<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/browse?output=omeka-xml&amp;page=107&amp;sort_field=added" accessDate="2026-11-04T15:57:46+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>107</pageNumber>
      <perPage>10</perPage>
      <totalResults>2223</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="2403" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2414">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/8f22448fbc25e5e2b97d5cda3d3580d9.pdf</src>
        <authentication>0d40fcc61c1ec14f0ffd9372bdbb5f6b</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12421">
                    <text>N^Sof^

^T-ioN

&lt;o

^

amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16

3. Mai 1995

AUSSENPOLITIK

DER PREIS DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE
Rede von Anthony Lake

USA-EUROPA

DIE OSZE UND IHRE ROLLE FÜR
DIE SICHERHEIT IN EUROPA
Rede von Sam W. Brown

WIRTSCHAFT

DIE USA UND EUROPA - NEUE CHANCEN
UND STRATEGIEN
Rede von Staatssekretär Garten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
3. Mai 1995

Der Preis der amerikanischen Führungsrolle
Rede von Anthony Lake
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Nationale Sicherheitsberater,
Anthony Lake, am 27. April 1995 bei einer vom Woodrow Wilson Center und dem Bretton Woods Committee
geförderten Veranstaltung des nationalen Presseclubs in der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Ich möchte mit einer einfachen, aber alarmierenden
Tatsache beginnen: Es könnte sein, daß die Vereinigten Staaten am Rande einer einseitigen Abrüstung stehen.

ausgesetzt, die unserer Nation diese Ressourcen
vorenthalten wollen.
Unsere Politik weltweiten
Engagements ist unter Beschuß und die amerikanische Führungsrolle in Gefahr.

Erregt das Ihre Aufmerksamkeit?
denn es ist die Wahrheit.

Einige dieser Neoisolationisten handeln aus Überzeugung. Sie argumentieren, das Ende der sowjetischen Bedrohung sei gleichbedeutend mit dem
Verschwinden ernster Gefahren, wir sollten uns nach
innen wenden und mit unseren innenpolitischen
Angelegenheiten befassen. Die Festung Amerika
kann ihnen zufolge neue Gefahren außen vor lassen,
aber einige der neuen, uns konfrontierenden Bedrohungen - wie nukleare Weiterverbreitung, Terrorismus, schnelles Bevölkerungswachstum und Zerstörung der Umwelt - machen nicht vor Grenzen halt.

Ich hoffe doch,

Nein, wir wollen nicht unsere Jets verschrotten oder
unsere Schiffe versenken. Unser Militär ist stark und
einsatzbereit - und es besteht in beiden Parteien ein
starker Konsens, das aufrechtzuerhalten. Aber wir
sind kurz davor, viele der anderen Instrumente, die
Amerika während der letzten 50 Jahre zum Erhalt
unserer Führungsrolle in der Welt einsetzte, wegzuwerfen oder zumindest zu beschädigen. Hilfe für
neuentstehende Märkte, Wirtschaftshilfe zum Erhalt
des Friedens, internationale Friedenssicherungsprogramme zur Bekämpfung von Terrorismus und
Drogenhandel, Auslandshilfe - zusammen mit einem
starken Militär waren dies die Schlüsselinstrumente
unserer Außenpolitik.
Seit Harry Truman haben unsere Präsidenten diese
Werkzeuge zur Förderung amerikanischer Interessen
eingesetzt - zum Erhalt unserer Sicherheit, zur
Ausweitung unseres Wohlstands und Förderung von
Demokratie. Ihre Bestrebungen wurden von Demokraten und Republikanern sowie der Mehrheit des
amerikanischen Volkes unterstützt. Der Kongreß
stellte folgerichtig die für diese Aufgaben erforderlichen Ressourcen bereit.
Aufgrund dieser mit
militärischer Macht gekoppelten Entschlossenheit
haben wir im Kalten Krieg über einen langen Zeitraum hinweg die Oberhand behalten, unsere Sicherheit gestärkt und unseren Menschen einzigartigen Wohlstand verschafft.
Ich bin jedoch fest davon überzeugt, daß unser
Erfolg gefährdet ist. Er ist Angriffen aus dem
rechten und linken Lager der Neoisolationisten

AMERIKA DIENST 16

Die meisten Neoisolationisten vertreten jedoch keine
solche Position und bezeichnen sich nicht einmal als
Isolationisten. Sie halten sich für einen Bestandteil
des überparteilichen Konsenses der Nachkriegszeit
sowie für Vertreter der Ziele Demokratie, Sicherheit,
Frieden und Wohlstand. Aber sie lassen ihren
Worten keine Taten folgen.
Diese selbsternannten Verfechter der Demokratie
würden in Schwierigkeiten befindlichen Demokratien
Hilfe verweigern.
Sie loben die amerikanische
Führungsrolle, widersetzen sich jedoch der Führungsrolle Amerikas in Koalitionen und befürworten statt
dessen unilaterale Aktionen.
Sie preisen zwar den Frieden, kürzen aber anschließend unsere Hilfsleistungen für diejenigen, die um
des Friedens willen Risiken eingehen. Sie verlangen
mehr Wohlstand, schrecken jedoch vor der harten
Arbeit einer Öffnung der Märkte für amerikanische
Arbeitnehmer und Unternehmen zurück. Unter dem
Deckmantel einer Verringerung des Haushaltsdefizits
drohen sie, der amerikanischen Führungsrolle den
Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Seite 1

�Dies sind die heimlichen Isolationisten - und sie sind
zahl- und einflußreicher als diejenigen, die sich offen
für einen Rückzug der Vereinigten Staaten aussprechen. Sie lesen die Meinungsumfragen und
wissen daher, daß das amerikanische Volk das
Engagement der Vereinigten Staaten in der Welt
wünscht. Die Unterstützung für eine amerikanische
Führungsrolle in der Welt ist so stark wie eh und je einer Untersuchung des Chicago Council on Foreign
Relations zufolge unterstützen mehr als zwei Drittel
der Bevölkerung ein entschiedenes Engagement.
Diese heimlichen Isolationisten und Unilateralisten
spielen die Rolle der wahren Hüter amerikanischer
Macht. Aufgrund ihrer Aktionen werden sie jedoch
zu den Urhebern des amerikanischen Rückzugs.
Sie treten für eine Führungsrolle Amerikas ein,
wollen diese jedoch auf eine Weise, auf die man sie
nicht erlangen kann - auf die billige Art.
Sie wollen, daß Amerika 50jährigem Erfolg den
Rücken kehrt. Sie arbeiten - ob bewußt oder
unbewußt - an der Zerstörung der Grundlage unseres Friedens und Wohlstands, des großen Vermächtnisses unserer Politiker der Nachkriegszeit: Vandenberg, Truman, Marshall, Acheson. Diese Männer
hatten ihre eigenen Schwierigkeiten mit den Isolationisten. Sie sahen jedoch, daß der Preis unseres
verfrühten Rückzugs nach Versailles entsetzlich
hoch gewesen war - sahen das an den Trümmern in
Europa und Asien nach dem Zweiten Weltkrieg und
den Opfern, die Amerika bei der Befreiung dieser
Kontinente bringen mußte. Und sie verstanden, daß
Investitionen in eine aktive Außenpolitik den einzigen
Weg zur Verhinderung einer weiteren Katastrophe
darstellten.
Sie kannten den Preis einer Führungsrolle. Sie
gaben das Nötige für den Erhalt amerikanischer
Sicherheit aus. Darüber hinaus schufen sie die
Vereinten Nationen und die Institutionen von Bretton
Woods, bezahlten diese Rechnungen, retteten
Westeuropa durch den Marshallplan vor Verzweiflung und Kommunismus und entwickelten - ebenso
wie ihre Nachfolger in späteren Administrationen die neuen Instrumente technischer Hilfe, damit
Demokratie und Wohlstand weltweit eine größere
Chance bekamen.
Schauen Sie sich das Ergebnis an: Die Landkarte
ist nahezu voll von Demokratien, von denen viele
starke Verbündete sind. Es werden Märkte erweitert, die Bedürfnisse erfüllen und Träume wahr
werden lassen. Die Weltwirtschaft fördert Beschäftigung und Wohlstand der Vereinigten Staaten. Dies
sind die Früchte 50jähriger politischer und wirtschaftlicher Investitionen Amerikas im Ausland - der
Nutzen von 50 Jahren überparteilichen Engagements.

Seite 2

Diese Errungenschaften sind jedoch nicht in Stein
gemeißelt. Wir werden diese Früchte nicht automatisch weiter ernten. Der heimliche Isolationismus
droht, uns in die falsche Richtung zu drängen - zu
einem Zeitpunkt realer Hoffnung, an dem wir mit
unserem Engagement wirklich etwas bewirken
können, indem wir unseren Sieg im Kalten Krieg
sichern, anstatt ihn zu vergeuden.
Wir könnten diesen Sieg verwirken, denn die Demokratie bedarf vielerorts noch der Pflege. Einige
Marktwirtschaften haben noch keine tiefen Wurzeln.
Und die Welt nach dem Kalten Krieg hat reale und
mächtige Gefahren neu beleuchtet, die das bedrohen,
wofür wir uns eingesetzt haben: Aggression durch
verbrecherische Staaten, internationaler Terrorismus,
wirtschaftliche Zerrüttung. Dies sind neue Formen
eines alten Konflikts - des Konflikts zwischen Freiheit
und Unterdrückung, des Konflikts zwischen den
Verteidigern offener Gesellschaften und ihren Feinden.
Es gibt kein Verfallsdatum für diese in fünf Jahrzehnten gelernten Lektionen: Die Verteidigung vor diesen
Gefahren erfordert dauerhaftes Engagement und
tatkräftige Politik. Für die Verteidigung sind Ressourcen vonnöten. Probleme mit Geld zuzuschütten, läßt
sie nicht verschwinden - aber wir können Probleme
auch nicht ohne Geld lösen. Der Maßstab für eine
amerikanische Führungsrolle sind nicht nur die Stärke
und Anziehungskraft unserer Werte, sondern auch
das, was wir zur Lösung der schwierigen Fragen
einbringen. Aus diesem Grund hat Präsident Clinton
dem Neoisolationismus den Kampf angesagt.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das amerikanische Volk wünscht eine Führungsrolle unserer
Nation. Die Amerikaner wissen, daß die Welt immer
kleiner wird, daß unsere Sicherheit und unser Wohlstand von unserem Engagement im Ausland abhängig sind. Und sie stimmen dem Präsidenten zu,
der vor und nach seiner Amtsübernahme äußerte:
"Wenn Amerika im Inland stark sein will, muß es sich
im Ausland engagieren."
Viele Amerikaner äußern auch, sie wünschten eine
Verringerung der Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten - bis sie die wirklichen Zahlen kennen. Die
meisten sind der Ansicht, wir würden 15 Prozent oder
mehr unseres Etats für Auslandshilfe aufwenden. Sie
halten 5 Prozent für angemessen.
Sie wären schockiert zu erfahren, daß wenig mehr
als 1 Prozent - 21 Milliarden Dollar aus einem Budget
von 1,6 Billionen Dollar - für die Außenpolitik ausgegeben werden, und weniger als 16 Milliarden Dollar
für Auslandshilfe. Das ist viel Geld, aber kein so
großer Batzen unseres Haushalts wie die Neoisolatio-

AMERIKA DIENST 16

�nisten vorgeben. Und das sind real 21 Prozent
weniger als im Haushaltsjahr 1986. Sie wären
erstaunt zu hören, daß andere Länder sich viel
realistischer der Notwendigkeit dieser Aufwendungen
bewußt sind als wir. Die reichste und mächtigste
Nation auf der Erde - die Vereinigten Staaten - liegt
unter den 25 Industriestaaten - was den Auslandshilfeanteil des Bruttosozialprodukts betrifft - an letzter
Stelle.
Dies sind Fakten, über die wir besser Bescheid
wissen sollten. Und mehr unserer Bürger sollten
wissen, daß unsere außenpolitischen Ressourcen für
Ziele eingesetzt werden, die das amerikanische Volk
unterstützt:
6.6 Milliarden Dollar jährlich zur Förderung des
Friedens - einschließlich unserer Bestrebungen
im Nahen Osten, der Hilfe für unsere Verbündeten zu ihrer eigenen Verteidigung und unseres
Beitrags zu UN-Friedenssicherungsmissionen auf
der ganzen Welt, beispielsweise auf den Golanhöhen, an der irakisch-kuweitischen Grenze und
in Kambodscha.
2,4 Milliarden Dollar zum Aufbau von Demokratie
und Förderung des Wohlstands, wie der Unterstützung Südafrikas bei freien Wahlen und
friedlicher Umgestaltung.
5 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe, darunter
Beschäftigungs- und Infrastrukturprogramme für
Haiti zum Wiederaufbau dieser Nation.
1.7 Milliarden Dollar an humanitärer Hilfe - wie
Versorgung von Flüchtlingskindern im ehemaligen Jugoslawien - denn die Amerikaner wollten
schon immer, daß ihr Land zur Linderung großer
Not beiträgt.
Die verbleibenden Gelder sind für das Außenministerium und andere Behörden vorgesehen,
die sich täglich für die Förderung amerikanischer
Interessen im Ausland einsetzen.
Das ist der Preis der amerikanischen Führungsrolle von dem die heimlichen Isolationisten nicht wollen,
daß wir ihn zahlen.
Aber stellen Sie sich eine Welt vor, in der wir das
nicht täten. Machen wir doch den sogenannten
George Bailey-Test. Erinnern Sie sich an George,
der im Weihnachtsklassiker "It's a Wonderful Life"
von Jimmy Stewart gespielt wird. In diesem Film
macht der Engel Clarence mit George eine Reise
durch die Zeit und zeigt ihm, wie die Welt ohne ihn
ausgesehen hätte und daß Bedford Falls ohne ihn
auseinandergefallen wäre.

AMERIKA DIENST 16

Ich möchte kurz die Rolle von Clarence übernehmen
und Ihnen eine Welt ohne die Führungsrolle Amerikas
präsentieren. Stellen Sie sich eine Welt vor,
in der die Ukraine, Belarus und Kasachstan
dem Club der erklärten Atomwaffenstaaten
beitreten, weil wir keine Übereinkunft über ihre
Entnuklearisierung treffen konnten,
in der russische Raketen immer noch auf
unsere Städte gerichtet sind, weil uns keine
Änderung ihrer Zielkoordinaten gelang,
in der Tausende von Einwanderern versuchen,
mit Booten über unsere Grenzen ins Land zu
gelangen, weil wir nicht zur Wiederherstellung
der Demokratie in Haiti beitrugen,
in der nicht in den letzten drei Jahren nahezu
eine Million Arbeitsplätze geschaffen wurden weil wir nicht die amerikanischen Exporte
förderten,
in der wir einen Krieg auf der koreanischen
Halbinsel führen müssen - die Auswirkung von
Forderungen einiger Kritiker - weil wir der Bedrohung durch nordkoreanische Nuklearwaffen
nicht begegneten,
in der eine weitere Viertelmillion Menschen in
Ruanda sterben muß, weil wir nicht unser
Militär entsandten und in den Flüchtlingslagern
so gute Arbeit leisteten,
und in der wir Milliarden Dollar zahlen und
noch mehr Opfer zu beklagen haben, weil wir
darauf bestanden, die Operation Wüstensturm
gegen den Irak im Alleingang durchzuführen.
Stellen Sie sich diese Welt vor. Jede unserer Bestrebungen kostete Geld und erforderte harte Arbeit bei
der Bildung internationaler Koalitionen. Aber Sie und
ich sind sicherer und in einer besseren Lage, wir
genießen mehr Freiheit, weil Amerika diese Investitionen getätigt hat. Wenn die heimlichen Isolationisten
ihren Willen durchsetzen, könnte vieles, für das wir
uns seit über zwei Generationen eingesetzt haben,
verloren gehen.
Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt
Gingrich, beschrieb vor kurzem eine Welt im Falle
eines Rückzugs der Vereinigten Staaten auf sich
selbst. Er sprach von einem "dunklen und blutbefleckten Planeten ... auf dem Sie in Bosnien, Ruanda
und Tschetschenien ohne unsere Anwesenheit enden
werden" und fügte hinzu: "Dies sind die Vorboten
eines 21. Jahrhunderts, das viel schrecklicher ist als

Seite 3

�alles, was wir in einem halben Jahrhundert amerikanischer Führungsrolle gesehen haben."
Das muß nicht so sein. Wenn wir weiterhin in
Demokratie, Rüstungskontrolle, Stabilität in den
Entwicklungsländern und neue, Wohlstand bringende
Märkte investieren, können wir ein weiteres halbes
Jahrhundert amerikanischer Führungsrolle gewährleisten.
Aufgrund der in den letzten Jahren getroffenen
Entscheidungen können wir jedoch bisweilen nicht
einmal einen bescheidenen Beitrag zu Bestrebungen
leisten, die unsere Unterstützung verdienen. Amerika ist eine großartige Nation - aber wir können nicht
die geringe Summe Geldes aufbringen, die zur
Unterstützung der Friedenssicherungskräfte in
Liberia erforderlich ist, wo eine Million Menschen von
einem erneuten Bürgerkrieg bedroht sind. Oder die
Gelder für eine angemessene Finanzierung der UNMenschenrechtsbeobachter in Ruanda. Wir können
kaum unseren Verpflichtungen bei der Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen Serbien nachkommen.
Das ist keine Nachfolge für die heroischen Errungenschaften des Kalten Krieges. Und ich kann mir nicht
vorstellen, daß dies der amerikanischen Vision von
einer Führungsrolle in der Welt entspricht. Meiner
entspricht das jedenfalls nicht.
Eine Politik, bei der jeder Pfennig umgedreht wird,
führt langfristig zu höheren Kosten. Prävention ist
preiswert und erregt nicht die Aufmerksamkeit der
Medien. Wenn das alles sehende Auge des Fernsehens im Ausland wirkliches Leiden erspäht, wünschen die Amerikaner zu recht, daß ihre Regierung
etwas dagegen unternimmt.
Die Finanzierung
großangelegter humanitärer Bestrebungen nach
einer Tragödie oder die Entsendung unserer Streitkräfte ins Ausland führen zu Kosten, die um ein
vielfaches höher sind als Investitionen in präventive
Maßnahmen.
Manchmal müssen wir den Preis für eine kurzsichtige Politik in unserer unmittelbaren Umgebung
zahlen: 1993 kürzte der Kongreß unseren ohnehin
äußerst bescheidenen Finanzierungsantrag für die
Bekämpfung des Schmuggels von Drogen in unser
Land um nahezu ein Drittel - und die Geldmittel
hierfür sind seitdem real stetig gesunken. Folglich
schrauben wir Programme zur Eindämmung der
Drogenproduktion und Verhinderung ihres Imports
ebenso zurück wie Ausbildungsprogramme für
Polizei, Staatsanwälte und Richter in anderen
Ländern. Amerika bezahlt einen weitaus höheren
Preis in Form von Verbrechen und zerstörten Existenzen.

Seite 4

Dies sind einige der Einschränkungen, mit denen wir
in den letzten Jahren leben mußten. Jetzt wird die
amerikanische Führungsrolle jedoch mit einer viel
klareren und präsenteren Gefahr konfrontiert. Durch
die derzeit im Kongreß ausgearbeitete Haushaltsgesetzgebung könnten die für auswärtige Angelegenheiten vorgesehenen Gelder um nahezu ein
Viertel - oder 4,6 Milliarden Dollar - verringert werden.
Das würde zu drastischen Einschnitten oder sogar
der Einstellung von Hilfe für einige Nachfolgestaaten
der ehemaligen Sowjetunion sowie von Sicherheitsprogrammen führen, die Freunde und Verbündete der
Vereinigten Staaten bei ihrer eigenen Verteidigung
unterstützen. Ferner würde unser Beitrag zu internationalen Friedenssicherungsoperationen beträchtlich verringert oder gestrichen. Dadurch würden
Behörden wie die Gesellschaft für Privatinvestitionen
in Übersee (OPIC) oder die Export-Import-Bank
lahmgelegt, die für die Ausweitung amerikanischer
Exporte eine Schlüsselrolle spielen. Unsere Nichtverbreitungsbestrebungen sowie unser Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA) gerieten in Gefahr.
Die Unterstützung für einige, das Leben von Kindern
rettende Hilfsprogramme würde eingestellt.
Diese Kürzungen würden das Vermächtnis der von
uns übernommenen Führungsrolle zerstören. Die für
eine Führungsrolle erforderliche Stärke fällt nicht vom
Himmel. Sie kostet Mühe und setzt Mittel voraus.
Ein neoisolationistischer Haushalt würde unser
strategisches Interesse am Aufbau der Demokratie in
Rußland und den Staaten des früheren Warschauer
Pakts unterminieren und hätte direkte Auswirkungen
auf die Sicherheit der Vereinigten Staaten: Wir
müssen auch in Zukunft die von den Senatoren Nunn
und Lugar eingeleiteten weitblickenden Programme
zur Verringerung von Atomwaffenarsenalen in der
ehemaligen Sowjetunion finanzieren. Die 350 Millionen Dollar an Nunn-Lugar-Mitteln ermöglichten der
Ukraine den Abbau ihres Arsenals und den Beitritt
zum Nichtverbreitungsvertrag.
Das machte es
einfacher, uns von dem nuklearen Abgrund aus der
Zeit des Kalten Krieges zurückzuziehen - und ungefähr 20 Milliarden Dollar jährlich bei strategischen
Nuklearstreitkräften einzusparen. Dies ist nur ein
weiteres anschauliches Beispiel dafür, wie sich
unsere außenpolitischen Ausgaben buchstäblich
bezahlt machen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Bestrebungen beeinträchtigen, den Bau von Atomwaffen durch verbrecherische Staaten und Terroristen
zu verhindern. Wir geben über einen Zeitraum von
drei Jahren 35 Millionen Dollar aus, um Tausende
von Nuklearwissenschaftlern in der ehemaligen
Sowjetunion bei zivilen Forschungsprojekten zu

AMERIKA DIENST 16

�beschäftigen. Das ermöglicht ihnen, dem nuklearen
Arbeitsmarkt fernzubleiben und ihre Fähigkeiten
nicht an Staaten vom Schlage eines Irak oder Iran
zu verkaufen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Beteiligung an weltweiten Friedenssicherungsoperationen der Vereinten Nationen - die unseren Interessen dienen - nahezu beenden. Seit Harry Truman
haben amerikanische Präsidenten sie aus Vernunftgründen unterstützt. Insbesondere Präsident Bush
sah ihren Wert: Im vergangenen Jahr wurden
nahezu 60 Prozent unserer Beitragszahlungen an
die Vereinten Nationen für Operationen verwendet,
die mit Unterstützung seiner Administration eingeleitet wurden. Sein Außenminister James Baker
verteidigte diese Operationen in überzeugender
Weise mit seiner Äußerung: "Wir haben Billionen
Dollar ausgegeben, um den Kalten Krieg zu gewinnen und sollten jetzt bereit sein, Millionen Dollar zur
Sicherung des Friedens bereitzustellen."
Dies ist die beste Form von Lastenverteilung. Die
UN-Friedensoperationen
entheben uns der Notwendigkeit, amerikanische Streitkräfte in wichtige Gebiete, beispielsweise Zypern oder den indischen Subkontinent - zu entsenden,
knüpfen dort an, wo unsere Truppen aufhörten, zum Beispiel an der irakisch-kuwaitischen Grenze. In Haiti sparen wir Gelder, da
die meisten unserer abgezogenen Streitkräfte
durch UNO-Truppen ersetzt wurden,
beteiligen sich in Namibia, Mozambik und
Kambodscha am Aufbau von Demokratie alles Missionen, an deren Planung wir mitwirkten. In Kambodscha handelten die Vereinten Nationen den Abzug vietnamesischer
Streitkräfte aus und hielten anschließend die
ersten demokratischen Wahlen in dem Land
ab. Nach jahrelangem Morden beteiligten
sich jetzt 90 Prozent der Bevölkerung an den
Wahlen - während die UN-Friedenstruppen sie
vor den Khmer Rouge schützten.
Wir würden weitaus mehr zahlen, wenn wir auch nur
eine kleine Anzahl dieser Missionen im Alleingang
durchführten. Statt dessen zahlen wir jetzt im Hinblick auf die Zahl der Soldaten und Geld einen
vernünftigen Preis: Von den weltweit entsandten
61.000 UNO-Blauhelmen sind nur3.300 Amerikaner.
Wir wenden umgerechnet ein halbes Prozent unseres Verteidigungshaushalts für UN-Friedensoperationen auf - weniger als ein Drittel des gesamten
Kostenaufwands der Vereinten Nationen und weni-

AMERIKA DIENST 16

ger als der Anteil der Europäer im Verhältnis zu ihren
Verteidigungsausgaben.
Wir nehmen nur nach
sorgfältiger Prüfung der Kommandoabsprachen und
Kosten an diesen Operationen teil - bekommen aber
durch unsere Fähigkeit zur Leitung multilateraler
Bestrebungen enormen Einfluß.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Friedensarbeit gravierend unterhöhlen. Der Präsident
erklärte: "Amerika steht denjenigen zur Seite, die um
des Friedens willen Risiken eingehen." Das gilt in
Nordirland, in Südafrika, im Nahen Osten und weltweit.
Damit der Friedensprozeß im Nahen Osten fortgesetzt wird und die Verhandlungen in anderen
Regionen erfolgreich sind, müssen wir über die Mittel
zur Unterstützung derjenigen verfügen, die Risiken
eingehen.
Wir können die am Friedensprozeß
Beteiligten nicht von unserem Einsatz für einen
dauerhaften und gerechten Frieden überzeugen,
wenn wir unseren derzeitigen Verpflichtungen nicht
nachkommen. Das bedeutet die Aufrechterhaltung
der Hilfe an Israel, Ägypten und die Palästinenser
sowie die Erfüllung unserer Verpflichtung zum Schuldenerlaß für Jordanien. Im Nahen Osten stehen
unsere lebenswichtigen sicherheitspolitischen und
wirtschaftlichen Interessen auf dem Spiel. Wir dürfen
so kurz vor dem Sieg nicht die Hände in den Schoß
legen und den Gegnern des Friedens das Spielfeld
überlassen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte jahrzehntelange Investitionen in die Demokratie wertlos machen. In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der
Demokratien auf der Welt nahezu verdoppelt - und
unser Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) leistet den meisten
Neulingen Hilfe. Beispielsweise trug in Mozambik,
das jahrelange Kämpfe hinter sich läßt, von AID
geleistete Hilfe zur Registrierung von 6 der potentiell
8 Millionen Wähler bei und ließ die dortigen Wahlen
zu einem Erfolg werden. Zu einem Zeitpunkt, an
dem die dortigen Gesellschaften auf besonders
unsicheren Füßen stehen, sollte nicht diese Lebensader der Demokratie durchgetrennt werden.
Ein neoisolationistischer Haushalt würde unserem
eigenen Auskommen direkt schaden. Unsere Volkswirtschaft ist abhängig von neuen Märkten für amerikanische Waren und hochbezahlten Arbeitsplätzen für
amerikanische Arbeitnehmer. Aus diesem Grund war
Präsident Clinton führend bei den Bestrebungen zur
Ausweitung des Freihandels durch das bedeutende
GATT-Abkommen, die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) sowie die Freihandelsabkommen in der asiatisch-pazifischen Region und auf dem
gesamten amerikanischen Kontinent. Und diese

Seite 5

�Administration hat sich meines Erachtens stärker als
jede andere tür die Exportförderung eingesetzt.
Betrachten Sie sich beispielsweise, wo wir ohne die
Bestrebungen des Wirtschaftsministeriums in dieser
Hinsicht wären. Die Mitarbeiter von Wirtschaftsminister Brown haben im vergangenen Jahr mit
anderen Behörden Exportgeschäfte für amerikanische Unternehmen im Wert von 46.000 Dollar
abgeschlossen - Geschäfte zur Bewahrung von
300.000 amerikanischen Arbeitsplätzen.
In den meisten Fällen konnten wir diese Übereinkünfte schließen, weil die Vereinigten Staaten sich in
diesen Ländern seit Jahren engagiert hatten. Betrachten Sie sich zwei Statistiken: In einigen Ländern haben AID-Programme zur Erhöhung der
Lebenserwartung um ein Jahrzehnt beigetragen.
Jedes Jahr werden durch die Impfprogramme von
AID drei Millionen Menschenleben gerettet. Diese
Statistiken machen nicht nur im humanitären Bereich
Hoffnung, sondern sind auch Teil der Bestrebungen
zur Schaffung stabiler Gesellschaften mit Verbrauchern, die unsere Waren kaufen wollen - nicht mit
Massen von Opfern, die unserer Hilfe bedürfen.
Zusätzlich fördert unsere Unterstützung multilateraler
Entwicklungsbanken Wirtschaftswachstum und
Wohlstand der Nationen. Wir leisten einen Beitrag
von 1,8 Milliarden Dollar, während die anderen
Nationen 7 Milliarden Dollar beisteuern - und dieses
Kapital führt zur Bereitstellung von mehr als 40
Milliarden Dollar an Krediten. Eine Einstellung
unserer Beitragsleistungen käme einem Verlust
unseres Einflusses gleich. Andere würden vielleicht
unserem Beispiel folgen, was zu einer Lahmlegung
dieser bedeutenden Institutionen führen könnte.
Die heimlichen Isolationisten, die den Anspruch
erheben, amerikanisches Geld zu sparen, haben
einen sehr begrenzten Horizont: Unsere Hilfe hat
sich bereits Hunderte von Malen ausgezahlt. Das
galt für die Marshallhilfe, die nach dem Krieg die
europäischen Märkte wiederbelebte und gilt in
Südkorea, wo die derzeitigen jährlichen Importe
amerikanischer Güter sich bereits auf das Dreifache
des Wertes unserer in nahezu 30 Jahren geleisteten

Hilfe belaufen.
Obwohl wir unsere Tradition der Hilfsleistungen
beibehalten, reformieren wir ihre Praxis. AID ist zu
einem Labor für die Bestrebungen Vizepräsident
Gores zur Umstrukturierung der Regierung geworden - das Amt schafft 27 Missionen im Ausland ab
und reduziert die Zahl seiner Mitarbeiter um 1.200.
Mit der neuen Partnerschaftsinitiative verbessern wir
unser Hilfsprogramm noch weiter - indem wir uns auf
die örtliche Ebene konzentrieren. Dadurch sollen die

Seite 6

Bestrebungen nichtstaatlicher Organisationen verstärkt und der Anteil unserer Hilfsleistungen für sie
auf 40 Prozent erhöht werden, denn diese Organisationen arbeiten vor Ort und sind flexibler als die
entfernten nationalen Regierungen. Das gewährleistet eine bessere Verwendung unserer Mittel und
leistet diesen Nationen Hilfe zur Selbsthilfe.
Jeder hier Anwesende ist sich bewußt, daß es in
Amerika noch nie leicht war, Unterstützung für eine
aktivistische Außenpolitik zu finden.
Während der gesamten Geschichte unserer Republik
haben wir nie wirklich in der Isolation gelebt. In einer
Welt schneller Kommunikations- und Kapitalbewegungen ist das nicht möglich. Das ist kein Thema.
Buchstäbliche Isolation ist keine Option.
Zur Debatte steht, ob wir die Maßnahmen und
Ressourcen haben, unsere Einflußnahme so zu
gestalten, daß unsere Bürger in ihrem täglichen
Leben ihren Nutzen verspüren - sei es durch die
Öffnung von Märkten oder die Vermeidung von
Konflikten, in die wir hineingezogen werden könnten.
Als unsere Regierung kein Engagement zeigte,
mußten unsere Bürger einen sehr hohen Preis zahlen
- wie im Zweiten Weltkrieg nach einer Periode
unverantwortlichen Rückzugs der Vereinigten Staaten.
Unsere führenden Politiker der Nachkriegszeit hatten
die Gabe zu erkennen, daß Technologie und Macht
der Vereinigten Staaten die Welt verändert hatten
und wir uns nie wieder isolieren dürfen. Es war für
sie aber auch äußert schwierig, für diese Ansicht
Unterstützung zu finden, obwohl die Erinnerung an
den Krieg noch frisch war.
Präsident Truman mußte für seine Überzeugung
einen harten Kampf führen. Aber ein Ausländer hatte
erkannt, daß für Amerika der Moment zur Übernahme
einer Führungsrolle gekommen war - und sagte uns
das. Winston Churchill rüttelte die Nation mit seinem
Appell für eine engagierte Außenpolitik wach. Heute
erinnern wir uns vor allem, daß er den Begriff vom
"Eisernen Vorhang" prägte. Er bezeichnete außenpolitisches Engagement aber auch als "Lebensnerv
des Friedens", was ein Wortspiel mit einer Redewendung der Römer ist: "Geld ist der Lebensnerv des
Krieges". Die Botschaft Churchills lautete, daß die
Bewahrung des Friedens - ebenso wie die Kriegführung - Mittel erfordert.
Heute ist diese Botschaft so zutreffend wie eh und je.
Dies ist ein Moment außergewöhnlicher Hoffnung für
Demokratie und freie Märkte. Aber nichts ist unvermeidlich. Wir müssen weiterhin Engagement zeigen.
Wir müssen uns öffnen, anstatt uns nach innen zu

AMERIKA DIENST 16

�wenden. Eine Führungsrolle Amerikas in der Welt
ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Der
dafür zu zahlende Preis ist der Sache wert. Es ist

der Preis dafür, die Geschichte in unserem Interesse
zu beeinflussen,

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 7

�USA-EUROPA
3. Mai 1995

Die OSZE und ihre Rolle für die Sicherheit in Europa
Rede von Sam W. Brown
BONN - (AD) - In einer Rede vor der Adenauer-Stiftung legte der Vertreter der Vereinigten Staaten bei der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Sam W. Brown Jr., die amerikanische
Vision vom Beitrag der OSZE zu europäischer Sicherheit dar.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Sam W. Brown am 24. April 1995 gehaltene Rede.

Hannah Arendt hat uns geholfen, den Totalitarismus
als die große moralische und politische Bedrohung
des zwanzigsten Jahrhunderts zu erkennen. Ihre
Arbeiten zu diesem Thema sind wohlbekannt. Wir
haben diese Lektion gelernt und bei unserer Sicherheitspolitik entsprechend gehandelt.
Sie schrieb allerdings auch folgende, wenngleich
weniger bekannte Worte: "Die größte Gefahr dabei,
den Totalitarismus als den Fluch des Jahrhunderts
zu erkennen, liegt darin, sich so sehr auf ihn zu
konzentrieren, daß man die vielen kleinen und
weniger kleinen Übel, mit denen der Weg zur Hölle
gepflastert ist, nicht mehr sehen kann."
Im August werden es zwanzig Jahre, daß die
Schlußakte von Helsinki unterzeichnet wurde vierundzwanzig Jahre nach Hannah Arendts prophetischen Worten. Die Schlußakte von Helsinki erkennt diese "kleinen und weniger kleinen Übel" an
und weist uns einen anderen Weg - in Richtung
jenes Europas, das wir uns letztlich als Ergebnis der
Ost-West Konfrontation erhofften.
Die Schlußakte von Helsinki basiert auf der Überzeugung, daß eine Gesellschaft durch ihre Werte
definiert wird, und daß gemeinsame Werte beim
Aufbau einer gemeinsamen Zukunft hilfreich sein
können.

Helsinki, in der festgelegt wurde, wie Staaten mit
ihren Bürgern und ihren Nachbarn umzugehen
haben, wurde zu einem zentralen Element unserer
Beziehungen zu den europäischen Diktaturen.
Unsere Kollegen im Osten sprechen diesen Ideen
und den Bürgerbewegungen, die sie hervorgebracht
haben, große Bedeutung zu: Sie haben die Menschen ermutigt, für einen Wandel im Bereich der
Sowjetunion zu kämpfen.
Die Schlußakte von Helsinki definiert zahlreiche
Verhaltensnormen für staatliches Handeln:
Die
Vermeidung von Gewaltanwendung oder der Androhung von Gewalt, die Beachtung der territorialen
Integrität von Staaten sowie gleiche Rechte und
Selbstbestimmung für Völker. Sie nennt aber auch
ein wenig beachtetes, wenngleich zentrales Konzept:
Die inneren Angelegenheiten eines Staates sind dann
ein legitimes Anliegen anderer Nationen, wenn sie
Themen betreffen, die die Sicherheit einer Region
beeinflussen könnten, oder wenn es um politische
Freiheit und Menschenrechte geht. Diese radikale
Idee ist mittlerweile von den OSZE-Staaten akzeptiert
worden und hat die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten entscheidend verändert. Sie
macht deutlich, daß unsere gemeinsame Sicherheit
der Beachtung der Sicherheit jedes Individuums
bedarf.

Die Unterzeichner der Schlußakte waren keine
Neulinge in der Politik. Sie konnten jedoch nicht im
geringsten ahnen, wie tiefgreifend ihre Worte das
Europa des Jahres 1995 mitgestaltet haben.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bestand
die Arbeit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - dem Urheber der Schlußakte
von Helsinki - darin, sich in eine Organisation umzuwandeln und Mechanismen zur vollen Umsetzung der
Schlußakte von Helsinki zu schaffen.

Es war eine mächtige Wortwaffe, die da geschmiedet wurde, und diese Worte lagen in den darauffolgenden 15 Jahren dem politischen Dialog zwischen Ost und West zugrunde. Die Schlußakte von

Wir gingen einen Schritt in diese Richtung, als wir im
Dezember in Budapest aufhörten, eine Konferenz zu

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

�sein, und zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa wurden.
Zehn Jahre zuvor war es einfacher, Bedrohungen in
Europa zu definieren und auf sie zu reagieren. Die
Bedrohung durch die totalitäre Ideologie - die sich im
politischen und militärischen Expansionsstreben der
Sowjetunion manifestierte - sowie die Gefahr eines
Atomkrieges waren deutlich und klar definiert. Sie
waren fünfundvierzig Jahre lang das zentrale Element unserer Sicherheitspolitik. Und offen gestanden haben wir unsere historisch wichtige Arbeit gut
gemacht. Wir haben sowohl die Institutionen als
auch den politischen Willen für die Arbeit mit ihnen
entwickelt.
Die NATO, die wichtigste Institution in diesem
Zusammenhang, stellt gerade die Weichen für ihre
zukünftige Erweiterung, um auf die neuen Manifestationen der sicherheitspolitischen Herausforderungen
zu reagieren.
Die neuen Bedrohungen sind allerdings so geartet,
daß existierende Mechanismen oder Organisationen
sie weder ganz direkt noch völlig eindeutig angehen
können. Es ist dieser Tage nicht möglich, eine so
saubere Analyse von Bedrohung und Reaktion
vorzunehmen, wie wir es aus der Zeit des Kalten
Krieges gewohnt waren.
So sind wir zum Beispiel immer noch verpflichtet, der
Bedrohung durch einen konventionellen Krieg
Rechnung zu tragen. Unsere Analyse wird jedoch
stärker von unseren Erfahrungen in Bosnien beeinflußt als von der Angst vor einen großangelegten
Krieg in einem geteilten Europa.
Die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags ist
von entscheidender Bedeutung, und wir werden
weiterhin die Bestrebungen zu seiner unbegrenzten
und bedingungslosen Verlängerung unterstützen.
Obwohl dadurch die Gefahr eines nuklearen Holocaust oder die eines Rüstungswettlaufs der Supermächte verringert wird, stellen Atomschmuggel oder
der Mißbrauch von Nukleartechnologie weiterhin
eine Bedrohung dar.
So haben sich die traditionellen Themen der Sicherheitspolitik geändert. Zusätzlich aber sind mit
dem Fall der beiden erzwungenen kommunistischen
Föderationen - der Sowjetunion und Jugoslawiens eine Vielzahl lange unterdrückter Probleme an die
Oberfläche gelangt.
Eines der vordringlichsten ist ein aggressiver Nationalismus. Dieser hat sich in vielen Staaten unserer
Region auf tragische Weise manifestiert.
Das
schlimmste Beispiel ist das ehemalige Jugoslawien.

Seite 2

In einem unlängst erschienenen Artikel argumentiert
Misha Glenny, daß Tito den vergiftenden Nationalismus, der Milosevic an die Macht brachte, gar nicht
erst hätte aufkommen lassen. Und Stalins brutale
Unterdrückung von Minderheiten hielt die Kräfte des
Separatismus im Zaum, die jetzt die Staaten der
ehemaligen Sowjetunion heimsuchen.
Der Preis, den wir für den Zusammenbruch dieser
totalitären Reiche bezahlen, ist ein Anschwellen des
Ethnozentrismus, der mit wachsender Xenophobie
einhergeht. Die fürchterlichen Auswirkungen dieser
Haltung werden immer deutlicher. Die Russische
Föderation ist über diese Entwicklungen so besorgt,
daß sie sie kürzlich in OSZE-Gesprächen über ein
neues Sicherheitsmodell für Europa als ihr Hauptanliegen bezeichnete.
Ein zweites Thema ist die zunehmend deutlicher
werdende Diskrepanz zwischen dem Prinzip der
Selbstbestimmung und dem Recht eines Staates auf
Sicherheit in seiner eigenen territorialen Integrität. In
Bosnien, Tschetschenien und der Türkei sind Spannungen zwischen Selbstbestimmungsbestrebungen
und Souveränität des Staates weiterhin Ursache von
Blutvergießen und Krieg. Dieselben Spannungen
gefährden auch die Zukunft Georgiens und Moldawiens.
Drittens. Obwohl sich viele Staaten auf dem Weg zur
Marktwirtschaft befinden, werden harte Arbeit und
Einfallsreichtum - die Säulen des marktwirtschaftlichen Systems - oft von der Schwerfälligkeit der
Institutionen und von korrupten Stellen zunichte
gemacht.
Das Problem wird durch ineffiziente,
planwirtschaftlich organisierte Fabriken noch erschwert, die ohne radikale Umstrukturierungen und
massive Neuinvestitionen - welche jedoch einfach
nicht vorhandenes politisches und finanzielles Kapital
erfordern würden - nicht konkurrenzfähig sind. Wenn
dann die Versprechungen von einer Erhöhung des
Lebensstandards aufgeschoben oder aufgehoben
werden, kann das zu politischer Instabilität führen.
Die OSZE bemüht sich, diese aufkeimenden Sicherheitsbedrohungen anzusprechen. Sie war eine
der ersten Institutionen, die erkannt hat, wo die
neuen Gefahren lauern und Antworten auf sie gesucht hat. Oft aber wird diese Arbeit nicht anerkannt.
Dies mag teilweise daran liegen, daß man sie vielfach als "Debattierklub" belächelt. Die vielen Gespräche haben allerdings die Funktion eines Ventils, vor
allem für jene Staaten, die in anderen wichtigen
regionalen Institutionen keine Stimme haben. Der
wöchentliche Meinungsaustausch zwischen Balten
und Russen, um nur ein Beispiel zu geben, bezeugt
dies.

AMERIKA DIENST 16

�Die Diskussionen sind allerdings weit mehr als nur
ein Ventil oder ein reiner Informationsaustausch.
Sie können auch als ein Frühwarnsystem für aufkeimende Probleme dienen. Immer wieder hören wir
von Beschwerden, Spannungen, Konflikten und
Sorgen, die zuerst in Wien angesprochen wurden.
Von Besuchern wird immer wieder die Offenheit
unserer Debatten hervorgehoben. Angesichts der
Vielzahl unserer Mitglieder und der großen Reichweite unseres Mandats gibt es kein Thema, das für
unsere Diskussionen nicht relevant ist. Um rechtzeitig handeln zu können, ist es zuallererst nötig, das
Problem zu kennen. Gut besuchte und häufige
Zusammenkünfte sind ein wichtiger Bestandteil
dieses Prozesses.
Die OSZE ist nicht unbedingt die beste Institution,
um alle Themen dieses Prozesses zu behandeln.
Im Gegenteil, wir können nur jene Themen effektiv
angehen, für die Lösungen auf freiwilliger Basis
möglich sind. Diese machen, wenn sie so wollen,
das kühlere Ende des Bedrohungsspektrums aus.
Das heißere Ende, das direkte militärische friedenschaffende Interventionen erfordert, ist der UNO und
der NATO überlassen. Es ist immer noch das
Kernstück des amerikanischen Engagements in
Europa. Aber von der Frühwarnung über Konfliktverhütung und Krisenmanagement bis zu Umständen, die eine Drittpartei zur Friedenserhaltung
erfordern, ist es die OSZE, welche die Instrumente
entwickelt, auf die man dann als erstes zurückgreifen
kann.
Über Jahre - die nicht immer frei von Rückschlägen
waren - haben wir Methoden für den Umgang mit
aufkommenden Disputen entwickelt. Manche dieser
Methoden sind traditioneller Natur, andere wiederum
sind ganz neu. Manche waren erfolgreich, manche
nicht. Wieder andere können erst nach einiger Zeit
beurteilt werden.
Die OSZE versucht manchmal, Konflikte durch
klassische Diplomatie zu verhindern, basierend auf
dem Prinzip des Konsenses von 52 Nationen. Dafür
bedarf es des politischen Dialogs, der Vermittlung
und einer Sachlage, die eindeutig als internationales
Anliegen definiert ist.
Die Arbeit des OSZE-Hochkommissars für Nationale
Minderheiten, des ehemaligen niederländischen
Außenministers Max Van der Stoel, fällt in diese
Kategorie. Er setzt seinen persönlichen Stil und sein
politisches Profil dafür ein, sein Vermittlungs- und
Beratungsgeschick auszubauen. Eine ganze Reihe
von Regierungen hat seine unauffällige Konsultationsarbeit für ihre Qualität und Rechtzeitigkeit
gelobt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen:

AMERIKA DIENST 16

Seine Bemühungen haben die Beziehungen zwischen
Ungarn und der Slowakei beeinflußt, bei der Entwicklung neuer Staatsbürgerschaftsgesetze in Lettland
und Estland geholfen und zum Abbau von Spannungen zwischen Griechenland und Albanien beigetragen.
Ein weiteres Beispiel einer geschickten Variante der
traditionellen Diplomatie war die Schaffung einer
OSZE-"Mission", welche im September des Jahres
1992 in die ehemalige jugoslawische Republik
Mazedonien entsandt wurde. Dies war ein schwieriger Moment. Wir fürchteten, daß der bosnische
Konflikt auf die Nachbarstaaten übergreifen könnte.
Es gab damals keine internationale Präsenz, und
Bedenken wurden kaum offen ausgesprochen.
Unsere Tätigkeit bestand in der Entsendung von
Menschen. Das war die erste greifbare Manifestation
des Interesses der internationalen Staatengemeinschaft an jener Situation.
Als deutlich wurde, daß tatsächlich eine sehr reale
Bedrohung der Sicherheit der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien vorlag, war die Mission
wesentlich daran beteiligt, den Vereinten Nationen
klarzumachen, daß dort eine größere Präsenz
vonnöten sei. Obwohl die Region immer noch
instabil ist, kam es zu keinem Übergreifen des
Konfliktes. Diese kleine, aber präventive Aktion der
OSZE spielte zweifelsohne eine Rolle bei der Erhaltung der Stabilität.
Die Mission in der ehemaligen jugoslawischen
Republik Mazedonien und auch die Missionen in der
Wojwodina, in Sanjak und im Kosovo waren bahnbrechende Bemühungen der gerade erst auf diese
Weise aktiv gewordenen KSZE. Seit diesen ersten
Missionen, die vor etwas mehr als zwei Jahren
stattfanden, sind wir in acht weiteren Krisenregionen
aktiv geworden. Dies stellt eine praktische Anwendung des Prinzips dar, daß interne Angelegenheiten
sowie Angelegenheiten, die eine begrenzte Anzahl
von Parteien betreffen, sehr wohl ein legitimes
Anliegen der gesamten OSZE sind. Eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir am zwanzigsten Jahrestag ihrer Gründung feiern, ist diese "neue aktive
Rolle" der OSZE.
Die Aufgaben dieser Missionen reichen von der
Vermittlung zwischen Separatistengruppen in
Georgien und Beratung über den Status der ethnischen Russen in Estland und Lettland bis zur Hilfestellung beim Abzug der 14. Russischen Armee in
Moldawien. In Bosnien beginnt unsere Mission im
Zuge des Versöhnungsprozesses mit politischer
Vertrauensbildung. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit liegt
darin, Vertreter der verschiedenen ethnischen Gruppierungen auszuwählen und ihnen den Rücken zu

Seite 3

�stärken. Diese Ombudsmänner sollen helfen, die
zersplitterte Gesellschaft wieder zu einen.

daß wir nicht einfach mit alten Lösungen auf neue
Bedrohungen reagieren können.

Wir entsenden gerade eine humanitäre Vermittlungsmission nach Tschetschenien. Die Sorgen, die wir
mit dieser Region haben, sind ein legitimes Anliegen
der gesamten Region. Die OSZE-Mission in Tschetschenien wird durch ihre humanitären Bestrebungen,
Förderung des Dialogs und Hilfestellung bei der
Entwicklung demokratischer Institutionen die Versöhnung fördern. In Lettland wird die OSZE eine
glaubwürdige Garantie für den Abbau der ehemaligen sowjetischen Radarstation in Skrunda abgeben
und Kommissare stellen, die sich um pensionierte
russische Militärangehörige kümmern. Diese Aufgabe nimmt die OSZE auch für die russische Minderheit in Estland wahr.

Ich habe heute nur einige wenige der innovativen
Aktivitäten beschrieben, die die OSZE in der letzten
Zeit in Angriff genommen hat. Eine weitergehende
Analyse müßte auch unsere Abrüstungsgespräche
und die Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen einschließen sowie die Mechanismen für Frühwarnung, Konfliktverhütung und Krisenmanagement
von Berlin und Moskau. Und - last but not least - die
Bestrebungen zur Entsendung einer Friedenssicherungstruppe nach Nagorny-Karabach - ein Versuch,
der noch keine Bewährungsprobe bestehen mußte,
aber dennoch ungemein wichtig ist.

Die OSZE arbeitet auch daran, aggressivem Nationalismus und anderen aufkommenden Bedrohungen
dadurch zu begegnen, daß sie neu hinzukommenden Staaten bei der Entwicklung demokratischer
Institutionen hilft. Hier sind wir erneut ein Labor für
regionalen Wandel - an dem alle Staaten vollständig
und gleichberechtigt beteiligt sind.
Wir haben uns beim Aufbau wesentlicher Bestandteile der Demokratie auf praktische Schritte konzentriert. Dazu gehören OSZE-Seminare über zwischenstaatliche Beziehungen auf militärischer und
ziviler Ebene, Entwicklung kleiner und mittelständischer Unternehmen, die Rolle nichtstaatlicher
Organisationen (NGOs) sowie die Förderung freier
Medien. Ferner entsenden wir Experten für die
Beratung beim Entwurf einer Verfassung, dem
Aufbau des Justizwesens, der Reform des Wahlsystems oder dem Umgang mit den Medien. Ziel all
dieser Aktivitäten ist die Stärkung demokratischer
Institutionen, die einen Schutz vor gesellschaftlicher
Instabilität bieten.
Die volle und gleichberechtigte Aufnahme von auf
dem Weg zur Demokratie befindlichen Staaten in
eine internationale Organisation erlaubt uns die
Stärkung westlicher Menschenrechtsnormen und
zwischenstaatlicher Beziehungen. Die Vereinten
Nationen bieten nicht diese Möglichkeit. Auch die
NATO und die EU, denen nicht alle europäischen
Staaten angehören und die sehr verschiedene
Aufgaben haben, können dies nicht. Viele Staaten
wissen, daß das einzige europäische Sicherheitsforum, das wirklich alle einschließt, die OSZE ist und
bleiben wird.
Die meisten hier von mir beschriebenen Aktivitäten
sind experimenteller Natur. Wir wissen noch nicht,
ob alle erfolgreich sein werden. Wir wissen aber,

Seite 4

Natürlich sind wir in Wien auch mit der Umsetzung
des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in
Europa (KSE-Vertrag) befaßt, dem wichtigsten Faktor
der Stabilität auf dem Gebiet konventioneller Waffen
in Europa.
Außerdem setzen wirdie Verhandlungen über weitere
Abkommen fort, die sich auch auf die Vertrauensbildung erstrecken.
Dazu gehören das soeben
erstellte Wiener Dokument 94 sowie der Verhaltenskodex über politische und militärische Sicherheitsaspekte. Darin werden akzeptierte Normen für die
zivile Kontrolle des Militärs festgelegt. Ferner arbeiten wir an einem Schema für zukünftige Abrüstungsbemühungen im gesamten OSZE-Gebiet.
Neue historische Realitäten bringen neue Bedrohungen mit sich. Alle soeben genannten Maßnahmen
sind Möglichkeiten für die OSZE, mit diesen neuen
Gegebenheiten umzugehen. Die Art und Weise, wie
wir dies tun, wird noch weiterentwickelt, und zweifelsohne wird uns die Zukunft noch neue, andere
Schritte abverlangen. Die Welt verändert sich mit
großer Geschwindigkeit, und es ist nur natürlich, daß
diese Veränderungen Unbill, aber auch neue Möglichkeiten bergen. Dies wird auch weiterhin so sein.
Die neuen Bedrohungen in ihrem Wesen zu begreifen
und Mechanismen für den Umgang mit ihnen zu
schaffen, ist ein langer Weg. Und wir sind schon
einige Schritte darauf gegangen.
Glücklicherweise wächst die OSZE weiter. Sie ändert
sich und paßt sich an die neuen Bedrohungen an.
An die "kleinen und weniger kleinen Übel", wie
Hannah Arendt sie so treffend bezeichnet hat. Die
OSZE bleibt bescheiden, was Bürokratie und Institutionalisierung betrifft. Ihr Konzept ist ein breiter
Ansatz bei Menschenrechtsfragen, der Förderung der
freien Marktwirtschaft und militärischer Sicherheit.
Und dieses Konzept ist stark genug, uns zu helfen,

AMERIKA DIENST 16

�entstehende Bedrohungen der Sicherheit in Europa
auf kreative Weise zu lösen.

Ich danke Ihnen,

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 5

�WIRTSCHAFT
3. Mai 1995

Die USA und Europa - neue Chancen und Strategien
Rede von Staatssekretär Garten
BRÜSSEL - (AD) - Im Rahmen seiner Europareise hielt der Staatssekretär für Welthandel im USWirtschaftsministerium, Jeffrey E. Garten, am 25. April 1995 eine Rede vor dem EU-Ausschuß der
amerikanischen Handelskammer in Belgien, von der wir nachfolgend einige Auszüge veröffentlichen.

Ich freue mich, wieder in Brüssel zu sein. Meine
Europareise begann gestern in Portugal und wird
mich noch nach Deutschland führen. Es gibt vier
Gründe für diesen Besuch.
Erstens möchten meine Delegation und ich in
Europa auf die Bedeutung gleicher Wettbewerbsbedingungen für amerikanische Unternehmen in
verschiedenen Sektoren und bei unterschiedlichen Projekten hinweisen.
Zweitens legen wir letzte Hand an eine neue
Wirtschaftsstrategie für unsere Botschaften in
West-, Mittel- und Osteuropa, die wir "Showcase
Europe" nennen.
Drittens wollen wir den von Wirtschaftsminister
Brown und den EU-Kommissaren Brittan und
Bangemann unterbreiteten Vorschlag eines
transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic
Business Dialogue) fördern - Gesprächen zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmen sowie den Regierungen auf beiden
Seiten des Atlantiks über die Gestalt und Tagesordnung der zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.
Viertens werden wir die Gelegenheit zu Konsultationen mit unseren Handelspartnern über
eine Vielzahl von Fragen nutzen, die über bilaterale oder sogar amerikanisch-europäische Beziehungen hinausgehen. Hierbei stehen die Spannungen bei den amerikanisch-japanischen Handelsbeziehungen an erster Stelle.
In meinen heutigen Ausführungen möchte ich einige
dieser Fragen ansprechen, zunächst jedoch mit dem
allgemeinen Kontext beginnen.
Die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen

AMERIKA DIENST 16

Als Bill Clinton im Januar letzten Jahres seine erste
Europareise in seiner Eigenschaft als Präsident der
Vereinigten Staaten antrat, bezeichnete er die westeuropäische Integration und den Zerfall der Sowjetunion als die beiden größten Fortschritte für den
Frieden in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Ich möchte hinzufügen, daß die europäische Integration auch einer der größten Fortschritte für freien
Handel in diesem Jahrhundert ist. Offene und
pulsierende Märkte sind tatsächlich der Motor, der
Europa und den Vereinigten Staaten während der
vergangenen Jahrzehnte den größten Wohlstand in
der Geschichte der Menschheit bescherte. Wenn die
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten gestärkt werden, kann dieser
Wohlstand nicht nur fortbestehen, sondern sogar ein
neues Ausmaß erreichen.
Ruf nach transatlantischem Freihandel
Politiker in Amerika und Europa haben in der Erkenntnis, daß die transatlantischen Beziehungen ein
Fundament haben müssen, neue Bande vorgeschlagen. Der Präsident der EU-Kommission, Jacques
Santer, forderte einen amerikanisch-europäischen
Vertrag. Der belgische Ministerpräsident Dehaene
bezeichnete eine umfassendere Architektur als sein
Anliegen. Der schwedische Handelsminister Hellstrom sprach die Möglichkeit einer Anwendung des
Konzepts des früheren europäischen Wirtschaftsraums auf den Atlantik an. Der spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez überlegte kürzlich mit
Wirtschaftsminister Brown in Madrid, ob engere
transatlantische Beziehungen möglich seien. Anfang
dieses Monats erörterte der britische Premierminister
Major bei seinem Treffen mit Präsident Clinton die
Möglichkeit weitreichenderer transatlantischer Handelsbeziehungen. Und diese Überlegungen sind
nicht auf die europäische Seite des Atlantiks beschränkt.

Seite 1

�Auf beiden Seiten des Atlantiks scheint klar zu sein,
daß wir uns auseinanderzuentwickeln drohen, wenn
wir keine neue Architektur zur Unterstützung unserer
Beziehungen haben. Das wäre eine Tragödie - nicht
nur, weil Europa unser getreuer Freund und Verbündeter ist, sondern auch wegen der daraus resultierenden wirtschaftlichen Rückschläge.

Wenn man die Exporte und Umsätze amerikanischer
und europäischer Unternehmen auf dem jeweils
anderen Markt zusammenzählt, ergeben sich transatlantische Wirtschaftsbeziehungen im Wert von mehr
als 1,7 Billionen Dollar jährlich. Dies sind ungefähr
50 Prozent mehr als unsere circa 1,1 Billionen Dollar
im transpazifischen Handel.

Aussichten für den Handel

Es besteht ein großer Unterschied, ob die amerikanischen Interessen davon abhängen, daß Europas
Wirtschaft ein gesundes Wachstum erfährt und
Europa sich auch in Zukunft mit den Vereinigten
Staaten für weitere Offenheit der Weltmärkte einsetzt,
oder ob Europa weniger schnell wächst und sich
stärker nach innen kehrt, um sich mit Arbeitslosigkeit
und anderen internen Problemen zu befassen.
Wichtig ist, daß Europa die weitere Öffnung der
Weltmärkte und der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auch künftig als in seinem Interesse betrachtet und sich sogar noch weiter öffnet, als seine Verpflichtungen in der Welthandelsorganisation (WTO)
und dem Binnenmarkt vorsehen. Dies ist der Weg zu
höherem Lebensstandard, stärkerem Wirtschaftswachstum und mehr Beschäftigung in Europa.

Nachdem die amerikanischen Exporte in die Europäische Union wegen der Rezession in Europa zwei
Jahre lang gesunken waren, stiegen sie aufgrund
des realen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts
von 2,6 Prozent in der EU sowie einer starken
Wettbewerbsstellung Amerikas im vergangenen Jahr
um 6 Prozent an. In der zweiten Jahreshälfte
erhöhten sich die amerikanischen Exporte in die EU
um 10 Prozent.
Noch wichtiger ist, daß Europa bei einer soliden
Wirtschaftspolitik, die offene Märkte und wirtschaftlichen Strukturwandel fördert, im verbleibenden
Jahrzehnt unseren wichtigsten Absatzmarkt darstellen könnte. Tatsächlich könnten die amerikanischen Warenexporte nach Europa bei einem optimistischen europäischen Wirtschaftsszenarium in den
nächsten 10 Jahren um 120 Milliarden Dollar anwachsen und sich damit mehr als verdoppeln.
Zudem besteht eine gute Chance für größere
amerikanische Exporterlöse in Europa, indem wir
den amerikanischen Marktanteil mit Hilfe aggressiver
Exportförderungsstrategien erhöhen.
Investitionen dominieren die Weltwirtschaft
So wichtig der Handel auch sein mag, wir neigen
dazu, die Tatsache zu übersehen, daß der Großteil
internationaler Geschäftstätigkeit nicht über den
Handel, sondern über Investitionen abläuft. Der
weltweite Umsatz amerikanischer Unternehmen stellt
die Exporte in den Schatten. Während sich die
weltweiten Exporte amerikanischer Waren auf
ungefähr 500 Milliarden Dollar belaufen, erzielten
amerikanische Unternehmen 1992 (dem Jahr, für
das die jüngsten Zahlen zur Verfügung stehen) im
Ausland einen Umsatz von 1,6 Billionen Dollar.
Mehr als die Hälfte - genauer gesagt 55 Prozent des Umsatzes amerikanischer Unternehmen im
Ausland wird in Europa verzeichnet. 1992 belief
sich diese Zahl auf 850 Milliarden Dollar. In Europa
ansässige amerikanische Unternehmen beschäftigen
3 Millionen Europäer. Dies ist jedoch keineswegs
eine Einbahnstraße. In demselben Jahr betrug der
Umsatz europäischer Unternehmen 650 Milliarden
Dollar - und sie beschäftigten 3 Millionen Amerikaner.

Seite 2

Es ist nicht selbstverständlich, daß Europa starkes
Wachstum verzeichnet und weiterhin eine Kraft für
Offenheit ist. Die Kräfte zugunsten weiterer wirtschaftlicher Integration in Europa sowie einer Ausweitung der Philosophie offener Märkte könnten
durch Strukturprobleme und Arbeitslosigkeit in Europa
unter Druck gesetzt werden. Es ist auch nur fair zu
sagen, daß die US-Regierung hart daran arbeiten
muß, auch im eigenen Land die Dynamik für unser
offenes Handelssystem aufrechtzuerhalten.
Die
Vereinigten Staaten und Europa haben somit beide
ein Interesse an der Zusammenarbeit beim Kampf
gegen den Protektionismus.
Europa als Amerikas multilateraler Partner
So wichtig Europa für Amerika als Markt und auch als
Konkurrent sein mag - wir müssen auch seine
lebenswichtige Bedeutung als Kraft für die Öffnung
der Weltmärkte und die Gestaltung der Weltwirtschaft
verstehen. Seit dem Abkommen von Bretton Woods
und der ersten Runde der Genfer Gespräche nach
dem Zweiten Weltkrieg haben Europa und die Vereinigten Staaten die gemeinsame Vision einer immer
offener werdenden Welt, die der Industrie unserer
Länder Zugang zu mehr Märkten und unseren
Verbrauchern Zugang zu effizienter hergestellten
Gütern und Dienstleistungen verschafft.
Alle großen multilateralen Handels- und Wirtschaftsabkommen setzen eine gemeinsame Führungsrolle
der Vereinigten Staaten und Europas voraus. Es
kann nur eine äußerst geringe weltweite Liberalisie-

AMERIKA DIENST 16

�rung erfolgen, wenn Europa und die Vereinigten
Staaten sich nicht über Ziele und Instrumente einig
sind. Diese Partnerschaft ist nicht selbstverständlich. Sie muß ständig von beiden Seiten des Atlantiks neu belebt und gestärkt werden. Wenn entweder Europa oder die Vereinigten Staaten aufhören,
in die Pedale offeneren Handels zu treten, läuft das
Fahrrad nicht mehr.
Drei Szenarien für die wirtschaftliche Zukunft
Europas
Wir haben uns eingehend mit der Dynamik unserer
Beziehungen zur Europäischen Union befaßt und
sehen mindestens drei mögliche Richtungen, in die
sich Europa in Zukunft bewegen könnte. Jedes
dieser Szenarien hat seine eigenen Auswirkungen
für die Vereinigten Staaten und illustriert auf dramatische Weise, wie bedeutend die wirtschaftliche
Gesundheit Europas für Amerika sein kann.
Das optimistische Szenarium
Bei einem optimistischen Szenarium hätte Europa
mit seinen Strukturreformen Erfolg. Die europäischen Regierungen würden sich auf effektive
Maßnahmen verständigen, um bei kleineren
Unternehmen strukturelle Wachstums- und Innovationshemmnisse abzubauen, die realen Lohnkosten im Verhältnis zum Kapital zu senken und
die Unterschiede zwischen ihren Wachstumsund Inflationsraten zu verringern.
Bei kräftigem Wachstum und abnehmender
Arbeitslosigkeit würde die Europäische Union
nicht nur für den Welthandel offen bleiben,
sondern auch gemeinsam mit den Vereinigten
Staaten energischer auf neue Ansätze zur weltweiten Öffnung der Märkte drängen. Das für die
Vereinigten Staaten günstige Ergebnis wären
mehr Handel und Investitionen. Amerikanische
Exporte nach Europa sind stark vom europäischen Wirtschaftswachstum abhängig. Auf der
Grundlage des Zusammenhangs zwischen dem
Anstieg unserer Exporte und dem Wirtschaftswachstum in der EU während der letzten 25
Jahre kann man annehmen, daß das optimistische Szenarium eines durchschnittlichen Wachstums des realen Bruttoinlandsprodukts von 3
Prozent in der EU im Verlauf der kommenden
zehn Jahre zu einem Anstieg amerikanischer
Exporte im Wert von über 120 Milliarden Dollar
führen würde - mehr als das Doppelte der heutigen amerikanischen Exporte in die EU. Zudem
würde ein solch günstiges Wachstum bedeuten,
daß unsere Exporte in zehn Jahren etwa 50
Milliarden Dollar mehr betragen als unter dem
realistischeren Szenarium eines weiterhin be-

AMERIKA DIENST 16

scheidenen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts
in der EU.
Das mittlere Szenarium
Das zweite mögliche Szenarium - ein "Durchwursteln" - ist eine Fortsetzung des bescheidenen
Wirtschaftswachstums, das die EU im letzten
Jahrzehnt erlebte. Dieses Szenarium wird von
den meisten Beobachtern erwartet, die von der
Annahme ausgehen, daß die politischen Schwierigkeiten einer Durchsetzung des wirtschaftlichen
Strukturwandels diese Veränderungen weiterhin
verhindern oder verzögern werden.
Dementsprechend würde das europäische Wirtschaftswachstum jährlich etwa 2 Prozent betragen
- wie seit 1980 mehr oder weniger der Fall war.
Diese Wachstumsrate wäre nicht hoch genug, um
eine beträchtliche Verringerung der Arbeitslosigkeit oder eine starke Produktivitätserhöhung
herbeizuführen. Aufgrund des im letzten Vierteljahrhundert in der EU beobachteten Zusammenhangs zwischen Wachstum und Arbeitslosigkeit
würde die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich weiterhin
langsam ansteigen. In dieser Situation würde
zunehmend eine Debatte zwischen den Befürwortern einer Rückwendung nach innen, die weiteren
Strukturwandel ablehnen, und den Anhängern
stärkerer interner und externer Marktöffnung als
Kraft für strukturellen Wandel oder mehr Effizienz
geführt. Die Folge wäre eine Zunahme von
Handelsstreitigkeiten innerhalb Europas, über den
Atlantik hinweg und weltweit.
Für die Vereinigten Staaten würde das bedeuten,
daß Arbeitslosigkeit und niedriges Wachstum in
Europa die Nachfrage nach amerikanischen
Exporten und Investitionen verringern. Die amerikanischen Exporte in die EU würden weiterhin
leicht ansteigen und im kommenden Jahrzehnt
vielleicht um ungefähr 70 Milliarden Dollar anwachsen. Dies würde die in den letzten 25
Jahren beobachtete Tendenz eines Anstiegs
amerikanischer Exporte in die EU fortsetzen, wäre
aber nur etwas mehr als die Hälfte dessen, was
unter dem oben vorgestellten optimistischen
Szenarium möglich wäre.
Das Stagnationsszenarium
Was würde geschehen, wenn die europäische
Wirtschaft stagnieren und im kommenden Jahrzehnt ein extrem niedriges Wachstum verzeichnen
würde? Stellen Sie sich einmal - auch wenn es
schwierig ist - ein durchschnittliches reales
Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der
Europäischen Union von nur einem Prozent vor.

Seite 3

�Das wäre eine sehr düstere Situation. Die Arbeitslosigkeit würde schnell ansteigen und nahezu eine Krise auslösen, die das bereits überlastete soziale Netz zu größeren staatlichen
Haushaltsdefiziten und höheren Inflationsraten
führen würde. Die Nachfrage nach Subventionen
für die Industrie würde ebenso ansteigen wie die
Forderung nach Schutz vor Importen aus Mittelund Osteuropa, Amerika und der übrigen Welt.
Für die Vereinigten Staaten hätte das äußerst
schädliche Auswirkungen. Amerikanische Exporte nach Europa würden nur sehr langsam anwachsen, und die Vereinigten Staaten müßten
erleben, daß Europa weitere Schritte zur Verbesserung des globalen Handelsklimas nicht unterstützt - und ohne die starke Unterstützung Europas kämen diese Bestrebungen wahrscheinlich
zu einem Stillstand.
Die Notwendigkeit einer neuen wirtschaftlichen
Architektur
Mit den oben geschilderten Szenarien möchte ich
die Bedeutung der wirtschaftlichen Gesundheit
Europas für die Vereinigten Staaten illustrieren. Die
Auswirkungen dieser Szenarien auf die Vereinigten
Staaten zeigen deutlich, daß wir ein großes Interesse an einem optimistischen Szenarium für europäisches Wachstum haben.
Die Ereignisse in
Europa beeinflussen nicht nur unsere Exporte in
diesen riesigen Markt, sondern auch das Ausmaß, in
dem Europa - während der gesamten Nachkriegszeit
unser lebenswichtiger Partner - gemeinsam mit uns
das Welthandelssystem gestaltet und zu mehr
Offenheit führt.
Showcase Europe - eine neue Wirtschaftsstrategie für Europa
Die Realitäten des neuen Europa fordern von uns in
der US-Regierung eine Neugestaltung unseres
Ansatzes zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen in Europa. Mit anderen Worten: Unsere
Wirtschaftsbeziehungen zu Europa müssen neu
belebt werden.
Mir ist bewußt geworden, daß unsere derzeitige
Strategie völlig veraltet ist. Das Programm für den
europäischen Binnenmarkt hat eine Vielzahl interner
Handelshemmnisse in Europa abgeschafft, staatliche
Beschaffungen sowie den freien Verkehr von Kapital,
Menschen und Waren erschlossen und zu einer
gegenseitigen Anerkennung von Normen sowie
anderen Aspekten wirtschaftlicher Vorschriften
geführt.

Seite 4

Bislang haben das Wirtschaftsministerium und andere
staatliche Behörden der Vereinigten Staaten jede
einzelne europäische Nation als separaten Markt
behandelt und praktisch die Tatsache ignoriert, daß
Europa jetzt ein kontinentaler und zunehmend
integrierter Markt ist. Dieser Ansatz schmälerte
unsere Fähigkeit zur Unterstützung amerikanischer
Unternehmen in Europa.
Im vergangenen Jahr wurden wir in dieser Hinsicht
aktiv. Wir riefen unsere hochrangigen Wirtschaftsattaches in Europa zusammen und begannen unterstützt von unseren Europa- und Industrieexperten in Washington - mit der Umwandlung unserer
Wirtschaftsförderungsdienstleistungen in ein dynamisches Programm, das die von amerikanischen
Unternehmen benötigte und gewünschte europaweite
Hilfe bereitstellt. Dieser Umgestaltungsprozeß ist
jetzt abgeschlossen.
Gestern traf ich in der Nähe von Lissabon mit den
Leitern der Handelsabteilungen der US-Botschaften
in Europa zusammen, um diese neue, "Showcase
Europe" genannte Initiative einzuleiten.
Die Operation "Showcase Europe" erfordert von
unseren hochrangigen Wirtschaftsbeamten in Europa
und all ihren Dienststellen paneuropäisches Denken
und Handeln. Wir erwarten von diesem neuen
Programm in den nächsten fünf Jahren eine dramatische Erhöhung des amerikanischen Anteils an
europäischen Importen, der Anzahl von im Zusammenhang mit Exporten nach Europa stehenden
Arbeitsplätzen sowie der Gewinne amerikanischer
Exporteure nach Europa.
Der neue Ansatz hat drei Elemente: Erstens beim
Binnenmarkt, um amerikanischen Unternehmen bei
der Expansion auf allen europäischen Märkten
beizustehen, anstatt sich nur auf die traditionellen zu
konzentrieren; zweitens, ein amerikanisches Wirtschaftsnetz zur Bildung neuer und engerer Partnerschaften zwischen unseren Botschaften und den
amerikanischen Unternehmen in Europa und
schließlich ein wesentlich gestärktes Förderprogramm
zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen bei
staatlichen Beschaffungen oder großen Projekten
unter staatlicher Kontrolle oder mit Regierungsbeteiligung.
Der transatlantische Wirtschaftsdialog
Neben dem "Showcase Europe", das eine neue
Dimension von Wirtschaftsförderung in Europa durch
die US-Regierung anstrebt, konzentrieren wir uns
auch auf die Erlangung eines Konsenses über eine
weitere Liberalisierung der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen. Dies ist für künftiges Wachstum

AMERIKA DIENST 16

�in Amerika, aber auch in Europa von entscheidender
Bedeutung. Der Umfang von Wirtschafts- und
Finanzströmen über den Atlantik hinweg hat einen
Punkt erreicht, an dem diese integraler Bestandteil
beider Volkswirtschaften geworden sind. Die Stärkung der den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zugrundeliegenden Architektur kann zu weiteren
großen Gewinnen für beide Seiten führen und eine
fortgesetzte Erhöhung von Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum fördern.
Diese Verknüpfung hat über die Jahre nicht stagniert, sondern wurde erweitert und vertieft. Man
kommt zunehmend zu der Erkenntnis, daß der
Zeitpunkt für eine Verbesserung der wirtschaftlichen
Architektur gekommen ist - nicht nur zur Befürwortung von Wachstum, sondern zu seiner aktiven
Förderung. Im Wirtschaftsministerium sehen wir
auch die Notwendigkeit für eine neue Vision der
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen und einer
sie begleitenden neuen Architektur.
In diesem
Stadium müssen wir uns jedoch noch nicht irgendeinem besonderen Vorschlag zur Unterstützung der
Idee erweiterter und engerer Beziehungen anschließen. Wir sind jedoch der Ansicht, daß wir ohne eine
Vision von unserem Ziel - und ohne einen Wegweiser für das 21. Jahrhundert - langsamere Fortschritte
machen und uns eher von den heutigen Problemen
in Beschlag nehmen lassen. Wichtig ist, daß die
pragmatischen Mittel für die Entwicklung einer
gemeinsamen Vision gefunden und die Schritte
dorthin aufgezeigt werden.
Die Antworten werden der veränderten Natur souveräner Staaten in einer Welt Rechnung tragen müssen, die in beispielloser Weise durch blühenden
Handel, Kaptitalströme und Informationstechnologie
verknüpft ist, die Grenzen, Zeitzonen und Handelsgesetze überschreiten. Auch die veränderten Beziehungen zwischen dem Individuum und dem Staat
müssen in Betracht gezogen werden. Dies gilt
insbesondere zu Beginn eines Zeitalters, in dem der
Kapitalismus mehr denn je floriert und in dem beispielsweise eine Deregulierung in der Finanzwelt
oder die Privatisierung des Telekommunikationswesens Kräfte für die Befreiung des Menschen
darstellen. Die Beziehungen zwischen Individuum
und Staat verändern sich auch, da die nationalen
Regierungen in der Klemme zwischen unserem
Wunsch nach mehr Aktionen der Kommunalbehörden und der Notwendigkeit effektiverer supranationaler Behörden sind.
Jean Monnet und Robert Schuman hatten eine
Vision, die mit der Montanunion begann. General
George Marshall hatte eine Vision mit dem Plan, der
nach ihm benannt wurde. Viele Europäer hatten
eine Vision von "Europa 1992", welche die wirt-

AMERIKA DIENST 16

schaftliche Integration anspornte. Heute benötigen
wir einen neuen Traum - für das 21. Jahrhundert. Als
hochentwickelte Gesellschaften mit jahrhundertealten
kulturellen Bindungen haben Amerikaner und Europäer die Aufgabe zu bestimmen, wohin wir gemeinsam gehen wollen und wie wir diese Reise zurücklegen.
Die Rolle der Wirtschaftsvertreter
Für diese Aufgabe sollte das Mitspracherecht der
Wirtschaftsvertreter bei der Gestaltung dieser Architektur ein Grundprinzip darstellen. Ich sage dies
nicht in meiner Eigenschaft als Angehöriger des
Wirtschaftsministeriums, sondern in Anerkennung der
Tatsache, daß Kapital- und Technologieströme die
treibende Kraft für Wirtschaftswachstum darstellen
und die Menschen in der Praxis weitaus besser
geeignet sind, unsere Architektur zu skizzieren als
eine theoretisierende Gruppe von Vertretern der
Regierung oder der akademischen Welt.
Aus diesem Grund rief Wirtschaftsminister Brown in
einer vergangenen Dezember vor dieser Gruppe
gehaltenen Rede die Vertreter der Wirtschaft auf
beiden Seiten des Atlantiks dazu auf, mit Hilfe der
Regierungen einen neuen transatlantischen Wirtschaftsdialog zu beginnen, einen Dialog, der von der
Wirtschaft erwartet, über derzeitige Handelsstreitigkeiten hinaus mit den Regierungen eine Vision zu
entwickeln sowie eine Tagesordnung für die Veränderung der wirtschaftlichen Architektur auf eine Art
und Weise, die dem transatlantischen Handel zur
Jahrtausendwende ein noch schnelleres Wachstum
ermöglicht.

Bei diesem transatlantischen Wirtschaftsdialog sind
die Vertreter der Wirtschaft gefordert, ihre Ansichten
zu der gesamten wirtschaftlichen Architektur kundzutun. Die Politiker der EU und unseres Landes haben
einige Ideen, denen die Wirtschaftsvertreter hoffentlich besondere Aufmerksamkeit widmen. Am wichtigsten ist jedoch, daß sie ihre eigene Tagesordnung
vorlegen.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten wäre es
besonders wertvoll, wenn die Wirtschaftsvertreter ihre
Meinung zu folgenden fünf Gebieten äußerten:
1. Förderung der bilateralen amerikanisch-europäischen Zusammenarbeit und der Wirtschaftsbeziehungen während der kommenden fünf Jahre
sowie Identifizierung neuer Felder für industrielle
Kooperation (einschließlich der Informationsgesellschaft) sowie weiterer Schritte zur Öffnung des
Handels.

Seite 5

�2.
Öffnung und Ausweitung internationaler
Investitionen.
3. Engere Zusammenarbeit bei Handel und
Investitionen in Mittel- und Osteuropa.
4. Schaffung eines verbesserten Rahmens für
Zusammenarbeit und Wettbewerb auf großen,
neuentstehenden Märkten.
5. Förderung engerer amerikanisch-europäischer
Zusammenarbeit bei Regeln und Verordnungen.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich betonen, daß es für die
Vereinigten Staaten keine höhere internationale
Priorität geben kann als den Aufbau umfassenderer

und engerer Beziehungen zu Europa. Der Schlüssel
liegt in der Wirtschaft, die großes Potential für beiderseitige Gewinne, aber auch für beträchtliche Uneinigkeit enthält. Wir müssen in die Entwicklung
einer neuen wirtschaftlichen Architektur mindestens
ebensoviel Zeit und Energie investieren wie in die
Umstrukturierung der NATO. Das ist jetzt noch nicht
der Fall - und wir haben keine Zeit zu verlieren.
Aus der Sicht amerikanischer Wirtschaftsinteressen
könnte Europa in den verbleibenden 90er Jahren der
vielversprechendste Markt sein. "Showcase Europe"
sowie der transatlantische Wirtschaftsdialog sind
Instrumente, unsere Handelsförderungsprogramme
auf Vordermann zu bringen, damit einige äußerst
vielversprechende Chancen genutzt werden können.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 16

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12415">
                <text>03.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12416">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12417">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12418">
                <text>Amerikadienst 03.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12419">
                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Preis der amerikansichen Führungsrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Antony Lake&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die OSZE und ihre Rolle für die Sicherheit in Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Sam W. Brown&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die USA und Europa - Neue Chancen und Strategien &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Garten&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="44">
            <name>Language</name>
            <description>A language of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12420">
                <text>Deutsch</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2404" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2415">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/0e9692d68127cc01e18cdae034b1bf1f.pdf</src>
        <authentication>84883c2e7ca043792484f8af3bbcd067</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12429">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

10. Mai 1995

17

KRIEGSENDE

CLINTON WÜRDIGT DAS VERMÄCHTNIS DES
ZWEITEN WELTKRIEGS - FRIEDEN UND
HOFFNUNG
Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington

KRIEGSENDE IST SIEG DES MENSCHLICHEN
GEISTES
Rede von Vizepräsident Gore in Berlin

USA-IRAN

CLINTON VERHÄNGT HANDELSEMBARGO
GEGEN IRAN
Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFTLICHE STILE UND
TRANSATLANTISCHE WIRTSCHAFTSKULTUR
Rede von Janice F. Bay

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�KRIEGSENDE
10. Mal 1995

Clinton würdigt das Vermächtnis
des Zweiten Weltkriegs - Frieden und Hoffnung
Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat die Amerikaner dazu aufgefordert, sich von der Generation des
Zweiten Weltkriegs, "die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir den Frieden nicht verloren",
inspirieren zu lassen.
Bei militärischen Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestags des Sieges der Alliierten in Europa (Victory in
Europe Day, V-E Day) hob der Präsident hervor, die Amerikaner jener Generation hätten die Wirtschaftskrise
überwunden und im blutigsten Krieg der Weltgeschichte die Oberhand gewonnen.
"Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in
Frieden", erklärte er den in Fort Myer in Arlington (Virginia) versammelten Veteranen.
Clinton hielt die Rede kurz vor seiner Abreise nach Moskau, wo er an den Feierlichkeiten aus Anlaß der
Beendigung des "Großen Vaterländischen Krieges" - wie er in der Sowjetunion genannt wird - teilnahm, in dem
27 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten getötet wurden.
Die Veteranen "haben uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns gegen die Kräfte der Dunkelheit
durchsetzen können und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen. Daher stehen wir in Ihrer Schuld",
äußerte der Präsident, dessen Rede wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Ich danke Ihnen, Oberst Mclntosh, für Ihre bemerkenswerten Worte und Taten. General Shalikashvili,
Minister Perry, Minister Brown, Pater Sampson,
meine Damen und Herren Kongreßabgeordnete,
verehrte Mitglieder der Streitkräfte, verehrte Gäste
und amerikanische Veteranen.
Insbesondere
begrüße ich unsere Ehrengäste, die Veteranen des
Zweiten Weltkriegs.
Auf den Tag genau vor fünfzig Jahren verstummten
in Europa die Waffen. Ein langer Schatten, der auf
den gesamten Kontinent gefallen war, wich von ihm.
Die Krieger der Freiheit jubelten. Heute, fünfzig
Jahre später, kommen wir zusammen, um uns ihres
Triumpfs zu erinnern, ihrer Opfer zu gedenken und
uns erneut den Idealen zu verschreiben, für die sie
kämpften und für die so viele von ihnen starben.
Bis zum V-E Day hatten von den Stränden an der
Normandie bis zu den Toren Moskaus ungefähr 40
Millionen Menschen ihr Leben gelassen. Hinter
diesen enormen, aber unpersönlichen Zahlen
verbargen sich Millionen und Abermillionen persönlicher Tragödien: Soldaten wurden erschossen und
von Kriegsgerät in Stücke gerissen, Kriegsgefangene

AMERIKA DIENST 17

starben an Hunger und Krankheit, Kinder wurden
unter den Trümmern ausgebombter Gebäude begraben, ganze Familien wurden lediglich aufgrund ihrer
Herkunft ausgemerzt. Und durch jeden Tod wurden
noch mehr Menschen physisch und emotional verwundet. Sie überlebten, aber ihr Leben wurde nie
mehr wie früher.
Bei Kriegsende wurde ein achtjähriger Junge, bereits
ein Veteran von Bombenangriffen und Schutzbunkern, gefragt, was er als Erwachsener sein wollte.
Seine Antwort bestand aus einem Wort: "Lebendig".
Das amerikanische Volk, das sicher auf unserem
Kontinent lebte und durch die Erinnerungen an den
letzten Krieg ernüchtert war, war nicht begierig, sich
an dem Kampf zu beteiligen. Es wurde jedoch durch
den außerordentlichen Mut der Briten aufgerüttelt, die
in Europas dunkler Nacht ganz alleine die leuchtende
Fackel der Freiheit hochhielten. Getrieben von der
leidenschaftlichen Sehnsucht nach Freiheit, angespornt von der klugen Führung Präsident Roosevelts
und letztlich provoziert durch die Niedertracht von
Pearl Harbor zogen die Amerikaner in den Krieg.

Seite 1

�Es wurde eine alles verzehrende Anstrengung.
Millionen wurden hier an der Heimatfront zu Helden.
Sie bauten die Flugzeuge, die Schiffe, die Panzer,
die Lastwagen, die die Alliierten Streitkräfte in die
Schlacht brachten. Sie kauften Staatsanleihen, um
den Krieg zu finanzieren. Sie sammelten Alteisen
zur Waffenherstellung, abgenutztes Gummi zur
Reifenproduktion, Fettreste für Explosivstoffe, und 20
Millionen Menschen legten ihren eigenen Gemüsegarten an, um die Nahrungsmittelversorgung der
Nation zu sichern.
Frohen Mutes brachten sie Opfer, rationierten
Nahrungsmittel und Kleidung und beschränkten sich
auf 11 Liter Benzin pro Woche. Und Präsident
Roosevelt gab ihnen den Willen, weiterzumachen.
"Es gibt eine Front und eine Schlacht", erklärte er,
"wo jeder in den Vereinigten Staaten - jeder Mann,
jede Frau und jedes Kind - in Aktion ist. Diese Front
ist hier in der Heimat."
Jenseits des Ozeans widmeten ihre Väter und
Brüder, Mütter und Schwestern, Freunde und
Nachbarn die besten Jahre ihres Lebens diesem
schrecklichen Krieg. Einige von ihnen gehörten zu
den größten Führungspersönlichkeiten unseres
Landes und der Welt: Eisenhower, Marshall, Bradley, Patton. Aber ungeachtet des Dienstgrads war
jeder Soldat, Flieger, Marineinfanterist, Matrose,
jedes Mitglied der Handelsmarine, jede Krankenschwester, jeder Arzt ein Held, der das Banner der
Gerechtigkeit in die Schlacht für die Freiheit trug.
Einige von ihnen befinden sich heute unter uns. Der
Herr, der mich begrüßte, Frederick Mclntosh, war
damals Leutnant der Luftwaffe. Er flog, wie bereits
erwähnt, 104 Einsätze. Seine wagemutigen Bombenangriffe im Sturzflug am D-Day trugen dazu bei,
den Weg für die Landung der Alliierten in der Normandie zu bereiten.
Ein anderer Veteran hinter mir, Robert Katayama,
war Soldat in der japanisch-amerikanischen 442.
Regimentskampfgruppe, die nach fünfmonatigen
heftigen Angriffen endlich die deutschen Linien in
Italien durchbrach.
Anna Connelly Wilson war Krankenschwester und
pflegte die amerikanischen Soldaten, die Kraftstoff
und Munition durch die iranische Wüste zu unseren
russischen Verbündeten beförderten.
Abben MaGuire, ein Sprengstoffexperte der Marine,
landete noch vor dem Angriff der Alliierten an der
Omaha Beach und beseitigte unter heftigem Beschuß durch den Feind Minen, Stacheldraht und
Sprengladungen.

Seite 2

George Ellers, Seemann auf den Booten der amerikanischen Küstenwache, war für den Schutz der
Schiffe der Handelsflotte zuständig, die Nahrungsmittel und Nachschub von Amerika nach Europa und
in andere Regionen beförderte.
Joseph Kahoe, Leutnant des ausschließlich aus
Afroamerikanern bestehenden 761. Panzerbataillons,
trotzte der tödlichen Kälte der Ardennen und den
brutalen Gegenangriffen der Nazis, womit er zum
Sieg in der Ardennenschlacht beitrug.
Pater Francis Sampson, ein Armeepriester, sprang
mit dem Fallschirm über der Normandie und anschließend über Holland ab, wurde verwundet, geriet
in Gefangenschaft und konnte fliehen.
Aus ihrer Tapferkeit und der all ihrer Brüder und
Schwestern in Uniform bezog Amerika den Willen, die
Kräfte des Faschismus zu besiegen. Und heute
sagen wir, die Söhne und Töchter ihres Opfergangs,
ihnen Dank und würdigen sie.
Ich bitte jetzt die Veteranen des Zweiten Weltkriegs,
sich zu erheben, damit wir sie ehren können.
Während der letzten Wochen des Krieges befreiten
die amerikanischen Streitkräfte in ganz Europa kleine
Dörfer und große Städte von einem langen Alptraum.
Viele waren Zeuge überschäumender Liebe und
Dankbarkeit, an die sie sich für den Rest ihres
Lebens erinnern sollten.
In Bayern steuerte der Obergefreite Bill Ellington sein
gepanzertes Fahrzeug in eine Schlacht gegen die
zurückweichenden feindlichen Truppen. Während
des Gefechts rannte ein spindeldürrer Teenager auf
den Panzer zu. Es war ein junger polnischer Jude,
Samuel Pisar, der vier Jahre Auschwitz und andere
Konzentrationslager überlebt, dabei jedoch seine
gesamte Familie verloren hatte. Samuel Pisar hatte
den Panzer und seinen großartigen fünfzackigen
weißen Stern von seinem Versteck in einer Scheune
aus gesehen.
Als Ellington auf ihn hinunterschaute, fiel der Junge
auf die Knie und wiederholte immer wieder die
wenigen englischen Worte, die ihn seine Mutter
gelehrt hatte: "Gott schütze Amerika. Gott schütze
Amerika." Und Ellington, der Sohn eines Sklaven,
hob den Jungen auf und brachte ihn durch die Luke
des Panzers in die warme Umarmung der Freiheit.
Bill Ellington starb vor einigen Jahren. Aber Samuel
Pisar, jetzt amerikanischer Staatsbürger, ist heute
unter uns. Und ich möchte ihn bitten, aufzustehen,
um uns daran zu erinnern, worum es bei diesem
Krieg ging.

AMERIKA DIENST 17

�Die Saga der Hoffnung entstand aus der Asche
eines Schreckens, der immer noch über unser
Vorstellungsvermögen hinausgeht - die Konzentrationslager der Nazis. Die Gaskammern und
Krematorien waren ein Beweis für die unendliche
Fähigkeit des Menschen, Böses zu tun. In den
leeren Augen der zu Skeletten abgemagerten
Überlebenden war eine Frage, die bis heute nicht
beantwortet wurde: Wie konnte das geschehen?
Um 2.40 Uhr am 7. Mai unterzeichneten die Deutschen in einer kleinen Schule in Frankreich ihre
bedingungslose Kapitulation. Der Waffenstillstand
trat am nächsten Tag in Kraft - vor genau 50 Jahren.
Die Nachricht vom Sieg verbreitete sich und schwoll
von einem Rinnsal der Aufregung zu einem Strom
der Freude an. Die befreiten Hauptstädte Westeuropas schäumten über vor Erleichterung und
Jubel. Die Boulevards waren voll von fahnenschwenkenden dankbaren Feiernden, die Tränen in
den Augen hatten. Überall nahmen die Menschen
ihre Vorhänge ab, die zur Verdunklung gedient
hatten, und ließen das Licht des Friedens scheinen.
Am Himmel über Moskau erleuchteten gigantische
weiße Lichtstrahlen aus riesigen Projektoren die
Dunkelheit der Nacht, und in der Stadt waren 1.000
Salutschüsse zu hören. Auch dort strömten Millionen Menschen auf die Straßen. Ihre Freude wurde
jedoch getrübt von dem einzigartigen Opfer, das ihre
Nation gebracht hatte: Jeder achte sowjetische
Bürger starb im Zweiten Weltkrieg. 27 Millionen
Menschen. An fast jedem Tisch in jedem Haus war
ein leerer Platz.
In London, wo ein tapferes und wagemutiges Volk
die dunkelsten Stunden des Krieges alleine durchgestanden hatte, erleuchteten große Freudenfeuer
die Stadt. Und auf dem Balkon des BuckinghamPalastes brachte Premierminister Churchill die
freudetrunkene Menge mit seinem eigenen Schweigen zum Verstummen. Dann machte er eine einzige, tiefe Verneigung vor allen, und die Menge
stimmte ein Triumpfgeschrei an. "Dies ist Euer
Sieg", erklärte Churchill. Und die Einwohner Großbritanniens antworteten mit einer Stimme: "Nein, es
ist Deiner". Natürlich hatten beide recht.
Hier bei uns wurden das Washington Monument, die
Kuppel des Kapitols, die Freiheitsstatue erstmals seit
Pearl Harbor wieder angestrahlt. In New York war
es, als wäre gleichzeitig Silvester und Unabhängigkeitstag. Millionen jubelten, jauchzten, sangen,
tanzten auf der Straße. Ein Bild ging um die Welt
von einem Matrosen, der eine Krankenschwester in
den Arm nahm und küßte - mit dem aufgestauten,
jugendlichen Enthusiasmus eines Volkes, das einen

AMERIKA DIENST 17

Augenblick lang die neuen Lasten des Erwachsenseins vergaß.
Weniger als einen Monat nach seiner Amtsübernahme wandte sich Präsident Truman an die Nation
und erklärte: " Dies ist eine feierliche, aber ruhmreiche Stunde. Ich wünsche nur, Franklin Delano
Roosevelt hätte diesen Tag erleben können." Millionen von Amerikanern waren ebenfalls dieser Meinung, denn in ihrer dunkelsten Stunde hatte sich
Präsident Roosevelt geweigert, uns der Verzweiflung
zu überlassen und aufzugeben. Er mobilisierte die
Amerikaner, die Wirtschaftskrise zu bekämpfen und
im Krieg zu triumphieren. Und somit war es auch
sein Sieg.
Es war Amerikas Sieg, aber unsere Arbeit war noch
nicht vollendet. Im Pazifik ging der Krieg weiter.
Während der drei Monate zwischen dem V-E Day
und dem Tag des Siegs über Japan (Victory in
Japan, V-J Day) verloren Tausende weiterer Männer
und Frauen in Uniform ihr Leben. Wer hätte das
amerikanische Volk dafür verurteilen können, daß es
nach der Kapitulation Japans von der Front in die
Heimat zurückkehren wollte? Nachdem sie den
schwierigsten und entscheidendsten Sieg in der
Geschichte unserer Nation errungen hatten, waren
unsere führenden Politiker jedoch entschlossen, nicht
die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
Vielmehr gingen sie mit neuer Zuversicht an die
neuen Herausforderungen heran. Diese bemerkenswerte Generation von Amerikanern schuf durch die
NATO, die Vereinten Nationen und den Marshallplan
die Institutionen und stellte die Ressourcen und die
Vision bereit, die dem Westen ein halbes Jahrhundert
der Sicherheit und des Wohlstands bescherten und
unsere ehemaligen Gegner zurück ins Leben brachten und zu einer echten Partnerschaft mit uns führten.
Ihre besondere Entschlossenheit und militärische
Stärke hielt den Totalitarismus in Schach, bis die
Macht der Demokratie, das Scheitern des Kommunismus und die heroische Entschlossenheit der Menschen, die Freiheit zu erlangen, im Kalten Krieg die
Oberhand gewannen.
Heute müssen wir uns von der außergewöhnlichen
Generation inspirieren lassen, die wir heute ehren.
Eine Generation, die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir nicht den Frieden
verloren. Eine Generation, die verstand, daß unser
Schicksal untrennbar mit dem anderer Nationen
verbunden ist. Eine Generation, die überzeugt war,
daß mit unserem großen Wohlstand, unserer großen
Macht und den großen Segnungen demokratischer

Seite 3

�Freiheit auch große Verantwortung einhergeht, für
das Wohlergehen aller einzutreten und zu arbeiten.
Daher möchte ich der Generation, die den Zweiten
Weltkrieg gewann, an diesem 50. Jahrestag im
Namen des amerikanischen Volkes nochmals danken. Haben Sie Dank und Gott schütze Sie. Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere
Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in
Frieden. Erstmals seit Anbruch des Atomzeitalters
sind keine russischen Raketen auf unsere Kinder
gerichtet. Unsere Wirtschaft ist stabil. Und da freie
Märkte und Demokratie jetzt weltweit auf dem Vormarsch sind, haben mehr Menschen als je zuvor die
Chance, ihre von Gott gegebenen Talente zum
Tragen zu bringen. Alles aufgrund dessen, was Sie
vor 50 Jahren taten.

Es gibt jedoch eines, das selbst Sie nicht tun konnten, das keine Generation je bewirken kann. Sie
konnten nicht die Kräfte der Dunkelheit aus der
Zukunft verbannen. Wir werden jetzt auf unterschiedliche Weise mit ihnen konfrontiert - weltweit und
bedauerlicherweise hier zu Hause. Aber Sie haben
uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns
gegen die Kräfte der Dunkelheit durchsetzen können
und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen.
Daher stehen wir in Ihrer Schuld. Das ist Ihr einzigartiges Vermächtnis an uns - und das sind wir
künftigen Generationen bemerkenswerter Amerikaner
schuldig. Danke, daß Sie uns diese Lektion gelehn"
haben. Gott schütze Sie und Gott schütze Amerika.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 17

�KRIEGSENDE
10. Mal 1995

Kriegsende ist Sieg des menschlichen Geistes
Rede von Vizepräsident Gore in Berlin
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident AI Gore am 8. Mai 1995 beim
Staatsakt im Berliner Schauspielhaus aus Anlaß des 50. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkriegs
vor führenden Vertretern der vier Alliierten und der deutschen Politik hielt.
Wir sind heute hier versammelt, um den Triumph
des Guten über das Böse zu feiern, nicht den Sieg
einer einzelnen Nation oder eines Volkes, sondern
den Sieg des menschlichen Geistes.

Kinder, die ziellos umherwanderten ... und die Überreste ihres Hab und Guts trugen, zogen oder schoben. In diesen zwei Stunden sah ich die Beweise
einer großen, weltweiten Tragödie."

Es ist nur angebracht, daß wir dieses Sieges hier in
Berlin gedenken, wo wir nun als Freunde und
Verbündete zusammenkommen. Das Ende des
Zweiten Weltkriegs wird in vielen Städten, einschließlich Londons, Washingtons, Paris und morgen
in Moskau begangen. Diese Zusammenkunft in der
deutschen Hauptstadt hat jedoch eine besondere
Bedeutung. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später,
können wir sagen, daß der V-E Day (Victory in
Europe) nicht nur den Sieg In Europa bedeutet,
sondern den Sieg für Europa.

Weniger als zwei Jahre später gab George Catlett
Marshall an der Harvard University den berühmten
Plan bekannt, der nach ihm benannt wurde und den
Weg für Deutschlands und letztlich Europas Gesundung frei machte. Der Marshallplan und die Männer
und Frauen, die ihn gestalteten, boten der Welt
erstmals eine vollkommen neue Vision der Beziehungen zwischen Siegern und Besiegten.

Für die Deutschen war der 8. Mai 1945 kein Sieg im
üblichen militärischen Sinn.
Er bedeutete die
Niederlage der nationalsozialistischen Eroberungspolitik und die Befreiung von der Nazi-Diktatur im
Inland.
Als die Waffen schwiegen, schickte General Dwight
David Eisenhowereine kurze Botschaft an Präsident
Harry Truman. Er schrieb: "Der Auftrag der Alliierten Streitkräfte ist erfüllt."
Zu jenem Zeitpunkt waren in ganz Europa Dörfer
und große Städte schwelende Trümmerhaufen aus
Stein und Staub. Überall lag die Asche der Zerstörung. Die Schrecken des Holocaust überstiegen
jegliches menschliche Vorstellungsvermögen.
Hier in Deutschland waren 40 Prozent der Häuser
zerstört. Das deutsche Volk konnte wenig mehr
verspüren als Hunger, Angst und Krankheit.
Als Präsident Truman zur Teilnahme an der Potsdamer Konferenz in Berlin eintraf, sprach er von den
blutigen Folgen des Krieges und beschrieb eine
"... unendliche Prozession alter Männer, Frauen und

AMERIKA DIENST 17

Indem wir den bitteren Pfad von Rache und Vergeltung aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
kurzerhand ablehnten, konnten wir uns mit denjenigen Deutschen verbünden, die einen besonderen
Weg beschritten und den wahren Sieg im Zweiten
Weltkrieg sicherten und vertieften, als sie selbst die
bösen Denkmuster zurückwiesen, die der wahre
Feind der gesamten Menschheit sind.
Vor allem demonstrierten wir mit dem Marshallplan,
daß die Vereinigten Staaten den Europäern nicht den
Rücken zuwandten, daß wir uns energisch engagierten, während wir gemeinsam daran arbeiteten, die
Früchte von Demokratie und Wohlstand in diese vom
Krieg zerrütteten Länder zu bringen.
General Marshall und seine Kollegen zeigten uns,
daß wir nicht den Befürwortern des Isolationismus
unser Gehör schenken dürfen, die nach dem Krieg
auf der Lauer liegen, wie wir es 1918 mit so tragischen Ergebnissen getan hatten. 1945 wußten wir,
daß das Versprechen von Demokratie und Freiheit in
Europa nur dann Früchte tragen würde, wenn wir ihm
gemeinsam Nahrung geben.
Während einige die Führungsrolle als Last bezeichneten, wußten überparteiliche Politiker im amerikanischen Kongreß, wie Arthur Vandenberg, daß es zum

Seite 1

�Engagement keine Alternative gab. Durch ihre
Initiative gelangte großzügige amerikanische Hilfe
und Unterstützung in das zerstörte Europa.
Durch ihre Initiative haben die amerikanischen
Streitkräfte in ganz Westeuropa Wache gestanden.
Ihre Wachsamkeit half einem halben Kontinent, den
eisernen Griff der Tyrannei abzuschütteln.
Dieser Aufgabe hat sich eine Reihe herausragender
deutscher Politiker gewidmet - von den Bundeskanzlern Adenauer über Erhard bis Kiesinger, von Brandt
bis Schmidt und jetzt Bundeskanzler Kohl, dem alle
Deutschen und Europäer so viel verdanken.
Während dieser ganzen Zeit bezogen 12 Millionen
der besten Amerikaner und Amerikanerinnen in
Uniform in Europa Stellung, um die Freiheit zu
verteidigen. Und wir stehen noch hier. Im Schulterschluß mit unseren NATO-Verbündeten bleiben
diese Männer und Frauen unserer Streitkräfte der
Stahl im Schwert der Freiheit.
Aufgrund der Wachsamkeit unseres Bündnisses
treffen wir heute in einem neuen Berlin zusammen:
einer dynamischen Stadt mit magnetischer Anziehungskraft im Herzen eines Europa, das von Chancen und Wohlstand sprüht - eines Europa, das in
einer Wiedergeburt der Freiheit zusammenwächst,
eines Europa des Fortschritts, des technologischen
Könnens und der nicht zu unterdrückenden Erfindungsgabe.
Ganz Europa ist bereits elektrisiert von diesem
aufregenden neuen Moment. Die Freiheit reicht jetzt
von Wladiwostok bis Rostok, von Tallinn bis Tirana.
Vor fünfzig Jahren reichten sich junge Soldaten bei
Kriegsende über die Elbe die Hand. Heute strecken
ganze Nationen als Demokratien über Ozeane
hinweg die Hand aus, um eine bessere Zukunft für
unsere Kinder aufbauen zu helfen.
Wir wollen weiterhin an einer Welt arbeiten, in der
ein immer größerer Kreis demokratischer Länder alle
*

Seite 2

unsere Völker umfaßt - Ost und West, Nord und Süd,
konzentriert auf den Glauben an die Freiheit des
einzelnen, verankert in der Menschenwürde und unter
Respektierung der Erde und ihrer kostbaren Ressourcen.
Wir wollen uns unerschütterlich um die Öffnung von
Institutionen für die neuen Demokratien Mittel- und
Osteuropas einsetzen, die der Westhälfte Europas so
zugute gekommen sind - die NATO, die Europäische
Union, der Europarat, die OECD.
Die Konsolidierung dieser Errungenschaften wird
nicht einfach sein. Unsere Erfolge signalisieren
ebensowenig wie die Siege unserer Vorgänger eine
Zeit des Friedens. Selbst in unserer Mitte hat das
Böse des ethnischen Hasses Teile dieses altehrwürdigen Kontinents infiziert. Und wie uns Deutschlands berühmter Schriftsteller Günter Grass erinnert,
ist Tyrannei ein Bodensatz, der nicht von schönen
Worten ausgewaschen werden kann.
Und heute - geeint in Frieden - gedenken wir der
jungen Männer und Frauen, die marschierten und
starben, damit wir leben können. Mit lauter Stimme
und dauerhafter Entschlossenheit verkünden wir, daß
wir die Errungenschaften von 1945 nicht rückgängig
machen werden.
Kurz nachdem er ein Telegramm an Präsident
Truman geschickt hatte, versammelte General
Eisenhower eine Gruppe von Berichterstattern um
seinen Schreibtisch in seinem Hauptquartier und
sann über die enorme Herausforderung nach, mit der
die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert
war. Er erklärte: "Der Erfolg dieser Operation wird
in fünfzig Jahren beurteilt werden. Wenn Deutschland zu diesem Zeitpunkt eine stabile Demokratie ist,
waren wir erfolgreich.
Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Und am heutigen
Tag möchte ich, als junger Amerikaner aus der nach
dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generation,
General Eisenhower berichten: "Auftrag erfüllt."

* * *

*

AMERIKA DIENST 17

�USA-IRAN
10. Mal 1995

Clinton verhängt Handelsembargo gegen Iran
Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft
NEW YORK - (AD) - Der Iran strebt nach russischer Nukleartechnologie, um seine Fähigkeiten zum Bau von
Atomwaffen weiterzuentwickeln, erklärte Präsident Clinton am 30. April 1995 in einer Rede vor dem Jüdischen
Weltkongreß in New York.
Der Präsident ließ verlauten, er werde bei seinen kommende Woche in Moskau anberaumten Gesprächen mit
dem russischen Präsidenten Jelzin das Land nochmals drängen, seinen Verkauf von Nukleartechnolgie an den
Iran einzustellen, weil dadurch das gemeinsame Ziel beider Länder - die Verhinderung der Weiterverbreitung
von Atomwaffen - unterminiert werde.
Um für den Iran die Kosten der Unterstützung des Terrorismus zu erhöhen und die Fähigkeit des Teheraner
Regimes zur Finanzierung von Massenvernichtungswaffen zu mindern, gab Clinton ein Verbot des Großteils
kommerzieller Transaktionen amerikanischer Unternehmen mit dem Iran bekannt, das Ende dieser Woche
erlassen werden soll.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Rede Präsident Clintons.

Haben Sie vielen Dank. Ich danke Ihnen, Edgar,
Ministerpräsident Peres, für Ihre heutige Anwesenheit, Ihre visionäre Führungskraft, Ihre klugen Worte.
Allen Freunden von Edgar Bronfman, die aus
Kanada und der ganzen Welt hierhergekommen
sind, möchte ich sagen, daß es mir eine große Ehre
ist, heute abend anläßlich der Verleihung des
Nahum Goldmann-Preises hier sein zu dürfen.
Goldmann war Präsident des Jüdischen Weltkongresses, der zionistischen Weltorganisation, des
Jüdischen Amtes für Palästina beim Völkerbund, der
Konferenz der Präsidenten großer jüdischer Vereinigungen.
Wir sind heute hier versammelt, um der Errungenschaften einer außergewöhnlichen Persönlichkeit zu
gedenken. Durch Ihre Anwesenheit bei dieser
Veranstaltung legen sie Zeugnis ab von Ihren
gemeinsamen Werten, gemeinsamen Zielen und
davon, daß Edgar Bronfman das Leben zahlloser
Menschen beeinflußt hat. Während dieser Jahre
großer Veränderungen und Chancen sowie großer
Furcht und Angst, die von allzuviel Zynismus gekennzeichnet waren, fand die jüdische Gemeinschaft
in Edgar Bronfman eine äußerst seltene Kombination: Eine Führungspersönlichkeit mit leidenschaftlichem Einsatz für die Sache ihres Volkes und der
Stärke, entsprechend zu handeln.

AMERIKA DIENST 17

Als Präsident des Jüdischen Weltkongresses und als
Weltbürger war Edgar Bronfman ein lebendes Beispiel für die von Emerson gemachte Beobachtung,
eine Institution sei so bedeutend und könne langfristig
so viel bewirken wie der Mann an ihrer Spitze.
Während der langen Jahre, als die Sowjetunion
innerhalb ihrer Grenzen Juden gefangenhielt, erhoben viele wütend ihre Stimme, aber Edgar reiste nach
Moskau, um ihre Befreiung zu bewirken. Als Millionen in Rußland und ganz Osteuropa ihre Freiheit von
der Tyrannei gewonnen hatten, jubelten viele, aber
Edgar war führend bei der Unterstützung der jüdischen Gemeinden, ihr stolzes geistiges und materielles Erbe zurückzufordern, von dem viele befürchtet
hatten, es sei für immer verloren.
Viele feiern den Beginn eines neuen Zeitalters im
Nahen Osten. Edgar setzt sich jedoch täglich für die
Versöhnung von Israelis und Palästinensern ein
sowie dafür, dieses altehrwürdige Land mit neuem
Leben zu erfüllen. Überall, wo Juden von einem
besseren Leben träumen und diese Träume in Gefahr
sind, kann man sicher sein, Edgar Bronfman zu
finden.
Vor einer Woche fuhren Hillary und ich nach Oklahoma City, um zu trauern und den Opfern des schrecklichen Bombenanschlags sowie ihren Angehörigen

Seite 1

�unseren Respekt zu bezeugen. Letzten Sommer
unternahm Edgar auf eigene Faust eine ähnliche
Reise. Er flog nur wenige Stunden, nachdem er von
dem Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires gehört hatte, nach Argentinien. Dort stattete er inmitten von Schutt und Trümmern führenden Politikern einen Besuch ab, besuchte die Verletzten, sprach mit den Kindern und sagte
ihnen, sie sollten denjenigen entschieden entgegentreten, die mit der Angst Geschäfte machen, sie
sollten hoffen, nicht hassen, sich jedoch jeden Tag
dafür einsetzen, diese Hoffnungen Realität werden
zu lassen.
In diesen Zeiten ist das eine Lektion, die jeder
Bürger auf jedem Kontinent lernen und verinnerlichen sollte. Sie findet besondere Zustimmung bei
denjenigen, die so viel Angst und Schrecken kennengelernt haben.
Wie mein Freund Benjamin Mead eben erklärte,
gedenken wir der Zeit vor einem halben Jahrhundert,
als das schrecklichste Kapitel in der Geschichte des
jüdischen Volkes zu Ende ging. Bedauerlicherweise
leben 50 Jahre später immer noch Menschen unter
uns und auf der ganzen Welt, die mit dem Haß
Handel treiben. Natürlich können wir ihre Aktionen
oder Fähigkeiten nicht mit den Greueltaten vergleichen, die dem jüdischen Volk angetan wurden,
aber diese Menschen praktizieren und predigen
Gewalt gegen Menschen anderer Hautfarbe, anderer
Herkunft oder anderer Religionszugehörigkeit. Sie
leben von Angst und Unsicherheit. Sie schüren
Verfolgungswahn. Im Namen der Redefreiheit
haben sie sich der Verantwortung entledigt, die
demokratische Freiheiten für uns alle mit sich bringt.
In dieser freien Nation muß es Ihnen allen ironisch
erscheinen, daß viele dieser Menschen unsere
Regierung und ihre Angestellten angreifen, die die
von ihnen mißbrauchten Freiheiten gewährleisten.
Angeblich um eine bessere Zukunft zu gestalten,
würden sie die schlimmsten Kapitel der Geschichte
Wiederaufleben lassen. Obwohl wir ihre Worte und
Taten nicht mit dem vergleichen können, was das
jüdische Volk vor Jahrzehnten erleiden mußte,
dürfen wir nicht die Gefahr unterschätzen, die sie
darstellen. Zweifelsohne können sie das Leben
unschuldiger Menschen auslöschen und in unseren
Herzen Furcht säen. Es ist ihnen gleichgültig, ob sie
Kinder niedermetzeln. Sie bedrohen unsere Freiheiten und unsere Lebensart, und wir müssen ihnen
Einhalt gebieten.
Einer unserer ersten Patrioten, Samuel Adams,
erklärte einst: "Wenn wir die gesetzlosen Angriffe
auf unsere Freiheit brav erdulden, ermutigen wir sie
noch und ziehen andere mit ins Verderben." Hier in

Seite 2

den Vereinigten Staaten ist es nicht nur unser Recht,
sondern unsere Pflicht, dem Terror Einhalt zu gebieten, die Schuldigen vor Gericht zu bringen, uns dem
Haß entgegenzustellen und anderen Menschen in
anderen Ländern dabei zu helfen, ebenso zu handeln.
Seit Beginn der Amtszeit unserer Administration
haben wir im Kampf gegen den Terrorismus im Inund Ausland umfassende und unverzügliche Maßnahmen ergriffen. Wir haben die Verdächtigen des
Bombenanschlags auf das World Trade Center vor
Gericht gebracht, die das Herz dieser Stadt trafen.
Wir verfolgen aktiv diejenigen, welche die Grenze zu
illegalen und gewaltsamen Aktivitäten überschritten.
Wir gehen entschieden gegen die Nationen vor, die
Terroristen Schutz gewähren oder ihre mörderischen
Geschäfte unterstützen. Wir setzen uns, bisweilen
mit bemerkenswertem Erfolg, für die Verhinderung
von Gewalttaten ein. Und auf einer Welt, in der
offene Grenzen und neue Technologien unsere Arbeit
erschweren, arbeiten wir immer enger mit anderen
Nationen zusammen, um Verbrecherorganisationen
aufzulösen und diejenigen zur Strecke zu bringen, die
unser Volk bedrohen.
Die Tragödie von Oklahoma City und ihre Konsequenzen haben jedoch deutlich gemacht, daß wir
entschiedener vorgehen müssen. Diese Woche habe
ich dem Kongreß zwei Initiativen zur Terrorismusbekämpfung vorgelegt - einen Antrag auf die Einstellung
von 1.000 zusätzlichen Strafverfolgungsbeamten
sowie auf Unterstützung zur Gründung eines neuen
Terrorismusbekämpfungszentrums unter der Leitung
des FBI; ferner die Ermächtigung des Militärs, seine
besonderen Fähigkeiten bei Vorfällen einzusetzen,
die mit dem Einsatz von chemischen, biologischen
und atomaren Terrorinstrumenten in unserem Land in
Zusammenhang stehen. Unsere Vorschläge würden
uns die Markierung von Material zur Bombenherstellung gestatten, so daß Verdächtige leichter
aufgespürt werden können.
Obwohl niemand Freiheit von Terror garantieren
kann, werden diese vernunftdiktierten Schritte zumindest zur Sicherheit unserer Bürger beitragen.
Daher appelliere ich heute an den Kongreß, diesen
Maßnahmen unverzüglich zuzustimmen.
Während wir im Inland diese Schritte unternehmen,
müssen wir auf der ganzen Welt unseren Kampf
gegen den Terror fortsetzen und intensivieren. Am
heutigen Abend möchte ich über den Terrorismus im
Nahen Osten sprechen, über verbrecherische Staaten, die das Töten fördern, um den Frieden zu
zerstören und darüber, was wir noch zu ihrer Eindämmung unternehmen können.

AMERIKA DIENST 17

�Seit Beginn meiner Präsidentschaft lief unsere
Nahostpolitik auf zwei Schienen: Unterstützung des
Friedensprozesses zwischen Israel und seinen
Nachbarn. Es war mir eine Ehre, mit Ministerpräsident Rabin, Außenminister Peres, ihrer Regierung
und dem israelischen Volk zusammenzuarbeiten.
Und die von den Vereinigten Staaten verfolgte Politik
war die richtige. Wir würden niemals versuchen,
Israel und seinen Nachbarn einen Frieden aufzuoktroyieren, falls aber Israel um des Friedens willen
Risiken eingeht, werden wir diese möglichst gering
halten und die Erfolgschancen maximieren. Wir
haben in diesen zwei Jahren Fortschritte gemacht,
und mit Gottes Hilfe werden wir das auch in Zukunft
tun. Ich bin sehr stolz auf die von uns allen geleistete Arbeit und ganz besonders stolz auf das von
Außenminister Christopher in dieser Hinsicht Erreichte.
Die zweite Schiene unserer Nahostpolitik ist ebenfalls wichtig - Widerstand gegen alle, die den Friedensprozeß stören, dem Terrorismus Vorschub
leisten oder Massenvernichtungswaffen entwickeln.
Es gibt weiterhin große Gefahren. Je mehr wir uns
dem Ziel von Frieden und Normalität in der Region
annähern, desto verzweifelter werden die Feinde des
Friedens. In Autobussen auf belebten Straßen
zerstören die Terroristen das Leben Unschuldiger,
und wir trauern mit den Familien der Opfer.
Wir haben unsere Bestrebungen verstärkt, Gruppen
wie Hamas oder die Hizbollah zu bekämpfen und
ermutigen den PLO-Vorsitzenden Arafat bei seinem
Versuch, schärfer gegen gewaltsame Extremisten
vorzugehen und sie strafrechtlich zu verfolgen.
Einzelpersonen und Extremistengruppen sind jedoch
nicht die einzige Bedrohung. Israel teilt das Land im
Nahen Osten mit Nationen, die den Frieden zerstören wollen - Nationen wie Iran, Irak und Libyen.
Sie wollen die Region destabilisieren, gewähren
Terroristen Zuflucht, errichten und fördern terroristische Basislager in anderen Ländern, gieren nach
nuklearen und anderen Massenvernichtungswaffen.
Jeden Tag bringen sie unschuldige Zivilisten in
Gefahr und säen Zwietracht unter den Nationen.
Unsere Politik gegenüber diesen verbrecherischen
Staaten ist einfach:
Sie müssen eingedämmt
werden.
Der Iran stellt für den Friedensprozeß im Nahen
Osten ein besonderes Problem dar. Seit dem
Amtsantritt meiner Administration bemühen wir uns,
die iranische Unterstützung für den internationalen
Terrorismus einzudämmen, insbesondere seine
Förderung gewalttätiger Friedensgegner im Nahen
Osten.

AMERIKA DIENST 17

Gleichzeitig versuchen wir, seinem Streben nach
Massenvernichtungswaffen Einhalt zu gebieten, die
das Land nicht nur für seine Nachbarn, sondern die
gesamte Region und die Welt zu einer Bedrohung
machen würden. Unsere Politik hat dazu beigetragen, daß der Iran für seine Aktionen bezahlt. Das
Land wurde wirksam von der Kreditvergabe durch
internationale Finanzinstitutionen ausgeschlossen.
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in der
G-7 haben den Verkauf von Waffen unserer Nationen
an den Iran beendet. Wir haben uns geweigert, in
sicherheitsempfindlichen Bereichen wie bei der
Atomenergie mit dem Iran zusammenzuarbeiten und
verschärften die Handelsbeschränkungen bei möglicherweise waffenfähigen Gegenständen.
Wie Sie alle wissen, hatten wir damit nicht immer
Erfolg. Die jüngsten Nachrichten über das Abkommen zum Verkauf von russischen Gaszentrifugen an
den Iran sowie zur Ausbildung iranischer Nukleartechniker durch russisches Lehrpersonal sind beunruhigend. Da der Iran über mehr als genug Erdöl für
seine Energieversorgung verfügt, müssen wir davon
ausgehen, daß er diese Technologie zur Entwicklung
seiner Kapazitäten für den Bau von Atomwaffen
einsetzen will.
Die Vereinigten Staaten haben ein enormes Interesse
daran, die Weiterverbreitung dieser Waffen zu
bekämpfen. Und Rußland hat als Nachbar des Iran
ein besonderes Interesse an der Erreichung dieses
Ziels. Wenn Rußland den Verkauf von Atomreaktoren fortsetzt, wird es dieses Ziel unterhöhlen.
Wir haben energisch auf eine Revidierung dieser
Entscheidungen gedrängt, und ich werde Präsident
Jelzin bei meinem Moskaubesuch in einigen Tagen
meine Gründe direkt vortragen. Ich wende mich vor
allem an meine amerikanischen Mitbürger, wenn ich
sage: Viele Menschen haben leidenschaftlich argumentiert, der beste Weg zur Veränderung des iranischen Verhaltens sei, das Land einzubeziehen.
Bedauerlicherweise gibt es dafür keine Beweise.
Vielmehr haben die letzten beiden Jahre genau das
Gegenfeil bewiesen. Der Appetit des Iran auf den
Erwerb und die Entwicklung von Nuklearwaffen und
ihren Trägersystemen ist nur noch größer geworden.
Selbst im Angesicht zunehmender Erfolgschancen für
den Friedensprozeß im Nahen Osten hat der Iran
seine Rolle als Anstifter und Zahlmeister von Terroristen noch erweitert. Und nichts deutet darauf hin,
daß weitere Einbeziehung diesen Kurs verändert.
Aus diesem Grund habe ich vergangenen Monat, als
die Firma Conoco ein Milliardenprojekt zur Erschließung iranischer Ölreserven bekanntgab, das Projekt

Seite 3

�mit Hilfe eines Präsidialerlasses blockiert, der amerikanischen Unternehmen die Finanzierung, Kontrolle
oder Verwaltung iranischer Ölreserven untersagt.
Conoco entschied sich jedoch, auf das Geschäft zu
verzichten. Und ich möchte hinzufügen, daß Edgar
Bronfman einer der entschiedensten Gegner war.
Als bedeutender Aktionär bei Conoco hätte er
finanzielle Vorteile gehabt. Er stellte jedoch - wie so
oft in seinem Leben - die Interessen der Öffentlichkeit über seine Eigeninteressen.
Ich habe mir meine Entscheidung nicht leicht gemacht. Eines der wichtigsten Merkmale unserer
Außenpolitik ist die Erschließung neuer Märkte im
Ausland und die aggressive Unterstützung unserer
Unternehmen beim Wettbewerb sowie der Schaffung
amerikanischer Arbeitsplätze. Es gibt jedoch Zeiten,
in denen bedeutende Wirtschaftsinteressen noch
wichtigeren Sicherheitsinteressen weichen müssen.
Und wir leben in einer solchen Zeit.
Daher gebe ich heute abend bei diesem festlichen
Abendessen zu Ehren eines großen Vorkämpfers für
die Freiheit offiziell meine Absicht bekannt, sämtliche
Handels- und Investitionstätigkeit mit dem Iran
einzustellen und nahezu alle anderen wirtschaftlichen Aktivitäten zwischen unseren Nationen auszusetzen. Ich habe mir diesen Schritt nicht leicht
gemacht, bin jedoch davon überzeugt, daß die
Verhängung eines Handelsembargos gegen den Iran
für unsere Nation das beste Mittel ist, den Bestrebungen dieses Landes zum Erwerb zerstörerischer
Waffen sowie seiner fortgesetzten Unterstützung
terroristischer Aktivitäten Einhalt zu gebieten.
Der Präsidialerlaß, den ich nächste Woche unterzeichnen will, umfaßt nicht nur den Energiesektor,
sondern alle amerikanischen Exporte in den Iran
sowie alle Investitionen amerikanischer Unternehmen
und ihrer Niederlassungen. Unseren Schätzungen
zufolge wird das Embargo begrenzte Auswirkungen
auf unsere Unternehmen und Arbeitnehmer haben.
Nach Prüfung aller Optionen habe ich jedoch entschieden, daß wir selber Opfer bringen und eine
Führungsrolle übernehmen müssen, wenn wir
andere Nationen zu Opfern veranlassen wollen, um
das Verhalten des Iran zu ändern. Bei meinen
Gesprächen mit Präsident Jelzin und den führenden
Politikern der G-7 im Juni in Halifax werde ich die
anderen Ländern dazu auffordern, ähnliche oder
parallele Maßnahmen zu ergreifen.
Sie sollen wissen, daß ich gegen den Vorschlag bin,
einen sekundären Boykott zu verhängen und ausländischen Firmen, die Geschäfte mit dem Iran
abwickeln, Geschäfte mit amerikanischen Unternehmen zu untersagen. Das befürworte ich nicht.
Meines Erachtens würde eine solche Entscheidung

Seite 4

zu einem Zeitpunkt, an dem wir die Kooperationsbereitschaft unserer Freunde benötigen, die Beziehungen zu unseren Verbündeten unnötig belasten.
Mein Beschluß zur Verhängung des Embargos sollte
dem Iran und der ganzen Welt die unverminderte
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten vor Augen
führen, alles in unserer Macht Stehende zu unternehmen, um dem Verhalten und den Ambitionen
dieser Nation Beschränkungen aufzuerlegen.
Es wäre ein Fehler, nichts zu unternehmen. Es wäre
ein Fehler, nichts zu tun, während der Iran weiterhin
den Besitz von Atomwaffen anstrebt. Es wäre falsch,
angesichts der überwältigenden Beweise für die
Unterstützung des Terrorismus durch Teheran, der
den Friedensbeginn bedroht, nicht zu handeln.
Die Sicherung eines dauerhaften und umfassenden
Friedens muß unsere oberste Priorität sein. Kern
dieser Bestrebungen sind natürlich weiterhin enge
Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten
Staaten. Wir müssen jedoch denjenigen die Stirn
bieten, die den Frieden zunichte machen und selbst
nach Erlangung des Friedens die Zukunft zerstören
könnten.
Unsere Strategie funktioniert. Araber und Israelis
haben sich nie zuvor so oft getroffen, sind so frei
gereist und waren sich nie zuvor so stark bewußt,
daß ihre gemeinsame Zukunft in Frieden und Wohlstand ein dringliches Anliegen aller ist. Wenn sie
bereit sind, auf diesem Weg weiterzugehen, werden
die Vereinigten Staaten mit ihnen an einer hoffnungsvollen Zukunft arbeiten. Und wir werden nicht ruhen,
bis überall Frieden herrscht.
Vor einem halben Jahr hatte ich die große Ehre,
Jerusalem einen Besuch abzustatten, nachdem wir
den Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel
unterzeichnet hatten. Ich äußerte den Mitgliedern der
Knesset gegenüber, die Feinde des Friedens würden
keinen Erfolg haben, weil sie der Vergangenheit,
nicht der Zukunft angehören. Wir müssen uns dafür
einsetzen, diese Behauptung wahr werden zu lassen.
Außenminister Peres äußerte, es tue ihm leid, daß
wir unseren Feind verloren hätten. Und wir alle
lachten ein wenig verunsichert, weil wir wußten, daß
seine Äußerung ein Körnchen Wahrheit enthält. Wir
hatten ein so klares Feindbild, als es die Sowjetunion,
den Kalten Krieg und die massive nukleare Bedrohung gab. Heute gibt es keine Sowjetunion, keinen
Kalten Krieg und erstmals seit dem Anbruch des
Atomzeitalters keine auf amerikanische Kinder
gerichteten sowjetischen Raketen. Das ist ein Grund
zu feiern und zur Freude.

AMERIKA DIENST 17

�Ich werde Ihnen jedoch sagen, was meines Erachtens die Bedrohung des 21. Jahrhunderts sein wird,
die sich bereits weltweit abzeichnet: Die hier anwesenden Kinder sollten in der interessantesten, wohlhabendsten und vielfältigsten Welt in der gesamten
Menschheitsgeschichte aufwachsen. Alle Kräfte, die
uns noch oben bringen und zusammenführen,
enthalten jedoch eine versteckte Möglichkeit für
Böses; die Kräfte der Integration, die die Welt
verbessern und integrieren, enthalten die Saat der
Zerstörung. Die große Herausforderung im 21.
Jahrhundert wird darin bestehen, die Chancen zu
erkennen, die Technologie, Freizügigkeit, offene
Gesellschaften und der Abbau von Grenzen zwischen den Nationen bieten, ohne von den einigen
Kräften innewohnenden Gefahren und Bedrohungen
völlig absorbiert zu werden. Das ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Denn das Böse in
der menschlichen Natur ist noch nicht ausgerottet.
Je offener und flexibler wir sind, desto ungeschützter
sind wir vor den Kräften des organisierten Bösen.
Das haben Sie in Oklahoma City gesehen. Das
zeigt sich an dem schrecklichen Vorfall mit religiösen
Fanatikern, die einen Giftgasanschlag auf die japanische U-Bahn verübten. Das sehe ich in Rußland;
jetzt fordert es von mir die Einrichtung eines FBIBüros, da das organisierte Verbrechen auf seine
Banken übergreift. Als ich ins Baltikum reiste,
drückte man in Riga den Wunsch nach Hilfe bei der
Strafverfolgung aus, denn nachdem das totalitäre
Regime im Baltikum abgesetzt wurde, machen sich
die Menschen dort Sorgen, daß ihr Hafen ein Umschlagplatz für Drogen und andere Zerstörungsmittel
wird. Und genau das passiert im Nahen Osten.
Warum verüben in Israel die Terroristen Sprengstoffanschläge auf unschuldige Menschen? Weil der
einzige Weg, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu schaffen, in Bewegungsfreiheit zwischen

*

AMERIKA DIENST 17

*

beiden Gebieten besteht. Und wenn diese Bewegungsfreiheit bedeutet, daß Unschuldige sterben
müssen, muß die israelische Regierung Schranken
errichten, weil ihr Volk das fordert. Wenn das geschehen ist, sinkt das Einkommen im palästinensischen Gebiet, wodurch der Frieden zum Scheitern
verurteilt ist. Offenheit macht Frieden möglich und
beinhaltet die Bedrohung, ihn zunichte zu machen.
Das ist im kleinen eine Darstellung der Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
Wenn Sie heute abend nach Hause gehen und
darüber nachdenken, werden sie erkennen, daß
nahezu jedes moderne Problem auf diese Weise
erklärt werden kann. Die Kräfte des Fortschritts, der
Chancen und Integration enthalten allesamt die Saat
ihres Mißbrauchs durch das organisierte Böse. Wir
alle müssen ihm die Stirn bieten.
Das Bibelbuch der Sprüche sagt, es werde einen
Umsturz der Bösen geben, und sie würden nicht
mehr sein; das Haus der Gerechten werde jedoch
stehenbleiben.
Während meiner baptistischen
Erziehung erzählten uns alle Prediger, das würde erst
am Ende der Menschheitsgeschichte geschehen,
wenn wir uns alle im Jenseits befänden. Niemand
kann das wissen, aber ich behaupte, daß Edgar
Bronfman das Anbrechen des Tages beschleunigt, an
dem das Haus der Gerechtigkeit steht; und dazu
müssen wir alle beitragen.
Dies kann für die Menschheitsgeschichte eine großartige Zeit sein, und unsere Kinder und Enkel können
eine großartige Zukunft vor sich haben, weil es
Menschen wie Edgar Bronfman gibt. Die Herausforderung ist klar: Können wir bewirken, daß die
Kräfte des Terrors Vergangenheit werden? Ja, das
können wir, aber wir müssen uns dafür einsetzen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

*

Seite 5

�Wl R T S C H A F T
10. Mai 1995

Wirtschaftliche Stile und
transatlantische Wirtschaftskultur
Rede von Janice F. Bay
MAINZ - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die Janice F. Bay, die Gesandte für Wirtschaft der
Amerikanischen Botschaft in Bonn, auf der Konferenz "Gibt es eine atlantische politische Kultur" der
Staatskanzlei Rheinland-Pfalz am 6. Mai 1995 in Mainz hielt.

Ich möchte Ihnen sehr herzlich für die Einladung zu
dieser Veranstaltung danken. Ich freue mich besonders, daß Sie die Wirtschaft als Teil der politischen
Kultur verstehen, denn ich bin der Meinung, daß die
transatlantische Wirtschaftskultur sich zu einem der
wesentlichen Bausteine der Beziehungen zwischen
Amerika und Europa entwickeln wird. Deshalb,
glaube ich, waren sie gut beraten, der Wirtschaft bei
dieser Konferenz einen Platz einzuräumen.
In der Vergangenheit, vor allem in den Zeiten des
Kalten Krieges, war dies nicht immer der Fall. Die
Abwehr der kommunistischen Bedrohung und die
Sicherheitspolitik standen im Vordergrund. Sie
waren das gemeinsame Band, das Europa und
Amerika zusammenhielt. Grundlegenden Konsens in
wirtschafts- und handelspolitischen Fragen setzten
wir einfach voraus.
Natürlich hatten wir auch enge wirtschaftliche
Beziehungen, und sie waren ein nicht zu unterschätzendes Element in der Tragfähigkeit unserer
Beziehungen während der Auseinandersetzung mit
der Sowjetunion. Der Glaube an die Überlegenheit
freier marktwirtschaftlicher Systeme hat immer schon
zu den Grundelementen der transatlantischen
Wertegemeinschaft gehört. Und der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme hat noch
einmal die Richtigkeit dieser Annahmen eindrucksvoll
bestätigt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges fällt natürlich die
sicherheitspolitische Geschäftsgrundlage nicht weg.
Wir haben viele gemeinsame sicherheitspolitische
Aufgaben zu lösen. Die Geoökonomie wird nicht
einfach die Geopolitik ablösen. Doch spielt unsere
sicherheitspolitische Zusammenarbeit nicht mehr
ganz die Rolle, die sie in früheren Tagen gespielt
hat. Früher gab es ein sicherheitspolitisches Netz,

AMERIKA DIENST 17

das viele Konflikte aus anderen Bereichen wie etwa
der Wirtschaft auffing.
Dieses Netz existiert heute nicht mehr im gleichen
Umfang. Und das hat Konsequenzen auch für
unsere Wirtschaftsbeziehungen. Heute ist die Gefahr
größer, daß wirtschaftliche Interessengegensätze
aufbrechen und nicht mehr aus sicherheitspolitischen
Überlegungen zurückgestellt werden. Der Kalte Krieg
hat auch immer die kommerzielle Rivalität zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa verdeckt, die es
neben der wirtschaftlichen Kooperation immer schon
gab.
Doch nach Ende des Kalten Krieges tritt die Tatsache
deutlicher hervor, daß wir auch wirtschaftliche Konkurrenten sind.
Dies müssen wir ausdrücklich
begrüßen. Denn es sind unsere Unternehmen, die
miteinander konkurrieren, und uns so ein besseres
Angebot an Gütern und Dienstleistungen zu besseren
Preisen ermöglichen. Präsident Clinton hat immer
wieder betont, daß wir uns dem weltweiten Wettbewerb stellen wollen, "that we want to compete, not
retreat". Wir wollen uns nicht hinter protektionistische
Schutzwälle zurückziehen, sondern offensiv die
Marktchancen nutzen, die sich unseren Unternehmen
auf dem Weltmarkt bieten.
Wir sehen dazu keine Alternative, denn ohne offene
Märkte im Ausland kann man die protektionistischen
Stimmen im eigenen Lande nicht zum Schweigen
bringen und auch nicht die Arbeitsplätze schaffen, um
den tiefgreifenden Strukturwandel zu bewältigen.
Diesen Strukturwandel haben viele amerikanische
Unternehmen unter dem Stichwort "lean production"
oder "reengineering the corporation" zum Teil unter
schmerzlichen Verlusten für Management und Arbeitnehmer hinter sich gebracht.

Seite 1

�Die Clinton-Administration hat die Notwendigkeit
anerkannt, die einheimischen Bedingungen zur
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Darum hat das wirtschaftspolitische Programm des
Präsidenten in den letzten zwei Jahren konsequent
die Notwendigkeit eines Abbaus des Haushaltsdefizits und der Begünstigung von staatlichen
investiven Aufgaben vor den konsumptiven hervorgehoben. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem
Ausbau beruflicher Aus- und Weiterbildung, der
marktgerechten, zivilen Forschungs- und Technologieförderung und dem Ausbau der öffentlichen
Infrastruktur.
Durch diese Umstrukturierung haben amerikanische
Firmen ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedergewonnen.
Zudem kommt ihnen ein wesentlich günstigerer
Dollarkurs als in den 80er Jahren zugute. Gerade in
den zukunftsträchtigen Hochtechnologiebereichen
wie der Computer- und Softwareindustrie, der
Telekommunikation, der Biotechnologie und fortgeschrittenen Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung wie audiovisuelle Dienstleistungen und
Multimedia-Anwendungen, die ein ungeheures
Potential bieten, sind amerikanische Unternehmen
Weltspitze. Zu Recht pochen diese Unternehmen
auf einen ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsfähigkeit entsprechenden Weltmarktanteil.
Freier Marktzugang und Marktöffnung im Ausland
sind für diese Unternehmen unverzichtbar. Aus
diesem Grunde ist fairer und unbehinderter Marktzugang eines der Hauptanliegen unserer Außenwirtschaftspolitik. Zunehmend haben wir auch die
staatlichen Anstrengungen verstärkt, Wachstumsmärkte - die sogenannten "big emerging markets" zu identifizieren und unseren Firmen zu helfen, auf
ihnen Fuß zu fassen.
Das heißt, wir haben es hier mit einer zweiten
Dimension der Konkurrenz zu tun. In gewissem
Sinne konkurrieren nicht nur unsere Firmen untereinander, sondern die Staaten stehen in einem gewissen Wettbewerb darüber, welchen Regeln der
Wettbewerb der Firmen folgen soll. Dies ist eine Art
Wettbewerb zwischen den verschiedenen marktwirtschaftlichen Systemen und ihren Regulierungssystemen. Die Fragen lauten hier, wie soll der
Marktzugang gestaltet werden, unter welchen
Bedingungen kann von außen in geschützten
Bereichen wie der Telekommunikation investiert
werden, welchen Investitionsschutz gibt es, welche
Rolle muß das Wettbewerbs- und Kartellrecht
spielen, wie muß die öffentliche Auftragsvergabe
gestaltet werden und welchen Zugang hat man zu
Märkten, die von öffentlichen Monopolen beherrscht
werden.

Seite 2

Die Beantwortung dieser Fragen bestimmt immer
mehr, welche Chancen Ausländer auf einem fremden
Markt haben. Diese Fragen greifen auch zunehmend
in inländische Rechts- und Regulierungssysteme ein
und stellen althergebrachte nationale Regelungen
und Regime auf den Prüfstand des internationalen
Wettbewerbs. Diese Konstellation birgt nach Ende
des Kalten Krieges sowohl Risiken als auch Chancen.
Risiken insofern, als nach Wegfall des sicherheitspolitischen Auffangnetzes aus der Zeit des Kalten
Krieges, das eine fundamentale transatlantische
Solidarität begründete, die Auseinandersetzungen um
die neuen Regeln des Wettbewerbs zu Dauerspannungen oder gar Handelskriegen eskalieren könnten.
Ich halte diese Gefahr zwar für gering, aber man
kann auch umgekehrt die transatlantische Wirtschaftskooperation einfach als selbstverständlich
hinnehmen und schwelende Konfliktpotentiale ignorieren, bis sie um so schärfer hervorbrechen.
Umgekehrt besteht aber auch im Wegfall der sicherheitspolitischen Geschäftsgrundlage unserer
Beziehungen eine große Chance für die Wirtschaftsbeziehungen. Es ist nämlich durchaus vorstellbar,
daß sie selbst zum Hauptpfeiler der transatlantischen
Beziehungen werden. Damit müßten die wirtschaftlichen Beziehungen eine wesentlich größere Last
tragen, und es wäre gerade ihre Störung, die zu einer
Eintrübung unserer generellen Beziehungen führen
könnte. Andererseits tut sich ein großes Potential
auf, neue, zivile Strukturen zu schaffen, die unsere
Nationen um so enger aneinander binden. Diese
Bindungen würden auf der Vielfalt der Beziehungen
von Firmen, Individuen und Organisationen beruhen
und wesentlich größere gesellschaftliche Tiefe
erreichen, als es politische und militärische je tun
können.
Zur Beantwortung der Frage, welche Szenarien denn
eintreten könnten - erhöhte wirtschaftliche Spannungen oder vertiefte Kooperation - ist es in der Tat
hilfreich, sich mit den unterschiedlichen wirtschaftlichen Stilen und den Aussichten für eine transatlantische Wirtschaftskultur zu beschäftigen. Meine These
ist, daß die Entwicklung der wirtschaftlichen Stile eher
das kooperative Szenario begünstigt. Je mehr sich
wirtschaftliche Stile, Strukturen und Markttrends
annähern, um so wahrscheinlicher ist die Stärkung
der transatlantischen Wirtschaftskultur.
Die Vereinigten Staaten sind eine "entrepreneurial
society" par excellence. Die Freiheit des einzelnen
Wirtschaftssubjekts, sei es nun eine Einzelperson
oder eine Firma, sich unternehmerisch zu betätigen,
gehört zu den allgemein akzeptierten Grundregeln in
Amerika. Der Staat hat in den USA historisch eine
untergeordnete Rolle gespielt. Zum Beispiel ist der

AMERIKA DIENST 17

�Staatsanteil am Bruttosozialprodukt bei uns immer
niedrigerer als in Europa gewesen, und der Staat ist
selten als Unternehmer aufgetreten. Und selbst bei
Netzmonopolen wie bei den Versorgungsunternehmen und Transport- und Verkehrsunternehmen
haben wir stets privatwirtschaftliche Lösungen
vorgezogen, allerdings unter staatlicher Aufsicht.
Eine starke Rolle haben wir dem Staat jedoch bei
der Wettbewerbsauf sicht und dem Kartellrecht eingeräumt. Kartellbehörden und Gerichte haben für
ausgeprägte Wettbewerbsstrukturen in den Vereinigten Staaten gesorgt. Der Telefonmarkt bei uns
ist durch eine Gerichtsentscheidung in einem Kartellfall aufgebrochen worden. Auch die Bankenaufsicht
hat dazu beigetragen, Machtkonzentration im Bankensektor zu verhindern. Die Trennung von Geschäfts- und Investitionsbanken hat auch dazu
geführt, daß Banken nicht größere Beteiligungen
besitzen und kartellartige Konglomerate und Firmengruppen bilden. Japanische Keiretsu-Strukturen mit
festen Zuliefer- und Vertriebsnetzen konnten sich in
den Vereinigten Staaten nicht ausbilden. Dieses
Strukturmerkmal begründet die fundamentale Offenheit des amerikanischen Marktes.
Ganz im Einklang mit dem Bekenntnis zum Wettbewerb hat der Staat in den Vereinigten Staaten nur
in geringem Ausmaß strukturkonservierende Politik
betrieben. Unternehmen, die sich nicht mehr am
Markt halten können - so ist der Konsens in allen
politischen Parteien - sollten verschwinden. Erhaltungsubventionen waren nie populär. Eine Situation
wie beim deutschen Steinkohlebergbau wäre in den
USA unvorstellbar. Undenkbar wäre dagegen in
Europa, daß man fest etablierte Firmen wie PanAm
oder TWA, Flaggschiffe der amerikanischen Luftfahrtindustrie, einfach vom Markt verschwinden läßt.

günstigeren Preisen geschaffen hat.
Ohne die
Deregulierung wäre der Telekommunikationssektor in
den USA, was sowohl die Vielfalt der angebotenen
Dienste als auch die technologische Infrastruktur
betrifft, nicht einer der fortschrittlichsten auf der Welt.
Zudem sind fortgeschrittene Telekommunikationsleistungen ein strategisches Vorprodukt für eine
ganze Reihe von wichtigen neuen Industrie- und
Dienstleistungssektoren. Ein dynamischer Telekommunikationssektor mit robustem Wettbewerb strahlt
auf die gesamte Volkswirtschaft aus.
Staats- und Sozialinterventionismus sind in den
Vereinigten Staaten viel schwächer als in Europa
ausgebildet.
Der Wohlfahrtsstaat hatte nie die
gleiche Legitimität wie in Europa, was auch den
Erfolg der Republikaner bei den letzten Kongreßwahlen erklärt. In Europa dagegen gehört soziale
Sicherheit bei allen gesellschaftlichen Kräften zu den
zentralen Werten. In den Vereinigten Staaten setzen
wir mehr auf dynamische Arbeitsplatzentwicklung,
gesellschaftliche Durchlässigkeit und Aufstiegschancen durch die Entwicklung von neuen Firmen und
Dienstleistungen. Nach Angaben der OECD ist in
den USA in den letzten 35 Jahren die Gesamtbeschäftigung um 80 Prozent gestiegen, in Europa
dagegen nur um 10 Prozent. Pro 1.000 Erwerbsfähige sind in den USA in den 80er Jahren 55 neue
Arbeitsplätze entstanden, in Deutschland 13 verschwunden. Seit 1980 ist die Arbeitslosenrate in den
Vereinigten Staaten kontinuierlich unter dem europäischen Durchschnitt geblieben, gegenwärtig beträgt
sie nur die Hälfte.

Dieser Trend zu mehr Wettbewerb ist durch die
Deregulierung seit den 70er Jahren noch verstärkt
worden. Ehemals durch staatliche Aufsichtsbehörden vor Wettbewerb geschützte Bereiche wie der
Luft-, Eisenbahn- und Straßenfernverkehr sind dem
Wettbewerb ausgesetzt worden. Das gleiche gilt für
die Telekommunikation, die Medien und die Energiewirtschaft. Vor kurzem hatten wir die erste Auktion
von Radiofrequenzen in den Vereinigten Staaten.
Die Deregulierung bringt schöpferische Unruhe in
das Wirtschaftsleben. Sie schafft wettbewerbsfähigere Firmen, neue und bessere Angebote für
Konsumenten und führt zu starkem Arbeitsplatzwachstum, wenn auch nicht immer bei den alteingesessenen Firmen.

Auch ist es ein Mythos, daß in den Vereinigten
Staaten nur schlecht bezahlte Arbeitsplätze entstanden sind. Zwischen 1980 und 1990 sind pro
1.000 Erwerbsfähige 47 Arbeitsplätze in überdurchschnittlich bezahlten Management-, Technik- oder
Verwaltungsstellen entstanden.
In Deutschland
betrug die entsprechende Zahl dagegen nur 20. Die
Schlußfolgerung daraus lautet, wenn man auf vermeintliche Billigjobs bei McDonalds und ähnlichen
Unternehmen verzichtet, verzichtet man auch auf die
gut bezahlten Managerjobs in diesen Branchen.
Entscheidend in den USA war eine dynamische,
unbehinderte Entfaltung im Service-Sektor. Hätte
sich der Service-Sektor in Deutschland im gleichen
Maße entwickelt wie in den Vereinigten Staaten, gäbe
es 4,7 Millionen Arbeitsplätze mehr in Deutschland.
Allerdings darf man auch nicht die Schattenseite der
Arbeitsmarktdynamik in den USA verschweigen: Das
Einkommen gering qualifizierter Arbeitskräfte stagnierte in den 80er Jahren oder ging gar zurück.

Diesen Prozeß haben wir gut bei der Telekommunikation beobachten können, wo die Deregulierung
ganz neue Märkte, Technologien und Produkte zu

Aus unserer Sicht sind die europäischen Volkswirtschaften immer von zu viel Staatseinfluß bestimmt.
Gerade in den südlichen europäischen Ländern

AMERIKA DIENST 17

Seite 3

�dominieren ineffiziente, durch Subventionen gestützte Unternehmen, die bei freier Konkurrenz nicht wettbewerbsfähig wären. Zu denken ist etwa an einige
europäische Stahlfirmen, aber auch staatliche Luftfahrtgesellschaften. In vielen Ländern existiert auch
eine Vielzahl von staatlich regulierten oder geschützten Monopolen, die keine Wettbewerber zulassen
und häufig auch durch geschlossene und privilegierte Lieferbeziehungen ausgezeichnet sind.
Für ausländische Anbieter ist es äußerst schwer, auf
diesen Märkten ins Geschäft zu kommen, was wir
gerade auf dem deutschen Markt für Kraftwerksausrüstung erfahren, wo es für unsere auf dem Weltmarkt höchst wettbewerbsfähigen Anbieter fast
unmöglich ist, mit günstigen Angeboten bei öffentlichen Ausschreibungen in Deutschland Erfolg zu
haben.
Die traditionellen Hoflieferanten haben
immer die besseren Karten, da es auf geschlossenen Märkten nicht darauf anzukommen scheint,
welche Preise für die Inputs verlangt werden. Die
Abnehmer und Kunden der Energieerzeuger zahlen
letztlich den Preis dafür.
Derartige Strukturen
erschweren natürlich auch die Kooperation mit
internationalen Partnern, Beteiligungen und Joint
Ventures. In manchen Bereichen sind Direktinvestitionen, die die Voraussetzung für Marktzugang sind,
praktisch oder gesetzlich ausgeschlossen.
Besonders nachteilig haben sich staatlich geschützte
monopolistische Märkte in der Telekommunikation
ausgewirkt. Sie haben nicht nur zum Ausschluß von
ausländischer Konkurrenz geführt, sondern auch
Innovationen und günstigere Preise und Leistungen
verhindert. Ein Grund für den schwindenden Anteil
deutscher Gerätehersteller auf dem Telekommunikationsweltmarkt war das Fehlen von Konkurrenz und
dynamischer Nachfrage nach neuer Technik bei
Telekommunikationsdienstleistungen im Inland.
Nun kann man argumentieren, daß die Unterschiede
in unseren Wirtschaftstrukturen und -Stilen auch
bisher die transatlantische Kooperation nicht behindert haben. Ausweitung des Handels und vertiefte
Zusammenarbeit sind auch bei unterschiedlichen
Strukturen von verschiedenen marktwirtschaftlichen
Systemen möglich. Doch verkennt diese These, daß
die Weltwirtschaft durch zunehmenden Handel und
Direktinvestitionen immer enger verflochten wird.
Das heißt, die Früchte früherer Kooperation machen
eine weitere Vertiefung der Kooperation und der
Angleichung der Strukturen nötig.
Der Außenhandel wird heute immer stärker von
Direktinvestitionen, der Präsenz eines produktiven
Standbeins im Markt des Handelspartners, angetrieben.
Die weltweiten Umsätze amerikanischer
Firmen stellen unsere Exporte in den Schatten.

Seite 4

1992 betrugen unsere Exporte 500 Milliarden Dollar,
die Verkäufe amerikanischer Firmen im Ausland
insgesamt dagegen 1,5 Billionen Dollar, wovon mehr
als die Hälfte auf Europa entfällt.
Handelsschranken an den Grenzen sind nicht die
einzigen Hindernisse, auf die Firmen stoßen. Für
Firmen, die weltweit tätig sind, wird es zum kritischen
Hindernis, wenn man in bestimmte Bereiche de jure
oder de facto nicht investieren kann, wenn bestimmte
Dienstleistungen nicht angeboten werden können
oder übermäßig reguliert sind, wenn z.B. bestimmte
Telekommunikationsdienste nicht zur Verfügung
stehen oder wenn bestimmte Produkte nicht frei von
den bevorzugten Quellen bezogen werden können.
Derartige Konstellationen hemmen den Güterfluß und
wirtschaftliche Aktivitäten zwischen Nationen.
Die Zunahme der Verflechtungen in einer sich
globalisierenden Weltwirtschaft übt jedoch ständig
Druck aus, Wirtschaftsstrukturen anzupassen oder
stärker miteinander kompatibel zu gestalten. Wird
dieser Anpassungsprozeß von der Politik nicht
behindert, sondern aktiv unterstützt, dann werden
divergierende Wirtschaftsstile kein so großes Hindernis für die transatlantische Kooperation mehr darstellen. Wachsende Verflechtung durch Joint-ventures, Direktinvestitionen, Beteiligungen, strategische
Allianzen, Austausch von Personal, gemeinsame
Ausbildungs- und Qualifikationsmerkmale lassen die
Unterschiede in den Wirtschaftsstilen immer geringer
werden. Viele führende Manager wie David Herrmann von Opel und Ron Sommoer von der Deutschen Telekom haben Erfahrung auf beiden Seiten
des Atlantiks gesammelt.
Auch in politisch beeinflußten Wirtschaftsstrukturen
können wir so etwas wie zunehmende Konvergenz
entdecken. Der europäische Binnenmarkt ist ja ein
bahnbrechender Versuch, die nationalen Wirtschaftsstile in Europa zu vereinheitlichen und einen Markt
ohne Grenzen und Unterschiede zu scharfen.
Einheitliche Regeln sollen bei Investitionen, Dienstleistungen und auf allen Gütermärkten gelten, ein
Vorhaben, das wir rückhaltlos unterstützen, solange
auch an die Interessen von Drittländern wie den
Vereinigten Staaten gedacht wird. Wir haben den
ausdrücklichen Wunsch, daß sich in Europa ein
einheitlicher Wirtschaftsstil durchsetzt, der von Offenheit und Liberalität gekennzeichnet ist.
In allen industrialisierten Ländern hat sich in den
vergangenen 15 Jahren ein Trend zur Deregulierung,
Privatisierung und Aufbrechung von Monopolen
durchgesetzt. In fast allen europäischen Ländern
werden die Telekommunikationsdienste, der Verkehr
und die Medienmärkte liberalisiert und privatisiert,
was auch neue Chancen für ausländische Anbieter

AMERIKA DIENST 17

�mit neuen Produkten und Technologien schafft.
Wettbewerb und neue Marktchancen sind die
Gebote der Stunde. Doch die Anpassung verläuft
keineswegs in eine Richtung. In den USA hat die
Clinton-Administration erkannt, daß eine wettbewerbsfähige Industriegesellschaft nicht ohne leistungsfähige Krankenversicherungssysteme, ein gut
funktionierendes Berufsbildungssystem und eine
marktbezogene staatliche Forschungs- und Technologiepolitik auskommt. Auf diesen Gebieten nähern
wir uns eher Europa an.
Konfliktmindernd zwischen Europa und Amerika wirkt
die Tatsache, daß unsere Wirtschaftsbeziehungen im
großen und ganzen sehr ausgeglichen sind. Seit
1970 haben wir in manchen Jahren ein Handelsdefizit mit Europa gehabt und in anderen einen
Überschuß. Doch wenn man Überschüsse und
Fehlbeträge über einen Zeitraum von 25 Jahren
zusammenrechnet, so sind unsere Handelsströme
absolut ausgeglichen. Dies steht in deutlichem
Kontrast zu Asien. Obwohl das Handelsvolumen
insgesamt größer ist als der Handel mit Europa,
haben wir seit 1970 auf kumulierter Basis Defizite in
Höhe von mehr als einer Billion Dollar zu verzeichnen gehabt, mit Japan allein in der Höhe von 700
Milliarden Dollar. Handelsbeziehungen zwischen
uns und Europa sind nicht in dem gleichen Maße
durch strukturelle Hemmnisse und Verzerrungen
belastet wie die mit Asien.
Auch sind unsere Investitionsbeziehungen eng. Mehr
als 50 Prozent der europäischen Auslandsinvestitionen befinden sich in den USA, und 50 Prozent der
amerikanischen in Europa. Siemens beschäftigt
40.000 amerikanische Mitarbeiter. BMW und Mercedes sind die jüngsten Beispiele für das Engagement
europäischer Firmen auf dem amerikanischen Markt.
Aufgrund dieser engen Verflechtung und der Ausgewogenheit unserer Handelsbeziehungen bin ich
ziemlich zuversichtlich, daß sich das Ende des
Kalten Krieges nicht negativ auf unsere Beziehungen
auswirkt und sich wirtschaftliche Konflikte im Zaum
halten lassen, auch wenn der sicherheitspolitische
Zwang zur Kooperation entfallen ist. Gleichfalls
dürfen wir aber auch nicht selbstzufrieden werden
und den guten Stand der Wirtschaftsbeziehungen als
selbstverständlich voraussetzen. Das Zusammenwachsen der Volkswirtschaften und die Anpassung
unterschiedlicher Wettbewerbstrukturen werden nicht
reibungslos vonstatten gehen, sondern bergen
Konfliktstoff in sich.
Auf einige Probleme wie öffentliche Beschaffung,
wettbewerbsmindernde, marktabschottende Kartelle
und Zusammenschlüsse, Investitionsbeschränkungen, Quoten bei Fernsehen und neuen Medien bin

AMERIKA DIENST 17

ich schon eingegangen. Zu erwähnen ist natürlich
auch noch der Agrarmarkt. Alle diese Bereiche
brauchen ein zukunftsorientiertes Problemmanagement, wenn es nicht zu Verstimmungen und Störungen im transatlantischen Verhältnis kommen soll.
Das heißt, daß wir einen verläßlichen formalen
Rahmen entwickeln müssen, in dem wir mit diesen
Konflikten umgehen können. Das gilt um so mehr,
als die Clinton-Administration der Wirtschaft einen
zentralen Stellenwert in der Außenpolitik einräumt.
Kommen wir aber zu langfristigen und tragfähigen
Problemlösungen, so steigen auch die Chancen
immens, daß sich die wirtschaftlichen Beziehungen
zu dem zentralen Pfeiler der transatlantischen Beziehungen entwickeln. Damit wäre auch die Gefahr
gebannt, daß sich nach Wegfall der kommunistischen
Bedrohung ein Vakuum auftut, das langfristig zu
transatlantischer Entfremdung und Indifferenz führen
könnte. Kurz, wir brauchen eine neue ökonomische
Architektur für die transatlantischen Beziehungen,
und diese Architektur könnte so etwas wie das
transatlantische Haus werden.
In den letzten Monaten sind eine Reihe von Vorschlägen gemacht worden, wie man diese ökonomische Architektur institutionalisieren könnte.
Sie
reichen von einem europäisch-amerikanischen
Vertrag, über einen europäisch-amerikanischen
Wirtschaftsraum bis zu einer Nordatlantischen Freihandelszone, die von Außenminister Kinkel, dem
kanadischen Premierminister Chretien und von dem
amerikanischen Gewerkschaftsführer Lane Kirkland
angeregt worden ist. Daß es notwendig ist, die
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen, steht außer Frage. Augenblicklich jedoch
unterstützen wir keinen bestimmten formalen Vorschlag, und es gibt keine offizielle Position zu der
Entwicklung eines formalisierten Rahmens wie einer
atlantischen Freihandelszone.
Wie der Staatssekretär für Welthandel im US-Wirtschaftsministerium, Jeffrey Garten, bei seinem
Besuch letzter Woche in Deutschland gesagt hat, ist
es noch verfrüht, über ein so komplexes und anspruchsvolles Vorhaben wie eine Freihandelszone zu
sprechen. Statt dessen haben wir einen transatlantischen business dialogue zwischen den Firmen und
großen Verbänden beiderseits des Atlantiks angeregt,
um Ziele und Visionen einer neuen transatlantischen
Wirtschaftsarchitektur zu entwickeln. Wir glauben,
daß diejenigen, die tagtäglich in die Praxis der
Wirtschaftsbeziehungen eingebunden sind und die
Probleme des Wirtschaftsalltags kennen, wesentlich
besser geeignet sind, die Problemslösungsmöglichkeiten zu entwickeln, die ein tragfähiges Fundament
für ein formalisiertes Rahmenwerk abgeben können,
als akademische Theoretiker oder Beamte. Die

Seite 5

�spezifischen Themen liegen praktisch auf der Straße
und sind den meisten Firmen schon seit Jahren
vertraut.
Möglich ist, daß es hier vorerst zu Teillösungen
kommt. Doch ein derartiger Dialog zwischen Firmen
und Wirtschaftsvertretern wird ein wesentlicher
Baustein für die Vertiefung und den Ausbau der
transatlantischen Wirtschaftskultur sein, die in den
nächsten Jahren zu dem Fundament unserer Bezie-

*

Seite 6

hungen überhaupt werden könnte. Die entstehende
transatlantische Wirtschaftskultur ist kein Konstrukt,
sondern durch die Verflechtungen unserer Volkswirtschaften schon Realität geworden. Deshalb wird sie
in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Rolle
im transatlantischen Dialog spielen und dazu beitragen, daß auch das politische Gerüst unserer Handels- und Investitionsbeziehungen immer tragfähiger
wird.

*

AMERIKA DIENST 17

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="53">
          <name>Umfang</name>
          <description>Anzahl der Seiten.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12427">
              <text>18 Seiten</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="54">
          <name>Dateityp</name>
          <description>Das Dateiformat des Digitalisats.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12428">
              <text>PDF</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12422">
                <text>10.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12423">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12424">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12425">
                <text>Amerikadienst 10.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12426">
                <text>&lt;strong&gt;1. Kriegsende&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Clinton würdigt das Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs - Frieden und Hoffnung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kriegsende ist Sieg des menschlichen Geistes&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Iran&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Clinton verhängt Handelsembargo gegen Iran&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Wirtschaftliche Stile und transatlantische Wirtschaftskultur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Janice F. Bay&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="18">
        <name>FRIEDEN</name>
      </tag>
      <tag tagId="19">
        <name>HANDELSEMBARGO</name>
      </tag>
      <tag tagId="20">
        <name>IRAN</name>
      </tag>
      <tag tagId="21">
        <name>TRANSATLANTISCHE WIRTSCHAFTSKULTUR</name>
      </tag>
      <tag tagId="22">
        <name>ZWEITER WELTKRIEG</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
  <item itemId="2405" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2416">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/0273cd5bb92d85c7f0504b9b2dc93f62.pdf</src>
        <authentication>f906303f96d99704f658a27d65e41b85</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12435">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

17. Mai 1995

18

.

AUSSENPOLITIK

CLINTON SPRICHT ÜBER MOSKAUER GIPFEL
UND SANKTIONEN GEGEN JAPAN
Radioansprache des Präsidenten

USA-IRAK

ALBRIGHT UNTERSTÜTZT FESTE HALTUNG
DER UNO GEGENÜBER DEM IRAK
Ausweitung der Sanktionen

NICHTVERBREITUNG

USA BEGRÜSSEN ENTSCHEIDUNG ÜBER
VERLÄNGERUNG DES N W
Erklärung von Botschafterin Albright

USIA

AMERIKA HAUSER SIND ORGANISCHE
VERBINDUNG ZWISCHEN USA UND
DEUTSCHLAND
Rede von Richard C. Holbrooke

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
17. Mai 1995

Clinton spricht über Moskauer Gipfel
und Sanktionen gegen Japan
Radioansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - In einer Radioansprache an die Nation äußerte sich Präsident Clinton am 13. Mai 1995
dazu, wie der Moskauer Gipfel die Sicherheit der Vereinigten Staaten stärken wird und warum seine
Administration möglicherweise Sanktionen gegen japanische Importe verhängt.
Der Präsident sprach über sein jüngstes Treffen mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin, auf dem
Einigung über Fortschritte bei der Partnerschaft für den Frieden erzielt wurden und Rußland zusagte, den
Verkauf von Nukleartechnologie an den Iran einzustellen.
Ferner unterstrich Clinton seine Entschlossenheit, den japanischen Automarkt zu erschließen und erklärte:
"Aus diesem Grund habe ich meine Administration angewiesen, eine Liste mit potentiellen Sanktionen gegen
japanische Importe auszuarbeiten. Wir sind bereit zu handeln und werden das notfalls bald tun."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Es ist schön, nach meiner Reise nach Rußland und
in die Ukraine wieder zu Hause zu sein. Ich habe
dort mit Vertretern unserer mutigen Alliierten aus
dem Zweiten Weltkrieg des 50. Jahrestages unseres
Sieges über den Faschismus in Europa gedacht.
Ebenso wie wir gedachten Menschen auf der ganzen Welt in dieser Woche der Opfer, die unsere
Freiheit schützten und unsere Welt sicherer machten. Ich habe diese Reise aber auch unternommen,
um die Sicherheit der Amerikaner in der Zukunft zu
erhöhen.
Ich möchte kurz einige der wichtigsten Aspekte
meines Treffens mit dem russischen Präsidenten
Jelzin ansprechen, die unsere Sicherheit vergrößern
sollen.
Erstens. Wir einigten uns auf weitere Fortschritte bei
der Teilnahme Rußlands an der Partnerschaft für
den Frieden, dem Programm über militärische
Zusammenarbeit zwischen der NATO und anderen
europäischen Demokratien, die sich alle der Achtung
der Grenzen und der Zusammenarbeit zur Förderung der kollektiven Sicherheit in Europa verpflichteten.
Zweitens. Präsident Jelzin erklärte sich einverstanden, den Verkauf von Nukleartechnologie an

AMERIKA DIENST 18

den Iran einzustellen, die eindeutig zur Entwicklung
von Nuklearwaffen eingesetzt werden könnte.
Drittens. Wir einigten uns, die Sonderkommission
unter Vorsitz von Vizepräsident Gore und dem
russischen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin möge
prüfen, ob der Verkauf russischer Nuklearreaktoren
an den Iran diesem Land bei der Herstellung von
Kernwaffen helfen könnte.
Viertens. Wir befaßten uns mit der Angelegenheit,
wie Rußland bei der Einstellung seines Verkaufs
konventioneller Waffen an den Iran geholfen werden
könnte.
Fünftens. Wir beschlossen den Besuch von Fabriken
zur Herstellung biologischer Waffen im August als
Teil unserer gemeinsamen Bestrebungen zur Reduzierung der Gefahr einer Weiterverbreitung biologischer und chemischer Waffen. Dies ist von besonderer Bedeutung angesichts der jüngsten Giftgasanschläge auf japanische Untergrundbahnen durch eine
radikale Gruppe sowie von Hinweisen, daß solche
Gruppen sich weltweit um den Zugang zu chemischen und biologischen Waffen bemühen.
Sechstens. In Anbetracht der Tragödie von Oklahoma City und der Heimsuchung Rußlands durch das
organisierte Verbrechen vereinbarten wir den Austausch von Technologie, Informations- und Strafver-

Seite 1

�folgungsressourcen zur Förderung unserer gemeinsamen Bestrebungen im Kampf gegen Terrorismus
und organisiertes Verbrechen.

maßen. Wir haben lange genug vor dieser Mauer
gestanden. Jetzt müssen wir handeln, um amerikanische Arbeitsplätze zu schützen und zu schaffen.

Eine weitere wichtige Entscheidung in dieser Woche
wird uns ebenfalls helfen, die Welt in den kommenden Jahren sicherer zu machen. Die Vereinten
Nationen beschlossen eine unbefristete Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags. Dieser Vertrag
ist seit 25 Jahren unsere wichtigste Waffe im Kampf
gegen die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen. Sie
kann jetzt unbefristet eingesetzt werden. Es war
kein leichter Kampf, und ich bin sehr stolz darauf,
daß die Vereinigten Staaten die Bestrebungen zur
Verlängerung des Einsatzes dieses unerläßlichen
und mächtigen Instruments anführten, das die
Sicherheit aller Amerikaner und aller Menschen auf
der Welt erhöht.

In den Vereinigten Staaten arbeiten nahezu 2,5
Millionen Menschen in der Automobilindustrie und
ihren Zulieferern, was 5 Prozent unserer Volkswirtschaft entspricht. Aufgrund der anderen von den
Automobilherstellern erworbenen Produkte hat der
Verkauf von mehr Autos positive Auswirkungen auf
unsere gesamte Wirtschaft.

Wir haben uns in dieser Woche nicht nur für eine
sicherere Welt für alle Amerikaner eingesetzt,
sondern auch für die weltweite Erschließung wirtschaftlicher Chancen für unser Volk. Die Vereinigten
Staaten sind dem offenen und fairen Handel zwischen allen Nationen verpflichtet. Aus diesem
Grund habe ich mich in den letzten beiden Jahren
so entschieden für die größten Initiativen zur Marktöffnung seit über einer Generation eingesetzt NAFTA, das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, das Welthandelsabkommen GATT. Ich habe
mich dafür eingesetzt, daß sich unsere Partner in
der asiatisch-pazifischen Region und in unserer
eigenen Hemisphäre bis zu einem bestimmten
Zeitpunkt zu freiem und fairem Handel verpflichten.
Aus diesem Grund habe ich mich für den Abbau der
japanischen Handelshemmnisse engagiert, die
konkurrenzfähigen, von amerikanischen Facharbeitern hergestellten Produkten den Marktzugang
verwehren.

Jede Seite profitiert von der Öffnung der japanischen
Märkte. Alte Gewohnheiten und starke Interessen
lassen sich jedoch nur schwer abschaffen. Seit über
20 Jahren hat sich jeder amerikanische Präsident mit
diesem Problem befaßt, und unsere Administration
führt jetzt seit 20 Monaten Gespräche mit Japan. Es
besteht jedoch ein großer Unterschied zwischen
Gesprächen und Ergebnissen. Ich bin zur Öffnung
des japanischen Automarktes entschlossen. Aus
diesem Grund habe ich meine Administration angewiesen, eine Liste mit potentiellen Sanktionen gegen
japanische Importe auszuarbeiten. Wir sind bereit zu
handeln und werden das notfalls bald tun.

Wir schlössen innerhalb von 27 Monaten 14 zielorientierte Abkommen, um den japanischen Markt für
alle Waren zu öffnen - von unseren Äpfeln bis zu
unserem Reis, von unsererTelekommunikationsausrüstung bis zu unseren Leistungen im Wohnungsbau. Diese Abkommen zahlen sich allmählich bei
Arbeitsplätzen und Gewinnen hier in den Vereinigten
Staaten aus.
Im Hinblick auf den Verkauf von Autos und Autoteilen nach Japan stehen wir jedoch vor einer Wand.
Ausländer haben einen Anteil von 30 Prozent an
unserem Markt, aber nur 4 Prozent am japanischen
Markt - bei Kraftfahrzeugen und Autoteilen gleicher-

*

Seite 2

*

Unsere Bestrebungen, die japanischen Märkte
ebenso stark zu öffnen wie die unseren sind für
amerikanische Arbeitnehmer und Unternehmen von
Vorteil. Ferner sind sie gut für die japanischen
Verbraucher, die heute wegen ihrer Handelshemmnisse viel höhere Preise zahlen.

Wir wünschen keinen Handelskonflikt mit Japan,
werden jedoch nicht zögern, für faire Bedingungen für
amerikanische Produkte zu kämpfen. Ich möchte
zweierlei betonen: Wir streben keine Bevorzugung
amerikanischer Autos und Autoteile gegenüber denen
anderer Länder an. Wir wünschen, daß alle Länder
gleichen Zugang zum japanischen Markt bekommen.
Wir werden unsere Chancen immer im fairen Wettbewerb suchen.
Ferner möchte ich hervorheben, daß Japan ein
geschätzter Freund und Partner ist. Wir arbeiten in
vielen wichtigen Fragen zusammen, darunter Bestrebungen zur Öffnung des Handels auf anderen Gebieten sowie zur Förderung unserer gemeinsamen
Sicherheitsinteressen. Japan sollte wieder mit uns an
einem Strang ziehen. Gemeinsam müssen wir
sicherstellen, daß unsere Zukunft nicht nur mehr
Sicherheit, sondern auch mehr Wohlstand bietet - für
das amerikanische Volk und die Menschen auf der
ganzen Welt.

*

*

AMERIKA DIENST 18

'

�USA-IRAK
17. Mal 1995

Albright unterstützt feste Haltung der UNO
gegenüber dem Irak
Ausweitung der Sanktionen
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die "halbherzigen Maßnahmen und offene Täuschung" des Irak als Reaktion
auf die Direktiven des UN-Sicherheitsrats lassen dem Rat keine andere Wahl, als die gegen Baghdad
verhängten Sanktionen aufrechtzuerhalten, erklärte die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten
Nationen, Madeleine Albright, am 12. Mai 1995 bei einem Treffen des Rats.
Frau Albright sprach bei einer nichtöffentlichen Sitzung des Sicherheitsrates, in der die 25. periodische
Sanktionsüberprüfung durchgeführt und festgestellt wurde, der Irak habe seine aus dem Waffenstillstand
resultierenden Vereinbarungen nicht ausreichend eingehalten, um eine Änderung der vor fünf Jahren
verhängten umfassenden Wirtschaftssanktionen zu rechtfertigen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Da der Irak seine Verpflichtungen aus den relevanten Resolutionen des Sicherheitsrats nicht erfüllt hat,
bleibt dem Rat keine andere Wahl, als die Sanktionen aufrechtzuerhalten. Anstatt sich an die Resolutionen zu halten, bot der Irak dem Sicherheitsrat mit
einer Mischung aus halbherzigen Maßnahmen und
offener Täuschung die Stirn.
Einer konsequenten Täuschungspolitik muß der Rat
mit konsequenter Festigkeit begegnen. Die Behauptungen des Irak, er habe die Bestimmungen von
Resolution 687 des Sicherheitsrats erfüllt, sind
eindeutig nicht fundiert und eine Mißachtung der
Schilderungen des Sonderbeauftragten Ekeus von
der Unzulänglichkeit der sogenannten "vollständigen,
endgültigen und umfassenden" Offenlegung der
irakischen Programme für biologische und chemische Waffen. Der Irak weigert sich weiterhin, eine
Anzahl von Verpflichtungen im Rüstungsbereich
einzuhalten - darunter die äußerst wichtige Resolution 707 des Rates.
Neben der Waffenfrage muß der Irak noch seine
Verpflichtungen zur Rückgabe kuwaitischen Besitzes
erfüllen. Viele der vom Irak gerade "zurückgegebenen" Militärtahrzeuge - eine Kollektion mutwillig
zerstörten und unbrauchbaren Alteisens - sind
tatsächlich Gegenstände, die der Irak vom Iran in
seinem ersten Aggressionskrieg gegen einen Nachbarn erbeutete. Ich wiederhole nochmals, daß es
keine Aussicht auf eine Abänderung der Sanktionen
gibt, bis der Irak die Waffen in funktionierendem

AMERIKA DIENST 18

Zustand zurückgibt, die er dem Land gestohlen und
in seiner eigenen Armee verwendet hat.
Bei Gesprächen über Kuwaitis sowie Angehörige von
Drittländern, die vom Irak umgebracht oder gefangengenommen worden sind, trug der Irak dem Sicherheitsrat Argumente mit zwei falschen Behauptungen
vor, die darauf hinweisen, daß ihr Verfasser nicht die
Resolution 687 des UN-Sicherheitsrats gelesen hat.
Erstens. Die Behauptung, diese Frage stehe nicht
mit Sanktionen in Zusammenhang, ist schlichtweg
falsch. Der Irak muß diese Angelegenheit regeln,
bevor Sanktionen modifiziert werden können. Zweitens. Die hektischen Bestrebungen des Irak, außerhalb des Rahmens des Internationalen Komitees
des Roten Kreuzes ein Abkommen zu schließen,
weisen darauf hin, daß das Land die klaren Instruktionen des Sicherheitsrates nicht verstanden hat.
Der Irak setzt sein internes Embargo gegen den
Nordirak, seine Unterdrückung der Schia und Zerstörung ihres Lebensraums im Süden fort - Aktionen,
die gegen Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats
verstoßen.
Der Sicherheitsrat weiß, daß der Irak sich weiterhin
weigert, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen,
die zu einer Aufhebung der Sanktionen führen
könnten. Da er über die Schwierigkeiten besorgt war,
die Nichtmitglieder des Regimes mit der Finanzierung
grundlegender humanitärer Bedürfnisse haben, nahm
er einstimmig Resolution 986 an und ermöglichte

Seite 1

�damit dem Irak Olverkäufe zur Finanzierung von
Lebensmittelimporten, Medikamenten und anderem
humanitären Versorgungsmaterial.
Wir entwarfen eine Resolution, für deren Ablehnung
die irakische Regierung keine Entschuldigung hat.
Die Resolution befaßt sich mit allen Fragen, die von
der irakischen Regierung als Rechtfertigung für ihre
frühere Ablehnung der Durchführung von Resolutionen 706 und 712 angeführt wurden. Der Sicherheitsrat handelte aus Besorgnis um das irakische
Volk; wir waren enttäuscht über die Weigerung des
Irak, die Resolution zu akzeptieren, die der irakischen Bevölkerung mehr Nahrungsmittel und Medizin liefern würde, als die irakische Regierung zu
finanzieren bereit ist. Wir betrachten die irakische
Weigerung jedoch ebensowenig als endgültig wie die
Ablehnung der letzten 30 Resolutionen des Sicherheitsrats durch das Land.
Wenn die Regierung des Irak wirklich um das Wohl
ihrer Bevölkerung besorgt ist, sollte sie Resolution

986 akzeptieren und umsetzen. Wir weisen die
Behauptung Baghdads zurück, es bestehe kein
Bedarf für eine sogenannte Übergangsmaßnahme.
Wir bedauern, daß Baghdad zur Umgehung von
Resolution 986 entschlossen zu sein scheint, indem
es falsche Argumente über Souveränität anführt.
Dies ist zu einem Zeitpunkt, an dem der Rat eine
ausschließlich auf humanitäre Belange ausgerichtete
Resolution angenommen hat, nicht angemessen.
Die Befolgung der Resolutionen des Rates läßt
keinen Raum zum streiten oder feilschen. Das
wesentliche an ihnen ist, daß der Irak seine Bereitschaft unter Beweis stellen sollte, in Frieden mit
seinen Nachbarn und seinem eigenen Volk zu leben.
Der Sicherheitsrat hat das bekräftigt, und der Irak
sollte dementsprechend handeln. Wir sind bereit, auf
reale humanitäre Belange zu reagieren - wie Resolution 986 demonstriert - sind jedoch nicht bereit zur
Aufhebung der Sanktionen auf der Grundlage der von
Baghdad bisher unternommenen halbherzigen
Schritte.

* *

Seite 2

AMERIKA DIENST 18

�NICHTVERBREITUNG
17. Mai 1995

USA begrüßen Entscheidung über Verlängerung des N W
Erklärung von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, erklärte am 11. Mai 1995, die internationale Staatengemeinschaft hätte sich mit ihrer
Entscheidung über eine unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) "einer historischen
Herausforderung gestellt und den Sieg davongetragen".
Frau Albright erörterte Strategie und Grundprinzipien der Vereinigten Staaten bei ihrer weltweiten Kampagne
zur unbegrenzten, bedingungslosen Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags auf einer Pressekonferenz,
die kurz nach der Entscheidung der Unterzeichnerstaaten über eine unbegrenzte Verlängerung des 25 Jahre
alten N W stattfand. Bei der Konferenz wurden auch andere Dokumente angenommen, darunter eine
Grundsatzerklärung, eine Verpflichtung zu einer Stärkung des Überprüfungsprozesses sowie eine Resolution

über eine Zone im Nahen Osten, die frei von Massenvernichtungswaffen sein soll.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der von Botschafterin Albright bei der Pressekonferenz abgegebenen
Erklärung.
Meine Damen und Herren, zunächst einmal möchte
ich im Namen der gesamten amerikanischen Delegation bei der Konferenz über die Verlängerung des
N W zum Ausdruck bringen, daß wir einen langen,
schwierigen Weg zurückgelegt, letztlich aber unser
Ziel erreicht haben. Der Nichtverbreitungsvertrag ist
unbegrenzt verlängert worden. Die Gefahr einer
Verbreitung von Nuklearwaffen auch in anderen
Ländern wurde verringert. Durch die Verminderung
des Risikos, daß zusätzliche Länder zu Atommächten werden, sollte dieser außerordentliche Erfolg die
Welt zu einem sichereren Ort für uns alle, unsere
Kinder und Enkelkinder machen.

sowie auf zahlreiche andere Beamte des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des
Nationalen Sicherheitsrats.
Last but not least möchte ich den Dank meiner
Regierung an Botschafter Dhanapala, den Präsidenten der Konferenz übermitteln, der uns geschickt
durch aufgewühlte diplomatische Gewässer steuerte,
um die Verlängerung des Vertrags ohne ein entzweiendes Votum zu ermöglichen.

Präsident Clinton machte die Verlängerung des N W
zu einer seiner obersten außenpolitischen Prioritäten. Aus diesem Grund kam Vizepräsident Gore als
Leiter der amerikanischen Delegation nach New
York. Aus diesem Grund befaßte sich Außenminister Christopher in New York und bei verschiedenen
Zusammenkünften weltweit so energisch mit dieser
Frage. Und aus diesem Grund habe ich mich hier
bei den Vereinten Nationen an der Ausarbeitung der
Resolutionen über eine Erweiterung beteiligt und
während meiner letzten Reise an Gesprächen mit
anderen Politikern teilgenommen.

Zu Beginn dieser Konferenz waren die meisten
Kommentatoren der Ansicht, es könne kein Konsens
der Unterzeichnerstaaten über eine unbegrenzte
Erweiterung erlangt werden. Viele argumentierten,
die Vereinigten Staaten gefährdeten durch ihr Beharren auf einer unbegrenzten und bedingungslosen
Erweiterung unnötigerweise die Zukunft des N W .
Viele vertraten die Ansicht, wenn wir nicht auch einer
Verlängerung um eine kürzere Zeit zustimmten,
würden wir einige Länder zu einer Ablehnung oder
Abkehr vom N W veranlassen. Und viele sagten, um
eine Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags zu
erzielen, müßten wir über die Ansicht unserer Regierung zur richtigen Geschwindigkeit der Abrüstung
hinausgehen.

Dies war eine umfassende Bestrebung der USRegierung, während der wir uns stark auf die unermüdliche Expertise von Ralph Earle, Tom Graham
und der gesamten NW-Delegation verlassen haben

Diese Ansichten erwiesen sich allesamt als falsch
oder stark übertrieben. Trotz vieler schwieriger Tage,
in denen wir diese und andere Kritikpunkte zurückwiesen, erledigten die Delegation und die Administra-

AMERIKA DIENST 18

Seite 1

�tion ihre Arbeit auf entschiedene, geschäftsmäßige
Art und Weise.
Ein kurzer Blick auf die heutigen Entscheidungen
zeigt, daß sich unsere Mühe bezahlt gemacht hat.
Erstens haben wir erfolgreich Nutzen aus dieser
einmaligen Chance zu einer dauerhaften Verlängerung dieses entscheidenden Vertrags gezogen. Die
Länder können jetzt zuversichtlich und sicher sein,
daß eine Entscheidung über den Verzicht auf Nuklearwaffen ihrer Nation nicht in einigen Jahren schaden wird.
Zweitens war unsere Strategie, auf einer unbegrenzten Verlängerung zu beharren - selbst wenn das
eine Abstimmung erfordert - die richtige. Indem wir
unsere Entschlossenheit demonstrierten, eine
unbegrenzte Verlängerung sicherzustellen, wurden
sich andere bewußt, daß Verhandlungen in gutem
Glauben über Begleitdokumente und eine anschließende Einigung über eine Verlängerung des Vertrags die klügste Entscheidung darstellten.
Drittens wurde diese unbegrenzte Verlängerung
nicht an Bedingungen geknüpft. Wir vermieden
erfolgreich eine Sprachregelung, die die Zukunft des
N W an einen besonderen Zeitplan für bestimmte
Waffenkontrolle und Abrüstungsziele knüpft. Dies
war entscheidend, weil wir eine Situation vermieden,
in der das gesamte Gebäude der Nichtverbreitung
zusammenfallen würde, wenn ein spezifisches Ziel
der Rüstungskontrolle nicht zu einem bestimmten
Zeitpunkt erzielt würde. Es wurde Zutrauen in die
Dauerhaftigkeit
des
Nichtverbreitungsregimes
geschaffen. Die Länder können jetzt auf Atomwaffen
verzichten, ohne fürchten zu müssen, daß der
Vertrag in naher Zukunft scheitern könnte.
Obwohl mittlerweile fast jedes Land der Welt auf
Kernwaffen verzichtet, haben die Atommächte auf
dem Gebiet der Rüstungskontrolle und Abrüstung
große Schritte unternommen und werden das auch
weiterhin tun. Die Kombination der START I und
START Il-Verträge führte zur Zerstörung Tausender
von strategischen Nuklearwaffen, und die verbleibenden Waffen sind nicht länger auf die Zivilbevölkerung
gerichtet. Die Verhandlungen über die Beendigung
von Atomwaffentests machen gute Fortschritte - und
Präsident Clinton setzt sich für ein solches Verbot im
kommenden Jahr ein. Die Vereinigten Staaten
drängen auf ein globales Verbot der Produktion
spaltbarer Materialien für atomwaffenfähige Zwecke.

Bei der Aushandlung der Begleitdokumente weigerte
sich die Clinton-Administration, zu Verpflichtungen
über Rüstungskontrolle und Abrüstung gedrängt zu
werden, die uns unsolide und unrealistisch erscheinen. Und wir erreichten dennoch die unbegrenzte
und bedingungslose Verlängerung mit einhelliger
Unterstützung aller Vertragsparteien.
Gleichzeitig trugen wir den Anliegen vieler Regierungen, angeführt von der südafrikanischen Delegation
Rechnung, den Verif izierungsprozess des Vertrags zu
stärken. Die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags wird nicht unser Engagement für
die Erfüllung unserer Verpflichtungen unter dem
Vertrag schmälern. Ein beschleunigter Überprüfungsmechanismus wird dazu beitragen, dieses Ergebnis
sicherzustellen.

v

Abschließend möchte ich sagen, daß dieses erfolgreiche Ergebnis meines Erachtens auf mehrere
Faktoren zurückzuführen ist. Es ist ein Tribut an die
weltweite Lobbyistenarbeit Präsident Clintons während der vergangenen Monate. Ferner ist es das
Resultat des Goodwills, den die Clinton-Administration weltweit während der vergangenen Monate
aufbaute, während wir zunehmend eine Verfolgung
unserer außenpolitischen Ziele durch multilaterale
Diplomatie anstrebten.
Indem wir die Anliegen
anderer Länder hörten und ihnen - wo möglich Rechnung trugen, stellten wir sicher, daß andere
Länder den wichtigen Anliegen der Vereinigten
Staaten Rechnung tragen. Und natürlich ist unser
heutiger Erfolg das Ergebnis des Engagements vieler
Länder für ein Nichtverbreitungsregime. Ihr Verständnis von der Bedeutung einer unbegrenzten
Verlängerung des Vertrags war ein entscheidender
Faktor.
Als Vizepräsident Gore vergangenen Monat bei
dieser Konferenz eine Rede hielt, verglich er diesen
Moment der Entscheidung mit der Krise, mit der die
Generation des Zweiten Weltkriegs konfrontiert war,
und die Präsident Roosevelt als "Rendezvous mit
dem Schicksal" bezeichnet hatte. Mit der heutigen
Entscheidung haben sich die Länder der Welt - und
die Vereinigten Staaten im besonderen - einer
historischen Herausforderung gestellt und den Sieg
davongetragen. Sie trafen eine kluge Entscheidung,
indem sie eine gefährlichere Welt mit neuen Nuklearwaffen zurückwiesen. Und indem wir eine Welt
sicherstellten, in der nicht durch Unsicherheit und
Angst neue und gefährliche Nuklearwaffen hervorgebracht werden, entschieden wir uns dafür, die
Sicherheit aller zu stärken.

Zusammen mit der Verlängerung des N W haben
diese Schritte die Gefahr eines Atomkriegs stark
verringert. Und das ist natürlich das Ziel all unserer
Bestrebungen.

Seite 2

,

AMERIKA DIENST 18

'

�USI A
17. Mai 1995

Amerika Häuser sind organische Verbindung
zwischen USA und Deutschland
Rede von Richard C. Holbrooke
FRANKFURT/MAIN - (AD) - Die Amerika Häuser sind "ein einzigartiges Kapital", erklärte der Abteilungsleiter
für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard C. Holbrooke, der am 11.
Mai 1995 in der Frankfurter Paulskirche im Namen des US-Informationsamts (United States Information Agency
- USIA), dem die Amerika Häuser angehören, den Leo M. Goodman Award entgegennahm.
Die Amerika Häuser stellten eine "organische Verbindung zu Deutschland" her, äußerte Holbrooke und hob
insbesondere ihre Anpassungsfähigkeit hervor. Sie böten "einen facettenreichen Dialog und Engagement
zwischen unseren beiden Ländern auf vielen Ebenen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Abteilungsleiter Holbrooke im Wortlaut.
Fred, Außenminister Genscher, Botschafter Redman,
es ist mir eine große Ehre, stellvertretend für die
Amerikanische Botschaft und das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA), dem
die Amerika Häuser in Deutschland angehören, den
Leo M. Goodman Award entgegenzunehmen.
Besonders geehrt fühle ich mich über die heutige
Anwesenheit eines früheren Preisträgers.
Ich
möchte Herrn Genscher meine Dankbarkeit für alles
aussprechen, was er für die deutsch-amerikanischen
Beziehungen sowie die Sache des Friedens und der
Freiheit in Europa und auf der Welt getan hat.
Dr. Joseph Duffey, der Direktor des US-Informationsamts, bedauert es außerordentlich, heute nicht hier
sein zu können. In wenigen Stunden wird er bei der
Anhörung eines Senatsausschusses über die Zukunft des US-Informationsamts sprechen. Ich bin
zuversichtlich, daß der heute den Amerika Häusern
verliehene Preis Dr. Duffey dabei unterstützen wird,
dem Kongreß und dem amerikanischen Volk ein
deutliches Signal zu senden, daß USIA in unserem
außenpolitischen Team eine unerläßliche Rolle
spielt.
Ich finde es sehr erfreulich, daß dieser Preis zwei
Jahre hintereinander einem der Unseren verliehen
wird. Im vergangenen Jahr wurde Senator William
Fulbright für die Gründung des Austauschprogramms
ausgezeichnet, das seinen Namen trägt. Das Ful-

AMERIKA DIENST 18

bright-Programm, dessen Ehrenvorsitzende der USBotschafter in Deutschland und Außenminister Kinkel
sind, fällt ebenfalls in den Aufgabenbereich von USIA.
Wir alle bedauerten vor kurzem den Tod des Senators. Gleichzeitig wurden wir aber auch daran
erinnert, daß gute Werke ein Menschenleben überdauern. Durch das Fulbright-Programm wird sein
Name lange Zeit ein Symbol für Völkerverständigung
und Goodwill bleiben.
Sowohl die Amerika Häuser als auch das FulbrightProgramm bezeugen die Bedeutung des zwischenmenschlichen Austauschs sowie des interkulturellen
Dialogs. Die Amerika Häuser in Deutschland sind
seit einem halben Jahrhundert Foren für freie, offene
und ehrliche Gespräche.
Wenn ich von freien und offenen Diskussionen
spreche, erinnert mich das daran, wie angemessen
dieser Veranstaltungsort - die Paulskirche - ist, die
seit anderthalb Jahrhunderten die Rede- und Meinungsfreiheit symbolisiert.
Hier kam das erste,
demokratisch gewählte Parlament in der deutschen
Geschichte zusammen, um eine Verfassung für ein
freies und geeintes Deutschland auszuarbeiten.
Bedauerlicherweise wurde dieser große Traum
zunichte gemacht, mit militärischer Gewalt unterdrückt. Nach der erfolglosen Revolution der 40iger
Jahre des 19. Jahrhunderts kam ein Strom berühmter
Deutscher, viele der Talentiertesten und Klügsten

Seite 1

�dieses Landes, über den Atlantik und bereicherte
und stärkte die Demokratie in den Vereinigten
Staaten.
Unter ihnen waren Carl Schurz, der amerikanischer
Senator, Innenminister und führender Reformer
wurde; Thomas Nast, der wichtigste politische
Cartoonist unserer Geschichte - er erfand den Esel
als Symbol der Demokratischen Partei, den Elefanten der Republikaner und unser nationales Selbstbildnis, Onkel Sam - sowie Albert Bierstadt, einer der
Gründer der ersten Schule amerikanischer Maler,
der Hudson River School.
Deutsche Einwanderer spielten weniger als 20 Jahre
später eine entscheidende Rolle in der größten Krise
der amerikanischen Geschichte - unserem Bürgerkrieg. Deutsche Einwanderer halfen unserer Nation,
diese Bewährungsprobe zu bestehen und die von
uns stets hochgehaltenen Ideale zu verteidigen. Der
berühmte Südstaatengeneral, Robert E. Lee, soll
gesagt haben: "Wenn die Deutschen nicht gewesen
wären, hätten wir die Yankees geschlagen."
300.000 deutsche Einwanderer kämpften für die
Union, darunter Generäle wie der eben erwähnte
Carl Schurz und Franz Sigel.
Ungefähr 100 Jahre später überquerte ein anderer
Menschenstrom den Atlantik - dieses Mal in Richtung Osten. Ende der 40iger und Anfang der 50iger
Jahre kamen viele Amerikaner nach Deutschland,
um beim Wiederaufbau Ihres Landes zu helfen und
eine starke Grundlage für Ihre Demokratie zu legen.
Zu ihren herausragenden Leistungen zählt die
Errichtung der Amerika Häuser.

In ihren Anfängen

waren es kleine Leseräume in der amerikanischen
Besatzungszone, oft an unmöglichen Orten: Im
Hinterzimmer eines Wirtshauses, in einer Arztpraxis
oder einer Börse. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelten sich während der ersten Monate
und Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
in Städten in ganz Westdeutschland amerikanische
Bibliotheken.
Diese Zentren sowie die von ihnen organisierten
Filmvorführungen, Vorträge, Ausstellungen und
Konzerte füllten ein Vakuum in einem Land, das
durch die Diktatur isoliert und vom Krieg zerstört
war. Diese Aktivitäten unterstanden in den Anfangsjahren den amerikanischen Streitkräften und anschließend dem US-Außenministerium.
1953
übernahm das neugegründete US-Informationsamt
diese Aufgaben.
Diese mittlerweile "Amerika Häuser" umgetauften
Institutionen waren für die deutsche Öffentlichkeit
eine Offenbarung. Menschen mit einem gesunden

Seite 2

Mißtrauen gegenüber Propaganda - Ergebnis ihrer
schrecklichen Erfahrungen - waren äußerst beeindruckt von der Offenheit sowie Meinungs- und
Ideenfreiheit, die sie dort vorfanden.
Der US-Hochkommissar für Deutschland, John J.
McCIoy, erklärte 1950: "Das Amerika Haus ist kein
Haus der Propaganda. Es ist ein Ort, an dem freie
Männer und Frauen ihre Ansichten austauschen,
lernen und gegenseitiges Verständnis entwickeln
können."
Dieses Verständnis entstand und entsteht durch
Bücher und Zeitschriften, Besuche amerikanischer
Künstler, Wissenschaftler und Regierungsvertreter,
Kunstausstellungen und Konzerte sowie durch
Austausch- und internationale Besucherprogramme.

,

i

Musiker von John Cage bis Lionel Hampton, Schriftsteller von William Faulkner bis Toni Morrison,
Künstler und Architekten von Edward Steichen bis
Mies van der Rohe kamen im Laufe der Jahre in die
Amerika Häuser.
Während der letzten Jahrzehnte, in denen Deutschland seine eigenen Bibliotheken und Kulturinstitutionen wiederaufbaute und eine stabile und erfolgreiche
Demokratie schuf, sank unweigerlich die Zahl der
Amerika Häuser. Die derzeitigen Häuser - Berlin,
Köln, Frankfurt, München, Hamburg und Leipzig sind Aushängeschilder eines Systems, dem einst
über 50 angehörten.
Leseräume weichen jetzt den CD-ROMs. Digitale
Videokonferenzen nutzen Satellitentechnologie;
umfangreiche Zeitschriften werden auf CDs gespeichert; Multimedia-Computer vergrößern den Zugang
von Studenten, die in den Vereinigten Staaten
studieren wollen, zu mehr Informationen.
Durch Investitionen in neue Konzepte von Service
und Technologie können die Amerika Häuser führenden deutschen Meinungsbildern heute und morgen
mehr Einblick in die Vereinigten Staaten gewähren
als je zuvor. Alle Amerika Häuser sind heute nahtlos
durch ein elektronisches Netz verbunden, das sofort
neueste Informationen über die Vereinigten Staaten
bereitstellt.
Jedes enthält das neue "Information USA"-System,
das weit über die Rolle einer traditionellen Bibliothek
hinausgeht. Das "Information USA"-System umfaßt
den Auskunftsdienst "Reference Service", der Informationen über alle Aspekte amerikanischer Politik
und Gesellschaft bereitstellt, "Study in the USA", das
an einem Studium in den Vereinigten Staaten interessierten Deutschen Beistand leistet, die "Business
Information Centers", die - in Zusammenarbeit mit der

AMERIKA DIENST 18

«

k

�Handelsabteilung des US-Wirtschaftsministeriums spezielle Daten über amerikanische Unternehmen,
Produkte und Dienstleistungen liefern, um unsere
wachsenden Wirtschaftsbeziehungen zu fördern.
Es ist äußerst passend, daß das erste Business
Information Center im Januar vergangenen Jahres
im Amerika Haus Frankfurt eröffnet wurde. Dies ist
eine Anerkennung der Rolle dieser Stadt als eines
der wichtigsten Finanzzentren Europas.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit der Amerikanischen Handelskammer für ihre fortgesetzte und
energische Unterstützung der Amerika Häuser
danken. Wie die Verleihung des Leo M. Goodman
Awards demonstriert, profitieren beide Seiten von
diesen Beziehungen. Amerikanische Unternehmen
leisten einen unerläßlichen Beitrag zu Frieden,
Völkerverständigung und Demokratie hier und andernorts.
Die Förderung amerikanischer Unternehmen im
Ausland gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer
Präsenz außerhalb der Vereinigten Staaten. Sie ist
ein Schlüsselelement von Präsident Clintons Plan für
nationales Wirtschaftswachstum und Sicherheit. Wir
in der Regierung pflegen im Rahmen eines Prozesses gemeinsamer Aktionen und der Verständigung
überall Kontakte zu amerikanischen Unternehmen.
Die Business Information Centers, die vom USInformationsamt und der Handelsabteilung des USWirtschaftsministeriums in sechs Städten Deutschlands unterhalten werden, sind ein gut sichtbares
und dynamisches Symbol für die neue Konzentration
auf wirtschaftliche und unternehmerische Interessen
als integraler Bestandteil der Außenpolitik dieser
Administration. Seit ihrer Eröffnung vor einem Jahr
haben die Business Information Centers Tausende
von Anfragen deutscher und amerikanischer Unternehmen beantwortet. Gleichzeitig hat die Zusammenarbeit zwischen dem US-Informationsamt, der
Handelsabteilung des US-Wirtschaftsministeriums,
anderer Regierungsbehörden der Vereinigten Staaten sowie Organisationen wie der Amerikanischen
Handelskammer in Deutschland den Amerika Häusern eine neue Rolle gegeben - als Forum und
Treffpunkt für Wirtschaftsvertreter.
Natürlich vertreten wir Amerika als Ganzes, nicht
einzelne Unternehmen.
Aber wir können hier
interessante Informationen über Wirtschaft und
Unternehmen der Vereinigten Staaten geben. Die
Entwicklung neuer und die Wiederbelebung alter
Industrien - die vielgestaltige Kreativität amerikanischer Unternehmen - sind ein anregendes Beispiel
für unsere fortdauernde nationale Dynamik.

AMERIKA DIENST 18

Am heutigen Abend ist auch ein besonderes Wort
des Dankes an die Adresse der Organisationen und
Freiwilligenverbände engagierter und aufgeschlossener Einzelpersonen angebracht, die über die Jahre
zum Erhalt der Amerika Häuser beigetragen haben.
Ich meine die "Freunde und Förderer des Amerika
Hauses" in Frankfurt, die "Freunde des Amerika
Hauses" in München und Berlin sowie den "Freundeskreis des Amerika Hauses Köln". Diese Gruppen
haben viel dazu beigetragen, die Amerika Häuser zu
den lebenswichtigen Kräften zu machen, die sie
waren und sind. Wir stehen tief in ihrer Schuld.
Würdigen möchte ich auch die Deutsch-Amerikanischen Institute - die GAls - die über die Jahre hinweg
die Fahne hochgehalten haben. Viele waren ursprünglich Amerika Häuser. Sie alle führen solide,
nachdrückliche und kreative Programme durch - trotz
der Rückschläge und Haushaltskürzungen, die uns
alle auf beiden Seiten des Atlantiks betreffen.
Meinen aufrichtigen Dank möchte ich auch der
deutschen Regierung - auf Bundes-, Länder- und
Gemeindeebene - für ihre entschiedene Unterstützung der GAls und der Amerika Häuser aussprechen.
Nur dadurch ist die lebhafte amerikanische Präsenz
in vielen Teilen Deutschlands möglich geworden.
Die Amerika Häuser haben seit ihren bescheidenen
Anfängen viel erreicht. Trotz oder vielleicht gerade
wegen dieses ständigen Wandels stehen sie für
dauerhafte, dynamische Bande zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.
Bei der Eröffnung des jüngsten Amerika Hauses in
Leipzig vor drei Jahren erinnerte sich der sächsische
Ministerpräsident Kurt Biedenkopf daran, wieviel er
selber während der fünfziger Jahre von seinen
Besuchen in den Amerika Häusern in Westdeutschland gelernt hatte. Jetzt bietet das neue Amerika
Haus Leipzig den Ostdeutschen, die nahezu sechs
Jahrzehnte lang von der amerikanischen Kultur
abgeschnitten waren, diese Möglichkeit.
Ich freue mich über unsere bisherigen Leistungen,
Amerika und die neuen Bundesländer einander
anzunähern, und sehe der Zukunft erwartungsvoll
entgegen. Zusätzlich zum Programm des Amerika
Hauses Leipzig, das für Sachsen und Thüringen
zuständig ist, erweitert das Amerika Haus Berlin
unsere Aktivitäten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt
und Mecklenburg-Vorpommern.
In Zusammenarbeit mit der Universität Halle-Wittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen sind wir
aktiv an der Errichtung eines Centers for Advanced
English and U.S. Studies in Lutherstadt Wittenberg
beteiligt. Radio Charlie der Voice of America wird am

Seite 3

�Samstag in Berlin seinen Sendebetrieb auf der
Frequenz des früheren AFN aufnehmen. Dieses
Projekt - eine Partnerschaft zwischen VOA, die
ebenfalls dem US-Informationsamt untersteht, und
Capital Radio wird einen belebenden Beitrag zur
Medienlandschaft in der am schnellsten wachsenden
und dynamischsten Hauptstadt Europas leisten.
Eine weitere interessante neue Institution, die
Amerikanische Akademie zu Berlin, wird sich auf die
Förderung des Kulturaustausche auf der Ebene der
Geisteswissenschaften über den Atlantik hinweg und
in ganz Mitteleuropa konzentrieren.
Ich habe über unsere Leistungen in der Vergangenheit und Pläne für die Zukunft gesprochen. Diese
Aktivitäten finden jedoch vor dem Hintergrund jahrhundertealter gemeinsamer Geschichte und Erfahrungen statt. Wir, die wir am heutigen Abend hier
versammelt sind -Deutsche und Amerikaner gleichermaßen - wissen, daß unsere beiden Völker über
Jahrhunderte einzigartige Beziehungen entwickelt
haben - entstanden durch die Einwanderung, zerrissen durch Kriege, geheilt und gepflegt durch Wiederaufbau und Bündnisse, aufrechterhalten durch
zwischenmenschliche Kontakte sowie den Austausch
von Menschen und Gütern.
Wir wissen, daß die Geschichte uns auf Gedeih und
Verderb aneinander gebunden hat, daß es einem
unserer Länder nur gut gehen kann, wenn es dem
anderen ebenfalls gut geht.
Wir sind uns auch bewußt, daß eine unserer wichtigsten Aufgaben in der Pflege dieser Beziehungen
besteht und darin, ihre Zukunft treuhänderisch zu
verwalten - die lebenswichtigen Verbindungen aufrechtzuerhalten, die gewährleisten, daß die Lehren
der Geschichte von einer Generation an die nächste
weitergegeben werden.
Wir befinden uns inmitten eines dynamischen Wandels und suchen nach Lösungen für die neuen
Herausforderungen zunehmend komplexer und
zunehmend multikultureller Gesellschaften.
Die
Notwendigkeit einer Anpassung an neue Gegebenheiten besteht immer weiter: Vom Informationszeitalter bis zu einem zunehmend integrierten
Europa, von Haushaltskürzungen bis zu den Erfordernissen einer wirklich globalen Wirtschaft.
Die Amerika Häuser sind Zeugen und Leitfiguren in
den wogenden Wassern des Wandels. Sie stehen
für direktes amerikanisches Engagement - eine
organische Verbindung zu Deutschland. Sie erfassen und reflektieren nicht nur Ihre, sondern auch
unsere regionale Vielfalt.
Sie gehen über die
nationalen Hauptstädte - Bonn und Washington,
Berlin und New York - hinaus und erstrecken sich

Seite 4

auf regionale Hauptstädte wie Hamburg und Chicago,
München und Cincinnati.
Die Amerika Häuser sind ein einzigartiges Kapital.
Sie öffnen jedem die Tür zu den Vereinigten Staaten,
der uns in unserer ganzen Vielfalt kennenlernen
möchte. Sie sind greifbare Symbole unserer dauerhaften Freundschaft und wechselseitigen Abhängigkeit.
Das Geniale an ihnen ist ihre Anpassungsfähigkeit.
Sie bieten einen facettenreichen Dialog und Engagement zwischen unseren beiden Ländern auf vielen
Ebenen. Im übergreifenden Kontext eines Programms des Amerika Hauses wird ein aufmerksamer
Beobachter erstaunliche Nebeneinanderstellungen
und Ähnlichkeiten beispielsweise von Geldwert und
moralischen Werten, von Außen- und Städtepolitik
sehen.
Es war eine kluge Entscheidung, unsere Zentren
"Häuser" zu nennen. Ein Haus ist ein Ort, der
Besucher willkommen heißt, jedoch hauptsächlich der
Familie dienen soll. Ein Haus enthält komplexe und
miteineinander verflochtene Beziehungen, die bisweilen schwierig sind. Es ist jedoch letztlich ein Ort, an
dem man sich umeinander kümmert. Die Amerika
Häuser sind die physische Manifestation dauerhaften
Engagements.
Nationale Politik wird weltweit immer stärker nicht nur
von Eliten, sondern von zunehmend besser informierten Bürgern beeinflußt. Eine äußerst wichtige Rolle
spielen dabei Einzelpersonen und Organisationen, die
sich mit grenzüberschreitenden Fragen befassen wie Handel, Menschenrechte, Umwelt, Rolle der Frau,
Bildung und Einwanderung. Internationale Beziehungen werden immer zersplitterter, unmittelbarer und
persönlicher. Die Ansichten und Aktionen der Öffentlichkeit in den einzelnen Ländern haben einen
größeren Einfluß auf die Weltgeschichte als je zuvor.
Unsere Aufgabe in der amerikanischen Außenpolitik
besteht darin, diesem wachsenden Bedürfnis zu
entsprechen: Zur Förderung unserer nationalen
Interessen zu verstehen, zu informieren und zu
beeinflussen und den Dialog zwischen Amerikanern
und der übrigen Welt zu erweitem.
In diesem Zusammenhang werden USIA und die
Amerika Häuser auch in Zukunft auf glaubwürdige
und sinnvolle Art die Position der Vereinigten Staaten
erklären und verteidigen, Informationen über die
offizielle Politik der Vereinigten Staaten sowie über
die diese Politik gestaltenden Bürger, Werte und
Institutionen geben und amerikanische und deutsche
Bürger gleichermaßen in den Genuß der Vorteile
internationalen Engagements bringen.

AMERIKA DIENST 18

�die alten Welten Griechenlands und Roms
trennte... Unsere Rollen unterscheiden und
ergänzen sich - und wir verfolgen dieselben
Ziele: Frieden und Freiheit für alle Menschen
für alle Zeit in einer Welt des Wohlstands und
der Gerechtigkeit."

Im nächsten Monat sind es 32 Jahre her, daß Präsident John F. Kennedy in diesem Raum Worte
sprach, die heute ebensolche Gültigkeit haben wie
damals:
"... Denn wir leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten sowie der Unabhängigkeit
- einem Zeitalter des Internationalismus sowie
des Nationalismus... heute gibt es keine
ausschließlich deutschen oder amerikanischen
oder sogar europäischen Probleme. Es gibt
internationale Probleme, und unsere beiden
Länder und Kontinente sind bei den Aufgaben
des Friedens ebenso wie im Krieg untrennbar
miteinander verbunden.
Wir sind Partner für den Frieden - nicht in
einem engen, bilateralen Kontext, sondern im
Rahmen einer atlantischen Partnerschaft. Der
Ozean trennt uns weniger, als das Mittelmeer

Die Amerika Häuser und das US-Informationsamt
haben während des vergangenen halben Jahrhunderts einen großen Beitrag dazu geleistet, einen
Konsens über diese gemeinsamen Ziele zu bilden.
Möge dieser großzügige Preis uns zu erneutem
Engagement inspirieren. Wir wollen sicherstellen,
daß diese Institutionen sich in einer wandelnden Welt
weiterhin anpassen, verbessern und unsere beständige deutsch-amerikanische Freundschaft auf Dauer
vertiefen.
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 18

*

Seite 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12430">
                <text>17.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12431">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12432">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12433">
                <text>Amerikadienst 17.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12434">
                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton spricht über Moskauer Gipfel und Sanktionen gegen Japan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radioansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Irak&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright unterstützt feste Haltung der UNO gegenüber dem Irak&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ausweitung der Sanktionen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA begrüßen Entscheidung über Verlängerung des NVV&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USIA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika Häuser sind organische Verbindung zwischen USA und Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Richard C. Holbrooke&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2406" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2417">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/60d070ec597dc85f817899407f0f7d32.pdf</src>
        <authentication>78058e25e51e88cbffb63314a2ae3669</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12441">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^rioN ^

Z12462 C

24. Mai 1995

19

USA-DEUTSCHLAND

ERÖFFNUNG DER 41. DEUTSCHAMERIKANISCHEN FREUNDSCHAFTSWOCHE
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

USA-EUROPA

AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK
- GRUNDLAGEN UND PERSPEKTIVEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

SICHERHEITSARCHITEKTUR

EINE NEUE SICHERHEITSARCHITEKTUR
FÜR EUROPA
von William J. Crowe, Jr.

WIRTSCHAFT

VON ORGANISATIONEN ZU MARKTEN
von William E. Halal

LITERATUR

"GUTE ZEITEN FÜR DICHTER"
Interview mit Pulitzerpreisträger Philip Levine

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�USA-DEUTSCHLAND
24. Mai 1995

Eröffnung der 41. Deutsch-Amerikanischen
Freundschaftswoche
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
WÜRZBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Mai 1995 vom Gesandten der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, aus Anlaß der Eröffnung der 41.
Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche in der Würzburger Residenz gehaltene Rede im Wortlaut.
General Chelberg,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, aus Anlaß der Eröffnung der Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche hier zu sein. Botschafter Redman hat mich
gebeten, Ihnen sein Bedauern zu übermitteln, daß er
nicht kommen konnte. Er möchte jedoch ebenso wie
ich unserem Ehrengast seine Glückwünsche aussprechen - General Shalikashvili, dem heute für
seinen Beitrag zur deutsch-amerikanischen Freundschaft die Lucius D. Clay-Medaille verliehen wird.
Herr General, es ist mir eine Ehre, zusammen mit
Ihnen und so vielen herausragenden Deutschen und
Amerikanern - Herrn Weber, Herrn Staatsminister
Leeb, General Naumann und General Joulwan - hier
zu stehen.
Ich freue mich, wieder in Würzburg zu sein, wo ich
vor nahezu einem Vierteljahrhundert als junger
Armeeoffizier zusammen mit meiner Frau Jean
unser erstes deutsches Heim einrichtete.
Ich
erinnere mich, wie ich das erste Mal in dieser
wunderschönen Residenz stand, die Architektur von
Balthasar Neumann und die Gemälde von Tiepolo
bewunderte - lange bevor ich erfuhr, welche Rolle
ein Amerikaner, John Skilton, dabei spielte, das
Gebäude in jenen ersten Nachkriegstagen vor der
Zerstörung zu bewahren.

Morgens schaute ich - mit der Sonne im Rücken über das diesige Maintal und sah das Schloß Marienberg, das sich schemenhaft im Dunst abzeichnete.
Mir war, als sähe ich es zum ersten Mal, und ich
erkannte Würzburg als das, was es war und ist: Eine
wunderschöne - eine herrliche - Stadt.
Ebenso wie Millionen meiner amerikanischen Mitbürger, die seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland leben, bin ich Teil eines engmaschigen Netzes
menschlicher Bande, die unsere zwei Länder verbinden. Ich bin fünfmal nach Deutschland zurückgekommen - nach Bremen, Berlin und Bonn - und
genieße heute das große Privileg, meinem Land als
stellvertretender Botschafter zu dienen.
Seit fünf Jahrzehnten haben die Menschen in Unterfranken und anderen Teilen Deutschlands die Amerikaner und ihre Familien willkommen geheißen, ihnen
ihr Heim geöffnet und die deutschen Sitten und
Gebräuche gelehrt. Wir haben unsererseits die
Kenntnisse unserer deutschen Freunde über die
Vereinigten Staaten und das amerikanische Volk
vergrößert.
Zwischen uns haben sich besondere Freundschaftsbande entwickelt und unser Leben bereichert. Der
Abzug eines Teils unserer Streitkräfte ist eine bittersüße Erfahrung - vergleichbar mit der Traurigkeit, die
man empfindet, wenn man langjährigen Nachbarn
und Freunden Lebewohl sagt.

Einmal hier, gewöhnte ich mich schnell an die
fränkische Lebensweise - erfreute mich der Weinberge und ihres Produkts, des Frankenweins, in seinen
weltberühmten Bocksbeuteln.
Und ich machte
meine erste Bekanntschaft mit dem, was Mark Twain
als "schreckliche deutsche Sprache" bezeichnete.

Die Tatsache, daß diese Truppenreduzierungen
möglich sind, ist jedoch ein Grund zur Freude. Sie
sind das Ergebnis enormer Veränderungen in der
Welt seit der Ankunft der amerikanischen Streitkräfte
vor einem halben Jahrhundert, am Ende eines
tragischen Weltkriegs.

Am lebhaftesten erinnere ich mich an einen anstrengenden Lauf in den Leighton Barracks. Eines

In den langen Jahren des Kalten Krieges bündelten
unsere Länder ihre Kräfte für eine gemeinsame

AMERIKA DIENST 19

Seite 1

�Sache. Und wir siegten. In Ostberlin war ich 1989
als Amerikanischer Gesandter Zeuge des Triumphs
des menschlichen Geistes, als sich die Ostdeutschen erhoben und das kommunistische Regime
stürzten. Heute ist Deutschland eine demokratische,
prosperierende Gesellschaft, die auf zwei gleich
starken Beinen steht - der alten Bundesrepublik mit
ihrer gesunden Demokratie und dem durch eine
wahrhaft demokratische Revolution gewandelten
Ostdeutschland.
Amerika stand hier im Westen an Ihrer Seite gegen
den Kommunismus; im Osten an der Seite der
Revolutionäre im Freiheitskampf; an der Seite beider
Teile Deutschlands bei ihrer Vereinigung. Amerika
steht heute an der Seite des geeinten Deutschland,
unserem Freund und Verbündeten.
Präsident Clinton erklärte im Juli letzten Jahres am
Brandenburger Tor: "Amerika steht an Ihrer Seite,
jetzt und für immer." Um diese Verpflichtung zu
erfüllen, werden amerikanische Streitkräfte zur
Gewährleistung unserer gemeinsamen Sicherheit in
Deutschland und Europa bleiben - insgesamt über
100.000 Soldaten. Meine alte Einheit - die Dritte
Infanteriedivision - die bald zur Ersten Infanteriedivision unbenannt wird, die "Big Red One", wird ihr
Hauptquartier in den Leighton Barracks beibehalten.
In Zukunft werden unsere Beziehungen in zunehmendem Maße durch Privatleute vertreten, von
denen Tausende im Ausland leben und arbeiten.
Austauschstudenten und Lehrer, Millionen von
Touristen, die jährlich den Atlantik überqueren,
tragen zur Völkerverständigung bei. Deutsche und
amerikanische Unternehmen tätigen riesige Investitionen im jeweils anderen Land. Unsere institutionellen Bindungen werden durch das neue Marshall
Center in Garmisch-Partenkirchen und die geplante
Amerikanische Akademie zu Berlin sowie das
wachsende Netz von Partnerstädten - wie dem
zwischen Würzburg und Rochester im Bundesstaat
New York - untermauert, welche kulturelle, bildungspolitische und menschliche Kontakte fördern.
Die Amerika Häuser in München, Frankfurt, Köln,
Hamburg, Berlin und Leipzig, denen vergangene
Woche von der Amerikanischen Handelskammer in
Deutschland der renommierte Leo M. Goodman
Award verliehen wurde, repräsentieren das dauerhafte amerikanische Engagement.
Die deutsch-amerikanischen Institute - die GlAs führen trotz haushaltspolitischer Engpässe auf
beiden Seiten des Atlantiks anspruchsvolle, kreative
Programme durch. Ich möchte Sie insbesondere auf
das GAI in Nürnberg aufmerksam machen, dessen
dynamischer und einfallsreicher Direktor, Bill Shel-

Seite 2

don, heute unter uns ist. Unsere Truppen verlassen
Nürnberg, aber ein Teil von Amerika bleibt zurück.
Mein herzlicher Dank gilt auch der deutschen Regierung - auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene für ihre große Unterstützung der GAls, der Amerika
Häuser, der Amerikanischen Akademie und des
Marshall Centers. Diese Unterstützung hat viel zu
einer starken und effektiven Präsenz Amerikas in
ganz Deutschland beigetragen.
Mit demselben Gefühl von Engagement und Verpflichtung schaffen wir ein neues Netz menschlicher
Bande zwischen Amerikanern und Deutschen in
Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt
und Mecklenburg-Vorpommern.
Wir bauen die
Brücken zu diesen Menschen wieder auf und stellen
damit die Verbindungen wieder her, die während
sechs langer Jahrzehnte abgebrochen waren. Seit
1990 haben nahezu 1.000 junge Deutsche aus den
neuen Bundesländern von der Amerikanischen
Botschaft Stipendien für einen Aufenthalt in den
Vereinigten Staaten bekommen.
Wir unterstützen das Center for Advanced English
and U.S. Studies in der Lutherstadt Wittenberg.
Eine andere, vielverprechende neue Institution - die
Amerikanische Akademie zu Berlin - wird sich auf die
Förderung der Geisteswissenschaften über den
Atlantik hinweg und in ganz Mitteleuropa konzentrieren.
Amerikanische Firmen nehmen an der Gestaltung der
wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands teil. Das neue
Generalkonsulat in Düsseldorf fördert Unternehmen
im Ruhrgebiet. Unsere Unternehmen und Investoren
beteiligen sich an einer Reihe zukunftsorientierter
wirtschaftlicher Aktivitäten wie dem Umweltschutz, der
Herstellung von Mikrochips sowie an anderen Spitzentechnologien.
Das starke Engagement amerikanischer Unternehmen in den fünf neuen Bundesländern wurde im
vergangenen Jahr durch zwei große, von der Amerikanischen Botschaft geförderte Konferenzen für
amerikanische und deutsche Unternehmer hervorgehoben, die in Berlin und Leipzig stattfanden. Wir
werden die Thüringer Amerika Tage und am 6. und
7. Oktober in Erfurt eine Wirtschaftskonferenz veranstalten.
Wir engagieren uns für die Aufrechterhaltung und
Stärkung der Bande zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten im Zeitalter nach dem Kalten
Krieg. Dieses Engagement wurzelt in dem Wissen,
daß wir ein gemeinsames Schicksal haben.

AMERIKA DIENST 19

�Unsere Nationen haben über Jahrhunderte hinweg
eine einzigartige Beziehung aufgebaut - entstanden
durch die Einwanderung, zerrüttet durch den Krieg,
geheilt und gepflegt durch Wiederaufbau und Bündnisse, gestützt durch menschliche Kontakte sowie
den Austausch von Menschen, Waren und Ideen.

Präsident Kennedy erklärte vor einer Generation in
der Paulskirche:
"Auch unsere Freiheit ist bedroht, wenn wir
uns auf unseren Errungenschaften ausruhen
und der Geschwindigkeit des Fortschritts
widerstehen. Denn die Zeit und die Welt
kennen keinen Stillstand. Wandel ist das
Gesetz des Lebens. Und wer nur auf die
Vergangenheit oder die Gegenwart schaut,
verpaßt mit Sicherheit die Zukunft."

In gewisser Weise begann diese Beziehung hier in
Unterfranken.
Ein Bürger des nahegelegenen
Sommerhausen, Franz Daniel Pastorius, führte 1683
die ersten deutschen Siedler nach Pennsylvania.
Auf der Grundlage dieser bescheidenen Anfänge
überquerten Millionen deutschsprachiger Europäer
den Atlantik. Ihre Nachfahren belaufen sich auf über
60 Millionen - jeder vierte Amerikaner. Ich bin stolz
darauf, einer von ihnen zu sein. Ich hatte 1983 auch
die Gelegenheit, aus Anlaß des 300. Jahrestages
der ersten Landung von Siedlern einer Arbeitsgruppe
der Regierung anzugehören, die den DeutschAmerikanischen Tag ins Leben rief, der jährlich am
Jahrestag der Ankunft von Pastorius in der neuen
Welt - und jetzt in Verbindung mit dem Tag der
Deutschen Einheit am 3. Oktober - gefeiert wird.
Wir sind Treuhänder dieser einzigartigen Beziehungen. Wir müssen ihre lebenswichtigen Verbindungen pflegen um sicherzustellen, daß die Lehren der
Geschichte an zukünftige Generationen weitergegeben werden. Ihre Organisationen beteiligen sich an
dieser Aufgabe.
Seit dem Fall der Berliner Mauer befinden sich
unsere beiden Länder inmitten eines dynamischen
Wandlungsprozesses. Wir müssen Lösungen für die
neuen Herausforderungen der uns umgebenden,
zunehmend komplexen Welt finden. Als Mitglieder
des Atlantischen Bündnisses müssen wir uns beispielsweise mit den schwierigen Fragen der NATOErweiterung und der Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland befassen. Aber wir werden
Erfolg haben.
*

AMERIKA DIENST 19

Wir sind entschlossen, unsere Zukunft zu sichern.
Wir passen uns an eine gewandelte Welt an, ebenso
wie Ihre Organisationen sich verändern.
Aber
inmitten allen Wandels bleibt eine Konstante: Amerika steht weiterhin an der Seite Deutschlands, ebenso
wie wir es im Kalten Krieg, bei der friedlichen Revolution von 1989 und während des Vereinigungsprozesses taten. Wir waren und sind überzeugt, daß
Deutschland eine glänzende Zukunft hat.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland können
jetzt im Angesicht der Aufgabe nicht versagen, mit
der wir beide konfrontiert sind: Die Unterstützung der
jüngst befreiten Länder, die sich für unsere Werte
und unsere Institutionen entschieden haben - für
unsere Demokratie, unsere freie Marktwirtschaft
sowie das sie untermauernde Nordatlantische Bündnis und die Europäische Union.
Heute ehren wir General Shalikashvili für seinen
Beitrag zur beständigen deutsch-amerikanischen
Freundschaft, die wir im Laufe von 50 Jahren aufgebaut haben. Das von ihm gegebene Beispiel inspiriert uns alle - Deutsche und Amerikaner gleichermaßen - unser Engagement für diese unerläßliche Errungenschaft erneut zu bekräftigen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�USA-EUROPA
24. Mai 1995

Amerikanische Außenpolitik - Grundlagen
und Perspektiven
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Gesandte der Botschaft der Vereinigten
Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D.Bindenagel, am 17. Mai 1995 an der Universität Bonn hielt.
Vielen Dank für die freundlichen Begrüßungsworte.
Es freut mich, daß ich wieder einmal die Gelegenheit
habe, an einer so renommierten Universität vor
einem studentischen Publikum über die Grundlagen
amerikanischer Außenpolitik sprechen zu dürfen.
Als Diplomat habe ich nicht oft die Möglichkeit, mich
mit kritischen Studenten auseinanderzusetzen.
Vielfach wird das direkte "feedback" mit den Bürgern
des Gastlandes durch Gespräche auf der politischen
Ebene und durchs Zeitungsstudium ersetzt.
Vorträge an Universitäten haben den Vorteil, daß
man auf ein gut informiertes Publikum trifft. Entsprechend versiert sind dann die Fragen und beleben die Diskussion. Gerade die Auseinandersetzung
mit der Außenpolitik eines anderen Staates schärft
auch den Blick für die eigenen außenpolitischen
Interessen.
Noch heute bestimmen historische Faktoren die
amerikanische Außenpolitik. Die Kenntnis dieser
Faktoren ist entscheidend für das Verständnis
unserer außenpolitischen Zielsetzungen. Während
meiner Jahre in Deutschland habe ich den Eindruck
gewonnen, daß gerade diesen grundlegenden
Faktoren in der Berichterstattung zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Insbesondere die
Fernsehberichterstattung kann nur schlaglichtartig
komplexe politische Abläufe beleuchten, was schnell
zu Fehlinterpretationen führen kann.
Dies ist um so bedauerlicher, als das Fernsehen
mittlerweile die primäre Informationsquelle für einen
Großteil der Bevölkerung geworden ist.
Die Außenpolitik eines Landes wird unweigerlich von
seiner Geschichte, Geographie, Gesellschaftsstruktur
und seiner nationalen politischen Entwicklung
beeinflußt. Diese simple Einsicht liefert die Erklärung
dafür, warum sich in unterschiedlichen Ländern

AMERIKA DIENST 19

unterschiedliche Ansichten über Außenpolitik entwickelt haben.
Um so wichtiger sind fundierte Kenntnisse über die
amerikanische Sicht der Dinge, um so wichtiger ist
eine exakte Darlegung des amerikanischen Regierungssystems, um so wichtiger ist ein klares Verständnis der politischen Kultur in den Vereinigten
Staaten, um die Beweggründe amerikanischer
Außenpolitik zu verstehen.
Fehlt dieser interdisziplinäre Hintergrund, kommt es
sehr oft zu grundlegenden Mißverständnissen über
die amerikanischen Motive und Interessen. Mißverständnisse, die vermeidbar wären und letztlich
natürlich auch das Bild und die Perzeption voneinander nachhaltig beeinflussen.
Es ist fast überflüssig, Sie daran zu erinnern, daß
sich die politische Kultur der Vereinigten Staaten
merklich von der europäischen und deutschen
unterscheidet.
Sie wissen, wie wichtig die Objektivierung der eigenen Maßstäbe ist. Die eigenen Maßstäbe zur Analyse, Beurteilung und Bewertung von außenpolitischen
Prozessen sind in der Regel systemkonform. Dies ist
bedingt durch Ihre politische Sozialisierung. Daran ist
per se nichts auszusetzen, doch stellt sich die Frage,
inwieweit Ihre Kriterien zutreffend sind und der
amerikanischen Realität gerecht werden können.
Ein gutes Beispiel für Fehlperzeptionen dieser Art ist
die Diskussion über die vermeintliche Hinwendung
der Vereinigten Staaten zur pazifisch-asiatischen
Region. Ich muß Ihnen sicherlich nicht die ökonomischen Daten dieser Region aufzählen, um deutlich zu
machen, welch enormes Wachstumspotential sich für
den Handel abzeichnet. Es wäre ein politisch nicht
wiedergutzumachender Fehler, wenn es die amerikanische Regierung versäumen würde, gute Wirtschaftsbeziehungen mit dieser Region aufzubauen.

Seite 1

�Nur ist gänzlich falsch anzunehmen, die Vereinigten
Staaten würden sich wegen der territorialen Erweiterung ihrer außenwirtschaftlichen Interessen von
Europa abwenden. Eine solche Betrachtungsweise
geht davon aus, daß die Beziehungen eines Staates
zu einem anderen einem Nullsummenspiel entsprechen: Was der eine gewinnt, verliert der andere.
Würde man so Außenpolitik betreiben, könnte man
keine beständigen Beziehungen aufbauen und
unterhalten.
Außerdem widerspricht diese Vorstellung der amerikanischen Nachkriegstradition und verkennt die
Bedeutung des im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte
gewachsenen transatlantischen Beziehungsgeflechts.
Die andauernde Präsenz der Vereinigten Staaten in
Europa steht außer Frage. Das amerikanische
Engagement ist der beste Garant für ein sicheres
Europa, und ein sicheres Europa ist unabdingbar für
die amerikanischen Interessen und entscheidend für
den Weltfrieden.
Wie oft kommt es vor, daß von Kommentatoren der
Versuch unternommen wird, die amerikanische
Außenpolitik gegenüber Großbritannien, Frankreich
und Deutschland zu gewichten. Uns sind die Beziehungen zu unseren europäischen Bündnispartnern
gleichermaßen wichtig. Eine Stellungnahme, welches
Land wichtiger ist, werden sie daher von keinem
amerikanischen Diplomaten erwarten können.
Daß unsere diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien und Europa zu Beginn unserer Staatswerdung eher konfliktträchtig waren, ist Ihnen
bekannt. Im Frühjahr 1775 entwickelte sich aus dem
Konflikt zwischen den Kolonien und dem Mutterland
über eine angemessene Vertretung im britischen
Parlament ein Krieg. Thomas Jefferson, der spätere
Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, machte als Autor eines recht radikalen
Pamphlets "A Summary View of the Rights of British
America" auf sich aufmerksam. Wie die meisten
seiner Landsleute konnte er sich zu dem damaligen
Zeitpunkt eine vollständige Trennung von England
nicht vorstellen und träumte von einer dauerhaften
Aussöhnung.
Die britische Antwort auf die Forderungen der in
Philadelphia tagenden Delegierten der dreizehn
Kolonien war unmißverständlich: Lord Dunmore, der
Gouverneur von Virginia, flüchtete unter Mitnahme
der in Williamsburg gelagerten Pulvervorräte auf ein
Schiff der Royal Navy und ließ umgehend die Hafenstadt Norfolk in Brand schießen.
Der Delegiertenkongress der dreizehn Kolonien
beauftragte daraufhin Thomas Jefferson mit der

Seite 2

Formulierung einer Unabhängigkeitserklärung, die am
4. Juli 1776 angenommen wurde. Sie ist das erste
außenpolitische Dokument der Vereinigten Staaten,
noch bevor diese sich überhaupt konstituiert hatten.
Die Erklärung wurde zu einer politischen und propagandistischen Waffe in der sich abzeichnenden
ideologischen und militärischen Auseinandersetzung
mit Großbritannien.
Die wichtigste Passage der Unabhängigkeitserklärung
lautete:
"Wir halten die Wahrheiten für selbstverständlich, daß alle Menschen gleich geschaffen und
von ihrem Schöpfer mit gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück
gehören."
Die Unabhängigkeitserklärung hat nicht nur die
Amerikaner in ihrem Kampf gegen das Kolonialreich
angespornt, sondern diente vielen Europäern als
Leitbild eigener politischer Wünsche und staatsrechtlicher Vorstellungen.
Bekanntermaßen ging 1783 der auch von Frankreich
unterstützte Unabhängigkeitskrieg zu Ende. Die
Vereinigten Staaten waren endlich frei; die Menschenrechte wurden zu einem integralen Bestandteil
der Verfassung von 1787.
Es würde zu weit führen, den Einfluß der Unabhängigkeitserklärung auf die politischen Vorgänge in
Europa und auf die französische Revolution von 1789
darzulegen. Bemerkenswert ist, daß es am 26.
August desselben Jahres in Paris zu der Erklärung
der Menschen- und Bürgerrechte kam, die dem
amerikanischen Vorbild folgte.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Ideale,
die Jefferson so trefflich formulierte, auch heute noch
eine große Anziehungskraft besitzen. Selbst im
ausgehenden 20. Jahrhundert gibt es viele Menschen
in allen Erdteilen, die ihre Rechte einklagen, die der
Mann aus Virginia als unveräußerlich bezeichnete
und die da sind "life, liberty and the pursuit of happiness".
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben durch die
Proklamation eigener Wertvorstellungen, die sich
erheblich von denen des europäischen Kontinents
unterschieden, ihre nationale Identität gefunden. In
der Verfassung von 1787 wurde die Dreiteilung der
Gewalten verwirklicht. Der Vertassungsrahmen ist
weniger darauf angelegt, die Effizienz des politischen
Systems zu steigern, als vielmehr darauf aus, möglichem Machtmißbrauch vorzubeugen. Dies hat zur

AMERIKA DIENST 19

�Folge, daß beispielsweise gewichtige außenpolitische Entscheidungen nur vom Präsidenten und dem
Kongreß gemeinsam getroffen werden können.

zwischen Isolationismus
ausschlägt.

und

Internationalismus

Wenn man sich in diesem Zusammenhang die Rolle
des Präsidenten anschaut, ist zu berücksichtigen,
daß seine vermeintliche Machtfülle vom Machtverhältnis innerhalb des Kongresses abhängt und
natürlich von der persönlichen Durchsetzungsfähigkeit des Amtsinhabers. Dieser Faktor wird immer
wieder unter Beweis gestellt.

Diese Schwankungen im amerikanischen Engagement für den Rest der Welt entspringen dem historischen Abkehr- und Abwehrreflex gegenüber der Alten
Welt mit ihren "Ambitionen, Rankünen und Launen",
wie es einmal der erste Präsident der Vereinigten
Staaten, George Washington, ausgedrückt hatte. In
seiner legendären Farewell Address aus dem Jahre
1796 warnte er seine Mitbürger: "No entangling
alliances!"

Ein aktuelles Beispiel: Im vergangenen Sommer
entschloß sich Präsident Clinton gegenüber Haiti und
den dortigen Militärmachthabern zu einer schärferen
Vorgehensweise. Verhandlungen hatten zu keinem
Ergebnis geführt; es zeigte sich, daß eine Vereinbarung nur deshalb zustande kam, weil der Präsident bereit war, seinen Forderungen nach umgehender Demokratisierung militärische Glaubwürdigkeit zu
verleihen.

Eine Warnung, die geschichtlich betrachtet zu ihrer
Zeit vielleicht angemessen war. Wenn man sich
beispielsweise die Erfolgsgeschichte der NATO
anschaut, stellt sich natürlich die Frage, ob nicht eine
solche Organisation nach dem Ersten Weltkrieg zu
einem dauerhaften Frieden in Europa beigetragen
hätte.
Die Konsoldierung des Staatswesens wie auch die

Präsident Clinton selbst stellt dies in einer Pressekonferenz fest: "This agreement only came because
of the credible and imminent threat of the multinational force."
Nicht immer kann man durch Verhandlungen auf
diplomatischer Ebene Erfolg erzielen; nicht immer
kann man militärische Gewalt einsetzen, insbesondere dann nicht, wenn keine nationalen Interessen
tangiert sind. Die derzeitige Administration macht
diesen Punkt immer wieder deutlich, weil vielfach
angenommen wurde, die Vereinigten Staaten würden nach dem Ende des Kalten Krieges die Rolle
eines Weltpolizisten wahrnehmen. Dies ist nicht im
Interesse der USA, wie Präsident Clinton vor der
UN-Generalversammlung schon 1993 ausführte:
"Wir können nicht jedes Problem lösen, aber
wir wollen eine Stütze für den Wandel und ein
Zentrum des Friedens sein."
Rückblickend betrachtet, hat die amerikanische
Außenpolitik einen weiten Weg zurückgelegt seit
jenen Tagen, als Colonel George Harvey in den
zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts ein tief
verwurzeltes Vorurteil der amerikanischen Bevölkerung in Worte faßte: "Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten ist, keine Außenpolitik zu haben."
In der Tat waren die Vereinigten Staaten im 19.
Jahrhundert mit sich selbst beschäftigt. In diesem
Zeitraum entwickelte sich der traditionelle amerikanische Isolationismus - der Wunsch, sich von der
internationalen Politik fernzuhalten. Noch heute wird
den Vereinigten Staaten vielfach der Vorwurf gemacht, ihre Außenpolitik sei wie ein Pendel, das

AMERIKA DIENST 19

Eroberung des Westens nahmen im 19. Jahrhundert
viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Mit "Manifest
Destiny" bezeichnete man den amerikanischen Drang
zur Pazifikküste nach Oregon und Kalifornien. Der
nordamerikanische Kontinent wurde, um es zeitgemäß auszudrücken, "amerikanisiert." Dies entsprach
dem Glauben vieler Amerikaner, in "God's own
country" zu leben. Die "Bestimmung" habe vorgesehen, daß die Amerikaner den ganzen Kontinent
befrieden und zivilisieren.
Natürlich gab es während dieser Zeit keine völlige
au ßenpolitische Abstinenz, wenn wir nur an den Krieg
mit Mexiko 1846-48 denken oder an den expandierenden Seehandel. Schon 1823 hatte Präsident
Monroe angesichts des imperialen Gehabes der
europäischen Staaten den Süd- und mittelamerikanischen Kontinent zur amerikanischen Einflußzone
erklärt.
Hinsichtlich der Fähigkeit der amerikanischen Regierung, eine tatkräftige und konsequente Außenpolitik
zu führen, gab es allerdings schon frühzeitige Zweifel.
Alexis de Tocqueville äußerte sich beispielsweise in
den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts
skeptisch, weil seiner Ansicht nach das Festhalten an
einem einmal gefaßten Plan und seine Durchführung
auch gegen Widerstände in einer Demokratie nicht
möglich sei.
Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten - ich
spreche vom Ersten Weltkrieg - erfolgte erst 1917. Zu
groß war die anfängliche Ablehnung, sich in diesen
europäischen Krieg hineinziehen zu lassen. Nach
dem ersten Weltkrieg zogen sich die Vereinigten
Staaten aus Europa zurück. Präsident Woodrow

Seite 3

�Wilson hatte mit seinem 14 Punkte umfassenden
Friedensprogramm von 1918 bei den späteren
Verhandlungen in Versailles eine zentrale Rolle
gespielt und einen wichtigen Beitrag zum Aufbau
einer Friedensstruktur geleistet. Wilson hatte das
Selbstbestimmungsrecht der Völker und eine gerechte und stabile Friedensordnung gefordert, "to make
the world safe for democracy".
Seine Weigerung, sich an der Friedensordnung von
Versailles und dem Völkerbund zu beteiligen, trug
allerdings zu deren Schwächung bei. Die Vereinigten
Staaten zogen sich wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten zurück. Von der fehlenden
europäischen Bereitschaft zum Ausgleich mit
Deutschland enttäuscht, hatten sie kein Verständnis
für die Kolonialstreitigkeiten der europäischen Mächte.
Hier zeigt sich wieder einmal, daß amerikanische
Außenpolitik nicht nur den politischen Willen des
amerikanischen Volkes reflektieren, sondern auch
seine moralische Überlegenheit gegenüber den
verworrenen Verhältnissen in Europa zum Ausdruck
bringen sollte. Amerikanische Politiker sehen sich
auch heute noch gezwungen, ihre Politik nicht nur
für wirkungsvoll und zweckmäßig, sondern auch für
vertretbar im moralischen Sinn zu halten. Sie glauben, daß ihrem außenpolitischen Handeln idealistische anstatt bloß realpolitische Motive zugrunde
liegen sollten.
Ein gutes Beispiel für die idealistischen Grundströmungen in der amerikanischen Außenpolitik ist
Woodrow Wilsons Rede, die er im Februar 1919 in
Boston gehalten hatte:

"In vollkommener Offenheit habe ich, im Namen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten,
als Ziel dieses großen Krieges Ideale und
nichts als Ideale benannt, und in diesem Geist
ist der Krieg gewonnen worden."
Dieser Ansicht entspricht auch die Neigung, Außenpolitik sowohl in ideologischen Kategorien zu sehen
als auch in Dichotomien wie Gut und Böse, Freund
und Feind, Krieg und Frieden zu denken.

Weiß-Mustern - "diejenigen, die für uns, und die
anderen, die gegen uns sind".
Die wesentlichen Gründe für eine konturenreiche
Betrachtungsweise waren die ursprüngliche geographische Abgeschiedenheit des amerikanischen
Kontinents, der Glaube an dessen Ausnahmestellung
und das nachwirkende geistige Erbe der Aufklärung.
All diese Momente begünstigen ein stärker ideologisch geprägtes Verständnis von Außenpolitik.
Der Isolationismus nach dem Ersten Weltkrieg war
nicht kategorisch gegen Europa gerichtet. Noch 1931
hatte Präsident Hoover auf der Genfer Abrüstungskonferenz einen Plan vorgelegt, der einen nachhaltigen Abbau offensiver Rüstungskapazitäten vorsah.
Hoover glaubte damit dem deutschen Streben nach
militärischer Gleichberechtigung Rechnung tragen
und durch die Senkung der Rüstungsausgaben die
Folgen der Weltwirtschaftskrise abmildern zu können.
Dieser Plan scheiterte am Widerstand der französischen Regierung.
Der weitere Verlauf der Geschichte in der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts ist bekannt. Wenige Jahre
später brach der Zweite Weltkrieg aus und erschütterte Europa und die Welt in ihren Grundfesten.
Zum zweiten Mal waren die Vereinigten Staaten in
einen europäischen Krieg verwickelt worden. Der
amerikanische Isolationismus, der sich immer auf das
außenpolitische Engagement beschränkte, nicht aber
auf die außenwirtschaftlichen Interessen, erhielt mit
dem japanischen Luftangriff auf Pearl Harbor seinen
Todesstoß. Amerika war nicht auf den Krieg vorbereitet und hatte es an militärischer Vorsorge fehlen
lassen. Der Isolationismus erwies sich als fatale
Illusion.
Nach der leidvollen Erfahrung der Rückeroberung
und Befreiung Europas von der Naziherrschaft mußte
die Frage nach dem Ausmaß des amerikanischen
Engagements beantwortet werden. Noch bei Kriegsende hatte Franklin Roosevelt geglaubt, daß in
spätestens zwei Jahren keine amerikanischen Soldaten mehr in Europa stehen würden.

Ein Beispiel ist das Verhältnis zur ehemaligen
Sowjetunion. Bei uns in den Vereinigten Staaten
sprachen wir vom Kalten Krieg, den man in der
Bundesrepublik als Ost-West-Konflikt bezeichnete.

Doch schon im Jahre 1949 wurden die Vereinigten
Staaten zum ersten Mal in ihrer Geschichte Mitglied
einer in und für Friedenszeiten gegründeten Allianz,
deren Daseinszweck der gemeinsame militärische
Schutz der Sicherheit ihrer Mitglieder war.

Eine derartige Betrachtungsweise schärft die Konturen; folglich ist es nicht verwunderlich, daß in
Amerika eine deutlich andere Haltung eingenommen
wurde als beispielsweise in Europa. Die amerikanische Außenpolitik orientiert sich oft an Schwarz-

Zusammen mit europäischen Bundesgenossen wie
Bevin, Schuman und Monnet legte die Troika Truman-Marshall-Acheson die Fundamente einer Nachkriegsordnung, die sich in zweifacher Hinsicht als
überaus erfolgreich erwies. Zum einen erlaubte sie

Seite 4

AMERIKA DIENST 19

�die Reintegration des besiegten Deutschland in die
zivilisierte Staatengemeinschaft, zum anderen
verhinderte sie eine weitere territoriale Ausdehnung
des sowjetischen Macht- und Einflußbereiches, dem
Ostdeutschland zum Opfer gefallen war.
Die Vereinigten Staaten hatten ihre historische
Lektion gelernt. Einen Rückzug auf den amerikanischen Kontinent konnte es nicht geben; Vorbehalte
gegenüber einer "entangling alliance" wurden den
nationalen Interessen untergeordnet.
Aus dem Zweiten Weltkrieg sind die Vereinigten
Staaten als ein Imperium mit globalen Interessen
hervorgegangen. Dies wird insbesondere durch die
von Präsident Truman propagierte "Containment
strategy" deutlich. Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Abdankung des britischen Königreiches
formulierte er eine außenpolitische Leitlinie, die
folgenden Kernsatz hatte:
"Ich glaube, daß es die Politik der Vereinigten
Staaten sein muß, freie Völker zu unterstützen, die sich dem Versuch der Unterwertung
durch bewaffnete Minderheiten durch Druck
von außen widersetzen."
Damit war der Handlungsrahmen abgesteckt, wie der
Herausforderung durch die Sowjetunion zu begegnen war. Ziel amerikanischer Außenpolitik war es,
dem sowjetischen Expansionsstreben Einhalt zu
gebieten und - wo möglich - den kommunistischen
Einfluß zurückzudrängen. Die im Zusammenhang mit
dieser machtpolitischen und ideologischen Auseinandersetzung formulierten außenpolitischen Doktrinen
standen angesichts dertechnologischen Entwicklung
von immer moderneren Waffensystemen unter
einem kontinuierlichen Anpassungsdruck. Die
"Containment strategy" wurde durch die Doktrin des
"roll back" ersetzt; Präsident Eisenhower entwickelte
die Doktrin der massiven Vergeltung - eine Doktrin,
die mit der nuklearen Parität ihre Gültigkeit verlor.
In den letzten Jahrzehnten sind Doktrinen aus der
Mode gekommen, vielleicht auch, weil die außenpolitischen Herausforderungen an Komplexität
zugenommen haben. Wer konnte Anfang der achtziger Jahre ahnen, daß sich am Ende des Jahrzehnts die Machtverhältnisse in Europa in dieser
Weise verändern würden?
Wenn wir die Jahre des Kalten Krieges Revue
passieren lassen, kann man zu recht behaupten,
daß Tocquevilles Zweifel an außenpolitischer Kontinuität demokratisch regierter Staaten sich nicht
bewahrheitet haben. Sicherlich gab es auf amerikanischer Seite die eine oder andere Kursänderung,
die eine oder andere Fehleinschätzung, doch die

AMERIKA DIENST 19

strategischen Ziele in der Auseinandersetzung mit der
Sowjetunion blieben die gleichen.
Außenpolitische Kursschwankungen liegen zum Teil
in der Natur eines mehr oder weniger regelmäßigen
Präsidentenwechsels. Zu den traditionellen Schwächen der amerikanischen Außenpolitik gehört der
Ehrgeiz der Präsidenten bei ihrem Amtsantritt, zuerst
einmal möglichst alles anders zu machen als ihre
Vorgänger. Zudem wird in Washington die Außenpolitik stark von personellen Faktoren und innenpolitischen Einflüssen bestimmt. Dadurch ist eine kontrollierte und kontinuierliche außenpolitische Entscheidungsfindung und eine dementsprechende,
langfristig ausgerichtete und geradlinige Außenpolitik
nur unter großen Anstrengungen möglich.
Immer wenn ein neuer Präsident ins Weiße Haus
einzieht, entstehen Zweifel an der Kontinuität amerikanischer Außenpolitik. Dies haben wir jüngst bei der
Clinton-Administration erlebt und auch als Bush auf
Reagan folgte, gab es viele Stimmen, die Zweifel
äußerten, ob denn Bush an den außenpolitischen
Grundsätzen der Reagan-Administration festhalten
werde.
Bei jeder Präsidentenwahl wird sich die amerikanische Nation aufs neue ihrer Identität bewußt. Die
Beschwörung der Ideale der Gründerväter und des
amerikanischen Traums von Freiheit, Wohlstand und
Größe ist Ausdruck des steten Willens zum Neubeginn. Es ist nun mal die Verantwortung des amerikanischen Präsidenten, das Wohlergehen und die
Sicherheit des amerikanischen Volkes zu gewährleisten, nicht aber die Welt zu reformieren, wie
George Kennan einmal trefflich feststellte:
"Im Namen der Demokratie und der Menschenrechte haben sich die Vereinigten Staaten wiederholt in die Angelegenheiten anderer
Länder eingemischt, aber die Demokratie ist
nicht unbedingt die Bestimmung der ganzen
Menschheit: jedenfalls ist es nicht Sache der
amerikanischen Regierung, sie überall durchzusetzen."
Andererseits - möchte ich hinzufügen - kann es nicht
schaden, wenn alle Menschen die Möglichkeit haben,
ihr Schicksal in einem rechtsstaatlichen, demokratisch
legitimierten Staatswesen zu gestalten. Deshalb gibt
es in den Vereinigten Staaten einen überparteilichen
Konsens, wenn es darum geht, demokratische
Tendenzen und den Aufbau parlamentarischer
Regierungssysteme zu fördern.
Eine grundlegende Überzeugung amerikanischer
Außenpolitik, die zu den Tagen von Alexis de Tocqueville zurückreicht, lautet, demokratische Staaten,

Seite 5

�die miteinander Handel treiben, führten nicht miteinander Krieg. Ich möchte zum Abschluß aus dem
Kapitel "Krieg und Demokratie" aus "Die Demokratie
in Amerika" zitieren:
"Je mehr sich die Gleichheit in mehreren Ländern
zugleich entwickelt und ihre Bewohner zu Handel
und Industrie treibt, desto ähnlicher werden nicht
nur ihre Neigungen, sondern auch ihre Interessen
vermengen und verquicken sich so, daß keine
Nation es wagen kann, eine andere zu unterdrücken, weil alles Elend, das sie einer anderen
zufügt, auf sie selber zurückfallen würde."
Damit habe ich Ihnen auch schon den Kerngedanken der Außenwirtschaftspolitik der Clinton-Administration angedeutet. Die Vereinigten Staaten treten
vehement für freien und fairen Handel ein, was
einen unbehinderten Marktzugang voraussetzt. So ist
der Aufbau eines freien Welthandelssystem die
Nummer Eins auf der außenpolitischen Agenda. Prosperierende Handelsbeziehungen sind eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von Demokratisierungsstrategien, wie sie beispielsweise in den
Staaten Mittel- und Osteuropas durchgeführt werden.
Lassen Sie mich noch die anderen thematischen
Schwerpunkte der gegenwärtigen Außenpolitik
meines Landes aufzählen, bevor ich dann auf Ihre
Fragen antworte:
An zweiter Stelle steht die Gestaltung einer Europäischen Sicherheitsarchitektur, die dauerhaft Frieden
und Stabilität garantiert. Konkret heißt das: die
Erweiterung der NATO.
*

Seite 6

*

An dritter Stelle ist der Friedensprozeß im Nahen
Osten zu nennen. Ziel ist es, einen dauerhaften
arabisch-israelischen Frieden zu schaffen, die Stabilität befreundeter arabischer Staaten zu sichern und
den politischen Einfluß des Iraks, Irans und Libyens
einzudämmen sowie zu verhindern, daß diese
Staaten in den Besitz von Massenvernichtungswaffen
und Trägerraketen gelangen.
Damit habe ich auch schon die vierte Priorität unserer
Außenpolitik angedeutet: die Verhinderung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungsmitteln.
Auf der gegenwärtig in New York stattfindenden
Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages treten wir für eine unbegrenzte Verlängerung
des Vertrages ein.
Fünfter und letzter Schwerpunkt amerikanischer
Außenpolitik ist der Kampf gegen internationalen
Terrorismus, gegen Drogenhandel und Geldwäsche
sowie das organisierte Verbrechen.
In seiner Anhörung vor dem Senatsausschuß für
Auswärtige Angelegenheiten appellierte Warren
Christopher an beide Fraktionen, den traditionellen
überparteilichen Konsens in der Außenpolitik nicht
aufs Spiel zu setzen. Er sei gerade in Zeiten voller
großer Herausforderungen unabdingbar für die
Glaubwürdigkeit amerikanischer Außenpolitik. Dem
möchte ich nichts weiteres hinzufügen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

•

*

AMERIKA DIENST 19

�SICHERHEITSARCHITEKTUR
24. Mai 1995

Eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa
von William J. Crowe, Jr.
LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einer Rede, die der Botschafter der Vereinigten
Staaten in Großbritannien, William J. Crowe Jr., vor der European-Atlantic Group hielt.

Im Frühjahr feierten wir den 50. Jahrestag der
Beendigung des Zweiten Weltkriegs in Europa, den
Triumph der Demokratie über den Faschismus, das
Ende eines gigantischen Konflikts, der unsägliches
Leid verursachte.
Gleichzeitig erinnern wir uns an die Verheißungen
und Neuanfänge des Jahres 1945. Der Sieg über
Deutschland und Japan veranlaßte Männer und
Frauen guten Willens auf der ganzen Welt zu dem
Schwur "nie wieder" und unsere führenden Politiker
zur Gründung neuer Institutionen, die verhindern
sollten, daß die Welt in einen Abgrund stürzt.
Die Institutionen des Kalten Krieges waren nicht
ohne Mängel, aber insgesamt leisteten sie uns gute
Dienste. In Anbetracht des Endergebnisses können
wir sehr stolz auf die Klugheit jener Architekten der
Nachkriegszeit und ihre Errungenschaften sein.
Ebenso wie 1945 werden wir auch heute mit einer
traumatischen Veränderung des internationalen
Klimas konfrontiert, die eine Zukunft voller Unsicherheit erwarten läßt. Die Bezugspunkte, die 50
Jahre lang unsere Politik leiteten, sind verschwunden. Wir müssen jetzt mit wenigen Navigationshilfen
einen neuen Kurs einschlagen. Dies ist die primäre
Herausforderung des neuen Zeitalters.
In der britischen Presse wird oft der Vorwurf erhoben, nach dem Zusammenbruch des sowjetischen
Imperiums wende sich Amerika nach innen und falle
in den Isolationismus zurück.
Ich möchte dieser Anschuldigung entschieden
widersprechen.
Sie mißdeutet vollkommen die
Stimmung in Amerika und unsere fundamentalen
Interessen.
Diese Kritiker ersetzen ernsthafte
Gedanken durch vereinfachte Klischees und ignorieren die Fülle neuer Technologien - Fax, elektronische Post, Mobiltelefone, Langstreckenflugzeuge,
Live-Sendungen im Fernsehen - durch die die Welt

AMERIKA DIENST 19

kleiner und die internationale Staatengemeinschaft
stärker als je zuvor verbunden wurde.
Wir leben in einer neuen und verwirrenden Zeit, die
wir in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als
"Zeitalter nach dem Kalten Krieg" bezeichnen.
Obwohl die physische Bedrohung der europäischen
Sicherheit durch den Osten abgenommen hat, kann
ich Ihnen versichern, daß das Engagement der
Vereinigten Staaten für diese Sicherheit unvermindert
erhalten bleibt.
Örtliche Konflikte, interne Instabilität und das Wiederaufkommen historischer Vorbehalte sind jetzt als die
wahrscheinlichste Bedrohung des Friedens in Europa
an die Stelle des sowjetischen Expansionismus
getreten.
Die Clinton-Administration ist fest davon überzeugt,
daß die Ausweitung demokratischer Institutionen auf
dem gesamten europäischen Kontinent der beste
Weg ist, das finstere Vermächtnis der Vergangenheit
in Schach zu halten. Wenn solche Bestrebungen
gelingen sollen, erfordern sie nicht nur erneuertes
politisches Engagement, sondern auch eine neue
Sicherheitsstruktur.
Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert muß die freie
Welt eine Umgestaltung ihrer Sicherheitsarrangements in Betracht ziehen. Wie stets in solchen Zeiten
müssen wir uns auf "alte und neue Strukturen"
konzentrieren. Die Geschichte verhindert, daß wir
ganz von vorne anfangen. Um die Stabilität in ganz
Europa zu erhöhen, müssen wir eine Architektur
schaffen, die den Bedürfnissen des Westens und der
ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten in Osteuropa entspricht und für Rußland und die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion keine Bedrohung darstellt.
Wenn die Infrastruktur des Kalten Krieges auf überlegte Art und Weise an die neuen Gegebenheiten

Seite 1

�angepaßt wird, können wir glücklicherweise eine
funktionierende Grundlage für künftige Bestrebungen
schaffen. Außenminister Christopher erklärte, die
NATO sei der Anker des Engagements der Vereinigten Staaten in Europa und der Kern der transatlantischen Sicherheit und werde das auch bleiben.
Der wirkliche Maßstab für den Erfolg des Bündnisses
war seine lebenswichtige Rolle bei der Unterstützung
Westeuropas, stärker, wohlhabender und integrierter
zu werden, als man sich das in den dunklen Tagen
nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges je hätte
vorstellen können.
Heute sind die Nationen Mittel- und Osteuropas von
der Aufgabe in Anspruch genommen, demokratische
Regierungen und Marktwirtschaften aufzubauen und
schauen dabei automatisch auf ihre westlichen
Vorbilder.
Sie streben denselben Schutz und
Wohlstand an, den jetzt die NATO-Mitgliedstaaten
genießen. Unsere Aufgabe besteht wiederum darin,
durch eine neue, aber realistische Sicherheitsstruktur
zur Erreichung dieser Ziele beizutragen.
Keine Frage ist stärker mißverstanden oder kontroverser diskutiert worden als die der NATO-Erweiterung und ihres Warum, Wo, Wann und Wie. Welche
Haltung vertreten die Vereinigten Staaten? Bei
seiner Europareise im Juni vergangenen Jahres
erklärte Präsident Clinton, die Frage laute nicht
länger, ob die NATO erweitert werde, sondern wie
und wann das geschehe.
Die sechzehn Mitgliedstaaten der NATO haben
angefangen, sich mit diesen Fragen zu befassen.
Der Nordatlantikrat will den interessierten Parteien
Ende des Jahres die Ergebnisse seiner Studie
vorlegen und den Prozeß einer Prüfung spezifischer
Beitrittskandidaten einleiten. Dieses Verfahren wird
auf der Basis von Freiwilligkeit, Offenheit und
Konsens fußen. Dies soll auch gewährleisten, daß
die Mitgliedstaaten der NATO parallel zum Erweiterungsprozeß produktive Beziehungen zwischen
Rußland und dem Bündnis aufbauen können.
Rußland erhält dadurch jedoch kein Vetorecht über
die Zukunft der NATO. Wir wollen bei dieser Gratwanderung einen offenen und ehrlichen Dialog
führen.
Obwohl diese neue europäische Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage der NATO geschaffen werden
soll, spielt die Europäische Union eine Schlüsselrolle
dabei, den Wohlstand der osteuropäischen Nationen
sicherzustellen.
Die Übernahme der mit einer
NATO-Mitgliedschaft
einhergehenden
Pflichten
verlangt von den wachsenden Volkswirtschaften die
Übernahme der Kosten. Daher müssen die ange-

Seite 2

henden Mitglieder Teil des expandierenden europäischen Marktes sein.
Die wachsenden Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas werden wiederum Marktreformen fördern und
einen Beitrag zur Erhöhung der politischen Stabilität
leisten, die für Vollmitglieder der NATO und der EU
erforderlich ist. Washington arbeitet eng mit der EU
und ihren Mitgliedstaaten an der Entwicklung eines
wirtschaftlichen Hilfsprogramms für Mittel- und
Osteuropa zusammen.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat (NAKR) und die Partnerschaft für den Frieden
(PFP) - sind besonders auf die Einbeziehung der
Nichtmitgliedstaaten der NATO ausgerichtet.
In nur einem Jahr ist die Partnerschaft für den
Frieden zu einem integralen Bestandteil der europäischen Sicherheitslandschaft geworden und wurde zur
Überraschung einiger gut aufgenommen. Sie ist ein
wertvolles Instrument, das die NATO und einzelne
Partner zur Zusammenarbeit ermutigt. Sie hilft den
neuen demokratischen Staaten bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer
Streitkräfte sowie dabei, neue Formen von Militärdoktrinen, Umweltschutz und Katastrophenhilfe zu
erlernen.
Aus diesem Grund ist die Partnerschaft für den
Frieden so wichtig. Die 20 für dieses Jahr geplanten
Militärübungen der Partnerschaft werden einen
großen Beitrag zur Förderung dieses Übergangsprozesses leisten.
25 Nationen, einschließlich
Rußlands, sind der Überzeugung, daß die Partnerschaft in ihrem Interesse liegt.
In ähnlicher Weise begrüßen die Vereinigten Staaten
die Stärkung der europäischen Verteidigungssäule
der NATO mit Hilfe der Westeuropäischen Union.
Wir sind uns beispielsweise bewußt, daß es Momente
gibt, in denen die Mitgliedstaaten der WEU eine
Militäroperation beginnen wollen, an der sich andere
NATO-Mitgliedstaaten nicht beteiligen möchten.
Aus diesem Grund unterstützen wie die sogenannte
"Doppelaufgabe" von NATO- und WEU-Streitkräften,
aus diesem Grund unterstützen wir den Interalliierten
Einsatzverband und aus diesem Grund streben wir
eine Sicherheitsarchitektur an, die stark und flexibel
genug ist, um die vielfältigen Sicherheitsprüfungen
unseres neuen Zeitalters zu bestehen.
Angesichts des zunehmenden Zerstörungspotentials
moderner konventioneller Waffen können selbst
kleine Streitkräfte verbrecherischer Staaten großen
Schaden verursachen und zur ihrer Bekämpfung eine
beträchtliche gegnerische Streitmacht erfordern. Die

AMERIKA DIENST 19

�NATO muß sorgfältig prüfen, welche Fähigkeiten sie
entwickeln will, selbst wenn von vielen eine Ausweitung der Definition von "Bedrohung der Sicherheit" angestrebt wird.
Die NATO kann nur im Alleingang handeln, wenn sie
ihren in Artikel 5 dargelegten Pflichten nachkommt.
Die meisten sind der Ansicht, sie benötige zur
Legitimierung anderer Aktionen ein politisches
Mandat von einer Organisation wie den Vereinten
Nationen.
Die Vereinten Nationen sind jedoch
bereits überfordert. Es ist deutlich geworden, daß
regionale Organisationen einen Teil der Last tragen
müssen. In Europa ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hierfür
ein möglicher Kandidat.
Zu diesem Zeitpunkt muß die Rolle der neuen OSZE
noch weiter definiert werden. Anstatt durch juristisches oder militärisches Vorgehen ein bestimmtes
Verhalten zu erzwingen, will sie die Sicherheit durch
die Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit
auf der Grundlage des Konsenses verbessern. Es
existieren beispielsweise keine Pläne, ihr die Fähigkeit zur Friedensschaffung oder Bestrafung von
Aggression zu geben.
Die oft als "Debattierclub" diskreditierte OSZE will
insbesondere bei der Verhinderung und Schlichtung
von Krisen stärker werden. Die Tatsache, daß
Rußland letztlich eine Delegation der OSZE in
Tschetschenien empfing, deutet darauf hin, daß
diese Organisation auf der internationalen Bühne
eine wichtige Rolle spielt.
Heute stellt Rußland das dauerhafteste strategische
Problem Europas dar. Ein Rußland, das nicht mit
sich selbst und seinen Nachbarn in Frieden lebt, ist
gleichbedeutend mit einem Europa, das nicht in
Frieden lebt. Die Vereinigten Staaten, die NATO
und die EU müssen alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen, um Rußland bei seiner unsicheren
Reise zu politischen und wirtschaftlichen Reformen
auf dem richtigen Weg zu halten.
Wir können gegenüber unseren russischen Amtskollegen gar nicht oft genug betonen, daß die
Förderung der Stabilität in Mitteleuropa im beiderseitigen Interesse ihres Landes und dessen westlichen
Verbündeten liegt. Die NATO, die keine Bedrohung
für die Sicherheit Rußlands darstellt, strebt direkte
und offene Beziehungen zu Rußland an, die der
besonderen Stellung und Größe Rußlands Rechnung tragen und gleichzeitig die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion stärken.

AMERIKA DIENST 19

Der Kontinent war ein halbes Jahrhundert lang durch
ideologische Trennung und militärische Konfrontation
entstellt. Jetzt, da diese Wunde zu heilen beginnt,
müssen wir sicherstellen, daß keine neuen Trennlinien zwischen den Besitzenden und Besitzlosen
oder zwischen den in Sicherheit und den in Unsicherheit Lebenden gezogen werden.
Wir laden Rußland dazu ein, sich an diesen großartigen Bestrebungen zu beteiligen. Seine enormen
Ressourcen und seine begabten und lebensprühenden Menschen müssen von Europa in den Dienst der
Freiheit gestellt werden - als Kraft gegen Aggression
und Instabilität.
Die Entwicklung unserer Beziehungen zu Rußland
hängt davon ab, wie erfolgreich Rußland den Weg zu
Demokratie und freien Märkten geht und wie stetig es
neue Verhaltensnormen annimmt, die während seiner
Einverleibung durch die Sowjetunion so oft mißachtet
wurden.
Unsere Beziehungen zu Rußland müssen fortentwikkelt werden und sich parallel zu unseren Bestrebungen entwickeln, die NATO und die Europäische Union
zu erweitern. Ich bin nicht so naiv anzudeuten,
dieser ganze Prozeß sei einfach.
Zweifellos haben die Russen ein großes Mißtrauen
gegenüber der NATO, und es wird nicht einfach sein,
ihre Zustimmung zu einer Erweiterung des Bündnisses zu bekommen. Das wird Geduld, Innovation und
mehr Staatskunst von allen Beteiligten erfordern. Ein
erfolgreicher Übergang für das russische Volk ist eine
der höchsten Prioritäten in Washington.
Vor 50 Jahren sahen Politiker in Amerika und Westeuropa zerstörte Städte, vertriebene Menschen,
Schuldenberge und einen Kampf um das nationale
Überleben. Mit ihrem Vorschlag zum Aufbau neuer
Institutionen bewiesen sie Weitblick und Klugheit.
Ihr lebenswichtiger Beitrag bestand jedoch darin, ihre
Regierungen davon zu überzeugen, diese Organisationen mit den notwendigen Mitteln und dem politischen Willen auszustatten. Im Rückblick muß man
vor allem ihre persönlichen Führungsqualitäten und
ihre Entschlossenheit bewundern.
Wir sind jetzt mit einer besonders anspruchsvollen,
aber andersartigen Herausforderung konfrontiert.
Nachdem die freien Nationen im Kalten Krieg den
Sieg davongetragen haben, müssen sie sich selbst
ständig vor Augen halten, daß die Verminderung der
Bedrohung unserer gemeinsamen Ideale durch den
Kommunismus nicht bedeutet, daß unsere Werte
weniger kostbar sind oder die Förderung dieser
Ideale weniger wichtig.

Seite 3

�Die atlantische Gemeinschaft hat jetzt die einmalige
Chance, Wohlstand und Demokratie auf dem europäischen Kontinent auszuweiten und die Bestrebungen der politischen und Sicherheitsinstitutionen des
Westens zu integrieren.
Dies setzt Geduld, Engagement, bisweilen Kompro-

mißbereitschaft und vor allem Ausdauer voraus. Dies
sind genau die Qualitäten, die unsere Demokratien
während des Zweiten Weltkriegs und mehr als 40
Jahre nach Kriegsende stützten. Ich bin zuversichtlich, daß unsere Völker diese Charakteristika geerbt
haben und sie zum gegebenen Zeitpunkt erneut in
den Dienst unserer Ideale stellen werden.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 19

�WIRTSCHAFT
24. Mai 1995

Von Organisationen zu Märkten
von William E. Halal
WASHINGTON - (AD) - Wirtschaftswissenschaftler berufen sich seit langem auf das "Zaubermittel des
Marktes". Heute werden dem Autor zufolge Märkte innerhalb von amerikanischen Organisationen geschaffen,
und dies gestattet es Unternehmen und sogar Regierungsbehörden, die neuen Herausforderungen einer sich
rasch verändernden Welt zu bewältigen.
William E. Halal ist Professor für Management an der George Washington University in Washington, D.C. sowie
Direktor der World Future Society. Er ist Verfasser von The New Capitalism (Wiley, 1986) und Mitherausgeber von Internal Markets: Bringing the Power of Free Enterprise Inside Your Organization (Wiley,
1993).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Futurist, Ausgabe Mai/Juni 1994,
herausgegeben von der World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450, Bethesda, MD 20814.
Copyright (c) 1994 World Future Society.

Die gigantischen Hierarchien, die einst die Welt
beherrschten, haben angesichts der Revolution im
Informationswesen einen dramatischen Verfall erlebt.
Das zentrale Planungssystem der Sowjetunion ist
zusammengebrochen, riesige Unternehmen wie
General Motors (GM) und IBM mußten große
Verluste hinnehmen, und die amerikanische Regierung hat das Problem eines Patts zwischen Präsident und Kongreß zu bewältigen.
Offen tritt zutage, daß ein zentral kontrolliertes,
hierarchisches System den wachsenden Turbulenzen dieses neuen Zeitalters komplexer und ständiger
Veränderungen nicht gewachsen ist. Aber welche
neue Organisationsform wird an seine Stelle treten?
Die Antwort läßt sich erahnen, wenn man betrachtet,
was sich in einer Reihe großer Organisationen
vollzieht. In Großunternehmen wie AT&amp;T und IBM
findet eine Dezentralisierung in viele autonome
Geschäftsbereiche statt. Während Rußland seine
großen Staatsunternehmen privatisiert, um sich die
Dynamik des Markts zunutze zu machen, lösen
amerikanische Unternehmen ihren eigenen zentralen
Planungsapparat zugunsten interner Märkte auf. In
der Tat besteht einer der auffälligsten Trends des
vergangenen Jahrzehnts im Auftreten interner
Unternehmer (oder "Intrapreneurs"), interner Kunden
und anderer interner Äquivalente externer Märkte.

AMERIKA DIENST 19

Mit anderen Worten: Interne Märkte treten an die
Stelle der Hierarchie.
Das Konzept der internen Märkte wurde von einem
unsichtbaren Netzwerk progressiver Unternehmen,
Akademiker und Unternehmensberater entwickelt. Im
Jahr 1991 organisierte eine derartig zusammengesetzte Gruppe eine Konferenz über interne Märkte,
die an der George Washington University in der
Bundeshauptstadt Washington stattfand. Zu diesem
Anlaß versammelten wir 100 führende Unternehmerpersönlichkeiten, die sich mit internen Märkten
beschäftigt und sie bereits in der Praxis erprobt
hatten. Als Ergebnis von Vorträgen, die bei dieser
Konferenz gehalten wurden, haben drei von uns - Ali
Geranmayeh, John Pourdehnad und ich - das erste
Buch über dieses Thema verfaßt. Es trägt den Titel
Internal Markets: Bringing the Power of Free
Enterprise Inside Your Organization (Wiley, 1993).
Die Vorteile interner Märkte
Obwohl bisher nur wenige führende Organisationen
das Konzept der internen Märkte vollständig in die
Praxis umgesetzt haben, belegt eine Untersuchung
unternehmerischer Praktiken in den Vereinigten
Staaten, Europa und Japan die breite Akzeptanz
wichtiger Elemente des neuen Modells. Von 47
befragten leitenden Angestellten stimmten 90 Prozent
darin überein, daß die im Rahmen des neuen Modells

Seite 1

�vorgeschlagenen Veränderungen für die Unternehmen notwendig sind. 76 Prozent waren der Ansicht,
daß solche Veränderungen die Unternehmensführungen in den späten neunziger Jahren dominieren würden und 85 Prozent meinten, daß Firmen,
die sich dem Konzept der internen Märkte nicht
anschließen, entweder zusammenbrechen oder zur
Bedeutungslosigkeit verkümmern würden.
Wenn sich eine Firma zu einer Gemeinschaft von
Unternehmern entwickelt, die neue Produkte und
Dienstleistungen sowohl intern als auch extern
kaufen, verkaufen und einführen, macht sie sich das
kreative Wechselspiel der Kräfte zunutze, das auch
den Marktwirtschaften zu solch großem Erfolg
verhilft. Lösungen schwieriger Probleme werden
rasch und spontan gefunden, und dies wiederum
führt zu Wachstumsschüben, die selbst der brillanteste Manager an der Spitze eines hierarchischen
Systems weder voraussehen geschweige denn
planen könnte.
Die Marktwirtschaft verbreitet sich heute in der
ganzen Welt, weil sie der zentralen Planung eindeutig überlegen ist. In Staaten und Organisationen
gleichermaßen haben sich Planwirtschaften als zu
schwerfällig erwiesen, um die Erschütterungen des
neuen Zeitalters bewältigen zu können. Freies
Unternehmertum - sei es intern oder extern - bietet
die einzige Wirtschaftsphilosophie, die es Organisationen gestattet, sich rasch und effizient Veränderungen anzupassen.
Von der Hierarchie zu Märkten
Unternehmen, die im Rahmen eines Konzerns
operieren, akzeptieren Leistungskontrollen im
Gegenzug für Handlungsfreiheit. Hewlett-Packard
(HP) ist berühmt für sein unternehmerisches System,
das den einzelnen Unternehmensbereichen große
Handlungsfreiheit gibt, sie aber für die erzielten
Ergebnisse strikt verantwortlich macht. So stellt ein
HP-Manager fest: "Die finanziellen Kontrollen sind
sehr streng; locker geregelt ist jedoch, wie [die
Menschen] diese Ziele erreichen." Alle Bereiche
müssen über die von ihnen genutzten Ressourcen
Rechenschaft ablegen, während ihre unternehmerische Kreativität ermutigt wird.
Im Idealfall wird jeder Bereich als kleiner, eigenständiger Betrieb betrachtet, der in der Durchführung
seiner Aktivitäten freie Hand hat und gleichzeitig in
der Muttergesellschaft integriert ist. Alle Bereiche
benötigen die Freiheit zur Durchführung geschäftlicher Transaktionen innerhalb ebenso wie außerhalb
der Firma. Ohne diese Freiheit fallen Manager dem
Monopol und der Bürokratie ihrer Organisation zum
Opfer, also in etwa denselben Kräften, die die

Seite 2

Sowjets dazu veranlaßten, ihre Wirtschaft einer
exzessiven Kontrolle zu unterwerfen.
Control Data wandelte alle firmeneigenen Kundendiensteinheiten in "interne Beratungsunternehmen"
um, die als Profit Center betrieben werden und für
Kunden innerhalb von Control Data ebenso wie in
anderen Konzernen tätig werden. Diese Veränderung warf schwerwiegende neue Probleme auf: So
mußten ehemalige Kollegen jetzt plötzlich miteinander
Geschäfte aushandeln. Die damit einhergehende
Disziplin wurde jedoch als realistischerer Weg zur
Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit begrüßt.
IBM hat kürzlich seine Personalabteilung in einen
eigenständigen Untemehmensbereich mit dem
Namen "Workforce Solutions" umgewandelt, der Jahr
für Jahr Millionen Dollar einspart und seine Dienstleistungen auch anderen Konzernen anbietet.
"Die Belegschaften neigen dazu, anzuwachsen und
Dienstleistungen zu produzieren, die weder erwünscht noch erforderlich sind", erklärt Raymond
Smith, Vorstandsvorsitzender von Bell Atlantic, der
seinen Mitarbeiterstab in einen autonomen Geschäftszweig umwandelte. "Ich beschloß, die Kontrolle über die verfügbare Belegschaft auf diejenigen
zu übertragen, die für sie bezahlen - die einzelnen
Abteilungen... Am wichtigsten ist, daß die Ausgaben
für Unterstützungsleistungen heute von ihren Abnehmern kontrolliert werden."
Produktion wird zur Dienstleistung
Das Konzept der internen Märkte kann auch Probleme im Produktionsbereich lösen. Hochmoderne
Fabriken sind zwar äußerst produktiv, aber auch
kostspielig, und deshalb müssen sie rationell eingesetzt werden. Alcoa behandelt seine Produktionseinheiten wie "interne Arbeitsstätten", die Güter sowohl
für interne als auch für externe Abnehmer herstellen.
IBM, DEC und eine Vielzahl anderer Unternehmen
nutzen überschüssige
Fabrikationskapazitäten
ebenfalls, indem sie anderen Unternehmen, darunter
auch Konkurrenten, anbieten, für sie Auftragsarbeiten
zu übernehmen. Bruce Merrifield vom US-Wirtschaftsministerium faßt diesen Trend folgendermaßen
zusammen: "Die Produktion wird zu einer Dienstleistungsfunktion. Die Fabriken stellen für verschiedene Unternehmen in verschiedenen Branchen
unterschiedliche Produkte her."
Auch der EDV-Sektor bewegt sich in diese Richtung.
Anstatt ihren Nutzern von der Leitung der EDVAbteilung die Wahl der Ausstattung vorschreiben zu
lassen, können die verschiedenen Unternehmenszweige ihre Informationstechnologie entweder vom
Geschäftsbereich EDV ihres eigenen Unternehmens
oder von der Konkurrenz erwerben. In einer typi-

AMERIKA DIENST 19

�sehen Organisation werden EDV-Dienstleistungen
den Endabnehmern kostenlos zur Verfügung gestellt,
und es nimmt nicht wunder, daß diese Ressourcen
verschwendet werden. Es gibt zahlreiche Geschichten von leitenden Angestellten, die mehrere Kopien
ellenlanger Computerausdrucke verlangen, die nie
gelesen werden, oder davon, wie Büros in Übersee
mit internationalen Telefonanschlüssen ausgestattet
werden, die dann nur von irgendwelchen Angestellten für Anrufe zu Hause benutzt werden. Wenn
ihnen jeden Monat von der EDV-Abteilung die
Rechnung präsentiert wird, verändern die Nutzer ihre
Haltung merklich: Sie wählen weniger und preiswertere Systeme, die häufig ihre Aufgaben besser
erfüllen.
Ein Konzern, mit dem wir zusammenarbeiteten,
bemühte sich mit geringem Erfolg, seine Kosten für
EDV unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem er
jedoch die Abteilung Datenverarbeitung zu einem
Profit Center umgewandelt hatte, ging die Nachfrage
nach derartigen Dienstleistungen um die Hälfte
zurück.
Die Beschwerden von firmeninternen
Kunden nahmen merklich ab, und der Unternehmensbereich Datenverarbeitung
erwirtschaftete
Einnahmen von externen Kunden.
Zahlreiche
andere Unternehmen, darunter Brown-Foreman und
Sunoco, konnten mit diesem Ansatz in der Datenverarbeitung dramatische Fortschritte erzielen. Die
amerikanische Regierung schlägt ebenfalls diesen
Weg ein: Die Zivilluftfahrtbehörde Federal Aviation
Administration, das Verteidigungsministerium und
andere Behörden bilden "EDV-Versorgungsbetriebe",
die internen Kunden Benutzungszeiten für Computer,
elektronische Post und andere EDV-Leistungen in
Rechnung stellen.
Unter dem durch Wettbewerb verursachten Druck
zum effektiveren Einsatz von Forschungsmitteln
gestalten die Bell Laboratories von AT&amp;T, Philips
Electronics und Esso Canada ihre F&amp;E-Bereiche zur
Profit Centern um, die Forschungsleistungen an die
einzelnen Unternehmensbereiche und Kunden
außerhalb der eigenen Firma verkaufen. Dieser
Ansatz trägt zur Lösung des Dauerproblems bei, die
wichtigsten Fähigkeiten eines Unternehmens zu
identifizieren. Anstatt sich auf spekulative Entscheidungen zu verlassen, die an der Spitze einer Hierarchie getroffen werden, stellen die Führungskräfte
der Profit Center den wahren Wert einer wichtigen
Leistung unter Beweis, indem sie für ihre Nutzung
bezahlen.
Im Hinblick auf die Arbeitsleistung eines Unternehmens können die Unternehmensbereiche Marketing, Logistik und Kundendienst zu einer Art von
internem Gegenstück zum klassischen Vertrieb
umgestaltet werden. Wie gewöhnliche Vertriebs-

AMERIKA DIENST 19

bereiche bieten diese Profit Center das gesamte
Spektrum von Produkten eines Unternehmens in
einer Region an und offerieren damit den integrierten
Service, den einzelne Unternehmensbereiche nicht
bereitstellen können.
Arbeitnehmer können in eigenverantwortlich geführten
Profit Centern organisiert werden, die marktwirtschaftliche Prinzipien bis hinunter zur Basis verwirklichen. Crown Zellerbach hat Holzfällern dabei
geholfen, Arbeitsgruppen zu bilden, die für die Menge
des geschlagenen Holzes entlohnt wurden. Das
Ergebnis war die Beendigung von Berufszugehörigkeiten, Arbeitsvorschriften, Beurteilungen, Vorarbeitern und anderen komplexen Systemen. Die Holzfäller wurden enorm motiviert, weil sie "ihr eigenes
Unternehmen leiten" konnten, wie sie es für richtig
hielten, und mehr Geld verdienten, während sich die
Unternehmensführung über die höhere Produktivität
und die geringeren Fixkosten freute.
Der Vorstandsvorsitzende als Profit Center
Selbst der Vorstandsvorsitzende kann zum Profit
Center werden. Als James Rinehart an der Spitze
von Clark Equipment stand, definierte er die Rolle
des Vorstandsvorsitzenden neu als Profit Center, in
dessen Rahmen Einnahmen aus dem in Unternehmensbereichen investierten Kapital (ähnlich einem mit
Risikokapital betriebenen Unternehmen) und einem
Anteil am Umsatz (ähnlich einer "Steuer" für die
"Unternehmensregierung") resultieren.
Dieses
Konzept schafft eine logische geschäftliche Beziehung zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und den
leitenden Angestellten. Wie jedes Profit Center muß
auch der Vorstandsvorsitzende seine Preise niedrig
und die Qualität seiner Dienstleistungen hoch halten,
um seine "Kunden" zufriedenzustellen.
Eine Marktwirtschaft muß nicht vollständig von den
Rahmenbedingungen eines komplexen Finanzsystems abhängig sein. Sie kann sich auch auf subtilere Normen des Gesellschaftssystems stützen. Der
Konzern MCI besitzt, was sein Vorstandsvorsitzender
Bert Roberts als "virtuelle Organisation" bezeichnet eine Reihe allgemeingültiger Werte, die es den
Beschäftigten gestatten, effektiv zusammenzuarbeiten. Da dieses informelle Führungssystem in den
Gehirnen der MCI-Mitarbeiter und weniger in schriftlich fixierten schwerfälligen Regelwerken besteht, ist
es sehr viel flexibler. Die MCI-Beschäftigten identifizieren sich voll und ganz mit ihrem Unternehmen,
und deshalb lassen sich rasche Lösungen für komplizierte Vorhaben finden, ob es sich dabei um ein
neues Produkt, organisatorische Veränderungen oder
eine Übernahme handelt. Heute kann jeder MCIMitarbeiter neue Projekte initiieren, Mittel werden

Seite 3

�bewilligt um Leistung zu belohnen, und Unternehmensbereiche konkurrieren miteinander.
Durch die Konzipierung einer Organisationsform, die
als Markt und nicht als Hierarchie funktioniert, ist es
MCI gelungen, das Monopol von AT&amp;T zu brechen.
Das unternehmerische Managementsystem hat eine
Kette von Erfolgen hervorgebracht - niedrigere
Telefongebühren, MCI-Fax etc. - die MCI zum
zweitgrößten Kommunikationsunternehmen in den
Vereinigten Staaten werden ließen.
Telearbeit kann Hierarchien durchbrechen
Im Zuge der Revolution im Informationswesen, die
Hierarchien ins Wanken bringen und neue Arbeitsmuster fördern wird, werden die Unternehmen
weitere Veränderungen erfahren. Die Kosten für
Videokonferenzen und andere moderne Informationssysteme nehmen alle paar Jahre um den Faktor
10 ab. Das Videokonferenzwesen könnte bald eine
ähnlich drastische Verbreitung erfahren, wie sie das
Fax seit einigen Jahren erlebt. In den kommenden
Jahren könnte die "Telearbeit" eine enorme Popularität gewinnen, die nicht nur durch neue Techniken,
sondern auch durch wachsende Verkehrsprobleme
und Naturphänomene wie Erdbeben und schlechtes
Wetter begünstigt wird, die den normalen Pendlerverkehr beeinträchtigen können.
Im Zuge der wachsenden Benutzerfreundlichkeit und
sinkenden Preise von Informationstechniken könnte
Telearbeit eine immer wichtigere Alternative zu
herkömmlichen Arbeitsweisen werden. Durch Informationssysteme werden elektronische Netze mit
einem Geflecht von Querverbindungen geschaffen,
die von nahezu jedem Ort betrieben werden, die
traditionellen hierarchischen Führungsstrukturen
überlagern und somit die Arbeitsweise von Organisationen drastisch verändern.
Trotz der Verlagerung von Führungsaufgaben auf
interne Märkte werden Führungskräfte immer noch
eine Menge zu tun haben. Neben der Konzipierung
einer organisatorischen Architektur müssen Manager
die zur Integration von internen Märkten in einer
Zweckgemeinschaft erforderliche persönliche Führungsrolle einbringen. In der letzten Zeit war viel die
Rede davon, daß Führungskräfte erhabene Werte
und Visionen wecken sollten, um eine Organisation
zu vereinen und zum Erfolg zu führen. Wir hören
jedoch wenig darüber, wie sie die unangenehmen
Alltagskonflikte zwischen Freiheit und Kontrolle
bewältigen sollen. Die Perspektive des internen
Markts verdeutlicht dieses Problem, indem es die
Rechte und Pflichten aller Parteien aufzeigt. Der
Vorstandsvorsitzende neuen Typs wird die unmittelbare Kontrolle über die Operationen abgeben und

Seite 4

führen, indem er Verantwortlichkeiten sicherstellt,
Konflikte löst und Zusammenarbeit ermutigt. Damit
liefert er eine subtilere, aber nachdrücklichere Form
der Führung, die solche strategischen Faktoren
hervorbringt, die wirklich zählen.
MCI ist ein gutes Beispiel für ein Unternehmen,
dessen Führungskräfte hart daran arbeiten, umstrittene Fragen zu vorteilhaften Lösungen zu bringen. Die Führungsetage versteht, daß die Autonomie
der Betriebsleiter unangetastet bleiben muß, und
deshalb vermeidet es das Management, Rezepte von
oben zu verordnen. Häufig provoziert die unternehmerische Haltung der Firma hitzige Kontroversen
über vorgeschlagene neue Produkte, aber anstatt
solche Konflikte im Keim zu ersticken, werden sie von
MCI-Managern als Antrieb für intensives und kreatives Nachdenken genutzt. Da MCI ein sozial akzeptables Mittel für die direkte und konstruktive Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten
geschaffen hat, ergibt sich daraus für gewöhnlich ein
konsequentes Handeln, das von allen loyal unterstützt werden kann.
Jede der 166 eigenständigen Firmen, die zu Johnson
&amp; Johnson gehören, hält hartnäckig an ihrer Autonomie fest, die "ein Gefühl des Eigentums vermittelt,
das sich auf andere Weise einfach nicht erreichen
läßt", erklärt der Vorstandsvorsitzende John Larsen.
Zur Erlangung bestimmter Ziele ermutigt der Konzern
jedoch zur Bildung von Koalitionen. So möchten
beispielsweise die Großkunden des Unternehmens,
wie etwa Wal-Mart, Kmart und andere Einzelhändler,
nicht von Dutzenden von J&amp;J-Firmen mit Verkaufsanrufen belästigt werden, weshalb die Betriebsleiter
"Kundendienstzentren" einsetzen, die Verkaufs-,
Vertriebs- und Kundendienstaktivitäten für die großen
Einzelhandelsketten koordinieren. Derselbe Ansatz
führt zur Einrichtung zentraler Bereiche, die unternehmensweit Lohnbuchhaltung, EDV-Leistungen,
Einkaufs- und andere Verwaltungsfunktionen übernehmen.
Management für den internen Markt
Der Übergang von der Hierarchie zu internen Märkten
hat tiefgreifende Auswirkungen.
In etwa einem
Jahrzehnt könnten viele heute noch dominierenden
Managementkonzepte so archaisch erscheinen wie
der mittelalterliche Glaube an das Königtum von
Gottes Gnaden. Unternehmen werden sich selbst
umstrukturieren, um mit den elektronischen Netzwerken Schritt halten zu können, die es zunehmend
Menschen an verschiedenen Orten ermöglichen, bei
der Lösung gemeinsamer Probleme zusammenzuarbeiten. Moderne Konzerne werden nicht mehr
aus Pyramiden von Arbeitnehmern bestehen, die acht
Stunden an bestimmten Orten arbeiten, sondern aus

AMERIKA DIENST 19

�selbstorganisierten Gruppen von mobilen Unternehmern, die elektronisch zu Marktsystemen vereinigt werden.
Diese internen Märkte werden
schließlich zu einem weltweiten Geflecht von geschäftlichen Allianzen verbunden, welche die Weltwirtschaft bilden.
Natürlich wird diese schöne neue Welt der elektronisch vernetzten internen Märkte mit denselben
Problemen konfrontiert sein wie externe Märkte - mit
Risiken, Ungewißheit und anderen Problemen behaftete komplexe Arbeitsbeziehungen. Hierarchien sind
angeblich besser als Märkte dazu geeignet, die
Kosten von Transaktionen zu reduzieren, die bei der
Suche nach Alternativen auftreten, bei der Durchführung von finanziellen Transaktionen und ähnlichen Operationen. Die Revolution im Informationswesen reduziert jedoch die Kosten finanzieller
Transaktionen, interne Märkte verringern die Fixkosten und fördern neue Zuwächse durch Innovation.
Infolgedessen überwiegen die Vorteile der internen
Märkte die der zentralen Planung.
Einige Organisationen befürchten, daß interne
Märkte große Konflikte hervorbringen, da getrennte
Bereiche unterschiedliche Ziele verfolgen und um
Ressourcen konkurrieren.
Unsere Erfahrungen
zeigen jedoch, daß marktwirtschaftliche Systeme den
umfassenden Konflikt bewältigen können, der in den
traditionellen Managementstrukturen von heute
fortdauert. Der Pionier des Management, Peter
Drucker, hat einmal festgestellt, daß der Konkurrenzkampf innerhalb von Unternehmen intensiver ist als
der Wettbewerb zwischen den Unternehmen - und
mit wesentlich härteren Bandagen ausgetragen wird.
Auf einem Markt sind die Beziehungen zwischen
Anbietern und Käufern klar definiert und beruhen auf
Freiwilligkeit, während die typische Hierarchie von
vagen Mißverständnissen, durch von oben verordnete Entscheidungen und minimale Einflußmöglichkeiten des Personals belastet wird. Interne Märkte
ersetzen offiziell angeordnete Maßnahmen durch
freiwillige geschäftliche Arrangements, die gesunde
Arbeitsbeziehungen ermöglichen und allen Parteien
besser dienen.
Selbst die unangenehmen Begleiterscheinungen
interner Märkte bilden häufig nützliche Anpassungsvorgänge oder Anzeichen dafür, daß Anpassungen
erforderlich sind. Ist ein Manager nicht in der Lage,
seinen Bereich mit freiwilligen Mitarbeitern zu besetzen? Der Markt könnte urteilen, daß die Arbeitsbedingungen dort schlecht sind. Fahren einige
Bereiche Verluste ein? Ein Markt ließe sie in Konkurs gehen, weil sie keine Werte hervorbringen.
Interne Märkte erscheinen als unvermeidlich, weil sie
den einzig machbaren Weg bieten, um die wachsen-

AMERIKA DIENST 19

de Komplexität der modernen Gesellschaft zu bewältigen. Im Hinblick auf strategische Planung hat eine
Desillusionierung eingesetzt, da "Planung" von oben
herab normalerweise mehr Bürokratie hervorbringt
anstatt wirklichen Wandel. Das organische Verhalten
von marktwirtschaftlichen Systemen geht über den
Bereich der Planung an sich hinaus, da marktwirtschaftliche Systeme Metastrukturen darstellen, die
den Rahmen fester Strukturen und zentraler Kontrollen sprengen, um einen stetigen Strom struktureller Veränderungen in der gesamten Organisation
hervorzubringen.
Anstatt daß Topmanager die
langfristigen Geschäftsbedingungen prognostizieren
und die gesamte Organisation zwingen, in eine
einzige Richtung zu marschieren, ertasten sich die
Einheiten eines internen Marktes den Weg wie die
Zellen eines "Überorganismus", der ein Eigenleben
besitzt.
Interne Märkte bieten Vorteile, die für die meisten
Institutionen nützlich sind, aber wir sollten uns keine
Illusionen darüber machen, daß interne Märkte ein
universelles Ideal oder ein Allheilmittel darstellen, das
in alles umfassender Weise angewandt werden sollte.
In gewissen Situationen könnten Märkte keinen
Nutzen bringen, etwa bei militärischen Operationen
und dem Start von Raumschiffen, die eine enge
Koordinierung von Tausenden von Menschen und
komplexen Plänen erfordern. Und selbst die unternehmerischsten Institutionen werden immer irgendeine Form der Hierarchie als rudimentäres Skelett zur
Unterstützung der Märkte aufrechterhalten, die ihr
Lebenselixier bilden.
Eine Firma, mit der wir zusammengearbeitet haben,
strotzte nach der Einführung des Marktsystems
förmlich vor unternehmerischer Vitalität. Zahlreiche
profitable Unternehmungen schössen wie Pilze aus
dem Boden, aber eine nachlässige Kontrolle der
innewohnenden Risiken führte zu einigen schweren
Fehlschlägen. Eine energische Führung hätte diese
Schwierigkeiten vermeiden können, aber ihr Auftreten
belegte eines der internen Märkten innewohnenden
Risiken: organisatorische Freiheit setzt große Potentiale schöpferischer Kraft frei, und diese Kraft muß in
konstruktive Kanäle geleitet werden.
Arbeitnehmer als interne Unternehmer
Die Schattenseiten der Märkte scheinen heute
besonders eklatant zu sein, da Unternehmenszusammenschlüsse, Konkurse, Personalabbau und andere
Veränderungen zu Arbeitslosigkeit, verringerter
Loyalität gegenüber dem Unternehmen und vermehrten Schwierigkeiten im Arbeitsleben führen. Wenn
interne Märkte noch mehr davon hervorbringen,
warum sollten die Menschen dann die Arbeit in

Seite 5

�Organisationen tolerieren, die auf interne Märkte
setzen?
Unternehmen entlassen Arbeitskräfte, weil sich die
Welt in einem massiven wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozeß befindet, einer Folge neuer Technologien, intensiveren internationalen Wettbewerbs und
anderer Faktoren. Die Umstrukturierung stellt an die
Unternehmen zwei wichtige Anforderungen: Verantwortlichkeit für das geschäftliche Abschneiden,
um zu überleben, und organisatorische Flexibilität,
um sich chaotischen Veränderungen anzupassen.
Verantwortlichkeit und Flexibilität sind die zwei
Hauptstärken interner Märkte, was teilweise erklärt,
warum diese heute Verbreitung finden.
Interne Märkte werden die Rolle der Arbeitnehmer
einschneidend verändern. In einem hierarchischen
System war es sinnvoll, die Menschen als Mitarbeiter
mit begrenzter Handlungsfreiheit und eng definierten
Zuständigkeiten zu behandeln. Ein System interner
Märkte jedoch erfordert, daß die Arbeitnehmer
Unternehmer oder "interne Unternehmer" werden.
Das herkömmliche Arbeitsverhältnis, in dessen
Rahmen Menschen dafür bezahlt wurden, daß sie
eine Position innehatten, weicht einem neuen
Verhältnis, in dem die Menschen die Gelegenheit
erhalten, ihre Talente einzusetzen - mit allen Freiheiten, der Selbstkontrolle, den Risiken und Belohnungen, die mit unternehmerischer Tätigkeit verbunden
sind.
Um diesen Wandel zu fördern, werden die Unternehmen unternehmerfreundlich werden müssen,
indem sie sich die Hunderten von Fördermodellen zu
eigen machen, die zur Unterstützung junger Unternehmer ins Leben gerufen wurden. Eine der erfolgreichsten Maßnahmen von IBM war das Konzept des
"Independent Business Unit", das in eineinhalb
Jahren den PC entwickelte. Das Elektroauto von
GM wird von einem Team von 200 Leuten konzipiert, die außerhalb der normalen Hierarchie tätig
ist.
Das Modell des internen Marktes bietet eine logische
Grundlage, auf der Unternehmen Allianzen schmieden können, die für ihre weltweite Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sind. Die Neudefinition eines
Großunternehmens als Markt erlaubt es einzelnen
Bereichen, auf einer soliden geschäftlichen Grundlage unmittelbar und rasch Bündnisse einzugehen.
Darüber hinaus gewöhnen sich die Beschäftigten in

*

Seite 6

einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Organisation
an die Bildung von Allianzen, weil die alltäglichen
Beziehungen auf diese Weise gestaltet werden.
Außerdem werden die leitenden Angestellten vom
Tagesgeschäft befreit und können sich auf Strategien
konzentrieren, die interne und externe Unternehmungen zu mächtigen neuen Kombinationen vereinen.
Märkte im Bildungswesen
Interne Märkte treten nicht nur in amerikanischen
Großunternehmen auf den Plan, sondern auch in
anderen Ländern und wirtschaftsfremden Institutionen. So ist in den Vereinigten Staaten das seit
langem bestehende Bildungsmonopol unter Beschuß
geraten, und eine wachsende Zahl von Schülern und
Studenten hat die Wahl zwischen verschiedenen
Schulen. Dahinter steht der Gedanke, daß Schulen
miteinander um die Gunst ihrer Kunden (Studenten
und Eltern) ebenso konkurrieren sollten wie private
Unternehmen. Es gibt Anzeichen dafür, daß sich
japanische Unternehmen ebenfalls auf interne Märkte
zubewegen, indem sie Ebenendes mittleren Managements abschaffen, ihren Beschäftigten den Wechsel
des Arbeitsplatzes gestatten und leistungsbezogene
Entlohnung einführen.
Der Wechsel zu internen Märkten ist selbst bei
optimaler Planung schwierig, aber immer mehr
Organisationen gehen diesen Weg, weil die ökonomischen Realitäten dies verlangen. Die Unternehmen
müssen in einer scharfem Konkurrenzdruck unterliegenden Weltwirtschaft bestehen, die massive
technische und soziale Innovationen verlangt. Um
unter den außergewöhnlichen neuen Bedingungen zu
überleben und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sind
Unternehmen und Institutionen zur Umstrukturierung
gezwungen.
Dieses Gebot wird mit dem fortschreitenden Informationszeitalter an Nachdruck gewinnen. Die stagnierenden Bürokratien von heute müssen durch eine
Vielzahl von internen Unternehmungen zu neuem
Leben erwachen, die Ressourcen, Arbeitskräfte und
Information rasch durch ihre Organisationen schleusen und zahlreiche Verbindungen mit der Weltwirtschaft aufrechterhalten. Am Ende werden zahlreiche
kleine, miteinander konkurrierende Unternehmen mit
unbegrenzten Marktinformationen und der Freiheit
stehen, ihre individuellen Interessen oder das, was
Wirtschaftswissenschaftler als "perfekte Märkte"
bezeichnen, zu verfolgen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 19

�LITERATUR
24. Mai 1995

"Gute Zeiten für Dichter"
Interview mit Pulitzerpreisträger Philip Levine
WASHINGTON - (AD) - Philip Levine, der Träger
des Pulitzerpreises 1995, hält die amerikanische
Dichtung am Ende dieses Jahrhunderts für umfassender, machtvoller und möglicherweise vielversprechender als je zuvor.
"Das Haus der Dichtung ist viel größer geworden",
erklärt Levine, der seit vielen Jahren dichtet und von
der Arbeiterklasse, dem städtischen Amerika aus der
Zeit der großen Wirtschaftskrise und danach geprägt
wurde. "Es gibt noch viel mehr Menschen, die sich
als Dichterfühlen und als solche akzeptiert werden."
"Ich weiß nicht, ob die jungen Dichter ebenso gut
sind wie die Generation von Elizabeth Bishop, John
Berryman, Robert Lowell und Delmore Schwartz
oder letztlich solche Wirkung erzielen. Aber es gibt
sie. Ich sehe einige außerordentlich talentierte
Menschen und freue mich darüber."
Levine, dem der renommierte Pulitzerpreis für sein
jüngstes Werk, das 1994 erschienene "The Simple
Truth" verliehen wurde, findet unter den amerikanischen Dichtern nicht so schnell seinesgleichen. Er
begann seine Karriere, als er in der Automobilbranche seiner Heimatstadt Detroit arbeitete. Der schon
frühzeitig stark von der Überschneidung politischer
und sozialer Werte faszinierte Levine wurde als
Fürsprecher derjenigen bekannt, die auf den unteren
Stufen der sozialen Leiter stehen.
Es ist passend, aber ungewöhnlich, daß er seinen
Eintrag im "Who's Who in America", einem jährlich
herausgegebenen Verzeichnis hochrangiger Persönlichkeiten und ihrer Leistungen, mit der Erklärung
beschließt: "Meine Hoffnung ist, für die Menschen
zu dichten, für die noch keine Gedichte geschrieben
wurden."
In dieser Eigenschaft - als Aktivist für diejenigen, die
ums Überleben kämpfen - ist er das dichterische
Gegenstück zu Bernard Malamud, dem verstorbenen
amerikanischen Romanschriftsteller, der in Werken
wie "The Assistant" und "The Fixer" auch jene
durchschnittlichen, oft vergessenen Seelen beschreibt, die darum kämpfen, ihr Leben im Gleichge-

AMERIKA DIENST 19

wicht zu halten. Gleichzeitig hat er aber auch einen
freien Geist, der einem Walt Whitman gleichkommt.
In den dreißiger Jahren wurde er als Jugendlicher in
seinem Elternhaus und der Gemeinde russischer
Einwanderer durch Gespräche und Debatten über
Anarchie, Sozialismus und Entwicklungen im Spanischen Bürgerkrieg schon früh politisch geschult.
In seiner Jugend und im frühen Erwachsenenalter,
insbesondere als er nach dem College mit der Arbeit
in der Fabrik begann, entwickelte er auch Rollenmodelle, die aus dem einfachen Volk stammten - von
Männern und Frauen aus ländlichen Gebieten in
verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten. Sie
standen im Mittelpunkt seiner Gedichte, die eine
Kritikerin, Dana Gioia, als "reizbare, mit Komplexen
behaftete Verse, [die] eine graue Welt vereinsamter
Autobahnen, veralteter Fabriken und aussichtsloser
Arbeitsplätze abwechselnd feiern und beklagen"
bezeichnete.
"Ich möchte den Menschen meinen Respekt bezeugen, die mich gelehrt haben, daß das Leben etwas
Heiliges ist", schrieb er einmal. "In Wahrheit sind wir
Kinder Gottes und dazu in diese Welt gekommen, um
so gut wir können mit den Tieren, den Bäumen und
Pflanzen zu leben und die Welt auch voller Liebe und
Respekt für sie intakt zu hinterlassen."
Levine gehört der alten Garde von Dichtern aus der
Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit
an. Sie betrachten Walt Whitman als Vater der
modernen amerikanischen Dichtung - als den Schriftsteller, der - in Levines Worte gekleidet - erklärte:
"Wir werden nicht länger englisch sein. Das ist nicht
das unsere. Wir werden eine neue Art von Dichtung
erfinden."
Gleichzeitig war jedoch eine andere laute Stimme zu
hören, die von Emily Dickinson - "subtile, zarte alte
Musik, Rhythmen", beobachtete Levine. "Meines
Erachtens hat die amerikanische Dichtung seitdem
zwischen diesen beiden Giganten des 19. Jahrhunderts geschwankt."

Seite 1

�Der aus einer Familie der Mittelschicht stammende
Levine mußte Geld verdienen, nachdem sein Vater
gestorben war, ohne die Familie ausreichend zu
versorgen. Der junge Levine verrichtete eine Reihe
niedriger Arbeiten, die seine Augen für andere
soziale Schichten öffneten. Dies wurde zum Merkmal seines Werkes.
Levine erwarb 1950 an der Wayne State University
den Grad eines Bachelor und arbeitete anschließend
in einer "Abfolge stupider Jobs", wie er es später
nannte, in Elektro- und Chemieunternehmen sowie
für einen Rad- und Achsenhersteller. Er befreite
sich von der Langeweile, jedoch nicht von der
Atmosphäre und kehrte in die akademische Welt
zurück, wo er eine Zeitlang bei einem seiner Mentoren, dem Dichter John Berryman studierte. 1954
machte er seinen Master (und drei Jahre später
einen Master in schönen Künsten) und fing fast
sofort an zu lehren. Seitdem stellte er sich fast vier
Jahrzehnte lang unermüdlich den Anforderungen an
einen Professor und Dichter und entfernte sich
selten von dieser Doppelrolle.
Seine Verse waren zunächst lyrischer Natur. Nach
einiger Zeit wurden sie von ihrer Struktur und Form
her prosaischer.
In jüngster Zeit zeigen seine
Gedichte wieder Rhythmus und Versmaß - "weil mir
das Spaß macht", wie er sagt.
Von Anfang an war Philip Levine nicht von Worten
fasziniert, nicht einmal von poetischen Zeilen oder
der Struktur des Moments, sondern von Menschen
und Landschaften, auf die er sein kreatives Licht
warf. Vor 17 Jahren erklärte er in einem Interview
über seine Poesie: "Es ist seltsam, aber ich interessiere mich nicht besonders für Sprache. In
meinem idealen Gedicht fallen keine Worte auf.
Vielmehr öffnen sie den Blick, sind eine Vision ...
man sieht Menschen und Orte."
Er räumt jedoch ein, daß sich das in den letzten
Jahren geändert haben könnte.
"Es ist seltsam, aber ich habe mehr Interesse an der
... Sprache bekommen. Eine Reihe von Gedichten,
die mir sehr gefallen, handeln von unserer Kommunikation und unserem Mangel an Kommunikation
untereinander sowie davon, wie sich trotz unserer
Unterschiede und unserer sprachlichen Ungeschicklichkeit Wunder ereignen - es gibt sie, wir überwinden diese enormen Hindernisse zwischen uns mit
Hilfe von Sprache, Briefen und Gedichten. Das finde
ich wirklich faszinierend. Ich habe mich all die Jahre
mit Poesie befaßt, ohne wirklich über das Hilfsmittel
nachzudenken."

Seite 2

Mit Blick über sein eigenes Werk hinaus auf die
größeren Zusammenhänge sieht Levine zahlreiche
Gründe für Optimismus in bezug auf die Kunst und
die Verbreitung von Dichtung. Er erhielt Auftrieb
durch die "stark vergrößerte und mannigfaltige"
Leserschaft, die beispiellose Einbeziehung von
Hispanoamerikanem, Asiaten und Frauen in nie
dagewesener Zahl sowie durch die Aufmerksamkeit,
die selbst kleinere Verlage der Dichtung zollen, viele
außerhalb der traditionellen Herausgeber New Yorks.
Der Träger des Pulitzerpreises, dem bereits im Laufe
der Jahre der National Book Award, der National
Book Critics Circle und andere Ehrungen verliehen
wurden, erklärt, er habe keine Eile mit der Veröffentlichung eines weiteren Bands. Während des Großteils
seiner Karriere hatte er immer einige Gedichte in der
Hinterhand. Mittlerweile hat sich das geändert.
"Ich habe vielleicht noch zehn Gedichte vorrätig",
stellt er fest, "und ich werde sie umschreiben müssen. Ich bin strenger mit mir selbst geworden. Ich
habe die Karriere anderer Dichter meines Alters
beobachtet und gesehen, daß wir zu einem bestimmten Zeitpunkt - ungefähr im Alter von 60 Jahren - uns
selber zu beweisen versuchen, daß wir noch vital
sind.
Ich möchte nicht in diese Falle geraten. Ich habe
eine sehr loyale Leserschaft - ich möchte ihr nicht
einfach ein Buch geben, das wie die anderen ist.
Wenn ich meine Leser nicht überraschen kann, lasse
ich sie vier oder fünf Jahre warten, bis ich soweit bin.
Ich schreibe. Mir gefällt, was ich schreibe. Ich habe
keine Eile."
Obwohl Levine fast überall von den Kritikern und
anderen Dichtern bewundert wird, wurde bisweilen
kritisiert, er suche durch die thematische Bindung
seines Oeuvre an soziale Ungerechtigkeit in einer
erschöpften Ader nach Gold.
"Viele Menschen vertreten die Auffassung, es sei
nicht die Aufgabe der Dichtung, sich mit sozialen
Problemen zu befassen", konstatiert er. "Und Menschen wie ich entgegnen: 'Wie meinen Sie das?'
Die Dichtung kann tun, was ihr gefällt. Wenn ich sie
zu diesem Zweck einsetzen will, werde ich das tun."
Er räumt jedoch ein: "Nur weil ich sie als Instrument
ansehe, meinem Ärger über soziale Mißstände
Ausdruck zu verleihen, bedeutet das nicht, daß mich
das von dem Problem befreit, Dichtung zu schreiben."
"Eine Tagesordnung bringt noch kein Gedicht hervor.
Man hat einfach nur eine Tagesordnung. Wenn es
keine Kunst ist, ist es gar nichts."

AMERIKA DIENST 19

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12436">
                <text>24.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12437">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12438">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12439">
                <text>Amerikadienst 24.05.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12440">
                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&amp;nbsp;&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Eröffnung der 41. deutschamerikanischen Freundschaftswoche&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Amerikanische Außenpolitik - Grundlagen und Perspektiven&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sicherheitsarchitektur&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von William J. Crowe, Jr.&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Von Organisationen zu Märkten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von William E. Halal&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Literatur&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;"Gute Zeiten für Dichter"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Pulitzerpreisträger Philip Levine&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2407" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2418">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/f8491b3dd34f28436bfd17e5bd875774.pdf</src>
        <authentication>f9ee6aac9375ad3a103d91506ab28800</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12447">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20

7. Juni 1995

BOSNIEN

USA ERWAGEN UNTERSTÜTZUNG DER
BLAUHELME IN BOSNIEN
Keine Beteiligung am Krieg

NATO

USA ENGAGIEREN SICH WEITERHIN
IN EUROPA
Ansprache von Außenminister Christopher

MARSHALL-ZENTRUM

EIN GEEINTES, STABILES UND SICHERES
EUROPA
Rede von Verteidigungsminister Perry

DATENAUTOBAHN

FAX, CD-ROM, ONLINE-DIENSTE
UND ZEITUNGEN
von Tony Case

Im Zeitalter der Datenautobahn erhalten unsere Leser schnelleren Zugang zu aktuellen
Informationen: Der Amerika Dienst kann in Kürze täglich über ein elektronisches Bulletin
Board abgerufen werden, über das wir Sie noch im einzelnen informieren. Die gedruckte
Version unserer Publikation erscheint ab dieser Ausgabe alle zwei Wochen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�BOSNIEN
7. Juni 1995

USA erwägen Unterstützung der Blauhelme in Bosnien
Keine Beteiligung am Krieg
WASHINGTON - (AD) - US-Präsident Clinton erklärte, er werde die amerikanischen Verbündeten
nicht im Stich lassen und sagte zu, jedes Ersuchen
der Vereinten Nationen sorgfältig zu prüfen, den
Abzug ihrer Blauhelme in Bosnien auf leichter zu
verteidigende Positionen zu unterstützen.
Nach der Gefangennahme von Soldaten der UNSchutztruppe UNPROFOR durch bosnische Serben
überdenkt Präsident Clinton seine Politik und erwägt
den Einsatz amerikanischer Bodentruppen auch aus
Gründen, die nicht mit einem dringend erforderlichen
Abzug der UNPROFOR im Zusammenhang stehen.
Clinton äußerte bei der Abschlußfeier der Luftwaffenakademie in Colorado Springs am 31. Mai 1995, die
vorübergehende Entsendung amerikanischer Truppen würde nicht bedeuten, daß die Vereinigten
Staaten eine Rolle in der UNPROFOR spielen oder
am Krieg teilnehmen.
Der Präsident erklärte, er reagiere auf eine von den
Vereinten Nationen als "Rückkehr zu mittelalterlicher
Barbarei" bezeichnete Situation in Bosnien - Artillerieangriffe auf zivile Ziele durch die bosnischen
Serben, die 1.400 Geschütze auf Zivilisten in Sarajevo abfeuerten.
Obwohl die Serben sich den Anordnungen des UNSicherheitsrats widersetzen, mehr als 350 Blauhelme
gefangenhalten und Ausrüstung der UNPROFOR
beschlagnahmten, ist der Präsident weiterhin der
Ansicht, daß eine zahlenmäßig gestärkte und besser
ausgerüstete UNPROFOR "der beste Schutz vor
einem im Falle ihres Abzugs weitaus schlimmeren
humanitären Desaster ist".
Clinton, der vorher erklärt hatte, er werde amerikanische Bodentruppen nur zur Überwachung eines
Abkommens zwischen den Kriegsparteien oder zur
Unterstützung einer dringend erforderlichen Evakuierung der UNPROFOR-Truppen entsenden, bezog in
seine Außenpolitik eine Umgruppierung der Schutztruppe ein, die derzeit auf kleine Beobachterposten
verteilt ist. Eine der Optionen der Vereinten Nationen besteht in der Konsolidierung der UNPROFOR-

AMERIKA DIENST 20

Soldaten in befestigten Bollwerken und ihrer erstmaligen Ausrüstung mit schweren Waffen wie beispielsweise Artilleriegeschütz.
Der Präsident sprach von einer "seit langer Zeit
bestehenden Verpflichtung" gegenüber den NATOMitgliedstaaten, die Soldaten in die UNPROFOR
entsandten und äußerte: "Meines Erachtens sollten
wir bereit zu einer Unterstützung der NATO sein,
wenn sie sich dazu entschließt, einem Antrag der
UNO-Truppen zur Hilfe bei einem Rückzug, einer
Umgruppierung oder Stärkung ihrer Streitkräfte zu
entsprechen".
Der Präsident stellte fest, daß kein derartiges Gesuch
gestellt wurde, und "wir keine solche Entscheidung
getroffen haben". Er werde den Kongreß konsultieren, bevor er handele. "Wir müssen uns weiterhin für
den Frieden in Bosnien einsetzen, und ich bin immer
noch der Ansicht, daß es die richtige Entscheidung
war, unsere Truppen nicht in diesen Konflikt in
Europa verwickeln zu lassen und uns nicht an der
UNO-Operation zu beteiligen".
Der Präsident wies jedoch darauf hin, daß Washington "seinen Bündnispartnern gegenüber Verpflichtungen hat, und ich bin der Ansicht, daß wir sie nicht im
Stich lassen dürfen. Daher muß ich jedes Ersuchen
um eine Operation unter zeitweiliger Einbeziehung
unserer Bodentruppen sorgfältig prüfen."
Clinton befaßte sich in seiner Ansprache hauptsächlich mit den Bedrohungen der Sicherheit der Nation
in der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges.
Obwohl die Bedrohung durch einen Atomkrieg als
Ergebnis des START I und START II-Vertrags
abgenommen hat, stellte der Präsident Fortschritte im
nachrichtendienstlichen Bereich sowie darin fest, was
er als "dunkle Seite der Technologie" bezeichnet, "die
unserem Land weitere Probleme bereiten kann".
Er stellte die unklaren nationalen und internationalen
Bedrohungen in der heutigen Welt den deutlich
umrissenen Fragen des Zweiten Wertkriegs und des
Kalten Krieges gegenüber. 50 Jahre lang wurden die
amerikanischen Sicherheitsinteressen ihm zufolge

Seite 1

�"von bestimmten Ereignissen diktiert, die wir oft nicht
kontrollieren konnten, die aber wenigstens klar und
deutlich waren. Im Zweiten Weltkrieg war das Ziel
eindeutig: den Krieg zu gewinnen. Im Kalten Krieg
war das Ziel eindeutig: die Eindämmung des Kommunismus und die Verhinderung eines Atomkrieges."

Massenvernichtungswaffen verringern, seien es
atomare, chemische oder biologische Waffen. Wir
müssen unserem Militär die Ressourcen, Ausbildung
und Strategie bieten, die für den Schutz des amerikanischen Volkes sowie unserer Interessen auf der
Welt erforderlich sind".

Jetzt seien die Ziele "komplexer, und es ist klar, daß
die Sicherheit Amerikas im 21. Jahrhundert von
Kräften bestimmt wird, die innerhalb und außerhalb
unserer Grenzen wirken".

Inzwischen wies ein hochrangiger Regierungsbeamter
auf die eingeschränkte Natur der "Erweiterung" der
amerikanischen Bosnienpolitik hin. An Bord der Air
Force One auf dem Weg nach Colorado Springs
äußerte er Journalisten gegenüber, das Engagement
des Präsidenten, den UNPROFOR-Einheiten nicht
spezifizierte Hilfe bei der Umgruppierung anzubieten,
sei "ein hypothetischer Fall". Clinton wünsche
jedoch, daß die Administration und die Öffentlichkeit
aus "Klugheit" diese Erweiterung in Erwägung ziehen
und überdenken.

Dennoch sieht Clinton eine Zukunft "voller Hoffnung.
Wir reduzieren die nukleare Bedrohung beträchtlich... Vom Nahen Osten über Südafrika bis Nordirland helfen die Amerikaner ihren ehemaligen
Gegnern, von Konflikten zur Kooperation überzugehen... Wir unterstützen Demokratien und Marktwirtschaften wie Haiti und Mexiko... Wir erweitern den
Handel und setzen uns für ein Europa ein, das zwar
ein Verbündeter der Vereinigten Staaten, aber
erstmals wirtschaftlich und politisch geeint ist... Erst
gestern trug die russische Entscheidung über eine
aktive Teilnahme an der Partnerschaft für den
Frieden dazu bei, die Grundlage für einen weiteren
wichtigen Schritt zur Schaffung eines sicheren,
stabilen und geeinten europäischen Kontinents zu
legen."
Da der Ursprung der Bedrohungen nicht klar ist,
müssen die Vereinigten Staaten ihrem Präsidenten
zufolge ihre Reaktion "an deren wahrer Natur
orientieren, nicht an ihrem Auftreten".
In einer solch "neuen und veränderten Zeit" müssen
dem Präsidenten zufolge drei Prioritäten verfolgt
werden, damit die Amerikaner im kommenden
Jahrhundert sicherer sind: "Wir müssen diejenigen
bekämpfen, die unsere demokratische Gesellschaft
zerstören wollen. Wir müssen die Bedrohung durch
*

Seite 2

*

Dem Regierungsbeamten zufolge hatte ihm Außenminister Christopher versichert, eine Umgruppierung
der UNPROFOR stehe nicht im Mittelpunkt der
Diskussionen der Bosnien-Kontaktgruppe. Christopher habe geäußert, dies stehe derzeit nicht zur
Debatte.
Ihm zufolge soll das von Clinton abgegebene Versprechen den NATO-Mitgliedstaaten, die in der
UNPROFOR Bodentruppen haben - vor allem Frankreich, Großbritannien und Kanada - eine Zusicherung
geben, damit sie ihre Beteiligung an der UNO-Mission
fortsetzen.
"Wir haben eine seit langer Zeit bestehende Verpflichtung gegenüber unseren NATO-Verbündeten",
erklärte der Regierungsbeamte, "bei jeder NATOOperation Beistand zu leisten, die UNPROFOR
zurückzuziehen, wenn - ich betone, wenn - das
notwendig ist".

*

*

AMERIKA DIENST 20

�NATO
7. Juni 1995

USA engagieren sich weiterhin in Europa
Ansprache von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - Beim Treffen des Nordatlantikrats im niederländischen Noordwijk am 30. Mai 1995
erklärte US-Außenminister Warren Christopher, die NATO bleibe die tragende Säule der Sicherheit in Europa.
In seiner Eigenschaft als Ehrenpräsident des Rates begrüßte der Außenminister die Entscheidung Rußlands,
der Partnerschaft für den Frieden beizutreten und seinen Dialog mit der NATO auszuweiten.
"Die Partnerschaft für den Frieden verleiht den neuen, kooperativen Beziehungen zwischen dem Bündnis und
seinen ehemaligen Gegnern Form und Substanz", erklärte er.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom US-Außenministerium freigegebenen Text der Eröffnungsrede des
Ehrenpräsidenten des Nordatlantikrats bei dessen Treffen in Noordwijk.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen und Freunde, ich freue mich, erneut als Ehrenpräsident des
Nordatlantikrates hier zu sein. Ich möchte die
Minister willkommen heißen, die seit unserem letzten
Treffen vergangenen Dezember neu hinzugekommen sind. Im Namen aller Mitglieder des Rates
sichere ich Ihnen enge Zusammenarbeit zu, die die
Stärke unseres Bündnisses ist.
50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
stellt unser Ministertreffen eine bedeutende Gelegenheit zum Nachdenken dar. Wir haben mit der
Schaffung einer umfassenden Sicherheitsarchitektur
begonnen, die Frieden und Sicherheit in ganz
Europa fördern wird.
Die NATO bleibt die tragende Säule der Sicherheit
in Europa und die wichtigste Institution zur Verknüpfung der Sicherheit Nordamerikas und Europas.
In den letzten fünf Jahren hat das Bündnis umfassende Veränderungen vorgenommen, um der
Dynamik der Umgestaltung Europas zu entsprechen.
Obwohl wir die wesentliche defensive Rolle der
NATO beibehalten, passen wir ihre Streitkräfte an
die neuen Herausforderungen von Krisenmanagement und Friedenssicherung an. Wir unterstützen
eine leistungsfähige europäische Verteidigungsidentität sowie eine erweiterte Rolle der Westeuropäischen Union. Wir schaffen dauerhafte Bande
zwischen der NATO und den neuen Demokratien
Mittel- und Osteuropas. Und morgen wird das

AMERIKA DIENST 20

Bündnis einen bedeutenden Schritt zur Entwicklung
seines Dialogs mit Rußland unternehmen.
Vor drei Wochen willigte Rußland in Moskau in eine
Teilnahme an der Partnerschaft für den Frieden und
einen umfassenderen Dialog mit der NATO ein. Wir
begrüßen diese Entwicklung.
Die Entscheidung
Rußlands über eine Vertiefung seiner Zusammenarbeit mit Europa und Nordamerika fördert unsere
Fähigkeit zur Erlangung unseres gemeinsamen Ziels
eines wahrhaft integrierten Europa.
Im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden werden
Rußland und die Bündnismitglieder militärische
Austauschprogramme, gemeinsame Manöver und
Friedenssicherungsübungen durchführen. Darüber
hinaus werden wir einen umfassenden Dialog über
entscheidende Sicherheitsfragen führen, einschließlich Nichtverbreitung und nukleare Sicherheit. Beim
morgigen 16 plus 1-Treffen mit dem russischen
Außenminister Kosyrew und in den kommenden
Monaten werden wir diesen Dialog einleiten, um den
Rahmen für erweiterte Beziehungen zu Rußland
abzustecken.
Die von uns angestrebte Art der Beziehung zwischen
der NATO und Rußland ergänzt die anderen Elemente unserer Strategie: Stärkung der Partnerschaft für
den Frieden, weitere Stärkung der OSZE, Beibehaltung stetiger Fortschritte zur Erweiterung der NATO
und der Europäischen Union.

Seite 1

�Die Partnerschaft für den Frieden verleiht den
neuen, kooperativen Beziehungen zwischen dem
Bündnis und seinen ehemaligen Gegnern Form und
Substanz. Seit Dezember vergangenen Jahres hat
sie große Fortschritte gemacht. In meinen heutigen
Ausführungen werde ich verschiedene Vorschläge
zur zukünftigen Stärkung der Partnerschaft unterbreiten.
Das Bündnis ist seit seiner Gründung immer zur
Aufnahme neuer Länder bereit gewesen. Der Erweiterungsprozeß verfolgt denselben stetigen und
transparenten Kurs, den die Verbündeten letztes
Jahr festlegten. Wir haben Untersuchungen über
das Wie einer Erweiterung und ihre Auswirkungen
auf die europäische Sicherheit begonnen. Im Herbst
werden wir interessierten Partnern unsere Schlußfolgerungen präsentieren.
Jeder dieser Schritte ist ein essentieller Bestandteil
unserer Bestrebungen zur Schaffung einer umfassenden Sicherheitsarchitektur für Europa. Während wir das Bündnis umgestalten, müssen wir
unsere Unterstützung anderer Institutionen für
Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit
fortsetzen. Die von der Europäischen Union geförderte europäische Integration trägt zur Ausweitung
des Wohlstands auf ganz Europa bei. Und die
gestärkte Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa kann und sollte eine zentrale
Rolle bei Konfliktverhütung und Krisenmanagement
spielen.
Diese umfassende Strategie für europäische Sicherheit wird unsere zukünftige Fähigkeit zur Verhinderung von Konflikten wie dem im ehemaligen
Jugoslawien stärken. Ich werde im Laufe dieses
Tages die Gelegenheit zu einer detaillierten Erörterung der jüngsten Ereignisse in Bosnien haben. Wir
sehen Gesprächen mit unseren Verbündeten, von

*

Seite 2

*

denen viele einen wertvollen Truppenbeitrag leisten,
über die am gestrigen Abend in der Kontraktgruppe
erzielten Übereinkünfte erwartungsvoll entgegen. Wir
sind unter anderem davon überzeugt, daß die UNSchutztruppe UNPROFOR in Bosnien bleiben und mit
den erforderlichen Mitteln ausgestattet werden sollte,
damit sie ihre Mission sicher und effektiv ausführen
kann. Ferner betonten wir die Notwendigkeit einer
Fortsetzung unserer energischen diplomatischen
Bestrebungen. Wir kamen übereinstimmend zu der
Überzeugung, daß die bosnischen Serben ihre
Verletzungen der UN-Resolutionen einstellen und die
gefangengenommenen Blauhelme umgehend freilassen müssen.
Unsere gesamte heutige Tagesordnung erinnert uns
an die große Bedeutung der europäischen Integration
- einen Prozeß, der in engem Zusammenhang zu den
umfassenderen transatlantischen Beziehungen seit
den Jahren des Marshallplans steht. In den vergangenen Monaten haben mehrere meiner hier
anwesenden Amtskollegen einen bedeutenden
Beitrag zu unserem Dialog über die Stärkung der
Bande zwischen Europa und den Vereinigten Staaten
geleistet. Ich werde diese aktuellen Fragen Ende der
Woche in Madrid ansprechen. Ich werde auf die
Bereitschaft der Vereinigten Staaten zur Festigung
der transatlantischen Beziehungen durch zusätzliche
Schritte bei der Ausweitung politischer Konsultationen
und wirtschaftlicher Beziehungen hinweisen.
Ferner werde ich das unerschütterliche Engagement
der Vereinigten Staaten in Europa betonen - im
Rahmen dieses Bündnisses sowie durch unsere
Mitgliedschaft in den anderen großartigen Institutionen für Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Präsident Clinton ist entschlossen, den
Verpflichtungen Amerikas gegenüber seinen europäischen Verbündeten und Freunden auf der ganzen
Welt nachzukommen.

*

*

AMERIKA DIENST 20

�MARSHALL-ZENTRUM
7. Juni 1995

Ein geeintes, stabiles und sicheres Europa
Rede von Verteidigungsminister Perry
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister William J. Perry erklärte am
24. Mai 1995: "Heute haben wir die Chance, die Vision George Marshalls vollständig umzusetzen - die Vision
eines stabilen und sicheren Europa."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Verteidigungsminister vor Absolventen des 1993
eingeweihten George C. Marshall-Zentrums in Garmisch-Partenkirchen hielt.

Ich hoffe, daß viele von Ihnen oder Sie alle die
Gelegenheit haben werden, das Büro des Verteidigungsministers der Vereinigten Staaten zu besuchen
- hoffentlich noch während meiner Amtszeit. In
diesem Fall werden Sie hinter dem Schreibtisch ein
Porträt von George C. Marshall sehen. Jeden Tag,
wenn ich in mein Büro komme, sehe ich dieses Bild.
Marshall ist für mich als Verteidigungsminister eine
ständige Inspiration. Er war der dritte Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten und ist mein Vorbild. Er war nicht nur eine großartige militärische
Führungspersönlichkeit, sondern ein Visionär. Seine
Vision findet meines Erachtens ihren besten Ausdruck in der Vision eines der großen amerikanischen
Revolutionäre, Thomas Payne, der 1776, zu Beginn
des Unabhängigkeitskrieges, erklärte: "Es liegt in
unserer Macht, die ganze Welt neu anfangen zu
lassen." Genau das wollte George Marshall nach
dem Zweiten Weltkrieg, nach der Zerstörung des
Zweiten Weltkrieges. Er setzte seine beachtlichen
Energien für einen Neubeginn unserer Welt ein. Er
wollte den Beginn eines Europa, das von der Furcht
vor einem Krieg befreit ist, eines Europa, das frei
von Haß und Verdächtigungen ist, die es während
des vergangenen Jahrhunderts dominiert hatten,
eines Europa, das durch die Bande gemeinsamer
Sicherheit, Stabilität und Demokratie geeint ist. Er
erreichte diese Ziele und rettete Europa durch den
Mechanismus seines später als Marshallplan bezeichneten Konzepts.
Seine Vision wurde nur teilweise realisiert, weil die
Sowjetunion und ihre Verbündeten sich nicht am
Marshallplan beteiligten. Der Kontinent wurde vom
Kalten Krieg erfaßt. Der Kalte Krieg war durch
gegenseitigen Argwohn und Mißtrauen gekennzeichnet. Der Kalte Krieg war von einem Rüstungswettlauf gekennzeichnet. Der Kalte Krieg war von

AMERIKA DIENST 20

einer Verteidigungspolitik der Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion gekennzeichnet, die als Zusicherung
einer gegenseitigen Zerstörung bezeichnet wurde.
Zusicherung einer gegenseitigen Zerstörung ist
vergleichbar mit zwei Männern, die sich mit aufeinander gerichteter Waffe im Abstand von einigen
Metern gegenüberstehen. Die Waffen waren geladen, der Finger am Abzug, und man rief sich
Beleidigungen zu. Jetzt ist der Kalte Krieg vorüber.
Diese beiden Männer haben ihre Warfen wieder in
ihre Halterung gesteckt und begonnen, die Kugeln zu
entnehmen.
Heute haben wir die Chance, die Vision George
Marshalls vollständig umzusetzen - die Vision eines
stabilen und sicheren Europa. Aus diesem Grund
haben wir Sie alle ins Marshall-Zentrum eingeladen,
um uns bei der Realisierung dieser Vision zu helfen.
Und aus diesem Grund haben wir im Januar 1994
das Programm einer Partnerschaft für den Frieden
ins Leben gerufen. Diese Partnerschaft ist eine
dynamische Kraft für den Aufbau von Vertrauen und
Zusammenarbeit zwischen unseren Nationen geworden, und Sie, die Absolventen des Marshall-Zentrums, werden das Instrument zur Realisierung der
Vision dieser Partnerschaft für den Frieden sein. Als
Zeichen dafür, wir weit wir gekommen sind, seit die
Partnerschaft im vergangenen Januar ins Leben
gerufen wurde, sind jetzt die Flaggen Ihrer Länder
und der NATO-Mitgliedstaaten über der Partnerschaftskoordinierungszelle im belgischen Mons
gehißt.
Diese 40 Flaggen repräsentieren 40 Länder, die eine
gemeinsame Verpflichtung eingegangen sind und die
harte Arbeit der Schaffung eines sicheren Europa
begannen.
Wir müssen noch viel Engagement
zeigen und haben bei den letztes Jahr von der

Seite 1

�Partnerscnaft für den Frieden durchgeführten drei
Übungen viel harte Arbeit geleistet. Diese Manöver
konzentrierten sich auf die sicherheitspolitischen
Herausforderungen, denen wir uns in Zukunft gemeinsam stellen müssen - die Herausforderungen
der Friedenssicherung, der Such- und Rettungsmissionen, der humanitären Hilfe. 20 Nationen, 15
Schiffe und nahezu 2.000 Soldaten übten und
arbeiteten während dieser Übungen zusammen.
Diese Manöver waren ein riesiger Erfolg und stellen
einen Entwurf für zukünftige militärische Zusammenarbeit dar. Und das war nur der Anfang. Wir
werden diesen Entwurf im kommenden Jahr testen,
während wir mehr als 10 partnerschaftliche Manöver
und über hundert anderer Aktivitäten durchführen.
Im August werden die Vereinigten Staaten eines
dieser Manöver veranstalten. Wir nennen es "Cooperative Nugget". Wir rechnen mit der Teilnahme
von mindestens 12 Staaten der Partnerschaft für den
Frieden und vier NATO-Mitgliedstaaten. Wir sehen
diesem Manöver mit großen Erwartungen entgegen,
da es das erste Mal sein wird, daß Einheiten der
Partnernationen in den Vereinigten Staaten Friedenssicherungsübungen durchführen.
Dutzende
weiterer nationaler Manöver werden im Geist von
Partnerschaft und Frieden abgehalten. Morgen
werde ich in die Ukraine reisen, um an einer bilateralen Übung der Vereinigten Staaten und der Ukraine teilzunehmen, einer Übung, bei der unsere und
die ukrainischen Truppen in einer kleinen Einheit
einer Friedenssicherungsmission ihre Fähigkeiten
unter Beweis stellen. Dieses Manöver wird wahrhaft
im Geist der Partnerschaft für den Frieden abgehalten.
Vier weitere Länder werden hochrangige
Militärbeobachter entsenden. Diese Art von Übung
ist von essentieller Bedeutung, um unsere Streitkräfte beizubehalten und ihnen dabei zu helfen,
voneinander zu lernen. Der einzige Weg, den
heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen
zu begegnen, besteht darin, ihnen gemeinsam zu
begegnen.
Unsere Partnerschaft besteht jedoch aus mehr, als
lediglich der Veranstaltung gemeinsamer Manöver.
Wir wissen, daß viele Ihrer führenden Politiker, viele
von Ihnen neue Wege sondieren, den Militärapparat
zu organisieren und zu verwalten. Auf einigen
Gebieten hat das westliche Militär Erfahrungen
gesammelt, die wir mit Ihnen teilen möchten, denn
Sie sind die Zukunft Ihrer Streitkräfte. Eines dieser
Gebiete ist beispielsweise der Verteidigungshaushalt.
Die Aufwendung der richtigen Summe Geldes auf
dem richtigen Gebiet zum richtigen Zeitpunkt ist eine
der wichtigsten und schwierigsten Aufgaben einer
Regierung. Die NATO-Mitgliedstaaten werden jedes
Jahr mit dieser Frage konfrontiert. Unser Verteidigungsapparat sieht sich damit konfrontiert, wenn er

Seite 2

unseren gewählten Vertretern einen Haushaltsentwurf
vorlegt. Diese gewählten Vertreter legen dann den
tatsächlichen Umfang des Etats sowie die Verteilung
der Gelder fest. In den Vereinigten Staaten unterbreitet unsere Regierung Vorschläge, aber der
Kongreß trifft die endgültige Entscheidung. Es ist ein
Prozeß von großer Bedeutung, weil er unseren
gewählten Volksvertretern gestattet, die Entscheidung
über die Verwendung der Gelder zu treffen. Wir sind
die Experten, wir sagen ihnen, wofür sie unserer
Ansicht nach aufgewendet werden sollten; und die
Vertreter des Volkes treffen die endgültige Entscheidung. Ich spreche jedes Jahr vor sechs verschiedenen Ausschüssen des Kongresses, um meinen
Haushalt zu verteidigen. Derzeit befinde ich mich
inmitten dieses Prozesses. Erst gestern verbrachte
ich, kurz bevor ich hierherkam, zwei Stunden mit
Kongreßabgeordneten, um einen Teil meiner Haushaltsvorlage zu verteidigen, die ich vor zwei Monaten
unterbreitet hatte. Das ist eine schwierige Aufgabe.
Sie stellen schwere Fragen. Wenn ich fertig bin und
endlich den Haushalt habe, wird er von den Vertretern des amerikanischen Volkes unterstützt. Es ist
dann nicht mein Haushalt, sondern der Haushalt des
amerikanischen Volkes.
Diese Art von Haushaltsverfahren ist auch nützlich,
weil es vollkommen öffentlich und offen ist. Alle
diese Etats, oder nahezu alle, werden in öffentlichen
Anhörungen beschlossen. Einige davon werden im
Fernsehen gesendet. Sie stehen nicht nur unserer
Öffentlichkeit, sondern der gesamten Welt zur Verfügung. Diese Offenheit ist beruhigend. Es ist
beruhigend für die Bürger unseres Landes, zu sehen,
daß ihr Geld vernünftig ausgegeben und für ihre
Sicherheit gesorgt wird. Es ist aber auch beruhigend
für die Nachbarländer, denn sie können ihre eigene
Sicherheitslage besser einschätzen, wenn sie den
Umfang und die Fähigkeiten der Streitkräfte in der
Region kennen.
Einer der Faktoren, die das Wettrüsten während des
Kalten Krieges antrieben, war eine falsche Einschätzung der Fähigkeiten und Absichten anderer Länder
als Ergebnis des Geheimnisses, das unseren Verteidigungshaushalt umhüllte.
Angesichts dieser
Geheimhaltung sah sich jeder führende Militärangehörige mit Schätzungen für den Katastrophenfall
konfrontiert. Sie stellen sich das Schlimmste vor, was
das andere Land tun könnte und bemühen sich dann
um einen entsprechenden Aufbau ihrer Streitkräfte,
um mit dem Schlimmsten fertigzuwerden.
Das
spiegelt sich dann in dem anderen Land wider, und
es findet ein Rüstungswettlauf statt. Ihre Länder
sehen sich mit einer Vielzahl schwieriger Entscheidungen konfrontiert, die den Umfang ihres Haushalts
und ihrer Streitkräfte betreffen. Diese schwierigen

AMERIKA DIENST 20

�Entscheidungen werden nicht nur Ihre Sicherheit,
sondern die Sicherheit ganz Europas betretten.
Das ist einer der Gründe für die Errichtung des
Marshall-Zentrums.
In diesem Zentrum können
Militärangehörige aus ganz Europa sich mit den
heutigen Sicherheitsfragen befassen. Ferner ist es
der Ort, an dem die NATO-Mitgliedstaaten mit
Mitgliedern der Partnerschaft für den Frieden unsere
Militärorganisationen und ihre Methoden erörtern
können. Viele Ihrer Staaten erwägen eine Umstrukturierung ihrer Organisationen und der Verwaltung ihrer Streitkräfte. Es interessiert Sie vielleicht, wie wir in der NATO unsere Streitkräfte
organisieren und verwalten. Vielleicht haben Sie
auch Interesse an unseren Erfahrungen und den
Lektionen, die wir im Zuge der Entwicklung unserer
Streitkräfte gelernt haben - guten und schlechten
Lektionen. Daher fordere ich Sie dazu auf, unsere
Erfahrungen und Ideen mitzunehmen und zu untersuchen. Einige werden Ihnen vielleicht nützlich
erscheinen, wenn Sie ihre eigenen Militärorganisationen und Methoden entwickeln. Sie können von dem
profitieren, was wir richtig gemacht haben, und
unsere Fehler vermeiden.
Manöver und eine Offenlegung des Haushalts sind
nur zwei wichtige Beispiele für vertrauensbildende
Maßnahmen, die starke Beziehungen zwischen
unseren Ländern schaffen und uns in die Lage
versetzen sollen, uns gemeinsam für die kollektive
Sicherheit ganz Europas einzusetzen. Die Partnerschaften helfen auf diesem und anderen Gebieten
eindeutig, Europa zu einem sichereren und stabileren Ort zu machen. Die Partnerschaft für den
Frieden ist das derzeitige Forum für die Zusammenarbeit unserer Militärs. Sie werden auch die Angst
potentieller neuer Mitglieder vor den Pflichten einer
Mitgliedschaft kennen.
Die NATO prüft einen
Erweiterungsprozeß aus einem simplen Grund: Im
letzten halben Jahrhundert schuf das Bündnis eine
Zone des Friedens, der Stabilität und Sicherheit in
Westeuropa. Und wir in der NATO möchten diese
Zone des Friedens, der Stabilität und Sicherheit auf
ganz Europa ausgeweitet sehen. Dies ist das
Versprechen einer NATO-Erweiterung.
Die Frage, wie die NATO-Erweiterung erfolgen soll,
ist sehr komplex, und die Festlegung der Einzelheiten wird Zeit erfordern. In der Zwischenzeit
sollen einige Grundprinzipien das Bündnis so erfolgreich halten, wie es in den letzten 40 Jahren gewesen ist. Das Schlüsselprinzip ist natürlich, daß die
NATO ein militärisches Bündnis ist und jeder Mitgliedstaat in der Lage sein muß, einen Beitrag zur
Verteidigung des Bündnisses zu leisten. Ein zweites
Prinzip ist die Aufstellung eines Heers von Berufssoldaten unter ziviler Kontrolle. Das ist die Essenz

AMERIKA DIENST 20

des Militärs in einer Demokratie. Das Militär untersteht ziviler Kontrolle. Das bedeutet, daß das Militär
letztlich dem Parlament eines jeden Landes verantwortlich ist.
Ich habe bereits dargelegt, wie wir Bericht erstatten
und wie wir von den Parlamenten bei der Vorbereitung unseres Verteidigungshaushalts instruiert
werden. Andere zentrale Merkmale der NATOMitgliedstaaten sind ihre demokratischen Regierungen und ihr System einer freien Marktwirtschaft, der
Schutz von Freiheit und Menschenrechten innerhalb
ihrer Grenzen sowie die Achtung der Souveränität
außerhalb ihrer Grenzen. Demokratische Regierungen und gegenseitiger Respekt sind für die NATO
von essentieller Bedeutung, da das Bündnis immer
gemäß dem Grundsatz des Konsenses vorgegangen
ist und das weiterhin tun wird. Alle Mitglieder müssen den wichtigsten, von der NATO getroffenen
Entscheidungen zustimmen. Keine Nation dominiert
die Entscheidungen innerhalb der NATO. Konsens
bedeutet nicht, daß alle NATO-Mitgliedstaaten allem
zustimmen müssen, aber sie müssen alle Mitglieder
respektieren und ihre Differenzen im Geiste der
Zusammenarbeit 'ausbügeln'.
Parallel zu einer NATO-Erweiterung engagieren wir
uns auch für Dialog und Zusammenarbeit zwischen
dem Bündnis und Rußland sowie für die Entwicklung
eines Rahmens für eine Sicherheitsbeziehung zwischen der NATO und Rußland. Rußland kann einen
einzigartigen Beitrag zum Aufbau einer stabilen
europäischen Zukunft leisten, und wie Sie sehen, ist
die NATO-Erweiterung ein Mittel zur Förderung von
Stabilität und Sicherheit in Europa.
Ich möchte das so klar, direkt und ehrlich wie möglich
sagen. Die NATO betrachtet Rußland nicht als
Bedrohung. Und auch Rußland sollte die NATO nicht
als Bedrohung sehen. Die NATO beabsichtigt nicht,
neue Trennlinien in Europa zu ziehen. Wir wollen die
Sicherheit ausweiten und in ganz Europa Stabilität
schaffen. Wir wollen keine neuen Grenzen. Damit
Rußland die NATO nicht als Bedrohung sieht, muß
es sich aktiv in der NATO engagieren. Daher begrüßen wir die unlängst von der NATO beim amerikanisch-russischen Gipfel eingegangene Verpflichtung,
eine aktive Rolle bei den Aktivitäten der Partnerschaft
für den Frieden zu übernehmen. Wir arbeiten derzeit
mit Rußland zusammen, um praktische Schritte für
seine Einbeziehung in die NATO zu entwickeln. Ich
habe in dieser Hinsicht Hoffnung, denn meines
Erachtens werden die Partnerschaft für den Frieden
und die Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland Vertrauen und Zusammenarbeit in der
gesamten Region schaffen und von Nutzen für all
unsere Länder sein.

Seite 3

�Am Anfang meiner Ausführungen habe ich über
Macht und einen Neubeginn der Weif gesprochen.
Heute gelten diese Worte für Europa. Es liegt in
unserer Macht, alte Feindseligkeiten zu begraben
und Vertrauen und Zusammenarbeit hervorzubringen. Und Sie sind der Schlüssel für die Neuschaffung dieses Europa. Sie könnten in keinem Raum
eine Ansammlung von Menschen finden, die für die
zukünftige Sicherheit und Stabilität Europas entscheidender sind. Sie und Ihre Generation haben
eine Chance, die der Kalte Krieg meiner Generation
verweigert hat - die Chance, die Vision Marshalls
von der Schaffung eines geeinten, sicheren und
stabilen Europa umzusetzen.

Der englische Romanschriftsteller Graham Greene
schrieb einmal, es gebe immer einen Moment, an
dem eine Tür geöffnet wird und die Zukunft hereingelassen wird. Das Ende des Kalten Krieges hat
eine solche Tür geöffnet. Die Zukunft, die dort
wartet, kann ein geeintes, sicheres und stabiles
Europa sein. Sie haben die Chance, diese Zukunft
zu definieren und ihr die Tür zu öffnen. Sie haben
diese Aufgabe bereits durch Ihre Anwesenheit hier
begonnen. Ich rufe Sie dazu auf, diese Zeit gut zu
nutzen, um einander kennenzulernen und zu verstehen, damit Sie, wenn Sie in Ihr Land zurückkehren, besser zur Erfüllung dieser Aufgabe in der Lage
sind. Wenn Sie dabei erfolgreich sind, ist das zum
Nutzen Ihres Landes und Europas; und Ihre Kinder
und Enkel werden es Ihnen danken.
Ich danke Ihnen.

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 20

�DATENAUTOBAHN
7. Juni 1995

Fax, CD-ROM, Online-Dienste und Zeitungen
von Tony Case
WASHINGTON - (AD) - Die Redaktionen der großen amerikanischen Zeitungen befassen sich mit der Frage,
wie sie sich einen Platz auf den Hauptspuren der Datenautobahn - Fax, CD-ROM und Online-Diensten sichern und dabei die starken, traditionellen Funktionen einer Zeitung bewahren können. Datenbanken
gestatten Zeitungen und Werbefachleuten, ihr Marketing stärker auf eine bestimmte Zielgruppe auszurichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den unwesentlich gekürzten Artikel von Tony Case, einem Redaktionsmitglied
von Editor &amp; Publisher.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 16. Juli 1994.
Copyright (c) Editor &amp; Publisher, Inc.

Während Zeitungsverlage sich darum bemühen,
ihren Abschnitt der Datenautobahn zu bauen, sollten
sie sich vor Augen halten, was sie überhaupt auf
diese Bahn brachte, empfielt der Leiter einer der
größten Medienkonzerne der Vereinigten Staaten.
"Meines Erachtens sollten wir unsere Fühler in alle
Richtungen ausstrecken, dabei aber nicht vergessen,
daß die Zeitung das Kernprodukt ist. Wir können
Zeitungen als das Tor zum Leser bezeichnen und
sollten uns daran erinnern, daß es immer noch die
Zeitung ist, die uns hilft, Informationen zu sammeln
und sie durch alle möglichen elektronischen Systeme
zu befördern", erklärt John Curley, Vorsitzender,
Präsident und Geschäftsführer von Gannett Co. Inc.
Curley traf mit Eugene Falk, dem Niederlassungsleiter und Manager der Los Angeles Times, und
Joe Hladky, dem Präsidenten und Herausgeber der
Gazette Co. aus Cedar Rapids (Iowa) bei einer
Diskussionsrunde mit dem Titel "Die strategische
Richtung der Zeitungen - Herausforderung und
Partner der Zukunft" zusammen, die von der Vereinigung der Zeitungsverlage der technischen
Ausstellung und Konferenz der America's Nexpo '94
veranstaltet wurde.

daß Technologie ein Mittel ist, auf den langjährigen
Erfolgen der Printmedien aufzubauen, und nicht,
diese - wie von vielen prognostiziert - zu ersetzen.
"Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben Zeitungen die
Informationen auf die eine oder andere Art gesammelt, herausgegeben, verpackt und verteilt.
Im
vergangenen Jahrzehnt haben unsere lokalen und
nationalen Vertretungen Wege gefunden, die Konsumenten zu erreichen, deren Hunger nach Nachrichten nicht auf die Artikel in unseren Zeitungen beschränkt ist", teilte Curley den Teilnehmern der
Nexpo mit.
Im vergangenen Jahrzehnt entwickelten Nachrichtenkonzerne wie Gannett aus Arlington (Virginia) Produkte, die den Kreis ihrer Leser vergrößerten und die
Wirkung ihrer Berichterstattung erhöhten. Curley
berichtete, das Nervenzentrum der elektronischen
Nachrichten- und Informationsdienste seines Unternehmens sei das Gannett/USA Today Sport- und
Informationszentrum in Greensboro (North Carolina).

In einer riesigen Halle des Las Vegas Convention
Center konnten die Teilnehmer die Multimedia- und
interaktiven Unternehmen ihrer Firmen vor Hunderten von Konferenzteilnehmern darlegen.

Das 1989 vorwiegend zur Bereitstellung von Sportstatistiken errichtete Zentrum verpackt heute Inhalte
aus USA Today und anderen Zeitungen von Gannett
neu und macht sie elektronisch zugänglich. Der
Service bietet lange Nachrichtenberichte, kurze Artikel
zu Themen wie Wirtschaft, Reisen und Wetter sowie
ein Bulletin Board, das den Nutzern die Kommunikation untereinander gestattet.

Bei all ihren Gesprächen über Fax, CD-ROM und
Online-Diensten hoben die Manager jedoch hervor,

Curley warb für datenbankgestützte Werbemodelle,
die in Gannetts Zeitungsabteilung entwickelt wurden:

AMERIKA DIENST 20

Seite 1

�"So etwas benötigen wir, um Datenbanken, Videos
und alle anderen verfügbaren Mittel zu nutzen, damit
wir mehr Geld in unsere Zeitungen" sowie - gemeinsam mit Hewlett-Packard Co. - in die Entwicklung
eines Modells für ein Bibliotheksarchiv im Werk bei
Rochester (New York) "stecken können".
"Wir sollten bei unseren Bestrebungen, den Nutzen
dieses Kernprodukts für unsere Adressaten zu
erhöhen, über allen ansprechenden und populären
Aspekten der elektronischen Kommunikationsmedien
nicht unsere Zeitungen vergessen", warnte Curley.
Neue Technologien sind "etwas Feines, vielleicht in
Zukunft hilfreich und könnten eine Tür aufstoßen",
äußerte er, "aber wenn wir jährlich zwischen 3 und
5 Prozent neuer Leser gewinnen und damit den
Abwärtstrend umkehren könnten, wären meiner
Meinung nach die Werbegelder äußerst lohnend
angelegt".
Eugene Falk von der Times wiederholte Curleys
Behauptung, Technologie werde dazu dienen, die
existierende Basis der Zeitung zu vergrößern, indem
entstehenden Bedürfnissen der Verbraucher und
Werbefachleute entsprochen werde, denen die
Printmedien nicht Rechnung tragen könnten.
Ebenso wie die Öffentlichkeit wird auch das Aushängeschild von Times Mirror Co. mit diesen neuen
Entwicklungen experimentieren, teilte Falk seinen
Zuhörern mit. "Wir wollen, daß sie sich mit uns
bewegen", sagte er in bezug auf die Leser der
Zeitung.
Elektronische Dienste sind ihm zufolge auch eine
Schranke gegen neue Wettbewerber. "Viele der
Dienstleistungsnischen, die diese neuen Akteure als
Chancen ansehen, werden weitaus weniger attraktiv
erscheinen, wenn wir sie bereits anbieten!"
Die Times ruft auch neue lokale Medien ins Leben,
die für Online-Dienste wichtig sind. Zu den Produkten der Zeitung werden eine Kombination von
Nachrichten,

Informationen,

Kommunikation

und

Werbung mit Transaktionen gehören.
"Welcher dieser Dienste das neue Medium dominieren wird, ist noch ganz unbekannt", erklärte Falk, "es
ist jedoch klar, daß alle drei benötigt werden, um
genügend Konsumenten und Werbefachleute zu
gewinnen, die es zu einem lebensfähigen Unternehmen machen".
Seiner Ansicht nach sind die anfänglichen Angebote
der Times evolutionäre Schritte zur Schaffung einer
breitgefächerten Dienstleistungspalette.

Seite 2

"Unseres Erachtens wird es ziemlich lange dauern,
bis eine Welt mit 500 Kanälen in den Vereinigten
Staaten funktioniert", erklärte er. Die heutigen
Lektionen, die wir unter Einsatz moderner Technologien lernen, werden uns zu dem führen, was wir
letztlich als Rolle der Zeitungen auf den Datenautobahnen der Zukunft ansehen."
Die Vision der Zeitung von elektronischen Diensten
impliziert Falk zufolge die Überzeugung, daß sie eine
Reihe von Datenbanken für ein breites Spektrum von
Informationskategorien repräsentiert, beispielsweise
nationale und lokale Nachrichten, Immobilien- und
Einzelhandelsanzeigen.
Natürlich wird die Times weiterhin in ihren täglichen
Ausgaben Informationen verpacken, aber die elektronische Verteilung wird ihr gestatten, "tiefer zu
gehen und unseren Kunden in ausgewählten wichtigen Marktsegmenten mehr Wert anzubieten". Zu den
Spitzentechnologieprojekten der Zeitung zählen ihr im
Januar angekündigtes elektronisches Einkaufssunternehmen mit Pacific Telesis sowie ein Online-Geschäft mit dem kommerziellen Comupternetzwerk
Prodigy.
Bei Nutzung der Einkaufsmöglichkeiten erhalten die
Verbraucher mit Hilfe verschiedener Programme,
einschließlich Operator-gestützter, interaktiver und
Online-Videodienste, Zugang zu einer Datenbank mit
Kleinanzeigen und Branchenverzeichnissen.
Und "nach vielen Verhandlungen" ermöglichte es die
Times den Nutzern von Prodigy, gegen eine monatliche Gebühr von 4,95 Dollar Anzeigen in die Zeitung
zu setzen. Wer kein User von Prodigy ist, kann
diesen Service für monatliche 6,95 Dollar in Anspruch
nehmen.
"Dieses Geschäftsmodell ist wichtig, weil wir unsere
Kunden in die Lage versetzen wollten, uns allein zu
abonnieren, ohne das nationale Prodigy, wenn sie
das vorziehen", erklärte er. "Dadurch können wir die
direkten Beziehungen zum Kunden aufrechterhalten,
die ... das Schlüsselelement unserer Vision für
elektronische Dienste sind."
Die Times kontrolliert sämtliche Inhalte, die Präsentation des Materials sowie die Preisfestsetzung für
Abonnement und Werbung.
Für diese "Unabhängigkeit und Kontrolle", so Falk,
wird die Zeitung Prodigy einen Teil ihrer Einkünfte
aus dem Service zukommen lassen.
Diese Projekte "enthalten alle Elemente unserer
Vision, wie Zeitungen mit Hilfe moderner Technolo-

AMERIKA DIENST 20

�gien elektronische Dienste bereitstellen und diese in
Zukunft entwickeln sollten", so Falk.
"Wenn sich letztlich die Datenautobahnen schnell
weiterentwickeln, werden wir uns die entstehenden
Chancen zunutze machen. Wenn man sich auf den
Autobahnen festfährt, werden wir unseren Einsatz zu
relativ niedrigen Kosten gedeckt haben und immer
noch in der Lage sein, eine Zeitung anzubieten,
während andere auf die Weiterentwicklung der
Datenautobahn warten."
Gazette Co.. Herausgeber der Cedar Rapids Gazette, hat sich der Technologie nicht nur zur Sicherung
der Zukunft von Zeitungen bedient, sondern zur
Gewährleistung, daß es auch morgen Zeitungsleser
geben wird.
Das Programm "Newspaper in Education" des
Unternehmens schloß sich mit "Foundations in
Reading" zusammen, einer von Breakthrough Inc.
aus Iowa City (Iowa) entwickelten Initiative, die
Kindern mit Hilfe von Computern das Lesenlernen
erleichtert.
"Meines Erachtens hat jede Lokalzeitung ein großes
Potential, in positivem Licht gesehen zu werden, da
viele der Geschichten von "Foundations in Reading"
die Vorteile des Lesens außerhalb des Klassenzimmers hervorheben", so der Präsident und Verleger
Hladky.
Jeder Schüler, der an dem Programm teilnimmt,
erhält ein zusätzliches Arbeitsheft im Zeitungsformat.
"Ich sehe eine natürliche Verbindung, bei der die
örtliche Zeitung mit diesen Arbeitsheften identifiziert
wird", teilte Hladky den Konferenzteilnehmern mit.
Vor einem Jahr führte die Gazette einen ExpressWay Classifieds genannten Lokalisierer für elektronische Kleinanzeigen ein, nachdem sie erkannt
hatte, daß die Öffentlichkeit die bestehenden Systeme nicht umfassend nutzte.
"Ich bin nicht der Ansicht, daß heutzutage irgendein
Telefonservice leicht zu verkaufen ist, wir hatten
jedoch das Gefühl, jeder neue Dienst sollte nutzerfreundlich sein, wenn die Datenbank abgefragt wird",
so Hladky.
Die Software wurde zusammen mit AudioTechs aus
Philadelphia entwickelt. Das System läuft auf einem
Alpha Computer von Digital Equlpment Co., die
auch die Software vermarktet. Das Programm bietet
einen nahtlosen Datentransfer vom Kleinanzeigenteil
des Sll-Systems des Unternehmens zum DECComputer an, auf dem die Daten gespeichert sind.

AMERIKA DIENST 20

Eine Reihe von Bedienerzeichen führen die Anrufer
durch die Datenbank und ermöglichen ihnen eine
Konkretisierung der Suche, wobei immer die Option
offenbleibt, einen Schritt zurückzugehen. Die Nutzer
werden beispielsweise informiert, wieviele Autos
bereitstehen, die die von ihnen eingegebenen Kriterien erfüllen. Die Gazette hat derzeit ungefähr 1.000
Fahrzeuge auf ihrem elektronischen Parkplatz.
Täglich gehen etwa 100 Anfragen bei dem Dienst ein.
Hladky emphielt, bei der Prüfung der Zukunft von
Auskunftsdiensten eine Standardformel anzuwenden:
"Wenn Du sie nicht anbietest, wird es jemand anders
tun."
"Zu dem Auftrag unseres Unternehmens gehört, daß
wir durch eine dynamische Mischung von Produkten
und Dienstleistungen die Informationen über eine
Vielfalt von Auswahlmöglichkeiten bereitstellen. Wir
identifizieren nicht das Medium; diese Wahl bleibt
dem Verbraucher überlassen!"
Im Hinblick auf die traditionelle Rolle der Zeitung
empfahl Hladky, "uns auf das zu konzentrieren, was
wir am besten können: Die Sammlung von Informationen, um den Interessen der Verbraucher zu
entsprechen."
"Es wird eine neue Fernsprechtechnologie entwickelt,
und jede Zeitung will als Teil ihrer Servicepalette
unter Einsatz des Telefons Sprachinformation anbieten." Er fügte jedoch hinzu: Wir sollten uns nicht auf
ein Kommunikationsmedium konzentrieren, sondern
mehrere anbieten."
Die Niederlassung Decisionmarkdes Unternehmens
rief die MediaStar Software für die Anwendung bei
Vertrieb, Werbung, direktem Marketing und Nachrichtenabteilungen ins Leben, die Microsoft Windows
einsetzt und entweder auf betriebssystemunabhängigen Rechnern oder Netzwerken operiert.
"Um die Software von MediaStar zu erklären, möchte
ich eine ganz kurze Definition geben: Sie integriert
Karten und Daten", so Hladky. "Die Entwickler von
MediaStar würden sagen, die Software bietet direkten Zugang zu Datenbanken und Erhebungen,
gestattet die Identifizierung und graphische Analyse
von Daten sowie ihre Präsentation zum verbesserten
Verständnis und für die Entscheidungsfindung."
Hladky zufolge gestattet MediaStar der Gazette "den
besseren Einsatz der riesigen Datenmenge, die der
Zeitung jetzt zur Verfügung steht, aber selten genutzt
wird".

Seite 3

�Derzeit wird eine zusätzliche Nutzung der Software
geprüft. "Wir haben gerade erst begonnen, die
Anwendung in der Nachrichtenzentrale zu prüfen",

so Hladky, "und es gibt wirklich interessante MögHenkelten".

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 20

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12442">
                <text>07.06.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12443">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12444">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12445">
                <text>Amerikadienst 07.06.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12446">
                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA erwägen Unterstützung der Blauhelme in Bosnien &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Keine Beteiligung am Krieg&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA engagieren sich weiterhin in Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Außenminister Christopher&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Marshall-Zentrum&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ein geeintes, stabiles und sicheres Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Datenautobahn&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Fax, CD-ROM, Online-Dienste und Zeitungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Tony Case&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2408" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2419">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/c6adb7929ad02c959494e07d9a04f021.pdf</src>
        <authentication>8f34b432fb8d217256d72baa04bd72a4</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12453">
                    <text>cimcrikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. Juni 1995

21

USA-DEUTSCHLAND

DIE USA UND DEUTSCHLAND: NEUE
RAHMENBEDINGUNGEN DER
SICHERHEITSPOLITIK
von Charles E. Redman

CIVITAS

DIE HERAUSFORDERUNG DER
STAATSBÜRGERKUNDE
Rede von Penn Kemble

4. JULI

DIE AMERIKANISCHE REISE UND DER GEIST
VON GENERAL WASHINGTON
von Paul G. Ashdown

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1995

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�USA-DEUTSCHLAND
21. Juni 1995

Die USA und Deutschland:
Neue Rahmenbedingungen der Sicherheitspolitik
von Charles E. Redman
LEIPZIG - (AD) - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, hielt
am 17. Juni 1995 vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Leipzig die nachfolgende Rede.

Herzlichen Dank für die Einladung, am heutigen
Nachmittag zu Ihnen zu sprechen. Es ist immer
wieder ein Vergnügen, in dieser unglaublich dynamischen Stadt zu sein. Das einzige Problem ist, daß
sie jedesmal, wenn ich komme, anders aussieht.
Die Baustellen sind immer da - sie scheinen sich nur
alle paar Monate an einem anderen Ort zu befinden.
Wie Sie wissen, verpackt Christo im Augenblick den
Reichstag. Wenn man sich in dieser Stadt umsieht,
gewinnt man den Eindruck, er habe sich auf die
Verhüllung des Reichstags mit der Verpackung des
gesamten Zentrums von Leipzig vorbereitet.
Es gibt noch einen Grund, warum ich mich freue,
heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Viele Jahrzehnte lang wurde dieser Tag - der 17. Juni - in der alten
Bundesrepublik als "Tag der deutschen Einheit"
gefeiert. Im Jahr 1953 erhoben sich in Leipzig,
Berlin und anderen Städten deutsche Männer und
Frauen für die Sache der Freiheit. Ihren Appellen
wurde mit Waffen und Panzern begegnet.
Dieser spontane Ausbruch eines tiefempfundenen
menschlichen Bedürfnisses wurde brutal niedergeschlagen.
Aber er wurde nicht vergessen.
Träume können nicht durch Gewalt zerstört werden.
Eine Generation später erhoben sich die Menschen
im östlichen Teil Deutschlands erneut - die meisten
in dieser "Heldenstadt". Dieses Mal konnten sie
nicht aufgehalten werden. Die Panzer kamen nicht.
Die Truppen marschierten nicht. Die alte Ordnung,
die diesen Teil Deutschlands seit Jahrzehnten
unterdrückt hatte, verflog wie ein schlechter Traum.
Heute haben die Deutschen einen glücklicheren Tag
zu feiern. Der "Tag der deutschen Einheit" wird am
3. Oktober begangen. Aber wir werden den 17. Juni
und alles, was er für Sie - und uns - bedeutete, nie
vergessen.

AMERIKA DIENST 21

Während dieser spannungsgeladenen Tage und
Wochen im Herbst des Jahres 1989 beobachteten wir
Amerikaner Ihren Marsch. Ebenso wie Sie hatten wir
die schrecklichen Bilder von 1953 vor Augen. Aus
diesem Grund bewunderten wir den Mut der Helden
von Leipzig so sehr. Aus diesem Grund haben wir
uns beeilt, hier so schnell wie möglich ein Generalkonsulat zu eröffnen. Dieses Konsulat ist ein greifbares Symbol unserer Wertschätzung.
Es gibt wenige Möglichkeiten für Heldentum. Für die
meisten von uns folgte auf die Momente des dramatischen Höhepunkts wieder das graue Arbeitsleben.
Die Revolution von 1989-91 hat noch nicht die
schöne neue Welt des Friedens und Wohlstands
hervorgebracht, die wir anstreben. Sicher, es geht
uns sehr viel besser ohne die Bedrohung der nuklearen Konfrontation. Sicher, wir leben in einer Zeit, in
der die Chancen für Wohlstand und persönliche
Erfüllung sehr viel greifbarer sind als je zuvor. Aber
statt uns auf unseren Lorbeeren ausruhen und die
Früchte unseres Erfolges ernten zu können, sehen
wir uns mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die
neue und schwierige Tagesordnungen definieren.
Wir benötigen eine neue Tagesordnung für neue
Zeiten - Zeiten tiefgreifenden Wandels. Wenige
Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und dem
Verschwinden der Sowjetunion kann die internationale Situation nur als düster, verschwommen und voll
neuer und beunruhigender Gefahren beschrieben
werden.
Es sollte uns nicht überraschen, daß die Bewältigung
eines solch dramatischen internationalen Wandels
schwierig ist. Nicht zuletzt ist die uns seit nahezu
einem halben Jahrhundert bekannte Welt mit überraschender Geschwindigkeit Geschichte geworden.
Die unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges sind
gebannt, und die traditionellen Themen der Sicherheitspolitik haben sich verändert. Sie wurden durch

Seite 1

�eine Vielfalt subtilerer Bedrohungen ersetzt, die
einzeln betrachtet nicht so bedrohlich wie die des
Kalten Krieges, zusammengenommen jedoch mindestens ebenso erschreckend sind. Heute sprechen
wir weniger über nukleare Konfrontation und mehr
über unorthodoxe Herausforderungen - Probleme
wie ethnische Konflikte, Überbevölkerung, Umweltzerstörung, Flüchtlinge, Migration und humanitäre
Krisen.
Aber glücklicherweise sehen wir nicht nur Probleme
am Horizont. Wir erblicken auch die beispiellose
Chance zur Gestaltung einer neuen Welt - einer
Welt, die unseren Interessen dienlicher ist und mehr
im Einklang mit unseren Werten steht - einer Welt
offener Gesellschaften und offener Märkte.
Und bei diesem Unterfangen sind wir nicht ohne
Navigationshilfe. Wir haben vielleicht keine Karte,
aber wenn wir dorthin zurückblicken, wo wir waren,
erkennen wir, daß wir immer noch einen Kompaß
haben, der uns bei dieser neuen Mission dirigieren
kann.
Dieser Kompaß besteht aus denselben
Idealen, die uns so erfolgreich durch den Kalten
Krieg geleitet haben. Diese Ideale sind weiterhin die
Bausteine einer neuen Ordnung in Europa für das
21. Jahrhundert.
Diese Prinzipien sind in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und im deutschen Grundgesetz niedergelegt.
Generationen von Politikern
haben in meinem und Ihrem Land auf der Grundlage
dieser fundamentalen Überzeugungen gehandelt.
Sie konnten nicht wissen, wie die Welt nach ihnen
aussehen würde, aber sie verstanden, daß Werte
eine Gesellschaft definieren und gemeinsame Werte
zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft beitragen
können. Mit Prinzipien als Leitlinien trafen sie die
Entscheidungen, die sich als richtig erwiesen.
Heute hat unsere Generation die einzigartige Chance, diese Leistungen zu bewahren und zu erweitern
- Frieden und demokratische Prinzipien auf ganz
Europa auszudehnen und unseren neuen demokratischen Nachbarn offene Gesellschaften und offene
Märkte zu bringen. Ebenso wie Ideale unseren Sieg
im Kalten Krieg untermauerten, dienen sie uns
gleichermaßen unter diesen neuen Gegebenheiten.
Unsere Solidarität im Kalten Krieg gewährleistete,
daß die Hoffnung auf Frieden und Freiheit lebendig
blieb. Dann, im Jahr 1989, erhielt die Stärke unserer Werte und Überzeugungen überwältigende
Bestätigung, als Millionen von Menschen aus dem
Schatten der sowjetischen Macht hervortraten.
Dabei wurde Europa die vielleicht einmalige Chance
in der Geschichte geboten, auf diesem gesamten
Kontinent eine dauerhafte Sicherheitsstruktur auf-

Seite 2

zubauen. Jetzt sind wir damit beauftragt, die Versprechen gegenüber ehemals kommunistischen
Gesellschaften zu erfüllen, die ebenfalls die Vorteile
von Demokratie und freien Marktwirtschaften anstreben.
Natürlich sind wir nicht diejenigen, die diese Nationen
umgestalten werden. Ebenso wie die Männer und
Frauen Zentraleuropas mit den Revolutionen von
1989 die Kontrolle über ihr Schicksal an sich rissen,
werden sie ihre Zukunft selbst gestalten. Aber wir
können helfen. Wir werden konstant daran erinnert,
daß diese Nationen das Vertrauen und die Sicherheit
anstreben, die mit unserer transatlantischen Gemeinschaft assoziiert werden.
Indem wir ihnen helfen, helfen wir uns selbst. Wir
sollten uns eine einfache, aber bemerkenswerte
historische Tatsache vor Augen halten: Demokratische Gesellschaften greifen sich nicht gegenseitig an.
Demokratie wächst und gedeiht im wirtschaftlichen
Wohlstand erfolgreicher freier Marktwirtschaften.
Gemeinsam unterstützen offene Gesellschaften und
offene Märkte friedliches Verhalten.
Wo beginnen wir den Aufbau eines neuen Sicherheitsrahmens für Europa? Meines Erachtens sollte
unsere erste Priorität in der Bewahrung des bereits
Erreichten bestehen.
Das beinhaltet Amerikas
strategisches Engagement in Europa.
Ihnen sind die zur Zeit im Kongreß der Vereinigten
Staaten geführten Debatten über die Reorganisation
unserer Behörden für auswärtige Angelegenheiten
bekannt. Es gibt auch eine äußerst wichtige Diskussion über die Ressourcen, die für unsere außenpolitischen Ziele aufgewendet werden sollen.
Die gute Nachricht lautet, daß die Unterstützung für
ein weiteres amerikanisches Engagement auf der
internationalen Bühne nach wie vor stark ist. Meinungsumfragen belegen, daß das amerikanische Volk
eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
internationalen Angelegenheiten wünscht - zwei
Drittel oder mehr wollen unser Engagement. Es ist
jedoch der Preis der Führungsrolle, der Kritik ausgesetzt ist, während das Prinzip unerschütterlich ist.
Ohne die erforderlichen Ressourcen wird unsere
Fähigkeit zur Durchführung einer energischen Außenpolitik in Frage gestellt, insbesondere zu einer Zeit, in
der unsere Führungsrolle beispiellose Leistungen
hervorbringen kann.
Ich selbst bin zuversichtlich, daß Amerika 50 Jahren
des Erfolgs nicht den Rücken kehren wird. Darüber
hinaus hängt Amerikas Engagement für Europa nicht
von einem bestimmten Präsidenten, einem Kongreß
oder einer politischen Partei ab. Es ist eine nationa-

AMERIKA DIENST 21

�le, in unser politisches Gefüge eingebettete Verpflichtung, die auf einer gemeinsamen strategischen
Zielsetzung, kollektiven ökonomischen Interessen
und gemeinsamen Werten gründet.
Das Kernstück dieser Verpflichtung bildet die NATO.
Es ist die NATO, die amerikanische Macht und die
Zielsetzung der Vereinigten Staaten auf dem europäischen Kontinent zum Tragen bringt. Die NATO
ist weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und
die wichtigste Institution für das Engagement der
Vereinigten Staaten in europäischen Sicherheitsangelegenheiten.
Die NATO ist darüber hinaus der konkrete Ausdruck
der transatlantischen Verbindung. Der 1990 begonnene Abzug amerikanischer Streitkräfte aus Europa
ist nahezu abgeschlossen. Aber Abzug ist nicht
dasselbe wie Rückzug oder Disengagement. Über
80.000 amerikanische Soldaten sind immer noch in
Deutschland stationiert, über 100.000 bleiben in
Europa. Diese Zahlen stehen nicht für ein verringertes amerikanisches Engagement für europäische
Sicherheit, sondern nur für eine verringerte Bedrohung.

ihrer alten Grenzen getroffen hat. 1991 gründete sie
den Nordatlantischen Kooperationsrat - einen Zusammenschluß der NATO und der Staaten des
ehemaligen Warschauer Pakts. In jüngerer Zeit rief
sie die Partnerschaft für den Frieden ins Leben - die
wichtigste strategische Entwicklung der europäischen
Sicherheit seit dem Kalten Krieg und eine der wichtigsten Initiativen in der Geschichte der NATO.
Mit 26 Mitgliedstaaten dient die Partnerschaft für den
Frieden zwei umfassenden Zielsetzungen. Für einige
Länder ist sie die unerläßliche Zwischenstation zur
NATO-Mitgliedschaft, für den Übergang zu einer
effektiven Mitgliedschaft im Bündnis. Für andere
bietet sie eine ständige Assoziierung zur NATO, eine
Verbindung zu praktisch allem, was die NATO tut aber ohne die durch den Washingtoner Vertrag
gebotene Sicherheitsgarantie und die tatsächliche
Mitgliedschaft in der integrierten militärischen Struktur.

Wenn wir in die Zukunft blicken, müssen wir natürlich das Gute der Vergangenheit erhalten. Die
NATO muß ein effektives, funktionierendes Militärbündnis mit den Streitkräften und der integrierten
Kommandostruktur zur Verteidigung ihrer Mitglieder

Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis hat
ein aktives Programm zur Vorbereitung auf die
Erweiterung erarbeitet, die logischen Gründe für die
Erweiterung sowie die den Prozeß leitenden Prinzipien und die Implikationen der erweiterten Mitgliedschaft erörtert. Wir erwarten, daß die NATO im
Herbst interessierte Länder über die Ergebnisse ihrer
Studien informiert. In der ferneren Zukunft wird die
NATO die nächsten Schritte in Erwägung ziehen, die
zu Entscheidungen über die tatsächliche Aufnahme

bleiben.

neuer Mitglieder führen.

Neue Mitglieder müssen zur Übernahme

der Rechte und Pflichten der Mitgliedschaft bereit
sein, so daß das Bündnis ungeachtet seiner Größe
seine militärischen Fähigkeiten und seinen politischen Zusammenhalt bewahrt.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle lebenswichtigen Institutionen muß sich die NATO kreativ an veränderte
Umstände anpassen. Sie muß eine neue Strategie
entwickeln und einen neuen Auftrag übernehmen.
Dieser Prozeß wurde bereits mit der Anpassung des
militärischen Kommandos und der Streitkräfte der
NATO an Aktionen in die Wege geleitet, die nicht die
gesamte Macht des Alliierten Befehlsbereichs
Europa erfordern.
Die NATO gewährt der Westeuropäischen Union
jetzt uneingeschränkte politische und militärische
Unterstützung. Die Stärkung des europäischen
Pfeilers der Allianz trägt sowohl zur europäischen
Stabilität als auch zur transatlantischen Lastenteilung
bei. Und sie verbessert unsere kollektive Fähigkeit
zu handeln.
Am wichtigsten ist jedoch, daß die NATO bereits die
Entscheidung zur Förderung der Sicherheit jenseits

AMERIKA DIENST 21

Während dieser gesamten Vorbereitungsphase hat
sich unser Ansatz zur NATO-Erweiterung nicht
geändert. Der Prozeß wird kontinuierlich, sorgfältig
vorbereitet und transparent sein. Jedes potentielle
Mitglied wird dieselbe Präsentation hören; alle
werden Zugang zu allen Denkrichtungen im Bündnis
haben.
Das Ziel der Erweiterung bleibt die Stärkung der
Sicherheit und die Ausdehnung der Stabilität auf den
gesamten Kontinent für Mitglieder und Nichtmitglieder
gleichermaßen. Die NATO ist nicht länger ein gegen
irgend jemanden gerichtetes Bündnis. Sie hegt nicht
den Wunsch nach neuen Trennlinien. Im Gegenteil,
sie ist der Erweiterung der europäischen Einheit und
der Förderung der Integration unserer neuen demokratischen Freunde in Zentraleuropa verpflichtet.
In diesem Zusammenhang ist die Zukunft Rußlands
von zentraler Bedeutung bei unserem Streben nach
Stabilität und Sicherheit in Europa. Wir wissen, daß
ein kooperativer europäischer Sicherheitsrahmen die
aktive Beteiligung Moskaus erfordert. In Europa gibt
es kein größeres strategisches Ziel als die Evolution
eines friedlichen, stabilen und demokratischen, fest in

Seite 3

�die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integrierten Rußlands.
Daher lautet die entscheidende Frage heute nicht,
ob wir Rußland einbeziehen sollten, sondern wie.
Wir wissen, daß es ernsthafte Probleme gibt.
Rußland hat einen langfristigen revolutionären
Prozeß der Neudefinition eingeleitet, dessen Endergebnis auf Jahre hinaus unsicher ist. Die Reformen in Rußland stehen unter Druck. Der Krieg in
Tschetschenien dauert an. Der politische Pluralismus sieht sich heftiger Konkurrenz seitens autoritärer Traditionen ausgesetzt.
Ein Gefühl für die Geschichte ist ebenfalls wichtig.
Vor nicht allzulanger Zeit konnten ernsthafte Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion eine nukleare Konfrontation bedeuten. Heute stimmen wir nicht immer
überein, aber eine Differenz ist nicht zwangsläufig
eine Krise.
Gleichzeitig sollten wir jedoch nicht die atemberaubenden Veränderungen seit dem Zusammenbruch
der Sowjetunion aus dem Blick verlieren. Vor zehn
Jahren wurden nahezu 400 Millionen Menschen vom
Baltikum bis zum Beringmeer von einer totalitären
Diktatur beherrscht und durch Minenfelder und
Stacheldraht eingeschlossen. Heute sind Wilna,
Warschau und Kiew frei und unabhängig. Moskau
ist von politischen Debatten belebt.
Unsere Politik gegenüber Rußland gründet sich auf
sachliches Verständnis.
Wie Präsident Clinton
erklärte, lehnen wir eine oberflächliche Karikatur
Rußlands ab, die nahelegt, das Land sei für Diktatur
oder wirtschaftliches Scheitern prädestiniert. Gleichzeitig geben wir uns keinen Illusionen hin, daß der
Erfolg garantiert ist.
In Wahrheit hat Rußland die Wahl. Das Land kann
sich über seine Vergangenheit oder über seine
Zukunft definieren.
In vielen Bereichen trifft Rußland mutig die richtigen
Entscheidungen. Es hat einen in freien Wahlen
gewählten Präsidenten, ein Parlament und eine
demokratische Verfassung. Es hat eine unabhängige Presse, die häufig die Regierungspolitik kritisiert.
Die Debatten im Parlament sind heftig und offen.
Die Wirtschaftsreformen werden fortgesetzt. Ein
ehrgeiziges Privatisierungsprogramm hat die ökonomische Landschaft Rußlands verändert. Der Privatsektor macht heute über 50 Prozent des russischen
Bruttoinlandsprodukts aus.

Seite 4

Zweifelsohne muß noch sehr viel mehr getan werden.
Kapitalmärkte müssen entwickelt werden, die ausländische und inländische Investitionen anziehen.
Rußland muß sein chaotisches Steuersystem in den
Griff bekommen, ein stabiles Rechtssystem schaffen
und weitere wirtschaftliche Stabilisierung herbeiführen.
Es haben jedoch beträchtliche Veränderungen
stattgefunden - Veränderungen, die im Lichte des
ruinösen Vermächtnisses, das die russischen Reformer hinter sich zu lassen versuchen, noch bemerkenswerter sind. Infolge der nahezu 75jährigen
kommunistischen Herrschaft hat ein Großteil der alten
Elite noch Positionen in der Regierung oder Industrie
inne. Das Vertrauen in demokratische Institutionen
ist so schwach wie die Institutionen selbst. Die
Rechtsstaatlichkeit steckt noch in den Kinderschuhen.
Verbrechen und Korruption nehmen überhand.
In den Bereichen, die denen sich unsere Interessen
decken, werden die Vereinigten Staaten weiterhin mit
Rußland zusammenarbeiten. Wir werden unsere
Beziehungen nicht zum Faustpfand für ein bestimmtes Problem machen. Wir werden Maßnahmen
ablehnen, die kurzfristig politischen Druck bedeuten,
aber langfristige Interessen unterminieren.
Wir werden jedoch auch in Zukunft offen und ehrlich
das Wort ergreifen - und entsprechend handeln wenn russische Aktionen unseren Interessen oder
Idealen zuwiderlaufen. Das gilt für Tschetschenien,
wo das russische Verhalten in tragischer Weise
fehlgeleitet ist.
Bei diesem Vorgehen dürfen wir nicht das enorme
Interesse aus dem Auge verlieren, das wir am
Ergebnis der andauernden Umgestaltung Rußlands
haben. Ein stabiles, demokratisches Rußland ist
unabdingbar für den Aufbau eines sicheren Europas.
Ein instabiles Rußland, das in Autoritarismus oder
Anarchie zurückfällt, wäre eine Katastrophe für uns
alle.
Auch die erfolgreiche Umgestaltung des ehemaligen
sowjetischen Imperiums in eine Region souveräner,

demokratischer Staaten ist uns ein großes Anliegen.
Diese neuen Nationen machen ein Sechstel der
Erdoberfläche aus. Auf ihrem Territorium befinden
sich Zehntausende von Nuklearwaffen. Ihre Völker
und natürlichen Rohstoffe sind ein enormes wirtschaftliches Potential.
Diese Nationen kämpfen darum, das lähmende
Vermächtnis der kommunistischen Herrschaft hinter
sich zu lassen. Sie wollen der modernen internationalen Staatengemeinschaft als freie, respektierte und

AMERIKA DIENST 21

�verläßliche Partner beitreten. Und in Rußland selbst
ist das Ergebnis dieses Kampfes noch unklar.
Wenn jedoch sie alle - oder die meisten von ihnen Erfolg haben, werden wir alle sicherer sein. Die
Bedrohung der nuklearen Vernichtung wird verschwunden sein. Wir bekommen neue Chancen für
Wirtschaftswachstum. Unsere Unternehmerwerden
neue Märkte und neue Bezugsquellen haben.
Damit diese neuen unabhängigen Staaten wirklich
verläßliche Partner werden, müssen sie sich für
demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
entscheiden und dabei bleiben. Sie müssen die
Gewohnheiten und Strukturen despotischer Regierungen abschütteln. Sie müssen Volkswirtschaften
aufgeben, in denen alles dem Staat gehörte und
alles von der Partei entschieden wurde.
Die alte Art und Weise ist tief verwurzelt. Wandel ist
störend und schmerzlich, und er kann in politischer
Hinsicht teuer werden. Und es gibt kein Patentrezept. Jedes Land, das sich für Demokratie und
Marktwirtschaft entscheidet, muß seine eigene
Variante wählen und seinen eigenen Kurs verfolgen.
Wenn diese Nationen die harten, aber richtigen
Entscheidungen treffen, haben wir eine wichtige
Rolle zu spielen. Unsere Hilfsprogramme werden
beispielsweise zu Investitionen in unsere Sicherheit
und unseren Wohlstand.
Die neuen Staaten müssen ihren eigenen Kurs
wählen, das Risiko eingehen und die Last tragen.
Aber es liegt in unserem Interesse, daß sie erfolgreich sind und ebenfalls die Vorteile von der Integration in die neue Architektur erhalten, die wir aufbauen.
Bis jetzt habe ich hauptsächlich über Sicherheitsfragen gesprochen. Wir sollten jedoch nicht vergessen, daß solides Wirtschaftswachstum eine
grundlegende Stütze einer erfolgreichen Sicherheitspolitik ist. Politische Stabilität in Zentral- und Osteuropa hängt stark von einem steigenden Lebensstandard ab. Dieser wiederum erfordert eine erfolgreiche Umstrukturierung der Volkswirtschaften dieser
Länder. Aus diesem Grund haben wir alle ein
großes Interesse daran, daß Demokratie und Marktwirtschaft auf dem gesamten Kontinent Fuß fassen.
Im Hinblick auf die aufstrebenden Demokratien
müssen wir die Klugheit - und den Mut - zur Öffnung
unserer Märkte besitzen, so daß diese das wichtigste Instrument für die Schaffung von Wohlstand
werden.

AMERIKA DIENST 21

Was ihre Beziehungen zueinander betrifft, dürfen die
Vereinigten Staaten und Europa nicht ihre beständige
Aufgabe vernachlässigen, sich dem Protektionismus
zu widersetzen und zunehmend globale Märkte zu
schaffen. Wir haben in den letzten 50 Jahren viel
erreicht, aber unsere Arbeit ist noch nicht beendet.
Nachdem die Entscheidungen über die UruguayRunde und die Welthandelsorganisation getroffen
wurden, müssen wir einen transatlantischen Konsens
über die zukünftige Richtung unseres bilateralen
Handels sowie unseren gemeinsamen Ansatz zu
einer weiteren Öffnung der Weltmärkte erzielen. Dies
ist nicht der richtige Zeitpunkt, unsere Wirtschaftsbeziehungen für selbstverständlich zu halten.
Auch dürfen wir nicht zulassen, daß unvermeidliche
Meinungsverschiedenheiten bei unseren Handelsbeziehungen die grundsätzlichen Vorteile unserer
Partnerschaft im wirtschaftlichen Bereich unterminieren. Hier ist beständige Wachsamkeit vonnöten. In
Ermangelung einer einigenden militärischen Bedrohung können wir nicht länger erwarten, daß
handelspolitische Differenzen automatisch den
gemeinsamen Sicherheitsbelangen untergeordnet
werden.
Und es wird Meinungsverschiedenheiten geben,
beispielsweise im Zusammenhang mit dem Bananenregime der EU, ihrer Politik im audiovisuellen
Bereich, den Subventionen für die Luftfahrtindustrie
und anderem. Ohne den Druck des Kalten Krieges
werden sich solche Dispute wahrscheinlich in die
Länge ziehen und an Schärfe zunehmen. Es wäre
jedoch tragisch, wenn solche Irritationen das Vertrauen und den Geist der Zusammenarbeit unterminierten, die während eines halben Jahrhunderts
erfolgreicher Partnerschaft entwickelt wurden.
Wir dürfen auch nicht zulassen, daß unsere Teilnahme am Wettbewerb auf den Weltmärkten unser
Engagement für ihre weitere Liberalisierung schmälert. Unsere Beziehungen müssen umfassend und
kooperativ bleiben und unsere gemeinsame Vision
und gemeinsamen Ziele betonen, dabei jedoch immer
den unschätzbaren Wert dessen im Auge behalten,
was wir in den vergangenen 50 Jahren durch die
sehr enge wirtschaftliche Partnerschaft erreicht
haben.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: In wirtschaftlicher Hinsicht steht bei den amerikanisch-europäischen Beziehungen enorm viel auf dem Spiel.
Europa ist selbstverständlich unser größter und
wichtigster Wirtschaftspartner. Der Kontinent hat
kürzlich die gravierendste Rezession seit den dreißiger Jahren überwunden und mittelfristig Aussicht auf
starkes Wirtschaftswachstum.
Eine wachsende
europäische Wirtschaft kann einen großen Teil des

Seite 5

�erforderlichen Wachstums auf den Exportmärkten
der Vereinigten Staaten bereitstellen. Nach zweijährigem Rückgang aufgrund der Rezession stiegen die
amerikanischen Exporte nach Europa im vergangenen Jahr um 6 Prozent - und in der zweiten Jahreshälfte um ganze 10 Prozent.
Diese Prozentzahlen stehen für astronomische
Geldsummen. Die Europäische Union umfaßt einen
Markt von 7 Billionen Dollar, ein volles Drittel des
Weltmarktes außerhalb der Vereinigten Staaten. Mit
einem Wachstum von real 3 Prozent in diesem Jahr
wird die europäische Wirtschaft um mehr als 200
Milliarden Dollar wachsen - was dem gesamten
Bruttoinlandsprodukt Taiwans entspricht.
Wo ich gerade von Taiwan spreche: Es stimmt, daß
die Vereinigten Staaten derzeit mehr Handel mit
Asien als mit Europa treiben. Unser Handel mit
Asien besteht jedoch überwiegend aus Importen,
während unser Handel mit Europa durchweg ausgeglichen ist. Seit 1970 verzeichneten wir beim Handel
mit der EU in manchen Jahren einen Überschuß, in
anderen ein Defizit. Wenn wir die Ergebnisse für
alle diese Jahre zusammennehmen, ist unser
bilateraler Handel mit der EU fast vollständig ausgeglichen.
Während dieses Vierteljahrhunderts war der Handel
der Vereinigten Staaten mit Asien eine endlose
Reihe von Defiziten, die sich auf über 1 Billion Dollar
beliefen - nahezu zwei Drittel mit Japan. Allein im
vergangenen Jahr hatten wir bei unserem Handel
mit Japan und China ein Defizit von über 100
Milliarden Dollar zu verzeichnen. Dies entspricht
dem Großteil unseres globalen Defizits und erklärt,
warum unsere Handelspolitik sich so stark auf
diesen Teil der Welt konzentrierte.
Das ist aber noch nicht alles. Viele von Ihnen
wissen, daß der Hauptteil der internationalen Wirtschaft nicht beim Handel, sondern bei Investitionen
liegt.
Die weltweiten Verkäufe amerikanischer
Unternehmen überwiegen die Exporte im Verhältnis
von über drei zu eins. Mehr als die Hälfte dieser
Verkäufe werden in Europa abgewickelt - 850 Milliarden Dollar jährlich. Amerikanische Unternehmen in
Europa beschäftigen 3 Millionen Europäer. Europäische Unternehmen in den Vereinigten Staaten
beschäftigen eine vergleichbare Zahl von Amerikanern.
Unsere Investitionen in Europa haben auch positive
Auswirkungen auf unsere Exporte. Nahezu ein
Drittel aller amerikanischen Exporte nach Europa
gehen an amerikanische Tochterfirmen auf dem
Kontinent. Diese Niederlassungen wiederum führen

Seite 6

Dividenden, Tantiemen und andere Gewinne zurück
in die Vereinigten Staaten.
Wenn alle diese Faktoren der Gleichung beigefügt
werden, beläuft sich der transatlantische Handel auf
über 1,7 Billionen Dollar jährlich - ungefähr 50
Prozent mehr als unser transpazifischer Handel.
In Anbetracht dieser Zahlen ist es offensichtlich, daß
die Vereinigten Staaten und Europa ein großes
Interesse am Wohlergehen des anderen haben. Es
ist eindeutig nicht der Fall, daß ein stärkeres Europa
ein schwächeres Amerika bedeutet und umgekehrt.
Im Gegenteil: Eine gesündere europäische Wirtschaft beinhaltet mehr amerikanische Importe und
mehr arbeitsbeschaffende Investitionen in den
Vereinigten Staaten.
Ferner beeinflußt sie das
Ausmaß, in dem Europa gemeinsam mit uns das
weltweite Handelssystem zu mehr Offenheit führt.
Natürlich haben wir beide weitere bedeutende Wirtschaftsinteressen. Die Vereinigten Staaten streben
eine Ausweitung des freien Handels in Asien und
dem Pazifik sowie in der westlichen Hemisphäre an.
Europa strebt eine weitere Integration seines Binnenmarktes und die Aufnahme Zentral- und Osteuropas in diesen Markt an. All dies sind wichtige
Anliegen.
Letztlich dürfen wir aber nicht zulassen, daß unsere
Interessen andernorts auf der Welt die zentrale
Bedeutung der amerikanisch-europäischen Beziehungen schmälern. Nach Meinung einiger bedeutet
das, wir sollten die Errichtung einer transatlantischen
Freihandelszone anstreben. Andere befürworten
Verträge oder Abkommen auf spezifischen Gebieten.
Wieder andere streben eine Wirtschaftsgemeinschaft
ähnlich dem europäischen Wirtschaftsraum zwischen
EU und EFTA an.
Anfang des Monats sprach Außenminister Warren
Christopher in Madrid von einer neuen Vision für die
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten. Er erklärte: "Langfristig ist das
Ziel die Integration der Volkswirtschaften Nordamerikas und Europas im Einklang mit den Prinzipien der
Welthandelsorganisation."
Während wir uns um die Erlangung dieses hochgesteckten Ziels bemühen, besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir engere Wirtschaftsbeziehungen benötigen - nicht nur wegen der offensichtlichen
wirtschaftlichen Vorteile. Da eine überzeugendere
Vision unserer gemeinsamen Interessen fehlt, könnte
man versucht sein, auseinanderzudriften. Das wären
alarmierende Aussichten für uns und die übrige Welt.

AMERIKA DIENST 21

�Glücklicherweise gibt es noch viel, was uns zusammenhält. Auf jedem Gebiet - bei unserer immens erfolgreichen politischen und sicherheitspolitischen Partnerschaft, unseren intensiven Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, sogar unseren
gemeinsamen Werten - werden wir durch ein reiches
Erbe von kulturellen und Familienbanden bestärkt,
die bis zu den frühen europäischen Siedlern in
Nordamerika zurückreichen. Im Laufe der Jahrhunderte wanderten über sieben Millionen deutschsprachiger Europäer nach Amerika aus. Heute sind
ungefähr 60 Millionen amerikanischer Bürger deutscher Abstammung.
Dies sind lebenswichtige Verbindungen, die Stärke
und Widerstandsfähigkeit unserer politischen und
sicherheitspolitischen Partnerschaft gewährleisten
helfen. Wir sollten nicht die Bedeutung direkter
persönlicher Kontakte zwischen den Bürgern unserer
beiden Länder als Grundlage für gegenseitiges
Verständnis unterschätzen. Diese Kontakte stellen
die Stabilität anderer essentieller Verbindungen
sicher. Es ist unsere Aufgabe, für eine ständige
Erneuerung dieser Bande Sorge zu tragen.
Austauschprogrammen für Jugendliche kommt
hierbei eine besondere Bedeutung zu. Ausgezeichnete Programme wie das Parlamentarische Patenschaftsprogramm Kongreß/Bundestag und das
Deutsch-Amerikanische
Partnerschaftsprogramm
bieten Tausenden junger Menschen die Gelegenheit,
zusammen zu leben und zu arbeiten, was für beide
Gesellschaften von dauerhaftem Vorteil ist.
Auch Austauschprogramme zwischen Universitäten
sind erwiesenermaßen von unschätzbarem Wert.
Seit 1952, als das deutsch-amerikanische FulbrightProgramm ins Leben gerufen wurde, haben 25.000
deutsche und amerikanische Studenten, Lehrer und
Professoren einige Zeit im jeweils anderen Land
verbracht. Das hatte nicht nur bedeutende Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des
einzelnen, sondern auch auf Fortschritte in der
Wissenschaft und auf anderen Gebieten der Forschung.
Die Medientechnologie ist ein wunderbares Mittel,
Kontakte von Angesicht zu Angesicht zu erleichtern wenn auch nicht zu ersetzen. Wir müssen umfassenden Gebrauch von den Fortschritten im Kommunikationswesen machen, um Austauschaktivitäten
zu fördern. Die RIAS Berlin Kommission erfüllt diese
Aufgabe sehr gut mit ihren aktiven journalistischen
Austauschprogrammen, die vorwiegend für Journalisten aus den neuen Bundesländern bestimmt sind.
Ferner müssen wir die Tatsache anerkennen, daß
dieser Teil Deutschlands über lange, dunkle Jahr-

AMERIKA DIENST 21

zehnte hinweg von den Vereinigten Staaten und dem
übrigen Westen abgeschnitten war. Es wird Jahre
erfordern, das aufzuholen. Aber wir machen einen
guten Anfang.
Wir haben das Programm unseres Amerika Hauses
in Leipzig erweitert, das auch für Sachsen und
Thüringen zuständig ist. Mit der starken Unterstützung der Freunde des Amerika Hauses Berlin erweitern wir auch unsere Aktivitäten in Brandenburg,
Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
In Zusammenarbeit mit der Universität von HalleWittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen
beteiligen wir uns aktiv an der Schaffung eines
"Center for Advanced English and U.S. Studies" in
der Lutherstadt Wittenberg. Radio Charlie der Voice
of America hat in Berlin den Sendebetrieb auf der
Frequenz des alten AFN aufgenommen. Eine andere
interessante neue Institution, die Amerikanische
Akademie zu Berlin, wird sich auf die Förderung des
Kultur- und Wissenschaftsaustausches über den
Atlantik hinweg und in ganz Zentraleuropa konzentrieren.
Ebenso bemerkenswert ist das Engagement amerikanischer Unternehmen in den neuen Bundesländern,
wo wir der größte ausländische Investor sind.
Unsere Investitionen reichen vom Verbrauchsgütersektor - Coca Cola und McDonalds - bis zum industriellen Sektor - Opel, Mibrag, Dow und Otis Elevator.
Ferner sind mittelständische amerikanische
Unternehmer in den neuen Ländern aktiv und demonstrieren das amerikanische Engagement für die
wirtschaftliche Umgestaltung dieses Teils von
Deutschland.
Dieses Engagement wird gekrönt von einer für den 6.
und 7. Oktober in Erfurt anberaumten Konferenz, die
von der US-Botschaft und der Amerikanischen
Handelskammer veranstaltet wird. Sie ist die dritte in
einer Serie, die vergangenen Herbst in Berlin und
Leipzig begann und die kooperative Rolle amerikanischer Unternehmen und der US-Regierung bei der
Ermutigung von Investitionen in Ostdeutschland
hervorhebt.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland können
folglich sehr viel unternehmen, um die fortgesetzte
Bedeutung und Vitalität unserer gemeinsamen Werte
in dieser Zeit des Wandels sicherzustellen. Wir
haben eine wichtige Partnerschaft. Was Werte,
Sicherheit und Wirtschaft anbelangt, erachten die
Vereinigten Staaten die fest in Europa und dem
atlantischen Bündnis verwurzelte Bundesrepublik
Deutschland als zentralen Baustein für regionale
Stabilität. Deutschland ist bereits zum Motor für den
Prozeß der europäischen Integration geworden. Wir

Seite 7

�erwarten von Deutschland die Übernahme einer
noch größeren Führungsrolle in Europa und der
Welt, die im Einklang mit seiner politischen und
wirtschaftlichen Stärke steht.
Aus diesem Grund unterstützen wir eine ständige
Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat.
Wir sehen Deutschland als entscheidenden Partner
bei der wichtigen Aufgabe an, ein transatlantisches
Sicherheitssystem aufzubauen, das unsere gemeinsame Vision eines in Demokratie, freier Marktwirtschaft und gemeinsamer Sicherheit geeinten Europas fördert. Wir verstehen sehr wohl, daß Deutschland Zeit braucht, um solch eine neue Rolle zu
übernehmen, die Debatte zu führen und Entscheidungen zu treffen, um seinen angemessenen Platz
auf der europäischen und internationalen Bühne zu
finden. Wir sind jedoch äußerst zuversichtlich, daß
Deutschland auch in Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen wird.
Die uns konfrontierenden Probleme sind ernster
Natur und stellen eine große Herausforderung für die
transatlantische Gemeinschaft dar. Es sind jedoch
nicht die ersten Herausforderungen, denen wir uns
gemeinsam stellen. Im Rückblick auf die letzten 50
Jahre sehen wir trotz ebenso düsterer Prophezeiungen viele großartige Leistungen.
Vor nur wenigen Jahren schien die Ost-West-Konfrontation endlos, und die Möglichkeit eines nuklearen Holocaust war täglich präsent. Man dachte, die
Berliner Mauer würde ewig stehen. Es wurde
behauptet, das letzte Kapitel Deutschlands als
geeinte Nation sei geschrieben und die Spaltung
Europas von Dauer. Man erklärte, amerikanische
Legionen würden ebenso wie die im alten Rom für
immer in Berlin und an anderen Außenposten des
Kalten Krieges Wache stehen.

*

Seite 8

Heute wissen wir, wie falsch diese Annahme war.
Angesichts der Ereignisse von 1989 erkennen wir die
Anziehungskraft und die Macht westlicher Werte. Die
uns heute konfrontierenden Gefahren unterscheiden
sich von denen des Kalten Krieges. Unsere Antwort
muß jedoch in denselben Grundsätzen verwurzelt
sein, die uns seit 50 Jahren leiten, sowie in der
transatlantischen Partnerschaft, die jenen Idealen
Leben und Vitalität gibt.
Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für Ungeduld oder
Ängstlichkeit. Wenn wir zu schnell zu viel erwarten,
ist die Enttäuschung schon vorprogrammiert. Dies ist
aber auch nicht der richtige Zeitpunkt, uns auf
unseren Lorbeeren auszuruhen. Alle großen Projekte
nehmen ihren Anfang in der menschlichen Vorstellungskraft. Jean Monnet und Robert Schuman hatten
eine Vision, die zu den Römischen Verträgen und
allem Nachfolgenden führte. George Marshall hatte
eine Vision und stellte einen Plan auf, der nach ihm
benannt wurde. Viele Europäer hatten einen Traum
von einem "Europa 1992", das dem schleppenden
Prozeß der wirtschaftlichen Integration Energie
verlieh. Und natürlich hat unser Traum von der
Freiheit, der in den Straßen von Leipzig seinen
Ausdruck fand, die Welt verändert.
Heute benötigen wir einen anderen Traum für das 21.
Jahrhundert. Als moderne Gesellschaften mit einer
jahrhundertealten reichen gemeinsamen Geschichte
können und müssen Amerikaner und Europäer
definieren, wohin sie gemeinsam gehen wollen.
Geleitet von unseren Werten können wir die vor uns
liegenden tückischen Untiefen umschiffen und sicher
die großen Gewässer erreichen, die am Horizont des
dritten Jahrtausends liegen.

* * * *

AMERIKA DIENST 21

�Cl V I T A S
21. Juni 1995

Die Herausforderung der Staatsbürgerkunde
Rede von Penn Kemble
PRAG - (AD) - Penn Kemble, Stellvertretender Direktor des US-Informationsamts (United States Information
Agency - USIA), hielt am 2. Juni 1995 bei der internationalen partnerschaftlichen Konferenz über
Staatsbürgerkunde (International Partnership Conference on Civic Education - Civitas) die nachfolgende Rede.

Eine Idee dieses Treffens war, daß es nützlich wäre,
Menschen in einer zentral gelegenen Stadt zu einer
modernen Version des mittelalterlichen Jahrmarkts
zusammenzubringen. Sie werden sich erinnern, daß
solche Jahrmärkte Gelegenheiten für Handwerker
und Kaufleute von nah und fern waren, ihre Waren
auszustellen und ihre Fähigkeiten und Techniken zu
demonstrieren. Dies wird - wie Sie bald sehen
werden - hier in herausragender Weise von den im
Bereich der Staatsbürgerkunde Tätigen erreicht.
Die Konferenzveranstalter hatten jedoch noch ein
anderes Ziel vor Augen, das für uns im US-Informationsamt besonders interessant ist. Ich gestehe
Ihnen jetzt etwas, das einige bereits vermutet haben:
Hinter allem steht ein politisches Motiv. Es ist
amüsant - und bei näherem Überlegen auch bedauerlich - daß man heute vor dem Gebrauch des
Wortes "politisch" zurückschreckt.
In höflicher
Konversation hat Politik einen unangenehmen
Beigeschmack und wird mit etwas Unehrlichem
assoziiert, das allgemein kein hehres Ziel verfolgt
und keinen Stil hat.
Da dies ein Treffen von Staatsbürgerkundlern ist,
wird es hoffentlich möglich sein, dieses mit "p"
beginnende Wort offen auszusprechen und Sie zu
bitten, sich bei dieser Zusammenkunft auf seine
positiveren Aspekte zu konzentrieren. Viele der hier
anwesenden Pädagogen wissen noch viel besser als
ich, daß es Zeiten gab, in denen die Philosophen die
Politik als eines der edelsten Unterfangen der
Menschheit bezeichneten, Cicero stolz verkündete
"Ich bin ein Bürger Roms" und Abgeordnete in den
großen Parlamenten eine Anhängerschaft hatten, die
fast so groß war wie bei den heutigen Stars der
Videokultur. Daher hoffe ich, Sie stimmen mit mir
darin überein, daß es vollkommen angebracht sogar notwendig ist - unserem Treffen in Prag ein
politisches Ziel zu geben.

AMERIKA DIENST 21

Der Grund dafür ist, daß die Politik im positiven Sinn
zu unseren Zielen gehört. Politik - schlechte Politik ist die Quelle vieler Ärgernisse, aber nur Politik gesunde Politik - kann uns daraus retten. Das USInformationsamt, dem ich angehöre, ist eine Behörde
für auswärtige Angelegenheiten. Wir sind keine
Erziehungswissenschaftler. Bei unserer Vorbereitung
dieser Konferenz haben wir uns an amerikanischen
Erziehungswissenschaftlern orientiert - am Zentrum
für Staatsbürgerkunde, dem amerikanischen Lehrerverband, dem amerikanischen Bildungsministerium
sowie vielen anderen herausragenden Mitgliedern
des Lenkungsausschusses von "Civitas". Sie bieten
die pädagogische Expertise. Unsere Rolle besteht
darin, ihnen bei der Einbeziehung von Staatsbürgerkundlern aus dem Ausland behilflich zu sein.
Wir sehen jedoch einen Sinn in diesen Bestrebungen,
die mit den weltweiten Interessen der Vereinigten
Staaten in Einklang stehen. Es sollte darauf hingewiesen werden, daß dies keinesfalls ausschließlich
amerikanische Interessen sind: Es sind Interessen,
die im letzten Jahrzehnt das erklärte Ziel vieler
anderer Regierungen gewesen sind. Es sind Interessen, die bei unseren hiesigen Diskussionen erörtert
werden sollten und hoffentlich in den Ergebnissen der
Konferenz ihren Niederschlag finden. Präsident Bill
Clinton und Außenminister Warren Christopherhaben
vielfach betont, daß die Stärkung der Demokratie auf
der Welt eines der Hauptziele der amerikanischen
Außenpolitik ist.
Dieses Ziel wird auch von unseren Opponenten in
der Republikanischen Partei unterstützt. Meines
Erachtens wird es - ungeachtet des Ergebnisses der
heutigen Debatten - eine wichtige Prämisse der
amerikanischen Außenpolitik bleiben. Aber obwohl
die meisten von uns sich einig sind, daß die Notwendigkeit besteht, sich für die Stärkung der Demokratie
weltweit zu engagieren, muß darüber gesprochen
werden, wie wir praktisch vorgehen. Nach der ersten

Seite 1

�Woge tiefgreifender Veränderungen in Mittel- und
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion richteten sich die Energien der etablierten Demokratien
auf die Herausforderung, freie Wahlen abzuhalten.
Und wir erkannten bald, daß sie zwar notwendig,
aber nicht ausreichend für die Schaffung einer
echten Demokratie sind.
Anschließend übernahmen wir es, die neuen, im
Übergang befindlichen Demokratien auf eine andere
Art zu engagieren: Wir versuchten, ihnen bei der
Schaffung zusätzlicher demokratischer Mechanismen
beizustehen. Dazu gehörten unter anderem Parlamente, Gerichte, andere Institutionen der Rechtsstaatlichkeit und politische Parteien. Diese Bestrebungen wurden bald von einer dritten Form des
Engagements begleitet - Wirtschaftshilfe. Da politischer Wandel und wirtschaftliche Veränderungen in
enger Verbindung standen, ging der Zusammenbruch der damaligen politischen Strukturen des
Kommunismus Hand in Hand mit dem Zusammenbruch vieler alter zentralisierter Wirtschaftsstrukturen.
Dies führte zu einer Wirtschaftskrise, sogar zum
wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die etablierten
Demokratien leisteten zunächst humanitäre Hilfe und
boten dann makroökonomische Stabilisierungspläne,
Hilfe bei der Entwicklung der Privatwirtschaft, der
Banken, Börsen und anderer, in einer Marktwirtschaft erforderlicher Wirtschaftsinstitutionen.
All diese Formen von Wirtschafthilfe kosten die
älteren Demokratien jedoch Milliarden von Dollar.
Im Grunde genommen waren diese Bestrebungen
allesamt hilfreich. Nach einiger Zeit wurde jedoch
klar, daß noch etwas anderes erforderlich ist - das
Außenseiter ermutigen, aber nicht wirklich bereitstellen können - wenn demokratische und marktwirtschaftliche Systeme prosperieren und sich selbst
erhalten sollen. Mit der Zeit gelangten wir zu der
Erkenntnis, daß die Institutionen und Mechanismen
der Demokratie von einer demokratischen Kultur
genährt werden müssen. Wenn die Öffentlichkeit
nicht ihre Rechte wahrnimmt und ihre Pflichten erfüllt
und nicht über das hierzu nötige Wissen verfügt,
kann ein Land nicht einfach die demokratische
Maschinerie importieren. Die Demokratie ähnelt
dann einem Organtransplantat, das wieder abgestoßen wird. Ferner haben wir gelernt, daß staatsbürgerliche Strukturen und eine staatsbürgerliche
Kultur auch für freies Unternehmertum und eine
prosperierende Marktwirtschaft erforderlich sind. Die
großen Philosophen des Kapitalismus wie David
Hume und Adam Smith verstanden sehr wohl, daß
ein echter kapitalistischer Markt aus mehr bestehen
muß als primitivem Austausch wie der zwischen
Pelzhändlern und Indianern in der Prärie. Echter
Kapitalismus erfordert eine starke und effektive,
wenn auch eingeschränkte Regierung.

Seite 2

Letztlich stellt sich die Frage, wer die für eine Unternehmensgründung notwendige Energie bereitstellt
oder sauer verdientes Geld investiert, wenn es keine
Rechtsgarantien, keine Gerichte, Ansprüche oder
ähnliches gibt? Michael ignatieff schrieb kürzlich in
Foreign Affairs: "Ohne eine freie und robuste
bürgerliche Gesellschaft wird die kapitalistische
Marktwirtschaft unweigerlich zu einem MafiosoKapitalismus."
Ein Mafioso-Kapitalismus ist nicht nur nicht schön - er
kann nur zu einem bestimmten Maß an Wohlstand
führen, bevor er an seiner mangelnden moralischen
und politischen Autorität zugrunde geht. Damit ein
demokratisches und marktwirtschaftliches System
wirklich funktioniert und seinen Bürgern und Investoren die Zuversicht gibt, daß es langfristig überlebt,
müssen seine Bürger über öffentliche Angelegenheiten und die "Gewohnheiten des Herzens" - wie
Tocqueville sie nannte - Bescheid wissen, die ein
effektives Funktionieren einer Demokratie ermöglichen. All dies führt wieder zur Staatsbürgerkunde.
Aber Staatsbürgerkunde - und es tut mir leid, das
sagen zu müssen - Staatsbürgerkunde kann langweilig sein.
Betrachten wir uns die Wert von heute: Krieg in
Bosnien, Erdbeben in Sachalin, Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Japan. Wie viele
von seriösem Ehrgeiz geleitete führende Politiker
würden sich angesichts solchen Wettbewerbs der
Förderung von Staatsbürgerkunde widmen? Verglichen mit den anderen Aufmerksamkeit erfordernden Dramen kann Staatsbürgerkunde erscheinen, als
würde man das Gras wachsen hören. Das heißt,
Staatsbürgerkunde benötigt eine Lobby.
Staatsbürgerkunde benötigt vor allem eine organisierte Lobby, die das Interesse daran erhalten und selbst
dann Unterstützung gewähren kann, wenn dramatischere Ereignisse die Aufmerksamkeit derjenigen
fesseln, die sich vornehmlich auf Krisen und Schlagzeilen konzentrieren. Und diese Lobby benötigt eine
Stimme in der internationalen Staatengemeinschaft.
Wer könnte zur Zusammensetzung dieser Lobby
beitragen? Zum einen gibt es die Lehrer. Zweifelsohne haben Lehrer ein berufliches Interesse an der
Förderung des Unterrichts. Aber nachdem die
Eigeninteressen berücksichtigt sind, gibt es noch
andere Gründe, warum die Lehrer sich mit Staatsbürgerkunde befassen. Erstens kann man zu Recht
sagen, daß die Lehrer an der Frontlinie des Zerfalls
der bürgerlichen Gesellschaft in vielen unserer
Gesellschaften stehen. Schulen sind heute das
wichtigste Schlachtfeld beim Kampf um die Förderung
der demokratischen Kultur, aber auch der Ort, an
dem Gewalt, Intoleranz und die Unterdrückung

AMERIKA DIENST 21

�offener Fragen und Debatten am stärksten spürbar
sind. Die Lehrer müssen sich mit von einem Gespür
für die Öffentlichkeit geleiteten Bürgern vereinen, mit
Unternehmern, die wissen, daß politische Stabilität
und eine effektive öffentliche Verwaltung für wirtschaftlichen Wohlstand unerläßlich sind, mit Menschenrechtlern, die sich bewußt sind, daß die einzige
Versicherung gegen Mißbrauch eine informierte und
aktive Bürgerschaft ist. Wenn wir hartnäckig sind,
können wir auch in Diplomaten und internationalen
Führungskräften Verbündete finden, die zu schätzen
wissen, daß demokratische Entwicklung der sicherste Weg zu Frieden ist. Eine der ermutigendsten
Entwicklungen der vergangenen Jahre ist das
Ausmaß, in dem die großen internationalen Organisationen - die Strukturen dessen, was wir gelegentlich als "internationale Staatengemeinschaft" bezeichnen - zu erkennen begonnen haben, daß
Frieden und Entwicklung durch die Erweiterung und
Vertiefung der Demokratie gut gedient ist.
Zu Beginn ihrer Geschichte vertrat die Weltbank
beispielsweise die Ansicht, daß wirtschaftliche Entwicklung vollständig getrennt von Besorgnis über
Demokratie, Menschenrechte und gute Regierungsführung betrachtet werden sollte. In jüngster Zeit hat
jedoch ein beeindruckender Wandel stattgefunden.
Erstens fing die Bank an, sich über Korruption und
Ineffizienz in den öffentlichen Verwaltungen vieler
Länder Sorgen zu machen, die Kredite von ihr
erhielten. Als die Bank sich eingehender mit diesen
Problemen befaßte, begann sie sich zu fragen, wie
sie längerfristig bewältigt werden könnten. Eine im
Mai 1994 veröffentlichte, von der Bank veranlaßte
Studie sprach sich energisch für die fragile Demokratie aus: "...Das Hauptaugenmerk der Regierungsarbeit der Bank war die Verwaltung des öffentlichen
Sektors... Da sie vornehmlich technischen Charakter
hat, spricht sie die Verfahren und Maschinerie der
Verwaltung des öffentlichen Sektors an, nicht notwendigerweise die Ursachen. Dies legt Aktionen auf
zwei Ebenen nahe: Erstens entschlossenere Versuche zur Förderung von Reformprogrammen in
Händen der Einheimischen, und zweitens die Ermutigung von Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft,
damit sie wachsen und im wirtschaftlichen Bereich
mehr Rechenschaftspflicht von den Regierungen
fordern können.
Die Vereinten Nationen - eine Institution mit einer
noch vielschichtigeren Mitgliedschaft als die Weltbank - sind weiter davon entfernt, demokratische
Entwicklung zu einem Tagesordnungspunkt zu
machen. In die Agenda für Entwicklung für 1995 hat
Generalsekretär Boutros-Ghali einen aufwühlenden
Absatz aufgenommen, der bekräftigt, daß "Demokratie gute Regierungsführung" ist und "Demokratie den
einzigen langfristigen und tragfähigen Weg zu erfolg-

AMERIKA DIENST 21

reicher Entwicklung darstellt". Die Organisation der
Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und
Kultur, UNESCO, nutzt diese Würdigung der Demokratie für eine ausdrückliche Verpflichtung zu Staatsbürgerkunde. Bei der 44. Sitzung ihrer internationalen Konferenz über Bildung erklärte sie, daß "Bildung
die Fähigkeit zur Wertschätzung der Freiheit und zur
Bewältigung ihrer Herausforderungen entwickeln
muß". *
Eine ähnliche Geisteshaltung findet sich in den
Erklärungen der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa, der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, des
Europarats und nicht zuletzt der Führung der NATO.
In der Tat ist die NATO - ein Sicherheitsbündnis par
excellence - ein besonders anschauliches Beispiel
der wachsenden Anerkennung der Rolle der Demokratie bei internationalen Sicherheitsbelangen.
In der vergangenen Woche traf Rußland die begrüßenswerte Entscheidung, der Partnerschaft für den
Frieden beizutreten.
Solche Schritte zu neuen
Sicherheitspartnerschaften in Europa müssen geduldig und sorgfältig unternommen werden. Es ist
jedoch offenkundig, daß neue Abkommen kaum das
Papier wert sind, auf dem sie geschrieben wurden,
wenn sie nicht auf gemeinsamen Werten wie Demokratie und Menschenrechten ruhen.
Präsident
Clintons Äußerungen zur NATO-Mitgliedschaft gelten
auch hier: Länder mit repressiven politischen Systemen, Länder mit Ambitionen gegenüber ihren Nachbarn, Länder mit nicht ziviler Kontrolle unterworfenen
Militärs oder mit geschlossenen Wirtschaftssystemen
brauchen eine Mitgliedschaft nicht in Erwägung zu
ziehen. Diese Anzeichen wachsender Verpflichtung
zur demokratischen Idee in der internationalen
Staatengemeinschaft sollten für die Staatsbürgerkundler außerordentlich vielversprechend sein. Aber
werden sie mehr als bloße Lippenbekenntnisse sein?
Könnten sie verspätete Tribute an den Geist von
1989, an den Geist des Wenzeslaus-Platzes sein, die
angesichts der wachsenden ethnischen und nationalen Gewalt, Desillusionierung und Apathie bereits
passe sind? Werden sie nur mehr abgedroschene
Erklärungen und bürokratischen Müßiggang hervorbringen? Oder werden die Menschen Anstrengungen
unternehmen, um diesen Versprechungen Leben
einzuhauchen, sie in die Städte, an die Arbeitsplätze
und vor allem in die Klassenzimmer bringen, wo sie
wirklich Realität werden? Dies ist eine der uns
konfrontierenden Herausforderungen. Wir haben
unsere beruflichen Herausforderungen, aber dies ist
die politische Herausforderung. Wir werden in der
Tat gut daran tun, wenn wir wenigstens einen Anfang
machen, sie anzusprechen.

Seite 3

�4. J U L I
21. Juni 1995

Die amerikanische Reise und der
Geist von General Washington
von Paul G. Ashdown
WASHINGTON - (AD) - Aus Anlaß des amerikanischen Unabhängigkeitstages am 4. Juli veröffentlichen wir
nachfolgend eine unwesentlich gekürzte Rede über amerikanische Präsidenten und Präsidentschaftswahlkämpfe, die Paul G. Ashdown am Colurrbus Day, dem 12. Oktober 1994, an der Universität Bonn hielt.
Ashdown ist Professor und Dekan am Collega of Communication der University of Tennessee.
Während der vergangenen Jahrhunderte urternommene Expeditionen und Reisen zur Erschließung des
Landes und Besiedlung der Vereinigten Staaten haben Paul Ashdown zufolge das Muster von Präsidentschaftswahlen vorgegeben. Der Autor verfolgt die Geschichte von Präsidentschaftswahlkämpfen von George
Washington bis Bill Clinton sowie die Berichterstattung in Zeitung, Radio und Fernsehen.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day. Copyright
(c) 1994.

Alle vier Jahre wird in den Vereinigten Staaten ein
Präsident neu ins Amt gewählt, in seinem Amt
bestätigt oder seines Amtes enthoben - einst der

Führer der freien Welt, der Oberkommandierende
der amerikanischen Streitkräfte, der politische Erbe
George Washingtons. Ich bin mir sicher, daß unsere
europäischen Partner das bewegte politische Spektakel auf der anderen Seite des Atlantiks mit einem
gewissen Gefühl der Angst, Verzweiflung und
bisweilen des drohenden Verhängnisses verfolgen.

an den Kopf, während sie die Einkäufe ihrer Kunden
in die Kasse eintippten. "Ich arbeite seit 15 Jahren
mit Dir zusammen, und Du bist heute fauler als
damals", rief der eine. Der andere erwiderte: "Du
vergraulst mehr Kunden als die Gammler vor dem
Geschäft."
Offensichtlich dauerte diese Auseinandersetzung
bereits eine Weile an - soweit ich weiß, 15 Jahre
lang.

Dieses Spektakel können Sie l^e üb&gt;;r die riesigen
intergalaktischen Fernsehstationen verfolgen, die
Bilder von unseren privaten nationalen Versammlungen bringen - als hätte man während eines Familienstreits eine Kamera und einen Kassettenrekorder im Wohnzimmer aufgestellt, die Vorhänge
aufgezogen und die Fenster geöffnet, damit die
Nachbarn besser zusehen können. Beobachter
müssen sich fragen, ob wir Amerikaner ein wenig
benommen vom Tafelwein sind und ob man uns
zutrauen kann, die Nachbarschaftskomitees zu
leiten, die wir gewohnheitsmäßig organisieren.

Das Erstaunliche an der ganzen Sache war, daß das
Geschäft voll eiliger Kunden war, die die Auseinandersetzung zwischen den Kassierern nicht beachteten. Und die Kassierer hatten offensichtlich
keine Schwierigkeiten, in diesem Klima von Feindseligkeit, Mißtrauen und Provokation zusammenzuarbeiten. Vielleicht handelte es sich aber auch nur um
eine sorgfältig erdachte Form der Unterhaltung, um
Kunden anzulocken. Unsere Präsidentschaftswahlkämpfe sind ähnlich. Es gibt viele Auftritte, viel
Spekulation. Und dazwischen ist es mehr oder
weniger Alltagsroutine.

Wahlen in den Vereinigten Staaten sind wie eine
Szene, die ich vor etwa zehn Jahren in New York
beobachtete. Als ich die Fifth Avenue entlangschlenderte, sah ich vor einem kleinen Lebensmittelgeschäft eine Menschenmenge stehen. Zwei ältere
Kassierer in dem Laden warfen sich Beleidigungen

Amerikanische Präsidenten waren nur selten sehr
beliebt. Ambrose Bierce, ein Journalist des 19.
Jahrhunderts und sarkastischer Lexikograph, definierte den Präsidenten einmal als "vorübergehenden
Häuptling, der von den Anführern einer Partei politischer Banditen gewählt wird, um die Beute zwischen

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�ihnen aufzuteilen". Bei einer anderen Gelegenheit
bezeichnete er den Präsidenten als "die Führungspersönlichkeit in einer kleinen Gruppe von Menschen, von denen sich eine überwältigende Ar zahl
ihrer Landsleute keinen als Präsidenten wünsc it".

warnte: "Sollte der ungläubige Jefferson gewählt
werden, wird der Tod unserer heiligen Religion
besiegelt, werden unsere Kirchen gedemütigt und
eine infame Prostituierte wird unter dem Titel 'Göttin
der Vernunft' den Vorsitz führen."

Es gibt eine Geschichte über George Washington,
die in einigen unserer Geschichtsbücher zu finden
ist. Die Erzählung basiert auf der mündlichen Überlieferung des 99jährigen Anthony Sherman, der
Washington gekannt haben will. Unser erster Präsident soll ihm erzählt haben, während er im Unabhängigkeitskrieg im Schnee von Valley Forge
betete, sei ihm ein himmlisches Wesen erschienen
und habe ihm die Zukunft Amerikas vorausgesagt.

Moderne Wahlkampagnen begannen vor etwa 100
Jahren. Vor dieser Zeit wurde in Wahlkämpfen eine
Botschaft übermittelt.
Im Wahlkampf von 1896
zwischen Grover Cleveland und William McKinley
wurde jedoch der Kandidat selbst die Botschaft.
Franklin Roosevelt wurde der erste Präsident im
Zeitalter der Massenmedien, der sich das neue
Medium Radio geschickt zunutze machte. 1952 war
das Fernsehen sehr wichtig geworden und verschaffte den Präsidenten Eisenhower und Kennedy direkten
Zugang zum amerikanischen Volk.

Man weiß nicht, ob Washington auch die Berichterstattung in der Presse vorhersah, die er wälrend
seiner Präsidentschaft ertragen mußte. Hätte er das
gewußt, hätte er das Amt wahrscheinlich nicht
angenommen. Während seiner Amtszeit war die
Presse nicht für ihre Fairness bekannt. Tatsächlich
war sie noch viel parteiischer als heute. Selbst über
Washingtons Geburtstagsfeier gab es negative
Kommentare. Eine Zeitung nannte die Feier eine
"monarchistische Farce" mit "königlichem Pomp und
Paraden".
Eine New Yorker Zeitschrift bezeichnete Washington
als "grauenhaften Flucher und Gotteslästerer". Er
wurde als Tyrann und Verderb der Nation bezeichnet. Man muß Washington hoch anrechnen, daß er
sich mit den - wie er sie selbst bezeichnete - "niederträchtigen Schreiberlingen" von der Presse
abfand. Er erklärte: "Diese Art der Darstellung ist
ein Übel, das den unzähligen Vorteilen einer freien
Presse gegenübersteht."
Die amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe
begannen nicht mit Washington, weil die ersten
beiden Kandidaten keine wirklichen Konkurrenten
hatten. Lange Zeit später bezeichnete Ambrose
Bierce die Präsidentschaft als "das Mastschwein auf
dem Spielfeld der amerikanischen Politik". Washington erwartete einfach nur einen Sieg, den er auch
errang. Es gab keinen Wahlkampf. Er wurde zum
Präsidenten gewählt, und sein Rivale, John Adams,
wurde Vizepräsident.
Die Wahlkampfberichterstattung begann nach der
Amtszeit George Washingtons im Jahr 1796. Adams
und Thomas Jefferson kandidierten beide für das
Amt. Religion beziehungsweise mangelnde religiöse
Überzeugung waren von Anfang an ein umstrittenes
Thema. Jefferson war ein Deist, was viele Schreiber
beunruhigte. Bierce definiert einen Deisten als
jemanden, "der an Gott glaubt, sich aber das Recht
zur Anbetung des Teufels vorbehält". Eine Zeitung

Seite 2

Gouverneur Adlai Stevenson kandidierte gegen
Eisenhower und verlor zwei Wahlen. Er erkannte,
welche Auswirkungen die Instrumente zur Beeinflussung der Massen nicht nur auf seine eigenen
Wahlkämpfe, sondern auch auf das Amt des Präsidenten hatten. Stevenson klagte, "die Idee, man
könne Kandidaten für dieses hohe Amt vermarkten
wie ein Frühstücksmüsli, nimmt dem demokratischen
Prozeß jede Würde". Stevenson lebte nicht lange
genug, um Präsident Clinton abends im Fernsehen
Saxophon spielen zu sehen.
Besonders gut gefiel mir der Filmausschnitt, den Bill
Clinton im Archiv über Präsident Kennedy fand. Er
setzte diesen Filmstreifen während seines Wahlkampfes ein. Der Film zeigt den Teenager Bill Clinton,
dem der damalige Präsident John F. Kennedy die
Hand schüttelt.

Kennedy scheint den jungen Bill

Clinton für sein künftiges hohes Amt zu salben. Ich
frage mich, ob irgend jemand ein Bild von mir als
15jährigem Pfadfinderjungen hat, dem Richard Nixon
1959 die Hand schüttelte.
Als Bill Clinton seine Nominierungsrede mit den
Worten beendete "Ich glaube immer nach an einen
Ort namens Hoffnung" - in Anlehnung an seinen
Geburtsort Hope = Hoffnung in Arkansas - hatten sich
die Präsidentschaftswahlkämpfe im Vergleich zu dem
Amtsantritt George Washingtons an der Kreuzung der
Wall Street und der Nassau Street in New York im
Jahr 1789 stark verändert.
Wir befinden uns derzeit in der Mitte von Präsident
Clintons Amtszeit. Der Wahlkampf für 1996 hat
bereits begonnen, und er wird in den nächsten
Monaten lauter und schmutziger werden. Clinton
bezieht von unseren Medien schreckliche Prügel, und
das wird sich noch verschlimmern. Einer neueren
Untersuchung zufolge war Präsident Clinton in den
ersten 17 Monaten seiner Amtszeit das Opfer von

AMERIKA DIENST 21

�2.600 Fernsehberichten. Das sind fünf Negctivberichte täglich.
Ebenso wie General Washington muß sich Clinton
fragen, worauf er sich eingelassen hat. Er könnte
guten Rat gebrauchen. Es ist schade, daß er nicht
im Weißen Haus am Kamin ein langes Gesprä;h mit
dem ersten amerikanischen Präsidenten führen
kann. Man weiß, daß der Geist General George
Washingtons mehrmals unerwartet im Weißen Haus
erschien. Abraham Lincoln kommunizierte während
seiner Amtszeit mit Geistern. Irgend jemanc muß
Präsident Lincoln während des Bürgerkrieges guten
Rat in militärischen Fragen gegeben haben. Und
während seiner letzten Tage im Amt soll Richard
Nixon die Flure des Weißen Hauses entlanggelaufen
sein und mit den Gemälden ehemaliger Präsidenten
gesprochen haben, darunter wohl auch mit dem
ersten Amtsinhaber.
Ich weiß nicht, was General Washington über Präsident Clinton oder seinen Mangel an militärischer
Ausbildung denkt, aber ich bin der Ansicht, er könnte
ihm einiges über die Presse erzählen. Noch wichtiger ist meines Erachtens, daß Washington Präsident
Clinton daran erinnern könnte, daß das Reisan im
Mittelpunkt unserer nationalen Geschichte steht.
George Washington wußte über Reisen Bescheid.
Seine eigene Reise führte ihn an der .Spitze einer
Revolutionsarmee durch sämtliche amerikanischen
Kolonien.
Um die amerikanische Art des Wahlkampfs zu
erklären, behaupte ich, daß amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe im Grunde genommen eine
Reise sind, daß unsere Medien die Wahlkämpfe als
Reise interpretieren und das Wichtige an den
Wahlen ist, daß wir Amerikaner uns selbst sagen,
wohin wir gehen. Amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe sind ein notwendig* s Ritua. Ohne sie
würde Amerika als Konzept aufhören zi existieren.
Kriege wurden als Bücherstütze der Geschichte
bezeichnet. Für uns Amerikaner sind die Präsidentschaftswahlkämpfe unsere Lesezeichen, unsere
Kapitelüberschriften, unsere Seiten mit Eselsohren,
die wir immer wieder aufschlagen, wenn wir uns an
die Handlung unseres nationalen Dramas erinnern
wollen.
Dieses Ritual basiert auf dem vierjährigen Wahlzyklus. Dieser Zyklus scheint dem Leben in den
Vereinigten Staaten eine vorhersagbare Ordnung zu
geben. Das System funktioniert schon seit ungefähr
200 Jahren. Und da wir ein pragmatisches Volk
sind, wollen wir glauben, daß es - weil es zu funktionieren scheint - seine eigene philosophische Berechtigung hat. Die Zahl vier hat natürlich große sym-

AMERIKA DIENST 21

bolische Bedeutung - die vier Winde, die vier Enden
der Erde und die vier Jahreszeiten. Das ist sehr
amerikanisch.
In seinem wunderbaren Buch Blue Highways
schreibt William Least Heat-Moon, der Lebensweg
der Indianer sei immer eine Reihe unregelmäßiger
Reisen, die stark von kosmischen Kräften gesteuert
werden. Er erklärt den Glauben der Hopi-Indianer,
die gesamte Menschheit entstehe aus vier Welten:
Erstens dem Schattenreich der Zufriedenheit,
zweitens einem Ort, an dem materielle Güter
verehrt werden,
drittens einem Ort, an dem die Menschen ihre
Geschichte vergessen und ihre Zukunft fürchten.
Anschließend kommt ein mysteriöses Wesen, die
Spinnengroßmutter, und teilt ihnen mit, sie seien
verloren und müßten sich auf eine lange und
schwierige Reise begeben.
Im vierten Jahr kämpfen die Hopi darum, den
richtigen Weg zu finden.
Meines Erachtens ähnelt das stark dem Zyklus der
Amtszeit unserer Präsidenten. Das erste Jahr nach
der Wahl sind die Flitterwochen, eine Zeit des Optimismus und Idealismus, gefolgt vom zweiten Jahr der
Vorwürfe wegen Gier, Betrug und Skandal. Im dritten
Jahr stellt sich oft ein Gefühl verlorener Chancen und
wachsender Furcht ein. Im letzten Jahr fordert das
mysteriöse Wesen in Gestalt der Medien und der
Oppositionspartei eine Wiederherstellung der fundamentalen amerikanischen Werte. Ein Präsident in
seiner ersten Amtszeit wird entweder wiedergewählt
oder muß sein Amt abtreten.
Wenn der Präsident wiedergewählt wird, liegt das oft
daran, daß er im vierten Jahr seine Wähler überzeugen konnte, er habe die Schwächen in seiner
Administration beseitigt - beispielsweise sagt er eine
Kabinettsumbildung zu - und sei jetzt bereit, die am
Anfang des Zyklus begonnene Suche zu beenden.
In diesem Fall wird der Präsident symbolisch wiedergeboren. Seine Anziehungskraft liegt dann oft
darin, daß er von der Bürde der Politik und der
Notwendigkeit eines Wahlkampfes für eine zweite
Amtszeit befreit ist und sich öffentlichen Angelegenheiten widmen kann.
Ich bin jedoch nicht der Ansicht, daß die Presse stark
an indianischen Mythen über die Schöpfung interessiert ist. Meines Erachtens stellt der Vierjahreszyklus für die Presse eine einfache Möglichkeit dar,
Ereignisse zu interpretieren.

Seite 3

�Unsere Wahlen sind vor allem eine Art spiritueller
Odyssee. Ich möchte jetzt den Versuch unternehmen, diese Reise in eine etwas andere Richtung zu
lenken.
Die Geschichte und Literatur der Vereinigten Staaten
enthalten viele Reiseberichte von Grenzbewohnern
und Indianern, dem Bau von Eisenbahnschienen und
Seereisen, Viehtrieb und der Suche nach dem El
Dorado. Die Menschen bewegen sich auf dem
Kontinent, um Arbeit zu finden, neues Land zu
besiedeln, nach Gold zu suchen oder ihre Waren zu
verkaufen. Als das Auto nach Amerika kam, war die
größte Wandarbewegung der Geschichte in vo lern
Gange.
Wenn wir von Amerika als einem jungen Land
sprechen, meinen wir damit auch, daß es wählend
des Großteils seiner Geschichte eine junge und
d.iher ungewöhnlich mobile Bevölkerung hatte.
Da die Menschen ständig in Bewegung sind, sind sie
von Fremden umgeben. Und die Geschichte von
dem Fremden, der in eine Stadt kommt, ist eine der
grundlegenden Handlungen in der amerikanischen
Literatur. Eine weitere ist die Unmöglichkeit, in ein
Heim zurückzukehren, das nicht mehr existiert.
Mit Ausnahme vielleicht der Beduinen oder der
Mongolen war wohl kein Volk in der Geschichte so
viel in Bewegung wie die Amerikaner.
Fragen Sie einen Amerikaner, was er über seine
Pilgerreise durch diese Welt denkt, und er wird
Ihnen wahrscheinlich sagen: "Ich komme einfach
nirgendwo an." Wir sind nicht sicher, wohin wir
gehen, aber wir wissen: Wo wir jetzt sind, wollen wir
nicht sein.

dem niemand ist. Ich kann einfach nicht mit Menschen umgehen."
Was Tucker und Gleichgesinnte wirklich suchen, ist
die letzte amerikanische Grenze, die immer tiefer in
die Wildnis verlegt wird.
Wenn die Straße buchstäblich aufhört, wohin werden
wir dann gehen? Politische Bewegungen in vier
Zyklen müssen als Teil dieser Reiseerzählung
erscheinen - einer Suche nach den Grenzen der
Grenze.
John Kennedy machte dies explizit, als er seine
Präsidentschaft "the new frontier" nannte. Um von
ihrer Partei nominiert zu werden, versprechen die
Kandidaten häufig, alle Staaten der Union zu besuchen, bevor sie ihre Botschaft in Washington verkünden.
Das System der Vorwahlen dient diesem Zweck
ziemlich gut. Der Wahlkampf beginnt in New Hampshire und setzt sich dann in anderen Bundesstaaten
fort, während der Kandidat an Dynamik zu gewinnen
versucht. Zum Zeitpunkt des nationalen Parteikongresses ist die offizielle Nominierung des Kandidaten
für gewöhnlich eine beschlossene Sache, und der
Parteikongreß gleicht mehr einem Spektakel, bevor
der eigentliche Wahlkampf ernsthaft beginnt.
Früher reisten die Kandidaten mit dem Zug von Ort
zu Ort und hielten Wahlreden. Die Eisenbahn gefällt
den Amerikanern und paßt in eine Volkswirtschaft, in
der Transport von enormer Bedeutung ist. Bierce
erklärt, der Zug ist "das wichtigste mechanische
Mittel, mit dem wir von dem Ort, an dem wir sind, zu
dem Ort gelangen können, an dem es uns auch nicht
besser geht. Aus diesem Grund bevorzugen Optimisten den Zug, denn er gestattet ihnen, den Übergang
in großer Geschwindigkeit zu vollziehen."

James Agee formulierte es folgendermaßen: "Wir
sind nur rastlos um der Rastlosigkeit willen. Was wir
auch denken mögen, wir bewegen uns aus keinem
anderen Grund als schlicht und einfach, um unj; zu
bewegen. Und es gibt keinen besseren Grund."
Francis Lieber erklärte, als er aus Deutschland nach

Heute sind Buskolonnen bei den Kandidaten beliebter
als Züge. Hinter dem Bus des Kandidaten fährt ein
weiterer Bus mit Journalisten, die über die Erfolge
des Kandidaten berichten. Je mehr sich der Kandidat

Amerika kam, habe er sich gefühlt, als sei er an die

auf Nebenstraßen bewegt, desto mehr wird der Bus

Flügel einer Windmühle gebunden.

gefilmt, wie er durch die Prärien mit wogenden
Getreidefeldern fährt, und der Kandidat scheint mehr
Unterstützung von dem so entscheidenden Herzland
des Kontinents zu erhalten. Der Kandidat kommt
dann mit einer wachsenden Entourage von Anhängern in die größeren Städte.

Ein Artikel jüngeren Datums im The Wall Street
Journal handelt von einer Stadt namens Eagle in
Alaska, in der Nähe des arktischen Kreises. Eagle
und andere entfernte Orte im nördlichen Alaska sind
anscheinend zur letzten Station für eine Gruppe
ziellos herumwandernder Menschen geworden, die
bis ans Ende der Welt gingen. Auf die Frage,
warum er gerade nach Eagle gegangen sei, antwortete Dennis Tucker: "Ich wollte an einen Ort, an

Seite 4

Dieser merkwürdige Umzug steht in Zusammenhang
mit unserer Mythologie der Grenze - dem Gegensatz
zwischen groß und klein, der Stadt und der Prärie,
den Bergen und Tälern. Gertrude Stein sagte einmal,
in den Vereinigten Staaten "gibt es mehr Gebiete, in

AMERIKA DIENST 21

�denen niemand wohnt, als Gebiete, die besiedelt
sind. Das macht Amerika zu dem, was es ist."
Dennoch leben viele Menschen auf dem großen
Kontinent, aber es herrscht der romantische Glaube,
daß jeder einzelne zählt. Wenn der Kandidat aus
einem kleinen Ort kommt, wie Clintons Hope in
Arkansas, General Eisenhowers Abiline in Kansas,
oder Jimmy Carters Plains in Georgia - um so
besser.
Bierce definiert den ländlichen Raum als "die von
Wachtel, Forelle, Wild und dem bewaffneten Farmer
besiedelte Region. Es ist eine Region der Romantik,
in der das goldene Zeitalter noch spürbar ist."
Wie in jeder Geschichte dieser Art muß der Kandidat
beweisen, daß er alle Widrigkeiten überwinden kann.
Sich dem Sperrfeuer ungeduldiger Fragen der
Medien zu stellen, ist Teil des gefährlichen Terrains,
das der Kandidat durchqueren muß.
Wilde Geschichten über den Charakter und das
Privatleben des Kandidaten zirkulieren, während er
seine Reise fortsetzt. Bierce definiert eine Geschichte als "eine für gewöhnlich unwahre Erzählung". Es
ist unwichtig, ob die über die Präsidenten erzählten
Geschichten wahr sind oder nicht. Ebenso unwichtig
ist, ob die Geschichten über George Washington
oder Helden der "frontier" wie Daniel Bone oder
Davy Crockett wahr sind oder nicht. Wie in den

George Bush erklärte uns, wir seien Punkte des
Lichts, und als er uns sah, habe ihn das berührt.
Ross Perot erzählte uns, wir seien klüger als die
Menschen in Washington, und die Lösung der
Probleme sei leicht. Gesundheitsreform? Verbrechen? Arbeitslosigkeit? Ihr könnt die Probleme
beheben. Es ist ganz einfach, Leute! Wir wußten egal, was der Kandidat auch denkt - er liebte uns und
glaubte an uns.
Heute können wir Clinton meines Erachtens zugestehen, seiner Zeit etwas voraus zu sein, weil er
Vizepräsident AI Gore genau zugehört hat. Gores
großes Anliegen ist die Datenautobahn. Und diese
Metapher ist gut für die amerikanische Psyche.
Wir können sagen, daß Clinton der erste Cyberspace-Präsident ist, weil wir ihn direkt per E-mail
erreichen können. Der Präsident ist nur eine Computertaste entfernt auf der Datenautobahn. Selbst
wenn unsere Straßen, Brücken, Schulen, Eisenbahnschienen und Flugplätze in fürchterlichem Zustand
sind, haben wir jetzt diese elektronische Datenautobahn, auf der wir direkt ins Weiße Haus reisen
können.
Cyberspace ist der perfekte Ort für einen Amerikaner.
Wir sind das einzige Land, das keine Vergangenheit
hat. In vieler Hinsicht gleicht die Verlagerung der
Grenze nach Westen einer Flugzeugentführung der
Geschichte. Meiner Ansicht nach erklärt Bierce

meisten amerikanischen Reiseerzählungen wird die

deutlich

Reise auch zu einem Prozeß der Selbstentdeckung,
und der Kandidat muß an Klugheit und Gewicht
gewinnen, während er auf der Straße ist.

Amerikaner gegenüber der Vergangenheit, wenn er
die Geschichte als "eine meistens falsche Aufzählung
meistens unwichtiger Ereignisse" definiert. Statt von
der Geschichte fühlen wir uns vom Tempo angezogen, einem Tempo, das zu unserer nationalen
Amnesie beiträgt.

Amerikaner lieben Kandidaten, die Reue und ein
gewisses Maß an Bescheidenheit bezeugen. Der
Grund für das große Interesse an der Moral des
Kandidaten leitet sich aus der Tatsache ab, daß
keiner zu weit über dem Volk stehen darf. Der als
moralisch unsauber erkannte Kandidat hat immer
noch eine Chance, wenn er seine Sünden bekennt
und erklärt, er habe gelernt und an Erfahrung
gewonnen. Die Reise selbst wird zu einem reinigenden Ritual.
Amerika ist das Land der zweiten Chance, und wir
erwarten eher, daß unsere Kandidaten ein unreine
Weste haben und bußfertig sind. Je größer die
zurückgelegte Strecke, je mehr der Kandidat behaupten kann, in Berührung mit dem Volk zu stehen,
desto mehr kann er - wie Clinton - behaupten, das
kollektive Leid und die Wünsche des Volkes zu
teilen. Clinton hat uns wieder und wieder gesagt:
"Ich fühle Euren Schmerz."

AMERIKA DIENST 21

die

häufig

verächtliche

Einstellung

der

Ein weiterer Aspekt dieser Reise ist, daß der Kandidat - vor allem in jüngster Zeit - der Fremde sein
muß, der Mann, der in die Stadt kommt, der völlige
Außenseiter.
Die meisten Amerikaner geben bei Meinungsumfragen an, sie hätten wenig oder kein Vertrauen in die
Fähigkeit der Bundesregierung, Probleme zu lösen.
Clinton und Perot versuchten, als Unbekannte
außerhalb des Systems - vor allem gegen Präsident
Bush - zu kandidieren, der praktisch während seiner
gesamten Laufbahn ein Insider der Regierung gewesen war. Perot war noch unbekannter als Clinton,
aber für den amerikanischen Wähler war er vielleicht
ein bißchen zu sehr der Außenseiter.
Clintons
Problem ist, daß er nicht länger ein Unbekannter ist
und wie ein Insider operieren muß, wenn er sein
Gesetzesprogramm durch den Kongreß bringen will.

Seite 5

�So ziemlich alle Amerikaner sagen, sie wünschen
eine Regierung, die Wandel fördert, und Wandel
kommt von einer neuen Führung. Natürlich kann
Wandel auch eine wunderbare Abstraktion für
Umgehung sein. Eine mobile Bevölkerung ist eine
Bevölkerung, die eine Vermeidung von Veränderungen wünschen könnte.
Die Menschen ziehen
vielleicht um, weil sie wollen, daß die Dinge so
bleiben, wie sie waren. Aber das geschieht nicht
häufig in Amerika, und deshalb packen einige
zusammen und ziehen um, damit sie die Zukunft
ebenso umgehen wie die Vergangenheit.
Dritte befürworten im allgemeinen außergewöhnliche
Veränderungen. Und das könnte der Grund sein,
warum sie nicht gewählt werden. Ross Perot erhielt
1992 fast 20 Millionen - oder 19 Prozent - der abgegebenen Stimmen. Dies ist der höchste Prozentsatz
an Stimmen für eine kleinere Partei seit 80 Jahren.
Es ist sicherlich vorstellbar, daß der Kandidat einer
dritten Partei zum Präsidenten gewählt wird, obwohl
es ziemlich unwahrscheinlich ist. Dafür gibt es viele
komplexe Gründe.
Die Kandidaten dritter Parteien treten häufig plötzlich
auf - sie haben nicht "die Reise" der anderen Kandidaten gemacht. Die Presse widmet den Kandidaten
dritter Parteien normalerweise wenig Aufmerksamkeit, und die Kandidaten dritter Parteien bringen
selten genug Geld auf, um die für die Vermittlung
ihrer Botschaft an die Öffentlichkeit entscheidende
Fernsehwerbung finanzieren zu können. Perot mit
seinem Milliarden-Privatvermögen war eine Ausnahme.
Auch das System der Präsidentschaftswahl arbeitet
gegen Kandidaten dritter Parteien, trotz der Stimmen
der Wähler. Ein anderer Grund für ihr Scheitern bei
den Wahlen ist, daß die großen Parteien dafür
bekannt sind, sich die politischen Ansichten dieser
Kandidaten zu eigen zu machen, während sie um
die Mitte kämpfen.
Der Hauptgrund für die Dominanz des Parteiensystems besteht einfach darin, daß die Amerikaner
sich grundsätzlich für die gemäßigte Mitte entscheiden und im wesentlichen Ideologie gegenüber
indifferent sind. Als George Wallace über die beiden
dominierenden politischen Parteien sagte, zwischen
ihnen gebe es überhaupt keinen Unterschied, hatte
er recht.
Wir haben also Reagan, den großen Konservativen,
der schneller als Lyndon Johnson Defizite anhäuft den Kriegsherrn der "great society". Wir haben
Kennedy - den Habicht - der Steuern senkt und eine
angebotsorientierte Wirtschaftspolitik versucht.

Seite 6

Diese gemäßigte Mitte wird in der Zukunft erprobt
werden, aber ich glaube, der Durchschnittsamerikaner wird sich auf lange Sicht eher unbehaglich mit
dem fühlen, was als Extremismus erscheint, insbesondere, wenn sich dieser Extremismus auf eine
politische Ideologie oder eine Philosophie gründet,
die sich von Pragmatismus unterscheidet. Und trotz
ihrer mangelnden Popularität hat die Presse große
Macht, politische Strömungen zu stabilisieren vielleicht in ihrem Eigeninteresse. Dies ist teils auf
die Unbeständigkeit der amerikanischen Kultur
zurückzuführen, die nie lang genug stillhält, um eine
rigide Ideologie zu absorbieren, und dies wiederum
ist zum Teil die Folge der Mobilität.
Pragmatismus in seiner populären Form ist eine
Philosophie, die zu der Metapher der amerikanischen
Reise paßt, weil die amerikanische Reise chaotisch,
unorganisiert, schlecht geplant, spontan, aber vielleicht gut auf die besonderen Bedürfnisse einer
demokratischen Gesellschaft zugeschnitten ist.
Pragmatismus findet nichts Vollständiges im Universum vor. Alles muß noch perfektioniert werden.
Stellen Sie diese proteische Philosophie neben die in
einigen europäischen Philosophien der Geschichte
enthaltenen Ideen. Spengler, Marx, Gibbon und
Toynbee fanden alle großartige Muster in der Geschichte. Wie konnten sie sich mit so etwas Chaotischem wie der amerikanischen Reise anfreunden?
Die amerikanische Reise ist eine Reise unerwarteter
Entdeckungen, Überraschungen und - in einem
moderneren Sinn - der Schlaglöcher, platten Reifen,
des sich Verlaufens im Wald. Eine Reise impliziert
für die Amerikaner Unsicherheit. Für einige moderne
Europäer war die historische Reise das Gegenteil:
Sie ist eine Straße mit einem bekannten Ziel, selbst
wenn das Ziel Amerika heißt. Amerikaner reisen, um
zu entdecken. Sie gestalten die Reise, während sie
reisen. Das ist die grundlegende Bedeutung von
Pragmatismus.
Pragmatismus führt zu einer weiteren amerikanischen
Besonderheit - der Meßbarkeit des Werts, was im
Grunde eine eher calvinistische Idee ist. Der Wert
kann jedoch mit quantitativen

Mitteln

gemessen

werden, sei es Geld, der Anzahl von Stimmen oder
der Einstellung zu einer Reihe von Themen, die
öffentliche Meinungsforscher interessieren.
Wir Amerikaner lieben Listen, und wir bewerten alles,
egal, wie frivol es auch sein mag. Ein jüngste
Ausgabe der Zeitung USA Today enthielt eine Liste
dessen, was Hotelgäste am häufigsten aus den
kleinen Minibars entnehmen, die in vielen amerikanischen Hotels zu finden sind. Falls es Sie interessiert:
Sie kauften 6,7 Millionen Dosen Coca Cola - an
erster Stelle steht also Cola. Mineralwasser steht an

AMERIKA DIENST 21

�zweiter Stelle mit 5,4 Millionen verkauften Flaschen,
gefolgt von Orangensaft, Bier und M&amp;M-Süßigkeiten.
Die Tatsache, daß die Listen sich ständig ändern, ist
ein Anzeichen dafür, daß die Demokratie funktioniert,
nichts statisch ist, die Wahlfreiheit lebt und ausgeübt
wird und das, was man als Wert erachtet, Erfolg
haben wird.
Im Falle der Politiker lautet die Frage stets: "Wer
liegt in Führung?" und nicht, "Welche Politik vertritt
er?" Die Kandidaten mögen die Meinungsumfragen,
weil sie Meinungen bewerten und ihre politischen
Reisen planen.
Wird eine Frau für die Präsidentschaft nominiert,
wird die Presse sie meiner Ansicht nach nicht viel
anders behandeln als einen männlichen Kandidaten.
Die zugrundeliegenden kulturellen Werte werden
wahrscheinlich unabhängig vom Geschlecht des
Kandidaten den Wahlkampf leiten. Auch sie muß
die Reise machen.
Und falls Sie denken, die amerikanische Wanderlust
sei nur amerikanischen Männern vorbehalten,
möchte ich Ihnen eine Amerikanerin namens Carolyn
Fox vorstellen. Kurz bevor ich aus den Staaten
abreiste, trat Carolyn Fox zur Feier ihres 50. Geburtstags eine 7.500 km lange Reise quer durch die
Vereinigten Staaten auf einer Harley Davidson an.
Den Zeitungsberichten zufolge erklärte Carolyn Fox:
"Eines morgens war ich am Zähneputzen und
dachte, hey, es wäre interessant, an meinem Geburtstag das Land zu durchqueren." Ich weiß nicht,
ob sie die Absicht hat, sich als Präsidentschaftskandidatin aufstellen zu lassen, aber sie könnte es
ernsthaft in Erwägung ziehen.
Wer immer jedoch unser nächster Präsident wird - er
kann nicht länger den hochfliegenden und letztlich
albernen Titel des Führers der freien Welt für sich in
Anspruch nehmen. Die amerikanische Präsidentschaft muß sich sowohl im In- als auch im Ausland
neu definieren. Wir müssen lernen, unsere nationalen Mythologien in Einklang mit den sich abzeichnenden globalen Realitäten zu bringen. Es muß
eine neue Art von Reise geben. Und eine neue Art
von Reise bedeutet eine neue Vision. Amerika
existierte als Vision, lange bevor es als besiedeltes
Land existierte.
Unsere Kandidaten benötigen eine Vision für die
Zukunft. Washington hatte Glück, denn der Legende

*

AMERIKA DIENST 21

zufolge hatte er seine Vision im Schnee von Valley
Forge. Alle unsere berühmten Präsidenten waren
großartig, weil sie Visionäre waren. Washington und
Lincoln fallen uns ein, aber auch Jefferson, Wilson
und die beiden Roosevelts. Sie versuchten, für die
Nachwelt zu handeln. Und die Nachwelt liegt in der
Zukunft. Die Präsidenten sollten sich daran erinnern,
da ß die Präambel der amerikanischen Verfassung auf
das Handeln für die Nachwelt verweist.
Einige unserer Präsidenten hatten jedoch keine
Vision. Wenige Präsidenten zwischen Lincoln und
Wilson sind als Visionäre im Gedächtnis haften
geblieben. George Bush hatte absolut kein Interesse,
sich die Zukunft vorzustellen - einen Prozeß, den er
als "die Sache mit der Vision" abtat.
An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend
können die Kandidaten nicht umhin, Visionäre zu
sein. Vor tausend Jahren vernahm man überall in
Europa düstere Prophezeiungen über das Ende der
Welt.
Amerikanische Präsidentschaftskandidaten
können nicht viel mit düsteren Prophezeiungen
anfangen. Zuviel Pessimismus bezüglich der Gegenwart ist gefährlich, weil dies impliziert, daß es keine
Zukunft geben könnte, auf die hinzuleben es sich
lohnt.
Wie immer ihre Vision der Zukunft auch aussehen
mag - die Kandidaten müssen uns daran erinnern,
daß wir uns alle gemeinsam auf einer Reise befinden. Es gibt keine Zeit, zurückzublicken. Da die
Amerikaner nicht viel mit der Geschichte - im Gegensatz zur Mythologie - anfangen konnten, haben wir
die Tendenz, eher über die Zukunft als die Vergangenheit zu sprechen. Joan Didion formuliert es
folgendermaßen: "Die Zukunft sieht im goldenen
Land immer gut aus, weil sich niemand an die
Vergangenheit erinnert." Es gibt nur einen Weg für
uns Amerikaner und unsere Führungskräfte, unseren
nationalen Standpunkt zu finden, und das ist eine
Reise zurück in die Zukunft. Eine Reise auf der
Suche nach dem gelobten Land. Ich glaube, das war
George Washingtons Vision in Valley Forge.
Wir Amerikaner müssen reisen, um die Seele unseres Landes oder auch nur uns selbst zu entdecken.
Ob wir dort ankommen, wohin wir gehen, oder ob wir
das finden, nach dem wir suchen, ist unwichtig. Wir
sind nicht für einen Schlußakt in unserem Land
geboren. Wir sind für Reisen geboren.

* * *

*

Seite 7

�THEMENINDEX
21. Juni 1995

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1995
Abrüstung
Amerika-Gipfel
Auslandslinie
Außenpolitik
Bildung
Bosnien
Civitas
Datenautobahn
Film
Frauen
Fulbright
Holocaust-Museum
Klimakonferenz
Kriegsende
Kriegsverbrechen
Lage der Nation
Landminen
Literatur
Marshall-Zentrum
Martin Luther King
Menschenrechte
NATO
Nichtverbreitung
NW
Porträt
Republikaner
Roosevelt
Rüstungskontrolle
Sicherheitsarchitektur
Sozialgipfel
Tag der Erde
Umwelt
USA-Deutschland
USA-Europa
USA-GUS
USA-Irak
USA-Iran
USA-UNO
USIA
Wirtschaft
4. Juli

15
2
4
3, 4, 16, 18
1
20
21
7, 8, 20
7

11
6
4
10, Sonderdienst 28. März, 12, 13

17
7
4
5
19
1, 20
2
5,9
6, 13, 20
15, 18
9, 10, 12, 14

1, 2, 6, 10
2
13
5
8, 19
3, 5, 11
10, 11, 12, 13, 14
14, 15
3 , 5 , 6 , 1 0 , 19,21
5, 9, Sonderdienst 9. März, 11, 16, 19
8

18
17
8
18
2, 3, 7, 15, 16, 17, 19
21

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12448">
                <text>21.06.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12449">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12450">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12451">
                <text>Amerikadienst 21.06.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12452">
                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die USA und Deutschland: Neue Rahmenbedingungen der Sicherheitspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Charles E. Redman&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Civitas&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Herausforderung der Staatsbürgerkunde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Penn Kemble&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. 4.Juli&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die amerikanische Reise und der Geist von General Washington&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul G. Ashdown&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Themenindex&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;1. Halbjahr 1995&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2409" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2420">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/8a6732c4240f688782c139a1c98dccad.pdf</src>
        <authentication>10b8f5c1b0f329b718f590366a010b9c</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12459">
                    <text>cimcrikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

5. Juli 1995

22

»

VEREINTE NATIONEN

VEREINTE NATIONEN MUSSEN IM SINNE DER
GRÜNDERVÄTER REFORMIERT WERDEN
Rede von Präsident Clinton

NATO/OSZE

NATO VERSUS OSZE - WELCHE ORGANISATION KANN EINEN GRÖSSEREN BEITRAG
FÜR DIE SICHERHEIT EUROPAS LEISTEN?
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

USA-DEUTSCHLAND

GEMEINSAME ERFAHRUNGEN UND
NEUE WEGE DER ZUSAMMENARBEIT
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

4. JULI

CLINTON FORDERT DIE AMERIKANER AUF,
AN DEN GRÜNDUNGSPRINZIPIEN
FESTZUHALTEN
Erklärung des Präsidenten zum
Unabhängigkeitstag

DIE VEREINIGTEN STAATEN FEIERN IHRE
UNABHÄNGIGKEIT
Die Feierlichkeiten und ihr Ursprung

LITERATUR

DICHTUNG UND AUSSENPOLITIK
von Robert Earle

DATENAUTOBAHN

DIE DIGITALISIERTE
NACHRICHTENZENTRALE
von Philip Moeller

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�VEREINTE

NATIONEN
5. Juli 1995

Vereinte Nationen müssen im Sinne
der Gründerväter reformiert werden
Rede von Präsident Clinton
SAN FRANCISCO - (AD) - Die Vereinten Nationen funktionieren nicht so gut, wie sie sollten und müssen
reformiert werden, um "die Versprechen ihrer Gründer zu erfüllen", erklärte US-Präsident Clinton am 26. Juni
1995 in San Francisco bei den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestages der Gründung der Vereinten
Nationen.
Ebenso wie Privatunternehmen und nationale Regierungen effizienter geworden sind, müßten die Vereinten
Nationen ihre aufgeblähte Bürokratie, Duplizität und eine Vergeudung von Ressourcen abschaffen, so der
Präsident.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Clintons im Wortlaut.
Vor 50 Jahren kamen 800 Delegierte aus 50 Nationen hier zusammen, um die Welt aus der Asche des
Krieges zu heben und die Träume friedliebender
Menschen Realität werden zu lassen. Unter diesen
Delegierten waren große Diplomaten und unerfahrene Politiker kleiner Nationen gleichermaßen. Sie
waren durch Tradition, Rasse und Sprache getrennt
und nur durch die Vision von einer besseren, sichereren Zukunft geeint. An diesem Tag vor 50 Jahren
wurde die Verwirklichung des Traums von Präsident
Roosevelt, der dies schon nicht mehr erleben sollte,
von einer demokratischen Organisation der Welt in
die Wege geleitet.
Die von den Delegierten unterzeichnete Charta
spiegelte die gelernten harten Lektionen wider, die
Erfahrung der dreißiger Jahre, in denen die Welt
untätig blieb und zu langsam auf faschistische
Aggression reagierte, weshalb Millionen von Menschen auf den Schlachtfeldern geopfert und weitere
Millionen in den Gaskammern umgebracht wurden.
Wer das und den Zweiten Weltkrieg durchlebt hatte,
wußte, daß es nicht ausreichte, den Sieg zu feiern,
daß die bloße Bestrafung des Feindes selbstzerstörerisch ist, daß die Welt vielmehr ein wirksames
und dauerhaftes System benötigte, um Frieden und
Freiheit für alle Menschen zu fördern. Von den
Teilnehmern an jener historischen Konferenz sind
einige immer noch hier tätig, darunter unser Senator
Claiborne Pell, der bis zum heutigen Tag immer eine
Kopie der Charta der Vereinten Nationen in der
Tasche hat.

AMERIKA DIENST 22

Ich bitte alle Delegierten, die an der ersten Konferenz
teilnahmen und heute hier sind, sich zu erheben.
San Francisco gab der Welt erneut Vertrauen und
Hoffnung für die Zukunft. An jenem Tag erklärte
Präsident Truman: "Dies ist der Beweis, daß Nationen ebenso wie Menschen ihre Unterschiede aussprechen, sich ihnen stellen und Gemeinsamkeiten
finden können." Fünf Jahrzehnte später sehen wir,
wie stark sich die Welt verändert hat. Der Kalte Krieg
bahnte Freiheit und Zusammenarbeit den Weg.
Gerade heute bereiten eine russische und eine
amerikanische Raumfähre ein Andockmanöver etwa
380 Kilometer über der Erde vor. Von Jericho bis
Belfast suchen ehemalige Feinde gemeinsam den
Frieden. Auf jedem Kontinent kämpfen die Nationen
darum, Demokratie, Freiheit und Wohlstand zu
erreichen. Neue Technologien bewegen Menschen
und Ideen auf der ganzen Welt und schaffen ein
riesiges neues Reservoir an Chancen.
Wir wissen, daß diese neuen Integrationskräfte auch
die Saat des Zerfalls und der Zerstörung beinhalten.
Neue Technologien und größere Offenheit machen
unsere Grenzen anfälliger für Terroristen, gefährliche
Waffen und Drogenhändler. Die neuen unabhängigen Nationen sind ein leichtes Ziel für internationale
Verbrecher und Nuklearschmuggler. Flexible Kapitalmärkte können einer Nation den Aufbau ihrer Volkswirtschaft vereinfachen, erleichtern es aber auch, die
Probleme einer Nation überzubetonen und dann auf
andere Nationen auszuweiten.

Seite 1

�Heute haben wir keinen Hitler, keinen Stalin, aber
wir haben Feinde - die ihre Verachtung für menschliches Leben, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit teilen; Feinde, die todbringende Technologie
zum Töten einsetzen, die aus uralten Konflikten und
neuen Trennungen persönliche Vorteile ziehen
wollen.
Die Feinde unserer Generation sind die Terroristen
und ihre Sponsoren - geächtete Nationen - die
Kinder umbringen oder zu Waisen machen; Menschen, die Unschuldige opfern, um den Frieden zu
verhindern; Menschen, die am Friedensprozeß
Beteiligte attackieren, so wie unseren Freund, Präsident Mubarak, auf den vor nur wenigen Stunden ein
Anschlag verübt wurde; Menschen, die Menschen
anderen Glaubens oder anderer Herkunft im Namen
des Nationalismus abschlachten und die Überlebenden aus ihrer Heimat vertreiben.
Ihre Reichweite erhöht sich noch durch die Technologie. Ihre Kommunikation wird durch die globalen
Medien unterstützt. Ihre Aktionen enthüllen einen
uralten Mangel an Gewissen, Skrupel und Moral, der
während der gesamten Geschichte charakteristisch
für die Kräfte der Zerstörung war.
Heute befindet sich die Bedrohung unserer Sicherheit nicht in einem feindlichen Silo, sondern in der
Aktentasche oder der Autobombe eines Terroristen.
Unsere Feinde sind auch die internationalen Verbrecher und Drogenhändler, die die Stabilität neuer
Demokratien und die Zukunft unserer Kinder bedrohen. Unsere Feinde sind die Kräfte der natürlichen Zerstörung - sich ausbreitende Wüsten, die das
Gleichgewicht der Erde bedrohen, Hungersnöte, die
den menschlichen Geist auf die Probe stellen,
tödliche neue Krankheiten, die ganze Gesellschaften
gefährden.
Liebe Freunde, in dieser zunehmend interdependenten Welt haben wir mehr gemeinsame Chancen und
mehr gemeinsame Feinde als je zuvor. Daher liegt
es in unserem Interesse, uns ihnen gemeinsam als
Partner zu stellen, die Lasten und Kosten gemeinsam zu tragen und damit unsere Erfolgschancen zu
erhöhen.
Nur wenige Monate vor seinem Tod erklärte Präsident Roosevelt: "Wir haben gelernt, daß wir nicht
allein in Frieden leben können, daß unser Wohlergehen vom Wohlergehen weit von uns entfernter
Nationen abhängt." Heute sind diese Worte zutreffender als je zuvor. Dennoch haben einige in unserem eigenen Land, in dem die Vereinten Nationen
gegründet wurden, die klugen Äußerungen Roosevelts als unwesentlich abgetan. Einige von ihnen
räumen ein, daß die Vereinigten Staaten im Ausland

Seite 2

eine starke Rolle übernehmen müssen, weigern sich
jedoch, die nichtmilitärischen Ressourcen bereitzustellen, die unsere Nation zur Wahrnehmung ihrer
Verantwortung benötigt. Andere vertreten die Ansicht, daß Amerika außerhalb seiner Grenzen nur im
Alleingang handeln sollte.
Natürlich müssen die Vereinigten Staaten bereit sein,
notfalls im Alleingang zu handeln. Wir wagen jedoch
nicht, die Vorteile von Koalitionen für diese Nation zu
ignorieren. Wir wagen nicht, jahrzehntealte überparteiliche Einsicht zurückzuweisen. Wir wagen nicht,
jahrzehntealte überparteiliche Unterstützung für
internationale Zusammenarbeit zurückzuweisen. Die
Neoisolationisten, die das tun, ignorieren 50 Jahre
stichhaltiger Beweise.
In jenen Jahren haben wir beobachtet, wie die
Vereinten Nationen beachtliche Fortschritte bei der
Förderung der Interessen unserer Nation und der
Interessen aller Menschen machten. Von Präsident
Truman in Korea bis Präsident Bush am Persischen
Golf stellte Amerika UN-Militärkoalitionen zur Eindämmung von Aggressoren auf. Oftmals setzen die
Streitkräfte der Vereinten Nationen die Arbeit der
amerikanischen Truppen fort.
Wie der Außenminister feststellte, sahen wir das erst
gestern bei den Parlaments- und Kommunalwahlen in
Haiti, die mit Hilfe von Mitarbeitern der Vereinten
Nationen stattfanden. Wir waren Zeuge einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit der Vereinten
Nationen mit den Vereinigten Staaten und dem
haitianischen Volk bei der Schaffung einer Demokratie. Und ihnen wurde jetzt eine zweite Chance zur
Erneuerung dieses Versprechens gegeben.
Auf jedem Kontinent spielten die Vereinten Nationen
eine lebenswichtige Rolle dabei, den Menschen mehr
Freiheit und Sicherheit zu geben. Seit Jahrzehnten
kämpfte die UNO darum, Südafrika wegen seines
Apartheidregimes zu isolieren. Im vergangenen Jahr
gaben unter den wachsamen Augen von UNOBeobachtern Millionen von Südafrikanern, die ihr
Leben lang kein Wahlrecht hatten, erstmals ihre
Stimme für die Freiheit ab.
In Namibia, Mosambik und hoffentlich auch bald in
Angola helfen die Vereinten Nationen den Menschen,
jahrzehntealte Streitigkeiten zu begraben und ihre
Energien für den Aufbau neuer demokratischer
Nationen einzusetzen. In Kambodscha, wo ein
brutales Regime mehr als eine Million Tote auf den
Minenfeldern hinterließ, halfen die Vereinten Nationen
Hunderttausenden von Flüchtlingen bei der Rückkehr
in ihre Heimat und bewachten die demokratischen
Wahlen, die 90 Prozent der Menschen an die Wahlurnen führten. In El Salvador handelten die Vereinten

AMERIKA DIENST 22

�Nationen ein Ende des 12 Jahre währenden blutigen
Bürgerkriegs aus und blieben anschließend im Land,
um bei der Reform des Heeres und des Justizwesens zu helfen und der Demokratie Tür und Tor zu
öffnen.

Nationen, das Auftreten zahlreicher Probleme - die
am besten durch kollektive Aktionen bewältigt werden
können - es den Vereinten Nationen an ihrem 50jährigen Bestehen endlich, die Versprechen ihrer Gründer zu erfüllen.

Vom Persischen Golf bis zur Karibik erwiesen sich
von der UNO verhängte wirtschaftliche und politische
Sanktionen als wirksames, nichtmilitärisches Mittel,
Regime zu isolieren und Aggressoren und Terroristen zumindest für ihre Aktionen bezahlen zu lassen:
Im Irak, um diese Nation an der Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen oder der erneuten
Bedrohung seiner Nachbarn zu hindern. Auf dem
Balkan zur Isolation von Aggressoren. In Nordafrika,
um auf Libyen Druck auszuüben, die des Bombenanschlags auf Pan Am Flug 103 Angeklagten
auszuliefern.

Wenn wir dies jedoch von den Vereinten Nationen
erwarten, müssen wir der Tatsache ins Auge blicken,
daß sie trotz all ihrer Erfolge und Möglichkeiten nicht
so gut funktionieren wie sie sollten. Die Vereinten
Nationen müssen reformiert werden. In diesem
Zeitalter unbarmherzigen Wandels bauen erfolgreiche
Regierungen und Unternehmen kontinuierlich ihre
Bürokratien ab, setzen eindeutigere Prioritäten und
konzentrieren sich auf gezielte Ergebnisse.

Zu den Leistungen der Vereinten Nationen zählen
ein stolzer Kampf gegen die Kindersterblichkeit
sowie gegen menschliches Leiden und Krankheiten
aller Art. Jedes Jahr rettet die Schluckimpfung von
UNICEF drei Millionen Kindern das Leben. Allein im
vergangenen Jahr wurden durch das Welternährungsprogramm mit Hilfe der Beiträge zahlreicher
Regierungen - darunter der unseren - 57 Millionen
hungrige Menschen ernährt. Die Weltgesundheitsorganisation rottete weltweit die Pocken aus und
macht große Fortschritte bei ihrer Kampagne zur
Bekämpfung der Kinderlähmung bis zum Jahr 2000.
Sie trug zur Eindämmung tödlicher Krankheiten wie
dem Ebola-Virus bei, das einen ganzen Kontinent
hätte bedrohen können.
Für Millionen Menschen weltweit sind die Vereinten
Nationen nicht das, was wir nachts im Fernsehen
sehen. Vielmehr sind Je d i j Nahrung, die verhindert, daß ein Kind abends hungrig ins Bett geht, das
Wissen, das einem Landwirt hilft, kargem Boden
große Ernten abzutrotzen, der Schutz, der eine
Familie zusammenhält, die durch Krieg oder Naturkatastrophen vertrieben wurde.
In den letzten 50 Jahren sind diese bemerkenswerten Geschichten zu oft in den Schatten gestellt
worden, und die Handlungsfähigkeit der Vereinten
Nationen wurde allzuoft durch den Kalten Krieg
beschränkt. Als die Kolonialherrschaft zusammenbrach, führten die Differenzen zwischen Entwicklungsländern und Industriestaaten sowie regionale
Rivalitäten zu neuen Spannungen innerhalb der
Vereinten Nationen, so daß in der Generalversammlung oft zu viele Schimpfworte und zu wenige Debatten zu hören waren.
Aber jetzt ermöglichen das Ende des Kalten Krieges,
der starke Trend zu demokratischen Idealen in allen

AMERIKA DIENST 22

In den Vereinigten Staaten schaffen wir Hunderte von
Programmen, Tausende von Bestimmungen ab. Wir
reduzieren unsere Regierung auf die kleinste Größe
seit Präsident Kennedys Amtszeit, während wir
unsere Bestrebungen in den für unsere Zukunft
entscheidendsten Bereichen verbessern. Die Vereinten Nationen müssen ähnliche Schritte unternehmen.
Über die Jahre hinweg sind sie ein zu aufgeblähter
Apparat geworden, ermutigen zu häufig Duplizität und
vergeuden Ressourcen für Sitzungen statt für Ergebnisse. Ebenso wir ihr Verwaltungsrat müssen wir die Mitgliedstaaten - Vereinte Nationen schaffen, die
flexibler sind, schneller operieren, weniger verschwenden und mehr produzieren und die vor allem
Vertrauen unter unseren Regierungen und Völkern
schaffen.
In den vergangenen Jahren konnten wir einige gute
Reformen beobachten - ein neues Überprüfungsbüro
zur Dämpfung der Kosten, eine neues System zur
Beurteilung der Mitarbeiter, einen Anfang zu Modernisierung und Privatisierung. Aber wir müssen mehr
tun.
Die Vereinigten Staaten unterstützen den Vorschlag
des Präsidenten der Generalversammlung, Mr. Essyi,
der heute morgen hier so eloquent gesprochen hat,
eine Blaupause für die Erneuerung der Vereinten
Nationen vorzubereiten und sie zu verabschieden,
bevor die 50. Generalversammlung ihre Arbeit im
nächsten Herbst abschließt.
Wir müssen tiefgreifende strukturelle Veränderungen
erörtern. Die Vereinten Nationen benötigen keine
eigene Behörde mit eigenem Namen, Bürokratie und
eigenem Briefkopf für jedes Problem. Die neuen
Vereinten Nationen müssen das abschütteln, was
nicht funktioniert und sich für das stark machen, was
funktionieren wird.

Seite 3

�Wir müssen uns insbesondere auch die Grenzen der
Friedenssicherung vor Augen führen und von den
Blauhelmen nicht Missionen verlangen, die sie nicht
durchführen können. Friedenssicherung kann nur
Erfolg haben, wenn die Konfliktparteien erkennen,
daß sie von einem Krieg nicht profitieren können.
Wir haben von unseren Friedenstruppen zu häufig
Wunder erwartet, während wir ihnen gleichzeitig die
militärische und politische Unterstützung sowie die
modernen Führungssysteme verweigern, die sie
benötigen, um ihre Arbeit so sicher und effektiv wie
möglich auszuüben. Die Vereinten Nationen müssen
bereit sein, die Herausforderungen von morgen zu
bewältigen. Diejenigen unter uns, die die höchste
Achtung vor den Vereinten Nationen haben, müssen
die Aufgabe der Reform anführen.
Nicht alle Kritiker der heutigen Vereinten Nationen
sind Isolationisten.
Viele unterstützen sie und
würden bereitwillig für die essentielle Arbeit der UN
zahlen, wenn sie davon überzeugt wären, daß ihr
Geld gut angelegt ist. Aber ich verspreche Ihnen
allen, darauf zu achten, daß die Vereinigten Staaten
ihren fairen Anteil unserer gemeinsamen Lasten
übernehmen werden, während wir gemeinsam auf
die Verbesserung der Vereinten Nationen hinarbeiten.
In der Zwischenzeit müssen wir uns daran erinnern,
daß die Vereinten Nationen ein Spiegelbild der von
ihnen vertretenen Nationen sind. Aus diesem Grund
sind sie weit davon entfernt, perfekt zu sein. Sie
werden nicht in der Lage sein, alle Probleme zu
lösen. Aber selbst die Probleme, die sie nicht lösen,
können die Vereinten Nationen sehr wohl im Hinblick
auf ihren Umfang und ihre Reichweite sowie den
Verlust an Menschenleben begrenzen, bis die Zeit
für eine Lösung kommt.
Sich nur aus der Welt zurückzuziehen, ist also unmöglich; den Vereinten Nationen den Rücken zu
kehren, ist keine Lösung. Das wäre kurzsichtig und
selbstzerstörerisch. Es würde die Kräfte der globalen Desintegration stärken. Es würde die Sicherheit,
die Interessen und Werte des amerikanischen
Volkes bedrohen. Daher sage ich speziell an die
Gegner der Vereinten Nationen hier in den Vereinigten Staaten gerichtet, den Vereinten Nationen
den Rücken zu kehren und im Alleingang zu handeln, würde unserem Volk in der Zukunft sehr viel
größere wirtschaftliche, politische und militärische
Bürden auferlegen und die Lektionen unserer
eigenen Geschichte ignorieren.
An diesem 50. Jahrestag der Unterzeichnung der
Charta wollen wir statt dessen unseren Schwur
erneuern, als gute Nachbarn zusammenzuleben.
Und wir wollen eine neue UN-Tagesordnung verein-

Seite 4

baren, um das Vertrauen zu erhöhen, die Unterstützung für die Vereinten Nationen sicherzustellen,
und Frieden und Wohlstand für die nächsten 50
Jahre voranzubringen.
Vor allem müssen die Vereinten Nationen ihre
Bestrebungen zur Isolierung von Staaten und Menschen verstärken, die mit Terror handeln, und diejenigen unterstützen, die weiterhin Risiken für Frieden
angesichts von Gewalt eingehen. Der Bombenanschlag von Oklahoma City, der tödliche Giftgasanschlag von Tokio, die Kämpfe, im Nahen Osten
und in Nordirland Frieden zu schaffen - dies alles
erinnert uns, daß wir uns gegen Terror auflehnen und
diejenigen unterstützen müssen, die sich davon
abwenden. Die jüngste Entdeckung von Labors, die
biologische Waffen für Terroristen herstellen, demonstrieren die gefährliche Verbindung zwischen Terrorismus und Massenvernichtungswaffen.
Im Jahr 1937 forderte Präsident Roosevelt eine
Quarantäne gegen Aggression, um die Blutbahn der
Menschheit vor der Infektion des Faschismus zu
schützen. Heute sollten wir die Terroristen, Terrorgruppen und den Terrorismus unterstützenden
Nationen unter Quarantäne stellen.
Wo Nationen und Gruppen ehrlich versuchen, Reformen und Wandel herbeizuführen, die Ermordung
Unschuldiger zu verhindern, sollten wir sie unterstützen. Wenn sie aber reuelos weitermorden, sollten
wir uns unerschütterlich gegen sie stellen. Meine
Freunde, es gibt keinen Ausweg vor der schwierigen
Tatsache: Wenn Nationen und Gruppen nicht bereit
sind, mit dem Weitermorden aufzuhören, sollten wir
auf kurzfristige Profite für die Menschen in unseren
Ländern verzichten, um sie mit allen Mitteln zu
stoppen.
Zweitens müssen die Vereinten Nationen unsere
Bestrebungen zur Eindämmung von Massenvernichtungswaffen fortsetzen.
Einiges können die
Nationen im Alleingang vollbringen. Die Vereinigten
Staaten und Rußland zerstören heute zügig ihre
Nukleararsenale.
Aber die Vereinten Nationen
müssen ebenfalls eine Rolle spielen. Wir hatten die
Ehre, unter der Schirmherrschaft der Vereinten
Nationen eine unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags sicherstellen zu können.
Wir greifen bei der Überwachung von Nationen, die
Nuklearfähigkeiten erwerben wollen, auf UN-Behörden zurück. Wir müssen an der Chemiewaffenkonvention zusammenarbeiten. Wir müssen unsere
gemeinsamen Bestrebungen zur Bekämpfung von
biologischen Waffen verstärken. Wir müssen alles in
unserer Macht Stehende tun, um die Verbreitung von
spaltbarem Material zu bekämpfen. Wir müssen bei

AMERIKA DIENST 22

�konventionellen Waffen wie Landminen zusammenarbeiten, die der Fluch von Kindern auf der ganzen
Welt sind. Und wir müssen einen Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot abschließen.
Drittens müssen wir über die Vereinten Nationen den
Kampf gegen natürliche und künstliche Kräfte der
Desintegration unterstützen, von Verbrechersyndikaten und Drogenkartellen bis zu neuen Krankheiten und Rodung der Wälder. Diese Feinde sind
schwer greifbar. Sie überqueren die Grenzen nach
Belieben. Nationen können und müssen sich ihnen
alleine stellen. Aber wir wissen - und die Kairoer
Konferenz hat dies bestätigt - daß die effektivste
Opposition starke internationale Zusammenarbeit
und gegenseitige Unterstützung erfordert.
Viertens müssen wir unser Engagement zur Stärkung der UN-Friedenssicherungsmissionen als
wichtiges Instrument für die Abschreckung, Eindämmung und Beendigung gewalttätiger Konflikte
bekräftigen. Die Vereinten Nationen können nie der
absolute Garant des Friedens sein, aber sie können
menschliches Leiden verringern und Frieden fördern.
Fünftens müssen wir das fortsetzen, was allzu häufig
als eine der unwichtigsten Missionen der Vereinten
Nationen angesehen wird: Ihre beispiellosen Anstrengungen an der Frontlinie des Kampfes zur
Bekämpfung der Kindersterblichkeit, von Krankheiten
und menschlichem Leiden.
Und schließlich sollten wir geloben, den Vereinten
Nationen eine lautere Stimme beim Schutz der
menschlichen Würde und grundlegenden Menschenrechte zu verleihen. Nicht zuletzt bildeten sie das
Kernstück der Gründung dieser großartigen Organisation.
Heute ehren wir die Männer und Frauen, die den
Vereinten Nationen Gestalt verliehen haben. Wir
feiern 50 Jahre der Errungenschaften. Wir verpflich-ten uns zu wirklichen Reformen. Wir wehren
uns gegen den Sirenengesang der Neoisolationisten.

*

AMERIKA DIENST 22

Wir stellen eine klare Tagesordnung auf, die der
Visionen unserer Gründerväter würdig ist. Unsere
Generation wird daran gemessen werden, ob wir
aufgeben, weil wir keine perfekte Welt schaffen
können, oder ob wir den Aufbau einer besseren Welt
anstreben.
Heute vor 50 Jahren erinnerte Präsident Truman die
Delegierten daran, daß die Geschichte nicht mit der
Niederlage Hitlers endete. Er sagte, es sei leichter,
Tyrannen zu beseitigen und Konzentrationslager zu
zerstören, als die Ideen auszumerzen, die sie ins
Leben riefen. Der Sieg auf dem Schlachtfeld war
unerläßlich, aber er ist nicht gut genug für einen
dauerhaften, guten Frieden.
Heute wissen wir, daß die Geschichte nicht mit dem
Kalten Krieg endete. Wir wissen und haben aus
leidvoller Erfahrung gelernt, daß Unzulänglichkeit und
Bösartigkeit Teil der menschlichen Natur sein werden,
solange es Menschen auf der Erde gibt. Es wird
Ermordungen, Grausamkeit, selbstzerstörerischen
Mißbrauch unserer Umwelt, Verleugnung der uns alle
konfrontierenden Probleme geben. Aber wir wissen
auch, daß heute hier in dieser historischen Kammer
die Herausforderung der Schaffung eines guten und
dauerhaften Friedens in unserer Hand liegt und in
greifbare Nähe gerückt ist.
Wir dürfen nicht vergessen, daß jedes gerettete Kind,
jeder beherbergte Flüchtling, jede verhinderte Krankheit, jede niedergerissene Schranke gegen Gerechtigkeit, jedes in eine Pflugschar verwandelte Schwert
uns der Vision unserer Gründerväter näherbringt Frieden, Freiheit und Würde.
Wir dürfen also nicht den Mut verlieren. Wir wollen
neue Stärke, Energie und Kraft aus den erzielten
Fortschritten und den so offen vor uns liegenden
Chancen schöpfen. Wir wollen Nein zu Isolationismus, Ja zu Reformen, Ja zu einer mutigen, ehrgeizigen neuen Tagesordnung sagen. Vor allem
sollten wir Ja zu dem Traum von den Vereinten
Nationen sagen.

* * *

*

Seite 5

�NATO/OSZE
5. Juli 1995

NATO versus OSZE - Welche Organisation kann einen
größeren Beitrag für die Sicherheit Europas leisten?

Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
POTSDAM - (AD) - J.D. Bindenagel, Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik
Deutschland, hielt am 26. Juni 1995 eine Ansprache vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Potsdam,
die wir nachfolgend veröffentlichen.

Herr Meckel,
Herr Staack,
meine Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Gelegenheit, heute abend zu
Ihnen sprechen zu können. Als ehemaliger Gesandter der Vereinigten Staaten in der Deutschen Demokratischen Republik ist es immer ein großes Vergnügen, wieder in dieser schönen Stadt zu sein, mit
der mich viele angenehme Erinnerungen verbinden.
Ich bin besonders dankbar, daß die Deutsche
Atlantische Gesellschaft, mit der ich in der alten
Bundesrepublik über Jahre hinweg so eng zusammengearbeitet habe, jetzt im östlichen Teil Deutschlands so aktiv ist. Es gibt dort einen enormen
Nachholbedarf.
Der Arbeitskreis Brandenburg
schätzt sich außerordentlich glücklich, einen ehemaligen Außenminister als Leiter zu haben - einen
Mann, der bei der deutschen demokratischen
Revolution, während der letzten, demokratischen
Phase der DDR und jetzt in der "Berliner Republik" dem demokratisch vereinten Deutschland - eine
konstruktive Schlüsselrolle spielte. Herr Meckel,
herzlichen Dank für Ihre Einladung.
Zu Beginn möchte ich anmerken, daß mir die
Formulierung der von uns erörterten Frage: "NATO
versus OSZE - Welche Organisation kann einen
größeren Beitrag für die Sicherheit Europas leisten?"
nicht gefällt. Die NATO und die OSZE stehen nicht
im Gegensatz zueinander. Es ist nicht eine Frage
des entweder/oder. Beide sind wichtig. Beide sind
notwendig. Zusammen mit der Europäischen Union

AMERIKA DIENST 22

sind sie unabdingbare Bausteine unserer Strategie für
europäische Sicherheit.
Anfang dieses Monats erklärte Außenminister Christopher in Madrid: "Diese Strategie hat fünf Schlüsselelemente: Anpassung und Erweiterung der NATO,
Stärkung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Unterstützung der europäischen Integration und der EU-Erweiterung, Verbesserung einer europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität als Ergänzung zur NATO sowie die
Einbeziehung Rußlands in die europäischen Sicherheitsstrukturen."
Aber dann - und dies ist äußerst wichtig für unsere
heutige Diskussion - fügte der Außenminister hinzu:
"Die NATO ist weiterhin der zentrale Sicherheitspfeiler für Europa und die Kerninstitution für die
Verbindung der Sicherheit Nordamerikas mit der
Europas." Sie sehen also, daß er in gewisser Weise
Ihre Frage aus amerikanischer Sicht beantwortet hat.
Die OSZE ist sehr wichtig - ein Punkt, auf den ich
gleich zurückkommen werde - aber die NATO ist von
zentraler Bedeutung.
Das Atlantische Bündnis hat als politische Gruppierung von der Förderung gemeinsamer Werte und der
Verteidigung gemeinsamer Interessen verpflichteter
Nationen seinen Mitgliedern ermöglicht, die größte
Gemeinschaft von Frieden und Wohlstand der
Geschichte aufzubauen.
Es hat vorher zahlreiche Versuche zur Schaffung
eines dauerhaften Systems der europäischen Sicherheit gegeben. Der Wiener Kongreß trug nach

Seite 1

�Napoleon nahezu ein Jahrhundert lang zur Verhinderung eines europäischen Krieges bei. Der ohne
amerikanische Beteiligung umgesetzte Vertrag von
Versailles hielt nur eine Generation. Mit dem unerschütterlichen Engagement der Vereinigten Staaten für die Sicherheit Deutschlands und Europas
garantierte die NATO einen stabilen Frieden, gegenseitige Sicherheit und den Triumph westlicher Werte.
Am wichtigsten ist jedoch, daß sich die NATO im
Gegensatz zu früheren Bündnissen der Geschichte
nicht auflöste, nachdem die anfängliche Arbeit getan
war. Die NATO ist und bleibt die Hauptinstitution
des amerikanischen Engagements für die europäische Sicherheit. Durch diese Institution werden die
Vereinigten Staaten auch in Zukunft mit aus Prinzipien und Erfahrung hergeleiteter Unterstützung in
Europa engagiert bleiben.
Im vergangenen halben Jahrhundert hat das Atlantische Bündnis NATO eine Zone des Friedens, der
Stabilität und Sicherheit in Westeuropa geschaffen.
Wir möchten diese Zone des Friedens, der Stabilität
und Sicherheit jetzt erweitern, damit sie ganz Europa
einbezieht. Stabilität in Europa ist das entscheidende Ziel der NATO-Erweiterung. Sie ist nicht gegen
irgend jemanden gerichtet. Sie beabsichtigt nicht,
neue Trennlinien zu ziehen.
Die NATO hat im Bündnis einen Prozeß der Prüfung
eingeleitet, um herauszufinden, wie diese Erweiterung stattfinden kann und von welchen Prinzipien sie
geleitet sein wird. Dies beinhaltet folgendes:
Die Erweiterung wird schrittweise, sorgfältig
geplant und transparent vollzogen. Alle Parteien
werden konsultiert, es wird keine Überraschungen geben.
Es sollte keine voreilige Diskussion des Zeitrahmens für die Erweiterung oder über den Namen
spezifischer Länder geben, die Kandidaten für die
Mitgliedschaft sind. Die Betonung liegt auf dem
Wie und Warum der Erweiterung, noch nicht auf
dem Wer und Wann.
Neue Mitglieder müssen alle mit der Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und Pflichten
übernehmen.
Sie müssen Marktwirtschaften
haben und sich einer verantwortungsbewußten
Sicherheitspolitik verpflichten. Und sie müssen in
der Lage sein, einen Beitrag zur Sicherheit des
nordatlantischen Raums zu leisten.
Kein Nichtmitgliedstaat wird ein Vetorecht bezüglich der Mitgliedschaft eines anderen Landes
im Bündnis haben.

Seite 2

Die Partnerschaft für den Frieden ist ein Schlüsselelement im Prozeß der NATO-Erweiterung. Seit ihrer
Gründung im Januar 1994 war die Partnerschaft das
beste Mittel für die neuen Demokratien Europas,
Beziehungen zur NATO zu entwickeln.
Für einige dieser neuen Partner wird die PFF der
sicherste und schnellste Weg zur NATO-Mitgliedschaft sein. Für andere bietet sie den konkreten
Beweis, daß die NATO um ihre Sicherheit besorgt ist.
Für noch andere wird sie vornehmlich das Mittel für
die Zusammenarbeit mit der NATO - und anderen
PFF-Mitgliedern - in Bereichen wie Friedenssicherung
und humanitärer Hilfe sein.
Obwohl die Partnerschaft für den Frieden erst seit
anderthalb Jahren existiert, hat sie bereits viel
bewirkt. Derzeit gehören ihr 26 Länder an. Mehrere
gemeinsame Manöver wurden abgehalten und
weitere sind geplant. Die Partnerschaft für den
Frieden entwickelt sich zu einem wichtigen Merkmal
in der europäischen Sicherheitslandschaft.
Parallel zur NATO-Erweiterung unterstützen die
Vereinigten Staaten auch die Erweiterung der Europäischen Union. Da die NATO die Grundlage für die
Sicherheit aller EU-Staaten ist, sollten sich die
Erweiterung von NATO und EU gegenseitig unterstützen.
Wie ich bereits sagte, richtet sich dieser Prozeß
gegen niemanden. Präsident Clinton erklärte: "Die
NATO-Erweiterung sollte ... die Sicherheit aller
europäischen Staaten erhöhen - von Mitgliedern und
Nichtmitgliedern gleichermaßen. Parallel zu ihrer
Erweiterung muß die NATO enge und starke Bindungen zu einem demokratischen Rußland entwickeln."
Die Zusammenarbeit mit Rußland beinhaltet natürlich
auch eine Stärkung der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa. Der OSZE gehören
alle europäischen Staaten sowie Kanada und die
Vereinigten Staaten an. Sie bietet allen 53 Mitgliedstaaten - von Vancouver bis Wladiwostok - einen
Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von
Fragen. Sie stellt ein Forum dar, von dem die
Staaten einen ernsthaften Umgang mit ihren Sicherheitsanliegen erwarten können. Anstatt ein
bestimmtes Verhalten durch gesetzliche oder militärische Aktionen zu erzwingen, strebt die OSZE die
Schaffung von Sicherheit durch den Aufbau neuer
Formen der Zusammenarbeit an.
Diese Methode hat im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte bemerkenswerte Ergebnisse gezeitigt.
Sie machte Menschenrechte zu einem legitimen
Thema bei den internationalen Debatten. Sie definierte gemeinsame demokratische Standards, die

AMERIKA DIENST 22

�jetzt im Prinzip von allen Ländern in Europa akzeptiert werden. Sie schrieb zwingend vor, daß existierende Grenzen ohne die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung nicht verändert werden dürfen.
Die OSZE ist ein Ort, an dem alle Staaten, einschließlich der nicht der NATO angehörenden Länder ihren Präferenzen und Sorgen über die Gestalt
der zukünftigen europäischen Strukturen Ausdruck
verleihen können.
Die Vereinigten Staaten befürworten jedoch eine
klarer definierte Mission der OSZE. Unseres Erachtens sollte diese Organisation mehr Ressourcen
und mehr Macht erhalten, insbesondere bei der
Verhütung einer Eskalation von Konflikten.
Die Konsultationsprozesse und politischen Mechanismen der OSZE sollten effektiver gestaltet werden.
Wir möchten ihre Befugnisse beim Krisenmanagement erhöhen. Wir schlagen vor, daß unter ihrer
Schirmherrschaft ein integrierter Rahmen für die
Watfenkontrolle geschaffen wird.
Die Vereinigten Staaten sind fest davon überzeugt,
daß die OSZE eine bessere Definition ihrer Rolle
benötigt, um in der Öffentlichkeit stärker anerkannt
zu werden. Sie sind der Ansicht, daß die OSZE
mehr unternehmen muß, um die Öffentlichkeit über
die Organisation, ihre Aufgaben und Bedeutung zu
informieren. Das würde ihre Rolle im Bereich der
europäischen Sicherheit verstärken.
Durch eine enge Zusammenarbeit mit der NATO,
der EU und den Vereinten Nationen kann die OSZE
die unerläßliche Basisarbeit bei der Konfliktverhütung übernehmen und gleichzeitig die neuen demokratischen Staaten in eine größere Staatengemeinschaft integrieren.

darstellt. Nach anfänglichem Widerstand hat Rußland der Zusammenarbeit mit der OSZE-Mission
zugestimmt und die Lieferung humanitärer Hilfsleistungen gestattet. Von noch größerer Bedeutung
ist, daß die OSZE jetzt in dem Bestreben mit den
Russen und Tschetschenen am Verhandlungstisch
sitzt, eine echte politische Lösung zu erzielen.
Bevor ich meine Ausführungen beende, möchte ich
noch einen weiteren Punkt betonen: Die nordatlantische Gemeinschaft ist nicht das Werk der letzten 50
Jahre. Sie ist keine Reaktion auf eine spezifische
Bedrohung. Sie existiert, seit die ersten Europäer vor
mehr als fünf Jahrhunderten in Nordamerika ankamen.
Gemeinsam repräsentieren wir einige der stärksten,
erfolgreichsten Demokratien der Welt. Wir halten
Frieden und Freiheit in Ehren. Wir schützen die
Menschenrechte innerhalb unserer Grenzen und
fördern sie im Ausland. Wir respektieren die Souveränität der Grenzen. Wir befürworten Wahlfreiheit
und freie Märkte.
Gemeinsam haben wir viel unternommen, um Freiheit, Frieden und Wohlstand weltweit zu schützen
und auszuweiten. Aus diesem Grund sind unsere
Organisation - deren Name die Idee der atlantischen
Gemeinschaft enthält - und diese Diskussionen so
wichtig. Wir alle sind Erben - und Treuhänder - eines
großen Vermächtnisses.
In einer Rede in der Frankfurter Paulskirche vor 32
Jahren - die die Menschen in diesem Teil Deutschlands nicht hören durften - machte John F. Kennedy
einige Äußerungen, die meines Erachtens heute
ebensolche Gültigkeit haben wie damals:
"... Unsere beiden Länder und Kontinente sind
bei den Aufgaben des Friedens und des
Krieges untrennbar miteinander verbunden.

Das Potential der OSZE zur Lösung oder zumindest
Abschwächung von Konflikten wurde durch ihre
Rolle in Nagornyj Karabach hinreichend unter
Beweis gestellt.
Die Organisation war an der
Aushandlung einer Lösung dieses langwierigen und
schwierigen Problems aktiv beteiligt. Sie konnte das
Vertrauen beider Seiten sowie Rußlands gewinnen.
In der Tat haben Rußland und die OSZE vereinbart,
gemeinsame Anstrengungen bei den Verhandlungen
zu unternehmen und die gemeinsame Unterstützung
friedenssichernder Truppen in der Region zugesagt,
sobald eine politische Lösung erzielt wurde.

Wir sind Partner für den Frieden - nicht in
einem engen bilateralen Kontext, sondern im
Rahmen der atlantischen Partnerschaft. Der
Ozean trennt uns weniger, als das Mittelmeer
die alten Welten von Griechenland und Rom
trennte ... Unsere Rollen unterscheiden und
ergänzen sich - und wir verfolgen dieselben
Ziele: Frieden und Freiheit für alle Menschen,
für alle Zeit, in einer Welt des Wohlstands, in
einer Welt der Gerechtigkeit."

Ein weiteres Zeichen für das Potential der OSZE ist
ihre derzeitige Rolle im Krieg in Tschetschenien, wo
sie die einzige offizielle internationale Präsenz

Mit diesen eloquenten und zeitlosen Worten gebe ich
das Wort wieder zurück an Sie, Herr Meckel. Ich
danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 22

Seite 3

�USA-DEUTSCHLAND
5. Juli 1995

Gemeinsame Erfahrungen und neue Wege
der Zusammenarbeit
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Ansprache, die der Gesandte der Botschaft der Vereinigten
Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 20. Juni 1995 vor der Aspin Commission hielt.

Herzlichen Dank, daß Sie heute abend so zahlreich
erschienen sind. Das heutige Abendessen findet zu
Ehren der Aspin Commission statt, die das Werk des
verstorbenen Les Aspin fortsetzt. Die Commission
erfüllt eine wichtige Aufgabe: Sie ist Berater des
Präsidenten bei der Umstrukturierung der US-Regierung.
Ein Schlüsselelement der Umstrukturierung wird
darin bestehen, von unseren engsten Verbündeten
wie Deutschland zu lernen. Während der vergangenen Tage hatten Sie die Möglichkeit zu einer Koordinierung der Politik, zum Gedankenaustausch und
zur Erörterung neuer Wege der strategischen
Zusammenarbeit, um Frieden und Wohlstand nach
der demokratischen Revolution von 1989/91 zu
sichern.
Ich hoffe, daß wir in unseren Gesprächen auch die
deutsch-amerikanischen Beziehungen ansprechen
können. Deutschland ist ein Freund und ist zu
einem strategischen Partner geworden. Was heißt
das? Betrachten Sie sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen heute und die Geschichte dieser
Beziehungen.
Nach der "Stunde Null" von 1945 teilten wir vierzig
lange Jahre die Last der Verteidigung der Grenzen
der Freiheit gegen die sowjetische Bedrohung. Vor
kurzem habe ich das "Haus der Geschichte" besucht
und war beeindruckt, sogar berührt davon, wie stark
Deutsche und Amerikaner während des Kalten
Krieges an der Gestaltung der Geschichte beteiligt
waren. Dieses zeitgenössische Museum vermittelt
einen Eindruck unserer gemeinsamen Erfahrungen
über Jahrzehnte hinweg, vom Marshallplan bis zum
Hula hoop, von der spannungsgeladenen Machtprobe am Checkpoint Charlie bis zu Elvis Presleys
Armeedienst, von Anti-Vietnamdemonstrationen bis
zur Stationierung von Mittelstreckenraketen. Alle

AMERIKA DIENST 22

diese Ereignisse führten zur Wiedervereinigung
Deutschlands vor wenigen Jahren.
Ein Besuch im Bundestag in einem bescheidenen
Gebäude, in dem die deutsche Demokratie dauerhaft
Fuß faßte, wird Ihre Meinung bestätigen, daß dies die
Institution ist, die den Geist der Demokratie in
Deutschland verkörpert. Die Bundesregierung geht
zurück in die Hauptstadt Berlin am Ufer der Spree.
Aber die durch diese kleine Stadt am Rhein symbolisierten Perspektiven und Einstellungen - das
Engagement für gemeinsame westliche Werte werden in den Herzen und Köpfen fortdauern.
Niemals war diese deutsch-amerikanische Solidarität
der Werte offenkundiger als in der "Stunde der
Wahrheit" im Herbst 1989, als die friedliche Revolution von Männern und Frauen die Diktatur hinwegfegte und der Welt den Weg eröffnete, wieder frei atmen
zu können. Ich weiß es. Ich war dort.
Erinnern Sie sich an den Hintergrund. In einem
Leitartikel vom 20. August 1989 stellte die "Washington Post" fest, wenn die offensichtlich zerfallende
Sowjetunion ihr immer noch mächtiges Militär irgendwo einsetzen würde, dann in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Wir kannten das
NATO-Szenarium für den Ausbruch des Dritten
Weltkriegs. Wir hatten sogar ein "Der Dritte Weltkrieg" genanntes Spiel. Wie begann der Krieg? Mit
einem Aufstand in der DDR.
Am 3. Oktober jenes Jahres griff die Volkspolizei in
Dresden brutal Demonstranten an, die Züge mit
Flüchtlingen aus Prag auf dem Weg in die Freiheit in
Hof in Bayern blockierten. Vier Tage später beging
das Regime in Ostberlin seinen vierzigsten - und
letzten - Geburtstag. Nachdem Gorbatschow an
jenem Abend die Rückreise nach Moskau angetreten
hatte, attackierte, verhaftete und verhörte die mit

Seite 1

�Schlagstöcken und Hunden ausgerüstete Volkspolizei Tausende, die vor der Gethsemane-Kirche in
Ostberlin demonstrierten. Trotz der lebendigen,
lebhaften Erinnerungen an die gewalttätige Unterdrückung friedlicher Demonstranten - mit sowjetischen Panzern - am 17. Juni 1953 begaben sich am
9. Oktober in Leipzig Tausende von Bürgern auf die
Straße und riefen nach Wandel.
Angesichts des von den Massen in ganz Ostdeutschland gezeigten Mutes geriet das DDRRegime in Panik. Dieses Mal rollten keine Panzer,
und es wurden keine Schüsse abgegeben. Das
Regime vollzog eine unerwartete Wende und verabschiedete ein Reisegesetz, das die Freiheit für die
Ostdeutschen erhöhte.
Am 9. November 1989, einem Tag, der in die
Geschichte einging, unternahm das Regime einen
letzten verzweifelten Versuch, sich durch eine
Öffnung seiner Grenzen - anstatt mit Hilfe sowjetischer Panzer - politische Legitimität zu verschaffen.
Der Versuch scheiterte. Der ganzen Welt - und den
meisten Bürgern Ostdeutschlands - wurde das DDRRegime als inhaltslose, korrupte, gescheiterte
Diktatur offenbart.
Die Menschen gingen aufs
Ganze. Die Berliner Mauer fiel.
Außenminister Baker kam im Dezember 1989 nach
Berlin und hielt dort eine Grundsatzrede. Während
seines Besuchs sprach er sich für die Zustimmung
der DDR-Regierung zu freien und fairen Wahlen
aus, die er erhielt. Die Wahlen wurden schon drei
Monate später abgehalten und führten zur einzigen,
frei gewählten DDR-Regierung mit einem Mandat für
eine rasche Wiedervereinigung.
Noch vor diesen Wahlen eröffneten die Vereinigten
Staaten ein neues Konsulat in der Heldenstadt
Leipzig. Wir ließen weder öffentlich noch privat in
unserer stetigen Unterstützung für die deutsche
Vereinigung nach. Wie ein ehemaliger Kollege,
Richard Smyser, mich kürzlich erinnerte, lehrt uns
die Geschichte jedoch, daß Siege die Beziehungen

zwischen Staaten ebenso bedrohen wie Niederlagen. Nur das sorgfältige Engagement für ein
gemeinsames Ziel und eine koordinierte Politik
können einen Erfolg in der Zukunft sichern.
Der Einigungsprozeß führte zu einer neuen, souveränen, politisch legitimierten
Bundesrepublik
Deutschland. Sicher, die Hauptstadt ist Berlin
anstatt Bonn, und der innere Heilungsprozeß wird
noch Jahre erfordern.
Mit deutlicher Unterstützung der Vereinigten Staaten
wurde Deutschland nach monatelangen Zwei-plusVier-Verhandlungen am 3. Oktober 1990 wiederver-

Seite 2

einigt. Endlich kam die lange Teilung Deutschlands
und anschließend unweigerlich die Spaltung Europas
zu einem Ende. Der Westen und seine Werte
triumphierten - überwältigend.
Es dauerte zwei Generationen, bis der Triumph über
ein geteiltes Europa erzielt wurde. Während dieser
Zeit unterstützten die Vereinigten Staaten entschlossen die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland sowie das Prinzip der deutschen Einheit. Als
der Augenblick gekommen war, standen wir an der
Seite der Deutschen im Osten dieses Landes bei
ihrem Streben nach Freiheit.
Das neue Deutschland ist in vieler Hinsicht die
Verkörperung und Fortsetzung der alten Bundesrepublik, die sich resolut und unbeirrbar dem Westen
und der transatlantischen Gemeinschaft verschrieb.
Sie hat jetzt dieser soliden Grundlage eine zweite
starke Säule hinzugefügt: Die Kraft und Ideale der
demokratischen Revolution, die eine brutale Diktatur
mit dem Ruf hinwegfegte: "Wir sind das Volk", und
anschließend "Wir sind ein Volk".
Jetzt müssen wir eine Macht besiegen, die stärker ist
als die ehemalige Sowjetunion: Die Macht der
Geschichte. Die Geschichte wurde dazu benutzt, den
Widerstand gegen die deutsche Vereinigung zu
rechtfertigen und wird jetzt beim Krieg im ehemaligen
Jugoslawien eingesetzt. Präsident Clinton erklärte im
Juli vergangenen Jahres vor dem Brandenburger Tor:
"Amerika steht an Ihrer Seite, jetzt und für immer."
Diese Verpflichtung für ein gemeinsames Ziel ist
eindeutig. Wir stehen an der Seite des vereinigten
Deutschland, das seinen Platz und seine zunehmend
wichtige Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft, der NATO, der Europäischen Union, den
Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation
akzeptiert. Wir arbeiten gut und intensiv mit Deutschland an der Erweiterung und Sicherung der neuen
Grenzen der Freiheit im Osten sowie an der Beendigung des Krieges in Bosnien. Gemeinsam reichen
wir einem Rußland die Hand der Freundschaft, das
sich um die Überwindung des lähmenden Vermächtnisses seiner Vergangenheit bemüht.
Aus diesen gemeinsamen Erfahrungen entwickelten
die Vereinigten Staaten und Deutschland ein Vertrauensverhältnis, das sich in vielen Krisen bewährte
und die Zeit überdauerte. Dieses Vertrauen gewährt
uns Zugang zueinander, zu unseren Gedanken und
Wünschen. Jeder von uns ist eigenständig, unabhängig und souverän, aber wir sind auch eine
Familie. Familien sind im Vertrauen geeint. Familienmitglieder wissen, daß sie sich aufeinander
verlassen können, wenn es hart auf hart geht. In

AMERIKA DIENST 22

�einer Familie kann man sich sogar wichtige Geheimnisse mitteilen.

Ich bitte Sie, gemeinsam mit mir das Glas zu erheben
- auf die Mitglieder und Mitarbeiter der Aspin Commission und den Erfolg Ihrer Mission.

* * * * *

AMERIKA DIENST 22

Seite 3

�4. J U L I
5. Juli 1995

Clinton fordert die Amerikaner auf,
an den Gründungsprinzipien festzuhalten
Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton forderte das amerikanische Volk in seiner Erklärung zum
Unabhängigkeitstag am 4. Juli auf, den "hehren Prinzipien fest verhaftet" zu bleiben, auf denen Amerika
gegründet wurde und sich zu gemeinsamen Fortschritten zu verpflichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Erklärung des Präsidenten.

Ich freue mich außerordentlich, zusammen mit
meinen amerikanischen Mitbürgern den Unabhängigkeitstag zu feiern.
Die Feiern aus Anlaß des Geburtstags der weltweit
größten Demokratie am Vierten Juli sind ein Zeugnis
dessen, was an Amerika einzigartig ist. Unsere
Nation, die aus dem Mut unserer Gründerväter
entstand und seither vom Geist und der Opferbereitschaft jeder Generation aufrechterhalten wurde, hat
ein stolzes Vermächtnis der Freiheit geschaffen. Am
heutigen Tag feiern Millionen unserer Bürger gemeinsam mit Freunden und Angehörigen bei Picknicks und Paraden die Segnungen der Freiheit.
Menschen aller Herkunft lassen gemeinsam die
Energie und den Optimismus hochleben, die uns als
Volk definieren.

Wir sind gesegnet, denn unser Land ist besser als
jedes andere in der Lage, sich Herausforderungen zu
stellen und die Chancen des nächsten Jahrhunderts
zu ergreifen. Den hehren Prinzipien fest verhaftet,
auf denen Amerika gegründet wurde, müssen wir mit
derselben Freiheitsliebe, mit Vertrauen in die Gerechtigkeit und entschlossenem Engagement, gemeinsam
Fortschritte zu erzielen, in die Zukunft blicken. Diese
Ideale, die uns durch mehr als zwei Jahrhunderte der
Herausforderungen und des Wandels begleitet
haben, werden uns einer Zukunft der Hoffnung, des
Wohlstands und Friedens noch näher bringen.
Mit den besten Wünschen für einen wunderschönen
Feiertag.

* * * *

AMERIKA DIENST 22

*

Seite 1

�4. J U L I
5. Juli 1995

Die Vereinigten Staaten feiern ihre Unabhängigkeit
Die Feierlichkeiten und ihr Ursprung
WASHINGTON - (AD) - E pluribus unum - aus vielen eins. Dieses Motto brachte ein Patriot während des
Unabhängigkeitskrieges auf dem amerikanischen Nationalwappen an. Bis heute feiert Amerika mit nahezu
religiösem Eifer das am 4. Juli 1776 Errungene - Unabhängigkeit, Freiheit und Souveränität.

Die Art, in der Amerikaner den Geburtstag ihrer
Nation feiern, ist jedoch so unterschiedlich und
individualistisch wie sie selbst. Sie feiern ihn mit
Freunden, der Familie, mit Fremden zu Hause und
im Ausland, mit Mitbürgern und Ausländern. Es ist
eine Tradition, die so alt und in der amerikanischen
Psyche verankert ist wie das Land. "So möge der
Vierte Juli, dieser glorreiche und denkwürdige Tag,
in ganz Amerika von den Söhnen der Freiheit bis
ans Ende der Zeit gefeiert werden", schrieb ein
amerikanischer Revolutionär.
Aber genau welches Ereignis feiern die Amerikaner
eigentlich? Was macht diesen "amerikanischsten
aller Feiertage" zum Fundament einer ganzen
Gesellschaft? Wie verbindet er Amerikaner ungeachtet ihrer Herkunft und Überzeugungen miteinander?
Amerikaner mögen Zustimmung oder
Ablehnung zeigen - dies gehört zu ihren unveräußerlichen Rechten - aber sie stimmen alle zu, am
4. Juli die Unabhängigkeit zu feiern. Der Kongreßabgeordnete Lee Hamilton beschrieb die Vielfalt der
Feierlichkeiten als "eine wunderbare Geburtstagsfeier für unser Land... Wir feiern auf viele verschiedene Arten, aber all diese Aktivitäten drehen sich um
Familie und Freunde."
Wenn Amerikaner den 4. Juli begehen, erinnern sie
sich daran, daß "unsere Gründerväter in Perücke
und spitzenverziertem Gehrock zusammenkamen
und unter großen Anstrengungen debattierten. Vor
der Erfindung der Klimaanlage und Insektenbekämpfungsmittel knüpften sie in der schlammigen und von
Insekten erfüllten Hitze Philadelphias vorsichtig und
kunstvoll unser nationales Gewebe", schrieb John
Updike.
Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung wurden
unsere "Gründerväter" nicht mit dem tief in ihr
Bewußtsein eingegrabenen Ideal der Unabhängigkeit
von Großbritannien geboren; es wurde ihnen durch

AMERIKA DIENST 22

die Umstände aufgezwungen. Die Weite des Ozeans, der die 13 amerikanischen Kolonien vom britischen Mutterland trennte, schuf unzählige Spannungen zwischen den unternehmungslustigen Siedlern
und ihrem englischen König. Die Siedler wollten
unter anderem im britischen Unterhaus vertreten sein,
während König George III danach trachtete, daß "die
Provinzen zumindest einen Teil der enormen Kosten
trugen, die zur Verteidigung der englischen Kolonien
in der Neuen Welt erforderlich" waren. Die Siedler
hielten König George bald nicht mehr für einen
"gütigen Herrscher", sondern für ein "königliches
Scheusal".
Am 7. Juni 1776 sprach der Abgeordnete aus Virginia, Richard Henry Lee, die drängendste Frage an,
die je dem Zweiten Kontinentalkongreß vorgelegt
worden war.
Er behauptete, "diese vereinigten
Kolonien sind freie und unabhängige Staaten, und
sollten das auch von Rechts wegen sein; sie sind von
jeglicher Bindung an die Britische Krone befreit, und
alle politischen Bindungen zwischen ihnen und dem
Staat Großbritannien sind vollkommen durchtrennt
und sollen es auch sein."
Thomas Jefferson, John Adams, Benjamin Franklin,
Roger Sherman und Robert Livingston wurden vom
Kongreß dazu ausersehen, eine offizielle Unabhängigkeitserklärung zu entwerfen.
Das Dokument
bekräftigte, was seit mehr als zwei Jahrhunderten der
Kern der politischen Ideologie der Vereinigten Staaten ist:
"Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit
gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück gehören; daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den
Menschen eingesetzt werden, die ihre recht-

Seite 1

�mäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; daß, wann immer irgendeine
Regierungsform sich als diesen Zielen abträglich erweist, es Recht des Volkes ist, sie
zu ändern oder abzuschaffen und eine neue
Regierung einzusetzen."
Am 4. Juli 1776 ratifizierten Vertreter aus zwölf
Kolonien das Dokument, die 13. Kolonie unterzeichnete es am 9. Juli. Der Kongreß hatte theoretisch
erklärt, jeder Amerikaner habe das Recht auf eine
Beteiligung an der Regierung. Als die Erklärung auf
dem "Independence Square" in Philadelphia laut
vorgelesen wurde, feierten die Bürger dieses Ereignis mit Jubel, Paraden und Glockengeläut. Die
Gründerväter hatten ein neues Land konzipiert, das
aber noch in den Geburtswehen lag.
Eine leidenschaftliche Begeisterung für die Unabhängigkeit faßte in den Kolonien festen Fuß, und
Amerika befand sich bald im Krieg mit der größten
westlichen Macht des 18. Jahrhunderts - Großbritannien. "Der Baum der Freiheit muß von Zeit zu
Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen
gegossen werden", schrieb Thomas Jefferson. Es
bedurfte großer Entschlossenheit, bis aus der
revolutionären Bewegung die Vereinigten Staaten
hervorgingen. Im Oktober 1781 ergaben sich die in
den Kolonien kämpfenden britischen Truppen in
Yorktown der Kontinentalarmee und beendeten
damit den Kampf Großbritanniens um die Beibehaltung seiner Besitztümer in der "Neuen Welt".
Innerhalb eines Jahrzehnts wählten die Amerikaner
ihren ersten Präsidenten, den Held aus dem Unabhängigkeitskrieg - George Washington.
Die Amerikaner benötigten nicht viel Zeit, um sich
der Bedeutung ihres neuen Nationalfeiertags bewußt
zu werden. Am 2. Juli 1777 wurde erstmals der
Vierte Juli gefeiert.
Die "Gründerväter" waren
vielleicht etwas übereifrig mit der Festlegung des
nationalen Geburtstags, aber das Datum wurde bald
auf den Vierten des Monats festgesetzt - den Tag,
an dem die Unabhängigkeitserklärung ratifiziert
worden war.

*

Seite 2

*

Der Vierte Juli ist nicht nur der Jahrestag eines
bestimmten Ereignisses, sondern eine Übung in
amerikanischer Freiheit. Die Vielfalt dieses Feiertags
erklärt vielleicht seine nahezu universelle Anziehungskraft auf die Amerikaner. "Freiheit", schreibt
der zeitgenössische Sozialwissenschaftler Robert
Bellah, "ist vielleicht der am stärksten nachhallende
und hochgehaltene Wert. Sie definiert in gewisser
Weise das Gute im Privatleben und in der Politik.
Dennoch läuft Freiheit darauf hinaus, daß man von
anderen allein gelassen wird, sich nicht ihre Werte,
Ideen oder ihren Lebensstil aufzwingen läßt, man bei
der Arbeit, in der Familie und der Politik frei von
willkürlicher Autorität ist. Es ist für Amerikaner viel
schwieriger zu definieren, was mit dieser Freiheit
gemacht werden könnte."
John Adams erklärte über den Vierten Juli, er solle
"von jetzt an auf ewig mit Pomp und Paraden, mit
Darbietungen, Spielen, Sport, Salutschüssen, Glokkengeläut, Freudenfeuern und Feuerwerk auf dem
gesamten Kontinent gefeiert werden". Jeden Sommer wird das Herannahen des Nationalfeiertags mit
dem Hissen der Flagge, Picknicks am Nachmittag
und dem Verkauf großer Mengen von Feuerwerkskörpern eingeleitet. Heute feiern die Amerikaner den
Geburtstag ihrer Nation mit einer Wiederholung der
Verlesung der Unabhängigkeitserklärung in Boston,
einem Autorennen auf die Spitze des 4.300 Meter
hohen Pikes Peak in Colorado, einem internationalen
Freiheitsfestival in Detroit, Rodeos in Arizona und
einem nationalen Zaunbemalungswettbewerb in
Missouri. In Philadelphia dehnen sich die Feierlichkeiten auf eine ganze Woche, die "Freedom Week"
aus.
In diesem Jahr werden sich am Abend des Vierten
Juli bei Anbruch der Dämmerung die Menschen in
den Kleinstädten ganz Amerikas versammeln. Einige
verfrühte Feuerwerkskörper werden abgeschossen.
Nachbarn picknicken neben ihren Nachbarn.
Schließlich wird eine Rakete am Himmel aufsteigen
und in einem farbigen Kaleidoskop explodieren. Das
älteste Ritual des Landes erreicht seinen Höhepunkt,
und die Amerikaner werden wissen, daß sie frei sind.
Und aus vielen wird eins.

*

*

AMERIKA DIENST 22

�LITERATUR
5. Juli 1995

Dichtung und Außenpolitik
von Robert Earle
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, den Robert Earle, der Gesandte-Botschaftsrat
für öffentliche Angelegenheiten bei der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland,
im Anschluß an die vom 25. bis 28. Mai 1995 in Bonn veranstaltete Konferenz von im Bereich der
Lehrerausbildung tätigen Fachleitern mit den Titel "Many Voices: American Values in Transition" verfaßte.

Vor einigen Wochen hielt ein amerikanischer Literaturprofessor aus Texas beim deutschen Fachleiterseminar eine Rede über die postromantischen Dichter
in den Vereinigten Staaten. Er versuchte, ein Gefühl
für die apokalyptische Stimmung zu vermitteln, die in
den vergangenen Jahrzehnten die Schule amerikanischer Dichtung durchzog. Ihm zufolge kommt diese
Stimmung nicht einer völligen Katastrophe oder
einem großen Scheitern gleich. Vielmehr ist es eine
Stimmung von Tod und Wiedergeburt auf persönlicher Ebene - eine kreative Unterbrechung von
Vision, Wachstum, Beziehungen zur übrigen Welt.
Solche Anliegen sind ziemlich typisch für Professoren und Dichter. Wie finden sie ihren Weg in die
amerikanische Außenpolitik?
Diese Frage stellt sich, weil der Professor an einer
vom US-Informationsamt (United States Information
Service - USIS) in Bonn veranstalteten Konferenz
teilnahm; und die Programme von USIS sind integraler Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik und
der deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Als ich Professor Davis aus Baylor zuhörte, kam mir
der Vortrag in den Sinn, den Professor Pontuso vom
Hampden-Sydney College am Tag zuvor vor demselben Publikum gehalten hatte. Seine Ausführungen über außenpolitische Belange waren vielleicht
etwas konventioneller. Er sprach über die konservative Tagesordnung der amerikanischen Politik
und die Haltung, die der Kongreß dazu einnimmt. Er
hielt politikwissenschaftliche Fachbücher in die Höhe,
während er über Tendenzen des politischen Denkens in den Vereinigten Staaten sprach und verwies
auf einen ganzseitigen Bericht in der Washington
Post über Haushaltsentwürfe und -plane, die von
den Kongreßausschüssen geprüft werden.

AMERIKA DIENST 22

Die Präsentation Professor Pontusos war informativ
und nützlich. Sie war leicht in das allgemeine Thema
"internationale Beziehungen" einzuordnen. Nach
diesem Vortrag konnten die Fachleiter mit neuem
Wissen über die Dynamik der Debatte in der amerikanischen Politik nach Hause zurückkehren, insbesondere über den institutionellen Kampf zwischen der
Exekutive und der Legislative.
Aber die Ausführungen von Professor Davis über die
lyrische Meditation von W.S. Merwin am Jahrestag
seines unvorhersehbaren Todes? Seine Erklärung,
warum Robert Bly so fasziniert von einigen Federn
war, die in einen ausgehöhlten Baumstumpf gefallen
waren? Seine Präsentation von Galway Kinnells
Gedicht über die Polarbärenjagd in Alaska?
Seltsamerweise war ich erstaunlich zufrieden mit
Professor Davis' Beitrag zu den bilateralen Beziehungen. Ohne es explizit zu sagen - vielleicht sogar,
ohne es zu glauben oder darüber nachzudenken betonte Davis die dichterischen Quellen der politischen Existenz. Gedichte werden geschrieben, bevor
etwas geschieht, Zeitungen danach. Und sie werden
in verschiedenen Ländern verschieden geschrieben.
Auch ihre Verteilung variiert von Ort zu Ort.
In Deutschland kann man ein Gedicht mit einem
Fachleiter diskutieren, der das Gedicht seinen Kollegen zeigt, diese wiederum ihren Studenten, die am
Ende selber Dichter werden - oder Politiker.
In beiden Fällen ist die Resonanz der amerikanischen
Vision - das Gefühl von Amerika - spürbar. Die
Gedichte von Bly, Merwin und Kinneil handeln
allesamt von dem Wunsch nach Wiedergeburt, nicht
von Todessehnsucht. In diesem Sinne unterscheidet
sich das Bemühen Amerikas um die Gestaltung
seiner Außenpolitik nicht wesentlich von seinem
Streben nach einer Gestaltung seiner Dichtung.

Seite 1

�Manche mögen argumentieren, damit werde der
Außenpolitik zuviel Anerkennung gezollt. Sie mit der
Dichtung auf eine Stufe zu stellen, ist ein großes,
vielleicht unverdientes Kompliment.
Aus genau diesem Grund haben Dichter und Professoren einen Platz in der Nähe der amerikanischen

Außenpolitik - um alternative Visionen von Amerika
anzubieten, ein Gefühl für menschlichen Kontext und
Werte zu vermitteln, den Deutschen und anderen zu
helfen, die Träume, Gefühle und Stimmungen Amerikas einzuschätzen und mit ihren eigenen zu vergleichen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 22

�DATEN AUTOBAHN
5. Juli 1995

Die digitalisierte Nachrichtenzentrale
von Philip Moeller
(AD) - Philip Moeller, ehemaliger Wirtschaftsredakteur und Redakteur für elektronische Nachrichten bei der Sun
in Baltimore, ist jetzt Berater und Autor mit Sitz in West Hartford (Connecticut).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von American Journalism Review, Copyright
(c) 1995.

Es klingt so einfach. Beginnen wir mit der typischen
Nachrichtenzentrale einer größeren Zeitung - die
Mitarbeiter sind vielleicht etwas jünger als bei
ähnlichen Zeitungen, unterscheiden sich aber
ansonsten nicht wesentlich. Wenden wir uns dann
den Computern und Kommunikationsgeräten zu, die
Nachrichten, Informations- und Unterhaltungsindustrien zu revolutionieren versprechen. Was wäre,
wenn die Mitarbeiter diese Maschinen beherrschen
und sie routinemäßig in der Nachrichtenzentrale
benutzen könnten, statt sie nur zum Gegenstand
dessen zu machen, worüber sie schreiben?
Willkommen beim Raleigh News &amp; Observer, einer
derwenigen in Familienbesitz verbliebenen amerikanischen Zeitungen. Der neue N&amp;O, wie er jetzt
heißt, hat in den vergangenen Jahren seine Reporter
mit diesen neuen Instrumenten vertraut gemacht.
Obwohl sich dieses Unterfangen zweifelsohne noch
im Anfangsstadium befindet, bietet Raleigh eine
Perspektive, wie digitalisierte Informationen und
neue Ansätze zur Berichterstattung und beim Schreiben von Geschichten die Nachrichtenzentralen der
Nation verändern könnten.
Beim N&amp;O und anderen technologiefreundlichen
Zeitungen wandelt sich das Metier der Reporter
ebenso wie die Rolle der Bibliothekare und anderer
Mitarbeiter. Teamjournalismus beherrscht - wenn
auch nicht ausschließlich aufgrund der Technologie zunehmend Nachrichtenzentralen, die vorwiegend
Computer einsetzen. Und im digitalen Zeitalter
bringen solche kollektiven Bestrebungen im allgemeinen definitive Geschichten hervor, die sowohl
sozialwissenschaftlich als auch journalistisch Anklang finden. Der Computer, früher umfangreichen
Forschungsprojekten vorbehalten, wird zum alltäglichen Verbündeten von Reportern, die Routinearbeit machen.

AMERIKA DIENST 22

Auch die Leser benutzen Computer und Modems und
sind zu aktiven Teilnehmern an Raleighs InternetAngeboten sowie praktisch jeder Online-Verbindung
geworden, die mit Nachrichtenorganisationen zu tun
hat. Aufgrund der interaktiven Online-Kommunikation
verändert sich die Art, in der Geschichten berichtet
werden. Am wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß die
Interaktivität das Verhältnis zwischen Journalisten und
den Menschen, über die sie schreiben, grundlegend
verändern kann.
Die Redakteure und Reporter beim N&amp;O haben
landesweit Tausende von Kollegen bei anderen
Zeitungen. Praktisch jede Nachrichtenzentrale ist mit
einem Kader technologisch informierter, hochmotivierter Journalisten besetzt, die versuchen, ihre Institutionen in neues Terrain zu locken. Was Raleigh jedoch
unterscheidet, ist die Tatsache, daß Fähigkeiten im
Bereich der digitalisierten Information - zur Benutzung
von Computern, Datenbanken, Online-Diensten - für
nahezu jeden in der Nachrichtenzentrale zur Norm
werden. Für die ungefähr 150 Mitarbeiter der Nachrichtenzentrale beim N&amp;O stehen rund 100 Computer-Arbeitsplätze zur Verfügung, und Chefredakteur
Frank Daniels III zufolge wird bis zum Sommer jeder
Mitarbeiter einen Personalcomputer haben.
Mehrere damit in Zusammenhang stehende Entwicklungen unterstreichen die Unterschiede zwischen der
Nachrichtenzentrale beim N&amp;O und den Industrienormen:
Die mit 21 Mitarbeitern besetzte NachrichtenForschungsabteilung hat ein Netz von Datenbanken geschaffen - die vielfach von N&amp;O-Mitarbeitern aufgebaut wurden - zu dem man vom
Computer-Arbeitsplatz aus Zugang hat.

Seite 1

�Die Mitarbeiter der Nachrichten-Forschungsabteilung und die mit 17 Mitarbeitern besetzte Abteilung Neue Medien schreiben Softwareprogramme, die häufig nötig sind, um Zugriff zu wertvollen, aber sonst nicht zugänglichen Datenbanken
zu erhalten.
Die Zeitung hat eine Datenbank, die Gesetzesvorlagen des Bundesstaates dokumentiert, in
einen erfolgreichen Online-Abonnentenservice
umfunktioniert, den N&amp;O-Geschäftsführer als
Prototyp für andere profitable Unternehmen
ansehen.
Die Zeitung verfügt über die dritte Generation von
Hypertext-Software, mit der an speziellen Projekten arbeitende Autoren ihre eigenen Aufzeichnungen so lange wie bei einer Datenbank außerhalb
durchforsten können.
Der N&amp;O befaßt sich mit Multimedien. Als erstes
wurde eine Serie von Features in der Zeitung
veröffentlicht, wurden Audiotext-Informationen
über den Telefon-Informationsdienst der Zeitung
angeboten sowie Online-Geschichten mit Text,
Audio- und Videoelementen. Die Serie wurde in
Zusammenarbeit mit lokalen Fernsehstationen
gemacht, die ihre eigenen Versionen der Geschichten sendeten.
Und schließlich hat der N&amp;O wie eine wachsende
Zahl anderer Zeitungen eine elektronische Version eingeführt. Aber statt sich America Online,
Prodigy oder einem anderen kommerziellen
Dienst anzuschließen, startete die Zeitung ihren
eigenen Online-Dienst und schloß ihn an Internet
an, womit den elektronischen Lesern ein breites
Spektrum von Informationen angeboten wird.
Die Umgestaltung von N&amp;O zur führenden digitalen
Tageszeitung geht zurück auf die Ernennung von
Frank Daniels III zum Chefredakteur Ende 1990.
Der 1865 gegründete N&amp;O ist seit über einem
Jahrhundert im Besitz der Familie Daniels. Josephus Daniels kaufte die Zeitung 1894 für 10.000
Dollar und führte sie über 50 Jahre lang. Sein
Enkel, Frank Daniels Jr., ist jetzt der Herausgeber.
Als Frank Daniels III in sein Amt berufen wurde,
führte der republikanische Senator Jesse Helms eine
brutale Kampagne für seine Wiederwahl gegen den
ehemaligen Bürgermeister von Charlotte, Harvey
Grantt, den demokratischen Herausforderer. Der
jüngere Daniels war beeindruckt vom modernen
Stand der Technik im Helms-Lager, wo Computer
und Kommunikationstechnologie eingesetzt wurden.

Seite 2

"Das war der ausschlaggebende Faktor, um beim
N&amp;O Computer einzuführen", stellt Daniels fest. "Das
Helms-Team drosch fürchterlich auf die Nachrichtenmedien ein... Bei politischen Wahlkämpfen sind
unsere Konkurrenz nicht die anderen Medien, sondern die Kampagnen. Und seit 1970 haben sie uns
aufs Korn genommen... Dadurch wurde mir klar, wie
dumm wir waren - und ich fühle mich nicht gerne
dumm."
Dasselbe galt für die langjährige N&amp;O-Reporterin Pat
Stith, die einen 18monatigen Studienurlaub nahm, um
- mit Daniels Worten - "herauszufinden, was mit
diesen Mitteln vom Standpunkt eines Reporters aus
getan werden könnte". Stith arbeite eng mit Lany
McDonald, damals Leiter der N&amp;O-Bibliothek zusammen. Die Bibliothek wurde die NachrichtenForschungsabteilung, die unter McDonalds Nachfolgerin, Teresa Leonard, erweitert wurde.
Ein Großteil dieser Neuerungen beim N&amp;O wurde
Ende 1992 eingeführt, als die Zeitung zwei Datenbankexperten einstellte. Dies war der Beginn einer
Umstrukturierung, mit der die Anzahl der Beschäftigten in der Nachrichten-Forschungsabteilung beim
N&amp;O verdoppelt und ihr Budget verdreifacht wurde.
Einer dieser Experten war Dan Woods, der nach
seinem Abschluß in Computerwissenschaften und
mehreren Berufsjahren in der Computerindustrie
seinen Magister in Journalismus erwarb. Woods
erklärt, er habe vielleicht fünf Kollegen mit seinem
Wissen bei anderen Zeitungen gehabt, als er zum
N&amp;O kam. Seinen Schätzungen zufolge gibt es jetzt
rund 20 Datenbank-Zeitungsredakteure.
Woods versorgt N&amp;O-Reporter mit aus der Datenbank entnommenen Informationen, aber die meiste
Zeit verbringt er damit, untereinander verbundene
Datenbanken aufzubauen, zu denen alle Mitarbeiter
Zugang haben. Ein Großteil dieser Arbeit beinhaltet
ihm zufolge die schwierige Aufgabe, Computercodes
zu schreiben und Daten mühselig zu "reinigen", damit
sie in der Nachrichtenzentrale verwendet werden
können.
Die Reporter verlassen sich jedoch nicht nur auf
Woods und seine Mitarbeiter. Jeder in der Nachrichtenzentrale Beschäftigte wird ermutigt, Computerfähigkeiten zu erlernen. Darüber hinaus entschied der
N&amp;O, so Stith, "daß Computeranalysten von Datenbanken nicht auf die 'Forschung' für Geschichten
oder selbst größere Projekte beschränkt sein sollten.
Wir beabsichtigen, von Kostenersparnissen durch
optimalen Betriebszuschnitt zu profitieren.
Wir
werden Datenbanken benutzen, um jeden Tag die
Titelgeschichten zu verfassen oder zu verbessern."

AMERIKA DIENST 22

�Computerfähigkeiten sind freiwillig, aber das Management hat klargestellt, daß denjenigen, die solche
Fähigkeiten erlernen, Ressourcen und Chancen
geboten werden. Um die Mitarbeiter anzuspornen,
gewährt der N&amp;O Mitarbeitern, die einen eigenen PC
kaufen wollen, zinsfreie Kredite. Über 500.000
Dollar wurden bisher an Krediten vergeben. Die
Zeitung hält sich auch bezüglich der Computerfähigkeiten auf dem laufenden: Sie werden in den
Arbeitsbeurteilungen der Mitarbeiter bewertet.
Die meisten Zeitungen haben Computer in den
Nachrichtenzentralen mittels kleiner Reporterteams
eingeführt, die sich für gewöhnlich aus an Forschungsprojekten tätigen Reportern zusammensetzen. Was den N&amp;O unterscheidet, ist das Ausmaß, in dem Computerfähigkeiten bei der täglichen
Berichterstattung zum Einsatz kommen.
"Ich habe nirgendwo dem Raleigh vergleichbare
Bestrebungen gesehen", stellt Philip Meyer fest,
Professor an der University of North Carolina in
Chapel Hill und Pionier des computergestützten
Journalismus. Meyer erklärt, er bevorzuge das
Raleigh-Modell für andere Zeitungen, "aber möglicherweise steht zu dem Preis, den Zeitungen für
gewöhnlich zu zahlen bereit sind, nicht genügend
Talent zur Verfügung."
Dennoch, dies ist ein neues Zeitalter. Viele jüngere
Journalisten besitzen Computerfähigkeiten. Zufällig
ersetzen zahlreiche Nachrichtenzentralen ihre
veralteten Textkorrektursysteme, die im allgemeinen
nicht einmal für die einfachsten Aufgaben eines
Computers verwendet werden können. Und ein
hoher Prozentsatz dieser Zeitungen wird PC-gestützte Systeme einführen, die einen Anreiz für die
Entwicklung neuer Kommunikationsmittel bieten.
Beim N&amp;O ist die routinemäßige Verwendung des
Computers vornehmlich auf die Bestrebungen der
Zeitung zurückzuführen, Datenbanken zu entwickeln
und auf den neuesten Stand zu bringen, die selbst
für Kurznachrichten schnelle Informationen und
einen Kontext liefern können. Das computergestützte Berichterstattungsnetzwerk, genannt CARnet
(Computer-Assisted Reporting Network) beim N&amp;O
enthält beispielsweise elektronische Versionen
mehrerer Telefonverzeichnisse und der Namen von
im öffentlichen Dienst Beschäftigten, wirtschaftlicher
und demographischer Informationen, umfangreicher
Daten über staatliches Eigentum im Bundesstaat und
Landkreis, Steuer- und Geschäftsunterlagen sowie
Informationen über Kraftfahrzeuge. Eine weitere
nützliche Datenbank außer der bereits erwähnten
über Gesetzesvorlagen ist die N&amp;O-Liste von
Spenden für wichtige politische Wahlkampagnen im
Bundesstaat.
Geldmaschine genannt, wird sie

AMERIKA DIENST 22

regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht und
kann nach den Namen der Geldgeber durchforstet
werden.
Außer diesen wichtigen Mitteln gibt es einen weiteren
wesentlichen Unterschied zwischen dem N&amp;O und
anderen Nachrichtenzentralen: Die von ihrer Nachrichtenbibliothek - jetzt Nachrichten-Forschungsabteilung genannt - gespielte zentrale Rolle.
Im Gegensatz zur Nachrichtenzentrale, so Daniels,
kann die Nachrichtenbibliothek ohne ethische oder
pragmatische Konflikte mehreren Herren dienen. Sie
kann beispielsweise zur Einrichtung einer Datenbank
über Gesetze des Bundesstaates beitragen, die
unschätzbar für Reporter ist, und kann diese dann
Datenbank zu einem gewinnbringenden Produkt
machen, das auf dem Markt verkauft wird. Und da
die Einnahmen aus solchen Unternehmen zunehmend zur Finanzierung der digitalen Nachtrichtenzentrale benötigt werden, unterschätzt Daniels die
Bedeutung eines solchen Unternehmens nicht.
Teresa Leonard vom N&amp;O erklärt, die Ressourcen
zur Einrichtung von Datenbanken seien ein Hauptvorteil der Erweiterung der Nachrichten-Forschungsabteilung. "Dank der Datenbank konnten wir Geschichten schreiben, die wir sonst nicht veröffentlicht
hätten."
Nora Paul, ehemalige Bibliotheksdirektorin beim
Miami Herald und jetzt Direktorin des NachrichtenForschungsprogramms beim Poynter Institute stellt
fest, daß eine Reihe von Nachrichtenzentralen
kooperative Beziehungen zu Reportern, Redakteuren
und Bibliothekaren entwickeln. "Damit die Möglichkeiten von Online-Forschung und computergestützter
Berichterstattung vollständig und erfolgreich ausgeschöpft werden können", erläuterte Paul in einer 1993
gehaltenen Rede, "müssen Bibliothekare meines
Erachtens ihre Rolle definieren und verbessern, und
Bibliothekare und Reporter müssen völlig neue
Beziehungen aufbauen."
Hierzu zählen die Zusammenarbeit mit Reportern und
Herausgebern bei der Auswertung von Datenquellen,
bevor die Geschichten zugeteilt oder definiert wurden,
konkrete Berichterstattung über sekundäre Forschungsquellen, die Ausbildung von Mitarbeitern der
Nachrichtenzentralen in den Bereichen Datenbank
und Online-Dienste, die Aufstellung und Entwicklung
von Datenbanken sowie die Koordination von Informationssystemen in Nachrichtenzentralen. All das
leistet Raleigh, und Paul zufolge sind seine Forschungsoperationen einzigartig.
Eine der durch computergestützten Journalismus
möglich gewordenen großen Veränderungen ist die

Seite 3

�Tatsache, daß Nachrichtenzentralen nicht mehr von
äußeren Informationsquellen abhängig sind. Die
Tage, an denen ein Bericht aut zwei Informationsquellen und einer Presseerklärung basierte, gehören
der Vergangenheit an.
Beispielsweise veröffentlichte der N&amp;O einen Artikel
über Wiederholungstäter, die in Gefängnissen der
Bundesstaaten und Gemeinden einsitzen.
Er
analysiert dem Redaktionsmitglied von Metro, Steve
Riley, zufolge, "wieviele Straffällige mehr als 10 Mal
das System durchliefen. Wir fanden 185. Es gab
keine andere Möglichkeit, diese Menschen aufzuspüren. Früher schrieb man so einen Bericht, indem
man mit jemandem im Gefängnis sprach. Jetzt
findet man sie selber. Man braucht sich nicht darauf
zu verlassen, daß einem ein anderer die Neuigkeiten
erzählt."
Chefredakteur Daniels ist davon überzeugt, daß
Nachrichtenzentralen in der Lage sein müssen,
Neuigkeiten zu definieren, nicht nur eigennützige
Erklärungen derjenigen widerzugeben, die Meinung
zu manipulieren versuchen. Diese Fähigkeit, fügt er
hinzu, wird den Zeitungen helfen, ihre Anziehungskraft als Informationsanbieter in einer Zeit beizubehalten, in der von einer wachsenden Zahl elektronischer Nachrichtendienste unbearbeitete harte
Fakten zur Verfügung gestellt werden.
Die Kommentare von Daniels spiegeln die Arbeit
Philip Meyers von der University of North Carolina
wider, der ausführlich über die Notwendigkeit für
Journalisten schrieb, statistische und damit zusammenhängende sozialwissenschaftliche Fähigkeiten
zu entwickeln. Die traditionelle passive Sucht des
Reporters nach Neuigkeiten muß Meyer zufolge von
Zeitungen abgelöst werden, die sich immer stärker
daran gewöhnen, die Nachrichtentagesordnung
aufzustellen.
"Die alte Ethik der Passivität der Medien ermutigt die
meisten Journalisten, sich zurückzulehnen und der
Regierung oder bestimmten Interessengruppen die
Rolle des Informationsverarbeiters zu überlassen",
erklärt er. "Es ist für die Medien gefährlich, die
Informationsentwicklung den Interessengruppen zu
überlassen, auch wenn sie im Interesse der Öffentlichkeit handeln."
Tom Koch, Autor und Berater, beobachtet, wie die
Technologie die traditionellen Beziehungen zwischen
dem Journalisten und seiner Quelle und letztlich
auch die Natur des Journalismus verändert.
"Online-Datentechnologien verleihen Schriftstellern
und Journalisten mehr Befugnisse, indem sie sie mit
gleichwertigen oder sogar mehr Informationen ver-

Seite 4

sorgen, als sie der Privatperson oder dem Vertreter
der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, die sie
interviewen sollen", schrieb er 1991 in seinem Buch
Journalism forthe 21 st Century: Online Information, Electronic Databases and the News (Journalismus für das 21. Jahrhundert: Online-Informationen,
elektronische Datenbanken und die Nachrichten).
"Die Auswirkungen dieser erhöhten Befugnisse
werden schließlich zu einer Neudefinition der Art von
Nachrichtenpräsentation ... und der Information der
Öffentlichkeit allgemein führen", stellte er fest.
Wenn digitalisierte Technologien zu einer Veränderung des Journalismus in Nachrichtenzentralen
beitragen, scheinen sie auch eine Rolle bei der
Besetzung dieser Zentralen mit Mitarbeitern zu
spielen. Der Grund dafür ist, daß der Journalismus
zu einem Teamsport wird.
Historisch gesehen sollten Journalisten Meyer zufolge
unabhängige und oftmals isolierte Beobachter sein,
die nichts mit den Auswirkungen ihrer Arbeit zu tun
hatten. Sie hatten wenig Kontakt mit den Gemeinden, über die sie berichteten. Sie hatten viele
Freiheiten, aber nicht viel Geld. "Daher drängte die
Wirtschaftlichkeit des Zeitungsgeschäfts den Journalisten in die charakteristische moralische Typologie:
Den einsamen Helden, der wie der archetypische
Cowbow im Film von Markt zu Markt reitet und die
Lanze für den einfachen Mann und gegen die Reichen und Mächtigen bricht", äußerte Meyer 1990 in
einer Rede.
Dieses Profil widerspricht jedoch den neuen Informationstechnologien, so Meyer.
Computergestützte
Berichterstattung erfordert Teamgeist. "Die neuen
Medien sind Teamprodukte. Und es gibt immer
weniger Raum für den einsamen Helden oder den
Reporter als Cowboy-Figur."
Insbesondere Multimedia-Projekte erfordern Anstrengungen des Teams. N&amp;O machte seinen ersten
Ausflug in dieses unerforschte Gebiet im Sommer
vergangenen Jahres mit einer viermonatigen Serie
unter dem Namen "North Carolina Discoveries". Die
Serie, die sich auf Themen des Bundesstaates
konzentrierte, wurde in der Zeitung veröffentlicht, im
Radio und Fernsehen gesendet und über NandO,
den Online-Dienst der Zeitung ins Internet geladen.
Diese konzertierte Aktion beinhaltete eine Vielzahl
von Interviews für die verschiedenen Formate. Die
teilnehmenden Fernsehstationen führten ihre eigenen
Interviews, während N&amp;O die Aufnahmen machte und
sein eigenes Tonmaterial sammelte. Diese wurden
für die Multimedia-Bestrebungen N&amp;Os auf dem

AMERIKA DIENST 22

�NandO genutzt. Ferner bediente sich die Zeitung
des Tonmaterials bei ihrem Audiotex-Informationsdienst.
Die N&amp;O-Reporterin Julie Ann Powers weist darauf
hin, daß der herkömmliche Zeitungsreporter nicht
über die erforderlichen Fähigkeiten im Rundfunkbereich verfügt. "Von Beginn dieses Prozesses an war
die Berichterstattung anders", erklärt sie. "Ich mußte
in den Kategorien Ton und Bild denken sowie daran,
ob sie einen Zeitungsbericht in voller Länge unterstützen würden." Der Ton, der in den Printmedien
keinen Faktor darstellt, ist ihr zufolge ein neues
bedeutendes Anliegen. Dasselbe gilt für die Notwendigkeit, im Radio und in gewissem Umfang in
den Printmedien den Mangel an visuellen Elementen
auszugleichen. Sie mußte die Fragen so formulieren, daß die Antwort eine Form annimmt, die für Aufnahmen angemessen ist, während der traditionelle
Interviewstil eher einem Gespräch gleicht.
Ben Estes, dem für Nachrichten aus dem Bundesstaat zuständigen Redakteur von N&amp;O, zufolge
stellte diese Serie eine "wertvolle Erfahrung" dar und
war eine Art Probelauf. "Ich halte das in vielerlei
Hinsicht für ein Experiment, das uns auf Kommendes vorbereitet", so Estes. "Am Ende möchte ich in
der Lage sein, mit allen Nachrichten so zu verfahren."
Ferner bezeichnet er die Koordination aller Elemente
der Serie früher als schwierig und äußerst zeitaufwendig. "Dagegen schriebt Julie jetzt einen Bericht
in einer statt in fünf Wochen, und ich redigiere eine
Geschichte pro Woche."
Obwohl Multimedia-Bestrebungen neue Fähigkeiten
und Ansätze bei der Berichterstattung erfordern
könnten, sind die weitreichendsten Auswirkungen
digitalisierter Information wahrscheinlich auf die
Interaktivität zurückzuführen. Leser sprechen im
Cyberspace. Sie werden sofort zu Kritikern, zur
Schallmuschel und leicht erreichbaren Quelle.
Raleighs NandO entwickelt neue Dienste für die
Interaktion mit der Öffentlichkeit. Beispielsweise
haben die Mitarbeiter von NandO ein NandO-Land
für Kinder geschaffen und den örtlichen Schulen
kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieser Service
wird Lehrer und Schüler gleichermaßen an die Welt
der Online-Dienst gewöhnen und N&amp;O eine bessere
Idee davon geben, wie an eine Generation appelliert
wird, die immer weniger Interesse am Zeitungslesen
hat.
Bruce Siceloff ist Online-Redakteur im Nachrichtenzentrum und bemüht sich mit den Mitarbeitern von
N&amp;O unter anderem darum, täglich eine digitalisierte

AMERIKA DIENST 22

Ausgabe der Tageszeitung herauszugeben. OnlineJournalismus und Interaktivität sind für die Zeitung
etwas Neues, so Siceloff. Und obwohl er die Mitarbeiter im Nachrichtenzentrum davor warnt, "in
anderen Medien zu träumen", räumt er ein, daß diese
Evolution eine größere Vertrautheit der Mitarbeiter mit
Online-Instrumenten erfordert, insbesondere dem
Internet und seinen immer wirkungsvoller werdenden
Software-Hilfen.
Eine andere Art, Nachrichtenzentralen in der Welt der
Online-Dienste zu "engagieren", wird durch die
Teilnahme an der beidseitigen Kommunikation mit
den Lesern erfolgen. Eine solche Interaktion ist
Hauptgegenstand des Online-Lebens, aber die
Zeitungsjournalisten sind im allgemeinen nicht an die
sondierenden, ständigen Online-Gespräche gewöhnt,
mit denen das Cyberspace erfüllt ist. Siceloff und
seine Kollegen in anderen Zeitungen sind der Ansicht, daß diese Interaktivität große Auswirkungen auf
den Berufsstand haben wird.
Wenn die Wahlen von 1990 ein wichtiger Faktor
dabei waren, das Interesse von N&amp;O am Einsatz von
Technologie zur Unterstützung seiner Berichterstattung zu erhöhen, könnte man fairerweise behaupten,
daß die Wahlen von 1994 ein ebenso starkes Mandat
für den Einsatz neuer Informationswerkzeuge schufen, um besser mit einer entfremdeten Wählerschaft
kommunizieren zu können.
Die Wahlen zeigten, wie unzufrieden und abgeschitten sich die Wähler fühlen, und die Zeitung möchte
im Geiste des "öffentlichen Journalismus" die Beteiligung der Öffentlichkeit am Wahlprozeß fördern.
Siceloff zufolge will der N&amp;O sich in künftigen Wahlkämpfen seiner Online-Werkzeuge bedienen, um die
Kommunikation zwischen den Wählern, der Regierung und der Presse zu fördern. Neben interaktiven
Diskussionen versorgt das Papier die Wähler mit
Online-Daten über Kandidaten und Themen und hilft
ihnen bei ihrer eigenen Online-Suche nach zusätzlichen Informationen.
Solche Bestrebungen beinhalten Material über das
World Wide Web von Internet, das den Einsatz von
Tonmaterial, Fotos und Graphiken, Video, Texten und
E-mail-Diensten gestattet.
Dies ist eine große
Verbesserung gegenüber den anfänglichen NandOAngeboten von Internet, die auf die rein textgebundene elektronische Version der N&amp;O-Tageszeigung
sowie eine Vielzahl von Bulletin Board-Diensten
beschränkt waren.
Auf dem sogenannten Web stellt N&amp;O jetzt eine
beeindruckende Reihe von Multimedia-Inhalten vor
(die Web-Adresse von N&amp;O lautet "http://www.nando.net"). Zu den Online-Inhalten gehören verschie-

Seite 5

�dene Zeitungsprojekte wie die 16teilige "North
Carolina Discoveries"-Serie; die NandO Times, eine
tägliche elektronische Version der Zeitung; der
NandO Entertainment Server mit Informationen über
Filme, Konzerte und andere Veranstaltungen; ein
User's Guide to the Triangle (Führer mit Informationen über die Region um Raleigh, Durham und
Chapel Hill).
Die Produkte von N&amp;O stehen nicht in direktem
Zusammenhang zu der Zeitung. Informationsdienste
über Sportveranstaltungen stehen zur Verfügung.
Es wird ein "Music Kitchen" genannter Dienst angeboten, der Texte, Bilder und Tonmaterial verschiedener Rockbands enthält. NandO arbeitet mit einem
Reisebüro zusammen, um Reservierungen für
Flugtickets und gebührenfreien Ticketverkauf über
das Internet anzubieten. Angesichts der weltweiten
Teilnehmerschaft am Internet verschaffen diese
Produkte dem N&amp;O Zugang zu den Konsumenten und eine Einkommensquelle - weit über sein Absatzgebiet hinaus.

* *

Seite 6

Obwohl Internet eine vollkommen andere Einheit als
eine Zeitung ist, sind die neuen Online-Produkte von
NandO eine Ausweitung des dramatischen Wandels,
der in der N&amp;O-Nachrichtenzentrale und seiner
wissenschaftlichen Bibliothek stattfindet.
"Wenn man einmal digitale Informationen geschaffen
hat, kann man damit alles mögliche anfangen", so
Chefredakteur Daniels. "Und wenn man einmal die
Infrastruktur dafür schafft - und dabei nicht knauserig
ist - kann man damit weit mehr aufrechterhalten als
nur eine Nachrichtenabteilung."
Daniels' systematischer Ansatz enthält eine Unterscheidung zwischen dem N&amp;O und anderen Zeitungen. "In fast allen anderen Nachrichtenzentralen des
Landes wird Gutes geleistet, aber es gibt keine
Synergie", so Daniels. "Sie helfen ihren Zeitungen
nicht bei der Weiterentwicklung, und genau darum
dreht sich doch alles: Wie hilft man dem Unternehmen bei seiner Entwicklung?"

*

*

AMERIKA DIENST 22

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12454">
                <text>05.07.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12455">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12456">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12457">
                <text>Amerikadienst 05.07.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12458">
                <text>&lt;strong&gt;1. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Vereinte Nationen müssen im Sinne der Gründerväter reformiert werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO/OSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO versus OSZE - Welche Organisation kann einen größeren Beitrag für die Sicherheit Europas leisten?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Gemeinsame Erfahrungen und neue Wege der Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. 4.Juli&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Clinton fordert die Amerikaner auf, an den Gründungsprinzipien festzuhalten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Vereinigten Staaten feiern ihre Unabhängigkeit&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Die Feierlichkeiten und ihr Ursprung&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Literatur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dichtung und Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Earle&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die digitalisierte Nachrichtenzentrale&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Philip Moeller&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2410" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2421">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/f92526bc234c4b863d85b70cb1b79a4e.pdf</src>
        <authentication>8b72adb823a6ddbe9f840e8db1cab1cc</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12465">
                    <text>^ü? 7 ^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

17. Juli 1995

MEDIEN IN DEN USA

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN AMERIKA
von Stephen Bates

DER VIERTE STAND RECHTE UND PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz

DIE NACHRICHTENMEDIEN:
WIE GROSS IST IHR EINFLUSS?
von John Herbers

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood

DIE ROLLE FREIER MEDIEN IN
DER DEMOKRATIE
Rede Shattucks bei KSZE-Seminar

FAX, CD-ROM, ONLINE-DIENSTE
UND ZEITUNGEN
von Tony Case

DIE DIGITALISIERTE
NACHRICHTENZENTRALE
von Philip Moellers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�MEDIEN
17. März 1993

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN AMERIKA
von Stephen Bates
Der Verfasser des nachstehenden Beitrags würdigt die 300jährige Tradition des amerikanischen Zeitungswesens und beschreibt einige der Probleme, denen sich die frühe amerikanische Presse ausgesetzt sah, die heute
von der Verfassung geschützt ist. Der Artikel gehört zu einer Serie von Beiträgen über die US-Medien, die wir
künftig in unregelmäßiger Folge veröffentlichen werden.
Stephen Bates ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim American Enterprise Institute und Autor von If No News,
Send Rumors: Anecdotes of American Journalism.
Der Artikel darf in ungekürzter Form mit folgendem Zusatz nachgedruckt werden: Nachdruck mit Genehmigung
von The American Enterprise. Copyright (c) American Enterprise Institute for Public Policy Research.
Die amerikanische Presse entstand vor dreihundert
Jahren. Publick Occurrences Both Forreign and
Dornest ick kam am 25. September 1690 in Boston auf
den Markt. Obwohl die Zeitung von Benjamin Harris
nicht mit heutigen zu vergleichen ist - sie wies weder
Schlagzeilen noch Illustrationen auf und umfaßte lediglich drei kurze Seiten von 18 mal 28 Zentimetern gibt es doch eine tiefergehende Kontinuität.

Grund anzunehmen, daß der Vater über seine Beziehung zur Frau des Sohnes gelogen hat". Etwa 250
Jahre später bezeichnete ein Joumalismushistoriker
diese Nachricht keusch als "Skandal, (der) den französischen König und seine Schwiegertochter betraf.
Was um 1690 akzeptabel gewesen war, war für die
vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu schlüpfrig
geworden.

Die Nachrichten, über die 1690 berichtet wurde, wären
auch dem Zeitungsleser von 1990 geläufig. Die erste
Nummer von Publick Occurrences enthielt Lokalnachrichten (die Pocken hatten "stark nachgelassen",
aber "Fieber und Schüttelfrost" nahmen zu), einen
Tadel der Regierungspolitik (die indianischen Verbündeten Großbritanniens benahmen sich "auf eine Art
und Weise, die für jeden Engländer zu barbarisch ist"),
einen detaillierten Bericht über einen Selbstmord (ein
Witwer, der seit dem Tod seiner Frau "still und grämlich" gewesen war, wurde "an einem Seil hängend, das
man zum Anbinden von Kälbern benutzt hatte", gefunden) und eine Spur von Gewalt (ein Hauptmann hatte
zwei Indianern "die Gesichter zerschnitten und die
Bäuche aufgeschlitzt"). Auch einige nationale und
internationale Nachrichten erschienen, die ohne Quellenangabe von britischen Zeitungen abgeschrieben
waren - eine Praxis, die einen Londoner Verleger
veranlaßte, Harris als "Plagiator und Pressepiraten" zu
bezeichnen.

Eine andere Zeitung aus der Kolonialzert wollte ein
solch breites internationales Nachrichtenspektrum
abdecken wie die New York Times von heute. John
Campbeils zwei Seiten umfassendes Wochenblatt
Boston News-Letter kündigte an, es wolle alle aus
Europa eingehenden Nachrichten vollständig und in
der Reihenfolge ihres Eingangs abdrucken. Die Nachrichten sprengten schon bald den vorgesehenen
Rahmen, aber Campbell weigerte sich, seinen ehrgeizigen Plan zu modifizieren. Als der News-Letter im
Jahr 1718 den europäischen Nachrichten über ein Jahr
hinterherhinkte, erweiterte Campbell widerwillig den
Umfang der Zeitung, um dies wettzumachen.

Die Verleger der Kolonialzeit versuchten ebenso hartnäckig wie die Graphiker von USA Today (eine besonders graphikorientierte amerikanische Tageszeitung),
ihre Produkte attraktiv zu gestalten. Die ersten Zeitungen waren teuer (Männer machten sie bisweilen ihrer
Angebeteten zum Geschenk), und einzelne Exemplare wurden von Leser zu Leser weitergegeben. Einige
Ein Beitrag aus Publick Occurrences würde hervor- Verleger waren so aufmerksam, daß sie bei jeder
ragend in den National Enquirer passen, ein amerika- Ausgabe eine Seite frei ließen, damit der Abonnent
nisches Massenblatt von heute. Der Sohn des Königs persönliche Nachrichten niederschrefoen konnte, bevor
von Frankreich, so die Zeitung, "hat kürzlich gegen ihn er sie Freunden zusandte.
revoltiert und hat - falls die Berichte zutreffen - allen
AMERIKA DIENST

Seite 1

�Viele der frühen Zeitungen erzielten nie Gewinne. Um
ein Auskommen zu haben, fungierte John Campbell
gleichzeitig als Leiter eines Postamts. Dasselbe galt
für den Verleger der Pennsylvania Gazette, Benjamin Franklin, der gerissen andere Zeitungen von der
Postverteilung in Philadelphia ausschloß. Benjamin
Harris betrieb weiterhin ein Kaffeehaus und ein Buchgeschäft. Einige Verleger verkauften nebenher Textilien.

mann Benjamin Franklin schrieb, daß nahezu alles
Veröffentlichte "einige und vielleicht zu viele beleidigen
wird", und deshalb machten sich die Herausgeber bald
"eine Gleichgültigkeit gegenüber Richtigkeit oder Falschheit der in ihren Druckerzeugnissen enthaltenen Meinungen zu eigen". Wo Franklin den Journalisten riet,
Kritik zu ignorieren, forderte John Adams, der später
der zweite Präsident der Vereinigten Staaten wurde,
dazu auf, sie zu genießen. In einem Brief an die
Boston Gazette schrieb Adams, die von den "MachtNahezu alle Verleger stellten ihre Druckpressen gegen gierigen" gegen die Zeitung vorgebrachten "abgedroBezahlung für religiöse Traktate, Almanachs, Flug- schenen, unverschämten Vorwürfe von Rufmord und
blätter, Geschäftsformulare und Druckschriften zur Volksverhetzung" bedeuteten "für uns um so mehr
Verfügung. Die Auftragsarbeiten konnten zu Konflik- eine Ehre". Die Haltung von Adams lebt fort: Morton
ten führen wenn, was häufig der Fall war, die Regie- Kondracke von The New Republic betrachtet es als
rung der wichtigste Kunde war. Nachdem die Boston eine seiner größten Leistungen, daß er vom Weißen
Gazette im Jahr 1757 religiöse Gefühle verletzt hatte, Haus unter Nixon auf die Liste von Gegnern gesetzt
teilten die "selectmen" (Stadtratsabgeordneten) der wurde.
Stadt ihrem Verleger mit, "wenn Sie weiterhin Dinge
dieser Art abdrucken, dürfen Sie keine weiteren Vortei- Mit Zunahme der Spannungen zwischen Briten und
le mehr von uns erwarten". Der Verleger versprach, Kolonisten lernten die Herausgeber mehrere Lektiovorsichtiger zu sein.
nen, die auch später noch Bestand hatten. Sie entdeckten, daß sie Bedrohungen ihrer Profite, wie das
Aufstieg und Fall des Wettbewerbs
Stempelgesetz, als Bedrohungen von Grundfreiheiten
aller Menschen darstellen konnten. In ihren FußstapDie verwundbarsten Zeitungen waren die, die lokale
fen haben Verleger des zwanzigsten Jahrhunderts
Konkurrenten hatten. 1721 versuchten Freunde, James
bisweilen behauptet, der erste Zusatz zur amerikaniFranklin (Bens älteren Bruder) davon zu überzeugen,
schen Verfassung befreie sie von der Pflicht, Steudaß die Gründung einer Zeitung eine Torheit sei.
er-, Kartell- und Arbeitsgesetze sowie BebauungspläCampbeils Boston News-Letter, so behaupteten sie, ne einzuhalten. Die Zeitungsverleger der Kolonialzeit
habe den Markt gesättigt - einen ansehnlichen Markt, erlebten, wie die Auflagen explodierten: Die des
da der News-Letter damals die einzige Zeitung in den Connecticut Courant erreichte 8.000 im Jahr 1781,
amerikanischen Kolonien war. Franklin ignorierte den was mehr war als die Auflage der meisten Londoner
Rat, und sein New-England Courant bestand fünf Zeitungen. Die Herausgeber entdeckten, daß sich
Jahre.
Zeitungen mit schlechten Nachrichten am besten
Mit wachsendem Konkurrenzdruck entstanden Hun- verkaufen lassen. Damals wie heute gilt, was der
derte von Zeitungen, und durch Zusammenschlüsse Journalist Walter Lippmann einmal trocken folgenderkam es zu Namensänderungen und Schließungen. maßen formulierte: "Krieg ist sensationeller als FrieThe American Minerva wurde 1793 in New York den."
gegründet. Im Jahr 1797 wurde die Zeitung in Commercial Advertlser umbenannt, 1904 in The Globe, Die Pioniere der Presse unterhielten komplexe Bezie1923 in The Sun and The Globe, 1950 in New York hungen zur Regierung. Bezeichnend hierfür ist der Fall
World-Telegram/The Sun und 1966 in World Jour- von Benjamin Harris. Er plante, seine Publick Occurnal Tribuns. 1967 stellte World Journal Tribüne, rences "einmal im Monat (oder häufiger, wenn eine
das eine Fortsetzung von 38 verschiedenen Zeitungen Vielzahl von Ereignissen stattfindet") zu veröffentlidarstellte, das Erscheinen vollständig und ohne Nach- chen. Als die erste Ausgabe erschien, ordnete der
königliche Gouverneur jedoch die dauernde Einstelfolger ein.
lung der Zeitung an, weil Harris die Einholung der
So viele Zeitungen wurden eingestellt oder schlössen erforderlichen Genehmigungen versäumt hatte.
sich mit anderen zusammen, daß heute weniger als 20
Städte konkurrierende Tageszeitungen haben, nach- Harris hatte sich schon früher staatlichen Anordnundem es vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch gen widersetzt. In London war er bereits mehrmals
nahezu 700 gegeben hatte. Die Zeitungsindustrie festgenommen, an den Pranger gestellt und wegen
erzielt Gewinne von 20 Prozent vor Steuern - nahezu Veröffentlichung aufrührerischer Schriften inhaftiert
doppelt soviel wie die amerikanische Fertigungsindu- worden. Wenn er jemals Gedanken gehegt haben
strie -, und einige Zeitungen erreichen sogar 40 Pro- mag, die Einstellungsverfügung für Publick Occurrences zu mißachten, so gab er sie jedoch bald auf.
zent.
Die königlichen Behörden vergaben einen Druckauftrag
an ihn, der wesentlich höhere Gewinne versprach
Die Zeitungen der Kolonialzeit wurden häufig kritisiert,
als
die
Zeitung. Harris' Karriere im amerikanischen
und schon bald fanden die Herausgeber MöglichkeiJournalismus
fand ein abruptes Ende.
ten, die Kritik abzubiegen. Der amerikanische StaatsSeite 2

AMERIKA DIENST

�Mit immer selteneren Ausnahmen müssen sich die
Verleger von heute kaum Sorgen über Einstellungsverfügungen machen. Statt dessen sorgen sie sich um
mögliche Beschränkungen der Zigarettenreklame,
Steuern auf den Verkauf von Einzelexemplaren, Begrenzung der Aufstellung von Zeitungsautomaten auf
bestimmte Gebiete, Arbeitsschutzbestimmungen für
die Benutzung von Computermonitoren sowie Gesetze, die den Zeitungen die Benutzung von Altpapier
vorschreiben. Auf nahezu alle diese Bedrohungen
reagieren die Verleger mit der Berufung auf den ersten
Verfassungszusatz und, wenn dies nutzlos ist, mit
Lobbyismus, Einflußnahme und "Arbeit mit der Regierung" • wie der Titel einer Präsentation bei der Messe
der Vereinigung amerikanischer Zeitungsverleger im
Jahr 1990 lautete.

fahrlässiger Verursachung seelischen Leides verklagt,
weil die Zeitung eine falsche Lotterienummer veröffentlicht hatte, die Manuel Hernandez kurze Zeit und
fälschlich zu der Annahme veranlaßte, er habe 11
Millionen Dollar gewonnen. Endlose Marktanalysen
ergeben, daß "Bugs Bunny" bei Lesern zwischen 18
und 49 Jahren die beliebteste Zeichentrickfigur ist,
während 6-17jährige "Garfiekf bevorzugen. Und die
kalifornische Zeitung Orange County Register setzte
einen Reporter auf ein Gebiet an, an das Benjamin
Harris noch nicht gedacht hatte: Einkaufszentren.

Die Erstausgabe von Publick Occurrences gab an,
sie werde "die Umstände öffentlicher Angelegenheiten" und "denkwürdige Vorfälle göttlicher Vorsehung"
aufzeichnen. In den Tagen von AIDS ist dies nicht
minder als in den Tagen von Schüttelfrost eine treffenEinige Aspekte des Journalismus der neunziger Jahre de Beschreibung des Auftrags der Presse. Nach 300
haben keine kolonialen Wurzeln. Der kalifornische Jahren lebt das Vermächtnis der verkürzten Karriere
Ventura County Star - Free Press wurde wegen von Benjamin Harris fort.
• *

AMERIKA DIENST

* *

Seite 3

�MEDIEN
24. März 1993

DER VIERTE STAND - RECHTE UND PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook
Die Unabhängigkeit der Presse von der Regierung ist das grundlegendste ethische Dogma des Journalismus
in den Vereinigten Staaten, so der Autor des vorliegenden Artikels. Obwohl eine freie Presse die Regierung
bisweilen in Verlegenheit bringe, sei sie einzig und allein ihren Lesern verantwortlich.
Robert H. Estabrook, ehemaliger Auslandsreporter von The Washington Post, ist Redakteur und Verleger im
Ruhestand von The Lakeville Journal, einer wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung im Nordwesten Connecticuts. 1987 reiste er nach Indien und nahm an dem indisch-amerikanischen Workshop über kleine und
mittelgroße Zeitungen teil.

Der erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung enthält den oft zitierten Satz:" Der Kongreß darf
kein Gesetz erlassen, das... die Rede- oder Pressefreiheit ...einschränkt." Aus diesem in der Bill of Rights
enthaltenem Gebot leitet sich das ab, was ich als das
vielleicht grundlegendste ethische Dogma des Journalismus in den Vereinigten Staaten betrachte: "Die
Presse ist von der Regierung unabhängig."

Presse ist ihren Lesern - und nur ihnen - verantwortlich.
Sie kann nicht Sklave oder Lakai der Regierung sein.

Unabhängigkeit ist das Herzstück jeder Erklärung über
die ethischen Prinzipien, die das Verhalten der Presse
respektieren. Zeitungsverleger können sich entscheiden, eine bestimmte Partei oder Interessengruppe zu
unterstützen, aber in den Vereinigten Staaten ist eine
steigende Zahl von Zeitschriften und Magazinen unabDie Gründerväter der damals noch in den Kinderschu- hängig von Partei oder Regierung. Das bedeutet nicht,
hen steckenden Nation waren argwöhnisch gegen- daß sie nicht eine bestimmte Partei oder einen beüber der Tendenz der Regierung - selbst wenn sie die stimmten Kandidaten den anderen vorziehen, aber sie
besten Absichten hatte - , bisweilen zum Tyrann zu schulden ihnen keine Loyalität, und ihre Unterstützung
werden. Regierungen setzen sich aus Menschen ist die Praktizierung ihrer Unabhängigkeit. Es handelt
zusammen, und Menschen können Fehler machen sich von Seiten des Verlegers und der Herausgeber
und tun dies auch. Aus diesem Grund stellten sich die um eine freie Entscheidung.
Verfasser des ersten Verfassungszusatzes die Presse, trotz all ihrer Mängel, als eine Art Sozialkritiker vor, Hieraus folgt, daß eine unabhängige Presse diese
der eine gesonderte, von der Regierung getrennte Rolle in Ehren halten sollte, indem sie jeder Art von
Druckausübung widersteht - von Seiten der KommuRolle spielt.
nal-und der Bundesregierung, von Interessengruppen
Journalisten legen bei der Verfolgung nationaler Inter- in der Gemeinde, mächtigen Einzelpersonen und
essen ebensoviel Patriotismus an den Tag wie jeder Werbefachleuten. Das ist ein hehrer Maßstab, und
andere, und nichts in der Bill of Rights deutet darauf bisweilen ist es in einer kleinen Gemeinde schwieriger
hin, daß die Zeitungen und die Regierung nicht gele- als in einer größeren, sich daran zu orientieren. Es
gentlich zusammenarbeiten könnten. Aber es war die mag für eine große und ausreichend mit finanziellen
klare Absicht der Gründerväter, daß die Presse und Mitteln ausgestattete Zeitung relativ leicht sein, das
die Regierung nicht zusammen im Bett liegen sollten. Mißfallen einer Interessengruppe oder von Vertretern
Sie sind natürliche Gegner mit unterschiedlichen aus der Werbebranche zu riskieren; eine kleine ZeiFunktionen und jeder muß die Rolle des anderen tung jedoch, bei der die Unterstützung eines solchen
respektieren. Manchmal kann eine freie Presse für Werbeagenten oder Interessenvertreters direkte Auseine Regierung entschieden ein Ärgernis darstellen wirkung auf die Finanzlage hat, braucht Mut, um
oder sie in Verlegenheit bringen, aber das ist der Preis, diesem Druck zu widerstehen. Einige Zeitungen brinder für die Freiheit gezahlt werden muß. Eine freie gen mehr Mut auf als andere, aber die Respektierung

AMERIKA DIENST

Seite 1

�dieses Prinzips ist eine der Pflichten, die die Presse
aufgrund der ihr von der Verfassung zugewiesenen
Sonderrolle hat. Die Weigerung, sich von irgend
jemandem einschüchtern zu lassen, sollte das Kennzeichen des Berufs eines Journalisten sein.
Hieraus leitet sich auch ab, daß eine Zeitung und ihre
Mitarbeiter bei ihren eigenen Aktivitäten ein Beispiel
für Unabhängigkeit geben. Sie sollten nicht nur de
facto, sondern • wie die Briten von der Justiz sagen sichtbar unabhängig sein. Eine Zeitung, die ihre
Freunde mit erfundenen Sensationsgeschichten oder
schmeichlerischen Leitartikeln belohnt, wird binnen
kurzem nicht mehr ernstgenommen. Ene Zeitung,
deren Reporter auch auf der Gehaltsliste von Interessengruppen stehen, die Gratisreisen oder großzügige
Geschenke annehmen, wirkt mit ihrer Kritik an der
Korruption oder anderen unmoralischen Praktiken in
der Regierung nicht glaubwürdig.
Manchmal versuchen Zeitungen die Entgegennahme
von Geschenken oder Dienstleistungen zu rechtfertigen. Es wird das Argument angeführt, ein gewissenhafter Reporter werde sich wohl kaum mit einer Einladung zum Essen, einer Eintrittskarte für eine Sportveranstaltung oder einer Theaterkarte bestechen lassen.
Das ist vielleicht richtig, aber auch der Schein ist von
Bedeutung. Ich kenne eine Zeitung, die jedes Gratisangebot, jedes Reiseangebot und jedes Geschenk mit
dem Argument annimmt, daß sie durch die Annahme
jedes Angebots unbestechlich wirke. Ich bin anderer
Ansicht, und ich habe den Verdacht, daß das auch für
einige Zeitungsleser gilt: Zeitungen sollten selbst für
ihre Ausgaben aufkommen.
Ich gebe zu, daß es für die Journalisten in kleinen
Gemeinden manchmal schwierig erscheint, vollkommen unabhängig zu bleiben. Sie werden gedrängt,
Wohltätigkeitsorganisationen, Clubs, geschäftlichen
Vereinigungen oder sogar der Kommunalregierung
beizutreten. Daraus können häufig Interessenkonflikte entstehen. Man kann von Journalisten nicht erwarten, daß sie sich wie Mönche von der Gesellschaft
absondern. Aber sie können auch nicht gleichzeitig
zwei Herren dienen, die unterschiedliche Interessen
verfolgen. Ein gewissenhafter Herausgeber oder
Reporter wird sich zumindest der Konflikte bewußt und
setzt seine beruflichen Pflichten an erste Stelle. Es
überrascht daher nicht, wenn ein unabhängiger Journalist sehr einsam ist und in der Gemeinde, in der er
tätig ist, nur wenige oder keine engen Freunde hat.
Manchmal sind seine besten Freunde zwangsläufig
ebenfalls Journalisten. Aber das ist ein Preis, den er
für die von ihm gewählte Karriere und Herausforderung zahlen muß.
Welche besonderen Pflichten geht die Presse ihrerseits als Gegenleistung für den besonderen Schutz
ihrer Pressefreiheit ein? Keine explizit formulierten.
Eine Zeitung genießt das Recht, reißerisch oder parteiisch oder unaufrichtig oder bigott zu sein oder was

Seite 2

auch immer ihr Gewissen zuläßt. Und obwohl Zeitungen unter die Gesetze zu Verrat, Volksverhetzung und
Verleumdung fallen, legen sie doch in großem Umfang
selber fest, welches ihre Pflichten sind. Die innewohnende Idee ist, daß aus dem Zusammenprall der von
der freien Presse präsentierten Meinungen und Ideen
letztlich etwas entsteht, das der Wahrheit nahekommt.
Schon John MiKon schrieb in seiner Aeropagrtica.
selbst wenn die Winde der Doktrin frei wehen dürften,
so müsse die Wahrheit auf der Erde vorherrschen, und
ihre Kraft dürfe nicht durch Verordnungen und Verbote
angezweifelt werden. Wer hätte - ihm zufolge • je
erlebt, daß bei einer fairen und offenen Gegenüberstellung von Wahrheit und Lüge die Wahrheit den
Kürzeren zog?
Als philosophische Doktrin mag das zwar beeindrukkend sein, aber Sie wissen ebensogut wie ich, daß das
in der Praxis nicht immer so funktioniert. Die Wahrheit
erscheint manchmal nur, wenn jemand sie ausgräbt,
und es gibt keine patentierte Version der Wahrheit. In
einer Gemeinschaft, in der nur eine Zeitung überlebt und das ist in den Vereinigten Staaten zunehmend der
Fall - wird der Leser nur dann mit unterschiedlichen
Meinungen konfrontiert, wenn die Zeitung beschließt,
sie vorzustellen. Radio und Femsehen sind nicht
immer ein wirksamer Ersatz.
Das ist jedoch kein so großes Unglück, wie es früher
den Anschein gehabt hätte, da die amerikanischen
Journalisten in zunehmendem Maße einen Sinn für
professionelles Verhalten entwickeln. Hierzu gehört
die Anerkennung der Bedeutung fairer und ausgewogener Berichterstattung, in der die dargelegten Ansichten sich von denen des Berichterstatters, der
Zeitung oder eines Regierungsvertreters unterscheiden und trotzdem akkurat vorgestellt werden. Tatsächlich ist einer der besten Beweise für professionellen Journalismus die Fähigkeit, objektiv über jemanden oder etwas zu berichten, mit dem der Berichterstatter oder die Zeitung überhaupt nicht übereinstimmen.
Es gibt heutzutage in den Vereinigten Staaten kaum
eine Zeitung, die nicht bewußt ihre eigene Meinung
von einer objektiven Darstellung der Tatsachen trennt.
Nachrichten und Analysen werden im Nachrichtenteil
präsentiert, und ihre Herkunft und Quelle wird möglichst angegeben. Die von der Zeitung vertretene
Meinung wird auf der Seite mit dem Leitartikel dargestellt, auf der auch Beiträge von freien Journalisten
oder von Mitarbeitern der Zeitung abgedruckt werden
können.
Amerikanische Zeitungen sind sich heutzutage ihrer
Pflicht bewußt, ihre Nachrichtenkolumnen und die
Leitartikelseite für jede Überzeugung zu öffnen. Viele
Zeitungen erhalten viel mehr Leserbriefe als sie veröffentlichen können und müssen deshalb auswählen,
was sie für eine faire Darstellung halten; sie müssen
Verleumdungen vermeiden und auf Anstand und

AMERIKA OIENST

�Angemessenheit achten. Viele Zeitungen beschäftigen eine Art Ombudsman, dessen Aufgabe darin
besteht, als eine Art Anwalt der Öffentlichkeit Beschwerden zuzuhören, Abhilfe zu schaffen und die
Arbeit der Zeitung zu bewerten. Die meisten Zeitungen erkennen auch ihre Pflicht an, Fehler prompt zu
korrigieren, oftmals in einer in jeder Ausgabe an derselben Stelle abgedruckten Spalte.

einzelnen Journalisten heutzutage angeboten werden. Vor einigen Jahren gewann The Washington
Post, mein ehemaliger Arbeitgeber, den Pulitzer Preis
für ihre Berichterstattung über einen achtjährigen
Drogenabhängigen. Die Recherche durch andere
führte zu dem Eingeständnis der Reporterin, Janet
Cooke, daß sie sich die Geschichte ausgedacht hatte,
um eine Situation zu illustrieren. Sie kündigte, und die
Zeitung gab den Preis in großer Verlegenheit zurück.
Natürlich ist es möglich, daß eine Zeitung die höchsten Ich habe keinen Zweifel daran, daß es noch weitere,
ethischen Maßstäbe anlegt und ihr Ruf dennoch durch nicht aufgedeckte fiktive Geschichten gibt. Und selbst
das Verhalten ihrer Mitarbeiter geschädigt wird. Arro- wenn man keine Tatsachen" erfindet, ist es doch
ganz und Mißachtung der Rechte anderer sind der
relativ einfach, sie so zu präsentieren, daß man bei den
sicherste Weg, um das zu erreichen. Zeitungen müssen Preisrichtern großen Eindruck hinterläßt.
sorgfältig ein unerlaubtes Eindringen in das Privatleben derjenigen vermeiden, über die sie berichten. Das Preise sind nicht schlecht, aber die besten sind diejePhoto eines Menschen, der aus einem Gebäude springt nigen, die von Au ßenseitern ohne das Wissen oder die
oder sich in ein Feuer stürzt, mag zwar dramatisch Teilnahme einzelner Journalisten oder Zeitungen verliehen werden. Gewissenhafte Journalisten und Zeisein, aber die Herausgeber sollten lange und eingehend darüber sprechen, ob sie durch seine Veröffent- tungen müssen der Versuchung widerstehen, ihre
lichung die Rechte oder die Würde eines Menschen Geschichte so darzustellen oder zusammenzuschustem, daß sie einem Zweck dient, der nicht in direktem
mißachten. Dient die Veröffentlichung einem vertretbaren Zweck, den die Leser verstehen? Oder wird eine Zusammenhang mit der Nachrichtenübermittlung steht.
Demütigung dazu benutzt, die Neugier anzustacheln?
In meinem eigenen Journalistenkodex gibt es keine
Reporter genießen im Vergleich zu anderen Bürgern weiteren Gebote außer Unabhängigkeit, Nichteinmikeine Sonderrechte. Sie müssen aggressiv nach schung, Objektivität, Fairneß und die Bereitschaft zur
Fehlerkorrektur. Das ist das Erkennen unserer eigeFakten suchen. Eine der wichtigsten Funktionen der
freien Presse besteht in der Tat darin, als Wachhund nen Fehlbarkeit. Journalisten haben von Gott kein
zu dienen. Aber ihre Mitglieder haben keine Entschul- spezielles Mandat erhalten und ein wenig Bescheidenheit steht uns gut an. Manchmal hat die Wahrheit viele
digung für unverschämtes oder unhöfliches Benehmen. Das Femsehen hat viele Nachteile, aber es zeigt Facetten. Niemand hat ein Monopol darauf. Selbst bei
den Zuschauem sehr schnell, ob die an einer Presse- der engagierten Suche nach der Wahrheit werden oft
Fehler begangen, unter denen eventuell Unschuldige
konferenz teilnehmenden Journalisten Arroganz oder
unnötige Schroffheit an den Tag legen. Einige von leiden müssen. Es ist meines Erachtens eine journaihnen scheinen leider zu Schauspielern geworden zu listische Todsünde, daß wir Journalisten vielfach dazu
sein, die ihre Aufgabe darin sehen, für Neuigkeiten zu neigen, uns selbst zu ernst zu nehmen, und daß wir
eine überzogene Vorstellung von der eigenen Bedeusorgen anstatt darüber zu berichten.
tung haben. Daher hätte ich es gerne, wenn über dem
Abgesehen von ihrem charakteristischen Verhaften Schreibtisch jedes Mitarbeiters der Presse der Ratweisen die Zeitungen auch ein Phänomen auf, das ich schlag hinge, den Oliver Cromwell der Vollversammdie "Preisjagd" nenne • die Schilderung einer Begelung der Kirche von Schottland im Jahr 1650 gab: "Ich
benheit entweder durch den Reporter oder aufgrund beschwöre Euch beim Kreuze Gottes, zieht in Beeiner übergeordneten Entscheidung der Zeitungsre- tracht, daß auch Ihr Euch irren könntet."
daktion auf eine Art und Weise, die darauf abzielt,
einen der Preise zu gewinnen, die Zeitungen und

*

AMERIKA DIENST

* * *

*

Seite 3

�MEDIEN
31. März 1993

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz
Die Femsehnachrichten sind dem Verfasser zufolge eine mächtige, muftidimensionale und paradoxe Kraft,
deren Einf lu ß nicht leicht zu messen ist. Der Autor liefert Einzelheiten zu Struktur, Bildersprache und Auswirkung
dieses Phänomens modemer, technisch fortgeschrittener Gesellschaften.
Joshua Meyrowitz ist Professor für Kommunikationsforschung an der Untversity of New Hampshire. Er ist der
Autor des preisgekrönten Buches No Sense of Place: The Impact of Electronic Media on Social Behavior
(Oxford University Press).
Nachdruck und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I. Copyright (c) 1992 Joshua
Meyrowitz.

Seit den frühen sechziger Jahren - als der Anteil der
Haushalte, in denen Fernsehgeräte vorhanden waren,
in diesem Land die 90-Prozentschwelle überschritt erklärten Amerikaner den Interviewern der Roper
Organization, sie bezögen ihre Nachrichten größtenteils aus dem Femsehen, nicht aus Zeitungen, und sie
fänden die Femsehnachrichten am glaubwürdigsten.
An traditionellen Maßstäben gemessen, enthalten die
Nachrichtensendungen des Femsehens jedoch nur
wenige Nachrichten. Das typische 22minütige Script
der Abendnachrichten eines der großen Fernsehsender (ohne die acht Minuten an Werbesendungen)
würde auf der Titelseite der New York Times lediglich
zwei Spalten füllen. Beobachtungen der begrenzten
Menge von den Femsehnachrichten vermittelter "Informationen" sind gemeinsam mit zahllosen Studien,
die zeigen, daß sich die Zuschauer nur schwer an das
erinnern können, was sie in den Nachrichten sehen
und hören als Argument benutzt worden, daß die
angebliche Wirkung des Femsehens nur Einbildung
sei.
Es überrascht jedoch nicht, daß die Macht der Femsehnachrichten durch Methoden verschleiert wird, die
sich aus verbal begründeten Vorstellungen von Nachrichten ergeben. Um die Wirkung der Femsehnachrichten zu begreifen, müssen wir das Femsehen als
besonderes Kommunikationsmedium verstehen, und
wir müssen Femsehnachrichten als charakteristisches
Genre untersuchen.

sich jedoch nicht ohne weiteres durch Untersuchung
des "Nachrichtengehalts", der präsentierten "Datenmenge", des "Verständnisses und Erinnerungsvermögens" des Zuschauers oder der Rolle messen läßt, die
in Nachrichten vermittelte "Informationen" bei der
späteren "Entscheidungsfindung" durch den Zuschauer spielen. Meine These lautet, daß die Wirkung von
Femsehnachrichten nicht eindimensional ist. Femsehnachrichten sind in gewisser Weise eine potente
Kraft des Wandels und andererseits ein mächtiges
Instrument des politischen Status quo. Vor allem
jedoch präsentieren Femsehnachrichten einen anderen Rahmen oder Kontext für die Aufnahme von Ereignissen - einen Kontext, dessen Wirkung durch Prozentzahlen oder Pfeile oder andere Symbole, mit denen
versucht wird, die "Wirkungsrichtung" zu beschreiben,
nicht hinlänglich erfaßt wird.
Ausdrucksformen oder Kommunikation
Einer der eklatantesten Unterschiede zwischen Zeitungs- und Femsehnachrichten ist deren vornehmliche Stützung auf verschiedene Symboltypen: sprachliche "Kommunikation" im Gegensatz zu Bildern und
"Ausdruck".

Zu den Ausdrucksformen gehören Körper- und Gesichtsbewegungen, Gesten sowie stimmliche Merkmale. Ausdruck ist sowohl direkter als auch vieldeutiger, natürlicher und gleichzeitig weniger präzise als
sprachliche Statements. Während man verbale
Der vorliegende Beitrag geht davon aus, daß Femseh- Kommunikation beginnen oder beenden kann, vernachrichten eine mächtige Kraft darstellen, deren Einfluß wendet man Ausdrucksformen ständig. Ausdruck

AMERIKA DIENST

Seite 1

�weist darauf hin, was Menschen wirklich empfinden
und wie sie "wirklich sind". Ausdruck ist ein reicher und
grundlegender Teil der menschlichen Interaktion. Aber
wie Bilder ohne Untertitel liegt seine Bedeutung oft im
Dunkeln. Wie Paul Watzlawick und seine Kollegen
feststellten, kann ein Lächeln Liebe oder Verachtung
ausdrücken, man kann vor Glück oder Trauer weinen,
eine gedämpfte Ausdrucksweise kann als Taktgefühl
oder Indifferenz ausgelegt werden, und eine geballte
Faust kann aufsteigende Aggression oder eine Entscheidung zur Zurückhaltung bedeuten. Selbst wenn
Bilder und Ausdrucksformen mit Worten untermalt
sind, können sie nie auf diese reduziert werden.

ist, über diese Aspekte des Krieges kaum mehr als die
Zuschauer. Durch ihre im Femsehen übertragenen
Erfahrungen entwickelten wir jedoch ein dramatisches
Gefühl des "Dabeigewesenseins".

Im Fernsehen haben selbst politische "Debatten" häufig
relativ wenig mit verbal geprägten Ideen zu tun.
Charakteristischerweise reagieren die Zuschauer auf
eine Fernsehdebatte nicht mit spontanen Kommentaren wie "Das war ein hervorragendes Argument", "Das
ist historisch nicht zutreffend", "Er hat gerade dem
widersprochen, was er vor ein paar Minuten gesagt
hat" oder "Ich sehe mal im Lexikon nach, ob das
stimmt." Für gewöhnlich reagieren die Leute eher mit
Printnachrichten schöpfen vornehmlich aus verbaler Aussprüchen wie "Er sieht nervös aus", "Sie macht ihre
Kommunikation, während sich die Macht des Femse- Sache gut", "Er ist hart!", "Ich traue ihm nicht", "Ich mag
hens hauptsächlich aus Bildern und Ausdrucksformen siel", "Schau dir mal diese Tränensäcke unter den
ableitet. Natürlich werden in den Fernsehnachrichten Augen an" oder "Warum wartet er fünf Sekunden, ist er
Worte gesprochen, auf die auch reagiert wird. Wahr- senil?"
scheinlich würden wir das Fernsehgerät ausschalten,
wenn sich die Moderatoren weigerten, zu uns zu Theoretisch erhoffen wir uns natürlich alle Politiker und
sprechen. Oie Rolle der Sprache wird jedoch von Journalisten, die häufig innehalten, um nachzudennichtverbalen Einflüssen dramatisch verändert und ken. Nachdenken hat jedoch keine akustische und
häufig überschattet. Für gewöhnlich betrachten wir visuelle Dynamik. Präsidentenberater und Berater für
das Femsehen mehr als daß wir ihm zuhören. Und wir Fernsehnachrichten schlagen im allgemeinen andere
hören mehr auf den Tonfall und akustische Ausdrucks- telegenere Verhaltensweisen vor. Am Abend der
formen als auf das gesprochene Wort. Aufgrund des Fernsehdebatte zwischen Carter und Reagan im Jahr
Gesehenen und Gehörten fühlen wir uns eher gut 1980 etwa reichte James Baker Ronald Reagan eine
Karte, auf der lediglich ein einziges Wort stand: "Kioder schlecht, als daß wir darüber nachdenken.
chern." Dieser Vorschlag hatte eine Schlüsselfunktion
So ist es zum Beispiel nicht überraschend, daß Er- für Reagans Siegesstrategie. Auch werden kostbare
kenntnissen von Forschem zufolge die Bürger desto Sekunden der Sendezeit in Nachrichtenprogrammen
weniger über die grundlegenden Fakten zum Golfkon- häufig für scherzhafte Unterhaltungen zwischen den
flikt wußten, je mehr sie sich auf die Berichterstattung Moderatoren benutzt. Selbst wenn diese Einlagen
des Femsehens über den Golfkrieg verließen. Solche wenig oder gar keine Informationen enthalten, vermitErkenntnisse bedeuten nicht, daß das Femsehen eine teln sie den angenehmen Eindruck, daß die Moderatogeringe Wirkung hat. Statt dessen weisen sie auf die ren nette Leute sind, die gerne zusammenarbeiten.
ungewöhnliche Macht der Fernsehnachrichten hin: Heute bewerten wir sowohl die Nachrichtenthemen als
daß sie unser Gefühl für Erfahrungen eher bestärken auch die Sprecher der Nachrichten instinktiv nach
als unser verbal geprägtes Wissen zu erweitem. Was denselben Maßstäben.
wir von den Fernsehnachrichten erhalten, sind freundliche, bekannte und vertraute Gesichter, die sich mit Der informelle und unterhaltsame Stil von Fernsehuns unterhalten und uns Bilder zeigen, die - weil sie wie nachrichten wird zumeist mit den "schönfärberischen"
echte Gegenstände, Menschen und Orte aussehen - Lokalnachrichten in Zusammenhang gebracht, galt
dem Gesehenen einen Anstrich von Objektivität ver- jedoch sogar für den Nestor aller Moderatoren der
großen Sender, Walter Cronkfte. Ich erinnere mich
schaffen.
noch, wie überrascht ich war, als ich zum ersten Mal
Ironischerweise verleiht die subjektive Zuneigung, die ein Protokoll von Cronkite aus dem Jahr 1972 las.
wir zu Persönlichkeiten in den Nachrichten entwickeln, Obwohl ich als Zuschauer und -hörer der Sendung
unseren Erfahrungen beim Anschauen von Femseh- vom 25. Oktober nichts Ungewöhnliches festgestellt
nachrichten einen Anstrich objektiver Wahrheit, ob- hatte, stach der Text ins Auge. Für einen wichtigen
wohl sie unsere Suche nach Ideen reduziert, die über Bericht über die Vietnam-Friedensgespräche enthielt
indirekte Beziehungen zwischen Zuschauer und Jour- Cronkites Script zum Beispiel die Worte "knifflig",
nalisten hinausgehen. Bei der Berichterstattung über "verschlagen" und "mies gelaunt" - ein krasser Unterden Golfkrieg erfuhren wir mehr darüber, wie oft der schied zu dem sachlicheren Bericht der New York
Schlaf der Korrespondenten von Sirenen unterbro- Times von nächsten Tag. Ein anderer Bericht der New
chen wurde und wie sie mit Gasmasken aussahen als York Times begann folgendermaßen: "Per Post verüber die Geschichte der Region, die Wurzeln des schickte Sprengsätze haben hier heute einen arabiKonflikts und die Führung des Krieges. Tatsächlich schen Briefträger und eine Sekretärin lebensgefährwußten die Korrespondenten, wie uns heute bekannt lich verletzt." Dagegen lautete Cronkites Eröffnung:

Seite 2

AMERIKA DIENST

�"Mehr von diesen tödlichen kleinen Briefbomben sind
heute aufgetaucht."

Personifizierung der öffentlichen Sphäre

Private Interaktion ist seit jeher von konkretem Erscheinungsbild, Gestik und stimmlichen Merkmalen
dominiert. "Wie ist diese Person?" Die öffentliche
Sphäre war jedoch früher eng mit sprachlicher Abstraktion verbunden: "Was hat die Person gesagt,
geschrieben und geleistet?" Für gewöhnlich weisen
wir einen potentiellen Liebhaber oder Freund nicht
aufgrund eines wenig aussagekräftigen Lebenslaufs
zurück, und bevor es das Fernsehen gab, hatten die
Im Gegensatz zu Reportern der Printmedien bringen Wähler praktisch keine Chance, negativ auf landesTV-Journalisten in die Nachrichten im wörtlichen Sinne weit zur Wahl stehende Kandidaten zu reagieren, weil
ihren Körper ein, jedoch nicht zwangsläufig ihre Worte sie aus wenigen Metern Entfernung nicht gut aussaoder Gedanken. Peter Jennings, Dan Rather und Tom hen. Das Femsehen hat jedoch die Bevorzugung von
Brokaw haben ihren Platz in den Wohnstuben und "Rendezvous-Kriterien" vor "Lebenslauf-Kriterien" im
Herzen von Millionen Zuschauern gefunden, obwohl öffentlichen Bereich gefördert.
sie häufig Scripts vorlesen, die von anderen geschrieben wurden. Dagegen müssen Zeitungsreporter ihr 1960 schätzte Theodore White, daß höchstens zwei
Millionen Bürger ihre Präsidentschaftskandidaten in
Material selbst schreiben.
natura sehen würden. Natürlich würden davon nur
Es ist unmöglich, die Person zu ignorieren, die die sehr wenige die Kandidaten nahe genug erleben, um
Nachrichten im Fernsehen vorträgt, wie man eine subtile Ausdrucksformen oder Schweiß auf ihrer Stirn
Verfasserangabe unter einem Zeitungsartikel unbeach- wahrnehmen zu können. Dagegen verfolgten etwa 70
tet lassen kann. Weil wir ihre persönlichen Ausdrucks- Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten die
formen und ihre Reaktionen auf Ereignisse erfahren, erste Debatte zwischen Nixon und Kennedy im Femhaben viele TV-Journalisten eine öffentliche Präsenz, sehen. Und wie Robert Sanders in seiner Untersudie ebenso groß oder noch größer ist als die der chung der Berichterstattung über Debatten feststellt,
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, über die sie hat kein Thema in dieser ersten Debatte "die Gespräberichten. Im Fernsehen ergibt es einen Sinn, wenn che nach der Debatte so stark angeregt wie Nixons
Barbara Walters nach zahlreichen Sendungen über Aussehen. 'Verhärmt', 'müde', 'krank', 'wie ein Geist'
Persönlichkeit und Privatsphäre führender Politiker und 'keine Ausstrahlung' waren typische Adjektive und
und Prominenter in aller Welt einen Fernsehbeitrag Schlagworte der veröffentlichten Meinung."
bringt, in dem ihr eigenes Haus und Privatleben vorgestellt werden. In ähnlicher Weise waren Walter Cron- Als sich Nixons Erscheinungsbild in den späteren
kites Abschied von den CBS Evening News und Dan Debatten besserte, wurde dem gesprochenen Wort
Rathers Probleme, in seine Fußstapfen zu treten, mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Durchweg blieb
selbst wichtige Nachrichten. Ironischerweise wurde jedoch ein eklatanter Unterschied zu der Reaktion von
Cronkite als "vertrauenswürdigster Mann Amerikas" Rundfunkhörern (von denen es bei den ersten drei
und aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat betrach- Debatten zwischen 15 und 20 Millionen gab) auf die
tet, obwohl zu jener Zeit niemand seine politischen Debatten bestehen. Sanders gibt an, daß diejenigen,
Ansichten kannte.
die die Debatten nur hörten, wesentlich mehr zu der
Aussage neigten, Nixon habe alle "gewonnen". Nach
Je mehr wir ihnen zuschauen und zuhören, desto mehr der ersten Debatte meinten zum Beispiel 43 Prozent
werden die Moderatoren und Themen der Nachrichten der Rundfunkhörer, Nixon habe gewonnen. Nur 20
Teil unseres erweiterten indirekten Bekanntenkreises. Prozent hielten Kennedy für den Sieger. Dagegen
Einige von ihnen sind da, um uns "Guten Morgen" zu gaben nur 19 Prozent der Fersehzuschauer an, Nixon
sagen, andere sagen uns "Guten Abend". Mit größerer habe gewonnen.
Zuverlässigkeit als selbst unsere besten Freunde im
wirklichen Leben plaudern sie munter mit uns beim Hat Nixon die Wahl allein wegen der ersten Debatte
Frühstück und lassen beim Abendessen den Tag vor verloren? Wahrscheinlich nicht. Die meisten Zuuns Revue passieren. Wir wissen über ihre guten und schauer (54 Prozent) betrachteten sie immer noch als
schlechten Tage, ihre Erkältungen und ihren Haar- unentschieden oder hatten keine Meinung, und in
schnitt Bescheid. Durch die Femsehnachrichten werden jedem Fall sind Wahlkämpfe komplexe Phänomene,
Fremde Teil unserer intimen Wirklichkeit. Wir erhalten bei denen sich Sieg oder Niederlage nicht auf ein
das Gefühl, daß wir Peter Jennings, Ronald Reagan, einziges Moment zurückführen lassen. Die erste
Bill Clinton und George Bush irgendwie "wirklich ken- Fernsehdebatte stärkte jedoch eindeutig das Image
nen", daß wir Zeit mit ihnen verbracht haben und etwas Kennedys, während sie für Nixon zumindest teilweise
darüber wissen, wie sie als Menschen sind.
negative Auswirkungen hatte, und ein SchlüsseleleSolche Scripts verletzen nicht die veröffentlichten
Normen für Fernsehnachrichten. Tatsächlich bieten
sie Beispiele für häufig genannte Regeln. So schreibt
etwa Tim Wulfemeyer in Broadcast Newswriting:
I m Idealfall sollten Nachrichtenmoderatoren so klingen als unterhielten sie sich mit Freunden über Probleme und Ereignisse."

AMERIKA DIENST

Seite 3

�ment in der Reaktion der Zuschauer schien etwas
anderes zu sein als die präsentierten verbalen Argumente.
Es ist nach wie vor eine Binsenwahrheit, daß unabhängig von den hastig konzipierten Untersuchungen über
die Debatten von 1960 jedes Medium der politischen
Kommunikation einen anderen Reaktionskontext liefert: Aus einem Zeitungsprotokoll läßt sich nicht die
Stimme des Kandidaten beurteilen, der Rundfunkhörer kann nicht auf den Gesichtsausdruck eines Kandidaten reagieren. Ohne Femsehen ist "eine persönliche Reaktion" von Millionen auf Bewegungen und
Erscheinung eines Kandidaten einfach nicht möglich.

bei den Tagesproblemen mit uns übereinstimmt oder
jemand, zu dem wir als brillant oder heldenhaft oder als
moralischem Giganten aufschauen, solange wir es
tolerieren können, regelmäßig Zeit mit ihm zu verbringen. Oder, anders ausgedrückt: Präsidentschaftswahlkämpfe sind heute Zeiten des Wertjens um eine
vierjährige intime Beziehung mit der Öffentlichkeit.
Der neue politische Kontext des Fernsehens ist sowohl
personifizierend als auch entmystifizierend.

Diesem Gedankengang folgend, war es stets ein Fehler,
Ronald Reagan als großen Kommunikator zu bezeichnen. Reagan ist ein "Meister der Ausdrucksformen".
Seine Stärke als Präsident lag nicht in der Kommunikation klarer, logischer Ideensequenzen, sondern in
Stellen Sie sich vor, Sie lesen das Zeitungsprotokoll der Projizierung machtvoller Bilder und besänftigender
der Rede eines Politikers, den Sie niemals gesehen Töne. Selbst wenn er einer Reporterfrage auswich,
haben, und Sie sagen: "Also, ich bin da anderer wiegte er oft demütig seinen Kopf, lächelte und winkte.
Meinung, diese Behauptung ist falsch, und dieser Satz Selbst wenn er einen furchtbaren Witz machte oder
ergibt überhaupt keinen Sinn... Aber wissen Sie, ich einen Satz aussprach, der weder Anfang, noch Mitte
mag diesen Kerl einfach I" Eine solche Reaktion würde oder Ende hatte, erschien er als netter Bursche. Reagans
als verrückt erscheinen. Doch genauso reagieren die Kommunikation als Präsident war häufig prosaisch,
meisten von uns auf Politiker in den Fernsehnachrich- manchmal unverständlich, wurde aber durch eine von
ten. Auch wenn wir sicherlich nicht blind für im FemEmotionen erstickte Stimme effektiv oder durch Ausehen gesprochene Worte sind, neigen wir dazu, auf
gen, die tränenfeucht waren oder ein spielerisches
sie in einem persönlichen Kontext zu reagieren.
Grinsen ausstrahlten - alles zeitlich perfekt abgestimmt und koordiniert.
Meinungsumfragen deuten darauf hin, daß viele Bürger heute bereit sind, auf nationaler Ebene einen Während kein Medium per se wahrer oder genauer ist
Kandidaten zu wählen, dessen Meinung zu Problemen als andere, fördert jedes Medium andere Kriterien für
sie nicht teilen, weil sie den Kandidaten "persönlich die Bewertung politischen Erfolges und politischer
mögen". (Etwa ein Drittel der Stimmen für Ronald Kompetenz. Die Protokolle und Videobänder derselReagan bei der Wahl von 1980 kamen von solchen ben Vorgänge können zu völlig verschiedenen ReakAnhängern.) Eine derartige Reaktion ergibt sich aus tionen auf dasselbe Ereignis führen. Die wenigen, die
dem vom Fernsehen geförderten Gefühl heraus, daß
Niederschriften von Ronald Reagans Pressekonferenwir unsere führenden Politiker getroffen haben und sie zen und Reden zur Lage der Nation untersucht haben,
persönlich kennen.
verwiesen zum Beispiel häufig auf beunruhigende
Wegen der Konzentration auf persönliche Anziehungskraft gerieten die politischen Positionen der Präsidentschaftskandidaten im Jahr 1988 häufig ins Hintertreffen, während man über George Bushs Versuche, sein
Image als "Schwächling" zu überwinden und Michael
Dukakis leidenschaftslose Art sowie seine Unfähigkeit, sich gegen Angriffe in Wahlkampfsendungen zu
wehren, diskutierte. Am Ende, so wurde uns gesagt,
änderte Bush mit Erfolg seinen persönlichen Stil, während
die Wähler nach wie vor nicht in der Lage waren, sich
mit Dukakis "anzufreunden". Auch im Wahlkampf
1992 waren die Wähler nicht nur an den persönlichen
und beruflichen Leistungen der Kandidaten und ihrer
Haltung zu den Problemen interessiert, sondern auch
daran, wie sie sich menschlich im Femsehen darstellten. Der Stil von Politikern im Umgang mit peinlichen
Enthüllungen ist heute nahezu ebenso wichtig wie die
Art der Enthüllungen.

logische Brüche und faktische Ungereimtheiten. Die
Kommentatoren seiner Fernsehauftritte jedoch konzentrierten sich häufig auf Reagans beherrschenden
Stil und seinen spielerischen Sinn für Humor.

Während der Anhörungen von C larence Thomas nach
dessen Nominierung zum Richter am Obersten Bundesgericht stellten Beobachter, die das früher von
Richter Thomas Geschriebene und Gesagte mit dem
verglichen, was er in den Anhörungen äußerte, die
Ehrlichkeit seiner mündlichen Aussage in Frage. Eine
Reihe derjenigen, die sich auf eine Untersuchung
seines Lebenslaufs konzentrierten, bezweifelten, daß
er genügend Erfahrung besaß, um im obersten Gerichtshof des Landes zu sitzen. Weil jedoch die
Anhörungen im Femsehen übertragen wurden, war
der Schwerpunkt der meisten journalistischen Berichte die Persönlichkeit von Thomas: seine selbstsichere
Präsentation, sein leichtes Lachen, seine tiefe Stimme, die zur Schau getragenen Bande mit seiner Frau.
Wir scheinen also potentielle Präsidenten heute zu
Im Femsehen erschienen die Senatoren, die ständig
bewerten, indem wir uns teilweise der Kriterien bedieversuchten, wieder zu "den Tatsachen" zurückzukehnen, die Menschen bei der Auswahl von Kegelpartnern
ren, tatsächlich Richter Thomas unnötig zu piesacken.
anlegen: Es muß nicht jemand sein, der zwangsläufig

Seite 4

AMERIKA DIENST

�Indirekte Intimität

meinen Kopf schüttele, steht diese Ausdrucksform
häufig für das Wort nein. Und Sprache ist davon
Warum ist das Femsehen so erfolgreich dabei, eine abgesehen nicht immer in logische, lineare Stateemotionale Reaktion statt einer logischen Reaktion zu ments strukturiert. Boulevardzeitungen zwängen die
fördern? Ein Grund liegt darin, daß das Femsehen Sprache oft in eine bildhafte Form, besonders in ihren
einen intimen Raum simuliert. Das heißt, das Femse- Schlagzeilen. Femer benutzt die Werbung in allen
hen präsentiert uns Menschen so, als wären sie nur Medien Sprache häufig als mehrdeutige Ausdruckseinen Meter entfernt. Selbst im wirklichen Leben ist form, etwa in den Slogans "Coke is rtl" und "Me and my
dies eine Distanz der Verführung oder Bedrohung, RC". Solche Statements sind wie Bilder weder wahr
nicht der rationalen Diskussion. Wenn wir beispiels- noch falsch.
weise zum ersten Mal mit jemandem ausgehen, hängt
unser Eindruck vom Erfolg oder Scheitern dieses Die Werbung nutzt die visuelle und akustische Gestalt
Treffens relativ wenig davon ab, was unser Begleiter des Femsehens am effektivsten, indem sie ihre Prosagt. Die Worte "Was für ein gutes Essen" oder "Ich dukte mit positiven, sinnlichen Erfahrungen assoziiert
danke Ihnen für eine sehr schöne Zeit" sagen uns nicht - lächeln, umarmen, küssen, pfeifen, gurren, laufen,
viel. Wir suchen also nach anderen Indizien: Wie oft spielen oder ins Wasser eintauchen (für gewöhnlich in
schaut sie mich an? Wie nahe steht er bei mir? Zeitlupe).
Scheint sie nervös zu sein? Sieht er gelangweilt aus?
In ähnlicher Weise macht die Sinnlichkeit des Femse- Nur selten stellt sie jedoch nachprüfbare verbale
Behauptungen über die in dieser Weise angepriesehens Sprache zweitrangig.
nen Produkte auf. Wenn die Werbebranche tatsächJe weiter man von einer Person entfernt ist, desto mehr lich ein ungefähres verbales Äquivalent solch sinnlikann man sich ausschließlich dem gesprochenen Wort cher Bilder - "Trink unsere Diätlimonade, und du wirst
widmen. Wenn die Person überhaupt nicht gegenwär- mit schönen Angehörigen des anderen Geschlechts
tig ist - wie in einer Passage der Zeitung oder einem am Strand liegen und lernen, wie man in Zeitlupe ins
Buch -, dann sind Worte und Ideen die einzigen Dinge, Wasser springt" -, anbieten würde, könnte sie wegen
Betruges verklagt werden.
auf die man sich konzentrieren kann.
Obwohl Ausdrucksformen eine primäre Rolle in persönlichen Beziehungen spielen, sind sie als Form der
öffentlichen Auseinandersetzung äußerst begrenzt.
Man kann einen bindenden Vertrag oder eine schlüssige Außenpolitik nicht auf einem Lächeln oder Zwinkern aufbauen. Nur die Sprache bietet das Potential
für präzise Bedeutungen, Wenn-Dann-Beziehungen,
sylkxjistische Analysen, lange Argumentationsketten
und Behauptungen, die als wahr oder falsch bewiesen
werden können. Das logische Potential von Worten
wird am besten in der Schriftsprache ausgenutzt, die
Formen der Erörterung zuläßt, die in improvisierter
Rede nahezu unmöglich sind. Ebenso gestattet Lesen
eine sorgfältigere Beurteilung von Ideen und den
Verbindungen zwischen ihnen als das Zuhören des
gesprochenen Worts (selbst wenn das Gesprochene
von einem Manuskript abgelesen wird).

Daß die Werbebranche eine rationale Auseinandersetzung vermeiden möchte, ist nicht überraschend,
aber auch die Fernsehnachrichten und -dokumentationen tun häufig desgleichen. Wenn man dem Überlebenden eines Erdbebens oder einem Vater, der soeben erfahren hat, daß seine Tochter getötet wurde, ein
Mikrofon oder eine Kamera vor die Nase hart, erbringt
dies kaum "Nachrichten", bietet den Zuschauem jedoch eine reichhaltige Quelle emotionaler Ausdrucksformen. Im Femsehen allgemein werden gesprochene Worte häufig "verbildlicht", das heißt, sie werden
Teil einer "Gesamtimpression", anstatt primär dazu zu
dienen, eine Idee, einen Vorschlag oder ein längeres
Argument zu fördern.

Die vom Femsehen heute ermutigte Konzentration auf
Bilder reicht sogar bis zur Art und Weise, in der
politische Skandale "untersucht" werden - wenn dies
Rationale Argumente und Sozi alkrtt ik erfordern Worte. dasrichtigeWort ist. So wurde über die Iran-ContraDie Worte können mit Aktionen und Ausdrucksformen Affäre zum Beispiel im Stil einer Seifenoper berichtet:
kombiniert werden, aber während Worte bei der Hat Nancy versucht, Ronald Reagan zu bewegen, Don
Entwicklung abstrakter Ideen für sich stehen können, Regan zu feuern? Hat Ronnie wirklich "Laß mich
ist dies bei Bildern und Ausdrucksformen nicht mög- verdammt nochmal in Ruhel" zu Nancy gesagt? Hat
lich. Man kann zwei gemeinsam essende Menschen Ollie Norths Sekretärin wirklich in ihrer Unterwäsche
abbilden, aber die Konzepte von "Freundlichkeit", Dokumente aus dem Weißen Haus geschmuggelt?
"Freundschaft", "Liebe" und "Verrat" existieren nur Wer war der Gewinner der Konfrontation zwischen
durch Sprache. Man kann das Bild einer großen Dan Rather und George Bush in den CBS Evening
Statue zeigen, die eine Fackel hart, aber die Ideen von News? Werden der Präsident oder der Expräsident
"Freiheit" oder "Demokratie" müssen mit Worten ent- vor Gericht aussagen müssen? Selbst die relativ
wickelt und erörtert werden. Für das Femsehen gilt ideenorientierte MacNeil/Lehrer Newshour verwandte während Oliver Norths Gerichtsverfahren viel Zeit
jedoch nichts als tödlicher als sprechende Köpfe.
auf die Erörterung von Norths "Auftreten". Und als
Natürlich werden Kommunikation und Ausdrucksfor- Ronald Reagan im Prozeß gegen seinen ehemaligen
men nicht immer unterschiedlich benutzt. Wenn ich
AMERIKA DIENST

Seite 5

�nationalen Sicherheitsberater John Poindexter auf einem
Videoband aussagte, stellte Newsweek (est, daß er so
"genial und verschmitzt" war wie immer, auch wenn er
unerhört wenig Kenntnis von den Tatsachen der IranContra-Affäre demonstrierte, einschließlich der im Bericht
seiner eigenen Tower-Kommission enthaltenen.

ge seiner Antworten seien "vage" und andere "enttäuschend" gewesen.

Relativ wenige unserer Präsidenten waren Meister der
Ausdrucksformen und Kommunikation zugleich. So
war Thomas Jefferson zum Beispiel ein exzellenter
Schriftsteller und wird oft als größter Intellektueller
Trotz all des Aufhebens um Iran-Contra bedarf es unter unseren Präsidenten betrachtet. Es ist jedoch
immer noch einer wesentlichen Aufarbeitung der unwahrscheinlich, daß er im Femsehen besonders
Geschichte amerikanischer Interventionen in Nicara- beeindruckt hätte. Seine Kommilitonen im William and
gua und Iran durch die Fernsehanstalten - was unsere Mary College wählten ihn zum langweiligsten StudenMarineinfanteristen in Nicaragua taten, als Ronald ten, er hatte einen leichten Sprachfehler, und er haßte
Reagan noch ein Kind war oder warum wir in den es so sehr, in der Öffentlichkeit zu reden, daß er noch
fünfziger Jahren eine gewählte Regierung im Iran nicht einmal selbst vor dem Kongreß sprach und es
stürzten. Offensichtliche Parallelen zu anderen ame- vorzog, seine Reden zur Lage der Nation schriftlich
rikanischen Verwicklungen in Guatemala, Chile, El einzureichen und von einem Mitarbeiter verlesen zu
Salvador und anderen Ländern wurden nicht gezo- lassen. Jefferson beherrschte die Kunst des Ausgen. Von Beginn der Affäre an wurde jedoch darüber drucks nicht. Es ist jedoch schwer vorstellbar, daß er
geredet, wer in einem Spiel- und einem Fernsehfilm die Behauptung vertreten hätte, er könne sich nicht
wohl die Rollen von Oliver North und John Poindexter daran erinnern, wann - oder ob • er Waffen an eine
spielen werde - all das, bevor wir irgendeine klare feindliche Regierung verkauft habe.
Vorstellung davon besaßen, was sie getan hatten.
Ein Anhaltspunkt für die dominierende Stellung des
In den Fernsehnachrichten werden Fragen der Ehr- Femsehens in unserer Gesellschaft ist die Tatsache,
lichkeit oft auf eine Angelegenheit des Stils reduziert. daß die Printmedien heute oft den Typ und die Form
Obwohl man argumentieren könnte, daß der Iran- der Information nachahmen, die das Fernsehen liefert.
Contra-Skandal wesentlich mehr ernste Rechtsbrü- Traditionell ideenorientierte Magazine haben sich mehr
che aufwies als Watergate, hinterließen Ronald Rea- Fragen der Persönlichkeit zugewandt, und Zeitungen
gans Image als guter Kerl und Richard Nixons Ver- beschreiben heute Ereignisse häufig in einer Weise,
schlagenheit deshalb den umgekehrten Eindruck. die simuliert, was man im Femsehen gesehen oder
Unabhängig davon, was wir über John F. Kennedy gehört haben könnte. Gedruckte Zitate enthalten jetzt
erfahren haben und noch entdecken werden, darunter wahrscheinlich mehr "ähms" und "ähs", und grammaseine zahlreichen Affären und seine angeblichen tikalische und andere sprachliche Fehler werden oft
Kontakte zur Mafia, scheint es ebenso fast unmöglich unkorrigiert gelassen.
zu sein, die positiven Gefühle auszulöschen, die durch
Ironischerweise berichten gedruckte Beschreibungen
seinen Stil im Fernsehen ausgelöst wurden.
von Ereignissen heute über akustische und visuelle
In einer Fernsehkultur geht es uns häufig eher darum, Phänomene, die von den meisten Menschen bei dem
richtig beeindruckt als ausreichend überzeugt zu Ereignis selbst nicht bemerkt wurden, jedoch für den
werden. So veranstaltete zum Beispiel der demokra- Fernsehzuschauer deutlich wahrnehmbar waren. Der
tische Bürgermeisterkandidat David Dinkins in New Schweiß auf der Stirn eines Politikers, die eine Wange
York 1989 eine Pressekonferenz, um nach einigem herunterkullernde Träne oder ein nervöses Zucken
Zögern zu erklären, warum er seinem Sohn für 58.000 können Teil der gedruckten Beschreibung werden Dollar Aktien verkauft hatte, die er zuvor mit über 1 weil das Ereignis heute in der Form dargestellt wird, in
Million Dollar bewertet hatte. In ihrem Bericht über der es im Femsehen erschien. Edmund Muskie zum
Dinkins Pressekonferenz zitierte die New York Times Beispiel war 1972 gezwungen, aus dem Rennen um
den Medienberater David Garth mit dem Ausspruch: die Präsidentschaft auszuscheiden, weil er angeblich
"Ich verstehe nicht genau, was er gesagt hat, aber es während einer Rede geweint hatte, in der er den Angriff
sah ziemlich gut aus." Eine solche Verminderung der einer Zeitung auf seine Frau verurteilte. Die schädliBedeutung von Sprache könnte als Tunnelsichtweise chen Tränen waren jedoch für die meisten bei der
eines Mediengurus abgetan werden, aber der Leitarti- Rede Anwesenden unsichtbar. Schließlich schneite
kel der Times über die Pressekonferenz enthüllte es gerade. Aber die Nahaufnahmen der Kameras
denselben Ansatz. Die Times begann mit der Fest- sahen Tränen - und dieses TV-Bild wurde daher zum
stellung, Dinkins habe auf Anschuldigungen mit "Ge- Ereignis selbst, als auch die Zeitungen darüber berichlassenheit und Geduld" geantwortet, und sie stellte teten. Aus den schriftlichen Aufzeichnungen allein
dies seinem Verhalten bei früheren Gelegenheiten werden künftige Generationen deshalb schließen, daß
gegenüber, als er "die Fragen leichtfertig verworfen" unsere politisch Verantwortlichen erst in der Mitte des
habe oder "in Wut geraten" sei. Die Zeitu ng las sich wie zwanzigsten Jahrhunderts die Kontrolle über ihre Gefühle
ein Echo von Garth, indem sie Dinkins Stil bei der verloren haben oder mit physischem beziehungsweise
Pressekonferenz lobte, auch wenn sie feststellte, eini- verbalem Ungeschick geschlagen waren.

Seite 6

AMERIKA DIENST

�Konstruierte 'Realität'
Auch wenn das Femsehen mehr als eine Zeitung wie
die alltägliche Realität aussieht und klingt, ist das TV
eine stark bearbeitete Form, die zunehmend die Linie
zwischen dem, was wir als Fiktion wahrnehmen und
dem, was wir als Realität empfinden, verwischt hat.
Auf vielerlei Art und Weise sind Nachrichtensendungen "aktuelle Fiktionen", bei denen elektronisch vernetzte Bilder nur im Femsehen existieren und nicht in
der wirklichen Welt.

wahrnimmt. Durch solche bewußte Gemeinsamkeit
erscheinen sie so real wie - und bisweilen noch realer
als - die unterschiedlichen und weniger gemeinsamen
Erfahrungen unseres individuellen Lebens.

Realität und Fiktion vermischen sich, wenn die Ereignisse, die wir als real empfanden, als wir sie im
Femsehen erlebten, ihren Status als weithin gemeinsam empfundene Realitäten beibehalten, und zwar
unabhängig von den Informationen, die wir später
herausfinden und die darauf hindeuten, daß der ursprüngliche Eindruck falsch war. Deshalb leben die
Wenn Ted Koppel in Nightllne mit Gästen redet - ein Bilder des Golfkrieges als sauberem Videospiel, in
scheinbar offener, "realer" Vorgang -, existiert das dem intelligente Bomben ein Nadelöhr durchbohren
Ereignis nur im Femsehen. Koppel und seine Gäste konnten, in der Erfahrung der Nation fort, obwohl die
befinden sich nicht am selben Ort. Die Gäste können Regierung später zugab, daß nur 7 Prozent der im
Koppel oder einander noch nicht einmal sehen. Ge- Krieg eingesetzten Waffen intelligente Bomben waren,
spräche in Nightline sind dramatische Konstruktio- 70 Prozent aller Bomben ihr Ziel verfehlten und die
nen, die auf der Bühne des Femsehens aufgeführt Schäden an zivilen Zielen wesentlich größer waren als
werden.
damals berichtet.
Desgleichen benutzen Femsehreporter häufig nur eine
Kamera für Interviews vor Ort. Die Fragen eines
Reporters und "Reaktionsbilder" werden per Videoband erst nach dem Interview aufgezeichnet. Diese
Szenenabfolgen werden danach im Schneideraum
miteinander verschmolzen, als ob sie zeitgleich abge1
laufen seien - dieselbe Methode, die auch in Hollywood
benutzt wird.
Im Gegensatz zum Nimbus des Journalismus haben
Berichterstatter und die, über die sie berichten, ein
gemeinsames Interesse daran, die Ereignisse den
visuellen und zeitlichen Anforderungen des Femsehens anzupassen. Wie ist es demnach um den
'Realitätsquotienten" einer Geiselnahme bestellt, wenn
dieses Ereignis von den Terroristen ebenso wie von
den Journalisten darauf angelegt ist, ein gutes TVDrama entstehen zu lassen? Und wie echt war Präsident Richard Nixons imposante Rückkehr von Auslandsreisen, wenn er tatsächlich bis zur Hauptsende'
zeit über den Flughäfen kreiste, damit seine Heimkehr
von Millionen Fernsehzuschauern erlebt werden konnte? Wie bewerten wir das Urning der Bombardierung
Libyens durch die Reagan-Administration - während
der Sieben-Uhr-Nachrichten -, was garantierte, daß
Millionen über die amerikanische Regierungsversion
des Angriffs unterrichtet wurden, während die Richtig,
stellung ein wesentlich kleineres Publikum finden würde?
Nicht nur wird Realität im Femsehen zum Drama,
sondern das Drama wird zur Realität. Wenn zum
Beispiel ein Programm wie Roots oder Der Tag danach im Femsehen gesendet wird, versteht jeder, daß
*
es sich um eine Fiktion handelt. Aber die weitverbrei1
tete Kenntnis des Programms - und aller Diskussionen
darüber in Nachrichten und Talk-Shows, in Schulen'
und am Arbeitsplatz - macht es zu einem realen'
Ereignis und verleiht ihm soziale Realität. Solche5
Programme sind massive, gemeinsame Erfahrungen,
die jeder als massive, gemeinsame Erfahrungen

AMERIKA

DIENST

Die visuelle Form des Femsehens hat gemeinsam mit
wirtschaftlichem Druck die TV-Nachrichten von der
Information zum "Infotainment" verlagert. Mitte der
achtziger Jahre forderten zum Beispiel die Manager
des traditionellsten Nachrichtenkanals, CBS, ihren
Nachrichtenstab auf, nicht länger die New York Times
nachzuahmen und sich statt dessen als Produzenten
einer lebhaften Videoausgabe einer Boulevardzeitung
zu betrachten. Das Ziel war die Vermeidung langweiliger, themenorientierter Stories und der Versuch, die
Aufmerksamkeit der Zuschauer mit beschwörenden
"magischen Momenten" zu fesseln. Niedliche Tiergeschichten verdrängten Stories über Steuerpolitik und
Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs. Viele der
weniger televisuellen Spezialisten wurden durch Reporter, die Generalisten waren, und gute Videogestalter ersetzt. Die Berichte wurden gekürzt. In Besprechungen wurde Entertainment Tonight als Vorbild
hervorgehoben, dem CBS News nachstreben sollte.
Der alte Wahlspruch von CBS News, es werde über
"das, was wichtig ist, statt über das, was nur interessant ist", berichten, wurde auf den Kopf gestellt. Der
Falklandkrieg und das Überrennen palästinensischer
Flüchtlingslager wurden zum Beispiel als potentielle
Aufmacher zugunsten der Geburt des britischen Thronfolgers übergangen. 1987 hatten Einsparungen sowie
das neue Ethos von CBS dazu geführt, daß der Sender
keinen Korrespondenten mehr in Mittelamerika und
beim Obersten Gerichtshof hatte.
Zersplitterte Erfahrung
Unsere Erfahrung beim Anschauen von Fernsehnachrichten ist grundverschieden von unserer Interaktion
beim Lesen von Nachrichten. Das Ziel schriftlicher
Erörterungen besteht im allgemeinen darin, den Leser
an eine gewisse gedankliche Entwicklung heranzuführen. Ernsthaftes Lesen erfolgt am besten allein, an
einem ruhigen Ort ohne Ablenkungen und unter AUS-

Seite 7

�Schluß anderer Aktivitäten. Selbst jemand, der dem
Leser still über die Schulter blickt, kann eine große
Belästigung darsteilen. Nichts könnte dem Geist des
Fernsehens und anderer elektronischer Medien weniger entsprechen, als eine solche lineare, isolierte und
ortsgebundene Erfahrung.

ren Szenen, die wir zum Beispiel besuchten, war ein
Monsterfilm, in dem Hunderte von Menschen getötet
wurden, der Humphreys Tod in eine andere Perspektive zu rücken schien.

Die dem Femsehen innewohnende mangelnde Beachtung von Ort und Anlaß wurde noch drastischer
Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Besuch in unterstrichen, als ein Fernsehsender seine Berichtermeinem Elternhaus zu einem Sonntagsessen Ende stattung mitten in Humphreys Totenmesse abbrach,
der siebziger Jahre. Wie sich herausstellte, nahm ich um ein Golfspiel zu übertragen. Einige Jahre später
nicht nur an einem Familienessen, sondern auch an schattete ein Sender in ähnlicher Weise zwischen der
einem Staatsbegräbnis teil. Senator Hubert Humph- Live-Berichterstattung über Sadats Friedensmission
rey wurde an jenem Tag beerdigt, und mein Vater hatte nach Israel und der Live-Übertragung des Footballden Femseher eingeschaltet, um zuzuschauen. Saßen spiels zwischen den Universitätsmannschaften von
wir also sorglos beim Sonntagsessen, oder waren wir Ohio State und Michigan hin und her. In jüngerer Zeit
bei einer Beerdigung? Wir waren bei beiden Anlässen teilte CBS den Bildschirm für die gleichzeitige Übertrazugegen, aber bei keinem wirklich. Wir hatten das gung der Anhörungen von Clarence Thomas und
Gefühl, daß wir uns nicht besonders freuen durften, da einem Baseballspiel und sendete schließlich nur noch
ein Begräbnis eine traurige Angelegenheit ist. Ande- das Baseballspiel.
rerseits fühlten wir uns nicht verpflichtet, völlig ernst
und traurig zu sein, weil wir zu Hause waren und das Abhängig von unserer Perspektive könnte eine solche
Neuzusammenstellung von Verhaltensweisen entweEssen genossen. Schließlich bestand nicht die Gefahr, Hubert Humphreys Witwe oder andere Trauern- der als Zersplitterung oder als Vereinheitlichung der
de mit unserem "unschicklichen" Verhalten beim psychologischen Erfahrung ausgelegt werden. Einerseits sind die Erfahrungen heute zusammenhangloBegräbnis zu beleidigen.
ser. Forscher haben herausgefunden, daß die meisten Menschen beim Femsehen noch andere Dinge
Außerdem war selbst diese kombinierte Situation Einnahme des Essens und Teilnahme am Begräbnis - erledigen • essen, spielen, spülen, lesen, telefonieren,
an sich instabil. Weil das Begräbnis sehr langsam und diskutieren oder sogar sich lieben - und viele Zuschaudeprimierend vertief, wechselten wir häufig die Kanäle, er Programme nicht bis zum Ende anschauen. Andewomit wir das Begräbnis viele Male verließen und rerseits haben die elektronischen Medien Erfahrungen
wieder dorthin zurückkehrten. Durch das Femsehen insoweit homogenisiert, daß das, was sich an einem
reisten meine Eltern und ich in Minuten in und durch Ort ereignet, heute dem ähnlicher ist, was sich an
verschiedene psychologische Räume. Eine der ande- anderen Orten ereignen kann.

*

Seite 8

* * *

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
7. April 1993

DIE NACHRICHTENMEDIEN: WIE GROSS
IST IHR EINFLUSS?
von John Herbers
"Die Beziehungen zwischen Regierung und Medien in den Vereinigten Staaten sind turbulent, ständigen
Veränderungen unterworfen, für gewöhnlich kontrovers, häufig antagonistisch, jedoch oft genug kooperativ'',
stellt der Autor des nachfolgenden Artikels fest, in dem er auf den abnehmenden Einfluß der Medien auf die
Formulierung der Außenpolitik in den vergangenen Jahren verweist.
Der Verfasser ist Redakteur und Kolumnist der Zeitschrift Governing und war 24 Jahre lang Korrespondent der
New York Times. Seine Berichterstattung befaßte sich vornehmlich mit dem Weißen Haus, dem Kongreß,
Innenpolitik, städtischen Angelegenheiten, der Bürgerrechtsbewegung und demographischen Trends.

Eine der bekanntesten Geschichten in den Vereinigten
Staaten über die Rolle der Nachrichtenmedien bei der
Formulierung der amerikanischen Außenpolitik betrifft
William Randolph Hearst, einen führenden Zeitungsverleger um die Jahrhundertwende. Hearsts New
York Journal befand sich in einem harten Auflagenwettbewerb mit anderen Zeitungen und er vertrat die
Auffassung, er könne mehr Zeitungen verkaufen, wenn
die Vereinigten Staaten für die in Kuba um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Rebellen gegen Spanien intervenieren würden. Ein von Hearst nach Kuba entsandter Photograph telegraphierte ihm bei seiner Ankunft,
es geschehe nicht viel und er wolle nach Hause
zurückkehren. Hearst telegraphierte zurück: "Bleiben
Sie dort. Sie liefern die Bilder. Ich werde den Krieg
liefern."
Ob diese in Büchern und Filmen wiedergegebene
Geschichte in allen Details wahr ist, spielt keine große
Rolle. Während der Photograph des Journal noch auf
Kuba war, wurde das amerikanische Kampf schiff Maine im Hafen von Havanna in die Luft gejagt. Ohne
jeglichen Beweis beschuldigte Hearst Spanien trotz
spanischer Dementis. Zusammen mit anderen Zeitungen brachte das Journal die amerikanischen Leser
durch übertriebene Berichte und reißerische Schlagzeilen derart in Rage, daß Hearst in der Tat der
führende Berichterstatter für den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 wurde.

AMERIKA DIENST

Wie in jeder offenen, demokratischen Gesellschaft mit
dem verfassungsmäßig verbrieften Recht der Pressefreiheit haben die Nachrichtenmedien seit Gründung
der Nation im Jahr 1776 bis heute tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Außenpolitik gehabt.
Ein jüngeres Beispiel bezieht sich auf die Nachrichtensendungen nach dem Krieg am Persischen Golf.
Nachdem die von den Vereinigten Staaten angeführte
internationale Koalition den Krieg im Frühjahr 1991
gewonnen hatte, ließ Präsident Bush wissen, daß er
den Befehl zum Rückzug der amerikanischen Truppen
erteilen und sich nicht in die internen Angelegenheiten
des Irak einmischen werde, obwohl Präsident Saddam
Hussein weiterhin ungehindert sein Volk angreifen
konnte, das sich seiner Herrschaft widersetzte.
Das Weiße Haus hielt an dieser Politik fest, selbst als
Saddam Hussein eine Rebellion im Inland mit Waffengewalt gegen die Zivilbevölkerung niederschlug. Als
jedoch Tausende Kurden auf der Flucht vor den irakischen Truppen in die Türkei flohen, konnten mit Hilfe
von Fernsehkameras graphische Darstellungen und
Bilder ihres Leidens in Millionen Haushalte in den
Vereinigten Staaten und Europa übermittelt werden.
Man sah ein mißhandeltes Volk, das die Vereinigten
Staaten um Hilfe anflehte. Daniel Schorr, einem
leitenden Nachrichtenanalysten von National Public
Radio, zufolge waren Amerikaner und Europäer von
den Bildern und Berichten des menschlichen Leidens

Seite 1

�so berührt, daß deutlich wurde, der "militärische Sieg
über den Irak drohte, sich in eine politische und moralische Niedertage umzukehren'*.

In den vergangenen Jahren war ein eindeutiger Wandet in den Beziehungen zwischen Regierung und Medien
im Hinblick auf die Außenpolitik zu beobachten. Vor 25
Jahren war enge Zusammenarbeit an der Tagesord"Die Meinungsumfragen, die ergeben hatten, daß die nung, obwohl die Medien politischen Maßnahmen der
Amerikaner mit überwältigender Mehrheit die Truppen Regierung häufig kritisch gegenüberstanden. Die New
unverzüglich nach Hause zurückholen wollten, beleg- York Times zum Beispiel, die mehr Nachrichten und
ten jetzt, die Amerikaner wollten die Kurden nicht allein Kommentare aus dem Ausland brachte als jede andelassen, selbst wenn dies den Einsatz amerikanischer re Zeitung und den Standard für ausländische BerichtStreitkräfte zu ihrem Schutz bedeutete", schrieb Schon erstattung setzte, unterhielt enge und freundschaftliin Columbia Journalism Review. In einer politischen che Beziehungen zum amerikanischen Au ßenministeKehrtwende schickte Präsident Bush nicht nur den rium und dem Weißen Haus und zwar in so hohem
Kurden in der Türkei Hilfe, sondern entsandte auch Maße, daß die Zeitung von ihren Kritikern beschuldigt
Truppen in den Nordirak, um beim Aufbau geschützter wurde, ein Arm des State Department zu sein. Die
Lager für sie zu helfen. Walter Goodman, Fernsehkri- amerikanischen Auslandskorrespondenten verließen
tiker der New York Times, schrieb, zusammen mit sich im allgemeinen für ihre Berichterstattung aus dem
ähnlichen Berichten in den Printmedien hätten die Ausland stark auf amerikanische Diplomaten und andere
Femsehnachrichten Mas Weiße Haus gezwungen,
Regierungsvertreter. 1961 erfuhr die Times von der
trotz seiner anfänglichen Zurückhaltung zu handeln".
bevorstehenden Invasion Kubas in der Schweinebucht, schlug die Geschichte jedoch auf Bitte PräsiDie Art und Weise, in der die Außenpolitik häufig von
dent Kennedys nieder. Der Invasionsplan blieb bis zu
den Medien gestattet wird, ist jedoch sehr viel kompliseiner erfolglosen Durchführung geheim und die
zierter und vieldeutiger, als die oben zitierten Beispiele
kommunistische Castro-Regierung • das Ziel der
vermuten lassen. Obwohl die Medien die Regierung
Operation - verfügte über mehr Macht als je zuvor.
zu einer Änderung ihrer Politik veranlassen können,
kann die Regierung Kontrolle darüber ausüben, wie Mehrere Ereignisse führten zu einer Entfremdung
Nachrichten und Meinungsbildung in den Medien zwischen Regierung und Presse, die diese Art von
gehandhabt werden und tut dies ungeachtet der Pres- Zusammenarbeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt höchst
sefreiheit auch oft. Und in der Außenpolitik werden unwahrscheinlich macht. Eines war die Veröffentliviele Entscheidungen und Maßnahmen sehr viel mehr chung der "Pentagon Papiere", einer umfangreichen,
als in der Innenpolitik im Geheimen durchgeführt. Die offiziellen Beurteilung des Vietnamkrieges durch die
Medien können das nicht ändern, wovon sie nichts Times und andere Zeitungen im Jahr 1971. Die Nixonwissen. Sie können jedoch auf größere Offenlegung Administration verklagte die Zeitungen mit dem Anoffizieller Aktionen und Maßnahmen drängen.
trag, die Veröffentlichung der Papiere, die zu dem
Schluß gelangten, der Vietnamkrieg sei ein Versagen
Die Beziehungen zwischen Regierung und Medien in
seitens der Vereinigten Staaten, mit der Begründung
den Vereinigten Staaten sind turbulent, ständigen
zu untersagen, die Enthüllungen stellten eine Gefahr
Veränderungen unterworfen, für gewöhnlich kontrofürdie nationale Sicherheit dar. Die Papiere waren von
vers, häufig antagonistisch, jedoch oft genug kooperader Regierung als streng geheim eingestuft und der
tiv. Dies ist darauf zurückzuführen, daß beide ihren
Times von einem Regierungsvertreter zugespielt
Selbstzweck haben, beide jedoch in gewissem Maße
worden, der an ihrer Erstellung beteiligt gewesen war.
voneinander abhängig sind. Die mit gewählten Vertretern arbeitende Regierung sieht ihre Rolle als VertreDas Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten
tung des Voltes in der Ausübung der Regierung und
stellte sich jedoch auf die Seite der Zeitungen und
Erarbeitung einer PoUtk, die sie als in ihrem besten
verfügte in einer Entscheidung, daß auch die nicht von
Interesse liegend erachtet. Damit diese politischen
der Regierung autorisierte Veröffentlichung der PapieMaßnahmen jedoch die Zustimmung der Öffentlichkeit
re die nationale Sicherheit nicht gefährdeten. Der Fall
gewinnen, benötigt die Regierung die Medien zur
wurde über Monate hinweg eingehend publiziert und
Veröffentlichung ihrer Ziele und Aktionen. Zu diesem
diskutiert und war so kontrovers, daß er eine Kluft
Zweck beschäftigt sie eine große Zahl von Medienexzwischen Regierung und Medien schuf.
perten, deren Aufgabe darin besteht, das Vorgehen
der Regierung so positiv wie möglich darzustellen.
Ein unmittelbar auf die Pentagon Papiere folgendes
Das Weiße Haus kann beispielsweise die BerichterEreignis hatte noch größere Auswirkungen. Es war die
stattung durch die Entscheidung kontrollieren, über
als Watergate bekanntgewordene Affäre. Mitarbeiter
welche Ereignisse die Medien berichten dürfen. Ande- des zur Wiederwahl stehenden Präsidenten Nixon
rerseits sehen sich die Medien als Wachhund des brachen 1972 in die Büros des Nationalen Ausschusöffentlichen Interesses, deren Rolle es ist, Aktionen ses der Demokraten ein, vermutlich auf der Suche
und Maßnahmen der Regierung offenzulegen, zu nach Informationen, die die Chancen des Präsidenten
erklären und zu beurteilen. Um dies zu tun, benötigen für eine zweite Amtszeit verbessern würden, und wurden
sie jedoch ein gewisses Maß der Zusammenarbeit von gefaßt. Beweise anhand von Tonbandaufzeichnunder Regierung.
gen belegten, daß der Präsident die Zahlung von
Seite 2

AMERIKA DIENST

�Schweigegeld an die Einbrecher anordnete, damit sie
das Mitwissen von Mitarbeitern des Weißen Hauses
nicht preisgaben. Mehrere Assistenten Nixons verbüßten für ihre Rolle in dem Skandal Gefängnisstrafen. Und Nixon sah sich angesichts der Beschuldigungen zum Rücktritt gezwungen.
Obwohl der Skandal nicht in direktem Zusammenhang
mit der Außenpolitik stand, bewirkte er Veränderungen
bei Regierung und Medien, die einen dauerhaften
Effekt auf die Gestaltung von Innen- und Außenpolitik
hatten. Beispielsweise veranlaßte er den Kongreß zur
Verabschiedung eines Gesetzes über die Informationsfreiheit, dank dem Journalisten leichter Zugang
zu Regierungsdokumenten erhalten, obwohl sie immer noch ein langes, schwieriges Verfahren durchlaufen müssen, um Informationen zu erhalten, die die
Regierung nicht veröffentlichen will. Und es machte
Journalisten mißtrauischer gegenüber offiziellen Aktionen und Regierungsvertreter mißtrauischer gegenüber den Motiven der Journalisten. Diese Entzweiung
dauert bis heute an.

kaner die Nachrichten den kommerziellen Fernsehsendern entnehmen, die nur einen kleinen Teil der
Informationen insbesondere aus dem Ausland übermitteln, die in den meisten Tageszeitungen gefunden
werden können. Das Fernsehen ist ein mächtiges
Instrument, um Ereignisse nahezubringen, wie im Falle
der kurdischen Flüchtlinge und anderer wichtiger
Ereignisse. Auf täglicher Basis nimmt es jedoch nicht
den Platz des gedruckten Wortes bei der Information
der Öffentlichkeit über bedeutende Themen ein, wie
Walter Cronkrte, jahrelang der prominenteste amerikanische Fernsehjournalist, bei mehreren Gelegenheiten feststellte.

Das Fernsehen hatte den zusätzlichen Effekt, die
Spanne der Aufmerksamkeit der Amerikaner zu verkürzen. Kommerzielle Femsehnachrichten werden
häufig als Unterhaltung präsentiert und sind aufgrund
des Zeitmangels Sendungen in komprimierter Form.
Zeitungsverleger und Intendanten sind gleichermaßen
zu dem Schluß gelangt, daß die an die Kurzversion
gewohnten Amerikaner von langen Abhandlungen
gelangweilt sind - obwohl eine solche Länge zur ErläuDie Entfremdung veranlaßte Regierungsvertreter, sich terung eines komplizierten Ereignisses aus dem Ausnoch mehr um die Zurückhaltung von Informationen zu land erforderlich sein kann - und sich in der Mitte der
bemühen, die sie nicht freigeben wollten. Ein Beispiel Geschichte etwas anderem zuwenden. Um die Aufsind Restriktionen, die der Kriegsberichterstattung merksamkeit der Leser und Zuschauer zu fesseln,
auferlegt wurden. In Grenada, Panama und am Perentscheiden sich kommerzielle Nachrichtensender für
sischen Golf wurden Reporter und Kameraleute nicht
mehr Lokalnachrichten, Sport und Unterhaltung. Es
auf die Schlachtfelder zugelassen bis der Großteil der bleibt wenig Raum für ernsthafte AuslandsberichterKämpfe vorüber war - im Gegensatz zu früheren stattung.
Kriegen, als sich Korrespondenten häufig auf eigene
Gefahr unter die Truppen mischten und die GeräuNatürlich hat die neue Ordnung auch eine positive
sche, Gerüche und die menschliche Tragödie bewaff- Seite. Es ist durchaus an der Tagesordnung, daß ein
neter Konflikte übermittelten. En Grund, warum der Haushalt 60 oder 70 Femsehkanäle zur Auswahl hat
Vietnamkrieg zu dem Zeitpunkt in den Vereinigten und einige von ihnen bieten Informationen, die geStaaten unpopulär wurde, als die Regierung sich dafür druckt niemals zur Verfügung stehen würden. Der Cengagierte, waren die Massaker an Zivilisten und Span-Kanal übermittelt beispielsweise die täglichen
Soldaten, die in freier Berichterstattung der Medien in Debatten im Kongreß und berichtet sogar live aus dem
allen Einzelheiten auf den Fernsehschirmen von Küste Ausland, um dem Zuschauer wichtige internationale
zu Küste gezeigt wurden. Es gibt eine Reihe von Ereignisse aus nächster Nähe zu vermitteln. Der
Gründen für neue Restriktionen, einschließlich der öffentliche Hörfunk und das öffentliche Femsehen
Tatsache, daß die Bewegungsfreiheit des Pressebringen lange, detaillierte Nachrichtenprogramme und
korps mit seinen Heerscharen von Technikern und Dokumentationen.
Gerät enorm eingeschränkt ist. Das Militär hat jedoch
auch das Gefühl, daß der Presse die Berichterstattung Während die Welt durch rasche Kommunikation und
aus der Sicht des amerikanischen Militärs, wie die verkürzte Transportwege kleiner geworden ist und die
meisten amerikanischen Journalisten sie bisher wahr- Weltwirtschft in allen Industrienationen Einzug gehalgenommen hatten, nicht zugetraut werden kann. Im ten hat, fällt es den Menschen schwer, mit all den
Verlauf dieses Prozesses wurde die Macht der Medien Ereignissen und Entwicklungen Schritt zu halten, die
bei der Gestaltung der amenkanischen Pditk im Ausland Aufmerksamkeit verlangen. Die meisten Amerikaner
wissen wenig über die tiefgreifenden Veränderungen,
beschnitten.
die sich jenseits ihrer Grenzen vollziehen. Eine Krise
in einem weit entfernten Land wird an einem Tag
Ein Teil der verringerten Fähigkeit der Medien zur
erwähnt und ist am nächsten vergessen. So erstaunBeeinflussung der Außenpolitik ist jedoch auf Veränlich es klingen mag - die Amerikaner wissen möglicherderungen innerhalb der Medien selbst zurückzufühweise
am wenigsten über die Ereignisse auf ihrem
ren. Während eines Großteils der amerikanischen
Kontinent.
Geschichte waren Zeitungen das Hauptinstrument zur
Verbreitung von Nachrichten. In jüngster Zeit hat
jedoch das Femsehen diese Rolle übernommen und Es gibt konstante Debatten und unterschiedliche Meinungen darüber, welche Nachrichten als wichtig erMeinungsumfragen belegen, daß die meisten AmeriAMERIKA DIENST

Seite 3

�achtet werden sollten. Ein Essayist der Zeitschrift
Time, William A. Henry III., schrieb in einem Aufschrei
über die kümmerliche Auslandsberichterstattung: "Einer
der ersten Grundsätze, die amerikanische Reporter
lernen, lautet, eine verbeulte Stoßstange (ein kleiner
Verkehrsunfall für die Lokalnachrichten) ist eine wichtigere Nachricht als ein Zugunglück in Pakistan."
Ungefähr zur gleichen Zeit stellte der Kolumnist George
F. Will von Newsweek eine Zunahme innenpolitischer
Probleme wie Verbrechen und Kindersterblichkeit fest
und forderte die Medien auf, sich weniger auf auslandische Angelegenheiten und mehr auf amerikanische
zu konzentrieren.

werden jedoch nur von einem Bruchteil der Bevölkerung gelesen.

Auf jeden Fall ist die Berichterstattung über Weltereignisse immer willkürlich. Cleveland (Ohio) ist eine
Großstadt mit einem hohen Anteil von Osteuropäern.
Vor einigen Jahren wurde ohne große Übertreibung
festgestellt, daß eine der führenden Zeitungen Clevelands alles über Osteuropa und Cleveland berichtete,
aber dazwischen gab es nichts.
In dem Vakuum öffentlichen Wissens über einen Großtei
der Weit wird die amerikanische Politik gegenüber den
meisten Nationen von Washingtoner Regierungsvertretern und dem sogenannten au ßenpolitischen "Establishment" ohne das Wissen oder die Leistungen der
bekannten Medien oder der Bevölkerung allgemein
gemacht. Das "Establishment" ist ein Netz von Personen innerhalb und außerhalb der Regierungsverantwortung, an Universitäten, in Unternehmen mit Auslandsverbindungen sowie anderen, an Ereignissen im
Ausland Interessierten. Sie kommunizieren vornehmlich durch Fachzeitschriften wie Foreign Affairs, die
lange Artikel von verschiedenen Experten zu einer
gro ßen Bandbreite von Themen bringen. Einige dieser
Zeitschriften liegen in öffentlichen Bibliotheken aus,

* *

Seite 4

Sobald ein Thema jedoch öffentliche Unterstützung
erhält, können Organisationen an der Basis ihm mit
Hilfe der Medien zu nationaler Bedeutung verhelfen,
so obskur oder technisch es auch gewesen sein mag.
Ein Beispiel betrifft die Verbreitung von Atomwaffen.
Jahrelang war die Mehrheit der Bevölkerung zufrieden, dieses Thema aufgrund seiner technischen
Komplexität und der offenkundigen Feindseligkeit der
Sowjetunion den Experten zu überlassen. Anfang der
achtziger Jahre sprang die Besorgnis einiger weniger
Aktivisten auf die Bevölkerung insgesamt über. Die
Medien verbreiteten die Besorgnis in Leitartikeln und
Berichten über die Bewegung. Stadträte, Kreiskommissionen, Parlamente der Bundesstaaten und andere öffentliche Gremien verabschiedeten Hunderte von
Resolutionen, die einen nuklearen Rüstungsstillstand
verlangten. Viele Anhänger der Bewegung wußten
nicht, ob ein solcher Stillstand überhaupt praktikabel
war oder wie er funktionieren sollte, aber ihre Aktionen
wurden als Signal interpretiert, daß die amerikanische
Bevölkerung der nuklearen Aufrüstung müde geworden war und geeignete Maßnahmen zu deren Umkehrung wollte. Die Botschaft erreichte das Weiße Haus
und Präsident Reagan setzte sich gegen Ende seiner
Amtszeit sogar noch vor dem Zusammenbruch des
Kommunismus in der Sowjetunion vehement für eine
Reduzierung ein.
Obwohl die Medien bei der Gestaltung der Außenpolitik keinen so großen Einfluß haben wie in der Innenpolitik, verfügt die Bevölkerung durch die Medien über
eine laute Stimme im Entscheidungsprozeß über das
Verhalten der Vereinigten Staaten im Ausland.

* *

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
14. April 1993

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood, aus The Christian Science Monitor
CNN (Cable News Network), der erste Fernsehkanal der Welt, der 24 Stunden täglich Nachrichten sendet,
existiert seit 10 Jahren und spielt dem Autor zufolge im internationalen FernsehJournalismus eine wichtige Rolle.
Daniel B. Wood ist Mitarbeiter von The Christian Science Monitor.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, (c) 1990 The Christian Science
Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Als CNN zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, bezeich- einen bedeutenden Teil der weltweiten Berichterstatneten Kritiker den Sender als "leichte Kost". Zehn tung darstellen."
Jahre später aber hat die Konkurrenz bereits schwer
CNN, das 55 Millionen Amerikaner per Kabel erreichen
daran zu schlucken.
kann, wird allabendlich in 219.000 bis 284.000 HausEin Jahrzehnt nachdem am 1. Juni 1980 der erste halten eingeschaltet. Im Vergleich dazu wird "World
Fernsehkanal, der 24 Stunden täglich Nachrichten News Tonight" von ABC in 10,2 Millionen Haushalten
ausstrahlt, ins Leben gerufen wurde, wird Cable News gesehen.
Network (CNN) mit Sitz in Atlanta, Georgia, nicht nur
eine wichtige Rolle im weltweiten Fernsehjoumalis- Von der gesamten Zeit, die Amerikaner im ersten
mus zugebilligt, sondern übt darüber hinaus großen Quartal des Jahres 1990 mit der Verfolgung von FernEinfluß auf die Gestaltung von Fernsehprogrammen sehnachrichten verbrachten, entfielen laut A.C. Nielsen 27 Prozent auf CNN, 28,3 auf ABC, 27,5 auf CBS
aus.
und 17,2 auf NBC. (ABC, CBS und NBC sind kommerTrotz seiner relativ geringen Zuschauerzahl und anhal- zielle Sendergruppen).
tender Kritik an der angeblich oberflächlichen Berichterstattung halten viele Beobachter den Sender CNN Unter Hinweis auf das Erdbeben von San Francisco,
für einen Motor der weltweiten Revolution im Informa- die amerikanische Intervention in Panama und die
tionswesen, für eine Kraft, die zu dem Dominoeffekt Demonstrationen in China stellte Don Tomlinson,
beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuro- Joumalismusprofessor an der A &amp; M University von
Texas fest: "CNN ist stets an vorderster Front, wenn
pa beitrug.
es darum geht, den nächsten Krisenherd auszuma"CNN ist zur ersten Adresse geworden, an die man chen und hat bereits in vielen Fällen die anderen
sich wendet, wenn man Neuigkeiten von weltumspan- Sender in große Verlegenheit gebracht."
nender Bedeutung hören will", so Benjamin Bagdikian,
Medienkritiker und Professor an der University of CNN, das außerhalb der Vereinigten Staaten 10 MillioCalifornia, Berkeley. "Sie haben der Welt einen rund nen Haushalte sowie 250.000 Hotels, Botschaften,
um die Uhr sendenden Nachrichtenkanal gegeben, Unternehmen und Börsen per Kabel erreicht, ist für
von dem niemand gedacht hätte, daß er funktionieren Entscheidungsträger in 90 Ländern zu einer wichtigen
neuen Quelle geworden. Zu den regelmäßigen Zuwürde, und hatten damit Erfolg."
schauem zählen bekanntermaßen Lech Walesa in
"CNN ist vielleicht die interessanteste Erfolgsstory des Polen, Fidel Castro in Kuba, der ehemalige UNOKabelfemsehens", erklärt Howard Stringer, Präsident Generalsekretär Perez de Cuellar, König Hussein von
der CBS Broadcast Group. "Es hat sich selbst eine Jordanien und Muammar Ghaddafi in Libyen.
unverkennbare Nische geschaffen und wird auf Dauer
AMERIKA DIENST

Seite 1

�'Die arte Vorstellung, daß den Sendern eine Geschichte gehört und nur sie sie veröffentlichen dürfen, ist
veraltet, da CNN für die Zuschauer unstrittig die erste
Anlaufstelle ist", so Stinger von CBS. "Das bedeutet
für uns, daß die Rolle unseres Senders viel stärker
darin besteht, Hintergrundinformationen und Auswertung hinzuzufügen."
Selbst diejenigen, die nie CNN gesehen haben, können den wachsenden Einfluß dieses Senders auf die
Berichterstattung aller Sender beobachten:
Femsehmoderatoren, die in alle Teile der Welt
fliegen;

Jahr 1981 über den Abschuß des koreanischen Verkehrsflugzeugs, den Bombenanschlag auf das Hauptquartier der amerikanischen Marineinfanterie in Beirut
und die amerikanische Invasion in Grenada. CNN war
der einzige Sender, der den Start von Challenger
filmte, als die Raumfähre explodierte.
"CNN hat die Erwartungen, die wir an das Femsehen
stellen, geändert", so Conrad Kottak, Autor einer anthropologischen Analyse von Femsehen und Kultur.
"Wir wollen uns jetzt einfach zu jedem beliebigen
Zeitpunkt ins Programm einschalten können, anstatt
uns wie vorher üblich an einen Zeitplan halten zu
müssen".

Das Drängen auf tiefgründigere, enthüllende
und mit Kommentaren versehene Berichte;

CNN stellt nicht nur für die Zuschauer eine alternative
Nachrichtenquelle dar, sondern verkauft auch NachMehr Auslandsberichterstattung bei den lokalen richten aus dem Ausland an lokale Femsehstationen
und beraubt damit die großen Fernsehsender ihrer
Fernsehsendern;
Haupteinkommensquelle und in gewissem Ausmaß
öftere Unterbrechungen des Unterhaltungspro- ihrer Identität. "Wir mußten uns wirklich anstrengen,
um unsere Dienste für die angeschlossenen Stationen
gramms für neueste Berichte;
zu verbessern", so Bob McFarland, stellvertretender
Umfassende Kosteneinsparung bei den Sen- Direktor von NBC Nightly News. "Die Sender räumen
dern, einschließlich Personaleinsparungen und CNN" bei einigen Ereignissen "in zunehmendem Maße
der Schließung von Büros auf der ganzen Welt. die Exklusivberichterstattung ein", stellt Bernard Shaw,
Moderator von The World Today fest.
"Als NBC von General Electric aufgekauft wurde,
wollte die Unternehmensleitung wissen, warum wir CNN beschäftigt 1.700 Angestellte, hat 23 Büros und
nicht so kostengünstig wie CNN arbeiten können", erzielte 1989 einen Betriebsgewinn von 134 Millionen
erinnert sich Lawrence Grossman, ehemaliger Präsi- Dollar. Es verfügt über Zweigorganisationen und eine
dent von NBC News, zur Zeit Honorarprofessor am unter dem Namen Newsource bekannte NachrichtenGannett-Zentrum für Medienforschung, das der Co- agentur, die unabhängig allgemeine Berichte ohne das
lumbia University in New York angehört.
CNN-Logo anbietet.
Andere Änderungen im Bereich der Sender beinhalten, daß alles - von den Daten, die durch Befragung
von Wählern unmittelbar nach der Stimmabgabe
gewonnen werden bis zur Filmberichterstattung über
die jüngste Geiselbefreiung - allen zugänglich gemacht wird, sowie Ankündigungen, wie die Mitte des
Jahres 1990 von NBC gemachte, es werde seine 209
(schrumpfenden) angeschlossenen Femsehstationen
rund um die Uhr mit Nachrichten versorgen.
CNN hatte vor über 10 Jahren seine Premiere, indem
es vor einem potentiellen Publikum von 1,7 Millionen
Haushalten seinen ersten Werbespot unterbrach, um
das Neueste über die versuchte Ermordung des
amerikanischen Bürgerrechtlers Vemon Jordan zu
berichten.

Larry King Live und CNN Sports Tonight gehören zu
CNNs beliebtesten Serien. World Report, der ungeändette Berichte von 120 ausländischen Fernsehanstalten sendet, fand großes Lob. Moneyline, eine
Sendung mit Nachrichten aus der Geschäftswelt, hat
ein treues Fernsehpublikum.
Trotz der zahlreichen Stärken und Innovationen von
CNN bleiben einige Schwächen bestehen. "Die Sender haben etwas, über das CNN nicht verfügt: eine
Reihe von renommierten und erfahrenen Korrespondenten", so Stringer von CBS.

"Esbesteht eingroßer Unterschied zwischen Reportage und Berichterstattung", kommentiert ein ehemaliger leitender Mitarbeiter eines großen Nachrichtensenders, der nicht namentlich genannt werden möchSeitdem konnte der Sender eine eindrucksvolle Reihe te. "Es stimmt, daß CNN die Technik beherrscht,
von sensationellen Erstmeldungen und Meilensteinen Schlüsselereignisse mit der Kamera einzufangen, aber
verzeichnen: Liveberichte über Anhörungen im ame- es muß noch viel lernen, um die Bedeutung dieser
rikanischen Senat, Berichte über die Attentatsversu- Ereignisserichtigeinschätzen zu können". CNN stützt
che auf Präsident Reagan und den Papst, die Hochzeit sich vielleicht nicht auf ein Spitzensystem • hochkaräim englischen Königshaus, die Ermordung des ägyp- tige Femsehmoderatoren und Persönlichkeiten -, aber
tischen Präsidenten Anwar Sadat.
Beobachtern zufolge liegt das daran, daß die quantitativ hohen Anforderungen und die geringe Bezahlung
CNN erhielt den Peabody Award und den Preis des der Mitarbeiter der Qualität und der Loyalität nicht
Overseas Press Club für seine Berichterstattung im förderlich sind.
Seite 2

AMERIKA DIENST

�"Viele unserer Mitarbeiter haben die ersten Jahre ihres
Berufslebens damit verbracht, bei CNN Erfahrung zu
sammeln", so McFarland von NBC. CNN kommt beim
Kampf um die Einschaltquoten häufig nicht über die
0,7-Prozent-Marke hinaus. Um die Zahl der Zuschauer zu erhöhen, rief der Sender sowohl The World
Today als Gegenstück zu den Abendnachrichten als
auch Special Assignment, eine Enthüllungsserie, ins
Leben.

zeilen gemacht. "Es wird mindestens zwei Jahre
dauern, bis wir für The World Today eine treue
Zuschauerschaft haben", prophezeit er. 35 Jahre lang
haben sich die großen Drei (CBS, ABC und NBC) die
Schlacht um Einschaltquoten geliefert", so Professor
Tomlinson von Texas A &amp; M. "CNN hat uns eine
lebensfähige vierte Kraft gegeben - und das ist für
jedermann von Vorteil".

Bisher hat Ed Turner, dem leitenden Nachrichtenredakteur zufolge keine der beiden Sendungen Schlag-

AMERIKA DIENST

Seite 3

�MEDIEN
17. November 1993

DIE ROLLE FREIER MEDIEN IN DER DEMOKRATIE
Rede Shattucks bei KSZE-Seminar
WARSCHAU - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 2. November 1993 beim KSZE-Seminar über freie
Medien in Warschau vom Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im USAußenministerium, John Shattuck, gehaltene Eröffnungsansprache im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, diese Woche als Leiter einer
amerikanischen Delegation in Warschau zu sein, zu
der prominente Vertreter der US-Medien und der
akademischen Welt zählen. Ich möchte dem Büro für
demokratische Institutionen und Menschenrechte für
die Veranstaltung dieses Seminars danken und freue
mich auf eine Woche offener Diskussionen über die
Prinzipien und Praktiken freier Medien in einer freien
Gesellschaft. Ich möchte Polen meinen Dank für die
Gastfreundschaft aussprechen.

Form der Freiheit." Eine Regierung, die ihr Volk und
ihre Presse zum Schweigen bringt, ist nicht demokratisch. Denn ein Volk, dem ein Maulkorb angelegt und
Information verweigert wird, ist ein Volk ohne Macht,
ein Volk ohne die Fähigkeit zur Bewältigung seiner
Probleme.

Hier in Europa waren die Medien und die Kommunikationstechnologie entscheidend für die friedlichen Revolutionen, die den Kontinent erfassen, sowie für die
kontinuierliche Entwicklung neuer politischer SysteWarschau als Ort der Veranstaltung eines Seminars me. In Rußland und der ehemaligen Tschechoslowascheint mir besonders geeignet, denn hier haben kei wurden die Hoffnungen der Menschen jahrzehnteMenschen, denen die Redefreiheit verweigert wurde, lang dank Samizdat und Kopiermaschinen am Leben
dennoch ihre Stimme erhoben. Mutig. Entschlossen. erhalten. In Rumänien wurden mutige Bürger bei
Mit Engagement. Und die in Polen friedlich mit Ideen ihrem Protest gegen eine Rede von Ceausescu im
geführte Revolution hat dazu beigetragen, das Blatt in Femsehen gezeigt, bevor die Zensoren das Programm
Osteuropa zu wenden. Polen ist ein unmißverständli- unterbrechen konnten. Dies und die verwirrte Reakches Beispiel für die Macht der Rede, die sich von der tion des Regimes verliehen dem rumänischen Volk
Zensur zu befreien sucht, um die Ungrechtigkeit anzu- Mut. In der Tschechoslowakei trotzten Fernsehjourgreifen und zu berichtigen. Polen ist der Beweis für die nalisten der Nachrichtensperre und zwangen die
Macht des Volkes • seiner Ideen, seiner Worte und Geschäftsleitung, die Demonstrationen der sanften
Revolution zu übertragen. Eine der ersten Taten der
seiner Träume - über die Tyrannei.
neuen tschechischen Regierung war, den staatlichen
Seit jenen ersten berauschenden Tagen der Freiheit Zensor zu feuern. Die Bürger in ganz Osteuropa und
hat Polen den sich rasch verändernden politischen und der ehemaligen Sowjetunion haben sich mit Begeistewirtschaftlichen Systemen inhärenten Tumult erlebt. rung ihrer neuentdeckten Redefreiheit bemächtigt.
In eben solchen Zeiten des Wandels wollen RegierunDennoch wird die Verpflichtung der Regierungen zu
gen manchmal die Pressefreiheit beschneiden mit
dem Argument, die Redefreiheit müsse gegen andere freien Medien häufig auf die Probe gestellt - in meinem
Bedürfnisse der Gesellschaft abgewogen werden. In Land ebenso wie in Europa. Kritik an der Regierung
einer Demokratie, in der die Souveränität beim Volk beschneidende Gesetze und staatliche Kontrolle des
liegt, ist die Redefreiheit das wichtigste Recht. Vor Handwerkszeugs der Medien - Druckerpressen, Zeisechzig Jahren, mitten in der Großen Depression, als tungsverlage, Fernsehstationen, Subventionen und
Zehntausende Amerikaner arbeitslos waren, schrieb Vertrieb - engen eben die Redefreiheit ein, die Grundder Richter am Obersten Bundesgericht, Benjamin lage von Stabilität und Legitimität all unserer Nationen
Cardozo: "Die Freiheit des Ausdrucks ist die Matrix, ist.
die unerläßliche Bedingung, für nahezu jede andere

AMERIKA DIENST

Seite 1

�Als mit dem Aufbau unserer Nation vertrauter Amerikaner kann ich mich mit dem Kampf der osteuropäischen Länder und der neuen unabhängigen Staaten
sehr gut identifizieren. Skeptiker bezüglich des Werts
der Pressefreiheit argumentieren, daß die Erfahrung
der Vereinigten Staaten einzigartig und aus diesem
Grund für Erörterungen der Rolle von Medien andernorts irrelevant ist. Ich bin anderer Meinung. Die
amerikanische Erfahrung ist nicht einzigartig. Auch wir
sahen uns bei der Geburt unserer Nation mit Kämpfen
im Inland und Bedrohungen aus dem Ausland konfrontiert. Ebenso wie Sie versuchten wir ein neues politisches System zu gründen. Im gesamten Verlauf
unserer Geschichte haben wir mit der Herausforderung gerungen, eine starke Regierung zu schaffen und
gleichzeitig das Volk vor einer nicht rechenschaftspflichtigen Regierung zu schützen - so übermächtig,
daß sie repressiv werden konnte. Seit 200 Jahren
bilden die Medien das Kernstück unserer Gesellschaft
und sehen sich dennoch konstantem Druck durch
staatliche Zensur ausgesetzt.
Die Geschichte eines Druckers namens John Peter
Zenger in der damaligen Kolonie New York wird häufig
als Beispiel der amerikanischen Verpflichtung zur
Redefreiheit angeführt. Im Jahr 1735, vor der Gründung unserer Nation, wurde Peter Zenger wegen
ketzerischer Reden der Prozeß gemacht. Sein Vergehen war die Anmaßung, Kritik am britischen Gouverneur gedruckt zu haben. Unter anderem beschuldigte
er den Gouverneur, die Kolonie französischen Angriffen auszusetzen. Die Geschworenen stimmten für
Freispruch anhand von Beweisen für die Wahrheit der
Anschuldigung. Diese Geschichte wird gelegentlich
erzählt, um zu demonstrieren, daß die Amerikaner in
einzigartiger Weise aufgeschlossen gegenüber einer
freien Presse sind. Das ist jedoch nicht der Punkt.
Obwohl die Amerikaner ihre Freiheit lieben, wäre die
Behauptung, wir seien anders als andere Menschen,
eine Verzerrung unserer und Ihrer Geschichte. Der
Kampf um das Prinzip einer freien Presse wurde nicht
über Nacht gewonnen. Erst jahrzehntelange Kämpfe
und der Mut unzähliger Einzelpersonen führte zu seiner Verankerung in der amerikanischen Bill of Rights.
Trotz der Verfassung der Vereinigten Staaten und trotz
der kühnen Aussage des ersten Zusatzartikels, "Der
Kongreß darf kein Gesetz erlassen, das... die Redeoder Pressefreiheit ... einschränkt", verabschiedete
unser Kongreß im Jahr 1798 das Gesetz über Ausländer und Aufwiegler, mit dem das Recht zur Kritik an der
Regierung beschnitten wurde. Warum stimmte der
Kongreß einer solchen Gesetzesvorlage zu, und warum verlieh Präsident John Adams, ein Unterzeichner
der Unabhängigkeitserklärung, ihm Gesetzeskraft?
Gelehrte verweisen auf die Besorgnis über eine Bedrohung der Vereinigten Staaten durch Frankreich sowie
auf die Rivalität zwischen der Föderalistischen Partei
von John Adams und der Republikanischen Partei
seines Vizepräsidenten Thomas Jefferson.

Seite 2

Das Gesetz über Ausländer und Aufwiegler lief einige
Jahre nach seinem Inkrafttreten aus, aber die daraus
gezogenen Lehren sind eindeutig: In einem Land wie
unserem ist die Pressefreiheit zu Zeiten der größten
Instabilität einer Nation dem höchsten Risiko ausgesetzt. Die Stimmen der Opposition in solchen Zeiten
zum Schweigen zu bringen, heißt, die Gesellschaft
konstruktiver Kritik zu berauben, das Risiko zu laufen,
friedlichen Protest in gewalttätigen Widerstand ausarten zu lassen und zu verhindern, Sprache zum Mittler
demokratischen Wandels zu machen.
Die amerikanische Verpflichtung zur Redefreiheit ist
kein Luxus einer modernen Gesellschaft. Redefreiheit
ist der Ursprung von Kreativität in unserer Gesellschaft
und der Stabilität unserer Regierungsform. Thomas
Jefferson hat einmal die Theorie aufgestellt, die Menschen müßten alle 17 Jahre das Joch ihrer Regierung
abwerfen. 217 Jahre später hat sich dies als unwahr
erwiesen, und zwar eben weil die Redefreiheit die
friedliche Umgestaltung einer Geseilschaft ermöglicht.
Rede- und Pressefreiheit sind kein Luxus in einem
neuen demokratischen Staat, sondern eine Notwendigkeit und eine Entscheidung, die eine Demokratie
immer wieder treffen muß.
In diesem Jahrhundert wurde die Pressefreiheit in den
Vereinigten Staaten wiederholt auf die Probe gestellt.
Sie wurde während der beiden Weltkriege herausgefordert, während der Bürgerrechtsbewegung und von
den Vietnamkriegsgegnern, die uns noch frisch in
Erinnerung sind. Rede- und Pressefreiheit werden
heute unter dem einen oder anderen Deckmantel
weiterhin diskutiert. Wir sind eine Gesellschaft, die
erörtert, ob von der Regierung finanzierten Künstlern
Zwänge auferlegt werden sollen, ob die Gewalt in
unseren Städten die Kontrolle von Gewaltdarstellungen im Femsehen und Kino erfordert, ob die Abtreibungsgegner das Recht haben, Abtreibungskliniken
aufsuchenden Frauen ihren Protest buchstäblich ins
Gesicht zu schreien, ob die Regierung richtig oder
falsch handelte, als sie während der Golfkrise eine
Nachrichtensperre verhängte. An den Universitäten,
die traditionsgemäß das Hauptforum der freien Rede
sind, wird heute das Argument vorgebracht, die Redefreiheit sollte eingeschränkt werden, wenn die Rede
Angehörige einer ethnischen rassischen, rekjiösen
oder sozialen Gruppe angreift. Aus meiner Sicht sind
all dies Bedrohungen der freien Rede, aber auch
Themen lebhafter Diskussionen.
In dieser Woche werden wir Gedanken über die Rechtsgrundlage freier Medien austauschen. Eben weil die
Pressefreiheit gleichermaßen unerläßlich für die
Demokratie und einer ständigen Bedrohung ausgesetzt ist, vertreten wir die Auffassung, daß eine verfassungsmäßige Garantie - kein Gesetz - den besten
Schutz der Pressefreiheit darstellt. Ein von der Legislative gewährtes Recht kann von dieser wieder entzogen werden.

AMERIKA DIENST

�Hinsichtlich der internationalen Verpflichtungen begrüßen wir die von der Menschenrechtskommission
der Vereinten Nationen getroffene Entscheidung, einen Sonderberichterstatter über Meinungs- und Redefreiheit zu ernennen. Die Resolution über die Einrichtung dieses Amtes verleiht der tiefen Besorgnis über
die Verfolgung von Journalisten, Redakteuren, Schriftstellern, Verlegern und Druckern Ausdruck sowie
derjenigen, die lediglich von ihrem Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit Gebrauch
machen.

Entscheidungen werden vom Menschen getroffen, sei
es, wofür das Geld ausgegeben wird, wer gewählt wird
oder wem Glauben geschenkt wird. Die Erfahrung hat
wiederholt gezeigt, daß das beste Mittel gegen Falschinformation mehr Information ist.

Wenn wir einen juristischen Rahmen für freie Medien
erörtern, sollten wir die natürliche Spannung zwischen
den Regierenden und denjenigen, die über sie berichten, in Betracht ziehen. Die Aufgabe der Medien ist die
Überwachung der Regierung, nicht umgekehrt. Die
Medien lassen für gewöhnlich Politiker nicht in Ruhe.
In Polen nimmt die satirische Femsehserie "Polskie
Wir begrüßen auch die Wiener Deklaration, sind jeZoo"
die Politiker aufs Korn, obwohl viele von ihnen
doch der Ansicht, daß sie beim Schutz der Pressefreidiejenigen
waren, die im Kampf Polens für Redefreiheit nicht weit genug geht. Das "Rahmenwerk nationaheit
an
vorderster
Front standen. Das geschieht in
ler Gesetze" mag nicht immer eine angemessene
jeder
freien
Gesellschaft.
Als George Washington aus
Grundlage für die Gewährleistung einer freien Presse
dem
Amt
ausschied,
versahen
die Karikaturisten einen
sein, insbesondere wenn die Regierung der Presse
Esel
mit
seinem
Kopf,
und
eine
Zeitung in Philadelphia
ablehnend gegenübersteht. Das gleiche Problem besteht
schrieb:
"
Jedes
Herz,
das
die
Freiheit
und das Glück
bei Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskondes
Menschen
wünscht,
sollte
höher
schlagen aus
vention und der Resolution des Europarates von 1993,
Jubel
darüber,
daß
der
Name
Washington
von diesem
die "akzeptable" journalistische Praktiken definiert. Ich
Tag
an
nicht
länger
politische
Schandtaten
und legalifürchte, durch diese Bestimmungen werden freie Medien
sierte
Korruption
nährt."
Selbst
Gründerväter
werden
nicht gewährleistet, sondern beschränkt.
nicht unbedingt respektvoll behandelt.
Auf der Tagesordnung dieser Woche stehen journalistische Freiheit und Verantwortung. Ich bin über
Die Debatte dauert noch heute an. Wenn Amerikas
dieses Thema beunruhigt, da es anzudeuten scheint,
leidenschaftliche Verteidigung der Pressefreiheit chaRegierungsvertreter hätten das Recht zur Definition rakteristisch für unsere Nation ist, dann aber auch die
von "verantwortungsbewußtem" Verhalten. Seitens Tatsache, daß keine Einrichtung öfter am Pranger
der Regierung eine gute Beurteilung der Presse zu steht als die Presse, niemand von der Öffentlichkeit
erwarten, ist ebenso töricht wie die Erwartung, alles schneller zum Sündenbock gemacht wird. "Die Memögen, befürworten oder auch nur lesen zu wollen, dien" werden von Politikern und Aktivisten aus dem
was an einem Zeitungskiosk zum Verkauf angeboten gesamten ideologischen Spektrum als Quelle verwird.
schiedener Übel verurteilt - von schlechter Politik bis
zum Verfall des Wertesystems. Während unseres
Als ich vor kurzem in der Schlange an der Kasse eines letzten Präsidentschaftswahlkampfes war einer der
Supermarktes stand, hatte ich die Auswahl unter beliebtesten Aufkleber der Republikanischen Partei
Publikationen mit Titelgeschichten, die von Präsident "Ärgert die Medien: Wählt wieder Bush!" Und es
Clintons Reformplan für das Gesundheitswesen über verging nicht viel Zeit nach der Amtsübernahme Prädie Herbstmode, neue Angebote für Autos und Kabel- sident Clintons, bis die Leitartikelschreiber seine
femsehen bis zu so verführerischen Überschriften Administration zu kritisieren begannen, was einige
reichten wie "Elvis beim Frühstücken gesehen", "Fünf Demokraten zu Klagen über die "unfaire Behandlung"
Fitnessübungen beim Telefonieren" und "Opfer rätsel- ihres Präsidenten veranlaßte.
hafter Krankheit vergessen Tiernamen - erinnern sich
aber an alles andere". Diese Titel zeigen zumindest,
Die freien Medien sind für gewählte Politiker ein ständaß es keine Garantie für guten Geschmack gibt. Es diges Ärgernis. Die freien Medien werden oft vom Volk
gibt keine Sicherheit dafür, daß alles, was die Menkritisiert. Die freien Medien verleihen oft Ideen Ausschen in einer Demokratie schreiben oder lesen wol- druck, die nicht jeder mag oder befürwortet.
len, tiefgründig, erhebend oder wahr ist. Freie Rede
kann ebensogut albern, verletzend oder vollkommen Der große russische Dichter Turgenjew schrieb 1882:
unwahr sein. Die Frage ist jedoch, wer die Medien bei "An den Tagen des Zweifeins und des traurigen Grüihren Exzessen mäßigen sollte und was der Preis für belns über das Schicksal meines Landes bist Du allein
mein Stab und meine Stütze - mächtige, wahre, freie
die Kontrolle einer freien Presse ist.
russische Sprache!" Rußland erlebt eine sehr harte
Zur ersten Frage: Ich würde argumentieren, Journali- Zeit. Unser Respekt für Rußland hat nicht abgenomsten sollten in objektiver Berichterstattung ausgebildet men, die Vereinigten Staaten haben jedoch in der
Öffentlichkeit und in Gesprächen ihre Ablehnung der
werden und die Redakteure über die Veröffentlichungen entscheiden. Ihre Entscheidung wiederum sollte Zensur in Rußland und des Verbots der Oppositionsvom Markt geleitet werden. Die Essenz eines freien presse deutlich gemacht. In der ehemaligen SowjetIdeenmarktes ist dieselbe wie die der Demokratie: Die union genoß Rußland den Ruf, die freiesten Medien zu
AMERIKA DIENST

Seite 3

�haben. Die Medien haben beim Schutz der Demokratie in Ru Bland eine Rolle gespielt: Die Fernsehberichterstattung über den Putschversuch von 1991 und die
Proteste im Oktober riefen die demokratischen Kräfte
auf den Plan. Angesichts der gegenwärtigen Krise und
der bevorstehenden Wahlen müssen die Menschen
eine Stimme und eine Vielfalt von Informationsquellen
zur Verfügung haben.

freie Presse ist immer wieder eine Kraft zur Behebung
von haßbedingtem Unrecht gewesen. Die schlechte
Behandlung von Arbeitnehmern, Korruption und Rechtsbrüche finden statt, weil wir Menschen sind. Eine freie
Presse hat sich wiederholt als Korrektiv erwiesen.
Politische Inkompetenz oder Machtmißbrauch ereignen sich nicht aufgrund der Nachlässigkeit der Demokratie, sondern weil die Politiker Menschen sind.
Machtmißbrauch oder der unkluge Umgang mit Macht
Freie Medien sind der beste Schutz einer Demokratie sind so alt wie die Menschheit und ebenso Bestandteil
und ein Urheber für friedlichen sozialen Wandel. Unter der menschlichen Natur wie Ehrgeiz und Angst, Mitleid
normalen Umständen stellen freie Medien das Mittel und Vorurteil, der Wunsch, Gutes und die Versuchung,
dar, durch das die Wählerschaft sich bildet und ihren Böses zu tun. Eine freie Presse weist immer wieder
Ansichten über aktuelle Fragen Ausdruck verleiht. Es auf politische Inkompetenz und Machtmißbrauch hin
gibt auf der Welt nicht einen gewählten Politiker, der und hilft der Demokratie erneut auf die Füße. In einer
nicht den Tag mit der Lektüre von Nachrichten und Demokratie erstreben wir eine Beschränkung der
Leitartikeln beginnt. In bewegten Zeiten gewähren die schlimmsten Engebungen der Regierenden und eine
freien Medien die Ideenvielfalt und stellen ein Forum Freisetzung der besten Eingebungendes Volkes. Das
für abweichende Meinungen dar.
Ergebnis ist auf kurze Sicht manchmal das Gegenteil
des Erwünschten, auf lange Sicht jedoch eine DemoIn den Vereinigten Staaten fallen uns viele Beispiele für kratie, die unter dem Schutz der Pressefreiheit in
die positiven Auswirkungen freier Medien auf die kreativen, stabilen und gerechten Gesellschaften in
Gesellschaft ein. Die Presse brachte zur JahrhundertNationen Früchte trägt, die in Harmonie, nicht in Bürwende die inhumanen Bedingungen in amerikanischen gerkrieg leben.
Fabriken und Mietshäusern ans Licht, die Presse
stellte ein Forum für die Gegner des Vietnamkriegs Die Vereinigten Staaten sind der festen Überzeugung,
dar. Die größte Veränderung, die die Presse in den daß Menschenrechte und Demokratie die PressefreiVereinigten Staaten bewirkte, fand vielleicht bei den heit voraussetzen. Als Abteilungsleiter für MenschenRassenbeziehungen statt. Wie viele andere hier verrechte und humanitäre Angelegenheiten im Außenmitretene Nationen werden die Vereinigten Staaten seit
nisterium beschäftige ich mich nicht nur zeitweilig mit
langer Zeit mit ethnischen und rassischen Spannunfreien Medien - vielmehr sind sie ein zentraler Bestandgen konfrontiert, oftmals weil das in unserer Verfas- teil meiner Arbeit. Nach dem Ende des Kalten Krieges
sung verankerte Recht auf Freiheit und Würde einigen und angesichts der Bestrebungen einer Vielzahl von
Menschen aufgrund ihrer Rasse verweigert wurde. Ländern zum Aufbau funktionierender Demokratien
Die Abschaffung der Sklaverei hing von einer freien besteht für uns die Chance eines dauerhaften FriePresse ab, beispielsweise William Lloyd Garrisons dens und einer anhaltenden Verpflichtung zur Freiheit.
abolKionistischer Zeitung. Die Bürgerrechtsbewegung
Der Philosoph Tacitus schrieb vor langer Zeit: "Rar
in diesem Jahrhundert basierte ebenfalls auf der sind jene glücklichen Zeiten, in denen Gedanken und
Redefreiheit - auf dem Recht von Martin Luther King Worte frei sind." Wenn wir uns mit Wachsamkeit für die
und Malcolm X, ihre Meinung zu äußern und Märsche Freiheiten einsetzen, von denen ich spreche, können
anzuführen, auf dem Recht der Presse zur Berichter- wir gemeinsam darauf hinarbeiten, daß uns allen
stattung über Unterdrückung. Martin Luther Kings unwiderruflich solche Zeiten bevorstehen.
Rede "Ich habe einen Traum ..." inspiriert die Menschen noch heute, und ohne Redefreiheit und eine Ich danke Ihnen.
freie Presse würde dieser Traum im Dunkeln bleiben.
Wir haben keine Vorurteile aufgrund von Redefreiheit,
sondern weil sie in der Natu r des Menschen liegen. Die

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
7. Juni 1995

Fax, CD-ROM, Online-Dienste und Zeitungen
von Tony Case
WASHINGTON - (AD) - Die Redaktionen der großen amerikanischen Zeitungen befassen sich mit der Frage,
wie sie sich einen Platz auf den Hauptspuren der Datenautobahn - Fax, CD-ROM und Online-Diensten sichern und dabei die starken, traditionellen Funktionen einer Zeitung bewahren können. Datenbanken
gestatten Zeitungen und Werbefachleuten, ihr Marketing stärker auf eine bestimmte Zielgruppe auszurichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den unwesentlich gekürzten Artikel von Tony Case, einem Redaktionsmitglied
von Editor &amp; Publisher
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 16. Juli 1994.
Copyright (c) Editor &amp; Publisher, Inc.

Während Zeitungsverlage sich darum bemühen,
ihren Abschnitt der Datenautobahn zu bauen, sollten
sie sich vor Augen halten, was sie überhaupt auf
diese Bahn brachte, empfielt der Leiter einer der
größten Medienkonzerne der Vereinigten Staaten.
"Meines Erachtens sollten wir unsere Fühler in alle
Richtungen ausstrecken, dabei aber nicht vergessen,
daß die Zeitung das Kernprodukt ist. Wir können
Zeitungen als das Tor zum Leser bezeichnen und
sollten uns daran erinnern, daß es immer noch die
Zeitung ist, die uns hilft, Informationen zu sammeln
und sie durch alle möglichen elektronischen Systeme
zu befördern", erklärt John Curley, Vorsitzender,
Präsident und Geschäftsführer von Gannett Co. Inc.
Curley traf mit Eugene Falk, dem Niederlassungsleiter und Manager der Los Angeles Times, und
Joe Hladky, dem Präsidenten und Herausgeber der
Gazette Co. aus Cedar Rapids (Iowa) bei einer
Diskussionsrunde mit dem Titel "Die strategische
Richtung der Zeitungen - Herausforderung und
Partner der Zukunft" zusammen, die von der Vereinigung der Zeitungsverlage der technischen
Ausstellung und Konferenz der America's Nexpo '94
veranstaltet wurde.

daß Technologie ein Mittel ist, auf den langjährigen
Erfolgen der Printmedien aufzubauen, und nicht,
diese - wie von vielen prognostiziert - zu ersetzen.
"Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben Zeitungen die
Informationen auf die eine oder andere Art gesammelt, herausgegeben, verpackt und verteilt. Im
vergangenen Jahrzehnt haben unsere lokalen und
nationalen Vertretungen Wege gefunden, die Konsumenten zu erreichen, deren Hunger nach Nachrichten nicht auf die Artikel in unseren Zeitungen beschränkt ist", teilte Curley den Teilnehmern der
Nexpo mit.
Im vergangenen Jahrzehnt entwickelten Nachrichtenkonzerne wie Gannett aus Arlington (Virginia) Produkte, die den Kreis ihrer Leser vergrößerten und die
Wirkung ihrer Berichterstattung erhöhten. Curley
berichtete, das Nervenzentrum der elektronischen
Nachrichten- und Informationsdienste seines Unternehmens sei das Gannett/USA Today Sport- und
Informationszentrum in Greensboro (North Carolina).

In einer riesigen Halle des Las Vegas Convention
Center konnten die Teilnehmer die Multimedia- und
interaktiven Unternehmen ihrer Firmen vor Hunderten von Konferenzteilnehmern darlegen.

Das 1989 vorwiegend zur Bereitstellung von Sportstatistiken errichtete Zentrum verpackt heute Inhalte
aus USA Today und anderen Zeitungen von Gannett
neu und macht sie elektronisch zugänglich. Der
Service bietet lange Nachrichtenberichte, kurze Artikel
zu Themen wie Wirtschaft, Reisen und Wetter sowie
ein Bulletin Board, das den Nutzern die Kommunikation untereinander gestattet.

Bei all ihren Gesprächen über Fax, CD-ROM und
Online-Diensten hoben die Manager jedoch hervor,

Curley warb für datenbankgestützte Werbemodelle,
die in Gannetts Zeitungsabteilung entwickelt wurden:

AMERIKA DIENST

Seite 1

�"So etwas benötigen wir, um Datenbanken, Videos
und alle anderen verfügbaren Mittel zu nutzen, damit
wir mehr Geld in unsere Zeitungen" sowie - gemeinsam mit Hewlett-Packard Co. - in die Entwicklung
eines Modells für ein Bibliotheksarchiv im Werk bei
Rochester (New York) "stecken können".
"Wir sollten bei unseren Bestrebungen, den Nutzen
dieses Kernprodukts für unsere Adressaten zu
erhöhen, über allen ansprechenden und populären
Aspekten der elektronischen Kommunikationsmedien
nicht unsere Zeitungen vergessen", warnte Curley.
Neue Technologien sind "etwas Feines, vielleicht in
Zukunft hilfreich und könnten eine Tür aufstoßen",
äußerte er, "aber wenn wir jährlich zwischen 3 und
5 Prozent neuer Leser gewinnen und damit den
Abwärtstrend umkehren könnten, wären meiner
Meinung nach die Werbegelder äußerst lohnend
angelegt".
Eugene Falk von der Times wiederholte Curleys
Behauptung, Technologie werde dazu dienen, die
existierende Basis der Zeitung zu vergrößern, indem
entstehenden Bedürfnissen der Verbraucher und
Werbefachleute entsprochen werde, denen die
Printmedien nicht Rechnung tragen könnten.
Ebenso wie die Öffentlichkeit wird auch das Aushängeschild von Times Mirror Co. mit diesen neuen
Entwicklungen experimentieren, teilte Falk seinen
Zuhörern mit. "Wir wollen, daß sie sich mit uns
bewegen", sagte er in bezug auf die Leser der
Zeitung.
Elektronische Dienste sind ihm zufolge auch eine
Schranke gegen neue Wettbewerber. "Viele der
Dienstleistungsnischen, die diese neuen Akteure als
Chancen ansehen, werden weitaus weniger attraktiv
erscheinen, wenn wir sie bereits anbieten!"
Die Times ruft auch neue lokale Medien ins Leben,
die für Online-Dienste wichtig sind. Zu den Produkten der Zeitung werden eine Kombination von
Nachrichten, Informationen, Kommunikation und
Werbung mit Transaktionen gehören.
"Welcher dieser Dienste das neue Medium dominieren wird, ist noch ganz unbekannt", erklärte Falk, "es
ist jedoch klar, daß alle drei benötigt werden, um
genügend Konsumenten und Werbefachleute zu
gewinnen, die es zu einem lebensfähigen Unternehmen machen".
Seiner Ansicht nach sind die anfänglichen Angebote
der Times evolutionäre Schritte zur Schaffung einer
breitgefächerten Dienstleistungspalette.

Seite 2

"Unseres Erachtens wird es ziemlich lange dauern,
bis eine Welt mit 500 Kanälen in den Vereinigten
Staaten funktioniert", erklärte er.
Die heutigen
Lektionen, die wir unter Einsatz moderner Technologien lernen, werden uns zu dem führen, was wir
letztlich als Rolle der Zeitungen auf den Datenautobahnen der Zukunft ansehen."
Die Vision der Zeitung von elektronischen Diensten
impliziert Falk zufolge die Überzeugung, daß sie eine
Reihe von Datenbanken für ein breites Spektrum von
Informationskategorien repräsentiert, beispielsweise
nationale und lokale Nachrichten, Immobilien- und
Einzelhandelsanzeigen.
Natürlich wird die Times weiterhin in ihren täglichen
Ausgaben Informationen verpacken, aber die elektronische Verteilung wird ihr gestatten, "tiefer zu
gehen und unseren Kunden in ausgewählten wichtigen Marktsegmenten mehr Wert anzubieten". Zu den
Spitzentechnologieprojekten der Zeitung zählen ihr im
Januar angekündigtes elektronisches Einkaufssunternehmen mit Pacific Telesis sowie ein Online-Geschäft mit dem kommerziellen Comupternetzwerk
Prodigy.
Bei Nutzung der Einkaufsmöglichkeiten erhalten die
Verbraucher mit Hilfe verschiedener Programme,
einschließlich Operator-gestützter, interaktiver und
Online-Videodienste, Zugang zu einer Datenbank mit
Kleinanzeigen und Branchenverzeichnissen.
Und "nach vielen Verhandlungen" ermöglichte es die
Times den Nutzern von Prodigy, gegen eine monatliche Gebühr von 4,95 Dollar Anzeigen in die Zeitung
zu setzen. Wer kein User von Prodigy ist, kann
diesen Service für monatliche 6,95 Dollar in Anspruch
nehmen.
"Dieses Geschäftsmodell ist wichtig, weil wir unsere
Kunden in die Lage versetzen wollten, uns allein zu
abonnieren, ohne das nationale Prodigy, wenn sie
das vorziehen", erklärte er. "Dadurch können wir die
direkten Beziehungen zum Kunden aufrechterhalten,
die ... das Schlüsselelement unserer Vision für
elektronische Dienste sind."
Die Times kontrolliert sämtliche Inhalte, die Präsentation des Materials sowie die Preisfestsetzung für
Abonnement und Werbung.
Für diese "Unabhängigkeit und Kontrolle", so Falk,
wird die Zeitung Prodigy einen Teil ihrer Einkünfte
aus dem Service zukommen lassen.
Diese Projekte "enthalten alle Elemente unserer
Vision, wie Zeitungen mit Hilfe moderner Technolo-

AMERIKA DIENST

�gien elektronische Dienste bereitstellen und diese in
Zukunft entwickeln sollten", so Falk.
"Wenn sich letztlich die Datenautobahnen schnell
weiterentwickeln, werden wir uns die entstehenden
Chancen zunutze machen. Wenn man sich auf den
Autobahnen festfährt, werden wir unseren Einsatz zu
relativ niedrigen Kosten gedeckt haben und immer
noch in der Lage sein, eine Zeitung anzubieten,
während andere auf die Weiterentwicklung der
Datenautobahn warten."
Gazette Co., Herausgeber der Cedar Rapids Gazette, hat sich der Technologie nicht nur zur Sicherung
der Zukunft von Zeitungen bedient, sondern zur
Gewährleistung, daß es auch morgen Zeitungsleser
geben wird.
Das Programm "Newspaper in Education" des
Unternehmens schloß sich mit "Foundations in
Reading" zusammen, einer von Breakthrough Inc.
aus Iowa City (Iowa) entwickelten Initiative, die
Kindern mit Hilfe von Computern das Lesenlernen
erleichtert.
"Meines Erachtens hat jede Lokalzeitung ein großes
Potential, in positivem Licht gesehen zu werden, da
viele der Geschichten von "Foundations in Reading"
die Vorteile des Lesens außerhalb des Klassenzimmers hervorheben", so der Präsident und Verleger
Hladky.
Jeder Schüler, der an dem Programm teilnimmt,
erhält ein zusätzliches Arbeitsheft im Zeitungsformat.

Eine Reihe von Bedienerzeichen führen die Anrufer
durch die Datenbank und ermöglichen ihnen eine
Konkretisierung der Suche, wobei immer die Option
offenbleibt, einen Schritt zurückzugehen. Die Nutzer
werden beispielsweise informiert, wieviele Autos
bereitstehen, die die von ihnen eingegebenen Kriterien erfüllen. Die Gazette hat derzeit ungefähr 1.000
Fahrzeuge auf ihrem elektronischen Parkplatz.
Täglich gehen etwa 100 Anfragen bei dem Dienst ein.
Hladky emphielt, bei der Prüfung der Zukunft von
Auskunftsdiensten eine Standardformel anzuwenden:
"Wenn Du sie nicht anbietest, wird es jemand anders
tun."
"Zu dem Auftrag unseres Unternehmens gehört, daß
wir durch eine dynamische Mischung von Produkten
und Dienstleistungen die Informationen über eine
Vielfalt von Auswahlmöglichkeiten bereitstellen. Wir
identifizieren nicht das Medium; diese Wahl bleibt
dem Verbraucher überlassen!"
Im Hinblick auf die traditionelle Rolle der Zeitung
empfahl Hladky, "uns auf das zu konzentrieren, was
wir am besten können: Die Sammlung von Informationen, um den Interessen der Verbraucher zu
entsprechen."
"Es wird eine neue Fernsprechtechnologie entwickelt,
und jede Zeitung will als Teil ihrer Servicepalette
unter Einsatz des Telefons Sprachinformation anbieten." Er fügte jedoch hinzu: Wir sollten uns nicht auf
ein Kommunikationsmedium konzentrieren, sondern
mehrere anbieten."

"Ich sehe eine natürliche Verbindung, bei der die

örtliche Zeitung mit diesen Arbeitsheften identifiziert
wird", teilte Hladky den Konferenzteilnehmern mit.
Vor einem Jahr führte die Gazette einen ExpressWay Classifieds genannten Lokalisierer für elektronische Kleinanzeigen ein, nachdem sie erkannt
hatte, daß die Öffentlichkeit die bestehenden Systeme nicht umfassend nutzte.
"Ich bin nicht der Ansicht, daß heutzutage irgendein
Telefonservice leicht zu verkaufen ist, wir hatten
jedoch das Gefühl, jeder neue Dienst sollte nutzerfreundlich sein, wenn die Datenbank abgefragt wird",
so Hladky.
Die Software wurde zusammen mit AudioTechs aus
Philadelphia entwickelt. Das System läuft auf einem
Alpha Computer von Digital Equipment Co., die
auch die Software vermarktet. Das Programm bietet
einen nahtlosen Datentransfer vom Kleinanzeigenteil
des Sll-Systems des Unternehmens zum DECComputer an, auf dem die Daten gespeichert sind.

AMERIKA DIENST

Die Niederlassung Decisionmark des Unternehmens
rief die MediaStar-Software für die Anwendung bei
Vertrieb, Werbung, direktem Marketing und Nachrichtenabteilungen ins Leben, die Microsoft Windows
einsetzt und entweder auf betriebssystemunabhängigen Rechnern oder Netzwerken operiert.
"Um die Software von MediaStar zu erklären, möchte
ich eine ganz kurze Definition geben: Sie integriert
Karten und Daten", so Hladky. "Die Entwickler von
MediaStar würden sagen, die Software bietet direkten Zugang zu Datenbanken und Erhebungen,
gestattet die Identifizierung und graphische Analyse
von Daten sowie ihre Präsentation zum verbesserten
Verständnis und für die Entscheidungsfindung."
Hladky zufolge gestattet MediaStar der Gazette "den
besseren Einsatz der riesigen Datenmenge, die der
Zeitung jetzt zur Verfügung steht, aber selten genutzt
wird".

Seite 3

�Derzeit wird eine zusätzliche Nutzung der Software
geprüft. "Wir haben gerade erst begonnen, die
Anwendung in der Nachrichtenzentrale zu prüfen",

so Hladky, "und es gibt wirklich interessante Möglichkeiten".

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
5. Juli 1995

Die digitalisierte Nachrichtenzentrale
von Philip Moeller
(AD) - Philip Moeller, ehemaliger Wirtschaftsredakteur und Redakteur für elektronische Nachrichten bei der Sun
in Baltimore, ist jetzt Berater und Autor mit Sitz in West Hartford (Connecticut).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von American Journalism Review, Copyright
(c) 1995.
Es klingt so einfach. Beginnen wir mit der typischen
Nachrichtenzentrale einer größeren Zeitung - die
Mitarbeiter sind vielleicht etwas jünger als bei
ähnlichen Zeitungen, unterscheiden sich aber
ansonsten nicht wesentlich. Wenden wir uns dann
den Computern und Kommunikationsgeräten zu, die
Nachrichten, Informations- und Unterhaltungsindustrien zu revolutionieren versprechen. Was wäre,
wenn die Mitarbeiter diese Maschinen beherrschen
und sie routinemäßig in der Nachrichtenzentrale
benutzen könnten, statt sie nur zum Gegenstand
dessen zu machen, worüber sie schreiben?
Willkommen beim Raleigh News &amp; Observer, einer
der wenigen in Familienbesitz verbliebenen amerikanischen Zeitungen. Der neue N&amp;O, wie er jetzt
heißt, hat in den vergangenen Jahren seine Reporter
mit diesen neuen Instrumenten vertraut gemacht.
Obwohl sich dieses Unterfangen zweifelsohne noch
im Anfangsstadium befindet, bietet Raleigh eine
Perspektive, wie digitalisierte Informationen und
neue Ansätze zur Berichterstattung und beim Schreiben von Geschichten die Nachrichtenzentralen der
Nation verändern könnten.
Beim N&amp;O und anderen technologiefreundlichen
Zeitungen wandelt sich das Metier der Reporter
ebenso wie die Rolle der Bibliothekare und anderer
Mitarbeiter. Teamjournalismus beherrscht - wenn
auch nicht ausschließlich aufgrund der Technologie zunehmend Nachrichtenzentralen, die vorwiegend
Computer einsetzen. Und im digitalen Zeitalter
bringen solche kollektiven Bestrebungen im allgemeinen definitive Geschichten hervor, die sowohl
sozialwissenschaftlich als auch journalistisch Anklang finden. Der Computer, früher umfangreichen
Forschungsprojekten vorbehalten, wird zum alltäglichen Verbündeten von Reportern, die Routinearbeit machen.

AMERIKA DIENST

Auch die Leser benutzen Computer und Modems und
sind zu aktiven Teilnehmern an Raleighs InternetAngeboten sowie praktisch jeder Online-Verbindung
geworden, die mit Nachrichtenorganisationen zu tun
hat. Aufgrund der interaktiven Online-Kommunikation
verändert sich die Art, in der Geschichten berichtet
werden. Am wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß die
Interaktivität das Verhältnis zwischen Journalisten und
den Menschen, über die sie schreiben, grundlegend
verändern kann.
Die Redakteure und Reporter beim N&amp;O haben
landesweit Tausende von Kollegen bei anderen
Zeitungen. Praktisch jede Nachrichtenzentrale ist mit
einem Kader technologisch informierter, hochmotivierter Journalisten besetzt, die versuchen, ihre Institutionen in neues Terrain zu locken. Was Raleigh jedoch
unterscheidet, ist die Tatsache, daß Fähigkeiten im
Bereich der digitalisierten Information - zur Benutzung
von Computern, Datenbanken, Online-Diensten - für
nahezu jeden in der Nachrichtenzentrale zur Norm
werden. Für die ungefähr 150 Mitarbeiter der Nachrichtenzentrale beim N&amp;O stehen rund 100 Computer-Arbeitsplätze zur Verfügung, und Chefredakteur
Frank Daniels III zufolge wird bis zum Sommer jeder
Mitarbeiter einen Personalcomputer haben.
Mehrere damit in Zusammenhang stehende Entwicklungen unterstreichen die Unterschiede zwischen der
Nachrichtenzentrale beim N&amp;O und den Industrienormen:
Die mit 21 Mitarbeitern besetzte NachrichtenForschungsabteilung hat ein Netz von Datenbanken geschaffen - die vielfach von N&amp;O Mitarbeitern aufgebaut wurden - zu dem man vom
Computer-Arbeitsplatz aus Zugang hat.

Seite 1

�Die Mitarbeiter der Nachrichten-Forschungsabteilung und die mit 17 Mitarbeitern besetzte Abteilung Neue Medien schreiben Softwareprogramme, die häufig nötig sind, um Zugriff zu wertvollen, aber sonst nicht zugänglichen Datenbanken
zu erhalten.
Die Zeitung hat eine Datenbank, die Gesetzesvorlagen des Bundesstaates dokumentiert, in
einen erfolgreichen Online-Abonnentenservice
umfunktioniert, den N&amp;O-Geschäftsführer als
Prototyp für andere profitable Unternehmen
ansehen.
Die Zeitung verfügt über die dritte Generation von
Hypertext-Software, mit der an speziellen Projekten arbeitende Autoren ihre eigenen Aufzeichnungen so lange wie bei einer Datenbank außerhalb
durchforsten können.
Der N&amp;O befaßt sich mit Multimedien. Als erstes
wurde eine Serie von Features in der Zeitung
veröffentlicht, wurden Audiotext-Informationen
über den Telefon-Informationsdienst der Zeitung
angeboten sowie Online-Geschichten mit Text,
Audio- und Videoelementen. Die Serie wurde in
Zusammenarbeit mit lokalen Fernsehstationen
gemacht, die ihre eigenen Versionen der Geschichten sendeten.
Und schließlich hat der N&amp;O wie eine wachsende
Zahl anderer Zeitungen eine elektronische Version eingeführt. Aber statt sich America Online,
Prodigy oder einem anderen kommerziellen
Dienst anzuschließen, startete die Zeitung ihren
eigenen Online-Dienst und schloß ihn an Internet
an, womit den elektronischen Lesern ein breites
Spektrum von Informationen angeboten wird.
Die Umgestaltung von N&amp;O zur führenden digitalen
Tageszeitung geht zurück auf die Ernennung von
Frank Daniels III zum Chefredakteur Ende 1990.
Der 1865 gegründete N&amp;O ist seit über einem
Jahrhundert im Besitz der Familie Daniels. Josephus Daniels kaufte die Zeitung 1894 für 10.000
Dollar und führte sie über 50 Jahre lang. Sein
Enkel, Frank Daniels Jr., ist jetzt der Herausgeber.
Als Frank Daniels III in sein Amt berufen wurde,
führte der republikanische Senator Jesse Helms eine
brutale Kampagne für seine Wiederwahl gegen den
ehemaligen Bürgermeister von Charlotte, Harvey
Grantt, den demokratischen Herausforderer. Der
jüngere Daniels war beeindruckt vom modernen
Stand der Technik im Helms-Lager, wo Computer
und Kommunikationstechnologie eingesetzt wurden.

Seite 2

"Das war der ausschlaggebende Faktor, um beim
N&amp;O Computer einzuführen", stellt Daniels fest. "Das
Helms-Team drosch fürchterlich auf die Nachrichtenmedien ein... Bei politischen Wahlkämpfen sind
unsere Konkurrenz nicht die anderen Medien, sondern die Kampagnen. Und seit 1970 haben sie uns
aufs Korn genommen... Dadurch wurde mir klar, wie
dumm wir waren - und ich fühle mich nicht gerne
dumm."
Dasselbe galt für die langjährige N&amp;O-Reporterin Pat
Stith, die einen 18monatigen Studienurlaub nahm, um
- mit Daniels Worten - "herauszufinden, was mit
diesen Mitteln vom Standpunkt eines Reporters aus
getan werden könnte". Stith arbeite eng mit Lany
McDonald, damals Leiter der N&amp;O-Bibliothek zusammen. Die Bibliothek wurde die NachrichtenForschungsabteilung, die unter McDonalds Nachfolgerin, Teresa Leonard, erweitert wurde.
Ein Großteil dieser Neuerungen beim N&amp;O wurde
Ende 1992 eingeführt, als die Zeitung zwei Datenbankexperten einstellte. Dies war der Beginn einer
Umstrukturierung, mit der die Anzahl der Beschäftigten in der Nachrichten-Forschungsabteilung beim
N&amp;O verdoppelt und ihr Budget verdreifacht wurde.
Einer dieser Experten war Dan Woods, der nach
seinem Abschluß in Computerwissenschaften und
mehreren Berufsjahren in der Computerindustrie
seinen Magister in Journalismus erwarb. Woods
erklärt, er habe vielleicht fünf Kollegen mit seinem
Wissen bei anderen Zeitungen gehabt, als er zum
N&amp;O kam. Seinen Schätzungen zufolge gibt es jetzt
rund 20 Datenbank-Zeitungsredakteure.
Woods versorgt N&amp;O-Reporter mit aus der Datenbank entnommenen Informationen, aber die meiste
Zeit verbringt er damit, untereinander verbundene
Datenbanken aufzubauen, zu denen alle Mitarbeiter
Zugang haben. Ein Großteil dieser Arbeit beinhaltet
ihm zufolge die schwierige Aufgabe, Computercodes
zu schreiben und Daten mühselig zu "reinigen", damit
sie in der Nachrichtenzentrale verwendet werden
können.
Die Reporter verlassen sich jedoch nicht nur auf
Woods und seine Mitarbeiter. Jeder in der Nachrichtenzentrale Beschäftigte wird ermutigt, Computerfähigkeiten zu erlernen. Darüber hinaus entschied der
N&amp;O, so Stith, "daß Computeranalysten von Datenbanken nicht auf die Forschung' für Geschichten
oder selbst größere Projekte beschränkt sein sollten.
Wir beabsichtigen, von Kostenersparnissen durch
optimalen Betriebszuschnitt zu profitieren.
Wir
werden Datenbanken benutzen, um jeden Tag die
Titelgeschichten zu verfassen oder zu verbessern."

AMERIKA DIENST

�Computerfähigkeiten sind freiwillig, aber das Management hat klargestellt, daß denjenigen, die solche
Fähigkeiten erlernen, Ressourcen und Chancen
geboten werden. Um die Mitarbeiter anzuspornen,
gewährt der N&amp;O Mitarbeitern, die einen eigenen PC
kaufen wollen, zinsfreie Kredite. Über 500.000
Dollar wurden bisher an Krediten vergeben. Die
Zeitung hält sich auch bezüglich der Computerfähigkeiten auf dem laufenden: Sie werden in den
Arbeitsbeurteilungen der Mitarbeiter bewertet.
Die meisten Zeitungen haben Computer in den
Nachrichtenzentralen mittels kleiner Reporterteams
eingeführt, die sich für gewöhnlich aus an Forschungsprojekten tätigen Reportern zusammensetzen. Was den N&amp;O unterscheidet, ist das Ausmaß, in dem Computerfähigkeiten bei der täglichen
Berichterstattung zum Einsatz kommen.
"Ich habe nirgendwo dem Raleigh vergleichbare
Bestrebungen gesehen", stellt Philip Meyer fest,
Professor an der University of North Carolina in
Chapel Hill und Pionier des computergestützten
Journalismus. Meyer erklärt, er bevorzuge das
Raleigh-Modell für andere Zeitungen, "aber möglicherweise steht zu dem Preis, den Zeitungen für
gewöhnlich zu zahlen bereit sind, nicht genügend
Talent zur Verfügung."
Dennoch, dies ist ein neues Zeitalter. Viele jüngere
Journalisten besitzen Computerfähigkeiten. Zufällig
ersetzen zahlreiche Nachrichtenzentralen ihre
veralteten Textkorrektursysteme, die im allgemeinen
nicht einmal für die einfachsten Aufgaben eines
Computers verwendet werden können. Und ein
hoher Prozentsatz dieser Zeitungen wird PC-gestützte Systeme einführen, die einen Anreiz für die
Entwicklung neuer Kommunikationsmittel bieten.
Beim N&amp;O ist die routinemäßige Verwendung des
Computers vornehmlich auf die Bestrebungen der
Zeitung zurückzuführen, Datenbanken zu entwickeln
und auf den neuesten Stand zu bringen, die selbst
für Kurznachrichten schnelle Informationen und
einen Kontext liefern können. Das computergestützte Berichterstattungsnetzwerk, genannt CARnet
(Computer-Assisted Reporting Network) beim N&amp;O
enthält beispielsweise elektronische Versionen
mehrerer Telefonverzeichnisse und der Namen von
im öffentlichen Dienst Beschäftigten, wirtschaftlicher
und demographischer Informationen, umfangreicher
Daten über staatliches Eigentum im Bundesstaat und
Landkreis, Steuer- und Geschäftsunterlagen sowie
Informationen über Kraftfahrzeuge. Eine weitere
nützliche Datenbank außer der bereits erwähnten
über Gesetzesvorlagen ist die N&amp;O-Liste von
Spenden für wichtige politische Wahlkampagnen im
Bundesstaat.
Geldmaschine genannt, wird sie

AMERIKA DIENST

regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht und
kann nach den Namen der Geldgeber durchforstet
werden.
Außer diesen wichtigen Mitteln gibt es einen weiteren
wesentlichen Unterschied zwischen dem N&amp;O und
anderen Nachrichtenzentralen: Die von ihrer Nachrichtenbibliothek - jetzt Nachrichten-Forschungsabteilung genannt - gespielte zentrale Rolle.
Im Gegensatz zur Nachrichtenzentrale, so Daniels,
kann die Nachrichtenbibliothek ohne ethische oder
pragmatische Konflikte mehreren Herren dienen. Sie
kann beispielsweise zur Einrichtung einer Datenbank
über Gesetze des Bundesstaates beitragen, die
unschätzbar für Reporter ist, und kann diese dann
Datenbank zu einem gewinnbringenden Produkt
machen, das auf dem Markt verkauft wird. Und da
die Einnahmen aus solchen Unternehmen zunehmend zur Finanzierung der digitalen Nachtrichtenzentrale benötigt werden, unterschätzt Daniels die
Bedeutung eines solchen Unternehmens nicht.
Teresa Leonard vom N&amp;O erklärt, die Ressourcen
zur Einrichtung von Datenbanken seien ein Hauptvorteil der Erweiterung der Nachrichten-Forschungsabteilung. "Dank der Datenbank konnten wir Geschichten schreiben, die wir sonst nicht veröffentlicht
hätten."
Nora Paul, ehemalige Bibliotheksdirektorin beim
Miami Herald und jetzt Direktorin des NachrichtenForschungsprogramms beim Poynter Institute stellt
fest, daß eine Reihe von Nachrichtenzentralen
kooperative Beziehungen zu Reportern, Redakteuren
und Bibliothekaren entwickeln. "Damit die Möglichkeiten von Online-Forschung und computergestützter
Berichterstattung vollständig und erfolgreich ausgeschöpft werden können", erläuterte Paul in einer 1993
gehaltenen Rede, "müssen Bibliothekare meines
Erachtens ihre Rolle definieren und verbessern, und
Bibliothekare und Reporter müssen völlig neue
Beziehungen aufbauen."
Hierzu zählen die Zusammenarbeit mit Reportern und
Herausgebern bei der Auswertung von Datenquellen,
bevor die Geschichten zugeteilt oder definiert wurden,
konkrete Berichterstattung über sekundäre Forschungsquellen, die Ausbildung von Mitarbeitern der
Nachrichtenzentralen in den Bereichen Datenbank
und Online-Dienste, die Aufstellung und Entwicklung
von Datenbanken sowie die Koordination von Informationssystemen in Nachrichtenzentralen. All das
leistet Raleigh, und Paul zufolge sind seine Forschungsoperationen einzigartig.
Eine der durch computergestützten Journalismus
möglich gewordenen großen Veränderungen ist die

Seite 3

�Tatsache, daß Nachrichtenzentralen nicht mehr von
äußeren Informationsquellen abhängig sind. Die
Tage, an denen ein Bericht auf zwei Informationsquellen und einer Presseerklärung basierte, gehören
der Vergangenheit an.
Beispielsweise veröffentlichte der N&amp;O einen Artikel
über Wiederholungstäter, die in Gefängnissen der
Bundesstaaten und Gemeinden einsitzen.
Er
analysiert dem Redaktionsmitglied von Metro, Steve
Riley, zufolge, "wieviele Straffällige mehr als 10 Mal
das System durchliefen. Wir fanden 185. Es gab
keine andere Möglichkeit, diese Menschen aufzuspüren. Früher schrieb man so einen Bericht, indem
man mit jemandem im Gefängnis sprach. Jetzt
findet man sie selber. Man braucht sich nicht darauf
zu verlassen, daß einem ein anderer die Neuigkeiten
erzählt."
Chefredakteur Daniels ist davon überzeugt, daß
Nachrichtenzentralen in der Lage sein müssen,
Neuigkeiten zu definieren, nicht nur eigennützige
Erklärungen derjenigen widerzugeben, die Meinung
zu manipulieren versuchen. Diese Fähigkeit, fügt er
hinzu, wird den Zeitungen helfen, ihre Anziehungskraft als Informationsanbieter in einer Zeit beizubehalten, in der von einer wachsenden Zahl elektronischer Nachrichtendienste unbearbeitete harte
Fakten zur Verfügung gestellt werden.
Die Kommentare von Daniels spiegeln die Arbeit
Philip Meyers von der University of North Carolina
wider, der ausführlich über die Notwendigkeit für
Journalisten schrieb, statistische und damit zusammenhängende sozialwissenschaftliche Fähigkeiten
zu entwickeln. Die traditionelle passive Sucht des
Reporters nach Neuigkeiten muß Meyer zufolge von
Zeitungen abgelöst werden, die sich immer stärker
daran gewöhnen, die Nachrichtentagesordnung
aufzustellen.
"Die alte Ethik der Passivität der Medien ermutigt die
meisten Journalisten, sich zurückzulehnen und der
Regierung oder bestimmten Interessengruppen die
Rolle des Informationsverarbeiters zu überlassen",
erklärt er. "Es ist für die Medien gefährlich, die
Informationsentwicklung den Interessengruppen zu
überlassen, auch wenn sie im Interesse der Öffentlichkeit handeln."
Tom Koch, Autor und Berater, beobachtet, wie die
Technologie die traditionellen Beziehungen zwischen
dem Journalisten und seiner Quelle und letztlich
auch die Natur des Journalismus verändert.
"Online-Datentechnologien verleihen Schriftstellern
und Journalisten mehr Befugnisse, indem sie sie mit
gleichwertigen oder sogar mehr Informationen ver-

Seite 4

sorgen, als sie der Privatperson oder dem Vertreter
der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, die sie
interviewen sollen", schrieb er 1991 in seinem Buch
Journaiism forthe 21st Century: Online Information, Electronic Databases and the News (Journalismus für das 21. Jahrhundert: Online-Informationen,
elektronische Datenbanken und die Nachrichten).
"Die Auswirkungen dieser erhöhten Befugnisse
werden schließlich zu einer Neudefinition der Art von
Nachrichtenpräsentation ... und der Information der
Öffentlichkeit allgemein führen", stellte er fest.
Wenn digitalisierte Technologien zu einer Veränderung des Journalismus in Nachrichtenzentralen
beitragen, scheinen sie auch eine Rolle bei der
Besetzung dieser Zentralen mit Mitarbeitern zu
spielen. Der Grund dafür ist, daß der Journalismus
zu einem Teamsport wird.
Historisch gesehen sollten Journalisten Meyer zufolge
unabhängige und oftmals isolierte Beobachter sein,
die nichts mit den Auswirkungen ihrer Arbeit zu tun
hatten. Sie hatten wenig Kontakt mit den Gemeinden, über die sie berichteten. Sie hatten viele
Freiheiten, aber nicht viel Geld. "Daher drängte die
Wirtschaftlichkeit des Zeitungsgeschäfts den Journalisten in die charakteristische moralische Typologie:
Den einsamen Helden, der wie der archetypische
Cowbow im Film von Markt zu Markt reitet und die
Lanze für den einfachen Mann und gegen die Reichen und Mächtigen bricht", äußerte Meyer 1990 in
einer Rede.
Dieses Profil widerspricht jedoch den neuen Informationstechnologien, so Meyer.
Computergestützte
Berichterstattung erfordert Teamgeist. "Die neuen
Medien sind Teamprodukte. Und es gibt immer
weniger Raum für den einsamen Helden oder den
Reporter als Cowboy-Figur."
Insbesondere Multimedia-Projekte erfordern Anstrengungen des Teams. N&amp;O machte seinen ersten
Ausflug in dieses unerforschte Gebiet im Sommer
vergangenen Jahres mit einer viermonatigen Serie
unter dem Namen "North Carolina Discoveries". Die
Serie, die sich auf Themen des Bundesstaates
konzentrierte, wurde in der Zeitung veröffentlicht, im
Radio und Fernsehen gesendet und über NandO,
den Online-Dienst der Zeitung ins Internet geladen.
Diese konzertierte Aktion beinhaltete eine Vielzahl
von Interviews für die verschiedenen Formate. Die
teilnehmenden Fernsehstationen führten ihre eigenen
Interviews, während N&amp;O die Aufnahmen machte und
sein eigenes Tonmaterial sammelte. Diese wurden
für die Multimedia-Bestrebungen N&amp;Os auf dem

AMERIKA DIENST

�NandO genutzt. Ferner bediente sich die Zeitung
des Tonmaterials bei ihrem Audiotex-Informationsdienst.
Die N&amp;O-Reporterin Julie Ann Powers weist darauf
hin, daß der herkömmliche Zeitungsreporter nicht
über die erforderlichen Fähigkeiten im Rundfunkbereich verfügt. "Von Beginn dieses Prozesses an war
die Berichterstattung anders", erklärt sie. "Ich mußte
in den Kategorien Ton und Bild denken sowie daran,
ob sie einen Zeitungsbericht in voller Länge unterstützen würden." Der Ton, der in den Printmedien
keinen Faktor darstellt, ist ihr zufolge ein neues
bedeutendes Anliegen. Dasselbe gilt für die Notwendigkeit, im Radio und in gewissem Umfang in
den Printmedien den Mangel an visuellen Elementen
auszugleichen. Sie mußte die Fragen so formulieren, daß die Antwort eine Form annimmt, die für Aufnahmen angemessen ist, während der traditionelle
Interviewstil eher einem Gespräch gleicht.
Ben Estes, dem für Nachrichten aus dem Bundesstaat zuständigen Redakteur von N&amp;O, zufolge
stellte diese Serie eine "wertvolle Erfahrung" dar und
war eine Art Probelauf. "Ich halte das in vielerlei
Hinsicht für ein Experiment, das uns auf Kommendes vorbereitet", so Estes. "Am Ende möchte ich in
der Lage sein, mit allen Nachrichten so zu verfahren."
Ferner bezeichnet er die Koordination aller Elemente
der Serie früher als schwierig und äußerst zeitaufwendig. "Dagegen schriebt Julie jetzt einen Bericht
in einer statt in fünf Wochen, und ich redigiere eine
Geschichte pro Woche."
Obwohl Multimedia-Bestrebungen neue Fähigkeiten
und Ansätze bei der Berichterstattung erfordern
könnten, sind die weitreichendsten Auswirkungen
digitalisierter Information wahrscheinlich auf die
Interaktivität zurückzuführen. Leser sprechen im
Cyberspace. Sie werden sofort zu Kritikern, zur
Schallmuschel und leicht erreichbaren Quelle.
Ralelghs NandO entwickelt neue Dienste für die
Interaktion mit der Öffentlichkeit. Beispielsweise
haben die Mitarbeiter von NandO ein NandO-Land
für Kinder geschaffen und den örtlichen Schulen
kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieser Service
wird Lehrer und Schüler gleichermaßen an die Welt
der Online-Dienst gewöhnen und N&amp;O eine bessere
Idee davon geben, wie an eine Generation appelliert
wird, die immer weniger Interesse am Zeitungslesen
hat.
Bruce Siceloff ist Online-Redakteur im Nachrichtenzentrum und bemüht sich mit den Mitarbeitern von
N&amp;O unter anderem darum, täglich eine digitalisierte

AMERIKA DIENST

Ausgabe der Tageszeitung herauszugeben. OnlineJournalismus und Interaktivität sind für die Zeitung
etwas Neues, so Siceloff. Und obwohl er die Mitarbeiter im Nachrichtenzentrum davor warnt, "in
anderen Medien zu träumen", räumt er ein, daß diese
Evolution eine größere Vertrautheit der Mitarbeiter mit
Online-Instrumenten erfordert, insbesondere dem
Internet und seinen immer wirkungsvoller werdenden
Software-Hilfen.
Eine andere Art, Nachrichtenzentralen in der Welt der
Online-Dienste zu "engagieren", wird durch die
Teilnahme an der beidseitigen Kommunikation mit
den Lesern erfolgen. Eine solche Interaktion ist
Hauptgegenstand des Online-Lebens, aber die
Zeitungsjoumalisten sind im allgemeinen nicht an die
sondierenden, ständigen Online-Gespräche gewöhnt,
mit denen das Cyberspace erfüllt ist. Siceloff und
seine Kollegen in anderen Zeitungen sind der Ansicht, daß diese Interaktivität große Auswirkungen auf
den Berufsstand haben wird.
Wenn die Wahlen von 1990 ein wichtiger Faktor
dabei waren, das Interesse von N&amp;O am Einsatz von
Technologie zur Unterstützung seiner Berichterstattung zu erhöhen, könnte man fairerweise behaupten,
daß die Wahlen von 1994 ein ebenso starkes Mandat
für den Einsatz neuer Informationswerkzeuge schufen, um besser mit einer entfremdeten Wählerschaft
kommunizieren zu können.
Die Wahlen zeigten, wie unzufrieden und abgeschitten sich die Wähler fühlen, und die Zeitung möchte
im Geiste des "öffentlichen Journalismus" die Beteiligung der Öffentlichkeit am Wahlprozeß fördern.
Siceloff zufolge will der N&amp;O sich in künftigen Wahlkämpfen seiner Online-Werkzeuge bedienen, um die
Kommunikation zwischen den Wählern, der Regierung und der Presse zu fördern. Neben interaktiven
Diskussionen versorgt das Papier die Wähler mit
Online-Daten über Kandidaten und Themen und hilft
ihnen bei ihrer eigenen Online-Suche nach zusätzlichen Informationen.
Solche Bestrebungen beinhalten Material über das
World Wide Web von Internet, das den Einsatz von
Tonmaterial, Fotos und Graphiken, Video, Texten und
E-mail-Diensten gestattet. Dies ist eine große
Verbesserung gegenüber den anfänglichen NandOAngeboten von Internet, die auf die rein textgebundene elektronische Version der N&amp;O-Tageszeigung
sowie eine Vielzahl von Bulletin Board-Diensten
beschränkt waren.
Auf dem sogenannten Web stellt N&amp;O jetzt eine
beeindruckende Reihe von Multimedia-Inhalten vor
(die Web-Adresse von N&amp;O lautet "http://www.nando.net"). Zu den Online-Inhalten gehören verschie-

Seite 5

�dene Zeitungsprojekte wie die 16teilige "North
Carolina Discoveries"-Serie; die NandO Times, eine
tägliche elektronische Version der Zeitung; der
NandO Entertainment Server mit Intormationen über
Filme, Konzerte und andere Veranstaltungen; ein
User's Guide to the Triangle (Führer mit Informationen über die Region um Raleigh, Durham und
Chapel Hill).
Die Produkte von N&amp;O stehen nicht in direktem
Zusammenhang zu der Zeitung. Informationsdienste
über Sportveranstaltungen stehen zur Verfügung.
Es wird ein "Music Kitchen" genannter Dienst angeboten, der Texte, Bilder und Tonmaterial verschiedener Rockbands enthält. NandO arbeitet mit einem
Reisebüro zusammen, um Reservierungen für
Flugtickets und gebührenfreien Ticketverkauf über
das Internet anzubieten. Angesichts der weltweiten
Teilnehmerschaft am Internet verschaffen diese
Produkte dem N&amp;O Zugang zu den Konsumenten und eine Einkommensquelle - weit über sein Absatzgebiet hinaus.

•

Seite 6

Obwohl Internet eine vollkommen andere Einheit als
eine Zeitung ist, sind die neuen Online-Produkte von
NandO eine Ausweitung des dramatischen Wandels,
der in der N&amp;O-Nachrichtenzentrale und seiner
wissenschaftlichen Bibliothek stattfindet.
"Wenn man einmal digitale Informationen geschaffen
hat, kann man damit alles mögliche anfangen", so
Chefredakteur Daniels. "Und wenn man einmal die
Infrastruktur dafür schafft - und dabei nicht knauserig
ist - kann man damit weit mehr aufrechterhalten als
nur eine Nachrichtenabteilung."
Daniels' systematischer Ansatz enthält eine Unterscheidung zwischen dem N&amp;O und anderen Zeitungen. "In fast allen anderen Nachrichtenzentralen des
Landes wird Gutes geleistet, aber es gibt keine
Synergie", so Daniels. "Sie helfen ihren Zeitungen
nicht bei der Weiterentwicklung, und genau darum
dreht sich doch alles: Wie hilft man dem Unternehmen bei seiner Entwicklung?"

* * *

*

AMERIKA DIENST

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12460">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12461">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12462">
                <text>Amerikadienst 17.07.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12463">
                <text>&lt;strong&gt;1. Medien in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; 300 Jahre Zeitungswesen in Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stephen Bates&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der vierte Stand - Rechte und Pflichten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert H. Estabrook&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Die Macht der Fernsehnachrichten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Joshua Meyrowitz&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Nachrichtenmedien: wie groß ist ihr Einfluss?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John Herbers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;CNN: ein Schlüssel für weltweite Nachrichtenübermittlung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Daniel B. Wood&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle freier Medien in der Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede Shattucks bei KSZE-Seminar&amp;nbsp;&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fax, CD-ROM, Online-Dienste und Zeitungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Tony Case&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die digitalisierte Nachrichtenzentrale&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Philip Moellers&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12464">
                <text>17.07.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2411" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2422">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/4dfdf6c1fb2b90671760f89c0b139b81.pdf</src>
        <authentication>5cc62eb4e24173f676eb24a4c612223f</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12471">
                    <text>cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

19. Juli 1995

23

USA-EUROPA

AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK UND
TRANSATLANTISCHE BEZIEHUNGEN IM
UMBRUCH
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

ABRÜSTUNG

KRITIK AN ISOLATIONISTISCHEN
TENDENZEN IM KONGRESS
Rede von ACDA-Direktor John Holum

KRIEGSVERBRECHEN

KRIEGSVERBRECHERTRIBUNALE FÜR
JUGOSLAWIEN UND RUANDA SIND
PRÄZEDENZFÄLLE
Bilanz der Arbeit

NAFTA

POSITIVE BILANZ DER ERSTEN ANDERTHALB
JAHRE DES NAFTA
Rede von Robert Earle

DATENAUTOBAHN

NEUES VON DER DATENAUTOBAHN
Übersicht jüngster Entwicklungen

LITERATUR

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

EDMUND WILSONEINE HUNDERTJAHRFEIER
von Robert Earle

Deichmanns Aue 29

Tel.: 0228 - 339 23 72

D 53170 Bonn

Fax: 0228 - 33 41 02

�USA-EUROPA
19. Juli 1995

Amerikanische Außenpolitik und
transatlantische Beziehungen im Umbruch
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten in
der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 28. Juni 1995 in der Ausbildungsstätte des Auswärtigen
Amtes gehaltene Rede.
Sehr geehrte Damen und Herren,
es freut mich, heute Gelegenheit zu haben, mit
Ihnen als angehende Kollegen aktuelle Fragen der
amerikanischen Außenpolitik zu diskutieren.
Ich werde mich in meinen Ausführungen nicht nur
auf die anstehenden Herausforderungen konzentrieren, sondern auch auf die Wertmaßstäbe zu
sprechen kommen, die unsere Politik prägen.
Doch bevor ich mit Ihnen über die amerikanischen
Vorstellungen zur NATO-Erweiterung diskutiere,
unsere Überlegungen zu einem konstruktiven
Verhältnis zu Rußland erörtere und über die Zukunft
der transatlantischen Zusammenarbeit spreche,
möchte ich einige Worte zur Ausbildung amerikanischer Diplomaten sagen.
Im Gegensatz zu der ein- bzw. zweijährigen Ausbildungszeit in der Bundesrepublik werden bei uns
die Nachwuchsdiplomaten nach einer mehrmonatigen Orientierungsphase ins kalte Wasser geworfen.
Mit dem "on the Job training" am ersten Verwendungsort fängt die diplomatische Karriere an. Von
der Pike auf lernt man dann, was es bedeutet, sein
Land zu vertreten. Und sie müssen sich anstrengen
bei einer vierjährigen Probezeit! Mich hat man nach
Korea versetzt. Ein Posten mit Potential: Dort habe
ich die Grundlage für meine berufliche Karriere
gelegt.
Vielleicht sollte ich auch noch eine weitere Besonderheit des Auswärtigen Dienstes erwähnen. Bei
uns müssen sich die angehenden Diplomaten entscheiden, ob sie lieber politische und wirtschaftliche
Fragestellungen in ihrem Berufsleben bearbeiten
wollen oder aber sich mit Fragen der "public diplomacy" und den kulturellen Beziehungen beschäftigen

AMERIKA DIENST 23

möchten. Erstere gehen zum State Department,
letztere zu USIA, dem amerikanischen Informationsamt. Es soll bedauerlicherweise nach dem Willen
des Kongresses aufgelöst werden. Ein gleiches
Schicksal erwartet die ACDA, die Arms Control and
Disarmament Agency, sowie die amerikanische
Entwicklungshilfeorganisation AID.
Die Umgestaltung unseres außenpolitischen Apparats
ist eine Facette eines größeren Transformationsprozesses. Man könnte sie auch als einen Prozeß
der Neuorientierung betrachten. Eine Neuorientierung, nachdem das politische, militärische und
ideologische Korsett des Kalten Krieges von uns
abgefallen ist.
Wie andere Staaten auch stehen die Vereinigten
Staaten nach dem Ende des Ost-West-Konflikts vor
der Aufgabe, ihre Rolle als "global player" neu zu
definieren.
Deutschland erlebte am 9. November 1989 eine
Revolution, die zur Vereinigung beider deutscher
Staaten führte. Die Vereinigten Staaten hatten ihre
Revolution am 4. November 1994. Noch ist nicht
absehbar, was am Ende erreicht wird. Schon jetzt ist
aber deutlich, daß sich der republikanische Kongreß
mit dem "Contract with America" ein für amerikanische Verhältnisse revolutionäres Programm gegeben
hat.
Ziel ist eine Anpassung der Vereinigten Staaten an
die Erfordernisse der Zeit nach dem Ende des Kalten
Krieges. Was sich hinter dieser trockenen Feststellung verbirgt, ist der Versuch, Amerikas Rolle in
der Welt und den Umfang unseres Engagements neu
zu bestimmen. Und wie in anderen Ländern auch
fängt diese Rollenbestimmung zu Hause an.

Seite 1

�An sich ist eine Veränderung der Machtverhältnisse
im amerikanischen Kongreß keine Besonderheit.
Wandel ist eine Konstante im amerikanischen Regierungssystem. Was allerdings diesen Wandel zu
einem historisch bemerkenswerten Ereignis macht,
ist die Tatsache, daß zum ersten Mal seit vierzig
Jahren die Republikaner im 104. Kongreß die
Mehrheit in beiden Kammern - im Repräsentantenhaus und im Senat - stellen.
Mit diesem Wechsel verbinden die amerikanischen
Wähler große Erwartungen.
Letztlich geht es um die Frage, welche Rolle der
Staat bei der Bewältigung der innen-, sozial-, rechtsund wirtschaftspolitischen Herausforderungen spielen
soll. Wie stark der Staat das Leben seiner Bürger
reglementieren soll. Viele Menschen in Europa
haben beispielsweise nicht verstanden, warum die
vom Präsidenten vorgeschlagene Gesundheitsreform
gescheitert ist. Gerade diese Frage tangiert das
Staatsverständnis der Mehrzahl der Amerikaner. Sie
lehnen es ab, sich vorschreiben zu lassen, wie sie
sich zu versichern haben.
Die Veränderung im Machtverhältnis - das, was wir
als "divided government" bezeichnen - hat natürlich
auch Auswirkungen auf die amerikanische Außenpolitik. Es ist unzweifelhaft, daß der republikanische
Kongreß eine etwas andere außenpolitische Prioritätenliste vertritt als die Clinton-Administration.
Die Rollendefinition ist ein mühsames Geschäft. Die
Nachwirkungen des Kalten Krieges sind noch zu
spüren. Wir alle hatten uns geistig an die Bedingungen des Kalten Krieges gewöhnt; nun aber - und
dies schon seit geraumer Zeit - stehen wir vor
komplexen Herausforderungen. Herausforderungen,
die durchaus mit den profunden Fragestellungen
vergleichbar sind, die nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges zu beantworten waren. Wie damals
werden wir auch jetzt wieder erfolgreich sein!
Warum ich mir so sicher bin, werden Sie sich
vielleicht fragen?

Staaten wären nicht mehr in der Lage, eine ihrer
Bedeutung angemessene Politik zu betreiben.
Diese Bewertung übersieht den nach wie vor bestehenden überparteilichen Konsens, was die philosophischen Grundlagen unserer Außenpolitik angeht.
Nach wie vor gilt, daß es unveräußerliche Rechte des
einzelnen gibt, die bedauerlicherweise nicht überall
auf der Welt respektiert und geachtet werden. Die
Freiheitsrechte sind - wie Sie wissen - der Kern der
amerikanischen Verfassung.
Damals galten die
Prinzipien, die Thomas Jefferson in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 festschrieb, als geradezu
revoluntionär: "... all men are created equal".
Die Grund- und Menschenrechte spielen seit der
Staatsgründung eine nicht zu unterschätzende Rolle
in der amerikanischen Gesellschaft. Sie prägen auch
unsere Auffassung, was die Zielsetzung unserer
Außenpolitik angeht.
Mit missionarischem Eifer wurden die philosophischen Glaubenssätze verinnerlicht und verbreitet.
Die konfliktreichen Begleitumstände der Staatswerdung - angefangen von der Vertreibung marokkanischer Piraten vor der amerikanischen Küste bis zu
den Auswirkungen der Napoleonischen Kriege sowie
dem Krieg mit Mexiko - wurden zum Prüfstein der
amerikanischen Überzeugungen.
Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Außengrenzen gesichert, der innenpolitische Konflikt über
die Sklaverei beendet und die demokratischen
Prinzipien zum Leitmotiv politischen Handelns im
Inneren wie im Äußeren erhoben.
Nur widerstrebend nahmen die Vereinigten Staaten
am Ersten Weltkrieg teil; nicht zuletzt, um die eigene
Sicherheit zu bewahren, aber auch, um den Prinzipien der Selbstbestimmung und der Demokratie in
Europa zum Durchbruch zu verhelfen. Präsident
Woodrow Wilsons "to make the world safe for democracy" traf den Kern des amerikanischen Engagements, das nicht idealistisch war, sondern amerikanische Ideale verfolgte.

Abgesehen davon, daß wir Amerikaner in der Regel
eine optimistische Ader haben, bin ich davon überzeugt, daß die Vereinigten Staaten auch weiterhin
eine machtvolle, verantwortungsbewußte und vorausschauende Außenpolitik betreiben werden.

Angesicht dieser beständigen Überzeugungen ist es
leicht nachzuvollziehen, warum die amerikanische
Regierung die Demokratisierung in den Staaten
Mittel- und Osteuropas nachhaltig unterstützt.

Sie sollten sich nicht durch die kritische Berichterstattung in den Medien verunsichern lassen: Die
Transparenz der politischen Auseinandersetzungen
im amerikanischen Regierungssystem verleitet viele
Kommentatoren zu der Annahme, die Vereinigten

Nun werden einige von Ihnen sicherlich denken, daß
dieser Aspekt unseres Verständnisses von Außenpolitik nur eine Seite der Medaille ist. Die andere
Seite ist die Tendenz zu Isolationismus - oder was
dafür gehalten wird.

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�Einen klassischen, reinen Isolationismus gab es nie.
Was es gab, waren isolationistische Phasen. Die
Frage nach unserem außenpolitischen Engagement
muß immer auch in Bezug zu den innenpolitischen
Notwendigkeiten gesetzt werden. Und es ist offensichtlich, daß sich in einer interdependenten Welt die
innenpolitischen Interessen nicht von den außenpolitischen trennen lassen.
Auch der Kongreß hat kein Interesse an einer
Schwächung der amerikanischen Führungsrolle.
Auch der Kongreß weiß, wie wichtig unsere auswärtigen Beziehungen sind, um unsere außenwirtschaftlichen Interessen zu verwirklichen. Es besteht
beispielsweise kein Disput darüber, daß der Aufbau
eines freien und fairen Welthandelssystems an erster
Stelle unserer außenpolitischen Prioritätenliste steht.
Wenn es Auseinandersetzungen gibt, dann über
Fragen der richtigen Vorgehensweise, wie unsere
Führungsrolle auch in Zukunft angemessen und
wirkungsvoll vertreten werden soll. Ob stärker in
einem multilateralen Rahmen, wie es der Präsident
befürwortet, oder eher in einem bi- oder unilateralen
Rahmen, wie es Teile des Kongresses wünschen.
Diese Auseinandersetzungen sind keine Neuauflage
einer Debatte über Isolationismus, wie viele glauben.
Der Isolationismus reflektierte eine außenpolitische
Periode im ausgehenden 19. Jahrhundert, die spätestens mit der Kriegserklärung Deutschlands und
Italiens an die Vereinigten Staaten am 11.12.1941
ihr endgültiges Ende fand.
Wenn man sich heute die Diskussionen über eine
Neuordnung der europäischen Staatengemeinschaft
in der unmittelbaren Nachkriegszeit betrachtet, kann
man ganz deutlich erkennen, wie sich die amerikanische Regierung zu einem europäischen Akteur
entwickelt hat. Eine Abwendung von Europa war
nach den leidvollen Erfahrungen der beiden Weltkriege nicht mehr denkbar.
Vor diesem Hintergrund sollten Sie unser ausgeprägtes Engagement zum Aufbau einer stabilen
Friedensordnung in Europa nach dem Ende des
Kalten Krieges betrachten. Deshalb finden Sie in
den Vereinigten Staaten die treibende Kraft für eine
NATO-Erweiterung.
Es scheint mir in diesem Zusammenhang fast
überflüssig darauf hinzuweisen, daß es im ureigensten Interesse der Vereinigten Staaten liegt, wenn
Europa zusammenwächst, Ost und West eine
institutionelle Einheit bilden und für die Vereinigten
Staaten ein verläßlicher und starker Partner werden.

' AMERIKA DIENST 23

Im Nachkriegseuropa fiel es vielen schwer, sich
vorzustellen, daß Deutschland friedlich mit seinen
Nachbarstaaten zusammenlebt. Fünfzig Jahre nach
Kriegsende unterhält Deutschland zu seinen Nachbarstaaten überaus freundschaftliche Beziehungen
und ist voll in die europäische Staatengemeinschaft
integriert.
Diese Entwicklung sollte all jene inspirieren, die heute
mutlos in die Zukunft blicken, voller Zweifel über die
Tragfähigkeit der neuen Strukturen sind und sich
nicht vorstellen können, wie sich Europa zu einem
starken Machtfaktor im Geflecht der internationalen
Beziehungen entwickelt.
Die Vereinigten Staaten setzen große Hoffnungen in
die Fähigkeit der deutschen Außenpolitik, die europäische Integration voranzutreiben. Mit der Erlangung der uneingeschränkten Souveränität im Verlauf
der friedlichen Vereinigung hat Deutschland an politischem Gewicht und Verantwortung gewonnen.
Das Ende der Teilung Europas bestätigte den Erfolg
der westlichen Politik gegenüber den Staaten des
Ostblocks; die Defizite der kommunistischen Regime
in den Bereichen persönliche Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliche Chancen für den einzelnen
haben sich im Laufe der Zeit als übermächtig erwiesen.
Amerikas Einstellung gegenüber Europa am Ende
des 20. Jahrhunderts ist nicht nur von diesen ertreulichen Veränderungen geprägt, sondern basiert
natürlich auch auf der soliden Grundlage der transatlantischen Partnerschaft.
Erst letzte Woche hat der frühere US-Botschafter
Richard Holbrooke, der nun Abteilungsleiter für
europäische- und kanadische Angelegenheiten im
State Department ist, auf einer Konferenz des Atlantic
Council Altbekanntes bestätigt:
Die Vereinigten
Staaten werden auch weiterhin Streitkräfte in Europa
unterhalten. Und dies sowohl aus militärischen
Gründen, als auch wegen der politischen Symbolik.
Die Vereinigten Staaten verstehen sich, wenn es um
Europa geht, als eine europäische Macht.
Schon der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer,
befürchtete, daß er den Abzug der amerikanischen
Streitkräfte aus Europa noch miterleben würde. Er
sollte sich täuschen.
Die Sicherheit Europas ist auch unsere Sicherheit.
Das klingt sehr einfach, entspricht aber den historischen Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Seite 3

�Die Vereinigten Staaten werden deshalb nicht weniger als 100.000 Soldaten in Europa behalten; davon
etwa 75.000 allein in Deutschland.

bei den Wirtschaftsreformen in Mittel- und Osteuropa
spielt. Sie stellt wichtige Informationen und Fachwissen für die neuen Demokratien bereit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Institutionen
entstanden, die Stabilität und Sicherheit, Frieden und
Wohlstand in Europa begünstigt haben. Das transatlantische Verteidigungsbündnis - die NATO - ist für
uns Amerikaner das wichtigste Bindeglied über den
Nordatlantik.

Der zweite Aspekt zielt auf Verfahren ab, die stabilitätsfördernd sind. Wir befürworten eine Stärkung der
OSZE und deren Mandat. Die KSZE hat eine wichtige Rolle bei der Überwindung der politischen Systeme im Osten gespielt. Heute ist die Nachfolgeorganisation dazu prädestiniert, "präventive" Diplomatie zu
betreiben.

Für uns ist die Allianz aber weit mehr als nur ein
Verteidigungsbündnis, in dem wir eine gewichtige
Rolle spielen. Auch wenn dies vielfach in Vergessenheit geraten ist - zu Beginn der transatlantischen
Partnerschaft war ein breites Themenspektrum an
Zusammenarbeit vorgesehen. Ein Blick in den
Washingtoner Vertrag zeigt, daß die NATO nicht als
reines Verteidigungsbündnis konzipiert war. Nur - im
Laufe der Zeit haben andere Organisationen bestimmte Aufgaben übernommen, und die weltpolitische Lage im Kalten Krieg machte es erforderlich,
daß sich die NATO-Mitgliedstaaten auf die Bewahrung ihrer Sicherheit und Freiheit konzentrierten.
Aus unserer Perspektive ist es konsequent, wenn wir
nun Staaten Mittel- und Osteuropas an dieser Sicherheitsgemeinschaft, den bewährten Verfahren der
Zusammenarbeit und den politischen Konsultationen
teilhaben lassen. Die politischen wie auch moralischen Argumente für eine Beteiligung dieser jungen
Demokratien sprechen eindeutig für die Aufhebung
der durch den Kalten Krieg bedingten Ausgrenzung.
An zweiter Stelle unserer außenpolitischen Prioritätenliste steht folglich der Aufbau einer stabilen
Friedensordnung in Europa. Lassen Sie mich die
wichtigsten Bestandteile dieser Sicherheitsarchitektur
kurz ansprechen:
Der erste Aspekt zielt auf die ökonomische Dimension: Die Erfolge der Europäischen Union seit ihren
Anfängen im Jahre 1957 sind beachtlich. Die amerikanische Regierung unterstützt die europäische
Integration ohne Vorbehalt. Die wachsende Interdependenz zwischen West- und Osteuropa führt
früher oder später zu einer Osterweiterung der EU,
was wir begrüßen werden. Politische Stabilität in
Europa ist nicht ohne wirtschaftlichen Wohlstand bei
allen Beteiligten denkbarl
Die Europäische Union ist nicht die einzige Institution, die wir unterstützen, um in Europa Stabilität und
Sicherheit zu bewahren. Angesichts unserer außenwirtschaftlichen Interessen versteht es sich von
selbst, daß wir der neuen Welthandelsorganisation
(WTO) große Bedeutung beimessen. Auch die
OECD ist zu nennen, die eine entscheidende Rolle

Seite 4

Das ist zwar ein überaus schwieriges Thema, aber
gerade deshalb kann es nicht ignoriert werden.
Präventive Diplomatie erfordert Fachwissen über
Land und Leute, deren Geschichte, traditionelle
Konfliktlösungsverfahren und natürlich couragierte
Voraussicht. Eigenschaften, die Sie als angehende
Diplomaten noch brauchen werden.
Wir wollen aus der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa ein wirkungsvolles
Instrument zur Beilegung von Streitigkeiten und
Friedenserhaltung machen.
Friedenserhaltende
Maßnahmen, mit oder ohne Truppen, ob in Nagornyj
Karabach oder andernorts, können einen wichtigen
Beitrag leisten, um Konflikte zu lösen oder sie erst
gar nicht entstehen zu lassen.
Dem dritten Aspekt einer stabilen europäischen
Friedensordnung wird die größte Aufmerksamkeit
geschenkt: Der Ost-Erweiterung der NATO. Für die
potentiellen Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa
stellt die NATO die Möglichkeit sicherheitspolitischer
Stabilität und Aufnahme in die westliche Staatengemeinschaft dar.
Ich brauche Ihnen nicht darzulegen, daß die NATO
keinen Staat bedroht. Und es versteht sich von
selbst, daß eine NATO-Erweiterung nicht geplant ist,
um Rußland zu isolieren.
Der Prozeß der NATO-Erweiterung erfolgt in parallelen Schritten. Das Programm "Partnerschaft für
den Frieden" ist der institutionelle Rahmen, in dem
potentielle Mitgliedstaaten an das Bündnis herangeführt werden. Alle interessierten OZSE-Mitgliedstaaten können sich daran beteiligen und den Umfang der militärischen Zusammenarbeit selbst bestimmen. Es gibt, wie Ihnen bekannt ist, keine Rangordnung unter den beteiligten Staaten. Alle werden
gleich behandelt. Jeder Staat muß individuell unter
Beweis stellen, daß er bereit und in der Lage ist, mit
der NATO zusammenzuarbeiten. Dies ist ein wichtiges Element im Aufnahmeprozeß.
Noch diesen Sommer wird die NATO eine Studie
vorlegen, in der Gründe und Verfahrensoptionen für

AMERIKA DIENST 23

�eine Erweiterung erörtert werden. Basierend auf
dieser Studie werden Konsultationen mit am Beitritt
interessierten Staaten autgenommen. Im Dezember
trifft sich dann der NATO-Ministerrat, um die weiteren Schritte auf dem Weg der NATO-Erweiterung zu
diskutieren.
Diese Debatte wie auch der ganze Prozeß findet
nicht hinter verschlossenen Türen statt, sondern ist
transparent und nachvollziehbar.
Es wird kein Vetorecht geben, aber wir haben ein
überaus großes Interesse, die Ost-Erweiterung im
Einvernehmen mit Rußland zu realisieren. Mit Elan
und Überzeugungskraft hat Präsident Clinton während des bilateralen Gipfels Anfang Mai in Moskau
zumindest Rußlands Bereitschaft zur Mitarbeit im
Partnerschaftsprogramm erreicht. Leider hat der
russische Präsident auf dem G-7-Gipfel bzw. dem P8-Treffen in Halifax vor einer Woche seinen Einspruch gegen eine NATO-Erweiterung bekräftigt.
Dies darf uns aber nicht entmutigen. Rußland ist ein
Machtfaktor, der nicht wegzudiskutieren ist. Sicherlich ist es teilweise nicht einfach, für bestimmte
Aspekte russischer Innen- und Außenpolitik Verständnis zu entwickeln, doch nur durch einen kontinuierlichen Dialog können wir unsere Vorstellungen
vermitteln. Vorstellungen, wie sich Rußland als
verantwortungsvoller und zuverlässiger Partner bei
der Gestaltung einer dauerhaften Friedensordnung
verhalten sollte. Es kommt darauf an - und hier fällt
unserem Berufsstand eine große Aufgabe zu unseren Kollegen darzulegen, daß demokratische
Systeme über eine ganze Palette an Verfahren
verfügen, wie politische und andere Konflikte ohne
militärischen Waffeneinsatz gelöst werden können.
Zum Dialog mit Rußland gibt es keine Alternative.
Denken Sie nur an das nach wie vor enorme Nuklearwaffenpotential, das zuverlässig gesichert sein
muß, um keinen Schaden anzurichten. Wie Sie
wissen, befindet sich der Themenkomplex "Nonproliferation" an vierter Stelle der außenpolitischen
Prioritätenskala der Clinton-Administration. Nur in
kooperativer Zusammenarbeit wird es möglich sein,
die Gefahren einer unkontrollierbaren Weitergabe
von Massenvernichtungswaffen zu reduzieren.
Wo ich gerade beim Komplex "Nonproliferation" bin,
möchte ich Sie auf die Ernsthaftigkeit hinweisen, mit
der meine Regierung das Problem der regionalen
Proliferation angeht. Präsident Clinton hat gegen
den Iran ein vollständiges Handelsembargo verhängt. Amerikanische Unternehmen sind davon
betroffen. Der Iran versucht durch den Kauf russischer Atommeiler eine Nuklearkapazität aufzubauen,

AMERIKA DIENST 23

die längerfristig zu einer ernstzunehmenden Bedrohung des Nahen Ostens wie auch Europas führen
wird.
Was die Angelegenheit aus unserer Sicht verschärft,
ist die iranische Unterstützung von Terrorgruppen, die
in Israel Anschläge verüben. Wie man an den
unzähligen Missionen Warren Christophers ablesen
kann, ist es ohnehin schwer genug, in dieser Region
Frieden zu stiften. Terrorismus, Bombenanschläge
und die Störung der öffentlichen Ordnung tragen nicht
dazu bei, den Friedensprozeß zu fördern. Der Iran
muß sein Verhalten ändern und sich wie ein zivilisierter Staat verhalten.
Wirtschaftssanktionen haben sich zwar in der Vergangenheit nicht immer als wirksam erwiesen. Im
Rahmen einer präventiv angelegten Diplomatie sind
sie aber geeignet, ein Zeichen unserer Mißbilligung
zu setzen.
Jetzt kommt es darauf an, unseren Bündnispartnern
zu verdeutlichen, welche langfristigen Implikationen
eine weitere Nuklearisierung des Nahen Ostens hat.
Unsere Verbündeten in Europa sollten dieses sicherheitspolitische Problem nicht auf die leichte
Schulter nehmen! Kurzfristige Handelsvorteile sind
zwar verlockend, aber die Sache ist zu ernst, um
leichtfertig darüber hinwegzugehen.
Ich nehme an, daß sich die Bundesregierung unserer
Position annähern wird. Wir müssen auch dann
zusammenarbeiten, wenn wir unterschiedliche
Auffassungen vertreten.
Lassen Sie mich zum Schluß noch einige Sätze zum
transatlantischen Verhältnis sagen. In der neuesten
Ausgabe der Zeitschrift "Internationale Politik" wird
wieder einmal die Frage aufgegriffen, ob Europa und
die Vereinigten Staaten auseinanderdriften. In letzter
Zeit kann man oft die These hören, die Allianz
verliere ihren Zusammenhalt, nachdem der Kalte
Krieg zu Ende gegangen und die Bindewirkung der
externen Bedrohung weggefallen ist.
Ich für meinen Teil kann nicht erkennen, daß die
Allianz vor dem "Aus" steht. Das Gegenteil ist richtig:
Wir stehen vor großen Aufgaben und Herausforderungen. Ohne einen institutionellen Rahmen wie das
Bündnis können sie kaum in Angriff genommen
werden. Oder können Sie sich vorstellen, wie Europa
- und ich meine dabei Ost und West - seine Friedensordnung ohne das transatlantische Bündnis gestaltet?
Eine atlantische Gemeinschaft existiert seit geraumer
Zeit. Der Kalte Krieg hat jahrzehntelang unsere

Seite 5

�Beziehungen beeinflußt: Er ist aber nicht ursächlich
tür die Wertegemeinschatt anzusehen.
In Europa wird darüber diskutiert, ob es nicht zweckmäßg sei, eine neue Geschäftsgrundlage der europäisch-amerikanischen Beziehungen zu vereinbaren.
Ihr Außenminister hat erst kürzlich davon gesprochen, eine transatlantische politische Zusammenarbeit zu initiieren.
Aus unserer Sicht ist es prinzipiell begrüßenswert
und sicherlich auch zweckmäßig, wenn es bei diesen
Ideen darum geht, kooperativ, vertrauensvoll und
effizient die anstehenden politischen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Was wir brauchen, sind
praktische Ergebnisse.
Wenn es zu Vertragsverhandlungen kommen sollte,
dann sicherlich erst nachdem die Regierungskonferenz zur Überprüfung des Maastrichter Vertrages
im nächsten Jahr erfolgreich abgeschlossen wurde.

Wichtig ist die Frage, welche Auswirkungen ein
transatlantischer Vertrag auf den europäischen
Integrationsprozeß und auf eine gemeinsame Außenund Sicherheitspolitik der Europäischen Union hat.
Wir glauben, daß eine Vertiefung der Zusammenarbeit über den Atlantik hinweg sowohl für die Europäische Union wie auch für die Vereinigten Staaten
von Vorteil ist. Neben dem Dialog über Wirtschaftsund Handelsfragen gibt es mittlerweile Studiengruppen, in denen wir zentrale Fragen erörtern, wie die
Einbindung der osteuropäischen Staaten oder die
Bekämpfung des Drogenhandels, der Geldwäsche
und des organisierten Verbrechens.
Es gibt - wie Sie sehen - eine ganze Palette von
Themen, die sich schwerlich "national" lösen lassen.
Folglich werden die Vereinigten Staaten auch weiterhin eine internationale Macht bleiben und gemeinsam
mit ihren Verbündeten ihre Interessen wahrnehmen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 23

�ABRÜSTUNG
19. Juli 1995

Kritik an isolationistischen Tendenzen im Kongreß
Rede von ACDA-Direktor John Holum
WASHINGTON - (AD) - Obwohl der amerikanische Kongreß wegen Rußlands biologischem Waffenprogramm
Druck ausüben will, sollte er nicht die Gelder für ein amerikanisches Programm kürzen oder einfrieren, das die
Entnuklearisierung Rußlands fördern soll.
Der Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S. Arms Control and Disarmament Agency ACDA), John Holum, hält es für "schwer verständlich, wie irgend jemand denken kann, eine gute Antwort auf
die Sorge über biologische Waffen in Rußland bestehe in mehr Kernwaffen in Rußland, den anderen
unabhängigen Staaten oder sogar möglicherweise in den Händen verbrecherischer Regime oder Terroristen...".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die ADCA-Direktor Holum am 13. Juli 1995 vom dem Atlantic Council
hielt.

Heute möchte ich über die beunruhigenden isolationistischen Tendenzen sprechen, die auf dem Capitol
Hill zunehmend die Unterstützung der Mehrheit
genießen.
Nunn-Lugar und das Dornan Amendment
Zunächst möchte ich mit dem wohl offensichtlichsten
Fall beginnen - den Angriffen auf Unterstützung bei
der sicheren Zerlegung von Massenvernichtungswaffen der ehemaligen Sowjetunion.
Wie Sie
wissen, wurde das Programm von Vertretern beider
Parteien entwickelt - von den Senatoren Nunn und
Lugar. Vor kurzem strich das Repräsentantenhaus
die Nunn-Lugar-Hilfe für das nächste Jahr um
nahezu die Hälfte. Anschließend trat der Kongreßabgeordnete Dornan für einen Zusatzartikel zur
Verfassung ein - das sogenannte Dornan Amendment - den das Haus überwiegend linientreu akzeptierte und der die Nunn-Lugar-Hilfe für Rußland
einfriert, bis der Präsident bescheinigt, daß die
Russen sämtliche biologischen Waffenprogramme
eingestellt haben.
Sie erinnern sich, daß das Nunn-Lugar-Programm
dazu beitrug, ehemals auf die Vereinigten Staaten
gerichtete Raketen zu zerstören, 1.000 strategische
Bomber und mehr als 2.500 Nuklarwaffen zu deaktivieren. Ferner wird der im START I-Vertrag vorgesehene Abbau zwei Jahre eher als geplant
vorgenommen. Das Nunn-Lugar-Programm spielte
eine wesentliche Rolle bei den Entscheidungen der
Ukraine, Belarus' und Kasachstans, auf Atomwaffen

AMERIKA DIENST 23

zu verzichten - Entscheidungen, die das Inkrafttreten
von START I ermöglichten und das Nichtverbreitungs(NVV)-Regime frühzeitig vor der New Yorker
Konferenz über die Überprüfung und Verlagerung des
Atomwaffensperrvertrags stärkten. Ferner wird das
Nunn-Lugar-Programm durch verbesserte Kontrollen
von spaltbarem Material und durch seinen Schutz
den Nuklearschmuggel eindämmen helfen. Es trägt
dazu bei, eine Antwort auf das veränderte neue
Risiko der Weiterverbreitung zu finden, indem es
russische Nuklearexperten einstellt, die sonst zweifelsohne lukrative Möglichkeiten in Ländern wie Irak,
Iran, Libyen oder Nordkorea finden könnten.
Ich hege keinerlei Sympathie für biologische Waffen
in Rußland, und wir sind überhaupt nicht zufrieden
mit den bisherigen russischen Bestrebungen zur
Erfüllung der von Präsident Jelzin ausgesprochenen
Verpflichtung zur Ausrottung des Programms, das er
selbst 1992 mutig offenlegte.
Ich finde es jedoch schwer verständlich, wie irgend
jemand denken kann, eine gute Antwort auf die
Sorge über biologische Waffen in Rußland bestehe in
mehr Kernwaffen in Rußland, den anderen unabhängigen Staaten oder sogar möglicherweise in den
Händen verbrecherischer Regime oder Terroristen,
wenn Material frei transportiert wird und Experten
sich frei bewegen können. Wenn dieser Trick die
Antwort auf russische Programme für biologische
Waffen ist, ist Pest die Antwort auf Seuche.

Seite 1

�Das Nunn-Lugar-Programm stellt ganz offenkundig
keinen Gefallen dar, den wir der ehemaligen Sowjetunion erweisen, sondern eine praktische Politik in
unserem eigenen nationalen Interesse. Es ist Bestandteil unserer nationalen Verteidigung und bringt
uns eine greifbare Verringerung der Bedrohung, auf
deren Abwehr wir uns sonst vorbereiten müßten.
Wenn man das Programm erstellt, würden das
Dornan Amendment und verwandte Sprachregelungen nicht nur bedeuten, daß wir uns selbst ins Knie
schießen, sondern er würde auch noch von einer
starken, absichtlichen und schlimmen Verstümmelung des Knies begleitet.
ABM-Vertrag
Eine weitere, stark belastende Herausforderung für
die Rüstungskontrolle liegt in den Bestrebungen des
Kongresses, einen unilateralen Verzicht auf den
ABM-Vertrag zu erzwingen - und dadurch ein
vollkommen zuverlässiges, aus den START I und
START Il-Verträgen bestehendes, antiballistisches
Raketensystem in Gefahr zu bringen, das drei Viertel
aller je auf unser Land gerichteten Nuklearwaffen
verifizierbar beseitigen wird - einschließlich aller
schweren SS-18 der ehemaligen Sowjetunion - ohne
daß auch nur ein Schuß abgegeben wird.
Der Streitkräfteausschuß des Senats hat sich für die
Stationierung eines nationalen Raketenverteidigungssystems der Vereinigten Staaten an mehreren
Orten bis zum Jahr 2003 ausgesprochen, wodurch
im Grunde genommen eine langsame Aufhebung
des ABM-Vertrags eingeleitet wird. In der Zwischenzeit fordert der Gesetzentwurf vom Präsidenten, alle
Bestrebungen zur Aushandlung einer klärenden
Trennlinie zwischen vorgeschriebener strategischer
Verteidigung und erlaubter Gefechtsfeldverteidigung
einzustellen, bis der Senat die Prüfung des Vertrags
abgeschlossen hat.
Zweifelsohne werden viele unter Ihnen Vertassungsmängel in dem Mandat entdecken, der Präsident
solle nicht mit ausländischen Regierungen verhandeln. Die umfassendere Botschaft dieser Gesetzgebung ist jedoch viel gefährlicher als eine Einmischung des Kongresses in die Befugnisse der
Exekutiven. Zu einer Zeit, in der die Inkraftsetzung
von START I gerade beginnt und START II noch
nicht einmal ratifiziert ist, sieht sie vor, daß ein
Grundpfeiler unserer Rüstungskontrollarchitektur mit
Rußland entfernt werden soll.
Es liegt kein Geheimnis in den Beziehungen zwischen Verträgen über offensive und defensive
Raketen. Da die Anzahl der offensiven Raketen
verringert wird, steigt die Bedeutung jeder defensiven Rakete, mit der sie abgefangen werden könnte.

Seite 2

Als Folge davon würde eine nationale Raketenverteidigung in den Vereinigten Staaten die Reduzierungen unter dem START-Vertrag für die Russen weit
weniger attraktiv gestalten.
Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, John
Shalikashvili, machte deutlich, daß seines Erachtens
eine solche unilaterale amerikanische Gesetzgebung
sowohl die Aussichten auf eine Ratifizierung von
START II durch die Duma als auch unsere umfassenderen Sicherheitsbeziehungen zu Rußland gefährden
könnte.
Inzwischen schlägt unsere Gesetzesvorlage eine
Einstellung unserer Bestrebungen vor, klarzustellen,
daß der ABM-Vertrag eine äußerst fähige gefechtsfeldgebundene Verteidigung nicht ausschließt. Auch
zu diesem Punkt war der Vorsitzende Shalikashvili
eindeutig. Er gelangte zu der Schlußfolgerung, wenn
ein solcher Dialog verboten ist, könnten wir uns eines
Tages gezwungen sehen, zwischen der Aufgabe
einiger Elemente unserer Entwicklungsprogramme für
schauplatzgebundene Raketenabwehr oder einem
einseitigen Vorgehen zu entscheiden, das den ABMVertrag unterminieren und unsere Sicherheitsbeziehungen zu Rußland erweitern könnte. Wie der
Vorsitzende feststellte, würde jede der beiden Alternativen Sicherheitsrisiken und Kosten bergen, die wir
zu vermeiden suchen.
Die logische Erklärung für eine nationale Verteidigung
lautet heute, wir müssen uns auf die Möglichkeit
vorbereiten, daß ein verbrecherischer Staat eines
Tages die Vereinigten Staaten mit einer ballistischen
Rakete erreichen kann. Nachrichtendienstliche und
Verteidigungsexperten erklären, das liege noch in
weiter Ferne, sei aber dennoch etwas, das aktive
Forschung und Entwicklung im Bereich der Verteidigung rechtfertigt - die seit langem im Gange ist.
Aber die Waffen, die START I und START II abschaffen würde - die tödlichsten, die je auf uns
gerichtet waren - existieren heute. Unsere Streitkräfte und Freunde könnten in absehbarer Zukunft
mit nuklearen Gefechtsfeldwaffen konfrontiert werden.
Unsere Reaktion auf diese Gefahren zugunsten einer
globalen Verteidigung an vielen Orten zu beschneiden wäre, wie fixiert von einem Punkt am Horizont,
der vielleicht ein auf uns zu kommendes Auto sein
könnte, auf eine verkehrsreiche Kreuzung zu laufen.
Ich vermute, diese Gesetzgebung hat mehr mit
Ideologie und der Begleichung alter Rechnungen zu
tun als mit einer soliden nationalen Sicherheitsstrategie. Die Konsequenzen für die Rüstungskontrolle wohlgemerkt, vornehmlich Leistungen republikanischer Präsidenten, auf deren Ratifizierung und
Umsetzung eine demokratische Administration

AMERIKA DIENST 23

�hinarbeitet - könnten katastrophal sein. Ich hoffe,
kühlere Köpfe im Kongreß werden darauf bestehen,
daß diese Gesetzesvorlage erneut erörtert wird.
Bosnien
Als Rüstungskontrollexperte bin ich auch ziemlich
entnervt über den Gesetzentwurf zu Bosnien. Ich
möchte betonen, daß mein Verantwortungsbereich
zu meiner Erleichterung - und zweifelsohne zum
Vorteil der politischen Entscheidungsfindung - weder
die Formulierung noch die Beschreibung unseres
Ansatzes zu Bosnien enthält. Gleichzeitig bin ich
jedoch besorgt über die in der Bosnien-Debatte im
Kongreß vorgebrachte Prämisse, die Vereinigten
Staaten sollten unilateral das Waffenembargo gegen
die Region aufheben.
Der Grund dafür ist, daß Rüstungskontrollabkommen
sich generell nicht selbst umsetzen und Maßnahmen
deshalb von Fall zu Fall entschieden werden müssen, darunter Sanktionen. Wie wir aufgrund der
Fälle Nordkorea und Irak wissen, bewirken Verletzungen des N W nicht automatisch eine Reaktion.
Statt dessen wenden wir uns an den Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen, um geeignete Maßnahmen
zu erarbeiten und zu verabschieden. Bei der Chemiewaffenkonvention kann das Durchführungsorgan
bescheidene Strafen auferlegen, aber auch hier
erfordern einschneidende Sanktionen Aktionen des
Sicherheitsrats. Sie hängen zusammen mit allen
Kontrollen der Lieferanten - der Gruppe der Lieferanten von Nuklearmaterial, dem RaketentechnologieKontrollregime, der Australiengruppe für biologische
und chemische Waffen - von multilateralen Aktionen
ab.
Wie stark der Impuls auch sein mag - wenn wir
jedoch im Alleingang die Beendigung des Waffenembargos gegen Bosnien entscheiden, wird dies von
anderen unweigerlich als Präzedenzfall genommen,
die denken, einige unserer Nichtverbreitungsnormen
seien zu hoch oder wir würden diese Normen zu
strikt umsetzen - heute im Irak, morgen vielleicht
andernorts im Nahen Osten oder in Asien. Insbesondere eine Großmacht kann solche Entscheidungen nicht in einem Vakuum treffen - und ich
fürchte, einseitige Aktionen im Hinblick auf Bosnien
würden unweigerlich ein äußerst unwillkommenes
Echo bei entscheidenden Nichtverbeitungsbestrebungen hervorrufen. Wenn wir eine Auswahl treffen,
welche Sanktionsregime wir einhalten und welche
nicht, werden andere sich nicht scheuen, das gleiche
zu tun.

AMERIKA DIENST 23

Nordkorea
Einige im Kongreß möchten unserer Fähigkeit zur
Umsetzung des vereinbarten Rahmenabkommens,
das Nordkoreas Nuklearprogramm einfriert und
zurückschraubt, undurchführbare
Restriktionen
auferlegen.
Wie Sie wissen, steht bei diesem Thema kolossal viel
auf dem Spiel: Die Möglichkeit, daß ein unberechenbares, isoliertes Regime in einem verarmten Land
zahlreiche Nuklearwaffen entwickeln könnte, potentielle UN-Sanktionen und das Risiko eines Krieges,
der unweigerlich amerikanische Truppen einbeziehen
würde. Niemand kann diese Fragen als belanglos
erachten.
Verständlicherweise enthalten Bestrebungen zur
Verhinderung dieser Gefahren auch überparteiliche
Elemente. Ebenso wie unsere Administration hatte
die Bush-Administration bereits hochrangige Gespräche mit Nordkorea geführt als Vorläufer der Diskussionen, die das vereinbarte Rahmenabkommen
hervorbrachten.
Wie wir beobachten konnten, stellt die Umsetzung
des Rahmenabkommens eine schwierige Herausforderung dar. Der Präsident, der Außenminister,
Botschafter Gallucci und andere waren unermüdlich
um den Erhalt des Abkommens bestrebt, während sie
gleichzeitig die Beziehungen zur Demokratischen
Volksrepublik

Korea und

unserem

zuverlässigen

Verbündeten - der Republik Korea - handhabten.
Aber inmitten dieser augenfälligen Herausforderungen
haben einige im Kongreß versucht, das Abkommen
auf eigene Faust neu auszuhandeln - und zahlreiche
Bestimmungen hinzugefügt, die erfüllt werden müssen, bevor die Vereinigten Staaten ihrem Teil des
Abkommens gerecht werden können. Gleichzeitig
hat der Kongreß auch versucht, der amerikanischen
Finanzierung undurchführbare
Einschränkungen
aufzuerlegen und finanziert nicht einmal den bescheidenen Antrag des Präsidenten.
Dies könnte jedoch die Zahlung der wesentlich
größeren Summen vereiteln, die andere Länder
beisteuern sollen und dabei seit langem bestehende
Verpflichtungen gegenüber Südkorea, unsere fundamentalen Sicherheitsbeziehungen zu Japan und
sehr wahrscheinlich das Abkommen selbst torpedieren.
Man fragt sich, was hier vor sich geht. Natürlich, das
Abkommen schlicht und einfach abzulehnen, hieße,
die Verantwortung für die Konsequenzen offen zu
übernehmen. Aber diese heikle Vereinbarung kann
ebenso leicht durch zahlreiche kleine Kürzungen im

Seite 3

�Keim erstickt werden wie durch einen großen, offensichtlichen Einschnitt. Ich hoffe daher, daß jedes
Mitglied des Kongresses, das aus politischen oder
sonstigen Gründen versucht ist, eine Herkulesarbeit
noch schwieriger zu machen, sich den Spiegel
vorhält und in Erwägung zieht, ob die daraus gezogene Befriedigung das gravierende Risiko nicht nur
für die Nichtverbreitung, sondern potentiell für den
Frieden und das Leben der Amerikaner wert ist.
China
Abschließend möchte ich die Rüstungskontrollimplikationen der zahlreichen Versuche des Kongresses erwähnen, die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu China in allen Einzelheiten zu regeln.
Es liegt aus folgenden Gründen in unserem ureigensten Interesse, Rüstungskontrollbeziehungen zu
China aufzubauen: Als militärisch und technologisch
gerüstetes Land kann es die Weiterverbreitung
entweder fördern oder begrenzen; China kann das
Verhalten anderer Länder in vielen Teilen der Welt
beeinflussen, einschließlich Nordost- und Südasiens;
die amerikanischen und russischen strategischen
Streitkräfte werden abgebaut, während die chinesischen erweitert und modernisiert werden; China ist
ein unerläßlicher Mitspieler, wenn Rüstungskontrolle
wirklich und umfassend funktionieren soll.
Offensichtlich gibt es viel Bedauerliches und Ablehnungswürdiges in Chinas derzeitigem Rüstungskontrollverhalten - darunter andauernde Atomtests,
mögliche Raketentransfers und Nuklearlieferungen
an fragwürdige Bestimmungsorte. Aber mit der Zeit
hat China auch begonnen, einige der Rüstungskontrollpflichten einer größeren Macht zu übernehmen wie etwa der Beitritt zum N W , die Verpflichtung zu
einem umfassenden Atomtestverbot und die zumindest grundsätzliche Zustimmung zu Begrenzungen bei Raketenverkäufen.
Dies sind weder die einzigen - noch vielleicht die
hauptsächlichen - Gründe für ein Engagement für
China, aber es sind wichtige Gründe. Und zusammen mit anderen Elementen unserer Politik erfahren
sie Rückschläge durch schwerfällige Versuche,
politische Punkte auf Kosten Chinas erzielen zu
wollen mit der Einleitung unhaltbarer politischer
Vorschriften im Hinblick auf Tibet, den Dalai Lama,
die militärischen Beziehungen Taiwans und so
weiter. In Anbetracht der bereits gestörten amerikanisch-chinesischen Beziehungen könnte sich die
kürzliche Abkehr des Sprechers des Repräsentantenhauses Gingrich von dem zentralen Konzept
"eines China" - auf das sich unsere Politik seit
Präsident Nixon gründete - als verheerend erweisen.

Seite 4

Es mag politisch eine Versuchung darstellen. Aber
es ist keine solide Politik, weder für die Rüstungskontrolle noch für das Land.
Schlußbemerkung
Vor einigen Wochen beschrieb Präsident Clinton
einige dieser Vorschläge zusammen mit dem Plan
zur Konsolidierung der Ämter für auswärtige Angelegenheiten und der drastischen Beschneidung ihrer
Operationen und Budgets als den "isolationistischsten
dem Kongreß unterbreiteten Vorschlag in den vergangenen 50 Jahren".
Das sind starke Worte, und sie haben Argumentationen provoziert. Älteren Republikanern sträuben sich
bei dem Begriff die Haare, da sie sich wahrscheinlich
an die Früchte des Isolationismus der zwanziger
Jahre erinnern und immer noch Arthur Vandenbergs
Vermächtnis eines verantwortungsvollen Internationalismus anstreben. Der Kolumnist Charles Krauthammer hat sogar versucht, den Spieß umzudrehen,
indem er chinesische Initiativen unter anderem als "in
der Tat noch interventionistischer als die der Administration, die sie aus diesem Grund ablehnt" bezeichnete.
Aber der Präsident hat recht. Die Schritte, die seine
Einwände hervorriefen, sind isolationistisch, kurzsichtig und extrem - und gehen in Richtung einer Außenpolitik, die Jeglichem bis auf Großtuerei entbehrt.
Und bei allem Respekt für Herrn Krauthammer Schritte, die mutwillig intervenieren, sind auch isolationistisch, denn sie gehen von der Prämisse aus,
daß auswärtige Angelegenheiten nicht wirklich wichtig
sind. Daher seien sie eine akzeptable Domäne für
Imponiergehabe und politischen Jux - völlig ungeachtet der internationalen Konsequenzen.
Aber in einer veränderten Welt - mit einer unsicheren
Zukunft für das hochgerüstete Rußland, mit verbrecherischen Regimen, die nach Waffen hungern
und nach Mitteln und Wegen zu deren Beschaffung
suchen - verlangen die Herausforderungen der
Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung unsere
besten und uneingeschränkten überparteilichen
Bestrebungen. Wir können weder isolationistische
Irrläufe noch politischen Überschwang diese enormen
Aufgaben künstlich aufblähen lassen. Um einen
bekannten chinesischen Spruch zu zitieren: Die
Zeiten, in denen wir leben, sind bereits interessant
genug.
Ich stehe zu der Prämisse, daß die amerikanische
Außenpolitik im allgemeinen und Rüstungskontrolle
im besonderen am stärksten sind, wenn sie sich der
Unterstützung beider Parteien und beider Enden der
Pennsylvania Avenue erfreuen. Die extremen Flügel

AMERIKA DIENST 23

�beider führenden Parteien haben wiederholt mit dem
Isolationismus geflirtet, aber die Idee hat nie die
breite Mitte beider Parteien gefesselt - noch nicht
einmal heute, glaube ich.
Meines Erachtens haben verantwortungsbewußte
Republikaner der Mitte nie die Orientierung verloren,
nur ihre Stimme. Meiner Ansicht nach sind sie privat
entsetzt bei dem Gedanken, daß die starke und
gesunde internationalistische Tradition ihrer Partei der Partei von Arthur Vandenberg, Dwight Eisenhower, Richard Nixon, Ronald Reagan und George
Bush - auf der Grundlage politischer Zweckdienlich-

*

AMERIKA DIENST 23

*

keif oder durch den zutiefst schädigenden Isolationismus einiger weniger Extremisten in Mißkredit gebracht werden könnte.
Montaigne riet: "Fürchtet Euch nicht auszusprechen,
was ihr Euch nicht fürchtet zu denken." Wir müssen
hoffen, daß die internationalistischen Vorsitzenden
beider Parteien sich an dieses Prinzip halten während wir in einer geteilten Regierung die Aufgabe
wiederaufnehmen, eine einheitliche Außenpolitik zu
formulieren, die eine Großmacht in einer gefährlichen
Welt verdient.

*

*

Seite 5

�KRIEGSVERBRECHEN
19. Juli 1995

Kriegsverbrechertribunale für Jugoslawien
und Ruanda sind Präzedenzfälle
Bilanz der Arbeit
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Clinton-Administration steht kurz vor der Übermittelung einer
Gesetzesvorlage an den Kongreß, die den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Kriegsverbrechertribunalen für das ehemalige Jugoslawien und
Ruanda bei der Verhaftung und Auslieferung von
Personen einräumt, die Kriegsverbrechen beschuldigt werden.
David Scheffer, Rechtsberater von US-Botschafterin
Madeleine Albright, erklärte, die Vereinigten Staaten
würden bereits ihre Grenzen überwachen, um der
Kriegsverbrechen Verdächtige vom Balkan oder aus
Ruanda aufzuspüren, die versuchen könnten, in die
Vereinigten Staaten einzureisen. Scheffer zufolge
stellen die Vereinigten Staaten den Tribunalen ferner
Finanzmittel, technische Hilfe - vor allem bei der
Beschaffung von Informationen -, Mitarbeiter und
andere Unterstützung zur Verfügung.
Mit der
Gesetzesvorlage würde diese Unterstützung noch
erweitert.
In einer Rede vor der Anwaltsvereinigung von San
Francisco und der amerikanischen Gesellschaft für
internationales Recht während der Gedenkfeierlichkeiten anläßlich der Unterzeichnung der Charta der
Vereinten Nationen am 26. Juni 1946 erörterte
Scheffer Umfang und Grenzen der beiden Kriegsverbrechertribunale.
"Wir werden es schaffen", erwiderte Scheffer den
Skeptikern, die sagen, die Angeklagten würden dem
Tribunal für das ehemalige Jugoslawien niemals
überstellt.
"Die Verfahren werden überstellt - dem JugoslawienTribunal liegen bereits über 20 vor... und es werden
weitere erwartet. Die Anführer der bosnischen
Serben sind von Richter Richard Goldstone öffentlich
als Verdächtige ausgemacht worden, gegen die
Ermittlungsverfahren eingeleitet werden."

besteht für sie ein beträchtliches Risiko der Festnahme", so Scheffer.
Im Falle Ruandas grenzt der Hauptankläger das Feld
der Verdächtigen ein und wird sich auf die Anführer
konzentrieren. Damit bleibt jedoch der Regierung
von Ruanda "die nahezu unmögliche Aufgabe überlassen, gegen Zehntausende weniger Verdächtige zu
ermitteln und Strafverfolgungsmaßnahmen gegen sie
einzuleiten".
Scheffer bezeichnete Richter Goldstone aus Südafrika, den Hauptankläger bei beiden Tribunalen, als
"beeindruckend" und erklärte, aufgrund seiner hervorragenden Arbeit bei den jugoslawischen Fällen sei
Goldstone auch zur Anklageführung bei den ruandischen Verfahren ausgewählt worden. Goldstone hat
versprochen, sich auf die Beweise zu stützen und die
höchsten Regierungsvertreter anzuklagen, wenn der
Grund dazu gegeben ist.
Scheffer bezeichnete Berichte, der Sicherheitsrat
ziehe eine Amnestie für die jugoslawischen Verfahren
in Betracht, als "Mythos".
"Es mag lokale Amnestien geben, das wird das
internationale Tribunal jedoch nicht beeinflussen",
äußerte er. "Wir haben eindeutig klargestellt, daß die
Vereinigten Staaten nicht die Absicht hegen für eine
Resolution zu stimmen, die eine Amnestie für irgendeinen der Straftaten im Balkan-Konflikt Beschuldigten
enthält."
"Regierungen, die nicht mit dem Tribunal zusammenarbeiten, sehen sich mit möglichen Sanktionen des
Sicherheitsrats konfrontiert", fügte Scheffer hinzu.
Die Zusammenarbeit der Belgrader Regierung mit
dem Kriegsverbrechertribunal "wird in Erwägung
gezogen und wird unsere Entscheidung bezüglich der
Aufhebung von Sanktionen sowie der Wiederaufnahme Belgrads in die internationale Staatengemeinschaft bestimmen."

"Wir werden die Beschuldigten verfolgen und sobald
sie sich außerhalb ihres Territoriums befinden,

AMERIKA DIENST 23

Seite 1

�Er warnte, "diejenigen, die bereits den Nachruf auf
das Kriegsverbrechertribunal schreiben, sollten ihre
Computer anlassen. Dies ist ein sehr langer Prozeß,
den keine Regierung umgehen will. Es gibt keine
Einschränkungen."
Die Kriegsverbrechertribunale für das ehemalige
Jugoslawien und Ruanda haben neue Horizonte im
Völkerrecht eröffnet, da ihnen jetzt die Möglichkeit
eingeräumt wurde, die Rechenschaftspflicht von
Einzelpersonen bei der Behandlung von Bürgern
durch Regierungsvertreter zu verschärfen.
Aufgrund der Struktur der beiden Tribunale können
"für Kriegsverbrechen verantwortliche Personen sich
in Zukunft nicht mehr hinter dem Schutzschild der
internationalen Souveränität verstecken", so Scheffer. "Die internationale Staatengemeinschaft wird die
Fähigkeit, das Recht und den internationalen Präzedenzfall zu ihrer Bestrafung haben."
Die Mitarbeiter des Jugoslawien-Tribunals stellten
fest, daß in Bosnien die Regierungsvertreter und
Lagerkommandanten die Situation der Gefangenen
verbesserten, als sie erfuhren, daß die internationale
Staatengemeinschaft zu ihrer Bestrafung entschlossen ist. Scheffer fügte jedoch hinzu, es müßten
noch Gesetzesänderungen vorgenommen werden,
bevor die Androhung eines Kriegsverbrechertribunals
zur glaubwürdigen Abschreckung für potentielle
Kriegsverbrecher wird.
Das Jugoslawien-Tribunal ist das erste seiner Art,
das Recht über Verbrechen gegen die Menschlichkeit und über das Verbrechen der Verfolgung von
Zivilisten ohne Verbindung zu einem bewaffneten
Konflikt sprechen wird. Die Tribunale von Nürnberg
und Tokio hatten die Rechtsprechung über Verbrechen gegen die Menschlichkeit nur, wenn diese
in Zusammenhang mit einem bewaffneten Konflikt
standen oder während diesem durchgeführt wurden.
"Zum ersten Mal wird also eine amtliche Körperschaft des internationalen Rechts Regierungsvertreter und sogar selbsternannte Vertreter nicht
anerkannter Staaten zur Verantwortung ziehen für
die Art der Behandlung der ihnen unterstellten
Personen unabhängig von der Existenz eines
bewaffneten Konflikts", erläuterte Scheffer.
Und das Tribunal für Ruanda wird den geplanten
Genozid der Regierung ansprechen, der zu dem
internen bewaffneten Konflikt führte.

*

Seite 2

"Das Tribunal wird das erste internationale Gremium
sein, das Einzelpersonen für Völkermord ohne einen
bewaffneten Konflikt sowie für während eines internen bewaffneten Konflikts begangene Verbrechen zur
Rechenschaft zieht. Beide Schritte werden den
Rahmen einengen, innerhalb dessen eine Regierung
gegen ihre Bürger vorgehen kann. Es sind wichtige,
aber begrenzte erste Schritte."
Häufig werden Vergleiche zwischen dem Jugoslawien-Tribunal und den nach Ende des Zweiten
Weltkriegs in Nürnberg und Tokio abgehaltenen
Kriegsverbrecherprozessen angestellt. Die vor 50
Jahren anberaumten Gerichtsverhandlungen waren
jedoch Sieger-Tribunale, und die Großmächte konnten in einer Weise Anklage erheben, die "heute
einfach nicht möglich ist".
Das Nürnberger Tribunal war eine Gemeinschaftsbestrebung, bei der die Bereitstellung von Finanzmitteln und Personal kein Hindernis darstellte. Bei
der Einrichtung der Tribunale für Ruanda und Jugoslawien stellten die Finanzierung und personelle
Besetzung die Vereinten Nationen jedoch vor große
Schwierigkeiten. Die UNO hat noch nicht entschieden, ob sie die Tribunale ebenso wie Friedenssicherungsoperationen oder als regulären Haushaltsposten
finanzieren soll.
Die Vereinigten Staaten stehen an erster Stelle bei
der Finanzierung und haben zum JugoslawienTribunal bisher zwischen 16 und 20 Millionen Dollar
an freiwilligen und zugewiesenen Mitteln beigesteuert.
Die Vereinigten Staaten werden voraussichtlich rund
8 Millionen Dollar zum Ruanda-Tribunal beitragen.
Die Vereinigten Staaten bestehen darauf, daß ein
bestimmter Anteil der Mittel des Tribunals durch
freiwillige Beiträge finanziert wird. "Wir sind ermutigt
durch die 'Koalition des Gewissens' nichtstaatlicher
Organisationen und Einzelpersonen", die einen
finanziellen Beitrag leisten und dem Tribunal technische Hilfe zur Verfügung stellen.
Die beiden Tribunale öffnen die Tür für mögliche
Ermittlungen und/oder Tribunale für andere Gebiete,
darunter Kambodscha, Irak, Burundi, Äthiopien und
Haiti. Die nächste Herausforderung ist die Frage, ob
ein ständiges internationales Strafgericht geschaffen
werden soll.
"Im Sicherheitsrat macht sich so etwas wie TribunalMüdigkeit breit", stellte Scheffer mit der Anmerkung
fest, die Gründung einer ständigen Institution könnte
eine Lösung sein.

*

AMERIKA DIENST 23

�NA F T A
19. Juli 1995

Positive Bilanz der ersten anderthalb Jahre des NAFTA
Rede von Robert Earle
FRANKFURT - (AD) - Wenn sich der heutige Trend fortsetzt, werden die Vereinigten Staaten im Jahr 2005
mehr nach Lateinamerika als nach Westeuropa oder Japan exportieren, erklärte der Gesandte-Botschaftsrat
für öffentliche Angelegenheiten bei der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland
am 29. Juni 1995 in Frankfurt. In seiner Eröffnungsrede vor der Konferenz über das Nordamerikanische
Freihandelsabkommen (North American Free Trade Agreement - NAFTA) mit dem Titel "North America - New
Industry Opportunities" sprach Earle über die Ursprünge des NAFTA und zog nach anderthalb Jahren seines
Bestehens eine vorwiegend positive Bilanz.

Ich freue mich sehr, heute morgen hier zu sein. Als
langjähriger Beobachter Lateinamerikas und Gesandter-Botschaftsrat für öffentliche Angelegenheiten
bei unserer Botschaft in Mexiko City zur Zeit der
Aushandlung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens habe ich zugegebenermaßen großes
persönliches Interesse an diesem Thema.

schichte. Aber während dieses hundert Jahre langen
Zeitraums florierten zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten bilateraler Handel, Investitionen und
wirtschaftliche Interdependenz.

Das Thema der Veranstaltung am heutigen Morgen
lautet "NAFTA nach anderthalb Jahren". Ich würde
sagen, daß nach 18 Monaten nur dann eine vorläufige Einschätzung vorgenommen werden kann,
wenn diese Beurteilung in den historischen Kontext
eingeordnet wird. Wir müssen den Hintergrund des
NAFTA kennen, um genau beurteilen zu können,
wieweit es bis jetzt gediehen ist und wohin es
steuert.

In Ermangelung von freiem Handel und der Art von
Symmetrie, wie sie bei den amerikanisch-kanadischen Volkswirtschaften vorherrschte, waren die
Konflikte und Engpässe, die Mexikaner und Amerikaner erlebten, real und frustrierend. Ende der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts unterhielten die
Vereinigten Staaten und Mexiko jedoch umfassende
und sich schnell vertiefende Handelsbeziehungen.
Das NAFTA beschleunigte dieses Wachstum, aber
die meisten Experten waren sich einig, daß bilateraler
Handel und Investitionen auch ohne das Abkommen
angestiegen wären.

Diejenigen, die das NAFTA konzipierten und aushandelten, betrachteten es nie als kurzzeitiges
Experiment. Sie sahen es mit der Logik einer
unwiderlegbaren Tatsache: Das wichtigste Merkmal
Nordamerikas heute ist seine Interdependenz. Das
NAFTA erkennt und begrüßt diese Realität.

Das NAFTA ist somit keine Athene, die dem Haupt
des Zeus in voller Rüstung entsprang. Es wurzelt in
der Geographie Nordamerikas, der Psychologie und
Weltanschauung der Nordamerikaner, ihrer gemeinsamen Geschichte sowie dem weltweiten Trend zu
freiem Handel und offenen Märkten.

Diese Interdependenz hat eine lange Geschichte.
Im Rückblick auf die amerikanisch-kanadischen
Beziehungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts
erkennt man, daß freier Handel ein zentrales Anliegen war - ein äußerst heikles Thema, über das erst
nach mehr als hundert Jahren Einigkeit erzielt wurde
- in den späten achtziger Jahren dieses Jahrhunderts.

Aus der Sicht der Vereinigten Staaten dient das
NAFTA drei wichtigen, sogar entscheidenden Funktionen:

Die Diskussionen über freien Handel haben bei den
Beziehungen zwischen den USA und Mexiko, wo
andere Themen dominierten, keine so lange Ge-

AMERIKA DIENST 23

Erstens. Freier Handel ist zumindest seit dem Ende
des Zweiten Weltkrieges für die Amerikaner ein
Credo. Er ist ein natürlicher Bestandteil der Außenpolitik und resultiert aus dem Ethos unserer Nation,
anstatt von äußeren Kräften aufoktroyiert zu werden.
Wir Amerikaner sind stolz darauf, ein pragmatisches
Volk zu sind, und fühlen uns aufgrund unserer
Geschichte bei exzessiver zentraler Kontrolle unbe-

Seite 1

�haglich. Freier Handel ist eine Reaktion auf diese
beiden Punkte. Er engagiert unsere Bürger direkt
auf der internationalen Bühne auf pragmatischer
Basis ohne staatliche Verordnungen.
Es sollte folglich nicht überraschen, daß den Umfragen zufolge die amerikanische Öffentlichkeit das
NAFTA unterstützt. In einer jüngeren Untersuchung
des Chicago Council on Foreign Relations wurde die
Frage gestellt: "Ist das NAFTA für die amerikanische Volkswirtschaft vorwiegend gut oder vorwiegend schlecht?" Die führenden Meinungsbildner in
den Vereinigten Staaten sprachen sich mit 86
Prozent dafür und 13 Prozent dagegen aus. Selbst
die Öffentlichkeit, die mit einer Anti-NAFTA-Kampagne aus dem gesamten politischen Spektrum bombardiert worden war - und für die die Angst um ihren
Arbeitsplatz eine wirkliche Sorge darstellte - stimmte
mit 50 gegenüber 31 Prozent, das NAFTA sei
überwiegend positiv.
In derselben Umfrage antworteten auf die Frage
"Was sind Ihrer Meinung nach heute die zwei oder
drei größten außenpolitischen Probleme der Vereinigten Staaten?" 24 Prozent der Befragten spontan
mit "Welthandel und freier Handel".
Zweitens. Die Beziehungen zu Mexiko sind für die
Vereinigten Staaten von entscheidender Bedeutung.
Derselben Umfrage des Chicago Council on Foreign
Relations zufolge bekräftigten 98 Prozent der führenden amerikanischen Politiker und 76 Prozent der
Öffentlichkeit, daß die Vereinigten Staaten ein vitales
Interesse an Mexiko haben. 98 beziehungsweise 71
Prozent sagten dasselbe über Kanada. Wie ich
bereits erwähnte, sind die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und Mexiko nicht immer
einfach. Verglichen mit unseren Beziehungen zu
Kanada sind sie voller Asymmetrien. Diese Asymmetrien haben immer wieder zu Spannungen und
Enttäuschungen geführt oder dazu beigetragen. Das
hat unsere Versuche enorm erschwert, bei der
Verfolgung unserer beiderseitigen Interessen zusammenzuarbeiten.
Freier Handel mit seinem Versprechen einer umfassenden Liberalisierung bot den Vereinigten
Staaten eine vollkommen neue Basis für ihre Beziehungen zu Mexiko. Wir wußten natürlich, daß
Einwände und Probleme fortbestehen würden. Das
wären jedoch Argumente und Probleme im Plural,
nicht im Singular: Viele verschiedene Fragen, von
denen jede an und für sich betrachtet beantwortet
werden kann, nicht eine große Frage, bei der die
individuellen Interessen von Mexikanern und Amerikanern unter einer seltsamen, schwierig zu definierenden Frage des "nationalen Interesses" zusammengefaßt werden können.

Seite 2

Drittens. Ebenso wie die Vereinigten Staaten einen
neuen, kreativen Ansatz zur Entwicklung stärkerer
Beziehungen zu Mexiko suchten, strebten sie auch
einen Wandel bei ihren Beziehungen zu Lateinamerika als Ganzes an. Diese Bestrebungen umspannen die eben erwähnten 100 Jahre. Es gab
zahllose Schwierigkeiten, die gut dokumentiert sind.
Es schien, daß wir nie die richtige Formel fanden, um
uns und unsere Nachbarn in der Hemisphäre zufriedenzustellen. Wir konnten nie den Weg zu einem
Gleichgewicht finden.
Wir wußten jedoch eines: Wenn wir ein zufriedenstellendes Abkommen mit Mexiko abschließen könnten, hätten wir darauf aufbauend die Chance zur
Verbesserung unserer Beziehungen zu allen Nachbarn im Süden.
Dies sind die Ursprünge des NAFTA: Der Glaube an
freien Handel, der Wunsch nach dem Aufbau neuer,
stärkerer Beziehungen zu Mexiko und schließlich der
Wunsch, dasselbe mit der übrigen Hemisphäre zu
tun.
Sie werden feststellen, daß das alles nicht viel mit
dem Kalten Krieg zu tun hatte. Es reflektierte lediglich die natürlichen Tendenzen und Interessen des
amerikanischen Volkes. Der Unterschied zwischen
den zwei Unternehmungen - Freihandel in der
Hemisphäre versus Bekämpfung des Kommunismus ist einfach festzustellen: Einiges möchte man tun,
anderes muß man tun.
Vor diesem Hintergrund sehen die ersten anderthalb
Jahre des NAFTA ziemlich gut aus. Zahllose Abkommen, Übereinkünfte und gemeinsame Ansätze
wurden unter Dach und Fach gebracht. Der Privatsektor hat viel mehr Freiheit bekommen, um wirtschaftlich effizienter zu werden. Einem ernsthaften
Wechselkursproblem in Mexiko wurde getrotzt, wenn
es auch noch nicht ganz überwunden ist. Die Vereinigten Staaten erlebten allgemeines Wachstum bei
Handel und Investitionen und erwarten eine Fortsetzung in den nächsten Jahren.
Ebenso wichtig ist, daß wir in Nordamerika auf
regionaler Basis etwas erreicht haben, das sich
möglicherweise in der gesamten Hemisphäre ausbreiten und den weltweiten Trend zu freiem Handel
verstärken könnte. Es besteht kein Zweifel daran,
daß das NAFTA als Katalysator für die Verhandlungen der Uruguay-Runde diente und zur Errichtung
der Welthandelsorganisation führte.
Natürlich bedeutet das nicht, daß alle Streitigkeiten
über das NAFTA beigelegt oder weitere Fortschritte
zu einer Freihandelszone in der Hemisphäre unausweichlich sind. Das NAFTA ist keine Doktrin, son-

AMERIKA DIENST 23

�dem ein Prozeß. Es muß sich weiterhin in der
Praxis bewähren und wird sicherlich nicht ohne
schwierige Verhandlungen in der gesamten Hemisphäre ausgeweitet.
Für die Europäer ist jedoch die Erkenntnis wichtig,
daß die Debatte über das NAFTA die Beziehungen
der Vereinigten Staaten zu Lateinamerika auf eine
neue Ebene gebracht hat. Wie ich bereits erwähnte,
waren diese Beziehungen - allzu oft - von Mißverständnissen, Verdächtigungen und verpaßten Gelegenheiten charakterisiert. Wir haben über die Jahrzehnte eine Vielzahl von Politiken verfolgt - von der
Monroedoktrin bis zur Dollar-Diplomatie, von guter
Nachbarschaft bis zur Allianz für den Fortschritt.
Das NAFTA bietet die stabilste, kohärenteste und
weitblickendste Politik, die wir je gegenüber Lateinamerika verfolgt haben.
Sie vermeidet Konflikt zugunsten von Zusammenarbeit, wendet sich von Entwicklungshilfe und einer
Gönner-Vasall-Beziehung ab, die in den meisten
Fällen nicht richtig funkionierte sowie Abhängigkeit
und Ressentiments förderte. Gezielte amerikanische
Hilfsprogramme werden auf Gebieten wie der Förderung von Demokratie, der Modernisierung des
Rechtssystems und der Behebung sozialer Ungleichgewichte fortbestehen. Sie sind wichtig für die
Aufrechterhaltung einer geordneten Entwicklung in
der westlichen Hemisphäre. Die Botschaft des
NAFTA ist jedoch, daß Handel, nicht Hilfe an der
Tagesordnung sind.
Wie weit wird uns diese Botschaft dabei bringen, die
Vision des Amerika-Gipfels vom vergangenen
Dezember in Miami zu erfüllen? Nach anderthalb
Jahren kann keine spezifische Frage definitiv beantwortet werden, aber sehen Sie sich nur einige
Zahlen an.
Die amerikanischen Exporte nach
Nordamerika wachsen doppelt so schnell an wie in
die übrigen Länder. Im vergangenen Jahr kaufte
Lateinamerika amerikanische Waren im Wert von 92
Milliarden Dollar. Wenn sich der jetzige Trend
fortsetzt, wird unser Land mehr nach Lateinamerika
als nach Westeuropa oder Japan verkaufen.

*

AMERIKA DIENST 23

In einer interdependenten Welt ragt die unerbittliche
Tatsache des Angrenzens, der Nachbarschaft noch
drohender auf. Neben dem Handel haben unsere
Nachbarn größeren Einfluß auf unsere Fähigkeit zum
Umgang mit Fragen von vitalem nationalem Belang
wie Migration, Drogen, Strafverfolgung und Umwelt.
All diese Faktoren werden mit der Zeit zu einer
Ausweitung des NAFTA auf andere Länder südlich
unserer Grenze führen. Fast die Hälfte jedes Dollars,
den Lateinamerikaner für Importe ausgeben, wird für
den Kauf amerikanischer Waren aufgewendet. Im
Gegensatz dazu geben die Chinesen nur etwa 10
Cent jedes für Importe ausgegebenen Dollars für
amerikanische Waren aus.
Chile zeichnet sich als erster Kandidat für eine
Mitgliedschaft im erweiterten NAFTA ab. Die Vereinigten Staaten verkaufen mehr an Chile mit 14
Millionen Einwohnern als an Indien mit einer Bevölkerung von über 900 Millionen. In den letzten fünf
Jahren verzeichnete Chile eine durchschnittliche
Wachstumsrate von 7,1 Prozent und erzielte eine
Sparquote von 25 Prozent. Andere Staaten wie
beispielsweise Argentinien haben ähnlich vielversprechende Aussichten.
Das 20. Jahrhundert endet positiv - mit dem Triumph
der Ideale, für die die Vereinigten Staaten und andere
in der westlichen Welt seit langem eingetreten sind.
Die Medien haben ausführlich über die umwälzenden
Veränderungen in Mittel- und Osteuropa sowie in
Südafrika berichtet. Dem wirtschaftlichen Start in
Ostasien wird ebenfalls viel Aufmerksamkeit gewidmet. Und all das geschieht verdientermaßen.
Es ist meines Erachtens jetzt jedoch an der Zeit, daß
die dramatischen Veränderungen in Lateinamerika die Ausbreitung von Demokratie und dynamischem
Wirtschaftswachstum - die Berichterstattung erhalten,
die sie verdienen. Auch diese Entwicklungen werden
eine wichtige Rolle bei der Gestaltung unserer
gemeinsamen Zukunft spielen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�DATENAUTOBAHN
19. Juli 1995

Neues von der Datenautobahn
Übersicht jüngster Entwicklungen
Der nachfolgende Artikel faßt die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten bei Informations- und
Telekommunikationstechnologien zusammen und erörtert Neuheiten auf dem Internet sowie die Entwicklung
einer globalen Informationsinfrastruktur.

Stau auf dem Internet
Die Zeitschrift Inc. berichtet, daß die dramatisch
ansteigende Anzahl von Internet-Nutzern einen
"Stau" verursachen könnten. Dem Wirtschaftsberater Bridger Mitchell zufolge "ist der Stau vorprogrammiert", solange sich die Kosten für das
Internet nicht parallel zu dem vom Anwender bezahlten Preis entwickeln. Die Software für das Übertragungskontrollprotokoll ist eine technologische
Errungenschaft, die eine problemlose Erweiterung
des Internet gestattet, allerdings zu hohen Kosten.
Der Wirtschaftswissenschaftler der University of
Michigan Hai Varian erläutert: "Das durchschnittliche Laden ist nicht das Problem. Die meiste Zeit
arbeitet das Netz mit 5 Prozent der Kapazität. Aber
die "Stoßzeit" gibt Anlaß zur Sorge. Die Qualität
beginnt sich bei rund 20 Prozent der Kapazität zu
verringern, und ein plötzlicher Andrang kann die
Nachfrage binnen Sekunden zu diesem Punkt
bringen."
Telekonferenzindustrie wächst weiter
Laut einem von der internationalen TelekonferenzVereinigung veröffentlichten Bericht beliefen sich im
Jahr 1994 die Einnahmen aus nordamerikanischen
Telekonferenzen auf insgesamt 3,098 Milliarden
Dollar. Dies entspricht einer Wachstumsrate von
34,7 Prozent. Vom Institute for the Future (IFTF)
und der Telespan Publishing Corp. of California
durchgeführten Studien zufolge nahm der nordamerikanische Audio-Telekonferenzmarkt - verglichen mit 995,6 Millionen Dollar im Jahr 1993 1994 um 28 Prozent zu.
PC-Homebanking weckt geringes Interesse
Ein kürzlich im Wall Street Journal veröffentlichter
Artikel berichtet, daß nur ein Prozent der amerikanischen Haushalte Bankgeschäfte mit dem eigenen

AMERIKA DIENST 23

Computer abwickelt, obwohl ungefähr 130 Banken
Online angeschlossen sind, darunter 61 in den ersten
vier Monaten dieses Jahres. Analysten von Payments Systems, Inc. in Tampa (Florida) stellen fest,
das geringe Interesse belege, daß die Verbraucher
erst einmal überzeugt werden müssen, ihr Geld dem
Cyberspace anzuvertrauen. Banken, die Online
gegangen sind, zeigen Optimismus, daß Homebanking zunehmen wird, sobald der Markt mit der Technologie vertraut ist. KPMG Marwick LLP, eine New
Yorker Beratungsfirma, erwartet, daß Homebanking
in nur 10 Jahren gang und gäbe sein wird, wenn die
jüngere "Computergeneration" anfängt, Bankgeschäfte zu tätigen.
Computer-Anwender müssen nicht notwendigerweise reich sein
Eine von SRI International, einer in Menlo Park
(Kalifornien) ansässigen Forschungsfirma, durchgeführte Umfrage ergab, daß 28 Prozent der Computer-Nutzer weniger als 20.000 Dollar pro Jahr verdienen. Anhand dieser Informationen gelangte SRI
zu der Schlußfolgerung, bisherige Annahmen - wer
kein Geld hat, hat keinen Zugang zu Informationen könnten falsch sein. SRI ist der Auffassung, statt der
Einkommensverhältnisse sei eher das Bildungsniveau
dafür entscheidend, wer Zugang zu Informationen hat
und wer ein Informations-Habenichts ist.
Cyberkrankheit - das neue "Computervirus"
Simulatorkrankheiten wie kalter Schweiß, Übelkeit
und Erbrechen nehmen zu, je mehr Virtual Reality zur
Realität wird. Eine vom amerikanischen Militär und
der NASA durchgeführte 20jährige Serie von Studien
belegte, daß bis zu 90 Prozent der Testpersonen
simulatorkrank werden - abhängig vom Realismus
des Simulators.
Einem kürzlich in Technology
Review erschienenen Artikel zufolge entsteht das
Problem der Cyberkrankheit, wenn ein Produkt so

Seite 1

�eindringlich ist, daß das Gehirn nicht verarbeiten
kann, was real ist und was nicht. Einige Unternehmen bewältigen das Phänomen, indem sie den
Realismus-Faktor verringern und das Produkt
weniger realistisch und weniger eindringlich machen,
ohne die Spannung der Virtual Reality zu verrignern.
Interessante Web Sites auf dem Internet
Nachfolgend die Anschriften einiger nützlicher Regierungsstellen auf dem World Wide Web.
Die nationale Telekommunikations- und Informationsverwaltung (National Telecommunications and
Information Administration - NTIA) - (World Wide
Web) http://www.ntia.doc.gov (gopher) gopher.ntia.doc.gov
NTIA ist das wichtigste Sprachrohr der Administration zu Fragen im Telekommunikationsbereich und
das führende Amt für nationale und globale Informationsinfrastruktur-Initiativen, die generell als Datenautobahn bezeichnet werden. Die Home Page von
NTIA ist mit über 500 anderen im Telekommunikations- und Informationswesen tätigen Internet-Stellen
verbunden.

Electronic Frontier Foundation - (WWW)http://www.eff.org/pub/GIINII
Diese Stiftung befaßt sich mit der Förderung von
Bürgerrechten auf der Datenautobahn.
Die US-Wirtschafts- und Statistikverwaltung - (U.S.
Economics and Statistics Administration) - (WWW)
http://doc.gov/resources/ESAinfo.html (gopher)
gopher.stat.usa.gov
Diese Verwaltung stellt Verbindungen zur National
Trade Data Bank (nationale Handelsdatenbank) her,
die umfassende Daten über den Welthandel speichert.
Das Umweltschutzamt (Environmental Protection
Agency - EPA) - (WWW) http://www.epa.gov (gopher)
gopher.epa.gov
Stellt die Verbindung zum Telefonverzeichnis der
EPA und anderen öffentlichen Stellen mit Umweltinformationen her, darunter die wichtigsten EPAInformationsclearinghäuser und EPA-Umweltdatenbanken.

* *

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�LITERATUR
19. Juli 1995

Edmund Wilson - eine Hundertjahrfeier
von Robert Earle
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, den Robert Earle, der Gesandte-Botschaftsrat
für öffentliche Angelegenheiten bei der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland,
im Anschluß an die vom 25. bis 28. Mai 1995 in Bonn veranstaltete Konferenz von im Bereich der
Lehrerausbildung tätigen Fachleitern mit den Titel "Many Voices: American Values in Transition" verfaßte.

Wäre er noch am Leben - ein beängstigender
Gedanke - wäre Edmund Wilson in diesem Jahr 100
Jahre alt geworden. Wilson der Kritiker, der Gelehrte, der Polemiker ... vielleicht der vollkommenste,
wenn nicht sogar der einflußreichste amerikanische
Literat dieses Jahrhunderts.
Wie bekannt ist Wilson im Aus- und nicht zuletzt im
Inland mehrere Jahrzehnte nach seinem Tod? Es
lohnt sich, diese Frage zu stellen, weil Wilson das
gesamte Spektrum und die Eleganz des amerikanischen intellektuellen Lebens von seiner besten Seite
so umfassend verkörperte. Wilsons Werk zu kennen, heißt, Einblick in viele der wesentlichen Themen der amerikanischen Zivilisation zu erhalten unsere Beziehungen zu Europa, unsere Beziehungen zu politischen Institutionen in Amerika und zur
amerikanischen Geschichte, unser Gefühl des sich
ständig entwickelnden "Selbst" - so grenzenlos,
gelegentlich arrogant, gelegentlich bescheiden.
Wilsons Generation war zweifelsohne eine der
großen amerikanischen Generationen: Lippman,
Faulkner, Eliot, Fitzgerald, Williams. Es war die
Generation, die Amerikas erste Begegnung mit "der
Welt" in Form des Ersten Weltkriegs erlebte - diesen
internationalen Abgrund und diese demoralisierende
Einöde. Es war eine Generation, die keine Wahl
hatte, als sich im Hinblick auf Visionen und Werte
auf sich selbst zu verlassen. Die Traditionen und
Institutionen ihrer Eltern wurden durch den Amok
laufenden Koloß der Moderne und der in voller Fahrt
gebremsten Menschheit zerschmettert. Wie Stein zu
Hemingway sagte, waren sie die "verlorene Generation", die keinen Platz hatte und sich daher selbst
einen schaffen mußte.
Wilsons Schaffensmethode bestand zunächst in
lesen, später schreiben. Das waren die beiden Pole

AMERIKA DIENST 23

seiner Erfahrungen von der Kindheit bis ins hohe
Alter. Er wurde als Kind aus einer unglücklichen Ehe
in Red Bank (New Jersey) geboren. Als entfernter
Vorort von New York hatte Red Bank den großen
Vorteil der Region - des Mid-Atlantic (Sammelname
für die Bundesstaaten New York, New Jersey,
Delaware und Pennsylvania). Der Mid-Atlantic ist die
transparenteste, am wenigsten regionale der amerikanischen Regionen. Daher ist sie nicht einer bestimmten Sprache oder Sache verpflichtet - der perfekte
Geburtsort für einen Universalgelehrten wie Wilson.
Seine Zeit im Internat (The Hill School in Pennsylvania) und am College (Princeton) verbrachte er mit
lesen, dann begann er zu schreiben.
Sein erstes und lebenslanges Interesse war Journalismus, nicht die Berichterstattung per se, sondern
vielmehr das Aufzeichnen, Analysieren, Kritisieren.
Er führte umfangreiche Tagebücher, die später
Michelin Guides für das gesellschaftliche und intellektuelle Leben der zwanziger, dreißiger, vierziger und
bis in die sechziger Jahre wurden. Es waren gleichzeitig intime persönliche Dokumente und detaillierte
Gesellschaftsberichte. Sie waren klinisch nüchtern,
das Werk eines Rationalisten, und sie waren enzyklopädisch, mit Details über alles, was er sah und
dachte: Den Klang eines Liedes, die Widersprüche
in einer Philosophie, das Muster im Rock einer
attraktiven Frau.
(Auf Wilsons ausdrücklichen
Wunsch wurde jedes Tagebuch von Alfred A. Knopf
in Kleinformat gebunden, gerade in der richtigen
Größe für die Hand und die Manteltasche des Reisenden - die beiden Orte, an denen Wilson seine
Bücher am häufigsten trug).
Seine ersten Publikationen waren in Zeitschriften
abgedruckte Buchrezensionen (es war die Hochblüte
der Zeitschriften in Amerika: Der New Yorker war
nur eine von vielen, obwohl Wilson sich hier am

Seite 1

�häufigsten aufhielt), und dann eine Reihe größerer
kritischer Arbeiten. Sie waren seine Meisterwerke
(die Romane, die er außer Tagebüchern und umfangreichen Studien schrieb, kann man vergessen),
da Wilson einen Intellekt besaß, von dem man zu
Recht sagen konnte, daß er jedes Thema oder jede
Idee von wirklichem Interesse aufgreifen, verdeutlichen und vermitteln konnte. Er schrieb Axel's
Castle, ein brillantes Werk der Literaturkritik über
Joyce, Yeats und Proust. Er schrieb To The Finland Station, ein umfassendes Werk über die
Geschichte des Sozialismus vom 19. Jahrhundert bis
zu Lenin. Er schrieb Patriotic Gore, eine Studie
über die großartige, vernachlässigte literarische
Tradition des amerikanischen Südens (die Faulkner
in einem völlig anderen Kontext Wiederaufleben ließ).
Und er schrieb auch Bücher über die IroquoisIndianer, die Schriftrollen von Qumran und kanadische Literatur.
Seinen Stil könnte man als "transparent" bezeichnen.
Er zeigte das Thema wie Glas. Man konnte direkt
hindurchsehen. Und man konnte genau die richtige
Menge sehen, Stück für Stück, während sich ein
ganzes Mosaik abzeichnete - vollständig, überzeugend, ausgewogen.
Jüngere Biographien (und seine eigenen Aufzeichnungen) verdeutlichen, daß es Wilson selbst an der
Größe und Ausgewogenheit seiner Prosa gebrach.
Er hatte einen Verschleiß an Ehefrauen, stritt mit
Freunden, trank zuviel und öffnete sich nicht gegenüber seinen Studenten oder Bewunderern. Das
alles war jedoch nicht so wichtig.
Das Wichtigste an Wilson ist wahrscheinlich das,
was am schwierigsten zu erfassen ist: Seine Band-

* *

Seite 2

breite. Das Drama seines breiten Interessenspektrums und seiner endlosen Überlegenheit entmutigt
praktisch jeden geneigten Leser. Wer würde, wenn
er Joyce liebt, Wilsons Arbeiten über Joyce so ernst
nehmen wie seine Arbeiten über die Iroquois? Wer
könnte, wenn er von den zwanziger Jahren fasziniert
ist, ebenso fasziniert von Turgenjew sein? In gewisser Weise wußte nur Wilson Wilson zu folgen und zu
würdigen.
Dennoch hat sowohl Wilsons Prosa als auch seine
bedingungslose Überzeugung, daß alles Denken in
Relation zueinander steht (daß Politik, Kultur, Geschichte und Poesie in sorgfältig formulierten Sätzen
aufgenommen und dann in Absätze, Bücher und ein
ganzes Leben eingeflochten werden können) ihm
einen permanenten Platz im intellektuellen Umfeld
der Vereinigten Staaten verschafft. Wenn er auch
nicht der größte Spezialist auf einem bestimmten
Gebiet war, so war Wilson doch der größte Generalist
in vielen unterschiedlichen Fachbereichen. Er war in
gewisser Weise demokratisch und populistisch (trotz
seines elitären Geschmacks) aufgrund der Annahme,
daß er (oder sonst jemand) immer eine Meinung zu
jedem beliebigen Thema hatte.
Wegen seiner Lebendigkeit, guten Urteilskraft und
Bandbreite verdient Wilson es, wieder gelesen zu
werden. Der Mensch und sein Leben waren vielleicht
nicht so interessant. Er las und schrieb. Dazwischen
reiste er, heiratete und trank. Nicht so viel Stoff für
eine Geschichte. Aber er schrieb in Wirklichkeit nicht
seine eigene Geschichte. Seine Geschichte waren
die uneingeschränkten intellektuellen Möglichkeiten
eines Amerikaners, wenn dieser sich die Welt zu
eigen macht.

*

*

AMERIKA DIENST 23

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12466">
                <text>19.07.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12467">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12468">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12469">
                <text>Amerikadienst 19.07.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12470">
                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Amerikanische Außenpolitik und transatlantische Beziehungen im Umbruch&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kritik an isolationistischen Tendenzen im Kongress&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor John Holum&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kriegsverbrechen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kriegsverbrechertribunale für Jugoslawien und Ruanda sind Präzedenzfälle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bilanz der Arbeit&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. NAFTA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Positive Bilanz der ersten anderthalb Jahre des NAFTA &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Robert Earle&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neues von der Datenautobahn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht jüngster Entwicklungen&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Literatur&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Edmund Wilson - eine Hundertjahrfeier &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Earle&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2412" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2423">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/10bac3a1906bd645d5f911f2f48d4632.pdf</src>
        <authentication>6d36281299b788b0d66255f50dbff9bb</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12477">
                    <text>cimGrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

2. August 1995

24

NATO

DIE NATO - GRUNDE FÜR IHRE
ERWEITERUNG
von Strobe Talbott

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE POTSDAMER KONFERENZ
Rede des ehemaligen Präsidenten Bush

GESCHICHTE

EIN INSPIRIERENDER AUGENBLICK IN
DER GESCHICHTE
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

MEDIEN

MEDIEN UND DIE GESELLSCHAFT
von Fredric A. Emmert

FRAUEN

FRAUEN, POLITIK UND GLOBALES
MANAGEMENT
von Lincoln C. Chen, Winifred M. Fitzgerald
und Lisa Bates

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NATO
2. August 1995

Die NATO - Gründe für ihre Erweiterung
von Strobe Talbott
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Stellvertretenden Außenminister der
Vereinigten Staaten, Strobe Talbott, verfaßten Artikel.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The New York Review of Books.
Copyright (c) 1995 NYREV, Inc.
I.
Offiziere und Diplomaten aus den 16 Mitgliedstaaten
der Organisation des Nordatlantikvertrags planen für
diesen Herbst Besuche in Warschau, Bukarest,
Wilna, Kiew und anderen Hauptstädten Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion. Damit
wagen sie sich in ein Gebiet, das noch vor sechs
Jahren Feindesland war. Diese westlichen Emissäre
werden den Verteidigungs- und Außenministerien
der ehemals kommunistischen Länder eine detaillierte Erklärung für die im Januar 1994 von der NATO
getroffene Entscheidung über die Aufnahme neuer
Mitglieder geben.
Einige postkommunistische Regierungen sind
gespannt auf die Informationen und warten ungeduldig darauf, der NATO so bald wie möglich beitreten
zu können. Die zentraleuropäischen Staaten, die
ihres Erachtens erste Beitrittskandidaten sind Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und die
Slowakei - möchten, daß das Bündnis ein frühes
Datum für seine Erweiterung festsetzt. Andere sind
ambivalent, skeptisch oder mißtrauisch gegenüber
der bloßen Idee einer NATO-Erweiterung. Sie
machen sich Sorgen, wenn sie nicht in der ersten,
zweiten oder dritten Gruppe neuer Mitglieder seien,
würden sie auf der falschen Seite des Eisernen
Vorhangs zurückbleiben. In Rußland verurteilen die
Ultranationalisten die Entscheidung über eine
Erweiterung als Erklärung eines neuen Kalten
Krieges, und viele Reformer fürchten, daß genau
diese düsteren Ansichten die antidemokratischen
Elemente in der russischen Politik stärken werden.
Da die Angelegenheit so komplex ist und so viel auf
dem Spiel steht, wird die Zukunft der NATO auch in
den Vereinigten Staaten weiterhin Gegenstand von
Debatten sein. Im Senat, der die Ausweitung des
von Amerika gewährten Schutzes - einschließlich

AMERIKA DIENST 24

einer Nukleargarantie - auf jedes neue NATO-Mitglied
mit einer Zweidrittelmehrheit ratifizieren muß, stellte
Samm Nunn aus Georgia, der führende Demokrat im
Streitkräfteausschuß, kürzlich Fragen zur Notwendigkeit einer Erweiterung des Bündnisses. Eine Anzahl
von Republikanern in beiden Kammern drängt auf
eine Beschleunigung des Aufnahmeprozesses und
kritisiert die Administration wegen übermäßiger
Vorsicht.1 In Anbetracht der 1996 bevorstehenden
Präsidentschaftswahlen wird diese Frage noch zu
einem kontroversen Thema werden.
Vor diesem Hintergrund beginnen die NATO-Teams
diesen Herbst mit ihren Briefings. Ihre Botschaft ist
überall dieselbe. In den kommenden Jahren wird das
Bündnis allmählich, Land für Land, neue Mitglieder
aufnehmen. Die Beitrittskandidaten werden nach der
Stärke ihrer demokratischen Institutionen sowie ihrer
Bereitschaft und Fähigkeit zur Erfüllung der mit einer
Mitgliedschaft einhergehenden beträchtlichen Pflichten beurteilt. Das Verfahren wird "transparent" sein,
was bedeutet, daß es keine Überraschungen, keine
Absprachen im Hinterzimmer, keine Geheimliste mit
als erstes aufzunehmenden Ländern, keine Ausschlußliste geben wird - und alles erfolgt weiterhin
Schritt für Schritt.
Den ersten Schritt unternahmen die Staats- und
Regierungschefs des Bündnisses bei ihrem Brüsseler
Gipfel im Januar 1994. Auf Drängen Präsident
Clintons einigten sie sich auf eine Erweiterung der
NATO. Die Frage, welche Länder beitreten werden
und wie schnell, wird jedoch erst beantwortet, nachdem die NATO die bevorstehenden Briefings abgeschlossen hat, die das Wie und vor allem das Warum
einer Erweiterung erklären sollen.2 In diesem Artikel
möchte ich den Ansatz der Administration zur NATOErweiterung darlegen.

Seite 1

�Die NATO hat sich hauptsächlich aus drei Gründen
zur Aufnahme neuer Mitglieder entschlossen:
1. Kollektive Verteidigung bleibt eine zwingende
Notwendigkeit europäischer und transatlantischer
Sicherheit und steht im Mittelpunkt des amerikanischen Engagements in Europa. Das Ende des
sowjetischen Kommunismus, die Auflösung des
Warschauer Pakts, der Zerfall der Sowjetunion
haben die Bedrohung abgeschafft, zu deren Abwehr
das Bündnis im Kalten Krieg geschaffen wurde. Es
könnten jedoch neue Bedrohungen entstehen, die
von der NATO den Schutz ihrer Mitglieder und die
Abwehr des Angriffs erfordern können. Während
des Kalten Krieges war die Mitgliedschaft in der
NATO durch die künstliche Teilung Europas in zwei
Lager begrenzt. Nach dem Ende des Kalten Krieges
sollte die NATO offen für die neuen Demokratien
sein, die ihre Unabhängigkeit wiedererlangten,
gemeinsame Werte haben und die militärischen und
politischen Ziele des Bündnisses fördern können.
2. Die Aussicht auf eine Aufnahme in die NATO
bietet den Nationen Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion zusätzliche Anreize zur Stärkung
ihrer demokratischen und rechtlichen Institutionen,
Gewährleistung ziviler Kontrolle über ihre Streitkräfte,
Liberalisierung ihrer Volkswirtschaften sowie Respektierung der Menschenrechte, einschließlich der
Rechte von Minderheiten. Mit anderen Worten: Bei
den zum NATO-Beitritt ermutigten Nationen ist die
Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Übergangs
von ihrer kommunistischen Vergangenheit zur
Demokratie wahrscheinlicher.
3. Die Aussicht auf eine Mitgliedschaft kann unter
den Nationen Zentraleuropas und der ehemaligen
Sowjetunion auch eine größere Bereitschaft zur
friedlichen Lösung von Konflikten und zur Beteiligung
an friedenssichernden Operationen fördern. Somit
kann der Erweiterungsprozeß zu regionaler Stabilität
und zum Frieden beitragen.
II.
Die Evolution der NATO sollte die Evolution Europas
widerspiegeln. Außenminister Christopher erklärte:
"Die institutionellen Arrangements in Europa sollten
von den objektiven Erfordernissen der Gegenwart,
nicht von den Tragödien der europäischen Vergangenheit bestimmt werden." Das Einfrieren der
Ostgrenze der NATO ungefähr entlang der von
westlichen und sowjetischen Unterhändlern am 13.
August 1945 festgelegten Grenzen wäre nur sinnvoll,
wenn die aus dem Kalten Krieg resultierende Spaltung Europas natürlich und dauerhaft wäre. Tatsache ist jedoch, daß diese Spaltung unnatürlich und
anachronistisch wird.

Seite 2

Die stärker industrialisierten Regionen östlich des
Eisernen Vorhangs, beispielsweise Böhmen in der
Tschechischen Republik und Schlesien in Polen,
ähneln in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht
zunehmend ihren westlichen Nachbarn. Die baltischen Staaten wiederum treiben einen lebhaften
Handel mit den nordischen Ländern und Westeuropa.
Eine unabhängige und demokratische Ukraine
beteiligt sich in immer stärkerem Maße an internationalen Institutionen. Beispielsweise arbeitet sie
eng mit dem IWF, der Weltbank und der Europäischen Union an der Finanzierung einer Schließung
des Kernkraftwerkes von Tschernobyl zusammen einem Projekt, das eine aus der sowjetischen Ära
stammende schleichende Bedrohung ganz Europas
abschaffen wird. Soldaten aus Zentraleuropa und der
ehemaligen Sowjetunion nehmen an Friedenssicherungsoperationen in Haiti, Bosnien und Kambodscha
teil. Viele Nationen in der Region haben schmerzliche wirtschaftliche Opfer gebracht, um die Durchsetzung von Sanktionen gegen Serbien zu unterstützen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist der Aufbau
eines Europas möglich geworden, das durch gemeinsames Engagement für offene Gesellschaften und
offene Märkte zunehmend geeint ist - eines Europas,
in dem jeder Staat in seinen international anerkannten Grenzen sicher ist und die Unabhängigkeit und
territoriale Integrität seiner Nachbarn respektiert. Die
Europäische Union ist als Kraft für Fortschritte in
diese Richtung unerläßlich, denn Stabilität und
Demokratie in dem neuen Europa sind an künftigen
Wohlstand und freien Handel gebunden. Ebenso wie
die Aussicht auf einen Beitritt zur NATO kann die
Aussicht auf eine Mitgliedschaft in der EU bei den
daran interessierten Ländern demokratisches Verhalten fördern.
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa, die im August den zwanzigsten Jahrestag
der Schlußakte von Helsinki begeht, hat ebenfalls zur
Aufrechterhaltung demokratischer Normen und
Verhütung von Konflikten beigetragen.3 Die OSZEMissionen, die hauptsächlich hinter den Kulissen
abgewickelt werden, trugen in Estland und Lettland
zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den
Regierungen dieser Staaten und ihren großen Bevölkerungsgruppen russischer Herkunft bei. Diese
Bestrebungen ebneten den Weg für den vollständigen
Rückzug russischer Truppen vor einem Jahr.
Die NATO bleibt jedoch das Kernstück des europäischen Sicherheitssystems. Unter den internationalen
Organisationen besitzt sie als einzige wirkliche
militärische Stärke, und daher kann nur sie im Fall
einer externen Bedrohung ihre Mitglieder verteidigen.
Eine solche Fähigkeit ist nicht zuletzt wegen ihres

AMERIKA DIENST 24

�potentiellen Abschreckungseffekts, selbst bei einer
nicht vorhandenen anerkannten oder aktiven Bedrohung, von lebenswichtiger Bedeutung. Ebenso
wie eine einzelne Macht in Friedenszeiten ein
stehendes Heer unterhält, benötigt die transatlantische Gemeinschaft die NATO.
Die Amerikaner sind den Europäern dreimal in
diesem Jahrhundert zu Hilfe gekommen, und eine
der aus diesen Erfahrungen gezogenen Lehren ist
die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten zur
Wahrung europäischer Sicherheit dauerhaft engagiert bleiben müssen. Das Bündnis bleibt der
Hauptmechanismus für das amerikanische Engagement. Wenn die NATO jedoch weiterhin von Nutzen
sein will, muß sie sich an das Zeitalter nach dem
Kalten Krieg anpassen, was wiederum bedeutet, daß
das Bündnis demokratische und marktwirtschaftliche
Werte fördern und konsolidieren muß. Die NATO
diente diesem Zweck während des Kalten Kriegs
und kann das nach seinem Ende in verstärktem
Maße tun.
Die NATO-Erweiterung ist kein neues Thema. Seit
seiner Gründung nahm das Bündnis neue Mitglieder
auf - aus Gründen und mit Ergebnissen, die es in
diesem Handeln bestärken.
In den ersten vierzig Jahren seines Bestehens war
der Hauptgrund für seine Existenz und die Aufnahme neuer Mitglieder, die Rote Armee von der
Invasion Westeuropas abzuhalten. Das Bündnis
erreichte dieses Ziel jedoch nicht nur durch die
abschreckende Macht seiner Panzer, Flugzeuge,
Schiffe und Raketen. Die führenden Politiker der
NATO setzten das Bündnis auch zur Regelung der
Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitgliedern ein, um ein sicheres Umfeld für den Wiederaufbau zerstörter Volkswirtschaften zu schaffen und in einigen Fällen - im Angesicht antidemokratischer
Kräfte demokratische Institutionen zu stärken.
Zu den ursprünglichen Mitgliedern der NATO aus
dem Jahr 1949 gehört Italien, die einzige besiegte
Achsenmacht, der eine solche Behandlung gewährt
wurde. Im Gegensatz zur Kerngruppe, die den
Nordatlantikvertrag aushandelte - Belgien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Luxemburg, die
Niederlande und die Vereinigten Staaten - war Italien
weder eine nördliche noch eine atlantische Macht.
Großbritannien war unter den Alliierten, die zunächst
die Mitgliedschaft Italiens ablehnten, weil sie eine
Erschöpfung der Ressourcen des Bündnisses
fürchteten. Außenminister Dean Acheson argumentierte jedoch, eine Zurückweisung Italiens "würde
den kommunistischen Einfluß verstärken und die
derzeitige (Christdemokratische) Regierung und ihre
prowestliche Politik in Mißkredit bringen".4 Schließ-

AMERIKA DIENST 24

lich einigten sich die Alliierten, die Aufnahme Italiens
würde die prowestlichen politischen Kräfte in Italien
stärken und die Bestrebungen zur Einbindung Italiens
in die westlichen Wirtschaftsorganisationen ergänzen.
Einige Jahre später zeigte sich, insbesondere in
Paris, eine gewisse Zurückhaltung, Westdeutschland
in die NATO aufzunehmen. Die Vereinigten Staaten
argumentierten, die Mitgliedschaft der Bundesrepublik
würde die Sache der europäischen Integration fördern
und ein Land stärker an den Westen binden, das sich
von seiner totalitären Vergangenheit abgewandt
hatte.5 Die Aufnahme der Bonner Regierung im Jahr
1955 trug zur deutsch-französischen Versöhnung bei,
ohne die die Europäische Union immer noch ein
Traum bleiben würde.
Die NATO half auch bei der Verbesserung der
Beziehungen zwischen zwei traditionellen Rivalen Griechenland und der Türkei.
Die Zypernkrise
brachte diese beiden Länder mehrmals an den Rand
eines bewaffneten Konflikts, aber ihre Mitgliedschaft
in der NATO half den Amerikanern und anderen
Vermittlern, sie von einem Krieg abzuhalten.
Die Aufnahme Spaniens 1982 war ein weiterer
aufschlußreicher Fall. Vor Francos Tod 1975 bestanden wenig Anreize zur Eingliederung Spaniens in das
Bündnis, denn die bilateralen amerikanischen Arrangements mit Madrid gewährleisteten, daß die amerikanischen NATO-Streitkräfte spanische Marine- und
Luftstützpunkte benutzen konnten. Nach einem
versuchten Staatsstreich der Rechten im Jahr 1981
gelangte die zentristische Regierung unter Leopoldo
Calvo Sotelo zu dem Schluß, eine NATO-Mitgliedschaft sei der beste Weg, die zivile Kontrolle über
das spanische Militär sicherzustellen und somit den
Übergang Spaniens zur Demokratie zu schützen.
"Der Beitritt zur NATO wird jeden Versuch eines
Putsches im Keim ersticken", erklärte Calvo. Die
Führung des Bündnisses stimmte zu.6
Während des Kalten Krieges wurden die Entscheidungen der NATO vorwiegend von militärischen und
geopolitischen Erwägungen bestimmt. Die Förderung
der Demokratie innerhalb der NATO-Staaten und
guter Beziehungen zwischen ihnen waren nur eine
Ergänzung - ein wünschenswertes, aber nicht das
Hauptmotiv für die Aufnahme neuer Mitglieder.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, können
und sollten jedoch andere, nichtmilitärische Ziele die
neue NATO gestalten helfen.
III.
Obwohl die NATO hauptsächlich ein Militärbündnis
war und bleibt, haben die letzten fünf Jahrzehnte und insbesondere die letzten fünf Jahre - gezeigt,

Seite 3

�daß die Vorteile der NATO nicht nur militärischer,
sondern politischer Natur sind. Beim Ministertreffen
des Nordatlantikrats im Dezember 1994 machten
Außenminister Christopher und seine kanadischen
und europäischen Amtskollegen die Respektierung
von Demokratie und internationalen Verhaltensnormen zu expliziten Voraussetzungen für die
Mitgliedschaft, damit die Erweiterung der NATO eine
Kraft für Rechtsstaatlichkeit sowohl innerhalb der
neuen europäischen Demokratien als auch bei den
Beziehungen zwischen ihnen wird.
Eine der Vorbedingungen für die Aufnahme eines
Landes in die NATO ist die umfassende zivile Kontrolle des Militärs. Potentiellen Mitgliedern wurde
mitgeteilt, ihre Streitkräfte müßten professionell,
unpolitisch und dem Prinzip militärischer Macht für
Abschreckungs- und Verteidigungszwecke verpflichtet sein. Ferner wird von den NATO-Partnern
die Einrichtung einer parlamentarischen Kontrolle
über militärische Angelegenheiten sowie die Ernennung von Zivilisten in hochrangige Verteidigungspositionen erwartet. Die dem Bündnis beitretenden
Länder müssen sich solchen Strukturen und Prinzipien vollständig und unumkehrbar verpflichten.
In mehreren Ländern wurde die Aussicht auf eine
NATO-Mitgliedschaft auch als Argument für innenpolitische und wirtschaftliche Reformen angeführt.
Peter Weiss, der reformerische Kopf der ehemals
kommunistischen Partei der Slowakei, jetzt bekannt
als "Partei der demokratischen Linken", formulierte
es mit schonungsloser Offenheit: "Dies ist unser
Moment der Wahrheit", erklärte er kürzlich in einem
Interview und fügte hinzu: "Obwohl unser Land zu
den ersten Kandidaten (für die NATO-Mitgliedschaft)
gehört, müssen vor der Aufnahme eine Anzahl von
Bedingungen erfüllt sein - die Befolgung demokratischer Regeln, die in den Mitgliedstaaten üblich sind,
Fortschritte bei der Durchsetzung der Marktwirtschaft, Schutz humanitärer und bürgerlicher Rechte
sowie Pressefreiheit... Wir sollten offen zugeben:
Es ist für uns von Nachteil, daß unsere Partner die
Demokratie in der Slowakei für instabil halten."
In Ungarn und Polen hat die Aussicht auf eine
NATO-Mitgliedschaft bereits zur Festigung des
nationalen Konsenses über demokratische und
marktwirtschaftliche Reformen beigetragen. Die
Notwendigkeit zur Einhaltung der für eine NATOMitgliedschaft erforderlichen Normen war eine
wichtige Kraft, um ehemalige Kommunisten, Liberale
und gemäßigte Konservative aus Regierung und
Opposition zusammenzubringen und hat letztlich die
demokratischen Errungenschaften in der Region seit
1989 konsolidiert.

Seite 4

Um für eine Aufnahme in das Bündnis in Frage zu
kommen, müssen die potentiellen Mitglieder auch
überzeugende Fortschritte bei der friedlichen Beilegung von Konflikten mit ihren Nachbarn machen und
zeigen, daß sie der multiethnischen Demokratie
verpflichtet sind. Einige potentielle Mitglieder haben
bereits in diesem Geist gehandelt. Eine der hoffnungsvolleren Entwicklungen in diesem Jahr war die
Annäherung zwischen Ungarn und der Slowakei. In
einer am 22. Februar vor dem ungarischen Parlament
gehaltenen Rede erklärte der ungarische Ministerpräsident Gyula Hörn:
"Was wollen die EU und die NATO von uns?
Sie sagen entschieden, daß wir unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn regeln müssen.
Einfach ausgedrückt: Weder die Europäische
Union noch die NATO sind bereit zur Aufnahme von Staaten, die Grenzstreitigkeiten,
ungelöste Minderheitenprobleme und ähnliches
haben."
Einen Monat später unterzeichneten Ungarn und die
Slowakei einen Vertrag über die Achtung der Grenzen des jeweils anderen Landes auf der Grundlage
einer früheren Übereinkunft zur Garantierung von
Minderheitenrechten. Die Vereinigten Staaten und
ihre europäischen Verbündeten nutzen die Hoffnungen Ungarns und Rumäniens auf Beitritt zur
NATO und zur EU, um diese Länder auf den Abschluß eines ähnlichen Vertrags zu drängen, der
bestehende Grenzen bestätigen und die Rechte der
ungarischen Minderheit in Transsilvanien garantieren
soll - in einer Region, deren Zugehörigkeit zu einem
der beiden Länder dreimal in diesem Jahrhundert
wechselte. Niemand kann behaupten, die Aussicht
auf einen sofortigen oder dauerhaften NATO-Beitritt
werde die Minderheitenprobleme in Ländern wie der
Slowakei, Ungarn und Rumänien lösen; sie wird aber
einen heilsamen Effekt haben.
Der schlimmste Konflikt im Zeitalter nach dem Kalten
Krieg, die derzeitigen Kämpfe auf dem Balkan, wird
von denjenigen als Argument angeführt, die nicht nur
die Erweiterung der NATO, sondern das Fortbestehen des Bündnisses in Zweifel ziehen. Viele Kritiker
fragten: Warum sollte die NATO überhaupt bestehen
bleiben, geschweige denn erweitert werden, wenn sie
den Konflikt in Bosnien nicht lösen kann? Die
Strukturen, die Europa während des Kalten Krieges
gut gedient haben, einschließlich des Bündnisses,
das die sowjetische Aggression ohne einen einzigen
Schuß eindämmte, erwiesen sich als unvorbereitet
auf die Herausforderungen nach dem Kalten Krieg,
insbesondere den Zerfall eines postkommunistischen
Staates in ethnische Gewalt und Chaos.

AMERIKA DIENST 24

�Die aus der Tragödie im ehemaligen Jugoslawien
gelernte Lektion lautet jedoch nicht, die NATO
unehrenhaft zu entlassen, sondern ihre Fähigkeit zur
Eindämmung eben der Kräfte zu entwickeln, die auf
dem Balkan freigesetzt wurden. Viele der Nationen
in der Region gestehen dem Bündnis dieses Potential zu. Vertreter verschiedener zentraieuropäischer
Staaten haben öffentlich erklärt, die bosnische
Tragödie sei für sie ein Argument für den Beitritt zur
NATO - sowie für die Übernahme von Normen
innenpolitischer Ordnung und außenpolitischen
Verhaltens, durch die sie für einen Beitritt in Frage
kommen. Der ehemalige polnische Verteidigungsminister Janusz Onyszkiewicz äußerte vor kurzem:
"Tatsache ist, daß es in allen unseren Ländern Elemente wie jene gibt, die das ehemalige Jugoslawien zerstörten.
Wir müssen
unseren Völkern zeigen, daß der westliche
Weg in wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Weise der beste ist. Die NATO kann in
beiderlei Hinsicht Hilfestellung leisten."
Eine erweiterte NATO wird wahrscheinlich das
Gebiet vergrößern, in dem Konflikte wie der auf dem
Balkan einfach nicht ausbrechen.
In der Tat hat die Krise im ehemaligen Jugoslawien
die dringende Notwendigkeit unter Beweis gestellt,
neue Instrumente zur Friedenssicherung zu entwikkeln. Durch die Partnerschaft für den Frieden (PFF)
ist die NATO auf dem Weg zur Schaffung eines

solchen Mechanismus. Die NATO rief die Partnerschaft für den Frieden im Januar 1994 ins Leben,
um die Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften
der NATO und der europäischen Nichtmitgliedstaaten der NATO zu fördern, darunter auch die Staaten
des ehemaligen Warschauer Pakts und der früheren
Sowjetrepubliken. Die Partnerschaft hat bereits
gemeinsame militärische Manöver unter Beteiligung
von Nationen veranstaltet, die in der Vergangenheit
Feinde waren - Albaner und Griechen, Bulgaren und
Türken sowie Ungarn und Rumänen. Im August
halten Soldaten von drei Bündnismitgliedern und
vierzehn Partnerschaftsländern unter der Schirmherrschaft der PFF militärische Übungen in Louisiana ab.
Wenn eines Tages dem Bündnis neue Mitglieder
beitreten, werden sie durch ihre Beteiligung an der
PFF bereits eng mit den militärischen Einrichtungen
der NATO zusammengearbeitet und sehr wahrscheinlich Erfahrung bei friedenssichernden Operationen erworben haben. Die PFF bietet nahezu
jedem Land in Zentraleuropa und der ehemaligen
Sowjetunion eine Chance zur Zusammenarbeit mit
der NATO bei militärischen Angelegenheiten.
Bereits heute haben fünf PFF-Mitgliedstaaten Polen, die Slowakei, die Ukraine, Rußland und die

AMERIKA DIENST 24

Tschechische Republik - Bodentruppen in Kroatien
stationiert.
IV.
Eine der schwierigsten Herausforderungen bei der
Erweiterung der NATO sind die Auswirkungen auf
Rußland. Viele Russen sehen die NATO als ein
gegen ihr Land gerichtetes Relikt des Kalten Krieges.
Sie verweisen darauf, daß sie den Warschauer Pakt "ihr" militärisches Bündnis - aufgelöst haben und
fragen, warum der Westen nicht dasselbe tut. Für sie
kommt der Plan der NATO zur Aufnahme neuer
Mitglieder einem westlichen Mißtrauensvotum gegenüber der Ausdauer der russischen Reformen gleich.
Er vermittelt ihnen das Gefühl, als ob Rußland noch
immer in der Probezeit sei - noch immer der Gegenstand einer kaum verhüllten Politik des Containment.
Sie sagen: Hütet Euch vor dem Fehler, den die
Sieger in Versailles mit der Bestrafung der Weimarer
Republik machten: Als sich Deutschland in den
dreißiger Jahren erholte, war es auf militärische
Eroberung und Rache versessen.
Mißtrauen und Warnungen dieser Art sind im gesamten politischen Spektrum Rußlands zu vernehmen.7 Sie werden von konservativen, reaktionären
und faschistischen Elementen genutzt, die die Aussicht einer Erweiterung der NATO als Beweis dafür
sehen, daß der Westen auf eine Erniedrigung Rußlands aus ist, es schwach halten will und den Niedergang des Landes plant. Bei einer Pressekonferenz
am 7. Juni verkündete Wladimir Schirinowski, "das
einzige Ziel der NATO ist die Zerstörung und Zersplitterung Rußlands". Vor allem weil das Thema
selbst sich für solch ausländerfeindliche Demagogie
anbietet, tendieren die Reformer, die sich der Konsolidierung der russischen Demokratie und der
zunehmenden Integration Rußlands in den Westen
verschrieben haben, ebenfalls zu einer Ablehnung
der NATO-Erweiterung.
Das Kernstück dieser Debatte bilden zwei wichtige
Faktoren, die weder ignoriert noch verschleiert
werden sollten:
Erstens ist und bleibt die NATO in absehbarer
Zukunft - auch wenn sie neue Mitglieder aufnimmt - ein militärisches Bündnis und ein
kollektiver Verteidigungspakt.
Zweitens gehört zu den Eventualfällen, auf die
die NATO vorbereitet sein muß, daß Rußland
sich von der Demokratie abwendet und zu den
bedrohlichen Mustern des internationalen
Verhaltens zurückkehrt, von denen die Geschichte des Landes gelegentlich charakteri-

Seite 5

�siert war, insbesondere während der sowjetischen Periode.
Unsicherheit über die Zukunft Rußlands zählt unweigerlich zu den Faktoren, die bei Entscheidungen
über die europäische Sicherheit berücksichtigt
werden müssen. Keiner ist sich dessen mehr
bewußt als viele Russen selbst.8
Aus diesem Grund muß die logische Begründung für
den Fortbestand der NATO das einbeziehen, was
Verteidigungsminister Perry als "Absicherung gegen
pessimistische Resultate" bezeichnet hat:
"Wenn Rußland sich an einen Kurs innenpolitischer Reformen, Respektierung der Unabhängigkeit seiner Nachbarn und Zusammenarbeit mit dem Westen hält, wird die
NATO weiterhin in Richtung maximaler Einbeziehung gehen. Wenn die Reformen in
Rußland scheitern, wird die NATO für die
kollektive Verteidigung der Bündnispartner
bereit sein."9
Das ist jedoch nicht der einzige Grund, warum die
NATO bestehen bleiben sollte. Andere mögliche
militärische Bedrohungen könnten aus anderen
Richtungen kommen, und eine NATO nach dem
Kalten Krieg sollte darauf reagieren können. Die
Erfahrung des Golfkriegs hat das Bündnis überzeugt,
daß es eine Kapazität zu Operationen "out of area" das heißt in bündnisfremdem Gebiet - entwickeln
und gegebenenfalls in der Lage sein muß, im Nahen
Osten und andernorts zu handeln.
Darüber hinaus ist die Absicherung gegen die Möglichkeit einer erneuten russischen Aggression weder
der einzige noch der wichtigste Grund für die Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO. Es gibt
andere Gründe, die den strategischen Interessen
eines demokratischen Rußlands in keiner Weise
zuwiderlaufen. Rußland hat guten Grund, die
Ausdehnung der Zone politischer Stabilität der
NATO nach Zentraleuropa zu unterstützen. Schließlich hat Rußland in den beiden Weltkriegen zweimal
in diesem Jahrhundert wegen der Instabilität dieser
Region schwer gelitten.
Die Furcht vor einer neuen Welle des russischen
Imperialismus steht außer Frage - ist angesichts der
Geographie und Geschichte der Region nur natürlich
- und ist der Hauptgrund, warum die Zentraleuropäer
den NATO-Beitritt ungeduldig anstreben. Das ist
jedoch nicht ihr einziges Motiv und sollte nicht als
treibende Kraft hinter der NATO-Erweiterung angesehen werden - weder von den zentraleuropäischen
Befürwortern des Prozesses noch von seinen russischen (von den amerikanischen ganz zu schweigen)

Seite 6

Gegnern. Vaclav Havel, der in einer Stadt lebt, die
näher an London als an Moskau liegt, formulierte es
in seiner jüngsten Rede anläßlich der Abschlußfeier
in Harvard folgendermaßen:
"Solange die Ausweitung der NATO-Mitgliedschaft zur Einbeziehung von Ländern, die sich
kulturell und politisch als Teil der Region
fühlen, zu deren Verteidigung das Bündnis
gegründet wurde, von Rußland beispielsweise
als ein antirussisches Unternehmen angesehen
wird, ist dies ein Anzeichen dafür, daß Rußland die Herausforderung dieses Jahrhunderts
noch nicht verstanden hat."10
Einige Kritiker der NATO-Entscheidung über die
Erweiterung warnen davor, folgende Situation herbeizureden: Während die NATO neue Mitglieder aufnimmt, sagen sie, wird Rußland davon ausgehen,
daß sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht und
defensive, wenn nicht sogar offensive Gegenmaßnahmen ergreifen - Verträge auflösen, seine Streitkräfte
aufrüsten, den Druck auf die anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken verstärken. Aus diesem Grund
wäre es besser, die derzeitige Mitgliederzahl der
NATO einzufrieren, solange sich Rußland "benimmt".
Das Bündnis sollte nicht erweitert werden, bis die
russische Regierung klare Anzeichen der Angriffslust
zeigt.
Dieses Argument - in Kurzform bekannt als "auf
Bedrohung gegründete" Erweiterung der NATO - hat
zwei Schwachpunkte. Erstens betont es den am
meisten strafenden und "antirussischen" Grund für
die NATO-Erweiterung, und es schmälert die anderen
ebenso stichhaltigen, weniger provokativen Gründe
für die Erweiterung, die Rußland akzeptieren und
sogar unterstützen könnte: Die Förderung von
Demokratie, freien Märkten und regionaler Stabilität.
Zweitens macht es die Erfüllung des Wunsches der
Zentraleuropäer nach einer NATO-Mitgliedschaft
abhängig von den Unsicherheiten des künftigen
russischen Verhaltens - und weckt so perverserweise
ihr Interesse an einem potentiellen schlechten Benehmen Rußlands.
Wenn die zwischen Rußland und Westeuropa liegenden Länder nur in das Bündnis aufgenommen werden, wenn Rußland "sich schlecht benimmt", könnten
einige Länder die aus Moskau kommenden schlechten Nachrichten übertreiben. Diese bei einem Teil
Zentraleuropas vorherrschende Geisteshaltung, die
das Verhalten des Westens beeinflussen könnte,
wäre weder der geduldigen Diplomatie förderlich, die
für den Umgang mit Rußland während der langen,
schmerzlichen und unberechenbaren Abkehr vom
Kommunismus erforderlich ist, noch würde sie das

AMERIKA DIENST 24

�derzeitige Mißtrauen zwischen Rußland und seinen
Nachbarn verringern.
Es wäre wesentlich besser, die Zentraleuropäer, die
Russen und die Völker der ehemaligen sowjetischen
Staaten zu ermutigen, die NATO-Erweiterung als
einen Prozeß anzusehen, der zur Förderung eines
besseren innenpolitischen und internationalen
Verhaltens beitragen kann, selbst wenn sie als
Absicherung gegen das Schlimmste dienen könnte.
Sie sollte als ein Prozeß angesehen werden, der
allen nützlich und nicht gegen einen bestimmten
Staat gerichtet ist.
Mit diesem Konzept im Kopf haben die NATOVertreter im vergangenen Jahr intensive Gespräche
mit den Russen über die Zukunft der europäischen
Sicherheit aufgenommen. Folgende Hauptpunkte
brachte die NATO gegenüber den russischen
Politikern vor:
Die Erweiterung wird stattfinden. Drohungen
auszustoßen wird nur das schlimmste Mißtrauen
bezüglich Rußlands Intentionen in der Zukunft
intensivieren.

Diese Diskussionen müssen fortgesetzt werden.
Wenn, wie Präsident Clinton Präsident Jelzin vorgeschlagen hat, der Dialog zwischen der NATO und
Rußland parallel zur allmählichen Erweiterung des
Bündnisses verläuft, können die beiden Prozesse das
umfassendere Ziel voranbringen, über das sich die
NATO und Rußland einig sind - ein weiterhin ungeteiltes Europa und die Förderung der paneuropäischen Integration.
Ob ein vollständig demokratisches Rußland, das in
Frieden mit seinen Nachbarn und sich selbst lebt,
eines Tages der NATO beitritt, bleibt eine offene
Frage. Damit dies geschieht, müßte es offensichtlich
ein ziemlich anderes Rußland als das heutige sein.
Es wäre auch ein ziemlich anderes Europa. Aber die
außerordentlichen Umgestaltungen, die im vergangenen Jahrzehnt sowohl in Rußland als auch in Europa
stattgefunden haben, sollten uns zögern lassen,
irgendeine Möglichkeit für die Zukunft auszuschließen
- und anspornen, sie zu verfolgen.

Wir wollen mit Rußland politische Übereinkünfte
und Arrangements für weitere Kooperation und
Koordination erzielen.

In der Zwischenzeit sollte die Entwicklung zunehmend
kooperativer Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland auch für die Nationen wie die baltischen
Länder und die Ukraine willkommen sein, die besorgt
darüber sind, ohne Zusicherungen über ihre eigene
Sicherheit zwischen einem erweiterten Bündnis und
Rußland gefangen zu sein. Sie fürchten, auf ein wie Präsident Clinton es formulierte - "strategisches
Abstellgleis" geschoben zu werden, wenn sie nicht in
die erste oder zweite Phase der NATO-Erweiterung
einbezogen werden. Zweifelsohne wird die Fähigkeit
dieser Staaten zur Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
und zur Fortsetzung ihrer Reformen bedeutende
Auswirkungen auf die Zukunft Europas selbst haben.
Ihre Beteiligung an der Partnerschaft für den Frieden
kann wie die Rußlands dazu beitragen, Bande zur
NATO aufzubauen. Unabhängig davon, ob eine
Nation letzlich die Mitgliedschaft im Bündnis verfolgt,
kann sie in absehbarer Zukunft zur PFF als eine Kraft
der Kooperation und Aussöhnung in Europa beitragen.

Ungeachtet ihrer eigenen Vorbehalte gegen die
Erweiterung haben Präsident Jelzin und seine Minister der vollen Mitgliedschaft in der Partnerschaft für
den Frieden zugestimmt. In Erklärungen, die in
diesem Frühjahr abgegeben wurden, haben sie auch
ihre Opposition gegen die NATO-Erweiterung modifiziert und vor einer "eiligen", "vorschnellen" oder
"beschleunigten" Erweiterung gewarnt, die das
Bündnis - so qualifiziert - weder befürwortet noch in
Erwägung zieht. Und sie haben vereinbart, bis Ende
dieses Jahres die Grundzüge eines Abkommens für
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
auszuarbeiten, das für beide Seiten eine Versicherung darstellt und für beide Seiten von Vorteil ist.

Die Clinton-Administration ist sich bewußt, daß es
zusammen mit den von mir beschriebenen Chancen
Fallstricke und Risiken bei der NATO-Erweiterung
geben kann und der Prozeß der NATO-Erweiterung,
wenn er nicht mit Geschick und Weitblick gehandhabt
wird, neue Spannungen und Teilungen schaffen
könnte. Die NATO in ihrer Konfiguration des Kalten
Krieges einzufrieren, wäre jedoch ebenfalls ein
großer Fehler und ein gravierender Rückschlag für
die demokratischen Nationen, die hoffen, dem
Bündnis beitreten zu können, sowie für die amerikanischen Interessen bei der Unterstützung demokratischer Institutionen. Im Gegenteil, wenn die NATO in
einer Weise erweitert wird, die die europäische

Die NATO-Erweiterung gegenüber der eigenen
Bevölkerung in alarmierenden Formulierungen zu
beschreiben wird nur die Hand der Hardliner
stärken. Man darf nicht zulassen, daß Schirinowski und andere Extremisten die Debatte
lenken.

Wir und praktisch alle europäischen Länder
werden Ihr aktives Engagement für die zahlreichen existierenden Organisationen und Programme begrüßen, an denen Rußland uneingeschränkt beteiligt ist oder sein kann, wie die
Partnerschaft für den Frieden und die OSZE.

AMERIKA DIENST 24

Seite 7

�13. Juli 1995

barten die Stärkung der Fähigkeiten der Organisation
zur Entscheidungsfindung, Überwachung und Durchführung von Operationen, insbesondere für Friedenssicherung. Zur Zeit gehören der OSZE 52 Nationen
an, die damit das einzige regionale Forum ist, dem
die Vereinigten Staaten, Rußland und nahezu jeder
europäische Staat angehören.

Fußnoten

4 Siehe E. Timothy Smith, "The United States, Italy
and NATO 1947-1952", (St. Martin's 1991), Seite 85.

Integration ermutigt und die europäische Sicherheit
verbessert - die Politik, die zu verfolgen die Administration entschlossen ist - werden alle Völker auf
dem Kontinent sowie auch die größere transatlantische Staatengemeinschaft davon profitieren.

1 Nunn brachte seine Besorgnis in der Rede "The
Future of NATO in an Uncertain World" zum Ausdruck, die er am 22. Juni 1995 bei einem vom
amerikanischen Militär veranstalteten Seminar in
Norfolk (Virginia) hielt.
Unter anderem haben
Michael Mandelbaum, Stephen Sestanovich, Charles
Kupchan und Arnold Horelick gegen die Erweiterung
geschrieben oder sich dagegen ausgesprochen. Der
"Vertrag mit Amerika" der Republikaner fordert, daß
Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und die
Slowakei der NATO in den nächsten vier Jahren
beitreten. Zu den Befürwortern einer Erweiterung
zählen Senator Richard Lugar aus Indiana und Mitch
McConnell aus Kentucky, Zbigniew Breschinski,
Samuel Huntington, James Baker und Henry Kissinger.
2 Nach dem Gipfeltreffen vom Januar 1994 kamen
die Außenminister des Bündnisses im vergangenen
Dezember in Brüssel zusammen und wiesen den
Nordatlantikrat an, eine interne Studie anzufertigen,
"wie die NATO erweitert wird, welche Prinzipien
diesen Prozeß leiten und wie die Mitgliedschaft
umgesetzt wird. Sie entschieden ferner, daß die
NATO die Ergebnisse potentiellen Mitgliedstaaten
vor dem Außenministertreffen im Dezember 1995
vorlegen würde.
3 Während der letzten Jahre des Kalten Krieges
spielte die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) eine zentrale Rolle
beim Abbau der Schranken zwischen dem sowjetischen Block und dem Westen. Die unter der
Schirmherrschaft der KSZE ausgehandelte Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 legte Verfahren für die regelmäßige Überprüfung der Einhaltung grundlegender
Menschenrechtsnormen
durch die Mitgliedstaaten fest. Nach dem KSZEGipfel in Paris im Jahr 1990 eröffnete die Organisation ein Sekretariat in Prag, ein Konfliktverhütungszentrum in Wien und ein Büro für demokratische
Institutionen und Menschenrechte in Warschau. Die
KSZE wurde in Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) umbenannt,
nachdem ihre Staats- und Regierungschefs im
vergangenen Dezember in Budapest zusammengekommen waren, und die Mitgliedstaaten verein-

Seite 8

5 Bereits 1949 definierte der amerikanische Senat
als eine Hauptaufgabe der NATO "die Entwicklung
des Maßes an Einheit und Sicherheit unter den
nordatlantischen Staaten, das eine Reintegration
Deutschlands in Westeuropa und die schließliche
Lösung des deutschen Problems möglich macht".
6 Siehe Kenneth Maxwell und Steven Spiegel, "The
New Spain: From Isolation to Influence", (Council on
Foreign Relations press, 1994), Seite 36. Für das
Zitat Calvos siehe Gregory F. Treverton, "Spain:
Domestic Politics and Security Policy" (International
Institute for Security Studies, 1986), Seite 31-32.
7 Siehe beispielweise "Russia and NATO: Theses
of the Council on Foreign and Defense Policy",
verfaßt von Sergej A. Karaganow und anderen
Angehörigen der außenpolitischen Elite Rußlands.
"Nezavisimaya Gazeta", 21. Juni 1995, Seite 2;
übersetzt in "Foreign Broadcast Information Service
Daily Report - Central Eurasia", 23. Juni 1995, Seite
10-17.
8 Außenminister Andrej Kosyrew hat erklärt, obwohl
der Zusammenbruch des Kommunismus "beispiellose
Aussichten" eröffnete, hat er auch "die Art von Verfall
und Untätigkeit ausgelöst, die alles begraben kann:
Die russische Wirtschaft, die Souveränität, Recht und
Ordnung und schließlich die Freiheit selbst", "Partnership or Cold Peace?" "Foreign Policy", (Sommer
1995), Seite 4-5.
Gleichzeitig darf man die Bedeutung außenpolitischer
Sorgen bei den im kommenden Dezember anberaumten russischen Parlamentswahlen und bei den
Präsidentschaftswahlen im nächsten Juni nicht
übertreiben. Die meisten Russen sind weiterhin sehr
viel besorgter über innenpolitische Probleme als reale oder eingebildete - Bedrohungen von außen.
Bei einer Meinungsumfrage über die größte Gefahrenquelle für die nationalen Interessen Rußlands
gaben ungefähr zwei Drittel Unordnung in der Russischen Föderation an, etwa Sezession der Art wie in
Tschetschenien.
Nur ein Fünftel der Befragten
glaubte, daß es eine große Bedrohung von einer
ehemaligen sowjetischen Republik oder dem Ausland
gibt.

AMERIKA DIENST 24

�9 Perry machte diese Ausführungen am 6. Februar
1994 bei der Wehrkundetagung in Deutschland.

10 Der Wortlaut seiner am 8. Juni gehaltenen Rede
wird in der Juli/August-Ausgabe von "Harvard Magazine" veröffentlicht.

* * * * *

AMERIKA DIENST 24

Seite 9

�U S A - D E U T S C H LAND
2. August 1995

50 Jahre Potsdamer Konferenz
Rede des ehemaligen Präsidenten Bush
POTSDAM - (AD) - Bei den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestages der Potsdamer Konferenz auf
Schloß Cecilienhof hielt der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush, am 25. Juli 1995
nachfolgende Rede.

Herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung. Ich
möchte vor allem den Gastgebern und Ministerpräsident Manfred Stolpe meinen Dank aussprechen. Es ist schön, wieder in Deutschland zu sein.
Wenn ich die Menschen heute hier sehe, denke ich
daran, wie dieses schöne Gebäude während der
letzten Jahre der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR, genutzt wurde. Damals gehörte
dieses Hotel der Reisegesellschaft der DDR.
Irgendwie scheinen die Worte "DDR" und "Reisegesellschaft" nicht in denselben Satz zu gehören.
Heute können die Deutschen aus dem Osten und
Westen reisen, wohin sie wollen, und jeder kann
diesen herrlichen Ort besichtigen. Heute besteht
keine Notwendigkeit für Reiseführer der Regierung,
um sicherzustellen, daß Sie sehen, was Sie sehen
sollen. Berauschende Freiheit liegt in der Luft.
In den vergangenen sechs Jahren haben sich in
Deutschland viele Veränderungen vollzogen. Aber
lassen Sie uns noch weiter zurückblicken. Als
Präsident Harry Truman, Premierminister Winston
Churchill und Josef Stalin vor 50 Jahren in diesem
Gebäude zusammenkamen, trafen sie sich in einer
zerstörten Stadt in der Nähe der zerstörten Hauptstadt eines zerstörten Landes. Diese Staats- und
Regierungschefs versuchten, die Politik für eine
neue Generation von Deutschen und Amerikanern
zu entwerfen.
Ich war einer dieser jungen Amerikaner. Vor fünfzig
Jahren war ich Marineflieger. Ich hatte das Glück zu
überleben, nachdem meine Maschine von den
Japanern abgeschossen worden war. Ich hatte kein
Mitgefühl für diejenigen in Deutschland oder Japan,
die uns in den Krieg gezogen hatten. Und auf der
anderen Seite der Erdkugel wuchs ein junger Mann
im Rheinland auf. Sein Name war Helmut Kohl. Er
ist ein Mann, für den ich große Bewunderung und
Respekt hege: Ein Mann, mit dem ich sehr eng

AMERIKA DIENST 24

zusammengearbeitet habe - ein Freund. Zu jener
Zeit konnten weder Helmut Kohl noch ich uns vorstellen, daß wir im Jahr 1990 zusammen in Camp
David stehen und der Welt erzählen würden, daß
unsere Länder die vielversprechende Hoffnung auf
ein neues, vereintes Deutschland teilten.
Und
betrachten Sie sich das Deutschland von heute.
Trotz der Verwüstungen des Krieges, trotz der
Aufnahme von nahezu acht Millionen deutschen
Flüchtlingen hat Deutschland seinen Platz unter den
führenden Wirtschaftsmächten der Welt eingenommen. Die Deutschen gründeten eine dauerhafte
demokratische Republik, in der sie klug die Macht
zwischen der Bundesregierung und solchen Bundesstaaten wie Berlin-Brandenburg teilten. Die Menschenrechte sind durch das "Grundgesetz" garantiert.
Und Deutschland ist eine lebendige, blühende
Demokratie, in der fast jeder zur Wahl geht.
Deutschland steht in jeder Hinsicht an vorderster
Stelle der westlichen Demokratien. Die Verbindung
durch die NATO, die unsere Länder über den Atlantik
hinweg zusammenhält, ist über 40 Jahre alt. Obwohl
man in den Vereinigten Staaten vereinzelt egoistische
isolationistische Stimmen vernehmen kann, ist die
Unterstützung der Öffentlichkeit für das Bündnis in
unseren beiden Ländern nach wie vor stark. Wie ich
vor mehr als sechs Jahren sagte, sind Deutschland
und Amerika wirklich "Partner in der Führung".
Deutschland ist auch in der Europäischen Union
unter den Führenden. Die Deutschen haben klugerweise ihre Partner in der Union aufgefordert, die
Vorteile der europäischen Integration auf die neuen
Demokratien Osteuropas auszudehnen. Einst war
Deutschland unser Feind, heute zählt Deutschland zu
Amerikas engsten Freunden.
Wie war dies möglich? Wie konnten wir gemeinsam
so weit kommen? Es begann hier in Potsdam, hier
in diesem Schloß. Der Geschichte liegen zwei

Seite 1

�Themen zugrunde. Das eine ist Vertrauen und wie
Vertrauen wächst. Das andere Thema ist Entscheidung.
Die Staats- und Regierungschets, die hier vor fünfzig
Jahren zusammenkamen, entschieden, daß es ein
Deutschland geben sollte, das nicht in mehrere
Staaten aufgeteilt ist. Sie entschieden unter der
Führung von Truman auch, daß Deutschland sich
erholen und florieren sollte. Deutschland mußte
gesund sein, damit auch Europa gesund sein
konnte.
Wie Sie sehen, hatte Truman Vertrauen in die
Zukunft. Als Truman hier war, erklärte er den amerikanischen Soldaten, die Amerikaner wollten "eine
Welt, in der alle Menschen die Chance haben, die
guten Dinge des Lebens zu genießen". Er sagte:
"Wir wollen nichts Finanzielles aus diesem Krieg...
Wenn wir unsere enorme Maschinerie dazu bringen
können ... für den Frieden zu arbeiten, könnten wir
dem großartigsten Zeitalter in der Geschichte der
Menschheit entgegenblicken. Das ist unser Vorschlag". Der Marshallplan bewies, daß es nicht nur
leere Worte waren.
Einer der an der Ausarbeitung des Marshallplans
beteiligten Ökonomen diente während des Krieges
als Berater dafür, welche Ziele unsere Bomber
angreifen sollten. Später erklärte er seinen Kollegen, er habe sein gesamtes Wissen eingesetzt, um
die deutsche Volkswirtschaft zu zerstören, und jetzt
setze er sein ganzes Wissen ein, um sie wieder
aufzubauen. Jene Amerikaner machten sich über
ganz Europa Gedanken, nicht nur über Deutschland.
Aber ein Grund dafür, warum sie einem wiederhergestellten Deutschland trauten, war, daß die Bundesrepublik sich als Teil Europas und als Teil der
atlantischen Gemeinschaft sah. Die führenden
Politiker des neuen Deutschlands - und hier muß ich
Konrad Adenauer erwähnen - hatten dieses Vertrauen verdient. Als 1952 die Aufnahme Deutschlands in die NATO heiß umstritten war, stimmte
unser Hochkommissar in Deutschland, John McCIoy,
mit Adenauer überein, daß diese Entscheidung beim
deutschen Volk liegen solle. Die Deutschen konnten
bestimmen, ob sie dem westlichen Bündnis angehören wollten.
Es war ein Vabanquespiel. Die heute einsehbaren
Dokumente belegen jedoch, daß amerikanische
Regierungsvertreter in den äußerst geheimen
Gesprächen zu folgendem Schluß kamen: "Wenn
die Sowjetunion wirklich bereit ist, freie Wahlen und
anschließend die Gründung eines geeinten Deutschlands zuzulassen, sind wir bereit, letztlich der
gesamtdeutschen Regierung die Entscheidung zu
überlassen, ob sie ihre Beteiligung am Integrations-

Seite 2

programm des Westens fortsetzen möchte." Das ist
Vertrauen.
In seinen Memoiren beschrieb Michail Gorbachow
den Wendepunkt bei unseren Diskussionen über die
Vereinigung Deutschlands.
Nach monatelangen
Argumentationen kam am 31. Mai 1990 der kritische
Moment, als wir in Washington im Weißen Haus
miteinander sprachen. Ich schlug vor, den Deutschen die Entscheidung über eine NATO-Mitgliedschaft zu überlassen. Gorbachow stimmte zu. Für
unsere Seite war es dasselbe Risiko, das wir bereits
1952 einzugehen bereit waren, aber dieses Mal mit
dem Vertrauen, das aus einer Generation deutscher
Demokratie resultiert sowie dem Vertrauen in Helmut
Kohl. Was den sowjetischen Präsidenten anbelangt,
zeigte der Kompromiß, daß er ein völlig neues Maß
an Vertrauen in die Deutschen, die NATO und die
Vereinigten Staaten setzte.
Sie sehen, daß Vertrauen manchmal bedeutet, den
Menschen Wahlmöglichkeiten zu geben mit der
Zuversicht, daß sie eine gute Entscheidung treffen.
Natürlich ist diese Idee der freien Wahl die Grundlage
einer freien Gesellschaft. Ich habe die deutsche
Vereinigung unterstützt und das auch seit Mai 1989
gesagt. Denn ich war überzeugt, daß die Bundesrepublik Deutschland wirklich an freie Wahl und daher
an Freiheit glaubte.
Im Juni 1983 besuchte ich in meiner Eigenschaft als
Vizepräsident die Stadt Krefeld. Damals fanden
riesige Demonstrationen gegen die Stationierung von
Mittelstreckenraketen durch die NATO statt. Viele
von Ihnen werden sich daran erinnern. Tausende
von Menschen gingen auf die Straße, um gegen die
Politik meiner Regierung zu protestieren. Die Demonstranten warfen Steine auf unser Auto. Ich
erinnere mich, wie ich mit Helmut Kohl in einer
Garage saß und darauf wartete, daß die Straße frei
würde, damit wir weiterfahren konnten. Und ich
dachte: Das ist eine Gesellschaft, die wirklich an
Redefreiheit glaubt. Das ist wahre Demokratie. Aber
ich gebe zu: Als ein wahnsinnig gewordener Demonstrant mit seiner mit Steinen gefüllten Jacke auf unser
Auto einschlug, kam mir seine Idee von Meinungsfreiheit etwas übertrieben vor.
1989 und 1990 äußerten andere Politiker mir gegenüber, wie besorgt sie über das neue Deutschland
waren. Ihre Besorgnis war verständlich. Ich bat sie
nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder beiseite
zu schieben, aber ich sah, daß Deutschland aus der
Vergangenheit gelernt, mit ihr gebrochen und sich
dazu entschlossen hatte, eine andere Nation zu
werden. Wieder sehen wir, wie Vertrauen daraus
entsteht, daß man den Menschen die Chance gibt,
eine neue, bessere Zukunft zu wählen.

AMERIKA DIENST 24

�Daher ist es nur angemessen, daß wir diese Feier in
Ostdeutschland abhalten, mit einem der neuen
ostdeutschen Staatsmänner - Ministerpräsident
Stolpe. 1990 äußerten manche, Ostdeutschland
könne sich nie von 40 Jahren Kommunismus erholen. Sie behaupteten, die "Ossis" könnten nicht mit
der Zukunft fertigwerden. Weit gefehlt! 1989 und
1990 trafen die Menschen in Ostdeutschland eine
Entscheidung über ihre Zukunft. Sie haben richtig
gewählt. Ich weiß, daß Sie das auch weiterhin tun
werden.
Es ist nicht einfach, durch Berlin oder Potsdam zu
fahren, ohne über die Energie und das Wachstum
nachzudenken, von denen man umgeben ist. Wohin
man auch schaut, sieht man Baukräne am Himmel,
die neue Gebäude errichten. Jeder Baukran bedeu-

tet, daß jemand Zeit, Mühe und Geld aufwendet, um
etwas anderes zu versuchen, etwas Neues aufzubauen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Während wir der Konferenz gedenken, die vor 50
Jahren hier stattfand, ist die vielleicht wichtigste
Lektion eine Botschaft der Hoffnung. Während wir
über das Deutschland von 1945 und das Deutschland
von 1995 nachsinnen, erkennen wir, daß dieses Land
ohne unseren Glauben an die Zukunft nicht so weit
gekommen wäre und nicht so viel erreicht hätte. Mit
diesem Glauben kann das Land - und besonders
dieser Teil - Fortschritte machen und den nächsten
50 Jahren zuversichtlich entgegensehen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 24

*

Seite 3

�GESCHICHTE
2. August 1995

Ein inspirierender Augenblick in der Geschichte
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenage!
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 27. Juli 1995 im Haus der Geschichte aus
Anlaß der Enthüllung des Mondsteines hielt.
Herzlichen Dank für die Einladung am heutigen
Morgen. Es ist äußerst angemessen, daß wir hier in
diesem schönen Gebäude, inmitten Ihrer historischen Ausstellung über die sechziger Jahre stehen.
Jahrhunderte später, wenn die Emotionen über
dieses turbulente Jahrzehnt nur Zeilen in den
Geschichtsbüchern sind, wird die erste Landung des
Menschen auf dem Mond ein inspirierender, erinnerungswürdiger Augenblick sein.
Überall in diesem Raum bemerken Sie andere
Memorabilien der sechziger Jahre. Sozialer Wandel,
Demonstrationen, Kommunen.
Steine sind ein
treffendes Andenken dieser turbulenten Zeit. Während dieses Jahrzehnts wurden Steine benutzt, um
die Frustration über das System zum Ausdruck zu
bringen. Einige wurden sogar auf Amerika Häuser
und amerikanische Konsulate in Deutschland geworfen. Dieser hier symbolisiert den nicht unterdrückbaren Geist des Menschen.
Dieser besondere Stein kommt nicht von unserer
Welt. Er gehört zu einer Welt, die weit entfernt von
unseren weltlichen Belangen ist. Einen kurzen,
leuchtenden Moment lang hatten wir diese Welt in
unserem Visier und schickten unsere Astronauten,
sie zu erkunden. Die amerikanische Flagge, die sie
auf dem Mond hißten, wird nicht als Zeichen der
Eroberung durch eine Nation im Gedächtnis bleiben.
Sie steht vielmehr als Symbol für das erfüllte
menschliche Streben. Wir griffen nach dem Mond,
als wir eine menschliche Reise zu den Sternen
begannen.
Die Erforschung des Weltraums stand und steht in
Konkurrenz zu eher irdischen Unterfangen. Vor
einem Jahrhundert schrieb Oscar Wilde, "alle Kunst
ist ziemlich nutzlos" - und einige haben dasselbe
über das Weltraumprogramm gesagt. Aber obwohl
irdische Aufgaben wichtig sind - insbesondere für
das Hier und Jetzt - inspirieren die Träume des
Menschen uns zu Größe.

AMERIKA DIENST 24

Man sollte sich vor Augen führen, daß das Weltraumprogramm in keiner Weise nutzlos für das Leben
auf der Erde war. Viele bedeutende Innovationen,
die wir jetzt als selbstverständlich hinnehmen - in der
Medizin, in den Computerwissenschaften, bei den
Bequemlichkeiten des alltäglichen Lebens - würden
wir ohne es nicht kennen. Das Apollo-Programm
hatte über sein erklärtes Ziel hinaus Erfolg. Ebenso
wie die Raumfähre und die permanenten Weltraumstationen, die wir bauen, steht es für die immer
größer werdenden Schritte der Menschheit auf ihrem
Weg zu einem unbekannten Schicksal. Die Erforschung des Weltraums ist ein kooperatives Unternehmen: Amerikaner, Russen, Europäer.
Deutschland hat bei unseren gemeinsamen Bestrebungen eine wichtige Rolle gespielt. An zwei Space
Shuttle-Missionen nahmen deutsche Astronauten
Seite an Seite mit Amerikanern teil. Gemeinsame
Experimente im europäischen Weltraumlabor haben
unseren beiden Ländern neue Technologien erschlossen. Auch Rußland, das andere große Land,
das an dem Wettlauf um die Erforschung des Weltraums teilnimmt, hat seit zwei Jahrzehnten deutsche
Astronauten an seinen Missionen beteiligt. Vor
kurzem beendeten Amerikaner und Russen eine
Mission auf der russischen Weltraumstation MIR.
Diese gesamte Arbeit repräsentiert die Menschheit
bei einem "Star Trek"-Ausflug in unbekannte Welten.
1948, als die Erforschung des Weltraums noch
Science Fiction war, schrieb der britische Astronom
Fred Hoyle über die Macht der "Vision": "Wenn erst
einmal ein von außerhalb aufgenommenes Foto der
Erde verfügbar ist ... wird eine neue Idee entstehen,
die mächtiger ist als alles in der Geschichte."
Zwanzig Jahre später wurde diese Vision Realität.
Die Astronauten der amerikanischen Apollo-Mission
landeten auf dem Mond und sind bis heute die
einzigen Menschen, die in der Weite des Universums
die Erde als Ganzes gesehen haben. Als er die Erde

Seite 1

�vom Mond aus sah, erklärte der Astronaut James
Irwin, ein Mitglied der Apollo-Besatzung: "Dieses
wunderschöne, warme, lebende Objekt sah so zart
und zerbrechlich aus, als würde es bei bloßer Berührung auseinanderfallen."
Die Landung auf dem Mond hat uns verändert. Wir
alle werden durch das beeinflußt, was diese Männer
sahen - und wir sahen es durch ihre Augen. Die
wachsende Umweltbewegung ist ein Beispiel. Wir
werden uns immer stärker bewußt, daß diese wunderschöne Welt geschützt werden muß und wir für
sie verantwortlich sind.
Die gemeinsamen Bestrebungen im Weltraum sind
ein Beispiel dafür, was wir als Freunde gemeinsam
erreichen können. Die Vereinigten Staaten und
Deutschland haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das sich immer wieder in Krisen bewährt und
die Zeit überdauert hat. Wir können uns aufeinander

*

Seite 2

*

verlassen, unsere technologische Zusammenarbeit
auszuweiten und unseren Wohlstand in dieser neuen
Welt zu gewährleisten. Obwohl wir zwei souveräne
Länder sind, bilden wir eine Familie. Familien sind im
Vertrauen geeint - ein Vertrauen, das für die Sicherung unserer Zukunft von entscheidender Bedeutung
ist.
Dieser Stein, der älter ist als unsere Nationen, wird
die Lebenszeit der Menschheit auf diesem Planeten
überdauern. Er wird jedoch noch auf lange Zeit in
dieser Halle als Symbol unserer Partnerschaft stehen,
das zeigt, was einer gemeinsamen Sache verschriebene Menschen zur Erreichung eines gemeinsamen
Ziels bewirken können. Wir freuen uns, daß dieser
ganz besondere Mondstein im Haus der Geschichte
ausgestellt wird.
Nochmals vielen Dank.

*

*

AMERIKA DIENST 24

�MEDIEN
2. August 1995

Medien und die Gesellschaft
von Fredric A. Emmert
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die Bedeutung der amerikanischen
Medien in den neunziger Jahren. Der Verfasser, Fredric A. Emmert, gehört dem Auswärtigen Dienst des USInformationsamts an. Während seiner 25jährigen Laufbahn, die ihn unter anderem auch nach Lateinamerika
und Europa führte, beobachtete er amerikanische und ausländische Medien und arbeitete mit ihnen zusammen.

Pressefreiheit
Die Medien in den Vereinigten Staaten sind ein
Spiegel der Werte und des Charakters der Gesellschaft und setzen sich für den Erhalt der Grundsätze
ein, auf denen die amerikanische Gesellschaft fußt.
Der erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung bildet die Grundlage für Pressefreiheit in
Amerika. Aufgrund dieses umfassenden verfassungsmäßigen Schutzes der Pressefreiheit und
analoger Bestimmungen in den Verfassungen der 50
amerikanischen Bundesstaaten gibt es in den
Vereinigten Staaten nur wenige Pressegesetze. Die
existierenden enthalten zusätzlichen Schutz und
weitere Rechte für Journalisten in Kategorien, die
nicht in der Verfassung vorgeschrieben sind. Das
Gesetz über die Privatsphäre von 1974, das die
Sammlung und Weiterleitung persönlicher Daten aus
den Akten der Bundesbehörden regelt, und das
Gesetz über den Schutz der Privatsphäre von 1980,
das Schutz vor polizeilicher Durchsuchung von
Nachrichtenzentralen bietet, sind Beispiele für solche
Gesetze. Zusätzliche Beispiele sind Gesetze auf
landesweiter oder bundesstaatlicher Ebene über
Informationsfreiheit und die sogenannten "Sonnenschein"-Gesetze, beispielsweise das Gesetz über
Informationsfreiheit von 1966, durch das Öffentlichkeit und Presse Einblick in Aufzeichnungen der
Exekutive erhalten.
Der Umfang amerikanischer Pressefreiheit wurde
jedoch hauptsächlich durch Gerichtsentscheidungen
festgelegt, die Feinheiten des ersten Zusatzartikels
zu Verfassung auslegten. Im allgemeinen entschieden die Gerichte, daß der Presse die Rolle eines
"Wachhundes" der Regierung zukommt und sie
keinen Beschränkungen oder Registrierungen
unterworfen sein sollte. Andererseits fallen Verleumdung, Obszönität und die Veröffentlichung von
nationalen Sicherheitsgeheimnissen im allgemeinen

AMERIKA DIENST 24

nicht unter den Schutz des ersten Zusatzartikels zur
Verfassung.
Die Überwachungsfunktion
In einer Vielzahl von Gerichtsentscheidungen wurde
festgelegt, der Presse komme eine wichtige Funktion
als Hüter der Demokratie und Überwachungsorgan
gegen Mißbrauch durch die Regierung zu. Der
Richter des Obersten Bundesgerichts der Vereinigten
Staaten, Hugo Black, gab in seinem abschließenden
Gutachten des Falls der Pentagon Papers von 1971
die vielleicht beste Zusammenfassung dieses wichtigen Themas des amerikanischen Verfassungsrechts:
Die Macht der Regierung, die Presse zu zensieren, wurde abgeschafft, damit die Presse
auf ewig die Freiheit besitzt, die Regierung zu
zensieren. Die Presse war geschützt, damit
sie die Geheimnisse der Regierung enthüllen
und das Volk informieren konnte.
Die Gerichte lehnten die meisten Versuche der
Regierung zur Verhängung einer Vorzensur ab. Das
bekannteste jüngste Beispiel eines solchen Versuchs
der Regierung war die Forderung der Nixon-Administration nach einer dauerhaften Verfügung, die
Veröffentlichung der Pentagon Papers durch die The
New York Times und The Washington Post auf der
Grundlage der Behauptung zu verbieten, die Veröffentlichung geheimer Dokumente über die Geschichte der amerikanischen Verwicklung in den
Vietnamkrieg würde den Vereinigten Staaten großen
Schaden zufügen.
Das Oberste Bundesgericht
entschied mit 6 zu 3 Stimmen, die Regierung habe
nicht "die schwere Aufgabe erfüllt, eine solche
Beschränkung zu rechtfertigen".
Aus dem gleichen Grund haben die Gerichte die
Tradition aufrechterhalten, daß staatliche Zensur

Seite 1

�durch Lizensvergabe und Registrierungserfordernisse für Zeitungen und Journalisten verfassungswidrig sind. Dennoch fordern die Gerichte weiterhin,
daß Besitzer und leitende Mitarbeiter von Zeitungen
und Zeitschriften vereidigte Erklärungen mit Listen
von Besitzern, Aktionären und Redakteuren einreichen, um sich für Versandprivilegien zu niedrigeren Kosten zu qualifizieren. Aufgrund ihrer besonderen Natur sind Rundfunk- und Fernsehsender
speziellen Zulassungsbestimmungen unterworfen.
Verleumdung
Im Verlauf der amerikanischen Geschichte verfügten
die Gerichte, die Presse sei nicht vom ersten Zusatzartikel zur Verfassung geschützt, wenn sie sich
verleumderischer Sprache bedient und damit den
Ruf von Einzelpersonen und Institutionen schädigt.
Bis 1964 fielen die Rechtsnormen über die Definition
und Entschädigung bei Verleumdung, einschließlich
verleumderischer Beleidigung, fast ausschließlich in
den Zuständigkeitsbereich der Bundesstaaten. In
diesem Jahr entschied jedoch das Oberste Bundesgericht im Fall "The New York Times gegen Sullivan", die Presse hafte nur dann für verleumderische
falsche Behauptungen über Personen des öffentlichen Lebens, wenn diese ihr "tatsächliche Böswilligkeit" nachweisen können. Diese Entscheidung
erschwerte es den Klägern, Urteile gegen die Presse
zu sprechen, da sie nicht nur beweisen mußten, daß
eine falsche Sprache verwendet wurde, sondern sie
den Geschworenen auch zeigen mußten, daß die
Zeitung oder der Journalist wissentlich Unwahrheiten
veröffentlich hatte.
Obszönität
Obwohl die Gerichte schon seit langem festgelegt
hatten, Medien, die Obszönitäten oder Pornographie
veröffentlichen oder senden, genössen nicht den
Schutz des ersten Zusatzartikels zur Verfassung, ist
es für einen Richter schwierig, diese Begriffe zu
definieren. Folglich wies das Oberste Bundesgericht
1973 in den Fällen "Miller gegen Kalifornien" und
"Paris Adult Theater gegen Slaton" die Idee eines
nationalen Obszönitätsstandards zurück und überließ
die Definition und Regelung von Obszönität den
"zeitgenössischen Gemeinschaftsnormen, die von
den anzuwendenden bundesstaatlichen Gesetzen
festgelegt werden".
Das Oberste Bundesgericht erklärte jedoch, ein
allgemeiner Test auf Obszönität müsse festlegen:
1. ob ein "Durchschnittsbürger unter Anwendung
zeitgenössischer Gemeinschaftsnormen" zu dem
Schluß gelangen würde, daß die Arbeit als Ganzes lasziven Interessen entgegenkommt,

Seite 2

2. ob die Arbeit auf eine offenkundig offensive Weise
sexuelles Verhalten darstellt oder beschreibt, wie
es von den anzuwendenden bundesstaatlichen
Gesetzen definiert ist und
3. ob die Arbeit als Ganzes keinen ernsthaften
literarischen, künstlerischen, politischen oder
wissenschaftlichen Wert hat.
Militärische und atomare Geheimnisse
In den Vereinigten Staaten gibt es kein Gesetz über
Staatsgeheimnisse, aber die Gerichte legten fest, daß
der erste Zusatzartikel zur Verfassung nicht die
Medien schützen soll, die militärische oder atomare
Geheimnisse abdrucken oder in Rundfunk und
Fernsehen senden. Wenn ein Journalist in den
Besitz solch geheimer Informationen gelangt, steht
die Regierung vor der schweren Aufgabe, ein Gericht
zu überzeugen, die Veröffentlichung im voraus zu
verbieten, wie der Fall der Pentagon Papers demonstrierte.
Privatsphäre
Der Oberste Gerichtshof erkannte schon vor langer
Zeit das Recht auf Privatsphäre unter der verfassungsmäßigen Bill of Rights an. Infolgedessen
haben die Medien keine Basis dafür, in die Privatsphäre einer Person einzugreifen, obwohl im öffentlichen Leben stehende Menschen im allgemeinen als
gefundenes Fressen für Nachrichtenzwecke betrachtet werden. Aus dem gleichen Grund können die
Medien nicht den Namen oder das Bild einer Person
für kommerzielle Zwecke, beispielsweise in der
Werbung, ohne ihr Einverständnis benutzen.
Gerichtsverfahren und die Presse
Nachdem das Oberste Bundesgericht viele Jahre den
Versuch unternommen hatte, das Recht der Öffentlichkeit auf Information, was sich in den Gerichten
des Landes abspielt, das Recht der Presse, Zugang
zu juristischen Verfahren und Aufzeichnungen zu
erhalten, und das Recht des Angeklagten auf ein
faires Gerichtsverfahren miteinander in Einklang zu
bringen, entschied es 1976 im Fall "Nebraska gegen
Stuart", die Presse könne - außer in seltenen Ausnahmefällen - nicht an der Berichterstattung über
öffentliche Gerichtsverhandlungen gehindert werden.
Nach dieser Entscheidung stimmten amerikanische
Gerichte allmählich einer erweiterten Medienberichterstattung in Gerichtssälen zu. Zwischen 1965 und
1980 beispielsweise beschlossen 11 Bundesstaaten,
Berichterstattung aus den Gerichtssälen in Bild und
Ton auf Dauer zu gestatten. Im Fall "Chandler gegen
Florida" aus dem Jahr 1980 entschied das Oberste

AMERIKA DIENST 24

�Bundesgericht einhellig, die Verfassung verbiete
keinem Bundesstaat Experimente mit elektronischer
und optischer Berichterstattung über Gerichtsverfahren. 1992 hatten 45 Bundesstaaten entweder
dauerhaft oder versuchsweise elektronische Medienberichterstattung zugelassen.
Der Zugang zu Gerichtsverfahren war 1992 so
verbreitet, daß der Kabelkanal "Courtroom Network"
begann, 24 Stunden täglich Gerichtsverhandlungen
in 5,5 Millionen amerikanische Haushalte zu übertragen. Im Gegensatz dazu stimmte die amerikanische Juristenkonferenz, ein politisch einflußreiches
Gremium, das die amerikanischen Bundesrichter
vertritt, im September 1994 für die Aufrechterhaltung
des Verbots von Fernsehkameras im Bundesgericht.
Regelung der Fernseh- und Radioübertragung
Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften sind
Rundfunk und Fernsehen strengeren Bestimmungen
unterworfen als die Printmedien, und die Gerichte
vertreten die Auffassung, daß solche Bestimmungen
nicht gegen den ersten Zusatzartikel zur Verfassung
verstoßen. Eine logische Erklärung für die strengeren Bestimmungen bei der Rundfunkübertragung ist
die Tatsache, daß der Äther ein kostbares Gut im
Besitz der Öffentlichkeit ist und die Zuhörer und
Zuschauer im Unterschied zu Zeitungs- und Zeitschriftenlesern ein "unfreiwilliges Publikum" sind.
Die explosionsartige Zunahme der Medien hat diese
Theorie jedoch geschwächt.
1934 richtete der Kongreß die Bundesbehörde für
das Fernmeldewesen (Federal Communications
Commission - FCC) ein, die die Rundfunk- und
Fernsehindustrie beaufsichtigt. Obwohl die entsprechenden Gesetze erlassen wurden, bevor das
Fernsehen zum Massenmedium wurde, wurden sie
seitdem nicht substantiell abgeändert. Das Gesetz
betraut die FCC nicht nur mit Überwachungsfunktionen, sondern auch mit der Lizenzvergabe sowie dem
Erlaß von Vorschriften entsprechend dem "öffentlichen Interesse, der Angemessenheit und Notwendigkeit".
Im Einklang mit diesem Mandat bemühte sich die
FCC um die Förderung von Vielfalt bei Inhalt und
Besitzverhältnissen in der Fernmeldeindustrie.
Das Gesetz von 1934 über die Einrichtung der
Bundesbehörde für das Fernmeldewesen wandte
insbesondere Kartellgesetze auf das Fernmeldewesen an und forderte den Lizenzentzug für alle
Fernseh- und Radiostationen, deren Besitzer monopolistische Praktiken anwenden. Im Lauf der Jahre
erließ die FCC Bestimmungen über Einschränkungen beim Besitz von Sendern innerhalb einer Stadt

AMERIKA DIENST 24

sowie 1975 eine Verfügung, die die Abschaffung des
gleichzeitigen Besitzes von Zeitungen und Fernsehstationen beziehungsweise Zeitungen und Rundfunksendern auf einem Markt vorsah. Ferner entschied
die FCC, daß ausländische Unternehmen nicht mehr
als 25 Prozent der Stimmrechtsaktien eines Fernmeldebetreibers in den Vereinigten Staaten besitzen
dürfen.
Die Verbreitung des Kabelfernsehens, das nicht
durch Frequenzvergabe beschränkt ist und eine
große Programmvielfalt bietet, veranlaßte die FCC in
den achtziger Jahren zu einer Lockerung ihrer
Fernmeldebestimmungen. Beispielsweise erhöhte sie
die Anzahl von Mittelwelle- und UKW-Rundfunksendern und Hochfrequenzfernsehstationen, die ein
Unternehmen besitzen kann, von jeweils 7 auf 12,
falls der Anteil am nationalen Markt der Fernsehstation nicht die 25-Prozent-Marke überschreitet.
1994 erhöhte die FCC erneut die Obergrenze von
Mittel- und UKW Stationen im Besitz eines Unternehmens (auf jeweils 20), die maximale Zahl bei
Fernsehstationen blieb jedoch bei 12. Die Lizenzzeit
wurde von 3 Jahren für Rundfunk- und Fernsehsender auf 7 Jahre für den Rundfunk und 5 Jahre für das
Fernsehen festgesetzt. Fernsehstationen können
jetzt (mit gewissen Einschränkungen) Kabelsysteme
besitzen, und das Telekommunikationsgesetz für
Kabelfernsehen von 1984 gestattet Zeitungen den
Besitz von Kabelkanälen, selbst wenn beide denselben Markt bedienen.
1986 verfügte der Kongreß die komplette Deregulierung der Kabelfernsehindustrie. Nach weitverbreiteten Klagen der Verbraucher verabschiedete der
Kongreß 1992 ein Gesetz zur erneuten Regulierung
der Industrie, und das von Präsident Bush dagegen
eingelegte Veto wurde überstimmt. Ferner entschied
die FCC 1987, nicht länger ihre "Fairness-Doktrin"
durchzusetzen, die von Rundfunk und Fernsehen
verlangte, Vertretern gegensätzlicher Meinungen
gleichviel Zeit einzuräumen. Der Kongreß bemühte
sich um eine Kodifizierung der "Fairness-Doktrin",
aber Präsident Reagan legte gegen das Gesetz sein
Veto ein. Anschließende Versuche des Kongresses
zur Wiedereinführung der Doktrin waren nicht erfolgreich.
1990 verabschiedete der Kongreß das Gesetz über
Kinderfernsehen, das die in Kinderprogrammen
erlaubte Werbezeit leicht verringerte.
Im Dezember 1994 eröffnete die FCC in Anbetracht
des verstärkten Wettbewerbs zwischen den Betreibern von Kabel- und Satellitenfernsehen eine öffentliche Debatte über Vorschläge zur allmählichen
Vergrößerung des Zuschaueranteils für einen Sender.
Die Vorschläge der FCC würden auch die Beschrän-

Seite 3

�kungen des Besitzes von zwei Fernsehstationen auf
großen Märkten lockern und Unternehmen den
Besitz von Rundfunk- und Fernsehstationen auf
demselben Markt gestatten.
Aufgrund der zunehmenden Annäherung zwischen
den Medien unterbreitete die Clinton-Administration
den Vorschlag über eine neue Telekommunikationspolitik zur Öffnung der sogenannten "Datenautobahn". In einer am 11. Januar 1994 gehaltenen
Rede skizzierte Vizepräsident Gore die Vorschläge
der Administration zur Ermutigung von Wettbewerb
auf dem Informationsmarkt, einschließlich der
Empfehlung, Telefon- und Kabelfernsehgesellschaften den Zusammenschluß zu gestatten. Diese
Vorschläge wurden vom 103. Kongreß nicht angenommen. Im Januar 1995 schlug die neue
republikanische Mehrheit im 104. Kongreß eine noch
umfassendere Neufassung des Kommunikationsgesetzes von 1934 vor, die den Gerichtsentscheid
über die Auflösung des Kommunikationsgiganten
AT&amp;T sowie die landesweiten und bundesstaatlichen
Gesetze über den Ausschluß von Telefon- und
Kabelfernsehgesellschaften vom jeweils anderen
Markt annullieren würde.
Medien und Wahlen
Die amerikanischen Medien werden im Wahlprozeß
zu einem immer wichtigeren Faktor. Zehntausende
von Tages- und Wochenzeitungen sowie Hunderte
von Wochen- und Monatszeitschriften berichten
ausführlich über den Wahlkampf. Die Kandidaten
bemühen sich eifrig um Unterstützung durch die
großen Publikationen. Seit 1960 ist das Fernsehen
das bei weitem dominanteste Medium. In jenem
Jahr besiegte John F. Kennedy Richard M. Nixon in
einer der knappsten Präsidentenwahlen der amerikanischen Geschichte, wobei nach Meinung vieler Beobachter das gute Abschneiden Kennedys in den
Fernsehdebatten der beiden Kandidaten der entscheidende Faktor war.
Der junge und telegene Kennedy erkannte als erster
Präsident das ganze Potential des Fernsehens und
machte es sich geschickt zunutze. Andererseits gab
Walter F. Mondale, der erfolglose Präsidentschaftskandidat der Demokraten aus dem Jahr 1984, zu:
"Ich konnte mich nie für das Fernsehen erwärmen,
und das Fernsehen nie für mich. Sein siegreicher
republikanischer Herausforderer, Ronald Reagan der den Spitznamen "der große Kommunikator"
erhielt - gab dank seiner jahrelangen Erfahrung als
Film- und Fernsehschauspieler während seiner
beiden Amtszeiten eine meisterhafte Vorstellung auf
dem Bildschirm.

Seite 4

Der Präsidentschaftswahlkampf von 1992 markierte
einen Wandel in bezug auf die Macht der drei großen
Fernsehsender - CBS, NBC und ABC - die Berichterstattung und Wahlkampfbotschaften übermittelten.
In diesem Jahr griffen die Kandidaten häufig auf das
Kabelfernsehen, insbesondere CNN (Cable News
Network), als wichtiges alternatives Instrument
zurück. Der unabhängige Kandidat Ross Perot gab
beispielsweise seine Kandidatur in der "Larry King
Live "-Show von CNN bekannt, und der demokratische
Kandidat Bill Clinton wählte MTV, um sein Talent als
Saxophonspieler zu demonstrieren.
Als die Fähigkeit des Kabelfernsehens zur Berichterstattung über einen Wahlkampf 24 Stunden am Tag
offensichtlich wurde, verlegten die großen Fernsehsender ihren Schwerpunkt von erschöpfender Berichterstattung auf die Interpretation und Analyse von
Wahlkampagnen. Obwohl die drei großen Fernsehsender 1992 mit 55 Prozent der Zuschauer oder 22
Millionen Haushalten bei den Abendsendungen
eindeutig führend waren, spielt das Kabelfernsehen
im Wahlkampf eine immer wichtigere Rolle, die im
Laufe des Jahrzehnts sicherlich noch zunehmen wird.
Da das Femsehen immer teurer und anspruchsvoller
wird, gaben beide großen Parteien immer mehr Geld
für Experten aus, die den Kandidaten den besten
Umgang mit dem Medium beibringen sollten, insbesondere in den entscheidenden Fernsehdebatten,
die seit 1960 zu einem Hauptgegenstand der Präsidentschaftswahlkämpfe wurden. Neben der Kennedy-Nixon-Debatte wird die dritte Debatte zwischen
Präsident Carter und dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan weithin als entscheidend für den Wahlausgang angesehen. Zudem
haben die beiden führenden Parteien - Demokraten
und Republikaner - große Summen für Werbeagenturen vorgesehen, die in kurzen Werbespots die
Botschaft ihrer Kandidaten übermitteln und ein
schlechtes Licht auf ihre Opponenten werfen. Die
Werbung im Wahlkampf George Bushs von 1988
beispielsweise war eindeutig ein entscheidender
Faktor für den Sieg Bushs über Michael Dukakis.
Bei der Planung ihres Wahlkampfes nutzen Politiker
in zunehmendem Maße Meinungsumfragen. Nachdem eine Zeitung in Harrisburg (Pennsylvania) 1828
zum ersten Mal Umfragen durchführte, sind diese zu
einem festen Bestandteil des Wahlprozesses in den
Vereinigten Staaten geworden. Obwohl die Meinungsumfragen mit den Jahren verbessert wurden,
versagten sie bei mehreren Gelegenheiten vollständig
mit der Vorhersage, wer die Präsidentschaft gewinnen würde. Das bekannteste Beispiel ist der Sieg
von Harry Truman über Thomas E. Dewey im Jahr
1948, auf den die Meinungsforscher voller Zuversicht
gesetzt hatten und den die Chicago Daily Tribüne

AMERIKA DIENST 24

�fälschlicherweise am Tag nach der Wahl zum Sieger
erklärt hatte. Trotz ihrer Mängel wurden für gewöhnlich in Zusammenarbeit mit einer nationalen Fernsehstation von den führenden nationalen Zeitungen
durchgeführte Meinungsumfragen ein wichtiges
Instrument für politische Strategien zur Feinabstimmung ihrer Kampagnen und zum Ausmachen der
Schwächen des Gegners.
Die Medien unterzogen die Kandidaten für ein
nationales Amt in den Vereinigten Staaten einer
genauen Prüfung, die häufig zum Sturz dieser
Kandidaten führte. Ein führender Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, Senator Gary Hart, sah
sich 1988 gezwungen, seinen Wahlkampf abzubrechen, nachdem die Presse seine Affäre mit einer
jungen Frau aufgedeckt hatte. 1992 wurde zum
ersten Mal ein Präsident - George Bush - von einem
Reporter gefragt, ob er je Ehebruch begangen habe.
Solch ein zunehmend die Privatsphäre verletzendes
Verhalten der amerikanischen Presse hat ziemliche
Diskussionen über das Ausmaß ausgelöst, in dem
es der Presse gestattet sein sollte, in das Privatleben von Amtsinhabern oder Kandidaten für ein
nationales Amt einzugreifen.
Es scheint keine
eindeutige Schlußfolgerung der Debatte zu geben,
aber die Tendenz geht zu vermehrter Einmischung
der Medien in das private und öffentliche Leben von
Politikern.
Journalistische Ethik
Die Rolle der amerikanischen Presse als Wachhund
machte sich in den sechziger Jahren während des
Vietnamkriegs und der Watergate-Ermittlungen
Anfang der siebziger Jahre bemerkbar. Im ersten
Fall spielte die Presse eine führende Rolle dabei,
den Rückzug der Vereinigten Staaten aus einem
unpopulären Krieg zu beschleunigen, und im zweiten
Fall gelang es zwei hartnäckigen Reportern von The
Washington Post, Bob Woodward und Carl Bernstein, Fakten aufzudecken, die zum Rücktritt von
Präsident Nixon führten. Infolgedessen wurden
Woodward und Bernstein zu Medienberühmtheiten,
und ihr Buch über die Ermittlungen, Die Watergate
Affäre, wurde verfilmt.
Einige Zeit danach florierte der Trend zu Sensationsjournalismus. Einige Exzesse Anfang der achtziger
Jahre veranlaßten die amerikanische Öffentlichkeit
jedoch, die Glaubwürdigkeit der Presse anzuzweifeln.
Eine junge Washington Post-Reporterin
gewann zum Beispiel den Pulitzerpreis (die höchste
journalistische Auszeichnung) für ihre bewegende
Schilderung eines achtjährigen Heroinsüchtigen
namens Jimmy. Später wurde bekannt, daß sie die
Geschichte erfunden hatte, und der Pulitzerpreis
wurde ihr aberkannt.

AMERIKA DIENST 24

Angesichts von Meinungsumfragen, die zunehmendes Mißtrauen der Öffentlichkeit gegenüber der
Presse Ende der siebziger Jahre belegten, zeigten
zahlreiche Redakteure erneutes Interesse an einem
Ehrenkodex und anderen Formen der Selbstkontrolle.
Journalistische Ehrenkodizes, die darlegten, wie sich
die Presse in den Vereinigten Staaten verhalten soll,
gibt es seit 1923, als die amerikanische Gesellschaft
der Zeitungsredakteure (American Society of Newspaper Editors - ASNE) den ersten Kodex verabschiedete, der zuletzt 1975 überarbeitet wurde. Die
Gesellschaft der Berufsjournalisten/Sigma Delta Chi
(Society of Professional Journalists/ Sigma Delta Chi)
und der Verband der Presse-Chefredakteure (Associated Press Managing Editors) stimmten ähnlichen
Kodizes zu. Diese Ehrenkodizes der drei führenden
Berufsverbände von Zeitungsredakteuren enthalten
wichtige Richtlinien und fordern die Journalisten auf,
ihren Beruf mit Intelligenz, Objektivität, Genauigkeit
und Fairness auszuüben. Sie sind jedoch nur
freiwillig, und bei Nichteinhaltung werden keine
Sanktionen verhängt.
Einige Zeitungen haben mit anderen Instrumenten für
verbessertes ethisches Verhalten experimentiert, wie
etwa dem Ombudsmann - einem aus Skandinavien
übernommenen Konzept. Ein Ombudsmann ist eine
von einer Zeitung ernannte Person, die Beschwerden
über die Berichterstattung und Praktiken der Zeitung
prüfen und die Ergebnisse der Ermittlungen veröffentlichen soll. The Louisville Courier Journal
(Louisville, Kentucky) war 1967 die erste amerikanische Zeitung, die dieses System einführte. Unter den
nationalen Elite-Tageszeitungen richtete jedoch nur
The Washington Post ein unabhängiges Ombudsmann-Büro mit der Befugnis ein, Mißbrauch oder
Mängel der Zeitung zu prüfen und aufgrund von
Beschwerden der Leser einzugreifen. 1985 hatte die
Organisation der Zeitungs-Ombudsleute eine Liste
von 30 aktiven Ombudsleuten, und die durchschnittliche Auflage der Zeitungen, für die sie arbeiteten,
belief sich auf rund 130.000. Seit damals haben
jedoch zahlreiche Zeitungen dieses System abgeschafft.
Das ebenfalls aus Europa (Großbritannien) importierte Konzept eines Nachrichtenrats stand für einen
weiteren Versuch der Selbstkontrolle der Presse mit
gemischten Ergebnissen. Das ehrgeizigste amerikanische Experiment war der 1973 gegründete, durch
mehrere private Stiftungen finanzierte nationale
Nachrichtenrat. Er hatte die Unterstützung von The
Washington Post, The Wall Street Journal, The
Christian Science Monitor, CBS, The Associated
Press und der United Press International. Der Rat
handelte als Alternative zu Verleumdungsklagen und
anderen rechtlichen Schritten. Er prüfte Beschwerden gegen Medienorganisationen, bei denen der

Seite 5

�Kläger zustimmte, keine Zivilklage gegen den
Beschuldigten vorzubringen.
Die Finanzierung
wurde jedoch 1984 eingestellt, und nur einige
wenige Räte - wie der Minnesota News Council operieren weiterhin erfolgreich auf Bundesstaatenebene.
Diese - wenn auch lobenswerten - Experimente
verbesserten die Einstellung der Öffentlichkeit
gegenüber der Presse nicht maßgeblich. Unmittelbar nach der Entsendung amerikanischer Truppen
nach Grenada im Jahr 1984 und der Beteiligung am
Golfkrieg 1991 durchgeführte Meinungsumfragen
deuteten darauf hin, daß die amerikanische Öffentlichkeit die Einschränkungen mit überwältigender
Mehrheit unterstützte, die der Medienberichterstattung vom amerikanischen Militär auferlegt worden
waren. Während die Reporter praktisch uneingeschränkten Zugang zum Kriegsschauplatz in Vietnam
hatten, war dieser in Grenada strengen Restriktionen
unterworfen. In einer mit dem US-Verteidigungsministerium im Anschluß an Grenada erzielten
Vereinbarung operierten sie im Golfkrieg unter einem
"Pool"-Arrangement, bei dem ausgewählte Vertreter
Filmaufzeichnungen und Berichte von der Front an
Medienvertreter weitergaben, die nicht in den Kampfgebieten waren.
Das Verteidigungsministerium
führte in beiden Fällen Sicherheitsbelange und die
kleinen Kriegsschauplätze als Grund für die Restriktionen an.
Ethische Fragen verfolgen die amerikanischen
Medien weiterhin. Eines der heißesten aktuellen
Themen für amerikanische Journalisten ist, wo die
Linie zwischen dem Recht des einzelnen auf Wahrung seiner Privatsphäre und dem Recht der Öffentlichkeit auf Information zu ziehen ist. Als beispielsweise The Village Voice im Juli 1991 ein von einem
freiberuflichen Journalisten verfaßter Artikel angeboten wurde, der die Homosexualität eines hohen
Beamten des Verteidigungsministeriums aufdeckte,
verwarfen die Redakteure dieser New Yorker Wochenzeitschrift den Beitrag als ungerechtfertigten
Eingriff in die Privatsphäre. Einen Monat später
gestatteten dieselben Redakteure einem VoiceKolumnisten, einen Bericht über die Beschuldigungen und den Namen des Regierungsvertreters zu
veröffentlichen. Als logische Erklärung führten sie
die Tatsache an, die Identität des Mannes werde
von anderen Nachrichtenorganen so weithin genannt, daß Zurückhaltung müßig sei. Auf der
anderen Seite entschied sich The Washington Post
zur Berichterstattung über die Kontroverse ohne
Namensnennung des Beamten aufgrund ihrer Politik,
"nicht über das Privatleben öffentlicher Beamter zu
schreiben, bis persönliche Aspekte ihre Arbeit zu
beeinflussen beginnen".

Seite 6

Die Zeitungen waren auch unterschiedlicher Auffassung, ob die Namen der Opfer von Vergewaltigungen veröffentlicht werden sollten - einem weiteren
heiklen, die Privatsphäre berührenden Thema. Das
amerikanische Gerichtssystem, die Gesetzgebung der
Bundesregierung und der Einzelstaaten, ausführende
Organe, die Öffentlichkeit und die Medien werden alle
weiterhin daran mitwirken, wie diese rechtlichen und
ethischen Fragen in den neunziger Jahren in Amerika
gehandhabt werden.
Journalistische Ausbildung
Der amerikanische Journalismus profitiert von einem
breitgefächerten Netz an Ausbildungseinrichtungen.
Die erste amerikanische Journalistenschule wurde
1908 von der University of Missouri gegründet. Bis
1990 hatte sich die Zahl von Universitäten, die einen
Abschluß in Journalismus anbieten, auf 404 vervielfacht. Zwischen 1960 und 1990 stieg die Zahl der
Immatrikulationen für Journalismus von etwas über
11.000 auf nahezu 160.000. Die meisten dieser
Studenten (93,8 Prozent) studierten auf das Bakkalaureat hin, während 5,6 Prozent in Magisterprogrammen und 0,5 Prozent in Promotionskursen waren.
Der dramatischste Trend bei der journalistischen
Ausbildung ist die zunehmende Zahl von Frauen, die
1990 sowohl bei den Bakkalaureats- als auch den
Magisterprogrammen die Mehrheit ausmachten.
Tabelle 1 führt die zehn größten Journalismus- und
Massenkommunikationsprogramme für Immatrikulierte
im Jahr 1990 auf.
Amerikanische Journalistenschulen bereiten die
Studenten auf mehr als die Karriere bei einer Zeitung
vor. Neben Nachrichtenredaktion - dem traditionellen
Arbeitsplatz des Zeitungsjournalisten - sind die drei
anderen wichtigen Bereiche Werbung, Hörfunkjournalismus und Öffentlichkeitsarbeit. 1990 schrieb sich
die höchste Zahl der Studenten - 33 Prozent - für
Werbung ein. Zusätzlich zu den Journalistenschulen
bieten die meisten Zeitungen Volontariate an, die
zum Teil auf das Studium angerechnet werden.
Zunehmend wird auch Betonung auf weiterführende
Ausbildung und Fortbildung gelegt. 1980 führte die
Northwestern University den ersten einjährigen Kurs
für Journalisten mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung ein, den sie mit einem akademischen Grad
abschließen können.
Tabelle 1: Die größten Journalistenschulen In
den USA
Institution

Immatrikulationen

Michigan State University
California State Univ./Fullerton
Pennsylvania State University

3.126
2.257
1.980

AMERIKA DIENST 24

�Syracuse University
Boston University
University of Alabama
Purdue University
University of Florida
University of Minnesota
Brigham Young University

1.855
1.642
1.576
1.500
1.420
1.419
1.409

Die meisten amerikanischen Journalistenschulen
sowie eine Vielzahl amerikanischer Stiftungen und
Institutionen bieten Stipendien für ausländische
Studenten an. Dazu zählen das American Society
of Newspaper Editors Journalism Exchange Program, Alfred Friendly Foundation Press Fellowship,
Nieman Foundation Fellowship for Journalists,
Fulbright Commission Scholarships, Eisenhower
Exchange Fellowships und Hubert H. Humphrey
Fellowships.
Ausländische Besitzer und ethnische Medien
Angesichts der bedeutenden Rolle der Vereinigten
Staaten auf der internationalen Bühne und der
ethnischen Vielfalt der Bevölkerung gibt es eine
beträchtliche Präsenz ausländischer Medien sowie
auf bestimmte ethnische Gruppen zugeschnittene
inländische Medien. Ausländische Medien genießen
in den Vereinigten Staaten im großen und ganzen
dieselben Privilegien wie die inländischen Medien.
Sie unterliegen keinen besonderen Einschränkungen
in Bereichen wie Visa, Kabelübertragungen oder
Importen, und es gibt keine speziellen Akkreditierungsverfahren für ausländische Korrespondenten.
In Washington D.C. und New York findet sich die
höchste Konzentration ausländischer Korrespondenten in den Vereinigten Staaten, allein ungefähr 3.000
in Washington - die größte Zahl weltweit für eine
Stadt. Der Overseas Press Club of America, die
Foreign Press Association of New York und die
Foreign Press Centers in Washington und New York
bieten eine Vielfalt von Dienstleistungen für diese
Korrespondenten, darunter Hilfestellung bei der
Berichterstattung über die amerikanische Szene.
Es gibt keine besonderen Gesetze, die eine ausländische Beteiligung an amerikanischen Printmedien verbietet, aber beim Hörfunk untersagt die FCC
allen Ausländern, ausländischen Regierungen und
ausländischen Unternehmen die Übernahme von
mehr als 25 Prozent der Stimmrechtsaktien einer
möglichen Lizenz. Mehrere Übernahmen haben
Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre
die ausländische Präsenz unter amerikanischen
Medien erhöht. Der aus Australien stammende
Medienmogul Rupert Murdoch kaufte die New York
Post, Chicago Sun-Times und TV Guide. Murdoch
zahlte auch 575 Millionen Dollar, um die Kontrolle
über die Twentieth Century-Fox Film Corporation zu

AMERIKA DIENST 24

erhalten und kaufte mehrere große Fernsehstationen
von Metromedia zur Gründung der Fox Broadcasting Company. Er konnte die 25-Prozent-Klausel
für Ausländer bei der Übernahme von Rundfunk- und
Fernsehstationen umgehen, indem er am 4. September 1985 - vor dem Kauf - amerikanischer Staatsbürgerwurde.
1984 begann die FCC jedoch mit Ermittlungen
aufgrund einer Beschwerde der nationalen Vereinigung zur Förderung Farbiger (National Association for
the Advancement of Colored People - NAACP), die
behauptete, Murdoch habe die FCC über das Ausmaß der Beteiligung beim Kauf durch seine australische News Corporation getäuscht. NBC teilte die
Auffassung der NAACP. Im Februar 1995 stimmte
NBC zu, die Klage zurückzuziehen, nachdem Fox die
Ausstrahlung von NBC-Programmen über sein
asiatisches Satellitensystem bekanntgegeben hatte.
NBCs Entscheidung hatte keinen Einfluß auf die
andauernden Ermittlungen aufgrund der NAACPBeschwerde. Im Mai 1995 entschied die FCC,
Murdoch habe die staatlichen Bestimmungen für
ausländischen Besitz von amerikanischen Fernsehsendern verletzt, ließ Murdoch jedoch ein Hintertürchen offen mit der Feststellung, es sei kein Bruch der
Vorschriften, wenn der Kauf nur ein Darlehen der
News Corporation gewesen sei. Murdochs Sender
Fox gab unverzüglich eine Buchungsänderung
bekannt, um dieser Feststellung genüge zu tun.
1991 kauften die japanischen Unternehmen Toshiba
und Itoh für eine Milliarde Dollar einen 12,5prozentigen Anteil an Time Warner - einer der größten
amerikanischen Mediengruppen. Wie bereits erwähnt, kaufte eine saudiarabische Gruppe 1992 UPI.
Im gleichen Jahr verkaufte die Hallmark Company
den führenden spanischsprachigen Fernsehsender in
den Vereinigten Staaten, Univision - mit 13 Fernsehstationen - an eine Investmentgruppe, zu der Grupo
Televisa, Mexikos größte Mediengruppe, und Venevision, eine führende venezolanische Hörfunkanstalt,
gehörten.
Auf bestimmte Gruppen - insbesondere in den
Vereinigten Staaten ansässige Hispanier - ausgerichtete fremdsprachige und ethnische Medien haben
rasch zugenommen. Neben Univision kämpft ein
zweiter großer Fernsehsender, Telemundo, um den
lukrativen hispanischen Markt mit 22 Millionen
Menschen in den Vereinigten Staaten. Die Hispanier
sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in Amerika - seit 1980 hat sie um über 34
Prozent zugenommen. Sowohl Univision als auch
Telemundo haben begonnen, ihre Programme nach
Lateinamerika und auf andere spanischsprachige
Märkte zu exportieren.

Seite 7

�Zum begehrtesten Anteil an der amerikanischen
Medienindustrie gehören auf den hispanischen Markt
ausgerichtete Rundfunkanstalten. Seit 1990 ist die
Zahl dieser Radiosender um 21 Prozent auf 390
gestiegen. Ein Meinungsforschungsunternehmen
bestätigte im Januar 1993 zum ersten Mal, daß ein
spanischsprachiger Sender die Nummer eins in Los
Angeles, Amerikas größtem Rundfunkmarkt, war.
Fast 90.000 Menschen pro Tag hören KLAX-FM's
mexikanisch-orientiertes Programm, das damit die
anderen 44 Radiostationen von Los Angeles aus
dem Rennen wirft. Am 30. März 1993 startete CNN
mit CNN Radio Noticias, einem landesweit per
Satellit übertragenen spanischsprachigem Radionachrichtendienst, ein zweisprachiges Programm.
CNN Radio Noticias sendet Montag bis Freitag jede
volle Stunde 6 Minuten Nachrichten und begann mit
40 angeschlossenen Stationen auf den größten
amerikanischen Märkten.
Eine 1991 vom nationalen Verband hispanischer
Veröffentlichungen (National Association of Hispanic
Publications) durchgeführte Studie belegte, daß es

* *

Seite 8

in den Vereinigten Staaten über 350 spanisch- und
zweisprachige Publikationen mit einer Leserschaft
von mehr als 5 Millionen gab. Im Gegensatz dazu
gab es 1986 nur ungefähr 60 hispanische Zeitungen
und Zeitschriften. Dennoch hatten nur zwei hispanisch-orientierte Publikationen - beide englischsprachig - 1989 eine Auflage von über einer Million:
Vista mit 1,4 Millionen und Newsweek International
mit 1,02 Millionen. Ahora, eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift mit einer festen Auflage von
500.000 wurde nach ihrer Gründung 1989 durch die
Hallmark Company in San Diego (Kalifornien) in den
Vereinigten Staaten zur auflagenstärksten spanischsprachigen Zeitschrift. Die Wochenzeitschrift mit der
höchsten Auflage im Jahr 1991 war Variedades mit
einer beigelegten Fernsehzeitschrift, La Guia, die
zusammen eine Auflage von 421.000 hatten. Die
Ausgabe 1991 von Editor &amp; Publisher International
Yearbook führt mehrere hundert Zeitungen in Englisch oder einer Fremdsprache auf, die auf 39 ethnische Gruppen in den Vereinigten Staaten ausgerichtet sind, von denen die größte spanischsprachig ist.

*

*

AMERIKA DIENST 24

�FRAUEN
2. August 1995

Frauen, Politik und globales Management
von Lincoln C. Chen, Winifred M. Fitzgerald und Lisa Bates
Das in Kairo verabschiedete Weltaktionsprogramm stand für einen umfassenden und integrierenden, auf
Frauen konzentrierten Ansatz zu bevölkerungspolitischen Maßnahmen, der das Augenmerk von Bevölkerungskontrolle und demographischen Zielen auf reproduktive Gesundheit, vermehrte Befugnisse für Frauen und
reproduktive Rechte verlagerte.
Lincoln Chen ist Direktor des Zentrums für Bevölkerungs- und Entwicklungsstudien an der Harvard University
in Cambridge (Massachusetts). Winifred M. Fitzgerald ist Stellvertretende Direktorin des Zentrums. Lisa Bates
ist Stellvertretende Direktorin des Bevölkerungs- und Entwicklungsprojekts beim Overseas Development Council
in Washington, D.C.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in Environment, Band 37, Nr. 1 Januar/Februar 1995, S. 4-9, 3133. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Helen Dwight Reid Educational
Foundation, herausgegeben von Heldref Publications, 1319 - 18th Street, N.W., Washington, D.C, 20036-1802.
Copyright (c) 1995.

Die im September 1994 in Kairo veranstaltete dritte
Bevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen war
ein bahnbrechendes internationales Ereignis. Der
internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung (International Conference on Population
and Development - ICPD) ist es gelungen, die Sorge
über die demographische Entwicklung der Welt in
einen geschlechtsspezifischen, auf die Völker
konzentrierten Ansatz zu nachhaltiger menschlicher
Entwicklung zu verlagern sowie heikle und ideologisch befrachtete Bevölkerungsprobleme an die
Öffentlichkeit zu bringen. Noch wichtiger ist, daß die
ICPD ein Meilenstein bei der Bewältigung komplexer
globaler Probleme wie Bevölkerung durch eine
unzulängliche internationale institutionelle Maschinerie war. Der im Weltaktionsprogramm zusammengefaßte, in Kairo erzielte internationale Konsens war
trotz heftiger Opposition gegen Schwangerschaftsabbruch und andere heikle Themen eine monumentale Leistung.
Die ICPD war die dritte, alle zehn Jahre anberaumte,
von der UNO veranstaltete Weltbevölkerungskonferenz. Die erste, 1974 in Bukarest, erlebte eine
Polarisierung des Nordens und Südens über die
Bedeutung der Demographie im Verhältnis zu
anderen Entwicklungsbelangen. Angeführt von den
Vereinigten Staaten schlugen die nördlichen Länder
nachdrückliche
Familienplanungs(Kontrazeptions)programme zur Kontrolle des raschen Bevölke-

AMERIKA DIENST 24

rungswachstums vor, während viele Regierungen der
südlichen Länder - angeführt von China und Indien argumentierten, zur Erlangung der globalen Gleichstellung sollte der sozioökonomischen Entwicklung
höhere Priorität eingeräumt werden. Die südlichen
Länder lehnten die Erklärungen der nördlichen
Länder ab und bestanden darauf, daß der Schlüssel
zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums in
einer gerechteren Verteilung der Ressourcen zwischen Norden und Süden läge. Die Erklärungen des
Südens wurden in dem Satz zusammengefaßt,
"Entwicklung ist das beste Kontrazeptiv".
Bis zur nächsten, 1984 in Mexico City veranstalteten
Konferenz hatte sich die Nord-Süd-Dynamik dramatisch verändert. Nach einem Jahrzehnt des schnellsten Bevölkerungswachstums in ihrer Geschichte
hatten die meisten südlichen Länder Maßnahmen zur
Geburtenkontrolle verabschiedet, für gewöhnlich im
Zusammenhang mit gesundheits- und sozialpolitischen Zielsetzungen. Die Vereinigten Staaten hatten
ihre Position ebenfalls geändert. Unter innenpolitischem Druck konservativer und religiöser Gruppen
lehnte die amerikanische Delegation den Schwangerschaftsabbruch ab und erklärte, demographische
Faktoren seien "neutral", mit dem Argument, private
Märkte würden zahlreiche Bevölkerungsprobleme
lösen. Im Einklang mit dieser Position entzog die
US-Regierung mehreren internationalen Organisationen die finanzielle Unterstützung, wie etwa dem

Seite 1

�internationalen Verband für geplante Elternschaft
(International Planned Parenthood Federation IPPF) und dem Bevölkerungsfonds der Vereinten
Nationen.
In Anbetracht dieser Vorgeschichte hätten wenige
das Ergebnis von Kairo vorhergesagt. Zehn Jahre
nach Mexiko City konnte ein umfassender und
integrierender, auf Frauen konzentrierter Ansatz zu
Bevölkerungsfragen als Teil nachhaltiger menschlicher Entwicklung einen bemerkenswerten Konsens
in Kairo hervorbringen. Nach einem "verlorenen"
Jahrzehnt der Entwicklung in Verbindung mit Verschuldung und Strukturanpassungsprogrammen
waren die südlichen Länder besorgt über die schwindenden gebundenen Ressourcentransfers aus dem
Norden.
Sie sahen Bevölkerung weiterhin als
unabhängiges Problem und als eine wichtige Komponente sozioökonomischer Entwicklung an. In den
Vereinigten Staaten zeigte die Clinton-Administration
größere Unterstützung für Umwelt- und Frauenfragen als die vorherige Administration und nahm bei
ihrem Amtsantritt eine Umkehrung der Mexiko CityPolitik vor. Für Kairo förderten die Vereinigten
Staaten einen globalen Konsens durch aktives
Engagement mit nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs) und Gruppen, die sich für die Gesundheit
von Frauen einsetzen.
Die ICPD war entlang zwei paralleler Prozesse
strukturiert: Offiziellen Verhandlungen über das
Weltaktionsprogramm und dem NGO-Forum für
nichtoffizielle Teilnehmer. Mehr als 1.500 Organisationen waren durch schätzungsweise 10.000 Teilnehmervertreten, die für die neuntägigen Gespräche
nach Kairo gekommen waren. Die Veranstaltungen
zogen Teilnehmer aus über 150 Ländern an, darunter Vertreter von Regierungsdelegationen, internationalen Behörden, NGOs, der akademischen Welt
und der Presse. Obwohl der Kampf um Schwangerschaftsabbruch von den Medien beträchtliche
Aufmerksamkeit erhielt, wurden zahlreiche andere
bevölkerungsspezifische Themen angesprochen wie
Entwicklung, Bildung, Gesundheit, Familienplanung
sowie Umwelt und Migration.
In Kairo traten gewisse Nord-Süd-Spannungen, die
bei den Konferenzen von Bukarest und Mexiko City
evident gewesen waren, nur im Kontext einiger
weniger Probleme auf, wie etwa internationale
Migration und der Umfang von Auslandshilfe.
Darüber hinaus veranlaßte der rigorose Dissens des
Vatikans und extremistischer islamischer Gruppen
die Teilnehmer, traditionelle Teilungen zu überwinden und Gemeinsamkeiten unter den meisten
offiziellen und NGO-Gruppen zu betonen.

Seite 2

Während der ICPD handelten offizielle Delegationen
das 16 Kapitel und 113 Seiten umfassende Weltaktionsprogramm (World Programme of Action WPOA) aus, das Empfehlungen zur Erlangung einer
Stabilisierung des Bevölkerungswachstums, der
Ausbildung von Mädchen und Frauen, Bekämpfung
der Kindersterblichkeit und Förderung der Gesundheitsfürsorge für Kinder abgibt sowie universellen
Zugang zu hochqualifizierten reproduktiven Gesundheitsleistungen vorsieht. Als eine UN-Erklärung über
Bevölkerungsprobleme und -ansätze ist das WPOA
kein Vertrag oder eine Konvention und daher nicht
rechtlich bindend. Es kann jedoch durch Aktionen
von Bürgergruppen und NGOs ein mächtiges Instrument zur Förderung der Einhaltung durch die
einzelnen Länder werden, indem die Regierungen für
abgegebene Versprechen und für die Verwirklichung
internationaler Normen zur Rechenschaft gezogen
werden.
Vor den Verhandlungen in Kairo hatten die teilnehmenden Regierungen in den drei Sitzungen des UNVorbereitungsausschusses ungefähr 92 Prozent des
WPOA-Textes zugestimmt. In Kairo sollte Einigung
zu den kontroverseren Themen erzielt werden, wie
reproduktive Rechte, Sexualitäts- und Familienstrukturen sowie Schwangerschaftsabbruch. Die Verhandlungen waren nicht leicht - in der Tat gab es Zeiten,
in denen ein Konsens in weite Ferne gerückt schien.
Zu den die Verhandlungen behindernden Schwierigkeiten zählte die gleichzeitige Benutzung der fünf
offiziellen UN-Sprachen. Die Verdolmetschung der
Ambiguitäten und feinen Nuancen war eine mühselige und gelegentlich schwierige Aufgabe, die sich
bisweilen als hilfreich bei der Erlangung von Kompromissen zu einer akzeptablen Sprachregelung
erwies.
Ein Schritt zu Prioritäten der Frauen
Das in Kairo vereinbarte endgültige Weltaktionsprogramm ist eine entschiedene Abkehr vom bisherigen Diskurs über Bevölkerungs- und Entwicklungsfragen. Es verlagerte den Brennpunkt von Bevölkerungskontrolle und demographischen Zielen zu
nachhaltiger Entwicklung, die reproduktiver Gesundheit, vermehrten Befugnissen für Frauen und reproduktiven Rechten Priorität einräumt. "Reproduktive Gesundheit" ist ein Begriff, der Gesundheitsfragen
im Zusammenhang mit Sexualität und Reproduktion
umfaßt: Sichere und wirksame Empfängnisverhütung, Gesundheit und Ernährung von Müttern und
Kindern, sichere Geburtshilfe (sichere Mutterschaft)
und Kontrolle von Infektionen des reproduktiven
Trakts, einschließlich sexuell übertragener Krankheiten und HIV/AIDS. Der Begriff 'Vermehrte Befugnisse
für Frauen" beinhaltet die Verbesserung des Status
von Frauen und die Erlangung von Gleichberechti-

AMERIKA DIENST 24

�gung der Geschlechter durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen, wodurch den Frauen die Ausübung größerer Kontrolle über ihr reproduktives und
produktives Leben gestattet wird. "Reproduktive
Rechte" können unter dem Aspekt der Macht und
Ressourcen betrachtet werden, die Einzelpersonen
und Paaren informierte und sichere Entscheidungen
über ihre reproduktive Gesundheit erlauben.
Indem sie über die herkömmliche Betonung auf
Familienplanung hinausging, konzentrierte sich die
Kairoer Tagesordnung auf ein erweitertes Spektrum
hochqualifizierter reproduktiver Gesundheitsleistungen, die sich auf die jeweiligen Bedürfnisse, die
Beteiligung des Mannes an Familienplanung sowie
die Verantwortung von Männern bei sexueller Gesundheit und Kindererziehung konzentrierten.
Andere soziale Belange waren Sexualität von
Jugendlichen und Gewalt gegen Frauen.
Der bei der Förderung von Gesundheit und Sicherheit der menschlichen Reproduktion sowie der
Förderung von Gleichberechtigung der Geschlechter
und Befugnissen für Frauen erzielte Konsens war
angesichts der Kontroverse über Schwangerschaftsabbruch, Sexualität Jugendlicher und der Definition
von "Familie" bemerkenswert. In einigen Fällen
wurde dem vehementen Widerstand gegen das
Konzept der Rechte von Frauen mit einer ähnlich
trotzigen Entschlossenheit zur Verteidigung dieser
Rechte begegnet. Einige religiöse Gruppen brachten ihre Besorgnis zum Ausdruck, "reproduktive
Gesundheit" würde zu einem Oberbegriff, der
Schwangerschaftsabbruch oder die Förderung von
nicht überwachter Sexualerziehung für Jugendliche
umfaßt.
Sie argumentierten ferner, bestimmte
Sprachregelungen könnten Familienstrukturen über
legale heterosexuelle Verbindungen hinaus legitimieren. Reproduktive Rechte wurden im Hinblick auf
die vermehrte Befugnis von Einzelpersonen, ihre
reproduktive Entscheidung ohne Respektierung der
Rechte und Pflichten verheirateter Paare und der
Gemeinschaft, einschließlich der Gesetze und
Kulturen unterschiedlicher Nationalstaaten, als
bedrohlich erachtet.
Zahlreiche Terminologieprobleme, die während der
Verhandlungen auftraten, wurden durch geschickte
Neuformulierungen gelöst. Häufig zeitigten Verhandlungen über kontroverse Themen Erfolg, indem
qualifizierende Sprachregelungen gefunden wurden,
die den Gesetzen, Religionen und Kulturen der
einzelnen Länder Rechnung trugen. Zum Beispiel
durch die Hervorhebung des Satzes, "in keinem Fall
sollte Schwangerschaftsabbruch als Methode der
Familienplanung gefördert werden"; durch Änderung
der Formulierung "Geburtenregelung"-was dahingehend interpretiert werden könnte, daß sie Schwan-

AMERIKA DIENST 24

ge rschaftsabbruch einschließt - in "Regelung der
Fertilität", und durch eine sorgfältigere Definition der
Begriffe "Sexualität Jugendlicher" und "Haushaltsstruktur".
Über die umstrittene Rolle des Vatikans in Kairo
wurde in den Medien ausführlich berichtet. Es gab
jedoch mehrere Aspekte des WPOA, die der Heilige
Stuhl nicht unterstützte, wie den umfassenderen
Bevölkerungs- und Entwicklungsansatz, die Betonung
der Rolle der Familie und Sprachregelungen gegen
Zwangspraktiken. Nach harten Verhandlungen und
der Feinabstimmung bestimmter Passagen schloß
sich der Vatikan dem Konsens zu mehreren Kapiteln
des Dokuments an. Die Verfechter der Gesundheit
von Frauen waren zufrieden, daß die Themen sexuelle und reproduktive Gesundheit an die Öffentlichkeit
gebracht und im Abschlußdokument angesprochen
wurden. Die ICPD beleuchtete auch schlaglichtartig
die seit langem vernachlässigten Themen der Bedürfnisse von Jugendlichen sowie der Rolle und Verantwortung von Männern.
Die Erlangung einer globalen Stabilisierung des
Bevölkerungswachstums war ein weithin unterstütztes
Ziel, aber die eher schwache Debatte in Kairo über
ihre Bedeutung war nicht zu vergleichen mit der
Aufmerksamkeit in den achtziger Jahren, die sich auf
die kausale Rolle des Bevölkerungswachstums bei
der wirtschaftlichen Entwicklung konzentrierte. In den
drei Sitzungen des Vorbereitungsausschusses der
ICPD wurden die Meinungsverschiedenheiten zwischen den sogenannten Panikmachern bei Bevölkerungsfragen, die vehemente, gezielte Aktionen zur
Verlangsamung des Bevölkerungswachstums forderten, und denjenigen, die argumentierten, menschliches Wohlergehen - nicht demographische Ziele sollten zum Brennpunkt von Bevölkerungsprogrammen gemacht werden, größtenteils beigelegt. Beide
Seiten fanden gemeinsames Terrain in der Betonung,
die in Kairo auf hochqualifizierte reproduktive Gesundheitsleistungen gelegt wurde. Für die "Panikmacher" unterstützte die Betonung auf einem umfassenderen reproduktiven Gesundheitsansatz die Bedeutung von Geburtenkontrolle. Obwohl diese Befürworter besorgt waren, daß die Ressourcen von der
Familienplanung abgezogen werden könnten, konnten sie kaum Einwände gegen hochqualifizierte,
umfassende, integrierende Leistungen erheben. Die
Betonung von Gesundheit, Wohlergehen und Rechten des einzelnen bei Bevölkerungsprogrammen
zerstreute die Befürchtungen der Befürworter des
menschlichen Wohlergehens, daß eine übermäßige
Konzentration auf Demographie zu Zwangs- oder
mißbräuchlichen Praktiken führen könnte, die die
Betonung entscheidender sozialer Entwicklungsfragen
abschwächen könnte. Darüber hinaus beschleunigte
die späte Intervention konservativer christlicher und

Seite 3

�extremistischer islamischer Kräfte die Beilegung
ungelöster Differenzen im Interesse der Bewältigung
größerer Bedrohungen.
Mehrere andere, im Zusammenhang mit Bevölkerungsfragen stehende Themen erhielten ebenfalls
vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Die Qualität
der Umwelt und Erhaltung von Ressourcen, der
potentielle Einfluß der Demographie auf politische
Stabilität und ethnische Konflikte sowie Urbanisation
wurden kaum angesprochen.
Obwohl einige Frauenvereinigungen aus den Entwicklungsländern Strukturfragen der Weltwirtschaft
ansprachen, die eine Verbindung zwischen der
Bevölkerung und dem Nord-Süd-Gefälle bei der
wirtschaftlichen Entwicklung herstellten - insbesondere Massenarmut und die Folgen struktureller Anpassungspolitik - wurden diese Punkte nicht in die
offizielle Diskussion einbezogen. Es ist nicht klar,
warum diesen Fragen so wenig Aufmerksamkeit
gewidmet wurde. Mögliche Gründe sind, daß 92
Prozent des Dokuments bereits vor der Konferenz
angenommen wurden, die Zeit aufgrund der Debatte
über den Schwangerschaftsabbruch knapp war oder
die Delegierten beschlossen hatten, Unstimmigkeiten
beiseite zu lassen, um eine geeinte Opposition
gegenüber religiösen Attacken zu bilden.
Eine umstrittene Frage, zu deren Lösung langwierige
Verhandlungen erforderlich waren, ist die Zusammenführung von durch internationale Migration
getrennten Familien, eine Frage, die in anderen
internationalen Übereinkünften wie der Konvention
über die Rechte von Kindern behandelt wird. Einige
südliche Länder befürworteten die Anerkennung
einer solchen Zusammenführung als "Rechtsanspruch". Die Industriestaaten - insbesondere die
"Aufnahmeländer" wie die Vereinigten Staaten,
Kanada und viele europäische Länder - widersetzten
sich einer Sprachregelung, die zu entsprechenden
Verpflichtungen bei ihren innenpolitischen Anstrengungen zur Kontrolle der Einwanderung führt. Den
Delegationen der Aufnahmeländer gelang eine
Änderung des WPOA-Textes zu diesem Thema in
dem Sinne, daß die Länder dazu aufgefordert
werden, Familienzusammenführungen zu "fördern",
ohne sie zu einem Rechtsanspruch zu machen.
Nichtstaatliche Frauenvereinigungen - einflußreich und lebenswichtig
Der bemerkenswerteste Aspekt der Internationalen
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung war
die hochrangige Beteiligung von Vertretern nichtstaatlicher Vereinigungen, die auf einem Prozeß
aufbaute, der den Erdgipfel von Rio 1992 und die
Wiener Menschenrechtskonferenz 1993 charak-

Seite 4

terisierte. Die ICPD zog eine Gruppe verschiedener
Teilnehmer an: Befürworter der Bevölkerungskontrolle, Feministen und Verfechter von Gesundheitsfragen, Akademiker und Forscher, Umweltschützer
sowie Vertreter religiöser Vereinigungen. Einige
Angehörige nichtstaatlicher Organisationen nahmen
als Mitglied der offiziellen Delegation ihres Landes an
der Konferenz teil. Im Unterschied zum Erdgipfel von
Rio, wo die Vorgänge auf offizieller und nichtstaatlicher Ebene durch logistische Barrieren aufgrund der
Entfernung zwischen dem offiziellen Konferenzort und
dem NGO-Forum behindert wurden, befand sich in
Kairo alles in Fußnähe. Diese Nähe gab den Teilnehmern Bewegungsfreiheit und förderte die enge
Verbindung zwischen beiden Prozessen. Am sichtbarsten und am besten organisiert unter den nichtstaatlichen Organisationen waren die Vereinigungen
zur Förderung der Gesundheit von Frauen, die eine
gut geplante und gut koordinierte Kampagne für ihre
Sache führten. Ein Frauenwahlausschuß koordinierte
die Interaktion der nichtstaatlichen Frauenvereinigungen, überprüfte die Positionen und Verhandlungen
aller Delegationen, befürwortete geschlechtsspezifische Positionen und schlug eine alternative Sprachregelung vor, um Meinungsunterschiede bei den
Verhandlungen zu überbrücken.
Viele Frauengruppen begannen bereits vor zwei
Jahren weltweit mit den Vorbereitungen für Kairo.
1992 entwickelten und verteilten beispielsweise
Frauenaktivisten aus Nord und Süd die "Erklärung
der Frauen zur Bevölkerungspolitik", die von mehr als
100 Frauenorganisationen überprüft, modifiziert und
abgeschlossen wurde. Zusätzlich wurde sie von
mehr als 2.500 Einzelpersonen und Organisationen
aus über 110 Ländern unterzeichnet und befürwortet.
Ferner werden Netzwerke von Frauen aus Nord und
Süd sowie der Frauenwahlausschuß von den Medien,
Delegierten, Akademikern und nichtstaatlichen
Organisationen als signifikanter Einfluß auf die zweite
Sitzung des Vorbereitungsausschusses vom Mai
1993 anerkannt, da sie Vertreter der Regierungen
dazu veranlaßten, Fragen der reproduktiven Gesundheit und damit zusammenhängende Rechte, Zugang
zu sicherem Schwangerschaftsabbruch, Sexualität
und Gleichstellung der Geschlechter sowie die
umfassendere sozioökonomische Entwicklung anzusprechen. Im Januar 1994 kamen ungefähr 200
Frauenaktivisten in Rio de Janeiro zusammen, um
eine aus 21 Punkten bestehende Erklärung aufzustellen und Strategien zu entwickeln, die eine
Berücksichtigung des Blickwinkels der Frauen und
ihrer Erfahrungen bei der ICPD sicherstellten. Diese
Strategien zur Beeinflussung und Informierung der
Öffentlichkeit, offizieller Delegationen und der Medien
waren genau abgestimmt und wurden während des
gesamten Prozesses im Vorfeld und während der
Kairoer Konferenz angewandt. Diese Bestrebungen

AMERIKA DIENST 24

�zur Harmonisierung der verschiedenen Positionen
von Frauen waren für die Förderung der Nord-SüdSolidarität zwischen den nichtstaatlichen Frauengruppen während der Kairoer Beratungen von
essentieller Bedeutung.
Auffallend gedämpft waren bei der Kairoer Konferenz die Spannungen zwischen den Gruppen zur
Förderung der Gesundheit von Frauen einerseits
und Umweltforschern und -aktivisten andererseits Spannungen, die in Rio vorherrschend waren. Diese
relative Ruhe kann teilweise auf die konzertierten
Bestrebungen der Frauengruppen zurückgeführt
werden, Gemeinsamkeiten zu finden, anstatt sich auf
ihre Differenzen zu konzentrieren.
Statt wirtschaftlicher oder politischer Fragen stellten
die Frauenorganisationen in Kairo Bevölkerungsfragen in den Mittelpunkt. Bisher hatte Bevölkerung
nicht an oberster Stelle auf der Tagesordnung der
weltweiten Frauenbewegung gestanden, mit Ausnahme vielleicht der Vereinigten Staaten, wo die
Debatte über den Schwangerschaftsabbruch sehr
intensiv geführt wird. Im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte hat die internationale Frauenbewegung
jedoch zunehmend anerkannt, daß Sexualität und
Fortpflanzung im Kampf um die Gleichberechtigung
der Geschlechter entscheidende Fragen sind.
Frauen argumentieren, wenn sie keine Kontrolle
über ihre Sexualität und Fortpflanzung hätten,
könnten sie nie wirtschaftliche, soziale und politische
Gleichstellung erlangen.
Frauen fühlten sich auch gezwungen, sich an der
Bevölkerungsdebatte zu beteiligen, um den ungeheuerlichen Mißbrauch und die Mängel anzugehen,
die sie in Bevölkerungspolitik und -Programmen
sehen. Dazu zählen die Überbetonung demographischer Ziele auf Kosten des Wohlergehens des
einzelnen, ein bürokratischer Ansatz bei der Familienplanung, der umfassendere Gesundheitsbelange der Frauen nicht in Betracht zieht, Zwangsmaßnahmen und mangelnde Auswahl zwischen
empfängnisverhütenden Mitteln sowie zu starke
Abhängigkeit von irreversiblen Methoden.
Und
obwohl der Sozialgipfel in Kopenhagen und die
Frauenkonferenz in Peking nur weniger als ein Jahr
entfernt lagen, investierten die Frauengruppen viel
Zeit und Mühe, um die Vorgänge in Kairo zu beeinflussen. Und sie hatten damit großen Erfolg.
Trotz dieser Erfolge behaupteten einige nichtstaatliche Organisationen, insbesondere aus den Entwicklungsländern, ihre Meinungen würden von denen der
gut organisierten Lobbyisten aus dem Norden in den
Schatten gestellt. Einige Gruppen argumentierten,
die Last der Beschränkung des Bevölkerungswachstums müsse immer noch von den Armen getragen

AMERIKA DIENST 24

werden, und das WPOA werde zu einer konditionierten Auslandshilfe für die Entwicklungsländer führen.
Die "unheilige Allianz"
Noch vor der Kairoer Konferenz hatten der Vatikan
und einige islamische Staaten - von den Medien als
"unheilige Allianz" bezeichnet - den WPOA-Entwurf,
insbesondere die Abschnitte über Schwangerschaftsabbruch, reproduktive und sexuelle Gesundheit und
Rechte, kritisiert. Diese Kritik eskalierte, als konservative islamische Gruppen einen Boykott der
Konferenz forderten und sogar die Sicherheit der
Konferenzteilnehmer bedrohten.
Die 15köpfige Delegation des Heiligen Stuhls attakkierte die Empfehlungen des Dokumententwurfs zum
Schwangerschaftsabbruch auf das Schärfste und
wurde dabei von mehreren nationalen Delegationen,
einschließlich der aus Argentinien, Benin, Ecuador,
den Philippinen, Malta, Mauritius, Polen und der
Slowakei unterstützt. Abtreibungsgegner - Aktivisten

und Wissenschaftler - aus nichtstaatlichen Gruppen,
die natürliche Methoden der Geburtenkontrolle
befürworten, unterstützten ebenfalls die Haltung des
Vatikans. Der islamischen Kritik verliehen muslimische Gelehrte an der Al-Ahzar Universität Ausdruck,
der weltweit ältesten islamischen Universität. Neben
dem Schwangerschaftsabbruch konzentrierte sich
ihre Kritik auf den Mangel an Aufmerksamkeit, der
Armut, der Definition von Familie sowie außerehelichem Geschlechtsverkehr, insbesondere unter
Jugendlichen, gezollt wird.
Um diese religiösen Belange zu verstehen, muß man
wissen, wie das Patriarchat und die Politik in diese
Fragen hineinspielen. Manche argumentieren, der
Vatikan und der fundamentalistische Islam hätten im
Grunde genommen patriarchalische Machtstrukturen
und Normen. In Kairo widersetzten sich diese
religiösen Gruppen der starken, von feministischer
Sprache untermauerten Tagesordnung der Frauen
und erreichten die Polarisierung verschiedener
Teilnehmer aufgrund unterschiedlicher sozialer Werte
und ethischer Normen. Die Spaltungen in Kairo
waren daher eher ideologischer und geschlechtsspezifischer als religiöser oder geographischer Natur.
Die Politik des Heiligen Stuhls unterschied sich von
der der islamischen Gruppierungen. Die internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung
fand in Kairo statt, wo seit langem gegen die UNO
und den Westen gehegte Gefühle in der arabischen
Welt durch den Golfkrieg und das unvollständige
Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinensern verschärft worden waren. Große Armut und
tiefverwurzelte soziale Entfremdung sind charak-

Seite 5

�teristisch für die Entwicklungssituation der großen
Mehrheit der Menschen in weltlichen, von westlich
orientierten Eliten regierten Ländern. Daher könnte
die islamische Argumentation dahingehend interpretiert werden, daß sie weniger Klagen über Bevölkerungsfragen enthält als vielmehr eine Kritik an der
westlichen Modernisierungsstrategie der machthabenden weltlichen Regierungen in der Region wie
beispielsweise der ägyptischen. In Anerkennung der
innenpolitischen Auswirkungen dieser Bedrohung
gab sich die ägyptische Regierung große Mühe, eine
erfolgreiche Konferenz zu veranstalten, indem sie
die Sicherheit der Teilnehmer gewährleistete und die
Unterstützung des geistlichen Oberhaupts Ägyptens
(des Großen Mufti) gewann, der den Teilnehmern
eine Botschaft der Toleranz übermittelte.
Von
manchen wird argumentiert, ohne das starke politische Engagement der ägyptischen Regierung hätte
diese Konferenz leicht entgleisen können.
Die Delegation des Vatikan verließ die Konferenz mit
intakten Prinzipien aber einem stark beschädigten
Image, nachdem sie ihre Position mit moralischem
Absolutismus abgestützt hatte und diese sowohl von
offiziellen Delegationen als auch von NGOs überwältigend abgelehnt wurde. Durch seine dogmatische und unnachgiebige Haltung schürte der Vatikan
Zweifel an seinem Status als Nichtmitgliedstaat der
Vereinten Nationen und Ständiger Beobachter. Man
fragte sich, warum der Heilige Stuhl einen privilegierten Status hat, der anderen Religionen nicht eingeräumt wird.
Im Unterschied zum Erdgipfel von Rio gingen die
Vereinigten Staaten mit einer starken Führungsposition aus der Kairoer Konferenz hervor. Unter
der Leitung von Staatssekretär Timothy Wirth spielte
die US-Delegation während der ICPD eine konstruktive, konsensbildende Rolle. Trotz einiger Kritik,
die Vereinigten Staaten führten "imperialistische"
Bestrebungen an, um die Rechte Homosexueller und
das Recht auf Schwangerschaftsabbruch auf Anfrage durchzusetzen und sexuelle Freizügigkeit unter
Teenagern zu fördern, fehlte allgemein eine gegen
die Vereinigten Staaten gerichtete Rhetorik. Die
amerikanische Delegation gewann aus mehreren
Gründen Glaubwürdigkeit und Vertrauen unter den
nichtstaatlichen Organisationen und den Delegierten
aus den südlichen Ländern.
Erstens bemühte sich die US-Delegation - die zu
mehr als der Hälfte aus Vertretern nichtstaatlicher
Organisationen und des Privatsektors, überwiegend
Frauen, stammte - während des gesamten Kairoer
Prozesses um den Input und die Einbeziehung von
NGOs, insbesondere von Gruppen zur Förderung
der Gesundheit von Frauen.

Seite 6

Zweitens schuf die Frauenallianz durch die Überbrückung des Nord-Süd-Gefälles ein Umfeld, das den
Delegierten den Austausch von Ideen und den
zahlreichen Vertretern des Nordens und Südens das
Streben nach Kompromissen erleichterte.
Drittens erkannten die Vereinigten Staaten politisch
heikle Themen an, beispielsweise das "Recht auf
Entwicklung" und das Problem des übermäßigen
Konsums in den Industrieländern.
Und schließlich stimmte die US-Regierung einer wenn auch bescheidenen - Erhöhung ihrer finanziellen Verpflichtungen für Bevölkerungsprogramme im
Ausland zu.
WPOA - eine unbeendete Tagesordnung
Als politische Erklärung und Produkt globaler Verhandlungen ist das WPOA ein langes und bisweilen
redundantes Dokument. Dennoch weist es in eine
erfrischend neue Richtung bei der Bevölkerungspolitik, indem es reproduktive Gesundheit, mehr
Befugnisse für Frauen und Einbeziehung der Fortpflanzung als Bestandteil der universellen Menschenrechte betont. Das WPOA ist ein zukunftsweisendes
Dokument, insofern es die zentrale Ausrichtung der
Bevölkerungsstudien dramatisch verändert.
Die Herausforderung für Regierungen, internationale
Organisationen und NGOs besteht jetzt darin, die
Rhetorik des WPOA in Taten umzuwandeln. Die
Inkraftsetzung auf lokaler und nationaler Ebene wird
schwierig und mühselig sein, da sie die Unterstützung
des UNO-Systems, extensive bilaterale und multilaterale Finanzierung, engagierte Nachfolgearbeit der
NGOs sowie das Engagement der akademischen
Welt, der Wirtschaft und der Medien erfordert.
Viele nichtstaatliche Frauengruppen verließen Kairo
mit strategischen Plänen für die Überwachung des
Verhaltens von Geberländern und Regierungen bei
der Umsetzung des WPOA: Sie forderten Transparenz bei den Aktivitäten von Geberländern und
Regierungen und ziehen diese für die von ihnen
abgegebenen Versprechen zur Verantwortung. Es ist
nicht klar, wie diese Folgeaktivitäten durchgeführt
werden. Wahrscheinlich ist jedoch, daß im nächsten
Jahrzehnt diese Umsetzungsbestrebungen von der
Öffentlichkeit beurteilt und diskutiert werden.
Das WPOA schätzt, daß die für die Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen erforderlichen
Ressourcen bis zum Jahr 2000 auf 17 Milliarden
Dollar ansteigen werden. Von dieser Summe sind 10
Milliarden Dollar für Familienplanung und 7 Milliarden
Dollar für reproduktive Gesundheit, sexuell übertragbare Krankheiten, HIV/AIDS sowie soziale Investitio-

AMERIKA DIENST 24

�nen, beispielsweise in die Bildung und Ausbildung
von Mädchen und Frauen vorgesehen. In der
WPOA wird vorgeschlagen, daß die Entwicklungsländer etwa zwei Drittel dieser Erfordernisse decken.
Auslandshilfe, die derzeit 25 Prozent der gesamten
Ausgaben für bevölkerungspolitische Zwecke ausmacht, soll auf 33 Prozent ansteigen. Dies erfordert
einen fast sechsfachen Anstieg der Bevölkerungshilfe bis zum Jahr 2000 - von ungefähr 1 Milliarde
Dollar auf nahezu 6 Milliarden Dollar.
In einem umfassenderen Kontext bot die Kairoer
Konferenz ein Modell für den weltweiten Umgang mit
komplexen globalen Problemen. Das Ausmaß
einiger dieser Probleme übersteigt in zunehmendem
Maße die institutionelle Kapazität der Völkergemein-

schaft, sie anzugehen. Die Lösung transnationaler
Probleme übersteigt die Kapazität einzelner Nationen.
Daher werden wir wahrscheinlich - wie in Kairo
demonstriert - Zeuge eines stetigen Stroms von
Verhandlungen über bestimmte, zu gewissen Zeiten
drängende Probleme unter Beteiligung von Regierungen und betroffenen NGOs, die der Öffentlichkeit
durch die Medien präsentiert werden. Diese laufenden und dynamischen Prozesse mit unvorhersagbarem Ergebnis können als Teil der globalen Demokratisierung mit einer zunehmenden Beteiligung betroffener Weltbürger über ihre Regierungen und private
Vereinigungen angesehen werden. Kairo leistete
einen bedeutenden Beitrag zur Förderung internationaler Verständigung und weltweiter Problemlösung.

* * * * *

AMERIKA DIENST 24

Seite 7

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12472">
                <text>02.08.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12473">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12474">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12475">
                <text>Amerikadienst 02.08.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12476">
                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die NATO - Gründe für ihre Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Strobe Talbott&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;50 Jahre Potsdamer Konferenz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des ehemaligen Präsidenten Bush&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Geschichte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein inspirierender Augenblick in der Geschichte &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Medien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Medien und die Gesellschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Fredric A. Emmert&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frauen, Politik und globales Management&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lincoln C. Chen, Winifred M. Fitzgerald und Lisa Bates&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
</itemContainer>
