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cimGrikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

V„N 4

Z12462 C

02

30.Januar 1998

LAGE DER NATION

CLINTON: USA HABEN DIE MACHT UND
DIE PFLICHT, EIN NEUES ZEITALTER DES
FRIEDENS ZU SCHAFFEN
Bericht zur Lage der Nation

GESELLSCHAFT

DER EINSATZ FÜR DIE BURGERRECHTE
Rede von Vizepräsident AI Gore

USA-EUROPA

DEUTSCHLAND, AMERIKA UND DIE
VOLLENDUNG EUROPAS
Rede von Botschafter John C. Kornblum

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�LAGE

DER

NATION
28.Januar 1998

Clinton: USA haben die Macht und die Pflicht,
ein neues Zeitalter des Friedens zu schaffen
Bericht zur Lage der Nation

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den von Präsident Clinton am 27. Januar 1998 vor dem
Kongreß vorgetragenen Bericht zur Lage der Nation im Wortlaut.

Mr. Speaker, Herr Vizepräsident, Mitglieder des 105.
Kongresses, verehrte Gäste, meine amerikanischen
Mitbürger.
Seitdem wir das letzte Mal in dieser Kammer zusammengetroffen sind, hat Amerika zwei Patrioten und
herausragende Regierungsvertreter verloren. Obwohl
sie auf verschiedenen Seiten des Ganges saßen,
teilten die Abgeordneten des Repräsentantenhauses
Walter Capps und Sonny Bono tiefempfundene
Gefühle für dieses Haus und ein unerschütterliches
Engagement für die Verbesserung des Lebens aller
unserer Bürger. In den vergangenen Wochen wurden
Nachrufe auf sie gehalten. Wir sollten den heutigen
Abend damit beginnen, ihren Familien und Freunden
die Botschaft zu übermitteln, daß wir ihrer gedenken
und ihnen für den Dienst an unserer Nation danken.
Seit 209 Jahren ist es die Pflicht des Präsidenten,
Ihnen über die Lage der Nation zu berichten. Aufgrund
der harten Arbeit und hohen Zielsetzungen des
amerikanischen Volkes sind dies gute Zeiten für
Amerika. Wir haben über 14 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die niedrigste Arbeitslosenquote
seit 24 Jahren, den niedrigsten Inflationssockel seit 30
Jahren, steigende Einkommen, und wir haben die
höchste Zahl von Eigenheimbesitzern in der Geschichte. Die Verbrechensrate ist in fünf aufeinander folgenden Jahren enorm gesunken. Und die Zahl der
Sozialhilfeempfänger ist auf dem niedrigsten Stand seit
27 Jahren. Unsere Führungsrolle in der Welt ist
unbestritten. Meine Damen und Herren, die Lage
unserer Nation ist gut.
Da das 20. Jahrhundert nur noch knapp 700 Tage hat,
ist dies nicht die Zeit, sich auszuruhen. Es ist die Zeit,

AMERIKA DIENST 02

aufzubauen - das Amerika aufzubauen, das in greifbare Nähe gerückt ist: Ein Amerika, in dem jeder die
Chance hat, mit harter Arbeit voranzukommen; in dem
jeder Bürger in einer sicheren Gemeinde leben kann;
in dem die Familien stark und Schulen gut sind und
alle jungen Menschen das College besuchen können;
ein Amerika, in dem Wissenschaftler Heilung für
Krankheiten von Diabetes über Alzheimer bis zu AIDS
finden; ein Amerika, in dem jedes Kind mit einem
Computer arbeiten und jedes Buch lesen kann, das je
geschrieben wurde, jedes Gemälde sehen kann, das
je gemalt wurde, jede Symphonie hören kann, die je
komponiert wurde; in dem die Regierung Chancen
bietet und die Bürger der Verantwortung gerecht
werden, etwas an ihre Gemeinden zurückzugeben; ein
Amerika, das die Welt zu neuen Höhen des Friedens
und Wohlstands führt.
Das ist das Amerika, das wir aufzubauen begonnen
haben; das ist das Amerika, das wir unseren Kindern
hinterlassen können - wenn wir uns zusammenschließen, um die vor uns liegende Arbeit zu beenden.
Wir wollen unsere Nation für das 21. Jahrhundert
stärken.
Die Amerikaner haben selten in so vieler Hinsicht und
in so kurzer Zeit solche Veränderungen durchlebt.
Ruhig, aber mit zunehmender Kraft hat sich der Boden
unter unseren Füßen verlagert, während wir in das
Informationszeitalter, eine globale Wirtschaft und eine
wirklich neue Welt eingetreten sind.
Seit fünf Jahren haben wir jetzt die Herausforderungen
dieser Veränderungen bewältigt, wie es die Amerikaner an jedem Wendepunkt getan haben: Indem sie die
Idee von Amerika selbst erneuert haben - den Kreis

Seite 1

�der Chancen erweitert, die Bedeutung unserer Freiheit
vertieft und eine perfektere Union geschmiedet haben.

unsere Entschlossenheit bewahren, werden wir auf
lange Sicht ausgeglichene Haushalte haben.

Wir haben für das Informationszeitalter eine neue Art
von Regierung geschaffen. Ich danke dem Vizepräsidenten für seine Führungsrolle und dem Kongreß für
seine Unterstützung beim Aufbau einer Regierung, die
schlanker, flexibler und ein Katalysator für neue Ideen
ist - und vor allem eine Regierung, die dem amerikanischen Volk die Instrumente an die Hand gibt, die es
benötigt, um das meiste aus seinem Leben zu machen.

Wir dürfen nicht wieder unkluge Ausgaben tätigen oder
ungezielte Steuersenkungen vornehmen, die zu einem
erneuten Defizit führen könnten. Im vergangenen Jahr
haben wir gemeinsam ein Gesetz über gezielte
Steuersenkungen erlassen, so daß die typische
Familie der Mittelschicht jetzt die niedrigsten Steuersätze seit 20 Jahren hat. Mein Plan für den Ausgleich
des Haushalts im nächsten Jahr enthält sowohl neue
Investitionen als auch neue Steuersenkungen, die auf
die Erfordernisse von Arbeitnehmerfamilien zugeschnitten sind: Ausbildung, Kinderbetreuung, Umweltschutz.

Wir sind über die sterile Debatte zwischen denjenigen
hinausgekommen, die sagen, die Regierung sei der
Feind, und denjenigen, die sagen, die Regierung sei
die Antwort. Meine amerikanischen Mitbürger, wir
haben eine Mittelweg gefunden. Wir haben die
kleinste Regierung seit 35 Jahren - aber eine progressivere. Wir haben eine kleinere Regierung - aber eine
stärkere. Wir bewegen uns stetig auf ein noch stärkeres Amerika im 21. Jahrhundert zu: Eine Volkswirtschaft, die Chancen bietet, eine in Verantwortung
wurzelnde Gesellschaft und eine Nation, die als eine
Gemeinschaft lebt.
Erstens streben die Amerikaner in dieser Kammer und
im ganzen Land eine neue Strategie für Wohlstand an:
Haushaltsdisziplin, um die Zinssätze zu senken und
Wachstum anzukurbeln; Investitionen in Bildung und
Ausbildung, in Wissenschaft, Technologie und das
Transportwesen, um unser Volk auf die neue Weltwirtschaft vorzubereiten; neue Märkte für amerikanische
Produkte und amerikanische Arbeitnehmer.
Als ich mein Amt antrat, wurde das Defizit für 1998 auf
357 Milliarden Dollar prognostiziert, Tendenz steigend.
In diesem Jahr soll sich unser Defizit auf 10 Milliarden
Dollar belaufen, Tendenz fallend. Drei Jahrzehnte
lang standen die Präsidenten vor Ihnen und haben vor
dem Schaden gewarnt, den Defizite für unsere Nation
darstellen. Heute Abend stehe ich vor Ihnen um
bekanntzugeben, daß das Haushaltsdefizit - einstmals
so unbegreiflich hoch, daß es 11 Nullen am Ende hatte
- schlicht und einfach Null sein wird. Ich werde dem
Kongreß für 1999 den ersten ausgeglichenen Haushalt
seit 30 Jahren vorlegen. Und wenn wir an der Haushaltsdisziplin festhalten, können wir den Haushalt in
diesem Jahr ausgleichen - vier Jahre vor der gesetzten
Frist.
Sie alle können darauf stolz sein, denn rote Zahlen in
schwarze zu verwandeln, ist kein Wunder. Es ist das
Produkt harter Arbeit des amerikanischen Volkes und
von zwei visionären Aktionen des Kongresses - der
mutigen Abstimmung 1993, die zu einem Abbau des
Defizits um 90 Prozent führte, und das von diesem
Kongreß verabschiedete wahrlich historische Abkommen beider Parteien über einen ausgeglichenen
Haushalt. Hier die wirklich gute Nachricht: Wenn wir

Seite 2

Aber seien es Steuersenkungen oder Ausgaben - ich
bitte Sie alle, diesen Test zu bestehen: Billigen Sie nur
die Prioritäten, die tatsächlich umgesetzt werden
können, ohne dem Defizit einen Pfennig hinzuzufügen.
Wenn wir den Haushalt für das nächste Jahr ausgleichen, werden wir den Prognosen zufolge in den
unmittelbar darauffolgenden Jahren einen beträchtlichen Überschuß haben. Was sollen wir mit diesem
vorhergesagten Überschuß tun?
Ich habe eine
einfache Antwort: Zuerst muß die Sozialversicherung
gerettet werden.
Heute Abend schlage ich vor, daß wir 100 Prozent des
Überschusses - das ist jeder Pfennig des Überschusses - zurücklegen, bis wir alle notwendigen
Maßnahmen zur Stärkung des Sozialversicherungssystems für das 21. Jahrhundert ergriffen haben. Wir
wollen allen Amerikanern - ob sie 70 oder 50 sind - ,
die heute Abend zusehen, sagen, es wird die Sozialversicherung geben, wenn Sie sie brauchen. Wir
wollen diese Zusage machen: Zuerst die Sozialversicherung. Lassen Sie uns das gemeinsam tun.
Ich möchte auch sagen, daß alle Amerikaner, die uns
heute Abend zusehen, eingeladen werden sollten, sich
an dieser Diskussion zu beteiligen, sich diesen
Themen offen zu stellen und einen echten Konsens zu
bilden, wie wir vorgehen sollten. Wir werden mit der
Einrichtung parteiunabhängiger Foren in jeder Region
des Landes beginnen - und ich hoffe, daß die Gesetzgeber beider Parteien sich beteiligen werden. Wir
werden im Dezember im Weißen Haus eine Konferenz
über Sozialversicherung abhalten. Und in einem Jahr
werde ich die Vorsitzenden des Kongresses einberufen, um historische, überparteiliche Gesetze zu
formulieren, damit etwas Bahnbrechendes für unsere
Generation geschaffen werden kann - ein Sozialversicherungssystem, das im 21. Jahrhundert stark it.
In einer Volkswirtschaft, die Chancen honoriert,
müssen alle Amerikaner die Früchte des Wohlstands
ernten können. Weil die Zeiten gut sind, können wir es
uns leisten, einen einfachen, vernünftigen Schritt zu

AMERIKA DIENST 02

�unternehmen, um Millionen von Arbeitnehmern zu
helfen, die darum kämpfen, ihre Familie zu ernähren:
Wir sollten den Mindestlohn erhöhen.
Das Informationszeitalter ist vor allem ein Bildungszeitalter, in dem die Bildung bei der Geburt beginnen
und das gesamte Leben lang andauern muß. Von
diesem Podium aus habe ich letztes Jahr gesagt, daß
Bildung unsere höchste Priorität sein muß. Ich habe
einen 10-Punkte-Plan umrissen, der uns voranbringen
soll, und an alle appelliert, daß Parteipolitik an der
Schultür haltmachen muß. Seit damals hat dieser
Kongreß über parteipolitische Grenzen . hinweg
zusammen mit dem amerikanischen Volk in dem
wichtigsten Jahr für Bildung seit einer Generation
reagiert - wir haben die Wahlmöglichkeiten zwischen
öffentlichen Schulen verbessert und den Weg zur
Gründung von 3.000 neuen Schulen geebnet, die
höchste Standards setzen und erfüllen; wir arbeiten
auf die Vernetzung aller Klassenzimmer im Land mit
der Datenautobahn hin und haben uns zur Ausdehnung von Head Start auf eine Million Kinder
verpflichtet; wir haben das Programm "Amerika liest" in
die Wege geleitet und buchstäblich Tausende von
Coilegestudenten in unsere Grundschulen geschickt
um sicherzustellen, daß alle unsere Achtjährigen lesen
können.
Im vergangenen Jahr habe ich 220.000 neue Pell
Grant-Stipendien für besonders begabte Studenten
vorgeschlagen, und Sie haben sie genehmigt. Bei
Krediten für Studenten, die bereits billiger und leichter
zurückzuzahlen sind, können Sie jetzt die Zinsen
steuerlich absetzen. Familien in ganz Amerika können
jetzt ihre Ersparnisse in neue steuerfreie private
Rentenkonten einzahlen. Und in diesem Jahr wird
Familien für die ersten beiden Collegejahre ein
Steuerfreibetrag in Höhe von 1.500 Dollar eingeräumt ein HOPE-Stipendium, das praktisch die gesamten
Studiengebühren für ein Gemeindecollege abdeckt.
Und für das 13. und 14. Schuljahr, die weiterführende
Schule und die berufliche Ausbildung gibt es einen
lebenslangen "Lernkredit". Sie haben das genehmigt,
und Sie sollten sehr stolz darauf sein.
Und aufgrund dieser Aktionen habe ich jeder Familie,
die uns heute Abend zuhört, etwas zu sagen: Ihre
Kinder können auf ein College gehen. Wenn Sie ein
Kind aus einer bedürftigen Familie kennen, sagen Sie
ihm, es soll nicht aufgeben - es kann aufs College
gehen. Wenn Sie ein junges Ehepaar kennen, das
Schwierigkeiten hat, seine Rechnungen zu bezahlen
und sich Sorgen macht, daß es seine Kinder nicht aufs
College schicken kann, sagen Sie ihm, es soll nicht
aufgeben - seine Kinder können aufs College gehen.
Wenn Sie jemanden kennen, der einen Beruf ohne
Aufstiegsmöglichkeiten hat und fürchtet, er könne die
notwendige Ausbildung für einen besseren Beruf für
den Rest seines Lebens nicht bezahlen, sagen Sie
ihm, er soll nicht aufgeben - er kann aufs College

AMERIKA DIENST 02

gehen. Aufgrund dessen, was getan worden ist,
können wir das College im 21. Jahrhundert so universell wie die High Schoo1 heute machen. Und das,
meine Freunde, wird da.c Gesicht und die Zukunft
Amerikas verändern.
Wir haben die Türen des besten Systems der Welt für
weiterführende Bildung weit geöffnet. Jetzt müssen wir
auch unsere öffentlichen Grund- und Oberschulen zu
den besten der Welt machen, indem wir den Standard,
die Erwartungen und die Rechenschaftspflicht verbessern.
Dank der Aktionen dieses Kongresses im letzten Jahr
werden wir bald zum ersten Mal einen landesweiten
freiwilligen Test haben, der sich auf die nationalen
Standards der 4. Klasse im Lesen und der 8. Klasse in
Mathematik stützt. Die Eltern haben ein Recht zu
wissen, ob ihre Kinder das Grundwissen beherrschen.
Und jeder Elternteil kennt bereits den Schlüssel: Gute
Lehrer und kleine Klassen.
Heute Abend schlage ich die erste landesweite
Bestrebung zur Verkleinerung der Klassen in den
ersten Schuljahren vor.
Mein ausgeglichener Haushalt wird zur Einstellung von
100.000 neuen Lehrern beitragen, die einen staatlichen Eignungstest bestanden haben. Mit diesen
Lehrern werden wir tatsächlich in der Lage sein, in
ganz Amerika die Klassen im 1., 2. und 3. Schuljahr
auf durchschnittlich 18 Schüler pro Klasse zu verkleinern.
Wenn meine Rechnung stimmt, benötigen mehr Lehrer
für kleinere Klassen mehr Klassenzimmer. Daher
schlage ich auch eine Steuersenkung für den Bau von
Schulen vor, um den Gemeinden bei der Modernisierung oder dem Bau von Schulen zu helfen.
Wir müssen auch größere Rechenschaftspflicht
fordern. Wenn wir ein Kind von Klasse zu Klasse
versetzen, das nicht mitkommt, tun wir dem Kind
keinen Gefallen. Es ist an der Zeit, die "soziale"
Versetzung in Amerikas Schulen abzuschaffen.
Im vergangenen Jahr wurde in Chicago diese Entscheidung getroffen - unsere Kinder zu fördern. In
Chicago wurde die "soziale" Versetzung abgeschafft
und eine obligatorische Sommerschule eingeführt, um
den Schülern zu helfen, die aufholen müssen. Ich
schlage vor, anderen Gemeinden behilflich zu sein,
dem Beispiel Chicagos zu folgen. Wir wollen zu ihnen
sagen: Hört auf, Kinder zu versetzen, die nicht lernen,
und wir werden Ihnen die Instrumente an die Hand
geben um sicherzustellen, daß sie es tun.
Ich bitte diesen Kongreß auch, unsere Bestrebungen
an Colleges und Universitäten zu unterstützen,
benachteiligte Kinder ab der 6. Klasse einzubeziehen,

Seite 3

�damit ihnen die erforderliche Anleitung und Hoffnung
gegeben wird, daß auch sie aufs College gehen
können.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert fordert die
globale Wirtschaft von uns nicht nur im Inland, sondern
auf allen Märkten der Welt Chancen zu suchen. Wir
müssen diese globale Wirtschaft gestalten, nicht vor
ihr zurückschrecken. In den vergangenen fünf Jahren
haben wir den Weg zur Öffnung neuer Märkte mit 240
Handelsabkommen angeführt, die ausländische
Hemmnisse für Produkte mit der stolzen Aufschrift
"Made in the USA" abbauen. Heute ist ein Drittel
unseres Wirtschaftswachstums auf Exporte in Rekordhöhe zurückzuführen. Ich möchte, daß das so weitergeht, weil das der Weg für weiteres Wachstum in den
Vereinigten Staaten und die Förderung einer sichereren und stabileren Welt ist.
Unabhängig von Ihrer Sichtweise wissen Sie alle, daß
dies meines Erachtens eine große Chance für Amerika
ist. Ich weiß, daß es Widerstand gegen umfassendere
Handelsabkommen gibt. Ich habe sorgfältig zugehört
und glaube, daß der Widerstand in zwei Ängsten
begründet ist: Erstens, daß unsere Handelspartner
niedrigere Umwelt- und Arbeitsnormen haben werden,
die ihnen einen unfairen Vorteil auf unserem Markt
verschaffen und ihren eigenen Bürgern nicht entgegenkommen, selbst wenn es mehr Geschäftstätigkeit gibt. Und zweitens, daß mehr Arbeitnehmer hier
ihren Arbeitsplatz verlieren werden und von neuem
anfangen müssen, wenn wir unser Handelsvolumen
erhöhen. Meines Erachtens sollten wir die Förderung
von Arbeitnehmer- und Umweltnormen auf der ganzen
Welt anstreben. Ich habe immer wieder klargemacht,
daß dies Teil unserer Handelsagenda sein sollte. Aber
wir können die Entscheidungen anderer Länder nicht
beeinflussen, wenn wir ihnen die Botschaft senden,
daß wir vor Handel mit ihnen zurückschrecken.
In diesem Jahr werde ich dem Kongreß einen Gesetzentwurf zur Bekämpfung der unerträglichsten Arbeitspraxis - der Kinderarbeit - vorlegen und andere
Nationen bitten, unserem Beispiel zu folgen. Wir
sollten auch den Amerikanern Hilfe und Hoffnung
bieten, die vorübergehend hinter dem globalen Markt
oder dem Vormarsch der Technologie herhinken, was
nichts mit Handel zu tun haben muß. Aus diesem
Grund haben wir die Mittel für die Ausbildung von
umgesetzten Arbeitnehmern seit 1993 mehr als
verdoppelt - und wenn mein neuer Haushalt verabschiedet wird, werden wir die Mittel verdreifachen.
Deswegen müssen wir schneller mehr tun, um den
Arbeitnehmern zu helfen, die ihren Arbeitsplatz aus
welchem Grund auch immer verlieren.
Wie Sie wissen, sind wir Gemeinden in einer besonderen Weise behilflich, wenn ihre Militärstützpunkte
schließen. Wir sollten ihnen auf die gleiche Weise
helfen, wenn ihre Fabriktore schließen. Ich bitte den

Seite 4

Kongreß wiederum um die Fortsetzung seiner überparteilichen Arbeit, um das Gewirr von Ausbildungsprogrammen, das wir heute haben, in einem einzigen
Gl-Gesetz für Arbeitnehmer zusammenzufassen einem einfachen Ausbildungsstipendium, damit die
Menschen auf eigene Initiative schnell eine neue
Arbeit, ein höheres Einkommen und eine vielversprechendere Zukunft erhalten.
Wir alle wissen, daß Wandel in allen Lebenslagen
nicht einfach ist, aber wir müssen entscheiden, ob wir
ihn aufhalten und vor ihm zurückschrecken oder seine
Vorteile genießen wollen. Halten Sie sich das ganze
Bild hier vor Augen: Während wir Hunderte neuer
Handelsabkommen schließen, schaffen wir Millionen
neuer Arbeitsplätze.
In diesem Jahr werden wir neue Partnerschaften mit
Lateinamerika, Asien und Europa eingehen. Und wir
sollten das neue Gesetz über den Handel mit Afrika
verabschieden - es hat die Unterstützung beider
Parteien. Ich werde auch meinen Antrag für ein Fasttrack-Verhandlungsmandat erneuern, das für die
Öffnung neuer Märkte und die Schaffung von mehr
neuen Arbeitplätzen erforderlich ist, und das jeder
Präsident seit zwei Jahrzehnten hat.
Ob es uns gefällt oder nicht - die Volkswirtschaften der
Welt sind in zumeist positiver Weise immer enger
verflochten und interdependent. Heute kann eine
Wirtschaftskrise in einem Land die Volkswirtschaften
überall betreffen. In den vergangenen Monaten haben
Thailand, Indonesien, Südkorea und andere Länder
ernsthafte Finanzprobleme gehabt.
Warum sollten Amerikaner darüber besorgt sein?
Erstens sind diese Länder unsere Kunden. Wenn sie
eine Rezession erleben, können sie die Waren nicht
kaufen, die wir ihnen verkaufen möchten. Zweitens
sind sie auch unsere Konkurrenten. Wenn also ihre
Währungen an Wert verlieren, dann wird der Preis für
ihre Waren sinken und sie werden unsere und andere
Märkte mit sehr viel billigeren Waren überschwemmen,
was für uns den Wettbewerb stark erschwert. Und
schließlich sind sie unsere strategischen Partner. Ihre
Stabilität stärkt unsere Sicherheit.
Die amerikanische Wirtschaft ist weiterhin gesund und
stark, und ich möchte, daß das so bleibt. Aber weil die
Turbulenzen in Asien Auswirkungen auf alle Volkswirtschaften der Welt einschließlich der unseren haben
werden, ist es das Richtige für Amerika, diese negativen Auswirkungen so weit wie möglich abzuschwächen - und das Richtige für eine sicherere Welt.
Unsere Politik ist klar: Keine Nation kann sich erholen,
wenn sie sich nicht reformiert. Aber wenn Nationen
bereit sind, ernsthafte Wirtschaftsreformen durchzuführen, sollten wir ihnen dabei behilflich sein. Daher
fordere ich den Kongreß auf, die Verpflichtung der

AMERIKA DIENST 02

�Vereinigten Staaten gegenüber dem Internationalen
Währungsfonds zu erneuern. Und ich denke, wir
sollten allen Menschen, die wir hier zu vertreten
versuchen, sagen, daß die Vorbereitung auf einen weit
entfernten Sturm, der unsere Küsten erreichen kann,
sehr viel klüger ist als den Donner zu ignorieren, wenn
die Gewitterwolken schon direkt über einem sind.
Eine starke Nation ruht auf dem Fels der Verantwortung. Eine in Verantwortung wurzelnde Gesellschaft muß als erstes den Wert der Arbeit, nicht die
Sozialhilfe fördern. Wir können stolz sein, daß wir
nach Jahrzehnten der Schuldzuweisungen und des
Scheiterns gemeinsam das alte Sozialhilfesystem
abgeschafft haben. Und jetzt gibt es anstelle von
Sozialhilfeschecks Gehaltsschecks.
Nach einer Rekordabnahme der Zahl von Sozialhilfeempfängern über vier Jahre hinweg habe ich unsere
Nation im vergangenen Jahr aufgefordert, bis zum
Jahr 2000 weitere 2 Millionen Amerikaner von Sozialhüfe unabhängig zu machen. Ich freue mich, berichten
zu können, daß wir auch dieses Ziel erreicht haben zwei volle Jahre vor der gesetzten Frist.
Das ist eine große Leistung, die Summe vieler Akte
des Muts, Durchhaltevermögens und der Hoffnung des
Einzelnen. 13 Jahre lang war Elaine Kinslow aus
Indianapolis, Indiana, zwischenzeitlich von Sozialhilfe
abhängig. Heute ist sie Lieferantin bei einer kleinen
Transportfirma. Sie hat genug Geld gespart, um mit
ihrer Familie in eine gute Gegend zu ziehen, und sie
hilft anderen Sozialhilfeempfängern, eine Arbeit zu
finden. Elaine Kinslow und ihresgleichen sind die
echten Helden der Revolution im Sozialwesen. Es gibt
Millionen wie sie in ganz Amerika. Und ich freue mich,
daß sie heute Abend mit der First Lady zusammentreffen kann. Elaine, wie sind stolz auf Sie. Bitte
stehen Sie auf.
Wir alle haben noch sehr viel mehr zu tun, um der
Sozialhilfereform zum Erfolg zu verhelfen - mit Kinderbetreuung, Hilfestellung für Familien, damit sie in die
Nähe offener Stellen ziehen können, der Forderung an
mehr Unternehmen, bei unserem Programm "von der
Sozialhilfe zur Arbeit" mitzumachen und einer Erhöhung der Unterhaltszahlungen für Kinder von Eltern,
die eine Pflicht zur Unterstützung ihrer Kinder haben
und mit der Sozialhilfe Mißbrauch treiben. Ich möchte
dem Kongreß auch für die Wiedereinführung einiger
der Vergünstigungen für Einwanderer danken, die
legal hier sind und hart arbeiten - und ich hoffe, Sie
werden diese Arbeit in diesem Jahr beenden.
Wir müssen es allen hart arbeitenden Familien ermöglichen, ihre wichtigsten Pflichten zu erfüllen. Vor
zwei Jahren haben wir garantiert, daß Amerikaner ihre
Krankenversicherung behalten können, wenn sie den
Arbeitsplatz wechseln. Letztes Jahr haben wir die
Gesundheitsfürsorge auf bis zu 5 Millionen Kinder

AMERIKA DIENST 02

ausgedehnt. Dieses Jahr bitte ich den Kongreß, die
nächsten historischen Schritte zu unternehmen.
160 Millionen unserer M&gt; ürger haben eine private
Krankenversicherung, die Finanzierung und medizinische Versorgung integriert. Solche Versicherungen
sind billiger und können die medizinische Versorgung
verbessern.
Aber medizinische Entscheidungen
sollten von den Ärzten getroffen werden, nicht den
Sachbearbeitern der Versicherung. Ich fordere diesen
Kongreß auf, parteipolitische Grenzen zu überwinden
und ein Verbrauchergesetz zu verabschieden. In
diesem Gesetz soll stehen: Sie haben das Recht, über
alle medizinischen Optionen informiert zu werden,
nicht nur die billigste. Sie haben das Recht auf den
Arzt Ihrer Wahl und die medizinische Betreuung, die
Sie benötigen. Sie haben das Recht auf Versorgung
auf der Intensivstation, wo immer und wann immer sie
diese benötigen. Sie haben das Recht auf vertrauliche
Behandlung Ihres Krankenblatts.
Herkömmliche
Krankenversicherung mit freier Arztwahl oder die auf
Gesundheitsbetriebe beschränkte Krankenversicherung - jeder Amerikaner verdient qualifizierte medizinische Versorgung.
Millionen Amerikaner zwischen 55 und 65 haben ihren
Krankenversicherungsschutz verloren. Einige sind im
Ruhestand, andere arbeitslos; einige verlieren ihren
Krankenversicherungsschutz, wenn ihr Ehegatte in
den Ruhestand geht. Nach lebenslanger Arbeit haben
sie niemanden, an den sie sich wenden können.
Daher bitte ich den Kongreß: Gestatten Sie diesen hart
arbeitenden Amerikanern, sich in das MedicareSystem einzukaufen. Das fügt dem Defizit keinen
Rennig hinzu - aber der Seelenfrieden, den es mit sich
bringt, wird unbezahlbar sein.
Als nächstes müssen wir den Eltern helfen, ihre Kinder
vor der gravierendsten Gesundheitsbedrohung zu
schützen, der sie sich gegenübersehen: Einer Epidemie von rauchenden Teenagern, die durch Marketingkampagnen in Höhe von mehreren Millionen Dollar
gefördert wird. Ich appelliere an den Kongreß: Lassen
Sie uns ein überparteiliches, umfassendes Gesetz
erlassen, das die öffentliche Gesundheit verbessert,
unsere Tabakanbauer schützt und die Art und Weise
ändert, in der Tabakunternehmen immer weiter
Geschäfte machen. Lassen Sie uns das Erforderliche
tun, um die Zahl rauchender Teenager zu verringern.
Lassen Sie uns den Preis für Zigaretten in den nächsten zehn Jahren um bis zu 1.50 Dollar pro Packung
erhöhen, mit Strafen für die Tabakindustrie, wenn sie
weiterhin an unsere Kinder vermarktet.
Wie an jedem Tag werden Morgen 3.000 Kinder
anfangen zu rauchen, und 1.000 werden infolgedessen sterben. Dieser Kongreß soll als der Kongreß
im Gedächtnis bleiben, der ihr Leben gerettet hat.

Seite 5

�In der neuen Weltwirtschaft arbeiten die meisten Eltern
härter denn je. Sie sehen sich einem konstanten
Kampf ausgesetzt, ihre Pflichten als gute Arbeitnehmer
und ihre noch wichtigeren Pflichten als gute Eltern
unter einen Hut zu bringen. Das Gesetz über Krankenurlaub aus familiären Gründen war der erste
Gesetzentwurf, dem ich als Präsident 1993 Gesetzeskraft verleihen durfte. Seit damals haben es rund 15
Millionen Menschen in Anspruch genommen, und ich
habe viele von ihnen überall in diesem Land getroffen.
Ich bitte Sie, das Gesetz auf weitere 10 Millionen
Arbeitnehmer auszudehnen und die Eltern zu beurlauben, die ihre Kinder zum Arzt bringen oder deren
Lehrer aufsuchen müssen.
Kinderbetreuung ist die nächste Hürde, die wir überwinden müssen, wenn die Menschen zu Hause und
bei der Arbeit Erfolg haben sollen. Im vergangenen
Jahr war ich Mitveranstalter der allerersten Konferenz
über Kinderbetreuung im Weißen Haus mit einem
unserer herausragendsten Experten - Amerikas First
Lady. Aus allen Teilen Amerikas hörten wir dieselbe
Botschaft unabhängig von Region oder Einkommen
oder politischer Überzeugung: Wir müssen die Qualität
unserer Kinderbetreuung verbessern.
Wir müssen sie sichern.
schwinglicher gestalten.

Und wir müssen sie er-

Mein Plan sieht folgendermaßen aus: Hilfe für die
Familien, um Kinderbetreuung für eine weitere Million
Kinder zu finanzieren. Stipendien für Kinderbetreuer
und eine Überprüfung ihrer Vorgeschichte sowie ein
neuer Schwerpunkt auf frühem Lernen. Steuervorteile
für Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Kinderbetreuung anbieten. Und ein höherer Steuerfreibetrag für die
Kinderbetreuung in Arbeitnehmerfamilien. Wenn Sie
meinen Plan annehmen, bedeutet daß, daß eine
vierköpfige Familie mit einem Einkommen von 35.000
Dollar und großen Ausgaben für Kinderbetreuung der
Bundesregierung keinen Pfennig mehr an Einkommensteuer zahlt.
Für mich ist das aufgrund meiner eigenen Erfahrung
ein so wichtiges Thema. Ich habe mich oft gefragt, wie
meine Mutter als junge Witwe in die Schule gehen,
lernen und sich dann zu Hause wieder um mich hätte
kümmern können, wenn meine Großeltern mich nicht
versorgt hätten. Meine Mutter und ich hatten wirklich
großes Glück. Wie viele andere Familien hatten nie
eine solche Chance? Die Wahrheit ist: Wir kennen
die Antwort auf diese Frage noch nicht. Wir wissen
jedoch, wie die Antwort lauten sollte: Keine einzige
amerikanische Familie sollte sich jemals zwischen dem
Arbeitsplatz, den sie braucht, und dem Kind, das sie
liebt, entscheiden müssen.
Eine verantwortungsbewußte Gesellschaft muß
sichere Straßen, sichere Schulen und sichere Wohngegenden bieten. Die von uns verfolgte Strategie

Seite 6

beinhaltet mehr Polizisten, härtere Bestrafung, bessere
Vorbeugung, Partnerschaften mit den örtlichen
Strafverfolgungsbehörden und Bürgervereinigungen
zur Verbrechensbekämpfung in den am stärksten
betroffenen Gegenden. Ich kann Ihnen heute Abend
berichten, daß es funktioniert. Die Zahl der Gewaltverbrechen ist gesunken, es gibt weniger Raubüberfälle,
weniger tätliche Angriffe, weniger Einbrüche - und das
seit fünf aufeinander folgenden Jahren in ganz Amerika. Wir müssen unsere bereits angefangene Arbeit
beenden, 100.000 weitere Polizisten einzustellen.
Heute bitte ich den Kongreß um die Annahme eines
Gesetzes über Jugendkriminalität, das mehr Staatsanwälte und Bewährungshelfer vorsieht, um gegen
Gangs, Waffenbesitz und Drogen vorzugehen und das
gewalttätigen Jugendlichen auf Lebenszeit den Besitz
von Waffen verbietet. Und ich bitte Sie um eine
dramatische Erhöhung unserer Unterstützung für
Programme zur Betreuung von Jugendlichen Nachmittags nach der Schule. Meines Erachtens sollte jeder
Amerikaner wissen, daß Jugendkriminalität meistens
zwischen 15.00 und 20.00 Uhr stattfindet. Wir können
so vielen unserer Kinder von vornherein Schwierigkeiten ersparen, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben,
sich an anderen Orten als der Straße aufzuhalten.
Und das sollten wir tun.
Der Drogenmißbrauch nimmt ab. Ich danke General
McCaffrey für seine Führungsrolle. Und ich danke
diesem Kongreß für die Verabschiedung des größten
Etats zur Drogenbekämpfung in der Geschichte. Ich
bitte Sie, sich gemeinsam mit mir an bahnbrechenden
Bestrebungen zu beteiligen, mehr als 1.000 neue
Grenzpolizisten einzustellen und modernste Technologien einzusetzen, um Drogen den Weg über unsere
Grenzen zu versperren.
So gut Polizisten, Staatsanwälte und Präventionsprogramme aus sein mögen - sie können nichts
bewirken, wenn unser Gerichtswesen nicht funktioniert. Derzeit gibt es eine große Zahl unbesetzter
Stellen in unseren Bundesgerichten. Der Vorsitzende
des Obersten Bundesgerichts formulierte es folgendermaßen: Es kann nicht auf unbegrenzte Zeit Leerstellen
im Justizwesen geben, ohne daß die Qualität der
Rechtsprechung leidet. Ich bitte den US-Senat, diese
Bitte zu erhören und eine Entscheidung über die
Ernennung der hochqualifizierten Kandidaten zu
treffen - wie auch immer die Entscheidung ausfallen
mag.
Wir müssen nicht nur in unserem Land, sondern auf
der ganzen Welt verantwortungsbewußt handeln. Am
Vorabend eines neuen Jahrhunderts haben wir die
Macht und die Pflicht, ein neues Zeitalter des Friedens
und der Sicherheit zu schaffen. Aber täuschen Sie
sich nicht: Die Chancen von heute sind nicht die
Garantien von Morgen. Amerika muß den vergifteten
Appellen des extremen Nationalismus widerstehen.

AMERIKA DIENST 02

�Wir müssen das unheilige Bündnis aus neuen terroristischen Bedrohungen, internationalen Verbrechern
und Drogenschmugglern bekämpfen. Diese Verbrecher des 21. Jahrhunderts leben von Technologie
und dem freien Fluß von Informationen, Ideen und
Menschen. Und sie werden um so tödlicher, wenn
ihnen Massenvernichtungswaffen in die Hände fallen.
Zur Bewältigung dieser Herausforderungen wirken wir
an der Formulierung von internationalen Verkehrsregeln für das 21. Jahrhundert mit - zum Schutz
derjenigen, die der Gemeinschaft der Nationen
beitreten, und zur Isolierung derjenigen, die das nicht
tun. In wenigen Tagen werde ich den Senat um seinen
Rat und seine Zustimmung zur Aufnahme Ungarns,
Polens und der Tschechischen Republik als neueste
Mitglieder in die NATO bitten. 50 Jahre lang hat die
NATO den Kommunismus eingedämmt und die
Sicherheit Amerikas und Europas gewährleistet. Jetzt
haben diese drei ehemals kommunistischen Staaten
Ja zur Demokratie gesagt. Ich bitte den Senat, Ja zu
ihnen zu sagen - als unseren neuen Verbündeten.
Durch die Aufnahme neuer Mitglieder und die enge
Zusammenarbeit mit neuen Partnern, einschließlich
Rußlands und der Ukraine, kann die NATO dazu
beitragen sicherzustellen, daß Europa im 21. Jahrhundert ein Bollwerk des Friedens ist.
Als nächstes werde ich den Kongreß um fortgesetzte
Unterstützung für unsere Truppen und ihre Mission in
Bosnien bitten. Weihnachten sind Hillary und ich in
Begleitung von Senator Dole und seiner Gattin sowie
einer überparteilichen Delegation des Kongresses
nach Sarajevo gereist. Wir sahen Kinder auf den
Straßen spielen, auf denen sie vor zwei Jahren vor
Heckenschützen und Granaten in Deckung gehen
mußten. In den Geschäften gibt es wieder Lebensmittel, und in den Cafes werden lebhafte Unterhaltungen geführt. Die Fortschritte dort sind unverkennbar aber sie sind noch nicht unumkehrbar.
Um Fuß zu fassen, bedarf der noch brüchige Frieden
in Bosnien auch nach Beendigung der NATO-Mission
im Juni der Unterstützung durch Truppen der Vereinigten Staaten und des Bündnisses. Meiner Meinung nach formulierte Senator Dole es am besten, als
er erklärte: "Es ist, als befände man sich kurz vor dem
Ende der letzten Halbzeit eines Fußballspiels und
würde in Führung liegen. Jetzt ist nicht der richtige
Zeitpunkt, das Spielfeld zu verlassen und sich den
Sieg zu verscherzen."
Ich wünschte, Sie alle hätten unsere Truppen in Tuzla
sehen können. Sie sind sehr stolz auf das, was sie in
Bosnien leisten. Und wir alle sind sehr stolz auf sie.
Einer dieser tapferen Soldaten sitzt heute Abend
neben der First Lady - Feldwebel Michael Tolbert,
dessen Vater ein hochdekorierter Vietnam-Veteran
war. Nach dem Collegebesuch in Colorado trat er dem

AMERIKA DIENST 02

Heer bei. Vergangenes Jahr leitete er eine Infanterieeinheit, die einen Mob von Extremisten von der
Erstürmung eines Rundfnksenders abhielt, der in
Bosnien die Stimme von D nokratie und Toleranz ist.
Vielen Dank, Feldwebel folbert, für alles, was Sie
getan haben.
In Bosnien und weltweit erfüllen unsere Männer und
Frauen in Uniform ihre Mission immer gut. Wir müssen
dafür Sorge tragen, daß sie gut ausgebildet und
einsatzbereit sind, ihre Lebensqualität verbessert wird
und sie die Waffen des 21. Jahrhunderts haben, die für
den Sieg über jeden Feind erforderlich sind.
Ich bitte den Kongreß, gemeinsam mit mir eine ehrgeizige Agenda zu verfolgen, um die ernsthafte
Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen zu
verringern. Dieses Jahr liegt ein umfassendes Atomtestverbot in Reichweite - vier Jahrzehnte, nachdem es
von Präsident Eisenhower erstmals vorgeschlagen
wurde. Durch die Einstellung von Nukleartests können
wir zur Verhinderung der Entwicklung neuer und noch
gefährlicherer Waffen beitragen und ihre Produktion in
Nichtnuklearstaaten erschweren.
Ich freue mich, bekanntgeben zu können, daß vier
ehemalige Vereinigte Stabschefs - die Generäle John
Shalikashvili, Colin Powell, David Jones und Admiral
William Crowe - diesen Vertrag befürworten. Und ich
bitte den Senat, ihm in diesem Jahr zuzustimmen.
Gemeinsam müssen wir auch den neuen Gefahren in
Form von chemischen und biologischen Waffen
begegnen und die verbrecherischen Staaten, Terroristen und organisierten Verbrecher ächten, die deren
Beschaffung anstreben. Saddam Hussein hat den
größten Teil dieses Jahrzehnts und einen Großteil der
Mittel seiner Nation nicht für die Verbesserung der
Lebensbedingungen des irakischen Volkes verwendet,
sondern für die Entwicklung atomarer, chemischer und
biologischer Waffen - und ihrer Trägersysteme. Die
UN-Inspekteure haben wirklich beachtliche Arbeit
geleistet und mehr irakische Waffenarsenale gefunden
und vernichtet, als während des ganzen Golfkriegs
zerstört wurden. Jetzt will Saddam Hussein verhindern, daß sie ihre Mission beenden.
Ich spreche im Namen aller hier Anwesenden Republikaner und Demokraten gleichermaßen - wenn
ich Saddam Hussein sage: Sie müssen sich dem
Willen der Welt beugen. Und wenn ich ihm sage: Sie
haben schon vorher Massenvernichtungswaffen
eingesetzt. Wir sind entschlossen, Ihre Fähigkeit
zunichte zu machen, sie erneut einzusetzen.
Vergangenes Jahr ratifizierte der Senat die Chemiewaffenkonvention, um unsere Soldaten und Bürger vor
Giftgas zu schützen. Jetzt müssen wir handeln, damit
Krankheit nicht als Waffe des Krieges und des Schrekkens eingesetzt wird. Die Konvention über biologische

Seite 7

�Waffen ist seit 23 Jahren in Kraft. Die Regeln sind gut,
aber ihre Durchsetzung ist unzureichend. Wir müssen
die Konvention durch ein neues internationales
Inspektionssystem stärken, um Betrug aufzudecken
und abzuschrecken.
In den kommenden Monaten werde ich unsere Sicherheitsstrategie mit alten Verbündeten in Asien und
Europa sowie neuen Partnern von Afrika über Indien
bis Pakistan, von Südamerika bis China verfolgen.
Und von Belfast über Korea bis zum Nahen Osten wird
Amerika weiterhin denjenigen zur Seite stehen, die
sich für den Frieden einsetzen.
Schließlich ist es höchste Zeit, unsere Schulden bei
den Vereinten Nationen zu begleichen. Wir arbeiten
mit anderen Nationen verstärkt an der Erreichung
gemeinsamer Ziele. Wenn Amerika eine Führungsrolle übernehmen soll, müssen wir mit gutem Beispiel
vorangehen. In Bosnien wird wieder deutlich, daß die
Verbündeten, die unsere Ziele teilen, auch unsere
Lasten teilen. In dieser neuen Ära werden unsere
Freiheit und Unabhängigkeit durch unsere zunehmende Interdependenz mit anderen Nationen tatsächlich
gestärkt, nicht geschwächt. Aber wir müssen das
Unsrige tun.
Unsere Gründerväter brachten Amerika auf den
stetigen Kurs zu einer "perfekteren Union". Ich sage
Ihnen allen: Diese Reise können wir nur zusammen
machen - als eine Gemeinschaft. Erstens müssen wir
weiterhin unsere Regierung reformieren - das Instrument unserer nationalen Gemeinschaft. Jeder
weiß, daß Wahlen zu teuer geworden sind, was zu
einem Wettkampf bei der Wahlkampffinanzierung
geführt hat. In diesem Jahr wird der Senat am 6. März
endlich über eine Reform der Wahlkampffinanzierung
beider Parteien abstimmen, die von den Senatoren
McCain und Feingold vorgeschlagen wurde. Um mich
deutlich auszudrücken: Gegen McCain und Feingold
zu stimmen bedeutet, für illegale Wahlkampfspenden
und den Status quo zu stimmen. Ich bitte Sie, unsere
Demokratie zu stärken und das Gesetz über eine
Reform der Wahlkampffinanzierung in diesem Jahr zu
verabschieden.

Mindestens ebenso wichtig ist, daß wir in diesem Jahr
den wahren Grund für den explosionsartigen Anstieg
der Wahlkampfkosten ansprechen müssen - die
großen Kosten der Werbung in den Medien. An die
Zuhörer zu Hause gerichtet - das ist der Grund für den
ganzen Ärger. Ich werde die Fernmeldebehörde
offiziell bitten, den Kandidaten freie oder kostengünstigere Sendezeiten anzubieten, die sich freiwillig an
die Ausgabenobergrenze halten. Der Äther ist ein
öffentliches Treuhandgut, und die Sendeanstalten
müssen uns auch bei diesen Bestrebungen zur
Stärkung unserer Demokratie unterstützen.

Seite 8

Unter der Führung von Vizepräsident Gore haben wir
die Zahl unserer Regierungsmitarbeiter um 300.000
verringert, 16.000 Seiten Vorschriften abgeschafft,
Hunderte von Programmen eingestellt und die Arbeit
praktisch jeder Regierungsbehörde verbessert. Aber
wir können noch mehr tun. Wie jeder Steuerzahler bin
ich empört über Berichte von Mißbrauch durch die
Finanzbehörde. Hier brauchen wir Veränderungen:
Neue Gremien zur Vertretung der Interessen unserer
Bürger, stärkeres Eintreten für den Steuerzahler,
telefonische Beratung rund um die Uhr. Vergangenes
Jahr verabschiedete das Repräsentantenhaus mit
überwältigender überparteilicher Mehrheit umfassende
Reformen der Finanzbehörde. Dieser Gesetzentwurf
darf nicht im Senat liegenbleiben. Heute bitte ich den
Senat: Folgen Sie dem Beispiel des Repräsentantenhauses und machen Sie die Verabschiedung des
überparteilichen Gesetzespakets zu Ihrem ersten
Tagesordnungspunkt.
Ich hoffe wirklich, daß ich vor dem Ende meiner
Ausführungen auch noch etwas finde, bei dem ich
sagen kann "Folgen Sie dem Beispiel des Senats",
damit ich keine Schwierigkeiten bekomme.
Eine Nation, die als Gemeinschaft lebt, muß alle ihre
Gemeinschaften schätzen. In den letzten fünf Jahren
haben wir uns dafür eingesetzt, den zündenden
Funken privaten Unternehmertums in unsere Innenstädte und armen ländlichen Gebiete zu bringen - mit
Gemeindeentwicklungsbanken, mehr Geschäftskrediten in armen Wohngegenden und der Beseitigung
von Altlasten auf verschmutztem Gelände, damit es
erschlossen werden kann. Unter der beständigen
Führung des Vizepräsidenten schlagen wir vor, die
Zahl der Wirtschaftsförderungszonen zu verdreifachen,
um Anreize für Investitionen in diesen Gebieten zu
geben.
Ferner sollten wir arme Familien stärker unterstützen,
damit sie sich ein eigenes Heim leisten können. Und
wir sollten den Bau von Häusern für einkommensschwache Familien mit steuerlichen Anreizen fördern.
Letztes Jahr ergriff dieser Kongreß entschiedene
Maßnahmen, um dem District of Columbia zu helfen.
Wir wollen unsere Entschlossenheit erneuern, unsere
Hauptstadt zu einer großartigen Stadt für alle zu
machen, die hier leben oder sie besuchen. Unsere
Städte sind lebhafte Zentren riesiger Einzugsgebiete.
Sie sind immer noch das Eingangstor für neue Einwanderer aus allen Kontinenten, die hierher kommen,
um ihren eigenen Amerikanischen Traum zu verwirklichen. Wir wollen sicherstellen, daß unsere
Städte stark ins 21. Jahrhundert gehen. Sie sind ein
sehr wichtiger Bestandteil unserer Zukunft.
Unsere Gemeinden sind nur so gesund, wie die Luft,
die unsere Kinder atmen, das Wasser, das sie trinken,
die Erde, die wir ihnen hinterlassen. Letztes Jahr

AMERIKA DIENST 02

�führten wir die schärfsten Kontrollen zur Bekämpfung
von Smog und Ruß ein, die es je gegeben hat. Wir
ergriffen Maßnahmen zum Schutz der Nationalparks
Yellowstone, Everglades und Lake Tahoe. Wir
räumten jeder Gemeinde größere Rechte zur Beschaffung von Informationen über die Giftstoffe ein, die
unsere Kinder gefährden. Erst gestern trat unser Plan
für Nahrungsmittelhygiene in Kraft, der die Verbraucher unter Nutzung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse vor Gefahren wie Colibakterien und Salmonellen
schützt.
Heute bitte ich Sie, mit mir eine neue Initiative zur
Reinhaltung des Wassers einzuleiten - weitreichende
Bestrebungen zur Säuberung unserer Flüsse, Seen
und Küstengewässer im Interesse unserer Kinder.
Unsere übergeordnete umweltpolitische Herausforderung am heutigen Abend ist das weltweite
Problem des globalen Klimawandels, der Erderwärmung - die sich zusammenbrauende Krise, die weltweites Handeln erfordert. Die große Mehrheit der
Wissenschaftler ist zu dem eindeutigen Schluß
gelangt, daß irgendwann im nächsten Jahrhundert
unser Klima gestört wird und unsere Kinder und Enkel
in Gefahr geraten, wenn wir die Treibhausgasemissionen nicht verringern. Im Dezember letzten Jahres war
Amerika weltweit führend bei der Erlangung eines
historischen Abkommens, das unsere Nation zur
Verringerung der Treibhausgasemissionen durch neue
Marktkräfte, neue Technologien und Energieeffizienz
verpflichtet. Es liegt an uns, jetzt und hier zu handeln.
Ich schlage Steuersenkungen sowie Forschungs- und
Entwicklungstätigkeit in Höhe von 6 Milliarden Dollar
vor, um Innovation, emeuerbare Energiequellen,
kraftstoffsparende Autos und energieeffiziente Häuser
zu fördern.
Jedes Mal, wenn wir im Interesse unserer Umwelt
gehandelt haben, sagten uns die Pessimisten, das
würde der Wirtschaft schaden. Nun, heute haben wir
die stärkste Wirtschaft seit einer Generation und die
sauberste Umwelt seit einer Generation. Wir haben
immer einen Weg gefunden, Umweltschutz und
Wirtschaftswachstum in Einklang zu bringen. Und das
werden wir auch beim Problem der Erderwärmung tun.

unsere Unterschiede nachzudenken, sondern muß
lauten, auf unseren gemeinsamen Werten aufzubauen.
Wir alle halten Familie und Glauben, Freiheit und
Verantwortung in Ehren. * ir alle wollen, daß unsere
Kinder in einer Welt aufwaci isen, in der sie die Chance
haben, ihre Begabungen voll zu entfalten.
Ich habe eine nationale Rasseninitiative ins Leben
gerufen, die uns helfen soll, unsere gemeinsamen
Interessen anzuerkennen und die ungleichen Chancen
zu überwinden, die uns von der Möglichkeit trennen,
ein Amerika zu werden. Zunächst müssen wir uns
bewußt machen, was noch überwunden werden muß.
Die Diskriminierung irgendeines Amerikaners ist
unamerikanisch. Wir müssen die Gesetze entschlossen durchsetzen, die Diskriminierung verbieten. Ich
bitte Sie um Ihre Hilfe, damit der Rückstand bei der
Kommission für Chancengleichheit am Arbeitsplatz
aufgearbeitet werden kann. 60.000 unserer Mitbürger
warten auf Gerechtigkeit, und wir sollten jetzt handeln,
damit ihr Warten ein Ende hat.
Wir sollten uns auch bewußt werden, daß die größten
Fortschritte, die wir bei der Gestaltung eines Amerikas
machen können, die Fortschritte sind, die wir im
Interesse aller Amerikaner, ungeachtet ihrer Rasse,
machen. Wenn wir allen Amerikanern die Tür zum
College öffnen, wenn wir das Verbrechen von unseren
Straßen verbannen, wenn wir allen Menschen einen
Arbeitsplatz anbieten, wenn alle Eltern die benötigte
Kinderbetreuung haben, dann tragen wir dazu bei, eine
Nation zu werden.
Wir in dieser Kammer und in dieser Regierung müssen
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um die
beständige amerikanische Herausforderung zu
bewältigen, ein Amerika zu schaffen. Wir werden
jedoch nur dann Fortschritte machen, wenn sich alle
Mitbürger - einschließlich aller Zuschauer zu Hause für diese Sache engagieren.

Schließlich bedeutet Gemeinde, den amerikanischen
Werten gemäß zu leben - dem weltweit vernommenen
Ideal, daß wir alle gleich geschaffen sind. Im Verlauf
unserer Geschichte haben wir dieses Ideal nicht immer
in Ehren gehalten und ihm nicht immer entsprochen.
Oft ist es einfacher zu glauben, unsere Unterschiede
seien wichtiger als unsere Gemeinsamkeiten. Es mag
einfacher sein, aber es ist falsch.

Wir müssen zusammen arbeiten, zusammen lernen,
zusammen leben, zusammen Dienst tun. In der
Schmiede des gemeinsamen Unternehmens können
alle Amerikaner jedweder Herkunft eine gemeinsame
Identität formen. Wir sehen das heute am Militär der
Vereinigten Staaten, am Peace Corps, am AmeriCorps. Wo Menschen aller Rassen und Herkunft bei
einem gemeinsamen Unternehmen zusammenkommen und eine faire Chance erhalten, leisten wir
gute Arbeit. Durch gemeinsame Werte, bedeutende
Chancen, ehrliche Kommunikation und Dienst an der
Gemeinschaft können wir verschiedene Menschen in
Freiheit und gegenseitigem Respekt einen. Wir sind
viele, aber wir müssen eins werden.

Was muß unsere Generation heute tun, damit Amerika
wirklich eine Nation wird? Unsere Vielfalt wird immer
größer. Glauben wir, daß wir eine Nation werden
können? Die Antwort kann nicht darin bestehen, über

In diesem Geist wollen wir den Blick auf das neue
Jahrtausend richten. Wie werden wir diesen Übergang
markieren? Er ereignet sich nur einmal alle tausend
Jahre. Dieses Jahr haben Hillary und ich das Jahr-

AMERIKA DIENST 02

Seite 9

�tausendprogramm des Weißen Hauses ins Leben
gerufen, um Kreativität und Innovation der Vereinigten
Staaten zu fördern und unser Erbe und unsere Kultur
bis ins 21. Jahrhundert zu bewahren. Unsere Kultur
lebt in jeder Gemeinde, und jede Gemeinde hat Orte
von historischem Wert, die unsere Geschichte als
Amerikaner erzählen. Wir sollten sie schützen. Ich
schlage eine Partnerschaft zwischen dem öffentlichen
und dem Privatsektor vor, um unsere Künste und
Geisteswissenschaften zu fördern und das Jahrtausend zu feiern, indem wir die großen und kleinen
Schätze Amerikas bewahren.
Während wir die Vergangenheit ehren, wollen wir uns
die Zukunft vorstellen. Halten Sie sich vor Augen, daß
sich der Gesamtvorrat an menschlichem Wissen jetzt
alle fünf Jahre verdoppelt. In den achtziger Jahren
entdeckten Wissenschaftler das Gen, das zystische
Fibrose verursacht - sie brauchten dazu neun Jahre.
Vergangenes Jahr lokalisierten Wissenschaftler das
Gen für die Parkinsonsche Krankheit - in nur neun
Tagen. In einem Jahrzehnt werden "Genchips" einen
Weg für die Prävention von Krankheiten während
eines ganzen Menschenlebens weisen. Bald werden
wir in der Lage sein, am Muttertag alle Telefongespräche über ein Faserkabel abzuwickeln, das nicht dicker
ist als ein menschliches Haar. Ein 1998 geborenes
Kind könnte im 22. Jahrhundert noch leben.
Heute schlage ich als Teil unseres Geschenks an das
Jahrtausend einen Forschungsfonds für das 21.
Jahrhundert für bahnbrechende wissenschaftliche
Untersuchungen vor - die größte Finanzspritze in der
Geschichte der nationalen Gesundheitsinstitute, der
nationalen Stiftung für die Wissenschaft und des
nationalen Krebsforschungsinstituts.
Wir haben bereits Gene für Brustkrebs und Diabetes
entdeckt. Ich bitte Sie um Unterstützung für diese
Initiative, damit unsere Generation endlich den Krieg
gegen den Krebs gewinnt und eine Revolution in
unserem Kampf gegen alle tödlichen Krankheiten
anfängt.
So wichtig dieser ganze wissenschaftliche Fortschritt
auch ist, wir müssen weiterhin sicherstellen, daß die
Wissenschaft der Menschheit dient und nicht umgekehrt. Wir müssen den Mißbrauch von Genversuchen
verhindern und sicherstellen, daß sie nur zum Wohle
aller Amerikaner gemacht werden. Und wir müssen
den ethischen Konsens der Wissenschafts- und
Religionsgemeinschaften ratifizieren und das Klonen
von Menschen verbieten.
Wir sollten die Menschen auf der ganzen Welt in die
Lage versetzen, den weiten Raum des Cyberspace zu
erforschen. Halten Sie sich vor Augen, daß bei
meinem ersten Bericht zur Lage der Nation nur eine
Hand voll Physiker das World Wide Web nutzten.
Buchstäblich nur eine Hand voll Menschen. Heute

Seite 10

surfen in Schulen, Bibliotheken, zu Hause und am
Arbeitsplatz jeden Tag Millionen und Abermillionen von
Amerikanern im Internet. Wir müssen Eltern die
notwendigen Mittel geben, damit sie ihre Kinder vor
ungeeignetem Material im Internet schützen können.
Wir müssen aber auch sicherstellen, daß wir das
explodierende globale Wirtschaftspotential des Internet
schützen. Wir können das Erforderliche tun und
trotzdem unsere Kinder schützen.
Zuerst bitte ich den Kongreß um Unterstützung für den
Aufbau der nächsten Internetgeneration. Es ist einfach
überlastet. Und die nächste Generation des Internet
wird tausendmal schneller sein als die jetzige.
Während wir diesen Cyberspace in einem neuen
Jahrhundert erkunden, erforschen wir auch neue
Grenzen im Weltraum. In ihrer gesamten Geschichte
hatte die Menschheit nur einen Platz, den sie ihre
Heimat nannte - die Erde. Anfang dieses Jahres,
1998, werden Männer und Frauen aus 16 Staaten
einen Standort im All errichten - die internationale
Weltraumstation.
Mit deren riesigen Ausmaßen
brechen Wissenschaftler und Ingenieure tatsächlich in
unbekannte Meere grenzenloser Geheimnisse und
unbeschränkter Möglichkeiten auf.
Und im Oktober wird ein echter amerikanischer Held ein kampferprobter Pilot von 149 Kampfmissionen und
einer fünfstündigen Weltraumfahrt, die die Welt
veränderte - ins All zurückkehren. Gute Reise, John
Glenn. John, mit Ihnen reisen die Hoffnungen der
Vereinigten Staaten. Und auf ihrer Uniform werden sie
wieder die amerikanische Flagge tragen, welche die
direkte Verbindung zwischen den Taten Amerikas in
der Vergangenheit und dem Mut Amerikas für die
Zukunft symbolisiert.
Vor nahezu 200 Jahren veranlaßte eine zerfetzte
Flagge, deren breite Streifen und helle Sterne noch
durch den Rauch der erbitterten Schlacht zu erkennen
waren, Francis Scott Key dazu, ein paar Worte auf den
Rücken eines Briefumschlags zu schreiben - Worte,
die unsere Nationalhymne wurden. Heute ist diese
Flagge zusammen mit der Unabhängigkeitserklärung,
der Verfassung und der Bill of Rights nicht weit von
hier entfernt zu besichtigen. Sie sind die Schätze
Amerikas, und wir müssen sie für alle Zeiten bewah-

Ich bitte alle Amerikaner um Unterstützung für unser
Projekt zur Restaurierung all unserer Schätze, damit
die Generationen des 21. Jahrhunderts die Bilder und
Worte sehen können, die den alten und beständigen
Ruhm Amerikas bilden - eines Amerikas, das mit
jedem Zeitalter weiter nach oben steigt, jeder Herausforderung die Stirn bietet, mit Menschen, die Großes
leisten und noch größere Chancen haben, die immer
die Weisheit und Stärke hatten, als eine Nation
zusammenzukommen - um die Chancen zu erweitern,

AMERIKA DIENST 02

�die Bedeutung unserer Freiheit zu vertiefen und die
"perfektere Union" zu bilden. Das soll unser Geschenk
an das 21. Jahrhundert sein.

Gott schütze Sie, und Gott schütze die Vereinigten
Staaten von Amerika,

* * * * *

AMERIKA DIENST 02

Seite 11

�GESELLSCHAFT
28.Januar 1998

Der Einsatz für die Bürgerrechte
Rede von Vizepräsident AI Gore

ATLANTA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident AI Gore am Martin Luther KingTag, einem Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten, am 19. Januar 1998 in Dr. Kings früherer Kirche, der
Ebenezer Baptist Church in Atlanta (Georgia) hielt.

Heute gedenken wir Martin Luther Kings und widmen
uns erneut seiner Arbeit. Vor 30 Jahren wurde in den
ersten Nachrufen auf Dr. King an das erinnert, was die
Brüder Josephs im 1. Buch Mose sagen: "Seht! Da
kommt dieser Träumer. Und nun kommt, und laßt uns
ihn töten und ihn in eine der Wassergruben werfen...
Dann laßt uns sehen, was aus seinen Träumen
werden wird."
30 Jahre später lautet die Frage immer noch: Was wird
aus Dr. Kings Traum?
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß einige der
modernen Apostel der Apathie Dr. Kings Worte jetzt
zur Untermauerung ihrer eigenen Überzeugung
zweckentfremden, der Kampf für Gerechtigkeit, in den
er uns führte, sei nahezu beendet und es sei an der
Zeit, daß unsere Politik - um ihre Worte wiederzugeben
- "farbenblind" werde.
Lassen Sie uns am Anfang beginnen: Was ist Rassismus? Ist es lediglich ein Gedankenfehler, eine falsche
Schlußfolgerung, die auf einer fehlerhaften Logik
basiert, welche - wenn sie erst einmal korrigiert wird aus der menschlichen Gesellschaft verbannt werden
kann? Oder ist es etwas Tiefergehendes und Machtvolleres, Bedrohlicheres und Dauerhafteres?
Dr. King lehrte uns, daß wir Menschen anfällig für die
Sünde des Rassismus sind. Als junger Mann studierte
er die Lehren des Theologen Reinhold Niebuhr, der
geschrieben hatte, es sei dumm, den Rassismus als
"bloßes Überbleibsel der Barbarei zu betrachten,
während er in Wirklichkeit eine Quelle ständiger
Konflikte im menschlichen Leben ist". Niebuhr kritisierte diejenigen, die "zu der falschen Schlußfolgerung

AMERIKA DIENST 02

gelangten,... rassische Vorurteile seien eine Form der
Ignoranz, die allmählich durch Aufklärung überwunden
werden könne. Rassische Vorurteile sind tatsächlich
eine Form von Irrationalität", äußerte er, "aber sie sind
nicht so kapriziös wie die modernen Universalisten
annehmen."
Wie kommt es, daß die menschliche Natur diese
ständige Anfälligkeit für die Sünde des Rassismus
schafft?
Erstens lehrt uns die Bibel mit den Worten des Apostels Johannes: "Wenn wir erklären: 'Wir haben keine
Sünde', führen wir uns selbst irre, und die Wahrheit ist
nicht in uns."
Die Bibel lehrt aber auch, daß wir die Fähigkeit haben,
das Gute über das Böse siegen zu lassen. Wir
müssen uns entscheiden. Mit den Worten einer
berühmten Hymne:
"Für jeden Menschen und jede Nation
kommt der Moment der Entscheidung
im Kampf zwischen Wahrheit und Lüge
für das Gute oder das Böse."
Darüber hinaus liegt es in der Natur des Menschen,
sich mit denen zusammenzuschließen, die wie wir
aussehen. Das steht auch schon in den Apokryphen
geschrieben.
Selbst wenn wir wissen, daß Vielfalt eine bereichernde
und edle Stärke ist und eine integrierte Gesellschaft
schafft, ist es dumm und naiv zu denken, unsere
Unterschiede würden verschwinden und keine Ansprüche mehr an uns stellen. Tatsächlich besteht

Seite 1

�unsere Herausforderung darin, unsere Unterschiede
zu würdigen und zu feiern, bevor wir sie überwinden
können, um die gemeinsame Basis zu finden, die wir
als Kinder Gottes haben.
Das heißt nicht, daß wir Unterschiede ignorieren. Das
wäre sehr gefährlich. John Hope Franklin lehrte, die
wichtigste Lektion seiner langen wissenschaftlichen
Tätigkeit sei, daß Rasse immer präsent ist. Es wäre
naiv, das Gegenteil vorzutäuschen. Wenn Rasse
entsprechend anerkannt wird und man vernünftig
damit umgeht, können Rassenschranken überwunden
werden.
Es ist jedoch alles andere als einfach, Unterschiede
anzuerkennen und zu feiern, während sie gleichzeitig
überwunden werden müssen. Denn Unterschiede
zwischen den Menschen lösen automatisch den
Impuls aus zu vergleichen und mögliche individuelle
Gefühle des Einzelnen von Unsicherheit, Alleingelassensein oder Verlust zu verstärken.
Warum hat Kain Abel umgebracht? Er fühlte sich
zurückgesetzt, weil Gott nicht so wohlwollend auf seine
Opfergaben blickte wie auf die von Abel. "So geschah
es,... daß Kain dann über Abel, seinen Bruder, herfiel
und ihn tötete."
Warum wurde Joseph in seinem farbenfrohen Mantel
von seinen Brüdern in eine Wassergrube geworfen
und dem Tode überlassen? Sie fühlten sich zurückgesetzt, weil ihr Vater zu ihnen ein anderes Verhältnis
hatte als zu Joseph. Warum bringen auf den Straßen
so viele junge Männer, die ein unerfülltes Leben führen
und eine geladene Pistole haben, ihre Brüder um? Sie
sagen uns immer wieder, ihre Brüder hätten sie
mißachtet. Und oft haben sie wirklich das Gefühl, ihre
Väter hätten sie mißachtet, da sie ihre Mütter und sie
im Stich ließen.
Wer sich schnell zurückgesetzt fühlt, hat oft ein
geistiges Vakuum in seinem Leben, weil er sich von
der Liebe Gottes abgeschnitten fühlt. Falsche Götter
bahnen sich einen Weg in die leeren Herzen dieser
Menschen. Diese suchen in primitiven Formen der
Gruppenidentifikation Achtung und den Sinn des
Lebens. Rivalisierende Gangs haben rivalisierende
Farben. Der kleine Unterschied zwischen einem
blauen und einem roten Halstuch hat zum sinnlosen
Verlust vieler Menschenleben geführt.
Was ist der Unterschied zwischen Hutus und Tutsis?
Ausländer, die Ruanda besuchen, können die beiden
kaum auseinanderhalten. Ihre kleinen Unterschiede
dienten jedoch als Auslöser für einen entsetzlichen
Völkermord.
Schauen Sie sich Bosnien an. Auch dort können
Außenseiter die einzelnen Volksgruppen nicht unterscheiden. Betrachten Sie sich Nordirland, den Nahen

Seite 2

Osten, Tschetschenien, Nagorny-Karabach sowie
Hunderte anderer Konflikte, mit denen die Landkarte
unserer zerrissenen Welt übersät ist. An all diesen
Orten haben geringfügige Unterschiede als Entschuldigung für eine Entfesselung des Bösen gedient,
das in der Seele des Menschen auf der Lauer liegt.
Manchmal scheint es tatsächlich so zu sein, daß die
Gewalt um so explosiver ist, je kleiner die Unterschiede sind. Zu Beginn dieses Jahrhunderts lehrte
uns unser größter Wissenschaftler, Albert Einstein,
daß sich die mächtigste und zerstörerischste Kraft auf
der Erde im kleinsten Teilchen - dem Atom - befindet.
Es ist für unsere Zukunft ebenso wichtig, unsere
Anfälligkeit für Rassismus unter Kontrolle zu bringen
wie das Atom unter Kontrolle zu halten.
Unsere Nation wurde auf der Basis eines hochentwickelten Verständnisses der menschlichen Natur
gegründet, das unsere Anfälligkeit für die Sünde in
Betracht zog. Aus diesem Grund haben wir ein
ausgewogenes Regierungssystem, eine Verfassung,
die weltweit den Menschen als Vorbild dient, die auf
der Suche nach Freiheit sind.
Einer unserer Gründerväter, James Madison, schrieb
folgende Worte: "So groß ist der Hang der Menschheit
zu gegenseitigen Animositäten, daß ... die frivolsten
und ausgefallensten Unterschiede ausreichen, ihre
unfreundlichen Leidenschaften anzustacheln und
äußerst gewalttätige Konflikte auszulösen.
Die
latenten Gründe ... sind in der Natur des Menschen
verborgen und können nicht beseitigt werden. Die
einzige Abhilfe besteht darin, die Auswirkungen zu
kontrollieren. Die Mehrheit muß unfähig gemacht
werden, Schemata der Unterdrückung einzuführen."
Während wir uns im Lauf unserer Geschichte für die
Vollendung unserer Union einsetzten, wurde unser
nationales Gewissen durch Sklaverei und andere
Symptome von virulentem Rassismus besudelt:
Als die Cherokee-Indianer gezwungen wurden, ihren
schicksalhaften Pfad der Tränen zu gehen. Als die
Amerikaner mexikanischer Herkunft gewaltsam von
ihren Farmen und Ranches vertrieben wurden. Als
irische Einwanderer auf der Flucht vor Hungersnot in
Boston Schilder mit der Aufschrift sahen "Kein Zutritt
für Hunde oder Iren". Als unschuldige und loyale
Amerikaner japanischer Herkunft zu Beginn des
Zweiten Weltkriegs gefangengenommen wurden, und
als den hispanischen Helden des Zweiten Weltkriegs die zur Beendigung des Holocaust von Millionen
europäischer Juden und des Massenmords an
Hunderttausenden von Chinesen beigetragen hatten ein Begräbnis auf Militärfriedhöfen in unserem Land
verweigert wurde.
Aber nach diesem Krieg, in dem Amerikaner jeder
rassischen und ethnischen Herkunft gemeinsam

AMERIKA DIENST 02

�gegen die rassistische Führung des nationalsozialistischen Deutschlands und des imperialistischen Japans
kämpften, wurden Minderheitengruppen ermutigt,
darauf zu drängen, daß Amerika unseren Werten
gemäß lebt. Thurgood Marshall war ein führender
Vertreter dieser Forderung in unseren Gerichten. Und
die von Dr. King angeführte Massenbewegung gab uns
die Chance, die Seele unserer Nation zu retten, und es
wurden viele Fortschritte gemacht.
Jetzt hören wir in Amerika jedoch Stimmen, die
argumentieren, der Kampf Dr. Kings sei beendet - und
wir wären im gelobten Land. Vielleicht lassen sie sich
vom bevorstehenden Beginn des neuen Jahrtausends
nur mitreißen und geben sich der Illusion hin, wenn der
Kalender das Jahr 2000 anzeigt, wäre der Mensch
perfekt.
Wer jetzt ein Ende der Maßnahmen zur Förderung der
Chancengleichheit fordert, behauptet, es seien so viele
Fortschritte erzielt worden, daß weitere Bestrebungen
nicht gerechtfertigt seien. Diese Menschen sind sich
jedoch nicht bewußt, daß die Geschichte des Rassismus sich über nahezu 400 Jahre erstreckt.
Als ich acht Jahre alt war, lebte ich mit meiner Familie
in Carthage (Tennessee) in einem kleinen Haus an der
Fisher Avenue, das an einem Hügel lag. Oben auf
dem Hügel stand ein großes altes Herrenhaus. Eines
Tages wechselte dieses seinen Besitzer, und die
Nachbarn wurden zu einer Hausbesichtigung eingeladen. Mein Vater sagte zu mir: "Komm, mein Sohn,
ich möchte Dir etwas zeigen." Und so gingen wir den
Hügel hinauf und betraten das Haus durch die Vordertür.
Anstatt sich wie die anderen Gäste im Salon, dem
reichverzierten Speisezimmer oder dem wunderbaren
Treppenhaus aufzuhalten, ging mein Vater mit mir in
den Keller und zeigte mir die dunklen Steinmauern und die kalten Eisenringe, die dort in Reih und Glied
an der Wand befestigt waren.
Eisenringe, um Sklaven zu fesseln.
Wir haben Ägypten verlassen, aber erzählen Sie mir
nicht, wir seien in Kanaan angekommen.
Sagen Sie mir nicht, unsere andauernde Anfälligkeit für
den Rassismus sei plötzlich verschwunden und wir
lebten jetzt in einer farbenblinden Gesellschaft.
Was würde Dr. King sehen, wenn er hier bei uns wäre,
aus dieser Kirche ginge und uns auf eine Besichtigungstour durch das Amerika des Jahres 1998
mitnehmen würde?
Ich glaube, Dr. King wäre stolz, daß wir in den vergangenen 30 Jahren das Gefälle zwischen den Einkommen der Schwarzen und Weißen um die Hälfte

AMERIKA DIENST 02

reduziert haben. Ich glaube aber auch, er würde uns
daran erinnern, daß schwarze und hispanische
Haushalte durchschnittlich immer noch nur ein Zehntel
des Einkommens weißer Haushalte haben.
Ich glaube, er wäre stolz, daß die Beschäftigungsrate
der Afroamerikaner auf dem höchsten, und die Armut
unter Afroamerikanern auf dem niedrigsten Stand in
der Geschichte ist. Dank Präsident Clinton profitieren
alle Amerikaner von einer stärkeren Volkswirtschaft.
Ich glaube aber auch, er würde uns daran erinnern,
daß Afroamerikaner ungefähr 62 Cents von jedem
Dollar verdienen, den ein weißer Amerikaner verdient.
Er würde uns daran erinnern, daß die Arbeitslosenquote der Schwarzen immer noch doppelt so hoch wie die
Arbeitslosenquote der Weißen ist.
Ich glaube, Dr. King wäre stolz, daß die Kluft zwischen
Schwarzen und Weißen, die ihren Abschluß an einer
weiterführenden Schule machen, praktisch nicht mehr
existiert - und mehr Afroamerikaner als je zuvor in der
Geschichte der Vereinigten Staaten zum College
gehen. Ich glaube aber auch, er würde uns daran
erinnern, daß die Rate der Schulabbrecher unter
Hispanoamerikanern immer noch acht Punkte höher
ist, kaum die Hälfte die weiterführende Schule beendet
und noch weniger zum College geht.
Ich glaube, wenn er heute hier wäre, wäre er stolz, daß
diese Administration mehr Schwarze, mehr Hispanier,
mehr Amerikaner asiatischer Abstammung und mehr
Indianer ins Kabinett, als Richter und in andere hohe
Positionen berufen hat als je zuvor in unserer Geschichte. Ich glaube aber auch, er würde uns daran
erinnern, daß Frauen an so vielen Orten und in so
vielen Berufen immer noch nicht in Führungspositionen
gelangen.
Ich glaube, er wäre stolz zu sehen, wie viel wir getan
haben, um Diskriminierung aus unseren Gesetzen zu
verbannen. Ich glaube aber auch, er würde uns
sagen, daß wir immer noch sehr viel tun müssen, um
Diskriminierung aus unseren Herzen zu verbannen.
Und ich glaube, er würde uns sagen, daß wir immer
noch sehr viel tun müssen, um die Gesetze in die
Praxis umzusetzen, die in unseren Büchern stehen.
Aus diesem Grund freue ich mich, heute bekanntgeben
zu dürfen, daß Präsident Clinton und ich im Rahmen
dieser Initiative zur Rassenfrage die größte Zunahme
bei der Durchsetzung unserer Bürgerrechte in nahezu
zwei Jahrzehnten vorschlagen. Durch neue Reformen
und ein verstärktes Engagement für die Durchsetzung
versuchen wir, Diskriminierung von vorneherein zu
verhindern und diejenigen zu bestrafen, die am
Arbeitsplatz, in der Ausbildung, bei der Wohnungsvergabe und Gesundheitsfürsorge Menschen diskriminieren oder den Zugang von Behinderten beschränken.

Seite 3

�Ich glaube, Dr. King wäre stolz darauf, wie vielfältig die
amerikanische Kultur geworden ist - Menschen aller
Rassen und ethnischen Zugehörigkeit hören die Musik
des anderen, lesen die Bücher des anderen, leben und
arbeiten zusammen. Ich glaube aber auch, er wäre
enttäuscht darüber, wie destruktiv und gefährlich ein
Teil unserer Kultur geworden ist - Pistolen, Drogen und
Gewalt gegen Frauen treten zu häufig an die Stelle von
Familie, Glaube und Gemeinschaft. Ich glaube, er
fände die Zahl zerrütteter Familien und das Versagen
zu vieler Väter, die Verantwortung für ihre Kinder zu
übernehmen, inakzeptabel. Ich denke, es würde ihm
das Herz brechen, wenn er die Zerstörung in so vielen
innerstädtischen Gemeinden sähe, in denen immer
noch Pappe vor den Fenstern und Türen einiger
Gebäude klebt, die vor drei Jahrzehnten in Wut und
Schmerz niedergebrannt wurden.
In dem Film "Grand Canyon" blickt der von Danny
Glover gespielte Darsteller über den verwüsteten Teil
von South Central Los Angeles und sagt: "So sollte es
nicht sein."
Vor 2000 Jahren erklärte Apostel Paulus, warum es so
ist: "Alle haben sich abgewandt, gemeinsam haben sie
Unrecht getan."
Daher ist es angemessen, daß wir uns an diesem Tag
auf all die Arbeit konzentrieren, die noch getan werden
muß.
Ich glaube, Dr. King würde uns auffordern, uns an die
Arbeit zu machen, und er wäre stolz darauf, daß sein
Geburtstag für Menschen aller Rassen, Glaubensrichtungen und Hautfarben ein Tag der nationalen
Versöhnung und des Dienstes am anderen ist. Ich
glaube aber auch, er wäre wirklich überrascht, daß
einige, die seine Agenda ablehnen, seine Worte und
Sätze im Munde führen, während sie versuchen,
Chancengleichheit zunichte zu machen.
Die Formulierung "das Wesen unseres Charakters"
erhält eine andere Bedeutung, wenn sie von Leuten
benutzt wird, die vorgeben, das sei alles, was wir für
eine farbenblinde Gesellschaft benötigen. Sie benutzen ihre Farbenblindheit wie ein Jäger den Sichtschutz
bei der Entenjagd. Sie verstecken sich hinter dieser
Formulierung und hoffen, daß wir - wie die Enten nicht hindurchsehen können.
Sie befürworten berufliche Gleichstellung, wenn
jemand so talentiert ist wie ein Fußballspieler, der aus
40 Metern Entfernung ein Tor schießt. Aber sie
befürworten Gleichstellung nicht, wenn jemand "nur"
das Potential zu einer Führungspersönlichkeit in seiner
Gemeinde hat und Menschen zusammenbringt oder
das Potential hat, Kinder zu unterrichten, die nach
Wissen hungern, oder Familien zu heilen, die medizinische Versorgung benötigen. Daher sage ich: Wir
erkennen Eure Farbenblindheit.

Seite 4

Amazing Grace rettete ein armes Wesen wie mich, das
farbenblind war, jetzt aber sehen kann.
Das Lukasevangelium erzählt uns von Jesu Reaktion
auf Menschen, die sich bewußt weigern, das Offenkundige vor ihren Augen zu sehen: "Wenn ihr eine
Wolke in westlichen Gegenden aufsteigen seht, sagt
ihr sogleich: 'Es kommt ein Sturm', und es wird so sein.
Und wenn ihr seht, daß Südwind weht, sagt ihr: 'Es gibt
eine Hitzewelle', und es trifft ein. Heuchler, das
Aussehen der Erde und des Himmels wißt ihr zu
beurteilen, doch wie kommt es, daß ihr diese besondere Zeit nicht zu beurteilen wißt?"
"Denn nicht wie der Mensch sieht, sieht Gott, denn der
Mensch sieht das, was vor dem Auge erscheint; Gott
aber, er sieht, wie das Herz ist."
Ich glaube, Gott hat einen Plan für die Vereinigten
Staaten von Amerika - und das seit der Gründung
unseres Landes.
Unsere Mission ist immer gewesen, die Sache der
Freiheit voranzubringen und zu beweisen, daß religiöse, politische und wirtschaftliche Freiheit das natürliche
Geburtsrecht aller Männer und Frauen sind, und daß
die Freiheit einen größeren Teil des menschlichen
Potentials freisetzt als jede andere Organisationsform
der menschlichen Gesellschaft.
Ich glaube in meinem tiefsten Inneren, daß unsere
Nation auch eine andere, eng damit in Zusammenhang
stehende Mission hat - die wir nicht ganz verstanden
haben, als wir jeden Sklaven als drei Fünftel einer
Person zählten - eine Mission, die wir am Vorabend
des schrecklichen Bürgerkriegs dunkel zu erahnen
begannen.
Ich glaube, daß Gott den Menschen unserer Nation
nicht nur eine Chance, sondern eine Mission gegeben
hat, um den Männern und Frauen auf der ganzen Welt
zu beweisen, daß Menschen unterschiedlicher rassischer und ethnischer Herkunft, aller Glaubensrichtungen und Überzeugungen nicht nur zusammen leben
und arbeiten, sondern sowohl sich selbst als auch
unsere gemeinsame Sache bereichern und veredeln
können.
Als Kinder haben wir in der Schule etwas über den
kleinsten gemeinsamen Nenner gelernt - Amerika ist
ungefähr der größte gemeinsame Nenner.
Aus diesem Grund liebte Dr. King dieses Land. Er
sprach oft von "der Herrlichkeit Amerikas, mit all ihren
Fehlern". Während des Busboykotts in Montgomery
sagte er zum Beispiel: "Wir haben nicht Unrecht.
Wenn wir Unrecht haben, dann hat die Verfassung der
Vereinigten Staaten Unrecht. Wenn wir Unrecht
haben, dann hat Gott der Allmächtige Unrecht."

AMERIKA DIENST 02

�Als das Oberste Bundesgericht dann die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln aufhob, sagte
Dr. King: "Das war kein Sieg für Farbige. Oh nein,
schmälert den Sieg nicht so. Das war ein Sieg für
Gerechtigkeit und Goodwill!"
Und von den Stufen des Lincoln Memorial inspirierte er
die Nation mit seinem Traum, daß Amerika "gemäß der
wahren Bedeutung seines Bekenntnisses leben wird".
Er war ein Patriot, der - wie viele von uns heute immer glaubte, daß Amerika in der Tat, mit Lincolns
Worten "die letzte, größte Hoffnung" der Menschheit
ist. Lassen Sie uns also ebenso wie wir diejenigen der
Apathie bezichtigen, die uns sagen, unsere Arbeit sei
getan, diejenigen verurteilen, die Haß auf Amerika
verbreiten - die Jünger der Teilung, die eine separatistische Philosophie predigen und Menschen anderer
Rasse als "Teufel" bezeichnen. Ihnen empfehle ich
die Worte von Dr. King: "Laßt uns nicht unseren Durst
nach Freiheit stillen, indem wir aus dem Becher der
Bitterkeit und des Hasses trinken."
Die Alternativen zu Bitterkeit und Haß sind Verständnis
und Einfühlungsvermögen. Und wir müssen uns der
Herausforderung gleichermaßen mit unseren Herzen
und unseren Köpfen stellen. Wir müssen, mit Niebuhrs
Worten, "jede Facette der Bildung und jede Ressource
der Religion" nutzen, um Verständnis und gegenseitigen Respekt zu fördern. Und in unseren Herzen
müssen wir Einfühlungsvermögen nähren.
1957 zitierte Dr. King Gandhi mit den Worten: "Die
Anziehungskraft der Vernunft kommt eher vom Kopf,
aber die Ergründung des Herzens kommt vom Leiden.
Es öffnet das innerste Verständnis des Menschen."
Dr. King sagte über seinen Ansatz zu der weißen
Mehrheit: "Im ganzen Süden muß der Neger an den
Punkt gelangen, an dem er zu seinem weißen Bruder

*

AMERIKA DIENST 02

sagen kann: Wir werden Deiner Fähigkeit, Leiden zu
verursachen, unsere Fähigkeit, das Leiden zu beenden, entgegenstellen. Wir werden Deiner physischen
Kraft die Kraft unserer Seele entgegenstellen. Wir
werden Dich nicht hassen, aber wir werden Deine
bösen Gesetze nicht befolgen."
Viele machten sich darüber lustig, daß er sich auf das
verließ, was er als die "Waffe des gewaltfreien Protests" bezeichnete. Aber die weiße Mehrheit begann
seine Menschlichkeit und die Gerechtigkeit seiner
Sache durch die "Kraft seiner Seele" zu verstehen.
Mein Glaube lehrt, daß die Welt durch die Bereitschaft
Jesu Christi verändert wurde, am Kreuz zu leiden.
Leiden verbindet uns und ermöglicht uns zu sehen,
was wir alle gemeinsam haben und was unsere
Aufgabe ist.
Im Matthäusevangelium sagte Jesus: "Du sollst den
Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen
und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen
Sinn. Dies ist das größte und erste Gebot. Das
zweite, ihm gleiche, ist dieses: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst."
Lassen Sie uns also nicht in unserer Wohltätigkeit
nachlassen, während wir die unvollendete Agenda von
Dr. King in Angriff nehmen. Lassen Sie uns seinen
Traum zu unserem Aktionsplan machen. Und erinnern
Sie sich stets an die Worte der Hymne, die er liebte:
"Für Christus gibt es nicht Osten oder Westen,
nicht Süden oder Norden,
sondern nur eine große Gemeinschaft der Liebe
auf der ganzen weiten Welt.
Reicht Euch die Hand, Jünger des Glaubens,
was immer Eure Rasse sein mag,
der meinem Vater als ein Kind dient,
wird sicher mit mir verwandt sein."

* * *

*

Seite 5

�USA-EUROPA

28.Januar 1998

Deutschland, Amerika und die Vollendung Europas
Rede von Botschafter John C. Kornblum

FREIBERG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 26. Januar 1998 bei der Atlantik Brücke hielt.

Ich freue mich, in einer Stadt mit einer so reichen
Tradition und Geschichte vor Ihnen eine Rede halten
zu dürfen. Dies ist mein erster Besuch in Freiberg.
Obwohl meine Verbindung zu Deutschland schon seit
ziemlich langer Zeit besteht, konnte ich aufgrund des
Kalten Krieges Teile Deutschlands auf dieser Seite der
Trennlinie nicht so gut kennenlernen wie die auf der
anderen. Aber seit meiner Ankunft in Deutschland im
August vergangenen Jahres habe ich viele Orte in den
neuen Bundesländern besucht. Das gab mir die
Gelegenheit, ein anderes und sich immer noch
veränderndes Deutschland zu entdecken.
Heute Abend möchte ich über Deutschland, Amerika
und die Vollendung Europas sprechen. Was verstehen wir unter der Vollendung Europas? Im umfassendsten Sinne verstehen wir darunter die Beendigung
der Abgrenzung Europas entlang einer unnatürlichen
und ahistorischen Ost-West-Trennlinie. Es bedeutet,
daß Orte, denen Demokratie und Pluralismus verwehrt
wurden, in Freiheit leben können. Und es bedeutet die
Ausweitung von Stabilität, so daß Nationen prosperieren können - sowohl politisch als auch wirtschaftlich.
Ich freue mich, dieses Thema in Sachsen anzusprechen, weil dies eines der ältesten regierten Gebiete
der Welt ist und Sie die Bedeutung von Demokratie
und Rechtsstaatlichkeit zu würdigen wissen.
Ich freue mich jedoch noch mehr, hier zu sein, weil ich
der Überzeugung bin, daß die neuen Bundesländer
eine wichtige Rolle bei der Überwindung der Teilung
Europas gespielt haben. Sie spielen auch bei der
Vollendung Europas eine wichtige Rolle.
Der Zusammenbruch des Systems, das Deutschland
und Europa so viele Jahrzehnte geteilt hat, erfolgte

AMERIKA DIENST 02

aufgrund des Muts und Optimismus von Menschen in
beiden Blöcken, daß die Demokratie überdauern
könnte und sollte. Der Fall der Berliner Mauer und die
Rufe "Wir sind das Volk" wurden weder von den auf
beiden Seiten massierten Armeen herbeigeführt, die
auf den Beginn des unvermeidlichen Krieges warteten,
noch durch ein mysteriöses, historisches Ende der
kommunistischen Idee. Die Berliner Mauer wurde
durch den ununterdrückbaren menschlichen Wunsch
nach Freiheit durchbrochen und dann niedergerissen.
Der Historiker John Lewis Gaddis hat die Revolutionen
von 1989 mit einer Verlagerung der tektonischen
Platten der Erde verglichen: Diese politischen Unruhen waren nur Manifestationen der zugrundeliegenden
Trends, die so viele Jahrzehnte lang unter der Oberfläche gehalten wurden. Ebenso wie ein Erdbeben
ausbricht, wenn der angestaute Druck zu stark wird,
waren die Revolutionen von 1989 Eruptionen nach den
Jahren der Massenfrustration in der gesamten Region.
Mit anderen Worten: Der Kalte Krieg war kein permanentes Merkmal der internationalen Landkarte. Er war
nicht unumkehrbar, wie die sogenannten Realpolitiker
manchmal argumentierten. Er war in der Tat eine
Anomalie.
Die Wiedervereinigung Deutschlands war ein sehr
bedeutendes Ziel der Vereinigten Staaten. Unser
Glaube an Ihre Zukunft war stets unerschütterlich.
Unser Beitrag zur Verwirklichung unserer gemeinsamen Vision war groß und entschlossen.
Im Dezember 1989 definierte Präsident Bush einen
Rahmen, der dem Prozeß Inhalt und ein Ziel verlieh.
Erstens wollte Bush, daß das deutsche Volk diese
Entscheidung selbst traf. Welche Entscheidung auch

Seite 1

�immer getroffen würde - sie würde respektiert. Er
erklärte auch, daß die Wiedervereinigung im Rahmen
des Prozesses der Mitgliedschaft Deutschlands in der
NATO und anderen europäischen Organisationen
erfolgen sollte. Er wollte, daß der Prozeß schrittweise
stattfand. Und schließlich wollte er, daß sich die
Wiedervereinigung auf der Grundlage der Prinzipien
von Helsinki vollzog. Diese Prinzipien gewährleisteten,
daß die Wiedervereinigung friedlich erfolgte und für
alle Beteiligten akzeptabel wäre.

definieren - die Vision eines zum ersten Mal in seiner
Geschichte in Demokratie und Frieden vereinten
Europas. Die Vision einer Welt, die durch die Methoden und Überzeugungen der Demokratie geeint ist.
Durch Toleranz, Vielfalt und Offenheit. Einer Welt, in
der den vielfältigen Herausforderungen der Gesellschaft und Technologie mit offenem demokratischem
Austausch begegnet wird. Einer Welt, in der die Völker
das Recht haben, ihre eigene Zukunft in Sicherheit und
Zusammenarbeit in die Hand zu nehmen.

Die Vereinigten Staaten unterstützen die Wiedervereinigung Deutschlands nach wie vor. In Anbetracht
der Entscheidung der Bundesregierung für Berlin wird
die Amerikanische Botschaft nächstes Jahr nach Berlin
umziehen.

Das ist die Vision von Europa, die Präsident Clinton in
seiner historischen Rede im Januar 1994 in Brüssel
darlegte. Der Präsident forderte die Integration ganz
Europas in eine demokratische Völkergemeinschaft.
Er sagte voraus, daß die Gemeinschaft mit den
Vereinigten Staaten zusammenarbeiten würde, um
eine euroatlantische Gemeinschaft von Nationen und
Völkern zu bilden, die sich der Bewahrung der Errungenschaften von Demokratie und der Befreiung
Europas von der ständigen Angst vor Konflikt verschrieben hatte, die die Geschichte dieses Kontinents
einen Großteil dieses Jahrhunderts kennzeichnete.

Im Privatsektor haben sich amerikanische Unternehmen als der größte Block ausländischer Investoren in
den neuen Bundesländern herauskristallisiert. Die
Aktivitäten amerikanischer Firmen bei der Beseitigung
von Altlasten und der Schaffung von Arbeitsplätzen in
Ostdeutschland waren bemerkenswert. Sie unterstreichen das amerikanische Engagement in Deutschland und verleihen den seit jeher getätigten amerikanischen Investitionen in Westdeutschland neuen
Schwung.
Die Investitionen von Dow Chemical in Leipzig haben
beispielsweise zur Ansiedlung zusätzlicher amerikanischer Familien dort geführt und der Internationalen
Schule neuen Schwung verliehen. Das ist ein Beispiel
für den Wirtschaftspfeiler der deutsch-amerikanischen
Beziehungen, der nicht nur Handel und Gewinne
hervorbringt, sondern auch persönliche Kontakte
zwischen Menschen und Familien. Ich kann mir kaum
einen besseren Weg vorstellen, um die deutschamerikanische Partnerschaft aufzubauen und zu
stärken.
Der neue Halbleiterbetrieb des amerikanischen
Konzerns Advanced Micro Devices (AMD) im Norden
von Dresden ist ein weiteres Beispiel für eine Investition, die Amerikaner in die neuen Länder gebracht
hat. Die Internationale Schule in Dresden wurde
übrigens von AMD gegründet.
Insgesamt haben seit der Wiedervereinigung über 240
amerikanische Firmen mehr als 12 Milliarden Dollar im
Ostteil Deutschlands investiert und Zehntausende von
Arbeitsplätzen geschaffen oder gesichert.
Hier in Freiberg unterhält die Bergakademie kooperative Beziehungen zu sechs amerikanischen Universitäten.
Das sind nur einige wenige Anzeichen, daß Deutschland und Amerika in einer unentbehrlichen Partnerschaft verbunden sind. Diese Partnerschaft gestattet
uns, gemeinsam eine neue strategische Vision zu

Seite 2

Wir haben bereits damit begonnen, die Grundlagen für
die Zukunft zu legen - durch unsere Unterstützung der
Bestrebungen zur Erweiterung der NATO und der
Europäischen Union. Hinzu kommt die Erfüllung des
Versprechens der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa. Diese Schritte erfolgten
nicht automatisch. Denken Sie nur an einige der
Debatten zu Beginn der neunziger Jahre: "NATO, was
nun?" war damals eine gängige Frage. Die Entscheidung für die Erweiterung wurde erst getroffen,
nachdem diese schwierige Diskussion zu dem Schluß
gelangte, daß eine erweiterte NATO bei weitem das
vielversprechendste Instrument sei, um die Stabilität
und Sicherheit Europas zu bewahren.
Ebenso wie die NATO hat die Europäische Union die
Notwendigkeit erkannt, die neuen Demokratien
einzubeziehen. So wie die Aussicht der NATOErweiterung die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat,
sich gegenseitig als potentielle Verbündete statt als
Gegner zu sehen, hat auch die Aussicht auf die EUMitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen
und manchmal schmerzlichen politischen Schritte zu
unternehmen, um ihre neuen Marktwirtschaften und
Rechtssysteme auf den richtigen Weg zu bringen.
Eine Orientierung nach außen wird der EU in den
kommenden Jahren am besten dienen. Das gilt nicht
nur für Zentraleuropa, sondern auch für die Türkei - ein
Land, das die strategische Entscheidung, sich nach
Westen zu orientieren, Anfang dieses Jahrhunderts
getroffen hat. Die Türkei und die EU haben gleichermaßen ein Interesse an der Stärkung ihrer Beziehungen. Und wir alle haben ein Interesse an der Entwicklung der Türkei als einem starken, wohlhabenden,
säkularen und demokratischen Staat.

AMERIKA DIENST 02

�Das letzte Jahrzehnt hat in unterschiedlicher Weise
gezeigt, wie sich Länder schnell umgestalten können.
Im Falle dessen, was wir einstmals als Osteuropa
bezeichneten, haben wir gesehen, wie autoritäre
Systeme zu Demokratien wurden - Länder, in denen
sich die Regierungen durch normale, demokratische
Mittel verändern.
Obwohl die Bilanz des Wandels unter den neuen
Demokratien positiv war, gab es auch negative
Beispiele des Wandels. Ich denke dabei an Bosnien,
ein Land, das von einer Aggression erfaßt wurde, wie
sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt
hatte. Das Atlantische Bündnis stellte sich der Herausforderung und setzte der Aggression ein Ende. Der
Fall Bosnien zeigt jedoch, wie schnell Stabilität Unordnung und Blutvergießen weichen kann. Wir
müssen unsere Methoden der Konfliktverhütung
verbessern und perfektionieren. Die OSZE ist eine
Ressource, die besser genutzt werden kann und sollte.
Sie sollte darauf hinarbeiten, den Ausbruch ethnischer
Spannungen und Gebietseroberungen zur Vergangenheit werden zu lassen.
Wir können alle dankbar sein, daß die Revolutionen
von 1989 mit nur wenig Blutvergießen stattfanden und
Demokratie und Stabilität zur Folge hatten. Aber
Demokratie und Stabilität sind nicht statisch; wir alle
müssen uns für ihren Erhalt einsetzen. Aus diesem
Grund ist die Integration dieser neuen Demokratien in
unsere wichtigsten europäischen und transatlantischen
Institutionen von entscheidender Bedeutung.
Aufgrund seiner geografischen Lage und seiner
Interessen ist Deutschland der natürliche Fürsprecher
und Partner der zentraleuropäischen Staaten, die sich
Europa jetzt wieder anschließen. Andere wichtige
Faktoren beinhalten Ihre Erfahrung hier in den neuen
Bundesländern mit Wiederbelebung und Erneuerung.
Diese gibt Deutschland besonders guten Einblick in die
Schwierigkeiten, mit denen diese neuen "marktwirtschaftlichen Demokratien" konfrontiert sind. An all
diesen Orten konzentrierte man sich während des
letzten Jahrzehnts vorwiegend auf dieselben oder
ähnliche Themen: Demokratisierung, Wirtschaftsreformen und Beseitigung der Altlasten, um nur einige
zu nennen.
Deutschlands führende Rolle in der Europäischen
Union, in der NATO und anderen wichtigen Institutionen macht es zu einem Schlüsselpartner für die
Staaten Zentraleuropas. Deutschland, Polen und
Dänemark leiteten vor kurzem ein Austauschprogramm für ihre Streitkräfte ein, das den Weg für ein
spezielles multinationales Korps innerhalb der NATO
ebnet. Diese Art von Einbeziehung und Interaktion ist
ein Multiplikator der Stabilität in Europa.
Sie ist aber auch ein großer Schritt zum Heilen alter
Wunden. Von besonderer Bedeutung sind die Bestre-

AMERIKA DIENST 02

bungen Deutschlands und Polens, neue Verbindungen
anzuknüpfen. Die neuen engen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen zeigten sich daran, daß
der polnische Außenminister Dariusz Rosati den
polnischen Nationalfeiertag am 3. Mai vergangenes
Jahr nicht in Polen, sondern in Deutschland feierte.
Das beweist, wie weit Polen und Deutschland bei der
Erneuerung ihrer Beziehungen gekommen sind.
Sachsen, Ungarn und die Tschechische Republik
unterhalten ebenfalls lebhafte Beziehungen mit
häufigen hochrangigen Besuchen aus beiden Ländern
hier in Sachsen.
Die Ausweitung von Stabilität und Wohlstand nach
Osten ist eine der größten Chancen der Berliner
Republik. Ebenso wie die Vereinigten Staaten vor
fünfzig Jahren Deutschland und dem übrigen Westeuropa durch den Marshallplan beim Wiederaufbau
nach dem Zweiten Weltkrieg halfen, hat Deutschland
als führendes Mitglied der wichtigsten Institutionen
Europas heute die Chance, zur Förderung von Sicherheit und Wohlstand im Osten beizutragen.
Die Vereinigten Staaten setzen sich auch für die
Ausweitung von Stabilität in dem neuen, geeinten
Europa ein. Amerikanische Unternehmen tätigen
große Investitionen in die Zukunft der Volkswirtschaften in ganz Zentraleuropa. Die US-Regierung
arbeitet in der baltischen Region darauf hin, daß
Estland, Lettland und Litauen die bestmöglichen
Kandidaten für unsere wichtigen multilateralen Institutionen werden. Wie wir in der am 16. Januar
unterzeichneten Charta über die Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und den baltischen
Staaten erklärten, haben die Vereinigten Staaten "ein
reales, profundes und dauerhaftes Interesse an der
Unabhängigkeit, Souveränität, territorialen Integrität
und Sicherheit" der baltischen Staaten. Kein Land
sollte aufgrund seiner Geschichte oder Geografie
diskriminiert werden. Das kann und sollte ein Leitprinzip sein, während wir uns für die Vollendung
Europas einsetzen, indem wir neue Nationen aus dem
Osten willkommen heißen.
Die Vereinigten Staaten sehen auch vielversprechende
Möglichkeiten in der regionalen Zusammenarbeit auf
Gebieten wie der Beseitigung von Altlasten, der
Bekämpfung des organisierten Verbrechens und
Drogenschmuggels. Es kann und sollte viele verschiedene gleichgerichtete Aktivitäten geben, um
regionale Kooperation zu stärken, und es werden
bereits große Fortschritte gemacht: Das deutschpolnisch-dänische Korps, der Rat der Ostseeanrainerstaaten, das Weimarer Dreieck und natürlich die
großen Dachorganisationen der regionalen Zusammenarbeit wie die OSZE.
Ich möchte hinzufügen, daß der menschliche Aspekt
dieser Bande für Amerikaner ebenso wichtig ist wie für
die Deutschen. Amerikaner haben einen natürlichen

Seite 3

�Hang, diese einst abgeschnittenen Teile Europas zu
erkunden. Viele Amerikaner haben dort ihre kulturellen Wurzeln. Nicht nur, daß 60 Millionen Amerikaner
deutscher Abstammung sind; Millionen andere haben
ihre Wurzeln in der jetzigen Tschechischen Republik,
der Slowakei, Polen, Ungarn und den baltischen
Staaten.
Diese Verbindungen bieten die Chance, die kulturellen
und historischen Reichtümer in diesen Teilen der Welt
wiederzuentdecken, die so lange von Kontakten
abgeschnitten waren. Die Wiederentdeckung und das
erneute Zusammenfügen der Teile Europas, die einst
voneinander getrennt waren, sowie der Kulturaustausch zwischen Zentral-/Osteuropa und Westeuropa
ist hier derzeit eine der interessantesten Entwicklungen. Europa und die Welt werden durch diese
Erfahrung bereichert.
Deutschland und Amerika arbeiten nicht nur zusammen, um die Errungenschaften der neuen Demokratien zu sichern, sondern auch, um auf globaler
Ebene Einfluß auszuüben. Zur Erlangung des Ziels
der Ausweitung von freiem Handel setzen wir uns für
gerechtere Wettbewerbsbedingungen ein: Wir wollen
der internationalen Wirtschaftsbestechung ein Ende
setzen - einer Praxis, die genau die Grundsätze
unterminiert, für die unsere Länder stehen. Wir haben
Fortschritte bei der Verringerung der Duplizität von
Tests gemacht, damit die Produkte für die Verbraucher
billiger werden. Und beim Klimagipfel von Kyoto
haben wir einen ersten wichtigen Schritt zur Bekämpfung des Klimawandels unternommen.
Innovation und neue Technologien sind die treibende
Kraft bei dem, was jetzt als die "neue Weltwirtschaft"
bezeichnet wird - ein Begriff, der Globalisierung
umfaßt, sich aber auch auf den neuen Kontext bezieht,
in dem Unternehmen auf der ganzen Welt Geschäfte
tätigen.
Die Veränderungen bei Handel und Technologie
haben jedoch nicht nur Auswirkungen auf unsere
Geschäftsbeziehungen. Sie beeinflussen auch unsere
Gesellschaften. Das Internet ist überall. Vor zwanzig
Jahren hätten die meisten sich nur sehr schwer
vorstellen können, daß wir von unserem Wohnzimmer
aus Verbindung zu Computern auf der ganzen Welt
aufnehmen können. Heute hingegen ist es schwierig,
sich vorzustellen, daß wir nicht die E-mail benutzen

* *

Seite 4

oder im Web surfen können.
sozialen Interaktion geworden.

Es ist Teil unserer

Daß unser Planet immer kleiner wird, hat auch Auswirkungen auf die Arbeit von jemandem wie mir.
Einmal können Informationen natürlich Grenzen
überschreiten und den Weg durch geschlossene
Gesellschaften nehmen. Wie jemand einmal sagte:
Wir sprechen nicht mehr von einer Revolution von
oben oder unten, sondern von einer Revolution von
außerhalb. Eine weitere Auswirkung ist, daß die
Bedrohungen der nuklearen Weiterverbreitung, die
Aktionen verbrecherischer Staaten und der Terrorismus ebenfalls näherrücken.
Diese Dinge bedrohen nicht nur einzelne Länder,
sondern die gemeinsame Lebensweise vieler Länder.
Die beste Verteidigung besteht darin, sich der Konstruktion zu bedienen, die die Lebensweise und
Interessen Deutschlands, der Vereinigten Staaten und
der übrigen transatlantischen Gemeinschaft verkörpert.
Dieses Gebilde besteht aus Organisationen wie der
NATO, der OSZE, der neuen transatlantischen Agenda
sowie einer Vielzahl bilateraler und persönlicher
Beziehungen und Freundschaften, die im Lauf der
Jahrzehnte aufgebaut wurden.
Abschließend möchte ich noch die Bedeutung der
deutsch-amerikanischen Partnerschaft für den Prozeß
der Umgestaltung und Erweiterung unserer Institutionen ansprechen. Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist ein großer Erfolg und ist selbstverständlich
geworden. Das bedeutet nicht, daß wir einander als
selbstverständlich hinnehmen sollten. Vielmehr heißt
es: Wir haben ein so hohes Maß an Verständigung, so
viele gemeinsame Ziele und Interessen, daß es
manchmal schwierig ist, von zwei verschiedenen
Einheiten zu sprechen.
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist die
treibende Kraft in der transatlantischen Welt. Ohne
unsere enge Zusammenarbeit wäre im vergangenen
Jahrzehnt vieles nicht erreicht worden. Zusammenarbeit ist für uns der Schlüssel zum Erfolg im nächsten
Jahrhundert.
Ich wünsche uns für die Zukunft weiterhin Erfolg sowie
die Kreativität und den Mut, die hierzu erforderlich sind.
Vielen Dank.

* *

*

AMERIKA DIENST 02

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Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 30.01.1998</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Lage der Nation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: USA haben die Macht und die Pflicht, ein neues Zeitalter des Friedens zu schaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht zur Lage der Nation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Einsatz für die Bürgerrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutschland, Amerika und die Vollendung Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;</text>
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Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Januar 1998

01

AUSSENPOLITIK

US-AUSSENPOLITIK 1997 UND 1998
Rede von Madeleine Albright

BOSNIEN

BOSNIER SOLLEN NEUES JAHRHUNDERT
MIT DER MUSIK DES FRIEDENS BEGINNEN
Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo

BOSNIEN BENOTIGT WEITERHIN
INTERNATIONALE SCHUTZTRUPPE
Bericht der Senatoren Levin und Reed

USA-EUROPA

BERLIN UND DIE VERVOLLSTÄNDIGUNG
EUROPAS
Rede von Botschafter Kornblum

HANDEL

SANKTIONEN GEGEN INVESTITIONEN
IM IRAN WEITERHIN IN KRAFT
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

NATO

DIE AUSWIRKUNGEN DER NATO AUF
DEMOKRATISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE
INSTITUTIONEN
von Joshua Muravchik

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
14.Januar 1998

US-Außenpolitik 1997 und 1998
Rede von Madeleine Albright

WASHINGTON - (AD) - 1997 war US-Außenministerin Madeleine Albright zufolge "ein sehr gutes Jahr" für die
amerikanische Außenpolitik. Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, in der sie am 13. Januar 1998 im Center
for National Policy eine Bilanz ihres ersten Jahrs als Außenministerin zieht.

Da dies meine erste Rede im neuen Jahr ist, möchte
ich eine Vorschau der außenpolitischen Agenda der
Vereinigten Staaten für 1998 geben. Zuvor möchte ich
jedoch das Jahr 1997 Revue passieren lassen. Ich
kann kaum glauben, daß erst zwölf Monate vergangen
sind, seit ich auf meine Bestätigung als Außenministerin durch den Senat gewartet habe.
Für mich war dies ein ganz besonderes Jahr: Nicht
nur, weil ich mich jetzt ganz der Diplomatie widmen
kann; sondern auch, weil ich in Baltimore die Baseballsaison eröffnete, in Asien erstmals seit meiner Schulzeit in der Öffentlichkeit singen durfte und erst letzten
Monat von einer amerikanischen Zeitschrift auf die
Liste der 25 interessantesten Leute gesetzt wurde zusammen mit einem geklonten Schaf.
Ich machte auch die Erfahrung, Briefe wie den zu
erhalten, der kürzlich in der The Washington Post
erwähnt wurde - von einer hochschwangeren Engländerin, die begeistert Kreuzworträtsel löste und nicht
wußte, wie Amerikas Außenministerin heißt. Und die
während der schmerzhaften Wehen plötzlich schrie,
ich hab's, es ist Madeleine Albright.
Glücklicherweise gab es auch viele Höhepunkte.
Denn trotz Enttäuschungen und Rückschlägen war es
ein sehr gutes Jahr für unsere Außenpolitik.
Dank der Unterstützung beider Parteien traten die
Vereinigten Staaten der Chemiewaffenkonvention als
Gründungsmitglied bei. Und angesichts der jüngsten
Ereignisse am Golf erweist sich unsere Führungsrolle
im Kampf gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen als lebenswichtig.

AMERIKA DIENST 01

In Europa lud die NATO neue Mitglieder zum Beitritt
ein und bereitete sich auf neue Missionen vor, während sie gleichzeitig eine historische Partnerschaft mit
Rußland und der Ukraine einging. In Bosnien verstärkten wir unsere Bestrebungen zur Umsetzung des
Daytoner Abkommens, damit der schwer verdiente
Friede Bestand hat und unsere Investitionen und Opfer
nicht vergeblich waren.
In Asien unterzeichneten wir mit Japan neue Verteidigungsrichtlinien. Wir begannen Vierparteiengespräche
zur Erlangung eines dauerhaften Friedens auf der
koreanischen Halbinsel. Wir intensivierten den Dialog
mit China, erzielten dabei Fortschritte bei Wirtschaftsund Sicherheitsfragen und beharrten weiterhin auf
unseren Grundsätzen bei den Menschenrechten, bei
denen Peking mehrere positive Schritte unternommen
hat, einschließlich der Freilassung von Wei Jingsheng.
Bei der Vorbereitung geplanter Besuche des Präsidenten in diesem Jahr eröffneten wir neue Kapitel in
unseren Beziehungen zu Lateinamerika, der Karibik,
Südasien und Afrika. Wir unternahmen einen entscheidenden ersten Schritt zu einer globalen Übereinkunft zur Bekämpfung des Klimawandels. Wir setzten
uns für die Verbesserung des Status der Frau ein und
stellten diese Anstrengungen in den Mittelpunkt der
amerikanischen Außenpolitik, wo sie hingehören. Wir
schufen die Grundlage für die dringend benötigte
Neuorganisation unserer außenpolitischen Institutionen. Und wir machten Fortschritte bei der Wiederherstellung eines überparteilichen Konsenses über die
Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei internationalen Angelegenheiten, wie die seit Jahren erste
Aufstockung der für internationale Programme vorgesehenen Mittel zeigt.

Seite 1

�Wir beginnen 1998 also aus einer Position der Stärke
heraus. Unsere Wirtschaft boomt, unsere Bündnisse
sind stark, unser Militär ist das beste, und unsere
demokratischen Werte werden von mehr Menschen
auf der Welt übernommen als je zuvor.
Die Erfahrung warnt uns jedoch, daß der Lauf der
Ereignisse weder vorhersehbar noch reibungslos ist.
Und angesichts der Schnelllebigkeit unseres Zeitalters
wissen wir, daß neue Bedrohungen unserer Sicherheit
und unseres Wohlstands mit der Geschwindigkeit des
21. Jahrhunderts entstehen können.
Entsprechend müssen und werden wir unsere Wachsamkeit am Golf aufrechterhalten, damit Saddam
Hussein nie wieder die irakischen Nachbarn mit
Aggression oder die Welt mit Massenvernichtungswaffen bedrohen kann. Bevor ich heute Morgen
hierher kam, rief mich Außenminister Primakow an, um
mit mir über die Vorgänge im Irak zu sprechen. Es ist
von elementarer Bedeutung - der Präsident äußerte
das gestern, und wir werden nicht müde, es zu
wiederholen - daß der UN-Sicherheitsrat letzten Endes
den bedingungslosen Zugang der UNSCOM erreicht.
Es ist absolut unerläßlich, daß Saddam Hussein die in
den Resolutionen des Sicherheitsrats enthaltenen
Verpflichtungen erfüllt und in Bezug auf Massenvernichtungswaffen wahrheitsgemäße Angaben macht.
Wir müssen wissen, welche Waffen er hatte und
welche Potentiale er hat, und wir müssen Zugang dazu
erhalten. Die UNSCOM muß bedingungslosen und
ungehinderten Zugang zu allen Lagerstätten erhalten.
Meiner Ansicht nach dürfen wir nicht vergessen, daß
das vom Sicherheitsrat unterstützte Regime und die
verhängten Sanktionen das umfassendste Sanktionsregime in der Weltgeschichte darstellen. Es hat nicht
zum Ziel, das irakische Volk zu bestrafen. Dieses liegt
uns am Herzen, und tatsächlich haben wir eine
Resolution eingebracht die sicherstellt, daß Saddam
Hussein dem irakischen Volk humanitäre Hilfe und das
Lebensnotwendige zukommen läßt.
Es ist jedoch unabdingbar, daß Saddam Hussein seine
Verpflichtungen erfüllt und keine Bedrohung der
Region darstellt. Aus diesem Grund werden wir
weiterhin wachsam und entschlossen sein und keine
Option ausschließen.
Im Nahen Osten werden wir darauf hinarbeiten, daß
dieses Jahr entscheidende Schritte zu dauerhaftem
Frieden unternommen werden. Ich weiß, daß der
Präsident das bei seinen Treffen kommende Woche
mit Ministerpräsident Netanjahu und dem PLO-Vorsitzenden Arafat deutlich machen wird.
Wir werden nach Gelegenheiten Ausschau halten,
unsere wichtigsten bilateralen Beziehungen in jeder
Region und auf jedem Kontinent zu stärken. Und wir
werden weiterhin mit den betroffenen Regierungen,

Seite 2

dem IWF, der internationalen Staatengemeinschaft und
dem Privatsektor an der dringenden Wiederherstellung
des erschütterten Vertrauens in die geplagten Volkswirtschaften Ostasiens zusammenarbeiten.
Angesichts der engen Verflechtung der Weltwirtschaft
liegt die Wiederherstellung von Vertrauen und Finanzstabilität in Asien in unserem langfristigen Wirtschaftsund Sicherheitsinteresse. Aus diesem Grund hat der
Präsident auf die derzeitige Finanzkrise mit der
entschiedenen Unterstützung der jüngsten Initiativen
des IWF in Asien und der Verpflichtung reagiert,
gemeinsam mit anderen Mitgliedern der internationalen
Gemeinschaft notfalls einen Eventualfonds bereitzustellen.
Wir haben betont, daß die erfolgreiche Wiederherstellung des Vertrauens in die Märkte sowie zukünftiges Wachstum und Entwicklung in Ostasien von der
entschlossenen und dauerhaften Durchführung von
Wirtschaftsreformen abhängen.
Diese Reformen
umfassen Maßnahmen zur Marktöffnung, die Umstrukturierung des Finanzsektors und größere Transparenz bei Investitionen.
In der kommenden Woche werde ich mich eingehender mit diesen und anderen Fragen befassen. Heute
Morgen möchte ich jedoch vier Fragen ansprechen,
die dieses Jahr die amerikanische Führungsrolle im
Kapitol auf die Probe stellen werden. 1998 wird ein
Jahr der Entscheidungen, und die von uns in Zusammenarbeit mit dem Kongreß getroffenen Entscheidungen werden viel dazu beitragen, unseren
Kurs für das nächste Jahrhundert festzulegen.
Eine Entscheidung betrifft die Frage, ob der Kongreß
die fortgesetzte Implementierung des Daytoner
Abkommens unterstützen wird. Kurz vor Weihnachten
reiste ich mit Präsident Clinton, Senator Dole und
Mitgliedern des Kongresses nach Bosnien, um unsere
Truppen zu besuchen und offene Gespräche mit den
Politikern vor Ort zu führen. Wir fanden eine Nation
vor, die weiterhin tief gespalten ist, seit den Tagen der
ethnischen Säuberungen und des ständigen Artilleriefeuers jedoch große Fortschritte gemacht hat. Die
Infrastruktur des Friedens nimmt langsam Gestalt an,

und der Versöhnungsgedanke faßt Fuß.
Das bosnische Volk und seine Partner haben für
dieses Jahr eine lange Tagesordnung: Stärkung der
multiethnischen Institutionen, die jetzt zu funktionieren
beginnen; Hilfe für die heimkehrenden Flüchtlinge;
Förderung der örtlichen Wirtschaft, die sich jetzt zu
erholen beginnt; Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals, das im Dienste der Gerechtigkeit und der
Wahrheitsfindung Präsenz zeigt.
Während die Elemente eines neuen Bosniens zusammengefügt werden, mehren sich die Anzeichen,
daß der Frieden erhalten wird, wenn wir dort bleiben.

AMERIKA DIENST 01

�Wenn wir jedoch jetzt abziehen, wie manche fordern,
wird das Vertrauen, das wir aufbauen, ausgehölt,
werden die auf tönernen Füßen stehenden Institutionen der Demokratie unter Beschuß geraten, die den
Haß Schürenden ermutigt, und eine Rückkehr zu Krieg
und möglicherweise erneutem Genozid wird wahrscheinlich.
Das würde die Fortschritte zunichte machen, bei
denen die Amerikaner den Bosniern geholfen haben
und die Opfer abwerten, die von unseren Soldaten,
Diplomaten und Privatleuten gebracht wurden. Es
würde die amerikanische Führungsrolle in der NATO
unterminieren, die für unsere nationale Sicherheit von
entscheidender Bedeutung ist. Und es würde diejenigen in ganz Bosnien im Stich lassen, die an die
Demokratie glauben und ihr Vertrauen in die Vereinigten Staaten setzen.
Es ist nicht die amerikanische Art, sich einfach davonzumachen. Die Mission in Bosnien sollte den Zeitplan
bestimmen, nicht umgekehrt. Und wie der Präsident
vergangenen Monat darlegte, muß diese Mission
erfüllbar sein und konkrete Bezugsgrößen statt einem
Stichtag haben. Wir wollen in Partnerschaft mit
unseren Verbündeten und in Zusammenarbeit mit den
Menschen in Bosnien alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um ein Klima dauerhafter Sicherheit zu
schaffen, damit unsere Truppen, wenn sie Bosnien
verlassen, das für immer tun.
Die Bestrebungen zur Schaffung von Frieden in
Bosnien unter der Schirmherrschaft der NATO stellen
einen zweiten wichtigen Test für 1998 dar. Der Senat
muß der vorgeschlagenen Erweiterung des Bündnisses zustimmen - vielleicht dem treuesten Freund,
den der Frieden je hatte.
Die NATO erweist sich seit fünf Jahrzehnten nicht als
Instrument des Krieges - obwohl ihre Fähigkeit zur
Abwehr von Aggression weiterhin einzigartig ist sondern als Garant des Friedens. Seit der Gründung
der NATO hat es keine Nation gewagt, ein NATOMitglied in Europa anzugreifen. Durch die Aufnahme
von Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik in
das Bündnis werden wir das Gebiet in Europa vergrößern, in dem es einfach keine Kriege gibt. Und wir
werden drei neue Verbündete in den Dienst des
Friedens stellen, die den Grundsätzen der NATO
verpflichtet und bereit sind, einen Beitrag zu Frieden
und Sicherheit auf dem Kontinent zu leisten.
Wir werden auch weiterhin einen starken Anreiz für die
Nationen Zentral- und Osteuropas bieten, echte
Demokratien aufzubauen, Menschenrechte zu respektieren und seit langem schwelende ethnische und
territoriale Streitigkeiten beizulegen.

Rumänen und Ungarn nach Jahrhunderten der
Feindschaft Freunde werden, wenn ich sehe, wie
Polen, Ukrainer und Litauer gemeinsame Militäreinheiten bilden, wenn ich sehe, wie Tschechen und
Deutsche Jahrzehnte des Mißtrauens überwinden und
Zentraleuropäer ihre politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen zu Rußland verbessern, dann weiß ich,
daß die Strömungen der Geschichte in eine Richtung
gehen, die uns alle mehr Sicherheit geben wird.
Die vom Senat in diesem Frühjahr zu treffende Entscheidung ist, ob die NATO-Erweiterung abgelehnt
werden und man das Bündnis so belassen soll, daß es
einen Feind bekämpfen kann, der nicht länger existiert;
oder ob die amerikanische Führungsrolle in einer
neuen NATO bekräftigt werden soll - gestützt durch
neue Demokratien, von dauerhaften Prinzipien getragen und auf die Abwehr und Bekämpfung neuer
Bedrohungen ausgerichtet.
Ich hoffe und glaube, daß der Senat mit der Unterstützung der Politiker beider Parteien und mit der Ermutigung durch das amerikanische Volk die richtige
Entscheidung treffen wird - und die Fortsetzung der
NATO-Erweiterung gestattet.
Der dritte Test für die Legislative im Jahr 1998 ist die
Frage, ob wir unsere Schulden bei den Vereinten
Nationen und dem Internationalen Währungsfonds
bezahlen. Das ist wichtig, denn die Vereinigten
Staaten können nicht jedes uns betreffende Problem
alleine lösen - noch wollen wir es versuchen. Wir
nutzen internationale Organisationen zur Bewältigung
von Herausforderungen, die weit über unsere Grenzen
hinausgehen und um sicherzustellen, daß andere
einen gerechten Anteil der Kosten und Risiken tragen.
Und es besteht kein Zweifel, daß wir in diesen Organisationen ernsthaft tätig sind.
Während wir reden, versuchen UN-Inspektoren die
Täuschungs- und Behinderungsmanöver bezüglich
des irakischen Programms für Massenvernichtungswaffen zu überwinden. Der IWF spielt eine zentrale
Rolle bei den Bemühungen zur Beendigung der
Finanzkrise in Ostasien. Und um Erfolg zu haben,
benötigt der IWF die erforderlichen Ressourcen zur
Einführung von Reformen, Wiederherstellung der
Stabilität und Ankurbelung erneuten Wachstums.
Gleichzeitig versuchen internationale Organisationen
auf der ganzen Welt, Landminen zu räumen, Völkermord zu bestrafen, Menschenrechte zu fördern,
Krankheiten zu verhindern, die Hungernden zu
ernähren, die Ausbeutung von Kindern zu beenden,
frühzeitig vor Wirbelstürmen zu warnen und sicherzustellen, daß die Rechte und Sicherheit derjenigen
gewahrt werden, die reisen oder Geschäfte in Übersee
tätigen.

Ich bin sowohl ein Produkt als auch eine Studentin der
europäischen Geschichte. Und wenn ich sehe, wie

AMERIKA DIENST 01

Seite 3

�Die Tatsache, daß wir mit unseren Zahlungen an diese
Organisationen so weit im Rückstand sind, schadet
den Vereinigten Staaten. Sie erschwert es ihnen, die
Programme durchzuführen, die unseren Interessen
dienen, sie unterminiert unsere Vorschläge, diese
Programme effizienter zu machen. Und sie ist eine
Einladung für potentielle Gegner, Amerika schlecht zu
machen.
Aus diesem Grund waren wir sehr erfreut, als wir im
vergangenen Jahr die Unterstützung beider Parteien
für eine Gesetzesvorlage erhielten, die der Erfüllung
unserer Verpflichtungen entgegengekommen wäre.
Bedauerlicherweise wurde die endgültige Verabschiedung des Gesetzentwurfs von einer kleinen Gruppe
von Mitgliedern des Repräsentantenhauses blockiert nicht weil sie gegen die Gesetzesvorlage waren oder
glaubwürdige Argumente gegen sie vorbringen
konnten, sondern weil sie ein Faustpfand der Legislative haben wollten. Und als Preis für die Freigabe des
Faustpfands und die Zustimmung zu dem Gesetzentwurf bestanden sie darauf, daß die Administration
ihrer damit überhaupt nicht in Zusammenhang stehenden Position zu internationalen Bevölkerungsprogrammen zustimmt.
Das Opfer dieser Erpressung der Legislative ist das
amerikanische Volk. Denn wenn wir unsere Schulden
bei den Vereinten Nationen nicht bezahlen, unterminiert das unseren Stand ebenso wie das Infragestellen
der Befugnis des Sicherheitsrats durch Saddam
Hussein. Und es schadete unserer Glaubwürdigkeit
gerade dann, als die Generalversammlung über einen
Plan abstimmte, der unsere vom UN-System festgesetzten Beiträge um rund 100 Millionen Dollar pro Jahr
hätte verringern können.
1998 werden wir auf der Freigabe des Faustpfands
bestehen, damit die Mitglieder zu diesem Thema um
seiner selbst willen abstimmen können. Schließlich ist
das beste Amerika eine Führungsmacht, nicht ein
Schuldner. Als Mitglieder einer Organisation, an deren
Aufbau wir beteiligt waren, haben wir eine Verpflichtung, die Vorschriften einzuhalten, die wir mit verfaßt
haben sowie die Ziele von Rechtsstaatlichkeit, Frieden
und Wohlstand zu fördern, die Amerikaner aus tiefstem
Herzen unterstützen.
Als ich diesen Teil der Rede nochmals gelesen habe,
kam mir das Ganze so absurd vor, daß ich mir nicht
vorstellen kann, diesen Plan weiterhin als Faustpfand
zu halten und Amerika damit weiterhin zu schaden. Es
ist wirklich lachhaft.
Ein vierter Test der außenpolitischen Führungsrolle in
diesem Jahr ist, ob der Kongreß dem vorgeschlagenen
Gesetz über Wachstum und Chancen in Afrika zustimmt. Hierbei handelt es sich um eine von der
Administration unterstützte Initiative des Kapitols, mit

Seite 4

der ein neuer amerikanischer Ansatz zu einem neuen
Afrika formuliert werden soll.
Während meines jüngsten Besuchs auf diesem
Kontinent war ich beeindruckt von den Möglichkeiten,
die sich für eine Integration Afrikas in die Weltwirtschaft, für den Aufbau von Demokratie, die Überwindung der schrecklichen Konflikte, die die Region
heimsuchen und die gemeinsame Reaktion auf globale
Bedrohungen ergeben haben.
Die afrikanischen Länder, die unseres Erachtens
unsere Hilfe am meisten verdienen, sind diejenigen,
die das meiste tun, um sich selbst zu helfen. Und die
nützlichste Hilfe, die wir bieten können, ist die Art von
Hilfe, die es den Volkswirtschaften ermöglicht, dank
offener Märkte, größeren Investitionen, zunehmendem
Handel und der Aneignung der Qualifikationen des 21.
Jahrhunderts auf eigenen Füßen zu stehen.
Dies ist offensichtlich keine vollständige Liste der
außenpolitischen Tests, mit denen sich der Kongreß
und die Administration in den kommenden Monaten
konfrontiert sehen. Wir werden versuchen, die
erforderlichen Mittel zu erhalten, um den Amerikanern
die diplomatische Führung zu geben, die sie verdienen, indem wir Programme unterstützen, die von der
Inspektion nordkoreanischer Nukleareinrichtungen
über die Bekämpfung des Drogenhandels bis zur
Ausbildung von Freiwilligen des Peace Corps für den
Schutz der globalen Umwelt reichen.
Wir werden mit dem Kongreß zusammenarbeiten um
sicherzustellen, daß der Präsident die nötigen Instrumente zur Förderung von Wohlstand in den
Vereinigten Staaten durch die Öffnung von Märkten
und den Abbau von Handelshemmnissen hat. Wir
werden den Kongreß bitten, dem Gesetz über die
Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Chemiewaffenkonvention zuzustimmen, und den Senat, Verträge
wie den über ein umfassendes Atomtestverbot, die
Seerechtskonferenz und die Konvention zur Abschaffung aller Formen von Diskriminierung der Frau
zu verabschieden.
Wir werden versuchen zu gewährleisten, daß das
gesamte Spektrum amerikanischer Interessen durch
Gesetze geschützt wird, die entscheidende Beziehungen wie die zu Rußland und China betreffen. Wenn
nötig, werden wir um die Zustimmung des Kongresses
zu unseren außenpolitischen Reorganisationsplänen
bitten. Vor allem werden wir darauf hinarbeiten, die
überparteiliche Unterstützung für eine gezielte amerikanische Führungsrolle mit hohen Grundsätzen zu
erhalten.
Der Geist der Überparteilichkeit in der amerikanischen
Außenpolitik war vielleicht nie sichtbarer und lebenswichtiger als 1948 - vor genau einem halben Jahrhundert. Es war ein äußerst politisches Jahr, in dem

AMERIKA DIENST 01

�ein erbitterter Präsidentschaftswahlkampf stattfand.
Dennoch kamen in jenem Jahr ein demokratischer
Präsident und ein republikanischer Kongreß zusammen, um den Marshallplan zu genehmigen, das
Fundament der NATO zu legen, zur Gründung der
Organisation Amerikanischer Staaten beizutragen, den
neugegründeten Staat Israel anzuerkennen, Griechenland und der Türkei bei ihrem Kampf behilflich zu sein,
auf der Seite der Freiheit des Eisernen Vorhangs zu
bleiben und während der Berlin-Blockade mit der
Luftbrücke rund um die Uhr Hilfsgüter zu liefern.
Außenminister Marshall bezeichnete diese Bilanz als
eine brillante Demonstration der Fähigkeit des amerikanischen Volkes, der großen Verantwortung seiner
neuen Position in der Welt gerecht zu werden.
Einige sagen, die Amerikaner hätten sich verändert,
wir seien jetzt zu sehr mit uns selbst beschäftigt und zu
selbstgefällig, um eine vergleichbare Verantwortung zu
übernehmen. Im Jahr 1998 haben wir die Chance zu
beweisen, daß die Zyniker Unrecht haben. Und ich bin
sicher, daß wir das tun werden.
Von den Straßen Sarajevos über die koreanische
entmilitarisierte Zone bis zu den Dorfplätzen in Afrika,
den Klassenzimmern in Zentralamerika, den Sitzungssälen in Zentraleuropa und den Gerichtssälen in Den
Haag wird der Einfluß der amerikanischen Führungsrolle in der Welt so stark gespürt wie eh und je. Das ist

*

AMERIKA DIENST 01

nicht das Resultat einer bestimmten außenpolitischen
Theorie. Es ist ein Spiegelbild des amerikanischen
Charakters.
Wir Amerikaner haben einen enormen Vorteil vor
vielen anderen Ländern, weil wir wissen, wer wir sind
und was wir glauben. Wir haben ein Ziel. Und wie die
Piloten eines Flugzeugs, die aus Erfahrung wissen,
daß ihre Instrumente sie nach Hause zurück geleiten,
und wie der Glaube eines Bauern, daß der Regen
seine Saat wachsen läßt, glauben wir, daß wir Erfolg
haben werden, wenn wir unseren Prinzipien treu
bleiben.
Lassen Sie uns dann diesem Glauben Ehre erweisen.
In diesem Jahr der Entscheidungen wollen wir der
Versuchung der Selbstgefälligkeit widerstehen und nicht mit Klagen, sondern Begeisterung - die von
unseren Vorfahren geschaffene Führungsrolle übernehmen. Lassen Sie uns Macher, nicht Zweifler sein.
Lassen Sie uns zuversichtlich sein, daß die Werte die
richtigen sind, die Amerikaner von Valley Forge bis zur
Operation Wüstensturm überleben ließen. Daß wir die
Versprechungen unserer Zukunft verwirklichen werden
und frei und respektiert, wohlhabend und in Frieden in
das neue Jahrhundert eintreten, wenn wir dem Vermächtnis unserer Vergangenheit gerecht werden.
Ich verspreche, das Meine dazu beizutragen, und bitte
Sie, das Ihre zu tun. Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 5

�BOSNIEN
14.Januar 1998

Bosnier sollen neues Jahrhundert
mit der Musik des Friedens beginnen
Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo

SARAJEVO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton bei seinem vorweihnachtlichen
Kurzbesuch in Bosnien am 22. Dezember 1997 im Nationaltheater gehaltene Rede an die Bevölkerung von
Sarajevo.

Meine Damen und Herren, ich danke dem Philharmonieorchester von Sarajevo, den Präsidenten Izetbegovic und Zubak, den Mitgliedern der bosnischen
Regierung, den hier anwesenden Religionsvertretern,
den Mitgliedern von zivilen und Freiwilligenorganisationen aus der ganzen Welt, den amerikanischen
Delegationsmitgliedern, Senator Dole und seiner
Gattin, den amerikanischen Kongreßabgeordneten,
den Generälen Shelton, Clark und Shinseki, den
Einwohnern von Sarajevo und den Bürgern von
Bosnien.
Für uns Amerikaner ist es eine große Ehre, hier zu
sein und uns nach langer Dunkelheit in der Morgendämmerung zu versammeln. Für uns ist dies eine
festliche Zeit, und wir sind dankbar, daß der Wunsch
nach Frieden über die Waffen des Krieges triumphiert
hat. Am Vorabend des 21. Jahrhunderts fassen wir
hier den Beschluß, ein neues Zeitalter zu gestalten,
das frei von den schlimmsten Momenten des 20.
Jahrhunderts und voller wunderbarer Chancen ist.
Was meine Familie, meine Delegation und ich auf den
Straßen von Sarajevo gesehen haben, hat uns tief
bewegt. Vor wenig mehr als zwei Jahren mußten
Männer, Frauen und Kinder bei ihrer verzweifelten
Suche nach Wasser zwischen Heckenschützen und
Granaten Spießruten laufen. Jetzt gehen sie in
Sicherheit zur Arbeit und zur Schule. Damals war fast
jedes Fenster mit einer Plastikfolie abgedeckt, während man jetzt vorwiegend Glas sieht und Plastik
selten ist. Damals lebten die Menschen in den Ruinen
ihrer ausgebombten Häuser. Jetzt haben sie ein Dach
über dem Kopf, Heizung, Strom und fließendes
Wasser. Damals war Sarajevo vor Zerstörung erstarrt.

AMERIKA DIENST 01

Jetzt kommt dank unserer Anstrengungen erneut
Bewegung in die Stadt, und sie beginnt, unter der
Sonne des Friedens wieder zu wachsen.
Damals waren die Geschäfte und Cafes leer. Jetzt gibt
es in den Geschäften wieder Lebensmittel, und die
Cafes sind mit lebhaftem Stimmengewirr erfüllt. Meine
Frau, meine Tochter und ich haben gerade ein anregendes Gespräch geführt. Und dazu wurde uns sehr
guter Kaffee serviert. Wir kommen gerade aus einem
Cafe, wo wir uns mit jungen Menschen jeder ethnischen Herkunft unterhalten haben, die hier arbeiten
und studieren - Menschen, die entschlossen sind, eine
gemeinsame Zukunft zu gestalten und die zerstörerische Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ich ging um
den Tisch herum und hörte mir an, was jeder von ihnen
zu sagen hatte. Und dann fragte ich diese Menschen,
was das Wichtigste ist, das die Vereinigten Staaten tun
können, um sie zu unterstützen. Und sie sagten
unisono: Länger zu bleiben.
Dann war es für uns an der Zeit, hierherzukommen.
Hillary, Chelsea und ich verließen das Cafe und sahen
direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine
wunderschöne Kirche. Vor der Kirche standen drei
US-Soldaten, die einer Einheit aus Richmond, Virginia,
angehören. Wir gingen auf die andere Straßenseite
und schüttelten den Soldaten die Hand. Und einer von
ihnen sagte: Wir sind so froh, hier zu sein; hier leben
gute Menschen, und wir dienen einer guten Sache.
Wir in den Vereinigten Staaten sind stolz auf unsere
Rolle beim Neuanfang in Bosnien. Betrachten Sie sich
unsere Regierungsdelegation: die Außenministerin,
drei Viersternegeneräle, 10 Kongreßabgeordnete,

Seite 1

�herausragende Mitglieder des Kongresses aus beiden
Parteien, mein verehrter Widersacher der letzten
Präsidentschaftswahlen, Senator Dole und seine
Gattin. Den Amerikanern liegt Bosnien am Herzen,
ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit und ihrer politischen Differenzen. Ihnen liegen die Menschen am
Herzen.
Es sind auch herausragende Bürger hier, die mit
nichtstaatlichen Organisationen zusammenarbeiten.
Sie sind Bestandteil der erstaunlichen internationalen
Kraft menschlicher Bestrebungen, die in diesem
bemerkenswerten Land seit einigen Jahren zum
Tragen kommt. Menschen aus aller Welt führen mit
Ihnen einen täglichen Kampf um Erneuerung. Wir sind
stolz, Ihnen geholfen zu haben, die Waffen zum
Schweigen zu bringen und die Truppen zu entflechten,
Straßen und Fabriken wiederaufzubauen, Kinder und
Eltern wieder zusammenzuführen, Flüchtlinge in ihre
Häuser zurückkehren zu lassen, demokratische
Wahlen zu überwachen, den Äther für die Stimmen der
Toleranz zu öffnen und mutmaßliche Kriegsverbrecher
zur Rechenschaft zu ziehen.
Wir sind hier, weil Sie beschlossen haben, dem Leiden
und Gemetzel ein Ende zu setzen, und weil wir die
Aussicht auf einen erneuten sinnlosen Krieg im Herzen
Europas ablehnten. Und weil den Menschen auf der
ganzen Welt aufgrund Ihres Leidens buchstäblich das
Herz brach und sie entschlossen waren, Ihre Not zu
lindern.
Jedem, der sich an IFOR und SFOR sowie zivilen
Projekten kleineren und größeren Umfangs beteiligt
hat, möchte ich ein einfaches Dankeschön sagen.
Gott segne Sie für alles, was Sie getan haben und tun
werden, um das Gesicht und die Zukunft Bosniens zu
verändern.
Meine Botschaft richtet sich vor allem an diejenigen, in
deren Händen die Zukunft Bosniens liegt - seine
führenden Politiker und seine Bürger. Denn letzten
Endes entscheiden Sie über die Zukunft - nicht die
Amerikaner, nicht die Europäer, kein anderer.
Vor zwei Jahren trafen die führenden Politiker von
Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien in
Dayton, Ohio, eine schicksalsschwere Entscheidung
für den Frieden. Aber ihre Verantwortung und die Ihre,
meine Damen und Herren, endete nicht an jenem Tag.
Tatsächlich fing sie damals erst an. Es ist Ihre Pflicht,
die in Dayton unterzeichneten Dokumente Realität
werden zu lassen und das Versprechen zu erfüllen,
Bosnien als ein Land mit zwei multiethnischen Einheiten zu einen, die ein gemeinsames Schicksal
haben. Wer dieser Pflicht nachkommt, hat die volle
Unterstützung der Vereinigten Staaten und der
internationalen Staatengemeinschaft.
Wer davor
zurückschreckt, isoliert sich selbst. Die Welt, die
weiterhin in Ihren Frieden investiert, erwartet zu Recht,

Seite 2

daß Sie Ihrerseits etwas beitragen. Vor allem erwarten
die Menschen in diesem Land Ergebnisse und verdienen sie auch.
Sie haben viel erreicht, aber es bleibt noch viel mehr
zu tun. Sie haben die gemeinsamen Institutionen der
Demokratie errichtet. Jetzt müssen Sie innerhalb
dieser Institutionen zusammenarbeiten und dabei
sowohl die Macht als auch die Verantwortung teilen.
Sie haben zugesagt, die während des Krieges Vertriebenen wieder in ihrer Heimat willkommen zu
heißen. Jetzt müssen Sie für das Rückkehrerprogramm stimmen, damit diese Menschen wirklich
zurückkehren können und dann größeren Minderheitenschutz genießen und mehr Arbeitsplätze vorfinden.
Sie arbeiten am Wiederaufbau der bosnischen Wirtschaft. Jetzt müssen Sie Gesetze ausarbeiten, um
Hilfe und Investitionen anzuziehen und Korruption
abzuschaffen, die das Vertrauen in die Volkswirtschaft
unterminiert.
Sie haben begonnen, die Medien von einem Instrument des Hasses in eine Kraft für Toleranz und
Verständnis umzuwandeln. Jetzt müssen Sie sie den
internationalen Objektivitäts- und Zugangsnormen
anpassen und der unabhängigen Presse freie Entfaltungsmöglichkeiten geben. Sie entziehen den Kriegsherren die Kontrolle über die Polizei. Jetzt müssen Sie
bei der Reform, Ausbildung und Ausrüstung einer
demokratischen Truppe helfen, die Sicherheit, nicht
Angst fördert. Sie haben versprochen, mutmaßliche
Kriegsverbrecher zu isolieren und festzunehmen. Jetzt
müssen Sie dieser Verpflichtung nachkommen sowohl um der Gerechtigkeit willen als auch um eines
dauerhaften Friedens willen.
Vor allem schulden die hier anwesenden Politiker es
Ihrem Land, das Beste der Menschen zum Vorschein
zu bringen, in Übereinstimmung zu handeln, Konflikte
zu vermeiden, Hindernisse zu überwinden anstatt sie
zu schaffen, sich über kleinliche Streitigkeiten hinwegzusetzen anstatt sie anzufachen. Letztlich müssen in
einer Demokratie die führenden Politiker das Beste im
Menschen hervorbringen. Letzten Endes dienen sie
den Menschen, die sie in dieses Amt gesetzt haben.
Daher sage ich den Menschen in Bosnien heute: Sie
müssen den Führern aller Volksgruppen Ihren Wunsch
nach Frieden und einer gemeinsamen Zukunft deutlich
machen. Sie müssen ihnen Ihre uneingeschränkte
Unterstützung geben, die sie benötigen, um die harten
Entscheidungen für eine gemeinsame Zukunft zu
treffen. Die Menschen in Bosnien können das. Das
Beispiel, das ganz normale Bürger in ihrer Wohngegend gegeben haben, die Standards, die Sie von
Ihren Politikern erwarten - das alles wird das Schicksal
dieser Nation bestimmen.
Nach einem derart erbitterten Krieg ist es schwierig,
sich aggressiv für den Frieden einzusetzen. Viele

AMERIKA DIENST 01

�haben ihre Mütter und Väter, Ehefrauen und -männer,
Söhne und Töchter verloren. Viele Wunden sind noch
tief und Narben noch frisch. Vielleicht sind die Menschen ausgelaugt - zu einem Zeitpunkt, an dem
außergewöhnliche Willensstärke vonnöten ist, um sich
von der Vergangenheit zu lösen und die Gestaltung
einer gemeinsamen Zukunft zu beginnen. Wie viele
Menschen, denen großes Leid widerfahren ist, können
sich klar und eindeutig für die Sache des Friedens und
eine gemeinsame Zukunft einsetzen? Um erfolgreich
zu sein, müssen das viele tun. Viele von Ihnen
versuchen das in religiöser und bürgerlicher Umgebung jeder Art. Ich danke allen, die organisierte
Bestrebungen zur Gestaltung einer gemeinsamen
Zukunft unternehmen, insbesondere jenen, die Frauen
mobilisieren, denn diese haben die leidvolle Erfahrung
gemacht, wie wichtig Versöhnung und Wiederaufbau
für Ihre Familien und die Zukunft Ihrer Kinder sind.
Ich möchte, daß Sie heute alle zu der Überzeugung
gelangen, daß Sie Ihre Ziele erreichen können. Von
Guatemala bis Südafrika, von El Salvador bis Nordirland gehen die Menschen derzeit von Konflikt auf
Versöhnung über. Dennoch ist der Impuls zu trennen,
wenn nicht sogar aufgrund ethnischer, religiöser oder
rassischer Unterschiede zu kämpfen und zu töten
weltweit tief in der menschlichen Rasse verwurzelt. Er
scheint in der Angst vor jenen begründet, die anders
sind als wir, sowie in einem falschen Gefühl der
Überlegenheit und Sicherheit, das anscheinend durch
Teilung und das Streben nach Vorherrschaft hervorgerufen wird.
In den Vereinigten Staaten hat eine Rasse lange Zeit
eine andere Rasse versklavt. Erst nach dem blutigsten Krieg in unserer Geschichte wurden die Ketten
der Knechtschaft abgeschüttelt, und es dauerte mehr
als 100 Jahre, um die Auswirkungen zu beseitigen.
Und wir arbeiten immer noch daran. Wir werden
jedoch immer stärker, je mehr unserer Ängste und
Vorurteile wir abbauen. Während wir zusammen
leben, arbeiten und lernen, erkennen wir immer
stärker, daß unsere Gemeinsamkeiten viel wichtiger
sind als unsere Unterschiede. Über all diese Unterschiede hinweg bekräftigen wir unseren Einsatz für
Glaube und Familie. Wir wollen Chancen für alle und
Verantwortung aller. Wir sind der Überzeugung, daß
ein geeintes Amerika viel stärker ist als eine Kollektion
geteilter, feindlicher Lager. Und dieser Punkt ist für Sie
besonders wichtig. Die Betonung unserer Einheit gibt
uns die Sicherheit, unsere Unterschiede nicht nur zu
respektieren, sondern zu feiern.
In den Vereinigten Staaten nennen am Vorabend des
neuen Jahrhunderts Menschen aus mehr als 180
verschiedenen rassischen und ethnischen Gruppen
Amerika ihre Heimat. Wir haben einen umfassenden
nationalen Dialog zwischen diesen Gruppen begonnen, wie wir im neuen Jahrtausend leben und prosperieren können. Ich fordere Sie alle dazu auf, hier

AMERIKA DIENST 01

dasselbe zu tun - mehr Chancen an der Basis zu
finden und um Ihrer Kinder und Ihrer Zukunft willen
Trennlinien zu überwinden. Ich weiß, daß es insbesondere den jungen Menschen unter Ihnen als sehr
große Kraftanstrengung erscheinen muß, in Ihrer
Vielfalt Stärke zu finden.
Viele junge Menschen haben nur wenige Erinnerungen
an die Zeit vor dem Krieg. Ein Teenager aus Sarajevo
erklärte kürzlich, es gehe nicht nur darum, neu anzufangen, man sei eben auch gerade erst am Anfang.
Meines Erachtens ist aber wichtig, daß Sie alle nicht
vergessen und auch weitergeben, daß der Krieg nicht
nur dem bosnischen Volk Gewalt zugefügt hat,
sondern auch seiner Geschichte und seiner Tradition
der Toleranz. Ganz in der Nähe befinden sich nur
wenige Meter voneinander entfernt eine Moschee, eine
orthodoxe Kirche, eine katholische Kirche und eine
Synagoge, was uns daran erinnert, daß Generationen
von Muslimen, orthodoxen Christen, Katholiken und
Juden hier Seite an Seite gelebt haben, die Welt durch
ihr Beispiel bereicherten und Schulen, Bibliotheken
und wunderbare Gotteshäuser errichteten. Ein Teil
dieser Bevölkerung ruhte Freitags, ein anderer
Samstags, wieder ein anderer Sonntags. Ihr Leben
war jedoch durch Heirat und Kultur, Arbeit, eine
gemeinsame Sprache und den gemeinsamen Stolz auf
etwas verbunden, das sie alle Heimat nannten. An
diese Vergangenheit sollte man sich erinnern. Und Sie
sollten alles in Ihrer Macht Stehende unternehmen, um
sie zu einem Prolog zu machen. Die Geschichte kann
Ihr Verbündeter sein, nicht Ihr Feind.
Nach fünf Jahren im Amt bin ich überzeugt, daß die
wirklichen Unterschiede weltweit nicht zwischen Juden
und Arabern, Protestanten und Katholiken, Muslimen,
Kroaten und Serben bestehen. Die echten Unterschiede gibt es zwischen denen, die den Frieden
befürworten und denjenigen, die ihn zerstören möchten; zwischen denjenigen, die in die Zukunft blicken
und denen, die an der Vergangenheit festhalten;
zwischen denjenigen, die ihre Arme öffnen und denen,
die entschlossen sind, ihre Faust zu ballen; zwischen
denjenigen, die überzeugt sind, daß Gott uns alle
gleich geschaffen hat und denen, die dumm genug
sind zu glauben, daß sie anderen nur aufgrund ihrer
Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Herkunft überlegen sind. Dies ist eine sehr kleine Nation
auf einem immer kleiner werdenden Planeten. Keiner
von uns hat das moralische Recht, auf andere herabzusehen, und wir sollten das unterlassen.
Ich war begeistert, als das Symphonieorchester von
Sarajevo spielte, bevor ich das Wort ergriff. Sein
Violinist und sein Cellist, sein Schlagzeuger und sein
Flötist hatten vor dem Krieg zusammen gespielt,
blieben während des Krieges zusammen und beantworten die Bomben und Granaten mit dem Klang der
Musik. Sieben Orchestermitglieder wurden getötet Muslime, Kroaten und Serben. Nun, sie sind immer

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�noch hier, sie sind immer noch Muslime, Kroaten und
Serben. Und ganz offen gesagt: Ich kenne den
Unterschied zwischen Tubaspieler und Violinist, aber
ich kann nicht sagen, ob jemand Muslim, Kroate oder
Serbe ist. Ich höre die Harmonie ihrer unterschiedlichen Instrumente. Das erinnert mich an das Beste der
Vergangenheit Bosniens, und das sollte der Trompetenstoß für Ihre Zukunft sein.
Hier, am Vorabend des neuen Jahrtausends, sollten
wir uns daran erinnern, daß das bald zu Ende gehende
Jahrhundert mit dem Klang des Geschützfeuers in
Sarajevo begann. Und wir wollen schwören, das neue
Jahrhundert in Sarajevo mit der Musik des Friedens
einzuleiten.

Den Menschen in Bosnien sage ich: Sie haben
gesehen, was der Krieg verursacht hat; jetzt wissen
Sie, was der Frieden bringen kann. Ergreifen Sie die
vor Ihnen liegende Chance. Sie können die Vergangenheit nicht ändern, aber Sie können sie hinter sich
lassen und alles tun, um eine Zukunft aufzubauen. Die
Welt sieht Ihnen zu, und die Welt steht Ihnen zur Seite.
Aber die Entscheidung liegt bei Ihnen. Mögen Sie die
richtige treffen.
Ich danke Ihnen, und Gott segne Sie.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 01

�BOSNIEN
14. Januar 1998

Bosnien benötigt weiterhin internationale Schutztruppe
Bericht der Senatoren Levin und Reed

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen am 8. Januar 1998 herausgegebenen Bericht der
Senatoren Carl Levin und Jack Reed nach ihrer Rückkehr von einem Kurzbesuch in Bosnien.

Wir besuchten Bosnien vom 2. bis 4. Januar. Vor
unserer Ankunft in Sarajevo hatten wir ein Treffen mit
General Wesley Clark, dem Obersten Alliierten
Befehlshaber Europa (SACEUR) der NATO, der uns
über die jüngsten Entwicklungen in Bosnien und die
Pläne der NATO für eine Nachfolgetruppe der SFOR
informierte. In Sarajevo trafen wir den amerikanischen
Botschafter Richard Kauzlarich, General Eric Shinseki,
den Befehlshaber der SFOR und seinen internationalen Stab, sowie den Stellvertretenden Hohen
Repräsentanten, Botschafter Jacques Klein. In Tuzla
kamen wir mit Generalmajor Lany Ellis, dem amerikanischen Befehlshaber der multinationalen Division
Nord und seinem Stab zusammen. Wir besuchten
Camp Demi in der Nähe von Kladanj, sprachen mit
Oberstleutnant Mark Littel, Befehlshaber 2. Bataillon, 2.
bewaffnetes Kavallerieregiment, und hatten die
Möglichkeit, uns mit einigen Männern und Frauen aus
diesem Bataillon und seinen Unterstützungseinheiten
zu unterhalten. Schließlich reisten wir nach Banja
Luka, wo wir die Präsidentin der Republika Srpska,
Biljana Plavsic, Generalmajor Andrew Pringle, den
britischen Befehlshaber der multinationalen Division
Südwest und seinen Stab sowie Mira Lolic von Television Banja Luka der Republika Srpska trafen.
Der Vergleich der jetzigen Situation mit der, die wir bei
unserer Bosnienreise im Januar 1997 vorfanden, zeigt,
daß beträchtliche Fortschritte gemacht wurden. Das
wird offensichtlich am physischen Zustand des
Landes, an der Stimmung praktisch aller Menschen,
mit denen wir sprachen, größerer Freizügigkeit, in
einigen Fällen stärkerem Warenaustausch zwischen
den konstituierenden Einheiten, der Beteiligung von
ungefähr 85 Prozent der Wahlberechtigten an den
landesweit veranstalteten Kommunalwahlen sowie von

AMERIKA DIENST 01

75 Prozent der Wahlberechtigten an den Wahlen zur
Nationalversammlung in der Republika Srpska.
Die SFOR übt weiterhin die entscheidende Kontrolle
über die Streitkräfte der früheren Kriegsparteien aus.
Deren Waffen wurden eingelagert und werden routinemäßig mindestens einmal pro Monat inspiziert.
Truppenbewegungen und Übungen bedürfen der
Genehmigung durch die SFOR. Verletzungen der
durch die SFOR/das Daytoner Abkommen erlassenen
Vorschriften für das Militär wird prompt und entschieden nachgegangen. Es besteht anscheinend nur
eine geringe Möglichkeit für eine Rückkehr zum Krieg,
solange die SFOR in Bosnien bleibt.
Bei der Umsetzung der zivilen Aspekte des Daytoner
Abkommens wurden jedoch nur unzureichende
Fortschritte erzielt. Beispielsweise gibt es noch keine
Übereinkunft über einheitliche Kfz-Kennzeichen, Pässe
und eine gemeinsame Währung. (Die jüngsten
Maßnahmen des Hohen Repräsentanten zur Durchsetzung von Entscheidungen auf bestimmten Gebieten, zum Beispiel beim Gesetz über Staatsbürgerschaft
und einem Gesetz über Zolltarifpolitik, könnten diesen
Prozeß sicher beschleunigen.) Nach mehr als zweijährigem Bestreben zur Durchsetzung des Daytoner
Abkommens ist die fortgesetzte Unfähigkeit zur
Einführung gemeinsamer Symbole der Souveränität
wie Nummernschilder ein anschauliches Beispiel für
die unzureichenden Leistungen im Bereich der zivilen
Aufgaben. Eine lange Litanei zusätzlicher, nicht
umgesetzter Aspekte von Dayton kann schnell aufgestellt werden. Die Integration des Föderationsheeres
ist noch nicht beendet; die erneute Ansiedlung von
Vertriebenen und Flüchtlingen geht nur im Schneckentempo voran; die Umstrukturierung und Ausbildung der
örtlichen Polizei im Einklang mit demokratischen

Seite 1

�Standards, insbesondere in der Republika Srpska,
steckt noch in den Anfängen; die Wirtschaftsentwicklung ist beschränkt; Kriegsverbrecher sind nicht nur
auf freiem Fuß, sondern haben in der Republika
Srpska - wo die politische Macht zwischen Banja Luka
und Pale aufgeteilt ist - sogar noch Einfluß; außerdem
findet zwischen Kroaten und Bosniaken in Mostar nur
eingeschränkte Zusammenarbeit statt.

der Kongreß konsultiert und ihm Bericht erstattet
werden.

In der gegenwärtigen Situation würde der Abzug der
NATO-Truppen im Juni, einschließlich der amerikanischen Soldaten, die im Bündnis eine Führungsrolle
innehaben, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem Wiederaufflammen des
Krieges führen. Die Teilung Bosniens nach Volksgruppen und die Abkehr von den Daytoner Vereinbarungen würden wahrscheinlich ebenfalls zu Gewalt
führen. Die einzige Option zur Verhinderung des
Wiederaufflammens eines Krieges und des dadurch
verursachten menschlichen Leidens wird noch auf
Jahre hinaus in der Fortsetzung der internationalen
Präsenz zur Implementierung des Daytoner Abkommens bestehen.

Jede realistische Erfolgschance erfordert den vollständigen Austausch von Politikern im Rahmen des
demokratischen Prozesses, die sich Dayton widersetzen oder nur Lippenbekenntnisse dafür abgeben. Die
Gemeinschaft muß den Regierungsmitgliedern und
Institutionen wirksame Hilfe geben, die zur Unterstützung von Dayton bereit sind. Während unseres
Besuchs hörten wir allzu oft von unerfüllten Hilfszusagen. Wirtschaftsentwicklung, Arbeitsplätze und
die Aussicht auf eine bessere Zukunft für die Kinder
werden die Öffentlichkeit zur Unterstützung von
Dayton motivieren.

Um diesen Punkt zu erläutern: Wir sind der Überzeugung, daß es in Bosnien noch geraume Zeit Bedarf an
einer bewaffneten internationalen Truppe geben wird.
Wir sind jedoch nicht der Ansicht, daß es ein unbeschränktes Engagement der amerikanischen Bodentruppen geben sollte. Die weltweiten Verpflichtungen
der Vereinigten Staaten und die Notwendigkeit, daß
unsere Streitkräfte selbst in Friedenszeiten auf vielen
Gebieten Präsenz zeigen, um unseren Einfluß zu
sichern und unsere Interessen zu schützen, verhindert
langfristig eine Präsenz amerikanischer Bodentruppen
vor Ort in Bosnien. Eine Frist zu setzen, ist kein
effektives Mittel zur beschleunigten Erfüllung der
Mission und zur Erlangung eines zügigen Abzugs
unserer Kampftruppen.
Die Spezifizierung des
gewünschten Endzustands als Alternative zur Festsetzung eines Datums für den Beginn des Abzugs ist
ebenfalls problematisch, da dadurch unsere Beteiligung zu stark von den Aktionen anderer abhängig
gemacht wird und kein effektives Mittel zur Messung
periodischer Fortschritte geboten wird.
Entsprechend unterstützen wir die Beteiligung amerikanischer Bodentruppen an einer Nachfolgetruppe für
einen angemessenen Zeitraum nach dem Juni 1998
mit noch von uns zu spezifizierenden Qualifikationen.
Unserer Ansicht nach sollte die Administration umgehend Einigung innerhalb der NATO über eine Reihe
von Meilensteinen oder Leistungen mit einem Zeitplan
für ihre Erfüllung erzielen. Ferner sind wir der Überzeugung, daß die bei der Erreichung dieser Meilensteine gemachten Fortschritte regelmäßig beurteilt
werden sollten und bei nicht rechtzeitiger Erfüllung
eine offizielle Überprüfung innerhalb der NATO und
der Administration zu erfolgen hat. Zusätzlich sollte

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Ferner sind wir der Meinung, daß die internationale
Staatengemeinschaft, insbesondere Europa, dem ein
Scheitern von Dayton am meisten schadet, den
Löwenanteil der erforderlichen Mittel bereitstellen
sollte, um Dayton größere Erfolgschancen zu geben.

Unseres Erachtens ist die wichtigste und vordringlichste Aufgabe die Einrichtung einer effektiven örtlichen
Polizei innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens. Die
Bürger von Bosnien müssen sich in ihren Häusern
sicher fühlen, wenn Dayton Erfolg haben soll. Die
Umstrukturierung und Ausbildung der örtlichen Polizei
muß beschleunigt werden. Das erfordert mehreres.
Die Übertragung der Oberaufsicht über die internationale Polizei (International Police Task Force - IPTF)
auf die NATO sollte ernsthaft in Erwägung gezogen
werden, sei es durch General Clark oder eine parallele
zivile Befehlsstruktur der NATO. Es sollten Schritte
unternommen werden, um einen strengen Auswahlprozeß für die Angehörigen der internationalen Polizei
sicherzustellen. Nur Polizisten mit den höchsten
Qualitätsstandards sind für die außerordentlichen
Anforderungen in Bosnien geeignet. Wir haben immer
wieder gehört, daß über ein Drittel der IPTF für die
Ausübung ihrer Pflichten ungeeignet war. Solange die
Angehörigen der internationalen Polizei nicht dieselbe
hohe Qualität wie die NATO-Soldaten haben, wird
Dayton scheitern. Die Leistungen der IPTF sollten
überwacht und bewertet werden und diejenigen, die
die Kriterien nicht erfüllen, sollten nach Hause geschicktwerden. Die Gehälter der örtlichen Polizei sind
extrem niedrig, und die zumindest vorübergehende
Zahlung zusätzlicher Gehälter durch die internationale
Gemeinschaft sollte in Betracht gezogen werden, um
den schlechten Einfluß korrupter und undemokratischer Beamter einzuschränken und die Korruption zu
verringern.
Solange sich die Politiker in Bosnien nicht zu Dayton
verpflichten und solange die örtliche Polizei nicht
entsprechend demokratischer Standards arbeitet, muß
Druck ausgeübt werden, um die Polizei zum richtigen
Handeln zu zwingen. Effektive Sicherheit für alle
Bürger Bosniens ist die Grundlage aller Fortschritte bei

AMERIKA DIENST 01

�der Verwirklichung von Dayton, besonders im Zusammenhang mit der erneuten Ansiedlung von
Flüchtlingen. Es besteht eine Kluft zwischen den
SFOR-Aufgaben und -Fähigkeiten und den notwendigen Aufgaben und Fähigkeiten der örtlichen Polizei,
die von einem nationalen Sektor zum anderen variiert.
Die SFOR hat eindeutig die Kontrolle über das Militär
in Bosnien übernommen, indem sie ihre Fähigkeiten
und ihre Entschlossenheit zu deren Einsatz unter
Beweis gestellt hat. Die örtliche Polizei hat nicht die
Fähigkeit zur Erfüllung ihrer Aufgabe demonstriert,
andauernde Polizeifunktionen zu übernehmen.
Darüber hinaus variiert die Unterstützung der SFOR
für die örtliche Polizei und ihre Zusammenarbeit mit ihr
von einem nationalen Sektor zum anderen. Eine
einheitliche Politik aktiverer Unterstützung sollte von
der NATO verabschiedet und in allen Sektoren
angewendet werden. Trotz aggressiverer Unterstützung und Zusammenarbeit wird es jedoch immer eine
Kluft geben. Die Stationierung einer internationalen
Gendarmerie unter NATO-Kontrolle sollte ernsthaft in
Erwägung gezogen werden, um diese Kluft zu überbrücken. Eine Gendarmerie könnte auch ein Weg
sein, mit der Zeit die internationale Militärpräsenz zu
verringern und letztlich zu beenden.
Wir verpflichten uns weiterhin dem Ziel von Dayton,
eine multiethnische, demokratische und geeinte
bosnische Nation zu gründen. Das sehen wir als ein
langfristiges Ziel. Solange sich das bosnische Volk
nicht sicher fühlt und die Wirtschaftsentwicklung die
Arbeitslosigkeit nicht auf ein erträgliches Maß gesenkt
hat, bezweifeln wir, daß eine beträchtliche Zahl
Vertriebener und Flüchtlinge bereit sein wird, die
Rückkehr in ihre ehemaligen Häuser zu riskieren. Erst
wenn diese Bedingungen erreicht sind, wird eine
wirkliche nationale Aussöhnung möglich sein. Man
muß berücksichtigen, daß das frühere Jugoslawien
jahrzehntelang als kommunistischer Staat regiert
wurde, und alte Gewohnheiten legt man schwer ab.
Wir glauben nicht, daß die amerikanischen Bodentruppen in Bosnien bleiben können, bis alle Ziele von
Dayton vollständig verwirklicht sind. Das könnte
Jahrzehnte dauern. Wir sollten jedoch bereit sein,
über Juni 1998 hinaus eine vernünftige Zeit lang zu
bleiben, vorausgesetzt, daß in der NATO Einigung
erzielt wird, welche Meilensteine in welchem Zeitraum
erreicht werden müssen. Die Administration und der
Kongreß sollten unsere Beteiligung regelmäßig
überprüfen.
Die regelmäßige Überprüfung würde mindestens
folgendes beinhalten:

*

AMERIKA DIENST 01

*

das Maß, in dem europäische Beiträge zu
Ressourcen und Personal einen angemessenen Anteil der Ausgaben ausmachen im
Einklang mit der unmittelbaren Sicherheitsbedrohung, der sich Europa durch Bosnien
gegenübersieht;
die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur
Erfüllung ihrer weltweiten Verpflichtungen und
ihrer Reaktion auf Spannungsfälle;
die Auswirkungen, die die Kosten der amerikanischen Beteiligung auf unser Streitkräftemodernisierungsprogramm haben:
die Fortschritte, die bei der Erlangung der von
der NATO vereinbarten Meilensteine und den
Zeiträumen zur Erlangung dieser Meilensteine
erzielt wurden.
Wir sind der festen Überzeugung, daß die Notwendigkeit zum Übergang zu einer Situation besteht, in der
die amerikanischen Bodentruppen nicht länger in
Bosnien stationiert sind. Die Einrichtung einer effektiven Polizei würde diesen Übergang ebenso erleichtern
wie die Auswechslung einer ausschließlich europäischen Bodentruppe. In dieser Hinsicht vertreten wir
die Auffassung, daß die Administration auf die Beschleunigung der Implementierung der Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität in der NATO
hinarbeiten sollte.
Wir haben eine begrenzte Überprüfung des Status und
der Moral der in Bosnien stationierten amerikanischen
Streitkräfte durchgeführt. Wir haben keine Beweise für
einen Mangel an Nachschub oder Gerät gefunden und
stellten fest, daß die Moral sehr gut ist. Wir sind
jedoch besorgt, daß der andauernde Einsatz unserer
europäischen stationierten Streitkräfte zu einer
Verringerung der Bereitschaft und Moral dieser Truppe
führen wird, da mehrere Einheiten und zahlreiches
Personal mehrfache Entsendungen nach Bosnien
mitgemacht haben. Wir empfehlen in Betracht zu
ziehen, die Einteilung für die Bosnien-Mission einem
speziellen Heer anstatt dem europäischen Kommando
des Heeres zu übertragen.
Vor allem waren wir jedoch zutiefst beeindruckt von
dem Engagement und der Professionalität der amerikanischen Streitkräfte, mit denen wir in Kontakt kamen.
Sie sind von ihrer Mission und der Hoffnung überzeugt,
die sie den Menschen in Bosnien bringt. Sie verdienen
den tiefempfundenen Dank aller Amerikaner und
friedliebenden Menschen auf der ganzen Welt.

*

*

Seite 3

�USA-EUROPA
14. Januar 1998

Berlin und die Vervollständigung Europas
Rede von Botschafter Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 6. Januar 1998 in der Freien Universität
Berlin hielt.

Heute Abend geht es um Geschichte. Die Geschichte
einer großartigen Universität. Die Geschichte einer
großartigen Stadt. Es geht auch um die Geschichte
eines Ideals - dem Ideal der Demokratie, für das diese
großartige Universität steht. Vor 50 Jahren war Berlin
ein einsamer Außenposten der Demokratie. Und wie
ihr Name schon besagt, war die Freie Universität ein

demokratischen Friedens in Europa. Unsere nächste
Aufgabe besteht darin sicherzustellen, daß diese
Ideale ebenso erfolgreich für diejenigen angewandt
werden, denen die Freiheit so viele schmerzliche Jahre
verweigert wurde.

Außenposten akademischer Freiheit. Heute befindet

erlebt. Sie wurde wegen ihrer Leistungen bewundert

sich Berlin im Zentrum eines demokratischen Europas.
Intellektuelle Freiheit ist ein gemeinsames Ziel, das
von allen auf diesem Kontinent angestrebt wird.

und wegen ihrer Konfrontationen verunglimpft. Aber
zu jeder Zeit war sie ein Symbol für diejenigen, die
Gedankenfreiheit und Bildung anstreben. Während sie
jetzt ihr sechstes Jahrzehnt antritt, wird diese Tradition
der Vielfalt und Offenheit eines der unerläßlichen
Elemente Ihrer Rolle in dem neuen Zeitalter sein.

Durch die Verteidigung eines Ideals haben Sie auch
zur Veränderung der Geschichte beigetragen. Ohne
die Standhaftigkeit von Berlin hätte die totalitäre
Herrschaft wahrscheinlich in Europa Fuß gefaßt. Ihre
Beseitigung wäre sehr viel schwieriger geworden.
Nach dem Alptraum des Dritten Reichs war es besonders angebracht, daß die Botschaft der Demokratie
von ihrer Hauptstadt aus gesendet werden sollte.
Heute, nach der endgültigen Befreiung dieser Stadt
von der Diktatur, ist es ebenso wichtig, daß Berlin der
Katalysator für den endgültigen Sieg der Demokratie in
ganz Europa ist.
Unser Thema heute Abend dreht sich daher ebenso
um die Zukunft wie um die Vergangenheit. Es geht um
die im Werden begriffene Geschichte. Aber die Ideale,
die die Grundlage dieser Institution bildeten, sind in
ganz Europa oder der ganzen Welt noch nicht gesichert. Jahrzehntelang blickte die Welt auf Berlin für die
Botschaft des Wandels. Berlin hat jetzt die Chance,
diese Solidarität zurückzugeben, indem es die Botschaft des Wandels an die übrige Welt sendet. Ihre
Institutionen, Ihr Intellekt und Ihr Engagement spielen
eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines wirklich

AMERIKA DIENST 01

Die Freie Universität hat harte und großartige Zeiten

Ihre Geschichte, Ihr Standort und Ihr prosperierendes
Erbe der Vielfalt sind prädestiniert, Berlin und diese
Universität zu einem Katalysator für die große Aufgabe
des neuen Jahrhunderts - der Vervollständigung
Europas - zu machen.
Ich bin stolz auf die Rolle, die die Vereinigten Staaten
in der Geschichte der Freien Universität gespielt
haben. Ich bin in der Heimatstadt von Henry Ford
geboren, dessen Name eines der wichtigsten Gebäude
dieser Universität ziert. Ich war ein enger Freund von
Shephard Stone, dessen Arbeit sowohl der Freien
Universität als auch der Stadt Berlin in vielerlei Hinsicht
geholfen hat. Und ich war in Berlin während entscheidender Zeiten in den siebziger und achtziger
Jahren tätig, als die Zukunft der Demokratie manchmal
auf dem Spiel stand.
Seit den heroischen Tagen der Luftbrücke oder den
dunklen Monaten nach dem Bau der Berliner Mauer ist
viel geschehen. Es gab Zeiten, in denen ein amerika-

Seite 1

�nischer Regierungsvertreter - selbst der Präsident der
Vereinigten Staaten - Mühe hatte, über den Lärm der
Proteste in Berlin und an der Freien Universität gehört
zu werden. Aber unser Vertrauen in diese Institution
und ihre Pflicht zur Bewahrung der Vielfalt wankte nie.
Gemeinsam haben wir nicht nur die Freiheit in Berlin
verteidigt, sondern auch die Teilung dieser Stadt und
dieses Landes überwunden. Die Wiedervereinigung
Deutschlands war ein wichtiges Ziel der Vereinigten
Staaten. Unser Glaube an Ihre Zukunft war unerschütterlich.
Unser Beitrag zur Verwirklichung
unserer gemeinsamen Vision war stark und entschlossen.
Die Grundlage unserer gemeinsamen Vision könnte
nicht stärker sein. Deutschland und Amerika sind in
der Tat in einer unentbehrlichen Partnerschaft verbunden. Diese Grundlage gestattet uns die erneute
Zusammenarbeit, um eine neue strategische Vision zu
definieren - die Vision eines zum ersten Mal in seiner
Geschichte in Demokratie und Frieden vereinten
Europas. Die Vision einer Welt, die durch die Methoden und Überzeugungen der Demokratie geeint ist.
Durch Toleranz, Vielfalt und Offenheit. Einer Welt, in
der den vielfältigen Herausforderungen der Gesellschaft und Technologie mit offenem demokratischem
Austausch begegnet wird. Einer Welt, in der die Völker
das Recht haben, ihre eigene Zukunft in Sicherheit und
Zusammenarbeit in die Hand zu nehmen.
Das ist die Vision, die Präsident Clinton in seiner
historischen Rede im Januar 1994 in Brüssel darlegte.
Der Präsident forderte die Integration ganz Europas in
eine demokratische Völkergemeinschaft. Er sagte
voraus, daß die Gemeinschaft mit den Vereinigten
Staaten zusammenarbeiten würde, um eine euroatlantische Gemeinschaft von Nationen und Völkern zu
bilden, die sich der Bewahrung der Errungenschaften
von Demokratie und der Befreiung Europas von der
ständigen Angst vor Konflikt verschrieben hatte, die die
Geschichte dieses Kontinents einen Großteil dieses
Jahrhunderts kennzeichneten.
Damit diese Vision nicht unrealistisch oder sogar
romantisch klingt, sollten wir uns daran erinnern, wie
skeptisch viele bezüglich unserer Bestrebungen zur
Überwindung der Teilung Europas waren. Sogenannte
Realisten gab es auf beiden Seiten des Atlantiks
zuhauf. Das Ziel schien oft unerreichbar. Aber Berlin
war unerschütterlich. Die Stadt war häufig das
Gewissen einer Welt, die der Konfrontation müde war.
Was wäre mit der Freiheit in Europa und der Welt
geschehen, wenn Berlin gewankt hätte? Was wäre
das Schicksal der akademischen Freiheit in Deutschland gewesen, wenn die mutigen Gründer der Freien
Universität nicht 1948 nach Dahlem gekommen wären,
um ihre Ideale am Leben zu erhalten?
In gewisser Weise ist die Aufgabe heute schwieriger
als 1948. Wie groß die Bedrohung auch war - unsere

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Vorgänger hatten wenig zu verlieren. Der Krieg hatte
einen Großteil Europas zerstört. Die Aufgabe des
Wiederaufbaus war so vordringlich, daß es wenige
Alternativen gab.
Heute leben der westliche Teil Europas und die
Vereinigten Staaten in beispiellosem Wohlstand.
Unsere Herausforderungen sind nicht die des Überlebens, sondern die der Bewahrung und Erweiterung
des höchsten Lebensstandards, der je erreicht wurde.
Neue Probleme wie Technologie, Überalterung und
der neue, modische Begriff "Globalisierung" scheinen
unsere Errungenschaften zu bedrohen.
In Europa und den Vereinigten Staaten gleichermaßen
steht der Herausforderung des Wandels häufig die
Furcht vor Veränderungen gegenüber. Jeder neue
Horizont wird durch die Furcht vor Verlust einer alten
Gewißheit aufgewogen. Die Besorgnis konzentriert
sich auf die Einzelheiten lokaler Interessen statt auf
strategische Visionen. An die Stelle der großen
Themen Demokratie und Vereinigung treten die
Probleme des Agrarhandels, der sozialen Sicherheit
und Steuerreform. Die Beseitigung externer Bedrohungen hat nicht zur transatlantischen Konfrontation geführt, wie manche befürchteten. Manchmal
scheinen sie in gegenseitigem Desinteresse resultiert
zu haben. Unser Leben ist so sicher und so ähnlich
geworden, daß es wenig gibt, das die Begeisterungsfähigkeit hervorruft, die vor 50 Jahren so groß war.
Ich bin fest davon überzeugt, daß dieser Mangel an
Begeisterungsfähigkeit nur von kurzer Dauer sein wird.
Ich vertrete nicht die Ansicht, daß die westliche Welt
zur Domäne von Selbstbedienungsmaterialisten
geworden ist. Deutschland ist nicht zu einem Land der
Steuerhinterzieher oder Langzeitarbeitslosen geworden. Die Vereinigten Staaten sind nicht in eine
unilaterale Isolation von der übrigen Welt und ihren
Problemen geraten.
Richtig ist, daß die Vision für das nächste Jahrhundert
noch nicht entwickelt worden ist. Wir scheinen so
erschöpft von den Problemen des alten Jahrhunderts
zu sein, daß uns wenig Zeit bleibt, über die Herausforderungen nachzudenken, die mit dem Erfolg
einhergehen.
Wie gehen Demokratien mit dem Mangel an
externen Herausforderungen - seien sie
wirtschaftlicher oder militärischer Natur - um?
Wie können in einer alternden Bevölkerung
Vitalität und Innovationsfähigkeit bewahrt
werden?
Was sind die Auswirkungen wirtschaftlicher
Instabilität in den sogenannten weniger entwickelten Ländern?

AMERIKA DIENST 01

�Was ist das Wesen von Arbeit und Leistung in
einer Gesellschaft, in der mit immer weniger
Arbeitskräften produziert werden kann? Was
ist das Wesen der "Arbeit" in einer wissensgestützten Wirtschaft, in der das Wissen der
Arbeitnehmer die Produktionsmittel sind?
Wir stellen allmählich eine Agenda solcher Fragen auf.
Sie werden wahrscheinlich die entscheidenden
Themen unserer Zeit sein. Unsere Antworten auf
diese Herausforderungen werden in den kommenden
Jahrzehnten den Erfolg unserer Demokratien bestimmen. Ferner werden sie entscheidend für unsere
Fähigkeit sein, die großen weltweiten Herausforderungen zu bewältigen, mit denen wir immer noch konfrontiert sind.
Regierungen, Vereinigungen und Universitäten auf
beiden Seiten des Atlantiks arbeiten hart daran,
Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten leidvollen Wandels
verfolgen die Vereinigten Staaten einen stetigen Kurs
von Wirtschaftswachstum und sozialen Verbesserungen. Unsere Arbeitslosenquote ist die niedrigste seit
25 Jahren. Unsere Bundesregierung und die meisten
unserer Bundesstaaten prognostizieren jetzt für das
nächste Jahr einen Haushaltsüberschuß.
Europa hat für viele seiner drängenden Probleme noch
keine Antwort gefunden. Verwirrung über soziale
Prioritäten hat in einigen Ländern zu Stagnation, in
anderen zu Arbeitslosigkeit geführt. Der gesicherte
Wohlstand eines geteilten Europas scheint von der
Unsicherheit und Kakophonie der Vielfalt bedroht zu
sein. Diese Vielfalt scheint ganz plötzlich zu Herausforderungen für genau die Identität geworden zu sein,
die während der vergangenen 50 Jahre so sorgfältig
geschaffen wurde.
Niemand hat ein Erfolgsmodell. Ich empfehle die
Vereinigten Staaten ganz sicher nicht als Modell für
Europa. Unser Erfolg basiert auf der besonderen
Natur der amerikanischen Gesellschaft. Er kann nicht
direkt auf andere Länder übertragen werden.
Ich bin jedoch überzeugt, daß unsere gemeinsamen
Erfolge der vergangenen 50 Jahre, insbesondere in
Berlin, uns eine Lektion lehren, die uns in Zukunft gute
Dienste erweisen wird:
Die erste Lektion liegt vielleicht auf der Hand. Demokratie und Vielfalt, Offenheit und Pluralismus sind
wesentliche Elemente erfolgreicher Gesellschaften.
Das 20. Jahrhundert war in vielerlei Hinsicht ein Kampf
gegen den Totalitarismus. Das 21. Jahrhundert wird
erleben, wie sich der Pluralismus endgültig behauptet.
Das moderne Leben kann nicht kontrolliert werden.
Frieden und Wohlstand müssen auf Demokratie fußen.

AMERIKA DIENST 01

Auch die Solidarität sollte eine entscheidende Rolle
spielen. Damit meine ich nicht nur Solidarität innerhalb
von Gesellschaften oder zwischen Partnern wie den
Vereinigten Staaten und Deutschland. Ich meine auch
Solidarität mit denen, die sich um den Aufbau von
Demokratie bemühen - wo immer sie auch leben
mögen. Oder Solidarität mit denjenigen, die eine
Diktatur bekämpfen, selbst wenn sie weit von unseren
Küsten entfernt leben. Es war diese Solidarität, die
beispielsweise in Berlin die Demokratie rettete.
Solidarität bedeutet, Verantwortung zu übernehmen,
auch wenn das nicht einfach ist.
Schließlich möchte ich die Bedeutung von Visionen
hervorheben. Das Leben kann nicht auf die Aufgaben
beschränkt werden, die auf der Tagesordnung stehen.
Die Zukunft kann nicht nur einfach die Projektion
unseres Kontostands sein. Visionen müssen dargelegt
und entwickelt werden. Präsident Clintons Vision von
einem wirklich integrierten Europa hat die Richtung
gewiesen. Wir arbeiten seit fünf Jahren zusammen,
um ihr Form und Inhalt zu geben. Aber es gibt noch
viel mehr zu tun.
Was haben wir bislang getan? Wir haben die Grundlage für unsere neue Vision geschaffen, indem wir die
demokratischen Institutionen gestärkt haben, die in
den Jahren der Konfrontation unsere Freiheit bewahrten. Wir haben uns durch die NATO-Erweiterung an
die veränderten Umstände angepaßt. Die Europäische Union wird vertieft und erweitert. Und wir haben
einen neuen Rahmen für die Beziehungen zu einem
demokratischen Rußland, der Ukraine und den
anderen neuen Demokratien in Europa geschaffen.
Außerdem arbeiten wir eng zusammen, um die neuen
Herausforderungen unseres Zeitalters in eine umfassende euroatlantische Vision zu integrieren - Herausforderungen wie ethnische Konflikte und Terrorismus
und die Notwendigkeit, neue Methoden der Konfliktverhütung zu finden. Ebenfalls von sehr großer
Bedeutung sind die Probleme, die neuen unabhängigen Staaten in das internationale System zu integrieren.
Darüberhinaus gibt es die Probleme der übrigen Welt.
Sogenannte verbrecherische Staaten strapazieren den
Konsens zwischen uns oft über Gebühr. Probleme wie
Hunger und Konflikte in den Entwicklungsländern sind
weiterhin sehr wichtig.
Auch innerhalb unserer Länder gibt es große Herausforderungen. Die dritte technologische Revolution
verlangt unseren Volkswirtschaften und Gesellschaften
viel ab.
Es ist wichtiger denn je, daß wir die deutsch-amerikanische Partnerschaft einsetzen, um die Herausforderungen in jedem unserer Länder besser bewältigen zu können.

Seite 3

�Aus diesem Grund ist die deutsch-amerikanische
Partnerschaft von entscheidender Bedeutung. Wie ich
dem Senat bei meiner Anhörung im Sommer letzten
Jahres sagte, werden die Vereinigten Staaten in den
kommenden Jahren praktisch kein wichtiges Ziel
verfolgen, das nicht mit Deutschland in Zusammenhang steht, und dasselbe gilt für Deutschland. Wir
haben gemeinsame Sorgen und eine Vielzahl gemeinsamer Interessen. Bei unseren gegenseitigen Bestrebungen zur Stabilisierung der Situation in der Ukraine,
in Bosnien und vielen anderen Gebieten verlassen
sich Deutschland und Amerika auf ihre einzigartige,
selbstverständliche Partnerschaft. Meines Erachtens
kann diese Partnerschaft in den kommenden Jahren
noch mehr erreichen.

Obwohl die Bilanz des Wandels unter den neuen
Demokratien positiv war, gab es auch negative
Beispiele des Wandels. Ich denke dabei an Bosnien,
ein Land, das von einer Aggression erfaßt wurde, wie
sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt
hatte. Das Atlantische Bündnis stellte sich der Herausforderung, der Aggression ein Ende zu setzen. Der
Fall Bosnien zeigt jedoch, wie schnell Stabilität Unordnung und Blutvergießen weichen kann.
Wir
müssen unsere Methoden der Konfliktverhütung
verbessern und perfektionieren. Die OSZE ist eine
Ressource, die besser genutzt werden kann und sollte.
Sie sollte darauf hinarbeiten, den Ausbruch ethnischer
Spannungen und Gebietseroberungen zur Vergangenheit werden zu lassen.

Wir haben bereits damit begonnen, die Grundlagen für
die Zukunft zu legen - durch unsere Bestrebungen zur
Erweiterung der NATO und der Europäischen Union.
Hinzu kommt die Erfüllung des Versprechens der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa. Diese Schritte erfolgten nicht automatisch.
Denken Sie nur an einige der Debatten zu Beginn der
neunziger Jahre: "NATO, was nun?" war damals eine
gängige Frage. Die Entscheidung zur Erweiterung
wurde erst getroffen, nachdem diese schwierige
Diskussion zu dem Schluß gelangte, daß eine erweiterte NATO bei weitem das vielversprechendste
Instrument sei, um die Stabilität und Sicherheit Europas zu bewahren.

Das ist natürlich keine geringe Herausforderung. Aber
eine solche Denkweise gründet auf Prinzipien, die
allen Mitgliedern der transatlantischen Gemeinschaft
gemein sind. Aggression, Terrorismus und Aktionen
außerhalb der internationalen Normen sind Dinge, die
jedes Land verabscheut und ablehnt. Daher ist es
nicht weit hergeholt oder abstrakt, die Organisationen,
denen unsere Länder die wichtigsten Prinzipien
beimessen, vor solch eine Herausforderung zu stellen.

Ebenso wie die NATO hat die Europäische Union die
Notwendigkeit erkannt, die neuen Demokratien
einzubeziehen. So wie die Aussicht der NATOErweiterung die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat,
sich gegenseitig als potentielle Verbündete statt als
Gegner zu sehen, hat auch die Aussicht auf die EUMitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen
und manchmal schmerzlichen politischen Schritte zu
unternehmen, um ihre neuen Marktwirtschaften und
Rechtssysteme auf den richtigen Weg zu bringen.
Eine Orientierung nach außen wird der EU in den
kommenden Jahren am besten dienen. Das gilt nicht
nur für Zentraleuropa, sondern auch für die Türkei - ein
Land, das die strategische Entscheidung, sich zum
Westen zu orientieren, Anfang dieses Jahrhunderts
getroffen hat. Die Türkei und die EU haben gleichermaßen ein Interesse an der Stärkung ihrer Beziehungen. Und wir alle haben ein Interesse an der Entwicklung der Türkei als einem starken, wohlhabenden,
säkularen und demokratischen Staat.
Das letzte Jahrzehnt hat die unterschiedlichen Arten
aufgezeigt, wie sich Länder umgestalten können. Im
Falle dessen, was wir einstmals als Osteuropa bezeichneten, haben wir gesehen, wie autoritäre Systeme demokratisch wurden - Länder, in denen die
Regierungen durch normale, demokratische Mittel
abgelöst werden.

Seite 4

Diese Prinzipien gelten auch für die Erweiterung des
freien Handels und die Schaffung neuer Möglichkeiten
auf unserem transatlantischen Markt. Wir arbeiten auf
gleiche Chancen hin, indem wir die internationale
kommerzielle Bestechung abzuschaffen versuchen,
eine Praxis, die eben die Prinzipien unterminiert, für die
unsere Länder stehen. Wir haben Fortschritte dabei
erzielt, die Duplizität von Testverfahren abzubauen, so
daß die Produkte für den Verbraucher weniger teuer
werden. Und beim Klimagipfel in Kyoto haben wir den
ersten bedeutenden Schritt zur Bekämpfung des
Klimawandels vereinbart.
Innovation und neue Technologien sind die treibende
Kraft bei dem, was jetzt als die "neue Weltwirtschaft"
bezeichnet wird - ein Begriff, der Globalisierung
umfaßt, aber sich auch auf den neuen Kontext bezieht,
in dem Unternehmen auf der ganzen Welt Geschäfte
tätigen.
Die Veränderungen bei Handel und Technologie
haben jedoch nicht nur Auswirkungen auf unsere
Geschäftsbeziehungen. Sie beeinflussen auch unsere
Gesellschaften. Das Internet ist überall. Vor zwanzig
Jahren hätten die meisten sich nur sehr schwer
vorstellen können, daß wir heute von unserem Wohnzimmer aus Verbindung zu Computern auf der ganzen
Welt aufnehmen können. Heute hingegen ist es
schwierig, sich vorzustellen, daß wir nicht die E-mail
benutzen oder im Web surfen können. Es ist Teil
unserer sozialen Interaktion geworden - integraler
Bestandteil des Studentenalltags.

AMERIKA DIENST 01

�Daß unser Planet immer kleiner wird, hat auch Auswirkungen auf die Arbeit von jemandem wie mir.
Einmal können Informationen natürlich Grenzen
überschreiten und den Weg durch geschlossene
Gesellschaften nehmen. Wie jemand einmal sagte:
Wir sprechen nicht mehr von einer Revolution von
oben oder unten, sondern von einer Revolution von
außerhalb. Eine weitere Auswirkung ist, daß die
Bedrohungen der nuklearen Weiterverbreitung, die
Aktionen verbrecherischer Staaten und der Terrorismus ebenfalls näherrücken.
Diese Dinge bedrohen nicht nur einzelne Länder,
sondern die gemeinsame Lebensweise vieler Länder.
Die beste Verteidigung besteht darin, sich der Konstruktion zu bedienen, die die Lebensweise und
Interessen Deutschlands, der Vereinigten Staaten und
der übrigen transatlantischen Gemeinschaft verkörpert. Dieses Gebilde besteht aus Organisationen wie
der NATO, der OSZE, der neuen transatlantischen
Agenda sowie einer Vielzahl bilateraler und persönlicher Beziehungen und Freundschaften, die im Lauf der
Jahrzehnte aufgebaut wurden.
An diesem 50. Jahrestag der Gründung der Freien
Universität Berlin und der Berliner Luftbrücke wollen
wir uns einen Moment Zeit nehmen: Wir wollen uns
selbst zu unserer Fähigkeit beglückwünschen, die
Demokratie zu feiern. Und als historische Fußnote
möchte ich hinzufügen: Der Ausdruck "Kalter Krieg"
wurde ebenfalls 1948 geprägt, und ich freue mich, daß
er seinen 50. Jahrestag nicht erlebt.
Im Juni 1963 erklärte John F. Kennedy in seiner Rede
vor dieser Universität: "Diese Lehrstätte hat kein
Interesse daran, nur Syndikusse und vereidigte
Buchprüfer auszubilden. Woran sie Interesse hat, und
das gilt für jede Universität, ist die Ausbildung von
Weltbürgern - Menschen, die schwierige und heikle
Aufgaben meistern, vor denen wir als freie Männer und
Frauen stehen, sowie Menschen, die bereit sind, ihre
Kraft in den Dienst des Fortschritts einer freien Gesellschaft zu stellen."
Kennedys Worte inspirieren uns sogar noch heute -

*

AMERIKA DIENST 01

1998 - während wir den Jahrestag unseres Engagements für Demokratie und Freiheit feiern. Wir erneuern unser Engagement, damit in ganz Europa Demokratie, Frieden, Stabilität und Freiheit herrschen.
Berlin hat in diesem neuen Europa einen ganz besonderen Platz. Es ist nicht nur die Hauptstadt des
wiedervereinigten Deutschlands. Es ist seit Jahrzehnten ein Zentrum der Vielfalt und ein Magnet für die
Kreativen und Entrechteten. Keine Stadt in Europa hat
sich während des vergangenen Jahrzehnts stärker
verändert als Berlin. Keine Stadt kann dramatischere
neue Herausforderungen erwarten als Berlin.
Die Freie Universität und die anderen großartigen
Stätten des Lernens in Berlin werden sich dem Druck
des Wandels ebenfalls nicht entziehen können. Sie
werden am Scheideweg eines neuen Europas stehen,
das sich wahrscheinlich stark von der Welt unterscheidet, die wir in den vergangenen 50 Jahren
kennengelernt haben.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin ein zentrales
Element in dem neuen Europa sein, das wir gemeinsam aufbauen. Unser Ziel besteht darin, ganz Europa
zu helfen, der euroatlantischen Gemeinschaft von
Nationen beizutreten, die Präsident Clinton beschrieben hat. Unsere Rolle wird jedoch anders sein. Wir
werden Berlin und Westeuropa nicht länger vor einer
Bedrohung schützen. Wir werden in zunehmendem
Maße zu einem Partner bei den gemeinsamen Bestrebungen werden, die Gesundheit unserer Gesellschaften zu gewährleisten und die Vorteile der Demokratie auszuweiten.
Wenn wir nach einer Vision suchen, brauchen wir nur
auf Berlin zu schauen. Die Vervollständigung Europas
begann vor 50 Jahren in dieser Stadt. Das Signal für
eine wahrhaft friedliche euroatlantische Welt wird am
besten gehört, wenn Berlin es so laut und klar wie
möglich sendet. Damit kann Berlin die Phantasie
derjenigen anregen, die die Wunder der Vergangenheit
wiederholen möchten. Sie können wahrhaft dazu
beitragen sicherzustellen, daß Europa eines Tages frei
und ungeteilt sein wird.

* * * *

Seite 5

�HANDEL
14.Januar 1998

Sanktionen gegen Investitionen im Iran
weiterhin in Kraft
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für wirtschaftliche,
unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, am 7.
Januar 1998 bei der vom nordamerikanischen Komitee (North American Comittee - NAC) des nationalen
Politikverbandes veranstalteten Konferenz im National Press Club in Washington gehalten hat.

Einleitung
Ich möchte dem Präsidenten des nordamerikanischen
Komitees, Malcolm R. Lovell, für die Organisation der
heutigen Veranstaltung danken. Auch möchte ich
Roger Noriega nicht unerwähnt lassen, der den
Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des Senats
vertritt.
Meines Erachtens hat die Sitzung von heute Morgen
zum Thema Sanktionen Denkanstöße vermittelt, und
ich bedauere, daß ich nicht dabei sein kann, wenn die
unterschiedlichen Gedankengänge und Meinungen zu
diesem Thema erörtert werden. Ich freue mich jedoch
auf die eingehende Diskussion im Anschluß an meine
heutigen Ausführungen.
Ich werde heute zwei aktuelle und wichtige Punkte
erörtern: Die besten Geschäftsprinzipien und die
Verhängung von Sanktionen. Obwohl dies zwei
getrennte Themen zu sein scheinen, können sie
ausschlaggebende Instrumente bei der Erlangung
unserer außenpolitischen Ziele sein.
In meinem Ausführungen werde ich mich auf zwei
aktuelle Beispiele konzentrieren: Das Libertad-Gesetz
- auch bekannt als Helms-Burton-Gesetz - und das
Gesetz über Sanktionen gegen Iran und Libyen besser bekannt als ILSA (Iran Libya Sanctions Act).
Diese Gesetze haben die Betonung auf das Thema
Sanktionen verlagert und eine Reihe von Studien und
Diskussionen wie die heutige über die Effektivität von
Wirtschaftssanktionen ausgelöst. Meiner Ansicht nach

AMERIKA DIENST 01

sind die Diskussionen, Debatten und Analysen
konstruktiv, und wir begrüßen die Ideen und den Input
des Privatsektors, des Kongresses, von Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen (NGOs),
die zur Verbesserung der Effektivität unserer Maßnahmen beitragen sowie die Ziele und logische
Grundlage dieser Aktionen verdeutlichen können.
Das Konzept der Sanktionen ist nicht neu. Historiker
zitieren Beispiele, die in das antike Griechenland 432
v. Chr. zurückreichen. Anfang des 19. Jahrhunderts
verhängten die Vereinigten Staaten als Vergeltung für
britische Versuche zur Begrenzung des amerikanischen Handels mit Frankreich ein Embargo gegen
Großbritannien. Die Vereinigten Staaten wandten
sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg
Embargos auf Verkäufe nach Japan an. Als Präsident
Carters innenpolitischer Berater nahm ich persönlich
an dem Entscheidungsprozeß teil, der 1979 nach der
sowjetischen Invasion in Afghanistan zur Verhängung
von Sanktionen gegen die Sowjetunion führte.
Die Vereinigten Staaten haben seit dem Ersten
Weltkrieg insgesamt 115 Mal Sanktionen aus außenpolitischen Gründen auferlegt.
Den Zahlen des
Exportrats des Präsidenten zufolge wurden 104 nach
dem Zweiten Weltkrieg verhängt und 61 zwischen
1993 und 1996. Die Zahlen beinhalten nicht die
Anwendung von Sanktionen auf bundesstaatlicher und
kommunaler Ebene, die zugenommen hat. In einigen
Kreisen hat die Zunahme der Verhängung von Sanktionen Anlaß zu berechtigter Sorge gegeben.

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten stehen mit dem vermehrten
Einsatz von Sanktionen nicht allein. Der UN-Sicherheitsrat hat zwischen 1945 und 1990 nur zweimal
Sanktionen angewandt - gegen Rhodesien und
Südafrika. In beiden Fällen sollte die Verweigerung
von Menschenrechten und innenpolitischer Machtmißbrauch angesprochen werden, nicht die Abwehr
traditioneller Bedrohungen des internationalen Friedens und der Sicherheit. Seit 1990 haben die Vereinten Nationen Sanktionen gegen acht Länder
verhängt: Irak, Serbien, Libyen, Somalia, Liberia,
Ruanda, Haiti und Sierra Leone.
Die EU, Japan, Kanada und die Vereinigten Staaten
haben Sanktionen gegen Burma verhängt. Die EU hält
Hilfe für Kenia zurück, solange dieses Land mit den
Problemen der Korruption und manipulierten Wahlen
zu tun hat. Die ostafrikanischen Staaten haben
Burundi Sanktionen auferlegt, und die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten Sierra Leone.
Wie diese Beispiele demonstrieren, werden Sanktionen aus einer Vielzahl von Gründen angewandt: Um
das Verhalten eines Ziellandes zu ändern; um die
Ablehnung des Verhaltens einer Regierung zu signalisieren; um den Aktionsspielraum eines Zielstaates
einzuschränken und die Kosten eines inakzeptablen
Verhaltens zu erhöhen; um Unterstützung für Menschenrechte, Demokratie, Terrorismusbekämpfung
und andere Maßnahmen zu demonstrieren.
Sanktionen sind nicht kostenlos. Der Exportrat des
Präsidenten hat kürzlich beispielsweise die direkten
Kosten von Wirtschaftssanktionen für die amerikanische Wirtschaft im Jahr 1995 auf 15-19 Milliarden
Dollar an verlorenen Exportverkäufen und bis zu
250.000 Arbeitsplätzen geschätzt. Er argumentierte
ferner, daß Sanktionen einen indirekten Effekt durch
die Aushöhlung des Vertrauens in die Zuverlässigkeit
amerikanischer Lieferanten haben. Darüber hinaus
machen sie geltend, daß die Kosten für die amerikanische Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der
Vereinigten Staaten gemessen an den erzielten
Ergebnissen unverhältnismäßig hoch sein können.
Sanktionen der Bundesstaaten und Kommunen
können mit unseren internationalen Verpflichtungen in
Konflikt kommen und unseren außenpolitischen Zielen
zuwiderlaufen.
Es gibt jedoch Fälle, in denen Sanktionen ihr erklärtes
Ziel erreicht haben. In Südafrika trugen Sanktionen
zur Abschaffung der Apartheid bei; im Irak vereitelten
Sanktionen die Versuche Saddam Husseins zum
Wiederaufbau seiner Kriegsmaschinerie und - was
noch schlimmer gewesen wäre - zur Beschaffung von
Massenvernichtungswaffen; in Libyen mußte Gaddhafi
wegen der Sanktionen einen hohen Preis dafür
bezahlen, daß er die des Bombenanschlags auf
PanAm-Flug 103 Angeklagten nicht auslieferte;
Sanktionen halfen, Serbien in Dayton an den Verhand-

Seite 2

lungstisch zu bringen. Alle Sanktionen stellen multilaterale Bestrebungen vieler Länder dar. Der Erfolg
unilateraler Sanktionen ist gemischter - es gibt aber
dennoch eine Rolle für sie, wie im Falle von Sudan und
Burma.
Aber sind Sanktionen effektiv? Die Antwort ist nicht
leicht, und viele würden argumentieren, daß die Bilanz
nicht eindeutig ist. Die von einer von Verkäufen in
Burma abhängigen Firma vorgeschlagenen Normen
weichen sicherlich von denen eines engagierten
Menschenrechtsaktivisten ab, der jede Interaktion mit
dieser Regierung als unmoralisch ansehen würde.
Befürworter von Sanktionen glauben, daß sie sowohl
effektiv als auch symbolisch sind, da sie die Führungsrolle der Vereinigten Staaten demonstrieren und
andere Regierungen zu Reformen veranlassen.
Kritiker von Sanktionen argumentieren jedoch, daß
unilaterale Sanktionen für gewöhnlich das Zielland und
seine Politiker verfehlen, selbst wenn amerikanische
Unternehmen Verträge und Arbeitsplätze verlieren häufig für immer.
Das US-Außenministerium überprüft den Einsatz
dieses kontroversen Instruments. Der erste Schritt
besteht darin, unser eigenes Haus in Ordnung zu
bringen. Daher haben wir ministeriumsintern ein
"Sanktionsteam" eingerichtet, das eine Reihe von
Prinzipien und politischen Optionen erarbeiten soll, um
Wirtschaftssanktionen als Instrument der Außenpolitik
effektiver zu machen. Dieses "Sanktionsteam" wird
auch bessere Wege zur Durchsetzung von Sanktionen
finden und dabei direkt mit dem Kongreß, Nichtregierungsorganisationen und anderen zusammenarbeiten. Gesetzlich vorgeschriebene Sanktionen im
Zusammenhang mit Nichtverbreitung und Waffentransfers werden weiterhin gemäß bestehender Verfahren
angewandt und wären nicht Bestandteil dieser neuen
Bestrebungen.
Mehrere Prinzipien sollten die Suche nach einem
besseren, effektiveren Weg zur Integration von
Sanktionen in die Außenpolitik leiten.
Wir sollten nur auf Sanktionen zurückgreifen,
nachdem andere diplomatische Optionen
vollständig ausgeschöpft wurden und gescheitert sind.
Wir sollten internationale Unterstützung für
alle Sanktionsregime und die Beteiligung
daran anstreben, bevor wir unilaterale Maßnahmen ergreifen. Internationale oder multilaterale Sanktionen - selbst wenn sie nicht so
streng sind, wie wir es vorziehen würden könnten sich tatsächlich als effektiver erweisen als von den Vereinigten Staaten
eingeleitete unilaterale Maßnahmen.

AMERIKA DIENST 01

�Wir sollten die Sanktionen sorgfältig ausarbeiten, damit das Zielland den Schmerz fühlt
und unnötige Härten für die Unschuldigen
vermieden werden.

Vereinigten Staaten und der EU diskutiert als Ergebnis
der Vereinbarung, die Sir Leon Brittan und ich im April
ausgehandelt haben.
ILSA

Wenn unsere Maßnahmen effektiv sein sollen,
müssen wir zusammenarbeiten - Administration, Kongreß, Bundesstaaten und Kommunen, Unternehmen, NGOs - um sicherzustellen, daß der Einsatz der Sanktionen
angemessen, konsequent, innenpolitisch
befürwortet und in der Lage ist, internationale
Unterstützung zu gewinnen.
Bevor ich auf den Einsatz von Sanktionen im Hinblick
auf den Iran, Libyen und Kuba eingehe, möchte ich
kurz auf die Anwendung des Begriffs sekundäre
Boykotte eingehen. Bei unseren Diskussionen mit
Regierungen und dem Privatsektor haben wir festgestellt, daß es keine generell akzeptierte Definition
des Begriffs "sekundäre Boykotte" gibt. Einige haben
ihn auf amerikanische Gesetze, einschließlich des
Libertad-Gesetzes und des ILSA angewandt. Es
wurde vorgeschlagen, daß der Begriff sich auf jede
Maßnahme eines Staates bezieht, der Entscheidungen
ausländischer Firmen im Hinblick auf deren Geschäfte
in einem dritten Land beeinflussen könnte und alle
solche Maßnahmen jetzt illegal sind oder sein sollten.
Als Reaktion auf solche Behauptungen hat die Regierung der Vereinigten Staaten darauf verwiesen, daß
eine Vielzahl von Maßnahmen, die zur Förderung der
Politik eines Staates ergriffen wurden, das Potential
zur Beeinflussung ausländischer Firmen haben.
Beispielsweise hätte ein Importverbot der EU für Pelze
von in Tellerfallen gefangenen Tieren genau eine
solche Wirkung. Wir haben auch darauf verwiesen,
daß es absolut legitim für einen Staat ist, auf Bedrohungen wie Weiterverbreitung und Terrorismus mit
Sanktionen zu reagieren, die Bedingungen für kommerzielle Hilfsprogramme stellen, beispielsweise die
im Rahmen des ILSA genehmigten der Export-Import
Bank.
Ich glaube nicht, daß wir die Effektivität unserer
Reaktion auf solche Bedrohungen verbessern oder
Spannungen verringern werden, die sich aus völlig
unvereinbaren Maßnahmen ergeben, indem wir den
Begriff "sekundärer Boykott" wie ein Warnschild
hochhalten. Statt dessen vertrete ich die Auffassung,
daß die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
größere Anstrengungen unternehmen sollten, um die
Zusammenarbeit bei der Entwicklung konzertierter
Antworten auf Bedrohungen ihrer gemeinsamen
Interessen zu verbessern. Durch erweiterte Konsultationen auf hoher Ebene zu diesen Themen können die
Beteiligten versuchen, völlig unvereinbare Maßnahmen
zu vermeiden, einschließlich unilateraler Aktionen, die
ihren jeweiligen Interessen zuwiderlaufen könnten.
Ihre Ideen werden zur Zeit vehement zwischen den

AMERIKA DIENST 01

Die Unterstützung des Iran für Terrorismus, seine
Bestrebungen zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und Raketenträgersystemen sowie
seine Anstrengungen, den Friedensprozeß im Nahen
Osten zu stören, bedrohen unsere Freunde, Verbündeten und Interessen am Persischen Golf, im Nahen
Osten und darüber hinaus. Wir haben auf einen
multilateralen Konsens hingearbeitet, der die Bestrebungen des Iran zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen vereiteln und die Unterstützung von
globalem Terrorismus abschrecken soll. Es besteht
generelle Übereinstimmung mit unseren Verbündeten
über die Bedrohung, die der Iran darstellt, aber
weniger Einigung über die angemessenen Maßnahmen zur Abwehr dieser Bedrohung.
Wir führen einen andauernden Dialog mit unseren
Verbündeten, um unsere Maßnahmen im Hinblick auf
den Iran aneinander anzugleichen und multilateralen
Druck der Art anzuwenden, die eine Änderung des
Verhaltens des Iran am wahrscheinlichsten bewirkt.
Das ILSA enthält eine Aufforderung an den Präsidenten, "auf die Einführung eines multilateralen
Sanktionsregimes gegen den Iran hinzuarbeiten",
einschließlich Bestimmungen, die die Entwicklung von
Ölressourcen begrenzen und die Bestrebungen des
Iran "zur Unterstützung von Terrorismus und Beschaffung von Massenvernichtungswaffen verhindern". Ein
solcher Ansatz birgt die größten Chancen zur Erlangung dieser außenpolitischen Ziele. Aber was auch
immer das Ergebnis dieser Bestrebungen sein mag wir müssen gegebenenfalls zu unilateralem Handeln
bereit sein, wenn entscheidende nationale Interessen
auf dem Spiel stehen.
Gleichzeitig setzen wir unsere Überprüfung der South
Pars- und Balal-Investitionen fort um festzustellen, ob
sanktionierbare Aktivitäten gemäß ILSA stattfinden.
Wir beeilen uns, unsere Arbeit zu beenden, haben
jedoch noch keine Entscheidung in diesen Fällen
getroffen. Ich möchte hervorheben, daß es uns ernst
mit der Durchführung dieses Gesetzes ist und wir
keine Optionen ausgeschlossen haben. Sanktionen
sind in beiden Fällen weiterhin eine reale Option, wenn
sich diese Aktivitäten als sanktionierbar erweisen.
Bei einer Analyse der Sanktionsgesetzgebung muß
man bezüglich der Auswirkungen und Grenzen der
Aktionen sachlich und genau sein. Beispielsweise sind
bindende Auflagen bei der Ex-Im-Finanzierung im
Rahmen des ILSA im wesentlichen die Zurücknahme
einer Vergünstigung der Vereinigten Staaten für ein
ausländisches Unternehmen, das "durch große

Seite 3

�Investitionen direkt und in beträchtlichem Maße die
Fähigkeit des Iran zur Entwicklung von Ölressourcen
erhöht hat". Es ist keine Aktion gegen eine ausländische Regierung.
Das Libertad-Gesetz
Die gegen Kuba verhängten Sanktionen verdeutlichen
eines der wichtigsten Ziele von Wirtschaftssanktionen Druck auf grundlegenden Wandel in einem Regime
auszuüben, das international unbestritten schlechtes
Benehmen an den Tag gelegt hat und sein eigenes
Volk brutal unterdrückt. Auch wenn unsere Verbündeten und wichtigsten Handelspartner nicht mit unserem
gegen Kuba verhängten Embargo übereinstimmen
mögen und die Bestimmungen des Libertad-Gesetzes
ablehnen, sind sie mit uns einer Meinung, daß das
Hauptziel die Förderung von Demokratie und Menschenrechten in Kuba ist.
Unsere derzeitige Politik gegenüber Kuba reflektiert
unser Engagement für einen konzertierten multilateralen Ansatz, in Kuba grundlegenden Wandel herbeizuführen. Sanktionen sind nur ein Element dieses
weitaus umfassenderen Ansatzes. Im vergangenen
Jahr leitete der Präsident erstmals in den 38 Jahren
seit der Machtübernahme Castros umfassende
Bestrebungen zur Förderung der Demokratie in Kuba
auf multinationaler Ebene ein. Die Initiative des
Präsidenten basiert auf einer jahrelangen überparteilichen Politik gegenüber Kuba. Nach monatelangen
Bemühungen, eingehenden Konsultationen mit dem
Kongreß und der kubanisch-amerikanischen Gemeinschaft und nachdem viele engagierte Menschen und
ich Tausende von Meilen zurückgelegt haben, gelang
uns die Einleitung einzigartiger, multilateraler Bestrebungen zur Veränderung der Kategorien, in denen
über Kuba gesprochen wird.
Wie bei jedem Gesetz, das ausländische Unternehmen
betrifft, ist Genauigkeit hinsichtlich des Inhalts und
Umfangs der Aktionen von großer Bedeutung. Ein Teil
unserer Anstrengungen zur Einbeziehung unserer
Freunde und Verbündeten bestand darin, falsche
Annahmen und Mißverständnisse über das HelmsBurton-Gesetz auszuräumen. Helms-Burton ist ein
gezieltes Gesetz, das keine Bestrafung von Handel
und Investitionen in Kuba darstellt. Vielmehr bezieht
es sich nur auf die Unternehmen, die direkt mit enteignetem Eigentum umgehen, das amerikanischen
Staatsbürgern von der Castro-Regierung abgenommen wurde. Bei der Klärung dieser Mißverständnisse
und der direkten Beantwortung von Fragen ausländischer Regierungen über dieses Gesetz konnten wir
in gewisser Weise den Schwerpunkt von unseren
Differenzen auf unser gemeinsames Ziel verlagern die Förderung der Demokratie in Kuba.
Diese multinationalen Bemühungen zur Förderung des
demokratischen Wandels in Kuba beinhalten nicht nur

Seite 4

staatliche Aktionen. Auch Nichtregierungsorganisationen leisten in dieser Sache einen wachsenden und
wesentlichen Beitrag. Im vergangenen Jahr veranstaltete die führende niederländische NGO - Pax
Christi - eine große Konferenz europäischer Nichtregierungsorganisationen über die Notwendigkeit
verstärkter Zusammenarbeit bei Programmen, die auf
die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft sowie
die Förderung von Menschenrechten und Demokratie
in Kuba abzielen. Und im April letzten Jahres organisierten die führenden politischen Parteien der Niederlande eine Konferenz über Menschenrechte und einen
friedlichen Übergang zur Demokratie in Kuba. Bei
dieser Konferenz koordinierten und förderten etablierte
politische Parteien und Nichtregierungsorganisationen
gemeinsam Programme zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten in Kuba, forderten die
Freilassung politischer Gefangener und appellierten an
die kubanische Regierung, einen "friedlichen Übergang zu einer demokratischen, auf Rechtsstaatlichkeit
basierenden Gesellschaft" zuzulassen.
Auf Regierungsebene unternehmen die lateinamerikanischen Staaten wachsende Anstrengungen zur
Ermutigung demokratischen Wandels in Kuba.
Führende Politiker Argentiniens, Nicaraguas und El
Salvadors haben die kubanische Regierung in Erklärungen aufgerufen, einen Demokratisierungsprozeß
einzuleiten und sich an die Verpflichtung zu Demokratie und Menschenrechten zu halten, die Castro beim
iberoamerikanischen Gipfel 1996 eingegangen ist. Die
EU entwickelte eine "gemeinsame Position" - eine
historische, rechtlich bindende Verpflichtung aller 15
Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission zur
Ausübung stärkeren Drucks auf Menschenrechte und
demokratischen Wandel in Kuba. Diese "gemeinsame
Position" diente als Sprungbrett für die Übereinkunft
vom 11. April, die beide Seiten erneut zu verstärkten
Aktionen zur Förderung von Demokratie in Kuba und
zur Ermutigung anderer Länder verpflichtet, ebenso zu
handeln.
Als Teil der Übereinkunft mit der EU vom 11. April über
das Libertad-Gesetz setzen wir uns für bindende
Disziplinen bei nicht im Einklang mit dem Völkerrecht
stehenden Investitionen in enteignetes Eigentum sowie
für die Beilegung von Kompetenzstreitigkeiten, einschließlich Sanktionen, ein. Dies hätte Vorteile auf
beiden Seiten des Atlantiks, darunter verstärkter
Schutz für amerikanische und europäische Investoren
- und würde den Druck auf die kubanische Regierung,
Wandel herbeizuführen, stark erhöhen.
Aus diesem Grund haben wir bei unseren Gesprächen
mit der EU intensivierte Konsultationen auf hoher
Ebene vorgeschlagen, die ich bereits erwähnt habe.
Engere Zusammenarbeit mit unseren internationalen
Partnern bei der Reaktion auf Bedrohungen durch sich
den internationalen Normen widersetzende Staaten
tragen wirksamer zur Änderung inakzeptablen Verhal-

AMERIKA DIENST 01

�tens bei und verringern die Wahrscheinlichkeit gegenläufiger Maßnahmen, die unsere jeweiligen Interessen
unterminieren.
Jetzt werde ich mich den besten Geschäftsprinzipien
zuwenden. Zuerst möchte ich feststellen, daß die
Vereinigten Staaten Investitionen in Kuba entmutigen.
Wir sind nicht der Ansicht, daß Investitionen unter den
derzeitigen Umständen zu einer Förderung des
Wandels beitragen. Wir sind uns jedoch bewußt, daß
einige Unternehmen weiterhin Investitionsmöglichkeiten in Kuba suchen. Daher ist die Unterstützung
der besten Geschäftsprinzipien ein wesentliches
Element der Initiative des Präsidenten zur Entwicklung
eines multilateralen Ansatzes zur Förderung der
Demokratie in Kuba. Meines Erachtens ist dies ein
historischer Augenblick bei den Bestrebungen, die
international besten Geschäftsprinzipien zu entwickeln,
die auf Kuba Anwendung finden. Ganz unterschiedliche Gruppen mit verschiedenem Hintergrund und
Anliegen befassen sich mit dieser Frage.
Beste Geschäftsprinzipien
Die Idee ist nicht neu, daß der Privatsektor Schritte zur
Unterstützung grundlegender Menschen- und Arbeitnehmerrechte unternimmt. Die auf Südafrika angewandten "Sullivan-Grundsätze", die "McBride-Grundsätze" für Nordirland und die "OECD-Richtlinien für
multinationale Unternehmen" sind allesamt wichtige
Bezugspunkte für das Konzept der "besten Geschäftsprinzipien". In den neunziger Jahren wurden Grundsätze entwickelt, um in die Sowjetunion investierende
Unternehmen zur Förderung grundlegender Menschenrechte zu veranlassen.
In den Vereinigten Staaten werden Arbeitnehmerrechte
im Zusammenhang mit Programmen wie der Gesellschaft für Privatinvestitionen in Übersee (OPIC) und
dem Allgemeinen Präferenzsystem (General System of
Preferences - GSP) bestimmt. 1996 gab Präsident
Clinton eine Initiative bekannt, im Ausland tätige
amerikanische Unternehmen zur Förderung von
Menschen- und Arbeitnehmerrechten zu ermutigen.
Auf internationaler Ebene veröffentlichte ein Zusammenschluß kanadischer Unternehmen im September einen "internationalen Verhaltenskodex für kanadische Unternehmen". Kuba war in der Vergangenheit
Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit; Anfang der
neunziger Jahre wurden die "Arcos-Prinzipien"
entwickelt - benannt nach dem führenden kubanischen
Dissidenten Gustavo Arcos.
In den letzten Monaten wurden bedeutende Schritte
unternommen. Der transatlantische Wirtschaftsdialog
(Trans-Atlantic Business Dialogue - TABD) setzte bei
seiner Konferenz in Rom von 6.-7. November die im
vergangenen Jahr begonnene Arbeit fort. Diese
jährlich stattfindende Konferenz amerikanischer und
europäischer Wirtschaftsvertreter forderte die Unter-

AMERIKA DIENST 01

nehmen auf, sich an den "besten Geschäftsprinzipien"
jedes Landes zu orientieren, in dem sie tätig sind und
verlieh der Unterstützung für die "Ziele der Förderung
von Demokratie, Bekämpfung des Terrorismus und
Schutz der grundlegenden Menschenrechte" Ausdruck. In meiner Ansprache bei dieser Konferenz
unterstrich ich die Anwendung dieser Grundsätze auf
Kuba.
Andere Organisationen aus dem Privatsektor fordern
ebenfalls beste Geschäftsprinzipien. Im Dezember
1996 unterstützte die Organisation, die ungefähr 90
Prozent der niederländischen Arbeitgeber vertritt
(VNO/NCW), öffentlich die Erklärung des TABD über
Geschäftsprinzipien. Der britische Arbeitgeberverband
(Confederation of British Industries) befürwortete
ebenfalls eine aussagekräftige Erklärung über beste
Geschäftsprinzipien.
Das nordamerikanische Komitee baute bei der Aufstellung einer Reihe konstruktiver Geschäftsprinzipien
für Kuba auf diesen vorherigen Bestrebungen auf. Ich
habe bei meinen Besuchen in Kanada und Mexiko vor
einem Jahr das Konzept der Geschäftsprinzipien mit
Wirtschaftsvertretern dieser beiden Länder erörtert,
unter anderem mit Miguel Jauregui, der heute hier ist.
Die Prinzipien beschreiben Grundkonzepte der
Menschen- und Arbeitnehmerrechte. Vor dem Hintergrund der von der kubanischen Regierung geäußerten
Forderung, daß internationale Investoren Löhne in
Dollar direkt an den Staat zahlen, während der Staat
den Arbeitnehmern nur einen winzigen Teil in nationaler Währung auszahlt, haben die Autoren besonderen Bezug auf das Recht eines Unternehmens
genommen, Arbeitnehmer direkt einzustellen, sowie
auf das Recht des Einzelnen, selbst einen Arbeitsvertrag abzuschließen.
Im November erhielt die wachsende Bewegung
innerhalb des Privatsektors zur Förderung der besten
Geschäftsprinzipien in Kuba durch die Nichtregierungsorganisationen entscheidenden Auftrieb. Pax
Christi brachte verschiedene europäische NGOs zur
Gründung der "europäischen Plattform für Demokratie
und Menschenrechte in Kuba" zusammen. Nach einer
im November in Rom veranstalteten Konferenz fordert
das Kommunique der Plattform europäische Investoren in Kuba dazu auf, "die Arcos-Prinzipien, die
auch eine Garantie von Arbeitnehmerrechten enthalten, freiwillig zu unterschreiben und zu befolgen".
All dies zeigt einen wachsenden Konsens in der
großen Gemeinschaft von NGOs, Religionsgruppen
und Aktivisten, die sich für Menschenrechte in Kuba
einsetzen. Diese Organisationen sind unabhängig und
lassen sich nicht von Parteipolitik beeinflussen. Um es
ganz einfach auszudrücken: Sie werden von niemandem kontrolliert.

Seite 5

�Das stellt eine Chance und eine Herausforderung dar,
die Aktivitäten unterschiedlicher Gruppen, die sich mit
Geschäftsprinzipien für Kuba befassen, in koordinierte
Bestrebungen umzuwandeln, die die Durchsetzung der
Grundsätze des nordamerikanischen Komitees und
der Arcos-Prinzipien ermutigen. Meines Erachtens ist
eine Kombination von Mitteln und Ergebnissen erforderlich: Die Wirtschaft sollte sich am Idealismus und
den Fähigkeiten der Nichtregierungsorganisationen
orientieren - vielleicht durch die Bildung einer Arbeitsgruppe zur Prüfung der besten Geschäftsprinzipien für
Kuba.
Ich ermutige alle hier Anwesenden zu überlegen, was
Sie oder Ihre Organisation zur Förderung dieser Ideen
unternehmen könnten. Wir sind uns bewußt, daß es
sich hier um eine Angelegenheit handelt, bei der
Nichtregierungsorganisationen und der Privatsektor nicht die Regierung - die Führungsrolle übernehmen
sollten und müssen.
Konzertierte Aktionen für die besten Geschäftsprinzipien können wünschenswerte Ergebnisse
erzielen:

*

Seite 6

*

Verstärkte Zusammenarbeit zwischen Regierungen sowie zwischen Regierungen und dem
Privatsektor zur Ausarbeitung und Umsetzung
der besten Geschäftsprinzipien, die einen
wesentlichen Beitrag zur Förderung grundlegenden Wandels in Kuba leisten können.
Solche aktionsorientierte Zusammenarbeit
könnte in anderen Situationen als Modell
dienen und als Beitrag zu einem umfassenden
multilateralen Ansatz die Sanktionspolitik
beeinflussen.
Am Vorabend eines neuen Jahrtausends besteht
unsere Herausforderung in der Ausarbeitung wirksamer Maßnahmen, um die Welt sicherer zu gestalten
und Demokratie und Menschenrechte überall zu
fördern. Wir müssen weiterhin gemeinsam an der
Entwicklung der wirksamsten Mittel zur Erreichung
dieser umfassenden und hehren Ziele arbeiten. Ich
danke Ihnen und freue mich, jetzt Ihre Kommentare
und Fragen zu diesen wichtigen Themen zu hören.

*

*

AMERIKA DIENST 01

�NATO
14. Januar 1998

Die Auswirkungen der NATO auf demokratische
und wirtschaftliche Institutionen
von Joshua Muravchik

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Joshua Muravchik, Gastdozent am American Enterprise
Institute, Dozent am Washington Institute on Near East Policy und außerordentlicher Professor am Institute of
World Politics. Er ist Mitglied des Redaktionsstabs von World Affairs, dem Journal of Democracy und Orbis.

Als der US-Senat 1949 den Nordatlantikvertrag
ratifizierte, der die NATO ins Leben rief, konzentrierte
sich die Debatte vornehmlich auf die militärische
Schwäche der möglichen Verbündeten der Vereinigten
Staaten.
Die europäischen Staaten hatten gerade erst begonnen, sich von der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs
zu erholen. Sie hatten wenig zu der Aufgabe der
gegenseitigen Verteidigung beizutragen, es sei denn,
die Vereinigten Staaten würden die Kosten ihrer
Wiederbewaffnung tragen, die viele Senatoren damals wie heute etatbewußt - nur sehr widerwillig
übernehmen wollten. Diese Befürchtungen wurden
äußerst effektiv in einem Artikel des renommierten
Militärstrategen Bernard Brodie zerstreut, der erstaunlich relevant für die heutige Debatte über die
NATO-Erweiterung ist.
In seinen Ausführungen in der Yale Review vom
Dezember 1949 räumte Brodie ein, daß "der Nordatlantikvertrag kurzfristig unter militärischen und
Versorgungsaspekten eine Verpflichtung ist. Zur Zeit
gibt es in Westeuropa niemanden, der mit den sowjetischen Armeen fertigwerden kann." Von einem militärischen Standpunkt aus "gab es eine gewisse
Hemmungslosigkeit in der Art und Weise, in der wir
Nationen zum Beitritt einluden - ziemlich ungeachtet
ihrer Größe, Macht oder exponierten Stellung".
Dennoch beurteilte Brodie den Vertrag als ein gutes
Geschäft für die Vereinigten Staaten, weil "militärische
Erwägungen sekundär waren".
Wie konnte das sein? Der Vertrag war von der
Bedrohung der sowjetischen Aggression inspiriert.

AMERIKA DIENST 01

Brodie nahm diese Bedrohung ernst, argumentierte
jedoch, daß "nichtmilitärische Formen der Aggression",
mit anderen Worten Subversion, die wahrscheinlichsten Mittel waren, mit denen das sowjetische Imperium
nach Westeuropa ausgeweitet werden konnte. Der
Schlüssel zur Verhinderung des sowjetischen Eindringens - in welcher Form auch immer - war der
Wiederaufbau der westeuropäischen Gesellschaften.
"Insofern als der Vertrag der Gesundung Europas dient
und sie stimuliert", erklärte Brodie, werden die sowjetischen Machenschaften "ihrer Bedrohung beraubt".
Daher, argumentierte er, "war der Wert des Vertrags
für die Vereinigten Staaten eher politischer als militärischer Natur... da die westeuropäischen Staaten
nur durch das in ihm enthaltene Versprechen der
Sicherheit die erforderlichen Anstrengungen für ihre
gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rettung
unternehmen konnten."
Brodies Analyse war vorausschauend. Unter der
Schirmherrschaft der NATO wurden die westeuropäischen Volkswirtschaften neu aufgebaut, ebenso wie
die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft und
stabile politische Parteien. Die NATO war natürlich nur
ein Faktor, der zur wirtschaftlichen Wiedergeburt
Europas beitrug. Der Marshallplan war ein direkterer.
Im Verlauf von vier Jahren leisteten die Vereinigten
Staaten Hilfe in Höhe von rund 13 Milliarden Dollar für
das Projekt zur Förderung der wirtschaftlichen Gesundung in bestimmten europäischen Ländern nach dem
Zweiten Weltkrieg. Der amerikanische Beitrag würde
heute 88 Milliarden Dollar entsprechen. So beträchtlich diese Summe auch war, vertreten die meisten
Wirtschaftshistoriker jedoch die Auffassung, daß ihr
direkter Ertrag weniger wichtig war als die psychologi-

Seite 1

�sehen Auswirkungen. Die durch den Marshallplan
genährte Hoffnung und die durch die NATO gebotene
Sicherheit schufen gemeinsam ein Klima, das die
Europäer zum Arbeiten, Sparen und Investieren
motivierte, bis sie für sich selbst einen nie zuvor
gekannten Wohlstand geschaffen hatten.

Diese Ängste waren unbegründet. Im Gegensatz zu
der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schlug die Demokratie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg
in ganz Westeuropa tiefe Wurzeln. Viele Faktoren
trugen zum politischen Erfolg bei, und der große
Einfluß der NATO war dabei nicht der geringfügigste.

Amerika hat Europa viel an wirtschaftlicher Hilfe und
militärischem Schutz gegeben, erhielt aber auch sehr
viel zurück, obwohl das von den Amerikanern manchmal nicht erkannt wurde. Als Europa wohlhabend
wurde, begannen einige Amerikaner Europa eher als
Konkurrent denn als Partner zu sehen. Das war
jedoch eine engstirnige Sichtweise. Obwohl europäische Firmen mit amerikanischen konkurrierten, bot
Europas erneuter Wohlstand Märkte, Waren und
Kapital, der Amerikas eigenes kontinuierliches Wirtschaftswachstum förderte.

Die von der NATO gebotene Sicherheit war ein Faktor
an sich, denn die Angst vor ausländischen Bedrohungen bietet oft einen Vorwand für die Machtergreifung
durch Möchtegerndiktatoren. Darüber hinaus weckte
die NATO ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den
nordatlantischen Staaten, in denen ehemalige erbitterte Feinde zu Partnern wurden. Die NATO war nicht die
einzige Kraft, die die Staaten des nordatlantischen
Raums zusammenhielt.
Handel und Tourismus
spielten ebenso wie andere Institutionen eine Rolle.
Den Kern der Beziehungen bildeten jedoch das
Versprechen gegenseitiger Verteidigung und die
Verpflichtung, unter Einsatz des eigenen Lebens für
den anderen einzustehen.

Europas wirtschaftliche Erholung kann man als
"Wunder" bezeichnen, aber seine politische Erholung
war noch bemerkenswerter. Heute sehen die meisten
Amerikaner und wahrscheinlich die meisten Europäer
Demokratie in Westeuropa als selbstverständlich an.
Aber vor dem Zweiten Weltkrieg war Demokratie ein
zartes Pflänzlein auf dem europäischen Kontinent
gewesen. In den meisten Ländern hatte sie entweder
kurz vor oder nach dem Ersten Weltkrieg richtig
Wurzeln geschlagen und war dann in den turbulenten
zwanziger und dreißiger Jahren Diktaturen gewichen.
Infolge dessen hatten gut unterrichtete Beobachter
böse Vorahnungen bezüglich der Chancen der
Demokratie außerhalb der angelsächsischen Kultur.
Diese Vorahnungen ähnelten stark denen, die wir
heute über Demokratie in den Entwicklungsländern
hören. Diese Zweifel sind heute vielleicht ebenso
unbegründet wie damals.
Der große Historiker Arnold Toynbee schrieb in den
dreißiger Jahren, Italiens Ruf einer "Demokratie (im
konventionellen Sinne) habe es zu einer offenen Frage
gemacht, ob diese politische Pflanze in irgendeinem
Land außer dem eigenen wirklich dauerhaft Wurzeln
schlagen kann". Ein Jahrzehnt später schrieb der
Romancier und Akademiker Waldo Frank in Foreign
Affairs, die "Bedrohung [der Demokratie] wird Hitler
überdauern, da der Faschismus lediglich ein Endprodukt tiefverwurzelter antidemokratischer Kräfte
innerhalb des modernen europäischen Gedankenguts
ist". Und 1952, als das Ende der Besatzung Deutschlands durch die Alliierten näherrückte, besuchte der
renommierte Politologe Heinz Eulau seine Heimat und
berichtete pessimistisch: "Trotz der veränderten
Kulisse und des neuen Ensembles erscheint die
Bonner Republik auf vielerlei Weise wie eine zweite
Aufführung der Weimarer Republik ... die deutsche
Politik gründet nicht auf demokratischer Erfahrung,
sondern auf starker Emotionalität."

Seite 2

Diese Beziehungen wurden teilweise aufgrund gemeinsamer Ängste, aber auch eines gemeinsamen
demokratischen Ethos geknüpft. In der Präambel des
Nordatlantikvertrags ist es folgendermaßen formuliert:
"Die Parteien ... sind entschlossen, die Freiheit, das
gemeinsame Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die
auf den Grundsätzen von Demokratie, Freiheit des
einzelnen und der Rechtsstaatlichkeit beruhen, zu
gewährleisten."
Das Bündnis bot auch einen Rahmen, der zur Sozialisierung der führenden Militärs im Zeitalter nach dem
Zweiten Weltkrieg beitrug. Das beinhaltete, sich einen
starken Glauben an die zivile Überlegenheit zu eigen
zu machen. Während in den zwanziger und dreißiger
Jahren der Fall der Demokratie in vielen europäischen
Ländern von den Militärs initiiert wurde, waren solche
Episoden in den NATO-Staaten selten. Die dramatischste Ausnahme war Griechenland, wo 1967 ein
Militärcoup die Demokratie für sieben Jahre abschaffte.
In der Türkei stürzte das Militär mehrmals demokratisch gewählte Regierungen, wobei jedesmal innerhalb
ungefähr eines Jahres die Kontrolle wieder in zivile
Hände gelangte. Diese Vorfälle zeigen, daß der
Einfluß der NATO zugunsten ziviler Herrschaft nicht
allmächtig war, aber angesichts der Spaltungen im
Staatswesen Griechenlands und der Türkei scheint die
Frage berechtigt, ob die Beeinträchtigung der Demokratie in diesen Ländern nicht länger gedauert hätte,
wenn diese nicht in die NATO eingebettet gewesen
wären.
Portugal hat eine ähnlich problematische Geschichte.
Trotz seiner korporativen Diktatur zählte es aufgrund
der vermeintlichen strategischen Bedeutung der
Azoren zu den Gründungsmitgliedern der NATO. 25
Jahre später wurde durch eine Kette von Ereignissen,
bei denen Militärs und die Verbündeten Portugals in

AMERIKA DIENST 01

�der NATO eine Schlüsselrolle spielten, die Diktatur
gestürzt und die Demokratie wiederhergestellt.
Heute wird die Erweiterung der NATO oft als Ausdehnung des Sicherheitsschirms auf Zentraleuropa
bezeichnet. Aber ebenso wie es Brodie bei den
ursprünglichen NATO-Mitgliedern voraussah, geht es
bei der Sicherheit möglicherweise weniger um Verteidigung vor militärischen Bedrohungen als um die
Gewährleistung von Stabilität durch die Stärkung von
demokratischen Institutionen und dem für Wirtschaftswachstum wichtigen Vertrauen.
Militärs aus in die NATO aufgenommenen Staaten und
sogar aus denen, die nur der Partnerschaft für den
Frieden angehören, werden einen Großteil ihrer
Ausbildung durch ihre amerikanischen und westeuropäischen Kollegen erhalten. Damit verinnerlichen
sie sich die Botschaft ziviler Kontrolle. Dieser Einfluß

*

AMERIKA DIENST 01

wird jedoch nicht nur auf das Militär ausgeübt. Der
NATO-Beitritt bedeutet einen Beitritt zum Westen, für
den demokratische Werte noch wesentlicher sind als
McDonald's und MTV.
Die NATO ist ein angesehener Club. Ihre Mitglieder
erfreuen sich der Dinge, die sich alle wünschen:
Freiheit, Wohlstand und Sicherheit. Dadurch ist die
NATO in der Lage, Maßstäbe zu setzen, die großen
Einfluß auf neue Mitgliedstaaten und andere, die
Mitgliedschaft anstrebende Länder haben oder sogar
auf diejenigen, die lediglich freundschaftliche Beziehungen zum Bündnis anstreben. Obwohl die gegenseitige Verteidigungsverpflichtung der NATO den Kern
des Bündnisses darstellt und ihm Gewicht gibt, könnte
sich der psychologische Einfluß der NATO auf die
politische und wirtschaftliche Entwicklung in Europa
letztlich als ihre wichtigste Funktion erweisen.

* * * *

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Außenpolitik 1997 und 1998&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Madeleine Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bosnier sollen neues Jahrhundert mit der Musik des Friedens beginnen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bosnien benötigt weiterhin internationale Schutztruppe&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht der Senatoren Levin und Reed&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Berlin und die Vervollständigung Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sanktionen gegen Investitionen im Iran weiterhin in Kraft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Auswirkungen der NATO auf demokratische und&amp;nbsp; wirtschaftliche Institutionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Joshua Muravchik&lt;/em&gt;</text>
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dicrv&gt;t

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Dezember 1997

25

UMWELT

CLINTON: ABKOMMEN VON KYOTO IST
GUT FÜR DIE UMWELT UND HAT SOLIDE
WIRTSCHAFTLICHE GRUNDLAGE
Erklärung des Präsidenten

AUSSENPOLITIK

ALBRIGHT ERÖRTERT NATO-ERWEITERUNG,
BOSNIEN UND IRAK
Rede beim Ministertreffen des Nordatlantikrates

BOSNIEN

INTERNATIONALE STAATENGEMEINSCHAFT
WILL IN BOSNIEN IHREN KURS FORTSETZEN
Stellungnahme von Botschafter Robert S. Gelbard

USA-DEUTSCHLAND

REFLEXIONEN
ZUR
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN PARTNERSCHAFT
Rede vor der American Chamber of Commerce
in Germany
DEUTSCHLAND UND AMERIKA: EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
von Botschafter John C. Kornblum

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST

1997

Mit dieser letzten Ausgabe des Jahres 1997
wünscht die Redaktion des Amerika Dienst allen
Lesern ein friedliches und erfolgreiches neues Jahr.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

29. Dezember 1997

Clinton: Abkommen von Kyoto ist gut für die Umwelt
und hat solide wirtschaftliche Grundlage
Erklärung des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine von Präsident Clinton am 10. Dezember 1997
abgegebene Stellungnahme über das auf der Klimakonferenz von Kyoto erzielte Abkommen zur Verringerung der
Treibhausgasemissionen.

Ich freue mich sehr, daß die Vereinigten Staaten mit
anderen Nationen der Welt ein historisches Abkommen über beispiellose Maßnahmen zur Bekämpfung der weltweiten Klimaerwärmung geschlossen
haben. Diese Übereinkunft ist gut für die Umwelt und
hat eine solide wirtschaftliche Grundlage. Sie spiegelt
das Engagement unserer Generation wider, im
Interesse zukünftiger Generationen zu handeln.
Keine Nation engagiert sich stärker für dieses Ziel als
die Vereinigten Staaten. In Kyoto bestand unsere
Aufgabe darin, andere Nationen zu überzeugen,
Gemeinsamkeiten zu finden, damit wir realistische und
erreichbare Verpflichtungen zur Verringerung der
Treibhausgasemissionen eingehen können. Diese
Aufgabe wurde erfüllt. Die amerikanische Delegation
unter Leitung von Vizepräsident Gore und der kompetenten Führung von Staatssekretär Stuart Eizenstat hat
den Weg gewiesen. Die durch die Anwesenheit von
Vizepräsident Gore geschaffene Dynamik trug zu

einem erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen bei,
und ich danke dem Vizepräsidenten dafür.
Ganz besonders freue ich mich, daß das Abkommen
das Engagement der Vereinigten Staaten widerspiegelt, dieses schwierige Problem mit Hilfe der
Instrumente des freien Marktes zu lösen.
Es liegen immer noch große Herausforderungen vor
uns, insbesondere bei der Einbeziehung der Entwicklungsländer. Es ist von elementarer Bedeutung, daß
diese Nationen sich wirkungsvoll beteiligen, damit wir
globale umweltpolitische Herausforderungen wirksam
angehen können. Aber die Industrienationen sind
zusammengekommen und haben einen großen Schritt
unternommen, und das ist ein wirklicher Fortschritt.
Abschließend möchte ich Ministerpräsident Hashimoto
und dem japanischen Volk für ihre großes Engagement danken.

* * * * *

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�AUSSENPOLITIK

29. Dezember 1997

Albright erörtert NATO-Erweiterung, Bosnien und Irak
Rede beim Ministertreffen des Nordatlantikrates

BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die US-Außenministerin
Madeleine Albright am 16. Dezember 1997 beim Ministertreffen des Nordatlantikrates im NATO-Hauptquartier in
Brüssel hielt.

Herr Generalsekretär, Herr Ehrenpräsident, verehrte
Amtskollegen, meine Damen und Herren, ich freue
mich außerordentlich, im Namen der Vereinigten
Staaten zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Ich werde heute unter anderem vom amerikanischen
NATO-Botschafter, Robert Hunter, begleitet, für den
dies das letzte Ministertreffen des Nordatlantikrates ist.
Botschafter Hunter hat es der NATO durch seine
herausragende Arbeit ermöglicht, weltweit das Bündnis
Nummer eins zu bleiben und gleichzeitig neue Mitglieder vom gesamten Kontinent einzubeziehen.
Meines Erachtens ist unser Erfolgsgeheimnis während
dieser Zeit ziemlich einfach gewesen. Wir sind nicht
einfach auf Nummer Sicher gegangen. Bei jeder
Entscheidung haben wir uns für den weitblickendsten
Weg entschieden.
Heute treffen wir hier zusammen und haben bereits mit
der Erweiterung unseres Bündnisses begonnen,
während wir gleichzeitig eine Partnerschaft mit Rußland und der Ukraine bilden, wichtige Bande zu
anderen europäischen Demokratien anknüpfen, die
komplexeste Militäroperation in der Geschichte der
NATO durchführen und ihre internen Strukturen
anpassen, damit sie die Herausforderungen einer
drastisch veränderten Welt bewältigen kann. Aufmerksame Kritiker haben bezweifelt, ob wir zu diesen
Schritten bereit sind, und praktisch niemand glaubte,
daß wir alle fünf auf einmal unternehmen können.
Jedesmal haben wir der Versuchung widerstanden,
Taten durch Worte zu ersetzen und schwierige
Entscheidungen aufzuschieben.

Unsere unmittelbare Tagesordnung beinhaltet die
Erfüllung der von unseren führenden Politikern beim
Madrider Gipfel eingegangenen Verpflichtungen. Ich
freue mich sagen zu können, daß wir diese Versprechen halten. Ich bin zuversichtlich, daß beim
nächsten Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs 1999 die Zeit für weitere Schritte gekommen ist.
Vor zwei Wochen billigten unsere Verteidigungsminister eine neue Kommandostruktur für die NATO,
die die Zahl der Kommandostellen von 65 auf 20
verringert. Wir haben den Weg für die vollständige
Integration Spaniens in die NATO geebnet. Und wir
begrüßen die Entscheidung Frankreichs, sich einer
umfassenden Teilnahme an den Aktivitäten des
Bündnisses noch weiter anzunähern.
Heute findet das erste Ministertreffen des Ausschusses für die Partnerschaft zwischen der NATO und der
Ukraine statt. Unsere Herausforderung wird darin
bestehen, die vor uns liegenden Chancen zu ergreifen
und auf der leisen Erfolgsgeschichte aufzubauen, die
sich bei der neuen, besonderen Partnerschaft mit der
Ukraine abzeichnet.
Morgen werden wir erneut mit Rußland im Ständigen
Gemeinsamen Rat als Teil eines Prozesses zusammentreffen, der von historischer Bedeutung, aber
zunehmend auch geschäftlich orientiert und in seiner
Umsetzung sogar Routine ist. Wir setzen unsere
praktische tägliche Zusammenarbeit mit Rußland fort,
um das gegenseitige Mißtrauen der Vergangenheit zu
überwinden.
Ferner werden wir morgen im Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrat mit all unseren neuen Partnern

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�zusammentreffen. In Zukunft wird viel von dem, was
die NATO leistet, in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des EAPR erfolgen, der immer wichtiger wird.
Und natürlich werden wir in wenigen Stunden mit der
Tschechischen Republik, Ungarn und Polen ihre
NATO-Beitrittsprotokolle unterzeichnen. Dies ist ein
weiterer Schritt bei dem Prozeß, der noch viele Jahre
auf unserer Tagesordnung stehen wird.
Die heutige Unterzeichnung ist nicht nur eine Zeremonie, und sie ist weit mehr als eine bürokratische
Formalität.
Wir unterzeichnen jetzt die Beitrittsprotokolle, weil die
NATO entschieden hat, daß die Tschechische Republik, Ungarn und Polen bereit zur Übernahme ihrer
Verpflichtungen als Verbündete sind. Aufgrund der
Stärke und Verläßlichkeit ihrer Demokratien fügen sie
sich nahtlos in die europäische Hauptströmung ein.
Ihre Volkswirtschaften wachsen. Ihre militärische
Infrastruktur ist fortgeschrittener, als viele von uns
erwartet haben. Sie haben - großenteils dank der
Partnerschaft für den Frieden - gute Fortschritte bei der
Anpassung ihrer Streitkräfte an die Normen und
Verfahren der NATO gemacht. Wir sind zuversichtlich,
daß sie mit der Zeit ausgereifte militärische Fähigkeiten entwickeln werden.
Gleichzeitig geben die Tschechische Republik, Ungarn
und Polen uns heute ihr Wort, daß sie genau wissen,
was von ihnen als NATO-Verbündete erwartet wird.
Diese Nationen akzeptieren eine grundlegende
Veränderung ihrer nationalen Identität. Jahrzehntelang
haben sie von der freien Welt Bekräftigung und
Unterstützung ihrer Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit erwartet. Jetzt übernehmen sie zum
ersten Mal die Verantwortung für die Freiheit und
Sicherheit anderer. Wir zählen in Zukunft auf ihren
Beistand in Stunden der Not und in den Zeiten, wenn
andere Nationen unsere Bekräftigung und Unterstützung erwarten.
Diesen Monat haben wir auch ein Abkommen über die
Konsequenzen der Erweiterung für unsere Mittel
geschlossen. Wir haben die kluge Entscheidung
getroffen, das Abkommen auf eine Einschätzung der
militärischen Erfordernisse einer größeren NATO und
die damit einhergehenden neuen Sicherheitsverpflichtungen zu stützen. Wir haben jetzt eine klare
Vorstellung davon, was die derzeitigen und zukünftigen Verbündeten der NATO zur Erfüllung dieser
Verpflichtungen tun müssen und wie hoch die gemeinsam getragenen Kosten einer erweiterten NATO sein
werden.
Durch die Zustimmung zu den Kostengutachten der
NATO haben wir Schätzungen und Prognosen in
Verpflichtungen umgewandelt, denen jeder von uns

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jetzt nachkommen muß. Ferner haben wir bekräftigt,
was unsere Staats- und Regierungschefs in Madrid
erklärt haben: Die Kosten einer erweiterten NATO sind
real, denn jede echte Sicherheit hat ihren Preis.
Großenteils aufgrund der von unseren zukünftigen
Verbündeten getroffenen Vorbereitungen werden diese
Kosten zu bewältigen sein. Sie werden getragen. Und
sie werden gerecht verteilt.
Unsere nächste Herausforderung wird darin bestehen,
die Ratifizierung der NATO-Erweiterung durch unsere
Parlamente zu gewährleisten. Wir dürfen nicht das
Ergebnis dieses Prozesses vorschnell beurteilen oder
als selbstverständlich hinnehmen. Präsident Clinton
und ich haben intensiv mit Kongreßabgeordneten
beider Parteien zusammengearbeitet und wissen, daß
unsere Debatten im Kongreß und unsere öffentliche
Debatte in den nächsten Wochen lebhafter werden.
Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, daß auch das
Votum aller sechzehn Parlamente nicht das Ende
unserer Bestrebungen markiert, sondern bestenfalls
ihren Beginn. Wir müssen hart daran arbeiten sicherzustellen, daß die Tschechische Republik, Ungarn und
Polen umfassend und erfolgreich in unser Bündnis
integriert werden.
Ferner müssen wir auch immer daran denken, daß
unsere führenden Politiker zugesagt haben, die Türen
der NATO immer für neue Mitglieder offen zu halten.
Und sie haben diese Verpflichtung untermauert, indem
sie einer Intensivierung des Dialogs der NATO mit den
Nationen zustimmten, die eine Mitgliedschaft anstreben.
Im Januar sollte ein neues Stadium des Dialogs
beginnen. Wir müssen beim Washingtoner Gipfel zur
Überprüfung und Erwägung neuer Schritte in diesem
Prozeß bereit sein, und dasselbe gilt für unsere
Partner.
Das Grundprinzip der nächsten Runde der NATOErweiterung ist genau dasselbe wie das der ersten
Runde: Die Erweiterung wird zur Abschreckung
externer Bedrohungen der transatlantischen Gemeinschaft beitragen. Sie wird das Gebiet in Europa
erweitern, in dem es keine Kriege gibt. Sie wird den
dazu bereiten Ländern einen Anreiz zur Intensivierung
ihrer Reformen und zur Zusammenarbeit mit all ihren
Nachbarn geben. Sie wird unser Bündnis durch die
Aufnahmefähiger neuer Mitglieder stärken, die unsere
Interessen und Werte teilen. Und sie wird die politische Einheit Europas stärken und seine historischen
Spaltungen noch weiter verringern.
Wir sollten die nächste Runde der NATO-Erweiterung
genauso angehen wie die erste.
Ferner sollten wir vermeiden, gegenüber bestimmten
Ländern bestimmte Verpflichtungen einzugehen; es

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�besteht kein Grund, Erwartungen zu wecken, indem
wir parteiisch sind oder davon auszugehen, daß
unsere Parlamente immer allem zustimmen. Ebenso
wie in der Vergangenheit müssen wir darauf bestehen,
daß die verbleibenden Beitrittskandidaten den objektiv
höchsten Standards entsprechen, bevor sie zum
Beitritt eingeladen werden - daß sie die höchsten
Hürden für Reformen überwinden, die Bereitschaft zur
Erfüllung der gesamten Pflichten der Mitgliedschaft
zeigen und beweisen, daß ihre Aufnahme den strategischen Interessen der NATO dient.
Gleichzeitig sollten wir weiterhin deutlich machen, daß
jede an einer Mitgliedschaft interessierte europäische
Demokratie für eine Mitgliedschaft in Frage kommt,
ungeachtet ihrer Geschichte oder Geografie. Und wir
müssen weiterhin betonen, daß die Frage nicht lautet,
ob die NATO neue Mitglieder aufnimmt, sondern nur,
wann und wie das geschieht. Zu einer anderen Runde
"vielleicht" zu sagen, ist nicht viel besser, als ein Nein.
Angesichts der in ganz Zentral- und Osteuropa bereits
erzielten Fortschritte können wir alle zuversichtlich
sein, daß die erste Runde nicht die letzte ist - und das
auch sagen.
Fortschritte müssen verantwortungsvoll und überlegt
gemacht werden, aber sie müssen erfolgen. Wir
benötigen einen Prozeß, innerhalb dessen beitrittswilligen Kandidaten genau gesagt wird, was sie tun
müssen und welche Veränderungen erforderlich sind,
um ihre Mitgliedschaft zu ermöglichen. Das ist der
Zweck - der ganz praktische Zweck - des intensivierten
Dialogs.
Natürlich ist die NATO bei weitem nicht das einzige
Instrument, das wir für den Aufbau eines geeinten,
freien und friedlichen Europas benötigen. Angesichts
der Erweiterung der Europäischen Union, der wachsenden Bedeutung der OSZE und unserer gemeinsamen Bestrebungen zur Förderung der Integration in
Nord- und Südosteuropa werden auf dem Gebiet des
gesamten Baltikums, der Ägäis und des Atlantiks alte
Hindernisse für Zusammenarbeit und Handel abgeschafft.
Wir dürfen auch nicht vergessen, daß die gefährlichste
Bedrohung unserer Vision in den europäischen
Nationen lauert, die sich der Integrationsbewegung
noch widersetzen - Nationen, in denen demokratische
Prinzipien noch attackiert werden, beispielsweise
Belarus und Serbien, und in denen noch Konflikte
schwelen, einschließlich Bosniens.
Dies war für den Friedensprozeß in Bosnien ein
ermutigendes Jahr, großenteils weil unsere Truppen
ihre Arbeit mit gewohnter Kompetenz und Energie
erledigen.
Ganz im Gegensatz zu den von manchen befürchteten
endlosen Schwierigkeiten waren wir zur Verringerung

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der Truppenpräsenz in der Lage, während der Friedensprozeß Fuß faßte. Meines Erachtens bildet sich
unter den Bosniern allmählich ein Konsens - wenn
nicht über einen Zustand von Harmonie und Verständnis, der ideal wäre, so doch über einen Zustand
der Sicherheit und Normalität, den jede zerstörte
Gesellschaft zunächst einmal anstreben muß.
Vergangenen Monat hielten die bosnischen Serben
Parlamentswahlen ab, bei denen die Wähler Wahlmöglichkeiten und die Unabhängigen eine Stimme
hatten. Und die Partei an der Macht verlor fast die
Hälfte ihrer Sitze. Bei den Kommunalwahlen im
Oktober stimmten nahezu 150.000 Bosnier über
ethnische Grenzen hinweg ab und machten deutich,
daß sie nicht durch permanente Trennlinien von ihrer
Heimat getrennt werden möchten.
Die paramilitärische Polizei wurde der Kontrolle der
SFOR unterstellt. Wir haben dafür gesorgt, daß
aufhetzende Rundfunk- und Fernsehsendungen
eingestellt werden und die Reichweite der unabhängigen Medien vergrößert wird. In den Gebieten, die das
Daytoner Abkommen umsetzen, beschleunigt sich die
wirtschaftliche Erholung. Flüchtlinge kehren in verschiedene Gemeinden zurück, auch wenn dieser
Prozeß quälend langsam verläuft.
Zusätzlich haben sich 20 mutmaßliche Kriegsverbrecher dem Kriegsverbrechertribunal gestellt -12 seit
unserem letzten Ministertreffen. Das hat den Mitteln
des Tribunals eine willkommene Belastung auferlegt und ich freue mich bekanntgeben zu können, daß wir
wie versprochen dem Tribunal die jetzt benötigten
Mittel zur Verfügung stellen werden, damit die Gerichtsverfahren zügig stattfinden können. Die Vereinigten Staaten werden einen Beitrag in Höhe von
einer Million Dollar leisten. Damit sowie mit einer
großzügigen Spende der niederländischen Regierung
wird für das Tribunal bis Anfang kommenden Frühjahrs
ein neuer Gerichtssaal gebaut.
Trotz der Leistungen der letzten beiden Jahre bleibt
noch viel zu tun, bevor wir zuversichtlich sein können,
daß der Frieden in Bosnien sich selbst erhalten wird.
Dabei waren wir uns folgender Tatsache bewußt: So
hartes auch ist, in einem Land, das einen Bürgerkrieg
überlebt hat, eine multiethnische Gesellschaft wiederherzustellen - die Alternative würde noch größere
Gefahren und Kosten beinhalten.
In der Vergangenheit kannte Bosnien Frieden in
Einheit. Es hat Krieg mit Uneinigkeit erlebt. Was es
nie erlebt hat, ist Frieden in Uneinigkeit. Der Versuch,
Dayton durch eine Teilung Bosniens zu ersetzen,
würde unsere Last keinesfalls erleichtern, denn solch
ein historisch unnatürlicher Staat könnte nur von oben
oktroyiert werden. Es müßten Grenzen neu gezogen
und von unseren Truppen patrouilliert werden, die

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�niedergelassene Bevölkerung würde entwurzelt und
Flüchtlinge müßten erneut aus ihren wiedergewonnenen Häusern vertrieben werden.
Eine Teilung Bosniens ist nicht nur falsch, sie ist auch
unrealistisch. Aus diesem Grund ziehen wir die Wahl
zwischen Risiken und Pflichten vor, die wir und die
Parteien in Dayton befürwortet haben, denn diese
Wahl hat mehrere Ziele, die lohnend und erreichbar
sind.
Seit Dayton unterstützen die Vereinigten Staaten eine
effektive NATO-Mission in Bosnien. Wir tun das aus
dem Grund, weil es nicht den amerikanischen Interessen dient, wenn im Herzen von Europa Aggression
ungehemmt, Haß ungezügelt und Völkermord unbemerkt und ungestraft bleibt. Es hätte auch nicht
unseren Interessen gedient, wenn die NATO ein
Bündnis geworden wäre, das sich hypothetischen
zukünftigen Herausforderungen mutig stellt, gleichzeitig aber vor den realen Herausforderungen der
Gegenwart davonläuft.
Die Anpassung und Erweiterung der NATO wären sinnlose theoretische
Übungen, wenn wir das Bündnis nicht an die Arbeit
gesetzt hätten, als seine Interessen und Werte bedroht
waren.
Jetzt lautet die Frage, ob in Bosnien nach dem Abschluß der SFOR-Mission militärische Präsenz
benötigt wird, und falls ja, welcher Art sie sein sollte.
Weder die NATO noch die Vereinigten Staaten haben
endgültige Entscheidungen getroffen. Das Bündnis
prüft jetzt aber verschiedene Optionen, falls wir uns
entschließen sollten, über den Juni 1998 hinaus zu
bleiben.
In den kommenden Monaten wird Präsident Clinton
weiterhin triftige Gründe dafür vorlegen, daß unser
Engagement in Bosnien den amerikanischen Interessen dient. Der US-Kongreß wird entsprechende
Fragen über die Natur unseres Engagements und die
Rolle unserer Verbündeten stellen.
Ich habe kein Problem damit, den Beitrag der Europäer
zu Bosnien zu loben. Unsere Verbündeten hatten
schon lange vor den Vereinigten Staaten Truppen vor
Ort, und seit Dayton gehen wir dieselben Risiken ein.
Es gibt jedoch eine Frage, die ich nicht beantworten
kann, und die lautet, warum die Vereinigten Staaten 90
Prozent des Geldes für die Ausbildung und Ausrüstung
der bosnischen Polizei bereitgestellt haben, wenn
Recht und Ordnung für jede vernünftige Strategie zur
Beilegung des Konflikts so entscheidend sind.
Eine unserer wichtigsten Herausforderungen besteht
in der Aufstellung einer zivilen Polizei in Bosnien, die
professionell und effektiv ist und das Vertrauen aller
Volksgruppen besitzt. Solange die Bosnier bei ihrer
öffentlichen Sicherheit von anderen abhängig sind,
können wir Bosnien nicht ohne die Sorge verlassen,

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daß die öffentliche Sicherheit zerstört wird. Und ohne
öffentliche Sicherheit gibt es keinen einfachen Weg zur
Erreichung entscheidender Ziele, beispielsweise der
Rückkehr der Flüchtlinge aus Westeuropa.
Wir müssen der IPTF die Mittel und das qualifizierte
Personal geben, das sie benötigt, um die Polizei vor
Ort auf einen europäischen Standard zu bringen. Die
IPTF muß bereit sein, ihr Mandat entschlossen zu
erfüllen. Wir müssen akzeptieren, daß ihre Arbeit
bestenfalls Zeit braucht.
Wenn wir die Möglichkeiten zur Unterstützung der
IPTF prüfen, können wir uns auch die in vielen Ländern vorhandenen Fähigkeiten in Form von Gendarmen und Karabiniers ansehen. Solche Kräfte könnten
die Flexibilität der SFOR erhöhen und die Implementierung des Daytoner Abkommens sowie den Schutz der
Truppe verbessern.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin das Ihre tun.
Aber in so wichtigen Bereichen wie diesen müssen
auch andere Bündnismitglieder weitaus mehr unternehmen. Das wird das Vertrauen unseres Kongresses
stärken, daß Europa und die Vereinigten Staaten sich
fair und effektiv die Last der Erhaltung des Friedens in
Bosnien teilen.
Es ist auch aus anderen Gründen wichtig, daß wir
unserer gemeinsamen Verantwortung in Bosnien
nachkommen.
Wir werden in Europa vielleicht nicht erneut mit einer
Herausforderung wie Bosnien konfrontiert. Tatsächlich
macht unsere Integrationsstrategie das weniger
wahrscheinlich. Aber die Vereinigten Staaten und
Europa werden sich zweifelsohne außerhalb der
europäischen Grenzen Herausforderungen stellen
müssen. Unsere Nationen haben gemeinsame globale
Interessen, die von uns fordern, daß wir mit demselben
Ausmaß an Solidarität zusammenarbeiten, das wir auf
diesem Kontinent seit langem bewahrt haben.
Meines Erachtens haben wir gegenseitige Verpflichtungen als Verbündete und Freunde, für deren Erfüllung wir uns härter einsetzen müssen.
In diese Kategorie fällt meines Erachtens die Verpflichtung der Vereinigten Staaten, ihre Außenstände
bei internationalen Organisationen wie den Vereinten
Nationen zu begleichen - nicht zuletzt, weil wir unseren
engsten Verbündeten eine noch größere Last auferlegen, wenn wir nicht zahlen. Ich kann nur sagen,
daß ich im kommenden Jahr keine höhere Priorität
habe als die Lösung dieses Problems, wobei ich zur
Überarbeitung des Beitragsschlüssels der UNO mit
Ihnen sowie mit unserem Kongreß zusammenarbeiten
werde.

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�Unsere größte Verpflichtung besteht jedoch darin
zusammenzuhalten, wenn unsere wichtigsten Sicherheitsinteressen bedroht sind. Das taten wir 40
Jahre lang an der Fulda Gap. Das tun wir jetzt in
Bosnien. Das taten wir im Golfkrieg, obwohl die NATO
dort offiziell nicht führend war, und das tun wir auch
jetzt noch in der Golfregion.
Während des Kalten Krieges waren wir durch unser
herausragendes Interesse an der Eindämmung der
Sowjetunion geeint, und wir ließen nicht zu, daß
andere Überlegungen dieses schmälerten.
Viele Menschen sind der Ansicht, daß wir nicht länger
eine solche einigende Bedrohung haben. Ich bin der
Meinung, daß das doch der Fall ist, und die NATO
erkannte das schon vorher: Wir müssen die Verbreitung von atomaren, chemischen und biologischen
Waffen stoppen. Wir müssen die explosive Mischung
aus Technologie und Terror beseitigen - die Möglichkeit, so unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag,
daß Massenvernichtungswaffen in die Hände von
Menschen fallen, die keine Skrupel haben, sie einzusetzen.
Diese Bedrohung kommt großenteils aus dem Nahen
Osten und Eurasien, weshalb Europa besonders
gefährdet ist. Es handelt sich um das wichtigste
Sicherheitsanliegen unserer Zeit, das nicht gegen
konkurrierende politische oder ökonomische Überlegungen abgewogen werden kann.
Wir müssen gemeinsam mehr darüber nachdenken,
wie wir im Rahmen und außerhalb des Bündnisses mit
dieser Bedrohung umgehen können. Eine größere
NATO befaßt sich nicht automatisch damit. Wir sollten
diese Überlegungen berücksichtigen, wenn wir das
strategische Konzept des Bündnisses den aktuellen
Gegebenheiten anpassen.
Ein Teil unserer übergeordneten Herausforderung
besteht darin, möglichst hohe Standards gegen die
Weiterverbreitung zu setzen um sicherzustellen, daß
die Regeln des internationalen Systems von dessen
Freunden aufgestellt werden, nicht von seinen Feinden. Mit der unbefristeten Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags, der Inkraftsetzung der Chemiewaffenkonvention und der Unterzeichnung des Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot (CTB-Vertrag)
durch mehr als 145 Staaten haben wir einen guten
Anfang gemacht. Jetzt besteht ein entscheidender
nächster Schritt darin, dem Vertrag über biologische
Waffen Biß zu geben, indem wir ein bindendes Protokoll zu seiner Umsetzung verabschieden.
Tatsächlich besteht unsere größte Herausforderung in
der Befolgung der von uns aufgestellten Regeln, und
das ist eine Frage des politischen Willens.

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Im Fall des Irak haben unsere Nationen harte Sanktionen, Inspektionen und ein Überwachungsregime
unterstützt, um Saddam Hussein davon abzuhalten,
jemals wieder Massenvernichtungswaffen zu besitzen
oder einzusetzen.
Wie die jüngste Mission von
Botschafter Butler zeigte, haben wir noch nicht die
erforderlichen Zusicherungen bekommen, bedingungslosen und ungehinderten Zugang zu allen Einrichtungen im Irak zu erhalten, was weiterhin unser übergeordnetes Ziel ist.
Bei anderen Problemen sind wir nicht immer einer
Ansicht, insbesondere im Hinblick auf die Schaffung
eines angemessenen
Gleichgewichts
zwischen
Sanktionen und Diplomatie.
Ich weiß, daß manche Europäer das Gefühl haben, die
Vereinigten Staaten würden allzu schnell unilateral
handeln und allzu schnell Sanktionen verhängen.
Entsprechend haben manche Amerikaner das Gefühl,
die Vereinigten Staaten würden allzu oft bei schwierigen Fragen den Kopf hinzuhalten, während andere die
Wirtschaftsverträge erhalten - daß unsere Bereitschaft,
Verantwortung für Frieden und Sicherheit zu übernehmen, es anderen erleichtert, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken.
Diese Ansichten sind wichtig. Ich bin jedoch der
Meinung, daß wir darüber hinausblicken und den
Wunsch der Vereinigten Staaten erkennen müssen,
möglichst in Abstimmung mit unseren Verbündeten zu
handeln, und daß wir auch dem Beitrag Europas zu
globalem Frieden, Sicherheit und Entwicklung Rechnung tragen müssen.
Wir dürfen nie vergessen, daß wir einander brauchen,
daß wir gegenseitige Verpflichtungen und grundlegend
gleiche Interessen haben.
Bosnien hat uns daran erinnert, daß es keine größere
Bedrohung Europas gibt, die nicht auch eine Bedrohung für Amerika darstellt. Und ebenso gibt es
keine Bedrohung Amerikas, die nicht auch eine
Bedrohung für Europa ist. Wir sind alle Mitglieder
eines Bündnisses, das die Sicherheit der Menschen in
Paris, Oslo und Rom zu einem Interesse und Verantwortungsbereich der Vereinigten Staaten macht,
ebenso wie es die Sicherheit der Einwohner von New
York und Los Angeles zu einem europäischen Anliegen und Verantwortungsbereich macht.
Wenn die Welt eine von Prinzipien geleitete, zielgerichtete Führung zur Bekämpfung von Aggression,
Weiterverbreitung und Terror benötigt, müssen die hier
vertretenen Nationen andere Anliegen beiseite lassen
und die Führung übernehmen, denn nur wenige
andere können und werden das tun. Jeder von uns
muß so handeln, als ob die Sicherheit der Welt von
unseren individuellen Aktionen abhinge, denn sehr oft
ist das der Fall.

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�Vor einiger Zeit hatte ich eine Anhörung im US-Senat
über die NATO-Erweiterung. Ich beendete meine
Ausführungen damit, daß ich sagte, wenn wir im
gesamten Spektrum menschlicher Aktivitäten etwas
erreichen wollen - vom Familienleben über die Nachbarschaft bis zur nationalen und Weltpolitik - schließen
wir uns zuerst einmal mit denen zusammen, deren
Werte und Ansichten wir teilen.
In einer Welt, in der das Negative uns oft das Positive
vergessen läßt, kann es sich niemand von uns leisten,
seine Freunde zu vergessen oder diejenigen als

*

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selbstverständlich hinzunehmen, auf die wir uns
verlassen können.
Aus diesem Grund pflegen die Vereinigten Staaten ihre
Beziehungen zu Europa, und aus diesem Grund
glauben wir an dieses Bündnis. Ich habe als Außenministerin keinen größeren Wunsch als die Vertiefung
und Ausweitung unserer Partnerschaft - einer Partnerschaft, in der wir immer in der Lage sein müssen, auf
Sie zu zählen, und in der Sie - hier auf diesem Kontinent und weltweit - immer auf uns zählen können.

* * *

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�BOSNIEN
29. Dezember 1997

Internationale Staatengemeinschaft will
in Bosnien ihren Kurs fortsetzen
Stellungnahme von Botschafter Robert S. Gelbard

BONN - (AD) - Botschafter Robert S. Gelbard, der Sonderbeauftragte des Präsidenten und der Außenministerin
für die Implementierung des Friedensabkommens von Dayton, erklärte am 10. Dezember 1997 bei der
Jahresvollversammlung des Friedensimplementierungsrates für Bosnien und Herzegowina in Bonn, die
internationale Staatengemeinschaft wolle ihren Kurs im ehemaligen Jugoslawien beibehalten. Nachfolgend
veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Stellungnahme von Botschafter Gelbard.

Zuerst möchte ich unseren deutschen Gastgebern für
die Veranstaltung dieser wichtigen Konferenz unseren
Dank aussprechen. Ferner danke ich dem Hohen
Repräsentanten, Carlos Westendorp, im Namen der
Vereinigten Staaten für seine unermüdlichen Bestrebungen zur vollständigen Implementierung des
Friedensabkommens von Dayton. Die Entscheidung
des Friedensimplementierungsrates, dem Hohen
Repräsentanten die Befugnis zu bindenden Interimsentscheidungen beim gesamten Spektrum ziviler
Implementierungsfragen zu verleihen, ist ein zusätzlicher Beweis für die entschiedene Unterstützung der
Schlüsselrolle des Hohen Repräsentanten durch die
internationale Staatengemeinschaft.
Die Anwesenheit von Vertretern so vieler Staaten
diese Woche hier in Bonn unterstreicht das langfristige
Engagement der Völkergemeinschaft für Bosnien und
die Verwirklichung der Vision des Daytoner Abkommens von einem Staat in Bosnien, der sich aus
zwei multiethnischen Einheiten zusammensetzt. In
Sintra legte der Lenkungsausschuß des Friedensimplementierungsrates einen Plan für die Beschleunigung der Implementierung des Friedens vor. Seitdem
wurden beachtliche Fortschritte erzielt, die jedoch noch
nicht ausreichen. Die Vereinigten Staaten und die
anderen Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft sind in zunehmendem Maße frustriert über die
Obstruktionspolitik, die alle Parteien bei der Erfüllung
ihrer Verpflichtungen im Rahmen des Friedensabkommens betreiben.

AMERIKA DIENST 25

Die Botschaft der Bonner Konferenz an die Parteien ist
unmißverständlich: Macht weitere Fortschritte. Stoppt
diese inakzeptable Verzögerungstaktik. Setzt das
Abkommen wie versprochen um. Die internationale
Unterstützung wird daran gebunden sein, ob die
Parteien ihren Verpflichtungen nachkommen.
Heute haben wir uns auf weitere spezifische Maßnahmen geeinigt, um die Befolgung des Abkommens
zu gewährleisten:
Sollten die Parteien sich bei bedeutenden zivilen
Implementierungsfragen nicht einigen, wird der Hohe
Repräsentant im Rahmen des Friedensabkommens
seine volle Amtsgewalt nutzen, bindende Interimsentscheidungen zu treffen.
Der Hohe Repräsentant wird gegen Regierungsmitglieder vorgehen, die ohne guten Grund nicht an
Zusammenkünften teilnehmen oder die Verpflichtungen des Friedensabkommens zur Sicherstellung
seiner Implementierung verletzen.
Das Büro des Hohen Repräsentanten wird sich mit
Unterstützung der Arbeitsgruppe für die Rückkehr der
Flüchtlinge insbesondere auf die Rückkehr der
Flüchtlinge und Vertriebenen in Minderheitengebiete
konzentrieren, und die internationale Staatengemeinschaft wird die Mittel für die erforderliche Unterbringung, für Arbeitsplätze und vor allem die Gewährleistung der Sicherheit bereitstellen.

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�Im Hinblick auf die Sicherheit bestand bei zwei Punkten ein klarer Konsens. Der erste war, daß die
Präsenz bewaffneter Streitkräfte unter Führung der
NATO in Bosnien den größten Beitrag zur Sicherheit in
der Region seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens geleistet hat und das kurz- und mittelfristig
weiterhin tun wird. Die Konferenz begrüßte die Pläne
der NATO, Optionen für eine multinationale Nachfolgetruppe der SFOR zu prüfen, die ein sicheres Umfeld für
die zivile Implementierung in Bosnien über den Juni
1998 hinaus schaffen würde.

Die jüngsten Wahlen in der Republika Srpska haben
zu der unbedingt notwendigen Verstärkung der
politischen Pluralität geführt, die den Einfluß der
Hardliner in Pale unweigerlich verringern wird. Die
Konferenz befürwortete die Fortsetzung der erfolgreichen Rolle der OSZE bei der Veranstaltung und
Überwachung der Wahlen in Bosnien, einschließlich
der für September 1998 anberaumten nationalen
Wahlen. Die Menschen in Bosnien müssen ihre
Politiker sorgfältig danach beurteilen, ob diese ihre
Lebensumstände verbessern.

Damit in Zusammenhang stand der Konsens über die
Bedeutung der Reform des Polizeiwesens. Der
Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott formulierte es gestern folgendermaßen: Die "Zusammenstellung einer Polizei, die dem Volk und der Idee
gegenüber loyal ist, Bosnien als Ganzes zu sehen, und
nicht loyal gegenüber einem feindlichen Lager von
Nationalisten und Extremisten" ist die einzige langfristige Garantie für Sicherheit und eine Rückkehr der
Rechtsstaatlichkeit, die in diesem Teil der Welt allzu
lange gefehlt haben. Der Prozeß der Übergabe der
Verantwortung für die Sicherheit von der SFOR auf die
örtliche Polizei muß beschleunigt werden, und die IPTF
wird zur Erreichung dieses Ziels die Verwendung der
Mittel von der Überwachung auf die Ausbildung der
örtlichen Polizei verlagern.

Den Menschen in Bosnien durch Wahlen mehr
Befugnisse zu geben, wird durch das Engagement der
internationalen Staatengemeinschaft voll unterstützt,
die Bestrebungen zur Einführung freier und unabhängiger Medien zu fördern. Wie Sie wissen, hat der Hohe
Repräsentant entschiedene Maßnahmen zur Einstellung des Sendebetriebs in Pale ergriffen, denn Pale
weigert sich, seine ungenauen und aufhetzenden
Fernsehsendungen einzustellen. Gleichzeitig hat sich
der Hohe Repräsentant für die Einrichtung und
Stärkung partei- und regierungsunabhängiger Medien
eingesetzt, beispielsweise Radio FERN und Open
Broadcast Network. Das Büro des Hohen Repräsentanten wird seine Bestrebungen zur Umstrukturierung
anderer Medien fortsetzen und arbeitet dabei gut mit
dem serbischen Fernsehnetz zusammen, das seinen
Sitz in Banja Luka hat.

Bei Fragen der wirtschaftlichen Umstrukturierung
bestand ein klarer Konsens darüber, daß die internationalen Geber zwar viel zur Wiederankurbelung der
Wirtschaft in Bosnien unternommen haben, die
Politiker in Bosnien aber nicht das Ihre tun, um die
Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Die Umsetzung der
für ein IWF-Abkommen erforderlichen Wirtschaftsgesetze, die Gründung der notwendigen öffentlichen
Einrichtungen zur Herstellung funktionierender Infrastrukturverbindungen zwischen den einzelnen
konstituierenden Einheiten, beispielsweise die Eisenbahn, und der Fortgang der Privatisierung sind allesamt stark im Rückstand. Die Parteien werden die
Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlieren, wenn sie diese Probleme nicht auf
eigene Faust lösen.
Das Büro des Hohen Repräsentanten wird die Korruption in beiden konstituierenden Einheiten des Staates
überwachen. Es werden staatliche Einnahmen für
korrupte und illegale Praktiken abgezweigt. Die
internationale Staatengemeinschaft hat ganz deutlich
gemacht, daß eine Fortsetzung dieser Praktiken
Bosnien die Unterstützung der Geberländer kosten
wird.
Ich möchte nicht den Eindruck hinterlassen, die
Konferenz hätte sich ausschließlich auf die negativen
Aspekte der Situation in Bosnien konzentriert. Es gibt
verschiedene positive Entwicklungen, auf denen die
Staatengemeinschaft aufbauen möchte.

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Erstmals erlebten wir vor kurzem, wie sich eine
ansehnliche Zahl angeklagter Kriegsverbrecher dem
Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stellte - großenteils dank der Hilfe der kroatischen Regierung. Die
internationale Staatengemeinschaft wich nicht von
ihrer Meinung ab, daß diejenigen, die Kriegsverbrechern in Belgrad und Pale Schutz gewähren, in der
Völkergemeinschaft weiterhin isoliert bleiben sollten.
Im Rahmen der Konferenz wurde ein seit langem
fälliges Abkommen über Paßangelegenheiten und
Staatsbürgerschaft geschlossen, und wir erwarten,
daß die Parteien auf dieser Leistung aufbauend
Einigung über andere heikle politische Themen
erzielen, beispielsweise einheitliche Nummernschilder
und eine Nationalflagge.
Eine letzte gute Nachricht ist die erfolgreiche Implementierung der Rüstungskontrollvereinbarungen
unter Absatz II und IV des Daytoner Abkommens.
Unter der Leitung der OSZE wurden bereits 6.600
schwere Waffen zerstört. Jetzt können wir der letzten
Rüstungskontrollvereinbarung des Daytoner Abkommens unter Absatz V über die regionale Stabilisierung unsere Aufmerksamkeit widmen. Der erfolgreiche Abschluß dieser Verhandlungen wird einen
wesentlichen Beitrag zur Schaffung eines stabilen
militärischen Gleichgewichts in der Region leisten.
Schließlich widmete die Konferenz den wachsenden
Problemen im Kosovo besondere Aufmerksamkeit.

AMERIKA DIENST 25

�Die internationale Staatengemeinschaft vertritt übereinstimmend die Ansicht, daß die jugoslawische Föderation ihre im Daytoner Abkommen eingegangene
Verpflichtung zur Verbesserung der Menschenrechtssituation nicht länger aufschieben kann. Daß die
Föderation die Konferenz unüberlegterweise verlassen
hat, wird die Entschlossenheit des Friedensimplementierungsrates keineswegs vermindern. Im Gegenteil:
Der Unwille der Serben, sich ernsthaft mit dieser Frage
zu befassen, wird die Spannungen nur noch verschärfen. Wie der Stellvertretende Außenminister
Talbott gestern erklärte, werden die Vereinigten

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AMERIKA DIENST 25

Staaten und ihre europäischen Partner weiterhin auf
einen Dialog zwischen Belgrad und Pristina hinarbeiten.
Ich möchte die Bedeutung der Konferenz auf dem
Petersberg folgendermaßen zusammenfassen: Die
Völkergemeinschaft wird im ehemaligen Jugoslawien
ihren Kurs fortsetzen. Wir werden uns weiterhin
umfassend engagieren und die Implementierung des
Daytoner Abkommens zu Ende bringen. Die Gegner
von Dayton werden uns nicht aussitzen können.

*

Seite 3

�USA-DEUTSCHLAND
29. Dezember 1997

Reflexionen zur deutsch-amerikanischen
Partnerschaft
Rede vor der American Chamber of Commerce in Germany

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der
Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, vor der American Chamber of Commerce in Germany am 9.
Dezember 1997 in Berlin gehaltene Rede.

Ich freue mich sehr, an Ihrem traditionellen Weihnachtsgansessen teilnehmen zu können.
Charles Dickens hat einmal gesagt: "Zügle den
Appetit, und du hast die menschliche Natur besiegt."
Da ich mich dieser Herausforderung nur ungern stellen
möchte, versuche ich, meine Ausführungen heute
Abend kurz zu halten.
Die Weihnachtszeit ist eine wundervolle Jahreszeit.
Es ist eine Zeit, in der wir an das Jahr zurückdenken,
das gerade zu Ende geht. Es ist eine Zeit für Familien.
Es ist eine Zeit, in der man dem gedrängten Terminkalender eine Atempause gönnen sollte. Und es ist eine
Zeit zu planen und auf das zu blicken, was das
nächste Jahr bringen könnte.
Auch die Amerikanische Botschaft in Deutschland
befindet sich inmitten solcher Gedankengänge. In den
vergangenen Jahren hat sich die Welt dramatisch
verändert - und es steht noch mehr bevor. Die
wichtigen Pläne für die Umstrukturierung der offiziellen
amerikanischen Präsenz in Deutschland sind Ihnen
bekannt. Die zentralen Funktionen der Botschaft
werden schrittweise nach Berlin verlegt. Viele unserer
wichtigen Büros sind bereits hier. Der endgültige
Umzug findet mit der Ankunft der Bundesregierung im
Sommer 1999 statt.
Gleichzeitig wird eine beträchtliche Zahl unserer
Mitarbeiter nach Frankfurt umziehen. Sie sind für
regionale und Unterstützungsfunktionen zuständig.
Sie müssen nicht in Berlin sein. Effektivität, Nähe zu
Transportverbindungen und Logistik sind in Frankfurt

AMERIKA DIENST 25

am ehesten gegeben. Wir werden auch weiterhin
wichtige Büros in Hamburg, Düsseldorf, München und
Leipzig haben.
Die Funktionen der Konsulate und Wirtschaftsabteilungen werden erweitert. Wir suchen neue Wege, um
unsere Geschäfte in einem Zeitalter raschen Wandels
zu tätigen. Insbesondere hoffen wir auf die Zusammenarbeit mit unseren Freunden in der Wirtschaft, um
die neuen Chancen zu nutzen, denen Sie sich gegenübersehen.
Kontinuität und Wandel sind konstante Begleiter im
diplomatischen Leben. Unser Leitprinzip muß Kontinuität sein. Nationen und Völker prosperieren bei
Stabilität und werden durch Wandel häufig verwirrt.
Aber Wandel kann auch befreiend sein. Unsere
eigene Nation ist auf den Prinzipien von Dynamik und
Wandel gewachsen.
Die nahezu revolutionären
Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts haben
unserer euroatlantischen Welt mehr Freiheit und
Chancen gebracht als zu jeder anderen Zeit in der
Geschichte.
Unsere Arbeit heute besteht darin, die bedeutenden
Leistungen der atlantischen Partnerschaft zu bewahren und gleichzeitig sicherzustellen, daß wir die
Herausforderungen des Wandels bewältigen. Trotz
der dramatischen politischen Unruhen der neunziger
Jahre ist die vor fünfzig Jahren geschaffene Grundlage
der Partnerschaft fest geblieben. Die Klugheit unserer
Vorgänger wurde durch die rasche Anpassung
atlantischer Institutionen an das neue Zeitalter unter
Beweis gestellt. Meine letzte Amtszeit hier, im Berlin

Seite 1

�der achtziger Jahre, fand in einer anderen Welt statt.
Die Alliierten Streitkräfte haben die Stadt verlassen.
Sowjetische Truppen bedrohen nicht länger Ihre
Freiheit. Statt dessen treffen wir Vorbereitungen, um
Polen, die Tschechische Republik und Ungarn als
neue Mitglieder der NATO willkommen zu heißen. Wer
hätte das für möglich gehalten? Das ist die Kontinuität
eines demokratischen Europas. Die NATO ist weiterhin der Beschützer der Freiheit. Aber es gibt auch
Veränderungen.
Zentraleuropa tritt endlich der
atlantischen Gemeinschaft bei, von der es vor fünfzig
Jahren so grausam ausgeschlossen wurde.

lichen Problemen niemals alleine stellen muß, oder
daß sie nicht zu schädlichem Wettbewerb führen, wie
es in der Vergangenheit häufig der Fall war. Sie in
Europa suchen jetzt Lösungen für alle großen Herausforderungen der Zukunft. Die Vereinigten Staaten sind
nach wie vor ein Befürworter der europäischen
Integration - sowohl der etablierten Integration der
Europäischen Union als auch der unerläßlichen
Integration von Zentral- und Osteuropa in die demokratische Staatengemeinschaft. Zusammen sind die
NATO und die EU die entscheidende Basis für diese
Bestrebungen.

Ich weiß, daß es in Deutschland große Besorgnis über
die beiden Zielsetzungen von Kontinuität und Wandel
gibt. Im letzten Jahrzehnt hat es so viele Veränderungen gegeben, daß viele Menschen wohl nicht noch
mehr Unsicherheit ertragen können. Gleichzeitig
bewegt sich die Welt noch schneller als man erwartet
hatte. Neue Begriffe wie "Globalisierung" und "Datenautobahn" scheinen die gewohnte Lebensweise zu
unterminieren.

Aber auch Deutschland, Europa und die Vereinigten
Staaten bleiben natürliche Partner bei diesen Bestrebungen. Wir sehen uns mit gemeinsamen Herausforderungen konfrontiert. Wir haben ein gemeinsames
Erbe. Und wir haben durch Zusammenarbeit bei der
Bewältigung der wichtigsten Fragen unseres Zeitalters
große Leistungen erzielt.

Europa ist nicht allein in der Sorge über die Auswirkungen des Wandels. Die Vereinigten Staaten
haben eine lange Periode schmerzlicher Umgestaltung
hinter sich.
Unsere Volkswirtschaft und unsere
Gesellschaft sind jetzt so stark und gesund wie zu
jeder Zeit in unserer Geschichte. Die Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit 24 Jahren. Es
werden weiter Arbeitsplätze geschaffen und Innovationen eingeführt. Vor 15 Jahren wurde die amerikanische Volkswirtschaft beinahe als Modell für andere
abgeschrieben.
Aber wir sind unserer eigenen
Geschichte und Kultur treu geblieben. Wir sind auf
amerikanische Art vorgegangen, aber wir haben nie
die Bedeutung unserer Partner vergessen.
Die Geschichte gibt mir Vertrauen in Deutschlands
Fähigkeit zum Wandel. Welches andere Land hat in
nur wenigen Generationen eine so tiefgreifende
Umgestaltung durchgemacht? Welches andere Land
hätte so gut mit dem riesigen Projekt der deutschen
Wiedervereinigung umgehen können? Und nicht
zuletzt möchte ich den Pioniergeist und Fleiß der
Deutschen bei der Verwirklichung des großen Unternehmens der europäischen Integration erwähnen - der
Wirtschafts- und Währungsunion.
Ich bin der festen Überzeugung, daß Deutschland
auch diese Phase der Umstrukturierung meistern wird.
Die Debatten werden erhitzt sein, und es fallen Kosten
an. Aber ebenso wie die Vereinigten Staaten ihrer
Geschichte und ihren Traditionen gefolgt sind, um
stärker und wohlhabender zu werden, wird das auch
Deutschland tun.
Was diesem Prozeß zum Erfolg verhelfen wird, ist die
Unterstützung der Partner.
Die europäische Integration gewährleistet, daß man sich diesen schmerz-

Seite 2

Unsere vornehmlich innenpolitischen Tagesordnungen
dürfen uns nicht von dieser wichtigen transatlantischen
Agenda ablenken. In der Tat ist genau das Gegenteil
der Fall. Wir haben sehr viel mehr Grund, wann immer
möglich zusammenzuarbeiten und voneinander zu
lernen, um diese Übergänge der Welt nach dem Kalten
Krieg und der Globalisierung so reibungslos wie
möglich zu gestalten. Bundespräsident Herzog traf
diesen Punkt genau, als er sagte: "Wir stehen vor
ähnlichen Problemen und ähnlichen Herausforderungen. Also sollten wir auch den Versuch unternehmen,
sie gemeinsam zu lösen."
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist eine
natürliche Partnerschaft, weil unsere beiden Länder so
viele gemeinsame Interessen und Ziele haben. Ein
Bereich, in dem Deutschland und die Vereinigten
Staaten meines Erachtens in der Zukunft etwas
bewirken können, ist Zusammenarbeit bei der Stärkung von Demokratie und freiem Handel auf der
ganzen Welt. Indem wir uns gegenseitig unterstützen
und den Sieg der Demokratie in die Praxis umsetzen,
können wir ihn für wirklich positive Zwecke nutzen sowohl für unsere beiden Länder als auch in der
Zukunft für die übrige Welt.
In vieler Hinsicht bringt die deutsch-amerikanische
Führungsrolle die transatlantischen Beziehungen
voran, und das ist ein gutes Muster für die Zukunft. Es
ist ein mächtiger Mechanismus: Transatlantische
Fortschritte kurbeln globalen Fortschritt an.
Mein Ziel als Botschafter ist, zur Definition dieser
gemeinsamen Agenda beizutragen. Die Zustimmung
zu gemeinsamen Zielen bedeutet nicht, daß wir immer
dieselbe Meinung zu wichtigen Themen haben werden. Amerika und Deutschland werden ihre Interessen
auf der Grundlage ihrer Traditionen und ihres Geschäftsgebarens verfolgen.
Unsere Prioritäten

AMERIKA DIENST 25

�festzusetzen wird uns dabei behilflich sein, die vor uns
liegenden wirklichen Probleme besser zu verstehen.
Durch die Definition dessen, was wir tun sollten,
können wir besser verstehen, was wir zusammen tun
können.
Geschäftsleute sehen sich regelmäßig mit solchen
Fragen konfrontiert. Sie bieten ein Produkt oder eine
Dienstleistung an. Sie haben Ziele - Verkauf, Investitionen, Produktentwicklung. Aber Sie sehen sich
auch Einflüssen ausgesetzt, die manchmal nicht ihrer
direkten Kontrolle unterliegen. Um auf einem unsicheren Markt Erfolg zu haben, setzen Sie Prioritäten,
definieren Ziele und verfeinern die Methoden zu ihrer
Erlangung.
Das müssen Nationen und Regierungen zunehmend in
ihren Beziehungen untereinander tun.
Vor zwei
Jahren vereinbarten Präsident Clinton und seine
europäischen Amtskollegen in Madrid, einen transatlantischen Markt anzustreben. Keinen formellen
gemeinsamen Markt oder einen offiziellen freien Markt,
sondern einen Markt von Produkten und Ideen, die frei
in einer zunehmend integrierten transatlantischen Welt
konkurrieren könnten. Dieses Ziel wurde beim US-EUGipfeltreffen vergangene Woche in Washington
bekräftigt.
Amerika und Europa befassen sich zunehmend unter
Marktbedingungen miteinander. Nicht nur bei Geschäften, sondern auch bei gemeinsamen politischen
Projekten wie den Herausforderungen der Umwelt
oder den Bedrohungen durch verbrecherische Staaten
wie Iran und Irak. Wir sind nicht immer einer Meinung.
Ebenso wie die Citibank oder die Deutsche Bank

manchmal glauben, ihr jeweiliger Ansatz zu Bankgeschäften sei der beste, ist auch die Diskussion von
Lösungen in der politischen Welt ein Ideenwettbewerb.
Der wichtige Schritt nach vorne der vergangenen
Jahre ist, daß der Ideenwettbewerb jetzt auf einem
freien und demokratischen Markt stattfindet.
Er
gründet nicht auf militärischer Konfrontation oder
zusammenprallenden Ideologien. Deutschland und
Amerika sind das Rückgrat dieses Ideenmarktes. Wir
haben die Erfahrung, die Stärke und die Verpflichtung,
ihn für jeden funktionieren zu lassen.
Ich bin stolz, daß die amerikanische Geschäftswelt
weiterhin an vorderster Front dieser Bestrebungen
steht. Ihr Engagement in Deutschland war seit den
frühen Tagen der Nachkriegszeit eine der Grundlagen
der atlantischen Partnerschaft. Ihre Bereitschaft, in
den neuen Ländern zu investieren, hat zur Stärkung
Deutschlands und Europas beigetragen. Und ich
hoffe, Sie stellen voller Stolz fest, daß mit einer in ganz
Europa etablierten Demokratie selbst unverbesserliche
Diplomaten wie ich die Offenheit und Fairneß des
Marktes als das Prinzip unserer Zielsetzungen annehmen.
Ich freue mich wirklich sehr, heute Abend bei Ihnen zu
sein und alte Freundschaften zu erneuern und eine
noch produktivere Partnerschaft mit Ihnen zu beginnen. Ich versichere Sie meines persönlichen Engagements und der Unterstützung der US-Botschaft in
Deutschland bei unseren gemeinsamen Bestrebungen.
Wir bauen gemeinsam eine großartige Zukunft auf,
und es ist mir ein Vergnügen, Sie auf dieser Reise
begleiten zu können.

*

AMERIKA DIENST 25

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Seite 3

�USA-DEUTSCHLAND
29. Dezember 1997

Deutschland und Amerika: Eine
selbstverständliche Partnerschaft
von Botschafter John C. Kornblum

DÜSSELDORF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 17. Dezember 1997 vor der SteubenSchurz-Gesellschaft im Industrie-Club Düsseldorf gehalten hat.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
vielen Dank für die Gelegenheit, heute Abend vor der
Steuben-Schurz-Gesellschaft eine Rede halten zu
dürfen. Ihre Gesellschaft ist einer der größten und
renommiertesten deutsch-amerikanischen Clubs in
diesem Land. Und sie ist ein wichtiger Katalysator, um
Deutsche und Amerikaner zusammenzubringen.
Sie haben mich gebeten, heute Abend über die
deutsch-amerikanischen Beziehungen zu sprechen.
Allein schon die Tatsache, daß das Thema hierzulande
auf soviel Interesse stößt, unterstreicht die große
Bedeutung unserer Beziehungen. Dies unterstreicht
unser jeweiliges nationales Wohlbefinden. Das ist
nicht schwer zu verstehen: Die Beziehungen unserer
Länder zueinander beruhen auf einer selbstverständlichen Partnerschaft, die die Wirren der Zeiten
bestanden und zum Allgemeinwohl beigetragen hat.
Aber was meine ich mit selbstverständlicher Partnerschaft? Es gibt viele Elemente. Natürlich haben wir
gemeinsame Werte - die Unterstützung von Demokratie, Frieden und Stabilität. Aber ich führe diese
Selbstverständlichkeit nicht nur auf unsere gemeinsame Wertebasis zurück, sondern auf den pragmatischen Umgang mit diesen Werten.
Durch die enge Zusammenarbeit nach dem Ende des
Zweiten Weltkriegs haben Deutsche und Amerikaner
die Fähigkeit entwickelt, in allen wichtigen Fragen zu
tragfähigen und zukunftsweisenden Lösungen zu
kommen, auch wenn es einzelne Meinungsverschiedenheiten geben mag. Diese pragmatische
Fähigkeit macht Deutschland und Amerika zu selbstverständlichen Partnern.

AMERIKA DIENST 25

Neulich besuchte mich der Chef der NASA, Herr
Goldin, und wir führten hier in Bonn einige Gespräche.
Anschließend erzählte er mir, daß seine Gespräche,
besonders bei seinen Besuchen in Europa, normalerweise mit einem Vortrag seines Partners beginnen, in
dem ihm gesagt wird, was er alles zu tun habe. In
Bonn war genau das Gegenteil der Fall. Man fing
sofort mit einem Austausch über Möglichkeiten,
Probleme und gemeinsame Projekte an. Herr Goldin
wird uns im Januar erneut besuchen, um diese Art von
Partnerschaft zu vertiefen - eine sehr zukunftsweisende Partnerschaft.
Diese Selbstverständlichkeit der Partnerschaft zeigt
sich auch in den Wirtschaftsbeziehungen. Wir teilen
die gleichen Annahmen über die Gestaltung des
Wirtschaftslebens. Wir treten gemeinsam für freie
Märkte, einen freien Welthandel und den Ausbau
multilateraler Institutionen ein. Unsere Länder standen
bei der Liberalisierung des Welthandels immer an
vorderster Front.
Unsere Beziehungen müssen angesichts sich verändernder Probleme und Herausforderungen immer
wieder neu definiert werden. Wie können wir diese
einzigartige Partnerschaft auf neue Weise umsetzen?
Welche neuen Herausforderungen können wir zusammen angehen? Wie können Deutschland und die
Vereinigten Staaten effektiver kooperieren, um die
transatlantischen Beziehungen noch stärker zu
machen? Wenn ich hin und wieder von einer Neudefinition unserer Beziehungen spreche, denke ich an die
Früchte der Bewältigung dieser Herausforderungen.
Ich habe bereits erwähnt, daß es in unseren Beziehungen viele gemeinsame Werte und Ansätze gibt. Es ist
jedoch auch richtig, daß wir uns mit sehr ähnlichen

Seite 1

�Problemen konfrontiert sehen. Nehmen Sie zum
Beispiel die industrielle Umstrukturierung. Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen 20 Jahren
eine längere Periode der Deindustrialisierung erlebt.
Vieles davon mag Ihnen bekannt vorkommen. Die
traditionellen Sektoren hatten ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren. Politiker auf der nationalen und insbesondere auf der kommunalen Ebene wußten nicht,
wie sie mit den Problemen umgehen sollten, die durch
die Arbeitslosigkeit verursacht worden waren. Die
Arbeitslosenquote in den größten Industriegebieten lag
damals bei fast 20 Prozent. Sie erinnern sich vielleicht, daß man Amerika als Auslaufmodell bezeichnet
hat. Man behauptete, unsere fröhliche, offene Art sei
nicht geeignet für die neuen komplizierten Herausforderungen der neuen Zeit.
In der Zwischenzeit hat sich die Lage entscheidend
geändert. In der vergangenen Dekade haben wir eine
drastische Abkehr festgestellt von einer Produktionswirtschaft, die sich auf natürliche Ressourcen und nicht
qualifizierte Arbeitskräfte stützte, hin zu einer Wirtschaft, die auf moderner Technologie, Information und
qualifizierten Arbeitskräften basiert.
Diese neue
Wirtschaft verändert sich ständig. Der amerikanische
Management-Experte Peter Drucker schätzt, daß sich
in dieser neuen wirtschaftlichen Umgebung jeder alle 4
bis 5 Jahre neues Wissen aneignen muß, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Sowohl die Firma als auch
deren Angestellte müssen diesen dauernden Übergang von überholten Ideen, veralteten Techniken und
Fähigkeiten regelmäßig planen und ein Klima ständiger
Lernprozesse schaffen.
Sogenannte "Knowledge workers" sind diejenigen,
deren Wert für die Wirtschaft in ihren Kenntnissen liegt,
und nicht darin, was sie mit ihren Händen tun können.
Diese "Knowledge workers" bilden bereits ungefähr ein
Drittel der heutigen Arbeitskräfte in den Vereinigten
Staaten, oder mindestens so viele, wie es früher
Fabrikarbeiter gab. Sie benötigen eine bestimmte
Ausbildung, die Fabrikarbeiter nicht haben. Und sie
müssen ebenso theoretische wie analytische Kenntnisse erwerben und anwenden.
Es ist ein faszinierendes Phänomen. Und wie Peter
Drucker argumentierte, hat der gesamte Prozeß die
Denkweise von Karl Marx auf den Kopf gestellt. Das
heißt, die "Arbeiter" besitzen jetzt die Produktionsmittel, weil die Produktionsmittel jetzt der Bestand an
Wissen in ihren Köpfen sind.
Der Wettbewerb in der informationsorientierten
Wirtschaft wird nicht auf niedrigen Lohnkosten,
sondern eherauf dem Umfang und der Nützlichkeit der
angewendeten Kenntnisse basieren. Gleichzeitig wird
das traditionell hierarchische System in der Industrie
zwangsläufig stark dezentralisiert. Dies ermöglicht
schnelle Entscheidungen und reduziert die Anzahl der
Managementebenen.
In dieser sich schnell verändernden Umgebung
können weder die wirtschaftspolitischen Entschei-

Seite 2

dungsträger noch die Firma oder der Angestellte selbst
sich die traditionelle Ansicht der Langlebigkeit leisten.
Auf allen drei Ebenen müssen permanent die Zielsetzungen, die Fähigkeiten und die Interessen neu
bewertet werden. Die Behörden dürfen nicht mehr so
denken: Hier wurde immer Stahl produziert, und hier
wird es immer so bleiben. Sie werden immer öfter
fragen: Wie können wir - mit den Fähigkeiten unserer
Arbeitskräfte und den Möglichkeiten unserer Infrastruktur - am besten unsere Wirtschaft organisieren? Was für eine Vision unserer wirtschaftlichen
Zukunft (und nicht der Vergangenheit) haben oder
wollen wir?
Sowohl die Firmen als auch die einzelnen Angestellten
werden zunehmend fragen: "Was kann ich am besten?
Was kann ich damit tun? Und gibt es einen Markt
dafür?"
Das ist tatsächlich eine neue Weise, die Wirtschaftsprozesse zu definieren. Es ist auch (wenn das alles
realisiert wird) eine neue Organisationsform für die
Wirtschaft.
Firmen werden definitiv kleiner und spezialisierter, und
ihre "Knowledge workers" werden ebenso spezialisierte wie informationsorientierte Arbeitsnischen aufbauen.
Viele dieser Spezialisten werden den traditionellen
Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Status nicht länger behalten. (Der Unterschied zwischen Unternehmern und
Arbeitern wird immer kleiner.) Statt dessen werden sie
als Unternehmer oder Berater fungieren und sich
einerseits an der Bewegungsfreiheit, die dieser Status
mit sich bringt, erfreuen, und andererseits die Unsicherheit erfahren, ihre eigene Personalabteilung zu
sein und ihre eigenen Nebenkosten verwalten zu
müssen.
Aber die Attraktivität, sein eigener Boß zu sein, nimmt
zweifelsohne zu. Viele von Ihnen haben vielleicht die
Ausgabe der Zeitschrift Focus vom 1. Dezember mit
"25 Geschäftsideen, die wirklich funktionieren" auf der
Titelseite gesehen. Das sind neue Ideen, die einen
Bedarf auf dem Markt decken sollen.
Deswegen lernt man immer öfter Leute kennen, die
nicht nur ihren eigenen Arbeitsplatz, sondern auch
ihren eigenen Beruf geschaffen haben. Diese Leute
haben entschieden, einen Beruf zu finden oder zu
schaffen, der ihren persönlichen Interessen und
Fähigkeiten entspricht. In Deutschland gibt es ein
großes Potential für die Schaffung von Arbeitsplätzen
im Dienstleistungssektor. Die berühmte Soziologin
Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann hat neulich in der
Frankfurter Allgemeine Zeitung genau das geschrieben. Ich zitiere: "Würde man den Bedarf an Dienstleistungen analysieren wie einen Zukunftsmarkt und
die Bereitschaft zu Dienstleistungen anregen, so stieße
man auf ein großes Potential von Arbeitsplätzen."
Es überrascht daher nicht, daß sich in den Vereinigten
Staaten ein Großteil dieser neuen Aktivitäten im
Dienstleistungssektor vollzieht. Der Dienstleistungs-

AMERIKA DIENST 25

�sektor ist sicherlich für die wachsende Spezialisierung
verantwortlich, von der ich schon gesprochen habe.
Der Erfolg dieses Sektors wird meiner Meinung nach in
Europa häufiger mißverstanden als verstanden.
Sogar das Wort "Dienstleistung" hat irgendwie einen
negativen Beiklang. Der amerikanische Generalkonsul
in Leipzig erzählte mir vor kurzem, daß vor einigen
Monaten nach einer Rede ein Mann die Hand hob und
sagte: "Ich verstehe nicht, wie Sie die Worte 'hochqualifiziert' und 'Dienstleistung' in einem Satz sagen
können." Dieses Fehlempfinden unterstreicht die
grundlegende Haltung hier in Deutschland. Die
meisten Services sind tatsächlich hochqualifiziert, ob
sie das Entwickeln von Software beinhalten oder die
Beratung über Risikokapital oder nur, wie man eine
besser schmeckende Marmelade kocht.
Service bedeutet nicht unbedingt, daß man dem
Kunden "dient" wie ein Kellner im Restaurant, sondern,
daß man etwas Wirtschaftliches leistet, das nicht in
einer industriellen Fabrik produziert wird. Zum Servicesektor gehören jetzt 80 Prozent der Arbeitsplätze
in den Vereinigten Staaten. Diese Statistik erklärt
auch, wie die Wellen des "Business Cycle" so erfolgreich geglättet worden sind: Im Vergleich zu den
traditionellen Industrien geht es im Servicesektor jetzt
weniger um den Aufbau oder den Abbau von Beständen. Beim letzten wirtschaftlichen Rückgang in den
Vereinigten Staaten 1991 ist die industrielle Produktion
um 3,4 Prozent gesunken, aber die Serviceproduktion
ist auf dem vorherigen Niveau geblieben.
Bei den besten Unternehmern ist eine Fusion von
Industrie und Service verwirklicht worden. Die neuesten Entwicklungen in der Technologie haben z.B. eine
neue Personalisierung der Services ermöglicht. Der
Computerhersteller Dell bietet seinen Kunden Computer nach Maß an. Levi's bietet Jeans nach Maß an; die
Läden schicken die Maße des Kunden über Internet
zum Produktionszentrum; zehn Tage später bekommt
der Kunde seine Jeans, die etwa 50 Prozent mehr als
normale Jeans kosten. Die besten Couturiers können
jetzt Anzüge nach Maß anbieten, die wesentlich billiger
als vorher sind, weil die Maße, persönlichen Details
des Kunden usw. per Computer gespeichert werden
können. "Have it your way", ruft die Werbung einer
Fast-Food-Kette. Dieser Slogan ist das Modell der
Personalisierung und der Flexibilität des amerikanischen Servicebereichs.
Ich werde oft gefragt, ob die derzeitigen wirtschaftlichen Erfolge in den Vereinigten Staaten als ein Rezept
zur Lösung des Arbeitslosenproblems in Europa
übernommen werden können. Eine andere häufige
Frage ist, ob sogenannte "amerikanische Verhältnisse"
zu unannehmbaren Konsequenzen im Bereich sozialer
Gerechtigkeit führen könnten. Einige der Lehren
unserer jüngsten Geschichte könnten bestimmt
übertragen werden. Aber zur gleichen Zeit sollte klar
sein, daß es kein allgemeingültiges Modell für die Welt
und für andere Nationen gibt. Jeder muß sich nach

AMERIKA DIENST 25

seinen Traditionen auf seine eigene Weise entwickeln.
Was aber wahrscheinlich weltweit gilt, sind die enormen Veränderungen in der Weltwirtschaft, die ein
größeres Maß an Flexibilität und Offenheit verlangen.
Und diese Flexibilität und Offenheit sind Eigenschaften
der amerikanischen Gesellschaft. Um unsere Erfahrungen zu übertragen, müssen wir die kulturellen
Grundsätze einer bestimmten Gesellschaft verstehen
und berücksichtigen.
Die Flexibilität als Lebensstil ist Teil der amerikanischen Tradition. Sie hier in Europa sind für Ihre
genaue Arbeit und hohe Qualität bei hochwertigen
Produkten bekannt. Dagegen ist Flexibilität hier etwas
weniger vorhanden. Man hat immer noch die Tendenz, bei berechenbaren und bekannten Strukturen zu
bleiben.
In den Vereinigten Staaten haben wir eine Anzahl von
Veränderungen im Charakter der Arbeit als selbstverständlich akzeptiert, die anderswo auf der Welt noch
keine weite Resonanz gefunden haben. Es gibt einige
Bereiche, in denen die Vereinigten Staaten an vorderster Front des Wandels stehen. Ich habe heute Abend
bereits einige Beispiele erwähnt, wie die Verlagerung
von der Schwer- zur Leichtindustrie und das Wachstum des Dienstleistungssektors.
Ich glaube, für Amerikaner ist es auch leichter, sich zu
ändern. Der Autor Herman Melville sagte, die Amerikaner seien "Pioniere", die durch eine "Wildnis unversuchter Dinge" gehen. Vielleicht ist dieser Pioniergeist der Grund, weshalb Veränderungen für Amerikaner weniger problematisch erscheinen und weshalb
Amerikaner bereitwillig Chancen im Wandel sehen.
Ich erzähle Ihnen diese Beispiele, weil sie vielleicht
erklären können, was in meinem Land geschehen ist
und geschieht. Dies sind amerikanische Verhältnisse,
die für die amerikanische Realität zugeschnitten
waren. Es besteht eine große Zurückhaltung, den
Staat oder die Regierung eine größere Rolle in seinem
Leben spielen zu lassen. Es gibt auch viele Veränderungen in Deutschland. Und ich erzähle die
amerikanischen Erfahrungen nicht, um Ihnen zu
sagen, daß Sie sie nachahmen sollten, sondern um
klarzustellen, daß unser Weg auf dem Fundament der
amerikanischen Kultur basiert.
Es gibt jetzt in Deutschland viele Bestrebungen,
ähnliche Prozesse durchzuführen. Und wenn man
bedenkt, was alles in diesem Land passiert ist, was wir
alles zusammen erreicht haben - das Ende des Kalten
Krieges, die Wiedervereinigung Deutschlands, die
Erweiterung der NATO, die neue technologische
Zusammenarbeit etc. - wird man sehen, daß wir durch
die selbstverständliche Partnerschaft von Deutschland,
Europa und Amerika unsere gegenseitigen Stärken
nutzen können.
Der jüngste US-EU-Gipfel war eine Demonstration
unserer Bemühungen, gemeinsame Lösungen - auch
im Wirtschafts-, Handels- und Technologiebereich - zu

Seite 3

�finden. Ein Schlüsselelement der weltweiten Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und der EU
ist intensivierte diplomatische Zusammenarbeit. Die
Vereinigten Staaten und die EU arbeiten beispielsweise zusammen, um den Wiederaufbau und die
Versöhnung in Bosnien zu unterstützen und die
erforderlichen Reformen in der Ukraine zu fördern. Die
Friedensimplementierungskonferenz in der vergangenen Woche in Bonn war ein weiteres Beispiel für die
Bedeutung einer Konzertierung unserer Bestrebungen
in Bosnien.
Der Abschluß der Klimakonferenz in Kyoto letzte
Woche ist ebenfalls ein Beispiel für das, was wir
erreichen können, wenn wir gemeinsames Terrain
finden - selbst bei einem schwierigen Problem wie
Treibhausgasemissionen. Ich weiß, daß die amerikanische Position hier in Deutschland zum Teil eine
negative Presse erhalten hat, und es steht außer
Frage, daß die Verhandlungen in Kyoto hart waren.
Das Abkommen ist jedoch ein großer Schritt nach
vorne. Es setzt bindende Obergrenzen fest und
beinhaltet alle sechs Treibhausgase, nicht nur einige.

Seite 4

Vizepräsident Gore faßte die Leistung ist einem Satz
zusammen, als er sagte, "das Abkommen fordert von
uns, das zu tun, was wir versprochen haben, statt
etwas zu versprechen, das wir nicht tun können". Und
das spiegelt den amerikanischen Ansatz wider: Unsere
Ziele müssen realistisch und erreichbar sein.
Die Konferenz von Kyoto und alle unsere multilateralen
Bestrebungen, Veränderungen in der Welt zu bewirken
- sei es die Friedenssicherung in Bosnien oder die
Erweiterung der Gemeinschaft stabiler und sicherer
Demokratien in Europa - all diese Bestrebungen
stehen für eine solide Basis gemeinsamer Interessen.
In den deutsch-amerikanischen Beziehungen ist diese
Grundlage gemeinsamer Interessen eine der stärksten
der Welt. Das ist es, was unsere Partnerschaft so
selbstverständlich macht.
Ich bin zuversichtlich, daß unsere Partnerschaft noch
mehr erreichen kann. Ich habe sehr hohe Erwartungen
an die USA, aber auch an Deutschland. Anders
gesagt: Ich glaube, daß das Beste noch vor uns liegt.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 25

�THEMENINDEX

29. Dezember 1996

DER AMERIKA DIENST
1997

Abrüstung
Amtseinführung
Außenpolitik
Bosnien
Datenautobahn
EAPR
Einwanderung
Elektronischer Handel
Frauen
Gesellschaft
Globalisierung
G-8
Handel
Lage der Nation
Marshallplan
Medien
Menschenrechte
Naher Osten
NATO
OSZE
Politik
Porträt
Telekommunikation
Terrorismus
Thanksgiving
Umwelt
USA-Deutschland
USA-Europa
USA-Rußland
Vereinte Nationen
Wirtschaft
WTO
Zivilangelegenheiten
4. Juli

AMERIKA DIENST 25

02,03,07, 17, 18
Sonderdienst 22. Januar 1997
01.02.04.07, 10, 12,25
11, 15,20,24,25
05,23
11
09
13
06, 14
12, 13, 16, 17
20
12
15, 18
03
08, 11, 13, 17
08
08
16, 18, 19
01,04,08,09, 11, 13, 14, 15, 18,19
05
05, 19
01,02,07, 16
04,05, 16
12, 14
23
05, 13, 15,20,21,24,25
03, 05, 06, 09, 10, 14, 15, 21, 22, 23,
24,25
06, 10,19,22,24
06
14, Sonderdienst 24. September, 18
02.03.04.08, 10, 12,21,22,23
17
15
13

Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Abkommen von Kyoto ist gut für die Umwelt und hat solide wirtschaftliche Grundlage&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright erörtert NATO-Erweiterung, Bosnien und Irak&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede beim Ministertreffen des Nordatlantikrates&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Internationale Staatengemeinschaft will in Bosnien ihren Kurs fortsetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stellungnahme von Botschafter Robert S. Gelbard&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reflexionen zur deutsch-amerikanischen Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der American Chamber of Commerce in Germany&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Deutschland und Amerika: eine selbstverständliche Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Themenindex&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Amerika Dienst &lt;br /&gt;&lt;em&gt;1997&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

10. Dezember 1997

24

OPTIMISMUS BEZÜGLICH DER EINDÄMMUNG VON EMISSIONEN
Rede von Vizepräsident Gore

UMWELT

USA BEZIEHEN ENTSCHIEDENE POSITION ZUM
KLIMAWANDEL
von Mark Hambley

BOSNIEN

IMPLEMENTIERUNG DES FRIEDENS IN
BOSNIEN
Stellungnahme von Strobe Talbott

USA-EUROPA

STUART EIZENSTAT ERHÄLT "TRANSATLANTIC LEADERSHIP AWARD
Auszeichnung durch das European Institute

USA-DEUTSCHLAND

DIE BEZIEHUNG ZU AMERIKA - EINE
EINZIGARTIGE PARTNERSCHAFT
Rede von Botschafter John C. Kornblum

DEUTSCHLAND UND AMERIKA - EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
von Botschafter John C. Kornblum

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax:0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

10. Dezember 1997

Optimismus bezüglich der Eindämmung
von Emissionen
Rede von Vizepräsident Gore

KYOTO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Vizepräsident Gore beim Klimagipfel in Kyoto am 8.
Dezember 1997 gehaltenen Rede.

Ministerpräsident Hashimoto und Präsident Figueres,
Präsident Kinza Clodumar, verehrte Staats- und
Regierungschefs, sehr geehrte Delegierte, meine
Damen und Herren.
Es ist mir eine Ehre, bei dieser historischen Zusammenkunft in dieser alten Hauptstadt von solcher
Schönheit und Anmut anwesend sein zu dürfen. Im
Namen von Präsident Clinton und stellvertretend für
das amerikanische Volk und unseren Unterhändler,
Botschafter Stu Eizenstat, möchte ich unseren japanischen Gastgebern herzlich für ihre großzügige
Gastfreundschaft danken und vor allem Ihnen, Herr
Ministerpräsident Hashimoto, sowie unseren anderen
Vorsitzenden - Minister Ohki und Botschafter Estrada besonderen Dank für ihre harte Arbeit und Führungsrolle aussprechen.
Seit unserem Treffen bei der Konferenz von Rio 1992
haben wir mit wissenschaftlichem Konsens und
politischem Willen viel erreicht. Wenn wir einen
Moment innehalten und um uns blicken, können wir
sehen, wie außergewöhnlich diese Zusammenkunft
wirklich ist.
Wir haben in der Entwicklung der menschlichen
Zivilisation ein grundlegend neues Stadium erreicht, in
dem es erforderlich ist, die Verantwortung für die
jüngste, aber tiefgreifende Veränderung in den Beziehungen zwischen unseren Arten und unserem
Planeten zu übernehmen. Aufgrund unserer neuen
technologischen Macht und unserer zunehmenden
Bevölkerung müssen wir jetzt die Konsequenzen
dessen sorgfältig abwägen, was wir der Erde antun insbesondere der Atmosphäre.

AMERIKA DIENST 24

Auch andere Teile des ökologischen Systems der Erde
werden von den immer härteren Auswirkungen
gedankenlosen Verhaltens bedroht:
Die Vergiftung zu vieler Orte, an denen Menschen - insbesondere arme Menschen - leben,
und der Tod zu vieler Kinder - insbesondere
armer Kinder - durch verschmutztes Wasser
und schmutzige Luft.
Die gefährliche und nicht haltbare Überfischung der Ozeane.
Die rasche Zerstörung entscheidender Lebensräume - Regenwälder, gemäßigte und
boreale Wälder, Feuchtgebiete, Korallenriffe
und andere kostbare Quellen genetischer
Vielfalt, von der die Zukunft der Menschheit
abhängt.
Aber der verletzlichste Teil der Umwelt ist die äußerst
dünne Schicht von Luft in der Nähe der Oberfläche des
Planeten, in die wir jetzt so fahrlässig Gase emittieren,
daß wir die Beziehungen zwischen der Erde und der
Sonne verändern - indem wir mehr Solarstrahlung
unter dieser die gesamte Erde umgebenden wachsenden Decke von Verschmutzung ansammeln.
Die zusätzliche Hitze, die nicht entweichen kann,
beginnt die globalen Muster des Klimas zu verändern,
an das wir so gewöhnt sind und an das wir uns in den
vergangenen 10.000 Jahren angepaßt haben.
Letzte Woche haben wir von Wissenschaftlern erfahren, daß dieses Jahr - 1977 - von dem nur noch drei
Wochen übrig sind, seit der statistischen Erfassung

Seite 1

�das heißeste Jahr sein wird. In der Tat hatten wir in
den vergangenen 10 Jahren 90 Prozent der heißesten
Jahre. Der Trend ist eindeutig. Wenn wir nicht
handeln, sind die Konsequenzen für den Menschen und die wirtschaftlichen Kosten - undenkbar. Mehr
Rekordüberschwemmungen und Dürren. Krankheiten
und Seuchen, die sich auf neue Gebiete ausbreiten.
Mißernten und Hungersnöte. Schmelzende Gletscher,
schlimmere Stürme und steigende Meeresspiegel.

tern. Die Milderung der Armut und der Schutz der
Umwelt sind beides entscheidende Komponenten
einer wirklich nachhaltigen Entwicklung. Wir möchten
eine dauerhafte Partnerschaft schmieden, um eine
bessere Zukunft zu erlangen. Ein Schlüssel dazu ist
die Mobilisierung neuer Investitionen in Ihren Ländern
um sicherzustellen, daß Sie einen höheren Lebensstandard mit modernen, sauberen und effizienten
Technologien haben.

Unsere grundlegende Herausforderung besteht jetzt
darin herauszufinden, ob und wie wir die Verhaltensweisen ändern können, die das Problem verursachen.

Das streben unsere Vorschläge für den Handel mit
Emissionszertifikaten und die gemeinsame Umsetzung
an.

Das erfordert Bescheidenheit, weil die geistigen
Wurzeln unserer Krise Hochmut und das mangelnde
Verständnis sind, unsere Verbindungen zu Gottes
Erde und untereinander zu verstehen und zu respektieren.

An unsere Partner in den Industrienationen gerichtet
möchte ich sagen, daß wir auch Ihnen zugehört und
von Ihnen gelernt haben. Wir sind uns bewußt, daß
wir zwar ein gemeinsames Ziel haben, jeder von uns
sich jedoch mit einzigartigen Herausforderungen
konfrontiert sieht.

Jede der hier vertretenden 160 Nationen hat einzigartige Perspektiven unterbreitet, aber wir alle wissen,
daß unsere Arbeit in Kyoto nur der Anfang ist. Keiner
der hier erörterten Vorschläge wird alleine das Problem vollständig lösen. Aber wenn wir hier den
richtigen Anfang machen, können wir rasch Dynamik
entwickeln, während wir gemeinsam lernen, diese
Herausforderung zu bewältigen. Unser erster Schritt
sollte in der Festsetzung realistischer und erreichbarer,
bindender Emissionsobergrenzen bestehen, die neue
Märkte für neue Technologien und Ideen schaffen, die
wiederum die Grenzen des Möglichen erweitern und
zu neuer Hoffnung berechtigen. Dann werden andere
Schritte folgen. Und dann werden wir letztlich ein
sicheres Gesamtkonzentrationsniveau für Treibhausgase in der Atmosphäre erreichen.
Das ist der schrittweise Ansatz, den wir vor 10 Jahren
in Montreal vereinbart haben, um das Problem des
Abbaus der Ozonschicht anzugehen. Und er funktioniert.
Dieses Mal erfordert der Erfolg vor allem, daß wir die
Meinungsverschiedenheiten unter uns überwinden.
Die wichtigste Aufgabe für die Industrienationen
besteht darin, den drängendsten Problemen der
Entwicklungsländer ihr Ohr zu leihen. Und ich darf
sagen, die Vereinigten Staaten haben zugehört und
gelernt.
Wir sind uns bewußt, daß es unsere erste Priorität ist,
unsere Bürger aus der Armut zu befreien, die so viele
von ihnen ertragen müssen, und starke Volkswirtschaften aufzubauen, die eine besser Zukunft gewährleisten. Das ist Ihr Recht: Es wird Ihnen nicht verweigert.
Und ich möchte Ihnen eine klare Antwort geben: Wir
wollen nicht aufgrund einer falschen Prämisse schei-

Seite 2

Sie haben hier Führungsstärke bewiesen, und dafür
sind wir dankbar. Wir sind nach Kyoto gekommen, um
neue Wege zur Überbrückung unserer Differenzen zu
finden. Dabei dürfen wir jedoch nicht in unserer
Entschlossenheit nachlassen. Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich ihrerseits weiterhin zu einer starken,
bindenden Obergrenze, die unsere eigenen Emissionen um nahezu 30 Prozent verringert - eine Verpflichtung, die so stark oder stärker ist als alles, was
wir hier von einem anderen Land gehört haben. Nun
ist es das Gebot der Stunde hier, das zu tun, was wir
versprechen, statt etwas zu versprechen, was wir nicht
tun können.
Wir alle müssen natürlich die Worte derjenigen
verwerfen, die uns glauben machen wollen, daß es
überhaupt kein Problem gibt. Wir kennen ihre Argumente - wir haben im gesamten Verlauf der Geschichte
ähnliche gehört. In meinem Land erinnern wir uns
beispielsweise an den Sprecher des Tabakunternehmens, der so lange insistiert hat, daß Rauchen
nicht schadet. Denen, die versuchen, Verwirrung zu
stiften und zu uns behindern, sagen wir: Wir werden
nicht zulassen, daß Ihr Eure persönlichen Interessen
über die Interessen der gesamten Menschheit stellt.
Was schlagen die Vereinigten Staaten also vor, was
sie tun sollten?
An erster Stelle jedes Vorschlags muß sein Verdienst
für die Umwelt stehen, und unserer ist umweltpolitisch
solide.
Es ist stark und umfassend und deckt sechs wichtige
Treibhausgase ab. Er trägt der Verbindung zwischen
Luft und Land Rechnung und bezieht Quellen und
Senken ein. Er bietet die Instrumente um sicherzustellen, daß Obergrenzen eingehalten werden
können - indem er den Handel mit Emissionszertifika-

AMERIKA DIENST 24

�ten, gemeinsame Umsetzung und Forschung als
mächtige Motoren der technologischen Entwicklung
und des Transfers anbietet. Er reduziert die Emissionen im Jahr 2012 und darüber hinaus weiter - unter die
Grenzen von 1990. Er stellt die Mittel zur Verfügung
um zu gewährleisten, daß alle Nationen uns bei der
Bewältigung dieser gemeinsamen Herausforderung zu
ihren eigenen Bedingungen folgen.

xibilität bei den Verhandlungen zu zeigen, wenn ein
umfassender Plan in die Praxis umgesetzt werden
kann - ein Plan mit realistischen Obergrenzen und
Zeitplänen, Marktmechanismen und der konstruktiven
Beteiligung der wichtigsten Entwicklungsländer.

Er ist auch wirtschaftlich solide. Und bei strenger
Überwachung und Rechenschaftspflicht gewährleistet
er, daß wir unsere Verbindungen untereinander halten.

"Bis man sich verpflichtet, gibt es ein
Zögern, die Chance eines Rückzugs
und immer Ineffektivität. Im Hinblick
auf alle Initiativen ... gibt es eine
grundlegende Wahrheit, die zahllose
Ideen und hervorragende Pläne zerstört, wenn man sie nicht kennt: Daß
in dem Moment, in dem man sich
verpflichtet, auch die Vorsehung
eingreift."

Anfang dieses Jahrhunderts schrieb der schottische
Bergsteiger W.H. Murray:

Unabhängig davon, ob hier Einigung erzielt wird oder
nicht werden wir konkrete Schritte zur Bewältigung
dieser Herausforderung unternehmen.
Präsident
Clinton und ich wissen, daß es unsere oberste Pflicht
ist, dieses Thema bei uns zu Hause anzusprechen.
Ich verspreche Ihnen heute, daß die Vereinigten
Staaten bereit sind zu handeln - und handeln werden.
Ich meinerseits bin hierhin nach Kyoto gekommen, weil
ich sowohl entschlossen als auch optimistisch bin, daß
wir Erfolg haben können. Meines Erachtens haben wir
schon durch unser Treffen in Kyoto einen größeren
Sieg errungen - einen Sieg des Inhalts und des
Geistes. Ich habe keinen Zweifel, daß der von uns hier
begonnene Prozeß in den kommenden Tagen oder
Jahren unweigerlich zu einer Lösung führen wird.
Einige von Ihnen hier haben vielleicht aus ihren

Hauptstädten gehört, daß Präsident Clinton und ich
unablässig telefoniert haben, um zu konsultieren und
neue Ideen auszutauschen. Heute möchte ich folgendes hinzufügen. Nachdem ich heute morgen mit
unseren Unterhändlern gesprochen und von hier aus
vor kurzem mit Präsident Clinton telefoniert habe,
weise ich unsere Delegation jetzt an, zunehmende Fle-

*

AMERIKA DIENST 24

Lassen Sie uns also weitermachen. Lassen Sie uns
geloben, uns so zu verhalten, daß unsere Enkelkinder
über den "Geist von Kyoto" lesen und den Ort und die
Zeit erinnern, als die Menschheit sich zum ersten Mal
entschied, gemeinsam eine langfristige Beziehung
zwischen unserer Zivilisation und der Umwelt einzugehen.
In diesem Geiste wollen wir unsere Differenzen
überwinden und uns der Sicherung unseres gemeinsamen Schicksals verpflichten: Eines ungeteilten und
gesunden Planeten, dessen Nationen im Frieden,
wohlhabend und frei und dessen Menschen überall in
der Lage sind, das ihnen von Gott gegebene Potential
zu verwirklichen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�UMWELT
10. Dezember 1997

USA beziehen entschiedene Position zum Klimawandel
von Mark Hambley

(AD) - Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in leicht geänderter Form in der Frankfurter Rundschau vom
29. November 1997. Botschafter Mark Hambley ist Sonderbeauftragter der Vereinigten Staaten von Amerika bei
der UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung und Sonderunterhändler für den Klimawandel. Während des
Golfkriegs war er Botschafter im Staat Katar und anschließend Botschafter im Libanon.

Präsident Clinton engagiert sich für ein umfassendes
Programm zur Verringerung der Treibhausgasemissionen, einschließlich realistischer und bindender Emissionsziele. Was die Initiative des Präsidenten im
Vergleich zu anderen im Vorfeld der Klimakonferenz
von Kyoto unterbreiteten Vorschlägen einzigartig
macht, ist die Tatsache, daß sie einen konkreten Plan
für ihre Umsetzung mit bestimmten Aktionen zur
Erlangung eines Emissionsabbaus vorsieht.

ländern, ihre Umwelt mit Hilfe neuentwickelter Technologien zu schützen, ohne das Wirtschaftswachstum zu
beeinträchtigen.

Der Vorschlag besteht aus mehreren Elementen. Das
erste verpflichtet die Vereinigten Staaten und alle
anderen Signatarstaaten, innerhalb des Zeitrahmens
von 2008 bis 2012 rechtlich bindende Verpflichtungen
zur Stabilisierung der Emissionen von Kohlendioxid
und anderen zur Erderwärmung führenden Treibhausgasen auf dem Stand von 1990 einzugehen.
Ferner schlagen wir vor, die Emissionen in den darauf
folgenden fünf Jahren unter das Niveau von 1990 zu
senken und an weiteren Reduktionen in der Zukunft zu
arbeiten.

Die dritte Komponente des Plans macht geltend, daß
Industriestaaten und Entwicklungsländer sich gleichermaßen daran beteiligen müssen. Der Klimawandel ist
ein globales Problem, das eine globale Lösung
erfordert. Es ergibt keinen Sinn, wenn nur die in
Anhang I aufgeführten Industriestaaten ihren Ausstoß
von Treibhausgasen in die Erdatmosphäre senken,
selbst wenn es kurzfristig signifikante Reduktionen
sind, die übrigen Länder sich aber nicht an diesem
wichtigen Bestreben beteiligen. Meines Erachtens
erkennen die meisten Länder die Tatsache an, daß es
sich hier um ein weltweites Problem handelt, an
dessen Lösung sich alle Länder beteiligen müssen.
Der Präsident hat darauf hingewiesen, daß er keine
rechtlich bindenden Abkommen unterzeichnen wird,
bis die wichtigsten Entwicklungsländer sich in bedeutendem Ausmaß beteiligen.

Der zweite wichtige Aspekt des Plans von Präsident
Clinton ist die Einführung flexibler Mechanismen zur
Erreichung dieser Obergrenzen. Wir schlagen ein
gemeinsames System zu ihrer Durchsetzung vor, das
einem Unternehmen in einem Land Investitionen in ein
Projekt zur Verringerung von Emissionen in einem
anderen Land gestattet, die ihm zu Hause angerechnet
werden. Und wir schlagen ein internationales System
handelbarer Emissionszertifikate vor. Diese Mechanismen sind sehr wertvolle Instrumente, die Unternehmen und unserem Land als Ganzem die Verringerung
von Emissionen mit Hilfe wirtschaftlicher Anreize
gestatten. Gleichzeitig helfen sie den Entwicklungs-

Manche Kritiker behaupten, unsere vorgeschlagenen
Ziele einer Emissionsverringerung seien nicht aggressiv genug. Offen gesagt ist unser Plan in vielerlei
Hinsicht mindestens ebenso aggressiv wie andere
derzeit vorliegende Pläne. Um ein Beispiel zu nennen:
Im Vergleich zu dem Vorschlag der Europäischen
Union, der eine 15-prozentige Verringerung der
Emissionen von drei Treibhausgasen fordert, sieht
unser Plan die Verringerung der Emissionen aller
sechs Treibhausgase vor. Meines Erachtens wäre es
weitaus schwieriger für die Europäer, eine 15-prozentige Verringerung zu erreichen, wenn ihr Plan eine
Reduktion aller Gase fordern würde. Sowohl die

AMERIKA DIENST 24

Seite 1

�Vorschläge der Europäer als auch unsere Empfehlungen spiegeln dasselbe Bestreben wider, die
Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2010 zu
verringern.
Ich möchte auch darauf hinweisen, daß unsere
Wirtschaft während der vergangenen Jahre außerordentlich stark war. Dieses Wachstum wurde von
einem großen Anstieg der Treibhausgasemissionen in
den Vereinigten Staaten begleitet. Wir erwarten eine
etwa 30-prozentige Erhöhung unserer Emissionen von
1990 bis 2010. Aus diesem Grund würde unser Plan,
im Zeitraum zwischen 2008 und 2012 die Emissionen
auf das Niveau von 1990 zurückzuschrauben, eine
nahezu 30-prozentige Verringerung im Vergleich zu
unserer normalen Vorgehensweise bedeuten. Das ist
eine beträchtliche Reduktion. Tatsächlich bedeutet
das, unsere Energiepolitik völlig neu zu überdenken.
Der Präsident möchte das auf eine Art und Weise tun,
die am wenigsten negative Auswirkungen auf die
amerikanische Wirtschaft hat. Aus diesem Grund
geben uns die bereits erwähnten flexiblen Mechanismen wie der gemeinsame Plan für die Durchsetzung und das System handelbarer Emissionszertifikate
die marktgestützte Kosteneffizienz, die wir zur Bewältigung der uns bevorstehenden Übergangsphase
benötigen.
Der Präsident möchte die innenpolitische Agenda des
amerikanischen Plans möglichst bald umsetzen.
Beispielsweise fordert er in seinem Vorschlag Steuererleichterungen sowie Investitionen in Forschung und
Entwicklung im Wert von etwa fünf Milliarden Dollar
während der nächsten fünf Jahre, um die Energieeffizienz zu erhöhen und einen Anreiz zum Einsatz
sauberer Energiequellen zu geben. Ferner werden die
Schlüsselindustrien dazu aufgefordert, in den nächsten
neun Monaten Pläne für bestmögliche Emissionsreduzierungen auszuarbeiten und die Firmen angemessen zu belohnen, die frühzeitig entsprechend
handeln. Der Vorschlag beinhaltet auch einen mutigen
Plan für die Umstrukturierung der Elektrizitätsversorgung sowie umfassende Bestrebungen, den Einsatz
existierender energieeffizienter Technologien auszuweiten.
Das nationale und internationale System handelbarer
Emissionszertifikate würde eingeführt, nachdem
bereits ein Jahrzehnt lang Erfahrungen mit steuerlichen Anreizen, Forschung und Entwicklung, der
Umstrukturierung der Elektrizitätsversorgung und
anderen Maßnahmen gemacht wurden. Wir halten
den Plan zur Einführung eines Systems handelbarer
Emissionszertifikate für sehr bedeutend, damit wir die
wichtigen Ziele des vom Präsidenten bekanntgegebenen aggressiven Plans erreichen können. Ein Handel
mit Emissionszertifikaten macht sich die Effizienz des
Privatsektors zunutze, um umweltpolitische Ziele zu
erreichen und neue, möglichst kostengünstige Technologien zu fördern. Mit Hilfe eines solchen Verfahrens

Seite 2

wäre ein Land oder ein Unternehmen in der Lage, sein
Ziel einer Emissionsreduzierung zu erreichen, indem
es entweder selbst die Verschmutzung verringert, oder
ihm die von einem anderen Land oder Unternehmen
über dessen Zielsetzung hinaus erreichte Reduktion
angerechnet wird. Es wäre auch eine Kombination von
beiden Möglichkeiten denkbar.
Einer der Gründe, warum wir das System handelbarer
Emissionszertifikate unterstützen, ist unsere Erfahrung
in den Vereinigten Staaten mit seinem Einsatz zur
Verringerung von Schwefeldioxidemissionen, die
sauren Regen verursachen. Den Prognosen zufolge
sollte uns die Verringerung der Schwefeldioxidemissionen pro Tonne 200 Dollar kosten. Tatsächlich
kostet sie jetzt vor allem dank eines äußerst erfolgreichen Systems handelbarer Lizenzen weitaus weniger,
und der saure Regen hat drastisch abgenommen. Wir
sind überzeugt, daß dasselbe System zur CGyVerringerung eingesetzt werden kann. Die Situation hierbei
ist zugegebenermaßen viel komplizierter. Wir haben
noch keine Zauberformel, die uns ein automatisches
System handelbarer Emissionszertifikate für Kohlendioxid gibt. Wir müssen es mit der Zeit entwickeln,
aber wir sind der Ansicht, daß das im Lauf der nächsten Jahre geschehen kann.
Andererseits haben wir gewisse Schwierigkeiten, den
europäischen Vorschlag einer sogenannten "bubble"
bei der Verringerung der Treibhausgase zu übernehmen. Dieser Vorschlag gestattet den 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Grunde genommen,
ein Ziel - die 15-prozentige Reduktion der Emissionen
unter das Niveau von 1990 bis zum Jahr 2010 - zu
setzen und zu seiner Erlangung ein System der
Lastenteilung zwischen den einzelnen Ländern
einzuführen. Das Problem besteht darin, daß ein
solches System Ländern wie Portugal und Griechenland einen Emissionsanstieg von 40 beziehungsweise
30 Prozent gestatten würde und Frankreich seine
Emissionen lediglich einfrieren müßte.
Welche
Botschaft senden wir den Entwicklungsländern der
Welt, wenn die Emissionen einiger Industriestaaten um
40 Prozent anwachsen dürfen, während andere
Industriestaaten zu einer gravierenden Verringerung
aufgefordert werden? Unseres Erachtens würde ein
globales System handelbarer Emissionszertifikate das
Problem lösen. Die einzige Möglichkeit, wie die
Europäer unserer Ansicht nach ihre vorgeschlagenen
signifikanten Reduktionen erreichen können, ist
internationaler Handel mit Emissionszertifikaten.
Der Kern unserer Bestrebungen im Ausland besteht
darin, die Entwicklungsländer zur Verabschiedung von
Maßnahmen zu veranlassen, die zu einer Verringerung
von Treibhausgasemissionen führen. Es ist wichtig zu
verstehen, daß die Industriestaaten zwar derzeit für 60
Prozent der gesamten weltweiten Emissionen verantwortlich sind, die Emissionen der Entwicklungsländer
aber rapide ansteigen und wahrscheinlich in den

AMERIKA DIENST 24

�nächsten Jahrzehnten weit über die der Industriestaaten hinausgehen werden. In den Entwicklungsländern
gibt es jedoch viele Möglichkeiten für eine Emissionsverringerung, einschließlich einer gemeinsamen
Durchführung mit der Verteilung von "Emissionsgutschriften", die sich internationaler Partnerschaften
bedient, um kostengünstige Verringerungen der
Treibhausgasemissionen zu erreichen. Bei gemeinsamer Durchführung könnte ein in den Vereinigten
Staaten ansässiges Unternehmen beispielsweise in
ein Projekt investieren, das Emissionen in einem
Entwicklungsland wie Indonesien verringert, und dann
diese "Gutschrift" für die Verringerung als kostengünstigeren Weg zur Erlangung seines eigenen Ziels
verwenden. Das Projekt in dem Entwicklungsland
könnte die Umwandlung eines kohlebetriebenen
Kraftwerks in ein saubereres, erdgasbetriebenes
beinhalten. Auf jeden Fall würde das einerseits zu
einem Transfer von Technologie in das Entwicklungsland führen und andererseits zu geringeren Kosten der
Erreichung von Emissionsobergrenzen für das amerikanische Unternehmen, denn ähnliche Emissionsreduzierungen im eigenen Land wären weitaus
kostenintensiver und komplizierter.
Meiner Meinung nach besteht einer der positivsten
Aspekte der gemeinsamen Durchführung möglicherweise darin, daß sie die beste Alternative zur offiziellen
Entwicklungshilfe bietet, die - nebenbei gesagt - seit
einigen Jahren stagniert, wenn nicht sogar abgenommen hat. Die gemeinsame Durchführung bietet uns
auch eine außerordentlich kreative Möglichkeit,
dringend benötigte Technologie - effiziente, effektive,
erstklassige Technologie - an die Entwicklungsländer
zu liefern.
Präsident Clinton hat ein Hilfspaket in Höhe von einer
Milliarde Dollar zugesagt, das durch das US-Amt für
internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID) gewährt wird und sich erneut
verpflichtet, im Rahmen der globalen Umweltfazilität
Finanzhilfe zu geben. Das Hilfspaket würde dazu
verwendet, den größten Entwicklungsländern bei der
Suche nach Wegen zu einer optimierten Energieversorgung durch bestimmte Programme zu helfen,

*

AMERIKA DIENST 24

den Einsatz alternativer Energiequellen und erneuerbarer Technologien zu fördern und Schulungen
anzubieten, die zur Aufstellung einer Liste der Treibhausgasemissionen erforderlich sind.
Gleichzeitig fordern die Vereinigten Staaten die großen
Entwicklungsländer zu signifikanten Maßnahmen zur
Emissionsbeschränkung auf. Wir sind uns bewußt,
daß es zwischen den einzelnen Entwicklungsländern
Unterschiede gibt. Der Präsident hat darauf hingewiesen, daß bei der Festsetzung von Verpflichtungen der
ärmeren und unterentwickelteren Länder dem Stand
ihrer Wirtschaftsentwicklung und dem Wachstumsbedarf ihrer Volkswirtschaften Rechnung getragen
werden muß. Es ist nicht unser Ziel, den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt Beschränkungen
aufzuerlegen. Diese Länder haben noch viele Jahre
vor sich, bis sie das Problem der Treibhausgase
verschärfen. Wir halten es jedoch für logisch und klug,
daß sich die anderen Entwicklungsländer an diesen
Bestrebungen beteiligen.
Im Dezember findet in Kyoto die dritte Konferenz der
Teilnehmerstaaten der UN-Klimarahmenkonvention
statt. Die Parteien planen auf der Konferenz die
Verabschiedung eines rechtlich bindenden Übereinkommens zur Verringerung von Treibhausgasemissionen. Aber alles, dem wir in Kyoto zustimmen, kann nur
mit voller Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit und durch den US-Kongreß umgesetzt werden.
Der Kongreß hat sich zu dieser Frage geäußert und
seiner großen Besorgnis hinsichtlich der Verhandlungen Ausdruck verliehen. Der Präsident hat versucht, auf diese Besorgnis einzugehen und die
amerikanische Öffentlichkeit durch eine Reihe von
sehr öffentlichkeitswirksamen Zusammenkünften mit
Wirtschaftsvertretern, Wissenschaftlern und hochrangigen Vertretern nichtstaatlicher Organisationen über die
ernste Natur des Problems aufzuklären. Ich bin
zuversichtlich, daß die internationale Gemeinschaft
durch fortgesetzte Bestrebungen in dieser Richtung sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen
Ländern - das Problem des Klimawandels mit der ihm
gebührenden Entschlossenheit angehen kann.

*

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�BOSNIEN
10. Dezember 1997

Implementierung des Friedens in Bosnien
Stellungnahme von Strobe Talbott

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Stellvertretenden Außenminister Strobe Talbott am 9.
Dezember 1997 bei der Jahresvollversammlung des Friedensimplementierungsrates für Bosnien und
Herzegowina abgegebene Stellungnahme.

Ich möchte mich dem Dank anschließen, der Ihnen,
Herr Vorsitzender, und der Bundesregierung gegenüber für ihre Gastfreundschaft bei der Veranstaltung
dieser Konferenz zum Ausdruck gebracht wurde und
auch Carlos Westendorp für sein Engagement als
Hoher Repräsentant danken.
Wie alle von uns bin ich traurig, betroffen und gleichzeitig bestärkt durch die Erinnerung an unsere verstorbenen Kollegen - die zwölf internationalen Beamten, die im September in den Hügeln von Zentralbosnien ums Leben gekommen sind. Zu ihnen zählte ein
herausragender deutscher Diplomat, Gerd Wagner,
der vielen von uns in Washington ein bewunderter
Freund war, wo er so ausgezeichnete Arbeit leistete,
bevor er diesen Posten als Stellvertretender Hoher
Repräsentant annahm, der sich so tragisch als sein
letzter erweisen sollte. Er und mein Landsmann, der
Stellvertretende Leiter der IPTF, Kris Kriskovich,
verkörperten das Engagement der internationalen
Gemeinschaft für ein Bosnien, das frei von ethnischem
Haß sein, sich der Rechtsstaatlichkeit zuwenden und
bereit sein sollte, seinen Platz unter den europäischen
Nationen einzunehmen.
Ich stimme mit meinen Vorrednern überein, daß seit
Sintra Fortschritte an mehreren Fronten erzielt worden
sind: Kommunalwahlen, Reform der Polizei, offene
Medien, die Verhaftung einer Reihe von mutmaßlichen
Kriegsverbrechern, die Volkswirtschaft. Wir müssen
jetzt auf diese Leistungsbilanz aufbauen und das
Tempo der Implementierung von Dayton noch mehr
beschleunigen. Aus diesem Grund möchte ich im
Namen von Präsident Clinton und Außenministerin
Albright vor allem fünf Punkte hervorheben:

AMERIKA DIENST 24

Erstens begrüßen wir die Unterstützung der Konferenz, dem Hohen Repräsentanten die Befugnis zu
bindenden Interimsentscheidungen beim gesamten
Spektrum ziviler Implementierungsfragen zu verleihen.
Wir stimmen zu, daß er die Amtsgewalt erhalten soll,
die Obstruktionspolitik derjenigen zu vereiteln, die die
vollständige Implementierung von Dayton blockieren
wollen.
Zweitens müssen wir darauf hinarbeiten, daß das Jahr
1998 von der Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat
gekennzeichnet ist. Sonst werden große Teile Bosniens nolens volens ethnisch gesäubert und de facto
aufgeteilt. Das garantiert künftige Instabilität und
Konflikt. Die Flüchtlinge werden nicht in ihre Heimat
zurückkehren, bis es angemessene Vorkehrungen für
ihre Sicherheit gibt.
Das bringt mich zu meinem dritten Punkt: Die Bedeutung der Zusammenstellung einer Polizei, die dem Volk
und der Idee gegenüber loyal ist, Bosnien als Ganzes
zu sehen, und nicht loyal gegenüber einem feindlichen
Lager von Nationalisten und Extremisten. Die Vereinigten Staaten werden ihren Beitrag zu diesen
Bestrebungen leisten. Wir fordern andere Länder auf,
sich uns anzuschließen und die Ressourcen für die
Ausbildung und Ausrüstung einer professionellen
Polizei in Bosnien zur Verfügung zu stellen. Das wird
ein Schlüsselelement jeder internationalen Sicherheitspräsenz in Bosnien sein.
Viertens müssen wir weiterhin entschlossen darauf
hinarbeiten, daß Kriegsverbrecher dort enden, wo sie
hingehören - nämlich vor dem Tribunal in Den Haag.
Zum ersten Mal hat sich eine beträchtliche Anzahl von
Angeklagten selbst dem Prozeß gestellt, teils dank der

Seite 1

�Hilfe der kroatischen Regierung. Gerechtigkeit kann
jedoch nicht den Angeklagten selbst - oder ihren
Beschützern - überlassen werden. Belgrad und Pale
sollten wissen, wenn sie nicht mit dem Kriegsverbrechertribunal zusammenarbeiten, werden sie von
der internationalen Gemeinschaft weiterhin isoliert.
Fünftens unterstützt meine Regierung eine weitere
Rolle der OSZE in Bosnien, einschließlich der Überwachung künftiger Wahlen. Das ist die beste Gewährleistung, daß Bosnien seine Teilungen überwindet und
sich dem Pluralismus zuwendet. Wenn wir hier ebenso wie bei vielen anderen Unternehmen - in
unseren Anstrengungen nachlassen oder sie vorzeitig
beenden, hieße das, die Niederlage aus den Klauen
des Sieges zu reissen.

*

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Schließlich möchte ich mich den vielen anderen
anschließen, die die gespannte Situation im Kosovo
angesprochen haben. Die andauernde Unterdrückung
im Kosovo gibt Anlaß zu zunehmender Besorgnis, daß
die regionale Stabilität durch einen neuen Ausbruch
von Gewalt auf dem Balkan bedroht sein könnte. Die
Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner
werden auf einen Dialog zwischen Belgrad und
Pristina hinarbeiten. Eine Beilegung des Konflikts im
Kosovo muß die politischen und humanitären Rechte
der albanischen Gemeinschaft innerhalb der derzeitigen internationalen Grenzen gewährleisten.
Vielen Dank, Herr Vorsitzender.

* * *

*

AMERIKA DIENST 24

�USA-EUROPA
10. Dezember 1997

Stuart Eizenstat erhält
"Transatlantic Leadership Award"
Auszeichnung durch das European Institute

WASHINGTON - (AD) - Dem Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, wurde am 21. November 1997 der Transatlantic
Leadership Award des European Institute verliehen. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der
Rede von Staatssekretär Eizenstat bei der Entgegennahme der Auszeichnung, die er sich mit EU-Kommissar Sir
Leon Brittan teilt.

Es ist mir eine große Ehre, heute als diesjähriger
Empfänger des Transatlantic Leadership Award zu
Ihnen sprechen zu dürfen. Ganz besonders freue ich

Ohne die Arbeit von Sir Leon, Mickey Kantor und
anderen hätte es keine Uruguay-Runde gegeben.

mich darüber, daß mir diese Auszeichnung vom

Das Streben nach der Erreichung dieser gemeinsamen Ziele bringt uns heute hier zusammen. Während unsere Differenzen und Konflikte unsere Zeit,
Energie und Mühe beanspruchen mögen, wird unsere
Partnerschaft durch unser Engagement für die gemeinsamen Prinzipien definiert.

European Institute verliehen wird. Das Institute spielt
eine wesentliche Rolle bei der Bereitstellung des
erforderlichen Forums für die Erörterung von Schlüsselfragen unserer transatlantischen Beziehungen und
fördert damit das Verständnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.
Ich danke meinem Freund Hugo Paeman für seine
freundlichen Worte und dauerhafte Unterstützung.
Seine Fähigkeiten, Kreativität und Kooperation machen
ihn zu einem äußerst wertvollen Vertreter der Europäischen Union hier in Washington und zu einer der
wichtigsten Stützen der amerikanisch-europäischen
Beziehungen.
Dem anderen Empfänger der heutigen Auszeichnung
möchte ich meine Glückwünsche aussprechen und
ihm versichern, wie sehr ich mich freue, die heutige
Ehrung mit ihm zu teilen. Er ist mein Kollege und
Gegenstück, Gegner und Freund, Konkurrent und
Kohorte - alles in einem. Sir Leon, sie haben während
der vergangenen Jahre großen Einfluß auf den
Welthandel gehabt. Und auch wenn wir nicht bei allem
einer Meinung sind, haben wir doch dieselben Ziele
und dieselbe Vision: Engere Bande zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union zum
Wohle aller Bürger auf beiden Seiten des Atlantiks.

AMERIKA DIENST 24

Es ist eine immer engere und sich entwickelnde
Beziehung, die auf gegenseitigem Verständnis und
dem Bewußtsein der Bedeutung von Handel und
Sicherheit gleichermaßen basiert.
Die Vereinigten Staaten und Europa verbinden
einzigartige historische und kulturelle Bande. Wir
haben in diesem Jahrhundert drei große Kriege in
Europa geführt - zwei heiße und einen kalten - und
haben uns der Zusammenarbeit mit Europa verpflichtet, um Frieden auf diesem Kontinent und der
ganzen Welt zu sichern. Das hat für uns eindeutig
Priorität gehabt - vom Marshallplan vor 50 Jahren bis
zur Unterstützung des Aufbaus und der Erweiterung
der Europäischen Union heute.
Gemeinsam beendeten wir den Kalten Krieg, unterstützten die aufstrebenden Demokratien in Zentralund Osteuropa und riefen die Partnerschaft für den
Frieden (PfF) ins Leben, die alte Trennlinien in Europa
weiter beseitigt. Aus der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und der Spaltung des Kalten Krieges

Seite 1

�entstand eine dauerhafte Partnerschaft, die auf den
Lektionen der Geschichte basiert und eine prosperierende und friedliche Welt anstrebt.
Obwohl wir die Bedeutung von Handel und Investitionen in aufstrebende Märkte verstehen, dürfen wir nie
vergessen, wie wichtig unsere eigenen Handelsbeziehungen sind. Die Vereinigten Staaten und die EU
produzieren gemeinsam nahezu die Hälfte aller Waren
und Dienstleistungen weltweit, und auf sie entfällt mehr
als die Hälfte des gesamten Welthandels. Die EU ist
bei weitem unser größter Handelspartner. Die Exporte
in beide Richtungen und der Absatz von Tochtergesellschaften auf dem jeweils anderen Markt eingerechnet,
beläuft sich der transatlantische Handel auf ungefähr
zwei Billionen Dollar jährlich. Tatsächlich ist der
europäische Markt - Exporte und Absatz von Tochtergesellschaften eingeschlossen - für die amerikanischen Unternehmen doppelt so groß wie der kanadische und japanische zusammengenommen.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Förderung des Welthandelssystems. Während der
vergangenen 50 Jahre war jeder Fortschritt des
Welthandelssystems das Ergebnis amerikanischeuropäischer Übereinkünfte und Initiativen. Wenn wir
uns nicht einig sind - wie beim Thema Landwirtschaft
in der Uruguay-Runde - macht der offene Handel
wenig Fortschritte. Was durch eine gemeinsame
amerikanisch-europäische Führungsrolle erreicht
werden kann, zeigt der Blick auf die jüngsten Erfolge die Uruguay-Runde, die Gründung der Welthandelsorganisation (WTO), das Informationstechnologieabkommen und das Abkommen über Telekommunikationsdienste.
Die Verabschiedung der neuen transatlantischen
Agenda (New Transatlantic Agenda - NTA) im Dezember 1995, die einen Plan für die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union bis ins 21. Jahrhundert
darstellt, hat unsere Partnerschaft gestärkt und
gefördert. Die NTA erweitert unsere Zusammenarbeit
um den Handel. Sie beinhaltet mehr kooperative
Mechanismen denn je - halbjährliche Gipfeltreffen,
regelmäßige Zusammenkünfte unterhalb der Kabinettsebene sowie eine breite Palette von Kontakten auf
Arbeitsebene.
Unsere Beziehungen entwickeln sich ständig weiter
und passen sich an interne und externe Veränderungen an. Wir sind uns bewußt, daß sich die EU verändert - sie wird durch die Aufnahme neuer Mitglieder
erweitert, durch die Einführung der Wirtschafts- und
Währungsunion integriert und entwickelt sich zu einem
immer wichtigeren Forum, in dem Europa diplomatische Fragen, Themen der Strafverfolgung und globale
Probleme erörtern und gemeinsame Maßnahmen
ergreifen kann. Diese Veränderungen bergen Herausforderungen und Chancen. Gleichzeitig widmen wir

Seite 2

der Ausweitung und Vertiefung unserer Handels- und
Investitionsbeziehungen besondere Aufmerksamkeit,
um unser gemeinsames Ziel der Schaffung eines
transatlantischen Marktes ohne Handelshemmnisse zu
erreichen.
Eine andere wichtige Innovation und Bestandteil der
NTA ist der transatlantische Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), eine einzigartige
Partnerschaft zwischen Regierung und Wirtschaft, die
uns bei der Suche nach Gemeinsamkeiten zur Beseitigung der Hindernisse für offenen und fairen Handel
hilft. Wir erwarten von den praktischen Empfehlungen
des transatlantischen Wirtschaftsdialogs die Stärkung
der Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
und üben starken Druck auf unsere jeweiligen Regierungen aus, die Umsetzung dieser Empfehlungen
sicherzustellen.
Damit gibt der transatlantische
Wirtschaftsdialog unseren Politikern auf beiden Seiten
des Atlantiks eine zukunftsorientierte Agenda an die
Hand, während wir uns für die Beseitigung der Handelshemmnisse und die Stärkung der Handelsbeziehungen einsetzen.
Obwohl die Handels- und Investitionsbeziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU stark
sind, wäre ich nicht ehrlich, wenn ich nicht zugeben
würde, daß wir auch wesentliche Differenzen haben Differenzen, bei deren Überwindung diese Institutionen
eine konstruktive Rolle übernehmen können. Zu
diesen Differenzen zählen die von der EU vorgeschlagene Richtlinie über spezifizierte gefährliche Stoffe und
kosmetische Mittel sowie der Einsatz von Sanktionen.
Zur Frage der Sanktionen habe ich kürzlich im Kongreß im Rahmen einer Anhörung erörtert, wie das
Außenministerium einen Prozeß eingeleitet hat, um die
Verhängung von Sanktionen durch die US-Regierung,
ihre Wirksamkeit und die Möglichkeit ihrer verbesserten Integration in unsere Gesamtstrategie zu analysieren. Diese Überprüfung soll gewährleisten, daß der
Einsatz von Sanktionen unsererseits klar definierte
Ergebnisse erzielt und im allgemeinen nur dann erfolgt,
wenn andere diplomatische Maßnahmen erfolglos
waren. Ferner unternehmen wir mehr, um die Regierungen der Bundesstaaten einzubeziehen, damit der
Einsatz von Sanktionen durch sie disziplinierter erfolgt.
Neben der internen Überprüfung von Sanktionen
bemühen wir in den Vereinigten Staaten uns um
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten, um Wege
zur Entwicklung eines gemeinsamen Ansatzes bei
internationalen Problemen zu finden, die eine Gefahr
für unsere Werte, unsere Sicherheit sowie die persönlichen und Eigentumsrechte unserer Bürger darstellen.
Aus diesem Grund haben wir vorgeschlagen, daß die
Vereinigten Staaten und die EU als Teil der derzeitigen
Verhandlungen über Maßnahmen gemäß dem HelmsBurton-Gesetz einen hochrangigen Konsultationsmechanismus ins Leben rufen, um auf Probleme

AMERIKA DIENST 24

�dieser Art zu reagieren. Ich hoffe, daß wir bei dieser
Frage zu Übereinstimmung und Verständnis gelangen,
damit wir an gemeinsamen Zielen zusammenarbeiten
können und damit eher in der Lage sind, notfalls
individuelle Maßnahmen zu ergreifen, um auf Bedrohungen unserer gemeinsamen Interessen und
Werte zu reagieren.
Die laufenden Verhandlungen zu diesem Thema
beinhalten auch die Arbeit an einer Lösung der HelmsBurton-Frage. Diese Verhandlungen drehen sich um
die Schaffung von Disziplinen zur Behinderung oder
Abschreckung von Investitionen in enteignetes
Eigentum. Unseres Erachtens haben Unternehmen
auf beiden Seiten des Atlantiks guten Grund, ein
Abkommen zu unterstützen, das Eigentumsrechte
weltweit stärkt.
Wie viele von Ihnen wissen, prüfen wir im Hinblick auf
den Iran derzeit die von Unternehmen aus Frankreich,
Rußland, Kanada, Indonesien und Malaysia mit dem
Iran abgeschlossenen Verträge über Ölfeldprojekte
und untersuchen, ob diese Verträge unter dem
Sanktionsgesetz für Iran und Libyen eine mit Sanktionen zu belegende Aktivität darstellen. Wir haben ein
Team, das mit den an diesem Geschäft beteiligten
Unternehmen sowie den betroffenen Regierungen
spricht, um mehr Informationen zu bekommen und
unsere Besorgnis im Zusammenhang mit Investitionen
im Iran zu erörtern, während die iranische Regierung
weiterhin den internationalen Terrorismus unterstützt
und versucht, Massenvernichtungswaffen zu beschaffen. Wir werden unsere Untersuchungen gewissenhaft
fortsetzen, und abhängig von den Ergebnissen werden
Sanktionen eine mögliche Option bleiben. Das Ziel der
Gesetze besteht jedoch darin, gemeinsam Bedrohungen der internationalen Sicherheit durch Iran und
Libyen abzuwehren.
Ferner streben wir die Unterstützung der Wirtschaft für
ein starkes multilaterales Investitionsabkommen
(Multilateral Agreement on Investment - MAI) an. Wir
müssen die Sicherheit von Investitionen erhöhen und
ein hohes Maß an Liberalisierung erreichen.
Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß wir uns
bei den heutigen OECD-Verhandlungen erfolgreich auf
den endgültigen Text einer umfassenden Konvention
über das Verbot der Bestechung ausländischer
Staatsbeamter bei internationalen Wirtschaftstransaktionen geeinigt haben. Die heutige Vereinbarung
stellt einen großen Vorstoß im Kampf gegen Korruption
dar. Die internationale Wirtschaftsbestechung unterminiert gute Regierungsführung, schadet der wirtschaftlichen Effizienz und verzerrt den Handel. Wir
begrüßen das Übereinkommen der OECD-Mitgliedsländer, weitere spezifische Aktionen zu erwägen, um
wirtschaftliche Bestechung im staatlichen Sektor zu
bekämpfen und alle beteiligten Länder zu drängen, die

AMERIKA DIENST 24

schnelle Ratifizierung und Durchsetzung der heutigen
Übereinkunft sicherzustellen.
Dies ist ein Beispiel für Zusammenarbeit zur Bewältigung unserer Herausforderungen und Schwierigkeiten
sowie eine weitere Demonstration der Stärke und
Vitalität unserer Beziehungen insgesamt. Am 5.
Dezember ist Präsident Clinton Gastgeber des Gipfeltreffens der Vereinigten Staaten und der Europäischen
Union, bei dem wir zahlreiche Fragen von gemeinsamem Interesse erörtern werden, die Verständnis
fördern, Zusammenarbeit verbessern und uns am
besten auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten
werden. Beim Umgang mit diesen Herausforderungen
müssen wir auch unsere gemeinsamen Ziele im Auge
behalten:
Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung in den Krisenherden der
Welt. Wir müssen unsere Bestrebungen zur
Schaffung eines dauerhaften Friedens in
Bosnien fortsetzen und gemeinsam an der
Schaffung eines Klimas für Fortschritte beim
Friedensprozeß im Nahem Osten arbeiten.
Fortsetzung unserer entscheidenden Zusammenarbeit bei der Reaktion auf globale
Herausforderungen wie Terrorismusbekämpfung und Drogenmißbrauch sowie verstärkte
Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von
organisiertem Verbrechen und Umweltzerstörung.
Ausweitung des Welthandels und Stärkung
der Wirtschaftsbeziehungen durch die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit in multilateralen Foren. Wir haben unsere Fähigkeit zum
Erzielen von Ergebnissen durch das Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und das Informationstechnologieabkommen unter Beweis gestellt und können darauf
aufbauen. Das beinhaltet die Weiterentwicklung des Konzepts eines neuen transatlantischen Marktes - insbesondere unter Führung
des Privatsektors entsprechend den Empfehlungen und der Initiative des transatlantischen
Wirtschaftsdialogs.
Bau von Brücken zwischen Amerikanern und
Europäern, insbesondere der Generation nach
dem Kalten Krieg, was zu fortgesetzter Unterstützung der Öffentlichkeit für die transatlantischen Beziehungen und zur Beteiligung des
Privatsektors beitragen soll, während wir uns
für die Bewältigung der Herausforderungen
und Chancen eines neuen Jahrhunderts
einsetzen.
Wir sind durch unsere Verpflichtung zur Förderung von
Frieden, Wohlstand, Demokratie, Menschenrechten

Seite 3

�und offenen, marktorientierten Volkswirtschaften
miteinander verbunden. Wir standen bei vielen
äußerst wichtigen Fragen während der vergangenen
40 Jahre Seite an Seite. Unsere gemeinsame Geschichte und unser gemeinsames Erbe müssen ein
Bindeglied zwischen uns darstellen, während wir uns

künftigen Herausforderungen stellen. Diese Beziehungen sollten weiterhin durch unsere Leistungen definiert
werden, während wir gemeinsam den Weg in eine
Zukunft voller Versprechungen und Möglichkeiten
zurücklegen. Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 24

�USA-DEUTSCHLAND
10. Dezember 1997

Die Beziehung zu Amerika - eine einzigartige
Partnerschaft
Rede von Botschafter John C. Kornblum

MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Botschafter der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. Dezember 1997
in München hielt.

Ein neuer Anfang
Wir sind heute Abend hierher gekommen, um einen
wichtigen Schritt bei den engen Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten von Amerika, Bayern und der
Stadt München zu markieren. Ende Dezember wird
das beliebte Amerika Haus in der Form, wie wir es seit
mehr als vier Jahrzehnten kennen, aufhören zu
existieren. Es wird durch eine neue Institution - das
Bayerisch-Amerikanische Zentrum - ersetzt. Das
Gebäude bleibt das gleiche, viele der Programme
bleiben bestehen, aber die Institution wird eine andere
sein.
Ich möchte heute zu Ihnen über diese neue Institution
sprechen, über ihre Zukunft und die sie konfrontierenden Herausforderungen. Wenn ich diese neuen
Bestrebungen erörtere, möchte ich auch einige Lehren
für die nächste Phase der deutsch-amerikanischen
Beziehungen darlegen. Denn die beiden gehen Hand
in Hand. Unsere neue Institution kommt genau zum
richtigen Zeitpunkt. Bei dem Versuch, die Welt zu
beschreiben, in die sie geboren wird, können wir auch
dazu beitragen, ihre künftige Arbeit zu leiten, um die
deutsch-amerikanische Partnerschaft zu unterstützen,
die wir aufzubauen versuchen.
Zuerst einmal der unmittelbare Grund für den Wandel.
In der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges haben
die traditionellen Informations- und Kulturzentren der
Vereinigten Staaten fast aufgehört zu existieren. Im
Zeitalter des direkten Zugangs zu den Medien ist es
schwierig, eine staatliche Finanzierung kultureller
Präsentationen zu rechtfertigen. Einige dieser Zentren

AMERIKA DIENST 24

werden weiterbestehen, aber entsprechend unserem
im vergangenen Jahr verabschiedeten Haushaltsgesetz ist die staatliche Finanzierung für unsere
Einrichtungen in München und Hamburg verringert
worden. Die Tatsache, daß sie so lange bestanden
haben, zeugt von der Bedeutung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Ähnliche Institutionen existieren
in Frankreich und Großbritannien bereits seit Jahren
nicht mehr. Heute gibt das US-Informationsamt
(United States Information Service - USIS) immer noch
mehr als die Hälfte seines Europa-Etats für Deutschland aus.
Diese Tatsachen allein sollten zeigen, daß die Vereinigten Staaten weiterhin einen wesentlichen Beitrag
zu Informations- und Kulturaktivitäten in München und
Bayern leisten werden. Unsere neue Nachschlagebibliothek im Generalkonsulat ist die beste ihrer Art. Die
Unterstützung für Kulturprogramme und Diskussionen
wird fortgesetzt. Wir haben in Form von Finanzmitteln
und Sachspenden einen großen Beitrag zu dem neuen
Bayerisch-Amerikanischen Zentrum geleistet. Aber die
vollständige Finanzierung eines offiziellen Kulturzentrums war nicht länger möglich.
Diese Notwendigkeit hat eine bedeutende Chance
hervorgebracht. Insbesondere in München ist es an
der Zeit, mit neuen Formen von Dialog und Austausch
zu experimentieren. Es ist zweifelsohne nicht mehr
nötig, amerikanische Kultur und Kunst nach Bayern zu
bringen. Dieser Bedarf wird über private Kanäle mehr
als gedeckt. Amerikanische Ideen und Modelle sind
ebenfalls reichlich vorhanden.

Seite 1

�Erforderlich ist der innovative Dialog, den das neue
Bayerisch-Amerikanische Zentrum bieten kann:
Die Einbeziehung vieler verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in die Planung und
Durchführung der Prüfung neuer Formen der
Zusammenarbeit über den Atlantik hinweg.
Ein neues deutsch-amerikanisches Entscheidungsgremium wird beschließen müssen, was
geschehen soll und wie es geschieht;
Ein Dach für die zahlreichen Einzelinitiativen,
die unsere Beziehungen seit Jahren bereichern.
Neue Programme, die Zusammenarbeit in
Bereichen gestalten können, in denen sie
normalerweise nicht von einer traditionellen
Einrichtung dieser Art abgewickelt wird.
Ich bin stolz sagen zu können, daß die Reaktion auf
diese neue Herausforderung großartig war. Die
bayerische Regierung hat großzügig Mittel und Ideen
beigesteuert. Unser Gebäude wird erhalten. Seine
Programme werden im neuen Jahr ohne Unterbrechung fortgesetzt. Wir können uns besonders
glücklich schätzen, daß Dr. Chris Peters - seit mehr als
34 Jahren selbst eine Institution - weiterhin die Programme und die neue Institution leiten wird. Ich bin
sicher, daß jeder unter den Zuhörern des heutigen
Abends meine Bewunderung für die von ihm geleistete
Arbeit teilt.
Besonders glücklich schätzen können wir uns auch,
daß eine sehr aktive Gruppe von Sponsoren und
Förderern am Aufbau einer Organisation mitwirkt, die
dazu beitragen kann, den Erfolg der neuen Unternehmung sicherzustellen. Ich bezweifle nicht, daß das
Amerika Haus in Zukunft Stätte eines noch lebhafteren
Dialogs sein wird als in der Vergangenheit.
Die Definition eines neuen Zeitalters
Soviel zur Organisation. Was geschieht mit der
hervorragenden Arbeit, die wir am heutigen Abend
feiern? Ich hoffe, daß dieses innovative Unterfangen
die Kontakte zwischen Bayern und den Vereinigten
Staaten mehr als festigen wird. Ich hoffe, daß wir in
diesem innovativsten Teil Deutschlands eine Definition
der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit beginnen können, die bis weit ins nächste Jahrhundert
hinein ihren Zweck erfüllt.
Was meine ich, wenn ich von der Notwendigkeit einer
neuen Definition spreche? Offensichtlich meine ich
keine neue Grundlage oder grundlegende Neuorientierung, wie ich manchen Presseberichten zufolge
angeblich vorgeschlagen habe.
Die Grundlage
unserer Partnerschaft war nie stärker. Aber eine neue

Seite 2

Arbeitsweise und eine geänderte Definition unserer
gegenseitigen Rollen wären nützlich. Ein kurzer
geschichtlicher Rückblick wird dazu beitragen, die
Szenerie zu beschreiben.
Deutschland und Amerika sind aus verschiedenen
Gründen natürliche Partner geworden. Wir haben in
den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen
eine neue Friedensstruktur in Europa geschaffen - eine
Struktur, die auf der Grundlage neuer Beziehungen
über den Atlantik hinweg ruht.
Die Vereinigten Staaten unterhalten natürlich enge,
kooperative Beziehungen zu zahlreichen Verbündeten
in Europa. Aber es war Deutschland, mit dem wir die
neue Nachkriegsdefinition unserer Welt erarbeiteten.
Deutschland hatte sogar vor 1945 viel mit den Vereinigten Staaten gemein. Unsere natürliche Freundschaft war jedoch von den Nazis zerstört worden und
in einem grausamen Krieg untergegangen. Nach 1945
war es nicht möglich, einfach dort weiterzumachen, wo
wir aufgehört hatten. Wir mußten etwas völlig Neues
schaffen.
Dieses völlig Neue ging aus den Herausforderungen
des Kalten Krieges und der Bedrohung der Demokratie
in ganz Europa durch die Sowjetunion hervor. Unsere
gegenseitige Antwort auf die Berlin-Blockade - Festigkeit und Mut auf Seiten der Deutschen und Amerikaner
gleichermaßen - stellte die Weichen für die Schaffung
einer integrierten Vision von einem neuen Europa.
Jeder von uns hatte eine wichtige Rolle. Amerika bot
die Vision, die Mittel und die Verpflichtung, sich in der
neuen atlantischen Gemeinschaft weiterhin zu engagieren, die aus dem alten europäischen Gleichgewicht
entstanden war, das durch den Zweiten Weltkrieg
zerstört wurde.
Deutschland brachte Energie, Mut und eine Vision von
Demokratie in Deutschland und Europa ein, die aus
der dauerhaften Gemeinschaft über den Atlantik
hinweg erwuchs. Eine treibende Kraft dieser Zusammenarbeit war Notwendigkeit. Deutschland hatte
dringenden Bedarf an Freunden und Ressourcen.
Amerika war die einzige verfügbare Quelle. Amerika
benötigte eine feste Grundlage im Zentrum Europas,
auf der es die Vision von Demokratie auf dem gesamten Kontinent verwirklichen konnte. Deutschland
war der naheliegende Partner.
Eine weitere treibende Kraft war emotioneller Natur.
Kurz nach dem Krieg entdeckten wir die große Übereinstimmung von Einstellung und Ansatz unserer
beiden Länder wieder. Deutschland und Amerika
gingen aufgrund der starken Ähnlichkeit unserer Völker
und Gesellschaften eine natürliche Partnerschaft ein.
Ich weiß, daß ich darüber hier in Bayern nicht viel
sagen muß. Hier fühlen wir Amerikaner uns wirklich zu
Hause.

AMERIKA DIENST 24

�Aber dieser im Grunde genommen gleiche Ansatz
zeigt sich in ganz Deutschland, wie ich auf meinen
Reisen durch die neuen Bundesländer entdecken
konnte. Nachdem die Herausforderungen der Nachkriegszeit bewältigt sind, bieten Deutschland und
Amerika die Definition für die übrige atlantische Welt.
Eine historische Errungenschaft dieser Partnerschaft
war die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Rückkehr der Freiheit nach ganz Deutschland schloß ein
leidvolles Kapitel der deutschen und europäischen
Geschichte. Gleichzeitig war dies ein charakteristisches Moment einer neuen und sogar noch hoffnungsvolleren Phase unserer Bestrebungen, eine sogar
noch kraftvollere transatlantische Gemeinschaft
aufzubauen.
Amerika war aus zweierlei Gründen ein wesentliches
Element bei der Wiedervereinigung: Wir glaubten
unbeirrt an das Ziel eines geeinten Deutschlands, und
wir hatten die Mittel, dazu einen Beitrag zu leisten.
Unsere Vision von Deutschland und Europa war nicht
von historischen Ressentiments oder Konkurrenzdenken verdunkelt. Und unsere führenden Politiker hatten
die Kraft und die Ressourcen sicherzustellen, daß
Bundeskanzler Kohls Vision von einem geeinten
Deutschland, das sowohl in Europa als auch in die
atlantische Welt integriert ist, erfolgreich umgesetzt
werden konnte.
Eine Agenda für die Zukunft
Diese Stärken - Offenheit und Wille - sind auch die
beiden Pfeiler der nächsten Phase unserer Partnerschaft. Deutschland und die Vereinigten Staaten sind
offene Gesellschaften, die am Scheideweg des
Wandels stehen. Wir sind, jeder auf seine Weise, ein
Magnet für die neuen und oftmals beunruhigenden
Tendenzen auf der ganzen Welt. Jeder von uns hat
die Fähigkeit, diese Veränderungen zu verarbeiten und
sich daran anzupassen. Wir sind ein Meister darin,
neue Lösungen vorzuschlagen. Jeder von uns ist Teil
des Rückgrats der neuen demokratischen Welt, die wir
über den Atlantik hinweg und in ganz Europa aufbauen
wollen.
Ein Beweis für dieses neue Zeitalter ist die lange
Agenda von Themen, an denen wir gemeinsam
arbeiten - auf bilateraler Ebene und in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern und Verbündeten. Die traditionelle Sicherheitsagenda wurde von
einem komplexen Programm der Herausforderungen
auf ganz unterschiedlichen Gebieten abgelöst: Zusammenarbeit im Weltraum, Biotechnologie und
Nahrungsmittelproduktion, Beziehungen zu sogenannten verbrecherischen Staaten, der Aufbau von Demokratie in Zentral- und Osteuropa sowie die Friedensmission in Bosnien.

AMERIKA DIENST 24

Oftmals konzentrieren sich diese Fragen auf unser
gemeinsames Streben nach der Vollendung Europas,
um es mit den Worten von Altbundespräsident Richard
von Weizsäcker auszudrücken. Wir sind die beiden
wichtigsten Partner bei der Erlangung der demokratischen Integration der neuen Demokratien in ein
friedliches und prosperierendes Europa.
Unser
gemeinsamer Erfolg beim Aufbau einer neuen NATO
ist nur ein Beispiel für diese wichtige Zusammenarbeit.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen konzentrieren
sich in zunehmendem Maße auf Fragen von weltweiter
Bedeutung. Die Bewältigung der Herausforderungen
der Gesellschaft in der Zeit nach dem Ende des Kalten
Krieges und im Informationszeitalter sind in dieser
Hinsicht von besonderer Bedeutung. Wir sind nicht
immer derselben Meinung. Aber in den meisten Fällen
sind es Deutschland und Amerika, die bei der Lösung
des Problems eine zentrale Rolle spielen. Wenn
unsere beiden Länder diesen pragmatischen Ansatz
wählen, können wir beim Umgang mit den neuen
Herausforderungen auf kooperativer Basis helfen,
selbst wenn wir nicht in allen Einzelheiten übereinstimmen. Und die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit trägt dazu bei, die atlantische Harmonie mit ganz
Europa zu gewährleisten. Gemeinsam werden wir zur
Stärkung der wesentlichen Rolle der EU beitragen.
Wenn diese neue Zusammenarbeit wirklich erfolgreich
sein soll, müssen wir die neue Definition einen Schritt
weiterführen. Wie wir damit umgehen, hängt stark von
unserem Erfolg ab, die grundlegende Dynamik unserer
Partnerschaft zu verstehen. Die Welt hat sich so
grundlegend verändert, daß neue Konzepte erforderlich sind.
Vor 1990 waren die zahlreichen Facetten unserer
Beziehungen von der überwältigenden Bedeutung der
Sicherheit überschattet - von der Rolle der Vereinigten
Staaten bei der Verteidigung Deutschlands und
Europas gegen die Sowjetunion; und von der Rolle
Deutschlands, die Festung für diese Verteidigung zu
bieten. Amerika war gleichermaßen die Großmacht
und das gesellschaftliche Modell.
Der Beitrag
Deutschlands bestand vor allem darin, beim Wiederaufbau von Demokratie und Wirtschaft erfolgreich zu
sein und zur militärischen Verteidigung beizutragen.
Es war eine äußerst erfolgreiche Beziehung. Sie war
jedoch in vieler Hinsicht auch eindimensional - jeder
spielte eine Rolle, aber das aus der wechselseitigen
Abhängigkeit geborene Gefühl der Unsicherheit stellte
oft einen beschränkenden Faktor dar.
Einige Beispiele: Die Fixierung der Vereinigten Staaten
auf die Wirtschaft und die innenpolitische Dynamik
Deutschlands war oft übertrieben. Als junge Diplomaten mußten wir in den sechziger Jahren über jedes Auf
und Ab der politischen Landschaft berichten. Tatsächlich bestand eine der traditionellen Rollen der Amerika
Häuser darin sicherzustellen, daß sich der politische

Seite 3

�Dialog in Deutschland in die richtige Richtung bewegte.
Die Deutschen wiederum schrieben die dramatischsten Gefahren auf Aspekte der amerikanischen Politik
zurück, die der Sache der Stabilität in Europa nicht
direkt dienlich erschienen. Am dramatischsten war
vielleicht die Debatte über die Stationierung von
Mittelstreckenraketen in Europa in den achtziger
Jahren. Auch 1990, zu Beginn des Golfkriegs, gab es
eine äußerst emotionale Reaktion.
Ich freue mich sagen zu können, daß viele dieser
gegenseitigen Tendenzen bereits verschwunden sind.
Bei meiner Rückkehr nach Deutschland nach zehnjähriger Abwesenheit bin ich von der Normalität der
politischen und sozialen Debatte in diesem Land
beeindruckt. Ich weiß, daß es Kontroversen gibt. Und
Probleme sind wichtig. Aber bei der Debatte geht es
um konkrete künftige Herausforderungen, nicht um
echte oder imaginäre Ängste, die aus der Unsicherheit
des Kalten Krieges resultieren.
Vom amerikanischen Standpunkt aus kann ich hinzufügen, daß unsere Einstellung zu Deutschland sich
schnell über die traditionellen Fragen europäischer
Sicherheit hinausbewegt. Unsere Botschaft in Bonn
und Berlin hat eine Agenda, die praktisch jede wichtige
Frage unserer Zeit beinhaltet. Deutschland ist ein
natürlicher und produktiver Partner - sowohl bilateral
als auch als wichtiger Teilnehmer an der sich schnell
vertiefenden europäischen Integration.
Wir sind
wahrhaft Partner, die füreinander und für die Welt
unentbehrlich sind.
Die Rolle Amerikas

Es ist auch eine neue Herausforderung entstanden für unsere beiden Länder. Diese Arbeit kann das
Bayerisch-Amerikanische Zentrum vielleicht am besten
leisten. Es geht um die Verpflichtung, sich mit der
Rolle Amerikas in einer Welt ohne Konfrontation
auseinanderzusetzen. "America the Inescapable"
nannte es Josef Joffe in der New York Times.
Dieses Phänomen wird auf vielerlei Weise offensichtlich. Es gibt ein unausgesprochenes Unbehagen
angesichts der kulturellen und politischen Hegemonie
Amerikas. Man verdächtigt uns, Pläne für eine
weltweite Vorherrschaft zu schmieden, selbst wenn die
Beweise auf das Gegenteil hindeuten. Die außenpolitische Führungsrolle der Vereinigten Staaten kann
bisweilen anmaßend erscheinen, aber Präsident
Clinton hat persönlich die Notwendigkeit einer kooperativen amerikanischen Einstellung zur Führungsrolle
in diesem neuen Zeitalter betont. Dies ist in Deutschland weniger ein Thema als in einigen anderen Teilen
Europas, aber ich habe auch hier davon reden gehört.

Seite 4

Dann gibt es Amerika als gesellschaftliches und
wirtschaftliches Modell. Während meiner frühen Tage
in Deutschland war die Einstellung zu Amerika überwältigend positiv. Wir waren für viele ein Vorbild.
Später wurden wir für manche Deutschen zum Beispiel
für alles, was moderne Gesellschaften nicht tun sollten.
Jetzt werden wir wieder überall beneidet. Wir sind
tatsächlich stolz auf unsere Gesellschaft und ihre
jüngsten Leistungen. Sie wurden durch harte Arbeit
und viele Debatten möglich. Wir können anderen
manches beibringen. Aber wir sind kein Modell.
Schließlich gibt es Amerika als Philosophie. Es gibt
einen "American way of life", der immer noch eine der
revolutionärsten Philosophien in der Menschheitsgeschichte darstellt. Wir glauben an Gerechtigkeit und
Offenheit. Wir beurteilen die Menschen nach dem,
was sie können; nicht danach, wer sie sind und woher
sie kommen. Es ist leicht, sich in Amerika und im
Umgang mit Amerikanern wohlzufühlen, ungeachtet
der eigenen Herkunft. Diese Offenheit bringt Kreativität und Leistung hervor. Sie ist eines der Geheimnisse
unseres Erfolgs.
Europa und Deutschland sind folglich mit Beziehungen
zu mehreren Amerikas gleichzeitig konfrontiert. Wir
sind in politischer und militärischer Hinsicht die
wichtigste Macht in Europa und auf der Welt. Ohne
unser Engagement könnte es keine europäische
Stabilität geben. Gleichzeitig definieren wir den
Rahmen für einen Großteil der sozialen und technologischen Fortschritte Ende des 20. Jahrhunderts.
Unsere Dynamik scheint manchmal genau die Unabhängigkeit und das Verantwortungsbewußtsein zu
hemmen, die wir bei anderen - insbesondere in
Deutschland - fördern wollen.

Manchmal schafft es

Unmut, der amerikanischen Führung bei Fragen folgen
zu müssen, auf die wir Amerikaner eindeutig nicht alle
Antworten haben. Das Fehlen einer offenen militärischen Konfrontation erschwert es bisweilen noch
mehr, unsere Macht zu akzeptieren.
Es deutet nichts darauf hin, daß die sich selbst reproduzierende Dynamik der Vereinigten Staaten
abnehmen wird - egal was der Konjunkturzyklus uns
bringen mag. Während die europäische Welt ihren
Bürgerkrieg des 20. Jahrhunderts beendete, wurden
die Vereinigten Staaten allmählich zum Sammelbecken
für soziale und technologische Innovationen auf der
ganzen Welt.
Letztlich liegt die Stärke unseres Landes nicht in
seinen Armeen oder seiner Währung. Unsere wirkliche Stärke wird unsere Fähigkeit sein, Ideen und
Aktionen hervorzubringen und Probleme auf unerwartete Weise zu lösen. Wir ziehen die Begabungen
von Menschen verschiedener Nationalität und Herkunft
an und "amerikanisieren" sie auf ziemlich ungewöhnliche Weise. Diese neuen Amerikaner übernehmen
nicht notwendigerweise die Gebräuche unserer

AMERIKA DIENST 24

�europäischen Vergangenheit. Aber sie übernehmen
Amerika als System und als Philosophie und machen
es stärker.
Ein Großteil dieser Ereignisse hat unabhängig von der
Politik der US-Administration stattgefunden - egal
welche Partei an der Macht war. Das Votum des
amerikanischen Kongresses beeinflußt sie nicht oft.
Selbst wenn wir uns manchmal über Tendenzen in
unserer Politik Sorgen machen, uns nach innen zu
wenden, hat sich die Zahl der Amerikaner, die im
Ausland leben und arbeiten, in den letzten zehn
Jahren nahezu verdoppelt. Die Ergebnisse unseres
einzigartigen Systems werden nicht als offizielle Kultur
oder Außenpolitik exportiert, sondern als die Synthese
von Ideen, die oft von anderen in unser Land gebracht
worden sind.
Wenn wir diesen Aspekt der amerikanischen Realität
besser verstehen, werden wir erfolgreicher bei der
Formulierung einer neuen Definition der deutschamerikanischen Partnerschaft sein. Zum Beispiel: Es
sind nicht die äußerlichen Beispiele der Beziehungen,
die wichtig sind. Zunehmend wird es auch der gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmen sein, der
unsere neue Welt definiert. Anstatt sich über Europa
und Amerika als separate Gebilde Sorgen zu machen,
definieren unsere Geschäftsleute und Wissenschaftler
auf der Basis unserer integrierten Bestrebungen eine
gemeinsame Realität. Amerikanische und europäische Unternehmen haben gleichermaßen Teil an den
Ergebnissen der sogenannten "Globalisierung".
Traditionelle Definitionen von Partnerschaft und
nationalem Interesse passen nicht in diese neue
Situation. Die Amerikaner selbst haben oft Schwierigkeiten, die Auswirkungen dieser neuen Art weltweiter
Synthese zu verstehen, die von ihrer Gesellschaft
hervorgebracht wird. Die etablierten außenpolitischen
Instrumente haben keinen Einfluß auf den machtvollen
Wandel, der stattfindet. Um nur ein Beispiel zu
nennen: Der US-Dollar ist weltweit so sehr zu einer
gemeinsamen Währung geworden, daß seine Fälschung zu einem "globalisierten" Handel großen Stils
geworden ist. Unsere Regierungen geben jährlich
Millionen in dem Versuch aus, dem entgegenzuwirken.
Sowohl Freunde der Vereinigten Staaten als auch die
Amerikaner selbst sind öfters durch diesen Trend
verwirrt. Wie sieht die Zukunft der sogenannten
gleichgewichtigen Partnerschaft aus, wenn der
überwältigende Einfluß der Vereinigten Staaten mit
jedem Jahr stärker zu werden scheint? Wie und wann
sollen Amerikaner ihren Einfluß geltend machen? Was
tun wir, wenn Partner sich nicht beteiligen können oder
wollen? Wie können Alternativen zu amerikanischen
Lösungen, von denen viele logisch und wichtig sind, in
diesem zunehmend amerikanischen Äther noch gehört
werden?

AMERIKA DIENST 24

Ich möchte ein paar einfache Gedanken anbringen.
Sie stellen keine Lösungen dar, könnten bei unserer
Suche nach einer neuen Definition, die ich bereits
angesprochen habe, jedoch hilfreich sein:
Visionen sind nicht die Antwort. Insbesondere
die atlantische Welt sollte sich nicht mit Debatten darüber beschäftigen, wer gleichberechtigter oder wer mehr im Recht ist. Wir haben
einen gemeinsamen Rahmen für Zusammenarbeit geschaffen. Wir sollten zulassen, daß
er funktioniert.
Es gibt kein Monopol auf gute Ideen. Die
Europäer fragen oft, wann Amerika sie wie
gleichberechtigte Partner behandeln wird. Auf
vielen Gebieten tun wir das bereits. Auf
einigen Gebieten, wie dem Handel, haben wir
es mit einer europäischen Supermacht zu tun.
Aber der Wunsch nach Einheit sollte nicht
benutzt werden, um neue Ideen oder Wandel
abzublocken. Die europäischen Methoden
sind nicht genau die gleichen wie die der
Amerikaner, aber sie sollten auch nicht als
Vorwand für andere Interessen benutzt werden. Was zählt, ist der Inhalt.
Abhängigkeit liegt im Auge des Betrachters.
Wer jedoch versucht, die Dinge nur aus dem
Grund anders zu machen als Amerika, um
nicht abhängig zu erscheinen, schlägt fehl.
Einer der faszinierendsten Aspekte dieser
neuen amerikanischen Dynamik liegt darin,
daß sie nicht imperialistisch im traditionellen
Sinne ist. Wir entwickeln Lösungen, keine
Gesellschaftsmodelle. Die Innovationen eines
multikulturellen Amerikas sind per definitionem
das Produkt zahlreicher Kulturen und können
sich für Situationen innerhalb und außerhalb
Amerikas eignen.
Die Bedeutung des Dialogs
Warum ist es dann so entscheidend, daß unser neues
Bayerisch-Amerikanisches Zentrum Erfolg hat? Weil
die Lösungen für viele der von mir hier angesprochenen Fragen im Dialog und in gemeinsamen Bestrebungen liegen - nicht in konkurrierenden Definitionen der
Realität. Die neue Definition der deutsch-amerikanischen Partnerschaft wird wahrscheinlich ebenso aus
praktischer Zusammenarbeit hervorgehen wie aus
Zukunftsvisionen. Wir haben eine starke Grundlage.
Darauf müssen wir aufbauen.
Es gibt sowohl Herausforderungen als auch Chancen.
Die traditionelle Vorgehensweise wird auch in Zukunft
unter Druck geraten. Es wird Differenzen und sogar
Kontroversen geben. Der Fortschritt mag oft langsam,
der Druck des Wandels manchmal überwältigend
erscheinen. Viele derselben Kriterien hätten auf die

Seite 5

�ersten Jahre unserer Partnerschaft vor 50 Jahren
angewendet werden können. Mehr als 45 Jahre lang
hat das Amerika Haus München als Podium für die
Herausforderungen des Wandels gedient. Wir haben
unsere Aufgaben brillant erfüllt.
Das neue Bayerisch-Amerikanische Zentrum ist mit
einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert. Ich

wollte einige Gedanken darüber darlegen, was es tun
sollte. Was wir jetzt alle tun sollten, ist, es startklar zu
machen. Ich sage Ihnen mein vollständiges persönliches Engagement und das meiner Regierung für den
Erfolg dieser Bestrebungen zu. Ich weiß, daß die
Menschen in München und Bayern diese Herausforderung ebenso deutlich sehen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 24

�USA-DEUTSCHLAND
10. Dezember 1997

Deutschland und Amerika - eine selbstverständliche
Partnerschaft
von Botschafter John C. Kornblum

EBENHAUSEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. Dezember 1997 bei der Stiftung
Wissenschaft und Politik in Ebenhausen gehalten hat.

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, zu den Freunden
und Mitgliedern der Stiftung zu sprechen.

Stabilität und sogar der Wohlstand Europas eng
miteinander verbunden sind.

Die Stiftung Wissenschaft und Politik ist für ihre
konzeptionelle Denkweise auf dem Gebiet der Weltpolitik bekannt. Daher freue ich mich ganz besonders,
daß Sie mich gebeten haben, über die Dynamik von
zwei der wichtigsten Entwicklungen in den internationalen Beziehungen der letzten Jahrzehnte zu
sprechen, nämlich die Erweiterung der Europäischen
Union und der NATO sowie die Interdependenz dieser
beiden Prozesse.

1949, als der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten sich mit dem Nordatlantikvertrag befaßte,
stellte er eine explizite Verbindung zwischen der NATO
und der europäischen Integration her. Der Ausschuß
formulierte damals: "... der Nordatlantikpakt stellt die
Mittel für Zusammenarbeit bei Fragen der kollektiven
Sicherheit und nationalen Verteidigung bereit und
schafft damit ein günstiges Klima für weitere Schritte
zu einer immer engeren europäischen Zusammenarbeit." Fünfzig Jahre später besitzt diese Behauptung
immer noch viel Gültigkeit.

Überlegen Sie sich einen Moment, in welcher Situation
wir uns vor nur zehn Jahren befanden. Deutschland
war geteilt, Osteuropa wurde von kommunistischen
Systemen beherrscht, und in den Beziehungen
zwischen Moskau und Washington war ein gefährliches militärisches Gleichgewicht zwischen Ost und
West das zentrale, dominierende Thema. Damals
hätte sich niemand träumen lassen, daß wir heute die
Mitgliedschaft Polens in der NATO oder die Mitgliedschaft Ungarns in der EU erörtern würden. Und ich
hätte sicherlich nicht gedacht, daß ich heute hier, in
einem vereinigten Deutschland eine Rede über diese
beiden Erweiterungsprozesse halten würde.
Die dramatische Umgestaltung seit dem Ende des
Kalten Krieges hat uns zum Umdenken gezwungen.
Gleichzeitig hat sie uns auch die Gelegenheit gegeben, einige wesentliche Grundsätze wiederzuentdekken, die in den letzten Jahrzehnten als Leitgedanken
für unsere Politik gedient haben. Einer dieser Grundsätze lautet, daß diese Institutionen in einem größeren
Zusammenhang operieren und Integration, Sicherheit,

AMERIKA DIENST 24

Veränderungen finden statt und müssen natürlich
stattfinden. Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit
der europäischen Verbündeten ist ein wichtiges Ziel.
Eine Schlüsselaufgabe ist sicherzustellen, daß die
europäische Verteidigungssäule im atlantischen
Bündnis eine immer wichtigere Rolle übernimmt.
Wann und wie das geschehen soll, war während der
vergangenen 20 Jahre Gegenstand äußerst komplexer
Debatten.
Ferner haben wir erörtert, ob die NATO in der Welt
nach dem Ende des Kalten Krieges eine Rolle übernehmen sollte. Vor sechs Jahren stand die NATO an
einem Scheideweg: Der Kalte Krieg war vorüber, der
Hauptzweck der NATO - die Abwehr einer potentiellen
sowjetischen Bedrohung - existierte nicht mehr. Viele
Menschen stellten die Frage: "Wozu benötigen wir
noch eine NATO?"

Seite 1

�Das Bündnis selbst stellte sich diese Frage und
fandeine Antwort: Weil die NATO das effektivste
Militärbündnis in der Geschichte ist und ihr eine
wesentliche Rolle dabei zukommt, zum ersten Mal in
der Geschichte einen ungeteilten, friedlichen und
sicheren Kontinent zu schaffen. Aber wir erkannten,
daß sich die NATO verändern muß, um dieser Rolle
gerecht zu werden.
Seit sechs Jahren paßt sich die NATO den Realitäten
der Zeit nach dem Kalten Krieg und dem neuen
Sicherheitsumfeld in Europa an. In diesem Sommer
haben wir in Madrid die wichtigsten Schritte unternommen, um diese Anpassung vorzunehmen und unser
Ziel eines geeinten und von Konflikten freien Europas
zu verwirklichen. Heute prüft der amerikanische Senat
die Frage der Erweiterung.
Ebenso wie 1949, als die Senatoren aufgefordert
wurden, ihren Rat und ihre Zustimmung zu unserem
Atlantischen Pakt zu geben, unterziehen sie seine
Bedeutung einer eingehenden Prüfung. Der ehemalige Außenminister Dean Acheson äußerte in seinen
Memoiren, er wollte, daß die Senatoren damals "den
Platz des Vertrags in der sich entwickelnden Strategie
des Westens" berücksichtigten. Er wollte, daß sie ihn
als Teil eines größeren Zusammenhangs in einem
neuen Zeitalter sahen.
Der Zweck einer Rückschau auf diese Ereignisse
besteht darin, sowohl die Kontinuität als auch den
Wandel in unserer transatlantischen Welt zu unterstreichen. Ohne die Entscheidung unserer Gesetzgeber beeinflussen zu wollen, zeichnet sich meiner
Ansicht nach ab, daß es uns gelungen ist, im Falle der
NATO-Erweiterung den Wandel für uns arbeiten zu
lassen. Und das ohne größere Unruhen. Überlegen
Sie nur einen Augenblick: 1997 scheint es die natürlichste Sache der Welt zu sein, daß Polen, die Tschechische Republik und Ungarn unserem Bündnis
beitreten.
Auch die Europäische Union paßt sich an. Der
Erweiterungsprozeß hat begonnen, die interne Reform
der EU-Strukturen wird erörtert, und im Integrationsprozeß der Europäischen Union steht ein Meilenstein
bevor - die Wirtschafts- und Währungsunion.
Die EU hat das Potential, dazu beizutragen, noch
bestehende Trennlinien und Brüche in Europa zu
überwinden. Ebenso wie die Aussicht auf die NATOErweiterung die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat,
sich als potentielle Verbündete statt als Gegner oder
Konkurrenten zu sehen, hat auch die Aussicht auf die
EU-Mitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen und manchmal schmerzlichen Schritte zu
unternehmen, um ihre Wirtschafts- und Rechtssysteme
auf den richtigen Weg zu bringen. Die erfolgreichsten
unter ihnen haben das getan und gleichzeitig die
zusätzlichen Lasten und Kosten der Annahme von EU-

Seite 2

Normen für ihre Produkte übernommen, lange bevor
sie in der Lage sein werden, uneingeschränkt auf
europäischen Märkten zu agieren.
Der Kolumnist der New York Times, Thomas Friedman, hat die Idee politischer Hard- und Software
populär gemacht - wobei Hardware die Marktwirtschaft
und Software die Rechtsstaatlichkeit ist. Die EU hat
das Potential, die Entwicklung beider Systeme zu
beeinflussen und zu ermutigen, und das ist keine
leichte Aufgabe in einer Region, die bis vor kurzem
durch Totalitarismus politisch stranguliert und durch
Planwirtschaft wirtschaftlich gelähmt wurde.
Durch die Möglichkeit des Beitritts zu einem so
gewichtigen Markt und solch einer Gemeinschaft
wurden diese Länder aufgefordert, die erforderliche
Hardware zu entwickeln, um zu konkurrieren und zu
prosperieren. Gleichzeitig wurden sie vor die Herausforderung gestellt, die hohen politischen Standards der
EU-Mitglieder anzunehmen:
Rechenschaftspflicht,
Unabhängigkeit des Rechtssystems, Gewaltenteilung die Merkmale rechtsstaatlicher Systeme.
Wir haben in diesen Ländern bereits bemerkenswerte
Veränderungen beobachtet. Die gründliche Überprüfung der Verfassungen, die Schaffung eines
Gewinne machenden Privatsektors, die Einführung
ziviler Kontrolle des Militärs, demokratische Wahlen das sind nur einige Punkte auf einer langen Liste von
Leistungen seit 1989.
Die Aussicht, über eine Mitgliedschaft in der EU und
der NATO wieder zu einem lebendigen und integralen
Teil Europas zu werden, erklärt zu einem großen Teil
die Dynamik des radikalen Wandels in diesen Ländern. Diese Länder wissen, daß es in unseren Institutionen keinen Platz für Konflikte oder Animositäten
gibt und durch Zusammenarbeit sehr viel mehr erreicht
werden kann.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß der Erweiterungsprozeß weiterhin so weit wie
möglich nach außen gerichtet ist und ein offenes Ende
hat. Wir dürfen keine neuen Trennlinien ziehen oder
irgendeinem Land in Europa die Tür zu neuen Chancen verschließen.
Es wurde gesagt, wir hätten die Wahl: Wir können
entweder Stabilität exportieren oder Instabilität importieren. Diese Aussage enthält in der Tat sehr viel
Wahres: Zum einen glaube ich, daß sie den externen
Druck übertreibt, unter dem wir uns dem Erweiterungsthema stellen. Zum anderen meine ich, daß sie unser
eigenes Interesse an der Erweiterung nicht gebührend
berücksichtigt.
Der Fall Türkei und EU verdeutlicht meinen Punkt.
Sowohl die Türkei als auch die EU haben ein Interesse
an der Stärkung ihrer Beziehungen, und wir alle haben

AMERIKA DIENST 24

�ein Interesse an der Entwicklung der Türkei als
starker, wohlhabender, säkularer und demokratischer,
in die westliche Gemeinschaft integrierter Staat. Es ist
daher von elementarer Bedeutung, daß unser Ziel
darin bestehen sollte, die Türkei in westlichen Institutionen zu verankern und ihre Orientierung zum
Westen zu unterstützen.
Die Entscheidung der Türkei, sich dem Westen
zuzuwenden, geht auf den Anfang dieses Jahrhunderts zurück. Damals traf die Türkei eine weitblickende, strategische Entscheidung, in der wir sie
nach Möglichkeit nicht enttäuschen oder behindern
sollten. Daher hoffen wir, daß die Diskussion über die
Beziehungen der Türkei zur EU der Bedeutung des
Säkularismus in der Türkei Rechnung trägt.
Angesichts der historischen Entscheidung der Türkei,
sich dem Westen zuzuwenden, wäre es eine Ironie
des Schicksals, wenn die Europäische Union die Tür
zu einem möglichen Beitritt der Türkei verschließen
sollte. Die Einbeziehung der Türkei in die europäische
Konferenz beim bevorstehenden Gipfeltreffen in
Luxemburg ist ein konkreter Schritt, die westliche
Orientierung der Türkei gleichermaßen zu berücksichtigen und zu ermutigen.
Natürlich werden Fragen im Zusammenhang mit der
Aussicht auf Freizügigkeit gestellt. Und die Türkei muß
noch ihre demokratischen Institutionen konsolidieren.
Es ist von entscheidender Bedeutung, daß sich die
Erwägungen der EU bezüglich der Türkei auf solche
substantiellen Anliegen konzentrieren.
Sie mögen fragen: Was veranlaßt die Vereinigten
Staaten, über interne Prozesse der EU zu sprechen?
Natürlich trifft es zu, daß die Vereinigten Staaten in der
EU keine Stimme haben. Aber das bedeutet nicht, daß
wir keine Meinung zu den Problemen haben, vor die
sich die EU gestellt sieht. Wir möchten eine erfolgreiche EU, die ihrem Potential gerecht wird und zu
Stabilität, Sicherheit und Wohlstand in Europa beiträgt.
Die Vereinigten Staaten sind integraler Bestandteil der
europäischen Realität, ebenso wie Europa integraler
Bestandteil der amerikanischen ist.
Wenn ich die aktuellen Debatten in Europa über diese
fundamentalen Themen höre, frage ich mich manchmal, ob die Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts und ihre Auswirkungen vollständig verstanden
worden sind. Man ist sich bewußt, daß Änderungen
vorgenommen werden müssen wie Erweiterung,
Reform und Kürzungen der Budgets. Allzu häufig
scheint jedoch die Betonung auf der Last statt auf der
Chance zu liegen, die sie darstellen.
Gelingt es uns nicht zu erkennen, wie gut es uns geht,
weil wir unsere Bestrebungen und das Geld unserer
Steuerzahler in die Erweiterung der Gemeinschaft
demokratischer Staaten investieren statt in die Ein-

AMERIKA DIENST 24

dämmung des Kommunismus und die Verhinderung
eines Krieges? Und haben wir darüber hinaus nicht
jeden Grund, unsere Strukturen wo immer möglich für
Staaten zu öffnen, die sich an unseren wichtigsten
Institutionen beteiligen und zu ihnen beitragen wollen,
ohne eine größere Last zu sein?
Es ist kein Geheimnis, daß einige im amerikanischen
Kongreß sagen, die Europäische Union hätte gut
daran getan, eine sehr viel größere Gruppe von
Kandidaten zur Beteiligung an der bevorstehenden
Erweiterung einzuladen. Eine ähnliche Sichtweise
wurde in Europa und Deutschland zum Ausdruck
gebracht. Diese Meinungen wurzeln in der Sorge, daß
die historischen Chancen nicht voll und ganz genutzt
werden.
Mit anderen Worten: Wir sollten das Ausmaß nicht
unterschätzen, in dem wir die Konturen der Zukunft
durch unsere heutigen Aktionen gestalten können. Wir
müssen unser Bewußtsein schärfen, daß künftige
Probleme durch einen jetzt vertretenen vorausschauenden Ansatz minimiert, wenn nicht sogar verhindert
werden können.
Die Geschichte Europas während der vergangenen 50
Jahre bestätigt diese These voll und ganz. Die engen
Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zwei ehemaligen Feinden - wurden in der Werkstatt
der europäischen Integration geknüpft. Es war der
Weitblick von Menschen wie Jean Monnet, Konrad

Adenauer und George Catlett Marshall, der diesen
Beziehungen und dem umfassenderen Prozeß der
europäischen Integration den Weg zum Erfolg ebneten.
Ich beeile mich hinzuzufügen, daß es der Schutz der
NATO war, der die tiefgreifende und permanente
Integration der europäischen Union ermöglichte. Ohne
die äußere Sicherheit, wie sie vom Atlantischen
Bündnis garantiert wird, hätten der derzeitige Wohlstand und die Stabilität Europas wahrscheinlich nicht
geschaffen werden können.
Abschließend möchte ich über die Bedeutung der
deutsch-amerikanischen Partnerschaft in dem Prozeß
der Umgestaltung und Erweiterung unserer Institutionen sprechen. Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist ein großer Erfolg und ist in diesem Prozeß
selbstverständlich geworden. Das heißt nicht, daß wir
uns gegenseitig als selbstverständlich hinnehmen
können. Es heißt vielmehr, daß wir ein so hohes Maß
an Verständnis, eine so starke Gemeinschaft und so
viele gemeinsame Interessen haben, daß es manchmal schwierig ist, von zwei verschiedenen Gebilden zu
sprechen.
Der deutsch-amerikanische Pfeiler der transatlantischen Welt ist gleichzeitig ihre Antriebsachse. Ohne
unsere enge Zusammenarbeit wäre im letzten Jahr-

Seite 3

�zehnt vieles nicht erreicht worden, und Zusammenarbeit ist der Schlüssel zu unserem Erfolg im nächsten
Jahrhundert.

Ich wünsche uns weiter Erfolg in der Zukunft sowie die
dazu erforderlichen Eigenschaften: Kreativität und Mut.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 24

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Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26. November 1997

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USA-DEUTSCHLAND

DIE HERAUSFORDERUNG FÜR
AMERIKA HÄUSER
Rede von John C. Kornblum

WIRTSCHAFT

USA FORDERN ABKOMMEN ZUR
BESTRAFUNG VON BESTECHUNG
von Wirtschaftsminister William Daley
BESTECHUNG MUSS GEACHTET WERDEN
von Stuart Eizenstat

DATENAUTOBAHN

USA WOLLEN MÖGLICHST WENIG
REGULIERUNG DES INTERNET
von Larry Irving

THANKSGIVING

DIE NATIONEN LERNEN DIE LEKTION
VON FREIHEIT UND DEMOKRATIE
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND
26. November 1997

Die Herausforderung für Amerika Häuser
Rede von John C. Kornblum

HAMBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in
der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 20. November 1997 im Amerikazentrum in Hamburg
gehaltene Rede.

Dies ist wirklich ein bedeutender Anlaß für mich. Ich
habe meine diplomatische Laufbahn 1965 in Hamburg
direkt nach dem Collegeabschluß mit sehr wenig
Ahnung von dem Job begonnen, den ich tun sollte. Ich
habe schnell gelernt und damit genau in diesem
Gebäude hier angefangen. Es war nicht meine
offizielle Tätigkeit im Konsulat, die mich mit Hamburg,
Niedersachsen und Schleswig-Holstein zusammenbrachte, es war nicht meine Arbeit im Büro, die mir
einen ersten Eindruck von der Rolle der Vereinigten
Staaten in einem immer noch geteilten Deutschland
vermittelte. Es waren die Kontakte, Diskussionen und
Konferenzen, an denen ich unter der Schirmherrschaft
des Amerika Hauses Hamburg teilnahm. Und ich
sollte hinzufügen, daß die Bande zwischen den
Vereinigten Staaten und Norddeutschland in beträchtlichem Maße durch die Arbeit dieser Institution und
ihrer engagierten deutschen und amerikanischen
Mitarbeiter geknüpft wurden.
Wenn ich mir diese schöne Stadt betrachte, sehe ich
sehr viel Vertrautes. Aber ich sehe noch viel mehr,
das sich verändert hat - sehr viel mehr, als ich vor 32
Jahren hätte ahnen können. Eine der wichtigsten
Veränderungen ist die Art, in der wir miteinander
reden. Die Art, in der wir diese atlantische Gemeinschaft aufbauen, die uns so viel bedeutet hat.
Während meiner Jahre in Hamburg waren die "Medien" - wie wir sie jetzt bezeichnen - auf die offiziellen
Programme des Norddeutschen Rundfunks, die
hervorragenden Zeitungen dieser Stadt und die
unregelmäßigen
Lieferungen
englischsprachiger
Publikationen beschränkt. Manchmal gelang es mir,
AFN-Bremerhaven oder den World Service der BBC
zu hören. Aber alle Teile der Welt - einschließlich der

AMERIKA DIENST 23

Vereinigten Staaten - hatten nur begrenzten Zugang zu
Eindrücken aus dem Ausland.
Auch Deutschland war 1965 ein anderer Ort. Die physischen und psychischen - Wundes des Krieges
waren noch sehr gut sichtbar. Die Berliner Mauer war
erst vier Jahre alt. Die Botschaft Amerikas war noch
immer eine der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Ein amerikanischer Diplomat war überwältigt von den
Fragen und der Neugier bezüglich unseres Landes.
Das Amerika Haus spielte eine entscheidende Rolle
bei der Wiederherstellung des Selbstvertrauens dieser
Stadt. Es bot eine Verbindung zu der weiten Welt. Es
gab Beispiele für Fortschritt im modernen Zeitalter. Es
durchbrach die Isolation, in die Deutschland während
und nach der schrecklichen Zeit des Dritten Reichs
gefallen war.
In manchen Jahren spielte das Amerika Haus eine
andere Rolle. Es war das Zentrum von Diskussionen,
Debatten und manchmal der Wut junger Deutscher
über die Verwirrungen des Wandels. Als meine Zeit in
Hamburg zu Ende ging, trat an die Stelle der Sicherheit
der Nachkriegszeit die Unsicherheit einer postindustriellen Kultur - eine Kultur, die sich rasch entwickelte.
Neue Werte wurden erprobt, und die einstmals
bequeme schützende Rolle der Vereinigten Staaten
schien einer Generation im Weg zu stehen, die dem
Konservatismus der Nachkriegszeit entfliehen wollte.
Passenderweisewaren es die Vereinigten Staaten, die
ein Modell für die Veränderungen boten. Jugendkultur
und Studentenrevolten waren auch ein Import aus
Amerika. Wir führten lange und harte Diskussionen.
Traurigerweise eskalierten die Diskussionen manch-

Seite 1

/

�mal zu Gewalt. Auch diese Zeit erduldete das Amerika
Haus loyal.
Heute ist Amerika weder ein Hafen für ein gebrochenes Deutschland noch ein Ziel für die Frustrationen
eines neu entstehenden Deutschlands. Unsere beiden
Länder sind heute das Rückgrat einer wachsenden
transatlantischen
Gemeinschaft
demokratischer
Nationen. Gemeinsam haben wir den Kalten Krieg und
die Teilung Deutschlands überwunden. Gemeinsam
haben wir die Grundlagen für die erste Periode eines
demokratischen Friedens in der Geschichte Europas
geschaffen. Unsere Partnerschaft ist natürlich und
unentbehrlich. Und das Beste kommt noch!
An der Schwelle zu diesem hoffnungsvollen neuen
Zeitalter müssen wir auch sorgfältig darüber nachdenken, wie wir miteinander sprechen und voneinander
lernen. Wir brauchen nicht mehr drei Tage lang auf
englischsprachige Nachrichten zu warten. Amerikanische Bücher können unverzüglich im Internet bestellt
werden. Wir werden mit Eindrücken aus aller Welt
überschüttet. Es ist nicht schwer, aktuelle Nachrichten
aus jedem Teil der Welt zu erhalten. Internationale
Kultur - vor allem die amerikanische - ist allgegenwärtigDie Tage, in denen Amerika die Welt von draußen
nach Deutschland bringen mußte, sind lange vorüber.
Man muß einem besiegten Land nicht mehr Demokratie und amerikanische Kultur einflößen. Statt dessen
benötigen wir einen konzertierten Dialog zwischen
Partnern über die vielen Herausforderungen, mit
denen wir uns an der Schwelle zu diesem neuen
Jahrhundert konfrontiert sehen. Wir müssen offen und
eingehend reden. Und wir müssen die vielen Personengruppen zusammenbringen, die jetzt unsere
Kontakte und Partnerschaften ausmachen.
Wir haben in der Tat Glück, daß die Geschichte der
Kontakte und Dialoge zwischen Amerika und Deutschland in Hamburg und Norddeutschland so omnipräsent
ist. Die Arbeit des Amerika Hauses und des Generalkonsulats der Vereinigten Staaten kann auf über zwei
Jahrhunderte geschäftlicher, intellektueller und
familiärer Bande aufbauen, um eine neue Art von
Partnerschaft für das 21. Jahrhundert zu gründen.
Jetzt besteht unsere Arbeit darin, diesen Dialog
relevant und effizient zu machen. Die offiziellen
Programme der US-Regierung, die das Amerika Haus
so erfolgreich gemacht haben, sollten in zunehmendem Maße durch eine Mischung aus privaten, staatlichen und ehrenamtlichen Aktivitäten ersetzt werden,
die die breite Palette unserer Kontakte und unserer
Partnerschaft widerspiegeln.
Der Geist des neuen Amerikazentrums reflektiert
diesen Wandel. Die Vereinigten Staaten werden die
Arbeit des Amerikazentrums weiterhin entschieden
unterstützen. Ich habe Ihnen versprochen, mich

Seite 2

persönlich zu engagieren, damit die Qualität unseres
Dialogs verbessert wird und die Beteiligung zunimmt.
Wir sprechen nicht über eine neue Cyberwelt im
Internet, wie manche behauptet haben. Unsere
Aufgabe ist es, die Menschen zusammenzuführen, um
gemeinsame Belange zu erörtern, gemeinsame
Interessen auszumachen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.
Ich hoffe, daß wir uns den Wandel zunutze machen
können, um eine neue Grundlage für den
deutsch-amerikanischen Dialog in Hamburg zu
schaffen. Wir können die Führungsrolle aus den
Händen der Regierungen in die Hände derjenigen
legen, die am meisten profitieren - unsere jungen
Menschen, Wissenschaftler, Geschäftsleute und
Bürger aus allen Bevölkerungsschichten.
Mit dem Übergang vom Amerika Haus zum neuen
Amerikazentrum verringern wir nicht die kulturelle
Präsenz Amerikas in Norddeutschland und beschränken zweifelsohne auch nicht den Dialog zwischen
unseren Ländern. Unser Ziel besteht in der verstärkten Einbeziehung von Gruppen und Einzelpersonen auf beiden Seiten des Atlantiks in die Finanzierung
und Pflege unserer Kontakte.
Wir haben in München mit der Einrichtung des neuen
"Bayerisch-Amerikanischen Zentrums" einen ähnlichen
Schritt unternommen.
In dieser weit entfernten
süddeutschen Stadt hat eine Koalition aus Regierung,
Universitäten und privaten Vereinigungen die Herausforderung angenommen. Ich weiß, daß die Reaktion in
Hamburg ebenso stark sein wird.
Lassen Sie mich hervorheben, was wir meines
Erachtens unternehmen müssen. Es geht hier nicht
darum, sich einer alten Institution anzunehmen, die
sich die Regierung der Vereinigten Staaten nicht
länger leisten kann. Es bedeutet zweifelsohne nicht,
ein Informationsprogramm der amerikanischen
Regierung durch private Institutionen finanzieren zu
wollen. Vielmehr geht es hier um die Erkenntnis, daß
Deutschland und die Vereinigten Staaten in der Welt
von Morgen eine besondere Grundlage haben, auf der
sie aufbauen können. Wenn die Vereinigten Staaten
Deutschland geholfen haben, die Zerstörung des
Krieges zu überwinden, dann waren es die Stärke und
Vision der Deutschen, die den Vereinigten Staaten bei
der Definition und Umsetzung ihrer neuen Rolle in
Europa geholfen haben.
Im Vorfeld des 50. Jahrestages der Berliner Luftbrücke
brauchen wir uns keine großen Gedanken über das
von uns Erreichte zu machen. Wenn wir über die
durch die Wiedervereinigung Deutschlands herbeigeführten Veränderungen nachdenken, brauchen wir
uns nicht vorzustellen, wie die Welt ohne das Engagement unserer beiden Länder für die Beendigung der
Teilung Europas ausgesehen hätte.

AMERIKA DIENST 23

�Mit anderen Worten: Wir sind besondere Partner. Und
diese besondere Partnerschaft kann hier in Europa
und in Deutschland am besten gelebt werden. Das
neue Amerikazentrum kann dieser besonderen
Verantwortung Form und Inhalt geben. Es kann
Geburtsstätte einer neuen Art des Dialogs und Austausche werden, die ebenso wichtig sind wie die ersten
zögernden Kontakte, die wir hier vor 45 Jahren
anknüpften.
Ich bin überzeugt, daß Hamburg seine Herausforderung auf dieselbe Art und Weise meistern wird wie
München. Wir können in Nord- und Süddeutschland
zusammenarbeiten, um eine neue Art des Dialogs und
der Partnerschaft zu schaffen, die über die Herausforderung der Kriegzeiten hinaus in eine neue Zukunft
für unsere Länder und die atlantische Welt weist.
Dieselbe Überzeugung veranlaßte den Rektor der
Universität Hamburg, Dr. Jürgen Lüthje, und eine
Reihe anderer engagierter Menschen zur Gründung
des Amerikazentrums Hamburg e.V.
Die US-Regierung unterstützt diesen privaten Verein
durch das US-Informationsamt (United States Informa-

*

AMERIKA DIENST 23

tion Service - USIS) mit einer Sachspende von mehr
als 500.000 DM. Das beinhaltet Möbel und Regale im
Wert von 150.000 DM, Computer und Drucker im Wert
von 10.000 DM, eine Büchersammlung von 200.000
DM sowie Zeitungen und Zeitschriften im Wert von
65.000 DM. Im kommenden Jahr wird USIS auch eine
Zeitschriftensammlung auf CD-ROM im Wert von
17.000 DM, neue Nachschlagewerke im Wert von
9.000 DM sowie eine Anschubfinanzierung von 51.000
DM in bar bereitstellen.
Ferner unterstützt USIS das Amerikazentrum durch die
Entsendung von Sprechern für öffentliche Kulturprogramme.
Vieles wird beim Alten bleiben. Aber eines wird sich
verändern. In München wird das Gebäude des
Amerika Hauses als Heimat der neuen Institution
überleben. In Hamburg ist das noch nicht sicher. Ich
freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Senat und
der Universität, um das Amerikazentrum zu einem
Erfolg zu machen. Ich hoffe, daß ein Teil des Erfolgs
der Fortbestand dieser bekannten Adresse - Tesdorpfstraße 1 - als Zentrum unseres Dialogs über diese
Stadt sein wird.

• * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
26. November 1997

USA fordern Abkommen zur Bestrafung
von Bestechung
von Wirtschaftsminister William Daley

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von US-Wirtschaftsminister William Daley, in dem dieser ein
internationales Vorgehen gegen Bestechung bei Geschäftstransaktionen fordert.

In meiner kurzen Zeit als Wirtschaftsminister habe ich
beobachtet, wie das folgende deprimierende Szenarium sich mit entmutigender Regelmäßigkeit wiederholte: Ein Entwicklungsland vergibt ein großes Infrastrukturprojekt - das angeblich das Leben seiner Bürger
verbessert - an ein Unternehmen oder Konsortium, das
weder in Bezug auf Preis, noch auf Qualität oder
Erfahrung an der Spitze liegt. Später erfahren wir
dann, daß die Vergabe mit Hilfe von Bestechung
erfolgte.
Korruption hat viele Formen. Aber ungeachtet dessen,
welche Form sie hat, sind ehrliche Unternehmen und
unschuldige Bürger dabei die Verlierer.
Seit Mitte 1994 wissen wir, daß bei der Vergabe von
ungefähr 180 internationalen Handelsverträgen durch
ausländische Unternehmen Bestechungsgelder im
Wert von nahezu 80 Milliarden Dollar gezahlt wurden.
In 80 Prozent der Fälle, in denen ein Unternehmen
einem ausländischen Staatsbeamten ein Bestechungsgeld zahlt, wird der Vertrag an dieses Unternehmen
vergeben. Die Londoner Times zitierte kürzlich die
Behauptung des Vorstands eines großen multinationalen deutschen Unternehmens, es würde 10 Jahre
dauern, Personal, Kontakte und Verbindungen im
Ausland neu zu besetzen, die sich derzeit alle auf die
Grundlage "notwendiger" Bestechung stützen.
Als Wirtschaftsminister bin ich erbost, wenn ich sehe,
daß ehrliche Unternehmen Vertragsabschlüsse an
Unternehmen verlieren, die Schindluder treiben. Für
noch betrüblicher halte ich es jedoch, daß Korruption
der Wirtschaftsentwicklung der weniger entwickelten
Länder schadet.

AMERIKA DIENST 23

Vergangenen Mai traf ich mit den Wirtschafts-, Finanzund Außenministern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
zusammen, und die Vereinigten Staaten wandten sich
gemeinsam mit 28 anderen Mitgliedstaaten gegen die
Plage transnationaler Bestechung. Wir OECD-Minister
einigten uns auf den Abschluß einer Konvention bis
Ende dieses Jahres, die Ende nächsten Jahres in Kraft
treten und alle Mitgliedstaaten verpflichten soll, die
Bestechung ausländischer Staatsbeamter bei Geschäftstransaktionen unter Strafe zu stellen. Die
OECD wird einen Kontrollmechanismus in Gang
setzen, um die effektive Umsetzung und Durchsetzung
dieser Konvention sicherzustellen. Das war eine
historische Entscheidung.
Nach der ersten Verhandlungsrunde im Juli schien der
Abschluß einer effektiven Konvention bis Ende 1997
ein erreichbares Ziel zu sein. Ich bin jedoch äußerst
betrübt, daß bei der Zusammenkunft im Oktober bei
einigen entscheidenden Fragen ernsthafte Rückschritte gemacht wurden.
Einfach ausgedrückt: Wir müssen sicherstellen, daß
diese Konvention im Zusammenhang mit Geschäftstransaktionen stehende Bestechung ausländischer
Gesetzgeber, politischer Parteien und ihrer Funktionäre sowie staatlicher Unternehmen wirksam verbietet.
Die OECD-Minister einigten sich im Mai darauf, die
Bestechung von Gesetzgebern in die Konvention
aufzunehmen. Die deutschen und österreichischen
Verhandlungspartner bestehen jetzt jedoch darauf,
daß nur eine kleine Kategorie von Bestechungsgeldern
an Gesetzgeber illegal sein sollte. Sie argumentieren,

Seite 1

�die Konvention müßte entweder ihre nationalen
Gesetze widerspiegeln, die generell nur die Bestechungsgelder verbieten, die im Gegenzug zu einem
bestimmten Abstimmungsverhalten an Gesetzgeber
gezahlt werden, oder ihre Unternehmen müßten von
den strengeren Bestimmungen der Konvention gegen
die Bestechung ausländischer Gesetzgeber ausgenommen werden.
Ebenso betrüblich ist, daß die meisten OECD-Mitgliedstaaten die Position beziehen, die Konvention sollte
keine Bestimmungen über die Bestechung politischer
Parteien und ihrer Funktionäre bei internationalen
Geschäftstransaktionen beinhalten. Stellen Sie sich
vor, wie effektiv eine Konvention wäre, die keine
Bestechung politischer Apparate wie dem Mobutus in
Zaire oder dem von Ferdinand Marcos auf den Philippinen verbietet. Die Vereinigten Staaten haben solche
Schmiergelder seit 1977 verboten.
Und wir müssen die gesamte Palette der Unternehmen
einbeziehen, die im Besitz von Regierungen sind oder
von ihnen kontrolliert werden, da es in den Entwicklungsländern viele solcher Firmen gibt. Tun wir das
nicht, könnte allein dieses Schlupfloch die Konvention
ernsthaft schwächen.
Diese Positionen sollten für die Minister, die sich im
Mai auf die Bestrafung von Bestechung einigten,
äußerst beunruhigend sein. Ist es nach den politischen Bestechungsskandalen, die in den letzten
Jahren in der OECD so viel Schaden anrichteten,
möglich, daß irgendein OECD-Mitgliedsland öffentlich
darauf besteht, daß diese Konvention nicht die Bestechung staatlicher Unternehmen, ausländischer
Gesetzgeber, politischer Parteien und ihrer Funktionäre unter Strafe stellt? Wenn diese Formen der Beste-

chung nicht abgedeckt werden, schaffen wir beträchtliche Schlupflöcher. Anstatt eine Konvention über die
Ächtung von Bestechung zu verabschieden, gehen wir
das Risiko ein, den Weg zu "legaler" Bestechung zu
weisen.
Eine andere entscheidende Frage ist, wann diese
Konvention in Kraft treten soll. Verschiedene OECDMitgliedsländer, darunter Frankreich, Deutschland und
Japan, bestehen darauf, daß sie nur in Kraft treten
darf, wenn eine kritische Masse großer Nationen sie
unterzeichnet - und führen als Grund die Sorge an, die
Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen würde
untergraben. Zweifelsohne wären diese Schlüsselländer unter den ersten, die diese Konvention ratifizieren
und würden zusammen mit den Vereinigten Staaten
eine wirklich kritische Masse bilden. Wer die Ratifizierung der Konvention verzögert, wird unter starken
Druck seiner Handelspartner geraten.
lch bleibe dem im Mai von den Ministern formulierten
Ziel entschlossen verpflichtet. Ich kenne eine Reihe
von OECD-Mitgliedsländern, die ihm ebenso verpflichtet sind. Ich bitte diejenigen, die sich nicht an die
im Mai eingegangenen Verpflichtungen halten und
auf unklugen Beschränkungen des Umfangs dieser
Konvention bestehen, das zu tun, wovon sie wissen,
daß es richtig ist.
Vor der von uns im Mai für Dezember festgesetzten
Frist findet nur noch eine Verhandlungsrunde statt.
Wir wollen unsere Entschlossenheit erneuern, diese
Frist einzuhalten. Wir wollen die ausstehenden Fragen
bei der Sitzung im November lösen und ein strenges
Abkommen ohne Schlupflöcher ausarbeiten, das die
Bestechung ausländischer Staatsbeamter auf allen
möglichen Kanälen wirksam unter Strafe stellt.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 23

�WIRTSCHAFT
26. November 1997

Bestechung muß geächtet werden
von Stuart Eizenstat

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und
landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat.

Die meisten der größten industrialisierten Demokratien
der Welt stehen bereit, um einen historischen Schritt
im Kampf gegen Korruption zu unternehmen. In den
nächsten Wochen werden 34 Regierungen versuchen,
in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD) den endgültigen Wortlaut
einer weitreichenden Konvention auszuarbeiten, in der
die Bestechung ausländischer Beamter bei internationalen Geschäftstransaktionen als illegal erklärt wird.
Die Kosten der Bestechung sind hoch. Schmiergelder
verzerren den Handel, führen zu schlechter Regierungsführung in den Entwicklungsländern und bestrafen die Bürger dieser Länder durch höhere Preise
für die bei der Bestechung involvierten Produkte und
Dienstleistungen.
Nach ihrer Fertigstellung wird die Konvention den
Strom von Schmier- und Bestechungsgeldern wieder
auf die wachsenden Märkte der Entwicklungsländer
zurückleiten. Sie wird die Wirtschaftsentwicklung
fördern, Rechenschaftspflicht und gute Regierungsführung unterstützen sowie freien und fairen Wettbewerb in internationalen Unternehmen stärken.
Es steht enorm viel auf dem Spiel. Verträge über
staatliche Beschaffung in Milliarden-Dollar-Höhe pro
Jahr beinhalten beispielsweise internationalen Wettbewerb mit entscheidenden Auswirkungen auf das
Wirtschaftswachstum und die Entwicklung in den
Gastländern. Die vorgeschlagene Konvention wird die
Chancen entschieden verbessern, daß solche wichtigen Entscheidungen eher auf wirtschaftlicher Effizienz
statt auf der persönlichen Habgier der korrupten
Beamten gründen.

AMERIKA DIENST 23

Mehrere Schlüsselfragen müssen jedoch in den
abschließenden Verhandlungen über diese Konvention
noch geklärt werden. Wir müssen sicherstellen, daß
das Bestechungsverbot nicht nur alle Beamten der
Exekutive, Legislative und Judikative erfaßt, sondern
auch Beamte öffentlicher Unternehmen, die sich im
Besitz der Regierung befinden oder von ihr kontrolliert
werden. Wir müssen Strafen für Firmen, die der
Bestechung bezichtigt werden, effektiv und abschreckend machen. Und wir müssen gewährleisten,
daß diese neue Konvention unverzüglich umgesetzt
wird, sobald Länder zu ihrer Inkraftsetzung bereit sind.
Dies sind entscheidende Punkte, aber es ist wichtig,
daß wir uns insbesondere auf eine andere, ungelöste
Schlüsselfrage konzentrieren: Ob es unter Strafe
gestellt wird, bei internationalen Geschäftstransaktionen Bestechungsgelder an politische Parteien im
Ausland und ihre Funktionäre zu zahlen.
Es geht hier nicht darum, legale Zahlungen an politische Parteien im Ausland zu verbieten, die nach den
dortigen Gesetzen gestattet sind. Vielmehr geht es
darum, die Zahlungen an Parteien und ihre Funktionäre abzuschaffen, die im Gegenzug für das Versprechen eines Parteifunktionärs geleistet werden, eine
gewünschte staatliche Maßnahme zu ergreifen.
Teilweise vor dem Hintergrund von Enthüllungen Mitte
der siebziger Jahre über von amerikanischen Unternehmen an politische Parteien gezahlte Bestechungsgelder verbietet das amerikanische Gesetz über
ausländische korrupte Praktiken solche Schmiergeldzahlungen explizit seit 1977. Ich war als wichtigster
innenpolitischer Berater Präsident Carters an der
Ausarbeitung dieses Gesetzes beteiligt. Es verbietet
die Zahlung von Bestechungsgeldern durch amerikanische Unternehmen an ausländische Staatsbeamte

Seite 1

�mit dem Ziel von Vertragsabschlüssen und stellt die
Zahlung von Bestechungsgeldern durch Unternehmen
unter Strafe.
In einem Großteil der Entwicklungsländer fließt der
Strom staatlicher Macht und der Entscheidungsprozesse ebenso leicht durch stark kontrollierte
politische Parteien wie durch die Ministerien. Die
Zahlung einer großen Summe kann ebenso effektiv zur
Beschaffung staatlicher Aufträge beitragen wie die
Bestechung eines korrupten Staatsbeamten. Das gilt
insbesondere für Länder, in denen das politische
System von einer einzigen Partei dominiert wird.
Stellen Sie sich vor, wie effektiv eine OECD-Konvention über die Bekämpfung von Bestechung wäre, die
kein Verbot der Zahlung von Bestechungsgeldern an
politische Parteien in Ländern wie Zaire unter Mobutu
oder den Philippinen unter Ferdinand Marcos enthielte.
Gibt es irgendeinen Grund zu der Annahme, daß
skrupellose Unternehmen ihre Zahlungen von Bestechungsgeldern nicht einfach nur auf von starken
Männern kontrollierte politische Organisationen
verlagern?
Sollte eine solche Vorgehensweise
weiterhin legal (und in manchen Ländern sogar
steuerlich absetzbar) sein?
Die Antwort sollte ein entschlossenes "Nein" sein.

*

Seite 2

Eine OECD-Konvention, die keine Bestimmungen zu
Bestechungsgeldern für ausländische politische
Parteien und ihre Funktionäre beinhaltet, würde die
Möglichkeit der Zahlung von Bestechungs- und
Schmiergeldern offenlassen und vielleicht sogar
wegweisend für weitere Korruptionsversuche unehrlicher Wirtschaftsvertreter werden.
Es bleiben nur noch wenige Wochen, um die von den
OECD-Ministern im Mai eingegangene Verpflichtung
zu erfüllen, bis Ende des Jahres eine Konvention über
die Bekämpfung von Korruption zu verabschieden.
Die OECD-Regierungen haben beträchtliche Fortschritte zur Erlangung dieses Ziels gemacht. Wir
müssen jedoch sicherstellen, daß die Konvention
umfassend und effektiv ist - und zu diesem Zweck bei
internationalen Geschäftstransaktionen die Zahlung
von Bestechungsgeldern an politische Parteien und
ihre Vertreter verbieten.
Allzu lange ist die Zahlung von Bestechungsgeldern
international als "Geschäftspraktik" entschuldigt
worden. Für die Korruption wurde in Form von
vergeudeten wirtschaftlichen Ressourcen und politischer Instabilität ein zu hoher Preis gezahlt. Die
OECD-Regierungen sind kurz davor, solchen Praktiken Einhalt zu gebieten. Wir müssen sicherstellen,
daß wir diese Aufgabe erfüllen.

*

AMERIKA DIENST 23

�DATENAUTOBAHN
26. November 1997

USA wollen möglichst wenig Regulierung des Internet
von Larry Irving

(AD) - Der nachfolgende Artikel des Abteilungsleiters für Kommunikation und Information im US-Wirtschaftsministerium, Larry Irving, erschien erstmals in leicht abgewandelter Form im Handelsblatt vom 22723. November
1997.

Das Internet wird auf vielerlei Weise beschrieben. Ich
möchte eine Metapher für das digitale Zeitalter hinzufügen - Jazz.
Ein amerikanischer Jazzkritiker
argumentierte kürzlich, Jazzmusik - insbesondere der
improvisierte Jazz - verkörpere eine Ästhetik, die
wesentliche Lebens- und Aktionsmuster widerspiegelt.

Ferner hat das Internet neue Kommunikationswege für
diejenigen eröffnet, die in den traditionellen Medien auf
große Zugangsbeschränkungen gestoßen sind. Ein
Grund dafür ist, daß die Anbieter von Inhalten besseren Zugang zum Internet haben und damit von den
Verbrauchern gewünschter Inhalt angeboten wird.

Die Musiker in einem Jazzensemble werden durch die
grundlegenden Rhythmen und Sequenzen verbunden.
Auf dieser Basis sind sie kreativ, denken sich Variationen des Themas aus, strukturieren es um, reagieren
auf den Beitrag ihrer Mitspieler, spielen mit ihnen
zusammen und bereichern das Ganze.

Wir in den Vereinigten Staaten haben das beispielsweise im Hinblick auf Minderheiten beobachtet. Eine
jüngste Studie von Target Market News kam zu dem
Ergebnis, daß Afroamerikaner im vergangenen Jahr
mehr als zweieinhalbmal soviel für Online-Dienste
ausgaben als die Haushalte von Weißen, weil diese
Dienste für ihre Gemeinschaft wertvoller sind.

Die Analogie zwischen dem digitalen Zeitalter und dem
Jazz ist verblüffend.
Telekommunikations- und
Informationstechnologien schaffen Netzwerke und
versetzen den Einzelnen gleichzeitig in die Lage, das
zu tun, was er am besten kann. Individuelle Kreativität
und Innovation werden durch Kommunikation und
Interaktivität unterstützt und bereichert.
Heute verkörpert das Internet die Fähigkeit neuer
Technologien, dem Einzelnen mehr Möglichkeiten zu
bieten. Das Internet gibt den Menschen eine neue
Stimme und die Macht, sie zu gebrauchen. Die
Menschen kommunizieren direkt mit den Regierungsmitgliedern und den Gemeindevertretern.
Elektronischer Geschäftsverkehr ist das elementare
unternehmerische Medium, das von Menschen auf der
ganzen Welt genutzt wird - von Künstlern in New
Mexico über Teppichweber in Marokko bis zu Korbmachern in Botswana.

AMERIKA DIENST 23

Kein Kommunikationsmedium hat jemals ein so
schnelles Wachstum erlebt wie das Internet. Niemand
hatte dieses Wachstum richtig prognostiziert. Niemand
hat meines Wissens vor drei Jahren vorausgesagt,
daß Ende dieses Jahres 82 Millionen Personalcomputer Zugang zum Internet haben würden, wobei die
Geschäftswelt führend ist. Oder daß bis Ende 1997
2,7 Milliarden E-mails verschickt würden. Oder daß
Ende 1996 80 Prozent der von Fortune aufgelisteten
500 führenden Unternehmen eine Webseite hätten.
1996, als 85 Prozent der Werbung im Internet mit der
Computer- oder Hightechindustrie zusammenhingen,
hätte niemand prognostiziert, daß 1997 80 Prozent
dieser Anzeigen den Durchschnittsverbraucher zum
Ziel haben würden.
1995 sah meines Wissens
niemand vorher, daß die Investoren 1997 OnlineInvestitionen in Höhe von mehr als 100 Milliarden
Dollar tätigen würden.

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�Vor drei Jahren hätte niemand vorhergesagt, daß "real
audio" 1995 im Internet akustisch und 1996 mit Bild
senden würde, oder daß "RealNetwork" 1997 erstmals
ein großes Publikum im Internet audiovisuell erreichen
würde.
Wer hätte vor drei Jahren, als Telefonieren im Internet
noch ein Hobby war, prognostiziert, daß es 1998 ein
ernstzunehmender Konkurrent zum traditionellen
Fernsprechverkehr würde, und daß im Zusammenhang mit Telefonieren im Internet stehende Aktien an
der Börse heiß gehandelt würden?
Der Wert des Internet als Medium für elektronischen
Geschäftsverkehr wird nicht länger in Zweifel gezogen.
Schätzungen von Forrester Research zufolge werden
in den nächsten fünf Jahren Waren und Dienstleistungen im Wert von 327 Milliarden Dollar im
Internet gehandelt. Einer Studie von International Data
Corp. zufolge plant fast die Hälfte (46,4 Prozent) der
amerikanischen Unternehmen, ihren Kunden die
Möglichkeit zum Kauf ihrer Produkte über das Internet
zu geben oder bietet diesen Service bereits an.
Internet-Nutzer haben bereits einen Markt für Software
und Dienstleistungen mit schätzungsweise 12,2
Milliarden Dollar Einnahmen im Jahr 1997 aufgebaut ein 60-prozentiger Anstieg im Vergleich zu den 7,5
Milliarden Dollar von 1996. INPUT, ein Informationsdienst für die Technologiebranche, prognostiziert, daß
der weltweite Verkauf von Waren und Dienstleistungen
durch CD-ROM-Kataloge, Online-Geschäfte und
Internet-Einkaufszentren von 700 Millionen Dollar 1995
bis zum Jahr 2000 auf 230 Milliarden Dollar ansteigen
wird - eine Wachstumsrate von insgesamt mehr als
200 Prozent.
Diese Prognosen orientieren sich am Markt und an der
Technologie.
Wo war die Regierung bei all diesen Entwicklungen?
In den Vereinigten Staaten trat die Regierung großenteils nicht in Erscheinung - und das sollte auch so sein.
Praktisch alle Entscheidungen über die Entwicklung
und den Einsatz neuer Technologien werden vom
Markt und auf dem Markt getroffen. Die treibende Kraft
dieser digitalen Revolution sind die Unternehmer, die
Erfinder und die Verbraucher. In den meisten Fällen
beinhalten diese Entwicklungen Entscheidungen, die
die Regierung nicht beeinflussen kann und sollte.
Die Clinton-Administration vertritt die Ansicht, daß das
Internet genau aus dem Grund ein sprunghaftes
Wachstum erlebte, weil es als laufendes Projekt
angesehen und nicht reguliert wurde. Wir fürchten,
daß Regulierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach
nur zu einer Beschränkung von Investitionen und
Innovationen des Privatsektors und damit zu einer

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Behinderung des Wachstums des Internet führen würde.
Das Internet und der elektronische Geschäftsverkehr
wecken Interesse und Unternehmergeist, die neue
Produkte und neue Geschäftspraktiken hervorbringen.
Man spürt das, wenn man sich mit jemandem unterhält, der im Internet aktiv ist und über das Netz
kommuniziert.
Die Clinton-Administration hat ihre Vision und die zu
deren Realisierung erforderlichen Grundsätze und
Maßnahmen in einem am 1. Juli 1997 von Präsident
Clinton veröffentlichten Dokument "Ein Rahmen für
globalen elektronischen Geschäftsverkehr" dargelegt.
Dieser Rahmen basiert auf der grundlegenden Prämisse, daß die Regierungen zur Nutzung des gesamten Potentials des elektronischen Geschäftsverkehrs einen marktorientierten Ansatz zum elektronischen Geschäftsverkehr ohne staatliche Eingriffe
durch Regulierung wählen müssen, der das Entstehen
eines transparenten und vorhersehbaren rechtlichen
Umfelds für die Unterstützung von weltweitem Geschäftsverkehr und Handel erleichtert.
Die Regierungen müssen die einzigartige Natur von
Kommunikationsnetzen respektieren und sich bewußt
werden, daß weitverbreiteter Wettbewerb und zunehmende Auswahl der Verbraucher - und nicht strenge
Regulierung - die charakteristischen Merkmale eines
neuen digitalen Marktes sein sollten.
Vizepräsident Gore hat die Grundsätze dieses Rahmens als Hippokratischen Eid für das Internet bezeichnet, der die Regierung ermahnt, als erste Regel zu
beachten: "Du sollst niemandem Schaden zufügen."
Wenn ich die staatlichen Bestrebungen betrachte, das
Internet zu regulieren, sehe ich, daß der Wunsch nach
Regulierung teilweise auf Unwissenheit zurückzuführen ist - viele von uns in der Regierung verstehen
die neue Technologie nicht.
Manche Regulierungsbestrebungen sind aus Angst
geboren - einer Angst, daß wir von den neuen Technologien überrollt werden. Und offen gesagt, manche
wollen aus Neid regulieren - einige Regierungen sind
besorgt, die Vereinigten Staaten würden das Web und
seinen Inhalt jetzt und in Zukunft dominieren.
Diese letztgenannte Besorgnis kann sicherlich am
besten ausgeräumt werden, wenn andere Nationen
ihre Beiträge zum Internet verbessern und das Net
fördern, anstatt lästige und schlechte Gesetze oder
Vorschriften zuzulassen oder zu ermutigen.
Wir sollten uns immer vor der Last von Vorschriften
hüten. Ich wurde daran erinnert, als ich in einem
neueren Artikel in der National Review folgende
Statistik las: "Das Vaterunser hat 66 Worte, die

AMERIKA DIENST 23

�Gettysburg Address 286 Worte, die Unabhängigkeitserklärung 1.322 Worte, aber die Vorschriften der
Regierung zum Verkauf von Kohl haben insgesamt
26.911 Worte."
Wer versteht, welche Richtung wir mit dem elektronischen Geschäftsverkehr einschlagen wollen, weiß
zweifelsohne auch, daß die Regierungen durch
freiwillige Selbstkontrolle der Versuchung zu regulieren
widerstehen müssen.
Präsident Clinton und Vizepräsident Gore haben
absolut Recht - die Länder sollten nicht übereilt die
Aktivitäten im Internet regulieren.
Die Clinton-Administration ist besorgt über den
Versuch einiger Nationen, das Internet zu regulieren sei es in Form einer Zensur des Inhalts (Singapur,
China), des Verbots von Telefonieren im Internet
(Tschechische Republik) oder neuer Steuern. Natürlich haben auch wir in den Vereinigten Staaten Momente der Schwäche erlebt - und die Gerichte haben
uns geholfen, wenn wir versucht waren, zu regulieren.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, daß neue Gesetze
erlassen werden. Zweifelsohne erfordert es jedoch die
energische Durchsetzung bestehender Gesetze.
Drittens sollten die Regierungen einen vernünftigen
Steuerplan ausarbeiten.
Die Forderung des Präsidenten sicherzustellen, daß
das Internet eine steuerfreie Zone ist, zeigt den
richtigen Weg. Das Internet wird durch eine Reihe von
Steuern auf kommunaler und Bundesebene, die zu
einer übermäßigen Belastung werden, Nachteile
erleiden.
Viertens sollten die Regierungen mit der Industrie
zusammenarbeiten und diese ermutigen, technologische Möglichkeiten zu bieten, Kinder vor Zugang zu
Material im Internet zu schützen, das ihre Eltern oder
Erziehungsberechtigten für unangemessen halten.
Fünftens sollten die Regierungen staatliche Dienstleistungen im Internet anbieten.

Ebenso wichtig ist, daß auch internationale Organisationen das Internet nicht regulieren sollten. Bestehende internationale Organisationen - beispielsweise die
internationale Fernmeldegewerkschaft ITU (International Telecommunications Union) und die Weltorganisation für geistiges Eigentum (World Intellectual
Property Organization - WIPO) - sollten keine globalen
Regulierungsbehörden werden, und es sollten keine
neuen Institutionen zur Regulierung des Internet ins
Leben gerufen werden.

Diese Dienstleistungen können von der Beantragung
von Lizenzen bis zur Berücksichtigung von Zonenerlässen reichen. Die Clinton-Administration hat es zu
einer Priorität gemacht, daß die Bundesbehörden auf
diesem Gebiet mehr unternehmen, und infolgedessen
stellt die Bundesregierung einen sehr großen Teil ihrer
Informationen elektronisch zur Verfügung - von
Katastrophenhilfeformularen über Anträge für Stipendien bis zu Formularen für die staatliche Beschaffung.
Trotzdem kann auf diesem Gebiet noch viel mehr
getan werden.

Von Regulierung Abstand zu nehmen, bedeutet nicht,
daß es für die Regierung keine angemessene Rolle
gibt. Die Regierung kann und sollte verschiedene
äußerst wichtige Tätigkeiten übernehmen, um den
elektronischen Geschäftsverkehr und das Wachstum
des Internet zu fördern.

Sechstens müssen wir das Recht auf geistiges
Eigentum schützen, damit Musik, Filme und Kunst
angeboten werden, aber die Piraterie, die sie bereits
um Einnahmen von nahezu 11 Milliarden Dollar
beraubt hat, auf dem globalen elektronischen Markt
nicht explosionsartig ansteigt.

Erstens sollten Regierungen ein günstiges Investitionsklima schaffen.
Wir müssen Bestrebungen zur
Liberalisierung der Märkte fördern.

Die Verkäufer müssen wissen, daß ihr geistiges
Eigentum nicht gestohlen wird, und die Käufer müssen
wissen, daß sie authentische Produkte erhalten.

Wir müssen das Versprechen des Telekommunikationsgesetzes von 1996 realisieren. Und die Umsetzung der WTO-Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und Informationstechnologie ist von
entscheidender Bedeutung.
Liberalisierung und
verstärkte Privatinvestitionen werden zusammen zur
weiteren Verbreitung von Netzen führen, die wiederum
die Technologie und ihre Anwendung am Arbeitsplatz
und zu Hause fördern.

Siebtens sollten die Regierungen mit der Industrie
zusammenarbeiten, um im vernetzten Umfeld den
Schutz der Privatsphäre zu gewährleisten, damit die
Menschen auf diesem elektronischen Markt unbesorgt
Geschäfte abschließen können.

Zweitens sollten die Regierungen etwas gegen Betrug
im Internet unternehmen. Die Verbraucher benötigen
in der virtuellen Welt ebensoviel Schutz wie in der
physischen.

AMERIKA DIENST 23

Wir müssen uns für den Schutz der Privatsphäre von
Kindern im Netz einsetzen. Und wir müssen die
Privatsphäre von Verbrauchern schützen, damit
privilegierte Informationen, die rechtmäßig für eine
Transaktion verwendet werden, nicht auf andere,
unerlaubte Art und Weise genutzt werden können.

Seite 3

�Der Privatsektor hat viel zu einem sinnvollen, verbraucherfreundlichen, selbstbeschränkenden Schutz
der Privatsphäre beigetragen, und unseres Erachtens
ist das der richtige Weg für den Umgang mit diesem
Thema.
Schließlich können Regierungen eine wertvolle Rolle
übernehmen sicherzustellen, daß alle Teile der
Gesellschaft von den neuen Telekommunikations- und
Informationstechnologien und ihrer Anwendung
profitieren.
Anekdoten liefern eine überzeugende Begründung für
die Ausweitung des Internet auf unterentwickelte
Länder.
1995 gründete beispielsweise der Internationale Fonds
für landwirtschaftliche Entwicklung der UNO (International Fund for Agricultural Development - FAD) das
Kommunikationsnetz FidAmerica in dem Bestreben,
wiederholte Fehler bei landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekten zu vermeiden und in 17 Ländern
Lateinamerikas und der Karibik praktische Informationen zu verbreiten.
Dieses Netzwerk bot ein elektronisches Forum für
einen Dorfhäuptling aus dem Amazonasgebiet, den in
der Entwicklungshilfe Tätigen zu erklären, wie seine
Gemeinde einen Vertrag mit Body Shop über den
Verkauf ätherischer Öle aushandelte. Es gestattete
chilenischen Farmern, ihr Überangebot an Kartoffeln
anzubieten und zu verkaufen. Und es ermöglichte
einem Bauern aus der Dominikanischen Republik, die
Frage eines Guatemalteken zur Bewässerung zu
beantworten.

Rede von Jeff Kennett, dem Ministerpräsidenten von
Victoria, in der dieser eloquent über die Verantwortung
der Regierungen und führenden Politiker für die
Informationsgesellschaft sprach.
Er erklärte: "Wir ziehen eine Generation auf, die keine
direkte Erfahrung mit den wichtigsten Ereignissen in
der Geschichte des 20. Jahrhunderts gemacht hat, für
die Elektronik aber zur zweiten Natur geworden ist.
Für sie muß es ein Gleichgewicht zwischen technologischem Fortschritt und bürgerlichen Werten geben,
damit die Vorteile dieser Fortschritte der gesamten
Gemeinschaft zukommen... Die Herausforderung
besteht darin, sich auf die wirklich erstaunlichen
technologischen Entwicklungen vorzubereiten, die
stattfinden werden, und Pläne auszuarbeiten, wie sie
weltweit zum Guten eingesetzt werden können."
Wir müssen sicherstellen, daß jeder Amerikaner, jedes
Mitglied der Weltgemeinschaft, von der Informationsgesellschaft profitiert.
Der Fernsehnachrichtensprecher Tom Brokaw erklärte
in einer Rede vor der Abschlußklasse der Fairfield
University in Connecticut: "Es ist leicht, schnell ein
paar Dollar zu verdienen, aber es ist schwer, im Leben
wirklich etwas zu bewirken." Unsere Herausforderung
besteht im Einsatz dieser Technologien für das Gute.
Ebenso wie beim Jazz stellt die Abstimmung der
Begabung des Einzelnen mit den Erfordernissen der
Gruppe eine große Herausforderung dar. Und ebenso
wie das beste Jazzensemble kann auch die Gesellschaft dieses Gleichgewicht herstellen. Wir werden mit
zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, aber auch
mit enormen Chancen - als Einzelne und als Nationen.

Als ich in Australien war, hörte ich eine großartige

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 23

�THANKSGIVING
26. November 1997

Die Nationen lernen die Lektion
von Freiheit und Demokratie
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

WASHINGTON - (AD) - Wenn Amerika in diesem Jahr am 27. November Thanksgiving feiert, wachsen seine
Kinder, so Präsident Clinton, "frei von den Schatten des Kalten Krieges und der Bedrohung des nuklearen
Holocaust auf".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation des Präsidenten.

Ein anderes Jahr unserer amerikanischen Reise ist ins
Land gegangen. Der Wechsel der Jahreszeiten
bildete einen weiteren Jahreszyklus, und in Amerika ist
Erntezeit.
Erneut werden Millionen Amerikaner
gemeinsam mit ihren Familien und Freunden Gott für
die zahlreichen Segnungen danken, die er uns zuteil
werden ließ.
An diesem Thanksgiving sind wir wie jeden Tag
dankbar für das Geschenk der Freiheit, für die Vision,
die die Gründerväter unserer Nation Realität werden
ließen und die durch den Mut, die Wachsamkeit und
Opferbereitschaft von Generationen von Amerikanern
bewahrt wurde. Wir sind dankbar für den Reichtum
und die Schönheit dieses großartigen Landes, das
über die Jahre hinweg so viele an seinen Küsten
willkommen geheißen hat. Wir danken für die Liebe
unserer Familien und Freunde. Wir freuen uns, durch
die Frucht ehrlicher Arbeit für die Zukunft unserer
Kinder sorgen zu können. Und ebenso wie die
Pilgerväter, die vor mehr als 300 Jahren Thanksgiving
feierten, danken wir Gott, daß er uns sicher an die
Schwelle zu einer neuen Welt geführt hat, die voller
belebender Herausforderungen und Versprechen
steckt.
In dieser neuen Welt wachsen unsere Kinder frei von
den Schatten des Kalten Krieges und der Bedrohung
des nuklearen Holocaust auf. Einst im Kommunismus
gefangene Nationen lernen die Lektion von Freiheit
und Demokratie. Die technologische Revolution hat
die Menschen einander näher gebracht und beinhaltet

AMERIKA DIENST 23

die Aussicht auf mehr Wissen und Wohlstand für die
ganze Welt.
Mehr als drei Jahrhunderte des Wandels und Wachstums trennen uns von den Pilgervätern und ihren
indianischen Freunden, die Thanksgiving gemeinsam
das Mahl einnahmen. Aber das Vorbild und die
Erfahrung dieser frühen Amerikaner haben für uns
heute immer noch große Bedeutung. Sie erinnern uns
daran, daß die Liebe Gottes uns stärkt und stützt - als
Einzelnen und als Nation. Sie erinnern uns daran, daß
jeder einen Beitrag leisten kann und wir alle bereichert
werden, wenn wir lernen zu teilen. Sie vermitteln uns
eine einfache, aber überzeugende Lektion, die jede
Generation von Amerikanern lernen und weitergeben
muß: Wir brauchen einander. Ebenso wie die Pilgerväter sollten wir, wenn wir in unserer neuen Welt
prosperieren wollen, nicht als isolierte Einzelne
vorgehen, sondern als Mitglieder einer Familie, eines
Amerikas, indem wir unsere Gaben teilen und niemanden zurücklassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, Donnerstag,
den 27. November 1997 zum nationalen Feiertag
Thanksgiving. Ich fordere alle Bürger der Vereinigten
Staaten auf, sich im Geiste des guten Willens und beim
Gebet zu Hause, in Gotteshäusern und Gemeindezentren zu versammeln, um Gott ihren tiefempfundenen
Dank für die zahlreichen Segnungen des Lebens zum

Seite 1

�Ausdruck zu bringen und unseren Brüdern und
Schwestern in diesem Land, die gemeinsam unsere
großartige amerikanische Familie bilden, die Hand der
Freundschaft zu reichen.

Unterzeichnet am 21. Tag des November, im Jahre
des Herrn 1997 und im 222. Jahr der Unabhängigkeit
der Vereinigten Staaten von Amerika.

William J. Clinton

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Herausforderung für Amerika Häuser&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern Abkommen zur Bestrafung von Bestechung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Wirtschaftsminister William Daley&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bestechung muss geächtet werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stuart Eizenstat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA wollen möglichst wenig Regulierung des Internet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Larry Irving&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Thanksgiving&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Nationen lernen die Lektion von Freiheit und Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Amerikadienst&#13;
&#13;
Herausgeben U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
22&#13;
&#13;
13. November 1997&#13;
&#13;
USA-EUROPA&#13;
&#13;
AMERIKA UND EUROPA - EINE&#13;
UNENTBEHRLICHE PARTNERSCHAFT&#13;
von Botschafter John C. Kornblum&#13;
&#13;
DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE&#13;
SICHERHEITSARCHITEKTUR FÜR DAS&#13;
"EUROPÄISCHE HAUS"&#13;
Rede des Gesandten Michael C. Polt&#13;
&#13;
USA-DEUTSCHLAND&#13;
&#13;
REDE VON GEORGE BUSH AM TAG DER&#13;
DEUTSCHEN EINHEIT&#13;
Besuch des ehemaligen Präsidenten in Berlin&#13;
&#13;
WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
NEUE WIRTSCHAFTLICHE HERAUSFORDERUNGEN UND CHANCEN&#13;
Rede von Senator Roth&#13;
&#13;
Informationen über die Politik der US-Regierung und&#13;
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können&#13;
auf der Home Page von USIS-Deutschland&#13;
im World Wide Web des Internet unter&#13;
http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
abgerufen werden.&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Tel.: 0228-339 2372&#13;
&#13;
Fax: 0228-333 138&#13;
e-mail: bbsbonn@usia.gov&#13;
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
&#13;
�USA-EUROPA&#13;
&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Amerika und Europa - eine&#13;
unentbehrliche Partnerschaft&#13;
von Botschafter John C. Kornblum&#13;
&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der&#13;
Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 12. November 1997 in der Friedrich-Ebert-Stiftung hielt.&#13;
&#13;
Ich freue mich über die Gelegenheit, heute zu Ihnen&#13;
sprechen zu dürfen. Wie Sie wissen, bin ich erst vor&#13;
einigen Monaten nach Deutschland gekommen. Ich&#13;
genieße es, wieder hier zu sein, alte Freunde und&#13;
Kollegen wiederzusehen und die faszinierende Palette&#13;
von Themen zu erörtern, mit denen Deutsche, Amerikaner - alle Bürger der transatlantischen Gemeinschaft&#13;
- konfrontiert sind.&#13;
Hier bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sein, weckt bei&#13;
mir viele Erinnerungen. Wir haben zahlreiche Fragen&#13;
zusammen erörtert und sogar debattiert. Ungeachtet&#13;
dessen, wie weitreichend unsere Diskussionen&#13;
gewesen sein mögen - wer von uns hätte sich die&#13;
enormen Veränderungen vorstellen können, die&#13;
Europa in den letzten zehn Jahren erlebt hat?&#13;
In Deutschland wird heute viel über die Geschwindigkeit des Wandels diskutiert. Wandel kann beängstigend sein. Aber Besorgnis über die heutigen&#13;
Fragen sollte nicht die nahezu revolutionären Veränderungen ignorieren, zu denen unsere beiden&#13;
Länder seit 1990 beigetragen haben. Wir sind wahrhaft Partner im Wandel - positivem Wandel, der für&#13;
unsere beiden Nationen von Vorteil ist.&#13;
Zahl und Ausmaß unserer Erfolge sind überwältigend:&#13;
Die Wiedervereinigung Deutschlands, die Demokratisierung Zentral- und Osteuropas, der Zusammenbruch&#13;
der Sowjetunion, die Wiederherstellung der Souveränität der baltischen Staaten und der Ukraine, die Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO, gemeinsame&#13;
Friedenssicherungsoperationen der NATO und&#13;
Rußlands in Bosnien, deutsche Streitkräfte vor Ort in&#13;
Bosnien, ein neuer Rahmen für die Zusammenarbeit&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
der Vereinigten Staaten mit der Europäischen Union.&#13;
Muß ich noch mehr hinzufügen?&#13;
Mit anderen Worten: Die Herausforderung der Anpassung unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen ist in Wirklichkeit nur möglich, weil&#13;
zahlreiche Veränderungen bereits stattgefunden&#13;
haben. Mein Land hat mehr als ein Jahrzehnt mit den&#13;
Herausforderungen des neuen Zeitalters gekämpft.&#13;
Amerika steht heute so gut da, weil wir hart gearbeitet&#13;
und offen debattiert haben. Und wir haben bewiesen,&#13;
daß Wandel möglich ist!&#13;
Vor kurzem stieß ich auf den Begriff "Weltinnenpolitik",&#13;
der die uns konfrontierenden Herausforderungen&#13;
treffend beschreibt. Durch das Ende des Kalten&#13;
Krieges verloren wir den soliden Stabilitätsrahmen,&#13;
innerhalb dessen unser Wohlstand geschaffen wurde.&#13;
Unsere Gesellschaften wurden mit weltweitem Einfluß&#13;
von außen konfrontiert. Die schnelle Globalisierung&#13;
von Industrie und Handel zerstörte für immer die&#13;
Illusion, irgendein Land, einschließlich der Vereinigten&#13;
Staaten, könnte sich von weltweiten Entwicklungen&#13;
isolieren.&#13;
Unsere bestehenden Konzepte von nationalen oder&#13;
sogar regionalen Grenzen der "Weltinnenpolitik"&#13;
wurden somit belanglos. Die Art unserer Zusammenarbeit muß revidiert werden, um dieser neuen Situation&#13;
gerecht zu werden. Die Herausforderungen des&#13;
Wandels stellen sich uns - egal was wir tun.&#13;
Unsere Erfolge haben eine klare Regel für Erfolg im&#13;
neuen Zeitalter aufgestellt: Die atlantische Partnerschaft ist nicht überholt, sie ist nicht in Gefahr - sie ist&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�unentbehrlich. Die zentrale Logik des Zeitalters nach&#13;
dem Kalten Krieg lautet: Das Verschwinden traditioneller Grenzen verlangt eine Vertiefung und Erweiterung&#13;
der praktischen werteorientierten Zusammenarbeit&#13;
zwischen demokratischen Gesellschaften. Ohne eine&#13;
zentrale Bedrohung wird unsere Welt zunehmend&#13;
chaotisch erscheinen - es sei denn, die demokratischen Nationen Europas und Nordamerikas erweitern&#13;
ihren Horizont und definieren eine gemeinsame&#13;
Agenda für den Wandel im transatlantischen Raum&#13;
und auf der ganzen Welt. Unser Atlantisches Bündnis&#13;
bietet den effektivsten Rahmen für diese Bestrebungen.&#13;
Diese gemeinsame Agenda hat viele Kapitel. Heute&#13;
möchte ich über ein wesentliches Element sprechen,&#13;
das auch weiterhin die Grundlage unserer Bestrebungen bleibt - der Erhalt von Frieden und Stabilität in&#13;
Europa.&#13;
Obwohl die sowjetische Bedrohung nicht mehr existiert, müssen wir uns weiterhin auf die Stabilität&#13;
Europas konzentrieren. Dreimal in diesem Jahrhundert standen sich gewaltige Armeen im Zentrum&#13;
Europas gegenüber. Zweimal brach Krieg aus. Beim&#13;
dritten Mal grenzte ein Bündnis westlicher Demokratien die Konfrontation auf den sogenannten Kalten&#13;
Krieg ein.&#13;
Dieser Krieg mag "kalt" gewesen sein, aber es war ein&#13;
Krieg - ein Krieg um Geist und Seele der Menschen,&#13;
und ein Krieg, der den zukünftigen Kurs der westlichen&#13;
Gesellschaft bestimmen sollte. Diese Konfrontation&#13;
ist glücklicherweise vorüber, und erstmals in der&#13;
Geschichte kann unsere atlantische Welt einen&#13;
demokratischen Frieden für ganz Europa aufbauen&#13;
und ausweiten.&#13;
Die wichtigste Lektion des Kalten Krieges lautet somit,&#13;
daß unsere Partnerschaft in der Tat unentbehrlich ist.&#13;
Das Atlantische Bündnis ist keine zeitweilige Struktur&#13;
zur Ankurbelung der Erholung Europas. Es war nie&#13;
ausschließlich zur Eindämmung der Sowjetunion&#13;
konzipiert. Es war von Anfang an eine Definition einer&#13;
zentralen Realität unseres Zeitalters.&#13;
Die schnelle Ausweitung von Technologie und Industrie im 20. Jahrhundert - einschließlich der Technologie des Krieges - hat die Demokratien Europas und&#13;
Nordamerikas zu einer großen Sicherheits- und&#13;
Partnerschaftszone geeint. Amerika ist eine wahrhaft&#13;
europäische Macht. Aber Europa ist auch ein integraler Bestandteil der amerikanischen Realität. Es&#13;
gibt keine separate Zukunft. Es gibt keinen dritten&#13;
Weg.&#13;
Vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten begannen&#13;
die Vereinigten Staaten und Europa den Aufbau einer&#13;
neuen demokratischen Friedensstruktur. Seit 1990&#13;
haben wir auf der Basis unserer beiden großartigen&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Institutionen - NATO und EU - Demokratie und Stabilität in ganz Europa auf der Grundlage einer dauerhaften euroatlantischen Gemeinschaft ausweiten können.&#13;
Präsident Clinton definierte seine Vision im Januar&#13;
1994, als er die Integration ganz Europas in unsere&#13;
demokratische Partnerschaft forderte - eine Partnerschaft, die Westeuropa und Nordamerika so viel&#13;
Freiheit und Wohlstand gebracht hat. In diesem Jahr,&#13;
in dem wir den 50. Jahrestag des Marshallplans feiern,&#13;
können wir stolz auf die bereits erzielten Fortschritte&#13;
sein.&#13;
Aber auch wenn wir auf unsere Leistungen zurückblicken, müssen wir uns bewußt sein, daß keine&#13;
Strategie stagnieren darf. Die NATO ist die Grundlage&#13;
für eine sich schnell entwickelnde europäische Sicherheitsstruktur. Unser amerikanisches Ziel ist die&#13;
Ausweitung des gemeinsamen Sicherheitsraums auf&#13;
all jene, die daran teilhaben möchten und einen Beitrag&#13;
zu unserer demokratischen Staatengemeinschaft&#13;
leisten können.&#13;
Dieser gemeinsame Sicherheitsraum setzt sich aus&#13;
verschiedenen Elementen zusammen:&#13;
Die NATO entwickelt sich schnell zu einer&#13;
gesamteuropäischen Sicherheitsorganisation.&#13;
Die Bündnismitgliedschaft allein sollte und&#13;
kann jedoch nicht zum Maßstab für Frieden&#13;
und Stabilität in Europa werden. Die aus der&#13;
integrierten Militärsstruktur des Bündnisses&#13;
resultierende Stärke strahlt Sicherheit für alle&#13;
Partnerstaaten aus, egal ob sie volle Mitglieder werden oder nicht. Das Projekt der&#13;
Alliierten Streitkräftekommandos (Combined&#13;
Joint Task Force - CJTF) erlaubt dem Bündnis&#13;
die Durchführung gemeinsamer Operationen&#13;
mit Nichtmitgliedstaaten der NATO. Beispielsweise sind 17 Nationen, einschließlich Rußlands, mit uns in Bosnien. Programme wie die&#13;
Partnerschaft für den Frieden, der Ständige&#13;
Gemeinsame NATO-Rußland-Rat und natürlich die Unterstützung für Friedenssicherungsaktionen wie die in Bosnien haben das Bündnis zur echten Grundlage für den Frieden in&#13;
der euroatlantischen Welt gemacht.&#13;
Es war eine der großen Errungenschaften der&#13;
NATO, die tiefgreifende und ständige Integration der Europäischen Union zu ermöglichen. Im Zuge der Erweiterung und&#13;
Vertiefung der EU erwartet man von ihr auch&#13;
die Übernahme von mehr Verantwortung für&#13;
den Aufbau eines gemeinsamen euroatlantischen Sicherheitsraums. Die Ausweitung der&#13;
schon existierenden sozialen und politischen&#13;
Stabilität ist ein wesentlicher Bestandteil&#13;
dieser Aufgabe. Selbst während der komplexe Erweiterungsprozeß beginnt, können die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�Mitgliedstaaten der EU einen direkten Beitrag&#13;
zum Aufbau von Demokratie in Zentral- und&#13;
Osteuropa leisten.&#13;
Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der europäischen Verbündeten ist ein weiteres wichtiges Ziel.&#13;
Über das wann und wie wurden während der vergangenen 20 Jahre äußerst komplexe Debatten geführt.&#13;
Ein übergeordnetes Ziel muß die Gewährleistung sein,&#13;
daß das Atlantische Bündnis durch eine verstärkte&#13;
europäische Verteidigungssäule gestützt wird.&#13;
Im Juni 1995 wurden die Fundamente für die Erreichung dieses Ziels geschaffen. Das Berlin-Kommunique der NATO sah vor, daß die NATO und die WEU&#13;
gemeinsam Missionen planen sollten, die von europäschen Verbündeten konzipiert und geleitet werden,&#13;
und bei denen die größten Truppenbeiträge von&#13;
europäischen Nationen kommen sollten.&#13;
Noch&#13;
wichtiger ist, daß die Vereinigten Staaten sich zur&#13;
Unterstützung solcher Missionen auf Gebieten wie&#13;
Logistik, Kommunikation und Nachrichtendienste&#13;
verpflichtet haben.&#13;
Das war ein revolutionärer Schritt. Er kombinierte die&#13;
europäische und die atlantische Vision auf eine Weise,&#13;
die die beiden tragenden Säulen unserer Partnerschaft&#13;
stützt. Um Erfolg zu haben, muß sich jeder beteiligen,&#13;
und sowohl die NATO als auch die WEU müssen ihre&#13;
Tätigkeit fortsetzen. Beispielsweise muß die WEU&#13;
eine Entscheidungsbefugnis bewahren, die von den&#13;
nicht sicherheitsrelevanten Aspekten der EU unabhängig ist.&#13;
Ein weiteres wesentliches Element unserer&#13;
neuen Sicherheitsstruktur ist die Integration&#13;
Rußlands in eine engere Partnerschaft mit der&#13;
übrigen europäischen Welt. Die EU hat&#13;
beschlossen, daß Rußland kein offizielles&#13;
Mitglied ihrer Gemeinschaft werden sollte.&#13;
Was im Hinblick auf die NATO geschieht, ist&#13;
noch offen: In den kommenden Jahren muß&#13;
sich Rußland jedoch allmählich für die Zusammenarbeit mit dem Westen öffnen.&#13;
Die am 29. Mai 1997 unterzeichnete Grundakte zwischen der NATO und Rußland führt&#13;
Rußland in eine echte Partnerschaft mit dem&#13;
Bündnis. Zusätzlich zu der bereits umfassenden Zusammenarbeit im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden und der gemeinsamen&#13;
Mission in Bosnien werden Rußland und die&#13;
NATO auf Gebieten von gemeinsamem&#13;
Interesse Konsultationen führen und gemeinsame Projekte entwickeln.&#13;
Die gestärkten Beziehungen der NATO zur&#13;
Ukraine sind ein weiterer wichtiger Meilenstein. Die Vereinigten Staaten haben ein&#13;
vitales Interesse an der Entwicklung der&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Ukraine, Rußlands und der neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu&#13;
modernen, stabilen, in die internationale&#13;
Staatengemeinschaft integrierten Demokratien. Besondere Beziehungen zur Ukraine&#13;
werden diesem wichtigen Land helfen, seine&#13;
Geschicke zu lenken.&#13;
Neue sicherheitspolitische Herausforderungen&#13;
verlangen flexible und innovative Methoden.&#13;
Ein besonders flexibler Rahmen wird durch&#13;
ein anderes Schlüsselelement der neuen&#13;
Friedensstruktur geboten: die Organisation für&#13;
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die&#13;
oft als Helsinki-Prozeß bezeichnet wird. Die&#13;
OSZE hat viele Vorteile:&#13;
Sie ist umfassend und einbeziehend.&#13;
56 Nationen haben die Verpflichtungen der Schlußakte von Helsinki als&#13;
Grundlage für ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit angenommen.&#13;
Die OSZE bietet eine universelle&#13;
Grundlage. Die fortgesetzte Überwachung der Respektierung der Menschenrechte bleibt eine wichtige Aufgabe des Helsinki-Prozesses. Eine&#13;
Kontrolle der Einhaltung stellt uns ein&#13;
politisches "Zeugnis" für unsere Bestrebungen aus.&#13;
Die OSZE ist flexibel. Durch ihre&#13;
umfassende politische Verpflichtung&#13;
zu Zusammenarbeit kann sie sich&#13;
situationsgerecht entwickeln. Rechtlich bindende Verträge können die der&#13;
OSZE zugewiesenen zahlreichen&#13;
Aufgaben nicht erfüllen.&#13;
Die OSZE ist pragmatisch. Die OSZE&#13;
hat ausgezeichnete neue Methoden&#13;
für Frühwarnung, Konfliktverhütung&#13;
und Krisenmanagement entwickelt.&#13;
Sie hat in Bosnien Wahlen veranstaltet, den Frieden an Orten wie Moldawien und Makedonien überwacht und&#13;
einen Rahmen für die bedeutenden&#13;
KSE-Verhandlungen geboten.&#13;
Die OSZE hat eine glanzvolle Zukunft&#13;
vor sich, aber sie kann nicht sein, was&#13;
sie nicht ist. Sie ist ein flexibles Instrument für die Konsensbildung.&#13;
Aber sie kann nicht die einzige Struktur in Europa sein. Sie kann nicht die&#13;
NATO ersetzen. Sie kann nicht den&#13;
Frieden erzwingen oder von jedem&#13;
eine Einhaltung ihrer Grundsätze&#13;
verlangen.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Mehr als rechtlich bindende Übereinkünfte oder eine neue Sicherheitscharta benötigt die OSZE dreierlei:&#13;
Politischen Willen: Es wurden neue&#13;
Instrumente entwickelt, die jedoch&#13;
nicht immer eingesetzt oder akzeptiert&#13;
werden. Beispielsweise wurde der&#13;
Mechanismus zur friedlichen Beilegung von Streitigkeiten noch nie genutzt. Einige Länder lehnen immer&#13;
noch Frühwarnmissionen oder Konfliktverhütungsmissionen ab. Manche&#13;
Teilnehmerstaaten verlangen eine&#13;
strenge Bestrafung in den Fällen, in&#13;
denen Vermittlung der bessere Ansatz wäre. Wir bemühen uns, Koalitionen von Friedensstiftern aufzubauen. Die OSZE hat noch viel ungenutztes Potential.&#13;
Verantwortung: Die OSZE kommt&#13;
nicht oft genug zum Einsatz. Sie&#13;
sollte der Rahmen für gemeinsame&#13;
Aktionen einer Vielzahl ihrer Mitglieder sein.&#13;
Bedauerlicherweise&#13;
herrscht zwischen den einzelnen&#13;
Organisationen noch Konkurrenz, es&#13;
gibt noch bilaterale Rivalitäten und&#13;
Länder, die sich nicht beteiligen wollen. Beispielsweise hatten die OSZE&#13;
und die EU einen unziemlichen Streit&#13;
darüber, wer für Albanien Verantwortung trägt - sogar als das Land in&#13;
Anarchie versank. Mehrere Länder&#13;
mit gravierenden internen Problemen&#13;
bitten die OSZE nicht um Hilfe.&#13;
Mittel: Während die OSZE immer&#13;
mehr Aufgaben übernimmt, werden&#13;
ihre Mittel immer knapper. Ich bin oft&#13;
erstaunt über Länder die behaupten,&#13;
die Vereinigten Staaten nähmen die&#13;
OSZE nicht ernst, weil wir großartige&#13;
neue Sicherheitserklärungen ablehnen. Wir sind im Hinblick auf Personal und Finanzmittel bei weitem der&#13;
größte Beitragszahler. Darüber hinaus stammen viele der Innovationen,&#13;
die von der OSZE ausgehen, aus den&#13;
Vereinigten Staaten. Im Gegensatz&#13;
dazu hat eine der lautesten Stimmen,&#13;
die weitere Erklärungen der OSZE&#13;
fordern, keinen Pfennig zur OSZEMission in Bosnien beigesteuert. Es&#13;
ist an der Zeit, der OSZE die für ihre&#13;
Arbeit erforderlichen Mittel zu geben!&#13;
Mit anderen Worten: Ein neuer Umgang mit sicherheitspolitischen Herausforderungen innerhalb des&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
OSZE-Raums bedeutet nicht, großartige neue Organisationskonzepte zu finden. Es bedeutet, die bereits&#13;
geschaffene Grundlage zu nutzen und darauf aufzubauen. Die OSZE kann uns dabei helfen, einen&#13;
konzeptionellen Durchbruch zu erzielen, der ein neues&#13;
Verständnis für den Einsatz unterschiedlicher&#13;
Sicherheits- und anderer kooperativer Mechanismen&#13;
fördert, um den Wandel in eine positive Richtung zu&#13;
lenken.&#13;
Die Prinzipien und Verpflichtungen von Helsinki sind&#13;
ein dramatisches "Empowerment" von Völkern und&#13;
Nationen. "Empowerment" bedeutet "Hilfe zur Selbsthilfe", was an Aktivitäten an der Basis denken läßt und&#13;
daran, wie Bürger entdecken, daß sie auch auf den&#13;
Gebieten ein Mitspracherecht haben, die vorher der&#13;
politischen Elite vorbehalten schienen. "Empowerment" beinhaltet auch, daß die Sicherheit nicht mehr&#13;
ausschließlich von den einflußreichen Staaten bestimmt wird. Jeder Bürger und jeder Staat hat ein&#13;
Interesse und ein Mitspracherecht an unserer gemeinsamen Zukunft.&#13;
Damit dies nicht zu theoretisch klingt, sollten wir ein&#13;
Beispiel aus der Vergangenheit erörtern: Das Thema&#13;
Menschenrechte. In den siebziger und achtziger&#13;
Jahren führten wir endlose Diskussionen darüber, ob&#13;
Menschenrechte tatsächlich ein mit unseren internationalen Partnern zu verfolgendes legitimes Thema&#13;
sind. Es hat über 10 Jahre gedauert, den Konsens zu&#13;
erzielen, daß Menschenrechte ein legitimer Bestandteil&#13;
der internationalen Beziehungen sind. Als sich dieser&#13;
Konsens abzeichnete, stellte er einen konzeptionellen&#13;
Durchbruch dar - ein echtes neues Verständnis, wie&#13;
Sicherheit funktioniert.&#13;
Das Gleiche geschieht jetzt im Hinblick auf unser&#13;
Verständnis von den Ursachen des Konflikts und den&#13;
uns zur Verfügung stehenden Mitteln zur Schaffung&#13;
eines dauerhaften Gefühls der Sicherheit unter allen&#13;
Völkern der atlantischen Welt. Es wurden viele&#13;
Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch mehr zu tun.&#13;
Die Themen wurden definiert, und die Mechanismen&#13;
beginnen zu greifen. Aber ein endgültiger Konsens&#13;
wurde noch nicht erreicht.&#13;
Die OSZE kann ein neues Sicherheitsmodell schaffen,&#13;
das uns auf eine neue Ebene des gegenseitigen&#13;
Verständnisses führt - eine Ebene, auf der die Organisationen die Möglichkeit haben, wirklich miteinander zu&#13;
kooperieren, um Ergebnisse zu erzielen. Vor allem&#13;
müssen wir zu einem neuen Verständnis unter den&#13;
Mitgliedstaaten kommen, daß die Anwendung der&#13;
gegenseitigen Sicherheitsmechanismen keine Bedrohung darstellt.&#13;
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß&#13;
der Schlüssel zu einem Durchbruch in der breiteren&#13;
Annahme des Konzepts von "Empowerment" liegt.&#13;
Präsident Clinton hat überzeugende Argumente für die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�Notwendigkeit der Herstellung eines Gleichgewichts&#13;
von Bestrebungen vorgebracht, diejenigen gleichermaßen zurückzuhalten und ihnen "Empowerment" zu&#13;
geben, die sich in den von uns geschaffenen Rahmen&#13;
einfügen.&#13;
Wenn wir die gegenseitige Sicherheit über das traditionelle Konzept der Kontrolle erheben wollen, benötigen&#13;
wir eine positive Definition von Sicherheitszusammenarbeit und müssen "Empowerment" als positives&#13;
Gegenstück zu äußerem Zwang sehen. Ein Sicherheitssystem ist traditionell ein Mittel zur Kontrolle&#13;
von Macht und ihrer Kanalisierung zu einem positiven&#13;
Zweck. Diese Aufgabe ist immer noch von Bedeutung.&#13;
Aber neben den verteidigungspolitischen Aspekten der&#13;
Kontrolle von Macht sollte Sicherheitszusammenarbeit&#13;
in Zukunft auch die Mittel finden, Macht zu gegenseitigen Zielen und Zusammenarbeit zu lenken. Insbesondere sollten kleinere Staaten von der kollektiven&#13;
Stärke ihrer Zusammenarbeit profitieren können, um&#13;
eine aktive Rolle bei ihrer eigenen Sicherheit zu&#13;
spielen.&#13;
Die Herstellung eines Gefühls von "Empowerment"&#13;
versucht die NATO beispielsweise mit dem neuen&#13;
Euroatlantischen Partnerschaftsrat. Die OSZE, die&#13;
eine breitere Grundlage und konzeptionelle Basis als&#13;
der EAPR hat, kann eine wesentliche Rolle bei der&#13;
Definition dieses neuen Konzepts übernehmen,&#13;
ebenso wie sie es vor 20 Jahren bei den Menschenrechten getan hat.&#13;
Wenn ich nun meine heutigen Ausführungen abschließe, möchte ich sowohl die Neuartigkeit als auch&#13;
die Kontinuität unserer Arbeit an einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur betonen. Unsere Arbeit&#13;
ist neuartig, weil wir neue Strukturen schaffen und vor&#13;
allem neue Denkweisen bewirken. Aber es gibt auch&#13;
eine grundsätzliche Kontinuität. Als die Vereinigten&#13;
Staaten vor 50 Jahren den Marshallplan in die Wege&#13;
leiteten, hatten sie Frieden, Stabilität, Demokratie und&#13;
Integration in Europa im Sinn. Das sind dieselben&#13;
Ziele, auf die wir heute hinarbeiten. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker erklärte neulich, daß&#13;
wir nicht von der "NATO-Erweiterung" oder von der&#13;
"Osterweiterung" der Europäischen Union sprechen&#13;
sollten, sondern von der Vervollständigung Europas.&#13;
Mit dieser Sichtweise stimme ich voll und ganz überein.&#13;
Die Vervollständigung Europas, die Konsolidierung&#13;
unserer Sicherheit, das gute Funktionieren unserer&#13;
Institutionen und deren weitere Anpassung - das alles&#13;
sind unentbehrliche Bestandteile der transatlantischen&#13;
Partnerschaft. Ein Ereignis in einem Land hat das&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Potential, Auswirkungen auf die gesamte Region,&#13;
wenn nicht sogar die ganze Welt zu haben. Dafür gibt&#13;
es kein besseres Beispiel als den Krieg in Bosnien und&#13;
die Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland.&#13;
Wir alle kämpfen mit der Globalisierung und den&#13;
daraus resultierenden mannigfaltigen Veränderungen.&#13;
Unsere Länder werden oft mit denselben Fragen und&#13;
Herausforderungen konfrontiert. Wenn sich Amerikaner die Liste der wichtigsten innenpolitischen Herausforderungen der Deutschen ansehen, sind ihnen diese&#13;
sehr vertraut: Steuerreform, Gesundheitsreform,&#13;
Rentenreform, Kriminalität, Schaffung von Arbeitsplätzen, die Aufgaben lebenslangen Lernens, Umschulung, Globalisierung, Einwanderung etc. Wir&#13;
sehen auch, wie mehr und andere Elemente aus&#13;
unseren Ländern in unseren Dialog einfließen. Der&#13;
Privatsektor wird zunehmend einbezogen, um bei der&#13;
Lösung von Problemen zu helfen, die früher ausschließlich in den Aufgabenbereich der Regierung&#13;
fielen.&#13;
Was wir hier sehen, ist die effektive Gewährung von&#13;
mehr Rechten für neue Segmente unserer Gesellschaft, die im eigenen Land und in der transatlantischen Gemeinschaft ein Mitspracherecht erhalten. Die&#13;
Art, in der die transatlantische Gemeinschaft den&#13;
Wandel meistert, kann exemplarisch für andere&#13;
Regionen auf der Welt sein. Der Bereich Sicherheitspolitik kann auch wegweisend für andere demokratische Prozesse sein. Das bedeutet, wenn wir es richtig&#13;
machen, sind wir nicht die einzigen, die profitieren. Es&#13;
bedeutet aber auch, wenn wir zögern oder scheitern,&#13;
halten wir Fortschritte auf der ganzen Welt auf.&#13;
Während all dieser Veränderungen sind das Atlantische Bündnis und die deutsch-amerikanische Partnerschaft die Grundlage des Wandels und seine treibende&#13;
Kraft. Ohne unsere enge Zusammenarbeit hätte es&#13;
keine Wiedervereinigung Deutschlands, keine Freiheit&#13;
in Osteuropa, keinen KSE-Vertrag und kein Friedensabkommen für Bosnien gegeben.&#13;
Ohne unsere zukünftige enge Zusammenarbeit wird es&#13;
keine neue Sicherheitsstruktur in Europa geben.&#13;
Während der vergangenen sieben Jahre haben wir&#13;
gemeinsam an wahrhaft revolutionären Veränderungen gearbeitet.&#13;
Unsere Partnerschaft ist wirklich unentbehrlich. Ich bin&#13;
fest davon überzeugt, daß das Beste noch vor uns&#13;
liegt.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�USA-EUROPA&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Die Vereinigten Staaten und die&#13;
Sicherheitsarchitektur für das "europäische Haus"&#13;
Rede des Gesandten Michael C. Polt&#13;
&#13;
WESSELING - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Gesandte der&#13;
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Michael C. Polt, am 6.&#13;
November 1997 beim Eichholzer Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung auf Schloß Eichholz in Wesseling hielt.&#13;
&#13;
Ich freue mich über die Gelegenheit, heute zu Ihnen&#13;
sprechen zu dürfen. Wie Sie wissen, sind Botschafter&#13;
Kornblum und ich erst vor einigen Monaten nach&#13;
Deutschland gekommen. Wir genießen es beide,&#13;
wieder hier zu sein, alte Freunde und Kollegen wiederzusehen und die faszinierende Palette von Themen zu&#13;
erörtern, mit denen Deutsche und Amerikaner - und&#13;
alle Bürger der transatlantischen Gemeinschaft konfrontiert sind.&#13;
Mir gefällt der Ausdruck, den Sie als Untertitel für&#13;
meine heutigen Ausführungen gewählt haben "Weltinnenpolitik". Dieses Konzept beinhaltet ein&#13;
Element, das der Kern unseres Brainstorming, unserer&#13;
Debatten und Diskussionen darüber ist, wie wir besser&#13;
zusammenarbeiten können, um die europäische&#13;
Stabilität zu konsolidieren und über die im Kalten Krieg&#13;
künstlich gezogene Linie hinaus auszudehnen.&#13;
Die Stabilität Europas ist für die Sicherheit der Vereinigten Staaten von elementarer Bedeutung. Sie&#13;
hören von Amerikanern oft die Äußerung, die Vereinigten Staaten seien eine europäische Macht. Das&#13;
ist keine vom Außenministerium geäußerte Platitüde;&#13;
hinter diesem Aphorismus verbirgt sich ein Universum&#13;
gemeinsamer Interessen. Ob man sich unsere&#13;
kulturellen Bande, den enormen Handel in beide&#13;
Richtungen oder die Amerikanern und Europäern&#13;
gemeinsamen Werte anschaut - man sieht einen&#13;
überzeugenden Beweis unseres gemeinsamen&#13;
Interesses an Zusammenarbeit.&#13;
Das Ziel der Vereinigten Staaten - das wir mit Europa&#13;
teilen - besteht in der Vervollständigung des Aufbaus&#13;
eines wahrhaft integrierten, demokratischen und&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
sicheren Europas. Dieses Ziel ist die Grundlage&#13;
unserer täglichen Arbeit. Im Rückblick auf die letzten&#13;
50 Jahre dürfen wir nicht die Tatsache aus den Augen&#13;
verlieren, daß dieses übergeordnete Ziel zum ersten&#13;
Mal in Reichweite liegt.&#13;
Ich möchte einige der Bereiche beleuchten, auf die wir&#13;
in den Vereinigten Staaten großen Wert legen, während wir gemeinsam mit unseren europäischen&#13;
Partnern den Plan für eine europäische Sicherheitsarchitektur für das nächste Jahrhundert ausarbeiten.&#13;
Die NATO steht im Mittelpunkt unserer Bestrebungen.&#13;
Sie bleibt der Anker des amerikanischen Engagements&#13;
in Europa und der Dreh- und Angelpunkt der transatlantischen Sicherheit. Als Garant für die Demokratie&#13;
in Europa und Kraft für die europäische Stabilität muß&#13;
die NATO eine führende Rolle bei der Förderung eines&#13;
integrierteren, sichereren Europas übernehmen, das&#13;
zur Bewältigung neuer Herausforderungen bereit ist.&#13;
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin ungefähr&#13;
100.000 Soldaten in Europa stationieren, um ihren&#13;
Einfluß und ihre Führungsrolle in der NATO zu bewahren, die lebenswichtigen transatlantischen Beziehungen zu pflegen, eine sichtbare Abschreckung zu&#13;
bieten, auf Krisen zu reagieren und zu regionaler&#13;
Stabilität beizutragen. Die NATO ist die Verkörperung&#13;
des amerikanischen Engagements für die europäische&#13;
Sicherheit.&#13;
Die NATO ist und bleibt vor allem eine Militärorganisation, das heißt ein der kollektiven Verteidigung verpflichtetes Bündnis. Die alte Bedrohung, die 1949 zur&#13;
Gründung der NATO führte, existiert nicht mehr, aber&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�bedauerlicherweise sind neue, potentielle Gefahren&#13;
entstanden. In den letzten fünf Jahren sind infolge von&#13;
Kriegen wie dem im ehemaligen Jugoslawien und im&#13;
Kaukasus mehr Europäer eines gewaltsamen Todes&#13;
gestorben als während der 45 Jahre davor. Hier in&#13;
Europa sind Ihre Bürger noch stärker als die Amerikaner von diesen Tragödien betroffen, weil Sie - insbesondere Deutschland - Hunderttausende von&#13;
Flüchtlingen und Asylsuchenden aufgenommen haben.&#13;
Aber selbst in Europa mögen neue Bedrohungen - aus&#13;
dem Süden oder aus dem Osten - als in weiter Ferne&#13;
liegend erscheinen. Wie wir alle sehr wohl wissen,&#13;
sind sie jedoch nicht unvorstellbar. Dies gilt insbesondere in einem Zeitalter, in dem sich Raketentechnologie und Massenvernichtungswaffen ausbreiten.&#13;
Selbst während die NATO ihre Kräfte zur Bewältigung&#13;
dieser neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen bündelt, bleibt sie eine politische Organisation von&#13;
großer Bedeutung. Sie wurde als Katalysator für die&#13;
Stärkung der Werte und Institutionen bezeichnet, die&#13;
ihren Mitgliedern gemein sind: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Respektierung der Menschen- und&#13;
Bürgerrechte, Toleranz gegenüber ethnischen und&#13;
religiösen Unterschieden sowie eine zivile Kontrolle&#13;
des Militärs. Es mag Sie überraschen zu hören, daß&#13;
die gerade von mir vorgetragene Beschreibung vor&#13;
einigen Wochen von Vaclav Havel in Washington&#13;
vorgenommen wurde.&#13;
Präsident Havel und seine Amtskollegen in Polen und&#13;
Ungarn verleihen dem Wunsch ihrer Landsleute nach&#13;
einer NATO-Mitgliedschaft Ausdruck - nicht nur wegen&#13;
der Sicherheitsgarantien des Bündnisses, sondern&#13;
auch wegen seiner politischen Ziele. Diese Länder&#13;
zählen zu den leidenschaftlichsten Befürwortern des&#13;
Bündnisses. Soldaten aus Polen und der Tschechischen Republik - zwei der drei vorgeschlagenen&#13;
Beitrittskandidaten - taten im Golfkrieg Seite an Seite&#13;
mit Amerikanern Dienst. Ferner unterstützten diese&#13;
beiden Länder gemeinsam mit dem dritten Beitrittskandidaten - Ungarn - NATO-Truppen und Soldaten&#13;
aus anderen aufstrebenden Demokratien bei friedenssichernden Missionen im ehemaligen Jugoslawien.&#13;
Tatsächlich hätten wir unsere Truppen ohne die&#13;
entscheidende Hilfe Ungarns und ohne unser Bereitstellungsgelände in Taszar nicht so schnell und&#13;
reibungslos nach Bosnien entsenden können. Dies ist&#13;
nur eines von zahlreichen Beispielen für die Unterstützung dieser Nationen für die Prinzipien der Pflichtenteilung.&#13;
Eine NATO, der die neuen europäischen Demokratien&#13;
angehören, wird eher in der Lage sein, ihre Missionen&#13;
zu erfüllen, das Territorium ihrer Mitglieder zu verteidigen und Konflikte zu bewältigen, die eine Gefahr für&#13;
den gemeinsamen Frieden darstellen. Die Erweiterung des Bündnisses wird sicherstellen, daß kein Teil&#13;
Europas wieder zu einer Zone des Wettbewerbs der&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Großmächte oder zur Einflußsphäre wird. Sie wird&#13;
Vertrauen bilden und den neuen Demokratien einen&#13;
großen Anreiz zur Konsolidierung ihrer Reformen&#13;
geben. Die NATO-Erweiterung zielt nicht darauf ab,&#13;
eine Teilung Europas durch eine neue zu ersetzen.&#13;
Vielmehr soll sie die Sicherheit aller Staaten Europas&#13;
erhöhen.&#13;
Ähnliche Ziele sind die Grundlage unserer Arbeit mit&#13;
den Partnerstaaten der NATO. Die zunehmenden&#13;
Verbindungen zwischen der NATO und ihren Partnerstaaten geben letzteren die Möglichkeit, einen Beitrag&#13;
zu Missionen der NATO zu leisten, beispielsweise der&#13;
im ehemaligen Jugoslawien. Derzeit haben 14 dieser&#13;
Partner Soldaten in die SFOR entsandt und tragen&#13;
damit - ebenso wie jedes andere NATO-Mitglied - ihren&#13;
Teil zum Erhalt des Friedens bei.&#13;
Der neue Euroatlantische Partnerschaftsrat (EAPR)&#13;
versetzt seine 43 Mitglieder in die Lage, den Kurs des&#13;
Programms Partnerschaft für den Frieden zu bestimmen und dem Bündnis dessen Sicherheitsbelange&#13;
nahezubringen. Der EAPR wird die Konsultationen&#13;
zwischen der NATO und ihren Partnerstaaten vertiefen&#13;
und stärker in den Mittelpunkt rücken, Umfang und&#13;
Inhalt unserer praktischen Kooperation verbessern und&#13;
Transparenz und Vertrauen aller Partnerstaaten&#13;
erhöhen. Diesen Monat trifft sich der EAPR, um die&#13;
Stabilität in Südosteuropa zu erörtern, was für uns eine&#13;
gute Gelegenheit darstellt, gemeinsam darüber&#13;
nachzudenken, wie wir dieses wesentliche Forum&#13;
umfassend nutzen können.&#13;
Die Grundakte zwischen der NATO und der Russischen Föderation sowie der Ständige Gemeinsame&#13;
Rat markieren den Beginn der neuen und historischen&#13;
Partnerschaft der NATO mit Rußland. Dieser Schritt&#13;
zeigt, daß wir allmählich ein neues gegenseitiges&#13;
Verständnis entwickeln.&#13;
Die gestärkten Beziehungen der NATO zur Ukraine&#13;
sind ein weiterer wichtiger Meilenstein. Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an der&#13;
Entwicklung der Ukraine, Rußlands und der anderen&#13;
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zu&#13;
modernen, stabilen Demokratien, die in eine Völkergemeinschaft integriert sind, in der parlamentarische&#13;
Regierungen, Rechtsstaatlichkeit, freier und fairer&#13;
Handel sowie kooperative Sicherheit die Norm sind.&#13;
Ein wichtiges Element dieser Entwicklung ist das&#13;
Verhältnis dieser Staaten zur NATO.&#13;
Bei der inneren Anpassung der NATO haben wir&#13;
Fortschritte gemacht, aber es bleibt immer noch viel zu&#13;
tun. Und im Vorfeld des für Dezember anberaumten&#13;
Ministertreffens prüfen wir Wege zur Lösung ausstehender Fragen.&#13;
Die NATO hat auf den Wunsch unserer europäischen&#13;
Verbündeten reagiert, im Rahmen einer neuen euro-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�päischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität mehr&#13;
Verantwortung für die Verteidigung und einen größeren Teil der Lasten zu übernehmen. In Zukunft wird&#13;
die Westeuropäische Union in der Lage sein, unter&#13;
Nutzung von Aktivposten der NATO auf eigene Faust&#13;
Militäroperationen durchzuführen und dabei die&#13;
Beziehungen über den Atlantik hinweg zu stärken,&#13;
anstatt damit zu konkurrieren.&#13;
Lassen Sie mich noch kurz die Kosten der NATOErweiterung ansprechen.&#13;
Der US-Senat hat, wie Sie wissen, bereits seine&#13;
Beratungen über die NATO-Erweiterung begonnen,&#13;
und viele der von den Senatoren aufgeworfenen&#13;
Fragen konzentrieren sich auf die Kosten der Erweiterung. Wir alle in der NATO müssen die von uns&#13;
in Madrid eingegangenen Verpflichtungen erfüllen: Der&#13;
NATO werden infolge der Erweiterung Kosten entstehen, diese Kosten sind tragbar und werden gedeckt.&#13;
Zu einer Zeit, in der viele unserer europäischen&#13;
Verbündeten mit wirtschaftlichen Herausforderungen&#13;
großen Ausmaßes konfrontiert sind - darunter Arbeitslosigkeit und Stagnation der Wirtschaft - besteht die&#13;
Gefahr, daß die Unterstützung der Öffentlichkeit für die&#13;
Finanzierung einer nach außen orientierten Außenpolitik und größerer Integration allmählich untergraben&#13;
wird. Ich freue mich besonders, daß Konferenzen wie&#13;
diese stattfinden, weil sie das öffentliche Bewußtsein&#13;
schärfen und dadurch die Unterstützung der Öffentlichkeit verbessern können. Verteidigungsminister Cohen&#13;
hat im vergangenen Monat vor dem Bewilligungsausschuß des Senats erklärt: "Bündnisse sparen Geld.&#13;
Die kollektive Verteidigung ist kostengünstiger als die&#13;
nationale Verteidigung." Die Kosten der Erweiterung&#13;
müssen gegen die Kosten der Nichterweiterung&#13;
abgewogen werden. Diese Botschaft hat nicht nur&#13;
Anziehungskraft für unsere Moral, sondern auch für&#13;
unsere Brieftasche.&#13;
Das Umfeld der Zeit nach dem Kalten Krieg bietet uns&#13;
mehr Chancen, die Struktur unserer Organisationen&#13;
und Institutionen maßgerecht an unsere Erfordernisse&#13;
anzupassen. Die Organisation für Sicherheit und&#13;
Zusammenarbeit in Europa ist ein ausgezeichnetes&#13;
Beispiel dafür, wie Form der Funktion folgt. Die&#13;
Flexibilität der OSZE und das Fehlen einer starren&#13;
Rechtsstruktur gestatten uns die schnelle und pragmatische Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse. Wir&#13;
sollten alle darauf hinarbeiten sicherzustellen, daß die&#13;
OSZE weiterhin eine anpassungsfähige, kreative und&#13;
innovative Organisation bleibt.&#13;
Die Vereinigten Staaten messen der Arbeit der OSZE&#13;
große Bedeutung bei. Ich kann Ihnen das sagen, weil&#13;
mein Büro direkt neben dem von jemandem liegt, der&#13;
sozusagen "bei wichtigen Ereignissen in der Geschichte der OSZE dabei war". Wie viele von Ihnen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
wissen, war Botschafter Kornblum der Leiter der&#13;
Delegation der Vereinigten Staaten beim Gipfel von&#13;
Helsinki 1992 und danach der Botschafter der Vereinigten Staaten bei der KSZE in Wien. Ich stimme voll&#13;
und ganz mit Botschafter Kornblums Feststellung&#13;
überein, daß die OSZE neue Wege zu gemeinsamen&#13;
Aktionen finden muß, wenn OSZE-Prinzipien und&#13;
-Verpflichtungen verletzt werden. Die OSZE muß&#13;
unverzüglich und effektiv handeln können. Die OSZE&#13;
sollte ein Sicherheitsmodell für das nächste Jahrhundert ausarbeiten, muß jedoch auch bereit sein,&#13;
ihren Worten und Deklarationen praktische Aktionen&#13;
folgen zu lassen.&#13;
In Lissabon haben wir vereinbart, daß ein Sicherheitsmodell die Grundlage für eine neue Definition der&#13;
gemeinsamen Sicherheit werden und diese zu Recht&#13;
in einer Charta verankert werden könnte. Es ist jedoch&#13;
unerläßlich, daß wir die vor uns liegende Arbeit&#13;
bewältigen, statt darüber zu debattieren, wie wir sie auf&#13;
dem Papier in den Griff bekommen. Um ein wirklich&#13;
nützliches Dokument zu erarbeiten, werden wir in der&#13;
Tat wahrscheinlich einen konzeptionellen Sprung&#13;
machen und neue Methoden der Sicherheitszusammenarbeit entdecken müssen, insbesondere ein&#13;
besseres Verständnis, wie wir die in Europa stattfindenden dramatischen Veränderungen in eine&#13;
positive und kooperative Richtung lenken können.&#13;
Dieser konzeptionelle Sprung wird uns weit über alte&#13;
Vorschläge über den rechtlichen Status und OSZEVerträge hinausbringen.&#13;
Ein zu sondierender Bereich ist die Umsetzung. Viele&#13;
Länder sehen ein Dilemma in der Entwicklung der&#13;
OSZE. Wir haben solide Strukturen aufgebaut. Wir&#13;
haben zahlreiche Instrumente im Zusammenhang mit&#13;
Konfliktverhütung entwickelt. Was wir nicht entwickelt&#13;
haben, ist ein Mittel der Gewährleistung, daß diese&#13;
Instrumente auf die bestehenden Probleme angewendet werden. Die Antwort liegt wiederum nicht in&#13;
rechtlichen Antworten auf politische Probleme, sondern&#13;
im Aufbringen des erforderlichen politischen Willens.&#13;
Der beste Weg hierzu ist konzertierte Aktion - eines&#13;
der einzigartigen Attribute der OSZE.&#13;
Innerhalb des OSZE-Raums ist ein neuer Ansatz zu&#13;
Sicherheitsherausforderungen erforderlich.&#13;
Die&#13;
Vereinigten Staaten hoffen in Wien einen konzeptionellen Durchbruch zu erreichen, der ein neues Verständnis für den Einsatz unterschiedlicher Sicherheitsund anderer kooperativer Mechanismen fördert, um&#13;
den Wandel in eine positive Richtung zu lenken.&#13;
Damit dies nicht zu theoretisch klingt, sollten wir ein&#13;
potentielles Beispiel der Vergangenheit erörtern: Das&#13;
Thema Menschenrechte. In den siebziger und achtziger Jahren führten wir endlose Diskussionen darüber, ob Menschenrechte tatsächlich ein mit unseren&#13;
internationalen Partnern zu verfolgendes legitimes&#13;
Thema sind. Es hat über 10 Jahre gedauert, um den&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Konsens zu erzielen, daß Menschenrechte ein legitimer Anlaß zu Besorgnis in internationalen Beziehungen sind. Als sich dieser Konsens abzeichnete, stellte&#13;
er einen konzeptionellen Durchbruch dar - ein echtes&#13;
neues Verständnis, wie Sicherheit funktioniert.&#13;
Das Gleiche geschieht jetzt im Hinblick auf präventive&#13;
Diplomatie und Konfliktverhinderung. Es wurden viele&#13;
Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch sehr viel&#13;
mehr zu tun. Die Themen wurden definiert, und die&#13;
Mechanismen beginnen zu greifen. Aber der endgültige Konsens wurde noch nicht erzielt.&#13;
Die derzeitigen Wiener Verhandlungen befassen sich&#13;
weiterhin mit den Themen, die in dem 1994 in Budapest vereinbarten Verhaltenskodex so sorgfältig&#13;
niedergelegt wurden. Aber viele der in Wien unterbreiteten Vorschläge kommen uns wie eine Wiederverwertung alter Ideen oder Fragen vor, zu denen wir&#13;
bereits einen Konsens erlangt haben.&#13;
Wir hoffen, daß das neue Sicherheitsmodell uns zu&#13;
einer neuen Ebene des gegenseitigen Verständnisses&#13;
bringen wird - ein gegenseitiges Verständnis unter&#13;
Organisationen, so daß sie wirklich miteinander&#13;
kooperieren können, um Ergebnisse zu erzielen. Vor&#13;
allem müssen wir zu einem neuen Verständnis unter&#13;
den Mitgliedstaaten kommen, daß die Anwendung der&#13;
OSZE-Mechanismen keine Bedrohung ist.&#13;
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß&#13;
der Schlüssel in der breiteren Annahme des Konzepts&#13;
von "Empowerment" liegt. "Empowerment" bedeutet,&#13;
daß nicht mehr länger nur die einflußreichen Staaten&#13;
oder die politische Elite sicherheitspolitische Entscheidungen treffen. Präsident Clinton selbst hat die&#13;
Arbeit an der Herstellung eines Kräftegleichgewichts&#13;
betont, das diejenigen gleichermaßen zurückhält und&#13;
ihnen mehr "Empowerment" verleiht, die in den&#13;
Rahmen gelangen, den wir aufbauen.&#13;
Wenn wir die gegenseitige Sicherheit über das traditionelle Konzept der Kontrolle hinausbringen wollen,&#13;
benötigen wir eine positive Definition der Sicherheitszusammenarbeit. Mit anderen Worten: Mehr "Empowerment" ist ein positives Gegenstück zur Durchsetzung. Ein Sicherheitssystem ist traditionell ein Mittel&#13;
zur Kontrolle von Macht und ihrer Kanalisierung zu&#13;
einem positiven Zweck. Diese Aufgabe ist immer noch&#13;
von Bedeutung. Aber abgesehen von den verteidigungspolitischen Aspekten der Kontrolle von Macht&#13;
sollte Sicherheitszusammenarbeit in der Zukunft auch&#13;
die Mittel finden, auf der Stärke gemeinsamer Ziele&#13;
und Zusammenarbeit aufzubauen, um einen positiven&#13;
Zweck zu erzielen. Insbesondere sollten die kleinen&#13;
Staaten von der kollektiven Stärke ihrer Zusammenarbeit profitieren können, um eine aktive Rolle bei der&#13;
Handhabung ihrer eigenen Sicherheit zu spielen.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Die Schaffung eines Gefühls von mehr "Empowerment" ist beispielsweise das, was die NATO mit dem&#13;
neuen Euroatlantischen Partnerschaftsrat zu tun&#13;
versucht. Die OSZE, die eine breitere Grundlage und&#13;
konzeptionelle Basis als der EAPR hat, muß auch&#13;
damit beginnen, ihren Teilnehmerstaaten mehr&#13;
"Empowerment" zu verleihen. Das kann durch die&#13;
breitere Beteiligung der Bürger und Nichtregierungsorganisationen an der Arbeit der OSZE geschehen.&#13;
Diese Erörterung der OSZE und der NATO zeigt&#13;
hoffentlich das Ausmaß, in dem wir Innovationen&#13;
durchführen und unsere Instrumente und Methoden&#13;
neu definieren. Wir sind bei unserem Ansatz sehr viel&#13;
mehr nach außen orientiert und beziehen mehr ein.&#13;
Und das hat das praktische Ergebnis, unsere Bestrebungen auf den Export von Sicherheit zu konzentrieren&#13;
sowie dem europäischen Sicherheitsfundament&#13;
kontinuierlich besseres Verständnis und zunehmende&#13;
Interaktion hinzuzufügen.&#13;
Während wir am Aufbau einer umfassenden europäischen Sicherheitsarchitektur arbeiten, müssen wir uns&#13;
auch auf regionale Sicherheitsherausforderungen&#13;
konzentrieren. Wir sind weiterhin den Zielen des&#13;
Abkommens von Dayton verpflichtet, und in Bosnien&#13;
sind wir weiterhin der Erlangung eines sich selbst&#13;
tragenden Friedens verpflichtet.&#13;
Wenn ich nun meine heutigen Ausführungen abschließe, möchte ich sowohl die Neuartigkeit als auch&#13;
die Kontinuität unserer Arbeit an einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur betonen. Unsere Arbeit&#13;
ist neuartig, weil wir neue Strukturen schaffen und&#13;
sogar neue Denkweisen bewirken. Aber es gibt auch&#13;
eine grundsätzliche Kontinuität. Als die Vereinigten&#13;
Staaten vor 50 Jahren den Marshallplan in die Wege&#13;
leiteten, hatten sie Frieden, Stabilität, Demokratie und&#13;
Integration in Europa im Sinn. Das sind dieselben&#13;
Ziele, auf die wir heute hinarbeiten. Deutschlands&#13;
ehemaliger Bundespräsident, Richard von Weizsäcker,&#13;
erklärte neulich, daß wir nicht von der "NATO-Erweiterung" oder von der "Osterweiterung" der Europäischen Union sprechen sollten, sondern von der&#13;
Vervollständigung Europas. Mit dieser Sichtweise&#13;
stimme ich voll und ganz überein.&#13;
Die Vervollständigung Europas, die Konsolidierung&#13;
unserer Sicherheit, das gute Funktionieren unserer&#13;
Institutionen und deren weitere Anpassung - das alles&#13;
sind unerläßliche Bestandteile des Konzepts der&#13;
"Weltinnenpolitik". Ein Ereignis in einem Land hat das&#13;
Potential, Auswirkungen auf die gesamte Region,&#13;
wenn nicht sogar die ganze Welt zu haben. Dafür gibt&#13;
es kein besseres Beispiel als den Krieg in Bosnien und&#13;
die Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland.&#13;
Die Globalisierung findet nicht nur in der Finanz- und&#13;
Geschäftswelt, sondern auch in politisch-militärischen&#13;
Angelegenheiten statt. In allen diesen Bereichen wird&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�die Art, in der die transatlantische Gemeinschaft den&#13;
Wandel meistert, exemplarisch für andere Regionen&#13;
auf der Welt sein. Das bedeutet, wenn wir es richtig&#13;
machen, sind wir nicht die einzigen, die profitieren. Es&#13;
bedeutet aber auch, wenn wir zögern oder scheitern,&#13;
halten wir Fortschritte auf der ganzen Welt auf.&#13;
Wir befinden uns wahrhaftig in einem neuen Zeitalter&#13;
der internationalen Beziehungen, und dieses neue&#13;
Zeitalter fordert uns heraus, die Welt durch eine neue&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Brille zu betrachten. Ich glaube, wir können uns zu&#13;
unserer Aufgeschlossenheit und den weitblickenden&#13;
Entscheidungen gratulieren, die wir seit dem Ende des&#13;
Kalten Krieges getroffen haben - von denen viele vor&#13;
nur wenigen Monaten in Paris oder Madrid ihren&#13;
Höhepunkt fanden. Aber unsere Arbeit ist noch nicht&#13;
getan. Wir wollen sie im Geiste des Muts und der&#13;
Kreativität fortsetzen, mit denen wir begonnen haben.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�USA-DEUTSCHLAND&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Rede von George Bush am Tag der Deutschen Einheit&#13;
Besuch des ehemaligen Präsidenten in Berlin&#13;
&#13;
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der frühere Präsident der Vereinigten Staaten von&#13;
Amerika, George P. Bush, am 3. Oktober 1997 bei einer Veranstaltung der Organisationen "Wir für Deutschland"&#13;
und "Aktion Gemeinsinn" in Berlin hielt.&#13;
&#13;
Ich danke Ihnen. Herr Bundeskanzler, herzlichen&#13;
Dank für Ihre bewegenden Worte. Ich freue mich&#13;
außerordentlich, hier zu sein, und zwar aus mehreren&#13;
Gründen. Ich kenne keine Stadt in den Vereinigten&#13;
Staaten, in der 12 Cellisten gleichzeitig ein und&#13;
dieselbe Melodie spielen. Das war wunderbare Musik,&#13;
und ich danke den Musikern dafür. Ich wünschte, sie&#13;
wären nicht so schnell wieder weg gewesen, aber sie&#13;
hatten sicherlich noch einen weiteren Auftritt am Tag&#13;
der Deutschen Einheit. Gestatten Sie mir, mich&#13;
Bundeskanzler Kohl anzuschließen und Herrn Dr.&#13;
Odewalk, Herrn Dr. Zumwinkel, Professor Schwitzer&#13;
und andere zu begrüßen, denen ich für meine Einladung am heutigen Tag danken möchte. Es ist sehr&#13;
schön, daß Herr DeMaziere heute gekommen ist, und&#13;
ich war stolz, daß Bundeskanzler Kohl ihn herausgehoben und extra begrüßt hat.&#13;
Zunächst möchte ich sagen, daß ich es sehr bedauere,&#13;
daß meine Frau Barbara nicht hier sein kann. Sie war&#13;
heute morgen bei diesem wunderbaren Ereignis in&#13;
Stuttgart dabei. Ich wünschte, alle Berliner hätten das&#13;
sehen können. Ich kann ihnen sagen, daß es womöglich ebenso gefühlsbewegend war wie die wundervolle Parade, die hier von den Deutschen aus Anlaß&#13;
des Tags der Einheit abgehalten wurde. Zumindest für&#13;
mich war es ein wunderbarer Tag. Andererseits bin&#13;
ich vielleicht froh, daß meine Frau nicht hier ist. Denn&#13;
ich bin wohl mit einer der populärsten Frauen in den&#13;
Vereinigten Staaten verheiratet, und wohin ich auch&#13;
gehe, fragen mich die Menschen: "Wo ist Barbara?&#13;
Warum ist sie nicht gekommen?" Sie ist also nicht&#13;
hier, und ich freue mich, hier allein vor Ihnen zu stehen&#13;
und die liebenswürdigen Worte meines Freundes,&#13;
Ihres Bundeskanzlers, hören zu dürfen.&#13;
&#13;
Nach einem außergewöhnlichen Tag wie dem heutigen ist es schwierig, einen Anfang für meine Ausführungen zu finden, abgesehen von meinem Dank an&#13;
Sie, der von Herzen kommt. Es ist schwierig, nicht von&#13;
den Emotionen eines Tages wie diesem überwältigt zu&#13;
werden. Und daß ich heute im historischen, geeinten&#13;
Berlin bin, macht dies für mich zu einem ganz besonderen Tag. Natürlich schulde ich - ebenso wie Sie&#13;
- meinem geschätzten Freund und Kollegen, Bundeskanzler Kohl, besonderen Dank. Ich habe grenzenlose Achtung vor ihm, und heute an diesem&#13;
besonderen Tag bei ihm in Deutschland zu sein und&#13;
dem Geist des deutschen Volkes Tribut zu zollen dem Geschenk, als das er die deutsche Einheit&#13;
bezeichnete - ist etwas, an das ich mich lange erinnern&#13;
werde.&#13;
Es ist angebracht, den Abschluß dieses Tags der&#13;
Einheit hier in Berlin mit zwei Organisationen zu feiern,&#13;
die den Geist des modernen Deutschland verkörpern:&#13;
"Wir für Deutschland" und "Aktion Gemeinsinn".&#13;
Schließlich waren es die Menschen, deren Hunger&#13;
nach Freiheit und einem besseren Leben vor einem&#13;
Jahrzehnt die Ereignisse ins Rollen brachte, die letzten&#13;
Endes den Lauf der Geschichte veränderten und den&#13;
Weg zur Vereinigung Deutschlands ebneten. Es war&#13;
nicht schwer für mich, Bundeskanzler Kohl und dem&#13;
deutschen Volk in der Frage der Vereinigung zur Seite&#13;
zu stehen - vielleicht weil ich alt genug bin, um den&#13;
Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben, wo ich zu hassen&#13;
lernte.&#13;
Dann aber sah ich ein demokratisches&#13;
Deutschland und verstand die Veränderungen. Und es&#13;
ist viel einfacher, in einem freien, geeinten Deutschland durch dieses Tor zu fahren als früher.&#13;
Ebenso wie Ihr Geist im Kalten Krieg den Sieg davontrug, ist es heute Ihr Geist, der Deutschland vor-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�antreibt. Dieser Geist manifestiert sich, wie wir vor&#13;
kurzem sahen, auf vielerlei Weise und in vielen&#13;
verschiedenen Menschen.&#13;
Der Bundeskanzler&#13;
erinnerte an das Hochwasser an der Oder, das&#13;
Zehntausende Deutsche betraf. Es war eine schwierige Zeit für Deutschland, als der Schaden eskalierte.&#13;
Die Menschen verloren ihre Häuser, ihr Eigentum&#13;
wurde beschädigt, Unternehmen wurden ruiniert,&#13;
Existenzen zerstört. Aber inmitten dieses Leidens sah&#13;
ich von der anderen Seite des Atlantiks, was Sie hier&#13;
sahen. Wir sahen alle, daß etwas Dramatisches&#13;
geschah. Wir sahen wie Deutsche - nicht nur im&#13;
Osten, sondern aus dem ganzen Land und in Polen gemeinsam Hilfe leisteten. Und wir sahen, wie sie&#13;
dem Schlimmsten der Natur mit dem Besten des&#13;
menschlichen Geistes begegneten.&#13;
Herr Bundeskanzler, damals sprachen Sie vom Geist&#13;
der Solidarität und der Nachbarschaftshilfe, und sie&#13;
wiesen heute erneut darauf hin. Sie sprachen von den&#13;
Mitarbeitern der Hilfswerke und den Freiwilligen, die&#13;
die Ärmel hochkrempelten und die Deiche entlang des&#13;
Flusses sicherten. Während meiner Zeit als Präsident,&#13;
und sogar heute, als ich mit Ihrem Minister Neuter&#13;
darüber sprach, nannte ich das eine engagierte&#13;
Staatsbürgerschaft, eines von Tausend Glanzlichtern.&#13;
Die vom deutschen Volk Anfang August unter Beweis&#13;
gestellte Solidarität erklärt durch ihr Beispiel möglicherweise besser als meine Worte, was es bedeutet, sich&#13;
zu engagieren. Bei der Bewältigung der vor uns&#13;
liegenden Herausforderungen gibt es Dinge, die eine&#13;
Regierung nicht sehr gut leisten kann. Manchmal kann&#13;
die Regierung einfach nicht dieses besondere Einfühlungsvermögen zeigen wie ein engagierter Bürger,&#13;
der in seiner Gemeinde tätig ist und einem Freund in&#13;
Not hilft - sei dieser das Opfer einer Flutkatastrophe&#13;
oder jemand, der nicht lesen kann. Ich sage immer&#13;
gerne, es gibt in Amerika kein Problem, das nicht von&#13;
engagierten Bürgern irgendwo bereits gelöst wird.&#13;
Ebenso wie die beiden Organisationen - die Gastgeber&#13;
des heutigen Abends - es in Deutschland tun. Stein&#13;
um Stein, Dorf um Dorf bewirken Sie einen Unterschied. Sie werden Ihrer Verantwortung als freies Volk&#13;
in einer freien Gesellschaft gerecht und tragen als&#13;
einzelne Bürger dazu bei, dieses großartige Land in&#13;
Freiheit voranzubringen.&#13;
Während wir diesen Tag der Einheit feiern, beglückwünsche ich Sie zu Ihren selbstlosen Taten und Ihrem&#13;
engagierten Beitrag zur Gestaltung einer noch besseren Zukunft für Deutschland. Tatsächlich sind Organisationen wie Ihre ein weiterer Grund, warum ich&#13;
optimistisch hinsichtlich der Zukunft dieses großartigen&#13;
Landes bin, und warum andere das auch sind. Der 3.&#13;
Oktober 1990 war nach Ansicht vieler Menschen das&#13;
erste von zahlreichen Kapiteln der deutschen Erfolgsgeschichte der kommenden Jahre, Jahrzehnte und&#13;
Jahrhunderte. Wenn ich das hinzufügen darf, ich&#13;
hoffe, daß die äußerst wichtigen deutsch-amerikanischen Beziehungen sich weiterhin erfolgreich&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
entwickeln, denn meines Erachtens sind sie entscheidend für das zukünftige Wohlergehen nicht nur&#13;
unserer großartigen Länder, sondern auch von Europa&#13;
und darüber hinaus. Besonders möchte ich die&#13;
Bedeutung der jungen Menschen und ihrer wichtigen&#13;
Rolle hervorheben, die sie in dieser Hinsicht in Zukunft&#13;
übernehmen werden. Ich weiß, daß manche sich&#13;
Sorgen über die Zukunft machen, aber schauen Sie&#13;
auf den Weg, den wir bereits zurückgelegt haben und&#13;
sehen Sie, wie weit wir gekommen sind. Ich meine&#13;
damit die freien Nationen der Welt. Und schauen Sie&#13;
auf Deutschland. Betrachten Sie den zurückgelegten&#13;
Weg und wie weit Sie gekommen sind.&#13;
Wo ich gerade über junge Menschen spreche. Ich&#13;
arbeite mit Freunden in Deutschland und den Vereinigten Staaten an der Förderung von mehr deutschamerikanischen Austauschprogrammen zwischen&#13;
Akademikern. Meines Erachtens wird das Projekt&#13;
"Endowment for the 21 st Century" - das von einem&#13;
Mann namens Heinz Prechter, einem auf seine&#13;
deutsche Herkunft stolzen Amerikaner, ins Leben&#13;
gerufen wurde - zu einem besseren Verständnis&#13;
zwischen unseren Völkern führen. Das sind Glanzlichter. Es ist nicht die Regierung, es sind die Menschen,&#13;
die mit ihren Möglichkeiten versuchen, etwas zu&#13;
bewirken.&#13;
Heute stehen wir an der Schwelle zu einem neuen&#13;
Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend, und während&#13;
wir uns auf das Unbekannte vorbereiten, wissen wir&#13;
eines: Die Welt von heute ist sicherer, freier und&#13;
wohlhabender als je zuvor. Ein neues und hoffnungsvolles Zeitalter ist angebrochen. Aber es liegt noch viel&#13;
Arbeit vor uns. Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber&#13;
neue Herausforderungen sind entstanden, und daher&#13;
ist es angebracht, daß wir diesen besonderen Tag mit&#13;
einer Botschaft des Dienstes begehen. Die Art von&#13;
Dienst, für den nicht nur diese beiden Organisationen&#13;
am heutigen Abend beispielhaft sind, sondern die Art&#13;
von Dienst, die zahllose Deutsche einer hehren und&#13;
selbstlosen Sache täglich erweisen. In diesem Sinne&#13;
geben Sie ein leuchtendes Beispiel dafür, daß jeder&#13;
von uns jeden Tag etwas bewirken kann. Ich beglückwünsche Sie zu dem, was Sie geleistet haben. Ich&#13;
beglückwünsche Sie zu dem, was Sie tun und wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg bei&#13;
Ihrer wichtigen Arbeit.&#13;
Man hat mir zehn Minuten für meine Ausführungen&#13;
gegeben, und ich werde sie mit einem Witz beenden,&#13;
den mein Freund, der große Prediger Billy Graham,&#13;
erzählt hat. "Er stand da, wo ich jetzt meine Rede&#13;
halte. Und er redete 10 Minuten, er redete 20 Minuten,&#13;
er sprach eine Stunde. Daraufhin zog der Vorsitzende&#13;
seinen Schuh aus und warf ihn nach dem Redner. Er&#13;
traf nicht ihn, sondern eine Dame, die in der ersten&#13;
Reihe saß. Worauf diese sagte: Noch einmal. Ich&#13;
kann ihn immer noch hören." Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
12. November 1997&#13;
&#13;
Neue wirtschaftliche Herausforderungen und Chancen&#13;
Rede von Senator Roth&#13;
&#13;
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Senator William Roth, der Vorsitzende des&#13;
Finanzausschuß des Senats und Präsident der Nordatlantischen Versammlung, am 16. Oktober 1997 vor dem&#13;
DIHT in Bonn hielt.&#13;
&#13;
Vielen Dank. Es ist mir eine Freude, hier zu sein und&#13;
mit dieser Gruppe herausragender Wirtschaftsvertreter&#13;
zusammenzutreffen. Es sind Ihre Energie, Ihre Ideen,&#13;
Ihre Führungsrolle, Ihr Management und Ihre Risikobereitschaft, die Nationen vorantreiben, und das&#13;
sollten Regierungsmitglieder immer bedenken.&#13;
Unternehmen brauchen Regierungen und Gesetze,&#13;
um gemeinsame Regeln zur Gewährleistung von&#13;
Fairneß, Gerechtigkeit und gleichberechtigten Beziehungen zu fördern, aber die Regierung darf sich selbst&#13;
nie als Wohltäter der Wirtschaft betrachten oder als&#13;
von ihr abhängig sehen. Eine solche Art von Beziehung schafft ein Ungleichgewicht, das eine Gefahr für&#13;
den Unternehmergeist darstellt und den Markt behindert.&#13;
&#13;
fallen Besteuerung, internationale Handelsbeziehungen und Sozialpolitik. Er ist zuständig für mehr als 75&#13;
Prozent aller staatlichen Ausgaben und für 100&#13;
Prozent der staatlichen Einnahmen. Und er hält mich&#13;
in Atem!&#13;
&#13;
Vor diesem Hintergrund möchte ich mich bei meinen&#13;
heutigen Ausführungen auf einige der Herausforderungen und Chancen konzentrieren, denen Sie als&#13;
Unternehmer gegenüberstehen.&#13;
&#13;
Diese beiden Chancen eröffnen mir eine meines&#13;
Erachtens einzigartige Perspektive, die es mir gestattet, Wirtschafts- und Außenpolitik zu einem prägnanten&#13;
und funktionierenden Paradigma zusammenzufügen&#13;
und diese beiden Bereiche nicht nur getrennt voneinander zu verstehen, sondern auch zu sehen, welche&#13;
Symbiose und Synergieeffekte sie in Kombination&#13;
bilden.&#13;
&#13;
Ich möchte darlegen, was die Regierung meines&#13;
Erachtens tun sollte, um Ihnen bei der Bewältigung der&#13;
Herausforderungen und Ergreifung der Chancen zu&#13;
helfen. Anschließend möchte ich Ihnen eine Aufgabe&#13;
geben, die sich meiner Meinung nach für Sie, Ihre&#13;
Unternehmen und die Zukunft als Segen erweisen&#13;
könnte.&#13;
Dabei werde ich zwei einzigartige Chancen nutzen, die&#13;
mein Verständnis beeinflußt und zu meiner Meinungsbildung beigetragen haben. Die erste betrifft die&#13;
Möglichkeiten, die ich als Vorsitzender des Finanzausschusses des Senats habe. Dieser Ausschuß ist&#13;
großenteils verantwortlich für die amerikanische&#13;
Wirtschaftspolitik. In seinen Zuständigkeitsbereich&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
Die zweite Chance habe ich in meiner Eigenschaft als&#13;
Präsident der Nordatlantischen Versammlung, dem&#13;
parlamentarischen Arm der NATO. In dieser Funktion&#13;
arbeite ich eng mit mehr als 200 Abgeordneten aus&#13;
ungefähr 40 Parteien innerhalb des Bündnisses&#13;
zusammen. Wir beteiligen uns aktiv am Prozeß der&#13;
NATO-Erweiterung, der Entwicklung der Europäischen&#13;
Union und zahlreichen anderen transatlantischen&#13;
Fragen von entscheidender Bedeutung.&#13;
&#13;
Mit Blick auf die Wirtschafts- und Außenpolitik zusammengenommen können wir nur sagen, daß wir in&#13;
einem der dynamischsten Zeitalter der Geschichte&#13;
leben.&#13;
Der Kalte Krieg ist beendet. Wir werden täglich&#13;
Zeugen einer Revolution in der Medizin- und Kommunikationstechnologie. Der Frieden verspricht steigenden Wohlstand. Die NATO wird um neue demokratische Nationen Zentraleuropas - Nationen mit pulsierenden, lebensprühenden Volkswirtschaften - er-&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�weitert, und die Europäische Union folgt schnell ihrem&#13;
Beispiel. Mit der Einführung der Europäischen Währungsunion und dem Euro sowie der Aufnahme des&#13;
Transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic&#13;
Business Dialogue - TBD) verstärken wir unsere&#13;
gemeinsamen Anstrengungen zur Liberalisierung von&#13;
Handel und Investitionen.&#13;
Was für eine verheißungsvolle Zeit - eine Zeit des&#13;
Optimismus. Fortschritte bei jeder dieser Entwicklungen beeinflussen Fortschritte auf anderen Gebieten&#13;
- alle tragen meines Erachtens zu erhöhter Sicherheit&#13;
und größerer Stabilität auf dem europäischen Kontinent und in der transatlantischen Gemeinschaft bei&#13;
und schaffen mehr Chancen für Beschäftigung und&#13;
Wirtschaftswachstum.&#13;
Gestatten Sie mir, noch folgendes hinzuzufügen: Ich&#13;
weiß, daß Ihre großartige Nation die Herausforderungen annimmt. Diese Herausforderungen stehen in&#13;
Verbindung mit der - wirtschaftlichen, politischen und&#13;
psychologischen - Wiedervereinigung. Sie kämpfen&#13;
noch mit einer hohen Arbeitslosigkeit (11,5 Prozent),&#13;
einem Haushaltsdefizit, einem Übermaß an Vorschriften und einer Industrie, die sich über ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit und die höchsten&#13;
Lohnkosten der Welt Sorgen macht.&#13;
Mit Ausnahme der Wiedervereinigung sahen sich die&#13;
Vereinigten Staaten vor nicht allzu langer Zeit ähnlichen Herausforderungen gegenüber. Ich erinnere&#13;
mich lebhaft daran, wie Vertreter der Presse und&#13;
Kommentatoren vor nur wenigen Jahren behaupteten,&#13;
Amerika hätte seine besten Tage bereits hinter sich.&#13;
Die Ansicht war weit verbreitet, wir hätten als Nation&#13;
unseren Wettbewerbsvorteil verloren und zukünftige&#13;
Generationen würden nicht mehr dieselbe Lebensqualität genießen können wir ihre Eltern. Arbeitslosigkeit und Zinssätze waren hoch. Das Haushaltsdefizit&#13;
wuchs. Stahlwerke und andere traditionelle Fabrikationsbetriebe schlössen ihre Pforten.&#13;
Viele stellten die Vermutung an, die Zukunft gehöre&#13;
den Anrainerstaaten des Pazifik. Unter den Amerikanern machte sich Besorgnis und ein wachsendes&#13;
Gefühl der Unsicherheit breit.&#13;
Während dieser schwierigen Zeit habe ich gepredigt,&#13;
was allgemein als das Evangelium von der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik bezeichnet wurde Steuersenkungen, Beschränkung der staatlichen&#13;
Ausgaben, Deregulierung, offene Märkte. Glücklicherweise war 1994 die Mehrheit des Kongresses derselben Meinung wie ich. Innerhalb der ersten Sitzungsperiode des Kongresses veränderten wir die Arbeitsweise der Regierung. Wir verabschiedeten die&#13;
Sozialhilfereform. Wir beschlossen die erste Steuersenkung seit 16 Jahren (obwohl sie nicht so hoch&#13;
ausfiel, wie ich gerne gesehen hätte!). Wir senkten die&#13;
staatlichen Ausgaben und verabschiedeten einen&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
ausgeglichenen Haushalt.&#13;
Wir verringerten das&#13;
Haushaltsdefizit um 75 Prozent, und heute tendiert es&#13;
erstmals seit 1969 gegen Null. Im Zuge dieser Maßnahmen verdoppelten sich die Börsenkurse, die&#13;
Zinssätze fielen, die Beschäftigung stieg explosionsartig an, der Handel nahm zu, die Stundenlöhne der&#13;
amerikanischen Arbeitnehmer stiegen real an, die&#13;
Unternehmen erlebten einen Boom, und die Wirtschaft&#13;
wuchs.&#13;
Ich sage Ihnen das nicht, um zu prahlen oder zu&#13;
belehren. Wie ich bereits erklärte, bin ich mir durchaus&#13;
bewußt, daß die deutsche Wirtschaft mit Herausforderungen konfrontiert ist, die über die hinausgehen,&#13;
denen wir uns in Amerika gegenübersahen. Aber ich&#13;
erzähle von diesen Erfolgen, um zu zeigen, daß sich&#13;
das Blatt wenden kann - und daß es sich sehr schnell&#13;
wenden kann.&#13;
Steuersenkungen kurbeln das Wirtschaftswachstum&#13;
an und ermutigen Spar- und Investitionstätigkeit. Eine&#13;
Kontrolle der staatlichen Ausgabenpolitik setzt Kapital&#13;
frei, regt die Märkte an und fördert neue Unternehmen.&#13;
Ein Übermaß an Vorschriften beeinträchtigt Investitionen und erfordert höhere Gewinne zur Deckung der&#13;
Kosten. Deregulierung bewirkt das Gegenteil, und&#13;
diese Maßnahme hat großen Einfluß auf Ihre Wirtschaft - ebenso wie das bei uns der Fall war.&#13;
Deutschland hat eine Industrie von Weltklasse - sehr&#13;
gut ausgebildete und äußerst effiziente Arbeitnehmer.&#13;
Sie haben in kapitalintensive Produkte investiert, die&#13;
hohe geistige Fähigkeiten verlangen. Jetzt müssen&#13;
Sie - ebenso wie wir in den Vereinigten Staaten das&#13;
versuchen - die deutsche Industrie von den Fesseln&#13;
befreien, damit sie ihre Stärken nutzen kann. Aufgrund&#13;
der hohen Steuern und dem Übermaß an Vorschriften&#13;
sind die Investitionen in Deutschland größtenteils auf&#13;
die Fertigung und Vermarktung von Produkten beschränkt, die auf dem deutschen Markt verkauft&#13;
werden. Das ist langfristigem Wachstum nicht förderlich.&#13;
Ebenso wie die Vereinigten Staaten muß&#13;
Deutschland sich selbst als Exportplattform sehen und&#13;
auf den Weltmarkt schauen, wo ausreichend niedrige&#13;
Kosten gestatten, die übrige Welt mit Produkten zu&#13;
versorgen.&#13;
Deutschland und die Vereinigten Staaten sehen sich&#13;
beide einer Welle wirtschaftlichen Wandels gegenüber&#13;
- einer dynamischen Globalisierung. Die Frage für&#13;
unsere beiden Nationen ist einfach: Werden wir auf&#13;
dieser Welle reiten, oder wird sie über uns hinwegrollen?&#13;
Meines Erachtens müssen wir in dieser Hinsicht&#13;
ebenso mutig sein wie auf geopolitischem Gebiet.&#13;
Schauen Sie sich an, wie wir andere einbeziehen und&#13;
die Volkswirtschaften Zentral- und Osteuropas integrieren. Betrachten Sie unsere Bestrebungen zur Erweiterung der NATO und zur Schaffung einer Zone&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
�größerer Stabilität im Osten und überlegen Sie sich,&#13;
wie das unseren wirtschaftlichen Zielen dient und&#13;
diese fördert. Neben diesen mutigen Initiativen gibt es&#13;
andere, beispielsweise das Engagement Deutschlands&#13;
bei der Entsendung von Soldaten zu internationalen&#13;
Friedensmissionen, ganz zu schweigen von den&#13;
Bemühungen zur Errichtung der europäischen Währungsunion.&#13;
Die Einführung einer gemeinsamen Währung könnte&#13;
sich - wenn sie richtig durchgeführt wird - zu einem&#13;
enormen Vorteil für in Europa tätige Unternehmen&#13;
entwickeln. Eine richtige Einführung muß auf drei&#13;
grundlegenden Kriterien basieren: Erstens einer&#13;
Währungs- und Finanzpolitik, die Inflation bekämpft&#13;
und reale Erträge aus Investitionen fördert; zweitens&#13;
muß sie auf eine Art und Weise erfolgen, die bestehende Verträge nicht antastet; und drittens müssen die&#13;
übrigen Länder Europas das Maß an währungspolitischer Verantwortung gewinnen, das Deutschland&#13;
während der letzten 50 Jahre erworben hat.&#13;
Jedes dieser Kriterien stellt eine mutige und interessante Entwicklung dar.&#13;
Diese Art von Vision&#13;
müssen wir auch im Hinblick auf unsere zukünftigen&#13;
Ziele an den Tag legen. Die Vereinigten Staaten und&#13;
Deutschland waren bei der Ausweitung des Handels&#13;
auf der ganzen Welt immer führend. Gemeinsam&#13;
haben wir uns im Rahmen des GATT und der WTO für&#13;
den Abbau von Handelshemmnissen eingesetzt. Jetzt&#13;
ist es für uns an der Zeit, diese Bestrebungen auf die&#13;
nächsthöhere Ebene zu bringen. Wir müssen überlegen, welche Ziele wir bei der nächsten Runde von&#13;
Handelsgesprächen anstreben.&#13;
Damit Amerika und Deutschland international wirksam&#13;
konkurrieren können, müssen wir uns gemeinsam für&#13;
den allgemeinen Abbau von Handelshemmnissen&#13;
einsetzen, anstatt alles immer nur mit gleicher Münze&#13;
heimzuzahlen, wie das bei früheren Verhandlungen&#13;
geschehen ist. Wir müssen eine Reihe von Regeln für&#13;
alle fördern - allgemeine, umfassende Regeln, die&#13;
einen freien Handel ermöglichen. Wir brauchen&#13;
Regeln, die einige Handelshemmnisse - wie Zölle und&#13;
Quoten - beseitigen und andere - wie den Schutz&#13;
geistigen Eigentums - harmonisieren.&#13;
Das ist viel verlangt. Aber meiner Meinung nach&#13;
müssen wir sicherstellen, daß unser Umgang mit&#13;
wirtschaftlicher Entwicklung so dynamisch und mutig&#13;
ist wie unser Ansatz bei internationalen Sicherheitsfragen. Tatsächlich sind beide eng miteinander&#13;
verbunden. Während sich unsere wirtschaftliche&#13;
Partnerschaft durch die von mir dargelegten Maßnahmen entwickelt, werden wir innerhalb der trans-&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 22&#13;
&#13;
atlantischen Gemeinschaft noch mehr Fähigkeiten zur&#13;
Bewältigung globaler Herausforderungen erwerben.&#13;
Solche Beziehungen werden meines Erachtens auf&#13;
den zahlreichen Ähnlichkeiten zwischen unseren&#13;
Nationen gründen.&#13;
Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, mit&#13;
Richard von Weizsäcker zusammenzutreffen, als er&#13;
vor beiden Häusern des Kongresses eine Rede hielt.&#13;
Ich werde nie vergessen, was er bei dieser Gelegenheit sagte: "Sie haben uns geholfen, so daß sich unser&#13;
Land erholen und wir eine solide Demokratie aufbauen&#13;
konnten. Gemeinsam sind wir in eine verläßliche&#13;
Partnerschaft hineingewachsen und in ein starkes&#13;
Bündnis, das schließlich entscheidend dazu beitrug,&#13;
der Spaltung Europas ein Ende zu bereiten."&#13;
Heute wird das Ende eines geteilten Europas zu einer&#13;
einzigartigen Chance - einer Chance, die wir ergreifen&#13;
müssen. Und daher schließe ich meine Ausführungen&#13;
mit einer Aufgabe. Ich habe oft gehört, das achte&#13;
Weltwunder sei das Orakel der Kommunikation und&#13;
Werbung in der Wirtschaft. Von Volkswagen bis&#13;
McDonalds haben die Botschaften der Wirtschaft einen&#13;
charakteristischen Einfluß auf unsere Kulturen. Wenn&#13;
diese furchteinflößende Macht tatsächlich das achte&#13;
Weltwunder ist, würde ich vorschlagen, daß das&#13;
neunte Weltwunder die Tatsache ist, daß davon so&#13;
wenig Gebrauch gemacht wird, um jene Ideen und&#13;
Maßnahmen zu fördern, die den Zielen der freien&#13;
Marktwirtschaft dienen.&#13;
Die Wirtschaft muß ihre kreativen Fähigkeiten und ihre&#13;
Kommunikationsressourcen nutzen, um die Öffentlichkeit zu erziehen. Wir kennen die Macht von Steuererleichterungen, die Notwendigkeit einer Deregulierung, die Vorteile von Zollsenkungen, die durch die&#13;
NATO-Erweiterung herbeigeführte Stärkung von&#13;
Frieden und Stabilität.&#13;
Wir wissen, welche Vorteile Deutschland durch die&#13;
Europäische Union und die Aussicht auf eine Währungsunion genießt. Jetzt müssen Sie als führende&#13;
Vertreter der Industrie dieses Wissen anderen zukommen lassen. Und gemeinsam müssen wir uns für&#13;
die Förderung von Maßnahmen einsetzen, die den&#13;
Handel stärken, die Sicherheit erhöhen, unsere&#13;
Familien schützen und Chancen für die Menschen in&#13;
ganz Deutschland und den Vereinigten Staaten&#13;
schaffen.&#13;
Heute habe ich meines Erachtens grob skizziert, was&#13;
aus meiner Perspektive getan werden muß. Jetzt bitte&#13;
ich Sie, diese Botschaft gemeinsam mit mir zu verbreiten. Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * *&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika und Europa - eine unentbehrliche Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten und die Sicherheitsarchitektur für das "Europäische Haus"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten Michael C. Polt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rede von George Bush am Tag der Deutschen Einheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Besuch des ehemaligen Präsidenten in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue wirtschaftliche Herausforderungen und Chancen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Senator Roth&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Oktober 1997

21

PROBLEM DES KLIMAWANDELS REFLEKTIERT
NEUE REALITÄTEN DES 21. JAHRHUNDERTS
Rede von Präsident Clinton

UMWELT

WIRTH: EUROPÄER BEFÜRWORTEN
"UNREALISTISCHE" ZIELE
Rede des Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten

WIRTSCHAFT

DIE AUSWIRKUNGEN DER EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND UND AMERIKA: EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
von Botschafter John Kornblum
JOHN C. KORNBLUM IM SENDER
FREIES BERLIN
Interview mit dem amerikanischen Botschafter

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

29. Oktober 1997

Problem des Klimawandels reflektiert
neue Realitäten des 21. Jahrhunderts
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die US-Präsident Clinton am 22. Oktober 1997
vor der National Geographie Society in der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Vielen Dank Herr Murphy, Herr Vizepräsident. Ich
danke allen, die heute gekommen sind, vor allem den
Kongreßabgeordneten, den Arbeitnehmer- und
Arbeitgebervertretern, allen Mitgliedern der Administration und insbesondere den Mitarbeitern des Weißen
Hauses, die der Vizepräsident erwähnte, dem Energieminister, der Direktorin des Umweltamts (Environmental Protection Agency - EPA) und allen anderen,
die uns unterstützt haben.
Auf dem Weg hierher trafen wir führende Vertreter der
National Geographie Society, denen ich zu ihrer
jüngsten zweiteiligen Serie über das Römische Reich
gratulierte. Es ist faszinierend zu lesen, wie dieses
Imperium aufstieg, wie es sich Hunderte von Jahren
hielt, warum es fiel und welche Spekulationen darüber
angestellt werden, welche Relevanz es - wenn überhaupt - für die Vereinigten Staaten und den Westen
haben könnte.
Einer der Herren sagte: "Wir haben zu diesem Thema
viele interessante Kommentare bekommen, einschließlich eines Briefs, der sich auf eine Büste des
Kaisers Vespasian bezog. Und einer unserer Leser
fragte, warum um Himmels willen wir eine Statue von
Gene Hackman in einem Artikel über das Römische
Reich abbilden. Ich erzähle das vor allem, um folgendes zu zeigen: Je mehr sich die Dinge verändern,
desto mehr bleibt alles beim Alten.
Denn die Grundlage einer Zivilisation - all unserer
Zivilisationen - ist das ständige Streben nach Erneuerung, die Fähigkeit, abschlägige Antworten zu vermeiden und die Zukunft auf realistische und humane, aber
entschlossene Art und Weise anzugehen. Morgen ist
es sechs Jahre her, daß ich - kurz nach Beginn

AMERIKA DIENST 21

meines Präsidentschaftswahlkampfes - in meine Alma
Mater nach Georgetown zurückkehrte und eine
Vorlesungsreihe mit drei Reden hielt, in denen ich
meine Vision von Amerika im 21. Jahrhundert darlegte
- wie wir den Amerikanischen Traum für all unsere
Menschen lebendig halten könnten, wie wir die
Führungsrolle Amerikas für Frieden, Freiheit und
Wohlstand aufrechterhalten könnten, und wie wir die
Trennlinien überwinden könnten, die heute noch
verhindern, daß wir als ein Amerika geeint sind.
Gemeinsam haben wir in den letzten nahezu fünf
Jahren, in denen der Vizepräsident und ich das
Privileg hatten, an dieser Aufgabe zu arbeiten, viele
Fortschritte gemacht. An der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert floriert unsere Wirtschaft, wird
unser soziales Gefüge verbessert, und wir tragen dazu
bei, die Welt zu mehr Frieden und Zusammenarbeit zu
führen.
Meines Erachtens ist das großenteils darauf zurückzuführen, daß wir eine andere Philosophie über die
Rolle der Regierung hatten. Heute ist die Regierung
kleiner, zielorientierter und stärker darauf ausgerichtet,
den Menschen die nötigen Werkzeuge und Bedingungen zu bieten, die sie zur Lösung ihrer Probleme und
zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unseren
Bürgern brauchen. Noch wichtiger ist, daß das meiner
Meinung nach darauf zurückzuführen ist, daß wir
harte, aber keine falschen Entscheidungen getroffen
haben.
Bei der Wirtschaft haben wir die Entscheidung getroffen, den Haushalt auszugleichen und in unsere
Menschen und unsere Zukunft zu investieren. Bei der
Verbrechensbekämpfung haben wir die Entscheidung

Seite 1

�getroffen, entschlossen und klug vorzugehen und das
Umfeld zu verändern, das Kriminalität hervorbringt.
Bei der Sozialhilfe haben wir die Entscheidung getroffen, daß die Menschen arbeiten müssen, wir aber auch
die Kinder von Sozialhilfeempfängern unterstützen.
Bei der Familienpolitik haben wir die Entscheidung
getroffen, Eltern bei der Suche nach mehr und besseren Arbeitsplätzen zu unterstützen und ihnen zu
helfen, ihren Kindern mehr Zeit zu widmen und Mittel
zur Verfügung zu stellen. Und bei der Umwelt haben
wir die Entscheidung getroffen, unsere Luft, unser
Wasser und unseren Boden reinzuhalten, unsere
Nahrungsmittelversorgung zu verbessern und die
Wirtschaft anzukurbeln.
Dieser vernunftbestimmte Ansatz, der in unseren
grundlegendsten Werten und unserem andauernden
Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit freier Menschen
wurzelt, die Herausforderungen jedes Zeitalters zu
meistern, muß in die Arbeit einfließen, die noch zu
leisten ist, um den Menschen und der Welt den Weg in
ein neues Jahrhundert und ein neues Jahrtausend zu
ebnen.
Heute haben wir eine klare Verantwortung und eine
wunderbare Chance zur Bewältigung einer der
wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts der Herausforderung des Klimawandels - durch eine
umweltfreundliche und wirtschaftsfördernde Strategie
zur Erlangung bedeutender Reduktionen von Treibhausgasen in den Vereinigten Staaten und in allen
Industrie- und Entwicklungsländern. Wenn diese
Strategie richtig durchgeführt wird, schafft sie eine
Vielzahl neuer Chancen für Unternehmer im Inland,
erhält unsere Führungsrolle im Ausland aufrecht und
setzt die Macht der freien Märkte zur Befreiung
unseres Planeten von einer inakzeptablen Gefahr ein.
Es ist eine Strategie, die unserer Verpflichtung entspricht, falsche Entscheidungen abzulehnen.
Amerika kann sich für unsere nationalen Interessen
und für die gemeinsamen Interessen der internationalen Staatengemeinschaft einsetzen. Amerika
kann heute auf Wohlstand bauen und gewährleisten,
daß unsere Kinder morgen auf einem gesunden
Planeten leben.
Das Problem des Klimawandels reflektiert in vielerlei
Weise die neuen Realitäten des neuen Jahrhunderts.
Vielen Bedrohungen der Vergangenheit konnten wir
innerhalb unserer eigenen Grenzen begegnen, aber
die Erderwärmung erfordert eine internationale
Lösung. Viele Bedrohungen der Vergangenheit kamen
von einem einzigen Feind, aber die Erderwärmung hat
Millionen Quellen. Viele Bedrohungen der Vergangenheit stellten eine offensichtliche und gegenwärtige
Gefahr dar; die Erderwärmung ist jedoch viel subtiler
und warnt uns nicht mit lärmenden Motoren oder
brennenden Flüssen, sondern mit unsichtbaren
Gasen, langsamen Veränderungen in unserer Umge-

Seite 2

bung und immer gravierenderen Klimaveränderungen,
von denen die meisten Amerikaner Gott sei Dank noch
nicht betroffen sind. Aber irren Sie sich nicht: Das
Problem ist real. Und wenn wir jetzt nicht unseren
Kurs ändern, wird das früher oder später vernichtende
Auswirkungen auf Amerika und die Welt haben.
Die überwältigende Mehrheit der Klimaforscher auf der
Welt ist zu folgender Schlußfolgerung gelangt: Wenn
die Länder der Welt nicht zur Verringerung der Emission von Treibhausgasen zusammenarbeiten, werden
die Temperaturen ansteigen und das Klima stören.
Tatsächlich vertreten die meisten Wissenschaftler die
Ansicht, daß dieser Prozeß bereits begonnen hat. Die
Zahl zerstörerischer meteorologischer Ereignisse wird
größer.
Krankheiten übertragende Insekten kommen in
Gebiete, die früher zu kalt für sie waren. Die Durchschnittstemperaturen steigen an.
Die Gletscher
beginnen zu schmelzen.
Die Wissenschaftler kennen noch nicht die genauen
Auswirkungen dieser Entwicklungen. Wir wissen
jedoch genug, um sagen zu können, daß die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre während des Industriezeitalters dramatisch angestiegen
ist; ihr Abbau wird ein Jahrhundert oder länger dauern.
Wir wissen, daß dieser Prozeß verlangsamt und
schließlich gestoppt werden muß, wenn wir weiterhin
wirtschaftliche Fortschritte machen und die Lebensqualität in den Vereinigten Staaten und auf dem
gesamten Planeten erhalten wollen. Wir wissen, was
getan werden muß.
Die Treibhausgasemissionen sind großenteils auf die
ineffiziente Verbrennung von Kohle oder Öl zur
Energiegewinnung zurückzuführen. Ungefähr ein
Drittel dieser Emissionen stammen aus der Industrie,
ein Drittel aus dem Verkehr und ein Drittel aus Wohnund Bürogebäuden. In jedem Fall ist die Umwandlung
von Brennstoff in Energie extrem ineffizient und könnte
mit Hilfe bereits existierender oder sich abzeichnender
Technologien auf eine viel sauberere Art und Weise
geschehen, die nicht die Wirtschaft schädigt, unsere
neuen Unternehmen und neuen Arbeitsplätze jedoch
stärkt. Wenn wir es richtig machen, werden wir
unseren Wohlstand nicht aufs Spiel setzen, sondern
ihn erhöhen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich bekanntgeben,
welche Anweisungen ich unseren Unterhändlern bei
ihrem Streben nach einem realistischen und effektiven
internationalen Vertrag über den Klimawandel gebe.
Und ich kündige einen weitreichenden Vorschlag an,
der flexible marktorientierte und kostengünstige Wege
zur Erlangung bedeutender Reduktionen hier in
Amerika bietet. Ich möchte betonen, daß wir nicht erst
dann handeln dürfen, wenn der Vertrag ausgehandelt
und ratifiziert ist. In den Vereinigten Staaten wohnen

AMERIKA DIENST 21

�weniger als 5 Prozent der Weltbevölkerung, die 22
Prozent des weltweiten Wohlstands genießen, jedoch
für mehr als 25 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Wir müssen jetzt
anfangen, uns für die Zukunft zu versichern.
Bei den internationalen Klimaverhandlungen werden
die Vereinigten Staaten einen umfassenden Rahmen
mit drei Elementen anstreben, die uns zusammengenommen in die Lage versetzen, ein starkes und
widerstandsfähiges globales Abkommen auszuarbeiten. Erstens werden die Vereinigten Staaten in
Kyoto vorschlagen, daß wir uns dem bindenden und
realistischen Ziel verpflichten, die Emissionen zwischen 2008 und 2012 auf dem Niveau von 1990
einzufrieren. Und dabei sollten wir es nicht belassen.
Wir sollten uns verpflichten, die Emissionen in den
darauf folgenden fünf Jahren auf einen niedrigeren
Stand als den von 1990 zu senken, und später sollten
wir hart an weiteren Reduktionen arbeiten.
Die Industriestaaten haben bereits einmal auf freiwilliger Basis versucht, die Emissionen auf dem Stand
von 1990 einzufrieren, aber bedauerlicherweise ist das
den meisten von uns - einschließlich insbesondere der
Vereinigten Staaten - nicht gelungen. Jetzt müssen wir
uns erneut entschlossen für diese Reduktionen
einsetzen, wozu wir uns bindenden Obergrenzen
verpflichten müssen.
Zweitens werden wir flexible Mechanismen zur
Erlangung dieser Obergrenzen befürworten. Wir
schlagen ein innovatives gemeinsames System zu
ihrer Durchsetzung vor, das einem Unternehmen in
einem Land Investitionen in ein Projekt zur Verringerung von Emissionen in einem anderen Land gestattet,
die ihm im eigenen Land angerechnet werden. Und
wir schlagen ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate vor. Durch diese Innovationen
werden die weltweite Verschmutzung verringert, die
Kosten niedrig gehalten und auch die Entwicklungsländer beim Schutz ihrer Umwelt unterstützt, ohne daß
dies auf Kosten ihres Wirtschaftswachstums ginge.
Drittens müssen Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen an der Bewältigung der Herausforderung des Klimawandels beteiligt sein.
Die
Industriestaaten müssen eine Führungsrolle übernehmen, aber auch die Entwicklungsländer müssen
einbezogen werden. Die Vereinigten Staaten werden
nur dann bindende Verpflichtungen eingehen, wenn
sich die wichtigsten Entwicklungsländer in bedeutendem Ausmaß an diesen Bestrebungen beteiligen.
Präsident Carlos Menem legte letzte Woche bei
meinem Staatsbesuch in Argentinien überzeugend dar,
daß ein globales Problem wie der Klimawandel eine
globale Antwort erfordert. Wenn die gesamte industrialisierte Welt ihre Emissionen während der nächsten Jahrzehnte verringert, die Emissionen der

AMERIKA DIENST 21

Entwicklungsländer jedoch mit der derzeitigen Geschwindigkeit weiter ansteigen, wird die Konzentration
von Treibhausgasen in der Atmosphäre weiterhin
zunehmen. Die Entwicklungsländer haben die Chance, in Zukunft einen anderen energiepolitischen Kurs
einzuschlagen, der ihrem Wachstumspotential und
ihren legitimen wirtschaftlichen Bestrebungen entspricht.
Was Argentinien, dem ein dramatisches Wirtschaftswachstum prognostiziert wird, erkannt hat, gilt auch für
andere Länder: Wir können und müssen bei diesem
Problem auf eine Weise zusammenarbeiten, die für
uns alle von Vorteil ist. In unserem Land müssen wir
Fortschritte machen, indem wir die ganze Macht der
freien Märkte und technologischer Innovationen
freisetzen, um die Herausforderung des Klimawandels
zu bewältigen. Ich schlage einen umfassenden Plan
vor, um Anreize zu bieten und Hindernisse zu beseitigen, damit unsere Unternehmen und unsere Bürger
neue und kreative Wege zur Verringerung der Treibhausgasemissionen finden können.
Erstens müssen wir Steuersenkungen vornehmen und
während der kommenden fünf Jahre 5 Milliarden Dollar
in Forschung und Entwicklung investieren - gezielte
Anreize zur Ermutigung der effizienten Nutzung von
Energie und zum Rückgriff auf sauberere Energiequellen.
Zweitens müssen wir die Unternehmen auffordern,
frühzeitig Aktionen zur Emissionsreduzierung zu
ergreifen und zu gewährleisten, daß sie angemessene
Anerkennung für ihre Wegbereiterfunktion bekommen.
Drittens müssen wir ein Marktsystem für die möglichst
kostengünstige Verringerung von Emissionen hier und
im Ausland schaffen - ein System, das sich unseren
Erfolg und unsere Erfahrung mit handelbaren Zertifikaten für sauren Regen zunutze macht.
Viertens müssen wir den Kauf und Verbrauch von
Energie durch die Bundesregierung, den größten
Energieverbraucher der Nation, umstrukturieren.
Durch neue Technologien, erneuerbare Energiequellen, innovative Partnerschaften mit Unternehmen aus
der Privatwirtschaft und die Bewertung der Treibhausgasemissionen von großen Projekten der Bundesregierung wird die Bundesregierung eine wichtige
Rolle dabei übernehmen, unserer Nation bei der
Erlangung ihres Ziels zu helfen. Heute verpflichte ich
die Bundesregierung als Vorableistung für unsere
Millionen Dollar umfassende Initiative zur Einführung
von Sonnenkollektoren, bis zum Jahr 2010 20.000
dieser Systeme auf den Dächern unserer Bundesgebäude zu installieren.
Fünftens müssen wir Wettbewerb in der Elektrizitätsindustrie zulassen, damit überholte Vorschriften
abgeschafft werden und die Amerikaner Milliarden

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�Dollar sparen. Wir müssen das auf eine Art und Weise
tun, die zu noch größeren Fortschritten bei der Reinhaltung unserer Luft führt und eine bedeutende
Vorableistung zur Verringerung von Treibhausgasemissionen darstellt. Heute werden zwei Drittel der
zur Bereitstellung von Elektrizität verwendeten Energie
als Abwärme verschwendet. Das können wir viel
besser machen.
Sechstens müssen wir weiterhin die Schlüsselindustrien ermutigen, eigene Pläne für die Reduktion von
Treibhausgasen auszuarbeiten. Und wir müssen in
Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten und den Kommunalverwaltungen die Hindernisse für größtmögliche Energieeinsparungen beseitigen. Die Bundesregierung kann der Industrie bei
beträchtlichen Verringerungen von Treibhausgasemissionen auf freiwilliger Basis behilflich sein, und wir
werden unsere dementsprechenden Bestrebungen
verdoppeln.
Dieser Plan ist vernünftig und solide. Da es sich um
ein langfristiges Problem handelt, das eine langfristige
Lösung erfordert, wird diese stufenweise eingeführt.
Aber wir wollen jetzt handeln. Wir beginnen mit
unserem Paket von starken marktwirtschaftlichen
Anreizen, Steuersenkungen und gemeinsamen Bestrebungen mit der Industrie. Wir wollen Anreize zu
frühzeitigem Handeln geben und eine Führungsrolle
ermutigen. Und während wir im kommenden Jahrzehnt unsere Emissionen durch diese Bestrebungen
verringern, werden wir regelmäßige Überprüfungen
vornehmen um zu sehen, was für die Umwelt, Wirtschaft und unsere nationale Sicherheit am besten
funktioniert.
Wenn wir auf ein Jahrzehnt an Erfahrungen, Daten
und technologischen Innovationen zurückblicken
können, werden wir eine umfassende Initiative zur
Einführung eines Systems handelbarer Emissionszertifikate einleiten um zu gewährleisten, daß wir
unsere bindenden Ziele erreichen. Falls die veränderten Muster des Energieverbrauchs in Amerika
dann zu Problemen führen, haben wir die moralische

heutigen sind und der die Verschmutzung um 90
Prozent reduziert. Der Durchbruch wurde durch
unsere bahnbrechende Partnerschaft mit der Automobilindustrie zur Entwicklung einer neuen Fahrzeuggeneration ermöglicht. Im Rahmen eines von der
Behörde für moderne Forschungsprodukte (Advanced
Research Products Agency) des Verteidigungsministeriums und des nationalen Instituts für Wissenschaft und Technologie (National Institute of Science
and Technology) des Wirtschaftsministeriums finanzierten Projekts wurde ein anderer Plan ausgearbeitet, der zu ähnlichen Ergebnissen führt.
Die Entdeckung des Energieministeriums hat bemerkenswerte Auswirkungen. Heute wird das Benzin in
den Verbrennungsmotoren äußerst ineffizient genutzt etwa 80 Prozent seiner Energie geht verloren. Im
Rahmen des gestern von A.D. Little and Company
bekanntgegebenen Projekts des Energieministeriums
gehen 84 Prozent des Benzins direkt in die Brennstoffzelle. Dadurch wird die Energieeffizienz gegenüber
dem traditionellen Motor um mehr als das Vierfache
erhöht.
Und ich darf vom Standpunkt all derer, die an dem
gegenwärtigen System beteiligt sind, hinzufügen, daß
der fortgesetzte Einsatz von Benzin bedeutet, daß
keines der derzeitigen Verteilersysteme verändert
werden muß. Das ist eine sehr bedeutende, aber
keinesfalls die einzige Entdeckung, die den Weg in
unsere Zukunft weist.
Ich möchte auch unterstreichen, daß die meisten der
im Rahmen der Marktmechanismen zur Erlangung
dieses Ziels verfügbaren Technologien bereits existieren - wir müssen sie nur nutzen. Beispielsweise
forderte ein Physik- und Chemielehrer namens Hector
Ibarra in West Branch, Iowa, seine Sechstklässler
dazu auf, die Experimente aus dem Klassenzimmer
praktisch anzuwenden, um ihre Schule energieeffizienter zu machen. Die Klasse erhielt ein Darlehen in
Höhe von 14.000 Dollar von einer örtlichen Bank und
ergriff einfache Maßnahmen. Die Schüler senkten den
Energieverbrauch ihrer Schule um 70 Prozent. Ihre

Verpflichtung, den betroffenen Arbeitnehmern und

Einsparungen waren so beeindruckend, daß die Bank

Unternehmen zu helfen - ebenso wie wir es heute bei
allen unseren wirtschaftlichen Veränderungen tun, von
denen die Menschen schuldlos betroffen sind.

beschloß, ihre eigene Energieeffizienz zu verbessern.

Dieser Plan setzt auf unsere Stärken - Innovation,
Kreativität, Unternehmergeist. Unsere Unternehmen
weisen durch die Entwicklung phantastischer Umwelttechnologie und die Umsetzung von Lösungen zum
Schutz der Natur bereits den Weg.

Dem Beispiel dieser Sechstklässler folgend haben
andere größere Unternehmen in Amerika ähnliche
Ergebnisse erzielt. Sie brauchen sich nur die nachweisbaren Ergebnisse von Firmen wie Southwire, Dow
Chemical, Dupont, Kraft, Interface Carpetmakers und
einer Vielzahl anderer in jeder Wirtschaftsbranche
anzuschauen um zu sehen, was getan werden kann.

Erst gestern gab Energieminister Pena einen von
seinem Ministerium finanzierten dramatischen Durchbruch bei der Brennstoffzellentechnologie bekannt ein Durchbruch, der den Weg zur Entwicklung von
Autos bereitet, die doppelt so energiesparend wie die

Unsere Industrien haben effiziente neue Kühlschränke,
Computer, Wasch- und Trockenmaschinen sowie
andere elektrische Geräte hergestellt, die sehr viel
weniger Energie verbrauchen, sparsamer und umweltfreundlicher sind. Allein die Revolution bei Beleuch-

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AMERIKA DIENST 21

�tungskörpern ist wirklich verblüffend. Eine kompakte
fluoreszierende Lampe, die von einem Menschen
während seines ganzen Lebens benutzt wird, erspart
der Atmosphäre die Emission von fast einer Tonne
C0 2 und kostet den Verbraucher weniger Geld.
Wenn jeder in den nächsten 15 Jahren nur diese
energiesparenden Produkte kaufen würde, die in den
Geschäften mit dem "Energiestern" des Umweltschutzamtes ausgezeichnet sind, würden unsere Energierechnungen während dieses Zeitraums um ungefähr
100 Milliarden Dollar schrumpfen und unsere Treibhausgasemissionen dramatisch gesenkt.
Trotz dieser Innovationen, die für alle Seiten von
Vorteil sind, und der Verpflichtungen, die buchstäblich
jeden Tag eingegangen werden, bin ich mir sehr wohl
bewußt, daß unsere Ziele und Zeitpläne von manchen
als zu ehrgeizig kritisiert werden. Und natürlich
werden andere behaupten, sie gingen nicht weit
genug. Bevor jedoch die Debatte ernsthaft beginnt,
wollen wir nicht vergessen, daß wir während der
letzten Generation im Bereich der Umwelt, auch bei
der Energieeffizienz, enorme Fortschritte gemacht
haben - zu sehr viel geringeren Kosten als man sich
hätte vorstellen können. Und dabei wurden ganz neue
Industrien aufgebaut.
Während der letzten drei Jahrzehnte, in denen unsere
Wirtschaft gewachsen ist, haben wir die Standards für
das Wasser, das unsere Kinder trinken, nach oben
und nicht nach unten geschraubt. Obwohl unsere
Fabriken ausgebaut werden, verlangen wir von ihnen
die Reinigung ihres Giftmülls. Obwohl eine Rekordzahl neuer Häuser gebaut wurde, sparen unsere
Kühlschränke mehr Energie und damit unsere Verbraucher mehr Geld.
1970, als der Smog unsere Städte erstickte, schlug die
Bundesregierung neue Autoabgasnormen vor. Viele
Umweltschützer behaupten, die Normen würden wenig
zur Verhinderung einer Katastrophe beitragen.
Industrievertreter prognostizierten, die Kosten der
Umsetzung hätten katastrophale Auswirkungen auf die
Industrie. Es stellte sich heraus, daß beide Seiten
Unrecht hatten. Beide unterschätzten die Erfindungsgabe des amerikanischen Volkes. Die Automobilhersteller halten die weitaus strengeren Emissionsvorschriften von heute mit weniger als halb so hohem
Kostenaufwand wie vorhergesagt ein, und die neuen
Kraftfahrzeuge stoßen durchschnittlich nur 5 Prozent
der Schadstoffe der 1970 gebauten Autos aus.
Wir haben dieses Muster immer wieder gesehen. Wir
sahen es, als wir uns in den siebziger Jahren gemeinsam für das Verbot des Karzinogens Vinylchlorid
einsetzten. Vertreter der Kunststoffindustrie sagten
massive Bankrotte voraus, aber die Chemiker entdeckten kostengünstigere Ersatzstoffe, und die Branche
prosperierte. Wir sahen das, als wir die Verwendung

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von bleihaltigem Benzin stufenweise verringerten. Und
wir sehen das bei unserem Programm für handelbare
Zertifikate für sauren Regen - das dem Zeitplan bereits
40 Prozent voraus ist - zu weniger als der Hälfte der in
den optimistischsten Prognosen veranschlagten
Kosten. Wir sehen das, während die Fluorchlorkohlenwasserstoffe praktisch ohne jeden Kostenaufwand auf
eine Art und Weise aus der Atmosphäre entfernt
werden, die anscheinend zu einer erneuten Verdikkung der Ozonschicht führt.
Die Lektion ist einfach: Wenn Umweltinitiativen klug
geplant sind und flexibel durchgeführt werden, kosten
sie weniger als erwartet und bieten unvorhergesehene
wirtschaftliche Chancen. Obwohl wir uns bewußt sind,
daß unsere heutige Herausforderung größer ist als
jede umweltpolitische Aufgabe der Vergangenheit,
kann der Klimawandel uns durch das einen, was
Amerika am besten kann: Wir führen Neuerungen ein,
wir konkurrieren, wir finden Lösungen für Probleme,
und wir tun das auf eine Weise, die unternehmerisches
Denken fördert und die amerikanische Wirtschaft
stärkt.
Wenn wir es richtig anstellen, wird der Klimaschutz
keine Kosten, sondern Gewinne mit sich bringen; keine
Belastungen, sondern Vorteile; keine Opfer, sondern
einen höheren Lebensstandard. Wir haben genug
Beweise dafür, daß Energieeinsparung bessere
Dienstleistungen zu niedrigeren Kosten mit höheren
Gewinnen hervorbringt. Wir müssen die Hindernisse
für das erfolgreiche Funktionieren der Märkte beseitigen und bessere Anreize für ihre Nutzung geben. Ich
fordere die amerikanischen Unternehmen zur Übernahme einer Führungsrolle auf, aber ich rufe auch die
Regierungen - auf nationaler, bundesstaatlicher und
kommunaler Ebene - dazu auf, der Wirtschaft die für
diese Arbeit erforderlichen Werkzeuge zu verschaffen
und auf allen Gebieten ein Beispiel zu geben.
Wir wollen nicht vergessen, daß es bei der uns heute
konfrontierenden Herausforderung nichfnur um Ziele
und Zeitpläne geht. Es geht um unsere grundlegenden
Werte und größten Verpflichtungen.
Ich werde heute noch die Ehre haben, mit dem
ökumenischen Patriarchen Bartholomew zusammenzutreffen - dem geistlichen Führer von 300 Millionen
orthodoxen Christen - einem Mann, der immer wieder
die dem Geschenk Gottes an die Natur innewohnenden großen Verpflichtungen betont. Er erinnert uns
daran, daß sich der erste Teil des Wortes "Ökologie"
vom griechischen Wort für Haus herleitet. Um unser
Verhalten gegenüber dem Haus zu verändern, das wir
alle bewohnen, müssen wir mit den Worten des
Patriarchen die verlorenen spirituellen Verbindungen
wiederentdecken und die menschlichen Werte bekräftigen. Er hat natürlich Recht. Es ist unsere feierliche
Verpflichtung, mit Mut und Weitblick Fortschritte zu

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�machen, damit wir unser Haus unseren Kindern und
künftigen Generationen hinterlassen können.
Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß dies
nur eine weitere Herausforderung in Amerikas langer
Geschichte ist - die wir genauso bewältigen können
wie alle früheren Herausforderungen. Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß es eindeutige
Beweise dafür gibt, daß wir das auf eine Weise tun
können, die zu Wirtschaftswachstum führt - nicht durch

abschlägige Antworten, sondern indem wir eine neue
Herausforderung der Erneuerung entschlossen und
freudig begrüßen. Wir sollten froh sein, daß wir in der
heutigen Zeit leben und diese Herausforderung
angehen können, und wir sollten das in dem sicheren
Wissen tun, daß unsere Kinder und Enkel uns dafür
dankbar sein werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�UMWELT
29. Oktober 1997

Wirth: Europäer befürworten "unrealistische" Ziele
Rede des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten

WASHINGTON - (AD) - Nach Ansicht des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium,
Timothy Wirth, befinden sich die Vereinigten Staaten und die Europäische Union im Hinblick auf die Verringerung
der Treibhausgasemissionen in einer Art "Sackgasse", weil die 15 Mitgliedstaaten der EU "unrealistische" Ziele
befürworten. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Timothy Wirth am 9. Oktober
1997 vor einem Ausschuß des Kongresses hielt.

Heute möchte ich nicht nur über den gegenwärtigen
Stand unserer Klimaverhandlungen berichten, sondern
auch drei andere Themenbereiche ansprechen:
Erstens die "bubble" der Europäischen Union, zweitens im Zusammenhang mit der Beteiligung der
Entwicklungsländer stehende Fragen und drittens die
verschiedenen Mechanismen, durch die wir den
Entwicklungsländern die entsprechenden Technologien zukommen lassen können, die ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels helfen.
Zunächst möchte ich Sie auf den neuesten Stand
bringen und mich dabei besonders auf die Entwicklungen seit meinem letzten Erscheinen vor diesem
Ausschuß im Juni dieses Jahres konzentrieren.
Wir nähern uns mit großer Geschwindigkeit dem Ende
der Verhandlungen im Vorfeld der dritten Sitzungsperiode der Konferenz der Parteien, die vom 1.-10.
Dezember in Kyoto anberaumt ist. Von heute an
bleiben nur noch 64 Tage, von denen nur 18 für
offizielle Verhandlungen vorgesehen sind. Bei einigen
wichtigen Fragen wurden Fortschritte erzielt, und es
zeichnet sich eine Übereinkunft ab. Wenn wir Erfolg
haben, wird diese Übereinkunft wahrscheinlich
wesentliche Elemente des von uns unterbreiteten
Vorschlags beinhalten. Dazu zählen:
Ein Emissionsplan, der einen Ausgleich von
Fluktuationen bei meteorologischen und
ökonomischen Variablen gestattet und eine
gewisse Flexibilität bei der zeitlichen Festlegung der Emissionsreduzierungen erlaubt.

AMERIKA DIENST 21

Ein Multigasansatz, der nicht nur Kohlendioxid, sondern alle Treibhausgase beinhaltet
(obwohl es beträchtlichen Widerstand gegen
die Aufnahme von "Senken" gibt).
Ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate und ihre gemeinsame
Umsetzung, die beide auf eine Erhöhung der
Flexibilität abzielen, indem sie den Parteien
gestatten, Emissionen im eigenen Land gegen
Emissionsreduzierungen andernorts auszutauschen.
Mechanismen für die Überwachung und
Verifizierung des Emissionsabbaus, die
gleiche Bedingungen für alle Parteien gewährleisten.
Aktionen der Entwicklungsländer als Ergänzung zu Zielsetzungen und Zeitplänen der
Industrieländer.
Damit will ich nicht sagen, daß der endgültige Text alle
diese Elemente in der Form beinhaltet, in der sie im
Vorschlag der Vereinigten Staaten vom vergangenen
Januar unterbreitet wurden, denn das gestattet der
Verhandlungsprozeß nicht. Die Administration hat
jedoch ein von einem Großteil der Welt akzeptiertes
allgemeines Muster für weitere Fortschritte bei der
Lösung dieses gravierenden Problems vorgeschlagen:
Eine Lösung mit größtmöglicher Flexibilität bei der
Umsetzung und gleichzeitiger Gewährleistung von
Integrität und Umweltschutz bei den Emissionszielen.

Seite 1

�Die Administration hat noch keine endgültige Entscheidung über ein Ziel für die Emissionskontrolle
getroffen. Wir werden Sie über unsere in dieser
Hinsicht gemachten Fortschritte auf dem Laufenden
halten. Wir haben die in diesem Ausschuß geäußerten
Befürchtungen sowie die in der Resolution des Senats
vom Beginn des Sommers enthaltenen Anliegen zur
Kenntnis genommen. Ich möchte an dieser Stelle
nochmals betonen, daß unsere Übereinkunft die
amerikanische Wettbewerbsfähigkeit schützt und im
besten Interesse des amerikanischen Volkes liegt. Der
Präsident hat sich diesen Zielen am Montag bei der
Konferenz im Weißen Haus erneut verpflichtet, und es
sind Ziele, an denen wir während des gesamten
Verhandlungsprozesses konsequent festgehalten
haben.
Bei vielen Aspekten unseres Vorschlags sind wir
jedoch sehr deutlich gewesen, und der Konsens im
eigenen Land unterstützt diesen Ansatz. Die Administration hat diese Elemente unserer Vorschläge in
einer intensiven Runde bilateraler und multilateraler
Verhandlungen aggressiv gefördert. Der Präsident hat
den Klimawandel zu einem Thema seiner Zusammenkünfte mit ausländischen Staats- und Regierungschefs
sowie der Sitzungen am Rande der UN-Generalversammlung gemacht. Auch der Vizepräsident und die
Außenministerin haben den Klimawandel in ihren
Gesprächen zum Thema gemacht. Ich habe an
verschiedenen Treffen in Europa und Saudi-Arabien
sowie mit wichtigen Ministern aus Japan, Australien,
Kanada und Neuseeland teilgenommen und werde
diese Frage auch bei meinen Gesprächen in China
Ende des Monats ansprechen. Hochrangige Regierungsvertreter haben unsere Position in Lateinamerika

über 1990 entschieden. Um die Verhandlungen noch
komplizierter zu gestalten, bestehen die Mitgliedstaaten der Europäischen Union darauf, mit ihren Emissionen zu handeln - die sogenannte "bubble". Das
bedeutet, daß die Gesamtemissionen auf ein festgesetztes Ziel gesenkt werden können, jedes einzelne
Land diese Obergrenze aber nicht unbedingt erreichen
muß. Tatsächlich geht man davon aus, daß ein
signifikanter Anteil der gesamten Emissionsreduzierung der EU auf die Wiedervereinigung Deutschlands
und die Abschaffung von Kohlesubventionen in
Großbritannien sowie die Umstellung auf Erdgas
zurückzuführen sein wird. Obwohl wir die Schließung
ineffektiver und umweltschädigender Fabriken und die
Abschaffung von Subventionen im Energiesektor
zweifellos begrüßen, ist nicht klar, warum solche
Aktionen andere EU-Staaten von der Notwendigkeit
befreien sollen, selbst etwas zu unternehmen. Im
Rahmen des Vorschlags der EU wird von manchen
Ländern jedoch überhaupt keine Verringerung ihrer
Emissionen verlangt - und manchen wird sogar ein
Anstieg gestattet. Portugal beispielsweise wird bis
zum Jahr 2010 ein Emissionsanstieg von 40 Prozent
gegenüber 1990 erlaubt, Spanien darf seinen C0 2 Ausstoß um 17 Prozent erhöhen, und Frankreich muß
seine Emissionen lediglich auf dem Stand von 1990
einfrieren.
Der Kongreß hat umgehend einige der dieser Art von
"Lastenteilung" innewohnenden Probleme aufgezeigt.
Ich möchte mit Ihnen einige der Fragen erörtern, die
wir uns im Zusammenhang mit diesem Thema gestellt
haben:

allmählich aus, da unsere Sichtweise in das Bewußtsein der Menschen eindringt. Wir hegen weiterhin die
Hoffnung, daß unsere fortgesetzten Bestrebungen im
Vorfeld von Kyoto einen Konsens hinsichtlich unseres
Ansatzes hervorrufen werden.

Wir haben uns gefragt, in welcher Beziehung
der Vorschlag der EU zu dem internationalen
System handelbarer
Emissionszertifikate
steht. Wenn es nur ein Vorschlag ist, bei dem
jedes Land einen Einheitssatz hat und dann
auf dem Markt mit Emissionszertifikaten
handeln kann, würden wir diesen Ansatz
unterstützen.

Unsere Verbündeten bei den Verhandlungen gehören
allen Blöcken an: Unter den Industriestaaten besteht
größte Übereinstimmung mit Australien, Kanada,
Japan und Neuseeland. Diese unterstützen unsere
Vorschläge über die Flexibilitätselemente, die in Kyoto
für ein dauerhaftes, erfolgreiches und wirtschaftlich
mögliches Abkommen von großer Bedeutung sind.
Viele Länder der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas unterstützen unsere Vorschläge ebenfalls.
Mit unseren europäischen Kollegen sind wir jedoch in
eine Art Sackgasse geraten.

Uns wurde nicht gesagt, wie die EU die Rechenschaftspflicht sicherstellen will. Welche
Erfüllungsmechanismen gibt es beispielsweise
für den Fall, daß die EU die Obergrenzen
überschreitet? Wird jeder EU-Mitgliedstaat
dieselben Verpflichtungen haben wie die
Länder außerhalb der EU? Ist jedes Land
lediglich für seinen "Anteil" verantwortlich?
Wie wird dieser festgesetzt?

und Asien dargelegt.

Unsere harte Arbeit zahlt sich

Die EU-"bubble"
Wie Sie wahrscheinlich alle wissen, hat sich die EU für
das - von vielen Analysten als unrealistisch und
unerreichbar bezeichnete - Ziel einer Verringerung der
Emissionen bis zum Jahr 2010 um 15 Prozent gegen-

Seite 2

Was für ein Beispiel gibt die EU den Entwicklungsländern? Wenn einigen Industriestaaten
ein 40-prozentiger Anstieg gestattet wird, dann
kann man von den Entwicklungsländern noch
viel weniger verlangen. Um angemessene
Maßstäbe zu setzen, müssen wir von den
Industriestaaten mehr fordern.

AMERIKA DIENST 21

�Wie werden die Mitgliedstaaten der EU einbezogen? Wenn die Zahl der Länder durch
die Aufnahme osteuropäischer Länder mit
niedrigen Emissionen vergrößert wird, wird
dann das Gesamtziel angepaßt?
Dieser Fragenkatalog gibt Ihnen hoffentlich eine Idee
von dem Ausmaß, in dem wir bei der internationalen
Debatte Antworten erwarten.
Klarheit bei diesen
Fragen ist für mögliche Übereinkünfte in Kyoto wesentlich.
Die Entwicklungsländer
Jetzt möchte ich mich einem anderen Thema widmen,
das für die Mitglieder dieses Ausschusses und andere
außerhalb dieses Raums ebenfalls von großer Bedeutung ist: Die Einbeziehung der Entwicklungsländer. Ich
möchte mich deutlich ausdrücken: Die Entwicklungsländer müssen an diesem Vertrag beteiligt sein. Das
Grundprinzip für Aktionen der Entwicklungsländer ist
klar: Obwohl sie derzeit für weniger als die Hälfte der
globalen Emissionen verantwortlich sind, wird ihr Anteil
in den nächsten Jahrzehnten anwachsen, obwohl ihre
Pro-Kopf-Emissionen weiterhin weit unter unseren
liegen. Wir müssen uns mit diesem Trend steigender
Emissionen befassen, wenn wir das Problem langfristig lösen wollen.
Meiner Ansicht nach sollte man jedoch eine andere
Sichtweise dieser Frage besser verstehen - die der
Entwicklungsländer. Betrachten wir einige Zahlen.
Dem zwischenstaatlichen Gremium für den
Klimawandel (IPCC) zufolge werden jährlich
500 Millionen Fälle von Malaria berichtet. Die
Experten sind jedoch der Ansicht, daß sich die
Malaria infolge des Klimawandels weiter
ausbreiten wird. Die meisten Malariatoten
sind Kinder unter fünf Jahren - und nahezu
alle diese Kinder leben in Entwicklungsländern.
Der Weltbank zufolge leben zwei Milliarden
Menschen von weniger als zwei Dollar täglich
und 1,3 Milliarden von weniger als einem
Dollar täglich - und alle leben in den Entwicklungsländern.
Das ist die Sichtweise der Entwicklungsländer, und
das sind die Faktoren, die sie betrachten, wenn sie die
Industriestaaten auffordern, als Erste zu handeln.
Viele nicht informierte Beobachter haben behauptet,
das derzeitige Abkommen enthalte keine Verpflichtungen für die Entwicklungsländer. Das ist nicht richtig.
Tatsächlich werden die Entwicklungsländer unter
anderem aufgefordert, eine Liste ihrer Treibhausgasemissionen aufzustellen, Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels und zur Anpassung daran zu

AMERIKA DIENST 21

ergreifen, an der Entwicklung und dem Transfer von
Technologien mitzuwirken, die Klimaforschung und
entsprechende Bildung und Ausbildung zu fördern und
sich daran zu beteiligen.
Die Entwicklungsländer haben Maßnahmen zur
Erfüllung
ihrer
FCCC-Verpflichtungen
ergriffen.
Ebenso wie wir an der Verringerung unserer Emissionen arbeiten, haben die Entwicklungsländer aggressiv
Programme zur Reduzierung ihrer eigenen Emissionen
eingeleitet. Ein Teil der Bestrebungen der Entwicklungsländer ist das Ergebnis erfolgreicher Programme,
die vom Amt für internationale Entwicklung (AID), vom
U.S. Country Studies Program, von der U.S. Initiative
on Joint Implementation sowie im Zuge bilateraler und
multilateraler Schenkungen von anderen Ländern und
internationalen Organisationen durchgeführt wurden.
Viele der Ressourcen und der Anstoß für Aktionen
haben ihren Ursprung jedoch in diesen Ländern.
Während wir uns auf ein anderes Niveau internationaler Verpflichtungen zubewegen, ist es wichtig zu
verstehen, was bislang erreicht worden ist.
Verschiedene Beispiele für von den Entwicklungsländern unternommene Bestrebungen illustrieren diese
Fortschritte. Der Weltbank zufolge nahmen zwischen
1991 und 1996 die Subventionen für fossile Brennstoffe in 14 Entwicklungsländern, auf die 25 Prozent
der weltweiten Kohlendioxidemissionen entfallen, um
ungefähr 45 Prozent ab - von 60 Milliarden Dollar auf
33 Milliarden Dollar (Zum Vergleich: Die Subventionen
der OECD wurden um ungefähr 20,5 Prozent abgebaut
- von 12,5 Milliarden Dollar auf 9,9 Milliarden Dollar.)
China, das für ungefähr 12 Prozent der weltweiten
C0 2 -Emissionen verantwortlich ist, reformiert aktiv die
Energiepreise und hat die Subventionen von 37
Prozent im Jahr 1984 auf 29 Prozent 1995 gesenkt,
während die Erdölsubventionen von 5 Prozent im Jahr
1990 auf 2 Prozent 1995 gefallen sind. Ferner war
eine Steigerung der chinesischen Effektivität wesentlich: Ohne Interventionen wären die Emissionen 1990
um fast 155 Millionen Tonnen höher gewesen als mit
Hilfe politischer Maßnahmen. Und Ende 1993 wurden
12 Prozent der installierten Elektrizität mit Hilfe von
Kohle und Gas erzeugt. Viele andere Entwicklungsländer fördern ebenfalls aktiv ihre Energieeffizienz.
Beispielsweise wurde in Brasilien durch ein aggressives Programm für den Einsatz von Äthanol aus
Zuckerrohr nahezu die Hälfte des Benzins eingespart,
das ansonsten verbraucht worden wäre.
Was sagt uns das alles? Zweifelsohne sagt es uns,
daß ihre und unsere Erwartungen von unterschiedlichen Annahmen ausgehen. Wir blicken sie an und
verweisen auf die künftige Ursache des Problems; sie
blicken uns an und verweisen auf die jetzige Ursache
des Problems. Wir blicken sie an und machen uns
Sorgen über die Wettbewerbsfähigkeit; sie blicken uns
an und verweisen auf unseren so viel besseren
Lebensstil und unseren Lebensstandard - den die

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�meisten von ihnen verzweifelt kopieren wollen, jedoch
zu hören bekommen, daß das aufgrund der Folgen für
die Umwelt für sie nicht in Frage kommt. Wie Präsident Clinton bei der Konferenz im Weißen Haus am
Montag erklärte, ist unser Problem mit China ein
nationales Sicherheitsproblem - es könnte sein, daß
China unserem Emissionsweg folgt und damit eine
Welt schaffen würde, in der wir alle nicht mehr leben
können. Wir blicken auf Kyoto und fordern, daß alle
Länder daran teilnehmen; die Entwicklungsländer
blicken auf Kyoto und stimmen zu, Aktionen durchzuführen - aber erst, wenn die Industrienationen
Schritte unternommen haben.
Historisch sind die Bündnisse der Entwicklungsländer
schwer zu durchbrechen, ungeachtet der häufig
großen Schwierigkeiten innerhalb der Gruppe. Wir
können das Bedürfnis kleiner Inselstaaten nachfühlen,
die sich durch den Anstieg des Meeresspiegels mit
ihrem Untergang konfrontiert sehen, auf aggressiven
Zielen zu bestehen. Wir können zu der Schlußfolgerung gelangen, daß es ein Fehler ist, alle Entwicklungsländer in einen Topf zu werfen - und wir können
vorschlagen, daß arme Länder, die praktisch nichts
emittieren, andere Verpflichtungen haben sollten als
die wohlhabenderen Länder, die einen beträchtlichen
Anteil an dem globalen Ganzen haben.
Wir können die Sorgen der Entwicklungsländer
ausräumen, daß Unterschiede beim Entwicklungsstand real sind, indem wir Flexibilität bei den Verpflichtungen bieten, auf deren Übernahme für sie wir
bestehen. Viele Entwicklungsländer akzeptieren, daß
sie eines Tages größere Verantwortung für den
Umgang mit dem Klimawandel übernehmen müssen sie schlagen jedoch vor, daß der geeignete Zeitpunkt
für solche Aktionen dann wäre, wenn sie eine bestimmte Schwelle der wirtschaftlichen Entwicklung
überschritten haben.
Wir können auch die Sorgen ansprechen, die Entwicklungsländer bezüglich des Ungleichgewichts bei
unseren Erwartungen zum Ausdruck gebracht haben daß von ihnen die Festlegung von Standards erwartet
wird, bevor wir unseren guten Glauben unter Beweis
gestellt haben. Dies wird am besten erreicht, wenn
unsere eigenen Programme voll finanziert werden und
wir aggressiv die Entwicklung der Technologien
anstreben, die für globale Reduzierungen erforderlich
sind.
Wir können durch unsere bestehenden bilateralen und
multilateralen Hilfsprogramme weiterhin aktive Zusammenarbeit zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern fördern. Der Beweis für den Erfolg dieser
Bestrebungen zeichnet sich in vielen Entwicklungsländern mit der Entwicklung erneuerbarer Technologien, dem Abbau von Subventionen, der Verbesserung
der Effizienz und der Umsetzung von Klimaaktionsplänen ab. Mit unserem eigenen Engagement können

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wir demonstrieren, daß wir diese Umweltbestrebungen
zu schätzen wissen und die Vereinigten Staaten den
Ländern zur Seite stehen, die in das langfristige und
globale Wohlergehen investieren.
Letztlich sind es die Aktionen selbst, die den internationalen Erfolg bei der Bewältigung des Problems des
Klimawandels ausmachen - nicht das Instrument, das
die Verpflichtungen kodifiziert, oder der Prozeß, durch
den die Aktionen ausgelöst werden können. Echte
Emissionsreduzierungen in allen Ländern der Welt zu
den geringsten Kosten sind unsere Ziele. Es mag
auch andere geben - und wir müssen sie alle zu
unserem Vorteil nutzen.
Ich schlage nicht vor, wir sollen unsere Meinung
ändern: Daß sowohl die Industrie- als auch die Entwicklungsländer handeln müssen, um die andauernde
und potentiell katastrophale globale Erwärmung zu
verhindern. Ich sage vielmehr, wir müssen das, was
wir von den Entwicklungsländern erwarten, mit einer
realistischen und fairen Einschätzung dessen verbinden, wie sie die Welt sehen. Das Ausmaß und der
Zeitpunkt der Verpflichtungen jedes Landes müssen im
Einklang mit seinen nationalen Fähigkeiten und seinem
Entwicklungsstand stehen.
Ausgewogenheit und
Fairneß müssen bewahrt werden. Und jedes Paket,
dem wir in Kyoto zustimmen, wird sicherstellen, daß
dies geschieht.
Unser Vorschlag für die Entwicklungsländer hat drei
Teile:
1.

Erfordert eine Fortsetzung der Förderung der
Umsetzung von Verpflichtungen: Er definiert
im Einzelnen, was das bedeutet und fordert
sie außerdem zur Erhöhung ihrer Energieeffizienz, der Betonung von marktorientierter
Preisfestsetzung, dem vermehrten Einsatz von
emeuerbaren Ressourcen, der Verbesserung
ihres Transportsektors - und im allgemeinen
zu Aktionen zur Bewältigung des Klimawandels auf, die wirtschaftlich für sich allein schon
gerechtfertigt sind.

2.

Er schafft eine neue Kategorie von Ländern
(Annex B), in denen die Entwicklungsländer
freiwillig rechtlich bindende Verpflichtungen zu
Emissionsbegrenzungen oder -reduzierungen
eingehen.

3.

Er sieht vor, daß alle Parteien sich letztlich auf
Bestimmungen einigen, so daß alle Parteien
(einschließlich der Entwicklungsländer) quantitative Treibhausgasemissionsverpflichtungen
haben und es einen Mechanismus für die
automatische Anwendung progressiver Verpflichtungen für Parteien auf der Grundlage
vereinbarter Kriterien gibt.

AMERIKA DIENST 21

�Obwohl wir bei den Verfahren, mit denen jedes dieser
Elemente Teil des Kyoto-Pakets wird, zu Flexibilität
bereit sind, sind wir hinsichtlich der Substanz weiterhin
absolut überzeugt. Die Entwicklungsländer müssen
eindeutig integraler Bestandteil der nächsten Schritte
sein, damit die Vereinigten Staaten in Betracht ziehen
können, Vertragspartei zu werden. Die Vereinigten
Staaten werden keine bindenden Verpflichtungen
eingehen, bis die Entwicklungsländer angemessene
Zusagen im Hinblick auf ihre eigenen Verpflichtungen
machen.
Entwicklung der Infrastruktur
Ich möchte mich nun der umfassenderen Frage
zuwenden, wie wir die Mechanismen entwickeln
wollen, um den Entwicklungsländern die geeigneten
Technologien zu vermitteln, damit wir ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels behilflich sein können.
Wir sind uns alle bewußt, daß die Emissionen der
Entwicklungsländer voraussichtlich im Rahmen ihrer
Wirtschaftsentwicklung steigen werden, wenn wir nicht
Abhilfe schaffen. Meiner Ansicht nach - und ich
glaube, das ist auch die Ansicht der meisten Mitglieder
dieses Komitees - wird es entscheidend sein, Wege
zur Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern bei
der Verringerung der Emissionen zu finden. Das muß
eine Priorität sein, unabhängig von dem Ansatz, den
wir über die Konvention oder irgendein anderes darauf
folgendes rechtliches Instrument wählen.
Was heißt das? Es heißt, wir müssen die nächsten
100 Gigawatt an energieerzeugenden Kapazitäten
aufbauen, um sauberer und effizienter zu sein. Es
heißt, wir müssen die globale Umweltfazilität voll
finanzieren. Es heißt, wir müssen versuchen, unsere
Bestrebungen zur Entwicklung von Initiativen für die
Förderung von Umwelt-Exportkrediten und -initiativen
fortzusetzen. Es heißt, wir müssen unsere Kreditvergabe über die multilateralen Entwicklungsbanken
und unsere bilateralen Hilfsprogramme rationalisieren,
um Umweltbelange abzudecken. Und es heißt, wir
müssen weiterhin Anstrengungen bei der Entwicklung
und Umsetzung der neuen Technologien der Zukunft
unternehmen.
Lassen Sie uns kurz zwei Entwicklungsländer betrachten, die am meisten emittieren: China und Indien.
Selbst nach mehr als einem Jahrzehnt außerordentlich
starken Wirtschaftswachstums ist China immer noch
ein wirklich unterentwickeltes Land. Auf Pro-KopfBasis beträgt das Bruttoinlandsprodukt rund 620
Dollar. Über 100 Millionen Chinesen haben immer
noch keine Elektrizität. In dem Versuch, die Energieknappheit im Inland zu beheben, fordert Chinas
Fünfjahresplan zusätzliche 70 Gigawatt an elektrizitätserzeugenden Kapazitäten vor dem Jahr 2001.
Das heißt, China wird in den nächsten vier Jahren
jeden Monat ein 1.000 Megawatt starkes Elektrizitätswerk hinzufügen müssen. Im Augenblick werden die

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meisten mit Kohle beheizt - die zur Zeit rund 75
Prozent der chinesischen Elektrizität erzeugt. Dennoch gibt es beträchtliche Möglichkeiten, China dabei
behilflich zu sein, mehr Gas und erneuerbare Energien
mit Gewinnchancen für amerikanische Unternehmen
einzusetzen.
Indien befindet sich in einer ähnlichen Kalamität.
Zwischen 1986 und 1995 stiegen die C02-Emissionen
um 40 Prozent, die Industrialisierung erfolgt durch
inländische Kohle. Zur Zeit hat Indien noch geringere
Pro-Kopf-Emissionen als China - und liegt nahezu
fünfmal unter dem Weltdurchschnitt von vier Tonnen
pro Person und ungefähr ein Zwanzigstel unter den
Emissionen der Vereinigten Staaten. Ebenso wie
China installiert auch Indien enorme Quantitäten neuer
energieerzeugender Kapazitäten - Pläne fordern die
Installation von 62 Gigawatt bis 2002. Ineffizienz und
schlechte Technologie beeinträchtigen die derzeitige
Infrastruktur des Landes. Zur Zeit gehen in Indien bis
zu 40 Prozent der erzeugten Elektrizität bei der
Übertragung und Verteilung verloren. Auch hier gibt es
Profitchancen für amerikanische Unternehmen.
Wir müssen Wege sondieren, um diese Länder zum
Aufbau einer klimafreundlicheren Energieinfrastruktur
zu ermutigen. Glücklicherweise stehen Möglichkeiten
zur Verfügung, in eine tragfähigere Richtung zu gehen.
Wir können beispielsweise mit den internationalen
Finanzinstitutionen (einschließlich der Weltbank und
den regionalen Entwicklungsbanken) zusammenarbeiten und von ihnen verlangen, daß sie die Auswirkungen der Finanzierung von Kraftwerken genauer
prüfen. Das könnte bedeuten, daß wir von einigen der
derzeitigen Lösungen abweichen müssen, die von den
internationalen Finanzinstitutionen als kostengünstigste angesehen wurden, weil die Schäden durch den
Klimawandel nicht in frühere Kostenrechnungen
eingegangen sein könnten. Wir würden einen intensiveren Dialog mit dem Kongreß über Wege zur Verbesserung der Kreditvergabestrategien für Energieprojekte begrüßen.
Viele der von den Entwicklungsländern durchzuführenden Aktionen werden gut für die globale Umwelt sein sie werden jedoch Geld kosten. Wir müssen die der
globalen Umweltfazilität zur Verfügung stehenden
Mittel aufstocken, die einen Teil der Kosten übernehmen möchte, um die Vorteile für die globale Umwelt zu
nutzen, die der Planet so dringend benötigt.
Wir müssen Wege sondieren, um auch unseren
Privatsektor in den Dialog einzubeziehen. Kommerzielle Energielieferanten suchen Chancen zur Energieerzeugung in Entwicklungsländern. Um das Meiste
aus diesen Möglichkeiten zu machen, benötigen wir
Mechanismen, die "Emissionsgutschriften" für solche
Investitionen von Firmen und/oder Industriestaaten
vorsehen. Wir benötigen andere Exportfinanzierungsbehörden, die Standards wie die Emissionsrichtlinien

Seite 5

�der Export-Import Bank für die von ihr unterstützten
Projekte einführen und gleichzeitig finanzielle Anreize
für amerikanische Exporteure und ausländische Käufer
bieten, die erneuerbare Energien und Technologieoptionen mit niedrigen Emissionen bei der Erfüllung
ihres Bedarfs an Energieerzeugung wählen. Maßnahmen wie die der Ex-Im Bank müssen mit der
globalen Erkenntnis und Akzeptanz starker Umweltkriterien einhergehen. Sobald unsere Firmen bewiesen haben, daß neue brennstoffeffiziente Technologien und erneuerbare Energiequellen kommerziell
tragfähig sind, können wir davon ausgehen, daß die
Entwicklungsländer diese Technologien schnell
einführen. Wir sollten auch Wege zur Ermutigung von
Forschung und Entwicklung für energieeffiziente und
erneuerbare Energien sondieren - sowohl durch
unseren Privatsektor als auch durch staatliche Finanzierung und Forschung. Die Entwicklung langfristiger Alternativen wird auf dem Weg zu einer

*

Seite 6

tragfähigen Zukunft von entscheidender Bedeutung
sein. Der Kongreß stand an vorderster Front bei der
Förderung von Investitionen des Privatsektors. Wir
würden einen weiteren Dialog darüber begrüßen, wie
unsere Umweltziele durch solche Mechanismen
vorangebracht werden können.
Es ist klar, daß diese Aktionen durchgeführt werden
müssen. Es ist jedoch ebenso klar, daß keiner dieser
wichtigen Schritte von der Administration im Alleingang
unternommen werden kann. Jeder benötigt die
Unterstützung des Kongresses. Die Aufmerksamkeit,
die der Senat dem Klimaproblem widmet, hat die
Bedeutung des Problems und die Notwendigkeit, alle
Länder in die Lösung einzubeziehen, in den Brennpunkt gerückt. Vor diesem Hintergrund müssen wir
jetzt zusammenarbeiten, um diese Lösung zu finden.
Genau das möchte ich jetzt tun.

* * * *

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�WIRTSCHAFT
29. Oktober 1997

Die Auswirkungen der EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Stellvertretenden
US-Finanzministers Lawrence H. Summers vor dem Haushaltsausschuß des Senats vom 21. Oktober 1997.

Guten Morgen. Ich freue mich, hier zu sein. Vor
vierzig Jahren war der Zusammenschluß der europäischen Volkswirtschaften durch die Einführung einer
gemeinsamen Währung das in weiter Ferne liegende
Ziel einige europäischer Denker. Heute scheint dieses
ehrgeizige Projekt kurz vor seiner Realisierung zu
stehen - und erregt hier in den Vereinigten Staaten
große Aufmerksamkeit.
Wie Sie wissen, beschlossen die europäischen Staatsund Regierungschefs 1992 mit der Unterzeichnung
des Maastrichter Vertrags über die Europäische Union
die Einführung einer einheitlichen Währung. Der
Vertrag enthält einen Zeitplan für die Einführung der
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU) bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Seitdem
ist die Umsetzung dieser Pläne ein großes Anliegen
der europäischen Politiker.
In etwas mehr als sechs Monaten kommt das Projekt
mit der Auswahl der ersten Mitglieder der neuen
Währungsunion in sein letztes Stadium. Weitere
knapp sechs Monate später, am 1. Januar 1999,
geben diese Länder die Kontrolle über ihre Währungspolitik und die Umsetzung ihrer Wechselkurspolitik an
die neue europäische Zentralbank ab, und die neue
Währung - der Euro - wird Realität.
Im Jahr 2002 könnte eine Reise durch große Teile
Westeuropas nicht mehr Gänge zum Devisenschalter
einer Bank erfordern als eine Reise quer durch die
Vereinigten Staaten.
Auf den Finanzmärkten herrscht eine wachsende und
weitverbreitete Überzeugung, daß die EWWU eingeführt wird, und daß das pünktlich geschieht. Daher ist
dies für diesen Ausschuß - und für die Vereinigten

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Staaten allgemein - ein äußerst angemessener
Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Dies ist im
Grunde eine europäische Angelegenheit, die von den
Europäern entschieden wird. Die Administration hat es
nie als angemessen für die Vereinigten Staaten
erachtet, sich an Debatten darüber zu beteiligen, ob
eine einheitliche Währung das Richtige für Europa ist,
wie die Struktur einer Währungsunion auszusehen hat
und noch viel weniger, welche Länder ihr angehören
sollten. Ich werde heute nicht von diesem Ansatz
abweichen. Diese Fragen müssen von den Europäern
selbst beantwortet werden. Ich möchte jedoch erörtern, welche Auswirkungen dieses Projekt einer
einheitlichen Währung wahrscheinlich auf die amerikanische Wirtschaft haben wird.
Ich möchte mich bei meinen Ausführungen auf drei
Themenbereiche konzentrieren: Erstens, welche
Auswirkungen die Einführung einer gemeinsamen
Währung auf die Europäische Union als bedeutende
Volkswirtschaft und internationalen Partner der
Vereinigten Staaten haben könnte; zweitens, wie sie
das internationale Finanzsystem als Ganzes beeinflussen könnte und drittens, wie wir uns auf diese
Veränderung vorbereiten.
I.

Die Auswirkungen der EWWU auf Europa und seine Partner

Wie Sie wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu Europa schon seit langem der Grundstein
unserer Wirtschafts- und Außenpolitik. Wir haben das
europäische Streben nach engerer Integration von
Anfang an unterstützt. Die Gründung der Montanunion, des Gemeinsamen Marktes, des Binnenmarktes

Seite 1

�und jetzt die Pläne für eine Erweiterung der EU - all
dies haben wir gefördert, und all dies liegt in unserem
ureigenen Interesse.
Wir haben dasselbe Interesse an der Einführung einer
einheitlichen Währung wie an jeder anderen bedeutenden Entwicklung in Europa. Uns ist damit gedient,
wenn die Wirtschaft dieser Region prosperiert und die
Öffnung von Märkten sowie die Stärkung ihrer Beziehungen zur Weltwirtschaft anstrebt. Europa wird
Vorteile durch eine Wirtschafts- und Währungsunion
haben, die diese Ziele unterstützt - und wenn Europa
prosperiert, erhöht das auch den Wohlstand in den
Vereinigten Staaten.
1.1

Die EWWU und europäisches Wirtschaftswachstum

Ein schnell wachsendes Europa bietet auch einen
dynamischeren Markt für unsere Exporte - und ist
weltweit für uns ein stärkerer Partner. Im vergangenen
Jahr überstieg unser gesamter Warenhandel mit der
EU 270 Milliarden Dollar - womit die EU nur von
Kanada übertroffen wird. Mehr als die Hälfte unserer
ausländischen Direktinvestitionen - nahezu 400
Milliarden Dollar - werden in Europa getätigt. Und wir
verzeichnen dabei einen Aufwärtstrend: Zwischen
1982 und 1995 stieg die Zahl amerikanischer Investitionen in Europa durchschnittlich um ungefähr 11
Prozent - etwas schneller als unsere Investitionen in
der übrigen Welt.
Diese Zahlen zeugen von den zahlreichen Handelsund Investitionsmöglichkeiten, die das Ergebnis der
jüngsten Schritte zu engerer europäischer Integration
sind. Es lohnt sich festzustellen, daß die engere
Abstimmung der Wirtschaftspolitik der einzelnen
Länder und die veränderten Erwartungen an die
Märkte im Zuge der Vorbereitungen auf die EWWU für
viele Länder signifikante wirtschaftliche Vorteile
beinhalten. In Italien sind beispielsweise die langfristigen Zinsen seit Anfang 1993 um 5,5 Prozentpunkte gefallen, da sich das Verhältnis zwischen den
italienischen und deutschen Wertpapierkursen durch

Jahren angestiegen ist. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in der EU betrug letztes Jahr mehr als 11
Prozent - ungefähr das Doppelte von 1979. In manchen Ländern ist jeder vierte Bürger im Alter von
Anfang Zwanzig arbeitslos, während fast die Hälfte der
Arbeitslosen seit mehr als einem Jahr keine Arbeit
mehr hat.
Teilweise als Ergebnis dieser Mängel des Arbeitsmarktes sah sich Europa in den letzten Jahren auch
mit gravierenden haushaltspolitischen Ungleichgewichten konfrontiert. Der Maastrichter Vertrag von 1992
legte Kriterien für den Beitritt zur EWWU fest, die
sicherstellen sollten, daß alle Mitglieder diese Probleme vor ihrem EWWU-Beitritt gelöst haben. Diese
Kriterien haben zahlreiche Regierungen zu beträchtlichen Fortschritten angespornt.
Der von den europäischen Staats- und Regierungschefs vergangenen Dezember in Dublin vereinbarte
Stabilitäts- und Wachstumspakt soll gewährleisten,
daß die Länder ihre Staatsverschuldung weiterhin
streng unter Kontrolle halten, wenn sie der EWWU
angehören. Aber ebenso wie die Vereinigten Staaten
sieht sich jedes europäische Land weiterhin der
Herausforderung der zunehmenden Alterung der
Bevölkerung gegenüber - einer Herausforderung für
die Rentensysteme und das Gesundheitswesen
gleichermaßen.
Die europäischen Regierungen haben wiederholt
darauf hingewiesen, daß sie die notwendigen Strukturreformen durchführen wollen, um die hohe Arbeitslosigkeit und diese drohenden finanziellen Engpässe
anzugehen. Wir haben jedoch gesehen, daß es oft
schwierig war, einen politischen Konsens über diese
Fragen zu erzielen - nicht zuletzt, weil bei vielen die
erforderlichen Reformen den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in Europa treffen, der sich im Laufe
dieses Jahrhunderts entwickelt hat.
Die Einführung der EWWU wird es für die Regierungen
entscheidender machen, diese Strukturreformen in
Europa fortzusetzen, damit dieser Kontinent ein

die erhöhten Erwartungen an einen Beitritt Italiens

stabiles Wachstum genießen kann.

angepaßt hat.
Dieses gestärkte Vertrauen des
Marktes in die italienischen Kapitalanlagen hat die
Darlehenskosten für die Regierung beträchtlich
gesenkt und einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen
Erholung Italiens geleistet.

Schocks für die inländische Nachfrage werden die
einzelnen Mitgliedstaaten der EWWU nicht mehr über
alle Freiheiten verfügen, mit einer Auf- oder Abwertung
ihrer Währungen oder der Senkung beziehungsweise
Erhöhung ihrer Zinssätze zu reagieren. Und angesichts der kombinierten Zwänge des Finanzstabilitätspakts, der bestehenden Schulden und Haushaltsdefizite können sie nicht länger steuerliche Anreize zur
Förderung des Wachstums geben.

Trotz aller positiven Auswirkungen dieser verstärkten
Integration zweifelt niemand daran, daß Europa immer
noch mit ernsthaften wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert ist - die gemeistert werden müssen,
wenn die EWWU erfolgreich sein soll.
An oberster Stelle der Liste steht die hohe Arbeitslosenrate in Europa, die - nur unterbrochen von
gelegentlichen Atempausen - seit den frühen achtziger

Seite 2

Im Falle eines

Sollte der Umgang mit der neuen Währung die Politiker
von der Notwendigkeit der Durchführung grundlegender Reformen ablenken, könnte die verringerte
ökonomische Autonomie der Teilnehmer zu Wachstumsverlusten führen. Das macht es um so ermutigen-

AMERIKA DIENST 21

�der, im gesamten europäischen politischen Spektrum
Stimmen zu hören, die einräumen, daß die EWWU
gelungene Strukturreformen voraussetzt und die Politik
in diese Richtung gehen sollte. Wie wir bei der
jüngsten Flut länderübergreifender Fusionen und
Akquisitionen gesehen haben, reagiert der europäische Privatsektor bereits auf die Erfordernisse der
neuen Situation. Für die Regierungen besteht die
Herausforderung darin, auf dem wachsenden Konsens
zugunsten des Wandels aufzubauen und diesen in zu
echten Strukturreformen führende Bahnen zu lenken.
1.2

Die EWWU und die Rolle Europas in der
Weltwirtschaft

Die EWWU darf die europäischen Politiker ebenso
wenig von ihren innenpolitischen Herausforderungen
ablenken wie von den Europa konfrontierenden
internationalen Herausforderungen. Von besonderer
Bedeutung in diesem Kontext ist die Erweiterung der
EU um verschiedene Länder des ehemaligen sowjetischen Blocks.
Dies ist ein ehrgeiziges Unterfangen, an dessen Erfolg
die US-Regierung interessiert ist. Obwohl die Schwierigkeiten und damit einhergehenden Kosten beträchtlich sein mögen, gilt das ebenso für die potentiellen
Ergebnisse. Die Osterweiterung bietet nicht nur die
Möglichkeit eines Transfers von Technologie und
Kapital, sondern auch von demokratischen und
marktorientierten Institutionen und Kulturen. Sie alle
würden viel dazu beitragen, den Übergang dieser
Länder zu marktwirtschaftlichen Demokratien langfristig zu festigen.
Allgemein wird es in den Jahren nach der Einführung
der EWWU für die Europäische Union sehr wichtig
sein, verbleibende Ängste über die Schaffung einer
"Festung Europa" durch die weitere Öffnung von
Märkten und die Stärkung der Verbindungen zur
Weltwirtschaft zu zerstreuen. Die EWWU wird für die
weitere Entwicklung der G-7 und die Art der Beteiligung Europas an internationalen Organisationen
wie beispielsweise dem Internationalen Währungsfonds bedeutsame Fragen auf werfen. Wir sehen einer
Zusammenarbeit mit der EU bei diesen Fragen im
nächsten Jahr nach der Auswahl der ersten Mitglieder
erwartungsvoll entgegen.
Bestrebungen zur Lösung dieser Fragen müssen ein
übergeordnetes Ziel haben: Daß Europa aus der
EWWU mit der Fähigkeit hervorgeht, bei politischen,
währungspolitischen und anderen Fragen auf der
internationalen Bühne eine aktive, konstruktive Rolle
zu übernehmen. Die logische Schlußfolgerung ist, daß
die europäischen Politiker es vermeiden müssen, sich
zu stark mit dem Aufbau und der Verfeinerung der
Architektur der Währungsunion zu befassen.

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II.

Die zukünftige Rolle des Euro im globalen
Finanzsystem

Die Einführung einer neuen europäischen Währung
am 1. Januar 1999 würde die größte Veränderung im
internationalen Währungssystem seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der
siebziger Jahre darstellen. Es wäre wirklich ein nie
zuvor dagewesenes Ereignis - in der europäischen
Geschichte und in der Weltgeschichte. Zweifelsohne
haben die Vereinigten Staaten großes Interesse an
den Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die
internationalen Finanzmärkte.
In diesem Zusammenhang wurden zwei Themenkomplexe angesprochen: Erstens die Auswirkungen der
EWWU auf die internationale Rolle des Dollar und
zweitens die möglichen Auswirkungen auf den kurzfristigen Handel und die Entwicklung der Wechselkurse. Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im
allgemeinen spekulieren wir nicht über die zukünftigen
Werte existierender Währungen, sei es unsere eigene
oder die anderer Länder. Diese Bescheidenheit
erstreckt sich zweifelsohne auf zukünftige Trends bei
der Bewertung von Währungen, die noch nicht existieren. Nach diesen allgemeinen Einschränkungen
möchte ich jedoch versuchen, ein paar generelle
Beobachtungen zu jedem dieser Themenkomplexe
anzustellen.
11.1

Der Dollar als Reservewährung

Man sollte sich immer wieder vergegenwärtigen, daß
der Stand des Dollar im internationalen Finanzsystem
im Vergleich zu anderen Währungen letztlich immer
stärker von den Entwicklungen in den Vereinigten
Staaten als von denen in anderen Ländern abhängt.
Man könnte sagen, der Schwarze Peter geht von uns
aus und kommt immer wieder zu uns zurück. Wenn
die Vereinigten Staaten entschiedene und glaubwürdige Maßnahmen ergreifen, bleibt der Dollar eine stabile
Währung: Das Schicksal des Dollar liegt großenteils in
unseren Händen.
Obwohl die internationale Verwendung des Dollar in
den siebziger und achtziger Jahren eine leichte
Abnahme verzeichnete, hat sie sich seitdem mehr als
stabilisiert. Im vergangenen Jahr wurden 64 Prozent
der offiziellen ausländischen Währungsreserven in
Dollar gehalten - verglichen mit ungefähr 57 Prozent im
Jahr 1990. Mit Blick auf die Zukunft erscheint der
Dollar einzigartig geeignet, von der charakteristischen
Entwicklung der Weltwirtschaft unserer Zeit und dem
Wachstum entstehender Märkte zu profitieren. Noch
offensichtlicher ist, daß ein sehr großer Teil der
internationalen Währungsreserven in Dollar gehalten
wird und die Mehrheit der grenzüberschreitenden
Transaktionen in Lateinamerika und Asien in dieser
Währung abgewickelt werden.

Seite 3

�Es ist schwierig, mit Sicherheit vorauszusagen, welche
Rolle der neugeschaffene Euro übernehmen wird.
Wer erwartet, daß er schnell an Bedeutung zunimmt,
deutet damit an, daß er die gemeinsame Währung von
Ländern sein wird, die einen beträchtlichen Teil des
globalen Output darstellen. Die Skeptiker weisen
darauf hin, daß die neue Währung keine Leistungen
vorweisen kann und die Investoren zuerst Fortschritte
bei der Preisstabilität sehen wollen, bevor sie eine
Verpflichtung eingehen. Trotz der eindeutigen Unterstützung der Mitgliedstaaten gibt es Zweifel hinsichtlich
des Funktionierens der Währungspolitik innerhalb des
neuen Systems - Zweifel, die letztlich nur von der
Erfahrung ausgeräumt werden.
Wenig Uneinigkeit besteht hinsichtlich der Frage, daß
sich internationale Devisenbestände - politische Fehler
großen Ausmaßes vorbehalten - nicht schnell ändern.
Insbesondere werden sich die europäischen Finanzmärkte nicht über Nacht verändern. Es stimmt, daß
die EWWU nahezu direkt zur Schaffung einer Vielzahl
von Vermögenswerten in Euro führen wird - das
Vielfache der derzeit in D-Mark vorhandenen. Es
erfordert jedoch Zeit, bevor dieses breite Spektrum
dem in den Vereinigten Staaten entspricht oder - vor
dem Hintergrund unterschiedlicher Ansichten über die
Kreditwürdigkeit der einzelnen Staatspapiere - der
Homogenität des amerikanischen Marktes für Staatsschulden.

keine Nation oder Region ihren Weg zu Wohlstand
abwerten kann. Im Verlauf dieses Jahrhunderts haben
wir gelernt, daß konkurrierende Abwertungen angesichts schlechter Bedingungen im Inland ein unzulänglicher Ersatz für konzertierte Anstrengungen zur
Inangriffnahme der innenpolitischen Wurzeln des
Problems sind. Das Gleiche gilt für Europa nach der
EWWU. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig,
daß das Wachstum auf festen Fundamenten steht einschließlich einer soliden und breitgefächerten
Binnennachfrage.
Und schließlich haben viele der Besorgnis Ausdruck
verliehen, daß die Finanzmärkte während der Übergangsphase zur EWWU ungewöhnlich großen
Schwankungen ausgesetzt sein könnten. In Anbetracht der Größenordnung der Veränderungen ist
dies keine unberechtigte Sorge. Wir glauben jedoch
nicht, daß es einen inhärenten Grund gibt, aus dem die
bisher angekündigten Vorbereitungen für eine einheitliche Währung eine beträchtliche Erhöhung der
Schwankungen auslösen könnten. Auf jeden Fall
sollte eine solche Erhöhung mit der Zeit abebben,
während sich die Märkte an das neue Umfeld gewöhnen.

Die wichtigsten europäischen Volkswirtschaften setzen
ihre Wechselkurse seit einiger Zeit untereinander fest,
wobei die Tendenz zu Schwankungen gering ist. In
diesem Sinne haben die Länder Europas bereits seit

Andere haben dargelegt, daß die EWWU langfristig zu
größeren Wechselkursschwankungen führen wird, weil
die Regierungen eine entspanntere Haltung gegenüber
Wechselkursfluktuationen einnehmen könnten. Die
logische Begründung ist, daß Wechselkursstörungen
auf kleine, offene Volkswirtschaften größere Auswirkungen haben. Europa ist aus einzelnen kleineren
Volkswirtschaften mit einem höheren Prozentsatz
zwischen Handel und Bruttoinlandsprodukt zusammengesetzt als die Vereinigten Staaten und ist aus
diesem Grund mehr an einer Dämpfung der Instabilität
des Wechselkursmarkts interessiert. Wenn die EWWU
eingeführt wird, werden die Mitglieder jedoch Teil einer
kollektiven Einheit sein, die ungefähr die Größe der
amerikanischen Volkswirtschaft mit einem ähnlichen
Handelsniveau haben wird. Daher wird argumentiert,
daß die europäischen Regierungen größere Wechselkursfluktuationen zulassen werden - eben weil dies ein

einigen Jahren eine gemeinsame Währungspolitik.

kleineres Problem ist.

Der generelle Ansatz jedes Landes spiegelt die
Erkenntnis wider, daß eine starke Währungspolitik
unerläßlich ist, um ein gesundes Umfeld für Investitionen und Wachstum zu schaffen - Investitionen und
Wachstum, die Europa benötigt, wenn es ernsthaft
gegen die Arbeitslosigkeit vorgehen will. Wir begrüßen
die weitverbreitete Erkenntnis der europäischen
Regierungen, daß eine solide Währungspolitik durch
ein starkes Finanzsystem und eine solide Haushaltspolitik unterstützt werden muß - und starke, unabhängige Zentralbanken voraussetzt.

Man könnte spekulieren, daß dies geschieht, und man
könnte dennoch argumentieren, daß die EWWU die
Wechselkursinstabilität tatsächlich dämpft, indem sie
die Versuchung verringert, kontraproduktive Bestrebungen zur Kontrolle der Wechselkurse zu unternehmen. Die bloße Bandbreite dieser Vorhersagen ist ein
Grund zur Vorsicht.

Selbst wenn es in den Jahren nach der EWWU
Bewegung in diese Richtung gäbe, würden unsere
Finanzmärkte zweifelsohne die liquidesten der Welt
bleiben. Vor diesem Hintergrund ist es sehr unwahrscheinlich, daß die Einführung des Euro in absehbarer
Zukunft bedeutende Auswirkungen auf die Kreditkosten in den Vereinigten Staaten haben wird.
11.2

Handel und Wechselkursschwankungen

Mit Blick auf die Zukunft sollten die Europäer sich
bewußt werden - was viele bereits getan haben - daß

Seite 4

Ich wiederhole - es ist absolut möglich, daß die EWWU
eher eine Kraft der Kontinuität sein wird. Schließlich
wird die externe Wechselkurspolitik der EWWUMitglieder wahrscheinlich der aktuellen deutschen
Politik sehr nahe sein, die auch der Japans und der
Vereinigten Staaten ziemlich ähnlich ist. Unter den

AMERIKA DIENST 21

�führenden Währungen wird es immer noch ein flexibles
Wechselkurssystem geben, das nicht auf bestimmte
Wechselkursniveaus abzielt. Und wir werden immer
noch einen effektiven Prozeß der Zusammenarbeit bei
der Währungs- und Wechselkurspolitik beibehalten,
wenn die Umstände solche Bestrebungen nahelegen.
IM.

Vorbereitungen auf die EWWU
Vereinigten Staaten

in den

Die EWWU ist in vieler Hinsicht ein umfangreiches und
ehrgeiziges Projekt. Allein die Größenordnung der
Veränderungen gibt Grund zur Sorge, daß etwas
falsch laufen könnte, jedoch keinen Grund, daß etwas
falsch laufen wird. Das Finanzministerium, die Bundeszentralbank und andere Behörden beobachten die
Entwicklungen sorgfältig, haben jedoch keinen Anlaß
zu der Vermutung, daß die Ereignisse eine ungewöhnliche Reaktion unsererseits erfordern werden.

Informationsmanagement sehr viel tun - Arbeit, die
angesichts der Nähe der EWWU wahrscheinlich in den
kommenden Monaten beschleunigt werden muß.
Es wurde beispielsweise Besorgnis über die speziellen
Schwierigkeiten bei der Vorbereitung von Computersystemen für die EWWU geäußert - Probleme, die in
vieler Hinsicht denen für das Jahr 2000 vorhergesehenen vergleichbar sind. Diese Probleme und durch die
Einführung einer einheitlichen Währung aufgeworfene
Rechtsfragen könnten erforderlich machen, daß Bankund Wertpapieraufsichtsbeamten die Aufmerksamkeit
auf das Problem lenken und sicherstellen, daß die
Firmen zur Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber Kunden
und Handelspartnern bereit sind. Obwohl ich den
amerikanischen Unternehmen nicht garantieren kann,
daß die EWWU wie versprochen eingeführt wird,
möchte ich ihnen raten, vorbereitet zu sein.
IV.

Die europäischen Regierungen, die Zentralbanken und
der Privatsektor treffen praktisch alle Vorbereitungen
für dieses Projekt. Vertreter des Finanzministeriums
und der Bundeszentralbank kommen mehrere Male
pro Jahr auf vielen Ebenen mit ihren europäischen
Amtskollegen zusammen. Es überrascht nicht, daß die
EWWU im vergangenen Jahr ein wichtiges Thema
dieser Diskussionen war. Ich möchte hinzufügen, daß
die Regierung der Vereinigten Staaten bei den meisten
Vorbereitungen für die EWWU keine direkte Rolle
spielt.
Für Privatunternehmen, die aktiv am internationalen
Handel, an Finanztransaktionen beteiligt oder in
Europa tätig sind, ist es anders. Sie müssen in den
Bereichen Rechnungs- und Finanzwesen sowie

*

AMERIKA DIENST 21

Schlußfolgerung

Ich möchte mit dem Punkt abschließen, mit dem ich
begonnen habe. Die Vereinigten Staaten haben ein
starkes wirtschaftliches und sicherheitspolitisches
Interesse an einem stabilen und wohlhabenden
Europa - das unser Interesse an einer Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion weckt, die der Region
die Stärke und das Vertrauen vermittelt, die sie
benötigt, um die Reformen und die weitere Integration
ihrer Wirtschaft in die der übrigen Welt fortzusetzen.
Ich sage gerne, wenn die EWWU für Europa funktioniert, wird sie auch für die Vereinigten Staaten funktionieren. Je mehr die einheitliche Währung Europa bei
der Entwicklung einer robusten und gesunden, für die
Weltmärkte offenen Wirtschaft behilflich ist, desto
willkommener wird das Projekt sein.

* * *

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

Deutschland und Amerika:
Eine selbstverständliche Partnerschaft
vor neuen Herausforderungen
von Botschafter John Kornblum
DESSAU - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des amerikanischen Botschafters John Kornblum bei
der vierten American Business Conference in Schloß Köthen am 17. Oktober 1997.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
zu unserer vierten American Business Conference
möchte ich Sie herzlich begrüßen. Der Aufbau Ost und
die Förderung amerikanischer Investitionen in den
neuen Bundesländern bleibt uns ein wichtiges
Anliegen. Diese Konferenz soll in Zusammenarbeit mit
unseren deutschen Partnern amerikanischen Firmen
neue attraktive Betätigungsfelder in den neuen
Bundesländern aufzeigen und das schon beträchtliche
amerikanische Engagement im Osten Deutschlands
festigen.
Die Tatsache allein, daß wir uns zum vierten Mal
treffen, zeigt, daß wir nach dem Ende des Kalten
Krieges dabei sind, neue Tradition zu entwickeln. Wir
alle, Sie und ich, wirken an der Neudefinition unserer
Beziehungen mit.
Das Neue stellt sich nicht zufällig und spontan ein. Es
bedarf der Überlegung und Reflexion. Wir müssen die
Richtung angeben, aus der wir kommen und in die wir
gehen möchten.
Natürlich nehmen die Wirtschaftsbeziehungen nach
Ende des Kalten Krieges einen neuen Stellenwert ein.
Diese Konferenz und Ihre Anwesenheit sind der beste
Beleg dafür. Doch werden auch sie nur florieren, wenn
sie in einen Rahmen des historischen Bewußtseins der
politischen
Bedeutung
unserer
Kooperation
eingebunden sind.
Aus diesem Grund möchte ich den Auftakt zur
diesjährigen Konferenz in Sachsen-Anhalt zum Anlaß
nehmen, nicht nur über die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen unseren Nationen, sondern über unser

AMERIKA DIENST 21

Verhältnis in seiner ganzen Breite und in seinem
historischen Kontext zu sprechen.
Ich betrachte Deutschland und Amerika als
selbstverständliche Partner. Das galt für die Zeit des
kalten Krieges und das gilt auch heute.
Darum
entbehrt auch all das Gerede und Geraune um eine
Entfremdung zwischen Deutschland und Amerika nach
Ende des Kalten Krieges jeglicher Grundlage.
Warum sind wir selbstverständliche Partner? Natürlich
spielt hier die Geschichte eine Rolle. Wir waren dies
nicht immer, wie zwei Weltkriege in diesem
Jahrhundert gezeigt haben. Aber der demokratische
Wiederaufbau Deutschlands und das Zusammenstehen während der kommunistischen Bedrohung
haben unsere Nationen sehr nahe gebracht.
Sicherlich hat sich in dieser Zeit die viel beschworene
Wertegemeinschaft gebildet.
Aber was die
Selbstverständlichkeit der Partnerschaft in der
Nachkriegszeit begründet hat, ist - so glaube ich - der
pragmatische Umgang mit diesen Werten im
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Alltag.
Dieser Pragmatismus, der in Amerika vielleicht schon
seit Pioniertagen verankert ist und ja auch in einer
philosophischen Schule Ausdruck gefunden hat, ist
unseren Völkern gemeinsam.
Seit wir ihn in der
Nachkriegszeit als Basis des gemeinsamen Handelns
entdeckt haben, hat er uns erlaubt, ohne ideologische
Grundsatzstreitigkeiten zu tragfähigen Lösungen aller
dringlicher Probleme zu kommen.
Ich kenne jedenfalls keine andere Nation, mit der wir
selbst bei Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen so

Seite 1

�schnell zu tragfähigen und zukunftsweisenden
Lösungen kommen können. Diese Fähigkeit macht
Deutschland und die USA zu selbstverständlichen
Partnern.
Die Liste von Erfolgen, mit der ich diese These
belegen könnte, ist lang. Sie reicht von der Abwehr
kommunistischer Pressionen wie der Berlin-Blockade
in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur
Zusammenarbeit bei der Erweiterung der NATO heute.
Aber der größte Erfolg der pragmatischen
Partnerschaft ist die Wiedervereinigung Deutschlands
gewesen.
Daran müssen wir uns bei dieser
Konferenz erinnern, denn ohne diesen Erfolg wären
wir heute nicht hier. Die deutsche Wiedervereinigung
hat sicherlich viele Väter: Die völlige Diskreditierung
des Totalitarismus, sein wirtschaftlicher Zusammenbruch und der Mut und die Entschlossenheit der ihm
unterworfenen Bürger, ihn mit friedlichen Mitteln zu
beseitigen.
Bundeskanzler Kohls Entschlossenheit, die deutsche
Einheit herbeizuführen und die vorausschauende
Politik von Michael Gorbatschow sind sicherlich
entscheidende Faktoren gewesen.
Aber ohne
amerikanisches Zutun wäre die Vereinigung auch nur
schwer vorstellbar gewesen.
Die Vereinigten Staaten hatten keine Bedenken oder
Furcht vor einem wiedervereinten Deutschland. Ja,
wir Amerikaner waren davon überzeugt, daß die
Wiedervereinigung ein berechtigtes Anliegen ist und
daß sie dem Frieden in Europa dienen würde.
Wir haben den Wiedervereinigungsprozeß deshalb
vorbehaltslos unterstützt. Wir wollten ihn aber auch
steuern und in einem stabilen Rahmen halten, der die
Interessen aller Beteiligten berücksichtigt. Dies haben
wir zuerst durch die Prinzipien getan, die Präsident
Bush Ende 1989 formuliert hat, wozu vor allem das
Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes und
der Vollzug der Vereinigung im Rahmen der deutschen
Mitgliedschaft in der NATO und anderen europäischen
Organisationen gehörten.
Zweitens, haben wir einen Verhandlungsrahmen
vorgeschlagen, die sogenannten Zwei-Plus-VierVerhandlungen, die das internationale Fundament für
den Vereinigungsprozeß legten. Die amerikanische
Präsenz und strategische Partizipation waren damit
gesichert. Und schließlich konnten wir auch Rußland
dafür gewinnen.
Deutsche und Amerikaner zogen hierbei von Anfang
an an einem Strang. Unsere enge Zusammenarbeit
mündete in eine pragmatische Strategie zur
Überwindung der Teilung Deutschlands.

Seite 2

Als jemand, der sein ganzes professionelles Leben an
der Überwindung des europäischen Totalitarismus
gearbeitet hat, erfüllt mich dieser Erfolg mit großer
Genugtuung und Stolz. Die deutsche Vereinigung hat
in eindrucksvoller Weise die Selbstverständlichkeit
unserer Partnerschaft bestätigt.
Ich habe viel Verständnis für die praktischen
Probleme, die das Zusammenwachsen der beiden
Hälften Deutschlands mit sich bringt. Ich habe aber
überhaupt kein Verständnis für Kleinmut und
Wehleidigkeit.
Die Vereinigung hat nämlich das
geschaffen, was Deutsche und Amerikaner als
wesentliche Voraussetzung ihrer Partnerschaft und der
Organisation des gesellschaftlichen Lebens ihrer
Länder ansehen: Freiheit für alle Menschen in
Deutschland und Europa.
Nur in Freiheit sind politische Selbstbestimmung und
sinnvolles Zusammenleben möglich, nur in Freiheit
sind produktive wirtschaftliche Betätigung und
Prosperität möglich, nur in Freiheit kann sich kulturelle
Kreativität entfalten.
Ich werde nicht so schnell vergessen, wie ich in den
achtziger Jahren nach Dessau kam und dort das
Bauhaus suchte.
Kein Hinweisschild machte auf
diese
zentrale
Institution
der
westlichen
Architekturgeschichte aufmerksam. Man mußte sich
mühevoll
durchfragen,
um
das
offizielle
Schweigegebot der kommunistischen Machthaber zu
durchbrechen.
Heute sind Dessau und das Bauhaus wieder Teil der
freien Welt, wie die neuen Bundesländer Teil der
freiheitlichen Demokratien und einer freiheitlichen
Wirtschaftsordnung sind. Möglich wurde dies auch
durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit
zwischen Deutschland und Amerika.
Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir die
deutsche Vereinigung bewältigt haben, müssen wir
auch die zukünftigen Aufgaben anpacken.
Dazu
gehört auch der wirtschaftliche Wiederaufbau in den
neuen Bundesländern, der ja schon in erstaunlichem
Maße fortgeschritten ist.
Ich war letzte Woche mit Kanzler Kohl bei der
Einweihung der Guardian Glas-Fabrik, die viele von
ihnen heute auch besucht haben. Ich denke, daß sie
nicht umhin konnten, von der zukunftsweisenden
Modernität der Anlagen beeindruckt zu sein. Hier in
den neuen Ländern entstehen augenblicklich die
modernsten Industriestrukturen in Europa. Und das
sollte uns Hoffnung geben.
Amerikanische Firmen sind an dem industriellen
Aufbauprozeß als größter ausländischer Investor an
vorderster Front beteiligt. Die Zahlen brauche ich hier
nicht zu wiederholen. Das Opel-Werk ist eines der

AMERIKA DIENST 21

�modernsten in Europa und der ganzen Welt.
Der
Landmaschinenhersteller Case wird in Sachsen sein
Zentrum für die Erschließung des osteuropäischen
Marktes einrichten.
Guardian
und
Case
folgen
dem
Beispiel
herausragender Firmen wie Dow Chemical, Advanced
Micro Devices und Morrison-Knudsen.
Ich bin mir
sicher, daß sie nicht die letzten sein werden.
Wir wissen natürlich alle, daß es noch viel zu tun gibt,
insbesondere was den Arbeitsmarkt und eine
nachhaltige, sich selbst tragende, industrielle Struktur
anbelangt.
Aber die enormen Fortschritte, die der Aufbau Ost
sieben Jahre nach der Vereinigung gebracht hat, sind
unübersehbar: Die neuen Länder bieten eine moderne
Infrastruktur, in einigen Bereichen sogar moderner als
im
Westen,
die
Produktivität
hat
erheblich
zugenommen, und die Qualität der Produkte braucht
keinen Vergleich mehr zu scheuen.
Auch dem
Raubbau an der Umwelt ist ein Ende gesetzt worden.
Das reale Bruttoinlandsprodukt ist seit 1991 um 39
Prozent gestiegen, die Lebensverhältnisse der Bürger
haben sich dem westlichen Niveau stark angenähert.
Die neuen Länder sind ein höchst attraktiver Markt mit
zahlungskräftigen Konsumenten.
Was Investoren vor allem aber anziehen sollte, ist die
Tatsache, daß die neuen Länder in den letzten sieben
Jahren einen grundlegenden und schmerzlichen
Strukturwandel durchgemacht haben. Hier im Osten
war man bereit, Wandel unter großen Opfern zu
akzeptieren, der in den alten Bundesländern auf
großen Widerstand gestoßen wäre.
Darum sind ständiges Klagen, Wehleidigkeit und
Nostalgie völlig fehl am Platz. Hier sind Menschen,
die veränderungsbereit sind, die offen sind für neue
betriebliche Strukturen, neue Vertriebsformen und vor
allem für neue Ideen. Hier gibt es die Bereitschaft,
Risiken und Wagnisse einzugehen. Die neuen Länder
sind nicht die Region der Stagnation in Deutschland,
sondern der Veränderung!
Welche Rolle können die Vereinigten Staaten beim
wirtschaftlichen
Aufbauprozeß
in
den
neuen
Bundesländern spielen? Es dürfte uns allen klar sein,
daß staatliche Hilfe und Staatsinterventionen nicht die
Antwort sein können. Die Hauptlast, aber auch die
Hauptchancen, müssen von privaten Unternehmen
getragen werden. Ich glaube, daß dies auch der
langfristige Trend der deutschen Politik gegenüber den
neuen Bundesländern ist - selbst bei Fortbestand der
effektiven staatlichen Förderungsprogramme.

Dienstleistungsorientierung und eine flexible Mischung
von Vermarktungs- und Herstellungsmethoden. Sie
sind deshalb besonders in der Lage, Anstöße für neue
Strategien zu geben, internationale Märkte zu
erschließen und so die neuen Länder besser in den
globalen Markt zu integrieren.
Einen großen Beitrag zum Wiederaufbau
in
Ostdeutschland
könnten
vor
allem
kreative
Finanzierungsintrumente leisten, insbesondere die
größere Verfügbarkeit von Wagnis- und Risikokapital.
Amerikanische Finanzinstitute und Investitionsbanken
haben große Erfahrung auf diesem zukunftsträchtigen
Gebiet.
In den Vereinigten Staaten gehen etwa 60 Prozent des
Risikokapital in Zukunftindustrien, in den Hightech- und
Biotechbereich. Das heißt, die Verfügbarkeit des
Risikokapitals schafft die Industrien der Zukunft. Da in
den neuen Bundesländern die Verfügbarkeit von
Risikokapital ein besonderes Problem ist, denke ich,
daß amerikanische Bankhäuser und Investoren mit
ihrer Bereitschaft, Risiken einzugehen und ihren
kreativen Finanzierungsmechanismen eine besonders
nützliche Rolle spielen können.
Die Mobilisierung von Risikokapital ist deshalb eines
der wichtigen Themen unserer Konferenz.
Ein
anderes Thema werden Investitionen in den
Umweltschutz sein. Trotz sehr großer Fortschritte
bleibt die Umweltsanierung in Ostdeutschland ein
wichtiger Bestandteil des Aufbau Ost. Beispiele sind
die
vielen
Industriebrachen,
die
enormen
Umweltschäden,
die
die
Besatzungstruppen
hinterlassen haben, und die Konsequenzen der
Braunkohleförderung im Tagebau. Hier geht es nicht
nur darum, die Umweltschäden zu beseitigen, sondern
Gebiete für Neuinvestitionen und Industrieansiedlung
zu erschließen.
Amerikanische Firmen können hier maßgeschneiderte
Lösungspakete anbieten, die sich auf innovative
integrierte
Umwelttechnologie
stützen,
die
Verschmutzung an der Quelle bekämpft, anstatt teure
Nachrüstungsverfahren
zu
benutzen.
Für
amerikanische Firmen bieten sich die neuen
Bundesländer als ein wichtiger Standort an, um auch in
Osteuropa
Fuß zu fassen, wo der
größte
Nachholbedarf an Umwelttechnologie besteht.
Die neuen Bundesländer sind ein attraktiver Standort.
Wie
verträgt
sich
diese
Aussage
mit
der
Standortdebatte? Lassen Sie mich nur soviel hierzu
sagen. Ich habe wenig Anlaß für eine Standortschelte.
Das deutsche Wirtschaftsmodell ist eines der
erfolgreichsten in der modernen Wirtschaftsgeschichte
gewesen. Angesichts des globalen Wettbewerbs sind
Anpassungen sicherlich erforderlich.

Amerikanische Firmen bieten innovative Produktionsund Herstellungsverfahren, eine starke Kunden- und

AMERIKA DIENST 21

Seite 3

�Deutschland ist dabei, eine Vielzahl von Maßnahmen
zur Verbesserung der Standortbedingungen zu
ergreifen. Der Bundeskanzler selbst hat die Initiative
ergriffen, um ein Finanzmarktförderungsgesetz und
eine Aktienrechtsreform auf den Weg zu bringen. Er
war dabei sehr offen für amerikanische Anregungen.
Deutschland wird ein besserer Standort.
Gleichzeitig liegt mir nichts ferner, als ein
amerikanisches Modell zu propagieren oder für alle
gültige Patentlösungen aus Amerika anzubieten. Die
haben wir nicht. Unsere Länder haben alle spezifische
Probleme und ihre eigenen Traditionen und
Erwartungen. In Deutschland etwa ist das Bedürfnis
nach kollektiver sozialer Absicherung höher entwickelt
als in den USA. Das muß man respektieren. Zur
selbstverständlichen Partnerschaft gehört eben auch,
daß jeder seine eigenen Lösungswege bei der
Bekämpfung von wirtschaftlichen Problemen geht.
Wichtig ist nur, daß das endlose Reden und
Debattieren aufhört und Handeln an die Stelle von
Worten tritt. Belastend für unser Verhältnis wäre nur
ein Deutschland, das in politische Lähmung verfällt.
Doch ist diese Gefahr sehr gering. Auf meinen Reisen
und bei meinen Gesprächen in Deutschland treffe ich
nur auf Menschen in der Politik und in der Wirtschaft,
die veränderungswillig sind. Ich habe keine Zweifel
daran, daß Deutschland die Herausforderungen der
Zukunft meistern wird.
Wie sollen sich unsere Beziehungen in der Zukunft
entwickeln? Die Basis ist gelegt und tragfähig, die
Beziehungen, wie ich sie beschreibe, sind
selbstverständlich geworden. Gerade deshalb aber
dürfen sie nicht in Routine erstarren. Sie brauchen
ständig neue Impulse - aus der Politik, aus der
Wirtschaft und aus der Kultur.
Die neuen Länder sind ohne Zweifel eine Tatsache,
die uns veranlassen sollte, ausgetretene Routinepfade
zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. Wenn
es um neue Formen der wirtschaftlichen Kooperation,
des wissenschaftlichen Austauschs oder der
Zusammenarbeit im Umweltschutz geht, dann sollen
die neuen Länder an vorderster Front stehen.
Die Wiedervereinigung hat den Horizont der
deutsch-amerikanischen Beziehungen erweitert und
für neue Handlungsfelder gesorgt. Dies wird sich noch
mehr mit dem Umzug der Regierung und unserer
Mission nach Berlin zeigen, wenn die neuen Länder
praktisch vor unserer Haustür liegen.
Deutschland und Amerika werden weiterhin in
selbstverständlicher Partnerschaft verbunden bleiben,
aus dem einfachen Grund, daß es häufig kein
besseres Tandem bei der Lösung vieler Probleme gibt.
Dies hat sich gerade bei grundlegenden

Seite 4

außenpolitischen
Fragen erwiesen, wie der
Friedenserhaltung in Bosnien, der Erweiterung der
NATO oder der Zusammenarbeit bei der Stabilisierung
der Ukraine.
Das gilt auch für neue Herausforderungen wie den
Klimaschutz, die Bekämpfung des internationalen
Verbrechens, der Bestechung und des Drogenhandels.
Die Aufrechterhaltung eines freien
Welthandelssystems, die Vermeidung von Finanzkrisen im internationalen Weltwährungssystem und die
Förderung von Marktwirtschaft und Demokratie in
Rußland und den anderen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion sehen Deutschland und Amerika als
Projekte von überragendem gemeinsamen Interesse.
Natürlich wird es manchmal
innenpolitische
Widerstände geben.
Die "Innenpolitiker" haben
gelegentlich andere, aber durchaus
legitime
Prioritäten. Das gilt für den amerikanischen Kongreß
wie für den Bundestag und die dort vertretenen
Parteien. Aber seit dem Zweiten Weltkrieg haben die
innenpolitisch orientierten Kräfte verstanden, daß sie
nicht die Agenda in den internationalen Beziehungen
bestimmen können. Ihren Anliegen und Bedenken
muß Rechnung getragen werden, aber sie sind weise
genug, auf beherrschenden Einfluß zu verzichten.
Das gilt für unsere beiden Nationen und sichert unsere
Handlungsfähigkeit.
Die Vereinigten Staaten haben immer den
europäischen Integrationsprozeß unterstützt, weil er
ein unverzichtbarer Garant der Stabilität in Europa ist.
Dazu gehört das Ziel, eine gemeinsame Währung
einzuführen. Wir wünschen, daß Europa enger
zusammenwächst und noch effizientere Märkte
hervorbringt.
Unsere Unternehmen haben vom Binnenmarkt
genauso profitiert wie europäische Unternehmen. Wir
hoffen, daß die Kooperationsfähigkeit in der
internationalen Währungspolitik voll erhalten bleibt.
Auch dies ist ein Gebiet, wo Deutschland und Amerika
identische Interessen haben.
Als größtes und wichtigstes Mitgliedsland in der EU hat
Deutschland so viel Gewicht, daß wir auf einen Dialog
mit Deutschland in EU-Angelegenheiten gar nicht
verzichten können. Starke Beziehungen zwischen den
USA und Deutschland stärken auch die Europäische
Union. Es gibt kein Nullsummenspiel zwischen guten
deutsch-amerikanischen Beziehungen und guten
Beziehungen zwischen der EU und den USA.
Vielmehr sind beide feste Bestandteile eines
lebendigen transatlantischen Verhältnisses.
Vor uns stehen große Aufgaben. Meiner Ansicht nach
können diese Aufgaben nur zu einer Intensivierung der
Beziehungen führen.
Die Agenda wird sich
ausweiten, nicht schrumpfen.
Die Schwerpunkte

AMERIKA DIENST 21

�werden sich dabei möglicherweise etwas verschieben.
Wirtschaftsfragen werden einen größeren Stellenwert
einnehmen. Aber an der Zentralität und an der
Selbstverständlichkeit der Beziehungen wird sich
nichts ändern.
Unsere Beziehungen werden bei sich verändernden
Problemen und Herausforderungen immer wieder
Neudefinitionen unterworfen sein, aber keiner
Grundrevision, sondern einem ständigen Prozeß des

"finetuning". Dieses "finetuning" ist kein natürlicher
Prozeß, dem wir ausgesetzt sind, sondern wir alle
können ihn aktiv gestalten. Diese Konferenz ist eine
von vielen Gelegenheiten, an ihm mitzuwirken, und wir
sollten diese Gelegenheit heute und morgen nicht
verstreichen lassen.
Ich danke Ihnen und wünsche unserer Konferenz den
besten Erfolg.

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

John C. Kornblum im Sender Freies Berlin

Interview mit dem amerikanischen Botschafter

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 30. September 1997 nach seinem
Antrittsbesuch beim Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, im Sender Freies Berlin gab.

Frage: Neuer Amerikanischer Botschafter in Deutschland, John Kornblum. Was macht eine Metropole aus,
und wie weit sind wir hier in Berlin von wahrer Internationalität noch entfernt? Oder sind wir sogar schon
Mittelpunkt für Wissenschaft, Kultur und Ideen Europas?
John Kornblum, der neue Botschafter der Vereinigten
Staaten in Deutschland, Jahrgang 1943, Großeltern
aus Ostpreußen Ende des vorigen Jahrhunderts nach
den Vereinigten Staaten ausgewandert. Europa,
Deutschland und besonders Berlin sind der Dreh- und
Angelpunkt einer Karriere, die Mitte der sechziger
Jahre in Hamburg begonnen hatte als amerikanischer
Vizekonsul. Jetzt muß man ganz lange ausholen:
Mitwirkender sind Sie gewesen beim Aushandeln des
Viermächteabkommens, politischer Chef der Berliner
US-Mission, Amerikas Botschafter bei der NATO,
KSZE, Leiter der Abteilung für europäische und
kanadische Angelegenheiten im State Department,
Chefunterhändler für Bosnien und jetzt in Deutschland.
Herr Kornblum, Peter Ustinov, der Spötter, hat kürzlich
gesagt, Diplomaten sind nichts anderes heutzutage
mehr als Oberkellner, denen es erlaubt ist, sich hin
und wieder zu setzen. Ist das tatsächlich eine stimmende Beschreibung?
Kornblum: Nein, ist es nicht. Bei der Bewirtung von
Gästen haben wir doch viel zu tun. Ich habe das
gerade heute in Berlin noch mal gesehen. Aber ich
behaupte - und ich glaube, ich habe auch Recht Botschafter und Diplomaten sind sogar wichtiger
geworden.

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Frage: Warum?
Kornblum: Weil durch die Medien - durch Fernsehen,
aber auch zunehmend durch das Internet - die Kommunikation zweifellos schneller wird. Aber das heißt,
die Möglichkeiten von Mißverständnissen werden
ebenfalls größer. Man sieht also - und es ist mir auch
bei Bosnien mehrmals passiert - man sieht ein Zweisekundenstück auf CNN und sagt: Aha, da ist etwas
passiert. Und wenn man schnell schaltet und sagt,
dann sagen wir denen die Meinung, ohne einen
Botschafter oder jemand anderen vor Ort, ohne
jemanden, der vielleicht doch Cocktailpartys gegeben
hat oder, wenn er gut ist, Essen gegeben hat oder
Gespräche mit den Menschen geführt hat, ein wenig
Vertrauen gewonnen hat. Wenn man das alles nicht
hat, dann kann man sehr sehr schnell zu Mißverständnissen und teilweise zu großen Konfrontationen
kommen. Also Botschafter sind sehr wichtig, aber sie
müssen natürlich ihre Aufgabe verstehen.
Frage: Heutzutage telefoniert Helmut Kohl mit Bill
Clinton direkt. Sie tauschen sich aus. Was hat der
Botschafter da für eine Rolle?
Kornblum: Der Botschafter hat da folgende Rolle:
Erstens, in diesem Fall, Helmut Kohl gut zu kennen,
die Agenda auch gut zu kennen, Bill Clinton auf diesen
Anruf vorbereitet zu haben. Auch nachher, nachdem
das Gespräch vorbei ist - sie reden sehr selten länger
als fünf oder vielleicht zehn Minuten - die Vereinbarungen durchzuführen oder auch die Differenzen
irgendwie zu glätten. Wie gesagt, die Existenz eines
Telefons bedeutet nur, daß die führenden Staatsleute

Seite 1

�öfter miteinander reden können. Aber es ist auch nicht
ihre Rolle, nachher die Arbeit zu machen.
Frage: Willy Brandt hat 1989 gesagt: "Nichts mehr
wird so sein, wie es war." Das ist eingetreten. Welche
Rolle hat Deutschland unter den neuen Bedingungen
aus der Sicht der Vereinigten Staaten?
Kornblum: Ich glaube, man muß die ganze Sache in
einem möglichst großen Kontext sehen. Man kann
nicht sagen, welche genaue Aufgabe Deutschland jetzt
hat. Das geht nicht. Deutschland ist, wie wir wissen,
in diesem Jahrhundert ein dramatisches Land gewesen, ein Land mit sehr vielen Höhepunkten, aber auch
den wahrscheinlich tiefstmöglichen Tiefpunkten. Und
das ist teilweise auf Entwicklungen innerhalb Deutschlands zurückzuführen, aber auch auf die ganze
europäische Konstruktion. Was ist für Amerika jetzt
am Ende des Jahrhunderts wichtig? Wir wollen
erstens natürlich, daß es Frieden gibt. Wir wollen, daß
es einen demokratischen Frieden gibt. Wir wollen
auch, daß die Völker Europas - nicht nur bis zur Oder,
sondern bis Moskau - in Demokratie, Frieden und
Wohlstand leben. Um all dies zu erreichen, muß es
Zusammenarbeit und Stabilität geben. Und wenn wir
unsere Agenda zusammenstellen, müssen wir fragen,
welche Punkte für uns wichtig sind. In sehr vielen
Fällen - nicht immer, es gibt auch Bereiche, wo
Deutschland nicht so direkt beteiligt ist - in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist Deutschland einer
der wichtigsten Partner, die wir haben.
Frage: Deutschland mußte in der Vergangenheit - die
Bundesrepublik Deutschland, die alte - außenpolitische
Aktionsräume eigentlich nicht durchmessen. Sie war
ein Trittbrettfahrer, nicht zuletzt der Vereinigten
Staaten. Jetzt kommt eine eigene Verantwortung auf
dieses Land zu. Wenn Sie jetzt, der Sie Deutschland
sehr gut kennen, die mentale Situation der Deutschen
heute einschätzen: Sind sie für diese größere Verantwortung, die sie wahrnehmen müssen, gerüstet?
Kornblum: Es wäre auch nicht richtig, wenn Deutschland auf einmal eine andere Verantwortung bekommen
würde.
Deutschland hatte immer eine wichtige
Verantwortung. Sie war nur anders definiert. Die
Tatsache, daß das Land in Demokratie und Freiheit
wiederaufgebaut ist, war auch schon eine wichtige
Aufgabe für Europa. Es ist zehn Jahre her, seit ich
Berlin im Sommer 1987 verlassen habe. Wenn ich
jetzt hierher komme, spüre ich, rieche ich ein Land,
das neu gemacht wird. Hier in Berlin natürlich eine
Stadt, die vor unseren Augen neu gebaut wird. Aber
auch Deutschland wird kräftig durchgeschüttelt. Und
ich glaube, da ist ein Prozeß im Gange, bei dem man
nicht weiß, was am Ende herauskommt. Aber man
kann sehen, daß Deutschland Schritt für Schritt eine
andere Rolle für sich definiert, und daß die Erfüllung
dieser Rolle auch vorangeht, z.B. die Rolle der Bundeswehr in Bosnien. Ein sehr gutes Beispiel.

Seite 2

Frage: Ist Deutschland heute eine Großmacht?
Kornblum: Nein, Deutschland ist keine Großmacht.
Ich glaube, es gibt - wenn ich das sagen darf und es
sich nicht anmaßend anhört - im Moment nur eine
richtige Großmacht auf der Welt: die Vereinigten
Staaten. Das wird womöglich nicht immer so bleiben.
Aber für diese Phase, nach dem Ende des Kalten
Krieges, gibt es nur ein Land, das selbstbewußt seine
Ressourcen, geografische Position etc. einsetzt, um
eine wichtige Rolle in der Welt zu spielen. Europa
könnte eine Großmacht sein. Deutschland ist ein sehr
wichtiger Bestandteil von Europa.
Frage: Ist der Eindruck richtig, daß die Vereinigten
Staaten darauf aus sind, den ostmitteleuropäischen
Raum besonders der Bundesrepublik zuzuteilen und
allein das Verhältnis zu Rußland zu betreiben?
Kornblum: Nein. Diese These habe ich nie gehört.
Nein. Was wir wollen - und Präsident Clinton hat das
gleich am Anfang seiner Amtszeit gesagt - wir wollen,
daß Europa, und dazu gehört auch Rußland, integriert
wird. Das heißt nicht, daß alles EU wird. Oder alles
NATO wird. Sondern daß Europa ein integriertes
Gefühl von Frieden und Freiheit und auch Wohlstand
hat. Und daß die Beziehungen unter den europäischen Staaten organische und natürlich auch positive
werden. Mitteleuropa - Mittel- und Osteuropa, wie man
öfter sagt - ist sehr wichtig für Deutschland, weil es
natürlich immer dazugehört hat. Und es wurde
künstlich abgeschnitten, wegen der Linien, die am
Ende des Krieges gezogen wurden. Wichtig ist, daß
Ost- und Mitteleuropa jetzt in ein gemeinsames Europa
integriert werden. Und wichtig ist auch, daß Rußland
ein Gefühl der Offenheit hat. Daß Rußland auch sieht,
daß man eine Partnerschaft mit ihm haben möchte und
daß es keine künstlichen Grenzen gibt zwischen
irgendeinem Europa und einem Rußland. Und wir
müssen alle daran arbeiten. Da ist keine Frage von
irgendeiner Reservierung Rußlands für die Vereinigten
Staaten. Ganz im Gegenteil. Wir wollen das zusammen mit unseren europäischen Partnern machen.
Frage: Ist imperiale Bestrebung Rußlands mit Demokratie vereinbar?
Kornblum: Ich würde sagen, daß imperiales Bestreben, wenn es so verstanden wird, wie ich das verstehe, sehr selten mit Demokratie vereinbar sein kann,
weil Demokratie einem solchen Verhalten normale
Grenzen setzt. Aber ich sehe im Moment kein imperiales Bestreben Rußlands. Ich glaube, Rußland ist mit
sich selbst beschäftigt. Rußland muß auch eine sehr
sehr unsichere und teilweise sehr schlimme Vergangenheit überwinden. Wir werden in den nächsten
Jahren, ich weiß nicht wie lange, sehen, daß Rußland
sehr mit sich selbst beschäftigt sein und Partnern auch
etwas mißtrauisch gegenüberstehen wird. Und das ist
auch der Sinn unserer gemeinsamen Beziehungen,

AMERIKA DIENST 21

�zwischen Deutschland, Europa, Amerika und Rußland,
daß wir ihnen ein wenig die Wege glätten. Daß wir
ihnen durch die Grundakte NATO-Rußland nicht nur
schöne Worte, sondern auch eine konkrete Partnerschaft bieten.
Frage: Warum ist eine NATO-Erweiterung aus Sicht
der Vereinigten Staaten nötig?
Kornblum: Die NATO hat immer verschiedene Rollen
gespielt. Eine der wichtigsten Rollen war als Grundlage für die anderen Arten von Integration in Europa.
Durch Sicherheit, durch Partnerschaft und auch durch
Integration. Wenn wir das ernst meinen, wenn wir
sagen, daß die ursprünglichen Ziele der atlantischen
Partnerschaft auch in Europa ausgeweitet werden
müssen, dann ist es auch von Bedeutung, daß die
wichtigsten Institutionen, das heißt NATO und EU in
diesem Sinne, nicht geschlossen bleiben. Daß wir
nicht sagen, hier ist der Westen, hier soll alles Teil des
Westens sein, nur nicht Teil unserer Institutionen
werden. Daß man auch ein dynamisches Gefühl hat.
Daß diese Prinzipien auch dynamisch sind. Und
deshalb ist eine Erweiterung der NATO, aber auch der
EU - diesen Herbst werden wahrscheinlich die ersten
Schritte beschlossen - nicht nur praktisch notwendig
oder gut, sondern auch symbolisch und idealistisch
sehr wichtig. Daß wir zeigen, daß unser Westen keine
künstlichen Grenzen gezogen hat.
Frage: Gehört Rußland zu Europa?
Kornblum: Rußland ist teils europäisch, teils nicht.
Wie die Vereinigten Staaten. Ich finde es sowieso
nicht richtig, hier irgendwelche willkürlichen Grenzen
zu ziehen. Europa hat ein Bewußtsein, und dieses
Bewußtsein wird sich entwickeln.

Kornblum: Sie haben Willy Brandt zitiert: "Nichts wird
mehr so sein, wie es war." Wenn das so ist - und ich
persönlich meine, daß das so ist - dann wird es
natürlich eine längere Phase des Umbruchs geben,
gewaltige Veränderungen geben, neue Beziehungen
geben, und man kann nicht erwarten, daß das sehr
einfach ist. Ich zitiere auch Beispiele aus meiner
eigenen Vergangenheit, aber auch aus der deutschamerikanischen Vergangenheit, um diesen Punkt
teilweise zu unterstreichen. Wenn wir hier vor zehn
Jahren gesessen hätten - was wir beide eigentlich
auch getan haben - wie war die Diskussion in Deutschland über Amerika? Arbeitslosigkeit, Inflation, Kriminalität, Umweltschäden etc. etc. Man hat sogar von
manchen in Europa einen gewissen mitleidenden Ton
gehört, als solche Dinge diskutiert wurden. Ich werde
nie vergessen, wie ich hier in Berlin ein Pressegespräch hatte. Ich sagte, wir sind mitten in einem
Umwälzungsprozeß. Und eine Sache, die bei uns
völlig geändert wird, ist diese bürokratisierte Stadt.
Europa ist sehr bürokratisiert, und Sie werden sehen,
daß das geändert werden muß. Sie haben gelacht. Ich
sage das jetzt sehr offen. Sie haben gelacht. Sie
erwiderten: "Sie meinen, wir sind überbürokratisiert?"
Wir haben den Weg gefunden. Was meine ich damit?
Was ich damit meine ist, wir Amerikaner haben eine
lange, schmerzhafte Phase hinter uns. Mit großen
Konfrontationen. Und jetzt stehen wir am Ende der
neunziger Jahre sehr gut da. Aber es hat uns sehr
sehr viel gekostet. Diese Phase hat, ich würde sagen,
in Europa zehn Jahre später angefangen. Sie sind
noch in der ersten Halbzeit. Und das wird auch enorm
viele Schwierigkeiten bringen, sehr viel Konfrontation,
sehr viel Debatte. Und es bleibt natürlich offen, wie
das am Ende aussehen wird. Aber daß sich hier Dinge
ändern, ist klar. Ist man darauf vorbereitet? Ich würde
sagen, nein. Man ist nie auf solche Umwälzungen
vorbereitet.

Frage: Welches Bewußtsein hat Europa?
Frage: Sind Sie zuversichtlich?
Kornblum: Das werden wir sehen. Europa hat
mindestens ein Bewußtsein als ein Kulturland, als eine
Idee, als eine Geschichte. Rußland ist teils europäisch, teils nicht. Wichtig ist, daß diese Ideale, die auch
sehr stark durch die Vereinigten Staaten vertreten
werden, nicht anderen verschlossen bleiben.
Frage: Was ist Deutschland heute mental für Sie? Ich
komme noch mal darauf zurück, Sie haben vorhin
gesagt, Sie spüren, dieses Land ist in einem Umbruch,
hier verändert sich enorm viel. Hat der Botschafter der
Vereinigten Staaten den Eindruck, daß die Deutschen
auf diese neue Situation eingestellt sind?
Kornblum: Ich würde sagen, wahrscheinlich nein.
Aber das wundert mich auch nicht.
Frage: Warum nicht?

AMERIKA DIENST 21

Kornblum: Im Grunde ja. Wenn ich dieses Land
sehe, wenn ich die Talente und das hier aufgebrachte
Kapital - ich meine jetzt finanziell, aber auch menschlich - sehe, dann glaube ich nicht, daß Deutschland
eine schlechte Zukunft hat. Ich glaube, daß es jetzt
nicht unbedingt klar ist, wie diese Zukunft aussehen
wird und wie erfolgreich sie sein wird. Da ist doch
Arbeit zu leisten, ohne Frage. Ich will das jetzt hier
nicht alles schönmalen. So meine ich das nicht. Ich
meine nur, daß solche Änderungen immer Schweiß
und Blut kosten.
Frage: Wenn die Deutschen unter jetzt normalen
Bedingungen in einer Situation hektischen Stillstands,
wie man ihn vielleicht beschreiben könnte, ihre
Interessen definieren, dann werden sie in Kollision
kommen mit anderen. Und die Gefahr besteht - und
das ist glaube ich auch eine Befürchtung in diesem
Lande - daß sie von der Vergangenheit eingeholt

Seite 3

�werden. Daß ihnen etwas entgegengestellt wird: Da
war doch was, 1933-45, und daß das auch instrumental benutzt werden kann.
Kornblum: Ich würde nicht sagen, daß diese Gefahr
nicht besteht. Aber diese Gefahr besteht seit Anfang
der Bundesrepublik. Und es hat auch Kapitel gegeben, wo diese Gefahr vielleicht stärker gesehen wurde
als andere. Aber bis jetzt hat die Bundesrepublik
dieses Schicksal, wenn Sie wollen, sehr gut gehandhabt. Das war, gebe ich zu, in der meisten Zeit
auf der Basis der alten Bundesrepublik. Jetzt gibt es
das vereinigte Deutschland. Man wird meines Erachtens jetzt sehen müssen, daß es konkrete Probleme gibt, die man anpacken muß. Und diese Probleme
können nur in den seltensten Fällen allein gelöst
werden - vor allem für ein Land wie Deutschland, das
bei seinen 82 Millionen Einwohnern immer noch
verhältnismäßig begrenzt in seinen Möglichkeiten ist
und wo das nur zusammen mit anderen gemacht
werden kann. Und ich sehe keinen Grund zu fürchten,
daß die politische Führung in diesem Land das anders
sieht.
Frage: Sie haben von draußen zugesehen, wie die
Deutschen den Streit um die Hauptstadt ausgefochten
haben. Was war denn Ihre Reaktion auf diesen Streit?
Kornblum: Ich kann Ihnen die amerikanische Reaktion beschreiben. Das ist noch wichtiger als meine.
Man hat es nicht verstanden. Aber ich glaube, daß es
zu verstehen ist, wenn man die Geschichte betrachtet.
Aber für Amerikaner, Engländer, Franzosen, andere wenn man 50 Jahre lang versucht hat, wiedervereinigt
zu sein und die Hauptstadt wieder zu errichten - war
das eine klare Sache. Und es wurde bei uns sehr viel
darüber berichtet und nicht immer ganz verstanden,
worum es sich handelte.
Frage: Was ist diese Stadt heute, wenn sie wieder
politisches Zentrum werden wird in absehbarer Zeit?
Wie wird sich diese Stadt, die Sie ja in- und auswendig
kennen aufgrund Ihrer langjährigen Aufenthalte hier in
Berlin, wie wird sich die Stadt verändern? Gibt es eine
Prognose von Ihnen?

Frage: Berlin war die Grundlage für die deutschamerikanische Freundschaft. Es war auch die Grundlage für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Die Blockade als ein ganz wesentlicher Punkt für
dieses Verhältnis. Ist diese Stadt heute gerüstet für die
neue Zeit, die auf sie zukommt? Ich meine damit, Herr
Kornblum, in der Vergangenheit war diese Stadt - der
Westteil der Stadt - nicht in den Blutkreislauf der alten
Bundesrepublik Deutschland einbezogen. Sehen Sie
hier die Ressourcen für das Bild, was Sie gerade
beschrieben haben?
Kornblum: Ja doch, ich sehe sie. Ich bin völlig Ihrer
Meinung, ich würde das vielleicht sogar noch stärker
sagen. Zwei Ereignisse - die Berliner Wahl im Oktober
1946, die nicht gerade so ein riesiges historisches
Ereignis für viele ist. Aber ich habe mich ziemlich in
die Sache vertieft: Es hat viele beeindruckt in Amerika,
daß alle Berliner so gewählt haben und auch so
demokratisch gewählt haben so kurz nach dem Krieg.
Und zweitens die Blockade und die Reaktion der
Berliner auf die Blockade. Und danach die Luftbrücke.
Das hat mehr als nur Freundschaft zementiert, was es
bestimmt auch getan hat. Es hat für die Vereinigten
Staaten auch eine Grundlage für ein Engagement in
Europa geschaffen. Weil es sehr wichtig war. Und es
hat - wie Sie eben angedeutet haben - zu einer ganz
besonderen Beziehung geführt. Ich bin jetzt einer, der
glaubt, Berlin braucht sich nicht zu rüsten für eine neue
Beziehung zu den USA oder eine neue Rolle in
Europa. Berlin braucht eine neue Rolle nicht einstudieren. Berlin wird einfach Berlin sein. Und, wie
gesagt, eine kritische Größe. Und diese kritische
Größe wird eine Rolle für Berlin definieren. Ich weiß
nicht genau, wie das aussehen wird. Aber es wird da
sein. Und mich interessiert es nicht so sehr, wie diese
Stadt vorbereitet ist. Sie wird einfach da sein und eine
sehr große Rolle spielen.

Was hat sie für Fähigkeiten,

was hat sie für Nachteile?
Kornblum: Es gibt Städte auf der Welt - und interessanterweise teilweise völlig unabhängig von ihrer
geografischen Lage, ihrer Kultur, ihrer Sprache - die
einfach eine Größe erreichen, wo sie sich selbst
produzieren. Wirtschaft, Kultur, Menschen, Ideen,
Streitereien. Sie werden eine Kultur für sich. Wir
haben New York. Ich glaube, Amerika hat mindestens
drei davon. New York, Chicago, und neuerdings Los
Angeles. Berlin ist eine solche Stadt. Daß Berlin jetzt
wieder eine Stadt in einem vereinigten Land ist, mit
den ganzen Potentialen, die hier sind, auch mit offenen
Grenzen nach Osten und Süden - und Westen natürlich - macht sie zu einer sogenannten kritischen Masse

Seite 4

und einem unheimlichen Anziehungspunkt. Die Stadt
wird Impulse geben und wird mitten in Europa wenn
nicht der einzige Platz, bestimmt der wichtigste Platz,
wo Kultur, Ideen und auch Streitereien produziert
werden.

Frage: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen der
Vergangenheit waren ganz besonders geprägt durch
personale Beziehungen, die bestanden. Von Leuten
hier zu den Vereinigten Staaten dort. Diese personalen Beziehungen lassen sich nicht beliebig konservieren, weil die Umstände sich ändern, auch die Leute
nicht mehr da sind. Gibt es da ein Vakuum?
Kornblum: Vielleicht im Moment, weil wir so zwischen
zwei Phasen sind. Aber die Tatsache, daß die Bundesregierung hier sein wird, die Tatsache, daß Berlin
sich wieder als eine Stadt entwickelt, wird meiner
Meinung nach zu einer neuen Art von persönlichen
Beziehungen führen. Es gibt sie teilweise schon, ich
kenne junge Menschen, oder jüngere Menschen in der

AMERIKA DIENST 21

�Geschäftswelt oder der Kunst oder der Architektur. Ich
kenne zwei junge Architekten in Washington. Sie
haben an sich nichts mit Deutschland zu tun, aber sie
fahren alle zwei Jahre nach Berlin, nur um zu sehen,
was hier passiert. Wie wird diese neue Art von
Beziehungen aussehen? Sie wird wahrscheinlich in
Zukunft nicht mehr so strukturiert sein.
Frage: Auch nicht mehr so gefühlsbetont?
Kornblum: Ja, mag sein. Das kommt darauf an, was
Sie mit gefühlsbetont meinen. Es wird nicht so sehr
gefühlsbetont in dem Sinne, daß man sagt, dies sind
ganz besondere Beziehungen für uns. Es wird aber
vielleicht sogar noch gefühlsbetonter, wenn man sagt,
um das so salopp auszudrücken: "Mensch, das ist ein
toller Platz."
Frage: Die Deutschen haben eine Befürchtung, die in
diesem Land kursiert: Sie sagen, jetzt gibt es nur noch
eine Weltmacht - das sind die Vereinigten Staaten und diese Weltmacht orientiert sich hin in den pazifischen Raum, weg von dem europäischen Kontinent.
Ist der Eindruck stimmend?
Kornblum: Es stimmt, daß Asien wichtiger wird. Es
stimmt auch, daß man an der Westküste eine Orientierung nach diesem neuen Asien spürt. Aber ich glaube,
es handelt sich wieder um die Frage, was gute,
wichtige Beziehungen in dieser neuen Zeit bedeuten.
Vor dem Fall der Mauer waren Beziehungen unter
Staaten, unter Ländern, unter Völkern ein bißchen
stilisiert, wie man sagt. Man interessierte sich für
Europa. Wenn man sich nicht für Europa interessierte,
hatte das - vielleicht nur im Hinterkopf - die Bedeutung,
die ganze Friedensstruktur würde nicht mehr bestehen. Jetzt befinden wir uns in einer ganz offenen,
vielfältigen Welt. Was mich in den letzten Jahren
immer wieder interessiert hat, auch bei meiner Arbeit in
Washington, war, wie unwichtig es war, diese Vision
zu haben, und wie wichtig es war, einfach die Aufgaben zu erfüllen. Und wie ich am Anfang unseres
Gesprächs gesagt habe: Bei den Aufgaben, die wir
uns selber stellen - und mit "wir" meine ich die Vereinigten Staaten - müssen wir uns fragen: Was wollen
wir für die Gesundheit, für die Sicherheit unseres
Volkes erreichen? Die überwiegende Mehrzahl dieser
Interessen fließen durch Europa. Und das wird meiner
Meinung nach auch in Zukunft so sein.
Frage: Es gibt zwei verschiedene Versionen. Die
eine sagt, John Kornblum habe Ronald Reagan 1987
bei seiner Rede vor dem Brandenburger Tor den Satz
"Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"
hineingeschrieben. Andere sagen, nein, das hat er
nicht getan. Welche ist denn richtig?

Frage: Wenn Sie heute zurückschauen: Gab es für Sie
einen Zeitpunkt, oder vielleicht sogar ein dauerndes
Gefühl, diese Situation in diesem Deutschland im
allgemeinen, und in diesem Berlin im besonderen, wird
sich eines Tages ändern, möglicherweise sogar bis hin
zu einer deutschen Wiedervereinigung?
Kornblum: Ja, das ist immer schwierig zu beantworten, ohne dabei zu übertreiben. Aber ich habe
immer daran geglaubt, daß es sich ändern würde, und
zwar aus verschiedenen Gründen. Nicht nur, weil ich
da emotionell engagiert war, sondern weil ich die Lage
doch sehr gut kennengelernt habe und mir irgendwie
klar war, daß diese Teilung, dieser Kalte Krieg sich
nicht ewig halten könnte. Gab es Zeitpunkte? Ich
glaube, es gab zwei für mich. Einmal war Solidarnosc
Anfang der achtziger Jahre, die Gewerkschaftsbewegung in Polen, wo ganz klar war, daß sich das
dortige System nicht halten konnte. Und zweitens
interessanterweise, noch viel subtiler, Sommer 1986.
Damals begann ich, nebenbei gesagt, den ReaganBesuch zu konzipieren. Die Mauer bestand, Sie
erinnern sich, seit 25 Jahren. Und es hat ziemlich viele
Gedenktage und Fernsehsendungen gegeben. Ich
habe mehrere Interviews im Fernsehen gegeben deutsch-amerikanische, englische. Und als man die
Lage dort und auch die Reaktion des Ostens, also der
DDR, betrachtete, war ganz klar - nicht daß da irgendwie Aufruhr gewesen wäre oder Opposition - daß diese
Mauer zunehmend unbedeutend wurde. Und sozusagen der Lage nicht mehr gerecht wurde. Und
irgendwie bekam ich in dem Sommer das Gefühl,
diese Mauer wird sich nicht lange halten.
Frage: Wann zieht der Botschafter John Kornblum in
die neue Botschaft Amerikas am Pariser Platz?
Kornblum: Die Amerikanische Botschaft wird ab
Sommer 1999 in Berlin voll funktionieren. Wir sind
schon hier. Aber ab Sommer 1999 wird es keine
Amerikanische Botschaft Bonn mehr geben. Wann wir
in das neue Haus ziehen, ist noch nicht klar, aber ich
würde sagen, es wird kurz nach der Jahrtausendwende sein.
Frage: Für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
war das Aspen Institute in Berlin eine wichtige Institution. Es gibt es weiterhin. Sein letzter Leiter ist
leider verstorben - ein Kollege von Ihnen. Was wird
aus dem Institut?
Kornblum: Erstens ist es nicht meine Verantwortung.
Aber ich weiß, daß der Vorstand nach einem neuen
Direktor sucht. Und ich glaube, wenn sie diese Person
finden, werden sie die Aktivitäten des Instituts sehr
unterstützen. Ich kann nur sagen, daß ich dieses
Institut weiterhin sehr stark unterstützen werde.

Kornblum: Ich habe versucht, in diese Debatte nicht
hineingezogen zu werden, weil es keinen Sinn hat.
Man weiß, was man gemacht hat.

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�Frage: Als amerikanischer Botschafter in Deutschland, herzlich willkommen hier in Berlin, in Deutschland. Vielen Dank für das Gespräch.

Kornblum: Herzlichen Dank,

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 21

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                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Problem des Klimawandels reflektiert neue Realitäten des 21. Jahrhunderts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wirth: Europäer befürworten "unrealistische" Ziele&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Auswirkungen der EWWU&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Deutschland und Amerika: eine selbstverständliche Partnerschaft vor neuen Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;John C. Kornblum im Sender Freies Berlin&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit dem amerikanischen Botschafter&lt;/em&gt;</text>
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omcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20

15. Oktober 1997

DER WEG ZU FORTSCHRITTEN IN BOSNIEN

BOSNIEN

Rede des Nationalen Sicherheitsberaters
Samuel Berger

GLOBALISIERUNG

GLOBALISIERUNG UND DIPLOMATIE
von Strobe Talbott

UMWELT

UNSERE GLOBALE ZUKUNFT: KLIMAWANDEL
von Timothy Wirth

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�BOSNIEN
15. Oktober 1997

Der Weg zu Fortschritten in Bosnien
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor der Georgetown University am 23. September 1997 erörterte der
Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, Samuel Berger, die Richtung der amerikanischen Politik in
Bosnien. Nachfolgend veröffentlichen wir seinen vorbereiteten Redetext.

Ich möchte heute zu Ihnen darüber sprechen, wie weit
wir auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden in
Bosnien gekommen sind und in welche Richtung wir
uns bewegen - über die von uns erzielten Fortschritte
und die uns konfrontierenden Herausforderungen.
Nach einem so tiefgreifenden und bitteren Konflikt wie
dem in Bosnien kann man diese Nation leicht als von
der Geschichte verflucht, in jahrhundertealtem Haß
verhaftet, abschreiben. Die Flüchtlingsströme, die
ausgemergelten Gefangenen, die blutigen Marktplätze
- diese Erinnerungen sind lebhaft und führen leicht zu
Zweifel und Angst.
Einige sagen, Bosnien könne nie den Konflikten seiner
Vergangenheit entrinnen. Aber obwohl wir von der
Vergangenheit informiert werden müssen, dürfen wir
nicht durch sie gefangen genommen werden - wir
dürfen nicht zulassen, daß sie die Gegenwart überschattet oder die Zukunft vorherbestimmt. Bei der
Einschätzung der Aussichten für Bosnien müssen wir
mit einem sich selbst korrigierenden Realismus
vorgehen, nicht mit einem sich selbst zerstörenden
Pessimismus.
Die Vereinigten Staaten haben heute ebenso wie vor
zwei Jahren - als die amerikanische Führungsrolle die
Kämpfe militärisch durch die NATO und diplomatisch
durch die Verhandlungen von Dayton beendete großes und dauerhaftes Interesse an Frieden und
Stabilität in Bosnien.
Wenn wir erörtern, wo wir in Bosnien stehen, müssen
wir mit dem Anfang beginnen. Vor weniger als zwei
Jahren, als die Gespräche in Dayton aufgenommen
wurden, war Bosnien eine vom schlimmsten Konflikt in

AMERIKA DIENST 20

Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zerrissene und in
Trümmern liegende Nation. Gegnerische Armeen
standen sich in einem Land gegenüber, das von
Schützengräben durchzogen und mit Landminen
übersät war. Bosnien war buchstäblich dezimiert
worden: Mehr als jeder Zehnte - 560.000 - waren
getötet oder verwundet worden. Die Hälfte der
Überlebenden - 2,1 Millionen Menschen - wurden aus
ihrer Heimat vertrieben. 80 Prozent waren von
Nahrungsmittellieferungen der Vereinten Nationen
abhängig. 90 Prozent waren arbeitslos. Unter
amerikanischer Führung war ein zerbrechlicher
Waffenstillstand in Kraft getreten, aber die Flammen
des extremen Nationalismus und ethnischen Hasses
loderten immer noch glühend rot.
Unter so verzweifelten Umständen kann keine Nation
sich selbst wiederbeleben und zu einer friedlichen
Aussöhnung gelangen. Zur Zeit des Daytoner Abkommens gab es für ein amerikanisches Engagement
in Bosnien allein aus humanitären Erwägungen
zwingende Gründe. Ohne die Unterstützung der
Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft wäre Bosnien mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlich wieder in Gewalt und Verzweiflung
versunken.
Unser Interesse war jedoch nicht nur humanitärer Art.
Unter diesen Umständen wäre Bosnien auch weiterhin
eine Quelle gefährlicher Instabilität in Europa geblieben. Wir haben aus harter Erfahrung in diesem
blutigen Jahrhundert gelernt, daß Amerikas Sicherheit
und Europas Stabilität eng verbunden sind. Ohne
Brandmauern gegen ethnischen Haß hätte sich der
Krieg in Bosnien leicht zu Brennpunkten wie dem
Kosovo, Albanien und Mazedonien ausweiten können

Seite 1

�und mehrere der neuen Demokratien in Europa in
Gefahr gebracht. Ein größerer Konflikt hätte die vitalen
Interessen Griechenlands und der Türkei bedroht zwei unserer engsten Verbündeten und wichtige
Mitglieder der NATO.
Ein größerer Konflikt hätte in der Tat Zweifel an der
Lebensfähigkeit des Bündnisses selbst aufkommen
lassen. Zuzulassen, daß nationalistische Aggressoren
Bosnien in der Mitte Europas zersplittern, hätte die
Aussichten für den Aufbau eines neuen, demokratischen, ungeteilten und in Frieden lebenden Europas
unterminiert - eines Europas, das die Sicherheit der
Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert stärken kann.
Hätte der Frieden nicht Fuß gefaßt, hätten die Vereinigten Staaten nicht zur Seite stehen können, als die
humanitären friedenssichernden Bemühungen der
Vereinten Nationen scheiterten und Südosteuropa
erneut vor einem Krieg stand.
Aus diesem Grund haben wir und unsere Partner uns
unter Präsident Clintons Führung nicht nur zur Eindämmung des Konflikts, sondern auch dazu verpflichtet, dem bosnischen Volk bei der Schaffung eines
echten Friedens behilflich zu sein. Wir und die
internationale Gemeinschaft taten uns mit den in
Dayton vertretenen Parteien zusammen, um drei Ziele
zu erlangen: Den Waffenstillstand zu sichern und die
Chancen für erneute Kämpfe zu verringern, den
Parteien beim Aufbau einer einzigen Nation mit einem
Gleichgewicht zwischen übergreifender Einheit und
Autonomie für die beiden Gebietskörperschaften zu
helfen und ihnen die Chancen zur Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu bieten.
Dayton hat außerordentlich umfangreiche und komplexe militärische und politische Bestrebungen in Gang
gebracht. Die von der NATO angeführte IFOR übernahm die Verantwortung für die Entflechtung der
gegnerischen Parteien, überwachte den Gebietsaustausch, setzte den Waffenstillstand durch, entmobilisierte die Armeen, überwachte die Verlegung schwerer Waffen in Lagerhallen und schuf das für den
Beginn der politischen und wirtschaftlichen Gesundung
unerläßliche sichere Umfeld. Sie führte ihr Mandat mit
großem Geschick und Entschlossenheit aus. Die
Nachfolgetruppe - SFOR - erhält diesen Standard
heute aufrecht und bewahrt die erforderliche Stabilität,
damit der Dayton-Prozeß täglich Fortschritte erzielen
kann. Bei diesen Missionen hat sich die NATO
erfolgreich der größten Herausforderung gestellt, mit
der sie sich seit dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert sah und - in Zusammenarbeit mit Soldaten aus
Rußland, der Ukraine und den meisten anderen
unserer europäischen Partnerländer - ihre unerläßliche
Rolle bei der Gewährleistung der künftigen Sicherheit
Europas unter Beweis gestellt.
Zusammen mit den militärischen Bestrebungen leitete
die internationale Gemeinschaft auch eine Mission für

Seite 2

die zivile Umsetzung von Dayton in die Wege - um den
ehemaligen Feinden bei den notwendigen Schritten zu
einem sich selbst tragenden Frieden behilflich zu sein.
Wir wußten, daß das bosnische Volk Hilfe benötigte,
um zu reparieren und wieder aufzubauen - nicht nur
seine Häuser und Fabriken, sondern sein Vertrauen
und seine Toleranz. Wir glaubten, daß es möglich ist,
weil dieses Jahrhundert mit all seinem Blutvergießen
gezeigt hat, daß Haß nicht mit eisernen Gesetzen der
Genetik oder Kultur von einer Generation an die
andere weitergegeben wird. Haß kann von zynischen
Politikern geschürt werden, aber die Menschen
können sich selbst mit der Hoffnung auf eine bessere
Zukunft über den Haß erheben.
Aus diesem Grund beinhalten die Ziele, zu deren
Erlangung wir und die internationale Staatengemeinschaft angetreten sind, und zu denen sich die Parteien
verpflichtet haben, folgende Punkte, die alle Bestandteil des Abkommens von Dayton sind:
Schaffung eines stabilen militärischen Gleichgewichts, das erneute Kämpfe verhindern
kann.
Reform der Polizei.
Stärkung demokratischer Institutionen und der
Rechtsstaatlichkeit.
Die sichere Rückkehr der Flüchtlinge.
Wiedereinführung der Bewegungsfreiheit im
Land.
Stärkung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus.
Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen.
Dies war von Anfang an eine ehrgeizige Tagesordnung, und es war klar, daß sie beispiellose zivile
Bestrebungen über mehrere Jahre hinweg erfordert.
In der vergangenen Woche erinnerte uns der schreckliche Hubschrauberabsturz in Bosnien, der das Leben
von fünf amerikanischen Zivilisten und sieben anderen
an dieser Mission Beteiligten forderte, an das Engagement derjenigen, die diese Arbeit in Angriff genommen
haben - und an die Kosten, Risiken und die von ihnen
erbrachten Opfer.
Weniger als zwei Jahre nach Dayton - und nach so viel
Zerstörung - ist die Arbeit noch lange nicht getan. Wir
sind noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Aber
angesichts der Komplexität der Herausforderung
überrascht das kaum. Bosnien begeht immer noch
einen Drahtseilakt, bewegt sich zentimeterweise auf
eine bessere Zukunft zu, ist jedoch immer noch nicht
über den Gefahrenpunkt hinaus. Die große Mehrheit
der Flüchtlinge kann immer noch nicht nach Hause
zurückkehren. Die Republika Srpska befindet sich

AMERIKA DIENST 20

�inmitten eines harten Kampfes - nicht nur um Macht,
sondern um ihre Zukunft und ihre Beziehungen zu dem
Ganzen. Prominente angeklagte Kriegsverbrecher allen voran Radovan Karadzic und Ratko Mladic befinden sich immer noch auf freiem Fuß. Viele der
Medien sind noch nicht unabhängig, und einige von
ihnen verbreiten die ultranationalistischen Beschimpfungen, die zum Ausbruch des Krieges vor sieben
Jahren beitrugen. Die Fortschritte sind an vielen
Fronten unerträglich langsam, auch beim wirtschaftlichen Wiederaufbau.
Ist es also die Mühe wert? Ist es das wert, knappe
Ressourcen auszugeben, unsere Truppen Gefahren
auszusetzen und einige unserer engagiertesten
Diplomaten und Beamten zu verlieren, um ein geeintes, friedliches Bosnien zu erhalten, Grundfreiheiten
wiederherzustellen, einer zerstörten Volkswirtschaft
wieder auf die Beine zu helfen? Einige argumentieren,
die Bilanz zeige, daß wir in Dayton unsere Ziele zu
hoch gesteckt hätten - und nur eine ethnische Teilung
die von uns gewünschte Stabilität hervorbringen
würde, so daß wir uns aus Bosnien zurückziehen
könnten.
Meines Erachtens haben die Anhänger einer Teilung
Unrecht, weil die Teilung zu akzeptieren die Ratifizierung der schlimmsten ethnischen Säuberung in Europa
in über einem halben Jahrhundert bedeuten würde.
Wir dürfen nicht die Gerechtigkeit aufgeben und
Aggression belohnen.
Die Teilung wäre auch falsch, weil sie den ethnischen
Fanatikern überall auf der Welt die Botschaft senden
würde, daß die internationale Gemeinschaft die
Neufestlegung von Grenzen durch Gewalt gestattet.
Indem sie die Art von ethnisch reinen Staaten schafft,
die häufig eine gefährliche Streitlust nähren - Gebietskörperschaften, die inhärent instabil, letztlich nicht
lebensfähig wären und zu expansionistischer Aggression neigen - würde die Aufteilung nicht zu
Frieden, sondern zu Krieg führen. Mit anderen
Worten: Teilung zu befürworten, heißt, die Niederlage
zu akzeptieren.
Wenn Dayton scheitert, wird Bosnien fast sicher in
einen Konflikt zurückfallen, der möglicherweise zu
einem größeren Krieg in Südosteuropa führt. Es
würde die Glaubwürdigkeit der NATO in einem entscheidenden Augenblick unterminieren, in dem sich
das Bündnis auf neue Mitglieder und neue Missionen
vorbereitet. Das würde die amerikanische Führungsrolle in Europa in Frage stellen - mit gravierenden
Konsequenzen für unsere Bürger und andere freiheitsliebende Menschen auf der ganzen Welt.
Ebenso wichtig sind die zunehmenden Beweise, daß
diese Kritiker bei den Fakten Unrecht haben und die in
Dayton getroffenen Entscheidungen echte, positive
Veränderungen in Bosnien bewirken. Dayton hat dazu

AMERIKA DIENST 20

geführt, daß die Waffen still und Bosnien intakt blieb
und die Wiederaufbauarbeit hier und dort Fortschritte
erzielt.
Umfragen des US-Informationsamts zufolge sind
beträchtliche Mehrheiten der bosnischen Muslime,
Kroaten und Serben der Überzeugung, daß die
Bedingungen für einen dauerhaften Frieden geschaffen werden. Und für die meisten Menschen in Bosnien
- vor allem in der Föderation - verbessert sich das
Leben wirklich, wenn auch langsam. Das ist nicht die
Geschichte, die wir für gewöhnlich hören und lesen,
aber der Frieden beginnt Fuß zu fassen. Die Errungenschaften sind nicht unumkehrbar - und um sie zu
konsolidieren, ist das weitere Engagement der internationalen Gemeinschaft in Bosnien in irgend einer Form
auf absehbare Zukunft erforderlich. Aber an nahezu
allen Maßstäben gemessen, ist das Leben für die
Menschen in Bosnien heute besser als vor zwei
Jahren.
Betrachten Sie die Situation mit den Augen eines
bosnischen Kindes, und Sie wissen warum. Stellen
Sie sich einen Moment lang vor, wie es ist, ein 15jähriges Mädchen in einer bosnischen Stadt zu sein.
Es lebte nahezu die Hälfte seines Lebens im tödlichen
Würgegriff des Krieges. Heute besucht es die Schule,
statt sich in einem kalten, matschigen Keller zusammenzukauern, um dem unaufhörlichen Beschuß
durch Granatwerfer zu entfliehen.
Hunderte von durch den Krieg beschädigten oder
zerstörten Schulen wurden mit Hilfe internationaler
Geber wieder aufgebaut, die mehr als 1 Milliarde der
für den zivilen Wiederaufbau zugesagten 3,2 Milliarden
Dollar gespendet haben, darunter 524 Millionen der
Vereinigten Staaten. Nach der Schule verbringt das
Mädchen die Zeit mit Freunden, statt Wasserkannen
nach Hause zu schleppen - wie während des Krieges weil in den meisten Orten die Wasserversorgung
wiederhergestellt worden ist.
Vielleicht lebt es in einer der 24.000 Wohnungen, die
allein im letzten Jahr mit Hilfe der internationalen
Gemeinschaft repariert wurden. Zweifelsohne wird es
zum ersten Mal seit sieben Jahren keine Angst davor
haben, in diesem Winter zu frieren, weil die Heizungen
fast überall im Land wieder funktionieren. Es ißt Obst
und Gemüse, nicht von NATO-Flugzeugen abgeworfene Militärrationen. Es hat ordentliche Kleidung, weil
seine Familie mehr verdient: Seit Beendigung der
Kämpfe haben sich die Durchschnittslöhne in Bosnien
vervierfacht, die Arbeitslosigkeit ist von 90 Prozent auf
50 Prozent gesunken, und die Volkswirtschaft wird von einem immer noch niedrigen Niveau - in diesem
Jahr voraussichtlich um 30 Prozent wachsen.
Vor allem hat das Mädchen jetzt ein neues Gefühl der
Sicherheit. Es kann durch die Straßen gehen in dem
Wissen, daß sich in den Hügeln nicht länger Hecken-

Seite 3

�schützen verstecken, daß es nicht wegen seiner
ethnischen Identität entführt oder vergewaltigt wird,
daß die Granatwerfer nicht länger auf die Spielplätze
gerichtet sind.
Dieser Teenager ist nicht allein in seinem neugefundenen Gefühl der Sicherheit. Aufgrund der Arbeit der
IFOR und der SFOR wurden die gegnerischen Streitkräfte entflochten, über 370.000 Soldaten sind ins
zivile Leben zurückgekehrt und weiteres Blutvergießen
wurde verhindert. Schwere Waffen wurden internationaler Überwachung unterstellt, und mehr als 2000
wurden zerstört.
Gleichzeitig trägt unser Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm für die Streitkräfte der Föderation zu
einem stabileren militärischen Gleichgewicht bei und
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß jemand auf
erneute Kämpfe setzt. Und wir dürfen Folgendes nicht
vergessen: Wir haben es zu einer Bedingung des
Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms gemacht,
daß Bosnien alle militärischen und nachrichtendienstlichen Verbindungen zum Iran abbricht - damit hat eine
Nation, die Radikalismus exportiert und Terrorismus
fördert, die wichtige Basis in Europa verloren, die sie
bei Beginn des Krieges 1992 erhielt.
Die internationale Gemeinschaft ist dem bosnischen
Volk auch bei der Umstrukturierung und Reform der
örtliche Polizei behilflich, so daß sie die Bürger schützt,
statt sie einzuschüchtern. Diese Arbeit ist noch lange
nicht erledigt. Aber die seit kurzem integrierten
Streitkräfte beginnen zum ersten Mal seit dem Krieg in
Sarajevo, sich den Gewaltverbrechern und Selbstgerechten entgegenzustellen und das Recht und die
Sicherheit der Bürger aller ethnischen Gruppen zu
schützen. Diese Schritte sind ein Vorbild für die
Reform der Polizei in anderen Regionen.
Eine der schwierigsten Herausforderungen des
Abkommens von Dayton war die Wiedereinführung der
Bewegungsfreiheit. Zu jener Zeit mußte jeder Bürger,
der zwischen Städten in Bosnien hin- und herreiste,
ein Dutzend oder mehr Polizei-Kontrollpunkte passieren und riskierte dabei alles von Schikanen und
Erpressung bis zu Entführung und Gewaltanwendung.
Heute sind die Kontrollpunkte verschwunden, die
Straßen sind frei. Fahrzeuge jeglicher Herkunft fahren
frei auf den Hauptverkehrsstraßen. Was noch vor
zwei Jahren unvorstellbar gewesen wäre, überrascht
heute nicht mehr: Autos mit Kennzeichen der Republika Srpska in Sarajevo oder der Föderation in den
Straßen von Banja Luka. Und Bauern, Händler und
Familien überqueren die Grenzen der Gebietskörperschaften leicht und regelmäßig zu Fuß, im Auto oder
sogar in dem öffentlichen Bus, der täglich fährt.
Die Menschen in Bosnien haben nicht nur mehr
Freiheit, sich im Land zu bewegen - sie sind generell
einfach freier. In einem größeren Ausmaß als je zuvor

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werden die Bosnier von Menschen ihrer eigenen Wahl
regiert. Die nationalen und regionalen Wahlen des
vergangenen Jahres, die von den Niedergangspropheten als zu gefährlich erklärt wurden, brachten
Bosnien auf den schwierigen Weg zur Demokratie. In
der vergangenen Woche unternahm Bosnien einen
weiteren wichtigen Schritt, als über 2 Millionen Wähler
- oder mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten - aus
den über 20.000 Kandidaten, die sich zur Wahl gestellt
hatten, Bürgermeister, Stadträte und andere Gemeindevertreter wählten. Und nächste Woche erwarten wir, daß unter internationaler Aufsicht eine wichtige
Parlamentswahl in der Republika Srpska stattfindet.
Die Selbstverwaltung wird in Bosnien zur Gewohnheit,
und die nationalen Institutionen des Staates wurden
geschaffen. Das Gemeinsame Präsidium, der Ministerrat, das Oberste Bundesgericht und die gemeinsame Militärkommission wurden eingerichtet. Sie sind
noch auf fremde Hilfe angewiesen, und häufig ist
internationaler Druck erforderlich, damit alle Seiten
weiterhin zusammenarbeiten. Aber in diesem Monat
haben die serbischen, kroatischen und muslimischen
Mitglieder des Gemeinsamen Präsidiums ihre Differenzen überwunden, um ein integriertes Telekommunikationssystem einzuführen, das das Land zusammenhalten und den Wiederaufbau beschleunigen soll. Und
der muslimische und der serbische Kovorsitzende des
Ministerrats - des bosnischen Kabinetts - die im
Frühjahr kaum davon überzeugt werden konnten,
gemeinsam mit Regierungsvertretern in Washington
zusammenzukommen, organisierten im letzten Monat
selbst ihre Reise nach Malaysia, um gemeinsam
Lobbying für Investitionen zu betreiben.
Das Versprechen des Friedens wird jedoch nur dann
vollständig verwirklicht, wenn die Vorteile des Friedens
unter allen Menschen in Bosnien verbreitet werden.
Bis heute hat der Großteil des Wirtschaftswachstums
in Bosnien in der Föderation stattgefunden. Im
Gegensatz dazu hat der Widerstand vieler serbischer
Politiker zur Lähmung der Republika Srpska geführt.
Sie haben ihre Pflichten im Rahmen des Daytoner
Abkommens nicht erfüllt und dadurch die internationalen Geber veranlaßt, nahezu die gesamten
Wiederaufbaugelder für Srpska zurückzuhalten. Das
muß nicht sein. Aber die serbischen Anführer in Pale
haben darauf bestanden, am Haß der Vergangenheit
festzuhalten, statt sich den Versprechungen der
Zukunft zuzuwenden. Sie haben den Weg der Selbstisolierung gewählt. Srpskas andauernde Armut wird
nur beendet werden, wenn die Politiker der Republik
ihre Verpflichtungen erfüllen und die Aufbaugelder
wieder fließen können.
Der jetzt in Srpska stattfindende Kampf ist sowohl
hoffnungsvoll als auch unsicher. Er spielt die extremen Sezessionisten und Anhänger der ethnischen
Säuberung in Pale - die das serbische Volk in den
Krieg geführt haben - gegen eine wachsende Bewe-

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�gung der bosnischen Serben aus, die einer Regierung
von Profitmachern überdrüssig sind. Diese Einwohner
von Srpska lehnen die überhandnehmende Korruption
ab, die mit Ausnahme einiger weniger alle zu Armen
macht. Sie haben die Verbesserungen in der Föderation auf der anderen Seite der Grenze gesehen - sie
wollen an den Vorteilen des Friedens teilhaben.
Präsidentin Plavsic und viele ihrer Anhänger treten
immer noch für den serbischen Nationalismus ein.
Aber im Gegensatz zu dem alten Regime sind sie sich
bewußt, daß der einzige Weg zu Fortschritten über
Dayton geht, daß die Republika Srpska in Isolation
nicht prosperieren kann und es im Rahmen von
Dayton Raum für die Erfüllung ihrer legitimen Ansprüche gibt. Sie wollen ein blutiges Kapitel ihrer
Geschichte schließen und ein neues der Hoffnung und
des Wiederaufbaus öffnen.
Wir haben in Srpska nicht "Partei für eine Seite
ergriffen". Die Vereinigten Staaten, die SFOR und die
internationale Gemeinschaft sind weiterhin unparteiisch - unparteiisch bei der Unterstützung von Dayton.
Das bedeutet die Unterstützung derjenigen, die für
Dayton eintreten, und die entschiedene Ablehnung
derjenigen, die es nicht tun. Wir lehnen die falsche
Entscheidung für Kompromisse zwischen denen, die
Dayton behindern, und denen, die zusammenarbeiten
wollen, ab. Ich möchte eindeutig klarstellen, was das
bedeutet: Es bedeutet, die paramilitärische Polizei von
Pale, die es gewohnt ist, Dissidenten zu bedrohen und
zu bestrafen, wie die abtrünnigen Militäreinheiten zu
behandeln, die sie sind; schnell und entschieden zu
handeln, wenn die Medien dazu benutzt werden, zu
bedrohen und aufzustacheln; entschlossen auf
Versuche zu reagieren, die SFOR zu provozieren oder
einzuschüchtern oder das sichere Umfeld aufs Spiel
zu setzen, zu dessen Gewährleistung die SFOR sich
verpflichtet hat. General Clark, der Oberste Alliierte
Befehlshaber in Europa, erklärte vor kurzem: "Wir
lassen uns nicht einschüchtern. Wir lassen uns durch
den Mob nicht abschrecken. Wir werden alle uns zur
Verfügung stehenden Mittel, einschließlich tödlicher
Waffen, zum Schutz unserer Streitkräfte und zur
Fortsetzung unserer Mission einsetzen."
Wir sind ebenso entschlossen, daß diejenigen, die
Dayton unterstützen, in den Genuß der Vorteile ihrer
Entscheidung kommen, wo immer sie leben. Aus
diesem Grund haben wir trotz der Versuche der
Hardliner in Pale den Gemeinden in Srpska Hilfe
geboten, die die Rückkehr der Flüchtlingen akzeptieren. Wir stellen der Polizei von Srpska, die Reformen
zugestimmt hat, technische Unterstützung und Gerät
zur Verfügung, ebenso wie wir es für die Polizei der
Föderation getan haben - und allein in den letzten
beiden Monaten hat sich nahezu ein Viertel der zivilen
Polizei in Srpska an diesem Programm beteiligt. Wir
begrüßen und unterstützen die Zunahme unabhängi-

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ger Medien in Srpska und versorgen sie mit technischer Hilfe und Gerät, so daß ihre Botschaft überall
vernommen werden kann.
In Srpska findet heute ein wichtiger Kampf statt, und
sein Ergebnis ist entscheidend - denn das ist Aufruhr
aus den richtigen Gründen, für Veränderung ohne
Korruption oder ethnischen Krieg.
Wir müssen realistisch sein: Die internationale Gemeinschaft und das bosnische Volk sehen sich mit
vielen realen Herausforderungen konfrontiert, die
Geduld und andauernde Anstrengungen erfordern.
Wir sind beispielsweise nicht mit der Zahl der zurückkehrenden Flüchtlinge zufrieden. Bisher sind nur
ungefähr 150.000 oder 15 Prozent derjenigen, die
Bosnien während des Krieges verlassen haben,
heimgekehrt. Diese Zahl wird sich nur erhöhen, wenn
Stabilität und Sicherheit wiederhergestellt sind.
Wir müssen helfen, die Bosnier in Marktwirtschaft zu
unterrichten. Während die übrigen Länder der ehemals kommunistischen Welt in Zentraleuropa Anfang
der neunziger Jahre einen Schnellkurs in diesem Fach
erhielten, brach Bosnien einfach zusammen. Viele
Gewohnheiten einer Kommandowirtschaft bestehen
noch fort zusammen mit einer Korruption, die zu häufig
die Wiederaufbaubestrebungen unterminiert.
Wir müssen auch unsere Bemühungen zur Entschärfung der Pulverfässer von Gewalt in Bosnien
verdoppeln, die den Erfolg gefährden. In Brcko, einem
schmalen Korridor, der die beiden Hälften von Srpska
und die Föderation mit Europa verbindet, sind die
Spannungen weiterhin groß und die Fortschritte
erfolgen bestenfalls im Schneckentempo. Die Schlichtung, die über die Zukunft dieses Gebiets entscheidet,
erfolgt in sechs Monaten. Wir machen beiden Parteien
gegenüber klar, daß eine Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen inakzeptabel ist und sie bei der endgültigen Entscheidung den Preis für ihr Verhalten zahlen
müssen.
Welchen Schluß können wir also aus unseren bisherigen Erfahrungen in Bosnien ziehen? Nach zwei
Jahren bietet sich ein gemischtes Bild. Wir sehen
anhaltende Schwierigkeiten und Widerstand. Aber wir
sehen auch, daß Fortschritte einen echten Unterschied
im Leben des bosnischen Volkes und für die Stabilität
dieser entscheidenden Region bewirken. Es wurde
gesagt, das Kennzeichen eines Genies sei die Fähigkeit, gleichzeitig offensichtliche Widersprüche im Kopf
zu haben. Wenn wir heute auf Bosnien blicken, sind
einige Genies gefragt. Wir müssen unsere Augen auf
beide Seiten des Bildes richten - und wir dürfen die
wichtigen Interessen nicht vergessen, die uns leiteten:
Nicht nur ein stabileres, friedlicheres Bosnien anzustreben, sondern darauf hinzuarbeiten.

Seite 5

�Wie Präsident Clinton erklärt hat, wird die SFORMission im Juni 1998 enden. Aber das Engagement
der internationalen Gemeinschaft wird fortgesetzt. Ob
eine internationale Sicherheitspräsenz Teil dieses
Engagements sein wird und welche Rolle die Vereinigten Staaten spielen könnten, bleibt abzuwarten.
Diese Entscheidung wird zum Teil davon abhängen,
wie die Lage ist, wenn sich der Zeitpunkt des Abzugs
der SFOR nähert.
Aber eines ist klar: Ebenso wie wir damals, als die
NATO handelte, um das Gemetzel 1995 zu beenden,
zusammen mit unseren Partnern die Gespräche von
Dayton anberaumten, haben die Vereinigten Staaten
heute ein großes Interesse an der Schaffung eines
dauerhaften Friedens in Bosnien. Der beste Weg zur

*

Seite 6

Förderung dieses Interesses ist über den bei diesen
Verhandlungen vereinbarten Rahmen. Aus diesem
Grund haben die Vereinigten Staaten ein beträchtliches und anhaltendes Interesse am Erfolg von
Dayton.
Dayton kann Erfolg haben. Und Dayton wird Erfolg
haben - wenn die Politiker in Bosnien die Verantwortung für die Zukunft ihres Landes übernehmen und
ihr Volk zum Aufbau des Friedens führen, den es
verdient, wenn die internationale Gemeinschaft nicht
die Geduld oder Entschlossenheit verliert und wenn wir
alle mit klarem Blick auf Bosnien schauen - nicht durch
eine rosarote Brille, aber auch nicht durch ein dunkles
Glas.

* * *

*

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�GLOBALISIERUNG
15. Oktober 1997

Globalisierung und Diplomatie
von Strobe Talbott

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott.
Copyright © 1997 Carnegie Endowment for International Peace. Veröffentlichung und Übersetzung mit
freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Foreign Policy, Herbst 1997.

Es war früher Morgen am Montag, dem 4. Oktober
1993, als sich in Moskau neue Probleme zusammenbrauten. Panzer hatten das Weiße Haus umstellt, das
riesige Parlamentsgebäude am Ufer der Moskva, in
dem sich die Abgeordneten des Obersten Sowjet einige schwer bewaffnet - dem Befehl Boris Jelzins
zuwider, die Legislative aufzulösen und Neuwahlen
anzuberaumen, verschanzt hatten. Nur Stunden zuvor
hatten bewaffnete Aufrührer das Büro des Moskauer
Bürgermeisters und die wichtigste Fernsehstation der
Stadt angegriffen.
Ich hatte die Nacht auf dem Sofa in meinem Büro im
siebten Stock des Außenministeriums verbracht. Um
3.00 Uhr ging ich den Gang hinunter zum Lagezentrum
- unserem Kommunikationszentrum - des Ministeriums, wo eine Einsatztruppe rund um die Uhr die sich
anbahnende Krise überwachte.
Von einem der
Telefone im Lagezentrum rief ich den Stellvertretenden
Außenminister Georgi Mamedow an, der in seinem
Büro in dem Stalin-gotischen Wolkenkratzer am
Smolensker Platz war, nur rund anderthalb Kilometer
von dem belagerten Parlament entfernt. Seit Beginn
der Kraftprobe vor 24 Stunden standen wir häufig in
Kontakt.

blutigen Ende kam. Nach gestaffelten Angriffen, die
den im Weißen Haus Verschanzten mehrere Gelegenheiten boten, sich zu ergeben, eroberten die Regierungstruppen das Gebäude zurück und verhafteten die
Oppositionsführer.
Die Vereinigten Staaten und Rußland hatten einen
langen Weg von der Politik des äußersten Risikos
wegen Berlin und Kuba in der Zeit des Kalten Krieges
zurückgelegt. Jetzt war der Krisenherd ein interner
Machtkampf in Rußland, eine Kraftprobe zwischen
einem demokratisch gewählten Machthaber und einer
reaktionären Legislative. Und statt ihn im Geheimen
hinter den Mauern des Kreml zu führen, wurde der
Kampf auch noch weltweit live für Millionen von
Zuschauern übertragen.
Hier war der "CNN-Effekt" am offensichtlichsten.
Ebenso wie der Sender es möglich gemacht hatte, daß
Mamedow und ich sahen, wie sich ein Ereignis in
Realzeit vor unseren Augen entfaltete, während wir die
Auswirkungen über das Telefon diskutierten, hatte die
Kommunikationsrevolution zur Umgestaltung dieses
Landes und unserer Welt beigetragen.
Von Bretton Woods bis Denver

Mitten in unserer Unterhaltung wurden wir beide
plötzlich still. Nach einem lagen Augenblick fragte
Mamedow: "Sehen Sie, was ich sehe?" Ich sah, was
er sah. Wir hatten beide CNN an. Der Sender hatte
mit der Liveübertragung russischer Kommandos
begonnen und zeigte, wie Schützenpanzer in Position
gingen, um das Weiße Haus zu stürmen. In der
nächsten halben Stunde sahen Mamedow und ich
gebannt zu und tauschten gelegentlich Eindrücke aus,
während die Schlacht zu ihrem dramatischen und

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In den achtziger Jahren hatten die sich selbst isolierenden Diktaturen von Chile bis zur Sowjetunion den
Idealen von Demokratie und freien Märkten nachgegeben, die über Radio, Fernsehen, Fax und E-mail
verbreitet wurden. Seit damals haben die mächtigen
technologischen Kräfte des Informationszeitalters abgesehen von der Unterminierung der Berliner Mauer
und der Zerstückelung des Eisernen Vorhangs - dazu
beigetragen, das wirtschaftliche, politische und

Seite 1

�kulturelle Leben von Nationen zu verknüpfen und die
Grenzen durchlässiger für den Fluß von Menschen,
Produkten und Ideen zu machen. Als Präsident Bill
Clinton im Juli Bukarest besuchte, nahm ihn sein
Gastgeber, Emil Constantinescu, ein demokratischer
Aktivist und Reformer, der sieben Monate zuvor zum
rumänischen Präsidenten gewählt worden war, in sein
Arbeitszimmer mit und zeigte ihm stolz den Computer,
der ihm Zugang zum Cyberspace verschaffte.
Für viele Millionen von Menschen bedeutet die Globalisierung größere Freiheit und größeren Wohlstand.
Aber für Millionen andere bedeutet der gleiche Prozeß
wirtschaftliche Nachteile und soziale Zerrüttung.
Streikende Arbeiter in Südkorea und Argentinien
lehnten Veränderungen ab, auf denen ihre Politiker
bestanden, weil sie zur Erfüllung der Erfordernisse der
Weltwirtschaft nötig waren. Der unerwartete Sieg der
Sozialistischen Partei bei den Parlamentswahlen in
Frankreich im Frühjahr war zum Teil auf die Besorgnis
der Wähler über die Globalisierung zurückzuführen. In
den Vereinigten Staaten haben politische Figuren wie
Ross Perot und Pat Buchanan auf ähnliche Ängste
gesetzt.
Nicht alle, die einen Fernseher in Reichweite haben,
denken, daß es ihnen deshalb besser geht - in der Tat
ist häufig genau das Gegenteil der Fall. In den Slums
der Megastädte der Welt gibt es Satellitenschüsseln,
und die Signale, die sie von Hollywood und der
Madison Avenue empfangen, können Unmut und
Ärger auslösen: Die Kommunikationsrevolution hat das
Potential, Revolutionen anderer Art zu schüren.
Die Globalisierung selbst ist weder gut noch schlecht.
Die Regierungen können ihre Auswirkungen nicht von
ihren Bürgern fernhalten, ohne sie auch vor ihren
Chancen und Vorteilen abzuschotten. Sie können sie
jedoch zu ihrem nationalen und internationalen Vorteil
nutzen.
Diese Aufgabe ist zwar ein zunehmend wichtiges und
explizites Thema der amerikanischen Diplomatie in der
Zeit nach dem Kalten Krieg - sie ist jedoch nicht neu.
Im wirtschaftlichen Bereich geht sie mindestens auf die
unmittelbare Nachkriegszeit sowie die Gründung der
Weltbank und des Internationalen Währungsfonds in
Bretton Woods zurück. Drei Jahrzehnte später - 1975
- unternahmen die Staats- und Regierungschefs von
Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, der Vereinigten Staaten und Westdeutschlands gemeinsam
einen weiteren Schritt nach vorne. Sie kamen in dem
malerischen französischen Dorf Rambouillet zusammen um zu erörtern, wie sie den Handel erweitern, die Währungspolitik koordinieren und ihre
Verletzbarkeit durch steigende Ölpreise verringern
könnten. Es war das erste Treffen dieser Länder, das
im nächsten Jahr in London mit der Aufnahme Kanadas zum jährlichen Treffen der Gruppe der sieben
führenden demokratischen Industrienationen wurde.

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Als die Nachfolger dieser Politiker sich zum 22. Mal im
Juni in Denver trafen, war auch Boris Jelzin dabei. Es
war das erste Mal, daß der Präsident der Russischen
Föderation von Anfang bis Ende an dem Gipfeltreffen
teilnahm. Ebenso wie die Zahl der Darsteller hatte sich
auch die Tagesordnung seit Rambouillet erweitert.
Transnationalen Bedrohungen wie dem Klimawandel,
der Verbreitung ansteckender Krankheiten und dem
internationalem organisierten Verbrechen wurde
ebenso viel Aufmerksamkeit gewidmet wie den
wirtschaftlichen Aspekten der Interdependenz. Muster
im Energieverbrauch, die Zahl der Impfungen von
Kindern und Drogentherapieprogramme - einstmals als
fast ausschließlich innenpolitische Probleme angesehen - waren zu Themen von internationalem Belang
und zum Ziel konzertierter Aktionen geworden.
Obwohl andere Nationen die Geld- und Haushaltspolitik der US-Regierung seit langem aufmerksam
beobachten, haben die innenpolitischen Aktionen der
Vereinigten Staaten inzwischen in zahllosen anderen
Bereichen zunehmende internationale Auswirkungen.
Die Europäische Union war anfänglich gegen die
beabsichtigte Fusion von Boeing und McDonnell
Douglas mit dem Argument, sie würde den Wettbewerb auf dem globalen Flugzeugmarkt unterminieren. Hochrangige mexikanische Regierungsvertreter
haben öffentlich erklärt, daß das Anfang dieses Jahres
in Kraft getretene neue amerikanische Einwanderungsgesetz die Rechte der in den Vereinigten Staaten
lebenden Mexikaner verletzt. Regulierungsbehörden
auf der ganzen Welt richten sich häufig nach der
amerikanischen Nahrungsmittelbehörde bei der
Genehmigung oder dem Verbot von Nahrungsmitteln
und Medikamenten mit Konsequenzen für Tausende
von Unternehmen und Millionen Verbraucher.
Aus dem gleichen Grund hat die Innenpolitik anderer
Nationen zunehmende Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten. Das Ausmaß, in dem Mexiko die
Umweltbestimmungen
des
Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens (NAFTA) umsetzt, wird die
Qualität von Luft und Wasser in Arizona, Kalifornien,
New Mexico und Texas beeinflussen. Das Ausmaß, in
dem China zum Schutz des Rechts auf geistiges
Eigentum bereit ist, wird Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer schaffen oder abschaffen.
Kolumbiens Fähigkeit und Bereitschaft, die Produktion
von Drogen einzustellen, wird das Kräftegleichgewicht
im Krieg gegen illegale Drogen in den Vereinigten
Staaten beeinflussen. Und im Gegenzug werden
Kolumbien und anderen Nationen auf der Angebotsseite des internationalen Drogenhandels nur Erfolg bei
ihrem Teil des Kampfes haben, wenn die Vereinigten
Staaten ihre Nachfrage im Inland reduzieren können.
Die dringende Notwendigkeit von Veränderungen
Globale Interdependenz beeinflußt die Art, in der
praktisch alle Regierungen über internationale Bezie-

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�hungen denken und Diplomatie praktizieren. Je mehr
sie in einem Prozeß engagiert und von ihm betroffen
sind, desto mehr müssen sie sich verändern. Für die
Vereinigten Staaten ist die Notwendigkeit von Veränderungen deshalb besonders zwingend und wird in
dem Gebäude, in dem ich arbeite, besonders akut
gespürt.
Das US-Außenministerium ist eine stolze Institution und sie ist zu Recht stolz. Aber die Empfindlichkeit
einer Institution gegen Reformen ist umgekehrt
proportional zu ihrer Ehrwürdigkeit, und das State
Department ist keine Ausnahme. Das Gebäude steht
in einem Stadtteil von Washington, der Foggy Bottom
(Nebelloch) heißt - ein Name, der zu einem manchmal
liebevollen, manchmal boshaften Spitznamen für das
Ministerium selbst geworden ist, mit nicht gerade
schmeichelhaften Implikationen für die Geistesverfassung der 13.000 Menschen, die dort und in
unseren 249 Vertretungen im Ausland arbeiten.
Während das Außenministerium versucht, die Trägheit
zu überwinden, die einer so großen Organisation mit
einer langen Geschichte inhärent ist, muß es auch mit
weniger finanzieller Unterstützung der Nation, der es
dient, mehr - und besser - arbeiten. Seit 1985 ist der
Etat der Vereinigten Staaten für internationale Angelegenheiten in realen Zahlen um 50 Prozent gesunken.
Er hat auch in relativen Zahlen abgenommen. 1984
betrugen die Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten 2,5 Prozent des Bundeshaushaltes; heute belaufen
sie sich auf ungefähr 1 Prozent. In den vergangenen
vier Jahren mußten wir 32 Botschaften und Konsulate
auf der ganzen Welt schließen. Obwohl die Haushaltsvereinbarung zwischen dem Weißen Haus und dem
Kongreß für 1998 diese nachteiligen Kürzungen zum
Teil wieder aufhebt, werden wir in absehbarer Zukunft
mit gravierenden Einschränkungen operieren. Nur
indem wir unsere Ressourcen sinnvoll einsetzen und
sie klüger verwalten, kann das Außenministerium die
Herausforderungen meistern, die sich der amerikanischen Diplomatie durch Globalisierung und Interdependenz stellen.
Global werden
Der bilaterale Ansatz von Regierung zu Regierung, der
traditionell das Hauptthema der amerikanischen
Diplomatie ist, reicht häufig für die Inangriffnahme von
Bedrohungen wie Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung nicht aus, die fast immer regional und sehr oft global - in ihrem Ausmaß sind. Diese
neuen Herausforderungen werden nur international
koordinierten, langfristigen Bestrebungen weichen.
Als Reaktion auf diese sich verändernden Realitäten
hat Präsident Clinton zu Beginn seiner Amtszeit die
Position eines Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium geschaffen, dem die

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Verantwortung für mehrere Büros des Außenministeriums übertragen wurde, die sich mit "funktionalen"
Querverbindungen befassen: Schutz der Umwelt,
Förderung von Demokratie und Menschenrechten,
Bewältigung der Bevölkerungs- und Migrationsprobleme sowie Strafverfolgung. Das hatte zur Folge,
daß diesen Zielen im politischen Entscheidungsprozeß
und in der Diplomatie erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit gab Vizepräsident
AI Gore einen umfassenderen Plan für Reformen und
die Eingliederung der Behörden für auswärtige Angelegenheiten in das Außenministerium bekannt, der teils
auch eine Reaktion auf die Globalisierung ist. Durch
die Integration des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung und des US-Informationsamts in das
Außenministerium und die Vorbereitung der teilweisen
Konsolidierung des Außenministeriums und des Amts
für internationale Entwicklung werden wir die Hauptaufgaben dieser Behörden besser in das Gefüge der
amerikanische Außenpolitik eingliedern können.
Die Vielfältigkeit, Größenordnung und Komplexität der
transnationalen Probleme und die gemeinsamen
Arrangements, mit denen wir auf ihre Bewältigung
hinarbeiten, erfordern auch ein Umdenken bei der
Einstellung und Ausbildung der Mitarbeiter des
Ministeriums. Wir unternehmen verstärkte Anstrengungen, Leute einzustellen, die bereits über Erfahrung
in Bereichen wie internationales Finanzwesen, Arbeitsfragen, Umweltpolitik und Strafverfolgung verfügen.
Wir erweitern den sogenannten Kernlehrstoff für die
Ausbildung von neu eingestellten Beamten. Das
Foreign Service Institute, das Zentrum des Außenministeriums für den Fremdsprachenunterricht,
Landeskundestudien und die Ausbildung in technischen Fertigkeiten, hat einen Kurs eingeführt, der
sich mit Themen wie Drogenhandel und Flüchtlingsströmen befaßt sowie mit dem sich ausdehnenden
globalen Markt für amerikanische Umwelttechnologien.
In der Zwischenzeit pflegen unsere Diplomaten im
Ausland in größerem Maße als je zuvor regionale und
transnationale Beziehungen, wobei die amerikanischen Beziehungen zu der jeweiligen Gastregierung
immer noch Priorität haben. Unsere Botschaften in
Lima und Quito arbeiten mit den Regierungen von
Argentinien, Brasilien und Chile bei der Lösung der
Grenzstreitigkeiten zwischen Ecuador und Peru
zusammen. Unsere Botschaft in Pretoria widmet einen
Großteil ihrer Energie der Zusammenarbeit mit der
südafrikanischen Regierung für Frieden in Angola und
im Kongo. Und unabhängig von unseren Differenzen
mit Peking engagieren wir uns gemeinsam mit den
Chinesen, Japanern und Südkoreanern für die andauernden Bestrebungen zur Verringerung der
Spannungen auf der koreanischen Halbinsel.

Seite 3

�Neue Maßnahmen, neue Partner
Die Globalisierung hat auch die Notwendigkeit einer
aktiven Rolle anderer Ministerien und Behörden der
US-Regierung bei der Verfolgung amerikanischer
Interessen im Ausland verstärkt - und der systematischeren Zusammenarbeit des Außenministeriums mit
ihnen. Diese Zusammenarbeit ist besonders eng bei
Wirtschafts-, Verteidigungs- und Strafverfolgungsangelegenheiten.
Wirtschaft. Da Handel und internationale Investitionen für die amerikanische Volkswirtschaft wichtiger
geworden sind, haben das Außenministerium und die
Wirtschaftsbehörden der US-Regierung ihre Zusammenarbeit erweitert und vertieft. Die während der
beiden vergangenen Jahre bei der Welthandelsorganisation erzielten Abkommen zum Abbau von
Zöllen und zur Verstärkung des weltweiten Handels mit
Informationstechnologie
und Telekommunikation
stehen für solche gemeinsamen Anstrengungen. In
Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium, dem
Büro der US-Handelsbeauftragten und der Bundesbehörde für das Fernmeldewesen haben Vertreter des
Außenministeriums im In- und Ausland eine entscheidende Rolle gespielt und sich mit Vertretern
amerikanischer Unternehmen vor Ort getroffen, um
unsere Verhandlungsstrategie zu verfeinern und
ausländische Regierungsvertreter in über 60 Ländern
zur Annahme der amerikanischen Positionen gedrängt.
Während die amerikanischen Diplomaten beim
Verfassen der Vorschriften und dem Aufbau der
Institutionen behilflich sind, die die globale Wirtschaft
leiten, verfechten sie auch aggressiv die Interessen
amerikanischer Unternehmen auf der ganzen Welt.
Das Ministerium arbeitet mit der Export-Import Bank
und anderen Bundesbehörden zusammen um sicherzustellen, daß amerikanische Firmen gleiche Wettbewerbschancen haben. Im Jahr 1995 erhielt NYNEX
dank der Vermittlung unserer Botschaften und des
Wirtschaftsministeriums den Zuschlag für ein
Unterwasser-Fiberoptikkabelprojekt in Höhe von 1,5
Milliarden Dollar, das Länder in Afrika, Asien und
Europa verbinden wird und erwartungsgemäß amerikanische Exporte von nahezu 650 Millionen Dollar und
mehrere Tausend amerikanische Arbeitsplätze
unterstützt.
Verteidigung. Lastwagen, die über den Potomac
hinweg zwischen Foggy Bottom und dem Pentagon
hin- und herfahren, sind nichts Neues. Dennoch hat
das Ende des Kalten Krieges der Zusammenarbeit
zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium eine neue Dimension verliehen. Wir arbeiten sehr
viel enger zusammen, um die Institutionen und Gewohnheiten der Demokratie auf der ganzen Welt zu
fördern. Durch friedenssichernde Operationen in für
amerikanische Interessen entscheidenden Regionen
und neue Sicherheitsarrangements wie der Partner-

Seite 4

schaft für den Frieden ermutigen wir die Unterstellung
der Streitkräfte unter ein ziviles Kommando, die
Respektierung internationaler Grenzen, den Schutz
der Rechte von Minderheiten und die Bewegungsfreiheit der Menschen.
Als die Vereinigten Staaten 1994 im Rahmen einer
internationalen Koalition Truppen zur Wiederherstellung der Demokratie nach Haiti entsandten,
erarbeitete die US-Regierung einen innovativen,
einheitlichen Plan für politisch-militärische Operationen. Er sollte sicherstellen, daß die zivilen und
militärischen Aspekte der Operation gleichzeitig und
mit der gleichen Präzision umgesetzt werden. Als die
Friedenstruppen die Angehörigen des haitianischen
Militärs entwaffneten, hatte das Amt für internationale
Entwicklung infolgedessen Programme bereit, um den
entmobilisierten Soldaten bei der Erlangung der
Qualifikationen behilflich zu sein, die sie für die
Reintegration in die bürgerliche Gesellschaft benötigten.
Strafverfolgung. Die sich abzeichnenden Bedrohungen durch das internationale organisierte Verbrechen
und Drogenhandel erfordern von unseren Diplomaten
die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden in bisher ungekanntem Ausmaß.
Beamte mit Fachgebiet Politik arbeiten mit Mitarbeitern
des Justizministeriums zusammen, die in entscheidenden regionalen Botschaften wie Moskau und Bangkok
stationiert sind, um bilaterale Ausweisungsverträge
und Abkommen auszuhandeln, mit denen die Regierungen Informationen über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft oder Polizei austauschen können. Und in
jede diplomatische Vertretung der Vereinigten Staaten
entsandte Konsularbeamte kooperieren in persona
und per Computer mit Agenten der Drogenbekämpfungsbehörde (DEA), dem FBI, der Einwanderungsund Einbürgerungsbehörde sowie den Nachrichtendiensten, um verdächtige Drogenschmuggler, Terroristen und Verbrecher aufzuspüren und ihnen die
Einreise in die Vereinigten Staaten zu verweigern.
In Budapest haben wir eine internationale Strafverfolgungsakademie eröffnet, um den neuen Demokratien des ehemaligen Sowjetblocks bei der Einführung der Rechtsstaatlichkeit behilflich zu sein, die
für eine gesunde Demokratie unerläßlich ist. Die vom
Außenministerium finanzierte und verwaltete Akademie
bringt Experten von FBI, DEA, Zollamt, Secret Service,
der Bundessteuerbehörde, dem Büro für Alkohol,
Tabak und Feuerwaffen und dem Energieministerium
zusammen, damit sie mit ihren Kollegen aus Zentraleuropa, den Neuen Unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion und Westeuropa die neuesten Verbrechensbekämpfungstechniken und -technologien austauschen können. In den nächsten Monaten
werden wir eine ähnliche Institution in Zentralamerika
gründen.

AMERIKA DIENST 20

�Zusammengenommen haben diese neuen Formen der
Zusammenarbeit die Zahl der in Übersee stationierten
Mitarbeiter der US-Regierung beträchtlich erhöht, die
nicht bei den herkömmlichen Behörden für auswärtige
Angelegenheiten beschäftigt sind. In der Tat sind 63
Prozent von ihnen, die jetzt unseren Botschaftern und
Gesandten unterstehen, keine Mitarbeiter des USAußenministeriums.
Während die Globalisierung
voranschreitet, wird diese Zahl wahrscheinlich ebenso
zunehmen wie die Herausforderung einer Koordinierung der Präsenz der amerikanischen Regierung im
Ausland.
"Multi-multilaterale" Arbeit
Obwohl die Globalisierung internationalen Zusammenhalt herbeiführt und internationalen Unternehmen
zusätzliche Befugnisse verleiht, hebt sie paradoxerweise auch die Grenzen nationaler Macht hervor.
Regierungen sind häufig zu schwerfällig, um effektiv
auf transnationale Bedrohungen zu reagieren - auch
wenn solche Bedrohungen innerhalb ihrer eigenen
Grenzen offenkundig sind. Teilweise infolgedessen
wird die politische Amtsgewalt von oben nach unten
und vom Zentrum nach außen auf kommunale und
regionale Regierungen und Gemeindeorganisationen
übertragen, die an der Basis arbeiten.
Aus diesem Grund versuchen viele Regierungen,
einschließlich der amerikanischen, knappe Ressourcen sorgfältig einzusetzen und ihre Fähigkeit zur
Inangriffnahme transnationaler Bedrohungen zu
verbessern, indem sie Koalitionen mit "nichtstaatlichen
Akteuren" bilden - multinationalen Unternehmen,
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen,
der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds. Diese Koalitionen gestatten den Vereinigten
Staaten nicht nur auf multilateraler, sondern auf multimultilateraler Ebene über mehrere Organisationen und
Institutionen gleichzeitig zu arbeiten.
In Bosnien arbeiten neun Behörden und Ministerien
der US-Regierung mit über einem Dutzend anderen
Regierungen, sieben internationalen Organisationen
und 13 wichtigen NGOs - vom Roten Kreuz über die
internationale Krisengruppe bis zum amerikanischen
Anwaltsverein - an der Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton.
Im Nahen Osten haben die Vereinigten Staaten den
Vorsitz über eine multilaterale Arbeitsgruppe für
Wasserressourcen - eine Gruppe von 47 Ländern und
internationalen Organisationen, die an der Gewährleistung arbeiten, daß die gemeinsame Abhängigkeit
der Region von knappen Ressourcen nicht zu einer
Bedrohung der politischen Stabilität wird. Die Regierungen von Israel, Japan, Oman, Südkorea und der
Vereinigten Staaten haben das regionale NahostMeerwasserentsalzungszentrum in Maskat gegründet,

AMERIKA DIENST 20

um Forschungen zur Reduzierung der Kosten der
Entsalzung zu unterstützen.
Eine integrierte Arbeitsgruppe für Nahrungsmittelhygiene unter dem gemeinsamen Vorsitz des Außenministeriums, des Landwirtschaftsministeriums und
des Amts für internationale Entwicklung sondiert neue
Wege zur Anwendung von amerikanischem Wissen,
Technologie, Ressourcen und des Einflusses um
sicherzustellen, daß es genug Nahrungsmittel gibt, um
den Bedarf des nächsten Jahrhunderts zu decken.
Unter der Schirmherrschaft dieser Gruppe leitet die
amerikanische nationale Behörde für Ozeane und die
Atmosphäre eine internationale Initiative, die Regierungen, Privatunternehmen und NGOs zusammenbringt,
um die experimentelle Vorhersage saisonaler Klimamuster aufzunehmen, so daß die Aussaat des Getreides an den erwarteten jährlichen Niederschlag
angepaßt wird, wodurch die gravierendste Nahrungsmittelknappheit verringert werden kann.
Das Organigramm dieser Art von kollaborativen
Bestrebungen ist ein Patchwork von Kästchen, die
durch sich überschneidende und sich kreuzende
durchgezogene und gepunktete Linien miteinander
verbunden sind. Es obliegt häufig dem Außenministerium, die Arbeit der anderen Behörden der US-Regierung zu koordinieren und sicherzustellen, daß ihre
Unternehmungen einer übergreifenden und kohärenten Strategie dienen. Das Ministerium arbeit auch an
der Integration der staatlichen Bestrebungen der
Vereinigten Staaten in den Aufgabenbereich anderer
Regierungen - und zunehmend von NGOs und
anderen Organisationen.
Das Ende der Außenpolitik
Im Kontext der vielen globalen Probleme, mit denen
sich die Vereinigten Staaten heute konfrontiert sehen,
und auch im Kontext ihrer Lösung, wird das Wort
"ausländisch" unmodern. Von der Börse in Singapur
bis zum Dach der Welt über Patagonien, wo es ein
Ozonloch gibt, gilt: Was dort geschieht, ist hier von
Bedeutung - und umgekehrt. Das ist nicht nur eine
Tatsache und eine nützliche Kurzdefinition der Globalisierung selbst, es ist auch der ausschlaggebende
Punkt für diejenigen von uns, die inner- und außerhalb
der Regierung versuchen, Außenpolitik für die Amerikaner weniger ausländisch und relevanter zu machen.
Aufgrund des Fehlens einer großen, einigenden
Bedrohung, wie sie die Sowjetunion während des
Kalten Krieges darstellte, scheint die Notwendigkeit
des amerikanischen Engagements in der Welt offenkundig. Größtenteils infolgedessen hat das Interesse
der amerikanischen Öffentlichkeit und der Medien im
letzten Jahrzehnt merklich nachgelassen.
Um diesen Trend umzukehren, hat das Ministerium in
den vergangenen drei Jahren 40 "Gemeindeversamm-

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�lungen" abgehalten, bei denen unsere Diplomaten
Themen vom Nahost-Friedensprozeß bis zur Förderung der Menschenrechte erörterten. In den ersten
20 Wochen ihrer Amtszeit hat Außenministerin Madeleine Albright 15 Reisen in den Vereinigten Staaten
unternommen, um mit den Amerikanern in Schulen,
Bibliotheken und vom Deck eines Flugzeugträgers aus
über Außenpolitik zu reden. Ebenso wie Präsident
Constantinescu von Rumänien hat sie das World Wide
Web benutzt, auf dem die Home Pages der Außenministerin und des Außenministeriums durchschnittlich
1,7 Millionen Zugriffe im Monat verzeichnen.

ternationalen Engagements vergrößern vielmehr
unsere Macht über unser eigenes Schicksal als Nation
- was die treffendste Definition von Souveränität ist.
NATO, NAFTA, die Chemiewaffenkonvention, die
Partnerschaft für den Frieden und unsere Beteiligung
an den Vereinten Nationen - so unterschiedlich sie in
der Zusammensetzung und Funktionsweise auch sind
- haben alle eines gemeinsam: Sie helfen den Vereinigten Staaten, die Kräfte der Interdependenz zu
kanalisieren und sie zum Vorteil unserer Bürger und
dem anderer Nationen zu nutzen, die unsere Interessen und Werte teilen.

Diese Art von "Einbeziehung", wie wir unsere öffentlichen Bildungsprogramme bezeichnen, ist sehr viel
mehr als ein speziellen Plädoyer für das Außenministerium oder seinen Haushalt. Es geht darum, an
der Heimatfront für das amerikanische Engagement
und den Aktivismus im Ausland triftige Gründe vorzubringen.

Wenn wir zustimmen, die allgemeinen Regeln einzuhalten, erhalten wir die Zusage anderer, nach
gegenseitig akzeptablen Standards in Bereichen wie
Arbeitsrecht, Recht auf geistiges Eigentum, Umweltschutz, Luftverkehrssicherheit und öffentlicher Gesundheit zu leben. Dabei schaffen wir auch die
Instrumente, mit denen wir die Einhaltung sinnvoll, fair
und durchsetzbar messen.

Im kommenden Jahr sehen sich die Vereinigten
Staaten einer Reihe wichtiger Entscheidungen gegenüber, von denen jede - im weitesten Sinne - eine
Entscheidung darüber sein wird, wie unser Land auf
die Chancen und Herausforderungen der Globalisierung reagiert. Wir müssen den Kongreß überzeugen,
daß die Erweiterung der NATO um mehrere
der neuen Demokratien in Zentral - und
Osteuropa die Stabilität einer Region erhöht,
in der über 500.000 Amerikaner in diesem
Jahrhundert ihr Leben gelassen haben,
daß die Ausdehnung des NAFTA auf andere
Nationen in Lateinamerika Arbeitsplätze in den
Vereinigten Staaten schaffen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln wird,
daß die Annahme bindender Obergrenzen für
Treibhausgasemissionen bei der Konferenz
über Klimawandel in Japan im Dezember für
die langfristige Fähigkeit des Planeten, die
Umwelt zu erhalten, unerläßlich ist.
Gegner dieser und anderer Initiativen argumentieren
häufig, sie setzten die nationale Sicherheit aufs Spiel
oder würden sie verwässern. In der Tat ist das
Gegenteil der Fall. Gut ausgearbeitete internationale
Verpflichtungen und eine umfassende Strategie des in-

*

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Andere Nationen sind zur Einhaltung dieser Standards
bereit, nicht nur weil sie Zugang zum amerikanischen
Markt suchen oder sich mit einer Weltmacht gut
verstehen wollen. Sie tun es, weil sie sich bewußt
sind, daß ein auf diesen Standards gründendes
System der Gleichberechtigung und Offenheit der
Schlüssel zu ihrer eigenen Fähigkeit ist, vom Phänomen der Globalisierung zu profitieren. Und das
bedeutet Zusammenarbeit, um die Evolution des
Phänomens selbst in die Richtung von gerechter
Wirtschaftsentwicklung, eines handhabbaren Bevölkerungswachstums, nachhaltiger Nutzung unserer
natürlichen Ressourcen sowie der Verbreitung und
Konsolidierung der Demokratie zu lenken.
Sechs Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges kann
man sagen, daß wir in gewisser Weise immer noch in
einer bipolaren Welt leben. Aber heute ist die Trennlinie nicht ein Eiserner Vorhang zwischen Ost und
West. Sie verläuft vielmehr zwischen den Kräften von
Stabilität und Instabilität, Integration und Desintegration, Wohlstand und Armut. Die Vereinigten Staaten
müssen bei diesem neuen Kampf eine zentrale Rolle
spielen, ebenso wie sie es in dem alten getan haben.
Und wieder einmal wird der Erfolg den vollen Einsatz
der diplomatischen Ressourcen der Vereinigten
Staaten auf der ganzen Welt - und in Foggy Bottom erfordern.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�UMWELT
15. Oktober 1997

Unsere globale Zukunft: Klimawandel
von Timothy Wirth

LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 15. September 1997 in Kew Gardens gehaltene Rede
des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy Wirth.

Mein zentrales Thema heute ist der Klimawandel. Ich
möchte die Verhandlungsposition der Vereinigten
Staaten zu diesem elementaren Thema im Vorfeld der
für Dezember anberaumten internationalen Konferenz
in Kyoto im Einzelnen erläutern. Ich möchte jedoch
damit beginnen, dieses Thema in einen Kontext zu
stellen, weil es in mehrerer Hinsicht typisch für die Art
von Bedrohungen und Chancen ist, mit denen wir uns
im 21. Jahrhundert konfrontiert sehen.
Überall auf der Welt beginnen die Nationen sich ihrer
Chancen und Verantwortung bewußt zu werden, über
die Krisen des Augenblicks hinaus auf die zugrundeliegenden Ursachen zu blicken, die die Welt immer
komplexer machen und die Prioritäten für die langfristige nationale Sicherheit und globale Stabilität neu
definieren. Sie müssen nur meine Erfahrungen und
die meiner Generation denen meiner Kinder und deren
Kinder gegenüberstellen.
Im August 1961 war ich Gefreiter und erlebte mit, wie
die Berliner Mauer errichtet wurde, und ich erinnere
mich, daß ich dachte, wir könnten zu einem Krieg in
Zentraleuropa verschifft werden. 30 Jahre später
saßen meine Kinder zusammen mit ungefähr 750.000
anderen jungen Leuten auf derselben Mauer, um ein
Pink Floyd-Konzert zu hören.
Für meine Generation war die Ost-West-Konfrontation
sicherlich eine prägende Erfahrung. Sie definierte, wer
wir als Land waren, was wir als wertvoll und was wir
als wichtig erachteten. Für meine Kinder ist der Kalte
Krieg ein sich im Rückspiegel immer weiter entfernender Gegenstand.
Das durch das Ende des Ost-West-Konflikts entstandene Vakuum hat verschiedene Vorschläge über

AMERIKA DIENST 20

unsere nationale Zielsetzung hervorgerufen. Einige
vertreten die Ansicht, die Mission der Vereinigten
Staaten sei nur innenpolitisch, und da sich unsere
Interessen und Pflichten auf der Welt maßgeblich
verringert hätten, sollten wir einfach eine starke
Verteidigung aufrechterhalten, um uns vor militärischen Bedrohungen und traditionellen Sicherheitsbelangen zu schützen. Diese Sichtweise ignoriert sehr
viel mehr als die zunehmende Interdependenz unseres
Planeten. Sie ignoriert das schreckliche Leid und die
verlorenen Chancen der Welt von heute. Und sie
ignoriert unsere Verantwortung, Fortschritte und
Hoffnung für die Zukunft sicherzustellen.
Wir sind es gewohnt, in solchen Faktoren wie Ideologie, Geopolitik, wirtschaftlichem Ungleichgewicht oder
in durch Nationalismus, Rasse und religiösen Fanatismus geschürtem intensivem Haß nach der internationalen Zielsetzung und den Ursachen für internationale Instabilität zu suchen.
Diesen Faktoren
müssen wir jetzt die enormen globalen Faktoren wie
rapides Bevölkerungswachstum, Klimawandel und den
Verlust der Artenvielfalt sowie die drohenden Folgen
hinzufügen:
Bodenerosion,
Luftverschmutzung,
Überweidung, abnehmende Frischwasservorräte,
ansteckende Krankheiten, Abbau der Ozonschicht und
viele andere. Selbst verglichen mit den komplexen
Erwägungen, die unsere nationale Sicherheitspolitik
während des Kalten Krieges bestimmten, sind die
neuen globalen Bedrohungen der internationalen
Stabilität beinahe verwirrend in ihrer Wechselwirkung
mit vom Menschen erzeugten Naturphänomenen. Alle
diese Faktoren sind durch eine komplexe Kette von
Ursache und Wirkung verbunden, die zu Problemen
führen, die selbst die nukleare Abschreckung als ein
einfaches Vorhaben erscheinen lassen. Die Berechnungen der Klimaveränderungen - um nur ein

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�Beispiel zu nennen - stellen sogar die modernsten und
stärksten Computer, die für unsere Waffenprogramme
im Kalten Krieg entworfen worden waren, vor eine
Herausforderung.

Weideland erhalten wir Fleisch, Milch, Leder und
Wolle; Ozeane, Flüsse und Seen bringen Nahrungsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie hervor.

Komplexität muß jedoch nicht der Feind eines kohärenten Konzepts für politisch orientierte globale
Themen sein. Von uns allen erfordert die Einbeziehung globaler Bedrohungen in die Definition globaler
und nationaler Sicherheit der Zeit nach dem Kalten
Krieg den Abbau von Schranken und - mit den Worten
von Abraham Lincoln - uns von alten Ideen und den
Paradigmen von gestern "zu befreien".

In der Sprache der Geschäftswelt könnte man sagen,
die Wirtschaft ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Umwelt. Aber wenn wir dieses ökologische
System verschmutzen, zerstören und unwiederbringlich aufs Spiel setzen, beginnen wir, die Wirtschaft
ernsthaft zu schädigen.

So attraktiv es einigen in unserem Kongreß auch
erscheinen mag - mit passiver Isolation werden wir
diese Pflichten nicht erfüllen können. Statt dessen
müssen wir neue Pflichten und neue Herausforderungen - Themen, die das 21. Jahrhundert definieren
werden - erkennen und uns an sie anpassen. Und
eine der wichtigsten ist nachhaltige Entwicklung - das
zentrale Konzept, das beim Erdgipfel im Jahr 1992
vereinbart wurde.

Das ist in Zentral- und Osteuropa geschehen, wo wir
die tiefgreifende Umweltzerstörung erst jetzt entdecken
und verstehen. In der Tat geschieht es überall auf der
Welt, selbst in vielen der Krisengebiete, die heute in
den Schlagzeilen stehen.

Wie Maurice Strang hier vor vier Jahren so klar
dargelegt hat, bedeutet nachhaltige Entwicklung im
Wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt
versuchen sollten, die Bedürfnisse der heutigen
Generation zu erfüllen, ohne Kompromisse zu machen
oder künftige Generationen zu berauben. Es ist ein in
der Erkenntnis des sich gegenseitig verstärkenden
wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen
Fortschritts wurzelndes Konzept.
Bedauerlicherweise ist das größte Hindernis beim
Streben nach nachhaltiger Entwicklung der Irrglaube,
daß der Schutz der Umwelt im Widerspruch zu
Wirtschaftsinteressen steht. Viel zu viele werden mit
dem Kopf nicken und sagen: "Ja, ich bin für Umweltschutz, solange er keine Arbeitsplätze kostet." Und in
eben dieser schrecklich falschen Analyse treffen wir
auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung für
nachhaltige Entwicklung und das Gebot konzertierter
Aktion. Die Wahrheit ist, daß die Umwelt von grundlegender Bedeutung für die Wirtschaft ist.
Ökologische Systeme sind die entscheidende Grundlage unserer Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft, bei der sozialen und wirtschaftlichen
Planung. Fünf unerläßliche biologische Systeme Felder, Wälder, Weideland, Ozeane sowie Flüsse und
Seen - unterstützen die Weltwirtschaft. Mit Ausnahme
von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle
Rohstoffe für die Industrie und alle unsere Nahrungsmittel: Felder liefern Nahrungsmittel, Tierfutter und die
endlose Vielzahl von Rohstoffen für die Industrie wie
Pflanzenöle; Wälder sind die Quelle für Brennstoff,
Holz, Papier und zahllose andere Produkte und bergen
wertvolle Wasserscheiden, die Trinkwasser für
wachsende städtische Gebiete bereitstellen; durch

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Ist das nur ein theoretisches Konzept? Nein.

Zum Beispiel:
In Ruanda geschah das unbeschreiblich brutale
Massaker von 1994 vor dem Hintergrund des explodierenden Bevölkerungswachstums, der Umweltzerstörung und der ungleichen Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate zählt zu den
höchsten der Welt - über acht Kinder pro Frau. Das
einstmals reiche Farmland der Nation ist so stark
ausgebeutet und zerstört, daß zwischen 1980 und
1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungswachstums - die Nahrungsmittelproduktion dramatisch sank.
Im Staat Chiapas in Mexiko haben Jahrzehnte von
Konflikten wegen der Ressourcen zu der Rebellion in
Mexikos krisengeschütteltster Region geführt. Die
ungleiche Verteilung von Land und das rasche Bevölkerungswachstum haben die armen Bauern - meistens
Einheimische - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung von umweltgefährdetem Land auf den
Hochebenen durchzuschlagen. Aber dieser Boden ist
schnell ausgelaugt, wodurch die zunehmende Bevölkerung noch weiter in die Armut gestürzt wird. Ein
ähnlicher Zyklus wurde an so unterschiedlichen Orten
wie den Philippinen, dem Himalaja, der Sahelzone,
Indonesien, Brasilien und El Salvador beobachtet.
In Haiti sind schwindende Ressourcen von noch
zentralerer Bedeutung für den sozialen Kollaps, der die
Insel erfaßte, die einst das Kronjuwel des Französischen Imperiums war. Nahezu völlig entwaldet, der
schlechte Boden mit jeder Generation in kleinere und
weniger produktive Parzellen unterteilt, wurden diese
Probleme verschärft durch eine ausbeuterische
Regierung, die die knappen Ressourcen erschöpfte
und nicht in ihr Volk investierte. Über diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und politischen Kollaps
schwebt drohend die Tatsache, daß Haitis Bevölkerung von sieben Millionen - denen schon jetzt in keiner
Hinsicht Lebensuntererhalt geboten werden kann -

AMERIKA DIENST 20

�sich voraussichtlich in den nächsten 18 Jahren
verdoppelt.

Planeten unter enormem Druck stehen. Wir zerstören
unsere eigenen Überlebenssysteme.

Und in China - wo 20 Prozent der Weltbevölkerung
leben - bedrohen ernsthafter Wassermangel und
Bodenerosion die Fähigkeit des Landes, seine Bevölkerung zu ernähren. Zwischen 1987 und 1990 nahm
Chinas anbaufähiger Boden um rund 50 Millionen
Acker ab - ein Gebiet von der Größe aller Bauernhöfe
in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den
Niederlanden zusammengenommen. Diese Bodenerosion führt zu einem Exodus aus dem verarmten
Inneren des Landes zu den boomenden Küstenstädten. China und die Erfordernisse seiner raschen
Industrialisierung rasen auf einen Umweltabgrund zu,
in den seine Volkswirtschaft bald mit voller Geschwindigkeit stürzen wird. Einige dieser gefährlichen Trends
sind das Produkt der Armut. 1,8 Milliarden Menschen
auf der Welt leben in schrecklicher Armut. Mehr als 2
Milliarden leben ohne Zugang zu angemessenen
Sanitäreinrichtungen.

Die rasche Zerstörung unserer lebenserhaltenden
Systeme illustriert unsere Interdependenz mit der
Natur und unsere sich wandelnden Beziehungen zu
dem Planeten.

Arme Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika
benötigen verzweifelt Brennstoff und bebaubaren
Boden. Ihre Bedürfnisse und ihre Zahl machen sie zu
unwissenden, aber mächtigen Kräften der Zerstörung,
sei es in tropischen Regenwäldern oder auf umweltgefährdeten Hügeln - eine Tragödie für die Umwelt
und ihre eigene Zukunft.
Aber Armut ist nicht die einzige - oder die schlimmste Kraft, die die globale Umwelt vergiftet.
Der Appetit der Wohlhabenden auf Holzprodukte ist für
die Wälder von Malaysia, Indonesien, der Philippinen,
Brasilien und der Vereinigten Staaten eine gleich
große Bedrohung.
Der Großteil des Grundwassers, das unserer Zukunft
entzogen wird, fließt in die erleuchteten Städte derjenigen, die alles haben, nicht auf das ausgedörrte Land
derjenigen, die nichts haben.
Eben diese Städte und wir, die darin leben, heizen die
Erderwärmung an.
Wir lernen auch, daß Umweltkapital nicht einfach
gemessen werden kann, indem man Bäume, Fischbestände oder Kornähren zählt. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Abwässer filtern,
den Boden regenerieren, das Wetter und die klimatischen Bedingungen bestimmen und die Frischwasservorräte auffüllen. Diese Systeme, die jetzt in einem
neuen, aufregenden und fesselnden Gebiet der
ökologischen Wirtschaft als Dienstleistungen im
Umweltbereich bezeichnet werden, erlauben uns das
Leben auf dieser Erde. Der Abbau der Ozonschicht,
der Verlust der Artenvielfalt und der zunehmende
Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre sind Reflexionen der Tatsache, daß die ökologischen Systeme des

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Unsere Sicherheit ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden. Die Sicherheit unserer Welt hängt davon
ab, ob wir ein tragfähiges, ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen und der
Fähigkeit des Planeten zum Erhalt des Lebens
schaffen können.
Warum wurden diese neuen Aspekte der Sicherheit
erst kürzlich erkannt? Zwei Trends sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der Bevölkerung.
Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 verdoppelt und
beläuft sich jetzt auf nahezu sechs Milliarden. Jedes
Jahr nimmt die Welt um weitere 91 Millionen Einwohner zu - das entspricht einem weiteren New York
jeden Monat, einem weiteren Mexiko jedes Jahr, einem
weiteren China jedes Jahrzehnt. 95 Prozent dieses
Wachstums finden in den verarmten Entwicklungsländern statt, die schon jetzt darum kämpfen, Arbeitsplätze und den Lebensunterhalt für ihre Bewohner
bereitzustellen.
Gleichzeitig haben die Industrienationen die Fähigkeit
und das Konsumverhalten entwickelt, in einer Geschwindigkeit Ressourcen zu verbrauchen und Müll zu
produzieren, die in der Menschheitsgeschichte
ihresgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrienationen zwei Drittel aller konsumierten
Ressourcen und produzieren vier Fünftel aller Schadstoffe und Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche Lage die Bevölkerung der Welt nimmt in einem Maße zu,
dem nur unsere wachsende Fähigkeit, Ressourcen zu
konsumieren und Müll zu produzieren, entspricht oder
diese übertrifft. Der Kurs, auf dem wir uns zur Zeit
befinden, ist unhaltbar.
Ein besonderes Anliegen für uns in den Vereinigten
Staaten sind die "Großen Drei": Bevölkerung, Artenvielfalt und Klimawandel. Unseres Erachtens haben
alle drei große Dringlichkeit.
Obwohl es zutrifft, daß das Bevölkerungswachstum
abnimmt, ist die Grundlage, auf der diese Rate angewandt wird, größer als je zuvor in der Weltgeschichte.
Nahezu die Hälfte der heutigen Bevölkerung ist 15
Jahre oder jünger - sie tritt gerade ins geburtenfähige
Alter ein. Ein Großteil der Zukunft der Welt wird davon
abhängen, ob diese neuen jungen Eltern zwei, drei,
vier oder mehr Kinder haben. Aufgrund des Kairoer

Seite 3

�Aktionsprogramms wissen wir, was wir tun müssen.
Wir müssen es jetzt tun.

mit enormen Versprechungen für die Nachwelt verbunden werden können.

Das Zweite der "Großen Drei" ist die Artenvielfalt, das
Hauptthema von Kew Gardens und Ihrer hervorragenden Arbeit auf der ganzen Welt. Wir müssen uns der
Notwendigkeit bewußt werden, über die abstrakten
Worte der Erhaltung und Nutzung unseres biologischen Erbes hinauszugehen. Ich bin immer mehr
davon überzeugt, daß das Thema Artenvielfalt in nicht
allzu ferner Zukunft alle anderen in den Schatten stellt.

Und jetzt zum Dritten der "Großen Drei": Klimawandel.
Die durch unsere jährliche Emission von Milliarden
Tonnen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in die Atmosphäre verursachte Erderwärmung
wird wahrscheinlich enorme Auswirkungen auf jeden
Aspekt der natürlichen Ordnung haben. Wir müssen
über den Klimawandel als Problem der nachhaltigen
Entwicklung und als globales Problem nachdenken.

Das 21. Jahrhundert wird zweifelsohne das Jahrhundert der Biologie. Mehr als 50 Prozent der am
meisten verkauften Pharmazeutika von heute kommen
bereits direkt von pflanzlichen Biochemikalien, und
viele geheime Versprechen erwarten uns: Ein
Immergrün-Betrieb in Madagaskar liefert ein Mittel
gegen bestimmte Formen von Leukämie, Brustkrebs
und Krebsarten, die Kinder befallen. Fingerhut, eine
Pflanze aus der Familie der Löwenmäulchen, auch als
Digitalis bekannt, ist der Grundstoff für ein wichtiges
Medikament, das bei chronischem Herzversagen
eingesetzt wird. Chinin, das aus der Rinde eines
Strauchs aus der Familie der Kaffeepflanzen gewonnen wird, war ein Jahrhundert lang das Hauptmittel
gegen Malaria; und Penizillin, das wichtigste und
berühmteste Antibiotikum, wurde aus gewöhnlichem
Schimmel entwickelt.

Unserer Ansicht nach sind die wissenschaftlichen
Fakten überzeugend:

Die Liste geht immer weiter, bietet unermeßliche Hilfe
und Beruhigung für die Menschheit und schafft
Dollarmärkte in Milliardenhöhe.
Entsprechend entstammt auch unsere Nahrungsmittelbasis dem Reservoir der Natur. Nur drei Arten
von Getreide - Reis, Weizen und Mais - sind beispielsweise die Hauptnahrungsmittel des Menschen,
dennoch ist die Fülle in der Natur viel größer.
Wir können die Entfernung zum Mond auf Zentimeter
genau messen, aber wir haben noch nicht das Wunder
der Arten unserer eigenen Welt erforscht. Gibt es 10
Millionen, 50 Millionen oder 100 Millionen, und welche
genetischen Wunder versprechen sie? Sicherlich ist
das die allerwichtigste Grenze der Zukunft, innerhalb
der wir nach Nahrungsmitteln, Brennstoff, Pharmazeutika oder Fasern suchen können, wie wir einst nach
Gold in Südafrika oder Silber im amerikanischen
Westen gesucht haben. Leider wird das in den
Vereinigten Staaten nicht genug verstanden; es sind
Kräfte in unserem Land im Gange, die eine biologische
Übersicht unserer Nation vereiteln, das Artenschutzgesetz außer Kraft setzen und den internationalen
Vertrag über Artenvielfalt ignorieren wollen. Eine der
größten uns konfrontierenden Herausforderungen ist
die Veränderung der Begriffe der biologischen Debatte, so daß sie als eine phänomenale Zukunft verstanden wird, in der wir beweisen können, daß wirtschaftlicher Wohlstand und die Erhaltung der Umwelt

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Die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre
wird durch anthropogene Treibhausgasemissionen
verändert. Die kontinuierliche Ansammlung dieser
Gase wird den natürlichen Treibhauseffekt vergrößern
und eine Veränderung des globalen Klimas bewirken.
Auf der Grundlage dieser und zusätzlicher wissenschaftlicher Fakten wurde in der zweiten globalen
Studie des zwischenstaatlichen Gremiums für den
Klimawandel (IPCC) berichtet, "die vorliegenden
Beweise legen nahe, daß es einen erkennbaren
menschlichen Einfluß auf das globale Klima gibt".
Mit dieser letzten Erkenntnis wurde zum ersten Mal ein
Konsens zwischen führenden Klimaforschern erzielt,
daß die sich verändernden Klimabedingungen der Welt
mehr als die natürlichen Unbeständigkeiten des
Wetters sind. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der
IPCC haben die zwingenden Fakten des wissenschaftlichen Verständnisses dieses Problems noch
unterstrichen.

Dennoch besteht weiterhin Unsicherheit. Die Wissenschaftler können uns noch nicht genau sagen, wie
sehr, wann oder in welcher Geschwindigkeit das Klima
der Erde auf die Ansammlung der Treibhausgase
reagieren wird. Anhand der bestmöglichen Schätzung
auf der Grundlage dessen, was über das komplexe
Klimasystem bekannt ist, vertreten die Wissenschaftler
jedoch die Ansicht, daß die derzeitigen Emissionstrends (die in den nächsten Jahrzehnten die effektive
Verdoppelung von vorindustriellen Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre zur Folge haben
werden) zu globalen Temperaturen führen werden, die
im Durchschnitt 2 bis 6,5 Grad wärmer sind als heute
und in einem Maße steigen, das größer ist als je zuvor
in den vergangenen 10.000 Jahren.
Auf der Grundlage dieser Schätzungen deuten die
besten wissenschaftlichen Beweise darauf hin, daß der
vom Menschen verursachte Klimawandel, wenn er
unvermindert anhält, tiefgreifende Konsequenzen für
die Wirtschaft und die Lebensqualität künftiger Generationen haben könnte:

AMERIKA DIENST 20

�Die menschliche Gesundheit steht durch die projizierte
Zunahme von durch Hitze herbeigeführten Todesfällen
und der Verbreitung von Krankheiten wie Malaria,
Gelbfieber und Cholera auf dem Spiel. In der Tat
sehen die Weltgesundheitsorganisationen die Auswirkung des Klimawandels als eine der größten
Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit im 21.
Jahrhundert.
Die Nahrungsmittelsicherheit könnte durch eine Reihe
von Auswirkungen der Erderwärmung bedroht sein,
wenn die Felder sich nach Norden verlagern und
einige Regionen der Welt sich einer ernsthaften
Nahrungsmittelknappheit ausgesetzt sehen.
Das
macht die Arbeit von Kew Gardens an ihrer Saatenbank außerordentlich relevant und wichtig für dieses
Problem.
Die Wasserressourcen werden erwartungsgemäß
immer mehr beansprucht mit beträchtlichen Kosten für
die Wirtschaft, Gesellschaft und die Umwelt in Regionen, deren Wasservorräte bereits begrenzt sind, und
vielleicht mit politischen Kosten an Orten, wo es bereits
einen Konflikt wegen begrenzter Ressourcen gibt.
Die Küstengebiete - wo ein hoher Prozentsatz der
Weltbevölkerung lebt - sind aufgrund des Anstiegs des
Meeresspiegels in Gefahr. Allein in den Vereinigten
Staaten schätzen unsere Planer die Kosten für den
Schutz der Küsten vor einem Anstieg von einem Meter
auf 100 bis 300 Milliarden Dollar.
Unserer Ansicht nach hat das IPCC den politischen
Entscheidungsträgern gegenüber eindeutig bewiesen,
daß zur Bewältigung diese Herausforderung weitere
Maßnahmen ergriffen werden müssen.
Die Maßnahmen der Vereinigten Staaten zum Klimawandel stützen sich auf diese wissenschaftlichen
Fakten - das Risiko ist zu groß, um ignoriert zu
werden, und wir müssen jetzt handeln.
Unsere Vorschläge enthalten drei zentrale Komponenten:
Wir schlagen vor, daß alle Industrienationen realistische und erreichbare Ziele und Zeitpläne für die
beträchtliche Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen festlegen.
Wir schlagen vor, daß die Entwicklungsländer Fortschritte bei ihren im Rahmen des Vertrags zum
Klimawandel eingegangenen Verpflichtungen erzielen
müssen und darüberhinaus einem Prozeß zustimmen,
der sicherstellt, daß sie eine Verpflichtung zu eigenen
bindenden Emissionsbegrenzungen eingehen.
Und schließlich schlagen wir die Einrichtung eines
Systems handelbarer Emissionszertifikate und andere
Marktmechanismen vor, die die Kosten der Emissions-

AMERIKA DIENST 20

begrenzungen in den Industrie- und Entwicklungsländern senken.
Ich möchte jeden dieser drei Aspekte unseres Vorschlags im Einzelnen ansprechen.
Ich möchte mit unserer Idee eines Systems handelbarer Emissionszertifikate und den Marktmechanismen
beginnen, weil wir sie als unerläßlich für unseren
Vorschlag insgesamt ansehen - sowohl im Hinblick auf
die Umwelt als auch auf die Wirtschaft. Unseres
Erachtens können diese Marktmechanismen die
Kosten der Umsetzung beträchtlich verringern - und
uns dadurch in den Industrie- und Entwicklungsländern
gleichermaßen sehr viel größere Emissionsverringerungen ermöglichen.
In den Vereinigten Staaten wurde das Konzept des
Handels mit Emissionszertifikaten erfolgreich für die
bis zu zehnfache Verringerung der Kosten der Einhaltung der Standards eingesetzt, die für Kraftwerksemissionen von Schwefeldioxid festgesetzt wurden.
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel stellen wir
uns vor, daß die beteiligten Nationen und ihre Privatunternehmen mit den Zertifikaten für Treibhausgasemissionen handeln dürfen und damit dort die Möglichkeit zur Reduzierung von Emissionen schaffen, wo
dies am billigsten ist. Ein solches Programm könnte
die Kosten der Emissionsverringerung um bis zu 50
Prozent senken.
Es muß ein internationales Regime für den Handel mit
Emissionszertifikaten entworfen und umgesetzt
werden. Wir müssen ein zuverlässiges System der
Überwachung und Verifizierung einführen um sicherzustellen, daß jeder die Regeln einhält - das trifft
jedoch auf fast alle internationalen Abkommen zu, von
Rüstungskontrolle bis zum Recht auf geistiges Eigentum.
Ein weiteres Schüsselelement unserer Klimastrategie
ist gemeinsame Umsetzung. Wir schlagen vor, daß
Privatunternehmen in Industrienationen Projekte zur
Emissionsverringerung in Entwicklungsländern einführen und diese Reduzierungen gegen ihre eigenen
Emissionen aufrechnen. Unseres Erachtens kann die
gemeinsame Umsetzung von dem Fachwissen und
Kapital des Privatsektors profitieren, um die globalen
Treibhausgasemissionen in kostengünstiger Weise zu
verringern.
Die Vereinigten Staaten haben bereits viele erfolgreiche Demonstrationsprojekte für gemeinsam durchgeführte Aktivitäten in die Wege geleitet, von Wiederaufforstung bis zu Energieeinsparung, von Costa Rica
bis zur Tschechischen Republik, von Belize über
Bolivien bis Rußland.
Wie diese Projekte bewiesen haben, kann die gemeinsame Umsetzung sehr viel mehr bewirken als nur die

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�Kosten verringern. Die Entwicklungsländer müssen
aus einem solchen System durch den Transfer
modernster Technologien und Unternehmenspraktiken
substantielle und langfristige Vorteile ziehen. Wie wir
in Mittelamerika gesehen haben, können Projekte für
die gemeinsame Umsetzung darüber hinaus einen
unschätzbaren Mechanismus zum Schutz der Wälder
und anderer entscheidender Lebensräume auf der
ganzen Welt bieten.
Wir sehen die Kombination des Handel mit Emissionszertifikaten mit gemeinsamer Umsetzung als eine
umfassendere "grünere" Alternative zu der Idee einer
europäischen "bubble" und anderen rein regionalen
Schemata. Klimawandel ist ein globales, kein regionales Problem, und die Mechanismen, die wir zur
Kostenreduzierung einführen, sollten so umfassend
wie möglich sein. Um ganz sicher zu gehen, sollten
wir die europäischen Regierungen und Unternehmen
zur Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und
Australien, Rußland und Japan, China und Indien
ermutigen. Das Leitprinzip sollte die Maximierung der
Vorteile für die Umwelt mit niedrigsten Kosten sein.
Wir sollten die Emissionen reduzieren, wo immer und
wann immer wir können, selbst wenn dies das Überqueren nationaler oder regionaler Grenzen bedeutet.
Geringere Kosten werden uns wiederum in die Lage
versetzen, sehr viel bedeutendere Reduzierungen von
Treibhausgasemissionen anzustreben und dann zu
erlangen.
Gleichzeitig denken wir, daß alle Industrienationen
signifikante Maßnahmen zur Emissionsreduzierung
ergreifen sollten. Das ist ein Problem, das jede Nation
betrifft, und jede Nation muß Teil der Lösung sein.
Aber im Gegensatz zum Handel mit Emissionszertifikaten würde die "EU-bubble" ein System schaffen, in dem Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland wenig oder keinen Anreiz zur Begrenzung
ihrer Emissionen haben - in der Tat würde der aktuelle
Vorschlag der EU diese Länder zu einer Erhöhung
ihrer Emissionen um bis zu 40 Prozent über das
Niveau von 1990 ermutigen. Das ist nicht der beste
Weg zur Verringerung der Emissionen insgesamt, und
es ist nicht das richtige Signal, das wir den seit kurzem
zu den Industrienationen zählenden Ländern wie
Mexiko und Korea senden wollen.
Das bringt mich zu den Zielen und Zeitplänen für die
Emissionsverringerung in Industrienationen.
Präsident Clinton ist sich bewußt, daß die Vereinigten
Staaten als das Land, das die meisten Treibhausgase
emittiert, ein gutes Beispiel für andere Nationen auf der
Welt geben müssen. Aus diesem Grund haben der
Präsident und seine Kabinettsmitglieder jetzt eine
intensive Aufklärungskampagne eingeleitet, um die
Amerikaner und den Kongreß davon zu überzeugen,
daß das Problem des Klimawandels real und drohend
ist. Und aus diesem Grund hat Präsident Clinton

Seite 6

versprochen, daß "wir zu der Konferenz von Kyoto
eine starke Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu
realistischen und bindenden Obergrenzen mitbringen,
die unsere Treibhausgasemissionen beträchtlich
reduzieren werden". Unseres Erachtens werden
Marktmechanismen wie die von mir erörterten die
Erlangung bedeutender Emissionsreduzierungen in
kosteneffektiver Weise ermöglichen.
Aber selbst mit solchen Mechanismen gibt es Grenzen
dessen, was wir in Kyoto vereinbaren können oder
sollten. Man kann sehr wohl sagen, daß jedes unserer
Länder in den nächsten zwei Jahrzehnten die Emissionen um 15 oder 20 Prozent unter das Niveau von 1990
senkt. Wir müssen jedoch ehrlich bezüglich dessen
sein, was realistisch erreicht werden kann, und wir
müssen unsere Versprechen halten. Sonst wird der
gesamte internationale Verhandlungsprozeß über den
Klimawandel zu politischen Positionen verkommen,
und - mit keinem Abkommen in Sicht - werden die
Emissionen weiterhin rasch ansteigen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Großbritannien schwierige und bewundernswürdige Entscheidungen zur
Senkung der Energiesubventionen getroffen. Damit
geben Sie ein gutes Beispiel für andere Nationen auf
der Welt, die in den kommenden Jahren ähnliche
Entscheidungen fällen müssen. Wir beglückwünschen
Premierminister Blair zu seinem enthusiastischen und
öffentlichen Engagement für weitere Emissionsreduzierungen.
Wahrscheinlich werden im Jahr 2000 Großbritannien,
Deutschland und die Nationen der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas die einzigen Industriestaaten
sein, die ihre Emissionen auf dem Stand von 1990
eingefroren haben. Deutschland wird seine Emissionsziele durch die Schließung von Fabriken in der
ehemaligen DDR erreichen, während Rußland und
seine osteuropäischen Nachbarn das nur durch
massive, extrem schmerzhafte wirtschaftliche Umstrukturierungen tun können.
Mit Blick auf das Gesamtbild müssen wir uns auch
bewußt werden, daß Aktionen der Vereinigten Staaten,
Großbritanniens und anderer Industriestaaten allein
nicht ausreichen, um die Welt auf den Weg zu stabilen
Treibhausgaskonzentrationen zu bringen. Wie ich
bereits darlegte, ist Klimawandel eine globale Frage,
die eine weltweite Antwort erfordert. Wir haben nur
eine Atmosphäre - ob sie nun durch amerikanische
Kraftwerke, brasilianische Stahlwerke oder koreanische Verkehrsstaus verschmutzt wird.
Zur Zeit entfallen ungefähr 60 Prozent der globalen
Emissionen auf die Industriestaaten. Aber auch die
Emissionen der Entwicklungsländer steigen schnell an
und werden im Jahr 2020 mehr als die Hälfte der
weltweiten Emissionen ausmachen. China - das im
Hinblick auf Treibhausgasemissionen weltweit bereits

AMERIKA DIENST 20

�an zweiter Stelle steht - wird die Vereinigten Staaten in
den nächsten 15 Jahren übertreffen, weshalb es
dringend geboten ist, daß in Zukunft jeder Schritt
Aktionen von Industriestaaten und Entwicklungsländern gleichermaßen beinhaltet.
Ich sollte noch hinzufügen, der Kongreß der Vereinigten Staaten teilt unsere Ansicht, daß eine Beteiligung der Entwicklungsländer sehr wichtig ist.
Tatsächlich zeigte der Senat vor kurzem durch ein
Votum von 95 zu 0, daß er nur dann einem Abkommen
zum Klimawandel zustimmen wird, wenn es spezifische Bestimmungen zur Bewältigung dieses Problems beinhaltet. Viele meiner früheren Kollegen im
Senat halten das für ein Problem des Wettbewerbs.
Ein großer und steigender Prozentsatz der amerikanischen Exporte geht in die Entwicklungsländer; wir
konkurrieren auf der ganzen Welt mit China, dem
weltweit größten Exporteur von Verbrauchsgütern.
Sehr viele Amerikaner machen sich Sorgen, daß ein in
Kyoto geschlossenes Abkommen zum Export ihrer
Arbeitsplätze ins Ausland führen könnte.
Wir erachten die Beteiligung der Entwicklungsländer
als wesentlichen Bestandteil eines umfassenden
Abkommens von Kyoto - zusammen mit den rechtlich
bindenden Verpflichtungen der Industriestaaten und
der Schaffung eines kostengünstigen Mechanismus zu
seiner Umsetzung. Es gibt mehr als 100 Entwicklungsländer, die sich im Hinblick auf ihre Größe und

Nationen ihre Energieeffizienz verbessern, Subventionen abschaffen, eine marktorientierte Preisfestsetzung
unterstützen, den Einsatz erneuerbarer Energien
verstärken, Investitionen in umweltfreundliche Technologien erleichtern und die Entwicklung und den
umweltfreundlichen Umgang mit den Wäldern und
anderen Kohlenstoffsenken und -reservoiren fördern
sollten. All diese Maßnahmen sind wirtschaftlich
gerechtfertigt und können auch zur Lösung anderer
Umweltprobleme beitragen.
Wie sollten wir die Entwicklungsländer kategorisieren?
Sie sind nicht alle gleich. Einige tragen aufgrund ihrer
großen Volkswirtschaften die Verantwortung für einen
beträchtlichen Teil der globalen Emissionen. Andere
haben ein höheres Pro-Kopf-Einkommen, was sie in
die Lage versetzt, mehr Pflichten zu übernehmen.
Unterscheidungen zwischen den einzelnen Entwicklungsländern sind gerechtfertigt, und unseres Erachtens begründen sie die Schaffung einer besonderen Klasse von Nationen, die um freiwillige Festsetzung von Zielen für ihre Emissionen gebeten würden.
Diese Nationen dürften dann mit ihren Emissionszertifikaten handeln.
Drittens müssen wir uns mit der dringenden Notwendigkeit eines Regimes befassen, innerhalb dessen alle
Nationen - insbesondere die größeren und reicheren gleichberechtigte Partner bei der Reaktion auf die
Bedrohung des Klimawandels werden. Das bedeutet,

ihren Entwicklungsstand stark unterscheiden; aber

daß Kyoto ein erster Schritt in einem Prozeß wird, der

jede dieser Nationen kann und sollte Aktionen ergreifen, die ihren Fähigkeiten und Pflichten entsprechen.

über viele Jahre hinweg fortgesetzt werden muß.
Unsere Arbeit wird in Kyoto nicht beendet, aber es ist
wichtig, daß sie mit einem ernsthaften und engagierten
ersten Schritt beginnt.

Der Vorschlag der Vereinigten Staaten für die Beteiligung der Entwicklungsländer enthält drei Elemente:
Erstens rufen wir alle Nationen - Industriestaaten und
Entwicklungsländer - dazu auf, die Umsetzung ihrer
bestehenden Verpflichtungen zur Ergreifung von
Maßnahmen zum Klimaschutz zu fördern.
Zweitens ersuchen wir die Schwellenländer, insbesondere diejenigen mit einem OECD-Status,
freiwillige Emissionsbeschränkungen vorzunehmen.
Drittens fordern wir eine neue Verhandlungsreihe zur
Ausarbeitung mengenmäßig festgelegter Verpflichtungen für alle Länder und zur Einführung eines "Auslösers" für die automatische Anwendung dieser
Verpflichtungen auf der Grundlage vereinbarter
Kriterien.
Lassen Sie mich noch ein paar Worte über unsere
Strategie für die Entwicklungsländer sagen:
Zunächst geht es hierbei um die Förderung der
Umsetzung bestehender Abkommen im Rahmen der
Klimakonvention. Wir sind der Ansicht, daß alle

AMERIKA DIENST 20

Ich bin im Hinblick auf die logische Grundlage unseres
Vorschlags für Kyoto ziemlich ins Detail gegangen,
weil die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union sich möglichst bald auf eine gemeinsame
Position einigen müssen, damit wir während der
bevorstehenden Verhandlungen zusammenarbeiten
können. Das Bündnis, das unseren gemeinsamen
Interessen während des Ersten Weltkriegs, des
Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs so gut
gedient hat, wird auch hier von elementarer Bedeutung
sein. Aus diesem Grund bin ich heute hier: Um mit
Ihnen zu sprechen und Konsultationen mit Ihrer
Regierung zu führen.
Dies ist eine ehrgeizige, interessante und anstrengende Agenda, die nicht ohne Kosten und Hindernisse ist,
aber bewältigt werden kann. Tatsächlich lautet die
Frage nicht länger, was getan werden muß, sondern
vielmehr wie das, was offensichtlich getan werden
muß, erleichtert werden kann. Vom Erfolg werden
unsere beiden Nationen, unsere beiden Volkswirtschaften und - was am wichtigsten ist - derzeitige und
künftige Generationen profitieren. Meines Erachtens
hängt unser Vermächtnis großenteils von unserer

Seite 7

�Fähigkeit ab, diese neuen Herausforderungen zu
verstehen und darauf zu reagieren. Die zukünftige
Bewohnbarkeit und Stabilität der Welt steht auf
Messers Schneide.
1948, als die Erforschung des Weltraums noch
Sciencefiction war, erklärte der Astronom Fred Hoyle:
"Wenn wir erst einmal eine aus dem Weltraum aufgenommene Fotografie der Erde haben, werden neue
Ideen entwickelt, die mächtiger sind als alle anderen in
der Geschichte."
Zwanzig Jahre später, als die Raumfahrt Realität
wurde, verliehen die Astronauten Hoyles Gefühl für
die Einheit der Welt überzeugend Ausdruck. Ich
möchte eine Äußerung des amerikanischen Astronauten James Irwin zitieren:
"Dieses wunderschöne, warme, lebendige Objekt sah
so zerbrechlich, so zart aus, als würde es bei der
ersten Berührung brechen und zerfallen."

*

Seite 8

Und ein russischer Kosmonaut äußerte: "Nachdem
eine orangefarbene Wolke - die sich als Ergebnis
eines Sandsturms über der Sahara gebildet hatte - die
Philippinen erreicht und dort mit dem Regen zu Boden
fiel, verstand ich, daß wir alle in demselben Boot
sitzen."
In diesem letzten Jahrzehnt des Jahrtausends haben
wir die Macht und die enorme Verantwortung, dieses
Boot vorsichtig zu steuern. Wir haben auch die
Fähigkeit, den Wandel zum Nutzen der gesamten Welt
zu gestalten. Den heute in diesem Raum widergespiegelten Interessen und intellektuellen Fähigkeiten
kommt in diesem Zusammenhang eine besondere
Verantwortung zu. Wenn wir zusammenarbeiten, sind
Ihre Begabungen, Ihre Energie und Ihre Macht den
Herausforderungen und beteiligten Institutionen mehr
als gewachsen. Ich weiß, daß jeder Einzelne von
Ihnen sich an diesem Bestreben beteiligen wird und
wir unsere Energie und Klugheit in den Dienst dieser
Ziele stellen können. Zweifelsohne hängt unsere
Zukunft davon ab.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Weg zu Fortschritten in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Globalisierung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globalisierung und Diplomatie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere globale Zukunft: Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Timothy Wirth&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

I.Oktober 1997

19

POLITIK

CLINTONS INNEN- UND AUSSENPOLITISCHE
AGENDA
Rede des Präsidenten vor der American University

NAHER OSTEN

ALBRIGHT: ARABISCHE WELT MUSS SICH
GEEINT FÜR FRIEDEN UND SICHERHEIT
EINSETZEN
Rede der US- Außenministerin vor dem GolfKooperationsrat

NATO

ALBRIGHT: WIR WOLLEN, DASS DER FRIEDEN
BESTAND HAT
Rede der Außenministerin vor dem Ständigen
Gemeinsam Rat der NATO

**

DIE NATO-ERWEITERUNG - LEICHTSINN ODER
NOTWENDIGKEIT?
Rede von Botschafter Robert Hunter

USA-EUROPA

DIE NEUE TRANSATLANTISCHE AGENDA
Rede von Staatssekretär Eizenstat

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�POLITIK
I.Oktober 1997

Clintons innen- und außenpolitische Agenda
Rede des Präsidenten vor der American University

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 9. September 1997 vor der
American University gehaltene Rede über die innen- und außenpolitischen Zielsetzungen der Administration.

Vielen Dank. Zuerst möchte ich Ihnen allen für Ihre
herzliche Begrüßung danken. Ich habe Rektor Ladner
bereits gesagt, daß ich nach diesem wunderbaren
Willkommen eigentlich gar keine Rede mehr halten
möchte.
Ich freue mich über die Begrüßung durch den Rektor
und seine profunden Worte. Ich danke Neal Sharma
für seine Einführung und seine Führungsrolle in der
Studentenschaft.
Ich begrüße den Vorsitzenden
Jacobs und Professor Mintz, Minister Dalton und
Gattin, den Stadtverordneten Thomas, alle Treuhänder
und Ehemaligen, die Fakultätsmitglieder, den Lehrkörper, die hier anwesenden Studenten und die Freunde
der American University, die heute gekommen sind.
Viele Mitglieder unserer Administration haben an der
American University ihren Abschluß gemacht oder sind
auf andere Weise mit ihr verbunden. Dazu zählt auch
Ihr ehemaliger Rektor, Joe Duffy. Eines der wichtigsten hat mich heute hierher begleitet - die ehemalige
Dozentin Judy Winston, die Direktorin meiner Rasseninitiative ist, über die ich heute unter anderem sprechen möchte.
Der Beginn eines neuen Studienjahres ist der Zeitpunkt, an dem sich die Studenten und auch wir hier in
Washington nach der Sommerpause des Kongresses
im August wieder an die Arbeit machen. Es ist eine
Zeit echter Hoffnung und des verdienten Optimismus
für Amerika. Und das höre ich heute an Ihren lebhaften Stimmen. Meines Erachtens ist das für mich ein
guter Zeitpunkt, zu Ihnen und unserem Land darüber
zu sprechen, was wir in den verbleibenden Monaten
dieses Jahres tun müssen, um unser Land optimal auf
das 21. Jahrhundert vorzubereiten.

AMERIKA DIENST 19

Ich kann kaum glauben, daß es fast sechs Jahre her
ist, seit ich meine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekanntgab. Damals - Ende 1991 - schien
Amerika sich dem neuen Jahrhundert mit unsicheren
Schritten zu nähern. Dramatische Veränderungen
unserer Lebens- und Arbeitsweise sowie unserer
Beziehungen untereinander und zu der übrigen Welt
bedrohten die Werte, die unser Leben bestimmen. Wir
waren in Gefahr, genau zu dem Zeitpunkt als Nation
stärker gespalten zu werden, an dem wir energisch
gemeinsame Fortschritte machen sollten.
An dem Tag, an dem ich meine Kandidatur bekanntgab, erklärte ich, unsere Mission als Volk müsse darin
bestehen, den Amerikanischen Traum für alle am
Leben zu erhalten, die dafür arbeiten wollen; Amerika
weiterhin als weltweit stärkste Kraft für Frieden,
Freiheit und Wohlstand zu erhalten und unsere Bürger
über alle uns trennenden Gräben hinweg als ein
Amerika zusammenzubringen.
Die ältesten und
dauerhaftesten Werte Amerikas - Chancen für alle,
Verantwortung aller, eine Gemeinschaft aller - mußten
in einer neuen und anderen Zeit stark und lebendig
bleiben. Das erforderte einen neuen Kurs.
Unsere Nation ist jetzt seit mehr als 220 Jahren jung
und stark geblieben, indem sie stets neue Herausforderungen auf eine Art und Weise bewältigt, die
unsere ältesten Werte erneuert. Das ist die Urquelle
unserer Größe. Unsere Nation wurde nicht auf
Religion, Rasse oder Geografie gegründet, sondern
auf einer Reihe leuchtender Ideale, die zu jedem
entscheidenden Moment unserer Geschichte wiederholt, bekräftigt und befürwortet wurden: Lincoln in
Gettysburg; die Progressiven bei der Schaffung einer
neuen Freiheit für das Industriezeitalter; Franklin
Roosevelt, der Amerika im Namen unserer ältesten

Seite 1

�Ideale aus dem Abgrund rettete; Dr. King, der Amerika
aufforderte, die wahre Bedeutung unseres Credos zu
leben. In jedem Moment der Herausforderung und des
Wandels haben wir Amerikaner einen Weg gefunden,
um diese alten Ideale zu bewahren, so daß sie keine
auf Pergamentpapier geschriebenen abgedroschenen
Worte sind, sondern vielmehr lebende Wegweiser für
eine neue Ära.
Seit viereinhalb Jahren arbeiten die Amerikaner daran,
dies zu einer Zeit des Wandels für unsere Generation
zu machen. Wir haben einen mutigen neuen Wirtschaftskurs eingeschlagen, unser Haushaltsdefizit
noch vor dem jüngsten Abkommen über einen ausgeglichenen Haushalt um mehr als 80 Prozent gesenkt,
Exporte durch mehr als 200 Handelsvereinbarungen
ausgeweitet und in unsere Menschen und ihre Zukunft
investiert. Wir machten uns daran, Amerika in der Zeit
nach dem Ende des Kalten Krieges Glaubwürdigkeit
zu verleihen, neue Bündnisse zu schmieden und uns
von Bosnien bis Haiti für unsere Werte einzusetzen.
Wir befaßten uns mit einer Vielzahl tiefgehender
sozialer Probleme einer Generation; wir gingen die
Herausforderungen von Verbrechen, Sozialhilfe und
Armut mit Arbeit, Verantwortung und Gemeinschaftsaktionen an. Und wir begannen mit der Zusammenstellung einer neuen Regierung, die nicht alles tun will,
sich aber nicht damit zufrieden gibt, nichts zu tun.
Vielmehr ist es eine progressive Regierung, die sich
verpflichtet, den Menschen die erforderlichen Werkzeuge zu geben, damit sie das Meiste aus ihrem
Leben machen können.
Heute sehen wir die Ergebnisse. Die Arbeitslosigkeit
liegt unter 5 Prozent, seit 1993 wurden fast 13 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die Inflation ist
niedrig und stabil, das Wachstum von Investitionen
und das Vertrauen der Verbraucher sind größer als
seit einer Generation. Familieneinkommen beginnen
endlich zu steigen, nachdem sie jahrzehntelang niedrig
waren.
Gewaltverbrechen nehmen seit Jahren
dramatisch ab. Wir waren Zeuge der stärksten
Abnahme von Sozialleistungen in der Geschichte.
Und viele unserer ärmsten städtischen und ländlichen
Gemeinden durchleben einen Frühling der Erneuerung.
Ende Juli erreichte Amerika einen neuen Meilenstein,
als ich den ersten ausgeglichenen Haushalt seit einer
Generation unterzeichnete. Dabei ging es um mehr
als nur um Zahlen. Er verkörpert die größte Zunahme
an Unterstützung für das Bildungswesen seit 1965. Er
umfaßt die größte Zunahme an Hilfe, damit die Menschen aufs College, auf Gemeindecolleges und
Graduate Schools gehen können. Das ist der größte
Anstieg seit der Verabschiedung des Gl-Gesetzes vor
50 Jahren - und er wird praktisch jedem die Tür zu
einem Collegebesuch öffnen, der dafür zu arbeiten
bereit ist.

Seite 2

Dieser Haushalt beinhaltet die größte Einzelinvestition
in die Gesundheitsfürsorge seit der Einführung von
Medicaid im Jahr 1965, die vor allem die Versicherung
von fast fünf Millionen Kindern zum Ziel hat, die derzeit
noch nicht krankenversichert sind. Er sieht die
Wiedereinführung gerechter Leistungen für legale
Einwanderer vor und stellt Milliarden Dollar bereit, um
den Menschen noch stärker zu helfen, die von der
Sozialhilfe wieder zur Arbeit zurückfinden wollen.
Nachdem das Haushaltsdefizit jahrelang unsere Politik
behindert und unsere Wirtschaft gelähmt hat, konnte
Amerika endlich die nächste Generation von dieser
Last befreien. Nach Jahren, in denen die beiden
Parteien oft so müde und gefangen erschienen wie
zusammengeschlagene Kämpfer in einem Ring, der
immer kleiner wird, fanden wir endlich einen Weg für
Demokraten und Republikaner, im nationalen Interesse zusammenzuarbeiten. Und damit haben wir uns
selbst bewiesen, daß Amerika noch funktioniert.
Wir dirigieren die sich heute in den Bereichen Technologie, Handel und Soziales stattfindenden Veränderungen - Veränderungen, die einst so viel Zweifel und
Unsicherheit hervorriefen - auf eine Art und Weise, die
sicherstellt, daß sie mächtige Kräfte des Guten
werden. Bei alledem möchte ich betonen, daß wir
nicht nur auf der Welle des letzten Konjunkturaufschwungs reiten. Unser Wirtschaftsplan, in dessen
Mittelpunkt ein ausgeglichener Haushalt steht, ist die
Grundlage, auf der wir die Zukunft Amerikas aufbauen.
Die Amerikaner dieser Generation gestalten und leiten
eine völlig neue Wirtschaft. Heute arbeitet ein größerer Prozentsatz von Amerikanern in der Computerindustrie als auf der Höhe der fünfziger Jahre in der
Automobilindustrie. Und in den Industriezweigen der

Zukunft - Computer, Biotechnologie, Luftfahrt - ist
Amerika weltweit führend. Aber Amerika ist auch
erstmals seit den siebziger Jahren bei Produktion und
Verkauf von Autos wieder führend.
In dieser neuen Volkswirtschaft wird es noch Höhen
und Tiefen geben, es wird Rezessionen und Krisen
geben, die Aktionen erfordern. Aber die Volkswirtschaft hat sich grundlegend verändert. Früher führten
vor allem die Goldvorräte im Boden, unser reichlich
vorhandenes Farmland oder die Kapazität unserer
Fabriken zum Reichtum der Menschen. Heute wissen
Sie ebenso gut wie jeder andere, daß die Fähigkeiten
unserer Menschen und unsere Vorstellungskraft dazu
führen.
Heute haben wir gute Nachrichten. Und angesichts
guter Nachrichten ist es am leichtesten, sich zu
erholen, Urlaub zu machen, zu glauben, daß unsere
Arbeit getan ist und zufrieden zu sein, daß unsere
Herausforderungen bewältigt sind. Aber Selbstgefälligkeit ist keine Option, und Ferien müssen in einer Zeit
voller Herausforderungen und Veränderungen weiterhin kurz sein. In der Tat muß sehr viel mehr getan

AMERIKA DIENST 19

»•

�werden, um unsere Werte zu erneuern, unsere Nation
zu stärken, noch ungelöste Probleme anzugehen,
wenn wir Ihnen wirklich das 21. Jahrhundert geben
sollen, das Sie verdienen. Wir müssen jetzt die
Schritte unternehmen, die klar vor uns liegen. Und die
Zeit für den Beginn ist jetzt - in diesem Herbst - mit
einer Reihe konkreter Aktionen, die den krönenden
Abschluß für ein Jahr echter Fortschritte für Amerika
bilden.
Zuallererst müssen wir Chancen für alle unsere Bürger
bereitstellen. Chancengleichheit ist unser zentraler
Wert, aber ihre wahre Bedeutung hat sich grundlegend
geändert. Im 19. Jahrhundert bedeutete Chancengleichheit beispielsweise die Zuteilung eines kostenlosen Stücks Land. Im 21. Jahrhundert wird es ein PellStipendium an einem Gemeindecollege, einer Handelsschule oder einer Universität sein. Und mehr
Ausbildung ist wichtig. Wir haben enorme Fortschritte
gemacht. Wie ich bereits sagte, enthält dieser Haushaltsentwurf die größte Aufstockung von Mitteln, um
den Menschen in 50 Jahren Zugang zu weiterführender Bildung zu gewähren - nicht nur das höchste PellStipendium unserer Geschichte, sondern auch
300.000 weitere Jobs, mit denen man sich das Geld für
ein Studium verdienen kann, neue Einsparungsmöglichkeiten beim privaten Rentenkonto für die
Collegeausbildung und Steuerfreibeträge, die praktisch
jedem im Land eine zweijährige Collegeausbildung
ermöglichen, der bisher keinen Zugang zum College
hatte, und eine vierjährige Ausbildung sowie den
Besuch der Graduate School gestatten. So etwas hat
es nie zuvor gegeben, und es wird die Chancen
revolutionieren, wenn es um die Möglichkeit einer
Collegeausbildung geht.
Ich möchte erläutern, warum es so wichtig ist, daß wir
uns auf die nächsten drei Monate konzentrieren. Die
Vereinbarung über einen ausgeglichenen Haushalt
enthält einen Fünfjahresplan für den Ausgleich des
Haushalts, und sie enthält Steuersenkungen. Sie
enthält einen Ausgabenplan. Der Ausgabenplan muß
jedoch jedes Jahr erneut umgesetzt werden. Dies wird
der Kongreß in den nächsten drei Monaten mit der
Verabschiedung der Mittelzuweisungen tun. Er muß
das Geld für die Pell-Stipendien genehmigen. Er muß
das Geld für die Jobs genehmigen, mit denen man sich
das Geld für ein Studium verdienen kann. Er muß eine
Verdoppelung der Mittel für Computer in jedem
Klassenzimmer genehmigen, damit wir unser Ziel
verwirklichen können, jedes Klassenzimmer und jede
Bibliothek bis zum Jahr 2000 an das Internet anzuschließen. Er muß die Initiative "Amerika liest"
genehmigen - mit der wir Gemeindemitarbeiter,
jobbende Studenten im ganzen Land und Tausende
von AmeriCorps-Studenten mobilisieren können, die in
unsere Schulen gehen und mit Lehrern und Eltern
zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß jeder
Drittklässler in diesem Land eigenständig lesen kann.
Das müssen wir tun.

AMERIKA DIENST 19

Wir müssen den Prozeß der Mittelbereitstellung
durchlaufen, ohne daß unsere Verpflichtung zu
nationalen Bildungsstandards Schaden nimmt. Wir
wissen zum Beispiel, daß die Vereinigten Staaten das
beste System für weiterführende Bildung der Welt
haben, und die Menschen kommen aus der ganzen
Welt, um hier zu studieren. Darauf bin ich sehr stolz.
Wir wissen jedoch auch, daß wir in der Ausbildung
unserer Kinder vom Kindergarten bis zur 12. Klasse
nicht so gut abschneiden wie wir sollten. Natürlich ist
es in Amerika schwieriger als an vielen anderen Orten
- wir haben mehr Vielfalt. Wir haben mehr rassische
Vielfalt, wir haben mehr sprachliche Vielfalt, wir haben
mehr kulturelle Vielfalt, und wir haben ein größeres
Einkommensgefälle als uns lieb ist. Die andere Vielfalt
ist nur zum Besten, denke ich.
Aber wir machen Fortschritte. Im internationalen
Notenvergleich in Mathematik und Naturwissenschaften lag unsere Nation in diesem Jahr gut über
dem nationalen Durchschnitt - und weit über dem
internationalen Durchschnitt in Mathematik und
Naturwissenschaften bei Viertklässlern. Bei den Noten
der Achtklässler lagen wir jedoch noch weit unter dem
Weltniveau, da unsere Kinder mit dem Erwachsenwerden und all den anderen Schwierigkeiten kämpfen, mit
denen sie sich konfrontiert sehen. Wir müssen besser
werden.
Wir sind die einzige große Nation der Welt, die keine
hohen, klaren, einheitlichen akademischen Standards
für herausragende Leistungen in Grundkursen in
öffentlicher Bildung hat. Wir haben keine. Für die
Ausbildung vom Kindergarten bis zur 12. Klasse sind
verfassungsmäßig die Bundestaaten und die örtlichen
Schulbehörden verantwortlich. Aber der Mathematikunterricht ist in Maine und Montana gleich. Und Kinder
müssen lesen lernen, ob sie in Washington oder an
der Südspitze von Florida leben.
Wir stehen jetzt kurz vor der Gründung einer vom
Kongreß eingerichteten überparteilichen Behörde, die
Prüfungen für Viertklässler im Lesen und für Achtklässler in Mathematik genehmigen soll. Einige denken,
das sollten wir nicht tun. Sie sagen, die Bundesregierung würde damit Macht an sich reißen. Das ist
nicht der Fall. Diese Prüfungen sind freiwillig. Kein
Bundesstaat und keine Schule muß sich daran
beteiligen. Die Bundesregierung hat diese Tests nicht
erarbeitet, wir bezahlen sie nur.
Ich hoffe jedoch, daß alle von Ihnen, die hier an diese
Universität gekommen sind, auf die 52,2 Millionen
Kinder blicken, die heutzutage in Amerika den Kindergarten und die Schule bis zur 12. Klasse besuchen das ist die größte Anzahl von Kindern aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, die es je gab. Wir
berauben sie der Zukunft, die Sie hier für sich in
Anspruch nehmen, wenn wir sie ohne die Grundqualifikationen aus der Schule entlassen, die sie für den

Seite 3

�Erfolg an der Universität benötigen. Und ich hoffe, Sie
werden unsere Bestrebungen bei den nationalen
Standards unterstützen.
Ihr Studentenvertreter hat eine sarkastische Bemerkung über die Sozialversicherung gemacht - und ich
weiß, daß viele von Ihnen denken, daß es sie nicht
geben wird. Aber es wird sie geben. Zweifelsohne
gehört es zu unserer größten Verantwortung sicherzustellen, daß es für die nächste Generation von
Amerikanern eine Sozialversicherung und Medicare
geben wird. Es ist falsch, Menschen in einen Fonds
für Leistungen einzahlen zu lassen, in deren Genuß
sie nie kommen. Das ist falsch.
In den nächsten drei Monaten werden wir auf diesem
Haushaltsabkommen aufbauen, wenn wir uns mit
Medicare befassen. Diese Haushaltsvereinbarung
verlängert die Gültigkeitsdauer des Medicare-Treuhandfonds um ein Jahrzehnt. In der Tat könnte dank
der von uns eingebauten strukturellen Veränderungen
genug Geld gespart werden, um ihn lange darüber
hinaus beizubehalten. Die führenden Kongreßabgeordneten und ich werden jedoch auch eine überparteiliche Kommission ins Leben rufen, die Medicare
prüfen und Empfehlungen abgeben soll, wie die
Krankenversicherung bis weit ins 21. Jahrhundert für
die nächste Generation von Amerikanern erhalten
werden kann.
Wir haben unter Beweis gestellt, daß wir unseren
Haushalt in Ordnung bringen und gleichzeitig die
Leistungen für die älteren Mitbürger verbessern
können. Jetzt müssen wir die Zukunft dieses Programms sicherstellen. Und dann können wir uns auch
mit der Sozialversicherung befassen. Wir können es
tun. Wenn wir den Haushalt ausgleichen können,
können wir ohne Zweifel auch das. Diese Probleme
haben mit den demographischen Veränderungen in
unserer Gesellschaft zu tun, und wir schulden es
Ihnen, nicht mit dieser Last konfrontiert zu werden. Ich
bin zuversichtlich, daß wir unserer Verantwortung
gerecht werden.
Als nächstes müssen wir unsere Bestrebungen zur
Ausdehnung des Handels auf die übrige Welt fortsetzen. Die Vereinigten Staaten sind jetzt wieder der
Exporteur Nummer Eins der Welt. Das müssen wir
aber auch weiterhin sein. Wir müssen es weiterhin
sein - nicht nur, weil es das Richtige für uns ist,
sondern weil es das Richtige für die Welt ist. Ich
möchte Ihnen einige interessante statistische Daten
nennen. In diesem Land leben weniger als fünf
Prozent der Weltbevölkerung; rund 20 Prozent des
Wohlstands der Welt entfällt auf unser Land. Wir
können unseren Wohlstand nicht erhalten, wenn wir
nicht das, was wir haben, an die anderen 95 Prozent
der Menschen in der restlichen Welt verkaufen.

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Zweitens werden die wachsenden Volkswirtschaften
der aufstrebenden Länder, vor allem in Asien und
Lateinamerika - aber auch zunehmend in Afrika - in
den nächsten zehn Jahren sehr viel schneller wachsen
als die modernen Volkswirtschaften in Amerika,
Kanada und Europa. Wenn wir uns an diesem
Wachstum beteiligen, können wir eine enorme Zahl
von Ländern, die jetzt als arme Nationen eingestuft
sind, in den Rang von Nationen mit mittlerem Einkommen erheben, in denen Millionen von Kindern eine
würdigere, humanere und erträglichere Zukunft haben;
in denen Demokratie gedeiht; in denen wir gute
Partner nicht nur für die Wirtschaftsbeziehungen,
sondern auch für die Lösung der anderen Probleme
der Welt haben werden, bei denen wir die Verantwortung für sie übernehmen müssen.
Die Vereinigten Staaten haben eine eindeutige Verpflichtung zur weiteren Ausdehnung der Handelsgrenzen. Und morgen werde ich im Ostzimmer des
Weißen Hauses eine Kampagne in die Wege leiten,
um den Kongreß von der Erneuerung der traditionellen
Befugnis zu überzeugen, die Präsidenten jetzt seit
über 20 Jahren haben, ausländische Handelshemmnisse für amerikanische Waren und Dienstleistungen
abzubauen. Das ist für Sie und Ihre Zukunft sehr
wichtig.
Wir brauchen uns vor Handel mit der übrigen Welt
nicht fürchten. Wir sind die produktivste Volkswirtschaft der Welt. Es wird immer Veränderungen in
dieser Volkswirtschaft geben. Es wird immer neue
Arbeitsplätze geben, die geschaffen und abgeschafft
werden. Unter dem Strich haben wir jedoch seit 60
Jahren davon profitiert, daß wir den Weg zur Integration der Volkswirtschaften der Welt angeführt
haben. Das wird Frieden fördern, es wird Freiheit
fördern, es wird Stabilität fördern, es wird den Lebensstandard in anderen Teilen der Welt erhöhen und
gleichzeitig die Vereinigten Staaten als die wohlhabendste Nation der Welt erhalten. Und ich hoffe,
daß Sie auch das unterstützen werden.
Während wir die Chancen erweitern, müssen wir auch
weiterhin Verantwortungsbewußtsein von unseren
Mitbürgern fordern. Unter anderem haben wir die
gemeinsame Verantwortung, alles in unserer Macht
Stehende zu tun, um unsere Familien für das 21.
Jahrhundert zu stärken. Diese neue Volkswirtschaft
setzt die Eltern außerordentlich unter Druck, verlangt
von ihnen mehr Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern
verbringen können, bringt vermehrte Nachfrage nach
finanzierbaren Kindertagesstätten mit sich, bombardiert die Kinder selbst mit Werbung, die es schwieriger denn je macht, sie entsprechend unseren
grundlegenden Werten zu erziehen.
Wir arbeiten an der Verabschiedung eines Jugendstrafgesetzes, um unsere Kinder aus Banden heraus
und von Drogen und Waffen fern zu halten. Wir

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�werden die allererste Konferenz des Weißen Hauses
über Kinderbetreuung veranstalten, um Wege zu
sondieren, wie alle Schichten der Gesellschaft einschließlich der Regierung - das vielleicht größte
Problem angehen können, mit dem sich unsere
arbeitenden Eltern heute konfrontiert sehen. Und wir
müssen diese historische Chance bei unseren Bestrebungen zum Schutz unserer Kinder vor den Gefahren
von Tabak nutzen, indem wir strenge Gesetze erlassen, die sich vor allem darauf konzentrieren, daß junge
Menschen weniger rauchen. Mehr Menschen sterben
durch das Rauchen als aufgrund eines anderen
Problems unserer heutigen Gesellschaft.
Als nächstes müssen wir in den kommenden drei
Monaten die riesige Herausforderung der Umweltzerstörung angehen. Wir werden im Dezember in Kyoto
auf einen weltweiten Vertrag über Klimawandel
hinarbeiten, der die Umwelt schützt und gleichzeitig
globales Wachstum fördert, indem er die Unterzeichnerstaaten zu spezifischen, klaren Richtlinien bei der
Verringerung von Treibhausgasemissionen in die
Atmosphäre verpflichtet. Wir wissen - Sie dürfen
applaudieren - daß es richtig ist.
Hier sind Studenten aus der ganzen Welt, aus dem
ganzen Land versammelt. Viele von Ihnen - und Ihre
Familien - haben im letzten Jahrzehnt in ihrer eigenen
Heimatstadt
beträchtliche
Klimaveränderungen
beobachtet, und es entwickeln sich noch dramatischere klimatische Verhältnisse. Es wird Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs in ganz Amerika, über die
Jahrhundertflut zu sprechen, die wir am Mississippi
hatten. Ein Kongreßabgeordneter, der Mitglied der
anderen Partei ist, sagte mir neulich: "Herr Präsident,
in den vergangenen fünf Jahren hatten wir drei
Jahrhundertfluten in meinem Heimatstaat. Heißt das,
ich muß 500 Jahre warten, bis wir wieder eine schlimme Flut haben?"
Viele von Ihnen, die sich mit diesem Problem befassen, wissen, daß eine Gruppe von über 2.500 Wissenschaftlern zu der Schlußfolgerung gelangt ist, das
Erdklima erwärme sich auf eine Art und Weise, die
nicht genau vorhersagbare, aber mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit zerstörerische Konsequenzen haben wird, wenn wir nicht etwas dagegen
unternehmen.
Das ist etwas, das Menschen aller Einkommensschichten, aller sozialen Schichten, aus allen Teilen
des Landes und in der Tat der ganzen Welt betreffen
wird. Wir benötigen die jungen Menschen Amerikas insbesondere die Studenten, die dieses Problem
studieren können - um es zu einem fesselnden
nationalen Thema zu machen. Und wir benötigen
Menschen, die das Vertrauen in unsere Fähigkeit
haben, neues technologisches und wissenschaftliches
Terrain zu erschließen, sich stark zu machen und zu
sagen: "Sie können mich nicht davon überzeugen, daß

AMERIKA DIENST 19

wir die Treibhausgasemissionen nicht beträchtlich
verringern können und die amerikanische Wirtschaft
dennoch weiterhin wächst."
Mit der bereits zur
Verfügung stehenden Technologie könnten wir sie
ohne irgend welche Kosten morgen reduzieren, wenn
wir nur unsere Vorgehensweise ändern würden.
Das wird eine sehr kontroverse Debatte. Und einige
werden sagen, Präsident Clinton hat sich fünf Jahre
lang überschlagen, um die amerikanische Wirtschaft
wiederzubeleben, und jetzt bringt er sie mit der
Verpflichtung zu Fall, die Treibhausgasemissionen in
Amerika zu reduzieren. Das ist nicht wahr. Aber wenn
Sie zulassen, daß der Meeresspiegel steigt und die
Südküste von Florida und die Südküsten von Louisiana
überflutet werden und auf sonstige Weise das Leben
stören, das es in den Vereinigten Staaten in den
nächsten 50 Jahren geben wird, dann werden unsere
Kinder den Preis für unsere Versäumnisse zahlen. Wir
können dieser Volkswirtschaft zu Wachstum verhelfen
und das Richtige für die Umwelt tun. Ich denke, Sie
glauben das, und ich brauche Sie, um mit mir zusammen das amerikanische Volk zu überzeugen, daß
es getan werden kann.
Und schließlich haben wir die Verantwortung zur
Verbesserung unseres politischen Systems. Das von
beiden Parteien aufgebrachte Geld verdoppelt sich
jetzt alle vier Jahre. Die treibende Kraft ist der Zugang
zu Ihnen - den Wählern. Es ist der Zugang zu Ihnen mit Fernsehsendungen, Radiosendungen, mit der Post
und mit Drucksachen - der uns antreibt. Wir müssen
den Kandidaten, die sich für Ämter zur Wahl stellen,
kostenlose oder verbilligte Sendezeit zur Verfügung
stellen, damit sie nicht mehr so viel Geld brauchen.
Und das wollen wir jetzt tun.
Eine von dem republikanischen Senator John McCain
und dem demokratischen Senator Russ Feingold
unterstützte äußerst wichtige Gesetzesvorlage wird
dem Senat gegen Ende dieses Monats vorgelegt. In
jedem Jahr seit meinem Amtsantritt habe ich einen
guten Gesetzentwurf zur Reform der Wahlkampffinanzierung befürwortet. Und jedes Jahr wurden
diese Gesetzesvorlagen durch Obstruktion im USSenat blockiert. Diejenigen, die das dieses Jahr nicht
wollen, sagen, sie werden wieder ganz von vorne
anfangen. Das können sie tun. Aber wenn sie es in
diesem Jahr tun, werden wir dafür sorgen, daß es im
vollen Rampenlicht der Öffentlichkeit geschieht. Ich
bitte um Ihre Unterstützung für die Reform der Wahlkampffinanzierung in diesem Jahr.
Als Drittes müssen wir in den nächsten drei Monaten
hart an der Förderung unserer Interessen und unserer
Führungsrolle in der Welt arbeiten. Wir leben in einer
Welt, die sich stark von der des Kalten Krieges
unterscheidet, und wir müssen noch viel tun, um sie zu
gestalten. Wir haben die Chance, die Vorteile von
Demokratie, Stabilität und freien Märkten zu konsoli-

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�dieren und die Grundlagen für das Jahrhundert zu
schaffen, in dem Sie den Großteil Ihres Lebens leben
werden.
In diesem Jahr haben wir bereits die Chemiewaffenkonvention ratifiziert, so daß unsere Soldaten und
Bürger sicherer vor der Bedrohung durch Giftgas sind.
Wir haben hart am Aufbau eines ungeteilten, demokratischen und friedlichen Europas zum ersten Mal in der
Geschichte gearbeitet - und Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik zum NATO-Beitritt eingeladen.
Ich sehe der Zusammenarbeit mit dem Senat bei der
Ratifizierung dieses historischen Schritts im nächsten
Jahr erwartungvoll entgegen und freue mich, daß eine
Gruppe führender Bürgervertreter sie befürwortet.
Wir schmieden neue Partnerschaften mit Rußland, der
Ukraine und den anderen neuen Demokratien Europas
und arbeiten mit allen unseren Freunden in Europa
zusammen, um den Menschen in Bosnien eine
Chance zu geben, sich an der demokratischen Zukunft
Europas zu beteiligen.
Erst haben wir den Krieg beendet und Schlachtfelder
wieder zu Spielfeldern und Luftschutzkeller zu Schulen
gemacht. Jetzt müssen wir unsere Anstrengungen
zum Aufbau eines dauerhaften Friedens verdoppeln.
In den kommenden Monaten werden wir weiterhin
nach Frieden im Nahen Osten und in Nordirland
streben, weiterhin verbrecherische Staaten und
Terroristen bekämpfen, weiterhin sicherstellen, daß
unser Militär und unsere Diplomatie die stärksten der
Welt sind. Aber vor allem werden wir in den verbleibenden Monaten dieses Jahres unsere Hemisphäre und Asien einbeziehen.
Im letzten Jahrzehnt sind auf dem gesamtamerikanischen Kontinent Staatsstreiche, Konflikte und
Planwirtschaften Demokratien und freien Märkten
gewichen. Im nächsten Monat werde ich nach Venezuela, Brasilien und Argentinien reisen, um den Handel
zu erweitern, Drogenhandel zu bekämpfen, die Umwelt
zu schützen und unsere Partnerschaften zu stärken.
Der gesamtamerikanische Kontinent kann zu einem
Bollwerk für unseren Frieden und unsere Sicherheit
werden.
Übrigens entfallen 70 Prozent des gestiegenen
Handels im vergangenen Jahr auf den gesamtamerikanischen Kontinent - er kommt von unseren Nachbarn in unserer Hemisphäre, und wir sollten das
fortsetzen.
Weil ich wollte, daß dies ein wirklich überparteiliches
Unternehmen ist, habe ich den republikanischen
Gouverneur von Massachusetts, Bill Weld, gebeten,
Botschafter in Mexiko zu werden - einem unseren
wichtigsten Verbündeten und Nachbarn. Meines
Erachtens ist er immer noch der beste Kandidat für
den Posten des Botschafters in Mexiko. Und ich

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glaube - und das würde ich auch glauben, wenn es um
den Präsidenten einer anderen Partei mit einem
Kandidaten ginge, mit dem ich nicht einverstanden
wäre - wenn ein Präsident jemanden für einen Posten
nominiert, dann steht dieser Person eine Anhörung vor
dem Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten zu,
und ich finde, er sollte diese Anhörung bekommen.
Im Herbst wird der chinesische Staats- und Parteichef
nach Washington kommen. China ist die Heimat von
einem Viertel der Weltbevölkerung. In weniger als
zwei Jahrzehnten könnte die Volkswirtschaft dieses
Landes die größte der Welt sein. Amerika hat ein
profundes Interesse daran, daß China stabil und offen
ist und in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. Wir
möchten, daß es sich politischem Pluralismus und den
internationalen Regeln zivilisierter Verhaltensweisen
verschreibt. Wir möchten ein China, das mit uns am
Aufbau einer Zukunft in Sicherheit und Wohlstand
zusammenarbeitet. China wird sein Schicksal selbst in
die Hand nehmen, aber wenn wir uns in China engagieren, statt uns von dem Land zu isolieren, können
wir den von ihm eingeschlagenen Weg beeinflussen.
Der Besuch von Staats- und Parteichef Jiang Zemin ist
eine gute Gelegenheit - nicht so sehr für großartige
Erklärungen und dramatische Gesten, sondern
vielmehr für konstruktive Arbeit an gemeinsamen
Herausforderungen wie der, mit der wir uns auf der
koreanischen Halbinsel konfrontiert sehen oder dem
Schutz der Umwelt, der Eindämmung der Verbreitung
von Nuklearwaffen und der Erweiterung der Grenzen
des freien Handels zwischen uns. Ich sehe auch eine
Chance für uns, unsere Differenzen bei Themen wie
Menschenrechten und Religionsfreiheit offen und von
Angesicht zu Angesicht anzusprechen.
Uns einander gegenüber an einen Tisch zu setzen,
wird wahrscheinlich sehr viel eher Fortschritte hervorbringen als über den Pazifik hinweg mit dem Finger auf
den anderen zu zeigen. Wenn Staats- und Parteichef
Jiang Zemin hierherkommt, hoffe ich, daß das amerikanische Volk ihn willkommen heißt und sagen wird:
"Ja, es gibt Bereiche, in denen wir Meinungsverschiedenheiten haben, aber Sie repräsentieren ein
Viertel der Weltbevölkerung, einen noch größeren Teil

der Zukunft der Welt und Ihrem und unserem Volk wird
es besser gehen, wenn wir einen Weg zur gemeinsamen Gestaltung dieser Zukunft finden."
Und schließlich werden wir in den nächsten drei
Monaten neue Wege sondieren, um den vielleicht
zerbrechlichsten Wert von allen zu erhalten: Die Bande
der Gemeinschaft, die uns als Amerikaner verbinden.
In diesem Jahrhundert haben wir Welle um Welle von
Einwanderern aufgenommen, die von unserer reichlichen Fülle und unseren Idealen angezogen werden.
Dieses Jahrhundert hat beispiellose rassische Fortschritte erlebt und Afroamerikaner und andere Minderheiten schließen sich dem amerikanischen Haupt-

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�Strom an. Dennoch können eben diese Kräfte des
Fortschritts, die uns nach vorne katapultieren, uns
auch auseinander reißen, uns zu isolieren drohen jeden mit seiner eigenen Web-Seite, aber durch
wenige menschliche Bande der Gemeinschaft verbunden.
Das jahrhundertealte Dilemma der rassischen Ungerechtigkeit, rassischen Vorurteile oder nur schlicht der
alten Ängste und des Mißtrauens gegenüber Menschen, die anders sind als wir, wird verschärft durch
die neue Aufgabe, neue Gruppen von Einwanderern in
die bereits vielfältigste Demokratie aufzunehmen.
Binnen eines Jahrzehnts wird unser größter Staat Kalifornien - keine rassische Mehrheit mehr haben. In
nur wenigen Jahrzehnten wird dieses ganze Land
keine rassische Mehrheit mehr haben. Wir können die
demographischen Muster studieren und wissen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert aussehen wird, aber wir
müssen nach innen blicken, um uns vorzustellen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert sein wird. Die Antwort
liegt bei uns allen.
Ich habe die Nation gebeten, mit mir gemeinsam eine
eingehende nationale Konversation über das Thema
Rasse zu führen in dem Bestreben, Ungleichgewichte
zu beheben, Haß und Vorurteile abzubauen und sich
mit den realen zugrundliegenden Problemen zu
befassen, die nicht notwendigerweise etwas mit Rasse
zu tun haben, sich aber in rassischer Ungleichgerechtigkeit und Spannungen manifestieren, und - vor
allem - die Amerikaner mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenzubringen, damit sie sich ehrlich über
die uns trennenden Linien gegenübertreten können.
Ihr Rektor stellte fest, daß hier auf diesem Unversitätscampus Menschen aus 140 verschiedenen rassischen
und ethnischen Gruppen vertreten sind. Das ist gut für
Sie. Sie können Amerikas Labor sein. Sie probieren
es aus und lassen uns das Ergebnis wissen.
Diese unsere Vielfalt ist ein Geschenk des Himmels.
Sie ist ein riesiges Geschenk in einer globalen Wirtschaft und einer globalen Gesellschaft. Wenn wir
einen Weg finden können, unsere Unterschiede nicht
nur zu respektieren, sondern uns tatsächlich dazu zu
bekennen und immer noch sagen, was uns verbindet,
ist noch wichtiger - dann werden wir das Problem
gelöst haben, das Bosnien lähmt, das immer noch
dazu führt, daß sich Menschen selbst in die Luft jagen,
um unschuldige Kinder im Nahen Osten zu töten,
wegen dem die Menschen in Irland immer noch über
das argumentieren, was vor 600 Jahren geschah, das
zu gemeinen Stammeskriegen in Afrika geführt hat, bei
denen Hunderttausende Menschen abgeschlachtet
wurden. Und dennoch - blicken Sie sich in diesem
Saal um.
Das ist eine Frage der Vorstellungskraft, der Vision
und des Herzens. Und sie ist auch so wichtig, daß

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man sie nüchtern angehen muß. Bis jeder wirklich
reale wirtschaftliche Chancen, reale Bildungschancen
und sichere Straßen hat, wird es rassische Unterschiede in Amerika geben, die sich in Dingen manifestieren, die wie Rassendiskriminierung aussehen, ob
sie es sind oder nicht. Auch hier müssen wir uns mit
den realen zugrundeliegenden Ursachen befassen.
Aber machen Sie sich nichts vor - die Angst vor
Menschen, die anders sind, ist eine reale zugrundeliegende Ursache. Wie wurden Menschen in Bosnien
Serben, Kroaten oder Muslime? Warum gehörten sie
in Bosnien der orthodoxen Kirche, der katholischen
Kirche oder dem muslimischen Glauben an? Es ist ein
Zufall der Geschichte oder der Jahrhunderte zurückgehenden Geopolitik. Biologisch sind die Menschen
nicht zu unterscheiden. Aber sie waren überglücklich,
Jahrzehnte des Friedens aufzugeben und binnen
Wochen damit zu beginnen, sich mit Hingabe umzubringen und vor nicht allzu langer Zeit gegenseitig
ihre Kinder zu erschießen.
In uns allen ist etwas, das uns in unseren defensivsten
Augenblicken jemanden finden lassen möchte, auf den
wir herabblicken können - das soll heißen, egal, wie
schlecht es mir geht, zumindest bin ich nicht sie oder
er. Stimmt das nicht? Und jeder von uns hat das auf
die eine oder andere Weise einmal an einem Punkt
seines Lebens getan.
Sie sind auf dieses herrliche Universitätsgelände
gekommen, Sie freuen sich mit Ihrem großen Enthusiasmus und Ihrer Hoffnung auf die Zukunft, Sie
sehen einander an, und Sie sind verschieden, und es
gefällt Ihnen. So müssen wir unser tägliches Leben in
Amerika gestalten. Die Menschen müssen am Morgen
aufstehen und sich wegen diesem Land mit all seiner
Vielfalt gut fühlen können, weil wir wissen müssen,
was gut an den Unterschieden zwischen uns ist und
uns zu ihnen bekennen müssen, und wir müssen auch
wissen, was uns verbindet: Was sind die Bedingungen
der Mitgliedschaft in der amerikanischen Gemeinde?
An was muß man glauben, nach welchen Maßstäben
muß man leben und für was muß man einzutreten
bereit sein, um Amerikaner zu sein? Das ist es, was
wir tun werden. Wir müssen uns unsere Zukunft als
eine wirklich multirassische, multiethnische und
multireligiöse Demokratie vorstellen, die immer noch in
einer geraden Linie von hier den ganzen Weg bis zu
George Washington zurückverfolgt werden kann. Ich
bin überzeugt, daß wir es tun können, aber ich bin
auch überzeugt, daß Sie alle den Weg anführen
müssen.
Gestatten Sie mir zu sagen, daß ein Großteil dieser
Arbeit mit dem Kongreß getan werden muß. Und ich
bin sehr erfreut über die Beziehungen, die wir bei der
Arbeit am Haushaltsausgleich hatten. Ich werde mit
dem Kongreß zusammenarbeiten, damit wir alles in
unserer Macht Stehende zur Umsetzung des Haus-

Seite 7

�halts tun und die Richter und die anderen bestätigen
können, die unser Handeln erwarten. In gewisser
Weise befinden wir uns auf unbekanntem Terrain, aber
wir wissen, daß die Zeiten unser Handeln erfordern,
und ich bin sicher, daß das amerikanische Volk
unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit unsere
Zusammenarbeit im Interesse der Öffentlichkeit
wünscht.
Überlegen Sie sich folgendes: Es sind noch 844 Tage
bis zum Jahr 2000 - bis zu einem neuen Jahrhundert,
einem neuen Jahrtausend und einem neuen Zeitalter
menschlicher Unternehmungen.
Wird es neue
Fortschritte, neuen Wohlstand und neue Größe für
Amerika bringen? Es liegt im Wesentlichen an uns.
Vor 34 Jahren hielt Präsident Kennedy hier an der
American University eine Rede, die von vielen als
seine beste angesehen wird. Es war eine Zeit, die vor
der Spannung zwischen den Supermächten knisterte,
aber Präsident Kennedy blickte nach vorn und sah
einen Tag, an dem der Kalte Krieg ein Relikt der
Vergangenheit sein würde. Nach Jahrzehnten der
Arbeit, in denen Amerikaner beider Parteien für unsere
Werte eingetreten sind, leben wir jetzt in der Welt, die
sich John Kennedy vor 34 Jahren an der American
University vorstellte.

*

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Mit diesem Gedanken möchte ich mich verabschieden:
Es hängt alles von Ihrer Vorstellungskraft ab. Denken
Sie daran, wievielen Kindern wir in all den Krisenherden der Welt das Leben retten könnten, wenn alle
Menschen mit Macht und die Menschen, die sie
unterstützen sich ihre Zukunft nur in einer anderen
Weise vorstellen könnten - wenn sie nur Mut fassen
und mit einem anderen Bild kommen würden als dem,
das sie jeden Morgen beim Aufstehen vor sich sehen.
Das ist die wichtigste Kraft in der Welt.
Präsident Kennedy stellte sich die Welt, in der wir
heute leben, vor 34 Jahren in der Rede hier an der
American University vor. Jetzt ist es an Ihnen und mir
und unseren Mitbürgern, uns vorzustellen, was das
21. Jahrhundert sein wird, und dann das Erforderliche
zu tun, um diese Vision zur Realität für alle unsere
Menschen werden zu lassen. Aus diesem Grund bin
ich hierher gekommen - um Ihre Hilfe und die jedes
anderen Amerikaners zu erbitten. Für Sie hängt viel
davon ab, und ich setze darauf, daß wir dorthin
kommen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

AMERIKA DIENST 19

�NAHER

OSTEN
I.Oktober 1997

Albright: Arabische Welt muß sich geeint
für Frieden und Sicherheit einsetzen
Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat

ABHA (SAUDI-ARABIEN) - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die USAußenministerin Madeleine Albright am 14. September 1997 beim Ministertreffen des Golf-Kooperationsrats (Gulf
Cooperation Council - GCC) in Abha im Südwesten Saudi-Arabiens hielt.

Vielen Dank. Ich freue mich außerordentlich, hier zu
sein.
Zunächst möchte ich Seiner Majestät, König Fahd,
Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Saud, und der
Regierung von Saudi-Arabien für die Veranstaltung
dieses Treffens danken. Mein Dank gilt ferner Minister
Hamad für die Führungsrolle seines Landes im GolfKooperationsrat in diesem Jahr sowie allen Außenministern, die meine erste gemeinsame Sitzung mit
dem Rat ermöglicht haben.
Diese Gelegenheit ist für mich und meine Pflichten als
Außenministerin sehr wichtig, weil die Vereinigten
Staaten ihrer Freundschaft mit den Mitgliedern des
Kooperationsrats großen Wert beimessen. Ich weiß,
daß unsere Beziehungen für Präsident Clinton hohe
Priorität haben. Und ich freue mich über die Möglichkeit, Ihnen die Ansichten der Vereinigten Staaten
darzulegen und Ihre Meinung über die Themen zu
hören, die für uns alle von Belang sind.
Die Vereinigten Staaten haben grundlegende gemeinsame Interessen mit den Golf Staaten und vielen
anderen Ländern in der arabischen Welt. Wir wollen
alle, daß unsere Völker frei von der Bedrohung des
Krieges in Frieden leben können. Wir sind der Ansicht,
daß die Nationen eine Verantwortung zur Respektierung des Gesetzes in ihren gegenseitigen Beziehungen haben. Wir verabscheuen Extremismus und
verurteilen Terrorismus. Wir haben enge wirtschaftliche Beziehungen und möchten, daß unsere Bürger
zusammenarbeiten und die Gelegenheiten nutzen, die
durch den zunehmend integrierten und dynamischen
globalen Markt geschaffen werden.

AMERIKA DIENST 19

Wie Ihre Exzellenzen wissen, ist dies meine erste
Reise in diese Region in meinem derzeitigen Amt. Ich
komme mit Sorge um die Zukunft in diese altehrwürdigen Länder. Bei meiner Reise hatte ich die Gelegenheit, mit jungen Menschen aus Jerusalem und Ramallah zusammenzutreffen. Und bevor ich Washington
verließ, kam ich mit einer anderen Gruppe junger
Menschen zusammen, darunter einigen aus Ihren
Ländern, die an dem Seeds of Peace-Programm
teilnehmen. Zunächst möchte ich Ihnen gegenüber
äußern, was ich auch schon zu diesen Menschen, zu
Ministerpräsident Netanjahu und dem PLO-Vorsitzenden Arafat gesagt habe.
Für den Nahen Osten ist Frieden die einzige Option.
Der Weg des Konflikts führt nur zu Kummer und Leid.
Für Israelis, Palästinenser und Araber ist das ein
versiegender Brunnen. Er bietet nur eine Zukunft mit
mehr Gewalt, mehr Opfern, mehr Leid und mehr Haß.
Es wäre eine düstere Zukunft, die die Menschen in
dieser Region nicht verdienen und nicht akzeptieren
werden. Obwohl der Weg zum Frieden sehr schwierig
sein kann, bietet er eine andere Zukunft - eine Zukunft,
die reich an gegenseitigem Respekt, verstärkter
Zusammenarbeit und Würde für alle Völker ist.
Aus diesem Grund ist es so wichtig, daß die derzeitige
Vertrauenskrise beendet wird und die Staats- und
Regierungschefs den lähmenden Kreislauf von
gegenseitigen Beschuldigungen durchbrechen und
wieder pragmatische Schritte unternehmen, die für die
Fortsetzung des Friedensprozesses erforderlich sind.
Zu diesem Zweck müssen alle, die ein Interesse am
Frieden haben, ihrer Verantwortung nachkommen.

Seite 1

�Die Palästinensische Autonomiebehörde muß alles in
ihrer Macht Stehende unternehmen, um Terrorismus
zu verhindern und zu bestrafen sowie die in Oslo
eingegangene unumkehrbare Verpflichtung zu vertiefen, Israel nicht wie einen Gegner, sondern wie einen
dauerhaften Partner im Frieden zu behandeln. Wie der
PLO-Vorsitzende Arafat bereits sagte, leidet niemand
stärker unter den Auswirkungen des Terrorismus als
die Palästinenser.
Die israelischen Politiker müssen sich unilateraler
Aktionen enthalten, die das Vertrauen der Palästinenser in ihre Absichten unterminieren, und sollten - selbst
während sie die Wahrung der Sicherheit ihres Volkes
anstreben - nicht vergessen, daß keine Nation ein
größeres Interesse am Wohlstand der Palästinenser
als Israel hat.
Die Vereinigten Staaten haben eine Verantwortung der wir uns bewußt sind -, den Frieden zu unterstützen, ohne ihn aufzuzwingen zu wollen. Präsident
Clinton hat deutlich gemacht, daß wir dieser Verantwortung weiterhin gerecht werden, indem wir im
Einklang mit den Resolutionen 242 und 338 des UNSicherheitsrats, einschließlich des Prinzips Land
gegen Frieden, einen umfassenden Frieden unterstützen.
Schließlich haben die arabischen Staaten eine Verantwortung, der Sie sich ebenfalls bewußt sind: Den
Friedensprozeß zu unterstützen und gegen die Feinde
des Friedens anzugehen. Alles in Ihrer Macht Stehende zu unternehmen, damit extremistische Gewalttäter
wie beispielsweise die Hamas keine Hilfe irgendwelcher Art erhalten. Der Palästinensischen Autonomiebehörde großzügige Hilfe zu gewähren, während diese
sich um den Aufbau ihrer Wirtschaft und die Schaffung
einer auf Rechtsstaatlichkeit basierenden Gesellschaft
bemüht. Mehr zur Überwindung der Hindernisse zu
unternehmen, die zwischen Ihren Gesellschaften und
der Israels - dem Partner der Palästinenser im Frieden
- bestehen. Und sich den Vereinigten Staaten und
anderen beim Erhalt des Trends zu regionaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Wachstum anzuschließen.
Im Hinblick auf diesen letzten Punkt möchte ich
nochmals unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, daß
die Mitglieder des Kooperationsrats am diesjährigen
Nahost-Nordafrika-Gipfel (Middle East North Africa MENA) teilnehmen, den die Regierung von Qatar
großzügigerweise veranstaltet.
Die Bestrebungen zur Verbesserung dieser regionalen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit sind keine Konzession an Israel, wie einige nahezulegen scheinen. Sie
sind ein unerläßlicher Stützpfeiler der langfristigen
Aussichten auf Frieden. Gemeinsamer Wohlstand
wird eine gemeinsame Verpflichtung zu Frieden
schaffen und den gewalttätigen Extremisten die

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Grundlage entziehen, die auf Entbehrung setzen.
Vermehrter Handel und Investitionen zwischen den
Völkern der Region werden auch die Beziehungen
stärken, Vertrauen aufbauen und die Überwindung der
Rückschläge für den Frieden erleichtern.
In den vergangenen drei Jahren haben die MENAGipfeltreffen in Casablanca, Amman und Cairn erfolgreich ausländische Investoren in die Region angezogen und das Mißtrauen abgebaut, das die Regierungen so lange gespalten und den Privatsektor von der
Zusammenarbeit zu ihrem gegenseitigen Vorteil und
dem ihrer Gesellschaften abgehalten hat.
Der Doha-Gipfel ist eine weitere Möglichkeit, der Welt
eine Botschaft zu übermitteln, daß der Nahe Osten
eine Quelle für wirtschaftliche Dynamik und Chancen
sein kann und die Golfstaaten aktiv ihre Interessen
diversifizieren und regionalen Wohlstand schaffen.
Und er wird den Gegnern des Friedens eine Botschaft
senden, daß sie weder die Politik diktieren noch
Fortschritte zu einer Region aufhalten können, in der
alle von den Vorteilen größerer Stabilität und zunehmenden Wohlstands profitieren.
Während wir eine vielversprechendere Zukunft durch
unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit anstreben,
müssen wir auch eine sichere Zukunft durch unsere
andauernde diplomatische und sicherheitspolitische
Zusammenarbeit aufbauen.
Das erfordert Zusammenarbeit, um terroristische
Bedrohungen auszumachen und darauf zu reagieren
sowie die für Terrorakte Verantwortlichen vor Gericht
zu bringen.
Und das erfordert unsere weitere gemeinsame
Entschlossenheit zur Sicherung von Frieden und
Stabilität in der gesamten Golfregion.
Die Vereinigten Staaten werden alle Anstrengungen
aller Seiten vereiteln, unsere regionalen Freunde zu
zwingen, einzuschüchtern oder die Navigationsfreiheit
in den internationalen Gewässern des Golfs einzuschränken.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin entschlossen zu
verhindern, daß der Irak je wieder Sie oder andere in
der Region bedroht. Wir bestehen nach wie vor
darauf, daß das Regime in Bagdad seine friedlichen
Absichten unter Beweis stellt und die Rechtsstaatlichkeit respektiert, indem das Land alle entsprechenden
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats einhält. Bedauerlicherweise ist der Irak weiterhin weit von diesem
Standard entfernt. Die Vereinigten Staaten sind jedoch
erfreut, daß der Sicherheitsrat einem Plan zugestimmt
hat, der den Verkauf begrenzter Mengen von irakischem Öl gestattet, um den Kauf von Nahrungsmitteln
und anderen humanitären Hilfsgütern für das irakische
Volk zu finanzieren.

AMERIKA DIENST 19

�Unsere Sicherheitszusammenarbeit erfordert auch,
daß wir die Ereignisse in Teheran sorgfältig im Auge
behalten.
Die Wahl von Seyyed Mohammad Khatami zum neuen
Präsidenten des Iran ist eine interessante und möglicherweise hoffnungsvolle Entwicklung. Das iranische
Volk hat seinen Wunsch nach Wandel zum Ausdruck
gebracht. Unklar ist noch, ob und in welchem Ausmaß
der Wandel tatsächlich stattfinden wird.
In jüngster Zeit hat die Politik des Iran Instabilität
genährt und internationale Normen in drei Bereichen
verletzt: Unterstützung von internationalem Terrorismus und gewalttätigem Widerstand gegen den NahostFriedensprozeß; Bestrebungen zur Beschaffung von
Massenvernichtungswaffen und Bestrebungen zur
Destabilisierung freundlich gesinnter Staaten. Aus
einer internationalen Perspektive gesehen, wird
Präsident Khatamis neue Regierung in diesen Bereichen auf die Probe gestellt.
Obwohl wir auf einen positiven Wandel im Iran hoffen,
können wir nicht damit rechnen. Wir werden ihn nicht
an den Worten, sondern an den Taten messen. Wir
müssen Seite an Seite stehen und auch die Ver-

*

AMERIKA DIENST 19

einigten Arabischen Emirate und Bahrain gegen
iranische Einschüchterungsversuche unterstützen.
Abschließend möchte ich nochmals die Bedeutung
unserer andauernden Partnerschaft betonen, wenn wir
Stabilität bewahren, gemeinsame vitale Interessen
schützen und Frieden mit Sicherheit und Würde für alle
Völker dieser Region fördern wollen. Weil unsere
Partnerschaft vor mehr als fünf Jahrzehnten begann,
wissen wir, daß sie dauerhaft ist. Weil unsere Partnerschaft zur Gewährleistung einer Zukunft in Wohlstand
für unsere Bürger beitragen kann, wissen wir, daß sie
klug ist. Weil unsere Partnerschaft den Gesetzesinteressen dient, wissen wir, daß sie gerecht ist. Und weil
unsere Partnerschaft sich dem Frieden verschrieben
hat, wissen wir, daß sie richtig für unsere Kinder und
unsere Kindeskinder ist.
Nochmals herzlichen Dank, daß ich an dieser Konferenz teilnehmen durfte. Ich weiß Ihre Gastfreundschaft
wirklich zu schätzen. Und ich sehe der Zusammenarbeit mit Ihnen bei der weiteren Stärkung unserer
Partnerschaft in den kommenden Monaten und Jahren
erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 3

�NATO
I.Oktober 1997

Albright: Wir wollen, daß der Frieden Bestand hat
Rede der Außenministerin vor dem
Ständigen Gemeinsamen Rat der NATO

NEW YORK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Madeleine Albright beim
Treffen des Ständigen Gemeinsamen Rats der NATO und Rußlands am 26, September 1997.

Herr Generalsekretär,
verehrte Kollegen,

Außenminister

Primakow,

es ist mir eine große Freude, mit Ihnen gemeinsam
den offiziellen Beginn der neuen und historischen
Partnerschaft zwischen der NATO und Rußland feiern
zu können. Ich möchte nur einige Worte über unsere
Ziele in diesem Ständigen Gemeinsamen Rat und die
vor uns liegende Arbeit sagen. Ich möchte Sie alle
auch in New York - der Stadt, die niemals schläft,
außer vielleicht bei einer Sitzung der UN-Generalversammlung - willkommen heißen.
Wir haben uns hier versammelt, weil jeder von uns
einige unleugbare und hoffnungsvolle Tatsachen
anerkannt hat: Wir wissen, Europa verändert sich,
Rußland verändert sich, die NATO verändert sich.
Wir sind uns bewußt, daß der Integrationsprozeß in
Europa uns so weit bringen sollte, wie die Grenzen der
Freiheit reichen werden. Wir sind der Überzeugung,
daß das Streben nach Sicherheit in Europa kein Spiel
ist und niemals hätte sein sollen, in dem der Gewinn
einer Nation der Verlust der anderen ist.
Vor vier Monaten vereinbarten unsere Staats- und
Regierungschefs in Paris, von diesen Fakten ausgehend grundlegend andere Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland aufzubauen. Heute sind diese
Beziehungen im Entstehen begriffen.
Bei Augenblicken wie diesen greifen wir für gewöhnlich
auf das Cliche zurück, daß Kooperation an die Stelle
von Konfrontation getreten ist, und wir erinnern uns
daran, daß der Kalte Krieg wirklich und vollständig
hinter uns liegt. In der Tat geht die Umgestaltung, die
wir gesehen haben, sehr viel tiefer als das.

AMERIKA DIENST 19

Zum ersten Mal in der Geschichte sehen die großen
europäischen und atlantischen Mächte einander nicht
als potentielle Gegner. Zum ersten Mal in der Geschichte sind die kleinen Mächte sicher und frei genug
zur Gestaltung ihrer Zukunft.
Einige fragen sich, warum wir uns in dieser Zeit
relativen Friedens in Europa so sehr auf die Sicherheit
konzentrieren. Die Antwort lautet, wir wollen, daß der
Frieden Bestand hat. Wir wollen die richtigen Sicherheitsarrangements treffen, damit wir uns in der
Zukunft nicht mehr so viele Gedanken über die
Sicherheit machen müssen - und mit der Aufgabe der
Erweiterung von Chancen und Wohlstand fortfahren
können.
Dieser Rat ist eines der Arrangements, die wir richtig
machen müssen. Wenn wir ihn gut nutzen, werden die
NATO und Rußland eine Partnerschaft haben, dank
derer wir zusammen große Dinge tun können. Und
das liegt sicherlich in unserem gemeinsamen Interesse.
Hier werden wir Konsultationen über unsere Militärstrategien, Verteidigungspolitik und Friedenssicherung
führen, hier werden wir praktische Schritte zur Verhinderung der nuklearen Weiterverbreitung und zur
Verringerung der Bedrohungen durch chemische und
biologische Waffen unternehmen. Hier können wir die
Art und Weise unserer Zusammenarbeit verbessern,
wenn Truppen der NATO und Rußlands bei komplexen
Missionen wie der SFOR dienen.
Natürlich werden wir nicht immer bei allem einer
Meinung sein. Und natürlich gibt es noch einen
weiteren Grund, warum wir diesen Rat gegründet

Seite 1

�haben: Um durch regelmäßige Dialoge und verbesserte Transparenz Vertrauen aufzubauen.

folgreich waren und wir uns über die Notwendigkeit
einig sind, die Bestimmungen von Dayton in den
kommenden Monaten mit erneuter Kraft umzusetzen.

Ich weiß, viele Russen bezweifeln, daß ihr Land
vertrauensvolle Beziehungen zur NATO aufbauen
kann. Gestatten Sie mir zu sagen, ich erwarte nicht,
daß diese Treffen diese Einstellung über Nacht
ändern. Ich erwarte nicht, daß Rußland sich plötzlich
in die NATO verliebt.

Unsere Diskussionen über Bosnien im besonderen
und Friedenssicherung im allgemeinen stehen erst am
Anfang. Wir haben einen Rahmen für Partnerschaft,
jetzt müssen wir ihn mit den Einzelheiten füllen.

Meine einzige, leicht ironische Hoffnung ist, daß
Rußland die NATO irgendwann langweilig wird. Mit
anderen Worten, ich hoffe und erwarte, daß Rußland
die echte NATO als das kennenlernt, was sie ist:
Weder eine Bedrohung für Rußland noch die Antwort
auf die drängendsten Probleme des Landes, sondern
einfach als eine Institution, die Rußland bei der
besseren Integration in den europäischen Hauptstrom
behilflich sein kann.

Dazu zählen die Schritte, die zu unternehmen wir
bereits versprochen haben. Wir sehen der Ankunft
eines russischen militärischen Vertreters bei der NATO
erwartungsvoll entgegen. Wir müssen Verbindungsmissionen bei den wichtigsten Militärkommandos des
jeweils anderen Landes einrichten. Die NATO muß ein
Informationszentrum in Moskau eröffnen. Wir sind
bereit, das alles zu tun. Lassen Sie uns dies bis
Dezember erledigen, damit wir eine ehrgeizigere
Tagesordnung für die Zukunft in Angriff nehmen
können.

Ich glaube, daß wir beim Aufbau dieser Art von
Verständnis in Bosnien große Fortschritte erzielt
haben. Die Geschichte wird belegen, daß die NATO,
als sie das erste Mal in Aktion trat, dies zusammen mit
- nicht gegen Rußland gerichtet - tat.

Ich möchte auch betonen, daß die Grundakte zwischen der NATO und Rußland engere russische
Zusammenarbeit mit der NATO in der Partnerschaft für
den Frieden und im Euroatlantischen Partnerschaftsrat
ermutigt.

Im Namen aller meiner Kollegen in der NATO möchte
ich sagen, daß der Beitrag Rußlands zur SFORMission unerläßlich war.

Die grundlegendsten Entscheidungen, die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Nichtmitgliedstaaten
betreffen, werden im EAPR in Anwesenheit aller
unserer Partner getroffen. Im November wird der
EAPR zur Erörterung der Stabilität im südöstlichen
Europa zusammenkommen, und wir werden eine gute
Gelegenheit haben, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir dieses unerläßliche Forum voll und ganz
nutzen können.

Gleichzeitig sind unsere gemeinsamen Bestrebungen
in Bosnien mehr als ein Test unserer Zusammenarbeit,
mehr als ein Test der Verfahrensweise. Sie sind ein
Test unserer Prinzipien. Unser Ziel ist nicht nur
Zusammenarbeit, sondern Zusammenarbeit der Art,
daß künftige Aggression abgewehrt wird, Gerechtigkeit
geschieht und ein vereintes Bosnien seinen Platz in
einem ungeteilten Europa einnehmen kann. Unsere
Verpflichtung, unparteiisch zu sein, erfordert von uns,
jede Partei in Bosnien an dem gleichen objektiven
Standard zu messen: Wie sie die Ziele des Abkommens von Dayton voranbringt.

Die Vereinigten Staaten sehen der Sondierung all
dieser Möglichkeiten mit Rußland und unseren Verbündeten in der NATO erwartungsvoll entgegen. Wir
sind zufrieden, daß dieser Prozeß begonnen hat, und
ich danke Ihnen für diese Gelegenheit, die Ansichten
meines Landes zum Ausdruck zu bringen und die
Ihren zu hören.

Aus diesem Grund bin ich erfreut, daß unsere Konsultationen in dieser Woche ernsthaft, substantiell und er-

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 19

�NATO
I.Oktober 1997

Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Rede von Botschafter Robert Hunter

CHICAGO - (AD) - Die Erweiterung der NATO ist dem Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika
bei der NATO, Robert Hunter, zufolge "eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter Sicherheit in Europa".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Botschafter Hunter am 16. September 1997
vor dem Chicago Council on Foreign Relations in Chicago hielt.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Es ist mir eine Ehre,
wieder vor dem Chicago Council on Foreign Relations
sprechen zu dürfen - einer zweiten Heimat und
zweifelsohne einem Mekka für diejenigen, die Außenpolitik und die elementare Rolle des amerikanischen
Volkes bei der Erfüllung unserer Verpflichtungen im
Ausland ernst nehmen.
Es ist eine doppelte Ehre, mit Ihrem Präsidenten, John
Rielly, hier zu sein. Seit 30 Jahren darf ich ihn stolz
meinen "Freund und Kollegen" nennen, und seit 25
Jahren steht er dem Chicago Council vor, der dieses
Jahr sein diamantenes Jubiläum feiert und unter Johns
Leitung bei der Förderung des Verständnisses für das
Ausland und Amerikas angemessener Rolle in der
Welt unübertroffen ist.
Somit möchte ich kurz zwei nationale Aktivposten
würdigend hervorheben: den Chicago Council on
Foreign Relations und seinen herausragenden Präsidenten, John Rielly.
Herr Vorsitzender,
dies ist eine außergewöhnliche Zeit für die NATO.
Vor nur wenigen Jahren wurde ein Nachruf auf das
Bündnis geschrieben. Es wurde zusammen mit dem
Warschauer Pakt für Karl Marx' "Aschehaufen der
Geschichte" vorgesehen. Heute freue ich mich jedoch,
berichten zu können, daß die NATO "gesund und
munter" ist und die starke Unterstützung von 16
Verbündeten, drei zum Beitritt eingeladenen Ländern
und 24 Partnern für den Frieden genießt.

AMERIKA DIENST 19

Die NATO ist gesund und munter, weil sie sich erneut
als unverzichtbare Institution für die Erfüllung der
Bedürfnisse und das Ergreifen von Sicherheitschancen
in Europa erwiesen hat - nicht nur heute, sondern bis
hinein ins nächste Jahrhundert.
Alle 16 Verbündeten haben beschlossen, daß sie ihre
Sicherheit gemeinsam - nicht separat - verteidigen
wollen, obwohl der ursprüngliche Grund für ihr Zusammenkommen - der Kalte Krieg und die Sowjetunion
- nicht mehr existieren. Niemand möchte die Verteidigung erneut zur "nationalen Sache" machen; alle
möchten das erprobte und richtige NATO-Bündnis
fortsetzen.
Die NATO ist auch weiterhin die Grundlage für die
einzigartigen Errungenschaften der Geschichte: Die
Tatsache, daß die 15 Mitgliedstaaten der EU nichts
Geringeres erreicht haben, als den Krieg als Instrument ihrer gegenseitigen Beziehungen abzuschaffen. Es ist jetzt undenkbar, daß Deutschland und
seine Nachbarn erneut Krieg führen, und niemand
bezweifelt die Klugheit der zeitlich und territorial
möglichst umfassenden Wahrung und Ausweitung des
"europäischen zivilen Raums".
Wir in der NATO haben jetzt die Chance und die
Ambition, diesen zivilen Raum - Schritt für Schritt nach Osten auszuweiten, um Gesellschaften einzubeziehen, die bislang nicht in der Lage waren, sich
eine Zukunft ohne immer wieder auftretende Konflikte
vorzustellen. Das Bündnis hat sich über seine alten
Grenzen hinaus ausgedehnt - in diesem Sinne haben
wir die "Erweiterung" bereits vollzogen - was das
Versprechen und die Aussicht beinhaltet, Sicherheit
auf dem gesamten Kontinent zu schaffen - die dieses

Seite 1

�Mal Bestand haben wird und alle Länder und Völker
Europas einbeziehen kann, die zur Teilnahme bereit
und willens sind.
Ferner haben wir anerkannt, daß Frieden und Sicherheit in Europa einen revolutionären Ansatz zu
Rußland erfordern - dem Land, dessen Schicksal sich
als entscheidend für die Zukunft Europas erweisen
könnte: Wir dürfen es nicht wie einen Pariahstaat
behandeln, der einen Krieg verloren hat - wie Deutschland nach 1918 behandelt wurde - sondern vielmehr
als großartige Nation mit einem legitimen Recht, Teil
Europas, seiner Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und
Sicherheit zu sein - wie das Deutschland nach 1943,
das sich zu der freien und demokratischen Bundesrepublik entwickelte, wie wir sie heute kennen.
Gleichzeitig hat sich die NATO der Herausforderung
der ernstesten und dauerhaftesten Kämpfe in Europa
seit dem Zweiten Weltkrieg - in Bosnien - gestellt: Eine
Brücke zwischen Sarajevo 1914 und Sarajevo 1997 zu
schlagen. Heute ist der 637. Tag seit die NATOTruppen den Menschen in Bosnien-Herzegowina eine
Chance boten, ihr Leben in Frieden anstatt inmitten der
tragischen Konflikte der letzten Jahre zu gestalten.
Und die NATO stellt erneut unter Beweis, daß sie für
die Vereinigten Staaten in der Welt von entscheidender
Bedeutung ist. Wir sind schon lange eine europäische
Macht, was ein angemessenes Spiegelbild unserer
strategischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen ist - sowie unserer demokratischen Werte und
Ziele.
Hierbei sind wir meines Erachtens einer Meinung, und
unser fortgesetztes Engagement für die NATO ist der
wichtigste Ausdruck dieser dauerhaften Interessen und
Werte. Ich bin dankbar, daß jeder Kongreßabgeordnete beider Parteien, der der NATO während
meiner Zeit dort einen Besuch abgestattet hat, seiner
Unterstützung für ein fortgesetztes Engagement der
Vereinigten Staaten für die europäische Sicherheit
Ausdruck verliehen hat. Gleichzeitig wurde dieses
Engagement auf dem Kontinent wieder als wesentlich
anerkannt. Die Verbündeten erwarten erneut von uns
Inspiration, eine Führungsrolle und Engagement.
Dies ist ein ernüchternder Gedanke. Es ist ein Anzeichen für die Pflichten, um deren Übernahme diese
Generation von Amerikanern erneut gebeten wird,
sowie für die schwierigen Verhandlungen und die
wesentlichen Entscheidungen, die wir Amerikaner
gemeinsam treffen müssen. Dies ist ein zusätzlicher
Grund, nach Chicago, ins Herz Amerikas, zu kommen.
Letztlich wird unsere Rolle für die europäische Sicherheit vom amerikanischen Volk entschieden
werden. Das ist richtig, angemessen und notwendig,
denn jede von uns eingegangene Verpflichtung dieser
Größenordnung muß tief in unserer politischen Kultur
verwurzelt sein.

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Herr Vorsitzender,
ist die NATO-Erweiterung Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Das ist keine rhetorische Frage und auch keine, die wir
leicht beantworten können. Seien wir ehrlich: Was wir
jetzt tun müssen - Polen, Ungarn und die Tschechische Republik in die NATO aufzunehmen - wird die
Vereinigten Staaten unwiderruflich an die Sicherheit
Europas binden. Das wird zu neuen Ansprüchen und
zu zusätzlichen Kosten führen. Es beinhaltet ein
dauerhaftes Engagement für die Sicherheit und
Stabilität Zentraleuropas. Es bedeutet, die Anliegen
Rußlands ernst zu nehmen und zu versuchen, ihnen
zu entsprechen. Und es verlangt von den NATOVerbündeten, gemeinsam sicherzustellen, daß dies
alles gelingt, damit jedes Land im transatlantischen
Raum - von Nordamerika über ganz Eurasien zumindest in gewissem Umfang ein Interesse am
Erfolg der Verbündeten hat. Wir möchten, daß die
Menschen in Chicago, Frankfurt, Warschau, Prag,
Budapest, Bukarest und den Baltischen Staaten, in
Kiew und Moskau zum gegebenen Zeitpunkt sagen
können, daß die NATO ihnen zu einer sichereren
Zukunft verholten hat.
Und schauen Sie sich die Möglichkeiten an, wenn es
uns gelingt. Wir haben jetzt die Chance, Millionen
Menschen einzubeziehen, die seit langem unter
kommunistischer Tyrannei und sowjetischer Herrschaft
daniederliegen - abgeschnitten von der vollen Blüte
der westlichen Demokratie und den bemerkenswerten
wirtschaftlichen Erfolgen der letzten Jahrzehnte. Wir
haben die Chance, die Wunden zu heilen, die nicht nur
in einem, sondern in allen drei großen europäischen
Kriegen dieses Jahrhunderts geschlagen wurden. Wir
bieten nichts Geringeres als eine einzigartige Chance,
noch einmal die Geschichte beeinflussen zu können:
Die Arbeit des Marshallplans zu beenden und am
Aufbau demokratischer, prosperierender und sicherer
Gesellschaften in ganz Europa teilzunehmen - diesmal
nicht durch einen Eisernen Vorhang getrennt.
Die NATO hat ihre Erneuerung begonnen. Zu diesem
Zweck nahmen dieses Frühjahr führende Politiker des
Bündnisses 44 Tage lang an einer Reihe bemerkenswerter Aktivitäten teil - von der Unterzeichnung der
Grundakte zwischen der NATO und Rußland in Paris
über das Treffen von 43 Staats- und Regierungschefs
beim historischen NATO-Gipfel in Madrid. Und als die
Arbeit erledigt war, hatte sich die NATO grundlegender
gewandelt als zu jedem anderen Moment seit ihrer
Gründung vor nahezu einem halben Jahrhundert.
Dies war eine direkte Reaktion auf Präsident Clintons
Führungsrolle und basierte auf den beim Brüsseler
Gipfel von 1994 getroffenen Entscheidungen. Die
NATO war auf acht verschiedenen Gebieten tätig, die
sich gegenseitig bekräftigten und gemeinsam einen

AMERIKA DIENST 19

�kohärenten und beständigen Rahmen für die europäische Sicherheit schufen.
Im Juli vereinbarten die 16 Staats- und Regierungschefs der NATO in Madrid, die ersten drei Länder zum
NATO-Beitritt einzuladen - und wählten diejenigen aus,
die die Pflichten der Mitgliedschaft am ehesten erfüllen
und die Zustimmung zum Beitritt in den 16 Parlamenten am ehesten erhalten würden. Wir handeln jetzt mit
ihnen die Beitrittsurkunden aus.
Diese werden
nächstes Jahr an die Parlamente weitergeleitet, und im
Falle ihrer Ratifizierung - die zwei Drittel der Stimmen
des US-Senats erfordert - werden die ersten neuen
Mitglieder dem Bündnis bei einem Gipfeltreffen in
Washington am 50. Jahrestag der NATO im April 1999
beitreten.
Gleichzeitig vereinbarten die Verbündeten in Madrid,
die Tür zur Mitgliedschaft offen zu halten. Dies beides
ist miteinander verbunden - Mitgliedschaft und offene
Türen. Das Konzept istTrennlinien in Europa auszuradieren, nicht neue zu ziehen. Aus der Sicht der
Vereinigten Staaten bleibt die Tür zur NATO-Mitgliedschaft so lange offen wie europäische Länder zur
Übernahme der Pflichten einer NATO-Mitgliedschaft
bereit und willens sind. Wer der nächste sein und
wann die Aufnahme erfolgen wird, ist noch nicht
entschieden. Aber die Verpflichtung ist unumstößlich.
Die Staats- und Regierungschefs gingen jedoch noch
weiter. Vor drei Jahren leitete die NATO eines ihrer
erfolgreichsten Projekte in die Wege: Die Partnerschaft
für den Frieden. Diese hat 27 Länder in den Einflußbereich und Aktionsradius der NATO einbezogen, von
Zentraleuropa über die Ukraine und Rußland bis zu
Zentralasien. Für die wenigen Länder, die den NATOBeitritt anstreben, ist die "PfF" - wie wir sie nennen die Zwischenstation für die Mitgliedschaft, das
Übungsgelände für das Bündnis, der Übergang, der
vor dem Beitritt statt hinterher erfolgt - so daß die
Antwort Ja lauten wird, wenn der Senat der Vereinigten
Staaten fragt, ob sie bereit sind. Den Ländern, die der
NATO - zumindest nicht sofort - beitreten, ermöglicht
die PfF permanentes Engagement für das Bündnis,
und sie können buchstäblich alles tun, was ein Bündnispartner tun kann. In der Tat dienen 14 dieser
Partner jetzt bei der SFOR in Bosnien und tragen wie
jedes NATO-Mitglied ihren Teil zur Wahrung des
Friedens bei.
Gleichzeitig hat die NATO der Partnerschaft für den
Frieden durch die Gründung eines neuen Euroatlantischen Partnerschaftsrats größeres politisches
Gewicht verliehen, der seinen 43 Mitgliedern die
Festlegung des Kurses der PfF und das Vorbringen
ihrer Sicherheitsbelange im Zentrum des Bündnisses
gestattet.
Am bemerkenswertesten ist jedoch vielleicht die
Grundakte zwischen der NATO und Rußland. Sie

AMERIKA DIENST 19

bietet Rußland die Chance, eine Hauptrolle in der
europäischen Sicherheit zu spielen - wenn das Land,
wie jedes andere auch, die Spielregeln einhält. Die
Grundakte wahrt uneingeschränkt die Fähigkeit der
NATO, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und
ihre entscheidenden Qualitäten als ein Verteidigungsbündnis zu erhalten, aber sie sieht auch ein breites
Spektrum an Konsultationen, Kooperation und sogar
gemeinsamen Aktionen mit Rußland vor. In der
nächsten Woche wird der neue Ständige Gemeinsame
Rat der NATO und Rußlands bei einem Ministertreffen
in New York zusammenkommen und mit dem Entwurf
eines Arbeitsprogramms beginnen, das sich - unter der
Voraussetzung, daß es auf beiden Seiten Goodwill und
echte Anstrengungen gibt - zu einer strategischen
Partnerschaft entwickeln kann, von der beide Seiten
profitieren, während sie gleichzeitig die Interessen aller
anderen voll wahrt. Es ist immer noch schwierig, sich
vorzustellen, daß heute 1.300 russische Soldaten in
Bosnien im Rahmen der von der NATO angeführten
SFOR dienen - amerikanische und russische Soldaten
patrouillieren zusammen und verstärken sich gegenseitig zum ersten Mal seit der Auflösung der Grand
Alliance nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die NATO hat mit einer Charta, die der elementaren
Bedeutung dieses Landes im Herzen Europas Rechnung trägt, auch eine besondere Partnerschaft mit der
Ukraine besiegelt. Das ist ein entscheidender Test für
alles, was wir zu erreichen versuchen.
Die neue NATO verändert auch in tiefgreifender Art
ihre Arbeitsweise, um die höchst unterschiedlichen
militärischen Anforderungen des neuen Jahrhunderts
zu meistern. Wir werden die Anzahl der Hauptquartiere um zwei Drittel verringern; wir schaffen neue Mittel
für Organisation und Befehlsstruktur der Streitkräfte für
friedenssichernde Missionen und andere Krisen; wir
werden jedoch auch sicherstellen, daß das Bündnis
weiterhin jede mögliche militärische Herausforderung
bewältigen kann - und eine größere NATO ebenso
stark und effektiv ist wie heute.
Und schließlich haben wir bei der NATO auf den
Wunsch unserer europäischen Verbündeten reagiert,
durch eine neue Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität mehr Verantwortung für die Verteidigung und einen größeren Teil der Last zu übernehmen. Zum ersten Mal wird die Europäische Union
unter Zuhilfenahme der NATO eigenständig militärische Operationen durchführen können, während
sie gleichzeitig die Beziehungen über den Atlantik
hinweg verstärkt, statt mit ihnen zu konkurrieren.
Herr Vorsitzender,
vor diesem Hintergrund sollten wir meines Erachtens
die Erweiterung der NATO beurteilen - als einen Schritt
in einer Sicherheitsstruktur, die Bestand haben kann,

Seite 3

�weil sie die legitimen Erfordernisse aller in Europa
engagierten Länder erfüllt.

Das wäre tatsächlich ein Mißerfolg; das wäre tatsächlich Leichtsinn.

Mit der offiziellen Bündnismitgliedschaft wollen wir die
Länder Zentraleuropas aus der Geschichte herauslösen - der Geschichte eines Jahrhunderts, in dem
Unsicherheit und Instabilität sie und so viele andere
wiederholt in Konflikte und Tragödien gestürzt hat. Wir
wollen den Wettlauf um Vorherrschaft und Kontrolle in
dieser Region beenden - so daß diese ewigen Ziele
der Machtpolitik ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen können. Wir wollen diesen Menschen das
Vertrauen geben, ohne Einmischung ihren Wiederanschluß an den Westen zu verfolgen, ihre neuen
Demokratien zu stärken, Marktwirtschaften aufzubauen und ein neues Leben für sich und ihre
Familien zu gestalten. Und damit wollen wir demonstrieren, daß die NATO für niemanden eine Bedrohung
darstellt, sondern vielmehr eine legitime Rolle für alle
bietet, die mit uns arbeiten möchten.

Ich bin jedoch zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
werden - und insbesondere, daß das amerikanische
Volk die vor einem halben Jahrhundert mit dem
Marshallplan und der Gründung der NATO begonnene
Arbeit beenden wird. An dieser Bestrebung beteiligen
wir uns alle; wir alle sind ebenso gefordert wie die
mutigen und visionären führenden Politiker vor einem
halben Jahrhundert. Isaac Newton erklärte einmal, er
stünde "auf den Schultern von Riesen". Und dasselbe
gilt für uns. Ich bin zuversichtlich, daß die Geschichte,
wenn sie uns in einem halben Jahrhundert beurteilt, zu
der Überzeugung gelangen wird, daß wir den Test
bestanden haben.

Die NATO-Erweiterung ist unserer Ansicht nach daher
eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter
Sicherheit in Europa.
Aber ist sie auch leichtsinnig? Das wäre der Fall,
wenn wir bei dem scheitern würden, was wir jetzt mit
ihren zahlreichen, ineinandergreifenden Aspekten
versuchen; wenn uns bei einem Verbündeten nicht die
Ratifizierung der Beitrittsurkunde gelänge; wenn wir
nicht die Mittel - die bescheidenen Mittel - zum Erhalt
der Stärke der NATO bereitstellen könnten; oder wenn
wir nicht die Vision umsetzen könnten, die den Kern
unserer derzeitigen Bestrebungen darstellt: Die
Schaffung dauerhafter Sicherheit in Europa für das 21.
Jahrhundert, die zur Wiedergutmachung der entsetzlichen Geschichte des 20. Jahrhunderts beitragen kann.

Wenn wir die Zukunft der NATO betrachten, sprechen
wir im Kern über menschliche Werte, den Glauben an
die Freiheit, der dieses Land zu dem gemacht hat, was
es ist. Vor 80 Jahren wurde eine amerikanische
Expeditonstruppe zur Verteidigung dieser Werte nach
Frankreich geschickt und erinnerte sich bei ihrer
Ankunft an einen großen europäischen Patrioten
unseres Unabhängigkeitskrieges mit den bekannten
Worten: "Lafayette, wir sind hier." Während wir uns
heute erneut der Beendigung der Aufgabe widmen, die
wir in Europa vor mehr als einem halben Jahrhundert
begonnen haben, erinnern wir uns an einen anderen
großen europäischen Patrioten, der zur Sicherung
unserer Freiheit beitrug - den Adjutanten von General
Washington, dem vom Kongreß per Gesetz die
amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen wurde.
Wir wollen sagen können: "Tadeusz Kosciuszko, wir
sind hier!"
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

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AMERIKA DIENST 19

�USA-EUROPA
I.Oktober 1997

Die neue transatlantische Agenda
Rede von Staatssekretär Eizenstat

BRÜSSEL - (AD) - Die neue transatantische Agenda (New Transatlantic Agenda - NTA) "ist nicht nur ein Erfolg,
sondern auch zum unschätzbaren Rahmen geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft
weiterentwickeln", erklärte der Staatssekretär für wirtschaftliche und landwirtschaftliche Angelegenheiten, Stuart
Eizenstat, am 11. September 1997 in einer Rede vor der American Chamber of Commerce in Belgium.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Staatssekretär Eizenstat.

Ich muß diesem Publikum die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
nicht erläutern. Ich möchte nur kurz hervorheben,
warum sie weiterhin so entscheidend sind. Wenn wir
uns auf die Probleme des Tages konzentrieren,
übersehen wir häufig einige der grundlegenden
wirtschaftlichen Tatsachen:
Der Handel zwischen den Vereinigten Staaten
und der EU übersteigt 250 Milliarden Dollar
jährlich.
Die Handelsbilanz ist im Großen und Ganzen
ausgeglichen, was für die Ähnlichkeit unserer
Volkswirtschaften spricht.
Wir sind die größten Investoren auf dem Markt
des jeweils anderen Landes. Die Vereinigten
Staaten haben 325 Milliarden Dollar in Europa
investiert, und europäische Unternehmen sind
der größte Investor in 41 unserer Bundesstaaten und die Nummer Zwei in den übrigen.
Jeder 12. amerikanische Fabrikarbeiter ist bei
einer europäischen Firma tätig.

Menschenrechten auf der ganzen Welt. Und über die
Jahrzehnte hinweg haben wir wiederholt gesehen, daß
wir beträchtliche Fortschritte bei globalen Herausforderungen erzielen können, wenn wir zusammenarbeiten.
Es sind weniger als zwei Jahre seit der Unterzeichnung der NTA in Madrid durch Präsident Clinton,
Präsident Santer und Ministerpräsident Gonzales
vergangen. Zu jener Zeit herrschte auf beiden Seiten
des Atlantiks das Gefühl vor, daß Amerikaner und
Europäer mit dem Ende des Kalten Krieges neue
Wege zur Bekräftigung unserer langen und für beide
Seiten vorteilhaften Beziehungen finden sollten. Die
NTA war das Produkt dieser Gedanken. Sie umriß vier
umfassende Ziele, die die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union zu einer "Straßenkarte" für unsere
Beziehungen im 21. Jahrhundert weiterentwickelten.
Sie enthält folgende Punkte:
1.

Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung.

2.

Reaktion auf globale Herausforderungen.

3.

Weiterentwicklung des Welthandels
engere Wirtschaftbeziehungen.

4.

Herstellung persönlicher Kontakte.

Amerikanische Unternehmen beschäftigen
drei Millionen Arbeitnehmer in Europa.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind jedoch nicht nur Wirtschaftspartner. Unsere enge
politische Zusammenarbeit ist entscheidend für die
Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie und

AMERIKA DIENST 19

und

Ich erinnere mich, daß ich den Madrider Gipfel mit
großen Erwartungen und Stolz auf die Rolle verließ,
die meine Kollegen und ich dabei gespielt hatten, die

Seite 1

�neue transatlantische Agenda zum Leben zu erwecken. Unsere führenden Politiker brachten ihre
eigenen hohen Erwartungen zum Ausdruck. Felipe
Gonzalez bezeichnete die NTA als einen "Quantensprung nach vorne". Jacques Santer erklärte, die
Unterzeichnung sei ein "historischer Augenblick ... der
zeige, daß Europa und Amerika jetzt die Mittel und den
Willen zu der gemeinsamen Führungsrolle haben, die
die Welt so dringend benötigt". Bill Clinton bemerkte:
"Unser Schicksal in Amerika ist immer noch mit Europa
verbunden... Diese Aktionsagenda macht deutlich,
daß unsere Partnerschaft sich entwickelt und wir neue
Herausforderungen ausmachen, die wir jedoch
gemeinsam bewältigen müssen".
Es ist genug Zeit verstrichen, um die NTA jetzt anhand
von realen Erfahrungen auszuwerten.
Ich kann voller Vertrauen sagen, die NTA ist nicht nur
ein Erfolg, sondern auch zum unschätzbaren Rahmen
geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft weiterentwickeln. Sie wird zum Grundstein der
amerikanischen und der europäischen Außenpolitik.
Das soll nicht heißen, daß wir nicht mehr tun und es
besser tun müssen. Aber Inhalt und Zielrichtung der
NTA hilft uns, greifbare Vorteile für Millionen von
Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.
Ohne den NTA-Prozeß könnten wir nicht auf die im
Juni unterzeichneten Abkommen über gegenseitige
Anerkennung (Mutual Recognition Agreements MRAs) verweisen. Sie werden Handelshemmnisse in
sechs Industriesektoren abbauen, die Handel im Wert
von rund 50 Milliarden Dollar in beide Richtungen
abdecken. Das kann direkt in mehr Arbeitsplätze und
Gewinne auf beiden Seiten des Atlantiks umgesetzt
werden.
Über die NTA haben wir auch ein Zollabkommen
abgeschlossen, das Verfahren standardisieren,
Bürokratie abbauen und zur Aufdeckung von Betrug
beitragen wird. Die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union haben ein Abkommen über die
Kontrolle von chemischen Grundstoffen unterzeichnet,
das eine Verbindung zwischen unseren Strafverfolgungsbehörden herstellt und ihnen beim Aufspüren
von großen Mengen von Chemikalien behilflich sein
kann, die an illegale Drogen produzierende Einrichtungen geliefert werden.
Diese drei Punkte sind unsere jüngsten und vielleicht
greifbarsten Erfolge, aber der NTA-Rahmen und die
"gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit", die er hervorgebracht hat, erleichtern uns die Lösung von Problemen an ihrer Wurzel. In diesem Zusammenhang
denke ich daran, wie die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union bisher kränkende gegenseitige
Beschuldigungen wegen des Libertad-Gesetzes besser bekannt als Helms-Burton-Gesetz - und des
Sanktionsgesetzes zu Iran und Libyen vermeiden
konnten. Die Gefühle bezüglich dieser Themen

Seite 2

schlagen in den Vereinigten Staaten und Europa
weiterhin hohe Wellen. Dank des intensivierten
Dialogs der NTA und ihrer erweiterten Tagesordnung
haben jedoch beide Seiten erkannt, daß nicht einzelne
Differenzen das außerordentlich breite Spektrum
gemeinsamer Interessen in Gefahr bringen dürfen.
Das war uns bei der Bewältigung realer Differenzen über Taktiken, nicht Ziele - im Hinblick auf die Regime
in Kuba, Iran und Libyen behilflich. Durch gewohnheitsmäßige engere Konsultationen haben wir die
schädlichen politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen vermieden, die fundamentale Meinungsverschiedenheiten verursacht hätten und gleichzeitig die
Aufmerksamkeit vermehrt auf grundlegende Prinzipien
gelenkt: Unterstützung von Demokratie, Respektierung
der Menschenrechte und Ablehnung von Terrorismus.
Dir Vereinigten Staaten und die Europäische Union
haben auch in internationalen Foren ausgezeichnete
Zusammenarbeit entwickelt. Wenn wir gemeinsam
handeln, können wir bei der Förderung einer Welt mit
mehr Sicherheit und Frieden etwas bewirken - und wir
arbeiten immer mehr zusammen. Mit der NTA als
Leitfaden koordinieren wir unsere Bestrebungen zur
Förderung von Frieden und Milderung humanitärer
Krisen auf der ganzen Welt. Allein im letzten Jahr
haben die Vereinigten Staaten und die EU über die
Energieentwicklungsorganisation der koreanischen
Halbinsel (KEDO) auf Frieden und Stabilität auf der
koreanischen Halbinsel hingearbeitet, zu der die EU
einen wichtigen finanziellen Beitrag geleistet hat und
bei der sie Vorstandsmitglied sein wird. Wir haben den
Wiederaufbau von Bosnien koordiniert, wo vor kurzem
der schlimmste Konflikt Europas seit dem Zweiten
Weltkrieg ausgetragen wurde, und streben nach
Frieden im Nahen Osten. Die EU leistet den größten
staatlichen Beitrag zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Der Direktor des Amts für internationale
Entwicklung (AID), Brian Atwood, und Kommissarin
Emma Bonino kommen regelmäßig zur Koordinierung
humanitärer Hilfe für Orte zusammen, an denen
unsere Bestrebungen wortwörtlich den Unterschied
zwischen Leben und Tod für Millionen Menschen
bewirkt haben.
Seit der Unterzeichnung der NTA kommen hochrangige Regierungsvertreter aus Washington und Brüssel
vier bis sechs Mal pro Jahr zusammen um zu prüfen,
wo wir neue Bestrebungen in die Wege leiten oder die
Aktivitäten bei laufenden Initiativen verdoppeln müssen. Die Hochrangige Beratergruppe trifft sich während jeder Präsidentschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks und hat dazu beigetragen, die alle sechs
Monate stattfindenden Gipfeltreffen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU aktionsorientierter und
substantieller zu machen. Ich wage zu sagen, daß nur
diese Fähigkeit, ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu
konzentrieren, Realzeit-Fristen zu setzen und spezielle
bürokratische Interessen zu überwinden, ein Abkommen wie die MRAs ermöglicht hat.

AMERIKA DIENST 19

�Wenn ich zu meinem direkten Verantwortungsbereich unserem wirtschaftlichen Wohlergehen - zurückkomme, muß ich dieses Publikum wohl kaum an die
großen Auswirkungen des transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic Business Dialogue TABD) erinnern. Dieses Forum, das auf einzigartige
Weise Geschäftsleute und Regierungsvertreter auf
beiden Seiten des Atlantiks zusammenbringt und die
vielen Bereiche gemeinsamer Interessen hervorhebt,
war die treibende Kraft hinter den MRAs, dem Informationstechnologieabkommen (Information Technology
Agreement - ITA) der WTO, dem Abkommen über
Basistelekommunikationsdienste und Zusammenarbeit
in anderen wichtigen Sektoren wie Autos. Es beeinflußt den Handel und die Investitionsagenda. Wir
erwarten ähnliche Anstöße von dem gerade ins Leben
gerufenen transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD).
Mit Blick auf die Zukunft sehe ich eine NTA, die eine
immer wichtigere Rolle spielt, insbesondere da die EU
ihre Kompetenzen auf neue bedeutende Gebiete
ausweitet und ihre Grenzen erweitert, um zentraleuropäische Mitglieder aufzunehmen. Wir haben
gelernt, daß die Welt aufhorcht, wenn wir bei schwierigen Handelsfragen gemeinsam vorgehen. Bei Handelsfragen besteht meines Erachtens Spielraum für die
Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
zugunsten der derzeit in Genf stattfindenden Gespräche über Finanzdienstleistungen - ebenso wie es bei
dem Informationstechnologieabkommen und dem
Abkommen über Basistelekommunikationsdienste
geschehen ist. Die Uruguay-Runde hat bewiesen, daß
etwas bewegt wird, wenn die Vereinigten Staaten und
die EU sich mit einer koordinierten Haltung an Drittländer wenden.
Im Rahmen der NTA halte ich auch eine engere
Zusammenarbeit bei der dritten Säule (juristische und
innenpolitische Angelegenheiten) für möglich. Die
Vereinigten Staaten sind ein bereitwilliger Partner und
sehen produktiven und kooperativen Beziehungen zur
EU erwartungsvoll entgegen, die auch gegenseitige
Unterstützungsprogramme in der Karibik, Zentraleuropa, Lateinamerika und den neuen unabhängigen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion beinhalten. Wir
verstärken kooperative Initiativen zur Drogenbekämpfung, beispielsweise in der Karibik. Und wir freuen uns
auf eine noch engere Zusammenarbeit, wenn Europol
voll funktionsfähig ist.
Einer der erfolgreichsten Aspekte der NTA, der oft
übersehen wird, war die vierte Säule: persönliche
Kontakte. Der TABD ist ein enormer Erfolg und hat die
transatlantische Wirtschaftsgemeinschaft auf bemerkenswerte Art und Weise in unseren staatlichen
Entscheidungsfindungsprozeß eingebettet. Ebenso
begann eine vergangenen Mai vom US-Außenministerium organisierte große Konferenz, die zahlrei-

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che Nichtregierungsorganisationen anzog, mit der
Ausarbeitung eines innovativen Programms für
persönliche Kontakte im Rahmen des vierten Kapitels
der NTA. Wir erwarten, daß daraus während der
kommenden Monate eine Reihe konkreter Projekte
hervorgeht, einschließlich des kreativen Einsatzes des
Internet für den Austausch transatlantischer Erfahrungen und der Schärfung des Bewußtseins der Generationen, für die Weltkrieg, Wiederaufbau und sogar der
Kalte Krieg nur Geschichte sind.
Haben wir die großen Erwartungen erfüllt, die unsere
Staats- und Regierungschefs an die NTA gestellt
haben? Nein, das haben wir nicht - noch nicht.
Präsident Clinton erklärte vor drei Jahren in Berlin, als
die ersten Pläne für die spätere NTA gemacht wurden,
ein integriertes Europa sei Amerikas bester natürlicher
Partner für das 21. Jahrhundert. Wir haben in kurzer
Zeit viele Fortschritte gemacht, aber es wird wahrscheinlich Jahre dauern, bevor wir hoffen können, das
Potential der NTA zum Aufbau dieser Art von Beziehungen und für die Reaktion darauf zu nutzen.
Im Bereich der Wirtschaft könnten "gewohnheitsmäßige Konsultationen" auf den Gebieten Biotechnologie, öffentliche Gesundheit und Umwelt stärker
eingesetzt werden. Dies sind heikle Themen, die für
das Wohlergehen unserer Familien wichtig sind und
Gebiete, bei denen die Menschen gefühlsbetont
reagieren, wenn sie nicht alle Fakten kennen. Wir
sollten besondere Vorsicht walten lassen, damit die
von uns für die öffentlichen Belange unternommenen
Schritte auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage basieren und nicht dem legitimen Handel mit neuen
Produkten schaden. Wir sind beispielsweise sehr
besorgt über das vorgeschlagene Verbot von spezifizierten Risikomaterialien (Specified Risk Materials SMR), das einer wissenschaftlichen Grundlage
entbehrt und amerikanische Exporte nach Europa in
Milliardenhöhe betreffen könnte. Wenn wir uns einmal
von diesem grundlegenden Prinzip abgewandt haben,
öffnen wir nicht nur allen möglichen protektionistischen
Maßnahmen auf beiden Seiten des Atlantiks Tor und
Tür, sondern laufen auch Gefahr, wissenschaftlichen
Fortschritt zu behindern, der unserer Gesundheit dient,
Kosten verringern und allgemein unsere Lebensqualität verbessern könnte.
Für die EU wird es auch wichtig sein, sich an die
jüngste Entscheidung der WTO gegen das Bananenregime der EU zu halten. Wir können keinen Schadensersatz akzeptieren. Unseres Erachtens können
wir ein im Einklang mit der WTO stehendes Abkommen aushandeln, das auch die Notwendigkeit
eines Marktzugangs der karibischen Länder zum EUMarkt anerkennt. Es ist wichtig, daß die EU den
neuentwickelten
Konfliktschlichtungsmechanismus
respektiert - wie es die Vereinigten Staaten in den von
ihnen verlorenen Fällen getan haben.

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�Die NTA vermeidet ehrgeizige langfristige Ziele wie
eine mögliche transatlantische Freihandelszone
zugunsten eines progressiven Abbaus oder einer
Beseitigung von Handelshemmnissen. Auf beiden
Seiten des Ozeans gab es keine angemessene
Unterstützung für mehr. Wir möchten, daß die von der
NTA vorgeschriebene gemeinsame Wirtschaftsstudie
konkrete und ehrgeizige Empfehlungen hervorbringt.
Wir sollten uns jedoch immer wieder fragen, ob wir
unsere Ziele hoch genug gesetzt haben und ob es
auch die richtigen Ziele sind. Ich persönlich bin der
Überzeugung, daß wir ein langfristiges wirtschaftliches
Ziel setzen werden und müssen, das ehrgeiziger ist als
nur die Überwindung einer kleinen Hürde nach der
anderen.
Der umfassenden Nutzung der NTA im Bereich der
Außenpolitik stehen zahlreiche Hindernisse im Weg.
Die EU arbeitet noch hart an der Verbesserung ihrer
internen Mechanismen. Wir sehen den aus der
zwischenstaatlichen Konferenz resultierenden Vorteilen nach der Ratifizierung ihrer Ergebnisse erwartungsvoll entgegen. Diese werden jedoch zweifelsohne nicht die Schwierigkeiten beilegen, denen sich die
EU bei der schnellen und gemeinsamen Reaktion auf
Krisen oft gegenübersieht. Es sollte kein Zweifel daran
bestehen, daß die Vereinigten Staaten eine zusammenhängendere, direktere, einheitlichere Stimme der
EU in der politischen Arena befürworten. Dadurch
würde die EU zu einem noch effektiveren Partner der
Vereinigten Staaten bei internationalen Angelegenheiten.
Wir in den Vereinigten Staaten brauchen noch mehr
Praxis bei der Entwicklung der Instinkte für echte
Konsultationen und echte Partnerschaft mit einer
Körperschaft, mit der die Zusammenarbeit oft frustrierend langsam und kompliziert ist - und die ihre eigenen
Ideen davon hat, was in Situationen getan werden
sollte, in denen sie beträchtliche Hilfe leistet. Bosnien,
der Nahe Osten, die Bestrebungen zur Entschärfung
der Spannungen in der Ägäis, zur Überwindung der
Teilung von Zypern und zur Stärkung der Beziehungen
des Westens zu unserem türkischen Verbündeten sind
nur einige der Themen, die uns alle weiterhin auf die
Probe stellen. Zypern ist ein ausgezeichnetes Beispiel
für die elementare Bedeutung der Zusammenarbeit
zwischen der EU und den Vereinigten Staaten, um
dieser geplagten Insel - einem zukünftigen Mitgliedstaat der EU - Frieden zu bringen. Präsident Clintons
Ernennung von Richard Holbrooke zum Sondergesandten unterstreicht die Bedeutung, die wir diesem
Thema beimessen.
Wir müssen in noch engerem Kontakt bleiben und
offen miteinander sprechen, während in den letzten
Jahren dieses Jahrzehnts und dieses Jahrhunderts
Ereignisse von wahrhaft historischer Bedeutung
stattfinden: Die Erweiterung der EU und der NATO, die
Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) sowie die

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Einführung des Euro. Letzteres ist der vielleicht
mutigste Schritt zur politischen und wirtschaftlichen
Integration Europas. Die Vereinigten Staaten, die seit
dem Marshallplan überzeugter Befürworter der
Integration sind, wünschen sich einen Erfolg der
Wirtschafts- und Währungsunion. Die EWWU hat
größere Auswirkungen auf die Gestalt Europas im
neuen Jahrtausend als nahezu alles andere. Die
Vereinigten Staaten und die EU sollten ihre Diskussionen über in Verbindung mit der EWWU stehende Schritte in den nächsten Monaten intensivieren.
Folglich besteht Grund zu Optimismus im Zusammenhang mit der NTA. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich
beiden Seiten eine Zwei-plus geben - eine gute Note
nach nur zwei Jahren. Dennoch haben wir noch einen
langen Weg vor uns, um die Vision vom "besten
Partner" zu realisieren, auf der die NTA gründet.
Die NTA ist ein machtvolles, flexibles, aber auch
zerbrechliches Werkzeug. Unsere führenden Politiker
werden darauf bestehen, daß es noch produktiver
wird, wenn es weiterhin ihr Interesse erregen und ihre
Unterstützung erhalten soll. Das verlangt von denjenigen, die es täglich nutzen, zwei nur bei oberflächlichem Hinsehen gegensätzliche Dinge: Die Routine
fortzusetzen und hart an der Entwicklung gemeinsamer Ansätze bei den 1001 Fragen dieser äußerst
komplexen Beziehungen zu arbeiten, nachdem die
erste Begeisterung und der erste Glamour verflogen
sind. Den Trott bürokratischer Routine zu vermeiden,
uns vor Augen zu führen, daß das Ziel dieses Unterfangens nicht noch mehr Gipfelerklärungen sind,
sondern vielmehr die Stärkung - sogar die Neuerfindung - der transatlantischen Beziehungen, die Umstrukturierung des zentralen Elements der gegenseitigen Sicherheitsbande zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa.
Dieses ehrgeizige Ziel kann nicht von der Regierung
alleine erreicht werden. Ich habe bereits darauf
hingewiesen, in welch hohem Maße die Erfolge der
NTA auf die äußerst effektive Rolle des TABD zurückzuführen sind, die Aufmerksamkeit der Regierung
darauf zu lenken, was für die Verbesserung Ihrer
Fähigkeit zur Abwicklung von Geschäften erforderlich
ist. Wesentlich ist, daß Sie bei diesem Prozeß engagiert bleiben und uns bei der Konzentration auf
Themen behilflich sind, die direkte Auswirkungen auf
Gesundheit, Wohlergehen und Wohlstand unserer
Bürger haben. Ich vertrete zwar gerne die Ansicht,
daß wir Ihre Bedürfnisse antizipieren können, aber nur
Sie können uns sagen, welche Schritte Ihre Fähigkeit
zur Abwicklung von Geschäften verbessern. Wir
müssen weiterhin die Initiative ergreifen, um beiden
Seiten Ihre Ansichten und Empfehlungen deutlich zu
machen.
Ferner müssen Sie auch konsequent
sicherstellen, daß wir Ihre Empfehlungen befolgen.
Letztlich hängen Erfolg und Gesundheit der transatlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischen-

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�atlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit ab, sondern - viel grundlegender - von Ihnen und den anderen Teilen unserer

Gesellschaften, die eine gemeinsame Vision haben
und zusammen auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clintons innen- und außenpolitische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der American University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: arabische Welt muss sich geeint für Frieden und Sicherheit einsetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: Wir wollen, dass der Frieden Bestand hat&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin vor dem Ständigen Gemeinsam Rat der NATO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Robert Hunter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue transatlantische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Eizenstat&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Amerikadienst&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Herausgeber: U.S. Information Service Embassy of the United States of America Z12462 C 3. September 1997 17 WTO ENTSCHEIDUNG DER WTO ÜBER RINDFLEISCHEXPORTE GIBT USA RECHT Erklärung der US-Handelsbeauftragten ABRÜSTUNG RÜSTUNGSKONTROLLE - EIN ZENTRALES ELEMENT DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK von John D. Holum NICHTVERBREITUNGSSTRATEGIE DER VEREINIGTEN STAATEN HAT HÖCHSTE PRIORITÄT von James Steinberg MARSHALLPLAN GEORGE C. MARSHALL: DER LETZTE GROSSE AMERIKANER? von Lance Morrow GESELLSCHAFT DER ANDERE SPIEGEL - DIE VEREINIGTEN STAATEN ALS MULTIRASSISCHE GESELLSCHAFT von Ronald Takaki Informationen über die Politik der US-Regierung und die Vereinigten Staaten im allgemeinen können auf der Home Page von USIS-Deutschland im World Wide Web des Internet unter http://www.usia.gov/posts/bonn.html abgerufen werden. Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten Deichmanns Aue 29 D 53170 Bonn Tel.: 0228-339 2372 Fax: 0228-333 138 e-mail: bbsbonn@usia.gov internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html �WTO 3. September 1997 Entscheidung der WTO über Rindfleischexporte gibt USA Recht Erklärung der US-Handelsbeauftragten WASHINGTON - (AD) - Das Büro der US-Handelsbeauftragten veröffentlichte am 18. August 1997 eine Erklärung über eine Entscheidung der Welthandelsorganisation (WTO) zugunsten der Vereinigten Staaten. Die WTO gab die Ergebnisse ihrer Prüfung des Importverbots der Europäischen Union für mit Wachstumshormonen behandeltes Fleisch am 30. Juni an die betroffenen Regierungen und am 18. August an die Öffentlichkeit weiter. Nachfolgend veröffentlichen wir eine Stellungnahme des Büros der US-Handelsbeauftragten zu der Entscheidung der WTO. WTO-Bericht über Hormone bestätigt Sieg der Vereinigten Staaten Die Welthandelsorganisation (WTO) gab heute den Abschlußbericht des Schlichtungsausschusses über das Importverbot der Europäischen Union für mit Wachstumshormonen behandeltes Fleisch an die Öffentlichkeit. Die Untersuchungsergebnisse des WTO-Ausschusses, die die Forderungen der Vereinigten Staaten unterstützen, wurden am 30. Juni 1997 vertraulich an die betroffenen Regierungen weitergeleitet. Dies war die erste Auseinandersetzung über das Abkommen über sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen (SPS-Abkommen). "Dieser Abschlußbericht bestätigt den Wert des neuen WTO-Abkommens über die Anwendung sanitärer und phytosanitärer Maßnahmen für die Unterscheidung zwischen legitimen Anforderungen an die Nahrungsmittelhygiene und unwissenschaftlichen und ungerechtfertigten Hemmissen für amerikanische Exporte", erklärte die US-Handelsbeauftragte Charlene Barshefsky. "Ich freue mich über die Bestätigung der WTO, daß die EU keine wissenschaftliche Grundlage für die Unterbindung des Verkaufs von amerikanischem Rindfleisch in Europa hat. Das zeigt, daß der Konfliktlösungsmechanismus der WTO komplexe und schwierige Streitigkeiten lösen kann, bei denen ein WTO-Mitglied sich um die Rechtfertigung von Handelhemmnissen bemüht, indem es sie als gesundheitliche AMERIKA DIENST 17 Maßnahmen deklariert. Ich freue mich, daß der Ausschuß die Notwendigkeit bekräftigt hat, Maßnahmen im Bereich der Nahrungsmittelhygiene auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, ebenso wie das in den Vereinigten Staaten geschieht." "Der heute von der WTO herausgegebene Abschlußbericht ist für die amerikanische Rindfleischindustrie eine willkommene Nachricht", erklärte Landwirtschaftsminister Dan Glickman. "Der Schlichtungsausschuß der WTO hat bestätigt, was wir bereits seit mehr als neun Jahren wissen: daß den europäischen Verbrauchern gute Qualität und sichere Produkte aufgrund von Einfuhrbestimmungen verweigert werden, die keinem wissenschaftlichen Test standhalten. Der Ausschuß stützte sich bei seiner Entscheidung über die Unzulässigkeit des Importverbots der EU für amerikanisches Rindfleisch auf die Befunde herausragender Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Ich hoffe, daß die EU jetzt Schritte unternehmen wird, um diese Einfuhrbestimmung in Einklang mit ihren Verpflichtungen im Rahmen der WTO zu bringen und das Verbot für Rindfleisch aus den Vereinigten Staaten, Kanada und anderen betroffenen Ländern aufzuheben. Wir sind zur Zusammenarbeit mit Vertretern der Europäischen Union bereit, um dies so bald wie möglich zu erreichen." Der WTO-Bericht befindet, daß das europäische Verbot des Einsatzes von sechs Hormonen zur Seite 1 �Förderung des Wachstums von Vieh unvereinbar mit den Verpflichtungen der EU unter dem SPS-Abkommen ist. Insbesondere bekräftigt der Bericht des Ausschusses, daß das Verbot der EU einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Es basiert nicht auf einer Risikobeurteilung oder den relevanten internationalen Standards, und die EU nimmt eine willkürliche oder ungerechtfertigte Unterscheidung zwischen ihrer Hormonpolitik und der im Hinblick auf andere Wirkstoffe vor, was zu einer Diskriminierung beziehungsweise versteckten Handelsbeschränkung führt. Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, daß der WTO-Bericht zu einer neuen Politik der EU führen wird, die im Einklang mit den internationalen Handelsverpflichtungen der EU steht. Der Hormonstreit ist der vierte Fall, den die Vereinigten Staaten dem Konfliktschlichtungsmechanismus der WTO erfolgreich vorgelegt haben. (Anmerkung: Der vollständige Text aller Berichte des WTO-Ausschusses ist auf der World Wide Web-Seite der WTO unter http:wto.org. erhältlich.) Vorgeschichte Am 1. Januar 1989 verhängte die EU ein Verbot für Importe von Tieren und Fleischprodukten, die mit Wachstumshormonen behandelt wurden. Die Vereinigten Staaten protestierten bei sechs spezifischen Hormonen gegen dieses Verbot. Diese sechs Hormone wurden von allen Ländern, die sie untersuchten, als sicher für den Einsatz zur Wachstumsförderung erklärt. Darüber hinaus prüften die unabhängigen Experten des Codex Alimentarius-Ausschusses fünf dieser Hormone und befanden sie als sicher (sie wurden nie um die Untersuchung des sechsten gebeten, das nur selten eingesetzt wird). Tatsächlich hat die EU zweimal eine wissenschaftliche Studie über diese fünf Hormone in Auftrag gegeben, und beide Male wurden diese von den Wissenschaftlern als sicher befunden. Drei der fraglichen Hormone sind von Natur aus in jedem Fleisch und in jedem Menschen vorhanden. Der Hormonspiegel im Rindfleisch von Tieren, die zu Wachstumszwecken mit diesen Hormonen behandelt wurden, liegt durchaus im normalen Rahmen. Tatsächlich ist die in Rindfletsch enthaltene Menge beispielsweise viel niedriger als die in einem Ei. (Ein normaler Erwachsener müßte etwa 77 Kilogramm mit diesen Hormonen behandeltes Rindfleisch essen, um die in einem Ei enthaltene Hormonmenge zu sich zu nehmen.) Die Einlassung der Vereinigten Staaten gegen das Importverbot der EU gründete sich primär auf das Argument, daß das Verbot Bestimmungen des WTOAbkommens über die Anwendung von sanitären und Seite 2 phytosanitären Maßnahmen verletzt. Das war die erste Meinungsverschiedenheit über das SPS-Abkommen. Das Abkommen bewahrt eindeutig das Recht der Regierungen zur Anwendung von Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene zum Schutz des menschlichen Lebens und der Gesundheit, aber gleichzeitig fordert es, daß solche Maßnahmen tatsächlich auf diesen Zweck ausgerichtet sind und nicht aus protektionistischen Gründen verhängt werden. Das SPS-Abkommen setzt Regeln für die Entscheidung fest, ob Importverbote und andere den Handel einschränkende Aktionen, die von den Regierungen als Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene bezeichnet werden, die Gesundheit schützen oder für die einheimischen Produzenten einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Das SPS-Abkommen stützt sich insbesondere auf wissenschaftliche Fakten, um legitime Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene von verstecktem Protektionismus zu unterscheiden. Das SPS-Abkommen sieht Ausschüsse zur Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten mit klaren Richtlinien für deren Überwachung vor. Es sieht ferner vor, daß die Maßnahmen auf wissenschaftlichen Prinzipien gründen müssen, nicht ohne ausreichende wissenschaftliche Beweise aufrechterhalten werden dürfen, sich auf eine wissenschaftliche Einschätzung stützen müssen, ob es Risiken für das menschliche Leben oder die Gesundheit gibt, den Handel nicht mehr als notwendig einschränken dürfen, um angemessenen Schutz vor solchen Risiken zu erreichen. Falls vorhanden, müssen sie auf internationalen Normen, Richtlinien oder Empfehlungen basieren, außer es wird ein noch strengerer Standard als angemessen erachtet, um ein anderes Schutzniveau zu erreichen, oder es gibt eine wissenschaftliche Rechtfertigung. Das SPS-Abkommen ermutigt auch die Schlichtungsausschüsse, Experten zu wissenschaftlichen Problemen zu befragen, die von dem Ausschuß in Konsultationen mit den gegnerischen Parteien ausgewählt werden. Um zu der Entscheidung in diesem Streit zu gelangen, holte der Ausschuß den Rat von unabhängigen Wissenschaftlern ein. Es war das erste Mal, daß der WTO-Ausschuß dieses Verfahren anwendete. Der Ausschußbericht faßt die von den Experten erhaltenen Ratschläge zusammen und enthält eine Abschrift der Gespräche des Ausschusses mit den Experten. In diesem Fall ignoriert das Importverbot der EU eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse - einschließlich der in den eigenen Überprüfungen der EU enthaltenen - daß es unbedenklich ist, Fleisch von Tieren zu essen, die im Einklang mit guter Tierhaltung mit diesen Wirkstoffen behandelt wurden. Während des WTO-Gerichtsverfahrens behauptete die EU, das Verbot gründe sich auf Gesundheitsbelange. Als das Verbot verhängt wurde, räumte die EU jedoch AMERIKA DIENST 17 �ein, daß es der Abschaffung von Wettbewerb bei Importen von hormonbehandeltem Rindfleisch auf dem europäischen Markt und der Herbeiführung von gleichberechtigtem Wettbewerb in Europa diente, wo einige Länder vor dem EU-Verbot den Einsatz von Wachstumshormonen für die landwirtschaftliche Tierzucht erlaubten und andere nicht. Die Vereinigten Staaten argumentierten, daß das mit diesen sechs Wachstumshormonen behandelte amerikanische Fleisch sicher ist und der Versuch der EU, die inländische Produktion vor mehr Konkurrenzimporten (auch innerhalb der EU) zu schützen, Handelsprotektionismus und nicht Schutz der Gesundheit und Hygiene ist. Dieser Streit hat eine lange Geschichte. Das EUVerbot von 1989 unterband amerikanische Rindfleischexporte in die EU zum damaligen Wert von ungefähr 100 Millionen Dollar jährlich. Die Vereinigten Staaten versuchten, im Rahmen der damals zur Verfügung stehenden Schlichtungsverfahren eine Einlassung zu machen, aber die EU verweigerte einer Gruppe technischer Experten die Prüfung des Falls. Als Reaktion auf die Blockade von Schlichtungsverfahren durch die EU erhöhten die Vereinigten Staaten die Zölle auf bestimmte Produkte der EU gemäß Paragraph 301 des Handelsgesetzes von 1974. Die erhöhten amerikanischen Zölle blieben wirksam, bis * AMERIKA DIENST 17 die Vereinigten Staaten Erfolg bei der Einrichtung eines WTO-Ausschusses zur Prüfung des Hormonverbots der EU hatten. Nach der Gründung der Welthandelsorganisation beriefen sich die Vereinigten Staaten auf die neuen WTO-Schlichtungsverfahren, um gegen das EU-Verbot vorzugehen. Gemäß der neuen WTO-Verfahren kann die EU den Prozeß nicht blockieren, wie sie es im Rahmen der bisherigen Verfahren konnte. Die Vereinigten Staaten baten Ende Januar 1996 um Konsultationen mit der EU, und im Mai 1996 richtete das WTO-Schlichtungsgremium einen Ausschuß zur Anhörung des Falles ein. Kanada erhob später eine parallele Klage gegen das EU-Verbot, und dieselben Ausschußmitglieder wurden für die Anhörung des kanadischen Falls eingesetzt. Dieser Ausschuß hat seinen Abschlußbericht mit ähnlichen Entscheidungen im Hinblick auf die kanadische Klage veröffentlicht. Die WTO sieht die Möglichkeit einer Berufung gegen die Abschlußberichte des Ausschusses vor. Umfangreichen Presseberichten zufolge beabsichtigt die EU, gegen diesen Ausschußbericht Berufung einzulegen. Die Vereinigten Staaten erwarten, daß der Berufungsausschuß der WTO die Schlußfolgerungen des Ausschusses unterstützen wird. * * * * Seite 3 �ABRÜSTUNG 3. September 1997 Rüstungskontrolle - Ein zentrales Element der amerikanischen Außenpolitik von John D. Holum WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von John D. Holum, dem Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA). Die Rüstungskontrollerfolge der Vereinigten Staaten haben die Welt zu einem sichereren Ort gemacht. Die Realität ist jedoch, daß wir immer noch in einer gefährlichen Welt leben, die immer noch vor Massenvernichtungswaffen starrt und in der die Gefahr der Weiterverbreitung durch verbrecherische Regime, ons Convention - CWC) durch den Senat - ist bereits erreicht worden. Der Präsident forderte auch ein Verbot der ungeschützten Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen oder andere Explosivstoffe, die Stärkung des nuklearen Nichtverbreitungsregimes, Verbesserung der Einhaltung der Konvention über aufflammenden Nationalismus und Terrorismus weiter biologische Waffen (Biological Weapons Convention - besteht. Es ist eine Welt, in der jetzt 40 Länder die technische und materielle Fähigkeit zur Entwicklung von Nuklearwaffen besitzen, sollten sie sich dafür entscheiden. Mehr als 15 Nationen sind mindestens im Besitz von Kurzstreckenraketen - und viele streben den Besitz von Massenvernichtungswaffen an. Rund 20 Länder verfügen über ein Chemiewaffenprogramm. BWC), ein globales Verbot von Antipersonenminen (Anti-Personnel Landmines - APL) und den kontinuierlichen Abbau von Nuklearwaffen. In Anbetracht dieser Gefahren der Zeit nach dem Kalten Krieg müssen die Vereinigten Staaten als die einzige verbliebene Supermacht der Welt weiterhin Rüstungskontrolle zum zentralen Element ihrer Außenpolitik und nationalen Sicherheitsstrategie machen. Im September 1996 hat Präsident Clinton als erster Regierungschef der Welt den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) unterzeichnet - das in der Geschichte der Rüstungskontrolle vielleicht am meisten angestrebte Ziel. Der Vertrag umfaßt jetzt stolze 150 Signatarstaaten. Er wird Atomtestversuche für alle Zeiten beenden. Bei der Unterzeichnung des CTBT legte Präsident Clinton vor der UN-Generalversammlung die sechs Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungsziele der Vereinigten Staaten dar. Eines davon - die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention (Chemical Weap- AMERIKA DIENST 17 Die Chemiewaffenkonvention Im April 1997 gab der Senat seine Zustimmung zur Chemiewaffenkonvention als Schutz gegen einen chemischen Angriff von verbrecherischen Staaten und Terroristen. Die Vereinigten Staaten fordern andere Nationen weiterhin zur unverzüglichen Unterzeichnung und Ratifizierung des Vertrags auf. 95 Nationen haben bisher unterzeichnet. Inzwischen zerstören wir unser 30.000 Tonnen umfassendes Chemiewaffenarsenal, und Rußland hat sich zur Zerstörung seines deklarierten Arsenals von 40.000 Tonnen bereit erklärt. Der Vertrag über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material Wir fordern die Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on Disarmament - CD) auf, Verhandlungen über einen Vertrag über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material (Fissile Material Cutoff Treaty FMCT) aufzunehmen, der die Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen für immer einstellen würde. Die Vereinigten Staaten, Rußland, Frankreich und Großbritannien haben bereits die Einstellung der Herstellung von spaltbarem Material für Nuklearwaffen Seite 1 �angekündigt. Ein solcher Vertrag würde ein Verbot der Produktion von Waffen für Nuklearwaffenstaaten und Schwellenländer in die Praxis umsetzen und maßgeblich zum nuklearen Abrüstungsprozeß beitragen. Der Nichtverbreitungsvertrag Die universelle Einhaltung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) und die Stärkung der erforderlichen Instrumente zur Gewährleistung seiner Einhaltung ist ein weiteres vom Präsidenten genanntes Ziel. Dies würde neue Sicherheitsvorschriften der internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) wie Messungen der Umweltbelastung und Zugang zu nicht deklarierten Anlagen beinhalten. Wir fordern alle Nationen, die dem N W noch nicht beigetreten sind, auf, dies unverzüglich zu tun. Sobald Brasilien beitritt, werden nur vier Länder diesem Grundstein von Nichtverbreitungsverträgen nicht beigetreten sein. Die Konvention über biologische Waffen Wir streben ferner nach Mitteln zur Verbesserung der Einhaltung der Konvention über biologische Waffen mit solchen Maßnahmen wie obligatorische Deklarierung und Vor-Ort-Aktivitäten. Die Vereinigten Staaten sind ein aktives Mitglied der Ad-hoc-Gruppe, die auf die Schaffung eines rechtlich bindenden Instruments zur Stärkung der Effektivität und Verbesserung der Umsetzung der BWC hinarbeitet. Antipersonenminen Die Vereinigten Staaten drängen die Genfer Abrüstungskonferenz zur raschen Aushandlung eines globalen Verbots von Einsatz, Lagerung, Produktion und Transfer von Antipersonenminen, durch die jedes Jahr rund 25.000 Menschen verstümmelt oder getötet werden. Das ist eine der obersten Prioritäten der Clinton-Administration in ihrer zweiten Amtszeit. Die Vereinigten Staaten setzen ihr Moratorium über die Produktion und den Transfer von APL fort und fordern andere Nationen auf, es ihnen gleich zu tun. Die Vereinigten Staaten fordern ferner die Staaten zur Ratifizierung des geänderten Landminenprotokolls (Protokoll II) der Konvention über konventionelle Waffen auf, die dies noch nicht getan haben. Abbau von Nuklearwaffen Schließlich drängen die Vereinigten Staaten nach wie vor auf weitere Erfolge bei der Reduzierung des globalen Arsenals von Nuklearwaffen. Die Bestrebungen der Vereinigten Staaten und Rußlands bei der Zerlegung von Trägersystemen für strategische Waffen wie Flugzeuge und Raketen sind dem im ersten Vertrag über die Verringerung strategischer Rüstungen (Strategie Arms Reduction Treaty - START I) festgelegten Zeitplan weit voraus. Die ab dem 5. Dezember 1999 einzuhaltenden Obergrenzen für Seite 2 dislozierte Trägersysteme für strategische Waffen wurden beispielsweise Anfang 1997 erreicht. Darüber hinaus haben die Vereinigten Staaten unabhängig von START I seit 1990 fast 10.000 atomare Gefechtsköpfe beseitigt. Rußland berichtet, daß es ebenfalls nukleare Gefechtsköpfe abbaut. Kasachstan, Belarus und die Ukraine haben die Tausende früher in ihren Ländern gelagerten nuklearen Gefechtsköpfe an Rußland übergeben, und diese Staaten sind jetzt frei von Nuklearwaffen. Der Nachfolgevertrag von START I - der START IIVertrag - sieht einen ordentlichen Mechanismus für die Vereinigten Staaten und Rußland zur drastischen Verringerung der für strategische Offensivwaffen verwendeten Ressourcen und die Verbesserung von Stabilität und Sicherheit vor. Der US-Senat hat über START II beraten und dem Vertrag zugestimmt. Die russische Duma muß den Vertrag jedoch noch verabschieden. Präsident Jelzin hat die Bedeutung der unverzüglichen Ratifizierung des Vertrags unterstrichen, und obwohl wir nicht vorhersagen können, wann die Duma handeln wird, hoffen wir, daß die positive Abstimmung des Senats ebenso wie die eindeutigen Vorteile von START II die russische Duma zu einer ähnlichen Handlungsweise ermutigen. Sobald START II in Kraft tritt, werden die Vereinigten Staaten und Rußland unverzüglich Verhandlungen über ein START Ill-Abkommen aufnehmen, wie von den Präsidenten Clinton und Jelzin beim Gipfeltreffen von Helsinki im März 1997 vereinbart. START III wird Reduzierungen bei dislozierten strategischen Gefechtsköpfen auf 2.000 oder 2.500 bis zum 31. Dezember 2007 beinhalten. Darüber hinaus vereinbarten die Vereinigten Staaten und Rußland sicherzustellen, daß die Vorteile der START-Verträge unumkehrbar sind, indem sie versuchen, Probleme im Zusammenhang mit dem Ziel, den derzeitigen START-Verträgen unbegrenzte Dauer zu verleihen, zu lösen. Das Inkrafttreten und die Umsetzung von START II sowie die Aushandlung von START III werden einen wichtigen Beitrag zum obersten Ziel der Vereinigten Staaten und aller Parteien des Nichtverbreitungsvertrags - einer Welt ohne Nuklearwaffen und ohne die Gefahr eines Krieges - leisten. Dieser Prozeß kann jedoch nicht über Nacht geschehen. Die Vereinigten Staaten vertreten weiterhin die Ansicht, daß Fortschritte im Bereich der Abrüstung nur schrittweise erfolgen können, wobei die legitimen Sicherheitsbelange aller Staaten sorgfältig in Betracht gezogen werden müssen. Ebenfalls in Helsinki bekräftigten die beiden Regierungschefs die Verpflichtung ihrer Nationen zum ABMVertrag und bestätigten, daß beide Seiten die Option der Aufstellung und Dislozierung effektiver schauplatzgebundener Raketenabwehrsysteme haben müssen. AMERIKA DIENST 17 �Kooperative Verringerung der Bedrohung Durch die im Rahmen des Programms zur kooperativen Verringerung der Bedrohung (Cooperative Threat Reduction - CTR; auch als Nunn-Lugar-Programm bekannt, weil es von Senator Richard Lugar und dem ehemaligen Senator Sam Nunn vorgeschlagen wurde) bereitgestellten Gelder waren die Vereinigten Staaten Rußland und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bei Transport, Sicherung und Zerlegung ihrer Nuklearwaffen behilflich. Beispielsweise gewähren die Vereinigten Staaten Rußland derzeit Hilfe beim Entwurf und Bau einer Einrichtung zur sicheren Lagerung spaltbaren Materials, das aus zerlegten Nuklearwaffen aus Mayak stammt. Die Aushandlung und Gewährleistung der Vernichtung nuklearer Gefechtsköpfe und ihres spaltbaren Materials ist eine äußerst komplizierte Aufgabe. Die Bedrohung durch "herrenlose Nuklearwaffen" - nukleare Sprengköpfe oder spaltbares Material, die der Kontrolle der Regierung entgleiten könnten - wurde von zahlreichen Experten zu Recht als eine der größten Gefahren unserer Zeit bezeichnet. Sicherzustellen, daß sie nie zur Realität wird, ist eine der größten uns konfrontierenden Herausforderungen. Der globale Ansatz, diesen Aspekt des Kalten Krieges in den Hintergrund treten zu lassen, enthält vier wesentliche Elemente. Erstens müssen die Staaten kooperativ zusammenarbeiten, um Nuklearschmuggel an der Wurzel zu stoppen und sicherzustellen, daß alles waffenfähige Nuklearmaterial sicher und nachweisbar gelagert wird. Im Juni 1996 einigten sich die Teilnehmerstaaten des Nukleargipfels in Moskau auf ein "Programm zur Verhinderung und Bekämpfung des Schmuggels mit Nuklearmaterial", um verstärkte Zusammenarbeit bei allen Aspekten von Prävention, Aufspüren, Informationsaustausch, Ermittlung und strafrechtlicher Verfolgung sicherzustellen. Beim Moskauer Gipfel wurde auch die grundlegende Verantwortung jedes Landes bekräftigt, die Sicherheit aller in seinem Besitz befindlicher Nuklearmaterialien auf nationaler Ebene zu gewährleisten. Das beinhaltet effektive Systeme für Nachweis und Kontrolle von Nuklearmaterial sowie physischen Schutz. Zweitens müssen die Staaten zusammenarbeiten, um Sicherheit durch Transparenz zu erreichen. Effektive Überwachungs- und Verifizierungsregime beeinflussen die Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen durch alle Parteien. Maßnahmen wie Datenaustausch und gegenseitige Inspektionen bauen Vertrauen in die Stabilität und Unumkehrbarkeit des Abbaus auf und gewährleisten die Kontrolle von Gefechtsköpfen und spaltbarem Material gleichermaßen. Der Austausch solcher Informationen ist kein Altruismus, sondern eine praktische Notwendigkeit, um Doppeldeutigkeit, Unsicherheit und Unwissenheit zu verringern, die eine AMERIKA DIENST 17 zügige Beendigung des Abbaus von Nuklearwaffen behindern. Drittens müssen wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen, damit nicht übermäßig viel spaltbares Material gelagert wird. Wie bereits erwähnt, sollten wir einen FMC-Vertrag anstreben, um die Produktion ungesicherten, hochangereicherten Urans oder Plutoniums zu verhindern und damit die für die Waffenherstellung verfügbare Menge zu begrenzen. Die zunehmende weltweite Anhäuf ung von abgespaltenem Plutonium für zivile Zwecke stellt eine eigene Weiterverbreitungsgefahr dar. Die Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht, daß keine Nation - ungeachtet der Wahl ihres Brennstoffkreislaufs - übermäßig viel Nuklearmaterial lagern darf und alle Nationen mit der Zeit den Abbau dieser Vorräte in die Wege leiten sollten. Das Abkommen von Moskau ist in der Hinsicht ermutigend, daß es zumindest im Kontext des Umgangs mit überschüssigem Nuklearmaterial das Ziel verfolgt, alle Bestände an abgespaltenem Plutonium und hochangereichertem Uran durch die friedliche Nutzung nichtexplosiver, sicherer und endgültiger Entsorgung so bald wie möglich zu verringern. Viertens müssen wir das überschüssige Plutonium und hochangereicherte Uran entsorgen - sowohl um zu bestätigen, daß die Abrüstung nie mehr rückgängig gemacht werden kann, als auch um sicherzustellen, daß dieses Material nie in die falschen Hände gelangt. Die Vereinigten Staaten unterstützen entschieden die beim Moskauer Gipfel getroffene Entscheidung, eine umfassende multilaterale Kooperation zur Entsorgung des überschüssigen spaltbaren Materials in die Wege zu leiten. Optionen zur Langzeitlagerung werden unparteiisch geprüft - wobei Nichtverbreitung, Sicherheit sowie technische, umweltpolitische und wirtschaftliche Faktoren in Betracht gezogen werden. Die Unsicherheit über die Endlagerung des aus zerlegten Waffen stammenden spaltbaren Materials darf nie ein Hindernis für den zügigen Abschluß der nuklearen Abrüstung sein. Konventionelle Rüstungskontrolle Zusätzlich zu diesen Prioritäten der Rüstungskontrolle drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf Maßnahmen im Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle und der Vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen. Der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-Vertrag) hat zur Beseitigung von über 51.300 Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Artilleriegeschützen, Kampfflugzeugen und Angriffshubschraubern sowie zu mehr als 2.700 Inspektionen vor Ort geführt. Der KSE-Vertrag bleibt der Grundstein der europäischen Sicherheit und ein Modell für konventionelle Rüstungskontrolle in anderen Regionen der Welt. Seite 3 �Im Rahmen des Mandats der Überprüfungskonferenz für den KSE-Vertrag von 1996, bei der Wirksamkeit und Umsetzung des Vertrags während der ersten fünf Jahre seiner Laufzeit beurteilt wurden, begannen die 30 Vertragsparteien einen Prozeß der Anpassung des Vertrags an das Zeitalter nach dem Kalten Krieg. Bei diesem Prozeß werden die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten gewährleisten, daß der Vertrag weiterhin Sicherheit und Stabilität in Europa fördert. Ferner werden die Vereinigten Staaten ihre Bestrebungen fortsetzen sicherzustellen, daß die Rüstungskontrolle auf dem Balkan vollständig erfolgt und zu Stabilität in der gesamten Region beiträgt. Wir müssen auch unsere internationalen Bestrebungen zur Erhöhung von Transparenz und Zurückhaltung beim Transfer konventionaller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie verstärken. Afrika. Regionale Rüstungskontrolle gewinnt an Bedeutung in der Welt nach dem Kalten Krieg, in der wir in ein neues Sicherheitsumfeld gelangen, das durch regionale Instabilität und Spannungen charakterisiert ist, die durch politische, militärische, ethnische und religiöse Antagonismen hervorgerufen werden. Eine Möglichkeit zur Verstärkung der nationalen Sicherheit und regionalen Stabilität der Vereinigten Staaten ist die Förderung der weltweiten Verabschiedung von Rüstungskontrollmaßnahmen. Dies ist eine bedeutende Ära zukünftiger Rüstungskontrollbestrebungen der Länder, die von solchen Spannungen betroffen sind. Derartige Anstrengungen werden Spannungen abbauen, den Frieden fördern oder wahren und den Anreiz zu Rüstungswettlauf oder zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme nehmen. Regionale Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen Die Vereinigten Staaten haben eine ehrgeizige Agenda. Angesichts der die Welt konfrontierenden Herausforderungen wäre jede weniger ehrgeizige Tagesordnung unverantwortlich. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende unternehmen um sicherzustellen, daß die Waffen, die früher unser letzter Ausweg waren, zu den am wenigsten zugänglichen Waffen der Welt werden. Schließlich intensivieren die Vereinigten Staaten ihre Bestrebungen zur Entwicklung, Förderung und Unterstützung regionaler Vertrauens- und sicherheitsbildender Maßnahmen in Eurasien, dem Nahen Osten, der asiatisch-pazifischen Region, Lateinamerika und * * Seite 4 * * * AMERIKA DIENST 17 �ABRÜSTUNG 3. September 1997 Nichtverbreitungsstrategie der Vereinigten Staaten hat höchste Priorität von James Steinberg WASHINGTON - (AD) - Ein wesentliches Element der amerikanischen Nichtverbreitungsstrategie ist die Bewältigung der "unterschwelligen Konflikte und Spannungen, die der Weiterverbreitung in drei Schlüsselregionen Vorschub leisten", erklärte der Stellvertretende Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, James Steinberg. Nachfolgend veröffentlichen wir eine überarbeitete Version seiner am 9. Juni 1997 vor der Carnegie Endowment for International Peace in Washington gehaltenen Rede. Zweifelsohne können die heutigen komplexen und vielfältigen Herausforderungen im Bereich der Weiterverbreitung nicht mit einer einfachen Politik bewältigt werden. Präsident Clinton hat jedoch deutlich gemacht, daß es für die Vereinigten Staaten keine höhere Priorität gibt. Die Strategie der Vereinigten Staaten besteht aus drei wesentlichen Elementen. Erstens dem Abschluß und der Stärkung internationaler Vertragsregime; zweitens dem Umgang mit dem Problem von Waffenlieferungen durch multilaterale Mechanismen zur Kontrolle der Verbreitung von Technologie, Gerät und Material, die der Weiterverbreitung Vorschub leisten; und schließlich dem Umgang mit dem Aspekt der Nachfrage durch den Entwurf und die Durchführung regionaler Ansätze, um den Anreiz zur Weiterverbreitung zu verringern. Unsere erste Verteidigungstaktik sind internationale Verträge, die normative und rechtliche Strukturen für den Umgang mit der Bedrohung durch Weiterverbreitung errichten. Die letzten vier Jahre stellten den krönenden Abschluß bemerkenswerter, jahrzehntelanger Bestrebungen dar, die Schlüsselemente eines globalen Rahmens zu schaffen - den Nichtverbreitungsvertrag (NW), die Chemiewaffenkonvention (Chemical Weapons Convention - CWC) und die Konvention über biologische Waffen (Biological Weapons Convention - BWC). Jetzt stehen wir vor einer doppelten Herausforderung: Erstens eine möglichst große Mitgliedschaft bei diesen Regimen zu gewährleisten und zweitens, effektive Verifizierungs- AMERIKA DIENST 17 und Durchsetzungssysteme zu entwickeln und umzusetzen. Das nukleare Regime hat die größten Fortschritte gemacht. Mit Hilfe unserer führenden Politiker ist der N W zu einem dauerhaften Bestandteil der internationalen Politik geworden, dem fast alle Länder angehören. Der UN-Sicherheitsrat hat einmütig einen Präzedenzfall für Aktionen gegen Staaten wie beispielsweise Irak und Nordkorea geschaffen, die den Vertrag verletzen. Der rechtliche Status des N W wird durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und ihre umfassenden Sicherheitsinspektionen gestärkt. Die internationale Staatengemeinschaft wurde auf ernüchternde Weise wachgerüttelt, als wir das geheime Nuklearwaffenprogramms des Irak aufdeckten. Wir reagierten darauf mit der Stärkung von Rolle und Ressourcen der IAEO, die letzten Monat in der Annahme des Protokolls über das neue Modell gipfelte. Das Protokoll wird die Autorität und Fähigkeit der IAEO zur Aufdeckung geheimer Nuklearwaffenaktivitäten der Vertragsparteien des N W beträchtlich stärken. Präsident Clinton möchte dem Senat dieses Protokoll Anfang kommenden Jahres zur Ratifizierung vorlegen. Der Erfolg des globalen NW-Regimes wird durch regionale nuklearwaffenfreie Zonen wie die in Lateinamerika, Afrika und im Südpazifik vergrößert. Die Vereinigten Staaten arbeiten derzeit mit den Parteien der nuklearwaffenfreien Zone in Südostasien an der Lösung von Fragen, die der Einhaltung durch die Vereinigten Staaten noch im Wege stehen, und wir Seite 1 �sehen neuen Informationen über die vorgeschlagene nuklearwaffenfreie Zone in Zentralasien erwartungsvoll entgegen. Ferner hoffen wir, daß die betreffenden Parteien in naher Zukunft Gespräche über die Schaffung nuklearwaffenfreier Zonen in Südasien und im Nahen Osten aufnehmen können. Präsident Clinton hat auch die Aushandlung eines Vertrags über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material (Fissile Material Cutoff Treaty FMCT) gefordert - ein Vertrag, der besonders wertvoll für die Regionen wäre, in denen ein destabilisierender Rüstungswettlauf die Sicherheit gefährdet und die zur Deckung sozialer Bedürfnisse erforderlichen Ressourcen beansprucht. Unseres Erachtens sollten die Verhandlungen über die wesentlichen Gesichtspunkte unverzüglich aufgenommen werden. Obwohl sie theoretisch sehr attraktiv erscheint, ist die Verknüpfung mit einem zeitgebundenen, umfassenden nuklearen Abrüstungsschema einfach nicht zweckmäßig. Und es steht zu viel auf dem Spiel um zuzulassen, daß das Perfekte zu einem Feind des Guten wird. Im Gegensatz zu dem nuklearen Regime sind internationale Bestrebungen zur Verhinderung der Weiterverbreitung chemischer oder biologischer Waffen weniger gut vorangekommen. Nach dem Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention müssen wir jetzt sicherstellen, daß die Organisation für das Verbot chemischer Waffen die zur Umsetzung der CWC erforderlichen Ressourcen und politische Unterstützung erhält. Die Mitglieder der CW-Konvention müssen zusammenarbeiten, um den Kreis der Unterzeichner der Chemiewaffenkonvention auszuweiten. Insbesondere hoffen wir, daß die russische Duma die CW-Konvention so bald wie möglich unterzeichnet. Die Konvention über biologische Waffen stellt in mancher Hinsicht sogar eine noch größere Herausforderung dar. Obwohl dieser Vertrag bereits 1972 in Kraft trat und ihm fast alle Länder beigetreten sind, hat das Regime keine Mechanismen zu seiner Einhaltung oder Durchsetzung. Präsident Clinton rief vergangenes Jahr bei den Vereinten Nationen die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, bis 1998 ein rechtlich bindendes Protokoll zur BWC zu verabschieden, das strenge Vorgehensweisen zu ihrer Einhaltung - unter anderem Inspektionen vor Ort - vorsieht. Wir sehen der Arbeit zur Erlangung dieses Ziels erwartungsvoll entgegen. Unser zweites wesentliches Instrument im Kampf gegen die Weiterverbreitung ist die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Lieferanten von Atommaterial, um den Export von Technologie, Gerät und Material zu kontrollieren, die zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme beitragen können. Das ist ein schwieriges Vorhaben. Die neuen marktwirtschaftlichen Demokratien Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion bemühen Seite 2 sich um die Überwindung ökonomischer Härten und die Einrichtung effektiver Exportkontrollsysteme. Mit Ausnahme einiger äußerst spezialisierter Technologien hat eine langfristige Strategie der Verweigerung von Technologie reale Grenzen. In den heutigen zunehmend offenen Gesellschaften wird es immer schwieriger, den Transfer oder die Entwicklung der für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen erforderlichen grundlegenden industriellen Infrastruktur und des technischen Know-hows im eigenen Land zu verhindern. Trotzdem kann und muß die internationale Staatengemeinschaft - sowohl mit Hilfe nationaler als auch multilateraler Mechanismen - wichtige Schritte zur Bewältigung dieser Herausforderung unternehmen. Die meisten westlichen Lieferanten von Atommaterial haben die einheimischen Kontrollen von Mehrzwecktechnologie verschärft und Informationsaustausch sowie Zusammenarbeit im Bereich der strafrechlichen Verfolgung erhöht, um den Schmuggel mit gefährlichen Technologien zu bekämpfen. Jetzt müssen wir die Zahl der Mitglieder erhöhen und die multilateralen Exportkontrollbestrebungen verbessern - im ZanggerAusschuß, in der Gruppe der Lieferanten von Atommaterial, der Australien-Gruppe sowie beim Raketentechnologie-Kontrollregime (Missile Technology Control Regime - MTCR). Das Wassenaar-Abkommen, dem 33 Staaten angehören, ist ein einzigartiges Instrument zur Stärkung von Verantwortung und Transparenz beim Verkauf von konventionellen Waffen und Mehrzwecktechnologie sowie zur Mobilisierung internationaler Unterstützung für die Einschränkung des Handels mit Pariastaaten. Letztlich hängt die Effektivität dieser multilateralen Bestrebungen von der uneingeschränkten Beteiligung aller potentiellen Lieferanten ab. Insbesondere Rußland und China sind entscheidend bei der Bewältigung der durch Lieferanten dargestellten Herausforderung. Wir haben ein starkes nationales Interesse an der Zusammenarbeit mit Rußland um sicherzustellen, daß die Zukunft des Landes in engeren Beziehungen zum Westen besteht. Die neue Grundakte zwischen der NATO und Rußland ist nur ein Beispiel unserer umfassenderen Strategie zur Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Integration Rußlands. Dennoch gibt es wirtschaftliche und politische Ängste, die aus dem Verlust von Rußlands traditionellen Märkten herrühren und Druck auf die Entwicklung von Beziehungen für die Lieferung von waffenfähigem Material an die Besorgnis erregenden Länder ausüben. Ich möchte hier insbesondere die Frage von atomarer und raketentechnischer Hilfe für den Iran erwähnen. Obwohl wir Präsident Jelzins Zusagen zu schätzen wissen, daß Rußland seine nukleare Hilfe für den Iran einschränken wird, sind wir weiterhin besorgt, daß der Iran sich den Bau von russischen Atom- AMERIKA DIENST 17 �kraftwerken zunutze machen wird, um in den Besitz des Fachwissens und der Infrastruktur zu gelangen, mit denen das Land seine Nuklearwaffenambitionen fördern kann, auch wenn Präsident Jelzin klargestellt hat, daß das nicht die Absicht Rußlands ist. Wir sind auch beunruhigt über jüngste Berichte, daß Rußland Irans Langstrecken-Raketenprogramm unterstützt. Offensichtlich liegt es nicht im langfristigen Interesse Rußlands, eine Raketenstreitmacht zu schaffen, die Rußland selbst bedrohen könnte. Präsident Jelzin hat erklärt, daß Rußland eine solche Hilfe ablehnt, und wir werden weiterhin eng mit der russischen Regierung zusammenarbeiten, um die Umsetzung dieser Politik zu gewährleisten. Auch China bietet ein uneinheitliches Bild. Einerseits hat China eine zunehmend hilfreiche Rolle bei der Unterstützung der internationalen Regime gespielt, einschließlich der Verabschiedung des Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) und der (unbegrenzten) Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags, und arbeitet mit uns an der Lösung spezifischer Nichtverbreitungsbelange wie der nordkoreanischen nuklearen Bedrohung zusammen. Andererseits sind wir nach wie vor zutiefst besorgt über Bestrebungen Chinas, waffenfähiges Material zu liefern sowie über die Defizite seines unangemessenen, wenn auch besser werdenden Systems von Exportkontrollen, um nicht genehmigte Verkäufe zu verhindern. Im vergangenen Jahr haben wir bei der Behandlung dieses Problems Fortschritte erzielt. China hat seine nukleare Zusammenarbeit mit dem Iran eingeschränkt - insbesondere auf Gebieten, die zur Nuklearwaffenfähigkeit des Iran beitragen können - und China unternimmt Schritte zur Einlösung seines Versprechens, ungeschützten Nuklearanlagen keine Hilfe zu gewähren. Wenn China ein effektives Exportkontrollsystem einführt, kann das Land eine Basis für die Aktivierung des Vertrags von 1985 zwischen unseren beiden Nationen über atomare Zusammenarbeit zu friedlichen Zwecken (Peaceful Nuclear Cooperation Agreement - PNCA) schaffen. Gleichzeitig bleiben jedoch Probleme bestehen. Vor kurzem haben wir Sanktionen gegen mehrere Chinesen und chinesische Privatunternehmen verhängt, weil sie zum Chemiewaffenprogramm des Iran beigetragen haben. Wir sind auch besorgt über andauernde Berichte über Exporte von raketenfähigem Material Chinas nach Pakistan und Iran. Wir werden weiterhin alle uns zur Verfügung stehenden Mittel - Zusammenarbeit, kontinuierliche Diplomatie, gezielte Sanktionen, wo angemessen - nutzen, um Verbesserungen bei den Nichtverbreitungsbestrebungen Chinas zu ermutigen. Unseres Erachtens muß China sich bewußt werden, daß es im eigenen Interesse des Landes liegt, nicht AMERIKA DIENST 17 zur Verbreitung von gefährlichen Waffen oder Instabilität in seiner Nachbarschaft beizutragen. Die dritte wichtige Komponente unserer Nichtverbreitungsstrategie besteht in der Bewältigung der unterschwelligen Konflikte und Spannungen, die der Weiterverbreitung in drei Schlüsselregionen Vorschub leisten: der nordkoreanischen Halbinsel, dem Nahen Osten und Südasien. In diesen Regionen können die internationalen Verträge und multilateralen Exportkontrollabkommen zur Verlangsamung der Weiterverbreitung beitragen oder zumindest Hemmnisse schaffen, die Länder von der offenen Verletzung von Nichtverbreitungsnormen abschrecken. Substantielle Erfolge erfordern jedoch eine Veränderung in der Sicherheitsgleichung der fraglichen Staaten. Auf der koreanischen Halbinsel wurde Nordkoreas Program zur Herstellung von Nuklearmaterial mit dem Rahmenabkommen von 1994 eingefroren und ein Plan für die mögliche Einhaltung der lAEO-Sicherheitsvorschriften durch Nordkorea, die Beseitigung von Nuklearmaterial und die Zerlegung der nordkoreanischen Atomanlagen eingeführt. Gleichzeitig ist das Rahmenabkommen jedoch auch anfällig für politischen Druck und regionale Spannungen. Darüber hinaus sind wir weiterhin besorgt über die Chemiewaffenfähigkeiten und das Raketenprogramm Nordkoreas, einschließlich der Exporte. Um diese Bedrohungen zu meistern, beinhaltet unsere Sicherheitsstrategie in der Region die Aufrechterhaltung eines starken Bündnisses mit Südkorea und die Aufnahme der Vierparteiengespräche, um dauerhaften Frieden auf der Halbinsel zu schaffen und direkte Kontakte mit Nordkorea zu Raketen- und Chemiewaffenfragen herzustellen. Im Nahen Osten wird der Weiterverbreitung durch die strategische Rivalität zwischen Iran und Irak um die Vormachtstellung am Golf und das Fehlen eines umfassenden Friedens zwischen Israel und seinen Nachbarn Vorschub geleistet. Unsere Strategie umfaßt drei Hauptelemente: Erstens müssen wir weiterhin die Bestrebungen des Irak zur Wiederbelebung seines Waffenprogramms aufmerksam verfolgen, indem wir die Beschränkungen des UN-Sicherheitsrats für die militärischen Fähigkeiten des Irak aufrechterhalten und die von der UN-Sonderkommission und der IAEO durchgeführten eingehenden Inspektionsregime unterstützen. Zweitens versuchen wir, die internationalen Bestrebungen zu stärken, dem Iran die Mittel zur Entwicklung von Nuklear- und Chemiewaffen sowie ballistischen Raketen zu verweigern. Und schließlich verpflichten wir uns zur Fortsetzung einer aktiven Rolle beim Abbau von Spannungen und der Lösung des arabisch-israelischen Konflikts, die eine Wiederaufnahme der regionalen Rüstungskontroll- und Sicherheitsgespräche ermöglichen und letztlich die Anreize für Weiterverbreitung nehmen würde. Seite 3 �In Südasien haben sich Indien und Pakistan Nuklearund Raketenfähigkeiten beschafft und setzen die Erweiterung ihrer Programme fort, obwohl jede Seite die Bekanntgabe ihrer Fähigkeiten und die Stationierung solcher Waffen vermieden hat. Eine kurzfristige politische Lösung der Weiterverbreitung in Südasien ist unwahrscheinlich. Es gibt jedoch hoffnungsvolle Anzeichen, daß die neuen Regierungen in Neu-Delhi und Islamabad wirklich an einem Dialog und der Verbesserung der bilateralen Beziehungen interessiert sind, die die von beiden Seiten eingehaltenen De-facto-Beschränkungen verstärken können. Die Vereinigten Staaten werden Indien und Pakistan weiterhin zur Beilegung ihrer Differenzen am Verhandlungstisch ermutigen. Wir drängen auch nach wie vor beide Seiten zu Schritten in die richtige Richtung beim CTB- und FMCVertrag, um ihre Arsenale an Nuklear- und Raketenmaterial einzufrieren und letztlich zu beseitigen. * * * * * Seite 4 AMERIKA DIENST 17 �MARSHALLPLAN 3. September 1997 George C. Marshall: Der letzte große Amerikaner? von Lance Morrow WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Lance Morrow, dem Autor von "Heart: A Memoir". Morrow schreibt Essays für die Zeitschrift TIME und ist Professor an der Boston University. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift SMITHSONIAN, August 1997. Copyright© 1997, Smithsonian Institution. Alle Rechte vorbehalten. Meines Erachtens könnte ein Diagramm der amerikanischen Militärgeschichte mit einem Parallelogramm vier Mal George - beginnen: George Washington und George Marshall; George Armstrong Custer und George Patton. Eine Geometrie paarweiser Gegenstücke. In gewisser Weise ist George Marshall der Beste von allen. Custer und Patton sind die Heißsporne, streitbare Kampfhähne, mutig, großspurig und - in Custers Fall auf fatale Weise unachtsam. Der Kavalier George bevorzugte das Extravagante: Custer mit seiner persönlichen Flagge und einer Regimentsband, hoch zu Roß, wie er "Garryowen" über die Ebenen von Montana hinweg spielt. Patton mit elfenbeinverzierten Pistolen und seinem kriegerischen, mystischen Dejävu-Erlebnis - er dachte, er habe in einem anderen Leben mit Alexander dem Großen gekämpft. Nun, wie George Marshall wehmütig sagte, muß ein demokratischer Führer selbst im Krieg die Menschen unterhalten. Custer und Patten waren Unterhaltungskünstler, die die Bühne mit großspurigen Auftritten, Putz und Glanz ausfüllten. Sie dachten, daß die Schlacht im Wesentlichen eine dramatisch vergrößerte Projektion ihrer selbst sei. Patton mit Custer zu vergleichen, ist vielleicht unfair. Custers Schlußszene war ein Akt der Selbstopferung und Torheit. Im Gegensatz dazu war Patton ein brillanter Taktiker und ausgezeichneter Kampfführer, der seine Exzesse wieder gutmachte, als er die 3. Armee der Vereinigten Staaten quer durch Europa trieb, um gegen Hitler loszuschlagen. AMERIKA DIENST 17 Die anderen beiden Seiten des Parallelogramms - die Stoiker - gestalteten die umfassenderen amerikanischen Geschäfte. Washington und Marshall waren Soldaten mit Reife und Gewicht: Vaterfiguren, keine Söhne. Bei beiden Generälen entwickelte sich die Pflicht über das Ego hinaus zu einer Art höherer Selbstauslöschung - einer Identifikation, durch die sie selbst mit den Zielsetzungen des Landes verschmolzen. Die Griechen hätten Patton und Custer vielleicht für verkörperte Hybris gehalten und Washington und Marshall in schwindelnden Höhen oder im Bereich der Tugend angesiedelt - die Selbstverwirklichung in hehrer Erfüllung für den Staat. Washington und Marshall waren nicht nur Krieger, sondern - nach ihren Kriegen - etwas Konstruktiveres. Emerson sagte: "Jeder Held wird schließlich langweilig." Washington und Marshall könnten beide zu gut um wahr gewesen sein. Aber wenn ich Washington und Marshall Seite an Seite stelle und sie vor dem Hintergrund der jetzt amtierenden nationalen Führung betrachte, gelangt man leicht zu der Schlußfolgerung, daß sie die ersten - und letzten - Amerikaner sind, die erwachsen wurden. Wie jeder andere rettete Marshall die weltweite Demokratie in dem Augenblick ihrer größten Gefahr. Er trat seinen Dienst als Inspekteur und Generalstabschef der Armee am 1. September 1939 an, dem Tag, an dem Hitler in Polen einmarschierte. Er begann mit einem absurd schlecht ausgerüsteten Heer von 174.000 Mann, das an 17. Stelle weltweit hinter Nationen wie Bulgarien und Portugal stand, und machte es zu einer globalen Streitmacht von mehr als Seite 1 �acht Millionen Soldaten - einer Armee, ohne die die Alliierten Nazi-Deutschland und Japan nicht hätten besiegen können. Ulysses Grant war der erste Meister der industriellen Kriegführung. Marshall war das erste Genie in bürokratischer Kriegführung - ein Napoleon, der auf einem Schreibtisch ritt. Keine kriegerische Extravaganz, sondern Logistik rettete die Welt in den Jahren von 1939-45, obwohl die Welt vielleicht immer noch nicht reif genug ist, um das zu verstehen. Hätte irgendein anderer die Arbeit so gut wie Marshall machen können? Nein. War Marshall unersetzlich? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, außer vielleicht ein Zitat von Tao Te Ching: "Der Meister spricht nicht, er handelt. Wenn seine Arbeit getan ist, sagen die Leute: 'Erstaunlich - das haben wir alles selbst gemacht!'" Ungeachtet des vor kurzem begangenen 50. Jahrestages des Marshallplans ist George Marshall als Soldat heute fast, oder zu vier Fünfteln, vergessen - dessen war er sich wohl bewußt. Das war Teil seiner Tugend. Es gab einen Augenblick in der Zeit von Thanksgiving 1943, der alles verändert und Marshall in einen höheren historischen Orbit katapultiert haben könnte. Franklin Roosevelt mußte sich für den General entscheiden, der die alliierte Invasion in Frankreich und die Rückeroberung Europas leiten sollte. Jeder nahm an, daß der Inspekteur und Generalstabschef des Heeres George Marshall den Posten bekommen würde, den er sich wirklich verdient hatte. Auf seinem Weg zu Gesprächen in Kairo und Teheran erörterte Roosevelt die Frage mit Dwight Eisenhower, dem damaligen Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordafrika und am Mittelmeer. Als sie über Tunesien flogen, dachte der Präsident laut: "Ike, Du und ich wissen, wer während der letzten Tage des Bürgerkriegs Generalstabschef war, aber praktisch niemand sonst, obwohl jedes Schulkind die Namen der Generäle im Feld - Grant natürlich und Lee und Jackson, Sherman, Sheridan und die anderen kennt. Ich hasse den Gedanken, daß in 40 Jahren praktisch niemand weiß, wer George Marshall war. Das ist einer der Gründe, warum ich möchte, daß George das große Kommando übernimmt. Es steht ihm zu, seinen Platz in der Geschichte als großartiger General zu etablieren." Eisenhower hörte schweigend zu. Natürlich wollte er den Oberbefehl über die Invasion, dachte aber wie alle anderen, daß Marshall den Posten bekommen würde. Anfang Dezember versuchte Roosevelt in Kairo, Marshall zu einer Äußerung bewegen, was er persönlich bevorzugen würde. Marshall sagte nur, er werde das tun, was der Präsident von ihm wünsche. Tage später traf Roosevelt seine Entscheidung. Er argumentierte, niemand könne mit dem Kongreß so Seite 2 effektiv umgehen wie Marshail - kein anderer Soldat hätte Marshalls enorme moralische Autorität und Glaubwürdigkeit. Kein anderer kenne die militärische Situation so gut. Und als die Kairoer Konferenz endete, sagte Roosevelt zu Marshall: "Ich habe das Gefühl, daß ich nachts nicht schlafen kann, wenn Sie nicht im Land sind." Die Entscheidung war gefallen. Marshall akzeptierte sie ohne Kommentar und ohne sie in Frage zu stellen. Roosevelt und Marshall behielten Recht mit ihrer Vorhersage, daß Marshall die ihm zustehende Ehre in der Geschichte versagt würde, wenn er an seinem Schreibtisch im Kriegsministerium bliebe. Die Geschichte ist nicht fair. Marshall war ein größerer Staatsmann als Dwight Eisenhower, aber es war Ike, der acht Jahre lang im Weißen Haus war. Marshall war ein größerer General und ein besserer Mann als der theatralische und Eigenwerbung betreibende Douglas MacArthur. Dennoch lebt MacArthur lebhafter in der verbliebenen historischen Erinnerung der Vereinigten Staaten fort. Trotz des Angebots siebenstelliger Vorschüsse von Verlegern weigerte sich Marshall, nach dem Krieg seine Memoiren zu Scheiben. Wenn er das täte, erklärte er, müßte er die ganze Geschichte erzählen, und die ganze Wahrheit würde wahrscheinlich manche Kollegen verletzen. Seine Sorge um andere versteckte sich für gewöhnlich hinter einer pflichtbewußten, ernst-forschen Gewohnheit zu befehlen, die selten Wärme oder Vertrautheit durchdringen ließ. Der joviale Franklin Roosevelt nannte ihn bei mehreren Gelegenheiten "George", aber Marshall wies es als für seinen Oberbefehlshaber nicht angemessen zurück. Er hatte Sinn für Humor, den er jedoch so selten zeigte und der so versteckt und trocken war, daß andere ihn oft gar nicht bemerkten. Bei einer Feier anläßlich des Waffenstillstands im Ersten Weltkrieg erörterten ein französischer Attache und ein britischer Beobachter die Verteilung der deutschen Kolonien nach dem Krieg. Als der Franzose großzügig vorschlug, Syrien an die Vereinigten Staaten zu geben, lehnte Marshall ab: "Amerika ist gegen jede Kolonie, die eine Regen- oder Trockenzeit und eine abnormale Anzahl von Insekten hat." Er räumte jedoch ein, daß Bermuda akzeptabel sei. Der Engländer war "not amused". Colin Powell und Norman Schwarzkopf, die Helden eines 42-tägigen Videokrieges, machten Millionen mit ihren Memoiren. Marshall gehörte einer fast plutarchischen Ordnung vor dem Fernsehzeitalter an. In gewisser Weise war die Last, die er trug, größer als die von Churchill oder Roosevelt, weil Marshall der Mann war, der die Politik - bloße Ideen - in Männer und Stahl, in Fakten umsetze. Er wurde gnadenloser als die anderen an den Standards der Realität gemessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sagte Churchill, der eng mit Marshall zusammengearbeitet und häufig mit ihm AMERIKA DIENST 17 �über die Strategie der Alliierten gestritten hatte, über den Generalstabschef: "Nachfolgende Generationen dürfen seine Leistungen und sein Beispiel nicht vergessen." Franklin Roosevelts Karriere als Präsident hatte zwei Akte - die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Marshall spielte seine beiden Akte in umgekehrter Reihenfolge, vom Krieg zum Frieden erst als der Organisator der globalen Schlacht, dann als herausragender Staatsmann der Nachkriegszeit. Während der dreißiger Jahre, als Amerika im Wesentlichen isolationistisch und im Großen und Ganzen pazifistisch war, hatte Marshall zusammen mit einigen anderen die historische Gabe, einen Krieg in einem Umfang zu antizipieren, den die meisten Amerikaner als apokalyptische Phantasie angesehen hätten. Nach dem Krieg war es wiederum er, der Amerika mit dem Marshallplan aus der Isolation herausführte. Marshalls zwei große Akte überschnitten sich an einem Tag im Jahr 1947, im Juni dieses Jahres vor 50 Jahren. Der Präsident der Harvard University, James B. Conant, verlieh George Catlett Marshall die Ehrendoktorwürde der Jurisprudenz. Die Ehre, erzählte Conant den 8.000 Anwesenden im Hof der Universität, ging an "einen Amerikaner, dem die Freiheit andauernde Dankbarkeit schuldet, einen Soldaten und Staatsmann, dessen Fähigkeit und Charakter nur mit einem Mann in der Geschichte dieser Nation vergleichbar ist." Conant verstand die Symmetrie: Mit dem Vergleich war natürlich George Washington gemeint. Im Juni 1947 war die mit dem Sieg einhergehende Erleichterung neuen Ängsten gewichen. Churchill, der als Premierminister abgesetzt worden und Führer der loyalen Opposition war, grollte: "Was ist Europa jetzt? Es ist ein Schutthaufen, ein Leichenhaus, ein Nährboden für Pest und Haß." Das Bündnis aus Kriegszeiten mit der Sowjetunion war völlig aufgelöst; die Bedrohung durch kommunistische Regime in Europa und am Mittelmeer war real. Und jetzt, im Jahr 1947, hatte Marshall einen neuen Posten - den des Außenministers. Marshall mißtraute Eloquenz. Er sagte, er könne schlecht mit Worten umgehen und dachte, ein Offizier solle sich durch seine Taten ausdrücken. Er blickte auf den Hof von Harvard, rückte seine Lesebrille zurecht und begann: "Ich muß Ihnen nicht sagen, daß die Lage der Welt sehr ernst ist..." Damit legte Marshall das europäische Gesundungsprogramm dar, oder - wie alle es bald nannten - den Marshallplan. Als der Kalte Krieg begann, leitete er ein Programm in die Wege, das Westeuropa vor dem wirtschaftlichen und politischen Chaos und dem Totalitarismus retten würde, der China und die Ostblockländer erfaßte. Nachdem Marshall den Plan im Kongreß und in anderen Gremien durchgebracht hatte, wurde er schließlich trotz beträchtlicher Opposition verabschiedet. "Ich habe daran gearbeitet", sagte er AMERIKA DIENST 17 später, "als wenn ich für den Senat oder das Präsidentenamt kandidiert hätte." Er hatte nicht nur eine Anhörung vor dem Kongreß - er reiste durch das Land und erklärte geduldig. Es sei kein kostenloses Programm, sagte er den Geschäftsleuten. Die Länder, die finanzielle Unterstützung wünschten, hatten praktische Vorschläge für die wirtschaftliche Gesundung vorgelegt. Die Hilfe hatte eine zeitliche Begrenzung und eine festgesetzte Obergrenze für die Kosten. Sie würde von einem amerikanischen Geschäftsmann - keinem Bürokraten verwaltet, und die Rechenschaftspflicht war gesichert. Wo würden wir ohne ein prosperierendes Europa kaufen und verkaufen? Welche Chance gab es für dauerhaften Frieden ohne parlamentarische Demokratie auf dem Kontinent? Zweimal in 50 Jahren, erinnerte er die Isolationisten, war Amerika in den Krieg gezogen, um Europa vor der "Beherrschung durch eine einzige Macht" zu bewahren - ein klarer Beweis dafür, wieviel Europa Amerika bedeutete. In einer Vision, die wir heute besser verstehen als damals, stellte er darüber hinaus fest, daß die sich während des Zweiten Weltkriegs rasch verbreitende moderne Kommunikation augenfälliger als in der Vergangenheit gemacht hatte, daß der Unterschied zwischen reichen und armen Nationen zum Auslöser künftiger Probleme werden könnte, wenn nicht etwas getan würde, um das Ungleichgewicht zu beheben. In den vier Jahren zwischen 1948 und 1952 leitete der Marshallplan 16 europäischen Ländern rund 13 Milliarden Dollar an Wiederaufbau- und technischer Hilfe zu. Dafür erhielt Marshall 1953 den Friedensnobelpreis. Ein Junge aus einer kleinen Stadt Als Soldat und Staatsmann diente Marshall in seiner 50-jährigen Laufbahn acht Präsidenten. Er wurde am letzten Tag des Jahres 1880, nur 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg in Uniontown (Pennsylvania), in einer vornehmlich landwirtschaftlichen Nation mit 38 Bundesstaaten geboren. Seine Laufbahn - junger Leutnant auf den Philippinen zur Zeit der Jahrhundertwende, General Pershings Stabschef im Ersten Weltkrieg, Organisator des Sieges im Zweiten Weltkrieg, Außenminister, als sich der Kalte Krieg verschärfte - personifizierte die Umgestaltung der Vereinigten Staaten von kleinstädtischer Insellage zu globaler Vorherrschaft. Der Bogen seines Lebens war auch die Trajektorie der Nation. Er gestaltete sein Leben und seine Arbeit entsprechend seiner Pflicht und seiner Nation - und diese vier Dinge wurden Eins. Marshalls Herkunft aus Pennsylvania erinnerte an ein leicht zu handhabendes, unabhängiges und im Wesentlichen unschuldiges, für die Kindheit kongeniales Universum - eine Art Emersonsches Zentrum, von dem aus Tom Sawyer in die große Welt hätte gegan- Seite 3 �gen sein können. Das durch eine solche Kindheit gewonnene Selbstbewußtsein war eine dieser entscheidenden (aber für gewöhnlich dunklen) Quellen der nationalen Energie, als die Vereinigten Staaten für das Amerikanische Jahrhundert hinaus in die Welt gingen. Es war die Art von Kindheit, deren sich ein repräsentativer Amerikaner wie Charles A. Lindbergh erfreute und von der Henry Ft. Luce, der Sohn eines Missionars in China, aus der Ferne träumte und die er nie erlebte. Der Boden einer solchen Kindheit nährte den Mythos der amerikanischen Fülle, Großzügigkeit, Makellosigkeit und Immunität gegenüber dem Bösen in der Welt. Theodore Roosevelt feuerte diese Annahmen auf die Welt, als wären sie Kanonenkugeln. Woodrow Wilson machte sie zu einer Art missionarischer Theologie. George Marshall war der Nachkomme von John Marshall, dem dritten Vorsitzenden des Obersten Bundesgerichts, und von einigen der ältesten aristokratischen Familien Virginias - Catletts, Picketts, Taliaferros. Sein Vater, ein wohlhabender Geschäftsmann aus Uniontown, pflegte mit der Genealogie zu prahlen. Der Sohn reagierte peinlich berührt und irritiert. "Ich hatte das Gefühl, daß die ständige Erwähnung des Namens John Marshall unangebracht war", kommentierte er später. "Es war an der Zeit, daß ein anderer für die Familie schwimmt." In einer Jahre später, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, in Uniontown gehaltenen Rede erklärte Marshall, er habe sich erst nach 1899 für eine militärische Laufbahn entschieden, als er mit 18 Jahren der triumphalen Rückkehr der Kompanie C des 10. Pennsylvanischen Infanterieregiments von den Philippinen zusah: "Kein Mann von Kompanie C konnte in dieser Gemeinde etwas kaufen. Die Stadt gehörte ihm... Es war eine großartige Demonstration des Stolzes in einer kleinen Stadt, die die Einführung der Vereinigten Staaten in die Angelegenheiten der Welt jenseits der Meere widerspiegelte." Dieser vielversprechende Augenblick - Amerikas Abenteuer im Ausland, gefeiert zu den Klängen von Marshalls Vater war ein Demokrat, der William Jennings Bryan unterstützte. Marshall entschied sich für das Virginia Military Institute (VMI) in Lexington (Virginia), das Generationen von Marshalls besucht hatten. Sein älterer Bruder, Stuart, der 1894 am VMI seinen Abschluß machte, war gegen diese Wahl. Die beiden Brüder kamen nicht miteinander aus. Marshall erinnerte sich: "Ich hörte, wie Stuart mit meiner Mutter sprach und sie überreden wollte, mich nicht gehen zu lassen, weil er meinte, ich würde dem Familiennamen Schande bereiten. Das hat mich mehr beeindruckt als alle Lehrer, elterlicher Druck oder anderes. Ich beschloß an Ort und Stelle, ihn auszustechen." Marshall bekam seine Rache. Er erbrachte am VMI nicht nur herausragende Leistungen und wurde in seinem letzten Jahr einstimmig zum ersten Kapitän, dem höchstrangigen Offizier gewählt, sondern machte auch einer Frau aus Lexington, der sechs Jahre älteren Lily Coles, die Stuart als Kadett verehrt hatte, den Hof und heiratete sie nach seinem Abschluß 1901. Aufbruch nach Mindoro Der Spanisch-Amerikanische Krieg war vorüber, Spanien hatte Kuba aufgegeben, Puerto Rico und Guam an die Vereinigten Staaten abgetreten und ihnen die Philippinen für 20 Millionen Dollar verkauft. Der blutige Aufstand auf den Philippinen veranlaßte die Vereinigten Staaten dann jedoch, ihr stehendes Heer auf 100.000 Mann aufzustocken. Marshall, ein großer, schlanker, gutaussehender 20-Jähriger mit stechenden blauen Augen und einer gewissen Zurückhaltung, wurde als Leutnant in das Heer aufgenommen. Anfang des Jahres 1902 verabschiedete er sich von seiner jungen Frau und brach zur Philippineninsel Mindoro auf, wo seine militärische Laufbahn begann. Sie endete 49 Jahre und sieben Monate später mit der Versetzung von Verteidigungsminister George Marshall in den Ruhestand im dauerhaften Rang eines Fünfsternegenerals. John Philip Sousa - würde mehrere Generationen Eine von Marshalls einnehmenden Führungsqualitäten später, an dem dunkleren Ende der Trajektorie wiederkehren, als die Soldaten, einzeln, aus Vietnam zurückkamen und kein "Willkommen zu Hause" sie empfing, sondern nur ein starrer Blick, eine komplizierte Stille, oder das höhnische "Babymörder!" (Ich habe mich manchmal gefragt, was George Marshall getan hätte, wenn er 30 Jahre später geboren worden wäre und sein Generalstabschef ihn gebeten hätte, Westmoreland unter MacNamara im amerikanischen Krieg in Vietnam zu sein. Marshall war schließlich ein in seiner Loyalität untadeliger Soldat und äußerst genau beim Befolgen von Befehlen.) war seine Weigerung, herablassend zu sein oder andere herumzukommandieren, was er vielleicht durch sein Verhältnis zu seinem älteren Bruder gelernt hatte. Eine energische und intelligente Zurückhaltung war elementarer Bestandteil seiner Autorität: Keine Dummheiten, aber auch keine übermäßige Machtdemonstration. Er hatte viel Temperament, das er allmählich zu zügeln lernte. Er verstand sehr gut, wie Disziplin im Kontext der Hierarchie des Heeres auf der demokratischen Grundlage von gegenseitigem Respekt funktionierte. Als Marshall einmal Zeuge wurde, wie einer seiner Offiziere einen Soldaten herunterputzte (der es zweifellos verdient hatte), rief Marshall ihn beiseite und sagte: "Vergessen Sie nicht, Der junge Marshall wollte nach West Point, aber beide Senatoren aus Pennsylvania waren Republikaner und Seite 4 AMERIKA DIENST 17 �daß dieser Mann ebenso ein amerikanischer Staatsbürger ist wie Sie." Auf den Philippinen führte er schnell einen eisernen, aber zurückhaltenden Kommandostil ein. Als er eines Tages seine siebenköpfige Patrouille im Gänsemarsch durch einen Fluß im Dschungel führte, rief einer der Männer: "Krokodile!". Die Patrouille stürmte auf das Ufer zu und überrannte Marshall dabei. "Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um sie zu verfluchen", erinnerte er sich Jahre später. Statt dessen stand er auf, watete weiter, befahl den Männern, anzutreten, führte sie dann an der Spitze der Reihe zurück durch den Strom und anschließend wieder ins Wasser - in richtiger militärischer Art und Weise. Anschließend nahm er eine Inspektion der Waffen vor. Im November 1903 wurde Marshall in die Vereinigten Staaten zurückbeordert. Damit begannen lange Jahre harter Arbeit in der Dunkelheit einer Friedensarmee, die sich vorwiegend mit polizeilichen Aufgaben, der Erstellung von Karten und notwendigen theoretischen Militärübungen die Zeit vertrieb. Ein Heer in Friedenszeiten ist wie ein Tier im Winterschlaf; angesichts der Rangfolge nach Dienstalter läßt eine Beförderung auf sich warten. Der Dienst in der Garnison macht die Putz- und Flickstunde - und die Langeweile - zum Ritual. Marshall war eine Zeitlang in Fort Reno in Oklahoma, an der nördlichsten Gabelung des Canadian River stationiert. Das alte Grundprinzip des Heeres für den Dienst in der Prärie war überholt; die Weißen hatten ihre Ansiedlung und die Unterdrückung der Indianer noch nicht beendet. Von Fort Reno aus brach Marshall per Wagen und Esel auf, um den 5.000 km2 großen Südwesten von Texas zu kartographieren eine der rauhesten Landschaften Amerikas. Aufgrund der Rangfolge nach Dienstalter wurde Marshall erst im Spätwinter 1907 Oberleutnant. 1906 wurde er aber in die Infanterie- und Kavallerieschule des Heeres von Fort Leavenworth in Kansas aufgenommen. Solche Schulen sollten zum Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen den älteren Konservativen des Heeres und seinen jüngeren Reformern werden, die sahen, daß sich die Natur des Krieges angesichts neuer Waffen, des Verbrennungsmotors und des Telegrafen von Marconi grundlegend geändert hatte. Beweglichkeit, Mobilität, Kommunikation und Feuerkraft waren im Begriff, seine Metaphysik zu verändern. Letztlich war es Marshalls meisterhafter Umgang mit den neuen Gegebenheiten - die Notwendigkeit, schnell zu denken und zu improvisieren, im Feld einen sicheren Schnellschußinstinkt zu haben und von hervorragend organisierter Logistik und Kriegsstärke unterstützt zu werden - der ihn zum letzten beherrschenden Genie des Zweiten Weltkriegs machte. AMERIKA DIENST 17 Marshalls Biograph, Ed Cray, schätzt die historischen Kosten des Übergangs in der militärischen Denkweise und des Widerstands der Alten Garde des Militärs gegen neue Ideen zu Beginn des Jahrhunderts folgendermaßen ein: "Die von völlig überalterten britischen und französischen Generälen zu Beginn des Ersten Weltkriegs blindlings angeordneten sukzessiven Blutbäder sollten den Reformern Recht geben, allerdings auf Kosten einer Generation junger europäischer Männer." Marshall, der in Leavenworth Jahrgangserster war, wurde zum Oberleutnant befördert und besuchte das Army Statt College von Leavenworth. In den darauf folgenden Jahren bis 1917, als er nach Frankreich in den Krieg zog, erbrachte er herausragende Leistungen in einem frustrierend niedrigen Rang. Im Alter von 34 Jahren -1915 - und immer noch Oberleutnant, äußerte er einem Kommandanten am VMI gegenüber: "Die absolute Stagnation bei der Beförderung in der Infanterie hat mich veranlaßt, zaghafte Pläne für meinen Rücktritt zu machen, sobald sich die Wirtschaftbedingungen etwas verbessern." Bald besann er sich eines Besseren. Marshall ragte als Stabsoffizier heraus, der sich bei einer Reihe militärischer Manöver großen Stils - an der Grenze zwischen Texas und Mexiko, in Connecticut, auf den Philippinen - als brillanter Improvisator erwies, der mit bemerkenswertem Geschick ganze Armeen bewegte. Eine Heereslegende besagt, daß nach dem Manöver von Batangas auf den Philippinen im Januar 1914 der kommandierende General seinen Stab zusammenrief, um Marshall als "das größte militärische Genie seit Stonewall Jackson" zu rühmen. In Fort Douglas (Utah) machte der Kommandeur, Oberstleutnant Johnson Hagood, Marshall 1916 ein bemerkenswertes Kompliment in seiner Beurteilung: "Dieser Offizier ist sehr gut qualifiziert, in Kriegszeiten im Rang eines Generalmajors eine Division zu befehligen, und ich würde sehr gerne unter ihm dienen." Woodrow Wilson, der 1916 aufgrund seines Versprechens wiedergewählt wurde, Amerika aus dem Krieg herauszuhalten (wie Franklin Roosevelt 1940 und Lyndon Johnson 1964 versprachen) verwickelte Amerika schließlich im April 1917 in den Krieg und schickte zwei Millionen Amerikaner unter General John J. Pershing, der frisch von der Verfolgung Pancho Villas in Mexiko kam, nach Frankreich. Zu wertvoll für den Kampf 1917 machte sich kein intelligenter Soldat mehr Illusionen über den Grabenkrieg, der Europa seit drei Jahren zerstörte. Innerhalb eines Tages - am 1. Juli 1916, bei der Schlacht an der Somme - verlor England 60.000 Männer - 2.000 mehr, als Amerika in den zwölf Jahren des Indochinakrieges verloren hatte. Seite 5 �Als für den Einsatz der 1. Division verantwortlicher Offizier - ein Posten, der normalerweise einem Oberstleutnant zukam - begann Marshall mit der Ausbildung und Zusammenstellung der unerfahrenen amerikanischen Truppen in Gondrecourt in der Lorraine. Er war kurz als Beobachter an General Henri-Philippe Petains Front von Verdun tätig. (Marshall geriet unter Beschuß, verfing sich im Stacheldraht und ein Stück seiner Hose blieb daran hängen, als er zurück in den Graben krabbelte.) Er wurde amtierender Stabschef der 1. Division und hatte eine denkwürdige Begegnung mit Pershing. Der General platzte vor Wut gegenüber Marshalls Kommandeur, General William L Sibert. Marshall wiederum verlor seine Beherrschung im Namen von Sibert und erging sich Pershing gegenüber in einem wütenden Monolog über den Zustand der Truppen, den unzureichenden Nachschub und Transport. Marshalls Offizierskameraden waren der Überzeugung, Marshall hätte vor ihren Augen beruflichen Selbstmord begangen. Tatsächlich gelangte Pershing jedoch zu der Überzeugung, daß er endlich einen Offizier gefunden hatte, der ihm die Wahrheit sagte. Marshall hoffte auf ein Kommando. Douglas MacArthur, der ungefähr sein Alter hatte, war bereits Oberst und Stabschef der 42. Division. Marshall wurde jedoch als zu wertvoll eingeschätzt, um Stabsoffizier zu werden. Er wurde in Pershings Hauptquartier nach Chaumont versetzt. General Ludendorffs Offensive im Frühjahr 1918 - Deutschlands letzte Hoffnung auf einen Sieg - scheiterte aus Mangel an Treibstoff. Marshall wurde angewiesen, den amerikanischen Teil des Gegenangriffs der Alliierten zu planen. Marshalls weiterer Werdegang im Zweiten Weltkrieg zu wertvoll für den Kampf und gegen seinen Willen dazu verdammt, als eine Art militärisches Schreibtischgenie zu funktionieren - wurde bereits in den Feldzügen von St. Mihiel und Meuse in der Argonne angedeutet. Er stieg schnell auf und organisierte - jetzt in dem vorübergehenden Rang eines Obersten - den Transfer von etwa 600.000 amerikanischen Soldaten und 900.000 Tonnen Nachschub und Munition vom Sektor St. Mihiel zum Schlachtfeld an der Meuse in der Argonne. Das Ganze geschah im Geheimen bei Nacht, und ohne daß die Deutschen es merkten. Es war eine der längsten und kompliziertesten logistischen Unternehmungen des Krieges. Die Operation an der Meuse in der Argonne im Herbst 1918 war eine Art örtlich begrenzte Generalprobe für die globale Aufgabe, die Marshall im Zweiten Weltkrieg bewältigte. Er nutzte seine bemerkenswerte Gabe, sich sachlich und nüchtern auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren. Seine zweite Frau, Katherine Tupper Marshall - eine Witwe, die Marshall 1930, drei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete beobachtete sein Verhalten während der ersten trostlosen Monate des Jahres 1942, als die Alliierten Seite 6 an fast allen Fronten weltweit zurückgeschlagen wurden. Sie erklärte: "Es war, als würde er außerhalb seines Ich leben und George Marshall wäre jemand, den er ständig beurteilte, beriet und auf die Bewältigung einer Situation vorbereitete." Weder der Feldzug an der Meuse in der Argonne noch die Logistik von Amerikas globalem Krieg waren nur aus dem Grund erfolgreich, weil Marshall Charakter hatte. Er besaß außergewöhnlichen Intellekt, ein erstaunliches Gedächtnis und eine kinetisch zu nennende militärische Vorstellungskraft - eine geniale Gabe, die dynamische Interaktion von Fakten in der schnellen Bewegung durch die Zeit zu sehen. Marshalls konzentrierte analytische Intelligenz kam zu Tage, als er als Inspekteur und Generalstabschef des Heeres Anhörungen vor Kongreßausschüssen hatte oder gelegentlich Pressekonferenzen gab. Während des Zweiten Weltkriegs lud er manchmal 40 oder 50 Berichterstatter in sein Büro ein, hörte sich eine lange Reihe ihrer Fragen an und hielt dann ohne Notizen einen halbstündigen Monolog, in dem er auf jede Frage einging (und sich dem Berichterstatter, dessen Frage er gerade beantwortete, direkt zuwandte). Gleichzeitig verband er alle Antworten zu einem kohärenten Ganzen. Nach dem Ersten Weltkrieg entmobilisierte Amerika, kehrte den Alpträumen im Ausland mit Schrecken und Erleichterung den Rücken und wandte sich einem Isolationismus zu, der sich auf den enormen atlantischen und pazifischen Graben verließ. Marshall kehrte als persönlicher Assistent Pershings nach Amerika zurück. Zusammen mit seinem Kommandeur führte er lange Gespräche mit Präsident Warren G. Harding. Marshall stand über der Parteipolitik, lernte aber den Umgang mit Politikern und Regierungsvertreten - eine Lehre, die sich später auszahlte. Seine Jahre als Assistent des Generalstabschef des Heeres vermittelten Marshall Kenntnisse über die politischen Realitäten des Soldatentums in einer Demokratie. Die "Revolution von Benning" Obwohl Marshall entsetzt genug über das Gemetzel des Krieges war, sah er sich erneut mit der Frustration eines Soldaten in Friedenszeiten konfrontiert. Die Nation baute ihr Heer achtlos auf praktisch symbolische Dimensionen ab, und Marshall wurde der ständige Rang eines Majors verliehen. Nach fünf Jahren mit Pershing und einer Beförderung zum Oberstleutnant wurde er stellvertretender Kommandeur der Infanterieschule von Fort Benning in Georgia. Dort begann er mit der Ausbildung junger Offiziere in Feuerkraft und Manövrierbarkeit, die die Grundlage für das neue Heer bildeten. Die Taktik sollte nicht mehr statisch sein. Marshall bildete die Offiziere im Hinblick darauf aus, was Cray als "jenen ersten aggressiven Vorstoß eines zunehmend motorisierten Feindes" AMERIKA DIENST 17 �beschrieb, "der eher mit Flugzeugen als mit Kavallerie auf Erkundung geht". In einer Vorlesung erklärte Marshall einmal: "Stellen Sie sich den Eröffnungsfeldzug eines Krieges vor. Er ist wie eine Wolke voller Unsicherheiten, Eile, schneller Bewegungen, Staus auf den Straßen, unbekanntem Gebiet, Fehlen von Munition und Nachschub zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, Kommunikationsmängel, entsetzlicher Ausdauertests und Mißverständnisse in direktem Verhältnis zu der Unerfahrenheit der Offiziere und der aggressiven Aktionen des Feindes. Dazu kommen noch die schnellen Flugzeuge, Panzer und gepanzerten Fahrzeuge..." Er beschrieb exakt den von Deutschland 1940 gegen Frankreich geführten Blitzkrieg. In seinen fünf Jahren in Benning - während der vom Heer als "Revolution von Benning" bezeichneten Zeit stellte Marshall in seinem ausgezeichneten Gedächtnis oder seinem sagenhaften "schwarzen Buch", das er nach Meinung seiner Offiziere führte, eine Namensliste auf, mit deren Hilfe er später die militärische Führung Amerikas im Zweiten Weltkrieg zusammenstellte. Oberstleutnant Joseph Stillwell und Major Omar Bradley zählten zu Marshalls Ausbildern in Benning. In Benning erwarb Marshall auch den Ruf, Offiziere skrupellos zu beurteilen und sogar die erfahrensten Männer zugunsten junger Offiziere zu entlassen, die seines Erachtens ein modernes Heer führen konnten. Dieser Ruf wurde später zu einer bisweilen traurigen Heereslegende. Die dreißiger Jahre waren für Marshall schwierig. Er war in seinen Fünfzigern und immer noch Oberst. Das arteriosklerotische System des Heeres hatte sich erneut bestätigt. Er gestand Pershing gegenüber ein: "Ich werde zu alt, um im Heer noch eine bedeutende Zukunft zu haben." Im Oktober 1936 wurde Marshall schließlich Brigadegeneral. Weniger als zwei Jahre später kam er als Stellvertretender Generalstabschef des Heeres unter General Malin Craig nach Washington. Zu diesem Zeitpunkt glich die Geschichte einer Fotomontage dunkler Wolken in einer Zeitlupenaufnahme im Film. Von Tokio bis Berlin, von Moskau bis * AMERIKA DIENST 17 Chunkging, von London über Washington bis New York verschlechterte sich die Weltlage. Stalin, Hitler, Mussolini, Roosevelt, Chiang, Mao und die Japaner unternahmen erste vorbereitende Schritte. Die Invasion der Italiener in Äthiopien machte die Schwäche des Völkerbundes auf dramatische Weise deutlich und bildete die Einleitung zu einer Tragödie größeren Ausmaßes. In der Sowjetunion begann Stalin die Schauprozesse, die zur Inhaftierung oder Exekution von Millionen Parteifunktionären, Beamten, Militäroffizieren, Ärzten und Wissenschaftlern führten - eine gesellschaftliche und kulturelle Apokalypse. Im März 1936 besetzte Hitler das entmilitarisierte Rheinland, ohne auf Widerstand zu stoßen. Deutschland ging Bündnisse mit Italien und Japan ein und half Francisco Franco, in Spanien seine Macht zu festigen. Im März 1939 besetzte Hitler die restliche Tschechoslowakei. Im September war Polen an der Reihe. Aissich Brigadegeneral Marshall im Kriegsministerium in Washington zum Dienst meldete, begrüßte ihn Stabschef Craig, ein alter Freund aus dem Ersten Weltkrieg, mit den Worten: "Gott sei Dank, George, daß Sie gekommen sind, meine zitternden Hände zu halten." Heute erscheinen der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach wie das Zeitalter der Dinosaurier - eine lange zurückliegende Zeit, in der riesige Tiere auf der Erde umherzogen und primitive Dinge taten (Faschismus, globale Eroberung, Völkermord und das nukleare Erwachen, das den letzten Akt des Krieges darstellte). Die Charaktere dieses Schauspiels (Hitler, Stalin, Churchill, Roosevelt, Mussolini, Mao) haben eine welterschütternde, mythische Qualität. Aus dem ursprünglichen Mythos wurde Hitler zum Ursprung des Bösen, wie München zum warnenden Modell des Appeasement wurde. Für mich wird George Marshall zum Paradigma einer bestimmten amerikanischen Tugend, die keinesfalls ausgestorben ist. Marshall ist meines Erachtens im Gedächtnis der Nation immer noch mit nachdenklicher Schärfe präsent - einer Art Vorwurf. * * * * Seite 7 �GESELLSCHAFT 3. September 1997 Der andere Spiegel - die Vereinigten Staaten als multirassische Gesellschaft von Ronald Takaki (AD) - Im nachfolgenden Artikel zeigt Ronald Takaki ein Bild von der Rassensituation in den Vereinigten Staaten, das sich nicht auf die Unterscheidung zwischen Schwarzen und Weißen beschränkt, und stellt fest, daß bei den heutigen Rassenbeziehungen noch viele Fragen offen sind. Professor Ronald Takaki von der University of California in Berkeley ist Verfasser von A Different Mirror: A History of Multicultural America (1993). Sein nächstes Buch A Larger Memory: Voices of Multicultural America wird 1998 von Little, Brown and Company herausgegeben. Als Präsident Clinton in seiner am 14. Juni 1997 in San Diego gehaltenen Rede die amerikanische Gesellschaft als "multirassisch" bezeichnete, beschrieb er nicht nur, wie wir im kommenden Jahrhundert sein werden, sondern auch, wie wir seit unseren Anfängen an den Küsten von Virginia und Massachusetts im 17. Jahrhundert gewesen sind. Der Präsident stellte fest, daß es in 50 Jahren in Amerika keine Rasse mehr geben wird, die "die Mehrheit stellt". Mit anderen Worten: Wir alle werden Minderheiten angehören. Den Prognosen zufolge wird die amerikanische Bevölkerung im Jahr 2050 zur Hälfte aus Weißen bestehen (verglichen mit zur Zeit 73 Prozent); 24 Prozent werden Hispanoamerikaner (mehr als das Doppelte der derzeitigen 11 Prozent), 14 Prozent Afroamerikaner (ein leichter Anstieg gegenüber den heutigen 12 Prozent) und 10 Prozent Amerikaner asiatischer Herkunft (mehr als das Doppelte von gegenwärtig 4 Prozent) sein. Diese demographische Umgestaltung wird in Kalifornien innerhalb weniger Jahre erfolgen und hat in vielen großen Städten des Landes bereits stattgefunden. Man könnte befürchten, dieses sich verändernde Gesicht Amerikas würde unser Land "entzweien". Wir können es aber auch als eine Chance begrüßen, unsere Vielfalt anzuerkennen und eine umfassendere Sicht davon zu bekommen, wer wir als Amerikaner sind. AMERIKA DIENST 17 Die Geschichte unseres Volkes in "einem anderen Spiegel" gesehen zeigt, daß Amerika eine lange Geschichte als multirassische Gesellschaft hat. Weder die monolithische Sicht von Amerikanern als ursprünglich Weiße oder Europäer noch die binäre Sicht von Amerikanern als entweder Weiße oder Schwarze reflektiert akkurat unsere Vielfalt, die wir in Zukunft haben werden oder in der Vergangenheit hatten. Als im 17. Jahrhundert die ersten Engländer an der Ostküste unseres Kontinents ankamen, hatten die Ureinwohner dort schon seit Tausenden von Jahren gelebt. Dann landeten 1619, ein Jahr vor der Ankunft der Mayflower in Massachusetts, Afrikaner in Virginia, die von einem holländischen Sklavenschiff dorthin gebracht worden waren. Die Afrikaner wurden in den nachfolgenden Jahren weiterhin in die Kolonien gebracht, um den Bedarf der Tabakanbauer an Arbeitskräften zu decken. Die Kolonialisten vertraten nach wie vor die Ansicht, diese neue Gesellschaft sollte rassisch homogen sein ein New England und ein Virginia (benannt nach Queen Elizabeth, der "jungfräulichen Königin" - "Virgin Queen"), das die Bevölkerung ihrer alten Heimat widerspiegelte. Bald nachdem durch den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eine unabhängige Republik geschaffen worden war, verabschiedete der US-Kongreß ein Gesetz, dem zufolge nur "Weiße" die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen durften. Mehrere Jahre später, kurz bevor Präsident Thomas Seite 1 �Jefferson den Erwerb von Louisiana aushandelte, äußerte er James Monroe gegenüber, er freue sich auf die Zukunft, wenn es auf diesem Kontinent viele "Menschen" gäbe, die "dieselbe Sprache sprechen, in ähnlicherweise und mit Hilfe ähnlicher Gesetze regiert werden". Die "Menschen", die Jefferson auf dem Kontinent sah, waren jedoch nur "Weiße". Jeffersons Erwerb des Gebiets im Westen ebnete aber den Weg zu einer Expansion, die zur Annektierung des Südwestens, der Einbeziehung der indianischen und mexikanischen Bevölkerung sowie den Wanderbewegungen aus China und Japan ostwärts nach Amerika führte. Am Ende des 19. Jahrhunderts war unsere moderne multirassische Gesellschaft aus der Expansion nach Westen und der Industrialisierung entstanden. Eingewanderte Arbeiter aus China und Irland hatten die transkontinentale Eisenbahn gebaut - das Stahlband quer durch Amerika, das das Verkehrssystem für die Entwicklung der Landwirtschaft sowie der Fertigungsindustrie darstellte und die Städte von Küste zu Küste miteinander verband. Irische Einwanderer arbeiteten in New England in Fabriken, die Textilien aus Baumwolle herstellten, welche von schwarzen Sklaven auf Land angebaut wurde, das den Indianern und Mexikanern genommen worden war. Diese Realität unserer ethnischen und rassischen Vielfalt veranlaßte den amerikanischen Autor Herman Melville im 19. Jahrhundert zu folgender Beobachtung: "Das Blut der Welt fließt durch die Venen der Amerikaner. Wir sind kein begrenzter Stamm." Neben der Wirtschaft, die unsere verschiedenen Gruppen integrierte, gab es etwas Tiefergehendes, Prpfunderes, das uns als Amerikaner einte. Als Jefferson die eindringlichen Worte, daß "alle Menschen gleich geschaffen sind", schrieb, weitete er die "unveräußerlichen Rechte" nicht auf die Schwarzen aus. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung besaß 200 Sklaven. Aber lange danach, während des Amerikanischen Bürgerkriegs, nahm Präsident Abraham Lincoln eine Neudefinition von Gleichheit als dem Recht jedes einzelnen, ungeachtet seiner Rasse vor. Gleichheit sei das zentrale "Vorhaben" unserer Nation, erklärte er, und die Amerikaner hätten die Verpflichtung, diese "unbeendete Arbeit" fortzuführen. In Gettysburg dachte Lincoln über die Bedeutung der großen Krise nach und erkannte auch den Beitrag an, den die 186.000 schwarzen Soldaten zum Erhalt der Union geleistet hatten. Frederick Douglass rief seine schwarzen Mitbürger dringlich zur Teilnahme an den Kämpfen mit dem Hinweis auf, in der Verfassung stehe "Wir, das Volk" und nicht "Wir, die Weißen". Die chinesischen Einwanderer verstanden diese Wahrheit ebenfalls. Sie waren in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts zunächst zu den Goldfeldern geeilt, aber denjenigen, die nach dem "goldenen Amerika" suchten, folgten jene Zehntausenden, die als Landwirte oder Industriearbeiter kamen. 1882 ver- Seite 2 abschiedete der Kongreß jedoch das Gesetz über den Ausschluß der Chinesen, das eine weitere chinesische Einwanderung unterband. Ein Einwanderer protestierte wütend gegen das, was er als eine Verletzung der Gründungsprinzipien Amerikas ansah. "Keine Nation kann es sich leisten, ihre hehren Ideale aufzugeben", schrieb Yan Phou Lee in der North American Review. "Die Gründer der Amerikanischen Republik bekräftigten den Grundsatz, daß alle Menschen gleich geschaffen sind und machten dieses schöne Land zu einem Zufluchtsort für die Welt. Daher ist es seine Bestimmung - sein "Manifest Destiny" - Lehrer und Führer der freien Nationen zu sein... Wie weit diese Republik von ihren hehren Idealen abgewichen ist und ihre traditionelle Politik ins Gegenteil umgekehrt hat, zeigt sich an den gegen die Chinesen verabschiedeten Gesetzen." Lees Protest wurde zweifelsohne von den meisten Amerikanern zurückgewiesen, aber der Kampf, damit diese Republik gemäß ihren Idealen lebte, wurde fortgesetzt, als weitere Einwanderungswellen kamen. Viele dieser Menschen wurden mit Vorurteilen konfrontiert, die auf Vorstellungen von kultureller oder ethnischer Unterlegenheit gründeten, aber die meisten sahen genügend Chancen, den Kampf für eine Gesellschaft mit mehr Gleichberechtigung fortzusetzen. Ein Wendepunkt kam im Zweiten Weltkrieg. Der Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland mit seiner Ideologie arischer Überlegenheit zwang uns als Bürger einer Demokratie, die Unvereinbarkeit unserer Ideale mit unserer Behandlung rassischer und ethnischer Minderheiten zu sehen. Dieser Widerspruch wurde zum konzeptionellen Rahmen für Gunnar Myrdals 1944 veröffentlichtes Buch An American Dilemma: The Negro Problem and Modern Democracy. Während die Amerikaner diesen "ideologischen Krieg" gegen den Nazismus führen, erklärte er, müssen sie das Prinzip der Demokratie expliziter auf die Rasse anwenden. "Faschismus und Nazismus gründen auf einem rassischen Überlegenheitsdogma ... und diese Regierungen kamen durch rassische Verfolgung und Unterdrückung an die Macht." Aus diesem Grund müßten die Amerikaner sich mit ihrer Unterstützung von rassischer Toleranz und Gleichheit vor die gesamte Welt stellen. "Dieses Land", schrieb Myrdal, "hat eine nationale Erfahrung bei der Vereinigung rassischer und kultureller Vielfalt und eine nationale Theorie - wenn nicht sogar eine konsequente Praxis - der Freiheit und Gleichheit für alle. Der Haupttrend der Geschichte (dieses Landes) ist die allmähliche Verwirklichung des amerikanischen Credos." Mit der Bekräftigung dieses Credos trug Franklin D. Roosevelt der Notwendigkeit einer ideologischen Konfrontation mit dem Nazismus Rechnung, um die Amerikaner für den Krieg zu mobilisieren. Wir kämpfen, so Roosevelt, für die "vier Freiheiten" - Redefrei- AMERIKA DIENST 17 �heit, Religionsfreiheit, Freiheit von Not und Freiheit von Angst. Unsere Verpflichtung zu diesen Idealen, erläuterte er, verurteilt Rassismus: "Das Prinzip, auf das dieses Land gegründet und von dem es stets geleitet wurde, lautet, da3 Amerikanismus eine Angelegenheit des Geistes und des Herzens ist. Amerikanismus ist und war nie eine Angelegenheit der Rasse oder Herkunft." Amerikaner aller ethnischen Zugehörigkeit und Rasse kämpften für die Verteidigung dieser Demokratie. Die Schwarzen verließen die Farmen im Süden und die Ghettos im Norden, die Lateinamerikaner ihre Viertel, die Chinesen ihre Chinatowns, die Indianer ihre Reservate und einige Amerikaner japanischer Abstammung verließen sogar die Internierungslager. Alle Angehörigen von Minderheiten erbrachten Opfer für das, was sie als "Krieg für den doppelten Sieg" bezeichneten - den Kampf gegen Faschismus im Ausland und Rassismus im Inland. Was Lincoln als "die mystischen Klänge der Erinnerung" beschrieben hatte, die von den Schlachtfeldern bis zu den Gräbern der Patrioten ertönten, war multirassisch geworden. Diese nationale Bekräftigung unserer Vielfalt und unseres Engagements für das im Zorn des Zweiten Weltkriegs entstandene "Vorhaben" der Gleichheit ebnete der Bürgerrechtsära der sechziger Jahre den Weg. Bei dem Marsch auf Washington im Jahr 1963 vermittelte Martin Luther King seine Vision von Amerikas wirklichem "Manifest Destiny": "Ich sage Ihnen heute, meine Freunde, daß ich trotz der Schwierigkeiten und Frustrationen des Augenblicks immer noch einen Traum habe. Es ist ein Traum, der tief im Amerikanischen Traum verwurzelt ist. Ich träume davon, daß sich diese Nation eines Tages erheben und gemäß der wahren Bedeutung ihres Credos leben wird: 'Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind.'" Die Bürgerrechtsbewegung rüttelte die Nation auf und veranlaßte den Kongreß zur Verabschiedung des Bürgerrechtsgesetzes von 1964. Ein Jahr später ging Präsident Lyndon Johnson mit dem Präsidialerlaß 11246 über sein Diskriminierungsverbot hinaus. Mit dem Ziel "der vollständigen Verwirklichung von gleichen Beschäftigungschancen" verlangte dieses Gesetz von Firmen, die Geschäfte mit der Bundesregierung tätigten, "Gleichstellungmaßnahmen" zu ergreifen. Die Unternehmen mußten "in gutem Glauben Ziele und Zeitpläne" für die Beschäftigung von "nicht ausreichend genutzten", qualifizierten, Minderheiten angehörenden Arbeitnehmern festsetzen. In seiner Rede an der Howard University im Jahr 1966 erklärte Johnson, warum Gleichstellung notwendig sei: "Sie nehmen nicht einen Menschen, der jahrelang mit Ketten gefesselt war und befreien ihn, bringen ihn an die Startlinie eines Wettrennens und sagen dann: 'Du bist frei und kannst mit den anderen konkurrieren' und glauben immer noch, daß Sie völlig AMERIKA DIENST 17 fair gewesen sind... Deshalb ist es nicht genug, die Tore für Chancen zu öffnen. Alle unsere Bürger müssen die Möglichkeit haben, durch diese Tore zu gehen. Das ist das nächste und umfassendere Stadium des Kampfes für Bürgerrechte. Wir streben nicht nur Freiheit, sondern Chancen an - nicht nur rechtliche Gleichheit, sondern menschliche Fähigkeit nicht nur Gleichheit als ein Recht und eine Theorie, sondern Gleichheit als eine Tatsache und Gleichheit als ein Ergebnis." Dreißig Jahre später ist Gleichheit als eine Tatsache jedoch für Millionen von Amerikanern noch ein unverwirklichter Traum. Wir müssen immer noch die übergeordnete Frage ansprechen, die W.E.B. Du Bois ausmachte, als er voraussagte, das Problem des 20. Jahrhunderts werde das Problem der Hautfarbe sein. In der Dämmerung dieses Zeitalters ist dieses Problem immer verwirrender geworden. In ganz Amerika ist Arbeit in den Innenstädten "verschwunden", um die bittere Beschreibung des Wissenschaftlers William Julius Wilson zu verwenden. Die beunruhigend hohe Anzahl junger schwarzer Männer in Gefängnissen bekräftigt die Korrelation zwischen Verbrechen und Armut und zwingt viele Bundesstaaten, mehr Geld für Gefängnisse als für Universitäten auszugeben. Was Myrdal als das "amerikanische Dilemma" bezeichnete, ist in der Tat zu vielen Dilemmas geworden. Die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Rassen beschränken sich nicht mehr nur auf Schwarze und Weiße, sondern beziehen jetzt auch Lateinamerikaner und Asiaten ein. Die Unruhen in Los Angeles von 1992 schienen eine neue Ära multirassischer Konflikte anzukündigen. Im Kontext dieser sich vertiefenden rassischen Kluft und härterer Reaktionen auf Gleichstellungsmaßnahmen und Einwanderer hielt Präsident Clinton am 14. Juni 1997 seine Rede "Vielfalt ist von elementarer Bedeutung" an der University of California, San Diego. In dieser historischen Rede beschrieb Clinton als erster Präsident die amerikanische Gesellschaft als "multirassisch". Er forderte uns auch auf, die "unbeendete Arbeit" unserer Nation fortzuführen - ein impliziter Bezug zu Lincolns Gettysburg Address. Wird es uns gelingen? Werden wir es im 21. Jahrhundert schaffen? Obwohl zu viele der Aussichten nicht vielversprechend erscheinen, haben wir Grund zur Hoffnung. Die Geschichte des multikulturellen Amerika in "einem anderen Spiegel" gesehen, bietet uns Ermutigung: Die Geschichten unserer unterschiedlichen rassischen und ethnischen Gruppen unterscheiden sich, sind jedoch nicht unvereinbar. Im gesamten Verlauf unserer Geschichte waren wir miteinander verbunden wie Walt Whitmans "große, vorwärtsdrängende, hoffnungsvolle Armee von Arbeitern" beim Aufbau der Volkswirtschaft unseres Landes. Seit der Gründung unserer Nation haben wir auch um die Verwirklichung unsere politischen Ideale Seite 3 �von Demokratie und Gleichheit gekämpft. Diese "umfassendere Erinnerung" unseres unterschiedlichen Selbsts fordert uns konstant zur Fortsetzung unserer "unbeendeten Arbeit" zur Erlangung "einer perfekteren Union" auf. * * * * * Seite 4 AMERIKA DIENST 17</text>
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4. GESELLSCHAFT DER ANDERE SPIEGEL - DIE VEREINIGTEN&#13;
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