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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C
25

16. August 1995

USA-EUROPA

DIE EUROPAPOLITIK DER ADMINISTRATION
Ausführungen von Richard C. Holbrooke

OSZE

VEREINBARUNGEN VON HELSINKI EBNETEN
DEN WEG ZUR BEENDIGUNG DES KALTEN
KRIEGES
Ansprache des Stellvertretenden Außenministers

KRIEGSVERBRECHEN

USA ÜBERMITTELN KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL INFORMATIONEN ZU BOSNIEN
Erklärung von Mike McCurry

FRAUEN

UNTERSTÜTZUNG DER PEKINGER
FRAUENKONFERENZ
Rede von UNO-Botschafterin Albright

MEDIEN

JOURNALISTISCHE FREIHEIT UND
MENSCHENRECHTE
Prinzipien demokratischer Gesellschaften

GESUNDHEIT

STEIGENDE TEMPERATUREN GEFÄHRDEN
MENSCHLICHE GESUNDHEIT
Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung

AIDS

AIDS IST ALPTRAUM FÜR MENSCHHEIT UND
IHRE ENTWICKLUNG
Rede von J. Brian Atwood

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0 2 2 8 - 3 3 9 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�USA-EUROPA
16. August 1995

Die Europapolitik der Administration
Ausführungen von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den für die Anhörung vor dem Ausschuß für
internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses am 28. Juli 1995 vorbereiteten Text von Botschafter
Richard C. Holbrooke, Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der Text wurde nicht verlesen.

Herr Vorsitzender, ich danke für diese Gelegenheit,
einen umfassenden Überblick der Europapolitik
dieser Administration geben zu können.
Wir kommen zu einer Zeit der Krise in Europa
zusammen. Dies ist eine entscheidende Periode für
das Bündnis. Die gesamte Welt wartet ab, ob der
Westen auf das abscheuliche Verhalten der bosnischen Serben reagiert.

Frieden (PFF) sowie die allmähliche, sorgfältig
geplante und transparente Erweiterung der NATO.
Integration Rußlands und der neuen unabhängigen Staaten (NUS) in die umfassende Sicherheitsund Wirtschaftsarchitektur Europas, einschließlich
der Entwicklung engerer Beziehungen zwischen
der NATO und Rußland.
Stärkung der OSZE.

In Zusammenarbeit mit den NATO-Partnern haben
die Vereinigten Staaten einen entschiedeneren Kurs
zur Weiterführung der UN-Mission in Bosnien
eingeschlagen. In London stimmte die internationale
Staatengemeinschaft in der vergangenen Woche
einer tatkräftigen Reaktion auf die Aggression der
bosnischen Serben zu. Neue, in dieser Woche in
Brüssel vereinbarte Führungsarrangements, auf die
ich später in diesen Ausführungen eingehen werde,
sind zusammen mit der Entscheidung Großbritanniens und Frankreichs zum Einsatz ihrer Schnellen
Eingreiftruppe zur Sicherung der Straßen nach
Sarajevo lebhafte Beispiele unserer zunehmenden
Entschlossenheit.
Der tragische Krieg in Bosnien unterstreicht erneut
die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen
den Vereinigten Staaten und ihren europäischen
Partnern beim Aufbau einer neuen umfassenden
Struktur von Beziehungen, um Konflikte auf dem
Kontinent zu verhindern und zu lösen. Die umfassende Strategie des Präsidenten zum Aufbau
einer neuen, ineinandergreifenden Sicherheitsarchitektur baut auf den Erfolg und die Beständigkeit
entscheidender Institutionen des Westens auf und
basiert auf Erweiterung, Integration und Einbeziehung. Sie hat sechs Eckpfeiler:
Anpassung der NATO. Dazu zählen interne
Reformen, Erweiterung der Partnerschaft für den

AMERIKA DIENST 25

Integration der zentral- und osteuropäischen
Staaten in westliche Strukturen bei gleichzeitiger
Ermutigung dieser Staaten, subregionale Spannungen zu entschärten sowie Demokratie und
Marktreformen zu konsolidieren.
Unterstützung der europäischen Integration, EUErweiterung und der amerikanisch-europäischen
Beziehungen durch neue transatlantische Initiativen.
Einbeziehung des Kongresses und des amerikanischen Volkes in umfassende, überparteiliche
Bestrebungen, um Amerikas andauernde Rolle als
eine europäische Macht sicherzustellen.
Jedes dieser Elemente ist entscheidend für unseren
Erfolg insgesamt. Und in den vergangenen Wochen
und Monaten haben wir an jeder Front gute Fortschritte erzielt.
Anpassung der NATO
Die NATO ist der zentrale Sicherheitspfeiler der
neuen Architektur. Die NATO war stets mehr als
eine zwischenzeitliche Antwort auf eine temporäre
Bedrohung. Sie ist nach wie vor das Zentrum des
amerikanischen Engagements in Europa sowie der
Dreh- und Angelpunkt transatlantischer Sicherheit.

Seite 1

�Die NATO will weder ein Land isolieren noch eine
neue Teilung des Kontinents. Ihr Ziel besteht darin,
zur Schaffung eines freien, stabilen und ungeteilten
Kontinents beizutragen. Dieser Prozeß begann vor
über fünf Jahren und war von einer Reihe bahnbrechender Entscheidungen bei NATO-Gipfeltreffen
geleitet. Diese Gipfeltreffen - London 1990, Rom
1991 und Brüssel 1994 - bildeten die Grundlage für
die derzeitigen Bestrebungen der NATO zu ihrer
Umgestaltung und der Ausdehnung der Sicherheit
auf ganz Europa.
Zur Anpassung der NATO gehörten: Ein neues
strategisches Konzept, Umstrukturierung und Abbau
der NATO-Streitkräfte sowie die Herstellung von
Beziehungen zu ehemaligen Gegnern durch den
Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR) und die
PFF. Dies sollte nicht als Änderung der grundlegenden Rolle der NATO mißverstanden werden. Im
Kern bleibt die NATO ein Bündnis etablierter Demokratien, mit gemeinsamen Werten und gemeinsamen
vitalen Interessen. Die Bündnispartner verpflichten
sich weiterhin zu Frieden und sind zu ihrer gegenseitigen Verteidigung bereit. Gleichzeitig haben wir
über alte Trennlinien hinweg die Hand der Freundschaft gereicht und dadurch zur Heilung alter Teilungen beigetragen. Der 1991 gegründete NAKR hat
sich zu einem wichtigen politischen Forum für den
Austausch von Informationen über Sicherheitsfragen
von gemeinsamem Interesse für die NATO und
diese Länder entwickelt. Die im folgenden erörterte
PFF führt diesen Prozeß fort.
Die NATO-Erweiterung spielt eine unerläßliche Rolle
beim Aufbau eines freien und ungeteilten Europas.
1994 entschieden die Staats- und Regierungschefs
der NATO, daß die NATO erweitert werden sollte,
damit Sicherheit und Stabilität auf die aufstrebenden
neuen Demokratien im Osten ausgedehnt werden
könnten. Sie erkannten auch, daß die Erweiterung
der NATO-Mitgliedschaft Demokratie und Marktreformen in diesen Ländern untermauert, ebenso wie
die Gründung der Allianz zur Förderung von Demokratie Ende der vierziger und Anfang der fünfziger
Jahre in Westeuropa beitrug.
Die NATO-Erweiterung wird allmählich und transparent vollzogen. Die NATO bereitet zur Zeit eine
detaillierte Studie vor, die sowohl die Begründung
als auch den Prozeß für die Erweiterung der neuen
NATO der Zeit nach dem Kalten Krieg darlegt. In
den Monaten vor dem Ministertreffen im Dezember
1995 werden die Schlußfolgerungen der NATO zu
diesen beiden Themen - dem Warum und dem Wie
der Erweiterung - den interessierten PFF-Mitgliedstaaten unterbreitet, zunächst in Brüssel und dann
von speziellen NATO-Teams in den Hauptstädten
der PFF-Mitgliedstaaten.

Seite 2

Obwohl in dieser Phase zum ersten Mal detaillierte
Diskussionen über dieses Thema außerhalb der
Allianz geführt werden, sind dies keine Vorbereitungsgespräche für einen Beitritt. Sie sind dazu
gedacht, das Verständnis der damit einhergehenden
komplizierten Probleme zu vertiefen, die Denkweise
der NATO vorzustellen und den Partnern eine Chance einzuräumen, ihre Perspektiven und Sorgen
darzulegen. Die Minister werden im Dezember
erneut in Brüssel zusammenkommen und die Ergebnisse der Diskussionen vor einer Entscheidung über
das weitere Vorgehen überprüfen. Es wurden noch
keine Entscheidungen darüber getroffen, wann
potentielle neue Mitglieder ausgemacht werden
sollen. Diese entscheidenden Fragen werden zu
einem vom Bündnis als geeignet erachteten Zeitpunkt
angesprochen.
PFF
Beim Brüsseler Gipfeltreffen im Januar 1994 verabschiedeten die Bündnispartner eine umfassende
Strategie der Kooperation mit ganz Europa, die eine
Reihe von Initiativen enthielt, insbesondere die
Partnerschaft für den Frieden.
In weniger als einem Jahr ist die innovative PFF
integraler Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene geworden. Die PFF wurde rasch erweitert und
hat neuesten Zahlen zufolge jetzt 26 Mitglieder von
Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands. Jeder
Partner entwickelt in Konsultationen mit der NATO
ein individuelles Programm, das auf die Bedürfnisse
und Fähigkeiten des jeweiligen Landes zugeschnitten
ist. Die PFF hilft neuen demokratischen Staaten bei
der Umstrukturierung und Einführung demokratischer
Kontrolle über ihre Streitkräfte, Transparenz bei der
Verteidigungsplanung und Haushaltsprozessen,
Entwicklung von Interoperabilität mit Streitkräften des
Bündnisses, besserem Verständnis der kollektiven
Verteidigungsplanung und Erlernen neuer Formen
von Militärdoktrin. Die PFF bietet einen Rahmen, in
dem die NATO und individuelle Partner bei Friedenssicherung, humanitärer Hilfe sowie Such- und Rettungsübungen zusammenarbeiten können.
Wir konnten bereits Anzeichen der signifikanten
Auswirkungen beobachten, die die PFF auf die
Partnernationen hatte. Beispielsweise organisieren
viele Partner einen Großteil, wenn nicht sogar alle
Streitkräfte anhand von NATO-Planungskonzepten.
Einige legen die individuellen Partnerschaftsprogramme ihren Parlamenten zur Genehmigung vor - und
damit wird ihre Militärpolitik zum ersten Mal in ihrer
Geschichte von der Legislative überwacht.
Die PFF bietet auch einen wertvollen Rahmen für die
Vorbereitung interessierter Partner auf die Über-

AMERIKA DIENST 25

�nähme der mit der NATO-Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und Pflichten. Und für die Partner,
die nicht NATO-Mitglieder werden, stellt die PFF
Strukturen für zunehmend enge Zusammenarbeit mit
der NATO zur Verfügung. Dies ist an sich schon ein
wichtiger Baustein für die europäische Sicherheit
und konkreter Beweis, daß die NATO um die Sicherheit aller ihrer Partner besorgt ist. Die PFF wird
selbst während der NATO-Erweiterung ein permanenter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene sein.
Während der vergangenen sechs Monate hat die
PFF bemerkenswerte Fortschritte erzielt, insbesondere mit der Aufnahme eines Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozesses sowie der
Einführung eines Programms für praktische Zusammenarbeit und gemeinsame Übungen mit
Partnerstaaten, darunter das erste PFF-Manöver in
den Vereinigten Staaten, das im August in Fort Polk
(Louisiana) abgehalten werden soll. Die Übung mit
dem Namen "Cooperative Nugget" wird 14 Partnerländer mit kombinierten friedenssicherungs- und
humanitären Hilfstaktiken auf Kompanie- und Zugebene vertraut machen.
Die Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht, daß
es an der Zeit ist, die Partnerschaft auf die nächste
Ebene zu bringen. Beim Ministertreffen des Nordatlantikrats im Mai schlug Außenminister Christopher
fünf Maßnahmen zur Stärkung der politischen und
militärischen Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnern vor:
1. Vereinbarung einer Reihe von Prinzipien für zivile
und demokratische Kontrolle des Militärs.
2. Gründung eines gemeinsamen Ausschusses für
Verteidigungsplanung und Überprüfung.
3. Befähigung der Partner, eine aktivere, substantiellere Rolle bei der Planung von Partnerschaftsmanövern und anderen Aktivitäten zu übernehmen.
4. Routinemäßige Einbeziehung der Partner in
wichtige Aktivitäten des Nordatlantikrats und
hochrangige Ausschüsse der NATO.
5. Beträchtliche Aufstockung der Ressourcen, die
von der NATO für die Partnerschaft zugewiesen
werden. Wir verfolgen diese Tagesordnung jetzt
mit unseren Verbündeten.
Integration Rußlands und der NUS
Ein weiterer unerläßlicher Pfeiler der neuen Sicherheitsarchitektur sind die neuen Beziehungen zwi-

AMERIKA DIENST 25

schen der NATO und Rußland. Wenn der Westen
einen dauerhaften und stabilen Sicherheitsrahmen für
Europa schaffen will, muß er das anhaltendste
strategische Problem Europas lösen und die Nationen
der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere Rußland,
in ein stabiles europäisches Sicherheitssystem
integrieren.
Im Mai wurden in dieser Hinsicht eine Reihe wichtiger
Schritte unternommen: Erstens traf Rußland die
während des Gipfeltreffens der Präsidenten Clinton
und Jelzin angekündigte Entscheidung, dem individuellen Partnerschaftsprogramm des Landes für die
PFF sowie den Dokumenten "Dialog und Zusammenarbeit über die PFF hinaus" zuzustimmen. Wir
wollen diesen bereits vereinbarten Elementen der
erweiterten Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland jetzt Vorrang einräumen. Ziel der Vereinigten Staaten ist nicht nur größere Einbeziehung
Rußlands, sondern auch einer Reihe von Aktivitäten
außerhalb der PFF, wie Erweiterung der Konsultationen, Informationsaustausch in den NATO-Ausschüssen und vermehrte Kontakte zwischen dem Internationalen Stab/Internationalen Militärstab der NATO
und der Russischen Botschaft in Brüssel. Die erste
Brainstorming-Sitzung, die je zwischen der NATO und
Rußland über ihre Beziehungen abgehalten wurde,
fand am 17. Juli statt.
Wir sind an der Weiterentwicklung der Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland interessiert. Im
Augenblick sind institutionelle Arrangements oder
eine Charta verfrüht. Wir werden diese Fragen
später angehen und wollen uns jetzt auf den Inhalt,
nicht die Form, dynamischer Beziehungen konzentrieren.
Es muß sichergestellt werden, daß sich die Entwicklung von Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland ungefähr parallel mit der eigenen evolutionären Entwicklung der NATO vollzieht, einschließlich
der möglichen Erweiterung des Bündnisses.
Bedauerlicherweise kämpfen die russischen Truppen
weiterhin in Tschetschenien, selbst während die
Verhandlungen unter der Schirmherrschaft der OSZE
andauern.
Wir haben die russische Regierung
wiederholt und auf höchster Ebene aufgefordert,
diese Verhandlungen ernst zu nehmen, aktiv eine
politische Beilegung des Konflikts mit der tschetschenischen Führung anzustreben und die humanitären Probleme in Angriff zu nehmen. Unsere Strategie
des Engagements mit der russischen Regierung
gewährleistet, daß unsere Botschaft vernommen wird,
obwohl unser Rat nicht immer befolgt wurde. Wir
werden weiterhin politische Aussöhnung ermutigen,
und wir werden zweifelsohne weiterhin Druck bei der

Seite 3

�Suche nach dem vermißten amerikanischen Staatsbürger Fred Cuny ausüben.
Wie Präsident Clinton im Mai in Kiew feststellte, ist
eine unabhängige und stabile Ukraine, die sicher in
ihren international anerkannten Grenzen lebt, ein
Schlüsselfaktor für Stabilität und Sicherheit in
Europa. Wir unterstützen die Integration der Ukraine
in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen Europas zur Förderung dieses
Ziels. Als Teil dieses Prozesses arbeiten wir auf die
Verstärkung des ukrainischen Engagements in der
PFF und die von den NATO-Ministern in Noordwijk
vereinbarte Entwicklung verbesserter Beziehungen
zwischen der NATO und der Ukraine hin.
Stärkung der OSZE
Beim Budapester Gipfel im Dezember vergangenen
Jahres forderte Präsident Clinton die versammelten
Staats- und Regierungschefs auf, der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
"neuen politischen Impetus" zu verleihen und sie mit
einer klarer definierten Mission sowie verbesserten
Fähigkeiten und Ressourcen zu stärken. Die Änderung des Namens in Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) steht für die
Entschlossenheit der Teilnehmerstaaten, das volle
Potential der Schlußakte von Helsinki auszuschöpfen. Zu diesen Bestrebungen gehört die Erarbeitung
einer Modellübung für europäische Sicherheit,
vermehrte Konzentration der OSZE auf wirtschaftliche und umweltpolitische Angelegenheiten, Verbesserung der Fähigkeiten der OSZE bei regionaler
Krisenbewältigung, Stärkung des Konfliktverhütungszentrums der OSZE und Zuweisung zusätzlicher
Ressourcen an das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte.
Die Anwendung der Menschenrechtsnormen der
OSZE auf die politischen, wirtschaftlichen und
militärischen Aspekte der Sicherheit verleiht ihr die
einzigartige Fähigkeit zur Bewältigung der Herausforderungen eines neuen Zeitalters. Die OSZE wird
zum wichtigsten Instrument für Frühwarnung, präventive Diplomatie und - gegebenenfalls - Krisenmanagement.
In operativer Hinsicht erschloß die OSZE neues
Terrain, als sie im April 1995 eine Hilfsgruppe zur
Förderung der Verhandlungen zwischen Rußland
und separatistischen Rebellen in Tschetschenien
und zur Überwachung der Menschenrechtssituation
in der Konfliktregion entsandte. Ein weiterer Schritt
beim Reifungsprozeß der OSZE war die aktive
Planung der Einrichtung einer multinationalen Friedenstruppe für die mögliche Entsendung nach
Nagornyj Karabach, sobald ein Friedensabkommen

Seite 4

erzielt wird. Eine OSZE-Friedenstruppe würde eine
qualitative Verbesserung der Strukturen der europäischen Sicherheitsmechanismen bedeuten. In der
Zwischenzeit befassen sich bereits bestehende
OSZE-Missionen in Skopje, Georgien, Estland,
Moldawien, Lettland, Tadschikistan, Sarajevo und der
Ukraine mit der Eindämmung von Konflikten, Förderung der Menschenrechte, Entwicklung politischer
Institutionen, Schaffung eines Rahmens für die
politische Beilegung von Konflikten sowie der Überwachung des Waffenstillstands und der Friedenstruppen. Sanktions-Hilfsmissionen in sieben Staaten
tragen zur Durchsetzung von Sanktionen gegen das
ehemalige Jugoslawien (Serbien und Montenegro)
bei.
Die Modellübung für Sicherheit ist von besonderer
Bedeutung bei den Bestrebungen zur Erweiterung der
OSZE-Mechanismen. Diese Übung bietet ein Forum,
in dem alle europäischen Staaten an einem Dialog
über künftige Sicherheitsstrukturen beteiligt sind und
neue Konzepte der Zusammenarbeit einführen. Sie
beeinträchtigt nicht das Recht aller Staaten, ihre
Sicherheitsarrangementp zu wählen oder zu ändern,
einschließlich Verträgen des Bündnisses. Sie erweitert den Sicherheitsdialog, um die Konzentration auf
Menschenrechte, wirtschaftliche, umweltpolitische und
kulturelle Themen sowie traditionelle militärische und
strategische Sicherheitsbelange einzubeziehen.
Eine der wichtigsten Prioritäten der OSZE ist, die
wachsende Dringlichkeit von Wirtschaftsfragen
anzusprechen. Der Wirtschaftskorb der Schlußakte
von Helsinki hatte historisch gesehen die geringste
Bedeutung. Das ist nicht länger akzeptabel. Der
Budapester Gipfel unterstrich die Notwendigkeit zur
Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, des
wirtschaftlichen Reformprozesses sowie der Entwicklung von Marktwirtschaften und einer umweltverträglichen Politik. Das Wirtschaftsforum der OSZE
ist das entscheidende Instrument zur Einbeziehung
der Mitgliedstaaten in kooperative Bestrebungen, um
dies zu ändern.
Das Zurückgreifen der OSZE auf regionale und
funktionelle Seminare über diese und andere weitreichende Themen, darunter Entwicklung eines neuen
Rüstungskontrollrahmens, werden sie zu einem
wichtigen Akteur in der entstehenden europäischen
Sicherheitsarchitektur machen.
Integration Zentral- und Osteuropas bei gleichzeitiger Entschärfung subregionaler Spannungen
Die Verbreitung von parlamentarischer Demokratie
und Marktreformen in ganz Zentral- und Osteuropa ist
den Fortschritten zu verdanken, die auf dem Weg zu
einem freien und ungeteilten Europa erzielt wurden.

AMERIKA DIENST 25

�Polen, die Tschechische Republik und eine Reihe
anderer Länder haben große Schritte unternommen
und übernehmen erneut ihre Rolle als integraler
Bestandteil Europas.
Unsere Bestrebungen zum Aufbau einer tragfähigen
Sicherheitsarchitektur für Europa können nur Erfolg
haben, wenn die Länder dieser Region selbst
Schritte zur Entschärfung historischer Ressentiments, konkurrierender Ambitionen und - was am
gefährlichsten ist - ungelöster territorialer oder
ethnischer Streitigkeiten unternehmen.
Beim Aufbau der neuen Demokratien in dieser
vielversprechenden Region ist es von Bedeutung,
daß gesunder Nationalstolz sich nicht in engstirnigen
Nationalismus verwandelt, der von Feindschaft
zwischen nationalen Gruppen geschürt wird, die alle
ihre eigene Sichtweise der Geschichte haben. Ein
solcher Weg führt direkt zu der heutigen Tragödie
auf dem Balkan.
Die Möglichkeit einer echten Integration in den
Westen ist für jede neue Demokratie ein starker
Anreiz zur Konsolidierung der Reformen und zur
Entschärfung ungelöster historischer, territorialer und
ethnischer Konflikte.
Ministerpräsident Hörn von Ungarn hat diese Realität
eloquent formuliert:
"Was wollen die EU und die NATO von uns?
Sie sagen entschieden, daß wir unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn regeln müssen.
Einfach ausgedrückt: Weder die EU noch die
NATO sind bereit zur Aufnahme von Staaten,
die Grenzstreitigkeiten, ungelöste Minderheitenprobleme und ähnliches haben."
Zur NATO-Mitgliedschaft hat sich Präsident Clinton
deutlich ausgedrückt:
"Länder mit repressiven politischen Systemen,
Länder mit Ambitionen auf ihre Nachbarstaaten, Länder mit einem nicht ziviler Kontrolle
unterstehenden Militär oder mit geschlossenen Wirtschaftssystemen brauchen nicht um
Aufnahme bitten."
Die Lektionen des Wiederaufbaus und der Erneuerung in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg
sind ebenso eindeutig: Diejenigen, die einer umfassenderen
Sicherheitsgemeinschaft
beitreten
wollen, müssen zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen. Die europäische Stabilität kann nicht ausschließlich auf externe Garantien gegründet sein sie muß von innen aufgebaut werden.

AMERIKA DIENST 25

Das in diesem Frühjahr zwischen Preßburg und
Budapest erzielte Abkommen ist ein Schritt weg vom
Circulus vitiosus der Geschichte und ein Schritt hin zu
einem integrierten Europa. Ähnliche Bestrebungen
zwischen anderen Ländern würden begrüßt. Die
Vereinigten Staaten sind bereit, ihre guten Dienste
als ehrlicher Makler zur Verfügung zu stellen, der sich
der Aussöhnung auf der Grundlage der Respektierung individueller Menschenrechte verpflichtet hat.
Förderung der europäischen Integration
Seit letztem Jahr wurden auf beiden Seiten des
Atlantiks Rufe nach einer Neubelebung der euroatlantischen Partnerschaft durch eine Vielfalt von
Mechanismen laut.
Am 2. Juni bekräftigte Außenminister Christopher in
Madrid die grundlegende Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft und schlug vor, daß wir mit
hochrangigen Vertretern der EU zusammenarbeiten,
um eine gemeinsame transatlantische Tagesordnung
für die kommenden Jahre zu erarbeiten. Er unterstrich insbesondere die Bedeutung der wirtschaftlichen und politischen Dimensionen als Schlüsselelemente unseres umfassenden Konzepts der Sicherheit in Europa und schlug spezifische Schritte in
diesen Bereichen vor.
Im wirtschaftlichen Bereich erklärte er als unser
"langfristiges Ziel die Integration der Volkswirtschaften
Nordamerikas und Europas im Einklang mit den
Prinzipien der Welthandelsorganisation (WTO)". Er
forderte die Amerikaner und Europäer auf, die
unbeendeten Aufgaben der Uruguay-Runde zu einem
Abschluß zu bringen und unterbreitete eine Reihe
kurzfristiger Initiativen zum Abbau von Hindernissen
bei Themen wie Investitionen, Produkterprobung und
Normen, Informationstechnologie und offene Himmel.
Der Außenminister drängte auf engere Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von internationalem
Verbrechen, Terrorismus, Drogenhandel sowie der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren
Trägersystemen. Er forderte auch effektivere Koordination der humanitären und Entwicklungshilfe sowie
die Förderung der Menschenrechte.
Schließlich appellierte er an uns, unsere Zusammenarbeit bei regionalen Themen wie dem Nahen Osten,
dem Mittelmeer, Zentral- und Osteuropa und den
neuen unabhängigen Staaten sowie der Türkei zu
verstärken.
Beim amerikanisch-europäischen Gipfel im Juni
wurde eine Gruppe hochrangiger Vertreter beauftragt,
die Fortschritte der amerikanisch-europäischen
Zusammenarbeit und Diskussionsthemen für den

Seite 5

�nächsten amerikanisch-europäischen
kommenden Herbst zu prüfen.

Gipfel im

In dieser Woche traf Außenminister Christopher mit
seinem spanischen Amtskollegen Solana zusammen,
der zur Zeit die EU-Präsidentschaft innehat, und mit
dem EU-Kommissar Leon Brittan, um unsere Initiativen auf diesen Gebieten zu erörtern. Hochrangige Vertreter der Vereinigten Staaten und der
EU kamen ebenfalls zusammen, um den Prozeß voranzubringen. Wir sind der Auffassung, daß es
Bereiche der praktischen Zusammenarbeit gibt, in
denen die umfassenderen Ziele für die amerikanisch-europäischen Beziehungen erarbeitet werden
könnten.
Regionale Herausforderungen
Die sorgfältige und feste Plazierung dieser Eckpfeiler
wird uns behilflich sein, eine Reihe großer Herausforderungen in Europa anzusprechen:
Bosnien
Bei der internationalen Bosnienkonferenz in London
in der vergangenen Woche einigte sich die internationale Gemeinschaft auf eine tatkräftige Reaktion
auf die Aggression der bosnischen Serben. Das in
London erzielte Abkommen enthielt fünf zentrale
Elemente:
Erstens wurde einstimmig bekräftigt, daß die
UNPROFOR in Bosnien bleiben und ihre Fähigkeit zur Erfüllung ihres Mandats gestärkt werden
muß. Wir sind uns der Unzulänglichkeiten der
UNPROFOR nur allzu gut bewußt. Dennoch
stimmen wir überein, daß die Auflösung der
UNPROFOR angesichts der Aggression der
bosnischen Serben nur zu einer weit größeren
menschlichen Tragödie auf dem Balkan mit
weitreichenden politischen Auswirkungen führen
kann.
Zweitens wird Gorazde verteidigt. Die Führer der
bosnischen Serben sind informiert, daß einem
Angriff auf Gorazde mit substantiellen und entschiedenen Luftangriffen begegnet wird.

der UN, darunter die verbliebenen Schutzzonen.
Wir sind besonders besorgt über die Eskalation
der Angriffe der bosnischen Serben auf Bihac.
Viertens einigten wir uns auf die Notwendigkeit,
die andauernden Bestrebungen zur Bewältigung
der humanitären Krise in Bosnien zu unterstützen
und zu verstärken, die durch die Kämpfe in
Srebrenica, Zepa und Bihac verschärft wurde.
Fünftens bekräftigten wir unsere Überzeugung,
daß der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien nur
durch eine politische Lösung beigelegt werden
kann.
Am Dienstag dieser Woche handelte die NATO, um
in London getroffene bedeutende Entscheidungen
umzusetzen. Nach intensiver Überprüfung durch die
Militärbehörden der NATO verabschiedete der
Nordatlantikrat detaillierte Pläne für NATO-Luftangriffe
zur Abschreckung oder Reaktion auf Angriffe der
bosnischen Serben auf die UNO-Schutzzone Gorazde. Diese Pläne enthalten ein breiteres Spektrum
von Optionen für die Befehlshaber, die zum ersten
Mal die Möglichkeit von NATO-Luftangriffen in einem
großen geographischen Raum gegen eine Vielzahl
von Zielen haben, die eine Bedrohung für die Schutzzone darstellen können.
Ebenso bedeutend ist, daß die Militärbehörden der
NATO angewiesen wurden, auf der Grundlage des
neuen, für Gorazde geltenden Ansatzes Pläne für
den Erhalt anderer Schutzzonen, insbesondere Bihac,
zu formulieren.
Diese Schritte reflektieren die einhellige Befürwortung
einer substantiellen Veränderung des vorher wirksamen "Zweischlüsselabkommens" durch die Bündnismitglieder. Diese neuen Arrangements werden
sicherstellen, daß die Luftstreitkräfte umfassend und
entschlossen eingesetzt werden. Die Abmachungen
stehen im Einklang mit den Anforderungen des
amerikanischen Militärs und genießen seine Unterstützung. Das Bündnis erkennt an, daß Luftangriffe
beträchtliche Risiken beinhalten, läßt sich davon
jedoch nicht abschrecken. Um es mit den Worten
Außenminister Christophers zu formulieren: "Es wird
keine Nadelstiche mehr geben."

Drittens unternehmen wir Schritte zur Stabilisierung der Situation in Sarajevo. Die Bevölkerung
Sarajevos muß ernährt werden. Französische
und britische Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe haben Maßnahmen zur Öffnung und
Sicherung der Routen für humanitäre Hilfslieferungen ergriffen.

Eine weitere Ermutigung für uns ist die Erklärung des
UNO-Generalsekretärs zur Unterstützung der vom
Nordatlantikrat getroffenen Entscheidung sowie seine
Zustimmung zu einer harten und entschiedenen
Reaktion, einschließlich Luftangriffen, auf einen
Angriff Gorazdes durch die bosnischen Serben.

Gleichzeitig einigten wir uns generell auf die
Notwendigkeit zur Erfüllung der anderen Mandate

Insbesondere begrüßen wir die Entscheidung des
Generalsekretärs, die für den Einsatz von Luftstreit-

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AMERIKA DIENST 25

�kräften der NATO erforderlichen Befugnisse seinem
Militärkommandeur vor Ort, General Bernard Janvier,
zu übertragen. Ferner begrüßen wir die vom Sonderbeauftragten des Generalsekretärs, Herrn Yasushi Akashi, getroffene Entscheidung, General Janvier
auch die Vollmacht für Luftunterstützung - den
Einsatz von Luftstreitkräften zur Verteidigung von
UNO-Personal - zu erteilen. Des weiteren wurde
General Janvier ermächtigt, diese zweite Vollmacht
an den Befehlshaber der UNPROFOR weiterzuleiten,
wenn die Umstände es erfordern.
Wir unterstützten auch aktiv die Bosnische Föderation - die im März 1994 nach der Beendigung der
Kämpfe zwischen Kroaten und Bosniaken gebildete
Einheit. Die Föderation ist unerläßlich zur Vermeidung einer Spaltung Bosniens sowie zur Aufrechterhaltung der Hoffnung, daß sich das Land zu
einer multiethnischen Demokratie entwickelt. Darüber hinaus hat sie die humanitären Erfordernisse in
Zentralbosnien stark gemildert, wo der UNHCR im
Jahr nach der Unterzeichnung des Abkommens über

die Föderation mehrere hundert Millionen Dollar
einsparte.
Die Vereinigten Staaten haben große Anstrengungen
zur Unterstützung der Föderation unternommen,
darunter 20 Millionen Dollar an SEED-Geldern (Hilfe
für osteuropäische Demokratien), eine von Robert
Owen vorgeschlagene Maßnahme zur Schlichtung
von Streitigkeiten zwischen Bosniaken und Kroaten,
zwei vom Finanzministerium bereitgestellte Finanzberater sowie einen Militärberater für den Außenminister, der Bosniaken und Kroaten bei ihren
Bestrebungen zur Integration ihrer Streitkräfte hilft,
wie in ihren Abkommen von März 1994 vorgesehen.
Ferner haben wir eine internationale Unterstützungsgruppe - mit dem Namen "Freunde der Föderation" ins Leben gerufen, der Westeuropa und eine Reihe
wichtiger islamischer Länder angehören.
Die Föderation wird einen Abzug der UNPROFOR,
die eine entscheidende Rolle dabei spielte, den
kroatisch/bosniakischen Waffenstillstand in eine
Reihe dauerhafterer föderaler Institutionen umzuwandeln, wahrscheinlich nicht überleben. Obwohl
die Vereinten Nationen sich im Umgang mit offenen
Feindseligkeiten zwischen Serben und Bosniaken
unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenübersahen,
haben sie bei der Durchsetzung des vereinbarten
Friedens zwischen Bosniaken und Kroaten gute
Arbeit geleistet. Sie benötigen nicht mehr so viele
Truppen wie vorher, sondern vielmehr Unterstützung
bei Verwaltungsangelegenheiten. Ein Rückzug der
UNPROFOR vom Gebiet der Föderation würde
jedoch wahrscheinlich zu verstärkten Spannungen
zwischen Bosniaken und Kroaten, einer weiteren
Vertreibung beider Bevölkerungsgruppen aus ihrer

AMERIKA DIENST 25

Heimat und möglicherweise einem humanitären
Desaster größeren Ausmaßes führen.
Angesichts unserer Bestrebungen auf all diesen
Gebieten ist die Administration enttäuscht über die
Annahme der Dole-Lieberman-Gesetzesvorlage durch
den Senat, die eine unilaterale Aufhebung des
Waffenembargos gegen Bosnien und Herzegowina
vorsieht.
Der Präsident wird dem Kongreß gegenüber weiterhin
seine Ablehnung artikulieren und ist bereit, sein Veto
gegen alle ihm vorgelegten Gesetze einzulegen, die
eine unilaterale Aufhebung verlangen.
Unsere Verbündeten in der UNPROFOR erklärten,
unilaterale Aktionen der Vereinigten Staaten zur
Aufhebung des Waffenembargos würden sie zum
Abzug ihrer Soldaten aus der UNPROFOR-Schutztruppe veranlassen, was zu deren Auflösung führt. In
diesem Fall hätten die Vereinigten Staaten als
führende Nation in der NATO die Verpflichtung zur
Unterstützung dieses Abzugs, was Tausende amerikanischer Bodentruppen in Bosnien in eine äußerst
schwierige Mission verwickeln würde.
Von den Vereinigten Staaten die unilaterale Verletzung einer bindenden Resolution des UN-Sicherheitsrates zu verlangen, würde zudem andere Sanktionsregime der UNO unterminieren, die lebenswichtigen amerikanischen Interessen dienen, beispielsweise das gegen den Irak verhängte.
Sicherheitsbeistand für Zentraleuropa
Ein wichtiges neues Merkmal der Haushaltsvorlage
für auswärtige Angelegenheiten des Präsidenten für
das Finanzjahr 1996 ist die beträchtliche Erhöhung
der für die zentraleuropäischen Staaten vorgesehenen Militärhilfe. Diese vorgeschlagene Aufstockung die eine Vielzahl sorgfältig entworfener und sich
gegenseitig verstärkender Programme in mehr als
einem Dutzend Länder enthält - zeigt, welch große
Priorität diese Administration der beschleunigten
Integration Zentraleuropas in die euroatlantischen
Strukturen beimißt.
Bedauerlicherweise würden die vom Repräsentantenhaus angenommenen Vollmachten und Bewilligungen von unseren für Zentraleuropa vorgesehenen Programmen einen großen Tribut fordern.
Beispielsweise stimmte das Haus einem Bewilligungsgesetz zu, das nur ungefähr 87 Millionen Dollar an
weltweiten, frei verfügbaren Darlehen für die Finanzierung des Militärs im Ausland im Haushaltsjahr
1996 vorsieht. Unsere diesbezüglichen Gesuche
allein für Zentraleuropa - einschließlich der Warschau-Initiative des Präsidenten - belaufen sich auf

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�78 Millionen Dollar. Angesichts unserer globalen
Prioritäten ist es völlig unwahrscheinlich, daß wir
unsere vorgesehenen Zentraleuropaprogramme
unversehrt retten können. Ebenso würde die vom
Repräsentantenhaus angenommene Bewilligung für
freiwillige Friedenssicherungsmissionen (68 Millionen
Dollar) wahrscheinlich ein vorgeschlagenes neues
Programm abschaffen, das erweiterte zentraleuropäische Beteiligung an internationalen Friedenssicherungsaktivitäten Seite an Seite mit NATO-Einheiten
ermutigen sollte.
Mit starker Unterstützung der Vereinigten Staaten
bereitet sich die NATO stetig auf ihre Erweiterung
vor. Während dieses Prozesses ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir und unsere Verbündeten über die notwendigen Mittel zur Förderung
der Hauptziele der Vereinigten Staaten und des
Bündnisses verfügen - beispielsweise die Verbesserung der militärischen Kompatibilität Zentraleuropas mit Amerika und der NATO, Erleichterung
umfassenderer militärischer Kooperation durch die
PFF sowie Ermutigung der derzeitigen Reformen der
Rüstungsindustrie. Die von uns vorgeschlagenen
bescheidenen Programme würden diese Ziele direkt
fördern - eine kleine Investition in die Konsolidierung
eines geeinten, stabilen und sicheren Europa.
Trotz dieser gravierenden haushaltspolitischen
Engpässe freue ich mich bekanntgeben zu können,
daß wir der vom Präsidenten eingegangenen Verpflichtung, im Finanzjahr 1995 dem baltischen
Bataillon 10 Millionen Dollar zukommen zu lassen,
nachkommen können.
Bisher haben wir dem
Bataillon Ausrüstung im Wert von 5,9 Millionen
Dollar geschickt. Die verbleibenden 4,1 Millionen
Dollar haben wir für die Friedenssicherung vorgesehen und werden sie bald anweisen um sicherzustellen, daß die notwendige Ausrüstung das
Bataillon rechtzeitig erreicht.
Politische und wirtschaftliche Hilfe
Unsere Bestrebungen zum Aufbau einer funktionierenden europäischen Sicherheitsarchitektur können
nur Erfolg haben, wenn in ganz Zentraleuropa
Demokratie und Marktwirtschaft Fuß fassen. Reformen in dieser Region sind heute für die amerikanischen Interessen von ebensolcher Bedeutung wie
1989 bei der Verabschiedung des SEED-Gesetzes.
SEED-Hilfe ist auch in Zukunft von entscheidender
Bedeutung, wir sehen uns aber mit ernsten finanziellen Engpässen konfrontiert.
Die Vereinigten Staaten sind führend bei der Bereitstellung von Übergangshilfe für die Länder Zentraleuropas - zur Unterstützung ihrer demokratischen
Umgestaltung sowie ihrer Integration in die west-

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lichen Institutionen.
Wenn man Schuldenerlaß,
Nahrungsmittelhilfe, Handels- und Investitionsprogramme (die Entwicklungshilfegesellschaft OPIC, und
die Export-Import Bank, Exlm) mit einrechnet, beläuft
sich die gesamte amerikanische Hilfe für Zentraleuropa seit 1989 auf über 10 Milliarden Dollar.
Unsere Hilfe ist ein äußerst greifbarer Beweis unseres Vertrauens in die stattfindenden historischen
Veränderungen.
Während die Völker und Regierungen Zentraleuropas
die in einer Übergangszeit erforderliche harte Arbeit
leisten, versuchen wir zu helfen, wo wir können - mit
technischer Beratung, Ausbildungs- und Investitionskapital. Nachfolgend einige Beispiele:
Der polnisch-amerikanische Unternehmensfonds
förderte das Wachstum kleiner und mittelständischer Privatbetriebe in Polen durch die Investition
von nahezu 200 Millionen Dollar in 3.000 Betriebe
mit insgesamt 61.000 Beschäftigten. Der Unternehmensfonds rief die erste Hypothekenbank
Polens ins Leben.
Unsere Übergangshilfe für das tschechische
Privatisierungsprogramm führte zu 120 strategischen Auslandsinvestitionen im Wert von über 2
Milliarden Dollar in der Tschechischen Republik.
Das von der US-Regierung finanzierte OravaProjekt in der Slowakei führte in den Grund- und
weiterführenden Schulen der Slowakei neue
Lehrpläne zu pluralistischer Demokratie ein.
In Rumänien wurde die Nationale Vereinigung der
Bürgermeister mit unserer Hilfe in der nationalen
Regierung zu einem effektiven Sprachrohr für
kommunale Belange.
In Bulgarien waren amerikanische Berater in 22
Gemeinden tätig und förderten über ein innovatives Versteigerungssystem die Privatisierung
staatlichen Grundbesitzes und kleiner Unternehmen.
Dies sind nur einige Beispiele für ein sehr großes
Programm. Wir bieten Ausbildungsmöglichkeiten auf
Gebieten wie Veranstaltung von Wahlen, Kommunalverwaltung, demokratische Medien und Rechtsvorgänge, um die Konsolidierung demokratischer Praktiken zu fördern. Unsere technische Hilfe bei der
Reform des Finanzsektors, der Privatisierung staatlicher Unternehmen und der Neufassung von Wirtschaftskodizes trug zur Schaffung des Umfelds für
Wachstum des Privatsektors bei. Unsere Unterstützung auf Gebieten wie Wohnungswesen, Umweltschutz und Gesundheitsfürsorge führte zur

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�Reduzierung eines Teils der sozialen Kosten des
Übergangs.

Region Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen schaffen soll,

Durch den Beistand für diese Länder während ihres
Übergangs vom Kommunismus zur demokratischen
Marktwirtschaft können wir die Stabilität und Sicherheit Europas auf dramatische Weise stärken und
dazu beitragen, daß frühere Gegner zu zukünftigen
Verbündeten und Handelspartnern werden.

amerikanische Geschäftsinteressen in der Region
unterhöhlen, indem unsere Hilfsbestrebungen zur
Reform des Steuersystems, zur Handelsliberalisierung sowie Entwicklung und Privatisierung von
Kapitalmärkten behindert werden.
Südosteuropa

Die Administration hat für das Haushaltsjahr 1996
480 Millionen Dollar für das SEED-Programm zur
Gewährung von Übergangshilfe für Zentraleuropa
und die baltischen Staaten beantragt. Die derzeitigen Bewilligungen des Repräsentantenhauses
belaufen sich auf 325 Millionen Dollar. Eine Kürzung des SEED-Programms in dieser Größenordnung würde
unsere Fähigkeit einschränken, den zentraleuropäischen Ländern bei der Vorbereitung einer
Erweiterung von NATO und Europäischer Union
unter die Arme zu greifen,
unseren politischen Einfluß zu einem für die
politische und wirtschaftliche Entwicklung dieser
wichtigen Region entscheidenden Zeitpunkt
beschränken,
unsere spürbare Unterstützung für die Reformen
in Zentraleuropa verringern,
unsere Fähigkeit zur Reaktion auf die humanitäre
Tragödie in Bosnien einschränken.
Insbesondere würde die vorgeschlagene Reduzierung
unsere Kernprogramme in größeren Ländern wie
Polen, Rumänien und Bulgarien schrumpfen
lassen, da Kürzungen bei kleineren Programmen
nicht zu den erforderlichen Einsparungen führen,
die geplante Ausweitung von Strafverfolgungsprogrammen beschneiden, die sich auf Aufdekkung und Verfolgung von Korruption, Whitecollar-Kriminalität und organisiertem Verbrechen
konzentrieren,
die Förderung unabhängiger Medien beschränken,
den Wiederaufbaufonds für Bosnien abschaffen,
der für Friedensinitiativen von entscheidender
Bedeutung sein könnte,
die Entwicklungsinitiative für den südlichen
Balkan radikal kürzen, die in dieser instabilen

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Die Bedeutung des südlichen Balkans und der Ägäis
für westliche und amerikanische Interessen ist seit
dem Ende des Kalten Krieges stetig gestiegen.
Konflikte oder Instabilität in diesen Regionen können
direkte Auswirkungen auf die Stabilität Zentraleuropas
haben. Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei können die Fähigkeit der NATO schwächen,
eine Grundlage für die Ausweitung europäischer
Institutionen zu schaffen.
Griechenland ist seit 1918 ein Verbündeter der
Vereinigten Staaten, und zwischen unseren beiden
Nationen bestehen enge persönliche und geistige
Bande. Das Ende des Kalten Krieges hat Griechenland in eine schwierige Lage versetzt, da überall an
seinen Grenzen alte ethnische Rivalitäten aufflammten. Griechenland würde zu den ersten gehören, die
unter einer Ausweitung des Konflikts in Bosnien
leiden.
Diese Veränderungen beinhalten jedoch auch Chancen.
Mit seinen altehrwürdigen demokratischen
Traditionen, seiner unternehmerischen Dynamik und
seinen umfassenden internationalen Beziehungen
sollte Griechenland eine Kraft für Frieden, Demokratie
und Wirtschaftsentwicklung in der Region sein. Als
einziges Land in der Region, das sowohl Mitglied der
NATO als auch der Europäischen Union ist, kann
Griechenland bei der politischen und wirtschaftlichen
Entwicklung der benachbarten aufstrebenden Nationen Hilfestellung geben. Ministerpräsident Papandreou hat stets seinem Wunsch Ausdruck verliehen,
eng mit den Vereinigten Staaten an der Förderung
dieser Entwicklung und Einführung von Stabilität und
Wohlstand in der Region zusammenzuarbeiten.
Der Privatsektor Griechenlands ist dynamisch und
erfindungsreich. Er investiert aktiv in Bulgarien,
Rumänien und Albanien und versorgt somit die im
Entwicklungsstadium begriffenen Volkswirtschaften
dieser Nationen mit dem dringend benötigten Kapital.
Griechische Investoren haben Interesse an einer
Zusammenarbeit mit unserem Unternehmensfonds
auf dem Balkan zur Förderung regionaler Wirtschaftsentwicklung bekundet. Sowohl der öffentliche als
auch der Privatsektor Griechenlands möchten gemeinsam mit amerikanischen Unternehmen Joint-

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�ventures in diesen Ländern gründen. Unsere Botschaft in Athen unterstützt aktiv regionale Handelsund Investitionsmöglichkeiten mit griechischen
Partnern in der Region.
Die Auseinandersetzungen Griechenlands mit
einigen seiner Nachbarn behinderten die Fähigkeit
des Landes zur Übernahme einer Führungsrolle auf
dem Balkan. Der Disput Griechenlands mit der
ehemals jugoslawischen Republik Makedonien ist
noch nicht beigelegt. Dies ist eine gefährliche
Situation und beinhaltet das Risiko weiterer Instabilität in der Region. Die Regierung der Vereinigten
Staaten unterstützt durch ihren Sondergesandten
Matthew Nimetz aktiv die Bestrebungen der Vereinten Nationen unter der Führung von Cyrus Vance
zur Aushandlung einer Lösung des Konflikts. Wir
hoffen auf seine baldige Beendigung.
Auch die Türkei ist ein extrem wichtiger Verbündeter.
Das Land steht im Mittelpunkt fast jeder Frage auf
dem eurasischen Kontinent, die für die Vereinigten
Staaten wichtig ist - NATO, der Balkan, Zypern, die
Ägäis, Sanktionen gegen den Irak, der Nahostfriedensprozeß, die Beziehungen Rußlands im
Kaukasus und Zentralasien, Transitstrecken für
kaspisches Erdöl und Gas. In der Türkei streben wir
die weitere Entwicklung eines demokratischen
weltlichen Staates mit einer prosperierenden Wirtschaft, der Unterstützung westlicher Interessen und
hohen Menschenrechtsstandards an.
Unsere
Interessen sind beträchtlich. Die Förderung der
territorialen Integrität der Türkei und die Stärkung
unserer Beziehungen insgesamt erfordern weiteren
Sicherheitsbeistand auf allen Ebenen.
Die Regierung und das Volk der Türkei haben ihr
Engagement für Demokratisierung und Menschenrechtsreformen unter Beweis gestellt. Am 23. Juli
stimmte die Nationalversammlung der Türkei mit
einer überwältigenden Mehrheit von 360 zu 32
Stimmen 17 Zusatzartikeln zur Verfassung zu, um
die türkische Demokratie voranzubringen und die
Beteiligung der Bevölkerung am politischen Leben
zu erweitem. Diese Zusatzartikel schaffen unter
anderem Beschränkungen der politischen Arbeit von
Vereinigungen, Verbänden, Gruppen und Genossenschaften ab, geben Beamten das Recht auf Gewerkschaftsbildung und die Teilnahme an Tarifverhandlungen, senken das Wahlalter von 20 auf 18 und
erhöhen die Zahl der Parlamentsabgeordneten von
450 auf 550.
Präsident Clinton gratulierte Ministerpräsidentin Ciller
schriftlich zu der von ihr bei der Zustimmung zu
diesem Reformpaket übernommenen Führungsrolle.
Soweit ich weiß, rief der französische Präsident
Chirac Frau Ciller an und übermittelte dieselbe

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Botschaft. Dieses Reformpaket ist Teil umfassender
Bestrebungen zur Förderung der Demokratie in der
Türkei und Verbesserung seiner Menschenrechtssituation. Wenn das türkische Parlament nach der
Sommerpause wieder zusammentritt, wird die Regierung sich mit der Möglichkeit einer Modifizierung von
Artikel 8 des Antiterrorgesetzes befassen, das in der
Vergangenheit zur Beschränkung der Meinungsfreiheit eingesetzt wurde. Die Vereinigten Staaten
werden auch weiterhin dieses Streben nach Demokratisierung und Menschenrechtsreformen unterstützen.
Die Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei spiegeln jahrhundertealtes Mißtrauen und
Feindschaft wider. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Beziehungen zu verbessern und das
politische und kulturelle Engagement der Türkei für
den Westen zu stärken. Die Aufhebung des griechischen Vetos und das anschließende Abkommen der
EU vom 6. März über Fortschritte bei einer Zollunion
mit der Türkei werden einen wichtigen Beitrag zur
Erlangung dieser Ziele leisten. Wir streben eine
Fortsetzung dieser Entwicklung an, indem wir die
Türkei ermutigen, sich ernsthaft mit den Belangen
des Europäischen Parlaments zu befassen, insbesondere im Hinblick auf die Menschenrechtssituation in der Türkei, die die Zustimmung des
Parlaments zur Zollunion zu gefährden droht.
Zypern ist der Schlüssel zum langfristigen Abbau der
Spannungen zwischen diesen beiden NATO-Verbündeten. Die Beilegung des seit langer Zeit bestehenden Streits auf der Insel hätte positive Auswirkungen auf unsere strategischen und humanitären
Interessen in Südosteuropa.
Die Spannungen
zwischen unseren beiden wichtigen NATO-Verbündeten - der Türkei und Griechenland - könnten mit der
Beseitigung der Spannungsquelle Zypern beträchtlich
reduziert werden. Wenn sie ihrer unruhigen Vergangenheit resolut den Rücken zukehren, könnten
die beiden zypriotischen Gemeinschaften anfangen,
das volle Potential ihrer Inselheimat zum Tragen zu
bringen und eine Zukunft mit mehr Sicherheit und
Wohlstand zu schaffen.

Aus diesen und anderen Gründen engagiert sich die
Administration für eine Lösung des Zypern-Problems
und beteiligt sich aktiv daran. Unser Ziel ist eine aus
zwei Zonen und zwei Volksgruppen bestehende, fest
in Europa verankerte Föderation. Die Administration
unterstützt entschieden das Engagement der EU zur
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen für Zypern nach
der zwischenstaatlichen Konferenz der EU von 1996.
Dies hat beiden Volksgruppen auf der Insel neue
Anreize gegeben, zur Beilegung ihrer Differenzen
effektiver zusammenzuarbeiten.

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�Als Zeichen unseres Engagements ernannte der
Präsident Richard Beattie im Januar zu seinem
Emissär in Zypern - dem ersten seit 16 Jahren. Im
Mai leitete Herr Beattie die Londoner Sondierungsgespräche zwischen türkischen und griechischzypriotischen Vertretern, um Gemeinsamkeiten für
ernsthafte Gespräche zu finden. In einer weiteren
Bestrebung zur Auslotung aller Möglichkeiten berief
ich vergangene Woche im Außenministerium ein
Treffen zwischen US-Botschaftern und Privatleuten
zur Erörterung der Situation in Zypern ein.
Die Teilnehmer stimmten zu, ein möglicher Beitritt
Zyperns zur Europäischen Union könnte für beide
Seiten einen wichtigen Anreiz zur Erlangung eines
Abkommens bieten. Wir sind hoffnungsvoll und
bleiben in Zypern engagiert.
Irland
Historisch gesehen sind die Kämpfe in Nordirland
ein tragischer Beweis dafür, daß Zentral- und
Südosteuropa nicht als einzige in der Region unter
dem Erbe der Gewalt und des Hasses leiden. Die
Vereinigten Staaten unterstützen aktiv die Suche der
Menschen in Nordirland sowie der britischen und
irischen Regierung nach einer friedlichen Lösung,
und trotz einiger Rückschläge gibt es Grund zur
Hoffnung.
In den vergangenen beiden Wochen haben die
britische und die irische Regierung auf der Grundlage eines gemeinsamen Ansatzes solide Fortschritte
bei der Beseitigung von Hindernissen für die Anberaumung von Allparteiengesprächen in Nordirland
gemacht. Der Nordirlandminister Sir Patrick Mayhew
und der irische Außenminister Dick Spring führten
am 24. Juli intensive Diskussionen und erwägen
verschiedene Vorschläge zur Überwindung der
Pattsituation bei der Entwaffnung, der Aufnahme von
Allparteiengesprächen und Lösung anderer anstehender Fragen. Die Gründung einer internationalen Kommission zur Untersuchung der Entwaffnungsmodalitäten ist eine der vielen Ideen, die derzeit von
den beiden Regierungen geprüft werden. Wir erwarten eine offizielle Bekanntgabe aller Übereinkünfte,
nachdem beide Regierungen ihnen Substanz verliehen haben. Eine solche Ankündigung könnte
beim nächsten, für September anberaumten angloirischen Gipfel der Premierminister Major und
Bruton gemacht werden.
Am 23. Juli gab der Minister Nordirlands für politische Entwicklung, Michael Ancram, bekannt, Sir
Patrick Mayhew und er selbst seien am 18. Juli mit
dem Vorsitzenden der Sinn Fein, Gerry Adams, und
Martin McGuinness in Londonderry zusammengetroffen. Am 27. Juli fand ein Folgetreffen statt. Ferner

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traten seit der Investitionskonferenz des Weißen
Hauses vom Mai Herr Ancram und Herr McGuinness
mehrmals persönlich und telefonisch in Kontakt. Wir
halten diese fortgesetzten Kontakte sowie den
hochrangigen Dialog zwischen britischen Ministem
und der Sinn Fein für ermutigend. Da die Sinn Fein
das Ende der bilateralen "Sondierungsgespräche" mit
der britischen Regierung angekündigt hat, sind
fortgesetzte Kontakte mit der Sinn Fein zur Vermeidung von Mißverständnissen und Fortführung des
Friedensprozesses erforderlich. Bilaterale Treffen
zwischen Vertretern der Protestanten und Herrn
Ancram werden ebenfalls fortgesetzt.
Anfang Juli gab es Unruhen in Nordirland, bei denen
Menschen verletzt, Autos und Busse überfallen und
ausgebrannt wurden. Jetzt ist wieder Ruhe eingekehrt, aber trotz ostentativ friedlicher Proteste bleibt
das Gewaltpotential bestehen. Wir rufen alle Seiten
dazu auf, geplante Proteste oder Märsche erneut zu
überdenken. Wir hoffen, daß alle Proteste oder
Märsche, die stattfinden, sorgfältig überwacht werden,
um ihren friedlichen Verlauf zu gewährleisten.
Die britische Regierung verlegte sechs weitere
republikanische Gefangene aus Großbritannien in
Gefängnisse Nordirlands. Damit beläuft sich die Zahl
der seit dem 28. Juli 1994 nach Nordirland zurückgeschickten Gefangenen auf 21. Fünf der verbleibenden 29 paramilitärischen Gefangenen aus Irland oder
Nordirland in britischen Gefängnissen haben möglicherweise einen Anspruch auf Verlegung nach
Nordirland. Andere könnten in irische Gefängnisse
verlegt werden, wenn die irische Regierung gegen
Ende dieses Jahres die Europäische Konvention über
die Verlegung Verurteilter ratifiziert.
Die Administration wird weiterhin aktiv das Streben
der Menschen in Nordirland sowie der Regierungen
Irlands und Großbritanniens nach Fortschritten beim
Friedensprozeß unterstützen. Wir bleiben mit beiden
Regierungen sowie Vertretern eines breiten politischen Meinungsspektrums in engem Kontakt. Auf
wirtschaftlichem Gebiet arbeitet Senator Mitchell
weiterhin mit vielen Menschen in Nordirland und den
an Nordirland grenzenden Kreisen zusammen, um an
die bei der Konferenz im Weißen Haus erzielten
Fortschritte anzuknüpfen und sie zu konsolidieren.
Die wirtschaftliche Erholung dieser Gebiete hat für die
Administration weiterhin hohe Priorität, damit Arbeitsplätze geschaffen werden, die jungen Menschen
Anspruch auf den mit dem Frieden einhergehenden
Wohlstand geben.
Unser Vertrauen in die Fähigkeit der beiden Regierungen und der Menschen in Nordirland, eine umfassende Lösung und einen dauerhaften Frieden zu
erlangen, zeigt sich am besten in der Ankündigung

Seite 11

�des Präsidenten, Irland und Großbritannien Ende
des Jahres einen Besuch abzustatten. Er möchte
ein friedliches Nordirland besuchen und den Menschen dort, die für die Sache des Friedens eingetreten sind, eine Botschaft der Unterstützung übermitteln.
Schlußbemerkung

Wohlstand und größerer Integration politischer,
wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Institutionen.
Es wird einige Zeit erfordern, bis die Formen und
Muster des neuen Zeitalters ein Gefüge bilden. Es
gibt große Probleme, aber auch große Chancen. Die
Vereinigten Staaten werden sich aus einem einfachen
Grund aktiv beteiligen: unsere Eigeninteressen
erfordern es.

Die Förderung unserer Ziele in den oben genannten
Gebieten bedeutet die Ausweitung von Demokratie,

* * * *

Seite 12

*

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�OSZE
16. August 1995

Vereinbarungen von Helsinki ebneten den Weg
zur Beendigung des Kalten Krieges
Ansprache des Stellvertretenden Außenministers
HELSINKI- (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge der Eröffnungsansprache des Stellvertretenden
Außenministers Strobe Talbott beim Symposium anläßlich des 20. Jahrestages der Unterzeichnung der
Schlußakte von Helsinki am 1. August 1995.

Einige meiner Vorredner haben ausgeführt, daß vor
20 Jahren, als die Staats- und Regierungschefs zur
Unterzeichnung der Schlußakte zusammenkamen,
das Ende des Kalten Krieges kaum vorstellbar
schien. In der Tat war es ein unmöglicher Traum.
Selbst die Optimistischeren unter uns, die vor 20
Jahren nach Helsinki kamen, beschränkten sich auf
die Hoffnung, daß die Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die Entspannung
fördern und einige kleine Erfolge für die Freiheit
erzielen würde. Wir, die internationale Staatengemeinschaft, unterschätzten schlicht und einfach die

Auch hier sollten wir meines Erachtens einräumen,
daß viele von uns noch vor wenigen Jahren unterschätzten, was möglich ist. Um nur einige der
Leistungen zu nennen: Die OSZE-Missionen spielen
bereits eine Schlüsselrolle bei der Förderung der
europäischen Sicherheit durch ihr Eintreten für die
Menschenrechte, Wahlbeobachtung, die Entwicklung
demokratischer Institutionen und Konfliktbewältigungsmechanismen. Die OSZE hat wichtige Erfolge
bei der Bewältigung von Krisen erzielt, die durch
Konflikte zwischen nationalen Regierungen und
ethnischen Minderheiten ausgelöst wurden.

Fähigkeit menschlicher Gesellschaften, ihr Schicksal

selbst in die Hand zu nehmen, und die Macht der
moralischen und politischen Prinzipien, die hier in
Helsinki an jenem sonnigen Tag vor 20 Jahren
formuliert wurden.
Die in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten
Prinzipien der territorialen Integrität und friedlichen
Beilegung von Streitigkeiten erwiesen sich als
revolutionär. Sie ebneten den Weg für die allmähliche, geordnete, demokratische Umgestaltung des
Ostens.
Wie alle internationalen Abkommen war die Schlußakte von Helsinki ein delikat geschmiedeter Kompromiß. Sie verkörperte die unterschiedlichen und
manchmal konkurrierenden Tagesordnungen der 35
Parteien, die an der Formulierung beteiligt waren.
Aber 20 Jahre der Erfahrungen haben unter Beweis
gestellt, daß die in der Schlußakte verankerten Ideen
und Prinzipien zusammengenommen eine kohärente
und überzeugende Grundlage für politische Reformen und regionale Stabilität bilden. Die KSZE
erwies sich als entscheidendes Instrument für die
Beendigung des Kalten Krieges, und die OSZE kann
jetzt das entscheidende Instrument sein, das uns
durch die Zeit nach dem Kalten Krieg führt.

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Die im April gegründete OSZE-Hilfsgruppe für Tschetschenien bietet der russischen Regierung und den
tschetschenischen Vertretern soliden, neutralen
Boden, um in dieser Woche einen Prozeß für die
friedliche Beilegung des Konflikts und die Wiederherstellung der zivilen Autorität zu vereinbaren. Im Mai
brachte eine OSZE-Gruppe die ukrainische Regierung mit Vertretern der russischen Bevölkerung auf
der Krim für eine Reihe äußerst nützlicher, produktiver und vielversprechender Gespräche zusammen.
In der Zwischenzeit setzt die Minsk-Gruppe die Arbeit
an einer friedlichen Lösung des Konflikts in Nagornyj
Karabach fort. Wir hoffen, daß in Kürze Friedenssicherungstruppen In das Krisengebiet entsandt
werden.
Dies alles unterstreicht einen entscheidenden Punkt.
Die Umgestaltung und Befreiung der ehemaligen
Sowjetrepubliken und der Staaten des früheren
Warschauer Pakts vollzog sich im großen und
ganzen friedlich. Und die OSZE hat dazu beigetragen, diesen Prozeß zu bewahren. Die OSZE ist nicht
nur "das Gewissen Europas", sie ist auch das einzige
Sicherheitsgremium, dem praktisch jede Nation in
Nordamerika und Europa angehört. Wie Botschafter
Cuvillier vor einiger Zeit feststellte, ist die OSZE
sowohl europäisch als auch transeuropäisch. Sie ist

Seite 1

�ein einzigartiges Instrument für Konsensbildung auf
dem gesamten Kontinent.
Die uns heute konfrontierende Herausforderung
besteht natürlich darin, diesen Konsens in effektive
Mechanismen umzusetzen.
Wirklich effektive
Mechanismen sind diejenigen, die uns die Verhinderung oder Abschreckung von Konflikten wie dem auf
dem Balkan erlauben. Die Verhinderung eines
zweiten Bosniens ist eine offenkundige Herausforderung bei unserer Tagesordnung, die Präsident
Ford zu Recht als "unbeendet" bezeichnet hat.
Dasselbe gilt für die Herausforderung, die derzeitige
Krise auf dem Balkan zu bewältigen. Diese Herausforderung ist so dringlich, so schwierig und so
erschreckend, daß wir mit dem gesamten uns zur
Verfügung stehenden institutionellen und konzeptionellen Material vorgehen müssen. Aus diesem
Grund befürwortet unsere Administration die Nutzung aller Institutionen oder Arrangements, die sich
den in der Schlußakte von Helsinki verankerten
Prinzipien verschrieben haben. Dazu zählen die
NATO, die Europäische Union, die Partnerschaft für
den Frieden, und dazu zählen neue Ideen, die aus
stolzen Momenten wie diesem geboren werden
könnten. Und natürlich zählt die OSZE selbst dazu.

Da ich bereits einen ehemaligen Präsidenten zitiert
habe, möchte ich auch die Worte des derzeitigen
Präsidenten der Vereinigten Staaten wiederholen.
Beim Gipfeltreffen der Organisation im Dezember
vergangenen Jahres erklärte Präsident Clinton
folgendes: "Jetzt, da Europa die Freiheit gewonnen
hat, kann die OSZE eine bedeutendere Rolle spielen
um zu gewährleisten, daß die Freiheit nie wieder
verloren geht. Die OSZE sollte unsere erste flexible
Verteidigungslinie gegen ethnische und regionale
Konflikte darstellen. Ihre Regeln können vor dem
Streben nach Hegemonie und Einflußsphären schützen. Sie kann den Nationen bei der gemeinsamen
Schaffung von Wohlstand helfen. Und sie kann die
Integration Europas Stück für Stück fördern."
Mit anderen Worten, Präsident Clinton ist der Auffassung, daß unsere Erfahrungen mit der OSZE in
den kommenden 20 Jahren ebenso wie die Erfahrungen mit der KSZE in den vergangenen 20 Jahren
die internationale Staatengemeinschaft bei der Suche
nach einem Gleichgewicht zwischen strategischem
Optimismus und operativem Realismus leiten werden.
Es war dieses Konzept, dieses Gleichgewicht, das
Präsident Ford motivierte, als er vor 20 Jahren
hierher kam. Und es wird Präsident Clinton in der
Zukunft leiten.
Ich danke Ihnen.

*

Seite 2

*

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�KRIEGSVERBRECHEN
16. August 1995

USA übermitteln Kriegsverbrechertribunal
Informationen zu Bosnien
Erklärung von Mike McCurry
WASHINGTON - (AD) - Die durch die Serben verübten Greueltaten dürfen dem Weißen Haus in Washington
zufolge nicht unbestraft bleiben. Daher wird das Weiße Haus dem Kriegsverbrechertribunal der Vereinten
Nationen für das ehemalige Jugoslawien Berichte über "Massenexekutionen, Schläge, Vergewaltigungen und
andere eklatante Verletzungen der Menschenrechte" nahe Srebrenica und Zepa zukommen lassen.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike McCurry, erklärte am 9. August 1995, die dem Abteilungsleiter
für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium, John Shattuck, bei seiner
jüngsten Mission in Bosnien übergebenen Berichte handelten insbesondere von Greueltaten der bosnischen
Serben in den beiden eroberten UNO-Schutzzonen. Tausende von Zivilisten werden McCurry zufolge nach
der Einnahme der ehemaligen Schutzzonen durch die Serben vermißt. Die kroatische Offensive in der Krajina
führte laut McCurry zu einer Flüchtlingskrise riesigen Ausmaßes, da die Serben vor den vorrückenden
kroatischen Truppen flüchten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der von Pressesprecher McCurry abgegebenen Erklärung.

Während seiner Mission in Zentral- und Nordostbosnien vergangene Woche wurden Abteilungsleiter
John Shattuck Beweise für ungeheuerliche Menschenrechtsverletzungen durch bosnisch-serbische
Streitkräfte nach ihrem Angriff auf Srebrenica und
Zepa übergeben. Der Abteilungsleiter hörte von
Augenzeugen Berichte über Massenexekutionen,
Schläge, Vergewaltigungen und andere eklatante
Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts. Der Verbleib Tausender von Zivilisten aus
Srebrenica und Zepa ist unbekannt.

Seit der Rückkehr von Abteilungsleiter Shattuck
haben die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien
zusätzlichen Anlaß zur Sorge bereitet. Zehntausende
von Menschen wurden zum Verlassen ihrer Heimat
gezwungen, als sich die Frontlinien verschoben,
zuletzt in der kroatischen Krajina. Das führte zu einer
Flüchtlingskrise riesigen Ausmaßes. Es ist zwingend
erforderlich, daß alle Parteien die Rechte dieser
Flüchtlinge und Vertriebenen respektieren und diesen
Menschen insbesondere Zugang zu den internationalen Hilfsorganisationen gewähren.

Die Vereinigten Staaten fordern die bosnischen
Serben dazu auf, internationalen humanitären
Organisationen Zugang zu allen noch inhaftierten
Personen zu geben. Die Streitkräfte der bosnischen
Serben müssen auch Aufschluß über den Verbleib
von Menschen aus den beiden Gebieten geben,
deren Schicksal unbekannt ist und dürfen denjenigen, die den Angriff der bosnischen Serben überlebten, keinen Schaden zufügen. Die Vereinigten
Staaten werden ihre Bestrebungen fortsetzen,
Informationen über die Vorgänge am Boden zu
sammeln. Alle Informationen werden dem internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien
übergeben und dienen der strafrechtlichen Verfolgung derjenigen, die Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Völkermords
schuldig sind.

Die Vereinigten Staaten haben alle Parteien im
ehemaligen Jugoslawien zur Zurückhaltung und vor
allem zur Achtung der Menschenrechte und des
Völkerrechts aufgerufen und werden das auch
weiterhin tun. Die Vereinigten Staaten teilen allen
relevanten Parteien diese Besorgnis mit. Auf Drängen der Vereinigten Staaten wird der UNO-Sicherheitsrat wahrscheinlich Resolutionen über die Verurteilung von Verbrechen auf beiden Seiten annehmen, insbesondere über die von den bosnischen
Serben gegen die Flüchtlinge aus Srebrenica und
Zepa begangenen Greueltaten. Ferner soll der
Sicherheitsrat die Parteien dazu aufrufen, ihre Verpflichtungen gegenüber der Zivilbevölkerung zu
erfüllen.

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�FRAUEN
16. August 1995

Unterstützung der Pekinger Frauenkonferenz
Rede von UNO-Botschafterin Albright
WASHINGTON - (AD) - Botschafterin Madeleine Albright, die Ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten bei
den Vereinten Nationen, bekräftigte in einer am 2. August 1995 im Center for National Policy der
Bundeshauptstadt Washington gehaltenen Rede das Engagement der Clinton-Administration für die in Peking
anberaumte Weltfrauenkonferenz. "Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die Vereinigten Staaten dort
vertreten sein werden", erklärte sie.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafterin Albright gehaltene Rede im Wortlaut.

Guten Morgen. Ich freue mich, hier zu sein. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber meines Erachtens ist das Center for National Policy eine
großartige Organisation, und ich begrüße ihre
Bereitschaft zur Unterstützung dieses aktuellen
Ereignisses.
In 33 Tagen beginnt in China die vierte Weltfrauenkonferenz, und es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die Vereinigten Staaten dort vertreten sein
werden.
Wir werden an der Konferenz teilnehmen, weil sie
eine seltene Gelegenheit bietet, weitere Fortschritte
in bezug auf den Status und die Rechte von mehr
als der Hälfte auf unserer Erde lebenden Menschen
zu machen.
Als Leiterin der amerikanischen Delegation bin ich
zuversichtlich, daß die Ziele der Vereinigten Staaten
starke Unterstützung finden werden. Diese Ziele
umfassen:
Förderung und Schutz von Menschenrechten der
Frau und Einstellung der Gewalt gegen Frauen,
Erweiterung der Beteiligung von Frauen an
politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen,

Anerkennung der zunehmenden Rolle nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) beim Aufbau starker
Gemeinden - auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
Die Pekinger Konferenz ist die vierte ihrer Art in einer
vor 20 Jahren in Mexico City begonnenen Serie.
Diese Zusammenkünfte haben rechtliche, soziale und
politische Reformen angekurbelt, die das Leben von
Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt verbesserten. Jetzt besteht unser Ziel darin, auf vergangenen Errungenschaften aufzubauen und die Beseitigung der verbliebenen Hindernisse für die umfassende und gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an
der Gesellschaft zu beschleunigen.
Als Angehörige einer Familie, die während meiner
Kindheit zweimal aus ihrer Heimat vertreiben wurde erst von Hitler, dann von Stalin - halte ich es für die
Pflicht eines jeden freien Menschen, alles in seiner
Macht Stehende zu unternehmen, um die Freiheit
anderer zu fördern. Und ich beabsichtige sicherzustellen, daß die amerikanische Delegation bei der
Frauenkonferenz als unerschrockener Verfechter von
Freiheit und Menschenrechten agiert.

Gewährleistung des gleichberechtigten Zugangs
von Frauen zu Bildung, Ausbildung und Gesundheitsfürsorge während ihres ganzen Lebens,

Bedauerlicherweise werden heute in Ländern auf der
ganzen Welt entsetzliche Verbrechen an Frauen
begangen. Dazu zählen erzwungene Abtreibungen
und Sterilisationen, Verkauf von Kindern zur Prostitution, rituelle Verstümmelungen, Mitgiftmorde und
Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber Gewaltanwendung.

Stärkung der Familie durch Bestrebungen, die
beruflichen und familiären Pflichten von Frauen
und Männern ins Gleichgewicht zu bringen und

Die Clinton-Administration wird die Pekinger Konferenz nutzen um zu betonen, daß Gewalt gegen
Frauen niemandes Vorrecht ist. Sie ist keine kulturel-

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�le Wahlmöglichkeit, keine unausweichliche Konsequenz der Biologie, sondern ein Verbrechen,
dessen Verurteilung, Verhinderung, Bestrafung und
Beendigung unser aller Pflicht ist.
Von manchen wird die Ansicht vertreten, wir sollten
aufgrund der Menschenrechtspolitik des Gastlandes
nicht an der Frauenkonferenz teilnehmen. Diese
Vorschläge gehen von den richtigen Motiven aus,
verfehlen aber das eigentliche Ziel. Ein amerikanischer Rücktritt von der Teilnahme würde die Konferenz nicht verhindern oder ihren Veranstaltungsort
verlegen. Die Konsequenz wäre vielmehr eine
Konferenz, bei der 130 Millionen amerikanischer
Frauen nicht vertreten sind und Einfluß und Führungsrolle der Vereinigten Staaten nicht zum Tragen
kämen.
Es ist einfach nicht sinnvoll, im Namen der Menschenrechte eine Konferenz zu boykottieren, deren
Hauptziel die Förderung von Menschenrechten ist.
Man kann den Frauen in China und andernorts nicht
helfen, indem man anderen das Feld überläßt.
Vielmehr müssen wir an dieser Konferenz teilnehmen, die bestehenden philosophischen und ideologischen Meinungsunterschiede von Angesicht zu
Angesicht debattieren, der Welt den Mißbrauch und
die Hemmnisse des Fortschritts vor Augen führen,
die wir beseitigen wollen, und den Gesellschaften
Verpflichtungen zum Wandel abringen, die ihn am
meisten benötigen. Darum geht es bei der Übernahme einer Führungsrolle und dem Engagement für
freie und offene Diskussionen.
Im Hinblick auf Harry Wu ist unsere Position klar. Er
sollte unverzüglich und unversehrt freigelassen
werden. Sein Fall hat für die Vereinigten Staaten
oberste Priorität. Ich kann verstehen, daß manche
unsere Teilnahme an der Konferenz von der Freilassung Herrn Wus abhängig machen möchten. Sie
gehen dabei jedoch von der fälschlichen Annahme
aus, unsere Teilnahme stelle Peking gegenüber
einen Gefallen dar. Wir haben keinen Grund zu der
Annahme, daß unsere Einstellung zu der Konferenz
irgendwelchen Einfluß auf die chinesischen Entscheidungen über Herrn Wu hat.
Wir haben jedoch Grund zur Hoffnung, daß die
Konferenz positive Auswirkungen auf den Status der
Frauen in China haben wird.
Die Vorbereitungen für die Konferenz haben in
China bereits zu einem verschärften Bewußtsein für
Frauenfragen beigetragen. Ehemalige Tabuthemen,
darunter Gewalt gegen Frauen, werden jetzt in der
Öffentlichkeit diskutiert. Die von den Vorbereitungssitzungen zurückkehrenden Chinesen sprachen von

Seite 2

einem erhöhten Feingefühl für die Behandlung von
Frauen in den Medien und die wirtschaftliche Ausbeutung von Frauen. Es ist von großer Bedeutung,
daß über 5.000 Chinesinnen an dem NGO-Forum
teilnehmen und ihre Eindrücke mit nach Hause
nehmen werden.
Angesichts der Menschenrechtsbilanz Chinas möchte
ich die Auswirkungen dieser Konferenz nicht überbewerten. Aber als ehemaliges Mitglied der Nationalen
Stiftung für Demokratie weiß ich, daß einer der
besten Wege zur Förderung demokratischen Denkens darin besteht, die Menschen mit neuen Ideen zu
Themen zu konfrontieren, die in direktem Zusammenhang mit ihrem eigenen Leben stehen.
Die Konfrontation mit solchen Themen ist für uns
nicht nur in China, sondern weltweit von Bedeutung,
weil Länder, in denen die Frauen einen gerechten
Anteil an der Macht haben, im allgemeinen stabiler,
demokratischer, wohlhabender und gerechter sind als
diejenigen, in denen Frauen an den Rand gedrängt
und unterdrückt werden.
Die Frauenkonferenz wird zu einer freieren und
gerechteren Welt beitragen. Wenn ihre Empfehlungen umgesetzt werden, wird sie auch Familien auf
der ganzen Welt stärken. Wir wissen aus eigener
Erfahrung, daß sozial konstruktive Werte gelehrt und
ein für bürgerliche Gesellschaften und Rechtsstaatlichkeit gedeihliches Umfeld geschaffen wird, wenn
Familien stark und die Kinder versorgt sind.
Daher wollen wir der Idee Dynamik verleihen, daß
Frauen und Männer die Verantwortung des Familienlebens gleichermaßen teilen sollten, wir wollen, daß
Mädchen ebenso geachtet werden wie Jungen, wir
wollen, daß Eltern und zukünftige Eltern informierte
Entscheidungen über ihre Familienplanung treffen
können, und wir wollen, daß häusliche Gewalt
eingeschränkt und verurteilt wird.
Jedes dieser Themen ist ein zentrales Element des
Entwurfs einer Aktionsplattform der Konferenz. Und
mit effektivem Handeln zu jedem Themenkomplex
werden wir Familien und Gemeinden weltweit helfen.
Trotz jüngster Errungenschaften sind Frauen nach
wie vor eine unterbewertete und unterentwickelte
menschliche Ressource. Das soll nicht heißen, daß
Frauen Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden. In
vielen Gesellschaften - insbesondere in ländlichen,
vornehmlich landwirtschaftlichen Gebieten - verrichten
sie den Großteil der Arbeit, aber sie besitzen das
Land nicht, sie sind Analphabeten, sie können keine
persönlichen oder Geschäftskredite aufnehmen, und
der Zugang zum politischen Entscheidungsfindungsprozeß wird ihnen verweigert.

AMERIKA DIENST 25

�Es ist kein Zufall, daß die meisten erbärmlich armen
Menschen Frauen sind, die häufig die Kinder ohne
Hilfe des Kindesvaters versorgen müssen. Viele von
ihnen sind seit frühestem Alter in einem Teufelskreis
des Mißbrauchs, der Diskriminierung, der Ignoranz
und Machtlosigkeit gefangen, dem nur wenige
entrinnen können.
Wir dürfen nicht indifferent sein. Berichten zufolge
werden in Angola ein Drittel aller Morde an Frauen
verübt, für gewöhnlich durch ihren Ehemann.
In Thailand nimmt die Kinderprostitution zu, weil die
Kunden glauben, ältere Prostituierte seien eher HIVinfiziert.
Im Senegal erhalten Mädchen weniger als ein Drittel
der Schulbildung für Jungen.

Frauen aus allen Ländern ihr Schicksal selbst in die
Hand nehmen können, sondern, wann und wie.
Am Aufbau integrierender Gesellschaften wird jedoch
immer noch gearbeitet. Die Vereinigten Staaten
arbeiten seit zwei Jahrhunderten daran. Mehr als die
Hälfte der Geschichte unserer Nation - bis vor 75
Jahren in diesem Monat - konnten amerikanische
Frauen nicht einmal wählen. Viele traditionelle oder
autoritäre Gesellschaften müssen noch einen langen
Weg zurücklegen. Die vierte Frauenkonferenz wird
Richtlinien bieten und Verpflichtungen für jeden Staat
fördern, unabhängig von den derzeitigen Praktiken
und Maßnahmen Fortschritte zu machen.
Bei der Vorbereitung dieser Konferenz wurde ich an
ein altes chinesisches Gedicht erinnert, in dem ein
Vater zu seiner jungen Tochter sagt:

In Sierra Leone versorgen die Frauen die Subsistenzlandwirtschaft und die Kinder praktisch völlig
allein und haben wenig Chancen für Ausbildung.

Wir haben einen Hund, um das Haus zu
bewachen,
auch ein Schwein ist nützlich,
wir haben eine Katze, um Mäuse zu fangen,
aber was können wir
mit einem Mädchen wie Dir anfangen?

Und fast überall auf der Welt werden Frauen durch
diskriminierende Verhaltensweisen sowie ungerechte
soziale und wirtschaftliche Strukturen eingeschränkt.
Die Frauenkonferenz wird diese Probleme nicht über
Nacht lösen, aber sie wird die Aufmerksamkeit
darauf lenken und Hilfsmaßnahmen fördern. Frauen
auf der ganzen Welt sind bereit, vollwertige Partner
bei nachhaltiger Entwicklung zu sein, aber sie
benötigen uneingeschränkten Zugang zu Bildung
und Gesundheitsfürsorge, sie benötigen Zugang zu
Krediten und sie benötigen Gleichheit vor dem
Gesetz. Die Freisetzung der produktiven Kapazität
von Frauen ist ein Schlüssel, den Zyklus der Armut
zu durchbrechen, und das wird wiederum zu einem
höheren Lebensstandard für alle Nationen beitragen.
Seit der ersten Frauenkonferenz vor 20 Jahren
haben sich die Chancen für Frauen auf der ganzen
Welt verbessert. Es ist nicht länger eine Frage, ob

*

AMERIKA DIENST 25

*

Für mich wird die Frauenkonferenz ein Erfolg sein,
wenn sie uns nur dem Tag ein wenig näher bringt, an
dem die Mädchen auf der ganzen Welt mit Vertrauen
in die Zukunft blicken können, daß ihr Leben geschätzt, ihre Individualität respektiert, ihre Rechte
geschützt und ihre Zukunft von ihren eigenen Fähigkeiten und ihrem Charakter bestimmt wird.
In einer solchen Welt wird unser aller Leben - Männer
und Frauen, Jungen und Mädchen - bereichert.
Und die Vereinigten Staaten werden sich aktiv,
entschieden und stolz in Peking beteiligen, um
Fortschritte zu einer solchen Welt zu erzielen.
Ich danke Ihnen. Ich werde jetzt gerne Ihre Fragen
beantworten.

*

*

Seite 3

�MEDIEN
16. August 1995

Journalistische Freiheit und Menschenrechte
Prinzipien demokratischer Gesellschaften
PRAG - (AD) - Dem Thema "journalistische Freiheit und Menschenrechte" kommt vor dem Hintergrund der
jüngsten Entwicklungen in Europa - den aufstrebenden neuen Demokratien, in denen ein Mediensystem
eingeführt sowie die Rolle des Journalismus und der Eigenidentität definiert wird, und in westlichen Ländern,
die sich mit einer Reihe potentiell explosiver Probleme konfrontiert sehen, darunter die Medienkonzentration,
Verlust der Glaubwürdigkeit vieler Medien sowie die Notwendigkeit der Erweiterung journalistischer Rechte besondere Bedeutung zu. Der von einer österreichischen Delegation bei der 4. Europäischen Ministerkonferenz über Massenmedienpolitik vom 7. - 8. Dezember 1994 in Prag verfaßte Bericht erörtert einige
grundlegende journalistische Rechte, die als Ventil für ein gewisses Maß an Freiheit in den Medien und unter
Journalisten wirken.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von OSCE Bulletin, Winter 1994/1995.

Prinzipien
Rede- und Informationsfreiheit zählen zu den Grundlagen eines demokratischen Systems und wurden
ohne Ausnahme in allen seit dem Zweiten Weltkrieg
veröffentlichten Menschenrechtsdokumenten bekräftigt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
der Vereinten Nationen von 1948 legte beispielsweise das Recht des einzelnen auf Redefreiheit
nieder. Artikel 10 der Europäischen Konvention über
Menschenrechte von 1950 garantiert Rede- und
Informationsfreiheit ohne Einmischung öffentlicher
Behörden und unabhängig von nationalen Grenzen.
Eines der allgemein anerkannten Prinzipien aller
demokratischen Staaten ist, daß staatliche Einflußnahme in Form von Zensur, Vorzensur, obligatorischer Lizensierung der Printmedien, Importbeschränkungen für Medienprodukte aus dem Ausland
oder administrative postalische Verbote als gravierende Verletzungen des Rechts auf Rede- und
Informationsfreiheit angesehen werden. Staatliche
Einflußnahme dieser Art auf das Mediensystem wirft
den Schatten eines Zweifels auf die Verpflichtung
des Staates zu Demokratie an sich und ist daher in
den meisten europäischen Staaten durch Gesetze
mit verfassungsmäßigem Status - das heißt beständigen Rechtsvorschriften - verboten.
Redefreiheit findet nicht nur auf Informationen und
Ideen Anwendung, die positiv aufgenommen und als
nicht offensiv oder bedeutungslos angesehen

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werden, sondern auch auf diejenigen, die verletzend,
schockierend oder störend wirken. Mit anderen
Worten, sie schützt auch äußerst persönliche, sogar
unausgewogene und subjektive Meinungen. Das
grundlegende Recht der Rede- und Informationsfreiheit findet im Prinzip auf jeden Anwendung, es ist
kein bestimmten Personen oder besonderen Gruppen
eingeräumtes Recht. Gleichzeitig beinhaltet das
Recht auf Rede- und Informationsfreiheit das Recht
auf Information und das Recht der Öffentlichkeit auf
angemessene Information.
Im Fallrecht des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte hat sich die Interpretation der
Presse- und Medienfreiheit eindeutig von dem
klassischen Recht des einzelnen zu einem funktionierenden demokratischen Recht entwickelt. Dieser
Änderung liegt die Sichtweise zugrunde, daß die
Massenmedien, die zur öffentlichen Diskussion
beitragen, die öffentliche Meinung fördern und eine
Öffentlichkeit schaffen - all dies zentrale Aufgaben
demokratischer Gesellschaften - auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben.
Grundlegende Wirtschaftsbedingungen
Abgesehen von der Ausübung und Erfüllung öffentlicher Pflichten, die ihnen in einem demokratischen
System obliegen, sind die Massenmedien auch
Unternehmen.
Als Werbeträger stellen sie die
entscheidende Infrastrukturfür die Marktwirtschaft zur
Verfügung, und im Falle der meisten Zeitungen und

Seite 1

�privaten Rundfunk- und Fernsehanstalten greifen sie
auf die Einnahmen aus Anzeigen und Werbung als
Betriebsgrundlage zurück.
Massenmedien sind
daher gleichzeitig Verteiler und Halter wirtschaftlicher
und politischer Macht und unterliegen den Regeln
eines Marktes, auf dem Nachrichten und Unterhaltung einen gewissen Marktwert haben und die
Medienberichterstattung über Personen oder Produkte eine verkäufliche Ware geworden ist.

Hierarchie des Unternehmens definiert wird, sowie
den einzelnen Journalisten und ihrem beruflichen
Engagement. Je autonomer Journalismus im allgemeinen ist und je mehr Spielraum den Journalisten
bei ihren Aktionen eingeräumt wird, desto besser wird
der Journalismus qualitativ hochwertige Berichterstattung über eine Vielzahl von Themen und
Meinungen in einem bestimmten öffentlichen Medium
bereitstellen.

Die Freiheit der Medien nur im liberalen Sinne der
Freiheit von staatlicher Kontrolle zu sehen, ist unzureichend angesichts der Tatsache, daß häufig nicht
der Staat, sondern der Markt selbst der Hauptmechanismus sozialer Regelung ist. Unter Berücksichtigung dieser Realität appellierte die Erklärung über
Rede- und Informationsfreiheit von 1982 an die
politische Gemeinde, so weit wie möglich eine
Vielfalt von Medien und die Pluralität von Informationsquellen zu fördern.

Das Rechtssystem eines Landes kann uneingeschränkte journalistische Verantwortung nicht aufoktroyieren oder garantieren. Es kann dies umso
weniger, als Verantwortung ein gewisses Maß an
Freiheit impliziert und weder die Objektivität der
Berichterstattung vom Staat definiert noch ihr Wahrheitsgehalt durch eine von der Regierung sanktionierte Version der Wahrheit ersetzt werden darf.
Staatliche Vorschriften für die Medien und andere
Bereiche bestimmen jedoch die rechtliche Verantwortung der Medien, die mit dem Sammeln und
Verbreiten von Informationen in Konflikt mit Objekten
öffentlichen und privaten Rechtsschutzes kommen
können. Sie schaffen einen Rahmen, in dem sich die
Verantwortung des Journalisten entfaltet, und sie
können bestimmte strukturelle Richtlinien für journalistische Verantwortung enthalten.

Journalismus und seine Rolle
Die beruflichen Aktivitäten von in Medienunternehmen tätigen Herausgebern, Redakteuren und Journalisten verschaffen ihnen in vielen Ländern eine
bestimmte rechtliche Präferenzstellung und Schutzgarantien. Diese Rechte sollen nicht ihre eigenen
Kommunikationsinteressen befriedigen, sondern
bestimmten sozialen Aufgaben dienen. Es ist diese
besondere Rolle von Massenmedien und Journalisten in der Gemeinde, die ihnen in vielen Ländern
mehr Rechte einräumt als anderen Bürgern, wenn
es darum geht, Regierungsinformationen zu beschaffen und zu verbreiten.

Es reicht nicht aus, in allen Staaten allgemeine
Prinzipien festzulegen, selbst wenn sie verfassungsmäßige Gesetze haben. Wichtiger ist das Vorhandensein einer Reihe von Grundbedingungen, die den
Medien zunächst einmal die Nutzung ihrer Informationsfreiheit gestatten.
Zugang zu Informationen

Dennoch lehnen viele Länder die Einführung einer
solchen rechtlichen Präferenzstellung und von
Schutzgarantien ab. Selbst Journalisten, Herausgeber und Redakteure sind nicht immer positiv gegenüber Sonderregelungen dieser Art eingestellt, teils
aus ideologischen Gründen und teils aufgrund
unterschiedlicher Traditionen und Geschichte.
Manche fürchten, die Einführung von Regeln für
"Privilegien" könnte auch zu solchen für "Pflichten"
führen - und so die Möglichkeiten der Medien zur
Ausübung ihrer Arbeit aufgrund staatlicher oder
sogar rechtlicher Einmischung verschlechtern.
Es liegt auf der Hand, daß viele unterschiedliche
Parteien die Verantwortung für das Funktionieren
des Mediensystems teilen: Der Staat, der die
rechtliche Grundlage für die Medienarbeit geschaffen
hat; die Medieneigentümer, die die Medien betreiben
und die wirtschaftliche Verantwortung für sie tragen;
die Beschäftigten der Medienunternehmen, deren
Aufgaben durch ihren Kompetenzbereich bestimmt
werden, der wiederum relativ präzise anhand der

Seite 2

Ungehinderter Zugang zu Informationen ist entscheidend, wenn die Berichterstattung mehr als eine bloße
Reproduktion oder leichte Revision vorbereiteter
Pressetexte sein und auf Fakten und nicht nur
Gerüchte oder Halbwahrheiten gründen soll. Dies gilt
ebenso für Informationen von Regierungsvertretern
wie aus anderen Gesellschaftsbereichen. Obwohl die
einzelnen nationalen Bestimmungen auf diesem
Gebiet ein breites Spektrum abdecken, folgen sie im
großen und ganzen zwei Grundmodellen:
1. Kein generelles Recht auf Zugang zu Informationen. Praktisch alle Informationen der Regierung,
Verwaltungsbehörden, Gerichte oder Parlamente
sind vertraulich und werden Privatpersonen und
Journalisten vorenthalten.
2. Geregelter Zugang zu Informationen. Alle Bürger,
einschließlich der Journalisten, haben das Recht
zur Beschaffung von Informationen von den
Behörden, ausgenommen, sie werden aus be-

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�stimmten gesetzlichen vorgeschriebenen Gründen als vertraulich erachtet. Andere Bestimmungen sehen explizite Einschränkungen vor, wenn
beispielsweise die Freigabe die Integrität der
Währung, die nationale Sicherheit oder den
Schutz der Informationen von Privatparteien
gefährden würde, die der Regierung vertraulich
übermittelt wurden.
Die beiden Modelle scheinen sich grundlegend zu
widersprechen. Beim ersten Modell ist es der Druck
zur Freigabe vertraulicher Informationen, der dazu
führte, daß die Journalisten sie erhielten. Beim
zweiten Modell können Journalisten sich auf ihr
Recht auf Information berufen, um sie zu erhalten.
Der qualitative Unterschied entsteht, wenn das Recht
auf Information in einem offiziellen Verfahren gewährt werden kann, das mit der Entscheidung einer
unabhängigen (gerichtsähnlichen) Behörde endet.
Schutz der Vertraulichkeit journalistischer Informationsquellen
Vertraulichkeit der Informationsquellen schützt die
Vertraulichkeit der Informanten, Informationsquellen
und Materialien, einschließlich der Unterlagen und
des fotografischen Materials des Journalisten, und
leitet sich aus der spezifischen Funktion der Massenmedien in demokratischen Gesellschaften ab.
Vertraulichkeit der Quellen wird vom Gesetz durch
das Recht auf Weigerung zur Anhörung bei Verfahren vor einem Gericht oder einem Regierungsvertreter ohne Angst vor einem Nachteil geschützt. Das
Recht auf Aussageverweigerung muß allen im
journalistischen Bereich Tätigen gewährt werden,
das heißt, Eigentümern/Herausgebern, Redakteuren,
allen bei den Medien Beschäftigten und allen anderen, die für ein Medienunternehmen arbeiten. Der
Grund, warum die Gruppe privilegierter Personen so
groß ist, liegt darin, daß nicht nur Beschäftigte und
freiberufliche Journalisten in vertrauliche Informationen oder Dokumente eingeweiht werden können,
sondern auch alle anderen, die mit der Herstellung
gedruckter Arbeiten oder anderer Medienprodukte
befaßt sind.
Um eine Umgehung des Schutzes der Vertraulichkeit
von Informationsquellen zu verhindern, verbieten
viele Mediengesetze auch die Konfiszierung von
redaktionellem Material, die Durchsuchung von
Redaktionsbüros und der Wohnung des Journalisten
sowie Durchsuchung der Person mit dem Zweck, der
Vertraulichkeit der Quelle unterliegende Informationen zu beschaffen.
In vielen Ländern dürfen diejenigen, denen das
Recht auf Aussageverweigerung zusteht, auch die

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Beantwortung von Fragen über die Identität des Verfassers, Beitragenden oder die Quelle von Beiträgen
und Material verweigern. Das Privileg der Verweigerung der Beantwortung von Fragen erstreckt sich
auch auf den Inhalt der einem Journalisten übermittelten Informationen zum Zwecke seiner journalistischen Aktivitäten. Wenn ein Journalist selbst an
einer Straftat beteiligt war und ihm deswegen der
Prozeß gemacht wird, darf er nicht die Vertraulichkeit
der Quellen in Anspruch nehmen. Wie alle einer
Straftat Beschuldigten kann er sich jedoch weigern,
eine Aussage zu machen oder bestimmte Fragen zu
beantworten.
Beziehungen zwischen Beschäftigten bei Massenmedien
In wie Privatunternehmen strukturierten Medienunternehmen bestimmen der Eigentümer oder das von ihm
eingesetzte Management die Geschäftsziele des
Unternehmens und die grundlegende redaktionelle
Politik des Blattes oder Programms zu politischen
oder philosophischen Themen. Der Medieneigentümer ist daher berechtigt, Journalisten auszuwählen,
die ein Blatt oder Programm im Einklang mit seinen
eigenen Ideen erstellen oder auf die Realisierung der
von ihm festgesetzten journalistischen und unternehmerischen Ziele hinarbeiten. Bei den Printmedien
wäre die Verpflichtung zur Aufrechterhaltung eines
Gleichgewichts oder der Objektivität - im Augenblick ebenso schwer mit dieser Freiheit in Einklang zu
bringen, als wenn jemand von außerhalb der Medien
ihre inhaltliche Politik diktieren würde. Das Thema
Ausgewogenheit und Objektivität ist anders gelagert,
wenn ein Mangel an externer Pluralität besteht
entweder aufgrund eines Monopols oder begrenzter
Frequenzen, das heißt, auf einem kleinen Markt oder
angesichts einer hohen Medienkonzentration.
Es gibt objektive Begrenzungen der Befugnis des
Eigentümers zum Erteilen von Instruktionen in Fällen,
die die individuelle berufliche Verantwortung des
Journalisten, seine berufliche Qualifikation und
geistige Leistung betreffen. Konflikte können beispielsweise entstehen, wenn Beschäftigte in Medienunternehmen gebeten werden, Artikel oder Kommentare entgegen ihrer persönlichen Überzeugung zu
grundlegenden Themen oder entgegen der journalistischen Berufsprinzipien zu verfassen.
Da die wirtschaftliche Abhängigkeit von Journalisten
sie bei Auseinandersetzungen mit Eigentümern/Herausgebern in eine schwächere Position versetzt,
treffen viele Länder besondere Vorkehrungen zum
Schutz der Interessen von Journalisten. Ferner gibt
es Beispiele für Bestimmungen zur Lösung von
Gewissenskonflikten und Streitigkeiten, die aus
Veränderungen der politischen Linie einer Publikation

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�resultieren (beispielsweise als Ergebnis eines Besitzerwechsels):
Gewissensklausel/Schutz persönlicher Überzeugungen. Bei Entscheidungen über den Inhalt
seiner Arbeit ist jeder Journalist an die Weisungen seines Vorgesetzten gebunden. Unter der
Gewissensklausel kann sich jeder Mitarbeiter der
Medien weigern, an Artikeln oder Präsentationen
mitzuwirken, die im Widerspruch zu den Grundsätzen des journalistischen Berufs oder seinen
persönlichen Überzeugungen stehen, ohne Angst
vor Entlassung oder möglichen rechtlichen Nachteilen haben zu müssen.
Schutz geistigen Eigentums. Der Schutz der
Arbeit einzelner Journalisten sieht auch den
Schutz von mit dem Namen des Autors versehenen Artikeln vor. Dieser Sicherheitsklausel zufolge darf jeder mit dem Namen oder Pseudonym
des Autors versehene Artikel nur in einer vom
Autor genehmigten Form veröffentlicht werden.
Wird der Sinn eines Artikels geändert, muß vor
der Veröffentlichung eine Genehmigung angefordert werden oder der Name des Autors muß
wegfallen.
Grenzüberschreitende journalistische Aktivitäten
Redefreiheit kennt keine Landesgrenzen. Daher
müssen angemessene Vorkehrungen getroffen
werden, um Zugang zu Informationen aus dem
Ausland, offene Grenzen für ausländische Journalisten, Freiheit ausländischer Journalisten sowie ihre
ungehinderte Bewegungsfreiheit im Land und die
Sicherheit ihrer Person zu gewährleisten.
Es fällt in den Verantwortungsbereich der Bundesstaaten, die sozialen Rechte von Journalisten in
Krisenregionen zu schützen. Zeitungen, Rundfunksender und Nachrichtenagenturen geben diesen
Journalisten in zunehmendem Maße Aufgaben auf
dem Gebiet der Recherche mit hohen Ausgleichszahlungen für Risiken, jedoch auf freiberuflicher
Basis. Ein "Beschäftigungsabkommen" dieser Art
hat einen praktischen Nachteil für freie Journalisten
bei ihrer täglichen Arbeit, da sie bei ihren Auseinandersetzungen mit den oft nicht sehr wohlwollenden Behörden nicht länger auf die Unterstützung
eines anerkannten und einflußreichen Mediums
zurückgreifen können. Da das Recht auf Redefreiheit und die persönliche Freiheit von Journalisten
untrennbar verknüpft sind, ist es von essentieller
Bedeutung, daß die Sicherheit von Journalisten im
Interesse der Informationsfreiheit durch bindende
nationale Gesetze garantiert wird.

Seite 4

Grenzen der Rede- und Informationsfreiheit
Die Praktizierung von Presse- und Redefreiheit
beinhaltet Pflichten und Verantwortung. In einzelnen
Fällen kann das Menschenrecht auf Rede- und
Informationsfreiheit mit anderen grundlegenden
Rechten in Widerspruch stehen, insbesondere
denjenigen, die individuelle Rechte einer Person per
Gesetz schützen. Einschränkungen in diesen Bereichen sind jedoch nur dann gestattet, wenn sie
gesetzlich vorgeschrieben und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig sind. Die Einschränkungen müssen auch ein legitimes Ziel verfolgen und
den Interessen der Öffentlichkeit entsprechen.
Berechtigte Einschränkungen der Rede- und Informationsfreiheit gemäß Artikel 10 (2) der Europäischen Konvention über Menschenrechte können in
drei Kategorien eingeordnet werden:
Einschränkungen zum Schutz des öffentlichen
Interesses (nationale Sicherheit, territoriale Integrität, öffentliche Sicherheit, Verhütung von Verbrechen, Schutz von Gesundheit oder Moral),
Einschränkungen zum Schutz der Rechte des
einzelnen (Schutz des Rufs oder der Rechte
anderer, Vermeidung der Weitergabe vertraulicher
Informationen),
Einschränkungen zur Wahrung der Amtsgewalt
und Unparteilichkeit der Judikative.
Neben diesen rechtlichen Einschränkungen der
Informationsfreiheit, die auf dem Fallrecht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte betreffend
Artikel 10 (2) der Europäischen Konvention über
Menschenrechte basieren, bestehen natürlich andere,
subtilere Methoden der Einschüchterung und Zensur.
Wenn während einer allgemeinen Wirtschaftskrise ein
geringes Angebot an Waren besteht, kann die
Regierung eingreifen, um die Medien durch die
Verhängung von Quoten zu kontrollieren, solange der
Markt nicht vernünftig funktioniert und das Papier
knapp ist. Ebenso kann die Regierung ihre Macht
und die Überreste des alten staatlichen Sicherheitsapparats einsetzen, um Journalisten einzuschüchtern
und dadurch kritische Berichterstattung zu unterdrücken.
Freiwillige Selbstbeschränkung der Massenmedien
Das Ziel freiwilliger Selbstbeschränkung der Medien
besteht in der Festlegung und Umsetzung ethischer
Regeln für die journalistische Praxis. Beim Gipfel des
Europarats im Jahr 1993 in Wien verabschiedeten die
Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten eine

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�Erklärung, die alle Mitarbeiter der Medien dazu
aufruft, sich ihrer großen Verpflichtung zu demokratischer Politik bewußt zu sein, insbesondere bei der
Berichterstattung über aufkommenden Rassismus
und weitverbreitete Fremdenfeindlichkeit.
Die
Regierungschefs riefen die Journalisten auch zur
Annahme angemessener ethischer Kodizes auf.
Diese Initiativen auf der Ebene der Europarates
unterstreichen die Bedeutung der Medien in ganz
Europa bei der Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, aggressivem Nationalismus und zunehmender Gewalt als Mittel zur
Lösung gesellschaftlicher Konflikte.
Im allgemeinen setzt der Ehrenkodex des Berufsstandes Maßstäbe für journalistische Verantwortung
(Wahrheitspflicht bei der Berichterstattung) und
nennt die Prinzipien journalistischer Fairness und
Gewissenhaftigkeit (beispielsweise die Pflicht zu
recherchieren) sowie der journalistischen Ethik
widersprechendes Verhalten (beispielsweise die
Annahme von Bestechungsgeldern). Diese Kodizes
stellen jedoch keine zwingende juristische Verpflichtung dar, sondern sind eine Sammlung von
Normen zur Selbstbeschränkung eines autonomen
Berufsstands. Sie helfen den Massenmedien, bei
Fragen journalistischer Kompetenz und Ethik ein
gewisses Maß an Autonomie gegenüber staatlicher
Regulierung zu erreichen.
In vielen Ländern agiert ein von Eigentümern und
Herausgebern finanzierter Presserat als offizielles
Gremium für journalistische Selbstbeschränkung.
Die Effizienz dieser sich selbst kontrollierenden
Institutionen unterscheidet sich stark in verschiedenen europäischen Ländern und kann vor allem an
drei Kriterien gemessen werden. Erstens das in den
ethischen Richtlinien - der Grundlage für die Entscheidungsfindung - niedergelegte Gleichgewicht
zwischen dem für die Erfüllung ihrer Aufgaben
erforderlichen Schutz der Presse und anderen
Interessen. Zweitens die Konsequenzen der Umsetzung dieser Richtlinien durch den Presserat. Drittens das Ausmaß, in dem sich Zeitungen an die vom
Presserat getroffenen Entscheidungen halten.
Zukunftsperspektiven
Nachfolgend werden kurz einige Trends beschrieben, die Hinweise darauf geben könnten, wie sich
die Debatte in Zukunft entwickelt.
Die Zunahme freier Journalisten
In Westeuropa und den Vereinigten Staaten ist bei
den Medien ein zunehmender Trend zu beobachten,
Journalisten nicht in den Redaktionsstab aufzunehmen, sondern auf die Arbeit freier Journalisten

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zurückzugreifen. Einerseits kommen - im Hinblick auf
die Diversifizierung vor allem in den Printmedien hochwertige Zeitschriften bestimmter Interessengruppen auf den Markt, andererseits kann diese
Entwicklung als Rationalisierungsmaßnahme der
Eigentümer/Herausgeber betrachtet werden.
Diese Vereinbarung hat gravierende Nachteile für die
betroffenen Journalisten. Aufgrund des Mangels an
Sicherheit unter dem Sozialgesetz und wegen ihres
unsicheren Einkommens sind freie Journalisten
gezwungen, den Medien jeden Artikel zum Verkauf
anzubieten. Angesichts der Verbreitung unentgeltlicher Vermittlung und weltweiter Information über
Öffentlichkeitsarbeit können freie Journalisten jetzt
von den Medien nach Gutdünken gelenkt und nur
wenn unbedingt nötig angefordert werden.
Das Ergebnis ist ein steigender Konkurrenzdruck, der
Journalisten zur zunehmenden Sensationsberichterstattung aus möglichst gefährlichen Regionen
zwingt. Die internationale Kontroverse über die
Medienberichterstattung im bosnisch-serbischen Krieg
ist hierfür ein Beispiel. In vielen Fällen verzichteten
die freiberuflichen Kriegsberichterstatter auf seriöse
Recherche und präsentierten der internationalen
Öffentlichkeit Halbwahrheiten und Gerüchte. Der
Druck des Marktes zur schnellen Verfassung von
Sensationsgeschichten unterhöhlt nicht nur die
Qualität der Informationen, sondern - was noch
schlimmer ist - verletzt die fundamentalen Menschenrechte der beteiligten Parteien.
Wandel aufgrund technologischer Innovationen
Die Multimedia-Welt von morgen (Schlagwort: die
digitale Revolution) wird nicht nur den Kommunikationsmodus der Gesellschaft, sondern auch die Rolle
und das Selbstbild der Journalisten grundlegend
verändern. Typisch für die Medienunternehmen ist
schon lange ihr höchst komplexer Produktionsprozeß,
der nur richtig funktionieren kann, wenn präzise
kalkulierte Zeitpläne genau eingehalten werden.
Journalisten werden gezwungen, sich dem allgemeinen Produktionsprozeß unterzuordnen. Die Vorteile
der Umstellung auf Computer, die größere Geschwindigkeit und Flexibilität, der beträchtlich ausgedehnte
Zugang zu den Produkten journalistischer Arbeit im
Verlauf des Produktionsprozesses kann heute nur
durch größere Selbstdisziplin vorteilhaft genutzt
werden.
Es ist offensichtlich, daß die Journalisten der Zukunft
sich immer weiter von der klassischen Vorstellung
des "rasenden Reporters" entfernen und äußerst
geschickte Telekommunikationsarbeiter werden. Aus
diesem Grund wird die angemessene Bildung und
Ausbildung von Journalisten im Mittelpunkt des

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�öffentlichen Interesses stehen. Es liegt im Eigeninteresse demokratischer Gesellschaften, keine
Kosten oder Mühen zum Schutz eines Sektors zu
sparen, der für ihr eigenes Überleben so wichtig ist
wie der Journalismus.
Schutz der Vertraulichkeit journalistischer Quellen
Obwohl die meisten Bundesstaaten keine Gesetze
über redaktionelle Geheimhaltungspflicht haben,
zeigen die jüngsten Entwicklungen definitiv einen
Trend zur Festsetzung rechtlicher Normen in dieser
Frage. Gerichte höherer Instanzen geben in ihrer
Urteilsfindung zunehmend den Journalisten recht,
indem sie die Verurteilung von Journalisten revidieren, die sich weigerten, ihre Informationsquelle
bekanntzugeben. Der nächste zu erwägende logische Schritt wäre ein Rechtsschutz für die Geheimhaltung der Informationsquelle. Das Recht, Aussagen vor Gericht ohne Angst vor Nachteilen verweigern zu können, wird in den internationalen
Debatten absolute Priorität erhalten. Das Recht auf
Verweigerung der Aussage vor Gericht besteht
bereits in einigen Bundesstaaten und könnte in
dieser Hinsicht als Modell dienen.
Kontrolle des Zugangs zu Informationen
Damit die Medien und Journalisten ihrer Funktion
"als Wachhund" wirksam gerecht werden können,
darf ihr Zugang zu Informationen so wenigen Beschränkungen wie möglich unterliegen. Obwohl es
in vielen Fällen diesbezüglich keine gesetzlichen
Regelungen gibt, werden Daten oder Informationen
von öffentlichen Stellen im wesentlichen als vertraulich angesehen. Der entgegengesetzte Ansatz der bereits von verschiedenen Ländern angenommen wurde - scheint praktischer und demokratischer
zu sein.

Die Frage, ob für Journalisten Sonderregelungen
gelten oder für alle Bürger eine allgemeine Informationspflicht gesetzlich festgelegt werden sollte, muß
noch eingehender diskutiert werden. Ungeachtet
dessen, welche Entscheidung gefällt wird, müssen
diese Diskussionen von einer zentralen Tatsache
geleitet sein: Je besser die Bürger in demokratischen
Systemen informiert sind, und je wirksamer die
Gesellschaft die Machtverhältnisse innerhalb dieser
Systeme kontrollieren kann, desto stärker sind diese
Systeme. Die Massenmedien sind ein entscheidender Faktor dabei, die Aufrechterhaltung dieser beiden
Situationen zu garantieren.
Medienkonzentration
Im Verlauf der Deregulierung, Internationalisierung
und Kommerzialisierung des gesamten Mediensektors in ganz Europa werden die transnationale
Sammlung und Verbreitung von Informationen und
die Konzentration von Unternehmen immer wichtiger.
Obwohl der Zusammenschluß von Medienunternehmen zur Schaffung einer soliden ökonomischen
Grundlage beitragen kann, die die Medien zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigen, kann er auch eine
Gefahr für die redaktionelle Freiheit und damit für die
Autonomie der Journalisten darstellen. Medienkonzentration ist auch insofern ein Anliegen, als sie de
facto die Verweigerung des Zugangs zum journalistischen Beruf darstellt, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Auftragsvergabe nach außen an
freie Journalisten. Folglich werden rechtliche Maßnahmen im Hinblick auf Medienkonzentration (beispielsweise Kartellregeln, Maßnahmen gegen den
gleichzeitigen Besitz mehrerer Medien, Transparenz
bei den Besitzverhältnissen etc.) in zukünftigen
Diskussionen zweifelsohne eine zentrale Rolle
spielen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 25

�GESUNDHEIT
16. August 1995

Steigende Temperaturen gefährden
menschliche Gesundheit
Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung
WASHINGTON - (AD) - Wissenschaftlern zufolge
könnte der durch den langfristigen Klimawandel
hervorgerufene Treibhauseffekt jedes Jahr den Tod
Hunderttausender Menschen infolge von Tropenkrankheiten wie Malaria und Gelbfieber verursachen.
Forscherweisen unter Einsatz globaler Klimamodelle
auch auf die Möglichkeit hin, daß in den Industrieländern aufgrund von Hitzewellen im Sommer zusätzliche Tote zu beklagen sein werden. Anfang des
Jahres starben in Chicago mehr als 500 Menschen
während einerfünftägigen Hitzewelle mit Temperaturen von 41 °C.
Die Wissenschaftler erwarten jedoch, daß der
Treibhauseffekt seine schlimmsten Auswirkungen auf
die Entwicklungsländer haben wird und prognostizieren eine Zunahme ansteckender Krankheiten infolge
der starken Verbreitung von Moskitos und anderen
Schädlingen.
Dr. Paul Epstein, Professor für Tropenmedizin an
der Fakultät für Volksgesundheit in Harvard, zufolge
ist die Klimaerwärmung wahrscheinlich für die
Zunahme der Aedesmücke verantwortlich - des
Hauptüberträgers von Dengue- und Gelbfieber - die
sich stärker als je zuvor in den Bergregionen von
Costa Rica, Kolumbien, Indien und Kenia verbreitet.
Die Moskitos kommen in einer Höhe von über 2.000
Metern vor, wohingegen sie früher aufgrund der
Temperaturen nur unter 1.000 Metern zu finden
waren.
Ferner berichten die Wissenschaftler, im Südosten
der Vereinigten Staaten hätte sich eine Moskitoart
niedergelassen, die Gelbfieberparasiten beherbergt.
Bei einem Ausbruch von Gelbfieber in New Orleans
würden dem National Institute of Medicine zufolge
100.000 Menschen erkranken und 10.000 sterben.
Epsteins Untersuchungen förderten auch Beweise
zutage, daß Wärme die Ausbreitung von Malaria
begünstigt.

AMERIKA DIENST 25

"In Afrika befinden sich die Malaria übertragende
Moskitos in den höher gelegenen Gebieten Kenias
und bedrohen Nairobi, wo es früher keine Malaria
gab", so Epstein. "Sie kommen dort anscheinend
erst in den letzten beiden Jahrzehnten vor - seit sich
Mitte der siebziger Jahre schnelle Veränderungen
vollziehen."
Michael Loevinsohn, Ökologe am International
Development Research Center im indischen NeuDelhi, sieht einen Zusammenhang zwischen der
durchschnittlichen Temperaturerhöhung in Ruanda
1987 um 1°C und einem 337prozentigen Anstieg der
Malariafälle in jenem Jahr. Besonders stark betroffen
waren die Bergregionen Ruandas, in denen Loevingsohns Erkenntnissen zufolge Malaria nur selten
vorgekommen war.
Wissenschaftler sehen eine Verbindung zwischen den
durch El Nifto - eine zyklische Erwärmung des
tropischen Pazifiks, die das Weltklima beeinflußt hervorgerufenen Wärmeperioden und starken Regenfällen mit gesundheitlichen Beschwerden und dem
Ausbruch ansteckender Krankheiten.
Epstein und die Mikrobiologin Rita Colwell, Präsidentin des Maryland Biotechnology Institute, deuten an,
El Nifto könnte zum Ausbruch der Cholera beigetragen haben, die 1991 in 19 Ländern Südamerikas
Tausende von Todesopfern forderte. Die Wissenschaftler sind der Ansicht, die durch El Nifto geschaffenen Bedingungen hätten das Wachstum von
Plankton gefördert, in dem sich Cholerabakterien
befänden. Ferner sammelten sie Daten über einen
möglichen Zusammenhang zwischen El Nifto und
dem jüngsten Ausbruch der Cholera in Bangladesch.
In Simbabwe und dem westlichen Mosambik führten
Dürreperioden in Verbindung mit El Nifto regelmäßig
zu einer starken Vermehrung von Ratten, die Träger
einer Vielzahl von Krankheitserregern sind.

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�Klimaveränderungen in Form von Überschwemmungen und Dürreperioden waren im Jahr 1993 wahrscheinlich indirekt für das Auftreten von durch das
Hantavirus übertragenen Erkrankungen der Atemwege im Südwesten der Vereinigten Staaten verantwortlich. Studien stellen eine Verbindung zwischen dem Entstehen der Krankheit und einer
plötzlichen Vermehrung von wilden Mäusen her, die
nach den starken Regenfällen aufgrund der Erwärmung durch El Niho Träger des Hantavirus sind.
Durch den Regen bekamen die Mäuse viel Futter,
während die Dürre viele Tiere, denen sie als Nahrung dienten, sterben ließ. Das führte innerhalb
eines Jahres zu einer zehnfachen Zunahme des
Mäusevorkommens. Im Juni 1995 meldeten 23
amerikanische Bundesstaaten 106 Fälle der ungewöhnlichen Krankheit. Die Hälfte der Krankheitsfälle
endete tödlich.
Wissenschaftler berichten, die Erwärmung der tiefen
Ozeane fördere die El Nifio begünstigenden Bedingungen, die seit 1980 häufiger vorkamen und länger
andauerten.
"Allein in den letzten sechs bis acht Monaten konnten wir eine Erwärmung in den Tiefen des indischen,
pazifischen und atlantischen Ozeans feststellen", so
Epstein. "Sogar die beiden Eiskappen an den Polen
erwärmten sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts um
1°C. Seit fünf Jahren befinden wir uns in einem
beständigen El Nino-Muster... das die Erwärmung
der Ozeane widerspiegelt. Dies ist ein eindeutiges
Anzeichen für die globale Klimaerwärmung."
Epstein ist der Ansicht, daß die mehr als 500 Todesopfer der jüngsten Hitzewelle in Chicago ein Beispiel
für die möglichen Gesundheitsrisiken des Treibhauseffekts sind.
"Meiner Ansicht nach sollte der gesamte Sommer für
uns ein Alarmzeichen sein. Kein Wissenschaftler
würde behaupten, eine einzige Hitzewelle erbringe
den Beweis für irgendeine Behauptung. Aber wir
erleben eine der längsten Hitzewellen dieses Jahr-

*

Seite 2

-

*

hunderts. Und das steht vollkommen in Einklang mit
unseren Vermutungen über die Auswirkungen von
Treibhausgasen und die Klimaerwärmung."
Klimatologen der University of Delaware fanden unter
Einsatz eines Erderwärmungsmodells heraus, eine
durchschnittliche Temperaturerhöhung um 2 bis 4°C
würde wahrscheinlich die Zahl außergewöhnlich
heißer Tage in einem Sommer verdoppeln. Dies
wiederum könnte laut ihrer Erkenntnisse die Anzahl
von Hitzeopfern in einem Sommer in New York von
320 auf mindestens 880 und in Kairo von 281 auf
1.125 steigern.
Obwohl die meisten Wissenschaftler zunehmende
Beweise für die Erderwärmung - die achtziger Jahre
waren den Unterlagen zufolge das wärmste Jahrzehnt - anführen, ist noch nicht geklärt, ob diese auf
Klimaerwärmung infolge der Emissionen von Kohlendioxid und anderen Gasen durch die Industrie hindeutet oder auf einen vorübergehenden Temperaturanstieg aufgrund von Klimaschwankungen.
Im Hinblick auf die gesundheitlichen Risiken der
globalen Erwärmung empfiehlt Epstein eine erhöhte
Überwachung ansteckender Krankheiten.
"Wir müssen Gesundheitskontrolle in die Umweltbeobachtung integrieren, um antizipieren und manchmal sogar vorhersagen zu können, wann es heiß und
feucht wird, damit wir wissen, wo Malaria auftritt",
erklärt er.
Letzten Endes müssen die für das Gesundheitswesen
Zuständigen ihre Vorstellung von Krankheit verändern, so die Arbeitsgruppe für neue und wiederkehrende Krankheiten der Harvard University.
"Wir müssen Krankheiten als Resultat einer Vielzahl
von Bedingungen sehen, die Folge von Veränderungen nicht nur innerhalb von Zellen, sondern auf der
ganzen Welt sind, einschließlich klimatischer und
wirtschaftlicher Muster", lautete die Schlußfolgerung
der Arbeitsgruppe in ihrem jüngsten Bericht.

*

*

AMERIKA DIENST 25

�AIDS
16. August 1995

AIDS ist Alptraum für Menschheit und ihre Entwicklung
Rede von J. Brian Atwood
WASHINGTON - (AD) - Nahezu 600.000 Menschen weltweit werden allein in diesem Jahr an AIDS sterben
und man erwartet, daß die Krankheit bis zum Jahr 2000 zwischen 1,5 und 3 Millionen Opfer fordert. Damit
stellt die Immunschwächekrankheit nicht nur eine humanitäre Tragödie, sondern auch einen Alptraum für die
Entwicklungspolitik dar.
J. Brian Atwood, der Direktor des US-Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International
Development - USAID) wies am 7. August 1995 in seiner Eröffnungsansprache bei der dritten, von USAID
veranstalteten HIV/AIDS-Präventionskonferenz auf diese Tatsache hin.
Die Ausbreitung des Virus und der Krankheit betrifft ihm zufolge diejenigen, die bei Entwicklungsangelegenheiten an vorderster Front stehen sollten - junge Menschen, Frauen, Kinder.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Direktor Atwood.
Im Namen meiner Regierung und des Amts für
internationale Entwicklung begrüße ich Sie bei dieser
dritten Konferenz zur Vorbeugung gegen HIV/AIDS.
Zunächst einmal möchte Ihnen im Namen unserer
Gemeinden für die von Ihnen geleistete Arbeit zur
Bekämpfung dieser schrecklichen Krankheit danken.
Wir alle schulden Ihnen Dank, denn Sie helfen nicht
nur den Virusträgern, sondern Ihren eigenen Familien, den Familien Ihrer Gemeinde und den
Familien Ihrer Nation.

Bei unseren heutigen Gesprächen wollen wir ehrlich
über unsere Fehlschläge sprechen und einander
unsere Erfolge mitteilen. Wir wollen unsere Mitbürger
zu gemeinsamen Aktionen bewegen, wenn nötig
auch dadurch, daß wir sie in Verlegenheit bringen.
Denn es steht viel auf dem Spiel. Viele sind von den
Konsequenzen des HI-Virus betroffen, und es werden
immer mehr. Wir können diese gefährliche Mischung
aus Angst und Selbstgefälligkeit, die unsere Bestrebungen zur Rettung von Menschenleben behindert,
nur überwinden, wenn wir die Menschen zum Handeln bringen.

Ich bin sehr stolz darauf, daß das Amt für internationale Entwicklung Ihre Arbeit unterstützt, denn
gemeinsam haben wir etwas bewirkt. Gemeinsam
haben wir die Angst überwunden, gemeinsam haben
wir den mit dem Virus Infizierten Beistand geleistet,
und wir haben verhindert, daß Millionen anderer
Menschen ebenfalls unter seinen Folgen leiden
müssen.

Sie alle wissen nur zu gut, daß sich über unseren
Köpfen ein Gewitter zusammenbraut. Wenn die
achtziger Jahre das Jahrzehnt der Infektionen mit
dem HI-Virus waren, werden die neunziger Jahre
tragischerweise das Jahrzehnt der Todesfälle aufgrund von AIDS. 1995 werden mehr als 19 Millionen
Männer, Frauen und Kinder mit dem HI-Virus infiziert.

Bei dieser Konferenz hoffen wir, durch Erfahrungsaustausch weitere Fortschritte beim Verständnis
dieser gefürchteten Krankheit zu machen. In nur 15
Jahren haben wir viel gelernt, aber unser Wissen
reicht noch lange nicht an unser Engagement heran.
Unsere Rhetorik bei internationalen Zusammenkünften geht immer noch weit über greifbare Aktionen unserer Regierungen hinaus. Angst und Unwissenheit spielen bei unseren nationalen Debatten
immer noch eine viel zu große Rolle.

Wir sehen jetzt bereits das Ergebnis: Schätzungsweise werden allein in diesem Jahr weltweit zwischen
300.000 und 600.000 Menschen an AIDS sterben.
Jeder in diesem Raum weiß, daß wir seit unserer
Kindheit über das Jahr 2000 sprechen, als wäre es
etwas Wunderbares, ein Jahr der Wunder. Aber
aufgrund der Zahlen über HIV-Infektionen können wir
bereits prognostizieren, daß im Jahr 2000 zwischen
1,5 und 3 Millionen Menschen an AIDS sterben
werden.

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�Es wird Opfer in jeder Nation geben, insbesondere
in den Entwicklungsländern. AIDS ist eine einzigartige Gesellschaftskrankheit - sie läßt nicht nur das
Individuum sterben, sondern auch Ehemänner,
Ehefrauen, Eltern, Kinder, Freunde und Nachbarn.
Ihr früher Tod ist eine Tragödie und erschüttert die
Grundfesten unserer Gemeinden und Nationen.
Insbesondere Frauen werden zunehmend Opfer des
HI-Virus. In Afrika sind bereits mehr Frauen als
Männer infiziert. Frauen, selbst in stabilen monogamen Beziehungen, sind besonders anfällig - nicht
wegen ihres eigenen Verhaltens, sondern aufgrund
des Verhaltens ihrer Partner.
Jugendliche werden zunehmend Zielscheibe des HIVirus. Die größte Zahl von Neuinfektionen findet
sich bei den 15-25jährigen - sowohl in den Industriestaaten als auch in den Entwicklungsländern.
Kinder sind direkt und indirekt von der Krankheit
betroffen. Im Jahr 2000 könnten 10 Millionen Kinder
als Folge von AIDS-Todesfallen zu Waisen geworden sein. Innerhalb von 15 Jahren wird die Lebenserwartung in Thailand, Kenia und Simbabwe um
mehr als 25 Jahre sinken. In Uganda, wo das HIVirus derzeit am stärksten verbreitet ist, ist die
Lebenserwartung bereits auf 37 Jahre gesunken.
Über das verursachte menschliche Leid hinaus
haben wir versucht, eine einfache Wahrheit mitzuteilen: Diese Statistiken sind nicht das Problem
anderer. Wenn Gemeinden zerfallen und Nationen
scheitern, müssen wir alle dafür zahlen. Wir werden
einen Preis in Form von erhöhten Kosten für Hilfsleistungen zahlen. Wir werden für die Friedenssicherung zahlen, um Bürgerunruhen einzudämmen.
Wir werden für verlorene Märkte und Arbeitsplätze
zahlen. Und am wichtigsten ist, daß wir einen
geistigen Preis zahlen müssen, nicht nur aufgrund
der vielen Seelen, die wir verlieren, sondern auch
wegen des Verlusts an Menschen, die Wissenschaftler, Lehrer, Gesetzgeber, Erbauer ihrer Nationen hätten sein können.
Wir als Experten müssen unseren Mitbürgern
klarmachen, daß diese Krankheit alle Menschen
bedroht - Arme und Reiche gleichermaßen. Dies ist
nicht nur ein Problem für weit entfernte Länder. Es
ist nicht nur ein Problem für Menschen mit bestimmten sexuellen Präferenzen. Es ist nicht nur ein
Problem für die mit dem Virus Infizierten. Es ist
unser Problem.
Diese Zusammenkunft wäre ein Mißerfolg, wenn wir
nur neue Technologien, Präventivmaßnahmen oder
Behandlungen erörtern würden. Unser Erfolg sollte
auch als Maßstab dafür dienen, ob wir mit den

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Menschen in Kontakt treten können. Unser Erfolg
beim Umgang mit dieser Herausforderung steht in
direktem Zusammenhang mit unserer Fähigkeit, den
Menschen eine stigmatisierte Krankheit näherzubringen. Zu viele Vertreter unserer Regierungen und
Gesellschaften konnten die Krankheit anfangs verharmlosen und ihr den Rücken zukehren. Zu viele
haben die Bedrohung ignoriert, die diese Krankheit
für unsere Gemeinden darstellt, indem sie sie als
Krankheit weit entfernt lebender Menschen, Gruppen
oder völlig anderer Lebensstile darstellten.
Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Fehlschläge
öffentlich anzuerkennen. Wer von uns machte sich
in den frühen Jahren nicht der Verharmlosung
schuldig? Nur sehr wenige. Aber heute, nach 15
Jahren und Millionen von Todesopfern, gibt es keine
Entschuldigung mehr, die Auswirkungen dieser
Krankheit auf den Menschen und die Gesellschaft zu
ignorieren.
Die für das Jahr 2000 prognostizierten Todesfälle
sind vielleicht wirklich unvermeidlich. Aber wenn die
neunziger Jahre das Jahrzehnt der Todesfälle aufgrund von AIDS sind, können sie auch das Jahrzehnt
der Eindämmung, des Höchststands der HIV-Epidemie, der Anfang vom Ende dieser Epidemie werden.
Diese Konferenz findet zu einem entscheidenden
Zeitpunkt statt. Wir haben jetzt umfassende Fachkenntnis. Diese Fachkenntnis ist auf dem ganzen
Globus verbreitet. Die Initiative von USAID zur
Durchführung von Programmen gegen HIV/AIDS läuft
bereits seit 10 Jahren.
Wir haben wirkliche Fortschritte gemacht. USAID rief
nahezu 400 Präventionsprogramme in 42 Entwicklungsländern ins Leben. Mit umfassenden Programmen zur Aufklärung und Erziehung im Bereich von
HIV/AIDS erreichten wir nahezu 3 Millionen Menschen. USAID unterstützte eine gemeindeorientierte
Reaktion durch beinahe 200 Freiwilligen- und nichtstaatliche Organisationen, die HlV-Präventionsprogramme durchführen.
Vor einem Monat stand ich im Hof einer dieser
Organisationen, der AI DS-Unterstützungsorganisation
Ugandas (TASO). Ich wurde von der beeindruckendsten, optimistischsten Frau informiert, der ich je
begegnet bin - Noriene Kaleeba. Norienes Ehemann
war ein AIDS-Opfer. Sie engagiert sich auf wahrhaft
inspiriernde Weise im Kampf gegen AIDS. In ihrem
Buch "Wir alle vermissen Dich" (We Miss You All),
das sie mir erst gab, nachdem ich ihr versprochen
hatte, es zu lesen, offenbart sie das Geheimnis ihres
Erfolgs:

AMERIKA DIENST 25

�"Ich lebe mit der quälenden Angst und der
Frage, wann, wo und wie es für mich soweit
sein könnte. Ich habe mich jedoch dafür
entschieden, positiv mit diesen Ängsten umzugehen, offen zu kämpfen und soviel wie
möglich zu dem Kampf beizutragen, der letztlich zum Sieg über das HI-Virus führen wird."
Sie gerne wir das auch hätten - es gibt keine zweite
Noriene Kaleeba. Sie erreicht so viel, wie man als
einzelner Mensch nur erreichen kann. Und obwohl
sie selbst nicht überall sein kann, können ihre Ideen,
Vorgehensweise, ihre einzigartige Kombination von
Ansätzen überall sein. Das ist das wichtigste Ziel
dieser Konferenz.
Wir sollten die in Thailand gemachten Erfahrungen
weitergeben, wo sexuell übertragbare Krankheiten
um 79 Prozent abnahmen. Wir sollten unsere
Erfahrungen den sozialen Marketingprogrammen in
Äthiopien, Haiti und Kenia zukommen lassen. Allein
in Kenia wurden durch die Benutzung von Präservativen schätzungsweise 110.000 HIV-Infektionen
sowie 1,3 Millionen anderer, sexuell übertragbarer
Krankheitsfälle vermieden.
Das ist Fortschritt. Es ist nicht Ausrottung und
sicherlich nicht Heilung, aber es ist Eindämmung.
Wir müssen aber noch viel mehr unternehmen, um
die Ausbreitung des Virus zu stoppen, insbesondere
in Regionen, in denen es sich explosionsartig zu
verbreiten droht, beispielsweise Indien, der ehemaligen Sowjetunion und Lateinamerika.
Zunächst einmal müssen wir Regierungen und
Politiker herausfordern, die immer noch abstreiten,
daß die Bedrohung real ist, oder die sich weigern
zuzugeben, daß ihre Bürger oder Volkswirtschaften
ernsthaft betroffen sein könnten. Gleichgültigkeit
gegenüber der Krankheit gefährdet uns alle. Dasselbe gilt für die Ächtung HlV-Infizierter oder Schikanierung derjenigen, die Verhaltensmuster und für den
Infektionszyklus entscheidende Institutionen verändern wollen.
Wir müssen die Herausforderung direkter Finanzierung angehen. In den vergangenen vier Jahren sind
die Auslagen für die HIV/AIDS-Prävention im wesentlichen niedrig geblieben, obwohl sich die Epidemie mit alarmierender Geschwindigkeit ausbreitet.
Mit Ausnahme der durch die Weltbank bereitgestellten Darlehen leistet USAID den größten bilateralen
Beitrag zur Finanzierung von Aktivitäten zur HIVPrävention in den Entwicklungsländern. Das ist
einfach nicht genug - nicht für eine Krankheit, die
das Leben von Millionen Menschen verkürzt, Gemeinden und ganze Nationen bedroht. Nicht für ein

AMERIKA DIENST 25

Virus, das in den kommenden Jahren freie Märkte
und junge Demokratien unterminieren könnte.
Wir müssen die Nationen - sowohl in den Industrieais auch in den Entwicklungsländern - dazu auffordern, die zur Bekämpfung der Pandemie erforderlichen menschlichen und finanziellen Ressorcen
beizusteuern. Viele von Ihnen haben Ihre eigene
Regierung dazu aufgefordert. Sie dürfen jetzt in Ihrer
Entschlossenheit nicht nachlassen.
Wir mögen
Wissenschaftler, Vertreter des Gesundheitswesens,
Politiker oder Entwicklungsexperten sein - ungeachtet
unseres Berufs müssen wir auch Fürsprecher sein.
Wir müssen unsere Mitbürger dazu ermutigen, von
ihrer Regierung - und von sich selbst - die zur
Bekämpfung dieser Krankheit notwendigen Investitionen, Maßnahmen und Instrumente zu fordern.
Da wir von Berufs wegen HIV und AIDS an vorderster Front bekämpfen, müssen wir uns selbst fordern:
Diese Konferenz ist eine Gelegenheit, Bilanz zu
ziehen, zu debattieren und unsere wertvollsten
Lektionen mitzuteilen. Als Teilnehmer dieser Konferenz fordere ich Sie dazu auf, die bisherigen
Leistungen zu bewerten, herauszufinden, was funktionierte, was mißlang und welche Gründe das hat.
Schließlich müssen wir anfangen, mit einer zeitlich
nahezu unbegrenzten Herausforderung umzugehen:
Hilfe und Beistand für an AIDS Erkrankte. Während
das Virus zur Erkrankung von Millionen Menschen
führt, müssen wir ihren besonderen Bedürfnissen
mehr Zeit und Ressourcen widmen. Auch das ist ein
Entwicklungsproblem, und es ist gewaltig.
Gewisse Dinge können wir jetzt mit minimalen Kosten
und großer Wirkung unternehmen: Wir können
zweifelsohne gegen die Isolierung und Verurteilung
von Virusträgern ankämpfen. HIV/AIDS ist eine
tödliche Infektion, aber keine Geißel Gottes. Sie ist
keine Bestrafung für einen bestimmten Lebensstil.
Sie ist kein auf eine gesellschaftliche Untergruppe
beschränktes Anliegen. AIDS ist eine Krankheit, und
wer darunter leidet, hat Anrecht auf Respekt, Aufmerksamkeit, Würde und gesellschaftliches Handeln.
Wir wollen ganz offen zugeben, daß der Kampf
gegen AIDS auch ein Kampf gegen Menschenfeindlichkeit und rassische Vorurteile ist. Ich möchte
folgendes eindeutig klarstellen: Diese Administration
wird diese schreckliche Krankheit bekämpfen und
sich gleichzeitig für die Rechte der Kranken einsetzen.
Abgesehen von allem, was wir im Ausland unternehmen, engagiert sich USAID als Behörde und
rechte Hand der Entwicklungspolitik dieser Administration, mit HIV und AIDS lebenden Menschen eine

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�Stütze am Arbeitsplatz anzubieten. Wie jede andere
Institution haben wir Angestellte, die Virusträger sind
oder bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen
ist. Sie sind unsere Freunde und Kollegen. Sie sind
uns lieb und teuer. Ihr Leben ist wertvoll. Sie
können für die Sache der Entwicklung und das
Streben nach einer besseren Welt noch einen
großen Beitrag leisten.
Ich bitte Sie alle, als Ergebnis dieser Konferenz nicht
nur größere Effektivität an den Tag zu legen, die aus
gemeinsamem Wissen resultiert, sondern auch
erneutes Engagement für die von der Krankheit
betroffenen Menschen. Nicht nur für die vom Virus
Infizierten, sondern auch für ihre Familien, Freunde
und ganze Gemeinden, die leiden. Sie sollten keine
Angst haben, dieses Problem zu personifizieren,
denn wir sprechen über Menschen, deren Leben
viele andere betrifft.
Ich denke oft an Richard Stone, einen Freund
meiner Familie, einen Menschen mit viel Erfolg im
Beruf, einem guten Sinn für Humor und mit Liebe
zum Leben. Richard hatte von Geburt an gelernt,
mit seiner Hämophilie zu leben, und seine

positive Einstellung während seiner AIDS-Erkrankung
wird diejenigen, die ihn kannten, noch lange inspirieren.
Richards Eltern überlebten ihn ebenso wie sein
Bruder, seine Schwester und viele Freunde. Sein
Tod und der vieler anderer junger Menschen erinnern
uns an den Fluch der alten Römer: "Mögest Du
Deine eigenen Kinder überleben." Was könnte wohl
schlimmer sein.
Halten Sie sich das Leid und die Tragik vor Augen,
die so viele Eltern in allen Teilen der Welt erleben.
Wenn wir Angst davor haben, das Problem zu
personifizieren, werden wir uns seiner auch nicht
bewußt. Dann werden wir nicht die Angst und
Unwissenheit überwinden, die uns heute davon
abhalten, das Leben so vieler Söhne und Töchter zu
retten.
Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Gespräche und
werde mich selbst und meine Behörde dafür einsetzen, unsere Partnerschaft mit Ihnen beim Kampf
gegen dieses Virus und die Vorurteile zu stärken, die
zu seiner Verbreitung beitragen. Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C
30. August 1995

26

BOSNIEN

CLINTON: FRIEDEN WAR DAS ZIEL DER
IN BOSNIEN VERUNGLÜCKTEN AMERIKANISCHEN REGIERUNGSVERTRETER
Ansprache des Präsidenten bei den
Trauerfeierlichkeiten

HÖCHSTE REGIERUNGSVERTRETER EHREN
DIE IN BOSNIEN VERUNGLÜCKTEN
DIPLOMATEN
Ansprachen von Christopher, Perry und Lake

NW

HABT GROSSE ANGST
von Robert Wright

WIRTSCHAFT

BEMs - DIE GROSSEN AUFSTREBENDEN
MÄRKTE
Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung

FRAUEN

USA UMREISSEN ZIELSETZUNGEN FÜR
PEKINGER FRAUENKONFERENZ
Erklärung von Botschafterin Albright

GESUNDHEIT

ER BEFREITE VON GROSSER ANGST
Zum Tode des Polio-Impfpioniers
Dr. Jonas Salk

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
30. August 1995

Clinton: Frieden war das Ziel der in Bosnien
verunglückten amerikanischen Regierungsvertreter
Ansprache des Präsidenten bei den Trauerfeierlichkeiten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton würdigte am 23. August 1995 die drei in Bosnien ums Leben
gekommenen amerikanischen Regierungsvertreter "als außergewöhnliche Amerikaner, die Vernunft zu ihrer
Waffe, Freiheit zu ihrer Sache und Frieden zu ihrem Ziel gemacht hatten".
Clinton sprach bei der in der Kapelle von Fort Myer in Arlington (Virginia) gehaltenen Trauerfeier für Robert
Frasure, den Stellvertretenden Abteilungsleiter im US-Außenministerium und Clintons Sondergesandten für
Bosnien; Joseph Kruzel, den Stellvertretenden Abteilungsleiter für europäische und NATO-Angelegenheiten
im US-Verteidigungsministerium, und Samuel Drew, einen Oberst der Luftwaffe, der Mitarbeiter des Nationalen
Sicherheitsrats war. Die drei Männer kamen am 19. August 1995 zusammen mit dem ihr gepanzertes
Fahrzeug steuernden französischen Soldaten ums Leben, als das Fahrzeug in eine Schlucht stürzte, nachdem
ein Teil der regendurchweichten Straße nach Sarajevo am Berg Igman eingebrochen war. Sie hatten
Einzelheiten des neuesten Plans zur Aufteilung Bosniens unter den kriegführenden Serben und Muslimen für
die bosnische Regierung bei sich.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache Präsident Clintons.

Meine amerikanischen Mitbürger, verehrte Angehörige des Diplomatischen Corps und - vor allem - liebe
Familienmitglieder, Freunde und Kollegen von
Robert Frasure, Joseph Kruzel und Nelson Drew.
Wir sind heute hier zu Ehren von drei Friedensstiftern zusammenkommen, die ihr Leben beim
Streben danach ließen, anderen die Segnungen
zukommen zu lassen, die uns Amerikanern lieb und
teuer sind, und die wir allzu häufig als selbstverständlich hinnehmen - die Chance, zu arbeiten und
zu träumen, unsere Kinder zu erziehen, in einem
Land des Friedens zu leben und es zu lieben.
Als ich Robert Frasure zum Sondergesandten für
das ehemalige Jugoslawien als wichtigsten amerikanischen Regierungsvertreter bei der Suche nach
Lösungen für die schwierigste Herausforderung der
modernen Diplomatie - die Beendigung des Blutvergießens und Herbeiführung von Frieden auf dem
Balkan - ernannte, hatte er bereits die Diplomatie zur
Berufung seines Lebens gemacht. Zu Recht genoß
er den Ruf eines Mannes für alle Krisen, und viele
Menschen auf der Welt - von Äthiopien bis Estland haben aufgrund seiner ausgezeichneten Arbeit ein
besseres Leben.

AMERIKA DIENST 26

Joseph Kruzel stellte sich die schwierige Aufgabe,
einen dauerhaften Frieden in einer Welt zu schaffen,
die zuviel Krieg kennt. Neben seiner herausragenden
Arbeit in Bosnien leitete er die Bestrebungen des
Pentagon bei den wichtigen Themen der NATOErweiterung und der erneuten Integration Osteuropas
in den Westen nach dem Kalten Krieg. Sein Dienst
für unser Land umspannt 28 Jahre, von seiner Zeit
als Luftwaffenoffizier über Mitarbeit bei SALT I bis zur
treibenden Kraft bei der Einbeziehung der Nationen
Europas in die Partnerschaft für den Frieden. Die
Welt ist aufgrund seines Engagements zu einem
sichereren Ort geworden.
Oberst Nelson Drew war Soldat, Wissenschaftler,
Dozent und ein sanfter Mensch. Er war in Kriegführung ausgebildet. Aber in seiner über 20jährigen
Dienstzeit als Luftwaffenoffizier widmete er sich mit
Leib und Seele der Suche nach Frieden. Er war
vornehmlich dafür verantwortlich, den militärischen
und diplomatischen Initiativen unserer Nation ein
kohärentes Muster zu verleihen. Und er war überall
geschätzt wegen seines Wissens, seines Verhandlungsgeschicks, seines strategischen Denkens über
die Zukunft der NATO und Europas nach dem Kalten

Seite 1

�Krieg. Das Weiße Haus und unser Land sind dank
seiner Arbeit besser geworden.

Streben nach Frieden einbrachten. Und ich hoffe,
daß Sie immer - immer - stolz sein werden.

Bob, Joe und Nelson verkörperten alle die besten
Qualitäten eines Amerikaners. Es ist mir eine Ehre,
jedem von ihnen heute für ihren Dienst und für ihr
Opfer in der Sache des Friedens und der Freiheit
posthum die President's Citizen Medal verleihen zu
dürfen.

Sie waren außergewöhnliche Amerikaner, die Vernunft zu ihrer Waffe, Freiheit zu ihrer Sache und
Frieden zu ihrem Ziel gemacht hatten. Bob, Joe und
Nelson waren in Bosnien, weil die schreckliche
Ungerechtigkeit und das Leid dort sie zutiefst berührten. Und sie waren dort, weil sie überzeugt waren,
daß dies geändert werden könnte und muß. Der
Schmerz, den wir hier fühlen, erinnert uns an das
Leid, das Bob, Joe und Nelson dort zu mildem
suchten.

Katharina Frasure, Sarah und Virginia, Gail Kruzel,
John und Sarah, Sandy Drew, Samatha und Philip
und allen anderen Familienangehörigen möchte ich
sagen: Das amerikanische Volk trauert um Ihren
Verlust und teilt Ihr Leid. Amerika ist zutiefst dankbar für die Arbeit, die Ihre Ehemänner und Väter
leisteten, um die Welt zu einem besseren Ort zu
machen.
Ich hoffe, Sie werden sich zusammen mit den
persönlichen Erinnerungen, die Sie mir vor einigen
Augenblicken erzählten, stets den Preis vor Augen
führen, den die Verstorbenen bei ihrer Berufung auf
sich nahmen und das Engagement, das sie in das

Während wir diese Männer - Robert Frasure, Joseph
Kruzel und Nelson Drew - als stille amerikanische
Helden würdigen, die ihr Leben ließen, damit andere
eine Zukunft der Hoffnung und ein Land des Friedens
kennenlernen können, wollen wir geloben, ihren
Kampf mit der Stärke, Entschlossenheit und der
Fürsorge fortzusetzen, die sie ihrer Familie, ihrer
Arbeit und ihrer in höchstem Maße dankbaren Nation
entgegenbrachten.
Möge Gott ihrer Seelen gedenken.

*

Seite 2

* * * *

AMERIKA DIENST 26

�BOSNIEN
30. August 1995

Höchste Regierungsvertreter ehren die
in Bosnien verunglückten Diplomaten
Ansprachen von Christopher, Perry und Lake
WASHINGTON - (AD) - Bei der Ankunft der sterblichen Überreste der in Bosnien ums Leben gekommenen
Diplomaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews Air Force Base kondolierten Außenminister Warren
Christopher, Verteidigungsminister William Perry und der Nationale Sicherheitsberater Anthony Lake den
Familien und Freunden des Stellvertretenden Abteilungsleiters im Außenministerium, Robert Frasure, des
Stellvertretenden Abteilungsleiters im Verteidigungsministerium, Joseph J. Kruzel, und von Oberst Samuel N.
Drew vom Nationalen Sicherheitsrat.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprachen der Regierungsvertreter vom 21. August 1995.

Außenminister Christopher: Liebe Angehörige,
sehr verehrte Gäste und Freunde. Mit großer Trauer
kommen wir heute hier zusammen, um Bob Frasure,
Joe Kruzel und Nelson Drew nach Hause zu bringen. Diese drei in höchstem Maße engagierten
Amerikaner lebten ihr Leben im Dienste ihres
Landes und dem Streben nach Frieden. Sie ließen
ihr Leben in dem hehren Bestreben, das Leben
anderer zu retten.
Wir teilen das Leid ihrer Familien und Freunde
ebenso wie ihr gemeinsames Ziel.
Diese Männer erinnern uns, daß die Verfolgung
amerikanischer Interessen und Prinzipien in dieser
Welt nicht etwas Abstraktes ist. Diese Arbeit kann
nicht von Hochtechnologie und surrenden Computern geleistet werden - sie hängt von herausragenden Menschen wie Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew ab. Ob sie in Washington bis spät in
die Nacht arbeiteten, von einer Hauptstadt zur
nächsten flogen oder eine Zone großer Gefahr
reisten - sie taten, was getan werden mußte.
Ich möchte ein paar Worte über Bob Frasure sagen,
der ein unersetzlicher Kollege und lieber Freund war.
Zwei Jahrzehnte lang lebte Bob sein Leben in der
besten Tradition des Auswärtigen Dienstes. Dieser
altehrwürdige Satz - die beste Tradition des Auswärtigen Dienstes - ist in einem Moment wie diesem
besonders inhaltsträchtig. Für Bob bedeutete dies
ein Leben selbstlosen Dienstes für andere - in
Südafrika, Äthiopien, Estland und schließlich in

AMERIKA DIENST 26

Bosnien. Es bedeutete, ohne Kritik oder Beschwerden die schwierigsten und gefährlichsten Posten
anzunehmen, die - wie es scheint - den Besten für
ihre vorzügliche Leistung angeboten werden. Unser
Auswärtiger Dienst bringt mehr Menschen wie Bob
hervor, als den meisten Amerikanern bewußt ist.
Bob war gleichzeitig ein hingebungsvoller Ehemann
und Vater, während er einen Beitrag zu diesen
wichtigen außenpolitischen Aufgaben leistete. Ich
bezeige ihm und unserem Dienst Hochachtung bei
seiner Rückkehr von dieser tragischen Mission. Ich
schließe seine Frau Katharina und seine beiden
Töchter, Sarah und Virginia, in meine Gebete ein.
Ich habe jeden Augenblick, den ich mit Bob verbrachte, von seiner Erfahrung und Urteilskraft profitiert und seinen Humor genossen. In den Stunden
seit Samstag 13.00 Uhr (MESZ) drängen sich die
brillianten und anschaulichen Epigramme in mein
Gedächtnis, die Bobs Vorträge so effektiv machten.
Ich erinnere mich lebhaft, ihn ohne jede Vorwarnung
zu einem Treffen mit 16 Außenministern gebeten zu
haben, die alle binnen kurzem in seinen Bann gezogen waren.
Der von unserer Delegation in der vergangenen
Woche verfolgte Friedensplan gründete sich vornehmlich auf Bobs Erkenntnisse und sein Wissen. Er
trug zur Gestaltung der einzelnen Elemente bei und
setzte all seine Energie zur Erfüllung seiner Versprechen ein.

Seite 1

�Der Verlust von Bob, Joe und Nelson ist ein schwerer Schlag. Aber die Bestrebungen, Frieden nach
Bosnien zu bringen, werden mit einem neuen Gefühl
der Verpflichtung fortgesetzt. Wir werden ihr Opfer
ehren, indem wir die Vollendung ihrer Arbeit anstreben. Eines Tages werden keine Bomben mehr
auf Bosnien fallen, die Minenfelder geräumt und der
schreckliche Circulus vitiosus unnötiger Gewalt und
des Todes in Bosnien endlich zu Ende sein. Wenn
dies geschieht, wird es aufopferungsvollen Friedensstiftern wie Bob, Joe und Nelson und ihren Kollegen,
die überlebten, insbesondere Dick Holbrooke und
General Wes Clark, zu verdanken sein.
Vor einem halben Jahrhundert faßte Dean Acheson
diesen Geist des Auswärtigen Dienstes in Worte. Er
beschrieb die Menschen, die unserer Nation im
Ausland dienen, folgendermaßen: "Sie geben ihr
gesamtes Leben den Vereinigten Staaten: kompetent, mutig, engagiert." Einige, so Acheson,
waren in Kriegsgebieten tätig, wo Bomben fielen und
Kugeln durch die Luft flogen; andere in Regionen, in
denen die Gefahren für die Gesundheit ebenso groß
waren wie die Kugeln. Sie kannten ihre Pflicht und
erfüllten sie.
Dieser Geist wird von diesen drei Amerikanern
verkörpert. Er lebt im Auswärtigen Dienst und in
allen Zweigen unserer Regierung fort. In diesem
melancholischen Augenblick verpflichten wir uns ihm
heute erneut. Wir verpflichten uns, in die Fußstapfen dieser drei herausragenden Amerikaner zu
treten und ihrem Beispiel beim Streben nach dem
Ziel zu folgen, das sie für uns in greifbare Nähe
gerückt haben.
Ich danke Ihnen.
Verteidigungsminister Perry: Robert Frasure,
Joseph Kruzel und Oberst Nelson Drew waren große
Amerikaner, große Diplomaten und großartige
Menschen. Sie ließen ihr Leben beim Streben nach
Frieden in einem Land, das viel zu lange Tod,
Zerstörung und Vertreibung erdulden muß.
Während wir ihren Verlust beklagen, möge Gott in
seiner Barmherzigkeit unseren Schmerz mildern und
sie in unserem Gedächtnis bewahren, uns an
unseren Stolz auf ihre Leistungen und das Wissen
erinnern, daß ihr Opfer für den Frieden nicht umsonst war.
Mit dem Tod von Joe Kruzel habe ich einen vertrauten Berater, einen begnadeten Politiker und
einen lieben Freund verloren. Er war der Architekt
eines meiner wichtigsten Ziele als Verteidigungsminister: Den Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts bei ihrem Streben nach Demokratie und

Seite 2

regionaler Stabilität behilflich zu sein. Größtenteils
dank Joes Führungsrolle ist das Instrument für diesen
Wandel - die Partnerschaft für den Frieden der NATO
- ein durchschlagender Erfolg.
Vor nur drei Wochen veranstalteten über ein Dutzend
Nationen aus dem ehemaligen Warschauer Pakt in
Louisiana zusammen mit amerikanischen, kanadischen und britischen Streitkräften eine gemeinsame
Übung zur Friedenssicherung. Wir sahen wie Armeen, die jahrzehntelang ein Gleichgewicht des
Schreckens aufbauten, jetzt ein neues Gleichgewicht
des Vertrauens aufbauen. Mehr als jeder andere war
Joe Kruzel verantwortlich für dieses historische
Ereignis. Und er wäre stolz darauf gewesen, es zu
beobachten. Statt dessen war er mit unserem
diplomatischen Team in Europa und versuchte,
Frieden nach Bosnien zu bringen.
Joe schuf die Partnerschaft für den Frieden, aber in
einem umfassenderen Sinn könnte man sagen, Joe
war ein Partner für den Frieden. Seine aufschlußreiche und heikle Arbeit war ausschlaggebend, uns
einer Verhandlungslösung des Konflikts in Bosnien
näher zu bringen als zu jedem anderen Zeitpunkt in
den vergangenen vier Jahren. Das Streben nach
Frieden, zu dem er in Bosnien beitrug, schien in der
Vergangenheit der Arbeit von Sisyphus vergleichbar,
der Gestalt aus der griechischen Mythologie, die auf
alle Ewigkeit verdammt ist, einen schweren Felsbrocken den Berg heraufzurollen, nur damit er - oben
angekommen - wieder hinunterrollt.
Seit langer Zeit haben wir den Felsbrocken den
bosnischen Berg heraufgerollt, und er rollte immer
wieder hinunter. Aber ebenso wie Sisyphus hören
wir nicht auf, es zu versuchen - für die Tausenden,
die umgekommen sind, für die Tausenden, die
bedroht sind, für Frieden und Stabilität in Europa und
für Robert Frasure, Joseph Kruzel und Oberst Nelson
Drew, die die Last des Strebens nach Frieden bis zu
ihrem letzten Moment auf sich nahmen. Sie lebten
für den Frieden, und sie starben für den Frieden.
Ich möchte aus Will Rogers Nachruf auf Woodrow
Wilson zitieren: "Nach dem, für das sie lebten und
starben, werden wir streben, so lange es sein muß."
Anthony Lake: Heute bringen wir drei Freunde nach
Hause, drei Männer des Friedens, die auf einer
Friedensmission waren. Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew ließen ihr Leben im Dienste unserer
Nation und im Dienste der Sache der Menschheit. Im
gesamten Verlauf ihrer Karriere - und jetzt im ehemaligen Jugoslawien - wollten alle drei anderen die
Segnungen zukommen lassen, die wir Amerikaner
manchmal zu sehr als selbstverständlich hinnehmen:
Frieden und Sicherheit sowie die Chance, das stille

AMERIKA DIENST 26

�Wunder eines von Krieg und Gewalt freien Lebens
zu leben.

Lebensnerv des Friedensplans, den er, Bob und Joe
bei sich trugen, als sie starben.

Die Angehörigen und Freunde von Bob, Joe und
Nelson haben einen Vater, einen Ehemann, einen
Sohn, einen Freund verloren. Und das amerikanische Volk hat drei seiner besten Regierungsvertreter
verloren - Männer, die den Kampf für Freiheit und
ein menschenwürdiges Leben zum entscheidenden
Merkmal ihres Berufslebens gemacht haben.

Sandy, Nelsons Gattin - einer bemerkenswerten
Frau - und ihren Kindern, Samantha und Phillip,
möchte ich sagen, ich weiß, daß keine Worte Ihren
Schmerz lindern oder über Ihren Verlust hinwegtrösten können. Ihr Ehemann und Vater war ein
außergewöhnlicher Amerikaner. Ich weiß, daß Sie
Stärke in seiner Stärke, Mut in seinem Mut und Trost
in all der Sie umgebenden Liebe finden werden.

Ich möchte ein paar Worte über Nelson sagen, der
Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats war.
Nelson war zur Verteidigung unserer Nation und in
der Kriegführung ausgebildet. Aber in der besten
Tradition des Soldaten und Diplomaten galt seine
Leidenschaft dem Streben nach Frieden.
Ich kenne Nelsons außerordentliche Leistungen an
der Air Force Academy, am National War College
und bei unserer NATO-Mission, und aus diesem
Grund haben wir uns so sehr gefreut, daß er zum
Nationalen Sicherheitsrat kam.
In den vergangenen Monaten lernte ich einen
bemerkenswerten Offizier, einen ausgezeichneten
Lehrer, einen wirklich strategischen Denker sowie
einen starken und sanften Menschen kennen.
Nelson verband all diese Qualitäten jeden Tag
erneut bei der unermüdlichen Suche nach Frieden in
Bosnien. Seine Ideen und sein Wissen waren der

•

AMERIKA DIENST 26

Nelson, Bob und Joe hatten sich dem Frieden
verpflichtet und ließen ihr Leben beim Streben nach
der Erfüllung dieser Verpflichtung. Und heute verpflichten wir alle uns, unbeirrt fortzufahren. In den
kommenden Tagen wird die Erinnerung an sie jeden
neuen Gedanken, jede neue Anstrengung, jeden
neuen Energieschub für unsere Arbeit beflügeln, die
wir mit ihnen geteilt haben. Wir werden von ihrem
Beispiel und ihrem Opfer geleitet sein, und wir
werden nicht ruhen, bis der Kampf, den sie zur
Berufung ihres Lebens gemacht haben, gewonnen
ist. Im Gegensatz zu Sisyphus werden wir den
Felsbrocken auf die Spitze des Berges legen.
Gott segne Bob Frasure, Joe Kruzel, Nelson Drew
und ihre hier versammelten Familien.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�NW
30. August 1995

Habt große Angst
von Robert Wright
WASHINGTON - (AD) - Die vor kurzem beendete Konferenz über die Verlängerung des Nichtverbreitungvertrags (NW) beleuchtet schlaglichtartig die Ungereimtheiten bei der Bewältigung der Bedrohung durch
Massenvernichtungswaffen am Ende des 20. Jahrhunderts.
Das gerade erneuerte NuklearwaffenKontrollregime hat entschieden weniger Biß als die noch zu ratifizierende Chemiewaffenkonvention. Die
gravierendste Bedrohung der Zukunft scheint jedoch von biologischen Waffen zu kommen, die zur Zeit durch
eine lasche Konvention über biologische Waffen überwacht werden. Der Erfolg bei der Verlängerung des N W
sollte konzertierte Bestrebungen zu einheitlichen Kontrollregimen für Massenvernichtungswaffen in die Wege
leiten.
Richard Wright ist Chefredakteur von The New Republic in Washington, D.C. Er hat für andere Zeitschriften
über wissenschaftliche, technologische und philosophische Themen geschrieben und das Buch Three
Scientists and Their Gods: Looklng for Meaning in an Age of Information herausgegeben.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The New Republic, 1. Mai 1995, Seite
21-27. Copyright (c) 1995, The New Republic, Inc.

Als man sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt
hatte, daß ein apokalyptischer New Age-Kult mit
Büros auf drei Kontinenten Tonnen von Wirkstoffen
für Nervengas gelagert hatte und versuchte, das
Botulismus verursachende bakteriologische Toxin zu
kultivieren, war der Rest der Geschichte eine ziemlich gute Nachricht. Der Kult, die Aum-Sekte in
Japan, setzte das Nervengas nur auf einem der
Kontinente ein, statt es gleichzeitig in den Untergrundbahnen von Tokio, New York und Moskau
ausströmen zu lassen. Nur ein Bruchteil des Bestands an Chemikalien der Sekte wurde benutzt, und
das Ganze war schlecht vorbereitet - das Gas schien
eine abgeschwächte Version von Sarin zu sein, und
die "Trägersysteme", über die es ausströmte, waren
dieser Bezeichnung kaum wert. Statt Tausender
Toter auf drei Kontinenten hatten wir elf Tote in
Japan zu beklagen. Ein glückliches Ende.
Andererseits hätte ein weltweiter, gut durchgeführter
chemischer und biologischer Terrorakt seine Vorzüge gehabt. Von Mitte April bis Mitte Mai, kurz vor
dem Auslaufen des Nichtverbreitungsvertrags nach
25 Jahren, kamen Vertreter aus über 170 Nationen
in New York zusammen, um über die Verlängerung
des Vertrags abzustimmen. Möglicherweise hätte
diese Galaveranstaltung einen umfassenderen und
dringend benötigten Dialog über den Stand der
weltweiten Bestrebungen zur Kontrolle von Massen-

AMERIKA DIENST 26

vernichtungswaffen einschließlich chemischer und
biologischer Waffen angeregt. Das Gegenteil wäre
ebenfalls möglich gewesen. Bisher sind Versuche zu
einem wirklich neuen Ansatz zu diesem Thema auf
eine gewisse Trägheit in Kreisen politischer Entscheidungsträger gestoßen. Für diesen Zustand
hätte der weltweit im Femsehen übertragene Tod von
10.000 Menschen auf drei Kontinenten genau die
richtige Behandlung sein können.
Ein herausragendes Merkmal des weltweiten Ansatzes zu Massenvernichtungswaffen ist Perversität.
Der Nichtverbreitungsvertrag - N W - ist ein sehr viel
lascheres Dokument als die kürzlich ausgehandelte
Chemiewaffenkonvention, die jetzt von den Vereinigten Staaten ratifiziert werden soll, aber Nuklearwaffen haben ein sehr viel höheres Zerstörungspotential als chemische Waffen. Und biologische
Waffen unterliegen praktisch überhaupt keiner
internationalen Kontrolle, sind jedoch die schrecklichsten der drei Waffengattungen. Sie mögen - zumindest im Augenblick - nicht die größte Wirkung
haben, aber sie haben die höchste Kombination an
Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit. Wenn Sie jemand
fragt, welche Technologie am ersten 100.000 Amerikaner bei einem Terroranschlag töten wird, sollten
Sie nicht zögern. Setzen Sie auf Biotechnologie.
Und nicht futuristische, genmanipulierte, völkermörderische Viren - obwohl dies eines Tages der Fall sein

Seite 1

�mag - sondern gute alte biologische Waffen der
ersten Generation - dieselben, die die Aum-Sekte
herzustellen versuchte - sind die aus dem Nichts
kommende Bedrohung der nationalen Sicherheit
Ende der neunziger Jahre.
Alles in allem kann die derzeitige internationale
Politik zu Massenvernichtungswaffen folgendermaßen zusammengefaßt werden: Je schrecklicher und
bedrohlicher die Waffe, desto weniger können wir
dagegen tun. Es gab nie einen besseren Zeitpunkt,
diese Prioritäten zu überdenken.
Es gereicht der Clinton-Administration zur Ehre, daß
sie in jüngster Zeit hartnäckig auf die Verlängerung
des NW hingearbeitet hat. Regierungsvertreter sind
rund um den Globus gereist und haben den Staatsund Regierungschefs der Welt vor Augen geführt,
daß sie mit dem Vertrag sicherer als ohne ihn sind,
und haben den Unentschlosseneren im Gegenzug
für ihre Unterstützung Gott-weiß-was versprochen.
Der Vertrag wurde bei der New Yorker Konferenz
verlängert.
Verlängerung ist sicher besser als keine Verlängerung. Aber seit seinem Inkrafttreten in den sechziger Jahren sind die Schwächen des Vertrags so
offenkundig zu Tage getreten, daß man wünscht,
das wären nicht die beiden einzigen Optionen.
Die dem Vertrag zugrundeliegende Idee war, daß
die Atomwaffenstaaten - China, Frankreich, Großbritannien, Rußland und die Vereinigten Staaten die Habenichtse abfinden würden. Die Habenichtse
würden sich verpflichten, keine Nuklearwaffen zu
beschaffen, und die Atomwaffenstaaten würden
ihnen helfen, Nuklearenergie für friedliche Zwecke
zu bekommen und zu unterhalten. Das war das
Zuckerbrot. Hatten die Habenichtse einmal unterzeichnet, würden sie (zusammen mit den übrigen
von uns) die Peitsche zu spüren bekommen:
Internationale Inspektionen der Atomreaktoren vor
dem Hintergrund, daß ein Mißbrauch der Technologie zur Einstellung der Lieferung führen würde.
Zuckerbrot und Peitsche anzuwenden obliegt der
Internationalen Atomenergie-Organisation, oder
IAEO.
Eine Eigenartigkeit dieses Arrangements ist, daß die
Arbeit der IAEO darin besteht, sich unweigerlich das
eigene Leben schwer zu machen. Während sie
dazu beiträgt, Nuklearmaterial für "friedliche" Zwecke
auf der Welt zu verbreiten, vervielfachen sich die
Möglichkeiten für illegale Nutzung ebenso wie die
Notwendigkeit strenger Kontrolle. Daher muß die
Welt bei zwei Dingen immer besser werden: Aufspüren der Betrüger und ihrer Bestrafung mit genügend Nachdruck, um andere abzuschrecken. Die

Seite 2

jüngsten Ereignisse belegen, daß die Welt in beider
Hinsicht versagt hat.
Zu Beginn des Golfkrieges war der Irak ein NWMitglied mit technisch gesehen gutem Stand. Nach
dem Krieg entdeckte die Welt, was eine bedeutungslose Tatsache sein kann. Als ob sie die Unfähigkeit
der IAEO drastisch vor Augen führen wollte, wurde
eine andere Behörde unter der Schirmherrschaft der
Vereinten Nationen im Irak tätig, dokumentierte das
Nuklearwaffenprogramm des Landes und zerlegte es.
Es trifft zu, daß die Existenz dieses Programms nicht
wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. Seit langem
gab es einen schwerwiegenden Verdacht, aber
Präsident Bushs Aversion gegen die regionale
Hegemonie des Iran ließ ihn eine gewisse Toleranz
für irakische Exzesse üben. Dennoch vermuteten
wenige den Umfang von Saddam Husseins Nuklearprogramm oder das Geschick bei seiner Geheimhaltung. Saddam Hussein bewies, daß das Inspektionsregime der IAEO - auf bekanntgegebene Nuklearanlagen beschränkt - inadäquat ist.
Die erste Anwendung dieser Lektion war Nordkorea.
Nachdem Inspektionen einer bekanntgegebenen
Anlage ergaben, daß nuklearfähiges Material fehlte,
forderte die IAEO zum ersten Mal überhaupt die
Überprüfung einer nicht bekanntgegebenen Anlage.
Die Weigerung Nordkoreas bestätigte die schlimmsten Vermutungen und deckte so eine weitere
Unzulänglichkeit des NW auf: Sobald die Welt weiß,
daß ein Land nicht kooperiert, gibt es keine Bestimmungen für garantierte und effektive Bestrafung.
Theoretisch könnte die IAEO den Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen wegen Wirtschaftssanktionen
anrufen - oder um die Genehmigung für Luftangriffe
gegen die verdächtige Anlage. Häufig wird dieser
Kanal jedoch durch das Veto der Großen Fünf
(China, Frankreich, Großbritannien, Rußland und der
Vereinigten Staaten) blockiert - Chinas im Falle von
Nordkorea, Rußlands vielleicht in einem künftigen,
den Iran betreffenden Fall. Natürlich kann die IAEO
alle weiteren Lieferungen von Nuklearmaterial an
geächtete Nationen einstellen. Aber es könnte zu
spät für diesen Kurs sein, um die Bombe vor ihren
Händen zu bewahren, und eine Sperrung ihrer
Energielieferungen würde eine Zeitlang nicht gespürt.
Ungeachtet dieser Mängel war der NW ziemlich
effektiv. Niemand bezeichnete John Kennedy als
hysterisch, als er 1963 vorhersagte, binnen 12 Jahren
hätten 15 bis 20 Nationen eine Bombe. Und trotzdem sind jetzt, 32 Jahre später, bestenfalls acht
Nationen im Besitz einer funktionierenden Bombe die Großen Fünf als NW-Mitglieder und als Nichtmit
glieder Israel, Pakistan und Indien. (Darüber hinaus
wurden die Ukraine, Belarus und Kasachstan mit der

AMERIKA DIENST 26

�Bombe aus der Taufe gehoben und erklären, sie
aufgeben zu wollen). Ein Hauptgrund für diese
eiszeitliche Geschwindigkeit ist, daß der N W in
großen Teilen der Welt Ängste über die unmittelbar
bevorstehende Nuklearisierung der Nachbarn beschwichtigte.
Dennoch sind der Nahe Osten und Südasien seit
1963 in ein Wettrüstungsfieber verfallen, und Nordkorea könnte im Pazifik einen Rüstungswettlauf
beginnen. Es wäre daher schön, wenn man den
N W verführerischer und effektiver gestalten und
sowohl die Vorteile der Unterzeichnung als auch die
Kosten der Nichteinhaltung attraktiver machen
könnte. Und obwohl niemand anregte, die jüngste
Konferenz zu einer Änderung des N W zu benutzen
(das hätte die Sache angeblich zu sehr kompliziert),
spricht man davon, das Ziel auf andere Weise zu
erreichen. Beispielsweise kann die IAEO ihr gelegentlich doppeldeutiges Mandat umfassender
auslegen - wie sie es bei dem Recht auf Inspektion
nicht bekanntgegebener Nuklearanlagen in Nordkorea getan hat - und hoffen, daß alle nachziehen und
somit ein Präzedenzfall geschaffen wird. Oder die
Organisation kann die Mitgliedstaaten kollektiv
bezüglich einer echten Neuformulierung ihrer individuellen "Sicherheitsabkommen" ansprechen - die
technisch vom N W getrennten Dokumente, die der
IAEO die Befugnis zu Inspektionen gewähren. Auf
jeden Fall erfolgte die NW-Verlängerung in New
York früh genug, damit die Konferenz zumindest
einen Dialog über die gravierenden Mängel des
derzeitigen Regimes eröffnen konnte, insbesondere
im Hinblick auf nukleare Abrüstung und die Vernichtung von Nuklearwaffen.
Ein gutes Rohmodell für Reformen ist die Chemiewaffenkonvention (CW-Konvention), die jetzt nach
über einem Jahrzehnt der Verhandlungen unter drei
Administrationen vom Senat ratifiziert werden soll.
Die CW-Konvention hat den Biß, der dem N W fehlt:
Ein strenges Inspektionsregime und echte Bestrafung bei Nichteinhaltung. Im Bereich der Rüstungskontrolle, so Barry Kellman, Juraprofessor an der
DePaul University, ist sie ein "wirklich beispielloses
Dokument des Völkerrechts". Wäre sie schon in
Kraft, wäre es für die Aum-Sekte sehr viel schwieriger gewesen, chemische Waffen herzustellen.
Im Rahmen der Chemiewaffenkonvention würde die
Organisation für das Verbot chemischer Waffen
(Organization for the Prohibition of Chemical
Weapons oder OPCW, die CW-Version der IAEO)
routinemäßig über den kommerziellen Transfer von
zur Herstellung chemischer Waffen verwendeter
Substanzen informiert - und von Substanzen, die zur
Produktion von Substanzen benutzt werden, die
wiederum zur Herstellung chemischer Waffen

AMERIKA DIENST 26

genutzt werden.
Darunter fallen Dutzende von
Substanzen. Dies betrifft auch viele Verkäufer und
Käufer, weil diese Substanzen für gewöhnlich ebenfalls legal verwendet werden können. Thiodiglykol
wird sowohl zur Herstellung von Senfgas als auch
von Kugelschreibertinte benutzt. Dimethylamin ist
gleichzeitig ein Grundstoff für ein gutes Nervengas
und Reinigungsmittel. In einem beeindruckenden
Balanceakt gelang den CW-Unterhändlern die Erarbeitung eines Systems, das a) den Verkauf und
Transport dieser Chemikalien überwacht und periodische Inspektionen beinhaltet; und das b) die uneingeschränkte Unterstützung des Verbands der Hersteller
von Chemikalien hat.
Im Gegensatz zum N W geht die CW-Konvention weit
über diese Inspektion "bekanntgegebener" Nuklearanlagen hinaus - Fabriken, die offen die verdächtigen
Chemikalien einsetzen - und sieht explizit Inspektionen nicht bekanntgegebener Anlagen vor. Und hier
kann alles ziemlich schnell gehen. Wenn die Vereinigten Staaten eine "Ad-hoc-lnspektion" beispielsweise eines verdächtig aussehenden Lagerhauses im
Iran (einem Signatarstaat) fordern, muß der Iran die
Inspektoren binnen 12 Stunden nach der Benachrichtigung ins Land lassen. Nach weiteren 12 Stunden müssen die Inspektoren in die Umgebung des
Lagerhauses begleitet worden sein. (Die Beseitigung
aller Spuren der Herstellung von Chemiewaffen
binnen 24 Stunden wird als ziemlich unwahrscheinlich
angesehen). An diesem Punkt kann es bis zu
96stündige Verhandlungen darüber geben, welche
Teile des Lagerhauses der Inspektion unterzogen
werden. Aber alle zwischenzeitlich das Gelände des
Lagerhauses verlassende Fahrzeuge können durchsucht werden.
Ein Land könnte diese Zeitspanne mit dem Argument
verlängern, ein nationaler Durchsuchungbefehl sei
erforderlich. Das Land könnte in der Tat sogar die
Wahrheit sagen (obwohl diese Ausrede für bereits
staatlicher Kontrolle unterworfene Chemiefabriken
nicht gilt). Und darüber hinaus könnte es praktisch
unmöglich sein, solch einen Durchsuchungsbefehl zu
beschaffen - wenn beispielsweise die angeforderte
Durchsuchung Ihren Hallentennisplatz betrifft und die
OPCW keine Beweise illegaler Aktivitäten dort
beibringen könnte. Dennoch, wenn solche Appelle
an die nationale Souveränität eher fadenscheinig
sind, könnte das Land durch Abstimmung der OPCWMitgliedstaaten der Nichteinhaltung des Vertrags
verdächtigt werden.
Solchermaßen verdächtigte Nationen könnten wirklich
in Ungnade fallen. Es gibt eine große Menge für
chemische Kriegführung relevanter Substanzen, die
Vertragsbrüchige nicht länger von OPCW-Mitgliedern
kaufen könnten - einer Gruppe, der so ziemlich die

Seite 3

�gesamte industrialisierte Welt angehört. Und die
Einstellung der Lieferung dieser Substanzen könnte
Fabriken schaden, die Produkte von Pestiziden über
Plastik und Keramik bis zu Pharmazeutika herstellen.
Hier erschließt die CW-Konvention neues Terrain,
wenn auch weniger aufgrund ihrer Struktur als
wegen eines technologischen Zufalls. Dank der
Flexibilität chemischer Technologie kommt die
Bestrafung im Rahmen des Vertrags in Form von
Verweigerung der Lieferung "militärischer" Chemikalien umfassenden und sofort spürbaren Sanktionen
gegen die zivile Wirtschaft gleich. Und diese Sanktionen sind ein guter Grund, den Vertrag nicht nur
einzuhalten, sondern ihn von vorneherein zu unterzeichnen. Wenn Sie der OPCW nicht beitreten,
werden Ihnen ihre Mitgliedstaaten - praktisch jedes
Land - diese Chemikalien überhaupt nicht erst
verkaufen. Das ist das Zuckerbrot, und das ist die
Peitsche.
Offenkundig kann kein Waffenkontrollregime idiotensicher sein. (Das ist der Grund, warum - ungeachtet
des hehren Rufs des N W nach letztlicher Beseitigung aller Nuklearwaffen weltweit - dies in absehbarer Zukunft nicht geschehen wird. Einige wenige,
aber einigermaßen vernünftige Nationen müssen ein
Nukleararsenal beibehalten, damit nicht die nächste,
noch etwas verschlagenere Version eines Saddam
Hussein in die Lage versetzt wird, die Welt mit
einem halben Dutzend Gefechtsköpfen oder anderen
Massenvernichtungswaffen in Schach zu halten).
Dennoch hätte die Chemiewaffenkonvention angesichts des Themenkomplexes, den sie anspricht,
eine gute Erfolgschance. Sie würde die Herstellung
von Chemiewaffen zu einem Untertangen mit beträchtlichem Risiko der Entlarvung machen, und
Entlarvung würde schmerzliche Strafen nach sich
ziehen - Strafen, gegen die kein Mitglied des Sicherheitsrats sein Veto einlegen könnte. Hätte der
N W die eingebauten Selbstschutzmechanismen der
Chemiewaffenkonvention, hätte Saddam Hussein
sehr viel größere Schwierigkeiten gehabt, den Punkt
zu erreichen, den er erreichte, und immer noch
NW-Mitglied zu sein. Und wenn der N W die
Vorteile der Mitgliedschaft in der CW-Konvention
enthielte, wäre es sehr viel schwieriger für alle
Nationen - Irak, Israel oder Pakistan - die Aussicht
auf Nichtmitgliedschaft zu ertragen.
Die Ironie dieser Diskrepanz zwischen dem N W und
der CW-Konvention ist, daß Nuklearwaffen ein sehr
viel größeres Vernichtungspotential haben als
chemische Waffen. Japanische Zeitungen schätzten, daß die Tonnen von Chemikalien der AumSekte theoretisch 4 Millionen Todesopfer hätten
fordern können - das Schlüsselwort hier ist jedoch
"theoretisch". Diese Berechnung geht davon aus,

Seite 4

daß man das Giftgas mit größter Perfektion ausströmen läßt, damit jedes bißchen eingeatmet wird
und niemand mehr als seinen Anteil einatmet (von
einem sterbenden U-Bahnfahrer ist das ziemlich viel
verlangt). Plausiblere Zahlen bewegen sich in den
Hunderttausenden.
Und selbst diese Zahlen sind übertrieben. Wenn Sie
ein geheimes Waffenlager mit 800.000 Schuß Munition entdecken würden, könnten Sie sagen, das sei
genug, um 500.000 Menschen umzubringen, selbst
bei ineffizienter Anwendung. Aber Ineffizienz ist nur
das halbe Problem: Ziemlich früh im Anwendungsprozeß würden Sie auf offiziellen Widerstand stoßen.
Dasselbe gilt für chemische Waffen. Während es
einfach ist, mit einer einzigen Atombombe 500.000
Todesopfer zu bewirken, indem man einen Kleinlaster
parkt und einen Zeitzünder einstellt, ist das mit einer
einzigen Chemiewaffe nicht einmal im entferntesten
möglich. Tausend Tote sind eher wahrscheinlich.
Eine hohe Anzahl von Toten erfordert eine gut
organisierte Kampagne.
Das bedeutet nicht, daß chemische Waffen nicht die
strenge Behandlung verdienen, die sie in der CWKonvention erfahren. Erstens, weil einige von ihnen wie etwa das die Haut auflösende und häufig nicht
tödliche Senfgas - entsetzliche Auswirkungen haben.
Zweitens sind Chemiewaffen sehr viel leichter zu
beschaffen, auch wenn eine einzige chemische Waffe
einen Bruchteil der todbringenden Wirkung einer
Atombombe besitzt. Die Anleitung für ihre Herstellung ist öffentlich, ein erstklassiger Student mit
Chemie als Hauptfach kann ihr folgen (wenn auch mit
einem gewissen Gesundheitsrisiko verbunden), und
die Bestandteile sind jedes Jahrzehnt leichter zu
beschaffen.
Obwohl chemische Waffen die geringste massiv
zerstörerische Wirkung aller Massenvernichtungswaffen haben, sind sie wirkungsvoller als konventionelle Sprengkörper. Ein konventioneller Gefechtskopf
könnte zehn Menschen in einer Wohngegend töten,
in der ein chemischer Gefechtskopf 100 töten würde.
Das nach dem Golfkrieg entdeckte chemische
Arsenal des Irak - 100.000 Artilleriegranaten, Gefechtsköpfe und Bomben - war theoretisch ausreichend, um die gesamte israelische Bevölkerung
mehrmals auszuradieren. Aus gutem Grund fallen
Chemiewaffen zusammen mit atomaren und biologischen Waffen unter eine spezielle Kategorie globaler
Abscheu und Kontrolle.
Dennoch sind Chemiewaffen nicht annähernd so
schädlich wie Nuklearwaffen. Und was die meisten
Menschen immer noch nicht verstehen ist, daß
Nuklearwaffen in bedeutenden Aspekten nicht so
schädlich sind wie biologische Waffen.

AMERIKA DIENST 26

�In einer Hinsicht werden biologische Waffen im
allgemeinen überschätzt. Die Menschen nehmen
an, sie funktionieren, indem sie Epidemien auslösen,
wohingegen die meisten biologischen Waffen ebenso wie chemische Waffen töten, indem man direkt
exponiert wird.
Natürlich existieren kontagiöse
Waffen, die ansteckende Krankheiten verbreiten.
Die amerikanischen Siedler gaben den Indianern
absichtlich mit Pocken infizierte Decken. In jüngerer
Zeit haben sowohl amerikanische als auch sowjetische Militärforscher mit einigen leicht übertragbaren
Viren experimentiert. Dennoch haben es kontagiöse
Waffen an sich, wie ein Bumerang zum Aggressor
zurückzukehren. Die biologischen Waffen dieses
Jahrhunderts enthielten daher vornehmlich Anthraxsporen, die in die Lunge eintreten und Bakterien
ansiedeln, die sich im Körper vermehren und
schließlich zum Tod führen, aber in der Zwischenzeit
keinen anderen anstecken.
Genmanipulation könnte kontagiöse Waffen irgendwann wahrscheinlicher machen.
Grundsätzlich
könnte man beispielsweise ein Virus entwerfen, das
Angehörige einer bestimmten ethnischen Gruppe
überproportional befällt, und damit den Angreifern
einer anderen ethnischen Zugehörigkeit ein gewisses Maß an Sicherheit verleiht. Und Genmanipulation macht es auf kürzere Sicht realistischer, einem
Killervirus einen wirksamen Impfstoff entgegenzusetzen, so daß der Aggressor immunisiert werden
könnte. Der Haupteffekt moderner Biotechnologie
bis heute - und er war dramatisch - ist jedoch, die
Produktion traditioneller Waffen wie Anthrax billiger
und leichter zu machen. Eine Anlage von der Größe
eines Kellers mit Gerät, das sich in medizinischen
Labors und biotechnologischen Unternehmen findet,
reicht aus. Die Anleitungen sind in College-Bibliotheken zu finden, und die Bestandteile - kleine
Kulturen von Pathogenen, die sich durch Züchtung
rapide vermehren können - werden routinemäßig
von kommerziellen Verkäufern gekauft oder vom
Professor an den Studenten weitergegeben.
Die Waffen, die daraus entstehen können, haben
eine phänomenal zerstörerische Wirkung.
Ein
(ausgezeichneter) Bericht des Büros für Technologiebewertung (Office of Technology Assessment OTA) über Massenvernichtungswaffen schätzt, daß
ein einziger, in der Bundeshauptstadt Washington an
einem mäßig windigen Tag landender Gefechtskopf
mit Anthraxsporen 30.000 bis 100.000 Menschen
töten würde - ein etwas größerer Schaden, als eine
Atombombe wie damals in Hiroshima anrichten
würde, wenn auch geringfügig verglichen mit der
Zerstörung durch einen modernen nuklearen Gefechtskopf. (Und ein Tag mit Fieber, Husten, Erbrechen und inneren Blutungen ist ein entschieden
weniger wünschenswerter Tod als durch Verbren-

AMERIKA DIENST 26

nung). Darüber hinaus leben im Boden vergrabene,
dem Sonnenlicht verborgene Anthraxsporen weiter.
Die Insel Gruinard, wo Großbritannien im Zweiten
Weltkrieg eine Anthraxbombe explodieren ließ, ist
immer noch unbewohnbar.
Aber ein Gefechtskopf ist nicht die Form, in der
biologische Waffen eine amerikanische Stadt am
ehesten erreichen werden. Eine ballistische Rakete
hat schließlich einen Absender, und solange die
Vereinigten Staaten eine nukleare Abschreckung
besitzen, können sich die Amerikaner im allgemeinen
ziemlich sicher vor Raketenangriffen fühlen. Und es
gibt noch ein weiteres Problem mit von Raketen
getragenen biologischen Waffen. Die technologische
Herausforderung der Herstellung eines Sprengkörpers, der in einem riesigen Nebel detoniert, ist
denkbar. Wie wir seit dem Golfkrieg wissen, betreibt
der Irak Forschung über Anthrax- und Botulinwaffen,
aber ohne offenkundigen Erfolg. Dennoch, wenn
man nicht aus der Entfernung angreift und die Sporen
persönlich liefern kann, verringern sich die Hindernisse gegen einen biologischen Angriff. "Herauszufinden, wie man es auf terroristische Art tun könnte,
ist trivial", erklärt ein Analyst der Rüstungsindustrie.
Daher ist die Tatsache, daß seit dem Zweiten Weltkrieg kein Land biologische Waffen eingesetzt hat,
kein Indikator für ihre zukünftige Verwendung. Die
Technologie ist seit kurzem so leicht verfügbar, daß
eine gut organisierte Terrorgruppe sie beschaffen
kann.
Unter all den Gründen, die die Attraktion biologischer
Kriegführung für Terroristen ausmachen - der relativ
günstige Preis, die unauffällige Produktion - ist der
wichtigste vielleicht die Anonymität. Ein kleines
Privatflugzeug mit 100 kg Anthraxsporen könnte auf
einer Nord-Süd-Route über Washington fliegen, sich
nicht besonders auffällig verhalten und einen unsichtbaren Nebel hinter sich herziehen, der an einem
Tag mit mäßigem Wind eine Million Menschen töten
würde. Ein Flugzeug, das zehnmal so viel Sarin
ausströmen läßt, würde nur ungefähr 600 Menschen
töten - oder an einem windigeren Tag 6.000. Um auf
den Punkt zu kommen: Bei dem Sarinangriff mit
seinen unmittelbaren Auswirkungen würden die
Behörden bereits nach einem Schuldigen suchen,
bevor das Flugzeug gelandet wäre. Im Gegensatz
dazu benötigt Anthrax Tage, um Wirkung zu zeigen.
Der Pilot könnte Urlaub in der Karibik machen, bevor
irgend jemand etwas Ungewöhnliches feststellen
würde.
Oder stellen Sie sich dieses charmante Szenarium
vor, das wir Kyle Olson vom Kontrollinstitut für
chemische und biologische Waffen verdanken:
Nehmen Sie sich ein Taxi in New York, legen sie
einen Kanister Anthrax in den Kofferraum und, indem

Seite 5

�sie überall erhältliches Gerät etwas modifizieren,
arrangieren Sie die Freisetzung eines unsichtbaren
Stroms von Aerosol. (Es wäre klug, einen speziellen
Filter für die ins Taxi strömende Luft zu bauen,
obwohl eine Anthraximpfung ausreichend Schutz
bieten könnte). Dann fahren Sie einen oder zwei
Tage lang durch Manhattan. Sie würden Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Menschen töten.
Und wiederum würde niemand etwas bemerken. Im
Gegensatz dazu würde beim Nervengas die zu
Ihrem Taxi führende lange Schlange würgender, sich
krümmender Menschen den Verdacht der lokalen
Behörden erregen - selbst wenn Ihre Gasmaske
ihrer Aufmerksamkeit irgendwie entgangen wäre.
Man muß anmerken, daß diese Szenarien biologische Waffen potentiell völkermörderisch machen,
selbst in einer ethnisch heterogenen Stadt. Ein Taxi
kann man Block um Block durch ganz Harlem fahren
- oder durch Chinatown oder die Upper East Side.
Terroristen, die für ethnische Vorurteile bekannt sind,
müssen nicht auf ein ethnisch voreingenommenes
Designervirus warten.
Biologische Waffen sind heute zwar das erschrekkendste Instrument von Terroristen, sind aber vom
Radarschirm jedes wichtigen Politikers am weitesten
entfernt. Die Konvention über biologische Waffen
von 1975, die den Vereinigten Staaten, Rußland und
anderen Signatarstaaten ein biologisches Waffenprogramm untersagt, hat so wenig Biß, daß der NW
dagegen wie eine Stahlfalle wirkt. (Als 19.79 in der
Sowjetunion auf mysteriöse Weise Anthrax in der
Nähe einer militärischen Forschungseinrichtung
ausströmte, waren Pentagonvertreter nicht überrascht. Die Vereinigten Staaten hatten jedoch nicht
die Befugnis, ihren Verdacht zu verfolgen). Und kein
Verbesserungsvorschlag der Clinton-Administration
ist in Sicht. In der Zwischenzeit ist das greifbarste
Resultat einer Reihe von Treffen zwischen den
Signatarstaaten der BW-Konvention über die Überarbeitung der Konvention eine Reihe von Abkommen, sich weiter zu treffen. Es wird überall sehr
wenig darüber gesprochen, die Konvention über
biologische Waffen zu einer Kopie der Chemiewaffenkonvention zu machen.
Wenn man um eine Erklärung dieser Anomalie bittet,
werden die praktischen Probleme genannt, die das
Aufspüren biologischer Waffen schwerer als das
chemischer Waffen machen. Es gibt so viele,
theoretisch verdächtige Räume bei so vielen medizinischen und biotechnischen Einrichtungen. Und bei
einer Inspektion ist es schwierig, mit Sicherheit
festzustellen, ob etwas Illegales vor sich geht. Das
absolut legitime Vorgehen, einen Anthraximpfstoff
herzustellen, ist eine Entschuldigung für das Vorhandensein von Anthrax - einer von mehreren potentiel-

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len Vorwänden für die Waffenproduktion. Darüber
hinaus kann eine kleine, unverdächtige Menge von
Pathogenen auf dem Wege der Züchtung zu waffenfähigem Material gemacht werden - nur zwei Wochen, nachdem ein zufriedener internationaler Inspekteur freundlich auf Wiedersehen gewunken hat.
Es trifft zu, daß diese Dinge die Umsetzung des
Vertrags dramatisch verkomplizieren. Es trifft auch
zu, daß sie die Notwendigkeit der Umsetzung dramatisch unterstreichen. Zu wissen, daß in Abertausenden von Gebäuden auf diesem Planeten irgendein
Student oder Manager genügend Anthraxsporen
züchten könnte, um die Stadt, in der ich lebe, zu
dezimieren - ist einem Laisser-faire vergleichbar. Die
Wahrscheinlichkeit der biologischen Kriegführung als
Grund anzuführen, diese Wahrscheinlichkeit nicht zu
verringern, ist ein bißchen zuviel der Ironie.
Einige wild dreinschauende Radikale gingen sogar so
weit, neue Ansätze zu dem Problem vorzuschlagen.
Eine Idee ist die "Internationalisierung" der Herstellung von Impfstoffen, oder zumindest die Beschränkung der Produktion der Länder auf weniger
Einrichtungen für leichtere (und kontinuierliche)
internationale Überwachung. Das würde alle anderen
Einrichtungen eines Vorwands für die Waffenproduktion berauben - so daß beispielsweise bei einer Adhoc-lnspektion entdeckte Anthraxsporen schwer zu
erklären wären.
Eine solche Reform geht jedoch davon aus, daß es
so etwas wie eine Ad-hoc-lnspektion für biologische
Waffen gibt, was nicht der Fall ist. Solche Inspektionen in die BW-Konvention aufzunehmen ist die
ehrgeizigste Idee, die jetzt von der Clinton-Administration erörtert wird (und sie wird nicht auf den
höchsten Ebenen diskutiert). Die Idee wäre, die BWKonvention so umfassend wie die CW-Konvention zu
machen. Die in der CW-Konvention vorgesehene
Anzahl routinemäßiger Inspektionen ist wahrscheinlich für biologische Waffen undurchführbar angesichts
der bloßen Anzahl von Orten, die für Inspektionen in
Frage kämen. Eine überarbeitete BW-Konvention
könnte einfach von den Signatarstaaten fordern,
Daten über solche Orte vorzulegen und sie einer
gelegentlichen Ad-hoc-lnspektion zu unterziehen - an
diesen oder nicht bekanntgegebenen Orten. Das
würde die Produktion von biologischen Waffen
zumindest mit einem zusätzlichen Risiko versehen.
Und bei Massenvernichtungswaffen zählt jedes
zusätzliche Risiko.
Aus diesem Grund werden auch mehrere andere
Maßnahmen - Transparenz, internationale Koordinierung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und so
weiter - genannt. Das kollektive Ergebnis solcher
Maßnahmen wird von Graham Pearson vom briti-

AMERIKA DIENST 26

�sehen Verteidigungsministerium als "Netz der
Abschreckung" bezeichnet. Pearson gibt die Sichtweise der britischen Regierung wider, daß die BWKonvention im Prinzip 'Verifizierbar" ist. Im Gegensatz dazu muß die Clinton-Administration noch die
offizielle amerikanische Auffassung ins Gegenteil
umkehren, die sie von der Reagan-Bush-Ära der
Denkweise des Kalten Krieges mit ihrer übermäßigen Angst vor eingehenden Inspektionen überragender kommunistischer Köpfe geerbt hat. (Die
Reagan-Administration ist mehr oder weniger in eine
äußerst eingehende CW-Konvention gestolpert. Der
Abteilungsleiter im US-Verteidigungsministerium
Richard Perle sprach das Thema "Ad-hoc-lnspektionen" an in dem Vertrauen, daß die Sowjets Nein
sagen würden, um die Amerikaner in Verlegenheit
zu bringen. Dann kam Michail Gorbatschow an die
Macht und zog seinen Bluff ab. Der Rest ist Geschichte).
Eine Idee, die bei den regelmäßigen Treffen der
BW-Konvention über Verbesserung auftauchte, ist,
der CW-Konvention eine neue, strengere BW-Konvention anzuhängen. Das Verwaltungsorgan der
CW-Konvention in Den Haag könnte erweitert werden, um sowohl chemische als auch biologische
Waffen einzubeziehen und sich von einer OPCW zu
OPCBW zu verwandeln. In der Annahme, daß eine
neue Konvention über biologische Waffen die Chemiewaffenkonvention beim Verhängen von Strafen
im Fall der Nichteinhaltung kopiert, könnten die
Strafen zusammengelegt werden. Wenn ein Land,
das einen der Verträge nicht einhält, vom Handel mit
Chemikalien und biotechnologischem Gerät abgeschnitten würde, wäre Nichteinhaltung extrem
unattraktiv.
Davon abgesehen könnte der N W theoretisch - und
auf lange Sicht - in diese Mischung einbezogen
werden, so daß die illegale Entwicklung von Massenvernichtungswaffen den Zugang des Landes zu
modernster chemischer, biologischer und atomarer
Technologie verkompliziert. Das würde dem N W
einen Großteil der Wirkung verleihen, die er jetzt
vermissen läßt, und eine Wert schaffen, in der die
verantwortungsvolle Nutzung von Technologie eine
Voraussetzung für den ungehinderten Zugang zu ihr
ist. Es erübrigt sich zu sagen, daß jeder, der in
Washingtoner Politikerkreisen einen solchen Vorschlag unterbreitet, aufgrund von hoffnungslosem
Romantizismus verjagt würde.
Es gibt politische Gründe, warum biologischen
Waffen nur ein geringer Teil der Aufmerksamkeit
gewidmet wurde, die sie verdienen. Zum einen wird
die Ratifizierung der Konvention über chemische
Waffen als Voraussetzung für eine neue Initiative zu
biologischen Waffen angesehen. Die CW-Kon-

AMERIKA DIENST 26

vention erforderte über ein Jahrzehnt mühsamer
Verhandlungen. Wenn sie scheitert, wird niemand
freiwillig die Welt zu einer erneuten visionären
Rüstungskontrollkampagne führen.
Bedauerlicherweise ruht die CW-Konvention seit neun
Monaten im amerikanischen Senat. Sie hat die
nominelle Unterstützung einiger wichtiger Leute wie
Präsident Clinton und Senator Lugar vom Ausschuß
für Auswärtige Beziehungen. (Glücklicherweise hat
der Ausschußvorsitzende Jesse Helms - der beim
letzten Mal Indien mit Pakistan verwechselte, als er
mit Ministerpräsidentin Bhutto von Pakistan sprach angeblich die Kontrolle über das Thema Chemiewaffenkonvention an Lugar abgegeben). Aber weder
Clinton, Lugar noch sonst jemand mit Status hat sich
dafür entschieden, die CW-Konvention zu seinem
Lebensinhalt zu machen. Elf Tote in einer japanischen Untergrundbahn haben das Problem nicht über
die Schwelle des Alltäglichen hinaus gebracht.
Ebenso wie Fortschritte bei chemischen Waffen den
Weg zu Fortschritten bei biologischen Waffen ebnen
würden, wird die Verlängerung des N W von einer
überwältigenden Mehrheit als Vorbedingung für die
Erörterung tiefgreifender Reformen beim NW-Verifizierungsregime erachtet. In der Tat würde die N W Verlängerung ein ziemlich helles Schlaglicht werfen,
in dem Präsident Clinton eben diese Diskussion
eröffnen könnte - oder abgesehen davon eine umfassendere Diskussion über Massenvernichtungswaffen. Dieses Schlaglicht wäre auch eine innenpolitische Chance für einen Präsidenten, der häufig als
unzureichend präsidial abgetan wird.
Natürlich ist das ein Standardratschlag für Präsidenten: Halten Sie eine Rede, haben Sie eine Vision.
Das ist leicht zu sagen, wenn man nicht seinen
vagen Idealismus im Detail darlegen und ihn vor
allem nicht in Einklang mit der harten Realität bringen
muß. Aber Brat Roberts vom Zentrum für strategische und internationale Studien - nicht unbedingt eine
Brutstätte wirrer Eine-Welt-Gedanken - umriß in der
jüngsten Ausgabe von The Washington Quarterly
eine ziemlich konkrete Version einer hochfliegenden
Clintonschen Vision. Roberts nahm jede Menge
internationaler Abkürzungen zu Hilfe - nicht nur CWKonvention, BW-Konvention und N W , sondern GATT
(Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) und
NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen).
Indem er nicht offenkundige Verbindungen zwischen
Handelsabkommen und Nichtverbreitungsregimen
herstellte, argumentierte er, beide müßten sorgfältig
formuliert sein, um eine "neue Gruppe" von Staaten
anzuziehen und einzubinden, die vor kurzem dank
der technologischen Evolution mit der Fähigkeit zur
Herstellung hochwirksamer Waffen versehen wurden.
Nachdem all diese Abkürzungen sich nun in dem

Seite 7

�einen oder anderen Sinn in einer kritischen Phase
befinden, könnte sich 1995 als "echter Wendepunkt"
erweisen. "Grundlegende internationale Institutionen
werden das Jahr entweder sehr gestärkt oder sehr
geschwächt beenden" - und im letzteren Fall werden
sich die Aussichten für eine stabile Welt nach dem
Kalten Krieg drastisch verringern.
Wenn Präsident Clinton je entscheidet, beim Thema
Massenvernichtungswaffen eine Führungsrolle
auszuüben, bestehen geringe Chancen, daß die
Nachwelt ihn als Panikmacher einschätzt. Die
Bedrohungen, die er anspricht, nehmen nicht nur zu
- ihre Zunahme hat tiefe und dauerhafte Wurzeln:
Wachsende Erfindungsgabe bei der Herstellung
destruktiver Kräfte, wachsender Zugang zu den für
die Produktion erforderlichen Daten über Informationstechnologie, größere Verfügbarkeit des benötigten Materials in einer immer höher industrialisierten
Welt und der zunehmend leichtere Transport. Die
zugrundeliegende Kraft ist wahrlich unerbittlich: Die

*

Seite 8

*

Anhäufung wissenschaftlicher Kenntnisse und ihre
Anwendung - über Technologie - auf humanitäre
Angelegenheiten.
Von Zeit zu Zeit werden die unvermeidbaren Ergebnisse dieses Trends offenkundig - bei der Entdekkung, daß der Irak ein umfassendes Atombombenprojekt und genügend chemische Waffen unterhielt,
um eine kleine Nation umzubringen; in der Tatsache,
daß die Bombenleger des World Trade Center Erfolg
bei einer Mission hatten, bei der vorbehaltlich geschickterer Mitarbeiter und besserer Finanzierung
sehr wohl biologische Waffen statt Sprengstoff hätten
eingesetzt werden können; in den Nachrichten, daß
ein verrückter japanischer Kult mit internationaler
Präsenz geschäftig ein chemisches und biologisches
Arsenal ansammelte. Bisher hat keines dieser
Schulbeispiele Zehntausende oder Hunderttausende
Menschenleben gekostet. Aber mit der Zeit werden
die Kosten der Beispiele sicherlich steigen.

*

*

AMERIKA DIENST 26

�WIRTSCHAFT
30. August 1995

BEMs - die großen aufstrebenden Märkte
Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die großen aufstrebenden Märkte
(Big Emerging Markets - BEMs), der im August 1995 in Business America, der Publikation des USWirtschaftsministeriums über Welthandel erschien.

Entdeckung der BEMs
Während des ersten Jahres der Clinton-Administration wurden viele Analysen zur Beantwortung folgender Fragen durchgeführt: Wo wird im nächsten
Jahrhundert der Motor der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung zu finden sein? Welche Märkte
sind am vielversprechendsten?
Welche Rolle
übernimmt die US-Regierung um sicherzustellen,
daß das Land dieses Versprechen realisiert?
Obwohl diese Fragen in Washington in den letzten
Jahren vernünftig erschienen, hat man sich auf der
internationalen Wirtschaftsbühne selten mit ihnen
befaßt, geschweige denn, sie beantwortet. Die
Clinton-Administration brach jedoch mit den Verhaltensmustern der Vergangenheit. Sie unternahm
große Bestrebungen, über den engeren Horizont
hinauszuschauen und präsentierte einige interessante - und überzeugende - Schlußfolgerungen.
Beispielsweise gelangten wir zu dem Schluß, daß
die Märkte in Europa und Japan in den kommenden
beiden Jahrzehnten viel langsamer wachsen werden
als im Großteil der übrigen Welt. Ferner entdeckten
wir, daß sich trotz des Optimismus hinsichtlich der
Zukunftsperspektiven in Ostasien und Lateinamerika
das Wachstum weltweiter Importe insgesamt auf
weniger als ein Dutzend Märkte beschränken wird,
die wir "Big Emerging Markets" oder "BEMs" nennen. Die BEMs befinden sich in Asien (der chinesische Wirtschaftsraum - China, Hongkong und
Taiwan -, Südkorea, der Verband Südostasiatischer
Nationen ASEAN, anfänglich Indonesien, später
ausgeweitet auf alle Volkswirtschaften des ASEAN
und Indien); in Afrika (Südafrika); in Europa (Polen
und Türkei) sowie in Lateinamerika (Mexiko, Brasilien und Argentinien).
Wenn wir auf diesen Märkten erfolgreich sein wollen,
müssen wir unseren handelspolitischen Ansatz
vollkommen überdenken. Da es sich um aufstreben-

AMERIKA DIENST 26

de Märkte handelt, sind sie in ständigem Wandel
begriffen und daher bisweilen auch instabil. Sie
verfügen nicht über die festen Kontakte zu den
Vereinigten Staaten wie unsere traditionellen Partner.
Die Beziehungen zu ihnen sind unbeständig. Und
aufgrund der enormen Versprechungen dieser Märkte
haben sie magnetische Anziehungskraft auf die
konkurrenzfähigsten Unternehmen in den Vereinigten
Staaten und im Ausland.
Auf jedem Markt wird es erbitterten Wettbewerb
geben. Da sich jedoch auf vielen von ihnen wichtige
staatliche Sektoren befinden - und praktisch alle sich
stark auf Infrastrukturprojekte konzentrieren, die die
Beteiligung der Kommunalregierung erfordern bedürfen amerikanische Unternehmen der Unterstützung durch die US-Regierung, damit sie faire
Verhandlungen bekommen. Aufgrund der Intensität
ausländischen Wettbewerbs und des Kapitalbedarfs
dieser Volkswirtschaften werden unsere Konkurrenten
öffentlich/private Partnerschaften sein, bei denen
ausländische Regierungen gebundene Finanzierung
und aggressiven Beistand gewähren, um die Bestrebungen ihrer Unternehmen zu unterstützen. Wenn
wir nicht ebenso verfahren, werden wir nicht nur
unsere Erfolgschance auf diesen Märkten verlieren,
sondern auch unsere Chance, im kommenden
Jahrhundert in der Weltwirtschaft die Führungsrolle
zu übernehmen.
BEMs in den Schlagzeilen
Anfang des Jahres veröffentlichten alle amerikanischen Zeitungen täglich Artikel über den Stand der
Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Vertretern der chinesischen Regierung über den
illegalen Handel mit Raubkopien von Compact Discs
und Computer-Software. Warum? Weil diese Frage
sowohl für das künftige Wohlergehen Hunderttausender amerikanischer Arbeitnehmer von zentraler
Bedeutung ist als auch für unsere Zukunftsaussichten

Seite 1

�auf einem Markt mit 1,2 Milliarden Verbrauchern, die
einem gewaltigen Appetit auf Informationsprodukte
haben, bei denen wir weltweit führend sind.
Als Mexiko stauchelte, reagierte der Präsident
schnell und entschlossen. Warum? Da Mexiko
bereits der drittgrößte Abnehmer amerikanischer
Exporte und in schnellem Wachstum begriffen ist über 20 Prozent im Jahr 1994, dem ersten vollen
Jahr des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA - birgt es für die Zukunft noch größere
Versprechungen. 1994 stiegen die ausländischen
Direktinvestitionen in Mexiko im Vergleich zum
Vorjahr um nahezu zwei Drittel an. Ungeachtet
dessen, welche Probleme gegen Ende des Jahres
auftauchen mögen, ist der mexikanische Markt
weitaus reicher an Ressourcen als noch vor 12
Monaten.
Für die Zukunft hat das große Bedeutung: Mehr
Arbeitsplätze für uns und unsere Kinder.
Das
Wachstum in Mexiko fördert unser eigenes Wachstum. Und ebenso wie die Stabilität Mexikos auch die
unsere fördert, würde seine Instabilität unsere
Sicherheit unterhöhlen. Während wir das Versprechen engerer Zusammenarbeit und größerer Offenheit realisieren, akzeptieren wir auch, daß das
Schicksal unserer beiden Länder noch stärker
miteinander verflochten wird. Südafrika ist mehr als
nur eine inspirierende Geschichte. Es ist eine
Nation, die die letzte große Hoffnung eines Kontinents repräsentiert. Nahezu die Hälfte des afrikanischen Bruttoinlandsprodukts wird in Südafrika
erwirtschaftet - nahezu drei Viertel des Bruttoinlandsprodukts des südlichen Afrika. Sollten das kühne
Experiment Nelson Mandelas und der neuen, von
ihm geschaffenen nichtrassischen Demokratie
scheitern, wären die Konsequenzen für den ganzen
Kontinent verheerend.
Brasilien, das größte und bevölkerungsreichste Land
Südamerikas, hat allein durch sein Potential große
Anziehungskraft auf internationale Investoren. Ein
alter Scherz besagt, "Brasilien ist das Land der
Zukunft ... und wird es immer sein." Noch vor
kurzem kämpfte das Land mit gravierenden Problemen der Hyperinflation und verheerender Armut. Im
vergangenen Jahr geschah etwas Entscheidendes.
In Brasilien fanden echte Wirtschaftsreformen statt,
zuerst in Form einer neuen, "Real" genannten
Währung. Gleichzeitig übernahm Brasilien in der
Region eine neue, einflußreiche Rolle und wurde zu
einem der unangefochten führenden Länder im
Vorfeld des gesamtamerikanischen Gipfels, indem es
eine neue, nach außen orientierte Haltung einnahm
und von Nationen in der gesamten Hemisphäre
starke Unterstützung erhielt. Brasilien könnte das
Land von morgen sein ... heute.

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Die Türkei liegt seit Alexander dem Großen im
Zentrum der Welt. In den letzten Jahren machte eine
wirtschaftliche Renaissance die Börse in Istambul zu
einer der weltweit attraktivsten. Jetzt sind für die
Türkei schwierige Zeiten angebrochen. Das Land
wird jedoch für unsere Zukunft eine Schlüsselrolle
spielen, denn es ist das Bindeglied und der Puffer
zwischen Europa und dem Nahen Osten, zwischen
Europa und dem südlichen Teil der ehemaligen
Sowjetunion. Es befindet sich an der Grenze zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, an der
Frontlinie in dem dynamischen Austausch, der das
kommende Jahrhundert bestimmen wird.
Was könnte für die meisten Amerikaner weiter
entfernt liegen als das ASEAN-Mitglied Indonesien,
eine Kette aus 13.000 Inseln auf der anderen Erdhalbkugel? Dennoch führte der Präsident im Novembervergangenen Jahres eine hochrangige amerikanische Delegation zum APEC-Gipfel über asiatischpazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit nach
Jakarta, in die Hauptstadt Indonesiens. Während der
Zusammenkunft gab es Schlagzeilen über Menschenrechtsprobleme und Arbeitnehmerrechte. Der Präsident scheute sich nicht, diese Fragen anzusprechen.
Gleichzeitig verlieh er jedoch unserem großen
Wunsch Ausdruck, im Rahmen eines neuen Ansatzes
Wandel zu sehen. Er beschloß, unsere Beziehungen
zu Indonesien und gleichartigen Ländern auf unsere
enormen gemeinsamen Interessen aufzubauen.
Kurz vor der wichtigen Rede des Präsidenten in
Jakarta unterzeichnete Wirtschaftsminister Brown ein
Abkommen zwischen amerikanischen und indonesischen Unternehmen in Höhe von etwa 40 Milliarden
Dollar, darunter ein Energieabkommen im Wert von
allein 35 Milliarden Dollar. In seiner Rede erwähnte
Präsident Clinton die vom indonesischen Präsidenten
Suharto übernommene Führungsrolle, die 18 Mitgliedsstaaten des APEC zur Zustimmung zum Freihandel in der Region bis zum Jahr 2020 und in den
entwickelten Ländern bereits bis 2010 zu bewegen.
Der Präsident erkannte, daß wir uns einander annähern. Er identifizierte eine Vielzahl von Themen politischer, sozialer, umweltpolitischer und wirtschaftlicher Natur - über die wir langsam einen Konsens
erzielten und räumte ein, daß das Versprechen
engerer Beziehungen und offenerer Grenzen uns zu
mehr Fortschritten führt.
Wirtschaftsinteressen
Unser wirtschaftliches Interesse an den BEMs ist
enorm. Die 10 BEMs importieren als Gruppe ungefährt soviele Waren von uns wie Japan und die
Europäische Union zusammengenommen. Tatsächlich könnten zwischen 1990 und 2010 mindestens

AMERIKA DIENST 26

�eine Billion des amerikanischen Exportwachstums
auf die BEMs zurückgehen.
Unsere Warenexporte in die BEMs beliefen sich
1994 auf insgesamt 159 Milliarden Dollar - ungefähr
30 Prozent unserer gesamten Warenexporte. Wir
erwarten, daß die BEMs ihren Anteil an den weltweiten Exporten ebenfalls verdoppeln und dieser von 19
Prozent 1994 auf 38 Prozent im Jahr 2010 ansteigen
wird. Keine andere Kategorie des Marktes hat so
großes Wachstumspotential. Von Seoul bis Bombay
bestehen Pläne für Inf rastrukturprojekte im Wert von
einer Billion Dollar für die nächsten zehn Jahre - bei
Energieerforschung und -gewinnung, Flughäfen und
Flugüberwachungssystemen, Telefonen und Satelliten, Krankenhäusern und Gesundheitsdiensten, der
Produktion von Autos und Autoteilen, dem Bankund Versicherungswesen sowie der Beseitigung von
Umweltverschmutzung. Mindestens halb so viel ist
für Lateinamerika vorgesehen. Diese Transaktionen
riesigen Ausmaßes bedeuten enorme Handels- und
Investitionsmöglichkeiten für amerikanische Unternehmen.
Die Argumente für die Größenordnung und Bedeutung dieser Veränderungen wurden von vielen
Quellen unterstützt. Schätzungen der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) zufolge werden im Jahr 2010 ungefähr 700
Millionen Menschen in China, Indien und Indonesien
ein Durchschnittseinkommen haben, das dem
Spaniens heute entspricht, wenn diese drei Volkswirtschaften bis dahin ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 6 Prozent verzeichnen. Diese Anzahl von Menschen entspricht etwa
der Bevölkerung der Vereinigten Staaten, Japans
und Europas zusammengenommen. Während 1992
nur drei der zehn weltweit größten Märkte BEMs
waren, werden es Schätzungen der Weltbank unter
Einsatz ihrer Bewertung der Kaufkraft dieser Volkswirtschaften zufolge im Jahr 2020 sechs sein.
Eine Studie der BEMs wird darüber hinaus zeigen,
daß diese Volkswirtschaften - abgesehen von all
unseren Problemen mit ihnen - weitaus offener für
Importe sind als damals Japan und die asiatischen
Tiger auf derselben Entwicklungsstufe. Ihr schnelles
Wachstum bietet also für uns eine direkte Chance
und wird wahrscheinlich unmittelbare entscheidende
Auswirkungen auf das Weltwirtschaftswachstum, die
Integration und sogar die den internationalen Beziehungen zugrundeliegende Dynamik haben.
Um die Bedeutung dieser Veränderungen aus einer
anderen Perspektive zu betrachten, müssen wir uns
nur die Tatsache vor Augen halten, daß in den
ersten drei Jahren dieses Jahrzehnts die amerikanischen Exporte in die Entwicklungsländer im Durch-

AMERIKA DIENST 26

schnitt um 12 Prozent jährlich stiegen, während es
bei unseren traditionellen Handelspartnern nur 2
Prozent jährlich waren. Mit den Worten des The
Economist fungierten "die Volkswirtschaften der
Entwicklungsländer erstmals als Lokomotive und
trugen dazu bei, die Welt aus ihrer Rezession Anfang
der neunziger Jahre herauszuziehen". Wir sind uns
der Grenzen langfristiger Wirtschaftsprognosen und
der Möglichkeit bewußt, daß in bestimmten BEMs die
Wirtschaftspolitik scheitern könnte.
Unsere Einstellung basiert auf einigen wichtigen Annahmen,
beispielsweise der Überzeugung, daß der Welthandel
offen und expansionsfähig bleiben wird und in den
BEMs eingeleitete politische Reformen fortgesetzt
werden. Daher könnte sich die Liste der BEMs
abhängig von bestimmten Tendenzen verändern.
Wenn die russische Volkswirtschaft einmal über den
Berg sein sollte, könnte sie ebenfalls dieser Liste
hinzugefügt werden. Eines Tages könnten einige
Märkte den Test bestehen und sich in die Reihen der
entwickelten Volkswirtschaften der Welt eingliedern.
Ferner ist es auch möglich, daß ein Markt von der
Liste gestrichen wird, der seit langem Rückschritte
macht.
Dennoch haben die von uns als BEMs identifizierten
Volkswirtschaften bestimmte Merkmale, die unsere
Aufmerksamkeit erfordern. In Lateinamerika entfallen
auf zwei BEMs - Mexiko und Brasilien - 61 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts der südlichen Hemisphäre
und 53 Prozent seiner Bevölkerung. Zwei asiatische
BEM-Länder - China und Indien - verzeichnen 40
Prozent der Weltbevölkerung. In Afrika erwirtschaftet
ein BEM - Südafrika - 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des gesamten Kontinents. Polen ist die am
schnellsten wachsende Volkswirtschaft Europas, und
Indonesien hat weltweit die viertgrößte Bevölkerungsdichte.
In dieser Hinsicht ist die Kategorie der BEMs ein
Beispiel für eine bestimmte Art von Markt. Sie
erstrecken sich über ein großes Gebiet. Sie haben
eine große Bevölkerung mit riesiger zukünftiger
Nachfrage nach Infrastruktur wie Energieerzeugung
und Telekommunikation sowie nach Konsumgütern
wie Computern und Waschmaschinen. Sie sind
Volkswirtschaften mit einer bedeutenden Wirtschaftspolitik, die bereits zu schnellerem Wachstum und
einer Ausweitung von Handel und Investitionen mit
der übrigen Welt führten. Sie streben eine Führungsrolle im Technologiebereich an. Das Wachstum ihrer
Märkte hätte enorme Auswirkungen auf die jeweilige
geographische Region. Sie alle haben einen wichtigen politischen Einfluß auf ihre unmittelbare Umgebung und darüber hinaus. Natürlich hat nicht die
Clinton-Administration die BEMs entdeckt.
Sie
tauchten schon vor Jahren auf der Weltbühne auf,
und einige große amerikanische Unternehmen waren

Seite 3

�seit langer Zeit auf ihnen aktiv. Tatsächlich wurden
wir genau deshalb auf die BEMs aufmerksam, weil
einige der weiterblickenden amerikanischen Unternehmen bereits auf diese Märkte drängten. Aber
erst vor kurzem begann die US-Regierung, ihnen die
Aufmerksamkeit zu zollen, die sie verdienen - nicht
als außenpolitisches Problem, als das sie oft betrachtet werden, sondern als große und essentielle
Chancen für zukünftige Zusammenarbeit.
Nicht nur amerikanische Umsätze stehen auf
dem Spiel
Obwohl das Grundprinzip der BEM-Strategie großenteils auf amerikanischen Exportmöglichkeiten basiert,
wäre es ein großer Fehler, die BEMs nur durch
diese Brille zu sehen. Tatsache ist, daß jeder
Aspekt unserer Welt stark davon beeinflußt wird,
was die BEMs unternehmen und was sie nicht
unternehmen. Es gibt kein Szenarium zur Eindämmung der nuklearen Weiterverbreitung ohne die
Kooperationsbereitschaft von Ländern wie China,
Indien oder Brasilien. Es gibt keine Hoffnung auf
Umweltschutz ohne die Beteiligung der BEMs. Die
Zukunft der Handelsliberalisierung und die Möglichkeiten sinnvoller Währungsabkommen erfordern die
Eingliederung der BEMs und die Zusammenarbeit
mit ihnen. Die internationalen Institutionen, von
denen wir in zunehmendem Maße abhängig sind,
werden immer stärker von den Maßnahmen und
Aussichten der BEMs beeinflußt.
Folglich besteht eine direkte Verbindung zwischen
unserer Konzentration auf die BEMs als Mittel zur
Erhöhung unseres Marktanteils im Ausland und der
amerikanischen Rolle bei Beziehungen aller Art
zwischen den Nationen der Welt. Wenn wir unsere
wirtschaftlichen Schlachten um diese Märkte verlieren, geben wir auch unser wirkungsvollstes Mittel
auf, sie zu beeinflussen, uns ihnen anzunähern und
ihre zukünftige Stabilität durch Wohlstand zu sichern.
Rolle und Politik der US-Reglerung
Unsere Regierung hat eine wichtige Rolle bei der
Förderung des Handels mit jeder der BEMs zu
übernehmen. Die BEMs unterscheiden sich von
unseren traditionelleren Handelspartnern wie Großbritannien oder Deutschland. Oftmals bestehen
große Hindernisse beim Eintritt in diese Märkte,
einschließlich hoher Zölle, Quoten und protektionistischer Vorschriften. Wirtschaftssysteme, einschließlich der vollen Respektierung des Rechts auf geistiges Eigentum, reibungslos funktionierender Kapitalmärkte und offener staatlicher Beschaffung sind
oftmals entweder noch im Entwicklungsstadium
begriffen oder fehlen ganz. In einigen der BEMs gibt
es auch keine unabhängige Justiz. Und wie bereits

Seite 4

erwähnt, unterscheidet sich der Wettbewerb auf
diesen Märkten dramatisch von dem, was wir gewöhnt sind.
Daher können und sollten wir auf diesen Märkten den
amerikanischen Unternehmen auf verschiedene Arten
helfen - von der Sicherung des Marktzugangs über
die Bereitstellung von Finanzmitteln bis zur Förderung
amerikanischer Unternehmen bei der Vergabe
größerer Projekte bei Geschäften, bei denen ausländische Regierungen ihren eigenen Unternehmen
helfen oder bei der Projektvergabe eine wichtige
Rolle in der Entscheidungsfindung übernehmen.
Zudem mangelt es oft an guten Informationen über
die BEMs. Durch unsere Botschaften und unsere
Handelsabteilung im
US-Wirtschaftsministerium
können wir einen Großteil der verfügbaren Daten
bereitstellen, analysieren und an die Unternehmen
unseres Landes weiterleiten. Schließlich müssen wir
mit den Regierungen und dem Privatsektor der BEMs
zusammenarbeiten, um ihnen bei der Entwicklung
von Fähigkeiten und dem Aufbau der für die Schaffung offener, moderner, kapitalistischer Systeme
erforderlichen Institutionen zu helfen. Der Ansatz
darf nicht gönnerhaft sein, sondern muß auf den
gemeinsamen Zielen einer Erweiterung des Handels
auf ihren und unseren Märkten basieren.
Es ist natürlich viel einfacher, eine Politik zu verkünden, als sie durchzuführen. Im vergangenen Jahr
wurde allerdings bereits viel erreicht.
Die bislang vielleicht wichtigste Errungenschaft ist die
Entwicklung eines intensiven Exportbewußtseins.
Praktisch seit ihren ersten Tagen im Amt hat die
Clinton-Administration unterder Schirmherrschaft des
behördenübergreifenden Koordinationsausschusses
für die Förderung des Handels (Trade Promotion
Coordinating Committee - TPCC) hart daran gearbeitet, die Exportförderung aus dem Schatten der
Handelspolitik heraus ins Rampenlicht zu rücken. Mit
Hilfe der nationalen Exportstrategie des Präsidenten der ersten unserer Nation - setzte die Administration
umfassende behördenübergreifende Bestrebungen
zur Koordinierung staatlicher Unterstützung für
amerikanische Unternehmen bei der Bewerbung um
große Aufträge in Übersee in Gang; sie setzte einen
flexibleren und aggressiveren Ansatz zur Handeisfinanzierung um, liberalisierte unnötige und veraltete
Kontrollen von Computer- und Telekommunikationsexporten und gründete mehrere Exporthilfezentren,
die amerikanische Unternehmen von zentraler Stelle
aus mit umfassender Exporthilfe und Rinanzdienstleistungen versorgen. Nach zwei Jahren können wir
stolz sagen, daß unsere nationale Exportstrategie
vollständig umgesetzt wird. Der TPCC wird dem
Kongreß Ende September seinen dritten Jahresbericht über die nationale Exportstrategie vorlegen.

AMERIKA DIENST 26

�Nachdem diese Maßnahmen durchgeführt wurden
und weitere vorgesehen sind, erwarten wir eine
Ausweitung des amerikanischen Absatzes im Ausland mit Exporten von über einer Billion Dollar im
Jahr 2000 und sechs Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen. Diese Exporte werden auch zum Abbau
unseres chronischen und wachsenden Handelsdefizits beitragen. (Die Exporteure werden gewarnt,
daß für Exporte an viele dieser Bestimmungsorte
immer noch Kontrollen existieren. Zur Erläuterung
dieser Maßnahmen wenden Sie sich bitte an die
Beratungsabteilung der amerikanischen Exportverwaltungsbehörde, Tel. (020)482-4811).
Die Konzentration auf die BEMs ist ein entscheidender und beherrschender Teil dieses Exportschubs.
Sie ist kein Ersatz für weitere Bestrebungen zur

*

AMERIKA DIENST 26

*

Öffnung von Märkten und Förderung des Absatzes
amerikanischer Unternehmen in Europa, Japan oder
Kanada. Sie bedeutet auch nicht, daß wir in unseren
wirtschaftlichen Bestrebungen nachlassen, uns enger
an Rußland, die anderen neuen unabhängigen
Staaten oder ganze Regionen wie Lateinamerika oder
Südostasien anzunähern.
Die Strategie der großen aufstrebenden Märkte
verdient jedoch besondere Aufmerksamkeit und
erfordert außerordentliche Mühe, denn sie stellt eine
radikale Abkehr von der traditionellen Politik dar und
orientiert sich jenseits des üblichen Horizonts staatlicher Politik. Die Ausrichtung dieser Strategie ist
weitaus intensiver und ihre Umsetzung viel aggressiver als jede andere von der amerikanischen Regierung umgesetzte Exportstrategie.

* *

Seite 5

�FRAUEN
30. August 1995

USA umreißen Zielsetzungen für
Pekinger Frauenkonferenz
Erklärung von Botschafterin Albright
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanischen Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright,
zufolge gründen sich die wichtigsten Zielsetzungen der Vereinigten Staaten bei der vierten Weltfrauenkonferenz
auf "das Engagement für Chancengleichheit, das die Grundlage unserer eigenen Staatsphilosophie ist".
Bei einer Pressekonferenz im US-Außenministerium am 24. August 1995 erklärte die Leiterin der
amerikanischen Delegation, die Zielsetzungen "spiegeln die Ansichten und Sorgen" von Frauen in den
gesamten Vereinigten Staaten wider und "sind sowohl im In- als auch im Ausland relevant".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafterin Albright.

Ende nächster Woche wird die amerikanische
Delegation zur Teilnahme an der vierten Weltfrauenkonferenz nach Peking reisen. Als Delegationsleiterin möchte ich kurz unsere Zielsetzungen für
diese Konferenz umreißen und erläutern, warum
unsere Teilnahme unseres Erachtens wichtig und
angemessen ist.
Erstens im Hinblick auf unsere Ziele.
Wir wollen die Menschenrechte von Frauen fördern
und schützen.
Wir wollen die Gewalt gegen Frauen beenden.
Wir wollen die Beteiligung von Frauen am politischen
und wirtschaftlichen Entscheidungsprozeß erweitern.
Wir wollen gleichberechtigten Zugang von Frauen zu
Bildung und Ausbildung sowie Gesundheitsfürsorge
im gesamten Verlauf ihres Lebens sicherstellen.
Und wir wollen die Familien stärken, indem wir ein
Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen bei
der Aufteilung von Arbeit und Aufgaben in der
Familie herstellen.
Diese Ziele spiegeln die Ansichten und Sorgen
wider, die von Amerikanern bei regionalen Treffen
geäußert wurden. Sie sind sowohl im In- als auch
im Ausland relevant. Und das Kernstück bildet das
Engagement für Chancengleichheit, das die Grundlage unserer eigenen Staatsphilosophie ist.

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Die Notwendigkeit zu Fortschritten bei diesen Zielsetzungen sollte außer Frage stehen. Es gibt zahllose
Beweise, daß Frauen trotz der jüngsten Errungenschaften weiterhin eine unterbewertete und unterentwickelte Ressource sind. An zu vielen Orten wird
Frauen zu häufig der gleichberechtigte Zugang zu
Bildung und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge,
Krediten und der Chance zur Beteiligung am politischen Leben einer Nation verwehrt.
An zu vielen Orten wird Frauen zu häufig die gesetzlich verankerte Gleichberechtigung im Hinblick auf
das verwehrt, was sie besitzen, welche Entscheidungen sie treffen und was sie erben dürfen.
An zu vielen Orten wird zu häufig abscheulicher
Mißbrauch an Frauen verübt. Dazu zählen erzwungener Schwangerschaftsabbruch und Sterilisierungen,
in die Prostitution verkaufte Kinder, rituelle Verstümmelungen, Ermordungen wegen der Mitgift und
Gleichgültigkeit seitens der Regierung gegenüber
Gewalt.
Die Clinton-Administration wird die Frauenkonferenz
zur Unterstreichung der Tatsache nutzen, daß Gewalt
gegen Frauen nicht kulturell bedingt, sondern kriminell ist, und wir alle eine Verantwortung zu ihrer
Beendigung haben.
Einige vertreten immer noch die Auffassung, wir
sollten wegen der Verhaftung von Harry Wu und der
schlechten Menschenrechtsbilanz Chinas nicht an der
Frauenkonferenz teilnehmen.

Seite 1

�Solche Gefühle sind verständlich, aber im Namen
der Menschenrechte ergibt es einfach keinen Sinn,
eine Konferenz zu boykottieren, die sich die Förderung der Menschenrechte zum Hauptziel gesetzt hat.
Wir sollten auch die Auswirkungen nicht unterschätzen, die eine Konferenz wie diese auf das Gastland
selbst haben kann.
Die Vorbereitungen für die Konferenz haben in
China das Bewußtsein für Frauenfragen geschärft.
Es gibt eine öffentliche Diskussion über bisherige
Tabuthemen, darunter Gewalt gegen Frauen. Es ist
von großer Bedeutung, daß über 5.000 Chinesinnen
am Forum der nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs) teilnehmen werden. Und die chinesische
Regierung hat bereits darauf reagiert, indem sie
neue - wenn auch noch nicht erprobte - Maßnahmen
zur Unterstützung der Rechte von Frauen angekündigt hat.
Eine offene Diskussion über den Status der Frau hat
nicht nur in China, sondern überall Auswirkungen:
Länder, in denen Frauen einen fairen Anteil an der
Macht haben, sind stabiler und wohlhabender als
solche, in denen Frauen an den Rand gedrängt und
unterdrückt werden.
Zum Abschluß möchte ich noch auf einige spezifischere Fragen eingehen, die im Zusammenhang mit
dieser Konferenz auftauchten. Ein Ereignis wie
dieses zieht die Aufmerksamkeit einer Vielzahl
nichtstaatlicher Organisationen und von Privatpersonen mit stark ausgeprägten und unterschiedlichen
Meinungen auf sich.

Das ist begrüßenswert und

unterstreicht die Tatsache, daß NGOs sowohl bei
dieser Konferenz als auch im Nachhinein eine
entscheidende Rolle spielen. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten entschieden und sehr
erfolgreich darum gekämpft, die Teilnahme von
NGOs an der Konferenz zu ermutigen und sicherzustellen.

*

Seite 2

Auf unsere Veranlassung und die anderer Länder
wurde im April das Akkreditierungsverfahren für die
Weltkonferenz wiederaufgenommen, mit dem Ergebnis, daß über 750 zusätzliche Gruppen akkreditiert
wurden, darunter viele aus den Vereinigten Staaten.
Gruppen, die Beobachter zu der Konferenz entsenden, stammen aus dem gesamten politischen und
sozialen Spektrum. Insgesamt dürfen über 3.500
NGOs Beobachter entsenden - mehr als bei jeder
anderen UNO-Veranstaltung.
Sie haben sicher von den logistischen Schwierigkeiten für die Konferenzteilnehmer gehört - und einige
von Ihnen haben vielleicht darüber geschrieben. Wir
teilen diese Sorge, und ich habe mit dem Generalsekretär darüber gesprochen. Die Logistik stellt für die
Chinesen eine wirkliche Herausforderung dar. Wir in
den Vereinigten Staaten verstehen die Schwierigkeiten, eine solche Konferenz zu veranstalten, aber
wir können nicht die willkürlichen Bestrebungen
entschuldigen, Teilnehmern mit friedlicher Absicht, die
jedoch nicht die Politik der chinesischen Regierung
befürworten, ein Visum zu verweigern. Der Ruf
Chinas als Gastgeber steht auf dem Spiel.
Niemand sollte unsere Entscheidung, an der Frauenkonferenz teilzunehmen, als Zeichen der Gleichgültigkeit oder Einwilligung in die fortgesetzte Festnahme
von Harry Wu durch die chinesische Regierung
interpretieren. Wir fordern die Regierung Chinas auf,
Herrn Wu umgehend und unversehrt freizulassen.
Dies hat für die Vereinigten Staaten hohe Priorität.
Wir haben jedoch keinen Grund zu der Annahme,
eine Entscheidung über unsere Absage - oder eine
Bindung unserer Teilnahme an die Freilassung von
Herrn Wu - hätte positive Auswirkungen auf die
diesbezüglichen chinesischen Entscheidungen.

*

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�GESUNDHEIT
30. August 1995

Er befreite von großer Angst
Zum Tode des Polio-Impfpioniers Dr. Jonas Salk
(AD)- Die Nachricht vom Tod des amerikanischen
Virologen Dr. Jonas Edward Salk, der am 23. Juni
1995 im Alter von 80 Jahren in La Jolla (Kalifornien)
nach kurzer Krankheit starb, veranlaßte große
Zeitungen und Zeitschriften in den Vereinigten
Staaten zu einer ausführlichen Würdigung dieses
Forschers. "Eine gute Möglichkeit, die Bedeutung
der großen Persönlichkeiten der Medizin abzuschätzen, ergibt sich daraus, wie vollständig sie uns
vergessen machen, was wir ihnen verdanken", hieß
es in dem ganzseitigen Artikel in der Zeitschrift
TIME.
Die Welt verdankt Dr. Jonas Salk den ersten wirksamen Impfstoff gegen die gefürchtete Kinderlähmung (Poliomyelitis). In den Industrieländern weiß
man heute kaum mehr, was sie überhaupt war - eine
"Kinderkrankheit" eben, oft mit katastrophalen Folgen
für die Betroffenen, die es aber hier praktisch nicht
mehr gibt. Und nicht wenige unserer jungen Ärzte
haben noch nie einen Patienten mit Lähmungen und
sekundären Schäden als Folge einer früheren
Polioerkrankung gesehen, geschweige denn, sich mit
den jetzigen Spätfolgeproblemen befaßt.
In manchen Regionen der Welt - vor allem in Indien,
einigen afrikanischen Ländern und Teilen der ehemaligen Sowjetunion - tritt sie noch immer epidemisch auf und verursacht nach Schätzungen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich ca.
250.000 neue Lähmungsfälle. Das Ziel der WHO,
durch Impfaktionen die Kinderlähmung bis zur
Jahrtausendwende ebenso auszurotten wie schon
Ende der siebziger Jahre die Pocken, wäre aber nur
erreichbar, wenn Bevölkerung und Ärzteschaft in den
hochentwickelten Ländern sich konsequent um den
Impfschutz des einzelnen kümmerten. Impfmüdigkeit
oder Impfverweigerung, beispielsweise aus weltanschaulichen oder religiösen Gründen, sind angesichts des lebhaften Tourismus wachsende Gefahrenquellen für die Allgemeinheit.
In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bedeutete
"Kinderlähmung" mit den im Sommer und Frühherbst
grassierenden Epidemien Angst und Schrecken.
Immer mehr verschob sich auch die Altersverteilung:

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Waren im 19. Jahrhundert bei den eher sporadisch
und regional auftretenden Infektionen noch in erster
Linie Kinder erkrankt, traf es nun zunehmend auch
Jugendliche und jüngere, ja selbst ältere Erwachsene. Wieviele Eltern, und mit ihnen die nach einer,
wie es schien, kurzen, heftigen Grippeerkrankung mit
hohem Fieber über Nacht gelähmten, von Atemnot
geplagten Patienten mußten mit der Diagnose fertig
werden: "Tja, ... das ist die spinale Kinderlähmung...
Ob Ihre Tochter jemals wieder laufen kann, ist
fraglich." Oft genug war die Eiserne Lunge die einzige Hilfe, um zu überleben. Und manche sind noch
immer zumindest zeitweise darauf angewiesen.
Klinikaufenthalte, Rollstuhl, Krücken, Schienen,
weitgehende Abhängigkeit von Hilfe prägten bei
vielen die nächsten Jahre, bei anderen das ganze
Leben. Auch die Familie bekam den Einschnitt zu
spüren.
Verständlich, daß aus Furcht vor Ansteckung
Schwimmbäder, Kinos, Sportplätze und die beliebten
Ferienlager zunehmend gemieden wurden und Eltern
im Sommer ihre Kinder am liebsten zu Hause sahen.
Der schwedische Forscher I. Wickmann hatte 1911
herausgefunden, daß die Erkrankung von Mensch zu
Mensch übertragen wird, und daß leichte oder
lähmungsfreie Krankheitsfälle sowie scheinbar
gesunde Zwischenträger eine wichtige Rolle spielen.
Geradezu katastrophale Ausmaße hatten die Epidemien im Jahr 1952 angenommen: In den Vereinigten
Staaten wurden 58.000 Fälle gemeldet, in Deutschland (West und Ost zusammengenommen) registrierte man 10.259. In den Vereinigten Staaten waren
3.145 Todesfälle zu beklagen, 21.259 Personen
trugen bleibende Lähmungen davon. Im gleichen
Jahr wurden in Westdeutschland und Westberlin
9.517 beziehungsweise 211 Erkrankungen (ca. 70
Prozent mit Lähmungen) angegeben, die Zahl der
Todesfälle lag bei 777. (Die Bezeichnung "spinale
Kinderlähmung" gilt heute als veraltet, weil sie den
Befall von Körperregionen und den betroffenen
Personenkreis nur unzureichend erfaßt. Man hat sich
für "Poliomyelitis", Kurzfassung "Polio", entschieden).

Seite 1

�Einen wirklichen Schutz gegen die Polio gab es
nicht. Zwar wurde bei frisch Erkrankten durch
Injektionen von Immunglobin und Blutserum von
Personen, die gerade eine Polio durchgemacht
hatten, versucht, die körpereigenen Abwehrkräfte zu
stärken und so Auswirkungen der Infektion zu
mildern. An bedeutenden Universitäten und Instituten in aller Welt waren Forscher bemüht, den
oder die Erreger der Poliomyelitis zu identifizieren
und zu typisieren. Daß es Viren verschiedener
Stämme mit drei Haupttypen sind, fand 1947/48 eine
Wissenschaftlergruppe der damaligen Nationalen
Stiftung für Kinderlähmung (National Foundation for
Infantile Paralysis) in den Vereinigten Staaten
heraus.
Zu ihr war Salk 1947 von der Universität Pittsburgh
gestoßen, nachdem er sich an der Universität
Michigan einige Jahre bei seinem früheren Lehrer
von der Universität New York mit der Erforschung
der Grippeviren und Experimenten mit verschiedenen Impfstoffen gegen Grippe befaßt hatte. Er
erprobte sie an sich selbst. 1914 als Sohn russischer Einwanderer in New York geboren, wollte Salk
nach Medizinstudium und Assistenzarztzeit in New
York in die Forschung gehen. In Pittsburgh hoffte er
auf ein eigenes Laboratorium. Der Druck war groß,
gegen die Kinderlähmung endlich eine Waffe zu
finden.
Die Voraussetzung dafür schufen 1948 die Bakteriologen und Epidemiologen John Enders, Thomas
Weller und Frederick Chapman in Boston/Cambridge, als es ihnen gelang, Polioviren auf Kulturen
von tierischem Gewebe zu züchten. Für diesen
Durchbruch wurden sie im folgenden Jahr mit dem
Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Professor
Weller, ein treuer Teilnehmer an den Lindauer
Nobelpreisträgertagungen, hielt dort übrigens 1993
einen aufrüttelnden Vortrag über das Aufflammen
alter und völlig neuer Infektionskrankheiten in einer
sich verändernden Welt, wobei AIDS nur einer von
vielen Faktoren ist.
Polio-Pioniere
Salk sah in der Leistung der Wissenschaftler von
Massachusetts die große Chance, zur Entwicklung
eines Impfstoffes gegen die Polio zu kommen.
Innerhalb von drei Jahren führte er erste Sieherheits*

Seite 2

*

tests in klinischer Erprobung durch und impfte 1952
auch sich und seine Familie. Bis 1954 nahmen mehr
als 1,8 Millionen Kinder an den landesweiten Tests
zur Immunisierung gegen Poliomyelitis mit dem
inaktivierten Impfstoff teil, der injiziert werden mußte.
"Polio-Pioniere" nannte man sie in Amerika.
Am 12. April 1955 schließlich wurde der Impfstoff von
den zuständigen Behörden zur allgemeinen Anwendung freigegeben. Salk hatte ein bis dahin gültiges
Prinzip durchbrochen, für Vakzine bis zur Harmlosigkeit abgeschwächte lebende Viren zu benutzen: Er
hielt es für möglich, auch aus abgetöteten Viren
einen Inpfstoff zu gewinnen, der überdies noch
sicherer wäre. Er hatte sich nicht getäuscht. So war
auch sein letztes großes Projekt, einen Impfstoff
gegen AIDS zu finden, auf dieser Grundlage aufgebaut. Er hatte es nach einem Besuch der AIDS-Forscher Dr. Anthony Fauci und Dr. Robert Gallo in
seinem Institut für biologische Forschungen bei La
Jolla intensiviert. Dabei geht es allerdings nicht um
Vorbeugung, sondern um eine sogenannte therapeutische Vakzine für bereits infizierte Personen. Bedeutende Wissenschaftler hatten im Salk-Institut Gelegenheit, ihren Ideen nachzugehen. Salk selbst hatte
sich in La Jolla seit den sechziger Jahren auch mit
Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krebs und
multipler Sklerose befaßt.
Bis zum Jahr 1961 war dank der Massenimpfungen
mit dem Salkschen Vakzin die Zahl der Polioerkrankungen in den Vereinigten Staaten um 95
Prozent zurückgegangen. Jonas Salk wurde von der
Bevölkerung geradezu verehrt - die Befreiung von der
Angst vor Kinderlähmung hatte das Dasein der
Menschen verändert. Eltern und Kinder schickten
körbeweise Dankesbriefe. Straßen, Brücken, Schulen, öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm
benannt. Die Kollegen reagierten unterschiedlich,
zeigten sich zum Teil zurückhaltend. Als 1961 der
von Dr. Albert Sabin auf der Basis abgeschwächter
lebender Viren entwickelte Polio-Impfstoff von der
amerikanischen Regierungsbehörde zugelassen
worden war, löste dieser in großen Teilen der Welt
die Salksche Vakzine ab. Er ist, auf ein Stückchen
Zucker geträufelt, sehr viel einfacher zu verabreichen.
In bestimmten Fallen oder unter besonderen Bedingungen ist allerdings der Polio-Impfstoff nach Jonas
Salk nach wie vor unentbehrlich.

•

*

AMERIKA DIENST 26

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 30.08.1995</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Frieden war das Ziel der in Bosnien verunglückten amerikanischen Regierungsvertreter &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten bei den Trauerfeierlichkeiten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Höchste Regierungsvertreter ehren die in Bosnien verunglückten Diplomaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprachen von Christopher, Perry und Lake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NVV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Habt große Angst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Wright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;BEMs - die großen aufstrebenden Märkte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA umreißen Zielsetzungen für Pekinger Frauenkonferenz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesundheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Er befreite von großer Angst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zum Tode des Polio-Impfpioniers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Dr. Jonas Salk&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>^s»?^

S w *'

amcrika
dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
13. September 1995

27

FRAUEN

HILLARY CLINTON: FRAUENRECHTE SIND
MENSCHENRECHTE
Rede bei der Weltfrauenkonferenz

USA ERLÄUTERN NEUE PROGRAMME FÜR
FRAUEN
Hintergrundpapier über die amerikanischen
Initiativen

ARBEITSMARKT

DIE AMERIKANISCHE
ERWERBSBEVÖLKERUNG
Rede von Arbeitsminister Reich

DATENAUTOBAHN

NEUE TECHNOLOGIEN FÜR NEUE
DIENSTLEISTUNGEN
Betrachtungen zu Plänen für Bibliotheken
in den Amerika Häusern

KUNST

LEBENSLANGES LERNEN MIT DEN KÜNSTEN
von Ernest L. Boyer

I
»

•

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Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�FRAUEN
13. August 1995

Hillary Clinton: Frauenrechte sind Menschenrechte
Rede bei der Weltfrauenkonferenz
PEKING - (AD) - "Wenn diese Konferenz eine Botschaft übermitteln kann", erklärte die First Lady Hillary
Rodham Clinton bei der 4. Weltfrauenkonferenz am 5. September 1995, "dann ist es die: Menschenrechte sind
Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Hillary Clinton im Wortlaut.

Frau Mongella, verehrte Delegierte und Gäste,
ich möchte dem UN-Generalsekretär für die Einladung zur 4. Weltfrauenkonferenz der Vereinten
Nationen danken. Dies ist wirklich eine Feier - eine
Feier für den Beitrag, den Frauen zu jedem Aspekt
des Lebens leisten: zu Hause, bei der Arbeit, in
ihren Gemeinden, als Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Töchter, Lernende, Arbeiterinnen, Bürgerinnen
und Führungskräfte.
Es ist auch eine Zusammenkunft der Art, in der
Frauen jeden Tag in jedem Land zusammenkommen.
Wir kommen auf dem Feld und in Fabriken zusammen. Auf Dorfmärkten und in Supermärkten. In
Wohnzimmern und Konferenzräumen.
Sei es während wir mit unseren Kindern im Park
spielen oder Kleider in einem Fluß waschen, eine
Kaffeepause machen - wir kommen zusammen und
sprechen über unsere Wünsche und Sorgen. Und
immer wieder wendet sich unser Gespräch unseren
Kindern und unseren Familien zu.
So unterschiedlich wir auch sein mögen, es gibt sehr
viel mehr, das uns verbindet als trennt. Wir teilen
eine gemeinsame Zukunft. Und wir sind hier, um
gemeinsames Terrain zu sondieren, damit wir
Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt neue
Würde und Respekt verleihen können - und dabei
auch unseren Familien neue Stärke und Stabilität
geben können.
Durch unser Treffen in Peking konzentrieren wir die
Aufmerksamkeit der Welt auf Themen, die im Leben
von Frauen und ihren Familien am wichtigsten sind:
Zugang zu Bildung und Ausbildung, Gesundheits-

AMERIKA DIENST 27

fürsorge, Arbeitsplätze und Kredite, die Chance,
Menschenrechte für sich in Anspruch nehmen und
sich uneingeschränkt am politischen Leben ihres
Landes beteiligen zu können.
Einige stellen den Anlaß für diese Konferenz in
Frage. Sie sollten den Frauen in ihrem Zuhause, in
der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz zuhören.
Andere fragen sich, ob das Leben von Frauen und
Mädchen für den wirtschaftlichen und politischen
Fortschritt auf der Welt von Bedeutung ist. Sie
sollten auf die hier und in Huairou versammelten
Frauen blicken - die Hausfrauen, Krankenschwestern,
Lehrerinnen, Juristinnen, Politikerinnen und selbständigen Geschäftsfrauen.
Es sind Konferenzen wie diese, die Regierungen und
Menschen überall auf der Welt zwingen, zuzuhören,
zuzusehen und sich den drängendsten Problemen
der Welt zu stellen.
War es nicht nach der Frauenkonferenz in Nairobi vor
zehn Jahren, als sich die Welt zum ersten Mal mit
dem Problem häuslicher Gewalt befaßte?
Heute vormittag habe ich an einem Forum der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilgenommen,
indem Regierungsvertreter, nichtstaatliche Organisationen und Einzelpersonen Wege zur Bewältigung der
Gesundheitsprobleme von Frauen und Mädchen
ausarbeiten.
Morgen werde ich einem Treffen des UN-Entwicklungsfonds für Frauen beiwohnen. Die Diskussionen
dort werden sich auf lokale - und außerordentlich
erfolgreiche - Programme konzentrieren, die hart
arbeitenden Frauen Zugang zu Krediten verschaffen,

Seite 1

�so daß sie ihr Leben und das ihrer Familien verbessern können.

das Leben von Kindern nach der Reaktorkatastrophe
von Tschernobyl zu retten.

Auf der ganzen Welt lernen wir, wenn Frauen
gesund und gut ausgebildet sind, wird es ihren
Familien gut gehen. Wenn Frauen frei von Gewalt
sind, wird es ihren Familien gut gehen. Wenn
Frauen eine Chance haben, zu arbeiten und als
vollwertige und gleichberechtigte Partner in einer
Gesellschaft Geld zu verdienen, wird es ihren
Familien gut gehen.

Die große Herausforderung dieser Konferenz besteht
darin, den Frauen überall auf der Welt Gehör zu
verschaffen, deren Erfahrungen unberücksichtigt
bleiben, deren Worte ungehört verhallen.

Und wenn es den Familien gut geht, wird es den
Gemeinden und Nationen gut gehen.
Aus diesem Grund hat jede Frau, jeder Mann, jedes
Kind, jede Familie und jede Nation auf unserem
Planeten ein Interesse an den hier stattfindenden
Diskussionen.
In den vergangenen 25 Jahren habe ich mich
kontinuierlich mit Themen befaßt, die Frauen, Kinder
und Familien betreffen, in den letzten zweieinhalb
Jahren hatte ich die Chance, mehr über die Herausforderungen zu erfahren, mit denen sich die Frauen
in meinem Land und auf der ganzen Welt konfrontiert sehen.
Ich habe Mütter im indonesischen Jojakarta getroffen, die regelmäßig in ihrem Dorf zusammenkommen, um die Ernährung, Familienplanung und
Kinderversorgung zu besprechen.
Ich habe berufstätige Eltern in Dänemark getroffen,
die über das beruhigende Gefühl sprechen, das sie
bei dem Wissen haben, daß ihre Kinder nach der
Schule in kreativen, sicheren und fürsorglichen
Tagesstätten versorgt werden.
Ich habe Frauen in Südafrika getroffen, die den
Kampf zur Beendigung der Apartheid mitanführten
und jetzt zum Aufbau einer neuen Demokratie
beitragen.
Ich habe die führenden Frauen der westlichen
Hemisphäre getroffen, die jeden Tag auf die Bekämpfung des Analphabetentums und bessere
Gesundheitsfürsorge für ihre Kinder und ihr Land
hinarbeiten.
Ich habe Frauen in Indien und Bangladesch getroffen, die Kleinkredite aufnehmen, um Milchkühe,
Rikschas, Garn und anderes Material zu kaufen, um
für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu
verdienen.
Ich habe Ärztinnen und Krankenschwestern in
Belarus und der Ukraine getroffen, die versuchen,

Seite 2

Frauen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. 70 Prozent der Armen der Welt und zwei
Drittel derjenigen, die weder lesen noch schreiben
können, sind Frauen.
Es sind vornehmlich Frauen, die die Kinder und
älteren Menschen der Welt versorgen. Dennoch wird
ein Großteil der von uns geleisteten Arbeit nicht
gewürdigt - weder von den Wirtschaftswissenschaftlern, den Historikern, der Kultur noch von den Regierungsvertretern.
In diesem Augenblick, während wir hier sitzen,
bringen Frauen überall Kinder auf die Welt, erziehen
sie, kochen Mahlzeiten, waschen, putzen, säen,
arbeiten am Fließband, führen Unternehmen und sind
Staatsoberhäupter.
Frauen sterben an Krankheiten, denen man hätte
vorbeugen oder die man hätte behandeln sollen; sie
müssen zusehen, wie ihre Kinder an von Armut und
wirtschaftlicher Not verursachter Unterernährung
sterben; ihre eigenen Väter und Brüder verweigern
ihnen das Recht auf Schulbesuch; sie werden zur
Prostitution gezwungen und dürfen nicht an die
Wahlurnen oder den Bankschalter gehen.
Diejenigen von uns, die hier sein können, haben die
Pflicht, im Namen derjenigen zu sprechen, die nicht
kommen konnten.
Als Amerikanerin möchte ich im Namen der Frauen
meines Landes sprechen - Frauen, die von einem
Mindestlohn Kinder erziehen, die sich keine Gesundheitsfürsorge für sich oder Betreuung für ihre Kinder
leisten können, deren Leben durch Gewalt bedroht
ist, darunter Gewalt in den eigenen vier Wänden.
Ich spreche für Mütter, die für gute Schulen, eine
sichere Wohngegend, saubere Luft und saubere
Radio- und Fernsehsendungen kämpfen. Für ältere
Frauen, einige davon Witwen, die ihre Kinder großgezogen haben und jetzt entdecken, daß ihre Fähigkeiten und Lebenserfahrung in der heutigen Arbeitswelt
keinen Wert haben. Für Frauen, die nachts als
Krankenschwestern, in Hotels und Imbißstuben
arbeiten, damit sie tagsüber bei ioder Betreuung für
ihre Kinder leisten können, deren Leben durch
Gewalt bedroht ist, darunter Gewalt in den eigenen
vier Wänden.

AMERIKA DIENST 27

*i
.

�Ich spreche für Mütter, die für gute Schulen, eine
sichere Wohngegend, saubere Luft und saubere
Radio- und Fernsehsendungen kämpfen. Für ältere
Frauen, einige davon Witwen, die ihre Kinder großgezogen haben und jetzt entdecken, daß ihre
Fähigkeiten und Lebenserfahrung in der heutigen
Arbeitswelt keinen Wert haben. Für Frauen, die
nachts als Krankenschwestern, in Hotels und Imbißstuben arbeiten, damit sie tagsüber bei ihren Kindern
sein können. Und für Frauen überall, die einfach
nicht die Zeit für alles finden, was tagtäglich von
ihnen verlangt wird.
Wenn ich heute zu Ihnen spreche, spreche ich für
jede einzelne von ihnen, ebenso wie jede von uns
im Namen der Frauen auf der ganzen Welt spricht,
die nicht zur Schule oder zum Arzt gehen, keinen
Besitz und keine Kontrolle über ihr eigenes Leben
haben dürfen - aus dem einfachen Grund, weil sie
Frauen sind.

Tragischerweise sind es meistens die Frauen, deren
Menschenrechte verletzt werden. Selbst gegen Ende
des 20. Jahrhunderts wird Vergewaltigung weiterhin
als Instrument in bewaffneten Konflikten eingesetzt.
Frauen und Kinder machen den Großteil der Flüchtlinge weltweit aus. Und wenn Frauen aus dem
politischen Leben ausgeschlossen werden, sind sie
dem Mißbrauch noch stärker ausgesetzt.
Meines Erachtens ist am Vorabend eines neuen
Jahrtausends der Zeitpunkt gekommen, unser
Schweigen zu brechen. Es ist an der Zeit, hier in
Peking der ganzen Welt zu sagen, daß es nicht
länger akzeptabel ist, Frauenrechte von Menschenrechten zu trennen.
Diese Mißstände konnten fortbestehen, weil die
Geschichte der Frauen allzulange eine Geschichte
des Schweigens war. Selbst heute gibt es einige, die
uns hier zum Schweigen bringen wollen.

Tatsache ist, daß die meisten Frauen weltweit die
Hausarbeit erledigen und auch berufstätig sind,
normalerweise aus finanziellen Gründen.

Die Stimmen bei dieser Konferenz und der Frauen in
Huairou müssen laut und klar vernommen werden
können:

Wir müssen uns bewußt sein, daß es kein Patentrezept gibt, wie eine Frau ihr Leben führen sollte.
Aus diesem Grund müssen wir die Entscheidungen
respektieren, die jede Frau für sich und ihre Familie
trifft. Jede Frau hat das Recht auf die Chance, ihre
von Gott gegebenen Talente zu entfalten.

Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Babys nicht gefüttert, ertränkt oder erstickt werden,
ihr Rückgrat gebrochen wird, nur weil sie als Mädchen geboren wurden.

Ferner müssen wir erkennen, daß Frauen erst dann
wirklich in Würde leben können, wenn ihre Menschenrechte anerkannt und geschützt werden.
Unsere Ziele bei dieser Konferenz - die Stärkung
von Familien und Gesellschaften, indem Frauen in
die Lage versetzt werden, mehr Kontrolle über ihr
eigenes Leben auszuüben - können nur dann
umfassend erreicht werden, wenn alle Regierungen hier und auf der ganzen Welt - ihre Pflicht zum
Schutz und zur Förderung international anerkannter
Menschenrechte akzeptieren.
Die internationale Staatengemeinschaft hat schon
seit langem anerkannt und vor kurzem in Wien
bekräftigt, daß sowohl Frauen als auch Männer das
Recht auf Schutz und persönliche Freiheiten haben vom Recht auf persönliche Sicherheit bis zum Recht,
frei über die Anzahl der Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Niemand sollte aus Angst vor religiöser oder politischer Verfolgung, Festnahme, Mißhandlung oder
Folter zum Schweigen gezwungen werden.

AMERIKA DIENST 27

Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen und Mädchen in die Sklaverei der Prostitution
verkauft werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen mit Benzin übergössen, angezündet und
verbrannt werden, weil ihre Mitgift als zu gering
erachtet wird.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen einzeln oder zu Tausenden systematisch als
Taktik oder Preis des Krieges vergewaltigt werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn die
Haupttodesursache weltweit bei Frauen zwischen 14
und 44 Jahren die Gewalt in ihren eigenen vier
Wänden ist.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Mädchen der schmerzhaften und entwürdigenden
Praxis der Verstümmelung ihrer Genitalien unterworfen werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen das Recht auf Familienplanung verweigert
wird, und das schließt erzwungene Abtreibungen oder
Sterilisationen ein.

Seite 3

�Wenn diese Konferenz eine Botschaft übermitteln
kann, dann ist es die: Menschenrechte sind Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte.

Während eines halben Jahrhunderts war der Frieden
an den meisten Orten vorherrschend. Wir haben
einen weiteren Weltkrieg verhindert.

Wir dürfen nicht vergessen, daß dazu auch das
Recht auf freie Meinungsäußerung gehört. Und das
Recht darauf, gehört zu werden.

Wir haben jedoch nicht die anderen, tiefverwurzelten
Probleme gelöst, die weiterhin das Potential der
Hälfte unserer Weltbevölkerung schwächen.

Frauen müssen das Recht auf umfassende Beteiligung am sozialen und politischen Leben ihrer
Länder haben, wenn Freiheit und Demokratie auf
Dauer Bestand haben sollen.

Es ist jetzt an der Zeit, im Namen aller Frauen zu
handeln.

Es ist unhaltbar, daß viele Frauen aus nichtstaatlichen Organisationen, die an dieser Konferenz teilnehmen wollten, nicht kommen konnten - oder ihnen
die Teilnahme verboten wurde.
Ich möchte eindeutig klarstellen: Freiheit bedeutet
das Recht der Menschen, sich zu versammeln,
zusammenzuschließen und offen zu debattieren. Es
bedeutet, die Ansichten derjenigen zu respektieren,
die nicht mit ihrer Regierung übereinstimmen. Es
bedeutet, Menschen nicht von ihren Angehörigen zu
trennen und einzusperren, zu mißhandeln oder ihnen
ihre Freiheit oder Würde zu nehmen, weil sie ihren
Ideen und Meinungen auf friedliche Weise Ausdruck
verleihen.
In meinem Land feierten wir kürzlich den 75. Jahrestag des Frauenwahlrechts. Nach der Unterzeichnung unserer Unabhängigkeitserklärung brauchten
die Frauen 150 Jahre, um das Wahlrecht zu erhalten. Es erforderte 72 Jahre des organisierten

Wenn wir kühne Schritte unternehmen, um das
Leben der Frauen zu verbessern, werden wir auch
kühne Schritte unternehmen, um das Leben von
Kindern und Familien zu verbessern. Familien
erwarten von Müttern und Ehefrauen emotionalen
Beistand und Fürsorge; Familien erwarten von
Frauen Hausarbeit und zunehmend auch einen
Beitrag zum Familienbudget, der für die Erziehung
gesunder Kinder und Fürsorge für ihre Verwandten
erforderlich ist.
Solange Diskriminierung und Ungleichheit weltweit an
der Tagesordnung sind - solange Mädchen und
Frauen geringer geschätzt, schlechter und zuletzt
ernährt, überarbeitet, unterbezahlt, nicht ausgebildet
und Gewalt im eigenen Heim unterworfen sind - kann
das Potential der Menschheit zur Schaffung einer
friedlichen, prosperierenden Welt nicht voll entfaltet
werden.
Diese Konferenz soll uns - und die Welt - zum
Handeln auffordern.

Kampfes zahlreicher mutiger Frauen und Männer.

Und wir wollen dieser

Es war einer der entzweiendsten philosophischen
Kriege Amerikas. Aber es war auch ein unblutiger
Krieg. Das Wahlrecht wurde erlangt, ohne daß ein
einziger Schuß fiel.

schenken, damit wir eine Welt schaffen können, in
der jede Frau mit Respekt und Würde behandelt wird,
jeder Junge und jedes Mädchen gleich behandelt und
geliebt werden, jede Familie Hoffnung auf eine gute
und sichere Zukunft hat.

Wir wurden am vergangenen Wochenende bei den
Feierlichkeiten aus Anlaß der Beendigung des
Krieges im Pazifik auch an das Gute erinnert, das
entsteht, wenn Männer und Frauen gemeinsam
gegen die Kräfte der Tyrannei und für eine bessere
Welt kämpfen.

* *

Seite 4

Aufforderung

Beachtung

Ich danke Ihnen.
Gott schütze Sie, Ihre Arbeit und alle, die davon
profitieren.

*

*

AMERIKA DIENST 27

�FRAUEN
13. September 1995

USA erläutern neue Programme für Frauen
Hintergrundpapier über die amerikanischen Initiativen
PEKING- (AD) - In einer ausführlichen Präsentation bei der 4. Weltfrauenkonferenz gab die amerikanische
Botschafterin Madeleine Albright am 6. September 1995 neue Initiativen der Vereinigten Staaten zum Abbau
der Schranken für gleichberechtigte Beteiligung von Frauen bekannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir das amerikanische Papier.

Die Vereinigten Staaten geben Initiativen für vier
Bereiche bekannt, die amerikanische Frauen als
Prioritäten ausgemacht haben: Gleichberechtigung
und Teilhabe an der Macht; wirtschaftliche Sicherheit, einschließlich einer ausgewogenen Aufteilung
zwischen Arbeit und familiären Pflichten; die Menschenrechte von Frauen unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt gegen Frauen sowie Gesundheit.
I. Gleichberechtigung
Macht

Das Frauenbüro des Arbeitsministeriums wird eine
Kampagne einleiten, die sich mit den Zusagen von
Arbeitgebern, Organisationen und Gemeindegruppen
befaßt, systematische Veränderungen bei Maßnahmen und Praktiken am Arbeitsplatz zugunsten von
Frauen und ihren Familien vorzunehmen.

und Teilhabe an der

Ein interministerieller Rat, der vom neugegründeten
Büro für Frauenfragen des Weißen Hauses aus
operiert, wird einen einjährigen Prozeß der Umsetzung der Aktionsplattform leiten und einen langfristigen Plan zur Förderung vermehrter Befugnisse
für Frauen und deren Status entwickeln. Die amerikanische Delegation bei der Konferenz, die aus
Regierungsvertretern und Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) eines breiten geographischen und demographischen Spektrums zusammengesetzt ist, wird als Beratungsgremium für
den Rat dienen. Dieser Prozeß wird auf die starke
Partnerschaft zwischen nichtstaatlichen Organisationen und der Regierung aufbauen, die sich während
der Vorbreitung für die Frauenkonferenz entwickelt
hat.
Das US-Amt für internationale Entwicklung (U.S.
Agency for International Development - USAID) leitet
zwei sich gegenseitig verstärkende internationale
Programme im Rahmen einer Initiative für die
politische Beteiligung von Frauen und deren Rechte
in die Wege.

AMERIKA DIENST 27

II. Wirtschaftliche Sicherheit einschließlich einer
ausgewogenen Aufteilung zwischen Arbeit und
familiären Pflichten

Das Finanzministerium wird über den Fonds der
Finanzinstitutionen für Gemeindeentwicklung jährliche
Auszeichnungen des Präsidenten für hervorragende
Leistungen in Kleinunternehmen verleihen und eine
neue staatliche Initiative für Mikrountemehmen
koordinieren.
Der interministerielle Ausschuß für weibliches Unternehmertum und der nationale Rat für Unternehmerinnen wird einen Jahresbericht des Ausschusses an
den Kongreß weiterleiten, um den Bereich weibliches
Unternehmertum zu stärken.
USAID wird weiterhin Mikrounternehmensprogramme
für Frauen unterstützen.
III. Die Menschenrechte von Frauen unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt gegen
Frauen
Das neue Büro für Gewalt gegen Frauen im Justizministerium wird umfassende nationale Bestrebungen
zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und anderer
Verbrechen gegen Frauen durch die Kombination
strenger neuer Bundesgesetze mit Hilfen für Bundesstaaten und Gemeinden bei Strafverfolgung, Unterstützung der Opfer, Strafverfahren und Verhinderung
von Verbrechen anführen.

Seite 1

�Die Administration bekräftigt ihre Verpflichtung zur
Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Diskriminierung der Frau.
IV. Gesundheit
Das Gesundheitsministerium wird Maßnahmen zu
einer Reihe von Problemen von Frauen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund, unter besonderer
Berücksichtigung von Frauen mit niedrigem Einkommen und ethnischen Minderheiten verabschieden:
Ein umfassender Plan zur Verringerung des Rauchens unter Kindern und Jugendlichen um 50 Prozent, einschließlich des Verbots von Tabakwaren für
sie.
Verhinderung von Schwangerschaften unter Teenagern durch Ermutigung von Enthaltsamkeit und
persönlicher Verantwortung bei gleichzeitigem
Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungsdiensten sowie Gesundheitserziehung in Schulen.
Gründung eines Leitenden Rats für Kinder und
Jugendliche, der eine Strategie mit einem Budget für
Kinder entwickeln wird, Prioritätsbereiche für vermehrte Aufmerksamkeit und Ressourcen empfiehlt,
Kommunikation innerhalb der Regierung aufbaut,
Partnerschaften mit Regierungen und Gemeinden
unterstützt sowie Forschung und Auswertung der
Tagesordnung koordiniert.
Bewältigung der gesundheitlichen Bedürfnisse älterer
Frauen durch die neue Gesundheitsinitiative für
Frauen, die Studien über Haupttodesursachen,
Behinderung und Gebrechen von Frauen nach der
Menopause vornimmt.
Förderung der Gesundheit insgesamt und Vorbeugung gegen Krankheiten durch eine Vielzahl von
Initiativen zu Brust- und Gebärmutterhalskrebs,
Einbeziehung von Frauen in klinische Tests sowie
größere Konzentration auf die Auswirkungen von mit
Armut in Verbindung stehenden Krankheiten bei
Frauen, die Gründung eines neuen nationalen
Clearinghauses für die Gesundheit von Frauen und
eine gebührenfreie Rufnummer mit Informationen
über die Gesundheit der Frau.
Forschung und Entwicklung bei Kontrazeptiva, unter
besonderer Berücksichtigung von Mikrobiziden und
der Abtreibungspille RU-486.
Erarbeitung einer politischen Tagesordnung zu
HIV/AIDS speziell für Frauen, Jugendliche und
Kinder.

Seite 2

I. Gleichberechtigung und Teilhabe an der Macht
A. Der Umsetzungsprozeß
Im Einklang mit den Verfügungen der Aktionsplattform, die bei der 4. Weltfrauenkonferenz verabschiedet werden soll, der festen Absicht der US-Regierung
zur Förderung vermehrter Befugnisse für Frauen und
deren Status sowie dem starken, von amerikanischen
nichtstaatlichen Organisationen zum Ausdruck
gebrachten Interesse an der Durchführung beinhalten
die Bestrebungen der Vereinigten Staaten im Anschluß an die Konferenz einen einjährigen Prozeß für
die Erarbeitung eines umfassenden Umsetzungsplans
bis zum Jahr 2000. Darüber hinaus werden zahlreiche spezifische Schritte unternommen, um die Worte
der Plattform in die Tat umzusetzen.
Diese Partnerschaft zwischen dem öffentlichen und
dem Privatsektor wird den bei der Vorbereitung der 4.
Weltfrauenkonferenz begonnenen Prozeß fortsetzen zweibahnige Kommunikation, die Regierungen und
Bürger in direkten Kontakt miteinander bringt, um
einen Umsetzungsplan zu erleichtern.
Ein interministerieller Rat, der vom neugegründeten
Büro für Frauenfragen des Weißen Hauses aus
operiert, wird die Umsetzung und die anschließenden
Bestrebungen gemeinsam mit dem Privatsektor und
den nichtstaatlichen Organisationen leiten. Die
amerikanische Delegation bei der Konferenz, die aus
Regierungsvertretern und Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen eines breiten geographischen
und demographischen Spektrums zusammengesetzt
ist, wird als Beratungsgremium für den Rat dienen.
Der interministerielle Rat und das Beratungsgremium
für die Umsetzung werden Einsatzgruppen bilden, die
aus ihren Mitgliedern sowie mit anderen interessierten und wichtigen Einzelpersonen und Organisationen
zusammengesetzt sind, um die Empfehlungen der
Plattform und ihre Bedeutung für die Vereinigten
Staaten zu analysieren, amerikanische Frauen über
die Konferenz sowie ihre Prioritäten und Empfehlungen zu befragen und Mechanismen und Prozesse für
die kontinuierliche Umsetzung zu sondieren.
Ferner werden sie die Kommunikation zwischen der
Regierung und den NGOs herstellen, mögliche
juristische Schritte oder Reformen auf Bundes-,
Bundesstaats- und Gemeindeebene in Erwägung
ziehen, Jugendinitiativen erarbeiten und sich mit den
Sorgen der Jugendlichen befassen, Empfehlungen
einer Einsatzgruppe Jugendlicher entgegennehmen,
die aus Jugendvertretern inner- und außerhalb der
Regierung besteht und - was am wichtigsten ist - den
jungen Menschen selbst.

AMERIKA DIENST 27

�B. Initiative für politische Teilhabe und legale
Rechte

die gemachten Erfahrungen und besten Ansätze zu
informieren.

Der rechtliche Status der Frauen ist eng verbunden
mit ihrer politischen Beteiligung und hat Auswirkungen auf ihre Fähigkeit, zum wirtschaftlichen und
sozialen Fortschritt beizutragen und von ihm zu
profitieren. Um diese entscheidenden Entwicklungsprobleme anzusprechen, leitet USAID eine Initiative
in die Wege, die aus zwei unterschiedlichen, aber
sich gegenseitig verstärkenden Programmen besteht:

Zu den geförderten Programmen zählen diejenigen,
mit denen die Belesenheit von Frauen in Rechtsfragen verbessert wird, die Integration von geschlechtsspezifischen Problemen in den Lehrplan der
juristischen Fakultäten, Ausbildung der Gesetzgeber
in geschlechtsspezifischen Fragen, Bereitstellung
oder Unterstützung von Kliniken, Engagement in
einem direkten politischen Dialog mit Gesetzgebern
zur Förderung gerechterer Gesetze und Maßnahmen
sowie die Erleichterung von Partnerschaften und
Netzen über die Sektoren hinweg. Die Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen- und nichtsstaatlichen
Organisationen, Ausbildung von Juristen, Frauengruppen und anderen mit den legalen Rechten von
Frauen befaßten Organisationen werden ein wichtiges Ergebnis dieses Programmelements sein.

Das Ziel des Programms für die politische Teilhabe
von Frauen ist der verbesserte Zugang von Frauen
zu politischen Prozessen und Wahlen sowie ihre
Beteiligung daran in im Übergang befindlichen und
sich konsolidierenden Demokratien auf der ganzen
Welt. Die Hilfe wird in vier Bereichen bereitgestellt:
Ausbildung in politischer Führung, Vernetzung,
staatsbürgerlicher und Wählerausbildung, technischer Ausbildung und Führungsqualifikationen.
Zu den erwarteten Ergebnissen zählen die zunehmende Zahl von Frauen, die sich zur Wahl registrieren lassen, politischen Parteien beitreten, sich
wählen lassen, Führungspositionen in der Legislative
und Exekutive übernehmen und die effektive Nutzung traditioneller politischer Instrumente wie Koalitionsbildung, Lobbying, politische Analyse und
Gründung von Frauenwahlkreisen durch Frauen.
Die institutionelle Unterstützung wird darüber hinaus

die Fähigkeiten zu finanziellem Management, Organisationsstruktur, demokratischen Prozessen für die
Entscheidungsfindung und Auswahl von Führungspersonen entwickeln und stärken.
Die USAID-Initiative für die legalen Rechte von
Frauen wird eine Strategie verabschieden, um
sowohl Wissen über den rechtlichen Status von
Frauen zu erarbeiten und Informationen darüber zu
verbreiten als auch die Fähigkeit von NGOs, Freiwilligenorganisationen und anderen Institutionen zur
Durchführung von Korrekturprogrammen und Aktionen aufzubauen. Die Betonung wird darauf gelegt,
die Frauen betreffenden Rechtsprobleme von
höchster Priorität nach Regionen und auf Landesebene auszumachen; festzustellen, auf welchen
Ebenen die größten Hindernisse für die legalen
Rechte der Frauen bestehen (Legislative, Judikative,
Bewußtsein/Akzeptanz der Gemeinde) und Identifizierung der Arten von Programmintervention, die am
effektivsten für Veränderungen beim rechtlichen
Status von Frauen sind. Zur Verbreitung der Erkenntnisse zählt der Informationsaustausch innerhalb
der betroffenen Länder und Regionen. Besondere
Betonung wird auf die Stärkung und Entwicklung des
Süd-Süd-Netzes gelegt, um sich gegenseitig über

AMERIKA DIENST 27

II. Wirtschaftliche Sicherheit
A. Ausgewogene Aufteilung zwischen Arbelt und
familiären Pflichten
In diesem Monat wird das Frauenbüro des Arbeitsministeriums eine einjährige Kampagne beginnen, um
die Arbeitssituation für Frauen und ihre Familien zu
verbessern. Das Büro wird sich mit den Zusagen von
Arbeitgebern, Organisationen und Gemeindegruppen
befassen, systematische Veränderungen bei Maßnahmen und Praktiken am Arbeitsplatz zugunsten von
Frauen und ihren Familien vorzunehmen. Diese
Zusagen werden in einer Publikation über berufstätige Frauen festgehalten, die vom Büro veröffentlicht wird, um andere zur Durchführung ähnlicher
Änderungen zu ermutigen.
Diese Änderungen können in drei umfassenden
Kategorien zusammengefaßt werden:
Verbesserte Bezahlung und Sozialleistungen.
Insbesondere Gesundheitsleistungen, um wirtschaftliche Sicherheit zu erlangen. Beispielsweise wird eine
Gruppe von Kleinuntemehmen kollektiv die Krankenversicherungfür Angestellte und ihre Familien kaufen;
eine nationale gemeinnützige (nichtstaatliche) Organisation wird anteilmäßig den Krankenurlaub auf
Teilzeit- und vorübergehend Beschäftigte aufteilen.
Arbeit und Familie. Veränderungen der Arbeitsplatzsituation, um zu einer Ausgewogenheit zwischen
Arbeit und familiären Pflichten beizutragen. Beispielsweise wird eine Organisation des öffentlichen
Dienstes eines Landkreises lokalen Gruppen Geld
anbieten, damit sie innovative Kinderbetreuungsleistungen anbieten können, auch für Kinder, deren
Eltern nachts und am Wochenende arbeiten. Ein

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�Schulbezirk wird seinen Busfahrplan umstellen,
damit Kinder leichter an Betreuungsprogrammen
nach der Schule teilnehmen können.

punkt für Kleinunternehmerprogramme im ganzen
Land darstellen, die der Selbsteinschätzung und dem
Lernen von erfolgreichen Kollegen dienen.

Höhere Bewertung der Arbeit von Frauen. Eine
Gemeindestiftung wird beispielsweise drei Jahre lang
Geld aufbringen, um Hunderten von Erziehern
Ausbildung zu gewähren. Eine Berufsorganisation
wird einen Stipendienfonds für die Ausbildung von
Frauen bereitstellen, die wieder ins Arbeitsleben
eintreten.

Das Finanzministerium wird über den CDFI-Fonds
zum Koordinator einer neuen bundesweiten Kleinunternehmensinitiative, die einen Zusammenhang
zwischen der Vielzahl mikroökonomischer Programme der einzelnen Bundesbehörden herstellt. Diese
Initiative soll gewährleisten, daß Wachstum und
Entwicklung auf mikroökonomischem Gebiet mit
Geldern der Bundesregierung wirksam unterstützt
werden. Das Finanzministerium wird über den CDFIFonds Anforderungen an die Programme koordinieren, die Datenerfassung und Berichterstattung
vereinheitlichen, gegebenenfalls Schritte zur Harmonisierung der Vorschriften unternehmen, komplementäre Elemente von Programmen identifizieren und die
Möglichkeit einer Anlaufstelle sondieren, die Informationen über bundesstaatliche Kleinunternehmerprogramme bereitstellt.

Ziel der Kampagne ist es, Tausende von Veränderungen bei Maßnahmen und Programmen herbeizuführen, die eine Million Menschen betreffen. Zielgruppe sind Arbeitgeber, Unternehmen, bundesstaatliche und Gemeindeverwaltungen, Gewerkschaften, Fördergruppen und Einzelpersonen.
B. MikroÖkonomie: Ausweitung wirtschaftlicher
Chancen
Mehr Amerikanerinnen als je zuvor machen sich
selbständig, und Frauen stellen die große Mehrheit
der Amerikaner, die sich über Darlehen für Kleinunternehmen Kredite verschaffen. Mikroökonomieprogramme haben Besitzern sehr kleiner Unternehmen, insbesondere Frauen, erfolgreich dabei
geholfen, sich erstmals Zugang zu den für die Verbesserung ihres Lebens entscheidenden Ressourcen
zu verschaffen. Die Vereinigten Staaten werden
verschiedene bedeutende Maßnahmen ergreifen, um
Selbständigkeit und Kleinunternehmertum im Land
zu unterstützen.
Das US-Finanzministerium gründete vor kurzem den
Fonds für die Entwicklung der Finanzinstitutionen der
Gemeinden (Community Development Financial
Institutions Fund - CDFI-Fonds). Der Fonds fördert
Geber von Kleindarlehen sowie andere Finanzinstitutionen, die sich der Entwicklung in ihrer Gemeinde
mit Hilfe finanzieller und technischer Unterstützung
sowie der Schulung von Kleinkreditgebem verschrieben haben. Ferner wird er Informationen über
optimalen Beistand für Kleinunternehmen identifizieren und verbreiten.

Das fortgesetzte Engagement von USAID wird eine
beträchtliche Unterstützung durch das Amt über seine
Kleinunternehmerinitiative sicherstellen, die sich
erneut darauf konzentriert, Frauen und die Armen zu
erreichen. Zu den Höhepunkten dieser Strategie
gehören das 125 Millionen Dollar umfassende Kleinunternehmer-Innovationsprojekt sowie die Förderung
erhöhter Konzentration hochrangiger Politiker auf die
MikroÖkonomie durch die neue Beratungsgruppe zur
Förderung der Ärmsten (Consultative Group to Assist
the Poorest - CGAP), die durch das von der Weltbank zusammengerufene Konsortium von Gebern
verwaltet wird.
C. Weibliches Unternehmertum

Präsident Clinton wies kürzlich den Finanzminister
an, zwei zusätzliche Programme zur weiteren
Förderung des Kleinunternehmertums in den Vereinigten Staaten durchzuführen.

Diesen Monat legte der interministerielle Ausschuß
für weibliches Unternehmertum dem Präsidenten und
dem Kongreß seinen ersten Jahresbericht vor. Der
1994 gegründete, aus Vertretern von zehn Behörden
bestehende Ausschuß soll die Bestrebungen der
Regierung unterstützen, das Wachstum auf dem
Sektor der von Frauen geführten Unternehmen zu
fördern. Der Ausschuß arbeitet partnerschaftlich mit
dem nationalen Rat für Unternehmerinnen zusammen, einer Gruppe des Privatsektors, die sich aus
erfolgreichen Unternehmerinnen und Förderern des
weiblichen Unternehmertums aus dem nichtstaatlichen Bereich zusammensetzt.

Das Finanzministerium wird über den CDFI-Fonds
ein neues Programm ins Leben rufen und verwalten,
durch das herausragenden Gebern von Kleinkrediten
eine Auszeichnung des Präsidenten verliehen wird.
Durch die Bekanntgabe dieser Leistungen werden
die Auszeichnungen Herausforderung und Bezugs-

Der Ausschuß nimmt eine Einschätzung von Programmen für Unternehmerinnen aller Bundesbehörden über die grundlegenden Dimensionen vor, die
Frauen als wichtig erachten. Es wurden funktionierende innovative Programme identifiziert, die allen
Behörden und Frauen im ganzen Land zugänglich

Seite 4

AMERIKA DIENST 27

�gemacht werden. Das Büro für Kleinunternehmerinnen hat jetzt im World Wide Web eine Home Page
und einen Newsletter, und über den nationalen Rat
für Unternehmerinnen werden Partnerschaften
geschlossen. Vier Bereichen wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet:
Öffnung des Marktes für freien und offenen
Wettbewerb bei der staatlichen Beschaffung von
Waren und Dienstleistungen zur Erreichung des
Ziels, daß in jeder Behörde 5 Prozent der Verträge und Nebenverträge mit Frauen abgeschlossen werden.
Die Sammlung von Daten und die Forschung
über weibliches Unternehmertum werden durch
neue, von der amerikanischen Zentralbank und
dem Statistischen Bundesamt geförderte Untersuchungen vorangetrieben. Im November findet
an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der
Northwestern University eine nationale Konferenz
zur Aufstellung einer langfristigen Forschungsagenda statt.
Ausweitung des Unternehmertums durch technische Unterstützung, Ausbildung und Information
für Unternehmerinnen.
Vermehrter Zugang zu Kapital bei Unternehmensgründungen sowie bei Vergrößerungen von
Frauen geführter Unternehmen.

III. Gewalt gegen Frauen
A. Das Büro für Gewalt gegen Frauen
Anfang des Jahres gab Präsident Clinton die Gründung eines Büros im Justizministerium für Gewalt
gegen Frauen im Gefolge des 1994 erlassenen
Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung bekannt, das
einen Abschnitt über Gewalt gegen Frauen enthält.
Das neue Büro für Gewalt gegen Frauen wird
führend bei den umfassenden nationalen Bestrebungen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und anderer
Verbrechen gegen Frauen sein.
Diese Bestrebungen verbinden strenge neue bundesstaatliche Gesetze mit der Unterstützung von
Bundesstaaten und Gemeinden zur Erzielung
wirklicher Fortschritte bei strafrechtlicher Verfolgung,
der Unterstützung von Opfern und der Verhütung
von Verbrechen.
Durch Initiativen zur Einbeziehung und Information
der Öffentlichkeit und der Zusammenarbeit mit ihr
wird das Büro die öffentliche Haltung gegenüber
diesen Verbrechen verändern und der Einstellung
entgegenwirken, Gewalt gegen Frauen sei eine

AMERIKA DIENST 27

Privatangelegenheit, die keiner öffentlichen Prüfung
oder gerichtlichen Entscheidung unterworfen werden
müsse.
Der Direktor des Büros für Gewalt gegen Frauen wird
in enger Zusammenarbeit mit einem Beratergremium
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stärker auf das
Problem von Gewalt gegen Frauen und auf laufende
Programme lenken, um diese Gewalt durch landesweit organisierte Zusammenkünfte mit Vertretern der
Strafverfolgungsbehörden und Fördergruppen sowie
durch öffentliche Auftritte und Medienarbeit zu
verhindern.
Das Gesetz bewilligt für die nächsten Jahre 1,6
Milliarden Dollar an bundesstaatlichen Geldern. Im
kommenden Jahr wird das Büro 200 Millionen Dollar
für diese Bestrebungen aufwenden und sich darauf
konzentrieren, der amerikanischen Rechtsprechung
landesweit bei der Aufstellung von Spezialeinheiten
der Polizei und Strafverfolgungseinheiten gegen
sexuelle und häusliche Gewalt zu helfen sowie die
Ausbildung von Polizisten, Staatsanwälten, Richtern
oder Gerichtspersonal zu fördern.
Ferner wird das Büro die Durchführung von Reformen, neuen Vorgehensweisen und Vorschriften für
Sexual- oder häusliche Gewaltverbrechen in der
amerikanischen Gesetzgebung unterstützen. Darunter fallen Entschädigungen für die Opfer, die eine
Vorlage von Beweisen, daß der Angeklagte andere
Sexual- oder häusliche Gewaltverbrechen begangen
hat, in Fällen zulassen, die mit solchen Verbrechen in
Zusammenhang stehen; Gewährleistung der Vertraulichkeit in bezug auf Adresse und Aufenthaltsort
des Opfers sowie seine Verbindungen zu Beratern,
Therapeuten und Rechtsanwälten; Einführung von
Erfassungssystemen für Kinderschänder und andere
Sexualverbrecher sowie Ermutigung der Erstellung
polizeilicher Führungszeugnisse landesweit für
Angestellte aus den Bereichen Kinderbetreuung,
Behindertenversorgung und Altenpflege.
B. Inkraftsetzung des Gesetzes über freien Klinikzugang
Die Vereinigten Staaten wenden beträchtliche Gelder
für die Umsetzung des Gesetzes über freien Klinikzugang von 1994 durch das Justizministerium auf,
einschließlich der Beteiligung der drei Hauptuntersuchungsbehörden - dem Bundeskriminalamt FBI,
dem Büro für alkoholische Getränke, Tabakwaren
und Schußwaffen und der Polizeibezirksdirektion sowie Rechtsanwälten aus den Abteilungen für
Strafrecht, Zivilrecht und Bürgerrecht.
Unter der Leitung amerikanischer Rechtsanwälte
tätige Arbeitsgruppen bestehen aus Strafverfolgungs-

Seite 5

�beamten der nationalen, bundesstaatlichen und
kommunalen Ebene und werden weiterhin Pläne
ausarbeiten, um die Sicherheit der Kliniken für
reproduktive Gesundheit zu gewährleisten.
Unter der Führung der Justizministerin werden die
Polizeibezirksdirektionen der Vereinigten Staaten
weiterhin Kontakte zwischen Kliniken und Strafverfolgungsbeamten auf nationaler, bundesstaatlicher
und kommunaler Ebene im Hinblick auf mögliche
Androhung von Gewalt erleichtern und koordinieren.
C. Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung aller Formen von Diskriminierung
der Frau
Die Administration legte dem Senat ihr Paket zur
Ratifizierung vor und bekräftigte ihre Verpflichtung,
alle für die Ratifizierung erforderlichen Anstrengungen zu unternehmen.
IV. Gesundheit
A. Das Gesundheitsministerium wird im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Problemen aktiv, mit
denen sich Frauen aller Herkunft im Laufe ihres
Lebens konfrontiert sehen.
Kampf gegen das Rauchen unter Kindern und
Jugendlichen. Ein umfassender Plan zur Verringerung des Rauchens von Kindern und Jugendlichen
um 50 Prozent, einschließlich eines Verbots des
Verkaufs von Tabakwaren an Personen unter 18
Jahren.
Verhinderung von Schwangerschaften unter
Teenagern. Ermutigung von Enthaltsamkeit und
persönlicher Verantwortung bei gleichzeitigem Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungsdiensten
sowie Gesundheitserziehung in Schulen.
Jugendliche und Kinder. Ein Leitender Rat für
Kinder und Jugendliche wird eine umfassende und
koordinierte Strategie für Kinder und Jugendliche mit
einem Budget für Kinder entwickeln und Empfehlungen hinsichtlich der Prioritäten bei finanziellen und
anderen Investitionen geben, Kommunikationsverbindungen innerhalb des Regierungsapparats aufbauen, Partnerschaften zwischen Regierungen und
Gemeinden bilden und eine Forschungs- und Entwicklungsagenda aufstellen.

Ältere Frauen. Erfüllung der gesundheitlichen
Bedürfnisse älterer Frauen durch Initiativen wie die
Frauengesundheitsinitiative, die größte klinische
Forschungsstudie über die Hauptursachen für Tod,
Behinderung und Gebrechen von Frauen nach der
Menopause.
Forschung und Entwicklung im Bereich der
Kontrazeptiva. Durchführung und Finanzierung
umfassender Forschungs- und Entwicklungsarbeit mit
besonderer Betonung von mikrobiziden Hormonimplantaten, Immunokontrazeptiva und der Abtreibungspille RU 486.
HIV/AIDS. Verfolgung einer politischen Tagesordnung für HIV/AIDS, die besonders auf Frauen,
Jugendliche und Kinder ausgerichtet ist und sich auf
Forschung, Aufklärung und Prävention konzentriert.
Beispiele hierfür sind:
1. Veröffentlichung von Richtlinien für Mediziner,
allen Schwangeren routinemäßig Aufklärung über
HIV und Tests auf freiwilliger Basis anzubieten als Reaktion auf wissenschaftliche Erkenntnisse,
daß Zidovudine (ZDV oder AZT) bei einigen
infizierten Frauen und ihren Babys die pränatale
HIV-Übertragung um zwei Drittel verringern
könnten.
2. Entwicklung einer behördenübergreifenden Studie
zu HIV-Infektionen unter Frauen, einer Langzeitstudie großen Stils, die Auswirkungen von HIVInfektionen auf Frauen in den Vereinigten Staaten
untersucht.
3. Gründung einer interministeriellen Arbeitsgruppe
zu AIDS im Namen des Präsidenten, die einen
koordinierten Ansatz zur HIV/AIDS-Epidemie
sicherstellt und einen nationalen Plan entwickelt,
der die Ziele der US-Regierung beim Kampf
gegen AIDS darlegt.
Förderung von Gesundheit und Verhütung von
Krankheit. Neben der Arbeit für eine Reform des
Gesundheitswesens durch das Streben nach Veränderungen zur Verbesserung der Effizienz und
Kostendämpfung im Gesundheitswesen werden die
Vereinigten Staaten sich durch folgende Initiativen mit
den gesundheitlichen Bedürfnissen von Frauen
befassen:
Dem nationalen Aktionsplan für Brustkrebs,

Behinderte Frauen und Mädchen. Behördenübergreifende Koordination zur Integration von behinderte Frauen und Mädchen betreffenden Gesundheitsfragen in eine allgemeine Gesundheitsagenda.

neuen Grenzen für die Entdeckung von Brustkrebs,
dem Gesetz über Qualitätsnormen der Mammographie,

Seite 6

AMERIKA DIENST 27

�der Ausweitung des nationalen Programms für
die Frühentdeckung von Brust- und Gebärmutterhalskrebs,

Erweiterte Familienplanungsdienste sowie gegebenenfalls Untersuchung auf sexuell übertragbare
Krankheiten und ihre Behandlung.

der Einbeziehung von Frauen in klinische Tests,

Einbeziehung nichtstaatlicher Organisationen in die
tatsächliche Bereitstellung von Dienstleistungen,
insbesondere die von Frauen angebotenen und
verwalteten.

dem nationalen Clearinghaus für die Gesundheit
der Frau,
der Ausweitung des Programms für die Verhütung von Unfruchtbarkeit.
B. Das Amt für internationale Entwicklung setzt
seine Unterstützung für folgende Projekte
fort:
Kampagnen in der Öffentlichkeit, um diese über die
reproduktive und sexuelle Gesundheit von Frauen
und die Verfügbarkeit von Dienstleistungen in den
Bereichen Gesundheit, Bildung und Rechtswesen
aufzuklären.
*

AMERIKA DIENST 27

Sicherung des universellen Zugangs zu sicheren,
effektiven und kulturell angemessenen Dienstleistungen im Bereich der reproduktiven Gesundheit,
einschließlich Familienplanung, zur Verbesserung der
Gesundheit von Frauen und Familien und der Gewährleistung größerer Selbstbestimmung der Frau.
Die Verhütung der Ausbreitung von HIV/AIDS unter
besonderer Berücksichtigung der Tatsache, daß in
den Entwicklungsländern im Verlauf des kommenden
Jahrzehnts mehr Frauen als Männer infiziert werden.

* * * *

Seite 7

�ARBEITSMARKT
13. September 1995

Die amerikanische Erwerbsbevölkerung
Rede von Arbeitsminister Reich
WASHINGTON - (AD) - Den amerikanischen Arbeitnehmern gehe es nicht so gut wie der amerikanischen
Wirtschaft, erklärte Arbeitsminister Robert Reich in einer Ansprache am 31. August 1995 im Center for National
Policy anläßlich des bevorstehenden Labor Day am 4. September 1995.
In seinen an den von den Republikanern beherrschten Kongreß gerichteten Ausführungen kritisierte Reich
diejenigen, denen Maßnahmen für höhere Mindestlöhne, höhere Steuerfreibeträge für die armen Arbeitnehmer,
Abschreibung der Collegegebühren und ähnliche Maßnahmen zu teuer erscheinen. Reich zufolge müsse der
Kongreß sich der Tatsache stellen, daß die Sicherung von Arbeitsplätzen weder leicht noch billig ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Arbeitsministers.

Wie hat sich die amerikanische Volkswirtschaft seit
dem letzten Labor Day entwickelt?
Vor einem Jahr betrug die Arbeitslosenrate 6,1
Prozent.
Die Arbeitslosenzahlen vom August
werden uns erst morgen vorliegen, aber Juli war der
elfte aufeinanderfolgende Monat, in dem sie unter 6
Prozent lagen. Vor einem Jahr florierte die amerikanische Wirtschaft mit 114 Millionen Arbeitsplätzen.
Heute boomt sie mit 116 Millionen. Vor einem Jahr
war der Wertpapiermarkt stark. Heute hat er schwindelerregende Höhen erreicht. Unternehmensprofite
steigen. Die gestern veröffentlichten Zahlen belegen, daß die Profite im vergangenen Jahr um 5,2
Prozent gestiegen sind. Am Labor Day 1995 blickt
die Volkswirtschaft anhand praktisch aller gängigen
Kriterien auf ein solides Jahr zurück.
Aber wenn ich durch das Land reise und amerikanischen Arbeitnehmern und ihren Familien zuhöre,
vernehme ich Stimmen, die nicht mit dieser Schlußfolgerung übereinstimmen. Der Wirtschaftsteil der
Zeitung mag gut aussehen, sagen sie, aber aus
meiner Perspektive geht es der Volkswirtschaft nicht
so gut. Bei mir zu Hause leben wir immer noch von
der Hand in den Mund. Wir können nicht für's Alter
sparen. Wenn ich genug verdienen will, um die
Rechnungen zu bezahlen, kann ich nicht genug Zeit
mit meinen Kindern verbringen und sie richtig
erziehen. Weder mein Arbeitsplatz noch meine
Krankenversicherung sind allzu sicher. Und wie
sollen wir das College bezahlen? Über wessen
Volkswirtschaft, fragen sie mich, sprechen Sie?

AMERIKA DIENST 27

Die Volkswirtschaft hat Feuer gefangen. Aber die
Vorteile haben sich für die meisten Arbeitnehmer in
Rauch aufgelöst. Letztes Jahr um diese Zeit brachte
der Durchschnittsarbeiter in diesem Land 479 Dollar
pro Woche nach Hause. Dieses Jahr beträgt der
Durchschnittslohn inflationsbereinigt 475 Dollar pro
Woche - vier Dollar weniger bei jedem wöchentlichen
Lohnstreifen. Und sowohl dieses als auch letztes
Jahr waren die Zahlen niedriger (wiederum inflationsbereinigt) als der durchschnittliche Wochenlohn von
498 Dollar im Jahr 1979.
Am Labor Day 1995 sind die Einkommen der meisten
Amerikaner auf dem gleichen Stand geblieben oder
sinken. Millionen von White-collar-Vorgesetzten und
Manager der mittleren Ebene fallen zusammen mit
den Produktionsarbeitern im Blaumann in eine
gemeinsame Kategorie - die der "zerschlissenen
Hemdkragen" in "goldenen Zeiten".
In makroökonomischer Hinsicht prosperiert die
Nation. Aber die Amerikaner leben nicht von der
Makroökonomie. Sie leben von der Binnenwirtschaft.
Sie leben nicht von offiziellen Statistiken. Sie leben
von der Zahl, die am wichtigsten ist: Der Zahl auf
ihrem Lohnstreifen.
Die amerikanische Erwerbsbevölkerung steht am
Labor Day nicht schlecht da, aber paradoxerweise
lange nicht so gut wie die Volkswirtschaft. Die Profite
sind höher. Die Zahl auf dem Lohnstreifen nicht.

Seite 1

�Wir sollten uns über das Glück der Amerikaner
freuen, die wohlhabender werden - der hochqualifizierte und gut ausgebildete Teil der Arbeitnehmer.
Etwas ist jedoch zutiefst falsch und zutiefst unamerikanisch an der Tatsache, daß der Wohlstand der
amerikanischen Volkswirtschaft an so vielen arbeitenden Menschen vorbeigeht. Ich beziehe mich
nicht auf den glücklosen Teil der Bevölkerung. Ich
spreche von den meisten Vollzeitbeschäftigten.
Die Überbrückung der Kluft zwischen Lohnstreifen
und Profiten ist unsere große verbliebene Herausforderung. Der stete Rückgang des Durchschnittslohns und der immer größer werdende Abstand
zwischen den Reichen und den übrigen bedroht die
Stabilität und den Wohlstand unserer Nation. Es gibt
viele Indikatoren für diesen Trend, und ich möchte
Ihre Aufmerksamkeit auf den Anhang mit Fakten
lenken, den die Ökonomen in meinem Büro zusammengestellt haben und der meiner Rede beiliegt.
Statt Zahlen abzulesen, möchte ich eine Geschichte
erzählen - nur die jüngste Geschichte eines Arbeiters der Kategorie "zerschlissene Hemdkragen" in
"goldenen Zeiten". In dieser Woche haben wir
erfahren, daß weitere 12.000 amerikanische Arbeitsplätze verschwinden werden. Für die meisten von
uns sind 12.000 Arbeitsplätze weniger - 12.000
betroffene Familien - schlechte Nachrichten. Aber
diese Nachricht wurde ziemlich erfreut aufgenommen.
Als zwei Großbanken - Chemical und Chase Manhattan - in dieser Woche eine Fusion beschlossen,
feierte die Wall Street. Die Ankündigung ließ die
Aktienkurse beider Banken steigen, und die Aktionäre konnten insgesamt 2,5 Milliarden Dollar an
Profiten einstreichen. Die Geschäftsführer der
beiden Unternehmen, die das Geschäft ausgehandelt hatten, wurden für ihre Vision und ihre Härte
gelobt. Dasselbe galt für den Fondsverwalter, der
zu dem Geschäft beigetragen hatte. Die Juristen
und Investmentbanker, die die Details ausgearbeitet
hatten, schnitten ebenfalls gut ab. Ziemlich vergessen inmitten der Feiern waren die Menschen, die
diese 12.000 Arbeitsplätze verlieren würden.
Es gibt verständliche Gründe, warum Banken eine
Fusion beschließen - Kostendegression durch
optimale Betriebsvergrößerung und effizientere
Nutzung neuer Technologien. Letztlich wird keiner
von uns prosperieren, wenn wir versuchen, den
technologischen Fortschritt aufzuhalten oder uns aus
der Weltwirtschaft zurückzuziehen. Chase und
Chemical sind nicht die Schurken in dieser Geschichte.

Seite 2

Diese Episode ist jedoch nur ein weiteres Symptom
der Losgelöstheit der Lohnstreifen vom Wirtschaftsteil
der Zeitung. Arbeitsplätze verschwinden, und die
Märkte freuen sich. Irgend etwas an diesem Bild ist
falsch.
Die Männer und Frauen, die diese 12.000 Stellen
verlieren, werden wahrscheinlich neue finden obwohl vielleicht nicht sofort und vielleicht nicht so
gute. Aber ihre landesweit miterlebte Erfahrung
intensiviert das vorherrschende Gefühl unter den
Durchschnittsarbeitern heute, daß sie Glück haben,
den Arbeitsplatz zu behalten, den sie haben. Die
amerikanischen Arbeitnehmer wurden durch diese
und tausend andere solcher Demonstrationen ihrer
leichten Ersetzbarkeit zum Schweigen gebracht. Sie
werden sich nicht beschweren, wenn sie keine
Lohnerhöhung bekommen, selbst wenn ihr Unternehmen jede Menge Geld verdient. Viele werden
sogar eine Kürzung ihrer Bezahlung oder der Sozialleistungen hinnehmen. Wenn man seine Entscheidung auf "entweder das, oder gar nichts" reduziert
sieht, kann man nicht viel sagen.
Daher wollen wir an diesem Wochenende diese
schweigende Mehrheit der amerikanischen Arbeitnehmer feiern. Und wir wollen nicht vergessen, daß am
kommenden Dienstag, dem 5. September, wenn
Labor Day vorbei ist, Abermillionen dieser hart
arbeitenden Amerikaner bei Tagesanbruch aufstehen,
die Kinder anziehen, Frühstück machen, zur Kindertagesstätte oder Schule fahren, einen langen Tag
arbeiten, die Kinder abholen, das Abendessen
fertigmachen, die Kinder ins Bett bringen, das Haus
putzen und immer noch die Energie finden, ihren
Kindern zuzuhören, mit ihnen über ihre Probleme und
Ängste zu sprechen und ihnen eine Gutenachtgeschichte vorzulesen.
Das sind die wirklichen Helden der amerikanischen
Volkswirtschaft. Diese Amerikaner brauchen den
Wind im Rücken, wenn sie je die Kluft zum Wohlstand überschreiten wollen.
Was heißt das im einzelnen? Es heißt erstens einen
höheren Mindestlohn. Der derzeitige Mindestlohn
von 4,25 Dollar pro Stunde nähert sich einem 40jährigen Tiefstand. Jemand, der Vollzeit für diesen Lohn
arbeitet, bringt 8.500 Dollar für die Arbeit eines
Jahres nach Hause - nicht genug, um eine Familie zu
ernähren. Und ungefähr 40 Prozent dieser Menschen sind der einzige Ernährer der Familie.
Den amerikanischen Arbeitnehmern eine faire Pause
zu gönnen, bedeutet auch, höhere Steuerfreibeträge
bei der Einkommensteuer, durch die sich das Arbeiten auszahlt, weil Geld in die Taschen von 15 Millio-

AMERIKA DIENST 27

�nen steuerzahlenden Arbeitnehmerfamilien
bescheidenen Einkommen zurückfließt.

mit

Es bedeutet gute Schulen - Schulen, die Ihren
Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen.
Wir können nicht erwarten, daß Kinder in Klassen
von 30 oder mehr Schülern mit Lehrern lernen, die
ihre Zeit und Energie darauf verwenden müssen, an
einem Schultag mit knapp fünf Stunden Unterricht
wenigstens die Ordnung herzustellen.
Es bedeutet direkte Kredite für den Collegebesuch
zu niedrigen Zinsen für alle Studenten, die weiterführende Bildung anstreben - und einen Steuerfreibetrag beim Familieneinkommen für die Collegeausbildung - die wichtigste Investition, die eine Familie
tätigen kann.
Es bedeutet Lehrstellen für Jugendliche, die vielleicht
nicht direkt das College besuchen wollen, damit sie
am Arbeitsplatz lernen können. Und einen Ausbildungsvoucher für Leute, die ihren Arbeitsplatz
verlieren und an einem Gemeindecollege vor Ort
neue Qualifikationen erwerben müssen.
Es bedeutet finanzierbare und sichere Kinderbetreuung. Und Freistellung von der Arbeit zur Pflege
eines kranken Kindes oder Elternteils.
Es bedeutet die Umsetzung der Arbeitsgesetze des
Landes, hartes Durchgreifen gegenüber Arbeitgebern, die ihre Arbeitnehmer betrügen und ausnutzen
sowie die Schließung von Ausbeutungsbetrieben, die
keinen Platz in einem zivilisierten Land haben.
Es bedeutet eine starke Gewerkschaftsbewegung,
damit die Arbeitnehmer ihre Stellung bei Tarifverhandlungen verbessern können, um das Einkommen
für die Familie zu verdienen.
Und es bedeutet Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer als Vermögenswerte betrachten, die weiterentwickelt werden können, und nicht als Kosten, die
gesenkt werden müssen. Unternehmen, die keine
Kündigungen ausstellen, während sie Profite anhäufen. Unternehmen, die Arbeitnehmern den Anteil
des Wohlstands zugestehen, den ihre harte Arbeit
geschaffen hat. Unternehmen, die in die Qualifikationen ihrer Arbeitnehmer investieren - nicht nur in
Maschinen, die sie ersetzen.
Darum geht es hier. Und das ist die Tagesordnung,
die wir anstreben. Es ist eine auf die heimische
Wirtschaft konzentrierte Tagesordnung - eine Tagesordnung für die Arbeitnehmer aller Schichten, die
darum kämpfen, ein einigermaßen gutes Leben für
ihre Familien aufzubauen. Ein Teil dieser Tagesordnung ist bereits erledigt. Aber es bleibt sehr viel

AMERIKA DIENST 27

mehr zu tun. Der langfristige Rückgang des Durchschnittslohns und die breiter werdende Kluft zwischen
den Gutsituierten und der durchschnittlichen Arbeitnehmerfamilie kann weder leicht noch schnell überbrückt werden. Wir sind dabei, aber es wird ein
langer Weg.
Dennoch gibt es einige, die diesen Kurs umkehren
wollen. Häufig reiten sie unter dem Banner der
"Familienwerte", aber sie führen eine Parade an, die
nach hinten marschiert.
Sie weigern sich, die Mindestlöhne anzuheben. Sie
wollen die Kinderbetreuung, Head Start und den
Steuerfreibetrag für die armen Arbeitnehmer kürzen.
Sie wollen die Kredite für den Collegebesuch senken,
die Chancen für junge Menschen verringern, den
Übergang von der Schule ins Arbeitsleben zu meistern sowie andere Mittel für Bildung und Ausbildung
am Arbeitsplatz streichen.
Sie behaupten, der Haushaltsausgleich sei ihr Ziel.
Aber die Einzelheiten ihres Plans strafen die Werte
lügen, die sie vorgeben, in Ehren zu halten.
Für das am 1. Oktober beginnende Haushaltsjahr
wollen sie zusätzliche 7 Milliarden Dollar für die
nationale Verteidigung ausgeben - 7 Milliarden Dollar
mehr als selbst das Pentagon angibt zu benötigten
oder verwenden zu können - 7 Milliarden Dollar, die
sie von den Bereichen Bildung, Ausbildung am
Arbeitsplatz, Head Start und anderen Investitionen in
die wirtschaftliche Sicherheit unserer Familien abzweigen wollen.
In der Zwischenzeit weigern sie sich, Milliarden von
Dollar aus Steuerlücken und Subventionen für
bestimmte Industriezweige und Unternehmen anzurühren - Vergünstigungen, die gutbetuchte Unternehmenslobbyisten gesetzlich festgeschrieben haben
- milde Gaben, die Firmen in dauerhafter Abhängigkeit vom Staat halten. Als der Vorsitzende des
Haushaltsausschusses des Repräsentantenhauses
seinen Kollegen aus der republikanischen Partei
Anfang des Jahres einen Plan zur Schließung einer
Steuerlücke vorlegte, wunderten diese sich. Trotz
ihrer Forderung nach wirtschaftlichen Einschränkungen für die Erwerbsbevölkerung ist dieser Kongreß
der Wirtschaft gegenüber offen.
Sie wollen Milliarden Dollar zusätzlicher Steuererleichterungen für die Unternehmen zum Kauf neuer
Maschinen, aber nicht einen Penny für neue Steuervergünstigungen für Investitionen in die Fähigkeiten
erwerbstätiger Männer und Frauen.
Sie wollen den Einkommensteuerfreibetrag für
Arbeitnehmerfamilien abschaffen und planen eine

Seite 3

�Belohnung des Einkommens gutbetuchter Amerikaner auf der anderen Seite des Wohlstandsgefälles in
Form von Steuererleichterungen für Kapitalerträge.

hilfereform, aber es ist eine zynische Lüge zu behaupten, die meisten Sozialhilfeempfänger zögen
einen Scheck einem Arbeitsplatz vor.

Ihre Logik erinnert sehr an Alice im Wunderland.
Befreit die Wirtschaft durch Deregulierung und
Steuervergünstigungen für die Unternehmen und die
Reichen, und allen Amerikanern wird es gut gehen behaupten sie. Aber die Wirtschaft ist bereits ausreichend befreit, um die Mehrheit der Amerikaner
weit hinter sich zu lassen. Das Problem besteht
darin, daß die Löhne und Gehälter stagnieren,
während die Gewinne steigen - wie also können
höhere Gewinne die ganze Lösung sein?

Selbstgerechtes Gerede ist einfach und billig. Den
Menschen einen sicheren und guten Arbeitsplatz zur
Verfügung zu stellen, ist weder einfach noch billig.

Viele dieser Politiker sprechen mit großem Eifer von
Familienwerten, lassen aber die einheimische Wirtschaft außen vor. Sie sprechen leidenschaftlich über
den Zusammenbruch amerikanischer Familien,
erwähnen aber nicht den Zusammenbruch von
Familieneinkommen.
Sie sind sich der Frustrationen von Arbeitnehmerfamilien bewußt. Aber sie richten diese Frustrationen
gegen die falschen Ziele: gegen Einwanderer,
gegen von der Sozialhilfe lebende Mütter, gegen die
Politik der beruflichen Gleichstellung, gegen unsere
eigene Regierung.
Die Politik des Ressentiments - der Vorwürfe und
Intoleranz - bietet ein verzerrtes Spiegelbild der
Werte, die die meisten Familien den Kinder zu
vermitteln versuchen. Diese Technik spielt Arbeitnehmerfamilien gegen Arbeitnehmerfamilien oder
gegen die Ärmsten aus - im Kampf um einen immer
kleineren Anteil am Volkseinkommen.

Oder nehmen sie die Frage, die in den kommenden
Monaten in Washington wahrscheinlich das Hauptgesprächsthema sein wird - der bevorstehende Zusammenbruch des Bundeshaushalts. Nach Meinung
der Experten ist das ein Drama - ein Billionen-DollarSpiel, in dem eine Seite Entgegenkommen zeigen
oder die Regierung zumachen muß.
Für viele
Menschen außerhalb Washingtons könnte dieses
Drama jedoch viel persönlichere Konsequenzen
haben. Denn draußen in Amerika, wo die Arbeitnehmer die Arbeit tun, die das Land in Gang hält, gibt es
bereits einen Schiffbruch - eine entsetzliche Kollision
zwischen dem benötigten Arbeitsplatz und den
Familien, die sie lieben.
Der Kongreß kann eine haushaltspolitische Katastrophe verhindern, indem er das wahre wirtschaftliche
Problem in diesem Land angeht - die Volkswirtschaft.
Wenn er sich jedoch weigert, wenn er dieses Kernproblem des Landes ignoriert, wird der Präsident dem
alten Sprichwort, die Feder sei mächtiger als das
Schwert, eine moderne Bedeutung verleihen. Wenn
der Kongreß das Schwert gegen die Familie
schwingt, wird der Präsident sich mit seiner Feder für
die Familie einsetzen. Wenn der Senat ebenso wie
bereits das Repräsentantenhaus die Initiativen zur
Förderung der Familie kürzt, wird der Präsident sein
Veto gegen diesen Plan einlegen und ihn zurückschicken.

Der wirkliche Test für die Gesellschaft ist ihre Bereitschaft, ihre Kernprobleme anzugehen - sie nicht
abzustreiten, keine Sündenböcke zu suchen, sich
nicht durch momentane Dinge ablenken oder sich
schnell entmutigen zu lassen, wenn es keine einfache Lösung für die Probleme gibt - sondern
stetiges Engagement zu zeigen und einen fairen
Anteil an den erforderlichen Opfern zu bringen.

Vor nicht allzulanger Zeit äußerte ein anderer Präsident: "Wirtschaftliche Angelegenheiten sind heutzutage die wichtigste soziale Frage. Die die Vereinigten
Staaten konfrontierende wirtschaftliche Katastrophe
schadet den Familienwerten, zerstört die Ersparnisse
von Familien und beraubt die Familien ihrer wichtigsten Hoffnungen und Träume."

Beispielsweise wird der Senat nächste Woche über
die Reform der Sozialhilfe debattieren. Es wird oft
mit der Faust auf den Tisch gehauen und es werden
auch fromme Erklärungen über den Niedergang
familiärer Werte zu hören sein. Aber bezweifelt
irgend jemand wirklich, daß die beste Maßnahme
gegen Armut und zur Förderung der Familie ein
guter Arbeitsplatz ist? Daß die Aussicht auf einen
Arbeitsplatz und eine Karriere nach dem Schulabschluß arme Teenager eher dazu veranlaßt, die
Schule abzuschließen und davon abhält, auf die
schiefe Bahn zu geraten? Wir brauchen eine Sozial-

Gibt es einen besseren Anlaß, diese Worte Ronald
Reagans zu zitieren, als den Labor Day? Was wäre
ein besserer Zeitpunkt als das Wochenende vor dem
Labor Day, unser nationales Engagement für die
Familien zu bekräftigen, die verzweifelt und hart
arbeiten und das Beste für ihre Kinder wollen? Was
wäre ein besserer Zeitpunkt, Familienwerte hochzuhalten, indem wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, die Familie aufzuwerten? Was wäre
ein besserer Moment, das Verprechen abzugeben,
das Leben der schweigenden Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung Amerikas zu verbessern?

Seite 4

AMERIKA DIENST 27

�DATENAUTOBAHN
13. August 1995

Neue Technologien für neue Dienstleistungen
Betrachtungen zu Plänen für
Bibliotheken in den Amerika Häusern
KÖLN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 5. September 1995 von der Direktorin für Informationsdienste des US-Informationsamts (United States Information Service - USIS), Mary Boone, bei der Konferenz
über New Library Strategies in Köln gehaltene Rede.

Amerika Häuser in Deutschland, 1945-1995
In diesem Jahr wichtiger Gedenkfeiern beging das
US-Informationsamt den 50. Jahrestag der Amerika
Häuser in Deutschland, die ihren Ursprung in der
Gründung kleiner amerikanischer Bibliotheken in den
Städten im Amerikanischen Sektor in den Monaten
nach Kriegsende hatten.
In der Erkenntnis, daß viele Deutsche nach Informationen aus der Welt dort draußen dürsteten, begannen die amerikanischen Besatzungsoffiziere spontan
mit der Zusammenstellung kleiner Buchsammlungen,
die häufig von den abziehenden amerikanischen
Soldaten gespendet wurden. Am 4. Juli 1945 wurde
in Bad Homburg die erste amerikanische Bibliothek
eröffnet, die bei ihrem Umzug nach Frankfurt im
September desselben Jahres bereits einen Bestand
von 700 Bänden hatte. In den nächsten Monaten
tauchten kleine Bibliotheken an vielen ungewöhnlichen Orten auf: Im Lesesaal einer medizinischen
Einrichtung in München, in einer Ecke der Frankfurter Börse, in einem zerbombten Gebäude in Berlin
und in einem historischen Gasthaus in Marburg. In
den ersten Jahren unterstanden diese kleinen
Zentren dem amerikanischen Militär und dem USAußenministerium. 1953 wurden sie vom neugegründeten US-Informationsamt übernommen.
Nachdem staatliche Mittel der US-Regierung zur
Unterstützung dieser Bibliotheken bereitgestellt
wurden, erhöhte sich die Zahl der Lesesäle Anfang
der fünfziger Jahre auf 100, und einige wurden zu
den als Amerika Häuser bekannten Kultur- und
Informationszentren. Das Ziel der Amerika Häuser
war es, als Forum für den Gedankenaustausch
zwischen unseren beiden Kulturen zu dienen, um
gegenseitiges Verständnis zu fördern. Die in den

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Amerika Häusern untergebrachten Bibliotheken waren
zusammen mit zu Gast weilenden amerikanischen Künstlern, Schriftstellern, Musikern und Wissenschaftlern ein wichtiges Element bei der Erlangung dieses Ziels.
In den letzten 50 Jahren haben sich diese amerikanischen Kulturzentren weiterentwickelt, während die
deutsch-amerikanischen Beziehungen gereift sind.
Nachdem die Zahl der Amerika Häuser und Lesesäle
Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre
rasch zugenommen hatte, verringerte sie sich danach
allmählich wieder, als Westdeutschland seine eigenen
Bibliotheken und Kulturinstitutionen aufbaute. Mit
dem Fall der Berliner Mauer wurde das erste Amerika
Haus in Ostdeutschland am 30. Juni 1992 in Leipzig
eröffnet.
Heute gibt es sechs Amerika Häuser in Deutschland:
Berlin, Köln, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und München.
Amerika Haus-Bibliotheken im Jahr 1995
Heute, 50 Jahre später, befinden wir uns an einem
Scheideweg. Wir haben um uns geblickt und festgestellt, daß sich die Welt verändert hat und wir uns mit
ihr verändern müssen. Wir haben uns ernsthafte
Fragen bezüglich der Zukunft gestellt. Wir mußten
die Entscheidung treffen, wie wir unsere Mission am
besten erfüllen können, ein Forum für den Gedankenaustausch zu sein und den Politikern des heutigen
Deutschland, Regierungsmitgliedern, der akademischen Welt, den Medien sowie den ernsthaften
Studenten, die Führungskräfte von morgen sein
werden, aktuelle, umfassende Informationen über die
Vereinigten Staaten, ihre Regierung, Gesellschaft und
ihre Kultur bieten zu können.

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�Um in eingehender, systematischer Weise Antworten
auf diese Fragen finden zu können, verabschiedeten
wir das Modell für einen strategischen Planungsprozeß, das wir im vergangenen Jahr umgesetzt
haben. Mit einer klaren Definition und dem Verständnis unserer grundlegenden Mission und unseres Publikums folgten wir den drei Phasen dieses
Modells:
1. Analyse der derzeitigen Situation des Bibliotheksprogramms, der Mutterinstitution - in unserem
Fall USIS-Deutschland - und der Umfelder.
2. Entwurf einer Vision für die Zukunft des Bibliotheksprogramms, und
3. Erarbeitung eines Durchführungsplans, der
umfassende Ziele in greifbare Ergebnisse umsetzt und Prioritäten definiert, die Mittelzuweisungen bestimmen.
Zur Analyse des Umfelds, in dem wir operieren,
zählte:
a. Das politische Umfeld: Mit dem Ende des
Kalten Krieges und der Vereinigung Deutschlands
sind die Themen, die einst unsere bilateralen Gespräche beherrschten, wie die Ost-West-Konfrontation und der Rüstungswettlauf, praktisch verschwunden und neuen Themenkomplexen, neuen Problemen und neuen Debatten gewichen. Obwohl die
transatlantische politische Sicherheit weiterhin ein
wichtiges Thema für uns ist, insbesondere da sie die
Zukunft der NATO betrifft, befaßt sich der bilaterale
Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und
Deutschland heute ebenso häufig mit Fragen der
wirtschaftlichen Sicherheit und Handel. Bei der
Auswertung dieses Umfelds gelangten wir zu der
Schlußfolgerung, daß wir das Ausmaß der von uns
angebotenen Informationen erweitern müssen, um
den Erfordernissen von heute gerecht zu werden.
Wir konzentrieren uns nach wie vor auf den Bereich
aktueller Angelegenheiten im Zusammenhang mit
den deutsch-amerikanischen Beziehungen, Sozialwissenschaften und dem Studium der Vereinigten
Staaten, haben jetzt jedoch die amerikanische
Wirtschaft hinzugefügt.
b. Das wirtschaftliche Umfeld: Seit ihrer Amtsübernahme im Jahr 1992 hat die Clinton-Administration unter der Führung von Vizepräsident Gore die
Aufgabe übernommen, die amerikanische Regierung
"umzustrukturieren" sowie neue Wege zu eröffnen,
um Geschäfte gezielter und kostengünstiger abzuwickeln. Als Ergebnis der letzten beiden Wahlen
in den Vereinigten Staaten beherrscht jetzt eine
neue Generation von Gesetzgebern unseren Kongreß, die eine ernsthafte Reduzierung unserer

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Regierungsaktivitäten und der staatlichen Ausgaben
fordern. Alle Behörden für auswärtige Angelegenheiten, einschließlich USIS, sind von diesen Kürzungen betroffen. Wir haben in diesem Jahr bereits zwei
Amerika Häuser geschlossen und erwarten in der
Zukunft noch weitere Einschnitte. Wir mußten ein
Programm planen, mit dem wir weiterhin Informationsdienstleistungen von Qualität mit weniger Mitteln
und weniger Einrichtungen anbieten können. Aus
diesem Grund haben wir entschieden, daß wir unser
Programm auf unser wichtigstes Publikum, die
Bundesregierung, die akademische Gemeinde und
die Medien konzentrieren müssen, deren Interessen
aktuelle Informationen über aktuelle Themen, Politik
und Trends erfordern. Obwohl die Studenten immer
noch uneingeschränkten Zugang zu allen unseren
Informationsquellen haben, können wir nicht länger
Originaltexte amerikanischer Literatur, Geschichte
oder Philosophie zur Verfügung stellen, die oft in den
örtlichen Buchhandlungen erhältlich sind.
c. Das Informationsumfeld: Als Bibliotheks- und
Informationsspezialisten sind wir uns der enormen
Veränderungen voll und ganz bewußt, die sich heute
in unserem Beruf vollziehen und von denen viele hier
bei dieser Konferenz erörtert werden. Mit der Entwicklung der elektronischen Medien finden im Bereich
der wissenschaftlichen Kommunikation revolutionäre
Veränderungen statt, und wenige Debatten in der
Gesellschaft von heute sind so interessant und
polarisiert wie die Diskussion über die Zukunft der
Print- und elektronischen Medien.
Das eine Extrem sind elektronische Gurus, die
erklären, in naher Zukunft würden wir in einer digitalen Welt völlig ohne Papier am Arbeitsplatz oder zu
Hause leben. Der Fernseher wird durch ein zentralisiertes Computersystem ersetzt, von dem aus wir
eine enorme Bandbreite elektronisch übertragener
Informationen und Unterhaltung auswählen können.
Wir müssen nicht länger ein Fernsehprogramm
ansehen, wenn der Sender sich für seine Ausstrahlung entscheidet, sondern können vielmehr Programme wählen, die wir ansehen, wann es uns Spaß
macht. Wir benötigen nicht länger ausgefeilte Druckund Verteilersysteme oder Verkaufsstellen für Herausgeber und Buchhändler, sondern wir werden
vielmehr das neue Buch direkt vom Autor gegen eine
Gebühr downloaden.
Wir werden nicht länger
gedruckte Zeitungen auf unserer Türschwelle vorfinden, sondern nur die uns interessierenden Themen
aus einem auf den Computer zu Hause übertragenen
Menü auswählen und so unsere eigene persönliche
Zeitung herstellen. In der Tat existiert das bereits:
The Washington Post, die wichtigste Zeitung der
Bundeshauptstadt, gab im Juli bekannt, daß sie jetzt
für die Abonnenten vor Ort in elektronischer Form
erhältlich ist, mit Graphiken, mit Suchfunktionen und

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�mit auf die jeweilige Nachbarschaft zugeschnittenen
besonderen Features. Es wurden sogar Artikel
geschrieben, die die Zukunft des Textes selbst in
Frage stellen - des Schreibens, wie wir es kennen mit der Spekulation, daß er durch elektronisch
übertragene interaktive Multimedien ersetzt wird.
Andererseits wird in der Debatte von einigen die
Meinung vertreten, elektronisch übermittelte Informationen könnten niemals ein zufriedenstellender
Ersatz für Gedrucktes sein. Beispielsweise wird
argumentiert, elektronisch verfügbare Artikel unterlägen oftmals keiner Überprüfung, die für wissenschaftliche Publikationen vorgeschrieben ist, was
Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen läßt.
Ferner könnten elektronisch übermittelte Schriftstücke verändert, kopiert und umverteilt werden, was
ihre Echtheit in Frage stelle. Die übermittelte helle
und unzureichende Auflösung der elektronischen
Wiedergabe ermüde den Leser viel schneller als die
reflektierte helle und scharte Auflösung des bedruckten Papiers, was ihren Einsatz einschränke.
Eine logische Schlußfolgerung aus diesen Argumenten lautet, daß gedruckte Bücher weiterhin das
angemessene Format für schöngeistige Literatur und
andere lange und tiefgehende Werke sind, die Ideen
und Gespräche übermitteln, linear gelesen werden
sollten, daß jedoch elektronische Übermittlung das
bevorzugte Medium für den schnellen Transfer
dynamischer Informationen sein sollte, die ständig
auf den neuesten Stand gebracht werden.

hochqualifizierte, zweisprachige Fachleute, deren
Wissen über Informationsquellen zu den Vereinigten
Staaten und das Land selbst sie in die Lage versetzt,
angemessene Informationen aufzuspüren und für
unser deutsches Publikum aufzubereiten.
Alle
Mitglieder des Systems sind durch die elektronische
Post miteinander verbunden, die Kommunikation
beschleunigt und erleichtert, sowie durch Telefon,
Fax und die sogenannte "normale Post" oder
"Schneckenpost".
Diese Vision geht von der Idee aus, Zugang zu
neuesten elektronischen Informationen genau zum
richtigen Zeitpunkt ("just in time") zu bieten, statt
statische Printmaterialien nur für den Notfall ("just in
case") anzuschaffen.
Über die kommerziellen amerikanischen OnlineDatenbanken wie Dialog, Lexis-Nexis und Legi-Slate
sowie über Internet haben wir direkten Zugang zu
amerikanischen Informationsquellen. Beispielsweise
können wir die bereits von mir erwähnte The
Washington Post um 10.00 Uhr morgens am Tag
ihres Erscheinens elektronisch abrufen - trotz der
sechs Stunden Zeitverschiebung zwischen Washington und Bonn. Wegen der für die Herstellung einer
Verbindung erforderlichen Zeit und der Telekommunikationskosten für die Online-Suche sowie der für
die Suche in Online-Datenbanken erforderlichen
Fähigkeiten werden diese Dienstleistungen von
unseren Mitarbeitern erbracht.
Derzeit hat die
Öffentlichkeit keinen direkten Zugang zu ihnen,
obwohl wir das später einmal ändern wollen.

Zukunftsvision
Unsere Vision der Zukunft des Bibliotheksprogramms
für USIS-Deutschland ist - auf der Grundlage dieser
Analysen - ein dynamisches elektronisches Informations- und Kommunikationsnetz, durch das wir uns
aus unabhängigen, traditionellen Leihbibliotheken in
ein System von Informationszentren verwandeln
können, die sich auf den Transfer von Informationen
statt auf das Ausleihen von Texten konzentrieren.
Wir werden in unseren Bibliotheken eine umfangreiche Mischung von Material sammeln, darunter
Bücher, Zeitschriften und Regierungsdokumente aus
den Vereinigten Staaten, denn nicht alle von uns
benötigten Informationen sind elektronisch abrufbar.
Jede dem System angehörende Bibliothek wird nicht
nur über eine Sammlung grundlegender Nachschlagequellen verfügen, sondern sich auch auf bestimmte Themengebiete spezialisieren, durch die wir
Umfang und Tiefe unserer Sammlungen und das
Fachwissen unserer Mitarbeiter vergrößern können.
Wir werden diese einzigartigen Ressourcen, die in
unserem automatisierten Gesamtkatalog leicht zu
finden sind, allen Bibliotheken im System zugänglich
machen. Die Bibliothekare unseres Systems sind

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Der Zugang der Öffentlichkeit zu elektronischen
Informationsquellen auf CD-ROM ist jedoch ein
wichtiger Bestandteil unserer elektronischen Bibliotheken, die allesamt über eine Full-image Zeitungsdatenbank auf CD-ROM mit dem gesamten Text von
400 Zeitschriften verfügen, die einen Zeitraum von
fünf Jahren abdecken sowie mit Auszügen von
Artikeln aus zusätzlichen 400 Zeitschriften. Wir
abonnieren Dokumentenzustelldienste in den Vereinigten Staaten, von denen wir Zeitschriftenartikel
anfordern können, die uns innerhalb von wenigen
Minuten nach Deutschland gefaxt werden.
Über diese Dokumentenzustelldienste haben wir jetzt
erstmals Zugriff auf Artikel aus amerikanischen
Zeitschriften am Tag ihres Erscheinens. Unsere
Vision umfaßt auch die fortgesetzte Entwicklung
elektronischer Ausrüstung und in unseren Bibliotheken verfügbarer Quellen, die letztlich zu einem
CD-ROM-Netzwerk in jeder Bibliothek führen soll.
Unser Ziel besteht darin, leichten Zugang zu einem
möglichst breiten Spektrum amerikanischer Informationsquellen zu bieten. Da digitale Bibliotheken und

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�Datenbanken wachsen, wird die Fülle der unseren
Nutzern zur Verfügung stehenden Informationen
immer größer. Beispielsweise hat die Yale University ihre Bibliothekssammlungen im Bereich Sozialwissenschaften zentralisiert und entwickelt einen
umfassenden elektronischen Datenservice, der die
Verfügbarkeit sozialwissenschaftlicher Informationen
stark erhöhen wird. Aufgrund unseres Interesses an
den Sozialwissenschaften ist dieses Projekt für die
USIS-Bibliotheken von großem Nutzen.
Einige Bibliotheksbenutzer mögen zunächst bedauert
haben, nicht ein Buch mit nach Hause nehmen und
in Ruhe lesen zu können. Wir hoffen jedoch, daß
sie damit zufrieden sein werden, Fotokopien mehrerer Seiten eines Buches mit nach Hause zu nehmen,
das immer im Regal steht, mit ganzseitigen Ausdrucken verschiedener aktueller Artikel und einer
Diskette mit Daten aus einer auf CD-ROM geladenen Informationsquelle, die jeden Monat auf den
neuesten Stand gebracht wird.
Da hier in Deutschland die Verbindung zum Internet,
der sogenannten "Datenautobahn", noch nicht auf
demselben Stand ist wie in den Vereinigten Staaten,
können wir vielen unserer Nutzer, die sonst noch
keinen Zugang dazu hätten, die "letzten Kilometer"
des Zugangs zu dieser Datenautobahn bieten.
Viele unserer wichtigsten Kunden sind Juristen,
Professoren, Journalisten und Wirtschaftsexperten,
die keine Zeit haben, unsere Bibliothek persönlich
aufzusuchen. Zu unserer Vision gehört daher die
Schaffung eines hochentwickelten Informationspakets zum richtigen Zeitpunkt, das darauf zugeschnitten ist, ihnen präzise Informationen über
spezifische Fragen zu bieten, die derzeit von Interesse sind. Die Herstellung dieser "Mehrwertinformationsprodukte", das Erlernen des Umgangs mit
neuen Computersystemen und Datenbanken sowie
die Entwicklung von Fachwissen auf neuen Themenfeldern erfordern ein hohes Maß an Wissen und
Fähigkeiten von unseren Informationsspezialisten.
Zu unserer Vision gehört auch das engagierte
Bemühen, ihnen laufend die erforderliche Weiterbildung zukommen zu lassen.
Um unseren Nutzern das unseres Erachtens höchste
Niveau an Informationen anbieten zu können,
müssen wir sie oftmals darum bitten, die Kosten mit
uns zu teilen. Wir erheben Gebühren für Fotokopien, Ausdrucke, Disketten und die Suche auf
Online-Datenbanken. Unseres Erachtens sind diese
Gebühren nicht zu hoch, und die gesammelten
Gelder fließen wieder in die Bibliotheken, wo sie für
den Erwerb neuer Materialien und Ausrüstung
verwendet werden.

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Information USA
Zur Umsetzung unserer Vision schufen wir Information USA, ein offenes, nahtloses Netz von Informationsquellen, -produkten und -dienstleistungen in den
sechs über Deutschland verteilten Amerika Häusern
aus jeweils drei Elementen:
1. Auskunftsdienst. Er stellt aktuelle Informationen
über die Vereinigten Staaten aus einer Kombination von Print- und elektronischen Medien zur
Verfügung, darunter Bücher, Zeitschriften, Dokumente der US-Regierung, Online-Datenbanken
und CD-ROMS über politische, wirtschaftliche,
soziale und kulturelle Themen der Vereinigten
Staaten.
2. Business Information Centers.
Sie stellen
spezialisierte Wirtschaftsinformationen bereit,
beispielsweise Übersichten über Gesetze und
Vorschriften, Unternehmensprofile oder Listen
über Industriekontakte, die die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten fördern und weiterentwickeln sollen.
3. Study In the USA. Programme, Publikationen
und Beratungsdienste für Studenten, die sich für
ein Studium in den USA interessieren. Besonders
ausgebildete Fachleute bieten Studenten Beratung
über Bildungsmöglichkeiten und Bewerbungsmodalitäten in den Vereinigten Staaten an.
Das Information USA-System öffnete seine Türen
am 15. Mai 1995. Wir haben unsere Ausleihe
eingestellt und Belletristik und andere Literatur sowie
viele Standardwerke öffentlichen Bibliotheken und
Universitätsbibliotheken in den Städten gestiftet, in
denen es Amerika Häuser gibt. Es bleibt noch viel
für uns zu tun, aber wir haben bereits ein gutes Stück
des Weges zurückgelegt, unsere Vision zu verwirklichen.
USIS-Deutschland bietet seit neuestem elektronische
Produkte an. Um viel mehr Menschen als nur den
Besuchern der Amerika Häuser Informationen über
die Vereinigten Staaten zur Verfügung zu stellen,
haben wir einen elektronischen Bulletin Board Service, genannt Information USA Online, eingerichtet,
der Texte der US-Regierung und Informationen über
die Vereinigten Staaten in englischer und deutscher
Sprache enthält. Ferner richtete unsere Zentrale in
Washington sowohl eine Gopher-Seite (gopher.usia.
gov.port 1776) als auch eine World Wide Web-Seite
(www.usia.gov/usis.html) auf dem Internet ein, die
nicht nur neueste Informationen über die Vereinigten
Staaten, sondern auch direkten Zugang zu anderen
Internet-Seiten der US-Regierung bieten, einschließlich des Weißen Hauses, des US-Außenministeriums

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�und des Kongresses. Wir hoffen, in den nächsten
Monaten diesen Internet-Seiten unser deutschsprachiges Material hinzufügen zu können.

Wir sehen der von uns angestrebten Zukunft erwartungsvoll entgegen und laden Sie ein, mit uns auf der
Datenautobahn zu fahren, die durch die Überwindung
aller Zeit- und Ortshindernisse wirklich ein "Weltdorf"
geschaffen hat.

* * * * *

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�KUNST
13. August 1995

Lebenslanges Lernen mit den Künsten
von Ernest L. Boyer
(AD) - Die Künste sind notwendig, um menschliche Emotionen vollständig ausdrücken zu können, und
lebenslanges Lernen mit den Künsten sollte in den ersten Jahren im Leben eines Kindes beginnen, damit es
sein volles Potential entwickeln kann, so der Verfasser dieses Artikels.
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, der in Anlehnung an eine am 16. April 1994 in Chicago (Illinois)
vor der Nationalen Stiftung für die Künste gehaltenen Rede verfaßt wurde.
Ernest L. Boyer ist Präsident der Carnegie-Stiftung für die Förderung der Lehre.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day, 15. Oktober
1994, BandLXI, Nr. 1.

In der Öffentlichkeit wächst die Erkenntnis, daß die
Qualität einer Kultur und die Qualität der Kunst
untrennbar miteinander verbunden sind. Wir beginnen zu verstehen, daß wir nicht nur unsere Zivilisation, sondern auch unsere Menschlichkeit verlieren,
wenn wir nicht unsere Kinder mit dem bildende
Kunst genannten Symbolsystem vertraut machen.
Keine Bildung ist vollständig ohne die Kunst, und ich
finde es äußerst ermutigend, daß die Künste [im
März 1994] per Gesetz zum wichtigen Fach für alle
Schulen der Nation erklärt wurden.
Ich bin fest davon überzeugt, daß künstlerischer
Ausdruck eine der grundlegenden Formen menschlicher Sprache ist. Die Spezies Mensch ist in
vielerlei Hinsicht weitaus schlechter ausgerüstet als
andere Kreaturen auf dem Planeten. Wir können
uns an Stärke nicht mit dem Löwen messen, an
Geschwindigkeit nicht mit dem Vogel Strauß, an
Schwimmkünsten nicht mit dem Delphin, an Sehschärfe nicht mit dem Falken. Als Menschen ragen
wir jedoch mit dem feinen Einsatz von Symbolen
heraus, die uns in die Lage versetzen, alle anderen
Lebensformen bei dem, was wir sehen, fühlen und
wissen, zu überflügeln.
Mit anderen Worten: Man muß zu einer unbestreitbaren Schlußfolgerung gelangen. Die Künste sind
kein schmückendes Beiwerk. Sie sind tief in das
eingebettet, was uns wahrhaft zu Menschen macht.
Und lebenslanges Lernen mit den Künsten ist aus
fünf Gründen von entscheidender Bedeutung.

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Erstens benötigen wir die Künste, um Gefühlen und
Ideen Ausdruck zu verleihen, die man nicht in Worte
fassen kann. In den Anfängen der Zivilisation bedienten sich unsere Vorfahren der einfachen Gesten
und Geräusche, um Gefühle und Ideen zu übermitteln. Dann wurden Worte gebildet, ein Wortschatz
nahm Gestalt an, gefolgt von schriftlichen Symbolen,
die gestatteten, Botschaften von einem Ort zum
anderen zu schicken und Wissen wundersamerweise
von einer Generation zur nächsten weiterzugeben.
Aber trotz der Schönheit des geschriebenen und
gesprochenen Wortes war die Sprache unvollständig.
In der Tiefe des menschlichen Geistes blieben
Erfahrungen, die nicht von den als Worte bezeichneten menschlichen Äußerungen erfaßt werden konnten. Worte können nicht ausreichend die Freude
eines Frühlingsmorgens oder die Früchte der Ernte
im Herbst oder die Trauer und Einsamkeit am Ende
einer Liebesbeziehung ausdrücken. Sie können nicht
ausreichend das Plätschern eines Baches oder die
Schönheit eines Sonnenuntergangs vermitteln.
Das ganze Spektrum menschlicher Erfahrungen physische, emotionale und geistige - kann nicht allein
in Worte gekleidet werden. Für die innersten und
bewegendsten Ereignisse benötigen wir subtilere
Symbole. Aus diesem Grund haben sich Männer und
Frauen im gesamten Verlauf der Geschichte der
Musik, dem Tanz und den bildenden Künsten zugewandt.

Seite 1

�Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit dem
Physiker Victor Weisskopf, der die Urknalltheorie
erörterte. Gegen Ende des provokativen Gesprächs
erklärte Weisskopf, wenn man die Theorie des
Urknalls verstehen wolle, solle man "den Werken
Haydens lauschen". Ich war zunächst amüsiert und
ein wenig befremdet über diesen Vorschlag. Bei
näherem Nachdenken wurde mir die Sache jedoch
absolut klar. Weisskopf erinnerte uns daran, daß
menschliche Erfahrungen bisweilen so tiefgehend, so
intellektuell und gefühlsmäßig überwältigend sind,
daß ihnen nur mit Hilfe von Symbolen Ausdruck
verliehen werden kann, die über Worte oder Zahlen
hinausgehen. Er erklärte, die Urknalltheorie müsse
nicht nur gedacht, sondern auch gefühlt werden.
Der Dirigent Murry Sidlin formulierte es folgendermaßen:
"Wenn Worte unzulänglich sind und unsere
Leidenschaft größer, als wir auf die übliche
Art und Weise ausdrücken können, wenden
sich einige Menschen der Kunst zu. Manche
greifen zu Pinsel und Leinwand, andere
stehen auf und tanzen. Aber wir alle gehen
über unsere normalen Kommunikationsmittel
hinaus, und das ist die gemeinsame menschliche Erfahrung aller Bewohner dieses Planeten."
Zweitens brauchen Kinder die Künste. Besonders
unwiderstehlich ist die Art und Weise, in der Kinder,
noch bevor sie sprechen lernen, sich instinktiv
Rhythmus und Gesang, Farben und Formen zuwenden. Lebenslanges Lernen mit den Künsten muß
lange vor dem Schulbesuch beginnen. Das Wissen
eines Kindes wächst in seinen ersten Lebensjahren
exponentiell an. In dieser Zeit ist die Neugierde sehr
stark, Kinder nehmen ihre Umwelt aktiv wahr, hören,
berühren, sehen die Welt und lernen somit.
Es wäre wunderbar, wenn Gesang, Malerei und
Rhythmus ein Bestandteil jeder Familie wären, wenn
jede Vorschule und jede Tagesstätte ein Ort der
Schönheit wäre und jede Wohngegend den Kindern
Musik, Tanz und Theater anbieten könnte.
In den Vereinigten Staaten haben wir heute 19
Millionen Kinder im Vorschulalter, die jedes Jahr 15
Milliarden Stunden vor dem Fernseher sitzen. Es
wäre wunderbar, wenn sie einen Kabelkanal "Willig
zu Lernen" hätten - mit Musik, Dichtung, Theater und
Malerei, einen Kanal, der sich ausschließlich der
Kunst für Kinder widmen würde. Schließlich haben
wir Kanäle für Nachrichten, Sport, Sex und Wetter,
Modeschmuck und Zeichentrickfilme. Ist es undenkbar, wenigstens einen Kanal der ästhetischen Bereicherung von Kindern zu widmen?

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Der amerikanische Autor James Agee schrieb: "Mit
jedem Kind, das - ungeachtet unter welchen Umständen - geboren wird, wird das Potential der
menschlichen Rasse wiedergeboren."
Ich bin davon überzeugt, daß lebenslanges Lernen
mit den Künsten in den ersten Monaten im Leben
eines Kindes beginnen sollte, um die Entwicklung
seines vollen Potentials zu ermutigen.
Neben den Gefühlen und Einsichten, die wir nicht in
Worte kleiden können, ist die Kunst notwendig, um
das Wissen eines Kindes zu erweitern und Kreativität
ins Klassenzimmer zu bringen.
Wenn Kinder eingeschult werden, haben sie unendlich viele Fragen. Tatsächlich stellen Vierjährige
im Durchschnitt täglich 437 Fragen. Kinder fragen
aus Neugier und Intuition ständig "warum?". Nach
mehreren Schuljahren hören sie jedoch normalerweise auf, nach dem Warum zu fragen, und wollen statt
dessen wissen: "Brauchen wir das für die Prüfung?"
Ich habe schon hitzigen Debatten darüber beigewohnt, ob Kunst eine "akademische Disziplin" oder
ein "kreativer Akt" ist. Ich bin seit langem davon
überzeugt, daß die Kunst zwei Zielen dient. Natürlich
hat sie einen akademischen Inhalt, ebenso wie jede
andere Sprachform. Große Kunst wird ebenso wie
große Literaturwerke erinnert und studiert. Es gibt
präzise Formen, sie zu verstehen und zu meistern.
Und die Verbindung zwischen Kunst und Kultur muß
intellektuell geprüft werden.
Die Gleichung hat aber noch eine andere Seite. Der
Psychologe Howard Gardner von der Harvard University erinnert uns daran, daß Kinder nicht nur über
verbale Intelligenz verfügen, sondern auch über
soziale Intelligenz, räumliche Intelligenz, intuitive
Intelligenz und ästhetische Intelligenz. Und in den
Künsten lernen die Schüler nicht nur geradliniges
Denken, sondern auch Intuition und Kreativität.
Vor einigen Jahren erklärte bei der Abschlußfeier
eines Colleges die Absolventin, die die Abschlußrede
hielt, sie habe kürzlich zusammen mit ihrer 5jährigen
Nichte gemalt. Die Nichte habe Stifte und Malbuch
ergriffen, schnell die ungefähr 30 Strichzeichnungen
durchblättert und auf der letzten leeren Seite zu
malen begonnen. Auf die Frage, warum sie dort
male, wo keine Vorgaben seien, antwortete das
kleine Mädchen entschieden: "Außerhalb der Linien
kann man alles malen, was man will."
Der Dichter Walt Whitman erklärte in den ersten
Zeilen von Leaves of Grass: "Ich feiere mich
selbst." Wir brauchen Kunst in jeder Schule, vom
Alter von 5 Jahren bis zur weiterführenden Schule,

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�um alle Schüler zu ermutigen, außerhalb der vorgegebenen Linien zu malen.
Die Künste sind eine Erweiterung der Sprache. Sie
tördern Kreativität und vermitteln den Kindern neues
Wissen. Aber - und das ist der dritte Grund für die
entscheidende Bedeutung der Kunst - wir brauchen
die Kunst auch, damit die Schüler das Gelernte
verinnerlichen und Verbindungen herstellen können.
In der heutigen zersplitterten akademischen Welt
arbeiten die Studenten an unterschiedlichen akademischen Themen. Ihnen wird ein Diplom verliehen,
aber sie bekommen kein zusammenhängenderes
Bild des Wissens und kein integrierteres, authentischeres Bild des Lebens.
Albert Einstein schrieb, daß alle Religionen, alle
Künste und alle Wissenschaften Äste desselben
Baumes seien. Aber wo werden die Studenten
aufgefordert, solche Verbindungen zu entdecken?
Die Genetikerin Barbara McCIintock, eine Nobelpreisträgerin, schrieb: "Alles ist eins." Und als
Weisskopf gefragt wurde "Was gibt Ihnen in unruhigen Zeiten Hoffnung", antwortete er: "Mozart und
die Quantenmechanik". Im Campus leben Künstler
und Wissenschaftler jedoch zumeist in verschiedenen Welten.
Vor einigen Jahren behauptete Frank Press, Präsident der nationalen Akademie der Wissenschaften,
die Arbeit des Wissenschaftlers und die Arbeit des
Künstlers ähnelten sich in vielerlei Hinsicht. Zur
Veranschaulichung erklärte er, die großartige Doppelhelix, die den genetischen Code knackte, sei nicht
nur logisch, sondern auch schön. Ich habe festgestellt, daß sogar die Techniker von Cape Canaveral
beim Start zu Dichtern werden. Wenn die Raumfähre sich erfolgreich auf dem Weg ins Weltall befindet,
sagen die Ingenieure nicht "Nun, unsere Formeln
waren wieder richtig", sondern vielmehr fast im Chor:
"Wunderschön". Ich finde es faszinierend, daß sie
eine technologische Errungenschaft mit einem
ästhetischen Ausdruck beschreiben.
Anfang der siebziger Jahre war ich bei der Organisation des New York State Theater behilflich, das in
kreativer Weise das Schauspiel zur Förderung des
integrierten Lernens in allen Disziplinen einsetzt.
Während der vergangenen 25 Jahre haben buchstäblich Tausende anderer in Schulen durchgeführter
Programme über jeden Zweifel hinaus bewiesen,
daß die Künste unsere zersplitterte akademische
Welt zusammenhalten und darüber hinaus die
Leistung verbessern können.

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Der Lehrer, Dichter und Essayist Mark Van Doren
schrieb vor über 50 Jahren: "Es ist der logische
Zusammenhang der Dinge, mit dem sich der Pädagoge bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit
befaßt."
Ich bin überzeugt, daß Verbindungen über die
Disziplinen hinweg am ehesten durch die integrierende Macht der Künste erzielt werden können.
Viertens haben die Künste - obwohl sie unabdingbar
für alle sind - eine besondere Bedeutung für Kinder,
die gesellschaftlich unsicher, emotional gestört oder
physisch behindert sind.
Vor vielen Jahren arbeitete ich als junger Audiologe
mit tauben Kindern. Weil sie nicht hören konnten,
konnten sie nicht sprechen, und ich sah die Frustration und den Zorn, die Kinder erleben, wenn sie nicht
mit anderen kommunizieren können. Diese Jugendlichen waren oft sehr begabt, aber ohne das Wunder
der Sprache lebten sie in t iner einsamen und isolierten Welt. Ich beobacht ;te auch, daß dieselben
Kinder dank der Künste aufstanden und tanzten,
Farbe auf eine Leinwanc malten oder ein künstlerisches Muster webten, und plötzlich war das Leben
für sie erfüllter und vollständiger.
In den letzten zwölf Jahre i war ich der Vorsitzende
von Very Special Arts, einom Programm des Kennedy Center in Washington lür die darstellenden Künste, das Kunst für Behinderte fördert. Immer wieder
habe ich gesehen, wie physisch oder sprachlich
behinderte Kinder und Erwachsene fröhlich über
Malerei, Tanz, Bildhauerei oder Weben miteinander
kommunizieren können.
Bei einem Symposium im Kennedy Center war Linda
Bovee, eine begnadete Schauspielerin, die Gastrednerin. Aufgrund ihrer Taubheit sprach Bovee unter
Zuhilfenahme der Zeichensprache und einer Dolmetscherin, die denjenigen von uns behilflich war, die die
Zeichensprache nicht verstanden.
Gegen Ende ihres Vortrags zitierte sie das bekannte
Gedicht von Robert Frost: "Zwei Straßen verloren
sich im Wald, und ich nahm die weniger befahrene und das bewirkte den Unterschied."
Als Bovee ihre Hände bewegte und ihr Gesicht eine
ungeahnte Intensität widerspiegelte, fand ich die
Zeichensprache sehr viel mächtiger und eleganter als
das gesprochene Wort.
Ohne Frage hat die Sprache der Künste eine ganz
besondere Bedeutung für behinderte Kinder, und
durch Musik, Tanz und die bildenden Künste können
sie sich bewußt selbst ausdrücken.

Seite 3

�Die Künste können auch eine große Motivation für
sozial entfremdete junge Menschen sein. Viel
zuviele Teenager in den Vereinigten Staaten fühlen
sich überflüssig, unerwünscht und lösgelöst von der
Welt. Selbst in der Schule treiben zu viele Schüler
ziellos von Klasse zu Klasse. Ich bin zu der Schlußfolgerung gelangt, daß viele die Schule einfach
deshalb abbrechen, weil niemand bemerkt hat, daß
sie überhaupt anwesend sind.
Vor einigen Jahren besuchte ich eine große Schule
in der Innenstadt. Der Direktor erklärte, die Schüler
hätten jahrelang eine riesige Wand neben dem
Spielplatz mutwillig zerstört und mit Graffiti bemalt.
Eines Tages traf er sich mit der Schülervertretung
und sagte: "Die Wand gehört Euch." Kurz darauf
war die Wand gesäubert und mit einer herrlichen
Wandmalerei versehen. Danach blieb die Wand
respektvoll unberührt.
Es ist auch eindeutig erwiesen, daß gestörte Kinder,
die an Tanz-, Schauspiel- und Musikgruppen teilnehmen, praktisch über Nacht weniger destruktiv
iifid kreativer werden können.
Der Dichter Vachel Linday schrieb:
"Es ist das eine Verbrechen der Welt, daß
ihre Babys dumm werden,
Nicht, daß sie nicht säen, sondern selten reifen,
Nicht, daß sie nicht dienen,
sondern keine Götter haben, denen sie dienen
können,
Nicht, daß sie nicht sterben,
sondern, daß sie wie Schafe sterben."
Die Tragödie ist nicht der Tod. Die Tragödie ist, mit
Undefinierten Verpflichtungen, unerklärten Überzeugungen und unerfüllten Aufgaben zu sterben.
Ich bin überzeugt, daß den Künsten eine ganz
besondere Rolle dabei zukommt, den Teenagern der
Nation ein umfassenderes Gefühl für den Sinn des
Lebens zu vermitteln.
Der fünfte Grund, warum die Künste entscheidend
sind, ist, daß sie beim Aufbau einer Gemeinschaft
behilflich sein können - in der Schule, in der Nachbarschaft, zwischen unterschiedlichen Kulturen und
über Generationen hinweg.
Der Philosoph, Kritiker und Schriftsteller Lewis
Mumford erinnert uns in The Myth of the Machine
daran, daß die Gesellschaften an Produktivität
zunahmen, aber den Gemeinschaftssinn verloren,
als sie von kleinen Dörfern zu unpersönlichen
Städten wuchsen. Etwas ähnliches passiert heute
mit uns. Und dennoch verspüren alle von uns trotz

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der Trennungen einen tiefen Drang zu Bindungen
vom ersten bis zum letzten Moment unseres Lebens.
Die Biologin Mary Clark stellte fest: "Soziale Bande
sind keine temporären, zur Bequemlichkeit des
einzelnen eingegangenen Kontakte. Soziales Eingebettetsein ist das Wesen unserer Natur." Die traurige
Wahrheit ist jedoch, daß im Amerika von heute
gemeinsame Werte zu verblassen begonnen haben.
Wir trennen zwischen reich und arm, schwarz und
weiß, jung und alt.
Viele fragen sich jetzt, ob man noch gemeinsames
Terrain finden kann. Ich bin weiterhin davon überzeugt, daß Gemeinschaft nicht nur möglich, sondern
unabdingbar ist. Ich bin auch überzeugt, daß die
Künste uns die eine Sprache geben, die die trennenden Abgründe überwinden kann. Überlegen Sie
beispielsweise, wie Salvador Dalis Gemälde "Die
Beständigkeit der Erinnerung" zu jedem spricht, der
von der verrinnenden Zeit gejagt wird. Überlegen
Sie, wie Picassos "Guernica" eine universelle Aussage über den Krieg macht, die jedes menschliche
Wesen im Innersten fühlen kann. Überlegen Sie
auch, wie der Gospelsong "Amazing Grace" ein
gemeinsames Band zwischen Menschen schafft, sei
es in den Appalachen oder in Manhattan. Überlegen
Sie, wie das in langsamer und feierlicher Kadenz
gesungene "We Shall Overcome" uns alle unabhängig von Rasse, Alter oder wirtschaftlichem Status
verbinden kann.
Die Künste können zur Herstellung von Verbindungen
beitragen, indem sie Musik in den Park, Festivals in
unsere Nachbarschaft und Eltern in die Schulen
bringen. Und das Programm "Design Arts" der
Nationalen Stiftung für die Künste unterstützt Projekte
in Architektur, Landschaft und Stadtplanung, die das
visuelle Umfeld der Gemeinden bereichern.
Der Aufbau von Gemeinschaften hat auch globale
Auswirkungen. 1974 reiste ich mit dem Kindertheater
des Bundesstaates New York für eine Aufführung von
Der Zauberer von Oz im Bolschoitheater in die
Sowjetunion. Am Ende der Vorstellung, als die
amerikanischen Studenten als Zugabe "Somewhere
Over the Rainbow" auf Russisch sangen, schien der
Kalte Krieg momentan zu schmelzen.
Natürlich weiß ich, daß Kunstbotschaften nicht immer
Brücken des Verständnisses bauen. Sie können
auch Verwirrung stiften, selbst Konfrontation auslösen. Aber es ist mein unerschütterlicher Glaube,
daß die Künste letztlich heilen werden. Sie sind, wie
ein Grundschullehrer es formulierte, "die Sprache der
Engel".

AMERIKA DIENST 27

�Vor ungefähr einem Jahr hielt ich bei einer Abschlußfeier eine Rede. Ich fühlte mich ermutigt
durch den Anblick eines Absolventen, der auf sein
Barett die einfache Botschaft geklebt hatte: "Fürchtet Kunst nicht". Und damit die Künste Vertrauen,
nicht Furcht wecken, müssen wir die Vielfalt feiern
und Kulturinstitutionen aufbauen, die Gemeinden,
nicht Enklaven für die Privilegierten sind.
Die Künste können Brücken bauen, nicht nur über
Kulturen, sondern auch über Generationen hinweg
und die Anfänge und das Ende des Lebens verbinden.
Die Anthropologin Margaret Mead schrieb, die
Gesundheit jeder Kultur werde durch drei Generationen bewahrt, die tatsächlich interagieren. Im Amerika von heute schaffen wir jedoch eine horizontale
Kultur, in der jede Altersgruppe von der anderen
getrennt ist. Wir verankern diese Trennungen sogar
institutionell.
Kleinkinder sind in Tagesstätten.
Kinder sind in der Schule, nach Alter getrennt.
Collegestudenten sind im Campus isoliert. Erwachsene sind am Arbeitsplatz. Alte Menschen sind im
Seniorenheim. Es ist an der Zeit, generationenübergreifende Institutionen zu bauen - Orte, an denen

*

AMERIKA DIENST 27

Großeltern und Enkel fröhlich über Malerei, Gesang
und Rhythmus kommunizieren können. Meine Mutter
und mein Vater verbrachten mehrere Jahre in einem
Seniorenheim, aber das Heim hatte auch eine
Kindertagesstätte, und jedes 3- oder 4jährige hatte
adoptierte Großeltern. Sie verbrachten die Nachmittage zusammen, malend, singend und nähend. Die
Künste sind in den späteren Jahren ebenso sinnträchtig wie am Anfang des Lebens. Carl Sandburg
schien mit einer besonderen Bedeutung über die
Kunst für die Älteren zu sprechen, als er schrieb:
"Als er die Grenzen der animalischen Bedürfnisse
überschritten hatte,
die bittere Linie der reinen Subsistenz,
gelangte der Mensch
zu den tieferen Ritualen seiner Gebeine,
zu den Lichtern, die heller waren als alle Gebeine,
zu der Zeit, Dinge zu überdenken,
zum Tanz, zum Lied, zur Geschichte,
oder den dem Träumen überlassenen Stunden als er diese Grenzen überschritten hatte."
Am Ende sind es die Künste, die den Lebenszyklus
zu einem vollständigen Zyklus werden lassen.

* * *

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hillary Clinton: Frauenrechte sind Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der Weltfrauenkonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA erläutern neue Programme für Frauen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hintergrundpapier über die amerikanischen Initiativen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Arbeitsmarkt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Erwerbsbevölkerung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Arbeitsminister Reich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Technologien für neue Dienstleistungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Betrachtungen zu Plänen für Bibliotheken in den Amerika Häusern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Kunst&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lebenslanges Lernen mit den Künsten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Ernest L. Boyer&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>^OfTi,
*
in

z

u
i^roN ^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
27. September 1995

28

VEREINTE NATIONEN

CHRISTOPHER UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINER REFORM DER UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung

AUSSENPOLITIK

VORGESCHLAGENE HAUSHALTSKÜRZUNGEN
GEFÄHRDEN AMERIKANISCHE FÜHRUNGSROLLE
Rede von Außenminister Christopher

AMERIKA AUF DER SUCHE NACH EINER
PAROLE
von Maynard Glitman

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE HESSEN
Grußwort von Präsident Clinton

"WIEDER ZUSAMMEN"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman

WEITERVERBREITUNG

EINE NEUE SICHERHEITSPOLITISCHE
TAGESORDNUNG
Kampf gegen den Nuklearschmuggel

TELEKOMMUNIKATION

USA SOLLTEN FÜHRUNGSROLLE BEI DER
REFORM DES TELEKOMMUNIKATIONSWESENS ÜBERNEHMEN
Rede von Vizepräsident AI Gore

bitte wenden
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�GESUNDHEIT

"NEIN" ZUR LEGALISIERUNG VON
MARIHUANA
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala

LUFT- UND RAUMFAHRT

LUFT- UND RAUMFAHRT ALS SCHLÜSSELELEMENT DER AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SICHERHEITSPOLITIK
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

�VEREINTE

N A T I O N EN
27. September 1995

Christopher unterstreicht Notwendigkeit
einer Reform der UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinten Nationen müßten ihre begrenzten Ressourcen für die obersten
Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf die Aufgaben konzentrieren, die sie am besten erfüllen können,
erklärte US-Außenminister Warren Christopher am 25. September 1995 in einer Rede vor der UNGeneralversammlung in New York.
Die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen müßten "ihre Tagesordnung so gestalten, als würden wir die
Institution neu gründen... An jedes Programm muß ein einfacher Maßstab angelegt werden - es muß einen
sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen leisten."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Exzellenzen,
verehrte Gäste. Es ist mir eine Ehre, heute im
Namen der Vereinigten Staaten zu Ihnen sprechen
zu dürfen. Vor einem halben Jahrhundert kam die
Generalversammlung erstmals in New York zusammen - auf der anderen Seite des Flusses in
einer umgebauten Eislauf halle in Flushing Meadows.
In dieser bescheidenen Umgebung begannen unsere
Vorgänger mit der Schaffung eines ehrgeizigen
Rahmens, von dem sie hofften, daß er bei der
Sicherung des Friedens ebenso erfolgreich sein
würde wie sie es vorher bei der Kriegführung waren.
In den nachfolgenden Jahren trugen die Vereinten
Nationen dazu bei, zahllosen Menschen weltweit
Frieden, Wohlstand und Hoffnung zu bringen. Der
technologische Wandel brachte die Nationen einander näher, als die Gründerväter der UNO vorhersehen konnten. Die Vereinten Nationen selbst
sahen sich mit ungeahnten Herausforderungen
konfrontiert. Sie mußten komplizierte humanitäre
Notfälle bewältigen - von Bürgerkriegen über Flüchtlingswellen bis zu Epidemien. Diese Evolution stellte
für die Organisation eine große Belastung dar und
zeigte die Notwendigkeit, sie umfassend zu verändern.
Die Clinton-Administration vertritt im Kongreß und
vor unserem Volk energisch eine Fortsetzung der
Führungsrolle Amerikas in den Vereinten Nationen.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich vor 50
Jahren der UN-Charta. Wir sind entschlossen,

AMERIKA DIENST 28

unserer Verpflichtung nachzukommen, einschließlich
unserer finanziellen Verpflichtungen.
Wir werden immer daran denken, daß die Vereinten
Nationen für Millionen Menschen weltweit alles
andere sind als eine gesichtslose Institution. Sie
stehen, wie Harry Truman es einmal formulierte, für
"ein Paket mit Nahrungsmitteln oder Schulbüchern,
einen Arzt, der die Kinder impft, einen Experten, der
beim Anbau von mehr Reis oder Weizen hilft". Für
Millionen weiterer Menschen symbolisieren die
Vereinten Nationen den Unterschied zwischen
Frieden und Krieg.
Wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie der
Schutz der Menschenrechte stehen weiterhin im
Zentrum der Aufgaben der Vereinten Nationen. Die
UNO muß sich jedoch wandeln, um diesen Erfordernissen wirksamer zu entsprechen. Wenn in New
York, Genf oder Wien Geld verschwendet wird und
durch Unbeweglichkeit der Bürokratie Zeit verloren
geht, zahlen diejenigen den Preis dafür, die Hunger,
Krankheit und Gewalt am stärksten ausgesetzt sind.
Es ist an der Zeit für die Erkenntnis, daß die Vereinten Nationen ihre begrenzten Ressourcen für die
obersten Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf
die Aufgaben konzentrieren müssen, die sie am
besten erfüllen können. Der Verwaltungsapparat der
UNO sollte abgebaut werden und eine klare Organisationsstruktur sowie eine deutliche Abgrenzung der
einzelnen Verantwortungsbereiche erhalten.
An
jedes Programm mu ß ein einfacher Maßstab angelegt

Seite 1

�werden - es muß einen sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen
leisten.
In den letzten beiden Jahren wurden unter der
Führung von Generalsekretär Boutros-Ghali die
Grundlagen für substantiellen Wandel gelegt. Die
Vereinten Nationen verfügen über ein Büro mit den
Aufgaben eines Generalinspekteurs sowie über ein
Mandat, gegen Verschwendung und Betrug vorzugehen. Der stellvertretende Generalsekretär Joe
Connor leitete eine aggressive Kampagne zur Verbesserung der Managementkultur der Vereinten
Nationen ein, die wir umfassend unterstützen. Das
UN-Sekretariat schlug den richtigen Kurs ein, als es
einen Haushalt mit Ausgabenkürzungen vorlegte.
Jetzt muß den Reformen mehr Nachdruck verliehen
werden. Ich möchte eine konkrete Agenda vorschlagen:
Erstens müssen wir die Programme der Vereinten
Nationen einstellen, die ihr Ziel erreicht haben, und
diejenigen konsolidieren, die sich überschneiden insbesondere bei den Ämtern für wirtschaftliche und
soziale Fragen. Innerhalb der Vereinten Nationen
gibt es mehr als ein Dutzend Organisationen, die für
Entwicklung, Soforthilfe und Statistik zuständig sind.
Wir sollten in Erwägung ziehen, für jede dieser
Funktionen eine einzige Behörde zu schaffen. Wir
sollten die regionalen Wirtschaftsausschüsse der
UNO verkleinern. Wir sollten sicherstellen, daß sich
die Funktionen der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) nicht mit
denen der neuen Welthandelsorganisation (WTO)
decken. Und wir sollten ein Moratorium für die
großen, von der UNO veranstalteten Konferenzen
verhängen, nachdem die jetztige Serie abgeschlossen ist, und uns statt dessen auf die Einhaltung der
Verpflichtungen konzentrieren, die wir bei den
abgehaltenen Konferenzen eingegangen sind.
Zweitens müssen wir das UN-Sekretariat umstrukturieren, um es effizienter, stärker rechenschaftspflichtig und transparenter zu gestalten. Jeder Teil
des UN-Systems sollte der Kontrolle eines Generalinspekteurs unterliegen. Die Vereinten Nationen
dürfen keinen ethischen oder finanziellen Mißbrauch
dulden, und ihre Führungskräfte sollten auf der
Grundlage ihrer Verdienste ernannt oder befördert
werden.
Drittens sollten wir die Vorschläge für neue und
erweiterte Friedensmissionen einer genauen Überprüfung unterziehen und die Fähigkeit der Vereinten
Nationen verbessern, nach der Billigung neuer
Missionen schnell zu reagieren. Wir müssen uns auf
ein angemessenes Ausmaß von Friedensicherungs-

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missionen einigen, das den heutigen wirtschaftlichen
Gegebenheiten Rechnung trägt. Und wir sollten über
einen Gemeinschaftshaushalt für Friedenssicherungsoperationen verfügen.
Schließlich müssen wir die Effektivität des UN-Sicherheitsrates wahren. Deutschland und Japan
sollten Ständige Mitglieder werden. Wir müssen
sicherstellen, daß alle Regionen der Welt gerecht
vertreten sind, ohne daß der Rat schwerfällig wird.
Wir begrüßen die Bildung einer hochrangigen Reformgruppe unter der Leitung des scheidenden
Präsidenten der Generalversammlung Essy. Es muß
unser Ziel sein, noch vor Ende der 50. Sitzungsperiode der UN-Generalversammlung im kommenden
Herbst einen praktischen Plan für eine UN-Reform zu
verabschieden. Der vor uns liegende Weg ist klar:
Wir haben bereits zahllose Studien und Berichte
vorliegen. Jetzt ist es an der Zeit, gemäß den besten
Vorschlägen zu handeln.
Wie Sie wissen, gibt es in meinem Land ernsthafte
Bestrebungen zur Einschränkung unserer Unterstützung für die Vereinten Nationen. Nach Ansicht
der Clinton-Administration wäre es leichtsinnig, einer
Organisationen den Rücken zuzuwenden, die andere
Nationen zur Unterstützung von Zielen mobilisiert, die
im Einklang mit amerikanischen und globalen Interessen stehen. Um die Unterstützung der Vereinten
Nationen unter den Amerikanern und anderen Völkern aufrechtzuerhalten, reicht eine Verteidigung der
Institution jedoch nicht aus. Das beste Argument
gegen Rückzug sind weitere Reformen. Greifbare
Fortschritte werden uns dabei helfen, den Kampf um
Beistand für die UNO zu gewinnen, den wir derzeit in
den Vereinigten Staaten führen.
Nach Abschluß des Reformprozesses müssen die
Vereinten Nationen besser zur Erlangung ihrer
grundlegenden Ziele in der Lage sein, einschließlich
der Wahrung von Frieden und Sicherheit. Von Korea
über den Persischen Golf bis Haiti haben die Vereinten Nationen ihren Mitgliedern durch die Erfüllung
dieser Pflichten ein Mandat verschafft. Die UNOBlauhelme halfen Völkern bei der Schaffung der
grundlegenden Bedingungen für Frieden in einigen
äußerst schwierigen Situationen, obwohl sie ihr
erklärtes Ziel nicht immer erreicht haben.
Vor kurzem wurde ein junger Vater in Haiti gefragt,
was die Friedenssicherungskräfte in seinem Land
bewirkt hätten. "Wir können uns frei bewegen",
antwortete er. "Wir können ruhig schlafen. Niemand
kommt nachts, um uns abzuholen." In Haiti haben
die Vereinten Nationen ebenso wie in Kambodscha,
Mosambik und El Salvador unter Beweis gestellt, daß

AMERIKA DIENST 28

�die Friedenssicherung trotz aller Beschränkungen
ein äußerst nützliches Instrument ist.

diese neuen Integrationskräfte auch die Saat des
Zerfalls und der Zerstörung beinhalten."

Eine Region, in der die UNO-Soldaten und die
internationale Staatengemeinschaft eine entscheidende Rolle übernahmen, ist der Nahe Osten. Am
Donnerstag wird in Washington ein weiterer historischer Meilenstein gesetzt, wenn Israel und die
Palästinenser ihr Abkommen zur Inkraftsetzung der
zweiten Phase ihrer Grundsatzerklärung unterzeichnen. Diese Übereinkunft wird einem erstmals im
Abkommen von Camp David gesteckten Ziel Leben
einhauchen: Die Sicherheit Israels zu schützen und
den Palästinensern im gesamten Westjordanland
Kontrolle über ihr tägliches Leben zu geben. Die
internationale Staatengemeinschaft und die Vereinten Nationen müssen diesen Prozeß auch in
Zukunft politisch und wirtschaftlich unterstützen.

Obwohl die neuen Technologien uns einander
nähergebracht haben, erleichtern sie es Terroristen,
Drogenhändlern und anderen internationalen Kriminellen auch, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu gelangen, Kokain-Kartelle aufzubauen und
ihre unrechtmäßig erworbenen Gewinne zu verstecken. Der Zusammenbruch des Kommunismus
hat Diktaturen zerstört. Aber er machte die politischen und juristischen Institutionen der kürzlich
befreiten Nationen auch anfälliger für diejenigen, die
sie untergraben wollen.

Zweifelsohne waren die Vereinten Nationen nie mit
einer schwierigeren Mission konfrontiert als der im
ehemaligen Jugoslawien.
Die Beschränkungen
dieser Mission sind wohlbekannt. Wir müssen uns
aber auch vor Augen halten, daß die UNO Hunderttausenden Hilfe gewährte und Tausende von Menschenleben gerettet hat. Heute befinden sich die
Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft mit Hilfe ihrer von Macht unterstützten Diplomatie auf einem Weg, der Hoffnung auf
wirkliche Ergebnisse weckt. Die Vereinten Nationen
und die NATO arbeiten wirksam zusammen, um der
Region Frieden zu bringen. Am 8. September
akzeptierten die Konfliktparteien in Genf das vom
Sicherheitsrat oft formulierte grundlegende Ziel - den
Fortbestand Bosnien-Herzegowinas als ein Staat
innerhalb seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen.
Wenn ich heute mit den Außenministern Bosniens,
Kroatiens und Serbiens zusammentreffe, werde ich
sie auffordern, die treibende Kraft für den Frieden
aufrechtzuerhalten und konstitutionelle Strukturen für
Bosnien zu schaffen.
Die Verfasser der Charta der Vereinten Nationen
gründeten diese Institution, um den durch Aggression und bewaffnete Konflikte hervorgerufenen
Bedrohungen für Frieden und Sicherheit zu begegnen. Diese Bedrohungen sind immer noch äußerst
präsent. Die Welt sieht sich aber auch mit einer
Anzahl neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen konfrontiert, darunter Weiterverbreitung, Terrorismus, internationales Verbrechen und Drogenhandel sowie die weitreichenden Konsequenzen der
Umweltzerstörung. Diese Bedrohungen haben in
einer interdependenteren Welt ein neues und gefährliches Ausmaß angenommen. Präsident Clinton
erklärte im Juni in San Francisco: "Wir wissen, daß

AMERIKA DIENST 28

Obwohl diesen Bedrohungen gelegentlich von Staaten Vorschub geleistet wird, kommen sie nicht
unbedingt aus einem bestimmten Land. Jeder von
uns muß diese Feinde vehement selbst bekämpfen.
Wir werden jedoch erst dann wirklich sicher sein,
wenn wir sie effektiv gemeinsam bekämpfen. Das ist
die neue sicherheitspolitische Herausforderung fürdie
Völkergemeinschaft, und es muß die neue sicherheitspolitische Mission der Vereinten Nationen sein.
Es gibt keinen Bereich, in dem die Vereinten Nationen einen maßgeblicheren Beitrag leisten können als
die Nichtverbreitung. Vor fünfzig Jahren waren die
Vereinigten Staaten das einzige Land, das eine
Atombombe herstellen konnte. Heute verfügen viele
Länder über die Technologie, mit der sie einen
faustgroßen Klumpen Plutonium in eine Bombe
verwandeln können, die so klein wie ein Koffer ist.
Das ist ein Grund, warum über 170 Länder auf der
von Botschafter Dhanapala im Mai hier geleiteten
Konferenz zugestimmt haben, den Nichtverbreitungsvertrag auf unbegrenzte Zeit zu verlängern.
Erstens sollten wir einen Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot unterschriftsreif haben, wenn wir
uns hier im nächsten Jahr wieder treffen. Wie
Präsident Clinton im vergangenen Monat bekanntgegeben hat, verpflichten sich die Vereinigten Staaten zu einem wirklich absoluten Testverbot. Wir
fordern andere Nationen auf, unserem Beispiel zu
folgen.
Zweitens sollten wir unverzüglich Verhandlungen zu
einem Vertrag über die Einstellung der Produktion
von spaltbarem Material aufnehmen. Diejenigen, die
sich am vehementesten für nukleare Abrüstung
einsetzen, sollten sich bewußt machen, daß dies für
ein Verbot der zukünftigen Produktion von spaltbarem
Material für Nuklearwaffen unabdingbar ist.
Drittens sollten wir die historischen Reduzierungen
der Nukleararsenale der Vereinigten Staaten und der
Länder der ehemaligen Sowjetunion voranbringen.

Seite 3

�OlgtB*. " m » . t .

Ich fordere den amerikanischen Senat und die
russische Duma auf, dem START Il-Vertrag zuzustimmen, damit wir einschneidende Kürzungen
unserer strategischen Nuklearwaffenarsenale festschreiben können. Darüber hinaus arbeiten die
Präsidenten Clinton und Jelzin darauf hin, die Sicherheit, Transparenz und Unumkehrbarkeit der
Reduzierung von Atomwaffen sicherzustellen.
Als Teil dieses Prozesses wird Präsident Jelzin
kommendes Frühjahr in Moskau einen Gipfel über
nukleare Sicherheit veranstalten. Das Gipfeltreffen
sollte eine ehrgeizige Tagesordnung haben, einschließlich einer Grundsatzerklärung über die Sicherheit von Atomreaktoren. Wir erwarten von dem
Gipfel, daß das weltweite Problem der Entsorgung
von Atommüll angesprochen wird, darunter die
Entsorgung im Meer. Das Gipfeltreffen sollte auch
einen Aktionsplan mit Sicherheitsvorschriften für
Nuklearmaterial fördern. Dieser Plan sollte neue
Maßnahmen enthalten, um Kriminelle und Terroristen von der Beschaffung von waffenfähigem Nuklearmaterial abzuhalten.
Schließlich sollten wird auf ein frühestmögliches
Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention drängen.
Präsident Clinton hat den amerikanischen Senat
aufgefordert, die Konvention unverzüglich zu ratifizieren und aufzuhören, sie und den START Il-Vertrag
mit Themen in Verbindung zu bringen, die nicht im
Zusammenhang damit stehen. Die Welt ist in
diesem Jahrhundert zu häufig Zeuge der Auswirkungen von Giftgas geworden - auf europäischen
Schlachtfeldern während des Ersten Weltkriegs, in
Äthiopien und der Mandschurei in den dreißiger
Jahren und bei iranischen Soldaten und unschuldigen kurdischen Zivilisten während der achtziger
Jahre. Die Chemiewaffenkonvention wird jede
Nation sicherer machen, und wir brauchen sie jetzt.
Die Vereinten Nationen spielen auch eine unschätzbare Rolle dabei, die Aufmerksamkeit auf drängende
regionale Weiterverbreitungsprobleme zu lenken. Im
Irak decken die UNSCOM und ihr Leiter Rolf Ekeus

immer schrecklichere Einzelheiten über Saddam
Husseins Massenvernichtungswaffen auf.
Unter Saddam Hussein entwickelte der Irak im
Geheimen eine todbringende biologische Waffenfähigkeit. Das Land führte Forschungen durch, um
einige der toxischsten Substanzen, die dem Menschen bekannt sind, in Kriegswaffen umzuwandeln.
Wir wissen, daß Saddam Hussein Erfolg dabei hatte,
Bomben und Raketengefechtsköpfe mit Anthrax und
Botulismus zu bestücken. Im Dezember 1990
dislozierte er sie mit der eindeutigen Absicht, sie
gegen die internationale Koalition und unschuldige
Zivilisten einzusetzen. Er wurde nur durch die

Seite 4

unerschütterliche Entschlossenheit der Vereinigten
Staaten und der internationalen Völkergemeinschaft
davon abgehalten.
Angesichts des von Botschafter Ekeus Aufgedeckten
können wir nur zu der Schlußfolgerung gelangen, daß
Saddam Hussein während der letzten viereinhalb
Jahre über den vollen Umfang des irakischen Waffenprogramms gelogen hat. Es sollte keine Lockerung
des Sanktionsregimes geben, bis die irakische
Regierung alle Forderungen des Sicherheitsrats erfüllt
und unter Beweis stellt, daß sie sich geändert hat.
Die Vereinten Nationen sollten auch Verantwortungsbewußtsein fördern und den Transfer konventioneller
Waffen verhindern. Im vergangenen Jahr hat Präsident Clinton bei der Generalversammlung die Abschaffung von gegen lebende Ziele gerichteten
Landminen vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde
von der Generalversammlung verabschiedet. Bei
meiner jüngsten Reise nach Kambodscha habe ich
die schrecklichen Schäden gesehen, die diese
versteckten Killer anrichten können. In diesem Jahr
werden wir die anderen Länder erneut auffordern,
gemeinsam mit uns den Export von Landminen
einzustellen.
Vor zwei Jahren forderte Präsident Clinton die
internationale Staatengemeinschaft auf, ein wirklich
internationales System zu entwickeln, das den
Transfer konventioneller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie regelt. Ich war
erfreut, daß die Russische Föderation zusammen mit
den Vereinigten Staaten und 26 anderen Ländern
gemeinsamen Prinzipien für die Kontrolle der Modernisierung gefährlicher konventioneller Waffen zugestimmt hat. Wir hoffen, dieses "Neues Forum"
genannte globale Regime bis Ende des Jahres zu
aktivieren.
Die Verbreitung von Waffen hat einer uns alle konfrontierenden anderen Bedrohung eine beunruhigende Dimension hinzugefügt: internationalem Terrorismus. Der Saringasanschlag in Tokio in diesem Jahr
ist in der Tat eine bittere Warnung, was geschehen
kann, wenn Terroristen Massenvernichtungswaffen
beschaffen.
Mehr Nationen schließen sich dem Kampf gegen die
Einzelpersonen und Gruppen an, die Zivilisten aus
politischen Gründen angreifen. Die Vereinten Nationen haben diese Bestrebungen in wichtiger Hinsicht
unterstützt. Der UN-Sicherheitsrat trug der Bedeutung der Bekämpfung von staatlich gefördertem
Terrorismus Rechnung, indem er Sanktionen gegen
Libyen für den Bombenanschlag gegen Flug 103 der
Pan Am und UTA 772 verhängte.

AMERIKA DIENST 28

�Terroristen sollten wie Kriminelle behandelt werden,
und es darf keinen Ort geben, an dem sie sich vor
den Konsequenzen ihrer Taten verstecken können.
Staaten, die Terroristen fördern, sollten das volle
Gewicht der Sanktionen zu spüren bekommen, die
von der internationalen Staatengemeinschaft verhängt werden können. Wir dürfen uns nichts vormachen: Jeder Dollar, der in das Staatssäckel eines
Terrorismus fördernden Landes wie Iran fließt, hilft,
die Kugeln oder Bomben eines Terroristen zu
bezahlen. Die Rolle des Iran als erster Förderer von
Terrorismus macht sein geheimes Streben nach
Massenvernichtungswaffen noch alarmierender. Wir
müssen gemeinsam dem Iran entgegentreten, um
das Land von der Beschaffung solch gefährlicher
Fähigkeiten abzuhalten.
Die Vereinigten Staaten haben eine führende Rolle
bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus
übernommen. Wir haben unsere Sanktionen gegen
den Iran verschärft.
Im Januar gab Präsident
Clinton außerdem einen Präsidialerlaß bekannt, der
Finanztransaktionen mit Terrorgruppen und Einzelpersonen verbietet, die den Nahostfriedensprozeß
bedrohen. Wir fordern unseren Kongreß auf, die
Einwanderungs- und Strafgesetze zu verschärfen,
um Terroristen abzuschrecken oder sie hinter Gitter
zu bringen.
Die Vereinigten Staaten unterstützen die beim Gipfel
von Halifax angekündigten Antiterrormaßnahmen der
G-7 und Rußlands uneingeschränkt, und wir erwarten, daß das P-8-Ministertreffen über Terrorismus in
Ottawa einen konkreten Aktionsplan für die Umsetzung dieser Maßnahmen hervorbringt.
Andere Arten internationaler Verbrechen bedrohen
ebenfalls die Sicherheit unserer Bürger und das
Gefüge unserer Gesellschaften. Und die Globalisierung birgt neue und erschreckende Dimensionen für
das Verbrechen. Die Androhung von Verbrechen ist
für junge Demokratien besonders erschreckend. Sie
schwächt das Vertrauen in Institutionen, plündert das
Wertvollste und unterminiert Marktreformen.
Natürlich muß jedes Land eigene Maßnahmen zur
Bekämpfung dieser Bedrohungen ergreifen. Die
Clinton-Administration schließt zur Zeit eine Überprüfung unseres Ansatzes zu grenzüberschreitenden
Verbrechen ab, die eine bessere, koordiniertere
Inangriffnahme des Problems zur Folge haben wird.
Um anderen Ländern bei der Bewältigung krimineller
Bedrohungen behilflich zu sein, haben die Vereinigten Staaten und Ungarn in Budapest die internationale Strafverfolgungs-Akademie gegründet, um
Polizei- und Strafverfolgungsbeamte aus Zentraleuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjet-

AMERIKA DIENST 28

union auszubilden. Bilateral und über das UNDrogenprogramm bieten wir ähnliche Hilfe für Länder,
deren Gesetze durch Drogenkartelle unterwandert
werden.
Eine besonders heimtückische Form des Verbrechens ist die Geldwäsche. Alle Nationen sollten die
Empfehlungen der OECD umsetzen und die Geldwäsche bekämpfen. Die Nationen dieser Hemisphäre
sollten auch die beim gesamtamerikanischen Gipfel
vom Dezember letzten Jahres eingeführten Initiativen
zur Bekämpfung der Geldwäsche fördern. Gemeinsam müssen wir das schmutzige Geld aus unserem
globalen Finanzsystem herausziehen.
Dank der UNO-Konventionen über Drogen und
Verbrechen verfügt die internationale Staatengemeinschaft über hohe Standards, die wir jetzt verwirklichen müssen. Wir fordern die UNO-Mitgliedstaaten auf, die der UNO-Drogenkonvention von 1988
noch nicht beigetreten sind, dies zu tun. Die Länder,
die der Konvention zugestimmt haben, sollten ihre
wichtigsten Bestimmungen unverzüglich umsetzen.
Wir werden uns zunehmend bewußt, daß Umweltzerstörung und unkontrolliertes Bevölkerungswachstum die Sicherheit unserer Nationen und das Wohlergehen unserer Völker bedrohen. Die schädlichen
Auswirkungen sind in Hungersnöten, Kindersterblichkeitsraten, Flüchtlingskrisen und dem Abbau der
Ozonschicht sichtbar. An Orten wie Ruanda und
Somalia führen sie zu Bürgerkriegen und Katastrophen, die nur durch kostenintensive internationale
Intervention gelöst werden können. Wir müssen die
bei der Kairoer Konferenz im vergangenen Jahr und
der Konferenz von Rio vor drei Jahren eingegangenen Verpflichtungen ausführen.
Unsere Probleme waren nie komplexer. Es war nie
offenkundiger, daß diese Probleme alle Nationen
betreffen - Entwicklungs- und Industrieländer gleichermaßen. Nur durch Zusammenarbeit können wir
effektiv die uns alle konfrontierenden Bedrohungen
bewältigen.
Aus diesem Grund müssen wir im 50. Jahr des
Bestehens der Vereinten Nationen ihre Tagesordnung
so gestalten, als würden wir die Institution neu
gründen. Ebenso wie die Gründer der UNO einen
neuen Rahmen zur Abschreckung von Aggression
und bewaffneten Konflikten schufen, müssen die
Vereinten Nationen, und vor allem der Sicherheitsrat,
jetzt der Bekämpfung der durch Weiterverbreitung,
Terrorismus, internationales Verbrechen, Drogenhandel und Umweltverschmutzung entstandenen Bedrohung dieselbe Priorität einräumen. Wir sollten
unsere Bestrebungen in der UNO und andernorts
darauf richten, unseren globalen Konsens bezüglich

Seite 5

�dieser Bedrohungen in konkrete Aktionen umzusetzen. Wir müssen die Vereinten Nationen nicht um

ihretwillen, sondern um unsertwillen erneuern und
reformieren.
Ich danke Ihnen.

* * * *

*

,

Seite 6

AMERIKA DIENST 28

�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Vorgeschlagene Haushaltskürzungen gefährden
amerikanische Führungsrolle
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher zufolge stellen die vom Kongreß erwogenen
einschneidenden Kürzungen des Haushalts für auswärtige Angelegenheiten eine ernsthafte Bedrohung der
amerikanischen Interessen sowie "einen fundamentalen Bruch mit der amerikanischen Führungstradition" dar.
In einer am 20. September 1995 vor dem Council on Foreign Relations in Washington gehaltenen Rede
äußerte Christopher, die direkteste Bedrohung seien die jüngsten Aktionen des Bewilligungsausschusses des
Senats, den Haushalt des Außenministeriums um nahezu 300 Millionen Dollar zu kürzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Vielen Dank, Pete, für Ihre einleitenden Worte. Ich
hege große Bewunderung für Sie und die vielen von
Ihnen im öffentlichen und privaten Sektor geleisteten
Beiträge. Im letzten Jahrzehnt hat niemand mehr
getan, um dem Land die Dringlichkeit einer Lösung
der Frage des Haushaltsdefizits zum Bewußtsein zu
bringen. Ich hatte die Ehre, unter Ihnen als Vizepräsident des Councils zu fungieren - aber unsere
wirkliche Wesensverwandtschaft liegt in unseren
gemeinsamen Wurzeln in der Prärie - Petes in
Nebraska und meine in North Dakota. Obwohl wir
schließlich beide in großstädtischen Wolkenkratzern
landeten, hatte es gewisse Vorteile, im weiten Land
im Herzen der Staaten aufgewachsen zu sein.
Wie Sie wissen, hatte ich ursprünglich vor, heute
über die Verbindung zwischen der Wirtschaft und
unserer Außenpolitik zu sprechen. Aber heute
abend habe ich etwas weitaus Dringlicheres im Kopf:
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle
und die Notwendigkeit angemessener Ressourcen
zu ihrer Beibehaltung. Diese Notwendigkeit wird
durch zwei Gebiete illustriert, mit denen ich mich
diese Woche befaßt habe - das ehemalige Jugoslawien und der Nahe Osten. Ich möchte zunächst
kurz auf jede dieser Fragen eingehen, bevor ich
mich meinem Hauptthema zuwende.
Die internationale Staatengemeinschaft konnte in
mehr als drei Jahren keine friedliche Beilegung des
Konflikts im ehemaligen Jugoslawien herbeiführen.
Dank der von Präsident Clinton übernommenen
Führungsrolle sowie einer erneuerten Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft ma-

AMERIKA DIENST 28

chen wir jetzt jedoch auf diplomatischer und militärischer Ebene Fortschritte, die wirklich Hoffnung auf
Ergebnisse wecken.
Vor zwei Monaten überzeugten wir unsere Verbündeten in London, daß den serbischen Angriffen auf die
Schutzzonen mit substantiellen und entschiedenen
Luftschlägen begegnet werden sollte.
Seitdem
konnten Sie beobachten, wie unsere äußerst effektiven NATO-Streitkräfte diese Entscheidung in die Tat
umsetzen. Vor zwei Wochen half unsere Verhandlungsdelegation, die Parteien davon zu überzeugen,
den Fortbestand Bosniens als ein Staat innerhalb
seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen
zu akzeptieren.
Unsere Unterhändler kehrten heute morgen zu
Konsultationen und zur Entgegennahme weiterer
Anweisungen nach Washington zurück.
In den
nächsten Tagen werden sie ihre intensive Pendeldiplomatie fortsetzen und ausreichende Übereinstimmung über Schlüsselfragen anstreben, damit direkte
Verhandlungen über eine endgültige Lösung beginnen können.
Ohne unsere militärischen Fähigkeiten und die
Bereitschaft zu ihrem Einsatz befänden wir uns in
Bosnien immer noch in einer Sackgasse. Andererseits schafft militärische Stärke ohne Diplomatie allein
nicht die Bedingungen zur Ermöglichung eines
dauerhaften Friedens. Diplomatie und Stärke sind
untrennbare Instrumente amerikanischer Macht, sei
es in Europa oder in anderen wichtigen Regionen.

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�Im Nahen Osten war die amerikanische Diplomatie
unerläßlich für den Erfolg der arabisch-israelischen
Verhandlungen. In den letzten Wochen waren wir
hinter den Kulissen aktiv bemüht, Israel und den
Palästinensern bei der Erzielung eines Abkommens
über die Umsetzung der erst vor zwei Jahren in
Washington unterzeichneten Grundsatzerklärung
behilflich zu sein.
Die Verhandlungen über die Durchführung der
zweiten Phase der Grundsatzerklärung sind ein sehr
kompliziertes Unterfangen, das Truppenverlegungen,
Sicherheitsvorkehrungen, Wahlen und die Übertragung von Befugnissen beinhaltet. Es ist daher
nicht erstaunlich, daß die Aushandlung dieses
Abkommens viel Zeit erforderte. Erstaunlich ist
vielmehr, daß die Parteien so schwierige Fragen
überwinden und kurz vor einer Übereinkunft stehen.
Dieses Abkommen wird Israels verständliche Sicherheitserfordernisse widerspiegeln und mehr als
zwei Millionen Palästinenser im gesamten Westjordanland in die Lage versetzen, Kontrolle über die
grundlegendsten Aspekte ihres täglichen Lebens
auszuüben. Wieder erwarten die Parteien von uns
die Übernahme einer zentralen Rolle, um die für die
Verwirklichung des Friedens erforderliche Unterstützung zu gewähren.
Bosnien und der Nahe Osten sind Beispiele für die
komplexen Konflikte, mit denen wir in der Welt nach
dem Ende des Kalten Krieges weiterhin konfrontiert
sind. Die in den letzten Wochen erzielten Fortschritte beinhalten eine deutliche Lektion: Wenn die
Welt sich großen Herausforderungen gegenübersieht, kann ohne eine Führungsrolle der Vereinigten
Staaten sehr wenig erreicht werden. Und unsere
Führungsrolle kann nicht auf die billige Art aufrechterhalten werden.
Wie Sie alle wissen, wurde der Council on Foreign
Relations vor sieben Jahrzehnten gegründet, um für
eine amerikanische Führungsrolle einzutreten. Nach
dem Ersten Weltkrieg und unserem Rückzug in den
Isolationismus befaßte sich die erste Generation der
Mitglieder des Rates mit einer der großen Herausforderungen in unserer Demokratie: Sie begann die
Bildung eines dauerhaften Konsenses über den
Vorschlag, man müsse Verpflichtungen eingehen
und die Ressourcen für ein starkes Amerika und
eine bessere Welt aufwenden.
Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, haben wir
die einzigartige Chance, unsere Interessen und
Werte zu fördern. Wohin ich auch gehe - Amerika
ist aufgerufen, Orientierung und Führung zu bieten.
Auf jedem Kontinent entstehen offene Märkte und
offene Gesellschaften und geben uns die große
Chance zur Förderung von Wohlstand und Stabilität.

Seite 2

Diese vielversprechende Situation wird jedoch nur
andauern, solange wir an ihrer Aufrechterhaltung und
Weiterentwicklung arbeiten. Wir können die von uns
angestrebte Welt nicht bloß herbeiwünschen.
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle ist
eine zentrale Lektion dieses Jahrhunderts.
Als
Weltmacht mit globalen Interessen stellt Rückzug für
die Vereinigten Staaten keine verantwortungsvolle
Option dar.
Die Welt bleibt gefährlich. In den letzten Jahren fand
auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wo
immer noch Tausende von Nuklearwaffen stationiert
sind, ein halbes Dutzend bewaffneter Konflikte statt.
Wir müssen ständig wachsam sein um sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und Nordkorea nicht in
den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen
und ihre Nachbarn damit bedrohen können. Dieses
Gebot wird durch die jüngste und eindeutige Bestätigung unterstrichen, daß Saddam sich bemüht, ein
massives biologisches Waffenprogramm zu verstecken. Terrorismus und organisiertes Verbrechen
gefährden auch unsere Sicherheit sowie das Überleben der neuen Demokratien.
Mit Blick auf die heutige Wert haben der Präsident
und ich große Hoffnungen, aber keine Illusionen.
Unser Haushalt ist das Spiegelbild unseres Verständnisses der uns konfrontierenden Chancen und
Bedrohungen und strebt die Bereitstellung der Mittel
an, die Amerika zu ihrer Bewältigung benötigt. In
einer Welt ohne Gefahren wären die jüngsten Versuche des Kongresses, diese Mittel zu verweigern,
vielleicht verständlich. Aber in der realen Welt
würden diese Aktionen Amerika zu einem Zeitpunkt
schwächen, an dem wir stark bleiben müssen.
Wie Pete Petersen uns so oft vor Augen führte, sieht
sich unsere Nation keiner größeren Herausforderung
gegenüber als der, unser wirtschaftliches Haus in
Ordnung zu bringen. Seit den frühen achtziger
Jahren hat das Haushaltsdefizit unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt und unsere Glaubwürdigkeit
bei unseren Verbündeten und Handelspartnern
geschwächt. Vor diesem Hintergrund betrachte ich
das Paket des Präsidenten von 1993 zur Verringerung des Haushaltsdefizits als eine der wichtigsten
außenpolitischen Leistungen.
Das Außenministerium ist nicht von den Haushaltskürzungen ausgenommen und sollte es auch nicht
sein. Tatsächlich wurden unsere Ausgaben für
auswärtige Angelegenheiten im letzten Jahrzehnt real
um 45 Prozent reduziert. Unter meiner Leitung
haben wir 1.300 Stellen gestrichen und die Verwaltungsausgaben innerhalb von zwei Jahren um 5
Prozent gesenkt.

AMERIKA DIENST 28

�Das amerikanische Volk verlangt zu Recht, daß wir
bei der Entscheidung über die Verwendung seiner
Steuergelder äußerst strenge Maßstäbe anlegen.
Gleichzeitig erwartet es im Grunde genommen, daß
seine Regierung das zur Gewährleistung von Sicherheit und Wohlstand Amerikas Erforderliche
unternimmt. Daher haben der Präsident und ich
eine Linie gezogen: Wir wenden uns gegen Haushaltskürzungen, die so radikal sind, daß sie den
Interessen unserer Nation schaden und unsere
Fähigkeit zur Übernahme einer Führungsrolle
beschneiden.
Bedauerlicherweise scheinen zu viele Kongreßabgeordnete diese Linie überschreiten zu wollen. Die
führenden Vertreter des neuen Kongresses fordern
bei jeder Gelegenheit eine Führungsrolle Amerikas.
Aber allzuviele wollen uns das Minimum an Mitteln
verweigern, das jede Administration zur Erfüllung
dieser Aufgabe benötigen würde. Wenn der Senat
sich an die vom Bewilligungsunterausschuß für das
Wirtschafts-, Justiz- und Außenministerium genehmigten Größenordnungen hält, würde der Haushalt
des Außenministeriums innerhalb eines Jahres um
20 Prozent gekürzt - die größte Kürzung bei den
Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten in der
amerikanischen Geschichte. Wenn diese Kürzungen
beschlossen werden, haben wir keine andere Wahl,
als den Präsidenten um sein Veto gegen diese
Gesetzesvorlage zu bitten.
Vergangenen November befand ich mich am Tag
nach den Kongreßwahlen in Seoul, der ersten
Station meiner langen Asienreise. Damals war ich
ebenso wie heute davon überzeugt, daß die Kongreßwahlen keinen Freibrief darstellen, unsere
globalen Interessen oder die Notwendigkeit einer
überparteilichen Außenpolitik aus den Augen zu
verlieren. Daher habe ich zugesagt, daß die Vereinigten Staaten fest und unerschütterlich zu ihren
weltweiten Verpflichtungen stehen werden.
Der überparteiliche Konsens bezüglich des amerikanischen Engagements in der Welt ist ein Zeichen der
amerikanischen Stärke.
Vor fünf Jahrzehnten
ermöglichte dieser Konsens es Demokraten wie
Truman und Republikanern wie Vandenberg zusammenzukommen, um die NATO und den Marshallplan ins Leben zu rufen. Wenige Jahre später
kandidierte Dwight Eisenhower zum Teil für die
Präsidentschaft, um die Republikanische Partei fest und wie er hoffte, für immer - für globales Engagement zu gewinnen. In den vergangenen zwei
Jahren widerstand dieses Engagement den Kräften
des Isolationismus und Protektionismus bei NAFTA
und GATT und hat unsere Unterstützung für Reformen in der ehemaligen Sowjetunion und den Nahost-Friedensprozeß gefördert.

AMERIKA DIENST 28

In diesem Zusammenhang war ich erfreut, als gestern der frühere Präsident Bush vor den "Kräften der
Isolation" warnte und der New Yorker Bürgermeister
Giuliani "die mächtige Woge des Isolationismus, die
unseren politischen Diskurs erneut infiziert", kritisierte.
Ich hoffe noch immer, daß diese Sichtweise im
Kongreß vorherrschen wird.
Überparteilichkeit hat nie Differenzen in Fragen der
Politik ausgeschlossen. Sie erfordert jedoch die
Übereinstimmung, daß wir unsere Interessen nicht
schützen können, wenn wir nicht die mit unseren
Verpflichtungen einhergehenden Ressourcen klug
verwalten. Wir können nicht alles haben. Diejenigen,
die sagen, sie wollen ein starkes Amerika, haben die
Pflicht, Amerikas Stärke zu bewahren. Und diplomatische Bereitschaft ist unsere erste Verteidigungslinie großenteils damit wir nicht gezwungen sind, unsere
Männer und Frauen in Uniform unnötigen Risiken
auszusetzen. Moral, Ausrüstung und Kommunikation
sind für unsere Diplomaten nicht weniger wichtig als
für unsere Soldaten.
Bedauerlicherweise haben beide Häuser des Kongresses in den vergangenen Monaten drakonische
Maßnahmen zur Kürzung unseres Haushalts für
auswärtige Angelegenheiten vorgeschlagen. Die
jüngsten Aktionen des Senats-Bewilligungsausschusses stellen die vielleicht unmittelbarste Bedrohung
unserer nationalen Interessen dar.
Die für die Bewilligungen zuständigen Senatsbeamten
wollen beispielsweise das grundlegende Betriebsbudget des Außenministeriums um nahezu 300
Millionen Dollar kürzen. Das könnte uns zwingen,
rund 50 Botschaften und Konsulate zu schließen das entspräche allen Missionen in Asien oder Afrika.
Es könnte uns zwingen, zahlreiche Entlassungen und
unfreiwilligen unbezahlten Urlaub, die Schließung von
Paßbüros sowie die Einstellung der Modernisierung
unserer Kommunikationssysteme in Erwägung ziehen
zu müssen.
Unser Opfer wäre das Prinzip der Universalität
unserer Vertretung im Ausland - das Prinzip, daß es
praktisch in jedem Land eine amerikanische Mission
geben sollte. Universelle Vertretung hat sich zu
Beginn dieses Jahres als unschätzbar erwiesen, als
über 170 Länder der Welt von Albanien bis Zaire
gleiches Mitspracherecht bei der Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags hatten und gleichermaßen
von der amerikanischen Diplomatie überzeugt werden
mußten. Sie ist ebenfalls unerläßlich, wenn unerwartet eine Krise ausbricht, sei es in Burundi oder
Belarus, und wenn amerikanische Staatsbürger an
irgendeinem Ort der Welt in Gefahr sind.

Seite 3

�Tag für Tag hängt unsere Fähigkeit zur Bewältigung
dieser Herausforderungen von unseren Mitarbeitern
vor Ort ab. Sie sind für die Rüstungskontrollabkommen mit der Ukraine und Rußland verantwortlich.
Sie sind es, die Einzelheiten unseres Abkommens
über den Schutz geistigen Eigentums mit China
ausgearbeitet haben und seine Umsetzung sicherstellen müssen. Sie müssen die kriegführenden
Parteien in Bosnien überzeugen, sich für den Frieden zu entscheiden - mit hohem Risiko für ihr
Leben, wie wir gesehen haben. Deshalb werde ich
so ärgerlich, wenn ich abfällige Bemerkungen über
Diplomaten im Nadelstreifenanzug und in Limousinen höre.
Im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiter unserer
Vertretungen im Ausland nahezu zwei Millionen
Anträge von Amerikanern in Übersee beantwortet.
Wir haben über sechs Millionen Pässe ausgegeben.
In den vergangenen Jahren haben unsere Mitarbeiter amerikanischen Firmen Kontakte für Gewinne in
Milliardenhöhe verschafft. Unsere Missionen sind
auch die Arbeitsbasis für über 38 andere Dienststellen etwa des Verteidigungs-, Wirtschafts- und
Landwirtschaftsministeriums, des FBI und der Drogenbekämpfungsbehörde.
Wenn der Kongreß einschneidende und verheerende
Kürzungen vorschreibt, frage ich mich oft, ob er sich
Gedanken darüber gemacht hat, an welchen Orten
der Welt wir einen Rückzug beginnen sollten.
Sollten wir unsere Mitarbeiter von den Botschaften
im Nahen Osten zu einem für den Friedensprozeß
entscheidenden Zeitpunkt abziehen? Sollten wir
Vertretungen in Asien schließen, dem dynamischsten
Markt für unsere Exporte weltweit? Sollten wir
weniger Vorbereitungen für den nächsten Gipfel der
westlichen Hemisphäre treffen und den dramatischsten Marsch der Welt zu Demokratie ignorieren?
Wären Kürzungen dieser Größenordnung vor wenigen Jahren genehmigt worden, frage ich mich, wo
sie vorgenommen worden wären. Bei Haiti? Auf
dem Balkan? Im Falle Nordostasiens?
Eine Hauptaufgabe unserer Diplomaten besteht in
der Verhinderung von Krisen, die uns sonst teuer zu
stehen kommen würden. Dank unseres vereinbarten
Rahmenabkommens mit Nordkorea, mit dem das
Nuklearprogramm des Landes eingefroren wurde,
sparen wir beispielsweise jetzt Millionen Dollar.
Ohne es hätten wir uns gezwungen gesehen, unsere
Streitkräfte in Nordostasien drastisch aufzustocken.
Dennoch haben wir Schwierigkeiten, den Kongreß
zur Genehmigung von 20 Millionen Dollar für die
Umsetzung des Abkommens als unseren bescheidenen Beitrag zu den Milliarden, nicht Millionen Dollar
zu bewegen, die Südkorea und Japan aufzuwenden
bereit sind.

Seite 4

Ich bin auch entschlossen, mich den drastischen
Kürzungen zu widersetzen, die für unsere Beiträge zu
internationalen Institutionen vorgeschlagen wurden.
Die für die Bewilligungen Zuständigen im Senat
wollen unsere Mittel für internationale Institutionen um
nahezu 400 Millionen Dollar reduzieren.
Diese
Maßnahmen könnten unsere Verpflichtungen gegenüber der NATO beeinträchtigen. Sie würden uns
zwingen, die Unterstützung für die Internationale
Atomenergie-Organisation einzuschränken, die für
unsere Bestrebungen von entscheidender Bedeutung
ist, sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und
Nordkorea nicht Nuklearwaffenstaaten werden. Sie
würden die Weltgesundheitsorganisation betreffen,
die führend beim Kampf gegen Krankheiten wie AIDS
und Ebola ist.
Unsere Beiträge zur Friedenssicherung würden auf
nur 250 Millionen Dollar begrenzt. Das würde den
Abzug von Friedenstruppen und Monitoren aus
lebenswichtigen Krisengebieten erzwingen, einschließlich des Nahen Ostens. Die Friedenssicherung hat nicht immer ihren beabsichtigten Zweck
erreicht. Aber ebenso sicher hat sie uns die Förderung unserer Interessen ermöglicht, ohne unsere
Truppen zu zwingen, alle Risiken zu tragen oder den
Steuerzahler, alle Rechnungen zu bezahlen. Ohne
die Friedenssicherung wären wir jedes Mal, wenn
eine Krise entsteht, mit einer inakzeptablen Entscheidung konfrontiert - der Entscheidung, im Alleingang zu handeln oder gar nichts zu tun.
Wenn wir unsere Beiträge zur Friedenssicherung
nicht zahlen, setzen wir auch unsere Fähigkeit aufs
Spiel, auf die Reform der Vereinten Nationen und
anderer Institutionen zu drängen. Zweifelsohne sind
weitreichende Veränderungen erforderlich. Aber wir
werden unsere Verbündeten nicht für die Unterstützung unserer Vorschläge gewinnen, wenn sie
denken, wir nehmen die Reformen als Vorwand,
unsere Verpflichtungen zu umgehen. Wir können
nicht reformieren und uns gleichzeitig zurückziehen.
Die Mitglieder des Bewilligungsauschusses haben
auch dafür gestimmt, das Amt für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (Arms Control and Disarmament
Agency - ACDA) um über 50 Prozent zu reduzieren.
Wie Sie wissen, stehen wir unmittelbar vor einem
wichtigen Durchbruch in diesem Bereich, einschließlich eines Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot. Warum sollten wir diesen Moment wählen,
um die zur Aushandlung und Verifizierung solch
lebenswichtiger und komplexer Rüstungskontrollabkommen erforderlichen Ressourcen zu dezimieren?
Der Senat will auch die Mittel für das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA)
sowie für internationale Fernseh- und Rundfunksen-

AMERIKA DIENST 28

�düngen kürzen - des Sprachrohrs für unsere Werte
und mit der kostengünstigste Weg zur Projizierung
unseres Einflusses.
Ich möchte hinzufügen, daß ACDA, USIA und das
Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) spezifische Missionen haben, die beibehalten werden sollten. Hier
geht es um Ressourcen, nicht Reorganisation.
Zu den von mir bereits angesprochenen Kürzungen
kommen noch andere Vorschläge des Kongresses,
die im Falle ihrer Verabschiedung die Auslandshilfe
um fast 3 Milliarden Dollar kürzen würden. Das
würde die Finanzierung für multilaterale Entwicklungsbanken und bilaterale Hilfe zunichte machen.
Ich glaube nicht, daß Präsident Eisenhower unrecht
hatte, als er Amerikas Auslandshilfe als "beste
Investition" bezeichnete. Ich glaube nicht, daß jeder
seit dem Zweiten Weltkrieg gewählte Kongreß
unrecht hatte, als erden amerikanischen Diplomaten
vor Ort stetige Unterstützung gewährte. Ich glaube
nicht, daß jede Administration seit den Tagen von
Franklin D. Roosevelt unrecht hatte bezüglich der
vitalen Bedeutung internationaler Organisationen.
Die vorgelegten Haushaltsvorschläge enthüllen
meiner Ansicht nach, wir kurz unser historisches
Gedächtnis ist. Sie spiegeln einen beunruhigenden
Mangel an Verständnis dafür wider, was die Vereinigten Staaten in den vergangenen 50 Jahren in
der Welt geleistet haben - und wie wir es geleistet
haben. Kürzungen dieser Größenordnung würden
schlicht und einfach einen fundamentalen Bruch mit

*

AMERIKA DIENST 28

der amerikanischen Führungstradition bedeuten. Sie
sind nicht verantwortlich. Die Fähigkeit dieses und
jedes zukünftigen Präsidenten zur Wahrung amerikanischer Interessen steht auf dem Spiel.
Abgesehen von den Budgetkürzungen sollte ich
erwähnen, daß der Senatsausschuß für auswärtige
Angelegenheiten im Augenblick die Nominierungen
von Botschaftern für 30 Länder zurückhält. Er
verweigert auch die Abstimmung über zwei Verträge START II und die Chemiewaffenkonvention - zu
denen praktisch einhellige Zustimmung besteht.
Zusammengenommen verkörpern die von mir heute
abend beschriebenen Aktionen einen beispiellosen
Angriff auf die Fähigkeit zur Durchführung einer
effektiven Außenpolitik eines Landes.
Ich schätze den Rat als Ort lebhafter Diskussionen
und einer gesunden Debatte. Welche Meinungsverschiedenheiten wir über spezifische politische Themen auch haben mögen - ich bitte Sie, folgendes in
Erwägung zu ziehen: Wenn diese Kürzungen vorgenommen werden, könnten wir in wenigen Jahren
nicht die Mittel zur Umsetzung einer Außenpolitik
haben, für die es sich einzutreten lohnt. Und das
wäre eine Tragödie für das Land und die Welt
gleichermaßen.
Die Zeit ist knapp. Jeder von uns muß bessere
Arbeit bei der Verteidigung des andauernden Bedarfs
nach einer amerikanischen Führungsrolle leisten.
Wenn wir Erfolg haben, können wir hoffentlich zu der
Debatte zurückkehren, die wir haben sollten - der
Debatte darüber, wie Amerikas Stärke genutzt wird,
statt darüber, ob wir stark sein sollten.

* * *

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Amerika auf der Suche nach einer Parole
von Maynard Glitman
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Maynard Glitman über die amerikanische Außenpolitik
nach dem Kalten Krieg. Der Verfasser ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Vermont,
ehemaliger amerikanischer Botschafter in Belgien und Chefunterhändler der Amerikaner bei den
Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen sowie über Atomraketen mittlerer
Reichweite. Glitman absolvierte kürzlich ein Programm als Gastredner in der Türkei, Bulgarien, Frankreich und
Kanada.

Amerika wurde während des Großteils seiner Geschichte von hehren, inspirierenden Zielen motiviert,
die oftmals mit dem Bestand der Gesellschaft in
Zusammenhang standen. Charakteristisch für die
ersten Jahre waren die Ansiedlung von Europäern
und ihr Überleben sowie das Bestreben, Unabhängigkeit zu erlangen und zu bewahren. Die Entwicklung und Einführung eines auf die amerikanische
Erfahrung zugeschnittenen
Regierungssystems
sowie der Kampf um die Aussöhnung des unvereinbaren Nebeneinanders von Demokratie und Sklaverei gipfelte im anschließenden Bürgerkrieg.
Während dieser Zeit und bis weit ins letzte Jahrzehnt
des 19. Jahrhunderts wurde der greifbare Ausdruck
von Amerikas "Manifest Destiny" von der großen
Westbewegung, der "Frontier", beherrscht. Als die
"Frontier" nicht mehr existierte, liebäugelte Amerika
kurze Zeit mit dem Ziel der Gründung eines kolonialistischen Imperiums.
Der Eintritt in den Ersten Weltkrieg, Roosevelts
Bestrebungen zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise und insbesondere der Zweite Weltkrieg waren
ebenfalls Beispiele für profunde und weithin akzeptierte nationale Ziele mit noblem Charakter, die unter
anderen Tagesfragen hervorstachen, zu einer Parole
für die Nation wurden und anschließend nahezu
mythische Eigenschaften annahmen.
Der Sieg im Kalten Krieg war das letzte dieser
großen nationalen Ziele. Der erste Krieg war lang,
"total" und hatte Auswirkungen auf die nationale
Politik, Wirtschaft und Psyche. Kennzeichnend für
den Kalten Krieg waren seine Länge und Intensität.
Überschattet von der Angst vor der "Bombe", im Sog
einer subversiven Bedrohung war das Gebot, den
Kalten Krieg zu gewinnen, nahezu ein halbes Jahr-

AMERIKA DIENST 28

hundert lang die dominante Realität der nationalen
Existenz. Es veranlaßte Amerika dazu, Aktionen zu
unternehmen und sich auf eine Art und Weise zu
verhalten, die bisweilen dem Selbstbildnis des
Landes widersprach. Ferner verschlang es große
Mengen der intellektuellen und finanziellen Ressourcen des Landes und förderte mit durch eine Vielzahl
von Krisen verursachter Intensität eine Kultur, die
relativ mehr Betonung auf schnelle als auf überlegte
Reaktion legte.
Obwohl der Kalte Krieg so lange Bestandteil des
amerikanischen Lebens war, endete er auf relativ
undefinierbare Weise, ohne daß eine gegnerische
Armee auf dem Schlachtfeld besiegt wurde und die
amerikanischen Streitkräfte zu einer Siegesparade
nach Hause zurückkehrten. Im Gegenteil: Obwohl
die Nation bereit war, ihre Aufmerksamkeit auf die
Überwindung der negativen Auswirkungen des Kalten
Krieges auf ihre innenpolitische Gesundheit zu
konzentrieren, sah sie sich bald gezwungen, außenund sicherheitspolitischen Themen wie dem Golfkrieg
und Bosnien einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit zu
widmen.
All diese Faktoren tragen dazu bei, die Anpassung an
die Gegebenheiten der Welt nach dem Kalten Krieg
schwierig zu gestalten. Der Umgang mit dem Erfolg
im Kalten Krieg erweist sich als ebenso schwierig wie
der Umgang mit der Feindschaft während des Kalten
Krieges. Daher ist es verständlich, daß nur wenige
Jahre nach der Verkündigung der Beendigung dieses
Krieges noch kein neues, übergeordnetes Ziel zum
Vorschein gekommen war, das die amerikanische
Nation einen könnte.
Nicht, daß amerikanische Politiker keine neuen
Parolen ausgegeben hätten.
In Anbetracht der

Seite 1

�Tatsache, daß auswärtige Angelegenheiten den
Kern der Bestrebungen des Kalten Krieges darstellten und eine Rolle bei den anderen großen nationalen Bestrebungen Amerikas spielten, ist es nicht
erstaunlich, daß sie Bestandteil der Versuche in der
Zeit nach dem Kalten Krieg waren, ein neues,
umfassendes nationales Ziel zu entwickeln. Folglich
unterbreitete Präsident Bush das Konzept einer
"neuen Weltordnung" und der Entwicklung eines
Zusammenschlusses freier Nationen "von Vancouver
bis Wladiwostok". Präsident Clinton forderte Amerika auf, die Ausweitung der Demokratie zu unterstützen - zusammen mit seiner innenpolitischen
Tagesordnung unter Betonung wirtschaftlicher
Umstrukturierung und der Einführung eines nationalen Gesundheitsprogramms.
Keine dieser Initiativen schürte jedoch die nationale
Phantasie. Ohne ein übergeordnetes Ziel scheint
die Politik der Vereinigten Staaten, insbesondere die
Außenpolitik, von einem Gefühl der Orientierungslosigkeit charakterisiert zu sein. Dieses Gefühl
wurde verstärkt durch ausgeprägte regierungsfeindliche Gefühle, für die das Ergebnis der Wahlen
von 1994 ein Beispiel ist, die selbst die Rolle der
Regierung in Zweifel zogen. Es ist wahrscheinlich,
daß die Entwicklung eines neuen nationalen Ziels,
das breite Unterstützung findet, bis zur Lösung
dieser Frage an der Wahlurne warten muß.
Eine politische Führungsrolle kann einem neuen
nationalen Ziel Gestalt, Form und Dynamik verleihen.
Sie muß einem tiefempfundenen und weithin unterstützten Bedürfnis nach der Erreichung eines nationalen Ziels entspringen. Die Amerikaner sind dafür
bekannt, daß sie sich kurzlebigen Modeerscheinungen hingeben. Das für die Einigung der Nation in
Größe erforderliche Ziel muß weitaus tiefer verwurzelt sein. Selbst große Wissenschafts- oder Bauprojekte eignen sich hierfür wahrscheinlich nicht.
Daher ist es durchaus möglich, daß noch mehr Zeit
vergehen wird, bis ein Konsens über eine neue
Parole gefunden wird.
Die Welt (und Amerikas innenpolitische Bedürfnisse)
werden jedoch kein Charakteristikum der Zeit sein,
bis die Generation des Zeitalters nach dem Kalten
Krieg in Amerika ihr "Rendevouz mit dem Schicksal"
erkennt. Man wird Maßnahmen entwickeln und
durchführen müssen. Ohne den Impuls eines neuen
nationalen Ziels werden sie wahrscheinlich keine
heroische Dimension haben. Aber die Außenpolitik
während dieser Zeit könnte ein Erfolg sein, wenn sie
drei Kriterien erfüllt: Die Beibehaltung der Fähigkeit
Amerikas, Ereignisse auf der Welt zu beeinflussen,
die Förderung der amerikanischen Sicherheitsinteressen und die Stärkung ihres wirtschaftlichen Wohlergehens.

Seite 2

Eine erste Debatte darüber, wie dieses Ergebnis im
Bereich der Außenpolitik erreicht werden kann, hat
bereits begonnen. Einige sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
die Priorität bei der Gewährleistung der amerikanischen Handlungsfreiheit liegen sollte, selbst auf
Kosten einer Schwächung früherer Bündnisse,
insbesondere der NATO, die ihrer Ansicht nach
überflüssig geworden sind.
Es ist das Verdienst des transatlantischen Bündnisses, daß es mehr als jede andere im Kalten Krieg
entstandene Institution die Notwendigkeit des Wandels erkannte. Seine Streitkräfte wurden abgebaut
und umstrukturiert. Es paßte sich an die Evolution
der transatlantischen Partnerschaft an, indem es ein
neues funktionierendes Verhältnis zwischen der
NATO und der WEU schuf. Nach der Gründung des
Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) wurden
ehemalige Gegner eingeladen, an den Konsultationen
im Hauptquartier des Bündnisses teilzunehmen.
Ferner wurden gemeinsame Militärübungen sowie der
Austausch von Personal und Informationen mit
diesen Ländern aufgenommen, was jetzt im Programm Partnerschaft für den Frieden seinen Niederschlag findet, und eine aktive Erwägung der Aussichten und Modalitäten der Aufnahme neuer Mitglieder wurde begonnen.
Um effektiv zu bleiben, muß das Bündnis jedoch vor
allem seine gewohnheitsmäßige Konsultation und
Kooperation im politischen, Sicherheits- und Verteidigungsbereich beibehalten sowie seine Fähigkeit
bewahren, gemeinsame politische oder militärische
Unternehmungen durchzuführen - entweder unter der
Schirmherrschaft des Bündnisses oder eines anderen
Gremiums. Dies wiederum bedeutet, daß Foren des
Bündnisses, insbesondere der Nordatlantikrat und
Mechanismen wie die integrierte Kommandostruktur
und gemeinsame Manöver auf eine Art und Weise
genutzt werden müssen, die allen Mitgliedern gewährleistet, daß sie dank der NATO - sichtlich - über
die Fähigkeit verfügen, eine Bedrohung ihrer Sicherheit abzuwehren und solche Bedrohungen
notfalls zu überwinden.
Die gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit und die
Fähigkeit hierzu sind vielleicht das kostbarste Vermächtnis, das die amerikanischen Gründerväter und
diejenigen, die in den langen Jahren des Kalten
Krieges ihre Arbeit taten, nachfolgenden Generationen hinterließen. Es sollte nicht weggeworfen,
sondern mit anderen geteilt werden, beispielsweise
im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden.
In der Tat haben die Mitglieder des Bündnisses diese
Gewohnheiten und diese Fähigkeit in der Zeit nach
dem Kalten Krieg in Teilen der Welt im sogenannten

AMERIKA DIENST 28

�bündnisfremden Gebiet, wo ihre entscheidenden
Interessen auf dem Spiel standen, effektiv genutzt,
vor allem während des Golfkriegs. Obwohl die
NATO als NATO nicht beteiligt war, spielten die im
Bündnis entstandenen Gewohnheiten sowie die
Fähigkeit zur Kooperation und Zusammenarbeit eine
Schlüsselrolle beim Erfolg der politischen und
militärischen Bestrebungen am Golf.
Wir können nicht erwarten, daß alle künftigen Krisen
so klar und eindeutig sind wie der Golfkrieg. Der
Aggressor war klar definiert sowie leicht und zutreffend als eine Bedrohung dargestellt. Das Vorgehen
hatte daher legale und moralische Rechtfertigung.
Das gemeinsame Interesse der Bündnispartner an
der Gewährleistung, daß dieser Aggressor nicht
vitale Ressourcen in die Hand bekommt, war ebenfalls offenkundig und lieferte die realpolitische
Grundlage für die Militäraktion.
Wir können auch nicht erwarten, daß alle künftigen
Krisen so komplex und verwirrend sein werden wie
die im ehemaligen Jugoslawien. Der Klarheit der
Situation am Golf, einschließlich eines Gefühls für
die betroffenen nationalen Interessen, steht in der
Balkansituation das genaue Gegenteil gegenüber.
Auf jeden Fall haben die langwierigen und bisher
erfolglosen Bestrebungen zu einer Lösung dieser
Situation nicht nur viele Menschenleben gefordert,
sondern uns auch ein starkes Gefühl des Scheiterns
vermittelt, das im Westen das Selbstvertrauen
unterminiert und das Gefühl "gemeinsamer strategischer Interessen" geschwächt hat, selbst wenn die
Verbündeten dies in ihrem Kommunique vom Mai
1995 proklamierten.
Aber das Scheitern bezieht sich eher auf die Analyse sowie das Verständnis der Geschichte der Region
und des Temperaments seiner Völker als auf mangelnde Willenskraft. Der Wille wäre dagewesen,
wenn wir uns einer der Zeit und dem Ort angemessenen Politik verschrieben hätten.
Wäre zum Beispiel frühzeitig erkannt worden, daß
Jugoslawien sich nicht durchwursteln kann und
auseinanderbrechen würde; wäre erkannt worden,
daß die serbischen Minderheiten zwar bereit wären,
in von kroatischen und slawischen Muslimen dominierten Republiken im Kontext eines föderalen
Jugoslawien zu leben, sie sich jedoch weigern
würden, in solchen Republiken zu leben, wenn diese
unabhängige Staaten geworden wären; wäre das
Widerstreben der westlichen Öffentlichkeit und der
Politiker, in den Krieg einzugreifen, um die serbischen Minderheiten zu zwingen, Teil von Kroatien
und Bosnien zu bleiben, garantiert gewesen; wäre
verstanden worden, daß Menschen nicht mit Bomben zu liebevollen Beziehungen gezwungen werden

AMERIKA DIENST 28

können, sondern daß im Gegenteil, wie durch den
Abzug der Krajina-Serben vor kurzem demonstriert
wurde, viele wünschen oder sich genötigt sehen
würden, lieber umzusiedeln, als in einem von den
anderen jugoslawischen ethnischen/religiösen Gruppen dominierten Staat zu leben, insbesondere
nachdem das Blutvergießen begonnen hatte - dann
wäre der Ansatz zu diesem Problem anders gewesen.
Die Betonung hätte von Anfang an auf der Schaffung
einer neuen Struktur und deren finanzieller Unterstützung gelegen, einschließlich eines lebensfähigen
Staates slawischer Muslime (mit hoffentlich einigen
Rudimenten der Multiethnizität) entlang vornehmlich
slowenischer, serbischer und kroatischer Staaten.
Die Verpflichtung aller vier zu starken Minderheitenrechten wäre ein sine qua non für offizielle Anerkennung gewesen. Hilfsprogramme wären eingerichtet
worden, einschließlich der Entschädigung für zurückgelassenes Eigentum und Hilfestellung bei der
Rückführung, wie sie im Falle von Griechenland und
Bulgarien sowie von Griechenland und der Türkei im
Anschluß an ähnlich blutige ethnische Konfrontationen Anfang der zwanziger Jahre erfolgte.
Selbst aus der gegenwärtigen Perspektive betrachtet,
ist dies zwar kein perfektes Ergebnis und ein schwacher Trost für diejenigen von uns, die den Schmelztiegel-Ansatz befürworten, es ist jedoch sicherlich das
geringste Übel. In der Tat legen Berichte über den
Inhalt des letzten von den Vereinigten Staaten
unterstützten Friedensplans für die Region nahe, daß
er sich auf eben solche Prämissen stützt, einschließlich der Bereitschaft, den Ansatz der Kompromißlosigkeit aufzugeben, der ein Merkmal früherer, den
kriegführenden Slawen im Süden vorgelegter Pläne
war. Darüber hinaus haben die bosnisch-serbische
Führung und das Parlament (noch vor Beginn der
Bombardierungen) ein Interesse an einer Verhandlungslösung auf der Grundlage dieses Vorschlags
zum Ausdruck gebracht.
Die Zeit wird weisen, ob das letztliche Ergebnis der
Balkan-Tragödie einen Teil des Selbstbewußtseins
wiederherstellen wird, das die Verbündeten in den
vergangenen Jahren verloren haben. Die jüngste
Demonstration der Entschlossenheit gekoppelt mit
dem neuen, realistischeren, politischen Ansatz sollte
hierbei behilflich sein.
Neue Vorschläge für die Stärkung der transatlantischen und europäischen sicherheitspolitischen
Beziehungen wurden ebenfalls vor kurzem unterbreitet.
Dazu zählen Vorschläge bezüglich der
Chartas, Pakte und Freihandelszonen, die in Wirklichkeit breite, übergreifende und häufig interpretierende
Ansätze einzusetzen versuchen, um alten Arran-

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�gements neues Leben einzuhauchen oder die
Kluften in neuen zu überbrücken. Herausragend
dabei sind die Rufe nach einer neuen transatlantischen Charta, um Richtlinien für die Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und
Europa in der Zeit nach dem Kalten Krieg aufzustellen sowie die Erarbeitung einer Art von Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland.
Ein ähnliches, aber konkreteres Konzept betrifft die
Entwicklung einer Freihandelszone, die Nordamerika
mit der Europäischen Union (EU) verbindet. Dieser
Vorschlag hat bereits zu Debatten über ihre Auswirkungen auf die neue Welthandelsorganisation
geführt, die Handel auf globaler Basis ausweiten soll.
Sie würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Wunsch, wenn nicht sogar den Zwang
vergrößern, daß die europäischen Nichtmitglieder
der EU entweder Mitglieder werden oder ihre Assoziierungsarrangements mit der EU erweitern, wenn sie
nicht einen enormen kommerziellen Nachteil hinnehmen wollen.
In der derzeitigen Situation ist es am wichtigsten,
daß die Regierungen diesen Weg nur verfolgen,
wenn sehr gute Aussichten auf Erfolg bestehen.
Denn das Scheitern eines Abschlusses der Verhandlungen über eine neue transatlantische Charta, eine
transatlantische Freihandelszone oder einen Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland
könnte den Beziehungen, die sie stärken sollen,
großen Schaden zufügen.
Letztlich werden weder diese Ansätze noch die
anderen in der europäischen Sicherheitsarchitektur
vorgenommenen Änderungen Erfolg haben, wenn
die Mitglieder des Bündnisses nicht der Auffassung
sind, daß sie immer noch gemeinsame Interessen
haben, die eine Fortsetzung erstrebenswert machen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges besteht zweifelsohne nicht mehr das fundamentale gemeinsame
Interesse, einer Bedrohung der Existenz freier
Gesellschaften durch die Sowjetunion zu widerstehen. Infolgedessen werden die Bündnispartner
Differenzen in Bereichen wie Handel, einschließlich
des Handels mit Mehrzwecktechnologien, nicht so
leicht immer noch vitalen, aber nicht allumfassenden
Sicherheitserwägungen unterordnen.
*

Seite 4

Dennoch gibt es immer noch mehr als genug Gebiete
gemeinsamen Interesses, die die Bewahrung eines
umstrukturierten Bündnisses rechtfertigen. Natürlich
denkt man an den Golfkrieg. Man könnte jedoch
auch die Bereitwilligkeit anführen, mit der die Mitglieder sich an das Bündnis wandten, ein Forum für
die Erörterung des gescheiterten Putsches in Moskau
vom August 1991 und den innenpolitischen Konflikt
zwischen Präsident Jelzin und der russischen Duma
im Oktober 1993 zu bieten. Die andauernde operative Unterstützung, die sich die Bündnispartner in
Gebieten wie Afrika gewährten, sowie der Wert ihrer
Zusammenarbeit in internationalen Foren wie den
Vereinten Nationen sind andere Beispiele. Besteht
irgendein Zweifel, daß es weitere geben wird?
Es ist offensichtlich, daß es Meinungsverschiedenheiten geben wird, zum Beispiel darüber, wie man mit
der Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung durch
den Iran umgeht. Dennoch sind Differenzen über die
Bewältigung solcher Probleme nicht völlig neu und
traten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges auf.
Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit
und der Bewahrung der Bündnispartnerschaft angesichts dieser Meinungsverschiedenheiten und in
Abwesenheit einer existentiellen gemeinsamen
Bedrohung ist, die Kommunikationskanäle offenzuhalten, frühzeitig, häufig und offen zu konsultieren
sowie Überraschungen und Faits accomplis zu
vermeiden. Die Gewohnheit der Kooperation sowie
der Wille und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit
erfordern Kompromisse und Rücksichtnahme und
werden die Handlungsfreiheit beschneiden, aber sie
haben in diesem neuen und unsicheren Zeitalter nach
wie vor großen Wert. In der Tat, wenn Handlungsfreiheit wünschenswert ist, so gilt dasselbe für
Verbündete, wenn man sie braucht.
Diese Arbeit zu leisten, erfordert kompetente Führung. Es ist nicht der Stoff, aus dem heroische
Legenden gemacht sind, oder zu dem sich Politiker
hingezogen fühlen. Es ist jedoch unerläßlich sicherzustellen, daß Amerika und seine Verbündeten immer
noch die Option haben, mit Hilfe und innerhalb eines
starken Rahmens internationaler Bündnisse zu
arbeiten, wenn die nächste Parole ausgegeben wird.

*

AMERIKA DIENST 28

�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

50 Jahre Hessen
Grußwort von Präsident Clinton
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir ein Grußwort Präsident Clintons an die Bevölkerung des
Bundeslandes Hessen, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, Charles E. Redman, beim offiziellen Festakt in der Frankfurter Paulskirche aus Anlaß der
Gründung des Bundeslandes Hessen durch die amerikanische Militärregierung vor 50 Jahren verlas.

Als General Dwight D. Eisenhower am 19. September 1945 seine "Proklamation Nummer 2" unterzeichnete, setzte er weit mehr in Bewegung als eine
neue Regierung für das Bundesland Hessen.
Hessische Bürgerinnen und Bürger aus allen Lebensbereichen haben den Neubeginn von 1945
genutzt, um eine starke Tradition repräsentativer
Demokratie, freien Meinungsaustauschs, verfassungsgemäßen Regierens und gemeinsamen
Wohlstands aufzubauen. Die Feierlichkeiten anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens von Hessen
bieten eine zeitgemäße Gelegenheit, über Ihre
segensreichen politischen und wirtschaftlichen
Leistungen zu reflektieren.

Die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, von
denen viele ihre Vorfahren bis zu der historischen
Region Hessen zurückverfolgen können, sind stolz
darauf, während der vergangenen fünfzig Jahre Ihr
Partner gewesen zu sein. Während dieser Zeit
haben Sie dauerhafte demokratische Traditionen
entwickelt, die uns miteinander verbinden. Wir freuen
uns auf die Fortsetzung unserer Partnerschaft in den
nächsten fünfzig Jahren und darüber hinaus.
Mit den besten Wünschen
William J. Clinton

* * * * *

AMERIKA DIENST 28

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�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

"Wieder Zusammen"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman
EINSENACH - (AD) - Anläßlich der Eröffnung der Veranstaltungsreihe "Wieder Zusammen - Amerikanische
Tage in Thüringen" hielt der Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles
E. Redman, am 20. September 1995 in Eisenach die nachfolgende Ansprache.

Herr Ministerpräsident,
Mr. Stevens,
Mr. Hermann,
sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute nachmittag
"Wieder Zusammen - Amerikanische Tage in Thüringen" eröffnen zu dürfen. Mit "Wieder Zusammen"
werden die erneuerten Kontakte zwischen den
Vereinigten Staaten und den Bürgern Thüringens
gefeiert. Die Veranstaltung steht für unser großes
Engagement in diesem wichtigen Teil Deutschlands.
Es ist äußerst angemessen, daß wir diese Feier hier,
bei Opel in Eisenach, abhalten. Denn hier sehen wir
die starke amerikanische Präsenz in den neuen
Bundesländern und die Auswirkungen, die diese
Präsenz haben kann, am deutlichsten. Der motivierte, von Teamgeist geleitete Ansatz der Opel AG zur
Problemlösung dient als Modell für die gesamte
ostdeutsche Industrie. Ich möchte Mr. Stevens und
Mr. Hermann persönlich für Ihre Gastfreundschaft
am heutigen Tag danken und Ihnen allen "Herzliche
Glückwünsche zum Geburtstag" sagen.
Die Amerikaner sind aktiv am Aufbau der wirtschaftlichen Zukunft der neuen Bundesländer beteiligt - der
dynamischsten Wachstumsregion im heutigen
Europa. Ungefähr ein Viertel aller ausländischen
Investitionen entfällt auf amerikanische Unternehmen, die rund 15.000 Arbeitsplätze in einer Vielzahl
von Bereichen stellen - Coca Cola, McDonalds,
führende Hotelketten, Banken, MIBRAG (NRG und
Morrison), Dow Chemical und Otis Elevator. Und
natürlich auch Lear Seating, von denen die Stühle
hergestellt wurden, auf denen Sie heute sitzen.
Die Amerikaner sind auch Partner in vielen kleinen
und mittelständischen Betrieben mit weniger als 100
Beschäftigten. Allied Signal plant die Entwicklung

AMERIKA DIENST 28

eines Zentrums für synthetisches Material in Rudolstadt. Applied Materials aus Santa Clara in Kalifornien hat einen Vertrag in Höhe von 80 Millionen DM
für die Installation moderner Technologie in der
neuen Siemensfabrik in Dresden.
Darüber hinaus haben wir in Umwelttechnologie,
Hoch- und Tiefbau, medizinisches Gerät, Verbrauchsgüter und Dienstleistungen, Unternehmensberatung
und Werkzeugmaschinen investiert.
Die Amerikaner sind ebenfalls stark engagiert bei der
Entsorgung von Altlasten der neuen Bundesländer.
In Brandenburg sind amerikanische Firmen beispielsweise Teil eines innovativen Programms für die
Behebung der von den abgezogenen russischen
Truppen hinterlassenen Schäden durch die Umrüstung verlassener Militärstützpunkte in Hochtechnologieparks.
Dow Chemical hat sich bei der Übernahme der
Werke in Buna und Leuna zu einer umweltverträglichen Umgestaltung dessen verpflichtet, was früher
industrielle Einöde war.
Dieses amerikanische Engagement wird durch eine
wichtige Konferenz in Erfurt am 6. und 7. Oktober
unterstrichen, die gemeinsam von der Amerikanischen Botschaft und der American Chamber of
Commerce veranstaltet wird. Diese Konferenz ist die
dritte einer Serie, die im letzten Jahr in Berlin und
Leipzig begonnen wurde und die kooperative Rolle
der US-Regierung bei der Ankurbelung von Investitionen in den neuen Bundesländern hervorhebt.
Mit Blick in die Zukunft wollen wir ein neues Netz
menschlicher Bande zwischen Amerika und den
östlichen Bundesländern aufbauen. Diese wurzeln in
einer Tradition, die auf die vielen Tausenden von
Deutschen zurückreicht, die diese Region über die
Jahrhunderte hinweg verließen, um in der Neuen

Seite 1

�Welt ein neues Leben zu beginnen. Sie gehörten zu
den über sieben Millionen Deutsch sprechenden
Europäern, die nach Amerika emigrierten. Heute
haben 60 Millionen Amerikaner deutsche Vorfahren ein Viertel der US-Bevölkerung.
Zusammen haben wir über die Jahrhunderte eine
Gemeinschaft von Werten und Interessen mit
kulturellen und familiären Banden aufgebaut, die die
Nationen des Nordatlantikraums verbinden. Diese
lebenswichtigen Bande tragen dazu bei, die Stärke
und Flexibilität unserer politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu garantieren.
Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, daß diese
Bande stark bleiben.
Millionen amerikanischer
Soldaten und ihre Familien haben seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs im westlichen Teil Deutschlands gelebt. Die Menschen in diesem Teil Deutschlands hatten jedoch nicht die Chance zu dieser Art
von intensiven Kontakten mit Amerikanern. Jetzt
müssen wir die verlorene Zeit aufholen, indem wir
Amerikaner und Deutsche in Kontakt miteinander
bringen.
Aus diesem Grund haben wir unser auch für Sachsen und Thüringen zuständiges Amerika HausProgramm in Leipzig eingerichtet, das jetzt erweitert
wird. Mit der starken Unterstützung der Freunde des
Amerika Hauses Berlin werden unsere Programme
in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und MecklenburgVorpommern ebenfalls erweitert. Wir bauen Brücken
wieder auf und stellen Verbindungen wieder her, die
sechs lange Jahrzehnte unterbrochen waren.
Der Jugendaustausch ist von besonderer Bedeutung. Ausgezeichnete Programme wie das Parlamentarische Patenschaftsprogramm Kongreß/Bundestag und das Deutsch-Amerikanische Partnerschaftsprogramm bieten Tausenden junger Menschen die Gelegenheit, zusammen zu leben und zu
arbeiten. Seit 1990 hat die Amerikanische Botschaft
nahezu Tausend jungen Deutschen in den neuen
Bundesländern ein Stipendium für einen Besuch in
den Vereinigten Staaten gewährt.
Auch der Austausch auf Universitätsebene hat sich
als unschätzbar erwiesen. Seit 1952, als das
deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm ins
Leben gerufen wurde, haben 25.000 deutsche und
amerikanische Studenten, Dozenten und Professoren Zeit im jeweils anderen Land verbracht. Dies
hatte nicht nur bedeutende Auswirkungen auf ihre
Persönlichkeitsbildung, sondern auch auf Fortschritte
in der Wissenschaft und anderen Forschungsgebieten.

Die RIAS Berlin Kommission hat damit begonnen,
engere Kontakte im Bereich der Medien zu fördern,
indem sie Austauschprogramme für Journalisten aus
den fünf neuen Bundesländern durchführt.
•
In Zusammenarbeit mit der Universität Halle-Wittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen beteiligen
wir uns aktiv an der Einrichtung eines Center for
Advanced English and U.S. Studies in der Lutherstadt
Wittenberg. Radio Charlie der Voice of America hat
in Berlin auf der Frequenz des alten AFN den Sendebetrieb aufgenommen. Eine weitere interessante
neue Institution, die Amerikanische Akademie zu
Berlin, konzentriert sich auf Kulturaustausch über den
Atlantik hinweg und in ganz Zentraleuropa.
Ich möchte betonen, daß wir nicht nur neue Bande
knüpfen, sondern auch alte wiederherstellen. Seit
der Vereinigung Deutschlands haben wir unsere
zahlreichen historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen gestärkt. Wir sind wirklich alte
Freunde, die nach langer Zeit wieder vereint sind.
Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Thüringen haben eine lange Geschichte. Goethe, der stets am amerikanischen Experiment interessiert war, hatte in den Vereinigten Staaten großen
Einfluß - und nicht nur infolge seines berühmten
Gedichtes "Amerika, Du hast es besser". Bereits
1817 stiftete er der Harvard University eine Kopie
seiner gesammelten Werke.
John Augustus Röbling stammt ebenfalls aus Thüringen. Er war, wie Sie vielleicht wissen, Ingenieur und
der Architekt der weltberühmten Brooklyn Bridge, die
lange Zeit die längste Hängebrücke der Welt war.
In diesem Jahrhundert hatte die Bauhaus-Bewegung,
die eng mit Weimar in Verbindung steht, weitreichenden Einfluß auf die Vereinigten Staaten im Hinblick
auf Industriedesign und Architekturstil.
Diese Bande waren jahrzehntelang unterbrochen.
Ihre Wiederherstellung ist eine Aufgabe, die Jahre
erfordern wird. Ich freue mich jedoch, daß wir in so
kurzer Zeit so viel erreicht haben.
Mit "Wieder Zusammen" wollen wir den Thüringern
und anderen Bürgern in den neuen Bundesländern
helfen, die Vereinigten Staaten kennenzulernen. In
den kommenden zwei Wochen werden wir unsere
Bande mit 42 verschiedenen Programmen verstärken:
Konzerten, Ausstellungen, Lesungen amerikanischer
Literatur und Filmvorführungen in zwölf Städten
Thüringens.
Heute nachmittag - im Schatten der Wartburg, die
seit Jahrhunderten ein Symbol deutscher Einheit und

Seite 2

AMERIKA DIENST 28

�des deutschen Beitrags zur westlichen Kultur ist kann ich sagen, daß ich mich über das bereits von
uns Erreichte freue, Amerika und die neuen Bundesländer einander näherzubringen, und daß ich der
Zukunft erwartungsvoll entgegensehe. Ich fordere
alle hier Anwesenden auf, sich an "Wieder Zusam-

men" zu beteiligen und mit uns die Erneuerung der
uns verknüpfenden familiären und kulturellen Bande
zu feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

Seite 3

�WEITERVERBREITUNG
27. September 1995

Eine neue sicherheitspolitische Tagesordnung
Kampf gegen den Nuklearschmuggel
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, am 14. September 1995 bei der
in Garmisch-Partenkirchen veranstalteten "Internationalen Fachtagung über Nuklearschmuggel" hielt, auf der
Zollexperten von über 30 Ländern eine künftige engere Zusammenarbeit beschlossen.

Vielen Dank für die Einladung am heutigen Abend.
Ich freue mich immer, in dieser herrlichen Alpenlandschaft zu sein. Das einzige Problem ist - es ist so
schön hier, daß es schwierig werden kann, sich auf
die vor uns liegende harte Arbeit zu konzentrieren.
Ich muß nicht darauf hinweisen, daß wir in einer Zeit
tiefgreifenden, sogar revolutionären Wandels leben.
Ihre Anwesenheit am heutigen Tag ist ein Beweis für
diese Tatsache. Eine solche Zusammenkunft - mit
vielen Nationen, die einst Gegner waren - wäre noch
vor wenigen Jahren unmöglich gewesen. Diese
Konferenz ist ein konkreter Beweis für die neue Art
von Vertrauen und Zusammenarbeit, um deren
Aufbau wir uns bemühen.
Obwohl der Kalte Krieg vorüber ist, haben wir noch
keine neue Welt des Friedens und Wohlstands
geschaffen. Vielmehr sehen wir uns mit veränderten
und schwierigen Herausforderungen konfrontiert.
Die Weltbühne kann heutzutage nur als verwirrend
und voll neuer, beunruhigender Gefahren bezeichnet
werden.
Es sollte uns nicht überraschen, daß der Umgang
mit solch dramatischen Veränderungen so beschwerlich ist. Schließlich ist die Welt, wie wir sie
ein halbes Jahrhundert lang kannten, mit erstaunlicher Geschwindigkeit Geschichte geworden. Die
unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges sind
verschwunden. An ihre Stelle ist eine Vielzahl
subtilerer Bedrohungen getreten - von denen keine
als einzelne bedrohlich ist, die aber zusammengenommen ebenso beängstigend sind.
Heute
sprechen wir weniger über nukleare Konfrontation
und mehr über Herausforderungen wie die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, ethnische
Konflikte, Überbevölkerung, Umweltzerstörung,
Flüchtlingsströme und Migration sowie humanitäre
Krisen.

AMERIKA DIENST 28

Die Verbreitung von - nuklearen, chemischen und
biologischen - Massenvernichtungswaffen ist eine der
unmittelbarsten und dramatischsten Gefahren, mit
denen wir uns konfrontiert sehen. Nuklearwaffen und
das zu ihrer Herstellung erforderliche Material sind
zunehmend verfügbar. Ballistische Raketen und
andere Trägersysteme sind einfacher zu beschaffen.
Zudem sind wir der Ansicht, daß jetzt mehr als zwei
Dutzend Länder über Chemiewaffenprogramme
verfügen.
In direktem Zusammenhang mit der Gefahr einer
Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen steht die
Bedrohung durch den internationalen Terrorismus,
eine weitere Bedrohung, die eine konzertierte internationale Reaktion erfordert. Die Vereinigten Staaten
arbeiten mit anderen betroffenen Ländern an der
Verbesserung von Koordination und Austausch
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse im Kampf gegen
Terroristen und terroristische Organisationen.
Unsere Arbeit wird durch die Tatsache erschwert,
daß einige Länder den internationalen Terrorismus
aktiv unterstützen. Im Fall Irans, der vielleicht der
schlimmsten Vergehen schuldig ist, werden die
Vereinigten Staaten weiterhin Druck ausüben, damit
Teheran seine Unterstützung von Terrorismus und
Gewalt sowie seine Bestrebungen zur Unterminierung
des Nahost-Friedensprozesses einstellt.
In größerer Nachbarschaft bleiben die Länder Zentraleuropas und die neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion anfällig für ethnische Konflikte, Gebietsstreitigkeiten und den besessenen Eifer,
reales und eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Diese Kräfte - die in Teilen des
Balkan und des Transkaukasus bereits außer Kontrolle geraten sind - traten an die Stelle des sowjetischen Expansionismus als gefährlichste Bedrohung
für politischen Fortschritt und wirtschaftliche Entwick-

Seite 1

�lung in Europa. Rußland ist weiterhin ein großes,
kompliziertes Land inmitten politischer und sozialer
Unruhen. Es muß sich noch für eine postkommunistische Identität entscheiden.
Aber obwohl wir zu diesem Zeitpunkt der Geschichte
mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert sind, haben wir auch eine einzigartige Chance
zur Gestaltung einer neuen Welt, die unsere Interessen stärker fördert und eher im Einklang mit
unseren Werten steht - eine Welt offener Gesellschaften und offener Märkte.
Insbesondere hier auf diesem Kontinent haben wir
die Chance, die Grundlage für ein neues, integriertes
Europa zu schaffen. Präsident Clinton drückte das
vergangenes Jahr klar und deutlich vor dem Brandenburger Tor aus: "Die Berliner Mauer ist gefallen.
Unsere Generation muß nun entscheiden: Was
werden wir an ihrer Stelle aufbauen? ... Ein Europa,
in dem alle Nationen unabhängig und demokratisch
sind. In dem freie Märkte und Wohlstand grenzüberschreitend sind. In dem unsere Sicherheit auf dem
Aufbau von Brücken, nicht von Mauern beruht."
Wo beginnen wir den Prozeß der Errichtung eines
neuen Sicherheitsrahmens für Europa? Ich würde
vorschlagen, daß unsere oberste Priorität die Wahrung des bereits Erreichten ist. Wir verfügen schon
über eine starke Grundlage, einschließlich bewährter
Institutionen wie der NATO, der Europäischen Union
und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Diese Organisationen
waren auf einen geteilten Kontinent zugeschnitten,
in dem die Sicherheit auf der Verteidigung eines
Blockes gegen den anderen basierte. Jetzt müssen
wir sie an neue Gegebenheiten anpassen, indem wir
einen neuen sicherheitspolitischen Rahmen auf der
Grundlage von Integration und Einbeziehung schaffen.
Im Mittelpunkt dieses Rahmens stehen starke
transatlantische Verbindungen. Die Geschichte lehrt
unmißverständlich, daß das strategische Engagement der Vereinigten Staaten in Europa notwendig
für unser aller Sicherheit ist.
Einige werden argumentieren, Amerika sei seiner
internationalen Verpflichtungen müde geworden. Ich
stimme dem nicht zu. Tatsache ist, daß die Unterstützung der Öffentlichkeit für fortgesetztes amerikanisches Engagement in der Welt stark bleibt.
Meinungsumfragen belegen, daß mindestens zwei
Drittel des amerikanischen Volkes eine Führungsrolle
der Vereinigten Staaten in der Welt wünschen.
Ich bin zuversichtlich, daß Amerika 50 erfolgreichen
Jahren nicht den Rücken zuwendet. Zudem hängt

Seite 2

das Engagement Amerikas für die Zukunft Europas
nicht von einem Präsidenten, einem Kongreß oder
einer politischen Partei ab. Es ist eine nationale
Verpflichtung, die auf gemeinsamen strategischen
Zielen, kollektiven Wirtschaftsinteressen und gemeinsamen Werten basiert.
Das Kernstück dieser Verpflichtung bildet die NATO.
Die NATO bringt auf dem europäischen Kontinent
amerikanische Macht und Ziele zum Tragen. Die
NATO ist weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und die Hauptinstitution für amerikanisches
Engagement in europäischen Sicherheitsfragen.
Die NATO ist auch konkreter Ausdruck der transatlantischen Verbindungen. Der 1990 begonnene
Abzug unserer Streitkräfte in Europa ist nahezu
abgeschlossen. Aber Abzug ist nicht dasselbe wie
Rückzug oder Disengagement. In Deutschland sind
noch mehr als 80.000 Soldaten; über 100.000 bleiben
in Europa stationiert. Diese Zahlen sind nicht das
Spiegelbild eines verringerten amerikanischen Engagements für die europäische Sicherheit, sondern nur
einer verringerten Bedrohung.
Mit Blick auf die Zukunft müssen wir offensichtlich
alles Gute aus der Vergangenheit bewahren. Die
NATO muß ein effektives, funktionierendes Militärbündnis bleiben und über die zur Verteidigung ihrer
Mitglieder erforderlichen Streitkräfte und integrierte
Kommandostruktur verfügen.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle lebenswichtigen Institutionen muß sich die NATO kreativ an veränderte
Gegebenheiten anpassen. Sie muß eine neue
Strategie entwickeln und neue Aufgaben übernehmen. Wir befinden uns jetzt inmitten dieses Prozesses.
Die NATO stellt der Westeuropäischen Union jetzt
umfassende politische und militärische Unterstützung
zur Verfügung. Die Stärkung der europäischen Säule
des Bündnisses leistet einen Beitrag zur europäischen Stabilität und transatlantischen Lastenteilung
gleichermaßen.
Und außerdem verbessert sie
unsere kollektive Handlungsfähigkeit.
Am wichtigsten ist, daß die NATO bereits die Entscheidung über eine Förderung der Sicherheit jenseits ihrer alten Grenzen getroffen hat. 1991 gründete sie den Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR),
einen Zusammenschluß von NATO-Staaten und
Mitgliedern des ehemaligen Warschauer Pakts. In
jüngster Zeit rief sie die Partnerschaft für den Frieden
ins Leben, die wichtigste strategische Entwicklung im
Bereich der europäischen Sicherheit seit dem Kalten
Krieg.

AMERIKA DIENST 28

�Mit ihren 26 Mitgliedern dient die Partnerschaft für
den Frieden zwei umfassenden Zielen. Für einige
Länder ist sie eine notwendige Zwischenstation auf
dem Weg zur NATO-Mitgliedschaft, der Übergang
zum Status eines wirklichen Verbündeten. Für
andere stellt sie ein Verbindungsglied zu praktisch
allem dar, was die NATO tut - aber ohne die offizielle Sicherheitsgarantie des Washingtoner Vertrags
und die Mitgliedschaft in der integrierten militärischen Struktur.

In Wahrheit hat Rußland die Wahl. Das Land kann
sich über seine Vergangenheit oder seine Zukunft
definieren.

Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis
verfolgt ein aktives Programm zur Vorbereitung einer
Erweiterung, erörtert die logischen Gründe einer
Erweiterung, die Leitlinien für diesen Prozeß und die
Auswirkungen einer erweiterten Mitgliedschaft. Zu
Herbstbeginn wird die NATO bereit sein, interessierten Ländern die Ergebnisse ihrer Studien mitzuteilen.
Mit Blick in die Zukunft wird die NATO dann bereit
zur Erwägung der nächsten Schritte sein, die zu
Entscheidungen über die tatsächliche Aufnahme
neuer Mitglieder führen.

Die Wirtschaftsreformen dauern an. Ein ehrgeiziges
Privatisierungsprogramm hat das wirtschaftliche
Umfeld Rußlands verändert. Der Privatsektor steht
inzwischen für über 50 Prozent des russischen
Bruttoinlandsprodukts.

Dieser Prozeß wird stetig, überlegt und transparent
verlaufen. Jedes mögliche Mitglied wird dieselben
Informationen bekommen, jedes wird Zugang zu
allen Aspekten des Gedankenguts des Bündnisses
erhalten.
Das Ziel der Erweiterung bleibt die Stärkung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent
- für Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen.
Die NATO ist nicht länger ein gegen irgend jemanden gerichtetes Bündnis. Sie hat nicht den Wunsch,
neue Trennlinien entstehen zu sehen - ganz im
Gegenteil. Die NATO widmet sich der Ausdehnung
der europäischen Einheit sowie der Förderung der
Integration unserer neuen demokratischen Freunde
in Zentraleuropa.
In diesem Zusammenhang sind wir uns bewußt, daß
ein dauerhafter und stabiler Sicherheitsrahmen für
Europa die Nationen der ehemaligen Sowjetunion
einbeziehen muß. Insbesondere die Zukunft Rußlands ist für unser Streben nach Stabilität in Europa
von zentraler Bedeutung. Es gibt kein höheres
strategisches Ziel in Europa als die Evolution eines
friedlichen, stabilen und demokratischen Rußland,
das fest in die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integriert ist.
Unsere Politik gegenüber Rußland basiert auf klarem
Verständnis. Wie Präsident Clinton erklärte, lehnen
wir eine oberflächliche Karikatur Rußlands ab, die
besagt, das Land sei prädestiniert für Diktatur oder
wirtschaftliches Scheitern. Gleichzeitig geben wir
uns nicht der Illusion hin, der Erfolg sei sicher.

AMERIKA DIENST 28

In vielen Bereichen trifft Rußland mutig die richtigen
Entscheidungen. Das Land hat einen frei gewählten
Präsidenten, ein Parlament und eine demokratische
Verfassung. Es verfügt über eine unabhängige
Presse, die oftmals die Politik der Regierung kritisiert.
Die Debatten im Parlament sind lebhaft und offen.

Zweifelsohne muß sehr viel mehr getan werden.
Kapitalmärkte müssen entwickelt werden, die ausund inländische Investitionen anziehen. Rußland
muß sein chaotisches Steuersystem in den Griff
bekommen, ein stabiles Rechtssystem schaffen und
weitere wirtschaftliche Stabilisierung herbeiführen.
Bei alledem dürfen wir jedoch nicht das enorme
Interesse aus den Augen verlieren, das wir alle am
Ergebnis der kontinuierlichen Umgestaltung Rußlands
haben. Ein stabiles, demokratisches Rußland ist für
den Aufbau eines sicheren Europas erforderlich. Ein
instabiles Rußland, das in Autoritarismus oder
Anarchie zurückfällt, wäre eine Katastrophe für uns
alle.
Ferner ist die erfolgreiche Umgestaltung des ehemaligen sowjetischen Imperiums in eine Region souveräner, demokratischer Staaten ein großes Anliegen
für uns. Diese neuen Nationen machen ein Sechstel
der Erdoberfläche aus. Auf ihrem Territorium sind
Zehntausende Nuklearwaffen stationiert. Ihre Bevölkerung und natürlichen Ressourcen verleihen ihnen
ein enormes wirtschaftliches Potential.
Diese Nationen kämpfen darum, das lähmende
Vermächtnis der kommunistischen Herrschaft hinter
sich zu lassen. Sie streben die Aufnahme in die
internationale Staatengemeinschaft als freie, respektierte und verläßliche Partner an. Ebenso wie in
Rußland ist auch hier das Ergebnis dieses Kampfes
noch ungewiß.
Aber wenn alle - oder die meisten von ihnen - dabei
Erfolg haben, wird jeder von uns sicherer sein. Die
Bedrohung einer nuklearen Vernichtung wird weiter
verringert. Wir werden neue Chancen für Wirtschaftswachstum haben. Für unsere Geschäftsleute
bedeutet es neue Märkte und neue Lieferquellen.

Seite 3

�Damit diese neuen unabhängigen Staaten wirklich
verläßliche Partner werden, müssen sie sich für
demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
entscheiden und bei dieser Entscheidung bleiben.
Sie müssen sich von den Gewohnheiten und Strukturen despotischer Regierungen befreien. Sie
müssen Volkswirtschaften aufgeben, in denen alles
dem Staat gehörte und alles von der Partei entschieden wurde.
Die neuen Staaten müssen ihren eigenen Kurs
wählen, die Risiken und die Last tragen. Es liegt
jedoch in unserem Interesse, daß sie Erfolg haben
und auch die Vorteile der Integration in die neue
Architektur erlangen, die wir aufbauen.
Gemeinsam mit der NATO wird die Europäische
Union eindeutig einen Eckpfeiler der zukünftigen
Sicherheit Europas bilden. Obwohl die EU vornehmlich ein politisches und wirtschaftliches Gebilde ist,
leistet sie einen wichtigen Beitrag zur europäischen
Sicherheit als mächtige Integrationskraft. Ihre Erweiterung nach Osten wird gleichermaßen politisch wie
wirtschaftlich als Teil des Integrationsprozesses und
der Stabilisierung der beiden Hälften Europas von
großer Bedeutung sein.
Die EU wird auch eine zentrale Rolle dabei spielen,
zur Erweiterung und Intensivierung der transatlantischen Kooperation und Koordination bei wirtschaftlichen und sozialen Themen beizutragen, die einen so
großen Teil unserer Beziehungen ausmachen. Wir
wissen, daß die EU sich in den kommenden Jahren
wichtigen Herausforderungen stellen muß - Herausforderungen, die wahrscheinlich ihre Institutionen,
Operationen und ihre Identität verändern werden.
Die erste Herausforderung ist die Bewältigung ihrer
eigenen Erweiterung - ein Prozeß, der den ursprünglich für sechs Mitgliedstaaten gegründeten und
seitdem kaum veränderten EU-Institutionen beträchtliche Lasten auferlegen wird. Die EU wird einen
effizienteren Entscheidungsfindungsprozeß im Einklang mit zunehmender Mitgliedschaft anstreben.
Gleichzeitig muß sie sich mit der grundlegenden
Frage auseinandersetzen, was sie sein sollte: Ein
föderales Europa oder ein Europa der Nationen. Die
zwischenstaatliche Konferenz von 1996 wird diese
Fragen ansprechen, die vielfältige Auswirkungen auf
die neue europäische Sicherheitsarchitektur haben
werden.
Die Vereinigten Staaten begrüßen Bestrebungen zur
Stärkung und Erweiterung der EU ebenso, wie wir in
den vergangenen 45 Jahren den Prozeß der europäischen Integration unterstützt haben. Die demokratischen und republikanischen Administrationen
haben gleichermaßen die Ansicht vertreten, daß ein

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starkes Europa starke Vereinigte Staaten bedeutet daß unsere transatlantische Brücke an jedem Ende
so starke Pfeiler wie möglich benötigt. Im Einklang
mit dieser Sichtweise wird eine erweiterte EU unseres
Erachtens zur Schaffung eines stabilen und demokratischen Europas beitragen.
Während sich diese Evolution vollzieht, dürfen die
Vereinigten Staaten und Europa jedoch nicht ihre
Mission vernachlässigen, bei der Bekämpfung von
Protektionismus und dem Aufbau zunehmend offener
globaler Märkte zusammenzuarbeiten. Wir haben in
den letzten 50 Jahren viel erreicht, aber unsere Arbeit
ist noch nicht getan. Nun, da die Uruguay-Runde
abgeschlossen und die Welthandelsorganisation eine
Tatsache ist, müssen wir einen transatlantischen
Konsens zur künftigen Richtung unseres bilateralen
Handels und gemeinsamen Ansatzes zur weiteren
Öffnung der Weltmärkte erzielen. Es ist jetzt nicht die
Zeit, unsere Wirtschaftsbeziehungen als selbstverständlich hinzunehmen.
Wir dürfen auch nicht zulassen, daß die unvermeidlichen Differenzen in unseren Handelsbeziehungen
das übergeordnete Ziel unserer wirtschaftlichen
Partnerschaft unterminieren. Hier ist konstante
Wachsamkeit angesagt. In Ermangelung einer uns
einigenden militärischen Bedrohung können wir nicht
länger erwarten, daß unsere Meinungsverschiedenheiten beim Handel automatisch gemeinsamen
Sicherheitsbelangen untergeordnet werden.
Und wir werden Differenzen haben wie über das
Bananenregime der EU, ihre audiovisuellen Maßnahmen, Flugzeugsubventionen und ähnliches. Ohne
den Druck des Kalten Krieges werden sich die
Dispute wahrscheinlich eher dahinziehen und erbitterter werden. Es wäre jedoch eine Tragödie, wenn die
Irritationen das Vertrauen, die Zuversicht und den in
50 Jahren erfolgreicher Partnerschaft entwickelten
Kooperationsgeist aushöhlen würden.
Wir dürfen nicht zulassen, daß die Tatsache unserer
Wettbewerbssituation auf den Weltmärkten unsere
Verpflichtung zur weiteren Liberalisierung untergräbt.
Unsere Beziehungen müssen weiterhin umfassend
und kooperativ sein, unsere gemeinsame Vision und
unsere gemeinsamen Ziele betonen sowie stets den
enormen Wert dessen im Auge behalten, was wir in
den vergangenen 50 Jahren durch die äußerst enge
wirtschaftliche Partnerschaft erreicht haben.
Zusammen mit der NATO und der EU kann auch die
OSZE eine wichtige Rolle bei der europäischen
Sicherheit spielen. Sie ist dafür ausgerüstet, eine
Vielfalt von Herausforderungen zu bewältigen, die
weder die NATO noch die EU ansprechen kann.
Unserer Ansicht nach kann die OSZE das entschei-

AMERIKA DIENST 28

�dende Instrument dabei sein, uns durch die Zeit
nach dem Kalten Krieg zu leiten. Sie kann zur
Förderung der europäischen Integration beitragen
und gleichzeitig unsere flexible erste Verteidigungslinie gegen regionale und ethnische Konflikte werden.

persönlich bin ein Optimist. Schließlich sind die
Herausforderungen von heute nicht die ersten, die wir
gemeinsam angegangen sind. Wenn wir auf die
letzten 50 Jahre zurückblicken, sehen wir viele große
Leistungen angesichts ebenso schrecklicher Prognosen der Hoffnungslosigkeit und des Verhängnisses.

Wenn wir auf die letzten 20 Jahre zurückblicken,
erkennen wir, daß die in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Prinzipien der territorialen Integrität
und friedlichen Beilegung von Streitigkeiten sich als
revolutionär erwiesen haben. Die Schlußakte verankerte Menschenrechte als legitimes Thema internationaler Gespräche. Sie definierte gemeinsame
demokratische Normen, die jetzt grundsätzlich von
allen Ländern Europas anerkannt werden. Damit
ebnete sie den Weg für die demokratische Umgestaltung des Ostens. Sie ist nach wie vor eine
kohärente und zwingende Grundlage für politische
Reform und regionale Stabilität.

Noch vor wenigen Jahren schien die Ost-WestKonfrontation endlos, und der nukleare Holocaust
täglich möglich. Man dachte, die Berliner Mauer
würde ewig stehen. Es wurde gesagt, das letzte
Kapitel über Deutschland als geeinte Nation sei
geschrieben und die Teilung Europas permanent. Es
wurde gesagt, die amerikanischen Legionen würden
wie die des Alten Roms auf unbegrenzte Zeit in
Berlin und an anderen Vorposten des Kalten Krieges
Wache harten.

Der große Vorteil der OSZE besteht darin, daß sie
sowohl europäisch als auch transatlantisch ist. Sie
umfaßt alle europäischen Staaten plus Kanada und
die Vereinigten Staaten. Sie bietet ihren 53 Mitgliedern - von Vancouver bis Wladiwostok - ein
einzigartiges Instrument für Konsensbildung. Statt
Verhaltensweisen über rechtliche oder militärische
Aktionen durchzusetzen, strebt sie die Schaffung von
Sicherheit durch den Aufbau neuer Formen der
Kooperation an.
Lassen Sie uns folgendes eindeutig klarstellen: Die
OSZE wird weder Ersatz für die NATO noch ein
Instrument zur Beendigung von Kriegen. Aber mit
aufgestockten Ressourcen und modernisierten
Konsultationsmechanismen könnte sie eine größere
Rolle bei der Krisenbewältigung und der Verhinderung regionaler Konflikte spielen.
Zusammengenommen verkörpern diese Institutionen
die institutionelle Grundlage eines wirklich integrierten Europas. Werden sie sich jedoch den Anforderungen des 21. Jahrhunderts stellen können? Ich
*

AMERIKA DIENST 28

Heute wissen wir, wie unrecht wir hatten. Die Ereignisse von 1989 und 1991 bewiesen über jeden
Zweifel hinaus die Anziehungskraft und Macht
westlicher Werte. Die uns heute konfrontierenden
Gefahren unterscheiden sich von denen des Karten
Krieges, aber unsere Reaktion muß auf denselben
Prinzipien gründen, die uns 50 Jahre lang geleitet
haben - und auf der transatlantischen Partnerschaft,
die ihnen Leben und Vitalität verliehen hat. Uns wird
eine ganze Reihe neuer Chancen geboten, um
positive Beziehungen von beiderseitigem Nutzen über
diesen Kontinent hinweg aufzubauen. Das ist der
Grund Ihres Hierseins.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir heute abend zuhören.
Als die Treuhänder und Wächter des Handels und
der Reisen zwischen Nationen ist Ihre Rolle in diesen
ungeordneten aber vielversprechenden Zeiten sowohl
wichtig als auch notwendig. Ich hoffe, daß diese
Konferenz für Sie von Nutzen sein wird, während Sie
über nationale Grenzen hinweg zusammenarbeiten.
Ich bitte Sie alle, sich erneut dazu zu verpflichten, die
Welt zu einem besseren Ort für uns alle zu machen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 5

�TELEKOMMUNI

KATION
27. September 1995

USA sollten Führungsrolle bei der Reform des
Telekommunikationswesens übernehmen
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident Gore erklärte, die Vereinigten Staaten sollten bei der weltweiten Reform
des Telekommunikationswesens "einen Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben".
Beide Häuser des Kongresses haben unabhängig voneinander Telekommunikationsgesetze verabschiedet.
Ein Konferenzausschuß von Senat und Repräsentantenhaus muß einer Version der ausstehenden
Gesetzesreform zustimmen, über die dann beide Kammern abstimmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident Gore am 12. September 1995 bei der Konferenz
über die vernetzte Wirtschaft hielt.

Eine Redensart besagt, wenn sich ein Stoßzahn
durch Deine Zeltwand bohrt, kannst Du dahinter
einen Elefanten vermuten. Diejenigen von uns in
Washington, die sich mit der Telekommunikationsreform befassen, verbringen manchmal zuviel Zeit
damit, sich auf Stoßzähne zu konzentrieren, und
zuwenig mit dem, was vor dem Zelt steht.
Heute möchte ich mich auf Information als zunehmend zentrale Organisationskraft unserer Gesellschaft und der Welt konzentrieren, wie sie in der
entstehenden Globalen Informationsinfrastruktur
(Global Information Infrastructure - Gll) dargestellt
ist.
Die Vereinigten Staaten wurden aus der Verpflichtung zum freien Fluß von Ideen und Kommunikation
geboren - Religions-, Versammlungs- und Redefreiheit. "Keine Versteuerung ohne Volksvertretung"
war vor 200 Jahren der Schlachtruf gegen eine
Zentralregierung, die den Bitten ihrer Bürger gegenüber taub ist. Es ist kein Zufall, daß der erste
Zusatzartikel zu unserer Verfassung Redefreiheit
garantiert.
Während unserer gesamten Geschichte definierten
wir uns über unseren Wunsch, mit dem Stern am
Horizont zu kommunizieren. Vom Pony Express
über den Telegraphen und die transkontinentale
Eisenbahn bis hin zum die Bundesstaaten verbindenden Autobahnsystem haben wir einen Traum
nach dem anderen aufgebaut, um die Bande zu
stärken, die unsere Nation zusammenhalten.

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Als Neil Armstrong auf dem Mond landete, erkannten
wir, daß unsere Träume über unsere Nation hinaus
auf die gesamte Welt ausgeweitet werden können.
Aber unser heutiger Traum besteht nicht darin,
Geschwindigkeitsrekorde zu brechen oder Pioniere
an eine neue Grenze zu schicken. Er handelt von
der Überwindung der Hindernisse, die unser Wissen
über die Welt, unsere Nachbarn und uns selbst
begrenzen.
Er handelt von Millionen einzelner
Reisen zur Erforschung der Grenzen des Wissens sei es die Konversation eines Kindes über E-mail mit
einem Forscher am Südpol, eine Tour im Louvre
direkt aus dem eigenen Wohnzimmer heraus oder
eine Exkursion zu den jüngst entdeckten Höhlenmalereien, die Frankreich jetzt ins Internet gebracht hat.
Wir werden nicht alle Vorteile der Nationalen Informationsinfrastruktur (National Information Infrastructure Nil) genießen, wenn sie nicht mit dem weltweiten
Netz der Netze, der globalen Informationsinfrastruktur
verbunden ist, die alle Länder, Städte und Dörfer
miteinander verbindet und nicht nur Telefondienste,
sondern auch mit Hochgeschwindigkeit Daten und
Video bereitstellt. Ein solches globales Netz würde
die Amerikaner in die Lage versetzen, über nationale
Grenzen und Kontinente hinweg ebenso leicht zu
kommunizieren wie heute über Bundesstaaten
hinweg. Zeitzonen, nicht Kosten werden das größte
Hindernis dabei darstellen, mit Angehörigen, Freunden und Kollegen ungeachtet ihres Aufenthaltsortes
Kontakt zu pflegen.
Wir sprechen über die Gll als wäre sie ein Ding, ein
Produkt, eine Sammlung von Hardware und Software,

Seite 1

�Satelliten und Telefonen, Schaltern und Fasern. Sie
ist all das - und viel mehr. Sie ist ein Konzept, das
unsere Vorstellung von unserem menschlichen
Potential geändert hat.
Sie ist das Erbe einer Reihe großer gedanklicher
Durchbrüche, die die Menschheit veränderten - von
der Vision des Kopernikus, die zur Erdumsegelung
herausforderte, über die Entdeckung elektromagnetischer Energie, die uns jetzt die Umrundung der Erde
mit Satelliten gestattet, Zellulartelefonen und Computern bis zur Geburt der modernen Physik aufgrund
der gedanklichen Experimente Einsteins, die zu
dramatischen, fast über unser Verständnis hinausgehenden Fortschritten in den Bereichen Energie, Elektronik und Computern führten.
Ich möchte heute nicht über die im Zusammenhang
mit dem Gll stehenden Technologien sprechen, die
Sie allzugut kennen, sondern über die Wahl, die wir
alle in Anbetracht dieser neuen globalen Realität
treffen müssen.
Da Informationen immer reichhaltiger angeboten
werden, anstatt zum knappen Gut zu werden,
schaffen die Nationen das Telekommunikationsmonopol der Vergangenheit ab und ersetzen staatliche Kontrolle durch Privatinvestitionen und Wettbewerb. Dabei entdecken sie, daß ihre Herausforderungen nicht so sehr technologischer wie
politischer und strategischer Natur sind.
Zwei Fragen tauchen immer wieder auf.
Erstens: Was ist die Vision für die Gll?
Und zweitens: Welche Werte wird sie fördern?
Ich möchte über unsere Vision für die Gll sprechen die der Clinton-Administration und vieler Menschen
in unserem Land - über die Werte, die sie definieren
sollten und wie wir zur Erlangung der Vision und der
Werte zusammenarbeiten können.
Angefangen mit der ersten internationalen Konferenz
über die Entwicklung im Telekommunikationswesen,
die Anfang 1994 in Buenos Aires stattfand, förderten
die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll,
welche auch die nach Ansicht dieser Administration
für den Erfolg unserer NM entscheidenden Grundsätze einbezieht. Diese fünf Grundsätze - Privatinvestitionen, Wettbewerb, Universalität der Dienstleistungen, offener Zugang und flexible Bestimmungen wurden seitdem auf industriellen und politischen
Foren weltweit angenommen und befürwortet,
beispielsweise dem APEC-Treffen der Telekommunikationsminister im koreanischen Seoul, dem
interamerikanischen Gipfel in Miami vergangenen

Seite 2

Dezember, dem G-7-Ministertreffen vergangenen
Februar in Brüssel und dem G-7-Gipfel in Halifax.
Obwohl man leichter für diese Grundsätze eintreten
kann als sie zu erlangen, sind sie sichtbare Anzeichen für Fortschritt.
Die APEC-Nationen haben Schritte zur Öffnung der
Märkte für Telekommunikationsgerät und -dienstleistungen unternommen. Die Staaten der Europäischen Union haben eine Liberalisierung des Marktes
für elementare Telefondienstleistungen bis Januar
1998 zugesagt. Die jetzt bei der Welthandelsorganisation in Genf geführten Gespräche bewegen sich
eindeutig auf ein multilaterales Abkommen im Frühjahr kommenden Jahres zur Öffnung der Telekommunikationsmärkte hin. Zusätzlich unterzeichneten
die Vereinigten Staaten jetzt bilaterale Abkommen mit
Chile, Argentinien, der Ukraine, Rußland und anderen
Staaten zur Zusammenarbeit bei der Förderung von
Investitionen und Wettbewerb im Telekommunikationssektor. Wir werden uns diesen Herbst bei der
Weltrundfunkkonferenz in Genf für die Förderung
stärkerer internationaler Verbindungen einsetzen. Wir
führen bilaterale Gespräche mit Südafrika und
nehmen dort nächstes Frühjahr an einem internationalen Treffen über die Rolle der Telekommunikation
in weniger entwickelten Ländern teil.
Die unserer Vision zugrundeliegenden Prinzipien
bieten ein Modell für die Entwicklung der Gll in
Ländern mit stark variierenden Bedürfnissen, Kulturen
und Technologien. In den Entwicklungsländern
fördern und unterstützen wir mit Hilfe dieser Grundsätze die Telekommunikationsentwicklung als wichtigen Bestandteil von Wirtschaftswachstum und Entwicklung, nicht als luxuriöses Ergebnis von Wachstum. Unseren Konkurrenten und Handelspartnern
haben wir in Aussicht gestellt, unsere verbleibenden
Hindernisse für Auslandsinvestitionen bei den Telekommunikationsdienstleistungen zu beseitigen, wenn
sie es auch tun.
In allen Fällen sind globale und nationale Entwicklung
nicht möglich ohne Privatinvestitionen, offenen
Marktzugang und Wettbewerb - und wir setzen uns
dafür ein, das weltweit zu erreichen. Die Gll wird das
Ergebnis Tausender von Bestrebungen weltweit sein,
unsere Nationen und Bürger zu verbinden. Wie ein
wunderschönes, zerbrochenes Bild, dessen Teile
dem Ganzen in seiner Organisationsstruktur und
Gestalt in jeder Hinsicht ähneln. Entsprechend wird
sie als komplexes System ein Niveau der Selbstorganisation erreichen, das neue Funktionen und
Eigenschaften hervorruft, die nicht im Vorfeld konstruiert oder prognostiziert werden können.

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�Es ist unvermeidlich, daß die unsere Bestrebungen
bei der Entwicklung der GM leitenden Werte zusammen mit dem System als Ganzem kopiert werden. Aus diesem Grund machen sich so viele
Menschen Sorgen, wenn alles, was sie über die GM
hören, aus futuristischen, utopischen Szenarien
besteht, die von technologischen Wundern und
seltsamem Vokabular dominiert sind. Sie fürchten,
indem wir die Zukunft der Technologie entwerfen,
würden wir die Zukunft der Demokratie vergessen;
bei der Förderung direkter Kommunikation würden
wir die universelle Bildung und Ausbildung vergessen; bei unserem ehrgeizigen Streben nach
erhöhter Produktivität und neuen Quellen des
Wohlstands würden wir vergessen, das wirtschaftliche Wohlergehen und den Lebensstandard aller
Gesellschaftsschichten zu verbessern. Und sie
fragen mit Recht: "Welches sind die Werte dieses
neuen Informationszeitalters?"
Es gibt Tausende konkurrierender Visionen über die
Entwicklung und Erlangung der GM. Jedes Unternehmen, jeder Industriezweig, jeder Sektor hat seine
eigenen Strategien für Erfolg und zukünftige technologische Dominanz. Aber wer macht sich Sorgen
über die nächste Generation und nicht nur über den
nächsten Dollar?
Wer räumt dem öffentlichen
Interesse einen Platz an der Tafel ein? Wer kann es
sich leisten, über direkte Eigeninteressen hinaus auf
die Eigenschaften des Systems als Ganzes zu
schauen? Und wie können wir diese Aufgaben
erfüllen, ohne den Sektor zu belasten, der verantwortlich für den Aufbau der Gll ist?
Ich bin fest davon überzeugt, daß die angemessene
Rolle der Regierung bei der Entwicklung der Gll
darin besteht, auf jeder Stufe des Wachstums, bei
jedem Stand der Tätigkeit, auf jedem Niveau die im
öffentlichen Interesse liegenden Werte Demokratie,
Bildung und Ausbildung, wirtschaftliches und soziales Wohlergehen all unserer Bürger zu fördern und
zu erlangen. Wenn wir nicht versuchen sicherzustellen, daß jedes Projekt, jedes Netzwerk, jedes
System von Anfang an dem öffentlichen Interesse
dient, stellt sich die Frage, wann man es berücksichtigt. Wie können wir erwarten, daß das Endprodukt
oder System diesen Werten Rechnung trägt, wenn
wir sie nicht von Anfang an in die DNA einfügen?
Die Wahrnehmung des öffentlichen Interesses ist
nicht die einzige Rolle der Regierungen der Welt.
Sie müssen die Verantwortung dafür übernehmen,
die meisten Hindernisse für Privatinvestitionen und
Wettbewerb aus dem Weg zu räumen. Die Förderung und der Schutz des öffentlichen Interesses
müssen jedoch ihr Hauptanliegen sein. Das gleiche
gilt für die Privatindustrie: Obwohl es das Anliegen
der Privatindustrie ist, Profite zu erwirtschaften, sollte

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dies nicht ihre einzige Aufgabe sein. Die Privatindustrie kann die Innovationen und Visionen bieten,
um die Vorteile der Gll in finanzierbarer und nützlicher Weise in jeden Winkel der Welt zu bringen.
Wenn die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll
darlegen sollen, die diese Werte einbezieht, müssen
wir sie in Worte und Taten umsetzen. Wir können
keine Führungsrolle übernehmen, indem wir anderen
sagen, was sie tun sollen und nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Welche Maßnahmen können wir
also ergreifen, welche Maßnahmen ergreifen wir, um
zu beweisen, daß es uns mit unserer Vision und
unseren Werten ernst ist?
Meines Erachtens gibt es zwei Bereiche, in denen die
Vereinigten Staaten ihre Verpflichtung zu den Prinzipien des Wettbewerbs, offenen Zugangs, universeller
Dienstleistungen, Privatinvestitionen und flexibler
Bestimmungen im Dienste der Werte von Demokratie,
Ausbildung und wirtschaftlichen Chancen demonstrieren können.
Ein Bereich ist natürlich die Reform des derzeit im
Kongreß erörterten Kommunikationsgesetzes von
1934, in dem jedes der fünf Prinzipien gestärkt
werden sollte. Der andere Bereich ist die Art, in der
wir unsere nationalen Ressourcen zur Förderung
dieser Werte im In- und Ausland aufwenden sollten.
Die dem Kongreß zur Verabschiedung vorliegenden
Gesetzesvorlagen zur Reform des Telekommunikationswesens sollten eine große Chance zur Auswertung des uns von vorigen Generationen Hinterlassenen darstellen, die den Weitblick zur Wahrnehmung des öffentlichen Interesses und zur Planung
der Zukunft hatten, indem sie Chancen verbesserten,
universelle Dienstleistungen erweiterten, Ausbildung
und Bildung förderten sowie die Wirtschaft stärkten.
Statt einer Verpflichtung für die Zukunft sind diese
Gesetzentwürfe, insbesondere die Vorlage des
Repräsentantenhauses, ein Vertrag mit 100 Unternehmen. Diejenigen mit dem höchsten Angebot nicht die höchsten Prinzipien - waren der Maßstab.
Im Veto des Präsidenten zum Gesetzentwurf des
Repräsentantenhauses ist es präzise formuliert: "Ein
Gesetz ist erforderlich, um Investitionen anzuziehen,
Wettbewerb zu fördern, offenen Zugang zu Informationsnetzen bereitzustellen, universelle Dienstleistungen zu stärken und zu verbessern sowie flexible
Bestimmungen für diesen wichtigen Industriezweig
anzubieten. Die Verbraucher sollten in den Genuß
der Vorteile von niedrigeren Preisen, besserer
Qualität und größerer Auswahl bei ihren Telefon- und
Kabeldiensten kommen, und sie sollten weiterhin von
einer Vielfalt der Meinungen und Gesichtspunkte im
Radio, Fernsehen und in den Printmedien profitieren."

Seite 3

�Bedauerlicherweise erreicht die Gesetzesvorlage
H.R. 1555 in ihrer verabschiedeten Form keines
dieser Ziele. Statt Investitionen und Wettbewerb zu
fördern, unterstützt sie Fusionen und die Konzentration von Macht. Statt offenen Zugang und die
Vielfalt von Inhalten und Sichtweisen zu fördern,
gestattet sie, daß weniger Menschen die Kontrolle
über eine größere Zahl von Femseh-, Radio- und
Zeitungseinrichtungen in den Gemeinden haben.
Dieses Gesetz würde:
die Beschaffung einer unbegrenzten Anzahl von
Rundfunksendern in jeder Gemeinde und landesweit durch eine einzige Institution gestatten,
das zur Zeit bestehende Verbot des gleichzeitigen Besitzes von Zeitungen und Rundfunkstationen aufheben, das für den Schutz unserer Demokratie vor dem sicheren Mißbrauch von solcher
Bedeutung ist,
den Bell-Telefongesellschaften das Angebot
eines Fernsprechdienstes gestatten, bevor es
beim lokalen Dienst echten Wettbewerb gibt, mit
praktisch überhaupt keinen Schutzmechanismen
und ohne die Entscheidung des Justizministeriums, daß das Unternehmen Wettbewerb nicht
verhindert,
eine übermäßige Zahl von Abfindungen zwischen
Telefongesellschaften und Kabelbetreibern
gestatten, mit denen Wettbewerb durch Konsolidierung ersetzt wird, die Verbraucher in
ländlichen Gebieten und Kleinstädten in den
meisten Fällen keinen Schutz vor überhöhten
Gebühren durch Monopolanbieter haben und in
absehbarer Zeit kein Wettbewerb zu erwarten ist.
Kein Wettbewerb und keine Bestimmungen sind
ein Traum für einige und ein Alptraum für andere,
die Kabelprogrammierungsdienste und Gerätegebühren deregulieren, bevor sich die Kabelbetreiber echtem Wettbewerb ausgesetzt sehen und
keine Vorschriften für den Schutz der Verbraucher nach der Deregulierung vorsehen,
den Bundesstaaten bei der Einführung bestimmter Gebührenvorschriften zuvorkommen und ihren
lokalen Telefonmarkt für bestimmte Arten von
Wettbewerb öffnen, sollten sie sich dafür entscheiden.
Die kumulativen Auswirkungen dieser Bestimmungen
wären nachteilig für den Wettbewerb und würden die
Vorteile für die Öffentlichkeit schmälern.
Seit der Verabschiedung der Gesetzesvorlagen von
Repräsentantenhaus und Senat hat der Senat das

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Budget des Bundeskommunikationsausschusses
(Federal Communications Commission - FCC) um 20
Prozent gekürzt. Wie Sie vielleicht wissen, übertrugen beide Gesetzentwürfe dem FCC mehr Verantwortung für die Durchführung der Telekommunikationsreform, und infolgedessen impliziert dieses
Vorgehen, daß die Telekommunikationsreform selbst
entweder gescheitert oder ein Betrug ist. Gescheitert, weil der Kongreß die Umsetzung durch den FCC
nicht ernst gemeint hat, oder ein Betrug, weil der
Kongreß vorgab, dem FCC die Macht für Entscheidungen im öffentlichen Interesse zu übertragen, aber
nicht daran interessiert ist, ihm die Mittel zuzuweisen,
dies tatsächlich zu tun.
Das ist nicht die richtige Art, die Welt ins Informationszeitalter zu führen. Und glauben Sie mir, die
Welt beobachtet, was wir tun - und sie beobachtet
sehr genau. Ich fordere den Kongreß auf, das
Telekommunikationswesen überparteilich zu behandeln. Man sollte es nicht als eine Möglichkeit ansehen, nur Trophäen für Finanzgeber zu sammeln und
vorzuzeigen. Unterstützen und verbessern Sie die
internationale Führungsrolle und das Wohlergehen
Hunderter von Unternehmen, indem Sie dem Präsidenten ein Reformgesetz vorlegen, das er unterzeichnen kann.
Die Vereinigten Staaten sollten bei der Reform einen
Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben.
Wir sollten die Führungsrolle in der Welt dabei
übernehmen, dem öffentlichen Interesse eine Rolle in
unserem Telekommunikationssystem zu übertragen.
Der zweite Bereich, in dem wir unser Engagement für
unsere eigene Vision und unsere Werte unter Beweis
stellen müssen, ist der Haushalt. Und auch hier
scheint der Kongreß unsere Vergangenheit außer
acht zu lassen und blind gegenüber unserer Zukunft
zu sein. Die Führungsrolle unserer Nation bei der
Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
gründet sich auf unsere Führungsposition in Wissenschaft und Technologie - eine Führungsposition, die
durch 50 Jahre beispielloser überparteilicher Verpflichtungen ermöglicht wurde.
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner
eine technologische Basis aufgebaut, die uns heute
wirtschaftlich belohnt, indem neue Arbeitsplätze
geschaffen und neue Industriezweige hervorgebracht
werden. Es ist eine bemerkenswerte Geschichte,
einzigartig in der gesamten Geschichte der Menschheit. In der Tat waren Innovationen in den vergangenen 50 Jahren verantwortlich für mindestens ein
Viertel - und möglicherweise sogar fast die Hälfte des Wirtschaftswachstums unserer Nation. Möchte
wirklich jemand ernsthaft das Argument vorbringen,

AMERIKA DIENST 28

�dies wäre ohne eine maßgebliche Rolle der Regierung möglich gewesen?
Die staatlichen Investitionen in technologische
Forschung und Entwicklung haben die wesentlichen
Bausteine der Nil ermöglicht. Es war eine vor über
25 Jahren zwischen der Bundesregierung, der
Industrie und der akademischen Welt begonnene
kreative Partnerschaft bei Hochleistungscomputern
und Kommunikationsleistungen, die Forschung beim
inzwischen als Internet bekannt gewordenen Netzwerk unterstützte und zur Evolution der Kommunikations- und Informationsindustrie beigetragen hat und zur Schaffung neuer Unternehmen, die aus dem
Nichts aufzutauchen scheinen, tatsächlich aber auf
einer soliden Grundlage visionärer technologischer
Unterstützung durch die Regierung, die akademische
Welt und den Privatsektor aufgebaut sind.
Die technologische Zukunft Amerikas sieht sich
heute jedoch Angriffen seitens kurzsichtiger Ideologen ausgesetzt, die vorgeben, die Geschichte zu
verstehen, jedoch überhaupt kein Verständnis
haben. Einer Analyse der amerikanischen Akademie
für die Förderung der Wissenschaft zufolge würde
der von den Republikanern im Kongreß vorgeschlagene Plan für einen Haushaltsausgleich die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung
ziviler Technologie kürzen und zu einem Rückgang
der F &amp; E-Investitionen in den nächsten sieben
Jahren um ein Drittel führen. Darüber hinaus
würden die Bewilligungsmaßnahmen des Repräsentantenhauses die Finanzierung für praktisch jedes
wichtige Technologieprogramm beschneiden Programme, die für die Umsetzung unserer Verpflichtung für die Zukunft entscheidend sind. Zu
diesen Programmen zählen das moderne Technologieprogramm, unsere Initiative zu technologischen
Reinvestitionen, entscheidende Aktivitäten des
Energieministeriums einschließlich der Partnerschaft
für eine neue Generation von Fahrzeugen und
unsere Initiative zur Umwelttechnologie.
Der Senat folgt demselben Irrweg. Er hat die nationale Telekommunikations- und Informationsverwaltung (National Telecommunications and Information
Administration - NTIA) drastisch abgebaut - das Amt,

*

AMERIKA DIENST 28

*

das mit der Förderung eben der Initiativen beauftragt
war, die der Kommunikationsindustrie größeren
Wettbewerb bringen und das einzige Amt, das in
nicht genügend bediente und ländliche Gebiete
investiert, um moderne Telekommunikationsdienste
zur Förderung von Bildung und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge und wirtschaftlicher Entwicklung anzubieten. Und der Senat hat die Nil-Stipendien der
NTIA abgeschafft.
Dies ist absolut der falsche
Zeitpunkt, um Investitionen in Innovationen zu kürzen
und die Blaupause zu zerstören, die zu der beispiellosen Zunahme von Aktivitäten nach dem
Zweiten Weltkrieg führte.
Präsident Clinton versteht, wie wichtig ein ausgeglichener Haushalt für unsere wirtschaftliche Zukunft ist.
Er weiß auch, wie entscheidend diese technologischen Investitionen für die Gewährleistung unseres
künftigen Wirtschaftswachstums sind. Aus diesem
Grund hat er den Haushalt so ausgeglichen, daß die
Führungsrolle der Nation bei Wissenschaft und
Technologie bewahrt wird.
Ich habe dem Zeitalter, in das wir jetzt eintreten,
erwartungsvoll entgegengesehen, seit ich vor nahezu
zwanzig Jahren zum ersten Mal ein Faseroptikkabel
in der Hand hielt. Ich bin mit vielen Experten aus
allen Bereichen zusammengekommen, die Fortschritte erzielt haben, die dies ermöglichten. Ich
glaube an die Macht der Technologie, der Welt und
unseren Bürgern Gutes zu bringen. Wir müssen
jedoch den Mut haben, unsere Vision zu leben und
unsere Werte in unserer täglichen Arbeit zum Ausdruck zu bringen, wenn wir die Welt bei dieser
unglaublich aufregenden Reise anführen sollen.
Jeder von uns und jede Nation hat die Aufgabe, die
Welt in die nächste Generation zu leiten. Die von
uns beim Aufbau der Gll geleistete Arbeit besteht
nicht im Dienst an Kabeln und Satelliten, sondern im
Dienste einer globalen Vision, die in jeder Nachbarschaft der Welt realisiert werden kann. Ich begrüße
Ihre Verpflichtung zu dieser Vision und bitte Sie heute
um Zusammenarbeit, damit sie zu einer Realität im
Dienste der von uns allen hochgeschätzten Werte
wird.

*

*

Seite 5

�GESUNDHEIT
27. September 1995

"Nein" zur Legalisierung von Marihuana
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel wurde von der amerikanischen Gesundheitsministerin, Donna
E. Shalala, verfaßt und erschien auf Deutsch erstmals in der Frankfurter Rundschau vom 14. September 1995.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Wall Street Journal, 18.8.95, (c)
1995. Dow Jones &amp; Co., Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Anfang des Sommers veranstaltete das amerikanische Gesundheitsministerium erstmals eine nationale
Forschungskonferenz über Marihuana, bei der
Wissenschaftler Hintergrundinformationen über die
Gefahren des Marihuanakonsums präsentierten.
Ihre Ausführungen haben Auswirkungen auf alle
Unternehmen, alle Bürger und alle Eltern, insbesondere in Anbetracht erneuter Forderungen nach einer
Legalisierung von Marihuana.
Peter Fried von der Carleton University in Ottawa
erläuterte seine vorläufigen Ergebnisse, der Konsum
von Marihuana während der Schwangerschaft
schädige die geistigen Fähigkeiten von Kindern ein
Jahrzehnt oder noch länger nach ihrer Geburt. Mit
Hilfe eines Abhängigkeitsmodells von Tieren stellte
Billy Martin von der Virginia Commonwealth University unter Beweis, daß der zwanghafte Konsum von
Marihuana eine Abhängigkeit hervorrufen kann, die
der von anderen illegalen Drogen vergleichbar ist.
Diese Erkenntnisse sind besonders beunruhigend
angesichts der Tatsache, daß wir unter amerikanischen Teenagern seit drei Jahren einen Anstieg des
Marihuanakonsums beobachten - zu einem Zeitpunkt, an dem stärkere Formen von Marihuana leicht
zu bekommen sind: 13 Prozent der Achtklässler
sollen 1994 mindestens einmal Marihuana versucht
haben - im Vergleich zu 9,2 Prozent im Jahr 1993,
7,2 Prozent 1992 und 6,2 Prozent 1991. Bei der
Bekämpfung dieses Anstiegs müssen wir uns jedoch
vor Augen halten, daß es auch wichtige positive
Nachrichten gibt. Der Marihuanakonsum Erwachsener bleibt weit hinter dem der späten siebziger und
frühen achtziger Jahre zurück. Das bedeutet, daß
die meisten jungen Menschen kein Marihuana
rauchen, und wir müssen sie immer wieder auf die
Gefahren dieser Droge hinweisen.

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Ein Kardinalfehler
Angesichts dieser Tatsachen ist es erstaunlich, daß
in der Bundeshauptstadt Washington und andernorts
von einigen immer wieder der Vorschlag einer
Legalisierung von Marihuana und anderen illegalen
Drogen gemacht wird. Das wäre ein Kardinalfehler.
Erstens stellt Marihuana in unserem Land ein Problem dar, weil es schädlich ist - nicht weil es verboten ist. Die Forschung zeigt, daß es das Kurzzeitgedächtnis schädigt, die Wahrnehmung beeinträchtigt, Urteilsfähigkeit und komplizierte motorische
Bewegungen behindert, den Herzschlag verändert, zu
schweren Angstzuständen führen und Verfolgungswahn sowie Lethargie verursachen kann.
Der
Marihuanakonsum junger Leute führt eindeutig dazu,
daß die Jugendlichen öfter die Schule schwänzen, in
der Schule schlechter werden oder Straftaten begehen. Neue Forschungen von Roger Roffman und
Robert Stephens von der University of Washington
belegen, daß Langzeitkonsumenten, die mit dem
Konsum von Marihuana aufhören wollen, ernsthafte
Schwierigkeiten damit haben.
Zweitens führt der Konsum von Marihuana zu hohen
Kosten und großen Konsequenzen für die ganze
Gesellschaft - nicht nur für die Konsumenten. Junge
Marihuanakonsumenten werden wahrscheinlich eher
als Nichtkonsumenten illegale Drogen nehmen,
Autounfälle haben und verhaftet werden. Die Wahrscheinlichkeit bei ihnen ist geringer, daß sie ihr
akademisches Potential entfalten, was langfristig die
nationale Produktivität beeinträchtigt. Bei ihnen ist
das Risiko größer, daß sie eine kostspielige Versorgung in der Notaufnahme benötigen, was für uns
kurzfristig teuer ist. 1993 endeten doppelt so viele
Teenager wegen Marihuanakonsums in den Notaufnahmen als wegen Heroin- und Kokainkonsums
zusammengenommen.

Seite 1

�Im weiteren Sinne verursacht der Drogenkonsum,
einschließlich Marihuana, beträchtlichen Schaden an
unseren Arbeitsplätzen. Wenige Amerikaner sind
sich bewußt, daß drei Viertel der regelmäßigen
Konsumenten erwerbstätig sind. Der amerikanischen Handelskammer zufolge sind drogenabhängige Angestellte 33 Prozent weniger produktiv als ihre
nichtabhängigen Kollegen. Und die Wahrscheinlichkeit ist 300 Prozent höher, daß sie medizinische
Kosten verursachen und Leistungen in Anspruch
nehmen.
Drittens würde die Legalisierung von Marihuana
sicherlich mehr junge Menschen dazu veranlassen,
Marihuana und andere Drogen zu nehmen und
davon abhängig zu werden.
Das ist teilweise darauf zurückzuführen, daß die
Legalisierung von Drogen ein bedeutendes Abschreckungsmittel vom Drogenkonsum beseitigt.
Zudem haben wir seit Beginn unserer Untersuchungen des Drogenkonsums beobachtet, daß sich die
Zahl der Konsumenten immer dann erhöht, wenn der
Prozentsatz der jungen Menschen sinkt, die Marihuana für schädlich halten. Die Legalisierung von
Marihuana würde den Jugendlichen unweigerlich
nahelegen, Marihuana sei nicht schädlich - was ein
wichtiges Hindernis gegen den Konsum beseitigen
würde.
Noch schlimmer ist, daß die Legalisierung - weil
Gesetze in unserer Demokratie von den Bürgern zu
Recht als Ausdruck nationaler Werte angesehen
werden - implizieren würde, der Konsum von Marihuana werde als gesellschaftliche Praxis akzeptiert und sei akzeptabel. Für viele Teenager würde
dadurch der ohnehin beträchtliche Gruppenzwang
zum Konsum von Drogen intensiviert. Unsere
Töchter und Söhne hätten nicht länger die moralische Autorität unserer Gesetze auf ihrer Seite, um
ihre Ablehnung von Drogen und ihren Wunsch, sie
nicht zu nehmen, zu untermauern.
In der Tat könnte eine Umkehrung des Kurses und
Legalisierung von Marihuana Jugendliche dazu
veranlassen, die Warnungen der Regierung und der
Gesellschaft über andere illegale Drogen wie Crack,
Kokain und Heroin in den Wind zu schlagen - eine
Unterminierung des Vertrauens, die niemals zugelassen werden darf.
Was steht hinter dem Ruf nach der Legalisierung
von Marihuana? Manchmal ist es ein Mythos - wie
die fälschliche Annahme, Marihuana sei eine "weiche" Droge. Manchmal ist es der Trugschluß, die
Legalisierung sei der Weg zur Einschränkung der
Verbreitung von Drogen in unserem Land.

Seite 2

Meiner Ansicht nach gibt es einen Weg zu einer
drogenfreien Gesellschaft - aber es gibt kein Patentrezept. Die Clinton-Administration hat eine umfassende Drogenstrategie verabschiedet - massive
Bestrebungen zur Reduzierung von Angebot und
Nachfrage gleichermaßen. Bei diesen Bemühungen
spielt das Gesundheitsministerium eine entscheidende Rolle: Wir arbeiten mit zahlreichen Partnern
zusammen, um Drogenmißbrauch zu verhindern,
effektive Therapie anzubieten, Forschung zu Drogenproblemen durchzuführen und Informationen an
Experten und die Öffentlichkeit weiterzugeben.
Insbesondere im Hinblick auf Marihuana haben wir
eine Reihe entscheidender, gezielter Schritte unternommen. Wir finanzieren weiterhin wichtige Forschungsprojekte über die Auswirkungen von Marihuanakonsum auf das Verhalten. Im Laufe des
kommenden Jahres erwarten wir beispielsweise die
Veröffentlichung der Ergebnisse einer staatlich
geförderten Studie über den Zusammenhang zwischen akutem Marihuanakonsum und den Auswirkungen des gerauchten Marihuanas auf die Arbeitsleistung.
Auf der Grundlage unseres zunehmenden Wissens
über Marihuana haben wir eine aggressive Kommunikationsstrategie entwickelt. Wir wissen zum
Beispiel, daß es entscheidend ist, junge Menschen
frühzeitig mit sachlichen Informationen über Marihuana und konstruktiven Alternativen für ihre Freizeitgestaltung zu erreichen, bevor sie mit dem Drogenmißbrauch beginnen. Kinder haben für gewöhnlich eine
starke Antipathie gegen Drogen - es ist unerläßlich,
sie darin zu bestärken.
Wir wissen auch, daß wir Jugendlichen eindeutige
und kontinuierliche Botschaften senden müssen, um
den Marihuanakonsum zu unterbinden. Infolgedessen arbeiten wir mit zahlreichen Medien und Partnern
zusammen, um den jungen Menschen zu sagen:
"Fang nicht an, Marihuana zu rauchen, und wenn Du
bereits begonnen hast, hör sofort damit auf. Der
Konsum von Marihuana ist illegal, gefährlich und
ungesund. Es ist nicht 'cool'. Es ist schlecht für den
Körper. Und es ist sicherlich nicht Mode unter jungen
Leuten." Das ist die Botschaft, die wir gar nicht
genug betonen können.
Auch unsere Forschung sagt uns etwas. Wir wissen,
daß junge Menschen Botschaften gegen Drogenmißbrauch dort hören müssen, wo sie leben, lernen,
arbeiten, spielen und wo sie ihre Zeit verbringen. Mit
anderen Worten, obwohl die Bundesregierung eine
Führungsrolle übernehmen muß, kann sie das
Drogenproblem nicht alleine lösen - und sollte dies
auch nicht versuchen. Wir können Eltern und andere
Familienangehörige motivieren, jungen Menschen ein

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�Beispiel für ein drogenfreies Leben zu geben und mit
ihnen über Drogen zu sprechen. Wir helfen Schulen, Gemeindegruppen, religiösen Organisationen,
dem Privatsektor sowie den Verwaltungen auf
bundesstaatlicher und Gemeindeebene, sich zusammenzuschließen und den Jugendlichen etwas
anzubieten, zu dem sie "Ja" sagen können. Wir
treffen uns mit den Medien und der Unterhaltungsindustrie, um Programme zu fördern, die Drogenmißbrauch und andere riskante Verhaltensweisen
entmystifizieren. Und wir fordern die jungen Menschen zur Zusammenarbeit mit uns auf in dem
Wissen, daß Teenager eine einzigartige Gabe
haben, Einfluß auf den anderen und sein Verhalten
auszuüben.

Suchtmittelmißbrauch, für geistige Gesundheit und
Therapieprojekte. Das Repräsentantenhaus strich
darüber hinaus 300 Millionen Dollar des Programms
für sichere und drogenfreie Schulen, womit allein im
Jahr 1996 23 Millionen Schülern die Beratung entzogen wurde. Ein Bewilligungsunterausschuß des
Senats schlug die Abschaffung des Drogenkoordinators im Weißen Haus vor.

Eine nationale Herausforderung

Diese Umkehr ist bemerkenswert kurzsichtig. In einer
Zeit steigenden Marihuanakonsums ist die Grundlage
unseres Erfolgs Aufklärung, Prävention, Therapie,
Forschung, Strafverfolgung, Drogenbeschlagnahme
und massives Engagement der Gemeinde - nicht
Legalisierung oder Beschneidung unseres nationalen
Engagements zur Bekämpfung des Drogenmißbrauchs.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sehen uns mit
einer nationalen Herausforderung konfrontiert, und
die Jugendlichen beobachten unsere Reaktion
genau. Wir dürfen nicht zögern. Es ist jedoch
bedauerlich, daß die republikanische Mehrheit im
Kongreß versucht, unser Engagement für die Unterbindung des Drogenmißbrauchs drastisch zu beschneiden. Am 4. August kürzte das Repräsentantenhaus 401 Millionen Dollar der Mittel des Gesundheitsministeriums für Präventionsmaßnahmen gegen

Während wir beim Staatshaushalt den Gürtel enger
schnallen und Umfang und Rolle der Bundesregierung überdenken, dürfen wir nicht vergessen, was
das Drogenproblem für unsere nationale Zukunft
bedeutet. Es geht hier um Menschen - junge Leute,
die in sich sowohl eine Vielfalt von Talenten als auch
eine Zerbrechlichkeit tragen, die sie empfänglich für
dumme Entscheidungen und riskantes Verhalten
machen. Wir müssen für sie da sein. Wir müssen
das tun, was für sie und die Nation richtig ist.

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Seite 3

�LU F T -

UND

RAUMFAHRT
27. September 1995

Luft- und Raumfahrt als Schlüsselelement der
amerikanischen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 18. September 1995 im Bonner Wasserwerk
bei einer Expertentagung über Zusammenarbeit im Bereich Luft- und Raumfahrt hielt.

Vielen Dank für Ihre Einladung. Heute vormittag
haben wir eine ausgezeichnete Gelegenheit, die
Luft- und Raumfahrtdimensionen unserer gemeinsamen Sicherheit zu erörtern. Als Vertreter einer
entfernt liegenden, aber dennoch europäischen
Macht ist es mir ein Vergnügen und eine Ehre,
gemeinsam mit herausragenden Vertretern der
Bundesregierung und der Industrie das Podium zu
teilen: Staatsminister Dr. Hoyer, Staatssekretär
Schönbohm, Staatssekretär Dr. Lammert und Dr.
Bischoff. Ihre Anwesenheit belegt, wie wichtig die
politischen, militärischen und wirtschaftlichen Aspekte unserer gemeinsamen Sicherheit für uns alle in
einer veränderten Welt sind.
Deutschland hat nach über einem Jahrhundert des
Konflikts nach dem Kalten Krieg geeint und frei
seinen Platz im Zentrum Europas gefunden. Diese
veränderte Welt hat uns alle - Amerikaner und
Europäer gleichermaßen - jedoch gezwungen,
unsere Politik zu überdenken und neu auszurichten.
Unsere Welt hat die Klarheit des Ost-West-Konflikts
verloren und uns diffuse und weniger drängende
Probleme hinterlassen. Ich bin ganz sicher, daß die
politische Debatte in den Vereinigten Staaten zu
einem neuen Konsens führen wird, der unser Engagement für die europäische Sicherheit bekräftigt.
In dieser Zeit des Wandels müssen wir uns auf
kontinuierliche Zusammenarbeit zur Stärkung des
bestehenden Bündnisses konzentrieren.
Einige
Europäer haben daraus abgeleitet, das amerikanische Engagement für Europa habe sich verringert
und Europa sollte daher seinen eigenen Weg gehen.
Obwohl die Bundeswehr die Anzahl ihrer Soldaten
auf 340.000 reduziert hat, war in den letzten Jahren
eine unglaublich enge sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu beobachten, darunter im Golfkrieg, in
Bosnien sowie bei gemeinsamen militärischen

AMERIKA DIENST 28

Übungen Tausender von Bundeswehrsoldaten in den
Vereinigten Staaten.
Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ungeachtet dessen, wie verändert Europa den Amerikanern
vorkommen mag, bleiben wir der europäischen
Sicherheit verpflichtet. Wir weisen die Idee zurück,
die Europäer könnten unabhängig von den Vereinigten Staaten Sicherheit schaffen. Unsere Maxime
lautet, daß die europäischen Sicherheitsstrukturen
getrennt werden können, aber nicht getrennt sind.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Combined Joint Task
Force CJTB (Alliierte Streitkräftekommandos). Wir
Amerikaner haben von unseren gemeinsamen
Erfahrungen in diesem Jahrhundert gelernt, daß
amerikanische und europäische Sicherheit nicht
voneinander getrennt werden können.
Die von uns während der vergangenen fünfzig Jahre
verteidigten Werte leiten uns noch immer. Wir wollen
in einer stabilen, friedlichen und wohlhabenden Welt
leben. Seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 hat
sich viel verändert, aber die Grundlage der europäisch-amerikanischen Beziehungen ist gleich geblieben: Eine durch die Werte demokratischer Regierungsführung und Marktwirtschaft verbundene Gemeinschaft von Nationen.
Unsere Herausforderung besteht darin, den Erfolg der
transatlantischen Solidarität zu bewahren, die vor nur
wenigen Jahren für die gesamte Welt unter Beweis
gestellt wurde, als friedfertige Männer und Frauen
sich in Zentral- und Osteuropa erhoben, um die
Diktatur abzuschütteln und den Weg zu einer besseren Zukunft zu ebnen.
Mißverstehen Sie mich nicht. Die Vereinigten Staaten sind der europäischen Sicherheit nach wie vor
stark verpflichtet. Wir haben zugesagt, weiterhin rund
100.000 Soldaten in Europa zu stationieren und

Seite 1

�erzielen Fortschritte mit neuen Initiativen zur Stärkung und Erweiterung der NATO, wie der Partnerschaft für den Frieden und den Alliierten Streitkräftekommandos.
Das sind keine Aktionen eines Landes, dessen
Engagement für Europa in Frage steht. Gemeinsam
mit Deutschland und anderen europäischen Partnern
reichen wir die Hand der Freundschaft, um Rußland
und die anderen ehemals kommunistischen Staaten
in ein stabiles europäisches Sicherheitssystem zu
integrieren.
Die Dynamik für Frieden, die wir jetzt in Bosnien
beobachten können, gründet auf einem gemeinsamen amerikanisch-europäischen Ansatz sowie
gemeinsamem Verständnis und gemeinsamen
Zielen. Wir Amerikaner können zu Recht stolz sein
auf unsere Führungsrolle in dieser kritischen Zeit.
Wir übernehmen auch eine Führungsrolle durch
unsere starke Unterstützung europäischer Verteidigungsinitiativen. Wir begrüßen die Westeuropäische Union als Pfeiler unserer Sicherheitsarchitektur.
Wir sind erfreut über die Schritte zur Gründung des
Eurocorps. Aber obwohl wir größeres europäisches
Selbstvertrauen ermutigen, wäre es ein schrecklicher
Fehler, wenn Europa sich für europäische Lösungen
entscheiden würde, nur weil sie europäisch sind.
Wir alle werden konfrontiert mit schrumpfenden
Märkten für die Rüstungsindustrie, immer knapperen
öffentlichen Mitteln und zunehmendem Wettbewerb
auf den Weltmärkten. Die zukünftigen Entwicklungen bei der Luft- und Raumfahrt werden wahrscheinlich alle ein gemeinsames Merkmal haben:
Einen Markt, auf dem sich nur einige wenige große
Produzenten - bisweilen nur einer - halten können.
In dieser Situation ist Wettbewerb, bei dem nur ein
Unternehmen gewinnt und alle anderen zum Scheitern verurteilt sind, riskant. Ein weitaus besserer
Ansatz ist Zusammenarbeit. Starke Unternehmen
können Konkurrenten und Partner gleichermaßen
sein.
Die Vereinigten Staaten stellen die Hälfte des
Marktes für zivile Luftfahrt und einen ähnlich hohen
Anteil der Märkte für militärisches Gerät, Raumfahrt
und andere Hochtechnologieprodukte. Wir bieten
unseren Markt und unsere Technologien, die für
optimale Betriebsvergrößerungen und die Vermeidung von selbstmörderischem Wettbewerb erforderlich sind. Viele amerikanische Firmen sind bereits
Konkurrenten und Partner europäischer Luft- und
Raumfahrtunternehmen. Das gilt auch für Aufklärungssatelliten, Großtransportflugzeuge und
Jäger.

Seite 2

Unsere Partnerschaft ist expansiv. Beispielsweise
stellt das amerikanische Militär pro Jahr logistische
Unterstützung in beträchtlicher Höhe für den deutschen Verteidigungsapparat bereit. Deutschland und
die Vereinigten Staaten sind führende Mitglieder des
Konsortiums, das an dem 25 Milliarden Dollar teuren
Euro-Stinger Produktionsprogramm beteiligt ist. In
Zukunft wird das Luftverteidigungssystem mittlerer
Reichweite MEADS die deutschen, amerikanischen,
französischen und italienischen Streitkräfte vor
taktischen Luftschlägen aller Art schützen.
Bei der Luft- und Raumfahrttechnologie zu nichtmilitärischen Zwecken erhielt Siemens, der größte
Hersteller in ausländischer Hand in den Vereinigten
Staaten, einen bedeutenden Prozentsatz seines F &amp;
E-Budgets für photovaltaische Zellen - seinem
größten amerikanischen Geschäftsfeld - durch
Darlehen des amerikanischen Energieministeriums.
Das bilaterale zivile Luftfahrtabkommen von 1994
führte zu einer stetigen Erhöhung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten
sowie der Aussicht auf ein neues Abkommen über
Offene Himmel. Zu diesem Trend trägt die verbesserte Lage bei Lufthansa und United Airlines bei, die
vorwiegend auf den 1994 eingegangenen Zusammenschluß zurückzuführen ist.
Die Vereinigten Staaten unterzeichneten im letzten
halben Jahr ähnliche Abkommen mit acht weiteren
europäischen Ländern.
Deutschland steht bei
Reformen auf diesem Gebiet an der Spitze und wird
hoffentlich eine Führungsrolle dabei übernehmen, die
Vorteile der Liberalisierung des Luftverkehrs auf den
ganzen Kontinent auszuweiten.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland arbeiten
seit über dreißig Jahren bei der Raumfahrt zusammen. Dazu gehören wissenschaftliche und technologische Forschung an vielen verschiedenen Orten und
in verschiedenen Disziplinen in unseren beiden
Ländern.
Es ist eine Erfolgsgeschichte: Ebenso wie das in
Bremen von VFW-Fokker ERNO (jetzt Teil von
DASA) hergestellte Weltraumlabor Spacelab, erfordern die D-1 und D-2 Weltraummissionen und andere
große Projekte umfassende finanzielle und personnelle Ressourcen unserer beiden Länder.
Dank INTELSAT, der durch gemeinsame Forschung
der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Deutschlands entwickelt wurde,
konnten Menschen in ganz Amerika und der übrigen
Welt sich gemeinsam mit Ihnen freuen, als sie den
Fall der Berliner Mauer live im Fernsehen sahen.

AMERIKA DIENST 28

�In die Zukunft blickend sehen wir die internationale
Weltraumstation als erstes wirklich internationales
Weltraumprojekt unter Beteiligung der Vereinigten
Staaten, der Europäischen Union, Japans, Kanadas
und Rußlands.
Zusammenfassend kann man sagen, die Vereinigten
Staaten und Europa haben ein Vertrauensverhältnis
entwickelt, das sich im Laufe der Zeit in diversen
Krisen bewährt hat. Wir brauchen einander, um

*

AMERIKA DIENST 28

*

unsere Sicherheit und unseren Wohlstand zu gewährleisten. Gemeinsam bilden wir eine Werte- und
Vertrauensgemeinschaft. Der Härtetest für unser
Bündnis besteht darin, den jüngst errungenen Frieden
zu halten, unseren Wohlstand zu gewährleisten und
unser gegenseitiges Vertrauen zu vertiefen, um damit
unsere gemeinsame Zukunft zu sichern.
Ich danke Ihnen.

*

*

Seite 3

�</text>
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cimGrikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SroN ^

Z 12462 C
29

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Ansprache von Staatssekretär Garten

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�NATO
11. Oktober 1995

Überlegungen zur Bündniserweiterung
NATO-Übersicht
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Hauptquartier des Nordatlantischen
Bündnisses am 28. September 1995 in Brüssel herausgegebene Übersicht, in der die wichtigsten Punkte einer
Studie über eine mögliche NATO-Erweiterung zusammengefaßt werden.

Die Staats- und Regierungschefs der 16 Mitgliedstaaten des Nordatlantischen Bündnisses bekräftigten bei einem Gipfeltreffen im Januar 1994 in
Brüssel die Offenheit des Bündnisses und erklärten,
sie würden eine Osterweiterung der NATO als Teil
eines evolutionären Prozesses erwarten und begrüßen, der den politischen und sicherheitspolitischen
Entwicklungen in Gesamteuropa Rechnung trägt.
Die Außenminister des Bündnisses leiteten im
Dezember 1994 einen Überprüfungsprozeß innerhalb der NATO ein, um das Wie einer NATO-Erweiterung, die Grundsätze dieses Verfahrens und die
Auswirkungen der Mitgliedschaft festzulegen.

Es

wurde beschlossen, den interessierten Partnern die
Ergebnisse dieser Studie noch vor dem nächsten
Ministertreffen im Dezember 1995 in Brüssel vorzulegen.
Die Ausarbeitung der Studie dient einer Klärung des
"Warum und Wie" einer Erweiterung sowie dessen,
was die NATO und ihre potentiellen neuen Mitglieder
zur Vorbereitung einer Erweiterung unternehmen
müssen. Das "Wer und Wann" einer Erweiterung
wurde noch nicht erörtert und ist Gegenstand
weiterer Diskussionen und Entscheidungen.
Das Warum einer Nato-Erweiterung
Nach dem Ende des Kalten Krieges besteht sowohl
die Notwendigkeit als auch die einzigartige Gelegenheit, im gesamten euroatlantischen Raum eine
verbesserte Sicherheitsstruktur zu schaffen, ohne
erneut Trennlinien zu ziehen. Die NATO-Erweiterung wird ein weiterer Schritt in Richtung auf das
grundlegende Ziel des Bündnisses einer Erhöhung
der Sicherheit und Ausweitung der Stabilität im
gesamten euroatlantischen Raum sein - im Kontext
einer umfassenden europäischen Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage echter Zusammenarbeit.
Die NATO-Erweiterung wird den neuen Mitgliedern
die Vorteile gemeinsamer Verteidigung und Integra-

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tion in die europäischen und euroatlantischen Institutionen bieten. Die NATO-Erweiterung stellt für
niemanden eine Bedrohung dar. Die NATO ist und
bleibt ein rein defensives Bündnis, dessen grundlegendes Ziel die Wahrung des Friedens im euroatlantischen Raum sowie der Sicherheit ihrer Mitglieder ist.
Die NATO-Erweiterung trägt durch folgende Maßnahmen zu mehr Stabilität und Sicherheit für alle Länder
im euroatlantischen Raum bei: Ermutigung und
Förderung demokratischer Reformen, einschließlich
ziviler und demokratischer Kontrolle über das Militär;
Unterstützung von gewohnheitsmäßiger Zusammenarbeit, Konsultationen und Konsensbildung, die
bereits die Beziehungen zwischen den jetzigen
Mitgliedstaaten charakterisieren; Förderung gutnachbarlicher Beziehungen im gesamten euroatlantischen
Raum; Erhöhung von Transparenz bei Verteidigungsplanung und Verteidigungshaushalt und somit des
Vertrauens zwischen den Staaten; Bekräftigung der
Tendenz zu Integration und Kooperation in Europa;
Stärkung der Fähigkeit des Bündnisses, einen Beitrag
zu europäischer und internationaler Sicherheit zu
leisten und Friedenssicherung unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen oder der OSZE zu
unterstützen sowie Stärkung und Erweiterung der
transatlantischen Partnerschaft.
Grundsätze der Erweiterung
Die Erweiterung des Bündnisses findet durch Beitritt
der neuen Mitgliedstaaten zum Washingtoner Vertrag
im Einklang mit Artikel 10 des Vertrages statt. Alle
neuen Mitglieder genießen unter dem Washingtoner
Vertrag alle Rechte und übernehmen alle Pflichten
einer Mitgliedschaft. Vom Zeitpunkt ihres Beitritts an
akzeptieren sie seine Grundsätze, Maßnahmen und
Verfahren, die von allen Bündnismitgliedern beschlossen wurden und richten sich danach. Der Wille
und die Fähigkeit zur Einhaltung dieser Verpflichtungen - nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der

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�Praxis - stellen bei jeder Entscheidung über den
Beitritt eines Landes einen wichtigen Faktor dar.
Das Bündnis gründet sich auf gemeinsame Überzeugungen und die Verpflichtung, sich für Konsens
einzusetzen. Teil der Überprüfung der Qualifikationen für eine mögliche neue Mitgliedschaft ist das
sichtbare Engagement eines Landes für diesen
Prozeß und diese Werte. Insbesondere will das
Bündnis eine Situation vermeiden, in der ein neues
Mitglied die Tür hinter sich schließt und den Beitritt
anderer Länder verhindert, die ebenfalls eine Mitgliedschaft anstreben.
Staaten mit ethnischen
Konflikten oder externen Gebietsstreitigkeiten, einschließlich irredentistischer Forderungen, oder mit
internen juristischen Streitigkeiten, müssen diese auf
friedliche Weise im Einklang mit den Prinzipien der
OSZE lösen. Die Beilegung solcher Streitigkeiten
wäre ein Faktor bei der Entscheidung, welche
Staaten zur Mitgliedschaft aufgefordert werden.
Letztlich wird die Fähigkeit potentieller Mitglieder,
einen militärischen Beitrag zur kollektiven Verteidigung, Friedenssicherung und anderen neuen Missionen des Bündnisses zu leisten, ein Faktor bei der
Entscheidung sein, ob sie aufgefordert werden, dem
Bündnis beizutreten.
Das Bündnis engagiert sich für die Wahrung der
Bedeutung, Lebensfähigkeit und Glaubwürdigkeit
des Nordatlantischen Kooperationsrates (NAKR) und
der Partnerschaft für den Frieden (PFF). Im Zuge
der Erweiterung werden die beiden kooperativen
Rahmen ein wichtiges Element für die Stärkung der
Beziehungen zu den Partnern sein, die dem Bündnis
erst zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht

beitreten. Obwohl die Partnerschaft für den Frieden
interessierten Partnern bei der Vorbereitung einer
eventuellen Mitgliedschaft hilft, ist sie weder ein
Ersatz für Mitgliedschaft noch eine Garantie für eine
automatische Mitgliedschaft.
Entscheidung über die Erweiterung
Die Entscheidung über die Erweiterung liegt bei der
NATO.
Die Erweiterung wird ein allmählicher,
überlegter und transparenter Prozeß sein, der Dialog
mit allen interessierten Parteien beinhaltet. Es gibt
keine feste oder starre Kriterienliste dafür, neue
Mitglieder zum Beitritt aufzufordern.
Über die
Erweiterung wird von Fall zu Fall entschieden, und
einige Nationen könnten vor anderen Mitglied
werden. Neue Mitglieder sollten nicht aufgrund ihrer
Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Kategorie
aufgenommen oder abgelehnt werden. Letztlich
werden die Verbündeten die Aufnahme eines neuen
Mitglieds im Einklang mit ihrer Entscheidung beschließen, ob dieser Beitritt zu dem Zeitpunkt, an
dem eine solche Entscheidung gefällt wird, Sicher-

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heit und Stabilität im nordatlantischen Raum erhöht.
Kein Land außerhalb des Bündnisses sollte in diesem
EntScheidungsprozeß ein Vetorecht oder ein droit de
regard haben.
Kollektive Verteidigungsarrangements
Vor dem Hintergrund bestehender Arrangements als
Beitrag zur kollektiven Verteidigung werden die
Bündnispartner wissen wollen, wann mögliche neue
Mitglieder einen Beitrag zur kollektiven Verteidigung
der NATO leisten wollen und werden alle Aspekte
dieser Frage im Detail durch einen bilateralen Dialog
vor den Beitrittsverhandlungen sondieren.
Neue Mitglieder sollten die NATO-Doktrin und Maßnahmen annehmen, die auf die Gewährleistung der
Interoperabilität der Streitkräfte ausgerichtet sind. Für
die Truppenstruktur der NATO ist es von Bedeutung,
daß die Streitkräfte der Verbündeten - wenn und falls
es angemessen ist - auf dem Territorium neuer
Mitglieder stationiert werden können. Das Bündnis
hat keinen a priori Bedarf für die Stationierung der
Bündnistruppen auf dem Territorium neuer Mitglieder.
Der in Artikel 5 des Washingtoner Vertrags vorgesehene Schutz - einschließlich der nuklearen
Komponente - wird auf die neuen Mitglieder Anwendung finden. Es gibt keinen a priori Bedarf für die
Stationierung von Nuklearwaffen auf dem Territorium
neuer Mitglieder. In absehbarer Zukunft wird das
derzeitige nukleare Einsatzkonzept der NATO die
Anforderungen eines erweiterten Bündnisses erfüllen.
NATO-Erweiterung und die OSZE, EU und WEU
Eine gestartete OSZE, eine erweiterte NATO, ein
aktiver NAKR und eine aktive PFF würden zusammen
mit anderen Foren ergänzende Teile einer umfassenden, einbeziehenden europäischen Sicherheitsarchitektur bilden, die das Ziel eines ungeteilten Europas
unterstützt.
Die Verpflichtung der NATO, von Fall zu Fall und im
Einklang mit den Verfahren des Bündnisses friedenssichernde Aktivitäten unter der Schirmherrschaft der
OSZE und friedenssichernde Operationen unter der
Vollmacht des UN-Sicherheitsrats zu unterstützen,
behält auch nach der Erweiterung ihre Gültigkeit. Ein
erweitertes Bündnis hätte größere Fähigkeiten zur
Unterstützung solcher friedenssichernden Aktivitäten
und Operationen.
Die Erweiterung der NATO verläuft parallel und
ergänzend zur Europäischen Union. Beide Erweiterungsprozesse werden maßgeblich zur Ausweitung
der Sicherheit, Stabilität und des Wohlstands der

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�Bündnismitglieder auf andere, gleichgesinnte, demokratische europäische Staaten beitragen.
Alle Vollmitglieder der WEU sind auch Mitglieder der
NATO. Die Aufrechterhaltung dieses Junktims ist
wegen der kumulativen Auswirkungen der Sicherheitsvorschriften der beiden Organisationen unerläßlich. Die Erweiterung beider Organisationen sollte
daher kompatibel sein, und sie sollten sich gegenseitig unterstützen.
Eine letztlich umfassende Übereinstimmung der
europäischen Mitgliedschaft in der NATO, EU und
WEU hätte positive Auswirkungen auf die europäische Sicherheit. Die Studie über die NATO-Erweiterung stellt fest, daß das Bündnis daher zum gegebenen Zeitpunkt die Länder mit einer Perspektive für
eine EU-Mitgliedschaft und Interesse am NATOBeitritt besonders berücksichtigen sollte, damit
erwogen werden kann, wie sie im Rahmen des
Washingtoner Vertrags zur transatlantischen Sicherheit beitragen können und um herauszufinden,
ob man sie zum NATO-Beitritt auffordern sollte.

Die Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
müssen auf Wechselseitigkeit, gegenseitigen Respekt
und Vertrauen gründen und "überraschende" Entscheidungen jeder Seite vermeiden, die die Interessen des anderen betreffen könnten. Die Umsetzung des individuellen Partnerschaftsprogramms im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden sowie
unser Dialog und die Zusammenarbeit mit Rußland
über die PFF hinaus werden wichtige Schritte in
diese Richtung sein. Die NATO möchte ungefähr
parallel zur NATO-Erweiterung die Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland noch weiter stärken.
Das Bündnis spricht die von Rußland geäußerten
Bedenken im Hinblick auf die NATO-Erweiterung im
Rahmen der Entwicklung seiner umfassenderen
Beziehungen zu Rußland an. Wie bereits festgestellt,
dürfen Nichtmitgliedstaaten weder ein Veto gegen
NATO-Entscheidungen einlegen oder ein droit de
regard ableiten, noch kann das Bündnis einer anderen europäischen Sicherheitsinstitution unterstellt
werden.

Die Beziehungen zu Rußland

Nächste Schritte

Die NATO-Erweiterung bedroht niemanden und ist
nicht gegen Rußland oder einen anderen Staat
gerichtet. Die Bündnispartner sind der Auffassung,
daß der Beitritt neuer Mitglieder zum Bündnis zur
erweiterten Sicherheit ganz Europas beitragen wird,
was auch im Interesse Rußlands liegt. Ebenso wie
die NATO hat Rußland einen wichtigen Beitrag zur
europäischen Stabilität und Sicherheit zu leisten.
Stärkere Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland sollten den Eckpfeiler einer neuen, integrierenden und umfassenden Sicherheitsstruktur in
Europa bilden.

Im Anschluß an kollektive Informationsveranstaltungen für interessierte Partner am 28. September 1995
und individuelle Briefings in Brüssel oder den Hauptstädten der Partnerländer in den folgenden Wochen
auf Bitte der interessierten Partner werden die NATOAußenministerdie Studie über die NATO-Erweiterung
und die Reaktionen der Partnerländer vorliegen
haben, wenn sie am 5. Dezember 1995 in Brüssel
zusammenkommen und Konsultationen über den
weiteren Weg abhalten.

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�NAHER

OSTEN
11. Oktober 1995

Weitere Unterstützung für den
Nahostfriedensprozeß gefordert
Ansprache von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - "Wenn wir im Nahen Osten Frieden schaffen können, wenn wir den dort lebenden
Menschen helfen können, ihren eigenen Frieden zu schaffen, hat das eine besondere Bedeutung für uns und
die Welt im 21. Jahrhundert", erklärte Präsident Clinton bei einem Empfang für die Staats- und Regierungschefs nach der Unterzeichnung des erweiterten Autonomieabkommens für das Westjordanland durch den
israelischen Ministerpräsidenten Rabin und den PLO-Vorsitzenden Arafat am 28. September 1995.
In seiner Ansprache in der Corcoran Gallery äußerte der Präsident, die übrigen Länder sollten zur
Unterstützung von Israelis und Palästinensern gemeinsam mit ihnen den Terrorismus bekämpfen und nach den
mit dem Frieden einhergehenden Vorteilen streben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Ich danke Ihnen. Die First Lady und ich, der Vizepräsident und Frau Gore sowie Außenminister
Christopher freuen sich, heute Besucher aus aller
Welt hier begrüßen zu dürfen, insbesondere die
Ministerpräsidenten und Außenminister aus dem
Nahen Osten, Frau Rabin, Frau Arafat sowie Frau
Mubarak und ihre Majestät Königin Noor.
Es ist uns eine außerordentliche Freude, daß wieder
die vier großen Staatsmänner hier sind, die gerade
das Wort ergriffen haben. Als seine Majestät König
Hussein erklärte, er sei fast 60 Jahre alt, kam mir in
den Sinn, daß er bereits seit über 40 Jahren auf
dem Thron sitzt. Ich dachte bei mir, ich habe nichts
gegen Beschränkungen der Amtszeit, aber ich freue
mich sehr, daß er ihnen nicht unterliegt, denn der
Nahe Osten hat sich dadurch, daß König Hussein
sich während dieser Jahrzehnte für den Frieden
eingesetzt hat, völlig verändert.
Ich danke Präsident Mubarak für das von ihm
gegebene Beispiel und seine dauerhafte Entschlossenheit. Vor nicht allzulanger Zeit beteten meine
Familie und ich ebenso wie viele andere Amerikaner
für seine Sicherheit. Wir freuen uns, daß es ihm gut
geht und er eine führende Rolle übernommen hat,
die Welt zum Frieden zu führen.
Ich stimme mit Ministerpräsident Rabin darin überein, daß der PLO-Vorsitzende Arafat eine gute - und
leidenschaftliche - Rede gehalten hat. Sein Leben
hat eine interessante Wende genommen, und wir

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alle können uns glücklich schätzen, daß er sich entschlossen hat, für den Frieden Risiken einzugehen.
Herr Ministerpräsident, Sie haben selber eine gute
Rede gehalten. Ich glaube, sie war so gut, weil allen
offensichtlich war, daß jedes von Ihnen geäußerte
Wort von Herzen und Verstand gleichermaßen
kommt. Wir danken Ihnen.
Und meinen amerikanischen Mitbürgern und allen
hier Anwesenden möchte ich sagen: Wir haben
heute viele wunderbare Worte gehört. Ich möchte
abschließend drei Punkte ansprechen, die meines
Erachtens betont werden sollten. Erstens möchte ich
den Verhandlungspartnern - Außenminister Peres,
Herrn Abu Mazin, Herrn Uri Savir und Herrn Abu Alaa
- und ihren Teams danken. Sie haben dieses Abkommen herbeigeführt, und ihnen gebührt unser
Applaus.
Ich war heute im Kabinettszimmer dabei, als der
Ministerpräsident und der Vorsitzende Arafat dieses
Dokument paraphierten, zu dem 26 verschiedene
Landkarten gehören und das Tausende von beiden
Seiten getroffene Entscheidungen beinhaltet. Nach
langen und mühsamen Verhandlungen fanden sie
eine gemeinsame Basis. Es war eine erstaunliche
Leistung: Die von ihnen bewiesene Mühe, Sorgfalt
und Rücksicht sowie die für den Abschluß des
Abkommens erforderlichen Anstrengungen waren
wirklich außerordentlich. Ich möchte nicht, daß das
irgend jemandem entgeht.

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�Zweitens möchte ich darauf hinweisen, daß dieses
Abkommen für die Amerikaner unter uns die Dinge
verkörpert, an die wir am meisten glauben, denn
dieses Abkommen erfordert neben der Übernahme
von Verantwortung auch die Bekräftigung von
Freiheit und Unabhängigkeit.
Dieses Abkommen verlangt von den Menschen, sich
über die Interessen ihrer Kinder und die von ihren
Eltern gebrachten Opfer Gedanken zu machen.
Dieses Abkommen erforderte große Mühe, um auf
der Grundlage von Prinzipien Kompromisse zu
schließen, Gemeinsamkeiten und übergeordnete
Ziele zu finden. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Dieses Abkommen erforderte von den Entscheidungsträgern Dinge, die kurzfristig vielleicht
unpopulär sind. Sie wissen jedoch, daß sie in 10,
20 oder 30 Jahren für die Menschen, die sie lieben,
den einzigen Weg in die Zukunft darstellen.
Das führt mich zu einem zweiten Aspekt, den ich
ansprechen möchte: Welche Pflichten haben die
übrigen von uns? Wir können diesen Staatsmännern applaudieren. Aber sie müssen morgen zurück
an die Arbeit. Wenn der Glanz verblaßt und der
Applaus abgeebbt ist, haben sie wieder harte Arbeit
vor sich. Wir können jedoch zweierlei für sie tun.
Das Allerwichtigste ist, uns mit ihnen dem Terrorismus entgegenzustellen, denn er ist überall der Feind
des Friedens.
Wir in Amerika wissen, was es heißt, wenn Eltern
den Tod ihrer Kinder beklagen, Kinder den ihrer
Eltern, weil manche glauben, Terrorismus sei nur
Politik mit anderen Mitteln. Uns brach es das Herz,
und jetzt wissen wir es besser. Wir müssen uns
jetzt gemeinsam mit ihnen dem Terrorismus entgegenstellen.
Zweitens müssen wir mit ihnen zusammenarbeiten,
um die Vorteile des Friedens zu erlangen, denn der
Friede muß den Menschen die Chance geben, in
Würde zu arbeiten, ihre Kinder aufzuziehen, ihre
Umwelt zu schützen und in ihre Zukunft zu investieren. Hunderte und Aberhunderte von Amerikanern

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arabischer und jüdischer Abstammung haben die
Fähigkeit, partnerschaftlich mit diesen Menschen an
der Gestaltung der Zukunft des Nahen Ostens zu
arbeiten. Und ich wiederhole nochmals: Wir wollen
das Unsrige tun.
Schließlich möchte ich allen Kongreßabgeordneten
hier und denjenigen, die heute nachmittag dabei
waren, für ihre Anwesenheit und ihre Unterstützung
dieses Prozesses danken.
Wir wissen, daß in diesem Zeitalter, in dem die
bipolare Welt des Kalten Krieges von einem Weltdorf
mit vielfältigen neuen und veränderten Bedrohungen
unserer Sicherheit abgelöst wurde, nur die Vereinigten Staaten weltweit für die Sache der Freiheit,
Demokratie und Chance stehen können. Wir sind
uns dessen bewußt und müssen auch weiterhin so
handeln - nicht nur um der Menschen im Nahen
Osten, sondern auch um unserer selbst willen.
Denn wenn wir uns für den Frieden in Nordirland,
Südafrika, Haiti und in Bosnien einsetzen, wenn wir
uns um die Verringerung der Gefahr eines Atomkrieges und die Bekämpfung des Terrorismus bemühen, tun wir das auch für uns selbst und für die
Zukunft unserer Kinder.
Aber ich möchte nochmals wiederholen, was ich
heute gesagt habe: Wenn wir im Nahen Osten
Frieden schaffen können, wenn wir den dort lebenden
Menschen helfen können, ihren eigenen Frieden zu
schaffen, hat das eine besondere Bedeutung für uns
und die Welt im 21. Jahrhundert - aus dem einfachen
Grund, daß die Anhänger der drei großen Weltreligionen von der Überzeugung ausgehen, daß wir von
einem Gott erschaffen wurden, der über uns wacht
und uns letztlich für unsere Taten zur Rechenschaft
zieht - und wir alle haben das im Koran, in der Thora,
in der Heiligen Schrift gelesen. Wenn sie ihre
Differenzen beilegen, können wir der ganzen Welt
Frieden bringen.
Ich danke Ihnen und Gott schütze Sie alle.

*

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�MARSHALLZENTRUM
11. Oktober 1995

Regionale Konflikte - die neue Gefahr für den Weltfrieden
Rede von Verteidigungsminister Perry
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Verteidigungsminister William J. Perry erklärte am 22. September 1995
in einer Rede im Marshallzentrum, die Zunahme regionaler Konflikte stelle eine neue Bedrohung für den
Weltfrieden dar.
"Um regionale Konflikte zu verhindern, benutzen wir zahlreiche der uns vom Kalten Krieg hinterlassenen
Instrumente sowie einige neue", erklärte er. Zwei der wichtigsten Instrumente sind ihm zufolge die
Verringerung der nuklearen Bedrohung sowie die Bewahrung und Stärkung der im Kalten Krieg geschaffenen
Bündnisse.
Perry erinnerte an die Bestrebungen General George C. Marshalls nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufbau

eines von Haß und Mißtrauen befreiten Europas und verglich sie mit dem derzeitigen Streben der Vereinigten
Staaten nach Versöhnung zwischen den ehemaligen Gegnern der Zeit des Kalten Krieges.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Verteidigungsminister Perry in Garmisch-Partenkirchen gehaltene Rede
im Wortlaut.

In diesem Jahr begehen wir den 50. Jahrestag der
Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Wir ehren die
Helden, trauern um die Toten, feiern den Frieden,
den sie uns gaben und sind uns bewußt, wie zerbrechlich er ist. Niemand war sich der Zerbrechlichkeit des Friedens bewußter als General George C.
Marshall, nach dem dieses Zentrum benannt ist.
Zwei Tage vor Kriegsende sandte Marshall dem
amerikanischen Kongreß einen Bericht, in dem er
äußerte: "Wenn der Mensch die Lösung für den
Weltfrieden findet, wird das die revolutionärste
Umkehrung dieser Leistungen sein, die es je gab."
Man kann Marshall nicht dafür verurteilen, daß er
pessimistisch war.
Der Zweite Weltkrieg war
schrecklich: Mehr als 50 Millionen Tote, in Schutt
und Asche liegende Städte, zerstörte Gesellschaften
und Volkswirtschaften. Aber so entsetzlich schon
der Zweite Weltkrieg war - in der Zukunft könnte ein
Weltkrieg die Menschheit vernichten. Auf dem
Höhepunkt der nuklearen Konfrontation während des
(weltweiten) Kalten Krieges erklärte der russische
Nuklearphysiker Andreij Sacharow: "Die Verringerung des Risikos einer Vernichtung der Menschheit
durch einen Atomkrieg hat absolute Priorität vor
allem anderen." Das traf damals zu und tut es auch
heute noch. Heute stellt die Verringerung dieses
Risikos ebenso wie im Kalten Krieg bei der nationa-

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len Sicherheitsplanung der Vereinigten Staaten die
oberste Priorität dar.
Bei Ihren Studien haben Sie sich auch damit befaßt,
wie die nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten
Staaten formuliert ist. Heute soll dieses Thema mit
Leben erfüllt werden, insbesondere durch Konzentration auf die Formulierung der amerikanischen
Sicherheitsstrategie zur Verringerung der Konfliktgefahr. Der erste und beste Weg zur Verringerung der
Gefahr eines Konflikts ist eindeutig die Verhinderung
der Bedingungen, die zu Konflikten führen - vergleichbar mit der Präventivmedizin. In dieser Hinsicht ist
die Geschichte nicht sehr inspirierend. Nach dem
Ersten Weltkrieg wurde ein Versuch zur Verhinderung
der Bedingungen unternommen, die zu einem zweiten Weltkrieg führen könnten. Aber die Sieger in
Europa waren mehr an Rache und Reparationszahlungen interessiert als an Versöhnung und Wiederaufbau. Und die Versuche zur Schaffung einer
weltweiten Sicherheitsorganisation scheiterten, als die
Vereinigten Staaten dem Völkerbund nicht beitraten.
Und somit führte die nächste Generation einen
weiteren Weltkrieg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden entschiedenere
Bestrebungen zur Verhinderung eines dritten Weltkrieges unternommen.
Die Vereinigten Staaten
reichten ihren ehemaligen Gegnern die Hand der

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�Versöhnung und der Wirtschaftshilfe: Deutschland,
Italien und Japan. Die Besetzung dieser Länder war
gekoppelt mit dem Bestreben, die Volkswirtschaften
von Gegnern und Freunden gleichermaßen wiederaufzubauen.
George Marshall steckte seine beträchtliche Energie
in den Aufbau eines neuen Europa - eines Europa,
das von Haß und Mißtrauen befreit war, die es
während des vorigen Jahrhunderts dominiert hatten,
eines durch die Bande gegenseitiger Sicherheit,
Stabilität und Demokratie geeinten Europa. Er
erreichte diese Ziele und rettete Europa durch die
später als Marshallplan bekanntgewordenen Mechanismen. Es war ein außerordentlicher Erfolg, der zu
einem friedlichen, demokratischen und wohlhabenden Westeuropa führte. Aber die Sowjetunion lehnte
den Marshallplan für Ost- und Mitteleuropa ab - er
blieb somit unvollständig, und Europa wurde vom
Kalten Krieg heimgesucht. Während des gesamten
Kalten Krieges waren wir mit der Bedrohung eines
nuklearen Holocaust und der Gefahr eines Blitzkrieges in Mitteleuropa konfrontiert. Nachdem es
uns nicht gelungen war, die Bedingungen für einen
Konflikt zu verhindern, griffen wir auf die Strategie
der Abschreckung zurück. Nukleare Abschreckung
im Westen basierte auf dem von den Vereinigten
Staaten entwickelten riesigen Nuklearwaffenarsenal.
Die konventionelle Abschreckung im Westen gründete auf dem Atlantischen Bündnis. Die Abschreckung
funktionierte, und der Kalte Krieg eskalierte nicht zu
einem dritten Weltkrieg.
Jetzt ist der Kalte Krieg glücklicherweise beendet.
Und wieder fördern die Vereinigten Staaten die
Versöhnung mit ehemaligen Gegnern, dieses Mal
mit ehemaligen Gegnern aus dem Kalten Krieg.
Unser Ziel besteht darin zu verhindern, daß die Saat
des Konflikts erneut sprießt. Daher ist die Hauptstrategie für den Umgang mit der Gefahr eines
weltweiten Konflikts nicht mehr Abschreckung,
sondern Verhinderung.
Kern unserer Verhinderungsstrategie ist der Aufbau
einer pragmatischen

Partnerschaft

mit

Rußland,

unserem Hauptgegner während des Kalten Krieges.
Ein Element dieser Partnerschaft ist das NunnLugar-Programm, das Rußland beim Abbau seiner
überschüssigen Nuklearwaffen hilft und Belarus,
Kasachstan und die Ukraine dabei unterstützt,
atomwaffenfrei zu werden. Die Mittel für das NunnLugar-Programm stammen aus dem amerikanischen
Verteidigungshaushalt. Aus der Waffenproduktion
abgezogene Dollars werden für die Zerlegung von
Waffen verwendet. Wir bezeichnen das als Verteidigung mit anderen Mitteln. Ein weiteres Element
ist die Gore-Tschernomyrdin-Kommission, deren
gemeinsamen Vorsitz der amerikanische Vizepräsi-

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dent und der russische Ministerpräsident innehaben.
Sie fördert die amerikanisch-russische Zusammenarbeit zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung in Rußland. Sie zielt auf Joint-ventures zwischen russischen und amerikanischen Unternehmen
zum Zwecke der Rüstungskonversion, der Schaffung
neuer Weltraumprogramme und der Entwicklung
neuer Energiesysteme ab. Diese Bestrebungen sind
von Vorteil für unsere beiden Nationen. Durch ihre
Zusammenarbeit in diesen und anderen Bereichen
haben die Vereinigten Staaten und Rußland Geschäftsbeziehungen, Sicherheitsverbindungen und
sogar persönliche Beziehungen entwickelt, die uns
allesamt beim Umgang mit Sicherheitsproblemen
helfen können, wenn diese auftreten.
Während sich das Risiko eines dritten Weltkriegs
verringert hat, ist das Risiko regionaler Konflikte auf
der Welt jedoch gestiegen. Diese regionalen Konflikte können enorme Opfer an Menschenleben und
Gütern erfordern, wie durch den Koreakrieg, den
Vietnamkrieg und Operation Wüstensturm unter
Beweis gestellt wurde. Und heute bergen solche
Konflikte das zusätzliche Risiko des möglichen
Einsatzes von Massenvernichtungswaffen.
Wie
gehen wir damit um? Während des Kalten Krieges
konzentrierten wir uns auf die Bewältigung der
Bedrohung eines konventionellen und atomaren
Krieges mit der Sowjetunion. In diesem Zeitraum
erachteten wir alle anderen Bedrohungen, alle
regionalen Bedrohungen, als "geringere, aber dennoch berücksichtigte Bedrohungen". Das heißt, wir
planten oder bauten unsere Streitkräfte nicht so auf,
als ob sie auf die Bedrohung eines regionalen
Konfliktes reagieren sollten. Statt dessen wurden
unsere Streitkräfte strukturiert, um auf die sowjetische
Bedrohung zu reagieren, und wir gingen dann davon
aus, daß solche Streitkräfte in der Lage sein würden,
alle anderen geringeren Bedrohungen zu meistern.
Da sich die Bedrohung eines weltweiten Konflikts
heute verringert hat, wurde unsere Streitkräftestruktur
entsprechend angepaßt. Aber die Bedrohung regionaler Konflikte ist weder geringer noch ist sie berücksichtigt. Unsere Verteidigungsstrategie konzentriert
sich heute daher vornehmlich auf die Vorbereitung
der Bewältigung der Bedrohung durch regionale
Konflikte. Das heißt, regionale Konflikte, die unsere
Verbündeten bedrohen oder die Bedrohungen für
lebenswichtige amerikanische Interessen darstellen,
zu verhindern, abzuschrecken und gegebenenfalls zu
bekämpfen und zu überwinden.
Um regionale Konflikte zu verhindern, benutzen wir
zahlreiche der uns vom Kalten Krieg hinterlassenen
Instrumente sowie einige neue.

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�Das wichtigste Instrument ist die Verringerung der
nuklearen Bedrohung, um den Einsatz oder den
angedrohten Einsatz von Nuklearwaffen bei regionalen Konflikten zu vermeiden. Unsere Bestrebungen
zur Abschreckung der Aggression seitens des Irak
würden beispielsweise außerordentlich verkompliziert, wenn der Irak ein Nukleararsenal besäße.
Aus diesem Grund wurden die Sanktionen gegen
den Irak verhängt. Wegen des Risikos, daß regionale Konflikte zu nuklearen eskalieren, war die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags
ein historischer Schritt zu Frieden in der Zeit nach
dem Kalten Krieg. Diese diplomatischen Maßnahmen stehen nicht isoliert da - sie sind integraler und
entscheidender Bestandteil unserer Sicherheitsstrategie.
Die zweite Art und Weise, in der wir zur Verhinderung regionaler Konflikte beitragen, besteht in der
Beibehaltung und Stärkung der während des Kalten
Krieges aufgebauten Bündnisse. Hier in Europa
haben die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten die NATO auf die Chancen der
Zeit nach dem Kalten Krieg konzentriert, indem sie
Europa und Zentralasien in die Unterstützung des
Aufbaus von Demokratie und Stabilität einbezogen.
Das ist der Grund, warum wir Sie alle ins Marshallzentrum eingeladen haben. Im Marshallzentrum
kann unser ziviles und militärisches Personal Sicherheitsbeziehungen auf persönlicher Ebene
praktizieren. Und deswegen haben wir im Januar
1994 die Partnerschaft für den Frieden ins Leben
gerufen. Diese Partnerschaft ist zu einer dynamischen Kraft für die Bildung von Vertrauen und
Zusammenarbeit zwischen unseren Nationen geworden. Heute wehen die Fahnen Ihrer Länder und die
Fahnen der NATO-Mitgliedstaaten gemeinsam über
der Partnerschaftskoordinierungszelle in Belgien.
Diese Fahnen stehen für 40 Länder, die mit dem
Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa
begonnen haben, gegründet auf die beiden Pfeiler
NATO und Partnerschaft für den Frieden.
Während der in den vergangenen beiden Jahren
unter der Schirmherrschaft der Partnerschaft für den
Frieden abgehaltenen gemeinsamen Übungen
konnten wir einen Großteil dieses Engagements und
der harten Arbeit beobachten. Vor nur sechs
Wochen nahm ich an den Eröffnungsfeierlichkeiten
für die erste dieser Übungen auf amerikanischem
Boden, genannt Cooperative Nugget, teil.
Die
Truppen von 17 Nationen waren beteiligt - 3 aus
NATO-Mitgliedstaaten und 14 aus Ländern der
Partnerschaft für den Frieden. Wir sahen Armeen,
die Jahrzehnte mit dem Aufbau eines Gleichgewichts
des Schreckens verbracht hatten, die jetzt ein
Gleichgewicht des Vertrauens aufbauten. Vertrauen,

AMERIKA DIENST 29

das letztlich zur Verhinderung von Konflikten in
Europa führen kann.
Wir werden jedoch nie sicherstellen können, daß
regionale Konflikte nicht stattfinden. Und wenn wir
regionale Konflikte nicht verhindern können, müssen
wir sie abschrecken können. Die erste Anforderung
an Abschreckung sind starke Streitkräfte, sowohl der
NATO als auch der Vereinigten Staaten.
Heute gründen sich die amerikanischen Streitkräfte
auf die Notwendigkeit, in zwei größeren regionalen
Konflikten gleichzeitig zu kämpfen und zu siegen.
Wenn wir tatsächlich einen Kampf führen müssen,
wollen wir, daß unsere Streitkräfte entschieden,
schnell und mit minimalen Verlusten gewinnen
können. All diese Anforderungen, insbesondere die
minimaler Verluste, bedingen, daß unsere Streitkräfte
in einem Zustand hoher Bereitschaft stehen. Sie
bedingen Vornepositionierung, einschließlich 100.000
Soldaten in Europa und weitere 100.000 auf dem
pazifischen Gefechtsfeld. Sie bedingen die weitere
Voreinlagerung von Gerät in Europa, am Persischen
Golf und in Korea. Und sie bedingen FlugzeugträgerEinsatzverbände und Marine-Expeditionseinheiten,
die rasch zu jedem Krisenherd gelangen können.
Und schließlich bedingen sie, daß wir in den Vereinigten Staaten Streitkräfte in hoher Bereitschaft
haben zusammen mit Luft- und Seetransportfähigkeiten, die sie rasch in jede Konfliktregion transportieren
können.
Das sind die Anforderungen, die mit der Strategie
einhergehen, in zwei größeren regionalen Konflikten
kämpfen und gewinnen zu können. Unsere Streitkräfte von heute erfüllen diese Anforderungen. Aber
obwohl die Fähigkeit, zu kämpfen und zu siegen eine
notwendige Voraussetzung für Abschreckung ist,
reicht sie nicht aus.
Abschreckung entstammt
militärischer Fähigkeit gekoppelt mit politischem
Willen. Dieser politische Wille muß sowohl real als
auch erkennbar sein. 1990 beispielsweise versagte
die Abschreckung, als der Irak unseren politischen
Willen zur Verteidigung Kuwaits und Saudi-Arabiens
bezweifelte. Daher mußten wir einen Krieg führen,
um die irakischen Streitkräfte aus Kuwait zu vertreiben. Im Gegensatz dazu hatte die Abschreckung
im vergangenen Jahr, im Oktober 1994, Erfolg, als
der Irak erneut seine Streitkräfte an die kuwaitische
Grenze verlegte. Dieses Mal wurde unser politischer
Wille durch die rasche Stationierung amerikanischer
Streitkräfte an den Golf demonstriert. Binnen weniger
Tage nach der Bewegung der irakischen Streitkräfte
an die kuwaitische Grenze hatten wir 200 Jagdflugzeuge, eine Panzerbrigade, eine Marine-Expeditionseinheit und einen gemischten Fugzeugträgerverband an den Kriegsschauplatz disloziert. Diese
Streitkräfte schufen in wenigen Tagen die militärische

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�Präsenz, die im Jahr 1990 zahlreiche Wochen
erforderte. Und mit dieser Präsenz konfrontiert,
schickte Saddam Hussein seine Brigaden in die
Kasernen zurück. Weil wir starke, einsatzbereite
Streitkräfte hatten - und ihre rasche Dislozierung
bewies unzweifelhaft politischen Willen - konnten wir
diesen Konflikt abschrecken.

Verschwendung. Kampfhandlungen hinterlassen ein
unauslöschliches Mal an denen, die gezwungen sind,
ihn durchzumachen. (Aber) bis das Jahrtausend
kommt und die Länder aufhören zu versuchen,
andere zu versklaven, wird es notwendig sein, seine
Verantwortung zu übernehmen."

Viele glaubten, das Ende des Kalten Krieges würde
zu einer Beendigung militärischer Konflikte führen und dem Ende der Geschichte, sozusagen. Aber
Geschichte wird weiterhin jeden Tag geschrieben in den Wüsten von Kuwait, in den Bergen von Korea
und in den Straßen von Sarajevo. Wir dürfen also
nicht selbstgefällig sein.

Heute haben wir die Verantwortung, die brutale,
unrühmliche und schreckliche Verschwendung des
Krieges zu verhindern und abzuschrecken. Diese
Pflicht findet sich in der Hauptstädten unserer Nationen, in den Worten unserer Politiker, in der Arbeit
unserer Diplomaten, in den Kursen unserer Zentren
des Lernens wie diesem und in den Herzen unserer
Bürger, einschließlich aller der heute hier in diesem
Raum Versammelten.

Vor einigen Jahren schrieb ein amerikanischer
Veteran des Zweiten Weltkriegs in seinen Memoiren:
"Krieg ist brutal, unrühmlich und eine schreckliche

Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 29

�USA-DEUTSCHLAND
11. Oktober 1995

Kapital, Engagement und Vertrauen - Synergien
amerikanischer Investitionen
Chancen für den Mittelstand in den neuen Bundesländern
ERFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 7. Oktober 1995 bei der American
Business Conference in Erfurt hielt.

Einleitung
Zunächst einmal möchte ich den Mitgliedern der
American Chamber of Commerce - mittels ihres
Vorsitzenden Fred Irwin - für ihre Zusammenarbeit
danken, die diese Konferenz ermöglicht hat. Diese
Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Regierung
ist ein gutes Beispiel für das Wort "Synergie" "gemeinsame Aktionen oder Organisation". Und
Synergie ist das Thema unserer nächsten Diskussionsrunde: "Synergien amerikanischer Investitionen
in den neuen deutschen Bundesländern".
Vor etwas mehr als fünf Jahren, am Vorabend der
deutschen Vereinigung, war ich amerikanischer
Gesandter in der DDR, einem den Vereinigten
Staaten von Amerika auf allen Gebieten - politisch,
sozialpolitisch und im Investitionsbereich - feindlich
gesinnten Land. Jetzt sind die Vereinigten Staaten
hier der größte Investor, und wir sind stolz darauf,
zur wirtschaftlichen Wiederbelebung dieses Teils von
Deutschland beitragen zu können. Heute bin ich
wieder amerikanischer Gesandter - in einem neuen
und geeinten Deutschland - und freue mich, daß wir
zwei hochrangige Experten begrüßen dürfen, die
über ihre Investitionen berichten.
Synergie
Die Globalisierung der Märkte, die Intensivierung des
Wettbewerbs, die Betonung von Qualität, Kundendienst, auf den Kundenbedarf zugeschnittener
Produkte und Kosteneffizienz auf dem Weltmarkt
beherrschen die Debatte über den Standort Deutschland. Aber die Produktionsvergabe nach außen,
nachgelagerte Produktion und die Produktentwicklung in Zusammenarbeit mit den Verkäufern - die
allesamt unter den Begriff "Synergie" fallen - gewinnen zunehmend an Bedeutung.

AMERIKA DIENST 29

Ebenso wie das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit wird das Wirtschaftswunder in den neuen Bundesländern vom Mittelstand
und seiner Synergie mit großen Investitionen abhängen. Der Mittelstand ist von einer prosperierenden industriellen Basis abhängig. Deutschland
kann nicht lediglich als Dienstleistungsgesellschaft
überleben, und ohne Industrie werden die neuen
Bundesländer niemals unabhängig. Erforderlich ist
eine Wiedergeburt existierender Industriezweige
sowie die Entwicklung neuer Industrien unter Beteiligung von Unternehmen jeder Größenordnung.
Amerikanisches Engagement In den neuen Bundesländern
Die amerikanischen Unternehmen warten nicht
einfach nur darauf, daß dies alles geschieht. Sie sind
bereits fast überall in der Wirtschaft dieser Region am
Werke: Von Treuhand-Akquisitionen bis zu Investitionen in unerschlossenen Gebieten, von Joint-ventures
bis zu Verkaufsvertretungen bieten sie Unterhaltung,
High-Tech, Autos, Trinkwasseraufbereitung, Hamburger und vieles mehr an.
Sie sind fast überall zu sehen - von der Vielzahl der
Baukräne in der Friedrichstadt-Passage in Berlin,
Europas größter Baustelle, bis zur hocheffizienten
Fabrikanlage der Opel AG in Eisenach; von den
riesigen Kohlebergwerken in Sachsen bis zu einer
nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüsteten
Halbleiterfabrik in Frankfurt an der Oder. Nahezu
300 verschiedene amerikanische Unternehmen sind
bereits in den neuen Bundesländern tätig. Die
amerikanischen Gesamtinvestitionen in der Region
belaufen sich auf nahezu 8 Milliarden Dollar oder 12
Milliarden DM.
Diese Unternehmen sind im gesamten Spektrum
aktiv, einschließlich Investitionen in existierende

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�Betriebe, Grundstückserschließung und Bauwirtschaft, Fertigung, Unternehmensberatung und
Handel. Unseren Schätzungen zufolge wurden als
Ergebnis dieser amerikanischen Investitionen zwischen 50.000 und 55.000 Arbeitsplätze gesichert
oder geschaffen.
Die gesamten bilateralen Investitionsverbindungen
wurden in den letzten Jahren dramatisch verstärkt.
Die Direktinvestitionen der Vereinigten Staaten in
Deutschland beliefen sich 1994 auf insgesamt 40
Milliarden Dollar - im Vergleich zu 1993 eine Erhöhung um 3 Milliarden. Seit 1992 sind die amerikanischen Investitionen in Deutschland um 18 Prozent
angestiegen. Die meisten Neuinvestitionen der
Vereinigten Staaten in Deutschland werden auf den
Gebieten Fertigung und Großhandel getätigt - und
zwar in den fünf neuen Bundesländern.
Die amerikanischen Importe aus Deutschland
stiegen in demselben Zeitraum um aufsehenerregende 19 Prozent auf ungefähr 18 Milliarden Dollar an.
Die Vereinigten Staaten haben weiterhin einen 7,4
prozentigen Anteil am gesamten deutschen Importmarkt.
Führend bei Investitionen - Synergie
Neue Synergien führen zu neuen Arbeitsplätzen.
Die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes
in der Europäischen Union und Deutschland wird
unweigerlich riesige neuen Chancen für den Mittelstand mit sich bringen. Eine Anzahl großer amerikanischer Unternehmen sind Partnerschaften mit
deutschen Firmen eingegangen - zuerst beim
Mobilfunk, anschließend bei der grundlegenden
Sprach- und Netzwerkinfrastruktur. Diese Unternehmen wiederum hängen von Tausenden amerikanischer und deutscher Zulieferer ab, um die Größe
und Vielfalt des deutschen Telekommunikationsmarktes auszuweiten. Im Zuge des Informationszeitalters nehmen auch die neuen Telekommunikationswege zu, ebenso wie die Nachfrage nach neuen
Ausrüstungsgegenständen und Dienstleistungen des

Gewährleistung fairer und transparenter Beschaffungspraktiken bei den Versorgungsunternehmen
erlassen werden. Wir werden weiterhin Kaufgebote
amerikanischer Unternehmen bei Projekten in
Deutschland unterstützen.
Die Sponsoren dieser Konferenz sind ein wichtiger
Bestandteil dieses Prozesses. Beispielsweise unterzeichnete Dow Chemical kürzlich ein Abkommen über
eine Übernahme von 4 Milliarden DM zur Mehrheitsbeteiligung an drei Chemieunternehmen in den neuen
Bundesländern. Coca Cola investierte bereits mehr
als eine Milliarde Mark in ihre verschiedenen Abfüll-,
Vertriebs- und Verkaufszentren in der gesamten
Region. Und die Investitionen der Opel AG in ihre
hochmoderne Automobilfertigung in Eisenach werden
als ein Modell für das Wirtschaftspotential der Region
angesehen.
Am heutigen Nachmittag geht es aber natürlich
vorwiegend um die direkten und sichtbaren Vorteile
dieser Investitionen für den Mittelstand. Als Beispiel
dafür möchte ich ein Unternehmen anführen, das ich
kürzlich in Apolda, im "Optical Valley" in der Gegend
von Jena besucht habe. Ein tatkräftiger amerikanischer Investor bei Fresnel Optics - ein Kleinunternehmer - kombiniert seine Energien und Talente zur
Herstellung von Linsen für den europäischen Markt.
In kurzer Zeit eroberte er eine wichtige Marktnische,
und sein spezielles Fachwissen stellt eine Ergänzung
zur Massenproduktion und Vermarktung der Industriegiganten dar. Darum geht es bei Synergien.
Schlußbemerkung
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen werden
auch in Zukunft zu den wichtigsten der Welt gehören.
Ich bin stolz darauf, daß amerikanisches Fachwissen,
Innovationen und Betriebe diesen wunderbaren
Unternehmungsgeist widerspiegeln. Mit Hilfe von
Kapital, Engagement und Vertrauen in den Markt
helfen sie nicht nur bei der Sanierung dieser Region,
sondern tragen auch zur Schaffung eines neuen,
stärker integrierten Europas bei.

Mittelstandes - und seine Chancen.
Der Energiebereich ist ein weiterer Sektor, auf dem
verstärkte Liberalisierung und Wettbewerb zu neuen
Chancen für den Mittelstand führen. Da dieser
Markt komplexer und schwieriger zu erschließen ist,
scheinen größere amerikanische Investitionen und
Verkäufe von Ausrüstungsgegenständen erforderlich,
um die Chancen für Lieferanten zu erhöhen. Wir
hoffen, daß in Deutschland und andernorts in der
Europäischen Union neue Richtlinien über die
*

Seite 2

*

Ich sehe unseren Diskussionen erwartungsvoll
entgegen. Jetzt möchte ich David Herman von der
Adam Opel AG das Wort erteilen. Anschließend wird
Norbert von Koczian von Dow Europe Plastics zu uns
sprechen. Beide Unternehmen haben eine große
Erfolgsgeschichte über ihre beträchtlichen Investitionen hier zu vermelden.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 29

�UMWELT
11. Oktober 1995

Nachhaltige Entwicklung ist
"zentrale Herausforderung" unserer Zeit
Rede von Vizepräsident Gore
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede bei der Konferenz der Weltbank über "effektive Finanzierung
umweltverträglicher Entwicklung" in der National Academy of Sciences erklärte US-Vizepräsident AI Gore am
4. Oktober 1995, nachhaltige Entwicklung stelle die zentrale Herausforderung unserer Zeit dar. Er rief alle
Einzelpersonen, multilateralen Organisationen, den Privatsektor, nichtstaatliche Organisationen und
Regierungen auf, zur Erlangung dieses Ziels zusammenzuarbeiten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

Durch Ihre Anwesenheit hier engagiert sich jeder
einzelne von Ihnen für eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit - das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung. Zweifellos bringen die
hier Versammelten unterschiedliche Erfahrungen,
viele verschiedene Fähigkeiten und viele verschiedene Ansätze ein. Wir sind jedoch geeint in unserer
Sorge, unserem Interesse an dieser lebenswichtigen
Frage sowie unserem Engagement dafür.
Welche Rolle können Sie bei der Förderung nachhaltiger Entwicklung spielen? Eine zentrale Rolle.
Die Menschen hier können Ideen realisieren und
Träume in Projekte umsetzen, die das Leben der
Menschen verändern. Nachhaltige Entwicklung wird
durch die Aktionen von Einzelpersonen, multilateralen Organisationen, des Privatsektors, nichtstaatlicher Organisationen und Regierungen erreicht.
Jeder spielt eine wesentliche Rolle. Nachhaltige
Entwicklung ist eine gewaltige Aufgabe. Aber es ist
ein Ziel, das wir anstreben und erreichen müssen.
Wir leben in einer Welt großer Gegensätze. Obwohl
Millionen Menschen weltweit in der Geschichte der
Menschheit einzigartigen Wohlstand genießen, lebt
mehr als eine Milliarde Bürger der Erde in bitterer
Armut, und ungefähr zwei Milliarden Menschen
haben keinen Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge und sanitären Einrichtungen. Obwohl
einige Teile der Welt beträchtliche Fortschritte beim
Umweltschutz gemacht haben, sind entscheidende
Probleme wie Luft- und Wasserverschmutzung,
Zerstörung der Wälder oder Abnahme der Fischbestände noch weit verbreitet. Wie Sie heute
morgen von einer herausragenden Gruppe von
Wissenschaftlern hörten, stellen der Verlust der

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Artenvielfalt und der Klimawandel große neue Herausforderungen für die Gesellschaft dar.
Ich habe vorher über die radikalen Veränderungen
der Umwelt gesprochen, die allein während meines
bisherigen Lebens stattfanden. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß dieser tiefgreifende Wandel in
den Beziehungen zwischen der Menschheit und der
Erde auf den Zusammenfluß dreier Faktoren zurückzuführen ist.
Der erste dieser Faktoren ist die Bevölkerungsexplosion. Die Weltbevölkerung brauchte 10.000 Generationen - ungefähr 200.000 Jahre - um die 2 Milliarden-Marke zu erreichen. Die Zunahme um weitere
zwei Milliarden dauerte weniger als 50 Jahre. Heute
beläuft sich die Weltbevölkerung auf 5,6 Milliarden
und wird in den nächsten Jahrzehnten auf bis zu 9
oder 10 Milliarden anwachsen.
Die zweite Veränderung ist die wissenschaftliche und
technologische Revolution, die im Durchschnitt den
Einfluß jedes einzelnen der Milliarden auf der Erde
lebenden Menschen auf die Umwelt dramatisch
vergrößert hat.
Die Industrialisierung und ihre
zahlreichen Nebenprodukte haben viele Facetten
unseres Planeten verändert.
Der dritte Faktor ist subtiler, vielleicht jedoch der
wichtigste. Unsere Ansichten über unsere Pflicht, die
zukünftigen Konsequenzen unserer derzeitigen
Aktionen in Betracht zu ziehen, haben sich verändert.
Bisweilen hören wir sogar, unser Handeln könnte gar
keine bedeutsamen Auswirkungen auf die Umwelt der
Erde haben.

Seite 1

�Die Umweltprobleme werden noch durch die Beschränkungen unseres Wirtschaftssystems verschärft. Unser Wirtschaftssystem ist manchmal
blind. Es mißt und kontrolliert sorgfältig den Wert
einiger Dinge wie Nahrungsmittel, Kleidung oder
Fertigwaren. Aber seine ausgeklügelten Kalkulationen unterschätzen oder ignorieren sogar oft den
Wert anderer Dinge, die schwieriger zu kaufen oder
zu verkaufen sind: Trinkwasser, saubere Luft, die
Schönheit der Berge, die Vielfalt des Lebens und die
Beschaffenheit der Welt, die wir zukünftigen Generationen hinterlassen.
Oft werden diese dem Wirtschaftssystem immanenten Beschränkungen auch noch durch politische
Fehler verschärft. Aus diesem Grund freue ich mich
außerordentlich, daß die Weltbank jetzt den wahren
Wert einer Nation nicht nur anhand ihres industriellen Outputs, sondern auch anhand des natürlichen
Kapitals, sozialen Kapitals und Humankapitals mißt.
Unsere nächste Herausforderung besteht darin, von
Messungen zu Aktionen überzugehen. Ein Land,
das seiner Umwelt keine Beachtung schenkt, kann
auch seine Menschen nicht von der Armut befreien.
Ein verarmtes Land kann seine Umwelt nicht sauberhalten.
Betrachten Sie sich Haiti, das ärmste Land in dieser
Hemisphäre. Die Menschen dort haben Staatsstreiche und Diktaturen durchlebt und leiden immer
noch unter großer Armut. Ihre Bestrebungen, sich
vom Joch der Armut zu befreien, werden jedoch
durch die fast vollständige Zerstörung der Wälder
dieser einst üppig bewachsenen Insel behindert.
Von den Böden, die früher ein hungriges Volk
ernähren konnten, sind jetzt nur noch Sand und
Lehm übrig. Aber der Wandel zeichnet sich bereits
ab. Die Menschen auf Haiti haben schon die ersten
Schritte zur Förderung von Demokratie unternommen. Weder Autokratie noch Tyrannei waren je dem
menschlichen Geist oder der Umwelt freundlich
gesinnt.
Die Menschen müssen wissen, daß sie die Zukunft
bestimmen - und sie ihnen nicht einfach vorgesetzt
wird. Bevor sie bereit zum Schutz der Ressourcen
sind, von denen sie eines Tages leben, müssen sie
erkennen, daß ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Ich
hoffe, in Haiti diese Botschaft übermitteln zu können,
wenn ich in zwei Wochen dorthin reise. Und diese
Idee trifft nicht nur auf Haiti, sondern auf die ganze
Welt zu. Aus diesem Grund ist Demokratie ein solch
integraler Bestandteil von nachhaltiger Entwicklung.
Bei der Förderung von nachhaltiger Entwicklung
steht die Finanzierung an vorderster Front. Es ist
gut, über nachhaltige Entwicklung zu sprechen -

Seite 2

aber es reicht nicht aus. Nachhaltige Entwicklung
erfordert reale Projekte, reale Unternehmen und reale
Programme. Sie benötigt kreative und engagierte
Menschen.
Menschen wie Dr. Mohammed Yunus. In der Finanzwelt gibt es kein inspirierenderes Beispiel für Kreativität und Engagement als Dr. Yunus. Wie viele von
Ihnen wissen, ist Dr. Yunus der Gründer der Grameen Bank, die vor über 17 Jahren im ländlichen
Bangladesch ihre Geschäftstätigkeit aufnahm. Die
Grameen Bank verfolgt ein einfaches Ziel: Armen
Menschen Zugang zu Krediten zu verschaffen, damit
sie ein Geschäft eröffnen können. Die Darlehen
belaufen sich im Durchschnitt auf 100 Dollar und
erfordern keine Bürgschaft. Die überwältigende
Mehrheit der Kunden sind Frauen. Heute hat die
Grameen Bank über zwei Millionen Kreditnehmer,
mehr als 1.000 Geschäftsstellen und eine Rückzahlungsquote von 98 Prozent. Sie trug dazu bei,
zahllose Menschen von der Armut zu befreien. Noch
außergewöhnlicher ist vielleicht die Art und Weise, in
der die einfache Idee von Dr. Yunus sich von Bangladesch auf die ganze Welt ausbreitete. Daher ist
es mir eine besondere Freude, daß Dr. Yunus heute
hier ist.
Ein weiterer kreativer und innovativer Ansatz zur
Förderung nachhaltiger Entwicklung ist die Globale
Umweltfazilität (Global Environment Facility - GEF).
Die GEF wurde 1991 ins Leben gerufen, um den
Entwicklungsländern bei der Bewältigung der weltweiten Umweltprobleme Klimawandel, Verlust der
Artenvielfalt, Abnahme der Ozonschicht und weltweite
Wasserverschmutzung zu helfen. Bis heute hat die
GEF über 2 Milliarden Dollar für die Finanzierung von
Projekten auf der ganzen Welt mobilisiert. Es gibt
bereits wichtige Erfolgsgeschichten. Beispielsweise
werden im Rahmen des "hocheffizienten Lichtprojekts" in Mexiko durch den Austausch von Glühbirnen
gegen Leuchtstoffröhren Treibhausgasemissionen
und die lokale Verschmutzung verringert. Dieses
Projekt wird die institutionelle Kapazität für technologischen Wandel und Energieeinsparung erhöhen und
die Fähigkeiten stärken, tragfähiges nachfrageorientiertes Management zu praktizieren.
Die GEF ist eine vielversprechende Entwicklung.
Aber obwohl sie in gewisser Weise über viele Mittel
verfügt, verblassen diese neben den gesamten
Ressourcen der multilateralen Entwicklungsbanken.
1994 stellte die Weltbankgruppe den Entwicklungsländern Kredite in Höhe von mehr als 25 Milliarden
Dollar zur Verfügung. Diese Institutionen haben
starken Einfluß auf weltweite nachhaltige Entwicklung.
In den letzten Jahren hat die Weltbank wichtige
Schritte zur Förderung nachhaltiger Entwicklung

AMERIKA DIENST 29

�unternommen. Die Darlehensgewährung für Umweltprojekte ist ebenso angestiegen wie die für
Bevölkerungsprogramme, die Entwicklung menschlicher Ressourcen und die Bekämpfung der Armut
insgesamt. Kredite für Projekte auf allen Gebieten
unterliegen jetzt einer verstärkten Umweltverträglichkeitsprüfung. Die Maßnahmen auf dem Energieund Forstwirtschaftssektor werden verbessert. Die
Bank leistet zunehmend Beistand bei der Erkennung
und Beseitigung wirtschaftlicher Verzerrungen, die zu
einer Verschwendung natürlicher Ressourcen führen.
Besonders wichtig sind die Bestrebungen zur Verbesserung von Transparenz und Einbeziehung
betroffener Gemeinden in den Entscheidungsprozeß.
Die Informationspolitik der Weltbank sowie die
Gründung ihres Inspektionsgremiums sind beides
bedeutende und positive Entwicklungen. Ich begrüße die jüngste Überprüfung der Informationspolitik
des Kreditrahmens für den Privatsektor bei der
Asiatischen Entwicklungsbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank. Diese revidierten Maßnahmen sind gute Beispiele, die eine eingehende
Untersuchung durch die Bankgruppe als Ganzes
verdienen.
Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen. Die
Durchsetzung der Maßnahmen wird harte Arbeit und
Hartnäckigkeit erfordern. Die Konzentration auf die
Qualität - und nicht die Quantität - der Investitionen
ist von entscheidender Bedeutung. Umweltpolitische
Überlegungen müssen in politisch basierte Kreditvergabe einbezogen werden. Um effektiv zu sein,
müssen die Mitglieder der Weltbankgruppe den
Aufbau von Partnerschaften mit allen Teilen der
Gesellschaft anstreben.
Ich möchte ein Beispiel für die konstruktive Rolle
geben, die eine Entwicklungsbank bei der Förderung
nachhaltiger Entwicklung übernehmen kann: Die
jüngste Arbeit der Interamerikanischen Entwicklungsbank zugunsten von Suriname. Surinames Regenwälder sind eine seltene und außerordentliche
Kostbarkeit. Die derzeit dem Parlament Surinames
vorliegenden Vorschläge würden jedoch mehr als ein
Drittel des gesamten Landes zur Abholzung freigeben. Dank des weitblickenden Enrique Iglesias, des
Präsidenten der Interamerikanischen Entwicklungsbank, sowie des costaricanischen Präsidenten Jos§
Maria Figueres werden die Menschen in Suriname
glücklicherweise zusätzliche Optionen erhalten, wenn
sie über die Nutzung ihrer Regenwälder entscheiden. Sie werden jetzt eine Vielzahl tragfähiger
Ansätze zur Nutzung ihrer Regenwälder in Erwägung ziehen, einschließlich einer Untersuchung der
Gegend auf das Vorhandensein von Lagerstätten,
Ökotourismus und Abkommen zur Verringerung von
Kohlenstoff.

AMERIKA DIENST 29

Sogar die Mittel der multilateralen Banken werden
von denen des Privatsektors in den Schatten gestellt,
auf den die meisten der weltweiten Investitionen
entfallen. Infolgedessen können Veränderungen des
privaten Verhaltens einen großen Unterschied bewirken, während wir uns auf eine umweltverträgliche
Welt zubewegen.
Die Integration umweltpolitischer Belange in Unternehmensbilanzen sowie die Schaffung von Wettbewerbsvorteilen bei verbessertem Umweltverhalten
und sozialem Verantwortungsbewußtsein verbreiten
sich immer stärker.
Ich möchte folgendes betonen:
Unsere größte
Chance zur Erzielung nachhaltiger Entwicklung sind
Investitionen in umweltverträgliche Praktiken und
Technologien, die für die Privatwirtschaft und für
Privatinvestitionen attraktiv sind. Die Bereitstellung
dieser Gelder muß für die Weltbankgruppe eine
Herausforderung darstellen, einschließlich der internationalen Finanzierungsgesellschaft (International
Finance Corporation - IFC) und der mulitlateralen
Behörde für Investitionsgarantien (Mulitlateral Investment Guarantee Agency - MIGA), um die Welt
wirklich zu nachhaltiger Entwicklung zu führen. Einer
neuen Untersuchung zufolge beläuft sich die Nachfrage nach Umweltgütern und -dienstleistungen
weltweit auf ungefähr 400 Milliarden Dollar jährlich,
was die Weltmärkte für pharmazeutische Produkte,
Luftfahrt, Plastik, Papier oder Zellstoffprodukte
übertrifft. Und diese Zahlen beinhalten nicht den
Weltmarkt für Energieeinsparung und Stromerzeugung, der jährlich mehrere Milliarden Dollar beträgt
und im Wachstum begriffen ist.
Wir werden jedoch mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Erstens sehen wir selbst
angesichts hochentwickelter Kapitalmärkte weltweit,
daß Umwelttechnologieunternehmen Schwierigkeiten
haben, Privatkapital aufzubringen.
Zweitens deuten die Marktschätzungen klar darauf
hin, daß die Möglichkeit eines erweiterten Kapitalmangels langfristige nachhaltige Entwicklung bedroht.
Schätzungen des Erdgipfels von Rio im Jahr 1992
zufolge werden im verbleibenden Jahrzehnt zwischen
500 und 625 Milliarden Dollar zur Erlangung der Ziele
der Agenda 21 benötigt. Die Entwicklungsländer
haben den weitaus größten Bedarf.
Zur Deckung dieser Bedürfnisse muß der Löwenanteil
der Gesamtkosten vom Privatsektor gedeckt werden.
Das bedeutet, daß die Entwicklungsinitiativen für die
Finanzierung des Privatsektors - und die Ermutigung
effektiver Investitionen der Gastregierung - von
essentieller Bedeutung sind.

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�Ein Anbieter von Risikokapital äußerte mir gegenüber kürzlich: "Kapital führt nicht an, sondern folgt
nach. Es ist ziemlich einfach: Wenn wir kein Geld
machen können, kommen wir nicht." Wir in der
Regierung und den internationalen Finanzinstitutionen müssen dafür sorgen, daß das Kapital in nachhaltigere Lösungen fließt.
Wir alle müssen uns Maßnahmen entgegenstellen,
die der Bekämpfung von Armut und Umweltverschmutzung im Weg stehen. Eine Politik zur Subventionierung einer Verschwendung von Ressourcen
- wie das Unterbieten der Preise für Energie und
Wasser - muß beendet werden. Dasselbe gilt für
makroökonomische Maßnahmen und eine restriktive
Handelspolitik, die Wachstum behindern, lebenswichtige ausländische Investitionen sowie die Verbreitung neuer Technologie abschrecken und die
exzessive Nutzung verfügbaren natürlichen Kapitals
anregen. Kontraproduktive gesetzliche und soziale
Maßnahmen haben ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Wachstum und Umwelt, indem sie die
Bildungsmöglichkeiten einschränken, Investitionsrisiken erhöhen und keinen Schutz für Rechte geistigen Eigentums bieten.
Was können wir zum Schutz nachhaltiger Entwicklung unternehmen?
Wir können uns Informations- und Telekommunikationstechnologien zunutze machen, um die
Märkte effizienter zu gestalten, indem wir Informationen über nachhaltige Praktiken und neue
Marktchancen verbreiten.
Wir können bei der Prüfung und Vorstellung
neuer Ideen helfen, dadurch die Glaubwürdigkeit
neuer, nachhaltiger Ansätze erhöhen und sowohl
für Investoren als auch für Verbraucher die
Risiken reduzieren.
Wir können die oft schwierigen, aber notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung wirtschaftlicher
Verzerrungen und zur Förderung von Chancen
für Handel und Investitionen durchführen und
damit zur Verringerung von Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung beitragen.
Wir können sicherstellen, daß bei Kreditprogrammen auf politischer Grundlage umweltpolitische
Erwägungen vollständig in die Entscheidungen
einbezogen werden.
Schließlich können wir durch unser Beispiel eine
Führungsrolle übernehmen. Die Regierungen
können ihre Macht beispielsweise im Beschaffungswesen dazu einsetzen, Fahrzeuge mit
sparsamem Kraftstoffverbrauch, Energieeinspa-

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rung fördernde Gebäude und andere umweltfreundliche Produkte zu kaufen.
Ich fordere die hier Anwesenden dazu auf, auf diesen
Optionen aufzubauen und innovative Wege zu
entwickeln, umweltverträgliche Investitionen in nachhaltige Entwicklung zu tätigen.
Jetzt möchte ich noch zwei weitere Punkte ansprechen.
Erstens: Humankapital, der Schlüssel zur Erhöhung
des Wohlstands einer Nation. Für Präsident Clinton
und mich stehen Bildung, Ausbildung und lebenslanges Lernen oben auf unserer Prioriätenliste. Wer
an der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung teilnahm, hat erkannt, daß die Ausbildung von Frauen und Mädchen und mehr Befugnisse für sie von entscheidender Bedeutung sind,
wenn wir die Wachstumsrate der Bevölkerung verringern wollen, wodurch auch die wirtschaftlichen
Chancen erhöht werden, die eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung sind. In den
letzten Wochen gab die Weltbank die Gründung einer
Stiftung zu Ehren von Lew Preston bekannt, um in
Entwicklungsländern Stipendien und andere Programme zu finanzieren, damit mehr arme Mädchen Grundund weiterführende Schulen besuchen und dort einen
Abschluß machen können.
Zweitens möchte ich ausdrücklich betonen, daß die
Clinton-Administration sich dazu verpflichtet, unsere
Nation auf dem Weg zu nachhaltiger Entwicklung
voranzubringen. Wir sind besonders stolz auf die von
unserem Land in der letzten Generation gemachten
Fortschritte beim Schutz unserer Umwelt. Wir
unterstützen entschieden langfristige Umweltforschung, Energieforschung und Entwicklung, die
Verringerung der Treibhausgasemissionen, Pflege
des Ökosystems und Verhinderung von Verschmutzung, um nur wenige wichtige Bereiche zu nennen.
Wir setzen uns entschlossen dafür ein, unseren
gerechten Anteil am Montrealer Treuhandfonds, der
Globalen Umweltfazilität und den multilateralen
Entwicklungsbanken als Ganzem zu zahlen.
Bedauerlicherweise bemüht sich der amerikanische
Kongreß, wie viele von Ihnen wissen, derzeit um eine
Umkehr des großartigen Fortschritts, den wir in
diesem Land beim Schutz unserer Umwelt und der
Förderung von nachhaltiger Entwicklung erzielt
haben. Der Kongreß versucht, die von uns angeforderten Beiträge zu den multilateralen Entwicklungsbanken um die Hälfte zu kürzen. Aber die extremen
Elemente, die auf diese Agenda dringen, lernen
etwas: Sie werden nicht vom amerikanischen Volk
unterstützt.

AMERIKA DIENST 29

�Einige Kongreßabgeordnete setzen sich leidenschaftlich für die Bekämpfung des staatlichen
Haushaltsdefizits ein - eine Leidenschaft, die Präsident Clinton und ich mit ihnen teilen. Was ich nicht
verstehe ist jedoch, daß diese Republikaner bereit
sind, ihren Kindern und Enkeln ein ökologisches
Defizit zu hinterlassen. Meines Erachtens ist es
unmoralisch, unseren Kindern riesige Schulden seien sie finanzieller oder umweltpolitischer Art - zu
hinterlassen.
Meine Damen und Herren, ich bin davon überzeugt,
daß ein neues Zeitalter anbricht. Meines Erachtens
können wir alle zum Schutz der Umwelt, zur Bekämpfung der Armut und zur Schaffung von Wohlstand zusammenarbeiten.

wissen, steht in der Schöpfungsgeschichte, daß Gott,
nachdem er die Erde geschaffen hatte, sah, "es war
sehr gut". Allen unseren jüdischen Freunden wünsche ich an diesem Versöhnungstag "L'Shana Tova"
- ein frohes neues Jahr.
Zudem haben Präsident Clinton und ich diese Woche
die Ehre, mit seiner Heiligkeit, Papst Johannes Paul
II., zusammenzutreffen. Viele von Ihnen werden
wissen, daß der Papst sich stark für Umweltschutz
ausgesprochen hat. Ich möchte heute mit einem
Zitat von ihm schließen:
"Angesichts der weitverbreiteten Zerstörung
der Umwelt kommen die Menschen überall zu
der Erkenntnis, daß wir nicht weiter so mit den
Gütern der Erde umgehen können wie bisher.
Die Öffentlichkeit und die Politiker machen sich
über dieses Problem Sorgen, und Experten
einer Vielzahl von Disziplinen beschäftigen sich
mit seinen Ursachen. Es entsteht ein neues
Umweltbewußtsein, das ... ermutigt werden
sollte, damit es sich zu konkreten Programmen
und Initiativen entwickelt."

Abschließend möchte ich kurz auf die wichtige Rolle
religiöser Werte beim Streben nach nachhaltiger
Entwicklung eingehen. Die Achtung der Erde und
der Natur ist den meisten Weltreligionen gemeinsam.
In meiner eigenen religiösen Erfahrung und Erziehung - ich bin Baptist - ist die Pflicht zum Schutz der
Erde in der grundlegenden Beziehung zwischen
Gott, der Schöpfung und der Menschheit verwurzelt.
Ich möchte die Rolle religiöser Werte für nachhaltige
Entwicklung aus zwei Gründen ansprechen. Erstens
ist heute Yom Kippur, nach der jüdischen Religion
der heiligste Tag im Jahr. Wie viele auf der Welt

Ein neues Umweltbewußtsein entsteht. Jetzt ist der
Zeitpunkt für konkrete Initiativen.
Gemeinsam
können wir die vor uns liegenden Herausforderungen
bewältigen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 29

Seite 5

�HANDEL
11. Oktober 1995

Die USA können kein vollkommen
merkantilistisches Land sein
Ansprache von Staatssekretär Garten
WASHINGTON - (AD) - Die Handelspolitik der Vereinigten Staaten fördert multilaterale Lösungen - wie die
Welthandelsorganisation (WTO) - und wendet sich nur von ihnen ab, wenn das zur Stärkung des multilateralen
Systems beiträgt, erklärte der Staatssekretär tür Welthandel im US-Wirtschaftsministerium, Jeffrey Garten, am
2. Oktober 1995 in einer Ansprache bei der Konferenz des Rats für Wirtschaft und Technologie der USA und
des Verbands Südostasiatischer Nationen (Association of South-East Asian Nations - ASEAN).
Der Staatssekretär äußerte sich auch zu seiner jüngsten Reise in verschiedene ASEAN-Staaten und erklärte,
in der Region habe es große Besorgnis wegen bestimmter Aspekte der amerikanischen Handelspolitik
gegeben. Garten bezeichnete die amerikanische Politik als "völlig richtig" und vertrat die Ansicht, die
Vereinigten Staaten könnten kein vollkommen merkantilistisches Land sein, sondern würden auch weiterhin
Menschen- und Arbeitnehmerrechte sowie Umweltschutz in ihre handelspolitischen Überlegungen einbeziehen,
unabhängig davon, welche Regierung gerade in den USA regiert.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der von Staatsekretär Garten bei der Konferenz gehaltenen
Ansprache.

So optimistisch wir auch hinsichtlich des Wachstumspotentials in der ASEAN-Region sowie der Ausweitung des Handels sein mögen, sehen sich
amerikanische Firmen doch außerordentlichem
Wettbewerb gegenüber. Ihre Konkurrenten sind die
Europäer, andere asiatische Länder wie Taiwan und
Korea und insbesondere Japan, das Milliarden Dollar
an Auslandshilfe in die Region pumpt, während wir
praktisch nichts unternehmen. Bemerkenswert fand
ich beispielsweise die Diskrepanz zwischen Japans
Hilfe für die Philippinen, die sich jährlich auf ungefähr eine Milliarde Dollar beläuft, wovon das meiste
Geld für die Entwicklung der Infrastruktur aufgewendet wird, und den weniger als 50 Millionen Dollar,
die wir ausnahmslos zur Deckung grundlegender
menschlicher Bedürfnisse geben. Oder betrachten
Sie sich ein Land wie Indonesien, in das die Japaner
jährlich 2 Milliarden Dollar stecken, wir hingegen
weniger als 100 Millionen, wobei ihr Geld wiederum
für wirtschaftliche, unseres für humanitäre Zwecke
eingesetzt wird.
Bemerkenswert fand ich auch die Aggressivität
einiger japanischer Unternehmen, die amerikanische
Firmen - insbesondere auf dem Energiesektor anscheinend um bis zu 50 Prozent unterbieten. Ich
höre das nicht zum ersten Mal. Mir kam das schon
vor einigen Monaten zu Ohren, als ich in der Türkei

AMERIKA DIENST 29

war. In bezug auf den Wettbewerb ist also einiges in
Bewegung, das uns dazu veranlassen sollte, aufzuhorchen und uns einige Fragen darüber zu stellen,
wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern
können.
In der Region bestand ferner große Besorgnis über
bestimmte Aspekte der amerikanischen Handelspolitik. Natürlich hört man die üblichen Klagen, die
Vereinigten Staaten gingen bilateral oder unilateral
vor, anstatt im Rahmen der WTO. Aber die Gemüter
erregen sich noch viel mehr, wenn es um Arbeitnehmerrechte und Menschenrechte geht, oder um
Handel, der Aspekte des Umweltschutzes tangiert.
Ich habe alles getan, um unsere Politik zu verteidigen, die in meinen Augen völlig richtig ist. Ich habe
dargelegt, daß wir den Multilateralismus hundertprozentig unterstützen und nur aus einem ganz
speziellen Grund davon abweichen, jedoch immer mit
dem Ziel einer Stärkung des multilateralen Systems
vor Augen. Im Zusammenhang mit den Werten
Menschenrechte und Arbeitnehmerrechte lautete die
Antwort, die sie vielleicht nicht gerne hörten, daß die
Vereinigten Staaten einfach kein vollkommen merkantilistisches Land sein können, und wir - ungeachtet
dessen, welche Administration regiert - bei unserer
Wirtschaftspolitik auch in Zukunft Menschen- und

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�Arbeitnehmerrechte sowie Umweltschutz berücksichtigen werden.
Ich entdeckte große Besorgnis über vergangene
oder bestehende Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan sowie den Vereinigten
Staaten und China. Das war tür mich sehr interessant, denn man sieht die Welt auf ganz andere
Weise, wenn man auf den Philippinen, in Singapur
oder Malaysia ist. Und wenn die Giganten Kämpfe
austragen, oder es auch nur so scheint, sind die
Spannungen in dieser Region spürbar. Und natürlich habe ich alles mir Mögliche getan, um zu
erklären, daß unser Ziel in bezug auf Japan in der
Aufrechterhaltung eines möglichst engen Bündnisses
besteht und wir versuchen, die Elemente dieses
Bündnisses besser als vorher ins Gleichgewicht zu
bringen. Im Hinblick auf China war unser Ziel die
Handelsdiplomatie, die zu mehr, nicht zu weniger
Engagement führen soll. Ich stellte fest, daß immer
noch starke Besorgnis wegen des amerikanischen
Engagements in Asien besteht. Das hat mich etwas
überrascht, denn die Clinton-Administration hat zumindest aus meiner Sicht - sehr viel unternommen, um die Länder in der Region unseres umfassenden Engagements zu versichern. Ich versuchte, unser starkes militärisches Engagement zu
betonen und erklärte, daß unser Ziel in der möglichst
starken Ausweitung unserer wirtschaftlichen Bande
sowie unserer Präsenz in der Region besteht.
Ich war wirklich beeindruckt von der enormen
Vielfalt, die ich zu sehen bekam. Wir können über
ASEAN sprechen, über die Fortschritte zu stärkerer
Liberalisierung. Tatsache ist jedoch, daß jedes der
ASEAN-Mitgliedstaaten einen ganz anderen Rhythmus hat: Die Philippinen kommen erstmals mit sich
selbst ins reine, und der Fortschritt liegt bei ihnen in
der Luft. Wenn Sie dann nach Malaysia gehen - es
ist nur ein Katzensprung - macht man sich Sorgen
über eine neue Industriepolitik, Mangel an Arbeitskräften, weiteres Anspruchsdenken. Und kommt
man dann nach Singapur, hört man etwas über die
innovativste Wirtschaftspolitik, die man sich vorstellen kann, einschließlich der Exporte Singapurs in
die Industrieparks und -Städte Chinas und wahrscheinlich bald auch Vietnams.
Diese Unterschiede beziehungsweise Vielfalt wurden
in einer Diskussion mit 20 jungen - ich vermute, sie
waren alle unter 40 - Führungskräften in Singapur
deutlich. Es ging um asiatische Werte.
Im Zusammenhang mit der Vielfalt taucht die Frage
auf, ob - und wie - die ASEAN-Staaten neue Mitglieder aufnehmen: Vietnam, Laos und andere Län-

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der, die zusätzliche Komplikationen bringen und
Staaten, die in wirtschaftlicher Hinsicht noch weit
hinter den fortschrittlicheren ASEAN-Mitgliedern
zurückliegen. In diesem Kontext möchte ich kurz
etwas zu Vietnam sagen. Wir waren noch nicht in
Vietnam. Eine Delegation des Wirtschaftsministeriums wird bald dorthin reisen. Das ist natürlich für die
Administration von großer Bedeutung. Nach der
Normalisierung der Beziehungen müssen wir unser
Augenmerk jetzt auf die wirtschaftlichen Aspekte
richten. Das wird nicht einfach sein. Viele gesetzliche Hindernisse müssen beseitigt werden. Wir
brauchen eine Normalisierung unserer Handelsbeziehungen zu Vietnam, die wir in enger Abstimmung mit dem Kongreß erreichen müssen. Es kann
einiges getan werden, und wir werden uns in naher
Zukunft darauf konzentrieren.
Jetzt, da ASEAN ein großer, aufstrebender Markt und
Vietnam ein Teil davon ist, verfügen wir bereits über
einen Rahmen für unsere Wirtschaftsbeziehungen.
Wenn wir Handelsemissäre in die ASEAN-Staaten
entsenden, wenn wir Delegationen schicken, die sich
mit Telekommunikation, Verkehr oder Umwelttechnologie befassen, können sie auch in Vietnam haltmachen. Wenn wir über Ausbildungsprogramme sprechen, können wir diese in allen ASEAN-Staaten und
auch in Vietnam durchführen. Das Bündnis für
gegenseitiges Wachstum mit seiner Betonung von
Verbindungen zwischen kleinen und mittelständischen
Betrieben kann auch in Vietnam direkte Anwendung
finden. Unser Programm zur Förderung von Exporten in die ASEAN-Staaten kann auch direkt in Vietnam angewandt werden. Wir haben bereits entsprechende Bestrebungen eingeleitet.
Ich bin der Ansicht, daß die nächsten zwölf Monate
für die amerikanische Handelsförderung das Jahr des
ASEAN sein sollten. Die Größe des Marktes, die
Dynamik der Liberalisierung, die problemlose Kommunikation zwischen den Vereinigten Staaten und
diesen Ländern lassen das natürlich erscheinen. In
anderen großen, aufstrebenden Märkten Asiens ist
großes Potential vorhanden, aber offen gesagt
werden die Fortschritte in China, Indien und Korea
weitaus langsamer vonstatten gehen. In diesen
Ländern und auf diesen Märkten werden wir bestenfalls zwei Schritte vor und einen Schritt zurück
beobachten. Aber wenn wir engere Wirtschaftsbeziehungen zu den ASEAN-Staaten schmieden
können, werden meines Erachtens alle Seiten - nicht
nur unser Land, sondern auch die Staaten der
ASEAN-Region - sowohl kurz- als auch langfristig
echte Ergebnisse sehen.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 29

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Nato&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Überlegungen zur Bündniserweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Nato Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Weitere Unterstützungen für den Nahostfriedensprozess gefordert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Marshallzentrum&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Regionale Konflikte - die neue Gefahr für den Weltfrieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Deutschland&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Kapital, Engagement und Vertrauen – Synergien amerikanischer Investitionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chancen für den Mittelstand in den neuen Bundesländern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Umwelt&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nachhaltige Entwicklung ist "zentrale Herausforderung" unserer Zeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Handel&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA können kein vollkommen merkantilistisches Land sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Staatssekretär Garten&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
25. Oktober 1995

30

AUSSENPOLITIK

FUHRUNGSROLLE DER USA IST FÜR SICHERHEIT UND WOHLSTAND ENTSCHEIDEND
Rede von Präsident Clinton

VEREINTE NATIONEN

CLINTON UNTERBREITET NEUE UN-TAGESORDNUNG FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede des Präsidenten vor der
UN-Generalversammlung

USA-IRAN

IRAN - DER PREIS FÜR VERANTWORTUNGSLOSES VERHALTEN
von Peter Tarnoff

NICHTVERBREITUNG

USA DRÄNGEN AUF VERTRAG ÜBER EIN
UMFASSENDES ATOMTESTVERBOT
Rede von ACDA-Direktor Holum

DATENAUTOBAHN

NEUES VON DER DATENAUTOBAHN
Übersicht jüngster Entwicklungen

AIDS

ÜBERLEBEN
von Kathleen Fackelmann

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�RELIGION

AMERIKA UND SEINE RELIGIONSVIELFALT
von Carolyn J. Mooney

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

�AUSSENPOLITIK
25. Oktober 1995

Führungsrolle der USA ist für
Sicherheit und Wohlstand entscheidend
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - In einer im Weißen Haus weithin als Grundlage für seinen Kampf um eine Wiederwahl
erachteten Rede vor dem Freedom House - einer vor fünf Jahrzehnten gegründeten Privatorganisation zur
Förderung einer überparteilichen Außenpolitik in Amerika - setzte sich Präsident Clinton für eine interventionistische Außenpolitik in einer Zeit haushaltspolitischer Engpässe ein und rief dazu auf, den
Isolationismus zu bekämpfen.
Wenn die Vereinigten Staaten nicht weltweit eine Führungsrolle übernähmen, würden ihre Werte von
Demokratie und Marktwirtschaft nicht überdauern, erklärte der Präsident.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten vom 6. Oktober 1995 im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, hier mit Ihnen allen in Freedom
House zu sein. Seit über 50 Jahren ist Freedom
House eine Stimme für die Menschenwürde. Dank
Ihrer Arbeit geht es Menschen auf der ganzen Welt
besser. Ich freue mich sehr, daß Freedom House
diese buntgemischte und dynamische Gruppe
versammelt hat. Es kommt nicht so oft vor, daß die
Carnegie-Stiftung, das Progressive Policy Institute,
die Heritage Foundation und der American Foreign
Policy Council unter einer Flagge fahren.
Das beweist, daß es in unserem Land ein starkes,
dynamisches Zentrum gibt, das eine fortgesetzte
Führungsrolle Amerikas auf der Welt unterstützt. Wir
alle setzen uns dafür ein. Und ich möchte öffentlich
dem Außenminister und Tony Lake sowie anderen
Mitgliedern unseres außenpolitischen Teams danken. Dank auch an Thomas McLarty, der sich
besonders in Lateinamerika für unsere Belange
eingesetzt hat. Und ich möchte Ihnen allen danken,
die Sie diese ständigen Bestrebungen unterstützen.
Wie Sie wissen, strebte ich 1991 die Präsidentschaft
an, weil es meines Erachtens wichtig war, für alle
Amerikaner den Amerikanischen Traum wiederherzustellen und in der Welt nach dem Kalten Krieg die
Führungsrolle Amerikas erneut zu bekräftigen. Im
Zuge des Übergangs vom Industrie- zum Informationszeitalter, von der Welt des Kalten Krieges zum
Weltdorf, haben wir die außergewöhnliche Chance,
unsere Werte im In- und Ausland zu fördern. Aber
wir sehen uns dabei auch mit einigen schwierigen
Herausforderungen konfrontiert.

AMERIKA DIENST 30

Wir wissen, daß wir in unserem Land die Pflicht
haben, allen Bürgern die Chance zu geben, das
Beste aus Ihrem Leben zu machen, ihre Familien und
Gemeinden zu stärken. Wir wissen auch, daß wir die
Pflicht haben, im Ausland Freiheit und Demokratie,
Wohlstand und den Schutz unseres Planeten zu
fördern. Wir wissen, daß die Kräfte der Integration
und des wirtschaftlichen Fortschritts auch die Saat
der Zerstörung und größerer Ungleichheit beinhalten.
Wir wissen, daß Familien, Gemeinden und Nationen
anfällig für die organisierten Kräfte der Zerstörung
und der siegessicheren Mentalität in Politik und
Wirtschaft sind. Wir haben dieses Wissen und daher
eine um so größere Pflicht zur Förderung unserer
Werte und Interessen.
Freedom House verdient meines Erachtens außerordentliches Lob für den Zeitpunkt dieser Veranstaltung. Ich frage mich, ob Adrian Karatnycky und sein
Kollege wußten, daß die Vereinigten Staaten an den
Tagen vor dieser Diskussion die Chance haben
würden, die Behauptung so lebhaft unter Beweis zu
stellen, die diese Konferenz fördern möchte: Daß die
amerikanische Führungsrolle und ihre überparteiliche
Unterstützung eine absolut notwendige Quelle
unserer Stärke im Inland und unseres Erfolgs im
Ausland sind.
Wir müssen für Demokratie und Freiheit stehen. Wir
müssen für Chancen und Verantwortung auf einer
Welt stehen, in der die Trennlinie zwischen Innenund Außenpolitik zunehmend verwischt wird.

Seite 1

�Unsere persönliche, familiäre und nationale Sicherheit wird zunehmend von unserer Politik gegenüber dem Terrorismus im In- und Ausland beeinflußt.
Unser persönlicher, familiärer und nationaler Wohlstand wird von unserer Marktwirtschaft im In- und
Ausland beeinflußt. Unsere persönliche, familiäre
und nationale Zukunft wird von unserer Umweltpolitik
im In- und Ausland beeinflußt. Das Gemeinwohl im
Inland kann einfach nicht von unseren Bestrebungen
zum Förderung des Gemeinwohls auf der ganzen
Welt getrennt werden. Sie müssen ein und dasselbe
sein, wenn wir in der Welt des 21. Jahrhunderts
wirklich sicher sein wollen.
i

Wir sehen die Vorteile der amerikanischen Führungsrolle und die jetzt in Bosnien gemachten
Fortschritte. In den letzten Wochen haben unser
Militär im Rahmen der NATO und unsere entschlossene Diplomatie in der gesamten Region die Konfliktparteien einer Lösung näher gebracht als zu
jedem anderen Zeitpunkt seit Beginn dieses schrecklichen Krieges vor vier Jahren. Gestern halfen wir
beim Abschluß des Abkommens über einen Waffenstillstand in ganz Bosnien. Jetzt kommen die
Parteien zur Fortsetzung der Friedensgespräche in
den Vereinigten Staaten zusammen, die von unserem Verhandlungsteam sowie unseren europäischen
und russischen Kollegen vermittelt wurden.
Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es
gibt keine Erfolgsgarantie. Aber wir werden unseren
gesamten Einfluß nutzen, um den Konfliktparteien
beim Abschluß eines Friedens zu helfen, der Bosnien als einheitlichen demokratischen Staat erhält
und die Rechte aller Bürger ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit schützt.
Falls und wenn der Frieden kommt, ist damit die
Verantwortung der internationalen Völkergemeinschaft nicht beendet. Nach all dem Blutvergießen,
dem Haß, den verlorenen Jahren wird der Frieden
sicherlich brüchig sein. Die internationale Staatengemeinschaft muß bei seiner Sicherung Beistand
leisten. Die einzige zur starken und wirksamen
Erfüllung dieser Pflichten fähige Organisation ist die
NATO. Und als führendes Bündnismitglied müssen
die Vereinigten Staaten das Ihrige tun und Truppen
entsenden, um unsere mit klaren Regeln für das
Engagement unter dem Kommando der NATO
stehenden Verbündeten zu unterstützen. Sollten wir
scheitern, wären die Konsequenzen für Bosnien und
die Zukunft der NATO gravierend. Wir dürfen nicht
versagen.
Die Vereinigten Staaten werden ihre Truppen nicht
in den Kampf nach Bosnien entsenden. Wir werden
sie nicht in einen Frieden schicken, der nicht aufrechterhalten werden kann. Aber wir müssen unsere

Seite 2

Macht zur Sicherung dieses Friedens einsetzen. Ich
habe zugesagt, den Kongreß zu konsultieren, bevor
ich unsere Beteiligung an einer solchen Aktion
genehmige. Diese Konsultationen haben bereits
begonnen.
Meines Erachtens versteht der Kongreß die Bedeutung dieses Zeitpunkts und der amerikanischen
Führungsrolle. Ich freue mich, daß Herr Livingston
heute den Vorsitz dieser Zusammenkunft führt. Ich
vertrete bereits seit zwei Jahren konsequent die
Meinung, daß wir eine Unterstützung des Kongresses
wünschen und begrüßen. Aber in Bosnien und
andernorts wird die Arbeit nicht getan, wenn die
Vereinigten Staaten nicht die Führung übernehmen.
Wir sahen die Vorteile der amerikanischen Führungsrolle auch vergangene Woche im Weißen Haus, als
Politiker aus dem gesamten Nahen Osten zusammenkamen, um das Abkommen zwischen Israel und
den Palästinensern zu unterstützen. Seit nahezu
einem halben Jahrhundert setzen sich Administrationen der Demokraten und der Republikaner für die
Sache des Friedens im Nahen Osten ein. Das
Verdienst hier gebührt den Friedensstiftern. Aber wir
alle sollten stolz darauf sein, daß unsere Bestrebungen in kritischen Momenten dazu beitrugen, den
Unterschied zwischen Scheitern und Erfolg zu
bewirken.
Vor praktisch genau einem Jahr führten die Vereinigten Staaten die internationalen Bestrebungen an,
Haitis Militärregierung abzusetzen und den Menschen
auf Haiti eine wirkliche Chance für Demokratie zu
geben. Wir waren erfolgreich, weil wir unsere Diplomatie mit Sanktionen und letztlich mit Macht verstärken. Wir waren erfolgreich, weil wir verstanden,
daß der Einsatz für Demokratie in unserer Hemisphäre richtig für die Haitianer und richtig für Amerika war.
Die amerikanischen Bestrebungen in Bosnien, dem
Nahen Osten, Haiti und andernorts erforderten
Investitionen in Form von Zeit, Energie und Mitteln.
Sie erforderten ausdauernde Diplomatie und den
maßvollen Einsatz der stärksten Streitmacht der Welt.
Sie erforderten gleichermaßen Entschlossenheit und
Flexibilität bei unseren Bestrebungen zur Übernahme
einer Führungsrolle und zur Zusammenarbeit mit
anderen Nationen. Und bisweilen mußten wir Entscheidungen treffen, die notwendigerweise kurzfristig
unpopulär waren und sich nicht schon nach Tagen
oder Wochen, sondern erst nach Monaten oder
Jahren auszahlen.
Vielen Amerikanern fiel es manchmal schwer, die
Notwendigkeit dieser Entscheidungen zu verstehen,
weil sie - wie viele Entscheidungen direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg - ohne den Vorteil eines über-

AMERIKA DIENST 30

�greifenden Ordnungsprinzips getroffen werden
mußten, wie es lange Jahre vom bipolaren Kalten
Krieg bereitgestellt wurde.
Um eine populäre Analogie aus der heutigen Zeit zu
verwenden: Es scheint keine main-frame-Erklärung
für die PC-Welt zu geben, in der wir leben. Wir
müssen uns von Abstraktionen und Dogmen befreien, beharrlich experimentieren, dabei Irrtümer
einkalkulieren und auf dieser Grundlage eine Politik
verfolgen, die unsere Werte von Freiheit und Demokratie, Frieden und Sicherheit fördert.
Wir müssen weiterhin die Verantwortung einer
weltweiten Führungsrolle übernehmen. Aus diesem
Grund sind Sie hierhergekommen, und darüber
möchte ich heute mit Ihnen sprechen. Es ist mehr
als nur ein glücklicher Zufall, daß die Geburt der
überparteilichen Unterstützungfürdie amerikanische
Führungsrolle auf der Welt mit der Gründung dieser
Organisation durch Eleanor Roosevelt und Wendel!
Willkie im Jahr 1941 zusammenfiel, als Demokraten
und Republikaner, Liberale, Konservative und Gemäßigte gleichermaßen zum ersten Mal unsere besondere Verpflichtung zur Übernahme einer Führungsrolle in der Welt verstanden.
Die Ergebnisse dieser verantwortungsbewußten
Führung waren wirklich beeindruckend: Der Sieg im
Krieg und der Aufbau einer Welt nach dem Kalten
Krieg. Nicht mit abstrakten Dogmen, sondern erneut
über einen Zeitraum von fünf Jahren mit auf den
neuen Gegebenheiten gegründeten Erfahrungen,
durch Experimentieren mit einem unerschütterlichen
Streben nach unseren eigenen Werten schufen wir
die NATO, den Marshallplan, das Bretton WoodsSystem - die Institutionen, die den Frieden in Europa
sicherten, den atomaren Konflikt vermieden, zur
Ausbreitung von Demokratie beitrugen, uns beispiellosen Wohlstand brachten und letztlich den
Triumph der Freiheit im Kalten Krieg sicherstellten.
In diesem Kampf erinnerten Freedom House und
ähnliche Organisationen die Amerikaner daran, daß
unsere Führung von essentieller Bedeutung ist und
zur Förderung unserer Interessen weiterhin in unseren Werten wurzeln und auch in Zukunft Demokratie
und Freiheit unterstützen muß, um Frieden und
Sicherheit, Wohlstand und den Schutz unseres
Planeten zu gewährleisten.
Bei der Verfolgung dieser Ziele ist es wichtig, immer
daran zu denken, daß unsere Werte und unsere
Interessen ein und dasselbe sind. Die Förderung
von Demokratien, die an diesem neuen globalen
Markt teilnehmen, ist genau das Richtige. Trotz ihrer
Mängel fördern sie, was alle Menschen wünschen
und wofür sie oft kämpfen und sterben: Menschen-

AMERIKA DIENST 30

würde, Sicherheit und Wohlstand. Wie wir wissen, ist
es weniger wahrscheinlich, daß diese Demokratien
Krieg führen, sich an terroristischen Aktivitäten
beteiligen, und sie werden sich eher gegen die Kräfte
des Hasses, der Intoleranz und organisierten Zerstörung wenden.
Während des sogenannten amerikanischen Jahrhunderts waren sich Republikaner und Demokraten bisweilen leidenschaftlich - uneins über spezifische
politische Maßnahmen, aber wir waren uns immer
über die Notwendigkeit einig, für die Sache von
Demokratie, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand eine
amerikanische Führungsrolle zu übernehmen. Jetzt
ist dieser Konsens wirklich in Gefahr, und interessanterweise in beiden Parteien. Stimmen vom linken
und rechten Spektrum fordern uns auf, uns den
heutigen Herausforderungen zu entziehen, statt sie
anzugehen. Sie drohen, die überparteiliche Unterstützung für unsere Führungsrolle umzukehren, die
seit 50 Jahren für unsere Stärke entscheidend ist.
Manche sind wirklich davon überzeugt, daß die
Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg in der
Welt eine sekundäre Rolle spielen können, ebenso
wie es einige nach dem Zweiten Weltkrieg dachten
und wofür andere nach dem Ersten Weltkrieg Sorge
trugen.
Wenn Sie sich die Ergebnisse ansehen - von Bosnien
bis Haiti, vom Nahen Osten bis Nordirland - zeigt sich
erneut, daß eine Führungsrolle der Vereinigten
Staaten unerläßlich ist, weil sonst unsere Werte,
unsere Interessen und sogar der Frieden selbst in
Gefahr wären.
Es ist jetzt zu einem Gemeinplatz geworden, den
derzeitigen Isolationismus auf das Ende des Kalten
Krieges zurückzuführen, weil es in dieser PC-Welt
nicht länger eine main-frame-Bedrohung gibt. Bei
meiner Amtsübernahme habe ich jedoch deutlich
gemacht, daß viel Arbeit vor uns liegt, bis wir unser
Haus in Ordnung gebracht haben.
Ich stimme zu, daß Amerika sich im Inland Herausforderungen gegenübersieht, die in Angriff genommen
werden müssen. Wir müssen unsere Wirtschaft
wiederbeleben und Chancen für alle Bürger schaffen.
Wir müssen wieder das Element der Verantwortung
in unsere sozialen Programme einführen sowie
unsere Familien und Gemeinden stärken.
Wir
müssen unsere Regierung reformieren, um sie
"schlanker" und effektiver zu gestalten. Aber wir
können all diese Dinge nicht isoliert von der Welt
erreichen, zu deren Gestaltung wir so viel beigetragen haben und in der wir weiterhin die Führung
übernehmen müssen.

Seite 3

�Betrachten Sie sich die Ereignisse. Viele der neuen
Demokratien auf dieser Welt leisten sehr harte
Arbeit. Ich treffe immer wieder mit ihren führenden
Politikern zusammen. Sie glauben an die Sache der
Freiheit und müssen in ihren Ländern gegen unglaubliche Hindernisse ankämpfen. Aber ihr Fortschritt steht auf tönernen Füßen, und das dürfen wir
nie vergessen. Wir müssen sie als etwas im Wachstum Begriffenes sehen, das Betreuung in einem
Prozeß braucht, der immer noch umgekehrt werden
kann.
Ferner müssen wir uns auch bewußt sein, daß wir
uns einer Bedrohung gegenübersehen, die neue und
bisweile gefährliche Dimensionen angenommen hat:
Die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Im technologischen Zeitalter kann das
einfach nur bedeuten, in einer Tokioter U-Bahn eine
Phiole Saringas zu öffnen. Es könnte bedeuten, sich
ins Internet einzuloggen und zu lernen, wie man eine
Bombe baut, die im Herzen Amerikas ein Regierungsgebäude in die Luft sprengen kann. Diese
Kräfte könnten ebenso wie der Faschismus und der
Kommunismus Dunkelheit statt Licht verbreiten,
Zersplitterung statt Integration, Chaos statt Gemeinschaft. Und diese Kräfte erfordern immer noch eine
Führungsrolle der Vereinigten Staaten.
Ich möchte es noch einmal wiederholen: Die einst
klare Linie zwischen Innen- und Außenpolitik verwischt immer mehr. Wenn ich irgend etwas tun
könnte, um die Sprachgewohnheiten der im öffentlichen Leben Stehenden zu ändern, würde ich dafür
sorgen, daß die Menschen nicht länger über Außenpolitik und Innenpolitik sprechen, sondern vielmehr
beginnen, Wirtschaftspolitik, Sicherheitspolitik, Umweltpolitik - was auch immer - zu erörtern.
Wenn Sie über die Welt nachdenken, in der sie
leben, sehen sie sofort, daß die Unterscheidung
zwischen Außen- und Innenpolitik sich auf tiefgreifende Art verflüchtigt. Und wenn Sie lernen könnten,
auf andere Weise darüber zu sprechen, würde allein
unsere Sprach- und Denkweise meines Erachtens
den Isolationismus als Alternative zu Öffentlichkeitsarbeit vollkommen unmöglich machen.
Wenn in einigen Tagen der mexikanische Präsident
in die Staaten kommt und wir über Drogenprobleme
sprechen, sprechen wir dann über innen- oder
außenpolitische Probleme? Wenn wir über Einwanderung sprechen, geht es dann um eine innenodereine außenpolitische Angelegenheit? Wenn wir
über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA) und den Handel sprechen, geht es dann
um Mexikos Außen- und unsere Innenpolitik? Wir
müssen das auf ganz andere Art und Weise ver-

Seite 4

stehen. Und wir müssen lernen, auf verschiedene
Weise darüber zu sprechen.
Die Isolationisten haben einfach unrecht. Wir mögen
mit einem neuen und veränderten Umfeld konfrontiert
sein, aber um seine Herausforderungen und Chancen
bewältigen zu können und unsere dauerhaften Werte
zu fördern, müssen wir uns in der Welt mehr, nicht
weniger engagieren. Aus diesem Grund unternehmen wir in der Administration alles in unserer Macht
Stehende, um den Kampf gegen die nukleare Bedrohung anzuführen, Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten, den Frieden zu fördern, Märkte
zu öffnen, die internationale Völkergemeinschaft zu
vergrößern und zu verteidigen, unsere Bestrebungen
und Werte nicht auf abstrakte, sondern auf praktische
und unmittelbare Weise zum Wohl des amerikanischen Volkes einzusetzen.
Betrachten Sie sich nur einige Beispiele. Heute ist
jeder Amerikaner sicherer, weil wir uns vom nuklearen Abgrund entfernt haben. Russische Raketen sind
nicht länger auf unsere Bürger und amerikanische
Raketen nicht länger auf russische Bürger gerichtet.
Dank der von Präsident Reagan, Präsident Bush und
unserer Administration erzielten Abkommen bauen
unsere beiden Länder ihr Nuklearwaffenarsenal ab.
In den letzten drei Jahren konnten wir die Ukraine,
Kasachstan und Belarus davon überzeugen, auf die
Nuklearwaffen zu verzichten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium
verblieben. Wir überzeugten Nordkorea, sein Nuklearprogramm einzufrieren. Wir stellten die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags sicher.
Wir arbeiten hart daran, daß Nuklearmaterial nicht in
den Händen von Terroristen oder internationalen
Verbrechern endet. Und ich hoffe und bete, daß wir
im kommenden Jahr ein umfassendes Atomtest verbot
erzielen.
Die Amerikaner sind sicherer dank unserer harten
Kampagne zur Bekämpfung des Terrorismus, einschließlich engerer Zusammenarbeit mit ausländischen Regierungen, Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde Staaten sowie Erhöhung der Finanzierung, Stärke und Ausbildung unserer Strafverfolgungsbehörden. Dies half uns bei der Erzielung von
Ergebnissen - großen, sichtbaren Ergebnissen wie
erst diese Woche die Verurteilung derjenigen, die
sich an der Terrorkampagne in New York beteiligten
und nicht so sichtbaren, aber dennoch äußerst
wichtigen Dingen wie die Vereitelung geplanter
Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten und
amerikanische Bürger oder der in anderen Ländern
durch unsere Zusammenarbeit sichergestellten
Verhaftungen.

AMERIKA DIENST 30

�Wir haben die Verpflichtung, uns immer stärker dafür
einzusetzen. Und wenn es auf der Welt ein Gebiet
gibt, auf dem kein Unterschied zwischen Innen- und
Außenpolitik besteht, dann ist es zweifellos unsere
gemeinsame Aufgabe, bei der Bekämpfung des
Terrorismus zusammenzuarbeiten.
Aus diesem Grund habe ich bereits vor Oklahoma
City eine Gesetzesvorlage ins Kapitol gesandt, in der
ich zusätzliche Mittel und Hilfe beim Umgang mit der
Bedrohung durch den Terrorismus anforderte. Und
nach Oklahoma City modifizierte und stärkte ich
diese Gesetzgebung. Der Senat verabschiedete den
Gesetzentwurf schnell, aber ich bin sehr enttäuscht
darüber, daß er jetzt im Repräsentantenhaus liegengeblieben ist. Wir brauchen dieses Gesetz.
Meines Erachtens müssen die Strafverfolgungsbehörden der Bundesregierung zur Rechenschaft
gezogen werden. Wir müssen offen über das sprechen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Das
ist jedoch unabhängig von unserer Verpflichtung
sicherzustellen, daß das amerikanische Volk über
die zur Bekämpfung des Terrorismus erforderlichen
Mittel verfügt. Ich wiederhole es nochmals: Ich
hoffe, daß die Antiterrorismusgesetze angenommen
werden. Wir brauchen sie. Die Bedrohung wird
größer, nicht kleiner.
Als wir in Haiti der Demokratie eine weitere Chance
gaben, erklärten viele, dies habe nichts mit den
Vereinigten Staaten zu tun. Das hatte es aber.
Wenn jemand in unser Land kommt und sein Wort
gibt, er würde gehen und die Demokratie zurückbringen, ist es von Bedeutung, daß wir diese Verpflichtung realisieren. Und im Monat vor unserer
Intervention flohen 16.000 Haitianer vor der Tyrannei
und suchten Zuflucht in Florida und andernorts in
der Region; drei Monate nach der Intervention gab
es praktisch gar keine Flüchtlinge mehr.
Als Mexiko in eine Währungskrise geriet, stellten wir
ein Nothilfepaket zusammen, um unseren Nachbarn
wieder auf den Weg der Stabilität und des wirtschaftlichen Fortschritts zu bringen. Den führenden Republikanern im Kongreß gebührt Lob, daß sie diese
Bestrebungen unterstützt haben. Es war jedoch
unmöglich, im Kongreß eine entsprechende Gesetzesvorlage durchzubringen, weil alle Meinungsumfragen belegten, daß das amerikanische Volk mit
80 Prozent gegen und nur 15 Prozent für eine
Rettungsaktion für Mexiko war - ich erinnere mich
der Umfrage von dem Tag, an dem ich die entsprechenden Anweisungen gab. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, daß etwas kurzfristig Unpopuläres
langfristig eindeutig im Interesse der Vereinigten
Staaten liegt.

AMERIKA DIENST 30

Wenn ein Nachbar in Schwierigkeiten ist und versucht, das Richtige zu tun, ist es normal, ihm zu
helfen, weil das gut für die nachbarschaftlichen
Beziehungen ist. Betrachten Sie, was geschehen ist,
seit die Vereinigten Staaten einsprangen und versuchten, Mexiko ein guter Nachbar zu sein. Das
Wirtschaftswachstum hat sich, wenn auch noch auf
tönernen Füßen, schneller als erwartet wieder eingestellt; die Exporte sind wieder auf einem Niveau, das
weit über dem vor der Gründung des NAFTA liegt,
und erst gestern rief mich Präsident Zedillo an um zu
sagen, daß Mexiko den Vereinigten Staaten 700
Milionen Dollar seiner Schulden früher als geplant
zurückzahlen wird.
Überlegen Sie, was geschehen wäre, wenn wir die
isolationistische Position bezogen hätten. Was wäre
mit der mexikanischen Wirtschaft geschehen? Was
wäre aufgrund der Reaktion der internationalen
Finanzmärkte hierauf in Argentinien, Brasilien, ganz
Lateinamerika und anderen instabilen, neuentstehenden Demokratien geschehen? Was wäre bei einer
Vielzahl bilateraler Fragen mit unseren Beziehungen
und unserer Zusammenarbeit geschehen?
Wir
haben das Richtige getan. War es eine innenpolitische oder eine außenpolitische Angelegenheit?
Sagen Sie es mir. Ich weiß nur, daß wir jetzt bessere nachbarschaftliche Beziehungen haben und die
Zukunft für das amerikanische und das mexikanische
Volk besser aussieht, weil wir eine Strategie des
Engagements, nicht der Isolation verfolgen.
Sie sehen, was in Europa geschieht, wo wir versuchen, die Nationen einander näherzubringen, uns
für Demokratie und Wirtschaftsreformen in der
ehemaligen Sowjetunion und Zentraleuropa sowie die
Modernisierung der NATO und Stärkung der Partnerschaft für den Frieden einsetzen. Und wiederum
fördert all das unsere Interessen.
Mir wurde erst letzte Woche gesagt, daß mit allen
handelspolitischen Initiativen - vom NAFTA und GATT
bis zu den mehr als 80 von Botschafter Kantor
abgeschlossenen Handelsvereinbarungen, 15 davon
allein mit Japan - das erhöhte Exportvolumen der
Vereinigten Staaten in den letzten zweieinhalb Jahren
über zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat, die
überdurchschnittlich gut bezahlt sind.
Mit dem
gesamtamerikanischen Gipfel und dem Forum für
asiatisch-pazifische Zusammenarbeit (APEC) werden
noch mehr geschaffen.
Das Wirtschafts- und das Außenministerium arbeiten
verstärkt und enger denn je zusammen, um den
Amerikanern dabei zu helfen, diese neuen Chancen
zu ergreifen. Sie sind integraler Bestandteil unserer
Außen- und unserer Innenpolitik.

Seite 5

�Ich möchte noch etwas ansprechen: Wir versuchen
ständig, alle Länder auf der Grundlage des Goodwill
zu engagieren und gleichzeitig tür die Werte einzutreten, die unseres Erachtens das Leben lebenswert machen. Wir müssen uns weiterhin dafür
einsetzen, daß alle Menschen ungeachtet ihrer
Nationalität, Rasse oder ethnischen Zugehörigkeit,
ihrer Religion oder ihres Geschlechts die Möglichkeit
erhalten, das Beste aus ihrem Leben zu machen,
um Freiheit und Chancen zu genießen.
Die überzeugendste Erklärung dieser Art durch ein
Mitglied unserer Administration wurde kürzlich von
der First Lady bei der Pekinger Frauenkonferenz
abgegeben. Die First Lady verurteilte den Mißbrauch von Frauen und ihren Kindern, insbesondere
kleinen Mädchen weltweit und scheute sich auch
nicht, die Probleme von häuslicher Gewalt und
Straßenverbrechen hier in den Vereinigten Staaten
anzusprechen.
Dies sind Dinge, gegen die Amerika auch weiterhin
kämpfen muß. Von Belfast bis Jerusalem hat die
amerikanische Führungsrolle Katholiken und Protestanten, Juden und Arabern geholfen, mit weniger
Angst vor Bomben und Gewalt durch die Straßen
ihrer Städte gehen zu können. Von Prag bis Portau-Prince arbeiten wir an der Konsolidierung der
Vorteile von Demokratie und Marktwirtschaft. Von
Kuwait bis Sarajevo kämpfen unsere tapferen
Männer und Frauen in Uniform gegen Aggression
und für die Freiheit.
In unserer Hemisphäre stellt sich nur ein Land Kuba - weiterhin dem Trend zu Demokratie entgegen. Heute geben wir neue Schritte bekannt, um
einen friedlichen Übergang des Landes zu einer
freien und offenen Gesellschaft zu ermutigen. Wir
werden die Durchsetzung unseres Embargos verschärfen, um den Druck auf Reformen beizubehalten, aber die Demokratie und den freien Fluß von
Ideen aktiver unterstützen. Ich habe die Eröffnung
von Büros unserer Nachrichtenagenturen in Kuba
genehmigt. Wir werden mehr bildungspolitischen
und religiösen Vertretern sowie Menschenrechtlern
die Reise nach Kuba gestatten. Ferner werden wir
jetzt den nichtstaatlichen Organisationen Amerikas
erlauben, sich umfassender in Kuba zu engagieren.
Ich freue mich, heute bekanntgeben zu dürfen, daß
unser erstes Darlehen zur Finanzierung der Arbeit
nichtstaatlicher Organisationen in Kuba dem Freedom House zur Förderung friedlichen Wandels und
zum Schutz der Menschenrechte verliehen wird.
Allein die Erwähnung dieser breiten Palette von
Aktivitäten und der Möglichkeiten einer positiven
Führungsrolle Amerikas zeigt erneut, wie entschei-

Seite 6

dend sie für unsere Sicherheit und unseren Wohlstand ist. Ferner beweist sie erneut, daß die Förderung unserer Werte und Interessen ein und dasselbe
sind.
Angesichts des Ziels dieser Konferenz und ihrer
einzigartigen Schirmherren gehe ich davon aus, daß
jeder hier Anwesende diese Überzeugung teilt. Aber
die isolationistischen Tendenzen in beiden Parteien
sind sehr real. Und vom Standpunkt derjenigen aus
gesehen, die sich von den Veränderungen auf der
Welt bedroht fühlen, sind sie sogar völlig verständlich.
Daher ist es wichtig, sie nicht einfach nur zu verurteilen, sondern vielmehr die Art und Weise zu
erklären, auf die die Welt funktioniert. Und während
die Welt sich durch diese Zeit des Übergangs auf
eine neue Ordnung hinbewegt, in der wir alle Vorteile
des Wandels, der Technologie und Chancen genießen und dabei noch die Bedeutung betonen, jedem
einzelnen eine Chance zu geben, allen Familien eine
Chance zu geben, starke, einigende Gemeinschaften
zu werden, müssen wir versuchen zu erklären, wie
die Welt funktioniert und warum wir engagiert bleiben
und führen müssen.
Verurteilung ist nicht genug. Charakterisierung ist
nicht genug. Wir müssen diese Fragen eingehend
bearbeiten. Das amerikanische Volk ist ein gutes
Volk. Es hat gesunden Menschenverstand. Es ist
betroffen, wenn weltweit Menschen ermordet werden.
Es versteht, daß unsere Söhne und Töchter eines
Tages in einen Krieg andernorts verwickelt werden
könnten. Es weiß, daß wir nicht einfach vorgeben
können, die übrige Welt existiere nicht. Aber viele
Menschen in unserem Volk haben ihre eigenen
Schwierigkeiten. Wir müssen uns stärker für diese
Grundwerte, Interessen und Argumente einsetzen, bis
wir die Kräfte der Isolation mit Leidenschaft und
Vernunft abwehren.
Sie können das leisten. Sie müssen uns dabei
helfen. Jeder von Ihnen, und jeder auf seine eigene
Weise, mit seinen eigenen Einflußsphären, kann das
entschlossen und begründet leisten.
Ich möchte Ihnen ein spezifisches Beispiel nennen:
Ich bin entschlossen, alles in meiner Macht Stehende
zu unternehmen, um unseren Haushalt für internationale Angelegenheiten beizubehalten. Er stellt
letztlich weniger als 2 Prozent unseres Gesamthaushalts dar. Auslandshilfe ist rein theoretisch
betrachtet unpopulär, weil die Amerikaner der Ansicht
sind, wir gäben einen viel größeren Anteil ihres
Geldes für Auslandshilfe aus, als es tatsächlich der
Fall ist. Wenn Sie das amerikanische Volk aber
fragen, wieviel wir ausgeben sollten, antwortet es 3
Prozent, 4 Prozent, 5 Prozent - mehr, als wir de facto
ausgeben.

AMERIKA DIENST 30

�Keine Behörde kann in dieser Zeit des Haushaltsausgleichs von bewußter Kostenersparnis ausgenommen werden. Vizepräsident Gore und ich haben
sehr hart daran gearbeitet, dem amerikanischen Volk
die im Hinblick auf die Zahl der Mitarbeiter kleinste
Regierung seit der Amtszeit Präsident Kennedys zu
geben und Hunderte von Programmen abzuschaffen.
Aber wir müssen über die Instrumente der Diplomatie verfügen.
Die amerikanische Führungsrolle besteht aus mehr
als Worten und dem Verteidigungshaushalt. Obwohl
der Verteidigungshaushalt wichtig ist, benötigen wir
ein Budget für die Diplomatie. Einige Kongreßabgeordnete wollen die Auslandshilfe praktisch aushöhlen
- den Haushalt des Außenministeriums zerstören,
das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung
(ADCA), das US-Informationsamt (USIA) und das
Amt für internationale Entwicklung (AID) abschaffen.
Sie würden sich vor unseren Pflichten gegenüber
den Vereinten Nationen drücken.
Müssen die Vereinten Nationen reformiert werden?
Ist ein Großteil unserer Gelder und der anderer
Staaten verschwendet worden? Brauchen wir mehr
Aufsicht? Natürlich brauchen wir das. Ist das ein
Grund dafür, die Vereinten Nationen anzugreifen?
Nein.
Wir benötigen Ihre Unterstützung. Wir müssen dies
tun. Es ist das Richtige. Es ist verantwortungsbewußt. Wer wirklich will, daß wir den Vereinten
Nationen den Rücken kehren, von den internationalen Finanzinstitutionen ganz zu schweigen, würde
unsere Fähigkeit zur Übernahme einer Führungsrolle
wirklich in Gefahr bringen.
Wie Sie beispielsweise in Bosnien oder Haiti gesehen haben, ist es bisweilen frustrierend und fast
immer schwierig, einerseits eine Führungsrolle zu
übernehmen und andererseits unsere Bündnisse
aufrechtzuerhalten und im Rahmen der Vereinten
Nationen und der NATO zusammenzuarbeiten. Aber
es ist sehr wichtig. Wir wollen nicht ganz auf uns
gestellt in die Zukunft gehen. Und das bedeutet,
daß wir verantwortungsbewußt im Rahmen dieser
internationalen Organisationen vorzugehen haben.
Und wir müssen unseren gerechten Anteil zahlen.
Jeder Dollar, den wir für Auslandshilfe ausgeben,
kommt mehrfach zurück.
Durch die Verringerung der Gefahr eines Atomkrieges in den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion konnten wir unsere Ausgaben für strategische Waffen kürzen. Durch die
Unterstützung von demokratischen Reformen und
den Übergang zur freien Marktwirtschaft in der
früheren Sowjetunion und in Zentraleuropa fördern

AMERIKA DIENST 30

wir Stabilität und Wohlstand in einem Gebiet, das in
der Zukunft zu einem riesigen Markt für die Vereinigten Staaten wird. Indem wir den Entwicklungsländern bei ihrem Kampf gegen Überbevölkerung,
AIDS, Drogenschmuggel, Umweltzerstörung und einer
Vielzahl von Problemen zur Seite stehen, stellen wir
sicher, daß ihre Problem von heute nicht zu unseren
Problemen von morgen werden. Die von uns für
Entwicklung, Friedenssicherung oder Katastrophenhilfe aufgewendeten Gelder helfen bei der Verhütung
künftiger Krisen, deren Kosten viel größer wären.
Und das ist das Richtige.
Ich bin sehr besorgt darüber, daß diese Haushalte in
Gefahr sind - einige davon durch den fast willkürlichen Versuch, die Vereinigten Staaten von der
Partnerschaft zu trennen. Ich möchte Ihnen nur noch
einige weitere Beispiele nennen.
Wir haben etwas Geld für umfassende, weltweite
Bestrebungen zur Bekämpfung der Bedrohung der
globalen Erderwärmung aufgewandt. Hierbei handelt
es sich um wissenschaftliche Beweise. Erst in den
vergangenen Tagen haben wir eine Reihe neuer
wissenschaftlicher Beweise erhalten, daß 1995 seit
20.000 Jahren das wärmste Jahr auf dem gesamten
Planeten, das Loch in der Ozonschicht größer als
erwartet ist und der Treibhauseffekt eine reale
Bedrohung darstellt. Wir haben nur ein paar Pfennige dafür aufgewandt. Es ist eines der Ziele, die
abgeschafft werden sollen. Das sind keine Haushaltskürzungen - das ist Ideologie. Solche Kürzungen sind nicht erforderlich für einen ausgeglichenen
Haushalt. Wir müssen uns dagegen wehren und für
die amerikanischen Werte und Interessen eintreten.
Ich möchte noch ein weiteres Beispiel anführen.
Radio Free Europe und Radio Liberty waren die
entscheidenden Waffen im gegen den Kommunismus
geführten Krieg der Ideen. Viele von Ihnen haben
sich dafür eingesetzt und für sie gekämpft. Um die
Herausforderungen des neuen Zeitalters bewältigen
zu können, wurde das Personal der beiden Sender
drastisch abgebaut und ein Umzug von München
nach Prag vorgenommen. Aber einige wollen das
bereits stark reduzierte Budget am Vorabend wichtiger russischer Wahlen weiter kürzen, genau zu dem
Zeitpunkt, an dem die russischen Reformer objektive
Informationen und den freien Gedankenaustausch am
meisten benötigen. Sie wollen dasselbe mit der
Voice of America tun, die auf der ganzen Welt von
Burma bis zum Balkan an den Frontlinien der Demokratie dient.
Rücksichtslose Verfechter von Haushaltskürzungen
wollen zuerst unsere Botschaften schließen und
später über die Konsequenzen nachdenken. Allein
im vergangenen Jahr haben unsere Botschaften

Seite 7

�nahezu zwei Millionen Anträge von Amerikanern im
Ausland bearbeitet. Sie haben amerikanischen
Unternehmen Verträge in Milliardenhöhe verschafft.
Und jeder internationale Geschäftsmann wird Ihnen
sagen, daß das Außenministerium und seine Botschaften härter als je zuvor in der Geschichte der
Weltwirtschaft arbeiten, um unsere Wirtschaftsinteressen zu fördern.
Wenn wir keine Diplomaten in Asien und Lateinamerika hätten, um den Strom der Drogen in unser
Land zu unterbinden, wäre unsere Aufgabe sehr viel
schwerer. Wenn wir keine Vertreter in Nordirland
und dem Nahen Osten hätten, wäre es sehr viel
schwieriger, den Friedensprozeß voranzubringen.
Wenn wir keine mutigen Leute wie Botschafter Bob
Krueger in Burundi oder Ruanda hätten, wäre es
noch schwerer, menschliche Tragödien zu verhindern. Wir brauchen keine halbherzige Diplomatie in
einer Welt neuer Chancen und Krisen rund um die
Uhr.
Ich möchte einen letzten Punkt anschneiden: Einige
Leute sagen, "Herr Präsident, ich bin für ein starkes
Amerika. Ich verstehe nur nicht, warum Sie sich mit
den Vereinten Nationen abgeben. Wir brauchen ein
Amerika, das im Alleingang handelt. Wir werden
entscheiden, was das Richtige ist und es tun. Es
mag der übrigen Welt gefallen oder nicht. Das ist
es, was es heißt, die einzige Supermacht der Welt
zu sein." Das ist auch eine verschleierte Form von
Isolationismus.
Unilateralismus ist keine tragfähige Option in der
Welt, in der wir leben. Wenn unsere lebenswichtigen Interessen auf dem Spiel stehen, müssen wir
natürlich im Alleingang handeln. Aber wir sind klug
beraten, wenn wir mit den Vereinten Nationen
zusammenarbeiten und unsere Rechnungen bezahlen. Wir benötigen die Flexibilität zum Aufbau von
Koalitionen, die Risiken, Verantwortung und die
Kosten der Führungsrolle verteilen, wie Präsident
Bush es bei der Operation Wüstensturm tat und wir
es in Haiti getan haben.

Wenn die vergangenen 50 Jahre uns irgend etwas
gelehrt haben, dann, daß die Vereinigten Staaten die
einzigartige Verantwortung und die einzigartige
Fähigkeit haben, eine Kraft für Frieden und Fortschritt
auf der Welt zu sein, die gleichzeitig Koalitionen von
Menschen aufbaut, die in echter Partnerschaft
zusammenarbeiten können.
Wir können jedoch nur Erfolg haben, wenn wir
weiterhin eine Führungsrolle übernehmen. In diesem
neuen Zeitalter muß unsere Aufgabe dieselbe sein
wie bisher. Unabhängig von unseren politischen
Überzeugungen verfolgen wir meines Erachtens alle
dieselben Ziele. Ich glaube, wir wollen eine Zukunft,
in der die Menschen auf der ganzen Welt die Vorteile
der Demokratie kennen; in der unser Volk sein Leben
frei von Furcht leben kann; in der unsere Söhne und
Töchter nicht zum Kampf in einem Krieg eingezogen
werden, der hätte verhindert werden können; in der
die Menschen nicht länger der Tyrannei in ihrem
Land entfliehen und an unsere Küsten kommen; in
der die Märkte offen für unsere Produkte und Dienstleistungen sind; in der unsere Beschäftigten gute,
hochbezahlte Arbeitsplätze haben; ein Land, in dem
es beispiellosen Frieden und Wohlstand gibt, weil wir
ein traditionelles amerikanisches Mandat des 20.
Jahrhunderts bis weit ins 21. Jahrhundert erfüllt
haben, weil wir - wir - die Welt zu Demokratie und
Freiheit, zu Frieden und Wohlstand geführt haben.
Wenn wir die von mir beschriebene Zukunft wollen,
müssen wir die Last der Führungsrolle übernehmen.
Es gibt einfach keine andere Alternative. Daher bitte
ich Sie, Geduld in diese Aufgabe einzubringen,
Argumente für diese Aufgabe zu finden und das
Gefühl der Dringlichkeit zu vermitteln, das dieses
Land in Zeiten der größten Herausforderung in den
vergangenen 50 Jahren bewegt hat.
Die Zukunft wird meiner Ansicht nach für das amerikanische Volk noch vielversprechender sein als die
letzten 50 Jahre, wenn - wenn - wir unsere Führungsrolle beim Streben nach unseren Werten bewahren
können.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

Seite 8

*

AMERIKA DIENST 30

�VEREINTE

N A T I O N EN
25. Oktober 1995

Clinton unterbreitet neue UN-Tagesordnung
für das 21. Jahrhundert
Rede des Präsidenten vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In seiner Eröffnungsansprache anläßlich des 50jährigen Bestehens der
Vereinten Nationen forderte Präsident Clinton die versammelten Staats- und Regierungschefs auf, eine neue
Tagesordnung aufzustellen, in der die Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg angesprochen
werden - Terrorismus, Drogenhandel, organisiertes Verbrechen und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Exzellenzen,
verehrte Gäste. In dieser Woche feiern die Vereinten Nationen ihr 50jähriges Bestehen.
Die
Träume ihrer Gründerväter wurden nicht vollständig
wahr, aber ihr Versprechen dauert an. Der Wert der
Vereinten Nationen ist auf der ganzen Welt sichtbar
- in den genährten Körpern einstmals hungernder
Kinder, in der Lebenskraft der gegen Krankheit
Geimpften, in den Augen von lernbegierigen Schülern, in der geschützten Umwelt, in geretteten
Flüchtlingen, in bewahrtem Frieden und - in jüngster
Zeit - im Eintreten für Menschenrechte und Chancen
für Frauen und ihre Kinder bei der Pekinger Frauenkonferenz.
Die Vereinten Nationen sind ein Produkt des Glaubens und Wissens: Des Glaubens, daß unterschiedliche Menschen für Toleranz, Würde und Frieden
zusammenarbeiten können; des Wissens, daß dieser
Glaube auf ewig von den Kräften der Intoleranz, des
Bösen und der Aggression auf die Probe gestellt
wird. Wir müssen uns jetzt von diesem Glauben
leiten lassen und in diesem Wissen handeln, um die
Herausforderungen eines neuen Zeitalters zu bewältigen.
In den Vereinigten Staaten wird manchmal die Frage
gestellt, warum wir uns mit den Vereinten Nationen
abgeben - Amerika ist stark, wir können im Alleingang handeln. Nun, wir werden alleine handeln,
wenn wir müssen. Aber meine amerikanischen
Mitbürger sollten nicht vergessen, daß unseren
Werte und unseren Interessen auch durch die
Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen gedient
ist.

AMERIKA DIENST 30

Die Vereinten Nationen helfen den Friedensstiftern,
den Hilfsorganisationen, den Verteidigern der Freiheit
und der Menschenrechte, den Architekten von
wirtschaftlichem Wohlstand und den Umweltschützern, das Risiko gemeinsam zu tragen, die Last zu
teilen und den Effekt unserer gemeinsamen Bestrebungen zu verbessern.
Im vergangenen Jahr habe ich versprochen, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin einen maßgeblichen
Beitrag zur Finanzierung der Vereinten Nationen
leisten werden. Historisch gesehen waren und sind
die Vereinigten Staaten der größte Beitragszahler der
Vereinten Nationen. Ich bin jedoch entschlossen,
daß wir unseren Verpflichtungen in voller Höhe
nachkommen, und ich arbeite mit dem Kongreß an
einem Plan hierfür zusammen.
Alle, die zur Arbeit der Vereinten Nationen beitragen
und um ihre Zukunft besorgt sind, müssen sich auch
zu Reformen verpflichten - um bürokratische Ineffizienz und veraltete Prioritäten abzuschaffen. Die
Vereinten Nationen müssen unter Beweis stellen
können, daß das Geld, das sie erhalten, Einsparungen fördert und Menschenleben bereichert und nicht
einen unnötigen Wasserkopf schafft.
Reformen
erfordern die Beseitigung bürokratischer Relikte,
überkommener Behörden und die Bewältigung von
mehr Aufgaben mit weniger Mitteln. Die Vereinten
Nationen müssen reformiert werden, um weiterhin
relevant zu sein und eine noch größere Rolle beim
Marsch der Freiheit, des Friedens und Wohlstands zu
spielen.
Wir können es auf der ganzen Welt beobachten, vom
Nahen Osten bis nach Nordirland - die Menschen

Seite 1

�wenden sich von einer gewalttätigen Vergangenheit
zu einer Zukunft des Friedens. In Südafrika und
Haiti sind lange Nächte der Furcht neuen Tagen der
Freiheit gewichen. Auf dieser gesamten Hemisphäre
haben sich alle Nationen mit einer Ausnahme für
Demokratie entschieden, und das Ziel eines integrierten, friedlichen und demokratischen Europa ist
jetzt zum ersten Mal in greifbare Nähe gerückt. Auf
dem Balkan haben die Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft und der NATO die
Aussichten für Frieden vielversprechender gemacht,
als sie vier Jahre lang waren.
Ich möchte die Vereinten Nationen im Namen des
bosnischen Volkes zu ihren Bestrebungen beglückwünschen. Die Nationen, die sich an der UNPROFOR beteiligt haben, zahlten den Blutzoll für diesen
schrecklichen Krieg und die verlorenen Menschenleben, die ungeheilten Wunden, die unterernährten
Kinder, denen es noch viel schlechter hätte gehen
können.
Nächste Woche kommen die Kriegsparteien Bosniens unter der Schirmherrschaft der Vereinten
Nationen und unserer Partner in der Kontaktgruppe Rußland, Großbritannien, Frankreich und Deutschland - in Dayton (Ohio) zusammen, um die Suche
nach Frieden zu intensivieren. Es bestehen noch
viele grundlegende Differenzen. Aber ich fordere die
Parteien auf, diese Chance für eine friedliche Beilegung des Konflikts zu ergreifen. Wenn wir Frieden
erlangen, werden die Vereinigten Staaten mit ihren
Freunden und Verbündeten dort sein, um zur Sicherung dieses Friedens beizutragen.
Auf der ganzen Welt sehnen sich die Menschen
nach einem Leben in Frieden. Und dieser Traum
wird Wirklichkeit. Aber die Zeit ist nicht frei von
Gefahren. Während der Karte Krieg dem Weltdorf
weicht, sind noch zu viele Menschen Armut, Krankheiten und Unterentwicklung ausgesetzt. Und wir
alle sehen uns mit ethnischem und religiösem Haß,
der rücksichtslosen Aggression verbrecherischer
Staaten, Terrorismus, organisiertem Verbrechen,
Drogenhandel und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen konfrontiert.
Das Entstehen des Informations- und Technologiezeitalters hat uns näher zusammengebracht und
bietet uns außergewöhnliche Chancen zum Aufbau
einer besseren Zukunft. Aber in unserem Weltdorf
können sich Fortschritte ebenso schnell verbreiten
wie Probleme. Probleme am anderen Ende der
Stadt können schnell zu einer Plage für jeden
einzelnen werden. Wir können unsere Nachbarschaft nicht von im Zusammenhang mit der Beschaffung von Drogen stehenden Verbrechen ohne die
Hilfe der Länder befreien, in denen die Drogen

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hergestellt werden. Wir können Terroristen nicht
ohne die Unterstützung anderer Regierungen zur
Strecke bringen. Wir können nicht prosperieren oder
unsere Umwelt schützen, solange umweltverträgliche
Entwicklung nicht eine Realität in allen Nationen ist.
Und unsere Wachsamkeit allein kann nicht verhindern, daß auf der anderen Seite der Erdkugel gelagerte Nuklearwaffen in die falschen Hände geraten.
Nirgendwo ist Zusammenarbeit unerläßlicher als bei
der Bekämpfung von immer enger verbundenen
Gruppen, die sich mit Terroranschlägen, organisiertem Verbrechen, Drogenhandel und der Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen befassen. Niemand
ist immun - weder in Japan, wo Terroristen Nervengas in der U-Bahn ausströmen ließen und Tausende
vergifteten, weder in Lateinamerika oder Südostasien,
wo Drogenhändler mit importierten Waffen Richter,
Journalisten, Polizeibeamte und unschuldige Spaziergänger ermordet haben, weder in Israel oder Frankreich, wo haßerfüllte Agitatoren Busse und Züge
voller Kinder mit Bomben explodieren ließen, die aus
geschmuggeltem Sprengstoff hergestellt waren,
weder in der ehemaligen Sowjetunion und Zentraleuropa, wo organisierte Verbrecherversuchen, neue
Demokratien zu schwächen und anständige, hart
arbeitende Männer und Frauen berauben. Und auch
nicht in den Vereinigten Staaten, wo amerikanische
Terroristen ein Bundesgebäude im Herzen Amerikas
in die Luft sprengten und ausländische Terroristen
versuchten, einen Bombenanschlag auf das World
Trade Center vorzunehmen und die Zerstörung des
Saals planten, in dem wir heute versammelt sind.
Diese Kräfte gefährden den globalen Trend zu
Frieden und Freiheit, unterminieren noch instabile
neue Demokratien, berauben die Entwicklungsländer
ihrer Stärke und bedrohen unsere Bestrebungen zum
Aufbau einer Welt mit mehr Sicherheit und Wohlstand.
Daher fordere ich heute alle Nationen auf, sich an
unserem Kampf gegen diese Kräfte zu beteiligen.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen können Ergebnisse zeitigen. Um die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen abzubauen, arbeiten wir mit Rußland
am Abbau unserer Nuklearwaffenarsenale um zwei
Drittel. Wir haben die Ukraine, Kasachstan und
Belarus bei der Beseitigung von auf ihrem Territorium
befindlichen Atomwaffen unterstützt. Wir haben mit
den Staaten der ehemaligen Sowjetunion an der
Sicherstellung von Nuklearmaterial und seiner Umwandlung zur friedlichen Nutzung zusammengearbeitet. Nordkorea stimmte einem Einfrieren seines
Nuklearprogramms unter internationaler Kontrolle zu.
Viele der hier vertretenen Nationen traten für die
unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags ein.

AMERIKA DIENST 30

�Zur Eindämmung des Stroms von Betäubungsmitteln
und des organisierten Verbrechens arbeiten wir mit
einer Vielzahl von Nationen zusammen, tauschen
Informationen aus, bieten militärische Unterstützung
und leiten Bestrebungen zur Bekämpfung von
Korruption in die Wege. Und wir zeitigen Ergebnisse. Gemeinsam mit den kolumbianischen Behörden sind wir gegen die Drogenkartelle vorgegangen,
die den internationalen Kokainmarkt kontrollieren.
Vor zwei Jahren lebten sie außerhalb der Legalität
als Milliardäre; heute leben sie als Gefangene hinter
Gittern.
Zur Bekämpfung von Terroristen verhängen wir
strenge Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde und die Rechtsstaatlichkeit verletzende Staaten
wie Iran, Irak, Libyen und Sudan. Wir fordern diese
Länder heute erneut dazu auf, diesen Weg zu
verlassen. Inzwischen verstärken wir unsere Bestrebungen im Bereich der Strafverfolgung sowie die
Zusammenarbeit mit anderen Nationen.
Nichts von dem, was wir unternehmen, wird uns
unverwundbar machen, aber wir alle werden weniger
verwundbar, wenn wir zusammenarbeiten. Aus
diesem Grund gebe ich heute neue Initiativen zur
Bekämpfung des internationalen organisierten
Verbrechens, des Drogenschmuggels, des Terrorismus und der Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen bekannt - Initiativen, die wir im Alleingang
sowie andere, die wir gemeinsam in Form einer
internationalen Erklärung ergreifen, um die Sicherheit der Bürger dieser Welt zu erhöhen.

Und schließlich habe ich das Justizministerium um
die Ausarbeitung von Gesetzen gebeten, damit
unsere anderen Behörden mit den Instrumenten
versehen werden, die für eine Reaktion auf kriminelle
Aktivitäten erforderlich sind.
Da wir diesen Kampf zusammen führen und gewinnen müssen, möchte ich jetzt jeden Staat bitten, sich
an der Aushandlung und Unterstützung einer Erklärung über internationales Verbrechen und Sicherheit der Bürger zu beteiligen. Diese Erklärung
soll erstens die Zusicherung enthalten, Angehörigen
des organisierten Verbrechens, Terroristen sowie
Drogenhändlern und -Schmugglern keine Zuflucht zu
gewähren, damit diese keinen Ort haben, an den sie
flüchten und wo sie sich verstecken können.
Ein zweites Element dieser Erklärung wäre ein
Abkommen zur Bekämpfung des Terrorismus, damit
wir gemeinsam mehr Staaten zur Ratifizierung
existierender Verträge über Terrorismusbekämpfung
auffordern und gemeinsam an der Schließung des
grauen Markts arbeiten können, der Terroristen und
andere Verbrecher mit Schußwaffen und gefälschten
Papieren versorgt.
Drittens, eine Offensive zur Drogenbekämpfung. Der
internationale Drogenhandel vergiftet die Menschen,
sät Gewalt und zerstört das moralische Gefüge
unserer Gesellschaft. Wir müssen unser Vorgehen
gegen die Kartelle sowie den Drogenanbau intensivieren. Und in den Verbrauchernationen wie den
Vereinigten Staaten müssen wir unsere Nachfrage
nach Drogen verringern.

Zunächst möchte ich kurz darlegen, welche Schritte
wir unternehmen. Gestern habe ich unsere Regierung angewiesen, Geldwäsche tolerierende Nationen
zu identifizieren und sie zu verwarnen. Kriminelle
Unternehmen schleusen riesige Summen illegaler
Gewinne vollkommen ungestraft durch das internationale Finanzsystem. Wir dürfen nicht zulassen,
daß sie ihre durch den Verkauf von Drogen, durch
Terror oder organisiertes Verbrechen erlangten
Profite reinwaschen. Die Nationen sollten ihre
Banken und Finanzsysteme in Einklang mit den
internationalen Normen zur Bekämpfung von Geldwäsche bringen. Wir werden ihnen dabei helfen.
Sollten sie sich weigern, werden wir angemessene
Sanktionen in Erwägung ziehen.

Viertes Element ist eine effektive Partnerschaft mit
den Polizeibeamten.
Internationale Verbrecherorganisationen suchen sich Nationen als Ziel aus,
deren Strafverfolgungsbehörden nicht über die
Erfahrung und Möglichkeiten verfügen, ihnen Einhalt
zu gebieten. Zur Unterstützung der Polizei in den
neuen Demokratien Zentraleuropas gründeten
Ungarn und die Vereinigten Staaten in Budapest eine
internationale Strafverfolgungsakademie. Jetzt sollten
wir die Gründung eines weltweiten Netzes von
Zentren für den Austausch der neuesten Verbrechensbekämpfungstechniken und -technologien in
Erwägung ziehen.

Ferner habe ich die Regierung angewiesen, die
Scheinfirmen auszumachen und die Guthaben des
größten Drogenhändlerrings der Welt - des KaliKartells - einzufrieren, um sie von ihrer wirtschaftlichen Lebensader abzuschneiden und den unwissentlichen Handel unseres eigenen Volkes mit
diesen Unternehmen zu unterbinden.

Fünftens sind Bestrebungen zur Kontrolle illegaler
Waffen und todbringenden Materials vonnöten, an
denen wir uns allesamt beteiligen sollten. Ein Päckchen von der Größe des Lunchpakets eines Schulkindes enthielt das Giftgas, das Tokio in Angst und
Schrecken versetzte. Ein Klumpen Plutonium von
der Größe einer Coladose reicht für den Bau einer
Atomwaffe aus. Auf der Grundlage von bereits mit
den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und unse-

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�ren G-7-Partnern begonnenen Bestrebungen werden
wir uns um eine Verbesserung von Nachweis, Lagerung und Sicherung von Material mit massiver
Zerstörungskraft bemühen. Wir sollten die Konvention über biologische Waffen stärken, im kommenden Jahr den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot verabschieden und die tödliche
Geißel der Landminen endgültig eliminieren. Wir
müssen in anderen Ländern und in unserem Kongreß auf die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention drängen und damit unsere Bestrebungen zur
Bekämpfung des weltumspannenden Netzes illegaler
Waffen intensivieren, das dem Terrorismus Vorschub
leistet, Drogenkartelle versorgt und tödliche Konflikte
verlängert.
Dies ist eine lange und schwierige Tagesordnung,
die wir zusammen vervollständigen und umsetzen
müssen.
Vor fünfzig Jahren, als in San Francisco die Konferenz zur Gründung der Vereinten Nationen abgehalten wurde, gab ein junger amerikanischer Kriegsheld seine Eindrücke von diesem Ereignis an eine
Zeitung weiter. "Der durchschnittliche Soldat scheint
keine sehr klare Vorstellung davon zu haben, worum
es bei diesem Treffen geht", schrieb der junge John

*

Seite 4

F. Kennedy. Aber ein hochdekorierter Feldwebel
faßte die allgemeine Reaktion zusammen, als er
erklärte: "Ich weiß nicht genau, was hier vor sich
geht, aber wenn es dazu führt, daß wir nicht mehr
kämpfen müssen, bin ich dabei."
Die Vereinten Nationen haben Kriege nicht abgeschafft, sie aber weniger wahrscheinlich gemacht.
Und sie halfen vielen Nationen beim Übergang von
Krieg zu Frieden. Die Vereinten Nationen haben
menschliches Leid nicht abgeschafft, aber die Wunden geheilt und das Leben von Millionen Menschen
verlängert. Die Vereinten Nationen haben nicht
Unterdrückung oder Armut von der Erdoberfläche
verschwinden lassen, aber sie haben die Sache der
Freiheit und des Wohlstands auf jedem Kontinent
gefördert. Die Vereinten Nation sind nicht alles, was
wir uns von ihnen gewünscht hätten, aber sie sind
eine Kraft des Guten und ein Bollwerk gegen das
Böse.
Kurz vor Anbruch eines so vielversprechenden neuen
Jahrhunderts, das aber auch von Gefahren heimgesucht wird, brauchen wir die Vereinten Nationen
immer noch. Und daher können Sie für die nächsten
fünfzig Jahre und darüber hinaus mit den Vereinigten
Staaten rechnen.

* * * *

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�USA - I R A N
25. Oktober 1995

Iran - der Preis für verantwortungsloses Verhalten
von Peter Tarnoff
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Staatssekretärs für politische Angelegenheiten im USAußenministerium, Peter Tarnoff, der auf dessen Anhörung vor dem Bankenausschuß des Senats vom 11.
Oktober 1995 basiert.

Am 30. April dieses Jahres gab Präsident Clinton
seine Entscheidung bekannt, sämtliche Handels- und
Investitionsverbindungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Iran abzubrechen. Diese neuen Sanktionen demonstrieren den Willen der Vereinigten
Staaten, sogar entgegen den amerikanischen
Interessen Aktionen zur Erhöhung des Preises
durchzuführen, den der Iran für sein verantwortungsloses Verhalten zahlen muß. Der Iran beteiligt sich
am Terrorismus. Er behindert den arabisch-israelischen Friedensprozeß, beschafft Massenvernichtungswaffen, strebt den Aufbau eines bedrohlichen
Militärapparats am Persischen Golf an und verletzt
die Menschenrechte seiner Bürger.
Die Unterbindung von Handels- und Investitionsbeziehungen zum Iran trat vor nur vier Monaten in
Kraft.
Natürlich ist wirtschaftlicher Druck kein
sofortiges Gegenmittel. Es gibt jedoch Anzeichen
dafür, daß das amerikanische Embargo bereits die
iranische Wirtschaft ausblutet, selbst wenn es noch
zu früh für endgültige Ergebnisse ist.
Statt dessen müssen wir auf die Trends blicken, die
eine grundlegende Verschlechterung der wirtschaftlichen Schlüsselindikatoren des Iran indizieren, und
unsere Aktionen beschleunigen diese Verschlechterung. Ferner ist die Administration entschlossen,
wenn nötig im Alleingang zu handeln und wenn
möglich gemeinsam mit anderen, um die Intensität
des internationalen Drucks auf den Iran zu erhöhen.
Die Politik des Iran bedroht nicht nur die Interessen
der Vereinigten Staaten, sondern auch die unserer
Verbündeten in Westeuropa und Japan.
Wir bitten diese Verbündeten, auf die beschränkten
wirtschaftlichen Vorteile des Handels mit dem Iran zu
verzichten und angesichts seines bedrohlichen
Verhaltens eine verantwortungsbewußte Führungsrolle zu übernehmen. Wenn ihre kollektive Stärke
unseren Bestrebungen hinzugefügt wird, stiege der

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Preis erheblich, den die iranische Führung für ihre
verbrecherischen Aktivitäten zahlen muß.
Das größte wirtschaftliche Problem des Iran ist heute
der Mangel an harter Währung im Staat. Unsere
Politik gegenüber dem Land zielt darauf ab, es der
iranischen Regierung noch weiter zu erschweren, in
den Besitz harter Währung zu gelangen und somit
seine Fähigkeit zur Finanzierung seiner unsere
Interessen bedrohenden Politik einzuschränken.
Obwohl unser Embargo erst seit kurzem Wirkung
zeitigt, hat es das iranische Budget bereits auf
dreierlei Weise geschmälert.
Erstens verlor die
iranische Währung, der Rial, nach der Ankündigung
eines Handels- und Investitionsembargos gegen Iran
durch Präsident Clinton ein Drittel seines Wertes. Die
vom Iran zur Stabilisierung des Rial verhängten
strengen Währungskontrollen werden langfristig zu
einem verlangsamten Wachstum oder einer Rezession führen.
Zweitens erzwang unser Embargo eine vorübergehende Verringerung des iranischen Einkommens aus
Erdölverkäufen, da amerikanischen Unternehmen
jetzt der Handel mit iranischem Erdöl verboten ist.
Die Regierung mußte große Anstrengungen unternehmen, um zusätzliche 400.000 Barrel pro Tag zu
verkaufen. Der Iran sah sich mit der Entscheidung
konfrontiert, entweder den Preis für das Erdöl herabzusetzen, um es verkaufen zu können, oder es in
der Hoffnung auf Verkauf zu einem höheren Preis an
einem späteren Zeitpunkt zu lagern. Der Iran entschied sich, zu warten. Zu den Folgekosten gehören
verzögerte Erdöleinnahmen, höhere Kosten für das
Chartern von Tankern sowie gestiegene Rohöllagerkosten. Obwohl diese Kosten kurzfristiger Natur sind,
ist klar, daß durch unser Embargo die Verfügbarkeit
harter Währung im Iran verringert wurde.

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�Unser Embargo hatte auch eine dritte Auswirkung.
Indem wir dem Iran immer stärker den Finanzhahn
zudrehen, schwächen wir die Fähigkeit der Regierung zur Deckung ihrer externen Kosten. Ferner
wird sich der finanzielle Ruf des Iran noch weiter
verschlechtern, weil die Schuldenzahlungen der
Regierung sich bis 1996 voraussichtlich verdoppeln
werden.
Unser Embargo hat die Schwierigkeiten des Iran
verschärft, auf einfache Weise Zugang zu ausländischem Kapital zu erhalten. Bevor wir Handelssanktionen verhängten, bezeichneten andere Regierungen den amerikanischen Handel mit dem Iran als
vernünftigen Grund für die Förderung bilateralen
Handels und Bereitstellung von Finanzhilfe für den
Iran. Solche Hilfe, die neue staatliche Kredite und
Entwicklungshilfe beinhaltet, verschafft dem Iran
neue Finanzressourcen.
Durch die Unterbindung wirtschaftlicher Aktivitäten
zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran
erhöhen wir den politischen Preis solcher Beziehungen zu diesem Land. Seit der Verhängung des
Embargos haben die wichtigsten Handelspartner des
Iran keine neuen offiziellen Kredite angeboten.
Selbst wenn andere Regierungen sich nicht drängen,
die amerikanische Politik zu kopieren, haben die von
uns unternommenen Schritte sie dazu ermutigt, das
Ausmaß ihrer Wirtschaftsbeziehungen zum Iran zu
begrenzen. Unsere Investitionssanktionen verbieten
einen amerikanischen Beitrag zur Entwicklung der
iranischen Volkswirtschaft, insbesondere auf dem
Erdölsektor. Aus diesem Grund verhinderte der
Präsident eine Zusammenarbeit des amerikanischen
Unternehmens Conoco mit dem Iran, und aus
diesem Grund ist es für uns wichtig, andere Regierungen von der Notwendigkeit ähnlicher Maßnahmen
zu überzeugen.
Es ist wichtig festzustellen, daß wir die Auswirkungen unserer Politik auf amerikanische Unternehmen
nicht unterschätzen. Diese Schritte waren notwendig
zur Unterstützung unserer Bestrebungen, Druck auf
den Iran auszuüben, die nationalen Interessen
unseres Landes betreffenden Praktiken aufzugeben.
Unseres Erachtens sollten andere Regierungen
ebenfalls verantwortungsvoll handeln und ähnliche
Schritte zur Abwehr des bedrohlichen Verhaltens
des Iran unternehmen.
Die Entscheidung der französischen Firma Total, das
Conoco-Geschäft zu übernehmen, ist äußerst
bedauerlich. Wir fordern Total dringend auf, die
Entscheidung zu überdenken und andere anzuweisen, von vergleichbaren Aktionen Abstand zu
nehmen.
Die hochrangigsten Vertreter dieser
Administration werden weiterhin bei unseren Kolle-

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gen aus anderen Ländern für unsere Einstellung
gegenüber dem Iran eintreten.
Es wäre jedoch ein Fehler, wenn die Vereinigten
Staaten die Kluft zwischen unserer Politik gegenüber
dem Iran und der der meisten anderen Industrienationen übertreiben würden. In den von Außenminister
Christopher und mir mit hochrangigen Vertretern der
G-7-Länder geführten Gesprächen brachten unsere
Kollegen beispielsweise ihre gemeinsame Besorgnis
über die Beschaffung von Massenvernichtungswaffen
und die Unterstützung des Terrorismus durch den
Iran sowie die andauernde militärische Aufrüstung
des Landes aufgrund dieser Sorgen zum Ausdruck.
Die G-7-Nationen weigern sich, nukleare Zusammenarbeit in irgendeiner Form mit dem Iran aufzunehmen, und sie verbieten Exporte von Waffen für
sicherheitsempfindliche Mehrzwecktechnologie an das
iranische Militär.
Wir glauben nicht, daß ein Engagement für den Iran wie von einigen unserer Freunde befürwortet - das
abzulehnende Verhalten des Iran ändern wird. Aus
diesem Grund haben wir uns entschieden, die
amerikanische Führungsrolle zu intensivieren, indem
wir einseitig neue Sanktionen verhängen.
Die vor uns liegende Frage lautet, wie können wir
andere Regierungen am besten überzeugen, unserem Beispiel zu folgen? Ein Vorschlag fordert, daß
die Vereinigten Staaten die ausländischen Firmen
boykottieren, die Geschäftsaktivitäten mit dem Iran
aufnehmen. Wir haben diesen Vorschlag sorgfältig
geprüft und ihn aus zwei Gründen abgelehnt. Unserer Ansicht nach würde ein sekundärer uneingeschränkter Boykott unsere gemeinsame Zusammenarbeit bei der Iranpolitik gefährden, insbesondere bei
entscheidenden Fragen wie der Verweigerung von
Waffen für den Iran. Wir glauben auch, daß ein
solches Eingreifen in den internationalen Markt
fehlschlagen und amerikanischen Unternehmen sowie
der amerikanischen Wirtschaft schaden würde.
Ein anderer Vorschlag ist, gezielte Sanktionen gegen
ausländische Firmen zu verhängen, die der iranischen Ölindustrie Geräte oder Technologie liefern.
Ein solches Vorgehen wäre ein zusätzliches Abschreckungsmittel für europäischen Handel mit dem
Iran und Investitionen in das Land. Es könnte auch
negative Auswirkungen auf die amerikanischen
Wirtschaftsinteressen haben, da unsere Beziehungen
zu wichtigen Verbündeten in der ausländischen
Industrie aus dem Gleichgewicht gebracht würden.
Unsere Partner im GATT, der WTO und NAFTA
argumentieren beispielsweise vehement, daß selbst
ein begrenzter sekundärer Boykott unsere Verpflichtungen im Rahmen dieser Abkommen verletzen

AMERIKA DIENST 30

�würde. Darüber hinaus wäre es schwierig, einen
sekundären Boykott der Vereinigten Staaten mit der
Freihandelsrhetorik in Einklang zu bringen, mit der
wir arabische Regierungen drängen, ihre sekundären
und tertiären Boykotte gegen Israel aufzuheben.
Andere von uns anzusprechende Belange sind
unsere Fähigkeit zur umfassenden Überwachung der
Aktivitäten ausländischer Unternehmen, die möglicherweise negativen Reaktionen einiger unserer
Verbündeten und die Auswirkungen auf die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit. Am wichtigsten ist
auszuwerten, ob zusätzliche Aktionen zu unserem
Ziel beitragen würden, internationale Unterstützung
für den Druck auf den Iran zu gewinnen.
Unserem derzeitigen Ansatz einer beispielgebenden
Führungsrolle und der kooperativen Zusammenarbeit
mit Verbündeten muß eine echte Chance zu funktionieren eingeräumt werden. Das wird einige Zeit
erfordern. Unsere Geduld ist jedoch nicht grenzenlos. Wenn Diplomatie allein sich nach einer gewis-

*

AMERIKA DIENST 30

sen Zeit bei der Erlangung eines akzeptablen Niveaus multilateraler Unterstützung für unsere Bestrebungen als unzureichend erweist, könnten wir zusätzliche Ansätze in Erwägung ziehen.
Die amerikanische Politik des wirtschaftlichen Drucks
wird ergänzt durch unsere unermüdlichen Anstrengungen, andere Regierungen davon zu überzeugen,
nicht zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen
durch den Iran oder seiner militärischen Aufrüstung
beizutragen.
Wir sind der Auffassung, daß unsere Bemühungen
zur Intensivierung des Drucks auf den Iran Fortschritte machen und das Embargo einen wichtigen
Beitrag leisten wird. Es wird mehr getan, insbesondere um größere Unterstützung unserer Freunde und
Verbündeten zu erlangen, vor allem im Bereich von
Investitionen und Finanzhilfe. Die amerikanische
Führungsrolle ist entscheidend für effektiven Druck
auf den Iran zur Änderung seines Verhaltens und
wird dies auch in Zukunft sein.

* * *

*

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�NICHTVERBREITUNG
25. Oktober 1995

USA drängen auf Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot
Rede von ACDA-Direktor Holum
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Mit den Worten, "ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot
(Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) ist in greifbare Nähe gerückt", forderte der Direktor des Amts für
Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency - ACDA) die Regierungen auf, bis
April 1996 einen Vertragsentwurf vorzulegen.
In einer Ansprache vordem Ersten Ausschuß (für Abrüstung und Sicherheitsfragen) der Generalversammlung
der Vereinten Nationen am 17. Oktober 1995 erklärte Holum, die wissenschaftlichen Fortschritte und das durch
die unbegrenzte Verlängerung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrags (NW) Anfang dieses Jahres
herbeigeführte neue politische Klima böten die besten Chancen für einen Erfolg der in Genf geführten
Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von ACDA-Direktor Holum.

Seit Jahrzehnten haben sich viele Staaten für einen
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot als
den wichtigsten Schritt zur Erfüllung des N W
eingesetzt. Die NW-Konferenz bekräftigte seine
einzigartige Bedeutung und forderte den Abschluß
eines CTBT "nicht später als" 1996.

effizienten Funktionsweise der anderen drei "Pfeiler"
ausgerichtet ist. Zusammen mit den Vertragsbestimmungen für Konsultationen und Klärung - und den
Vertragsparteien zur Verfügung stehenden nationalen
Mitteln zur Verifizierung - sind diese vier "Pfeiler"
unerläßlich für die effektive Umsetzung des CTBT.

Wir begrüßen die bei der Genfer Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritte zum Abschluß eines
Vertrags sowie die Fortschritte zur Einigung auf ein
internationales Überwachungssystem für effektive
Verifizierung. Wir sehen vier sorgfältig gestaltete
und miteinander verbundene "Pfeiler" für dieses
Regime vor.

Präsident Clinton hat sich zum Abschluß des vollständigen Wortlauts des Abkommens bis April
verpflichtet - dem Ende des ersten Teils der Sitzungsperiode 1996 der Genfer Abrüstungskonferenz. Wir
gehen davon aus, daß die neue Sitzungsrunde des
Ersten Ausschusses und die 50. Generalversammlung der Vereinten Nationen den Vertrag unterstützen, so daß er vor Beginn der 51. Generalversammlung unterzeichnet werden könnte.

Erstens sollten auf solide, aber kostengünstige
Weise international Daten aus Netzen mit Fernsensoren unter Anwendung von seismischen, hydroakustischen, radionukliden und Infraschall-Techniken
gesammelt und ausgetauscht werden. Um Mehrdeutigkeiten oder Umgehungsversuche anzusprechen, sollte der Vertrag zweitens ein System unverzüglicher, obligatorischer
Vor-Ort-Inspektionen
vorsehen. Drittens sollte er ein Paket "assoziierter
Maßnahmen" für den Informationsaustausch enthalten, das zur Behebung von Mehrdeutigkeiten beispielweise durch die Netze der Fernsensoren
aufgedeckte Vorfälle - beitragen soll. Und viertens
sollte es ein internationales Umsetzungsgremium
geben, dessen Rolle und Kompetenzen klar definiert
und auf die Erleichterung der reibungslosen und

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Der CTBT ist in greifbare Nähe gerückt. Wissenschaftliche Fortschritte und das Ende des Kalten
Krieges ermöglichen endlich, was Wissenschaftler
und Staatsmänner seit über vier Jahrzehnten anstreben. Ich darf Sie jedoch daran erinnern, daß sich
die politischen und geostrategischen Umstände
konstant verändern. Die sich uns heute bietenden
Chancen könnten ungenutzt verstreichen.
Wir
müssen sie ergreifen, damit nicht eine Verzögerung
die Aussichten für den Vertrag - vielleicht für eine
kurze Zeit, vielleicht auf viele Jahre hinaus - wieder
in Frage stellt.

Seite 1

�Daher fordern wir die an der Arbeit der Genfer
Abrüstungskonferenz beteiligten Nationen auf, ihre
Bestrebungen zum Abschluß eines Vertragstextes zu
beschleunigen und bei Positionen zusammenzukommen, die eine Unterstützung der internationalen
Staatengemeinschaft zwingend erfordern. Es ist an
der Zeit, auf gemeinsamem Terrain zu einem Abschluß zu gelangen.
In diesem Geiste zog Präsident Clinton Ende Januar
dieses Jahres den Vorschlag der Vereinigten Staaten für ein 10jähriges Austrittsrecht zurück - eine
Position, die weder salopp formuliert noch leicht aufzugeben war. Und vor zwei Monaten sendete
Präsident Clinton eine unmißverständliche Botschaft,
daß die NW-Konferenz das Engagement der
Vereinigten Staaten für ein Atomtestverbot nicht
schwächte, sondern vielmehr intensivierte.
Er
forderte einen wirklich absoluten CTBT mit null
Detonationswert - ohne jede Ausnahme, nicht einmal
Atomexplosionen mit einer Sprengkraft von wenigen
Pfunden.
Zusammen mit den parallelen Entscheidungen
Frankreichs und Großbritanniens verleiht diese
Entscheidung den Verhandlungen in Genf echten
Auftrieb. Denn alle Nationen sollten sich für einen
Vertrag aussprechen, in dem das Wort "umfassend"
folgende Bedeutung hat: "Null" atomaren Detonationswert, wobei alle Länder gleich behandelt
werden.
Wie Vizepräsident Gore bei der Konferenz in New
York erklärte, sind wir bereit zu der Feststellung, daß
die Vereinigten Staaten bereits ihren letzten Atomtest durchgeführt haben. Die Entscheidung des
Präsidenten über einen Null-Detonationswert demonstriert, daß wir meinen, was wir sagen.
Der CTBT wird mehr zur Sicherheit aller Staaten
beitragen als alle weiteren Atomtests - überall, von
allen, zu jedem Zweck. Die Nukleararsenale der
Welt sind mehr als ausreichend erprobt worden.
Jetzt sind wir es, die auf die Probe gestellt werden.

Eine weitere Maßnahme, die bei der diesjährigen
NW-Konferenz spezifisch unterstützt wurde, ist das
Verbot der Produktion von spaltbarem Material für
nukleare Sprengkörper.
Ein multilateraler, effektiv verifizierbarer Vertrag über
die Einstellung der Produktion von spaltbarem
Material wird den CTBT ergänzen, indem er weltweit
die Menge des für Nuklearwaffen zur Verfügung
stehenden spaltbaren Materials begrenzt. Er wird
die internationalen Sicherheitsvorschriften auf derzeit
nicht geschützte Produktionseinrichtungen ausdehnen.

Seite 2

Viele Nationen streben seit langem diese Einstellung
der Produktion an. Der indische Premierminister
Nehru forderte dies beispielsweise bereits im Jahr
1954. Vor zwei Jahren unterstützte Präsident Clinton
die Einstellung hier bei den Vereinten Nationen
vehement, und die Generalversammlung verabschiedete einstimmig eine Resolution, die Verhandlungen
zwingend vorschreibt. Dann forderte die diesjährige
NW-Konferenz "die unverzügliche Aufnahme und
einen baldigen Abschluß der Verhandlungen".
Dennoch haben die Verhandlungen - erstaunlicherweise - noch nicht begonnen.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß einige der
Länder, die traditionell die stärksten Verfechter der
Einstellung waren, offensichtlich jetzt den Enthusiasmus dafür verloren haben, da eine Realisierung
potentiell in greifbare Nähe gerückt ist.
Einige wenige Staaten hegen vielleicht Zweifel, ob ein
solches Abkommen ihren Interessen dient - und
wollen sich ihre Optionen offen halten. Sie sollten
sorgfältig erwägen, ob sie sich wirklich einem Wettbewerb aussetzen wollen, der ewig andauern und nie
gewonnen werden kann. Die Geschichte des Wettrüstens bietet reichhaltige Beweise, daß das Streben
nach einem undefinierbaren "genug" vergebliche
Mühe ist.
Andere haben absolut keine Absicht, etwas zu tun,
das nicht im Einklang mit einer Einstellung der
Produktion von spaltbarem Material steht - haben
sogar mit wiederholten einstimmigen Entscheidungen
den Wert eines solchen Abkommens anerkannt werden jedoch von dem Gedanken in Versuchung
geführt, daß seine Aushandlung an andere Ursachen
gebunden sein sollte, beispielsweise einen weiteren
atomaren Verhandlungsprozeß in Genf. Das ist ein
Rezept für Lähmung, nicht für Fortschritt - und
vereitelt daher ein Ziel, das alle NW-Parteien unterstützen.
Niemand sollte auch auf die vertraute Verhandlungstaktik hereinfallen, das Perfekte zum Feind des Guten
zu machen. Die Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material kann nicht alle Probleme, jedoch
ein wichtiges lösen - indem die Menge von Material
für Nuklearexplosionen nicht nur in Atomwaffenstaaten, sondern auch in Teilen der Welt begrenzt wird,
die am wenigsten das Risiko eines eskalierenden
Wettrüstens tragen können.
Auch hier könnten Chancen ungenutzt verstreichen.
Daher sollten wir entsprechend handeln und jetzt die
Verhandlungen eröffnen, um den ausdrücklichen
Willen der NW-Konferenz zu erfüllen, das Verbot von

AMERIKA DIENST 30

�Atomtests zu unterstützen und alle Menschen sicherer zu machen.
In der Zwischenzeit praktizieren die Vereinigten
Staaten, was sie predigen. Wir produzieren nicht
länger spaltbares Material für Waffen. Und im März
haben wir 200 Tonnen spaltbares Material aus
unseren Arsenalen abgezogen, die nie wieder für
Nuklearexplosionen verwendet werden.
Ein anderes Element der Abrüstung besteht darin,
die Überrüstung des Kalten Krieges abzubauen.
Lange Zeit wurde argumentiert, ein ständiger N W
würde den Anreiz für solche Bestrebungen zunichte
machen. In der Tat haben jedoch kontinuierliche
Bestrebungen vor und seit der New Yorker Konferenz gezeigt, daß das Gegenteil der Fall ist: Ein
ständiger N W fördert die nukleare Abrüstung, indem
er das globale Sicherheitsumfeld konsolidiert, in dem
er agieren kann.
Anstelle des unerbittlichen Wachstums der Arsenale
in den vergangenen Jahren nehmen sie heute mit
noch größerer Geschwindigkeit ab - angestachelt
durch offizielle Abkommen wie den INF-Vertrag und
die START-Verträge, inoffizielle gegenseitige Zurückhaltung bei taktischen Nuklearwaffen und durch
finanzielle Hilfe bei den Kosten der Zerlegung beschleunigte Reduzierungen.
Solche Fortschritte werden möglich, weil es immer
weniger Gründe für Nuklearwaffen gibt. Nuklearwaffen spielen jetzt eine geringere Rolle in unserer
Sicherheitsstrategie als je zuvor.
Entsprechend
zerlegen die Vereinigten Staaten weiterhin bis zu
2.000 Atomwaffen pro Jahr - die höchste Zahl, die
aufgrund der technischen Begrenzungen möglich ist.
Die amerikanischen Bodentruppen haben keine
Nuklearwaffen mehr unter ihrer Obhut. Nichtstrategische atomare Seestreitkräfte werden nicht länger
disloziert. Und seit 1988 haben wir unser gesamtes
aktives Arsenal um nahezu drei Fünftel reduziert,
unsere strategischen Gefechtsköpfe um fast die
Hälfte und die Gefechtsköpfe unserer nichtstrategischen Nuklearstreitkräfte um bemerkenswerte 90
Prozent.
Natürlich hat jeder Weg seine Krümmungen: Der
START Il-Vertrag muß noch in Kraft treten. Aber
das wird geschehen, weil START II offensichtlich
gleichermaßen im Interesse Rußlands und der
Vereinigten Staaten liegt.
Während sowohl in
Washington als auch in Moskau Bestrebungen zu
seiner Ratifizierung unternommen werden, ist der
Abbau unter START I dem Zeitplan mehr als zwei
Jahre voraus.

AMERIKA DIENST 30

Und wir sind bereit zu weiteren Fortschritten. Die
Vereinigten Staaten und Rußland gehen von einer
Begrenzung der Träger- und Waffensysteme zu einer
sichtbareren und unumkehrbaren Beseitigung nuklearer Gefechtsköpfe über. Die Präsidenten Clinton und
Jelzin wiesen vergangenes Jahr ihre Experten an, die
nächsten Schritte zu prüfen. Wie die Vereinigten
Staaten vor und während der diesjährigen Konferenz
über den N W bekräftigten, bleibt nukleare Abrüstung
unser oberstes Ziel.
Seit Mai hat die Welt bei einem anderen Grundsatz
der Konferenz über den Nichtverbreitungsvertrag
Fortschritte gemacht - der universellen Einhaltung
des N W .
Erst dieses Frühjahr sind dem Vertrag vier weitere
Staaten beigetreten - Chile, die Komoren, Vanuatu
und die Vereinigten Arabischen Emirate, und es
werden noch mehr. Dies stellt eine Ergänzung
verschiedener wichtiger Beitritte während der letzten
Jahre dar, die das NW-System spürbar erweiterten bis zu dem Punkt, an dem es sich dem Mitgliederverzeichnis der Vereinten Nationen annähert und nur
neun Staaten außerhalb des Vertrags bleiben.
Fortschritte werden ebenfalls beim Grundsatz der
NW-Konferenz erzielt, atomwaffenfreie Zonen als
nützliche Ergänzung des N W zu betrachten.
Die Vereinigten Staaten respektieren den RarotongaVertrag, der eine atomwaffenfreie Zone im Südpazifik
errichtet, indem sie in der Region keine Aktionen
unternehmen, die mit den Zielen des Vertrags unvereinbar sind. Die jüngsten Ereignisse einschließlich
der CTBT-Verhandlungen veranlaßten uns zu schnellem Handeln, um zu einer endgültigen Entscheidung
über diesen Vertrag zu kommen. Die Vereinigten
Staaten begrüßen auch den jüngst geschlossenen
Pelindaba-Vertrag, der eine afrikanische atomwaffenfreie Zone vorsieht. Und wir hoffen, daß eine unseren Kriterien entsprechende atomwaffenfreie Zone in
Südostasien geschaffen werden kann.
Jeder Staat im Nahen Osten befürwortet im Prinzip,
was auch bei der diesjährigen Konferenz über den
Nichtverbreitungsvertrag unterstützt wurde: Eine
Zone im Nahen Osten, die frei von Atomwaffen sowie
anderen Massenvernichtungswaffen ist. Die Vereinigten Staaten freuen sich natürlich über den
bemerkenswerten jüngsten Erfolg im Nahostfriedensprozeß. Und wir bekräftigen erneut die Bedeutung
einer frühzeitigen Realisierung des universellen
Beitritts zum N W .
Dem seit langem gehegten Wunsch nach verstärkten
Sicherheitszusagen entsprechen die dieses Jahr von
jeder derfünf Atommächte abgegebenen Erklärungen

Seite 3

�sowie die vom UN-Sicherheitsrat übereinstimmend
angenommene Resolution 984. Diese Aktionen sind
eine direkte Reaktion aut Empfehlungen der Nichtatomwaffenstaaten zur Harmonisierung negativer
Sicherheitszusagen und zur expliziteren Gestaltung
der Rolle des Sicherheitsrates, auf nukleare Aggression gegen dem N W angehörende Nichtatomwaffenstaaten zu reagieren, einschließlich der Handlungsmöglichkeit gemäß Kapitel VII der Charta der
Vereinten Nationen zur Wiederherstellung des
internationalen Friedens und der Sicherheit. Unseres Erachtens stellen diese Maßnahmen substantielle Fortschritte zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit von
Sicherheitszusagen für Nichtatomwaffenstaaten des
N W dar. Bei der NW-Konferenz bestand Einigkeit
darüber, daß weitere Schritte auf diesem Gebiet
erwogen werden sollten.
Die Wirksamkeit des N W steht in engem Zusammenhang mit der Wirksamkeit seiner Sicherheitsklauseln - ein auf der diesjährigen NW-Konferenz
befürworteter wichtiger Grundsatz. Die Vereinigten
Staaten arbeiten eng mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) an der Stärkung nuklearer Schutzvorrichtungen durch das "Programm
93 + 2" zusammen. Seit der Konferenz einigte sich
der Verwaltungsrat der Behörde auf die Umsetzung
einer Vielzahl wichtiger Empfehlungen, die seine
Fähigkeit zur Aufdeckung nicht bekanntgegebener
Nuklearaktivitäten beträchtlich erhöhen. Wir fordern
jeden Staat zur Unterstützung dieser Empfehlungen
auf - und erwarten die Unterstützung einer zweiten
Serie zusätzlicher Maßnahmen, die beim Treffen des
Verwaltungsrats im Dezember vorgestellt werden.

zusammenarbeiten, der kein umfassendes Sicherheitsabkommen mit der IAEO abgeschlossen hat.
Und bei der Auswahl von Möglichkeiten für friedliche
nukleare Zusammenarbeit besteht unsere Politik
schon seit langem in der Bevorzugung von Unterzeichnern des N W und des Tlatelolco-Vettrags.
Die Vereinigten Staaten haben solche Chancen aktiv
sondiert.
In den vergangenen Jahren sind wir
beispielsweise Abkommen über die Zusammenarbeit
von Laboratorien mit Ägypten, Marokko, Kenia,
Ghana, Malaysia, Thailand, Peru und Mexiko eingegangen. Und kürzlich unterzeichneten wir ein wichtiges Abkommen über friedliche nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika.
Die Vereinigten Staaten unterstützen auf multilateraler Ebene entschieden die Aktivitäten der IAEO im
Bereich technischer Hilfe und leisten konsequent den
größten Beitrag zu zusätzlichen Haushaltsmitteln für
diese Behörde. Wir werden auch in Zukunft die
weltweite Nutzung von Kernenergie bei Landwirtschaft, Medizin, Industrie und zu anderen friedlichen
Zwecken fördern.
Schlußbemerkung
Ebenso wie auf vielen anderen Gebieten ist auch bei
der multilateralen Diplomatie wirklicher Wandel
schwierig. Die herkömmliche Art und Weise wird
immer ihre Anhänger haben, solange das Gedächtnis
die Oberhand über die Phantasie behält.
Aber die Zeit für wirklichen Wandel ist gekommen:

Wir müssen einen neuen Dialog führen.
Wir stellen unser Engagement für das lAEO-System
auch auf andere Arten unter Beweis: Indem wir
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
per Gesetz ausreichende Mittel zur Bewältigung der
wachsenden Arbeitsbelastung der IAEO zu erhalten
und zusätzliches spaltbares Material den Sicherheitsbestimmungen unterstellen. Die lAEO-lnspektionen
überschüssigen spaltbaren Materials der Vereinigten
Staaten sind seit letztem Jahr im Gange - und
werden ausgeweitet. Vergangenen Monat beschlossen die Vereinigten Staaten, zusätzliche 20 Tonnen
überschüssigen waffenfähigen Materials für Sicherheitskontrollen der IAEO zugänglich zu machen.
Die Vereinigten Staaten werden auch in Zukunft das
Sicherheitsregime des N W entschieden unterstützen.
Ebenso werden die Vereinigten Staaten weiterhin mit
Überzeugung den friedlichen Einsatz von Atomenergie im Rahmen wirksamer internationaler
Sicherheitskontrollen befürworten. Die Vereinigten
Staaten dürfen von Gesetz wegen auf nuklearem
Gebiet nicht in größerem Umfang mit einem Staat

Seite 4

Der überragende Erfolg der diesjährigen Konferenz
über den Nichtverbreitungsvertrag demonstriert, daß
einst rivalisierende Nationen besser miteinander
arbeiten als aneinander vorbeireden können, daß
Konfrontation wegen rhetorischer Absolutheitsansprüche durch Fortschritt ersetzt werden und internationale Sicherheit über herkömmliche Weltpolitik
triumphieren kann. Unsere Zusammenarbeit bei
dieser schicksalhaftesten multilateralen Rüstungskontrollkonferenz der Geschichte zeigt tatsächlich,
daß ein konstruktiver neuer Dialog bereits begonnen
hat.
Wir müssen diese neue Denkweise auf die großen
Herausforderungen anwenden, denen wir uns in
Zukunft gegenübersehen: Abschluß des Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot und Aushandlung eines Vertrags über die Einstellung der Produktion spaltbaren Materials.
Meine heutigen Ausführungen sollten deutlich machen, daß die Vereinigten Staaten es für eine Frage

AMERIKA DIENST 30

�der Ehre halten, abgegebene und vor fünf Monaten
erneut bekräftigte Versprechen einzuhalten. Aber
wir erwarten dasselbe von allen anderen Ländern.
Wer seine früher eingegangenen Verpflichtungen
nicht ernst nimmt, schädigt mehr als nur das N W Regime oder bestimmte Verhandlungen - er schadet
dem Gefüge der internationalen Sicherheit durch
seine zynische Haltung gegenüber den Möglichkeiten der von uns geleisteten Arbeit.
Der N W verkörpert Gleichgewicht und Symmetrie:
Nichtverbreitung und Abrüstung sind geboten, und
alle Staaten müssen ihre Rolle im schlagkräftigen
Kampf des Vertrags gegen Nuklearwaffen übernehmen. Artikel VI ist nicht auf nukleare Abrüstung
oder auf die Atommächte beschränkt. Alle Staaten
müssen für ihre Taten und ihre Worte Rechenschaft
ablegen. Kein Staat ist davon ausgenommen oder
wird automatisch verdächtigt, weil er ein Atomwaffenstaat oder ein Nichtatomwaffenstaat ist oder weil
er früher einem bestimmten Block oder einer bestimmten Ländergruppe angehörte oder nicht. Wer
von anderen Abrüstung fordert, muß sie auch selbst
praktizieren.
Dies sind wichtige Gründe, warum der N W jetzt
unbegrenzt und stärker denn je ist - und warum
seine größten Beiträge zur internationalen Sicherheit
noch zu erwarten sind.
Wenn wir diese Lektionen beherzigen - und erinnern,
daß echter Dialog, ebenso wie der N W selbst, eine
in beide Richtungen führende Straße ist - werden wir

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wichtige Schritte zur Erlangung des vollen Versprechens von Rüstungskontrolle und Abrüstung unternehmen.
Zyniker werden das als Rat interpretieren, langsam
voranzuschreiten. Aber es ist tatsächlich ein Ratschlag, Fortschritte zu machen. Wer hätte sich
schließlich noch vor wenigen Jahren träumen lassen,
daß die Vereinigten Staaten an vorderster Front auf
ein umfassendes Atomtestverbot drängen würden?
Oder daß wir zu denjenigen gehören würden, die sich
am stärksten für die Einstellung der Produktion
spaltbaren Materials einsetzen?
Die Vereinigten Staaten fordern alle Staaten auf, sich
gemeinsam mit uns an dem konstruktiven neuen
Dialog im Zeitalter nach der Verlängerung des N W
zu beteiligen. Das wird unsere heutigen Bestrebungen beflügeln - selbst während wir die 50jährige
Arbeit der Vereinten Nationen im Bereich der Abrüstung ehren.
Wenn wir auf diese Art und Weise zusammenarbeiten, können wir eine Welt schaffen, die in unser aller
größtem Interesse liegt: Eine Welt, in der nie wieder
spaltbares Material für waffenfähige Zwecke produziert wird, in der nie wieder Nuklearwaffen gezündet,
sondern diese am Ende beseitigt werden können, in
der Nationen nicht wegen ihrer Waffenarsenale,
sondern wegen der Einhaltung eingegangener
Verpflichtungen geschätzt werden - anderen Nationen
und ihrem eigenen Volk gegenüber.

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�DATENAUTOBAHN
25. Oktober 1995

Neues von der Datenautobahn
Übersicht jüngster Entwicklungen
Der nachfolgende Artikel faßt die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten bei Informations- und
Telekomunikationstechnologien zusammen und erörtert Neuheiten auf dem Internet sowie die Entwicklung einer
globalen Informationsinfrastruktur.

Bündnis gegen Pornographie
Dem The Wall Street Journal zufolge bildet eine
Gruppe von Hochtechnologieunternehmen - darunter
IBM, Microsoft, AT&amp;T, MCI, America Online, Netscape Communications, Time Warner und Viacom ein Bündnis zur Bekämpfung von "Cyberpornographie". Koordiniert wird diese Gruppe vom World
Wide Web Consortium des Massachusetts Institute
of Technology, das, so ein Vertreter des Bündnisses,
auch als "Dachorganisation zur Verhinderung interner Kämpfe in der Industrie" dient. "Es soll Normen
entwickeln, die alle Softwareunternehmen erreichen
können." Ein separates Projekt unter Beteiligung
von Microsoft, Netscape, SurfWatch Software und
Progressive Networks wird in die neuen Bestrebungen eingegliedert.
Anstieg von Chip-Diebstählen
Ein weltweiter Mangel an Memory Chips führt zu
einem Anstieg der Diebstähle von RAM Chips in
Colleges und Universitäten, so der Chronicle of
Higher Education. Die Diebe sind anscheinend auf
Memory Chips spezialisiert, für die man 160 bis 200
Dollar je vier-Megabite-Set bekommt und die schwierig, wenn nicht unmöglich aufzuspüren sind.
Spezialisierung auf Internet-Nutzer außerhalb des
englischen Sprachraums
Während immer mehr Länder stark im World Wide
Web präsent sind, wird die Vorherrschaft des Englischen im Internet in Frage gestellt, berichtet der
Investor's Business Daily. Im Juni stammten 19
Prozent der neuen Web Seiten aus Ländern, die
nicht dem englischen Sprachraum angehören, und
im Juli war dieser Prozentsatz dem Marketingdirektor
der Yahoo (Corporation zufolge auf 23 Prozent
angestiegen. Yahoo hat einen beliebten Quellenfinder im Web. Dem Trend entsprechend entwickelt

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Netscape Communications einen Web Browser, um
japanische und chinesische Texte aufrufen zu können, und Übersetzungssoftware wird immer beliebter.
Gesucht: Software zur Verbrechensbekämpfung
Strafverfolgungsbeamte haben die Herstellung von
moderner Software zur Überwachung der über
700.000 elektronischen Geldtransfers vorgeschlagen,
die jeden Tag zwischen amerikanischen Finanzinstitutionen vorgenommen werden, und befürworten
die genauere Überprüfung verdächtiger Transaktionen, schreibt The Wall Street Journal. Ein neuer
Bericht des US-Amts für Technologiebewertung
verweist jedoch darauf, daß eine solche Überwachung es amerikanischen Banken erschweren würde,
Geschäfte aus Europa und anderen Industrienationen
anzuziehen. Die Vereinigten Staaten würden "das
Risiko einer Flucht legitimen Kapitals" von inländischen Banken eingehen, stellt der Bericht fest.
Softwareverkäufe in USA schnellen in die Höhe
Im zweiten Quartal dieses Jahres stiegen die Softwareverkäufe in Nordamerika dem Verband der
Software-Herausgeber zufolge auf 1,57 Milliarden
Dollar.
Immobilienmakler richten Informationsnetz ein
Der nationale Verband der Immobilienmakler richtet
einen Dienst ein, der dem Verband angeschlossenen
Maklern den Austausch von Listen und anderen
Informationen gestattet sowie den Käufern behilflich
ist, berichtet The Wall Street Journal. Das landesweite System würde Zugang zu Landkarten, Verbrechensstatistiken, Informationen über Schulen,
statistische Daten, Steuerdaten und andere Informationen zur Verfügung stellen. Eine halbe Million
Immobilienmakler haben sich dem "The Realtors

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�Information Network" genannten Dienst bereits
angeschlossen.

Babel:
http://www.access.digex.net/~ikind/babel95c.html

Interessante Web Sites auf dem Internet
Nachfolgend einige nützliche Adressen auf dem
World Wide Web.

Hierbei handelt es sich um ein Glossar von Computerabkürzungen und Akronyme. Es wird dreimal
jährlich, im Januar, Mai und September, auf den
neuesten Stand gebracht.

Electronic Reference Desk:
http://excalibur.alfred.edu/Ref.html

The Tech Classics Archive:
http Mhe-tech. mit. edu/Classics/

Diese von der Scholes Library in der Alfred University betriebene Site bietet "unverzüglich Auskunft"
durch Verbindungen zu zahlreichen nützlichen
Auskunftsstellen. Zu den Kategorien zählen Wörterbücher, Thesauri und Zitatensammlungen, allgemeine wissenschaftliche Quellen, geographische Daten,
historische Dokumente, Colleges und Universitäten
sowie Wetterstationen.

Diese Quelle klassischer Literatur bietet jetzt 375
Werke von Klassikern in englischer Übersetzung an.
Das gesamte Werk ist attraktiv und logisch zur
unkomplizierten und schnellen Einsicht formatiert. Es
wird von einem verbesserten Suchlaufwerk unterstützt. Das Tech Classics Archive ist eine nichtkommerzielle, von Studenten geschaffene World Wide
Web Site.

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AMERIKA DIENST 30

�AIDS
25. Oktober 1995

Überleben
von Kathleen Fackelmann
(AD) - Wissenschaftler führen Studien an Personen durch, die das AIDS-Virus seit längerem überlebt haben,
in der Hoffnung herauszufinden, wie ihr Immunsystem das tödliche Virus in Schach hält. Die Antwort könnte
zu einer Behandlungsmethode oder einem Impfstoff gegen AIDS führen, so die Verfasserin, die Mitarbeiterin
von Science News ist.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Science News, einem wöchentlich
erscheinenden wissenschaftlichen Nachrichtenmagazin. Copyright (c) 1995 von Science Service, Inc.

Für gewöhnlich dauert es acht bis zehn Jahre, bis
eine HlV-infizierte Person AIDS entwickelt. Dennoch
sind einige Personen seit über einem Jahrzehnt
Träger der humanen Immunschwächeviren - und
blieben gesund.

dieser Menschen über einen langen Zeitraum hinweg
robust bleibt. Drei Artikel im New England Journal
of Medicine in der Ausgabe vom 26. Januar 1995
veröffentlichen Daten über Menschen, die dem Tod
vorerst ein Schnippchen geschlagen haben.

Wie halten sie diesen todbringenden Zerstörer des
Immunsystems in Schach?

"Wir wissen seit einiger Zeit, daß es Personen gibt,
die mit einer HIV-Infektion lange gesund bleiben",
erklärt die Koautorin Susan Buchbinder vom Gesundheitsministerium in San Francisco. "Wir fangen jetzt
an zu verstehen, welche Mechanismen für einen
verzögerten oder unterbrochenen Krankheitsverlauf
verantwortlich sind."

Wissenschaftler erforschen dieses Mysterium mit
Leidenschaft. Wenn sie zu einer Lösung gelangen,
könnten ihre Erkenntnisse zu einer Behandlungsmethode für die HIV-Infektion oder sogar einem
Impfstoff gegen das Virus führen.
Am Anfang vermehrt sich das HI-Virus rapide im
Körper und verursacht manchmal eine der Grippe
ähnliche Krankheit. Wochen oder Monate später
dämpft das Immunsystem einer infizierten Person
das Virus, worauf mehrere Jahre relativ guter
Gesundheit folgen. Während dieses Zeitraums setzt
das Virus jedoch seine Angriffe auf die Infektionen
bekämpfenden weißen Blutkörperchen des Körpers
fort. Schließlich gewinnt das HIV die Oberhand.
Das zerstörte Immunsystem kann seine Arbeit nicht
mehr leisten, und normalerweise harmlose Mikroben
fangen an, Amok zu laufen. Die HlV-infizierte
Person entwickelt dann zahllose opportunistische
Infektionen - vor allem Pneumocystis carinii, eine
Lungenentzündung - die die Entwicklung von AIDS
markieren. Der Tod folgt gewöhnlich binnen weniger
Jahre.
Für schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der HIVinfizierten Personen brachten die folgenden Jahre
jedoch nicht den finalen Angriff. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, daß die Gesundheit

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Um ein vollständigeres Bild der Personen zu erhalten,
die eine HIV-Infektion seit längerem überleben,
untersuchten Buchbinder und der Immunologe
Giuseppe Pantaleo vom nationalen Institut für Allergien und ansteckende Krankheiten zusammen mit
ihren Kollegen 14 Männer und eine Frau, die seit
über sieben Jahren mit dem HIV lebten. 13 der 15
waren seit mindestens einem Jahrzehnt mit dem
Virus infiziert. Die Probanden berichteten über keine
mit HIV in Verbindung stehende Krankheit.
Noch wichtiger war, daß diese Überlebenden ein
beständiges Blutbild mit CD4 T Lymphozyten hatten den weißen Blutkörperchen, die durch das AIDSVirus zerstört werden. Um in die Studie aufgenommen werden zu können, mußten die Probanden eine
T-Zellenzahl von mindestens 600 pro Kubikmillimeter
Blut haben. Sieben hatten CD4-Zahlen, die gut im
normalen Bereich von 800 bis 1.200 lagen.
Die Forscher untersuchten auch eine Gruppe von 18
HlV-infizierten Personen, deren Krankheitsverlauf zu
AIDS durch das Auftreten von mit der Krankheit

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�einhergehenden Symptomen indiziert war. Alle
hatten sich kontinuierlich verringernde CD4-Zahlen ein Anzeichen einer Virusdominanz. Sobald die
Konzentration der CD4-Zellen unter ein kritisches
Niveau sinkt, fallen Horden von Mikroben über den
geschwächten Körper her.
Um herauszufinden, welche Auswirkungen das HIV
auf die Personen hatte, die seit längerem überlebten, konzentrierte sich das Team erst auf die
Lymphknoten - bohnenförmige Knötchen des Immunsystems. Sie erforschten Lymphknotengewebe
von 14 der 15 Überlebenden und fanden keine
Beweise einer mit dem HIV verbundenen Verschlechterung. Die Proben erschienen normal.
In einem Fall konnten die Forscher im Abstand von
neun Jahren entnommene Lymphknotenproben
vergleichen. Die Proben sahen nahezu identisch
aus. Als das Team jedoch seine Aufmerksamkeit
auf die 18 Personen mit einer fortgeschrittenen HIVInfektion lenkte, stellte es fest, daß das Virus eine
alarmierende Spur der Verwüstung hinterlassen
hatte: Das Lymphgewebe dieser Personen zeigte
Degenerierungen und Vernarbungen.
Die Forscher entdeckten auch, daß Nichtprogressive
- diejenigen, bei denen die Krankheit nicht fortschritt
- weniger HIV in ihren Lymphknoten-Keimzentren den Regionen der Zellverbreitung - lagerten als die
18 Probanden mit progressivem Krankheitsverlauf.
Bei den Progressiven scheinen die Lymphknoten als
Infektionsreservoir zu fungieren, erläutert Koautor
Anthony S. Fauci, Direktor des amerikanischen
Instituts für Allergien und ansteckende Krankheiten.
Er spekuliert, daß mit dem HIV beladene Keimzentren Millionen von weißen Blutkörperchen infizieren
können, die auf ihrem Weg zu anderen Teilen des
Körpers durch die Lymphknoten wandern.
In diesem Fall kann das HIV ein gesundes Verteidigungssystem gegen seinen Gastgeber wenden.
"Indem der Körper versucht, das Virus aufzunehmen
und festzuhalten, schafft er ein phänomenales Milieu
oder Umfeld für eine fortschreitende Infektion der
Blutkörperchen", so Fauci.
Andere Teile des Immunsystems der Überlebenden
schienen aktiv trotz der langfristigen HIV-Infektion.
Die Überlebenden hatten beispielsweise verglichen
mit den 18 anderen Probanden sehr hohe Konzentrationen von Antikörpern in ihrer Blutbahn. Antikörper sind vom Immunsystem zur Bekämpfung von
Infektionen erzeugte Proteine.
In der Retorte
zerstörten diese Antikörper den Forschern zufolge
zwei bekannte Stränge des HIV.

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Weitere Beweise einer besonders wirksamen Immunattacke auf das HIV wurden durch den Befund
geliefert, daß die Vermehrung der Viren bei den
Überlebenden langsamer voranschritt als bei den
Progressiven. Die Forscher vermuten, daß das
Immunsystem das HIV nicht ausschalten, aber unter
Kontrolle halten kann. Die HIV-Vermehrung im Blut
und in Lymphknotenproben der Progressiven erschienen vier bis 20 Mal höher als in den Proben, die
den 15 Überlebenden entnommen worden waren.
"Wenn sich das Virus nicht effektiv vermehrt, ist die
Krankheit nicht sehr aktiv", erklärt Pantaleo. "Wenn
die Vermehrung stark ist, bedeutet das, die Krankheit
könnte fortschreiten."
Zusammengenommen legen die Daten den Schluß
nahe, daß für einige Wenige die Infektion mit dem
HIV nicht das unvermeidliche Todesurteil bedeutet.
"Diese Menschen überleben nicht nur 10 oder mehr
Jahre, sie leben auch ohne jeglichen Schaden ihres
Immunsystems weiter", stellt Fauci fest.
David D. Ho und seine Kollegen beim Aaron Diamond AIDS-Forschungszentrum in New York führten
eine ähnliche Studie bei Probanden durch, die die
Krankheit lange überlebt hatten.
Das in der New York University School of Medicine
untergebrachte Forschungsteam untersuchte 10 Hl Vinfizierte Personen, die trotz ihrer 12- bis 15jährigen
Infektion mit HIV keine AIDS-spezifischen Krankheiten durchgemacht hatten. Die Studie umfaßte auch
eine Frau.
Alle Probanden hatten T-Lymphozytenzahlen im
normalen oder fast normalen Bereich - ein Zeichen,
daß das Virus das Immunsystem noch nicht geschädigt hatte. Darüber hinaus hatte keiner über einen
längeren Zeitraum hinweg Medikamente gegen den
Virusinfekt eingenommen.
Diese Daten verweisen auch auf eine gut kontrollierte
HIV-Infektion hin, die keine Krankheiten hervorruft.
Mit den herkömmlichen Techniken zum Anlegen einer
Kultur konnten die Forscher zum Beispiel kein HIV im
Plasma, dem klaren Teil des Blutes, nachweisen.
"Es ist sehr schwierig, das Virus dieser Patienten zu
isolieren", so Koautor Jeffrey Safrit. Mit einem
empfindlicheren Test fanden sie das HIV im Plasma
von vier ihrer Probanden.
Als nächstes erforschten die Wissenschaftler die
äußeren mononuklearen Blutkörperchen - einen
Mischmasch weißer Blutkörperchen einschließlich
CD4 T-Lymphozyten in der Blutbahn. Mit herkömmlichen Techniken fanden sie das HIV in den weißen

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�Blutkörperchen von vier Probanden. Die anderen
sechs hatten jedoch kein nachweisbares Virus in
diesen Blutkörperchen.
Unter Anwendung der
Polymerase-Kettenreaktion, einer Molekulartechnik
zum Kopieren von DNA, fanden die Forscher
schließlich kleine Mengen des Virus in den weißen
Blutkörperchen der sechs Überlebenden.
"Insgesamt war die Virusbelastung (die Menge des
HIV) im Plasma und den weißen Blutkörperchen der
seit längerem Überlebenden enorm viel niedriger als
bei denjenigen mit einem progressiven Krankheitsverlauf", erklärt der Verfasser.
Diese geringe Virusbelastung läßt darauf schließen,
daß die Überlebenden eine wirksamere Immunreaktion auf das HIV entwickeln. Hos Gruppe fand
heraus, daß diese Überlebenden beschleunigte
Aktivitäten der weißen Blutkörperchen, genannt CD8
T-Lymphozyten, aufwiesen.
Diese Immunzellen
machen die HlV-infizierten Blutkörperchen im Körper

aus und töten sie.
Schließlich legen die Forschungsergebnisse des
New Yorker Teams nahe, daß die HIV-Stränge, die
die Überlebenden infizieren, weniger virulent sind als
die Stränge, die zur Krankheit der meisten Infizierten
führen. Das von den seit längerem Überlebenden
isolierte HIV wuchs im Labor sehr schlecht - ein
Hinweis, daß es sich um eine besonders dürftige
Version des Virus handelt.
Ronald C. Desrosiers vom New England Regional
Primate Research Center der Harvard University in
Southborough (Massachusetts) und seine Kollegen
waren auch der Überzeugung, daß einige Menschen
AIDS entgehen, weil sie Träger einer abgeschwächten Form des HIV sind.
Frühere Arbeiten belegten, daß mit dem AffenImmunschwächevirus (SIV) infizierte Rhesusaffen
eine AIDS-ähnliche Krankheit entwickeln. Affen,
denen jedoch ein mutierender Strang von SIV
gegeben wurde, schienen eine kleine Infektion zu
entwickeln ohne je krank zu werden. Und wie die
menschlichen Probanden zeigten diese SlV-infizierten Primaten keine dramatische Verringerung der
CD4 T-Lymphozyten.
Es stellt sich heraus, daß die mildere Version des
SIV einen Defekt in einem als Nef-Gen bekannten
einzelnen Gen hat. Ohne ein richtig funktionierendes Nef-Gen kann sich das SIV nicht wirksam
vermehren - und verschafft so dem Immunsystem
einen Vorteil bei seinem Kampf, das Virus zu zerstören.

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Könnte man dieselbe Schlußfolgerung auf das HIV
anwenden, einen engen Verwandten des SIV? Das
Massachusetts-Team entschied sich, das Nef-Gen bei
fünf Personen zu erforschen, deren Infektion nicht
fortschritt. Einer von ihnen, ein 44jähriger Hämophiler, hatte einen Nef-Defekt.
"Das von uns immer wieder nachgewiesene Virus
zeigt, daß das 118-Basenpaar in dem Nef-Gen fehlt",
erläutert Koautor John L. Sullivan, ein Genetiker an
der University of Massachusetts Medical School in
Worcester.
Der 44jährige erwies sich 1983 als HIV-positiv,
nachdem er bei einer Transfusion verseuchtes Blut
erhalten hatte. Dennoch ist er weiterhin gesund, mit
sehr geringen Konzentrationen des sich spärlich vermehrenden Virus in seinem Blut, stellt Sullivan fest.
"Unseres Erachtens verlangsamt der Defekt die
Fähigkeit des Virus, sich zu vermehren", so Sullivan.
"Das erlaubt dem gastgebenden Immunsystem, die
Oberhand über das HIV zu behalten".
Die Forscher spekulieren, daß der Mann zusätzlichen
Strängen des HIV ausgesetzt war vom Zeitpunkt
seiner Infektion bis Mitte der achtziger Jahre, als die
Zentren routinemäßig Blutprodukte auf das Virus zu
untersuchen begannen. Dennoch hatte dieser Mann
nie eine zweite Infektion mit einer todbringenderen
Form des HIV.
Führte diese erste Infektion zu einer natürlichen
"Impfung"? Wehrt eine schwelende Infektion mit
einem mutierenden Virus eine Attacke durch einen
virulenteren Strang des HIV ab?
Das ist zweifelsohne die Hoffnung. Wenn jedoch das
Nef eine Rolle beim Schutz einiger HlV-infizierter
Personen spielt, dann ist das wahrscheinlich nicht die
ganze Geschichte.
Ho und seine Kollegen wiesen keine Defekte in dem
Nef-Gen beim HIV nach, das sie von den 10 seit
längerem Überlebenden isolierten. Im Journal of
Virology vom Januar 1995 beschrieben sie ihre
Untersuchungen des Nef-Gens bei diesen Patienten.
"Wir gelangen daher zu der Schlußfolgerung, daß
Defekte oder gravierende Sequenzanomalien im Nef
wahrscheinlich keine allgemeingültige Erklärung des
guten Befindens der seit längerem Überlebenden
einer HIV-1-Infektion sind", schreiben die Autoren.
David Baltimore vom Massachusetts Institute of
Technology in Cambridge stimmt dem zu. "Die
Tatsache eines Nef-Defekts bei diesem Patienten
scheint sehr selten zu sein", schrieb Baltimore in

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�einem Leitartikel des New England Journal of
Medicine vom 26. Januar.
Das schließt die Möglichkeit nicht aus, daß zusätzliche, jedoch noch nicht identifizierte Mutationen des
HIV anderen Fällen längeren Überlebens zugrunde
liegen. In der Tat jagt Hos Team weiter nach genetischen Defekten im HIV. Desrosiers, Sullivan und
ihre Kollegen tun dasselbe.
"Wir nehmen diese Viren Stück für Stück auseinander und versuchen herauszufinden, wo der Defekt
liegt", erklärt Sullivan.
Sind die seit längerem Überlebenden wirklich so
glücklich wie sie scheinen?
Wissenschaftler können den Gedanken nicht ausschließen, daß einige Nichtprogressive noch eine
Schwelle in ihrem Kampf gegen das AIDS-Virus
überschreiten müssen. Sie könnten einfach Patienten mit Anomalien sein, die zu einer Zerstörung des
Immunsystems verdammt sind und zu irgendeinem
Zeitpunkt in der Zukunft AIDS entwickeln. Die
meisten Forscher glauben jedoch, daß einige dieser
Personen nie der Krankheit anheimfallen.
Die neuen Daten vermitteln den Forschem einige
aufschlußreiche Anhaltspunkte, aber kein Patentrezept für längeres Überleben.
"Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf, was
eine Person zu einem längerfristigen Nichtprogressiven macht", kommentiert Kathleen E. Squires,
stellvertretende Direktorin der AIDS-Klinik an der
University of Alabama in Birmingham.
"Offensichtlich trifft einiges auf diese Patienten zu",
äußert Safrit mit dem Hinweis, daß die im New
England Journal of Medicine veröffentlichten Stu-

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Seite 4

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dien nahelegen, daß eine Vielzahl von Faktoren eine
Rolle dabei spielen können, die Gesundheit einer
HlV-infizierten Person zu bewahren. "Es wird wahrscheinlich eine Kombination eines abgeschwächten
Virus und einer starken Immunreaktion sein, dank der
eine Person über einen langen Zeitraum hinweg
überleben kann", stellt er fest.
Wenn die Forscher die Mechanismen des Überlebens
klären können, könnten sie eine Therapie entwickeln,
die die Infektion in ihrer asymptomatischen Phase
einfriert. So könnten die Infizierten zwar nie ihren
Körper vom HIV befreien, aber sie würden ein langes,
gesundes Leben leben.
"Diese Beobachtungen werden uns hoffentlich im
Hinblick auf unterschiedliche Strategien helfen", so
Squires.
Darüber hinaus könnten solche Studien neue Wege
zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das HIV
eröffnen. Die Forscher fragen sich, ob eine Infusion
eines verkrüppelten HIV die Menschen vor der
Infektion mit den virulenten Strängen des HIV schützen würde, die AIDS verursachen.
Desrosiers
Gruppe und andere suchen nach Mutationen im HIV,
die eine Immunität, aber nicht den Ausbruch der
Krankheit hervorrufen würden. Letztlich könnte ein
solcher Impfstoff Menschen mit einem hohen Infektionsrisiko angeboten werden.
Die Forscher warnen jedoch, daß sie noch sehr viel
grundlegende Laborarbeit leisten müssen, bevor sie
solche Träume in die Realität umsetzen können.
"Wir haben noch nicht genau herausgefunden, was
diese Personen zu langfristigen Nichtprogressiven
macht. Aber wir arbeiten sehr hart daran", stellt
Fauci fest. "Früher oder später werden wir die
Antwort finden."

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�RELIGION
25. Oktober 1995

Amerika und seine Religionsvielfalt
von Carolyn J. Mooney
(AD) - Diana L. Eck, Professorin für Indianistik und Religionsvergleiche an der Harvard University in Cambridge
(Massachusetts), leitet ein Forscherteam, das sich mit der religiösen Vielfalt in 25 amerikanischen Städten
befaßt. Eck, Laienmitglied der United Methodist Church, ist sich als eine der ersten eines "multireligiösen
Amerika" bewußt, in dem Islam und Hinduismus neben jüdischen und christlichen Glaubensrichtungen
bestehen.
Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels ist Redaktionsmitglied von The Chronicle of Higher Education.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Chronicle of Higher Education
Copyright (c) The Chronicle of Higher Education.

Diana L. Eck tritt auf die Bremse und verpaßt fast
die Abzweigung zum Hindu-Tempel. Sie biegt links
ab, und schon liegt er vor ihr - ein helles Stuckgebäude, dessen vier kunstvoll gemeißelte Spitzen die
Vorstadtgegend in Ashland (Massachusetts) überragen.
Der Tempel ist von der Straße aus nicht zu sehen
und daher leicht zu verpassen. Aber wer vorbeifährt, verpaßt weitaus mehr als nur einen Tempel,
erklärt Eck, Professorin für Indianistik und Religionsvergleiche an der Harvard University. Er verpaßt ein
Symbol des neuen, multireligiösen Amerika.
Ihr zufolge verändert sich die religiöse Landkarte
Amerikas vor unseren Augen, aber viele Amerikaner
erkennen das noch nicht. Die landesweite Debatte
über Pluralismus läßt die religiöse Dimension außer
acht, und mit ihrem jüngsten Werk will Eck dazu
beitragen, das zu ändern. Sie leitet das Projekt der
Harvard University über Pluralismus, das durch
demographische Forschung, Arbeit vor Ort und
Fallstudien genau dokumentieren soll, wie sich die
religiöse Landkarte der Vereinigten Staaten verändert hat.
"Man kann nicht länger über Weltreligionen dozieren,
als ob es sie woanders gäbe", so Eck. "Wenn man
über die hinduistische Tradition spricht, redet man
von etwas, das nicht an den Grenzen Indiens
haltmacht."
Ein Hindu-Tempel in einem Vorort von Boston, ein
gurdwara der Sikhs in Virginia, eine Moschee am

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Rande eines Maisfelds in Ohio oder in einem großen
Einkaufszentrum - all das sind kleine Bestandteile
des heutigen religiösen Lebens in Amerika. Diese
Veränderung ist vor allem auf die 1965 geänderten
Einwanderungsgesetze zurückzuführen, die zu einem
dramatischen Anstieg von Einwanderern aus Asien
und dem Nahen Osten führten.
Bummel in Banaras
Ebenfalls im Jahr 1965 unternahm Eck die erste ihrer
vielen Reisen nach Indien. Die Studentin vom Smith
College wanderte durch die Gassen und das Hafenviertel von Banaras, einer der heiligen Städte der
Hindus. Die vielen Menschen, die Gerüche, religiösen Rituale, die Badenden und Scheiterhaufen am
Ufer des Ganges faszinierten sie. Dreißig Jahre
später hat ihr langes blondes Haar graue Strähnen,
aber dieses erste Gefühl des Staunens ist geblieben.
Wenn sie Tempel und Moscheen besucht, stellt sie
sich eher als Studentin denn als Professorin vor.
Und sie besucht viele davon. In den letzten vier
Jahren haben sie und ihr Forscherteam - von Studenten im Grundstudium bis zu Doktoranden - religiöse
Vielfalt in 25 amerikanischen Städten erfaßt. Sie
schwärmten im ganzen Land aus, beobachteten
Rituale, führten Interviews und nahmen wahrhaftig
eine Zählung von Tempeln und Moscheen vor.
Das Pluralismusprojekt konzentriert sich insbesondere
auf Glaubensgemeinschaften des Buddhismus,
Hinduismus, Jainismus und Zarathustra, auf Muslime
und Sikhs, verfolgt jedoch umfassendere Ziele. Die

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�Forscher untersuchen, wie religiöse Gruppen von
der amerikanischen Gesellschaft geformt werden.
Sie befassen sich mit den medizinischen Bedürfnissen muslimischer Patienten, den Auswirkungen von
Bebauungsvorschriften auf heimische Tempel und
von Gerichtsentscheidungen auf Religionsfreiheit
sowie einer Vielzahl anderer Fragen. Ferner untersuchen sie, wie sich die Amerikaner an die Veränderungen anpassen oder auch nicht.
Im Rahmen des Projekts wird ein umfassendes
Archiv mit Literatur über Tempel, Moscheen und
verschiedene Religionsgruppen angelegt. Außerdem
wurde ein Führer über die verschiedenen Religionsstätten Bostons veröffentlicht, und kürzlich begannen
einige Mitarbeiter mit der Arbeit an einer interaktiven
CD-ROM, die Eck im nächsten Jahr auf den Markt
bringen möchte. Die Nutzer können eine bestimmte
Religion anklicken, sehen, wie sie sich in den
Vereinigten Staaten verbreitet hat und Videoaufnahmen religiöser Zeremonien anschauen.

1995 verliehen, ein mit 150.000 Dollar dotierter Preis,
der gemeinsam vom presbyterianischen theologischen Seminar von Louisville und der University of
Louisville vergeben wird.
Der Ausflug in die Theologie ist für Eck etwas Natürliches. Sie weiß, daß einige Wissenschaftler auf
Religion - das Wort mit dem "R" am Anfang, wie sie
es scherzhaft nennt - empfindlich reagieren. "Aber
Religion ist nicht etwas, das man in einer Schublade
verwahrt", erklärt sie.
"Es ist unter Religionswissenschaftlern üblich, einen
tiefen persönlichen Glauben zu haben, aber es ist
nicht so üblich, ihm auf dem Höhepunkt seiner
Karriere Ausdruck zu verleihen", erklärt Frederick M.
Denny, Professor für Islamistik an der University of
Colorado in Boulder. "Eck integriert ihren Glauben in
ihr umfassenderes Berufsleben und tut das auf
ehrliche und wunderschöne Weise."

Obwohl sich auch andere Wissenschaftler mit den
Weltreligionen in Amerika befassen, untersucht oder
interpretiert keiner die religiöse Vielfalt der Nation in
solchem Umfang - oder von Ecks ungewöhnlichem
Ausgangspunkt.

Eck hat vier weitere wissenschaftliche Bücher geschrieben oder redigiert, die meisten über religiöse
Traditionen Indiens. Das bekannteste ist Banaras:
City of Light (Alfred A. Knopf, 1982), ein Buch über
die Bedeutung der Stadt, des Ganges und der Götter
für die Hindus.

Sie ist sowohl eine auf den Hinduismus spezialisierte
Religionshistorikerin als auch engagierte Christin, die
an religiösen Pluralismus glaubt. Das aktive Laienmitglied der United Methodist Church gehörte 15
Jahre lang einem Gremium an, das im Auftrag des
Weltkirchenrates, einer internationalen christlichen
Organisation, den Dialog zwischen den Religionen
förderte.

Die meisten amerikanischen Religionshistoriker
haben nicht den Blickwinkel, den das Studium einer
anderen großen Tradition mit sich bringt, so John F.
Wilson, einer der drei Wissenschaftler, die das
Zentrum für das Studium amerikanischer Religion an
der Princeton University leiten. Das Zentrum lud Eck
diesen Monat zur Eröffnung einer Konferenz über
religiösen Pluralismus ein.

Ein Ausflug in die Theologie

Eck, die auch dem Ausschuß für Religionsstudien der
Harvard University vorsitzt und gleichzeitig einen
Posten an der Divinity School innehat, befindet sich
derzeit auf Forschungsurlaub und schreibt ein Buch
über das multireligiöse Amerika. Gemeinsam mit
anderen Religionshistorikern ist sie der Überzeugung,
der größte Beitrag des Pluralismusprojekts könnte
seine Funktion als Katalysator für andere Wissenschaftler sein.

Eck vereinigte ihre wissenschaftlichen und religiösen
Interessen in einem 1993 erschienenen Buch mit
dem Titel Encountering God: A Spiritual Journey
from Bozeman to Banaras (Beacon Press). Es ist
in Teilen historisch, in Teilen autobiographisch und
im Unterschied zu ihrem letzten Werk sehr theologisch. Sie argumentiert darin, Christen könnten die
Überzeugungen der Menschen anderer Glaubensrichtungen nicht ignorieren. Eck legt dar, wie ihr
eigener Glaube klarer wurde, als sie ihn mit der
hinduistischen Tradition vergleichen konnte.
In
Abschnitten über Tod und spirituelle Erneuerung
schreibt sie über ihren jüngsten Kampf gegen
Brustkrebs sowie den Selbstmord ihres Vaters und
den gewaltsamen Tod ihres 48jährigen Bruders.
Eck wuchs in Bozeman (Montana) auf, daher der
Verweis im Titel. Im April wurde ihr für ihr Buch der
Louisville Grawemeyer Award in Religion des Jahres

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Das Projekt befaßt sich mit wichtigen Entwicklungen,
die zwischen zwei wissenschaftliche Gebiete fallen,
so Bruce B. Lawrence, Islamwissenschaftler an der
Duke University.
Das Studium amerikanischer
Religion wird ihm zufolge von den Wissenschaftlern
der Hauptströmung großer christlich-jüdischer Traditionen dominiert, wohingegen Gelehrte asiatischer
und islamischer Religionen zur Erforschung klassischer Traditionen außerhalb der Vereinigten Staaten
neigen.

AMERIKA DIENST 30

�Eck befaßt sich immer noch mit Indien. Dieser Tage
kann ihre Forschungstätigkeit ebenso wahrscheinlich
einen Wochenendflug nach Los Angeles zum Studium buddhistischer Tempel beinhalten wie lediglich
eine Fahrt zu den Religionsstätten in der Gegend
um Boston.
Eine Moschee und ein Hindu-Tempel
An diesem Frühlingsmorgen plant Eck eine Fahrt zu
zwei Orten - dem Islamic Center of New England in
Sharon (Massachusetts) sowie zum Sri Lakshmi,
dem Hindu-Tempel in Ashland. Sie fährt in ihrem
roten Toyota Camry den Highway entlang und
schüttelt den Kopf über die anderen Autofahrer "nur in Boston" - die mit mehr als 80 Stundenkilometern über die Standspur fahren. Zusammen mit
einem Besucher erreicht sie nach ungefähr einer
Dreiviertelstunde das Islamic Center.
Über 1.000 Muslime sind zusammengekommen, um
"Id al-Adha" zu feiern, den Festtag am Ende der
jährlichen Pilgerreise nach Mekka. Das Zentrum ist
ein modernes weißes Gebäude auf einem grasbewachsenen Hügel mit Blick auf ein ehemaliges
Gestüt.
Die Gründer des Zentrums durften nicht in einer
anderen Stadt bauen, aber in Sharon, einer Gemeinde mit vielen Juden, wo die ansässigen Rabbis
1992 an der Grundsteinlegung teilnahmen, wurde
ihnen ein herzlicher Empfang bereitet. (Eck nahm
ebenfalls daran teil).
Viele Frauen tragen selvar kameez, bunt bestickte
Seidenkleidung, die in ganz Südasien getragen wird.
"Assalamu 'alaykum" - Eck grüßt Bekannte mit
"Frieden sei mit Dir" auf arabisch. Sie schlingt sich
ein Tuch um den Kopf, stellt ihre Schuhe in ein
Regal und betritt die Gebetshalle. Im Vordergrund
sitzen Männer in mit Kreppband markierten Reihen
auf dem Boden. Frauen und Kinder sitzen hinten.
Der erste Prediger eröffnet den Gottesdienst mit
einer Anmerkung zu in den Vereinigten Staaten
lebenden Muslimen. "Man hält uns immer noch für
Terroristen", erklärt er. "Das ist unser Fehler". Er
ruft die Versammelten dazu auf, die Menschen über
islamische Traditionen aufzuklären.
Gemeinsamer Glaube
Während der arabischen Gebete verharren Männer
und Frauen auf den Knien und beugen den Kopf
zum Boden. Später werden sie aufgefordert, für die
Opfer des Bombenanschlags von Oklahoma City zu
beten.

AMERIKA DIENST 30

Anschließend unterhält sich Eck bei Kaffee und
Doughnuts mit mehreren Bekannten. Einer ist Sam
Hassan, dessen Familie seit Jahrzehnten in der
Gegend lebt. Hassan, der mit breitem Bostoner
Akzent spricht, erwähnt, daß er früher einer unitarischen Kirche angehörte. Die Menschen sind sich oft
nicht bewußt, daß Muslime und Christen gemeinsame
religiöse Überzeugungen haben und der Koran Jesus
als einen Propheten Gottes ansieht, äußert er.
Eck sammelt Literatur und informiert sich über die
jüngsten Jugendprogramme der Muslime. Sie regt
sich darüber auf, daß das Zentrum kurz nach dem
Anschlag von Oklahoma City wegen Bombendrohungen vorübergehend schließen mußte.
Wieder im Auto erklärt sie dann, viele Amerikaner
seien tolerant gegenüber Muslimen - solange diese
unsichtbar blieben. "Aber die Muslime in den Vereinigten Staaten treten immer mehr in Erscheinung."
Mit derzeit zwischen vier und sechs Millionen Mitgliedern stellen sie die am stärksten wachsende
Religionsgruppe der Nation dar.
Der nächste Halt ist der Hindu-Tempel, der auf einer
Lichtung in den Wäldern außerhalb von Ashland
steht. Er ist nach Sri Lakshami, der hinduistischen
Göttin des Wohlstands benannt. Vor dem Bau des
Tempels im Jahr 1990 wurde der puja, der Gottesdienst, in den Häusern abgehalten.
Bei der Einweihung des Tempels, an der Eck ebenfalls teilnahm, bildeten 12 Hindu-Priester einen Kreis
um den Tempel. Jeder hielt ein Gefäß mit Weihwasser - aus dem Ganges und dem Mississippi sowie
anderen amerikanischen Flüssen - in der Hand und
besprengte damit die Tempelmauern.
Die Hindu-Tradition
Im Tempelinneren stehen in drei großen Schreinen
Gottheiten aus schwarzem Granit. Die Besucher
haben Gaben in Form von Früchten und Milchtüten
hinterlegt, mit denen die Gottheiten in einem rituellen
Bad übergössen werden.
Besucher haben oft
Schwierigkeiten mit dem Verständnis der HinduTradition, die sowohl polytheistisch als auch monotheistisch ist. Die Hindus glauben an die Existenz
eines Gottes, verehren ihn jedoch mittels einer
Vielzahl von Göttern. "Die Wahrheit ist eine Sache,
aber die Weisen geben ihr viele Namen", steht in der
Rig Veda, der alten hinduistischen Schrift.
Aus zwei Gefäßen steigt Weihrauch auf. Priester in
weiten Gewändern singen Gebete. Nur wenige
Menschen sind da; die meisten kommen aufgrund
ihrer Arbeitszeit am Wochenende. "Namaste", grüßt
Eck die Priester mit einem indischen Ausdruck der

Seite 3

�Ehrerbietung. Die Priester informieren sie über den
Ausbau des Tempels, ihre jüngsten Bestrebungen
zur Aufbringung von Mitteln und den bevorstehenden
Festtag. Eck will versuchen, daran teilzunehmen.
Seminar über die Weltreligionen
Eck lehrt an der Harvard University, seit sie dort
1976 promovierte. Die Idee zu dem Pluralismusprojekt hatte sie 1989, als sie in New England ein
Sonderseminar über Weltreligionen abhielt. Sie
entwickelte das derzeitige Projekt mit Hilfe eines
Stipendiums der Lilly Endowment in Höhe von
403.000 Dollar.
Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt stellte sie fest, daß
in Harvard mehr Studenten asiatischer Herkunft
waren. In den nachfolgenden Jahren eröffneten
muslimische Vorbeter Versammlungen, und Har-

vard nahm Lesungen aus dem Koran und der Rig
Veda in die Abschlußfeiern auf.
"Immer mehr Institutionen stellen sich die Frage, was
wir mit 'wir' meinen, wenn wir von uns sprechen.
Das 'wir' ist ein viel komplizierteres 'wir'. Das ist
heute in der ganzen Gesellschaft offensichtlich. Eck
fragt sich beispielsweise, wie konservative Christen,
die ein Schulgebet fordern, reagieren würden, wenn
es aus dem Koran stammte.
Wer von staatlichen Schulen eine Unterweisung in
der Lehre von der Weltschöpfung durch einen allmächtigen Schöpfer fordert, geht ihr zufolge davon
aus, daß die Genesis gelehrt wird. Es gibt aber auch
eine hinduistische Version: Sie berichtet davon, wie
die Schöpfung aus der Lotusblume entstand, die im
Nabel des Gottes Lord Vishnu wuchs.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 30

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Führungsrolle der USA ist für Sicherheit und Wohlstand entscheidend&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton unterbreitet neue UN-Tagesordnung für das 21. Jahrhundert &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der UN-Generalversammlung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Iran&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Iran - der Preis für verantwortungsloses Verhalten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Peter Tarnoff&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA drängen auf Vertrag über ein umfassendes Atomverbot&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Holum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neues von der Datenautobahn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht jüngster Entwicklungen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. AIDS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Überleben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Kathleen Fackelmann&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Religion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika und seine Religionsvielfalt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Carolyn J. Mooney&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
8. November 1995

31

NAHER OSTEN

WER FRIEDEN LIEBT, MUSS RABINS KAMPF
WEITERFÜHREN
Ansprache von Präsident Clinton beim
Staatsbegräbnis

BOSNIEN

USA BETEILIGEN SICH AN NATO-MISSION IN
BOSNIEN
Rede von Präsident Clinton

DEMOKRATIE

DIE ELEKTRONISCHE REPUBLIK
von Lawrence Grossman

BÜRGERRECHTE

DER LANGE KAMPF UM BURGERRECHTE
IN DEN USA
Rede vor der Black Lawyers Association

VETERANS DAY

AMERIKANISCHE STREITKRÄFTE FORDERN
DEMOKRATIE UND FRIEDEN
Proklamation zum 11. November

SPORT

DIE OLYMPISCHEN SPIELE
von Stephen E. Roulac

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�NAHER

OSTEN
8. November 1995

Wer Frieden liebt, muß Rabins Kampf weiterführen
Ansprache von Präsident Clinton beim Staatsbegräbnis
JERUSALEM - (AD) - Der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin "hat den Weg geebnet und jetzt ist es
an uns allen, die den Frieden lieben, ... den Kampf fortzuführen, den er ins Leben rief und für den er sein
Leben ließ", äußerte Präsident Clinton beim Staatsbegräbnis für Rabin auf dem Har Herzl-Friedhof in
Jerusalem. Der Präsident erklärte, der Geist des ermordeten israelischen Politikers "wird weiterhin den Weg
weisen. Sein Geist lebt fort in dem wachsenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn. Er lebt fort
in den Augen der Kinder, der jüdischen und arabischen Kinder, die eine Vergangenheit der Angst für eine
Zukunft der Hoffnung hinter sich lassen. Er lebt fort in dem Versprechen echter Sicherheit."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Grabrede des Präsidenten im Wortlaut.

Liebe Leah, liebe Familienangehörige, Präsident
Weizman, amtierender Ministerpräsident Peres,
Mitglieder der israelischen Regierung und der
Knesset, verehrte Staats- und Regierungschefs aus
dem Nahen Osten und der ganzen Welt, Seine
Majestät König Hussein - herzlichen Dank für Ihre
bemerkenswerten und schönen Worte -, Präsident
Mubarak, daß Sie diese historische Reise nach hier
angetreten haben, liebe Israelis.
Das amerikanische Volk trauert mit Ihnen um den
Verlust Ihres Ministerpräsidenten. Und ich trauere
mit Ihnen, denn er war mein Partner und Freund.
Jeder mit ihm verbrachte Augenblick war eine
Freude, denn er war ein guter Mann, und eine
Inspiration, denn er war auch ein großer Mann.
Leah, ich weiß, daß Sie zu häufig im Leben dieses
Landes gefordert waren, den Müttern und Vätern,
den Ehemännern und Ehefrauen, den Söhnen und
Töchtern beizustehen und Trost zu spenden, die
einen geliebten Angehörigen durch Gewalt und
Rache verloren hatten. Sie gaben ihnen die Stärke.
Jetzt wollen wir hier und die Millionen Menschen auf
der ganzen Welt Ihnen in aller Bescheidenheit und
Ehrerbietung unsere Stärke anbieten. Möge Gott
Sie trösten unter all den Trauernden von Zion und
Jerusalem.
Yitzhak Rabin lebte die Geschichte Israels - mit jeder
Prüfung und mit jedem Triumph - dem Kampf für
Unabhängigkeit, den Kriegen ums Überleben, dem
Streben nach Frieden - und bei all dem diente er an
der Frontlinie - dieser Sohn Davids und Salomons

AMERIKA DIENST 31

ergriff die Waffen, um Israels Freiheit zu verteidigen
und ließ sein Leben, um Israels Zukunft zu sichern.
Er war ein Mann ohne jegliche Verstellung, wie alle
seine Freunde wußten. Ich habe gelesen, daß David
Ben Gurion ihn 1949, nach dem Unabhängigkeitskrieg, als Vertreter Israels zu den Waffenstillstandsgesprächen nach Rhodos entsandte - und er hatte
bis damals noch nie eine Krawatte getragen und
wußte nicht, wie man sie bindet. Das Problem wurde
von einem Freund gelöst, der die Krawatte vor seiner
Abreise für ihn band und ihm zeigte, wie man den
Knoten bewahrt, indem man einfach die Krawatte
lockert und über den Kopf zieht. Das letzte Mal als
wir zusammen waren, vor nicht einmal zwei Wochen,
erschien er zu einer Veranstaltung, bei der ein
Smoking als Kleidung vorgeschrieben war - aber
ohne Fliege. Also borgte er sich eine Fliege, und ich
hatte die Ehre, sie für ihn zurechtzurücken. Diesen
Augenblick werde ich solange ich lebe im Gedächtnis
bewahren. Für ihn waren Zeremonien und Worte
weniger wichtig als Handeln und Taten.
Vor sechs Wochen - wie sich König Hussein und
Präsident Mubarak erinnern werden - waren wir zur
Unterzeichnung des israelisch-palästinensischen
Abkommens im Weißen Haus. Es wurden viele
Reden gehalten. Ich habe gesprochen, der König
sprach, der PLO-Vorsitzende Arafat sprach, Präsident
Mubarak sprach, alle unsere Außenminister sprachen. Und schließlich erhob sich Ministerpräsident
Rabin um zu sprechen und sagte: "Zuerst die gute
Nachricht - ich bin der letzte Redner."

Seite 1

�Er wußte jedoch auch um die Macht der Worte und
der Symbolik. "Sehen Sie auf das Podium", äußerte
er in Washington, "der König von Jordanien, der
Präsident von Ägypten, der PLO-Vorsitzende Arafat,
und wir, der Ministerpräsident und der Außenminister
von Israel - alle auf diesem Podium versammelt.
Bitte betrachten Sie sich das ganz genau. Was Sie
sehen, war vor nur drei Jahren noch völlig undenkbar. Nur Dichter träumten davon. Und zu unserem
großen Schmerz mußten Soldaten und Zivilisten ihr
Leben lassen, damit dieser Moment Wirklichkeit
werden konnte." Das waren seine Worte.
Heute bitte ich Sie alle auf der ganzen Welt, sich
dieses Bild genau zu betrachten. Blicken Sie auf die
Staats- und Regierungschefs aus dem Nahen Osten
und der ganzen Welt, die heute wegen Yitzhak
Rabin und für den Frieden hierhin gereist sind.
Obwohl wir nicht länger seine tiefe, wohlklingende
Stimme vernehmen, ist er es, der uns erneut hier in
Worten und Taten für den Frieden zusammengeführt
hat.
Jetzt ist es an uns allen, die den Frieden lieben und
die ihn liebten, den Kampf fortzuführen, den er ins
Leben rief und für den er sein Leben ließ. Er hat
den Weg geebnet, und sein Geist wird weiterhin den
Weg weisen. Sein Geist lebt fort in dem wachsenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn.
Er lebt fort in den Augen der Kinder, der jüdischen
und arabischen Kinder, die eine Vergangenheit der
Angst für eine Zukunft der Hoffnung hinter sich
lassen. Er lebt fort in dem Versprechen echter
Sicherheit.
Daher möchte ich dem Volk Israels sagen, selbst in
der Stunde der Dunkelheit lebt sein Geist fort, und
so dürfen Sie nicht Ihren Mut verlieren. Betrachten
Sie das von Ihnen Geleistete - Sie bringen eine einst
öde Wüste zum Blühen, Sie bauen eine aufstrebende Demokratie in feindlichem Terrain auf, Sie
gewinnen Schlachten und Kriege und erlangen jetzt
den Frieden, der der einzig dauerhafte Sieg ist.
Ihr Ministerpräsident war ein Märtyrer des Friedens
und wurde ein Opfer des Hasses. Wenn wir eines
aus seinem Martyrium lernen sollten, dann folgendes: Wenn die Menschen nicht ihren Haß gegen
ihre Feinde aufgeben können, riskieren sie, Haß
unter sich selbst zu säen.
Ich bitte Sie, das israelische Volk, im Namen meiner
Nation, die selbst eine lange Litanei des Verlustes
kennt - von Abraham Lincoln über Präsident Kenne-

*

Seite 2

dy bis zu Martin Luther King - dies nicht mit Ihnen
geschehen zu lassen.
Bleiben Sie auf dem richtigen Kurs - in der Knesset,
in Ihrem Heim, in Ihren Gotteshäusern. Wie Moses
zu den Kindern Israels sagte, als er wußte, daß er
nicht ins Gelobte Land kommen würde: "Seid mutig
und stark. Fürchtet euch nicht, denn dein Gott ist es,
der mit dir zieht. Er wird dich weder im Stich lassen
noch dich gänzlich verlassen."
Präsident Weizmann, amtierender Ministerpräsident
Peres, dem Volk Israels gelobe ich, während Sie den
Kurs des Friedens halten: Auch Amerika wird euch
nie gänzlich verlassen.
Die Legende belegt, daß seit Menschengedenken in
jeder Generation von Juden ein gerechter Führer
auftrat, um sein Volk zu schützen und ihm den Weg
in die Sicherheit zu weisen. Ministerpräsident Rabin
war solch ein Führer. Er wußte, als er vor zwei
Jahren auf dem Rasen des Weißen Hauses seine
Worte an die Welt richtete, daß die Zeit gekommen
ist, "eine neue Zeitrechnung in den Beziehungen
zwischen Menschen, zwischen vom Krieg ermüdeten
Eltern, zwischen Kinder zu beginnen, die den Krieg
nicht kennenlernen werden". Hier in Jerusalem bin
ich festen Glaubens, daß er sein Volk zu diesem
Gelobten Land führte.
In dieser Woche lesen Juden auf der ganzen Welt
den Teil der Thora, in dem Gott den Glauben von
Abraham, des Patriarchen der Juden und Araber, auf
die Probe stellt. Er befiehlt Abraham, Isaak zu
opfern. "Nimm bitte deinen Sohn, deinen einzigen
Sohn, den du so liebst." Als Abraham in seiner
Gottesfürchtigkeit seinen Sohn töten wollte, verschonte Gott Isaak, wie wir wissen. Jetzt stellt Gott
unseren Glauben auf noch viel schrecklichere Weise
auf die Probe, denn er hat Yitzhak von uns genommen. .
Aber Israels Bündnis mit Gott - für Freiheit, Toleranz,
Sicherheit und für Frieden - dieses Bündnis muß
halten. Dieses Bündnis war Ministerpräsident Rabins
Lebenswerk. Jetzt müssen wir es zu seinem dauerhaften Vermächtnis machen. Sein Geist muß in
uns fortleben.
Das Kaddisch, das jüdische Gebet für Verstorbene,
spricht nie vom Tod, aber häufig vom Frieden. Die
letzten Worte lauten: "Mögen eure Herzen ein Maß
an Trost und eure Seelen die ewige Hoffnung finden."

* * *

*

AMERIKA DIENST 31

�BOSNIEN
8. November 1995

USA beteiligen sich an NATO-Mission in Bosnien
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, das keinen Feind benötigt, um nützlich und
geeint zu bleiben, erklärte Präsident Bill Clinton bei einem Dinner des Truman Library Institute am 25. Oktober
1995. Sollten die Vereinigten Staaten jedoch keine Bodentruppen nach Bosnien entsenden, würde das
Bündnis zersplittern und Washington seine Führungsrolle in der NATO aufgeben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Clintons im Wortlaut.

Ich wurde gebeten, über die Bedeutung des Vermächtnisses von Harry Truman für die Gegenwart
und die Zukunft zu sprechen. Aufgrund der Gespräche, die ich gerade bei den Vereinten Nationen
geführt habe und der Arbeit, die wir 50 Jahre nach
der Gründung dieser Organisation leisten, halte ich
es für angebracht, Ihnen einige meiner Gedanken
über das Vermächtnis Harry Trumans und seine
Bedeutung heute und morgen darzulegen.
Jeder amerikanische Präsident, einschließlich meiner
beiden herausragenden Vorgänger, die heute abend
hier sprachen, ist in die Fußstapfen Harry Trumans
getreten und hat die Führungsrolle Amerikas in der
Welt weiterentwickelt. Diese Tradition einer Fortsetzung der Führungsrolle und des Engagements
der Vereinigten Staaten war so erfolgreich und
wurde von Präsidenten aus den Reihen der Demokraten und der Republikaner gleichermaßen so
konsequent beibehalten, daß einige von uns vergessen, welchen Mut sie am Anfang erforderte.
Bevor ich heute abend hierherkam, waren Ministerpräsident Rabin und ich in einer Besprechung über
den Friedensprozeß im Nahen Osten. Harry Truman
erkannte als erster führender Politiker der Welt den
Staat Israel an. Und sein Engagement, uns die
Fähigkeit zu verleihen, zu führen und uns für den
Frieden einzusetzen, leitete einen Prozeß ein, der
sich wie ein silberner Faden bis zu den außergewöhnlichen Errungenschaften Präsident Carters und
all den Dingen zog, die wir seitdem erreicht haben.
Die Trumandoktrin, der Marshallplan, das NATOBündnis - das alles waren einzigartige Schritte.
Die NATO, die Präsident Truman zu Recht als eine
seiner größten Errungenschaften betrachtete, war
unser erstes in Friedenszeiten eingegangenes

AMERIKA DIENST 31

Bündnis. Vor der NATO-Gründung hatten wir nie ein
Militärbündnis in Friedenszeiten. Dieser entscheidende Wandel entstand aus der Überzeugung heraus
- die von General Marshall, Senator Vandenberg,
Dean Acheson und vielen anderen geteilt wurde daß wir uns niemals wieder von der Welt zurückziehen können. Schließlich hatten wir uns nach dem
Ersten Weltkrieg isoliert und mußten einander daher
bekämpfen. Harry Truman beschloß, daß dies nicht
noch einmal geschehen dürfe. Und er mußte sich
fast direkt der furchterregenden Aussicht auf den
Kalten Krieg stellen und sämtliche Entscheidungen
zur Einleitung einer Politik treffen, die letztlich zuließ,
daß in diesem Krieg die Freiheit die Oberhand
gewann.
Er mußte das mit einer Nation erreichen, die des
Krieges und des Engagements müde war, in der die
Menschen sich danach sehnten, sich nur auf die
kleinen alltäglichen Dinge des Lebens zu konzentrieren, die den meisten von uns so viel bedeuten.
Weil Truman diese Entscheidung traf, feiern wir jetzt
das 50jährige Bestehen der Vereinten Nationen. Es
gab keinen weiteren Weltkrieg, es wurden keine
Atombomben mehr abgeworfen, und wir sind weltweit
Zeuge der Bewegung für Frieden, Freiheit und
Demokratie.
Was werden wir unternehmen, um auf Trumans
Leistungen aufzubauen? Was müssen wir tun, um im
kommenden Jahrhundert den Frieden zu sichern?
Die neuen Errungenschaften der Freiheit ermöglichen
es uns meines Erachtens, zum Aufbau eines Europas
beizutragen, das demokratisch, friedlich und erstmals
seit dem Entstehen von Nationalstaaten auf diesem
Kontinent ungeteilt ist.

Seite 1

�Wir können ein Europa schaffen, das sich für Freiheit, Demokratie und Wohlstand engagiert, das auf
dem gesamten Kontinent wirklich sicher ist und zum
ersten Mal überhaupt mit anderen, gleichgesinnten
Völkern zusammengeschlossen ist. Und ich verpflichte mich, alles in unserer Macht Stehende zu
unternehmen, um dieses Europa zu gestalten, das
auf drei Grundsätzen basiert: Erstens, der Förderung von Demokratie in den seit kurzem freien
Nationen Europas. Zweitens, der Erhöhung der
wirtschaftlichen Lebensfähigkeit in Europa mit Hilfe
Amerikas und anderer Partner durch offene Märkte
und erweiterten Handel, und zur Unterstützung der
ehemals kommunistischen Staaten bei der Vervollständigung ihres Übergangs zur Marktwirtschaft - ein
Zug, der die Demokratie dort stärken und zur Eindämmung von extremem Nationalismus und ethnischem Haß beitragen wird.
Und schließlich scharfen wir die transatlantische
Gemeinschaft von morgen, indem wir unsere sicherheitspolitische Zusammenarbeit vertiefen, anstatt
uns zurückzuziehen. Jetzt, da die übergreifende
Bedrohung durch den Kommunismus verschwunden
ist, sind Haß und Intoleranz immer noch gegenwärtig, haben aber ein anderes Gesicht: Ethnische
und religiöse Konflikte, organisiertes Verbrechen und
Drogenhandel, staatlich geförderter Terrorismus, die
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Amerika kann sich von diesen Bedrohungen ebensowenig
isolieren, wie es sich nach dem Zweiten Weltkrieg
isolieren konnte. Tatsächlich haben wir hierfür sogar
weniger Optionen, da die Welt immer enger zusammenwächst.

die Zuversicht, ihren alten Haß zu überwinden. Es
gab ihnen die Sicherheit, den Wohlstand zu säen,
den wir heute genießen.
Durch die Gründung der NATO tat Amerika von
unserem Blickwinkel aus sogar etwas noch Wichtigeres. Wir schufen die Sicherheit, die für unser Gedeihen und Wohlergehen wichtig ist. Jetzt müssen wir
auf den Errungenschaften Präsident Trumans aufbauen. Bei der Bekanntgabe der Trumandoktrin
erklärte er: "Die Welt ist nicht statisch, und der
Status quo nicht geheiligt. Wir müssen die NATO
anpassen, und meines Erachtens sollten wir die
Türen der NATO für neue Mitglieder öffnen." Das
Ende des Kalten Krieges kann nicht das Ende der
NATO bedeuten, und es kann keine der Vergangenheit verhaftete NATO bedeuten, denn es gibt keinen
anderen Eckpfeiler für ein integriertes, sicheres und
stabliles Europa der Zukunft.
Der Erfolg der NATO beinhaltet die Förderung von
Sicherheitsinteressen, Werten, Demokratie und
wirtschaftlichen Chancen. Wir haben buchstäblich
eine Werte- und Interessengemeinschaft sowie ein
gemeinsames Verteidigungsbündnis geschaffen.
Jetzt wollen die neuen Demokratien Zentral- und
Osteuropas sowie der ehemaligen Sowjetunion sich
daran beteiligen, den Kreis von Ländern mit gemeinsamen Zielen zu erweitern und dadurch unsere
eigene Sicherheit zu erhöhen.
Aus diesem Grund haben wir die Partnerschaft für
den Frieden ins Leben gerufen. In weniger als zwei
Jahren haben wir 26 Nationen in ein Programm zur
Förderung von Vertrauen und Freundschaft eingebracht. Ehemalige Gegner nehmen jetzt während
des ganzen Jahres an Manövern teil und knüpfen
Bande, anstatt Schlachtpläne zu schmieden. Das ist
gut für uns und gut für Europa.

Indem wir uns unseren Verbündeten anschließen
und andere mit einbeziehen, die unsere Wertvorstellungen teilen, können wir uns zwar nicht von
diesen Bedrohungen isolieren, aber wir können mit
Sicherheit eine bessere Verteidigung bereitstellen.
Der Erfolg der NATO ist ein Beweis für das, was wir
bewirken können, wenn wir zusammenarbeiten. Die
NATO verbindet die westlichen Demokratien durch
ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Werte. Und
ich bin fest davon überzeugt, daß die Einheit oder
der Nutzen der NATO nicht von der ständigen
Präsenz eines Feindes abhängen.

Jetzt sollten diese Nationen in der Region, die ihre
Demokratie bewahren, weiterhin Wirtschaftsreformen
fördern und sich verantwortungsbewußt verhalten, in
die Lage versetzt werden, der NATO beizutreten.
Das wird ihnen das Vertrauen geben, ihre Freiheit zu
konsolidieren, ihre Volkswirtschaften aufzubauen und
unsere Sicherheit zu erhöhen.

Das Bündnis stärkt all seine Mitglieder von innen
und verteidigt sie vor Bedrohungen von außen. Sie
sehen das, wenn Sie die heute in Westeuropa
herrschende Stabilität, wirtschaftliche Stärke und
Harmonie mit den Bedingungen vor wenigen Jahrzehnten zur Zeit Präsident Trumans vergleichen.
Das Bündnis brachte ehemalige Gegner zusammen,
stärkte die Demokratie, bot mit dem Marshallplan
schwachen Volkswirtschaften einen Schutz und
brachte sie wieder in Gang. Das gab den Völkern

Die NATO hat eine Studie darüber abgeschlossen,
wie sie neue Mitglieder aufnehmen sollte. Wir wollen
vorsichtig, überlegt und offen vorgehen und die
Schlußfolgerungen dieser Studie allen zugänglich
machen, die sich an der Partnerschaft für den Frieden beteiligen. Wir müssen jetzt jedoch stetig und
sorgfältig zur nächsten Stufe übergehen, überlegen,
wer die neuen Mitglieder sein sollten und wann sie
zum Beitritt aufgefordert werden können. Während
dieses Prozesses werde ich mit dem Kongreß und

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AMERIKA DIENST 31

�dem amerikanischen Volk in Verbindung stehen und
die Art von parteiübergreifender Partnerschaft anstreben, die Harry Trumans bedeutende Errungenschaften ermöglicht hat.
Ich möchte einen wichtigen Punkt betonen: Die
Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO wird die
Sicherheit eines jeden in Europa, einschließlich
Rußlands, der Ukraine und der anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken erhöhen, nicht unterminieren. Wir
haben Rußland versichert, daß die NATO ist, was
sie immer war - ein Verteidigungsbündnis. Die
Erweiterung der Zone von Sicherheit und Demokratie in Europa kann zur Verhinderung neuer Konflikte
beitragen, die sich in vielen Fällen im Laufe von
Jahrhunderten aufgebaut haben. Für Rußland und
alle seine Nachbarn ist dies ein besserer Weg.
Ich möchte Sie auch wissen lassen, daß wir - wie
Sie an dem Foto mit Präsident Jelzin und mir sehen
können, auf dem wir beide lachen - positive Beziehungen zu Rußland aufbauen. Wer sich mit der
Geschichte dieses großartigen Landes auskennt
weiß, daß seine heroischen Bestrebungen, eine
zuversichtliche und stabile Demokratie zu werden, zu
den bedeutendsten Entwicklungen unserer Zeit
gehören.
Einer unserer früheren Kollegen, Präsident Nixon,
der nicht länger unter uns weilt, schrieb mir einen
Monat vor seinem Tod einen Brief zum Thema
Rußland - den ich verwahrt habe und hin und wieder
lese - in dem er die außergewöhnliche historische
Bedeutung des mutigen Strebens der Russen nach
Demokratie und Freiheit unterstreicht.
Auch Rußland kann in dem neuen Europa einen
Beitrag leisten, und wir haben dem Land ein starkes
Bündnis mit der NATO sowie Zusammenarbeit im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden angeboten. Diese Partnerschaft wird vertieft. Morgen
werden die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und
Rußlands unter der Schirmherrschaft der Partnerschaft für den Frieden in Fort Riley (Kansas) gemeinsame Manöver zur Friedenssicherung beginnen.
Wir möchten mit ihnen tägliche, umfassende, routinemäßige Beziehungen unterhalten. Wir wollen
jeden Schritt des Weges gehen, Vertrauen, Sicherheit und ein demokratisches Rußland zu schaffen.
Wir sind jedoch nicht der Meinung, daß die Öffnung
der NATO nach Osten und unsere Beziehungen zu
Rußland sich gegenseitig ausschließen.
Ich möchte noch etwas hervorheben: Die NATO ist
genau in diesem Moment für uns am Werke - sie
stellt in Bosnien unter Beweis, wie entscheidend sie
für die Sicherung des Friedens in Europa ist. Die
Bestrebungen unserer Unterhändler, die militäri-

AMERIKA DIENST 31

schen Veränderungen am Boden und die Luftangriffe
der NATO haben diese Parteien an den Verhandlungstisch gebracht und zu einem Abkommen über
die Grundprinzipien einer Lösung sowie eines landesweiten Waffenstillstands geführt.
Nächste Woche werden die Präsidenten Bosniens,
Kroatiens und Serbins zu einem historischen Treffen
zur Regelung der verbleibenden Fragen nach Dayton
(Ohio) reisen. Die sich abzeichnende politische
Lösung wird Bosnien als einheitlichen Staat erhalten
und einen fairen Kompromiß für eine territoriale
Lösung bieten. Die Parteien werden zur Veranstaltung freier Wahlen, Gründung demokratischer Institutionen und Respektierung der Menschenrechte
verpflichtet.
Viele Menschen haben eine Rolle dabei übernommen, diesen Prozeß so weit zu bringen. Ich möchte
einem von ihnen am heutigen Abend für seine
herausragenden Bestrebungen danken - Präsident
Carter. Aufrichtigen Dank für das von Ihnen Bewirkte.
Es gibt keine Garantie für den Frieden, aber er ist
dank der NATO in hohem Maße möglich. Abschließend möchte ich Sie noch um etwas bitten: Nachdem der Friede ausgehandelt worden ist, muß die
NATO zur Durchsetzung der Vereinbarung bereit
sein. Es gibt keinen Frieden ohne eine internationale
Militärpräsenz in Bosnien, eine Präsenz, die glaubwürdig sein muß. Die NATO ist hierfür unerläßlich,
um den Parteien den Rückhalt zu bieten, den sie für
einen Friedensschluß benötigen.
Ich möchte Ihnen folgende Frage stellen: Würde
Harry Truman, wenn er noch Präsident wäre, von den
Vereinigten Staaten als führendem NATO-Mitglied
erwarten, Truppen nach Bosnien zu entsenden? Ich
denke, Sie kennen die Antwort. Die Antwort lautet
Ja. Und wir müssen dementsprechend handeln.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich möchte Mißverständnissen vorbeugen: Wenn wir nicht in Bosnien
sind, werden viele unserer Partner ihre Verpflichtungen erneut überdenken. Wenn wir nicht dort sind,
wird Amerika seine Führungsrolle in der NATO
opfern. Wenn wir nicht dort sind, begehen wir einen
schweren Fehler. Ich bin entschlossen, uns an
dieser NATO-Mission zu beteiligen.
Ich arbeite mit dem Kongreß zusammen und führe
einen wichtigen Dialog. Ich traf vor nicht allzulanger
Zeit mit einer überparteilichen Gruppe von Politikern
zusammen. Heute möchte ich Senator Nunn ein
besonderes Wort des Dankes für seinen bemerkenswerten Beitrag zu dieser Zusammenkunft sagen
sowie für seinen bemerkenswerten Beitrag zu unse-

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�rem Land, den wir alle vermissen werden, wenn er
gegangen ist.
Meine amerikanischen Mitbürger, wenn Sie wollen,
daß vier Jahre des blutigen Konflikts enden, müssen
Sie das gemeinsame Vorgehen der Vereinigten
Staaten und der NATO bei der Umsetzung des
Friedensabkommens unterstützen. Wir haben keine
Truppen in den Kampf entsandt. Wir haben nicht
Partei ergriffen. Wir waren nicht an der UNPROFOR-Mission am Boden beteiligt. Aber wir müssen
dies tun, wenn Sie wollen, daß Ihr Land und die
NATO in der heutigen Zeit so effektiv sind, wie es
Präsident Trumans Vision zu seiner Zeit war.
Ich möchte nochmals wiederholen, wenn wir dies
nicht tun, wären die Konsequenzen für unser Land
in der Tat gravierend. Dies ist der schwerwiegendste Konflikt auf dem Kontinent seit dem Ende des
Zweiten Weltkriegs. Die NATO muß zu seiner
Beendigung beitragen. Wenn es uns nicht gelingt,
diesen Frieden zu sichern, wie können wir dann ein
integriertes, friedliches und geeintes Europa schaffen? Wenn es uns nicht gelingt, diesen Frieden zu
sichern, werden unsere Erfolge auf der Welt und ein
Großteil unseres Erfolgs im Inland, der von der
amerikanischen Führungsrolle herrührt, geschwächt.
Wenn es uns nicht gelingt, diesen Frieden zu
sichern, könnte der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien auf andere Nationen übergreifen und unsere
Söhne und Töchter in einen Konflikt in Europa
einbeziehen.
Abschließend möchte ich sagen, daß wir vor wenigen Tagen Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II.
in den Vereinigten Staaten begrüßen durften. Ich
habe ungefähr eine halbe Stunde alleine mit ihm
verbracht, und er begann die ungewöhnlichste

Unterhaltung, die ich je mit ihm oder einem anderen
Staatsoberhaupt geführt habe.
Er sagte: "Ich
möchte über die Welt sprechen, und ich möchte
wissen, was Sie denken." Ich antwortete: "Die
Welt?" Er meinte: "Ja, die ganze Welt." Und ich
entgegnete: "Wo sollen wir anfangen?" Er erwiderte:
"Fangen Sie mit Bosnien an."
Also sprachen wir über Bosnien. Und dann über die
ganze Welt. Am Ende sagte er: "Sie wissen, ich bin
nicht mehr jung. Ich habe den Großteil dieses
Jahrhunderts durchlebt. Das 20. Jahrhundert begann
mit einem Krieg in Sarajevo. Herr Präsident, Sie
dürfen nicht zulassen, daß das 20. Jahrhundert mit
einem Krieg in Sarajevo endet."
Ich bitte Sie, daran zu denken, meinen amerikanischen Mitbürger, an diesen ersten Krieg in Sarajevo das war Harry Trumans Krieg. Das war der Krieg, an
dem er teilnahm, obwohl er alt genug und sein
Augenlicht schlecht genug war, ihn davor zu bewahren. Das ist der Krieg, der den Menschen die Führungsfähigkeiten bewies, über die er verfügte. Und
unser Versagen nach diesem Krieg führte Franklin
Roosevelt in einen anderen Krieg, führte dazu, daß
Harry Truman diesen Krieg mit schwierigen, schmerzlichen Entscheidungen beendete - darunter den
Abwurf der Atombombe - und veranlaßte ihn zu der
Entscheidung, dies nie wieder zuzulassen. Aus
diesem Grund tat er all die Dinge, die wir heute
abend feiern.
Wenn er hier wäre, würde er sagen: "Wenn Ihr mich
wirklich ehren wollt, bereitet Euch auf die Zukunft vor,
wie ich es getan habe."
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 31

�DEMOKRATIE
8. November 1995

Die elektronische Republik
von Lawrence Grossman
(AD) - Lawrence Grossman, Präsident von Horizons Cable Network und ehemaliger Präsident des Public
Broadcasting Service und von NBC News, ist der Autor von The Electronic Dialogue: Reshaping
Democracy in the Information Age.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Übersetzung der unwesentlich gekürzten Einleitung zu seinem Buch.
Copyright (c) Lawrence K. Grossman, 1995. Alle Rechte vorbehalten. Herausgegeben von Viking Penguin,
einer Abteilung von PENGUIN Books USA Inc.

In den Vereinigten Staaten nimmt ein neues politisches System Gestalt an. An der Schwelle zum 21.
Jahrhundert verwandelt sich Amerika in eine elektronische Republik, ein demokratisches System, das
die tägliche Einflußnahme des Bürgers auf die
Entscheidungen des Staates enorm vergrößert.
Neue Elemente der direkten Demokratie werden
unserer traditionellen repräsentativen Regierungsform aufoktroyiert, verändern die Natur des politischen Prozesses und stellen einige der grundlegenden Voraussetzungen für das politische Leben in
Frage, die seit der Gründung der Nation vor über
200 Jahren existieren.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß sich die
Amerikaner zunehmend machtlos, zynisch und
frustriert fühlen, während sich tatsächlich die Distanz
zwischen den Regierten und den Regierenden
dramatisch verringert. Sehr viel mehr Bürger erhalten ein größeres Mitspracherecht bei der Gestaltung
der öffentlichen Politik als je zuvor seit der direkten
Demokratie der griechischen Stadtstaaten der Antike
vor rund 2.500 Jahren. Populistische Maßnahmen
wie eine Begrenzung der Amtszeit, Zusatzartikel
über den Haushaltsausgleich, direkte Vorwahlen in
den Bundesstaaten und Parteiversammlungen sowie
der zunehmende Einsatz von Wahlinitiativen und
Referenden verringern die Machtbefugnis der
gewählten Regierungsvertreter, ermöglichen den
Wählern die Entscheidung für ihren eigenen Präsidentschaftskandidaten, umgehen Gesetze und
ermächtigen das Volk zur Formulierung seiner
eigenen Gesetze. Ständige Meinungsumfragen und
immer moderneres interaktives Telekommunikationsgerät setzen die Regierung unverzüglich in Kenntnis
über den Willen des Volkes - und sie reagiert darauf.
Einige sagen, zu stark - für das Wohl des Volkes.

AMERIKA DIENST 31

Während die Gewählten versuchen, auf jede Stimmung der Wählerschaft einzugehen, übernehmen die
Bürger insgesamt eine direktere Rolle in der Regierung als die Gründerväter je beabsichtigten.
Diese demokratische politische Umgestaltung wird im
großen und ganzen von zwei Entwicklungen getragen
- dem 200 Jahre langen Marsch zu politischer Gleichberechtigung für alle Bürger und der explosionsartigen Zunahme neuer Telekommunikationsmedien,
der bemerkenswerten Konvergenz von Fernsehen,
Telefon, Satelliten, Verkabelung und Personalcomputern. Dies ist die erste Generation von Bürgern, die
ihre Politiker gleichzeitig und unverzüglich sieht, hört
und beurteilen kann. Es ist auch die erste Generation von Politikern, die zur gesamten Bevölkerung
sprechen kann und unmittelbar ein Feedback darüber
erhält, was die Menschen denken und wollen.
Interaktive Telekommunikation verleiht dem Durchschnittsbürger immer direkteren Zugang zu den
wichtigen politischen Entscheidungen, die ihr Leben
und Eigentum betreffen.
Die aufstrebende elektronische Republik wird eine
politische Hybride sein. Die Bürger werden nicht nur
die sie Regierenden wählen können wie bisher,
sondern sie werden sich auch in zunehmendem
Maße an der Formulierung der Gesetze und Maßnahmen beteiligen können, von denen sie regiert werden.
Durch den Einsatz von immer moderneren digitalen
Zweiwege-Breitbandtelekommunikationsnetzen erlangen die Mitglieder der Öffentlichkeit einen eigenen
Sitz am Tisch der politischen Macht. Selbst während
die Ungeduld der Öffentlichkeit mit der Regierung
zunimmt, verwandelt der unerbittliche Fortschritt der
Demokratisierung zusammen mit bemerkenswerten
Fortschritten bei interaktiver Telekommunikation das

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�Volk selbst in den neuen vierten Zweig der Regierung. In der elektronischen Republik wird es nicht
länger die Presse, sondern die Öffentlichkeit sein,
die als die mächtige "vierte Gewalt" neben der
Exekutive, der Legislative und der Judikative funktioniert.
Der Aufstieg der elektronischen Republik mit ihrer
wahrscheinlich unvermeidlichen Tendenz, schnell auf
alle Aspekte der öffentlichen Meinung zu reagieren,
wird einige der am meisten geschätzten verfassungsmäßigen Schutzmechanismen gegen potentielle Exzesse von Impulsen der Mehrheit aushöhlen wenn nicht sogar grundlegend verändern. Diese
Schutzmechanismen wurden von den Gründervätern
eingeführt, die gegenüber der reinen Demokratie so
wachsam waren wie sie die Regierungsbefugnis
fürchteten. Die Verfassung versuchte nicht nur, das
Volk vor der überragenden Macht der Regierung zu
schützen, sondern auch die neue Nation vor den
überragenden Ansprüchen des Durchschnittsbürgers, insbesondere der Armen, zu schützen.
Telekommunikationstechnologie hat die traditionellen
Barrieren von Zeit und Raum abgebaut. Auf die
gleiche Weise kann sie auch die traditionellen
verfassungsmäßigen Barrieren der gegenseitigen
Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung von
Kongreß und Regierung sowie der Gewaltenteilung
abbauen, zu deren Erhalt die neue Nation James
Madison zufolge aufgrund ihrer reinen Größe und
Komplexität beitragen würde. "Erweitert die Sphäre,
und ihr bezieht eine größere Vielfalt von Parteien
und Interessen ein; ihr macht es weniger wahrscheinlich, daß eine Mehrheit des Ganzen ein
gemeinsames Motiv hat, in die Rechte anderer
Bürger einzugreifen." Während jedoch Distanzen
verschwinden und Telekommunikation sich in der
Sphäre verliert, während der exekutive und legislative Zweig der Regierung enger mit der öffentlichen
Meinung und den Ansprüchen der Öffentlichkeit
verflochten werden, könnten nur die Gerichte als
effektive Bastion gegen die Tyrannei der Mehrheit
übrigbleiben.
Die Judikative, der Zweig der Regierung, der am
wenigsten auf die Gefühlsbewegungen des Volkes
reagieren soll, wird die immer schwierigere und
schwerere Last tragen, die Rechte des einzelnen vor
einem Angriff des Volkes zu schützen.
Direkte Demokratie, auf die wir unerbittlich zuzusteuern scheinen, war die früheste Form der Demokratie.
Sie entstand im fünften Jahrhundert vor Christus in
den kleinen, unabhängigen Stadtstaaten des klassischen Griechenland.
Während der 200 Jahre
währenden direkten Demokratie Athens, im antiken
Stadtstaat, über dessen Regierungsführung wir am

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meisten wissen, waren einige privilegierte Bürger
gleichzeitig Regierende und Regierte, erließen
Gesetze und führten sie selbst aus. "Obwohl die
Staatsbürgerschaft im alten Athen auf männliche
einheimische Erwachsene beschränkt war, garantierte
sie die umfassende und aktive Beteiligung an jeder
Entscheidung des Staates ungeachtet von Besitzstand oder Klassenzugehörigkeit." Die Demokratie in
Athen ging so weit, wie es auch in der heutigen Zeit
der Fall wäre.
Im Gegensatz dazu ist die repräsentative Regierung die zweite Form der Demokratie - ein relativ neues
Phänomen, das vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten in den Vereinigten Staaten entstand. In der
repräsentativen Demokratie können die Amerikaner zuerst wenige Privilegierte und jetzt jeder Bürger über
18 Jahren - diejenigen wählen, die die Gesetze
erlassen, denen sie unterliegen. Im Unterschied zum
alten Griechenland spezifiziert unsere Verfassung
eine Regierung, bei der die Regierenden von den
Regierten getrennt sind. Sie verbindet das Volk
durch Wahlen mit der Regierung, distanziert die
Regierung aber vom Volk, indem sie die Gewählten
zu denjenigen macht, die tatsächlich die Gesetze
erlassen und die Regierungsgeschäfte führen. Ein
Politologe formulierte es folgendermaßen:
"Der
verfassungsmäßige Raum ist das Genie der amerikanischen Republik. Er hält den Demokratisierungsprozeß unter Kontrolle und verhindert, daß unsere
Demokratie sich selbst ruiniert, indem sie ins Extrem
verfällt."
Heute schrumpft dieser verfassungsmäßige Raum.
Neue populistische Prozesse und Telekommunikationstechnologien verstärken die Stimme des Volkes
insgesamt und bringen die Öffentlichkeit voll in den
Entscheidungsfindungsprozeß der Regierung ein.
Während die Macht der öffentlichen Meinung steigt,
nimmt die Rolle der traditionellen politischen Vermittler - der Parteien, der Experten in den Massenmedien, der regierenden Elite - ab. Institutionen, die
den Willen des Volkes behindern oder zwischen ihm
und den Aktionen der Regierung stehen, werden
übergangen.
Telekommunikationstechnologien - Computer, Satelliten, interaktives Fernsehen, Telefon und Radio überwinden die uralten Hindernisse von Zeit und
Raum, die ursprünglich die Bürger daran hinderten,
direkt für die Gesetze und Maßnahmen zu stimmen,
von denen sie geleitet werden. Die allgemeine
Überzeugung lautet, daß die repräsentative Regierung die einzige Form der Demokratie ist, die in den
ausufernden heterogenen Nationalstaaten von heute
möglich ist. Interaktive Telekommunikation ermöglicht
es Millionen weit verstreut lebender Bürger, die
Informationen zu erhalten, die sie zur Ausführung der

AMERIKA DIENST 31

�Regierungsarbeit, für den Zugang zur Politik und für
die Kontrolle ihres eigenen Lebens sowie der Güter
benötigen, die Politiker ihrer Ansicht nach vergeuden.
Die elektronische Republik hat also bereits begonnen, die traditionelle Rolle der Bürger und der
politischen Führung neu zu definieren. Heute ist es
mindestens so wichtig, die Wählerschaft - die
Öffentlichkeit als Ganzes - anzusprechen und die
öffentliche Meinung zu beeinflussen wie die Vertreter
der Öffentlichkeit, die Gesetze erlassen und die
Maßnahmen umsetzen. Der Literaturkritiker Sven
Birkerts formulierte es in seinem Buch The Gutenberg Elegies über das Lesen in einer elektronischen
Kultur folgendermaßen: "Der Anbruch des Computerzeitalters und die durch unsere elektronischen
Kommunikationsmedien erzielte erstaunliche technische Perfektion haben zusammengenommen eine
Vielzahl isolierter Veränderungen systematisch
geordnet. Die Art und Weise, in der die Menschen
die Welt erleben, hat sich in den vergangenen 50
Jahren mehr verändert als in den vielen Jahrhunderten zuvor."
Das Entstehen der elektronischen
Republik erfordert ein neues Denken, neue Vorgehensweisen, neue Maßnahmen und sogar neue
politische Institutionen um sicherzustellen, daß in
kommenden Jahrhunderten die Impulse der Mehrheit
nicht auf Kosten der Rechte des einzelnen und
unpopulärer Minderheiten gehen.
Wir müssen uns der vom interaktiven Telekommunikationszeitalter hervorgebrachten bemerkenswerten Veränderungen in unserem politischen
System bewußt werden. Wir müssen die Konse-

*

AMERIKA DIENST 31

*

quenzen des Marsches zur Demokratisierung verstehen. Wir müssen mit den Versprechen und
Gefahren der elektronischen Republik umgehen. Sie
ermöglicht es der Regierung, intensiv auf die Stimmungen des Volkes zu reagieren. Und sie kann die
Reaktionsfähigkeit auf die Spitze treiben, womit
Manipulation, Demagogie oder Tyrannei der Mehrheit
Tor und Tür geöffnet wird, die "eine Flamme entfacht
... und im gesamten Land eine Feuersbrunst auslöst".
Die meisten Studien der Regierung, Politik und der
Medien beginnen an der Spitze mit der Untersuchung
der Führungsqualitäten, die das politische Leben
definieren. Meine Botschaft lautet jedoch, daß im
kommenden Zeitalter staatsbürgerliche Qualitäten
ebenso wichtig sind wie die politischer Führung. In
einer elektronischen Republik wird es entscheidend
sein, Politik nicht nur von oben nach unten, sondern
auch von unten nach oben zu betrachten.
Was ist erforderlich, um die Vereinigten Staaten in
eine Nation qualifizierter Bürger umzuwandeln, die
nicht als isolierte Individuen ihre eigenen Ziele
verfolgen, sondern sich als engagierte Mitglieder der
Öffentlichkeit für das Allgemeinwohl engagieren? In
einer elektronischen Republik ist es von essentieller
Bedeutung, die Antwort auf diese Frage zu finden.
Um Thomas Jefferson zu zitieren: "Ich kenne keinen
sichereren Verwahrungsort für die höchste Gewalt
der Gesellschaft als den Menschen selbst, und wenn
wir ihn nicht für aufgeklärt genug halten, seine
Kontrolle mit einem gesunden Maß an Besonnenheit
auszuüben, liegt die Lösung nicht darin, ihn der
Kontrolle zu berauben, sondern vielmehr darin, ihn so
zu informieren, daß er besonnen handeln kann.

*

*

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�BURGERRECHTE
8. November 1995

Der lange Kampf um Bürgerrechte in den USA
Rede vor der Black Lawyers Association
WASHINGTON - (AD) - Der längste idealistische Kampf in der Geschichte der Vereinigten Staaten "ist der
Kampf um Bürgerrechte, unser Streben nach Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit", so Deval Patrick,
Abteilungsleiter für Bürgerrechte im US-Justizministerium.
Die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre führte ihm zufolge zu zahllosen mutigen und mitfühlenden
Taten, und ihre Dramen sind jetzt triumphierend in die Annalen der Geschichte eingegangen, aber wir sind
noch nicht am Ziel.
Patrick zufolge besteht in vielen amerikanischen Städten, wenn auch nicht de jure, so doch de facto
Rassentrennung, und die Abteilung für Bürgerrechte im Justizministerium erhält jährlich Tausende ernsthafter
Beschwerden über Diskriminierung verschiedenster Art.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede, die Deval Patrick im Rahmen eines Programms des
US-Informationsamts vor der Black Lawyers Association in Johannesburg hielt.

Der größte idealistische Kampf der Vereinigten
Staaten zu meinen Lebzeiten und der längste
idealistische Kampf in der Geschichte unserer Nation
ist der Kampf um Bürgerrechte, unser Streben nach
Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit.
Es gab eine Zeit, in der ganz Amerika die Hoffnung
der von Dr. Martin Luther King Jr. ausgesandten
Botschaft verspürte, in der wir das Gefühl hatten, die
von uns selbst geschaffenen Probleme auch lösen
zu können.
Auf die eine oder andere Weise wurden alle Amerikaner von der Macht der Bürgerrechtsbewegung in
den sechziger Jahren beeinflußt. Denn die einfache
Gerechtigkeit, um die es dabei ging, wurde nie in
Frage gestellt. Es ging darum, das amerikanische
Versprechen der Freiheit zu erfüllen, die durch
Gleichheit, Chancen und Fair play definiert wird.
In diesem Sinne repräsentierte die amerikanische
Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre die
besten Ideale der Vereinigten Staaten. Sie führte zu
zahllosen mutigen und mitfühlenden Taten - kleinen
und großen. Ihre Dramen sind jetzt triumphierend in
die Annalen der Geschichte eingegangen:
Wie der Sohn eines afroamerikanischen
Gepäckträgers namens Thurgood Marshall
brillant die Strategie konzipierte und umsetzte,

AMERIKA DIENST 31

die das Oberste Bundesgericht überzeugte,
Rassentrennung in öffentlichen Schulen zu
beenden.
Wie eine am Ende ihres langen Arbeitstages
müde Afroamerikanerin namens Rosa Parks
sich weigerte, in einem Bus in Montgomery
(Alabama) ihren Sitzplatz für einen Weißen
freizumachen und damit einen Boykott auslöste, der Jim Crow (die nach einem Variet6Künstler des 19. Jahrhunderts benannte und
jetzt verfassungswidrige Reihe von Gesetzen
über die Rassentrennung) zu Fall brachte.
Wie die Welt Zeuge der Macht, Leidenschaft
und Nachdenklichkeit eines jungen Geistlichen
namens Martin Luther King wurde, der mit
einer eloquenten eindringlichen Rede aus einer
Gefängniszelle in Birmingham heraus das
Gewissen Amerikas aufrüttelte.
Wie mutige Männer und Frauen aus allen
Lebensbereichen und allen Teilen des Landes
ihre Körper und allzuoft ihr Leben opferten um
sicherzustellen, daß jeder Bürger wählen darf.
Seit Jahrhunderten wurde den amerikanischen
Idealen von Gleichheit, Chancen und Fair play durch
die Politik und die Praktiken der Teilung und des
Ausschlusses entgegengewirkt. Langsam, schmerz-

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�haft, im Verlauf mehrerer Jahrzehnte haben Männer
und Frauen guten Willens und mit Weitblick, Menschen wie die von mir Erwähnten und ihresgleichen
überall, Menschen, die sich der Kluft zwischen der
Realität und unseren Idealen stellten und sich für die
Ideale einsetzten, Druck ausgeübt, Forderungen
gestellt und sich dafür engagiert, diese Kluft zu
schließen.
Es erforderte viel harte Arbeit, Opfer und Vertrauen,
um dorthin zu gelangen, wo wir jetzt stehen. Millionen von Amerikanern aus allen Lebensbereichen
und von überall folgen ihrem Gewissen. Gefordert
waren der politische Mut und die Staatskunst von
Demokraten und Republikanern gleichermaßen.
Nötig waren die Wachsamkeit von Gerichten und
unabhängigen Anwälten, die sich dem Geist unserer
Verfassung und ihrer Forderung nach gleichem
Schutz für alle verpflichteten. Und es bedurfte der
unermüdlichen Bestrebungen engagierter Regierungsangestellter in der Abteilung für Bürgerrechte
im Justizministerium, die immer wieder ihre Bereitschaft unter Beweis stellten, sich den zahllosen
Versuchen der Obstruktionspolitiker entgegenzustellen, grundlegende Gesetzesbestimmungen zu
umgehen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Dank dieser
Arbeit, dieser Opfer, dieses Glaubens genießt
unsere Gesellschaft heute mehr Freiheit, mehr
Demokratie, mehr Integration und mehr Gleichheit
als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Aber wir sind noch nicht am Ziel angelangt.
Drei Jahrzehnte nachdem Dr. King uns von seinem
Traum erzählte, besteht in vielen unserer Städte,
wenn auch nicht de jure, so doch de facto Rassentrennung.
Nahezu vier Jahrzehnte nach ihrer Gründung bekommt die Abteilung für Bürgerrechte im Justizministerium weitertiin Tausende ernsthafter Beschwerden
über Diskriminierung aller Art. Die Kommission für
Chancengleichheit am Arbeitsplatz, eine unabhängige Bundesbehörde, die sich auch mit Vorwürfen
wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz befaßt,
erhielt allein im letzten Jahr über 90.000 Beschuldigungen der Voreingenommenheit am Arbeitsplatz.
Die Antidiffamierungsliga berichtet, daß Haßverbrechen landesweit den höchsten Stand erreicht
haben.
Wir in den Vereinigten Staaten waren in wenigen
Jahrzehnten nicht in der Lage, die Auswirkungen
von mehr als drei Jahrhunderten der Erniedrigung,
Entbehrung und Diskriminierung zu heilen. In der

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Zwischenzeit haben die Kämpfe anderer benachteiligter rassischer, ethnischer und religiöser Gruppen,
von Frauen und Behinderten ihren rechtmäßigen
Platz an der Seite des Kampfes der Afroamerikaner
eingenommen.
Manche verleihen ihrer Bestürzung darüber Ausdruck,
daß wir als Nation noch einen so weiten Weg vor uns
haben. Aber Präsident Lincoln erklärte uns vor
langer Zeit eine nützliche Wahrheit. Er wußte, daß
der Kampf zur Förderung von Gleichheit, zur Bereitstellung von Chancen und Sicherstellung von Fairness ein andauernder, wenn auch kein ewiger Kampf
sein würde. Er sagte uns, diese grundlegenden
amerikanischen Werte "sollten allen geläufig sein und
von allen hochgehalten werden; sie sollten konstant
beachtet werden, und wir sollten konstant dafür
arbeiten; und obwohl sie nie vollkommen erreicht
werden können, sollten wir uns ständig darum
bemühen, damit sie ihren Einfluß verbreiten und
vertiefen, das Glück und die Lebensqualität von
Menschen aller Hautfarbe überall erhöhen".
Er wußte, was President Thomas Jefferson meinte,
als er schrieb, "ständige Wachsamkeit ist der Preis
der Freiheit". Und er wußte, daß Rasse in Amerika
eine Gewissensfrage darstellt, mit der jede Generation konfrontiert wird.
Während des Großteils meines Lebens hatte unsere
Nation mit den mahnenden Worten Präsident Lincolns zu kämpfen. Es ist das Verdienst unserer
Nation, daß wir unser Bestes gegeben und an der
Ausweitung des Gleichstellungsideals gearbeitet
haben, um uns der Rassentrennung in unserer Nation
zu stellen und sie zu beheben. Bisweilen schien es,
daß nur ganz langsame Fortschritte gemacht wurden,
und unser Erfolg war nur sehr unvollständig. Aber
wir sind uns im Grunde genommen über unser Ziel
einig. Wir glauben an eine gerechte und integrierte
Gesellschaft. Und wir haben trotz der uns behindernden Neinsager, Demagogen und Zyniker auf weitere
Fortschritte gedrängt, wie wir es in der gesamten
Menschheitsgeschichte getan haben.
Jetzt fürchte ich allerdings, daß wir uns rückläufig
entwickeln. Heute haben sehr viele Afroamerikaner
und andere benachteiligte ethnische Gruppen das
Gefühl, weniger Chancen zu erhalten. Sie fühlen
sich ihrer Gleichstellung nicht mehr so sicher und
vertrauen weniger auf faire Behandlung als während
sehr vieler Jahre.
Heute scheint das kollektive Nachdenken unserer
Gesellschaft über die Bedeutung von Chancen mit
dem Thema Gleichstellung anzufangen und aufzuhören. Diese Debatte ist wenig konstruktiv. Wir
scheinen die Erfordernisse der Verbrechensbekämp-

AMERIKA DIENST 31

�fung und den Nutzen von Meinungsumfragen höher
zu bewerten als die grundlegenden Konzepte, sich
an die Spielregeln zu halten und alles seinen geregelten Gang gehen zu lassen. Heute wird der
Begriff Gleichheit nie in öffentlichen Debatten erwähnt, als ob die Umgehung des Begriffs zu einer
Umgehung des Problems führen würde. Manche
stellen öffentlich die Frage, ob die Bürgerrechtsbewegung zu weit gegangen ist und verhalten sich,
als ob die Geschichte Amerikas eine Geschichte der
Diskriminierung von Weißen gewesen wäre. Andere,
darunter viele Afroamerikaner, fragen sich, ob
Integration je ein richtiges Ziel gewesen ist.
Bedauerlicherweise gehen täglich unzählige Bilder
von Rückzug und Rückschritt über meinen Schreibtisch und den meiner Kollegen in den Bundesstaaten
und Gemeinden. Man braucht sich nicht auf in die
Öffentlichkeit getragene Beispiele zu beschränken,
sondern muß nur einen Afroamerikaner - männlichen
oder weiblichen Geschlechts, von den erfolgreichsten bis zu den erfolglosesten - ansprechen, um
eine herzzerreißende Geschichte nach der anderen
über rassisch motivierte Ungerechtigkeit, Feindschaft
oder sogar Gewalt zu hören.
Ich möchte Ihnen versichern, daß dies nicht nur
unsere Ängste sind. Es sind auch die Ängste weißer
Frauen, Hispanoamerikaner, Amerikaner asiatischer,
jüdischer und anderer Abstammung, die aufgrund
dessen, wer sie sind und was sie glauben, allzuoft
Ungerechtigkeit ausgesetzt sind. Tatsache ist, daß
dies die Ängste aller Amerikaner mit gutem Willen
und Weitblick sind, ungeachtet ihrer Rasse, ethnischen Zugehörigkeit, ihres Glaubens oder Geschlechts.
Sie sind Zeuge zunehmender Intoleranz. Sie sind
Zeuge von Bestrebungen zur Zerstörung unseres
nationalen Konsenses über Bürgerrechte und zur
Rassentrennung um des politischen Vorteils oder
Schlimmerem willen. Viele Menschen in unserem
Land fragen sich, ob wir als Nation bei unserem
Kampf um gleiche Chancen und grundlegende
Fairness einen riesigen Rückschritt machen.
In diesem besonderen und in mancherlei Hinsicht
unverantwortlichen Umfeld findet unsere wachsende
nationale Debatte über Gleichstellung statt. Reduziert auf beißende, aber sinnlose Äußerungen,
unterstützt von Mythen, aber wenig nützlichen Daten,
angetrieben von der Politik der Trennung kämpft
unsere Nation mit der tiefgründigen Frage, ob ihr
trauriges Vermächtnis des Ausschlusses aufgrund
von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht wirklich hinter ihr liegt - und falls nicht, ob
wir über den kollektiven Willen verfügen, etwas
dagegen zu unternehmen. Für solch ein entschei-

AMERIKA DIENST 31

dendes Thema, das so eng mit der Frage verbunden
ist, was für eine Gesellschaft wir sein werden, mangelt es der Debatte wirklich an Perspektive. Deshalb
hat Gleichstellung meines Erachtens eine symbolische Bedeutung, die überhaupt nicht mit ihren
praktischen Auswirkungen in Einklang steht.
Die Gleichstellungsgegner bestreiten die Angemessenheit (manche halten es für eine Ironie) eines
rassenbewußten Heilmittels. Sie stellen die Haltbarkeit eines solchen Heilmittels ebenso in Frage wie
die Angemessenheit einer Abkehr von einem sogenannten "farbenblinden" Ideal.
Für besonnene
Menschen sind diese Fragen nicht einfach zu beantworten. Dasselbe gilt auch für mich und für die
gesamte amerikanische Öffentlichkeit.
Wir alle müssen verstehen, daß einige Amerikaner
das Gefühl haben, sie müßten für die von anderen
begangenen Sünden zahlen und Gleichstellung
räume Minderheitengruppen unfairerweise bestimmte
Präferenzen ein. Ihrer Ansicht nach sollten wir uns
als "farbenblinde" Gesellschaft bezeichnen, in der
weder Weiße noch Minderheiten aufgrund ihrer
Rasse auf irgendeine Art bevorzugt oder benachteiligt
werden. Nicht alle, die ein solches "farbenblindes"
Ideal fordern, betreiben Obstruktion. Manche sind
nachdenkliche Menschen guten Willens und vielleicht
etwas naiv. Ihrer Ansicht nach ist es einfach nur an
derzeit, daß unsere Gesellschaft aufhört, in Rassenkategorien zu denken. Als ihre Mitbürger sind wir
ihnen zumindest den Versuch schuldig, sie zu verstehen. Andernfalls gibt es keine Hoffnung auf eine
sinnvolle Debatte.
Natürlich haben nicht alle Kritiker die besten Motive.
Manche, die eine "farbenblinde" Gesellschaft befürworten, gehören zu denen, die seit Jahren jeden
Versuch zur Förderung der Bürgerrechte bekämpft
haben - sogar Versuche zur Ächtung unserer eigenen
Form der Apartheid, der veralteten amerikanischen
Jim Crow-Gesetze. Einige sind Heuchler erster Güte,
die noch vor kurzem Gleichstellung forderten, sie jetzt
jedoch als offensichtlich "falsch" kritisieren. Einige
beteiligen sich an einem simplen Rassenwettbewerb
und versuchen, politische Vorteile zu erlangen, indem
sie bei den Präsidentschaftswahlen 1996 im Topf der
Gleichstellung rühren, ebenso wie andere bei vielen
vergangenen Präsidentschaftswahlkämpfen
aus
politischen Gründen im Topf der rassischen Intoleranz rührten. Einige weigern sich, irgendwelche
Unterschiede zwischen Gleichstellung (die gesetzmäßig ist) und Quoten (die es nicht sind) anzuerkennen
- trotz der Entscheidungen und klaren Bestimmungen
des Obersten Bundesgerichts. Sie sehen in jedem
Gleichstellungsplan Quoten, ebenso wie Kinder in
jedem dunklen Schrank ein Monster sehen. Sie
leisten keinen Beitrag zur Verständigung oder zu

Seite 3

�konstruktivem Handeln, sondern "sie entflammen
nur", wie Leonard Fein es nennt.
Die Befürworter der Gleichstellungspolitik, einschließlich vieler benachteiligter rassischer und ethnischer
Gruppen, hegen den Verdacht, "Farbenblindheit" sei
nur ein hochfliegendes Konzept, das die Fortschritte
der Gesellschaft zu Chancengleichheit hemmen soll.
Für viele Minderheiten hat der Ruf nach "Farbenblindheit" etwas Surrealistisches: Wir sollen unverdienterweise besondere Privilegien erhalten, obwohl
wir wissen, daß kaum ein Weißer heute freiwillig mit
uns tauschen würde.
Der Mangel an Perspektive in dieser Debatte ist auf
die Tatsache zurückzuführen, daß wir nicht definieren, worüber wir sprechen. Gleichstellungspolitik in
den Vereinigten Staaten besteht tatsächlich aus
einer Vielzahl von Mitteln. An einem Ende des
Spektrums steht Einbeziehung und Einstellung - das
Spannen eines großen Netzes im traditionellen und
in anderen Bereichen für qualifizierte Minderheiten
und Frauen, damit sie sich am Wettbewerb beteiligen können. Kaum jemand ist dagegen - zumindest
in der Öffentlichkeit. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich diejenigen, die in zunehmender
Zahl in der Schule oder am Arbeitsplatz von speziell
für Angehörige bestimmter Gruppen reservierten
Plätzen profitieren - ungeachtet ihrer Qualifikationen.
Gegen diese Praktik gibt es vielleicht die größte
Opposition. Das ist die Art von Quote, die ich und
jedes andere Mitglied der Clinton-Administration
verurteilen und die die Gerichte unseres Landes
ziemlich konsequent ablehnen.
Mir scheint, daß es bei der wirklichen Debatte um
einen Mittelweg geht. Das bezeichne ich als "Erwägung von Gleichstellung", wobei Rasse, ethnische
Zugehörigkeit oder Geschlecht bei der Bewertung
qualifizierter Kandidaten ein Faktor, jedoch nicht
notwendigerweise entscheidend sind. Diese Art von
Gleichstellung gibt überhaupt keine Garantie. Sie
fördert Leistung. Sie betont Qualifikationen. Sie
verkörpert Flexibilität und das Streben nach Integration am Arbeitsplatz oder in der Schule. Diese Art
von Gleichstellung wurde von ihren frühen Verfechtern - Republikanern und Demokraten - unterstützt.
Heute sehe ich jedoch geteilte Unterstützung für
diese Gleichstellungsmethode. Dafür gibt es zwei
Gründe: Erstens hat sie zweifelsohne in bestimmten
Formen und bei bestimmten Gelegenheiten einfach
nicht funktioniert. Faule, nachlässige oder bisweilen
übereifrige Arbeitgeber oder Schulbehörden haben
gelegentlich solche Bestrebungen in Zahlenspiele
verwandelt und dabei Leistung, Qualität und Urteilsvermögen der als "Quote" bezeichneten numerischen Zwangsjacke geopfert. Firmen in Besitz von

Seite 4

Mehrheiten, die sich hinter Minderheitenfirmen
"verstecken", um Verträge zu bekommen, andere
kleine Vergehen und unlogische Erfordernisse für die
Anerkennung von Unternehmern sind zu beobachten.
Wir müssen diese Probleme ohne zu zögern angehen. Wir müssen sie lösen, und auf Bundesebene
werden wir dies tun. Das sollte uns jedoch ebensowenig verleiten, vom Prinzip abzuweichen, wie
Mißbrauch der Vertragsnehmer bei der Beschaffung
im Verteidigungsbereich die US-Luftwaffe dazu
verleiten sollte, keine Flugzeuge mehr zu kaufen oder
die Wahl eines durchschnittlichen Kongreßabgeordneten uns dazu verleiten sollte, die Demokratie
aufzugeben.
Der zweite Grund, warum die Unterstützung für die
Erwägung von Gleichstellungsmaßnahmen geteilt ist,
liegt in der gekonnten, übelwollenden Rhetorik. Die
Werbeindustrie hat uns gelehrt, daß Wiederholung
und Schock die beiden erfolgreichsten Mittel sind,
uns von etwas zu überzeugen. Einzelne Fälle von
Mißbrauch des Gleichstellungsprinzips sind daher
zum Mythos geworden. Wir sollen glauben, daß es
eine vollständige Entrechtung der Chancen anderer
Amerikaner (vermeintlich derjenigen, die es besser
"verdienen") gibt, einfach deswegen, weil sie nicht
identifizierbaren benachteiligten rassischen oder
ethnischen Gruppen angehören.
Aber die Fakten geben dem nicht recht. Von allen
Klagen über Diskriminierung bei der Beschäftigung,
die in den vergangenen vier Jahren bei unseren
Bundesgerichten eingereicht wurden, war nur ein
winziger Bruchteil sogenannte "umgekehrte Diskriminierung" - Diskriminierung männlicher Weißer und weniger als eine Handvoll wurden als begründet
angesehen. In der Tat sind nicht einmal zwei Prozent der bei der Bundeskommission für Chancengleichheit am Arbeitsplatz anhängigen Verfahren
Klagen von männlichen Weißen. Unser Oberstes
Bundesgericht hat - zuletzt im vergangenen Sommer
- konsequent die Meinung zurückgewiesen, daß alle
Gleichstellungsmaßnahmen an sich schon unrechtmäßige Diskriminierung sind.
Tatsache ist: Diskriminierung aufgrund von Rasse,
ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht besteht in
den Vereinigten Staaten immer noch. Die Gesellschaft, in der wir leben, straft die angebliche Sonderbehandlung für Benachteiligte und Frauen Lügen.
Die Arbeitslosenrate für schwarze Männer in den
Vereinigten Staaten ist immer noch doppelt so hoch
wie die weißer Männer.
Selbst Schwarze und
Hispanier mit Collegeausbildung sowie Frauen aller
Rassen und ethnischen Zugehörigkeit werden
schlechter bezahlt als entsprechend gebildete und
ausgebildete weiße Männer. Es ist immer noch

AMERIKA DIENST 31

�schwieriger für Schwarze und Lateinamerikaner und in einigen Fällen für Frauen - eine Wohnung zu
mieten, eine Hypothek zu bekommen, eingestellt
oder befördert zu werden, an manchen Orten sogar
wählen zu dürfen, als für Weiße.
Wir haben uns zur Fortsetzung der Bestrebungen
zur Öffnung unserer Gesellschaft und der Gewährleistung verpflichtet, daß alle Amerikaner gleiche
Chancen haben, ihr anzugehören. Das heißt, daß
wir unseren Kampf zur Abschaffung der Diskriminierung ebenso offen wie geschickt, offenkundig und
diskret weiterführen müssen. Das bedeutet auch,
daß wir die Probleme von Gewaltverbrechen und
Zerfall der Familien ansprechen und unsere öffentlichen Schulen dazu bringen müssen, arme Kinder
nicht länger zu benachteiligen. Die Volkswirtschaft
muß auf allen Ebenen Chancen verbessern.
Wir dürfen jedoch nicht vorgeben, daß es keine
Diskriminierung mehr gibt, oder daß ihre Vergangenheit keine weitverbreiteten Auswirkungen auf die
Gegenwart hat. Wo das Vermächtnis dieser Diskriminierung Frauen und andere benachteiligte
Gruppen der Chance beraubt, sich um einen Arbeitsplatz oder einen Platz in der Schule auf gleicher
Basis mit anderen Amerikanern zu bewerben, unterstützt das Gesetz zu Recht diese Mittel, die Chancengleichheit für alle sicherstellen.
Manchmal könnte dies Gleichstellung bedeuten,
wenn es richtig gehandhabt wird: Flexibel, vernünftig, praktisch, rechtmäßig und ohne Qualifikationen zu opfern.
Präsident Clinton äußerte vor kurzem: "Wir unterstützen Gleichstellung ohne Quoten, ohne bei der
Qualität Abstriche zu machen, ohne sogenannte
umgekehrte Diskriminierung, ohne Betrug und Mißbrauch." Ich möchte es noch krasser formulieren:
Wir unterstützen Gleichstellung ohne Täuschung,
ohne Angst und ohne Entschuldigungen.
Die Regierung spielt dabei jedoch nur eine relativ
kleine Rolle. Die meisten Gleichstellungsmaßnahmen haben heute nichts mit der Regierung zu tun.
An allen Arbeitsplätzen in der Privatwirtschaft und
den Gemeinden Amerikas haben die Arbeitgeber
den prognostizierten Arbeitsmarkt von morgen sowie
die Bedürfnisse und Wünsche ihrer jeweiligen
Kunden berücksichtigt und versuchen freiwillig, eine
gewisse Vielfalt bei ihren Beschäftigten zu haben.
Universitäten und Colleges haben den erzieherischen Wert einer gemischten Studentenschaft
erkannt und darauf reagiert - nicht indem sie Wettbewerbsnormen opferten, sondern indem sie aus
allen amerikanischen Gemeinden Menschen zusammenführten, die diese Normen erfüllen können.

AMERIKA DIENST 31

Es gibt Bestrebungen - Bestrebungen, das tägliche
amerikanische Leben zu integrieren - die wir in
unserem Land seit Jahrzehnten begrüßt und ermutigt
haben. Wenn diese Bestrebungen flexibel gehandhabt werden, ohne das Verdienst zu opfern und ohne
die berechtigten Interessen des anderen zu verletzen,
gibt es kein Gesetz, das sie verbietet. Und kein
Gesetz sollte sie verbieten.
Die Perspektive erfordert, daß wir die Debatte über
Gleichstellung im größeren Kontext dessen betrachten, was unsere Nation zu dem macht, was sie ist.
Die Menschen sind aus aller Welt, in allen möglichen
Booten an die amerikanischen Küsten gekommen
und haben aus der Wildnis eine der außergewöhnlichsten Gesellschaften der Erde aufgebaut. Wir sind
besonders bemerkenswert, nicht nur aufgrund dessen, was wir geschaffen haben, sondern aufgrund der
Ideale, denen wir uns verschrieben haben. Wir
haben unsere Ideale im Lauf der Zeit mit den Prinzipien der Gleichheit, Chancen und des Fair play
definiert.
Bürgerrechte sind der Kampf für diese Ideale. Es
geht nicht um ein abstraktes rassisches Gewinnsystem.
Es geht darum, künstliche Schranken
jeglicher Art gegen Gleichheit, Chancen und Fair play
niederzureißen. Es geht darum, allen eine faire
Chance zur Leistung zu gewährleisten. Es geht
darum, dieses grundlegend amerikanische Gefühl der
Hoffnung einzulösen. Es geht darum, unsere fundamentalen Werte und unser Streben als Nation zu
bekräftigen.
Künftiger Fortschritt hängt ebenso von der nächsten
Generation ab wie der heutige Fortschritt von uns
abhängt. Bürgerrechte sind, wie ein Freund es
formulierte, "ein Staffellauf für Gerechtigkeit". Unser
Vorwärtsdrang als eine Gesellschaft hängt von der
Klarheit und Perspektive ab, mit der die nächste
Generation die Herausforderung sieht und der
Kreativität, mit der sie sie in Angriff nimmt. Das
wiederum hängt davon ab, ob sie die amerikanischen
Ideale der Gleichheit, Chancen und des Fair play
versteht und annimmt - und sich inspiriert fühlt,
danach zu handeln.
Die Politiker und Erwachsenen von heute müssen
diese Verantwortung übernehmen. Wenn wir den
Idealismus der jungen Menschen von heute nicht
nähren und sein Wachsen nicht ermutigen, wenn wir
nicht "ihr besseres Wesen" hervorbringen wie andere
es zu unserer Zeit getan haben, dann werden die
Protagonisten verlogener Rhetorik und zynischer
Politik gewinnen und zwar zu einem unsäglichen
Preis. In unserem Land gab es nationale Zielsetzungen - wie die Bürgerrechte - und nationale Helden wie Martin Luther King - die an unseren Idealismus

Seite 5

�appellierten und diese Nation mit einer Gewissensherausforderung konfrontierten. In Anfällen und
Anwandlungen von Mut und Schmerz reagierten wir
auf diesen Appell und überwanden unsere Unterschiede, wenn auch nur vorübergehend, um unserer
Menschheit gewahr zu werden.
Wie in allen anderen Zeiten ist der menschliche
Geist heute gleichgeblieben. Junge Menschen
nähren immer noch einen Idealismus - ein wenig
schüchtern vielleicht und mit einer gewissen Zurückhaltung. Was sollen wir ihnen anbieten? Wer wird
ihren Idealismus hervorbringen? Wer wird seine
eigene Entmutigung und seinen Überdruß lange
genug ablegen, um ein Feuer der Zielsetzungen zu
schüren? Was wird die Geschichte über das Vermächtnis und die Herausforderung berichten, die wir
ihnen hinterlassen?
Während wir das abstrakte Verdienst der Farbenblindheit diskutieren, gibt es Millionen junger Menschen im ganzen Land, Kinder, die nicht einbezogen
und zurückgelassen werden - die niemals Ärzte oder
Rechtsanwälte oder Lehrer oder Polizisten oder
etwas ähnliches werden - deren latenter Idealismus
nie befreit wird, um zu Mitgefühl und Handlungsfähigkeit zu wachsen - weil es keinen Lehrer, keinen
Rechtsanwalt oder Arbeitgeber oder Kirchenvertreter
gab, der sie durch sein Handeln oder sein Vorbild
leise inspirierte; ihnen zeigte, nach oben zu blicken,
nicht nach unten; ihnen half, an der Realisierung
ihrer eigenen Träume und denen ihrer Nachbarn mitzuwirken; ein Leben berührte und damit einem
anderen einen Grund zur Hoffnung gab. Das ist es,
was heute in den Vereinigten Staaten auf dem Spiel
steht.

Und was müssen wir die nächste Generation lehren,
wenn nicht sogar auch unsere eigene? Daß Bürgerrechte ein Kampf für das amerikanische Gewissen
sind und immer waren. Und daß wir alle ein Interesse an diesem Kampf haben. Wenn ein Afroamerikaner für Qualität und integrierte Ausbildung eintritt,
tritt er für uns alle ein. Wenn eine Hispanierin für die
Chance eintritt, für den Kandidaten ihrer Wahl zu
stimmen, tritt sie für uns alle ein. Wenn eine Rollstuhlfahrerin für eine leicht zugängliche Wohnung
eintritt, tritt sie für uns alle ein. Wenn ein Jude sich
gegen diejenigen wehrt, die sein Gotteshaus verwüsten, wehrt er sich für uns alle. Weil Bürgerrechte
immer noch unsere grundlegenden Werte und unser
Streben als Menschen und als Nation bekräftigen.
Es geht um die beständige amerikanische Herausforderung, die anderen einzubeziehen - über die
willkürlichen und künstlichen Schranken von Rasse,
Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Behinderung
und Klasse und Religion hinweg, über unsere Furcht
und Hoffnungslosigkeit hinweg - um unserer Menschheit gewahr zu werden und unser Interesse daran zu
sehen.
Dies ist ein entscheidender Augenblick in der Geschichte: Junge Menschen werden zunehmend von
der bürgerlichen Gesellschaft entfremdet, und zu
viele von uns übrigen haben ihr Leben von Zynismus
und Egoismus definieren lassen. Menschen in ganz
Amerika suchen nach einem Grund für Hoffnung und
beobachten ängstlich, ob wir immer noch die Gesellschaft sind, die zu werden wir uns zum Ziel gemacht
haben. Soll die Geschichte festhalten, daß wir uns
zu unserer Zeit mit der Herausforderung konfrontiert
sahen, uns zu erinnern, wer wir sind und schließlich
zu glauben, "daß wir mehr sind als unseres Bruders
Hüter, daß wir auf dieser Erde sein Retter sind und er
unserer".

*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 31

�VETERANS

DAY
8. November 1995

Amerikanische Streitkräfte fördern
Demokratie und Frieden
Proklamation zum 11. November
WASHINGTON - (AD) - In seiner jährlichen Proklamation zum Veterans Day lobt Präsident Clinton die Loyalität
und den Mut der amerikanischen Streitkräfte und verweist darauf, daß die Vereinigten Staaten aufgrund ihrer
Bestrebungen ein Symbol der Hoffnung für all jene sind, die Demokratie und Frieden suchen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus am 24. Oktober 1995 herausgegebenen Text der
Proklamation des Präsidenten.

In Kriegs- und in Friedenszeiten haben die Streitkräfte der Vereinigten Staten dazu beigetragen, die
in unserer Verfassung garantierten grundlegenden
Rechte und Freiheiten zu schützen. Unsere Männer
und Frauen in Uniform sind jeden Tag rund um die
Uhr wachsam um sicherzustellen, daß unsere Nation
keinen Schaden nimmt und unsere Bürger frei von
Angst leben können. Die von den amerikanischen
Truppen erbrachten Opfer, ihr in der gesamten
Geschichte gezeigtes Engagement und Pflichtbewußtsein haben Demokratie und Menschenwürde
auf der ganzen Welt gefördert.
Seit Generationen reagieren mutige Bürger aus allen
Lebensbereichen auf den Ruf zum Wehrdienst und
kämpfen für die Verteidigung der Ideale, die uns lieb
und teuer sind. In langen Jahren der Trennung und
Härte haben die von unseren Veteranen geleisteten
selbstlosen Beiträge die Segnungen der Freiheit
bewahrt. Während wir ihre heroischen Taten ehren,
sollten wir auch der Familien gedenken, deren
Unterstützung und Gebete so viel bewirkt haben.
Wir schulden all jenen aufrichtigen Dank, deren
Einsatz und Mühe - sowohl auf dem Schlachtfeld als
auch in den Gemeinden im gesamten Land - die
starke Grundlage für den Frieden und die Sicherheit
legten, deren wir uns heute erfreuen.
50 Jahre nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs ehren wir mit besonderem Stolz diejenigen,
die den Vereinigten Staaten während dieses
schrecklichen Konflikts dienten - die 16.535.000
Männer und Frauen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Unterdrückung zu bekämpfen. Das
darauffolgende halbe Jahrhundert führte zu umwälzenden Veränderungen bei den globalen Angelegenheiten, und die Veteranengeneration, die über

AMERIKA DIENST 31

die Tyrannei triumphierte, hat weiterhin einen besonderen Platz im Herzen unserer Nation.
Den Veteranen aus anderen in der Geschichte
unserer Nation geführten Kriegen gebührt nicht
weniger Ehre. Heute gibt es in Amerika ungefähr 27
Millionen Veteranen, deren Dienst vom Ersten
Weltkrieg über den Kalten Krieg bis zum Golfkrieg
und unsere jüngsten Militärmissionen auf dem
gesamten Globus reicht. Dank ihrer Loyalität und
ihres Mutes bleibt dieses Land auch in Zukunft ein
Symbol der Hoffnung für all jene, die Demokratie und
Frieden anstreben. Am Veterans Day sowie an
jedem anderen Tag im Jahr wollen wir der Opfer
unserer Veteranen gedenken und unsere Verpflichtung erneuern, das Schicksal ihrer Kameraden in
Uniform zu erforschen, die unbekannt und unbestattet
auf fernen Schlachtfeldern gefallen sind.
Um denjenigen Ehre zu erweisen, die in unseren
Streitkräften Dienst taten, legte der Kongreß fest
(5 U.S.C. 6103(a)), daß der 11. November jedes
Jahres dafür vorgesehen ist, den amerikanischen
Veteranen Anerkennung zu zollen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
hiermit Samstag, den 11. November 1995, zum
Veterans Day. Ich fordere alle Amerikaner auf, die
Entschlossenheit und das Engagement unserer
Veteranen durch angemessene öffentliche Feiern und
private Gebete zu ehren. Ich rufe die Staatsbediensteten auf nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler Ebene auf, die Flagge der Vereinigten
Staaten zu hissen, patriotische Aktivitäten in ihren
Gemeinden zu ermutigen und daran teilzunehmen.
Ich fordere Bürgergruppen und Vereine, Religions-

Seite 1

�Stätten, Schulen, Unternehmen, Gewerkschaften und
die Medien dazu auf, diesen nationalen Gedenktag
mit angemessenen Feierlichkeiten und Programmen
zu begehen.

Unterzeichnet am 24. Tag des Oktober im Jahre des
Herrn 1995 und im 220. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika,

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 31

�SPORT
8. November 1995

Die Olympischen Spiele
von Stephen E. Roulac
(AD) - Die Veranstaltung der Olympischen Sommerspiele 1996 bietet der Stadt Atlanta (Georgia) eine Chance,
sich der Welt als attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten darzustellen. Der Verfasser unterbreitet Vorschläge,
wie die Stadt ihr Prestige und ihre Bekanntheit infolge der Olympischen Spiele verbessern kann und gibt
Empfehlungen, wie Fehler bei der Veranstaltung vermieden werden können.
Der Autor ist Partner der Roulac Gruppe, einer Wirtschafts-Beratungsfirma. Er blickt auf langjährige Erfahrung
in der Vermarktung von Sportveranstaltungen zurück und hat eine Reihe von Städten beraten, darunter Atlanta
und Los Angeles.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Futurist, Ausgabe
November/Dezember 1993, herausgegeben von der World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450,
Bethesda, MD 20814, USA. Copyright (c) 1993 World Future Society.

Wahrscheinlich kommt keine andere Veranstaltung
in der gegenwärtigen Gesellschaft den Auswirkungen der Olympischen Spiele auf die Wirtschaft, das
Selbstbewußtsein und die Rolle einer Region in der
internationalen Staatengemeinschaft gleich. Das
olympische Schlaglicht fällt auf die Stadt, die Gastgeber für Athleten, Regierungsvertreter und Besucher aus allen Kontinenten und nahezu 200 Ländern
ist, die sich vor weltweit 3 Milliarden Fernsehzuschauern versammeln.
Positive und negative Aspekte der Region werden
vorgestellt und wie durch eine Lupe betrachtet.
1984 genoß Los Angeles großes Ansehen bei der
internationalen Staatengemeinschaft aufgrund der
erfolgreichen Ausrichtung der Olympiade, bei der
guter Wille und finanzieller Erfolg in krassem Gegensatz zu den Querelen und wirtschaftlichen Belastungen früherer Olympiaden standen. Nachdem die
Wahl auf Atlanta (Georgia) als Veranstalter der
hundertsten Olympischen Sommerspiele 1996
gefallen ist, muß die Stadt die Euphorie aufgrund der
Entscheidung mit der Realität des langfristigen
Pragmatismus in Einklang bringen.
Die Olympiade wird nicht automatisch positive
Publicity und wirtschaftlichen Wohlstand über die
auserwählte Stadt bringen. Aber die Spiele bieten
den gastgebenden Städten die Chance, in der Welt
bekannt zu werden und sich als attraktiver Ort zum
Leben und Arbeiten darzustellen.

AMERIKA DIENST 31

Die Unterstützung der Gemeinden von Los Angeles
für die Sommerspiele 1984 erfolgte anfänglich wenig
begeistert, nahm jedoch kurz vor den Spielen rasch
zu, als offenkundig war, daß die Spiele ein finanzieller, logistischer und künstlerischer Erfolg würden. Die
Spiele von Atlanta beginnen mit beträchtlichem
lokalem Enthusiasmus und Stolz, aber während die
Aufregung über die außerordentliche Leistung,
Ausrichter der Spiele von 1996 zu sein, abnimmt, ist
die Bewahrung des Enthusiasmus und der kommunalen Unterstützung entscheidend. Die Programme müssen die breitgefächerte Beteiligung an der
Planung und Veranstaltung der Spiele beinhalten.
Wirtschaftliche Erwägungen
Die Olympischen Spiele in Los Angeles sollen
Berichten zufolge brutto rund 1,4 Milliarden Dollar
gekostet und ungefähr 75.000 temporäre Arbeitsplätze geschaffen haben. Erste Schätzungen für die
Olympischen Spiele in Atlanta belaufen sich auf 3,5
Milliarden Dollar an primären und sekundären Aufwendungen der Volkswirtschaft von Georgia und die
Schaffung von ca. 83.000 Arbeitsplätzen.
Die Vorteile der Ausrichtung der Spiele liegen vielleicht nicht immer sofort auf der Hand. Die Olympiade ist die einmalige Chance, bekannt zu werden. Die
Bekanntheit, die Barcelona durch die Veranstaltung
der Sommerspiele 1992 erhielt, war eine wichtige
Erwägung bei Entscheidungen über Unternehmensexpansionen in Spanien und von internationalen

Seite 1

�Firmen, die sich in Spanien ansiedeln wollten.
Entsprechend war Calgary in Alberta (Kanada) vor
der Veranstaltung der Winterolympiade 1988 nicht
besonders bekannt, wurde danach jedoch zu einer
führenden Touristenattraktion insbesondere für
Asiaten.
Für Atlanta gilt, daß eine Veranstaltung wie die
Olympischen Spiele das Niveau der Stadt hebt, aber
nicht einen Zustrom sich ansiedelnder Unternehmen
garantiert. Solche Entscheidungen müssen letztlich
auf Unternehmensgrundsätzen basieren.
Eine Olympiade kann jedoch neues Vertrauen in die
Region wecken, Investoren motivieren, die vorher
diese Region nicht als Ziel für Kapitalaufwendungen
in Betracht gezogen hatten. Dieses Phänomen ist in
Atlanta offenkundig, wo Investoren, die bisher nicht
geneigt waren, Hotelinvestitionen vorzunehmen, jetzt
neues Vertrauen in die Region zeigen und aktiv
Hotelinvestitionschancen suchen.
Die Olympischen Spiele können die Anziehungskraft
eines Ausrichtungsortes weltweit und unter den
Ortsansässigen verstärken. Aber die Anziehungskraft garantiert nicht andauernde wirtschaftliche
Lebensfähigkeit und soziale Harmonie, wie durch die
Rassenspannungen und wirtschaftlichen Härten in
Los Angeles in den letzten Jahren lebhaft demonstriert wurde. Ein noch dramatischeres Beispiel der
Dominanz des Ausrichtungsortes über den Zauber
der Olympischen Spiele war das Versagen der
Winterolympiade in Sarajevo 1984, den Weg zu
innenpolitischer Harmonie zu ebnen. Statt dessen
gab es bürgerliche Konflikte und Unruhen, die ein
Jahrzehnt später zu einem Konflikt eskaliert waren.
Das Gepränge der olympischen Feiern ist kein
Ersatz für die Anziehungskraft des Ortes: Als Ort
zum Leben und Arbeiten, mit einer gut ausgebildeten
und motivierten Erwerbsbevölkerung, verfügbarem
und finanzierbarem Wohnraum, guten Verkehrsanbindungen, einer Regierung, die Unternehmen
keine ungebührlichen Restriktionen und hohen
Steuern auferlegt und vor allem - Lebensqualität.
"Gewinnen" bei den Olympischen Spielen
Vor dem außergewöhnlichen Erfolg der Spiele von
Los Angeles bestand ein wachsender Konsens
darüber, daß die Auswahl der Stadt für die Veranstaltung Olmypischer Spiele die klassische Geschichte mit einer guten und einer schlechten
Nachricht war, wobei die gute Nachricht das Prestige
und die Werbung für die Stadt, die schlechte Nachricht die resultierenden finanziellen Verpflichtungen
waren. Tatsächlich war die finanzielle Bilanz der
Olympischen Spiele vor Los Angeles katastrophal.

Seite 2

Montreal (Gastgeber der Sommerspiele von 1976)
machte Berichten zufolge Verluste in Höhe von 1
Milliarde Dollar.
Sowohl Montreal als auch Moskau (Sommerspiele
1980) tätigten beträchtliche Ausgaben für den Bau
von Einrichtungen, während Los Angeles weitgehend
auf bestehende Einrichtungen zurückgreifen konnte,
die zum Teil für die Sommerspiele 1932 errichtet
worden waren. Das Fahrradrennen von 1984 wurde
auf den Straßen der Gemeinde Mission Viejo abgehalten, während in Moskau speziell für den olympischen Wettbewerb ein 12 Kilometer langer Straßenabschnitt gebaut wurde. Obwohl sie damals eine der
besten Einrichtungen für Fahrradrennen der Welt
darstellte, war die Straße bereits ein Jahrzehnt später
baufällig, und durch ihre Risse wuchs Unkraut. Die
Anwohner führen dort ihre Hunde aus.
Einer der größten Vorteile der Ausrichtung Olympischer Spiele ist ihre anregende Wirkung auf den
Ausbau der Infrastruktur. Die Spiele von Los Angeles
boten einen wichtigen Anreiz für umfangreiche
Renovierungsarbeiten des internationalen Flughafens
von Los Angeles. Da der Flughafen oft den ersten
Kontakt eines Besuchers mit der Region darstellt,
sollten seine Einrichtungen neu, sauber und effizient
sein. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Begrüßung von Besuchern und ihrer reibungslosen Beförderung in ihre Quartiere gewidmet werden. Diese
Bestrebungen erhöhen die Chance, daß die Besucher
der Olympischen Spiele guter Laune eintreffen.
Langfristige Verbesserungen
Die wirtschaftlichen Kosten größerer Kapitalaufwendungen zur Verbesserung der Qualität von
Unterbringungs- und Erholungseinrichtungen sind so
groß, daß die Veranstalter sich keine Ausgaben
leisten können, die ineffizient sind oder keinen
langfristigen Nutzen haben. Man kann von den in
New Orleans (Louisiana) und Knoxville (Tennessee)
gemachten Fehlem lernen: In Erwartung der Nachfrage bei der Weltausstellung fand am oberen Ende
des Hotelmarktes eine dramatische Bauaktivität statt,
die zu einem beträchtlichen Überschuß an Hotelzimmern führte. In Atlanta wären die Planer gut beraten,
sich auf den Bau von Häusern für die "mittlere
Einkommensklasse" zu konzentrieren, die nach den
Spielen umgebaut und als dauerhafter Wohnraum
genutzt werden können.
Alles in allem erwiesen sich die Olympischen Spiele
von Los Angeles als große wirtschaftliche Belebung
der Region. Sie erfüllten die Menschen mit Stolz,
motivierten sie zur Zusammenarbeit und ermutigten
die überwiegend positive Entwicklung der Infrastruktur. Letztlich waren die Olympischen Spiele ein

AMERIKA DIENST 31

�Wendepunkt für eine Stadt, die man nicht verstand.
Atlanta kann durch angemessene Planung und
gemeinsame Bestrebungen ein ähnlich positives
Ergebnis erzielen.
Atlanta könnte sogar noch mehr von der mit den
Olympischen Spielen einhergehenden weltweiten
Aufmerksamkeit profitieren als Los Angeles. Da At-

*

AMERIKA DIENST 31

lanta in anderen Ländern nicht besonders bekannt ist
- man assoziiert die Stadt vor allem als Schauplatz
von "Vom Winde verweht" - könnten die langfristigen
Vorteile erfolgreicher Olympischer Spiele sehr groß
sein. Der hundertste Jahrestag der modernen
Olympischen Spiele bietet Atlanta eine einzigartige
Chance, sich zu einer wichtigen Weltstadt des 21.
Jahrhunderts zu entwickeln.

* * * *

Seite 3

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^

cimerikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28. November 1995

SONDERDIENST

BOSNIEN

USA SOLLTEN FRIEDEN IN BOSNIEN
UNTERSTÜTZEN
Rede von Präsident Clinton

Dieser Artikel ist elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Frau
Gaby N i e s s e n
USISsI

u

X

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
28. November 1995

USA SOLLTEN FRIEDEN IN BOSNIEN UNTERSTÜTZEN
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - In einer landesweit übertragenen Femsehansprache appellierte Präsident Clinton am
27. November 1995 an das amerikanische Volk, den Friedensplan für Bosnien mit der Entsendung
amerikanischer Truppen als Teil der NATO-Truppe zur Umsetzung des Friedens zu unterstützen. Der
Präsident unterstrich, daß die Sicherung des Friedens in Bosnien "auch zum Aufbau eines freien und stabilen
Europa" beitragen wird. Frieden in Bosnien würde darüber hinaus zu "Stabilität in Zentraleuropa" führen, einer
Region, deren Freiheit und Stabilität "von elementarer Bedeutung" für die nationalen Interessen der Vereinigten
Staaten sei.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Fernsehansprache des Präsidenten im Wortlaut.

In der vergangenen Woche erzielten die kriegführenden Parteien in Bosnien ein Friedensabkommen als
Resultat unserer Bestrebungen in Dayton und der
Unterstützung unserer europäischen und russischen
Partner. Heute abend möchte ich zu Ihnen über die
Umsetzung des bosnischen Friedensabkommens
sprechen und begründen, warum unsere Werte und
Interessen als Amerikaner unsere Beteiligung erforderlich machen.
Als erstes möchte ich klarstellen, daß die amerikanische Rolle nicht darin besteht, einen Krieg zu
führen. Unsere Rolle ist es, den Menschen in
Bosnien bei der Sicherung ihres eigenen Friedensabkommens behilflich zu sein. Unsere Mission wird
begrenzt und zielgerichtet sein und unter dem
Oberbefehl eines amerikanischen Generals stehen.
Mit der Ausführung dieser Mission haben wir die
Chance, die Ermordung unschuldiger Zivilisten,
insbesondere von Kindern, zu beenden und gleichzeitig Stabilität in Zentraleuropa herbeiführen, einer
Rpgion, deren Freiheit und Stabilität von elementarer
Bedeutung für die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten ist. Wir tun das Richtige.
Seit der Gründung unserer Nation war Amerika stets
sehr viel mehr als nur irgendein Ort. Amerika
verkörpert eine Idee, die zum Ideal für Milliarden von
Menschen auf der ganzen Welt geworden ist.
Unsere Gründerväter haben es am besten formuliert:
Amerika steht für Leben, Freiheit und das Streben
nach Glück.

AMERIKA DIENST

Insbesondere in diesem Jahrzehnt hat Amerika mehr
getan als nur für diese Ideale einzutreten. Wir haben
im Geiste dieser Ideale gehandelt und Opfer für sie
gebracht. Unser Volk hat in zwei Weltkriegen gekämpft, damit Freiheit den Sieg über die Tyrannei
davontragen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg
zogen wir uns aus der Welt zurück und hinterließen
ein Vakuum, das von den Kräften des Hasses gefüllt

wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir weiterhin eine
Führungsrolle in der Welt übernommen. Wir gingen
die Verpflichtungen ein, die den Frieden bewahrten,
zur Verbreitung von Demokratie beitrugen, beispiellosen Frieden und Wohlstand schufen und die zum
Sieg im Kalten Krieg führten.
Wegen unseres Engagements streben heute immer
mehr Menschen auf der ganzen Welt nach den
amerikanischen Idealen - Freiheit, Demokratie und
Frieden. Es ist noch mehr die Macht unserer Ideale
als unsere Größe, unser Wohlstand und unsere
Militärmacht, die Amerika zu einer einzigartig bewährten Nation machen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges stellen einige nun
die Notwendigkeit unserer andauernden aktiven
Führungsrolle in der Welt in Frage. Ebenso wie nach
dem Ersten Weltkrieg glauben sie, daß Amerika sich
jetzt seinen Pflichten als Führungsmacht entledigen
kann. Sie argumentieren, um sicher zu sein, müßten
wir nur unsere Grenzen sichern und daß es jetzt an
der Zeit sei, anderen die harte Arbeit der Führung
jenseits unserer Grenzen zu überlassen.
Dem
widerspreche ich entschieden.

Seite 1

�Während der Kalte Krieg dem Weltdorf weicht, ist
unsere Führungsrolle notwendiger denn je, weil
Probleme, die jenseits unserer Grenzen beginnen,
schnell zu Problemen innerhalb unserer Grenzen
werden können. Wir alle sind verwundbar durch die
organisierten Kräfte der Intoleranz und Zerstörung,
Terrorismus, ethnische, religiöse und regionale
Rivalitäten, die Verbreitung des organisierten Verbrechens, von Massenvernichtungswaffen und
Drogenhandel. Ebenso wie Faschismus und Kommunismus bedrohen auch diese Kräfte Freiheit und
Demokratie, Frieden und Wohlstand. Und auch sie
erfordern eine amerikanische Führungsrolle.
Aber nirgends ist das Argument für unsere Führungsrolle besser gerechtfertigt als im Kampf zur
Beendigung oder Verhinderung von Krieg und zivilen
Unruhen. Vom Irak bis Haiti, von Südafrika bis
Korea, vom Nahen Osten bis nach Nordirland sind
wir für Frieden und Freiheit eingetreten, weil es in
unserem Interesse lag, dies zu tun und weil es das
Richtige war.
Das heißt jedoch nicht, daß wir jedes Problem lösen
können. Meine Aufgabe als Präsident ist es, die
Anforderungen an die amerikanische Führungsrolle
mit unseren strategischen Interessen und unserer
Fähigkeit in Einklang zu bringen, etwas zu bewirken.
Amerika kann und darf nicht der Weltpolizist sein.
Wir können nicht alle Kriege für alle Zeiten beenden,
aber wir können einige Kriege beenden. Wir können
nicht alle Frauen und alle Kinder retten, aber wir
können viele retten. Wir können nicht alles tun, aber
wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun.
Es gibt Zeiten und Orte, wo unsere Führungsrolle
den Unterschied zwischen Frieden und Krieg ausmachen kann, wo wir unsere grundlegenden Werte
als Volk verteidigen und unseren fundamentalen
strategischen Interessen dienen können. Meine
amerikanischen Mitbürger - in diesem neuen Zeitalter gibt es immer noch Zeiten, in denen einzig und
allein Amerika Frieden herbeiführen kann und sollte.
Der schreckliche Krieg in Bosnien ist ein solcher
Fall. Nirgendwo auf der Welt von heute ist die
Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle
offensichtlicher oder vordringlicher als in Bosnien.
Seit nahezu vier Jahren spaltet ein schrecklicher
Krieg das Land. Schrecken, von denen wir beteten,
sie mögen für immer aus Europa verbannt sein,
brannten sich wieder in unser Gedächtnis: Abgemagerte Gefangene, eingepfercht hinter Stacheldrahtzäunen, als Instrument des Krieges systematisch
vergewaltigte Frauen und Kinder, wehrlose Männer
und Jungen, die vor Massengräbern exekutiert
wurden, beschworen Visionen der Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs und endloser Flucht-

Seite 2

lingsströme herauf, die in eine Zukunft der Verzweiflung marschierten.
Bei meiner Amtsübernahme drängten einige auf eine
unverzügliche Intervention in den Konflikt.
Ich
entschied, daß amerikanische Bodentruppen nicht in
dem Krieg in Bosnien kämpfen sollten, weil die
Vereinigten Staaten nicht den kriegführenden ethnischen Gruppen in Bosnien den Frieden aufzwingen
sollten: Den Serben, Kroaten und Muslims. Statt
dessen arbeiteten die Vereinigten Staaten mit ihren
europäischen Verbündeten beim Streben nach
Frieden zusammen, verhinderten eine Ausweitung
des Krieges und milderten das Leiden des bosnischen Volkes.
Wir verhängten strenge Wirtschaftssanktionen gegen
Serbien. Wir setzten unsere Luftwaffe für die längste
humanitäre Luftbrücke der Geschichte und zur
Durchsetzung der Flugverbotszone ein, die den Krieg
aus der Luft beendete. Wir trugen zur Schaffung des
Friedens zwischen zwei der drei kriegführenden
Parteien bei - den Muslims und den Kroaten.
Aber als aus den Monaten des Krieges Jahre wurden, wurde deutlich, daß Europa allein den Konflikt
nicht beenden kann. In diesem Sommer verwandelten die Artillerieangriffe der bosnischen Serben die
Spiel- und Marktplätze in Bosnien erneut in Felder
des Todes. Als Reaktion darauf führten die Vereinigten Staaten die schweren und kontinuierlichen
Luftangriffe der NATO an, die häufig von ausgezeichneten und mutigen amerikanischen Piloten geflogen
wurden. Zusammen mit der Entschlossenheit unserer europäischen Partner und den Gewinnen der
Bosnier und Kroaten auf dem Schlachtfeld überzeugten diese Luftangriffe schließlich die Serben, über
einen Frieden nachzudenken.
Gleichzeitig leiteten die Vereinigten Staaten intensive
diplomatische Bestrebungen in die Wege, die einen
Waffenstillstand in ganz Bosnien herbeiführten und
die Parteien dazu brachten, den grundlegenden
Prinzipien des Friedens zuzustimmen. Drei äußerst
engagierte Diplomaten - Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew - ließen dabei ihr Leben. Heute abend
gedenken wir ihres Opfers und das ihrer Familien,
und wir werden nie den außergewöhnlichen Dienst
vergessen, den sie unserer Nation erwiesen haben.
Vor nur drei Wochen kamen die Muslims, Kroaten
und Serben schließlich nach Dayton im Herzen
Amerikas, um eine Lösung auszuhandeln. Erschöpft
vom Krieg gingen sie dort die Verpflichtung zu
Frieden ein. Sie stimmten zu, ihre Waffen niederzulegen, Bosnien als einheitlichen Staat zu bewahren, gegen Kriegsverbrecher zu ermitteln und sie zu
verfolgen, die Menschenrechte aller Bürger zu

AMERIKA DIENST

�schützen und eine friedliche, demokratische Zukunft
aufzubauen. Und sie baten um die Hilfe der Amerikaner bei der Umsetzung dieses Friedensabkommens.
Amerika hat die Pflicht, auf diese Bitte einzugehen
und diesen Augenblick der Hoffnung zu einer dauerhaften Realität zu machen. Dafür würden Truppen
unseres Landes und aus der ganzen Welt nach
Bosnien entsandt, um den Menschen dort das
Vertrauen und die Unterstützung zu geben, die sie
zur Umsetzung ihres Friedensplans benötigen. Ich
weigere mich, amerikanische Truppen zu entsenden,
damit sie in einem Krieg in Bosnien kämpfen, aber
meines Erachtens müssen wir zur Sicherung des
bosnischen Friedens beitragen.
Ich möchte Ihnen heute abend sagen, was auf dem
Spiel steht, was unsere Truppen genau leisten
sollen, und warum wir unserer Verantwortung
gerecht werden müssen, bei der Umsetzung des
Friedensabkommens behilflich zu sein. Die Umsetzung des Abkommens in Bosnien kann das schreckliche Leid der Menschen beenden - die Kampfhandlungen, die Massenexekutionen, die ethnischen
Säuberungen, die Kampagnen der Vergewaltigung
und des Terrors. Wir wollen nie die Viertelmillion
Männer, Frauen und Kinder vergessen, die Artillerieangriffen oder Gewehrkugeln zum Opfer fielen oder
zu Tode gefoltert wurden. Zwei Millionen Menschen
- die Hälfte der Bevölkerung - wurden aus ihrer
Heimat in ein erbärmliches Flüchtlingsdasein vertrieben. Und diese gesichtslosen Zahlen haben
Millionen realer, persönlicher Schicksale, denn jedes
Opfer des Krieges war eine Mutter oder Tochter, ein
Vater oder Sohn, ein Bruder oder eine Schwester.
Jetzt ist der Krieg beendet. Die amerikanische
Führungsrolle hat die Chance geschaffen, einen
Frieden aufzubauen und das Leiden zu beenden.
Die Sicherung des Friedens in Bosnien wird auch
zum Aufbau eines freien und stabilen Europa beitragen. Bosnien liegt mitten im Herzen Europas,
umgeben von einigen der instabilen neuen Demokratien und einigen unserer engsten Verbündeten.
Generationen von Amerikanern haben verstanden,
daß die Freiheit und Stabilität Europas von elementarer Bedeutung für unsere nationale Sicherheit ist.
Aus diesem Grund haben wir zwei Kriege in Europa
geführt. Aus diesem Grund haben wir den Marshallplan zum Wiederaufbau Europas in die Wege
geleitet. Aus diesem Grund haben wir die NATO
gegründet und den Kalten Krieg geführt. Und aus
diesem Grund müssen wir den Nationen Europas
behilflich sein, den schlimmsten Alptraum seit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs zu beenden - jetzt.

AMERIKA DIENST

Die einzige Streitmacht zur Bewältigung dieser
Aufgabe ist die NATO - das mächtige Militärbündnis
von Demokratien, das unsere Sicherheit jetzt seit
einem halben Jahrhundert garantiert.
Und als
Führungsmacht der NATO und wichtigster Makler des
Friedensabkommens müssen die Vereinigten Staaten
unerläßlicher Bestandteil dieser Mission sein. Wenn
wir nicht dort sind, wird die NATO nicht dort sein.
Der Frieden wird brechen. Der Krieg wird Wiederaufflammen.
Das Gemetzel an Unschuldigen wird
wieder beginnen. Ein Konflikt, der bereits so viele
Opfer gefordert hat, könnte sich wie ein Flächenbrand
in der gesamten Region ausbreiten, die Stabilität
Europas unterminieren und unsere Partnerschaft mit
unseren europäischen Verbündeten aushöhlen.
Die amerikanische Verpflichtung zu einer Führungsrolle wird darüber hinaus in Frage gestellt, wenn wir
uns weigern, uns an der Umsetzung des Friedensabkommens zu beteiligen, das wir hier in den Vereinigten Staaten vermittelt haben, insbesondere, weil
die Präsidenten von Bosnien, Kroatien und Serbien
uns um die Beteiligung gebeten und alle ihr Wort für
die Sicherheit unserer Truppen gegeben haben.
Wenn die Partnerschaften Amerikas schwach sind
und unsere Führungsrolle bezweifelt wird, unterminiert dies unsere Fähigkeit, unsere Interessen zu
wahren und andere von der Zusammenarbeit mit uns
zu überzeugen. Wenn wir unsere Partnerschaften
und unsere Führungsrolle aufrechterhalten, müssen
wir nicht im Alleingang handeln. Wie wir im Golfkrieg
und in Haiti gesehen haben, werden viele andere
Nationen, die unsere Zielsetzungen teilen, auch die
Lasten teilen. Aber wenn Amerika keine Führungsrolle übernimmt, können die Konsequenzen äußerst
schwerwiegend sein, nicht nur für andere, sondern
letztlich auch für uns.
Während ich zu Ihnen spreche, schließt die NATO
die Planung für die IFOR ab - eine internationale
Truppe zur Umsetzung des Friedens in Bosnien von
rund 60.000 Mann. Über 25 andere Nationen,
darunter unsere wichtigsten NATO-Verbündeten,
haben bereits ihre Beteiligung zugesichert.
Sie
werden ungefähr zwei Drittel der gesamten Umsetzungstruppe stellen - rund 40.000 Soldaten. Die
Vereinigten Staaten würden den Rest beitragen,
ungefähr 20.000 Mann.
Gegen Ende der Woche wird mir der endgültige
NATO-Plan zur Überprüfung und Zustimmung vorgelegt. Ich möchte eindeutig klarstellen, was er
meine Ansicht nach enthalten sollte und enthalten
muß, damit ich meine Zustimmung zur Beteiligung
unserer Streitkräfte gebe:

Seite 3

�Erstens wird die Mission genau definiert sein mit
klaren, realistischen Zielen, die in einem bestimmten
Zeitraum erreicht werden können. Unsere Truppen
werden sicherstellen, daß jede Seite ihre Streitkräfte
hinter die Frontlinien abzieht und dort stationiert läßt.
Sie werden den Waffenstillstand aufrechterhalten,
um ein versehentliches erneutes Ausbrechen des
Krieges zu verhindern. Diese Bestrebungen werden
wiederum zur Schaffung eines sicheren Umfelds
beitragen, damit die Menschen in Bosnien in ihre
Heimat zurückkehren, bei freien Wahlen ihre Stimme
abgeben und mit dem Wiederaufbau ihres Lebens
beginnen können. Unsere Vereinigten Stabschefs
sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß diese
Mission ungefähr ein Jahr dauern sollte und wird.
Zweitens wird das Risiko für unsere Truppen auf ein
Minimum reduziert. Die amerikanischen Truppen
werden ihre Befehle von einem amerikanischen
General entgegennehmen, der NATO-Kommandeur
ist. Sie werden schwer bewaffnet und gut ausgebildet sein. Durch eine überwältigende Demonstration
von Macht werden sie die Notwendigkeit des Einsatzes von Gewalt verringern. Aber im Gegensatz
zu den UN-Truppen werden sie die Befugnis, die
Ausbildung und das Gerät haben, unverzüglich mit
überwältigender Macht auf jede Bedrohung ihrer
eigenen Sicherheit oder jede Verletzung der militärischen Bestimmungen des Friedensabkommens zu
reagieren.
Wenn der NATO-Plan meine Zustimmung findet,
werde ich ihn unverzüglich dem Kongreß übermitteln
und um seine Unterstützung ersuchen. Ich werde
auch die Beteiligung einer kleinen Anzahl amerikanischer Soldaten an einer NATO-Vorhut genehmigen,
die in der nächsten Woche die Vorbereitungsarbeit
für die IFOR übernimmt. Sie werden Hauptquartiere
einrichten und das hochmoderne Kommunikationssystem aufbauen, das vor der Entsendung der
Truppen, Panzer und Lastwagen der NATO nach
Bosnien funktionieren muß.
Die Truppe zur Umsetzung des Friedensabkommens
selbst würde in den Tagen nach der offiziellen

Unterzeichnung des Friedensabkommens Mitte
Dezember nach Bosnien disloziert. Die internationale Staatengemeinschaft wird bei der Umsetzung der
Rüstungskontrollbestimmungen des Abkommens
behilflich sein, damit zukünftige Feindseligkeiten
weniger wahrscheinlich und die Rüstungen begrenzt
werden, während die Völkergemeinschaft - die
Vereinigten Staaten und andere - sicherstellen, daß
die Bosnische Föderation die Mittel zu ihrer eigenen
Verteidigung nach dem Abzug der IFOR hat. Die
IFOR wird nicht Teil dieser Bestrebungen sein.

Seite 4

Zivile Behörden auf der ganzen Welt werden ein
getrenntes Programm humanitärer Hilfslieferungen
und für den Wiederaufbau in die Wege leiten, das
vornehmlich von unseren europäischen Verbündeten
und anderen interessierten Ländern finanziert wird.
Auch diese Bestrebungen sind absolut unerläßlich,
damit der Frieden dauerhaft ist.
Diese Behörden werden den Menschen in Bosnien
die Nahrungsmittel, Unterkünfte, Kleidung und
Medikamente bringen, die ihnen so lange verweigert
wurden. Sie werden ihnen beim Wiederaufbau helfen
- dem Wiederaufbau ihrer Straßen und Schulen, ihrer
Kraftwerke und Krankenhäuser, ihrer Fabriken und
Geschäfte. Sie werden Kinder wieder mit ihre Eltern
zusammenführen und Familien in ihre Häuser zurückbringen. Sie werden den Bosniern die freie Wahl
ihrer Politiker gestatten. Sie werden allen Menschen
in Bosnien ein sehr viel größeres Interesse an
Frieden als an Krieg vermitteln, so daß der Frieden
mit Leben erfüllt wird und seine eigene Logik entfaltet.
Wir können und werden in Bosnien Erfolg haben, weil
unsere Mission klar und begrenzt ist und unsere
Truppen stark und gut vorbereitet sind. Aber, meine
amerikanischen Mitbürger, keine Entsendung amerikanischer Truppen ist risikolos, und diese Mission
kann sehr wohl Opfer fordern. Es kann Zwischenfälle
im Feld oder mit Menschen geben, die ihren Haß
noch nicht aufgegeben haben. Ich werde jede
erdenkliche Maßnahme ergreifen, um diese Risiken
auf ein Minimum zu reduzieren, aber wir müssen auf
diese Möglichkeit vorbereitet sein.
Als Präsident gibt es für mich nichts Schwierigeres,
als die Männer und Frauen, die sich freiwillig in den
Dienst unserer Nation stellen, einem Risiko auszusetzen, wenn unsere Interessen und Werte es
verlangen. Ich übernehme die volle Verantwortung
für jeden Schaden, den sie erleiden könnten. Aber
jeder, der irgendeine Aktion in Betracht zieht, die
unsere Truppen in Gefahr bringen könnte, muß
wissen: Amerika schützt die Ihren. Jeder - jeder der die Hand gegen unsere Truppen erhebt, wird die
Konsequenzen zu spüren bekommen. Wir werden
Gleiches mit Gleichem - und mehr - vergelten.
Nach so viel Blutvergießen und Verlusten, nach so
viel abscheulichen Akten unmenschlicher Brutalität
wird es außergewöhnlicher Willenskraft seitens des
bosnischen Volkes bedürfen, sich von der Vergangenheit zu lösen und eine neue Zukunft des Friedens
aufzubauen. Aber mit unserer Führungskraft und
dem Engagement unserer Verbündeten kann das
bosnische Volk die Chance erhalten, seine Zukunft in
Frieden zu entscheiden. Es kann die Chance erhalten, die Welt daran zu erinnern, daß nur wenige

AMERIKA DIENST

�Jahre zuvor die Moscheen und Kirchen von Sarajevo
ein leuchtendes Symbol multiethnischer Toleranz
waren und Bosnien einst seine Einheit in Vielfalt
fand. In der Tat war der Friedhof im Zentrum der
Stadt vor nur wenigen Jahren das herrliche Stadion,
im dem die Olympischen Spiele stattfanden - unser
universelles Symbol für Frieden und Harmonie.
Bosnien kann wieder ein solcher Ort sein. Deswegen dürfen wir jetzt Bosnien nicht den Rücken
zukehren.
Und so bitte ich alle Amerikaner und jedes Mitglied
des Kongresses - Demokraten und Republikaner
gleichermaßen - sich für den Frieden zu entscheiden. Bei der Entscheidung zwischen Frieden und
Krieg muß Amerika den Frieden wählen.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich bitte Sie, nur
einen Augenblick über dieses zu Ende gehende
Jahrhundert und das bald beginnende neue nachzudenken. Weil frühere Generationen von Amerikanern für die Freiheit eintraten und weil wir dies
weiterhin tun, lebt das amerikanische Volk in mehr
Sicherheit und Wohlstand. Und auf der ganzen Welt
leben mehr Menschen als je zuvor in Freiheit. Mehr
Menschen als je zuvor werden mit Würde behandelt.
Mehr Menschen als je zuvor können auf ein besseres Leben hoffen. Darum geht es bei der amerikanischen Führungsrolle.

Wir wissen, daß dies die Segnungen der Freiheit
sind, und Amerika war stets der größte Verfechter der
Freiheit. Wenn wir weiterhin alles in unserer Macht
Stehende tun, um diese Segnungen mit den Menschen auf der ganzen Welt zu teilen, wenn wir
weiterhin die Triebkraft für Frieden sind, dann kann
das nächste Jahrhundert die beste Zeit werden, die
unsere Nation je erlebt hat.
Vor wenigen Wochen hatte ich die Ehre, einige Zeit
mit Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. während
seines Besuches in den Vereinigten Staaten verbringen zu dürfen. Am Ende unseres Gesprächs
blickte der Papst mich an und sagte: "Ich habe den
Großteil dieses Jahrhunderts durchlebt. Ich erinnere
mich, daß es mit einem Krieg in Sarajevo begann.
Herr Präsident, Sie dürfen nicht zulassen, daß es mit
einem Krieg in Sarajevo endet."
In Bosnien hat dieser schreckliche Krieg unsere
Interessen herausgefordert und unsere Seelen
beunruhigt.
Glücklicherweise können wir etwas
dagegen unternehmen.
Ich sage es nochmals:
Unsere Mission wird klar, begrenzt und durchführbar
sein. Das bosnische Volk, unsere NATO-Verbündeten und die Menschen auf der ganzen Welt blicken
jetzt auf Amerika für die Übernahme der Führung.
Also wollen wir die Führungsrolle übernehmen. Das
ist unsere Pflicht als Amerikaner.
Gott schütze Amerika.

* * * *

AMERIKA DIENST

*

Seite 5

�</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
6. Dezember 1995

33

CLINTON: DER RUF ZUM FRIEDEN
Rede des Präsidenten vor den Truppen

BOSNIEN

UNTERSTÜTZUNG DER USA FÜR
DAUERHAFTEN FRIEDEN IN BOSNIEN
ERFORDERLICH
Erklärung von Außenminister Christopher

AUSSENPOLITIK

DIE ROLLE DER VEREINIGTEN STAATEN ALS
WELTWEITER VERMITTLER
von Amitai Etzioni

WIRTSCHAFT

DIE AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN
WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN - DER NEUE
TRANSATLANTISCHE MARKT
Übersicht des Weißen Hauses

MENSCHENRECHTE

USA APPELLIEREN AN NATIONEN ZUR
EINHALTUNG DER MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafterin Albright

TERRORISMUS

DAS ZEITALTER DES SUPERTERRORISMUS
von James Kitfield

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
6. Dezember 1995

Clinton: Der Ruf zum Frieden
Rede des Präsidenten vor den Truppen
BAUMHOLDER - (AD) - In einer Ansprache vor den Truppen der 1. Panzerdivision, die die Vorhut der 60.000
Soldaten umfassenden Friedenstruppe (implementation force - IFOR) bilden werden, erklärte Präsident Clinton
am 2. Dezember 1995: "Ich habe dem amerikanischen Volk versprochen, Euch nicht nach Bosnien zu
entsenden, wenn ich nicht absolut sicher bin, daß das für Euch gesteckte Ziel klar und realistisch ist und in
ungefähr einem Jahr erreicht werden kann. Ich habe auch gelobt, Euch erst nach Bosnien zu entsenden, wenn
ich sicher bin, daß wir alles getan haben, um die Risiken für Eure Sicherheit auf ein Minimum zu reduzieren."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

General Joulwan, General Nash, General Crouch,
Herr Minister. Mein besonderer Gruß geht an einen
guten Freund Amerikas, Bundeskanzler Kohl, der ein
wunderbarer Partner für unser Land war, und mein
herzlicher Dank an Deutschland für die Partnerschaft
mit dieser herausragenden Einheit.

zung des Friedensabkommens gebeten. Es liegt im
Interesse unserer Nation und steht im Einklang mit
unseren Werten, dafür zu sorgen, daß dieser Frieden
Erfolg hat und von Bestand ist. Und wir zählen auf
Euch, die Männer und Frauen der Task Force Eagle,
damit diese Arbeit geleistet wird.

Ich bin sehr stolz, heute hier bei den Männern und
Frauen der 1. Panzerdivision "Ironside" sein zu
können. Ihr seid wirklich Amerikas Soldaten aus
Eisen. Frühere Generationen der Soldaten aus
Eisen haben den Ruf unserer Nation mit legendärem
Geschick und Mut beantwortet. Bisher war es jedes
Mal ein Ruf in den Krieg. Von Nordafrika bis Italien
verhalfen sie im Zweiten Weltkrieg der Freiheit zum
Triumph über die Tyrannei. Dann hielt ihre mächtige
Präsenz hier 20 Jahre lang die sowjetische Bedrohung in Schach und trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Und vor nur vier Jahren, als Saddam
Hussein Kuwait angriff, schlug die furchteinflößende
Macht der 1. Panzerdivision den Irak zurück und
gewährleistete die Sicherheit am Persischen Golf.

Drei Jahre lang habe ich mich geweigert, unsere
amerikanischen Streitkräfte nach Bosnien zu entsenden, wo sie in einen Krieg hätten einbezogen werden
können. Aber ich möchte, daß Ihr zu einer Mission
des Friedens dorthin geht. Nachdem ich mit Euren
Befehlshabern gesprochen und Euch allen zugehört
habe, hege ich keinen Zweifel, daß diese Eingreiftruppe bereit zum Abmarsch ist.
Eure Mission: Den vom Krieg erschöpften Menschen
zu helfen, den von ihnen gewählten Frieden zu halten
- den Frieden, den zu bewahren sie Euch gebeten
haben.

Ich weiß, daß viele von Euch dort waren. Aber ich
möchte Euch daran erinnern, daß Ihr in nur 89
Stunden Kampf 40 feindliche Panzer, 485 Schützenpanzer, 190 Kanonen und 137 Luftabwehrkanonen
zerstört habt. Ihr könnt sehr stolz auf diese bemerkenswerte Bilanz sein.

Vor nur zwei Wochen vereinbarten die in Bosnien
kriegführenden Parteien in Dayton, ihre Waffen
niederzulegen, ihre Truppen und schweren Waffen
zurückzuziehen, freie Wahlen abzuhalten, mit dem
Wiederaufbau ihrer Häuser, Städte und ihres Lebens
zu beginnen. Aber sie benötigen Hilfe dabei, und sie
haben Amerika, unsere NATO-Verbündeten und
andere bereitwillige Länder um diese Hilfe gebeten.

Jetzt ruft Amerika Euch erneut zum Dienst. Dieses
Mal nicht mit einem Ruf in den Krieg, sondern mit
einem Ruf in den Frieden. Die Präsidenten von
Bosnien, Kroatien und Serbien haben zugestimmt,
vier lange Jahre des Krieges und der Greueltaten zu
beenden. Sie haben um Eure Hilfe bei der Umset-

Sie benötigen diese Hilfe, weil nach vier Jahren
schrecklicher Brutalität Vertrauen in Bosnien rar gesät
ist und sie Euch vertrauen, die Arbeit richtig zu
machen. Jede Seite möchte, daß die NATO ihr dabei
behilflich ist, die von ihr eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, sicherzustellen, daß alle Armeen sich

AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�hinter die Trennlinie zurückziehen und dort bleiben,
den Waffenstillstand aufrechtzuerhalten, damit der
Krieg nicht erneut ausbricht, und allen Parteien das
erforderliche Vertrauen zu vermitteln, um ihr Wort zu
halten - und ihnen auch das Vertrauen zu geben,
daß die andere Seite ebenfalls Wort hält.
Ich habe dem amerikanischen Volk versprochen,
Euch nicht nach Bosnien zu entsenden, wenn ich
nicht absolut sicher bin, daß das für Euch gesteckte
Ziel klar und realistisch ist und in ungefähr einem
Jahr erreicht werden kann. Diese Mission erfüllt
diese unerläßlichen Kriterien. Ich habe auch gelobt,
Euch erst nach Bosnien zu entsenden, wenn ich
sicher bin, daß wir alles getan haben, um die Risiken für Eure Sicherheit auf ein Minimum zu reduzieren.
Ihr wißt besser als jeder andere, daß jede Dislozierung ihre Risiken birgt. Es kann Unfälle geben. In
einem ehemals feindlichen Umfeld könnte es Zwischenfälle mit Menschen geben, die ihren Haß
immer noch nicht überwunden haben. Als Präsident
übernehme ich die volle Verantwortung für Euer
Wohlergehen. Aber ich bin auch von Stolz erfüllt in
dem Wissen, daß wir diese Mission so sicher wie
möglich machen.
Ihr werdet Euren Befehl von General Joulwan
erhalten, der Oberster Alliierter Befehlshaber Europa
(SACEUR) ist. Es wird keine Verwirrungen mit der
Befehlskette geben. Ihr seid ausgezeichnet vorbereitet, und Ihr werdet schwer bewaffnet sein.
Noch wichtiger ist vielleicht, daß Ihr gut ausgerüstet
sein werdet mit dem Ruf, der Euch vorausgeht. Dies
zusammen mit der Technologie und Ausbildung, die
Euch schützen, wird dazu führen, daß diejenigen,
die Euch angreifen wollen, es sich zweimal überlegen. Aber Ihr werdet auch ganz klare Regeln des
Engagements haben, die die wichtigste Regel von
allen in großen, fetten Buchstaben enthält: Wenn
Euch ein Angriff droht, könnt Ihr unverzüglich und
mit entschiedener Macht reagieren. Jeder sollte
wissen, daß Amerika sich um die Seinen kümmert,
wenn Amerika zur Umsetzung des Friedens beiträgt.
Eure Präsenz hier wird helfen, das von Bosnien
benötigte Klima der Sicherheit zu schaffen. Es wird
der internationalen Staatengemeinschaft gestatten,
ein massives Programm für humanitäre Hilfe und
den Wiederaufbau einzuleiten. Es wird den Menschen in Bosnien die Nahrungsmittel, die Medikamente, die Unterkunft und die Kleidung bringen, die
ihnen so lange verweigert wurden. Es wird ihnen
beim Wiederaufbau ihrer Straßen und Städte, der
Wiedereröffnung ihrer Schulen und Krankenhäuser,
ihrer Fabriken und Geschäfte helfen. Es wird vom

Seite 2

Krieg auseinandergerissene Familien wieder zusammen und Flüchtlinge in ihre Heimat zurückführen.
Es wird den Menschen wieder die stillen Segnungen
eines normalen Lebens bringen.
Nachdem ich mich zwei Tage lang für den Frieden in
Nordirland eingesetzt habe, traf ich heute morgen am
Flughafen von Dublin mit Zlata Filopovic zusammen,
einem jungen bosnischen Mädchen, deren berühmtes
Tagebuch ihrer Kriegserlebnisse in Sarajevo Millionen
von Menschen auf der ganzen Welt bewegte. Sie ist
so alt wie meine Tochter - gerade 15. Aber sie hat
Dinge gesehen, die nicht einmal Menschen, die dreioder viermal so alt sind wie sie, sehen sollten. Ich
habe ihr für ihren ergreifenden Brief gedankt, den sie
mir von einigen Tagen zur Unterstützung unserer
Friedensbemühungen in Bosnien schrieb. Und dann
habe ich ihr gesagt, daß ich Euch hier besuchen
würde.
Daraufhin sagte sie mir folgendes: "Herr Präsident,
wenn Sie in Deutschland sind, danken Sie bitte in
meinem Namen den amerikanischen Soldaten. Ich
möchte wieder nach Hause." Sie bat mich auch,
Euch und dem amerikanischen Volk dafür zu danken,
daß Ihr - mit ihren Worten - "die Tür zur Zukunft für
sie und alle Kinder in Bosnien öffnet".
Ohne Euch wird sich diese Tür schließen, wird der
Frieden scheitern, der Krieg wiederkehren, werden
die Greueltaten erneut beginnen. Der Konflikt könnte
sich dann auf die gesamte Region ausweiten, unsere
Partnerschaft mit Europa schwächen und unsere
Führungsrolle auf anderen, für unsere Sicherheit
entscheidenden Gebieten unterminieren. Ich weiß,
daß Ihr das nicht zulassen werdet.
Bei der Vorbereitung Eurer Mission bitte ich Euch, an
das zu denken, was wir alle in den letzten vier Jahren
in Bosnien gesehen haben - ethnische Säuberungen,
Massenexekutionen, Vergewaltigung von Frauen und
jungen Mädchen als Instrument des Krieges, junge
Männer, die gezwungen wurden, ihr eigenes Grab zu
schaufeln und die dann wie Tiere abgeschossen
wurden, endlose Ströme verzweifelter Flüchtlinge,
verhungernde Menschen in Konzentrationslagern.
Bilder dieses schrecklichen Unrechts haben seit
nahezu vier Jahren weltweit unsere Wohnzimmer
überflutet. Jetzt hat die Gewalt ein Ende gefunden.
Wir dürfen nicht zulassen, daß sie wieder einsetzt.
Seit Jahrzehnten ist sich unser Volk der Bedeutung
eines stabilen, starken und freien Europas für unsere
Sicherheit bewußt.
Deshalb haben wir in zwei
Weltkriegen gekämpft. Deswegen sind wir nach dem
Zweiten Weltkrieg Verpflichtungen eingegangen, die
Europa Freiheit und Frieden gaben und für uns und
die Europäer einzigartigen Wohlstand geschaffen

AMERIKA DIENST 33

�haben. Aus diesem Grund seid Ihr - selbst nach
dem Ende des Kalten Krieges - immer noch hier.

Herausforderungen und des Wandels die Stärke
unseres Landes zu bewahren.

Europa kann unser stärkster Partner bei der Bekämpfung dessen sein, was die Sicherheit unserer
Kinder bedroht - Terrorismus, organisiertes Verbrechen, Drogenhandel, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Es kann jedoch nur dann
ein starker Partner sein, wenn wir den im Herzen
Europas - in Bosnien - wütenden Krieg beenden.
Wir müssen hieran mit den Europäern zusammenarbeiten, wenn wir auch alle anderen Probleme
angehen wollen, die in Zukunft unsere Sicherheit
gefährden.

Eure Mission in Bosnien ist klar. Ihr seid stark, Ihr
seid gut vorbereitet, und die Situation erfordert eine
Führungsrolle Amerikas, die Ihr bietet. Ihr hört das
nicht nur von mir. Ich selbst habe es von Euren
Kindern gehört. Eine Englischlehrerin der siebten
Klasse der Baumholder High School, Patricia Dengel,
forderte ihre Schüler auf, Briefe an ihre Eltern zu
schreiben, die sich auf den Einsatz in Bosnien
vorbereiten. Ich habe einige dieser Briefe gesehen
und war bewegt. Ich war bewegt aufgrund der von
ihnen ausgedrückten Ängste, aber noch mehr von
ihrem Stolz auf Euch und dem Vertrauen, das sie in
Euch setzen.

Wenn die Menschen fragen - und bisweilen tun sie
das in unserem Land, weil sie sich solche Sorgen
um Euch machen - warum die Europäer das nicht
ohne uns tun können, dann erinnert Euch daran,
daß wir bei der Operation Wüstensturm viele Nationen um Hilfe baten, die uns zur Seite standen,
obwohl sie es nicht mußten. Und als wir in Haiti
eine Führungsrolle übernahmen, erhielten wir
Unterstützung von vielen anderen Nationen, die kein
direktes Interesse an Haiti hatten, jedoch unserem
Ruf Folge leisteten und an unserer Seite standen.
Jetzt werden wir in Bosnien gebraucht. Ihr werdet
gebraucht.
Männer und Frauen der Task Force Eagle, ich weiß,
daß die Last der Führungsrolle unseres Landes jetzt
am schwersten auf Euch und Euren Familien ruht.
Jeder einzelne von Euch, der sich freiwillig zum
Dienst an diesem Land gemeldet hat, bringt große
Opfer. Wir werden Euch für eine lange Zeit weit fort
von der Heimat schicken. Wir trennen Euch von
Euren Kindern und Euren Lieben. Das ist die Last,
die Ihr für Amerika tragt: Für unsere Werte einzutreten, unseren Interessen zu dienen, in dieser Zeit der

*

AMERIKA DIENST 33

*

Justin Zimmermans Vater, Hauptmann Ronald
Zimmerman, ist Kompaniekommandeur beim 40.
Pionierbataillon. Justin schrieb folgendes: "Vati, ich
weiß, daß es Dir nach der ganzen Ausbildung, die Du
hattest, in Bosnien gutgehen wird. Ich werde Dich
vermissen und die Tage zählen, bis wir Dich wiedersehen." Und Rachel Bybee, deren Vater, Major Leon
Bybee, Arzt bei der Sanitätstruppe ist, teilt ihm mit:
"Ich bin stolz auf Deine Arbeit, die darin besteht,
anderen zu helfen. Es muß für Dich ein wunderbares
Gefühl sein, Leben zu retten."
Eure Kinder wissen, daß Ihr Helden für den Frieden
seid, und die Kinder in Bosnien werden es auch bald
wissen. Euer Land und ich salutieren vor Euch. Wir
wünschen Euch für die kommenden Tage und
Monate Gottes Segen. Ihr tut etwas, das äußerst
wichtig für Eure Nation, äußerst wichtig für die Welt,
äußerst wichtig für die Zukunft ist, die Ihr Euren
Kindern wünscht.
Gott schütze Euch alle, und Gott schütze Amerika.

*

*

Seite 3

�BOSNIEN
6. Dezember 1995

Unterstützung der USA für dauerhaften Frieden
in Bosnien erforderlich
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - "Jetzt haben wir dank der Stärke und Diplomatie Amerikas die Chance zur Sicherung
eines dauerhaften Friedens" in Bosnien, erklärte Außenminister Christopher, aber "wir werden unser Ziel nur
dann erreichen, wenn Amerika weiterhin eine Führungsrolle übernimmt". Bei der ersten einer Reihe von
Anhörungen im Kongreß zur amerikanischen Politik gegenüber Bosnien nach der Paraphierung des
Abkommens von Dayton (Ohio) teilte US-Außenminister Warren Christopher dem Ausschuß des
Repräsentantenhauses für internationale Beziehungen am 30. November 1995 mit: "In Dayton haben wir
jedoch auf konkreten und detaillierten Zusagen bei den entscheidenden, die Parteien spaltenden Fragen
bestanden. Weil das Abkommen umfassend ist, wird es sehr viel wahrscheinlicher Bestand haben."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung Außenminister Christophers bei der Anhörung im
Wortlaut.

Am Montag abend (27. November) sprach Präsident
Clinton zur Nation und erklärte, warum amerikanische Truppen gemeinsam mit unseren NATOVerbündeten dazu beitragen sollten, daß der Frieden
in Bosnien-Herzegowina Fuß fassen kann. Verteidigungsminister Perry, General Shalikashvili und
ich sind hier, um unsere Ziele und Pläne näher zu
erläutern, Ihre Fragen zu beantworten und Ihre
Unterstützung anzustreben.
Wir haben eine grundlegende Entscheidung zu
treffen. Wie der Präsident deutlich machte, wird es
keine NATO-Streitmacht geben, wenn sich die
Vereinigten Staaten nicht daran beteiligen. Wenn es
keine NATO-Streitmacht gibt, wird es keinen Frieden
in Bosnien geben, und der Krieg flammt erneut auf.
Wir brauchen uns die Konsequenzen gar nicht
auszumalen. Wir wissen, was geschehen würde:
Es gäbe weitere Massaker, weitere Konzentrationslager, mehr Hunger, die reale Bedrohung eines
größeren Krieges sowie enormen Schaden für
unsere Führungsrolle in der NATO, in Europa und
auf der Welt. Das ist die Alternative, die wir vermeiden können und müssen. Wir müssen weiterhin
den Frieden sichern.
Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ist eine
Bedrohung für die Interessen unserer Nation und ein
Affront gegen die Werte unserer Nation. Wir wurden
Zeuge der Schrecken und Greueltaten, die meine
Generation - die im Zweiten Weltkrieg kämpfte -

AMERIKA DIENST 33

einst als der dunklen und entfernten Vergangenheit
zugehörig erachtete. Wir wurden mit der ständigen
Bedrohung eines größeren, noch schrecklicheren
Krieges in einem instabilen Teil Europas konfrontiert.
Wir mußten die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß
unsere Truppen aufgefordert würden, unsere in
Bosnien unter Beschuß geratenen Verbündeten zu
retten.
Diesen Sommer erreichte der Konflikt in Bosnien
einen kritischen Punkt. Der Präsident leitete eine
sorgfältig geplante Initiative ein, die uns Schritt für
Schritt von den schrecklichsten Ereignissen des
Krieges - dem Fall von Srebrenica und Zepa - bis zu
diesem hoffnungsvollen Punkt führte.
Auf der Londoner Konferenz im Juli überredeten wir
unsere Verbündeten, entschiedene Maßnahmen zur
Sicherung der in Bosnien verbliebenen Schutzzonen
zu ergreifen. Wir flogen NATO-Bombenangriffe, um
die bosnischen Serben zu überzeugen, daß eine
Fortsetzung des Krieges keine weiteren Gewinne
bringen kann. Unsere Diplomatie führte zu einem
Waffenstillstand und einer Reihe verfassungsmäßiger
Grundsätze für einen einheitlichen bosnischen Staat.
Und vergangene Woche führten wir die Parteien zu
einem umfassenden Abkommen in Dayton. Die
offizielle Unterzeichnung dieses Abkommens findet
am 14. Dezember in Paris statt.
Als Ergebnis der Initiative des Präsidenten wurden
die Kämpfe eingestellt. Jetzt haben wir dank der

Seite 1

�Stärke und Diplomatie Amerikas die Chance zur
Sicherung eines dauerhaften Friedens. Wir werden
unser Ziel nur dann erreichen, wenn Amerika weiterhin eine Führungsrolle übernimmt. Die Parteien sind
um des Friedens willen Risiken eingegangen, und
wir müssen sie auch weiterhin unterstützen.
Wir haben ganz offensichtlich ein nationales Interesse an der Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben großes Interesse an der Beendigung der
schlimmsten Greueltaten in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg - Greueltaten, die um so schlimmer sind,
als sie gegen bestimmte Gruppen von Menschen
aufgrund ihres Glaubens begangen wurden. Durch
unseren Beitrag zur Schaffung des Friedens können
wir sicherstellen, daß die Menschen in Bosnien keine
Tage mehr im Kugelhagel, keine Winter mehr mit
frisch ausgehobenen Gräbern, keine Jahre der
Isolation von der sie umgebenden Welt verbringen
müssen.
Wir haben großes Interesse daran sicherzustellen,
daß sich dieser Konflikt nicht ausweitet. Bosnien
liegt an einer gefährlichen Stelle in einer unbeständigen Region Europas. Im Süden gelegen sind der
Kosovo, Albanien und die ehemals jugoslawische
Republik Makedonien - die wahrscheinlichsten
Brennpunkte eines größeren Krieges - sowie die
beiden NATO-Mitglieder Griechenland und die
Türkei. Im Norden und Osten befinden sich Ungarn,
Rumänien und Bulgarien - noch auf tönernen Füßen
stehende neue Demokratien, für die die Aussicht
eines ethnischen Konflikts auf dem Balkan eine
große Gefahr darstellt. Im Norden liegt auch die
ostslawonische Region Kroatien, von der ein regionaler Krieg ausgehen könnte, wenn das Abkommen
von Dayton nicht umgesetzt wird.
Der Frieden in diesem Teil Europas ist für die
Vereinigten Staaten von Bedeutung, weil Europa für
die Vereinigten Staaten von Bedeutung ist. Wir
haben zweimal in diesem Jahrhundert Millionen
amerikanischer Soldaten über den Atlantik in den
Krieg geschickt. Der erste große Krieg dieses
Jahrhunderts begann mit Gewalt in Sarajevo. Der
zweite begann mit Aggression in Zentraleuropa
sowie mit Schrecken, die von der Welt ignoriert
wurden, bis es zu spät war. Seitdem haben unsere
führenden Politiker - Republikaner und Demokraten
gleichermaßen - zum Schutz unseres elementaren
Interesses an europäischer Stabilität gehandelt.
Wenn wir diese Chance für den Frieden nicht
ergreifen, könnten wir mit der Aussicht auf weitaus
kostspieligere und gefährlichere Aktionen konfrontiert
werden, als wir sie jetzt erörtern.

Seite 2

Die Vereinigten Staaten haben auch ein elementares
Interesse an der Beibehaltung ihrer weltweiten
Führungsrolle. Jetzt in Bosnien zu handeln, ist eine
Feuerprobe amerikanischer Führung. Nachdem wir
diese Chance für den Frieden geschaffen haben,
können wir es uns nicht leisten, ihr den Rücken zu
kehren. Aus meiner persönlichen Erfahrung als
Außenminister kann ich Ihnen sagen: Wenn wir als
Staat angesehen werden, der seine eigenen Initiativen nicht zu Ende bringt, wird sich uns niemand
anschließen - nicht in Europa, nicht im Nahen Osten,
nicht in Asien, nirgends.
Herr Vorsitzender, das in Dayton paraphierte Abkommen fördert unsere nationalen Interessen und
gibt uns allen Grund zu glauben, daß der Frieden in
Bosnien Fuß fassen kann. Das Abkommen wurde
vor dem Hintergrund von vier Jahren blutigen Krieges
in 21 Tagen ausgehandelt. Es enthält viele hart
erkämpfte Kompromisse. Bei jeder wichtigen Frage
hält es jedoch die grundsätzlichen und praktischen
Normen ein, auf denen mein Verhandlungsteam und
ich bestanden haben. Dieses Abkommen beinhaltet
nicht nur Ziele, sondern auch Mittel.
Es bewahrt Bosnien als einheitlichen Staat mit
föderalen Institutionen, die kroatische, muslimische und serbische Volksgruppen gleichermaßen
vertreten.
Es vereinigt Sarajevo erneut innerhalb der Föderation von Bosnien und Herzegowina und verbindet Gorazde durch einen sicheren Landkorridor
mit der Föderation.
Es gibt den Menschen in Bosnien das Recht auf
Freizügigkeit im gesamten Land. Es gibt den
Flüchtlingen das Recht auf Rückkehr in ihre
Häuser. Und es schafft einen Mechanismus zur
Regelung von Besitzansprüchen.
Es ermöglicht die Veranstaltung demokratischer
Wahlen unter internationaler Kontrolle im nächsten
Jahr. Ich habe in Dayton Stunden gebraucht, um
die Parteien davon zu überzeugen, daß die
Flüchtlinge selbst entscheiden sollen, ob sie an
ihrem derzeitigen Aufenthaltsort zur Wahl gehen
oder in ihrer ursprünglichen Heimat.
Das Abkommen schließt aus, daß Kriegsverbrecher ein Amt übernehmen. Und es verpflichtet
alle Parteien explizit, bei der Ermittlung und
Verfolgung von Kriegsverbrechen zusammenzuarbeiten.
Es schützt Menschenrechte und schafft neue
Institutionen zur Ermittlung und Bestrafung von
Menschenrechtsverletzungen.

AMERIKA DIENST 33

�Vor allem beendet es den Krieg und verlangt von
den Parteien, ihre Streitkräfte hinter vereinbarte
Linien zu verlegen.
Bei Verhandlungen wie diesen ist man manchmal
versucht, das Verfahren abzukürzen und die schwierigsten Themen in mehrdeutiger Weise zu behandeln. In Dayton haben wir jedoch auf konkreten und
detaillierten Zusagen bei den entscheidenden, die
Parteien spaltenden Fragen bestanden. Weil das
Abkommen umfassend ist, wird es sehr viel wahrscheinlicher Bestand haben.
Langfristig wird der Wiederaufbau der bosnischen
Gesellschaft enorme Anstrengungen erfordern. Aber
zumindest kann jetzt damit begonnen werden.
Schließlich hat Bosnien nur mit dem Frieden eine
Chance, als einheitlicher Staat zu existieren. Nur mit
dem Frieden hat es eine Chance zum Aufbau einer
multiethnischen Demokratie. Nur mit dem Frieden
werden wir eine Chance haben, Kriegsverbrecher
vor Gericht zu bringen und sicherzustellen, daß
keine weiteren Kriegsverbrechen begangen werden.
Das Abkommen von Dayton erfordert von den
Parteien, außerordentlich schwierige Schritte auf
dem Weg zum Frieden zu unternehmen. Meines Erachtens ist jeder bereit, seine Verpflichtungen zu
übernehmen, aber nur, wenn alle Vertrauen haben,
daß die anderen Parteien ihre übernehmen. Alle
Parteien haben eindeutig klargestellt, daß sie nur zu
einer Lösung gelangen, wenn die NATO bereit ist,
die Truppe zur Umsetzung des Friedens (Implementation Force - IFOR) anzuführen.
Verteidigungsminister Perry und General Shalikashvili werden im einzelnen auf unsere Beteiligung
an der IFOR eingehen. Ich möchte jedoch einige
der Fragen ansprechen, von denen ich weiß, daß sie
Sie beschäftigen.
Ich weiß, daß viele Amerikaner sich fragen, warum
Europa nicht alle Bodentruppen für diese NATOStreitmacht zur Verfügung stellen kann. Die NATO
ist auf die Teilung der Lasten und Risiken gegründet.
Wir sind das größte Mitglied der NATO, das Kernstück ihrer Stärke und Entschlußkraft. Das Bündnis
kann nicht die größte Mission in seiner Geschichte
durchführen, wenn wir nicht unseren Beitrag leisten.
Gleichzeitig sollten wir uns vor Augen führen, daß
andere Nationen, darunter nahezu alle unsere
NATO-Verbündeten, Rußland und viele andere
unserer neuen Partner in Zentraleuropa zwei Drittel
der Truppen für die IFOR bereitstellen.
Andere haben gefragt, ob die Parteien nach vier
Jahren des Blutvergießens bereit sind, dieses Abkommen umzusetzen.
Wir müssen uns daran

AMERIKA DIENST 33

erinnern, daß wir dieses Abkommen erzielten, weil
der Frieden der Schlüssel zu dem ist, was die Parteien vom Wiederaufbau, von der Justiz, vom erneuten
Beitritt zur internationalen Staatengemeinschaft
erwarten. Wir haben das Abkommen formuliert um
zu gewährleisten, daß es durchgeführt wird. Wir
haben sichergestellt, daß die Sanktionen gegen
Serbien, unser Hauptdruckmittel gegen das Land,
wieder verhängt werden, wenn das Abkommen nicht
umgesetzt wird. Die Sanktionen gegen die bosnischen Serben bleiben in Kraft, bis sie ihre Truppen
hinter die vereinbarte Grenze der Serbischen Republik zurückziehen. Darüber hinaus werden unsere
Truppen die Stärke und Befugnis zur Durchsetzung
der entscheidenden militärischen Bestimmungen des
Abkommens haben.
Ich möchte auch unterstreichen, es reichte mir nicht
aus, daß Präsident Milosevic speziell befugt war, das
Abkommen im Namen der bosnischen Serben
auszuhandeln. Ich habe darauf bestanden, daß es
auch von den bosnischen Serben paraphiert wird. In
Dayton versprach Präsident Milosevic, ihre Zustimmung binnen zehn Tagen einzuholen. Es stellte sich
heraus, daß es ihm in nur zwei Tagen gelang. Diese
Art von Reaktion vertieft mein Vertrauen, daß dieses
Abkommen umgesetzt wird.
Herr Vorsitzender, während unserer Verhandlungen
in Dayton haben wir konstant auf einem Abkommen
bestanden, daß unser Militär durchführen und in Kraft
setzen kann. Jeder Teil des Abkommens war sorgfältig so formuliert, daß er den Erfordernissen unserer
Streitkräfte und dem Rat der Militärs in unserem
Team Rechnung trug. Infolgedessen enthält der
Anhang mit den militärischen Bestimmungen des
Abkommens die Art von detaillierten Verfügungen, die
unser Militär für seine Aufgabe als unerläßlich erachtete.
Ich darf Ihnen versichern, daß die IFOR-Mission
genau definiert und begrenzt ist. Unsere Truppen
werden die militärischen Aspekte des Abkommens
umsetzen - die Durchsetzung des Waffenstillstands,
die Überwachung des Abzugs der Streitkräfte und die
Einrichtung einer Trennzone zwischen ihnen. Aber
das Militär wird nicht gebeten, den Erfolg der Demokratie oder des Wiederaufbaus zu garantieren, oder
als Polizist aufzutreten. Eine der Lektionen, die wir
in den vergangenen Jahren gelernt haben, lautet, daß
unser Militär nicht der ständige Garant des Friedens
sein sollte. Es sollte Chancen schaffen, die andere
dann ergreifen müssen.
Weil die IFOR-Mission genau definiert ist, haben wir
einen klaren Endpunkt, den Verteidigungsminister
Perry im einzelnen erläutern wird. In diesem Zusammenhang möchte ich unterstreichen, daß wir uns

Seite 3

�zur Erlangung eines stabilen militärischen Gleichgewichts in Bosnien und zwischen den Staaten des
ehemaligen Jugoslawien verpflichtet haben, damit
der Frieden von Dauer sein wird. Dies sollte weitgehend durch Rüstungsbegrenzungen und -reduzierungen erreicht werden.
Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß Rüstungskontrollmaßnahmen allein ausreichen werden, um
eine militärische Stabilisierung herbeizuführen. Die
Streitkräfte der Föderation, die durch das Waffenembargo am härtesten betroffen waren, werden voraussichtlich Gerät und Ausbildung benötigen, um eine
effektive Fähigkeit zur Selbstverteidigung aufzubauen.
Die Vereinigten Staaten werden ihrerseits
sicherstellen, daß die Streitkräfte der Föderation die
erforderliche Unterstützung erhalten. Weder die
IFOR noch das amerikanische Militär werden direkt
an diesem Vorhaben beteiligt sein. Der beste
Ansatz für die Vereinigten Staaten - und der, den wir
verfolgen werden - ist die Koordinierung der internationalen Bestrebungen zur Bereitstellung der
erforderlichen Hilfe.
Zivile Behörden auf der ganzen Welt werden ein
getrenntes Programm durchführen, um den Menschen in Bosnien beim Wiederaufbau behilflich zu
sein. Unsere europäischen Verbündeten werden
den Großteil dieses lebenswichtigen zivilen Unternehmens finanzieren. Internationale Organisationen
werden auch eine wichtige Rolle spielen. Die OSZE
wird die Wahlen überwachen. Der UNHCR wird die
Rückkehr der Flüchtlinge koordinieren. Die Weltbank und der IWF werden bei der Gesundung der
bosnischen Wirtschaft behilflich sein, wobei auch die

EU eine führende Rolle übernimmt. Die Vereinten
Nationen werden bei der Überwachung und Ausbildung der örtlichen Polizei helfen.
Aber keine dieser wichtigen Aufgaben wird durchgeführt, wenn das Friedensabkommen nicht Bestand
hat. Es gibt kein Mittelding zwischen Frieden und
Krieg in Bosnien. Und bei der Wahl zwischen
Frieden und Krieg "muß Amerika den Frieden wählen", wie Präsident Clinton es am Montagabend so
einfach formulierte.
In vielen Jahren werden die Menschen zweifelsohne
auf diesen Monat der Geschichte als den entscheidenden Wendepunkt für die Vereinigten Staaten und
Europa zurückblicken. Er soll als der Augenblick
erinnert werden, in dem unser Land die von uns
geschaffene Chance für Frieden ergriff, nicht als der
Augenblick, in dem wir zögerten zu handeln.
Der Präsident hat seine Wahl getroffen. Die Vereinigten Staaten müssen als die große Nation handeln, die sie sind. Wir müssen unsere Interessen
schützen. Wir müssen für unsere Ideale eintreten.
Wir müssen unsere Versprechen halten. Und wir
müssen eine Führungsrolle übernehmen.
In den kommenden Tagen, Herr Vorsitzender, wird
die Administration weiterhin enge Konsultationen mit
Ihnen und dem Kongreß führen. Wir werden weiterhin ebenso hart auf die überparteiliche Zustimmung
des Kongresses hinarbeiten wie auf die Unterstützung und das Verständnis des amerikanischen
Volkes. Es ist offensichtlich, daß wir weitermachen
müssen.

* * * *

Seite 4

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AMERIKA DIENST 33

�AUSSENPOLITIK
6. Dezember 1995

Die Rolle der Vereinigten Staaten als weltweiter Vermittler
von Amitai Etzioni
(AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels beschäftigt sich mit der produktiven Rolle der Vereinigten
Staaten als Vermittler in verschiedenen Konfliktsituationen im Zeitalter nach dem Kalten Krieg und vertritt die
Ansicht: "Verfechter der reinen Realpolitik möchten vielleicht nur handeln, wenn die nationalen Interessen der
Vereinigten Staaten direkt betroffen sind, aber im Zeitalter der Massenkommunikation spielt die öffentliche
Meinung eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen, und die idealistische Seite der öffentlichen
Meinung - die Facetten der öffentlichen Psychologie, die ihren Ausdruck in den Rufen nach Hilfe für die
Menschen in Ruanda und nach Verteidigung des belagerten Bosnien fanden - kann nicht ignoriert werden.
Vermittlung ist eine konstruktive Antwort auf diese mitfühlende Seite der amerikanischen Natur."
Der Verfasser ist Professor an der George Washington University, Gründer und Vorsitzender von The
Communitarian Network und Autor von The Spirit of Community (1994).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Washington Quarterly, Band 18,
Nr. 3, Sommer 1995, S. 75-87, Amitai Etzioni, "Mediation as a World Role for the United States". Copyright
(c) 1995 Center for Strategie and International Studies sowie das Massachusetts Institute of Technology.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine gekürzte Version des Artikels von Amitai Etzioni.

Allmählich und in gewisser Weise unbeabsichtigt
haben die Vereinigten Staaten in der Welt nach dem
Kalten Krieg eine neue Rolle entwickelt. Diese neue
Rolle ist von Zurückhaltung geprägt und paßt zu der
Notwendigkeit, sich auf vernachlässigte innenpolitische Fragen wie den Abbau des Haushaltsdefizits
und die Reform des Sozialwesens zu konzentrieren.
Selbst im außenpolitischen Bereich ist das neue
diplomatische Paradigma von einem großen Thema
überschattet, das noch aus früheren Zeiten stammt der Vorstellung, daß die Vereinigten Staaten auf der
ganzen Welt Demokratie und Menschenrechte
fördern können und sollten.
Die neue Rolle der Vereinigten Staaten ist die eines
weltweiten Vermittlers. Statt als Weltpolizist zu
fungieren, hat Amerika bei verschiedenen Gelegenheiten den Konfliktparteien seine guten Dienste
angeboten und sich um die Lösung seit langem
schwelender Konflikte bemüht.
Normalerweise
befanden sich die betroffenen Parteien in einer
Pattsituation und waren der Ansicht, die Hilfe einer
dritten Partei könnte nützlich sein. Die Bestimmungen von dank Vermittlung erzielten Lösungen und
ihre Einhaltung werden den versöhnten Parteien
normalerweise nicht von den Vereinigten Staaten
oder einer anderen Macht aufoktroyiert, sondern

AMERIKA DIENST 33

freiwillig befolgt. In manchen Fällen bieten die
Vereinigten Staaten wirtschaftliche Anreize, um die
Parteien zu einer Fortsetzung ihrer Versöhnungsarbeit zu ermutigen, die zu einer Lösung des Konflikts
Gelangten zu belohnen oder die Schwierigkeiten des
Übergangs für die betroffenen Parteien zu verringern
- aber weiter geht die Rolle der Vereinigten Staaten
nicht. Die Möglichkeit, Streitkräfte zwischen die
ehemaligen Konfliktparteien zu stellen, wurde ebenfalls erwähnt, beispielsweise für die Golanhöhen,
aber im Grunde genommen setzen sich die Ergebnisse der Vermittlung - weil sie von den betroffenen
Parteien freiwillig akzeptiert wurden - von selbst
durch.
Die Verdienste der weltweiten Vermittlungstätigkeit
hervorzuheben bedeutet nicht, daß es sich hier um
die einzige Rolle handelt, die Amerika übernimmt
oder übernehmen sollte. Wenn der Irak in SaudiArabien einmarschieren würde, müßten die Vereinigten Staaten zweifellos ihren Verpflichtungen als
Verbündeter nachkommen und ihre militärische Macht
einsetzen, anstatt zu vermitteln. Während des Kalten
Krieges gab es Gelegenheiten, bei denen die Vereinigten Staaten vermittelnd tätig waren. Es besteht
jedoch ein großer Unterschied zwischen Vermittlung
als einem Instrument unter vielen in einer ganzen

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�diplomatischen Trickkiste und Vermittlung als Hauptinstrument der Vereinigten Staaten in der Welt nach
dem Kalten Krieg, in der zahlreiche Parteien befreit
von ihren früheren Verpflichtungen gegenüber einem
Block herauszufinden versuchen, wie sie in dem
neuen internationalen Umfeld vorgehen sollen.
Die von den Vereinigten Staaten geförderte Versöhnung bietet entscheidende wirtschaftliche und
soziale Vorteile und trägt zusätzlich zur Vermeidung
der Möglichkeit bei, daß ungelöste Konflikte zu
Kriegen führen, beispielsweise zwischen Syrien und
Israel. Im Zuge der längerfristigen Verringerung von
Spannungen setzen immer mehr Länder ihre vormals für Streitkräfte, Waffen und Nachrichtendienste
aufgewandten beträchtlichen Ressourcen für friedliche Zwecke ein. Neue Stabilität in den Beziehungen
zwischen Nachbarländern kann die Chance für
Handel mit Außenseitern erhöhen und Auslandsinvestitionen fördern. Diese anfänglich durch eine
Abnahme zwischenstaatlicher Spannungen und
Konflikte hervorgerufenen Entwicklungen untermauern wiederum den entstehenden Frieden.
Mit der Zeit fand die Rolle Amerikas bei der Förderung dieser Entwicklungen Anerkennung und sogar
Lob. In dieser Hinsicht sind die lokalen und internationalen Reaktionen positiv - im Vergleich zu den
typischen Reaktionen auf amerikanische Militärinterventionen, wirtschaftlichen Boykott und Druck auf
bestimmte Länder zur Umsetzung wirtschaftlicher
Stabilisierungsprogramme.
Im Falle eines Scheiterns der amerikanischen
Vermittlungsbemühungen ist andererseits das Risiko
für die Vereinigten Staaten sehr gering. Die Gefahr
einer militärischen Verwicklung oder der Schwierigkeit, sich wieder zurückzuziehen, der sich die
amerikanischen Truppen in Somalia, ganz zu
schweigen von Vietnam, gegenübersahen, hat stark
abgenommen.
Es besteht nur eine geringe Notwendigkeit für große
wirtschaftliche Auslagen, denn Vermittlung beinhaltet
in der Regel wenig mehr als den Einsatz geschickter
Diplomaten, Pendeldiplomatie, Staatsbesuche und
ähnlichem. Wie bereits erwähnt, boten die Vereinigten Staaten bei mehreren Gelegenheiten
Wirtschaftshilfe an, um den Vermittlungsprozeß
voranzubringen. Diese Hilfe ist jedoch kein wesentlicher Bestandteil des Prozesses, da mehrere Vermittlungsbemühungen auch ohne wirtschaftliches
Zuckerbrot erfolgreich waren. Wenn diese Hilfe
gewährt wurde, erschien sie im Vergleich zu der als
führendem außenpolitischen Instrument Eingesetzten
relativ gering.

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Ein wichtiger Grund dafür, daß Vermittlung zumindest
einige Früchte trägt, liegt darin, daß die Parteien sich
normalerweise dann an einen Tisch setzen, wenn sie
des Konflikts müde und ihre eigenen Bestrebungen
zur Überwindung der Differenzen gescheitert sind.
Mit anderen Worten: Sie kommen, wenn ihr Konflikt
"reif" für die Vermittlung ist und die von den Vereinigten Staaten gebotene Chance von ihnen gesucht
oder zumindest begrüßt wird. Im Gegensatz dazu
wurde die Hilfe der Vereinigten Staaten, wenn diese
eine andere internationale Rolle übernahmen, nicht
so offensichtlich gesucht und nicht so gut aufgenommen.
Selbst im Falle des Scheiterns eines Vermittlungsversuchs ist es oftmals offensichtlich, daß der Fehler
bei einer unnachgiebigen Partei (oder mehreren)
liegt, und nicht beim Vermittler. Und weil ein Dialog
stattfand, besteht oft die begründete Vorstellung, daß
zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft zusätzliche
Vermittlungsbemühungen stattfinden und schließlich
erfolgreich sein könnten. Somit werden die grundlegende Rolle der Vereinigten Staaten und ihre Absichten selbst unter diesen Umständen gewürdigt wenn auch nicht von allen Beteiligten, so doch
sicherlich von der übrigen Welt. Das kann man
jedoch nicht von der Rolle behaupten, die die Vereinigten Staaten übernahmen, als sie an Orten wie
Nicaragua, Grenada und Panama aggressiver vorgingen.
Ein Grund dafür, daß die Vereinigten Staaten ihre
Rolle als weltweiter Vermittler nicht weiterentwickelten, und eine wichtige Begründung, warum ihr Beitrag
keine volle Anerkennung fand, liegt darin, daß ihre
führenden Politiker eine Überschattung dieser Rolle
von den oftmals vergeblichen Bestrebungen nach
einer Fortsetzung veralteter Außenpolitik zuließen.
Überkommene Vorstellungen sind bei so schwierigen
Initiativen am Werk wie den Versuchen, China zu
einer Respektierung der Menschenrechte zu veranlassen, die Republiken der ehemaligen Sowjetunion zur Einführung echter Demokratie zu bewegen
sowie - und das ist eine Sisyphusarbeit - die Demokratie in Haiti "wiederherzustellen" (wo es sie nie gab
und es sehr unwahrscheinlich ist, daß sie Fuß faßt,
ungeachtet dessen, was die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten unternehmen). Selbst diejenigen,
die weitaus optimistischer als der Autor hinsichtlich
der Fähigkeit der Vereinigten Staaten sind, die Welt
zur Demokratie zu führen, sollten die Vorteile einer
weltweiten Vermittlerrolle als Zentrum der Außenpolitik würdigen - auch wenn die Vereinigten Staaten
weiterhin ihrem Anliegen einer Förderung der Menschenrechte und idealerweise auch der Demokratie
Ausdruck verleihen.

AMERIKA DIENST 33

�Die Vereinigten Staaten als Vermittler
In mehr oder minder großem Ausmaß und bisweilen
auf indirekte Weise übernahmen die Vereinigten
Staaten auf der internationalen Bühne eine Rolle als
Vermittler. Bei den Verhandlungen zwischen Israel
und der PLO waren die Vereinigten Staaten 1993
zunächst bestenfalls indirekt an einer Einleitung von
Verhandlungen beteiligt. Ihre vermittelnde Tätigkeit
wurde im Zuge der Fortsetzung des eingeleiteten
Prozesses zunehmend wichtiger. Wie bei vielen
anderen Vermittlungsbestrebungen ist die Arbeit
noch lange nicht getan, und man weiß nie, ob die
Errungenschaften des vergangenen Jahres nicht
einmal wieder rückgängig gemacht werden.
Beim Verhältnis zwischen Israel und Jordanien
waren die Vereinigten Staaten ein zentraler Faktor,
und auch zwischen Israel und Syrien griffen sie
vermittelnd ein, als Syrien nach dem Zusammenbruch der früheren Sowjetunion ihre Schutzmacht
verloren und Interesse an Friedensgesprächen
bekundet hatte.
Im Baltikum ermöglichte Amerika den Abschluß des
russischen Rückzugs aus den baltischen Staaten
und trug insbesondere zur Beseitigung verbleibender
Schwierigkeiten zwischen Rußland und Estland bei.
Durch die Vermittlung zwischen Rußland und der
Ukraine erzielten die Vereinigten Staaten eine
Umkehr des Prozesses der Weiterverbreitung von
Atomwaffen: Ein ehemals im Besitz von Atomwaffen
befindliches Land verzichtete freiwillig auf diese
Waffen, ohne daß ein einziger Schuß fiel. Dies lag
im Interesse der beteiligten Länder, Amerikas und
der ganzen übrigen Welt.
Die von Amerika übernommene Rolle im Nordirlandkonflikt führte zu einem Waffenstillstand, der
mit jedem weiteren Tag dauerhafter wird und nach
anfänglicher Kritik auf Seiten britischer und amerikanischer Journalisten, Politiker und Bürokraten jetzt
breite Zustimmung findet.
Im Fall von Griechenland und Makedonien unternahmen die Vereinigten Staaten den Versuch,
Abkommen über eine Beendigung des griechischen
Embargos auszuhandeln und eine Anerkennung von
Makedonien durch die EG (jetzt EU) zu ermöglichen.
Ohne daß für sie direkt etwas auf dem Spiel stand,
bewältigten die Vereinigten Staaten geschickt eine
lange Liste großenteils symbolischer Fragen und
erreichten eine Annäherung der Parteien. Ferner
trugen sie zur Anerkennung Makedoniens als
unabhängigem Staat bei. Hier handelt es sich um
einen Fall präventiver Vermittlung: Die Vermeidung

AMERIKA DIENST 33

von Konflikten, bevor sie überhaupt auftreten, was
oftmals die beste Art von Vermittlung ist.
Die Entwicklungen in Nordkorea 1994 sind ein
Beispiel für Vermittlung im eingegrenzten Sinn, die
durch andere Mittel ergänzt wurde und Bestandteil
eines vielschichtigen außenpolitischen Ansatzes ist.
In Haiti war nicht Vermittlung, sondern die Drohung
mit militärischer Stärke der wichtigste Auslöser für die
Aufgabe der haitianischen Generäle. Hier fand keine
Vermittlung zwischen zwei anderen Staaten statt,
sondern der ehemalige Präsident Jimmy Carter
vermittelte zwischen Haiti und den Vereinigten
Staaten. Es handelt sich um einen Grenzfall, bei
dem die Vermittlung einen Beitrag leistete, die
Vereinigten Staaten jedoch nicht ihre neue Rolle als
Vermittler in der Zeit nach dem Kalten Krieg ausübten.
Zwei Herausforderungen
Die These, daß die Vereinigten Staaten klug ihre
Rolle als internationaler Friedensstifter durch Vermittlung statt auf der Spitze von "Peacemakers" genannten Raketen entwickeln, muß zwei Fragen ansprechen. Welche Beziehung besteht zwischen Vermittlung und anderen Instrumenten der Außenpolitik, weil
niemand behauptet, dies sei das einzige Instrument?
Und welche Beziehung besteht zwischen Vermittlung
und elementarer Gerechtigkeit, weil Vermittlung die
Lösung des Konflikts anstrebt, selbst wenn es die
Beschwichtigung von Tyrannen bedeutet - eine
Frage, die durch Präsident Carters Bemühungen auf
diesem Gebiet aufgeworfen wurde?
Vermittlung ist eindeutig Teil eines Pakets von
Instrumenten, die ineinander übergreifen. Die Vermittlung in Korea (und Carters Rolle in Haiti) wäre
wahrscheinlich nicht möglich gewesen, wenn ihr nicht
die implizite Androhung von Gewalt und Wirtschaftssanktionen vorausgegangen wäre. Und dasselbe gilt
auch andersherum: Wenn die Vermittlerrolle nicht
erfolgreich gewesen wäre, hätten die Vereinigten
Staaten Gewalt anwenden oder Sanktionen verhängen müssen, auch wenn sie aus zahlreichen Gründen
nicht dazu geneigt gewesen wären. Der Punkt ist
jedoch nicht, daß man Vermittlung zum einzigen
Instrument der Außenpolitik machen kann oder sollte,
oder daß es keine nützliche Interaktion zwischen
diesen Instrumenten gibt, sondern, daß dieses
besondere Instrument angesichts der neuen globalen
Situation und der innenpolitischen Erfordernisse der
Vereinigten Staaten sehr viel mehr Beachtung
erfahren sollte.
Die Sorge um Gerechtigkeit ist sehr viel ärgerlicher.
Studien über Scheidungen ergeben, daß die Einigung

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�sehr viel weniger schmerzlich, sehr viel billiger, aber
häufig unfair gegenüber Frauen ist, wenn die Paare
Vermittler und nicht die Gerichte aufsuchen. (Männer verweigern den Müttern oft das Sorgerecht für
die Kinder, das die Mütter im allgemeinen besorgt
anstreben, bis die Männer günstige wirtschaftliche
Konditionen erhalten). Entsprechend wurde argumentiert, die Vermittlungsbestrebungen im Falle
Nordkoreas enthielten zu viele Konzessionen an
einen Tyrannen. Beobachter, die sich dieser Falle
bewußt sind, müssen jeden Fall gesondert prüfen.
Im großen und ganzen hat jedoch eine friedliche
Lösung einen hohen Wert, und wenn die Kosten auf
das Prestige (oder das "Gesicht wahren") begrenzt
sind, scheinen sie in der Regel ihren Preis wert zu
sein.

che von periphärer Bedeutung: Die weltweite Konfrontation zwischen den Supermächten, eine Konfrontation, in der die entscheidenden politischen
Instrumente der Vereinigten Staaten die Abschrekkung der Arsenale nuklearer und konventioneller
Waffen, militärische Auslandshilfepakete, der amerikanische Geheimdienst CIA und andere verdeckte
Operationen, massive Wirtschaftshilfe und ideologische Kriegführung waren. Darüber hinaus waren alle
Vermittlungsbestrebungen für gewöhnlich so strukturiert, daß sie - nicht einmal indirekt - das Hauptziel
der "Eindämmung" des Kommunismus und der
Unterstützung der sogenannten freien Wert nicht
unterminierten. In diesem Zusammenhang wurde der
direkte Umgang mit - beispielsweise Syrien - nicht
ernsthaft in Erwägung gezogen, weil Syrien ein
sowjetischer Vasall war.

Vermittlung im historischen Kontext
Vermittlung ist natürlich ein jahrhundertealtes außenpolitisches Instrument und spielte auch während des
Kalten Krieges eine Rolle. Zu jener Zeit wurde es
jedoch anders angewandt und nahm eine wesentlich
weniger zentrale Rolle ein. Vermittlung während des
Kalten Krieges erfolgte häufig unter den Supermächten stellvertretend für ihre Vasallen. Als die Differenzen zwischen Syrien und Israel diskutiert wurden,
vollzog sich ein Großteil der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten
eher zwischen zwei Parteien als mit Hilfe der von
einer dritten Partei bereitgestellten Vermittlerrolle.
Die Vermittlung unter Ländern innerhalb desselben
Blocks kam der Norm näher, wie durch die Vereinbarung von Camp David anschaulich belegt ist.
Aber auch hier standen die Erwägungen von Supermächten im Hintergrund - beispielsweise, wie
Konflikte unter Nationen in einem Block verhindert
werden können, damit gegenüber dem anderen
Block eine einheitliche Front gebildet werden konnte,
oder wie Konflikte zwischen den Mitgliedern eines
Blocks und blockfreien Nationen verhindert werden
könnten, damit man sie nicht zu dem anderen Block
drängt. Und obwohl Vermittlung stattfand, ruhte das
Fundament der "Weltordnung" auf den Beziehungen
zwischen den Supermächten.
Diese frühere Ära zeichnete sich aus durch die
Pendeldiplomatie Henry Kissingers im Nahen Osten,
und Präsident Carter trug direkt zur Aushandlung
des Vertrags zwischen Israel und Ägypten bei. In
der Tat hatten diese frühen Vermittlungsbestrebungen ähnlich attraktive Züge:
Geringes Risiko,
begrenzte wirtschaftliche Kosten und beträchtlichen
humanitären und politischen Nutzen.
Dennoch
wurden sie damals wie heute als vornehmlich für
Länder innerhalb des westlichen Orbits relevante
Nebenvorstellungen oder diplomatische Bestrebungen angesehen. Daher waren sie für die Hauptsa-

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Mit anderen Worten: Die Rolle des Vermittlers wurde
nicht als maßgebliche internationale Rolle für die
Vereinigten Staaten erachtet, und die Architekten der
Außenpolitik legten dies auch nicht nahe.
Die
Vereinigten Staaten waren eine Supermacht, die
einer anderen Supermacht feindlich gegenüberstand,
nicht ein weltenbummelnder Makler friedlicher Lösungen. In der neuen Ordnung nach dem Kalten Krieg
(oder in Ermangelung einer solchen) kann Vermittlung - echte Vermittlung, die großenteils frei von
äußeren Erwägungen ist - eine sehr viel zentralere
Rolle spielen.
Die Einbeziehung der Vermittlung als wichtiges
Element der amerikanischen Außenpolitik ist in einer
Periode besonders angebracht, in der die Vereinigten
Staaten versuchen, ihr eigenes Haus in Ordnung zu
bringen. Die Konzentration hierauf nützt den Vereinigten Staaten, weil die Kosten der Vermittlung sehr
viel niedriger sind als die mit Interventionen wie
denen in Somalia und Haiti einhergehenden. Da
Vermittlung auch sehr viel weniger dramatisch ist,
lenkt sie den Präsidenten und das Land weniger von
ihren innenpolitischen Missionen ab. Darüber hinaus
sollte festgestellt werden, daß im Land keine breite
Unterstützung für eine aktivistischere Außenpolitik
besteht. Gleichzeitig herrscht das Gefühl zugunsten

einer bestimmten Form von internationalem Engagement vor. Verfechter der reinen Realpolitik möchten
vielleicht nur handeln, wenn die nationalen Interessen
der Vereinigten Staaten direkt betroffen sind, aber im
Zeitalter der Massenkommunikation spielt die öffentliche Meinung eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen, und die idealistische Seite der
öffentlichen Meinung - die Facetten der öffentlichen
Psychologie, die ihren Ausdruck in den Rufen nach
Hilfe für die Menschen in Ruanda und nach Verteidigung des belagerten Bosnien fanden - kann nicht
ignoriert werden. Vermittlung ist eine konstruktive

AMERIKA DIENST 33

�Antwort auf diese mitfühlende Seite der amerikanischen Natur.
Zweifelsohne ist es keine vollständige Antwort. Die
Erfüllung der außenpolitischen Ziele und Ideale der
Vereinigten Staaten erfordert, daß sie weiterhin ihre
Führungsrolle zur Stärkung des Völkerrechts durch
die Beteiligung an den Vereinten Nationen und
verschiedenen anderen internationalen und regionalen Bündnissen beitragen. Sie müssen auch in
Zukunft den Abbau von Schranken unter Nationen
ermutigen und ein wichtiger Faktor bei der Aushandlung internationaler Handelspakte bleiben. Wo das
Wohlergehen ihrer Bürger oder lebenswichtige

*

AMERIKA DIENST 33

Interessen bedroht sind, müssen die Vereinigten
Staaten bereit sein, Macht nach außerhalb ihrer
Grenzen zu projizieren. Und wo die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Demokratisierung existieren,
könnten die Vereinigten Staaten vorsichtig versuchen,
bei ihrer Entwicklung behilflich zu sein, obwohl sie wenn sie dies tun - es mit mehr Bescheidenheit und
Ernsthaftigkeit tun müssen als in der Vergangenheit.
Der Erfolg wird leichter erzielt, wenn die Vermittlung,
für die sich die Vereinigten Staaten bereits mit
beträchtlichem Erfolg auf der ganzen Welt engagieren, die Anerkennung und Aufmerksamkeit erhält, die
ihr gebührt.

* * *

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�WIRTSCHAFT
6. Dezember 1995

Die amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen
- der neue transatlantische Markt
Übersicht des Weißen Hauses
MADRID - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Büro des Pressesprechers des Weißen Hauses
am 3. Dezember 1995 in Madrid herausgegebene Übersicht.

Beim Gipfel der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union am 3. Dezember 1995 in Madrid
starteten Präsident Clinton, Ministerpräsident Gonzalez und EU-Kommissionspräsident Santer die im Juni
bei amerikanisch-europäischen Gipfel vereinbarte
transatlantische Initiative. Sie verabschiedeten eine
neue transatlantische Agenda, um die transatlantischen Beziehungen vom Stadium der Konsultationen
zu dem gemeinsamer Aktionen bei einer Vielzahl
von Fragen zu führen. Dies ist ein Bestandteil der
Bestrebungen des Präsidenten zur Bewältigung der
nach dem Ende des Kalten Krieges gegebenen
Herausforderungen, einschließlich der Notwendigkeit
zur Schaffung einer starken transatlantischen Gemeinschaft demokratischer Marktwirtschaften. Der
neue transatlantische Markt ist eine Schlüsselkomponente dieser Bestrebungen. Er wird nicht nur die
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen stärken,
sondern im Vorfeld der für 1996 in Singapur anberaumten WTO-Ministertagung auch die Weichen für
eine weitere multilaterale Handelsliberalisierung
stellen.
Der neue transatlanische Markt gründet auf starken
Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union.
1994 exportierten die Vereinigten Staaten Waren
im Wert von 108 Milliarden Dollar in die EU, die
wiederum im Wert von 119 Milliarden Dollar in
die Vereinigten Staaten exportierte.
Ferner
erreichte der Handel im Dienstleistungsbereich 50
Milliarden Dollar in jeder Richtung.
Nahezu die Hälfte aller Auslandsinvestitionen
amerikanischer Unternehmen - 225 Milliarden
Dollar - werden in Europa getätigt. Fast 60
Prozent der Investitionen europäischer Firmen oder 237 Milliarden Dollar - fließen in die Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 33

Diese ausgeglichenen transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen stellen 14 Millionen Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten und Europa.
Europäische Unternehmen beschäftigen 3 Millionen amerikanischer Arbeitnehmer, und einige
Analysten schätzen, daß die Löhne und Gehälter
dieser Arbeitnehmer um 18 Prozent höher liegen
als bei den durchschnittlichen amerikanischen
Arbeitsplätzen. Da bereits amerikanische Waren
und Dienstleistungen von mehr als 150 Milliarden
Dollar über den Atlantik hinweg exportiert werden,
könnte sogar ein einprozentiger Exportanstieg
20.000 neue amerikanische Arbeitsplätze schaffen.
Die Erschließung von Märkten in Europa ist ein
wesentlicher Bestandteil der allgemeinen internationalen Wirtschaftspolitik der Clinton-Administration.
Diese Initiative wird nicht nur die Hindernisse für den
transatlantischen Handel abbauen, sondern auch zur
Integration der beiden Volkswirtschaften beitragen,
die zusammen mehr als die Hälfte des Welthandels
abwickeln. Im besonderen werden sich die Vereinigten Staaten und Europa in folgenden Bereichen
auf konkrete Schritte einigen:
Vereinbarungen über gegenseitige Anerkennung.
Die Vereinigten Staaten und die EU werden auf den
Abschluß von Abkommen im nächsten Jahr hinarbeiten, mit denen die Erprobung und Genehmigung
von Produkten in einer Reihe von Sektoren anerkannt
wird. Das wird amerikanischen Firmen gestatten, ihre
Produkte in Europa nach einem einzigen Labortest
zu verkaufen, statt sie den gleichen teuren Testverfahren in Europa unterziehen zu müssen. Die
amerikanische Computer-, Telekommunikations- und
Bürogeräteindustrie schätzt, daß sie dank eines
Abkommens über die gegenseitige Anerkennung
jedes Jahr über 1 Milliarde Dollar einsparen könnte.

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�Transatlantische Informationsgesellschaft. Um
unsere Volkswirtschaften in eine transatlantische
Informationsgesellschaft zu integrieren, werden wir
Verhandlungen zu einem Abkommen über Informationstechnologie in die Wege leiten, das Zölle für
Informationsprodukte abbauen und die Entwicklung
einer globalen Informationsinfrastruktur unterstützen
soll. Die Industrien werden nicht länger die Entscheidung zu treffen haben, wo sie aufgrund unterschiedlicher Zölle nach Produkten suchen sollen.
Dies ist ein zunehmend wichtiger Teil der amerikanischen und der Weltwirtschaft. Die Computer- und
Halbleiterindustrien stellen zusammen Arbeitsplätze
für über 1,25 Millionen Amerikaner. Im Jahr 1994
exportierten die Vereinigten Staaten Halbleiter,
Computer, Software und Telekommunikationsgerät
im Wert von 18,5 Milliarden Dollar in die EU. Dies
entspricht mehr als 17 Prozent der amerikanischen
Gesamtexporte in die EU.
Staatliche Beschaffung. Der potentielle staatliche
Beschaffungsmarkt in Ländern, die das neue staatliche Beschaffungsprogramm der WTO noch nicht
unterschrieben haben, beläuft sich schätzungsweise
auf Hunderte Milliarden Dollar. Als Teil der neuen
Initiative zum transatlantischen Markt werden die
Vereinigten Staaten und die EU an mehreren Fronten auf die größere Liberalisierung der staatlichen
Beschaffungsmärkte weltweit hinarbeiten. Wir haben
uns zur Zusammenarbeit verpflichtet, um alle WTOMitglieder von der Übernahme multilateraler Handelsdisziplinen bei staatlicher Beschaffung zu
überzeugen. Darüber hinaus werden die Vereinigten

Staaten und die EU weiterhin auf bilateraler Ebene
auf die erweiterte Abdeckung durch die WTO über
die bereits vereinbarten Möglichkeiten in Höhe von
200 Milliarden Dollar hinaus hinarbeiten.
Zollsenkungen. Die Vereinigten Staaten und die EU
werden die Möglichkeit sondieren, der beschleunigten
Umsetzung der in der Uruguay-Runde vereinbarten
und weiterer Zollsenkungen zuzustimmen. Derzeit
betragen die Zölle in den Vereinigten Staaten und der
EU durchschnittlich 3 - 4 Prozent, in einigen Sektoren
gibt es jedoch beträchtliche europäische Zölle. Die
EU-Zölle auf Aluminiumprodukte belaufen sich
beispielsweise weiterhin auf 7 Prozent.
Gemeinsame Studien. Die Vereinigten Staaten und
die EU werden im Laufe des nächsten Jahres eine
gemeinsame Studie über Hemmnisse für den transatlantischen Handel und mögliche Optionen für ihren
Abbau erstellen. Beim Gipfel im kommenden Jahr
werden die Staats- und Regierungschefs ihre in
dieser Studie enthaltenen Empfehlungen bezüglich
der nächsten Schritte überprüfen.
Multilaterale Koordinierung. Wir werden unsere
Bestrebungen zur Erlangung eines multilateralen
Abkommens über Investitionen in der OECD und ein
Abkommen über Telekommunikationsdienstleistungen
in der WTO koordinieren.
Präsident Clinton und die Staats- und Regierungschefs der EU werden die Fortschritte zu diesen Zielen
bei ihrem Treffen im nächsten Jahr überprüfen.

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AMERIKA DIENST 33

�MENSCHENRECHTE
6. Dezember 1995

USA appellieren an Nationen zur
Einhaltung der Menschenrechte
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In ihrer Rede vordem Dritten Ausschuß der UN-Generalversammlung, der sich
mit Menschenrechtsfragen befaßt, gab die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, am 28. November 1995 einen Überblick über die Menschenrechtssituation auf der Welt
und stellte fest, in einer Reihe von Ländern würden die international anerkannten Menschenrechte nicht
ausreichend respektiert. Die Vereinigten Staaten appellierten an alle Regierungen, die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte einzuhalten und die Würde ihrer Bürger zu achten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, in diesem Jahr feiern wir das
50jährige Bestehen der Vereinten Nationen und ihrer
Gründungscharta. In der Präambel dieser Charta
bekräftigen alle Nationen ihren "Glauben an die
Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der
menschlichen Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau."
Damit übernimmt jede Nation die Verpflichtung, den
ihrer Rechtsprechung Unterstehenden diese Grundrechte nicht zu versagen - weder in den Gesetzeswerken noch in der Praxis. Die Charta läßt keine
Ausnahmen zu. Es gibt keine historischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Gründe oder ein souveränes Vorrecht, die es entschuldigen oder zulassen,
den Menschen seiner Würde zu berauben.
Als Mitglieder dieser Organisation haben unsere
Regierungen das universelle und unveräußerliche
Wesen der Menschenrechte anerkannt. Aber die
Ausübung dieser Rechte ist nicht möglich in Abwesenheit von politischer Freiheit.
Die Allgemeine Erklärung stipuliert, "der Wille des
Volkes soll die Grundlage der Regierungsbefugnis
sein. Diesem Willen soll in regelmäßigen und
echten Wahlen, durch universelles und gleichberechtigtes Wahlrecht und geheime Stimmabgabe Ausdruck verliehen werden."
Meine Regierung hat seit vielen Jahrzehnten und in
vielen Foren das Argument vorgebracht, daß demokratische Prinzipien nicht nur den einzelnen schützen, sondern wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt
beschleunigen. Menschen, die frei sind zu denken,

AMERIKA DIENST 33

Ideen auszutauschen und ihre Energien sowie ihr
Kapital zu investieren, werden mehr zu einer Gesellschaft beitragen als diejenigen, die unterdrückt sind.
Die Macht dieses Arguments und seine Wahrheit
werden heute in den aufstrebenden Demokratien der
Welt offenkundig.
Bedauerlicherweise ist dieser Trend zu Demokratie,
obwohl weitverbreitet, nicht universell. Viele Regierungen verlassen sich auch weiterhin für ihre Befugnis nicht auf die Zustimmung der Regierten, sondern
auf Zwang. Burma ist ein Beispiel.
Hier stehen die Regierungsbehörden vor einer
historischen Entscheidung zwischen der andauernden
Verweigerung von Grundrechten und der Bewegung
zu Demokratie. Es ist ermutigend, daß die Regierung
dem Wunsch nach internationaler Achtung, ausländischen Investitionen, Tourismus und demokratischen Reformen Ausdruck verleiht. Es ist ermutigend, daß die Regierung im vergangenen Jahr eine
Reihe politischer Gefangener, darunter die Nobelpreisträgerin und Anführerin der Demokratiebewegung, Aung San Suu Kyi, freigelassen hat.
Es ist jedoch äußerst entmutigend, daß die Regierung bisher keinen ernsthaften politischen Dialog mit
Aung San Suu Kyi und anderen Vertretern der
Demokratiebewegung sowie ethnischen Gruppen
aufgenommen hat. Es ist entmutigend, daß die zum
Entwurf einer neuen Verfassung aufgeforderte
Nationalversammlung nicht repräsentativ für das
burmesische Volk ist. Und es ist entmutigend, daß
die Regierung so wenig getan hat, um die durch ihre
bisherigen und aktuellen Maßnahmen für politische

Seite 1

�und soziale Freiheit verursachte Angst und Unterdrückung zu beenden.
In diesem Jahr wird meine Regierung die Generalversammlung drängen, ihre Unterstützung für
Demokratie und Achtung international anerkannter
Menschenrechte in Burma in klaren und zwingenden
Formulierungen zu wiederholen. Die Versammlung
sollte die Freilassung der verbliebenen politischen
Gefangenen, ein Ende der Folterungen, ein Ende
von Zwangsarbeit und ein Ende von Verschleppungen und Ermordungen von Zivilisten durch das
Militär fordern.
Die Regierung von Burma hat die Wahl. Und die
internationale Staatengemeinschaft hat die Wahl.
Wir müssen uns zur Ermutigung Burmas entscheiden, eine kluge Wahl zu treffen: Den leichten, aber
letztlich katastrophalen Kurs des Status quo aufzugeben und den Weg zu Demokratie zu beschreiten.
Die Freilassung von Aung San Suu Kyi bietet
zumindest die Hoffnung, daß sich in Burma - mit
ausreichendem internationalen Interesse und Unterstützung - die Menschenrechtssituation verbessern
wird. Im Hinblick auf den Irak ist es sehr viel schwerer, Anlaß zu Hoffnung zu haben. Die Politik von
Saddam Hussein hat sich nicht geändert - seine
Übergriffe auf das irakische Volk dauern ebenso an
wie seine Lügen gegenüber der Welt.
Seit Jahren haben die Irakis geleugnet, daß sie je
ein Programm zur Herstellung biologischer Kampfstoffe besaßen. In diesem Jahr erfuhren wir, daß
sie genug Anthrax und Botulin produziert hatten, um
alle Menschen der Welt umzubringen - und daß sie
vor dem Golfkrieg Artilleriegeschosse mit diesen
todbringenden Giften bestückt hatten. Einer der
größten Dienste, den die Vereinten Nationen im
Namen der Menschenrechte erbringen können, ist
die Gewährleistung, daß dem Irak nie wieder die
Herstellung von Massenvernichtungswaffen gestattet
wird.
Die Gesetzlosigkeit des Regimes in Bagdad hat das
Leben vieler Menschen im Ausland gefordert, aber
die jüngsten Opfer waren in unmittelbarer Nachbarschaft zu beklagen. Während Saddam Hussein
seine Ressourcen für Paläste für sich und seine
Vettern verschwendet, muß das irakische Volk
leiden.
Das irakische Regime hat die Resolutionen des
Sicherheitsrats abgelehnt, die speziell für den
Erwerb humanitärer Hilfsgüter formuliert wurden. Es
inhaftiert, foltert und exekutiert weiterhin Dissidenten
und diejenigen, die oppositioneller Gedanken ver-

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dächtigt werden. Im Norden blockiert es weiterhin
Hilfslieferungen. Im Süden hat es 90 Prozent der
Marschen zerstört und 80 Prozent der Bevölkerung
ermordet oder ins Exil vertrieben. Und in dem
vergeblichen Bestreben, seine unsägliche Bilanz vor
der Welt zu verstecken, verweigert es dem Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen nach wie vor
die Einreise.
Der Irak weiß, was er tun muß, um der Gemeinschaft
zivilisierter Nationen erneut beizutreten. Das Land
muß die relevanten Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, einschließlich Resolution 688, einhalten und die
Unterdrückung seines Volkes beenden.
Der Irak ist nicht das einzige Land in der Region, das
kontinuierliche und gravierende Verletzungen international anerkannter Menschenrechte begeht. Seit
Jahren hat der Iran ähnliche Besorgnis hervorgerufen. Trotz Teherans Bestrebungen, seine Menschenrechtsverletzungen zu verdecken, wurden wiederholte
Fälle von Folterung, Massenexekutionen, willkürlichen
Verhaftungen, unerklärlichen Verschleppungen, das
Fehlen ordentlicher Gerichtsverfahren, die Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten und der Religionsfreiheit bekannt. Darüber hinaus wurde dem Sondervertreter der Vereinten Nationen für die Menschenrechte im Iran seit 1991 kein Besuch gestattet.
Die Vereinigten Staaten fordern den Iran auf, die
Unterdrückung des iranischen Volkes zu beenden
und einen Besuch des neuen UN-Sondervertreters zu
gestatten.
In einer Reihe von Ländern, darunter Kuba, sind die
Vereinigten Staaten weiterhin besorgt über den
Mangel an Demokratie und Respektierung international anerkannter Menschenrechte. Das CastroRegime ist heute die einzige Regierung der westlichen Hemisphäre, die ihren Bürgern die Grundrechte der Versammlungs-und Redefreiheit verweigert.
Es gibt immer noch politische Gefangene, oppositionelle politische Aktivitäten sind immer noch verboten,
unabhängige Organisationen werden immer noch
schikaniert und die Kubaner werden weiterhin ohne
Grund verhaftet.
Der UN-Hochkommissar Ayala Lasso stattete Kuba
vergangenes Jahr einen Besuch ab, der jedoch nicht
zu einer allgemeinen Verbesserung der Menschenrechtssituation führte. Im April verurteilte ein Militärgericht den führenden Menschenrechtler Francisco
Chaviano wegen falscher Anschuldigungen zu 15
Jahren Gefängnis. Und Kuba verweigert einem UNSonderberichterstatter für Menschenrechte weiterhin
die Einreise.

AMERIKA DIENST 33

�Damit Kuba prosperieren und wachsen kann, sind
echte politische Reformen erforderlich. Dazu ist eine
grundlegend veränderte Einstellung der Regierung
zu politischen und Menschenrechten erforderlich.
Meine Regierung würde einen solchen Wandel
begrüßen.

tum und eine internationale Führungsrolle nachkommt, und sie verdienen sie jetzt.

Wir rufen Kuba auf, das Recht auf die Gründung
politischer Parteien und unabhängiger Gewerkschaften anzuerkennen, Versammlungs- und Redefreiheit
zuzulassen, ordentliche Gerichtsverfahren zu respektieren, nationalen und internationalen humanitären
Gruppen die Inspektion von Gefängnissen zu gestatten und den UN-Sonderberichterstatter ins Land zu
lassen.

Im vergangenen Jahr gab es zunehmend Berichte
über Sklaverei und Zwangsarbeit von Frauen und
Kindern, die rassischen, ethnischen und religiösen
Minderheiten angehören. Wir haben Informationen
darüber, daß die Greueltaten gegen Einheimische
intensiviert wurden.
Wir wissen von wahllosen
Luftangriffen gegen zivile Ziele. Wir haben gehört,
daß unbegleitete Minderjährige für den Militärdienst
verpflichtet werden. Und wir hören nichts von Untersuchungen - wie sie meine Regierung heute zum
wiederholten Male fordert - des Mordes an Sudanesen, die für ausländische Hilfsorganisationen und
Regierungen arbeiteten.

Nigeria ist ein weiteres Land, in dem ein grundlegender Wandel bei der Haltung der Regierung gegenüber den Menschenrechten erforderlich ist. Die
Hinrichtung des Umweltschützers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa und acht weiterer Menschen am 10 November war - maskiert als gesetzliche Handlung - ein gesetzloser Akt eines Regimes,
das den Zweck von Gesetzen mißversteht. Die
Opfer wurden nicht in einem ordentlichen Gerichtsverfahren verurteilt, hatten keinen angemessenen
Zugang zu Rechtsbeistand, und die elementaren
Rechte eines ordentlichen Gerichtsverfahrens
wurden ihnen verweigert.
Obwohl diese Hinrichtungen ungewöhnlich viel
öffentliche Aufmerksamkeit erregten, waren es - im
heutigen Nigeria - keine ungewöhnlichen Ereignisse.
Frühere Regierungen führten Nigeria zu internationaler Berühmtheit und gewannen für ihr Land den
Respekt der Region und der Welt. Die heutige
Regierung ist nicht gewillt, diese Normen einzuhalten.
Statt das nigerianische Volk zu respektieren, beteiligt
sich die Regierung an Mißbrauch in vollem Umfang,
einschließlich willkürlicher Festnahmen, Folter, der
Verfolgung von Menschenrechtsbeobachtern, dem
Verbot politischer Aktivitäten der Opposition sowie
Beschränkungen der Rede- und Versammlungsfreiheit. Ferner unterminierte die Regierung systematisch die Glaubwürdigkeit, Fairness und Effektivität der nigerianischen Justiz.
Meine Regierung ruft die Regierung Nigerias zur
umgehenden Wiederherstellung der zivilen demokratischen Herrschaft und Achtung von Menschenrechten durch die Freilassung politischer Gefangener, Wiedereinführung der Habeascorpusakte,
Aufhebung der Beschränkungen politischer Aktivitäten und Garantie der Meinungs- und Koalitionsfreiheit auf. Die Nigerianer verdienen eine Regierung, die den Anforderungen an nationales Wachs-

AMERIKA DIENST 33

Die Regierung des Sudan verletzt auch weiterhin auf
eklatante Weise die international anerkannten Menschenrechte.

Der einzige Silberstreifen am Horizont der Menschenrechtssituation im Sudan war im August die
Freilassung einer Anzahl politischer Gefangener
sowie die von der Regierung bekundete Absicht, im
nächsten Jahr freie Wahlen abzuhalten.
Der Bürgerkrieg im Sudan ist eine andauernde
Tragödie, bei der keine der Splittergruppen die
grundlegenden Menschenrechte des sudanesischen
Volkes ernst nimmt. Jetzt ist für die Regierung und
die Oppositionsführer der Zeitpunkt zur Beilegung
ihrer Differenzen auf der Grundlage von Dialog,
Demokratie und Anstand gekommen. Wenn sie dazu
bereit sind, wird die internationale Völkergemeinschaft
ihnen helfen; andernfalls werden wir sie weiterhin
verurteilen.
Die Menschenrechtspraktiken der chinesischen
Regierung sind für die Vereinigten Staaten schon seit
langem ein Anlaß zur Sorge, insbesondere die
Aktionen zur Einschränkung des friedlichen Ausdrucks abweichender politischer, sozialer und religiöser Anschauungen. Diese Rechte werden in der
Allgemeinen Menschenrechtserklärung
konkret
aufgeführt. In diesem Zusammenhang sind viele
Amerikaner zutiefst betroffen über die vor kurzem
erfolgte offizielle Festnahme des bekannten und seit
langer Zeit festgehaltenen Dissidenten Wei Jingsheng.
Wir erwarten von der chinesischen Regierung konkrete Schritte zur Einhaltung der internationalen
Menschenrechtsnormen, einschließlich der Freilassung derjenigen, die lediglich festgenommen wurden,
weil sie ihren Ansichten auf friedliche Weise Ausdruck
verliehen und das einzigartige kulturelle, sprachliche
und religiöse Erbe Tibets erhalten wollen.

Seite 3

�Menschenrechtsfragen sind Gegenstand eines
ständigen offiziellen und inoffiziellen bilateralen
Austauschs zwischen meiner und der chinesischen
Regierung. Obwohl der Dialog unterbrochen wurde,
hoffen wir, daß er angesichts der jüngsten Gespräche zwischen unseren beiden Präsidenten bald
wiederaufgenommen wird.
Herr Vorsitzender, in den letzten Jahren ist in
zahlreichen Regionen der Welt wiederaufgetaucht,
was historisch als "Nationalitätenproblem" bezeichnet
wird. Die Ausbeutung ethnischer und nationalistischer Leidenschaften hat zu blutigen Konflikten in
Bosnien, Ruanda, Liberia, dem Kaukasus und
andernorts geführt. Die Opfer dieser Konflikte sind
oftmals nicht diejenigen, die für den Krieg ausgebildet wurden und darauf vorbereitet waren, sondern
Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, mit
denen nicht aufgrund dessen, was sie taten, sondern
aufgrund dessen, wer sie sind, Mißbrauch getrieben
wird.
In Ruanda und Burundi werden diplomatische
Bestrebungen unternommen, um erneute ethnische
Konflikte zu verhindern. Der Erfolg wird teilweise
von der Bereitschaft der beteiligten Regierungen
abhängen, Sicherheitsanforderungen mit Respektierung der Menschenrechte und Dialog in Einklang zu
bringen. Ferner wird er davon abhängen, ob die
Politiker und die Bevölkerung im allgemeinen Gewalt
als die Sackgasse ablehnen, die sie ist und in gutem
Glauben Bestrebungen zur Beilegung von Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln unternehmen.
Im ehemaligen Jugoslawien wurde ein Durchbruch
erzielt. Im Falle seiner Umsetzung wird das letzte
Woche paraphierte Friedensabkommen die schrecklichsten Menschenrechtsverletzungen beenden, die
seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem
europäischen Kontinent stattfanden.
Gemäß dem Abkommen sollen die Rechte der
Menschen in Bosnien und Herzegowina verfassungsmäßig anerkannt und von einem MenschenrechtsOmbudsmann sowie einem außerordentlichen Menschenrechtsgerichtshof geschützt werden. Die im
Zusammenhang mit dem Konflikt in Gefängnissen
oder Arbeitslagern Festgehaltenen sollen freigelassen werden. Alle Parteien stimmen der Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz, den
Organen der Vereinten Nationen und den Organisationen zur Überwachung der Menschenrechte zu.
Es wird ein Ausschuß für Flüchtlinge und Vertriebene geschaffen, der kriegsbedingte Streitigkeiten
schlichten soll. Und jede Partei verpflichtet sich zur
umfassenden Zusammenarbeit bei internationalen
Ermittlungen und der Verfolgung von Kriegsverbrechen.

Seite 4

Herr Vorsitzender, zweimal in diesem Jahrhundert
wurden wir als direkte Konsequenz von nationalistischen Ausschreitungen und Haß von einem Weltkrieg
heimgesucht. Heute gibt es keine größere Kraft der
Instabilität und keinen größeren Grund für Menschenrechtsverletzungen als ethnische Gewalt und Intoleranz. Die Unverwüstlichkeit dieser giftigen Leidenschaften war das wichtigste Motiv für die Gründung
der Vereinten Nationen.
Wir alle sind stolz auf die Nation, der wir angehören.
Aber es ist ein Grundprinzip der zivilisierten Welt, daß
Loyalität gegenüber einer Nation nicht den Verrat an
universellen Werten rechtfertigt.
Die Gründerväter der Vereinten Nationen betrachteten ebenso wie die Gründerväter der Vereinigten
Staaten die Nation nicht als Selbstzweck, sondern als
Instrument von Gesetz, Gerechtigkeit, Freiheit und
Toleranz. Sie stimmten mit Goethe darin überein,
daß über den Nationen die Menschlichkeit steht,
sowie mit Diderot, daß es unter dem Joch der Tyrannei keine echte Staatsbürgerschaft und daher keine
echte Nation geben kann. Nach Ansicht Diderots ist
Nationalismus einbeziehend, nicht ausgrenzend. Das
ist beispielsweise der Unterschied zwischen der
echten Nation Südafrika von heute und dem Mutanten Südafrika der letzten Jahrzehnte.
Wenn wir die physiologischen, kulturellen und historischen Unterschiede respektieren, die uns trennen,
dürfen wir nie das gemeinsame Menschsein vergessen, das uns verbindet. Wir sind unterschiedliche
Völker, aber eine Spezies - eine Spezies, die sich
nicht nur durch ihre Fingerfertigkeit auszeichnet,
sondern auch durch die Fähigkeit, konzeptionell zu

denken, große Zivilisationen sowie Meisterwerke der
Kunst zu schaffen und über die Geheimnisse des
Lebens nachzudenken.
Die größte Kluft in der heutigen Welt besteht nicht
zwischen Ost und West, Nord und Süd, rechts oder
links, sondern zwischen denjenigen, die sich in
Gewohnheiten und Haß der Vergangenheit verstrickt
haben und denen, die die Zukunft gestalten wollen.
Demgemäß ruft meine Regierung alle Regierungen
auf:
Wir wollen alle Bestrebungen unterstützen, den lange
geplagten Regionen, einschließlich des Nahen
Ostens, Zentralafrikas und des ehemaligen Jugoslawien dauerhaften Frieden zu bringen.
Wir wollen alle die untrennbare Verbindung zwischen
menschlicher Entwicklung und menschlicher Freiheit
anerkennen.

AMERIKA DIENST 33

�Wir wollen alle die in der Charta der Vereinten
Nationen eingegangenen Verpflichtungen erfüllen.
Wir wollen uns an die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte halten.

Wir wollen die Würde unserer Bürger respektieren.
Und bei alledem wollen wir unserer gemeinsamen
Verantwortung für die Zukunft und die Kinder gerecht
werden, deren Erbe wir treu verwalten.

* * * * *

AMERIKA DIENST 33

Seite 5

�TERRORISMUS
6. Dezember 1995

Das Zeitalter des Superterrorismus
von James Kitfield
(AD) - Der Autor befaßt sich mit dem neuen Potential des Einsatzes von nuklearen, chemischen und
biologischen Massenvernichtungswaffen durch Terroristen und Maßnahmen wie dem Nichtverbreitungsvertrag
(NW), der Chemiewaffenkonvention sowie diplomatischen und nachrichtendienstlichen Bestrebungen zur
Bekämpfung dieser Bedrohung. Das Gesetz über Terrorismusbekämpfung von 1995 ist ein umstrittener
Versuch zur Bewältigung des Terrorismusproblems in den Vereinigten Staaten und im Ausland.
Der Verfasser ist Redakteur beim Government Executive. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher
Genehmigung von Government Executive, Juli 1995. Copyright (c) 1995 National Journal, Inc. Alle Rechte
vorbehalten.

Die seit langem gehegte Befürchtung, daß Massenvernichtungswaffen von Terroristen gegen Zivilisten
eingesetzt werden könnten, wurde am 20. März
1995 Realität - dem Tag, an dem todbringendes
Nervengas in der Tokioter U-Bahn ausströmte.
Kurz nach dem Anschlag, bei dem 12 Menschen
getötet und über 5.000 verletzt wurden, klingelte das
Telefon in Dr. Frederick Sidells Büro beim Forschungsinstitut für chemische Verteidigung der USArmee in Aberdeen Proving Ground (Maryland).
Sidell, einer der führenden Experten der Welt auf
dem Gebiet der Behandlung von Opfern chemischer
Kriegführung, erfuhr, daß er zusammen mit Experten
des Zentrums für die Bekämpfung und Verhinderung
von Krankheiten entsandt würde, um den Opfern mit
medizinischer Beratung und Hilfe zur Seite zu
stehen.
In Tokio beriet er sich mit über 30 Ärzten, bestätigte,
daß der Wirkstoff des Nervengases tatsächlich das
todbringende Gas Sarin gewesen war und gelangte
zu einer düsteren Schlußfolgerung: Der Vorfall hätte
sehr viel schlimmer sein können. Ein anderer
hochrangiger Experte der Armee für nukleare,
biologische und chemische Waffen - die als Massenvernichtungswaffen eingestuft werden - formulierte es noch krasser: "Es hätte Tausende von Toten
geben können."
Ebenso wie die ersten Ermittler am Tatort nach dem
Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993
und vor kurzem auf das Alfred P. Murrah-Bundesgebäude in Oklahoma City, erkannten die Terrorismusbekämpfungsexperten, daß in Tokio eine neue

AMERIKA DIENST 33

Dimension erreicht worden war. Alle drei Anschläge
deuten auf das Auftreten einer neuen und virulenteren Art von Terrorismus.
Der Bombenanschlag auf das World Trade Center
war der erste größere Anschlag internationaler
Terroristen auf amerikanischem Boden, und in
diesem Fall deckten die Ermittler Pläne von Terroristen auf, noch mehrere andere bedeutende Gebäude
in New York in die Luft zu sprengen, und Tausende
waren als Ziele erfaßt. "Der Bombenanschlag auf
das World Trade Center bewies, daß transnationale
Terrorgruppen die Vereinigten Staaten ins Visier
genommen haben", so Generalleutnant a.D. Robert
Schweitzer, ehemaliges Mitglied des Nationalen
Sicherheitsrats und jetzt beim Globalen Strategierat
der Vereinigten Staaten - einer Denkfabrik des
Geheimdienstes.
"Wir werden sie wiedersehen,
wahrscheinlich mit biologischen oder sogar Nuklearwaffen ausgerüstet."
Oklahoma City war der todbringendste Terroranschlag auf dem Boden der Vereinigten Staaten in
ihrer Geschichte und eine "entschiedene Abkehr" von
früheren Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten, erklärt Mark Kennon, Terrorismusbekämpfungsexperte im US-Außenministerium.
Die früheren
Anschläge erfolgten für gewöhnlich mit Schußwaffen
oder Rohrbomben und hatten relativ wenige Opfer zu
Folge.
In seinem Jahresbericht "Muster des globalen Terrorismus" stellt das Außenministerium weltweit einen
offensichtlichen Trend zu noch destruktiveren Akten
des Terrorismus fest. Obwohl die Anzahl der Terror-

Seite 1

�anschlage beträchtlich gesunken ist, nimmt die
todbringende Wirkung solcher Anschläge zu. Der
Angriff auf die Tokioter U-Bahn und ein kleinerer,
weniger publik gemachter Nervengasanschlag in
Japan im Jahr zuvor stehen für eine besonders
schlimme Eskalation terroristischer Kriegführung:
Dem ersten Einsatz von Massenvernichtungswaffen.
Und "es wird noch schlimmer werden", prognostiziert
Marvis Cetron, Koautor des demnächst veröffentlichten Buchs Terrorismus 2000. The Future Face of
Terrorism, das im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums geschrieben wurde. In dem Buch sagt
Cetron ein Zeitalter des "Superterrorismus" voraus,
in dem die Terroristen eine zunehmende Bereitschaft
und Fähigkeit zeigen, solche Massenvernichtungswaffen einzusetzen.
Experten sehen die böswillige Hand der Terroristen
und ihrer Agenten, die immer todbringendere Mittel
der Zerstörung sondieren. Kriminelle, die versuchen,
Nuklearmaterial aus der ehemaligen Sowjetunion
herauszuschmuggeln, wurden beispielsweise in den
vergangenen Jahren mindestens viermal abgefangen, und Quellen des Verteidigungsministeriums
zufolge sind iranische Agenten aktiv bestrebt,
Nuklearmaterial auf dem Schwarzmarkt in der
früheren Sowjetunion zu kaufen. Der Iran wird als
der weltweit aktivste Förderer ultragewalttätiger
Terrorgruppen wie der Hisbollah angesehen und soll
für den Bombenanschlag auf ein jüdisches Kulturzentrum in Buenos Aires im letzten Jahr verantwortlich sein, bei dem nahezu 100 Zivilisten getötet
wurden.
Wochen nach dem Anschlag von Tokio fanden
Arbeiter chemische Grundstoffe von Zyanid auf einer

Toilette des Tokioter Shinjuku-Bahnhofs. Wenn sie
nicht entdeckt worden wären, hätten die durch die
Reaktion der Grundstoffe freigesetzten Gase Tausende töten können. In der Zwischenzeit ermittelte
die Polizei in Columbus (Ohio) gegen einen Labortechniker und vermutliches Mitglied der um die
Vorherrschaft der Weißen kämpfenden Gruppe
Aryan Nation, der seine für die Firma ausgestellte
staatliche Lizenz benutzte, um illegal drei Phiolen mit
Beulenpest verursachenden Bakterien zu beschaffen.
"Weil die Beulenpest durch jemanden übertragen
werden kann, der einen nur anatmet, könnte ein
Terrorist mit einigen dieser Viren buchstäblich eine
Epidemie starten", erklärt ein Pentagon-Experte für
biologische Kriegführung. "Es steht außer Frage,
daß die Bedrohung zunimmt."

Seite 2

Das Verbreitungsproblem
Die Bundesregierung hat eine massive Reaktion auf
die Bedrohung durch Superterrorismus mobilisiert.
Ihre wichtigsten Verteidigungswaffen sind Rüstungskontrollverträge und schärfere Kontrollen für waffenfähige Technologien und Material, die den Zugang
von verbrecherischen Staaten und Terrorgruppen zu
Massenvernichtungswaffen begrenzen sollen. Die
Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste nehmen darüber hinaus die Terrorgruppen aggressiver
ins Visier und arbeiten enger bei der Terrorismusbekämpfung im Aus- und Inland zusammen. Schließlich
hat das Verteidigungsministerium eine umfassende
Initiative zur Nichtverbreitung in die Wege geleitet,
um das amerikanische Militär - durch passive Verteidigung und aktive Prävention - besser auf die
Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen vorzubereiten.
"Die Bedrohung durch Massenterrorismus unter
Einsatz von Massenvernichtungsmaterialien, die
durch die Gasangriffe von Tokio realer wurde, stellt
eine neue Herausforderung dar", äußerte Botschafter
Philip Wilcox, der Koordinator für Terrorismusbekämpfung des Außenministeriums, bei einer Pressekonferenz im April. "Diese Gefahr, plus zunehmende
Mobilität, technische Kompetenz und Erfindungsreichtum der Terroristen bedeutet, daß wir unsere
Anstrengungen gegen internationale Terroristen im
Ausland ebenso verdoppeln müssen wie im Inland."
Obwohl der Anschlag von Tokio eine schreckliche
Warnung war, sind der Alptraum, der die Experten
am meisten beunruhigt, mit Nuklearwaffen ausgerüstete Terroristen. Und die Gefahr der Weiterverbreitung hat mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dramatisch zugenommen, so John Holum,
Direktor des amerikanischen Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and Disarmament
Agency - ACDA). "Viele der von den Sowjets verhängten Kontrollen und Maßnahmen existieren jetzt
nicht mehr", beobachtet er.
Letztes Jahr fingen deutsche Behörden in einem
Zeitraum von vier Monaten drei getrennte Lieferungen
von Nuklearmaterial ab, die vermutlich aus der
Sowjetunion stammten. In jüngerer Zeit wurden
Lieferungen von hochangereichertem Uran in der
Tschechischen und der Slowakischen Republik
abgefangen. Man benötigt nur rund 25 Pfund solchen Urans, um eine Bombe der Größe herzustellen,
wie sie 1945 über Hiroshima explodierte. "Die
Tatsache, daß Nuklearmaterial bei diesen Stichproben in Deutschland und Osteuropa auftaucht,
belegt das Potential für ein enormes Verbreitungsproblem", erläutert Holum.

AMERIKA DIENST 33

�Das Problem kann nicht leicht durch herkömmliche
Nichtverbreitungsprogramme behoben werden, die
sich auf die Überwachung der zur Herstellung von
waffenfähigem Nuklearmaterial erforderlichen großen
und modernen Produktionseinrichtungen verlassen.
"Der Schmuggel von waffenfähigem Nuklearmaterial
in einen verbrecherischen Staat wäre die bei weitem
gefährlichste Art der Verbreitung", erklärt Michael
Mazaar, Analyst am Zentrum für strategische und
internationale Studien in Washington. "Das Land
muß nur die Waffen selbst entwerfen, was technologisch nicht so hohe Anforderungen stellt. Weil man
nicht weiß, wo das Waffenprogramm ist, hat man
weder eine militärische Option noch ist man an ein
sichtbares Produktionsprogramm gebunden, das die
Verhängung internationaler Sanktionen zur Folge
hätte."
Spaltbares Material wäre in den Händen von Terroristen außerordentlich gefährlich, selbst wenn es nicht
zur Herstellung von Nuklearwaffen verwendet würde.
"Wenn es um die Hülle eines konventionellen
Sprengkörpers gewickelt würde, könnte dieses
Material ein Gebiet so verseuchen, daß acht oder
zehn Jahre lang kein menschliches Leben dort
möglich wäre", stellt Cetron fest. "Und die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, daß
Terrorgruppen diese Ideen prüfen."
Verträge und ihre Grenzen
Die erste Verteidigungslinie gegen solch ein erschreckendes Szenarium ist das von den Senatoren
Sam Nunn (Demokrat aus Georgia) und Richard
Lugar (Republikaner aus Indiana) geförderte NunnLugar-Programm zur kooperativen Bedrohungsverringerung. Seit der Einführung des Programms im
Jahr 1991 haben die Vereinigten Staaten 1,27
Milliarden Dollar aufgewandt, um den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion bei der sicheren Entsorgung ihrer Massenvernichtungswaffen behilflich zu
sein.
Das Programm enthält Initiativen zur Gewährleistung
der Sicherheit von Nuklearwaffen während des
Transports zu den Zerlegungseinrichtungen, finanzielle und technische Hilfe beim Entwurf neuer
Lagereinrichtungen für Nuklearmaterial und Verbesserungen bei den Kontroll- und Zählsystemen in
Rußland sowie die Einrichtung von Wissenschaftsund Technologiezentren in Moskau und Kiew, um
mehreren Tausend Atomwissenschaftlern und
Ingenieuren Arbeit zu bieten.
"Die Situation in der ehemaligen Sowjetunion beunruhigt mich weiterhin am meisten, und meine Hauptsorge ist nicht, daß aus Feindschaft Nuklearwaffen
auf uns abgefeuert werden, sondern vielmehr, daß

AMERIKA DIENST 33

sie von einer nicht autorisierten oder Terrorgruppe
abgefeuert werden", so Ashton Carter, Abteilungsleiter im US-Verteidigungsministerium für nukleare
Sicherheit und Nichtverbreitung und der Weichensteller des Pentagon für nukleare Sicherheit.
"Die Dinge können sich sehr rasch verändern, und
während der ganzen Zeit haben wir 30.000 Nuklearwaffen, Hunderte Tonnen spaltbaren Materials und
Zehntausende Tonnen chemischer Waffen in dieser
Region - und das Problem wird noch lange Zeit
existieren", fügt Carter mit dem Hinweis hinzu, selbst
bei optimistischen Prognosen laufe der Zeitplan für
die Beendigung der Nunn-Lugar-Initiativen bis zum
Jahr 2001.
Da das Nunn-Lugar-Programm Teil eines Gesamthilfepakets für Rußland ist, das bei den Republikanern unpopulär ist, wird es jedoch wahrscheinlich
nicht fristgerecht ablaufen. Im Mai stimmte der
nationale Sicherheitsausschuß des Repräsentantenhauses für die Kürzung von 171 Millionen Dollar des
Antrags der Administration in Höhe von 371 Millionen
Dollar für das Nunn-Lugar-Programm im Jahr 1996.
Mit der unbegrenzten Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags im Mai 1995 errang die ClintonAdministration einen entscheidenden Sieg bei der
Nichtverbreitung von Nuklearwaffen. Der N W ist das
wichtigste rechtliche Instrument, das die fünf erklärten
Nuklearstaaten (die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, China und Rußland) verpflichtet,
keine Verlegung von Nuklearwaffen und Nuklearwaffentechnologie vorzunehmen, und den nicht im Besitz
von Atomwaffen befindlichen Staaten die Beschaffung
von Nuklearwaffen untersagt. Der N W verpflichtet
die 178 Unterzeichner des Abkommens (von den 185
Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen) zu beschleunigten Inspektionen der Internationalen AtomenergieOrganisation, dem nuklearen Wachhund der Welt.
"Ungeachtet seiner Einschränkungen ist der N W
meines Erachtens das erfolgreichste Rüstungskontrollregime der Geschichte", stellt ACDA-Direktor
Holum mit der Anmerkung fest, daß es heute sehr
viel weniger Nuklearstaaten gibt, als bei der Aushandlung des Vertrags im Jahr 1968 vorhergesagt
wurde. Und nachdem bekannt wurde, daß der Irak
als NW-Unterzeichnerstaat ein sehr viel moderneres
Nuklearwaffenprogramm unterhielt als Experten vor
dem Golfkrieg vermutet hatten, wurden die Verifizierungsrichtlinien im Rahmen des Vertrags verbessert
und konzentrieren sich jetzt auf Ad-hoc-lnspektionen
nicht erklärter Einrichtungen.
Zusätzlich zum N W hat das ACDA eine Chemiewaffenkonvention ausgehandelt, die noch vom Senat
genehmigt werden muß. Den Unterzeichnern wäre

Seite 3

�die Entwicklung, Lagerung und Verlegung chemischer Waffen untersagt. "Im Hinblick auf ihre
Verbote und die Genauigkeit ihres Inspektionsregimes wird die Chemiewaffenkonvention das
weitreichendste Rüstungskontrollabkommen sein,
das je ausgehandelt wurde", erklärt Holum.
Nachrichtendienstlichen Erkenntnissen zufolge
haben rund zwei Dutzend Nationen bestätigte oder
vermutete Programme zur chemischen Kriegführung,
und zehn haben angeblich Programme zur biologischen Kriegführung. ACDA-Vertreter räumen ein,
daß der aktuelle Vertrag über die Verbreitung von
biologischen Waffen nicht in Kraft gesetzt werden
kann und verbessert werden muß.
"Obwohl der Trend bei der Nichtverbreitung meiner
Ansicht nach günstig ist, insbesondere im nuklearen
Bereich, bin ich konstant besorgt über die generelle
Verfügbarkeit dieser Technologien und das Potential
für verbrecherische Staaten, die erforderlichen
Materialien von Scheinfirmen oder Schmugglern zu
kaufen", so Holum.
Kontrolle des "Superterrorismus"
Über diplomatische und nachrichtendienstliche
Kanäle haben die Vereinigten Staaten einen zweigleisigen Ansatz zur Bekämpfung terroristischer
Gruppen verfolgt, die Massenvernichtungswaffen
beschaffen wollen.
Im diplomatischen Bereich
konzentrierte sich das US-Außenministerium auf die
Stärkung des Gesetzesrahmens, der Druck auf
internationale Terroristen ausübt. Seit 1986 hat sich
die Zahl der internationalen Verträge und Konventionen, in denen sich die Regierungen zur Bekämpfung
von Terroristen verpflichten, von 5 auf 10 verdoppelt,
und die Vereinten Nationen, die Minister europäischer Regierungen, die Organisation Amerikanischer
Staaten sowie die Organisation der Islamischen
Konferenz verabschiedeten vor kurzem
n Resolutionen zur entschiedenen Bekämpfung des
Terrorismus.
"Viele der politischen

Meinungsverschiedenheiten

über den Terrorismus, die während des Kalten
Krieges eine internationale Zusammenarbeit verhinderten, wurden beigelegt, als sich die Länder der
Welt zunehmend mit einer Stimme gegen den
Terrorismus aussprachen", so Kennon vom USAußenministerium.
Obwohl die Anzahl von Staaten, die den Terrorismus
aktiv unterstützen, nach der Auflösung des Warschauer Pakts sank, wurden Experten zufolge die
jüngsten Anschläge von inländischen Terroristen
verübt, deren Motive weniger gut verstanden werden. "Eine beängstigende Gesetzmäßigkeit, die

Seite 4

Oklahoma City und Tokio miteinander verbindet, ist
die Tatsache, daß in beiden Fällen die Waffen
vollständig im Land gebaut wurden, so daß sie nicht
unter die Exportkontrollen fielen", erklärte der stellvertretende Abteilungsleiter für Nichtverbreitungspolitik im US-Verteidigungsministerium, Mitchell
Wallerstein. "Und weil beide Gruppen aus dem
Inland stammen, erregten sie nicht die Aufmerksamkeit der internationalen Nachrichtendienste."
Ein weiterer beunruhigender Trend ist das Aufkommen "staatenloser" Terrorgruppen, die extrem schwer
zu überwachen sind und in die man nur schwer
jemanden einschleusen kann. "Nach dem Verlust
eines Großteils ihrer Infrastruktur und ihrer Unterstützung aus Osteuropa beobachten wir das Phänomen kleinerer und nur lose miteinander verbundener
Terrorgruppen, die an Orte wie Afghanistan oder den
Libanon gehen, wo es praktisch keine Regierung
gibt", so Kennon.
Bestrebungen zum Aufspüren dieses weltweiten
Netzes von Terroristen werden von der 1986 gegründeten interministeriellen Terrorismusbekämpfungsgruppe koordiniert, die ihren Sitz beim amerikanischen Geheimdienst CIA hat. Vertreter des amerikanischen Bundeskriminalamts FBI, der nationalen
Sicherheitsbehörde und der Nachrichtendienste des
Verteidigungsministeriums bemühen sich um eine
Koordinierung ihrer Operationen. Obwohl die Regeln
für internationale Ermittlungen der Geheimhaltung
unterliegen, weisen Experten der Nachrichtendienste
zufolge einige der jüngsten Erfolge darauf hin, daß
die koordinierten Bestrebungen zur Bekämpfung des
Terrorismus funktionieren.
Ramzi Ahmed Yousef, der der Mittäterschaft an dem
Bombenanschlag auf das World Trade Center verdächtigt wird und Angriffe auf amerikanische Flugzeugträger in Asien plante, wurde Anfang des Jahres
in Pakistan festgenommen und an die Vereinigten
Staaten ausgeliefert. Amerikanische Agenten nahmen auch die Flugzeugentführer Fawaz Yunis und Ali
Rezaq fest. Und Mitarbeiter des Nachrichtendienstes
identifizierten Imad Mughniyah, einen shiitischen
Anführer des Islamischen Heiligen Krieges aus dem
Libanon, der 1983 vermutlich am Bombenanschlag
auf die Kaserne in Beirut beteiligt war. Der Versuch
seiner Festnahme bei einem Zwischenstopp in SaudiArabien durch FBI-Agenten wurde jedoch von der
saudiarabischen Regierung vereitelt.
Regierungsvertreter weisen auch auf die Aufdeckung
einer Anzahl Fälle von Nuklearschmuggel hin, über
die in den Medien berichtet wurde und die das
Ergebnis erfolgreicher Stichproben durch die amerikanischen und internationalen Nachrichtendienste sind.

AMERIKA DIENST 33

�"Die Nachrichtendienste haben definitiv sowohl die
Terrorismusbekämpfung als auch den Kampf gegen
Weiterverbreitung von Waffen als hohe Priorität und
wachsende Bedrohung identifiziert. Dies führte zur
Bildung einer Antiterrorismusgruppe, die unterschiedliche Ressourcen der Regierung zusammenfaßt", so
der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates. Er warnt
jedoch, daß es ein Kampf gegen Windmühlen sei,
Terroristen Massenvernichtungswaffen vorzuenthalten.
"Insbesondere chemische und biologische Waffen
kann man im eigenen Keller herstellen. Und die
Idee, sie überhaupt nicht in die Hände von Terroristen zu lassen, ist technisch einfach nicht zu realisieren", äußert er. "Die beste Abschreckung besteht
darin, diese Menschen zu fassen, damit die anderen
sehen, daß man mit so etwas nur verlieren kann."
Zur Vorbereitung auf einen solchen Eventualfall
führte die Regierung im Oktober 1994 eine Terrorismusbekämpfungsübung durch, bei der Mitarbeiter
des FBI und des Energieministeriums in New Orleans nach drei fiktiven atomaren Gefechtsköpfen
suchten. Eine ähnliche Übung wurde vergangenes
Jahr in New York mit der simulierten Freisetzung
eines biologischen Kampfstoffes in einer U-Bahn
abgehalten.
Kampf gegen den Terrorismus auf amerikanischem Boden
Als Teil einer Reihe nach dem Bombenanschlag von
Oklahoma City unterbreiteter Vorschläge würde die
Clinton-Administration im FBI eine inländische Version des internationalen Terrorismusbekämpfungszentrums des CIA einrichten. Bei einer Anhörung
vor dem Justizunterausschuß des Repräsentantenhauses für Verbrechensbekämpfung im Mai argumentierte FBI-Direktor Louis Freeh, solch eine
zentralisierte Organisation sei zur Bekämpfung einer
terroristischen Bedrohung erforderlich, die keine
Grenzen achte und in zunehmendem Maße in den
Zuständigkeitsbereich mehrerer Bundesbehörden
eindringe.
"Das Antlitz und die Hand des Terrorismus verändern sich auf dramatische Weise ... und wir
können nicht unser Land und unseren Lebensstil
schützen ... wenn wir die Bedrohung durch Terrorismus von allen Seiten - aus dem In- und Ausland nicht ernstnehmen", so Freeh. "Es besteht kein
wirklicher Unterschied zwischen den hier und den im
Ausland gegen amerikanische Bürger geplanten
oder durchgeführten Anschlägen."
Im Mai bewilligte der Kongreß zusätzliche 100
Millionen Dollar zur Terrorismusbekämpfung, darunter Mittel zur Bezahlung von 25 nachrichtendienst-

AMERIKA DIENST 33

lichen Analysten für das neue Terrorismusbekämpfungszentrum sowie 190 FBI-Überwachungsspezialisten und 143 Mitarbeitern zur Unterstützung.
Das ehemalige Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, Robert Schweitzer, befürwortet die Betonung
präventiver nachrichtendienstlicher Tätigkeit. "Bis
heute haben wir unser gesamtes Geld in die Reaktion
auf inländischen Terrorismus nach einem erfolgten
Anschlag gesteckt und waren dabei sehr erfolgreich",
erklärt er. "Mit der Verhütung von Terroranschlägen,
wofür die Nachrichtendienste maßgeblich sind, tun
wir uns jedoch sehr schwer."
Wenn es nach dem Willen der Clinton-Administration
geht, wird das FBI viel mehr Spielraum und Mittel
erhalten, um den Terrorismus auf amerikanischem
Boden zu bekämpfen. Als Teil des Gesetzes über
Terrorismusbekämpfung von 1995 schlägt die Administration eine erweiterte elektronische Überwachung
vermeintlicher Terroristen sowie größeren Zugang zu
Telefon-, Motel- und Reiseaufzeichnungen vor, ferner
die beschleunigte Abschiebung verdächtigter Terroristen ohne Bekanntgabe der nachrichtendienstlichen
Entdecker und das Verbot des Aufbringens von
Geldern für als terroristische Organisationen bezeichnete Gruppen. Darüber hinaus regte die Administration die Einstellung von 1.000 zusätzlichen Mitarbeitern beim FBI und anderen Behörden des Justizministeriums zur Terrorismusbekämpfung an.
Zivile Vertreter des Prinzips der Handlungsfreiheit
kritisieren viele dieser Vorschläge mit dem Hinweis,
daß sich in den sechziger Jahren frühere inländische
Spionageabwehreinheiten der Spionage gegen
Pazifisten und Bürgerrechtler schuldig gemacht
hatten. Mitarbeiter des FBI warnen jedoch, ohne eine
verstärkte Überwachung verdächtigter Terroristen im
Inland sei die Behörde dazu verurteilt, hauptsächlich
zu reagieren.
"Ich bin kein Befürworter umfassender und Undefinierter Bestrebungen zur Sammlung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, aber die Strafverfolgungsbehörden müssen etwas über jene Individuen und
Gruppen wissen, die tödliche Gewalt als Mittel zur
Förderung ihrer Sache befürworten", äußerte Freeh
vor dem Justizunterausschuß des Repräsentantenhauses für Verbrechensbekämpfung.
"Die erste
Regel der Selbstverteidigung lautet, den Feind zu
kennen, der Dich zerstören will."
Eine Rolle für das Militär
Der vielleicht umstrittenste Aspekt des Gesetzes über
Terrorismusbekämpfung ist ein Vorschlag zur Abänderung des Posse Comitatus Act von 1878, das
die Durchsetzung ziviler Gesetze durch das Militär

Seite 5

�verbietet. Dadurch sollen sich Militärexperten an der
Untersuchung von mit Hilfe atomarer, biologischer
und chemischer Waffen begangener inländischer
Verbrechen beteiligen können.
Der Vorschlag trägt der Tatsache Rechnung, daß
nahezu das gesamte Fachwissen und die unterstützende Infrastruktur für den Umgang mit Massenvernichtungswaffen beim Militär zu finden sind. Das
Heer vernichtete zwar 1973 seine biologischen
Waffen, aber Forscher beim medizinischen Forschungszentrum für ansteckende Krankheiten der
US-Armee arbeiten weiterhin an der Identifizierung
biologischer Kampfstoffe und entsprechenden Impfstoffen. Ebenso unterhält die Armee, obwohl sie
ihre Produktion chemischer Waffen einstellte, immer
noch landesweit acht Chemiewaffenlager sowie ein
stabiles Programm zur Entdeckung und Identifizierung chemischer und biologischer Waffen und zum
Schutz ihrer Soldaten.
"Bei einer massiven Verseuchung eines städtischen
Gebietes durch chemische oder biologische Waffen
verfügt nur die US-Armee über das Fachwissen,
darauf zu reagieren", so Wallerstein vom US-Verteidigungsministerium. Das Militär hat unter anderem hochmodernes Gerät zum Aufspüren und
Identifizieren chemischer und biologischer Kampfstoffe, medizinisches Personal mit Reserven von
Impfstoffen und Gegengiften für den Kriegsfall sowie
Gerät und Fachwissen zur Dekontamination.
Regierungsvertretern zufolge stellte das Verteidigungsministerium Reaktionsteams zusammen, die in
jedem Teil des Landes auf Vorfälle mit Massenvernichtungswaffen reagieren können.
Unter den
derzeitigen Gesetzen kann das Verteidigungsministerium jedoch den inländischen Strafverfolgungsbehörden nur Unterstützung im Hintergrund bieten.
"Wenn Sie darüber sprechen, daß wir uns an der
ersten Reaktionstruppe beteiligen und unsere
Jungens neben den FBI-Agenten stehen, drängt Ihr
uns genau in die Ecke der durch das Posse Comitatus Act verhängten Beschränkungen", erklärt ein
Experte für Massenvernichtungswaffen der USArmee.
Angesichts des bedauerlichen Mangels an Vorbereitung der Zivilisten für den Fall eines Angriffs mit
chemischen oder biologischen Waffen haben die
Behörden unter Umständen keine andere Wahl, als
in einem Notfall die Armee zu Hilfe zu rufen. "Bei
dem Angriff auf die Tokioter U-Bahn wurden die
Opfer in 200 medizinische Einrichtungen gebracht.
In einer typischen amerikanischen Stadt wäre es
jedoch sehr schwierig, auch nur zwei Krankenhäuser
zu finden, in denen diese Art von Verletzungen
richtig behandelt werden kann", so Sidell vom

Seite 6

medizinischen Institut für chemische Verteidigung der
Armee. Was die Ausbildung mit Gegengiften und
ihre Verfügbarkeit, Schutzkleidung und Dekontaminationsgerät anbelangt, sind ihm zufolge die Nothilfeorganisationen und medizinischen Einrichtungen der
Vereinigten Staaten schlichtweg unvorbereitet. "Das
Problem besteht darin, daß wir in Amerika einfach
nicht über diese Art von Problemen nachdenken",
stellt er fest.
"Eine Organisation, die nicht einfach nur über das
Undenkbare nachdenkt, sondern auch für den Tag
plant und ausbildet, an dem das Land von Superterroristen bedroht wird, ist der U.S. Special Operations
Command (SOCOM) auf dem Luftwaffenstützpunkt
MacDill in Florida. SOCOM, bereits mit Terrorismusbekämpfung und
Sonderaufklärungsmissionen
beauftragt, würde gemäß einem kürzlich unterbreiteten Vorschlag die Verantwortung für Nichtverbreitungsmissionen übernehmen, die die Suche nach
Massenvernichtungswaffen und ihre Bergung in einer
feindlichen Umgebung beinhalten. Laut informierten
Quellen führt die geheime Delta Force-Kommandoeinheit des SOCOM regelmäßig Übungen durch, um
mit Nuklearwaffen ausgerüstete Terroristen kampfunfähig zu machen und notfalls zu töten - sei es im
In- oder Ausland.
Verschiedenen Berichten und Quellen zufolge widersetzen sich führende Militärs jedoch den Bestrebungen des Weißen Hauses, eine noch größere Rolle
des Militärs bei der Untersuchung terroristischer
Vorfälle auf amerikanischem Boden gesetzlich
festzuschreiben. Selbst unter den derzeitigen Bestimmungen können amerikanische Präsidenten bei
innenpolitischen Notfällen das aktive Militär einsetzen,
was sie auch taten - in jüngster Zeit bei den Unruhen
in Los Angeles 1992 und in der Vergangenheit beim
Pullman Eisenbahnstreik im Jahr 1894. Auf der Höhe
des "Drogenkrieges" durchkämmten sogar vollständig
bewaffnete Spezialeinheiten der Nationalgarde
isolierte Behelfsflugplätze in Florida.
In seiner Ansprache vor Abgängern der Luftwaffenakademie im Mai machte Präsident Clinton seine
Bereitschaft deutlich, das Militär bei der Terrorismusbekämpfung einzusetzen. Zum Posse Comitatus Act
äußerte er: "Die einzige Ausnahme hierbei ist die
Fähigkeit der amerikanischen Strafverfolgungsbehörden, sich im Falle einer potentiellen Bedrohung in
Form von Nuklearwaffen in den Händen der falschen
Leute des einzigartigen Fachwissens des Militärs zu
bedienen. Alles, was wir nach dem schrecklichen
Vorfall in der Tokioter U-Bahn fordern, ist derselbe
Zugang zu demselben Fachwissen im Falle eines
Einsatzes chemischer und biologischer Waffen...
Heute kommen Menschen aus Übersee zu Terroranschlägen in unser Land und greifen unsere natio-

AMERIKA DIENST 33

�nale Sicherheit an. Wir müssen die Bedrohungen
als das erkennen, was sie sind und eine Antwort

AMERIKA DIENST 33

darauf finden, die auf ihrer wahren Natur basiert und nicht nur dort, wo sie auftreten.

Seite 7

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Bosnien &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Clinton der Ruf zum Frieden &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor den Truppen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Unterstützung der USA für dauerhaften Frieden in Bosnien erforderlich&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Cristopher&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle der Vereinigten Staaten als weltweiter Vermittler&lt;br /&gt;&lt;em&gt; von Amitai Etzioni&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen - der neue transatlantische Markt &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Übersicht des weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA appellieren an Nationen zur Einhaltung der Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;Rede von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Terrorismus&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das Zeitalter des Superterrorismus&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;von James Kitfield&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
01

10. Januar 1996

BOSNIEN

PERRY, SHALIKASHVILI: FRIEDENSMISSION IN BOSNIEN VERLÄUFT
REIBUNGSLOS
Pressekonferenz in Tuzla

WTO

EINE BILANZ DER WTO - POSITIV ABER
NOCH NICHT PERFEKT
Erklärung des
Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten

FRAUEN

VOICE - DIE STIMME DER FRAU
von Tony Case

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
10. Januar 1996

Perry, Shalikashvili: Friedensmission in Bosnien
verläuft reibungslos
Pressekonferenz in Tuzla
TUZLA - (AD) - Dem amerikanischen Verteidigungsminister William Perry und dem Vorsitzenden der Vereinigten
Stabschefs, General John Shalikashvili, zufolge ist der amerikanische Teil der NATO-Friedensmission erfolgreich.
Im Anschluß an eine zweitägige Inspektion erklärten Perry und Shalikashvili gegenüber Reportern, die amerikanischen Friedenstruppen führten ihre Mission ausgezeichnet aus und die Parteien in Bosnien leisteten beträchtliche Unterstützung.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Transkript der Pressekonferenz, an der auch der Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte, Generalmajor William Nash, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa der NATO,
General George Joulwan, teilnahmen.

Verteidigungsminister Perry: Dies waren zwei äußerst erfolgreiche und effektive Wochen. Wir haben
sehr viel größere Fortschritte erzielt, als wir alle für
möglich gehalten hätten, und die Operation ist aus
zwei Gründen sehr viel reibungsloser abgelaufen, als
wir erwartet hatten. Erstens - und das scheint mir der
wichtigste Grund - halten alle bisher kriegführenden
Parteien das Friedensabkommen ein. Sie halten es
nicht nur ein, sie nehmen nicht nur von allem Abstand,
was das Abkommen beeinträchtigen könnte, sondern
sie kooperieren aktiv mit der Friedenstruppe IFOR. In
der Tat könnte man sagen, die NATO-Streitkräfte wurden von allen Parteien freundlich aufgenommen. Es
ist ein sehr positives Zeichen, daß die NATO-Streitkräfte als Freunde empfangen werden, die sie tatsächlich sind. Das stimmt mich optimistisch bezüglich der
Zukunft Bosniens. Ich glaube, die Parteien hier sind
des Krieges und des Tötens müde und bereit, den Haß
zu begraben, mit dem Wiederaufbau des Landes zu
beginnen und eine Zukunft für ihre Kinder und Kindeskinder aufzubauen. Es ist jedoch der zweite Grund,
aus dem die Operation so reibungslos abgelaufen ist:
Aufgrund der Kompetenz und des Engagements der
NATO-Streitkräfte, die ins Land gekommen sind.
Ich habe heute einen Großteil meiner Zeit bei den
amerikanischen Truppen verbracht. Ich möchte kurz
darüber sprechen. Unsere Truppen sind wirklich professionell. Sie haben ihre Kompetenz, ihr Geschick

AMERIKA DIENST 01

und ihre erstaunliche Energie unter Beweis gestellt.
Das habe ich natürlich erwartet, aber ich war überrascht von der Stimmung, in der sie ihre Arbeit unter
sehr schwierigen Bedingungen ausführen. Sie sind
guter Stimmung und voller Humor. Was die meisten
von uns als Probleme angesehen haben, sehen sie als
Herausforderung.
Gestern abend sprach ich mit Oberstabsfeldwebel
Hobbs am Ausladebahnhof in Taszar. In den vergangenen Wochen wurden 800 Zugladungen abgefertigt.
Er bezeichnete das als "die Herausforderung am Ausladebahnhof". Diese Formulierung gefiel mir ausgezeichnet. Heute morgen habe ich mit Oberst Steve
Hawkins und seinen Truppen an der Brücke an der
Save gesprochen. Sie bezeichneten es als die "Herausforderung am Fluß" - die sie bewältigt haben.
Ich glaube, die amerikanischen Soldaten, die ich gestern und heute getroffen habe, kann man am besten
damit charakterisieren, daß sie wirklich Mumm haben.
Und meine Reaktion als Verteidigungsminister ist, daß
ich sehr stolz auf das amerikanische Militär bin. In der
Tat können alle Amerikaner sehr stolz auf ihre Truppen
und ihre Leistung in Bosnien sein. Sie bewältigen die
anspruchsvolle, schwierige Aufgabe, diesem tragischen Land Frieden zu bringen. Und sie tun es in guter Stimmung. Die Operation an der Save war ein Tribut an die Stimmung der amerikanischen Soldaten, die

Seite 1

�enorme Probleme beim Bau der Pontonbrücke überwanden, damit die Panzer darüberrollen konnten.

waffe hier, das vor allem mit den Logistikern des Heeres zusammenarbeitet.

Das schlechte Wetter ist jedoch noch nicht vorbei, und
daher liegt noch weitere Arbeit an der Brücke über die
Save vor uns. Wir werden uns ihr mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit widmen, und so lösen wir ein Problem nach dem anderen.

Sie sind jetzt wieder ungefähr im Zeitplan. Sie versuchen herauszufinden, wie sie die Streitkräfte durch
Belgrad bringen können. Sie kommen gleichzeitig auf
dem Luftweg, mit Zügen und auf dem Landweg nach
Bosnien.

Die Minen stellen ein weiteres Problem dar. Wir wurden heute ausführlich darüber unterrichtet, was getan
wird, um die Minen zu lokalisieren, identifizieren und zu
räumen sowie über die Vorkehrungen, die die Soldaten
bei ihrer Räumung treffen. In diesem Zusammenhang
möchte ich erwähnen, daß uns die ehemals kriegführenden Parteien sehr bei dieser Arbeit unterstützen,
indem sie uns Karten zur Verfügung stellen, die zeigen, wo die Minen lokalisiert sind, und mit der Räumung der Minen begonnen haben. Als wir heute von
der Save zurückflogen, sahen wir übrigens eine kroatische Minenräumeinheit.

Verteidigungsminister Perry: Ich möchte General
Shalikashvili bitten, etwas zu Ihnen und der amerikanischen Öffentlichkeit zu sagen.

Das Problem der Minen wird weder in dieser Woche
noch in diesem Monat gelöst sein. Es erfordert beständige Aufmerksamkeit. Und ich glaube, unsere Zeit
in Bosnien wird dadurch charakterisiert, daß wir ein
Problem nach dem anderen lösen. Aus diesem Grund
sind zwei Dinge so wichtig: Erstens die Zusammenarbeit, die wir von den Parteien hier erfahren, und
zweitens die Kompetenz und das Engagement der
Truppen, die diese Probleme bewältigen.
Frage: Herr Verteidigungsminister, können Sie etwas
zu den logistischen Operationen sagen, die auf dem
Stützpunkt hier vorgenommen werden?
Verteidigungsminister Perry: Natürlich werde ich die
Frage gerne beantworten, aber General Joulwan ist
hier. Ich möchte ihn bitten, dazu Stellung zu nehmen.
Die logistischen Operationen sind enorm. Ich war außerordentlich beeindruckt von der Kompetenz und
Energie, die hinter diesen logistischen Operationen
stecken.
General Joulwan: Ich möchte nur hinzufügen, wenn
Sie die Statistiken darüber erhalten, was unsere Truppen hier mitten im Winter in einer äußerst schwierigen
Region Europas geleistet haben, werden Sie beeindruckt sein von den Millionen Tonnen, die hier abgeladen wurden, von den Hunderten Flugzeugen, die
gelandet sind und von der Flexibilität der Statistiker
beim Einsatz der Flugzeuge, besonders der C-17, um
die verlorenen Tage wettzumachen. Es ist wirklich
Teamarbeit. Wir haben ein TALCE-Team der US-Luft-

General Shalikashvili: Vielen Dank, Herr Verteidigungsminister. Auch ich möchte meinen Stolz über
jedes Mitglied dieses Superteams zum Ausdruck bringen. Wir sprechen so häufig über die ausgezeichnete
Leistung der Männer und Frauen in Uniform der Vereinigten Staaten und der NATO. Aber sie müssen
einmal in ein Umfeld wie dieses kommen. Sie müssen
über die Brücke gehen, über die sie gegangen sind über die Save - um zu erkennen, wie gut sie sind und
wie gut ihre Stimmung ist, selbst unter so widrigen
Bedingungen. Als Mann in Uniform bin ich außerordentlich stolz darauf, Mitglied einer solchen Organisation zu sein.
Das Zweite, das ich erwähnen möchte, ist, daß wir uns
wirklich um diejenigen kümmern, die die Flugzeuge
fliegen, die Konvoys oder Feldlager wie dieses bewachen. Die von Ihnen gestellte Frage bezüglich der
Logistik erinnert uns jedoch daran, daß es leichter ist,
große Einheiten von einem Punkt zum anderen zu
verlagern und zum Einsatz zu bringen, als sicherzustellen, daß man sie von Anfang an während der guten
und der schlechten Tage versorgen kann.
Logistik ist daher der Schlüssel zu einer Operation wie
dieser, besonders wenn man bedenkt, daß sie erst vor
14 Tagen angelaufen ist und ein Jahr dauern soll. Es
hängt alles davon ab, wie gut wir die Logistik hier bewältigen. Wie General Joulwan äußerte, hatten wir
einen außerordentlich guten Start. Und ich bin äußerst
zuversichtlich, daß wir diese Streitmacht auf lange Zeit
versorgen können.
Was Verteidigungsminister Perry und ich hier während
der vergangenen beiden Tage gesehen haben, ist sehr
ermutigend im Hinblick auf das, was die Soldaten tun,
aber auch im Hinblick darauf, wie die ehemals kriegführenden Parteien reagieren und die Stimmung, mit
der sie diese Operation angehen. Wir wollen hoffen,
daß es so weitergeht, wie es begonnen hat.
Verteidigungsminister Perry: Ich danke Ihnen.

* * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 01

�WTO
10. Januar 1996

Eine Bilanz der WTO - positiv, aber noch nicht perfekt
Erklärung des Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten
GENF - (AD) - Die vor einem Jahr gegründete Welthandelsorganisation (WTO) muß im kommenden Jahr ihre
Bestrebungen in verschiedenen schwierigen Bereichen intensivieren, wenn sie mit den Interessen und
Bedürfnissen ihrer Mitglieder Schritt halten will, erklärte der Stellvertretende US-Handelsbeauftragte Jeffrey
Lang am 13. Dezember 1995 in einer Rede vor dem Generalrat der WTO.
Die WTO wird ihr erstes Ministerratstreffen im Dezember 1996 in Singapur abhalten. Das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen (GATT), der Vorläufer der WTO, wird am 31. Dezember 1995 aufgelöst.
Lang zeigte sich besorgt, daß die WTO bislang ihren Entscheidungsfindungsprozeß nicht der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht und sich noch nicht auf einen moralischen Verhaltenskodex geeinigt hat.
Ferner drängte Lang bei der Welthandelsorganisation auf einen Abschluß der Verhandlungen zur globalen
Liberalisierung grundlegender Telekommunikationsdienstleistungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Jeffrey Lang im Wortlaut.
Vor zwei Jahren brachten wir gemeinsam die Uruguay-Runde zu einem erfolgreichen Abschluß. Vor
ungefähr einem Jahr wurde deutlich, daß wir die
erforderlichen Ratifizierungen erreicht hatten, damit
die Welthandelsorganisation (WTO) Anfang dieses
Jahres ihre Arbeit aufnehmen konnte. Jetzt entnehmen wir dem ersten Jahresbericht des Generaldirektors an die Mitglieder der WTO, daß der Organisation derzeit 112 Länder und Zollgebiete angehören.
Wer von uns hätte das vor etwas mehr als neun
Jahren, in Punta del Este, für möglich gehalten?
Dies ist um so unglaublicher, wenn man sich vor
Augen hält, daß die WTO - ebenso wie das GATT
vor ihr - keinen organisatorischen Ansatz auf der
Grundlage eines Modells der Vereinten Nationen,
sondern vielmehr eine bindende vertragliche Vereinbarung ihrer Mitglieder darstellt, die einen beträchtlichen Eintrittspreis fordert und eine fortdauernde
Verpflichtung zur Einhaltung einer Reihe von Regeln
mit sich bringt, die mit der Zeit in gleicher Weise auf
alle Mitglieder der Organisation angewandt werden.
Obwohl das große Drama schon zwei Jahre hinter
uns liegt, sollten wir nicht unsere gemeinsamen
Errungenschaften aus den Augen verlieren.

sehen die WTO als solide Grundlage für weitere
Schritte. Wir haben tiefgreifende Bedenken gegenüber solchen Übereinkünften, die nicht im Einklang
mit der WTO stehen und sind der Ansicht, daß man
solche, die im Einklang mit ihr stehen, nicht zu
fürchten braucht. Im Gegenteil: Sie sollten als eine
Herausforderung für das multilaterale System angesehen werden, mit den Interessen und Bedürfnissen
der Mitglieder Schritt zu halten. Unseres Erachtens
kann die WTO diese Herausforderung bewältigen,
aber es wird große Anstrengungen und harte Arbeit
auf allen Seiten erfordern, das WTO-System weiterhin als etwas anzusehen, das für alle seine Mitglieder
einen greifbaren Wert hat. Ich möchte hier sehr
direkt sein. Ein dynamisches, pulsierendes, offenes,
multilaterales Handelssystem bleibt für die handelspolitischen Ziele der Vereinigten Staaten von zentraler Bedeutung.
Bislang haben wir konkrete Fortschritte gemacht. Sie
waren jedoch bei weitem nicht perfekt. Im Vorfeld
des für kommenden Dezember in Singapur anberaumten ersten Ministertreffens müssen wir bedenken, daß noch viel harte Arbeit vor uns liegt.
Die vor uns liegende harte Arbeit

Wir sollten uns aber auch nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.
Regionale Handelsübereinkünfte
werden offensichtlich immer beliebter. Diejenigen,
an denen die Vereinigten Staaten beteiligt sind,

AMERIKA DIENST 01

Ich möchte jetzt eine Bewertung unserer derzeitigen
Situation vornehmen.

Seite 1

�Bei institutionellen Fragen, die im ersten Jahr nach
der Gründung der WTO gelöst werden sollten,
haben wir gemischte Erfolge erzielt. Vom amerikanischen Standpunkt aus gesehen hätte es möglich
sein sollen, eine stärkere Gleichstellung der WTO
mit anderen internationalen Institutionen zu erzielen,
die in verwandten Bereichen Verantwortung tragen.

besteht". Wir müssen entsprechend dieser wertvollen
Schlußfolgerung handeln und sicherstellen, daß der
Ausschuß für Handel und Umwelt für das Treffen von
Singapur konkrete Ergebnisse hervorbringt. Das ist
zwar ganz offensichtlich für den Ausschuß nicht der
Endpunkt, aber zweifelsohne ein entscheidender
Punkt.

Ferner machen wir uns Sorgen darüber, daß es
nach so vielen Monaten noch immer nicht möglich
ist, unsere Beziehungen zu Nichtregierungsorganisationen zu definieren, den nutzlosen Schleier der Geheimhaltung zu lüften, der über unseren täglichen
Aktivitäten liegt oder uns auf einen moralischen
Verhaltenskodex zu einigen. Wenn wir die Arbeit in
diesen Bereichen - die für unsere Wählerschaft im
politischen und Privatsektor sichtbar sind - nicht bald
abschließen und umsetzen, werden die Institution
und das System darunter leiden.

Erfolgsgeschichten

Im Hinblick auf unerledigte Geschäfte müssen wir
ein sinnvolles und wichtiges Ergebnis der derzeitigen
Verhandlungen über grundlegende Telekommunikationsdienstleistungen sicherstellen. Hier handelt es
sich um ein Tätigkeitsfeld, das für unser politisches,
wirtschaftliches und soziales Wohlergehen von
zunehmender Bedeutung ist. Telekommunikation ist
das Nervensystem der Weltwirtschaft, und wir
können es uns nicht leisten, die Kontrolle über unser
Nervensystem zu verlieren.
Die Liberalisierung im Telekommunikationsbereich und das bedeutet Wettbewerb - ist für die weitere
Entwicklung ebenfalls wesentlich. Aufgrund der
neuen Technologien ist privater Wettbewerb jetzt
tatsächlich der direkteste Weg zu universellen
Dienstleistungen für alle Menschen. Wenn sich die
Mitglieder der WTO dieser Aufgabe nicht gewachsen
zeigen, erhalten viele WTO-Mitglieder möglicherweise keinen Zugang zu dieser Technologie und stellen
damit nicht nur ihre eigene Entwicklung, sondern die
universellen Dienstleistungen hintan - das Hauptargument für die Ablehnung der Liberalisierung.
Schließlich ist das Abkommen im Telekommunikationsbereich der erste Test dafür, ob die WTO die
sogenannten neuen Probleme, insbesondere die
Wettbewerbspolitik, angemessen angehen kann.
Im Vorfeld des Treffens von Singapur ist auch das
Verhältnis von Umwelt und Handel ein Gebiet, das
unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Im Bericht
des Generaldirektors wird festgestellt, die Mitglieder
seien "der Ansicht, daß kein inhärenter Widerspruch
zwischen Schutz und Pflege eines offenen, nicht
diskriminierenden und gerechten multilateralen
Systems einerseits und Umweltschutz sowie der
Förderung nachhaltiger Entwicklung andererseits

Seite 2

Jetzt möchte ich mich unseren Erfolgen zuwenden.
Mit der neuen WTO haben wir einen neuen Generaldirektor bestellt. Die WTO muß, ebenso wie das
GATT, eine "von den Mitgliedern getragene Organisation" sein. Wir danken Ihnen für Ihre Bestrebungen, Herr Generaldirektor, diesen wichtigen Aspekt
der WTO immer wieder zu betonen. Ferner begrüßen wir die jüngste Entscheidung über die Einrichtung einer WTO-Schiedstelle. Es hat vielleicht lange
gedauert, bevor wir zu einer Schlußfolgerung gelangt
sind, aber das Endergebnis ist eine Schiedstelle mit
den hochrangigsten Vertretern, die wir hierfür bestellen konnten, sowie eine Gruppe, in die wir unser
gesamtes Vertrauen setzen können, damit sie mögliche Beschwerden über Entscheidungen eines
Schlichtungsgremiums hört.
Meines Erachtens sollten wir alle einen gewissen
Trost aus der Situation schöpfen, die im Hinblick auf
die Umsetzung substantieller Verpflichtungen unter
der WTO existiert. Es gibt einige Probleme, und
nicht jedes Mitglied ist allen seinen Verpflichtungen
nachgekommen - ein vorzügliches Beispiel hierfür ist
die Erfüllung der zahllosen Benachrichtigungserfordernisse. Wenn wir uns jedoch Landwirtschaft oder
Industrie, Dienstleistungen oder Waren und Güter
anschauen, wurden auf der ganzen Linie Fortschritte
erzielt.
Das Herz der WTO ist das neue System zur Schlichtung von Streitigkeiten. Viele erwarteten, daß die
Einführung der Schiedstelle Anfang dieses Jahres zu
einer Vielzahl neuer Aktionen zur Schlichtung von
Streitigkeiten führen würde, die das System nur unter
Schwierigkeiten absorbieren könnte. Wir müssen
mehr Fälle lösen als vorher, aber wir haben herausgefunden, daß das neue System positive Auswirkungen hat, indem es vor Klagen mit fragwürdiger
juristischer Berechtigung abschreckt und zur bilateralen Lösung von Problemen ermutigt, über die es
keinen Bericht des Gremiums gibt.

Blick auf Singapur
Das nächste Jahr wird der WTO neue Herausforderungen bringen, insbesondere auf Gebieten wie
TRIPS, das vielen Mitgliedern Schwierigkeiten

AMERIKA DIENST 01

�bereiten wird, die substantiellen Verpflichtungen des
Abkommens einzuhalten. Bei der Aushandlung des
Abkommens der Uruguay-Runde einigten wir uns
klugerweise darauf, daß für das Funktionieren der
WTO und die Umsetzung ihres Mandats eine regelmäßigere Einbeziehung von Ministern erforderlich
ist. Die erste solcher regelmäßig stattfindender
Gelegenheiten wird sich im kommenden Jahr in
Singapur ergeben. Das bedeutet, daß wir zu den
Ministertreffen einen etwas anderen Ansatz wählen
müssen als vorher zum GATT. Unseres Erachtens
erfordern die Vorbereitungen für Singapur große
Sorgfalt und Realismus, damit keine unvernünftigen
Erwartungen an das erste einer ganzen Reihe
regelmäßig stattfindender Ministertreffen gestellt
werden.
Wir werden durch den entstehenden
Konsens ermutigt, die Priorität für Singapur auf die
Umsetzung der Übereinkünfte der Uruguay-Runde
zu setzen. Wir können es uns jedoch nicht leisten,
gegenüber der Umsetzung einen zu engen Ansatz
zu wählen.
Ein wichtiger, aus der Umgestaltung des GATTSystems zur WTO resultierender Wandel war die
Errichtung der WTO als ständiges Verhandlungsforum und Ort für die Diskussion neuer Fragen.
Man braucht sich nur die beeindruckende "eingebaute Tagesordnung" anzuschauen, um zu sehen, daß
wir noch sehr viel Arbeit vor uns haben, um dem
nach dem Abschluß der Uruguay-Runde gesetzten
Kurs zu folgen. Gleichzeitig müssen wir jedoch
weiterhin in die Zukunft schauen. Welche Richtung
und welchen Kurs sollten wir verfolgen, wenn die
WTO über Singapur hinausschaut und die eingebaute Tagesordnung verfolgt?
Wir hoffen ebenso wie andere, im Laufe des kommenden Jahres an Diskussionen über die weitere
Tagesordnung für die WTO und die Entwicklung von
Arbeitsprogrammen teilnehmen zu können um zu
gewährleisten, daß die WTO lebensfähig und der
Mittelpunkt der Handelsliberalisierung bleibt. Während traditionelle Handelshemmnisse abgebaut
werden, müssen wir überlegen, wie die WTO zu
einer Verringerung der Korruption beim Handel

*

AMERIKA DIENST 01

beitragen kann. Unabhängige Organisationen äußern
jetzt, Korruption könnte heute das größte nichttarifäre
Handelshemmnis sein.
Die Vereinigten Staaten
verfügen über einige der unseres Erachtens konstruktivsten Ideen zu diesem Thema.
Ferner müssen wir die Wechselwirkung von Handelsund Arbeitsnormen erörtern. Es ist jetzt offensichtlich
geworden, daß eine solche Wechselwirkung existiert
und wir jetzt diese Frage erörtern können, ohne das
Risiko einzugehen, eine Entschuldigung für den
Importprotektionismus zu finden.
Zusammengenommen werden diese Fragen den
Generalrat 1996 mit der gewaltigen Aufgabe konfrontieren, die Notwendigkeit abzuwägen, wie eine
effektive Umsetzung der bereits für uns definierten
Arbeit sichergestellt und gleichzeitig eine WTO-Vision
für die Zukunft präzisiert werden kann. Unseres
Erachtens sind solide Vorbereitungen in Genf,
unterstützt von Arbeit zu Hause sowie zunehmender
Aufmerksamkeit von Regierungsvertretern in den
Hauptstädten der einzige Weg um sicherzustellen,
daß Singapur die Rolle der WTO im Handelssystem
wahrt.
Schlußbemerkung
Ich habe versucht, unsere Einschätzung allgemeiner
Trends zu präsentieren. Wenn ich einen bestimmten
Punkt nicht angesprochen habe, heißt das nicht, daß
er kein Anliegen der Vereinigten Staaten ist. Die
WTO ist viel zu kompliziert, um vollständig in eine
kurze Erklärung des Generalrates einbezogen zu
werden, und wir alle wissen, daß Einzelheiten beim
Handel wichtig sind. Wenn es aber noch ein Gebiet
gibt, das ich unbedingt ansprechen möchte, dann ist
es das des Aufnahmeverfahrens. Da der Beitritt zur
WTO für den Antragsteller - in mehr als einer Weise kostspielig ist, stellt sich die Frage, warum mehr als
20 wichtige Länder und Zollgebiete zu diesem
Zeitpunkt eine Mitgliedschaft in der WTO anstreben
sollten, wenn sie nicht davon überzeugt wären, daß
sie etwas Positives ist? Wir wollen sie nicht enttäuschen.

* * *

*

Seite 3

�FRAUEN
10.Januar 1996

Voice - Die Stimme der Frau
von Tony Case
(AD) - Die New Yorker Zeitung Village Voice ist im Hinblick auf die Einstellung von Frauen in ManagementPositionen außergewöhnlich. Der Verfasser dieses Artikels befaßt sich damit, wie Frauen bei dieser legendären
linksgerichteten Zeitung in mehr als die Hälfte der leitenden Positionen gelangten.
Tony Case ist Redakteur bei Editor &amp; Publisher.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 13. Mai 1995.
Copyright (c) 1995 Editor and Publisher Inc.

In einer Branche, die eindeutig eine Männerdomäne ist,
stellt Village Voice eine einzigartige Zeitung dar, bei
der über die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind und
das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Mitarbeitern drei zu eins beträgt.
Da die Geschichte der legendären linksgerichteten
New Yorker Wochenzeitung, die 1995 ihr 40jähriges
Bestehen feierte, untrennbar mit der Frauenbewegung
und anderen sozialen Kreuzzügen der sechziger und
siebziger Jahre verbunden ist, sind Frauen dort seit
langem vertreten. Aber erst in jüngster Zeit unternahm
die Zeitung bedeutende Schritte, damit Frauen in Ämter
mit wirklicher Macht gelangten.
Es stimmt, daß die Entscheidungsträger bei Voice,
zumindest auf wirtschaftlicher Seite - der Besitzer
Leonard Stern, der Direktor und Verleger David Schneiderman sowie der geschäftsführende Abteilungsleiter
William Dwyer - Männer sind.
Aber die Posten des Hauptgeschäftsführers, Vertriebsleiters, Chefredakteurs, Art-directors, des Leiters der
Abteilung neue Medien und Technologie, des Abteilungsleiters Werbung und Marketing, des Direktors
der Abteilung Kleinanzeigen, des Leiters von zielgruppenorientiertem Marketing und Werbung sowie des
Personalleiters sind mit Frauen besetzt.
Trotz vielzitierter Bestrebungen der Zeitungen zur
Förderung von Frauen und Einstellung von Minderheiten liest sich das typische Impressum immer noch wie

AMERIKA DIENST 01

das Mitgliedsverzeichnis eines ausschließlich weißen
Männern vorbehaltenen Clubs.
Untersuchungen zufolge hat die Branche in der Vergangenheit unstrittig nur wenige Frauen in Führungspositionen gebracht, obwohl die Geschichte von Voice
bemerkenswert ist.
Der jüngsten Umfrage der National Federation of Press
Women zufolge, die sich mit dem Stand der Frau in
dieser Branche befaßt, haben nur 19,4 Prozent der
Frauen bei amerikanischen Tageszeitungen leitende
redaktionelle Positionen inne, und nur 8,7 Prozent der
Zeitungsverleger des Landes sind Frauen.
Man könnte denken, der heftige Liberalismus der
alternativen Presse und die relative Neuheit des
Genres würden Frauen bei der Voice und ähnlichen
Zeitungen die Tür öffnen.
Wendy Eickmeyer, Vizepräsidentin der Berufsvereinigung Frauen im Kommunikationsbereich, beobachtet: "Alternative Zeitungen neigen zu Schärfe und
führen Trends an ... und sie sind weitaus moderner.
Sie bestehen noch nicht so lange wie die konservativen
Tageszeitungen, die sich hinter ihrer Geschichte
verschanzen und wo es extrem schwierig ist, Althergebrachtes zu überwinden."
Aber die Voice hebt sich von ihresgleichen und den
Tageszeitungen ab. Von den 94 Zeitungen, die dem
Verband alternativer Wochenzeitungen angehören - bei
dem Voice nicht Mitglied ist - haben nur 15 weibliche

Seite 1

�Chefredakteure, und 21 haben weibliche Herausgeber
oder Mitherausgeber.

"Es gibt dort nicht diese Atmosphäre wie im Umkleideraum für Männer."

Warum scheint die Voice Frauen gegenüber so aufgeschlossen zu sein?

Schneidermans Fortschrittlichkeit ist zum jetzigen
Zeitpunkt kaum anachronistisch zu nennen. Seave
bezeichnet ihn als "typischen Mann der neunziger
Jahre". Seine Philosophie entstand jedoch schon in
den Siebzigern, auf dem Höhepunkt der Frauenbewegung, als er direkt von der Johns Hopkins University
Stellvertreter der berühmten Redakteurin der New York
Times, Charlotte Curtis, wurde.

Manche, darunter die Chefin vom Dienst der Zeitschrift
New York, Sarah Jewler, die bei Voice dasselbe Amt
innehatte, vertreten die Theorie, es sei eine Frage der
Logistik: Manhattan biete mehr Chancen als andere
Teile des Landes, weil es dort mehr Publikationen und
eine größere Gruppe von Herausgeberinnen gebe.
Die Manager von Voice jedoch rechnen das dem
Herausgeber Schneiderman als Verdienst an, der ihnen
zufolge bei Einstellungen überhaupt nicht auf das
Geschlecht schaut. "David Schneiderman sieht keinen
Unterschied darin, ob eine Frau oder ein Mann für ihn
arbeitet", erklärt Generalmanagerin Ava Seave. "Und
weil ihm das gleichgültig ist, stellt er einfach nur die
Besten ein."
Seave räumt auch ein, daß die "gewissenhafte" - und
mächtige - Gewerkschaft der Zeitung "Einstellungen
entsprechend dem Verdienst, nicht entsprechend
kultureller Präferenzen" ermutigt.
Kathryn V. Thornton, Abteilungsleiterin für Anzeigen
und Marketing bei Voice, die bei zwei Tageszeitungen
in New Jersey sowie einem Unternehmen zur Entwicklung von Computer-Software für Zeitungen Führungspositionen innehatte, bezeichnete Schneiderman als
"etwas anders als die Verleger, für die ich gearbeitet
habe, da er und das Blatt sehr gut über unterschiedliche Lebensstile unterrichtet sind - die seltsame und
wunderbare Mischung von Menschen auf der Welt."
Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die weitaus weniger
von Testosteron bestimmt ist als an allen bisherigen
Arbeitsplätzen von Thornton.
"Es gab einige Vertreter der alten Schule, die mich
fragten: 'Was willst Du? Warum reicht Dir das nie aus?
Du solltest zu Hause in der Küche stehen'", erinnert
sich die leitende Angestellte. "Ferner wurde mir gesagt,
ich könnte für einen Job Geld bekommen - und ich
wurde in dieser Branche immer sehr gut bezahlt - aber
nicht notwendigerweise einen Titel, denn die Deals
würden in der Herrentoilette abgeschlossen." Solche
großspurigen Einstellungen werden in dem von Schneiderman geförderten frauenrechtlerischen Klima einfach
nicht geduldet.
"Eines der Dinge, die mir an der Arbeit hier gefallen,
besteht darin, daß man nicht an Sitzungen - selbst
wenn ausschließlich Männer zugegen sind - teilnimmt
und sich Scherze über Frauen oder schlüpfrige Witze
anhören muß", äußerte Schneiderman in einem Interview in den Büros von Voice im Herzen von Manhattan.

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Schneiderman erinnert die bereits verstorbene Curtis
als einzige Frau mit wirklicher Autorität bei der Zeitung
zu derzeit, als sie die einzige Frau im Impressum war.
Tatsächlich war Curtis die erste Frau, die je im Impressum der Times aufgeführt wurde. (Obwohl die
Times in den letzten Jahren Wert auf Vielfalt gelegt hat,
sind heute nur zwei ihrer Top-Manager Frauen, und mit
einer Ausnahme sind es alles Weiße.)
Schneidermans erste Chefin übte spürbaren Einfluß
aus - nicht nur auf den jungen Redakteur, sondern auf
die Times und andere Tageszeitungen. Bevor sie die
redaktionelle Leitung übernahm, war Curtis eine
äußerst beliebte Gesellschaftsredakteurin, deren
herrlich witziger und geistreicher Stil unter Redakteuren
überall Nachahmung fand.
In ihrem Buch The Girls in the Balcony: Women,
Men and The New York Times beschrieb die ehemalige Times-Reporterin Nan Robertson Curtis als die
erste weibliche Medienberühmtheit der Zeitung.
Die Times sang ihr Lob in der Eigenwerbung, und in
Time, Newsweek, Cosmopolitan sowie im Fernsehen
erschienen Porträts von ihr.
"Ihre Arbeit war ihr Leben. Die Zeitung war ihr Leben.
Sie war immer im Dienst", äußerte Robertson über
Curtis, die sie "die Braut der The New York Times"
taufte.
Schneiderman weist darauf hin, daß er nicht von
vornherein die Absicht hatte, Frauen in leitende Positionen zu bringen, aber einige der interessantesten
Kandidaten für die Management-Riege waren Frauen.
Und natürlich, fügte er hinzu, schafft die Einstellung von
Frauen und Förderung ihrer Karriere ein für andere
talentierte und qualifizierte Frauen attraktives Umfeld.
Schneiderman bemerkt, daß er und andere - weibliche
- Manager von Voice sich, wenn sie zu Zeitungskongressen reisen, unweigerlich in einem Raum voller
Männer wiederfinden. Der einzige Grund für ihn, an
Konferenzen teilzunehmen, ist der, sich erneut vor
Augen zu führen, wie es in der Branche aussieht.
"Wir neigen dazu, dieses Umfeld hier für selbstverständlich zu halten", erklärte er. Aber die Voice ist der

AMERIKA DIENST 01

�Zeitungsberaterin und ehemaligen Herausgeberin von
Gannett, Nancy Woodhull, zufolge eher ein Vorbote als
eine Ausnahme. Im Journalismus gibt es diese entscheidende Masse gut ausgebildeter Frauen, sei es auf
der geschäftlichen oder der redaktionellen Seite, und
man kann so etwas bei mehr Zeitungen erwarten",
prognostiziert Woodhull. "Wenn man sich die Village
Voice anschaut, sieht man die Zukunft."
Nach Ansicht von Schneiderman sollte jeder, der
wirklich Frauen in Führungspositionen haben will, sich
Nike als Anhaltspunkt nehmen und "es einfach tun". Er
rät anderen Verlegern, alle Untersuchungen, Zusammenkünfte und Arbeitsgruppen zu vergessen und
einfach Frauen einzustellen. Eine Studie nach der
anderen in Auftrag zu geben, ist wertlos."
Nach Ansicht von Schneiderman ist es schlicht und
einfach ein gutes Geschäft, Frauen in Führungspositionen zu bringen. "Meiner - äußerst voreingenommenen
- Meinung nach ist dies ein gut funktionierender Ort mit
talentierten, fähigen Menschen im geschäftlichen und
redaktionellen Bereich, und wir haben gezeigt, daß dies
nahtlos möglich ist", so Schneiderman. "Das ist hier
nicht umstritten. Meines Erachtens ist das keine große
Sache."
Es wäre entsetzlich sexistisch - und dazu einfach falsch
- die Voice als eine Art von Utopie anzusehen, nur weil
sie von Frauen geführt wird. Schließlich handelt es sich
um die Voice, deren farbenfrohe Vergangenheit ebenso Unruhen unter den Mitarbeitern, Faust- und Gewerkschaftskämpfe beinhaltet wie linksgerichtete Ideale, den
Gründervater Norman Mailer sowie zwei Pulitzerpreise,
und wer hier arbeitet ist sehr stolz auf den streitsüchtigen, chaotischen Ruf der Zeitung.
Für Seave ist die Zeitung nicht besser oder schlechter,
nur weil an ihrer Spitze so viele Frauen stehen, sondern "zeugt lediglich von mehr Egalitarismus". Die
Management-Struktur mag vielleicht das Ergebnis der
fortschrittlichen Denkweise Schneidermans sein, aber
bei der Voice waren Frauen schon immer eine wesentliche Kraft.
Karen Durbin, die 15 Jahre lang für die Voice gearbeitet hatte und vor einem Jahr als Chefredakteurin
wieder dorthin zurückkehrte, nachdem sie bei der
Zeitschrift Mirabelle für das Feuilleton zuständig
gewesen war, erzählt, ein Drittel der Redaktionsmitglieder der Voice hätte aus Frauen bestanden, als sie
1974 zu der Zeitung gekommen sei, "und damals hatte
man das Gefühl, die Frauen würden das Zepter übernehmen". Sie erinnert sich, daß 1975, als ein zusätzliches Redaktionsmitglied eingestellt werden sollte,
verschiedene Mitarbeiter, einschließlich ihr selbst, eine
Frau für dieses Amt in Betracht zogen. Eine Journalistin rollte mit den Augen und stöhnte: "Oh nein, nicht
noch eine Frau. Wir werden von ihnen überrollt."

AMERIKA DIENST 01

Durbin war völlig verblüfft. Es gab zu diesem Zeitpunkt
nur drei andere Redakteurinnen, einschließlich ihr
selbst. Ich schaute mir das Impressum an und dachte:
"Werden wir das wirklich? Warum habe ich dann das
Gefühl, daß mein Geschlecht eine Belastung für mich
ist?"
Durbin - erst die zweite Frau, die je die Position des
Chefredakteurs innehatte; Marianne Partridge, jetzt
Redakteurin des Santa Barbara Independent in
Kalifornien, war die erste. Sie weist darauf hin, daß die
Voice mit ihrer "befangenen, künstlerischen Sensibilität" und "unkonventionellen, nicht sexistischen Geschichte" schon immer ein Forum für Journalistinnen
bot. "Damals hatten Zeitungen noch eine Frauenseite",
erinnert sich die Redakteurin. "Aber wir hatten Barbara
Long, die über Stierkämpfe schrieb."
In seinem Buch The Great American Newspaper: The
Rise and Fall of The Village Voice bezeichnete Kevin
Michael McAuliffe die Behauptung als "lächerlich", daß
der ursprüngliche Redakteur der Zeitung, Dan Wolf, ein
Sexist sei. Der Autor schrieb: "Wenn in der Tat etwas
Verallgemeinerndes über seine Laufbahn gesagt
werden könnte ... dann, daß Wolf Frauen bevorzugt für
Macht- und verantwortungsvolle Positionen einstellte."
Unter Wolf wurde ein gewisses Murren darüber laut,
daß keine der Redakteurinnen von Voice zum Stab
gehörte. Aber, so berichtete McAuliffe, von den vielen,
die Beiträge für die Zeitung lieferten, erfreuten sich nur
vier der Auszeichnung, zum Stab zu zählen. Darüber
hinaus hatte die Zeitung eine Frau als beigeordnete
Redakteurin und Lokalberichterstatterin, und viele
Frauen sind für den Wirtschaftsteil tätig.
Die Fernseh- und Pressejournalistin Joanna Wolper,
die während der siebziger Jahre für die politische
Berichterstattung der Voice zuständig war, erklärte, sie
hatte Probleme mit der feministischen Bewegung, die
das Jahrzehnt charakterisierte, weil sie bei der Zeitung
den gleichen Stand wie ihre männlichen Kollegen hatte.
"Da war ich, die 20jährige College-Studentin, und
berichtete über Mario Cuomo und Rikers Island, und
andere Frauen waren auf Zentralamerika spezialisiert",
stellte sie fest. "Ich fühlte mich nicht diskriminiert. Ich
wurde ermutigt, Journalistin zu sein und über Geschichten zu berichten, die als männliche Domäne erachtet
wurden."
Durbin erregte vor 20 Jahren Aufsehen als offene
Verfechterin des Feminismus. Die Übernahme der
Position als Redakteurin war jedoch eher wie ein
Sprung ins kalte Wasser.
Die Redakteurin Tina Brown wurde scharf kritisiert, weil
sie den seriösen New Yorker aufmöbelte, nachdem sie
1992 von Vanity Fair dorthin gewechselt hatte.

Seite 3

�Im Frühjahr 1994 war Durbin dran.
Trotz ihrer bekannten bisherigen Beiträge für Voice
rangen die New Yorker Medienbeobachter die Hände
und zeigten sich besorgt, daß Durbin - die ausgerechnet von einer Frauenzeitschrift kam - die Zeitung
verweichlichen würde.
Durbin würde sicherlich ausländische Berichterstattung
ablehnen, fürchteten die Beobachter, um ein Hochglanzmagazin zu schaffen. Es gab Gerüchte, sie
würde das intellektuelle Niveau der literarischen
Beilage VLS senken. Ein Nachrichtenredakteur war
angeblich besorgt, er würde im Kosmetikteil enden.
Viele von Durbins Kritikern fühlten sich bestätigt, als ein
föhnfrisierter Robert Redford in voller Größe und in
Farbe auf der Titelseite abgebildet war - wodurch man
die Voice dieser Woche kaum von People und anderen
vornehmlich über Prominente schreibenden Gazetten
unterscheiden konnte, die die Zeitungskioske überschwemmen.
Dann brachte die New York Post im Januar letzten
Jahres einen Artikel mit dem Vorwurf, Voice zeige unter
Durbins Leitung immer mehr Haut mit dem Hinweis, die
Zeitschrift habe mehrfach Bilder von nackten oder
spärlich bekleideten Damen auf der Titelseite veröffentlicht. Durbin erklärte, ihr habe das Geschwätz
mißfallen, das implizierte, sie sei "ein frivoles, dummes
Weibsbild".
Ihren Aussagen zufolge "war die Reaktion auf meine
Übernahme des Redakteurspostens mit enorm viel
Sexismus befrachtet. Ich hegte die übelsten Verwünschungen. Ich dachte ... Ihr könnt mich mal. Die
Zeitung wird es beweisen."
Die Redakteurin stellt klar, daß sie auf den Ruf von
Voice aufbauen, nicht ihn zerstören will. Sie hegt den
Wunsch, die "Lebensfreude und Pietätlosigkeit" wiederzuerwecken, die Anfang des Jahrhunderts charakteristisch für Voice war, in den achtziger Jahren jedoch
verloren ging.
Während der Reagan-Bush-Ära war die Wochenzeitung aus Durbins Sicht scheinbar "besessen von
Tod und Zerstörung". "Es schien, als ob die Zeitung ein
härenes Hemd zu tragen begann und ein Banner
schwenkte, auf dem stand: Bereue: Das Ende naht!'"
Der Medienkolumnist von Voice, James Ledbetter,
stellte fest: "Meines Erachtens machte Karen kein
Geheimnis daraus, daß sie die Zeitung ein bißchen
heiterer machen wollte. Sie und andere hatten das
Gefühl, die Zeitung sei zu düster, zu besessen vom Tod
und zu zynisch geworden. Sie sah es als Teil ihrer
Aufgabe, sie ein wenig mit anderen Elementen zu
beleben."

Seite 4

In einem letztes Jahr veröffentlichten langen Artikel
anläßlich der Übernahme von Durbin argumentierte die
New York, der "raison d'etre von Voice - nichts weniger als der Kampf um die Befreiung der Gesellschaft endete mit Eugene McCarthy".
Die Zeitung, so wurde behauptet, sei "wie der Großteil
des progressiven Amerika allmählich auf minutiöse
Beschreibungen von Herrschaftsmodellen reduziert
worden. Das heißt: Jammern.
Die Zeitung stellte fest, populäre Publikationen wie die
Times hätten begonnen, auf das Territorium von Voice
überzugreifen, und würden immer mehr Druckerschwärze für Popkultur und Schwulenprobleme aufwenden.
Durbin selbst gibt zu, daß sie Anfang der neunziger
Jahre praktisch aufgehört hatte, die Voice zu lesen.
"Sie gab mir nicht, was ich brauchte, vermittelte mir
nicht, was ich wissen wollte", erklärte sie.
Ledbetter argumentiert, die Leser würden immer noch
nicht alles erfahren, was sie wissen wollen. "Die
Berichterstattung der Zeitung, die einstmals ihre Stärke
war, hat nachgelassen."
Da die Wochenzeitung nur noch einen internationalen
Korrespondenten - James Ridgeway - habe, könne
dieser, so Ledbetter, "nicht die ganze Welt abdecken".
Und obwohl Frauenthemen bei der Voice zweifelsohne
breiter Raum eingeräumt wird, dauern Diskussionen
über die unzulängliche Berichterstattung über Frauen
und Minderheitengruppen - vor allem bei den Redakteuren - an.
Obwohl Durbin die Publikation leitet und eine Vielzahl
der Mitarbeiter und derjenigen, die Beiträge liefern,
Frauen sind, sind alle wichtigen politischen und Medienberichterstatter - einschließlich Ledbetter - weiße
Männer, was nach Ansicht des Kolumnisten nicht so
gut zur Besetzung der Nachrichtenzentrale paßt.
Die Feature-Redakteurin Lisa Kennedy hat das Gefühl,
Voice entspreche vielen Tageszeitungen dahingehend,
"daß die Zeitung sich auf eine gewisse Art von Maskulinität gründet: Das ist Journalismus. Journalist ist
derjenige, der die Story bekommt. Journalismus ist
Woodward und Bernstein. Journalismus ist eine heiße
Story, nicht laue Geschichten."
Kennedy - die Afroamerikanerin und offen lesbisch ist erwähnt die Ironie in den Idealen und Aktionen vieler,
die sich selbst als sozial bewußt erachten.
"Da gibt es diese Gruppe liberaler Menschen, die
denken, sie können praktisch für alle sprechen, damit
sie nicht denken, sie seien nicht vielfältig, weil sie
andauernd über Vielfalt nachdenken", erläuterte sie.

AMERIKA DIENST 01

�"Sie bemerken nicht, daß hier jemand ist, der für Vielfalt
steht."
Kennedy zufolge befinden sich alternative Zeitungen
wie Voice im Augenblick in etwa derselben Lage wie
die Demokratische Partei. "Sie wollen das Richtige tun,
aber sie wollen das Sagen haben, und wenn das
Richtige ist, nichts zu sagen, dann verlangt man von
ihnen, etwas zu tun, von dem sie nicht genau wissen,
wie sie es tun sollen."
Aus diesem Grund sind Gleichstellungsmaßnahmen
laut Kennedy ein zwingendes Gebot - unabhängig von
den Bestrebungen der konservativen Republikaner,
diese Maßnahmen abzuschaffen.

"Bei allem guten Willen in der Welt", so die Redakteurin,
"wird kaum jemand sagen: 'In Ordnung, ich räume
meinen Platz für Dich.'"
Schneiderman unterstrich, daß es "alternative Maßnahmen geben kann, diese Art linker Politik, und immer
noch einen vorwiegend von Männern dominierten
Arbeitsplatz. Hier hat man ein schönes Gleichgewicht
unterschiedlicher Stimmen."
Der Verleger sieht die Voice als Modell - nicht nur für
Zeitungen, sondern für alle Unternehmen. "Ich denke,
so sollte die Welt sein", gibt er unumwunden zu. "So
sollten Unternehmen funktionieren. Sie sollten eine
ausgewogene Mischung von Männern und Frauen,
unterschiedlichen Rassen und ethnischen Gruppen
sein, denn das ist die Welt."

*

AMERIKA DIENST 01

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Perry, Shalikashvili: Friedensmission in Bosnien verläuft reibungslos&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz in Tuzla&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. WTO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Bilanz der WTO - positiv aber noch nicht perfekt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;VOICE - die Stimme der Frau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Tony Case&lt;/em&gt;</text>
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