande des Abgrunds stehen.
Wir müssen uns verstärkt für das Recht in seinem
grundlegendsten Sinn engagieren, nicht nur für uns
selbst, sondern für die neuen aufstrebenden Demokratien, die von uns den Beweis erwarten, daß die
Rechtsstaatlichkeit funktioniert. Auch an diesen Orten
gibt es oder könnte es bald eine Krise des Unglaubens
geben.
Hier ein Beispiel. Während der letzten Sitzungsperiode des Obersten Bundesgerichts und nach über
einjähriger Planung konnten wir in Washington ein
Treffen der Gerichtsvorsitzenden der Länder der
westlichen Hemisphäre von Kanada bis Argentinien
und Uruguay einberufen. Die Richter führten drei Tage
lang Gespräche. Unser Präsident des Obersten

Seite 1

�Bundesgerichtshofs und die Richter O'Connor, Scalia
und Breyer hielten ebenso wie ich Vorträge über
verschiedene Themen. Mein Vortrag widmete sich
einen ganzen Vormittag lang Fragen juristischer Ethik
und juristischer Unabhängigkeit. Ich erörterte die
theoretischen Grundpfeiler der juristischen Unabhängigkeit sowie einfache Regeln wie die Feststellung der
Nichteignung aufgrund finanzieller Interessen und das
Verbot einseitiger Kontakte zum Gericht. Als ich
geendet hatte, bat einer der Vorsitzenden aus Südafrika - ein äußerst engagierter Jurist - um das Wort.
Er sagte: "Richter Kennedy, ich stimme mit allen Ihren
Ideen, Konzepten und Vorschlägen überein. Das von
Ihnen beschriebene System ist das, was wir anstreben, nach dem wir uns alle sehnen. Und dennoch
können wir es nicht haben. Unsere Juristen und
unsere Bürger würden eine so rigorose Ethik nicht
einhalten können. Unsere Bürger würden nicht
glauben, daß dies möglich ist." Es wurde still im Saal.
Die Stille war quälend, greifbar und schmerzlich. Wir
wußten, daß dies einer der unerwarteten Augenblicke
bei einem Seminar oder Treffen war, der einen Wendepunkt markiert. Ich konnte nur eine Antwort geben.
Ich sagte: "Herr Vorsitzender, Sie müssen diese
Rechtskultur ändern, und Sie müssen heute damit
beginnen. Die Freiheit Ihres Volkes steht auf dem
Spiel."
Die neuen Demokratien in Ost- und Zentraleuropa
sehen sich mit einer ähnlichen Herausforderung
konfrontiert. Sie befinden sich am Scheideweg in der
Geschichte der menschlichen Freiheit. 1848 entschied
sich Deutschland gegen demokratische Institutionen
und leitete so eines der zerstörerischsten Jahrhunderte ein, das die Welt je gesehen hat. Heute hat die
Demokratie Ost- und Zentraleuropa erreicht, aber sie
steht noch auf tönernen Füßen. Die Geschichte wird
noch urteilen müssen, ob die Demokratie dort sicher
ist. Diese Nationen, die so mutig die Einführung der
Rechtsstaatlichkeit versuchen, werden von mächtigen
gegnerischen Kräften bedrängt: Verbrechen, Korruption und der Gefahr eines Demagogen, der die falschen Ideen lehrt. Es wäre tragisch, wenn ehrliche
Menschen, die das Funktionieren der Rechtsstaatlichkeit wollen, nicht mit diesen Kräften ringen könnten.
Die Menschen in Ost- und Zentraleuropa dürfen nicht
denken, sie hätten einfach die Gesetzlosigkeit eines
Diktators gegen die Gesetzlosigkeit des Mob eingetauscht. Sie müssen sicher sein, daß es einen Ort der
Ruhe zwischen der Skylla der Tyrannei und der
Charybdis der Anarchie gibt. Sie blicken auf die
Vereinigten Staaten, um den Stand unserer Gesetze,
den Tenor unserer öffentlichen Debatte und den
Zustand unserer gesamten sozialen Ordnung zu
erfahren. Was sie sehen, kann einen echten Unterschied bei ihrer Entschlossenheit und ihrem Durchhaltevermögen bewirken.
Lassen Sie uns dann die Grundsätze erwägen, an die
unsere eigene Gesellschaft und unser Volk glauben

Seite 2

und die sie bewahren müssen, wenn unsere Rechtsordnung sicher und eine Quelle der Inspiration für uns
und andere sein soll. Am Anfang wissen wir, daß wir
einen gemeinsamen Glauben an einige generelle
Prinzipien teilen, die Staatstreue vorschreiben und
eine Vielfalt von Überzeugungen berücksichtigen.
Freie Institutionen setzen diese Vielfalt voraus. Die
Verfassung der Vereinigten Staaten, die Charta von
1789 mit der Bill of Rights und ihren elementaren
Verfassungszusätzen, ist ein notwendiger Ausgangspunkt. Diese Verfassung ist unsere grundlegende
Charta, das Instrument, das die Gerichte interpretieren,
das Dokument, das weiterhin ein Monument in der
gesamten Geschichte des menschlichen Denkens ist.
Sie kennen diese Verfassung sehr genau, und unser
Volk hält sie in Ehren.
Die Grundsätze, die ich erörtern möchte, beziehen sich
auf Verfassungen im allgemeinen. Verfassungen
beinhalten den Gesamtzustand unserer Gesellschaft
mit allen Konventionen, Sitten, Gebräuchen und
Überzeugungen, die freie Menschen charakterisieren.
Das gilt auch, wenn die Verpflichtungen nicht durch
das Gesetz durchgesetzt werden können und sollten.
Ich meine die Verfassungen, über die Plato und
Aristoteles, Hobbes und Locke sprachen, als sie
untersuchten, ob eine Gesellschaft anständig und
gerecht ist. Verfassungen im allgemeinen setzen
dauerhaften Glauben unsererseits an bestimmte
Regeln voraus, wenn die offizielle Verfassung und die
Rechtsstaatlichkeit gesichert sein sollen. Die Anwaltschaft hat eine besondere Verantwortung zur Wahrung
dieser Grundsätze, von denen ich heute drei ansprechen möchte.
Erstens müssen wir auf der Verantwortung des
Einzelnen bestehen. Jeder muß die Verantwortung für
seine Taten übernehmen. Dieser Grundsatz beinhaltet
die Pflicht zur Umsetzung des Strafrechts und des
bürgerlichen Rechts, erstreckt sich aber auch auf
Bestrebungen der Gesellschaft und die gesellschaftlichen Beziehungen. Persönliche Verantwortung ist für
die Definition von Individualität unerläßlich. Jedes
Mitglied unserer Gesellschaft - auch junge Menschen muß diese Idee verstehen und respektieren. Freiheit
des Einzelnen setzt Verantwortung des Einzelnen
voraus.
Dieses Thema taucht in mehreren Zusammenhängen
auf. Als ein Beispiel möchte ich die Verteidigung mit
dem Argument verminderter Rechtsfähigkeit im
Strafrecht nennen. Wenn dieses im Strafrecht überhaupt anerkannt wird, sollte das nur in den seltensten
Fällen geschehen. James Q. Wilson erzählt von
einem Kriminalfall, bei dem ein Mann eines Verbrechens angeklagt wurde, das er begangen haben
soll, als er sich an einem Aufstand beteiligte. Er
plädierte auf verminderte Rechtsfähigkeit, da er von
der Aufregung und den Emotionen mitgerissen worden
sei. Das ist eine seltsame Verdrehung der Rechts-

AMERIKA DIENST 16

�Staatlichkeit. Unsere Gesellschaft ist mitfühlend und
daher versucht, den Einzelnen aufgrund früherer
Ungerechtigkeit oder hartnäckiger sozialer Mißstände
von der Verantwortung zu entbinden. Wenn wir
unsere Gesellschaft verbessern möchten, müssen wir
uns mit diesen Defiziten befassen, was aber nicht so
weit gehen sollte, daß die Idee persönlicher und
moralischer Verantwortung unterminiert wird. Wir
dürfen das Grundprinzip nicht verdecken.
Wenn unsere Nation sich vor der Geschichte rechtfertigen muß, werden wir nicht verminderte Rechtsfähigkeit zu unserer Verteidigung anführen können.
Und wenn unsere Helden gezählt werden, gehören
dazu diejenigen, die erkannt haben, daß die Verantwortung des Einzelnen die Freiheit fördert, nicht
verweigert.
Der zweite und dritte Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit
sind Vernunft und staatsbürgerliches Verhalten. Diese
Grundsätze gelten ganz allgemein für alle gesellschaftlichen Bestrebungen. Zum Beruf des Juristen
gehört die besondere Verpflichtung zu vernunftbestimmtem und staatsbürgerlichem Verhalten, denn
wir wollen Ordnung in eine andernfalls ungeordnete
Debatte bringen. Vernunftbestimmtes und staatsbürgerliches Verhalten sollten zwei der wichtigsten
Beiträge darstellen, die der juristische Beruf zur
sozialen Ordnung leisten kann.
Die Verpflichtung zur Vernunft ist das eine freie
Gesellschaft untermauernde Grundprinzip. Zweifelsohne impliziert es andere elementare Werte wie
Neutralität, Objektivität und Aufrichtigkeit, die Lincoln
und so viele Juristen in diesem Land unter Beweis
stellten. Die Idee der Vernunft ist, daß eine durch das
Gesetz geeinte Gruppe von Bürgern ein Problem
ausreichend informiert untersuchen und zu einer
vernünftigen, gemeinsamen Schlußfolgerung gelangen
kann. So müssen wir im Rahmen des offiziellen
Rechtssystems, beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen mit Geschworenen, vorgehen. Und so sollten
Bürger, insbesondere Juristen, unsere öffentliche
Debatte führen.
Betrachten Sie sich die Debatten über Vorschläge zur
Verbesserung oder Förderung des Rechtssystems. Es
gibt kaum ein Spektakel, das destruktiver für das
Ansehen unseres Berufs ist, als wenn ein Jurist oder
eine Gruppe von Juristen zu Vorschlägen über
Gesetzesänderungen Stellung nehmen, die nur auf
den finanziellen Eigeninteressen dieser Juristen
basieren. Unser Berufsstand und die Nation verdienen
Ihr objektives Urteil und kein von Eigeninteressen
geleitetes Lobbying. Bisweilen müssen wir als bezahlte Waffe eines anderen agieren; wir brauchen jedoch
keine bezahlte Waffe für uns selbst zu sein.

Bestandteil. Staatsbürgerliches Verhalten ist ein
populärer Ausdruck, weil er nicht politisch belastet ist
und keine parteipolitischen Implikationen hat. Und
genau darum geht es. Daß dieses Konzept akzeptabel
ist, zeigt, daß es grundlegend und nicht belanglos ist.
Es handelt sich nicht um eine zufällige Idee, einen
Ausdruck, vor dem wir uns kurz verneigen, bevor wir
uns in eine erbitterte Debatte stürzen. Es ist kein
Slogan auf irgendeinem Aufkleber wie "Hast Du heute
schon Deinen Feind umarmt?" Staatsbürgerliches
Verhalten ist das Kennzeichen einer erfolgreichen und
herausragenden Persönlichkeit - und mehr. Es ist ein
Selbstzweck. Staatsbürgerliches Verhalten ist tief in
der Idee verwurzelt, den Einzelnen zu respektieren.
Wir behandeln uns mit gegenseitigem Respekt, weil
wir die Bestrebungen anderer Menschen und ihre
Gleichstellung in der demokratischen Gesellschaft
respektieren. Wir müssen Staatsbürgertum in jedem
Teil unseres Rechtssystems und der öffentlichen
Debatte wiederherstellen. Staatsbürgerliches Verhalten definiert unser gemeinsames Anliegen einer
Förderung der Rechtsstaatlichkeit. Unsere ehrlichen
und anständigen Bürger müssen dazu überredet
werden, sich im öffentlichen Leben zu engagieren,
aber sie werden das nur ungern tun, wenn unser
Dialog nicht durch staatsbürgerliches Verhalten
charakterisiert ist. Wenn unsere besten Bürger unsere
Debatte nicht bewundern, werden Angehörige anderer
Nationen das erst recht nicht tun - die Menschen, die
nach den Prinzipien verlangen, die die Grundlage
gemeinsamer Überzeugungen sind und die Rechtsstaatlichkeit in einer Gesellschaft untermauern.
Staatsbürgerliches Verhalten bedeutet nicht, daß die
Argumente eines Juristen nicht überzeugend sein
dürfen. Es übersieht auch nicht die elementare Rolle
des Juristen oder Bürgers, die ihre Stimme aus Protest
gegen die Ungerechtigkeit erheben müssen. Die Idee
des Protests ist in unserer gesetzlichen Tradition von
lebenswichtiger Bedeutung. Protest enthält oft eine
Bitte, die die Gesellschaft lieber nicht hören möchte,
was jedoch nicht heißt, daß sie der Staatsbürgerlichkeit entbehrt. Gezielter Protest ist Protest gegen
Ungerechtigkeit, und Ungerechtigkeit ist grober Mangel
an staatsbürgerlichem Verhalten. Die Geschichte von
Antigone, die ihren Bruder entgegen dem gesetzlosen
Befehl des Tyrannen beerdigt; die Realität von Rosa
Parks würdevoller Weigerung, sich im Bus einen
anderen Sitzplatz zu suchen; das Bild eines jungen
chinesischen Studenten, der kurz vor den tragischen
Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens
einen Panzer stoppt; die von Wel Jingshend in seiner
Zelle in China verfaßte - in sehr höfliche Worte gekleidete - vernichtende Kritik an den Politikern - all diese
Proteste spiegeln den amerikanischen Geist wider.
Wir dürfen jedoch eines nicht vergessen: Freiheit mag
aus Protest geboren werden, sie überlebt jedoch nur in
einem Rechtsstaat.

Staatsbürgerliches Verhalten - der dritte Grundsatz ist eng mit Vernunft verbunden, wenn nicht sogar ihr

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�Das bringt mich zurück an den Anfang meiner Ausführungen. Das Recht kann nicht im Bewußtsein der
Menschen leben, ohne daß diese von den Prinzipien
individueller Verantwortung, Vernunft und Staatsbürgerlichkeit überzeugt sind. Niemand ist stärker an
einem erneuten Engagement für Rechtsstaatlichkeit
und diese Grundsätze interessiert und offener dafür als
die heutige Generation der Jurastudenten und jüngsten Absolventen juristischer Fakultäten. Abschließend möchte ich kurz auf sie zu sprechen kommen.
Ich besuche juristische Fakultäten in verschiedenen
Regionen und sogar verschiedenen Ländern und habe
gerade einen Kurs abgeschlossen, den ich in Europa
gelehrt habe. 120 Studenten von 23 verschiedenen
juristischen Fakultäten aus den Vereinigten Staaten
und anderen Ländern nahmen daran teil. Ich muß
sagen, daß ich in meinen mehr als 33 Jahren Unterrichtserfahrung keine Generation mit so viel Mäßigung,

*

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Anstand, Altruismus, Vernunft, staatsbürgerlichem
Verhalten und Sinn für staatsbürgerliche Pflichten
erlebt habe. Viele Professoren der Jurisprudenz und
anderer Disziplinen sowohl hier als auch im Ausland
teilen meine Ansicht. Diese jungen Menschen, die
bald die wichtigsten Treuhänder unserer rechtlichen
Tradition sein werden, möchten hören, daß es eine
Ehre ist, Mitglied der Anwaltschaft und dieses Anwaltsvereins zu sein. Wenn wir uns jetzt erneut dem
Glauben an das Gesetz und seine Grundsätze verschreiben, werden wir sie nicht enttäuschen. Unser
erneutes Engagement und unsere erneute Bekräftigung dieser Grundsätze werden die Grundlage für ein
neues Bündnis mit allen Demokratien bilden - kein
Bündnis der Waffen, sondern des Glaubens an die
Erhöhung der Standards, die das Recht, die Rechtsstaatlichkeit sichern - das Recht, das das einzige Mittel
ist, die Fortschritte der Menschheit zu sichern.

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�NAHER

OSTEN
20. August 1997

Albright verurteilt Gewalt, Terror
und unilaterale Aktionen
Rede der US-Außenministerin

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Madeleine Albright am 6. August
1997 vor dem National Press Club gehaltene Rede.

Der israelisch-palästinensische Friedensprozeß
Verehrte Mitglieder des National Press Club, liebe
Gäste, Kollegen und Freunde. Ich freue mich sehr,
daß wir unter der Führung Präsident Clintons während
des ersten halben Jahrs meiner Amtszeit als Außenministerin Fortschritte auf mehreren Gebieten erzielt
haben, die für Sicherheit, Wohlstand und das Wertesystem des amerikanischen Volkes von Bedeutung
sind.
Die Vereinigten Staaten sind der Chemiewaffenkonvention beigetreten.
Die NATO hat drei der neuen zentraleuropäischen
Demokratien zum Beitritt eingeladen und historische
Partnerschaften mit Rußland und der Ukraine begonnen.
Der Kongreß hat einer stärkeren Finanzierung internationaler Angelegenheiten zugestimmt und einen Plan
ausgearbeitet, die UN-Reform anzukurbeln und
gleichzeitig die amerikanischen Zahlungsrückstände
bei dieser Organisation zu begleichen.
Wir machen Fortschritte bei der Implementierung des
Daytoner Abkommens und der Förderung des Kriegsverbrechertribunals.
Wir haben normale Handelsbeziehungen zu China
wiederhergestellt, gleichzeitig aber offen unsere
Besorgnis über die Weiterverbreitung von Waffen
sowie unsere Unterstützung der Menschenrechte
gezeigt.

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Wir haben neue Richtlinien für unsere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Japan entworfen,
Fortschritte auf dem Weg zu Vierparteiengesprächen
in Korea erzielt, unsere Arbeitsbeziehungen zu
Mexiko, Zentralamerika und der Karibik gestärkt und
einen Plan zum Ausbau von Handel und Investitionen
in Afrika bekanntgegeben. Insgesamt war es eine
bemerkenswerte Zeit. Bedauerlicherweise sind die im
Nahen Osten - einem für unsere Interessen wichtigen
Gebiet - erzielten Fortschritte zwischen Israelis und
Palästinensern jetzt in Gefahr.
Heute möchte ich die Gründe für den Stillstand des
Friedensprozesses in dieser Region erörtern und
Vorschläge für die Wiederherstellung der positiven
Dynamik unterbreiten.
Die Dringlichkeit dieses Ziels trat vor einer Woche zu
Tage, als bei dem Bombenanschlag auf den Mahane
Yehuda Markt in Jerusalem 13 Israelis - darunter einer
mit amerikanischem Paß - umkamen und 168 verletzt
wurden. Hinter diesen Zahlen verbergen sich die
Gesichter von Müttern, Vätern, Großeltern und Kindern, die umgebracht wurden - nicht wegen etwas, das
sie getan hatten, sondern nur aus dem Grund, wer und
wo sie waren. Tragischerweise ist das israelische Volk
- nach nahezu 50-jähriger Geschichte seines Staates immer noch die Zielscheibe einer mörderischen
Terrorkampagne.
Kein Volk sollte so leben müssen.
Gleichzeitig sagen solche Vorfälle auch etwas sehr
Positives und Richtiges über das israelische Volk aus:
Daß es sich niemals an derartige Ereignisse gewöh-

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�nen und niemals aufhören wird, darauf mit Empörung
und Trauer zu reagieren, die verfrüht beendeten
Menschenleben zu betrauern, die Familien zu trösten
und ein Ende der Terroranschläge zu fordern - und
daß es sich niemals geschlagen geben wird.
Es sagt auch etwas Hoffnungsvolles über die Zukunft
des Nahen Ostens aus, daß diesen Sommer 162
arabische, israelische und palästinensische Teenager
an einem vom Programm "Saat des Friedens" gesponserten Ferienlager in den Wäldern von Maine teilnehmen, und daß dieser tragische Bombenanschlag diese
jungen Menschen durch den Schock, die Trauer und
Entschlossenheit geeint hat, dem Teufelskreis der
Gewalt in ihrer Region ein Ende zu setzen.
Amerikaner nehmen Anteil an allen diesen Gefühlen
und Reaktionen. Unsere Gedanken sind bei den
Familien und Freunden der vergangene Woche
Getöteten oder Verwundeten. Wir stehen Israel bei
seinem Kampf gegen den Terror zur Seite. Wir
bewahren unser unerschütterliches Engagement für
die israelische Sicherheit. Und wir verurteilen gemeinsam mit anderen Regierungen und Völkern aus jedem
Teil der Erde den brutalen Anschlag von letzter
Woche.
Wir haben klare Überzeugungen. Terrorismus ist ein
Übel, für das es keine Rechtfertigung gibt. Er ist ein
Instrument von Feiglingen. Er tötet Unschuldige nicht
zufällig, sondern absichtlich. Und die Absicht im
Nahen Osten ist, den Friedensprozeß zu zerstören,
indem die Sicherheit untergraben und die Hoffnung auf
Frieden vernichtet wird.
Wir wissen noch nicht, wer den Bombenanschlag auf
den Mahane Yehuda Markt verübt hat.
Aber wir können sicher sein, daß dieses Verbrechen
nicht wahllos verübt wurde. Terroristen schlagen oft
zu, wenn sie der Ansicht sind, daß die Parteien
Fortschritte machen. Es mag mehr als nur ein Zufall
sein, daß der jüngste Anschlag kurz nach der Ankündigung verübt wurde, daß die im Rahmen des HebronAbkommens geschaffenen Interimsausschüsse ihre
Verhandlungen wiederaufnehmen würden - und am
Vorabend der amerikanischen Bestrebungen, sich an
der Überwindung der gegenwärtigen Pattsituation zu
beteiligen.
Wir haben im arabisch-israelischen Friedensprozeß zu
viel erreicht um zuzulassen, daß die Aasgeier der
Gewalt die Zukunft der Region bestimmen.
Es steht zu viel auf dem Spiel. In der Vergangenheit
wurden bereits zu große Opfer gebracht.
Und die Menschen in der Region wurden bereits zu
lange durch Blutvergießen und Streit belastet.

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Wir müssen denjenigen antworten, die dem Frieden
den Krieg erklärt haben, indem wir dem Terror den
Krieg erklären - in dem Wissen, daß die Schaffung von
Frieden und die Bekämpfung von Terrorismus keine
separaten Kämpfe sind, sondern vielmehr zwei Seiten
ein und desselben Kampfes. Wir können nicht in
einem Kampf erfolgreich sein, wenn wir nicht in beiden
die Oberhand behalten.
Der vor uns liegende Weg ist schwierig, aber dasselbe
gilt auch für den bereits zurückgelegten.
Im Lauf der Jahre war das Streben nach Frieden im
Nahen Osten bereits mehreren Erschütterungen,
Rückschlägen und Traumata ausgesetzt. Wir sahen
mit Entsetzen, wie Bombenanschläge auf Busse und
Märkte verübt, Schulkinder angegriffen, große Staatsmänner wie Präsident Sadat und Ministerpräsident
Rabin ermordet und Unschuldige sogar in Gotteshäusern niedergeschossen wurden.
Trotzdem kamen in Madrid, Oslo, Washington, Kairo
und am Arava historische Feinde zusammen und
sprachen die Sprache des Friedens. Wir waren
Zeuge, wie die Bande zwischen Arabern und Israelis
enger wurden und diese sich im Rahmen eines
Prozesses regionaler Zusammenarbeit schwierigen
Fragen wie Wasserversorgung, Umwelt und Flüchtlingsproblemen widmeten.
Wir haben gesehen, wie arabische und israelische
Geschäftsleute bei einer Reihe von Wirtschaftsgipfeln
Kontakt aufnahmen und die Grundlagen für verstärkten
Handel und Investitionen und erhöhten Wohlstand
legten.
Wir haben gesehen, wie umfassende Fortschritte zur
Beendigung des Sekundär- und Tertiärboykotts Israels
gemacht wurden, wodurch israelische Produkte für die
Welt und die Produkte der Welt für Israel zugänglich
wurden. Wir waren Zeuge substantieller Verhandlungen zur Erlangung einer umfassenden Einigung
zwischen Israel und allen seinen arabischen Nachbarn.
Und wir haben gesehen, wie viele Nationen außerhalb
dieser Region, die jedoch von ihr beeinflußt werden beispielsweise Rußland, Norwegen, Japan und
Mitglieder der EU - dem Frieden diplomatische,
politische und finanzielle Unterstützung gewähren. Wir
müssen uns fragen, warum dieser Prozeß alle Traumata überlebt hat, und wie er trotz Bitterkeit, Trauer,
Leid und Wut Bestand haben konnte.
Die Antwort lautet, daß die überwältigende Mehrheit
der Menschen in der Region - Israelis, Araber und
Palästinenser - zu der Überzeugung gelangt ist, daß
der Status quo inakzeptabel ist, die Kosten des
Konflikts zu hoch sind und das Streben nach Frieden

AMERIKA DIENST 16

�zumindest das Versprechen einer besseren Zukunft
beinhaltet.
Sie wissen, daß ihre Gesellschaften, wenn es keinen
Frieden gibt, weiterhin von den Sorgen der Vergangenheit gebeutelt werden, ihre Region auf dem Weltmarkt
weiter zurückfällt und ihre Kinder in Unsicherheit,
Gefahr und Angst aufwachsen.
Der Wunsch des Volkes nach Frieden ist dauerhaft,
unverwüstlich und stark.
Davor fürchten sich Extremisten und Terroristen am
meisten. Und aus diesem Grund hat der Friedensprozeß trotz des Bombenanschlags von vergangener
Woche und trotz weiterer Gewaltandrohung überlebt
und wird es auch in Zukunft tun.
Als Israelis und Palästinenser 1993 in Oslo zusammenkamen, trat das Bestreben zur Erlangung des
Friedens in eine neue Phase ein. Die Parteien einigten
sich erstmals auf gegenseitige Anerkennung. Und sie
beschlossen, wie die auf kollidierenden Ideologien und
Gewalt basierende ehemals unlösbare Konfrontation in
realisierbare politische Verhandlungen auf der Grundlage gemeinsamer Interessen umgewandelt werden
kann. Die Politiker konnten sich darauf einigen, weil
das israelische und palästinensische Volk die Notwendigkeit verstanden, sich gegenseitig anzuerkennen,
direkt miteinander zu sprechen und die politische
Identität des anderen zu akzeptieren.
Nachdem jetzt die Schwelle zu gegenseitiger Anerkennung überschritten worden ist, gibt es keine
Rückkehr zu gegenseitiger Ablehnung. Keine Partei
kann zu den früheren Zeiten zurückkehren.
Indem sich Israelis und Palästinenser einigten, sich
gegenseitig als Partner zu akzeptieren, unternahmen
sie einen unumkehrbaren Schritt zur Beendigung ihres
Konflikts.
Die Frage lautet heute nicht ob, sondern wann Israelis
und Palästinenser ein für beide Seiten akzeptables
Abkommen erlangen. Die Zeitfrage ist sehr wichtig.
Mit unserer Hilfe können sich Israelis und Palästinenser stetig einer besseren Zukunft nähern oder aber
weiterhin in gegenseitigem Mißtrauen und gegenseitigen Beschuldigungen verhaftet bleiben.
Je länger Entscheidungen hinausgeschoben werden,
desto mehr Konflikt und Leiden werden sich daraus
ergeben.
Ministerpräsident Netanjahu äußerte
kürzlich, an der Spitze Israels sei man wie "auf Rosen
gebettet", jedoch "mit vielen Dornen".
Ich nehme an, daß der PLO-Vorsitzende Arafat seinen
Job mit ähnlichen Worten beschreiben könnte. Man
kann nicht fair über den Nahen Osten sprechen, ohne
die Schwierigkeiten anzuerkennen, mit denen die

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führenden Politiker konfrontiert werden. Man kann
nicht zutreffend über die Region sprechen, ohne
anzuerkennen, wie wichtig der Frieden für das israelische und das palästinensische Volk gleichermaßen
ist und ohne anzuerkennen, daß beide Völker sich für
den Frieden entschieden haben.
In jeder Gesellschaft ist es wichtig, daß das Zentrum
harte Arbeit leistet, um die Oberhand über die Extremisten zu behalten. Und es ist von elementarer
Bedeutung, die Botschaft zu übermitteln, daß es nicht
länger akzeptabel ist, die für die Suche nach dem
Frieden erforderlichen schwierigen Entscheidungen zu
umgehen. Bedauerlicherweise gab es während der
letzten Monate seitdem verheißungsvollen Abkommen
über Hebron keine neuen Fortschritte. Jetzt werden
wir mit einer Vertrauenskrise konfrontiert, die bisherige
Fortschritte in Gefahr bringt, alte Animositäten Wiederaufleben läßt und Israelis und Palästinenser gleichermaßen mit Angst vor der Zukunft zurückläßt.
Um den gegenwärtigen toten Punkt zu überwinden,
müssen Israelis und Palästinenser zu den Grundprinzipien zurückkehren. Diese Prinzipien konzentrieren sich nicht auf den Inhalt der Verhandlungen,
über den die Parteien am Verhandlungstisch sprechen
müssen, sondern auf die viel grundlegendere Frage,
wie die Parteien die Verhandlungen angehen sollten,
um das günstigste Klima für Erfolg zu schaffen.
Welches sind diese Prinzipien? Erstens: Unerläßliche
Bedingung für Fortschritt ist die gegenseitige Verpflichtung zu Sicherheit und Gewaltlosigkeit. Das ist
grundlegend. Das gebietet der gesunde Menschenverstand. Im Friedensprozeß ist kein Platz für Gewalt
oder Terror und kein Platz für den Einsatz von sicherheitspolitischer Zusammenarbeit als Druckmittel
bei Verhandlungen.
Dieser Ansatz zerstört das
Vertrauen, leistet dem Extremismus Vorschub und
unterminiert die Aussichten auf Frieden.
In den letzten Monaten sind viele Israelis zu der
Überzeugung gelangt, daß die palästinensische
Autonomiebehörde ihr Versprechen zur Bekämpfung
des Terrors nicht ernst nimmt, den Worten der Palästinenser keine Taten folgen und die Worte selbst nicht
konsequent oder klar sind. Sie machen sich Sorgen,
daß die Gewalt auf den Straßen inszeniert sein könnte.
Und sie fragen sich, ob die palästinensische Autonomiebehörde alles in ihrer Macht Stehende unternimmt,
um Anstiftung zu Gewalt und Terroranschlägen zu
verhindern.
Sie fürchten, daß die Gewalt grünes Licht bekommt,
während in Oslo rotes Licht gefordert wurde, das für
den Friedensprozeß unerläßlich ist. Wir wollen nicht
das Unmögliche. Bei Selbstmordterroristen gibt es
kein perfektes System, um die Sicherheit zu garantieren. Wir können keinen hundertprozentigen Erfolg
erwarten. Wir müssen jedoch hundertprozentige

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�Bestrebungen im Hinblick auf unilaterale Maßnahmen
der palästinensischen Autonomiebehörde zur Bekämpfung des Terrorismus sowie bei der israelisch-palästinensischen Sicherheitszusammenarbeit in die Wege
leiten.
Was bedeutet das im Einzelnen? Es bedeutet Informationsaustausch und die Koordinierung von Maßnahmen im Bereich der Strafverfolgung. Es bedeutet
unermüdliche Bestrebungen zum Aufdecken potentieller terroristischer Gewaltakte und ihrer Abschreckung.
Es bedeutet Aufspüren und Beschlagnahme von
geheimen Waffenlagern, wie es der palästinensischen
Polizei vor zwei Wochen in Beit Sahour gelungen ist.
Es bedeutet die Festnahme und Verfolgung derjenigen, die an der Planung, Finanzierung, Unterstützung
oder Ermutigung des Terrorismus beteiligt sind. Und
es bedeutet, alles in unserer Macht Stehende zur
Schaffung eines moralischen Umfelds zu unternehmen, in dem die Befürwortung von Gewalt und Terror
abnimmt. Die Terroristen geben nicht auf, und deshalb
dürfen wir in unserem Kampf gegen sie ebenfalls nicht
aufgeben. In dieser Sache darf man kein Auge
zudrücken, es darf keine Doppeldeutigkeit oder
Doppelmoral geben - und im Hinblick auf die Gefangennahme von Terroristen keine Drehtüren.
Und das Niveau der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit darf nicht mit den Höhen und Tiefen der Verhandlungen schwanken.
Die Verpflichtung der
Palästinenser
zur
Bekämpfung des Terrors
muß konstant und absolut sein. Das ist von elementarer Bedeutung für Fortschritte beim Friedensprozeß.
Es ist offensichtlich erforderlich, in Israel ein Klima
größerer Sicherheit und größeren Vertrauens zu
schaffen. Aber das ist auch für die Palästinenser
unerläßlich.
Extremistische Gewalt stellt für die
palästinensische Gesellschaft eine große Bedrohung
dar. Palästinenser sind bisweilen direkte Zielscheibe
dieser Gewalt. Und sie leiden unter wirtschaftlichen
und humanitären Härten, wenn Israel die Gebiete
abriegelt.
Obwohl die Israelis zu häufig Opfer des Terrors
geworden sind, muß man fairerweise sagen, daß die
Anschläge durch den Islamischen Heiligen Krieg und
die Hamas auch von den Palästinensern einen
schrecklichen Preis gefordert haben - nicht nur in
ihrem täglichen Wohlergehen, sondern auch im
Hinblick auf ihre langfristigen Hoffnungen und Chancen. Israelis und Palästinenser müssen sich zur
Bekämpfung ihres gemeinsamen Feindes - des
Terrorismus - zusammenschließen. Sie müssen sich
zur Beendigung der Gewalt zusammenschließen, die
dafür Verantwortlichen verhaften und ein Umfeld
schaffen, in dem alle nicht nur überleben, sondern
auch prosperieren und die Aufgabe in Angriff nehmen
können, ein sicheres und produktives Leben auf-

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zubauen. Das ist das erste Prinzip von Oslo und der
Eckpfeiler eines dauerhaften Friedens.
Das zweite Prinzip ist, daß beide Seiten die Beilegung
ihrer Streitigkeiten über die Themen am Verhandlungstisch und nirgendwo sonst vereinbart haben. Es liegt
im Interesse beider Parteien, Schritte zu vermeiden,
die das Vertrauen des anderen in den Prozeß unterminieren. In der Praxis bedeutet das die Abkehr von
unilateralen Aktionen, die vorschnelle Entscheidungen
über Themen herbeiführen, die den Verhandlungen
über den endgültigen Status vorbehalten sind.
Ich möchte mich klar ausdrücken. Es gibt kein moralisches Äquivalent zwischen Selbstmordattentätern
und Planierraupen, zwischen der Ermordung unschuldiger Menschen und dem Bau von Häusern. Es
ist einfach nicht möglich, politische Themen ernsthaft in
einem Klima der Einschüchterung und des Terrors
anzusprechen.
Aber das Prinzip, nutzlose unilaterale Aktionen zu
unterlassen, ist entscheidend für die Bewahrung des
gegenseitigen Vertrauens. Insbesondere mit Blick auf
die Verhandlungen über den endgültigen Status ist es
unerläßlich, daß die Parteien überdenken, wie ihre
Aktionen das Umfeld für diese Verhandlungen beeinträchtigen.
Die Palästinenser argumentieren, daß Israel in den
vergangenen Monaten Aktionen unternommen hat, die
eine vorschnelle Entscheidung über Themen bewirken,
die den Verhandlungen über den endgültigen Status
vorbehalten sind. Dazu zählen Siedlungsaktivitäten,
Bauvorhaben in Har Homa und die Beschlagnahme
von Land. Diese Aktionen haben bei vielen Palästinensern Unsicherheit über die Absichten der Israelis
hervorgerufen, die Logik der Verhandlungen für sie
unterminiert und eine Vertrauenskrise gegenüber
ihrem israelischen Partner bewirkt. Die Frage ist
berechtigt: Wie kann man ein glaubwürdiges Umfeld
für Verhandlungen schaffen, wenn Aktionen erfolgen,
die das Ergebnis vorwegzunehmen scheinen?
Um das Vertrauen wiederherzustellen, müssen beide
Seiten ernsthaft und im Vorhinein über die möglichen
Auswirkungen dessen nachdenken, was sie tun und
sagen. Sie müssen mehr tun als zu fragen, ob eine
Aktion technisch legal ist; sie müssen fragen, ob sie
klug ist und im Einklang mit dem Geist ihrer Partnerschaft steht und sie den Zielen ihrer Abkommen
näherbringt.
Die dritte Regel für den Verhandlungsprozeß lautet,
daß beide Seiten mit Worten und Taten demonstrieren
müssen, daß sie Frieden nicht als eine Option von
vielen verstehen, sondern als die einzige Option, die
Sicherheit und Wohlergehen ihres Volkes bietet.

AMERIKA DIENST 16

�Es war diese gegenseitige Anerkennung, die Israel
und die Palästinenser zu Partnern beim Streben nach
Frieden machte. Und es ist die Logik dieser Partnerschaft, die eine Überwindung der Hindernisse und
Rückschläge der Vergangenheit möglich gemacht hat,
wie es das in diesem Jahr abgeschlossene HebronAbkommen demonstriert.
Sowohl die israelischen als auch die palästinensischen
Politiker haben einhellig ihre Verpflichtung zu Frieden
zum Ausdruck gebracht. Aber der Erfolg des Verhandlungsprozesses erfordert mehr. Sie müssen ihre
Verpflichtung zu Partnerschaft und Zusammenarbeit
bei der Lösung von Problemen bekräftigen.
Sie müssen bekräftigen, daß die Zukunft ihrer beiden
Völker kein Nullsummenspiel ist, bei dem eine Partei
gewinnt und die andere verliert, oder bei dem einer mit
einem Vorteil vor dem anderen vom Verhandlungstisch
aufsteht. Wenn zwei Menschen in einem Boot auf eine
Stromschnelle zusteuern, sollten sie nicht darüber
diskutieren, wie sie dorthin gekommen sind - sie
sollten gemeinsam auf das sichere Ufer zurudern.
Die Israelis und Palästinenser werden weiterhin
beträchtliche Differenzen bei ihren Verhandlungen
haben, insbesondere in der noch anzusprechenden
Frage des endgültigen Status. Das Ausmaß dieser
Differenzen macht es umso unerläßlicher, daß die
Parteien nach Wegen zum Wiederaufbau des gegenseitigen Vertrauens und zur Wiederherstellung eines
dynamischen Friedensprozesses suchen.
Der Geist der Partnerschaft muß beide Seiten motivieren. Und eine Anerkennung der legitimen Rechte
des Partners muß das Verhalten beeinflussen. In der
Tat muß die neue Geisteshaltung lauten: "Kein
Problem ist zu groß, als daß wir es nicht gemeinsam
lösen können."
Während Israelis und Palästinenser auf die Wiederbelebung ihrer Verhandlungen hinarbeiten, ist es
unabdingbar, daß die internationale Staatengemeinschaft ihren Teil zur Unterstützung dieser Bestrebungen beiträgt und erkennt, daß Wohlstand ein Vorläufer
des Friedens ist. Jede Nation mit einem Interesse an
der Region - insbesondere Israel - hat ein Interesse an
sozialen und wirtschaftlichen Fortschritten der palästinesischen Autonomiebehörde und sollte einen entsprechenden Beitrag dazu leisten.
Den arabischen Staaten kommt die Verantwortung
zum Aufbau des Friedens durch eine Normalisierung
der Beziehungen in ihrer gesamten Region zu. Dialog,
geschäftliche und persönliche Kontakte sollten an die
Stelle von Boykotten und Feindseligkeit treten. Das ist
die dem im November in Doha geplanten NahostWirtschaftsgipfel zugrundliegende Logik. Die Länder
in der Region werden dem Friedensprozeß und ihrer

AMERIKA DIENST 16

eigenen wirtschaftlichen Zukunft nur schaden, wenn
sie an diesem Gipfel nicht teilnehmen.
In diesem Zusammenhang möchte ich König Hussein
sowohl für seinen direkten Beitrag zu dem Friedensprozeß als auch für die von ihm unternommenen
Anstrengungen danken, die Araber und Israelis
gleichermaßen von den wirtschaftlichen und politischen Vorteilen des Friedens zu überzeugen.
Seit Jahrzehnten haben sich die Vereinigten Staaten
entschieden für einen umfassenden Frieden im Nahen
Osten engagiert. Ebenso wie seine Vorgänger mißt
Präsident Clinton dem oberste Priorität bei und arbeitet
hart an der Unterstützung der Bestrebungen der
Parteien zur Erlangung dieses Ziels.
Seit Jahren gründet die Politik der Vereinigten Staaten
gegenüber dem arabisch-israelischen Friedensprozeß
auf Schlüsselelementen, die unseren Ansatz unterstreichen.
Diese zentralen Elemente besitzen auch heute noch
Gültigkeit. Ich möchte sie nochmals hervorheben:
Wir streben einen gerechten und dauerhaften Frieden
an, der durch direkte Verhandlungen auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats erlangt wird, einschließlich des Prinzips, auf dem
jedes arabisch-israelische Abkommen aufbaut - Land
für Frieden. Unseres Erachtens muß der Frieden mit

wirklichem Schutz Israels und seiner arabischen
Nachbarn vor Bedrohungen von außen und Gewaltakten einhergehen.
Unserer Ansicht nach muß der Frieden gerecht,
dauerhaft, umfassend sein und zu Verträgen führen,
die auf normalen Beziehungen und einem echten
Frieden zwischen zwei Völkern basieren - auch
zwischen Israel und Syrien sowie Israel und dem
Libanon - und wir glauben, daß der Frieden die
legitimen politischen Rechte des palästinensischen
Volkes ansprechen muß. Prinzipien können jedoch
keine Abkommen hervorbringen. Die harte Verhandlungsarbeit tut das. Und die Vereinigten Staaten
haben über eine Vielzahl von Wegen versucht, diesen
Prozeß zu fördern.
Manchmal haben wir auf die Abschirmung und den
Schutz der Verhandlungen hingearbeitet. Wir haben
die Entschärfung von Krisen sowohl an der israelischpalästinensischen als auch an der israelisch-libanesischen Front angestrebt. Wir haben wirtschaftliche und
politische Unterstützung gewährt.
Und wir sind
manchmal sogar über die traditionelle Rolle des
Wegbereiters hinausgegangen und haben die des
Vermittlers gespielt wie bei den israelisch-syrischen
Gesprächen auf der Wye Plantation und während der
Hebron-Verhandlungen.

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�Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten keine Partei
in dem arabisch-israelischen Konflikt. Wir übernehmen nicht dieselben Risiken und Pflichten wie die
Parteien, die sich mit den Problemen der politischen
Identität und dem physischen Überleben befassen.
Infolgedessen können, sollten und werden wir keine
Lösungen aufzwingen.
Genausowenig können wir den politischen Willen
bewirken, den Araber und Israelis für die harten
Entscheidungen auf dem Weg zu Frieden benötigen.
Das sind ihre Entscheidungen - nicht unsere. Aber
angesichts unserer unerläßlichen Rolle und dem uns
entgegengebrachten Vertrauen haben wir die Pflicht, in
guten wie in schlechten Zeiten mit ihnen beim Streben
nach Frieden zusammenzuarbeiten.
In der Tat
möchten sie, daß wir diese Rolle spielen. Und das
werden wir weiterhin tun.
Als in den vergangenen Monaten die Verhandlungen
ins Stocken gerieten und sich die gegenseitigen
Beschuldigungen der Israelis und Palästinenser
verschärften, haben wir mehrfach versucht, den
Prozeß wieder auf Kurs zu bringen. In enger Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Präsidenten
Mubarak - unserem strategischen Partner im Frieden versuchten wir, eine Basis zu definieren, auf der sich
die Parteien wieder engagieren könnten. Wir haben
direkte Kontakte gefördert, um praktische Arbeitsbeziehungen zwischen Israelis und Palästinensern
wiederherzustellen.
Wir konzentrierten uns auf parallele Schritte, die jede
Seite unternehmen könnte, um die Anliegen der
anderen Seite anzusprechen. Wir bauten auf diesen
Kontakten auf, um die Diskussion über Probleme des
Interimsabkommens wiederzubeleben und entwickelten Ideen zur Überwindung der Differenzen, die eine
Anberaumung der Gespräche über den endgültigen
Status verhinderten.
Am Abend des Anschlags vom 30. Juli in Jerusalem
hatten der Präsident und ich in der Tat das Gefühl, es
sei an der Zeit, Dennis Ross zur Übermittlung der
amerikanischen Ideen in die Region zu entsenden.
Diese Reise wird er nun Ende dieser Woche antreten.
Botschafter Ross wird sich bei seinem Besuch vornehmlich auf die Sicherheitsdimension der gegenwärtigen Krise konzentrieren. Wenn die richtigen Schritte
zur Verbesserung des Sicherheitsumfelds unternommen werden, haben wir eine Basis für Fortschritte bei
politischen Themen - die wir erzielen müssen -,
angefangen mit der Notwendigkeit der Wiederherstellung des Vertrauens und Fortschritten bei der
Erfüllung der Bedingungen des Interimsabkommens.
Wir müssen jedoch auch bereit sein, mehr zu tun. Die
israelisch-palästinensische Vertrauenskrise hat den
Friedensprozeß sechs Monate gekostet. Verdächti-

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gungen und Mißtrauen sind an der Tagesordnung. Die
auf gegenseitiger Anerkennung basierende Logik von
Oslo ist überzeugend, aber der Gesamtansatz des
Interimsabkommens muß mit einem beschleunigten
Ansatz zu den Verhandlungen über den endgültigen
Status einhergehen.
Um wieder an Dynamik zu gewinnen, müssen wir auf
beiden Seiten das Vertrauen in den Verhandlungsprozeß und das mögliche Ergebnis der Gespräche
über den endgültigen Status wiederherstellen. Wenn
beide Parteien ein klares und positives Gefühl bezüglich der endgültigen Richtung der Verhandlungen
haben, wird es leichter für sie, Rückschläge zu
überwinden und Ablenkungen auf dem Weg zu
vermeiden. Das erfordert eine Beschleunigung der
Verhandlungen über den endgültigen Status.
Dieser Schritt ist heute vordringlich und wichtig. Unter
der Voraussetzung von Fortschritten bei den Sicherheitsfragen bin ich daher bereit, Ende dieses
Monats in den Nahen Osten zu reisen. Ich werde
intensive Konsultationen mit den Politikern der Region
und insbesondere mit den israelischen und palästinensischen Politikern führen, um das Klima für Verhandlungen zu verbessern sowie die verfahrenstechnischen und substantiellen Aspekte der Probleme des
endgültigen Status zu erörtern.
Die Wiederbelebung des israelisch-palästinensischen
Friedensprozesses wird nicht über Nacht erfolgen. Sie
erfordert Zeit. Aber Präsident Clinton und ich werden
weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, um den
Parteien zum Erfolg zu verhelfen.
Wir werden auch in Zukunft unsere Rolle als vollwertiger Partner übernehmen. In dieser Partnerschaft
dürfen nur die Parteien die Entscheidungen treffen,
aber wir können sie unterstützen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die Parteien die Verhandlungen
führen, aber wir können mit ihnen am Verhandlungstisch sitzen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die
Parteien die Gestalt bestimmen, die der Frieden
annehmen soll, aber wir können mit ihnen zusammenarbeiten, um diesen Frieden zu erleichtern, zu bewahren und zu erweitern.
Es besteht kein Zweifel daran, daß die Vereinigten
Staaten weiterhin alles zur Förderung des Friedens
zwischen Israelis und Palästinensern und im gesamten
Nahen Osten tun werden. Wir werden alles tun, weil
Fortschritte zu Frieden unseren elementaren Interessen dienen, zum Schutz unserer Freunde beitragen,
unsere Werte reflektieren und weil es richtig ist.
Keine Region der Welt hat größeres Leid oder länger
anhaltende Konflikte gesehen als der Nahe Osten.
Keine Generation hatte eine bessere Chance als die
gegenwärtige, den Teufelskreis des Konflikts zu
durchbrechen.

AMERIKA DIENST 16

�An der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert gibt es
keine Trennlinien des Kalten Krieges, die regionale
Rivalitäten schüren. Und der - einst dunkle - Weg zu
Frieden wurde zuerst in Madrid und dann noch klarer
in Oslo und den inzwischen geschlossenen Abkommen aufgezeichnet.
Israelis und Palästinenser gleichermaßen stehen jetzt
vor der Entscheidung über ihre Zukunft. Sie können
vor den Risiken des Friedens zurückschrecken und
eine Zukunft mit mehr Unsicherheit, Härten und
Kämpfen wählen, oder sie können zur Erneuerung
ihrer Partnerschaft und der Erfüllung der Versprechen
des Friedens zusammenkommen.
Für die Israelis ist dies das Versprechen einer prosperierenden Wirtschaft mit dem Potential des pazifischen
Beckens. Es ist die Gewißheit einer gemeinsamen
Front beim Kampf gegen den Terror, die Gewißheit der
stetigen Zunahme regionaler Zusammenarbeit und der
Fähigkeit, Kinder in Sicherheit und Frieden großzuziehen. Für die Palästinenser ist es das Versprechen des Endes von jahrzehntelangen Konflikten.
Es ist die Chance, ihre Energien und Talente als
vollwertige Partner in einer wachsenden regionalen
Volkswirtschaft einzusetzen, um eine Zukunft von

*

AMERIKA DIENST 16

stetig wachsendem Wohlstand, Würde und Hoffnung
für sich zu schaffen.
Und für alle Menschen in der Region ist es das
Versprechen - wie Präsident Clinton es formulierte "ein Land aufzubauen, das so reich an Schätzen und
friedlich ist wie es heilig ist" und das Angebot des
"Wunders eines normalen Lebens" an Israelis und
Palästinenser gleichermaßen.
Die Vereinigten Staaten können diese Zukunft weder
für Israel noch die Palästinenser entscheiden. Das ist
ihre Entscheidung und ihre Herausforderung. Wir
unterschätzen die Schwierigkeiten nicht. Wir sind uns
der Gefahren bewußt. Aber Amerika gründet auf
Optimismus und dem Glauben, daß die Zukunft besser
als die Vergangenheit sein kann, nicht nur innerhalb
unserer eigenen Grenzen, sondern innerhalb aller
Grenzen auf der Welt.
In diesem Geiste und mit dieser Überzeugung fordern
wir von uns und unseren Partnern erneute und
entschlossene Bestrebungen, um den flüchtigen
Traum eines Nahostfriedens Realität werden zu
lassen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�TELEKOMMUNIKATION
20. August 1997

Verbraucher weltweit profitieren von Senkung
der Telefongebühren für Auslandsgespräche
Rede von Reed Hundt

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 7. August 1997 gehaltene Rede des Leiters der
amerikanischen Fernmeldebehörde FCC, Reed Hundt.

Die heutigen Maßnahmen sind neue Bezugspunkte für
die Festsetzung der Preise, die amerikanische Netzbetreiber zum Endpunkt der Verbindung bei Auslandsgesprächen zahlen. Sie werden zu Einsparungen in
Milliardenhöhe für die Verbraucher in den Vereinigten
Staaten führen und zur Förderung eines wettbewerbsfähigeren, florierenden internationalen Telekommunikationsmarkts beitragen.
Zur Zeit beträgt der Durchschnittspreis eines Auslandsgesprächs 88 Cents pro Minute, verglichen mit 13
Cents pro Minute für ein Inlandsgespräch. Dieser
Unterschied ist vornehmlich auf das monopolistische
Kartell zurückzuführen, das seit langem auf Verrechnungsgebühren bestanden hat, die die Kosten für
die Bereitstellung der Dienstleistung häufig um das
Fünf- bis Zehnfache übersteigen. Dieser Grundsatz
und das Abkommen der Welthandelsorgansation zur
Öffnung der internationalen Telekommunikationsmärkte werden zusammenwirken, um das Wachstum
und die Wettbewerbsfähigkeit der internationalen
Märkte enorm zu steigern, so daß die Verbraucher und
Netzbetreiber weltweit gleichermaßen profitieren
können.
Dieser Grundsatz wird den Verbrauchern hier in den
Vereinigten Staaten und andernorts außerordentliche
Vorteile bringen.
Unseren Schätzungen zufolge
werden die Verbraucher auf der Grundlage der
derzeitigen Markttrends allein in den Vereinigten
Staaten in den nächsten sechs Jahren über 17
Milliarden Dollar einsparen. Zusammen mit unserem
Grundsatz über die Reform des Zugangs von Anfang
dieses Jahres ist dies der größte Vorteil, der amerikanischen Verbrauchern in der Geschichte dieser
Behörde je zuteil wurde.

AMERIKA DIENST 16

Infolge dieses Grundsatzes und des WTO-Abkommens prognostizieren wir, daß der Durchschnittspreis
für ein Auslandsgespräch von heute 88 Cents in fünf
Jahren auf 20 Cents fallen wird - ein Abnahme von
nahezu 80 Prozent.
Und wir sagen vorher, daß sich der amerikanische
Markt für internationale Dienstleistungen in den
nächsten vier Jahren infolge dieses Grundsatzes mehr
als verdoppeln wird. Auf dem Weltmarkt wird wahrscheinlich ein ähnlicher Ansatz erfolgen.
In den vergangenen Jahren wurde ein internationaler
Konsens bezüglich der Notwendigkeit einer Reform
des veralteten Verrechnungssystems erzielt. Dieses
System reicht über 100 Jahre zum Zeitalter des
Telegraphen zurück und diente früher als der Mechanismus für nationale Telekommunikationsbetreibermonopole zur Festsetzung internationaler Verrechnungsgebühren. Die internationale Fernmeldeunion
und andere internationale Organisationen haben
beträchtliche Anstrengungen unternommen, um die
Reform des Verrechnungssystems zu prüfen. Wir
haben bei diesen Bestrebungen eng mit dem Ausland
zusammengearbeitet, und werden das auch in Zukunft
tun. Wir ermutigen unsere Freunde in Übersee zu
gemeinsamen Fortschritten mit uns bei der Reform des
Verrechnungssystems, weil es integraler Bestandteil
eines erfolgreichen Übergangs zur Welt nach der
Welthandelsorganisation ist. Wir sind überzeugt, daß
eine multilaterale Lösung der beste Weg zu einer
Reform ist und haben in dem heute zu verabschiedenden Bericht an die Endstelle (Report &amp; Order) versprochen, diese Bezugspunkte zu überprüfen, sollte
eine zufriedenstellende multilaterale Lösung erzielt
werden.

Seite 1

�Heute vertritt die FCC die Ansicht, daß die Lösung für
die Finanzierung des globalen Kommunikationsnetzes
nicht in immer weiter ansteigenden Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telefongesellschaften liegen kann. Ferner muß unserer
Meinung nach ein globales Netz aufgebaut werden,
und der einzige Weg hierzu besteht darin, dieselben
Gesetze des Wettbewerbs und der Marktfinanzierung
anzuwenden wie auf allen anderen Gebieten. 1996
beliefen sich die gesamten Nettoauszahlungen
amerikanischer Netzbetreiber an ausländische
Netzbetreiber auf 5,4 Milliarden Dollar. Mehr als 70
Prozent dieser Auszahlungen stellen Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telekommunikationsgesellschaften dar.
Ob es um den Endpunkt von Inlands- oder Auslandsverbindungen geht - gewisse Grundsätze bleiben
bestehen. Die Grundsätze des Wettbewerbs im
Telekommunikationswesen sind - ebenso wie die
Gesetze der Physik - in South Dakota dieselben wie in
Südkorea. Im Telekommunikationsgesetz des vergangenen Jahres stellte der Kongreß verschiedene
Grundsätze für die Einführung des Wettbewerbs bei
Ortsgesprächen auf. Dazu zählte die Forderung, daß
die Preise für Wettbewerber für die Schaltverbindung
mit dem örtlichen Netzbetreiber kostenorientiert sein
müssen und niemanden diskriminieren dürfen.
Internationale Verrechnungsgebühren sind nur eine
spezielle Form der Schaltverbindung, die nationale
Grenzen überschreitende Dienste beinhaltet. Die
Bezugsgrößen, auf die wir uns heute einigen, bieten
einen Rahmen zur Förderung des Wettbewerbs bei
internationalen Diensten, indem sie kostenorientierte,
nichtdiskriminierende Preise für internationale Dienst-

*

Seite 2

leistungen bis zum Endpunkt von Verbindungen
fördern. Ferner berücksichtigen sie die Bedürfnisse
der Entwicklungsländer, indem sie den Netzbetreibern
solcher Länder höhere Bezugspunkte und mehr Zeit
zu ihrer Erlangung einräumen.
Verbraucher weltweit werden höherwertige Dienste,
mehr Serviceoptionen und niedrigere Verrechnungsgebühren erhalten, da die Verrechnungsgebühren auf
eine stärker an den Kosten orientierte Ebene gesenkt
werden. Eine Reform der Verrechnungsgebühren wird
auch jedem Netzbetreiber zugute kommen, der
internationale Dienste anbietet, da sie das Wachstum
internationaler Dienste ankurbelt. Das derzeitige
Verrechnungssystem unterdrückt die globale Nachfrage, indem es zu inflationären Preisen für Auslandsgespräche beiträgt. Wenn die Verrechnungsgebühren
und damit wiederum die Telefongebühren gesenkt
werden, wird die Nachfrage nach Auslandsgesprächen
erhöht. Noch wichtiger ist, daß eine Reform des
Verrechnungssystems wesentlich ist, wenn die
Netzbetreiber, die derzeit von künstlich hoch gehaltenen Verrechnungsgebühren profitieren und sich darauf
verlassen, überleben wollen. Ohne eine Reform bei
den Verrechnungsgebühren würden diese Netzbetreiber von einem globalen Telekommunikationsmarkt an den Rand gedrängt, der künstlich teuer
gehaltene Leitungen immer stärker umgeht - entweder
mit Hilfe der preisgünstigsten Praktiken wie Rückruf
oder mit technischen Innovationen wie Telefonieren im
Internet (das nicht den Verrechnungsgebühren
unterliegt). Nur die Disziplin eines wettbewerbsfähigen
Marktes kann das globale Kapital anziehen, das für
den Aufbau einer globalen Informationsinfrastruktur
erforderlich ist.

* * *

*

AMERIKA DIENST 16

�PORTRAT
20. August 1997

John C. Kornblum
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Botschafter John C. Kornblum, der am
20. August 1997 in der Bundesrepublik Deutschland eintreffen wird.

Am 21. Mai 1997 ernannte Präsident Clinton John C.
Kornblum zum amerikanischen Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland. Er wurde am 31. Juli
vom Senat bestätigt und am 11. August vereidigt. Vor
seiner Ernennung war Botschafter Kornblum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium und Sondergesandter bei den Verhandlungen über das Friedensabkommen von Dayton. Für seine herausragenden
Leistungen während der Krise auf dem Balkan erhielt
er 1996 eine Auszeichnung des amerikanischen
Außenministers.
Botschafter Kornblum begann 1964 eine bemerkenswerte Laufbahn im auswärtigen Dienst der Vereinigten
Staaten.
Erste Stationen waren Hamburg und
Washington. 1969 wurde er in die politische Abteilung
der US-Botschaft nach Bonn entsandt, wo er als
Verbindungsmann für Berlin tätig war und der amerikanischen Delegation bei den Viermächteverhandlungen
angehörte.
1973 kehrte Botschafter Kornblum nach Washington,
D.C., zurück, wo er verschiedene politische Ämter
innehatte - zunächst als Mitglied des politischen
Planungsstabs und später als Direktor der Abteilung
für europäische regionalpolitische Angelegenheiten.
Von 1979 bis 1981 war Botschafter Kornblum Politischer Berater in der US-Mission in Berlin. Im Juli 1981
wurde er zum Leiter der Abteilung für zentraleuropäische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt. Im August 1985 kehrte Botschafter Kornblum
als amerikanischer Gesandter und Stellvertretender

AMERIKA DIENST 16

Kommandant nach Berlin zurück. Nach zweijähriger
Tätigkeit in Berlin wurde er zum Stellvertretenden
Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten bei der
NATO in Brüssel ernannt.
In Anerkennung der herausragenden Leistungen von
John Kornblum ernannte Präsident Bush ihn zum
amerikanischen Botschafter bei der Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Der USSenat bestätigte seine Nominierung am 19. Oktober
1991. In dieser Funktion war Botschafter Kornblum
Leiter der amerikanischen Delegation bei der HelsinkiFolgekonferenz 1992 und übernahm eine führende
Rolle beim Entwurf der Deklaration, die beim Gipfeltreffen von Helsinki im Juli 1992 verabschiedet wurde.
Botschafter Kornblum stellte im August 1992 die neue
amerikanische Delegation bei der KSZE in Wien
zusammen, wo er bis April 1994 tätig war.
Botschafter Kornblum wurde im Juni 1994 zum
Stellvertretenden Abteilungsleiter für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt und hatte diese Position bis zu seiner Nominierung zum Abteilungsleiter im Februar 1996 inne.
Während seiner Tätigkeit im europäischen Büro wirkte
Botschafter Kornblum maßgeblich am Friedensabkommen von Dayton mit und spielte eine zentrale
Rolle bei der Erarbeitung der Strategie der Administration für eine neue Sicherheitsstruktur in Europa.
Botschafter Kornblum ist mit Helen Sen verheiratet und
Vater von zwei Söhnen: Alexander (geboren 1988) und
Stephen (geboren 1990).

Seite 1

�PORTRAT
20. August 1997

Michael C. Polt
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
BONN- (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Michael C. Polt, dem neuen Gesandten der USBotschaft in der Bundesrepublik Deutschland.

Michael C. Polt wurde im August 1997 zum Gesandten
der Amerikanischen Botschaft in Bonn ernannt.
Gesandter Polt ist Berufsdiplomat im höheren auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten mit 20-jähriger
Erfahrung im US-Außenministerium und in diplomatischen Vertretungen in Europa und Lateinamerika. Vor
seiner jetzigen Tätigkeit war er Gesandter und Geschäftsträger der Amerikanischen Botschaft in der
Schweiz.
Nach seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst im
Jahr 1977 wurde Herr Polt an die Amerikanischen
Botschaften in Mexiko City und Kopenhagen entsandt.
Im Anschluß daran war er persönlicher Referent des
amerikanischen Botschafters in Bonn, Leiter des
Amerikanischen Konsulats in Bremen und Botschafts-

rat an der Amerikanischen Botschaft in Panama. In
Washington war Herr Polt Stellvertretender Leiter des
Büros für europäische Sicherheits- und politische
Angelegenheiten und später persönlicher Referent des
Staatssekretärs für internationale Sicherheitsangelegenheiten im US-Außenministerium.
Michael Polt wurde mit dem Superior Honor Award des
US-Außenministeriums und mehreren Meritorious
Honor Awards ausgezeichnet. Er machte seinen
Magister in Verwaltungswissenschaften an der
University of Tennessee. Herr Polt wurde in Österreich geboren. Seine Heimat ist der Bundesstaat
Tennessee. Er spricht Deutsch und Spanisch. Der
Gesandte ist mit Frau Hallie L. Polt, geborene Smith,
verheiratet. Die Familie hat zwei Kinder, Nicholas (16)
und Lindsay (11).

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Programm des Weißen Hauses für das nächste Jahrtausend&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Recht und Glauben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Richter Anthony Kennedy&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright verurteilt Gewalt, Terror und unilaterale Aktionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Außenministerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Telekommunikation&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Verbraucher weltweit profitieren von Senkung der Telefongebühren für Auslandsgespräche&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Reed Hundt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John C. Kornblum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Michael C. Polt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
6. August 1997

15

USA-DEUTSCHLAND

BESUCH VON BUNDESPRÄSIDENT HERZOG
IN DEN USA
Erklärung des Weißen Hauses

ABSCHIEDSREDE
von J.D. Bindenagel

NATO

COHEN ERÖRTERT GRUNDE FÜR DIE NATOERWEITERUNG
Rede des Verteidigungsministers

BOSNIEN

DIE IMPLEMENTIERUNG DES DAYTONER
ABKOMMENS
Übersicht des US-Außenministeriums

HANDEL

AMERIKANISCH-EUROPAISCHE WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Rede von Jeffrey Lang

UMWELT

ENTWICKLUNGSLÄNDER MÜSSEN EBENFALLS TREIBHAUSGASE REDUZIEREN
Rede von Staatssekretär Timothy Wirth

ZIVILANGELEGENHEITEN

BETRACHTUNGEN DER ZUKUNFT
von H. Allen Holmes

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND
6. August 1997

Besuch von Bundespräsident Herzog in den USA
Erklärung des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Erklärung des Pressesprechers des Weißen
Hauses aus Anlaß des Staatsbesuchs von Bundespräsident Roman Herzog in den Vereinigten Staaten, in
dessen Rahmen er am 24. Juli 1997 mit Präsident Clinton zusammentraf.

Zusammenkunft Präsident Clintons mit Bundespräsident Herzog

in der Ukraine und die Stärkung der Partnerschaft
zwischen der NATO und der Ukraine hin.

Präsident Clinton empfing heute Bundespräsident
Herzog im Weißen Haus. Die beiden Präsidenten
führten im Oval Office ein Gespräch, dem ein Arbeitsessen im Old Family Dining Room folgte.

Die Präsidenten waren sich über die Notwendigkeit
einer beschleunigten Implementierung des Daytoner
Abkommens in Bosnien einig, wobei der Rückkehr der
Flüchtlinge besonderes Gewicht zukommt.
Sie
berieten sich über die Bestrebungen Deutschlands und
der Vereinigten Staaten zur Vergrößerung der Chancen von Minderheiten und zur Förderung ethnischer
Toleranz.

Die beiden Präsidenten stimmten im Hinblick auf die
grundlegende Bedeutung der Partnerschaft zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten überein. Sie
bekräftigten ihr gemeinsames Engagement für die
Erlangung von Demokratie und Freiheit in ganz Europa
sowohl durch die Erweiterung der NATO und der
Europäischen Union um die neuen Demokratien
Zentral- und Osteuropas als auch durch die Förderung
der Demokratie in Rußland. Ferner wiesen sie auf die
Bedeutung der Unterstützung von Wirtschaftsreformen

In Anerkennung der Anwesenheit mehrerer renommierter Privatpersonen in der deutschen Delegation
unterstrichen die Präsidenten auch den Wert von
persönlichen Kontakten, Austauschprogrammen und
Besuchen von Parlamentariern für die Stärkung der
engen Bande der Freundschaft zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.

* * * * *

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�USA-DEUTSCHLAND
6. August 1997

Abschiedsrede
von J.D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 17. Juli 1997 im Gästehaus der Landesvertretung Berlin
gehaltene Abschiedsrede von Charge dAffaires J.D. Bindenagel.

Herr Bundesminister Bohl, Frau Staatssekretärin
Boucsein, liebe Freunde,
mein fünfter Abschied von Deutschland gibt mir die
Gelegenheit, meine letzten drei Jahre in Bonn Revue
passieren zu lassen und - wenn Sie gestatten - ein
paar Worte über die ersten 25 Jahre meiner Tätigkeit
in drei Deutschlands zu sagen.
Als ich vor drei Jahren nach Deutschland kam,
verabschiedeten wir die Berlin Brigade, die nahezu 50
Jahre lang in Berlin Wache gestanden hatte. Die
Europäer arbeiteten an der Wiederherstellung des
Friedens in Bosnien ohne die amerikanischen Streitkräfte oder die Bundeswehr.
Wir unternahmen
Bestrebungen zur Verstärkung der wirtschaftlichen und
kulturellen Präsenz der Vereinigten Staaten in den
neuen Bundesländern und riefen deutsch-amerikanische "Neue Traditionen" in Berlin ins Leben. Wir
hatten gerade mit dem Aufbau einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur mit neuen NATO-Mitgliedern begonnen, ebenso wie dem Entwurf einer
Grundakte zwischen der NATO und Rußland sowie
der NATO und der Ukraine und internen Anpasssungen der Befehlsstruktur des Bündnisses.
Heute, nur wenige Tage nach dem NATO-Gipfel in
Madrid, steht die europäische Sicherheit auf einer
neuen, soliden Grundlage. Auf dem Balkan mag der
Frieden noch nicht Fuß gefaßt haben, aber wenn das
der Fall sein wird, haben die Bundeswehr und die
amerikanischen Streitkräfte dazu beigetragen.
Lassen Sie mich hier noch ein paar Worte über die
bedeutende Rolle Deutschlands in der NATO sagen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Vereinigung Deutschlands wurde immer deutlicher, daß

AMERIKA DIENST 15

die Bundesrepublik zusammen mit den anderen
Bündnismitgliedern Streitkräfte zu diesen Krisenreaktions- und Friedenssicherungsbestrebungen beisteuern kann und sollte, wenn die Stabilität in Europa
in Gefahr ist. Das Bundesverfassungsgericht hat
bewundernswürdig klare Richtlinien dafür gegeben,
wie die Bundeswehr in solchen Situationen eingesetzt
werden darf, und wir respektieren die Notwendigkeit,
daß das Militär ein Mandat vom Bundestag erhält. Die
erfolgreiche Beteiligung der Bundeswehr an der IFOR
und der SFOR zeigt, daß Deutschland in eine neue
Rolle hineinwächst.
Im wirtschaftlichen Bereich der "Neuen Traditionen"
sind die Vereinigten Staaten zum größten ausländischen Investor in den neuen Bundesländern geworden. Die Botschaft hat in enger Zusammenarbeit mit
der American Chamber of Commerce drei amerikanische Wirtschaftskonferenzen in Leipzig, Weimar und
Erfurt sowie Potsdam veranstaltet. Für Oktober ist
eine weitere in Dessau geplant. Wir arbeiten gemeinsam an der Bereitstellung von Chancen für amerikanische und deutsche Unternehmen im Telekommunikations- und Energiesektor,
einschließlich
der
amerikanischen Beteiligung an der BEWAG in
Berlin.
Und da Berlin nicht nur Hauptstadt ist, sondern auch
Sitz der Regierung wird, sehen wir dem Umzug
unserer Botschaft an den Pariser Platz neben dem
Brandenburger Tor erwartungsvoll entgegen. Unser
Umzug nach Berlin symbolisiert unsere Bestrebungen,
die amerikanische Präsenz in Deutschland an neue
Gegebenheiten hier anzupassen. Auf kulturellem
Gebiet werden amerikanische Institutionen wie die
neue Amerikanische Akademie und die Fulbright-

Seite 1

�Kommission neben dem Aspen Institute ihren Sitz in
Berlin haben.
Obwohl Wandel in der Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges zum Schlagwort geworden ist, hat sich die aus
dem Fall des Kommunismus resultierende tiefgreifende
Umgestaltung in Europa und Amerika als ziemlich
beunruhigend erwiesen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Geschichte - die fünf Jahrzehnte
lange Geschichte der deutsch-amerikanischen
Zusammenarbeit - uns eine hervorragende Basis zur
Bewältigung dieser Herausforderungen bietet. Die
Stärke unserer Beziehungen liegt in unserer Verpflichtung zur Demokratie.
Die Bundesrepublik
Deutschland kann mit ihrer Ablehnung von Totalitarismus und Unterstützung der Demokratie voll Stolz
auf ihre Geschichte zurückblicken, während sie sich
den Herausforderungen der Zukunft stellt.

Verpflichtung zu ewiger Wachsamkeit, sie zu schützen,
verbinden Amerikaner und Deutsche jetzt und für
immer.
Als Enkel eines Präriepioniers und ausgewandertem
Pommer, der in mir ein starkes Gefühl für die Werte
der Prärie und ein preußisches Pflichtbewußtsein
weckte, bin ich stolz, diese erste Hälfte meiner Laufbahn an vielen der wichtigsten politischen Entwicklungen in Deutschland beteiligt gewesen zu sein. Mein
Schicksal ist es, ein Amerikaner in Deutschland zu
sein. Ich beklage mich nicht. Es ist ein großartiges
Schicksal, weil ich es mit vielen von Ihnen teilen kann.
Ich habe mein erstes Vierteljahrhundert deutschamerikanischer Tätigkeit sehr genossen:
ob in Bremen, wo meine Frau herausfand, daß
ihr Vorfahr kurz vor dem amerikanischen
Bürgerkrieg bremischer Konsul in Philadelphia
gewesen war und wo die "Grünen" zum ersten
Mal in eine Bürgerschaft gewählt wurden;

Ein geschätzter Freund von mir ließ sich kürzlich auf
eine Auseinandersetzung mit mir über meinen Versuch
ein, die zeitgenössische Geschichte Deutschlands und
die Differenzierung zwischen meinen eigenen Aufgaben in den drei Deutschlands unter dem Begriff
"Berliner Republik" zusammenzufassen. Der Begriff
"Berliner Republik", von meinem Freund Daniel
Hamilton 1994 bei der Carnegie-Stiftung geprägt, wird
sicherlich weiter diskutiert.

oder in Bonn während der unruhigen Zeit der
großen Demonstrationen gegen Bundeskanzler Kohls Entscheidung zur Stationierung von
Pershing-Raketen;
oder in der Studiengruppe "Deutschland und
Amerika" des Aspen Institute, in der ich zahlreiche Freundschaften schloß, darunter die zu
Hildegard Boucsein, Wolfgang Ischinger,
Dieter Spöri und vielen anderen;

Wir haben alle die politischen Debatten der vergangenen drei Jahre beobachtet oder uns daran beteiligt, bei
denen die politischen Entscheidungsträger von
geopolitischen Kräften, der Geschichte und den
demokratischen Prinzipien hin- und hergerissen
wurden, während sie versuchten, dieses neue
Deutschland in einem neuen Europa zu definieren.
Symbolischerweise repräsentiert Berlin alle drei
Elemente dieser dynamischen politischen Diskussion
über Maßnahmen für das neue Europa. Geographisch
liegt Berlin näher an Osteuropa und Rußland. Historisch war es die Hauptstadt der preußischen Hegemonie sowie der Nazi- und SED-Diktatur.
Für Amerikaner ist Berlin das Berlin des Kalten Krieges
und die Verkörperung unseres gemeinsamen Kampfes
für Freiheit. Wir kennen die Geschichte des Kalten
Krieges, weil es unsere gemeinsame Geschichte ist die Luftbrücke, der Aufstand des 17. Juni, die Berliner
Mauer, John Kennedy, das Viermächteabkommen,
Präsident Reagans Appell an Präsident Gorbatschow,
die Berliner Mauer niederzureißen, die demokratische
Revolution von 1989 und die Vereinigung Deutschlands. Aus der Bonner Republik heraus wurde das
vereinte Deutschland in Freiheit geboren. Unser
gemeinsames Engagement für Freiheit und unsere

*

Seite 2

*

oder in Ostberlin, als die Deutschen in der
DDR die Berliner Mauer niederrissen und
meine Teilnahme an den Gesprächen ermöglichten, die zur Vereinigung Deutschlands
führten;
oder wiederum in Bonn als "amtierender"
amerikanischer Botschafter oder Charge
d'Affaires ad infinitum.
Bald ist es an der Zeit für mich, Ihnen und Deutschland
erneut "Auf Wiedersehen" zu sagen. Jean und ich
gehen mit vielen schönen Erinnerungen an unsere Zeit
in allen drei Deutschlands. Und wir ergeben uns
glücklich in unser Schicksal. Mein Wunsch ist: Mögen
diese beruflichen und persönlichen amerikanischen
Verbindungen zu Deutschland immer stark bleiben.
Ihnen möchte ich alles Gute wünschen, und als
geübter Deutschlandwiederkehrer sage ich "Dankeschön und auf Wiedersehen!"

*

*

AMERIKA DIENST 15

�NATO

6. August 1997

Cohen erörtert Gründe für die NATO-Erweiterung
Rede des Verteidigungsministers

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister William Cohen
vor dem Commonwealth Club of California am 21. Juli 1997.

Vor wenigen Jahren, inmitten der Ruinen des sowjetischen Imperiums und der Trümmer der Berliner Mauer
schrieb Francis Fukayama, daß der Lauf der
Geschichte zu Ende gehe und der wirtschaftliche und
politische Liberalismus des Westens die Welt als neue
universelle Kultur erfassen würde. Seine These wurde
von einem südafrikanischen Akademiker namens
Peter Vale etwas umgangssprachlicher aufgegriffen,
der kommentierte: "Freut Euch, meine Freunde, oder
weint aus Trauer. Was Kalifornien heute ist, wird die
Welt morgen sein."

Diese Vision zu untermauern ist die unerläßliche
Voraussetzung für ein weiteres Engagement der
Vereinigten Staaten in internationalen Angelegenheiten
und zur Einflußnahme auf die Aktionen anderer Freunde und Feinde - die unser nationales Wohlergehen beeinflussen können. Heute gibt es einige,
die unseren Rückzug aus der Welt wünschen und die
zentralen Lektionen dieses Jahrhunderts vergessen:
Wenn Amerika die Probleme der Welt vernachlässigt,
legt die Welt häufig ihre Probleme vor Amerikas
Türschwelle.

Obwohl Fukayama Unrecht hatte, trifft es zu, daß wir
heute wirklich an einem Wendepunkt in der Geschichte
stehen. Auf der einen Seite der Welt bieten sich
enorme Chancen mit florierenden Märkten, atemberaubenden Technologien und mutigen neuen Demokratien. Aber auf der anderen Seite der Welt gibt es
beunruhigende neue Gefahren, zunehmende ethnische Konflikte, regionale Aggressoren und Terrorismus. Und wir - die Vereinigten Staaten - stehen vor
der Herausforderung, über die Denkweise der Zeit
nach dem Kalten Krieg hinauszugehen und uns für ein
neues Jahrhundert neu zu orientieren. Wir müssen
Amerikas Vision für dieses neue Jahrhundert artikulieren und dann auf ihre Verwirklichung hinarbeiten - von
den neuen Chancen profitieren und neue Gefahren
vermeiden.

Diese Lektion wurde von der Generation von Amerikanern gut verstanden, die den Zweiten Weltkrieg
gewonnen hatten. Diese Generation artikulierte eine
Vision für Frieden und Stabilität in Europa und der
asiatisch-pazifischen Region. Auf beiden Kontinenten
gründete diese Vision auf der Prämisse, daß Amerika
nicht nur mit starken Streitkräften vorne stationiert,
sondern auch ein Amerika war, das eine helfende
Hand reichte und den Wiederaufbau besiegter Feinde
wie Deutschland und Japan anstrebte.

Als Verteidigungsminister kann ich Ihnen sagen, daß
die Sicherheitsvision der Vereinigten Staaten für
dieses neue Jahrhundert ziemlich einfach ist: Wir
streben eine Welt an, in der es mehr Stabilität in mehr
Regionen, mehr Demokratie und mehr Wohlstand in
mehr Nationen und daher weniger Bedrohungen der
amerikanischen Interessen gibt.

AMERIKA DIENST 15

Heute besteht die beste Art, in der wir diese Generation des Zweiten Weltkriegs ehren können, in der
Vollendung der globalen Vision für Frieden, die sie
artikulierte - sowohl in Europa als auch in der
asiatisch-pazifischen Region. Damit würden wir auch
der ersten Generation des nächsten Jahrhunderts ein
großes Geschenk machen.
Dieser wichtigen Aufgabe wurde durch die Tatsache
noch mehr Bedeutung verliehen, daß die Technologie
die Welt miniaturisiert und die riesigen Ozeane, die an
unsere Küsten schwappen, zu bloßen Teichen gemacht hat. Heute können wir uns nicht einfach in

Seite 1

�einen kontinentalen Kokon einspinnen und die Entfaltung der Welt auf CNN beobachten.
Vor Jahrhunderten entdeckte Archimedes das Geheimnis der Hebelwirkung und erklärte: "Gebt mir
einen Ort, an dem ich stehen kann, und ich werde die
Welt bewegen." Heute hat die Geschichte den
Vereinigten Staaten einen Ort gegeben, an dem sie
stehen können. Wenn wir unsere Ideale, unsere
Diplomatie und unsere militärische Macht als Hebel
einsetzen, haben wir die einzigartige Chance, die Welt
zu bewegen, nicht nur zum Besseren der anderen,
sondern zu unserem eigenen Besseren.
In der Tat ist es unsere Pflicht und unser Schicksal,
diesen Hebel anzusetzen und sowohl die atlantische
als auch die pazifische Region in die Gestaltung eines
neuen Jahrhunderts einzubeziehen.
Ein neues
Jahrhundert, das nicht durch Konflikte, sondern
Zusammenarbeit definiert ist. Nicht durch seine
Gefahren, sondern seine Versprechen.
In der asiatisch-pazifischen Region Archimedes zu
sein, bedeutet eine Stärkung des amerikanischjapanischen Sicherheitsbündnisses - wie wir es mit
unseren andauernden Verhandlungen tun, um es an
die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen - und sicherzustellen, daß es weiterhin eine
beruhigende Kraft für Frieden und Stabilität in der
gesamten Region ist.
Es bedeutet die Bewahrung eines starken Bündnisses
mit der Republik Korea, die Einsatzbereitschaft für
einen Spannungsfall in absehbarer Zukunft und die
Bereitschaft zur Förderung unserer gemeinsamen
Interessen auf lange Sicht, selbst nach Beendigung
der Teilung der Halbinsel.
Es bedeutet die Erweiterung unserer Beziehungen zu
Freunden und Verbündeten in Südostasien - der
Region, die bald anstelle von Europa unser zweitgrößter Exportmarkt sein wird und von wachsender
Bedeutung für die amerikanische Sicherheit ist.

Im Juni 1947, als das vom Krieg zerstörte Europa den
Wiederaufbau versuchte, wagte Marshall, sich Europa
als einen neuen Kontinent vorzustellen - geheilt,
ungeteilt und frei - im Frieden mit sich selbst und der
Welt und mit Amerika über eine Brücke der Hilfe,
Hoffnung und des gemeinsamen Erbes verbunden.
Marshalls Vision wurde zum Marshallplan. Die Hälfte
Europas nahm den Plan an und baute starke Demokratien, starke Volkswirtschaften und ein starkes
Bündnis namens NATO auf. Aber der anderen Hälfte
Europas wurde der Marshallplan verweigert, als
Joseph Stalin den Eisernen Vorhang auf Amerikas
helfende Hand fallen ließ.
Vor zwei Wochen unternahmen die Vereinigten
Staaten und ihre europäischen Verbündeten in Madrid
historische Schritte zur Vollendung von Marshalls
Vision.
Erstens bekräftigte die NATO ihre Verpflichtung zur
Entwicklung echter Zusammenarbeit mit Rußland und
der Ukraine. Die im Mai unterzeichnete Grundakte mit
Rußland und die in Madrid unterzeichnete Charta
zwischen der NATO und der Ukraine werden die
NATO auf einen künftigen Kurs der Konsultationen und
Kooperation mit diesen beiden großartigen europäischen Nationen bringen, Moskau ein Mitspracherecht aber kein Vetorecht und keine Stimme - in Brüssel
einräumen und der NATO engere Beziehungen zu
einer Ukraine ermöglichen, die rasch zu einem Modell
für die Förderung paneuropäischer Zusammenarbeit
wird. Gemeinsam widerlegen diese beiden Dokumente entschieden das Argument, daß die NATO-Erweiterung "neue Trennlinien" in Europa schafft.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, als ich direkt
nach dem Gipfel von Madrid nach Lviv reiste, um an
einer Übung der Partnerschaft für den Frieden mit
Streitkräften der Vereinigten Staaten, der Ukraine und
neun anderen Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts teilzunehmen, die alle zusammenkamen, wo
einstmals das größte sowjetische militärische Übungsgelände war.

In der asiatisch-pazifischen Region Archimedes zu
sein bedeutet auch, eine Strategie des Engagements
für China zu verfolgen: Zusammenarbeit mit China,
wenn möglich, Meinungsverschiedenheiten, wenn
nötig, und alles in unserer Macht Stehende zur
Gewährleistung einer Zukunft zu tun, in der China
einen Beitrag zu wirtschaftlichem Aufschwung, Kooperation und Vertrauen leistet, die sich jetzt im pazifischen Becken abzeichnen.

Sie sollten wissen, daß die amerikanischen Streitkräfte
der kalifornischen Nationalgarde angehörten, die eine
Partnerschaft mit den Streitkräften der Ukraine geschlossen hat. Es war ein wirklich erhebender Anblick.
Auf Boden, der einst unter dem Tritt der Truppen aus
einer Hälfte Europas erbebte, die für einen Krieg mit
der anderen Hälfte übten, kamen Streitkräfte aus ganz
Europa zusammen, um für den Frieden zu üben.

Auf der anderen Seite des Globus - über den Atlantik
hinweg in Europa - bedeutet die Rolle des Archimedes,
daß die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren
NATO-Verbündeten den Traum vollenden, von dem
George Marshall als Erster sprach, als er vor 50
Jahren zum Podium in Harvard schritt.

Aber natürlich war der größte von der NATO in Madrid
zur Vollendung von Marshalls Vision unternommene
Schritt die Einladung an drei neue Demokratien Polen, Ungarn und die Tschechische Republik - zur
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, die zur Vollmitgliedschaft in der NATO führen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 15

�Durch die Entscheidung für diese drei Länder erkannte
das Bündnis die enormen Fortschritte an, die diese
beim Aufbau ihrer neuen Demokratien, der Öffnung
ihrer Volkswirtschaften und Modernisierung ihrer
Streitkräfte erzielt haben. Die NATO machte in Madrid
aber auch vollkommen deutlich, daß die ersten neuen
Mitglieder nicht die letzten sein werden. Die Tür zur
NATO-Mitgliedschaft muß und wird für alle offen
bleiben, die zur Übernahme der mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten in der Lage sind.
Als Präsident Clinton, Außenministerin Albright und ich
in den Tagen nach dem Madrider Gipfel den europäischen Kontinent bereisten, überbrachten wir sowohl
den für eine Mitgliedschaft ausgewählten Nationen als
auch den anderen, die noch den Weg vor sich haben,
die Botschaft, daß die mit der NATO-Mitgliedschaft
einhergehenden Pflichten tatsächlich sehr groß sind.
Erweiterung bedeutet die Ausweitung der feierlichsten
Garantien, die eine Nation abgeben kann - die Verpflichtung zur Gewährleistung der Sicherheit eines
anderen Landes. Daher unterstrichen der Präsident,
die Außenministerin und ich in Warschau, Prag und
Budapest, daß der Beitritt zum Bündnis bedeutet,
einen Beitrag zur Sicherheit zu leisten und nicht nur ihr
Nutznießer zu sein. Wir betonten die Notwendigkeit für
diese Länder, die Modernisierung ihrer Streitkräfte
fortzusetzen und sie mit denen der NATO interoperabel zu machen. Ich kann Ihnen versichern: Ich
habe keinen Zweifel, daß zum Zeitpunkt des Beitritts
dieser drei Nationen zum Bündnis im Jahr 1999 die
Hinzufügung ihrer Streitkräfte die NATO nicht nur
größer, sondern auch stärker machen wird.
Die Vorteile einer größeren, stärkeren NATO sind
enorm - sowohl für Europa als auch für Amerika.
Wir brauchen nur in die Geschichtsbücher zu schauen
um zu sehen, daß Amerika sicherer ist, wenn Europa
sicher ist. Und wenn der Frieden in Europa bedroht ist,
dann ist er das auch in Amerika. Präsident Clinton
erklärte bereits im Mai, daß das Schicksal Europas
und die Zukunft Amerikas untrennbar miteinander
verbunden sind.
Zweimal in diesem Jahrhundert haben Tausende von
Amerikanern für die Verteidigung der Freiheit in
Europa gekämpft und sind dafür gestorben. In den
letzten 50 Jahren floß jedoch kein amerikanisches Blut
mehr bei einem Krieg in Europa. Der Grund dafür ist
die NATO. Außenministerin Albright erklärte: "Wir
haben gelernt, daß Bündnisse die Androhung von
Gewalt glaubwürdiger machen und daher der Einsatz
von Gewalt weniger wahrscheinlich ist - daß durch die
Zusage, falls nötig zu kämpfen, es weniger nötig wird,
zu kämpfen."

NATO-Erweiterung wird dazu beitragen, Bedrohungen
dieser Interessen abzuschrecken. Sie beinhaltet das
Wissen, daß eine Ausweitung der Freiheit eine
Gewährleistung der Freiheit ist. Und sie wird die
künstlichen Trennlinien, die den Kontinent teilten,
durch ein größeres Sicherheitsfeld ersetzen, das das
Bündnis stärkt und besser in die Lage versetzt, den
Frieden zu schützen und zukünftige Kriege zu verhindern.
Der zweite Grund für die NATO-Erweiterung besteht in
der Verteidigung der europäischen Errungenschaften
bei Demokratie und Wohlstand. Eine erweiterte NATO
kann für ganz Europa das leisten, was die NATO
bereits für Westeuropa getan hat: Gewährleistung von
Sicherheit und Stabilität, damit die neuen Demokratien
prosperieren können, ebenso wie es früher bei
Deutschland, Italien und Spanien geschah.
Diese Sicherheit und Stabilität sind auch die Schlüsselelemente für die Förderung des Wohlstands in den
Vereinigten Staaten und Europa. Die Europa von der
NATO gebotene Stabilität hilft uns nicht nur bei der
Vermeidung der Kosten zukünftiger Kriege, sondern ist
auch die Grundlage für Investitionen, Handel und
Wirtschaftswachstum, die Amerikanern und Europäern
gleichermaßen zugute kommen - von Berkeley bis
Budapest und darüber hinaus.
Der dritte Grund für die NATO-Erweiterung besteht
darin, auf dem gesamten Kontinent ein Klima des
Friedens zu schaffen, örtliche Rivalitäten zu verhindern, Anreize für einen Rüstungswettlauf zu vermindern und ein Gebiet des Vertrauens und der
Zusammenarbeit zu schaffen, in dem die Mitglieder
ihre Differenzen durch Verhandlungen anstatt durch
Konfrontation lösen können.
Allein die Aussicht auf eine Erweiterung war während
der letzten Jahre eine mächtige Kraft für Frieden und
veranlaßte die Länder zur dramatischen Verbesserung
der Beziehungen zu ihren Nachbarn und Umstrukturierung ihrer Militärs unter demokratischer ziviler Kontrolle. Diese Dynamik bewirkte die Beilegung alter
Streitigkeiten zwischen Polen und Litauen, Polen und
der Ukraine, Ungarn und Rumänien, Italien und
Slowenien sowie Deutschland und der Tschechischen
Republik.
Dies sind dieselben Streitigkeiten, die den Ersten
Weltkrieg auslösten, die Hitler ausnutzte, um den
Zweiten Weltkrieg zu beginnen, und die im ehemaligen
Jugoslawien zu dem schlimmsten Morden seit dem
Zweiten Weltkrieg führten. Heute veranlaßt der
Erweiterungsprozeß die Nationen zur Beilegung dieser
Streitigkeiten, damit sie nicht weiter schwelen oder
durch engstirnige Nationalisten geschürt werden
können.

Niemand bezweifelt, daß Amerika in Zentral- und
Osteuropa wichtige Sicherheitsinteressen hat. Die

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�Schließlich wird die NATO-Erweiterung das Unrecht
der Vergangenheit wiedergutmachen und den Nationen Sicherheit und Stabilität bieten, die fünf Jahrzehnte
lang unter der sowjetischen Unterdrückung gelitten
haben. Die NATO nicht zu erweitern, würde einer
Bestätigung der 1945 von Joseph Stalin gezogenen
Trennlinie gleichkommen, für deren Überwindung zwei
Generationen von Amerikanern und Europäern
gekämpft haben. Dadurch würden - mit den Worten
von Außenministerin Albright - "während eines halben
Jahrhunderts auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gebrachte Opfer zunichte gemacht und es
würde eine ständige Quelle für Spannungen im Herzen
Europas geschaffen."
Manche behaupten, trotz dieser Vorteile einer erweiterten NATO wären die Kosten für Amerika einfach
zu hoch - sowohl in finanzieller Hinsicht als auch im
Hinblick auf mögliche Opfer. Das ist einfach nicht
wahr. Den günstigsten Schätzungen des Verteidigungsministeriums zufolge werden sich die direkten
Grenzkosten für die Vereinigten Staaten für den
Zeitraum von 10 Jahren auf 100 bis 200 Millionen
Dollar belaufen. Diese Zahlen könnten sich ändern,
wenn wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln,
was benötigt wird, damit neue Mitglieder besser
gemeinsam mit den Streitkräften der NATO operieren
und diese im Krisenfall besser in ihrem Land tätig
werden können. Tatsächlich sind einige unserer
technischen Experten der Ansicht, daß wir die möglichen Kosten überschätzt haben.
Ich kann Ihnen jedoch versichern, daß eine angemessene Verteidigung zwar immer teuer ist, Bündnisse sie
jedoch billiger machen - weil die Kosten geteilt werden
und weil interoperable Streitkräfte effektiver und
effizienter sind. Und ich kann Ihnen versichern, daß
die Kosten der NATO-Erweiterung im Vergleich zu
unseren finanziellen und menschlichen Opfern eines
möglichen Krieges in Europa lächerlich gering sind ein durch Instabilität verursachter Krieg, den wir nicht
verhinderten, weil wir das Bündnis nicht erweiterten.

*

Seite 4

Die Natur der Amerika konfrontierenden Herausforderung jenseits des Atlantiks und des Pazifiks
wurde in einer auf der anderen Seite der Bucht - in
Berkeley - gehaltenen Rede gut dargelegt. Der
Redner stellte fest, "in Europa, ... im Nahen Osten, in
Indonesien, in China, ... in Japan und Korea sind
Charakter und Stärke der (amerikanischen) Führungsrolle in der gegenwärtigen Situation möglicherweise
entscheidend. Sich der Frage durch Passivität zu
entziehen ... würde unsere dominante Führungsposition aushöhlen und uns damit eine sekundäre
Rolle zuweisen - eine Rolle, die jeden von uns zweifelsohne der amerikanischen Grundsätze von Freiheit
und Gerechtigkeit berauben würde, die wir immer mit
allen Mitteln hochgehalten haben." Und ich möchte
hinzufügen, daß sie uns der Früchte des Wirtschaftswachstums berauben würde.
Diese Rede wurde 1948 bei den Feierlichkeiten aus
Anlaß des Jahrestags der Gründung der University of
California von George Marshall in Berkeley gehalten,
als er das Land bereiste, um Unterstützung für seinen
Plan zu gewinnen. Heute finden Marshalls vorausschauende Worte über die Jahrzehnte hinweg bei uns
ihren Widerhall und unterstreichen die Bedeutung, das
Licht der Geschichte hochzuhalten, damit wir auf dem
Weg in die Zukunft nicht stolpern.
Abschließend möchte ich die Äußerung Winston
Churchills bei einem von ihm vor vielen Jahren zu
Ehren des Journalisten Stuart Alsop gegebenen
Abendessens widergeben. Nach dem Essen, als man
Champagner und etwas Brandy getrunken hatte,
erklärte Churchill: "Amerika. Amerika. Ein großartiges
und mächtiges Land. Wie ein starkes Pferd zieht es
die übrige Welt aus dem Morast der Verzweiflung zu
Frieden und Wohlstand." Dann richtete er seine kalten
blauen Augen anklagend auf Alsop und fragte: "Aber
wird Amerika den Kurs halten?" Nahezu fünfzig Jahre
später können wir seine Frage beantworten. Amerika
hat den Kurs gehalten, weil das unsere Pflicht ist. Wir
werden den Kurs halten, weil das unser Schicksal ist.

* * *

*

AMERIKA DIENST 15

�BOSNIEN
6. August 1997

Die Implementierung des Daytoner Abkommens
Übersicht des US-Außenministeriums

(AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht wurde am 1. August 1997 vom Büro des Sondergesandten von
Präsident Clinton und Außenministerin Albright für die Implementierung des Daytoner Abkommens, Robert S.
Gelbard, herausgegeben.

Wichtige Leistungen
Die Kämpfe wurden eingestellt, die verfeindeten
Streitkräfte entflochten und die schweren Waffen
eingelagert.
Das reale Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1995
nahezu verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit ist von 90 auf
50 Prozent gesunken.
Die internationalen Geber führen ein dreijähriges
vorrangiges Wiederaufbauprogramm in Höhe von 5,1
Milliarden Dollar durch.
Die Infrastruktur wird wiederaufgebaut.
Bei den Wahlen im September 1996 wurden neue
nationale, regionale und kantonale Regierungen
gewählt, die jetzt zu funktionieren beginnen.

Ungefähr 150.000 Flüchtlinge sind aus dem Ausland
nach Bosnien und über 160.000 Vertriebene in ihre
Häuser zurückgekehrt.
Das von den Vereinigten Staaten unterstützte Open
Broadcast Network ist zu einem tragfähigen Fernsehnetz geworden.
Der Schiedsspruch von Brcko wurde friedlich umgesetzt, und der internationale Monitor hat seine Arbeit
aufgenommen.
Militärische Stabilität
Die Kämpfe wurden eingestellt und die verfeindeten
Truppen entflochten.
Schwere Waffen wurden unter internationaler Kontrolle
eingelagert und mehr als 2.000 schwere Waffensysteme zerstört.

Die logistischen Vorbereitungen der OSZE für die
diesjährigen Kommunalwahlen verlaufen nach Plan.
2,5 Millionen Wähler sind registriert, und ungefähr
20.000 Kandidaten stellen sich in 136 Kommunen zur
Wahl.

Zunächst die IFOR und dann die SFOR haben den
Frieden mit nur minimalen Verlusten erhalten. Die
Zusammenarbeit vor Ort mit der IFOR/SFOR war
ausgezeichnet.

In der Föderation werden eine gemeinsame Polizei, ein
gemeinsames Militär, ein gemeinsamer Zoll und
integrierte Finanzinstitutionen geschaffen.

Durch eine Kombination von Rüstungskontrolle mit
dem Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm wurde
ein stabiles militärisches Gleichgewicht geschaffen.

Im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms wurde militärisches Gerät im Wert von
über 300 Millionen Dollar für die Bosnische Föderation
beschafft, und es wurden internationale Ausbildungsbestrebungen koordiniert.

Illegale ausländische Streitkräfte wurden aus dem
Land vertrieben, und Bosnien hat die militärische und
nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit dem Iran
und anderen extremistischen Ländern eingestellt.

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�Das Gesetz über die Verteidigung der Föderation
wurde im Juli 1996 verabschiedet, es wurden Abkommen über die Truppenstruktur der Föderation und
die gemeinsame Befehlsstruktur geschlossen sowie
vertrauensbildende Maßnahmen, beispielsweise die
Einrichtung einer Hotline in den verschiedenen
militärischen Hauptquartieren, durchgesetzt.
Wirtschaftswachstum
Das reale Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1995
nahezu verdoppelt. Für 1997 wird ein Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts von ungefähr 30 Prozent
erwartet. (Der Großteil des Wirtschaftswachstums
findet in der Föderation statt.)

Das Amt hofft, bis Ende dieses Jahres 10 Millionen
Dollar monatlich als Anleihe zur Verfügung stellen zu
können.
Bis Ende 1997 werden im Rahmen des Programms
von AID für städtische Infrastruktur und Dienstleistungen größere Projekte in mehr als 38 Kommunen
abgeschlossen und über 10.000 neue Arbeitsplätze
geschaffen.
Unter der Führung der Vereinigten Staaten richten sich
nahezu alle Geber nach unseren Bedingungen, denen
zufolge nur denjenigen Hilfe gewährt wird, die das
Daytoner Abkommen einhalten. Infolgedessen gingen
1996 nur drei Prozent der Gelder an die Republika
Srpska.

Die Arbeitslosenquote sank von 90 auf 50 Prozent.
Neue staatliche Institutionen
Die Löhne und Gehälter in der Föderation haben sich
mehr als vervierfacht (von 46 DM monatlich auf 260
DM monatlich).

Bei den Wahlen im September 1996 wurden neue
nationale, regionale und kantonale Regierungen
gewählt.

Die Infrastruktur wird wiederaufgebaut.
Einer Absichtserklärung des IWF wurde zugestimmt,
und die Umschuldung des Londoner Clubs wurde
abgeschlossen.
Internationale Wiederaufbaubestrebungen
Internationale Geber unter Führung der Weltbank
arbeiteten ein dreijähriges vorrangiges Wiederaufbauprogramm in Höhe von 5,1 Milliarden Dollar aus. Seit
Anfang 1996 haben die Geber 3,2 Milliarden Dollar für
dieses Programm zugesagt.
In den ersten beiden Jahren des Programms leisteten
die Vereinigten Staaten einen Beitrag von 524 Millionen Dollar und werden im Haushaltsjahr 1998 weitere
200 Millionen Dollar beisteuern.

Das bosnische Staatspräsidium und der Ministerrat
kommen in regelmäßigen Sitzungen zusammen.
Das Verfassungsgericht hat die Arbeit aufgenommen.
Die parlamentarische Versammlung wurde gebildet
und hat vor kurzem ein Paket von Wirtschaftsgesetzen
erlassen.
Der Ständige Ausschuß für militärische Angelegenheiten hat während des jüngsten Besuchs von Außenministerin Albright in Sarajevo seine Eröffnungssitzung
abgehalten.
Die Zentralbank wurde eingerichtet.
Strukturen der Föderation und Integration

1996 wurden mehr als 320 Kilometer Straße und
15.000 Wohneinheiten erneuert (darunter mehr als
2.500 durch das Amt für internationale Entwicklung -

Auf Föderations- und Kantonsebene wurden Regierungsstrukturen eingeführt.

AID), und in weiteren 32.000 wurde die Heizung

Es werden eine gemeinsame Polizei, ein gemeinsames Militär, ein gemeinsamer Zoll und integrierte
Finanzinstitutionen geschaffen.

wieder instand gesetzt. 400 Schulgebäude wurden
repariert, und in 40 Städten wurde die Wasserversorgung und Kanalisation ausgebessert.
1996 nahmen fünf Kraftwerke ihren Betrieb wieder auf,
und in allen größeren Städten und vielen ländlichen
Gebieten wurde die Stromversorgung wiederhergestellt. Ungefähr 776.000 Menschen (etwa ein Viertel
der Gesamtbevölkerung Bosniens) bekamen dank von
Gebern finanzierter
Energieversorgungsprojekte
wieder Strom.
AID gewährte 95 mittelständischen bosnischen
Unternehmen Kredite in Höhe von 52 Millionen Dollar,
wodurch fast 10.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Seite 2

Im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms wurde militärisches Gerät im Wert von
über 300 Millionen Dollar für die integrierte Verteidigungsstreitmacht der Bosnischen Föderation beschafft, und es wurden internationale Ausbildungsbestrebungen koordiniert.
Öffentliche Sicherheit
Die Polizei der Föderation wird im Einklang mit internationalen Polizeinormen unter der Aufsicht der interna-

AMERIKA DIENST 15

�tionalen Polizei-Einsatztruppe (IPTF) der Vereinten
Nationen von Grund auf neu aufgebaut.
Zwei der 10 Föderationskantone (Sarajevo und
Gorazde) haben die Anfangsphase der Umstrukturierung abgeschlossen. Erwartungsgemäß wird dies in
den übrigen Kantonen bis September 1997 geschehen.
Die Polizei von Mostar wurde ethnisch integriert, und
im Juli 1997 wurden gemeinsame Patrouillen bosnischer und bosnisch-kroatischer Beamten eingeführt.
Die gute Koordinierung zwischen den Parteien - der
IPTF und der IFOR - bei der Planung der öffentlichen
Sicherheit führte im September 1996 zur sicheren
Durchführung von Wahlen.
In Sarajevo wurden von der US-Regierung geförderte
Ausbildungsprogramme über die Wahrung der
menschlichen Würde und grundlegende Qualifikationen eingeführt. Der IPTF wurde die Befugnis erteilt,
angebliche Menschenrechtsverletzungen durch die
Polizei im Dezember zu überprüfen, und sie arbeitet
mit der örtlichen Polizei bei der Entwicklung eigener
Fähigkeiten zusammen.
Flüchtlinge
Ungefähr 150.000 Flüchtlinge sind aus dem Ausland
nach Bosnien und über 160.000 Vertriebene in ihre
Häuser zurückgekehrt.
Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen und die US-Regierung haben gemeinsam die
ersten drei "offenen Städte" bestimmt, die rückkehrende ethnische Minderheiten aufnehmen. Viele andere
Gemeinden haben ihr Interesse an dem Programm
bekundet.
Seit dem 2. Juli 1997 sind 164 bosnische Familien in
ihre Heimat auf der serbischen Seite der Schutzzone
im Gebiet um Brcko zurückgekehrt. Die ersten 16
bosnischen Familien sind nach Stolac zurückgekommen - einer der vier Föderationsgemeinden, die in
Dayton als "Pilotprojekt" für die Rückkehr bestimmt
wurden und die am widerwilligsten zurückkehrende
Flüchtlinge aufnimmt.
Die Präsidentin der Republika Srpska, Plavsic, hat der
Implementierung von Projekten in Sipovo zugestimmt,
die die Rückkehr der Bosniaken ermöglichen.
Minenräumung
Die Vereinigten Staaten waren bei der Einrichtung
einer effektiven Struktur zur Minenräumung vor Ort
behilflich. Regionale Minenräumtrupps haben im
November 1996 mit der Überwachung und Räumung
von Minen begonnen.

AMERIKA DIENST 15

Demokratisierung
Die nationalen, regionalen und kantonalen Wahlen im
vergangenen Jahr verliefen ohne Zwischenfälle, und
gewählte Regierungsvertreter haben ihr Amt angetreten.
Die logistischen Vorbereitungen der OSZE für die
diesjährigen Kommunalwahlen verlaufen nach Plan.
2,5 Millionen Wähler sind registriert und ungefähr
20.000 Kandidaten stellen sich in 136 Kommunen zur
Wahl.
Verschiedene Geber bieten aufstrebenden politischen
Parteien Unterstützung.
Die finanzielle und personelle Unterstützung für
Anhang 6 des Berichts der Menschenrechtskommission hat die Respektierung der Menschenrechte und
Rechtsstaatlichkeit verbessert.
Medien
Das von den Vereinigten Staaten unterstützte Open
Broadcast Network ist zu einem tragfähigen Fernsehnetz geworden.
Der Betrieb von VOA und RFE sowie von Gebern
geförderte Medienprojekte vor Ort tragen weiterhin zur
Informationsvielfalt in Bosnien bei.
Das Amt für internationale Entwicklung leistet den
kleinen alternativen Rundfunksendern in Banja Luka,
Doboj, Bijeljina und Prijedor lebenswichtige Unterstützung.
Die Vereinigten Staaten und andere Geber haben
Dutzende bosnischer Journalisten in journalistischen
Praktiken und Medienbetrieb des Westens unterrichtet.
Brcko
Der Schiedsspruch wurde friedlich umgesetzt. Der
internationale Monitor und seine Mitarbeiter haben ihre
Arbeit aufgenommen.
Ein IPTF-Kontingent wurde auf volle Stärke aufgestockt und ist vor Ort.
Infrastrukturprojekte wurden eingeleitet und Häuser für
die Flüchtlinge wiederaufgebaut.
Die Rückkehrverfahren für die Flüchtlinge wurden
genehmigt, mit internationaler Finanzhilfe werden neue
Häuser gebaut und viele Flüchtlinge zur Rückkehr
aufgefordert.
Die Häuserkommission hat die Arbeit aufgenommen
und entscheidet über Eigentumsansprüche.

Seite 3

�HANDEL
6. August 1997

Amerikanisch-europäische
wirtschaftliche Zusammenarbeit
Rede von Jeffrey Lang

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Stellvertretende
US-Handelsbeauftragte Jeffrey Lang am 23. Juli 1997 bei einer Anhörung im Handelsunterausschuß des
Repräsentantenhauses hielt.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
ich freue mich über die Gelegenheit, dem Unterausschuß die Ansichten der US-Handelsbeauftragten über
die Auswirkungen unserer Handelspolitik auf die neue
transatlantische Agenda (New Transatlantic Agenda NTA) und damit in Zusammenhang stehende Initiativen

Handel und Investitionen zwischen den Vereinigten
Staaten und den 15 Mitgliedstaaten der EU übersteigt
eine Billion Dollar. Die EU bildet den größten Absatzmarkt für amerikanische Waren und Dienstleistungen - und umgekehrt. 1996 belief sich der
Handel mit Waren und Dienstleistungen in beide

darzulegen.

Richtungen auf nahezu 400 Milliarden Dollar.

Ich werde mich kurz fassen, damit ich

anschließend noch eventuelle Fragen der Ausschußmitglieder beantworten kann.
Zunächst möchte ich folgende Feststellung machen:
Während die sicherheitspolitische Zusammenarbeit
der Vereinigten Staaten mit Europa die Grundlage des
nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Friedens
war, bildeten die amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen die Verankerung des internationalen
Handelssystems seit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) im Jahr
1947. Die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft - seit dem Vertrag von Maastricht als
Europäische Union bezeichnet - sind die beiden
größten Akteure der Weltwirtschaft und haben beide
von den fortlaufenden Bestrebungen zur Liberalisierung des multilateralen Handels profitiert. Man kann
zweifelsohne behaupten, daß die amerikanischen
Anstrengungen zur weiteren Liberalisierung des
multilateralen Handels ohne die aktive Beteiligung der
EU keine Fortschritte machen können.
Die Richtigkeit dieser Behauptung wird offensichtlich,
wenn man sich die Dimension der transatlantischen
Wirtschaftsbeziehungen betrachtet. Wenn die EU ein
Nationalstaat wäre, würde dieser mit den Vereinigten
Staaten die lebhaftesten Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt unterhalten. Die Zahlen sind auf
jeden Fall beeindruckend. Das Gesamtvolumen von

AMERIKA DIENST 15

Die

amerikanischen Warenexporte in die Europäische
Union betrugen in demselben Jahr 127,5 Milliarden
Dollar - ein Anstieg um 3,9 Milliarden Dollar oder 3,2
Prozent im Vergleich zu 1995. Die Importe aus der
EU beliefen sich 1996 auf 142,7 Milliarden Dollar. Im
Durchschnitt hielt sich in der Nachkriegszeit der
Handel in beide Richtungen ungefähr die Waage. Die
ausländischen Direktinvestitionen der Vereinigten
Staaten in der EU betrugen 1996 315,4 Milliarden
Dollar. Die Vereinigten Staaten und die EU tätigten
1995 jeweils etwa die Hälfte ihrer Auslandsinvestitionen bei dem anderen Wirtschaftspartner. Um dies in
die richtige Perspektive zu rücken, sollte man berücksichtigen, daß 1996 der Handel mit Waren und
Dienstleistungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Kanada in beide Richtungen 327 Milliarden Dollar
und 1995 mit China 62 Milliarden Dollar betrug. Eine
der grundlegenden Botschaften, die ich Ihnen heute
übermitteln möchte, lautet, daß das enorme Ausmaß
der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen ungeachtet anderer sich uns in der Welt eröffnender
Chancen gebietet, daß wir die wirklich vitalen Wirtschaftsinteressen der Vereinigten Staaten bei ihren
Beziehungen zu Europa im Auge behalten müssen.
In Anerkennung der möglicherweise großen Vorteile
einer Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Regionen für beide Seiten erklärten
Präsident Clinton und die Staats- und Regierungschefs

Seite 1

�der EU beim amerikanisch-europäischen Gipfel im
Dezember 1995 in Madrid Initiativen im Handels- und
Investitionsbereich zum integralen Bestandteil der
neuen transatlantischen Agenda. Grund für die
^Stellung der neuen transatlantischen Agenda ist der
'unsch fühlender Politiker auf beiden Seiten, die
; iarken historischen Bande zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa zu bekräftigen und ihre Vision von
einem Europa nach dem Ende des Kalten Krieges auf
der Grundlage von Demokratie und freier Marktwirtschaft umzusetzen. Die Wahrung und Förderung des
transatlantischen Wohlstands wurde als Schlüsselelement jeglicher Bestrebungen zur Gestaltung der
transatlantischen Beziehungen im Zeitalter nach dem
Ende des Kalten Krieges und im 21. Jahrhundert
gesehen.
Nach vielen innenpolitischen und transatlantischen
Gesprächen entschieden sich die Vereinigten Staaten
und die EU für einen pragmatischen Ansatz bei der
Aufgabe einer Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen. Da Kooperation das wichtigste Konzept für die
Belebung der neuen transatlantischen Agenda darstellt, arbeiteten wir an einer Reihe multilateraler und
transatlantischer Fragen, bei denen wir positive
gemeinsame Schritte unternehmen können und ließen
dabei das Gezänk und die gegenseitigen Beschuldigungen hinter uns, die oft unsere Handelsbeziehungen
charakterisierten. Das Resultat findet in dem "gemeinsamen Aktionsplan" der neuen transatlantischen
Agenda seinen Niederschlag. Der Wirtschaftsfragen
behandelnde Teil des Plans verleiht der Absicht beider
Seiten Ausdruck, zur Förderung der weiteren Evolution
des multilateralen Handelssystems zusammenzuarbeiten. Ferner führt er die zur Vertiefung der
transatlantischen
Beziehungen
eingegangenen
Verpflichtungen auf - die zusammengenommen als
"Initiative neuer transatlantischer Markt" bezeichnet
werden. Als Ergänzung dieser zwischenstaatlichen
Bestrebungen befürwortete die neue transatlantische
Agenda auch eine größere Rolle der europäischen und
amerikanischen Wirtschaft durch die Mitwirkung am
transatlantischen Wirtschaftsdialog. Obwohl ich die
allgemeine Analyse des Prozesses der neuen transatlantischen Agenda dem Außenministerium überlassen will, möchte ich doch kurz auf jede dieser drei
wichtigen Komponenten zu sprechen kommen.
Der Wirtschaftsteil des gemeinsamen Aktionsplans
beinhaltet multilaterale und transatlantische Bestrebungen der Wirtschaft, von denen viele 1996 eingeleitet
wurden und bis 1997 und darüber hinaus andauern.
Unter anderem werden folgende Aktionen zur Stärkung des multilateralen Handels- und Investitionssystems durchgeführt: Konsolidierung der Welthandelsorganisation, Prüfung von Wegen zum weiteren Abbau der Zölle, einschließlich eines Abkommens
über die Abschaffung von Zöllen auf Informationstechnologieprodukte (das Informationstechnologieabkommen oder ITA), Aufnahme der Arbeit an neuen

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internationalen Richtlinien zum Schutz des Rechts auf
geistiges Eigentum und für die staatliche Auftragsvergabe sowie Einigung auf gemeinsame Bestrebungen im Rahmen der OECD zum Abschluß eines
multilateralen Investitionsabkommens.
Die vor dem Hintergrund des neuen transatlantischen
Marktes ergriffenen Aktionen zur Vergrößerung der
amerikanisch-europäischen wirtschaftlichen Chancen
umfassen eine laufende gemeinsame Untersuchung
der verbleibenden Hemmnisse für transatlantischen
Handel und Investitionen sowie Wege zu ihrem Abbau;
die Umsetzung eines Abkommens über Zusammenarbeit im Zollwesen; die Stärkung der Bestrebungen
zur Beilegung bestehender Handelsstreitigkeiten als
Bestandteil eines vertrauensbildenden Prozesses und
der Abschluß von Abkommen über gegenseitige
Anerkennung (Mutual Recognition Agreements MRAs) zur Verringerung der Belastung der Unternehmen durch Vorschriften. Andere Verpflichtungen im
Zusammenhang mit dem neuen transatlantischen
Markt beinhalten die Ausweitung des derzeitigen
Dialogs über die Informationsgesellschaft (Information
Society Dialogue) zur Ankurbelung von Innovation und
Gewährleistung von gegenseitigen Verbindungen und
Interoperabilität sowie die Gründung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe für Beschäftigung und Arbeitsfragen.
Der transatlantische Wirtschaftsdialog ist ein Forum, in
dem führende amerikanische und europäische Wirtschaftsvertreter zusammentreffen und über Wege zum
Abbau der Hindernisse für amerikanisch-europäischen
Handel und Investitionen sprechen können. Die 1995
in Sevilla veranstaltete Konferenz über den transatlantischen Wirtschaftsdialog leitete einen Prozeß der
Beurteilung von Hindernissen für die Wirtschaft in
Europa und Amerika durch den Privatsektor ein. Das
Ergebnis war eine Reihe von Empfehlungen der
Wirtschaft für staatliche Aktionen zur Beseitigung
dieser Hemmnisse.
Was wurde durch die von mir beschriebenen Initiativen
in den anderthalb Jahren seit der Bekanntgabe der
neuen transatlantischen Agenda erreicht?
Vom
Standpunkt eines US-Handelsbeauftragten aus würde
ich sagen, daß die Ergebnisse gemischt sind, was wir
aber zu diesem Zeitpunkt des Prozesses nicht anders
erwartet hätten. Zweifelsohne profitieren die Vereinigten Staaten von den bemerkenswerten Erfolgen
im multilateralen Kontext. Der Abschluß des Informationstechnologieabkommens und das WTO-Abkommen über Basistelekommunikationsdienste stellen
große Fortschritte für unsere Hochtechnologieunternehmen dar, die zu unseren konkurrenzfähigsten
zählen. Wie ich eben sagte, hätten solche Meilensteine nicht ohne die Beteiligung der EU erreicht
werden können. Beim Ministertreffen der WTO in
Singapur im Dezember vergangenen Jahres schlössen
wir einen meines Erachtens funktionierenden Kompro-

AMERIKA DIENST 15

�miß mit der EU über die Behandlung sogenannter
"neuer Fragen" wie Handel und Umwelt, Handels- und
Arbeitsnormen, Handel und Investitionen sowie Handel
und Wettbewerb durch die WTO.
Unter der Rubrik neuer transatlantischer Markt wurde
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union ein Abkommen über Zusammenarbeit im
Zollwesen geschlossen, das unseren Zollbeamten
durch die Umstrukturierung ihrer Operationen und
Förderung der Bestrebungen zu seiner Durchsetzung
helfen wird. Ferner schlössen wir unter großen
Schwierigkeiten ein Veterinäräquivalenzabkommen,
das zwar nicht so ehrgeizig wie erhofft ist, aber
dennoch viel zur Erleichterung des Handels mit
lebenden Tieren und Tierprodukten beiträgt. Wir
haben eine gemeinsame Studie über Wege zum
Abbau von Hemmnissen für den transatlantischen
Handel initiiert, indem wir uns auf eine ausgewählte
Gruppe von Sektoren für die anfängliche Untersuchung einigten. Natürlich steht die Aktion neuer
transatlantischer Markt, der von Privatsektor und
Regierungen gleichermaßen große Aufmerksamkeit
gewidmet wurde, für das Bestreben, die Verhandlungen über MRAs abzuschließen.
Dieser Versuch wurde von den am transatlantischen
Wirtschaftsdialog beteiligten amerikanischen und
europäischen Unternehmen als oberste Priorität auf
der transatlantischen Agenda und als wichtigstes
Handelsanliegen von Präsident Clinton und den
Staats- und Regierungschefs der EU angesehen. Das
von uns nach drei langen Jahren erst letzten Monat
erzielte Verhandlungsergebnis schafft einen Präzedenzfall in der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit
bei Reformen des Regelwerks, die die Belastung der
Unternehmen maßgeblich erleichtern werden.
So umfangreiche und verzweigte internationale
Wirtschaftsbeziehungen wie die zwischen den Vereinigten Staaten und Europa können nicht ohne
Probleme funktionieren. Die bloße Dynamik, die diese
Maschinerie antreibt, führt unweigerlich zu gewissen
Spannungen, insbesondere da sich das Tempo von
Innovation und Anpassung in der Geschäftswelt
weiterhin beschleunigt. Und in der Tat sehen wir uns
mit einer Vielfalt von Problemen im Hinblick auf unsere
Beziehungen zur EU konfrontiert. Diese Meinungsverschiedenheiten können ernsthafter Natur sein.
Manchmal kann - wie bei der Haltung der EU zur
Regulierung des Handels mit biotechnologisch manipulierten Nahrungsmitteln - Handel im Wert von
Millionen Dollar auf dem Spiel stehen.
Viele unserer Differenzen bestehen seit langem und
stehen auf die eine oder andere Weise in Zusammenhang mit der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU.
Einige Meinungsverschiedenheiten im Agrarbereich
leiten sich auch aus der Haltung der Europäer gegenüber dem Schutz der Umwelt und der menschlichen

AMERIKA DIENST 15

Gesundheit her. Die europäische Einstellung zum
Artenschutz führte zu einer Drohung der EU, amerikanische Pelzexporte zu unterbinden. Wir erhalten
häufig Beschwerden von amerikanischen Unternehmen bezüglich der europäischen Praxis, auf EU- und
Mitgliedstaatenebene Standards einzuführen - daher
das beträchtliche Interesse der Unternehmen an den
MRAs.
Europäische Industriesubventionen, insbesondere für die Flugzeug- und Schiffbauindustrie,
sind seit langem eine Quelle der Frustration für
amerikanische Firmen.
Im multilateralen Bereich sind wir über gewisse
Anzeichen besorgt, daß die EU, die wiederholt ihre
Verpflichtung zur erfolgreichen Umsetzung der
Uruguay-Runde und zum reibungslosen Funktionieren
der WTO zum Ausdruck gebracht hat, durch ihre
Aktionen das internationale Handelssystem unter
Druck setzt, dem dieses System nicht standhalten
könnte. Wir finden jüngste Bestrebungen der EU
besonders beunruhigend, Streitfälle, die mehr politischer als kommerzieller Natur sind, der WTO vorzulegen. Das schafft einen schlechten Präzedenzfall,
der die harte Arbeit unterminieren könnte, die alle
Seiten in die Gestaltung der WTO als objektives, auf
Vorschriften gründendes System zur Verwaltung
globalen Handels einbringen.
Wenn handelsbezogene Meinungsverschiedenheiten
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU andere
heikle Bereiche der Außenpolitik berühren, riskieren
wir eine Verschlechterung des generellen Geschäftsklimas. Glücklicherweise erzielten wir im Frühjahr
Übereinstimmung mit den Europäern bezüglich ihrer
Vorbehalte gegenüber unseren Sanktionen gegen
Kuba, Iran und Libyen - jedoch erst nach Monaten
häufig harter Kritik seitens der EU. Wir hoffen weiterhin, daß die Differenzen über die Fusion von
Boeing/McDonnell-Douglas so rasch wie möglich
beigelegt werden können.
In den kommenden Monaten haben wir viele Chancen,
unsere Fähigkeit zur gemeinsamen Lösung von
Problemen und Förderung der Handelsliberalisierung
unter Beweis zu stellen. Die WTO-Verhandlungen
über Finanzdienstleistungen wurden wieder aufgenommen, und wenn wir zusammenarbeiten, können die
Vereinigten Staaten und die EU im Dezember den bei
den Basistelekommunikationsdiensten erzielten Erfolg
für die Finanzdienstleistungen wiederholen.
Wir
müssen bis zu dem festgesetzten Termin im Frühjahr
gemeinsam auf den Abschluß eines multilateralen
Abkommens über Investitionen in der OECD hinarbeiten. Wir blicken auch auf Europa, damit wir
zusammen Fortschritte bei der vorgeschlagenen
OECD-Konvention über Bestechung und offizielle
Korruption erzielen können. In der WTO gibt es eine
Vielzahl von Bereichen, in denen ein gemeinsamer
amerikanisch-europäischer Ansatz einen Unterschied
bei der Aufnahme neuer Mitglieder bewirken kann -

Seite 3

�von staatlicher Beschaffung über Marktzugangsinitiativen bis zu der unbeendeten Tagesordnung der
Uruguay-Runde. In diesem Zusammenhang möchte
ich die bevorstehende Aufnahme neuer WTO-Agrarhandelsgespräche besonders erwähnen. Wie in der
Vergangenheit wird die Zusammenarbeit der EU im
Agrarbereich eindeutig den Unterschied zwischen
Erfolg und Mißerfolg ausmachen.
Im transatlantischen Kontext können wir die Suche
nach neuen Chancen zur Erweiterung der wirtschaftlichen Wechselbeziehungen fortsetzen. Wir beabsichtigen, die gemeinsame Studie über den Abbau von
Handels- und Investitionshemmnissen aktiv zu verfolgen und erwarten, vorläufige Empfehlungen für
staatliche Aktionen bis Ende dieses Jahres vorliegen
zu haben. Der Erfolg der MRA-Verhandlungen hat
bereits zu der gemeinsamen Verpflichtung geführt,
zusätzliche Sektoren zu prüfen, die von dieser Art
regulierender Zusammenarbeit profitieren könnten.
In hoffe, daß die Vereinigten Staaten und Europa über
ihre Differenzen hinausblicken und das umfassendere
Ziel der Erweiterung transatlantischen und globalen
Wohlstands im Auge behalten können. Europa hat bei
der Bewältigung der internen Angelegenheiten in den
kommenden Jahren über vieles nachzudenken. Unser
aufrichtiger Wunsch ist, daß diese Konzentration auf
innere Angelegenheiten nicht eine konstruktive Rolle
für Europa im transatlantischen und globalen Kontext
ausschließt.
Wir auf der amerikanischen Seite werden weiterhin die
Lösung anhängiger Dispute und wenn möglich die
Entschärfung von Situationen anstreben, bevor sie zu
einer Krise eskalieren. Niemand - am wenigsten
Unternehmen und Arbeitnehmer - profitiert von einer
spannungsgeladenen Atmosphäre.
Wir werden
natürlich versuchen, Meinungsverschiedenheiten in
der WTO auszuräumen - dafür haben wir das WTOSystem geschaffen - und werden alles in unserer
Macht Stehende tun um sicherzustellen, daß es die
ihm zugedachte Aufgabe erfüllt.
Ferner müssen wir weiterhin über diese Meinungsverschiedenheiten hinaus auf die Chancen blicken, die
Europa für unsere Unternehmen bietet. Dies ist
besonders angebracht angesichts der möglichen
Verhandlungen über den Beitritt Zentral- und Osteuropas zur EU und der zur Vervollständigung dieses
Prozesses erforderlichen internen EU-Reformen. Die
Erweiterung der EU um viele der zentral- und osteuropäischen Staaten sollte zu beträchtlichen neuen
Marktchancen für amerikanische Firmen führen.
Man kann andere Möglichkeiten für die Vereinigten
Staaten und die EU in Erwägung ziehen - Zusammenarbeit, um die übrige Welt der Offenheit und Transparenz zu öffnen, die die transatlantischen Geschäfts-

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beziehungen heute generell charakterisieren. Wir
haben in Drittländern beispielsweise viele gemeinsame
Interessen. Ein klarer Fall, bei dem die Vereinigten
Staaten und die EU durch die Einnahme einer gemeinsamen Haltung sehr viel erreichen können, ist die
Aufnahme neuer Mitglieder in die WTO - vor allem
China, Rußland und die Ukraine.
Abschließend möchte ich noch einige Worte zum
transatlantischen Wirtschaftsdialog sagen. Nach
meiner Teilnahme an der ersten Konferenz des
transatlantischen Wirtschaftsdialogs in Sevilla war ich
sehr beeindruckt von diesem Prozeß, Regierungsvertretern auf beiden Seiten des Atlantiks wirtschaftliche
Belange und Ideen zugänglich zu machen. Ich war
besonders beeindruckt von dem Engagement europäischer Unternehmen, die für gewöhnlich nicht die
Möglichkeit hatten, etwas in den offiziellen Entscheidungsprozeß einzubringen, was amerikanische
Unternehmen inzwischen als gegeben ansehen. Der
transatlantische Wirtschaftsdialog stellte unter Beweis,
wie bedeutend Liberalisierung als Kraft im Verlauf der
MRA-Verhandlungen sein kann. Hätte es den guten
Rat und die starke, rechtzeitige Intervention des
transatlantischen Wirtschaftsdialogs nicht gegeben,
hätten die MRA-Gespräche - so kann man fairerweise
sagen - keinen Erfolg haben können.
Der Dialog ist zuallererst ein Forum für Debatten
zwischen Unternehmen. Das ist gut so. Die Regierungen können vielleicht nicht immer alles tun, was der
Dialog möchte. Ich möchte nur auf die kluge Einschätzung der amerikanischen Regierung des großen
Potentials für eine konstruktive Beteiligung des Dialogs
und des Privatsektors beider Kontinente an der
Förderung der transatlantischen und globalen Liberalisierung des Marktes verweisen. An den transatlantischen Wirtschaftsdialog gewandt sage ich: Sie haben
sich als wertvoll erwiesen, und wir hoffen, daß sie
diese gute Arbeit fortsetzen.
Ich möchte den Unterausschuß bitten zu berücksichtigen, daß diese umfassenden und größtenteils äußerst
erfolgreichen Wirtschaftsbeziehungen zu europäischen
Märkten einen enormen Beitrag zu unserem nationalen
Wohlstand leisten und ein großes Potential für künftiges Wachstum bieten. Um dieses Potential vollständig
auszuschöpfen, sollten wir meines Erachtens weiterhin
mit der EU durch den Prozeß der neuen transatlantischen Agenda und andere geeignete Foren zusätzliche multilaterale und transatlantische Ziele bei der
Handelsliberalisierung sondieren. Die Zustimmung
des Kongresses zu einem neuen Fast-track-Mandat
würde natürlich die Bereiche beträchtlich erweitern, in
denen wir gemeinsam tätig werden könnten. Schließlich ist es an den Vereinigten Staaten und Europa, das
Tempo für die internationale Wirtschaft zu bestimmen,
und wir sollten uns dieser Verantwortung nicht entziehen.

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�UMWELT
6. August 1997

Entwicklungsländer müssen ebenfalls
Treibhausgase reduzieren
Rede von Staatssekretär Timothy Wirth

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Staatssekretär Timothy
Wirth bei einer Anhörung des Ausschusses für internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses am 24.
Juli 1997.

Ich freue mich, heute mit Ihnen die andauernden
Verhandlungen über die nächsten Schritte gemäß der
UN-Rahmenkonvention über den Klimawandel erörtern
zu können. Diese Verhandlungen wurden im August
1995 aufgenommen und sollen im Dezember bei der
dritten Konferenz der Parteien in Kyoto mit der Verabschiedung eines neuen Protokolls oder anderen
rechtlichen Instruments zu Ende gehen.
In seiner Rede vor der Sondersitzung der UN-Generalversammlung im vergangenen Monat erklärte Präsident Clinton, "die wissenschaftlichen Fakten sind klar
und überzeugend", und verpflichtete die Vereinigten
Staaten zu einer Führungsrolle bei der Bewältigung
der Probleme des Klimawandels. Der Präsident
verpflichtete sich zu einem Dialog mit dem amerikanischen Volk und dem Kongreß zur Erörterung der
realen und drohenden Gefahren des Klimawandels,
der damit einhergehenden wirtschaftlichen Kosten und
Nutzen sowie der Chancen, die amerikanische
Technologie und Innovation bieten können. Der
Präsident verpflichtete sich ferner, "ein starkes amerikanisches Engagement für realistische und bindende
Obergrenzen in die Konferenz von Kyoto einzubringen,
die unsere Treibhausgasemissionen beträchtlich
reduzieren werden".
In den vergangenen Wochen hat sich das Interesse an
den Verhandlungen intensiviert, insbesondere im
Kongreß. Die Administration begrüßt dieses Interesse,
möchte für unsere Arbeit an einem neuen Abkommen
in Kyoto einen möglichst intensiven Dialog ermutigen
und fordert die Vorsitzenden des Senats und des
Repräsentantenhauses zur Einrichtung von Beobachtergruppen auf, mit denen wir in den kommen-

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den Wochen und Monaten noch enger zusammenarbeiten können.
Ich möchte mich heute auf zwei Anliegen konzentrieren - erstens die Berücksichtigung spezifischer
umweltpolitischer Ziele unserer im Rahmen der
Klimakonvention ausgehandelten Aktionen und
zweitens die Notwendigkeit, daß die Entwicklungsländer ihrer Rolle bei der Erlangung dieser Ziele
besser gerecht werden.
Ich möchte mit der Wissenschaft beginnen, weil die
Wissenschaftler diejenigen waren, die als Erste unsere
Aufmerksamkeit auf den Klimawandel gelenkt haben,
und weil wir weiterhin unsere Maßnahmen auf die
besten wissenschaftlichen Beweise und genauesten
Analysen gründen. Obwohl ich weiß, daß vielen von
Ihnen die grundlegenden Fakten bekannt sind, könnte
es meines Erachtens nützlich sein, einige der entscheidendsten Punkte zu wiederholen, die von den
Wissenschaftlern dargelegt wurden.
Der "Treibhauseffekt" wird durch Gase wie Kohlendioxid, Methan und Stickoxid verursacht, die sich in der
Atmosphäre ansammeln und die Rückstrahlung der
Sonnenenergie verhindern, wodurch der Planet sich
mehr als sonst erwärmt. Die natürlichen Konzentrationswerte dieser Treibhausgase in der Atmosphäre
halten die Temperaturen auf einem Niveau, bei dem
Leben gedeihen kann. Ohne den Hintergrundeffekt
der Treibhausgase in unserer Atmosphäre wäre die
Erdtemperatur rund 33° C kälter.
Menschen erhöhen die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre vor allem durch die

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�Verbrennung von fossilen Brennstoffen - Kohle, Öl und
Erdgas - sowie durch eine Reihe anderer industrieller
Prozesse. Veränderte Landnutzuhg, insbesondere
Abholzung und Bodenerosion, spielen ebenfalls eine
Rolle, indem sie die Fähigkeit der natürlichen Umwelt
zur Absorption von Kohle aus der Atmosphäre verringern. Seit der industriellen Revolution Im 18. Jahrhundert ist die Konzentration von Kohlendioxid in der
Atmosphäre um 30 Prozent angestiegen. Während
des gleichen Zeitraums hat sich die Methankonzentration verdoppelt, und die Stickoxidkonzentrationen
haben sich' ÜrH rÜrld 15 Prozeht erhöht.

bis zum Jahr 2100 nahezu verdreifachen und höher
steigen als zu jedem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 50 Millionen Jahren. Veränderungen unseres
Klimasystems würden sich auch über die von aktuellen
Studien vorhergesagten Auswirkungen hinaus bemerkbar machen. Die Risiken würden sich dramatisch
vergrößern, während die Konzentrationen weiterhin
ansteigen. Ferner gibt es keinen Grund zu der
Annahme, daß diese zusätzlichen Effekte linear sein
werden. Sie werden höchstwahrscheinlich unberechenbare und äußerst unerfreuliche Wege einschlagen.

Seit der vorindustriellen Zeit hat sich die Erde um rund
0,5° C erwärmt. Wissenschaftler glauben, daß der
beobachtete Anstieg wahrscheinlich nicht ausschließlich auf natürliche Ursachen zurückzuführen ist. In
seiner jüngsten wissenschaftlichen Einschätzung
gelangte der zwischenstaatliche Ausschuß für Klimawandel (lPCC) zu der Schlußfolgerung, daß die
Beweise unter dem Strich auf einen beträchtlichen
menschlichen Einfluß auf das Klimasystem deuten.

Ich möchte jetzt auf die Teilung der Verantwortung
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern eingehen.

Projektionen für künftigen Klimawandel auf der Grundlage von komplexen Klimamodeflen und unserem
besten Verständnis der Physik des Klimasystems
legen bis zum Jahr 2100 einen Anstieg von weiteren 1 °
- 3,5° C mit einer durchschnittlich größeren Zunahme
als in den vergangenen 10.000 Jahren nahe. Die
Erwärmung erfolgt nicht einheitlich - sie wird wahrscheinlich an höheren Breitengraden und an den Polen
größer sein.
Anhand dieser Erwärmungstrends wird der Meeresspiegel aufgrund der thermischen Ausdehnung der
Meere und des Schmelzens von Gletschern und
Eisdecken bis zum Jahr 2100 voraussichtlich um 0,45
cm ansteigen. Dadurch würden ohne Präventivmaßnahmen hier in den Vereinigten Staaten - vor allem in
Florida und Louisiana - 18.500 km2 Küstengebiete
überschwemmt und jedes Jahr ungefähr 100 Millionen
Menschen weltweit Opfer von Stürmen.
Mit anderen Worten gibt der Weg, auf dem wir uns
befinden, Anlaß zu beträchtlicher Sorge. Der Klimawandel wird wahrscheinlich weitreichende und meistenteils negative Auswirkungen auf die menschliche
Gesundheit haben. Sowohl das natürliche als auch
das künstliche Ökosystem sind in Gefahr. Die Lebensfähigkeit und Ansiedelung von Wäldern und landwirtschaftlichen Gebieten wird sich maßgeblich verändern.
Darüber hinaus konzentrieren sich praktisch alle
Studien über die Auswirkungen der Störung des
Klimas auf die prognostizierte Verdoppelung der
atmosphärischen Konzentration von Treibhausgasen.
Aber wenn Anfang des nächsten Jahrhunderts keine
einschneidenden Maßnahmen ergriffen werden, ist es
sehr wahrscheinlich, daß sich die atmosphärischen
Konzentrationen verglichen mit der vorindustriellen Zeit

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Wie ich bereits ausführte, wissen wir, daß die vom
Menschen verursachten Emissionen die Konzentration
um rund 30 Prozent erhöhen - von 280 ppm in vorindustriellen Zeiten auf ungefähr 336 ppm heute. Wir
wissen, daß die Industrieländer das meiste Kohlendioxid in die Atmosphäre emittieren und das C0 2 dort
für 100 bis 150 Jahre verbleibt. Wir wissen, daß die
Vereinigten Staaten die meisten Treibhausgase
emittieren. 4 Prozent der Weltbevölkerung leben in den
Vereinigten Staaten, und auf uns entfallen 22 Prozent
der Kohlendioxidemissionen. Wir wissen auch, daß
die Entwicklungsländer angesichts der derzeitigen
Trends die Industrienationen in rund 30 Jahren als
Emittent überholen werden. (Dann leben ungefähr 70
Prozent der Weltbevölkerung in den Entwicklungsländern). China, mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern,
wird wahrscheinlich die Vereinigten Staaten gegen
Ende des ersten Quartals des neuen Jahrhunderts
überholen.
Daher werden Aktionen der Industrieländer allein uns
nicht auf den Weg zu sicheren Konzentrationen von
Treibhausgasen bringen. Wir benötigen auch Aktionen
der Entwicklungsländer. Aus unseren bisherigen
Diskussionen und Verhandlungen wird jedoch sehr
deutlich, wenn die Industrienationen mit ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Kapazität, ihren technischen
Fähigkeiten und ihrem energieverschwendenden
Lebensstil nicht zuerst handeln - ein Beispiel geben
und die Emissionen verringern - dann werden die
Entwicklungsländer auch nicht handeln. Wir müssen
den Weg anführen. Und wir müssen schnell handeln.
Andernfalls wird eine Verdoppelung der Konzentrationen sicher sein, und wir begeben uns auf den
Weg zu einer Verdreifachung oder noch höheren
Konzentrationswerten - deren Konsequenzen unsicher, wahrscheinlich aber katastrophal sind.
1992 verabschiedete die internationale Staatengemeinschaft die UN-Rahmenkonvention über den
Klimawandel in dem Bestreben, diese Umweltbedrohung in den Griff zu bekommen. In der Konvention
einigten sich die Entwicklungsländer auf eine Reihe

AMERIKA DIENST 15

�von Aktionen zur Abschwächung des Klimawandels
und Erleichterung der Anpassung an seine Auswirkungen. Die Industriestaaten stimmten zu, dieselben Maßnahmen zu ergreifen, wollen jedoch darüber
hinaus Schritte unternehmen, um ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000 auf den Stand von 1990
zu senken.
1995 beschlossen die Unterzeichnerstaaten der
Klimakonvention, daß die unter dem Vertrag bestehenden Verpflichtungen zur Bewältigung der Bedrohung
nicht ausreichen. Dementsprechend einigten sie sich,
einen Prozeß zur Aushandlung der nächsten Schritte
einzuleiten. Da das für die Industriestaaten gesetzte
"Ziel" nur bis zum Jahr 2000 gültig ist, begannen sie
mit der Erörterung von Zielen, die ihre Bestrebungen
im ersten und eventuell zweiten Jahrzehnt des nächsten Jahrhunderts leiten sollen. Die Industriestaaten
einigten sich auf die Festsetzung quantitativer Ziele für
die Beschränkung und Verringerung von Treibhausgasemissionen bis zu einem noch zu bestimmenden
Zeitpunkt - wie 2005, 2010 oder 2020. Damals
forderten die Entwicklungsländer - von denen viele
gerade erst mit der Umsetzung bestehender Verpflichtungen im Rahmen der Konvention begonnen
hatten - der Verhandlungsprozeß sollte nicht zu neuen
Verpflichtungen für sie führen.
Sie stimmten jedoch der Förderung einer Umsetzung
ihrer bestehenden Verpflichtungen zu.
Die Vorschläge der Vereinigten Staaten bei den
derzeitigen Verhandlungen zielen auf eine Fortsetzung
des Prozesses ab. Der amerikanische Vorschlag
erkennt an, daß die 1992 in Anhang I der Konvention
aufgeführte Liste der "Entwicklungsländer", die
Unterzeichnerstaaten sind, nicht mehr den derzeitigen
Gegebenheiten entspricht. Eine Reihe von Entwicklungsländern gehört bereits durch die Mitgliedschaft in
der OECD und auf andere Weise zur entwickelten
Welt, und andere stehen kurz davor. Unser Vorschlag
zur Ausarbeitung eines "Anhang B" würde solche
Länder auf freiwilliger Basis in die Lage versetzen,
ihren derzeitigen Status - bei dem sie nicht unter.
Anhang I aufgeführt sind - zu überwinden und bindende Verpflichtungen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen einzugehen, was ihren sich
schnell verändernden wirtschaftlichen Status widerspiegelt und ihnen ermöglicht, sich mit den Industriestaaten auf Vergünstigungen für eine Verringerung der
Treibhausgasemissionen zu einigen.
In ähnlicher Weise fordert Artikel 16 des amerikanischen Vorschlags von den Unterzeichnerstaaten aus
dem Kreis der Entwicklungsländer, bis zum Jahr 2005
bindende Verpflichtungen einzugehen, damit alle
Vertragsparteien quantitative Bestimmungen über ihre
Treibhausgasemissionen haben und es einen Mechanismus oder "Auslöser" für die automatische Anwen-

AMERIKA DIENST 15

dung dieser Bestimmungen auf der Grundlage vereinbarter Kriterien gibt.
Indem sie diese "evolutionäre" Politik fordern, sind die
Vereinigten Staaten fast allen Ländern weit voraus und
werden dementsprechend kritisiert. Beispielsweise
sind mehrere Industriestaaten der Ansicht, daß unser
Vorschlag den Entwicklungsländern unfaire Lasten
auferlegt. Die meisten Entwicklungsländer sind der
Ansicht, daß "Evolution" über die Klimakonvention und
das Berliner Mandat hinausgeht. Meines Erachtens
haben wir das richtige Konzept: Niemand sollte
ausgenommen werden; da wir die größten Emissionen
haben, sollten wir als erste handeln, aber andere
müssen sich uns im Laufe der Zeit anschließen.
Die gesamten Verhandlungen über den Klimawandel
sind äußerst kompliziert - die kompliziertesten, die ich
seit 25 Jahren im öffentlichen Leben gesehen habe und der Aspekt der "Evolution" ist vielleicht der
wichtigste von allen. Wir haben - ebenso wie einige
Kongreßabgeordnete - Vorschläge unterbreitet. Jetzt
müssen wir einen endgültigen Vorschlag und eine
Verhandlungsposition ausarbeiten. Wir begrüßen Ihre
Beiträge, Ihre Unterstützung und Kreativität bei der
Lösung dieses Problems. Und ich sehe Ihren Ideen,
Fragen und Kommentaren erwartungsvoll entgegen.
Die Frage ist nicht, ob die Entwicklungsländer, insbesondere die großen und in schnellem Wachstum
begriffenen, eine quantitative Verpflichtung zur Begrenzung oder Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen eingehen sollten - zweifelsohne wird es
unmöglich sein, die Bedrohung des Klimawandels zu
verringern, wenn sie das nicht tun. Die Frage lautet,
wann solche Verpflichtungen gültig werden sollten,
welche Kriterien angelegt werden und auf wen sie
anwendbar sind.
Es gibt signifikante Unterschiede zwischen dem
Volkseinkommen der Industriestaaten und der Entwicklungsländer. Und es gibt enorme Unterschiede
bei der Emission von Treibhausgasen pro Kopf. Einige
Entwicklungsländer argumentieren, diese Kluft müsse
schmaler werden, bevor sie Verpflichtungen zur
quantitativen Emissionsbeschränkung oder -Verringerung akzeptieren.
Obwohl dieses Argument verständlich ist, läßt es zwei
wesentliche Punkte außer Acht. Erstens kann die
durch den globalen Klimawandel hervorgerufene
Bedrohung nicht abgewendet werden, wenn die
Nationen erst handeln, wenn das Volkseinkommen
oder die pro-Kopf-Emissionen irgendwann in der
Zukunft übereinstimmen.
Zweitens werden die
Industrienationen einfach keine signifikanten Bestrebungen zur Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen unternehmen, wenn ihre Anstrengungen durch
den unbegrenzten Anstieg von Emissionen in den
Entwicklungsländern unterminiert werden.

Seite 3

�Die Rahmenkonvention - die von Präsident Bush
unterzeichnet wurde, an der der Senat beratend
mitwirkte und zu der er seine überwältigende Zustimmung gab - stellte den Grundsatz auf, daß die
Nationen der Welt im Hinblick auf den Klimawandel
gemeinsame aber voneinander abgegrenzte Pflichten
und unterschiedliche Fähigkeiten haben. Es ist weder
realistisch noch mit der vom Senat gebilligten Konvention vereinbar, darauf zu bestehen, daß die Entwicklungsländer umgehend bindende Emissionsziele
akzeptieren, die die Industriestaaten aushandeln
wollen. Darauf zu bestehen, daß die Entwicklungsländer, die jetzt in zunehmendem Maße zum globalen
Anstieg von Treibhausgasen beitragen, erst dann
handeln müssen, wenn sie ein bestimmtes Volkseinkommen oder bestimmte pro-Kopf-Emissionen erreichen, ist jedoch ebenso unrealistisch und mit dem
Hauptziel der Konvention nicht vereinbar.

Das Abkommen von Kyoto kann die Nationen mit den
erforderlichen Instrumenten versehen, damit sie
wesentliche, bindende Verpflichtungen zur Beschränkung und Verringerung der Treibhausgasemissionen
eingehen. Dazu zählen über mehrere Jahre gehende
Pläne für Treibhausgasemissionen, die jährliche
Fluktuationen ausgleichen. Das beinhaltet vollständige
nationale Flexibilität bei der Auswahl von Maßnahmen
zur Erlangung solch bindender Emissionspläne.
Ferner zählen dazu Vergünstigungen für Nationen mit
bindenden Emissionsplänen unter Beteiligung des
Privatsektors, um dadurch die Kosten der Umsetzung
zu senken. Und das umfaßt die gemeinsame Durchführung zum Nutzen der Nationen mit bindenden
Emissionsplänen gegenüber denjenigen, die noch
keine solchen Pläne haben - sowohl zur Senkung der
Kosten der Umsetzung als auch zur Förderung von
Wirtschaftsentwicklung und Umweltschutz.

Das in Kyoto zu erzielende Abkommen wird das
Problem des globalen Klimawandels nicht lösen.
Ungeachtet dessen, wie ehrgeizig es ist, wird es nur
ein zweiter Schritt auf einem viel längeren Weg zur
Erreichung des übergeordneten Ziels der Klimakonvention sein. Bei unseren Vorbereitungen auf
Kyoto müssen wir auch weitere, darüber hinausgehende Schritte vorbereiten. Insbesondere müssen wir
gewährleisten, daß alle Nationen, die einen beträchtlichen Teil der Verantwortung für die globalen Treibhausgasemissionen tragen, die Notwendigkeit der
Begrenzung oder Verringerung ihrer Emissionen
akzeptieren und sich in diese Richtung bewegen.

Herr Vorsitzender, wir haben für die nächsten Monate
tatsächlich einen ehrgeizigen Kurs eingeschlagen. Die
enormen Gefahren für unseren Planeten erfordern
nichts Geringeres. Ich bin zuversichtlich, daß wir mit
Ihrer fortgesetzten Unterstützung und der anderer
Kongreßabgeordneter in Kyoto zu Ergebnissen
kommen werden, die auf dem weitaus längeren Weg
zur Rettung des Klimasystems der Erde für gegenwärtige und künftige Generationen einen beträchtlichen
Schritt darstellen. Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

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�ZIVILANGELEGENHEITEN
6. August 1997

Betrachtungen der Zukunft
von H. Allen Holmes

WASHINGTON - (AD) - In einer Welt abnehmender militärischer Konfrontationen widmet das amerikanische
Militär dem Wiederaufbau vom Krieg zerstörter Infrastrukturen wie dem Bau von Brücken und Brunnen sowie der
Räumung von Minen zunehmende Aufmerksamkeit. In einer Rede vor der internationalen Konferenz über
Zivilangelegenheiten 1997 erörtert der Abteilungsleiter für SpezialOperationen und unterschwellige Konflikte im
US-Verteidigungsministerium, H. Allen Holmes, die zivile Dimension heutiger Militäroperationen in vielen Teilen
der Welt.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sehen sich die
Vereinigten Staaten mit einem dynamischen und
instabilen Sicherheitsumfeld konfrontiert. Wir befinden
uns in einer Periode strategischer Chancen. Mit dem
Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des
Warschauer Pakts hat die Bedrohung eines globalen
Krieges abgenommen. Die von uns geschätzten
Werte - Demokratie und Marktwirtschaft - werden in
vielen Teilen der Welt übernommen. Und gleichzeitig
verändern die sich wandelnde Weltwirtschaft und die
Verbreitung
internationaler
Informationssysteme
weiterhin die Kultur, den Handel und globale Interaktionen.

vier Jahren konnten wir die zunehmende Bedeutung
von Zivilangelegenheiten bei militärischen Operationen
- abgesehen von Kriegen - beobachten. In Anerkennung des Werts von Zivilangelegenheiten befassen
sich die Stabsoffiziere und Planer unserer Streitkräfte
darüber hinaus immer mehr mit der Planung der zivilen
Dimension von Militäroperationen. In Bosnien beispielsweise wurde die Planung der militärischen
Unterstützung der Wahlen von Mitarbeitern der
Abteilungen Operationen, Strategie und Politik durchgeführt, während unser Personal für Zivilangelegenheiten das entscheidende Bindeglied zwischen den
militärischen und zivilen Planern darstellte.

Dennoch ist die Welt weiterhin ein äußerst unsicherer
Ort mit immer komplexeren und gefährlicheren Bedrohungen der nationalen Sicherheit. Wir sehen uns
nach wie vor mit einer Vielzahl gravierender regionaler
Gefahren in Südwestasien, im Nahen Osten und
Ostasien konfrontiert. Wie wir in Somalia, im ehemaligen Jugoslawien und vor kurzem an Orten wie Zaire
beobachten konnten, drohen darüber hinaus gescheiterte oder scheiternde Staaten Instabilität, interne
Konflikte und menschliche Krisen hervorzurufen. In
einigen Fällen verlieren die Regierungen ihre Fähigkeit
zur Wahrung der öffentlichen Ordnung und Erfüllung
der Bedürfnisse des Volkes und schaffen die Voraussetzungen für Bürgerunruhen, Hungersnöte, massive
Migrationsströme über internationale Grenzen hinweg
und aggressive Aktionen von Nachbarstaaten.

In den vergangenen Jahren lernten viele Länder
außerhalb der Vereinigten Staaten den Wert amerikanischer Zivilmissionen schätzen und führen solche
Einheiten in ihrem eigenem Militär ein, wobei ihnen
unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten als Modell
dienen. Einige Länder haben die Bedeutung von
Zivilangelegenheiten erkannt und ihr militärisches
Personal an das U.S. Army John F. Kennedy Special
Warfare Center and School geschickt, mobile Übungsteams angefordert und unsere Einheiten für Zivilangelegenheiten besucht um herauszufinden, warum
unsere Zivilangelegenheiten für Befehlshaber so
nützlich sind. Zwei unserer wichtigsten Verbündeten,
Großbritannien und die Republik Korea, sind hier bei
dieser internationalen Konferenz vertreten. Andere,
darunter Frankreich und Deutschland, haben großes
Interesse zum Ausdruck gebracht.

In diesem Kontext wurde die Arbeit unserer Streitkräfte
für Zivilangelegenheiten immer herausragender. In nur

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�Eine unserer künftigen Herausforderungen besteht
darin, unsere Einheiten für Zivilangelegenheiten darauf
vorzubereiten, von einer multinationalen Perspektive
aus zu arbeiten. Unsere Planer für Zivilangelegenheiten müssen Unterschiede in den Doktrinen für Zivilangelegenheiten bei unseren Verbündeten antizipieren
und auf Zusammenarbeit zur Erlangung übergeordneter Ziele vorbereitet sein.
Die vor kurzem abgeschlossene vierteljährliche
Umstrukturierung unserer Verteidigung war eine
umfassende Überarbeitung der amerikanischen
Verteidigungserfordernisse bis zur Jahrhundertwende.
Im Rahmen dieser Überarbeitung formulierte Verteidigungsminister William Cohen eine klare Vision für das
Verteidigungsministerium bis zum Jahr 2015 und
unterbreitete einen Plan für ein strategisch orientiertes,
ausgewogenes und finanzierbares Verteidigungsprogramm. Indem wir eine nationale Sicherheitsstrategie für unser Engagement befolgen, werden wir
weiterhin ein starke Führungsrolle in der internationalen Staatengemeinschaft übernehmen und alle
Dimensionen unserer Fähigkeiten nutzen, um auf das
gesamte Spektrum von Spannungsfällen zu reagieren,
das internationale Sicherheitsumfeld zu gestalten und
uns auf die Bewältigung der Herausforderungen einer
ungewissen Zukunft vorzubereiten. Diese drei Komponenten - Reaktion, Gestaltung und Vorbereitung bilden die strategische Grundlage der vierteljährlichen
Umstrukturierung und unserer künftigen Verteidigungsstrategie.
Reaktion auf Krisen
Jüngste Erfahrungen am Golf, in Haiti und Bosnien
haben das Ausmaß unter Beweis gestellt, in dem
unsere Streitkräfte für SpezialOperationen und insbesondere unser Personal für Zivilangelegenheiten die
Effektivität unserer konventionellen Kampftruppen bei
der Reaktion auf Krisen verbessern und, nachdem die
Krise vorüber ist, unseren Diplomaten bei der Gestaltung des Sicherheitsumfelds behilflich sind.
Während der Operation Wüstensturm unterstützten
unsere Streitkräfte für SpezialOperationen beispielsweise eine größere Kampfoperation der Koalitionsstreitmacht erstmals nach ihrer Wiedereinsetzung.
Unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten waren
während des Stadiums von Wüstensturm nach dem
Konflikt maßgeblich daran beteiligt, der kuwaitischen
Regierung bei der Bereitstellung elementarer Dienstleitungen für das kuwaitische Volk und der Wiederherstellung ihrer Amtsgewalt behilflich zu sein.
Im Anschluß daran waren unsere Streitkräfte für
Zivilangelegenheiten bei der Reaktion auf ein breites
Spektrum humanitärer Krisen behilflich - zum Beispiel
mit der Operation Provide Comfort, bei der unser
Personal für Zivilangelegenheiten bei der Rückführung
der Kurden half, und kleineren Operationen wie Pacific

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Heaven, bei denen wir andere Kurden umsiedeln
halfen, die uns nachrichtendienstliche Erkenntnisse
und andere Hilfe für Guam zur Verfügung gestellt
hatten.
In Haiti führten unsere Soldaten für Zivilangelegenheiten Aktivitäten durch, die von der Wiederherstellung
der Elektrizität im ganzen Land bis zur Bereitstellung
von Experten für 12 Ministerien reichten.
In Bosnien-Herzegowina war das amerikanische
Personal für Zivilangelegenheiten unter der Führung
eines britischen Korpskommandeurs während der Zeit
der IFOR bei der Koordinierung des militärischen
Engagements für den Wiederaufbau der zivilen
Infrastruktur und der Bereitstellung von Hilfe für über
500 internationale, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen behilflich.
Während der IFOR lag das Augenmerk der Einheiten
für Zivilangelegenheiten auf friedenssichernden Operationen und kleinen Gemeindeprojekten in Gebieten,
in denen Truppen stationiert waren. Mit der Stationierung der SFOR gab es eine Verlagerung der Aufmerksamkeit zu Zielen auf nationaler Ebene. Aus diesem
Grund nutzt die SFOR die zivil-militärische Einsatztruppe als ihr Verbindungsglied zu zivilen Einrichtungen bei der Förderung der wirtschaftlichen Erholung
und dem Wiederaufbau des Landes, bei der Unterstützung der Rückkehr der Flüchtlinge und dem Aufbau
dauerhafter Institutionen für den Frieden. Die von
einem amerikanischen Kommandeur befehligte
Einsatztruppe war an buchstäblich Hunderten größerer
Projekte zur Unterstützung der SFOR und an der
Förderung der zivilen Implementierung der Abkommen
von Dayton beteiligt.
Unsere jüngsten Erfahrungen verweisen auf die
Möglichkeit, daß das amerikanische Militär zur Beteiligung an komplexeren, nicht herkömmlichen
Operationen aufgefordert wird - die enge Verbindungen zu anderen amerikanischen Regierungsbehörden,
nichtregierungsabhängigen
und
internationalen
Organisationen sowie unseren Verbündeten beinhalten. Damit weist die von uns in der Vergangenheit
geleistete Arbeit eindeutig den Weg zu dem künftigen
Sicherheitsumfeld, mit dem wir uns konfrontiert sehen.
In diesem Zusammenhang haben unsere Einheiten für
Zivilangelegenheiten viel zu bieten. Die Art und Weise,
in der diese Streitkräfte eingesetzt werden, muß jedoch
sehr sorgfältig erwogen werden, bevor wir uns an einer
Operation beteiligen. Dies kann zum Teil in den frühen
Planungsphasen einer Operation durch die Einbeziehung von Mechanismen für die Übergabe der
Verantwortung von unserem Militär an die entsprechenden amerikanischen Regierungsbehörden und
letztlich zurück an den Aufnahmestaat angesprochen
werden. Das bedeutet die Beteiligung der zuständigen

AMERIKA DIENST 15

�Büros im US-Außen-, Justiz- und anderen Ministerien,
wenn wir eine Operation planen.
Gestaltung des internationalen Sicherheitsumfelds
Die Arbeit unserer Einheiten für Zivilangelegenheiten
am Golf, in Haiti und Bosnien-Herzegowina zeigt, wie
gut diese das internationale strategische Umfeld
gestalten können, nachdem upsere traditionellen
Streitkräfte auf eine Krise reagiert haben. Ebenso
wichtig ist die tägliche Arbeit unserer Einheiten für
Zivilangelegenheiten vor Krisenbeginn.
Unsere
weltweiten humanitären Bestrebungen zur Minenräumung sind ein eindrucksvolles Beispiel für den von
unserem Personal für Zivilangelegenheiten geleisteten
signifikanten Beitrag.
Die durch Antipersonenminen ausgelöste Krise hat von
Bevölkerungen und Regierungen auf der ganzen Welt
einen enormen Tribut gefordert. Das Versäumnis oder
die Unfähigkeit eines Landes, sich mit der Weiterverbreitung von Antipersonenminen zu befassen, verursacht ganz offensichtlich nicht nur persönliches Leid,
sondern macht den Landwirten auch die Nutzung ihrer
Felder unmöglich, was die Wiederaufnahme der
landwirtschaftlichen Produktion behindert, den Zugang
zu Märkten verhindert, das Vertrauen der Öffentlichkeit
in neue Regierungen untergräbt und viele andere
Hürden für eine Nation aufbaut, die die Wunden des
Krieges heilen möchte. Zusätzlich zu den Menschen
zugefügten Verletzungen und den daraus entstehenden medizinischen Kosten treiben Minenfelder ganze
Gesellschaften in hilflose Armut, aus der es keinen
Ausweg zu geben scheint.
Die humanitären Bestrebungen zur Minenräumung
sind eine der grundlegendsten Missionen, an denen
sich die Vereinigten Staaten beteiligen können, und
haben für die Clinton-Administration hohe Priorität. Es
ist unser Ziel, die Länder beim Aufbau einer dauerhaften heimischen Infrastruktur zu unterstützen, mit deren
Hilfe die Bevölkerung lernen kann, sich vor Landminen
zu schützen, die Gefahren durch Landminen abzuwehren und in verminten Gebieten den früheren
Zustand wiederherzustellen.

unseren humanitären Minenräumprogrammen zu
spielen. Das Personal für Zivilangelegenheiten dient
als Verbindungsglied zwischen unseren Minenräumteams, der Regierung des Aufnahmestaats und der
US-Botschaft. Darüber hinaus verfügen die Streitkräfte
für Zivilangelegenheiten über die erforderlichen
Fähigkeiten, um Personal des Aufnahmestaats
auszubilden, heimische Minenräumeinheiten aufzustellen und langfristig autonome Programme
aufrechtzuerhalten, was das höchste Ziel dieses
entscheidenden Programms darstellt.
Unser Personal für Zivilangelegenheiten bringt auch
unmittelbare, direkte und greifbare Vorteile für Aufnahmestaaten auf der ganzen Welt: Es werden
Straßen und Schulen gebaut, Brunnen ausgehoben,
Regierungen stabilisiert, Chaos und Verwirrung
beseitigt und die Ordnung wiederhergestellt. Indem sie
für das Leben der Bevölkerung vor Ort wirklich einen
Unterschied bewirken, untermauern die Mitarbeiter
unserer Einheiten für Zivilangelegenheiten den
Goodwill der Vereinigten Staaten in den Augen der
Welt - unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten
stellen zweifelsohne wertvolle diplomatische Multiplikatoren dar.
Im Hinblick auf die Zukunft ist es von entscheidender
Bedeutung, daß wir unsere Präsenz aufrechterhalten
und in Regionen Beziehungen aufbauen, die für
unsere nationalen Interessen wichtig sind. Unsere
Herausforderung besteht darin, trotz haushaltspolitischer Engpässe weltweit eine effektive militärische Präsenz beizubehalten. Zu diesem Zweck
müssen wir kostenintensive Lösungen vermeiden und
verstärkte internationale Zusammenarbeit anstreben.
Genau das gestattet uns unser Personal für Zivilangelegenheiten.

Das Programm hilft dem Aufnahmestaat bei der
Entwicklung aller Aspekte der Aufklärung der Bevölkerung über Minen und von Minenräumprogrammen
unter dem Vorbehalt, daß kein amerikanisches
Personal Landminen entschärft oder scharfe Minenfelder betritt. Streitkräfte für SpezialOperationen sind
die Hauptquelle des amerikanischen Militärs für die
Ausbildungsprogramme.

Eine Momentaufnahme zeigt, wie das Personal für
Zivilangelegenheiten in Ruanda und Namibia als Teil
humanitärer Minenräumteams tätig ist, im Aufnahmeland Mali als Vermittler bei einer Operation zur Verbesserung der medizinischen Infrastruktur dient, in
Belize an kleinen Bauprojekten wie Brunnenbau und
Straßenausbesserung mitwirkt, an der Wahlvorbereitung in Bosnien beteiligt ist, die Zuweisung
humanitärer Hilfe für Kambodscha koordiniert und der
kambodschanischen Regierung beim Aufbau einer
Infrastruktur behilflich ist, dank derer der Staat den
Menschen die erforderlichen Dienste anbieten kann.
Und sie zeigt, wie das Personal mit nichtstaatlichen
Behörden und privaten Trägern an Zivilprojekten in
Laos zusammenarbeitet, wo vor einem Jahr noch kein
amerikanisches Militär zugelassen war.

Als wir vergangenes Jahr zu diesem Zeitpunkt zusammentrafen, war unser Personal für Zivilangelegenheiten erst vor kurzem in die Minenräumteams einbezogen worden. Jetzt beginnen unsere Soldaten für
Zivilangelegenheiten allmählich eine Schlüsselrolle bei

Die Arbeit unseres Personals für Zivilangelegenheiten
spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung
regionaler Stabilität, Verhinderung oder Entschärfung
von Konflikten und Bedrohungen, Abschreckung von
Aggression und Gewalt weltweit. Die Fähigkeiten der

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�Einheiten für Zivilangelegenheiten wiederum bieten
unseren regionalen Kommandeuren, Botschaftern und
Politikern ein breites Spektrum von Optionen.

partner von der Unterstützung unserer Bestrebungen
abzuhalten oder uns größere Opfer als erwartet zuzufügen, um unsere nationale Entschlossenheit zu
schwächen. In Anbetracht dieser nichtmilitärischen
Bedrohungen gewinnt die Arbeit unserer Streitkräfte für
Zivilangelegenheiten zunehmend an Bedeutung, da ihr
Verständnis für den zivilen Sektor größer ist als das
unserer konventionellen Streitkräfte.

Vorbereitung auf eine ungewisse Zukunft
Ebenso wie die Streitkräfte für SpezialOperationen
früherer Jahre, werden auch die von heute mit ungewöhnlichen Herausforderungen konfrontiert.
Sie
müssen sich auf die heutigen nichttraditionellen
Herausforderungen einstellen und gleichzeitig die
Kampffähigkeit und Reservestruktur der Amerikaner
verändern, damit sie künftigen Herausforderungen
effektiv begegnen können.

Vergangenes Jahr habe ich erwähnt, daß das Personal für Zivilangelegenheiten eine bedeutende Rolle
dabei übernehmen kann, andere Regierungen und ihre
Bürger auf den Umgang mit Terrorangriffen vorzubereiten. Ich fordere Sie dringend auf, weiter nach
Wegen zu suchen, wie Sie auf diesem Gebiet einen
Beitrag leisten können.

Um darauf vorbereitet zu sein, die Kriege unserer
Nation zu führen und zu gewinnen, um eine Reihe
schwieriger Operationen in Spannungsfällen durchzuführen, um zur Unterstützung unserer Freunde und
Verbündeten in der Dritten Welt bei der Schaffung
eines sicheren Umfelds bereit zu sein, müssen wir
ständig neue Taktiken und Ausrüstung entwickeln, die
der Kriegführung des neuen Zeitalters, mit der wir im
21. Jahrhundert konfrontiert sein werden, angemessen
sind.

Ferner fordere ich Sie eindringlich dazu auf, bei dieser
Konferenz den Rednern gut zuzuhören, die zukünftige
Herausforderungen und verfügbare Mittel erörtern,
welche Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen könnten. Ich
möchte Sie ermutigen, Fragen zu stellen, Kommentare
abzugeben, auf Ihren Erfahrungen basierende Vorschläge zu machen und neue Ideen zu unterbreiten.
Dies wird Politikern aller Behörden und den Oberbefehlshabern hilfreiche Anregungen bieten.

Wir müssen damit rechnen, daß unsere Gegner sich in
zunehmendem Maße ungewöhnlicher Mittel oder
unkonventioneller Ansätze bedienen werden, um
unsere Stärken zu umgehen oder zu unterminieren
und unsere Schwächen auszunutzen. Um die direkte
militärische Konfrontation mit den Vereinigten Staaten
zu vermeiden, könnten uns unsere Gegner mit terroristischen Gewalttaten, dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen oder nachrichtendienstlicher Kriegführung zur Erlangung ihrer Ziele drohen. In einem
konventionellen Krieg könnten diese Mittel auch
eingesetzt werden, um unseren Zugang zu entscheidenden Einrichtungen zu verzögern oder zu
verhindern, unsere Kommando- und Kontrollnetze zu
zerstören, Verbündete und potentielle Koalitions-

* *

Seite 4

Die kommenden Jahre werden unsere gesamten
Streitkräfte auf eine harte Probe stellen. Kürzungen im
Verteidigungshaushalt werden den Wert von Anpassungsfähigkeit und unserer Fähigkeit zum Umgang
mit dem Wandel erhöhen. Ich bin zuversichtlich, daß
die heutigen Streitkräfte für Zivilangelegenheiten über
die Kreativität, Flexibilität und Professionalität verfügen, neue unkonventionelle Aufgaben zu bewältigen
und gleichzeitig ihre traditionellen Fähigkeiten zu
bewahren. Und ich bin zuversichtlich, daß die Streitkräfte für Zivilangelegenheiten aus dem nächsten
Jahrzehnt stark und mit einem neuen Zielbewußtsein
in einer geänderten Welt hervorgehen werden.

*

AMERIKA DIENST 15

�Frciü

Gaby N i e s e n
F r ü i Beet 1 ön
boii ü

Ü5i^

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Besuch von Bundespräsidenten Herzog in den USA &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abschiedsrede&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Cohen erörtert Gründe für die NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Implementierung des Daytoner Abkommens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Jeffrey Lang&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Entwicklungsländer müssen ebenfalls Treibhausgase reduzieren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Timothy Wirth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Zivilangelegenheiten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Betrachtungen der Zukunft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von H. Allen Holmes&lt;/em&gt;</text>
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cimcrikci
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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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Z12462 C
14

23. Juli 1997

CLINTON: POLEN WIRD WEGBEREITER
FÜR FREIHEIT UND SICHERHEIT
Rede des Präsidenten in Warschau

NATO

GRUNDE FÜR DIE NATO-ERWEITERUNG
Anhörung von Abteilungsleiter Kornblum

VEREINTE NATIONEN

WICHTIGSTE PUNKTE DES
UNO-REFORMPAKETS
Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO
REFORMPAKET FÜR DIE UNO IST
"BEDEUTSAMER SCHRITT"
Ansprache von Bill Richardson
VEREINIGTE STAATEN UNTERSTÜTZEN
UNO-REFORM
von Princeton Lyman

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND IST DER ANKER
EINES GEEINTEN EUROPAS
Anhörung von John Kornblum

TERRORISMUS

TERRORISMUS BLEIBT GLOBALES THEMA
von Botschafter Philip Wilcox, Jr.

FRAUEN

INTEGRATION DER GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN PERSPEKTIVE
Rede von Seth Winnick

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�NATO
23. Juli 1997

Clinton: Polen wird Wegbereiter
für Freiheit und Sicherheit
Rede des Präsidenten in Warschau

WARSCHAU - (AD) - "Vor acht Jahren haben Sie den Weg zur Freiheit angeführt. Jetzt bitten wie Sie, erneut
Wegbereiter zu sein", äußerte Präsident Clinton am 10. Juli 1997 gegenüber den Bürgern von Warschau in einer
Rede, die er zwei Tage nach der Einladung Polens zum NATO-Beitritt hielt. Nachfolgend veröffentlichen wir die
Ansprache Präsident Clintons im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Bürgermeister, Major Kuklelka,
Leutnant Blazeusz, liebe Bürger von Warschau und
Polen. Ich bin stolz darauf, zu Ihnen sprechen zu
dürfen und Sie - gemeinsam mit dem Volk Ungarns
und Tschechiens - als neue Mitglieder der NATO und
neue Verbündete der Vereinigten Staaten von Amerika
willkommen heißen zu dürfen.

wird nichts über Sie entschieden ohne Ihre Zustimmung. Jetzt tritt Polen der NATO bei. Polen nimmt
seinen Platz in der Gemeinschaft demokratischer
Staaten ein. Nie wieder werden andere über Ihr
Schicksal entscheiden. Nie wieder wird Ihnen Ihr
Geburtsrecht auf Freiheit verweigert. Polen kommt
nach Hause.

Mein Dolmetscher möge mir vergeben, wenn ich von
meinem Redetext abweiche und sage, daß die amerikanische Delegation stolz darauf ist, hier sein zu
dürfen. Für zwei unserer Delegationsmitglieder hat
dieser Tag eine besondere Bedeutung, und ich bitte
sie, sich zu erheben. Eines ist unsere Außenministerin, die in der Tschechischen Republik geboren und
von den Unruhen vertrieben wurde, die den Polen
während der letzten 50 Jahre so viele Sorgen bereiteten - Madeleine Albright. Die zweite ist eines der
herausragendsten Mitglieder des amerikanischen
Kongresses, deren beide Großväter polnische Einwanderer waren - Senatorin Barbara Mikulski aus
Maryland.

Vor 200 Jahren brannte in Polen ein helles Licht der
Freiheit. Damals gaben Sie Europa seine erste und
der Welt ihre zweite schriftlich niedergelegte Verfassung - nach der amerikanischen. Dieser feierliche
Pakt gab Ihren Vorfahren Kraft und Hoffnung, selbst
als Polen immer wieder Opfer der Tyrannei wurde.
Aber diese Woche sprechen die in dieser Verfassung
enthaltenen Worte und die derjenigen, die sie befolgten, über Jahrhunderte hinweg zu uns. "Wir schreiben
feierlich diese Verfassung in dem Willen, von der
gegenwärtigen Situation in Europa und dem günstigen
Moment zu profitieren, der uns wieder zu uns selbst
finden läßt." Bürger Polens, dieser günstige Moment
läßt Sie wieder zu sich selbst finden.

Wir kommen heute zusammen, um diesen Moment
erfüllter Versprechen zu feiern. Hier, im Dämmerlicht
des 20. Jahrhunderts, richten wir unseren Blick auf ein
neues Jahrhundert, ein Jahrhundert, in dem Polen
endlich eine freie Nation im Herzen eines freien,
neuen, ungeteilten, demokratischen und friedlichen
Europas wird.

Es ist ein von Ihnen gemachter Moment. Ebenso wie
hier vor 200 Jahren die Freiheit geboren wurde, ist sie
vor acht Jahren wiedergeboren worden, als Sie den
Lauf der Geschichte veränderten. Und jetzt haben wir
Polen wieder zurück nach Europa geführt und zu der
Zukunft, die Sie verdienen. Von diesem Tag an wird
Polen das, was es in Frieden aufbaut, in Sicherheit
bewahren.

Diese Woche vor drei Jahren kam ich in diese großartige Stadt und gab das folgende Versprechen ab: Es

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�Den Bürgern meines eigenen Landes sage ich: Dieses
Land, von dem aus ich spreche, hat die schlimmsten
Kriege des 20. Jahrhunderts erlebt. Durch die Erweiterung der NATO werden wir einen erneuten Krieg
verhindern, in den Polen hineingezogen werden
könnte, einen erneuten Krieg in Europa und einen
erneuten Krieg, der das Leben von Amerikanern
kosten könnte.
Wir sind diesem Augenblick dankbar für seine Segnungen, uns aber auch der großen Verantwortung bewußt,
die er beinhaltet. Durch die Macht seines Beispiels
und das Beispiel seiner Macht hat unser Nordatlantisches Bündnis nahezu ein halbes Jahrhundert die
Sicherheit Westeuropas, Kanadas und der Vereinigten
Staaten gewährleistet. Kein NATO-Mitglied ist je
angegriffen worden. Die NATO hat nie aggressiv
zurückgeschlagen.
Jetzt müssen wir unser Bündnis an eine neue Zeit
anpassen. Unser gemeinsamer Feind - die kommunistische Unterdrückung - ist verschwunden, aber
gemeinsame Gefahren bestehen immer noch. Zu viele
Menschen fürchten immer noch den Wandel, weil sie
seine Vorteile noch nicht spüren. Sie sind immer noch
empfänglich für die zersetzenden Aufrufe extremer
Nationalisten zu ethnischem, rassischem und religiösem Haß. Verbrecherische Staaten versuchen, die
Staatengemeinschaft der Demokratien zu unterminieren. Terroristen, internationale Kriminelle und Drogenhändler respektieren keine Grenzen. Das sind unsere
gemeinsamen Gefahren, die wir gemeinsam bekämpfen müssen.
Die NATO trägt ihren Teil dazu bei - sie nimmt neue
Mitglieder auf, übernimmt neue Aufgaben und arbeitet
mit neuen Partnern zusammen. Ebenso wie Polen
haben wir auch die Ukraine einbezogen, um zur
Konsolidierung der Stabilität in Europa beizutragen,
und wir arbeiten mit einem neuen Rußland als unserem Partner beim Aufbau eines Europas zusammen, in
dem jede Nation frei ist und jede freie Nation zur
Sicherung von Frieden und Stabilität für alle beiträgt.
Jetzt müssen Sie - wie Ihr Präsident es formulierte weiterhin Ihren Beitrag leisten. Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik werden jetzt Vollmitglieder des
Bündnisses mit der vollen Verantwortung der Mitgliedschaft - der Verantwortung, Ihre Demokratien zu
pflegen, zu stärken und zu verteidigen, weil - wie wir in
Amerika wissen - nach über 200 Jahren der Kampf für
Demokratie nie beendet ist und jeden Tag gekämpft
werden muß.
Die Verantwortung zur Fortsetzung der bemerkenswerten Umgestaltung Ihrer Volkswirtschaft, weil Sie,
nachdem Sie die Armut kennengelernt haben, den
echten Wert des Wohlstands zu schätzen wissen, den
Sie gerade angefangen haben zu schaffen. Die Ver-

Seite 2

antwortung zur Einbeziehung all Ihrer Nachbarn im
Osten wie im Westen, einschließlich der Menschen in
Rußland. Sie müssen weiterhin in Toleranz das
aufbauen, was andere im Haß zerstört haben.
Die Verantwortung zur Erfüllung der hohen militärischen Standards der NATO und zur Übernahme der
Kosten, weil echte Sicherheit Stärke und Einsatzbereitschaft erfordert. Wir wissen, daß Sie bereit sind, die
Lasten der Verteidigung der Freiheit zu teilen, weil Sie
den Preis des Verlusts der Freiheit kennen.
Andere Nationen blicken auf Sie, damit Sie ihnen
zeigen, welchen Beitrag neue Mitglieder leisten
können. Sie sind nicht durch die Tür der NATO
getreten, damit sie hinter Ihnen geschlossen wird.
Diese Tür bleibt offen.
Vor acht Jahren haben Sie den Weg zur Freiheit
angeführt. Jetzt bitten wir Sie, erneut Wegbereiter zu
sein. Die Menschen in Warschau, das polnische Volk
und das amerikanische Volk wissen aufgrund der
harten Lektionen dieses Jahrhunderts, daß Ihr Schicksal und unsere Zukunft miteinander verbunden sind.
Nach dem Ersten Weltkrieg haben sich die Vereinigten
Staaten aus der Welt zurückgezogen, und das flakkemde Licht der Freiheitsfackel wurde durch die Nacht
in Europa verdunkelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg
hielten wir und unsere Verbündeten das Symbol der
Freiheit in die Höhe - aber es konnte nur den halben
Kontinent erleuchten.
Heute sind wir hier zusammengekommen, um das
wertvollste Geschenk der Geschichte zu feiern - eine
zweite Chance. Eine zweite Chance, um das Opfer
derjenigen wiedergutzumachen, die von den Küsten
der Normandie bis zu den Straßen von Warschau für
unsere Freiheit kämpften. Eine zweite Chance, um
endlich Europa nicht durch die Gewalt der Waffen,
sondern die Macht des Friedens zu vereinen.
Vor einer Woche haben wir den 4. Juli - den amerikanischen Unabhängigkeitstag - gefeiert. Vor über 200
Jahren haben Sie Ihre Söhne entsandt, um zur
Sicherung unserer Zukunft beizutragen. Das hat
Amerika nie vergessen. Heute werden wir zusammenarbeiten, um die Zukunft eines ungeteilten Europas für
Ihre und unsere Freiheit zu sichern.
Das ist das Versprechen, das uns heute hier zusammenbringt. Das ist das Versprechen, das uns in
einem neuen Europa für ein neues Jahrhundert
verbindet. Das ist unser Versprechen an alle heute
hier versammelten jungen Menschen und an künftige
Generationen: Sicherheit für 100 Jahre. Demokratie
für 100 Jahre. Freiheit für 100 Jahre.
Gott schütze Amerika und Gott schütze Polen. Ich
danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 14

�NATO

23. Juli 1997

Gründe für die NATO-Erweiterung
Anhörung von Abteilungsleiter Kornbium

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Abteilungsleiters für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, John Kornblum, vor dem nationalen Sicherheitsausschuß
des Repräsentantenhauses am 17. Juli 1997.

Einleitung
Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Ich begrüße diese
Gelegenheit, über die historischen Ereignisse der
vergangenen Woche in Madrid und ihre Bedeutung für
das amerikanische Volk sprechen zu können. Während wir unsere Aufmerksamkeit von den Vorbereitungen auf Madrid und zur Erlangung der Ziele des
Gipfeltreffens auf den Beginn der Beitritts- und Ratifizierungsphase verlagern, sehen wir der engen
Zusammenarbeit mit Ihnen erwartungsvoll entgegen
um sicherzustellen, daß die logische Begründung, die
Vorteile und Kosten der Erweiterung und Anpassung
der NATO von diesem Gremium und dem amerikanischen Volk voll und ganz verstanden werden. Ich
hege die Hoffnung, wenn nicht sogar die Erwartung,
daß diese Bestrebungen in ihrem weiteren Verlauf
ebenfalls uneingeschränkt begrüßt und unterstützt
werden.
Wir haben uns sehr gefreut, daß so viele Mitglieder
des Repräsentantenhauses und des Senats, darunter
der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Norman
Sisisky, mit uns zusammen am Madrider Gipfel
teilnehmen konnten. Wie Senator Roth vor dem
Nordatlantikrat betonte, war der Gipfel von Madrid eine
historische Wasserscheide in der Entwicklung des
Bündnisses zu einer "neuen NATO" für ein neues
Jahrhundert. Es ist wichtig, daß wir hierbei die enge
Zusammenarbeit zwischen der Administration und dem
Kongreß fortsetzen.
Gründe für die Erweiterung der NATO
Bevor ich die Leistungen des Gipfeltreffens und die
Pläne für das nächste Jahr im einzelnen darlege,

AMERIKA DIENST 14

möchte ich nochmals die Gründe für die Erweiterung
und Anpassung der NATO anführen.
Vor sechs Jahren befand sich die NATO an einem
Scheideweg: Der Kalte Krieg war vorüber und der
Hauptgrund für die Existenz der NATO - die Abwehr
einer möglichen sowjetischen Bedrohung - bestand
nicht mehr. Viele fragten sich, warum wir die NATO
noch benötigen. Das Bündnis selbst stellte sich die
Frage und gelangte zu folgender Antwort: "Weil die
NATO das effektivste Militärbündnis der Geschichte ist
und eine entscheidende Rolle dabei zu spielen hat,
zum ersten Mal in der Geschichte einen ungeteilten,
friedlichen und sicheren Kontinent zu schaffen." Wir
erkannten jedoch, daß sich die NATO verändern
mußte, um dieser Rolle gerecht zu werden. Seit sechs
Jahren paßt sich die NATO an die Realitäten der Zeit
nach dem Kalten Krieg und das neue Sicherheitsumfeld in Europa an. In der vergangenen Woche
haben wir in Madrid die entscheidenden Schritte zu
dieser Anpassung und zur Verwirklichung unseres
Ziels eines geeinten und von Konflikten freien Europas
unternommen.
Die neue NATO ist besser zur Bewältigung der
Herausforderungen unserer Sicherheit in der Zeit nach
dem Kalten Krieg ausgerüstet als jede andere Institution. 50 Jahre lang war die NATO die effektivste
Abschreckung gegen einen Konflikt größeren Ausmaßes. In diesen 50 Jahren wurde kein NATOMitglied angegriffen und kein NATO-Mitglied hat ein
anderes Land angegriffen. Aber stellen Sie sich eine
Welt ohne die NATO vor. Während Institutionen wie
die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die Vereinten Nationen (UNO) und die
Europäische Union (EU) immer noch ihre elementaren
Funktionen ausüben würden, gäbe es keine der NATO

Seite 1

�vergleichbare Organisation. Ohne die NATO würden
wir erneuten Konflikten und der Möglichkeit Tür und
Tor öffnen, daß wiederum amerikanische Soldaten für
den Schutz amerikanischer Interessen und Werte
kämpfen und sterben müßten. Vor seiner Reise nach
Madrid erklärte Präsident Clinton: "Wenn wir aus dem
20. Jahrhundert auch nur eine Lehre gezogen haben,
dann die, daß unsere Zukunft und die Europas untrennbar verbunden sind."
Durch die NATO-Erweiterung stärken wir die NATO
und die Sicherheit und Stabilität in ganz Europa.
Polen, Ungarn und die Tschechische Republik werden
nicht nur Sicherheit in Anspruch nehmen, sondern
auch Sicherheit schaffen. Sie teilen die Verpflichtung
der NATO zu den Prinzipien von Demokratie und
freien Märkten. Sie werden Sicherheit jenseits ihrer
Grenzen verbreiten und mit ihren Nachbarn an der
Konsolidierung der bereits erzielten enormen Fortschritte zusammenarbeiten. Sie werden die Vorteile
genießen, aber sie werden auch die Pflichten und
Kosten der NATO-Mitgliedschaft übernehmen. Durch
die Erweiterung der NATO tragen wir zur Konsolidierung und Fortsetzung der Fortschritte zu Reform und
Demokratie in ganz Europa bei. Und wir löschen für
immer die Trennlinie aus, die Europa 50 Jahre lang
geteilt hat. Die Erweiterung der NATO wird gewährleisten, daß diese neue NATO weiterhin das effektivste
Militärbündnis der Geschichte bleibt. Es ist eine neue
NATO für ein neues Jahrhundert.

chen Erfolg der Partnerschaft für den Frieden hin und
räumten ein, daß die NATO ohne die PfF nicht in der
Lage gewesen wäre, die IFOR und die SFOR so
effektiv und effizient unter Beteiligung so vieler Partner
nach Bosnien zu entsenden. Am zweiten Tag des
Gipfels trafen 28 Staats- und Regierungschefs der
Mitgliedsländer des EAPR beziehungsweise ihre
Stellvertreter erstmals in der Geschichte im Rahmen
der NATO mit ihren Amtskollegen aus dem Bündnis
zusammen.
Die führenden Vertreter des Bündnisses unterzeichneten die Charta zwischen der NATO und der Ukraine,
die dem Bündnis und der Ukraine die Stärkung ihrer
Konsultationen und Kooperation ermöglicht, und sie
erkannten die historische Unterzeichnung der Grundakte zwischen der NATO und Rußland im Mai an. Der
neue Ständige Gemeinsame Rat der NATO und
Rußlands wird der NATO und Rußland erlauben, zu
beratschlagen, zusammenzuarbeiten und - das
möchte ich betonen - "wo es angebracht ist", gemeinsam zur Bewältigung der sicherheitspolitischen
Herausforderungen in Europa zu handeln. Er wird
Rußland kein Vetorecht bei den Entscheidungen des
Bündnisses einräumen - auch das möchte ich betonen,
weil es kürzlich von einigen Kommentatoren mißverstanden wurde. Wo die NATO und Rußland sich auf
gemeinsame Aktionen einigen, werden sie diese auch
durchführen. Wo das nicht geschieht, hat das Bündnis
die Freiheit, ihm angemessen erscheinende Aktionen
durchzuführen.

Die Leistungen von Madrid
Die Einladung an Polen, Ungarn und die Tschechische
Republik zur Aufnahme der Beitrittsverhandlungen war
in keinster Weise die einzige Leistung des Madrider
Gipfels, wenn auch die bemerkenswerteste. Die
Erweiterung kann nicht isoliert betrachtet werden. Sie
ist nur ein Element umfassenderer Bestrebungen zur
Schaffung einer sichereren euroatlantischen Gemeinschaft.
In Madrid haben die Verbündeten klargestellt, daß
diese Erweiterung der NATO nicht die letzte sein wird.
Sie verabschiedenten ein solides Konzept der offenen
Tür, das die Fortsetzung der intensivierten Dialoge der
NATO mit den die Mitgliedschaft anstrebenden
Partnern, eine Verpflichtung zur Überprüfung des
Status dieser Dialoge beim nächsten Gipfeltreffen im
Jahr 1999 sowie stärkere und tiefere kooperative
Beziehungen mit den Partnern durch den neuen
Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR) und einer
erweiterte Partnerschaft für den Frieden (PfF) enthält.
Der Euroatlantische Partnerschaftsrat wird die Konsultationen der NATO mit ihren Partnern stärker in den
Brennpunkt rücken, Umfang und Inhalt unserer
praktischen Zusammenarbeit verbessern sowie
Transparenz und Vertrauen zwischen allen Mitgliedstaaten des EAPR erhöhen. In ähnlicher Weise
wiesen die Bündnismitglieder auf den außerordentli-

Seite 2

Ferner stellten die Verbündeten fest, daß Fortschritte
bei der internen Anpassung der NATO gemacht
wurden und einigten sich darauf, ausstehende Fragen
über die Befehlsstruktur und die Entwicklung einer
gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI) möglichst im Rahmen der NATO
und des Konzepts der Alliierten Streitkräftekommandos
bis zum Ministertreffen des Nordatlantikrats im Dezember zu lösen. Diese Elemente der NATO-Anpassung Erweiterung, das Verhältnis zu Rußland und zur
Ukraine, der EAPR, die erweitere PfF und die interne
Anpassung - werden die laufenden Bestrebungen
anderer euroatlantischer Institutionen wie OSZE, EU,
Europarat und WEU zur Erlangung unseres Ziels eines
sicheren, integrierten Europas ergänzen.
Die nächsten Schritte
Beitrittsgespräche
Im September und Oktober wird die NATO mit den
eingeladenen Ländern Beitrittsgespräche führen. Die
Gespräche werden offiziell die Bereitschaft und
Fähigkeit jedes zum Beitritt eingeladenen Landes
bestätigen, die Verpflichtungen des Nordatlantikvertrags zu erfüllen und die politischen und rechtlichen
Voraussetzungen des Bündnisses zu akzeptieren.
Ferner werden die Gespräche das Verhältnis jedes

AMERIKA DIENST 14

�Landes zum Verteidigungsplanungssystem der NATO
und ihrer integrierten Militärstruktur festlegen. Die
NATO möchte die Gespräche bis zum Ministertreffen
des Nordatlantikrats am 16. und 17. Dezember
abschließen, bei dem die Außenminister der NATOStaaten die Beitrittsprotokolle unterzeichnen werden.

hungen zwischen der NATO und der Ukraine mit Leben zu erfüllen. Wir werden mit unseren Verbündeten
und Partnern an der Entwicklung dieser Foren zusammenarbeiten.

Anschließend beginnt der Ratifizierungsprozeß. Der
Zusatzartikel zum Washingtoner Vertrag über die
Aufnahme von drei Ländern muß von allen 16 NATOMitgliedstaaten ratifiziert werden. In Madrid unterstützten die Verbündeten das Ziel Präsident Clintons,
den Ratifizierungsprozeß rechtzeitig abzuschließen,
damit die drei eingeladenen Länder der NATO offiziell
am 50. Jahrestag des Washingtoner Vertrags im April
1999 beitreten können.

Bei der internen Anpassung der NATO wurden bereits
beträchtliche Fortschritte erzielt, aber die Arbeit muß
noch fertiggestellt werden. Die NATO wird sich darum
bemühen, diese Aufgaben ebenfalls bis zum Ministertreffen im Dezember abzuschließen. Wir werden
weiterhin mit unseren Kollegen in Frankreich und
anderen verbündeten Ländern nach Wegen suchen,
die Kommandofrage bei den Alliierten Streitkräften
Südeuropa zu lösen.

Kosten

Schlußbemerkung

Bis Dezember wird die NATO eine umfassende
Analyse der Kosten der Erweiterung sowie eine
detaillierte Analyse der militärischen Erfordernise im
Zusammenhang mit der Erweiterung um die drei
eingeladenen Länder abschließen. Die Erklärung des
Madrider Gipfels enthält das Eingeständnis, daß die
Erweiterung Auswirkungen auf die der NATO zur
Verfügung stehenden Mittel haben wird sowie die
Verpflichtung, die zur Deckung dieser Kosten notwendigen Mittel aufzubringen.

In den letzten drei Monaten haben wir gemeinsam mit
unseren Verbündeten in der NATO und unseren
Partnern in Europa eine Reihe außergewöhnlicher
Maßnahmen ergriffen, um dem Ziel eines friedlichen,
sicheren und ungeteilten Europas näherzukommen.
Sie und Ihre Kollegen im Kongreß haben uns auf
jedem Schritt dieses Weges begleitet. Nicht alle
stimmten jeder unserer Aktionen zu, und es gibt viele
Fragen. Das sollte auch so sein. Ihre Fragen und
Anliegen haben unsere Entscheidungen besser und
stärker gemacht. In Zusammenarbeit haben wir den

Die Erklärung wurde von allen Bündnismitgliedern
gebilligt. Wir werden darauf bestehen, daß unsere
derzeitigen und zukünftigen Mitglieder ihren gerechten
Teil der Kosten der Mitgliedschaft tragen.
EAPR, PfF, Rußland und die Ukraine
Ein anderes wichtiges Ziel in den kommenden Monaten wird darin bestehen, den EAPR, den Ständigen
Gemeinsamen Rat mit Rußland und die neuen Bezie-

*

AMERIKA DIENST 14

Interne Anpassung

Rahmen für die weitreichendsten Veränderungen in

der europäischen Sicherheitsstruktur seit dem Ende
des Kalten Krieges geschaffen. Jetzt haben wir die
Chance, zusammen unsere gemeinsame Vision von
einer neuen NATO für ein neues Europa und ein
neues Jahrhundert zu realisieren. Meine Kollegen in
der Administration und ich sehen der Zusammenarbeit
mit Ihnen bei diesem Bestreben erwartungsvoll
entgegen.

*

Seite 3

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Wichtigste Punkte des UNO-Reformpakets
Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO

VEREINTE NATIONEN - (AD) - UNO-Generalsekretär Kofi Annan legte der UNO-Generalversammlung am 16.
Juli 1997 einen 95-seitigen Bericht vor, der die Reformen und Reorganisationsmaßnahmen enthält, mit denen der
Generalsekretär die Vereinten Nationen in den kommenden Jahren zu einer effektiveren und effizienteren
Organisation machen möchte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die wichtigsten Punkte des Berichts.

Die in dem vorliegenden Bericht enthaltenen Maßnahmen und Vorschläge umfassen das vom Generalsekretär während der ersten sechs Monate seiner
Amtszeit eingeleitete Reformprogramm. Es sieht
tiefgreifende und weitreichende Veränderungen vor,
um die Organisation entschlossen auf den Weg zu
wichtigen und grundlegenden Reformen zu bringen,
die sie zielgerichteter, kohärenter und flexibler machen
sollen. Einige Maßnahmen wurden bereits durchgeführt, andere erfordern mehr Zeit, und viele benötigen Entscheidungen der Mitgliedstaaten. Reform ist
schließlich ein andauernder Prozeß und nicht ein
einzelnes Ereignis.
Die Aktionen und Empfehlungen konzentrieren sich
vornehmlich auf folgende Bereiche von oberster
Priorität:
Schaffung einer neuen Führungs- und Verwaltungsstruktur, mit der die Fähigkeit des Generalsekretärs zur
Übernahme der Führungsrolle und Sicherstellung der
Rechensschaftspflicht verbessert wird, die die Organisation erfordert, durch:
a.

Einrichtung der Position eines Stellvertretenden Generalsekretärs.

b.

Einrichtung einer hochrangigen Verwaltungsgruppe.

c.

Weiterentwicklung und Stärkung der vom
Generalsekretär im Januar 1997 gegründeten
Exekutivausschüsse der sektoralen Gruppen,

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in denen alle Abteilungen, Fonds und Programme der Vereinten Nationen enthalten
sind.
d.

Dezentralisierung des Entscheidungsprozesses auf Landesebene und Konsolidierung der
Präsenz der Vereinten Nationen unter "einer
Flagge".

e.

Schaffung einer strategischen Planungseinheit.

Gewährleistung finanzieller Solvenz durch die Einrichtung eines Umlauffonds von bis zu 1 Milliarde
Dollar, der aus freiwilligen Beiträgen oder von den
Mitgliedstaaten vorzuschlagenden anderen Mitteln
finanziert wird, abhängig von einer dauerhaften Lösung
der Finanzprobleme der Organisation.
Reduzierung von 12 Sekretariatseinheiten auf fünf und
die vorgeschlagene Konsolidierung von fünf behördenübergreifenden Gremien in zwei.
Eine veränderte Verwaltungsstruktur zusammen mit
Maßnahmen zur Verbesserung der Verwaltung und
Effizienz, durch die mindestens 1.000 Mitarbeiterpositionen abgebaut, die administrativen Kosten um ein
Drittel gesenkt, die Leistungen verbessert und über die
Jahre hinweg zusätzliche Einsparungen bei Personalkosten vorgenommen werden.
Durchführung einer gründlichen Überprüfung der das
Humankapital betreffenden Maßnahmen und Praktiken

Seite 1

�um sicherzustellen, daß alle Mitarbeiter die notwendigen Fertigkeiten haben und die Grundvoraussetzungen für effektiven Dienst mitbringen.
Förderung von andauernder und nachhaltiger Entwicklung als oberste Priorität der Vereinten Nationen durch:
a.

b.

c.

d.

e.

Zusammenlegung der Fonds und Programme
der Vereinten Nationen mit Entwicklungsoperationen in einer Entwicklungsgruppe der
Vereinten Nationen, die Konsolidierung und
Zusammenarbeit unter den Mitgliedstaaten
erleichtert ohne ihre Unterschiedlichkeit oder
Identität aufs Spiel zu setzen.
Vorschlag einer "Entwicklungsdividende", um
Ressourcen von der Verwaltung zu Entwicklungsaktivitäten zu verlagern.
Einrichtung eines neuen Büros zur Finanzierung von Entwicklung mit einem Stellvertretenden Generalsekretär, der die Führungsrolle bei der Einführung innovativer Mittel zur
Mobilisierung neuer Finanzressourcen für
Entwicklung übernimmt.
Vorschläge zur Lastenteilung und besseren
Berechenbarkeit durch mehrjährige ausgehandelte und freiwillige Zusagen zur Finanzierung der Entwicklungsoperationen der Vereinten Nationen.
Stärkung der umweltpolitischen Dimension der
Aktivitäten der Vereinten Nationen, insbesondere des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen (UNEP).

Stärkung und gezielte Ausrichtung der normativen
Politik- und wissensbezogenen Funktionen des
Sekretariats und seiner Fähigkeit, den behördenübergreifenden Gremien der Vereinten Nationen durch die
Einrichtung einer konsolidierten Sektoralgruppe für
wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten zu dienen.
Verbesserung der Fähigkeit der Organisation zur
rascheren Entsendung von friedenssichernden und
anderen Operationen vor Ort, einschließlich der
Erweiterung der schnellen Einsatztruppe der Vereinten
Nationen.
Stärkung der Fähigkeit der Vereinten Nationen zur
Friedensschaffung nach Konflikten mit der Benennung
der Abteilung für politische Angelegenheiten als
Einrichtung vor Ort für diesen Zweck.
Unterstützung internationaler Bestrebungen zur
Bekämpfung von Verbrechen, Drogenhandel und Ter-

Seite 2

rorismus durch die Konsolidierung der Programme und
Aktivitäten der Vereinten Nationen in Wien in einem
Büro für Drogenkontrolle und die Verhinderung von
Verbrechen.
Erweiterung der Menschenrechtsaktivitäten durch die
Reorganisation und Umstrukturierung des Menschenrechtssekretariats und der Integration von Menschenrechten in alle wichtigen Aktivitäten und Programme der Vereinten Nationen.
Förderung der Abrüstungsagenda durch die Einrichtung einer Abteilung für Abrüstung und Rüstungskontrolle zur Inangriffnahme der Reduzierung von
Rüstungen und Massenvernichtungswaffen sowie der
Rüstungskontrolle.
Verbesserung der Reaktion auf humanitäre Bedürfnisse durch die Einrichtung eines neuen Büros zur
Koordinierung von Katastrophenhilfe, das die Abteilung
für humanitäre Angelegenheiten ersetzt und seine
Fähigkeiten auf die effektivere Bewältigung komplexer
Notfälle konzentriert.
Grundlegende Verbesserung der Information der
Öffentlichkeit und Kommunikationsstrategie und
Funktionen der Vereinten Nationen, um die sich
verändernden Erfordernisse der Organisation zu
meistern.
Berücksichtigung der Notwendigkeit zu grundlegenderen Veränderungen durch Empfehlungen des Generalsekretärs an die Mitgliedstaaten, folgendes in
Erwägung zu ziehen:
a.

Konzentration der Arbeit der Generalversammlung auf Probleme von höchster Priorität
und Verkürzung der Sitzungen der Versammlung.

b.

Einrichtung einer Kommission auf Ministerebene zur Prüfung der Notwendigkeit für
grundlegende Veränderungen durch die
Überprüfung der Charta der Vereinten Nationen und der rechtlichen Instrumente, aus
denen die Sonderorganisationen der Vereinten Nationen ihre Satzungen ableiten.

c.

Ernennung der im Jahr 2000 abzuhaltenden
Sitzung der Generalversammlung zur "Jahrtausendversammlung", die sich auf die Vorbereitung der Vereinten Nationen zur Bewältigung der größten Herausforderungen und
Erfordernisse der Völkergemeinschaft im 21.
Jahrhundert konzentrieren soll und mit einer
"Völkerversammlung" einhergeht.

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�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Reformpaket für die UNO ist "bedeutsamer Schritt"
Ansprache von Bill Richardson

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Das von UN-Generalsekretär Kofi Annan am 16. Juli 1997 bekanntgegebene
Reformpaket ist dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika bei den Vereinten Nationen, Bill
Richardson, zufolge ein bedeutsamer Schritt. Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die Richardson
kurz nach der Vorlage des 95-seitigen Berichts des Generalsekretärs vor der UN-Generalversammlung hielt.

Herr Präsident, als der Generalsekretär im März den
ersten Entwurf seines Reformplans vorstellte, wurde
dieser von meiner Delegation rückhaltlos begrüßt.
Heute freuen wir uns außerordentlich, daß die sorgfältig erwogenen, überarbeiteten Vorschläge des Generalsekretärs der Generalversammlung vorgestellt
werden. Da wir den vollständigen Bericht erst heute
erhalten haben, müssen wir natürlich ebenso wie
andere Delegationen die Einzelheiten sorgfältig prüfen.

sein, wenn die Bestrebungen zur Stärkung der Vereinten Nationen Früchte tragen sollen.
In diesem Zusammenhang schlägt meine Delegation
vor, daß wir die heutige Chance ergreifen, unserer
kollektiven Entschlossenheit zur Fortsetzung des
Reformweges Ausdruck zu verleihen.

Mit der Unterbreitung dieser Vorschläge unternahm
der Generalsekretär einen bedeutsamen Schritt zu der
Strukturreform, die den Vereinten Nationen heute und
in Zukunft gestatten wird, mehr für die Menschen auf
der Welt zu tun, es besser und billiger zu tun.

Wir fordern die Generalversammlung dringend auf,
noch heute auf den Vorschlag von Präsident Razali zur
Einrichtung eines Ad-hoc-Ausschusses aus dem
gesamten Plenum zur Prüfung der Vorschläge des
Generalsekretärs zu reagieren. Dieser Ausschuß stellt
bei der Fortsetzung des Reformprozesses den nächsten logischen Schritt dar.

Wir beglückwünschen den Generalsekretär zu seinen
bisherigen Initiativen und sagen ihm unsere volle
Unterstützung zu, damit der Reformprozeß bei den
Vereinten Nationen Wirkung zeitigt.

Die heutigen Ankündigungen sind ein greifbarer
Ausdruck der Reformkultur, die sich während der
letzten Jahre hier bei den Vereinten Nationen und in
ihren Mitgliedstaaten kräftig entwickelte.

Wir sind uns bewußt, daß der Generalsekretär nicht
alle vorgeschlagenen Reformen alleine durchführen
kann.
Viele zentrale Elemente des Vorschlags
erfordern Aktionen aller Mitgliedstaaten. Das Sekretariat und die Mitgliedstaaten sind gemeinsam für den
Kurs des Reformprozesses als Ganzes verantwortlich.
Zusammenarbeit wird von elementarer Bedeutung

Wir wollen es zu unserer Priorität machen, auf dem
heutigen guten Anfang aufbauend gemeinsam für eine
Organisation zu arbeiten, die in den kommenden
Jahren besser im Dienst aller Menschen stehen kann.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * * * *

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Vereinigte Staaten unterstützen UNO-Reform
von Princeton Lyman

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Abteilungsleiter für internationale Organisationen im USAußenministerium, Princeton Lyman, verfaßten Artikel über die Notwendigkeit einer Reform der Vereinten
Nationen.

Vor 52 Jahren räumte die Welt die Trümmer des
Zweiten Weltkriegs beiseite und gründete die Vereinten Nationen in der Hoffnung, dadurch ein Wiederaufleben solcher Zerstörung, Greueltaten und solchen
Leids zu verhindern. Die Vereinigten Staaten sind
stolz auf ihre bei der Schaffung dieser Organisation
übernommene Führungsrolle und die einzigartige
Unterstützung, die wir ihr seitdem gewährt haben. Wie
Präsident Clinton wiederholt betonte, ist die Rolle der
UNO als internationaler Treffpunkt und Medium für
kooperative Aktionen heute ebenso bedeutend wie zu
jedem anderen Zeitpunkt in ihrer Geschichte. Die
Anforderungen der Welt haben sich jedoch gewandelt,
und wir müssen sicherstellen, daß die Vereinten
Nationen sich so verändern, daß sie zur Erfüllung der
Bedürfnisse der internationalen Staatengemeinschaft
in der Lage sind.
Erfolgreiche Regierungen und Unternehmen hören nie
mit der Suche nach Wegen zur Verbesserung ihrer
Arbeit auf, und das sollte die UNO auch nicht. Diese
Institution ist viel zu wichtig, um sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. In der Zeit seit dem fünfzigsten Jahr
ihres Bestehens, die von intensiven Debatten und der
Vorlage internationaler Reformvorstellungen geprägt
war, haben die Mitgliedstaaten und die Vertreter der
UNO ein großes gemeinsames Interesse an der
Bewilligung und Durchsetzung konkreter Reformmaßnahmen entwickelt.
Es wurden bereits Bestrebungen eingeleitet, einige der
Mängel der Vereinten Nationen zu beheben. Moderne
Managementpraktiken fassen Fuß. Ein rigoroses
Inspektionssystem wurde eingeführt. Die Erhöhung
der Effektivität gestattet Haushaltskürzungen und
Personalabbau. Die Fähigkeit des Generalsekretärs

AMERIKA DIENST 14

zur Organisation und Leitung von Friedenssicherungsoperationen wurde beträchtlich gestärkt, und der
Sicherheitsrat zeigt jetzt äußerste Disziplin bei der
Bewilligung neuer Missionen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen den Ansatz von
Generalsekretär Annan zur weiteren Stärkung der
UNO durch Reformen. Seine Initiativen zur Zusammenlegung der Abteilungen des Sekretariats,
Ausarbeitung eines Verhaltenskodex für die UNOMitarbeiter und zum Abbau der Bürokratie werden eine
neue Arbeitsweise im UNO-Hauptquartier ermutigen.
Er verdient und erhält von den Mitgliedstaaten starke
Unterstützung für seine Reformbestrebungen. Von
besonderer Bedeutung ist seine Konzentration auf die
Verringerung der Gemeinkosten der Vereinten Nationen von derzeit 38 auf 25 Prozent und die Verwendung
der Ersparnisse für Wirtschafts- und Sozialprogramme.
Alle Mitgliedstaaten sollten sich Versuchen zur Verlangsamung dieser Reformen widersetzen. Es gibt
keine Rechtfertigung für den Erhalt oder Schutz
überflüssiger Arbeitsplätze in den UNO-Sitzen in New
York und Genf auf Kosten der Bedürftigsten der Welt,
denen dann weniger Hilfe gewährt werden kann. Beim
jüngsten G-8-Gipfel in Denver wurde der Generalsekretär entschieden zu der von ihm vorgeschlagenen
Umstrukturierung der Vereinten Nationen ermutigt, und
die Generalversammlung wird die Gelegenheit haben,
diesen Veränderungen in den kommenden Monaten
zuzustimmen.
Vor diesem Hintergrund bekräftigen die Vereinigten
Staaten ihre starke Unterstützung für die UNO und ihr
Engagement für die Bewältigung des ständigen
Problems der amerikanischen Rückstände, die zusammen mit den Rückständen vieler anderer

Seite 1

�zahlen. Das ist eine ungesunde Situation, durch die
die UNO stets den Haushaltsengpässen einiger
weniger Mitglieder aussetzt ist. Obwohl diese Situation
nicht rasch behoben werden kann, weil so viele
Mitgliedstaaten arm sind, sollten die Vereinten Nationen damit beginnen, sich für den Großteil ihrer Finanzierung weniger abhängig von einem Mitgliedstaat
- den Vereinigten Staaten - zu machen. Zweifelsohne
können die kleinen Summen, die durch die amerikanischen Vorschläge umverteilt würden, ohne gleichzeitige Erhöhung ihrer Beiträge von den Mitgliedstaaten übernommen werden, deren Volkswirtschaften in
den vergangenen Jahren schnei! gewachsen sind.

Staaten - zur Finanzkrise der Vereinten Nationen
beigetragen haben. Präsident Clinton arbeitet mit dem
amerikanischen Kongreß an der umfassenden Lösung
dieses Problems. Ein bald vom Kongreß zu billigender
Gesetzentwurf würde den Vereinigten Staaten gestatten, im Verlauf von drei Jahren die meisten ihrer
Rückstände bei der UNO zu bezahlen und in Zukunft
ihre Beiträge ganz zu begleichen. Der Gesetzentwurf
spezifiziert Reformparameter, die zur Leistung dieser
Zahlungen erreicht werden müssen. Wir sind uns
bewußt, daß andere Mitgliedstaaten diesen Ansatz
nicht als völlig zufriedenstellend ansehen werden. In
unserem Regierungssystem ist es jedoch üblich, daß
der Kongreß Bedingungen oder Parameter für die
Durchführung in- und ausländischer Programme durch
den Präsidenten festsetzt. Das Wichtigste ist, ob
andere Mitgliedstaaten der Ansicht sind, daß diese
Parameter gut für die Vereinten Nationen sind.
Unseres Erachtens ist das der Fall.

Der zweite schwierige Parameter besteht darin, die
Vereinten Nationen zu bitten, bis zur endgültigen
Regelung die Rückstände auf ein "umstrittenes" Konto
einzuzahlen, bei denen wir Differenzen mit den
Vereinten Nationen haben. Das ist nicht neu. Es
wurde in der Vergangenheit bereits mehrmals für
andere Mitglieder für die Dauer ihrer Verhandlungen
mit den Vereinten Nationen über die kontroversen
Punkte praktiziert. Darüber hinaus bezieht sich ein
Viertel des umstrittenen Betrags auf ein kompliziertes
Steuererstattungssytem, das nur die amerikanischen
Beschäftigten bei der UNO betrifft.

Erstens wurden die meisten in diesem Gesetzentwurf
enthaltenen Reformen von anderen UNO-Mitgliedern
und dem Generalsekretär selbst befürwortet, wie
beispielsweise Personal- und Haushaltsdisziplin,
verbesserte Rechenschaftspflicht und regelmäßige
Programmauswertungen. Ohne diese Reformen wird
die UNO weder die Glaubwürdigkeit noch die Fähigkeit
zur Ausübung ihrer Funktionen haben.

Die Schlüsselfrage für andere Mitglieder lautet: Was
steht auf dem Spiel? Präsident Clinton hat die amerikanische Verpflichtung gegenüber den Vereinten
Nationen aufs Entschiedenste bekräftigt.

Wir sind uns bewußt, daß die schwierigeren Parameter
die amerikanischen Beiträge und Zahlungsrückstände
betreffen. Die Vereinigten Staaten versuchen, ihre
Beiträge im nächsten Jahr von 25 Prozent auf 22
Prozent und bis zum Jahr 2000 auf 20 Prozent zu
senken. Das scheint nicht ganz im Einklang mit dem
Prinzip der "Zahlungsfähigkeit" zu stehen. Aber die
Vereinigten Staaten haben viele Jahre lang eine
enorme Verantwortung bei der Finanzierung von
Friedens- und Sicherheitsaktivitäten auf der ganzen
Welt übernommen, die weit über die der UNO hinausgehen. Darüber hinaus würden die Vereinigten
Staaten selbst mit diesem reduzierten Beitragssatz die
höchsten Beiträge entrichten - im vergangenen Jahr
zahlten sie 1,5 Milliarden Dollar an das UNO-System.
Am wichtigsten ist jedoch, daß eine Verringerung des
amerikanischen Beitragssatzes ein notwendiger Schritt
zur Übernahme größerer Verantwortung der Vereinten
Nationen ist. Heute zahlen 155 der 185 Mitgliedstaaten zusammen weniger als 13 Prozent der Ausgaben
der UNO, während 14 Mitglieder mehr als 80 Prozent

* *

Seite 2

Als der Senat mit 90 zu 5 Stimmen über die erste
Version dieses Gesetzentwurfs abstimmte, hatte er die
Unterstützung des breitesten Spektrums der amerikanischen Politiker. Welche Probleme das Gesetz auch
enthalten mag - es geht einen großen Schritt über die
Debatten und die an der UNO in den vergangenen
Jahren geübte Kritik hinaus. Und es bietet den
Vereinten Nationen die Chance, die Finanzkrise im
Großen und Ganzen zu bewältigen.
Die Alternative wäre mehr Konfrontation, mehr Krisen und so lange das andauert weniger effektive Vereinte
Nationen. Nur die Gegner der UNO könnten diese
Aussicht gutheißen. Wir benötigen die Unterstützung
der anderen Mitglieder, damit dieser Plan funktioniert.
Wir sind der Auffassung, daß er sich zu unser aller
Vorteil auswirken wird.

*

AMERIKA DIENST 14

�USA-DEUTSCHLAND
23. Juli 1997

Deutschland ist der Anker eines geeinten Europas
Anhörung von John Kornblum

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des designierten Botschafters für Deutschland,
John Kornblum, bei seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats am 15. Juli 1997.

Ich danke für die Gelegenheit, im Zusammenhang mit
meiner Nominierung zum Botschafter der Vereinigten
Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland eine Rede vor diesem Ausschuß halten zu dürfen.
Ich habe meine Laufbahn im auswärtigen Dienst vor
über 30 Jahren in Deutschland begonnen. Seit damals
haben sich Europa und Deutschland dramatisch
verändert. Ich hatte das Privileg, an vielen der wichtigen Ereignisse auf dem Weg dorthin teilnehmen zu
können. 1970 und 1971 war ich an der Aushandlung
der ersten entscheidenden Öffnung zwischen Ost und
West - dem Viermächteabkommen über Berlin beteiligt. Ich trug zum Entwurf der Schlußakte von
Helsinki bei und war der Vertreter der Vereinigten
Staaten bei der OSZE in Helsinki und Wien. Während
des Zusammenbruchs des Kommunismus in Europa
war ich Stellvertretender Ständiger Vertreter bei der
NATO. Die Grundlagen für die neue NATO von heute
wurden in diesen Jahren geschaffen. Und als Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium konnte ich direkt
an der Entwicklung der amerikanischen Rolle im
Europa der Zeit nach dem Kalten Krieg mitarbeiten.
Deutschland liegt im Zentrum dieses dramatischen
Zeitalters des Wandels. An jedem entscheidenden
Punkt der Nachkriegszeit war Deutschland ein wichtiger Partner der Vereinigten Staaten. Unsere Vision
einer engen und gleichberechtigten atlantischen
Partnerschaft und unsere unermüdlichen Bestrebungen zur Schaffung von Demokratie in ganz Europa
haben wir gemeinsam mit unseren deutschen Verbündeten verfolgt. Während wir in die noch dynamischere
Welt des 21. Jahrhunderts eintreten, wird es praktisch
kein wichtiges amerikanisches Ziel geben, auf das
Deutschland nicht direkt Einfluß hat.

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Es ist mir eine Ehre, von Präsident Clinton zum
Vertreter der Vereinigten Staaten in Deutschland in
dieser Zeit kontinuierlichen Wandels ernannt worden
zu sein. Außenministerin Albright hat ein aktives
amerikanisches Engagement in Deutschland und
Europa zum Kernstück unserer Bestrebungen erklärt.
Unsere engen Verbindungen und gemeinsame Vision
sind ein ausgezeichneter Ausgangspunkt, um die von
der Außenministerin dargelegten Ziele zu erreichen.
Die Herausforderungen schnellen Wandels erfordern
immer engere Konsultationen und Kooperation
zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland.
Im Falle meiner Bestätigung werde ich auf der Grundlage der engen persönlichen Beziehungen zwischen
Präsident Clinton und Bundeskanzler Kohl einen
umfassenden Dialog zwischen den Politikern und
Völkern unserer beiden Länder über die uns konfrontierenden Herausforderungen anregen. Es wird
mein Ziel sein, einen Weg für den Umgang mit Chancen und Problemen zu finden. Gemeinsam sollten wir
über derzeitige Belange hinausschauen und einer
noch umfassenderen Zusammenarbeit in einem neuen
Jahrhundert Impulse geben.
Dabei gehe ich nicht von automatischer Übereinstimmung oder einem leichten Weg zum Konsens in
allen Fragen aus. Wir haben bereits Bereiche ausgemacht, in denen Deutschland und die Vereinigten
Staaten hart arbeiten müssen, um einen gemeinsamen
Ansatz zu neuen und schwierigen Problemen zu
finden. Ich werde jedoch auf meine in Deutschland
und Europa gemachten Erfahrungen und dem auf
beiden Seiten des Atlantiks vorhandenen Goodwill
aufbauen. Ich hoffe, eng mit Ihnen, Herr Vorsitzender,
und den anderen Kongreßabgeordneten zusammenzuarbeiten und die breite Grundlage der Außenpolitik

Seite 1

�der Vereinigten Staaten zu untermauern. Ferner hoffe
ich, Angehörige beider Kammern und ihre Mitarbeiter
regelmäßig in Deutschland begrüßen zu können. Ihr
fortgesetztes Engagement ist integraler Bestandteil
dieser wesentlichen Partnerschaft.
Herr Vorsitzender, Deutschland ist ein sehr wichtiges
Land. Es ist auch ein Land, das unsere Vision und
unsere Ziele für die moderne Welt teilt. Es ist der
Anker eines geeinten Europas und einer der Grundpfeiler für die Brücke über den Atlantik. Unsere Länder
sind eng miteinander verbunden - durch unsere
Menschen und unsere engen Handels- und Investitionsbeziehungen.

Ungefähr ein Viertel der Amerikaner hat Vorfahren aus
Deutschland, etwa 400.000 Deutsche sind bei in

*

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Deutschland
niedergelassenen
amerikanischen
Unternehmen beschäftigt, und rund 500.000 Amerikaner arbeiten bei deutschen Unternehmen in den
Vereinigten Staaten. Unser gemeinsames Engagement in Berlin trug dazu bei, den Geist der Demokratie
in einem geteilten Europa zu definieren. Unsere
Entschlossenheit zur Bewältigung der Herausforderungen im Europa nach dem Kalten Krieg hat bereits
großen Nutzen gebracht.
Die Chancen für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit sind unbegrenzt. Die Herausforderungen sind enorm. Ich verspreche, mit Ihrer Unterstützung die Interessen der Vereinigten Staaten in unseren wichtigen Beziehungen zu Deutschland zu verteidigen und zu fördern.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�TERRORISMUS
23. Juli 1997

Terrorismus bleibt globales Thema
von Botschafter Philip Wilcox, Jr.

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Koordinators für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium, Botschafter Philip Wilcox, Jr.

Die Welt von heute ist immer noch ein gefährlicher Ort.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion und das Ende
des Kalten Krieges führten weder das "Ende der
Geschichte" noch einen neuen Weltfrieden und
Harmonie herbei. Statt dessen rückten diese Veränderungen die ernsthaften globalen Probleme und
Bedrohungen in den Mittelpunkt.
Sie kennen die Liste bereits: Ethnische Konflikte,
Verbreitung von Waffen, Umweltzerstörung, unhaltbares Bevölkerungswachstum, internationales Verbrechen und Terrorismus. Diese globalen Probleme
betreffen direkt unser Wohlergehen und unsere
Sicherheit. Daher wird ihnen in der außenpolitischen
Tagesordnung der Clinton-Administration hohe
Priorität beigemessen.
Aber keines dieser Probleme hat bei den Amerikanern
mehr Furcht ausgelöst als Terrorismus.
Terrorismus, den wir als politisch motivierte Gewalt
gegen Nichtkombattanten definieren, ist ein altes Übel,
und seit Jahren sind die amerikanischen Interessen
Ziel von Terroristen im Ausland. Heute scheint die
Bedrohung jedoch zuzunehmen - vielleicht weil die
Bedrohung eines konventionellen Krieges gegen die
Vereinigten Staaten abgenommen hat und wir Opfer
von zwei schrecklichen Terroranschlägen bei uns im
Inland wurden - dem Bombenattentat auf das World
Trade Center und das Regierungsgebäude in Oklahoma City. Nicht zu vergessen die beiden Bombenanschläge auf amerikanische Streitkräfte in SaudiArabien und die Rohrbombe bei den Olympischen
Spielen in Atlanta.
Es ist ein Paradoxon, daß wir uns besonders mit
Terrorismus beschäftigen und die Regierungen seiner

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Bekämpfung außerordentliche Aufmerksamkeit zuwenden, obwohl verglichen mit anderen Formen der
Gewalt durch Terrorismus relativ wenige Menschen
ums Leben kommen. Warum?
Erstens ruft Terrorismus tiefsitzende Angst und
Unsicherheit hervor - mehr als andere Formen der
Gewalt.
Terroristen suchen sich - häufig willkürlich und ohne
Warnung - unschuldige Zivilisten als Opfer aus. Wir
denken, wir können uns gegen andere Formen der
Gewalt schützen, aber gegenüber Terroristen fühlen
wir uns hilflos.
Die Terroristen wissen das, und sie versuchen uns
einzuschüchtern, damit sie uns ihren politischen Willen
oder ihre Ideologie aufzwingen können. Töten ist nur
ein Mittel zum Zweck. Indem sie Furcht und Panik
auslösen, versuchen Terroristen Konzessionen zu
erzwingen oder Regierungen zu schwächen und zu
diskreditieren, indem sie deutlich machen, daß diese
zum Schutz ihrer Bürger nicht in der Lage sind.
Terrorismus wird auch als billiges Instrument strategischer Kriegführung genutzt, manchmal von verbrecherischen Staaten unter Einsatz von Helfershelfern und manchmal von durch Ideologie, Religion
oder ethnische Zugehörigkeit motivierten Gruppen, die
Regierungen stürzen und den Lauf der Geschichte
verändern wollen.
Terroristen setzen Gewalt auch weniger zielgerichtet
ein, um Protest und Wut zum Ausdruck zu bringen,
messianische und fanatische religiöse Programme zu
verbreiten sowie aus noch obskureren pathologischen
Gründen.

Seite 1

�Man kann argumentieren, daß Terrorismus als strategische Waffe historisch gescheitert ist. Aber das ist
kein Grund zur Beruhigung. Es besteht kein Zweifel,
daß er den amerikanischen Interessen und denen
unserer Freunde auf der ganzen Welt großen Schaden
zugefügt hat. Terrorismus hat beispielsweise den
israelisch-palästinensischen Konflikt und den Nordirlandkonflikt um Jahre verlängert. Echte Fortschritte
zum Frieden bei diesen Auseinandersetzungen
wurden nur erzielt, wenn die Terroristen aufgaben und
geächtet wurden.
Terrorismus verursacht auch hohe wirtschaftliche
Kosten. Allein die Regierung der Vereinigten Staaten
gibt pro Jahr rund 5 Milliarden Dollar zum Schutz vor
Terrorismus im In- und Ausland aus, und diese Kosten
werden zweifelsohne steigen. Terrorismus kann auch
ganze Volkswirtschaften lahmlegen. In Ägypten haben
Terroristen beispielsweise monatelang fast die gesamte lebenswichtige Tourismusindustrie zum Stillstand gebracht, indem sie sich einige wenige Touristen
zum Ziel nahmen.
Die Technologie hat die terroristische Bedrohung noch
verschärft. Im Jahr 1605 versuchte Guy Fawkes in
einer Verschwörung mit 29 Fässern Sprengstoff König
James und das britische Parlament in die Luft zu
sprengen. Heute könnte ein kleiner Zünder in einer
Handtasche dieselbe Wirkung erzielen. Und Anleitungen zum Bau einer Bombe sind ohne Schwierigkeiten
im Internet zu finden.
Terroristen verwenden Computer, Handys und
Kryptographie-Software, um sich ihrer Entdeckung zu
entziehen, und sie haben moderne Mittel zum Fälschen von Pässen und Dokumenten. Ramzi Ahmed
Yousef und seine Bande, die wegen des Versuchs
verurteilt wurden, 12 amerikanische Flugzeuge über
dem Pazifik in die Luft zu sprengen, benutzten alle
dieses Handwerkszeug.
Noch gefährlicher ist die Aussicht, daß Terroristen
Material der - chemischen, biologischen oder atomaren
- Massenvernichtung einsetzen, um die Zahl der Opfer
weit über das herkömmliche Maß hinaus zu multiplizieren. Der Saringasanschlag in der Tokioter U-Bahn im
Jahr 1995 durch die apokalyptische japanische Aum
Shinrikyo-Sekte zeigte, daß die Bedrohung durch
chemischen Terrorismus jetzt eine Realität ist.
Die Bereitschaft einiger fanatischer oder verrückter
Terroristen zu Kamikazekommandos machen Terroristen, die Massenvernichtungswaffen einsetzen, zu
einer noch unheimlicheren Bedrohung.
Und schließlich hat Terrorismus aufgrund der Massenmedien heute eine sehr viel zerstörerische Wirkung als
in der Vergangenheit. Keine Story hält sich besser
oder länger als ein Terroranschlag. Die Medien von
heute, insbesondere das Fernsehen, multiplizieren die

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durch Terrorismus erzeugte Angst, indem sie seine
Schrecken lebhaft übermitteln. Und das verstärkt in
hohem Maße unserer kollektives Gefühl der Verletzlichkeit. Natürlich wissen die Terroristen das. Und sie
versuchen, die Medienberichterstattung zu nutzen, um
uns und unsere Regierungen psychologisch in die
Defensive zu drängen.
Wie sieht der derzeitige Trend bei Terrorismus aus?
Wer sind die Terroristen von heute? Und was tut die
US-Regierung, um sie zu bekämpfen und in die
Defensive zu drängen, wo sie hingehören?
Erstens der Trend. Es gibt gute und schlechte Nachrichten. Die aktuelle Zahl internationaler Terroranschläge hat in den vergangenen Jahren abgenommen, von einem Höchststand von 665 im Jahr 1987
auf durchschnittlich 300 - 400 in den letzten Jahren.
Es gibt verschiedene Gründe für diesen positiven
Trend:
Die Sowjetunion und nahezu alle der vielen von ihr
unterstützten revolutionären Terrorgruppen sind jetzt
Geschichte.
Nach 50 Jahren des Krieges und Terrorismus kämpfen
die Araber und Palästinenser jetzt für Frieden. Die
PLO verzichtet jetzt auf Terroranschläge, und auch die
meisten arabischen Staaten verurteilen ihn unmißverständlich.
Nur einige wenige verbrecherische Staaten unterstützen weiterhin den Terrorismus.
Heute besteht ein zunehmender internationaler
Konsens, daß Morde an Unschuldigen aus politischen
Gründen absolut inakzeptabel sind, ungeachtet der
Motivation und des Grundes.
Die Mehrheit der Staaten möchte dementsprechend
mit allen vorhandenen Mitteln gegen Terroristen
vorgehen, insbesondere unter Anwendung des
Gesetzes zur Terrorbekämpfung.
Es gibt jedoch auch eine negative Seite:
Ungeachtet des Engagements der palästinensischen
und arabischen Hauptströmung für den Frieden im
Nahen Osten verübten Gruppen wie die Hamas und
der palästinensisch-islamische Dschihad 1995 in Israel
im Rahmen einer bösartigen Verzögerungstaktik
gezielt Bombenanschläge, um den Friedensprozeß zu
stören.
Und ein israelischer Terrorist ermordete Ministerpräsident Rabin aus demselben Grund.
Der Iran setzt ungeachtet der amerikanischen Bestrebungen, das Land durch Sanktionen in Schach zu

AMERIKA DIENST 14

�halten, weiterhin Terrorismus als außenpolitische
Waffe ein, um Dissidenten umzubringen und den
Friedensprozeß zu unterminieren.
Obwohl Libyens terroristische Aktivitäten im Ausland
durch Sanktionen der UNO eingeschränkt wurden,
widersetzt es sich weiterhin der Forderung der UNO,
zwei der des Bombenanschlags auf Pan Am-Flug 103
über Lockerbie Verdächtigte einem britischen oder
amerikanischen Gericht auszuliefern.
Terroristen nutzen in zunehmendem Maße die Religion
für ihre Zwecke aus. Früher waren die meisten
Terrorgruppen weltlich, während heute immer mehr
Terroristen den Anspruch erheben, im Namen der
Religion, insbesondere des Islam, zu handeln. Einige
sind Teil organisierter Gruppen wie der Hamas, der
libanesischen Hisbollah oder der ägyptischen Gamaat.
Andere sind ad hoc gebildete islamische Elemente wie
die Gang von Ramzi Ahmed Yousef, die großenteils in
Afghanistan ausgebildet werden.
Die Ausschlachtung der Religion für politische Zwecke
und Gewaltanwendung ist ein uraltes Phänomen. Man
muß sich vor Augen halten, daß alle Religionen
abweichlerische und gefährliche Randgruppen
hervorgebracht haben und der Islam - ebenso wie
Christentum und Judentum - Frieden und Gewaltlosigkeit predigt. Angeblich im Namen des Islam handelnde
Terroristen mißbrauchen ihren Glauben und werden in
der ganzen islamischen Welt immer stärker verurteilt.
Inländischer Terrorismus - der auf die Bürger oder das
Territorium von nur einem Staat beschränkt ist - hat mit
der Zeit abwechselnd zu- und abgenommen. Heute
scheint er, beispielsweise in Südasien, abzunehmen.
Messianische Kultgruppen, wie die japanische Aum
Shinrikyo, die sich des Terrorismus zur Erfüllung ihrer
Visionen vom letzten Kampf zwischen Gut und Böse
bedienen, könnten ebenfalls eine wachsende Bedrohung darstellen. Sie sind um so gefährlicher, wenn
sie Zugang zu Geld und Technologie haben.
Die Vereinigten Staaten unternehmen viel zur Bekämpfung des Terrorismus:
Unsere Politik besteht darin, alle Terroristen, ungeachtet ihrer Zugehörigkeit, unermüdlich aufzuspüren
und zu bestrafen, wobei wir uns einer Kombination aus
Mitteln der Strafverfolgung, Diplomatie und Nachrichtendienste bedienen. Wir konnten die für den
Anschlag auf das World Trade Center verantwortlichen
Terroristen, die Verschwörer - darunter Scheich Abdul
Rahman -, die den Holland Tunnel in New York, das
Gebäude der Vereinten Nationen und verschiedene
Bundesbehörden in New York in die Luft sprengen
wollten, und die Gang, die Anschläge auf amerikanische Flugzeuge über dem Pazifik plante, ihrer

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gerechten Strafe zuführen, was echte Erfolgsgeschichten sind.
Wir machen Terroristen gegenüber keine Zugeständnisse. Wir weigern uns, den Forderungen nach
politischen Konzessionen oder Lösegeld nachzugeben.
Wir identifizieren Staaten, die den Terrorismus fördern,
verhängen Wirtschaftssanktionen gegen sie und bitten
unsere Freunde, ebenso zu handeln. In einer an
unsere europäischen Verbündeten gerichteten Rede in
Stuttgart äußerte der damalige Außenminister Christopher: "Die Zusammenarbeit gegen dem Terrorismus
Vorschub leistende Staaten ist ein Gebot, keine
Option.... Unser auf Prinzipien gegründetes Engagementfürfreien Handel verpflichtet uns nicht, Geschäfte
mit aggressiven Tyranneien wie Iran und Libyen
abzuschließen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln,
um durch wirksame multilaterale Maßnahmen diesen
verbrecherischen Regimen die Mittel zu verweigern,
nach denen sie streben."
Die Vereinigten Staaten betonen die Rechtsstaatlichkeit beim Umgang mit Terroristen und bestehen
darauf, daß Terrorismus ungeachtet seiner Motive
oder Gründe ein Verbrechen ist, für das es keine
mildernden Umstände gibt. Durch die Stärkung der
amerikanischen Gesetze zur Terrorismusbekämpfung
und die aggressive Förderung internationaler Verträge
und Konventionen gegen den Terrorismus, von denen
es derzeit 10 gibt, führen wir einen weltweiten Trend
zur Anwendung des Gesetzes als unserer effektivsten
Waffe gegen Terroristen an.
Hinzuzufügen ist:
Wir verfügen über herausragende militärische Mittel,
die wir einsetzen können, wenn außergewöhnliche
Situationen das erfordern.
Da Terroristen im Dunkeln operieren, investieren wir in
großem Maße in die Sammlung und Analyse nachrichtendienstlicher Informationen.
Das Büro für diplomatische Sicherheit im Außenministerium bildete im Rahmen des Hilfsprogramms
zur Terrorismusbekämpfung mehr als 18.000 Beamte
aus über 80 Ländern in Terrorismusbekämpfungstechnik und Flugsicherheit aus.
Wir haben ein wirkungsvolles Forschungs- und
Entwicklungsprogramm im Bereich der Technologie für
die Terrorismusbekämpfung, insbesondere für das
Aufspüren von Sprengstoffen.
Und schließlich ist die Zusammenarbeit mit anderen
Staaten unerläßlich, um Terroristen Einhalt zu gebieten, denn der Terrorismus wird ein zunehmend
transnationales Phänomen. Aus diesem Grund hat

Seite 3

�Präsident Clinton der Terrorismusbekämpfung auf
unserer diplomatischen Agenda hohe Priorität eingeräumt. Wir beraten uns jährlich mit Dutzenden von
Regierungen und fördern multilaterale Aktionen wie
den Friedensgipfel von Scharm-el-Scheich, die
Folgetreffen zur Terrorismusbekämpfung in Washington und die G-7-Ministerkonferenz über Terrorismus in
Paris.

*

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Wir können stolz auf unsere unter Einsatz dieser
Maßnahmen und Instrumente erzielten Erfolge sein.
Aber wir dürfen nicht selbstgefällig sein, denn der
Terrorismus ist ein bewegliches Ziel.

*

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�FRAUEN
23. Juli 1997

Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive
Rede von Seth Winnick

GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Vertreters der Vereinigten Staaten
beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen in Genf vom 9. Juli 1997.

Herr Präsident,
ich danke für diese Gelegenheit, vor dem Wirtschaftsund Sozialrat das wichtige Thema der Integration der
geschlechtsspezifischen Perspektive ansprechen zu
dürfen.
Wir möchten dem Sekretariat für die ausgezeichnete
Dokumentation für diesen Tagesordnungspunkt
danken. Als wir an der Umsetzung der Erklärung von
Peking und der Aktionsplattform arbeiteten, stellten wir
fest, daß wir als ersten Schritt Richtlinien für die
Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive in
alle Maßnahmen und Programme des UNO-Systems
benötigen. Das Papier des Sekretariats enthält mit
seiner klaren Definition der Integration und der nötigen
praktischen Schritte dafür diese ersten Richtlinien.
Die Vereinigten Staaten stimmen mit der Analyse des
Sekretariats überein, daß Integration folgendes
erfordert:
Engagement auf höchster Ebene.
Eine klare politische Aussage begleitet von institutionellen Strategien.
Rechenschaftspflicht oder Anreize zur Verstärkung der
Bedeutung von Integration.
Die Erkenntnis, daß geschlechtsspezifische Themen in
Bereichen angesprochen werden müssen, die traditionell als technisch oder geschlechtsneutral angesehen
werden.

Gruppen, die über die technische Kapazität verfügen,
Anleitung zu geben und die Integration der Geschlechter vehement voranzutreiben.
Es muß dafür gesorgt werden, daß diese Gruppen
oder zentralen Anlaufstellen nicht zum einzigen
Bereich der Organisation werden, der sich mit geschlechtsspezifischen Fragen befaßt. Sollte dies
geschehen, werden die Gruppen selbst zu Instrumenten der Ausgrenzung.
In den Vereinigten Staaten arbeiten wir an der Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive in
der gesamten Bundesregierung. Im August 1995
richtete Präsident Clinton einen interministeriellen Rat
für Frauenfragen ein um sicherzustellen, daß die
Vereinigten Staaten die Erklärung von Peking und die
Aktionsplattform umsetzen. Außenministerin Albright
ist die Vorsitzende des Rats und First Lady Hillary
Rodham Clinton die Ehrenvorsitzende. Gesundheitsministerin Donna Shalala, die erste Vorsitzende des
Rats, beteiligt sich aktiv an seiner Arbeit. Der Rat setzt
sich aus hohen Vertretern aller Bundesbehörden
zusammen.
Der Hauptgrund für den Erfolg des Rats ist wahrscheinlich sein Engagement auf höchster Ebene. Er
sendet die Botschaft an alle Ebenen der Regierung,
daß die Umsetzung der Dokumente von Peking wichtig
ist und nicht ignoriert werden darf.
Während der ersten anderthalb Jahre seines Bestehens konzentrierte sich der Rat auf die Durchführung
von Veränderungen in jeder einzelnen Behörde der
US-Regierung durch folgende Maßnahmen:

Mitarbeiterkapazitäten für die Integration.

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Seite 1

�Analyse der aktuellen und vorgesehenen Projekte und
Programme, um sie gegen die Ziele der Aktionsplattform abzuwägen.
Identifizierung neuer Initiativen, mit deren Hilfe staatliche Behörden das Leben von Frauen und Mädchen
verbessern könnten;
Einführung weitreichender Veränderungen bei ihren
Programmen und Operationen um sicherzustellen, daß
die Ziele von Peking integraler Bestandteil des täglichen Geschäftslebens werden.
Vor kurzem begann der Rat mit der Einrichtung
interministerieller Arbeitsgruppen, damit der Wandel in
der gesamten Bundesregierung wirksam wird. Gestatten Sie mir, hierfür drei Beispiele zu nennen:
Geschlechterfragen und institutioneller Wandel
Das Amt für internationale Entwicklung (AID), das bei
der Durchsetzung eines Aktionsplans für die Gleichstellung der Geschlechter an vorderster Front der
amerikanischen Behörden steht, leitet eine Arbeitsgruppe zur Prüfung der Frage, wie geschlechtsspezifische Perspektiven in seine Arbeit integriert werden
können. Ziel der Arbeitsgruppe ist die Gewährleistung,
daß positive Veränderungen - insbesondere im
Hinblick auf die Integration - zu einem festen Bestandteil der Institution werden und nicht so leicht wieder
zunichte gemacht werden können.
Geschlechtsspezifische Datentrennung
Unter Leitung des Landwirtschaftsministeriums befaßt
sich eine Arbeitsgruppe mit der geschlechtsspezifischen Trennung und Analyse von Daten. Dies
entspricht der Ansicht des Generalsekretärs, daß
Geschlechterfragen in Bereichen untersucht werden
müssen, die traditionell als technisch oder geschlechtsneutral angesehen wurden. Obwohl viele
amerikanische Behörden einige Daten nach Geschlecht trennen, gibt es keine einheitliche Politik der
Regierung. Die Arbeitsgruppe bewertet die derzeitige
Situation und prüft Gesetze oder Vorschriften über die
Sammlung und Analyse von Daten.

*

Seite 2

Mentorenarbeit
Unter Leitung des Bildungsministeriums befaßt sich
eine Arbeitsgruppe mit Mentorenarbeit, um sicherzustellen, daß junge Menschen an der Umsetzung der
Beschlüsse von Peking mitwirken. Diese Arbeitsgruppe soll herausfinden, an welchen Arten von
Mentorenprogrammen sich die einzelnen Behörden
beteiligen, welche nachahmenswert sind, welche
neuen Aktivitäten ermutigt werden sollten und wo es
möglich sein könnte, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen Mentorenprogramme zu entwerfen und umzusetzen.
Der interministerielle Rat des Präsidenten für Frauenfragen erwartet die Gründung zusätzlicher Arbeitsgruppen in diesem Jahr.
Vor Peking wurden wir oft daran erinnert, daß die
Vorbereitung der Vierten Weltfrauenkonferenz wichtiger sei als die Konferenz selbst - daß die Überprüfung
und Neubewertung des Status der Frau und die
Verpflichtung zur Erlangung von Gleichberechtigung
bis zum Jahr 2000 auch außerhalb der Konferenz
wertvoll ist. In diesem Tenor ist die Umsetzung der
Erklärung von Peking und der Aktionsplattform von
größter Bedeutung.
Obwohl "Integration der geschlechtsspezifischen
Perspektive" nicht poetisch klingt und wahrscheinlich
auch keine Schlagzeilen machen wird, gehört sie zu
den wesentlichsten und dauerhaftesten Aktionen, die
wir ergreifen können. Durch die Integration der
geschlechtsspezifischen Perspektive im gesamten
UNO-System, allen Maßnahmen und Programmen - ob
sie sich mit Armut, Bildung und Ausbildung, Gesundheit, Gewalt, bewaffneten Konflikten, der Wirtschaft,
Macht und Entscheidungsfindung, Menschenrechten,
der Umwelt oder Kindern befassen - werden wir
sicherstellen, daß jede Politik und jedes Programm auf
eine Art und Weise konzipiert, entwickelt und umgesetzt wird, die für alle Männer und Frauen von Vorteil
ist.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SrioN ^

Z12462 C

13

9. Juli 1997

NATO

CLINTON NENNT VIER GRUNDE FÜR DIE
NATO-ERWEITERUNG
Rede des Präsidenten

ELEKTRONISCHER HANDEL

CLINTON FORDERT "GLOBALE
FREIHANDELSZONE" IM INTERNET
Rede des Präsidenten
SCHAFFUNG EINES GUNSTIGEN UMFELDS
FÜR ELEKTRONISCHEN HANDEL
Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers
GLOBALE INFORMATIONSNETZE ALS NEUES
ELEMENT DER WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
Rede von Wirtschaftsminister Daley

MARSHALLPLAN

DIE NEUE ROLLE EUROPAS AUS DER
SICHT DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von J.D. Bindenagel

UMWELT

CLINTON VERSPRICHT FONDS FÜR
ENERGIEPROJEKTE IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
Rede des Präsidenten beim Erdgipfel

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�4. JULI

BESTE WUNSCHE ZUM
UNABHÄNGIGKEITSTAG
Ansprache des Präsidenten

GESELLSCHAFT

OREGON TRAIL - DER WEG NACH WESTEN
von Brad Knickerbocker

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�NATO
9. Juli 1997

Clinton nennt vier Gründe für die NATO-Erweiterung
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir auszugsweise die Rede, die Präsident Clinton am 3. Juli
1997 vor Veteranen des Zweiten Weltkriegs im Weißen Haus hielt.

In der kommenden Woche werden wir einen historischen Schritt unternehmen um sicherzustellen, daß die
Menschen im In- und Ausland mehr Freiheit als je
zuvor genießen: Wir werden die neuen Demokratien
Zentraleuropas beim NATO-Gipfel in Madrid einladen,
unserem Bündnis beizutreten. Ich danke denjenigen,
die sich bereits vor mir für diese Länder eingesetzt
haben. Parallel zu unseren Bestrebungen zum Aufbau
von Beziehungen der NATO zu Rußland und der
Ukraine und im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden mit so vielen anderen europäischen Demokratien arbeiten wir an der Gestaltung eines Europas, das
erstmals seit der Existenz von Nationalstaaten auf
diesem Kontinent ungeteilt, demokratisch und friedlich
ist.
Unsere Nation hat seit mehr als fünf Jahrzehnten auf
dieses Ziel hingearbeitet und dafür Opfer gebracht.
Jetzt liegt es in unmittelbarer Reichweite. In Europa
haben wir nächste Woche die Chance zur Stärkung
der Werte, die wir alle in Ehren halten - Freiheit,
Demokratie und Sicherheit. Unsere Arbeit in Madrid
wird der krönende Abschluß der Führungsrolle unserer
Nation im 20. Jahrhundert und ein Grundpfeiler für ein
neues Zeitalter der Chancen im 21. Jahrhundert sein.
Ich sah heute in einer Zeitung eine Umfrage, die
besagt, daß nur sechs Prozent der Amerikaner der
Ansicht sind, sie verfolgten die Ereignisse innenhalb
des Bündnisses und wüßten viel über diese Vorgänge.
Das ist in gewisser Weise ein Zeichen gebührender
Anerkennung des Erfolgs der NATO, denn es wurde
noch nie ein Bündnismitglied angegriffen. Wäre das
der Fall gewesen, wüßten die Menschen viel mehr
über die NATO.

Jetzt ist es für uns an der Zeit sicherzustellen, daß
mehr Amerikaner sich der Bedeutung der NATO für
unsere Sicherheit bewußt werden und verstehen,
welche Rolle das Bündnis in Zukunft spielen kann und
warum seine Erweiterung im ureigensten Interesse des
amerikanischen Volkes liegt. Alle mit dieser Frage
beschäftigten Menschen und alle hier Anwesenden
haben einen großen Beitrag hierzu geleistet. Ich hoffe,
daß Sie nach Abschluß dieser Veranstaltung mit Ihren
Freunden und Nachbarn, Mitgliedern Ihrer Organisationen und allen, mit denen Sie Kontakt haben, über
diese Angelegenheit sprechen.
Es gibt vier Gründe, warum die NATO-Erweiterung im
Einklang mit unseren Werten steht und unsere Interessen fördert. Erstens wird unser Bündnis stärker und
kann die Herausforderungen der europäischen
Sicherheit besser bewältigen. Wie bereits gesagt
wurde: Wenn wir aus dem 20. Jahrhundert auch nur
eine Lehre gezogen haben, dann die, daß unsere
Zukunft und die Europas untrennbar verbunden sind.
Eine NATO, die Europas neue Demokratien umfaßt,
wird besser in der Lage sein, ihre Missionen durchzuführen, das Territorium ihrer Mitglieder zu verteidigen und die Konflikte anzusprechen, die unseren
gemeinsamen Frieden bedrohen. Die Tschechen und
Polen haben im Golfkrieg Seite an Seite mit amerikanischen Soldaten gekämpft.
Die Tschechische
Republik, Polen, Ungarn, Rumänien, die baltischen
Staaten und viele andere zentraleuropäische Länder,
die den Beitritt zur NATO anstreben, entsenden bereits
Truppen zur friedenssichernden Mission der NATO in
Bosnien.
In der Tat hätten wir unsere Truppen ohne die entscheidende Hilfe Ungarns und unser Bereitstellungs-

AMERIKA DIENST 13

Seite 1

�gelände in Taszar, das ich kurz nach seiner Einrichtung besucht habe, nicht so komplikationslos und
schnell nach Bosnien entsenden können. Indem wir
die neuen Demokratien in die NATO einbeziehen und
unsere Zusammenarbeit mit anderen, die zur Zeit nicht
Mitglieder aber Teil unserer Partnerschaft für den
Frieden sind, vertiefen, bauen wir ein stärkeres
Bündnis für alle zukünftigen Herausforderungen der
transatlantischen Sicherheit auf.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung offenkundig zur
Sicherung der Errungenschaften der Demokratie in
Europa beitragen. Die NATO kann für den Osten
Europas das tun, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg
für den Westen Europas getan hat - das erforderliche
Klima zu schaffen, damit Freiheit und Wohlstand
überleben, wachsen und prosperieren können.
Drittens wird die NATO-Erweiterung zweifelsohne
mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer
Meinungsverschiedenheiten ermutigen, und das wird
die Möglichkeit weiterer Konflikte in Europa verringern.
Die bloße Aussicht auf die NATO-Mitgliedschaft hat die
Länder in Zentraleuropa bereits zur Verbesserung der
Beziehungen zu ihren Nachbarn und zur Beilegung
von Grenz- und ethnischen Streitigkeiten veranlaßt, die
zu einem anderen Zeitpunkt und unter anderen
Gegebenheiten zu einem Konflikt hätten führen
können.

*

Seite 2

Und schließlich wird die NATO-Erweiterung die von
Stalin am Ende des Zweiten Weltkriegs gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren. Die NATO wird
Europa jetzt helfen, in Sicherheit zusammenzukommen
und nicht in Instabilität auseinandergehalten zu
werden. Die Türen der NATO werden für alle diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der Pflichten der
Mitgliedschaft bereit sind, so daß wir nicht eine alte
Teilung in Europa durch eine neue ersetzen. Die von
den NATO-Verbündeten in Madrid getroffene Entscheidung darf keine einmalige Entscheidung sein.
Einige argumentieren, die zentraleuropäischen Nationen, die zum NATO-Beitritt eingeladen werden, seien
nicht bereit, Seite an Seite mit uns zu stehen. Aber mit allem Respekt - sie haben Unrecht. Die Nationen,
die wir für die Mitgliedschaft in Betracht ziehen, teilen
unsere Werte und Wünsche. Das haben sie immer
wieder unter Beweis gestellt. Sie haben auch die
Fähigkeit, das zu tun, was von NATO-Mitgliedern
erwartet wird.
Wir müssen Europa eine Chance geben, zum ersten
Mal in seiner Geschichte frei und ungeteilt zu sein.
Darauf werden wir in der nächsten Woche und in den
kommenden Monaten und Jahren hinarbeiten, während wir weiterhin mit den Demokratien Europas
zusammenarbeiten, die NATO stärken und sie an die
Missionen des 21. Jahrhunderts anpassen.

* * *

*

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�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Clinton fordert "globale Freihandelszone" im Internet
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Anläßlich der Veröffentlichung des Berichts des Weißen Hauses mit dem Titel "Ein
Rahmen für globalen elektronischen Handel" erklärte Präsident Clinton am 1. Juli 1997, die Vereinigten Staaten
werden mit Hilfe der Welthandelsorganisation "das Internet innerhalb von 12 Monaten zu einer Freihandelszone"
machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten unwesentlich gekürzt.

Vor 139 Jahren feierten die Vereinigten Staaten hier im
Weißen Haus die erste technologische Revolution im
Kommunikationswesen. In diesem Jahr schickte
Königin Victoria das erste Telegramm über den Atlantik
an Präsident Buchanan - genau hier. Und später
befand sich das erste Telefon in der Bundeshauptstadt
Washington in einem Raum im Obergeschoß - dem
gleichen Raum, von dem aus Woodrow Wilson den
amerikanischen Einsatz im Ersten Weltkrieg leitete.
Wir haben also über die Jahre hinweg viele interessante technologische Entwicklungen im Weißen
Haus miterlebt.
Jetzt feiern wir das unglaubliche Potential des Internet
und des World Wide Web. Als ich - vor nicht allzu
langer Zeit - Präsident wurde, nutzten nur Physiker das
Internet. Heute sind ungefähr 50 Millionen Menschen
in 150 Ländern an die Datenautobahn angeschlossen.
Bis zum Jahr 2000 werden es fünfmal - wenn nicht
mehr - sein, die alles Erdenkliche tun. Wir können uns
nicht genau vorstellen, wie das 21. Jahrhundert
aussehen wird, aber wir wissen, daß die Wissenschaft
und Technologie sowie das beispiellose Verschmelzen
von Kulturen und Volkswirtschaften des kommenden
Jahrhunderts in hohem Maße vom Internet beeinflußt
werden.
Der heute veröffentlichte Bericht enthält unsere
Bestrebungen, das Internet für alle Menschen nutzbar
zu machen. Binnen einer Generation soll jedes Kind in
Sekundenschnelle mit der Maus jedes Buch, das je
geschrieben wurde, jede Symphonie, die je komponiert

AMERIKA DIENST 13

wurde, jeden Film, der je gedreht wurde und jedes
Gemälde, das je gemalt wurde, anklicken können.
Dieses Potential kommt einer Revolution gleich. Der
Vizepräsident und ich arbeiten darauf hin, bis zum Jahr
2000 jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek an das
Internet anzuschließen, so daß zum ersten Mal jedes
Kind ohne Rücksicht auf seine persönlichen, wirtschaftlichen oder geographischen Umstände Zugang
zu demselben Wissen in der gleichen Zeit und auf
demselben Qualitätsniveau haben kann. Das könnte
das Bildungswesen in den Vereinigten Staaten
revolutionieren.
Unser neuer Plan für einen ausgeglichenen Haushalt
enthält darüber hinaus 300 Millionen Dollar zur
Entwicklung der nächsten Generation des Internet, so
daß führende Universitäten und nationale Labors mit
einer 1.000 Mal höheren Geschwindigkeit kommunizieren können, um neue medikamentöse Behandlungen,
neue Energiequellen und neue Wege der Zusammenarbeit zu erarbeiten.
Aber wie bereits gesagt wurde, wird das Internet in der
Handelswelt auf revolutionärste Weise angewendet.
Wir können bereits Bücher und Kleidung kaufen,
geschäftliche Ratschläge erhalten und alles von
Gartenwerkzeug über scharfe Soßen bis zu Hightechgeräten über das Internet beschaffen. Und wir wissen,
das ist erst der Anfang. Der Handel über das Internet
verdoppelt oder verdreifacht sich jedes Jahr. In
wenigen Jahren wird er Milliarden von Dollar an Waren
und Dienstleistungen hervorbringen.

Seite 1

�Wenn wir ein Umfeld schaffen, in dem elektronischer
Handel wachsen und prosperieren kann, wird jeder
Computer eine Chance für jedes - kleine und große Unternehmen überall auf der Welt sein. Nicht nur
führende Wirtschaftsunternehmen wie IBM werden in
der Lage sein, neue Märkte zu erschließen; auch die
kleinste neugegründete Firma wird ein unbegrenztes
Verkaufs- und Verteilernetz zur Verfügung haben. Es
wird buchstäblich möglich sein, morgen ein Unternehmen zu gründen und nächste Woche Geschäfte mit
Japan, Deutschland und Chile zu tätigen, ohne zu
reisen - etwas, das man früher über Jahre hinweg
hätte aufbauen müssen. Auf diese Weise kann und
sollte das Internet für Unternehmen jeder Größenordnung eine wirkliche Unterstützung sein.
Heute wissen wir jedoch, daß der elektronische
Handel auch beträchtliche Risiken beinhaltet, die
außerordentliches Wachstum und Fortschritt verhindern könnten. Es gibt praktisch keine internationalen
Übereinkünfte oder Vereinbarungen über elektronischen Handel. Viele grundlegende Prinzipien für
Verbraucherschutz und Urheberrechte sind nicht im
Cyberspace enthalten. Elektronischer Handel ist in
vieler Hinsicht der Wilde Westen der Weltwirtschaft.
Unsere Aufgabe besteht darin sicherzustellen, daß
diejenigen, die darin Handel treiben wollen, ein
sicheres und stabiles Terrain vorfinden.
Dabei
müssen wir jetzt, da sich der elektronische Handel
noch in den Kinderschuhen befindet, mit anderen
Nationen zusammenarbeiten.
Zur Bewältigung dieser Herausforderung freue ich
mich, unseren neuen Bericht über globalen elektronischen Handel vorstellen zu dürfen, in dem unsere
Prinzipien bei unserem Bemühen dargelegt werden,
Grundregeln für den internationalen elektronischen
Handel mit möglichst wenigen Vorschriften und keinen
neuen diskriminierenden Steuern aufzustellen. Da das
Internet ein enormes Wohlstandspotential hat, sollte es
eine globale Freihandelszone sein. Es sollte ein Ort
sein, an dem Regierungen, wie der Vizepräsident
bereits erklärte, als erste die Initiative ergreifen und
nicht die Entwicklung behindern.
Wir wollen den Privatsektor soweit wie möglich zur

freiwilligen Selbstkontrolle ermutigen. Wir wollen alle
Nationen ermutigen, den elektronischen Handel nicht
mit diskriminierenden Steuern, Zöllen, unnötigen
Vorschriften und lästiger Bürokratie zu belasten.
Wo das Engagement der Regierung nötig ist, sollte es
auf die Unterstützung eines kalkulierbaren, beständigen, gesetzlichen Umfelds für Wirtschaft und Handel
abzielen, damit diese unter fairen und verständlichen
Bedingungen prosperieren können. Und wir sollten
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
bestehende Gesetze oder Vorschriften abzuändern,
die den elektronischen Handel behindern könnten. Wir

Seite 2

möchten diese Grundsätze bis zum 1. Januar 2000 in
die Tat umsetzen.
Heute möchte ich drei spezifische Aktionen zur
Erlangung dieses Ziels bekanntgeben und den
Vizepräsidenten bitten, unsere dabei erzielten Fortschritte zu überwachen. Erstens weise ich alle Leiter
der Bundesministerien und -behörden an, ihre den
globalen elektronischen Handel betreffende Politik zu
überprüfen und sicherzustellen, daß sie im Einklang
mit den fünf Grundprinzipien dieses Berichts steht.
Zweitens beauftrage ich die Mitglieder meines Kabinetts, sich für die Erlangung einiger unserer Hauptziele
im nächsten Jahr einzusetzen. Ich beauftrage Finanzminister Robert Rubin, die erforderlichen Abkommen
auszuhandeln, die eine neue diskriminierende Besteuerung des elektronischen Handels verhindern. Ich
weise unsere Handelsbeauftragte, Charlene Barshefsky, an, im Rahmen der Welthandelsorganisation
WTO das Internet innerhalb von 12 Monaten zu einer
Freihandelszone zu machen - auf der Grundlage von
Fortschritten bei unserem bahnbrechenden Informationstechnologieabkommen und unserem Globalen
Telekommunikationsabkommen, das bei Waren und
Dienstleistungen im Wert von mehr als einer Billion
Dollar Zölle abschaffte und Handelshemmnisse
abbaute.
Ich beauftrage Wirtschaftsminister Daley mit der
Entwicklung von grundlegendem Verbraucher- und
Urheberrechtsschutz für das Internet, um das erforderliche kalkulierbare rechtliche Umfeld für den
elektronischen Handel zu schaffen und unsere Einbeziehung des Privatsektors im Rahmen einer entsprechenden Strategie zu koordinieren.
Ich beauftrage die relevanten Behörden, mit dem
Wirtschaftsministerium, der Industrie und den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten und zu
gewährleisten, daß die Amerikaner ihren wirtschaftlichen Aktivitäten in einem sicheren elektronischen
Umfeld nachgehen können, das ihr Vertrauen und ihre
Zuversicht bewahrt. Nächste Woche werden Wirtschaftsminister Daley und Ira Magaziner mit einer
Delegation nach Europa reisen, um unseren europäischen Handelspartnern unsere Vision von elektronischem Handel vorzustellen.
Drittens fordere ich den Privatsektor auf, uns bei der
Bewältigung einer der größten Herausforderungen des
elektronischen Handels zu helfen: Sicherzustellen, daß
wir effektive Methoden für den Schutz der Privatsphäre
jedes Amerikaners entwickeln, insbesondere der
Kinder, die das Internet nutzen. Viele von Ihnen,
meine Damen und Herren, arbeiten bereits im Bundeshandelsausschuß mit dem Vorsitzenden Pitofsky
und Kommissar Varney bei dieser Frage zusammen.
Ich fordere Sie dringend dazu auf, diese Arbeit fortzusetzen und neue Wege zum Schutz unserer grund-

AMERIKA DIENST 13

�legenden Rechte und Freiheiten zu finden, damit wir in
Sicherheit Handel treiben, lernen und kommunizieren
können.
Wie ich bereits letzte Woche sagte, ist es von besonderer Bedeutung, Eltern und Lehrern die notwenigen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie das
Internet für Kinder sicher machen können. Nichteinmischung in den elektronischen Handel darf nicht zu
Gleichgültigkeit im Zusammenhang mit der Erziehung
und dem Schutz von Kindern führen. Ich bitte die
heute hier anwesenden Wirtschaftsvertreter, mit uns
an der Entwicklung einer Lösung für das Internet
zusammenzuarbeiten, die für den Computer ebenso
wirkungsvoll ist wie der V-Chip für das Fernsehen, so
daß Kinder im Einklang mit dem ersten Zusatzartikel
zur Verfassung geschützt werden.
Ende des Monats werde ich ein Treffen mit Vertretern
der Industrie und die Internetnutzer vertretenden
Gruppen, Lehrern, Eltern und Bibliothekaren einberufen, um den Eltern behilflich zu sein, ihre Kinder
vor anstößigem Inhalt im Cyberspace zu schützen.

*

AMERIKA DIENST 13

Heute wollen wir sicherstellen, daß der internationale
Handel im Internet frei von diskriminierenden Steuern,
Zöllen, Bestimmungen und Vorschriften sowie frei von
Produktpiraterie ist.
Im 21. Jahrhundert können wir einen Großteil unseres
Reichtums an Innovationen im Cyberspace schaffen auf Wegen, die sich die meisten von uns nicht einmal
vorstellen können. Diese Vision hat ein Amerika zum
Ziel, in dem jeder Amerikaner - Verbraucher, Kleinunternehmer und Geschäftsführer - unseren Handel in
die entferntesten Winkel der Erde ausdehnen kann.
Wenn wir jetzt das Richtige auf die richtige Weise tun,
können wir unsere Volkswirtschaft in ein neues
Zeitalter führen, in dem unsere Innovation, Flexibilität
und unsere Kreativität für alle unsere Bürger enorme
Vorteile erzielt, in dem wir die Chancen bewahren,
unsere Bürger einander näherbringen und Amerika der
Welt näherbringen.
Ich bin zuversichtlich und kann Ihnen versichern, daß
wir unseren Teil zur Umsetzung der Prinzipien beitragen, für die wir heute eintreten. Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Schaffung eines günstigen Umfelds
für elektronischen Handel
Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Wirtschaftsminister William
Daley bei der europäischen Ministerkonferenz über globale Informationsnetze hielt, die vom 6.-8. Juli 1997 in
Bonn veranstaltet wurde.

Vielen Dank, Herr Minister Wijers, für Ihre freundlichen
Einführungsworte. Ich möchte auch Kommissar Monti
und Staatssekretär Ueno danken, daß sie heute hier
anwesend sind und ihre Gedanken in unsere wichtige
Arbeit einbringen.
Es ist äußerst angebracht, daß wir zu unseren Erörterungen über diesen neuen Handelsbereich in Bonn
zusammenkommen.
Schließlich verkörpert diese
Stadt die Realitäten unserer Zeit und die globalen
Veränderungen, die wir alle erleben. Nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde Bonn als temporäre Bundeshauptstadt angesehen - als Sitz der Regierung, bis
Berlin vereinigt sein würde und seinen Platz auf der
internationalen Bühne wieder einnehmen könnte. Die
Jahre verstrichen, Bonn funktionierte weiterhin als
Zentrum der Regierung, und hier wurde in dem festen
Glauben, daß Berlin wartete, wenig gebaut oder
erweitert. Selbst als es schwieriger wurde, Büros zu
finden, selbst als die Nationen der Welt feststellten,
daß ihre Botschaften hier unter Raumnot litten, selbst
als die Erfordernisse eines produktiven und wohlhabenden Deutschlands größere Regierungseinrichtungen notwendig machten, blieb Bonn eine der
kleinsten Städte unter den großen Hauptstädten der
Welt.
Nach ungefähr 40 Jahren sah man schließlich Ende
der achtziger Jahre Baukräne und Baustellen als sich
unter den Politikern die Annahme verbreitete, daß die
Bundeshauptstadt vielleicht für immer Bonn sein
würde. Und gerade als die Bauarbeiten in Bonn
begannen, ging der Kalte Krieg plötzlich zu Ende, die
Berliner Mauer fiel und die Bundeshauptstadt kehrte
nach Hause zurück. Meines Erachtens ist dies eine

AMERIKA DIENST 13

gute Lehre und erinnert uns daran, daß sich unsere
Welt manchmal schneller als erwartet verändert, und
es an uns und den Staats- und Regierungschefs auf
der ganzen Welt ist, vernünftig, einsichtig und klug zu
handeln, während wir auf das nächste Jahrhundert
hinarbeiten.
Betrachten Sie sich die moderne amerikanische
Wirtschaft: Vor nicht allzu langer Zeit hätte niemand
gedacht, daß Hochtechnologie 40 Prozent der jährlichen Zunahme des Bruttoinlandsprodukts der
Vereinigten Staaten ausmachen, oder ein von einem
ungarischen Einwanderer betriebenes neugegründetes
Unternehmen namens Intel so profitabel wie General
Electric sein, oder mehr als ein Viertel der Amerikaner
das Internet nutzen, oder Silicon Valley so lebenswichtig für unsere Volkswirtschaft sein würde wie
Detroit oder New York. Was für die Vereinigten
Staaten zutrifft, gilt auch für die EU, Zentral- und
Osteuropa, Asien und das pazifische Becken, die
westliche Hemisphäre, Afrika und den Nahen Osten und wir befinden uns gemeinsam inmitten dieses
dramatischen und weitreichenden wirtschaftlichen und
sozialen Wandels.
Während wir überlegen, wie die alltäglichen Geschäfte
- Verhandlungen, Vergleiche, Vertragsabschlüsse,
Verkäufe, Ausschreibungen und Käufe - über das
Internet und die Globale Informationsinfrastruktur
abgewickelt werden können, haben wir eine Option:
als Partner vorzugehen. Weniger zu tun, hieße, diese
nächste großartige wirtschaftliche Phase für eine
weitere Trennlinie zwischen Nationen aufs Spiel zu
setzen, wobei uns Sprache, Kultur, Geographie,

Seite 1

�Währung, Geschichte und technologisches Geschick
immer noch von der Zusammenarbeit abhalten.
Wir befinden uns bereits in einer sehr glücklichen
Lage. Die für den elektronischen Handel erforderliche
Technologie existiert schon, wird angewendet und
verbindet heute rund 60 Millionen Menschen auf der
Welt in einem nahtlosen Netz. Jede Transaktion, die
aus der Ferne vorgenommen wird, sei es per Telefon,
Fax oder Post, kann über das Internet billiger, schneller und leichter erfolgen. Und angesichts der Tatsache, daß in weniger als 15 Jahren schätzungsweise 1
Milliarde Menschen auf der Welt - nahezu 20 Prozent
der Weltbevölkerung - durch das Internet verbunden
sein werden, kann man sich der Erkenntnis kaum
entziehen, daß der effektivste Weg, die meisten
Verbraucher in der Weltwirtschaft zu erreichen, der
elektronische Handel sein wird. Wenn wir die Technologie und Infrastruktur zur Verfügung haben, besteht
die uns konfrontierende Herausforderung darin, dieses
Versprechen zu erfüllen.
Ich möchte wiederholen, wir befinden uns in einer sehr
glücklichen Lage, weil die wichtigsten Prinzipien der
Clinton-Administration für den Internetmarkt von
unseren Verbündeten in Europa geteilt werden. Die
Bonner Erklärung hat eine beeindruckende Reihe von
Themen angesprochen und ist eine solide Grundlage,
auf der wir einen florierenden elektronischen Handel
aufbauen können. Wir sind einer Meinung, daß
elektronischer Handel auf vom Privatsektor erarbeiteten Lösungen und vom Markt geschaffenen Möglichkeiten gründen wird. Es wird und sollte nicht ein von
der Regierung betriebener Markt sein. In der Tat sollte
die Rolle der Regierung minimal sein: Übermäßige
Kontrollen sollten vermieden werden; schriftlich
niedergelegte Regeln, die heute veraltet sind oder
elektronischen Handel behindern, sollten überarbeitet
oder abgeschafft werden und Vertragsvereinbarungen,
bei denen Käufer und Verkäufer frei zusammenkommen, sollten an der Tagesordnung sein. Wenn
Regulierung ein Muß ist, dann sollte sie technologieneutral sein, weil neue Technologien die Bestimmungen so schnell veralten lassen wie sie erlassen
werden, und Regulierung sollte einfach nur Wettbewerb fördern, das Recht auf geistiges Eigentum und
die Privatsphäre schützen sowie Betrug verhindern.
Die Geschwindigkeit der technologischen Veränderungen und der Anwendung von elektronischem Handel
erfordert eine neue Art der Problemlösung, bei der
Unternehmens- und Industrievertreter eine Führungsrolle übernehmen. Um ein anschauliches Beispiel zu
nennen: Microsoft und Netscape legten ihre Talente
und Ressourcen zusammen um sicherzustellen, daß
das Internet nicht zu einem Mißbrauch der Privatsphäre einlädt, wie beispielweise dem unbeabsichtigten Zugang zu Dateien oder Netzwerken. So muß
elektronischer Handel sich entwickeln und verwaltet
werden - weil es die Unternehmen sind, die das größte

Seite 2

Interesse am Erfolg von elektronischem Handel haben,
und dieser nur möglich ist, wenn die Unternehmen den
Verbrauchern auf der ganzen Welt das Vertrauen zu
Transaktionen im Internet vermitteln.
Mit dem gemeinsamen Ziel eines prosperierenden,
wachsenden und wohlhabenden Marktes im Internet
stellt sich die Frage, wie man dorthin kommt. Vergangene Woche gab Präsident Clinton neun Empfehlungen bekannt, von denen die amerikanischen
Bestrebungen gemeinsam mit unseren Partnern bei
der Ankurbelung von elektronischem Handel geleitet
sein und die sicherstellen sollten, daß er sich in der für
alle Beteiligten nützlichsten und effizientesten Weise
entwickelt:
Erstens. Das Internet sollte zur Freihandelszone
erklärt werden - zu einem zollfreien Umfeld, wenn es
zur Lieferung von Produkten und Dienstleistungen
genutzt wird. Seit nahezu 50 Jahren haben die
Nationen Zollsenkungen ausgehandelt, weil die
Volkswirtschaften und die Bürger aller Nationen von
freiem Handel profitieren. Weil das Internet ein wirklich
globales Medium ist, ergibt es wenig Sinn, Zölle
einzuführen, die diese Transaktionen einer Menge
marktbeschränkender Hemmnisse aussetzen, die die
Vorteile des Handels auf dem Web unterminieren.
Zweitens. Da elektronische Zahlungssysteme noch
nicht so weit verbreitet sind, wäre es schwierig,
gleichermaßen zeitgemäße und effektive Maßnahmen
zu erarbeiten. Inflexible Vorschriften für den elektronischen Zahlungsverkehr sollten zugunsten einer
stichprobenartigen Kontrolle vermieden werden,
während sich die Zahlungssysteme weiterentwickeln.
Drittens. Geschäftspartner sollten im Internet ungeachtet der von ihnen vereinbarten Bedingungen
miteinander Geschäfte abwickeln können. Kalkulierbare und weithin akzeptierte rechtliche Grundsätze zur
Förderung des elektronischen Handels sind für
Privatunternehmen und freie Märkte von elementarer
Bedeutung. Wir werden uns für einen international
einheitlichen Handelskodex zur Vereinfachung und
Ermutigung von elektronischem Handel mit übereinstimmenden Vorschriften und Rechten einsetzen.
Viertens. Wir müssen das Recht auf geistiges Eigentum schützen, damit Musik, Filme und Kunst verfügbar
sind, sich aber die Produktpiraterie, die sie bereits um
nahezu 11 Milliarden Dollar ihrer Einnahmen beraubt,
nicht auf einem globalen elektronischen Markt explosionsartig verbreitet. Die Anbieter müssen wissen,
daß ihr geistiges Eigentum nicht gestohlen wird, und
die Käufer müssen wissen, daß sie authentische
Produkte bekommen. Internationale Abkommen über
klaren Copyright-, Patent- und Markenschutz zur
Bekämpfung von Produktpiraterie und Betrug sind ein
Muß.

AMERIKA DIENST 13

�Fünftens. Es ist von großer Bedeutung, in dem
vernetzten Umfeld die Privatsphäre zu wahren, damit
die Menschen auf diesem elektronischen Markt
beruhigt Handel treiben können. Wir müssen die
Kinder schützen und gleichzeitig die Rechte der
Unternehmen respektieren. Und wir müssen das
Recht unserer Verbraucher auf Privatsphäre schützen,
damit sie nicht durch vertrauliche Informationen, die für
eine Transaktion erforderlich sind, anderen ausgeliefert werden. Der Privatsektor hat sich stark für einen
sinnvollen, verbraucherfreundlichen, sich selbst
kontrollierenden Umgang mit der Privatsphäre eingesetzt, was unseres Erachtens auf diesem Gebiet der
richtige Weg ist.
Sechstens. Wir müssen Sicherheit durch den Einsatz
von hochentwickelter Kryptographie gewährleisten,
damit Daten wie Kreditkartennummern oder detaillierte
Verträge während Transaktionen nicht gelesen werden
können. Gleichzeitig müssen wir aber auch dafür
sorgen, daß die nationale Sicherheit durch die vernünftige Anwendung dieser Regeln bewahrt wird, damit
potentielle Terroristen oder andere raffinierte Kriminelle
ihre Arbeit nicht hinter Kryptographietechnologie
verstecken können.
Siebtens. Wir müssen weltweit mit unseren Partnern
zusammenarbeiten, um die Einheitlichkeit von Vorschriften und Rechten zu gewährleisten; anderenfalls
droht der elektronische Handel zu wenig mehr als
hochtechnisiertem Isolationismus zu werden. Und wir
müssen gemeinsam am Aufbau eines modernen
globalen Telekommunikationsnetzes arbeiten, das
zugänglich, finanzierbar und dem elektronischen
Handel förderlich ist.
Achtens. Das Internet enthält mehr Informationen und
Inhalte als die herkömmlichen Fernseh- und Radioprogramme je anbieten konnten, bietet seinen Nutzern
aber auch größere Chancen, Inhalt und Zugang zu
kontrollieren. Regeln, die jetzt routinemäßig auf
fragwürdige Inhalte in Rundfunk und Fernsehen
Anwendung finden, werden und sollten nicht auf das
Internet angewendet werden. Vielmehr sollten anstelle
von Inhaltsquoten und lästigen Vorschriften die
freiwillige Selbstkontrolle der Industrie, technische
Lösungen wie Filter und Alterskontrolle sowie Einstufung nach der Eignung für Jugendliche international
zum Schutz der Menschen vor anstößigem Material
eingesetzt werden.
Neuntens. Der Markt sollte die technischen Maßstäbe
setzen: Die Technologie entwickelt sich schneller als
die Gesetzgeber reagieren können, und Bestrebungen
der Regierung zum Betrieb des Internet werden nur die
technologische Innovation behindern.
Wir wissen, daß wir bei einigen Details des elektronischen Handels unterschiedliche Ideen haben.
Diskussionen über nichttarifäre Handelshemmnisse in

AMERIKA DIENST 13

Bezug auf den Inhalt, die Suche nach einem Gleichgewicht in der Kryptographie zwischen privaten Erfordernissen und nationalen Sicherheitsbelangen, mannigfaltige technische Standards und digitale Signaturen
sollten fortgesetzt werden. Die Vereinigten Staaten
vertreten eine klare Position, und wir haben allen
Grund zur Zuversicht, daß wir unsere Meinungsverschiedenheiten überwinden. Da jedoch beim Aufbau
dieses elektronischen Marktes große und andersartige
Gebiete abgedeckt werden müssen, gibt es de facto
mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen
der Bonner Erklärung und den Empfehlungen der
Vereinigten Staaten.
Elektronischer Handel sollte das beste Handels- und
Informationsmedium sein - eine im Wachstum begriffene Wirtschaft, die neugegründeten Unternehmen
Starthilfe geben, zum Wachstum der Unternehmen
beitragen und ihnen Zugang zu neuen, vielversprechenden Märkten geben kann, gleichzeitig aber auch
Bildungs- und Kommunikationsressourcen anbietet.
Und das alles mit wenig bürokratischer Einmischung.
Die Weiterentwicklung des elektronischen Handels,
sein Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Verbesserung des Lebensstandards, Unterstützung der
Verbraucher, Ankurbelung von Wirtschaftswachstum
und Überwindung von Entfernungen zwischen den
Menschen wird am besten vom Privatsektor unserer
Länder und durch unsere kooperativen Bestrebungen
geregelt. Wir müssen vermeiden, daß diese neue
elektronische Welt zu einer digitalen Kluft führt elektronischer Handel muß jede Gesellschaft respektieren, allen Gemeinden zugänglich sein und alle
Beteiligten in den Genuß seiner Vorteile bringen. Er
sollte, wie Vizepräsident Gore vorschlug, von einem
digitalen hippokratischen Eid geleitet sein: Erstens, Du
sollst niemandem Schaden zufügen.
Konzepte wie offene Märkte, freier Handel, Privatsphäre und Rechtstaatlichkeit müssen die Grundlage
für elektronischen Handel bilden. Die Akteure auf der
Weltbühne, die sich nicht an diese Grundsätze halten,
sollten den Stachel der Isolation spüren, während der
elektronische Handel sie ausgrenzt und seine konstruktiven Teilnehmer sich des Wohlstands und der
Möglichkeiten erfreuen, die der Markt im Internet bieten
kann. Als Präsident Clinton letzte Woche die Initiative
der Administration für elektronischen Handel bekanntgab, erklärte er: "Unsere Aufgabe besteht darin
sicherzustellen, daß diejenigen, die darin Handel
treiben wollen, ein sicheres und stabiles Terrain
vorfinden. Dabei müssen wir jetzt, da der elektronische Handel noch in den Kinderschuhen steckt, mit
anderen Nationen zusammenarbeiten." Seien Sie
versichert, daß wir partnerschaftlich zusammenarbeiten werden, damit der elektronische Handel
Nationen und Volkswirtschaften leicht und zuverlässig
verbinden kann, während unsere Völker entscheiden,
was er übermittelt und wie er funktioniert.

Seite 3

�Vor ungefähr 30 Jahren teilte Lyndon Johnson Amerika mit: "Wir müssen uns einer der großen unbeendeten Aufgaben unserer Generation widmen - und diese
unbeendete Aufgabe ist, Europa wieder als Ganzes
zusammenzufügen." Die Konferenz in Bonn, der
einstigen Hauptstadt eines geteilten Deutschlands und
dem Symbol eines geteilten Europas, ist die beste
Erinnerung daran, daß diese Aufgabe jetzt erledigt ist.
Unsere neue Aufgabe besteht darin, die Welt auf neue
Weise als Ganzes zusammenzufügen, damit Wohlstand und Chancen, Handel und Ideen ohne Unter-

*

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brechung, Einmischung oder Eingriffe zwischen den
Nationen ausgetauscht werden können. Dabei werden
wir uns gegenseitig ebenso bereichern, wie wir selbst
bereichert werden, und für die Menschen auf der Welt
haben wir damit eine andere Möglichkeit geschaffen,
durch mehr Gemeinsamkeiten miteinander verbunden
zu werden und ein reicheres, leichteres und erfüllteres
Leben zu führen.
Ich danke Ihnen.

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�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Globale Informationsnetze als neues
Element der Wirtschaftsbeziehungen
Rede von Wirtschaftsminister Daley

FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Wirtschaftsminister
William Daley am 8. Juli 1997 vor der American Chamber of Commerce in Germany hielt.

Charge Bindenagel, Fred Irwin, meine Damen und
Herren. Es ist mir eine große Ehre, in der größten
American Chamber of Commerce in Europa und der
Zweitältesten American Chamber der Welt zu sein.
Ihre Arbeit hier ist von entscheidender Bedeutung für
den Erfolg der Handelsbeziehungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten sowie der
EU und den Vereinigten Staaten. Ich möchte Ihnen
allen für Ihren Einsatz und Ihr Engagement zur Stärkung unserer Handels- und Investitionsbeziehungen
danken und sehe einem lebhaften und produktiven
Dialog mit Ihnen in den kommenden Jahren erwartungsvoll entgegen.
In meiner erst sechsmonatigen Amtszeit ist dies meine
zweite Europareise, und das nicht nur, weil die Flugpreise günstig sind. Tatsache ist, daß die transatlantische Partnerschaft weltweit das wichtigste
geopolitische Bündnis ist.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben gemeinsam das Funktionieren der modernen Weltwirtschaft
ermöglicht. Unsere unermüdliche Verteidigung freier
Märkte, demokratischer Werte und Rechtsstaatlichkeit
gestattete, daß eben diese Grundsätze weltweit Fuß
fassen. Wir sind in vieler Hinsicht die Architekten einer
Welt, die nie in den Genuß von mehr Sicherheit oder
Wohlstand gekommen ist.
Nach dem Ende der sowjetischen Bedrohung - und
damit auch der drängenden Sicherheitsbelange des
Kalten Krieges - hat die Clinton-Administration ihren
transatlantischen Schwerpunkt auf den Bereich der
Wirtschaft verlagert, damit Europa, um mit den Worten
Präsident Clintons zu sprechen, zu "unserem wertvollsten Partner wird, nicht nur bei Demokratie und

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Freiheit, sondern auch im Hinblick auf Handel und
Investitionen."
Präsident Clinton und seine europäischen Amtskollegen setzen sich für die Stärkung der Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union durch neue Mittel wie die
neue transatlantische Agenda und den transatlantischen Wirtschaftsdialog ein. Nach langen Verhandlungen schlössen wir letzten Monat die Abkommen
über gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition
Agreements - MRAs) ab, die von den Vereinigten
Staaten und der EU die gegenseitige Anerkennung
ihrer Erfordernisse an Zertifizierung und Prüfung für
verschiedene darunter aufgelistete Produkte vorsehen.
Die MRAs werden die lästigen Inspektionskosten
abschaffen und mehr als 50 Milliarden Dollar für den
transatlantischen Handel freisetzen.
Die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Europäischen Union sind stärker denn
je. Die EU ist bei weitem unser größter Handelspartner, der von amerikanischen Unternehmen
angebotene Waren und Dienstleistungen im Wert von
einer Billion Dollar abnimmt. Gut die Hälfte der
internationalen Wirtschaftstätigkeit der Vereinigten
Staaten entfällt auf Europa, das somit ein doppelt so
großer Absatzmarkt ist wie Kanada und Japan zusammengenommen. Ein Zwölftel aller Arbeitsplätze in
der amerikanischen Fertigungsindustrie befindet sich
in einem in europäischem Besitz befindlichen Unternehmen.
Die Handelsbeziehungen zwischen Amerika und
Europa sind ausgewogen. Drei Millionen Amerikaner
arbeiten für in den Vereinigten Staaten ansässige

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�europäische Unternehmen, und drei Millionen Europäer sind bei hier angesiedelten amerikanischen Firmen
beschäftigt. Während die Vereinigten Staaten bei
ihrem Handel mit Asien ein Handelsdefizit in Höhe von
1,5 Billionen Dollar zu verzeichnen haben, ist unser
Handel mit Europa in den letzten 25 Jahren fast
ausgeglichen. Das sind nicht nur trockene Statistiken.
Sie schlagen sich in guten Arbeitsplätzen, höheren
Löhnen und Gehältern sowie einem hohen Lebensstandard für Familien und Gemeinden auf beiden
Seiten des Atlantiks nieder.
Und die größte Volkswirtschaft in Europa, Deutschland
- und seine Verbindungen zu Amerika - sind Schlüsselelemente bei den transatlantischen Beziehungen.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland sind die
beiden größten Exporteure der Welt, und unser
bilateraler Handel erreichte im vergangenen Jahr die
Rekordzahl von 62 Milliarden Dollar. Unsere bilateralen Investitionen sind ebenso hoch und belaufen sich
auf mehr als 90 Milliarden Dollar. Keine Nation zieht
mehr deutsches Privatkapital an als die Niederlassungen amerikanischer Unternehmen in Deutschland, und
deutsche Niederlassungen in den Vereinigten Staaten
haben einen jährlichen Absatz von mehr als 150
Milliarden Dollar und stellen über eine halbe Million
Arbeitsplätze bereit.
Die American Chamber of
Commerce in Germany spielt eine unschätzbare Rolle,
indem sie bei den deutschen Entscheidungsträgern
darauf drängt, das wirtschaftliche Umfeld in diesem
Land für amerikanische Unternehmen weiterhin
attraktiv zu gestalten.
Wir arbeiten eng mit der Bundesregierung an einer
Reform der öffentlichen Auftragsvergabe, die für in
Deutschland angesiedelte amerikanische Unternehmen seit langem Anlaß zur Besorgnis über den
Marktzugang gab, insbesondere auf dem Gebiet
schweren elektrischen Geräts. Die jüngsten bilateralen Gespräche in Dresden und Bonn brachten große
Fortschritte bei der Einführung eines effizienten und
nichtdiskriminierenden Ausschreibungssystems für die
Beschaffung. Und die deutschen Behörden haben
viele unserer Sorgen über die Liberalisierung des
deutschen Telekommunikationsmarktes zerstreut. Ich
habe diese Woche in Bonn ein gutes Gespräch mit
Wirtschaftsminister Rexrodt geführt und sehe allen
Grund zu Optimismus hinsichtlich der Zukunft der
deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen.
Beim Aufbau der transatlantischen Partnerschaft
müssen wir auch immer die Auswirkungen jenseits
unserer Grenzen in Betracht ziehen. Sie findet
weltweit Widerhall, denn unsere gemeinsame Arbeit ist
entscheidend für die Entwicklung und Förderung des
gesamten Welthandelssystems. Betrachten Sie sich
unsere gemeinsamen Errungenschaften: Die Uruguayund die Singapur-Runde, die Gründung der Welthandelsorganisation, das Informationstechnologie-

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abkommen und das Abkommen über Telekommunikationsdienste. Vor kurzem schlössen wir das OECDAbkommen über das Verbot von Bestechlichkeit ab ein wichtiger Schritt zur Beseitigung einer offensichtlich
korrupten Praxis, die dem internationalen Handel
schadet.
Jeder jüngste Meilenstein bei der Förderung von
wirtschaftlicher Freiheit und offenen Märkten ist das
Ergebnis gemeinsamer amerikanisch-europäischer
Aktionen und Führung. Und wenn wir nicht übereinstimmen - wie es mehrere Jahre während der
Uruguay-Runde im landwirtschaftlichen Bereich der
Fall war - erleidet die Sache des freien Handels
weltweit einen Rückschlag.
Vor diesem Hintergrund der Globalisierung und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit findet eine Revolution im Bereich der Informationstechnologie statt, die
im 21. Jahrhundert enorme Auswirkungen auf uns alle
haben wird - Regierung, Wirtschaft und Verbraucher.
Ich habe gerade in Bonn an der europäischen Ministerkonferenz über globale Informationsnetze teilgenommen und möchte bei meinem Besuch in Europa
insbesondere darüber sprechen, wie wir bei der
Förderung des elektronischen Handels zusammenarbeiten können.
Das Internet verändert das Wirtschaftsverhalten
praktisch vor unseren Augen. Bald werden die
alltäglichen Geschäfte - Verhandlungen, Vergleiche,
Vertragsabschlüsse, Verkäufe, Ausschreibungen und
Käufe - online abgewickelt: schneller, leichter und
billiger als per Post, Telefon oder Fax, wie es heute
geschieht.
Bereits 60 Millionen Menschen weltweit sind durch die
Datenautobahn verbunden. In weniger als 15 Jahren
wird diese Zahl schätzungsweise auf eine Milliarde
angestiegen sein. Zweifelsohne wird der elektronische
Handel die effektivste Möglichkeit sein, die Verbraucher in der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts zu
erreichen.
Betrachten Sie sich die Möglichkeiten: Die Verbraucher können ein Auto kaufen, Rechnungen bezahlen,
Flugtickets reservieren und Investitionen tätigen, ohne
ihren Computer verlassen zu müssen. Der elektronische Handel wird zur Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen für jeden beitragen und die
Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit für jeden senken vom Jungunternehmer bis zum größten multinationalen Unternehmen.
Der elektronische Handel birgt große Chancen, aber
auch große Herausforderungen. Wir müssen Privatsphäre, Sicherheit und den Schutz des Rechts auf
geistiges Eigentum gewährleisten. Wir müssen jedem
eine Teilnahme ermöglichen. Die Macht des elektro-

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�nischen Handels liegt in seiner Fähigkeit zur Überwindung traditioneller Hindernisse, Überwindung von
Weltmeeren und kulturellen Unterschieden. Wenn nur
eine kleine Elite in diesen Genuß kommt, sind unsere
Bemühungen vergeblich. Wir können uns keine
digitale Kluft leisten, die diejenigen, die im Besitz von
Informationen sind, von denjenigen trennt, die sie nicht
haben.
Wir werden diese Herausforderungen nur bewältigen,
wenn wir dem Privatsektor eine Führungsrolle einräumen und elektronischer Handel sich als vom Markt
getriebenes Phänomen entwickelt. Die Rolle der
Regierung besteht in der Bereitstellung eines einfachen und einheitlichen rechtlichen Rahmens, der als
Katalysator und Partner wirkt, nicht als lästiges
Regulativ. In diesem Geiste legte die Clinton-Administration in der vergangenen Woche den amerikanischen Bericht über globalen elektronischen Handel
(Framework for Global Electronic Commerce) vor, der
neun Empfehlungen enthält:
Erstens. Das Internet sollte zu einer Freihandelszone
erklärt werden - zu einem zollfreien Umfeld, wenn es
zur Lieferung von Produkten und Dienstleistungen
genutzt wird. Marktbeschränkende Hemmnisse für
elektronischen Handel aufzubauen, würde seine
Vorteile völlig unterminieren.
Zweitens. Da elektronische Zahlungssysteme noch
nicht so weit verbreitet sind, sollten wir sie stichprobenartig überprüfen statt unflexible Regeln und Vorschriften einzuführen.
Drittens. Geschäftspartner sollten im Internet gemäß
der von ihnen vereinbarten Bedingungen miteinander
Geschäfte abwickeln können. Wir müssen jedoch auf
einen international einheitlichen Handelskodex
hinarbeiten, der übereinstimmende Vorschriften und
Rechte einführt.
Viertens. Wir müssen das Recht auf geistiges Eigentum schützen. Wir müssen Musik, Filme und Kunst
anbieten während wir gleichzeitig gewährleisten, daß
sich die Produktpiraterie nicht auf einem globalen
elektronischen Markt explosionsartig verbreitet.
Fünftens. Die Wahrung der Privatsphäre ist unerläßlich, damit die Menschen in diesem elektronischen Umfeld beruhigt Handel treiben können.
Sechstens. Wir müssen Sicherheit durch den Einsatz
von hochentwickelter Kryptographie gewährleisten, die
Daten zum Schutz von Kreditkartennummern oder
anderen vertraulichen Informationen zerhackt. Wir
müssen uns auch bewußt sein, daß Kryptographie in
die falschen Hände gelangen kann. Wir müssen diese
Regeln vernünftig anwenden, damit Terroristen und
andere raffinierte Kriminelle ihre Arbeit nicht hinter
Kryptographietechnologie verstecken können.

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Siebtens. Die Nationen der Welt müssen zusammenarbeiten, um die Einheitlichkeit von Vorschriften und
Rechten zu gewährleisten und ein modernes, zugängliches, finanzierbares globales Telekommunikationsnetz aufzubauen, das elektronischen Handel unterstützt.
Achtens. Die freiwillige Selbstkontrolle der Industrie
und technische Lösungen - nicht strenge staatliche
Regeln oder Quoten - sind der beste Weg zum Schutz
der Menschen vor anstößigem Material im Internet.
Neuntens. Der Markt sollte die technischen Maßstäbe
setzen. Die Technologie entwickelt sich schneller als
die Gesetzgeber reagieren können, und Bestrebungen
der Regierung zum Betrieb des Internet werden nur die
technologische Innovation behindern.
Elektronischer Handel hat das Potential, zu unserem
mächtigsten wirtschaftlichen Instrument zu werden. Es
ist an uns in der Öffentlichkeit und im Privatsektor, das
Versprechen des elektronischen Handels einzulösen.
Das machen wir diese Woche in Bonn. Die Bonner
Erklärung enthält eine Reihe von Richtlinien, die die
Vorteile globaler Informationsnetze auf die Europäische Union ausdehnen. Ebenso wie der amerikanische Bericht fordert die Bonner Erklärung, daß dieser
Prozeß von der Industrie angeführt wird. Er fordert von
den Regierungen die Bereitstellung eines zuverlässigen rechtlichen und fiskalischen Rahmens für elektronischen Handel, die Reduzierung von Regulierung auf
ein Minimum und den Einsatz ihrer Kaufkraft zur
Ankurbelung der Entwicklungen des Privatsektors in
Bezug auf Inhalt und Technologie.
Wir wissen, daß wir bei einigen Details des elektronischen Handels unterschiedliche Ideen haben.
Nichttarifäre Handelshemmnisse bezüglich des Inhalts,
die Herstellung eines Gleichgewichts in der Kryptographie zwischen privaten Erfordernissen und nationalen
Sicherheitsbelangen sowie digitale Signaturen - zu all
diesen Themen sollte es andauernde Gespräche
geben.
Die Vereinigten Staaten vertreten klare Positionen, und
wir haben allen Grund zur Zuversicht, daß wir unsere
Meinungsverschiedenheiten überwinden. Angesichts
der Vielzahl komplexer Themen, die vom elektronischen Handel abgedeckt werden, gibt es sehr viel
mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen
der Bonner Erklärung und den Empfehlungen der
Vereinigten Staaten.
Während wir unsere Differenzen über elektronischen
Handel oder andere bilaterale Themen ausräumen,
können wir auf eine Geschichte gemeinsamer Kultur
und gemeinsamer Interessen zurückgreifen. Selbst
während wir geschäftig die Beziehungen zu aufstrebenden Märkten auf der ganzen Welt kultivieren,

Seite 3

�wird die Freundschaft zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa und den Vereinigten Staaten und
Deutschland immer etwas Einzigartiges sein.
Wir sehen diese Verbindung in jedem Aspekt unseres
Lebens. Wir sehen sie in unserer Sprache und
unseren Gesetzen, unseren gemeinsamen Werten und
unserem Geschmack. Wir sehen sie, wenn Frankfurt
Galaxy und Rhine Fire aus der World League vor
deutschen Zuschauern American Football spielen. Wir
sehen sie, wenn amerikanische Soldaten und Soldatinnen in Städten wie Heidelberg Teil der Gemeinde
werden. Wir sehen sie in dem außerordentlichen
Beitrag, den Millionen von Deutsch-Amerikanern in
meiner Heimatstadt Chicago geleistet haben. Um
Präsident Clinton aus seiner Proklamation zum Tag
der Deutsch-Amerikaner am 6. Oktober 1996 zu
zitieren: "Die in der deutschen kulturellen Tradition so
wichtige Charakterstärke und persönliche Ehre haben
auch in die zentralen Werte der amerikanischen
Gesellschaft Eingang gefunden."
Was wir gemeinsam geleistet haben, ist wirklich
außerordentlich. Die Früchte unserer gemeinsam im
Kalten Krieg gebrachten Opfer sind sieht- und greifbar:
Deutschland ist wieder vereinigt, der Eiserne Vorhang
ist gefallen. In dieser Woche in Madrid wird Europa,
wie wir es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
gekannt haben, sich für immer verändern, wenn die
Einladung zum NATO-Beitritt an Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik ausgesprochen wird.

*

Seite 4

Gemeinsam haben wir unter Beweis gestellt, daß wir
den beängstigendsten Herausforderungen widerstehen können. Aber während der Kalte Krieg aus den
täglichen Schlagzeilen in die Geschichtsbücher weicht,
dürfen wir nicht selbstgefällig werden. Das 21.
Jahrhundert hält neue Herausforderungen bereit, vor
denen wir nicht zurückschrecken dürfen.
In einer zunehmend automatisierten und elektronischen Welt müssen wir zusammenarbeiten, um von
der Technologie zu profitieren und sie zu einer Kraft für
Wachstum, Fortschritt und Chancen zu machen. Wir
müssen zusammenarbeiten, um einen grenzenlosen
elektronischen Markt aufzubauen, der jede Gesellschaft respektiert, jede Gemeinde in den Genuß ihrer
Vorteile kommen läßt und jedem Bürger der Welt mehr
Befugnisse verleiht. Wir müssen der Verantwortung
gerecht werden, die mit der Führungsrolle auf einem
globalen Markt einhergeht, dessen Instrumente immer
moderner werden.
In den vergangenen 50 Jahren war die wichtigste
Funktion des westlichen Bündnisses die eines Garants
für Frieden und nationale Sicherheit. Mit demselben
unerschütterlichen Engagement und Geist der Zusammenarbeit wollen wir jetzt zusammenarbeiten, um
im 21. Jahrhundert wirtschaftliche Sicherheit - Arbeitsplätze, Wohlstand und Chancen - in den Vereinigten
Staaten, in Europa und auf der ganzen Welt zu
schaffen. Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�MARSHALLPLAN
9. Juli 1997

Die neue Rolle Europas aus der
Sicht der Vereinigten Staaten
Rede von J. D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires der Botschaft
der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, bei der von der Citibank veranstalteten
internationalen Wirtschaftskonferenz zum 50. Jahrestag des Marshallplans am 27. Juni 1997 in Berlin hielt.

Bundespräsident Herzog, Staatspräsident Kucan,
Bundestagsvizepräsidentin Vollmer, Minister Kuehnl,
Stellvertretender Außenminister Towpik, Dr. Ruding,
Mr. Kennedy, Botschafter Kimmit, meine Damen und
Herren, verehrte Gäste.
Ich freue mich, als höchstrangiger Vertreter der
Vereinigten Staaten in Deutschland eine Rede bei
dieser Gedenkfeier für den Marshallplan halten zu
dürfen. Präsident Clinton ist sich der Bedeutung dieser
von der Citibank veranstalteten Konferenz bewußt und
hat Bundespräsident Herzog seine Gedanken zu
diesem Anlaß in einem Brief übermittelt. Mit der
Zustimmung des Bundespräsidenten möchte ich aus
diesem Brief ein paar Worte Präsident Clintons
zitieren:

mit neuen Missionen, neuen Mitgliedern und neuen Partnern auf. Wir
helfen den neuen Demokratien Europas bei der Konsolidierung ihrer Reformen. Und wir arbeiten auf die
Gewährleistung hin, daß keine Nation
in Europa je wieder gegen ihren Willen daran gehindert wird, unserer
Interessen- und Wertegemeinschaft
beizutreten.
Das ist unsere Verantwortung gegenüber künftigen Generationen - und
der beste Weg, das Vermächtnis des
Marshallplans zu verwirklichen."
Ende des Zitats von Präsident Clinton.

"Heute sehen wir den Erfolg des
Marshallplans nicht nur an der Gesundung der Volkswirtschaften Westeuropas, sondern auch an dem Prozeß der europäischen Integration, den
er ermutigte; der Aussöhnung zwischen alten Gegnern, die er ermöglichte und den unzerreißbaren Banden, die er zwischen Amerika und
Europa schmiedete.
Heute hat unsere Generation die
Chance, die von Marshalls Generation begonnene große Aufgabe zu
vollenden: Zum ersten Mal in der
Geschichte ein demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa zu
schaffen. Wir bauen eine neue NATO

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Meine Damen und Herren, der Ausklang des 20.
Jahrhunderts bietet die Gelegenheit zu einem Rückblick und einer Vorschau. In den letzten Jahren haben
wir auf die vergangenen fünf Jahrzehnte und die
einzelnen Meilensteine dieses Jahrhunderts zurückgeblickt - wie das Ende des Krieges oder die Gründung der Vereinten Nationen. Der 50. Jahrestag des
Marshallplans ist ein weiterer bedeutender Meilenstein.
Er ist in besonderer Weise geeignet für diese Zeit des
Nachdenkens und des Versuchs, aus der Vergangenheit zu lernen, um uns auf eine bessere Zukunft
vorzubereiten.
Es gibt viele wichtige Lehren, die man aus dem
Marshallplan ziehen kann:
daß ein zerstörter Staat, der sich für die

Seite 1

�Demokratie entscheidet, unverzüglich wieder
der internationalen
Staatengemeinschaft
beitreten kann und sollte;
daß Teilungen mit der Bereitschaft zu Zusammenarbeit und einer helfenden Hand
überwunden werden können
und daß wirtschaftliche Gesundung, politische
Stabilität und Sicherheit miteinander verbunden sind.
Der finanzielle Beitrag zum Marshallplan war für die
Vereinigten Staaten zu jener Zeit nicht unerheblich rund 88 Milliarden Dollar am heutigen Wert des Dollar
gemessen. Aber das wahre Versprechen des Plans
lag in der von ihm gepflanzten Saat, die europäischen
Länder zusammenzubringen und sie zu ermutigen,
über das Nullsummendenken und den begrenzten
nationalen Horizont hinauszugehen.
Wie Außenminister Marshall es in seiner berühmten
Rede unter den Ulmen von Harvard formulierte, "muß
es eine Einigung unter den Ländern Europas bezüglich
der Erfordernisse der Situation und des Beitrags
geben, den diese Länder leisten werden". Die Vereinigten Staaten hatten nicht die Absicht zu bestimmen, wie Europa die Hilfe aufteilen sollte. Es war
vielmehr an den Europäern, diese Schritte selbst zu
unternehmen.
Die Art, in der die Hilfe von den Vereinigten Staaten
verwaltet wurde, ermutigte die Europäer zur Zusammenarbeit. Die Programme zur wirtschaftlichen
Erholung aller Länder bedurften der Genehmigung
nicht nur der Vereinigten Staaten, sondern auch der
Organization for European Economic Cooperation oder OEEC -, der 1948 von 16 europäischen Ländern
gegründeten europäischen Institution des Marshallplans.
Die OEEC, der Vorläufer der heutigen OECD und in
vieler Hinsicht der Europäischen Union von heute, war
in vielfältigerweise erfolgreich. Sie bot den Anreiz für:

Gesundung Europas nicht ad hoc erreicht werden
konnte. Ein Rahmenwerk war von entscheidender
Bedeutung. Ein Teil der amerikanischen Hilfe war
bereits zwischen dem Ende des Krieges und dem
Beginn des Marshallplans nach Europa geflossen. Der
vom Marshallplan bewirkte Unterschied lag in der Art,
in der die Hilfe zur Förderung der Zusammenarbeit
eingesetzt wurde.
Das sind wichtige Lektionen für uns, während wir uns
"an die Zukunft erinnern" - wie diese Konferenz es
formulierte - und versuchen, Wege zur Ausdehnung
von Stabilität und Wohlstand Europas zu sondieren.
Ebenso wie vor 50 Jahren spielt das Rahmenwerk
unserer Institutionen heute eine entscheidende Rolle.
In diesem Zusammenhang wird klar, warum die
Anpassung unserer Institutionen heute ein so wichtiges Unterfangen ist. Wie Außenministerin Albright vor
kurzem erklärte, müssen wir Fortschritte erzielen,
indem wir "an unsere Zeit angepaßte und auf den für
alle Zeiten gültigen Werten gründende Mittel anwenden". Das bedeutet die Bewahrung der Institutionen,
die uns so gut gedient haben, aber erfordert auch den
Mut zu ihrer Veränderung, Verbesserung und Öffnung
für neue Mitglieder, die die Werte teilen, die für uns von
größter Bedeutung sind.
Als eine europäische Macht haben sich die Vereinigten
Staaten verpflichtet, die Trennlinien in Europa auszuradieren. Präsident Clinton hat dies vor kurzem beim
Gipfeltreffen der Acht in Denver unter Beweis gestellt,
wo er der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß Rußland
immer weiter in die Arbeit dieser Gruppe einbezogen
werden kann. Es gibt jedoch noch andere Beispiele
eines nach außen gerichteten Ansatzes. Denken Sie
nur an die Erweiterung der OECD mit der Einbeziehung von Polen und Ungarn oder die Aufnahme neuer
Mitglieder in den Europarat.
Diese Institutionen bieten Strukturen für die Zusammenarbeit bei der Lösung - und Verhinderung - von
Problemen. In Anerkennung der Rolle dieser Institutionen haben die Vereinigten Staaten die Erweiterung der NATO befürwortet.

die Aufhebung von Handelsbeschränkungen,
das Teilen knapper Ressourcen,
die Verbesserung der Produktivität durch die
systematische Überwindung von Engpässen
und anderen Mängeln der Volkswirtschaften
Europas,
die Schaffung eines Systems für regelmäßige
Konsultationen über Angelegenheiten von
gemeinsamem wirtschaftlichem Interesse.
Marshall hatte die Gabe zu erkennen, daß die kurzfristige - ganz zu schweigen von der langfristigen -

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Unsere gesamte Politik zielt auf die Schaffung eines
Europas ab, das frei von den während des Kalten
Krieges gezogenen künstlichen und unrechtmäßigen
Trennlinien ist. Ein Beweis dafür ist die im Mai dieses
Jahres unterzeichnete Grundakte zwischen der NATO
und Rußland über Zusammenarbeit und Sicherheit.
Sie bietet einzigartige Chancen für Zusammenarbeit
zwischen dem Bündnis und Rußland bei einem breiten
Spektrum von sicherheitspolitischen und militärischen
Angelegenheiten.
Ich möchte auch betonen, welch konstruktive Rolle die
Partnerstaaten der NATO bereits übernehmen und in
Zukunft im Rahmen des Euroatlantischen Partner-

AMERIKA DIENST 13

�schaftsrats, einer neu gegründeten Institution der
NATO, auf noch effektivere Weise spielen können.
Der Rat wird dem Bündnis und seinen Partnerstaaten
einen politischen Rahmen - und eine institutionelle
Grundlage - für ihre kooperativen Beziehungen bieten.
Im Hinblick auf neue NATO-Mitglieder unterstützen die
Vereinigten Staaten die Aufnahme einer kleinen
Gruppe von drei Ländern in der ersten Runde und in
Zukunft eine Politik der offenen Tür für weitere Mitglieder. Während sich das Bündnis auf die Entscheidungsfindung per Konsens in Madrid vorbereitet,
werden nicht geschichtliche oder geographische
Überlegungen die Grundlage für unsere Entscheidungen bilden, sondern die Fähigkeit der Kandidaten,
einen Beitrag zur NATO zu leisten.
Die NATO kann ein bedeutendes Forum für europäische Integration und Stabilität sein, aber sie ist nicht
das einzige Forum. Obwohl die Vereinigten Staaten
kein Mitglied der Europäischen Union sind, haben wir
unser Interesse an deren Entwicklung bereits unter

Beweis gestellt. Die Vereinigten Staaten haben
während der letzten 50 Jahre jede Initiative unterstützt,
die auf größere politische und wirtschaftliche Einheit
unter den europäischen Nationen abzielt. Wir taten
das aus Eigeninteresse: Ein politisch geeintes Europa
wird bei der Erlangung gemeinsamer Ziele ein stärkerer Partner sein, und ein wirtschaftlich geeintes Europa
schafft ein attraktiveres Umfeld für amerikanische
Investitionen.
Der Europäischen Union gebührt Lob für ihre vorausschauenden Entscheidungen, beispielsweise die
Bereitstellung von Hilfsprogrammen in Zentral- und
Osteuropa und ihr Engagement für eine Erweiterung.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß regionale Integration in Europa diesen Ländern bei der
Überwindung von traditionellen Problemen von
Grenzen, Geschichte und Geographie helfen kann.
Mein Land unterstützt Offenheit und Erweiterung und
ermutigt seine europäischen Partner dazu.
Unser Engagement ist jedoch nicht auf Worte beschränkt. Die Vereinigten Staaten und amerikanische
Firmen haben ein lebhaftes Interesse an der wirtschaftlichen Erholung Ost- und Zentraleuropas.
Amerikanische Unternehmen haben sehr früh die
Möglichkeiten in dieser Region erkannt und damit eine
führende Rolle übernommen.
Amerikanische Firmen tätigen auch den Großteil der
ausländischen Investitionen in den neuen Bundesländern. Damit wurden 50.000 Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert. Diese Investitionen, die etwa
8 Milliarden Dollar mobilisiert haben, sind ein wichtiger
Beitrag zum Wachstum Deutschlands und ein Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundes-

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länder. In der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges
sind diese Investitionen die wesentlichen Pfeiler der
Brücken über den Atlantik. Unsere Aktivitäten hier sind
jedoch nicht nur wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln
unser Engagement für die Zukunft dieses Kontinents
wider - eine auf den Werten Demokratie und freie
Marktwirtschaft basierende Zukunft.
Ein anderer Aspekt ist ebenfalls von Bedeutung für die
Amerikaner - die Möglichkeit, den kulturellen und
historischen Reichtum in diesen Teilen der Welt
wiederzuentdecken, die so lange abgeschottet waren.
Die Wiederentdeckung und Verbindung der Teile
Europas, die einst voneinander getrennt waren sowie
der Kulturaustausch zwischen Zentral- und Osteuropa
einerseits und Westeuropa andererseits ist eine der
interessantesten derzeitigen Entwicklungen. Europa
und die Welt werden durch diese Erfahrung bereichert.
Meine Damen und Herren, wir befinden uns inmitten
einer Zeit des Wandels - einer Zeit der Revolution,
wenn Sie so wollen. Wir haben eine vielversprechende Vergangenheit, aus der wir lernen und auf der wir
aufbauen können. Wir haben eine interessante und
verheißungsvolle Zukunft, auf die wir uns freuen und
die wir gestalten können. Es ist eine Zeit der Chancen
und Hoffnung. Ich möchte mit einem Zitat des amerikanischen Essayisten und Dichters, Ralph Waldo
Emerson, schließen. Erstellte 1837, sechs Jahrzehnte
nach der amerikanischen Revolution, die Frage:
"Wenn es irgendeine Zeit gibt, zu der
man geboren sein möchte, ist es dann
nicht das Zeitalter der Revolution, in
dem Alt und Neu Seite an Seite stehen, in dem die Energien aller Menschen von Angst und Hoffnung genährt werden, in dem der historische
Ruhm des Alten von den reichhaltigen
Chancen des Neuen kompensiert
werden kann?"
Unsere "reichhaltigen Chancen" können in der Verbreitung von Demokratie, Handel und Kommunikationsmöglichkeiten in den Teilen Europas bestehen,
die früher isoliert waren. Bei den Feiern zum 50.
Jahrestag des Marshallplans können wir stolz auf
unsere Leistungen sein. Abschließend möchte ich im
Hinblick auf die Zukunft betonen, daß Deutschland und
die Vereinigten Staaten nach den jüngsten Revolutionen ein gemeinsames Interesse an der Anpassung
ihrer lebenswichtigen europäischen und transatlantischen Institutionen haben, damit sie uns im 21.
Jahrhundert ebenso dienen wie in der letzten Hälfte
dieses Jahrhunderts.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei dieser Konferenz.
Ich danke Ihnen.

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�UMWELT
9. Juli 1997

Clinton verspricht Fonds für Energieprojekte
in Entwicklungsländern
Rede des Präsidenten beim Umweltgipfel

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 26. Juni 1997 beim
Umweltgipfel der Vereinten Nationen gehaltene Rede.

Vor fünf Jahren befürworteten die Nationen der Welt in
Rio de Janeiro eine einfache, aber revolutionäre
Maxime: Daß der Fortschritt von heute nicht auf
Kosten der Zukunft erfolgen darf.
In unserem Zeitalter sind Umweltbelange an die
oberste Stelle der internationalen Tagesordnung
gesetzt worden, denn in welchem Maße eine Nation
Umweltschutz betreibt, wird gute oder schlechte
Auswirkungen haben, die auf der ganzen Welt spürbar
sind. Der Erhalt unserer gemeinsamen Ressourcen ist
nicht nur für die Qualität unserer Umwelt und Gesundheit entscheidend, sondern auch für die Bewahrung
von Stabilität und Frieden innerhalb und zwischen
Nationen. Um den Vater der amerikanischen Umweltbewegung, John Muir, zu zitieren: "Wenn wir
versuchen, etwas isoliert zu betrachten, stellen wir
fest, daß es mit allem anderen im Universum verbunden ist."
In den seit Rio vergangenen Jahren wurden in einigen
Bereichen echte Fortschritte erzielt. Die Nationen
haben die Verklappung von radioaktivem Müll in den
Ozeanen verboten und die Verschmutzung der Meere
vom Land her verringert. Wir arbeiten auf den Schutz
der kostbaren Korallenriffe hin, die Erhaltung bedrohter
Fischarten und die Eindämmung der Versteppung. Bei
der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung bekräftigten wir die entscheidende Bedeutung
kooperativer Bestrebungen zur Familienplanung für die
langfristige nachhaltige Entwicklung.
Hier in den Vereinigten Staaten haben wir eine Rekordzahl von Giftmülldeponien gesäubert und beabsichtigen, in den nächsten vier Jahren weitere 500
zu säubern. Wir haben neue Gesetze zum besseren

AMERIKA DIENST 13

Schutz unserer Gewässer erlassen und neue Nationalparks und Monumente geschaffen. Wir arbeiten auf
die Harmonisierung unserer Bestrebungen für Umweltschutz, Wirtschaftswachstum und soziale Verbesserung hin, wobei uns der herausragende Rat für
nachhaltige Entwicklung zur Seite steht.
Gestern habe ich die weitreichendsten Initiativen zur
Verbesserung der Luftqualität in unserem Land seit 20
Jahren bekanntgegeben, mit denen der Smog drastisch reduziert wird und zum ersten Mal in der
Geschichte Normen zur Verringerung der Anzahl
rußbildender feiner Partikel in der Atmosphäre festgesetzt werden. In den Vereinigten Staaten tritt Asthma
bei Kindern stark vermehrt auf, und diese Krankheit ist
heute der Hauptgrund für den Klinikaufenthalt von
Kindern. Diese Maßnahmen werden dazu beitragen,
das zu ändern, die Gesundheit der Menschen jeglichen Alters verbessern und den frühzeitigen Tod von
bis zu 15.000 Menschen pro Jahr verhindern.
Dennoch müssen wir noch sehr viel mehr tun, insbesondere unseren Anteil am globalen Klimawandel
verringern.
Die wissenschaftlichen Fakten sind klar und überzeugend: Wir Menschen verändern das globale Klima.
Die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ist seit über 200.000 Jahren am höchsten und
steigt drastisch. Wenn dieser Trend nicht aufgehalten
wird, erwarten die Wissenschaftler einen Anstieg des
Meeresspiegels von bis zu 60 cm oder mehr im
nächsten Jahrhundert. In den Vereinigten Staaten
bedeutet das die Überschwemmung von 23.000 km2 in
Florida, Louisiana und anderen Küstengebieten. In
Asien werden 17 Prozent von Bangladesch - Land, auf

Seite 1

�dem sechs Millionen Menschen leben - verloren
gehen. Inselketten wie die Malediven werden von der
Landkarte verschwinden.
Klimaveränderungen
werden die Landwirtschaft beeinträchtigen sowie
schwere Dürren, Überschwemmungen und die
Verbreitung von ansteckenden Krankheiten verursachen, darunter 50 Millionen oder mehr Fälle von
Malaria jährlich. Wir müssen mit mehr Todesfällen
aufgrund der Hitze rechnen - vor nur zwei Jahren
erlebten wir in Chicago die Tragödie, daß über 400
unserer Mitbürger während einer großen Hitzewelle
starben.
Keine Nation kann dieser Gefahr entrinnen. Keine
Nation kann sich ihrer Verantwortung zu deren
Bewältigung entziehen. Wir alle müssen unseren
Beitrag leisten - Industrienationen, die die größten
Mengen von Treibhausgasen emittieren und Entwicklungsländer, deren Emissionen rasch zunehmen. Ich
beglückwünsche die Europäische Union zu ihrer
starken Konzentration auf diese Themen und die
Weltbank zur Festsetzung von Umweltnormen für
Projekte, die sie in den Entwicklungsländern finanzieren wird.
Wir in den Vereinigten Staaten müssen bessere
Leistungen erbringen. Mit 4 Prozent der Weltbevölkerung produzieren wir 20 Prozent der Treibhausgase
weltweit. Offen gesagt ist unsere Umweltbilanz seit
Rio nicht ausreichend. Uns werden seit mehreren
Jahren hohe Wachstumsraten beschert, die jedoch
trotz neuer Umweltschutzmaßnahmen zu einer
Erhöhung der Treibhausgasemissionen geführt haben.
Wir müssen unsere Umweltbilanz verbessern, und das
werden wir auch tun.
Die von mir gestern angekündigte Aktion zur Verbesserung der Luftqualität ist ein positiver erster
Schritt, dem jedoch noch viele folgen müssen. Um
eine Verringerung der Treibhausgase und Wirtschaftswachstum zu erzielen, müssen wir stärker in zukunftsträchtige Technologien investieren. Ich werde mein
Kabinett anweisen, darauf hinzuarbeiten. Die Regierung, Universitäten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer
müssen zusammenarbeiten. All diese Bestrebungen
müssen über Jahrzehnte fortgesetzt werden. Vizepräsident Gore erklärte am Montag: "Nachhaltige Entwicklung erfordert nachhaltiges Engagement." Mit diesem
Engagement können wir erfolgreich sein.
Wir müssen neue Technologien schaffen und neue
Strategien wie Vergünstigungen für umweltfreundliche
Unternehmen entwickeln, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren und fortgesetztes Wirtschaftswachstum zu fördern. Viele der Technologien, die zur
Erreichung der neuen Qualitätsstandards der Luft
beitragen, können uns auch beim Umgang mit dem
Klimawandel eine Hilfe sein. Dieser Herausforderung
müssen wir uns sofort stellen, und ich selbst werde
dabei eine wichtige Rolle übernehmen.

Seite 2

Damit wir in den Vereinigten Staaten das Unsere tun
können, müssen wir zunächst das amerikanische Volk
und den Kongreß davon überzeugen, daß der Klimawandel ein reales und unmittelbares Problem ist. Ich
werde im Weißen Haus eine Konferenz über den
Klimawandel veranstalten, bei der wir die wissenschaftlichen Tatsachen darlegen, damit unser Volk
versteht, warum wir handeln müssen, sowie die
wirtschaftlichen Tatsachen, damit es sich der Kosten
und Nutzen bewußt wird. Mit den besten Ideen und
Strategien, mit neuen Technologien sowie mit erhöhter
Produktivität und Energieeinsparung können wir uns
diese Herausforderung zunutze machen.
Wir werden mit unserer Bevölkerung zusammenarbeiten - und in die für Dezember anberaumte
Konferenz von Kyoto eine entschiedene amerikanische Verpflichtung zu realistischen und bindenden
Obergrenzen einbringen, die zu einer signifikanten
Verringerung unserer Emissionen von Treibhausgasen
führen werden.
Heute möchte ich drei andere Initiativen erörtern, die
wir im Kampf gegen den Klimawandel und zur Förderung nachhaltiger Entwicklung hier und jenseits
unserer Grenzen ergreifen.
Erstens: Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß
die Vereinigten Staaten die Entwicklungsländer bei der
Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen unterstützen, indem sie ihnen während der nächsten fünf
Jahre Hilfe in Höhe von einer Milliarde Dollar zukommen lassen. Aus diesem Fonds fließen Gelder in
Programme zur Förderung von Energieeinsparung,
Entwicklung alternativer Energiequellen und Verbesserung des Ressourcenmanagements mit dem Ziel
der Förderung von Wachstum, das keine schädlichen
Auswirkungen auf das Klima hat.
Zweitens: Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
Privatinvestitionen ermutigen, die den Umweltstandards entsprechen. Beispielsweise fordert die Gesellschaft für Privatinvestitionen in Übersee (OPIC) jetzt,
daß ihre Projekte neuen und strengeren Umweltrichtlinien entsprechen, ebenso wie es bei unserer ExportImport Bank bereits der Fall ist und unsere Freunde
und Verbündeten es hoffentlich ebenfalls durchsetzen
werden. Gemeinsame Richtlinien für verantwortungsbewußte Investitionen können nachhaltiges Wachstum
in den Entwicklungsländern stärken.
Drittens: Zu Hause müssen wir mehr Kreativität
unserer Bevölkerung mobilisieren, damit wir die
Herausforderung des Klimawandels bewältigen
können. Wir arbeiten bereits mit unserer Automobilindustrie an der Herstellung von Fahrzeugen bis
Anfang des nächsten Jahrhunderts, die dreimal soviel
Kraftstoff sparen wie die heutigen Modelle. Aber wir
können mehr tun. Die Sonnenenergie kann unsere
Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Wir

AMERIKA DIENST 13

�werden mit Unternehmen und Gemeinden zusammenarbeiten, um bis zum Jahr 2010 auf einer Million
Hausdächern im ganzen Land Sonnenkollektoren zu
installieren. Indem wir die Sonnenwärme sammeln,
können wir zur Verringerung der Temperatur auf der
Erde beitragen.

Verehrte Amtskollegen, in all unseren Kulturen wurde
der Gedanke weitergegeben, der auch in der Bibel
geschrieben steht: "Eine Generation geht, und eine
Generation kommt; aber die Erde besteht sogar auf
unabsehbare Zeit." Wir müssen unsere Rolle als
Hüter der Umwelt stärken, damit eine reiche Erde
bestehen bleibt, wenn diese Generation geht - und die
nächste Generation eine ebenso reiche und gute Welt
vorfindet wie die, die wir kannten.

*

AMERIKA DIENST 13

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�4.

JULI

9. Juli 1997

Beste Wünsche zum Unabhängigkeitstag
Ansprache des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Botschaft von Präsident Clinton zum Unabhängigkeitstag 1997.

Ich freue mich, den Unabhängigkeitstag gemeinsam
mit meinen amerikanischen Mitbürgern im ganzen
Land und auf der Welt feiern zu können.
Wenn wir über zwei Jahrhunderte hinweg zurückblicken, sind wir immer noch erstaunt über den Mut
und die Vision der Gründerväter unserer Nation. Mit
klarem Blick und aus tiefster Überzeugung gestalteten

ren begann, hat uns eine Zeit des Friedens und
Wohlstands beschert, eine Zeit beispielloser Chancen
zur Ausschöpfung des vollen Potentials aller unserer
Bürger. Als Erben der uns in der Unabhängigkeitserklärung vermachten Freiheit und Gleichheit ist es
jetzt unsere Verantwortung - und unser Privileg - auf
diesem Vermächtnis aufzubauen um sicherzustellen,
daß Amerikas Versprechen sich für unser Volk erfüllt.

sie eine neue Form der Regierung für unser neues

Land - eine Regierung, die die menschliche Würde
respektiert und die Rechte des Einzelnen schützt. Sie
entwarfen eine Demokratie, die stark genug war, die
Jahre zu überdauern und dennoch flexibel genug zur
Bewältigung der neuen Herausforderungen und
Verwirklichung neuer Träume. Damit machten sie
Amerika zum Symbol der Hoffnung von Generationen
von Menschen auf der ganzen Welt, die Freiheit und
Gerechtigkeit in Ehren halten.

Während wir mit unseren Familien und Freunden eines
weiteren 4. Juli gedenken, wollen wir uns verpflichten,
Amerika zu einem Land zu machen, in dem Vorurteile
und Diskriminierung keinen Platz haben, anzuerkennen, daß unsere gemeinsamen Werte und Ideale
mächtiger und beständiger sind als jede Kraft, die uns
zu teilen versucht, und das 21. Jahrhundert als die
"perfektere Union" zu beginnen, die unsere Gründerväter vor zwei Jahrhunderten vorhersahen.

An diesem Unabhängigkeitstag haben wir viel zu
feiern. Die Reise, die unsere Nation vor über 220 Jah-

Hillary und ich möchten Ihnen alles Gute für einen
schönen 4. Juli wünschen.

*

AMERIKA DIENST 13

* * *

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Seite 1

�GESELLSCHAFT
9. Juli 1997

Oregon Trail - der Weg nach Westen
von Brad Knickerbocker

(AD) - Der nachfolgende Artikel von Brad Knickerbocker erschien erstmals in The Christian Science Monitor.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, Copyright
© 1993, the Christian Science Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.
Der Verfasser, Brad Knickerbocker, ist Journalist beim Christian Science Monitor.

Das Jahr 1993 markierte den 150. Geburtstag des
Oregon Trail - des Wegs nach Westen -, der ein
wesentliches Element in der Geschichte und Folklore
der Vereinigten Staaten darstellt. Der Trail - eigentlich
ein Netz ineinander übergehender Wege, die große
Teile der Route zu den Goldfeldern in Kalifornien und
des Mormonentrecks nach Utah umfassen - erschloß
einen Großteil des amerikanischen Westens für
Einwanderer aus dem Osten. Und er beschleunigte
die Schließung der Grenze um das Siedlungsgebiet von der Historikerin Patricia Nelson Limerick von der
University of Colorado respektlos als der Ort auf der
Landkarte bezeichnet, an dem Europäer "selten
wurden und Angst bekamen".
Es war eine unvermeidliche und in gewisser Weise
tragische Konsequenz, daß die Bewegung in Richtung
Westen entlang des auch als "Overland Trail" bezeichneten Wegs eine offizielle Politik beschleunigte, die
dem Nomadenleben der Indianer ein Ende setzte. Sie
hatten dort mehr als 12.000 Jahre gelebt, und zumindest während der ersten Jahre der Reise nach
Westen waren sie den Siedlern eher eine Hilfe als eine
Behinderung. Meistens wurden sie von den mächtigeren Neuankömmlingen jedoch als unwichtig, wenn
nicht sogar hinderlich für den Fortschritt und das
"Manifest Destiny" angesehen (die im 19. Jahrhundert
vertretene Überzeugung, daß es die Bestimmung der
Vereinigten Staaten ist, sich auf ganz Nordamerika
auszudehnen), denn sie hatten weder Land bestellt
noch Besitzansprüche geltend gemacht.
In den ungefähr drei Jahrzehnten zwischen dem
ersten organisierten Zug von Siedlern nach Oregon

AMERIKA DIENST 13

und dem Abschluß der Bauarbeiten an der Eisenbahnlinie in Richtung Westen legten mehr als 300.000
Menschen etwa 3.200 Kilometer zurück. Die meisten
kamen mit dem Güterzug oder zu Pferd. Einige zogen
Handkarren hinter sich her, andere liefen die ganze
Strecke neben ihren Ochsen und Eseln zu Fuß auf
Wegen, die heute noch sichtbar sind. Bis in die ersten
Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein reisten
diejenigen, die sich kein Auto oder Zugticket leisten
konnten, weiterhin entlang dieses Wegs nach Westen eine Reise, die Lillian Schlissen, Direktorin für Amerikastudien am Brooklyn College, als "eine der großen
Völkerwanderungen der Neuzeit" bezeichnet.
Obwohl es meistens alleinstehende Männer waren, die
sich später auf die Suche nach Glück und Gold
begaben, war die Wanderung nach Oregon großenteils
eine Familienbewegung. Es war nicht außergewöhnlich, mit sechs oder sieben Kindern zu reisen, und
ungefähr 20 Prozent der Frauen waren schwanger.
Die Ehepaare waren oft vollständig aufeinander
angewiesen, aber Frauen und Männer hatten normalerweise sehr unterschiedliche Ansichten über diese in
ihrem Leben einmalige Reise.
Für die Männer war es die Gelegenheit für Abenteuer
und unentgeltliches Land in dem fruchtbaren Flußtal
des Willamette. Aber für die Frauen auf den holpernden, staubigen, von Independence in Missouri aus
aufbrechenden Wagen war es eine weitere Entwurzelung, eine Trennung von der Familie und den
Freunden zu Hause. Viele fühlten sich wie Agnes
Stewart, die 1853 schrieb: "Ich bin dieser Reise müde.

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�Ich sehne mich nach der Ruhe eines Zuhauses, in
dem ich wieder in Frieden leben kann."
Die Reise war für alle gefährlich. Einigen Schätzungen
zufolge kamen 10 Prozent auf dem Weg um - meistens
aufgrund von Unfällen und Krankheiten.
Diese
Sterblichkeitsrate war sehr viel höher als die der
amerikanischen Soldaten in Vietnam.
Obwohl sie auf dem Weg viel erdulden mußten und
ihnen nach ihrer Ankunft harte Arbeit bevorstand,
hatten die meisten Auswanderer auch das Gefühl, daß
sie an einem Ereignis beteiligt waren, das sowohl
historisch als auch persönlich von Bedeutung war.
Tausende ritzten ihre Namen und ein Datum in
Felswände entlang des Wegs. Und am Ende des
Tages machten sie Eintragungen in ihre Tagebücher
oder schrieben Briefe.
"Kein anderes Ereignis in diesem Jahrhundert mit
Ausnahme des Bürgerkriegs brachte so viele persönliche Aufzeichnungen hervor wie diese Reise über
Land", schreibt Dr. Schüssel in ihrem Buch Women's
Diaries of the Westward Journey. Die Aufzeichnungen - einige ungeschliffen, andere eloquent - sind
aufschlußreich und häufig ergreifend. Über 800
wurden Schüssel zufolge veröffentlicht oder katalogisiert, und zahlreiche weitere sind in Familiensammlungen aufbewahrt.
Und was ist heute mit dem Territorium von Oregon,
diesem riesigen Landstrich, der ein Gebiet so groß wie
England, Frankreich und Deutschland zusammen-

*

Seite 2

genommen umfaßt? Viele Nachfahren dieser in
Oregon Geborenen, die das Manifest Destiny überlebten, leben in Indianerreservaten entlang des Oregon
Trail - Wind River in Wyoming, Fort Hall in Idaho,
Umatilla und Warm Springs in Oregon - und sind oft
ärmer als die Nachkommen der Pioniere.
Obwohl noch ein Gefühl der Weite entlang der Route
vorherrscht (zumindest entfernt von den Städten),
haben die Ansiedlungen bemerkenswerte Veränderungen bewirkt. Die größten Flüsse des Columbia Basin
wurden zur Bewässerung und Stromerzeugung
gedämmt. Ein Großteil der ursprünglichen Wälder
wurde abgeholzt. Bergbau und Viehzucht haben die
Umwelt geschädigt. Überreste des Bombenbaus aus
der Zeit des Kalten Krieges haben ein Gebiet nördlich
des Columbia zur mit den meisten Giftstoffen belasteten Gegend Nordamerikas gemacht.
Solche Veränderungen würden die ersten fleißigen
Siedler von vor anderthalb Jahrhunderten erstaunen.
"Ich würde gerne die Reaktion einiger dieser Leute auf
das sehen, was wir dem Land heute angetan haben",
äußerte Joe Vogel hoch zu Roß, als er 1993 mit einer
Gruppe aus Nebraska nochmals den Trail entlangritt.
"Einiges ist nicht sehr gut." Dennoch herrscht heute
wie damals ein Gefühl der Möglichkeiten und Hoffnung
vor. Tausende Amerikaner (häufig aus dem dicht
bevölkerten Kalifornien) brechen ihre Zelte ab und
ziehen in die kleinen Städte und ländlichen Gebiete
von Oregon, Washington, Idaho, Montana und Wyoming. Sie sind die neuen Einwanderer entlang des
Oregon Trail.

* * *

*

AMERIKA DIENST 13

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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton nennt vier Gründe für die NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Elektronischer Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton fordert "globale Freihandelszone" im Internet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schaffung eines günstigen Umfelds für elektronischen Handel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Globale Informationsnetze als neues Element der Wirtschaftsbeziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Wirtschaftsminister Daley&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue Rolle Europas aus der Sicht der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verspricht Fonds für Energieprojekte in Entwicklungsländern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim Erdgipfel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. 4.Juli&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beste Wünsche zum Unabhängigkeitstag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Oregon Trail - der Weg nach Westen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Brad Knickerbocker&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

25. Juni 1997

12

G-8

GIPFEL IN DENVER IST VORBEREITUNG
AUF ZUKÜNFTIGE GLOBALE
HERAUSFORDERUNGEN
Radioansprache von Präsident Clinton

GESELLSCHAFT

CLINTON: VIELFALT IST VON
ELEMENTARER BEDEUTUNG
Rede des Präsidenten in San Diego

WIRTSCHAFT

RUBIN FORDERT FORTGESETZTES
INTERNATIONALES ENGAGEMENT
DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Finanzministers

AUSSENPOLITIK

THEMEN DER GESAMTEUROPÄISCHEN
SICHERHEITSPOLITIK
Ansprache von J.D. Bindenagel

TERRORISMUS

TERRORISMUS, DIE MEDIEN UND DAS
21. JAHRHUNDERT
von Raphael F. Perl

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�G-8
25. Juni 1997

Gipfel in Denver ist Vorbereitung
auf zukünftige globale Herausforderungen
Radioansprache von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Radioansprache, die Präsident Clinton im Vorfeld des
vom 20.-22. Juni 1997 in Denver abgehaltenen Wirtschaftsgipfels der Staats- und Regierungschefs der acht
führenden Industriestaaten hielt.

Guten Morgen. Ich spreche heute aus Denver (Colorado) zu Ihnen, wo die Staats- und Regierungschefs
der führenden demokratischen Industriestaaten am
G-8-Gipfel teilnehmen. Während der nächsten zwei
Tage werden die Augen der Weltöffentlichkeit auf
Denver und Amerika ruhen, und wir haben allen
Grund, stolz zu sein.
Unsere Volkswirtschaft ist die gesündeste seit einer
Generation und die stärkste der Welt mit der niedrigsten Arbeitslosenquote seit 24 Jahren, der niedrigsten
Inflationsrate seit 30 Jahren, der größten Verringerung
der Ungleichheit unter unseren Arbeitnehmerfamilien
seit den sechziger Jahren und mehr als 12 Millionen
neuen Arbeitsplätzen. Unsere Exporte befinden sich
auf dem Höchststand. Wir bahnten einen neuen Weg
zu Wohlstand und Sicherheit mit einer Strategie zum
Abbau des Haushaltsdefizits, Investitionen in unsere
Menschen und der Öffnung der Welt für unseren
Handel. Amerika ist bereit zur Übernahme einer
Führungsrolle im 21. Jahrhundert, wie wir sie schon im
zu Ende gehenden 20. Jahrhundert innehatten.
Heute möchte ich darüber sprechen, warum dieser
Gipfel für unsere Nation und unser Volk von Bedeutung ist und was wir dort erreichen wollen. Die
führenden Staats- und Regierungschefs der Vereinigten Staaten, Kanadas, Frankreichs, Deutschlands,
Italiens, Großbritanniens, Japans, der Europäischen
Union und Rußlands werden an einem Tisch sitzen.
Die Tatsache, daß sie zusammenkommen, sagt schon
alles über die Welt von heute aus. Unsere Heimatländer liegen Tausende von Kilometern voneinander
entfernt, aber das durch die Revolution im
Technologie-, Verkehrs- und Kommunikationsbereich

AMERIKA DIENST 12

angekurbelte Wachstum der Weltwirtschaft hat uns alle
einander nähergebracht. Und die Tatsache, daß ein
demokratisch gewählter Regierungschef Rußlands
erstmals einem dieser jährlichen Treffen von Anfang
bis Ende beiwohnt, zeigt, wie weit wir seit den Tagen
des Kalten Krieges gekommen sind.
Dieser Moment der Möglichkeiten bietet enorme
Chancen für all unsere Völker - Ideen, Waren und
Dienstleistungen, Technologie und Kapital überqueren
die Grenzen schneller denn je, bereichern unser
Leben auf vielfältige Weise und erhöhen unseren
Wohlstand. Aber während sich der Fortschritt schnell
auf der Welt verbreitet, kann das bei Problemen
ebenfalls geschehen. Eine Währungskrise in einem
Land kann auch weit über seine Grenzen hinaus
Erschütterungen verursachen, Arbeitsplätze und
Stabilität in einem völlig anderen Teil der Welt gefährden. Moderne Technologien und offenere Grenzen
tragen zum Prosperieren der Unternehmen bei können aber auch Terroristen, Drogenhändlern und
Verbrechern beim Planen und Verwischen ihrer
Spuren behilflich sein.
Vermehrte Reisen und Handel setzen unsere Menschen neuen Kulturen und Chancen aus, aber auch
der Verbreitung gefährlicher Krankheiten, gegen die
keine Nation immun ist. Und die Verschlechterung der
Qualität der Umwelt in einem Land kann zu globalen
Problemen beitragen, die die Lebensqualität aller
verschlechtern.
In den vergangenen vier Jahren haben wir hart
gearbeitet, um gemeinsame Maßnahmen gegen diese
Bedrohungen zu ergreifen und diese gemeinsamen

Seite 1

�Maßnahmen zum zentralen Bestandteil unserer
Gipfeltreffen zu machen. Hier in Denver werde ich
weitere Schritte zum Schutz unserer Bürger vor diesen
Bedrohungen ankündigen. Vor zwei Jahren, als wir in
Halifax zusammenkamen, vereinbarten wir Zusammenarbeit zur Abwendung von Finanzkrisen und deren
Verbreitung im Falle ihres Auftretens. Inzwischen
haben sich unsere Finanzminister auf die Schaffung
eines globalen Netzwerks von Bank- und Marketingvertretern zur Überwachung der Finanzpolitik der
jeweiligen Länder und riskanter Maßnahmen geeinigt.
Unsere Zusammenarbeit wird verhindern, daß ein
Finanzschock im Ausland den Wohlstand hier bei uns
zu Hause bedroht.
Wir arbeiten auch mit den Entwicklungsländern an der
Verabschiedung solider Finanzpraktiken zusammen,
so daß ihre Märkte ungestört funktionieren, sie stabile
Unternehmen aufbauen sowie Handel und Investitionen anziehen können. Diese aufstrebenden Volkswirtschaften sind die am schnellsten wachsenden der
Welt. Ihnen bei der Schaffung von mehr Wohlstand
behilflich zu sein, bedeutet größere Chancen für
amerikanische Exporte und bessere amerikanische
Arbeitsplätze.
Wir werden auch unseren Kampf gegen Grenzen
mißachtende neue Kräfte der Zerstörung fortsetzen.
Als wir im vergangenen Jahr in Lyon zusammenkamen, vereinbarten wir eine Reihe von Maßnahmen zur
Bekämpfung von Terrorismus und organisiertem
Verbrechen. In der Zwischenzeit haben wir konkrete
Schritte durchgeführt, von der Verbesserung der
Flugsicherheit bis zur Verweigerung von Zuflucht für
Verbrecher. Darüber hinaus haben wir beträchtliche
Fortschritte bei der Verbesserung der Sicherheit und
sicheren Lagerung von Nuklearmaterial erzielt - was
ohne Rußland als Partner einfach nicht möglich
gewesen wäre.
Gemeinsam arbeiten die Acht auf die verschärfte
Kontrolle von Plutonium aus zerlegten Gefechtsköpfen

*

Seite 2

hin, damit es nicht in die falschen Hände gerät. Um
Nuklearschmuggel besser zu verhindern und solche
Fälle zu ermitteln, haben wir ein rasches Reaktionsnetz aufgebaut und die Zusammenarbeit zwischen
Strafverfolgungs- und Zollbehörden, den Nachrichtendiensten sowie die Arbeit unserer Gerichte verbessert,
damit wir die Quellen von geschmuggeltem Nuklearmaterial besser ausmachen können. Bald werden sich
uns über 20 zusätzliche Länder in Europa und Zentralasien bei diesen gemeinsamen Unternehmungen
anschließen.
In diesem Jahr werden wir eine weitere globale
Herausforderung in Angriff nehmen: Die Verbreitung
von ansteckenden Krankheiten. Viele glauben, daß
dies eines der gravierendsten Probleme des 21.
Jahrhunderts sein wird. Ich werde auf ein Abkommen
zur gemeinsamen Entwicklung eines globalen Krankheitsüberwachungsnetzes drängen, das frühzeitig über
den Ausbruch einer Krankheit informiert, so daß wir
rasch und effektiv reagieren können. Um diese
Reaktion zu koordinieren, damit wir die richtigen
Medikamente so schnell wie möglich dort zur Verfügung haben, wo sie benötigt werden, und zur Stärkung
des öffentlichen Gesundheitssystems - insbesondere
in den Entwicklungsländern - werde ich ferner die
anderen Staats- und Regierungschefs bitten, sich
Amerika bei der vehementen Suche nach einem
HIV/AIDS-lmpfstoff anzuschließen, wie ich bereits im
vergangenen Monat in meiner Rede vor der Morgan
State University in Maryland gefordert habe.
Das Treffen der Acht ist Teil der von uns unternommenen umfassenderen Bestrebungen zur Gestaltung der
Welt, damit sie die Herausforderungen in dem vor uns
liegenden Jahrhundert meistern kann. Wir wissen,
wenn wir unsere Stärke, unsere Erfahrung und unsere
Ideen koordinieren, haben wir eine sehr viel bessere
Chance auf Erfolg. Und für die amerikanischen
Familien bedeutet dies mehr Wohlstand, mehr Frieden
und mehr Sicherheit für unsere Kinder.

* * *

*

AMERIKA DIENST 12

�GESELLSCHAFT
25. Juni 1997

Clinton: Vielfalt ist von elementarer Bedeutung
Rede des Präsidenten in San Diego

SAN DIEGO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede, die Präsident Clinton am 14.
Juni 1997 im Rahmen einer Abschlußfeier an der University of California in San Diego hielt. Darin konzentriert
sich der Präsident auf die Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten und stellt einen Plan vor, den Dialog
zu fördern und Rassentrennung auf allen Gebieten zu überwinden.

Heute feiern wir Ihre Leistungen in einem für Amerika
wahrhaft glücklichen Moment. Der Kalte Krieg ist
vorüber und überall auf der Welt ist die Freiheit auf
dem Vormarsch. Mehr als die Hälfte der Menschen
weltweit leben erstmals unter einer Regierung ihrer
Wahl.
Unsere Wirtschaft ist die gesündeste seit einer Generation und die stärkste der Welt. Unsere Kultur, unsere
Wissenschaft und unsere Technologie versprechen
unvorstellbare Fortschritte und interessante neue
Berufswege. Dank unserer Bestrebungen bekommen
wir unsere sozialen Probleme - von Kriminalität bis
Armut - endlich in den Griff.
Natürlich liegen vor Ihnen noch Herausforderungen.
Jenseits unserer Grenzen müssen wir Terrorismus,
organisiertes Verbrechen und Drogenhandel, die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
sowie potentielle neue Krankheiten und Umweltkatastrophen bekämpfen.
In unserem Land müssen wir sicherstellen, daß jedes
Kind die Chance zur Entwicklung seiner von Gott
gegebenen Fähigkeiten erhält. Wir dürfen den Kindern
nicht erst Beachtung schenken, wenn sie in Schwierigkeiten sind.
Wir müssen weiterhin die Geißel von Jugendbanden,
Verbrechen und Drogen bekämpfen. Wir müssen uns
darauf vorbereiten, daß die Babyboom-Generation in
Rente geht, damit uns noch Geld für die Bekämpfung
der Armut unter Kindern übrigbleibt. Wir müssen die
Kräfte von Wissenschaft und Technologie zum Wohl
der gesamten amerikanischen Öffentlichkeit einsetzen.

AMERIKA DIENST 12

Aber meines Erachtens ist unsere größte Herausforderung auch unsere größte Chance. Das komplexeste aller unsere Gesellschaft immer noch konfrontierenden Probleme von Diskriminierung und
Vorurteilen ist das älteste und in mancher Hinsicht
auch neueste: das Rassenproblem. Können wir das
Versprechen Amerikas erfüllen und dabei die Bürger
aller Rassen einbeziehen - nicht nur an einer Universität, deren Studenten verständige Dozenten und
die Zeit haben, nachzudenken, sich zu entfalten und
sich im täglichen Leben kennenzulernen? Mit anderen
Worten: Können wir im 21. Jahrhundert zu einem
Amerika werden?
Ich weiß und habe das auch bereits gesagt, daß
dieses Ziel nicht mit Geld erkauft, nicht mit Gewalt
erzwungen und nicht mit Technologie geschaffen
werden kann. Es kann nur vom menschlichen Geist
ausgehen - dem Geist, der sichtbar wurde, als der aus
Angehörigen vieler Rassen bestehende Chor die
Gospels sang.
Heute hat der Bundesstaat Hawaii, der hier durch
einen Senator und eine Kongreßabgeordnete vertreten
ist, keine rassische oder ethnische Mehrheit. Es ist ein
wunderbarer Ort voller Freundschaft und Patriotismus.
Binnen drei Jahren wird hier in Kalifornien keine
rassische oder ethnische Gruppe mehr die Mehrheit
der Bevölkerung des Bundesstaates ausmachen. Fünf
unserer größten Schulbezirke haben bereits Schüler
aus mehr als 100 verschiedenen rassischen und
ethnischen Gruppen. Auf diesem Campus haben 12
Nobelpreisträger aus neun verschiedenen Ländern
gelernt oder gelehrt. In einem halben Jahrhundert,

Seite 1

�wenn unsere Enkel aufs College gehen, wird es in
Amerika keine Rasse geben, die die Mehrheit stellt.
Was für ein Amerika wird das sein? Wird es ein
Amerika sein, das seine Unterschiede nicht nur
respektiert, sondern feiert, und vor allem seine Gemeinsamkeiten betont? Werden wir definieren können, was es bedeutet, ein Amerikaner zu sein, nicht
nur im Zusammenhang mit dem Kompositum, das
unsere ethnische Herkunft angibt, wie zum Beispiel
afroamerikanisch, sondern vor allem im Hinblick auf
unsere Bindung an die Werte, für die Amerika steht
und nach denen wir leben? Unsere Herzen sehnen
sich danach, diese Fragen mit Ja zu beantworten, aber
unsere Geschichte erinnert uns daran, daß das
schwierig ist. Die uns verbindenden Ideale sind so alt
wie unsere Nation, aber dasselbe gilt für die uns
trennenden Kräfte. Unsere Gründerväter wollten eine
perfektere Union bilden: Die in diesem Satz enthaltene
Demut und Hoffnung ist die Geschichte von Amerika
und unsere heutige Mission.
Halten Sie sich folgendes vor Augen: Wir wurden mit
einer Unabhängigkeitserklärung als Staat geboren, die
bekräftigt, daß wir alle gleich geschaffen sind und einer
Verfassung, die die Sklaverei festschrieb. Wir kämpften einen blutigen Bürgerkrieg, um die Sklaverei
abzuschaffen und die Union zu erhalten, blieben
jedoch ein weiteres Jahrhundert lang geteilt und
ungleich vor dem Gesetz. Wir drangen im Namen der
Freiheit auf den gesamten Kontinent vor, vertrieben
dabei aber die Indianer von ihrem Land und vernichteten oftmals ihre Kultur und ihr Leben. Unsere
Freiheitsstatue heißt die armen, müden, gebeutelten
Massen der Einwanderer an unseren Grenzen willkommen, aber jede neue Welle spürte den Stachel der
Diskriminierung.
Im Zweiten Weltkrieg kämpften die Amerikaner
japanischer Herkunft mutig für die Freiheit in Europa
und brachten große Opfer, während ihre Familien zu
Hause in Internierungslager gepfercht wurden. Die
berühmten schwarzen Kampfpiloten aus Tuskegee
verloren während des Krieges keinen ihrer Bomber,
aber ihre afroamerikanische Herkunft beraubte sie
vieler Rechte, als sie in Friedenszeiten nach Hause
zurückkehrten.
Obwohl Angehörige von Minderheiten heute mehr
Chancen denn je haben, sehen wir immer noch
Beweise für Intoleranz: Von der Entweihung von
Gotteshäusern - seien es Kirchen, Synagogen oder
Moscheen - bis zu abfälligen Bemerkungen in Unternehmen. Sie, die Absolventen des Jahrgangs 1997,
haben noch viel Arbeit vor sich. Wer jedoch sagt, wir
könnten das Problem der Vorurteile nicht in das
Versprechen der Einheit umwandeln, vergißt, wie weit
wir schon gekommen sind und hat wahrscheinlich
noch nie einen Jahrgang wie den Ihren gesehen.

Seite 2

Wenn ich Sie betrachte, kann ich mich fast nicht mehr
an mein eigenes Leben erinnern. Ich wuchs während
des höchst dramatischen Kalten Krieges im patriotischen Süden auf. Schwarze und weiße Bürger der
Südstaaten trugen gleichermaßen die nationale
Uniform zur Verteidigung der Freiheit gegen den
Kommunismus. Sie kämpften und starben gemeinsam
- von Korea bis Vietnam. Aber zu Hause ging ich in
nach Rassen getrennte Schulen, schwamm in nach
Rassen getrennten Schwimmbädern, saß im Kino in
dem für Weiße abgetrennten Bereich und reiste in
meinem Heimatstaat durch kleine Städte, in denen
Toiletten und Wasserspender noch nach "Weiß" und
"Farbig" getrennt waren.
Durch die Gnade Gottes hatte ich einen Großvater, der
zwar nur eine Grundschulbildung, dafür aber das Herz
eines wahren Amerikaners hatte. Er brachte mir bei,
daß das falsch ist. Und durch die Gnade Gottes gab
es mutige Afroamerikaner wie den Kongreßabgeordneten John Lewis, die immer wieder ihr Leben aufs
Spiel setzten, um das Unrecht zu beheben. Und es
gab weiße Amerikaner wie den Kongreßabgeordneten
Bob Filner, der gemeinsam mit John Lewis den langen,
edlen Kampf für die staatsbürgerlichen Rechte kämpfte
und wußte, daß es auch ein Kampf zur Befreiung der
Weißen war.
Es gibt zweifellos noch unerledigte Angelegenheiten
zwischen schwarzen und weißen Amerikanern, aber
das klassische amerikanische Dilemma ist jetzt zu
einer Vielzahl von Dilemmas der Rasse und ethnischen Zugehörigkeit geworden. Wir sehen sie an
den Spannungen zwischen schwarzen und hispanischen Kunden und ihren koreanischen oder arabischen Lebensmittelhändlern, an dem wiederauflebenden Antisemitismus sogar auf dem Campus einiger
Colleges, an der Feindseligkeit gegenüber neuen
Einwanderern von Asien über den Nahen Osten und
die ehemals kommunistischen Länder bis nach
Lateinamerika und der Karibik - selbst denen, die
durch harte Arbeit und dank starker Familien Erfolg auf
die amerikanische Art hatten.
Wir beobachten eine beunruhigende Tendenz, das zu
beanstandende Verhalten einiger Mitglieder bestimmter Gruppen, einschließlich der weißen Mehrheit, auf
die ganze Gruppe zu übertragen. Wenn ein farbiger
Amerikaner ein Verbrechen begeht, sollte man dieses
selbst verurteilen - aber dabei nicht vergessen, daß die
meisten Afroamerikaner hart arbeitende, gesetzestreue Bürger sind. Wenn das Mitglied einer Gang von
Latinos Drogen schmuggelt, sollte man das verurteilen
- aber dabei nicht vergessen, daß die große Mehrheit
der Hispanoamerikaner
verantwortungsbewußte
Bürger sind, die ebenfalls die Geißel der Drogen in
unserem Leben beklagen. Wenn weiße Teenager
einen afroamerikanischen Jungen nur wegen seiner
Rasse fast zu Tode prügeln, dann verurteilen Sie das
um Gottes willen - aber vergessen Sie nicht, daß die

AMERIKA DIENST 12

�überwältigende Mehrheit der Weißen das ebenso
verabscheuungswürdig findet. Wenn eine asiatische
Großhändlerin ihre einer anderen Minderheitengruppe
angehörenden Kunden diskriminiert, sollte man sie
darauf ansprechen - aber dabei nicht vergessen, daß
sehr viele Asiaten ebenfalls unter Vorurteilen gelitten
haben und nicht möchten, daß das jemand anderem
passiert.
Vergessen Sie auch nicht, daß wir trotz hartnäckiger
Vorurteile integrierter denn je sind. Es gibt in Wohngegenden, bei der Arbeit, in der Schule und bei
sozialen Aktivitäten, im religiösen Leben und sogar in
der Liebe und Ehe mehr die Rassenschranken
überwindende Verbindungen als je zuvor. Mehr
Amerikaner denn je erfreuen sich der Gesellschaft und
unterschiedlichen Kultur anderer Rassen. Und mehr
denn je erkennen die Vorteile unserer rassischen,
sprachlichen und kulturellen Vielfalt in einer globalen
Gesellschaft, in der Handels- und Kommunikationsverbindungen die Menschen näherbringen und
diejenigen reich belohnen, die das Leben jenseits der
Grenzen ihrer Nation verstehen.
Mit nur einem Zwanzigstel der Weltbevölkerung aber
einem Fünftel des Welteinkommens müssen wir
Amerikaner in den übrigen 95 Prozent der Verbraucher
auf der Welt Abnehmer finden, um unseren Lebensstandard beizubehalten. Da wir aus allen Kulturen der
Erde stammen, sind wir hierzu in einer einzigartigen
Weise befähigt. Über den Handel hinaus können die
unterschiedliche Herkunft und die Begabungen
unserer Bürger Amerika helfen, den Globus zu erhellen und den durch Rasse, Religion und ethnische
Herkunft gespaltenen Ländern zu zeigen, daß es einen
besseren Weg gibt.
Wie Sie uns heute gezeigt haben, bereichert unsere
Vielfalt unser Leben auf immaterielle Weise - sie
vertieft unser Verständnis der menschlichen Natur und
der Unterschiede zwischen den Menschen und macht
unsere Gemeinden interessanter, vergnügter und
sinnvoller. Deshalb bin ich heute hierher gekommen.
Ich möchte das amerikanische Volk bitter), sich mir bei
dem großen nationalen Bestreben anzuschließen, das
Versprechen Amerikas für diese neue Zeit zu vervollkommnen, in der wir den Aufbau einer vollkommeneren Union anstreben.

Teilnahme an diesen Bestrebungen ebenso viel
gewinnen wie alle anderen - sie werden durch ein
Amerika bereichert, in dem wir endlich die Verantwortung für alle unsere Kinder übernehmen, damit sie,
wie Martin Luther King hoffte, "nicht anhand ihrer
Hautfarbe, sondern anhand ihres Charakters" beurteilt
werden.
Was müssen wir tun? Ich arbeite seit viereinhalb
Jahren daran, Amerika auf das 21. Jahrhundert
vorzubereiten - mit Chancen für alle, Pflichten für alle
und einer amerikanischen Gemeinschaft aller Bürger.
Um auf diesen Gebieten Erfolg zu haben, müssen wir
uns mit den Realitäten und Vorstellungen aller Rassen
in Amerika befassen.
Erstens müssen wir weiterhin die Chancen verbessern. Umfassende Beteiligung an einer starken
und wachsenden Wirtschaft ist das beste Mittel gegen
Neid, Verzweiflung und Rassismus. Wir müssen
Fortschritte machen, um Millionen aus Armut und
Sozialhilfe zu retten und ihnen Arbeit zu geben, die
Innenstädte mit Unternehmergeist zu erfüllen und
unsere Bestrebungen zu verdoppeln, die ländlichen
Gebiete zu erreichen, die noch nicht in den Genuß des
Wohlstands gekommen sind. Und am wichtigsten ist,
daß wir unseren jungen Menschen die beste Bildung
der Welt bieten müssen.
Es gibt keine Kinder, die aufgrund ihres ethnischen
oder rassischen Hintergrunds nicht den von uns

gesetzten höchsten akademischen Standards entsprechen können, wenn wir ihnen gut ausgebildete
Lehrer und gut ausgestattete Klassenzimmer geben
und weiterhin vernünftige Reformen zur Förderung
herausragender Leistungen unterstützen, wie beispielsweise die Bewegung zur Gründung von Privatschulen.
Zu einer Zeit, in der eine Collegeausbildung Stabilität,
einen guten Arbeitsplatz und Zugang zur Mittelschicht
bedeutet, müssen wir allen Amerikanern die Tür zum
College öffnen, damit am Vorabend des nächsten
Jahrhunderts ein mindestens zweijähriger Collegebesuch ebenso üblich wird, wie es heute das HighSchool-Diplom ist.

Jetzt, da mehr Grund zur Hoffnung als zur Angst
besteht und wir nicht durch Notfälle oder soziale
Umwälzungen unter Druck stehen, ist der richtige
Zeitpunkt, gemeinsam zu lernen, miteinander zu
sprechen und gemeinsam das eine Amerika aufzubauen.

Bei unseren Bestrebungen zur Ausweitung von
Wirtschafts- und Bildungschancen für alle unsere
Bürger müssen wir die Rolle von Programmen zur
beruflichen Gleichstellung in Betracht ziehen. Ich
weiß, daß diese in Amerika nicht perfekt waren,
weshalb wir vor zwei Jahren Bestrebungen in die
Wege leiteten, die Mängel zu beseitigen. Aber wenn
sie richtig eingesetzt werden, funktionieren sie.

Ich weiß, daß viele Amerikaner weißer Hautfarbe den
Eindruck bekommen können, dieses Gespräch würde
sie ausschließen oder bedrohen. Das darf nicht sein.
Meines Erachtens können die Weißen durch die

Die berufliche Gleichstellung brachte eine ganze
Generation von Führungskräften auf Gebieten hervor,
die früher exklusive Clubs waren - in denen Menschen
wie ich den Vorteil einer 100-prozentigen Gleich-

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�Stellung genossen. Jetzt gibt es mehr Unternehmerinnen denn je. Und es gibt mehr Rechtsanwälte und
Richter, Wissenschaftler und Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und Geschäftsführer afrikanischer, hispanischer
und asiatischer Herkunft denn je.

der Ausbildung der Studenten geschehen. Wir dürfen
bei der weiterführenden Bildung nicht wieder die
Rassentrennung einführen oder es den Privatuniversitäten überlassen, die Arbeit der Öffentlichkeit zu
übernehmen.

Das beste Beispiel für berufliche Gleichstellung ist
jedoch unser Militär. Unsere Streitkräfte sind vollkommen vielfältig - vielleicht die integrierteste Institution in unserer Gesellschaft und zweifelsohne das
integrierteste Militär der Welt. Und noch wichtiger ist,
daß niemand in Frage stellt, daß sie die besten der
Welt sind. Soviel zu dem Argument, herausragende
Leistungen und Vielfalt gingen nicht Hand in Hand.

Zu einer Zeit, in der wir daran arbeiten müssen, besser
zusammen zu leben und zu lernen, sollten wir weiterhin versuchen, wirtschaftliche Chancen anzugleichen.
Diejenigen, die Förderprogramme ablehnen, bitte ich,
eine Alternative zu bieten. Ich würde sie akzeptieren,
wenn ich dadurch einen besseren Weg finden könnte.
Und denjenigen unter uns, die sie noch unterstützen,
sage ich, wir sollten uns weiterhin dafür einsetzen, wir
sollten diejenigen einbeziehen, die anderer Meinung
oder unsicher sind, und über die praktischen Auswirkungen dieser Probleme reden, und man sollte nie
von uns denken, daß wir nicht mit denen zusammenarbeiten wollen, die anderer Meinung sind als wir, um
neue Wege zu finden, den Menschen weiterzuhelfen
und die Menschen zusammenzubringen.

Einige argumentieren, daß die bei einheitlichen Tests
erzielten Noten der einzige Qualifikationsmaßstab für
die Zulassung zum College oder zur Universität sein
sollten. Häufig wird jedoch für die Kinder von Ehemaligen oder Studenten mit sportlichen Fähigkeiten nicht
derselbe Maßstab angelegt.
Meines Erachtens haben Studenten, die die herausragenden Leistungen und die Vielfalt der Menschen
verkörpern, mit denen wir leben und arbeiten werden,
einen eigenständigen erzieherischen Wert. Blicken
Sie um sich. Glauben Sie nicht, daß Sie aufgrund der
Sie umgebenden Vielfalt sehr viel mehr gelernt haben
als wenn alle um Sie herum genauso aussehen
würden wie Sie? Ich glaube, Sie haben sehr viel mehr
gelernt.
Und über den erzieherischen Wert hinaus liegt es im
öffentlichen Interesse, weil Sie lernen, in der Welt, in
der Sie besser leben werden, zu leben und zu arbeiten. Wenn junge Menschen Seite an Seite mit Menschen unterschiedlichster Herkunft sitzen, lernen sie
etwas, das sie in die Welt mitnehmen können. Sie
werden bessere Bürger sein.
Viele Studenten, die an einem Förderprogramm
teilgenommen haben, erbringen herausragende
Leistungen. Sie arbeiten hart, sie bestehen die
Prüfungen, sie gehen und dienen den Gemeinden, die
sie wegen ihres Fachwissens und als Vorbild brauchen. Wenn wir ihnen die Tür verschließen, werden
wir unsere großartigsten Universitäten schwächen,
und es wird schwieriger sein, die Gesellschaft aufzubauen, die wir im 21. Jahrhundert benötigen.
Ich weiß, daß die Bürger Kaliforniens ohne böse
Absicht für die Aufhebung der Förderprogramme
gestimmt haben. Die große Mehrheit tat es einfach
aus der Überzeugung heraus, daß Diskriminierung und
Isolierung keine Barrieren für Leistung mehr sind.
Aber betrachten Sie sich die Ergebnisse. Die Immatrikulationszahl der Angehörigen von Minderheiten an
juristischen Fakultäten und anderen Graduiertenprogrammen ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten
gesunken. Stellen Sie sich vor, dasselbe würde bei

Seite 4

Abgesehen von den Chancen müssen wir von jedem
Amerikaner
Verantwortungsbewußtsein
fordern.
Unsere Stärke als Gesellschaft hängt von beidem ab davon, daß die Menschen die Verantwortung für sich
selbst und ihre Familien übernehmen, ihren Kindern
Werte beibringen, hart arbeiten und das Gesetz
befolgen und den anderen etwas zurückgeben. Die
neue Wirtschaft bietet weniger Garantien, enthält mehr
Risiken, aber auch größere Belohnung. Sie fordert von
uns allen, noch mehr Verantwortung für unsere
Ausbildung zu übernehmen als je zuvor.
In dem derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung hat nur
eine rassische oder ethnische Gruppe in den Vereinigten Staaten tatsächlich einen Einkommensrückgang erlebt - die Hispanoamerikaner. Ein Hauptgrund dafür ist, daß die Zahl der Schulabbrecher an
hispanischen High Schools weit über der von Weißen
und Schwarzen liegt. Einige der Abbrecher wollen
unbedingt arbeiten. Wir bewundern die legendäre
Bereitschaft, viele Stunden lang eine harte Arbeit bei
schlechter Bezahlung zu übernehmen. In der alten
Wirtschaft war das vernünftig. Aber in der neuen
Wirtschaft, in der Ausbildung der Schlüssel ist, bedeutet Schulbesuch Verantwortung.
Keine Verantwortung ist grundlegender als das
Befolgen von Gesetzen. Es ist nicht rassistisch, darauf
zu bestehen, daß jeder Amerikaner das tut. Der Kampf
gegen Verbrechen und Drogen ist ein Kampf für die
Freiheit aller unserer Menschen - einschließlich und
vielleicht insbesondere der Minderheiten, die in
unseren ärmsten Vierteln leben. Aber die Respektierung der Gesetze muß in beide Richtungen erfolgen.
Die schockierend unterschiedlichen Auffassungen
über die Fairneß unseres Strafrechtssystems erwachsen aus den realen Erfahrungen, die so viele
Angehörige von Minderheiten mit den Strafverfol-

AMERIKA DIENST 12

�gungsbeamten gemacht haben. Die Antwort besteht
zum Teil darin, daß alle unserer Bürger die Gesetze
befolgen, aber die Grundregel muß lauten, daß das
Gesetz alle unsere Bürger respektiert.
Und das gilt auch für die Durchsetzung unserer
Gesetze über die Bürgerrechte. Die Behörde für die
Gleichberechtigung am Arbeitsplatz hat beispielsweise
einen enormen Überhang an Fällen von Diskriminierungsklagen - obwohl wir diesen in den vergangenen
vier Jahren um 25 Prozent reduziert haben. Ohne
mehr Ressourcen können wir nicht sehr viel mehr tun.
Es ist unerläßlich, daß der Kongreß - insbesondere die
Abgeordneten, die sagen, sie seien für Bürgerrechte
aber gegen Förderprogramme - uns mindestens das
erforderliche Geld für die Umsetzung des Rechts des
Landes geben und zwar bald.

unterrichtet, einen Dialog in jeder Gemeinde des
Landes fördert, um diese Probleme in Angriff zu
nehmen und durchzuarbeiten, Führungspersönlichkeiten auf allen Ebenen anwirbt und ermutigt, Rassentrennung zu überwinden sowie konkrete Lösungen zu
unseren Problemen erarbeitet und umsetzt - Lösungen, die uns alle in der Regierung, den Unternehmen,
Gemeinden und als einzelne Bürger einbeziehen.
Ich werde dem amerikanischen Volk in regelmäßigen
Abständen von unseren Erkenntnissen und Aktionen
berichten, die wir alle durchführen müssen, um
Amerika voranzubringen.
Dieses Gremium wird
Amerikanern aller Rassen und aller Lebensbereiche
zuhören. Sie leisten einen großartigen Dienst am
Bürger, aber beim Aufbau eines Amerikas müssen alle
Bürger dienen.

Unser drittes Gebot ist vielleicht das Schwierigste. Wir
müssen eine auf die Respektierung des anderen und
unsere gemeinsamen Werte gründende amerikanische
Gemeinschaft aufbauen. An der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert müssen wir heute mit einer offenen
Diskussion über den Stand der Rassenbeziehungen
und die Auswirkungen auf Amerikaner so vieler
unterschiedlicher Rassen beginnen, die zusammen
leben und arbeiten. Seit langem reden wir aneinander
vorbei und übereinander. Es ist höchste Zeit, daß wir
alle beginnen, miteinander zu reden.

Wie ich beim Gipfeltreffen des Präsidenten über den
Dienst am Bürger in Philadelphia erklärt habe, sind
solche Akte des Dienstes am Bürger grundlegende
Akte der Staatsbürgerschaft. Die Regierung muß ihre
Rolle spielen, ein Großteil der Arbeit muß jedoch vom
amerikanischen Volk als Dienst am Bürger geleistet
werden. Dieses Unternehmen wird uns stärken und
uns näher zusammenbringen.

Im kommenden Jahr möchte ich mit dem amerikanischen Volk ein großartiges und beispielloses Gespräch über Rassen führen. An den Bestrebungen der
Gemeinden von Lima in Ohio bis zu Billings in Montana, an bemerkenswerten Experimenten rassenübergreifender Kommunikation wie dem einzigartigen
ERACISM habe ich gesehen, was Amerikaner tun
können, wenn sie aufeinander zugehen.

allen anerkannt wird.

Ich habe einen der größten Gelehrten der Vereinigten
Staaten, Dr. John Hope Franklin, gebeten, den Vorsitz
über ein Beratergremium von sieben herausragenden
Amerikanern zu übernehmen, um mir bei diesem
Unternehmen behilflich zu sein. Es sind die ehemaligen Gouverneure Thomas Kean aus New Jersey und
William Winter aus Mississippi - beide vehemente
Bürgerrechtsaktivisten; Linda Chavez-Thompson,
Stellvertretende Vorsitzende des amerikanischen
Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO; Reverend
Suzan Johnson Cook, Pfarrerin aus der Bronx und
ehemaliger Fellow des Weißen Hauses; Angela Oh,
Rechtsanwältin und Gemeindevertreterin von Los
Angeles sowie Robert Thompson, Geschäftsführer von
Nissan USA - alle herausragende Führungspersönlichkeiten und Führungspersönlichkeiten in ihrer Gemeinde.
Ich möchte, daß dieses Gremium die Amerikaner über
die Fakten im Zusammenhang mit Rassenfragen

AMERIKA DIENST 12

Mit anderen Worten: Ich möchte, daß Amerika das
Gefühl und den Geist bewahrt, den Sie alle uns heute
vermittelt haben. Ich möchte, daß das Gremium von
Ich möchte, daß Sie sich die

Freiheit nehmen, im nächsten Jahr mit Dr. Franklin
und den Angehörigen des Gremiums zu sprechen.
Zunächst wird ein ehrlicher Dialog nicht leicht sein.
Wir alle müssen unsere Abwehrhaltung, Furcht,
political correctness und andere Barrieren für Ehrlichkeit aufgeben. Die Emotionen können hohe Wellen
schlagen, aber wir müssen beginnen.
Was werden wir als Land wirklich erreichen? Wenn
wir nicht mehr tun als reden, wird es interessant sein aber nicht genug. Wenn wir nicht mehr tun als voneinander losgelöste Maßnahmen vorzuschlagen, wäre
das hilfreich - aber nicht genug.
Aber wenn die Menschen in zehn Jahren zurückblicken und sehen, daß dieses Jahr des ehrlichen
Dialogs und konzertierter Aktionen dazu beitrug, die
Zukunft unserer Kinder von der schweren Last der
Rassenfrage zu befreien, dann haben wir Amerika ein
wertvolles Geschenk gemacht.
Ich möchte Sie bitten, sich jetzt, nach dem schwierigen
Prozeß über den Bombenanschlag in Oklahoma,
einen Augenblick lang an diesen schrecklichen Tag zu
erinnern, als wir für Amerikaner geweint und einen
Moment lang vergessen haben, daß viele von ihnen
einer anderen Rasse angehörten.

Seite 5

�Erinnern Sie sich an die vielen Gesichter und Rassen
der Amerikaner, die nicht geschlafen und ihr Leben
aufs Spiel gesetzt haben, um zu retten, zu helfen und
Trost zu spenden. Erinnern Sie sich, daß Sie Naturkatastrophen wie hier in Kalifornien gesehen haben. Das
ist das Gesicht des echten Amerikas. Das ist das
Gesicht, das ich immer wieder gesehen habe. Das ist
das Amerika, das wir auf irgendeine Weise im täglichen Leben Amerikas real werden lassen müssen.
Sie als Absolventen werden eine bessere Chance
haben, Ihre Träume auszuleben als jede andere
Generation in unserer Geschichte, wenn wir aus
unseren vielen unterschiedlichen Elementen ein
Amerika machen - eine Nation in Frieden mit sich
selbst, die durch gemeinsame Werte, Wünsche und
Chancen sowie die Respektierung unserer Unterschiede verbunden ist.
Ich bin ein schottisch-irischer Baptist aus dem Süden
der Vereinigten Staaten, und ich bin stolz darauf. Aber
mein Leben wurde in unermeßlicher Weise durch die
Kraft der Thora, die Schönheit des Koran, die eindringlichen Weisheiten der Religionen Ost- und Südasiens
bereichert - die meine amerikanischen Mitbürger
ausüben. Ich habe unbeschreibliche Freude und
Frieden in Kirchen der Schwarzen und Pfingstler
gefühlt. Ich habe die Intensität und Selbstlosigkeit
meiner hispanischen Mitbürger gegenüber der Familie
lieben gelernt. Als Südstaatler bin ich mit Countrymusic und Dorffesten aufgewachsen, und sie
gefallen mir immer noch. Aber ich habe auch die
Feiern und das Essen, die Musik, Kunst und Kultur der
Indianer und Amerikaner aus jeder Region der Welt
genossen.
In jedem Land, das ich als Ihr Präsident besucht habe,
fühlte ich mich wie zu Hause, weil einige Bürger dieser
Länder in Amerika ein Zuhause gefunden haben. Seit
zwei Jahrhunderten ist ein Strom von Einwanderern,
angezogen von dem Versprechen der Freiheit und
fairen Chancen, an unsere Küsten gekommen, um ein
neues Leben aufzubauen. Was immer sie sonst
vorfanden - selbst Intolereanz und Gewalt - sie haben

*

Seite 6

Amerika jedoch nie aufgegeben. Selbst Afroamerikaner, von denen die ersten in Ketten hierhergebracht
wurden, haben Amerika nie aufgegeben.
Es ist an Ihnen zu beweisen, daß sie zu Recht an
Amerika glaubten. Isoliert auf Inseln - einige großartig,
andere armselig - zu leben, ist nicht die amerikanische
Art. Unsere Selbstachtung darauf zu gründen, auf
andere herabzusehen, ist nicht die amerikanische Art.
Zufrieden zu sein, wenn wir haben was wir möchten,
achtlos gegenüber anderen, die noch nicht einmal das
haben, was sie brauchen und verdienen, ist nicht die
amerikanische Art. Wir haben die Schranken in
unseren Gesetzen niedergerissen. Jetzt müssen wir
die Schranken in unserem Leben, in unseren Köpfen
und unseren Herzen niederreißen.
Vor über 30 Jahren, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung, stellte die Kerner-Kommission fest,
wir würden zu zwei Amerikas - einem weißen und
einen schwarzen, getrennt und ungleich. Heute sehen
wir uns mit einer anderen Entscheidung konfrontiert:
Werden wir nicht zwei, sondern viele Amerikas,
getrennt, ungleich und isoliert? Oder werden wir Kraft
aus allen unseren Menschen und unserem althergebrachten Glauben an die Qualität der menschlichen
Würde schöpfen, um die erste wirklich multirassische
Demokratie der Welt zu werden? Das ist die unbeendete Arbeit unserer Zeit - die Last der Rassentrennung
aufzuheben und das Versprechen Amerikas einzulösen.
Liebe Stundenten des Jahrgangs 1997 - ich bin im
Schatten eines nach Rassen getrennten Amerikas
aufgewachsen, aber ich habe den Hoffnungsschimmer
eines einzigen Amerikas gesehen. Sie haben mir
heute einen Hoffnungsschimmer gegeben. Das ist das
Amerika, das Sie schaffen müssen. Es beginnt mit
Ihren Träumen - also hegen Sie große Träume, leben
Sie Ihre Träume, stellen Sie Ihre Eltern vor eine
Herausforderung und erziehen Sie Ihre Kinder gut.
Gott schütze Sie.
Lebensweg.

* * *

Alles Gute für Ihren weiteren

*

AMERIKA DIENST 12

�WIRTSCHAFT
25. Juni 1997

Rubin fordert fortgesetztes internationales
Engagement der Vereinigten Staaten
Rede des Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Finanzminister Robert Rubin zufolge hat sich die Notwendigkeit der Führungsrolle und
des Engagements der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft seit dem Marshallplan nicht verändert.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Rubin bei einer von der George Washington University zum 50.
Jahrestag des Marshallplans veranstalteten Konferenz am 2. Juni 1997 hielt.

Ich freue mich über die Einladung, heute aus Anlaß
des 50. Jahrestages des Marshallplans zu Ihnen
sprechen zu dürfen. Es ist mir eine Ehre, mit denen
zusammenzutreffen, die am Marshallplan mitgewirkt
haben.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich einen
kurzen Rückblick vornehmen und anschließend
erörtern, wie Geist und Vision des Jahres 1947 in der
Welt von heute und morgen bewahrt werden können.
Vor fünfzig Jahren hielt George Marshall eine Rede an
der Harvard University, in der er seinen Hilfsplan für
Europa vorstellte, der nach ihm benannt wurde. Zu
einer Zeit, in der wir vom Krieg erschöpft waren und
die Versuchung groß war, sich von der Weltbühne
zurückzuziehen, griffen wir einem krisengeschüttelten
Europa mit einer dramatischen Hilfsaktion unter die
Arme. Die Kosten des Marshallplans beliefen sich auf
die enorme Summe von 13 Milliarden Dollar für drei
Jahre oder nahezu 10 Prozent des damaligen Bundeshaushalts. Aber der Ertrag unserer Investitionen
war ebenfalls enorm. Der Marshallplan war für den
Wiederaufbau Europas, die Stärke und den Wohlstand
der westlichen Volkswirtschaften entscheidend.
Dieser Plan - sein Geist und seine Vision - markierte
einen der großartigsten Momente Amerikas.
Es besteht kein Zweifel daran, daß der Marshallplan in
moralischer Hinsicht das Richtige war. Der Marshallplan lag jedoch auch in unserem wirtschaftlichen und
nationalen Sicherheitsinteresse. Amerika benötigte und benötigt auch heute noch - eine prosperierende
und erfolgreiche Welt, um selbst zu prosperieren und

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Erfolg zu haben. Visionäre wie George Marshall waren
sich dessen bewußt. Obwohl Marshall dem Militär
angehörte, wußte er, daß Sieg nicht bedeutet, daß die
Waffen beiseite gelegt werden und die Flagge gehißt
wird - es nur dann einen Sieg gibt, wenn die Bedingungen für dauerhaften Frieden und Wohlstand geschaffen sind. Mit anderen Worten: Er wußte, daß Stabilität
von heute morgen zu Konflikten führen kann und
präventive Diplomatie die effektivste Art von Diplomatie
ist.
Heute ist das Vermächtnis des Marshallplans klar. Er
trug zum Aufbau eines prosperierenden und freien
europäischen Kontinents bei, der sich immer stärker
auf eine Integration zubewegt. Er brachte die Vereinigten Staaten entschlossen auf den Kurs einer
Führungsrolle und des Engagements für internationale
Angelegenheiten. Und er zeigte, daß wir aus unserer
nach dem Ersten Weltkrieg getroffenen Entscheidung
zum Rückzug aus globalen Angelegenheiten etwas
gelernt haben.
Die Notwendigkeit der Führungsrolle und des Engagements der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft hat
sich seit dem Marshallplan nicht verändert - obwohl
sich die Umstände offensichtlich geändert haben.
Tatsächlich hat sich diese Notwendigkeit in mancher
Hinsicht verstärkt, ebenso wie die Bedeutung der
Wirtschaft für die Außenpolitik, die schon damals groß
war, in mancher Hinsicht zugenommen hat. 1947
waren 12 Prozent unserer Wirtschaft vom Handel
abhängig. Heute hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. 1947 sahen sich die meisten führenden amerikanischen Unternehmen als amerikanische Unterneh-

Seite 1

�men mit Auslandsniederlassungen. Heute betrachten
sie sich als globale Unternehmen mit Sitz in den
Vereinigten Staaten. 1947 gab es nationale Kapitalmärkte mit sehr wenig grenzüberschreitendem Kapitalfluß. Heute haben wir einen riesigen integrierten
globalen Kapitalmarkt mit enormen grenzüberschreitenden Investitionen und täglichem Finanzfluß.
Technologie, politischer Wandel und Marktöffnung
haben die Integration unserer Volkswirtschaften
beschleunigt und neue Wachstumsmöglichkeiten, aber
auch neue Risiken geschaffen. Es ist nicht übertrieben
zu sagen, daß unser wirtschaftliches Wohlergehen in
hohem Maße und irreversibel an das der übrigen Welt
gekoppelt ist. Kürzlich las ich eine Kolumne, deren
Verfasser die Globalisierung des Wirtschaftslebens
schlecht machte. Meines Erachtens hätte er sich
ebensogut über die Gezeiten beklagen können.
Meiner Meinung nach steht nicht die Realität zur
Diskussion. Die einzige Frage lautet, ob wir sie uns
zunutze machen - mit den möglicherweise großen,
daraus resultierenden Vorteilen - oder ob wir der
Realität den Rücken zuwenden - mit dem normalerweise daraus resultierenden Ergebnis. Es steht außer
Frage, wofür sich George Marshall entschieden hätte.
Die Förderung einer gesunden Weltwirtschaft liegt
1997 ebenso in unserem Interesse wie 1947. Damals
legte Marshall angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen des Europas nach dem Krieg eine aus
drei Teilen bestehende Strategie vor: Den zerstörten
Nationen das dringend benötigte Kapital für ihren
Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen, diese Hilfe an
wesentliche Wirtschaftsreformen zu binden und
Europa in die internationale Staatengemeinschaft zu
integrieren. Diese Bedingung und diese Vision von
integrierten Volkswirtschaften werden bisweilen
vergessen, aber sie waren integraler Bestandteil des
Marshallplans.
Die Strategie zur Förderung von Wachstum und
wirtschaftlichem Wohlergehen in den Industrie- und
Entwicklungsländern von heute ist sehr ähnlich: Die
Unterstützung einer soliden Wirtschaftspolitik in
Verbindung mit Hilfsleistungen, derzeit großenteils
durch die internationalen Finanzinstitutionen und ihre
an Bedingungen geknüpften Maßnahmen, die Überwindung der Hindernisse für wirtschaftliche Integration,
einschließlich der Bestrebungen des NAFTA, GATT,
APEC und der Freihandelszone auf dem amerikanischen Kontinent zur Liberalisierung des Handels
sowie die Bereitstellung von Kapital, obwohl das in der
heutigen Welt zunehmend durch die Förderung von
Bedingungen geschieht, die Privatkapital anziehen.
Das unterstreicht den grundlegenden Unterschied
zwischen der Herausforderung des Wiederaufbaus
von Europa 1947 und der Herausforderung, heute
Entwicklung und Wachstum weltweit zu fördern. In
den vierziger Jahren gab es keine globalen Kapitalmärkte.
Die im Marshallplan vorgesehenen 13

Seite 2

Milliarden Dollar an direkten zwischenstaatlichen
Krediten waren für den Wiederaufbau Europas von
entscheidender Bedeutung. Jetzt liegt der Schlüssel
für Entwicklung und Wachstum weniger in offizieller
Hilfe, sei es durch bilaterale oder internationale
Finanzinstitutionen, obwohl sie wichtig bleibt, sondern
vielmehr in der Schaffung eines Umfelds, das Anreize
für Privatinvestitionen gibt.
Wesentlich für die Schaffung dieses Umfelds ist ein
anderes Produkt dieser bemerkenswerten Periode
internationaler Vision und Führung in den späten
vierziger Jahren: Die Bretton Woods Institutionen - der
internationale Währungsfonds und die Weltbank sowie ihre jüngeren Begleitinstitutionen, die regionalen
Entwicklungsbanken und das GATT/die WTO.
Betrachten Sie sich die Entwicklungsländer weltweit,
die während der vergangenen 25 Jahre einen außergewöhnlichen Wandel durchgemacht haben. In Asien,
Lateinamerika und Zentraleuropa entsteht in einem
Land nach dem anderen ein fast universeller Konsens,
daß die freie Marktwirtschaft der Schlüssel zu Wohlstand ist, wobei viele Länder in jeder dieser Regionen
während der letzten Jahre - und in einigen Fällen,
insbesondere in Asien, während der letzten Jahrzehnte
- große wirtschaftliche Fortschritte gemacht haben.
Die internationalen Finanzinstitutionen waren hierfür
von zentraler Bedeutung. Sie investieren in Bildung,
Gesundheitsfürsorge und die anderen grundlegenden
Voraussetzungen für eine erfolgreiche, marktorientierte
Wirtschaft und ermutigen solide finanzpolitische und
andere Maßnahmen, indem sie ihre Hilfe an Bedingungen knüpfen - ebenso wie es der Marshallplan vor 50
Jahren tat. Das wiederum ist entscheidend für unser
Land, denn Wohlstand in den Entwicklungsländern und
den ehemals kommunistischen Ländern fördert
politische Stabilität und Demokratie, die wiederum zu
wirtschaftlicher Aktivität in unserem Land beitragen
und unsere nationale Sicherheit erhöhen.
Trotz aller Fortschritte in den Entwicklungsländern und
den im Übergangsstadium befindlichen Staaten bleibt
die Herausforderung bestehen, die gesamte Weltbevölkerung in die wirtschaftliche Hauptströmung
einzubeziehen. Unsere Zukunft - unser wirtschaftliches Wohlergehen, unsere nationale Sicherheit,
unsere Umwelt und unsere öffentliche Gesundheit hängen von der Bewältigung dieser Herausforderung
ab. Schätzungen der Weltbank zufolge leben 1,3
Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro
Tag, und selbst in vielen Ländern, in denen beträchtliche Fortschritte gemacht wurden, sind diese Errungenschaften nicht unumkehrbar.
Viele Teile Asiens haben wirtschaftliche Bedingungen
geschaffen, die vor 30 Jahren unmöglich erschienen
wären, aber eine große Zahl von Asiaten lebt noch in
Armut. Und Afrika ist ein ganzer Kontinent, der in
Armut gefangen ist, obwohl einige Länder Reformen

AMERIKA DIENST 12

�eingeleitet haben und jetzt echte wirtschaftliche
Verbesserungen erleben. Wenn man den Geist und
die Vision des Marshallplans auf Afrika anwendet, ist
es meines Erachtens gar keine Frage, daß ein wirtschaftlich erfolgreiches Afrika nicht nur im Interesse
der Afrikaner liegt, sondern auch in unserem.
Zur Erlangung dieser Ziele arbeitet die Administration
im Kongreß mit einer aus Mitgliedern beider Parteien
bestehenden Gruppe an einer tragfähigen Strategie für
Afrika und mit den internationalen Finanzinstitutionen
an einer signifikanten Erhöhung ihrer Konzentration
auf Afrika. Ein Afrika, das mit seinem Engagement für
Demokratie, Wirtschaftsreformen und nachhaltige
Entwicklung erfolgreich ist, bietet seinen Menschen
einen höheren Lebensstandard und ist in politischer
und sozialer Hinsicht stabiler. Das wiederum wird für
amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer von
Vorteil sein, aber auch unsere nationale Sicherheit
stärken, indem die Notwendigkeit verringert wird, auf
Krisen in Afrika zu reagieren.
Jede Komponente einer zukunftsorientierten internationalen Wirtschaftspolitik ruft jedoch unverzüglich die
Debatte über die Rolle unseres Landes in der Weltwirtschaft und in der Welt generell hervor - ebenso wie der
Marshallplan zu seiner Zeit eine umfassende Debatte
auslöste. Diese Debatte wird an vielen Fronten
deutlich. Eine davon ist der Bereich der Ressourcen.
Wir sind bei weitem die größte und wohlhabendste
Volkswirtschaft der Welt, und dennoch sind wir der
größte Schuldner der Vereinten Nationen, und auf uns
entfällt der Löwenanteil der Rückstände bei der
Weltbank sowie den multilateralen Entwicklungsbanken. Wir waren entscheidend an der Schaffung
dieser Institutionen beteiligt, und jetzt bedrohen wir ihre
Existenz.
Auch der Handelsliberalisierung scheinen die Vereinigten Staaten immer ablehnender gegenüberzustehen, während die Nationen auf der ganzen Welt
sich in vielfältigerweise zusammenschließen wie beim
Europäischen Binnenmarkt in Europa, dem MERCOSUR in Lateinamerika und dem ASEAN in Asien.
Diese Bewegung zu Integration wird andauern - mit
oder ohne uns. Die einzige Frage ist, ob wir dabei sein
und von den Vorteilen profitieren werden, oder sehr zu
unserem Nachteil außen vor bleiben.
Die Sicherung der politischen Unterstützung für die
Aufrechterhaltung unserer Führungsrolle im Ausland
erfordert den Aufbau öffentlicher Unterstützung für
diese zukunftsorientierten Maßnahmen. Auch dies
verstand George Marshall sehr gut. Als er 1947 in
Harvard über seinen Vorschlag, Europa zu helfen,
sprach, war er sich der politischen Herausforderung
bewußt, als er sagte: "Ein unerläßlicher Bestandteil

AMERIKA DIENST 12

jeder erfolgreichen Aktion der Vereinigten Staaten ist
das Verständnis der Menschen in Amerika über den
Charakter des Problems und der anzuwendenden
Mittel. Politische Leidenschaft und Vorurteile sollten
dort keinen Platz haben." Nachdem er den Vorschlag
unterbreitet hatte, leiteten Präsident Truman, der
republikanische Senator Arthur Vandenberg und
Mitglieder beider Parteien eine Kampagne zur Aufklärung der Öffentlichkeit über den Plan und für seine
Unterstützung ein. Der Marshallplan, der anfänglich
auf Skepsis und Ablehnung stieß, wurde schließlich mit
überwältigender Mehrheit von beiden Häusern des
Kongresses verabschiedet.
Heute sehen wir uns mit derselben Herausforderung
beim Aufbau des Verständnisses - um mit Marshalls
Worten zu sprechen - der Menschen in Amerika über
den Charakter des Problems und der anzuwendenden
Mittel konfrontiert. Die Regierungsvertreter, die sich
der Bewältigung dieser Herausforderung verpflichtet
haben, können dies nicht alleine tun. Alle, die verstehen, wie entscheidend unser Wohlergehen mit dem
Wohlergehen der übrigen Welt verbunden ist, müssen
sich beim Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses
aller Amerikaner über diese lebensnotwendige Verbindung zusammenschließen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete sich ein Großteil
der Unterstützung für den Marshallplan aus dem
dringenden Bedarf der Zeit des Kalten Krieges ab.
Heute besteht auch dringender Bedarf für die amerikanische Führungsrolle in der Welt, aber er ist weniger
offensichtlich und schwieriger zu verstehen und macht
die Herausforderung des Aufbaus öffentlicher Unterstützung umso größer. Ich möchte abschließen, indem
ich Sie auffordere, das heutige Programm an der
George Washington University nicht nur mit einem
vertieften Verständnis des Marshallplans und von
General George Marshall zu verlassen, sondern mit
der Verpflichtung, seinen Geist und seine Vision
angesichts der Herausforderungen von heute zu
bewahren - und zum Aufbau dieses gemeinsamen
Verständnisses unter allen unseren Bürgern über
unser gemeinsames Interesse an der übrigen Welt
beizutragen.
Ich habe mich heute Nachmittag primär auf die
wirtschaftliche Interdependenz konzentriert, aber in der
heutigen Welt sind nationale Sicherheit, öffentliche
Gesundheit, Umweltschutz, Verbrechen und Terrorismus zu Problemen geworden, die keine Nation - selbst
die reichste und mächtigste - alleine meistern kann.
Eine der großen Lektionen des 20. Jahrhunderts - eine
Lektion, die George Marshall völlig verstand - lautet
zweifelsohne, daß ein Rückzug aus internationalen
Angelegenheiten nicht funktionieren kann. Wenn wir
uns zurückziehen, leiden wir; wenn wir uns engagieren, prosperieren wir. Ich danke Ihnen.

Seite 3

�AUSSENPOLITIK
25. Juni 1997

Themen der gesamteuropäischen Sicherheitspolitik
Ansprache von J. D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 18. Juni 1997 beim Außenpolitischen Kongreß der
Sozialdemokratischen Partei hielt.

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, einige der
wichtigsten Themen auf unserer transatlantischen
Sicherheitstagesordnung erörtern zu dürfen, während
wir uns auf das 21. Jahrhundert vorbereiten.
Die Revolution von 1989 hat die Welt grundlegend
verändert. Wenn wir jedoch das gesamte Spektrum
der uns während dieser hektischen Tage des Wandels
konfrontierenden Probleme betrachten, stellen wir fest,
daß einige Themen herausstechen:
Integration,
Konsolidierung der Demokratie,
Erweiterung des Wohlstands und
Stärkung von Stabilität, Sicherheit und Freiheit.
Diese Themen unserer Außenpolitik ermöglichten den
westlichen Nationen die Prosperität während des
vergangenen halben Jahrhunderts. Unser Ziel sollte
darin bestehen, dieses Versprechen den Ländern zu
geben, die gerade erst begonnen haben, sich an der
transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft zu beteiligen. In diesem Kontext versuchen wir, unsere
wichtigsten Institutionen anzupassen.
Als europäische Macht haben sich die Vereinigten
Staaten zutiefst verpflichtet, die Trennlinien in Europa
auszuradieren. Es gibt eine Fehleinschätzung, daß die
NATO-Erweiterung neue Trennlinien in Europa
schaffen wird. Das Gegenteil ist der Fall.
Unsere gesamte Politik zielt auf die Schaffung eines
Europas ab, das frei von den während des Kalten
Krieges gezogenen künstlichen und unrechtmäßigen
Trennlinien ist. Ein Beweis dafür ist die Grundakte

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zwischen der NATO und Rußland über Zusammenarbeit und Sicherheit, die eine einzigartige Gelegenheit
für Kooperation zwischen dem Bündnis und Rußland
bei einem breiten Spektrum sicherheitspolitischer und
militärischer Angelegenheiten bietet. Darüber hinaus
unterstreicht sie, daß die NATO und Rußland grundlegende Prinzipien teilen - die von Demokratie und
Pluralismus bis zu gegenseitiger Transparenz bei der
Verteidigungspolitik und Militärdoktrin reichen. Unser
Engagement für diese Prinzipien wird ein sicheres und
ungeteiltes Europa fördern. Die Grundakte schafft
auch die Grundlage für gemeinsame Entscheidungen
und gemeinsame Aktionen der NATO und Rußlands
bei der Gestaltung der europäischen Sicherheit. Damit
wird offensichtlich, daß es bei unserer Vision der
europäischen Sicherheit nicht um Ausgrenzung,
sondern um Einbeziehung geht. Unsere Zusammenarbeit mit den russischen Streitkräften - und mit den
Streitkräften anderer an der Partnerschaft für den
Frieden beteiligter Länder - in Bosnien demonstriert,
daß dieser Ansatz funktionieren kann.
Aus diesem Grund möchte ich der in jüngster Zeit in
der Presse geäußerten Meinung widersprechen, daß
die Erweiterung die Handlungsfähigkeit der NATO
einschränken wird und die NATO zu einer Art Debattierclub würde - so die Überschrift eines Artikels von
Henri Kissinger in der "Welt am Sonntag" von vergangener Woche (8. Juni). Der Gedanke, die NATO
würde nur noch aus Worten und keinen Taten bestehen, entspricht schlicht und einfach nicht der Realität.
Wir konnten bereits Aktionen vor Ort beobachten reale Zusammenarbeit zwischen den NATO-Verbündeten und Partnerstaaten - die auf das Ende des Konflikts
und die Bewahrung des Friedens in Bosnien sowie die
Schaffung der Bedingungen für die Wiederherstellung

Seite 1

�von Ordnung und Demokratie in Albanien ausgerichtet
sind.
In diesem Zusammenhang möchte ich die konstruktive
Rolle unterstreichen, die die Partnerstaaten bereits
spielen und in Zukunft durch den Euroatlantischen
Partnerschaftsrat noch effektiver spielen werden. Der
Rat wird dem Bündnis und den Partnern einen politischen Rahmen für ihre kooperativen Beziehungen
bieten. Der EAPR ist Teil einer umfassenderen
Struktur, die wir zur Verhinderung zukünftiger Konflikte
in Europa aufbauen. Er verkörpert unsere Entscheidung, daß wir mehr tun müssen als nur auf Krisen zu
reagieren: Wir werden dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub leisten, wenn wir auf das Entstehen
einer Bedrohung warten.
Der EAPR ist ein lebender Beweis, daß die sich
innerhalb des NATO-Bündnisses vollziehenden
Veränderungen Europa integrieren, dem Kontinent
mehr Sicherheit bieten und ihn nicht teilen oder instabil
machen. Dieses neue Gremium ist nicht nur für
diejenigen ein Forum, die eine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, sondern auch für diejenigen, die sich
dagegen entscheiden.
Fragen bezüglich der Erweiterung der Mitgliedschaft
des Bündnisses stehen an oberster Stelle der Tagesordnung im Vorfeld des Madrider Gipfeltreffens im
kommenden Monat. Es ist der logische nächste Schritt
nach der Entscheidung des Bündnisses zur Erweiterung der Gemeinschaft von NATO-Verbündeten vor
drei Jahren. Durch die Erweiterung des Bündnisses
hofft die NATO, für den Osten Europas das zu tun, was
die NATO einst für den Westen Europas getan hat alten Haß zu überwinden, Integration zu fördern, ein
sicheres Umfeld für Wohlstand zu schaffen und Gewalt
in der Region abzuschrecken, in der zwei Weltkriege
und der Kalte Krieg begannen. Was die Frage neuer
Bündnismitglieder anbelangt, unterstützen die Vereinigten Staaten die Aufnahme einer kleinen Gruppe
von drei Ländern in der ersten Runde und in Zukunft
eine offene Tür für weitere Mitglieder.
Die Anpassung der NATO ist nicht auf neue Mitglieder,

Partner und unsere Charta mit Rußland und die mit der
Ukraine beschränkt. Sie beinhaltet auch die Umstrukturierung der militärischen Führung des Bündnisses, die Entwicklung einer
Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität innerhalb der
NATO sowie die Umsetzung des Konzepts Alliierter
Streitkräftekommandos (CJTF). Wir drängen darauf,
daß der im Juni 1996 in Berlin von den Außenministern
des Bündnisses vereinbarte Zeitplan für die interne
Anpassung eingehalten wird.
Unser Engagement für eine gestärkte OSZE - die
einzige gesamteuropäische Sicherheitsorganisation ist ein zusätzlicher Beweis für unser Vorhaben, die
Trennlinien der Vergangenheit zu beseitigen. Die

Seite 2

OSZE ist von Natur aus eine Organisation, die ständig
verbessert und umstrukturiert wird. Wir haben zahlreiche Debatten über den richtigen Aufbau der OSZE
geführt, und die Vereinigten Staaten sind weiterhin der
Ansicht, daß die Einzigartigkeit der OSZE eine ihrer
Stärken ist. Sie ist eine werteorientierte politische
Organisation, die stark ist, weil sie keine formalrechtliche Struktur hat. Wir müssen diese Organisation
stark, kreativ und bereit halten, damit sie weiterhin an
vorderster Front der Bestrebungen zur Förderung von
Sicherheit, Demokratie und Wohlstand im gesamten
OSZE-Gebiet steht.
Wir machen Fortschritte mit einer Agenda von Aktivitäten, die unsere Fähigkeit unter Beweis stellt, auf die
neue internationale Situation zu reagieren und uns auf
die Zukunft vorzubereiten. Wir sind von Anzeichen für
Wandel und Anpassung umgeben. Während wir hier
zusammentreffen, nehmen Dänemark, Deutschland,
Estland, Finnland, Großbritannien, Lettland, Litauen,
die Niederlande, Norwegen, Polen, Rußland, Schweden und die Vereinigten Staaten an der 25. jährlichen
amerikanischen Marineübung BALTOPS in der Ostsee
teil (16.-27. Juni). Dieses Manöver zeigt, wie weit wir
gekommen sind.
Wir arbeiten hart daran, Europa zusammenzubringen,
wobei wir, wie Außenministerin Albright es kürzlich
formulierte, folgendes bedenken sollten: "Ein Europa
ohne Teilungen ist kein Europa ohne Unterschiede.
Diese Unterschiede müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und Gegebenheiten, nicht auf alter
Geschichte oder Geographie basieren."
Ich möchte kurz auf die bedeutende Rolle Deutschlands in diesem ständigen Anpassungsprozeß zu
sprechen kommen. Nach dem Ende des Kalten
Krieges und der Vereinigung Deutschlands wurde
immer deutlicher, daß die Bundesrepublik zusammen
mit den anderen Bündnismitgliedern Streitkräfte zu
diesen Krisenreaktions- und Friedenssicherungsbestrebungen beisteuern kann und sollte, wenn die
Stabilität in Europa in Gefahr ist. Das Bundesverfassungsgericht hat klare Richtlinien dafür gegeben, wie
die Bundeswehr in solchen Situationen eingesetzt
werden darf, und wir respektieren die Notwendigkeit,
daß das Militär ein Mandat vom Bundestag erhält. Die
erfolgreiche Beteiligung der Bundeswehr an der IFOR
und der SFOR zeigt, daß Deutschland in diese neue
Rolle hineinwächst.
Wir werden uns alle für die Förderung des Friedens in
Europa einsetzen. Wie die jüngsten Entwicklungen in
Albanien jedoch deutlich machen, ist die Bedrohung
von Gewalt und Instabilität immer noch akut. Aus
diesem Grund soll Deutschland, ebenso wie seine
europäischen Partner und wir bereit sein, einen
militärischen Beitrag zu leisten, wenn Menschenleben
und der Frieden auf dem Spiel stehen. Unsere lange
Partnerschaft mit der Bundesrepublik nach dem Krieg

AMERIKA DIENST 12

�überzeugt uns, daß Deutschland für diese Rolle bereit
ist. Wir begrüßen die führende Rolle Deutschlands
innerhalb des Bündnisses, die Anpassung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa zu
bewirken. Diese Anpassung ist zu einem wichtigen
Aspekt der umfassenderen europäischen Sicherheit
geworden, da sie den Weg für die NATO-Erweiterung
bereitet. Wir konzentrieren uns auf erhöhte Sicherheit
anstatt erhöhte militärische Stärke, und der KSEVertrag ist ein wichtiger Mechanismus für die Erlangung dieses Ziels.

dieser Ziele unterstreichen. Diese Ziele basieren auf
dem gemeinsamen Engagement für Demokratie,
Menschenrechte und Freiheit, die in der Welt nach
dem Krieg im Zentrum der deutsch-amerikanischen
Partnerschaft stehen. Wenn wir unsere Aktionen auf
diese gemeinsamen Verpflichtungen und Prinzipien
gründen, können wir zuversichtlich sein, daß wir
unsere Ziele erreichen. Dann können wir auf das
Ende des 20. Jahrhunderts als eine Zeit zurückblicken,
in der wir die richtigen Entscheidungen trafen und den
Mut hatten, historische Chancen zu ergreifen.

Abschließend möchte ich die Bedeutung der deutschamerikanischen Zusammenarbeit bei der Erlangung

Ich danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�TERRORISMUS
25. Juni 1997

Terrorismus, die Medien und das 21. Jahrhundert
von Raphael F. Perl

(AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels, Raphael F. Perl, ist beim Forschungsteam des Kongresses in
der Library of Congress Experte für internationale Terrorismusfragen.

Bei der Konfrontation von Regierungen mit Terroristen
stellen die Medien weiterhin eine mächtige Kraft dar.
Wenn sie sich an die Öffentlichkeit wenden und diese
beeinflussen, hat das nicht nur Auswirkungen auf die
Aktionen von Regierungen, sondern auch von Terrorgruppen.

erstattung über einen Terroranschlag erwarten.
Anschließend untersucht er drei Trends, die Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Terrorismus
und Medien haben und bietet zum Abschluß einige
Optionen.
Die Erwartungen der Terroristen an die Medien

Aus der Sicht der Terroristen ist die Berichterstattung
in den Medien ein wichtiges Maß für den Erfolg
terroristischer Gewalttaten oder Kampagnen. Im Fall
von Geiselnahmen, bei denen die Medien für den
Terroristen möglicherweise die einzige unabhängige
Quelle für Berichterstattung über den Lauf der Ereignisse sind, kann die Berichterstattung eine Rettungsaktion erschweren.
Regierungen können sich der Medien bedienen, um
die Weltöffentlichkeit gegen ein terroristisches Land
oder eine Terrorgruppe aufzubringen. Öffentlichkeitsarbeit und die Medien können auch eingesetzt werden,
um die Öffentlichkeit in anderen Ländern zu mobilisieren, Druck auf die Regierung auszuüben, damit diese
gegen den Terrorismus vorgeht.
Margaret Thatcher stellte einmal fest, Publicity sei der
Sauerstoff für den Terrorismus. Das unterstreicht, daß
Public Relations eine wichtige Waffe der Terroristen
und die Medien das zentrale Medium für den Einsatz
dieser Waffe sind. Der Terrorismus spielt heute in den
Medien eine Rolle.
Dieser Artikel befaßt sich mit den widersprüchlichen
Ansichten über die wünschenswerte Rolle der Medien
bei der Berichterstattung über terroristische Zwischenfälle sowie den verschiedenen Erwartungen an die
Medien: Was die Terroristen erwarten, was die
Regierung erwartet, was die Medien von der Bericht-

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Terroristen, Regierungen und die Medien sehen
Funktion, Rolle und Pflichten der Medien bei der
Berichterstattung über Terroranschläge aus unterschiedlichen und oftmals scheinbar widersprüchlichen
Blickwinkeln. Diese Einstellungen leisten dem Gruppenverhalten während terroristischer Gewaltakte
Vorschub, was oftmals zu taktischen und strategischen
Vorteilen für die Terroristen und ihre Sache führt. Für
die Regierung und die Medien besteht die Herausforderung darin, die diesen Einstellungen innewohnende Dynamik zu erkennen und politische Optionen zu
entwickeln, die den jeweiligen Interessen dienen.
Terroristen wollen kostenlose Publicity, die
eine Gruppe normalerweise nicht bekommt
oder sich nicht leisten kann. Jegliche Publicity
macht die Welt auf ein existierendes Problem
aufmerksam, das nicht ignoriert werden darf
und angesprochen werden muß. Ein unredigiertes Interview ist ein kostbares Gut, beispielsweise das im Mai 1997 von CNN gesendete Interview mit Mohammad Bin Ladin.
Zugang zu einem Terroristen verspricht eine
heiße Story.
Terroristen wollen Verständnis für Ihre Sache,
wenn nicht sogar für ihre Aktionen. Man mag
ihren Aktionen nicht zustimmen, was jedoch
nicht ausschließt, daß man Teilnahme an

Seite 1

�ihrem Leiden und ihrer Sache zeigt. Die
Öffentlichkeit braucht Hilfe um zu verstehen,
daß ihre Sache gerecht und terroristische
Gewalt ihr einziges Mittel im Kampf gegen die
überlegenen Kräfte des Bösen ist. Daher sind
gute Beziehungen zur Presse für sie von
großer Bedeutung, weshalb sie oft über Jahre
aufgebaut und weiterentwickelt werden.
Terroristen versuchen unter Umständen, ihren
Anhängern Stellen im Pressebereich zu
vermitteln, insbesondere bei Nachrichtenagenturen, und bemühen sich manchmal
sogar, kleinere Medienorganisationen durch
Finanzhilfe zu kontrollieren. Ein Beispiel ist
Bin Ladin, der angeblich einen islamischen
Nachrichtendienst am Golf finanziert haben
soll, der einen harten Kurs verfolgt.
Sie wollen Legitimität. Die Presse soll das
legitimieren, was oft als eindeutige Spaltung
zwischen bewaffneten Gruppen und politischen Gruppierungen dargestellt wird. Die
IRA und die Hamas sind Beispiele. Musa Abu
Marzuq beispielsweise, dem der politische
Flügel der Hamas unterstand, hat angeblich
bestimmte Bombenanschläge und Morde
befürwortet. Solche Unterscheidungen dienen
oftmals dazu, den Menschen den Beitritt zu
Terrororganisationen zu erleichtern.
Sie wollen, daß die Presse den Erkenntnissen
und Ansichten speziell ins Leben gerufener
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Legitimation verschafft und prüft, welche Zentren
als Deckmantel für terroristische Finanzierung,
Anwerbung und Reisen von Terroristen ins
Zielland dienen können. Die Finanzierung des
palästinensisch-islamischen Dschihad und
seiner Kontrolle über World and Islam Studies
Enterprise ist nur eins von vielen Beispielen.
Ein zweites ist die von der Hamas finanzierte
Islamic Association for Palestine (IAP) mit Sitz
in Richardson (Texas).
Sie wollen - im Fall von Geiselnahmen Einzelheiten über Identität, Zahl und Wert der
Geiseln, über möglicherweise geplante Rettungsversuche sowie das Ausmaß der öffentlichen Berichterstattung über ihre Operation.
Insbesondere wenn staatliche Sponsoren
betroffen sind, wollen sie Einzelheiten über
Pläne für militärische Vergeltungsmaßnahmen.
Und sie wollen die Hilfe der Medien, um ihrem
Feind Schaden zufügen. Das gilt insbesondere, wenn die Gewalttäter und der Grund für ihr
Handeln anonym bleiben. Sie wollen, daß die
Medien Panik machen, Angst verbreiten,

Seite 2

wirtschaftliche Verluste wie beispielsweise
beim Tourismus herbeiführen, damit die
Bevölkerung das Vertrauen in die Fähigkeit
ihrer Regierungen verliert, sie zu schützen,
und damit Regierung und Bevölkerung in
bestimmten Situationen und im Hinblick auf
die gesamte Bedrohung durch den Terrorismus überreagieren.

Die Erwartungen der Regierungen an die Medien
Regierungen erwarten von den Medien Verständnis,
Zusammenarbeit, Zurückhaltung und Loyalität bei ihren
Bestrebungen, den durch Terrorismus verursachten
Schaden für die Gesellschaft zu begrenzen und die für
terroristische Gewalttaten Verantwortlichen zu bestrafen oder festzunehmen. Das gilt insbesondere für
folgende Bereiche:
Regierungen wollen Publicity zur Förderung
ihrer Tagesordnung und nicht der terroristischen. Aus ihrer Perspektive sollten die
Medien bei bestimmten Operationen die
Aktionen der Regierung unterstützen und ihr
die benötigten Informationen liefern.
Ein wichtiges Ziel besteht darin, den Terroristen von den Medien abzuschotten - und ihm
so das Forum für Propaganda zu entziehen,
ohne daß dies zu seiner unmittelbaren Niederlage führt.
Ein weiteres Ziel besteht darin, daß die Medien Terroristen als gemeine Verbrecher
brandmarken.
Im Fall von Geiselnahmen ziehen Regierungen es normalerweise vor, die Medien vom
unmittelbaren Vorgehen auszuschließen, aber
sie möchten von den Medien nachrichtendienstliche Informationen erhalten, wenn diese
Zugang zum Ort der Geiselnahme haben.
Sie wollen, daß die Publicity zur Entschärfung
der angespannten Lage beiträgt, nicht umgekehrt. Es ist ein wichtiges Ziel der Politik, die
Nation zu beruhigen.
Bei Zwischenfällen wollen sie den Zugang der
Terroristen zu Daten von außerhalb kontrollieren - Daten über Geiseln zurückhalten,
damit die Medien keine Informationen über
Terrorbekämpfungsaktionen preisgeben oder
die Terroristen mit Informationen versorgen,
die ihnen dienlich sind.
Nach Zwischenfällen wollen sie, daß die
Medien nichts darüber verlauten lassen,
welchen Handel die Regierung eingegangen

AMERIKA DIENST 12

�ist, um die Operation erfolgreich abzuschließen - und nichts über die erfolgreichen oder
erfolglosen Methoden der Terroristen verlauten lassen, damit diese nicht von anderen
Terroristen nachgeahmt werden können.
Sie wollen vermeiden, daß die Medien durch
Desinformationen getäuscht werden. Viele
Gruppen haben ein Motiv, unrichtige oder
falsche Informationen zu verbreiten.
Sie wollen, daß die Medien ein positives Bild
der staatlichen Stellen vermitteln. Die Behörden können gezielt Informationen zu bestimmten Medienvertretern durchsickern lassen, die
wiederum positiv über sie berichten und Kritik
an ihrer Vorgehensweise vermeiden.
Sie möchten, daß die Journalisten sie informieren, wenn sie Grund zu der Annahme
haben, daß ein Terroranschlag geplant oder
eine bestimmte Person an terroristischen
Aktivitäten beteiligt ist.
In extremen Fällen unter den gegebenen
Umständen möchten sie, wenn die nationale
Sicherheit auf dem Spiel steht und die Erfolgschancen groß sind, daß die Medien mit ihnen
zusammenarbeiten und eine Ente verbreiten,
die zur Aufhebung einer unmittelbaren terroristischen Bedrohung beiträgt.
Die Erwartungen der Medien im Falle terroristischer
Berichterstattung
Jeder Journalist wünscht sich die Freiheit, ohne
Einschränkungen - sei es von Seiten seiner Redaktion
oder der Regierung - über ein Ereignis berichten zu
können.
Die Medien wollen eine Story als erste herausbringen. Die Erstmeldung ist das Goldene
Vlies. Alte Neuigkeiten sind keine Neuigkeiten. Im heutigen äußerst konkurrenzfähigen, hochtechnisierten Kommunikationsumfeld ist die Informationsübermittlung in
Realzeit ein ständiges Muß.
Die Medien wollen die Story so früh und so
dramatisch wie möglich herausbringen möglichst in Form eines Interviews. Während
der Entführung der TWA 847 im Juni 1985
sendete ABC ausführliche Interviews mit
Kidnappern und Geiseln gleichermaßen. Es
wurde sogar ein Bild des Piloten mit der
Pistole an der Schläfe gezeigt.
Meistens wollen sie professionell und genau
sein und Desinformationen keinen Glauben

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schenken, so attraktiv sie auch scheinen
mögen.
Sie möchten ihre Fähigkeit bewahren, in der
Gesellschaft so sicher und frei wie möglich zu
agieren. In vielen Fällen geht dies über ihr
Recht zu relativ ungehinderter Berichterstattung hinaus. Es wird in persönliche physische
Sicherheit umgesetzt. Sie wollen sich selbst
schützen - und nicht während Operationen
getötet oder von Terroristen wegen negativer
Berichterstattung ermordet werden.
Sie wollen das Recht auf Information der
Gesellschaft schützen.
Und sie wollen eine konstruktive Rolle bei der
Lösung spezifischer Terrorsituationen spielen,
wenn dies ohne einen übermäßig hohen Preis
im Hinblick auf den Verlust der Story oder
moralische Kompromisse erfolgen kann.
Trends mit Auswirkungen auf den Terrorismus und
die Medien
Es scheinen sich eine Reihe von Trends abzuzeichnen, die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen
den Medien, den Terroristen und der Regierung
haben. Dazu zählen: 1. Ein Trend zu Anonymität bei
Terrorismus. 2. Ein Trend zu gewalttätigeren Terroranschlägen. 3. Ein Trend zu Angriffen auf Medienvertreter und -Institutionen.
Anonymität bei Terrorismus
Heute beobachten wir einen Trend zu anonymem
Terrorismus, bei dem niemand die Verantwortung
übernimmt und keine Forderungen gestellt werden.
Der Anschlag auf das World Trade Center ist nur ein
Beispiel. Diese Praxis räumt den Medien eine größere
Rolle für Spekulationen ein und hilft ihnen bei Behauptungen, sie würden die Forderungen oder Ziele
der Terroristen hochspielen. Dennoch kann die
andauernde aufgebauschte Berichterstattung über
Terrorakte Ziele der Terroristen fördern, wie die
Verbreitung von Angst, Beeinträchtigung des Tourismus und Provokation starker staatlicher Reaktionen,
die letztlich zu Einschränkungen der persönlichen
Freiheit führen.
Gewalttätigerer Terrorismus
In der Welt hochtechnologisierter Informationsgesellschaften von heute ist das Potential für gewalttätigeren
Terrorismus eine Realität, die nicht ignoriert werden
kann. Während der Terrorismus gewalttätiger wird,
könnte sich sehr wohl die Annahme breit machen, daß
die Presse in gewissem Maße für die Begünstigung
von Terrorismus oder das Hochspielen seiner Auswirkungen verantwortlich ist. Zunehmend bedrohte

Seite 3

�Gesellschaften könnten geneigt sein, angesichts der
Konsequenzen von massenhaften Opfern weniger
Risiken einzugehen und den Medien immer weniger
die Selbstkontrolle zutrauen.
Angriffe auf Medienvertreter und -institutionen
Wir könnten auch einen Trend zu Angriffen auf
Journalisten beobachten, die Terroristen betreffende
Themen offen ansprechen. Solche Aktivitäten gibt es
nicht nur in Algerien, Mexiko, Rußland, Tschetschenien oder London, sondern auch hier in der Bundeshauptstadt Washington im nationalen Pressegebäude und bei den Vereinten Nationen in New York.
Eine private Gruppe hat die 1995 von Terroristen
getöteten Journalisten auf 45 beziffert.

agenturen und Printmedien besteht. Die Fernsehberichterstattung über Zwischenfälle würde dann von
dem Fernsehmitarbeiter in dem Zentrum koordiniert.
Ein solches Zentrum könnte von einem Regierungssprecher (dem Koordinator für terroristische Informationen -TIC) geleitet werden, der unverzüglich versuchen
würde, der speziellen Terrorgruppe die Propaganda zu
entreißen.
Wenn Zwischenfälle in den Vereinigten Staaten
vorkommen, gibt es abgesehen von dem Vorfall selbst
ein Nachrichtenvakuum und bis zu dem Zeitpunkt, zu
dem die Regierungsbehörden sich geeinigt haben, was
gesagt und welche Position bezogen werden kann, ist
die Propagandainitiative der Regierung nur allzu
häufig bereits verloren.

Optionen

Medienpools

Es gibt eine Reihe von Optionen, um die Effektivität der
medienorientierten Reaktionen der Regierung auf
Terrorismus zu verbessern und zu verhindern, daß die
Medien unabsichtlich zur Förderung terroristischer
Ziele manipuliert werden. Dazu zählen: 1. Die
Finanzierung gemeinsamer Übungen der Medien und
der Regierung. 2. Die Einrichtung eines Reaktionszentrums der Regierung auf terroristische Informationen. 3. Verstärkter Einsatz von Medienpools. 4.
Förderung freiwilliger Richtlinien für Presseberichterstattung. 5. Überwachung von gegen Medien
gerichtetem Terrorismus.

Eine andere Option, insbesondere für die Berichterstattung bei Geiselnahmen, wäre der Einsatz eines
Medienpools, von dem die Nachrichten gleichzeitig
gesendet werden. Wenn man sich für diese Option
entscheidet, sollten Mechanismen für die Durchführung eines solchen Konzepts vorhanden sein.

Gemeinsame Übungen der Medien und der Regierung
Öffentlichkeitsarbeit muß vor der Story erfolgen, nicht
als Reaktion darauf. Die Nationen benötigen umfassende Strategien für Öffentlichkeitsarbeit, um von
Terroristen geleitete Initiativen zu bekämpfen, und die
Medien können im Rahmen einer solchen Strategie
eine wichtige Rolle spielen. Übungen sind hier von
entscheidender Bedeutung: Übungen wie die von der
George Washington University und dem Technologieinstitut in Holon (Israel) durchgeführten, die
Regierungs- und Medienvertreter zusammenbringen,
um eine Reaktion der Regierung und die Medienberichterstattung über Scheinangriffe von Terroristen zu
simulieren.
Ein Reaktionszentrum der Regierung auf terroristische Informationen
Eine Option, die Regierungen in Erwägung ziehen
könnten, wäre die Einrichtung eines ständigen Reaktionszentrums der Regierung auf terroristische
Informationen (TIRC). Nach Absprache mit den
Medien könnte ein solches Zentrum eine Gruppe für
rasche Reaktionen auf Terrorismus (über Kommunikationsverbindungen) in Rufbereitschaft haben, die aus
Mitarbeitern der Fernsehanstalten, Nachrichten-

Seite 4

Freiwillige Richtlinien für die Presseberichterstattung
Eine weitere Option wäre die Einführung eines lockeren freiwilligen Verhaltenskodex oder von Richtlinien,
zu denen die Redakteure und Reporter Zugang haben
sollten. Ein spezieller Mediengipfel - vielleicht unter
der G-7-Rubrik - würde für Geschäftsführer der
Fernsehanstalten und Printmedien einberufen, um
freiwillige Richtlinien für die Berichterstattung über
Terrorismus zu erarbeiten.
Es könnte Richtlinien für folgende Bereiche geben:
Beschränkung von Informationen über die
Geiseln, die ihnen schaden könnten, zum
Beispiel Anzahl der Geiseln, Nationalität,
berufliche Position, finanzielle Verhältnisse
oder wichtige Verwandte.
Beschränkung von Informationen über militärische Bewegungen während Rettungsoperationen.
Beschränkung von unredigierten Liveinterviews mit Terroristen oder die Vereinbarung,
sie nicht zu senden.
Sorgfältige Prüfung der Informationsquellen,
wenn der Druck auf Berichterstattung hoch ist,
die vielleicht nicht genau ist.
Abschwächung von Informationen, die weitverbreitete Panik verursachen könnten.

AMERIKA DIENST 12

�Selbst wenn keine spezifischen Richtlinien verabschiedet werden, würde ein solcher Gipfel das Verständnis
der Öffentlichkeit und der Presse über die Erfordernisse ihrer jeweiligen Institutionen verbessern.
Überwachung' von gegen Medien gerichtetem
Terrorismus
Schließlich könnte sich weltweit ein Trend von vermehrten Terrorangriffen auf Medienvertreter und -Institutionen abzeichnen. Überraschenderweise gibt es
jedoch keine schnell verfügbaren staatlichen Statistiken. Um diese Situation zu beheben, könnten Regierungsberichte über Terrorismus, wie der vom USAußenministerium unter dem Titel Patterns of Global
Terrorism veröffentlichte, weltweite jährliche Statistiken enthalten, die die Anzahl der pro Jahr bei Terroranschlägen getöteten oder verletzten Journalisten
angeben sowie die Anzahl von Terroranschlägen auf
Medienvertreter und -Institutionen pro Jahr.

Schlußbemerkung
Die Medien und die Regierung haben gleichermaßen
ein Interesse daran, daß die Medien nicht unabsichtlich
zur Förderung von Terrorismus oder seinen Methoden
manipuliert werden. Andererseits wollen die Politiker
jedoch nicht, daß der Terrorismus die Pressefreiheit einen Pfeiler demokratischer Gesellschaften - unterhöhlt.
Per definitionem ist dies ein Dilemma, das nicht
vollständig beseitigt werden kann und mit dem die
Gesellschaft ständig kämpfen muß. Die Kommunikation zwischen der Regierung und den Medien ist hier
ein wichtiges Element bei jeder Strategie, die auf die
Verhinderung von Terrorismus und den Erhalt der
Demokratie abzielt.
In der Realität sind Terrorismus und Demokratie nicht
vereinbar, und in von Verbrechern oder radikalen
religiösen Extremisten beherrschten Gesellschaften ist
die freie Presse eine der ersten Institutionen, die
verschwinden muß.

* *

AMERIKA DIENST 12

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. G-8&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gipfel in Denver ist Vorbereitung auf zukünftige globale Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radioansprache von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Vielfalt ist von elementarer Bedeutung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in San Diego&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rubin fordert fortgesetztes internationales Engagement der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Themen der gesamteuropäischen Sicherheitspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Terrorismus, die Medien und das 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Raphael F. Perl&lt;/em&gt;</text>
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\TZ»

*

*-

dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Juni 1997

11

MARSHALLPLAN

GEIST DES MARSHALLPLAN MUSS FÜR
DIE NÄCHSTEN 50 JAHRE UND DARÜBER
HINAUSWIRKEN
Rede von Präsident Clinton
DIE INTEGRATION EUROPAS HÄNGT VOM
DAYTONER ABKOMMEN AB
Rede von Außenministerin Albright an der
Harvard University

NATO

EINE NEUE NATO MIT NEUEN MISSIONEN,
NEUEN MITGLIEDERN UND NEUEN PARTNERN
Rede des Präsidenten in West Point
GRUNDAKTE BEDEUTET AUFGABE DER
SELBSTISOLIERUNG RUSSLANDS
Rede von Außenministerin Albright
beim Nordatlantikrat

EAPR

ALBRIGHT: ZIEL IST DIE ECHTE
INTEGRATION EUROPAS UND DER
TRANSATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT
Rede der Außenministerin beim EAPR

BOSNIEN

DAYTONER ABKOMMEN MUSS VON ALLEN
PARTEIEN EINGEHALTEN WERDEN
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Geist des Marshallplans muß für die nächsten 50 Jahre
und darüber hinaus wirken
Rede von Präsident Clinton

DEN HAAG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton bei der Feier zum 50.
Jahrestag des Marshallplans in Den Haag am 28. Mai 1997.

Eure Majestät, Herr Premierminister, verehrte Amtskollegen, Minister, Parlamentarier, Kongreßabgeordnete, Jugendvertreter aus Europa und Amerika und
alle, die etwas mit dem Marshallplan zu tun hatten oder
von seinen Auswirkungen berührt wurden. Ich möchte
ein besonderes Wort der Wertschätzung an zwei
herausragende Amerikaner richten - die ehemaligen
Botschafter General Vernon Walters und Arthur
Hartman, die als junge Männer am Marshallplan
mitgearbeitet haben und heute hier unter uns weilen.
Dies ist ein wunderbarer Anlaß. Wir danken der
Königin, der Regierung und dem Volk der Niederlande,
daß sie unser Gastgeber sind und diese Feier zum
Gedenken an diese 50 Jahre veranstalten. Die Worte
von Herrn Sedee erreichen uns über die Generationen
hinweg - unabhängig davon, wo wir herkommen oder
welche Sprache wir sprechen. Sie warnen uns vor
dem, was geschehen kann, wenn Menschen sich
gegeneinander wenden und inspirieren zu dem, was
wir erreichen können, wenn wir alle an einem Strang
ziehen. Das ist eine Botschaft, die wir uns ins Gedächtnis schreiben sollten.
Ebenso wie wir die großen Leistungen von vor 50
Jahren würdigen, müssen wir - wie der Premierminister
es so eloquent formulierte - den Geist des Marshallplans für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus
bewahren, um ein Europa aufzubauen, das demokratisch in Frieden lebt und zum ersten Mal in der Geschichte ungeteilt ist - ein Europa, das nicht die
dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts wiederholt,
sondern stattdessen die Versprechen des 21. Jahrhunderts erfüllt.

AMERIKA DIENST 11

Hier in der Zitadelle einer wohlhabenden, toleranten
holländischen Demokratie können wir uns kaum
vorstellen, wie anders Europa vor nur 50 Jahren war.
Die Bilder, die wir gesehen haben, erinnerten uns
zusammen mit der Musik daran, daß noch immer
ungefähr 30.000 Tote unter den Trümmern in Warschau begraben liegen, 100.000 Häuser in Holland
zerstört wurden, Deutschland in Schutt und Asche lag,

Großbritannien sich mit einem schrecklichen Mangel
an Kohle und Strom konfrontiert sah, die Fabriken in
ganz Europa kaum noch arbeiteten, der Handel
gelähmt war und Millionen den Hungertod fürchteten.
Auf der anderen Seite des Atlantiks waren die Amerikaner begierig, zu dem Leben zurückzukehren, das sie
während des Krieges aufgeben mußten. Aber sie
befolgten den Ruf einer bemerkenswerten Generation
amerikanischer Politiker - General Marshall, Präsident
Truman, Senator Vandenberg - die zusammen mit
gleichgesinnten Politikern in Europa ebenso auf
Europas wirtschaftliche Erholung hinarbeiten wollten
wie sie für sein Überleben gekämpft hatten. Sie
wußten, daß Europas Schicksal und Amerikas Zukunft
wie nie zuvor zusammenhingen.
Der Marshallplan war eine Kur, keine Krücke. Er war
nie ein Almosen, sondern immer eine helfende Hand.
Er sagte den Europäern: Wenn Ihr Eure Trennungen
überwindet, wenn Ihr zusammenarbeitet, um Euch
selbst zu helfen, dann wird Amerika mit Euch zusammenarbeiten.
Der britische Außenminister Ernest Bevin nannte den
Marshallplan "eine Rettungsleine für ertrinkende
Menschen, der Hoffnung dorthin brachte, wo es keine
gab". Vom Nördlichen Eismeer bis zum Mittelmeer

Seite 1

�ergriffen die europäischen Nationen diese Rettungsleine und arbeiteten wie nie zuvor an einem gemeinsamen Programm der wirtschaftlichen Gesundung
zusammen. Die Aufgabe war nicht leicht, aber ihre
gemeinsame Hoffnung war mächtiger als ihre Differenzen.
Das erste Schiff lief von Texas nach Frankreich mit
19.000 Tonnen Weizen aus. Bald nahm an jedem
Tag ein Konvoy der Hoffnung Kurs auf Europa mit
Treibstoff, Rohmaterial und Geräten. Am Ende des
Programms im Jahr 1952 hatte der Marshallplan 13
Milliarden Dollar in Europas verwüstete Volkswirtschaften gepumpt. Das entspricht heute 88 Milliarden
Dollar. Er bot den Menschen in Europa das zum
Wiederaufbau ihres zerstörten Lebens erforderliche
Handwerkszeug. Es gab Netze für norwegische
Fischer, Wolle für österreichische Weber, Traktoren für
französische und italienische Bauern, Maschinen für
holländische Unternehmer.
Für einen Jungen in Deutschland war die Hilfe des
Marshallplans die großzügige Hand, die dazu beitrug,
sein Heimatland aus seiner ruinösen Vergangenheit zu
erheben. Er erinnert sich noch an die amerikanischen
Lastwagen, die auf den Schulhof fuhren und Suppe
brachten, die die Herzen und Hände erwärmte. Dieser
Junge wurde zu einem leidenschaftlichen Verfechter
von Freiheit und Einheit in Europa sowie einem
großartigen und geschätzten Freund Amerikas. Er
wurde der erste Kanzler eines freien und vereinten
Deutschlands. Mit seinem Leben und seiner Arbeit ist
Helmut Kohl zum Symbol für die Substanz und den
Geist des Marshallplans geworden. Ich danke Ihnen.
Heute sehen wir den Erfolg des Marshallplans und die
Nationen, zu deren Wiederaufbau er beitrug. Noch
mehr sehen wir ihn jedoch in den Beziehungen, die er
neu definierte. Der Marshallplan veränderte die
Verbindungen von Amerika zu Europa, und dabei
veränderte er die Verbindungen der europäischen
Nationen untereinander. Er baute die Institutionen auf,
die Westeuropa aneinanderbinden sollten - von der
OECD bis zur Europäischen Union und der NATO. Er
ebnete den Weg für die Aussöhnung jahrhundertealter
Differenzen.
Wie bereits gesagt wurde, umfaßte Marshalls Vision
ganz Europa. Aber die Realität jener Zeit entsprach
dem nicht. Stalin schloß Europas östliche Hälfte darunter einige unserer treuesten Verbündeten im
Zweiten Weltkrieg - davon aus, ihren Platz am Tisch
einzunehmen, an der Erholung Europas teilzuhaben
und verschloß die Tür zu ihrer Freiheit. Die gefesselten Nationen verloren jedoch nie das Vertrauen, und
der Westen akzeptierte nie die Endgültigkeit ihres
Schicksals. Und endlich fielen die Berliner Mauer und
der Eiserne Vorhang dank der tapferen Männer und
Frauen, die entschlossen waren, ein Leben in Freiheit
zu leben.

Seite 2

Heute erleuchten die aufstrebenden neuen Demokratien den Weg zu einem neuen Europa in einem neuen
Jahrhundert - einer Zeit, in der Amerika und Europa die
ruhmreiche Reise beenden müssen, die Marshalls
Generation begann, und dieses Mal wird niemand
zurückgelassen. Ich beglückwünsche Premierminister
Kok zu seiner Führung und der Führungsrolle, die
seine Nation bei der Sicherstellung übernommen hat,
daß niemand zurückgelassen wird.
Das Europa des 21. Jahrhunderts wird ein besseres
Europa sein. Erstens, weil es frei und ungeteilt sein
wird und zweitens, weil es nicht durch die Macht der
Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens
vereinigt sein wird. Wir müssen uns jedoch vor Augen
führen, daß die Möglichkeiten von heute keine Garantien sind. Obwohl Mauern niedergerissen wurden,
bestehen weiterhin Schwierigkeiten: Bei dem andauernden Kampf der seit kurzem freien Nationen
beim Aufbau prosperierender Volkswirtschaften und
widerstandsfähiger Demokratien; bei der Verletzlichkeit
derjenigen, die Wandel fürchten und seine Vorteile
noch nicht kennen; bei der Abwendung von extremem
Nationalismus, Haß und Teilung; bei der verworrenen
Denkweise derjenigen, die die europäische Landschaft
immer noch als Nullsummenspiel im Hinblick auf die
Vergangenheit sehen; und bei den uns konfrontierenden neuen Gefahren, die wir nicht alleine bekämpfen
können - von der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen über Terrorismus und organisiertes
Verbrechen bis zur Umweltzerstörung.
Ebenso wie die Generation vor uns muß unsere
Generation sich entscheiden. Ohne die Bedrohung
des Kalten Krieges, ohne die Schmerzen des wirtschaftlichen Ruins, ohne die frische Erinnerung des
Gemetzels des Zweiten Weltkriegs ist es verlockend,
unsere privaten Interessen zu verfolgen - sich einfach
zurückzulehnen und die Geschichte ihren Lauf nehmen zu lassen. Dieser Versuchung müssen wir
widerstehen. Stattdessen müssen wir uns mit der
Entschlossenheit auf den Weg machen, die Hoffnung
dieses Augenblicks Geschichte werden zu lassen, auf
die wir stolz sein können.
Wir, die wir dem Beispiel der Generation folgen, die wir
heute ehren, müssen genau das tun. Unsere Aufgabe
ist klar: Wir müssen den von dieser Generation
ermöglichten Frieden, die Freiheit und den Wohlstand
für eine gemeinsame Zukunft gestalten, in der alle
Menschen die Sprache der Demokratie sprechen, in
der sie das Recht zur Kontrolle ihres Lebens und eine
Chance zur Verwirklichung ihrer Träume haben, in der
Wohlstand über den ganzen Kontinent hinweg reicht
und Staaten Handel treiben, keine Eroberung vornehmen; in der Sicherheit die Domäne aller freien Nationen ist, die zusammenarbeiten; in der keine Nation
Europas je wieder gegen ihren Willen ausgeschlossen
wird, unserem Wertebündnis beizutreten und wir

AMERIKA DIENST 11

�gemeinsam der übrigen Welt helfen, die von uns so
hoch geschätzten Ziele zu erlangen.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben sich dieser
Mission verschrieben. Wir machen Fortschritte auf
einer Landkarte moderner Wunder. Mit der Unterstützung Amerikas und der Europäischen Union legen die
seit kurzem freien Nationen Europas den Grundstein
der Demokratie. Mit Hilfe der Voice of America des
US-Informationsamts (USIA) kann die heutige Feier
von Menschen überall auf diesem großartigen Kontinent ungehindert gehört werden.
In Prag, wo es früher eine Straftat war, westliche
Sender zu hören, hat Radio Free Europe eine neue
Heimat gefunden, und eine unabhängige Presse
floriert. In Bukarest hat die Demokratie das Mißtrauen
überwunden, während Rumänen und gebürtige
Ungarn zum ersten Mal in einer demokratischen
Koalitionsregierung vereint sind.

Während die neuen Demokratien weiterhin die Berge
der Marktreform erklimmen, besteht unsere Herausforderung darin, ihnen behilflich zu sein, die Vorteile
des Wohlstands besser zu nutzen, auf ein möglichst
stabiles und sicheres Unternehmensklima hinzuarbeiten, in ihre Volkswirtschaften zu investieren, ihnen
unternehmerisches Geschick zu vermitteln und die
Türen von Institutionen zu öffnen, dank denen unsere
Gemeinschaft prosperieren kann.
Ich möchte nochmals wiederholen, daß die Vereinigten
Staaten die Europäische Union zu ihrem Engagement
für die Erweiterung nach Zentral- und Osteuropa
beglückwünschen. Wir unterstützen diesen historischen Prozeß und würden sein schnelles Vorankommen begrüßen. Ein wohlhabenderes Europa wird ein
stärkeres Europa sein und auch ein stärkerer Partner
für Europas nordamerikanische Freunde in Amerika
und Kanada.
Nationen, die schwierige Reformen in Angriff nehmen,

Von Wladiwostok bis Kaliningrad gingen die Menschen

sollten wissen, daß das, was sie in Freiheit aufbauen,

in Rußland im letzten Sommer zu einer für alle von
uns, die sie beobachteten, völlig demokratischen und
offenen Nationalwahl.

in Sicherheit Bestand haben kann. Durch die NATO,
das Kernstück der transatlantischen Sicherheit,
können wir für den Osten Europas das tun, was wir für
den Westen Europas geleistet haben - die Freiheit
verteidigen, Demokratie stärken, alte Rivalitäten
beschwichtigen, Integration beschleunigen und ein
stabiles Klima schaffen, in dem sich Wohlstand
mehren kann.

Wir müssen jetzt die Herausforderung bewältigen
sicherzustellen, daß diese Welle der Demokratie
anhält. Die seit kurzem freien Nationen müssen die
schwierige Arbeit der Reformen fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten und Westeuropa müssen weiterhin konkrete Unterstützung für ihre Fortschritte leisten
und Rechtssysteme zur Bekämpfung von Verbrechen
und Korruption fördern, gegenseitige Kontrolle zur
Verhinderung von Machtmißbrauch einführen, zur
Einrichtung des Apparats freier und fairer Wahlen
beitragen, so daß sie immer wiederholt werden
können; die freien Medien und bürgerliche Gruppen
stärken, um Rechenschaftspflicht zu fördern und damit
eine gute Regierung dem Volk näherzubringen, so daß
es tatsächlich ein Mitspracherecht bei sein Leben
betreffenden Entscheidungen hat.
Wir waren auch den neuen Demokratien behilflich, ihre
am Boden liegenden Volkswirtschaften umzugestalten
und von Hilfe zu Handel und Investitionen überzugehen. In Warschau teilen sich Männer und Frauen,
die einst um Lebensmittel anstanden, die Früchte von
Europas am schnellsten wachsender Volkswirtschaft,
in der fast ein Zehntel der Einzelhandelsunternehmen
in privater Hand sind. Seit dem Fall der Berliner Mauer
haben die internationalen Finanzinstitutionen den
neuen Demokratien rund 50 Milliarden Dollar zur
Stärkung der Grundlagen ihrer Marktwirtschaften
zufließen lassen. Und während neue Märkte auftauchten, flössen weitere 45 Milliarden Dollar an
Privatinvestitionen von Orten wie Boston und London,
um Unternehmen von Budapest bis L'viv zu unterstützen.

AMERIKA DIENST 11

Wir passen die NATO zur Übernahme neuer Aufgaben
an - öffnen ihre Türen für Europas neue Demokratien,
unterstützen ihre Verbindungen zu Nichtmitgliedstaaten durch eine gestärkte Partnerschaft für den Frieden
und schaffen eine praktische, dauerhafte Partnerschaft
zwischen der NATO und einem demokratischen
Rußland - dies alles ist darauf ausgerichtet sicherzustellen, daß die NATO stark bleibt, das Zusammenwachsen Europas unterstützt und bei der Bewältigung
unserer neuen Sicherheitsherausforderungen eine
Führungsrolle übernimmt.
Gestern haben die Staats- und Regierungschefs der
NATO und Rußlands in Paris die historische Grundakte unterzeichnet, die uns alle sicherer machen wird.
Wir werden konsultieren, koordinieren und - wo wir
beide einer Meinung sind - gemeinsam handeln, so
wie wir es jetzt in Bosnien tun.
Überlegen Sie, was dies für ein Meilenstein ist. Seit
Jahrhunderten war die größte sicherheitspolitische
Sorge in Europa die Konfrontation zwischen Ost und
West. Zum ersten Mal haben eine neue NATO und ein
neues Rußland die Zusammenarbeit als Partner bei
der Bewältigung von Herausforderungen für ihre
gemeinsame Sicherheit in einem neuen und ungeteilten Europa vereinbart, in dem keine Nation ihre Größe
im Hinblick auf ihre Fähigkeit definiert, ihre Nachbarn
zu dominieren.

Seite 3

�Wir müssen jetzt die Herausforderung meistern,
Sicherheit über veraltete Trennlinien hinweg zu
fördern, sicherstellen, daß die NATO-Partnerschaft mit
Rußland funktioniert und die historische Umgestaltung
der NATO fortsetzen.
In weniger als sechs Wochen wird die NATO erneut in
Madrid zusammenkommen, um die ersten neuen
Demokratien Europas einzuladen, das Bündnis zu
verstärken. Die Aussicht einer NATO-Mitgliedschaft
hat bereits zu größerer Stabilität geführt, da die eine
Mitgliedschaft anstrebenden Länder die Reformen
verstärken und eben die Meinungsverschiedenheiten
beilegen, die zu künftigen Konflikten führen könnten.
Die ersten neuen Mitglieder werden nicht die letzten
sein. Die Türen der NATO müssen und werden für all
diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft in der Lage sind. Wir
werden die Partnerschaft für den Frieden stärken und
einen neuen euroatlantischen Partnerschaftsrat
gründen, so daß andere Nationen ihre Zusammenarbeit mit der NATO verstärken und die Vorbereitungen für die Mitgliedschaft fortsetzen können.
Wir wollen jedoch eindeutig klarstellen: Es gibt auch
Pflichten. Erweiterung bedeutet die Ausdehnung der
feierlichsten Garantien, die eine Nation geben kann eine Verpflichtung zur Sicherheit des anderen.
Sicherheit und Frieden sind nicht billig. Neue und
derzeitige Verbündete gleichermaßen müssen bereit
sein, die Last unserer Ideale und unserer Interessen
zu tragen.
Unsere kollektiven Bestrebungen in Bosnien spiegeln
sowohl die Dringlichkeit als auch das Versprechen
unserer Mission wider. Wo einst Terror und Tragödien
regierten, stehen NATO-Truppen mit 14 Partnernationen - Amerikanern und Russen, Deutschen und Polen,
Norwegern und Bulgaren - für die gemeinsame Sache
Seite an Seite, Frieden in das Herz Europas zu
bringen. Wir müssen jetzt diesen hart erkämpften
Frieden konsolidieren, politische Aussöhnung und
wirtschaftlichen Wiederaufbau fördern, die Arbeit des
Internationalen Kriegsverbrechertribunals hier in Den
Haag unterstützen und dazu beitragen, daß der
bosnische Frieden die Versprechen des Daytoner
Abkommens Realität werden läßt.
Heute bekräftige ich gegenüber den Menschen in
Europa, was General Marshall vor 50 Jahren sagte:
Die Amerikaner stehen an Ihrer Seite. Wir haben aus
der Geschichte gelernt. Wir werden nicht weggehen.

*

Seite 4

Ebenso wie vor fünf Jahrzehnten sind unsere Schicksale miteinander verknüpft.
Für die Vereinigten
Staaten ist die Verpflichtung zu unserer gemeinsamen
Zukunft keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wir
schließen die Tür zum 20. Jahrhundert - einem
Jahrhundert, das die Menschheit von ihrer schlimmsten und von ihrer besten Seite gesehen hat. Wir
wollen uns heute hier zur Zusammenarbeit verpflichten, um das neue Jahrhundert zu einer Zeit zu
machen, in der die Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa das Leben aller Menschen auf der Welt
verbessert.
Wir wollen den Geist der Hoffnung und Erneuerung
wiederbeleben, für den die Lebensgeschichte von
Gustaaf Sedee steht. Er hat einen Sohn, Bert, der ein
Bankmanager ist. Heute trägt er dazu bei, das Vermächtnis zu verwirklichen, das sein Vater so bewegend beschrieben hat - denn ebenso wie der Marshallplan die Investitionen tätigte, die zur Wiederankurbelung der Industrie Hollands beitrugen, hilft Bert Sedees
Bank holländischen Unternehmen bei der Finanzierung von Investitionen in Zentral- und Osteuropa.
Ebenso wie das amerikanische Volk den Menschen
seines Heimatlandes die Hand reichte, reichen Bert
Sedee und seine Kollegen den Menschen in Slowenien, Lettland, Bosnien und andernorts die Hand.
Unsere Gedanken sind heute auch bei den jüngsten
Mitgliedern der Familie Sedee - Gustaaf Sedees
Enkelkindern Roeland und Sander, neun Monate und
eineinhalb Jahre alt. Ich frage mich, was sie in 50
Jahren sagen werden. Ich hoffe, daß sie und all die
anderen jungen Leute, die zuhören - diejenigen, die
wissen, was vor sich geht, und diejenigen, die noch zu
jung sind, um es zu verstehen - sagen können, wir
vermachen Euch 50 Jahre Frieden, Freiheit und
Wohlstand. Ich hoffe, daß Sie Ihre Söhne und Töchter
in einem Europa großgezogen haben, dessen Horizonte weiter als seine Grenzen sind. Ich hoffe, Sie werden
Ihren Enkelkindern - deren Gesichter die meisten von
uns nicht mehr sehen werden - sagen, daß diese
Generation sich der Herausforderung gestellt hat,
Gestalter des Friedens zu sein.
Ich hoffe, daß wir alle des Vermächtnisses von George
Marshall gedenken werden und uns eine vielversprechendere Zukunft vorstellen als die Menschen je
erlebt haben.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Die Integration Europas hängt vom
Daytoner Abkommen ab
Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University

CAMBRIDGE - (AD) - "Die friedliche Integration Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen
von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist", erklärte Außenministerin Albright am 5. Juni 1997 bei einer
Abschlußfeier der Harvard University.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Außenministerin.

Vielen Dank, Rektor Pforzheimer.
Gouverneur Weld, Rektor Rudenstine, Rektor Wilson,
verehrte Ehrengäste, liebe Harvard-Gemeinde, Gäste
und Freunde - ich danke Ihnen. Ich freue mich, heute
an diesem besonderen Tag hier sein zu können.
Meine herzlichsten Glückwünsche an den Jahrgang
'97 - Sie haben sich vielleicht verschuldet, aber Sie
haben es geschafft.
Als ehemalige Dozentin und als Mutter gestehe ich
Ihnen, daß ich Abschlußfeiern liebe, insbesondere,
wenn sie mit einem ehrenhalber verliehenen akademischen Grad einhergehen. Ich liebe die Zeremonie,
ich liebe die akademische Umgebung und ich sage
ganz ehrlich, ich liebe es - obwohl es heute für mich
schwierig sein wird - während einer Abschlußrede
meinen Tagträumen nachzuhängen.
Abschlußfeiern sind einzigartige Meilensteine in
unserem Leben, weil sie der bisherigen Leistungen
gedenken und gleichzeitig die Zukunft antizipieren.
Das trifft auf jeden der Absolventen von heute zu. Und
es trifft auf die Vereinigten Staaten zu.
Während der vergangenen Jahre scheinen wir den 50.
Jahrestag von allem möglichen gefeiert zu haben.
Dank der Medien und unserer Erinnerung konnten wir
erneut die Fallschirmtruppen am Himmel über der
Normandie, die Befreiung von Buchenwald, den Kuß
eines Seemanns auf dem Times Square, das Her-

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unterlassen des Eisernen Vorhangs und den Baseballspieler Jackie Robinson beobachten, wie er einen
Punkt machte.
Heute erinnern wir uns an einen anderen Wendepunkt
dieser Ära. Denn heute vor 50 Jahren hielt Außenminister George Marshall eine Rede vor den Absolventen dieser Universität. Er sprach zu einem Jahrgang,
der durch viele bereichert wurde, die für die Freiheit
gekämpft hatten und vieler beraubt wurden, die für die
Freiheit ihr Leben ließen.
Die Worte des Außenministers waren klar. Aber seine
Botschaft erreichte mehr Menschen als das auf diesem
Platz versammelte Publikum - ein amerikanisches
Volk, das des Krieges und neuer Versprechungen
müde war und ein Europa, in dem die lebensnotwendigen Verbindungen zwischen Bauernhof und Markt,
Unternehmen und Kapital, Hoffnung und Zukunft
unterbrochen waren.
Außenminister Marshall schmückte seine Rhetorik
nicht mit hochfliegenden Phrasen und sagte nur, es sei
logisch für Amerika, zur Wiederherstellung "des
normalen wirtschaftlichen Zustands der Welt beizutragen, ohne den es keine politische Stabilität und
keinen gesicherten Frieden geben kann".
Er heftete seinem Plan nicht das Etikett "Made in
America" an, sondern war vielmehr für die Ideen der
Europäer offen und forderte von den europäischen

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�Ländern, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich
selbst zu helfen.
Seine Vision war umfassend und ließ die Tür zur
Beteiligung aller offen, einschließlich der Sowjetunion
und - damit es keine Wiederholung des bestrafenden
Friedensvertrages von Versailles geben würde - auch
für Deutschland.
Der britische Außenminister Ernest Bevin bezeichnete
den Marshallplan als eine "Rettungsleine für ertrinkende Menschen" - und er war es. Mit dieser
Rettungsleine trugen die Vereinigten Staaten zur
Vereinigung von Westeuropa auf der Grundlage
demokratischer Prinzipien bei und säten die Saat der
transatlantischen Partnerschaft, die bald in Form der
NATO und der kooperativen Institutionen eines neuen
Europas gedeihen sollte.
Ebenso wichtig war die amerikanische Führungsrolle,
die der Marshallplan verkörperte. Nach dem Ersten
Weltkrieg hatten sich die Vereinigten Staaten aus der
Welt zurückgezogen, sich der Verantwortung entzogen
und Risiken vermieden. Andere taten dasselbe. Das
Ergebnis im Herzen Europas war das Entstehen eines
großen Übels. Nach der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und den entsetzlichen Greueln des Holocaust war es nicht genug zu sagen, der Feind sei
besiegt und das, was wir bekämpft hatten, sei gescheitert.
Die Generation von Marshall, Truman und Vandenberg
war zum Aufbau eines dauerhaften Friedens entschlossen. Und die Botschaft, die diese Generation
vom Weißen Haus, von beiden Parteien auf dem
Capitol Hill und vom Volk in unserem ganzen Land
übermittelte, das Millionen an Bargeld, Kleidung und
Nahrungsmitteln spendete, lautete, daß sich Amerika
dieses Mal nicht nach innen wenden, sondern eine
Führungsrolle übernehmen würde.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, ist es nicht
genug, wenn wir sagen, der Kommunismus ist gescheitert. Auch wir müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen, Verantwortung und eine Führungsrolle übernehmen.
Weil wir in ein Jahrhundert eintreten, in dem es viele
miteinander verbundene Zentren der Bevölkerung,
Macht und des Wohlstands gibt, können wir unseren
Blickwinkel nicht ausschließlich - wie Marshall es in
seiner Rede tat - auf das zerstörte Schlachtfeld eines
vorangegangenen Krieges konzentrieren. Unsere
Vision muß nicht nur einen, sondern alle Kontinente
einbeziehen.
Im Gegensatz zu Marshalls Generation sehen wir uns
nicht nur einer einzigen akuten Bedrohung gegenüber.
Die Gefahren, denen wir uns stellen, sind weniger
sichtbar und vielfältiger - einige so alt wie ethnische

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Konflikte, einige so neu wie Briefbomben, einige so
schwierig wie der Klimawandel und andere so tödlich
wie Nuklearwaffen, die in die falschen Hände gelangen.
Um uns gegen diese Gefahren zu wappnen, müssen
wir die sich uns jetzt bietende historische Chance
ergreifen, die Welt in einem auf Demokratie, offenen
Märkten, Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu
Frieden gründenden internationalen System zusammenzubringen.
Wir wissen, daß noch nicht jede Nation willens oder in
der Lage ist, ihren Teil in das System einzubringen.
Eine Gruppe befindet sich noch im Übergang von
Planwirtschaft und totalitärer Herrschaft. Eine andere
hat erst mit wirtschaftlichen und politischen Reformen
begonnen. Einige Nationen sind noch zu schwach, um
sich in bedeutsamer Weise zu beteiligen. Und einige
Länder haben Regime, die offen gegen die Prämissen
sind, auf denen dieses System ruht.
Weil die uns heute konfrontierende Situation sich von
der der Generation Marshalls unterscheidet, können
wir nicht immer dieselben Mittel einsetzen. Aber wir
können dieselbe Geisteshaltung bewahren.
Wir können denselben Geist der Überparteilichkeit
anstreben, der Amerika in Marshalls Zeit gestattete,
sowohl den Verbündeten als auch den Gegnern eine
geeinte Front darzubieten.
Wir können die erforderlichen Ressourcen investieren,
um die wirtschaftliche, militärische und diplomatische
Stärke der Vereinigten Staaten zu bewahren in
demselben Bewußtsein wie Marshall, daß diese
jeweiligen Stärken sich gegenseitig untermauern.
Wir können in demselben Wissen handeln, daß in
unserem Zeitalter Sicherheit und Wohlstand der
Vereinigten Staaten an die gesunde wirtschaftliche und
politische Lage im Ausland gebunden sind.
Und während wir die Helden der Geschichte ehren,
können wir uns bewußt machen, daß wir die Pflicht
haben, Autoren der Geschichte zu sein.
Das sollte sich jede Nation eingestehen. Heute bietet
sich allen die Chance, Teil eines auf demokratischen
Prinzipien gegründeten Systems zu sein. Das war vor
50 Jahren nicht der Fall.
Damals wurde dem Chef meines Vaters, Jan Masaryk
- dem Außenminister der damaligen Tschechoslowakei
- von Stalin in Moskau gesagt, sein Land dürfe sich
nicht am Marshallplan beteiligen, obwohl es in seinem
nationalen Interesse läge. Bei seiner Rückkehr nach
Prag erklärte Masaryk, in diesem Augenblick habe er
verstanden, daß er einer Regierung diente, die in
ihrem eigenen Land nicht länger souverän war.

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�Heute gibt es keinen Stalin, der Befehle erteilt. Wenn
jetzt eine Nation von der internationalen Staatengemeinschaft isoliert ist, dann entweder, weil das Land
einfach zu schwach zur Erfüllung der internationalen
Normen ist, oder weil seine Politiker sich absichtlich für
die Mißachtung dieser Normen entschieden haben.
In der vergangenen Woche erklärte Präsident Clinton
in den Niederlanden, daß keine demokratische Nation
in Europa aus der transatlantischen Gemeinschaft
ausgeschlossen würde. Heute sage ich, keine Nation
auf der Welt wird aus dem globalen System ausgeschlossen, das wir aufbauen. Und jede Nation, die
sich beteiligen möchte und alles in ihrer Macht Stehende tut, um sich selbst zu helfen, erhält die Hilfe der
Vereinigten Staaten bei der Suche nach dem richtigen
Weg.

sident Clinton es letzte Woche formulierte, "nicht nur
durch die Macht der Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens".
Wo vor einem halben Jahrhundert die amerikanische
Führungsrolle dazu beitrug, Westeuropa zu Wohlstand
und Demokratie zu verhelfen, hilft heute die gesamte
transatlantische Gemeinschaft Europas den seit
kurzem freien Nationen beim Aufbau ihrer Volkswirtschaften und der Konsolidierung der Rechtsstaatlichkeit.

In Afrika haben Armut, Krankheiten, Unruhe und
schlechte Regierung Millionen Menschen von dem
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist

Im nächsten Monat wird die NATO in Madrid neue
Mitglieder aus den Demokratien Zentral- und Osteuropas einladen und gleichzeitig die Tür der zukünftigen Mitgliedschaft für andere offen halten. Das wird
nicht - wie einige fürchten - eine neue Teilung in
Europa schaffen. Im Gegenteil, es radiert die vor
einem halben Jahrhundert aufgezwungene unfaire und
unnatürliche Trennlinie aus. Und es bietet den
Nationen einen zusätzlichen Anreiz zur Beilegung von

ein an menschlichen und natürlichen

Ressourcen

Gebietsstreitigkeiten, Respektierung von Minderheiten

reicher Kontinent. Und heute führen seine besten
neuen Politiker Reformen durch, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen helfen, Fuß zu
fassen. In Zusammenarbeit mit anderen müssen wir
dieser Entwicklung Auftrieb verleihen, indem wir
unsere Hilfe aufrechterhalten, Investitionen ermutigen,
die Schuldenlast verringern und erfolgreiche Modelle
schaffen, denen andere folgen können.

und Menschenrechten sowie der Vollendung des
Reformprozesses.

In Lateinamerika und der Karibik ist die Integration
sehr viel weiter fortgeschritten. Die Nationen in der
gesamten Hemisphäre erweitern die Wirtschaftsbeziehungen, bekämpfen Verbrechen, arbeiten auf die
Erhöhung des Lebensstandards hin und kooperieren
um sicherzustellen, daß die wirtschaftlichen und
politischen Systeme Bestand haben.
In Asien und dem Pazifik sehen wir eine Region, die
nicht nur dem internationalen System beigetreten,
sondern zu einer treibenden Kraft dahinter geworden
ist - eine Region, die das Zentrum von acht der zehn
am sehne Isten wachsenden Volkswirtschaften der
Welt ist.

Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis ohne territorialen Ehrgeiz. Sie betrachtet keinen Staat als Gegner,
und ganz bestimmt nicht ein demokratisches und
reformfreudiges Rußland, das eine Integration im
Westen anstrebt, mit dem es eine historische Partnerschaft eingegangen ist, die vor nur neun Tagen in
Paris unterzeichnet wurde.
Heute stellen wir von der Ukraine bis zu den Vereinigten Staaten und von Reykjavik bis Ankara unter
Beweis, daß das Streben nach europäischer Sicherheit
kein Nullsummenspiel mehr ist. Die NATO hat neue
Verbündete und Partner. Die Nationen Zentral- und
Osteuropas treten jetzt in der Praxis der Wertegemeinschaft bei, die sie im Geist nie verlassen hatten. Und
das russische Volk bekommt etwas, das es jahrhundertelang nicht hatte - einen echten und dauerhaften Frieden mit den Nationen in seinem Westen.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten arbeiten wir an
der Verringerung der Bedrohung durch das nordkoreanische Nuklearprogramm und haben das Land aufgefordert, seine selbst auferlegte Isolation zu beenden.
Und wir haben China zur Erweiterung seiner Beteiligung an dem internationalen System und zur
Einhaltung internationaler Normen von Menschenrechten bis zum Export von rüstungsbezogenen Technologien ermutigt.

Die Schatten des Kalten Krieges verdunkeln Europa
nicht länger, aber ein Gespenst aus der Vergangenheit
geht noch um. Die Geschichte lehrt uns, daß es
keinen natürlichen geographischen oder politischen
Endpunkt für den Konflikt auf dem Balkan gibt, wo der
Erste Weltkrieg begann und sich in diesem Jahrzehnt
die schlimmsten Gewaltakte Europas der vergangenen 50 Jahre ereigneten. Die friedliche Integration
Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist.

Und schließlich streben wir in Europa die Verwirklichung der von Marshall proklamierten, aber durch den
Kalten Krieg verhinderten Vision an - der Vision eines
ungeteilten und freien Europas, vereinigt, wie Prä-

Als er vor 50 Jahren die kühnen Ideen des Marshallplans verteidigte, äußerte Senator Arthur Vandenberg,
es hätte wenig Sinn, einem in sechs Meter Entfernung
Ertrinkenden eine viereinhalb Meter lange Rettungs-

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�leine zuzuwerfen. Genausowenig können wir in
Bosnien unsere Ziele erreichen, wenn wir nur gerade
genug unternehmen, um einen unmittelbaren Krieg zu
verhindern. Vielmehr müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, um den Menschen in Bosnien bei
der Schaffung eines dauerhaften Friedens zu helfen.
Vor einigen Tagen hat Präsident Clinton Schritten
zugestimmt, den Friedensprozeß unumkehrbar zu
machen und für jede Partei ein deutliches Interesse an
seinem Erfolg zu wecken.
Vergangenes Wochenende bin ich in die Region
gereist, um den Parteien persönlich folgende Botschaft
zu übermitteln: Wenn sie internationale Anerkennung
oder unsere Hilfe wünschen, müssen sie ihre Verpflichtungen erfüllen, einschließlich der umfassenden
Zusammenarbeit mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal.
Das Tribunal ist nicht nur für Bosnien und Ruanda das
Beste, sondern auch für die Welt. Wir können Greueltaten als unvermeidlich hinnehmen oder einen höheren
Standard anstreben. Wir können so tun als ob nur
Gott und die Opfer vergeben können, oder wir können
die eindrucksvollste Lektion dieses Jahrhunderts
beherzigen, daß nämlich Böses - wenn man ihm nichts
entgegensetzt - noch mehr Böses hervorbringt.
Die Mehrheit der Toten in Bosnien starb nicht auf dem
Schlachtfeld, sondern auf den Märkten, Straßen und
Spielplätzen, wo Männer und Frauen wie Sie und ich,
Mädchen und Jungen wie die, die wir kennen, mißbraucht oder ermordet wurden - nicht weil sie etwas
verbrochen hatten, sondern nur aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Wir alle haben ein Interesse daran, zur Abschreckung
weiterer Greueltaten einen Präzedenzfall zu schaffen,
dem Tribunal durch die Unterscheidung zwischen
Unschuldigen und Schuldigen bei der Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu helfen, die ethnischer Säuberungen Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und
diejenigen, die Vergewaltigung lediglich für eine
weitere Kriegstaktik halten, für ihre Verbrechen büßen
zu lassen.
Seit George Marshalls Zeiten spielen die Vereinigten
Staaten eine führende Rolle im internationalen System,
nicht als alleiniger Richter über Gut und Böse, denn
darüber kann keiner allein entscheiden, sondern als
Wegbereiter - als die Nation, die den Weg weisen
kann, wenn andere dazu nicht in der Lage sind.
In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
hat Amerika nicht nur durch den Marshallplan, sondern
auch durch die Trumandoktrin, die Berliner Luftbrücke
und die Antwort auf die kommunistische Aggression in
Korea diese Führungsrolle unter Beweis gestellt.

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In diesem Jahrzehnt war Amerika führend bei der
Niederschlagung von Saddam Hussein, der Ermutigung nuklearer Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der ehemaligen Sowjetunion, der Wiedereinsetzung der gewählten Politiker in Haiti, der Aushandlung des Daytoner Abkommens und der Unterstützung der Friedenswilligen gegenüber den Bombenlegern im Nahen Osten und anderen strategischen
Regionen.
Wir begrüßen diese Führungsrolle, um mit Teddy
Roosevelts Worten zu sprechen, nicht weil wir uns
international überall einmischen möchten, sondern weil
wir aus Erfahrung wissen, daß unsere Interessen und
die unserer Verbündeten von regionalen oder Bürgerkriegen sowie Machtvakuen beeinträchtigt werden
können, die Chancen für Kriminelle und Terroristen
schaffen und die Demokratie bedrohen.
Aber Amerika kann die Arbeit nicht alleine leisten. Wir
können den Weg weisen, aber andere müssen bereit
sein, sich uns anzuschließen und selbst Verantwortung zu übernehmen. Andere müssen bereit sein,
sich uns im Rahmen ihrer eigenen Ressourcen und
Fähigkeiten beim Aufbau einer Welt anzuschließen, in
der gemeinsames Wirtschaftswachstum möglich ist,
gewalttätige Konflikte eingedämmt werden und
diejenigen, die Gesetze befolgen, immer mehr Sicherheit genießen.
Bei meinem Besuch in Sarajevo besuchte ich einen
Spielplatz in einem Gebiet, das früher als "Straße der
Heckenschützen" bezeichnet wurde. Viele Bosnier
wurden dort aufgrund von ethnischem Haß umgebracht. Letztes Wochenende spielten die Kinder dort
jedoch ungeachtet dessen, ob das Kind neben ihnen
Muslim, Serbe oder Kroate ist. Und sie dankten
Amerika für die Hilfe, dank derer ihre Schaukeln
repariert werden konnten, und baten mich, einen Baum
zu pflanzen, den sie zu hegen und pflegen versprachen.
Dabei kam mir der Gedanke, daß dies eine passende
Metapher für die Rolle der Vereinigten Staaten vor 50
Jahren war, als wir die Saat für erneuten Wohlstand
und echte Demokratie in Europa säten. Und auch eine
Metapher für die Rolle Amerikas während der letzten
Jahre dieses Jahrhunderts bis hinein in das nächste.
Durch die ausländischen Studenten, die sie anzieht,
die Forschung, die hier durchgeführt wird, die Kurse,
die sie anbietet und das Feingefühl, das sie übermittelt,
trägt diese großartige Universität der Tatsache Rechnung, daß ihre Absolventen ein globales Leben führen
werden. Sie werden auf einem Weltmarkt konkurrieren, weiter und öfter reisen als alle früheren Generationen, mit ihren Kollegen aus allen Kulturen Ideen,
Vorlieben und Erfahrungen austauschen und erkennen, daß sie sich nach außen öffnen müssen, um eine
erfüllte und lohnenswerte Zukunft zu haben.

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�Während Sie und Ihr Land das tun, müssen wir den
von Marshall gesetzten hohen Standard anstreben,
zeitgemäße Mittel auf der Grundlage von dauerhaften
Werten einsetzen und dürfen nie vergessen, daß
Amerika auf der Seite der Freiheit steht.
Ich sage Ihnen das in meiner Eigenschaft als Außenministerin. Ich sage es auch als einer jener zahllosen
Menschen, deren Leben von den Turbulenzen in
Europa Mitte dieses Jahrhunderts und von der Führungsrolle Amerikas in diesem Jahrhundert beeinflußt
wurde.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich während
des Krieges in England in einem Luftschutzkeller saß,
die Angst mit Singen zu vertreiben suchte und Gott für
die Hilfe der Vereinigten Staaten dankte.
Ich kann mich noch erinnern, wie wir nach dem Krieg
und der Machtergreifung der Kommunisten in Prag hier
in den Vereinigten Staaten ankamen, wo ich nur den
Wunsch hatte, akzeptiert zu werden und wollte, daß
meine Eltern und mein neues Land auf mich stolz sein
können.
Weil meine Eltern rechtzeitig flohen, entkam ich Hitler.
Zu unserem großen und anhaltenden Schmerz gelang
das Millionen Menschen nicht.
Dank der Großzügigkeit Amerikas entkam ich Stalin.
Millionen konnten das nicht.
Aufgrund der Vision der Generation von Truman und
Marshall genoß ich das Privileg, ein Leben in Freiheit
zu führen^ Millionen Menschen hatten nie diese
Chance.
Das mag für diejenigen, die sich nicht an jene Zeit vor
50 Jahren erinnern können, schwer verständlich sein.
Aber Sie rrlüssen versuchen zu verstehen.
Mit den Jahren halten viele den Zweiten Weltkrieg für
den letzten "guten Krieg", denn wenn es je eine
gerechte Sache gegeben hat, dann diese; und wenn
die Zukunft der Menschheit je auf dem Spiel gestanden
hat, dann zu dieser Zeit.
Zwei Generationen von Amerikanern sind seit diesem
Krieg herangewachsen - erst meine, dann Ihre Generation. Zwei Generationen von Jungen und Mädchen,
die die Veteranen bei Picknicks, Paraden und Feuerwerk, salutierend und ordensgeschmückt sehen
konnten. Sie sahen deren Stolz und dachten vielleicht:
"Wie großartig muß das gewesen sein - bei einer
großen Sache auf die Probe gestellt zu werden und
den Sieg davonzutragen."
Aber gerade am heutigen Tag dürfen wir nicht vergessen, daß jede Medaille und jedes Ordensband eine
Geschichte hat - sie erzählen von Heldentaten, aber

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auch von abgrundtiefer Traurigkeit, denn der Zweite
Weltkrieg war kein guter Krieg.
Von Nordafrika bis Salerno, von der Normandie über
die Ardennen bis nach Berlin mußte ein ganzer dem
Faschismus zum Opfer gefallener Kontinent Dorf um
Dorf, Hügel um Hügel zurückgewonnen werden. Und
weiter östlich, von Tarawa bis Okinawa, war der
tödliche Kampf um Asien ein Angriff auf eingegrabene
Stellungen, der nur von unglaublichem Mut zu einem
unerträglich hohen Preis übertroffen wird.
Heute ist die größte Gefahr für Amerika nicht ein
ausländischer Gegner, sondern die Möglichkeit, daß
wir dem Beispiel dieser Generation nicht genug
Beachtung schenken, zulassen, daß die dynamische
Entwicklung zu Demokratie ins Stocken gerät, daß wir
die Institutionen und Prinzipien, auf denen unsere
Freiheit gründet, für selbstverständlich halten und
vergessen, woran uns die Geschichte dieses Jahrhunderts erinnert: Daß Probleme im Ausland allzu oft
auch Amerika heimsuchen, wenn man sich ihnen nicht
stellt.
In einem oder zwei Jahrzehnten werden wir entweder
als die Neoisolationisten bekannt werden, die das
Wiederaufleben von Tyrannei und Gesetzlosigkeit
zuließen, oder als die Generationen, die den globalen
Triumph demokratischer Prinzipien konsolidierten.
Wir werden entweder als die Neoprotektionisten
bekannt, deren Mangel an Vision zum finanziellen Ruin
führte oder als die Generationen, die weltweit die
Grundlagen für wachsenden Wohlstand schufen.
Wir werden entweder als die Zauderer von Weltklasse
bekannt, die dem Säen erneuter globaler Konflikte
tatenlos zuschauten oder als die Generationen, die
entschiedene Maßnahmen ergriffen, um Bündnisse zu
schließen, Aggression abzuschrecken und den
Frieden zu wahren.
Es gibt kein Patentrezept für den Erfolg - weder für
Einzelpersonen, noch für eine Generation. Letztlich ist
es eine Frage des Urteilsvermögens und der eigenen
Entscheidung.
Wenn wir diese Entscheidung treffen, sollten wir uns
daran erinnern, daß es keine Seite im Buch der
amerikanischen Geschichte gibt, auf die wir stolz sind,
die von einem chronischen Nörgler oder Untergangspropheten geschrieben wurde. Wir sind Macher.
Wir haben eine Verpflichtung in unserer Zeit, ebenso
wie andere sie in der ihren hatten, nicht zu Gefangenen der Geschichte zu werden, sondern diese zu
gestalten - die Verpflichtung, die Rolle des Wegbereiters zu übernehmen und zusammen mit anderen
ein globales Netz von Zielen und Gesetzen zu knüpfen, die unsere Bürger schützen, unsere Interessen

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�verteidigen, unsere Werte erhalten und zukünftigen
Generationen ein ebenso stolzes Vermächtnis wie das
hinterlassen, dessen wir heute gedenken.

Dafür werde ich mich mit aller Kraft einsetzen und bitte
Sie, dasselbe zu tun. Nochmals ganz herzlichen
Dank.

* * * * *

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�NATO
11. Juni 1997

Eine neue NATO mit neuen Missionen,
neuen Mitgliedern und neuen Partnern
Rede des Präsidenten in West Point

WEST POINT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 31. Mai 1997 bei der
Militärakademie der Vereinigten Staaten in West Point (New York) gehaltene Rede unwesentlich gekürzt.

Liebe Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs
1997, heute treten Sie der langen Reihe der grauuniformierten Heeressoldaten bei, die sich über zwei
Jahrhunderte treuen Dienstes an Amerika und an der
Freiheit erstreckt, die unser kostbarster Schatz ist.
Von der Verteidigung von Fort Erie im Krieg von 1812
bis zur Schlacht am Antietam, von den Schützengräben der Argonne über Okinawa bis zu Heartbreak
Ridge, dem Mekong Delta und der glühend heißen
Wüste des Golfkriegs haben die Offiziere aus West
Point unserer Nation gedient und für sie Opfer gebracht.
In den vier Jahren seit meiner letzten Rede hier vor
Ihnen haben Ihre Absolventen dazu beigetragen, in
Haiti die Demokratie wiederherzustellen, in Ruanda
Hunderttausende von Menschen vor Völkermord und
Hungersnot zu retten und dem Blutvergießen in
Bosnien ein Ende zu setzen. Während unserer
Geschichte haben die Männer und Frauen aus West
Point uns nie im Stich gelassen, wenn die Pflicht rief.
Und ich spreche im Namen aller Amerikaner, wenn ich
sage: Ich weiß, daß Sie es nie tun werden.
Ich möchte West Point meinen besonderen Dank
aussprechen und insbesondere den Absolventen
dieses Jahrgangs gratulieren, die aus dem Ausland
kommen. Wir heißen Sie hier herzlich willkommen und
sind stolz darauf, daß Sie Teil unserer Tradition des
Militärdienstes geworden sind. Und wir wünschen
Ihnen für die Rückkehr in Ihre Heimat alles Gute. Wir
hoffen, daß auch Sie die Sache der Freiheit voranbringen können, denn das ist im 21. Jahrhundert
unsere gemeinsame Aufgabe.

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Vor zwei Tagen kehrte ich von einer Mission aus
Europa zurück, bei der wir auf eines der stolzesten
Kapitel der amerikanischen Geschichte zurückblickten
und in die Zukunft schauten, die wir für unsere Kinder
und Enkel gestalten möchten. Diese Woche feiern wir
den 50. Jahrestag des Marshallplans, den Winston
Churchill als den uneigennützigsten Akt in der Geschichte bezeichnet hat.
1947 wurden die vom Krieg erschöpften Amerikaner,
die zu Hause ihr Leben weiterführen wollten, von einer
Generation bemerkenswerter Politiker - General
George Marshall, Senator Arthur Vandenberg, Präsident Harry Truman - zur erneuten Übernahme einer
Führungsrolle aufgefordert. Diese führenden Politiker
wußten, daß es keinen dauerhaften Frieden und keine
Sicherheit für ein Amerika geben konnte, das sich
hinter seine Grenzen zurückzog und sich von der Welt
und seinen Pflichten distanzierte. Sie boten die
unerläßliche Führung für die Umsetzung des Marshallplans, die Gründung der NATO und der ersten globalen Finanzinstitutionen. Sie versetzten Amerika und
unsere Verbündeten in die Lage, durch Zusammenarbeit innerhalb von Organisationen die Herausforderungen ihrer Zeit zu bewältigen - einzigartigen
Wohlstand zu schaffen und dem sowjetischen Expansionismus die Stirn zu bieten, bis das Licht der Freiheit
ganz Europa erhellte.
Der zweite Grund für meine Reise war untrennbar mit
dem ersten verbunden. Er bestand darin, in die
Zukunft zu schauen, auf die Möglichkeit, das zu
erreichen, wovon Marshalls Generation nur träumen
konnte - ein erstmals in der Geschichte demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa; und die
Notwendigkeit für Amerika und seine Verbündeten, uns

Seite 1

�erneut zur Bewältigung der Herausforderungen
unserer Zeit zusammenzufinden, um Frieden und
Wohlstand für die nächsten 50 Jahre und danach zu
sichern.

Sicherheit gibt. Ich bin der Ansicht, daß es teilweise
deshalb keine starke Bedrohung gibt, weil die NATO
existiert. Und die Erweiterung wird ihre Stärke noch
vergrößern.

Zur Gestaltung und Sicherung eines neuen, friedlichen, demokratischen und endlich ungeteilten Europas
ist eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen
Mitgliedern und neuen Partnern vonnöten.
Wir
schaffen diese Art von NATO seit drei Jahren mit
neuen Partnern im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden und der ersten Out-of-area-Mission in Bosnien. In Paris unternahmen wir letzte Woche einen
weiteren Riesenschritt, als Rußland eine neue Partnerschaft mit der NATO einging und sich für Kooperation
anstelle von Konfrontation entschied, während beide
Seiten bekräftigten, daß sich die Welt verändert hat.
Die europäische Sicherheit ist nicht länger ein Nullsummenwettbewerb zwischen Rußland und der NATO,
sondern ein gemeinsames Ziel, das wir in Ehren
halten.

Meines Erachtens sollten wir aus vier Gründen neue
Mitglieder in das Bündnis aufnehmen. Erstens wird die
NATO dadurch gestärkt, um die sicherheitspolitischen
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sowie die
Konflikte zu bewältigen, die den Frieden aller bedrohen.

In wenig mehr als einem Monat werde ich mit den
anderen Staats- und Regierungschefs der NATO in
Madrid zusammentreffen und dort die ersten neuen
Demokratien Zentraleuropas zum NATO-Beitritt
einladen - mit Zustimmung des Senats im Jahr 1999,
dem 50. Jahrestag der Gründung des Bündnisses.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die NATO-Erweiterung in unserem nationalen Interesse liegt. Da
sie nicht ohne Kosten und Risiken erfolgen kann,
benötigen wir im Vorfeld unserer Maßnahmen eine
offene, umfassende, nationale Diskussion. Ich möchte
diese Diskussion hier in nicht unbeträchtlichem Maße
fördern, da sie insbesondere für die Absolventen
dieses Jahrgangs von Bedeutung ist. Denn als Hüter
unserer Sicherheit in den kommenden Jahren wird Ihre
Arbeit leichter und sicherer, wenn wir das Richtige tun
- und gefährlicher und weitaus schwieriger, wenn wir
das nicht tun.

Betrachten Sie sich Bosnien: Die Tschechische
Republik, Polen, Rumänien, die baltischen Staaten und
andere zentraleuropäische Nationen leisten bereits
einen Beitrag zur Friedenssicherungsmission in
Bosnien in Form von Truppen und Militärstützpunkten.
Wir Amerikaner hätten ohne die Hilfe Ungarns und
ohne unser Sammellager in Taszar, das ich besucht
habe, unsere Truppen nicht so sicher, reibungslos und
schnell in Bosnien stationieren können. Die neuen
Demokratien, die wir zum Beitritt in die NATO einladen,
sind bereit und in der Lage, einen beträchtlichen Teil
der Verteidigungslast zu tragen, denn sie kennen den
Preis des Verlusts der Freiheit.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung dazu beitragen,
die historischen Errungenschaften der Demokratie in
Europa zu sichern. Die NATO kann für Osteuropa
leisten, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg für
Westeuropa getan hat - ein sicheres Umfeld schaffen,
in dem Freiheit, Demokratie und Wohlstand prosperieren können. Der NATO-Beitritt half Italien, Deutschland und Spanien in der Vergangenheit bei der
Konsolidierung ihrer Demokratien. Jetzt hat die
Öffnung der Türen des Bündnisses die zentraleuropäischen Nationen bereits zur Vertiefung ihrer demokratischen Reformen, Stärkung ziviler Kontrolle über das
Militär und Öffnung ihrer Volkswirtschaften veranlaßt.
Die NATO-Mitgliedschaft und ihre Zukunftsaussichten
werden ihnen das Selbstvertrauen geben, den Kurs zu
halten.

Das Schicksal Europas und die Zukunft Amerikas sind
eng miteinander verbunden. Zweimal in einem halben
Jahrhundert haben Amerikaner zur Verteidigung von

Drittens wird die NATO-Erweiterung mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer Differenzen

Freiheit und Frieden ihr Leben in Weltkriegen geopfert,

ermutigen. Auf der ganzen Welt sehen wir zu unserem

die in Europa ihren Ausgang nahmen. Und wir sind
während des gesamten Kalten Krieges in sehr großer
Zahl in Europa geblieben. Wenn wir jetzt, da wir die
Chance haben, kluge Schritte zur Stärkung unserer
gemeinsamen Sicherheit unternehmen, helfen wir bei
der Gestaltung einer Zukunft ohne die Fehler und
Spaltungen der Vergangenheit und können uns auf die
Bewältigung der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen des neuen Jahrhunderts vorbereiten. Bei
dieser Aufgabe sollte die NATO unser schärfstes
Schwert und unser stärkstes Schutzschild sein.

Entsetzen Menschen, die durch ihren eigenen ethnischen, regionalen und nationalistischen Haß gefangen sind und sich und ihre Kinder aufgrund ihrer
primitiven, destruktiven Impulse des Lebens berauben,
das sie führen könnten.

Manche behaupten, wir brauchten die NATO nicht
mehr, weil es jetzt keine starke Bedrohung unserer

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Als wir 1949 den Nordatlantikvertrag unterzeichneten,
erklärte Präsident Truman, hätte die NATO bereits
1914 oder 1939 existiert, hätte sie die Weltkriege
verhindert, die die Welt auseinanderrissen.
Die
Erfahrung der letzten 50 Jahre untermauert diese
Sichtweise. Die NATO trug zur Versöhnung jahrhundertealter Gegner wie Frankreich und Deutschland
bei, die jetzt enge Freunde und Verbündete sind. Und

AMERIKA DIENST 11

�sie hat über all diese Jahrzehnte hinweg eindeutig die
Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei
verringert. Die bloße Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft hat bereits Länder in Zentraleuropa davon
überzeugt, mehr als ein halbes Dutzend Grenz- und
ethnische Streitigkeiten beizulegen, die alle zu künftigen Konflikten hätten führen können. Das wiederum
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß Sie je wieder
zum Kampf in einem Krieg auf der anderen Seite des
Atlantiks gerufen werden.
Viertens wird die Erweiterung der NATO zusammen
mit der Partnerschaft für den Frieden mit vielen
anderen Nationen und ihrem speziellen Abkommen mit
Rußland sowie der in Kürze zu unterzeichnenden
Partnerschaft mit der Ukraine die von Stalin gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren und Europa in
Sicherheit zusammenbringen und nicht in Instabilität
auseinanderhalten.
Die NATO-Erweiterung bedeutet nicht ein anders
geteiltes Europa. Sie ist Teil des europäischen
Einigungsprozesses.
Die ersten NATO-Mitglieder
sollten nicht ihre letzten sein. Die Türen der NATO
werden für alle offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft willens und in der Lage
sind, und wir müssen weiterhin unsere Partnerschaften
mit Nichtmitgliedern stärken.
Ich möchte Ihnen gegenüber eindeutig klarstellen, daß
diese Vorteile weder kosten- noch risikofrei sind. Die
Vereinigten Staaten werden im nächsten Jahrzehnt
schätzungsweise 200 Millionen Dollar pro Jahr für die
Erweiterung zahlen müssen. Unsere Verbündeten in
Kanada und Westeuropa sind ebenso wie die neuen
Mitglieder der NATO bereit, ihren Beitrag zu leisten.
Und auch wir müssen das Unsrige tun.
Noch wichtiger ist, die Erweiterung erfordert von uns,
daß wir das feierlichste Sicherheitsgelöbnis des
Bündnisses auf die neuen Mitglieder ausdehnen, einen
Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle anzusehen.
Diesem Gelöbnis haben wir durch die Stationierung
unserer Truppen und die Abschreckung mit unseren
Nuklearwaffen stets Glaubwürdigkeit verliehen. In den
kommenden Jahren bedeutet es, daß Sie gebeten
werden könnten, Ihr Leben für ein neues NATOMitglied aufs Spiel zu setzen, ebenso wie Sie heute
aufgefordert werden können, die Freiheit unserer
Verbündeten in Westeuropa zu verteidigen.
Während ich die NATO in den vergangenen drei
Jahren bei der Öffnung ihrer Türen für die neuen
Demokratien Europas leitete, habe ich diese Kosten
sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen.
Ich
gelangte zu der Schlußfolgerung, daß die Vorteile der
Erweiterung - Stärkung der NATO für die Zukunft,
Konsolidierung der Errungenschaften der Demokratie
in Zentraleuropa, Aufbau von Stabilität über den
Atlantik hinweg, die Vereinigung Deutschlands, nicht

AMERIKA DIENST 11

seine Teilung - daß diese Vorteile die Lasten entschieden aufwiegen. Für mich ist die Sache klar: Die
Erweiterung der NATO wird unsere Sicherheit erhöhen. Sie ist richtig. Wir dürfen die Herausforderung
der Geschichte in diesem Augenblick zum Aufbau
eines friedlichen, demokratischen und ungeteilten, mit
uns bei der Bewältigung der neuen Sicherheitsbedrohungen des neuen Jahrhunderts verbündeten
Europas nicht verpassen. Ein Europa, das die Wiederholung der dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts vermeiden und die brillanten Möglichkeiten
des 21. Jahrhunderts verwirklichen wird.
Diese Vision eines neuen Europas ist von zentraler
Bedeutung für unsere umfassendere Sicherheitsstrategie, zu deren Um- und Durchsetzung Sie aufgefordert werden. Unsere Tagesordnung muß jedoch
darüber hinausgehen, weil wir mit unserer gesamten
Macht und unserem Wohlstand in einer Welt leben, in
der unser Einfluß von unserer Erkenntnis abhängt, daß
unsere Zukunft von der anderer Nationen abhängt und
wir mit ihnen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten
müssen, weil wir sehen, daß die uns morgen konfrontierenden Herausforderungen nationale Grenzen
überschreiten werden. Sie werden durch moderne
Technologie, Kommunikation und Reisen noch
vergrößert. Sie müssen von gleichgesinnten Nationen
durch Zusammenarbeit gemeistert werden - unabhängig davon, ob wir über Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder Umweltzerstörung sprechen.
Aus diesem Grund müssen wir fünf andere Ziele
verfolgen. Erstens müssen wir eine Gemeinschaft
asiatisch-pazifischer Nationen aufbauen, die durch die
gemeinsame Verpflichtung zu Stabilität und Wohlstand
verbunden sind. Wir haben in einem halben Jahrhundert drei Kriege in Asien geführt. Die Stabilität
Asiens beeinflußt unseren Frieden, und das explosionsartige Wachstum Asiens beeinflußt unseren
Wohlstand. Deshalb haben wir unsere Sicherheitsverbindungen zu Japan und Korea verstärkt, deshalb
kommen wir jetzt jedes Jahr mit den Staats- und
Regierungschefs der asiatisch-pazifischen Region
zusammen, und deshalb müssen wir mit China
zusammenarbeiten und dürfen uns nicht von China
isolieren.
Eine die Zukunft Ihrer Generation von Amerikanern
bestimmende große Frage lautet, wie China seine
eigene Größe als Nation definiert. Wir haben mit
China zusammengearbeitet, weil es unseres Erachtens wichtig ist, in einer Art zu kooperieren, die die
Definition dieser großartigen Nation in positiver, nicht
negativer Weise beeinflußt. Wir müssen zur Aufrechterhaltung normaler Handelsbeziehungen nicht
bei allen Fragen mit China übereinstimmen, aber wir
benötigen normale Handelsbeziehungen, um die
Chance zu haben, allmählich Einigung mit China bei

Seite 3

�Fragen von elementarer Bedeutung für die Vereinigten
Staaten und die Welt zu erzielen.
Zweitens bauen wir auf der ganzen Welt Koalitionen
auf, um diese neuen Sicherheitsbedrohungen in Angriff
zu nehmen, die keine Grenzen kennen: Weiterverbreitung von Waffen, Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung. Wir müssen eine Führungsrolle bei
der Erarbeitung globaler Arrangements übernehmen,
die uns die Instrumente zur Bewältigung dieser
gemeinsamen Bedrohungen an die Hand geben: Die
Chemiewaffenkonvention, den Nichtverbreitungsvertrag, den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und unsere Bestrebungen mit Rußland zur
weiteren Verringerung der Nuklearwaffen.
Unsere größte Aufgabe besteht jetzt darin, solche
Arrangements auch für die Bekämpfung von Terrorismus, Drogenhändlern und organisiertem Verbrechen
zu vereinbaren. In drei Wochen werde ich den Gipfel
der acht führenden Industrienationen dazu nutzen,
diese Tagesordnung voranzubringen.
Drittens müssen wir ein offenes Handelssystem
aufbauen. Unsere Sicherheit ist mit dem Interesse
verbunden, das andere Nationen daran haben, frei und
offen zu bleiben sowie mit anderen zusammen, nicht
gegen sie zu arbeiten. Aufgrund der von uns ausgehandelten Handelsvereinbarungen haben wir nicht
zuletzt unsere Position als Exporteur Nummer eins der
Welt wiedererlangt und unseren Einfluß in einer Weise
verbessert, die gut für unsere Sicherheit ist. Um diese
Fortschritte fortzusetzen, müssen wir die Befugnis zum
Abschluß kluger, neuer Marktöffnungsabkommen
haben, die jeder Präsident seit 20 Jahren hatte.
Einige unserer Mitbürger glauben, der Präsident
benötige diese Befugnis nicht länger. Sie glauben, die
globale Wirtschaft stelle irgendwie eine Bedrohung für
uns dar. Meiner Ansicht nach ist es jedoch offensichtlich, daß die Amerikaner nicht nur das stärkste und
beste Militär, sondern auch die beste Volkswirtschaft
der Welt haben - das amerikanische Volk kann jeden
Konkurrenten in den Schatten stellen, wenn es eine
faire Chance hat.

Viertens müssen wir zu unserer Rolle als entscheidende Kraft für Frieden stehen. Sie können und sollten
nicht überall hingehen. Aber wenn unsere Werte und
Interessen auf dem Spiel stehen, ist unsere Mission
kristallklar und möglich - Amerika sollte Seite an Seite
mit seinen Verbündeten auf der Welt stehen, die
Frieden bringen und ein Gemetzel verhindern. Vom
Nahen Osten bis Bosnien, von Haiti bis Nordirland
haben wir zusammengearbeitet, um Konflikte einzudämmen, Frieden zu unterstützen und den Kindern
eine vielversprechendere Zukunft zu geben, und es hat
unsere Sicherheit verbessert.
Wir haben die Instrumente für diese Arbeit: Das
mächtigste und am besten ausgebildete Militär der
Welt und eine vollständig finanzierte Diplomatie zur
Minimierung der Chancen, daß militärische Macht
notwendig wird.
Der von uns gerade abgeschlossene langfristige
Verteidigungsplan wird unsere Bereitschaft, Fähigkeiten und unseren technologischen Vorsprung
verbessern. In einer Welt andauernder Gefahren
müssen und werden Sie in der Lage sein, die Konflikte
der Zukunft zu beherrschen wie Sie es auf den
Schlachtfeldern der Vergangenheit getan haben.
Vor 55 Jahren, in den ersten Tagen des Zweiten
Weltkriegs, sprach der Mann, den wir in dieser Woche
ehrten - General George Marshall - hier bei Ihrer
Abschlußfeier über die Notwendigkeit, unsere Nation
für die schwere Prüfung des Krieges zu organisieren.
Er erklärte, wir seien entschlossen, daß unsere Flagge
einerseits als ein Symbol der Freiheit und andererseits
als Symbol überwältigender Macht anerkannt wird,
bevor die Sonne über diesem schrecklichen Kampf
untergeht.
Heute weht unsere Flagge der Freiheit und Macht
höher als je zuvor, aber weil unsere Nation auf der
Höhe ihrer Macht ist, befindet sie sich auch auf der
Höhe ihrer Verantwortung. Während Sie unsere
Flagge in dieses neue Zeitalter tragen, müssen wir uns
daher organisieren, um den Herausforderungen der
nächsten 50 Jahre zu begegnen.

Hierbei geht es aber um mehr als nur Geld und
Arbeitsplätze. Es geht um die Sicherheit. Die Welt
und insbesondere die demokratischen Nachbarn in
unserem Süden blicken auf uns. Wenn wir keine
wirtschaftlichen Brücken zu ihnen aufbauen, wird es
ein anderer tun. Wir müssen klarstellen, daß die
Vereinigten Staaten freie Menschen und fairen,
offenen Handel unterstützen.

*

Seite 4

Wir müssen den

Frieden für ein bald anbrechendes neues und besseres Jahrhundert gestalten, so daß Sie Ihren Kindern
und Enkelkindern das Amerika und die Welt geben
können, die sie verdienen.
Gott schütze Sie, und Gott schütze Amerika.

*

AMERIKA DIENST 11

�NATO
11. Juni 1997

Grundakte bedeutet Aufgabe der
Selbstisolierung Rußlands
Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Albright beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats am 29. Mai 1997 in Sintra gehaltene Rede.

Herr Generalsekretär, Herr Ehrenpräsident, verehrte
Kollegen. Es ist mir eine Ehre, die Vereinigten Staaten
bei dieser Sitzung des Nordatlantikrats vertreten zu
dürfen.
In den vergangenen Monaten - und insbesondere
während der letzten beiden Wochen - haben wir harte
Arbeit geleistet, die historische Ergebnisse hervorbrachte.
Im Januar bin ich in Brüssel zum ersten Mal mit Ihnen
zusammengekommen und habe versprochen, daß die
Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende zur
Verwirklichung unserer gemeinsamen Vision einer
neuen NATO tun werden. Heute fügen sich alle
Elemente dieser Vision zu einem Ganzen zusammen.
Wir sind bereit für Madrid, und die NATO ist bereit für
die Herausforderungen eines neuen Jahrhunderts.
Wir haben neue Beziehungen zu einem demokratischen Rußland hergestellt. Hier in Sintra werden wir
eine Charta zwischen der NATO und der Ukraine
paraphieren. Wir werden die Partnerschaft für den
Frieden weiter stärken. Wir werden den euroatlantischen Partnerschaftsrat ins Leben rufen. Wir werden
uns auf ein historisches Gipfeltreffen vorbereiten, bei
dem wir neue Partner einladen, dem Bündnis beizutreten.
In den nächsten 40 Tagen werden wir uns auf die
Einzelheiten des Prozesses, Protokolls und der
Planung für den Gipfel konzentrieren. Wir sollten
jedoch unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Das Ziel ist, zum ersten Mal eine friedliche, freie und
ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen

AMERIKA DIENST 11

sowie den Frieden und Wohlstand nach Osten auszudehnen, den Westeuropa seit 50 Jahren genießt. Auf
diese Art und Weise werden wir den Sieg der Freiheit
über die alten Trennlinien Europas sicherstellen. Wir
werden starke neue Partner für Sicherheit und Handel
gewinnen. Und wir werden die Wahrscheinlichkeit
verringern, daß unsere Streitkräfte je zum Kampf auf
dem Boden dieses Kontinents gerufen werden.
Wenn wir in die Zukunft blicken, hoffe ich, daß wir uns
auch einen Augenblick lang an die Geschichte erinnern, die Europa und Amerika jetzt feiern. Nächste
Woche vor genau 50 Jahren schlug George Marshall
den Wiederaufbau dieses Kontinents nach dem Krieg
vor. Das Unternehmen markierte die Geburt der
modernen transatlantischen Partnerschaft.
Wie
Premierminister Kok und Präsident Clinton uns so
eloquent in ihren gestrigen Reden in Den Haag
erinnerten, inspiriert er heute unsere Vision von
Europa.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß der Marshallplan sehr viel mehr war als das Bestreben, den durch
den Zweiten Weltkrieg verursachten physischen
Schaden zu beheben. Sein dauerhaftestes Vermächtnis ist heute nicht so sehr in den Stahlwerken, Eisenbahnschienen und Ländereien unserer reich ausgestatteten Gemeinschaft zu sehen, sondern in den
Institutionen, die Jahrhunderte europäischer Konflikte
überdauerten, über alte Denkweisen hinausgingen und
die Grundlage der westeuropäischen und transatlantischen Einheit bildeten.
Mit seiner Vision eines ungeteilten und freien Kontinents sollte der Marshallplan nicht das alte Europa

Seite 1

�wiederaufbauen.
aufbauen.

Er sollte ein völlig neues Europa

Unbeendet, weil 50 Jahre lang die östlichen Grenzen
der europäischen Integration nicht durch die Entscheidung freier Menschen oder die Interessen freier
Nationen bestimmt wurden, sondern durch die westlichen Grenzen des Vormarsches der Roten Armee im
Jahr 1945.

Rußland hat die Selbstisolierung abgelehnt. Es hat
beschlossen, sich an der europäischen Sicherheitszusammenarbeit zu beteiligen und von ihr zu profitieren während das Land seine Volkswirtschaft und
Gesellschaft in die Europas und der Welt eingliedert.
Die Grundakte ist das sicherste Zeichen, daß Rußland
seine Stärke, Sicherheit und die Beziehungen zu
seinen Nachbarn in einer neuen Weise definieren wird.
Rußland hat erkannt, daß Europa nicht in gegnerische
Blöcke geteilt sein sollte, die durch Pufferzonen
ausgeschlossener Staaten getrennt gehalten werden
müssen.

Vor zwei Tagen haben wir in Paris historische Schritte
über diese unnatürliche Trennlinie getan, als unsere
Staats- und Regierungschefs zusammen mit Präsident
Jelzin die Grundakte über die neuen Beziehungen der
NATO zu Rußland unterzeichneten.

Die Grundakte bedeutet nicht, daß Rußland die NATOErweiterung in irgendeiner Weise befürwortet - und
das haben wir auch nicht angestrebt. Wir wissen, daß
es Zeit erfordert, bis das Vertrauen in unseren Beziehungen den Prozeß des Wandels einholt.

Die NATO und Rußland hätten diesen Punkt nicht
erreicht, wenn es nicht in unserem gemeinsamen
Interesse gelegen hätte. Aber genausowenig würde
es ohne das Geschick von Generalsekretär Solana
eine Grundakte geben. Herr Generalsekretär, ich
gratuliere Ihnen zu einer bemerkenswerten Leistung.
Sie haben diesem Bündnis und unserer gemeinsamen
Zukunft außergewöhnlich gute Dienste geleistet.

Wir haben jedoch bereits demonstriert, daß unser
Streben nach Sicherheit in Europa, wie es Präsident
Clinton in Paris formulierte, "nicht ein Nullsummenspiel
ist, bei dem der Gewinn der NATO der Verlust Rußlands und Rußlands Stärke die Schwäche unseres
Bündnisses ist". Die NATO wird bald neue Verbündete
und stärkere Partner haben. Und das russische Volk
wird etwas haben, das es seit Jahrhunderten nicht
hatte: Einen echten, tragfähigen Frieden mit den
Nationen in seinem Westen.

Wir unternehmen Schritte, um die noch unbeendete
Arbeit heute zu erledigen.

Die Herausforderung für uns - und Rußland - besteht
jetzt darin, das Versprechen der Partnerschaft in eine
alltägliche Realität umzusetzen, indem wir der in der
Grundakte enthaltenen Tagesordnung und den
Mechanismen Leben einhauchen.
Lassen Sie uns kurz überdenken, was das bedeutet.
Es bedeutet, daß wir unser Ziel der Zusammenarbeit
mit Rußland ohne Veränderung der Kernfunktion der
NATO - der kollektiven Verteidigung - oder ihrer
anderen Qualitäten voranbringen, die sie zum erfolgreichsten Bündnis der Geschichte gemacht haben. Es
bedeutet, daß die praktische Zusammenarbeit der
russischen Streitkräfte mit den NATO-Truppen in
Bosnien sowie mit den NATO-Planern in Brüssel und
im Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in
Europa (SHAPE) als Gewohnheit angesehen wird. Es
bedeutet, daß wir zusammen mit Rußland handeln
können, wenn sich unsere Interessen decken und
offen und konstruktiv reden, wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben.
Aber es gibt noch etwas Wichtigeres.
Mit der Unterzeichnung der Grundakte haben Präsident Jelzin und Rußland eine so grundlegende
Entscheidung getroffen wie die Entscheidung für
Demokratie und freie Märkte, die das russische Volk
im Jahr 1991 fällte.

Seite 2

All dies geschah, weil die NATO vor drei Jahren ihre
eigene Entscheidung traf. Wir kleideten diese Entscheidung in eine einfache Frage. Würde unser
Bündnis für immer als eine Organisation von Ländern
bekannt sein, die sich einst gegen ein bedrohliches
Imperium gestellt hatten, das nicht mehr existiert?
Oder würde es als eine Organisation fähiger Demokratien bekannt sein, die sich zur Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft zusammengeschlossen
hatten?
Wir entschieden, wenn die zweite Antwort die richtige
war, dann würden die Missionen der NATO und die
Zahl ihrer Mitglieder wie während des Kalten Krieges
nicht ausreichen. Die NATO mußte ihre inneren
Strukturen anpassen und für neue Mitglieder offen
sein, die in der Lage sind, einen Beitrag erster Klasse
zu leisten.
Bei der inneren Anpassung haben wir große Fortschritte erzielt. Wir schaffen die Mittel, um bündnisintern statt getrennt von der NATO eine europäische
Sicherheits- und Verteidigungsidentität aufzubauen.
Wir setzen das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos um. Wir werden zur Verabschiedung der
wesentlichen Elemente einer neuen Kommandostruktur in Madrid bereit sein. Unsere europäischen
Verbündeten haben jetzt eine Chance, diese Möglichkeiten zu nutzen. Wir hoffen, daß sie es tun werden.

AMERIKA DIENST 11

�Die Partnerschaft für den Frieden gewinnt ebenfalls an
Bedeutung. Wir haben drei Jahre lang hart daran
gearbeitet.
Wir haben Dutzende von Übungen,
Hunderte von Austauschprogrammen durchgeführt.
Und unsere Partner haben hervorragend reagiert. Die
Erweiterungen, denen wir heute zustimmen, werden
bedeuten, daß sie mehr tun können als nur bei von der
NATO geleiteten Operationen zu üben und sich daran
zu beteiligen. Sie werden eine aktive Rolle bei der
Planung der Missionen spielen können, die wir gemeinsam unternehmen.
Wir erfüllen auch unsere Verpflichtung zur Stärkung
unserer Partnerschaft mit der Ukraine. Die von uns
heute paraphierte Charta, die unsere Staats- und
Regierungschefs in Madrid unterzeichnen werden,
trägt der entscheidenden Rolle der Ukraine für die
Zukunft Europas Rechnung. Sie spiegelt unsere
Verpflichtung zur Unterstützung der Souveränität und
Unabhängigkeit einer demokratischen Ukraine und die
Verpflichtung der Ukraine zur Integration in Europa
wider.
Morgen werden alle unsere Partner gemeinsam mit
uns am ersten Treffen des neuen euroatlantischen
Partnerschaftsrats teilnehmen.
Der EAPR bietet
sowohl den Verbündeten als auch den Partnern etwas,
das uns noch fehlt. Er bietet unseren Partnern einen
Platz am Tisch, wenn wir die Zukunft unserer Zusammenarbeit gestalten. Und er bietet uns einen
offiziellen politischen Dialog mit einer Gruppe von
Nationen, die noch enger mit der NATO kooperieren
werden - bei genau den Herausforderungen, mit denen
wir uns in Zukunft am ehesten konfrontiert sehen.
Diese Schritte werden zu der Gewährleistung beitragen, daß der Bereich der Belange der NATO immer
größer sein wird als der Bereich ihrer Mitglieder.
Zusammen mit den von unseren Partnern unternommenen Schritten zur Beilegung ihrer Differenzen
können sie sicherstellen, daß die Regionen Europas
auf der Landkarte nie wieder rot, blau - oder grau markiert sein werden.
Es erübrigt sich jedoch zu sagen, daß immer noch
viele Herausforderungen vor uns liegen.
Von jetzt bis zum Gipfeltreffen in Madrid sollten wir
wenn möglich in Wien Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Rahmenabkommen erzielen, das die
Grundelemente eines angepaßten Vertrags über
konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) enthält.
Die uns leitenden Prinzipien sind klar. Erstens dürfen
wir keine Schritte unternehmen, die die Fähigkeit der
NATO zur Erfüllung ihrer künftigen Verpflichtungen
unterminieren, ihre politische Evolution beeinträchtigen
und zukünftige Mitglieder zu einem Status zweiter
Klasse verurteilen würden. Zweitens muß jedes KSEAbkommen nicht nur den Interessen der 16 NATO-

AMERIKA DIENST 11

Verbündeten oder eines einzelnen Landes Rechnung
tragen, sondern denen aller 30 KSE-Staaten.
Beim Gipfel selbst werden unsere Staats- und Regierungschefs natürlich einige unserer Partner zur
Aufnahme der Beitrittsgespräche einladen. Die NATOErweiterung wird vielen Zwecken dienen. Es gibt
jedoch zwei grundlegende Ziele, die wir berücksichtigen müssen, wenn wir die Entscheidungen über die
Größe und Zusammensetzung der ersten Runde von
jetzt bis Madrid treffen.
Erstens wollen wir die NATO stärker und geschlossener machen, indem wir neue Mitglieder hinzufügen, die
zu einem Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheit
bereit und in der Lage sind. Wir möchten, daß die
erste Runde der Erweiterung als ein solider Erfolg
unter diesen Bedingungen angesehen wird und durch
eine starke Mehrheit in den Parlamenten und der
Öffentlichkeit unterstützt wird.
Zweitens möchten wir den Nationen Zentral- und
Osteuropas einen Anreiz zur richtigen Entscheidung
über ihre Zukunft bieten. Wir möchten sie zur Beilegung ihrer alten Streitigkeiten, Konsolidierung von
Demokratie sowie Respektierung der Menschenrechte
und internationalen Normen ermutigen. Genau das hat
die Aussicht auf Erweiterung bisher getan.
Diese beiden Ziele stellen uns vor eine doppelte
Herausforderung.
Erstens müssen wir weiterhin insistieren, daß die
Kandidaten für eine NATO-Mitgliedschaft möglichst
hohen Standards entsprechen, bevor sie zum Beitritt
eingeladen werden. Das Bündnis sollte nur jene
neuen Demokratien aufnehmen, die eindeutig die
höchsten Reformhindernisse überwunden und unter
Beweis gestellt haben, daß sie alle mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten erfüllen können.
Die NATO-Erweiterung ist kein Förderprogramm. Das
würde unser Bündnis schwächen, unsere Parlamente
in Alarmbereitschaft versetzen und unseren Plan
vereiteln, im Osten weitere Reformen zu ermutigen
und die Versöhnung zu fördern.
Ein zweiter und ebenso wichtiger Punkt: Wir müssen in
Madrid eine klare und glaubwürdige Verpflichtung
gegenüber den Nationen eingehen, die für eine
Mitgliedschaft noch nicht bereit sind. Wir müssen
zusagen, daß die ersten neuen Mitglieder nicht die
letzten sein werden und keine europäische Demokratie
aufgrund ihrer geographischen Lage ausgeschlossen
wird.
Die Nationen Europas, die sich noch um die Überwindung des Vermächtnisses von Diktatur und Konflikten bemühen und sich die NATO-Mitgliedschaft zum
Ziel gesetzt haben, müssen wissen, daß wir ihre

Seite 3

�Bestrebungen begrüßen. Sie müssen sicher gehen
können, daß vor der von uns versprochenen offenen
Türe keine unsichtbare Schranke steht. Sie benötigen
die Zuversicht, daß das Versprechen der Integration in
Europa real ist und am Ende des Tunnels der Reformen ein helles Licht brennt.
Stellen Sie sich bitte einmal vor, was geschehen
würde, wenn wir den bevorstehenden Gipfel als erste
und letzte Chance für einen NATO-Beitritt deklarieren
würden, als einmaliges Ereignis wie die Ankunft des
Kometen Hale-Bopp. Das würde in Madrid zu einem
wahnsinnigen Streit um eine Aufnahme ins Bündnis
und großer Enttäuschung unter denjenigen führen, die
außen vor bleiben.
Das wäre ein Rückschlag für all unsere Bestrebungen
zur Stärkung der Zusammenarbeit des Bündnisses mit
Nichtmitgliedsländern. Es würde alle positiven Anreize
unterminieren, die die Aussicht auf Kooperation und
letztlich eine NATO-Mitgliedschaft geben - auch auf
dem Balkan. Die dauerhaft Ausgeschlossenen würden
sich gegenseitig fürchten und könnten nicht auf uns
zählen. Dadurch würden sie in Versuchung geraten,
Sicherheit mit anderen Mitteln anzustreben, einschließlich eines Rüstungswettlaufs und anderer
destabilisierender Verhaltensweisen.
Wir können keinem Land versprechen, daß es eines
Tages der NATO beitritt. Wir können jedoch ein
Verfahren anbieten, das den von uns eingegangenen
Verpflichtungen Substanz verleiht und den beitrittswilligen Nationen zeigt, was sie tun und welche Veränderungen sie durchführen müssen, um eine Mitgliedschaft zu ermöglichen.
Mit anderen Worten: Ein Europa ohne Teilungen ist
kein Europa ohne Unterschiede. Diese Unterschiede
müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und
Gegebenheiten, nicht auf alter Geschichte oder
Geographie basieren.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß die NATO nach dem Gipfeltreffen in Madrid eine
neue Phase des Dialogs mit den beitrittswilligen
Ländern einleitet. Ein solcher Dialog wäre das deutlichste Anzeichen für die Erweiterungspläne der NATO
in den kommenden Jahren. Es wäre die wesentliche
Ergänzung zu unserer Entscheidung über die Frage,
wer aufgenommen wird.
Dieser Prozeß sollte genau verdeutlichen, was in
militärischer Hinsicht die Umsetzung unserer Verpflichtungen gemäß Artikel V und in politischer Hinsicht
die Vollmitgliedschaft in der NATO bedeutet, damit die
Kandidaten den Unterschied zwischen dem Status als
Partner und als Mitglied sehen.
Es geht nicht darum, bei unseren Partnern Hoffnungen
zu wecken, sondern sie zu konstruktiver Zusammen-

Seite 4

arbeit und Fortschritten zu veranlassen. Es geht nicht
darum, den Erweiterungsprozeß zu beschleunigen,
sondern ihn so zu gestalten, daß Effektivität und
Zusammenhalt des Bündnisses gewahrt werden.
Wir alle müssen beim Aufbau einer neuen und erweiterten NATO eine letzte Herausforderung bewältigen: Die Ratifizierung der Aufnahme neuer Mitglieder
durch unsere Parlamente. Das stellt für Präsident
Clinton und mich im kommenden Jahr die wichtigste
Aufgabe dar.
Wir können Verschiedenes unternehmen, um sie zu
vereinfachen.
Wir müssen unsere Gesetzgeber in den Prozeß
einbeziehen und sie bei allen Fragen konsultieren, die
wir diskutieren. Ich freue mich, daß uns eine Delegation von amerikanischen Kongreßabgeordneten unter
Leitung von Senator William Roth - dem Präsidenten
der Nordatlantischen Versammlung - nach Madrid
begleitet.
Wir dürfen auch nichts unternehmen, das darauf
hindeutet, daß wir den Ausgang des Verfahrens in der
Legislative für selbstverständlich halten. Nach Madrid
und insbesondere nach dem Abschluß der Beitrittsprotokolle will die NATO ihre Beziehungen zu den
potentiellen Mitgliedern weiterentwickeln. Das beinhaltet vollständige Transparenz hinsichtlich der Vorgehensweise des Gemeinsamen Rats der NATO und
Rußlands sowie der Arrangements zur Erleichterung
des Übergangs zur Mitgliedschaft. Wir sollten diesen
Nationen jedoch keinen offiziellen Status verleihen, der
die Ratifizierung präjudizieren und möglicherweise
gefährden würde.
Und schließlich müssen wir hinsichtlich der Kosten der
Erweiterung offen und ehrlich sein. Wir alle - alte und
neue Bündnismitglieder gleichermaßen - müssen unter
Beweis stellen, daß wir zur Übernahme unseres
Lastenanteils bereit sind, um die Glaubwürdigkeit der
wichtigsten Aufgabe der NATO - der kollektiven
Verteidigung - zu bewahren.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich noch ein
anderes Thema ansprechen, das für den Erfolg
unseres Bündnisses und unserer Vision von einem
geeinten, demokratischen Europa von elementarer
Bedeutung ist.
Bosnien erinnert uns daran, daß unsere Strategie der
Integration in Europa nur ein Mittel zum Zweck ist.
Was wir gemeinsam tun, ist viel wichtiger als die
Frage, wie wir zusammenkommen.
Unsere anfänglichen Sicherheitsziele in Bosnien sind
erreicht worden. Wir haben die Kämpfe beendet, die
Truppen entflochten und das Vertrauen verbessert.
Die landesweiten Wahlen waren erfolgreich. Es

AMERIKA DIENST 11

�wurden gemeinsame Institutionen ins Leben gerufen.
Der Wiederaufbau hat begonnen und die Wirtschaft
wächst wieder.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht zu
sagen, daß der Krieg vorüber ist. Es bleibt noch zu
viel zu tun. Zu wenige führende Politiker der Region
haben sich echter politischer und sozialer Integration
verschrieben.
Die SFOR hat nur noch ein Jahr vor sich. Wir sollten
nicht vergessen, daß ihre Aufgabe während dieses
Zeitraums nicht in der Bewahrung der Leistungen der
IFOR besteht, sondern in deren Fortsetzung. Unsere
Arbeit kann nicht als Erfolg gewertet werden, wenn wir
lediglich den Status quo sichern; wir müssen ihn
verbessern. Unser Ziel besteht darin zu gewährleisten, daß unsere Truppen Bosnien ohne die Angst
verlassen können, unsere Interessen bedrohende
neue Gewalt könnte sie eines Tages zur Rückkehr
zwingen.
Das setzt gleichzeitige Fortschritte an allen Fronten diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Front voraus. Beispielsweise konzentriert sich die SFOR
zwar weiterhin hauptsächlich auf die Implementierung
der militärischen Aspekte des Daytoner Abkommens,
muß aber auch im Rahmen ihrer Mandate und Fähigkeiten die wesentlichen zivilen Implementierungsaufgaben unterstützen. Sie muß zur Schaffung eines
sicheren Umfelds für die geregelte Rückkehr der
Flüchtlinge, den Einsatz gewählter Beamter in bestimmten Zielgebieten sowie für Wiederaufbauprojekte
- beispielsweise die zivile Luftfahrt und die Wiederherstellung der Kommunikation zwischen den Gebietskörperschaften - beitragen.
Wenn die Parteien ihren Rüstungskontrollverpflichtungen nicht nachkommen, hat der Befehlshaber der
SFOR auch die Option, Bewegungen und Ausbildung
des Militärs zu beschränken.
Die vollständige Einhaltung muß auf jedem Gebiet
unser Ziel sein. Und auch wenn dieses Ziel nicht mit
Gewalt durchgesetzt werden kann, werden wir denjenigen, die sich ihm widersetzen, unsere Hilfe verweigern. Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten
Landes beiträgt, das den Menschen hilft, die zum
Erfolg des Daytoner Abkommens beitragen.
Das beinhaltet die uneingeschränkte Befolgung der
Anordnungen des Kriegsverbrechertribunals. Aus die-

*

AMERIKA DIENST 11

sem Grund bin ich zuversichtlich, daß für die Greueltaten, von denen Bosnien vier Jahre lang heimgesucht
wurde, ein Preis gezahlt wird. Bis er von denen
bezahlt wird, die diese Verbrechen begingen, wird er
von denjenigen gezahlt, die den Verbrechern Schutz
gewähren.
Wir werden das Unsrige tun, um den Menschen im
ehemaligen Jugoslawien die Ziele von Dayton verständlich zu machen. Wir möchten Südosteuropa zu
einem Teil der europäischen Hauptströmung machen.
Wir möchten, daß ein friedliches, geeintes Bosnien
seinen Platz in einem friedlichen, geeinten Europa
einnimmt. Und ich bin überzeugt, daß das eines
Tages der Fall sein wird.
Ich weiß, daß zur Zeit gerne behauptet wird, die
Euphorie, die ganz Europa 1989 erfaßte, sei naiv
gewesen und unsere Ziele seien bescheidener
geworden.
Wenn wir jedoch realistisch hinsichtlich des ruinösen
Vermächtnisses der Teilung Europas im Kalten Krieg
sind, haben wir allen Grund, uns über die bei ihrer
Überwindung gemachten Fortschritte zu freuen.
Die transatlantische Partnerschaft ist stark und für die
Bewältigung neuer Herausforderungen gerüstet.
Unsere europäischen Partner stärken ihre internen
Bande und beziehen den Osten ein. Wirkliche Freiheit
mit all ihren realen Unzulänglichkeiten hat in fast ganz
Zentraleuropa und der ehemaligen Sowjetunion Fuß
gefaßt.
Heute wollen die Menschen in praktisch jeder europäischen Nation - von der aufstrebenden Mittelschicht in
Estland und Polen über die jungen Demonstranten für
die Freiheit in Bulgarien und Serbien - Teil der zu
schaffenden Gemeinschaft sein. Und wir sind bereit,
sie willkommen zu heißen.
Meines Erachtens wird sich der Optimismus des
Jahres 1997 als bedeutungsvoller und dauerhafter
erweisen als die Begeisterung von 1989. Denn er
beruht nicht auf flüchtigen Hoffnungen, sondern auf
soliden Errungenschaften.
Es ist für mich ein großes Privileg, in den kommenden
Monaten und Jahren mit Ihnen an der Konsolidierung
dieser Errungenschaften zusammenzuarbeiten. Ich
freue mich über diese Chance und auf das Wiedersehen mit Ihnen allen in Madrid.

* * *

*

Seite 5

�EAPR
11.Juni 1997

Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft
Rede der Außenministerin beim EAPR

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Albright anläßlich der Gründung
des Euroatlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) am 30. Mai 1997.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen. Wir kommen
heute hier zusammen, um einen weiteren Schritt zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnerländern zu unternehmen. Wir beenden
die Arbeit des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und gründen den Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR).
Ich möchte einige Worte darüber sagen, wie wir an
diesem Punkt angelangt sind und wohin wir meines
Erachtens von hier gehen sollten.
Vor sechs Jahren, als der NAKR gegründet wurde,
waren die Überreste der Berliner Mauer noch sichtbar
und freie Institutionen begannen gerade erst, im Osten
Fuß zu fassen. Alle stimmten überein, daß etwas
getan werden mußte, um das ungeteilte Deutschland
zusammenzubringen.
Aber nicht alle stimmten
überein, was getan werden sollte.
Einige glaubten, daß in der Welt nach dem Kalten
Krieg alle Institutionen, an die wir uns gewöhnt hatten,
abgeschafft würden. Die NATO würde den Weg des
Warschauer Pakts gehen und aussterben, und wir
würden Hand in Hand in ein gemeinsames europäisches Haus gehen - eine Gemeinschaft, die alle
einbezog, aber keinem echte Pflichten auferlegte.
Andere nahmen an, unsere Herausforderung in
Zentral- und Osteuropa bestehe nur in der Bereitstellung von Hilfe und Rat. Sie hatten es nicht eilig,
unsere Institutionen Nationen und Völkern zu öffnen,
die fremd, weit entfernt und unaussprechlich schienen.
Mehr als alles andere lehrte der Krieg im ehemaligen
Jugoslawien uns, daß wir uns bei unserem Verhalten

AMERIKA DIENST 11

gegenüber den neuen Demokratien Europas weder
Unbestimmtheit noch Indifferenz leisten können.
Der Aufbau eines friedlichen, integrierten Europas war
ein vordringliches Ziel, das einen praktischen Plan und
erprobten Ansatz erforderte. Aus diesem Grund
entschieden wir, die Institutionen, die uns so lange so
gut gedient hatten - angefangen mit der NATO und der
EU - anzupassen und zu erweitern.
Der von zweien unserer herausragenden Vorgänger James Baker und Hans-Dietrich Genscher - ins Leben
gerufene NAKR war die erste Brücke, die die NATO
über die Trennlinie in Europa baute. Es war ein guter
Anfang. Unter anderem half er uns bei der ersten
Anpassung des KSE-Vertrags nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber jetzt haben wir sehr viel
mehr getan.
Die NATO beendete den Krieg in Bosnien - und unsere
Partner teilen jetzt mit uns die gleichen Risiken und
Errungenschaften.
Die Partnerschaft für den Frieden hat die Zusammenarbeit zwischen unseren Streitkräften so reibungslos,
kontinuierlich und erfolgreich gemacht, daß sie heute
schon selbstverständlich erscheint.
Und gestern
haben die NATO-Minister neue Maßnahmen verabschiedet, die unseren Partnern die Beteiligung an
der Planung und Umsetzung praktisch jeder von uns
durchgeführten Mission gestatten.
Die NATO und Rußland haben die Grundakte über ihre
neuen Beziehungen unterzeichnet.
Und gestern
haben die NATO und die Ukraine eine Charta para-

Seite 1

�phiert, die ihre spezielle Partnerschaft auf eine neue
Ebene bringt.

der Tagesordnung der NATO sowie der Tagesordnung
des EAPR stehen.

In 40 Tagen werden wir die erste Gruppe von Partnern
einladen, dem Bündnis beizutreten. Gestern habe ich
die NATO vor dem Nordatlantikrat zu einer klaren und
glaubwürdigen Zusage aufgefordert, daß die ersten
neuen Mitglieder nicht die letzten sein werden.

Vor allem unsere gemeinsamen Bestrebungen in
Bosnien erinnern uns daran, daß unsere neue Partnerschaft kein Mittel zum Zweck, sondern ein Aktionsinstrument ist.

Mit anderen Worten: Wir sind weit über den reinen
Dialog und die Zusammenarbeit hinausgegangen.
Heute streben wir die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft an. Wir machen
ein Europa gemeinsamer Ideale zu einem Europa
gemeinsamer Pflichten.
Das ist das Ziel, das der EAPR verkörpern muß.
Wir erarbeiten gemeinsam eine neue Struktur. Der
EAPR wird der Partnerschaft für den Frieden eine
politische Dimension verleihen. Er wird der Ort sein,
an dem die Partner zur Gestaltung von Missionen wie
der IFOR und SFOR beitragen, die wir gemeinsam
durchführen. Er wird unsere Verteidigungsplanung in
Einklang bringen. Dort werden wir Konsultationen
über Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von
Massenvernichtungswaffen,
Terrorismus,
zivile
Notstände und Katastrophenhilfe sowie das gesamte
Spektrum von Friedensunterstützungsoperationen
führen. Er wird zu der Gewährleistung beitragen, daß
die Partner am Verhandlungstisch sind, wenn wir
unsere gemeinsamen Unternehmungen planen - und
auf dem Boden, wenn wir sie umsetzen.
Er wird nicht nur der Ort für diejenigen sein, die eine
Mitgliedschaft in der NATO anstreben, sondern auch
für diejenigen, die sich dagegen entscheiden. Und er
wird unsere gemeinsamen Bestrebungen in der OSZE
ergänzen.
Der EAPR ist Teil einer umfassenderen Struktur, die
wir zur Verhinderung künftiger Konflikte in Europa
aufbauen. Er verkörpert unsere Auffassung, daß wir
mehr tun müssen, als nur auf Krisen zu reagieren daß wir dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub
leisten, wenn wir auf das Entstehen einer Bedrohung
warten.
Gleichzeitig wäre es unverantwortlich, unsere gesamte
Zeit auf einen großartigen Entwurf der Zukunft zu
verwenden, wenn wir die realen Bedrohungen für das
menschliche Leben und die Freiheit ignorieren, mit
denen sich Europa zur Zeit konfrontiert sieht. Heute
müssen viele dieser Bedrohungen in Südosteuropa
angegangen werden. Unser Ziel muß der Aufbau von
Stabilität in dieser Region sein, während wir gleichzeitig Fortschritte bei unseren Bemühungen zur
Anpassung der NATO und Gestaltung eines ungeteilten Europa erzielen. Dieses Ziel sollte weit oben auf

Seite 2

Die SFOR-Mission wird noch ein weiteres Jahr in
Bosnien stationiert bleiben. Wir werden unsere Zeit
nicht aufs Spiel setzen. Wir sind entschlossen, den
Status quo zu verbessern, nicht nur zu bewahren. Wir
werden uns nicht mit weniger zufriedengeben als der
uneingeschränkten Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben die Verantwortung sicherzustellen, daß
unsere Truppen ohne die Furcht abziehen können,
daß die unsere Interessen bedrohende Gewalt wieder
ausbricht. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten eine Wiederbelebung der zivilen Aspekte des
Daytoner Abkommens gefordert. Die Risiken des
Zurückschreckens vor dieser Verantwortung sind sehr
viel größer als die Risiken ihrer Übernahme.
Albanien ist ein weiteres Beispiel der Art von Krise, der
wir uns in den kommenden Jahren in Europa und
darüber hinaus gegenübersehen und der Notwendigkeit der NATO und des EAPR, gemeinsam mit der
OSZE unsere Anstrengungen auf die Verhinderung
von Konflikten zu konzentrieren. Die Zusammensetzung der multinationalen Streitmacht in Albanien
erinnert uns auch daran, daß die Friedensoperationen
in Europa von jetzt an von Verbündeten und Partnern
durchgeführt werden, die zusammenarbeiten.
Ich beglückwünsche Italien, Frankreich, Rumänien und
die anderen Mitglieder der multinationalen Streitmacht
zu ihrer Führungsrolle bei der Reaktion auf diese
Krise. Meines Erachtens sollte die NATO jetzt in
absehbarer Zukunft ein Bewertungsteam des Obersten
Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte in Europa
(SHAPE) nach Albanien entsenden um festzustellen,
wie das Bündnis zu einem funktionierenden, demokratisch kontrollierten Militär in diesem Land beitragen
kann. Die Ergebnisse einer solchen Mission sollten im
EAPR erörtert werden, so daß wir alle effektiv auf die
Wiederherstellung von Stabilität in dieser krisengeschüttelten Region hinarbeiten können.
Die ehemalige Republik Mazedonien ist ein weiteres
Pulverfaß in Südosteuropa. Die Präventiveinsatztruppe der Vereinten Nationen ist seit 1992 stationiert,
und wir begrüßen die gestrige Erneuerung ihres
Mandats. Wenn wir uns zu einem Abzug der UNStreitmacht entscheiden, wird der EAPR der geeignete
Ort für die Diskussion darüber sein, wie wir konstruktiv
engagiert bleiben können.

AMERIKA DIENST 11

�Aus all diesen Gründen bin ich überzeugt, daß der
EAPR unseren Interessen dienen wird, unabhängig
davon, ob die NATO sich für die Aufnahme neuer
Mitglieder entschieden hätte oder nicht. Denn mit
diesem Rat und seinen Mitgliedern werden wir unsere

gemeinsame Reaktion auf die wahrscheinlichsten
Eventualfälle erarbeiten, mit denen wir uns jetzt in
Europa konfrontiert sehen. Ich freue mich, daß wir
heute beginnen können.

* * * * *

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�BOSNIEN
11. Juni 1997

Daytoner Abkommen muß von allen
Parteien eingehalten werden
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Außenministerin Madeleine
Albright am 30. Mai 1997 in Sintra beim Ministertreffen des Rates zur Implementierung des Friedens in Bosnien
hielt.

Verehrte Kollegen, zunächst möchte ich Carl Bildt für
die von ihm während der letzten anderthalb Jahre und
zuvor geleistete ausgezeichnete Arbeit für den Frieden
in Bosnien danken.
Das Amt des Hohen Repräsentanten ist für unsere
Bestrebungen zur Durchsetzung des DaytonerAbkommens von zentraler Bedeutung. Wir begrüßen
die Entscheidung für Carlos Westendorp und sehen
der intensiven Zusammenarbeit mit ihm erwartungsvoll
entgegen. Er wird wahrscheinlich die internationale
Staatengemeinschaft eindringlich um Hilfe bitten.
Wir sind unter anderem hier in Sintra, weil die NATO
an der Spitze gemeinsamer Bestrebungen zum Aufbau
eines vollkommen friedlichen und freien Europas ohne
Mauern steht. Wir nehmen an diesem Ministertreffen
teil, weil wir uns bewußt sind, daß unsere Vision von
Europa erst dann realisiert werden kann, wenn wir das
Daytoner Abkommen über den Frieden in Bosnien
vollständig umsetzen.
Die Implementierung der Vereinbarungen von Dayton
war schon immer ein ehrgeiziges Ziel. Manche sind
der Ansicht, es könne nichts unternommen werden,
um den Haß und die Spaltungen zu überwinden, die
den Frieden in Bosnien immer noch bedrohen ebenso wie früher manche glaubten, es könne nichts
zur Beendigung des Krieges unternommen werden.
Wir sind zur Durchsetzung des Daytoner Abkommens
entschlossen - nicht aus Sturheit, sondern weil wir
Realisten sind.

AMERIKA DIENST 11

Denn es gibt keine Alternative zu Dayton außer dem
Schrecken, dem das Abkommen ein Ende setzte. Es
gibt keine Alternative zu einem geeinten Bosnien außerdem Wiederaufflammen der Gewalt, zu dem ein
Scheitern unweigerlich führen würde.
Dayton war als Abmachung zwischen der internationalen Gemeinschaft einerseits und den Parteien in
Bosnien andererseits konzipiert.
Wir sind entschlossen, unseren Teil dieser Abmachung
einzuhalten.
Unsere ersten Sicherheitsziele sind bereits erreicht
worden. Die Streitkräfte wurden entflochten und
zahlenmäßig verringert; es wurden vertrauensbildende
Maßnahmen ergriffen und alle schweren Waffen in den
Quartieren eingelagert.
Die Vereinigten Staaten
arbeiten im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms mit anderen Ländern an der
Stabilisierung des langfristigen Sicherheitsumfelds
zusammen. Die Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Entschärfung von Landminen
haben möglicherweise mehr Menschenleben gerettet
als uns bewußt ist.
All dies hat in Bosnien den Übergang von einem
Kriegsgebiet zu einem Wirtschaftsgebiet ermöglicht.
Die wichtigsten Straßen, Eisenbahnverbindungen und
Brücken werden wieder aufgebaut. Grundlegende
Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung
werden wieder bereitgestellt. Die Wirtschaft wächst
wieder.

Seite 1

�Auch der politische Wiederaufbau ist im Gange. Es
wurden landesweit friedliche Wahlen veranstaltet. Und
es wurden alle drei Volksgruppen einbeziehende
Institutionen gegründet, die ihre Arbeit aufgenommen
haben.
Heute beglückwünsche ich alle drei Parteien zu einem
entscheidenden Fortschritt bei der Annahme des
letzten Elements eines Startpakets elementarer
Wirtschaftsgesetze. Dies ist ein klares Anzeichen für
die Entschlossenheit der Parteien nach dem Anfang
dieser Woche erzielten Übereinkommen über die
Zentralbank und die Zollgesetze, die beide die Grundlage für eine Vereinbarung mit dem IWF darstellen.
Ich möchte Carl Bildt und Michael Steiner für ihre harte
Arbeit bei der Erlangung dieses Abkommens danken.
Die Vereinigten Staaten waren stolz auf ihre Mitwirkung, die Parteien zu diesem wichtigen Schritt
gedrängt zu haben, wie auch ich es bei meiner
Zusammenkunft mit den drei Präsidenten vor zwei
Stunden tat.
Die internationale Staatengemeinschaft muß noch viel
unternehmen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Vor allem können wir nicht zulassen, daß so
viele unserer obersten Prioritäten in Bosnien keine
Finanzmittel erhalten.
Wenn wir dauerhafte öffentliche Sicherheit in Bosnien
wünschen, müssen wir die Polizei ausbilden und
ausrüsten. Wenn wir möchten, daß das bosnische
Volk die Verantwortung für die Gestaltung seiner
Zukunft übernimmt, müssen wir die bevorstehenden
Kommunalwahlen angemessen unterstützen. Wenn
wir die Rückkehr der Flüchtlinge wünschen, müssen
wir unseren Teil zur Unterstützung der Vermögenskommission beitragen, die über widersprüchliche
Ansprüche entscheidet.
Solange die Parteien ihren Verpflichtungen nachkommen, müssen wir bei der bevorstehenden Konferenz der Geberländer bereit sein, das Ziel von neuen
Zusagen in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar zu erreichen.
Die erzielten Fortschritte reflektieren außengewöhnliche internationale Bestrebungen, die Beiträge von 48
Ländern und Dutzenden multilateraler und privater
Organisationen beinhalten. Dieses Unternehmen bot
eine Chance, die viele Bosnier zum Wiederaufbau
ihres Lebens sowie zur Verbesserung der Zukunftsaussichten für ihre Kinder nutzten.
Wir müssen bei unserer Einschätzung der Leistungen
vieler Politiker dieses Landes, von denen einige heute
hier sind, jedoch offen und ehrlich sein.
Mit wenigen Ausnahmen haben sie keine echte
politische und soziale Integration gefördert. Die

Seite 2

dreigeteilten politischen Institutionen verwirklichen bei
weitem nicht ihr Potential. Die Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre Heimat stößt weiterhin
auf Widerstand. Insbesondere Srpska ist bei der
Erfüllung seiner Rüstungskontrollverpflichtungen weit
in Verzug.
Die grundlegenden Menschenrechte unterliegen
Beschränkungen. Viele Bosnier haben keinen Zugang
zu freien Medien. Die Zusammenarbeit mit dem
Kriegsverbrechertribunal ist mangelhaft.
Die Parteien können nicht auswählen, welchen
Elementen des Daytoner Abkommens sie den Vorzug
geben und welche sie lieber ignorieren. Das Lenkungsgremium spricht mit einer Stimme wenn wir
sagen, daß es kein business as usual für die Politiker
und Militärs in Bosnien geben wird, wenn die wichtigsten Aspekte der Implementierung nicht befolgt
werden.
Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder
unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten Landes
beiträgt oder den Menschen hilft, die zum Erfolg des
Daytoner Abkommens beitragen. Diese Botschaft
werde ich an diesem Wochenende mit nach Bosnien,
Kroatien und Serbien nehmen.
Das beinhaltet beispielsweise, daß wir den Kommunalbehörden keine Wirtschafthilfe gewähren, die die
Rückkehr der Flüchtlinge blockieren - seien es kroatische Behörden, die zulassen, daß in Drvar serbische
Häuser niedergebrannt werden oder serbische
Behörden, die zulassen, daß in Gajevi muslimische
Häuser zerstört werden.
Für die Vereinigten Staaten bedeutet das, daß unser
neues Unterstützungsprojekt Open Cities Support
Project nur die Gemeinden unterstützt, die bereit sind,
den ethnischen Minderheiten angehörenden Flüchtlingen eine sichere Heimkehr zu ermöglichen. Uns
stehen 8,6 Millionen Dollar zur Wiederherstellung von
Gebäuden, Gewährung von landwirtschaftlicher Hilfe
und Geschäftskrediten sowie zur Ausbildung von
Arbeitnehmern in bestimmten Gemeinden zu Verfügung.
Das bedeutet, Beamte, die betrügen oder die bevorstehenden Wahlen fälschen wollen, dürfen nicht
kandidieren.
Das bedeutet, wir engagieren uns dafür sicherzustellen, daß Ende dieses Jahres jede Gemeinde einer
bestimmten Größe in jedem Teil Bosniens Zugang zu
unabhängigen Rundfunk- und Fernsehberichten hat,
die keine Falschinformationen oder Haß verbreiten.
Das bedeutet, daß das Ausmaß unserer Unterstützung
für die beiden Gebietskörperschaften von deren

AMERIKA DIENST 11

�Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal abhängt.
Das bedeutet, wenn die bosnische Regierung nicht bis
Ende dieses Sommers Botschafter nominiert und
bestätigt, die die neuen gemeinsamen Institutionen
vertreten, werden wir nicht mit denen verhandeln, die
über die festgesetzte Zeit hinaus im Amt bleiben.
Das bedeutet, unsere Fähigkeit zur Veranstaltung der
Konferenz der Geberländer hängt von der Bereitschaft
der Parteien zur Durchsetzung des neuen vereinbarten
Pakets elementarer Wirtschaftsgesetze ab.
Und vor allem bedeutet es, daß die Parteien weder der
internationalen Staatengemeinschaft beitreten noch
von der Zugehörigkeit zur europäischen oder globalen
Wirtschaft profitieren können, bis sie bei der Einhaltung des Daytoner Abkommens größere Fortschritte
machen. Das trifft auch auf Kroatien und Serbien zu die ihre in Dayton eingegangenen Verpflichtungen
erfüllen müssen, auch im Hinblick auf Kriegsverbrecher.
Ich möchte nicht die bereits erzielten bemerkenswerten Fortschritte verschweigen.
Der Krieg ist
beendet. Heute sprechen wir über die Bestrafung von
Kriegsverbrechen und brauchen nicht mehr zu bera-

*

AMERIKA DIENST 11

ten, wie wir ihnen ein Ende setzen können.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht aus
zu sagen, daß die Kämpfe beendet wurden. Wir
müssen den Blick auf die Zukunft richten und uns
fragen, wie Bosnien in fünf oder zehn Jahren aussehen wird.
Schließlich sind die wichtigsten Wahlen nicht die von
1996 oder 1997, sondern die von 1998, wenn das
Mandat der SFOR ausgelaufen ist, sowie jede danach
abgehaltene ehrliche Wahl.
Die wichtigsten Kinder sind nicht nur diejenigen, die wir
heute in ihre Heimat zurückbringen können, sondern
diejenigen, die heute geboren werden und nie die
Angst und den Schmerz kennenlernen sollten, die eine
Flucht mit sich bringt.
Die wichtigste Sicherheit ist nicht nur, daß heute in
Sarajevo kein Gewehrfeuer zu hören ist, sondern die
Gewährleistung eines friedlichen Bosnien in einem
friedlichen, geeinten Europa.
Das - und nichts Geringeres - müssen unsere Ziele
sein. Zu ihrer Erlangung verspreche ich, mein Bestes
und das Beste der Vereinigten Staaten zu geben, und
ich erbitte von Ihnen dasselbe.

* * *

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geist des Marshallplan muss für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus wirken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Integration Europas hängt vom Daytoner Abkommen ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen Mitgliedern und neuen Partnern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in West Point&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Grundakte bedeutet Aufgabe der Selbstisolierung Russlands&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. EAPR&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und der transatlantischen Gemeinschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin beim EAPR&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Daytoner Abkommen muss von allen Parteien eingehalten werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Madeleine Albright&lt;/em&gt;</text>
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VON

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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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Z12462 C

10

28. Mai 1997

AUSSENPOLITIK

ALBRIGHT FORDERT FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG INTERNATIONALER PROGRAMME
Rede der Außenministerin in Denver

USA-EUROPA

DIE USA, DIE EU UND UNSERE GEMEINSAMEN
AUFGABEN
Rede von Strobe Talbott

USA-DEUTSCHLAND

NEUE REALITÄTEN DER TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND DER NEUEN
BERLINER REPUBLIK
Rede von J.D. Bindenagel an der
Europa-Universität Viadrina

DIE BEDEUTUNG DER FORSCHUNGSKOOPERATION FÜR DIE DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

WIRTSCHAFT

USA BEZIEHEN KEINE STELLUNG ZUR EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND WÄHRUNGSUNION
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
21. Mai 1997

Albright fordert finanzielle Unterstützung
internationaler Programme
Rede der Außenministerin in Denver

DENVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die US-Außenministerin
Madeleine Albright am 13. Mai 1997 beim Gastgeberkomitee für das G-8-Gipfeltreffen in Denver (Colorado) hielt.

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich. Es ist schön für
mich, wieder zu Hause - in Denver - zu sein.
Ich weiß, daß Präsident Clinton seinem Besuch in
Denver erwartungsvoll entgegensieht, und ich darf
Ihnen seine Grüße sowie die Ihres ehemaligen
Bürgermeisters und meines derzeitigen Kabinettskollegen - Federico Pena - übermitteln.
Es ist wirklich schön, wieder hier zu sein und so viele
alte und neue Freunde zu sehen.
Eben hatte ich die Möglichkeit, meine alte Schule zu
besuchen, wo ich vor vielen Jahren einen Club für
internationale Angelegenheiten gründete und mich
selbst zur Präsidentin ernannte.
Ich hatte schon immer großes Interesse an der
Außenpolitik. Aber ich hätte nie erwartet, daß ich vier
Jahrzehnte, drei Töchter und zwei Enkelkinder später
Außenministerin sein würde. Oder daß ich die Welt
bereisen würde, wie ich es gerade letzte Woche mit
dem Präsidenten der Vereinigten Staaten tat.
Wie Sie vielleicht wissen, besuchte der Präsident
Mexiko, Zentralamerika und die Karibik, um die
amerikanischen Interessen an der Grenze im Süden
unseres Landes zu fördern und zu schützen. Als
ehemalige Professorin hielt ich diese Reise für ein
faszinierendes Beispiel dafür, was ich als das tägliche
Brot der Diplomatie bezeichnen würde. Es gab kein
aufsehenerregendes Abkommen, sondern eine
Vielzahl von Entscheidungen, die die Lebensqualität
der Menschen auf beiden Seiten der Grenze verbessern werden.

AMERIKA DIENST 10

Hierzu zählen die verbesserte Zusammenarbeit im
Kampf gegen den Drogenschmuggel, Übereinkünfte im
Bereich der Luftfahrt und beim Autodiebstahl sowie
eine Vielzahl von Abkommen im Gesundheits-, Arbeits-, Umwelt- und Energiebereich.
Diese mit diesen Ländern getroffenen Maßnahmen
sind Bestandteil eines übergeordneten Integrationsprozesses, den ich heute mit Ihnen erörtern möchte.
Zuvor möchte ich aber die Frage der Finanzmittel
ansprechen.
Dank der Bestrebungen von Administrationen beider
Parteien sowie dem Mut, der Energie und dem Genie
unserer Bevölkerung ist Amerika an der Schwelle zu
einem neuen Jahrhundert ein starkes, prosperierendes, respektiertes und friedliches Land.
Dies ist kein Zufall, und seine Fortdauer ist nicht
unvermeidlich. Der demokratische Fortschritt, ein
steigender Lebensstandard und erhöhte Sicherheit
müssen so erhalten werden, wie sie geschaffen
wurden - mit Hilfe der amerikanischen Führungsrolle.
Aber wir können nicht führen, wenn wir keine Mittel
haben.
Dementsprechend fordere ich Sie - ebenso wie ich das
bei Amerikanern im ganzen Land getan habe - dazu
auf, den Antrag des Präsidenten auf vollständige
Finanzierung unserer Programme für internationale
Angelegenheiten anzunehmen. Dieser Antrag umfaßt
alles - von der Flüchtlingshilfe über die Prüfung von
Visaanträgen bis zu Rüstungskontrollverhandlungen und entspricht etwa einem Prozent unseres Bun-

Seite 1

�deshaushalts. Dieses eine Prozent könnte jedoch 50
Prozent der Geschichte unseres Zeitalters bestimmen
und wird das Leben des amerikanischen Volkes zu
100 Prozent beeinflussen.

Beispielsweise werden Präsident Clinton und die
anderen Regierungschefs kommenden Monat hier in
Denver nach Wegen zur Förderung der Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Bedrohung durch
internationalen Terrorismus suchen.

Mit Ihrer Unterstützung und der des Kongresses haben
wir die einzigartige Chance zur Gestaltung einer
Zukunft, in der die Nationen sich in zunehmendem
Maße auf die Grundprinzipien von Demokratie, offenen
Märkten und Rechtsstaatlichkeit einigen.

Sie werden Strategien zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens erörtern, das weltweit verbreitet ist,
Demokratien korrumpiert, Gewalt fördert und unsere
Kinder mit tödlichen Drogen vergiftet.

Wir verfolgen dieses Ziel durch die Anpassung der
wichtigsten Institutionen und Bündnisse, den Aufbau
starker Beziehungen zu den Großmächten der Welt
und die Ziehung klarer Grenzen zwischen für die
internationale Staatengemeinschaft akzeptablem und
nicht akzeptablem Verhalten.

Sie werden einen Meinungsaustausch darüber führen,
wie die Verbreitung von Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen gestoppt und die Geißel des
wahllosen Einsatzes von Landminen abgeschafft
werden kann, die seit allzu langer Zeit in allzu vielen
Ländern allzu viele Kinder tötet oder verstümmelt.

Aus diesem Grund arbeiten wir mit unseren Verbündeten am Aufbau einer NATO, die durch neue Mitglieder
gestärkt und auf neue Missionen vorbereitet ist.

Und sie werden Möglichkeiten zur fortgesetzten
Ausweitung der Weltwirtschaft erörtern, die eine der
zentralen Ziele der Außenpolitik der Vereinigten
Staaten darstellt.

Aus diesem Grund haben wir mit unseren Freunden in
Asien das nordkoreanische Nuklearprogramm eingefroren und den Weg für einen dauerhaften Frieden auf
der koreanischen Halbinsel geebnet.
Aus diesem Grund stellen wir uns im Nahen Osten, in
Nordirland, Bosnien und anderen Krisenherden der
Welt auf die Seite derjenigen, die Frieden schließen
und gegen diejenigen, die Bomben legen.
Aus diesem Grund räumen wir dem nächsten Monat
hier in Denver anberaumten G-8-Gipfel hohe Priorität
ein.
Ihre Stadt kann stolz darauf sein, daß sie während
dieses Gipfeltreffens Gastgeber eines historischen
Ereignisses sein wird. Erstmals wird Rußland ein
vollwertiges Diskussionsmitglied bei der bislang als
G-7 bekannten Gruppe sein. Das reflektiert den
Prozeß der Einbeziehung, den Präsident Clinton beim
Gipfel von Helsinki im März hervorhob. Und es zeigt,
daß wir wirklich eine neue Zukunft für Europa aufbauen - eine Zukunft, in der jede Demokratie, einschließlich Rußlands, unser Partner ist und jeder
Partner sich am Aufbau des Friedens beteiligt.
Es gibt weltweit zahlreiche internationale Organisationen und Abmachungen, aber die Gruppe der Sieben,
plus Rußland, ragt durch den wirtschaftlichen und
politischen Einfluß seiner Mitglieder heraus. Wenn
diese Länder beschließen, gemeinsam zur Förderung
von Frieden, wirtschaftlicher Sicherheit, Menschenrechten oder anderen Initiativen zu handeln, kann
dadurch wirklich etwas bewirkt, weltweit ein höherer
Maßstab gesetzt und politischer Einfluß ausgeübt
werden.

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Während der letzten vier Jahre haben wir unter
Präsident Clinton unsere Diplomatie sehr erfolgreich
zur Schaffung von Wohlstand eingesetzt. Während
dieser Zeit wurden mehr als 200 Handelsvereinbarungen ausgehandelt, wodurch die Exporte in die
Höhe schnellten und schätzungsweise 1,6 Millionen
neuer amerikanischer Arbeitsplätze geschaffen
wurden.
Das ist besonders wichtig für stark exportabhängige
Bundesstaaten wie Colorado. Ihr Hochtechnologiesektor wird beispielsweise vom Zugang zu neuen Märkten
profitieren, die durch das von uns Anfang dieses
Jahres
ausgehandelte
Informationstechnologieabkommen erschlossen wurden. Bei unserer Reise
nach Zentralamerika letzte Woche unterzeichneten wir
Abkommen über "Offene Himmel" ähnlich denen, die
es dem internationalen Flughafen von Denver während
der vergangenen zwei Jahre gestatteten, Nonstopflüge
nach Frankfurt, Amsterdam, Toronto und zu anderen
Zielen in ihr Programm aufzunehmen.
Unsere Geschäftsleute wissen, daß auf den Weltmärkten erbitterter Wettbewerb herrscht. Oft veranstalten
unsere Unternehmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit
ausländischen Konkurrenten, die von ihrer Regierung
aktiv unterstützt werden.
Unser Ziel besteht darin, amerikanischen Unternehmen, Arbeitnehmern und Landwirten gleiche Wettbewerbsbedingungen anzubieten - ob sie nun Erntemaschinen für Weizen verkaufen oder Technologien
zum Aufspüren von Scherwinden wie das System, das
eine von unserem Amt für Handel und Entwicklung
unterstützte Firma aus Boulder derzeit im Fernen
Osten baut.

AMERIKA DIENST 10

�Solange ich Außenministerin bin, wird unsere Diplomatie ein zunehmend offenes und faires globales Wirtschaftssystem anstreben. Unsere Botschaften werden
den amerikanischen Unternehmen angemessene
Hilfestellung leisten. Unsere Unterhändler werden
Handelsvereinbarungen anstreben, die zur Schaffung
neuer amerikanischer Arbeitsplätze beitragen. Und ich
persönlich werde immer wieder betonen - wie ich das
während meiner Besuche bei vielen unserer wichtigsten Handelspartner weltweit getan habe - daß die
Länder, die vor unserer Haustüre Geschäfte machen,
uns gestatten sollten, dasselbe vor ihrer zu tun.

Und gerade letzte Woche habe ich den Präsidenten in
den Regenwald von Costa Rica begleitet, wo wir das
Engagement der Vereinigten Staaten für den Schutz
der natürlichen Ressourcen der Welt unterstrichen und
dieses Engagement unter Beweis stellten, als wir naß
bis auf die Haut wurden.

Unsere Behauptung, die auch Grundlage für den G-8Gipfel ist, lautet, daß wirtschaftlicher Fortschritt kein
Nullsummenspiel ist.
Wenn wir das Wachstum
anderer Nationen fördern, erweitern wir das System
marktwirtschaftlicher Demokratien, an dem unsere
Nation das größte Interesse hat. Und wir schaffen
auch Chancen in unserem Land.

Beim Gipfel in Denver werden wir darüber sprechen,
wie wir diese Verpflichtung als Fortsetzung der
Umweltkonferenz von Rio vor fünf Jahren erfüllen
können. Es gibt kaum einen angemesseneren Ort für
eine solche Diskussion als Colorado, wo die Schönheit
der Natur große wirtschaftliche Vorteile bringt und viele
der modernsten Forschungsarbeiten zum weltweiten
Klimawandel stattfinden.

1995 stellte unser Amt für internationale Entwicklung
(AID) Weizen, Bohnen und Linsen aus Colorado im
Wert von nahezu 17 Millionen Dollar für hungernde
Menschen im Ausland zur Verfügung. Und so unterschiedliche Organisationen aus Colorado wie Global
Steel und Colorado Springs Junior Achievement haben
sich an unseren Hilfsprogrammen beteiligt.

Der Erhalt einer gesunden, vielfältigen globalen
Umwelt ist nicht nur ein außenpolitisches Interesse der
Vereinigten Staaten, sondern eine Verpflichtung
gegenüber zukünftigen Generationen, die jeder
einzelne von uns hat.

Colorado ist auch die Heimat unseres führenden
Umweltexperten im US-Außenministerium, des äußerst
aktiven und erfolgreichen Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten, Timothy Wirth. Und von Dottie
Lamm, die vor anderthalb Jahren ein führendes
Mitglied der amerikanischen Delegation bei der
Weltfrauenkonferenz in Beijing war.

Ich werde dem G-8-Gipfel und der Aufgabe des
Aufbaus starker Volkswirtschaften, der Öffnung neuer

Dottie gründete auch zusammen mit Botschafterin

Märkte und der Schaffung von Arbeitsplätzen viel

Swanee Hunt die Women's Foundation of Colorado.

Aufmerksamkeit widmen. Wir werden aber auch einen
Zusammenhang zwischen diesen und anderen Zielen
herstellen - und das ist die Zukunft unserer globalen
Umwelt.
Die Menschen in Colorado wissen ebenso wie alle
anderen in unserem Land, wie wichtig es ist, daß
unser Wirtschaftswachstum gesund und nachhaltig ist.
In den letzten Jahren habe ich fast jede Region der
Welt bereist.
Ich bin über Bergketten geflogen, auf denen keine
Bäume mehr wuchsen.
Ich habe gesehen, wie sich Bauern in Afrika und Haiti
abmühten, auf viel zu steilen Hängen zu pflanzen, weil
andere Böden ausgelaugt waren.
Ich habe gesehen, wie in für ihre Wirtschaftsstärke
bekannten Gebieten die Lebensqualität durch verschmutzte Luft, verseuchtes Wasser und ein völlig
überlastetes Verkehrssystem beeinträchtigt war.
Ich habe mit Menschen gesprochen, deren Familien
seit Generationen Fischer sind und die verzweifelt
sind, weil die Fischbestände vernichtet wurden.

AMERIKA DIENST 10

Die Bestrebungen dieser Stiftung zur Förderung der
Unabhängigkeit der Frau spiegeln sich in denen
anderer Basisorganisationen auf der ganzen Welt
wider. Sie stellen unter Beweis, daß Frauen - ob sie im
Beruf benachteiligt werden oder schmutzige Arbeit
verrichten, vollwertige Partner bei der Entwicklung
ihrer Gesellschaften sein wollen. Ob sie diese Chance
erhalten, entscheidet über Erfolg oder Scheitern der
Förderung von nachhaltiger Entwicklung auf der
ganzen Welt.
Schließlich wissen wir aus Erfahrung, daß der Teufelskreis der Armut, in dem allzu viele Länder gefangen
sind, durchbrochen werden kann, wenn Frauen über
das Wissen und die Macht verfügen, selbst über ihr
Leben zu entscheiden. Die Geburtenrate sinkt. Das
Umweltbewußtsein steigt. Die Ausbreitung sexuell
übertragbarer Krankheiten verlangsamt sich. Und es
werden mehr positive Werte an die jüngere Generation
weitergegeben.
Eine der ermutigendsten Entwicklungen unseres
Zeitalters ist die weltweite Zusammenführung von
Organisationen und Einzelpersonen, die sich der
Herausforderung der Förderung des Status der Frau
stellen.

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�Beispielsweise nahm ich vergangene Woche in
Zentralamerika mit unserer First Lady, Hillary Rodham
Clinton, und Frauen aus jedem Land dieser Region an
einem Zusammentreffen teil.

gemeinsamen Zukunft. Die amerikanischen Werte, die
uns gemein sind, gründen im Engagement für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit - nicht
nur für einige, sondern für alle Menschen.

Dabei war es ermutigend zu erfahren, daß dank der
Bosrebungen von betroffenen Nichtregierungsorganisationen eines der Länder ein Gesetz verabschiedete, das von neuen Kongreßabgeordneten
ausstehende Unterhaltszahlungen für ihre Kinder
verlangt, bevor sie ihr Amt antreten dürfen. In einem
anderen Staat haben die Gerichte erstmals Gesetze
aufgehoben, die Frauen bei der Bestrafung von
Verbrechen nachweislich diskriminieren.

Nur in Freiheit kann das menschliche Potential durch
gleichberechtigte Männer und Frauen voll verwirklicht
werden, die sich ihrer Rechte sicher sind und ihre
Pflichten erfüllen können. Nur wenn unsere Nation
nach außen offen ist, wenn wir verantwortungsbewußt
und unseren Werten getreu handeln, können wir unser
Potential voll realisieren - zu führen und das nächste
amerikanische Jahrhundert zu gestalten.

Den Bestrebungen von Nichtregierungsorganisationen
sollte Beifall gezollt werden, aber auch die Regierungen müssen das Ihre unternehmen.
Als Außenministerin arbeite ich mit anderen Administrationsmitgliedern zusammen, um Fragen im
Zusammenhang mit dem Status der Frau die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Beispielsweise unterstützen unsere Auslandshilfeprogramme Projekte zur Förderung der Möglichkeiten
für Frauen, umfassend am wirtschaftlichen und
politischen Leben ihrer Gesellschaften teilzunehmen.
Wir legen Wert darauf, daß Frauen und Mädchen
Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge erhalten
und richten unsere Flüchtlingshilfe auf die Bedürfnisse
der Frau aus.

Vor nahezu fünfzig Jahren kam meine Familie auf der
Flucht vor dem Kommunismus und auf der Suche nach
Freiheit hierher. Damals hatte die Denver Post den
Slogan "Es ist ein Privileg, in Colorado zu leben." Mein
Vater wiederholte dieses Motto regelmäßig, fügte aber
oft noch eine Ermahnung hinzu: "Kinder", pflegte er zu
sagen, "vergeßt nie, daß es auch ein Privileg ist, in den
Vereinigten Staaten zu leben".
Die Amerikaner in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich der Herausforderung gegenüber,
einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
Ihre Ziele waren unseren heutigen Zielen ähnlich. Sie
wußten, daß Nationen, die beim Handel und als
Partnerin Friedenszeiten zusammenarbeiten, geringere Gefahr liefen, in den Abgrund des Krieges zu fallen.

Wir unterstützen Bestrebungen zur Gewährung von
Darlehen an Kleinunternehmerinnen.

Sie waren der Ansicht, daß das Engagement der
Nationen für hohe Standards bei Gesetz und Menschenrechten die Welt weniger brutal und ungerecht
machen würde.

Wir bemühen uns, daß die Konvention über die
Abschaffung der Diskriminierung der Frau endlich
ratifiziert wird.

Und sie glaubten an menschlichen Fortschritt - denn
sie hatten gerade die größten Feinde des Fortschritts
bekämpft, die es je auf der Erde gegeben hatte.

Wir sind führend bei den globalen Bestrebungen im
Kampf gegen illegalen Frauen- und Mädchenhandel,
weil wir der Ansicht sind, daß nicht nur Drogenhändler,
sondern auch Menschenhändler hart bestraft werden
sollten.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten riefen sie neue
Institutionen ins Leben, um die Freiheit zu bewahren,
Volkswirtschaften wiederaufzubauen, das Gesetz zu
verteidigten und den Frieden zu erhalten.

Wir setzen uns für die Beendigung von Gewalt gegen
Frauen ein. Heute werden weltweit entsetzliche
Greueltaten gegen Frauen verübt - von häuslicher
Gewalt über Mitgiftmorde bis zum Verkauf junger
Mädchen in die Prostitution. Manche sagen, das sei
kulturell bedingt und wir könnten nichts dagegen
unternehmen. Ich halte es für kriminell, und jeder
einzelne von uns hat die Pflicht, dem Einhalt zu
gebieten.
Wenn wir uns für die grundlegenden Werte von Gesetz
und Respektierung der Menschenwürde jedes einzelnen einsetzen, leisten wir einen Dienst an unserer

Seite 4

Heute sehen wir uns der Herausforderung gegenüber,
diese Institutionen zu stärken und an die Gegebenheiten unserer Zeit anzupassen. Es gibt keine Region auf
der Erde, die von den Vorteilen des internationalen
Systems oder seinen Verpflichtungen ausgeschlossen
werden sollte. Und es gibt keinen Amerikaner, der
keine Vorteile durch den Aufbau einer Welt mit mehr
Wohlstand, Sicherheit und Freiheit genießt.
Wie ich bereits sagte, obliegt die Aufgabe der Gestaltung der Zukunft nicht nur den Regierungen. Sie
erfordert stetige Bestrebungen und das unerschütterliche Engagement von Städten wie Denver und Bürgern
wie Ihnen für eine starke Partnerschaft.

AMERIKA DIENST 10

�Der Beschluß der Stadt Denver, Gastgeber des G-8Gipfels zu sein, und der Erfolg der Women's Foundation of Colorado beweisen, daß die Zukunft in guten
Händen liegt.

Ich begrüße alles, was Sie noch leisten werden.
Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und
Gastfreundschaft am heutigen Tag. Ganz herzlichen
Dank.

Ich bewundere Sie für alles, was Sie leisten und
geleistet haben.

* * * *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 5

�USA-EUROPA
28. Mai 1997

Die USA, die EU und unsere gemeinsamen Aufgaben
Rede von Strobe Talbott

WASHINGTON - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott
am 6. Mai 1997 bei der US-EU-Konferenz "Die Brücke über den Atlantik - eine Verbindung von Volk zu Volk"
gehalten hat.

Diese Konferenz ist dem Brückenbau über den Atlantik
gewidmet. Ich arbeite für einen Präsidenten, der eine
Brücke ins nächste Jahrtausend bauen möchte; daher
finde ich den Vergleich durchaus angebracht. Viele
der hier Anwesenden beschäftigen sich mit den
praktischen Einzelheiten der Stärkung der Strukturen
der transatlantischen Zusammenarbeit, beispielsweise
mit Studenten- und Personalaustauschprogrammen,
Städtepartnerschaften,
wirtschaftlichen
Partnerschaften, Internet-Verbindungen und dem ständigen
hin und her der transatlantischen Beziehungen.
Ich möchte hier ganz besonders ein Austauschprogramm erwähnen, das als Vorbild für viele andere
gedient hat.
Vor etwa fünfzig Jahren hatte ein Staatsmann aus
Arkansas namens William Fulbright eine glänzende
Idee, nämlich ein Stipendium zu schaffen, das Amerikanern und anderen die Möglichkeit bot, im Ausland zu
leben und zu studieren. Seither haben Tausende ihr
Fulbright-Erlebnis dazu benützt, immer engere Bande
zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zu
knüpfen.
Es ist mir eine besondere Freude, Frau Harriet Fulbright heute hier begrüßen zu können. Ich möchte
Ihnen sagen, Harriet, daß ein Freund, Bewunderer und
früherer Assistent Ihres Mannes im Senat, Präsident
Clinton, alles in seiner Macht Stehende tun wird, um
dieses bemerkenswerte Programm ebenso wie einige
ähnliche Programme zu stärken und zu verlängern,
wie die Ron-Brown- und Edmund-Muskie-Stipendien,
die es Studenten aus den neuen demokratischen
Ländern Europas ermöglichen, in Amerika zu studieren.

AMERIKA DIENST 10

Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Union über höhere Schulen und
Berufsschulung hat schon zur Einrichtung von Dutzenden von Bildungskonsortien geführt. Die vom früheren
Außenminister Christopher im vergangenen September vorgeschlagene "Fellowship of Hope" ist bereits
eingeführt worden und bietet amerikanischen und
europäischen Beamten eine Chance, in den außenpolitischen Behörden unserer Regierungen Erfahrungen zu sammeln. Ich freue mich auch darüber, daß
ein transatlantischer Dialog im Gewerkschaftsbereich
zu dem transatlantischen Dialog im Geschäftsbereich
hinzugekommen ist, und ich weiß, daß Sie schon an
einer Reihe vielversprechender Vorschläge arbeiten angefangen mit einem transatlantischen AIDSNET bis
zu einer "Telecity" und einem digitalen Bibliothekenprojekt, von neuen Städtepartnerschaften mit Gemeinden in Mittel- und Osteuropa bis zu Austauschprogrammen für Manager und Angestellte.
Wir alle - die Regierungen, der Privatsektor, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen - arbeiten an unserer gemeinsamen Aufgabe eng zusammen.
Ihr Zweck ist nicht nur, bestehende transatlantische
Strukturen zu stärken, sondern auch neue Strukturen
zu schaffen, die auf den Werten gründen, die uns in
einer einzigen transatlantischen Gemeinschaft vereinigen.
Ich möchte heute Morgen zu Ihnen darüber sprechen,
wie sich unsere Gemeinschaft in mehrfacher Weise
verändert. Grundsätzlich verändert sie sich zum
Guten, jedoch in einer Weise, die uns vor neue
Herausforderungen stellt.
Sowohl auf dieser Seite des großen Teichs, in der
westlichen Hemisphäre, als auch auf der anderen

Seite 1

�Seite, in Europa, heißt die Losung unserer Zeit "Integration". Außenministerin Albright, die Sie grüßen
läßt, ist gerade in Mexiko, wo sie sich zusammen mit
Präsident Clinton und mehreren anderen Kabinettsmitgliedern um die Verwirklichung der Integration unserer
Hemisphäre bemüht, die unserer Regierung sehr am
Herzen liegt.

Weltbank und der IWF - machten nicht nur den
Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Volkswirtschaften möglich, sondern auch die Versöhnung und
Integration unter den früheren europäischen Widersachern. Sie trugen letzten Endes wesentlich zur
Schaffung der Grundlage für die Europäische Union
selbst bei.

Aber das Bemühen um Integration ist ebenso ein
transatlantisches Phänomen und ist es seit den
Anfängen unseres Landes gewesen. Im Jahr 1785,
ehe Thomas Jefferson Außenminister wurde, war er
unser Gesandter in Frankreich. Das war eine Zeit
intensiver, häufig buchstäblich halsabschneiderischer
Konkurrenz in Europa. Von seinem Posten in Paris
aus arbeitete Jefferson einen Vorschlag zum Handel
zwischen der Alten und der Neuen Welt sowie zu
einem Übereinkommen über die universalen Rechte
der Staatsbürger aller Nationen aus.

Vor fünfzig Jahren brachen wir gemeinsam in eine
Epoche noch nie dagewesenen Friedens und Wohlstands auf, und zusammen haben wir die dynamischsten Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt
aufgebaut.

Im selben Jahr, als Piraten von der Küste Nordafrikas
die Schiffahrtswege des Mittelmeers und des Atlantiks
bedrohten, schlug Jefferson vor, daß die Vereinigten
Staaten eine multinationale Seemacht zusammenstellen sollten, um dieser Bedrohung zu begegnen.
Man könnte im Rückblick fast sagen, daß einer
unserer Gründerväter einen Plan für einen Prototyp
der NATO erdacht habe. Jedoch wurde er von seinen
Vorgesetzten zurückgepfiffen mit der Begründung, daß
das Projekt für unser junges Land unter anderem
unerschwinglich sei. Wir sehen also, daß die gelegentlichen Schwierigkeiten, den Kongreß dazu zu
überreden, die Mittel für Amerikas außenpolitisches
Engagement zu bewilligen, nichts Neues sind.
Hundertdreißig Jahre später gingen Amerikaner "nach
drüben", nach Europa, um in dem Krieg, der wie
Woodrow Wilson sagte, alle Kriege beenden sollte, zu
kämpfen und die Welt für die Demokratie zu sichern.
Aber natürlich führte all das Blutvergießen zu nichts
dergleichen, zum Teil weil danach Amerika eine
längere Periode des Isolationismus durchmachte.
Erst nach einem zweiten Weltkrieg gelang es Amerika
und Europa endlich, eine dauerhafte Verbindung über
den Atlantik aufzubauen.
Dieses Jahr feiern wir den 50. Jahrestag des Marshallplans, der angemessenerweise zu etwa derselben
Zeit in Kraft trat wie das Fulbright-Austauschprogramm
und der ebenfalls der Förderung des Engagements für
transatlantische Zusammenarbeit diente.
Die langfristigen Auswirkungen des Marshallplans
können noch heute nicht nur in den Stahlwerken,
Eisenbahnnetzen und landwirtschaftlichen Unternehmen Westeuropas gesehen werden, sondern auch in
den Institutionen, welche die zwei Kontinente politisch
und wirtschaftlich näher zusammengebracht haben.
Die OECD und die Bretton-Woods-Institutionen - die

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Aber dies hat auch noch einen anderen entscheidenden Aspekt, sowohl historisch gesehen als auch
zukunftsweisend: Wir, das heißt die Vereinigten
Staaten und Europa, beschränkten unsere gemeinsamen Bemühungen oder ihre Früchte nicht auf uns
allein, sondern wir beziehen auch andere Regionen
und andere Märkte ein. Wir sahen das Muster der
Mosaiksteinchen, die wir zusammensetzten als einen
Teil eines größeren Mosaiks. Dabei handelte es sich
nicht um eine Abstraktion - im Gegenteil, es hätte nicht
praktischer sein können. Mit anderen Worten, es hatte
in erster Linie wirtschaftliche und kommerzieller
Bedeutung. Die USA und die EU bemühten sich
gemeinsam um die Liberalisierung des Welthandels.
Die Uruguay-Runde des GATT war der Höhepunkt
dieser Bemühungen.
Wir können also stolz darauf sein, daß wir uns angewöhnt haben, global zu denken, zu handeln und
Handel zu treiben, während wir regional aktiv waren.
Aber da unser prophetischer Weitblick begrenzt war,
gewöhnten wir uns auch an den Kalten Krieg. Wir
hielten ihn für einen dauerhaften Bestandteil des
menschlichen Lebens, und den Eisernen Vorhang für
eine permanente Einrichtung des europäischen
Kontinents. Unser Mangel an Voraussicht in dieser
Hinsicht erinnert mich an eine Bemerkung von Dan
Quisenberry, einem bekannten Baseball-Spieler der
Kansas City Royais, der sagte: "Ich habe die Zukunft
gesehen, und sie ist genau wie die Gegenwart, bloß
länger."
Dann plötzlich vor acht Jahren, im Jahr 1989, wurde
die Zukunft zur Gegenwart und sah ganz, ganz anders
aus. Die Mauern stürzten ein und enthüllten eine neue
Landschaft, in der die alten Denkweisen und die alten
Grenzen keine Bedeutung mehr hatten. Heute liegen
die Länder mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum
östlich der Elbe. Soldaten aus Rußland und der
Ukraine, Estland und Polen, Großbritannien und
Frankreich, Amerika und Kanada und vielen anderen
Ländern, die vor nur einem Jahrzehnt Mitglieder
feindlicher Blöcke waren, dienen heute Seite an Seite
in Bosnien. Und letzte Woche war ich mit Außenministerin Albright in Moskau, um Verhandlungen über

AMERIKA DIENST 10

�ein kooperatives Verhältnis zwischen Rußland und der
NATO zu führen.
All dies beweist den treffenden Mutterwitz eines
weiteren berühmten philosophierenden Baseballspielers, des unvergleichlichen Yogi Berra, der sagte:
"Die Zukunft ist auch nicht mehr was sie mal war."
Mit dem Ende des Kalten Krieges wurden die Kräfte,
die uns die gemeinsame Verteidigung gekostet hatte,
zunehmend frei und konnten statt dessen zur Stärkung
unserer grundlegenden Institutionen eingesetzt
werden. Eine hiervon ist die EU selbst, über die ich
gerne ein paar Worte sagen möchte.
Aber ich möchte zuerst einen allgemeinen Grundsatz
aufstellen - einen Rahmen für die amerikanische
Unterstützung für die EU und die gelegentliche
Besorgnis über sie: Wir glauben, daß die regionale
Integration in Europa und andernorts den direkt
betroffenen Ländern ermöglichen sollte, die herkömmlichen Unterschiede in Gewohnheiten und Geschichte,
Geographie und Kultur zu überbrücken. Folglich sollte
die Integration eher nach außen als nach innen wirken.
Dies ist unsere beste Rückversicherung gegen die
Möglichkeit, daß die falsche Art von regionalem
Zusammenhalt die schlimmste Art interregionalen
Konflikts zeugen könnte. Diese Sorge hat einige
unserer besten, am weitesten vorausschauenden
Denker schon recht lange bewegt. Direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg schrieb George Orwell seinen
futuristischen Alptraum "1984". Dieser Roman handelt
von einer Welt, die in drei gegeneinander kriegführende Superregionen - Eurasien, Ostasien und Ozeanien aufgeteilt ist. Nun, 1984 liegt jetzt schon 13 Jahre
zurück, und wir sind hoffentlich der Gefahr, vor der
Orwell gewarnt hat, sicher entkommen.
Aber wir dürfen uns nicht in einem falschen Gefühl der
Sicherheit wiegen. Wir müssen weiterhin dafür
sorgen, daß die Zusammenarbeit innerhalb der
Regionen die Zusammenarbeit zwischen den Regionen stützt und verstärkt. Von diesem Grundsatz läßt
sich unsere eigene Regierung in ihrer Haltung gegenüber der NAFTA leiten, wie Präsident Clinton und die
Minister Albright, Rubin und Daley heute in Mexiko
ihren Gastgebern versichern. Er bestimmt auch
unsere Politik gegenüber Südamerika und dem Fernen
Osten - und die Möglichkeiten, Brücken zwischen den
beiden Regionen zu schlagen. Wer hätte vor zehn
Jahren gedacht, daß Chile eines Tages eines der
dynamischsten Mitglieder einer Organisation namens
APEC sein würde - wobei das A und das P "asiatisch-pazifisch" bedeuten?
Und dieselbe Betonung der Weltoffenheit und des
Brückenschlags wird unsere Reaktion auf die EU und
unser Zusammenwirken mit ihr bestimmen.

AMERIKA DIENST 10

Um eine Sprache zu gebrauchen, die den hier vertretenen Europäern besonders geläufig ist: Wenn
unsere Regierung sagt, daß wir die europäische
Integration unterstützen, meinen wir damit sowohl ihre
Vertiefung als auch ihre Ausweitung. Wir meinen die
Konsolidierung internationaler Institutionen und ihre
Erweiterung oder Vergrößerung. Das bedeutet, daß
wir unsere Freunde und Bündnispartner in Europa
ermutigen, sich für die breiteste, umfassendste,
aufgeschlossenste Art der Integration zu engagieren.
Dies soll keine Kritik früherer oder gegenwärtiger
EU-Politik sein. Im Gegenteil, wir sind beeindruckt von
den weitsichtigen Entscheidungen, die die EU schon
getroffen hat, wie zum Beispiel ihre Unterstützungsprogrammefür Mittel- und Osteuropa, ihr Engagement
für die Erweiterung und die Rolle, die sie in der neuen
transatlantischen Tagesordnung spielt.
Andererseits sind wir uns auch bewußt, daß in Europa
gegenwärtig eine Debatte über ein Thema stattfindet,
von dem die Teilnehmer glauben, daß es weitgehend
eine interne europäische Angelegenheit sei. Ich meine
die europäische Währungsunion. Ich möchte einige
wohlüberlegte Worte über unsere Ansichten zu diesem
wichtigen und heiklen Thema sagen. Die Erfahrung
zeigt, daß die Vereinigten Staaten in den letzten fünfzig
Jahren jede frühere Initiative zur größeren politischen
und wirtschaftlichen Einheit der europäischen Völker
unterstützt haben. Dies lag in unserem eigenen
Interesse. Ein politisch geeintes Europa wird ein
stärkerer Partner zur Erreichung unserer gemeinsamen Ziele sein. Ein wirtschaftlich vereinigtes Europa
schafft ein weit attraktiveres Klima für amerikanische
Investitionen.
Was die EWWU betrifft, haben wir uns gehütet, in eine
Debatte einzugreifen, an der sich schon genügend
qualifizierte Parteien beteiligen. Es steht uns nicht an,
zu sagen, wie sich diese Initiative zu entwickeln hat
oder wer daran teilnehmen soll. Aber wir haben
keinen Zweifel und zögern nicht frei heraus zu sagen,
daß eine EWWU, die einen offenen Binnenmarkt festigt
und Wirtschaftswachstum in Europa anregt, gut für die
amerikanische Wirtschaft sein wird. Wenn die EU
dank dieser gewagten Initiative eine noch aktivere und
konstruktivere Rolle auf der Weltbühne spielen kann,
dann wird das auch gut für Amerika sein.
Ich möchte nun ein anderes Thema anschneiden, das
ebenfalls eine heftige Debatte ausgelöst hat, nämlich
die Beziehungen zwischen der EU und den Ländern im
Osten. Mittel- und Osteuropa ist die Region, in der die
beiden heißen Kriege unseres Jahrhunderts sowie der
Kalte Krieg begannen. Neue Gefahren lauern immer
noch dort, wie aus der erschreckenden Tatsache klar
wird, daß in den letzten fünf Jahren in Bosnien,
Kroatien und Albanien auf dem Balkan sowie in
Tschetschenien und Berg-Karabach im Kaukasus
mehr Europäer brutal umgekommen sind als in den

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�vorangegangenen fünfundvierzig Jahren. Die Unruhen
in diesen Gebieten bedrohen den Frieden ganz
Europas.
Vaclav Havel hat uns alle daran erinnert - und ich
zitiere: "Ebenso wie es unmöglich ist, daß ein halbes
Zimmer immer warm bleibt und die andere Hälfte kalt,
ist es undenkbar, daß zwei verschiedene Europas auf
die Dauer nebeneinander existieren könnten ohne daß
es beiden schadet - und die stabilere und wohlhabendere Hälfte würde dabei den größeren Schaden
erleiden."
Havel ist einer der mutigen führenden Politiker tapferer
Völker, die seit 1989 die Ketten gesprengt, die Tore
weit geöffnet und die Mauern niedergerissen haben.
Staaten, die vor nur zehn Jahren noch in Knechtschaft
lebten, mit einer Festungsmentalität und Kommandowirtschaften, halten jetzt Wahlen ab, führen den
Rechtsstaat ein, öffnen ihre Märkte, erlauben Pressefreiheit und klopfen an die Türen der verschiedenen
internationalen Verbände und Institutionen unserer
Gemeinschaft.
Wir müssen auf dieses Klopfen hin unsere Türen
öffnen. In der Debatte darüber, ob , wie schnell und zu
welchen Bedingungen wir das tun, sollten wir daran
denken, daß zu der Zeit, zu der George Marshall den
Plan, der seinen Namen trägt, ins Leben rief, Deutschland und Frankreich völlig zerstört waren und es ihnen
in vieler Hinsicht schlechter ging als den mittel- und
osteuropäischen Länder heute. Deutschland, Frankreich und der Rest der EU personifizieren heute den
Triumph der Integration über das, was Marshall 1947
"den Hunger, die Armut, den Despotismus und das
Chaos" Westeuropas nannte.
Daher ist die Erweiterung der Strukturen, welche die
transatlantische Gemeinschaft stützen, kein riskantes
neues Unterfangen, sondern eine logische Fortführung
der Strategie von Marshall, Adenauer und Monnet.
Dies waren auch die Gründe für den Entschluß der
Staats- und Regierungschefs der NATO vor drei
Jahren, das Bündnis auf Mittel- und Osteuropa
auszudehnen. Die NATO hatte auch eine andere
Wahl. Sie hätte sich auf ihre Mitglieder der Zeit des
Kalten Krieges beschränken können. Aber das hätte
bedeutet, daß unsere Interessen und Hoffnungen am
Checkpoint Charlie Halt machen würden, oder, wie
kürzlich gesagt wurde, daß an diesem Punkt die
Geschichte selbst aufhört. Das wäre ein strategischer
Fehler ungeheuren Ausmaßes gewesen und hätte lang
andauernde Folgen gezeitigt.
Ich möchte die Beweggründe unserer Regierung
erklären. Wir - die Vereinigten Staaten - haben eine
Reihe sich gegenseitig verstärkender Gründe für die
NATO-Erweiterung. Wir glauben, daß dies der beste

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Weg ist, um die Stabilität Osteuropas zu sichern und
die Demokratie zu stärken.
Aber ich will ganz ehrlich sein: Wir haben auch noch
einen anderen Grund. Wir hoffen nämlich, daß die
Erweiterung der NATO, in der wir auch Mitglied sind,
zu den Bedingungen für eine Erweiterung der EU
beitragen wird, in der wir zwar nicht Mitglied sind, aber
an der wir ein großes und entscheidendes Interesse
haben.
Dabei handelt es sich nicht nur darum, daß die NATO
mit gutem Beispiel vorangeht, sondern auch darum,
daß die NATO-Erweiterung ein Klima schafft, das
dadurch, daß es stabiler und friedlicher ist, die Erweiterung der EU nach Osten erleichtern wird. Viele
der neuen europäischen Demokratien haben große
Fortschritte in bezug auf die Erfüllung der wirtschaftlichen Bedingungen für die EU-Mitgliedschaft gemacht.
Aber die Regierungen der EU-Mitglieder und westliche
Investoren müssen auch darauf vertrauen können, daß
die Region auf die Dauer Sicherheit bieten kann, und
das ist Sache der NATO.
Es wurde auch schon argumentiert, daß das Gegenteil
der Fall sei - daß die NATO-Erweiterung der EU einen
Vorwand biete, keine neuen Mitglieder aufzunehmen.
Die Tatsachen beweisen jedoch das Gegenteil. Je
entschiedener wir uns für die feste Absicht der NATO
eingesetzt haben, neue Mitglieder aufzunehmen, desto
entschiedener ist auch die EU für ihre eigenen Erweiterungspläne eingetreten. Und außerdem muß
man ehrlich zugeben, es ist kaum vorstellbar, daß der
Prozeß der EU-Erweiterung schneller vorangetrieben
werden könnte. Die EU verlangt mit vollem Recht von
den Beitrittskandidaten, daß sie viele komplizierte
Änderungen in ihrer Wirtschafts- und Verwaltungspolitik einführen. Aber wie Außenministerin Albright
bereits sagte, sollte die von der NATO gebotene
Sicherheit nicht warten müssen "bis die Tomatenanbauer in Mitteleuropa die richtigen Schädlingsbekämpfungsmittel anwenden".
Wir betrachten die NATO-Erweiterung und die
EU-Erweiterung als separate aber parallele Prozesse,
die demselben Zweck dienen: Einer erweiterten und
vertieften transatlantischen Gemeinschaft.
Wenden wir uns nun einer dritten schwierigen und
wichtigen Frage zu, der sich die EU gegenübersieht,
wenn sie nach Osten - und Süden blickt. Ich rede von
der Herausforderung an das europäische Selbstverständnis und was ein EU-Beitritt der Türkei für die
Zukunft der EU bedeuten würde. Auch in dieser Frage
haben die Vereinigten Staaten kein offizielles Mitspracherecht, aber sie berührt zweifelsohne auch ihre
Interessen.
Die Türkei macht gegenwärtig die Wehen des Übergangs zur Modernität durch, und das betrifft auch die

AMERIKA DIENST 10

�Bereiche Demokratie und Menschenrechte. Diese
Bereiche
bieten
zusammen
mit
den
türkisch-griechischen
Beziehungen
gerechtfertigte
Gründe zur Besorgnis für die EU. Diese Schwierigkeiten bedeuten jedoch nicht, daß die Türkei deshalb
weniger europäisch ist. Genau genommen haben
viele gegenwärtige EU-Mitglieder in diesem Jahrhundert noch viel schlimmere Traumata überwunden,
um es milde auszudrücken. Und vergessen wir nicht,
daß die Türkei am Anfang dieses Jahrhunderts, nach
dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Osmanischen Reichs, unter der Führung von Kemal Atatürk
eine strategische Wahl in bezug auf ihr Wesen und
ihre Orientierung traf, und zwar eine Wahl, die von
unserem Standpunkt aus gesehen die richtige war.
Wir glauben, daß diese Wahl auch vom türkischen
Standpunkt her die richtige war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Türkei dann der
NATO bei. Das geschah natürlich hauptsächlich weil
die Türkei eine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion hatte und dadurch buchstäblich an vorderster
Front im Kalten Krieg stand. Aber heute steht sie
ebenso an der vordersten Front im Hinblick auf die
vielen Herausforderungen der Epoche nach dem
Kalten Krieg. Die fortgesetzte strategische Bedeutung
der Türkei gründet auf der Tatsache, daß sie an den
Grenzen des Irak, Syriens und des Irans liegt, sowie
auf ihre geographische Nähe und sprachliche Verwandtschaft mit den Ländern des Kaukasus und
Zentralasiens.
Aus diesen Gründen haben wir weiterhin ein Interesse
daran, daß die Türkei sich zu einem starken, wohlhabenden, säkularen und demokratischen Staat
entwickelt, der voll in unsere Gemeinschaft integriert
ist. Nur mit einer solchen Türkei können wir gemeinsam die Oberhand behalten in dem Kampf, der an die
Stelle des Kalten Krieges getreten ist - dem Kampf
zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen
Wohlstand und Armut, kurz gesagt, zwischen den
Kräften der Integration und des Zerfalls.
Wir haben Verständnis dafür, wie schwierig und
vielschichtig das Thema Türkei ist, nicht zuletzt für die
Türkei selbst, aber auch für andere. Wir sind uns
bewußt, daß das Verhältnis der Türkei zu der EU für
mehrere größere EU-Staaten nicht nur ein außenpolitisches Problem darstellt, sondern auch ein
innenpolitisches in Anbetracht der Tatsache, daß eine
EU-Mitgliedschaft auch Freizügigkeit bedeutet.
Hier in den Vereinigten Staaten haben wir einige
Erfahrung mit derartigen Fragen, wie jeder weiß, der
die Debatte über das NAFTA verfolgt oder heute
Morgen die Nachrichten über die Demonstrationen
gehört hat, die Präsident Clinton bei seiner Ankunft in
Mexiko City erwarteten. Ich würde sogar sagen, daß
die Vereinigten Staaten und die EU gemeinsam das
Dilemma haben, wie man einerseits die Notwendig-

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keiten und Vorteile der regionalen Integration und der
offenen Grenzen mit unseren Nachbarn in Einklang
bringen kann und andererseits die Notwendigkeiten
einer vernünftigen und humanen Einwanderungspolitik.
Bei ihrem Besuch in Mexiko werden Präsident Clinton
und seine Minister betonen, daß wir die legale Einwanderung unterstützen wollen, die unsere Kultur und
Wirtschaft bereichert und die Vereinigten Staaten zum
fünftgrößten hispanischen Land der Welt gemacht hat.
Wir wollen legale Einwanderer ermutigen, unsere
Staatsbürgerschaft zu erwerben, während wir gleichzeitig die illegale Einwanderung verhindern wollen, die
nur den Konsens für engere Beziehungen stört.
Wir wissen, daß die EU und die Türkei entschlossen
daran arbeiten, diese komplizierten Probleme gegeneinander abzuwägen und so viele Gemeinsamkeiten
wie möglich zu finden. Seit über einem Jahr hat die
EU ein Zollunionsabkommen mit der Türkei, und letzte
Woche gab die EU bekannt, daß der Beitritt der Türkei
zu denselben Bedingungen, die für andere Beitrittskandidaten gelten, stattfinden kann. Wir begrüßen
auch die Einrichtung einer "Gruppe von Weisen" in der
letzten Woche, um die Probleme zu prüfen, die so
große Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei verursacht haben.
Und doch gibt es noch viele, die sich heftig dem
Gedanken widersetzen, daß Nationen östlich des
Gebiets, das man das "traditionelle Europa" nennen
könnte, je wirklich ein Teil eines größeren Europas des
einundzwanzigsten Jahrhunderts werden könnten. Wir
sind überzeugt, daß diese Haltung ganz und gar falsch
ist - und möglicherweise sehr gefährlich. Über die
Jahrhunderte hat Europa in seiner besten Form - und
in seinen friedlichsten und wohlhabendsten Zeiten sich nicht als durch künstliche Grenzen begrenzt
empfunden, wie einen Fluß hier, eine Bergkette dort,
oder eine Mauer aus Zement und Stacheldraht
woanders. Nein, Europa wurde Europa weil es solche
Grenzen überwand und sich zu einer Völkergemeinschaft mit gemeinsamen Werten, Zielen und Lebensweisen entwickelte.
Die Türkei ist seit dem 16. Jahrhundert ein Teil des
europäischen Systems gewesen. Selbstverständlich
hat sie kulturelle Bindungen an Zentralasien und den
Nahen Osten. Aber dasselbe gilt für Rußland, das
ebenfalls ein Teil des zukünftigen integrierten Europas
sein muß, wenn es so etwas überhaupt geben soll. Es
trifft zwar zu, daß der größte Teil der Türkei von
Europa durch eine schmale Wasserstraße getrennt ist,
aber dasselbe gilt auch für Großbritannien.
Ich möchte nun einige Worte über den Islam sagen. In
der gegenwärtigen Debatte über die Türkei hört man
häufig die Schlagworte "Kultur", oder manchmal auch
"Zivilisation". Diese Worte sind oft Euphemismen für
"Religion". Zur Zeit ist eine Theorie in Mode, nach der
die Rivalität des Kalten Krieges zwischen Kommu-

Seite 5

�nismus und Kapitalismus von einem "globalen Kampf
der Kulturen" abgelöst worden ist, wie zum Beispiel
dem Kampf zwischen den westlichen und den islamischen Ländern.

Außenministerin Albright ist derselben Meinung, und
sie wird ihre Amtszeit dazu nutzen, Europa zu ermutigen, sich als möglichst umfassend und aufgeschlossen zu definieren.

Diese Vorstellung ignoriert sowohl die großen Unterschiede innerhalb dieser Kulturen als auch ihre
Gemeinsamkeiten. Sie unterschätzt ebenfalls die
ethnische und religiöse Vielfalt in den Vereinigten
Staaten, die auch zunehmend in Westeuropa anzutreffen ist. Und sie unterschätzt die Gefahren,
denen wir in der Zukunft ausgesetzt sein werden,
wenn wir heute künstliche Barrieren errichten gegen
die Bemühungen eines europäischen Landes, das
willens ist, die Normen und Pflichten unserer demokratischen Gemeinschaft zu akzeptieren, oder wenn wir
die Zugehörigkeit eines Dorfes zu Europa danach
bestimmen wollen, ob es von einem Kirchturm oder
einem Minarett überragt wird.

Abschließend möchte ich bemerken, daß die Vereinigten Staaten bezüglich der drei Fragen, die ich
heute Morgen angeschnitten habe - die EWWU, die
Beziehungen zwischen der EU und den früheren
kommunistischen Ländern im Osten sowie die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei - als Leitgedanken für die Europapolitik weiterhin eben diese
Ziele und Werte empfehlen, die Ihrer Arbeit zugrundeliegen, die Sie hier zu dieser Konferenz zusammengeführt hat. Wir werden die EU ermutigen, in Zukunft das
zu tun, was die hier anwesenden Einzelpersonen und
die hier vertretenen Organisationen bereits tun,
nämlich Brücken zu schlagen, das Netzwerk von
Kontakten und Verbänden zu vertiefen und auszubauen sowie Austauschprogramme innerhalb und zwischen den lokalen, nationalen und regionalen Gemeinden zu fördern, die die weltweite Gemeinschaft
ausmachen zu der wir alle gehören.

Wie Warren Christopher im Frühjahr letzten Jahres
erklärte, darf unsere Integrationsstrategie "keine
grundsätzlichen Grenzen zwischen den katholischen,
orthodoxen und islamischen Teilen Europas dulden.
Diese Gegensätze trugen zu dem Krieg im früheren
Jugoslawien bei, und sie dürfen keinerlei Rolle spielen
in dem Europa, das wir jetzt schaffen."

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Neue Realitäten der transatlantischen Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der
neuen Berliner Republik
Rede von J.D. Bindenagel an der Europa-Universität Viadrina

FRANKFURT AN DER ODER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge
d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 13. Mai 1997 an der
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder hielt.

Rektor Weiler, sehr geehrte Fakultätsmitglieder, liebe
Studenten,
vielen Dank für die Einladung, bei dieser einzigartigen,
zukunftsorientierten Institution eine Rede zu halten.
Die Europa-Universität Viadrina mit ihrer Kombination
aus Altem und Neuem, ihrem interkulturellen und
internationalen Charakter und ihrer Lage in der Nähe
des geographischen Herzens von Europa verkörpert
viele der neuen Realitäten, die Deutschland nach der
Revolution von 1989 und der Vereinigung umgeben.
Diese Universität zeigt ihre Anerkennung und Würdigung dieser neuen Realitäten durch die Zusammensetzung ihrer Studentenschaft und ihrer Studienschwerpunkte. Aktivitäten wie die unlängst erfolgte Gründung
des Instituts für Transformationsstudien repräsentieren
das innovative Denken, das von uns allen verlangt
wird - in der akademischen Welt, der Regierung, der
Wirtschaft und bei unseren zwischenmenschlichen
Kontakten.
Ich weiß die Veränderungen zu würdigen, die Deutschland bewältigt hat und gegenwärtig in Angriff nimmt.
Während der Revolution von 1989 in der DDR war ich
in der Amerikanischen Botschaft in Ostberlin Stellvertretender Botschafter und hatte das Privileg, Augenzeuge eines Ereignisses von immenser historischer
Bedeutung zu werden: Die lange schwelende Unzufriedenheit der Menschen gipfelte in einer Revolution, die friedlich genug war, um Blutvergießen zu
verhindern, aber machtvoll genug, die Berliner Mauer
zu Fall zu bringen.

AMERIKA DIENST 10

Es war das Zusammentreffen mehrerer Zufälle - von
der Zurückhaltung der Demonstranten über die von
der NATO verfolgte Politik der Abschreckung bis zur
Bereitschaft des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, den Völkern der Sowjetunion ein gewisses
Maß an Freiheit zu geben - die zusammenwirkten, um
das klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der Zusammenbruch des Systems, das Deutschland
und Europa so viele Jahrzehnte lang geteilt hatte, ist
dem Mut und Optimismus der Menschen aus beiden
Blöcken zu verdanken, die der Überzeugung waren,
daß die Demokratie obsiegen konnte und sollte. Der
Fall der Berliner Mauer wurde weder durch die auf
beiden Seiten des Eisernen Vorhangs massierten
Armeen erreicht, die auf den Beginn des unvermeidlichen Krieges warteten, noch durch ein mysteriöses,
historisches Ende der kommunistischen Idee. Die
Berliner Mauer wurde durch die ununterdrückbare
Sehnsucht der Menschen nach Freiheit durchbrochen
und schließlich zu Fall gebracht.
Vor wenigen Jahren schien dieser grundlegende
Wunsch, der die Menschen im Ostblock aufgrund der
Verweigerung der Reisefreiheit erfaßte, wie ein
unerfüllbarer Traum. Heute ist er eine Realität, die so
tief in unserem Denken verwurzelt ist, daß wir uns
kaum vorstellen können, dieses Recht nicht zu
besitzen.
Wir haben in den letzten acht Jahren einen langen
Weg zurückgelegt. Die Teilung Europas rückt immer

Seite 1

�mehr in die Ferne, insbesondere da Länder im Osten
und Westen, die so lange als entfremdete Nachbarn
auf einem einzigen Kontinent gelebt hatten, sich jetzt
gegenseitig neu entdecken und den Reichtum der
Kultur und Geschichte des anderen in sich aufnehmen.
Die negative Spannung aus der Zeit des Kalten
Krieges, die einst in Berlin vorherrschend war, ist jetzt
durch die positive Spannung von Aktivität, Umgestaltung und Kreativität ersetzt worden.
Europa setzt seinen Einigungsprozeß fort, und wo
einst Mauern standen, entstehen jetzt Brücken. Die
Brücke, die Sie so passend in das Abzeichen Ihrer
Universität aufgenommen haben, ist das wesentliche
Symbol unserer Zeit. Sie ist das Symbol für Freundschaft und den Weg zu mehr Interaktion und Verständigung.
Deutschland verlegt in Anerkennung seiner Rolle im
Zentrum Europas seinen Regierungssitz in die Hauptstadt Berlin. Bei diesem Umzug können wir eine
Mischung aus Alt und Neu sehen. Die Berliner
Republik repräsentiert die Vermischung der demokratischen Entwicklung Deutschlands mit seiner Ablehnung
des Totalitarismus, seiner Anerkennung historischer
Realitäten und Verantwortung sowie seiner Stärke als
führender Akteur in den wichtigsten europäischen und
transatlantischen Institutionen.

Ebenso wie die Vereinigten Staaten vor 50 Jahren den
Marshallplan entwickelten, um Deutschland und dem
übrigen Westeuropa beim Wiederaufbau nach dem
Zweiten Weltkrieg zu helfen, kann Deutschland als
führendes Mitglied der wichtigsten Institutionen
Europas eine positive Rolle bei der Förderung von
Sicherheit und Wohlstand im Osten übernehmen.
Die Erweiterung der Europäischen Union wird nach
dem Ende des Kalten Krieges eine entscheidende
Entwicklung für Europa darstellen. Die Einbeziehung
aller Länder Zentraleuropas und der baltischen
Staaten in die EU wird äußerst positive Auswirkungen
auf die Region haben. Sie wird diese Länder enger an
den Westen binden, die marktwirtschaftliche Entwicklung stärken, demokratische Institutionen fördern und
einen großen Anreiz für die Weiterentwicklung der
engen gutnachbarschaftlichen Beziehungen geben,
wie wir sie an Orten wie Frankfurt an der Oder sehen.

Deutschland ist ein natürlicher Fürsprecher der
Nationen, die früher in der Tyrannei des Ostblocks
gefangen waren. Das gilt insbesondere für Polen, ein
Land, dessen Geschichte stark von Deutschland
beeinflußt wurde. Von besonderer Bedeutung sind die
Bestrebungen Deutschlands und Polens, neue

Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie multilaterale
Zusammenarbeit in dieser Region zur Bewältigung der
Herausforderungen in einem geeinten Europa funktionieren kann, ist das Border Region Study Project, das
jetzt mit Unterstützung des US-Informationsamts
(USIA) und des German-American Marshall Fund
durchgeführt wird. Diese Initiative vereint die Regierung, den Privatsektor und die akademische Welt. Sie
setzt einen weitreichenden und fruchtbaren Austausch
von Ideen und Erfahrungen bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und Entwicklung zwischen
Frankfurt an der Oder und seinen polnischen und
tschechischen Partnern und Pendants in Yuma
(Arizona) und Sonara (Mexiko) in Gang. Der EuropaUniversität Viadrina kommt bei diesem Prozeß eine

Bindeglieder zu finden.

Schlüsselrolle zu.

Ein Symbol für diese neue

enge Beziehung zwischen Deutschland und Polen ist
die Tatsache, daß der polnische Außenminister
Dariusz Rosati den Nationalfeiertag seines Landes am
3. Mai dieses Jahr nicht in Polen, sondern in Deutschland feierte. Dieses Ereignis zeigt, wie weit Polen und
Deutschland bei der Erneuerung ihrer Beziehungen
und dem Verheilen alter Wunden gekommen sind.
Ein weiteres Beispiel sind persönliche Kontakte. Als
Institution, die sich der multikulturellen Bildung verschrieben hat, kennen Sie die Vorteile, wenn Parlamentsabgeordnete, Geschäftsleute und interessierte
Bürger zusammentreffen, um gemeinsame Probleme
zu erörtern und Ideen auszutauschen. All diese
Bestrebungen leisten einen Beitrag zum Aufbau
dauerhafter Verbindungen, die die polnisch-deutschen
Beziehungen bereichern und stärken.
Multilaterale Bestrebungen wie die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und
Polen sind ein anderer Weg zur Stärkung von Kontakten und dem Auffinden gemeinsamer Interessen.
Derartige Bestrebungen können alte Grenzen abschaffen und die Stabilität Europas stärken.

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Parallel zu dieser Initiative wird eine neue, vielversprechende Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt an
der Oder und Yuma (Arizona) begründet, die beim
bevorstehenden Besuch des Bürgermeisters von
Yuma offiziell ins Leben gerufen wird.
Die Vereinigten Staaten als europäische Macht und als
ein Land mit vielen Bürgern, die Vorfahren in diesem
Teil der Alten Welt haben, sind an der Ausweitung von
Stabilität und Wohlstand in dem neuen, geeinten
Europa interessiert. Ob man sich unsere Bestrebungen in den baltischen Staaten, die Investitionen
amerikanischer Unternehmen in den östlichen Bundesländern, die Bestrebungen zur Entsorgung von
Altlasten auf den ehemaligen Militärstützpunkten oder
die Finanzhilfeprogramme der Vereinigten Staaten
betrachtet - man spürt das aktive Interesse der
Amerikaner an der Anknüpfung neuer Beziehungen
und der Entwicklung engerer Kontakte.
Mit einem Investitionsvolumen von 12 Milliarden Mark
sind die Vereinigten Staaten der größte Investor in den
neuen Ländern. Die jährlichen Steigerungsraten

AMERIKA DIENST 10

�betragen mehr als 20 Prozent. Damit sind 50.000
Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert worden.
Die Investitionen sind ein wichtiger Beitrag zum
Wachstum dieser Region und der Schlüssel für die
wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundesländer.

Bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zählen
jedoch nicht nur Investitionen, sondern auch vertiefte
Information und Kommunikation. So haben wir versucht, unsere Erfahrungen mit neuen Finanzierungskonzepten wie Risikokapital in den neuen Ländern
publik zu machen.

Bundeskanzler Kohl hat kürzlich auf einer Tagung der
American Chamber of Commerce in Germany das
Engagement der USA als führender Investor ausdrücklich gewürdigt. In der Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges sind diese Investitionen die wesentlichen
Pfeiler der Brücken über den Atlantik.

Wirtschaftliches Engagement führt auch zu verstärkten
zwischenmenschlichen Kontakten. Das Engagement
von Dow Chemical hat 40 amerikanische Familien in
den Raum Leipzig gebracht. Es entstand eine internationale Schule mit amerikanischen Lehrplänen, die
auch für deutsche Schüler interessant ist.

Zu den wichtigsten Investitionsprojekten gehören:

Wichtig ist, daß wir das "networking" verstärken. Ich
selbst habe vor kurzem mit dem Vorsitzenden der
Max-Planck-Gesellschaft an einer Konferenz der
Universität Leipzig teilgenommen, um nach Wegen zu
suchen, das "networking" zwischen Wissenschaftlern
in den neuen Ländern und den USA zu beschleunigen.
Eine derartige transatlantische Forschungsinfrastruktur

Die Mehrheitsbeteiligung von Dow Chemical in
Höhe von vier Milliarden DM in der Chemieindustrie der neuen Länder.
Coca Colas Engagement von mehr als einer
Milliarde DM in Abfüllanlagen, Zuteilungs- und
Verkaufszentren.
Die neue Halbleiterfabrik, die der amerikanische Konzern AMD in Dresden baut. Diese
hat ein Volumen von 1,2 Milliarden DM. Damit
faßt einer der zukunftsträchtigsten Industriezweige in den neuen Ländern Fuß, der entscheidend für die Hochtechnologie in den
neuen Ländern wie auch in Osteuropa sein
wird.
Investitionen von mehr als einer Milliarde DM
in das Automobilwerk Opel in Eisenach, wo
das aufgebaut wird, was wir auf amerikanisch
eine state-of-the-art Fabrik nennen. Diese
Fabrik setzt Maßstäbe für den Automobilbau in
ganz Europa.
Aber nicht nur die publizitätsträchtigen großen Projekte
sind wichtig. Über 300 amerikanische Firmen - dazu
zählen das verarbeitende Gewerbe, die Bereiche
Landerschließung und Bau, Unternehmensberatung
und Handel - sind in den neuen Bundesländern aktiv
und agieren im gesamten Spektrum wirtschaftlicher
Aktivitäten durch Errichtung von Niederlassungen,
Firmenvertretungen und Franchise-Unternehmen.
Gleichzeitig pflegen wir eine enge Zusammenarbeit
zwischen der Botschaft und der American Chamber of
Commerce zur Förderung von Investitionen. Wir haben
gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig,
Weimar/Erfurt und Potsdam organisiert, die ein
großartiges Beispiel dafür waren, wie die Partnerschaft
zwischen dem öffentlichen und dem Privatsektor
amerikanische Investitionen fördern und eine starke
neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen kann. Und wir werden diese Tradition
dieses Jahr in Dessau fortsetzen.

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ist unverzichtbar, wenn Technologie und Wissenschaft

eine immer größere Rolle bei Investitionsprojekten
spielen.
Unsere Aktivitäten hierzulande sind jedoch nicht nur
wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln unser Engagement
für die Zukunft dieses Kontinents wider - eine auf den
Werten Demokratie und freie Marktwirtschaft basierende Zukunft. Ein anderer Aspekt ist für die hier lebenden Amerikaner ebenfalls von Bedeutung - die Möglichkeit, den kulturellen und historischen Reichtum in
diesen Teilen der Welt wiederzuentdecken, die so
lange unzugänglich waren. Die Wiederentdeckung
und Verbindung der Teile Europas, die früher getrennt
waren, sowie der Kulturaustausch zwischen Zentralund Osteuropa und Westeuropa ist eine der interessantesten Entwicklungen. Europa und die Welt
werden durch diese Erfahrung reicher. Natürlich ist
das nicht einfach und geschieht auch nicht automatisch. In einigen Teilen Westeuropas akzeptiert man
die Tatsache nur zögernd, daß es einen völlig neuen
wachsenden und dynamischen Teil Europas gibt. Hier
im Zentrum Europas ist noch viel zu entdecken und zu
würdigen.
Häufig haben die Amerikaner einen natürlichen Hang,
diese früher isolierten Teile Europas zu entdecken.
Viele Amerikaner haben hier ihre kulturellen Wurzeln.
Ungefähr 60 Millionen Amerikaner sind deutscher
Herkunft und Millionen andere haben ihre Wurzeln in
der jetzigen Tschechischen Republik, der Slowakei,
Polen, Ungarn und den Baltischen Staaten.
Genau diese prägenden Verbindungen wurden
kürzlich von Vaclav Havel in seiner Rede vor dem
Deutschen Bundestag angesprochen. Präsident Havel
äußerte:

Seite 3

�"Der Mensch, wie bekannt, ist keine
Erscheinung an sich, deren Identität
in keinem Zusammenhang mit ihrer
Umgebung stünde und davon völlig
unabhängig wäre.
Im Gegenteil:
Unsere Identität wird durch zahlreiche
Schichten oder Kreise dessen mitgestaltet, was im allgemeinen als
unser Zuhause bezeichnet werden
kann."
Kontakte sind von lebenswichtiger Bedeutung und
schaffen dauerhafte Verbindungen. Sie reichen jedoch
nicht aus, um dauerhafte Sicherheit und Stabilität in
einer Region zu schaffen, die von so vielen Kriegen
heimgesucht wurde. Das wichtigste multilaterale Ziel
der Vereinigten Staaten besteht im Aufbau von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden Herausforderungen vor.
Mit der Umgestaltung der NATO verfolgen wir folgende
Ziele: Einbeziehung von Frankreich und Spanien in die
integrierte Militärstruktur, Aufnahme neuer Mitglieder,
Aufbau guter Beziehungen zu Rußland, Stärkung
unserer Beziehungen zu den Partnerstaaten. In
Anbetracht des für Juli anberaumten NATO-Gipfels in
Madrid und der laufenden Arbeit am Aufbau neuer
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland stehen
wir vor enormen Herausforderungen aber auch großen
Chancen.
Wir verfolgen nicht nur die Mitgliedschaft von neuen
Staaten, sondern parallel dazu sollen neue Beziehungen zwischen Rußland und der NATO geknüpft
werden, um zur Überwindung der alten Denkweise,
alter Feindseligkeiten und Konflikte beizutragen. Wir
wollen Rußland ein Stimm-, aber kein Vetorecht
einräumen und unter Beweis stellen, daß Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist. Ferner haben wir
unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine Verringerung der
militärischen Fähigkeiten des Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt.
Außenministerin Albright und NATO-Generalsekretär
Solana arbeiten weiterhin mit ihren russischen Amtskollegen an dieser Frage. Wir hoffen, daß wir in den
nächsten Wochen Fortschritte machen können. Die
Arbeit an dieser Charta wird heute und morgen (am 13.

Seite 4

und 14. Mai) in Moskau fortgesetzt. Sie ist jedoch erst
beendet, wenn die Substanz der Charta stimmt.
Die Sicherheitsagenda wird verändert, um den Anforderungen des neuen Jahrhunderts gerecht zu
werden. Dasselbe kann über die kulturelle Präsenz
der Vereinigten Staaten in Europa gesagt werden, die
sich verändert und gleichzeitig stark und lebensfähig
bleibt. Die menschlichen Bande stellen einen der
dauerhaftesten Beiträge zu Verständigung und
Freundschaft zwischen Deutschland, den Vereinigten
Staaten und Zentraleuropa dar. Das ist ein Grund
dafür, daß die Vereinigten Staaten so großes Interesse
an der Erneuerung dieses Pfeilers unserer Beziehungen haben.
Wie Sie in der akademischen Welt wissen, stellen
Austauschprogramme für Studenten ein besonders
lebendiges und ausbaufähiges Gebiet dar. Tausende
von Studenten überqueren jährlich den Atlantik, um
Erfahrungen auszutauschen und - vor Ort - etwas über
Umfeld und Kultur des anderen zu lernen. Es sind
diese intensiven Beziehungen, die ich neben den
zahlreichen kulturellen Kontakten zwischen uns
hervorheben möchte, um die These zurückzuweisen,
es gäbe einen Kulturbruch zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten.
Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Beziehungen sind
zu umfassend, zu vielfältig und zu dynamisch, um nur
in Beschreibungen von Aktivitäten einiger weniger
Institutionen eingefaßt zu werden. Denken Sie an die
Amerikaner deutscher Herkunft, die nicht nur in den
Vereinigten Staaten eine wesentliche Rolle spielten,
sondern auch in der Weltgeschichte - beispielsweise
Albert Einstein und Henry Kissinger. Und Levi Strauss
hat nicht Weltgeschichte gemacht, aber er ist hier
wahrscheinlich gut vertreten.
Unsere Beziehungen bestehen aus vielen Brücken,
nicht nur aus einer. Unsere Kontakte verändern sich
und passen sich an die uns umgebenden neuen
Realitäten an.
Derzeit gestalten wir unsere Präsenz in Deutschland
um. Wir stützen uns dabei in zunehmendem Maße auf
Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten,
Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen,
Investoren und Geschäftsleute. Ihre individuellen
Bestrebungen sind Teil eines noch engmaschigeren
Netzes von Clubs und Organisationen, die die
deutsch-amerikanische Freundschaft fördern und die
Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir werden uns der gemeinsamen historischen Erfahrung bewußt durch das U.S.

AMERIKA DIENST 10

�Holocaust Memorial Museum, das Alliierte Museum
und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag stoßen auf großes Interesse. Der 1983
begonnene Austausch zwischen Kongreß und Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der 1987 gegründeten Studiengruppe Deutschland des Kongresses sind Beweis für
den ungebrochenen Einsatz dieses Gremiums für die
Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.
Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und die deutsch-amerikanischen Clubs haben die
deutsch-amerikanischen
Beziehungen
dauerhaft
geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie sind auch im
Sozialleben ihrer Gemeinden aktiv.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Aktivitäten des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg - die Bereitstellung von elf Kinderspielplätzen - auch heute noch einen Beitrag zur
Gemeinde leistet. Wenn ich daran denke, wieviele
Generationen von Kindern durch solche Projekte gute
Erfahrungen gemacht haben, kann ich nur meine
Überzeugung wiederholen, daß durch diese privaten
Initiativen sehr viel Gutes getan werden kann. Wenn
man sich bewußt macht, daß diese Initiativen mit
einem Minimum an Unterstützung durch die Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist das ein
überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute für die
Gesellschaft tun können.

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In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere
die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.
Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein wichtiger Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs ein Verständnis davon, was durch gemeinsamen Einsatz für
eine gute Sache bewirkt werden kann.
Ich freue mich berichten zu können, daß viele neue
Pläne für die Ausweitung von Kontakten zwischen
Deutschen und Amerikanern bestehen. In Berlin wird
die American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein Büro in Berlin. Und der
Austausch zwischen dem amerikanischen Militär und
Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln.
Aus diesem Grund ist es so wichtig für jeden einzelnen
von uns, zu prüfen, wie wir zur Stärkung der persönlichen Bande zusammenarbeiten können, um neue
Gelegenheiten für den Austausch von Erfahrungen
und ihre künftige Nutzung zu finden.
Wir beginnen unsere Arbeit nicht in einem Vakuum.
Vielmehr stehen wir auf einer soliden Basis gemeinsamer Interessen und Werte - unser wachsamer
Schutz der Freiheit, unser Engagement für Demokratie, unser Streben nach Erhalt von Frieden und
Stabilität in Europa. Diese Prinzipien einen die
Vereinigten Staaten und ihre Partner in Europa seit
Jahrzehnten.
Abschließend möchte ich die in Reichweite von
Studenten wie Ihnen liegenden Chancen hervorheben,
einen Beitrag zur Umgestaltung Europas zu leisten.
Ihr Geist ist nicht von alten Paradigmen und überholter
Denkweise belastet, zu deren Überwindung wir in
älteren Generationen uns immer wieder bewußt
aufrufen müssen. Unmittelbar vor Ihnen liegt die
Chance, die Zukunft zu gestalten.

Seite 5

�Betrachten Sie einen Moment die Worte Victor Hugos,
der sagte: "Die Zukunft hat viele Namen.

Für die Überlegten und Mutigen ist sie das Ideal."

Für die Schwachen ist sie das Unmögliche.

Auch Sie sollten nach dem Ideal streben. Die Chance
liegt direkt vor Ihnen.

Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte.

Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Die Bedeutung der Forschungskooperation
für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

LEIPZIG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 7. Mai 1997 an der Universität
Leipzig hielt.

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, heute hier in
Leipzig zu Ihnen sprechen zu dürfen. Jedes Mal,
wenn ich diese historische Stadt besuche, erinnere ich
mich an die dramatischen Veränderungen, die hier
stattgefunden haben. Vor fünfzig Jahren versprach
George Marshall wirtschaftliche Hilfe und einen neuen
Anfang für Europa. Allerdings konnte ein Teil Europas
- genauso zerstört wie der Rest des Kontinents - sich
nicht daran beteiligen. Und als William Fulbright es
jungen Menschen - Studenten und Wissenschaftlern ermöglichte, ins Ausland zu reisen und sich am freien
Austausch von Menschen und Meinungen zu beteiligen, war die Hälfte Europas davon ausgeschlossen. In dieser Stadt, während der großen Montagsdemonstrationen auf dem Leipziger Ring - nur wenige
Meter von hier entfernt - begann eine Revolution.
Diese Revolution brachte letztlich die SED-Herrschaft
zu Fall und verhalf diesem Teil Deutschlands sowie
den Ländern Osteuropas zur Freiheit.
Im Laufe der letzten vierzig Jahre haben wir oft davon
gesprochen, Brücken über den Atlantik zu bauen. Wir
haben den Meinungsaustausch und den Austausch
von Bürgern unserer Länder gefördert. Dies beinhaltet
politischen Dialog und Beratung ebenso wie wirtschaftliche Zusammenarbeit, kulturelle Kontakte,
Studentenaustausch, Städtepartnerschaften und natürlich - die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Die
Kooperation von Forschern und Studenten ist ein
Grundelement unseres Verständnisses und der
Zusammenarbeit. Die professionelle Zusammenarbeit
und die persönlichen Freundschaften, die daraus
erwachsen sind, gehören zu den Herzstücken unserer
bilateralen Beziehungen.

AMERIKA DIENST 10

Das Symbol der Brücke ist oft eine angemessene
Analogie zur Beschreibung unserer bilateralen Austauschprogramme. Als ich aber meinen heutigen
Redebeitrag vorbereitete, habe ich erkannt, daß dieses
Symbol unsere wissenschaftlichen Beziehungen nicht
länger adäquat wiedergibt. Wir sehen den gegenwärtigen Stand der deutsch-amerikanischen wissenschaftlichen Kooperation mehr als ein dynamisches
Netzwerk. Das Netzwerk hat einen stabilen Kern,
aber außen verändert es sich und wächst unter dem
Einfluß zahlreicher äußerer Faktoren.
Die neuen Technologien üben sicher einen starken
Einfluß auf unsere Forschungsbeziehungen aus, denn
damit ist die Interaktion einfach und effizient geworden:
Delta Airlines fliegt täglich von Berlin nach New York.
Telefon, Faxverbindungen und E-mail ermöglichen uns
den unmittelbaren Kontakt miteinander. Und wenn wir
"online" miteinander kommunizieren, dann sind wir
über das Internet virtuell präsent im "Global Village"
und im "Cyberspace". Es kann Ihnen passieren, daß
Sie gar nicht mehr genau wissen, wo die Person, mit
der Sie Kontakt aufnehmen, sich gerade aufhält. Oder
wo sich der Computer befindet, von dem Sie sich
Informationen herunterladen.
Im globalen Wettstreit um Wissen, Technologie und
Innovation zählt nur noch die verfügbare Information,
das vorhandene Fachwissen. Viele unserer internationalen Firmen nutzen dies zu ihrem Vorteil. Wenn
die Mitarbeiter der deutschen Forschungsabteilung
abends nach Hause gehen, werden die Daten in die
USA überspielt, wo gerade ein neuer Arbeitstag
begonnen hat. Acht Stunden später wird die Arbeit
fortgesetzt von Industrieforschern in Japan oder

Seite 1

�anderen asiatischen Ländern. Was vor nicht allzu
langer Zeit als Zukunftsmusik gegolten hätte, ist heute
Realität. Dies ist einer der Gründe, warum wir für
unsere Konferenz den Titel "Netzwerke" vorgeschlagen haben.
Mit diesem Titel möchten wir jedoch Ihr Augenmerk
auch auf die Komplexität der Bindungen zwischen
deutschen und amerikanischen Forschern lenken.
Die heutigen wissenschaftlichen Verbindungen haben
viele Facetten und Verknüpfungen. Sie existieren auf
verschiedenen Ebenen und nehmen verschiedene,
manchmal sich überlagernde Formen an. Dies reicht
vom einmaligen bilateralen Austausch von Forschungsergebnissen oder Publikationen bis zur
langfristigen, kontinuierlichen Zusammenarbeit in der
Forschung. Sie bestehen auf der Ebene des einzelnen Wissenschaftlers ebenso wie auf regionalem
oder institutionellem Niveau, oder in Kombination aller
Möglichkeiten. Wir haben zwar einen technischen
Begriff gewählt, um den Stand unserer Forschungszusammenarbeit zu beschreiben. Wir sollten aber
bedenken, daß zu einem Netzwerk mehr gehört als
technische Anschlüsse, Gateways und Hochgeschwindigkeitsverbindungen. Im innersten Kern der Partnerschaft finden wir Deutsche und Amerikaner mit dem
gemeinsamen Wunsch zu forschen, zu entdecken und
Erfolg zu haben.
Besonders hervorheben möchte ich, daß ein Netzwerk
integrieren kann und fähig ist, sich an neue und
veränderte Umstände anzupassen. Wir sind nicht nur
daran interessiert, die bestehenden Verbindungen und
Verknüpfungen zu pflegen. Wir möchten vielmehr
auch die Netzwerke erweitern, um immer mehr Partner
aus den neuen Ländern einzubinden.
Später werden einige Wissenschaftler über ihre
persönlichen Erfahrungen in Bereich Austausch und
Zusammenarbeit berichten. Lassen Sie mich Ihnen
einen Überblick geben, wie umfangreich das deutschamerikanische Kooperationsnetzwerk ist. Im Bereich
der Industrieforschung sind unsere beiden Länder eng
verbunden. Deutsche Firmen betreiben mehr als 100
Forschungslabors in den USA. Diese Einrichtungen
sind vor allem in den Sektoren tätig, in denen die
deutsche Wirtschaft besonders stark ist, also im
Automobilbereich, in der Chemie und in der pharmazeutischen Industrie.
Umgekehrt haben amerikanische Firmen erheblich in
ihre deutschen Forschungskapazitäten investiert.
Allein im Jahr 1993 waren dies mehr als 3 Milliarden
Dollar.
Angesichts der jüngsten amerikanischen
Investitionen in den neuen Ländern wird diese Zahl
noch ansteigen. Ich möchte hier Dow-Chemical in
Sachsen-Anhalt, Opel in Thüringen und AMD in
Sachsen nennen. Damit ist Deutschland der bevorzugte ausländische Standort für die Forschung
amerikanischer Firmen.

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Es gibt weitere Beispiele für die Internationalisierung
der Forschung. Amerikaner sind die bevorzugten
Partner der meisten deutschen Wissenschaftler. Etwa
ein Viertel aller internationalen Projekte in Deutschland
werden in Verbindung mit einem US-Partner durchgeführt. Zwar sind umgekehrt die USA nicht ganz so
konzentriert auf Deutschland, aber im Hinblick auf
gemeinsame Vorhaben sind die Deutschen immer bei
den drei Besten. Die Zusammenarbeit mit Deutschland macht etwa 10 Prozent aller internationalen
Programme in den Vereinigten Staaten aus. Nur zwei
Länder, beide englischsprachig, erreichen dieses
Niveau: Kanada und Großbritannien.
In unseren beiden Ländern sind die Universitäten
Bastionen der Forschung und der neuen Ideen. Da wir
heute in einem Universitätshörsaal zusammen-gekommen sind, ist der Hinweis angebracht, daß es mehr
als 500 Kooperationsabkommen zwischen deutschen
und amerikanischen Universitäten gibt. Diese Kontakte gehen zurück bis ins Jahr 1954, als die Universität
Bonn ihr Kooperationsprogramm mit der Universität
von Wisconsin in Madison aufnahm. Ein Jahr später
folgte die Verbindung der Universität Köln mit der
Universität von Kalifornien in Berkeley, und die
Partnerschaft der Universität von Minnesota mit der
Freien Universität Berlin.
Heute sind Hunderte von Universitäten auf beiden
Seiten beteiligt, viele auch in den neuen Bundesländern. Allein die Universität von Washington in Seattle
unterhält seit 1975 Kooperationsabkommen mit zehn
deutschen Universitäten, darunter der Hochschule
Weimar. Die Leipziger Universität hat sechs Partnerschaften. Darunter sind nicht nur Programme mit
anderen amerikanischen Universitäten, sondern auch
mit den National Institutes of Health - der führenden
amerikanischen Forschungseinrichtung in der Medizin
und den Biowissenschaften. Die National Institutes of
Health sind heute hier vertreten durch Prof. Henry
Webster, dessen Beteiligung an der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit ich gerne hervorheben
möchte.
Wir haben Sie heute aber nicht eingeladen, um den
beiderseitigen Nutzen unseres wissenschaftlichen
Netzwerkes zu betonen. Ich glaube, daß Sie ohnehin
darin mit mir übereinstimmen. Als wir die Idee für eine
"Netzwerke"-Konferenz entwickelten, hatten wir
mehrere Ziele vor Augen. Als erstes und vielleicht
bescheidenstes Ziel hoffen wir, daß Sie heute Ihr
eigenes Netzwerk erweitern durch das Zusammentreffen und die Interaktion mit Wissenschaftlern aus
anderen Regionen, Instituten und Fachgebieten. Diese
persönlichen Beziehungen sind eine Grundlage für
jedes Netzwerk.
Zweitens möchten wir Ihnen im Workshop heute
nachmittag etwas vermitteln von der Vielfalt der
Möglichkeiten für die deutsch-amerikanische Zu-

AMERIKA DIENST 10

�sammenarbeit. Heute sprechen zu Ihnen Vertreter der
führenden Wissenschafts- und Austauschorganisationen Deutschlands und Amerikas. Zusätzlich bieten wir
eine Informationsbörse - eine Internet "homepage", die
Ihnen helfen soll, Kontakte zu den wesentlichen
amerikanischen Forschungs-instituten und Universitäten zu entwickeln.
Schließlich - und das ist vielleicht unser ehrgeizigstes
Ziel - hoffen wir, daß unsere verehrten Sprecher heute
morgen Sie dazu anregen, den gegenwärtigen Stand
der Forschung und unsere Rolle darin zu bedenken.
Hat sich diese Rolle im neuen Deutschland verändert?
Sind die Netzwerke so schnell gewachsen, wie es
notwendig ist, um die Wissenschaftler der neuen
Länder zu integrieren? Welchen Problemen, die einer
Zusammenarbeit hinderlich sind, stehen die Forscher
gegenüber? Was könnte getan werden, um die
Hindernisse zu überwinden?
Lassen Sie mich kurz einige Felder benennen, auf
denen wir herausgefordert sind. Wir leben in einer
Zeit, in der unsere beiden Regierungen unter enormem
Druck stehen, Gelder einzusparen und die Notwendigkeit jedes einzelnen Programms zu prüfen und zu
rechtfertigen. Nun gibt es eine wohlbekannte Verbindung zwischen wissenschaftlicher Spit-zenleistung und
Wettbewerbsfähigkeit. Wir glauben, daß der wissenschaftliche Austausch ein effizienter Weg ist, Informationen zu übermitteln, unnötige Duplikation wissenschaftlicher Arbeit zu vermeiden und unsere beiderseitige Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.
Manche meinen, der Austausch zwischen unseren
Ländern sei etwas einseitig: Viel mehr Deutsche
gehen zu Forschungs- oder Studienzwecken nach
Amerika als umgekehrt. Wenn man sich die Statistiken
ansieht, gibt es dafür sicher einige Berechtigung.
Professor Berchem, der Präsident des Deutschen
Akademischen Austauschdienstes, hat die Vereinigten
Staaten "die spröde Geliebte" genannt. Amerikanische
Wissenschaftler sind in einem großen Land zu Hause
und mögen manchmal den Blick über die eigenen
Grenzen vernachlässigen.
Oder sie können auf
Angebote für gemeinsame Projekte aus der ganzen
Welt warten. Aber während es sicher viele Länder
gibt, die um die amerikanischen Forscher werben, sind
doch nur wenige so gut wie Deutschland darauf
vorbereitet, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ich
möchte Deutschland ermutigen, auf seine Stärken zu
bauen: seine exzellenten Einrichtungen, sein hohes
akademisches Niveau und seine Nähe zu den europäischen Forschungseinrichtungen.
In der gegenwärtigen Debatte zum Standort Deutschland wird oft gesagt, daß es den Deutschen an
Unternehmergeist fehle. Lothar Späth, der frühere
Ministerpräsident und heutige Vorsitzende von Jenoptik, hat einmal auf den philosophischen Unterschied
zwischen dem englischen Begriff "Venture Capital"

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und dem deutschen "Risikokapital" hingewiesen:
Wenn sie eine Investition erwägen, konzentrieren sich
die Amerikaner auf die Chancen, die Deutschen auf
die Risiken. Ich möchte behaupten, daß die deutschen
Wissenschaftler
grundsätzlich
Unternehmergeist
haben. Schließlich sind Experi-mente auf der Suche
nach Wissen die Basis ihrer Arbeit. Hunderte von
neuen Firmen in der Computerindustrie, in der Biotechnologie und in der Umwelttechnologie belegen,
daß deutsche Wissenschaftler sowohl über innovative
Technologien verfügen als auch über den Unternehmergeist in der Vermarktung.
Derzeit können wir auf dem Gebiet der Gentechnik in
Deutschland - einem Feld intensiver Debatten - viele
Erneuerungen und Veränderungen beobachten. Ich
beziehe mich dabei auf die Gesetzgebung, die als
Reaktion auf die befürchteten Einschränkungen der
Forschungsfreiheit verändert wurde. Das neue deutsche Gentechnikgesetz hat die Genehmigungsverfahren für Genforschung wesentlich vereinfacht.
Die daraus resultierende Zunahme der Forschung in
diesem Bereich kann großen Nutzen in der Medizin
und den Biowissenschaften bringen. Die deutschen
Forscher haben beste Voraussetzungen für den
Wettbewerb mit der Weltspitze. Ich bin fest davon
überzeugt, daß Deutschland auf diesem Gebiet in den
kommenden Jahren eine führende Rolle spielen wird.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich die Bedenken ansprechen, es könnte für die Wissenschaftler in
den neuen Ländern schwierig sein, Zugang zu den
bestehenden wissenschaftlichen Netzwerken zu
finden. Deutsche und amerikanische Institute haben
viele Jahre erfolgreich zu-sammengearbeitet, und
vielleicht wird der Nutzen aus der Integration der
Neueinsteiger nicht immer erkannt. Wir sollten immer
bedenken, daß persönliches Engagement und Initiative
den entscheidenden Unterschied machen können.
Große Fortschritte sind erzielt worden - für manche
mag es jedoch zu langsam gehen.
Zum Abschluß möchte ich sagen, daß die
wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA einen Mikrokosmos
unserer gesamten bilateralen Verbindungen darstellt.
Dieselbe Offenheit und Initiative, die wir in unsere
wirtschaftlichen und politischen Beziehungen einbringen, bereichern auch den wissenschaftlichen
Austausch. Wenn Wissenschaftler und Forscher wie
Sie Ihre Sache weiterhin mit Optimismus und Engagement vorantreiben, sind Ihnen keine Grenzen gesetzt
für das, was Sie erreichen können. Und wir auf der
anderen Seite des Netzwerks freuen uns auf die
Zusammenarbeit mit Ihnen in künftigen Projekten.
Lassen Sie mich in der Hoffnung schließen, daß diese
Konferenz einen weiteren Baustein darstellt für eine
fruchtbare Kooperation auf viele Jahre hinaus. Vielen
Dank.

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�WIRTSCHAFT

28. Mai 1997

USA beziehen keine Stellung zur
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

NEW YORK - (AD) - Die Vereinigten Staaten unterstützen seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration, beziehen jedoch keine Stellung zur Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU), erklärte der Stellvertretende Finanzminister Lawrence Summers.
Diesbezügliche Fragen müßten die Europäer selbst beantworten, stellte Summers am 30. April 1997 bei der
Euromoney-Konferenz in New York fest. Er sprach jedoch den Einfluß an, den die Gründung der EWWU auf die
amerikanische Wirtschaft, das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem und die Rolle Europas in der Welt
haben wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Stellvertretenden Finanzministers.

Es ist mir ein Vergnügen, heute bei dieser wichtigen
Konferenz über "Die EWWU und das sich wandelnde
Gesicht Europas" anwesend sein zu dürfen. Wie Sie
wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten Staaten
zu Europa seit langem der Eckpfeiler unserer
Wirtschafts- und Außenpolitik. In der Tat feiern wir in
diesem Jahr den 50. Jahrestag des Marshallplans, der
zusammen mit den Institutionen von Bretton Woods,
der OECD und unserem Militärbündnis NATO zur
Schaffung der Bedingungen für ein halbes Jahrhundert
von Frieden und Wohlstand beigetragen hat. Heute ist
das Schicksal der Vereinigten Staaten weiterhin sehr
eng mit dem Europas verbunden. Natürlich haben wir
ein Sicherheitsinteresse an dem, was auf dem europäischen Kontinent geschieht. Wir haben jedoch auch ein
elementares wirtschaftliches Interesse an dem, was
jenseits des Atlantiks geschieht.
Im Jahr 1995 betrug unser jährlicher Warenhandel mit
der Europäischen Union über 250 Milliarden Dollar,
während unser Handel mit Dienstleistungen 115
Milliarden Dollar erreichte.
Die amerikanischen
Direktinvestitionen in Europa belaufen sich auf 360
Milliarden Dollar - das ist mehr als die Hälfte aller
amerikanischen ausländischen Direktinvestitionen.
Und obwohl viele glauben, Europa sei nichts Neues
und keine wirtschaftliche Grenze, haben die amerika-

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nischen Direktinvestitionen in Europa von 1982 bis
1995 im Durchschnitt jährlich um 11,1 Prozent zugenommen, verglichen mit einer Wachstumsrate von
9,9 Prozent für amerikanische Direktinvestitionen
weltweit.
Die europäische Integration ist ein Schlüsselelement in
diesem Prozeß. Die Vereinigten Staaten unterstützen
seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration und werden dies auch weiterhin tun, obwohl
die Entscheidung über die Fortsetzung dieses Prozesses bei Europa liegt.
Die vorgeschlagene Europäische Wirtschafts- und
Währungsunion ist der letzte Schritt in dem Prozeß der
europäischen Integration und einer der komplexesten.
Er wird einen grundlegenden Wandel in der Finanzstruktur Europas und seiner makroökonomischen
Politik darstellen. Angesichts unseres Interesses an
der Zukunft Europas sollte es nicht überraschen, daß
wir die Entwicklungen an dieser Front genau verfolgen.
Gleichzeitig ist es jedoch eine europäische Angelegenheit, die von den Europäern entschieden werden muß.
Ich möchte mich von Anfang an klar ausdrücken. Ich
werden keine Stellung zu folgenden Fragen beziehen:
"Wird oder soll es eine EWWU geben?", "Wie sollte die

Seite 1

�EWWU strukturiert sein?" oder "Wer sollte beitreten?".
Diese Fragen müssen die Europäer selbst beantworten.
Ich möchte heute jedoch zu Ihnen darüber sprechen,
wie dieses Projekt wahrscheinlich die amerikanischen
Interessen beeinflussen wird. Heute Nachmittag
werde ich meine Ausführungen auf drei Themen
konzentrieren: Erstens die direkten Auswirkungen der
Einführung einer einheitlichen Währung auf die
amerikanische Wirtschaft; zweitens die Auswirkungen
der EWWU auf das internationale Wirtschafts- und
Finanzsystem als Ganzes; und drittens die Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der EWWU auf
die Vereinigten Staaten
Der Hauptmechanismus, mit dem die EWWU die
amerikanische Wirtschaft beeinflussen kann, ist ihr
Einfluß auf die wirtschaftliche Lebensfähigkeit Europas. Den amerikanischen Wirtschaftsinteressen ist gut
gedient, wenn Europa prosperiert. Ein schneller
wachsender europäischer Markt ist gut für unsere
Exporte, und ein wirtschaftlich stärkeres Europa ist auf
der ganzen Welt ein stärkerer Partner für uns.
Die westeuropäischen Volkswirtschaften haben in
vieler Hinsicht eine beneidenswerte wirtschaftliche
Bilanz erzielt - die Einkommen und der Lebensstandard sind hoch, die Inflationsrate und die Armutsgrenze niedrig. Dennoch sieht sich Europa heute mit
einer Reihe wirtschaftlicher Herausforderungen
konfrontiert. Ich möchte diese kurz erörtern, denn wie
die EWWU diese bewältigt, wird letztlich über ihren
Erfolg und ihre Auswirkungen auf die Vereinigten
Staaten entscheiden.
Hohe Arbeitslosenquoten in einem Großteil Europas
sind das offensichtlichste Symptom der wirtschaftlichen Herausforderungen Europas.
Langfristige
Arbeitslosigkeit hat enorme Kosten an entgangenem
Output und vergeudeten Leben zur Folge. Dies trifft
insbesondere auf die Jugendlichen zu. In mehreren
europäischen Ländern ist jeder Vierte Anfang zwanzig
arbeitslos, 40-50 Prozent der Arbeitslosen sind seit
über einem Jahr ohne Arbeit.
Europäische Beobachter haben auch auf andere
Herausforderungen verwiesen. Die große Zunahme
der Verschuldung des öffentlichen Sektors in vielen
europäischen Ländern in den vergangenen 15 Jahren
erfordert große Aufmerksamkeit. Um die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrags einhalten zu können,
haben viele europäische Regierungen ihre Bestrebungen zur Kontrolle der Haushaltsdefizite erheblich
verstärkt.
Dank dieser Fortschritte konnten die
Zinssätze in den vergangenen Jahren beträchtlich
gesenkt werden, und niedrigere Zinssätze in Europa
halten auch die Zinssätze in den Vereinigten Staaten

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niedrig. Dennoch sehen sich die meisten europäischen Länder ebenso wie die Vereinigten Staaten
aufgrund der Überalterung der Bevölkerung und der
damit einhergehenden Belastung der Renten- und
Krankenkassen dauerhaften
Herausforderungen
gegenüber. Wir alle wissen, wie unpopulär es sein
kann, diese Probleme anzusprechen, insbesondere
wenn sie eine Reform der Versicherungsansprüche
beinhalten.
Die Regierungen in Europa wissen, was getan werden
muß, und sie haben wiederholt angedeutet, daß sie die
Verabschiedung der zur Bewältigung der hohen
Arbeitslosigkeit und der drohenden Haushaltsengpässe erforderlichen langfristigen Strukturreformen
beabsichtigen.
Dennoch hat sich die Erlangung des politischen
Konsenses zur Lösung dieser Probleme als ziemlich
schwierig erwiesen, weil die notwendigen Reformen
den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in
Europa betreffen.
Es ist paradox, daß der Erfolg der EWWU davon
abhängt, Strategien zur Bewältigung dieser Herausforderungen zu finden, die EWWU sie selbst jedoch
nicht direkt anspricht.
Als Mitglieder der Währungsunion werden die Länder
die Fähigkeit zur Verfolgung unabhängiger Interessen
und Wechselkursmaßnahmen verlieren, die den
Freiraum gewähren, auf länderspezifische wirtschaftliche Störungen zu reagieren. Das ist im gegenwärtigen
Kontext von besonderer Bedeutung, weil die Fähigkeit
der Länder zum Einsatz von Haushaltsmaßnahmen als
antizyklisches Instrument gravierend beschränkt wird,

bis die Defizite und der Schuldenbestand auf ein
besser zu bewältigendes Niveau gesenkt werden. In
einem solchen Umfeld macht die EWWU strukturelle
Arbeitsmarkt- und langfristige Etatreformen zur
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Erlangung
soliden Wachstums noch erforderlicher.
Unter dem Aspekt, daß die EWWU einen Anreiz für die
von Europa einzuführenden Wirtschafts- und Strukturreformen bietet, wird sie eindeutig von Vorteil sein.
Wenn jedoch der die Währungsunion umgebende
Prozeß Europa von einigen seiner wirtschaftlichen und
strukturellen Herausforderungen ablenkt, wird er
Opportunitätskosten im Hinblick auf entgangenes
Wirtschaftswachstum mit sich bringen.
Ein erfolgreicher Übergang zur EWWU birgt das
Potential, die Fähigkeit Europas zur Inangriffnahme der
bedeutenden wirtschaftlichen Herausforderungen zu
verbessern, mit denen sich das Land konfrontiert sieht.
Die Vereinigten Staaten würden eine EWWU begrüßen, die einen glaubwürdigen, wachstumsorientierten
politischen Rahmen in Europa schafft, der mit beträcht-

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�liehen Fortschritten bei den mikroökonomischen
Hemmnissen für schnelleres Wachstum einhergeht.
Die EWWU und das globale Währungssystem
Ich möchte mich jetzt der Frage zuwenden, wie die
Europäische Währungsunion das globale Währungssystem beeinflussen würde. Die EWWU verspricht,
die dramatischste Veränderung im internationalen
Währungssystem seit dem Zusammenbruch des
Bretton Woods-Systems vor über 20 Jahren zu
werden. Sie ist ein außergewöhnliches Unterfangen
auf dem Gebiet von Währungsinnovationen. Mit
wenigen Ausnahmen gab es historisch stets ein
Verhältnis von 1:1 zwischen Ländern und Währungen.
Es gibt außergewöhnlich viele Spekulationen über die
Auswirkungen der EWWU auf den Stand des Dollar
und die Rolle des Dollar in dem System. Ich kann
diese Spekulationen für Sie heute nicht aus dem Weg
räumen. Wir spekulieren generell nicht über den
zukünftigen Wert existierender Währungen - seien sie
unsere oder andere. Diese Bescheidenheit erstreckt
sich zweifelsohne auf zukünftige Trends beim Wert
von Währungen, die noch nicht existieren. Mit diesen
generellen Einschränkungen möchte ich einige
generelle Anmerkungen über die möglichen Auswirkungen der EWWU auf das Währungssystem
insgesamt machen.
Grundsätzlich denke ich, daß der Dollar in absehbarer
Zukunft weiterhin die Hauptwährungsreserve bleiben
wird und jede weitere Aushöhlung seiner Stellung in
dem System - wenn sie geschieht - sich nur langsam
vollzieht. Es stimmt, daß die Rolle des Dollar als
Währungsreserve in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwas abgenommen hat. Seit 1973, als der Dollar
ungefähr 76 Prozent der offiziellen Währungsreserven
ausmachte, ist sein Anteil an den Gesamtreserven um
rund zehn Prozentpunkte auf ungefähr 65 Prozent
gefallen. Einigen glauben, daß dieser Prozeß sich
drastisch beschleunigen wird, weil die Investoren den
Euro als attraktiveres Investitionsinstrument ansehen
als die einzelnen Währungen, die er ersetzt.
Meines Erachtens sind die Vorhersagen aus mehreren
Gründen stark übertrieben.
Erstens benötigen die Märkte wahrscheinlich etwas
Zeit, um sich an die neue Währung zu gewöhnen und
ihr zu vertrauen. Es braucht normalerweise Zeit, bis
sich Glaubwürdigkeit einstellt. Und selbst unter den
besten Bedingungen ist es vernünftig, eine gewisse
Unsicherheit zu erwarten, wie das neue währungspolitische Regime in Europa operieren und ob der
politische Kontext, in dem es operiert, zu einer Verpflichtung zu einer so soliden Preisstabilität führen
wird, wie sie die Bundesbank demonstriert.

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Zweitens wird die Revolution auf den europäischen
Finanzmärkten, die viele im Gefolge der EWWU
erwarten, nicht über Nacht stattfinden. Es stimmt, daß
der unmittelbare Effekt der EWWU eine substantielle
Ausweitung der in Euros denominierten Vermögenswerte sein wird - vielleicht ein mehrfaches derjenigen,
die jetzt in der D-Mark denominiert sind. Dennoch wird
es immer noch unterschiedliche Einschätzungen
bezüglich der Kreditrisiken der von den Mitgliedstaaten
ausgegebenen Staatsanleihen geben.
Und die
Bandbreite verfügbarer Instrumente könnte erst in
einiger Zeit denen der amerikanischen Kapitalmärkte
entsprechen.
Und schließlich darf man die Macht der Trägheit nicht
unterbewerten. Märkte können vorausschauend und
viele Teilnehmer zuversichtlich sein, daß sie letztlich
eine dramatische Verlagerung von anderen Währungen zum Euro beobachten können, aber Vorsicht ist
angesichts von Unsicherheit auch eine mächtige Kraft.
Der möglichen Rolle der Zentralbanken in diesem
Prozeß wurde sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet.
Man muß sich jedoch vor Augen führen, daß die
Aktionen der offiziellen Behörden von denen der
Privatinvestoren in den Schatten gestellt werden. Die
gesamten offiziellen Reserven der Vereinigten Staaten,
der Europäischen Union und Japans machen weniger
als fünf Prozent der gesamten ausstehenden Staatsverschuldung und einen etwas geringeren Prozentsatz
der gesamten finanziellen Vermögenswerte aus. Und
es ist zu diesem Zeitpunkt äußerst unklar, wie die
Regierungen - sogar in Europa - auf das Erscheinen
des Euro reagieren werden.
Einige Beobachter in Europa haben den Wunsch zum
Ausdruck gebracht, dem Euro aus Prestigegründen
eine dominante Reserverolle zukommen zu lassen.
Meines Erachtens verwechselt diese Sichtweise
Ursache und Wirkung. Prestige alleine wird kein
erfolgreiches wirtschaftliches Ergebnis bewirken.
Erfolgreiche wirtschaftliche Ergebnisse schaffen
Prestige. Letztlich wird es die Glaubwürdigkeit des
neuen makroökonomischen politischen Regimes in
Europa und sein Erfolg bei der Herbeiführung einer
dynamischeren Volkswirtschaft - nicht der Währungsunion per se - sein, die den Einsatz des Euro als
Währungsreserve entscheidet.
Aus allen diesen Gründen erwarten wir, daß der
Einfluß des Euro auf das Währungssystem anfänglich
ziemlich begrenzt ist und sich nur allmählich bemerkbar macht. Aus der amerikanischen Perspektive wäre
das beste Ergebnis ein solider - von soliden europäischen makroökonomischen Maßnahmen untermauerter - Euro.
Letztlich wird die Stellung des Dollar in dem System
wahrscheinlich mehr von den Entwicklungen in den
Vereinigten Staaten als denen in Europa oder Japan

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�abhängen. Wenn die Vereinigten Staaten einschneidende und glaubwürdige Maßnahmen beibehalten,
wird der Dollar eine solide Währung bleiben. Das
Schicksal des Dollar liegt immer noch im Großen und
Ganzen in unserer Hand.
Europas Rolle in der Welt
Ebenso wichtig für die potentiellen wirtschaftlichen
Auswirkungen der EWWU sind ihre potentiellen
Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt und in
den internationalen Foren.
Dies ist nicht der Ort für Spekulationen über die
spezifischen Veränderungen der Institutionen des
Systems, das die Währungsunion letztlich benötigt. Es
gibt umfassendere Fragen bezüglich der möglichen
Entwicklung der G-7 und der Beteiligung Europas in
internationalen Foren wie den internationalen Finanzinstitutionen.
Diese Fragen müssen nicht unverzüglich angesprochen werden. Und unabhängig von der Art und Weise,
in der sie behandelt werden, ist entscheidend, daß
Europa aus dem Prozeß der EWWU mit der Fähigkeit
zur Übernahme einer aktiven, konstruktiven Rolle auf
der Weltbühne im Hinblick auf politische, währungspolitische und andere Themen hervorgeht.
Würde die EWWU die Politiker vom Handeln bei
innenpolitischen Herausforderungen ablenken, wäre
dies ebenso bedauerlich wie wenn sie Europa von den
das Land konfrontierenden wichtigen internationalen
Herausforderungen ablenken würde.
Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang
sind die Osterweiterung der EU, die europäische
Führungsrolle bei der Förderung der weiteren Integration in die Weltwirtschaft insgesamt und die
Fähigkeit Europas zur effektiven Zusammenarbeit mit
den Vereinigten Staaten und anderen Ländern bei der
Bewältigung anderer besonders besorgniserregender
Herausforderungen in der Weltwirtschaft.

*

Seite 4

Die Europäische Union zieht jetzt eine größere
Erweiterung und Integration vieler der ehemaligen
Ostblocknationen in Betracht. Dies ist ein ehrgeiziges
Unterfangen, von dem die US-Regierung hofft, daß es
Erfolg hat. Obwohl die Herausforderungen groß und
die Kosten hoch sind, ist auch die potentielle Belohnung groß. Die EU-Erweiterung würde nicht nur
eine Chance zum Transfer von Technologie und
Kapital darstellen, sondern auch für einen Transfer
demokratischer und marktorientierter Institutionen und
Kulturen. Die Tatsache, daß dies eine europäische
Lösung für ein europäisches Problem wäre, bedeutet,
daß wir auf lange Sicht ihre Tragfähigkeit erwarten
können.
Mit Blick in die Zukunft muß Europa weiterhin seine
Märkte öffnen und seine Verbindungen zur Weltwirtschaft stärken. Das erfordert ein starkes Europa mit
einem EntScheidungsprozeß, der rasches und effektives Handeln auf der internationalen Bühne gestattet.
Und es erfordert, daß Europa nicht über die Maßen
durch die andauernde innenpolitische Beschäftigung
mit den politischen und wirtschaftlichen Dimensionen
des äußeren und inneren Aufbaus der Währungsunion
beschränkt wird.
Ich möchte dort abschließen, wo ich begonnen habe.
Letztlich muß die Entscheidung der Länder Europas,
wie sie diese nächste Phase der Integration angehen,
eine europäische Entscheidung sein.
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an
dem zukünftigen Wachstum und Wohlstand der
Region. Unserer Interesse besteht in der Entwicklung
einer soliden und gesunden europäischen Wirtschaft,
die für die Weltmärkte offen ist.
Die Vereinigten Staaten werden erfolgreiche Bestrebungen uneingeschränkt unterstützen, die Europa die
Stärke und das Vertrauen verleihen, die es für Fortschritte bei den Reformen und der weiteren Integration
seiner Volkswirtschaft in die übrige Welt benötigt.

* * *

*

AMERIKA DIENST 10

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dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SroM 4V

Z12462 C

7. Mai 1997

09

NATO

DIE VORTEILE DER NATO-ERWEITERUNG
Rede von Außenministerin Albright

USA-DEUTSCHLAND

DIE NATO UND DIE NEUEN
TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

NEUE INITIATIVEN ZUR FÖRDERUNG DER
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

EINWANDERUNG

RHETORIK VERSUS REALITÄT - DAS NEUE
AMERIKANISCHE EINWANDERUNGSGESETZ
von Rosemary Jenks

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�NATO
7. Mai 1997

Die Vorteile der NATO-Erweiterung
Rede von Außenministerin Albright

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Außenministerin Madeleine Albright am 23.
April 1997 bei einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des Senats hielt.

Einleitung
Herr Vorsitzender, ich freue mich sehr über diese
Möglichkeit, über die wichtigsten außen- und verteidigungspolitischen Fragen unserer Zeit zu sprechen. Mit
unserem Erscheinen vor diesem Ausschuß leitet die
Administration ernsthafte Bestrebungen ein, bei der
Verwirklichung dieses historischen Unterfangens in
Europa partnerschaftlich mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Meine heutigen Ausführungen über die NATO-Erweiterung sind natürlich vorläufiger Natur. Wir haben
die ersten Beitrittskandidaten noch nicht ausgesucht.
Die Gespräche des Bündnisses mit Rußland und
anderen Nationen sind noch nicht abgeschlossen.
Aber die Grundzüge und der Kurs unserer Politik sind
klar. Im Senat wächst in beiden Parteien das Interesse, wofür die NATO-Beobachtergruppe unter
Leitung von Senator Lott nur ein Beispiel ist.
Es ist an der Zeit, unseren Dialog auf eine andere
Ebene zu verlagern, denn wenn unsere Politik erfolgreich sein soll, benötigen wir Ihre Unterstützung.
Als ich mir überlegte, was ich heute hier sagen will,
war ich zugegebenermaßen versucht, den Rat von
James Reston, dem legendären Reporter und Kolumnisten der New York Times zu befolgen, den dieser
gab, nachdem Außenminister Dean Acheson 1949
dem Senat den NATO-Vertrag vorgelegt hatte.
"Es gibt viele Arten", schrieb Reston, "wie ein Außenminister dem Senat einen Vertrag vorlegen kann, aber
die beste ist, den Senatoren alles zu erzählen. Das
versetzt sie in Erstaunen, langweilt sie schließlich zu
Tode, und mildert letzten Endes die Qual."

AMERIKA DIENST 09

Ungeachtet dieses Ratschlags, Herr Vorsitzender,
werde ich mich kurz fassen.
Zunächst einmal möchte ich das grundlegende Ziel
unserer Politik darlegen. Es besteht darin, erstmals
eine friedliche, demokratische und ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen. Es besteht
darin, Frieden und Wohlstand, deren sich Westeuropa
bereits seit 50 Jahren erfreut, nach Osten auszudehnen. Auf diese Weise wird Amerika starke neue
Partner für Sicherheit und Handel finden. Und wir
werden die Zuversicht gewinnen, daß unsere Streitkräfte nicht wieder zum Kampf auf europäischem
Boden aufgefordert werden.
Viele Organisationen tragen ihren Teil dazu bei,
Wohlstand und Sicherheit in Europa zu gewährleisten.
Die Europäische Union wird erweitert. Die OSZE
fördert Demokratie und hilft bei der Lösung von
Konflikten vom Kaukasus bis zum Balkan. Viele der
neuen marktwirtschaftlichen Demokratien treten der
WTO und der OECD bei.
Die NATO übernimmt jedoch die Führungsrolle,
ebenso wie sie es im vergangenen halben Jahrhundert
getan hat. Sie ist immer noch der Anker unseres
Engagements in Europa, die einzige Organisation in
Europa mit echter militärischer Macht, die einzige, die
Vertrauen und Sicherheit bieten kann, von denen
unsere anderen Ziele abhängen.
Die Debatte über die NATO-Erweiterung ist tatsächlich
eine Debatte über die NATO selbst. Es geht dabei um
den Wert der Bewahrung von Bündnissen in Friedenszeiten und um den Wert unserer Partnerschaft mit
Europa.

Seite 1

�Ich bin Diplomatin. Und ich weiß, daß der beste
Freund der Diplomaten eine effektive Militärmacht und
die glaubwürdige Möglichkeit ihres Einsatzes ist.
Diese Lektion haben wir im Golfkrieg, in Bosnien und
während der gesamten Geschichte gelernt. Und diese
Lektion müssen wir in Europa im Gedächtnis behalten,
wo wir immer noch mit Bedrohungen konfrontiert
werden, die nur eine kollektive Verteidigungsorganisation abschrecken kann.

den anderen wichtigen Staaten auf einem solchen
Kontinent gestaltet würden.

Kein Bündnis war je bei der Abschreckung von
Aggression erfolgreicher als die NATO. Während ihrer
ersten 50 Jahre bot die NATO den zerstörten europäischen Volkswirtschaften die für ihren Wiederaufbau
erforderliche Sicherheit. Sie half bei der Versöhnung
ehemaliger Feinde, wodurch die Einheit Europas
ermöglicht wurde. Sie brachte die ehemals faschistischen Nationen - erst Italien, dann Deutschland, dann
Spanien - wieder in die Familie europäischer Demokratien zurück. Sie entnationalisierte die europäische
Verteidigung.
Sie stabilisierte die Beziehungen
zwischen Griechenland und der Türkei. Und das alles,
ohne daß ein Schuß abgefeuert wurde.

Wie Sie wissen, wird die NATO beim Gipfel im Juli in
Madrid mehrere Nationen zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen einladen. Wir möchten diese Gespräche rechtzeitig abschließen, damit die Beitrittsdokumente im Dezember unterzeichnet werden
können.

Die NATO ist eine Interessengemeinschaft, die schon
vor dem Kalten Krieg bestand und ihn überlebte. Aus
diesem Grund beschlossen die Vereinigten Staaten,
ein vereinigtes Deutschland und unsere anderen
Verbündeten, das Bündnis auch nach dem Fall der
Berliner Mauer zu erhalten. Aus diesem Grund
würden weder wir noch irgendein anderes derzeitiges
Bündnismitglied auch nur daran denken, die NATO zu
verlassen oder sich auf einen verwässerten Ersatz
einzulassen, und aus diesem Grund möchten ihr jetzt
so viele andere Länder beitreten.
Gründe für die NATO-Erweiterung
Wenn eine Einrichtung wie die NATO nicht schon
bestünde, würden wir sie gründen. Wir würden eine
möglichst starke Partnerschaft mit den europäischen
Nationen aufbauen, die unsere Werte und Interessen
teilen.
Ebenso einleuchtend ist, daß ein heute zu schaffendes
neues Bündnis nicht den Eisernen Vorhang als
Ostgrenze hätte. Wir würden kein einziges demokratisches Land ausgrenzen, nur weil es früher gegen
seinen Willen dem Warschauer Pakt angehörte.
Die einzige Frage, die wir erörtern würden, lautet:
Welche demokratischen Nationen in Europa sind
wichtig für unsere Sicherheit und welche sind willens
und in der Lage, einen Beitrag zu unserer Sicherheit
zu leisten? Mit anderen Worten, wir würden nicht
durch alte Denkweisen oder Nullsummenkalkulationen
aus dem Kalten Krieg eingeschränkt. Wir würden auf
völlig neue Weise darüber nachdenken, wie ein
geeinter und freier europäischer Kontinent aussehen
würde und wie unsere Beziehungen zu Rußland und

Seite 2

Genau das geschieht bei unserer Planung für die
Erweiterung der NATO, bei der Stärkung ihrer Partnerschaft für den Frieden, dem Aufbau des neuen Atlantischen Partnerschaftsrats und der Entwicklung der
neuen Partnerschaften der NATO mit Rußland, der
Ukraine und den anderen europäischen Nationen.

1998 werden der Senat und die Parlamente unserer
Verbündeten zur Ratifizierung der Erweiterung aufgefordert. Mit Ihrer Zustimmung werden die ersten
Mitglieder 1999 beitreten.
Die NATO-Erweiterung beinhaltet die feierlichsten
Verpflichtungen, die eine Nation einer anderen gegenüber eingehen kann. Lassen Sie mich genau erklären,
warum dies in unserem Interesse liegt.
Erstens, um Europa vor einem weiteren Krieg zu
schützen.
Dreimal in diesem Jahrhundert mußten amerikanische
Soldaten in Europa - in zwei heißen Kriegen und einem
Kalten Krieg - Konflikte beenden, die ihren Ursprung in
Zentraleuropa nahmen.
Aber während des vergangenen halben Jahrhunderts
wurde Amerika nie aufgefordert, in den Krieg zu
ziehen, um ein anderes Bündnismitglied zu verteidigen. Wir haben gelernt, daß Bündnisse die Androhung
von Gewalt glaubwürdiger und daher den Einsatz von
Gewalt unwahrscheinlicher machen - daß das Versprechen, wenn notwendig zu kämpfen, es weniger
notwendig macht, zu kämpfen.
Die Vereinigten Staaten haben wichtige Sicherheitsinteressen in Zentral- und Osteuropa. Wenn Frieden
und Sicherheit in dieser Region ernsthaft bedroht
wären, wäre die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß wir
uns unabhängig von einer NATO-Erweiterung zum
Handeln entschlössen. Das Hauptargument für die
NATO-Erweiterung ist, das Entstehen einer solchen
Bedrohung abzuschrecken.
Der zweite Grund ist die Verteidigung der Errungenschaften Europas bei Demokratie, Frieden und
Integration.
Allein die Aussicht auf eine Erweiterung hat Zentralund Osteuropa mehr Stabilität verliehen als je zuvor in
diesem Jahrhundert. Alte Streitigkeiten zwischen

AMERIKA DIENST 09

�Polen und Litauen, Polen und der Ukraine, Ungarn und
Rumänien, Italien und Slowenien, Deutschland und der
Tschechischen Republik schwinden, während die
Nationen sich nach der NATO ausrichten. Demokratische Reformen machen Fortschritte. Ein Land nach
dem anderen hat sichergestellt, daß Soldaten ihre
Befehle von Zivilisten entgegennehmen.
Diese
Nationen lösen genau die Probleme, die zu einem
zweiten Bosnien hätten führen können.
Die potentiellen NATO-Mitglieder wissen, daß sie nicht
alleine dastehen, wenn in ihrer Region Frieden und
Sicherheit bedroht sind. Das gibt ihnen einen Grund,
einen destabilisierenden Rüstungswettlauf zu vermeiden. Das bedeutet, daß wir weiterhin in ganz Europa
konventionelle Waffen abbauen können. Es bedeutet,
daß das Vertrauen in der Region wachsen und
gestatten wird, daß sich auch die politischen und
wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland verbessern.

in der SFOR vertreten. Sie beherzigen unseren
Appell, die Beziehungen zu verbrecherischen Staaten
wie Iran und Irak einzustellen. Und sie unterstützen
die Ausdehnung demokratischer Prinzipien und
Achtung der Menschenrechte auf der ganzen Welt.
Unsere zukünftigen Verbündeten werden die Kosten
der Verteidigung der Freiheit tragen, weil sie den Preis
des Verlusts der Freiheit kennen. Jetzt ist es an uns
zu entscheiden, ob die Menschen, die den Totalitarismus in Europa zu Fall brachten und uns behilflich
waren, uns vom Kalten Krieg zu befreien, achtbare
Mitglieder der größten demokratischen Allianz der
Geschichte sind.
Der Präsident und ich sind der Auffassung, daß einige
jetzt bereit, willens und fähig sind, und wir sind zuversichtlich, daß der Senat zustimmen wird.
Antwort auf kritische Stimmen

Herr Vorsitzender, der dritte Grund ist, wie bereits
erwähnt, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen. Wenn wir die NATO nicht erweitern,
werden wir die 1945 von Stalin gezogene Trennlinie
bestätigen, für deren Beseitigung zwei Generationen
von Amerikanern und Europäern gekämpft haben.
Das darf nicht sein. Nach dem Ende des Kalten
Krieges gibt es keine moralische oder strategische
Grundlage dafür, dem amerikanischen Volk zu sagen:
"Wir müssen uns für immer mit den alten Demokratien
Europas zusammenschließen, dürfen das aber
niemals mit den neuen europäischen Demokratien
tun."
Das würde dauerhaftes Unrecht schaffen und während
eines halben Jahrhunderts auf beiden Seiten des
Eisernen Vorhangs gebrachte Opfer verhöhnen. Und
es würde eine ständige Quelle für Spannungen im
Herzen Europas schaffen.
Der letzte Grund für die Erweiterung besteht darin, daß
sie die NATO durch die Aufnahme fähiger neuer
Mitglieder stärkt.
Verteidigungsminister Cohen wird aus erster Hand
über die militärischen Fähigkeiten der potentiellen
NATO-Mitglieder und ihre Fortschritte bei der Erfüllung
der von der NATO gesetzten Maßstäbe berichten. Ich
möchte betonen, daß die Erweiterung den politischen
und militärischen Zusammenhalt des Bündnisses
stärken wird.
Die Nationen, die wir für eine Mitgliedschaft in Erwägung ziehen, teilen unsere grundlegendsten Werte und
Wünsche für Europa und die Welt. Viele von ihnen
teilten im Golfkrieg die Risiken mit unseren Soldaten.
Ohne zu zögern entsandte jedes Land Truppen zur
NATO in Bosnien, Ungarn schuf die Grundlagen, von
denen aus die NATO ihre Mission in die Wege leitete,
und alle diese Nationen sind heute gemeinsam mit uns

AMERIKA DIENST 09

Dennoch weiß ich, daß viele weiterhin skeptisch sind.

Ich möchte ihre Sorgen so offen und direkt ansprechen
wie ich kann.
Einige sagen, die Erweiterung würde nur eine neue
Trennlinie in Europa schaffen und die unsichersten
Länder ausschließen. Wir haben jedoch zahlreiche
Schritte unternommen, um dieses Resultat zu vermeiden.
Wir haben klargestellt, daß die ersten neuen Mitglieder
der NATO nicht die letzten sein werden und die Tür
einer zukünftigen Mitgliedschaft nicht den Ländern vor
der Nase zugeschlagen werden darf, die noch nicht
bereit sind.
Die NATO leitet ferner eine Reihe interner Reformprogramme ein und stärkt ihre Partnerschaft für den
Frieden, so daß unsere Partner gemeinsam mit uns
handeln können, wann immer unsere Verbündeten
handeln. Und wir schaffen den Atlantischen Partnerschaftsrat, der aus den NATO-Verbündeten und den
Mitgliedern der Partnerschaft für den Frieden zusammengesetzt ist, so daß jede neue Demokratie,
unabhängig davon, ob sie der NATO früher, später und
gar nicht beitritt, ein Mitspracherecht an der Zukunft
Europas haben wird. Dieser Ansatz hat die Unterstützung unserer Partner vom Baltikum über Polen bis zur
Ukraine.
Wir unternehmen besondere Anstrengungen zur
Einbeziehung der Ukraine. Wir arbeiten auf die
Unterzeichnung eines Dokuments hin und streben die
Stärkung der praktischen Zusammenarbeit zwischen
der NATO und der Ukraine an, um das neue polnischukrainische Friedenssicherungsbataillon zu unterstützen, die militärischen Reformen zu fördern, die
Interoperabilität mit der NATO zu verbessern und die

Seite 3

�Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und ihren
Nachbarn zu ermutigen.
Es gibt nur zwei mögliche Alternativen zu dieser
Gesamtstrategie. Wir könnten die Teilung Europas wie
im Kalten Krieg einfrieren. Oder wir könnten den
kleinsten gemeinsamen Nenner für die NATO definieren, der alle einbezieht und niemandem Pflichten
auferlegt. Diese beiden Alternativen sind inakzeptabel.
Es ist weitaus besser, die stärksten Kandidaten jetzt
zum Beitritt einzuladen und die Tür für alle Demokratien offenzuhalten, die die Verantwortung der Mitgliedschaft übernehmen können.
Wir sollten uns auch vor Augen halten, daß bei der
Gründung der NATO 1949 wichtige Länder wie
Deutschland, Griechenland und die Türkei nicht
einbezogen wurden. Dennoch ließ die NATO keinen
Zweifel daran, daß sie ein direktes und materielles
Interesse an ihrer Sicherheit hatte - und es war kein
Zufall, daß die Berlin-Blockade nur einen Monat nach
der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags aufgehoben wurde. Der Einflußbereich der NATO war stets
größer als das Gebiet ihrer Mitglieder, und das wird
auch in Zukunft so sein.

Mitgliedschaft vorzubereiten. Der Gedanke, die NATO
könne für immer so bleiben wie sie ist, während die
Zentraleuropäer sich für immer glücklich an der
Partnerschaft für den Frieden ohne die Aussicht auf
einen Beitritt zum Bündnis beteiligen, ist eine Illusion.
Andere kritische Stimmen behaupten häufig, wir
brauchten uns überhaupt nicht um die NATO kümmern, weil es keine militärische Bedrohung in Europa
gibt. Größtenteils wegen Bosnien sind tatsächlich in
den letzten fünf Jahren mehr Europäer in gewalttätigen
Konflikten ums Leben gekommen als in den vergangenen 45. Es besteht also kein Anlaß zur Selbstgefälligkeit.
Gleichzeitig kann ich angesichts unserer starken
Führungsrolle, eines inzwischen stabilisierten Bosniens, des russischen Engagements in der NATO und
der Fortschritte bei der atomaren Abrüstung verstehen,
warum einige im Augenblick keine Bedrohung sehen.
Es it so, weil unsere Politik funktioniert.
Herr Vorsitzender, wenn Sie keinen Rauch sehen, ist
das kein Grund, die Beitragszahlungen für die Feuerversicherung einzustellen.

Andere sagen, wenn wir die neuen Demokratien
Europas integrieren wollen, dann könne die Europäische Union oder die Partnerschaft für den Frieden der
NATO die Arbeit allein erledigen. Offen gesagt finde
ich es etwas herablassend anzunehmen, alle diese
stolzen Nationen würden eine Teilmitgliedschaft in
westlichen Institutionen akzeptieren, nur weil sie sich
zufällig auf der falschen Seite einer veralteten Trennlinie befinden. Warum sollten sie sich mit einer
Mitgliedschaft zweiter Klasse zufriedengeben, wenn
sie bereits einen erstklassigen Beitrag geleistet
haben?

Wie jede gute Versicherungspolice wird die NATOErweiterung sicherlich Kosten mit sich bringen. Diese
Kosten sind in dem Bericht aufgeschlüsselt, den wir
dem Kongreß im Februar vorgelegt haben. Verteidigungsminister Cohen wird näher auf die militärischen
Kosten eingehen, und auch das zivile Budget der
NATO wird einen geringen Betrag übernehmen
müssen, obwohl man die genaue Höhe zu diesem
Zeitpunkt noch nicht einschätzen kann.

Die Erweiterung der EU ist von elementarer Bedeutung. Aber die von der NATO gebotene Sicherheit war
stets entscheidend für den von der EU versprochenen
Wohlstand. Die EU-Erweiterung wird von den neuen
Mitgliedern auch eine umfassende Anpassung ihrer
Vorschriften erfordern. Wenn die NATO jetzt Fortschritte machen kann, warum warten, bis beispielsweise die Tomatenzüchter in Zentraleuropa anfangen,
die richtigen Pestizide zu verwenden? Und während
die EU erweitert wird, kann nur die NATO sicherstellen,
daß ein vereinigtes Europa seine stärkste Verbindung
zu Amerika aufrechterhält.

Die NATO würde ein Relikt der Vergangenheit und
Bedeutungslosigkeit, wenn nicht sogar ihre Auflösung
riskieren. Unsere Führungsrolle in Europa würde aufs
Spiel gesetzt, und unsere Beziehungen zu unseren
traditionellen Verbündeten würden sich verschlechtern.

Die Partnerschaft für den Frieden war wirklich ein
großer Erfolg, und sie wird weiterhin von entscheidender Bedeutung sein. Wir sollten uns jedoch daran
erinnern, daß viele Nationen sich der Partnerschaft
angeschlossen haben, um dauerhafte Beziehungen
zur NATO zu entwickeln und sich auf die mögliche

Seite 4

Als Außenministerin bin ich ebenso besorgt über die
Kosten der Entscheidung gegen die Erweiterung.

Zu Recht oder Unrecht könnte man sagen, wir hätten
die Bestrebungen der Möchtegernverbündeten der
NATO nur abgeblockt, weil Rußland Einwände erhob.
In Zentraleuropa würde das Vertrauen zerstört und zu
einer Suche nach Sicherheit mit anderen Mitteln
führen, darunter Aufrüstung und zunehmende Spannungen zwischen Nachbarn. Die schlimmsten Elemente in Rußland würden ermutigt, sicher in ihrer
Überzeugung, daß Europa in neue Einflußsphären
unterteilt werden kann und sich die Konfrontation mit
dem Westen bezahlt macht. Es gäbe wenig Aussicht
auf den Aufbau einer konstruktiven Partnerschaft
zwischen Rußland und der NATO.

AMERIKA DIENST 09

�Rußland
Herr Vorsitzender, ich bin nicht der Ansicht, daß die
Diskussion über die NATO auf eine Diskussion über
Rußland reduziert werden sollte. Schließlich leben
vom Baltikum bis zum Balkan über 200 Millionen
Menschen in den anderen neuen und aufstrebenden
Demokratien Europas.
Gleichzeitig stimmen alle NATO-Partner und alle
zentraleuropäischen Demokratien zu, daß wir ein
ungeteiltes und freies Europa erst aufbauen können,
wenn ein demokratisches Rußland vollständig in
Europa integriert ist.
Das bedeutet, daß wir die beträchtliche Distanz, die
Rußland seit der Ablehnung des Kommunismus
zurückgelegt hat, sowie unser eigenes Interesse
berücksichtigen müssen, dafür zu sorgen, daß Rußland eine wichtige Rolle in Europa übernimmt - als eine
Großmacht und nicht länger als imperiale Macht. Wir
müssen uns vor Augen führen, daß Rußland sich für
Demokratie und freie Märkte entschieden und den
schlimmsten Voraussagen über seine Evolution die
Stirn geboten hat.
Angesichts der Geschichte lehnen einige den bloßen
Gedanken einer russischen Zusammenarbeit mit dem
Bündnis ab. Wir hingegen sehen Rußlands Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der NATO angesichts
der Geschichte als eine zu ergreifende Chance, nicht
als Grund, das Silber zu verstecken.
Ein Bereich der Zusammenarbeit sind unsere Bestrebungen zur Anpassung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa. Die Vorschläge der NATO
zum KSE-Vertrag sind eine Reaktion auf die bemerkenswerten Veränderungen im europäischen Sicherheitsumfeld seit der Unterzeichnung des Vertrags
im Jahr 1990. Er fordert im Einklang mit den andauernden Sicherheitserfordernissen der NATO
beträchtliche Reduzierungen bei der Anzahl der in der
Region vom Atlantik bis zum Ural erlaubten konventionellen Waffen. Er kann sicherstellen, daß es nirgendwo in Europa eine destabilisierende Konzentration
militärischen Geräts gibt. Und er stellt eindeutig klar,
daß die Idee eines Vorrückens von NATO-Panzern
und Artillerie zu Rußlands Grenzen ein Hirngespinst
ist.
Ein entscheidender Teil unseres Ansatzes zur Anpassung des KSE-Vertrags ist die rechtzeitige Verabschiedung des "Flankendokuments" durch den
Senat, dem alle 30 KSE-Staaten am 31. Mai 1996
zugestimmt haben. Dieses Abkommen spricht die von
Rußland und der Ukraine zum Ausdruck gebrachte
Besorgnis über die Auswirkungen der Obergrenzen
des Vertrags für Gerät in der KSE-"Flankenzone" bei
gleichzeitiger Anwendung neuer Beschränkungen und

AMERIKA DIENST 09

spezieller Transparenzmaßnahmen wie zusätzliche
Versicherung gegen exzessive Truppenkonzentrationen an. Das Flankendokument ist ein ausgewogenes Abkommen, das den amerikanischen Interessen
dient.
Damit es in Kraft treten kann, müssen alle 30 Vertragsparteien dem Flankendokument bis zum 15. Mai 1997
offiziell zustimmen. Wenn es bis dahin nicht in Kraft
tritt, wird diese wertvolle und vernünftige Vereinbarung
aufs Spiel gesetzt, und die Aussichten auf eine
erfolgreiche KSE-Anpassung würden schwinden.
In den vergangenen Monaten hat die NATO auch die
Bedingungen einer Charta erörtert, die ihre praktische
Zusammenarbeit mit Rußland institutionalisieren wird.
Beim Gipfeltreffen von Helsinki haben die Präsidenten
Clinton und Jelzin die Möglichkeiten einer solchen
Partnerschaft umrissen.
Wir werden mit Rußland zusammen handeln können,
um die Weiterverbreitung zu bekämpfen, die Nukleararsenale zu sichern und auf humanitäre Krisen und
Bedrohungen des Friedens zu reagieren. Wir werden
auf die von unseren Truppen in Bosnien geschaffene
Zusammenarbeit aufbauen und sicherstellen, daß sie
weiter andauert, nachdem der letzte ausländische
Soldat das Land verlassen hat. Ein gemeinsamer Rat
der NATO und Rußlands wird Rußland ein Mitspracheaber kein Vetorecht einräumen - eine Chance, in
Partnerschaft mit der NATO, nicht innerhalb der NATO,
zu arbeiten. Beide Seiten werden bei Themen, bei
denen wir nicht übereinstimmen, vollständigen Handlungsspielraum behalten.
Präsident Clinton hat Präsident Jelzin gegenüber die
Grenzen eindeutig klargestellt, die wir nicht überschreiten und die Schranken genannt, die wir beim
Aufbau der Partnerschaft zwischen der NATO und
Rußland nicht errichten werden.
Erstens wird die NATO-Erweiterung ohne Verzögerung
fortgesetzt.
Zweitens wird keine europäische Nation bei den
Erwägungen außer Acht gelassen.
Drittens werden die neuen NATO-Mitglieder die
uneingeschränkten Vorteile der Mitgliedschaft genießen.
Viertens wird der neue Gemeinsame Rat der NATO
und Rußlands ein Forum für Konsultationen, Kooperation und wenn möglich gemeinsame Aktionen. Er hat
weder die Macht, NATO-Entscheidungen zu verwässern, verzögern oder zu blockieren noch den Nordatlantikrat der NATO zu ersetzen. Er wird nur in dem
Maße an Bedeutung gewinnen, in dem Rußland ihn
konstruktiv nutzt.

Seite 5

�Und schließlich wird sich die NATO weiterentwickeln,
aber ihre Kernfunktion der kollektiven Verteidigung
wird erhalten und erweitert, und die Qualitäten, die das
Bündnis zum erfolgreichsten in der Geschichte
gemacht haben, werden bewahrt.
Wie Sie wissen, möchte Rußland, daß wir in der
Charta über die Stationierung nuklearer und konventioneller Streitkräfte auf dem Territorium der neuen
Mitglieder auch definitive Verpflichtungen eingehen.
Aber wir werden bei diesem Thema keine Kompromisse machen.
Alles, was wir getan haben und tun werden, ist die
Wiederholung der unilateral bestehenden NATOPolitik: In dem derzeitigen und absehbaren Sicherheitsumfeld haben wir weder einen Plan, die Notwendigkeit und Absicht zur Stationierung von Nuklearwaffen in den neuen Mitgliedstaaten, noch ziehen wir die
permanente Stationierung substantieller Kampftruppen
in Betracht. Die einzigen bindenden Obergrenzen für
konventionelle Streitkräfte in Europa werden mit den
zentraleuropäischen Ländern und allen anderen am
Verhandlungstisch
vertretenen
Signatarstaaten
während der Anpassung des KSE-Vertrags festgesetzt.
Ich möchte auch hervorheben, daß es bei dem
zwischen der NATO und Rußland geschlossenen
Abkommen nicht darum geht, Rußland zur Zustimmung zu einer NATO-Erweiterung zu überreden. Wir
benötigen nicht die Zustimmung Rußlands zur Erweiterung. Vielmehr geht es um die Förderung eines
Ziels um seiner selbst willen: Unser Interesse an der
Förderung der Integration eines demokratischen
Rußlands und der Zusammenarbeit bei der Bewältigung der Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts.
Ich erwarte nicht, daß die russische Regierung ihre
Meinung über die Pläne des Bündnisses für die
Aufnahme neuer Mitglieder ändert. Wir müssen dieser
Tatsache ins Auge blicken, sollten sie aber auch als
das erkennen, was sie ist: Eine Frage der Auffassung
und nicht der militärischen Realität. Die NATO stellt
keine Gefahr für Rußland dar, ebenso wie Rußland
keine Gefahr für die NATO darstellt. Wir würden den
Demokaten in Rußland keinen Gefallen tun, wenn wir
etwas anderes behaupteten.

Seite 6

Das Schicksal der russischen Demokratie steht bei
den Entscheidungen des Bündnisses über die Erweiterung zweifelsohne nicht auf dem Spiel. Die
Zukunft Rußlands als freie und prosperierende Nation
wird von der Fähigkeit seiner führenden Politiker und
Bürger abhängen, eine offene Gesellschaft aufzubauen, Kriminalität und Korruption zu bekämpfen,
Wirtschaftswachstum anzukurbeln und alle in den
Genuß seiner Vorteile zu bringen. Das russische Volk
weiß, daß seine Zukunft in Moskau, in Irkutsk, in
Nowgorod entschieden wird und nicht im NATOHauptquartier in Brüssel.
Die Wahrheit ist, daß das Streben nach Freiheit und
Sicherheit in Europa kein Nullsummenspiel ist, in dem
Rußland verlieren muß wenn Europa gewinnt und
umgekehrt. Solches Denken hat während der vergangenen 50 Jahre zu enormen menschlichen und
wirtschaftlichen Kosten geführt, und wir haben die
Pflicht und die Chance, es zu überwinden.
In diesem neuen Europa haben die Vereinigten
Staaten und Westeuropa eine Chance, neue Verbündete und Partner zu gewinnen, die zu unserer gemeinsamen Sicherheit beitragen können und wollen. Die
Menschen in Zentraleuropa haben die Chance, Zeuge
der Beseitigung der Trennlinie aus der Zeit des Kalten
Krieges zu werden, die sie von der europäischen
Hauptströmung abschnitt. Die Menschen in Rußland
haben die Chance, die weitreichendste und echteste
Integration in den Westen zu erleben, in deren Genuß
ihre Nation je gekommen ist.
Herr Vorsitzender, zweimal in diesem Jahrhundert
waren wir nach Kriegsende mit der Herausforderung
konfrontiert, diese Art von Europa zu gestalten. Wir
hatten nach dem Ersten Weltkrieg die Chance, aber
allzu vielen - in den Vereinigten Staaten und andernorts - mangelte es an der Vision. Nach dem Zweiten
Weltkrieg fehlte es nicht an Vision, aber halb Europa
wurde der Chance beraubt.
Heute haben wir die Vision und die Chance zum
Aufbau eines Europas, in dem jede Nation frei und jede
freie Nation unser Partner ist. Mit fortgesetzter
überparteilicher Unterstützung durch den Senat und
das amerikanische Volk wird dies, da bin ich zuversichtlich, das Europa sein, das unsere Kinder und
Enkel kennen.

AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Die NATO und die neuen transatlantischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

DÜSSELDORF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 25. April 1997 beim
Jahrestreffen der American Chamber of Commerce in Düsseldorf gehalten hat.

Ich danke Ihnen für die Einladung, über ein Thema zu
sprechen, das uns allen lieb und teuer ist: Die neuen
Realitäten in den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Es ist mir eine besondere Ehre, zu Ihnen als
Ehrenpräsident sprechen und meinen Dank für alles
zum Ausdruck bringen zu dürfen, was Sie im vergangenen Jahr zum Funktionieren unserer Partnerschaft
zwischen der Chamber und der Botschaft beigetragen
haben.
Es ist bemerkenswert, daß Bundeskanzler Kohl, der
historische Entscheidungen von der Stationierung der
Pershing II bis zu den zur Vereinigung führenden Zweiplus-Vier-Gesprächen formuliert und herbeigeführt und
der gesagt hat, "Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist ein sicheres Fundament, auf dem wir auch in
Zukunft aufbauen können", eine Rede vor dieser
herausragenden Gruppe halten wird.
Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet:
Deutschland ist vereinigt, aber was genau sind die
neuen Realitäten und was bedeuten sie für unsere
Beziehungen?
Um die neuen Realitäten zu verstehen, sollte man
tatsächlich mit dem Fall der Berliner Mauer beginnen.
Die Berliner Mauer wurde weder durch die auf beiden
Seiten massierten Armeen niedergerissen, die auf den
Ausbruch des unvermeidlichen Krieges warteten, noch
durch ein mysteriöses, historisches Ende der kommunistischen Idee. Die Berliner Mauer wurde durchbrochen und dann durch den nicht zu unterdrückenden
menschlichen Wunsch nach Freiheit gestürzt.
Auf der Grundlage der Prinzipien der Menschenrechte,
Demokratie und des menschlichen Geistes werden die

AMERIKA DIENST 09

deutsch-amerikanischen Beziehungen gedeihen - nicht
nur auf der Grundlage unseres lobenswerten gemeinsamen Engagements während des Kalten Krieges,
unserer parallelen Handels- und Investitionspolitik oder
des kulturellen Erbes der deutschen Einwanderer in
die Vereinigten Staaten.
Durch die unsere beiden Länder betreffenden Ereignisse - von der Einwanderung seit 1683 bis zum
Kampf für Freiheit im Kalten Krieg und der Vereinigung
Deutschlands - zieht sich eine historische und dauerhafte Verpflichtung zu bestimmten Prinzipien.
Beweise dafür sind überall zu finden:
in dem neuen Alliierten Museum in Berlin mit
der Geschichte der Berliner Luftbrücke und
der Verteidigung Berlins durch die Alliierten,
im Bonner Haus der Geschichte mit Exponaten, die den Aufbau der Demokratie in
Deutschland darstellen,
oder in dem Museum am Checkpoint Charlie
mit seiner Chronik der Heldentaten einzelner
Menschen, die sich von der kommunistischen
Tyrannei befreien wollten.
All dies erinnert uns an Präsident Kennedy, der sagte,
daß die stolzesten Worte eines freien Mannes sind:
"Ich bin ein Berliner."
Aber erst mit der demokratischen Revolution von 1989,
einer Revolution, die die Vereinigung Deutschlands
möglich machte, konnten die Ostberliner ihr Recht auf
Freiheit in Anspruch nehmen. Ich war als Stellver-

Seite 1

�tretender Botschafter der Vereinigten Staaten in der
DDR dabei.
Die Geschichte ist faszinierend. Am 9. November
1989 eskalierte die lange schwelende Unzufriedenheit
in Ostdeutschland auf den Straßen Berlins, um ihren
Höhepunkt in einer Revolution zu finden - einer
friedlichen Revolution, aber dennoch einer Revolution.
Die Zurückhaltung der Demonstranten unter der
Führung von lutherischen Geistlichen, die äußerst
effektive NATO-Politik der Abschreckung sowie der
Wunsch von Präsident Gorbatschow nach mehr
Freiheit für die sowjetischen Völker wirkten in Deutschland in bemerkenswerter Weise zusammen, um das
klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der 9. November 1989 markierte das Ende der
Berliner Mauer und der Teilung Deutschlands und
brachte den Anfang der neuen Realitäten in Deutschland und Europa. Nur dank des Weitblicks und der
Klugheit der Unterhändler des Zwei-plus-Vier-Vertrags
konnten alle Deutschen an der Freiheit teilhaben. Und
als die Entscheidung über eine Regierung für das neue
Deutschland anstand, war es die Bundesrepublik, die unverändert in ihrer verfassungsmäßigen Form - die
Verantwortung für Deutschlands neue Realität übernahm.
Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, unsere Denkweise
und unsere Institutionen an diese neuen Realitäten
anzupassen. Deutschland und die Vereinigten Staaten
teilen ein lebhaftes Interesse an der Anpassung
unserer lebenswichtigen europäischen und transatlantischen Institutionen, damit sie uns im 21. Jahrhundert so gut dienen wie sie es in diesem getan
haben.
Obwohl die Berliner Mauer keine Konkurrenz für die
atlantische Brücke darstellte, bedarf der Sicherheitspfeiler einer Anpassung, und wir benötigen breiteren
Raum für Wirtschaft und Kultur.
Ich möchte unsere Ziele für das nächste Jahrhundert
ansprechen. Oberste Priorität ist die Schaffung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden neuen Herausforderungen vor. Das
amerikanische Volk weiß, daß die Aufgabe der NATO
im Schutz unserer Werte besteht, und wir alle wissen,
daß der Preis der Freiheit ewige Wachsamkeit ist. Wir
brauchen die NATO.
Wir gestalten die NATO zu dem Zweck um, Frankreich
und Spanien in die integrierte Militärstruktur einzubeziehen, neue Mitglieder aufzunehmen, besondere
Beziehungen zu Rußland aufzubauen und unsere
Verbindungen zu Partnerstaaten zu stärken. Angesichts des herannahenden NATO-Gipfels im Juli in

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Madrid und der kontinuierlichen Arbeit, neue Beziehungen zwischen der NATO und Rußland aufzubauen,
sehen wir uns einer Zeit enormer Herausforderungen
und Chancen gegenüber.
Wir unternehmen große Anstrengungen um sicherzustellen, daß nicht nur potentielle neue Mitglieder
ausgemacht werden, sondern auch parallel dazu neue
Beziehungen zwischen Rußland und der NATO
geknüpft werden, um zur Überwindung der alten
Denkweise, alter Feindseligkeiten und Konflikte
beizutragen. Wir wollen Rußland ein Stimm-, aber kein
Vetorecht einräumen und unter Beweis stellen, daß
Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist.
Ferner haben wir unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine
Verringerung der militärischen Fähigkeiten des
Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt. Die Reise ist jedoch noch
nicht beendet, und wir werden nur dann eine Charta
verabschieden, wenn die Substanz stimmt.
Diese Bestrebungen reichen jedoch noch nicht aus.
Frieden in Europa und unsere neue transatlantische
Sicherheitspartnerschaft sind nicht gesichert ohne
Wohlstand und solide Wirtschaftsbeziehungen.
Wirtschafts- und Handelsfragen erfordern jetzt gleichermaßen unsere Aufmerksamkeit. Das ist nirgendwo deutlicher sichtbar als in der Zusammenarbeit
unserer Botschaft mit der Chamber.
Wenn ich auf meine Amtszeit in Deutschland, dieses
Mal als Stellvertretender und amtierender Botschafter
in der Berliner Republik, zurückblicke, bin ich zutiefst
beeindruckt von der engen Zusammenarbeit zwischen
der Botschaft und der Chamber. Wir haben gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig, Weimar/Erfurt
und Potsdam organisiert, die ein großartiges Beispiel

dafür waren, wie die Partnerschaft zwischen dem
öffentlichen und dem Privatsektor amerikanische
Investitionen fördern und eine starke neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen
kann.
Diese Konferenzen sind zu einer Art Bilanz dessen
geworden, wo wir im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen Bestrebungen beim Wiederaufbau der
Wirtschaft in einem ehemals kommunistischen Land
stehen. Die vierte dieser Konferenzen ist für Oktober
in Dessau geplant, und ich bin zuversichtlich, daß sie
der Investitionstätigkeit und unseren Beziehungen
weiteren Auftrieb verleiht.

AMERIKA DIENST 09

�Während meiner letzten drei Jahre in Deutschland
haben wir in Deutschlands Wirtschaft bemerkenswerte
Veränderungen beobachtet. Unter der Überschrift
"Standortdebatte" hat Deutschland begonnen, sich auf
seine ernsthaftesten wirtschaftlichen Herausforderungen zu konzentrieren und strukturelle Verkrustungen,
inflexible Arbeitsmärkte und nicht wettbewerbsfähige
Praktiken in Angriff zu nehmen.
Die Chamber hat sich aktiv an dieser Debatte beteiligt.
Sie bringen eine einzigartige Perspektive, zwei
unterschiedliche Untemehmenskulturen zu überbrücken, in diese Probleme ein. Wir in der Botschaft
beteiligen uns ebenfalls an dieser Diskussion und
haben ein aktives Interesse an der deutschen Wirtschaftspolitik und ihren Auswirkungen auf amerikanische Unternehmen.
Weil unsere Volkswirtschaften so eng miteinander
verbunden sind, haben wir großes Interesse an der
wirtschaftlichen Umstrukturierung Deutschlands und
seinen Veränderungen. Wir bekräftigen die konstruktiven Äußerungen der Chamber, und meines
Erachtens können wir stolz auf unseren gemeinsamen
Beitrag zu der Standortdebatte sein.
Schließlich ist Deutschland ein besserer Standort
geworden.
Viele Entwicklungen im Bereich der
Privatisierung und Deregulierung wären noch vor zehn
Jahren undenkbar gewesen, insbesondere angesichts
der Tatsache, daß einige der Vereinbarungen im
Grundgesetz verankert und nicht leicht zu ändern
waren. Die Wiedergeburt der Behörden als Unternehmen gestaltet jedoch ebenfalls die Telekommunikations-, Energie- und Transportmärkte um.
Dieser Prozeß der Deregulierung, Privatisierung und
Einführung von Wettbewerb hat neue Chancen für
amerikanische Unternehmen und ihre Tochtergesellschaften in Deutschland geschaffen. Er hat unsere
Länder auch durch zunehmende und intensivere
Geschäftsverbindungen enger zusammengebracht.
Betrachten Sie die Liberalisierung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten.
Das Luftfahrtabkommen "Open Skies" von 1996 hat
nicht nur eine gewinnbringende Partnerschaft zwischen zwei großen Fluggesellschaften gestärkt,
sondern ist auch ein anregendes Beispiel für die
globale Luftfahrtpolitik.
Entsprechend wird die Liberalisierung des Telekommunikationswesens schließlich zu niedrigeren
Gebühren führen, was gut für die Unternehmen und
Verbraucher in Deutschland ist. Das wird eine vermehrte Benutzung des Internet zur Folge haben, die
Türen zu globalem Elektronikhandel öffnen und
Deutschlands Eintritt in das Informationszeitalter des
nächsten Jahrhunderts beschleunigen.
Echter
Wettbewerb wird jedoch nur stattfinden, wenn wir eine

AMERIKA DIENST 09

unabhängige Aufsichtsbehörde haben, die den
Wettbewerb fördert und schützt und gleichberechtigten
Zugang aller interessierten Parteien zum Netz des
führenden Anbieters gewährleistet. Hier hat Deutschland noch eine vorrangige Aufgabe zu bewältigen.
Auch bei der Arbeit an transparenteren Beschaffungspraktiken in Deutschland haben wir große Fortschritte
erzielt. Das Wirtschaftsministerium erarbeitet zur Zeit
einen Gesetzentwurf, der den effektiven rechtlichen
Schutz von Bewerbern um einen Auftrag durch einen
gerichtlichen Überprüfungsprozeß außerordentlich
verbessern wird. Von diesem transparenteren Beschaffungssystem werden aus- und inländische
Bewerber gleichermaßen profitieren.
Dennoch
erfordert dieser sich entwickelnde Prozeß weiterhin
politisches Engagement auf hoher Ebene und die
uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Chamber und
der Botschaft.
Die Deregulierung des Energiesektors ist ein weiteres
aufregendes Feld für Innovationen. Natürlich trifft sie
auf den Widerstand von Gewerkschaften und Unternehmen, die mit dem Status quo zufrieden sind, sowie
auf den von Länder- und Gemeinderegierungen. Wir
in den Vereinigten Staaten sind jedoch überzeugt, daß
die Deregulierung letztlich von Vorteil für die Verbaucher ist und ausländische Investitionen fördert. Wir
haben vor kurzem eine Reise für Vertreter der Länderund Gemeinderegierungen sowie der deutschen
kommunalen Versorgungsunternehmen in die Vereinigten Staaten organisiert, die unseren deutschen
Besuchern demonstrierte, daß Deregulierung kein
lebensbedrohliches Ereignis sein muß.
Es gibt
Anpassungsmechanismen, die neue Chancen für
diejenigen schaffen, die davon ausgingen, daß sie nur
als Monopol prosperieren können. Diese Botschaft der
"Chancen im Wandel" sollte - und wird - von der
Amerikanischen Botschaft und der Chamber verbreitet.
Gleichzeitig weiß ich es zu schätzen, daß wir und die
Chamber uns der ehrlichen Erörterung von Meinungsverschiedenheiten wie über das Helms-Burton-Gesetz
und das Gesetz über Sanktionen gegen Iran und
Libyen nicht verschließen. Wir hatten eindeutig
unterschiedliche Ansichten zur Frage der Sanktionen,
und ich verstehe natürlich den Wunsch der Unternehmer, Geschäfte und Investitionen mit so wenig Beschränkungen wie möglich zu tätigen.
Ebenso bin ich sicher, wir alle begrüßen die jüngste
Ankündigung von Botschafter Eizenstat, daß die
Vereinigten Staaten und die EU im Hinblick auf das
Helms-Burton-Gesetz zu einer vorläufigen Einigung
gekommen sind. Die EU stimmte einer Aussetzung
ihrer Klage bei der WTO zu, was angemessen ist.
Meines Erachtens können wir alle etwas aus diesem
Vorfall lernen, durch den unsere weiterreichenden
Interessen in der WTO und unsere bilateralen Bezie-

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�hungen beinahe Schaden genommen hätten. Wir in
den Vereinigten Staaten vertreten weiterhin die
Ansicht, daß der überlegte Einsatz von Sanktionen ein
angemessenes Mittel zur Förderung grundlegender
außenpolitischer Ziele ist, und wir werden argumentieren, daß unser Ansatz nicht erfolglos war. Wir erachten dies als Verzicht auf bestimmte wirtschaftliche
Vorteile beim Streben nach übergeordneten Zielen, wie
beispielsweise der Eindämmung von Terrorismus und
der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Nichts Geringeres als das erwartet die Weltgemeinschaft von ihren wohlhabendsten Bürgern.
Wir haben den Eindruck, daß die Vereinigten Staaten
und Europa sich für gewöhnlich über die Ziele einig
sind, hinsichtlich der Mittel zu ihrer Erlangung jedoch
häufig nicht einer Meinung sind. Bedauerlicherweise
behindert diese Meinungsverschiedenheit beide Seiten
bei der Verfolgung unserer gemeinsamen Ziele. Die
Frage lautet: Wer sollte bei der Gestaltung einer
gemeinsamen Politik Kompromisse schließen? Bei
Kuba bewegen wir uns bereits auf eine gemeinsame
Politik zu. Um uns einander näher zu bringen, sollten
wir die parlamentarischen Austauschprogramme
intensivieren, um ein größeres Verständnis für die
Interessen des anderen zu entwickeln - und zwar
bevor die Gesetze ausgearbeitet werden.
Im Hinblick auf verbrecherische Staaten wie den Iran
müssen wir noch stärker darauf hinarbeiten, daß
unsere gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten
nicht unsere sehr viel größere grundsätzliche Übereinstimmung überschatten.
Wir sind weiterhin der
Auffassung, daß wir unsere eigenen Wirtschaftsinteressen mit solchen Staaten zurückstellen müssen,
damit sie nicht an die Ressourcen gelangen, die sie
zweifelsohne zur Unterstützung von Terrorismus, der
Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und zur
Destabilisierung ihrer Nachbarn und insbesondere des
Nahost-Friedensprozesses verwenden würden. Das
jüngste Urteil im Mykonos-Prozeß bekräftigt nur
unsere Entschlossenheit in dieser Hinsicht. Wir
begrüßen die Reaktion der europäischen Regierungen, den sogenannten "kritischen Dialog" auszusetzen
und ihre Botschafter zurückzurufen. Wir hoffen, daß
die ernüchternde Wirkung des Mykonos-Urteils nicht

nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Wir haben in
dieser Woche eine hochrangige Delegation in europäische Hauptstädte - auch nach Bonn - entsandt, um
unseren Dialog darüber zu vertiefen, wie das Verhalten
des Iran gemäßigt werden kann. Die Vereinigten
Staaten haben sich verpflichtet, eine verbesserte
Koordinierung der transatlantischen Politik in diese
Schlüsselfrage einzubringen.
Ungeachtet der staatlichen Entscheidungen muß sich
die Wirtschaft bewußt sein, daß Iran und Libyen in
unserem politischen Prozeß weiterhin heikle Themen
sind und den dem Sanktionsgesetz für Iran und Libyen
zugrundeliegenden schwierigen Kompromiß im Auge

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behalten. Wir haben absichtlich versucht, ein Gesetz
mit minimalen - sogar unbedeutenden - Auswirkungen
auf den Handel, selbst mit Iran, zu verabschieden,
während wir gleichzeitig von beträchtlichen Investitionen abraten, die Irans Fähigkeit zu terroristischen
Aktivitäten stärken könnten.
Zu einem damit in Zusammenhang stehenden Punkt:
Es wird manchmal angedeutet, diese Politik zeige, daß
Amerika immer unilateralistischer werde. Es wäre
falsch, unsere Sanktionen als Abkehr vom Multilateralismus in unserer allgemeinen Handelspolitik anzusehen. Multilateralismus wird unser bevorzugter
Kurs bei der Ausübung unserer globalen Führungsrolle
bleiben.
Die Vereinigten Staaten waren weltweit führend bei der
Gründung der WTO, des GATT, der Vereinten Nationen, der Weltbank, des IWF und praktisch jeder
anderen maßgebenden globalen Institution. Wir waren
an vorderster Front der jüngsten erfolgreichen Bestrebungen zur Abschaffung aller Zölle für Informationstechnologieprodukte. Dasselbe gilt für den lebenswichtigen Telekommunikationssektor, wo das Insistieren der Vereinigten Staaten auf offenen Marktzugang
zur Ermöglichung des jüngsten WTO-Abkommens
über Telekommunikationsdienste beitrug.
Jetzt verlassen wir uns auf die verbesserten Regeln
des multilateralen Konfliktschlichtungsmechanismus in
der WTO, den wir in 21 Fällen offiziell angerufen
haben. Wir haben Fälle gewonnen und verloren,
haben aber immer die Entscheidungen der WTO in
Handelsfragen respektiert. Natürlich erwarten wir von
unseren Partnern dasselbe, auch bei so schwierigen
Kontroversen mit der EU wie denen über Bananenimporte und Rinderhormone.
Trotz unserer gelegentlichen Differenzen besteht bei
Handelsfragen innerhalb des multilateralen Rahmens
enge Zusammenarbeit zwischen der EU und den
Vereinigten Staaten sowie zwischen Deutschland und
den Vereinigten Staaten. Die jüngsten WTO-Abkommen über Telekommunikations- und Informationstechnologie waren das Ergebnis gemeinsamer Ansätze der Vereinigten Staaten und der EU bei der Marktöffnung.
Die Grundlage für das Informationstechnologieabkommen wurde eigentlich durch den transatlantischen Wirtschaftsdialog gelegt. Diese Initiative führte
die Wirtschaftssektoren Europas und Amerikas zusammen, um direkten Einfluß auf die Politik auszuüben.
Um auf diesem Erfolg aufzubauen, arbeiten wir jetzt an
einem beeindruckenden Bündel gegenseitiger Anerkennungsabkommen mit der EU zusammen, die die
lästigen und überflüssigen Prüfverfahren in den
wichtigsten Handelssektoren abschaffen.

AMERIKA DIENST 09

�Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand, daß die
Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten eng und
lebhaft sind. Aber wie wir alle wissen, ist eine andere
Säule - die Säule der zwischenmenschlichen Kontakte
- ebenso wichtig.

Der Marshallplan ist jetzt Teil der gemeinsamen
Kulturgeschichte der Vereinigten Staaten und Europas.
Er beeinflußte entscheidend die politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Westeuropas. Und er veranlaßte die deutsche Regierung
zu Investitionen in den German Marshall Fund der
Vereinigten Staaten, eine Stiftung, die das Wachstum
freier Märkte, bilaterale Austauschprogramme und die
demokratische Entwicklung in Osteuropa unterstützt.
Kluge Unternehmen wie solche, die die zahlreichen
Feiern zum Gedenken an den Marshallplan unterstützen, können mit klugen Regierungen zusammenarbeiten, um die politischen, geschäftlichen und
kulturellen Bande zu stärken und diese Bestrebungen
in unsere Beziehungen zu reinvestieren.

Allzu viele vertreten die irrige Idee, es gebe eine Art
von "Kulturbruch" zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten. Das Gegenteil ist der Fall. Für
die Vereinigten Staaten gibt es in ihren kulturellen
Beziehungen zu Europa keinen wichtigeren Partner als

Als Amerikaner sind wir aufgrund unserer Kultur - nicht
so sehr durch unsere Steuern - gezwungen, unserer
Gesellschaft etwas von dem in unserem Leben
gewonnenen Wohlstand zurückzugeben. Ein wunderbares Beispiel für Selbstlosigkeit und Rücksichtnahme

Deutschland.

Für Deutschland gibt es außerhalb

auf die Gesellschaft findet sich auch in Deutschland.

Europas kein wichtigeres Reiseziel für Tourismus oder
Austauschprogramme als die Vereinigten Staaten.

Erich Marx, der vor kurzem seine private Kunstsammlung dem "Museum der Gegenwart" im Hamburger
Bahnhof in Berlin stiftete, verlieh seiner Hoffnung
Ausdruck, daß dieser Geist guter unternehmerischer
Staatsbürgerschaft in Deutschland eine neue Tradition
würde. Ferner forderte er seine Landsleute und
andere Europäer auf, bestehende Einstellungen zu
überdenken, die den Privatsektor und den Einzelnen
von Beiträgen zur Kultur abhalten.

In der OECD streben wir ein Abkommen an, um
Wirtschaftskorruption im Ausland durch Angehörige
der OECD unter Strafe zu stellen und die steuerliche
Abschreibung solcher Schmiergelder abzuschaffen.
Dies sind multilaterale Bestrebungen, denen sich
Deutschland hoffentlich rechtzeitig anschließt, damit
beim OECD-Ministertreffen im nächsten Monat eine
Vereinbarung getroffen werden kann.

Bei der selektiven Lektüre einiger Zeitungen könnte
man den Eindruck gewinnen, "Das Deutschlandbild in
den Vereinigten Staaten hat sich gewandelt" oder
"Deutschland ist für Amerika nicht mehr einzigartig".
Solche Überschriften verkennen das Wesentliche. Wir
leben vielleicht wirklich nicht mehr im Zeitalter der
Selbstverständlichkeit und des automatischen Konsenses, aber wir leben tatsächlich in einem Zeitalter der
Partnerschaft.
Die Kultur ist ein Element von Beziehungen, in denen
es viele Brücken gibt. Die Mauern, die den europäischen Kontinent geteilt haben, sind gefallen, und das
Treiben auf den Brücken über den Atlantik ist geschäftiger denn je. Das Fulbright-Programm mit seinem
privatwirtschaftlichen Förderverein beispielsweise ragt
heraus und verbindet unsere beiden Gesellschaften.
Die amerikanischen Unternehmen in Europa helfen bei
der Stärkung der amerikanischen Tradition von
Kulturförderung durch den Privatsektor. Ein Beispiel
ist der Beitrag der Citibank zu einer Ausstellung aus
Anlaß des 50. Jahrestages des Marshallplans, der
Europa nach dem Krieg zu solchem Wohlstand verhalf.
Kluge Geschäftsleute wußten immer schon, daß sie
sich am öffentlichen Leben beteiligen müssen. Wie
Woodrow Wilson erklärte, ist "jeder große Geschäftsmann in gewissem Maße auch ein Idealist".
Dieser Idealismus kam am 5. Juni vor 50 Jahren zum
Tragen, als Außenminister George Marshall in der
Harvard University seine historische Rede hielt, in der
er einen Hilfsplan für die zerstörten europäischen
Länder forderte.

AMERIKA DIENST 09

Dies ist ein Bereich, in dem die neue Welt mit ihrer
Tradition, das kulturelle Erbe der Gesellschaft durch
Beiträge des Einzelnen zu schützen, Deutschland
etwas bieten kann, insbesondere in einer Zeit, in der
wir alle mit Haushaltskürzungen konfrontiert sind.
Abschließend möchte ich betonen, daß das Ende des
Kalten Krieges uns die historische Chance zum Aufbau
eines neuen, ungeteilten Europas gegeben hat. Es hat
uns die Chance zur Stärkung unserer transatlantischen Partnerschaft gegeben, damit wir ein breiteres
Spektrum globaler Fragen besser angehen können.
Wir erleben eine Zeit der Umgestaltung - in Europa, bei
den transatlantischen Beziehungen und sogar bei den
deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Außenminister Kinkel erklärte vor kurzem: "Die Pflege
der Freundschaft zu den USA ist ein ungeschriebener
Verfassungsartikel der Bundesrepublik Deutschland."
Solche Worte hört man in den Vereinigten Staaten sehr
gern, und sie stoßen bei uns auf Widerhall.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen müssen
gepflegt werden, damit ihr dauerhafter Erfolg gesichert
ist. Wir haben viele wirtschaftliche und kulturelle
Verbindungen, familiäre Bande sowie gemeinsame
Interessen. Deutschland ist zweifelsohne der unerläßliche Partner der Vereinigten Staaten bei der

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�Lösung der wichtigsten globalen Fragen. Wir müssen
im Rahmen unserer neuen gleichberechtigten Partnerschaft zur Wahrung und zum Schutz der Freiheit
zusammenarbeiten, die wir in jenen langen Jahren des
Kalten Krieges und durch die demokratische Revolution von 1989 gewonnen haben.
Manchmal erscheint der Druck des historischen
Moments, in dem wir leben, wie eine Last. Aber wir
sollten uns an die Worte von Harry S. Truman, dem 33.

Präsidenten der Vereinigten Staaten, erinnern: "Der
Mensch gestaltet die Geschichte, nicht umgekehrt...
Fortschritte werden gemacht, wenn mutige, geschickte
Staatsmänner die Chance ergreifen, die Dinge zum
Guten zu wenden." Ich wünsche uns allen in diesem
Zeitalter neuer Realitäten das Beste für die deutschamerikanischen Beziehungen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Neue Initiativen zur Förderung der
deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d' Affaires a.i. bei der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 3. Mai 1997 im Deutsch-Amerikanischen Club in
München hielt.

Da ich sehr viel von der deutsch-amerikanischen
Zusammenarbeit an der Basis halte, freue ich mich
außerordentlich, heute in meiner Eigenschaft als
Charge d'Affaires der US-Botschaft bei der Eröffnung
der 43. Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche
eine Rede halten zu dürfen. Ihre Arbeit ist in vielerlei
Hinsicht eine Verkörperung unserer Beziehungen - der
zwischenmenschlichen Bande, die unsere beiden
Länder in Freundschaft und Einvernehmen verbinden.
Ganz besonders freue ich mich, wieder in Bayern zu
sein, das meine Heimat war, als ich von 1972 bis 1974
als Leutnant der Dritten US-Division in Würzburg
stationiert war. Bayern ist Deutschland in den Herzen
vieler Angehöriger des amerikanischen Militärs, die
hier ihren Dienst tun durften. Ich werde mich immer
gerne an die Schönheit der Landschaft, das gute Bier,
den Frankenwein und vor allem den direkten und
offenen Umgang erinnern, für den die Bayern, ebenso
wie die Amerikaner, bekannt sind.
Ministerpräsident Edmund Stoiber wird für sein
Engagement für die deutsch-amerikanischen Beziehungen die Lucius D. Clay Medal verliehen. Seine
wohlbekannten Ansichten als überzeugter Atlantiker
und Befürworter der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit sind eine mehr als hinlängliche Rechtfertigung für diese herausragende Auszeichnung. Er
hat aus der Geschichte gelernt. Aber wie wir alle
wissen, lehrt er ein Fach mit dem Namen "Zukunft".
Und in dieser Zukunft sieht der Ministerpräsident
Deutschland und Amerika stolz Seite an Seite.
Wir Amerikaner wissen die begeisterte Unterstützung
von Ministerpräsident Stoiber für das amerikanische

AMERIKA DIENST 09

Militär in Bayern ganz besonders zu schätzen. Als
ehemaliger Gl kann ich Ihnen sagen, daß eine solche
Haltung unseren jungen Männern und Frauen in
Uniform bei der Bewältigung ihrer schwierigen Arbeit
und wechselnden Aufgaben eine große Hilfe ist. Die
Anerkennung der äußerst positiven Rolle der in
Deutschland stationierten amerikanischen Streitkräfte
ist eine Tradition, die wenigstens bis zu den Tagen
zurückreicht, als Franz Josef Strauß bayerischer
Landesvater war, und ich freue mich, daß Ministerpräsident Stoiber sie in dem neuen, geeinten Deutschland
fortsetzt. Vielen Dank, Herr Ministerpräsident.
Die bayerische und die amerikanische Regierung
stimmen überein, daß ihre Bürger grundlegende
kulturelle, wirtschaftliche und politische Interessen
gemein haben. Jetzt besteht ihre Herausforderung in
der Anpassung ihrer Zusammenarbeit an neue
Realitäten. Wir müssen uns die Frage stellen: "Wie
können die bayerisch-amerikanische und die deutschamerikanische Zusammenarbeit gestärkt und verbessert werden?"
Wie Sie wissen, beinhalten die neuen Realitäten bei
den bayerisch-amerikanischen Beziehungen die
Entscheidung der Vereinigten Staaten, das USInformationsamt (U.S. Information Service - USIS) aus
dem Amerika Haus - einer historischen Institution von
unschätzbarem Wert, die unsere Freundschaft zu dem
gemacht hat, was sie heute ist - ins Konsulat zu
verlegen. Das war eine schmerzhafte aber unvermeidliche Entscheidung.
Glücklicherweise bietet das
Konsulat USIS ausgezeichnete Möglichkeiten für die
Fortsetzung seiner entscheidenden Mission, Austauschprogramme zu unterstützen, Gespräche auf

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�Expertenebene zu arrangieren und die zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise im Rahmen des Städtepartnerschaftsprogramms, zu fördern.
Wir hätten diesen Schritt jedoch nicht ohne Übereinstimmung und Diskussion auf höchster Regierungsebene im US-Außenministerium und hier über den
Erhalt von Arbeit und Geist des Amerika Hauses
treffen können. Die amerikanische und die bayerische
Regierung haben sich der Einrichtung einer Nachfolgeinstitution auf der soliden Grundlage verpflichtet,
die uns 50 Jahre lang so gut gedient hat. Was können
wir tun, um die Zukunft ebenso interessant zu gestalten wie die Vergangenheit? Ministerpräsident Stoiber,
Abteilungsleiter Kornblum, meine Kollegen und ich
haben dieses Thema während des letzten halben
Jahres ausführlich erörtert.
Das amerikanische Engagement ist umfassend. Die
Regierung stiftet eine vollständige Nachschlagebibliothek mit den modernsten Informationsprodukten, die
heute auf dem Markt sind. Wir werden weiterhin
regelmäßig Vorträge herausragender amerikanischer
Experten anbieten. Wir werden der neuen Institution
unseren gesamten Bestand an Informationsmaterial
über das Studium in den Vereinigten Staaten überlassen. Und wir werden bei der Ausstattung der neuen
Institution helfen. Dies ist die Hauptrichtung des
direkten Engagements unserer Regierung, das sich
auf neue Art und Weise und in neuen Dimensionen
manifestiert.
Die Fulbright-Kommission und das
internationale Besucherprogramm unserer Botschaft
werden unseren Dialog ebenfalls intensivieren und
bereichern.
Das ist jedoch nur ein Teil unserer Bestrebungen. Ein
ebenso wichtiger Bestandteil ist das Engagement für
die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zur Unterstützung eines von den Freunden des Amerika Hauses
organisierten umfassenden Kultur- und Informationsprogramms. Wir werden die Unternehmen einbeziehen, sie zur Mitgliedschaft bei den Freunden des
Amerika Hauses ermutigen und versuchen, die
Zusammenarbeit zwischen der Privatwirtschaft und der
Welt der Kultur zu fördern, ebenso wie wir es in den
Vereinigten Staaten praktizieren. Das ist von elementarer Bedeutung, wenn wir in der Welt nach dem
Kalten Krieg - einer Welt der interdependenten Weltwirtschaft - ein getreues Bild von uns selbst geben
wollen. Unsere Arbeitnehmer, unsere Wissenschaftler
und unsere leitenden Angestellten müssen tief in die
Quellen kultureller Kreativität vordringen, wenn sie die
notwendige Energie und Dynamik finden wollen, damit
wir auf dem Weltmarkt konkurrieren können. Und wir
wollen konkurrenzfähig bleiben.
Die Vergangenheit bietet ein starkes Fundament für
unsere Zukunft. In den langen Jahren des Kalten
Krieges vereinten unsere Länder ihre Kräfte für eine
gemeinsame Sache, und gemeinsam haben wir

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gewonnen. 1989 war ich als Stellvertretender USBotschafter in der DDR in Ostberlin Augenzeuge des
Triumphs des menschlichen Geistes, als sich die
Ostdeutschen erhoben und das kommunistische
Regime absetzten.
Heute ist Deutschland eine
demokratische, prosperierende Gesellschaft, die den
Wandel meistert und in die Zukunft schaut. Und
Präsident Clinton hat bereits 1994 vor dem Brandenburger Tor zugesagt: "Amerika steht an Ihrer Seite jetzt und für immer."
Amerika stand während des jahrzehntelangen Kampfs
gegen den Kommunismus an der Seite Deutschlands.
Wir standen an der Seite derjenigen, die in Ostdeutschland auf Freiheit in einer neuen Welt drängten.
Wir standen an der Seite beider Teile Deutschlands bei
der Vereinigung. Heute stehen wir an der Seite
unseres Verbündeten, Freundes und Partners - des
geeinten Deutschlands.
Jetzt müssen wir unsere Präsenz in Deutschland
umgestalten. Wir werden uns in zunehmendem Maße
auf Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten, Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen, Investoren und Geschäftsleute verlassen. Ihre
individuellen Bestrebungen sind Teil eines noch
engmaschigeren Netzes von Clubs und Organisationen, die die deutsch-amerikanische Freundschaft
fördern und die Beziehungen zwischen unseren
beiden Ländern bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir gedenken historischer
Ereignisse durch das U.S. Holocaust Memorial
Museum, das Alliierte Museum und das Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag sind auf großes Interesse gestoßen. Der
1983 begonnene Austausch zwischen Kongreß und
Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der Studiengruppe Deutschland
des Kongresses, die 1987 gegründet wurde, sind
Beweis für den fortgesetzten begeisterten Einsatz
dieses Gremiums für die Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten.

AMERIKA DIENST 09

�Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und natürlich haben die deutsch-amerikanischen
Clubs die deutsch-amerikanischen Beziehungen
dauerhaft geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte
zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie haben
auch einen Beitrag in ihren Gemeinden geleistet.

ich nur meine Überzeugung wiederholen, daß durch
diese privaten Initiativen sehr viel Gutes getan werden
kann. Wenn man sich betrachtet, daß diese Initiativen
mit einem Minimum an Unterstützung durch die
Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist
das ein überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute
für die Gesellschaft tun können.
Ich freue mich berichten zu können, daß bereits Pläne
für die Ausweitung von Kontakten zwischen Deutschen
und Amerikanern gemacht werden. In Berlin wird die
American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein festes Büro in Berlin. Und
der Austausch zwischen dem amerikanischen Militär
und Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln. Ich

In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere

hoffe, daß die Nachfolgeinstitution in München auf die

die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.

wachsende Liste neuer Initiativen bei den deutschamerikanischen Beziehungen gesetzt wird.

Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein weiterer Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs Sinn dafür,
was durch gemeinsamen Einsatz für eine gute Sache
bewirkt werden kann.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Leistungen des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg in Form von elf Kinderspielplätzen
immer noch einen Beitrag zur Gemeinde leistet. Wenn
ich daran denke, wieviele Generationen von Kindern
durch solche Projekte glücklich gemacht wurden, kann

*

AMERIKA DIENST 09

Jetzt ist es an der Zeit, über neue Aktivitäten zur
Stärkung unserer zwischenmenschlichen Kontakte und
Ausweitung unserer Vereine und Freundschaft
nachzudenken. Insbesondere jetzt, da die Bürger sich
aufgerufen fühlen, ihre Umwelt zu verbessern, anstatt
auf eine Führungsrolle ihrer Regierung zu warten,
nimmt die Rolle von Clubs wie diesem an Bedeutung
zu. Ich rufe Sie - Einzelpersonen und Clubs - auf, Ihre
erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, indem sie neue
Möglichkeiten für die Bereicherung der deutschamerikanischen Freundschaft finden.
Heute ist es am allerwichtigsten, unsere Aufmerksamkeit auf die Zukunft zu richten. Das bedeutet nicht,
unsere Vergangenheit und die erstaunlichen Leistungen in der Basisarbeit bei den deutsch-amerikanischen
Beziehungen zu vergessen. Vielmehr bedeutet es,
sich auf unsere gemeinsamen Interessen und Werte
zu konzentrieren und gleichzeitig neue Wege zu
suchen, sie in der Zukunft zu pflegen.
Ich danke Ihnen.

*

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�EINWANDERUNG
7. Mai 1997

Rhetorik versus Realität - das neue
amerikanische Einwanderungsgesetz
von Rosemary Jenks

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Rosemary Jenks über das neue amerikanische
Einwanderungsgesetz. Jenks ist Senior Fellow im Zentrum für Einwanderungsstudien, einer Forschungsgruppe
mit Sitz in Washington.

Die weitverbreitete Panik, die amerikanische Einwanderer und Lateinamerika nach der Verabschiedung
des neuen amerikanischen Einwanderungsgesetzes
erfaßte, ist ein bedauerlicher Beweis für die Macht der
Rhetorik.
In den gesamten Vereinigten Staaten warnten Juristenvereinigungen und Bürgerrechtsgruppen legale und
illegale Einwanderer, das neue Gesetz würde zu
Massenabschiebungen, dem Verlust von Rechten und
drakonischen Strafen führen. Diese Botschaft wurde
von Politikern und Vertretern der Öffentlichkeit in
Lateinamerika aufgegriffen, von denen viele das
Gesetz als rassistisch und ausländerfeindlich bezeichneten.
Die Realität des neuen Gesetzes sieht jedoch weitaus
weniger dramatisch aus. Die Vereinigten Staaten
haben die großzügigste Einwanderungspolitik der Welt
- eine Politik, die im vergangenen Jahr 916.000
Einwanderern ein legales Aufenthaltsrecht in den
Vereinigten Staaten gewährte. Das wird sich unter
dem neuen Einwanderungsgesetz nicht ändern.
Die amerikanischen Politiker verfolgten bei der Verabschiedung dieses Gesetzes zwei Ziele: Erstens eine
deutliche Botschaft zu senden, daß die Vereinigten
Staaten eine Nation der Gesetze sind, die keine
eklatante Mißachtung des Gesetzes toleriert, wie
illegale Einwanderung sie darstellt; und zweitens, die
Hintertürchen zu schließen, die amerikanische Juristen
ausnutzten, um die Durchsetzung bereits existierender
Gesetze gegen illegale Einwanderung zu vereiteln.

AMERIKA DIENST 09

Eine Betrachtung der Bestimmungen des neuen
Gesetzes sollte die leidenschaftliche Rhetorik beenden, die zu Panikmache führte:
Das Gesetz fordert keine Massenabschiebungen. Es
macht die Abschiebung von Einwanderern einfacher
und schneller, die gravierende Verbrechen begangen
haben oder sich illegal im Land aufhalten. Ferner sieht
es Strafen für Einwanderer vor, die sich nach dem 1.
April 1997 illegal sechs Monate oder länger in den
Vereinigten Staaten aufhalten. Einwanderern ohne
Aufenthaltsgenehmigung, die zwischen sechs Monaten
und einem Jahr in den Vereinigten Staaten bleiben,
wird die erneute Einreise drei Jahre lang verboten,
während denjenigen, die ein Jahr oder länger im Land
gelebt haben, die erneute Einreise zehn Jahre lang
verboten wird.
Das neue Gesetz beraubt legale und illegale Einwanderer nicht ihres gesetzlichen Schutzes. Es
beschränkt jedoch die Möglichkeiten für gerichtliche
Überprüfungen einer vorherigen Entscheidung bei im
Abschiebungsprozeß
befindlichen
Einwanderern
sowie bei Einwandereren, die sich ohne gültige
Papiere Zugang zum Land verschaffen wollen. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, nur deswegen
eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, weil es ihnen
mehrere Jahre lang gelungen ist, nicht gefaßt zu
werden. Das neue Gesetz verlangt von solchen
Einwanderern den Beweis, daß sie mindestens zehn
Jahre lang in den Vereinigten Staaten gelebt haben
und ihre Abschiebung eine "außergewöhnliche und
extrem unübliche Härte" für direkte Angehörige
darstellen würde, die US-Bürger oder legale Einwanderer sind.

Seite 1

�Das neue Gesetz weist die Polizei und die
Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization Service - INS) nicht an, in
Wohngegenden und Gemeinden Suchaktionen
durchzuführen, um illegale Einwanderer aufzuspüren.
Es gestattet der Polizei die Zusammenarbeit mit der
INS, wenn sie einen mutmaßlichen Verbrecher
festnimmt, der sich illegal im Land aufhält. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, mit Hilfe gefälschter Papiere Arbeit zu bekommen.
Das neue Gesetz verbietet die Abschiebung von
Ausländern, die Schutz vor echter Verfolgung suchen.
Es verbessert das Asylverfahren und erschwert einen
Mißbrauch des Asylrechts, um eine Arbeitserlaubnis
zu erhalten. Ferner fordert es von illegalen Einwanderern, innerhalb eines Jahres nach Einreise in die
Vereinigten Staaten einen Antrag auf Asyl zu stellen,
damit illegale Einwanderer, die gefaßt werden, ihr
Asylrecht nicht zur Verzögerung oder Vermeidung
ihrer Abschiebung nutzen können.
Schließlich hat das neue Gesetz nicht die Hispanoamerikaner oder irgendeine andere ethnische oder
rassische Gruppe zum Ziel. Es fordert die Gleichbe-

Seite 2

handlung aller Einwanderer. Ein kanadischer oder
deutscher illegaler Einwanderer, der in den Vereinigten
Staaten gefaßt wird, wird ebenso schnell und nach
denselben Vorschriften abgeschoben wie ein mexikanischer oder chinesischer Einwanderer.
Die Vereinigten Staaten haben zweifelsohne das Recht
und die Pflicht gegenüber ihren Bürgern und legal
Ansässigen, die illegale Einwanderung zu kontrollieren, ebenso wie Mexiko das Recht auf die Kontrolle
der illegalen Einwanderung aus Zentralamerika hat.
Tatsächlich ist Mexiko bei der Kontrolle der illegalen
Einwanderung weitaus effektiver als die Vereinigten
Staaten.
Derzeit leben mehr als fünf Millionen Einwanderer
ohne Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten
Staaten, und jedes Jahr kommen 400.000 weitere
dazu. Das neue Einwanderungsgesetz ist eine klare
Erklärung, daß diese Situation nicht akzeptabel ist.
Einwanderer, die legal in die Vereinigten Staaten
einreisen und die amerikanischen Gesetze befolgen,
sind willkommen. Wer das Land auf gesetzeswidrige
Weise betritt oder danach das Gesetz bricht, wird
schnell aber fair nach Hause zurückgeschickt.

AMERIKA DIENST 09

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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Vorteile der NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die NATO und die neuen transatlantischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue Initiativen zur Förderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Einwanderung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rhetorik verus Realität - das neue amerikanische Einwanderungsgesetz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Rosemary Jenks&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Amerikadienst&#13;
&#13;
Herausgeber U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
08&#13;
&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
NATO&#13;
&#13;
DIE WIRTSCHAFTLICHEN VORTEILE&#13;
DER NATO-ERWEITERUNG&#13;
Rede des Stellvertretenden Finanzministers&#13;
&#13;
MARSHALLPLAN&#13;
&#13;
DER MARSHALLPLAN - EINE VISION VON&#13;
SICHERHEIT, WOHLSTAND UND&#13;
PARTNERSCHAFT&#13;
Rede von Staatssekretär Peter Tarnoff&#13;
&#13;
WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
EINE FUHRUNGSROLLE BEI DER&#13;
BEKÄMPFUNG VON BESTECHUNG&#13;
von Alan P. Larson&#13;
&#13;
MENSCHENRECHTE&#13;
&#13;
US-DELEGATION: MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN DAUERN AN&#13;
Rede von Nancy Rubin&#13;
USA: GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG&#13;
IST SCHUTZ DES KINDES&#13;
Rede von Gere Smith&#13;
&#13;
MEDIEN&#13;
&#13;
DIE ROLLE DER MEDIEN IN EINER&#13;
DEMOKRATIE&#13;
von George A. Krimsky&#13;
&#13;
Informationen über die Politik der US-Regierung und&#13;
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können&#13;
auf der Home Page von USIS-Deutschland&#13;
im World Wide Web des Internet unter&#13;
http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
abgerufen werden.&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Tel.: 0228-339 2372&#13;
&#13;
Fax: 0228-333 138&#13;
e-mail: bbsbonn@usia.gov&#13;
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
&#13;
�NATO&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Die wirtschaftlichen Vorteile der NATO-Erweiterung&#13;
Rede des Stellvertretenden Finanzministers&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Die sicherheitspolitischen Vorteile einer NATO-Erweiterung gehen nach Ansicht des&#13;
Stellvertretenden US-Finanzministers Lawrence Summers mit den wirtschaftlichen Vorteilen für Europa und die&#13;
Vereinigten Staaten einher. Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Summers am 11. April 1997 vor der&#13;
U.S. Chamber of Commerce hielt.&#13;
&#13;
Guten Morgen. Ich freue mich außerordentlich über&#13;
die Gelegenheit, wieder im International Forum der&#13;
Chamber of Commerce zu sein und die herausragenden Vertreter der Wirtschaft und des öffentlichen&#13;
Lebens zu treffen, die dieses Forum regelmäßig&#13;
zusammenbringt.&#13;
Heute möchte ich über die Zukunft der amerikanischen&#13;
Unternehmen in Europa und die Zukunft der amerikanischen Unternehmen weltweit sprechen. Insbesondere möchte ich mich auf eine Initiative der Administration&#13;
konzentrieren, die vielen Vertretern der amerikanischen Geschäftswelt vielleicht nicht unbedingt&#13;
bekannt ist, es jedoch sein sollte: Das Bestreben der&#13;
Administration, beim Aufbau eines ungeteilten, demokratischen, friedlichen und prosperierenden Europas&#13;
zu helfen und als Bestandteil dieses Ziels die Erweiterung des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses zur Aufnahme neuer Mitglieder aus Zentraleuropa anzustreben.&#13;
Sie können sich fragen, warum sich der Stellvertretende Finanzminister mit der NATO-Erweiterung&#13;
befaßt. Die Antwort lautet, daß diese Frage elementare ökonomische Auswirkungen hat. Die Wahl des&#13;
Themas meiner heutigen Ausführungen soll unterstreichen, welch großes wirtschaftliches Interesse wir&#13;
und unsere Verbündeten an der NATO-Erweiterung&#13;
haben. Unsere in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg&#13;
gewonnenen Erfahrungen zeigen, daß wirtschaftlicher&#13;
Wohlstand und Sicherheit untrennbar miteinander&#13;
verbunden sind. Die Führungsrolle der Vereinigten&#13;
Staaten beim Wiederaufbau Europas nach dem Krieg&#13;
durch unilaterale Maßnahmen wie den Marshallplan&#13;
und multilaterale Institutionen wie die Internationale&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung halfen, die&#13;
Grundlagen für den Frieden zu schaffen. Aus dem&#13;
gleichen Grund half das von uns in Europa gebildete&#13;
Sicherheitsbündnis bei der Schaffung der Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum und wirtschaftliche&#13;
Erholung. Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges,&#13;
haben wir eine Chance, diesen Kreis von Sicherheit&#13;
und Wohlstand zu erweitern.&#13;
Wie Präsident Clinton seit seinen ersten Tagen im Amt&#13;
erklärte, bietet uns das Ende des Kalten Krieges eine&#13;
einzigartige Gelegenheit zum Aufbau eines umfassenderen Europas, das erstmals in der Geschichte durch&#13;
demokratische Praktiken und freie Märkte geeint ist.&#13;
Zur Erlangung dieses Ziels haben wir während der&#13;
vergangenen fünf Jahre eine Reihe von Maßnahmen&#13;
entwickelt und verfolgt, die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Belange verbinden. Diese reichen von&#13;
unserer Unterstützung für die politischen und wirtschaftlichen Reformen in Rußland und den anderen&#13;
neuen unabhängigen Staaten bis zu einer Vielzahl&#13;
sicherheitspolitischer Maßnahmen - beispielsweise&#13;
unsere Politik zur Beschränkung konventioneller und&#13;
nuklearer Waffen in Europa.&#13;
Auf wirtschaftlichem Gebiet waren die internationalen&#13;
Finanzinstitutionen wie der IWF und die Weltbank&#13;
wichtige Katalysatoren für Wirtschaftsreformen,&#13;
Finanzstabilität und Entwicklung. In den Schwellenländern haben sich die internationalen Finanzinstitutionen&#13;
auf die Stärkung der Institutionen des Privatsektors&#13;
konzentriert, damit diese Stütze für Wachstum und&#13;
Stabilität werden. Dementsprechend ist es dem&#13;
Präsidenten zufolge von elementarer Bedeutung, daß&#13;
wir unsere Rechnungen bei diesen Institutionen&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�begleichen um sicherzustellen, daß sie stark bleiben&#13;
und unsere Führungsrolle unbeeinträchtigt bleibt.&#13;
Als Teil dieser umfassenden Strategie internationalen&#13;
Engagements besteht eine der obersten Prioritäten&#13;
des Präsidenten in der Anpassung der NATO - dem&#13;
erfolgreichsten Bündnis in der Menschheitsgeschichte&#13;
- an die neuen Erfordernisse eines neuen Europas.&#13;
Diese Bestrebungen beinhalten Veränderungen bei&#13;
den Missionen der NATO sowie die Anknüpfung neuer&#13;
Beziehungen zwischen der NATO und dem im Prozeß&#13;
der Demokratisierung befindlichen Rußland. Ein&#13;
anderer wesentlicher Bestandteil dieser Bestrebungen&#13;
umfaßt die Aufnahme neuer zentraleuropäischer&#13;
Mitglieder in das Bündnis - ein Schritt, den sowohl der&#13;
Präsident als auch die NATO 1994 befürworteten und&#13;
1999 beim 50. Jahrestag des Bündnisses realisieren&#13;
wollen.&#13;
Diejenigen unter Ihnen, die der Geschäftswelt angehören, mögen sich fragen, was das mit Wirtschaft zu tun&#13;
hat. Meine Antwort lautet: Eine ganze Menge. Eine&#13;
größere, modernere NATO wird bei der Bewahrung&#13;
eines Sicherheitsumfelds in Europa helfen, das eine&#13;
Vorbedingung für Wirtschaftswachstum ist. Sie wird&#13;
dazu beitragen, Zentraleuropa in die Praktiken marktwirtschaftlicher Demokratien und Versöhnung zwischen Nachbarländern zu integrieren - Praktiken, die&#13;
diese Region zur am schnellsten wachsenden in ganz&#13;
Europa gemacht haben. Und sie wird unsere Bestrebungen ergänzen, ein demokratisches, in mehr&#13;
Wohlstand lebendes Rußland zu fördern.&#13;
Vor allem wird die amerikanische Entscheidung, die&#13;
NATO-Erweiterung fortzusetzen, ein starkes Signal&#13;
hinsichtlich unserer Rolle in Europa und der Welt&#13;
senden. Es wird nicht nur eine Entscheidung über die&#13;
Aufnahme neuer Mitglieder in das Bündnis, sondern&#13;
eine Bekräftigung unseres aktiven Engagements in&#13;
Europa und unserer Entschlossenheit sein, unsere&#13;
Sicherheit und Wirtschaftsinteressen im Ausland aktiv&#13;
zu verfolgen.&#13;
Lassen Sie mich etwas detaillierter erklären, warum&#13;
diese Initiative nicht nur für das Außen- und das&#13;
Verteidigungsministerium, sondern auch für das&#13;
Finanzministerium von großer Bedeutung ist.&#13;
Zunächst einmal ist die zentrale Bedeutung Europas&#13;
für die Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft zu&#13;
nennen. Ich weiß, daß ich nicht lange brauche, um&#13;
dieses Publikum davon zu überzeugen. Sie wissen,&#13;
daß unsere Beziehungen zu Europa der Kern unseres&#13;
wirtschaftlichen Kosmos sind. Europa und die Vereinigten Staaten produzieren zusammen mehr als die&#13;
Hälfte der Waren und Dienstleistungen weltweit.&#13;
Unser jährlicher bilateraler Handel mit Europa übersteigt die 250 Milliarden Dollar-Marke. Unsere Direktinvestitionen in Europa betragen ebenfalls mehr als&#13;
250 Milliarden Dollar und sind größer als in jeder&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
anderen Region der Welt. Obwohl wir nicht immer bei&#13;
jeder wirtschaftlichen Frage mit unseren europäischen&#13;
Partnern übereinstimmen, bleibt die Tatsache bestehen, daß unsere gemeinsamen Werte und Ansichten&#13;
uns zu den wichtigsten Partnern bei Bestrebungen von&#13;
der internationalen Koordinierung der Währungen über&#13;
die Verhandlungen im Rahmen der Uruguay-Runde&#13;
des GATT bis zur Gründung der Welthandelsorganisation gemacht haben. Und die Entwicklung Europas zu&#13;
einem integrierten Markt im Rahmen der Europäischen&#13;
Union ist ein Projekt, das wir unterstützen und von dem&#13;
wir profitieren.&#13;
Zentraleuropa ist auch für unsere wirtschaftliche&#13;
Zukunft von elementarer Bedeutung. Obwohl es&#13;
gemessen an der gesamten europäischen Wirtschaft&#13;
nur einen kleinen Prozentsatz darstellt, ist es wohl die&#13;
aktivste Region Europas. Seit Beginn dieses Jahrhunderts, als die durch kommunistische Herrschaft und&#13;
Kommandowirtschaft verursachte Zerstörung mutigen&#13;
marktwirtschaftlichen Reformen Platz machte, ist die&#13;
Region zwischen Elbe und Ural Zeuge schneller&#13;
Erneuerung und soliden Wachstums, insbesondere in&#13;
Zentraleuropa, wo die Reformen am weitreichendsten&#13;
und tiefgehendsten waren.&#13;
Die Volkswirtschaften Zentraleuropas, einschließlich&#13;
der Baltischen Staaten, wachsen jährlich real um vier&#13;
bis fünf Prozent, und alle Anzeichen deuten darauf hin,&#13;
daß sie ihre beeindruckende Leistung fortsetzen. Die&#13;
amerikanischen Exporte in die Region verzeichnen&#13;
zweistellige Wachstumsraten. Obwohl die westeuropäischen Märkte für die meisten Gebrauchsgüter&#13;
großenteils saturiert sind, verzeichnet Osteuropa eine&#13;
starke Nachfrage nach Autos, Fernsehern, Videorekordern, Kühlschränken und Inneneinrichtungsgegenständen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die&#13;
Autoverkäufe in Polen stiegen 1996 um 41 Prozent an.&#13;
Riesige Chancen werden auch durch die Bestrebungen dieser Länder eröffnet, staatliche Betriebe zu&#13;
privatisieren, die antiquierte Infrastruktur zu verbessern&#13;
und Umweltschäden zu beheben, die eine der zahlreichen dunklen Vermächtnisse des Kommunismus sind.&#13;
Die Beispiele reichen von den Bestrebungen der&#13;
Tschechischen Republik in Höhe von 3 Milliarden&#13;
Dollar zur Modernisierung ihrer Stromversorgungseinrichtungen bis zur Modernisierung des Telekommunikationswesens im Wert von einer Milliarde Dollar in&#13;
Polen. Zentraleuropa als Wirtschaftsstandort bietet&#13;
auch ein eifriges und gut ausgebildetes Arbeitskräftepotential mit hervorragendem Zugang zum&#13;
riesigen Markt der Europäischen Union. Infolgedessen&#13;
wurden seit dem Fall der Berliner Mauer in diesen&#13;
Staaten ausländische Direktinvestitionen im Wert von&#13;
nahezu 40 Milliarden Dollar getätigt - ungefähr ein&#13;
Viertel von Seiten der Vereinigten Staaten - und wir&#13;
erwarten weitere 40 Milliarden Dollar in den letzten vier&#13;
Jahren dieser Dekade. Heute, nur acht Jahre nachdem sich diese Länder dem Westen geöffnet haben,&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�liest sich die Liste amerikanischer Firmen, die in der&#13;
Region prosperieren, wie das Who's who von Fortune&#13;
mit seinen Wirtschaftsgiganten und Kleinunternehmen&#13;
gleichermaßen.&#13;
Unsere Administration ergreift eine Vielzahl von&#13;
Initiativen um sicherzustellen, daß Zentraleuropa sich&#13;
weiterhin dieses starken Wachstums der Märkte&#13;
erfreut und amerikanische Unternehmen auch in&#13;
Zukunft einen beträchtlichen Anteil daran haben. Im&#13;
Januar 1995 veranstaltete das Weiße Haus eine&#13;
Konferenz über Handel und Investitionen in Zentraleuropa, um die Chancen für amerikanische Firmen in&#13;
der Region herauszustellen. Wir eröffneten im Wirtschaftsministerium ein Business Information Center für&#13;
Zentral- und Osteuropa einschließlich einer Einrichtung&#13;
zur Unterstützung kleiner Unternehmen um zu gewährleisten, daß kleinere amerikanische Firmen&#13;
ebenfalls vom Wachstum dieser Region profitieren&#13;
können. Im Rahmen der Gesamtstrategie der Regierung zur Erschließung der großen, neuentstehenden&#13;
Märkte entwickelten wir ein Programm für den großen&#13;
neuentstehenden Markt Polen. Und wir setzten&#13;
beträchtliche Zeit und Mittel für die Unterstützung der&#13;
Wirtschaftsreformen in Rußland und den anderen&#13;
neuen unabhängigen Staaten ein, weil sie ebenfalls ein&#13;
Bestandteil Europas sind. Unsere Unterstützung für&#13;
diese Länder im Rahmen des Freedom Support Act&#13;
umfaßte mehr als 2 Milliarden Dollar zur Finanzierung&#13;
von Initiativen des Privatsektors, die Entwicklung von&#13;
Unternehmensfonds wie dem "Investitionsfonds USARußland" und dem "Fonds für kleine russische Unternehmen" sowie andere Programme zur Förderung der&#13;
wirtschaftlichen Umstrukturierung dieser Volkswirtschaften. Ferner stellten wir Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten mehr als 7 Milliarden&#13;
Dollar an Garantien, Darlehen und Sicherheiten der&#13;
Export-Import Bank und der Entwicklungsgesellschaft&#13;
OPIC zur Verfügung.&#13;
Wenn unser Ziel in der Unterstützung amerikanischer&#13;
Unternehmen besteht, damit sie von dem starken&#13;
Wachstum in Europa und Zentraleuropa profitieren,&#13;
müssen Sicherheitsfragen ein unerläßlicher Bestandteil unserer Strategie sein. Für Unternehmen und&#13;
Staaten gleichermaßen ist Sicherheit wie Sauerstoff:&#13;
Man denkt nicht viel darüber nach, aber wenn er fehlt,&#13;
kann man an nichts anderes mehr denken. Fragen Sie&#13;
nur einmal die Unternehmen in Zaire oder in Afghanistan - wenn Sie welche antreffen. Die EU ist ein&#13;
wichtiger Bestandteil der transatlantischen Sicherheit,&#13;
aber wir benötigen auch die NATO - für die Gewährleistung von Sicherheit und Wohlstand. Ohne Sicherheit und Stabilität auf dem europäischen Kontinent&#13;
- die großenteils der NATO zu verdanken sind - hätten&#13;
sich unsere starken Wirtschaftsbeziehungen zu&#13;
Europa während der vergangenen 50 Jahre nicht&#13;
entwickeln können. Und ebenso wie das ursprüngliche Bündnis Westeuropa ein halbes Jahrhundert&#13;
Sicherheit und Wachstum bescherte, kann eine neue&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
und größere NATO die für Wohlstand erforderliche&#13;
Sicherheit bieten und von Westeuropa auf den Osten&#13;
ausweiten.&#13;
Lassen Sie mich kurz erklären, wie weit wir mit der&#13;
NATO-Erweiterung gekommen sind. Seit dem Ende&#13;
des Kalten Krieges hat sich die NATO an ein stark&#13;
verändertes Sicherheitsumfeld angepaßt. Nach dem&#13;
Verschwinden der sowjetischen Bedrohung stellte die&#13;
NATO ihre Stolperdraht-Strategie der Vornestationierung von Truppen an der Front im Osten ein, verringerte ihre Truppenstärke, erklärte, daß sie Rußland nicht&#13;
mehr als Feind betrachtet und begann die Bewältigung&#13;
einer Reihe neuer Sicherheitsherausforderungen - von&#13;
Out-of-area-Missionen wie der in Bosnien bis zu&#13;
aufkommenden Bedrohungen wie der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.&#13;
Ein Schlüsselelement dieses Anpassungsprozesses ist&#13;
die Aufnahme der zentraleuropäischen Demokratien in&#13;
das Bündnis. Im Juli wird Präsident Clinton in Madrid&#13;
gemeinsam mit den anderen Staats- und Regierungschefs der NATO die ersten Staaten benennen, die zur&#13;
Aufnahme in das Bündnis eingeladen werden. Nach&#13;
den Aufnahmegesprächen mit den neuen Staaten wird&#13;
der Präsident den Senat um die Ratifizierung der&#13;
Ergänzung des Nordatlantikvertrags von 1949 durch&#13;
diese Staaten bitten. Sowohl er als auch die NATO&#13;
haben erklärt, es wäre wünschenswert, wenn diese&#13;
Staaten bis 1999 ihren Platz als Mitglieder einnähmen.&#13;
Diese neuen Verbündeten werden Vollmitglieder und&#13;
profitieren von denselben feierlichen Sicherheitsverpflichtungen, die die derzeitigen NATO-Verbündeten&#13;
eingehen, stimmen jedoch auch der Übernahme der&#13;
Verantwortung zu, Sicherheit zu schaffen und sie für&#13;
sich in Anspruch zu nehmen.&#13;
Die Strategie der NATO-Erweiterung beinhaltet ebenfalls Schritte zur Gewährleistung, daß wir keine neuen&#13;
Trennlinien schaffen, wenn wir die von Stalin vor einem&#13;
halben Jahrhundert durch Europa gezogenen illegitimen Trennlinien ausradieren. Aus diesem Grund hat&#13;
der Präsident ferner erklärt, daß die NATO-Erweiterung ein Prozeß sein wird, nicht eine einmalige&#13;
Angelegenheit - ebenso wie die wirtschaftliche Umgestaltung Europas ein andauernder Prozeß ist - und die&#13;
erste Gruppe der in die NATO aufgenommenen&#13;
Staaten nicht die letzte sein wird. Während die NATO&#13;
neue Mitglieder aufnimmt, baut sie auch tiefere und&#13;
konstruktivere Beziehungen zu Rußland, der Ukraine&#13;
und anderen Staaten auf, die noch nicht die Aufnahme&#13;
in das Bündnis anstreben. Das ist ein Grund, warum&#13;
der jüngste Helsinki-Gipfel so wichtig war - weil er&#13;
demonstrierte, daß die NATO mit der Aufnahme neuer&#13;
Mitglieder unseren Beziehungen zu Rußland auch eine&#13;
tiefere Dimension hinzufügen kann, wenn sie unerschütterlich und entschlossen ist.&#13;
Der Präsident, Außenministerin Albright und die&#13;
anderen Mitglieder des nationalen Sicherheitsteams&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�des Präsidenten haben häufig die sicherheitspolitischen Vorteile unterstrichen, die eine NATO-Erweiterung mit sich bringen wird. Sie wird die Stabilität&#13;
in Zentraleuropa gewährleisten - einer Region, deren&#13;
bisherige Instabilität zum Ausbruch der beiden Weltkriege in Europa und des Kalten Kriegs beigetragen&#13;
hat. Und sie wird der NATO wertvolle neue Mitglieder&#13;
bescheren, die bereits ihre Bereitschaft unter Beweis&#13;
gestellt haben, zur Sicherheit des Westens beizutragen, indem sie beispielsweise Streitkräfte zu der&#13;
Militärmission in Bosnien entsenden.&#13;
Aber mit den sicherheitspolitischen Vorteilen der&#13;
NATO-Erweiterung gehen auch wirtschaftliche Vorteile&#13;
einher - für Europa und die amerikanischen Unternehmen. Indem sie das heute in Zentraleuropa bestehende stabile Sicherheitsumfeld bewahrt, wird die NATOErweiterung vor allem die Fortsetzung des soliden&#13;
Wirtschaftswachstums sicherstellen. Aus diesem&#13;
Grund sollten amerikanische Unternehmen die NATOErweiterung nicht nur als die Garnierung auf dem&#13;
Teller des zentraleuropäischen Wirtschaftswachstums&#13;
sehen. Sie ist ein Teil der Grundlage, auf der dieses&#13;
Wirtschaftswachstum ruht.&#13;
Ich möchte kurz vier spezifische Aspekte darlegen, wie&#13;
das europäische Unternehmensklima und die amerikanischen Unternehmen von der NATO-Erweiterung&#13;
profitieren werden. Erstens hat die Aussicht der&#13;
NATO-Erweiterung bereits dazu beigetragen, die&#13;
zentraleuropäischen Praktiken der marktwirtschaftlichen Demokratie zu konsolidieren, die für Wirtschaftswachstum unerläßlich sind. Die dem Übergang von&#13;
Plan- zu Marktwirtschaften inhärenten politischen&#13;
Unruhen haben den politischen Entscheidungsprozeß&#13;
und die Staatsführung in Osteuropa außerordentlich&#13;
erschwert. Aber der über das gesamte politische&#13;
Spektrum hinweg weithin gehegte Wunsch, den&#13;
europäischen Wirtschafts- und Sicherheitsstrukturen einschließlich der NATO - beizutreten, hat starken&#13;
Einfluß auf den politischen Entscheidungsprozeß&#13;
ausgeübt und den Ländern geholfen, auf dem Kurs&#13;
des politischen und wirtschaftlichen Übergangs zu&#13;
bleiben.&#13;
Die NATO hat beispielsweise explizit zum Ausdruck&#13;
gebracht, daß die Praktiken einer demokratischen&#13;
Marktwirtschaft die Voraussetzung für die Mitgliedschaft sind, und die Staaten in der Region haben&#13;
bemerkenswerte Anstrengungen unternommen, um&#13;
diese Qualifikation zu erfüllen. In Ungarn hat die&#13;
Aussicht auf die NATO-Mitgliedschaft die politischen&#13;
Extremisten geschwächt und die Zentristen gestärkt,&#13;
die eine zweite Runde der Privatisierung eingeleitet&#13;
haben. Rumänien hat seine wirtschaftlichen Maßnahmen radikal geändert und zeigt Offenheit für&#13;
ausländische Investitionen.&#13;
Die Regierung von&#13;
Estland hat wiederholt erklärt, daß es die Aussicht auf&#13;
den Beitritt zu Institutionen des Westens - sowohl der&#13;
NATO als auch der EU - ist, die das Land auf dem&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Kurs radikaler Freihandelsmaßnahmen gehalten hat,&#13;
einschließlich außerordentlich niedriger Zölle. Und als&#13;
die neue reformistische Regierung Bulgariens die alten&#13;
Betonköpfe aus dem Amt vertrieb, die das Land&#13;
zugrunde gewirtschaftet hatten, taten sie zweierlei - sie&#13;
kehrten den Wirtschaftskurs um und erklärten ihr&#13;
Interesse am NATO-Beitritt - und sagten uns, für sie&#13;
seien diese beiden Schritte miteinander verbunden.&#13;
Der zweite spezifische wirtschaftliche Vorteil der&#13;
NATO-Erweiterung ist, daß sie die zentraleuropäischen Staaten zur Beilegung alter Grenzstreitigkeiten&#13;
und zu einer fairen Behandlung ethnischer Minderheiten ermutigt. Viele dieser Dispute hatten das Potential,&#13;
die Wirtschaftsbeziehungen in der Region zu schädigen und sogar zu destruktiver und hochexplosiver&#13;
Gewalt zu eskalieren. Aber diese Staaten wissen, daß&#13;
sie die Streitigkeiten mit ihren Nachbarn beilegen&#13;
müssen, wenn sie für eine Bündnismitgliedschaft in&#13;
Erwägung gezogen werden wollen. Und selbst für die&#13;
Staaten in der Region, die nicht sofort für eine Mitgliedschaft in Frage kommen, haben die Vereinigten&#13;
Staaten die zentrale Bedeutung der Beilegung ihrer&#13;
Streitigkeiten unterstrichen. Eine unvollständige Liste&#13;
der teils infolge der amerikanischen Bestrebungen&#13;
geschlossenen Abkommen enthält Vereinbarungen&#13;
zwischen Polen und Litauen, Ungarn und Rumänien,&#13;
Italien und Slowenien, Griechenland und Mazedonien,&#13;
der Tschechischen Republik und Deutschland. Diese&#13;
und andere Abkommen haben die grenzüberschreitenden Beziehungen, die Stabilität der Region und das&#13;
Unternehmensklima verbessert - weil regionale&#13;
Stabilität für Unternehmen so wichtig ist wie für den&#13;
Frieden.&#13;
Der dritte Grund, warum diese Strategie von Vorteil für&#13;
die amerikanischen Unternehmen ist, betrifft Rußland.&#13;
Wie Sie vielleicht wissen, habe ich einen Großteil&#13;
meiner Zeit im Finanzministerium damit verbracht,&#13;
Wege zur Stützung der russischen Wirtschaftsreformen und der Ermutigung der Integration des Landes in&#13;
die multilateralen Wirtschaftsinstitutionen auszuarbeiten, damit es eine konstruktive und produktive&#13;
Rolle bei globalen Wirtschaftsangelegenheiten übernehmen kann. Ein wohlhabendes, demokratisches&#13;
Rußland ist für die Sicherheit Europas und der Vereinigten Staaten ebenso unerläßlich wie eine erweiterte NATO. Und im Gegensatz zu den Äußerungen einiger russischer und amerikanischer Kritiker&#13;
schließen sich die beiden weder gegenseitig aus noch&#13;
sind sie inkompatibel.&#13;
Es stimmt, daß Präsident Jelzin und andere russische&#13;
Politiker ihren Widerstand gegen die NATO-Erweiterung unterstrichen haben. Dennoch bin ich der festen&#13;
Überzeugung, daß diese Politik zusammen mit den&#13;
anderen Maßnahmen, die wir im Hinblick auf Rußland&#13;
in der Region ergreifen, die Sicherheit Rußlands und&#13;
seine Integration in den Westen verbessern kann.&#13;
Schließlich wird die NATO-Erweiterung demokratische&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�Stabilität entlang Rußlands Westgrenze fördern - einer&#13;
Region, die häufig der Nährboden für Bedrohungen&#13;
von Rußland selbst waren. Und sie wird das Vertrauen vertiefen und deshalb umfassendere Wirtschaftsbeziehungen zwischen Moskau und Zentraleuropa ermöglichen. Die Zentraleuropäer wissen, daß&#13;
sie einen sicheren, wohlhabenden Nachbarn in ihrem&#13;
Osten haben wollen. Darüber hinaus stellen Fragen&#13;
über die Zukunft der NATO kein Kernstück der Beziehungen unseres Landes zu Rußland dar - das Kernstück sind die Bestrebungen, die Rußlands wirtschaftliche und politische Entwicklung betreffen. Teils&#13;
aus diesem Grund werden wir bei der Erweiterung des&#13;
Bündnisses umfassende Bestrebungen zur Unterstützung der andauernden Reformen in Rußland einleiten&#13;
und außerdem unsere Bemühungen zur Einbeziehung&#13;
Rußlands in Institutionen wie den G-7-Prozeß, die&#13;
OECD, den Pariser Club und die WTO fortsetzen.&#13;
Präsident Clinton unterstrich seine Verpflichtung zu&#13;
diesen Schritten in Helsinki, und sie können dazu&#13;
beitragen, Rußland davon zu überzeugen, daß unser&#13;
Ziel nicht darin besteht, Rußland zu bedrohen oder zu&#13;
isolieren, sondern es in einem umfassenderen,&#13;
demokratischen und wohlhabenden Europa willkommen zu heißen.&#13;
Schließlich müssen die Unternehmen sich bewußt&#13;
machen, daß die Abstimmung der Vereinigten Staaten&#13;
über die NATO-Erweiterung nicht nur eine Entscheidung darüber ist, ob man einer militärischen Gruppe&#13;
einige Mitglieder hinzufügt. Sie wird auch eine Aussage über unsere Rolle in der Welt sein. Sie wird hier&#13;
und im Ausland als Zeichen dafür gesehen, ob wir die&#13;
Absicht haben, andere beim Streben nach Wohlstand&#13;
und Sicherheit einzubeziehen, oder ob wir nach dem&#13;
Ende des Kalten Krieges beabsichtigen, uns von&#13;
unserer Verantwortung zur Förderung der Prozesse&#13;
der globalen Sicherheit, Marktreformen und Handelsliberalisierung zurückzuziehen.&#13;
Tatsache ist, daß dies eine der ersten Debatten nach&#13;
dem Ende des Kalten Krieges sein wird, die die&#13;
Menschen zu der Frage veranlaßt, warum wir eine&#13;
NATO haben, warum wir in Europa sind und warum&#13;
Europa wichtig für unseren eigenen Wohlstand und&#13;
unsere Sicherheit ist. Aus diesem Grund wird die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Ratifizierung der NATO-Erweiterung im nächsten Jahr&#13;
den amerikanischen Unternehmen Auftrieb verleihen.&#13;
Sie wird die Unterstützung unserer Nation für nach&#13;
außen gerichtete Maßnahmen bekräftigen, nicht nur im&#13;
Hinblick auf die NATO, sondern auch im Hinblick auf&#13;
Handel und alles andere, was wir im Ausland tun.&#13;
Wenn diese Bestrebungen jedoch scheiterten, würden&#13;
sie die Stimmen in Amerika ermutigen, die sagen, wir&#13;
sollten uns um die Bedürfnisse im Inland kümmern und&#13;
nicht um unsere Pflichten im Ausland - als ob wir das&#13;
eine ohne das andere erreichen könnten. Unsere&#13;
Unternehmen haben ein Interesse daran, einen&#13;
amerikanischen Rückzug aus der Welt zu verhindern,&#13;
und im weitesten Sinne ist es das, worum es bei der&#13;
Abstimmung über die NATO-Erweiterung geht.&#13;
Auch sollte sich niemand der Illusion hingeben, daß die&#13;
NATO-Erweiterung leicht oder automatisch erfolgen&#13;
wird. Sie ist ein Schritt, der von den Regierungen aller&#13;
16 NATO-Partner ratifiziert werden muß. Hier in&#13;
Washington erfordert sie zwei Drittel der Stimmen im&#13;
Senat und die Mehrheit in beiden Kammern für die&#13;
Bereitstellung der notwendigen Finanzierung. Und&#13;
außerhalb von Washington benötigt die NATO-Erweiterung die eindeutige Unterstützung einer informierten Öffentlichkeit, weil dies ein Teil dessen ist, was&#13;
unseren Sicherheitsgarantien in der NATO Bedeutung&#13;
verleiht.&#13;
Die amerikanischen Unternehmen können eine&#13;
Schlüsselrolle bei der Aufklärungsarbeit übernehmen,&#13;
die wir zur Erlangung dieser Art von Unterstützung&#13;
benötigen. Sowohl hier als auch im Ausland hören die&#13;
Menschen auf das, was wir in der Regierung zu sagen&#13;
haben, aber sie beobachten, was Sie als Unternehmer&#13;
tun. Die Unternehmen haben ein einzigartiges Ansehen in der Öffentlichkeit und der Presse, und Sie&#13;
können erklären helfen, warum diese Art von aktiver,&#13;
internationalistischer Strategie gut für Amerikas&#13;
Eigeninteressen ist. Ich hoffe, daß die amerikanischen&#13;
Unternehmen dieser Initiative die uneingeschränkte&#13;
Aufmerksamkeit und Unterstützung gewähren, die sie&#13;
verdient - denn bei dieser Frage sind Ihre wirtschaftlichen Interessen, unsere umfassenderen nationalen&#13;
Interessen und unsere transatlantische Zukunft ein und&#13;
dasselbe.&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�MARSHALLPLAN&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Der Marshallplan - eine Vision von Sicherheit,&#13;
Wohlstand und Partnerschaft&#13;
Rede von Staatssekretär Peter Tarnoff&#13;
&#13;
PARIS - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär im US-Außenministerium, Peter&#13;
Tarnoff, am 15. April 1997 vor dem französischen Senat hielt.&#13;
&#13;
Herr Senatspräsident, verehrte Abgeordnete, meine&#13;
Damen und Herren,&#13;
&#13;
zu können, die durch die Vision und Bestrebungen der&#13;
Generation von Botschafterin Harriman möglich wurde.&#13;
&#13;
es ist für mich ein bewegender Moment, hier im Senat&#13;
zu stehen - einem der ältesten und herausragendsten&#13;
Volksvertretungsorgane der Welt. Hier spüre ich, daß&#13;
die Menschenrechtserklärung und die Verfassung der&#13;
Französischen Republik ein wertvoller Bestandteil des&#13;
demokratischen Erbes der Menschheit sind.&#13;
&#13;
Es gibt kein besseres Beispiel für die Zusammenarbeit&#13;
der Alliierten beim Streben nach Frieden und Wohlstand als den Marshallplan, dessen 50. Jahrestag wir&#13;
dieses Jahr feiern. Die Landung in der Normandie&#13;
stellte die Freiheit auf dem europäischen Kontinent&#13;
wieder her, der Marshallplan gab neue Hoffnung.&#13;
Europa ergriff diese Gelegenheit und begann einen&#13;
bemerkenswerten Integrationsprozeß, der immer noch&#13;
andauert und bis weit in die Zukunft fortgesetzt wird.&#13;
&#13;
Wie Sie wissen, sollte eigentlich die verstorbene&#13;
Botschafterin Pamela Harriman diese Rede halten.&#13;
Und ich weiß, wie sehr sie sich darauf gefreut hatte.&#13;
Es wäre für sie eine Ehre gewesen, die ihrem großartigen Dienst an den Vereinigten Staaten, Europa,&#13;
den transatlantischen Verbindungen und vor allem den&#13;
amerikanisch-französischen Beziehungen und der&#13;
Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern&#13;
entsprochen hätte. Botschafterin Harrimans plötzlicher&#13;
Tod war für uns alle ein Schock. Heute ist es für mich&#13;
sowohl eine Ehre als auch ein trauriger Anlaß, statt&#13;
ihrer vor Ihnen zu stehen.&#13;
Als Thomas Jefferson 1785 als Gesandter für Frankreich in Paris ankam, sagte er über seinen Vorgänger&#13;
Benjamin Franklin: "Ich trete seine Nachfolge an, aber&#13;
niemand kann ihn ersetzen." Auch ich kann heute&#13;
Botschafterin Harriman nicht ersetzen. Ich kann nur&#13;
versuchen, ihrem brennenden Wunsch nach intensiven und engen transatlantischen Beziehungen Ausdruck zu verleihen. Ein Großteil dessen, was ich&#13;
ansprechen werde, hat sie persönlich erlebt. Meine&#13;
Generation und jüngere Generationen genossen das&#13;
Privileg, in einer freien, stabilen, prosperierenden und&#13;
demokratischen transatlantischen Gemeinschaft leben&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Botschafterin Harriman erlebte, welchen Stellenwert&#13;
der Marshallplan in der Geschichte hat. Sie war&#13;
Anfang der fünfziger Jahre in Paris, sah das Elend der&#13;
Menschen und erlebte dann das neugewonnene&#13;
Vertrauen, das der Marshallplan erweckte. Wer 1948&#13;
verzweifelt war, hatte 1952 Hoffnung. Das war das&#13;
Ziel von Außenminister George Marshall - "das&#13;
Vertrauen der Europäer in die wirtschaftliche Zukunft&#13;
ihres eigenen Landes und Europas als Ganzem"&#13;
wiederherzustellen.&#13;
Lassen Sie uns kurz an jene Jahre unmittelbar nach&#13;
dem Krieg und die damit einhergehenden furchterregenden Herausforderungen erinnern. Nach sechs&#13;
Jahren Krieg war Europa erschöpft. Die Städte waren&#13;
zerstört, die Kirchen nur noch Ruinen. 1947 hatte sich&#13;
das Leben noch nicht verbessert. Der Winter war der&#13;
schlimmste des Jahrhunderts. Europa befand sich in&#13;
einer großen Wirtschaftskrise. Die demokratischen&#13;
Werte in Westeuropa waren bedroht, als Stalin ein&#13;
zentraleuropäisches Land nach dem anderen unterwarf.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Es mußten schnell drastische Maßnahmen ergriffen&#13;
werden. "Der Patient verfällt zusehends", äußerte&#13;
Marshall, "während sich die Ärzte beraten." Präsident&#13;
Truman und Außenminister Marshall beschlossen, daß&#13;
koordinierte Wirtschaftshilfe in nie gekanntem Ausmaß&#13;
in Verbindung mit weitreichenden Wirtschaftsreformen&#13;
in Europa die beste Chance boten, den Patienten zu&#13;
retten.&#13;
Marshall machte deutlich, daß die europäische&#13;
Erholung auch im besten Interesse der Vereinigten&#13;
Staaten läge. Er bekräftigte: "Unsere Politik richtet&#13;
sich nicht gegen irgendein Land oder irgendeine&#13;
Doktrin, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung&#13;
und Chaos. Ihr Ziel sollte die Wiederbelebung einer&#13;
funktionierenden Weltwirtschaft sein, um das Entstehen politischer und sozialer Bedingungen zu&#13;
gestatten, unter denen freie Institutionen bestehen&#13;
können." Schließlich bestand Marshall noch darauf,&#13;
daß die Bestrebungen in Zusammenarbeit erfolgen&#13;
sollten.&#13;
Ein Großteil Europas reagierte schnell. Ernest Sevin&#13;
erklärte: "Wir ergriffen den Rettungsring mit beiden&#13;
Händen", und Präsident Vincent Auriol kündigte an:&#13;
"Heute geschieht etwas Neues im Leben der Franzosen." Vertreter von 16 europäischen Ländern trafen im&#13;
Juli 1947 in Paris zusammen und beschlossen, sich an&#13;
dem Plan zu beteiligen und die wirtschaftliche Erholung durch den Ausschuß für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit zu koordinieren. Vier Jahre und&#13;
13,3 Milliarden Dollar später war der Marshallplan mit&#13;
den Worten von Avereil Harriman "erfolgreicher als&#13;
sich irgend jemand hätte erträumen können". Der&#13;
Ausschuß wurde schließlich zur Organisation für&#13;
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung&#13;
(OECD), die von ihrer Zentrale in Paris aus weiterhin&#13;
eine wertvolle Rolle bei der Förderung von Wohlstand&#13;
in Europa und auf der ganzen Welt spielt und die&#13;
Feiern zum Gedenken an den Marshallplan zu Recht&#13;
als Feiern aus Anlaß ihres eigenen Geburtstages&#13;
betrachtet.&#13;
Der Vorschlag von Truman und Marshall war von einer&#13;
Vision geleitet: Die Vereinigten Staaten würden bei der&#13;
Schaffung eines neuen Europas helfen. Das neue&#13;
Europa würde dem wirtschaftlichen und politischen&#13;
Nationalismus den Rücken zuwenden, der die Ursache von einem Krieg nach dem anderen war. Die&#13;
Länder Westeuropas, einschließlich Deutschlands,&#13;
würden ihre Volkswirtschaften öffnen und einen&#13;
europaweiten Markt aufbauen. Das neue Europa wäre&#13;
dynamisch und demokratisch, und es wäre auch ein&#13;
enger Verbündeter der Vereinigten Staaten.&#13;
Mit Unterstützung des Marshallplans und angeregt von&#13;
ihrer eigenen Vorstellung von einem modernen,&#13;
integrierten, in Frieden lebenden Europa machten sich&#13;
herausragende Franzosen wie Robert Schuman und&#13;
Jean Monnet zusammen mit anderen europäischen&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Politikern an die Arbeit, diese Vision in die Praxis&#13;
umzusetzen. Die Ergebnisse waren beeindruckend&#13;
und beinhalteten den Europarat, die Montanunion und&#13;
die Römischen Verträge, deren 40. Jahrestag wir&#13;
dieses Jahr ebenfalls feiern.&#13;
Diese wirtschaftlichen und politischen Fortschritte&#13;
hingen wiederum von einem sicheren Umfeld ab, das&#13;
Westeuropa, die Vereinigten Staaten und Kanada&#13;
durch eine ebenso visionäre Initiative, den Nordatlantikvertrag, boten.&#13;
Das waren Heldentaten. Sie basierten auf einer&#13;
einfachen, aber weitreichenden Erkenntnis, die von&#13;
Europäern und Amerikanern aus Pamela Harrimans&#13;
Generation geteilt wurde und durch jahrzehntelange&#13;
gemeinsame Prüfungen durch Krieg und Wirtschaftskrise entstanden war: Europas und Amerikas Schicksal ist eng verflochten, und wenn wir nicht zusammen&#13;
Fortschritte machen, machen wir wahrscheinlich gar&#13;
keine Fortschritte.&#13;
Die Errungenschaften dieser "Gründergeneration"&#13;
haben uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen: zu&#13;
einer gleichberechtigten Partnerschaft.&#13;
Unsere&#13;
gemeinsame Pflicht besteht darin, ihre Vision von&#13;
einem ungeteilten und freien, Amerika partnerschaftlich&#13;
verbundenen Europa zu erfüllen und diese Partnerschaft zur Förderung unserer gemeinsamen Interessen auf der Welt zu nutzen.&#13;
Trotz all unserer früheren Erfolge bleiben in Europa&#13;
Herausforderungen bestehen, die vor mehr als 50&#13;
Jahren bereits erwartet wurden. 1948 äußerte der&#13;
Staatssekretär im Außenministerium Robert Lovett&#13;
gegenüber Avereil Harriman:&#13;
"Unser Ziel sollte&#13;
weiterhin die immer engere wirtschaftliche und politische Integration des derzeit freien Europas und&#13;
letztlich aller befreiten Teile Europas sein."&#13;
Wir sollten uns daran erinnern, daß die Vision von&#13;
George Marshall und Jean Monnet den gesamten&#13;
Kontinent umfaßte. Bedauerlicherweise hinderte Stalin&#13;
die Sowjetunion und mehrere zentraleuropäische&#13;
Länder daran, unsere Einladung zur Beteiligung am&#13;
Marshallplan anzunehmen, was dazu führte, daß der&#13;
Sowjetblock von der dramatischen wirtschaftlichen&#13;
Erholung isoliert wurde, die 1949 begann. Heute liegt&#13;
es in unserem gemeinsamen Interesse, die Integration&#13;
Europas zu vervollständigen - dieses Mal ohne&#13;
Ausnahmen.&#13;
Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber die Trennungen bleiben bestehen. Sie werden offenkundig im&#13;
wirtschaftlichen Ungleichgewicht zwischen Ost und&#13;
West, dem Gefühl der Unsicherheit, das immer noch&#13;
das Vertrauen der neuen demokratischen Nationen&#13;
unterminiert, an der Umweltverschmutzung, die das&#13;
Leben der Menschen in Teilen Zentral- und Osteuropas verkürzt, an der Unterdrückung und Gewalt,&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�die Familien zur Flucht aus ihrer Heimat veranlaßt.&#13;
Aber bedenken Sie, wieviel wir den Europäern schulden, die 1980 im Namen der Freiheit eine polnische&#13;
Schiffswerft besetzten, den Europäern, die die Berliner&#13;
Mauer niederrissen, den Europäern aus 14 zentralund osteuropäischen Nationen, die uns heute in&#13;
Bosnien zur Seite stehen, den Europäern, die in&#13;
ehemals kommunistischen Ländern freie Institutionen&#13;
aufbauen. Zum ersten Mal in der Geschichte kann und&#13;
muß dieser Kontinent ungeteilt, prosperierend und frei&#13;
sein.&#13;
Die Strukturen, auf denen ein integriertes Europa&#13;
aufbaut, werden vielfältig und beeindruckend sein. Im&#13;
Bereich der Sicherheit begann die Partnerschaft mit&#13;
der NATO, einem Bündnis, das jetzt an die heutigen&#13;
Herausforderungen angepaßt ist. Präsident Clinton&#13;
erklärte: "Ich bin überzeugt, daß die NATO für Osteuropa das leisten kann, was sie für Westeuropa&#13;
geleistet hat - die Verhinderung des Wiederauflebens&#13;
lokaler Rivalitäten, Stärkung von Demokratie gegen&#13;
zukünftige Bedrohungen und Schaffung der für&#13;
Wohlstand erforderlichen Bedingungen."&#13;
Gemeinsam schaffen wir eine neue NATO mit neuen&#13;
Fähigkeiten zu neuen Aufgaben und einer erweiterten&#13;
europäischen Rolle. Wir öffnen ihre Türen für die&#13;
aufstrebenden Demokratien Europas. Und wir bauen&#13;
starke Beziehungen auf der Grundlage der Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland sowie der&#13;
NATO und der Ukraine auf.&#13;
Im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden hat die&#13;
NATO bereits kooperative Beziehungen zu 27 Nichtmitgliedstaaten aufgebaut. Die PfF ist zu einem&#13;
dauerhaften Bestandteil des transatlantischen Sicherheitssystems geworden. Wir werden dieses&#13;
Programm weiterhin fördern und es bald durch den&#13;
neuen Atlantischen Partnerschaftsrat stärken.&#13;
Wir werden auch das Bündnis selbst erweitern. Beim&#13;
Gipfeltreffen im Juli in Madrid wird die NATO ein oder&#13;
mehrere zentraleuropäische Länder zur Aufnahme der&#13;
Beitrittsverhandlungen einladen. Wir wollen die NATOErweiterung, um die veralteten Trennlinien des Kalten&#13;
Krieges auszuradieren, Sicherheit und Stabilität in&#13;
einer Region zu konsolidieren, in der sich häufig&#13;
Konflikte ausgebreitet haben, sowie demokratische&#13;
und Marktreformen in den jungen Demokratien zu&#13;
unterstützen. Präsident Clinton vertritt die Auffassung,&#13;
daß die erste Gruppe von Ländern 1999 als vollwertige&#13;
Mitglieder beitreten sollten.&#13;
Die NATO-Erweiterung ist gegen niemanden gerichtet.&#13;
Außenministerin Albright hat erklärt: "Denjenigen, die&#13;
sich Sorgen machen, daß die Erweiterung Europa teilt,&#13;
sage ich, die NATO sollte den Eisernen Vorhang nicht&#13;
als seine östliche Grenze erhalten. Die NATO muß die&#13;
Tür zur Mitgliedschaft für jede europäische Nation&#13;
offenhalten, die die Pflichten des Bündnisses überneh-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
men kann und gleichzeitig eine starke und dauerhafte&#13;
Partnerschaft mit allen Demokratien Europas aufbaut."&#13;
Die Zusammenarbeit mit einem wohlhabenden,&#13;
demokratischen, vollständig in regionale und internationale Organisationen integrierten Rußland ist unerläßlich für die Schaffung eines wirklich sicheren&#13;
Europas. Unseres Erachtens können die NATO und&#13;
Rußland vollwertige Partner bei der Gewährleistung&#13;
der Sicherheit Europas werden. Das derzeit verhandelte Abkommen zwischen der NATO und Rußland&#13;
wird klare Prinzipien und Arrangements für Konsultationen, Zusammenarbeit und wenn möglich gemeinsame Aktionen bei einem breiten Spektrum von&#13;
Themen von beiderseitigem Interesse festlegen.&#13;
Ebenso wie der Marshallplan ist die neue NATO eine&#13;
Investition in langfristigen Frieden.&#13;
Die NATO paßt sich auch intern an die uns konfrontierenden neuen Herausforderungen an. Wir&#13;
arbeiten zusammen, um Europa im Bündnis eine&#13;
stärkere Rolle zu verleihen und passen die Bündnisstrukturen an, um auf die neuen Bedrohungen der&#13;
europäischen Sicherheit zu reagieren. Wie wir in&#13;
Bosnien gesehen haben, werden Militäraktionen über&#13;
die integrierte militärische Struktur der NATO durchgeführt. Präsident Chiracs historische Entscheidung&#13;
zugunsten einer stärkeren Beteiligung Frankreichs an&#13;
der NATO wird nicht nur unsere Fähigkeit zur Bildung&#13;
von Koalitionen stärken, sondern die NATO zu einer&#13;
noch effektiveren Friedensstreitmacht machen.&#13;
Die neue NATO ist nicht nur ein wichtiger Rahmen für&#13;
die amerikanisch-europäische Zusammenarbeit. Die&#13;
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in&#13;
Europa (OSZE), die alle Nationen Europas und der&#13;
ehemaligen Sowjetunion sowie Kanada und die&#13;
Vereinigten Staaten einschließt, bietet ein umfassendes Sicherheitskonzept. Ihre Verpflichtung zu demokratischer Entwicklung, wirtschaftlicher Zusammenarbeit, sicherheitspolitischen und humanitären Rechten&#13;
definiert im Großen und Ganzen die neue atlantische&#13;
Gemeinschaft, die unser Ziel ist. Jetzt benötigt die&#13;
OSZE unsere praktische Unterstützung, während sie&#13;
sich der Herausforderung der Konfliktbewältigung in&#13;
Bosnien, Albanien und andernorts stellt.&#13;
Die Europäische Union ist eine weitere Schlüsselinstitution in dem neuen Europa. Sie hat sich eine&#13;
ehrgeizige Tagesordnung der Liberalisierung der&#13;
Märkte aufgestellt, während sie größere Integration bis&#13;
zum Ende dieses Jahrhunderts anstrebt. Die Vereinigten Staaten unterstützen diesen Prozeß ebenso&#13;
enthusiastisch wie die möglichst schnelle und umfassende Erweiterung der Union, damit sie die neuen&#13;
Marktwirtschaften Europas einbezieht. Die enormen&#13;
Vorteile der Union und die Pflichten, die sie auferlegt,&#13;
sollten auf die seit kurzem freien Nationen Europas&#13;
ausgedehnt werden.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Eine erweiterte Union ist gut für Europa und gut für die&#13;
Vereinigten Staaten. Je zuversichtlicher und wohlhabender ganz Europa ist, desto besser. Ich möchte&#13;
es so klar wie möglich formulieren: Eine starke und&#13;
erweiterte Europäische Union wird ein willkommener&#13;
Partner für die Vereinigten Staaten sein. Es liegt in&#13;
unserem Interesse, daß Europa auf dem Kurs der&#13;
Integration und Erweiterung bleibt, um die Arbeit zu&#13;
vollenden, die Nationen in das europäische Haus&#13;
einzubeziehen, deren Hoffnung auf Freiheit und ein&#13;
besseres Leben zu lange enttäuscht wurde.&#13;
Unsere kollektiven Bestrebungen in Bosnien haben&#13;
sowohl die Möglichkeiten als auch die Dringlichkeit des&#13;
Aufbaus einer neuen atlantischen Gemeinschaft&#13;
demonstriert. In vieler Hinsicht steht Bosnien dort wo&#13;
Europa 1947 stand. Eineinhalb Jahre lang wurde&#13;
Sarajevo belagert. Die Menschen zerhackten Parkbänke und verbrannten Bücher, um heizen zu können.&#13;
Auf den Märkten waren keine Waren erhältlich, und&#13;
Naturerzeugnisse wurden in Stadtparks angebaut.&#13;
Heute ist der Krieg vorüber, und es wurde ein in&#13;
Dayton formulierter und in Paris ratifizierter Weg zu&#13;
Demokratie, Gerechtigkeit und Integration gefunden.&#13;
Gemeinsam haben wir den Frieden gesichert. Jetzt&#13;
müssen wir gemeinsam die bosnischen Politiker auf&#13;
die Erfüllung ihrer Verpflichtungen drängen und allen&#13;
Nationen des ehemaligen Jugoslawiens helfen, Europa&#13;
wieder beizutreten.&#13;
Am Vorabend eines neuen Jahrhunderts muß jedoch&#13;
eine neue Welt gestaltet werden - mit Herausforderungen, die nicht geringer sind als diejenigen, mit denen&#13;
sich unsere Amtskollegen vor einen halben Jahrhundert konfrontiert sahen. Terrorismus, internationales Verbrechen, aggressiver Nationalismus und&#13;
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen&#13;
bedrohen unsere Sicherheit. Globale Probleme wie&#13;
Umweltzerstörung, untragbares Bevölkerungswachstum und Massenbewegungen von Flüchtlingen&#13;
unterminieren aufstrebende Demokratien und das&#13;
Wohlergehen aller Nationen. Krankheiten, die in&#13;
früheren Zeiten eine örtlich begrenzte Heimsuchung&#13;
geblieben wären, haben jetzt globale Ausmaße.&#13;
In diesem globalen Zeitalter hängt unsere Sicherheit in&#13;
beispiellosem Maße von effektiverer und umfassenderer wirtschaftlicher, politischer und diplomatischer&#13;
Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union,&#13;
ihren Mitgliedstaaten und den Vereinigten Staaten ab.&#13;
Wir sind unerläßliche Partner bei der Lösung von&#13;
Problemen auf der ganzen Welt, vom Nahen Osten bis&#13;
zum Herzen von Afrika, von den Bevölkerungs- und&#13;
Umweltproblemen bis zu Terrorismus und nuklearer&#13;
Weiterverbreitung.&#13;
Aus diesem Grund haben wir eine neue transatlantische Tagesordnung aufgestellt, die uns zu einem&#13;
ehrgeizigen Rahmen für gemeinsame Aktionen zur&#13;
Förderung von Frieden und Demokratie, zur Reaktion&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
auf neue globale Herausforderungen, zur Unterstützung des transatlantischen und des internationalen&#13;
Handels und zur Stärkung der Bande zwischen&#13;
unseren Menschen verpflichtet.&#13;
Diese neue Welt gemeinsamer Herausforderungen ist&#13;
bereits Realität. Für einige kam sie zu schnell. Sie&#13;
argumentieren, das verbindende Element der gemeinsamen Bedrohung gebe es nicht mehr. Sie vertreten&#13;
die Auffassung, zunehmende wirtschaftliche Herausforderungen und divergierende nationale Interessen&#13;
würden nahezu unweigerlich die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa schwächen.&#13;
Europa und Amerika durchlaufen eine schwierige&#13;
soziale und wirtschaftliche Anpassung.&#13;
Unsere&#13;
Unternehmen sind starke Wirtschaftskonkurrenten.&#13;
Wir müssen hart - sehr hart - arbeiten, um die wirtschaftlichen Spannungen zwischen den führenden&#13;
demokratischen Marktwirtschaften einzudämmen,&#13;
während sie sich an die Erfordernisse eines neuen&#13;
Wirtschaftszeitalters anpassen.&#13;
Das sind ernsthafte Anliegen, und sie sollten ernsthaft&#13;
behandelt werden. Ich muß jedoch sagen, daß ich&#13;
nicht mit diesen pessimistischen Vorhersagen übereinstimme. Jede gründet sich auf die Annahme: "Ich&#13;
gewinne, du verlierst." Sie bieten uns die falsche&#13;
Wahl.&#13;
Größerer Wohlstand auf beiden Seiten des Atlantiks&#13;
bedeutet neue Märkte für amerikanische und französische Unternehmen und neue Arbeitsplätze für amerikanische und französische Arbeitnehmer. Die Verbraucher in beiden Ländern können aus einem&#13;
breiteren Spektrum kostengünstiger und qualitativ&#13;
hochwertiger Waren wählen. Jedes Jahr tätigen&#13;
amerikanische und französische Firmen transatlantische Geschäfte in Höhe von mehr als 50 Milliarden&#13;
Dollar. Amerikanische Investitionen in Frankreich&#13;
bieten gute Arbeitsplätze für über 400.000 Männer und&#13;
Frauen, während die französischen Investitionen in&#13;
den Vereinigten Staaten äußerst vielfältig sind - von&#13;
Hightech-Golfanlagen in Kalifornien bis zu Pharmaund Biotechnologie in Iowa.&#13;
Sicherlich gibt es Zeiten, in denen wir bei Wirtschaftsund anderen Themen nicht einer Meinung sind.&#13;
Beispielsweise haben wir manchmal Differenzen&#13;
darüber, wie wir mit Nationen umgehen sollen, die&#13;
unsere Lebensweise bedrohen. Wenn Meinungsverschiedenheiten auftreten, muß man sich vor Augen&#13;
führen, daß es diese dauerhaften Qualitäten sind, die&#13;
Frankreich und Amerika gemeinsam haben, die unsere&#13;
Freundschaft manchmal trüben. Wir sind beide&#13;
unerschütterlich in unserer Überzeugung und offen bei&#13;
unseren Meinungsverschiedenheiten.&#13;
Wir haben&#13;
beide globale Interessen und weigern uns, sie eng zu&#13;
definieren. Ob das Thema Krieg oder Frieden, Armut&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�oder Menschenrechte ist - Frankreich und Amerika&#13;
schrecken nicht zurück. Wir sind da - auf jedem&#13;
Kontinent, voller Vertrauen in unsere Fähigkeit zur&#13;
Gestaltung einer besseren Welt. Und so sollte es sein.&#13;
Abschließend möchte ich sagen, wenn wir an die uns&#13;
heute konfrontierenden Probleme denken - ethnische&#13;
Konflikte, Umweltzerstörung, Drogenhandel, Terrorismus, Armut - ist es offensichtlich, daß wir den Geist der&#13;
Zusammenarbeit des Marshallplans benötigen. Weder&#13;
die Vereinigten Staaten noch Europa können diese&#13;
Probleme alleine lösen.&#13;
Wir bevorzugen ein zuversichtliches Europa, ein&#13;
starkes, stabiles und vereintes Europa. Präsident&#13;
Clinton hat erklärt: "Wenn Europa im Frieden lebt, wird&#13;
unsere Sicherheit gestärkt. Wenn Europa prosperiert,&#13;
dann prosperieren auch die Vereinigten Staaten."&#13;
Meines Erachtens liegt der Schlüssel für ein weiteres&#13;
Engagement der Vereinigten Staaten in der Übernahme einer Führungsrolle, wenn sie es sollten, und&#13;
einer echten Verpflichtung zur Rollenteilung. Der&#13;
Schlüssel für Europa liegt in der Beendigung der Arbeit&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
der Vereinigung, der weiteren Verpflichtung zu offenen&#13;
Volkswirtschaften und dem politischen Willen zur&#13;
Übernahme einer größeren sicherheitspolitischen&#13;
Rolle. Ich habe immer wieder gesehen, daß wir&#13;
Großartiges leisten könne, wenn wir zusammenarbeiten.&#13;
Vor fünfzig Jahren sprach George Marshall zu einer&#13;
von Krisen geschüttelten Welt.&#13;
Die Vereinigten&#13;
Staaten unternahmen damals große Anstrengungen,&#13;
zur Schaffung eines neuen Europas und einer neuen&#13;
Partnerschaft beizutragen. Jetzt müssen die Vereinigten Staaten und Europa einen Schritt nach vorne&#13;
machen, nicht als Siegermacht und am Boden liegender Kontinent, sondern - und ich freue mich, dies&#13;
sagen zu können - als gleichberechtigte Partner in ein&#13;
neues Jahrhundert der Sicherheit und des Wohlstands. Denn unsere Partnerschaft ist immer noch die&#13;
unerläßliche Partnerschaft der Welt. Botschafterin&#13;
Harriman war stolz, Teil dieses historischen Prozesses&#13;
zu sein - ihr Vermächtnis und die Erinnerung an sie&#13;
sollten uns zur Ausdauer anregen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�WIRTSCHAFT&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Eine Führungsrolle bei der&#13;
Bekämpfung von Bestechung&#13;
von Alan P. Larson&#13;
&#13;
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wie einen vom Abteilungsleiter für wirtschaftliche und unternehmerische&#13;
Angelegenheiten im US-Außenministerium und ehemaligen Botschafter der Vereinigten Staaten bei der&#13;
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Alan P. Larson, verfaßten Artikel über&#13;
Wirtschaftskorruption.&#13;
&#13;
Der Geschäftsführer eines großen europäischen&#13;
Telekommunikationsunternehmens&#13;
besucht&#13;
den&#13;
Minister für öffentliche Arbeiten eines Landes mit&#13;
einem pulsierenden, neu entstehenden Markt. Er&#13;
schließt ein Abkommen, das seinem Unternehmen zu&#13;
einem Vertrag im Wert von einer Milliarde Dollar&#13;
verhilft. Normalerweise wäre das ein für beide Teile&#13;
gewinnbringendes Ereignis in unserer sich immer&#13;
mehr ausweitenden Weltwirtschaft, aber in diesem Fall&#13;
gibt es ein Problem.&#13;
Er zahlte ein Bestechungsgeld. Kurzfristig verbesserte&#13;
diese illegale Zahlung die Bilanzen seiner Firma und&#13;
die Besitzverhältnisse des Ministers. Sie verwehrte&#13;
dem Entwicklungsland jedoch den Zugang zum&#13;
kostengünstigsten Anbieter und zweigte Gelder ab, die&#13;
besser für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung&#13;
sowie die korrupten, instabilen demokratischen&#13;
Institutionen hätten ausgegeben werden können.&#13;
Ferner korrumpierte sie den Geschäftsführer, sein&#13;
Unternehmen und die Regierung seines Heimatlandes.&#13;
Der Geschäftsführer und sein Unternehmen begingen&#13;
eine illegale Handlung im Land des ausländischen&#13;
Regierungsvertreters, da jedes Land die Bestechung&#13;
seiner Beamten verbietet. Bestechung fördert ein&#13;
Klima der Korruption, das die Rechenschaftspflicht der&#13;
Unternehmen unterminiert. Wenn Bestechung und&#13;
Korruption auf einigen Märkten toleriert oder ermutigt&#13;
werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß sie auch&#13;
andernorts stattfinden. Darüber hinaus hätte der&#13;
Geschäftsführer, wenn er aus Frankreich oder&#13;
Deutschland gekommen wäre, seine Regierung zum&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Komplizen dieser illegalen Aktivität gemacht; beide&#13;
Länder sowie verschiedene andere OECD-Mitgliedstaaten gestatten weiterhin die steuerliche Absetzung&#13;
von Schmiergeldern, wodurch Korruption tatsächlich&#13;
subventioniert wird.&#13;
Man könnte meinen, dieses Szenarium sei selten, aber&#13;
es ist im internationalen Geschäftsleben allzu verbreitet. Jeder Vertreter des internationalen Wirtschaftslebens weiß, daß es ein größeres Problem ist.&#13;
Bislang gilt nur in wenigen Ländern die Zahlung von&#13;
Schmiergeldern als Straftat.&#13;
Entwicklungs- und Schwellenländer streben die&#13;
Unterstützung der großen Exportnationen bei effektiven Aktionen zur Beendigung dieser illegalen Praktiken an. Vor einem Jahr verabschiedeten alle Mitglieder der Organisation Amerikanischer Staaten die&#13;
Interamerikanische Konvention gegen Bestechlichkeit.&#13;
Diese Konvention verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, die transnationale Bestechung von Staatsbeamten&#13;
unter Strafe zu stellen, macht transnationale Bestechung zu einem Auslieferung nach sich ziehenden&#13;
Vergehen, bietet gegenseitigen gesetzlichen Beistand&#13;
bei Ermittlungen gegen Korruption und fordert die&#13;
Beschlagnahme und Einziehung illegaler Gewinne.&#13;
In der Generalversammlung der Vereinten Nationen&#13;
verabschiedeten vergangenen Dezember Entwicklungs- und Schwellenländer gemeinsam mit den&#13;
Vereinigten Staaten die Erklärung über Korruption und&#13;
Bestechlichkeit bei transnationalen Geschäftstransaktionen. Diese politische Entschließung beinhaltet,&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�daß Bestechung nicht mehr an der Tagesordnung sein&#13;
darf und fordert konzertierte internationale Aktionen zu&#13;
ihrer Bekämpfung.&#13;
In den Vereinigten Staaten haben das Gesetz über&#13;
ausländische korrupte Praktiken und damit in Zusammenhang stehende Gesetzesbestimmungen zur&#13;
Bekämpfung von Bestechung zur strafrechtlichen&#13;
Verfolgung Dutzender amerikanischer Unternehmen&#13;
geführt, die beträchtliche Bußgelder und Gefängnisstrafen nach sich zogen. Oftmals sind wir von anderen&#13;
Regierungen abhängig, die uns mit den nötigen&#13;
Informationen versorgen müssen, damit wir Anklage&#13;
gegen der Bestechung verdächtigte amerikanische&#13;
Unternehmen erheben können. Diese Abschreckung&#13;
wird zu einem dominierenden Faktor für Verhalten und&#13;
Kultur von Unternehmen und setzt höhere Maßstäbe.&#13;
Unserer Ansicht nach sollten in den Ländern ähnliche&#13;
Gesetze erlassen werden, in denen internationale&#13;
Wirtschaftsbestechung praktiziert wird. Es ist von&#13;
elementarer Bedeutung, daß die wirtschaftlich führenden Länder der Welt - wie die Vereinigten Staaten und&#13;
ihre Partner in der OECD - sich zur Übernahme einer&#13;
Führungsrolle in dieser Angelegenheit verpflichten.&#13;
Im Mai werden die OECD-Minister die Chance haben,&#13;
unverzüglich zu handeln. Die meisten OECD-Länder&#13;
sind fest zur Verabschiedung nationaler Gesetze&#13;
entschlossen, die Wirtschaftsbestechung im Ausland&#13;
und die steuerliche Absetzbarkeit solcher Schmiergelder strafbar machen. Ein Abkommen über einen&#13;
gemeinsamen Standard als Richtlinie für die nationale&#13;
Strafgesetzgebung sowie einen detaillierten und&#13;
effektiven Überwachungsmechanismus zur Sicherstellung der wirklichen Durchführung und Umsetzung&#13;
ist in greifbare Nähe gerückt.&#13;
Das verbleibende Hindernis für frühzeitige Aktionen ist&#13;
die Einstellung einiger europäischer Länder - darunter&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Frankreich und Deutschland -, die nationale Aktionen&#13;
bis zum Zeitpunkt einer "OECD-Konvention" verschieben wollen. Dies ist bestenfalls Zeitverschwendung, schlimmstenfalls eine Hinhaltetaktik.&#13;
In Kürze wird die Europäische Union ein Abkommen&#13;
schließen, das Bestechung innerhalb der EU unter&#13;
Strafe stellt. Unternehmer aus der EU könnten dann&#13;
für die Bestechung von Angehörigen des öffentlichen&#13;
Dienstes eines anderen EU-Mitgliedslandes strafrechtlich verfolgt werden. Dies wird ein kleiner Schritt nach&#13;
vorne sein, jedoch einen unhaltbaren Zustand fortsetzen: Dieselben Unternehmer aus der EU sind weiterhin&#13;
gegen Strafverfolgung immun - und können ihre&#13;
Bestechungsgelder vielleicht sogar steuerlich absetzen&#13;
- wenn sie einen nichteuropäischen Beamten bestechen!&#13;
Jede Nation hat die Pflicht zur Bekämpfung von&#13;
Wirtschaftskriminalität. Es ist an der Zeit für solche&#13;
konzertierten Aktionen im Rahmen nationaler Gesetze.&#13;
Handelt man nicht, wird die Demokratie in den Entwicklungsländern unterminiert, und unsere eigenen&#13;
Institutionen und Werte werden auf gefährliche Weise&#13;
ausgehöhlt.&#13;
Schließlich ist Korruption ein gefährlicher Kurs.&#13;
Zweifelsohne korrumpiert die Bestechung durch&#13;
Unternehmen von OECD-Mitgliedern im Ausland diese&#13;
"anderen" Beamten und Institutionen. Es trifft jedoch&#13;
ebenso zu, daß unsere eigenen Unternehmen und&#13;
Institutionen korrumpiert werden, wenn wir diese&#13;
Praktik tolerieren - und sogar subventionieren. Der&#13;
amerikanische Dichter Carl Sandburg formulierte es&#13;
folgendermaßen: "Beim Umgang mit Honig, Teer und&#13;
Dung bleibt etwas davon an den Fingern kleben."&#13;
Bestechung korrumpiert beim Händedruck beide&#13;
Seiten.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�MENSCHENRECHTE&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
US-Delegation: Menschenrechtsverletzungen&#13;
dauern an&#13;
Rede von Nancy Rubin&#13;
&#13;
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß "internationale Menschenrechtsnormen wie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert - ein gemeinsamer Standard für alle Nationen&#13;
sind", erklärte die Leiterin der amerikanischen Delegation bei der Menschenrechtskommission der Vereinten&#13;
Nationen, Nancy Rubin, am 9. April 1997.&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir Rubins Rede im Wortlaut.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender, dreimal im Jahr geben die Vereinigten Staaten offizielle Erklärungen über die Menschenrechtssituation in den Ländern der Welt ab. Die&#13;
erste Erklärung erfolgt anläßlich der Veröffentlichung&#13;
der Jahresberichte Ende Januar. Die zweite bei der&#13;
Erörterung von Punkt 10 hier in der Kommission und&#13;
die dritte bei der Sitzung des Dritten Ausschusses der&#13;
UN-Generalversammlung.&#13;
Das sind keine zufälligen Anlässe, sondern Gelegenheiten, die wir sehr ernst nehmen. Unsere Regierung&#13;
arbeitet hart an der Zusammenstellung verläßlicher&#13;
Informationen um zu entscheiden, in welchem Maße&#13;
Menschenrechte in den Ländern der Welt respektiert&#13;
oder verletzt werden.&#13;
Dabei erheben wir nicht den Anspruch der Perfektion.&#13;
Aber es gibt Gründe für unser Vorgehen. Vor allem die&#13;
Tatsache unserer Auffassung, daß internationale&#13;
Menschenrechtsnormen - wie in der Allgemeinen&#13;
Erklärung der Menschenrechte verankert - ein gemeinsamer Standard für alle Nationen sind. Diese grundlegenden Rechte und Freiheiten gelten nicht nur für&#13;
Amerikaner, sie gelten für alle in allen Ländern. Diese&#13;
tiefe Überzeugung verpflichtet uns, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern.&#13;
Unsere Verpflichtung zu Menschenrechten und ihrer&#13;
Anwendung auf alle Menschen hat tiefgehende und&#13;
dauerhafte Wurzeln in unseren nationalen Institutionen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
und unserer Identität. In der Tat wurden die Vereinigten Staaten auf den Prinzipien gegründet, daß alle&#13;
Menschen gleich geschaffen und mit den unveräußerlichen Rechten auf Leben, Freiheit und das&#13;
Streben nach Glück ausgestattet sind.&#13;
Die Geschichte dieses Jahrhunderts hat eindeutig&#13;
bewiesen, daß Nationen, die die Menschenrechte ihrer&#13;
eigenen Bürger achten, die Rechte ihrer Nachbarn&#13;
respektieren. Respektierung der Demokratie, Grundfreiheiten und Rechtsstaatlichkeit im eigenen Land&#13;
bedeutet auch ihre Respektierung im Ausland - zum&#13;
Nutzen aller Nationen und aller Menschen.&#13;
Diejenigen, die das nicht akzeptieren oder verstehen&#13;
können, sollten über die dunklen Kapitel der Geschichte dieses Jahrhunderts nachdenken - von den&#13;
schrecklichen Greueltaten des Ersten und Zweiten&#13;
Weltkriegs bis zum sowjetischen Gulag und der&#13;
chinesischen Kulturrevolution, von den Feldern des&#13;
Todes in Kambodscha bis zu den Grausamkeiten der&#13;
Apartheid und den Tragödien im ehemaligen Jugoslawien, in Ruanda und Burundi - die Lektionen sind&#13;
gleich. Die Kosten einer Tolerierung von Menschenrechtsverletzungen sind immens hoch.&#13;
Und dennoch kommen Nationen hierher, die Menschenrechte nicht verteidigen, sondern aushöhlen,&#13;
Menschenrechtsverletzungen nicht aufdecken, sondern die Aufmerksamkeit davon ablenken wollen.&#13;
Einige dieser Nationen möchten wir heute zusammen&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�mit denen erörtern, die Lob für die von ihnen erzielten&#13;
Fortschritte verdienen.&#13;
In unserer Hemisphäre war der überwältigende Trend&#13;
im vergangenen Jahrzehnt die Konsolidierung der&#13;
Demokratie und Institutionen einer bürgerlichen&#13;
Gesellschaft. Es überrascht nicht, daß dies sehr viel&#13;
Gutes bewirkt hat: Gesündere Volkswirtschaften und&#13;
gesündere Gesellschaften. Dennoch gibt es einen&#13;
Staat, der weiterhin die Realität mißachtet und gleichzeitig seinen Bürgern die äußerst greifbaren Vorteile&#13;
der Demokratie verweigert. Ich beziehe mich natürlich&#13;
auf Kuba, die einzige verbliebene Diktatur der Hemisphäre - das Land, das nach wie vor Menschenrechtsaktivisten und Verfechter der Demokratie, die es&#13;
als Bedrohung ansieht, verhaftet, inhaftiert, bedroht&#13;
und schikaniert. Bedauerlicherweise hat Fidel Castro&#13;
klargemacht, daß er parallel zu den von seiner Regierung in den vergangenen Jahren eingeführten begrenzten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Liberalisierung keine politische Öffnung beabsichtigt.&#13;
Im Gegensatz dazu schloß das Ende Dezember von&#13;
der Regierung Guatemalas und den URNG-Guerillas&#13;
unterzeichnete endgültige Friedensabkommen ein&#13;
Jahr beträchtlicher Verbesserungen im Hinblick auf die&#13;
Respektierung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit in diesem Land ab. Die guatemaltekische&#13;
Regierung hat ihren politischen Willen unter Beweis&#13;
gestellt, daß keiner ungestraft davonkommen darf. In&#13;
einer offensichtlichen Abkehr von der Praxis vorheriger&#13;
Jahre verurteilten die Gerichte Angehörige der Sicherheitskräfte, denen Menschenrechtsverletzungen&#13;
vorgeworfen worden waren. Darüber hinaus wurden&#13;
paramilitärische Streitkräfte entlassen, die Guerillas&#13;
sind dabei, sich zu demobilisieren und das Militär wird&#13;
abgebaut und umstrukturiert, um seine angemessene&#13;
Rolle innerhalb einer demokratischen Gesellschaft zu&#13;
übernehmen.&#13;
Die Regierung von Kolumbien kämpft um die Verbesserung der Menschenrechtssituation im Land,&#13;
während sie sich gleichzeitig mit gewalttätigen Guerillagruppen, paramilitärischen Einheiten und Drogenhändlern auseinandersetzen muß. Während der&#13;
Sitzung der Kommission im vergangenen Jahr stimmte&#13;
die kolumbianische Regierung zu, ein Büro des UNHochkommissars für Menschenrechte in Bogota&#13;
einzurichten, um die Menschenrechte zu fördern und&#13;
zu schützen, Menschenrechtsverletzungen zu überwachen und analytische Berichte für den Hochkommissar&#13;
für Menschenrechte vorzubereiten. Dennoch muß die&#13;
Regierung weiterhin den politischen Willen zeigen, die&#13;
Menschenrechtssituation anzusprechen, indem sie&#13;
Menschenrechtsverletzer in den Sicherheitskräften&#13;
verhaftet und verfolgt sowie illegale Kollaboration&#13;
zwischen dem Militär und den paramilitärischen&#13;
Einheiten aufdeckt und bestraft.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin zutiefst besorgt&#13;
über die explosive Situation auf dem Balkan. Die&#13;
Verschlechterung der Bedingungen in Albanien stellt&#13;
nach wie vor eine große Bedrohung für die Menschenrechte der Bürger dieses Landes dar, und wir&#13;
unterstützen uneingeschränkt die Bestrebungen der&#13;
OSZE, der EU und der von Italien geleiteten multinationalen Streitmacht zur Eindämmung dieser potentiellen humanitären Krise.&#13;
Obwohl die Vereinigten Staaten die Tatsache begrüßen, daß die serbische Regierung endlich der demokratischen Opposition die Übernahme der Kontrolle&#13;
über die von ihr bei den Wahlen im November gewonnenen Kommunen gestattet hat, sind wir weiterhin&#13;
besorgt über die mangelnde Verpflichtung der serbischen Regierung zu demokratischen Reformen und&#13;
unabhängigen Medien. Die Vereinigten Staaten sind&#13;
außerdem nach wie vor äußerst besorgt über die&#13;
andauernde Verweigerung grundlegender Menschenrechte für die albanische Minderheit im Kosovo und die&#13;
Weigerung der serbischen Regierung, dieses Thema&#13;
anzusprechen. Darüber hinaus hält Belgrad die&#13;
entscheidenden Bestimmungen des Daytoner Abkommens nicht ein und gewährt weiterhin einer Reihe&#13;
von Personen Schutz, die vom internationalen Kriegsverbrechertribunal der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind.&#13;
Bei seinem Bestreben, Teil der Gemeinschaft demokratischer Nationen zu werden, ist es für Kroatien&#13;
wichtig, weiterhin umfassend mit der UN-Übergangsverwaltung für Ostslawonien zusammenzuarbeiten, um&#13;
die friedliche Wiedereingliederung Ostslawoniens zu&#13;
garantieren und gleichzeitig die Respektierung der&#13;
Menschenrechte aller Bürger, zurückkehrenden Vertriebenen und Flüchtlinge sicherzustellen. Die Vereinigten Staaten drängen Kroatien nach wie vor, alle&#13;
durch das internationale Kriegsverbrechertribunal&#13;
Verurteilten festzunehmen und auszuliefern, Pressefreiheit zu garantieren, der serbischen Volksgruppe vor&#13;
Ort eine Vertretung auf allen Regierungsebenen zuzusichern und die legitimen und bürgerlichen Rechte der&#13;
Serben unter kroatischem Gesetz zu schützen.&#13;
In Osteuropa steht das jüngste Verhalten der Regierung von Belarus bedauerlicherweise in starkem&#13;
Kontrast zu den positiven Errungenschaften der&#13;
Nachbarländer Polen, Tschechische Republik und&#13;
Ungarn. Die Vereinigten Staaten sind zutiefst besorgt&#13;
über das sich beschleunigende Abrutschen in den&#13;
Autoritarismus in Belarus. Die von der Regierung&#13;
Lukaschenko verhängten strengen Beschränkungen&#13;
von Wirtschaftsreformen, demokratischer Opposition&#13;
und den Medien mindern zwangsläufig die Hoffnungen&#13;
des Landes auf Entwicklung.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin äußerst besorgt&#13;
über die Menschenrechtssituation und das Potential für&#13;
Gewalt zwischen einzelnen Volksgruppen auf Zypern.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�Wir rufen die griechische und die türkisch-zypriotische&#13;
Gemeinschaft auf dieser Insel zur Schaffung eines&#13;
Klimas auf, in dem eine gerechte Lösung für ihre&#13;
Differenzen gefunden werden kann.&#13;
Die afrikanischen Staaten insgesamt werden häufig&#13;
aufgrund der Menschenrechtsprobleme in einigen&#13;
dieser Länder kritisiert. Die Vereinigten Staaten haben&#13;
nicht diese stark vereinfachende Sicht der Dinge,&#13;
stellen aber mit Zufriedenheit fest, daß viele afrikanische Staaten im vergangenen Jahr Fortschritte&#13;
gemacht haben. In Ghana beispielsweise waren die&#13;
jüngsten Wahlen frei und fair. Gleichzeitig machte das&#13;
Land bemerkenswerte Fortschritte im wirtschaftlichen&#13;
Bereich sowie bei der Stärkung seiner bürgerlichen&#13;
Institutionen. Auch Mali unternimmt positive Schritte&#13;
auf seinem Weg zu weiterer Demokratisierung.&#13;
Nach mehreren Fehlschlägen gibt der Waffenstillstand&#13;
in Liberia Anlaß zu der Hoffnung, daß der lange&#13;
Abstieg des Landes ins Chaos endlich beendet ist und&#13;
der Heilungsprozeß bald mit nationalen Wahlen&#13;
beginnen kann. Und in Südafrika wird der Prozeß der&#13;
nationalen Versöhnung durch die kluge Vorgehensweise der Regierung von Nelson Mandela und die&#13;
vorsichtigen Verhandlungen der National Truth&#13;
Commission fortgesetzt.&#13;
Gleichzeitig ist die Menschenrechtssituation in Nigeria&#13;
sehr schlecht. Das Regime von General Abacha stützt&#13;
sich weiterhin auf willkürliche Festnahmen, Inhaftierungen sowie ständige Schikanen, um die zahlreichen&#13;
Kritiker zum Schweigen zu bringen. Die Sicherheitskräfte nehmen standrechtliche Erschießungen vor,&#13;
foltern und schlagen Verdächtige und Häftlinge und&#13;
verfolgen Menschenrechtsaktivisten und Demokratieverfechter. Diese und zahlreiche andere Übergriffe&#13;
finden in einem Klima ernsthafter Verletzungen der&#13;
Rede-, Reise- Versammlungs- und Koalitionsfreiheit&#13;
sowie der Arbeitnehmerrechte statt.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin äußerst besorgt&#13;
über die Situation in Zentralafrika. Wir fordern die&#13;
Rebellen unter Laurent Kabila eindringlich dazu auf,&#13;
mit der derzeitigen Regierung ein Abkommen zu&#13;
schließen, um weiteres Blutvergießen und Leiden in&#13;
Zaire zu verhindern. Außerordentlich bedauern wir&#13;
den Tod der Menschenrechtsinspektoren in Ruanda&#13;
vergangenen Herbst und fordern die dortige Regierung&#13;
und die Burundis dazu auf, alles ihnen Mögliche zu&#13;
unternehmen, um die massiver Menschenrechtsverletzungen und des Völkermords Schuldigen vor Gericht&#13;
zu stellen.&#13;
Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges am Persischen Golf weigert sich die Regierung des Irak immer&#13;
noch, die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zu&#13;
befolgen und seine Massenvernichtungswaffen&#13;
vollständig zu zerstören. Gleichzeitig hat die Unterdrückung des irakischen Volkes durch Saddam&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
Hussein nicht nachgelassen - trotz der großen Härten,&#13;
die er seinem Volk zumutet.&#13;
Zwischenzeitlich hat sich auch die Menschenrechtsbilanz der iranischen Regierung nicht verbessert. Ihre&#13;
systematischen Menschenrechtsverletzungen beinhalten standrechtliche Erschießungen, Massenexekutionen, das Verschwinden von Personen, weitverbreitete&#13;
Folterungen, willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen, Mangel an fairen Prozessen sowie Beschränkungen der Rede- und Pressefreiheit. Ferner beklagen wir&#13;
die fortgesetzten Übergriffe gegen praktizierende&#13;
Bahaiisten. Und es ist uns unverständlich, daß die&#13;
iranische Regierung nicht handelte, um die iranischen&#13;
Bürger zurückzuhalten, die eine Prämie auf den Tod&#13;
von Salman Rushdie ausgesetzt haben.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin äußerst besorgt&#13;
über die von den Taliban gegen afghanische Frauen&#13;
und Mädchen verhängten lähmenden Beschränkungen. Es ist zweifelsohne eine grausame Menschenrechtsverletzung und darüber hinaus eine unkluge&#13;
Politik, den Frauen die Teilnahme am Arbeitsleben zu&#13;
verbieten, wenn viele von ihnen die einzige Unterhaltsquelle für ihre Familien sind. In ähnlicher Weise kann&#13;
es nur zur geistigen Verarmung eines Landes beitragen, wenn Mädchen der Schulbesuch verboten wird.&#13;
Die gravierende Unterdrückung der Menschenrechte&#13;
in Burma gibt weiterhin Anlaß zu großer Sorge, da die&#13;
Militärmachthaber der SLORC umfassende Beschränkungen der grundlegenden Rede-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit aufrechterhalten.&#13;
Die politische Tätigkeit der bekanntesten Bürgerrechtlerin des Staates, der Nobelpreisträgerin Aung San&#13;
Suu Kyi, unterliegt weiterhin starken Beschränkungen.&#13;
Ferner stellten wir eine besorgniserregende Verschlechterung der Menschenrechtssituation in Sri&#13;
Lanka fest. Ein besonderes Anliegen sind das ungeklärte Verschwinden von mehr als 700 Personen in&#13;
Jaffna sowie die langsamen Fortschritte der Regierung&#13;
bei der strafrechtlichen Verfolgung von an Menschenrechtsverletzungen beteiligten Sicherheitskräften.&#13;
Ferner sind wir besorgt über das Vorgehen der&#13;
Streitkräfte und der LTTE-Rebellen, entsprechend dem&#13;
Ausmaß des Konflikts Kriegsgefangene zu nehmen, da&#13;
angeblich beide Parteien die Politik verfolgen, keine&#13;
Gefangenen zu machen. Daher fordern wir die&#13;
Regierung und die LTTE auf, die internationalen&#13;
Menschenrechtsnormen zu befolgen.&#13;
Wir suchen zwar nicht die Konfrontation mit China über&#13;
Menschenrechtsfragen, sind aber fest davon überzeugt, daß die Volksrepublik China für die Einhaltung&#13;
der internationalen Normen zur Rechenschaft gezogen&#13;
werden sollte, die das Land selbst befürwortete - und&#13;
zweifelsohne ist das in dieser Kommission der Fall.&#13;
Die chinesische Gesellschaft hat sich seit der Einführung von Wirtschaftsreformen beträchtlich gewan-&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�delt, was zu größerer individueller Entscheidungsfreiheit führte. Trotzdem macht sich die chinesische&#13;
Regierung weiterhin weitverbreiteter und nachgewiesener Menschenrechtsverletzungen schuldig und&#13;
beschränkt gravierend die grundlegende Rede-,&#13;
Presse, Versammlungs-, Koalitions- und Religionsfreiheit unter Verletzung der international akzeptierten&#13;
Normen.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender, kein Land sollte sich dem prüfenden&#13;
Blick dieser Kommission entziehen können, noch&#13;
sollten die Bestrebungen derjenigen, die Fortschritte&#13;
gemacht haben, unserer Aufmerksamkeit entgehen.&#13;
Unser Ziel in der Kommission sind Schutz und Förderung der grundlegenden Rechte und Freiheiten&#13;
jedes einzelnen. Durch Offenheit und Ehrlichkeit&#13;
können wir das erreichen. Denn Schweigen ist der&#13;
beste Gefährte des Bösen, und Licht der größte Feind&#13;
dunkler Machenschaften. Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�MENSCHENRECHTE&#13;
&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
USA: Größte Herausforderung ist Schutz des Kindes&#13;
Rede von Gere Smith&#13;
&#13;
GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Leiters der amerikanischen&#13;
Delegation bei der 53. Sitzung der UN-Menschenrechtskommission vom 14. April 1997.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender,&#13;
wenige Themen betreffen die Zukunft unserer Nationen so direkt wie die Belange der Kinder. Dennoch&#13;
haben Kinder mit die geringsten Befugnisse auf&#13;
unserer Erde, und viele der Versuche, ihre Rechte zu&#13;
stärken und durchzusetzen, sind gescheitert. Wenn&#13;
wir heute die Rechte von Kindern ansprechen, wollen&#13;
wir einige der unseres Erachtens wichtigsten Herausforderungen bei den internationalen Bestrebungen&#13;
zum Schutz der Kinder auf der Welt darlegen.&#13;
Kinderarbeit zählt zu den herausragendsten Problemen, wenn es um die Rechte von Kindern geht. Wenn&#13;
wir dieses Thema in Angriff nehmen, sollte die Kommission den Unterschied zwischen allen Formen der&#13;
Kinderarbeit und der Ausbeutung von Kindern im&#13;
Auge behalten. Nicht alle Arbeiten, die Kinder verrichten, sind notwendigerweise schlecht für sie oder&#13;
ihre Familien. In der Tat können Kinder, die auf dem&#13;
Bauernhof der Familie oder in Familienbetrieben&#13;
arbeiten oder nach der Schule einen Teilzeitjob haben,&#13;
von dem Gehalt und der Erfahrung profitieren und zum&#13;
Wohlergehen der Familie beitragen. Diese Art von&#13;
Arbeit abzuschaffen, wäre kontraproduktiv.&#13;
Andererseits sind Jobs, die Kinder vom Schulbesuch&#13;
abhalten oder sie gefährlichen Bedingungen aussetzen, Ausbeutung. Solche Arbeit schadet sowohl&#13;
den Kindern als auch den Ländern, in denen sie leben.&#13;
Bildung ist ebenso der Schlüssel zur Zukunft eines&#13;
Kindes wie zur Zukunft einer Nation. Beraubt man das&#13;
Kind seiner Chancen, sich zu verbessern, beraubt man&#13;
auch das Land dieser Chance.&#13;
Wenn wir uns dies vor Augen führen, müssen wir die&#13;
Entscheidung der Nationen in Frage stellen, in denen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
es weder eine Schulpflicht für den Besuch der Grundschule gibt noch die Schulbildung vom Staat angeboten oder durchgesetzt wird. Erwarten solche Nationen,&#13;
daß das nächste Jahrhundert weniger gebildete&#13;
Bürger als heute erfordert? Sind die wenigen Cents,&#13;
die ihre Söhne und Töchter heute verdienen, wichtiger&#13;
als die Dollars, die sie nach der Schule verdienen und&#13;
die Beiträge, die sie für ihr Land leisten werden?&#13;
Viele der schätzungsweise 250 Millionen Kinder&#13;
zwischen 5 und 14 Jahren, die arbeiten, sind dazu&#13;
gezwungen - manchmal unter entsetzlich grausamen&#13;
Bedingungen und zu so niedrigen Löhnen, daß sie&#13;
kaum der Rede wert sind. In den tragischsten Fällen&#13;
werden Kinder als Leibeigene und sogar als Sklaven&#13;
gehalten. Das geht über Ausbeutung hinaus. Es ist&#13;
barbarisch und muß ein Ende haben.&#13;
Kinder, die arbeiten, benötigen Schutz vor Ausbeutung&#13;
und Mißbrauch, einschließlich Schutz vor übermäßig&#13;
langer Arbeitszeit, Kontakt mit schädlichen Chemikalien, beengten und unhygienischen Arbeitsplätzen und&#13;
Nähe zu gefährlichem Gerät. Auch hier ist der kurzfristige Vorteil der Feind des gesunden Menschenverstands und langfristiger Planung. Kinder, die schädlichen Bedingungen oder emotionaler Belastung ausgesetzt sind, können ihre geistigen und körperlichen&#13;
Fähigkeiten nicht voll entfalten. Infolgedessen können&#13;
sie wenig zum Wachstum des Landes beitragen. Statt&#13;
Waren und Dienstleistungen zu produzieren, benötigen sie diese.&#13;
Aber es werden Fortschritte erzielt. In Bangladesch&#13;
unterzeichneten die Bekleidungshersteller des Landes&#13;
vor zwei Jahren ein Abkommen mit der UNICEF und&#13;
der Internationalen Arbeitsorganisation. Daraufhin&#13;
wurden minderjährige Arbeiter aus ihren Fabriken&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�entfernt und in ein speziell entworfenes Bildungsprogramm eingegliedert. Inzwischen wurden über 285&#13;
solcher Schulen gegründet, und es sollen noch mehr&#13;
werden.&#13;
Ein anderes positives Beispiel ist Pakistan, wo sich&#13;
UNICEF, die IAO und Save the Children gemeinsam&#13;
mit der Sportartikelbranche um den Abbau von&#13;
Kinderarbeit bei der Herstellung von Fußbällen&#13;
bemühen. In Nepal versuchen die Teppichhersteller&#13;
im Rahmen des Rugmark-Programms, Produktherstellung ohne Kinderarbeit zu gewährleisten und&#13;
Schulen für arbeitende Kinder zu finanzieren.&#13;
Solche Kombinationen von Initiativen des öffentlichen&#13;
und Privatsektors • die Suche nach realen Lösungen&#13;
für reale Probleme - zeigen, daß bei Vorhandensein&#13;
von Anreizen und Bereitwilligkeit ein Weg zur Beendigung mißbräuchlicher Praktiken gefunden werden&#13;
kann. Herr Vorsitzender, die Einstellung der Ausbeutung von Kindern würde in der Tat einen Sieg für&#13;
uns alle darstellen.&#13;
Bewaffnete Konflikte sind ein anderer bösartiger Feind&#13;
der Kinder. Sie treten deren Rechte mit Füßen und&#13;
hinterlassen oft Narben fürs Leben. Und dennoch sind&#13;
wir immer wieder Zeuge von Kriegen, bei denen&#13;
Jungen, die nicht älter als 12 Jahre sind, eingezogen&#13;
und in den Kampf geschickt werden.&#13;
Mädchen droht der Horror von Vergewaltigungen, die&#13;
allzu oft Begleiterscheinung von Krieg und inneren&#13;
Unruhen sind. Die Vereinigten Staaten verurteilen&#13;
entschieden jeden Fall von Vergewaltigung, umso&#13;
mehr, wenn sie systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wird. Es gibt keine Entschuldigung für die&#13;
internationale Staatengemeinschaft, solche Praktiken&#13;
zu tolerieren, und wir rufen alle Nationen auf, ihre&#13;
Verpflichtungen unter den Gesetzen des bewaffneten&#13;
Konflikts zum Schutz von Nichtkombattanten vollständig zu erfüllen.&#13;
&#13;
Ein drittes großes Anliegen ist Kinderprostitution und&#13;
-pornografie. Obwohl wir noch nicht Mitglied der&#13;
Konvention über die Rechte des Kindes sind, zählen&#13;
unsere Gesetze über diese Fragen zu den stärksten&#13;
und effektivsten der Welt und haben unsere Entschlossenheit genügend unter Beweis gestellt, unsere&#13;
Kinder vor sexueller Ausbeutung zu schützen.&#13;
Allein in den letzten Jahren haben die Bundesregierung und die einzelnen Bundesstaaten umfassende&#13;
Gesetze erlassen, um Kinderpornografie, den Handel&#13;
mit Kindern zum Zweck ihrer sexuellen Ausbeutung&#13;
und Sexualverbrechen an Kindern zu bekämpfen.&#13;
Zusätzlich haben die Vereinigten Staaten, wie in der&#13;
Rede über Frauenfragen bereits angesprochen,&#13;
Schritte unternommen, um die Teilnahme unserer&#13;
Bürger am sogenannten Sextourismus zu verhindern.&#13;
Herr Vorsitzender, abschließend möchte ich nochmals&#13;
betonen, daß die Vereinigten Staaten Kindern betreffenden Fragen große Bedeutung beimessen. Das&#13;
Interesse an Problemen im Zusammenhang mit&#13;
Kinderarbeit wächst in unserem Land, und die Verbraucher bemühen sich in zunehmendem Maße,&#13;
Produkte zu kaufen, die nachweislich ohne Mitwirkung&#13;
von Kindern hergestellt wurden. Wir spielen eine&#13;
aktive Rolle dabei, die Länder für Kinderarbeit zur&#13;
Rechenschaft zu ziehen und ihnen bei der Beendigung&#13;
dieser Praktiken im Rahmen multilateraler Institutionen&#13;
wie der Internationalen Arbeitsorganisation zu helfen.&#13;
Ferner werden wir den Kampf gegen die sexuelle&#13;
Ausbeutung von Kindern fortsetzen. Unsere Gesetze&#13;
und unser Gefühl für menschlichen Anstand erfordern&#13;
es.&#13;
Wir versprechen, daß die amerikanische Regierung&#13;
weiterhin nach praktischen Lösungen für diese&#13;
Probleme suchen wird und fordern andere Regierungen dazu auf, sich uns bei diesem Bestreben anzuschließen. Wir werden nicht nachlassen, diejenigen&#13;
ins Auge zu fassen, die Kinder ausbeuten, und den&#13;
Kampf gegen sie erst beenden, wenn wir gewonnen&#13;
haben.&#13;
&#13;
* *&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�MEDIEN&#13;
23. April 1997&#13;
&#13;
Die Rolle der Medien in einer Demokratie&#13;
von George A. Krimsky&#13;
&#13;
(AD) - In einer marktwirtschaftlichen Demokratie trifft das Volk letztlich die Entscheidung, wie die Presse handeln&#13;
sollte, erklärt George Krimsky, der ehemalige Leiter von Associated Press World Services und Verfasser von&#13;
Hold the Press (The Inside Story on Newspapers). In dem nachfolgenden Artikel erläutert Krimsky die&#13;
Geschichte der amerikanischen Medien und zeigt die Herausforderungen auf, mit denen sie sich im&#13;
elektronischen Zeitalter konfrontiert sehen.&#13;
&#13;
Es sind Bände über die Rolle der Massenmedien in&#13;
einer Demokratie geschrieben worden. Die Gefahr bei&#13;
all diesen Ausführungen besteht darin, sich bei der&#13;
Behandlung dieses Themas in einem Sumpf von&#13;
Platitüden zu ergehen. Die Frage, ob eine freie Presse&#13;
die beste Kommunikationslösung in einer Demokratie&#13;
ist, hat am Ende dieses Jahrhunderts äußerst große&#13;
Bedeutung und muß sachlich geprüft werden.&#13;
Vor der Behandlung des Themas ist eine Definition der&#13;
Terminologie hilfreich. Im weitesten Sinne umfaßt die&#13;
Fernseh- und Filmunterhaltungsindustrie eine Vielfalt&#13;
von regelmäßig veröffentlichtem gedrucktem Material&#13;
sowie Public Relations und Werbung. Die "Presse"&#13;
soll ein ernsthaftes Mitglied dieser Familie sein, sich&#13;
auf das reale Leben statt auf Phantasie konzentrieren&#13;
und einem möglichst breiten Publikum dienen. Ein&#13;
guter Oberbegriff für die Presse im elektronischen&#13;
Zeitalter ist "Nachrichtenmedien". Die Betonung bei&#13;
dieser Definition liegt auf dem Inhalt, nicht der Technologie oder dem Übermittlungssystem, weil die Presse zumindest in Industrienationen - in diesen Tagen im&#13;
Internet, Fax oder dem Äther anzutreffen ist.&#13;
Per definitionem muß eine autonome Gesellschaft ihre&#13;
eigenen Entscheidungen treffen. Das kann sie nicht&#13;
ohne durch einen offenen Gedankenaustausch&#13;
aufgelockerte konkrete Informationen.&#13;
Abraham&#13;
Lincoln formulierte dieses Konzept in höchst treffender&#13;
Weise mit den Worten: "Gebt dem Volk die Fakten,&#13;
und das Land wird sicher sein."&#13;
Einige mögen Lincolns Sichtweise angesichts der&#13;
Komplexität und Technologien des 20. Jahrhunderts&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
als etwas naiv erachten, aber die Notwendigkeit&#13;
öffentlicher Nachrichten war praktisch von Anfang an&#13;
ein Eckpfeiler des amerikanischen Systems.&#13;
Thomas Jefferson setzte sich so vehement für das&#13;
Prinzip der Redefreiheit ein, daß er etwas sagte, das&#13;
Nichtdemokraten als Absurdität ansehen müssen:&#13;
"Wenn mir die Entscheidung überlassen bliebe, ob wir&#13;
eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne&#13;
eine Regierung haben sollten, würde ich keinen&#13;
Moment zögern und das Letztere vorziehen." Diese&#13;
Worte implizieren, daß Selbstverwaltung essentieller&#13;
ist als die Regierung selbst. Das klingt vielleicht nicht&#13;
so absurd, wenn man gerade einen Krieg gegen eine&#13;
Diktatur geführt hat.&#13;
Nach Amerikas erfolgreichem Unabhängigkeitskrieg&#13;
wurde die Entscheidung getroffen, daß es in der Tat&#13;
eine Regierung geben sollte - jedoch nur, wenn sie&#13;
dem Volk gegenüber Rechenschaft ablegte. Das Volk&#13;
wiederum konnte die Regierung nur zur Rechenschaft&#13;
ziehen, wenn es wußte, was diese tat und sich gegebenenfalls - beispielsweise mit seiner Wählerstimme als Fürsprecher einsetzen konnte. Diese Rolle des&#13;
öffentlichen "Wachhunds" wurde daher von einer&#13;
Presse der Bürger übernommen, und infolgedessen&#13;
wurde die Regierung der Vereinigten Staaten aus dem&#13;
Nachrichtengeschäft herausgehalten. Die einzigen im&#13;
Besitz der Regierung befindlichen oder von ihr kontrollierten Medien in den Vereinigten Staaten sind&#13;
diejenigen, die in Übersee senden, wie die Voice of&#13;
America. Per Gesetz darf dieser Nachrichtendienst&#13;
nicht im Inland senden. In den Vereinigten Staaten&#13;
werden das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Hörfunk zum Teil staatlich subventioniert, aber Sicherheitsbestimmungen schützen sie gegen politische&#13;
Einflußnahme.&#13;
Weil die Verfassung das oberste Gesetz des Landes&#13;
ist, sind alle Versuche von Gerichten, Gesetzgebern&#13;
und Strafverfolgungsbeamten, geschützte Freiheiten&#13;
wie die Redefreiheit einzuschränken, im allgemeinen&#13;
vermeidbar.&#13;
Ziemlich einfach in der Theorie, aber wie hat das alles&#13;
funktioniert?&#13;
Generell gesprochen, ziemlich gut, obwohl das&#13;
Konzept einer freien Presse jeden Tag in der einen&#13;
oder anderen Gemeinde im ganzen Land vor eine&#13;
Herausforderung gestellt und verteidigt wird. Die&#13;
amerikanische Presse war immer einflußreich, häufig&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
mächtig und gelegentlich gefürchtet - aber sie wurde&#13;
selten geliebt. In der Tat rangieren Journalisten heute&#13;
in den unteren Rängen der öffentlichen Popularität.&#13;
Einerseits werden sie als zu mächtig, andererseits als&#13;
nicht vertrauenswürdig angesehen.&#13;
In ihren Anfängen war die amerikanische Presse wenig&#13;
mehr als eine Flugblätter verfassende Industrie im&#13;
Besitz konkurrierender politischer Interessen und mit&#13;
einem konstanten Propagandakrieg befaßt. Vertrauen&#13;
war kein Thema. Es war die Vielzahl der Stimmen, die&#13;
bewirkte, daß die Presse zu einem Instrument für&#13;
demokratische Entscheidungsfindung wurde. Irgendwie gelang es der allgemein anerkannten Wahrheit,&#13;
aus dieser chaotischen Fülle von Informationen und&#13;
Fehlinformationen hervorzugehen. Das Streben nach&#13;
Objektivität war die Folge.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 08&#13;
&#13;
�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die wirtschaftlichen Vorteile der NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Marshallplan - eine Vision von Sicherheit, Wohlstand und Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Peter Tamoff&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Führungsrolle bei der Bekämpfung von Bestechung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Alan P. Larson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Delegation: Menschenrechtsverletzungen dauern an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Nancy Rubin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA: Größte Herausforderung ist Schutz des Kindes&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Gere Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Medien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle der Medien in einer Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von George A. Krimsky&lt;/em&gt;</text>
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9. April 1997

George J. Tenet
Der designierte CIA-Direktor

WASHINGTON - (AD) - Am 19. März 1997 nominierte Präsident Clinton George J. Tenet für das Amt des CIADirektors, nachdem Anthony Lake seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Nachfolgend veröffentlichen wir das
vom Weißen Haus herausgegebene Porträt von George J. Tenet, der derzeit amtierender Direktor des
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA ist.

George J. Tenet wurde am 3. Juli 1995 als Stellvertretender Direktor des amerikanischen Nachrichtendienstes CIA vereidigt. Als Hauptstellvertreter des
CIA-Direktors umfaßt sein Aufgabenbereich die
Nachrichtendienste sowie die Leitung des CIA.
Zuvor war Tenet Sonderberater des Präsidenten und
ranghöchster Direktor für nachrichtendienstliche
Programme im Nationalen Sicherheitsrat. In dieser
Position war er der wichtigste nachrichtendienstliche
Ratgeber des Nationalen Sicherheitsberaters Anthony
Lake.
Er koordinierte die Präsidialerlässe über
nachrichtendienstliche Prioritäten, sicherheitspolitische
Zusammenarbeit, die Effektivität amerikanischer
Spionageabwehr sowie über die amerikanische Politik
zu weltraumgesteuerten Sensoren. Ferner war er
Koordinator aller behördenübergreifenden Geheimaktionen.
Vor seiner Tätigkeit im Nationalen Sicherheitsrat
gehörte Tenet dem Übergangsteam Präsident Clintons
für nationale Sicherheit an. In dieser Funktion war er
für die Beurteilung der amerikanischen Nachrichtendienste zuständig. Ferner war er mehr als vier Jahre
lang Stabsleiter des nachrichtendienstlichen Sonderausschusses des Senats unter dem Vorsitz von
Senator David C. Boren mit einem Stab von 40
Mitarbeitern aus beiden Parteien. Er war verantwortlich für die Abstimmung der gesamten Kontrolltätigkeit und gesetzgeberischen Aktivitäten des
Ausschusses, einschließlich erhöhter Anforderungen
an die Berichterstattung über Geheimaktionen, der

AMERIKA DIENST 07

Einsetzung eines ordentlichen CIA-Generalinspekteurs
und der Einführung umfassender Gesetze zur Neustrukturierung der amerikanischen Nachrichtendienste.
Vor seiner Arbeit in diesem Ausschuß gehörte George
Tenet als Beauftragter des Vizevorsitzenden Senator
Patrick Leahy bis August 1985 dem Stab von Senator
John Heinz an. Diese Funktion hatte er bis 1986 inne.
Von 1986 bis zu seiner Ernennung zum Stabsleiter war
Tenet für die Überwachung aller Rüstungskontrollverhandlungen zwischen der Sowjetunion und den
Vereinigten Staaten durch den Ausschuß zuständig.
Diese Arbeit gipfelte in der Vorbereitung eines Berichts
an den Senat über die Fähigkeit der amerikanischen
Nachrichtendienste zur Überwachung des INF-Vertrags.
Tenet arbeitete drei Jahre lang für den verstorbenen
Senator John Heinz aus Pennsylvania - sowohl als
Gesetzesberater für nationale Sicherheit und Energiefragen als auch als gesetzgebender Direktor.
1976 erwarb Tenet an der Fakultät für den auswärtigen
Dienst der Georgetown University den Bachelor of
Science und 1978 an der Fakultät für internationale
Angelegenheiten der Columbia University einen
Master of International Affairs.
Tenet ist gebürtiger New Yorker. Er ist mit A. Stephanie Glakas-Tenet verheiratet und wohnt in Potomac
(Maryland). Sie haben einen Sohn, John Michael.

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