<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/browse?output=omeka-xml&amp;page=106&amp;sort_field=added" accessDate="2026-11-04T15:45:40+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>106</pageNumber>
      <perPage>10</perPage>
      <totalResults>2223</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="2393" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2404">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/e3b7d2b5dcc83101722a22544eef0a41.pdf</src>
        <authentication>3343aa8c002e4d544b11b3939515bf0f</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12352">
                    <text>~\ "^ W *&gt; A

cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

07

DATENAUTOBAHN

22. Februar 1995

AKTIONSPLAN DER USA FÜR GLOBALE
INFORMATIONSDIENSTLEISTUNGEN
Zusammenfassung des Berichts
"Agenda für Zusammenarbeit"

TELEKOMMUNIKATION IM INTERNATIONALEN
WETTBEWERB
Rede von Reed E. Hundt

WIRTSCHAFT

WELTHANDEL UND DER AMERIKANISCHE
ARBEITSMARKT
von Kenneth Kasa

KRIEGSVERBRECHEN

RECHTSBERATER SPRICHT ÜBER
KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL FÜR
DAS EHEMALIGE JUGOSLAWIEN
Tribunal setzt neue Maßstäbe

FILM

HOLLYWOOD 1994: EIN JAHR STEIGENDER
ERWARTUNGEN FÜR FRAUEN
Bilanz der Filmindustrie

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�DATENAUTOBAHN
22. Februar 1995

Aktionsplan der USA für globale
Informationsdienstleistungen
Zusammenfassung des Berichts "Agenda für Zusammenarbeit"
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident AI Gore zufolge werden die Vereinigten Staaten allein sowie in
Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern aus der Privatindustrie und anderen Regierungen auf den Aufbau
eines die Welt verbindenden Netzes von Informationssystemen hinarbeiten.
Der Vizepräsident unterstrich dieses Ziel bei einer Veranstaltung am 15. Februar 1995 anläßlich der
Veröffentlichung der amerikanischen "Agenda für Zusammenarbeit", einem Bericht über die Vision der ClintonAdministration zur Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure - Gll),
die lokale und nationale Informationssysteme zu einem globalen Informationsnetz verbinden soll.
Gore betonte, die Agenda sei nur der erste Schritt von vielen, "um die Versprechungen der Gll zu erfüllen".
Er verlieh der Hoffnung Ausdruck, alle Nationen würden sich an diesen Bestrebungen der Vereinigten Staaten
beteiligen.
Die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur werde, so der Vizepräsident, eine soziale Kraft zum
Nutzen aller darstellen. "Wir haben uns um die Aufstellung einer globalen Agenda bemüht", die andere zur
Teilnahme an dieser Informationsrevolution veranlassen wird.
Bei der Vorstellung der Agenda erklärte Wirtschaftsminister Ronald Brown, es sei das Ziel der ClintonAdministration, in dem Bericht "die Gebiete zu identifizieren, auf denen die Regierungen unabhängige Aktionen
durchführen oder in Zusammenarbeit mit anderen konstruktiv die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur erleichtern können".
Brown ist Vorsitzender der vom Präsidenten eingerichteten Arbeitsgruppe globale Informationsinfrastruktur.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Zusammenfassung der Regierung über die "Agenda für
Zusammenarbeit".

Die Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur hat für die Clinton-Administration hohe
Priorität. Fortschritte bei Informations- und Telekommunikationstechnologien haben bereits die Anfänge
einer Gll entstehen lassen. Die Clinton-Administration vertritt die Ansicht, daß eine hochentwickelte Gll
- flexibler, vollständig interaktiv, mit größeren Kapazitäten, kostengünstiger als die existierenden Systeme
und mit verbessertem Zugang für die Menschen
weltweit - aufgebaut werden kann und wird.
"Die globale Informationsinfrastruktur: Agenda für
Zusammenarbeit" umreißt die Vision der Administration für die Entwicklung einer Gll, die den Bedürfnis-

AMERIKA DIENST 07

sen von Menschen auf der ganzen Welt entspricht.
Nach Ansicht der Administration sind gemeinsame
Bestrebungen von Regierungen und Industrie zur
Realisierung der Vorteile eines globalen Informationsmarktes erforderlich. Als Hauptquelle für Fachwissen und Kapital sollte der Privatsektor die Technologien auswählen, die Geschwindigkeit der Entwicklung bestimmen, die angemessenen Normen festsetzen und neue Dienstleistungen und Anwendungen für
die Gll entwickeln. Die Regierungen können diese
Aktivitäten durch die Schaffung eines rechtlichen
Rahmens erleichtern, der effiziente Investitionen und
Innovationen sowie umfassenden Wettbewerb auf

Seite 1

�den Telekommunikations- und Informationsmärkten
fördert.
Die fünf Grundprinzipien, die erstmals von Vizepräsident AI Gore bei der von der internationalen
Fernmeldeunion veranstalteten Konferenz über die
Entwicklung des weltweiten Telekommunikationsnetzes im März 1994 in Buenos Aires vorgestellt
wurden, bilden nach Ansicht der Administration die
Grundlage der globalen Informationsinfrastruktur:
1. Ermutigung von Privatinvestitionen
2. Förderung des Wettbewerbs
3. Bereitstellung offenen Zugangs zum Netz aller
Anbieter und Nutzer von Information
4. Schaffung eines flexiblen Regelwerks, das mit
schnellen Veränderungen bei Technologie und
Märkten Schritt halten kann
5. Gewährleistung der Universalität von Dienstleistungen.
Die "Agenda für Zusammenarbeit" erläutert diese
Grundprinzipien und strebt einen internationalen
Konsens über die Annahme, Anwendung und
Förderung dieser Prinzipien auf nationaler, regionaler und globaler Ebene an.
Die "Agenda für Zusammenarbeit" befaßt sich ferner
mit den politischen Fragen, die für eine Ermutigung
zur Nutzung der GM von entscheidender Bedeutung
sind, einschließlich der Informationspolitik und ihrer
Inhalte sowie unterstützender Maßnahmen von
Regierungen und Industrie, die Vorteile der GH durch
innovative Anwendungen unter Beweis zu stellen.
Was ist die globale Informationsinfrastruktur?
Die GH besteht aus einem Verbund nationaler,
regionaler und internationaler Netze. Als entstehendes globales "Netz der Netze" umfaßt die Gll ein
breites Spektrum von Technologien und Produkten,
Information in jeglicher Form, Normen und Nahtstellen zur Förderung der Interoperabilität der Netze,
Maßnahmen und Technologien zur Gewährleistung
ihrer Sicherheit und Zuverlässigkeit sowie - vor allem
- die Menschen zur Schaffung und Nutzung der Gll.
Die globale Informationsinfrastruktur regt die weltweite Nachfrage nach neuen Informationstechnologien
und -dienstleistungen an und reagiert darauf. Die
Geschwindigkeit, mit der Informationen bereitgestellt
werden - an sich bereits entscheidend für die Gestaltung der Weltwirtschaft - ihre Zugänglichkeit sowie
vielfältige Nutzung werden weiterhin Wachstum und

Seite 2

Entwicklung der Weltwirtschaft antreiben. Durch die
Errichtung eines globalen Informationsmarktes kann
die Gll zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und Märkte
beitragen, den Handel sowie den grenzüberschreitenden Informationsfluß fördern und Mittel zur Erhöhung
der Lebensqualität aller bereitstellen.
Schaffung einer Grundlage für die Gll
In den Vereinigten Staaten wird die Ansicht vertreten,
fünf Grundprinzipien - bei Telekommunikation,
Informationstechnologie und Informationsdienstleistungsindustrien gleichermaßen angewandt sollten als Grundlage der Gll dienen.
1. Ermutigung von Privatinvestitionen. Investitionen im Privatsektor stellen den effektivsten Weg dar,
Wachstum und Verbesserungen der Infrastruktur
anzukurbeln, die Effizienz bei der Bereitstellung von
Dienstleistungen zu erhöhen und den Bedürfnissen
der Verbraucher besser zu entsprechen. Insbesondere in einer Zeit knapper staatlicher Finanzmittel
stellen Anreize zu Investitionen aus dem in- und
ausländischen Privatsektor oftmals die einzige
realistische Strategie dar, die Entwicklung nationaler
und globaler Informationsinfrastrukturen zu beschleunigen. Die Regierungen müssen angemessene
Reformen bei Vorschriften, Gesetzen und Märkten
vornehmen, um Anreize für Privatinvestitionen im
Telekommunikationswesen, bei Informationstechnologie und Informationsdienstleistungsmärkten zu
schaffen.
2. Förderung des Wettbewerbs. Der effektivste
Weg zur Förderung einer Gll, die allen Ländern
moderne Produkte und Dienstleistungen liefert, ist
verstärkter Wettbewerb im Telekommunikationswesen, bei Informationstechnologie und Informationsdienstleistungsmärkten auf nationaler und globaler
Ebene. Das Modell zur Liberalisierung dieser Märkte
ist weltweit sehr unterschiedlich. Es reicht von relativ
offenen Märkten für Informationstechnologie und
-dienstleistungen ohne rechtliche Bestimmungen über
Märkte mit konkurrenzfähigen, hochwertigen Endgeräten bis zu Beschränkungen des Marktzugangs zu
den größten und gewinnträchtigsten Marktsegmenten
- öffentliche Fernmeldedienste und die zugrundeliegende Infrastruktur.
Die Aufrechterhaltung von
Wettbewerbshemmnissen in diesen Marktsegmenten
wird die Bereitstellung von Infrastruktur behindern
und die Einführung neuer Telekommunikations- und
Informationsdienstleistungen verzögern, deren
Prosperieren von Wettbewerb beim Zugang zu den
Netzen abhängt.
3. Bereitstellung offenen Zugangs. Die Regierungen sollten ein Klima für Märkte und Bestimmungen
schaffen, das möglichst uneingeschränkten Zugang

AMERIKA DIENST 07

�zu Informationen und deren Verteilung schafft.
Durch die Gewährleistung von offenem Zugang zu
Einrichtungen, Netzwerken und Netzwerkdienstleistungen für alle Anbieter von Informationsdienstleistungen können die Regierungen die Verfügbarkeit
verschiedener Informationsquellen für Verbraucher
drastisch verbessern. Da sich die GM auf viele
unterschiedliche bestehende und entstehende
Komponenten auf lokaler, nationaler und globaler
Ebene stützen wird, ist die Interoperabilität dieser
Komponenten unabdingbar (das heißt, die Verbindung von Anwendung, Dienstleistungen und/oder
Netzwerkkomponenten). Die Administration vertritt
die Auffassung, daß die Entwicklung globaler Normen für einen freiwilligen, offenen und vom Markt
geleiteten Prozeß der Schlüssel für die Interoperabilität der GM darstellt.
4. Schaffung eines flexiblen Regelwerks. Der im
wesentlichen globale Charakter von Telekommunikation, Informationstechnologien und Informationsdienstleistungsindustrien erfordert, daß das nationale
Regelwerk auf den Weltmarkt und technologische
Entwicklungen reagiert. Maßnahmen bezüglich der
Regeln sollten ausreichend flexibel sein, um sich an
die entstehenden Technologien und Märkte anzupassen, den Wettbewerb durch transparente Regeln
und Verfahren zu fördern und dennoch lästige
Bestimmungen zu vermeiden, die Innovationen und
neue Angebote von Dienstleistungen im Keim
ersticken. Die Regierungen müssen sich vor einer
Ausweitung der Regeln auf Marktsegmente schützen, die auf unregulierter Basis ausgezeichnet
funktioniert haben. Entsprechend kann ständige
Regulierung unnötig oder sogar kontraproduktiv sein,
sobald ein Markt von einem Monopol zu einer
Wettbewerbsstruktur übergeht.
5. Gewährleistung der Universalität von Dienstleistungen. Das Ziel "universeller Dienstleistungen",
das sicherstellen soll, daß alle Mitglieder einer
Gesellschaft von den Vorteilen einer modernen
Informationsinfrastruktur profitieren, ist grundlegend
für die Entwicklung der Gll. Die Definition universeller Dienstleistungen unterscheidet sich zwangsläufig
von Land zu Land aufgrund von Unterschieden bei
der Entwicklung der Infrastruktur, der Reichweite und
Fähigkeiten nationaler Netzwerke sowie der Kosten
des Zugangs zu Netzen und Dienstleistungen. Das
Konzept universeller Dienstleistungen ist jedoch
evolutionär und erweitert sich entsprechend der
Fähigkeiten des Netzwerks und der steigenden
Nachfrage nach Dienstleistungen.
Universelle
Dienstleistungen können daher von der Einrichtung
von Zugangspunkten auf Gemeindeebene bis zu
einem breiten Spektrum neuer Telekommunikationsund Informationsdienstleistungen variieren und sich
in dem Maße kontinuierlich weiterentwickeln, in dem

AMERIKA DIENST 07

die Einführung von Wettbewerb und Innovationstechnologien größeren Zugang zu Dienstleistungen
für die Verbraucher gestattet.
Ermutigung der Nutzung der Gll
Wenn die Gll ihr volles Potential entfalten soll,
müssen die Nutzer von Netzwerken und Dienstleistungen sicher sein, daß ihre Rechte durch die
Bereitstellung und Weitergabe von Informationen
sowie den Zugang zu ihnen über die Gll nicht verletzt
werden. Um diese Gewährleistung zu bieten, müssen die Regierungen Probleme in den Bereichen
Privatsphäre, Sicherheit und Zuverlässigkeit sowie
Schutz geistigen Eigentums ansprechen. Es ist
ebenso entscheidend, daß die potentiellen Vorteile
der Gll durch Anwendung demonstriert werden. Nur
wenn man greifbare Ergebnisse der Anwendung
sieht, lernt man schätzen, wie sie zur Verbesserung
der Lebensqualität genutzt werden können.
1. Informationspolitik und Frage des Inhalts. Die
Gll wird ihr volles Potential nur nutzen, wenn den
Verbrauchern ein möglichst breites Spektrum von
Informationen zur Verfügung steht. Die Entwicklung
einer effektiven Informationspolitik stellt die Regierungen vor die wahrscheinlich größte Herausforderung. Zu den wesentlichen Zielen der Informationspolitik zählt die Gewährleistung, daß die Privatsphäre
von die Gll nutzenden Einzelpersonen und Organisationen geschützt ist, die Sicherheit und Zuverlässigkeit von Netzwerken und der über sie geleiteten
Informationen gewährleistet und das Recht auf
geistiges Eigentum derjenigen geschützt ist, die
Informationen, Bildungs- und Unterhaltungsprogramme bereitstellen. In solchen Partnerschaften untereinander sowie mit Arbeitgebern, Arbeitnehmern,
Wissenschaftlern und Vertretern des öffentlichen
Lebens müssen die Regierungen diese Ziele erarbeiten und umsetzen, um das Wachstum einer
Inf rastruktur sicherzustellen, die den Bürgern der Welt
zugänglich und ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig ist.
2. Nutzung der Vorteile der Gll durch Anwendung. Der Wert der Gll wird dadurch definiert, wie
die Menschen davon profitieren. Die Regierungen
müssen die aktive Beteiligung von Verbrauchern und
Unternehmen an der Anwendung neuer Technologien
kultivieren, die die Möglichkeiten der Gll für die
Menschen auf der ganzen Welt in die Praxis umsetzen können. Durch Zusammenarbeit in kreativen
Partnerschaften können der öffentliche und Privatsektor Informations- und Telekommunikationstechnologien auf eine Vielzahl entscheidender und komplexer
Themen anwenden, einschließlich der Verbesserung
von Produktivität und Wirtschaftswachstum, Bereitstellung angemessener Gesundheitsfürsorge, Sicher-

Seite 3

�Stellung von Bildung und Ausbildung, Schutz natürlicher Ressourcen und der Umwelt für weitere tragfähige Entwicklung sowie Schaffung gerechten Zugangs zu Informationen durch öffentliche Institutionen. Die Förderung von Gll-Pilotprojekten und
deren Erprobung durch den öffentlichen und Privatsektor wird dazu beitragen, eine Reihe technischer,
politischer und rechtlicher Hemmnisse für die Verwirklichung der GM auszumachen und zu beheben.
Solche Barrieren werden eher durch eine Strategie
überwunden, die sich auf "learning by doing" konzentriert.
Umsetzung der GH
Die Nutzung des globalen Potentials von Informations- und Telekommunikationstechnologien erfordert
die Zusammenarbeit der Industrien, die über sich
entwickelnde nationale Netzwerke verfügbare Dienstleistungen und Informationen aufbauen, betreiben,
bereitstellen und nutzen. Sie erfordert ferner kooperative Bestrebungen zwischen Regierungen über

*

Seite 4

bestehende internationale und regionale Organisationen sowie auf bilateraler Ebene, um Hindemisse zu
beseitigen, die eine effektive Entwicklung der Gll
blockieren. Durch kollektive Übereinstimmung bei der
Annahme, Förderung und Anwendung der grundlegenden Prinzipien der Gll können Regierungen und
die Industrie die Entwicklung der Gll als grenzenloses
"Netz der Netze" statt einer Flickschusterei inkompatibler Systeme und Dienstleistungen sicherstellen.
Das Ziel der "Agenda für Zusammenarbeit" besteht in
der Förderung der zur Umgestaltung von in Tausende
einzelner Netzwerke und inkompatibler Informationsressourcen aufgespaltenen Regionen in eine durch
eine einheitliche Informationsinfrastruktur vernetzte
globale Gemeinde. Zu diesem Zweck sieht die
"Agenda für Zusammenarbeit" spezifische Vorgehensweisen vor und lädt andere Länder ein, sich den
Vereinigten Staaten bei der Beschleunigung des
Tempos der Entwicklung einer Gll anzuschließen, die
den Bedarf aller Menschen erfüllen kann.

* * *

*

AMERIKA DIENST 07

�DATENAUTOBAHN
22. Februar 1995

Telekommunikation im internationalen Wettbewerb
Rede von Reed E. Hundt
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Vorsitzenden der Federal Communications Commission
(FCC), Reed E. Hundt, am 16. Januar 1995 vor der American Chamber of Commerce in Bonn gehaltene Rede.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich danke der American Chamber of Commerce und
dem Telekommunikations-Unterausschuß für diese
Gelegenheit, Sie alle an meinem ersten Tag in Bonn
treffen zu können. Ich bin zu einer Diskussion über
Telekommunikation nach Bonn gekommen, die
morgen von der Amerikanischen Botschaft mit
hochrangigen deutschen Regierungsvertretern und
Unternehmern veranstaltet wird.
Um die Beteiligung der FCC an der globalen Telekommunikationspolitik zu verbessern, haben wir im
Herbst vergangenen Jahres ein internationales Büro
gegründet. Es wird von Scott Blake Harris geleitet
und hat über 120 hochqualifizierte Mitarbeiter, die
aus unterschiedlichen Abteilungen des Ministeriums,
anderen Regierungsbehörden und dem Privatsektor
zusammengezogen wurden. Es ist eine äußerst
fähige Gruppe.
Die FCC kommt mit einer Politik des Wettbewerbs
auf allen fünf Spuren der Datenautobahn voran. Ich
war in Buenos Aires, als Vizepräsident AI Gore vor
der internationalen Fernmeldeunion eine Rede hielt
und seine Vision einer globalen Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure - GM)
umriß.
Ich werde diese Gedanken heute und
morgen mit deutschen Regierungsvertretern diskutieren.
Heute nachmittag führte ich Gespräche mit Dr.
Boetsch, dem Bundesminister für Post und Telekommunikation, und seinem Staatssekretär, Dr. Laufs.
Wir erörterten Pläne für bilaterale Telekommunikationskonsultationen, die wir am 22. und 23. März
1995 in Washington mit deutschen Regierungsvertretern abhalten werden.
Wichtige politische Themen liegen vor uns, darunter:

AMERIKA DIENST 07

Gespräche der Europäischen Union und der G-7
über Liberalisierung und Privatisierung,
die Umstrukturierung der Deutschen Telekom,
Überprüfung der geplanten Sprint-Transaktion
und mögliche Änderungen von Paragraph 310
sowie andere Entwicklungen auf dem amerikanischen Telekommunikationsmarkt.
Ich möchte die Themen kurz kommentieren.
Telekommunikation in Deutschland
Ich glaube, jeder ist von dem umfassenden Programm der Deutschen Telekom für eine moderne
Telekommunikationsinfrastruktur in Ostdeutschland
beeindruckt. Nichts kann einen besseren Beitrag zu
künftigem Wohlstand im Osten Deutschlands leisten
als moderne Telekommunikation.
Wir sind auch beeindruckt durch:
die Trennung des Betriebs der Deutschen Telekom vom Mandat des Bundesministeriums für
Post und Telekommunikation,
die Einstellung von Subventionen für postalische
Operationen
und die erste Privatisierungsrunde der Deutschen
Telekom im Jahr 1996.
Die ersten 25 Prozent der zu verkaufenden Aktien
sollen 5 bis 8 Milliarden Dollar einbringen. Die EU
hat jedoch als Datum für Wettbewerb bei Infrastruktur
und Dienstleistungen erst 1998 gesetzt. Das erinnert
mich an eine Football-Geschichte - mit der EU als
Football-Trainer. Es war die letzte Spielrunde, und
der Quarterback, dessen Team am Verlieren war,
blickte hilfesuchend auf den Trainer. Der Trainer

Seite 1

�zuckte die Schultern, also entschied sich der Quarterback selbst für einen Spielzug. Das Team erzielte
ein Tor und gewann das Spiel. Hinterher fragte der
Trainer den Quarterback, warum er sich gerade für
diesen Spielzug entschieden habe.
"Nun, ich wußte, wir brauchen sieben Punkte, also
habe ich sieben und sieben zusammengezählt und
Spielzug 15 eingeleitet", antwortete er dem Trainer.
Als der Trainer ihn darauf aufmerksam machte, daß
sieben und sieben vierzehn ergeben, erwiderte der
Quarterback: "Wenn ich so schlau wie Sie wäre,
Trainer, hätten wir das Spiel nicht gewonnen."
In den Vereinigten Staaten wird die Revolution bei
den Bestimmungen im Telekommunikationssektor in
diesem Jahr weit über das von der EU für 1998
Geplante hinausgehen - mit oder ohne Gesetzesreform.
Wenn Deutschland auf dem europäischen Telekommunikationsmarkt führend sein will, muß das Land
eine sehr viel schnellere Gangart vorlegen als
Brüssel bisher. Vielleicht kann Deutschland wie
dieser Quarterback vorgehen - sich einfach für
seinen eigenen Spielzug entscheiden, um das Spiel
zu gewinnen.
Entwicklungen in der europäischen und weltweiten Telekommunikationspolitik
Wie Sie wissen, beteiligen sich die FCC sowie das
Außen- und Wirtschaftsministerium an Gesprächen
mit der EU und der G-7.
Als wir im November in Washington mit Vertretern
der Europäischen Kommission zusammentrafen,
waren wir beeindruckt von den Fortschritten, die bei
der Schaffung eines allgemeinen Rahmens für die
Liberalisierung des Telekommunikationswesens
erzielt wurden. Wir befürworten entschieden das
unter der Leitung von Kommissar Bangemann
vorbereitete Grünbuch.
Ferner unterstützen wir nachdrücklich die Absicht der
Europäischen Kommission, das im Februar anberaumte Treffen der Telekommunikationsminister der
G-7 in Brüssel als Forum zu nutzen, der europäischen Öffentlichkeit die Vorteile einer Informationsgesellschaft vor Augen zu führen. Dies steht im
Einklang mit der Vision Vizepräsident Gores von
einer globalen Informationsinfrastruktur mit den
Schwerpunkten Privatisierung, Wettbewerb und
Liberalisierung.
Aus diesem Grund haben wir der Kommission
deutlich mitgeteilt, daß wir uns Sorgen über eine
vorgeschlagene Richtlinie machen, die existierende

Seite 2

Quoten für Auslandsprogramme der Rundfunkmedien
auf Multimedia-Dienstleistungen ausweiten könnte.
Inhaltliche Beschränkungen im Zuge eines Kulturprotektionismus schrecken nur von Privatinvestitionen
ab, die zur Entwicklung neuer Kommunikationsnetze
und -dienstleistungen erforderlich sind.
Der Gegensatz zwischen den gemeinsamen Bestrebungen der G-7 zum Aufbau einer Informationsgesellschaft der Zukunft und der von der Kommission
vorgeschlagenen unilateralen Maßnahme zur Begrenzung der durch Multimedia-Dienstleistungen gebotenen inhaltlichen Vielfalt könnte nicht krasser sein.
Wir werden in den kommenden Monaten hart daran
arbeiten, den richtigen Weg zu finden.
Entwicklungen bei amerikanischen Bestimmungen
Wie bereits erwähnt, arbeitet die FCC in den Vereinigten Staaten an der Festlegung von Wettbewerbsbestimmungen für alle fünf Spuren der Datenautobahn. Der neue Kongreß ist inzwischen mit einer
umfassenden Überprüfung des Gesetzes über das
Kommunikationswesen von 1934 befaßt und hofft,
das neue Gesetz bis zum 4. Juli dieses Jahres
verabschieden zu können.
Als Teil dieser Bestrebungen ist eine Reform von
Paragraph 310 über ausländische Anteile an allgemeinen Lizenzen für Rundfunkanstalten möglich.
Ein erst kürzlich unterbreiteter Vorschlag zielt auf die
Abschaffung von Paragraph 310 ab. Ein weiterer
Vorschlag sieht eine Abänderung von Paragraph 310
durch die Einbeziehung des Prinzips der Gegenseitigkeit vor. Ich kann keine Prognose darüber
anstellen, was mit Paragraph 310 geschehen wird, es
ist jedoch offensichtlich, daß die Idee der Gegenseitigkeit sehr attraktiv erscheint.
Wie Sie vielleicht wissen, liegt der FCC ein Vorschlag
der Deutschen Telekom/France Telecom vor, 20
Prozent von Sprint, dem drittgrößten Fernmeldeunternehmen der Vereinigten Staaten zu erwerben. Unter
dem Gesetz über das Kommunikationswesen ist die
Kommission bevollmächtigt, die allgemeinen Auswirkungen dieser Transaktion auf den Wettbewerb zu
prüfen. Zu den in Frage kommenden Gesetzesbestimmungen zählt Paragraph 310(b)(4), der - falls
dies im öffentlichen Interesse liegt - einen Entzug der
allgemeinen Rundfunklizenzen einer Einrichtung
gestattet, wenn mehr als 25 Prozent ihres Eigenkapitals indirekt in ausländischer Hand sind. Der vorgeschlagene 20prozentige Anteil von Deutsche
Telekom/France Telecom an Sprint, gekoppelt mit
existierenden ausländischen Aktienanteilen, würde
über diese Höchstgrenze hinausgehen.

AMERIKA DIENST 07

�Im Juli 1994 genehmigte die Kommission den
Erwerb von 20 Prozent an MCI durch British Telecom, nachdem das Potential der British Telecom
überprüft worden war, ihre Macht auf dem britischen
Markt einzusetzen, um gegen mit MCI konkurrierende amerikanische Fernmeldeunternehmen Wettbewerbspraktiken einzusetzen. Die Offenheit des
britischen Telekommunikationsmarktes und das
dortige flexible Regelwerk waren entscheidend für
unsere Erkenntnis, daß diese Transaktion im öffentlichen Interesse liegt. Wir stellten fest, daß die
entstehende Konkurrenz für British Telecom einen
Schutz vor Diskriminierung darstellt.
In Anbetracht dieser Gegebenheiten und der von
Interessenten an der Sprint-Transaktion abgegebenen Kommentare muß die Frage vergleichbarer
Offenheit des deutschen und französischen Telekommunikationsmarktes erwogen werden.

*

AMERIKA DIENST 07

Eine Führungsrolle Deutschlands bei der Liberalisierung würde uns gestatten, gemeinsam bei unseren
Nachbarn in diese Richtung zu wirken.
Schlußbemerkung
Letztlich werden natürlich nicht die Regierungen die
neue Telekommunikationslandkarte entwerfen; die
Kräfte innovativer Technologien sind dafür zu stark.
Sie und Ihre Unternehmen wissen das; Sie stehen an
der Spitze einer Informationsrevolution.
Die Regierungen müssen jedoch eine Rolle übernehmen, und eine unserer wichtigsten Aufgaben
besteht darin, ein flexibles Regelwerk zu schaffen,
das Ihre Bestrebungen auf dem Markt erleichtert. Ich
würde mich über Anregungen Ihrerseits freuen,
welchen Beitrag wir hierzu leisten können. Ich danke
Ihnen.
•

* * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
22. Februar 1995

Welthandel und der amerikanische Arbeitsmarkt
von Kenneth Kasa
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Kenneth Kasa, Ökonom an der Federal Reserve Bank of San
Francisco, der erstmals im "Weekly Letter" dieser Bank vom 18. November 1994, Nr. 94-40 erschien.

SAN FRANCISCO - (AD) - Während der vergangenen 20 Jahre stagnierte das Wachstum der Löhne
und Gehälter und die Einkommensunterschiede
wuchsen. Das Realeinkommen der Haushalte in
den unteren 40 Prozent der Einkommenspyramide
nahm ab, das der Haushalte in den oberen 40
Prozent leicht zu. Das Realeinkommen der mittleren
20 Prozent wurde im wesentlichen auf dem Niveau
von 1973 eingefroren.
Für diese enttäuschende Entwicklung gibt es mehrere Erklärungen. Insbesondere einer wurde jüngst
viel Aufmerksamkeit gewidmet - daß die abnehmenden Einkünfte der amerikanischen Arbeitnehmer in
gewisser Weise mit der zunehmenden "Globalisierung" der amerikanischen Wirtschaft in Verbindung
stehen. Dieses Argument klingt zunächst plausibel,
da abnehmende Löhne und Gehälter sowie wachsende Ungleichgewichte ungefähr gleichzeitig mit der
zunehmenden Bedeutung des Welthandels auftraten.
Jüngste Forschungen zu diesem Thema lassen
jedoch die Schlußfolgerung zu, das Wachstum des
Welthandels spiele bei diesen Entwicklungen auf
dem inländischen Arbeitsmarkt nur eine nebensächliche Rolle.
Der Trend zu größerer Ungleichheit wird durch eine
wachsende Diskrepanz zwischen dem Einkommen
gelernter und ungelernter Arbeitskräfte gefördert.
Zwischen 1979 und 1988 stieg beispielsweise das
durchschnittliche Einkommen eines College-Absolventen im Vergleich zu dem eines High SchoolAbgängers um 15 Prozent. Bei den Arbeitnehmern
ohne Berufserfahrung war der Unterschied sogar
noch größer. 1979 lag der Stundenlohn eines
College-Abgängers mit einer Berufserfahrung von
weniger als fünf Jahren 30 Prozent höher als der
Lohn eines High School-Abgängers mit ähnlicher
Erfahrung. 1989 war dieser Prozentsatz auf 74
angestiegen. Um diese Erhöhung auf Ungleichgewichte im Welthandel zurückführen zu können,

AMERIKA DIENST 07

benötigen wir daher eine Erklärung, wie der Welthandel Abweichungen zwischen den Löhnen gelernter und ungelernter Arbeitnehmer herbeiführen
konnte.
Der Welthandelstheorie zufolge exportiert eine Nation
Waren, die unter intensiver Nutzung der in ihrem
Land relativ reichlich vorhandenen Ressourcen
produziert werden, und importiert Waren, die ihre
relativ knappen Ressourcen intensiv nutzen. In
gewisser Weise gestatten Handelsgüter, die bestimmte Faktoren in unterschiedlichem Ausmaß umfassen,
den Nationen, indirekt mit dem Faktor Dienstleistungen selbst zu handeln. Angesichts des verhältnismäßigen Überflusses an Facharbeitern in den Vereinigten Staaten sollte das Land dieser Theorie
zufolge Güter exportieren, die unter relativ großem
Einsatz gelernter Arbeitskräfte hergestellt werden,
wohingegen die Importe unter großem Einsatz
ungelernter Arbeitskräfte hergestellt werden.
Da der Handel mit Rohstoffen nur eine indirekte
Möglichkeit des Handels mit dem zugrundeliegenden
Faktor Dienstleistungen ist, tendiert der Welthandel
zu einer Erhöhung der Realeinkommen derjenigen,
die im Besitz der in einer Nation reichlich vorhandenen Ressourcen sind und somit zu einer Senkung der
Einkommen der Besitzer knapper Ressourcen. (Dies
ist als Stopler-Samuelson-Theorem bekannt). Aus
der Sicht eines ungelernten amerikanischen Arbeitnehmers macht es daher kaum einen Unterschied, ob
die Löhne aufgrund gelockerter Einwanderungsgesetze gedrückt werden, die mehr Menschen aus
Niedriglohnländern ins Land lassen oder durch den
Import von Rohstoffen, die unter großem Einsatz
ungelernter Arbeitnehmer hergestellt werden.
Die Einkommen von Facharbeitern - die bereits am
oberen Ende der Einkommenspyramide angesiedelt
sind - steigen im Einklang mit den Exporten, während
ungelernte Arbeitnehmer gezwungen sind, eine

Seite 1

�Senkung ihrer Löhne zu akzeptieren, um mit importierten Waren konkurrieren zu können.
Eine Untersuchung des Beweismaterials durch die
Ökonomen Robert Z. Lawrence und Matthew
Slaughter zeigt, daß nicht der Handel die treibende
Kraft hinter diesem wachsenden Ungleichgewicht ist.
Die zwei Wirtschaftswissenschaftler konzentrierten
sich auf Preisveränderungen, die den Anreiz zur
Verlagerung der Ressourcen zwischen den Sektoren
bieten.
Industriezweige mit einem Preisanstieg
bemühen sich um eine Expansion, die mit sinkenden
Preisen sind zu Verkleinerungen gezwungen. Da
die Industrien sich der Faktoren jedoch in unterschiedlichem Ausmaß bedienen, wird eine veränderte Zusammensetzung der inländischen Produktion zu einem Überschuß an Nachfrage nach den
Faktoren führen, die in den expandierenden Sektoren intensiv eingesetzt werden, sowie zu einem
Überangebot der Faktoren, die in den schrumpfenden Sektoren intensiv genutzt werden. Dies ist der
Hauptgrund für die Beeinflussung der Einkommensverteilung durch den Welthandel.
Nach der Prüfung von Preisentwicklungen in Dutzenden amerikanischer Fertigungsindustrien fanden
Lawrence und Slaughter nur wenige Beweise dafür,
daß die Preise von Waren, die unter großem Einsatz
qualifizierter Arbeitnehmer hergestellt werden,
proportional zu den Preisen stiegen, für deren
Produktion ungelernte Arbeitskräfte benötigt werden.
Dies läßt Zweifel an der Anwendbarkeit des StoplerSamuelson-Theorems aufkommen.
Ein weiterer Zweifel an diesem Theorem betrifft den
Einsatz gelernter und ungelernter Arbeitskräfte bei
der Produktion. Wenn die Gehälter gelernter Arbeitskräfte tatsächlich auf Kosten ungelernter Arbeitskräfte aufgrund einer Verlagerung der Produktion zu facharbeiterintensiven Industrien in die Höhe
getrieben würden, würden wir feststellen, daß alle

*

Seite 2

*

Industriezweige ihren Einsatz ungelernter Arbeitskräfte erhöhen. Da gelernte Arbeitskräfte immer
teurer werden, würden die Produzenten sparen,
indem sie sich auf Produktionsmethoden mit einem
größeren Einsatz ungelernter Arbeitskräfte verlegen.
Lawrence und Slaughter fanden erneut keine Beweise für eine solche Verlagerung. Die verarbeitende
Industrie in den Vereinigten Staaten hat ihren Einsatz
qualifizierter Arbeitskräfte höchstens noch erhöht.
Den Ergebnissen von Lawrence und Slaughter
zufolge erscheint der technologische Wandel als
Quelle des wachsenden Einkommensgefälles in den
Vereinigten Staaten am wahrscheinlichsten. Die
Ängste der Arbeitnehmer im 19. Jahrhundert - sie
würden durch Maschinen ersetzt - kommen der
Wahrheit wahrscheinlich näher als das StoplerSamuelson-Theorem. Verschiedene technologische
Veränderungen - am offensichtlichsten die "Computer-Revolution" Ende der siebziger und achtziger
Jahre - haben den Wert einer Berufsausbildung
erhöht.
Damit in Verbindung stehen Veränderungen im
Multimediabereich bei der Kommunikation und
Telekommunikation. Diese Fortschritte führen zu
einer "Superstar-Wirtschaft, in der die Entlohnung
auf dem Alles-oder-Nichts-Prinzip basiert. Es zeigt
sich in zunehmendem Maße, daß Einkommensungleichgewichte innerhalb der Berufssparten steigen.
Dem Wirtschaftswissenschaftler Avinash Dixit zufolge
verwandeln technologische Veränderungen die
Länder in "Sierra Madre-Volkswirtschaften" - in
Anlehnung an den klassischen amerikanischen Film
"Der Schatz der Sierra Madre" mit Humphrey Bogart.
In dem Film erklärt ein alter Goldsucher, warum
diejenigen, die Goldvorkommen entdecken, so reich
werden: "Weil sie die Löhne derjenigen kassieren,
die ausziehen, um Gold zu suchen, aber keines
finden!"

*

*

AMERIKA DIENST 07

�KRIEGSVERBRECHEN
22. Februar 1995

Rechtsberater spricht über Kriegsverbrechertribunal
für das ehemalige Jugoslawien
Tribunal setzt neue Maßstäbe
WASHINGTON - (AD) - Steve Lapper, Oberstleutnant der Luftwaffe und Stellvertretender Rechtsberater der Vereinigten Stabschefs, äußerte bei
einer Pressekonferenz am 14. Februar 1995, das
internationale Kriegsverbrechertribunal für das
ehemalige Jugoslawien sei seit dem Zweiten Weltkrieg die erste internationale Organisation zur
strafrechtlichen Verfolgung von Kriegsverbrechern.
Oberstleutnant Lapper erklärte vor der Washingtoner
Anwaltskammer, die am Vortag von dem Tribunal
gegen 21 bosnische Serben erhobene Anklage
erfolge zum richtigen Zeitpunkt und lenke die weltweite Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Organisation.
Das Kriegsverbrechertribunal wurde am 25. Mai
1993 vom UN-Sicherheitsrat gemäß Kapitel VII der
Charta der Vereinten Nationen errichtet. Es besteht
aus drei Hauptabteilungen:
Der Richterschaft, die sich aus 11 Richtern
unterschiedlicher Nationalität zusammensetzt,
dem Büro des Generalstaatsanwalts, der Ermittlungen durchführt und als Kläger auftritt sowie
der Registratur, die Fortschritte bei den Ermittlungen dokumentiert.
Die Rechtsprechung des Tribunals erstreckt sich auf
drei Arten von Verbrechen:
Kriegsverbrechen, die unter die Genfer und
Haager Konventionen fallen,
Verbrechen gegen die Menschlichkeit - nach Plan
verübte Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung
sowie
Verbrechen gegen den Frieden - begangen von
den Einzelpersonen, die den Krieg beginnen.

AMERIKA DIENST 07

Oberstleutnant Lapper zufolge fangen die rechtlichen
Schwierigkeiten nach diesen groben Kategorisierungen an. Beispielsweise werden die Kämpfe im
ehemaligen Jugoslawien als "bewaffnete Kampfhandlungen" bezeichnet, um sie von den Kämpfen in
Ruanda zu unterscheiden, den "internen bewaffneten
Kampfhandlungen".
Lapper zufolge sind viele
Rechtsvertreter der Ansicht, diese Unterscheidung sei
juristisch wertlos und führe bereits zu Auseinandersetzungen.
Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird eine
interne Unterscheidung getroffen: Zwischen wahllosem Morden der Zivilbevölkerung und dem organisierten Versuch, sämtliche Mitglieder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu vernichten, dem Genozid.
Kriegsverbrechen dieser Art stehen mit dem Militär in
Verbindung. Eines der ersten Probleme besteht
darin, daß sich die Ansichten der Vereinigten Staaten
und der Vereinten Nationen über das Kriegsrecht in
mancherlei Hinsicht unterscheiden. Das Tribunal
vertritt die Ansicht, jeder in direkter Verbindung zu
einem Kriegsverbrechen stehende Offizier oder
Soldat müsse angeklagt werden. Das bezieht sowohl
diejenigen ein, die Kriegsverbrechen anordneten, als
auch die Ausführenden.
Die Arbeit des Tribunals hört Oberstleutnant Lapper
zufolge dort jedoch nicht auf. Höhere Offiziere, die
von Kriegsverbrechen wußten und nichts zu ihrer
Verhinderung unternahmen, seien ebenfalls schuldig.
Als Beispiel wurde der japanische General Yamashita
angeführt, auch als "Tiger von Malaya" bekannt, der
am Ende des Kriegs im Pazifik gehängt wurde.
Yamashita behauptete, er hätte nichts von den durch
seine Truppen verübten Greueltaten gewußt. Das
amerikanische Gericht befand, er hätte von den
Vorfällen wissen und ihnen Einhalt gebieten müssen.
Auch das Kriegsverbrechertribunal wird eine solche
Ansicht vertreten, so Lapper.

Seite 1

�Bei juristischen Kontroversen zwischen nationalen
und internationalen Gerichtshöfen haben die Vereinten Nationen das letzte Wort. Nationale Gerichte
können Fälle an das Tribunal der UNO weiterleiten.
Dies ist ein Problem mit großen Konsequenzen, das
gelöst werden muß. Nach dem derzeitigen Stand
hätten bei allen Entscheidungen die Richter des
Kriegsverbrechertribunals das letzte Wort, erläuterte
Lapper.
Die Tatsache, daß Saddam Hussein und seine
Regierung einer Vielzahl von inner- und außerhalb
der irakischen Grenze verübten Greueltaten für
schuldig befunden werden und gro ßenteils der Strafe
entkamen, war dem Oberstleutnant zufolge ein
Weckruf für die Welt, der zeigt, daß ihr solche Dinge
aus der Hand gleiten.
Die Kontroversen beim Kriegsverbrechertribunal
bestehen weiterhin. Beispielsweise ist das amerikanische Rechtsprechungsprinzip bei einer Ver-

urteilung - "schuldig über jeden begründeten Zweifel
hinaus" - nur ein Element, das zusammen mit den
Grundsätzen anderer Länder in den Verurteilungsprozeß hineinspielt. Das Tribunal strebt ein Gleichgewicht zwischen der Vielzahl juristischer Quellen an.
Das Tribunal verhängt keine Todesstrafe. Jeder
Verurteilte kommt ins Gefängnis. Da das Kriegsverbrechertribunal jedoch nicht über ein eigenes Gefängnis verfüge, müßten die Verurteilten in die
Gefängnisse anderer Länder geschickt werden.
Einzelheiten stehen jedoch noch nicht fest.
In einer Fragestunde im Anschluß an die Ausführungen des Oberstleutnants räumte dieser ein, er glaube
nicht, daß die höchsten Vertreter einer verbrecherischen Regierung vor Gericht gestellt würden, außer
in einer Situation, die der nach dem Zweiten Weltkrieg gleichkomme. Lapper fügte hinzu, das Tribunal
akzeptiere keinen Handel mit Anträgen und biete
auch keine Möglichkeiten zur Strafmilderung.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 07

�FILM
22. Februar 1995

Hollywood 1994: Ein Jahr steigender Erwartungen
für Frauen
Bilanz der Filmindustrie
Anfang 1995 blickt Hollywood auf ein Jahr der
Leistungen, Enttäuschungen und bescheidener, aber
dennoch erfreulicher Verdienste für Frauen in der
Filmindustrie zurück.
Im Hinblick auf Gewinne hatte Hollywood die besten
12 Monate seiner Geschichte. Es war auch ein Jahr
bemerkenswerter Themenvielfalt, wie durch die vier
erfolgreichsten Filme des Jahres anschaulich verdeutlicht: Ein gewalttätiges Porträt des Gangsterlebens in Pulp Fiction, den jüngsten Zeichentrickfilm
aus den Walt Disney Studios, Der König der Löwen, einen Krimi um einen außer Kontrolle geratenen Bus in Speed und eine geniale Komödie über
einen furchtlosen jungen Mann, der seine Begriffsstutzigkeit überwindet und ein echter amerikanischer
Held wird in Forrest Gump. Ein von der Kritik mit
hohem Lob bedachtes Projekt war ferner ein Dokumentarfilm über Basketball.
1994 war ein Jahr großer Unsicherheiten. Viele
Studios verloren Geld, weil sie große Summen für
Actionfilme, Komödien und in manchen Fällen zu
intellektuelle Projekte riskiert hatten, die nicht die
Gunst des Publikums fanden. Darüber hinaus
mußten mehrere erprobte Regisseure und berühmte
Darsteller zusehen, wie ihre Filme sang- und klanglos untergingen.
Es gab jedoch auch begrüßenswerte Entwicklungen
im vergangenen Jahr - Überraschungen in einigen
Fällen, Bestätigungen in anderen.
Tom Hanks, der letztes Jahr als AIDS-Infizierter in
Philadelphia eine erschütternde, mutige Darbietung
gab, für die er den Oscar gewann, war in Forrest
Gump ganz anders, aber ebenso beeindruckend.
Paul Newman, einer der zuverlässigsten Schauspieler Hollywoods, porträtierte in dem auf dem jüngsten
Roman von Richard Russo basierenden Film Nobody's Fool überzeugend einen alternden, wütenden
Kleinstädter.

AMERIKA DIENST 07

John Travolta, der Ende der siebziger Jahre zu einer
Popgröße wurde und mit Saturday Night Fever das
Discofieber auslöste, erzielte 1994 mit seiner beeindruckenden Darstellung eines Gangsters in Pulp
Fiction erneut einen Durchbruch. Für Drehbuch und
Regie war Quentin Tarantino verantwortlich, ein
junger Filmemacher, der zum Liebling der Filmindustrie avancierte.
Der von der Kritik am höchsten gelobte, nachdenklichste und eingängigste Film des Jahres war der
dreieinhalbstündige Dokumentarfilm Hoop Dreams.
Das kreative Team von drei Filmemachern in den
Dreißigern - Regisseur Steve James, Cutter Fred
Marx und Kameramann Peter Gilbert - beobachtete
acht Jahre lang zwei in der Innenstadt von Chicago
lebende junge Basketballspieler von ihrer Teenagerzeit über die High School bis zum College mit
einigen ernüchternden Umwegen.
Mit einem Aufwand von nur 500.000 Dollar gedreht
(der durchschnittliche Studiofilm kostet zwischen 30
und 70 Millionen Dollar) und von einem kleinen,
unabhängigen Studio herausgebracht, erzielte Hoop
Dreams nicht nur Punkte wegen der Entschlossenheit und Willenskraft seiner Protagonisten, sondern
auch wegen der deplazierten Werte, die so häufig in
der Welt des Sports zu finden sind. Es bleibt abzuwarten, ob es dieser Film als einer der wenigen
Dokumentarfilme schaffen wird und die Oscarnominierung als besten Dokumentarfilm erhält (die Nominierungen der Akademie werden Mitte Februar
bekanntgegeben).
Wenn 1994 nicht als "goldenes Zeitalter" des Filmemachens im Gedächtnis bleibt, so wird es als das
Jahr zitiert werden, in dem Frauen - vor, und noch
mehr hinter der Kamera - beträchtlichen Einfluß
hatten.
Während das Oscarfieber in den ersten Wochen des
Jahres 1995 - einen Monat vor den Nominierungen
und zwei Monate vor der Oscarverleihung - steigt,

Seite 1

�lautet interessanterweise eine der häufigsten Voraussagen, daß die Jury Schwierigkeiten haben wird,
genügend gute Darstellerinnen zu finden, um die
fünf Qualifikationen in der Kategorie "beste Schauspielerin" zu erfüllen.

sion von Louisa May Alcotts Little Woman, die einen
Einblick in das Leben von vier Schwestern und ihrer
Mutter vermittelt, die Mitte des 19. Jahrhunderts in
Massachusetts leben, während der Ernährer im Krieg
ist.

Mehrere Frauen hinterließen 1994 mit ihrer Arbeit
einen bleibenden Eindruck.

Der vornehmlich von einem kreativen Team von
Frauen aus Hollywood - darunter Studioleiterin Amy
Pascal und Produzentin Denise DiNovi - konzipierte
und realisierte 15 Millionen Dollar teure Film war so
billig wie eine Studioproduktion in diesen Tagen sein
kann. Die Einnahmen an den Kinokassen lassen
darauf schließen, daß es eines der profitableren
Unternehmen des Jahres wird.

Unter den Schauspielerinnen gaben Jodie Foster
(Neil), Jessica Lange (Blue Sky), Susan Sarandon
(Der Klient, Linie Woman, Safe Passage), Jennifer
Jason Leigh (Mrs. Parker and the Vicious Circle)
und Winona Ryder (Llttle Woman) beeindruckende
Darbietungen. Wahrscheinlich werden drei oder vier
dieser Gruppe - mit ein oder zwei Überraschungen ihren Namen auf den Oscarstimmzetteln finden.
Gleichzeitig spielten weniger bekannte Darstellerinnen - darunter Julianne Moore (Vanya on 42nd
Street) und Linda Fiorentino (The Last Seduction)
sowie die Studioleiterinnen Amy Pascal und Wendy
Finerman - eine bedeutende Rolle in der Filmindustrie.
Allmählich verändert sich das Klima für Frauen in
Hollywood. Die "gläserne Wand" - eine unsichtbare
Barriere für berufliches Weiterkommen - existiert
noch immer in vielen Bereichen, und Schauspielerinnen, insbesondere die sich dem mittleren Alter
nähernden, könnten zu Recht ungehalten über die
wenigen guten Angebote sein.
Dennoch sind
allenthalben Zeichen des Fortschritts bemerkbar.
Der deutlichste Beweis ist auf der Leinwand zu
sehen, wie zwei der mutigsten Projekte des Jahres
1994 zeigen.
In Neil gab Foster - Gewinnerin von zwei Oscars als
"beste Schauspielerin" (Angeklagt und Das Schweigen der Lämmer) - nicht nur eine brillante Darbietung als wilde junge Frau, die alleine in einem Wald
im Südosten der Vereinigten Staaten lebt und eine
nahezu unverständliche Sprache spricht, sondern
auch ihr Debüt als Regisseurin. In dieser Rolle
mußte sich Foster mit der Besetzung, dem Budget
und anderen Dingen befassen, die für gewöhnlich
nicht in die Domäne des Schauspielers fallen.
Von den meisten Kritikern gelobt und beim Publikum
zunehmend populär, zeigt der Film die ersten
Kontakte zwischen der Protagonistin und einem Arzt
(Liam Neeson), der sie zu ergründen sucht und mit
Hilfe einer Psychoanalytikerin erforscht, ob man Neil
ins tägliche Leben entlocken kann.

Little Woman überraschte die Rezensenten und
Kinogänger etwas durch seine lebhafte, glaubwürdige
Darstellung (mit Winona Ryder, Cläre Danes, Trini
Alvarado, Kirsten Dunst und Susan Sarandon), die
ausgezeichnete Regie des Australiers Regisseurs
Gillian Armstrong sowie das gelungene Zeitbild von
Drehbuchautor und Produzent Robin Swicord, das die
Verbindung zwischen heutigen und jahrhundertealten
Gefühlen widerspiegelt.
Mut, Phantasie und sicherer Instinkt waren auch bei
den Rollen offenkundig, für die sich eine Reihe
anderer Frauen der Szene Hollywoods entschieden.
Jessica Lange, die äußerst wählerisch ist, weil sie für
Qualität steht und der wie den meisten ihrer Kolleginnen nicht viel Arbeit angeboten wird, stellt in Blue
Sky die alternde Frau eines Soldaten dar, die sich
weigert, dem Scheitern ihrer Jugendträume passiv
zuzusehen.
Jennifer Jason Leigh, eine junge Schauspielerin, die
bisher das Pech hatte, vornehmlich in Filmen über
die dunkle Seite der Gesellschaft aufzutreten, die
man getrost vergessen kann, nahm die Herausforderung an, die bittere, selbstzerstörerische Schriftstellerin und Gesellschaftslöwin der dreißiger Jahre,
Dorothy Parker, zu spielen. Mrs. Parker and the
Vicious Circle spielt im Algonquin Club, dem New
Yorker literarischen Salon, der zwischen den beiden
Weltkriegen Schriftsteller, Kritiker und Musiker anzog.
Winona Ryder, die jüngste der drei, verwirklichte ihr
Potential in zwei gegensätzlichen Filmen über das
Leben kurz vor dem Erwachsenwerden.
Little
Woman zeigte sie als zielsichere Person, die ihre
literarischen Ambitionen verwirklichen und einen Platz
in der Welt der Männer übernehmen will. In Reality
Bites versucht sie, ihren Platz im Leben als eine
zeitgenössische junge Erwachsene und Angehörige
der sogenannten Generation X zu finden.

Ein in der letzten Woche des Jahres 1994 in den
Kinos angelaufenes Projekt war die vierte Kinover-

Seite 2

AMERIKA DIENST 07

�Es gab auch einige Überraschungen. Zwei Schauspielerinnen, eine seit Jahren bekannte und ein
relativer Newcomer, waren in spannenden Krimis zu
sehen. Meryl Streep bekämptt tlüchtende Bankräuber und die reißenden Stromschnellen in Am wilden
Fluß, dem ersten Actionfilm ihrer Karriere. Sandra
Bullock übernimmt das Kommando in einem außer
Kontrolle geratenen Bus in Speed, einem Kassenschlager.

,

»

Streep, die im Laufe ihrer Karriere eine Vielzahl von
Frauen aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichem Akzent und aus unterschiedlichen
Jahrhunderten spielte, übernahm die Rolle nicht nur,
um etwas anderes zu versuchen, sondern auch, weil
sie feststellte, daß nur wenige Projekte auf sie
zukamen. (Seitdem hat sie zusammen mit Clint
Eastwood The Bridges of Madison County gedreht, die Verfilmung eines populären neuen Romans über die Romanze zwischen einem älteren
Paar, die Mitte 1995 in die Kinos kommt).
Viele Schauspielerinnen setzen sich mit dieser
Realität in unterschiedlicher Weise auseinander.
Shirley MacLaine, Ende fünfzig, hat angefangen,
Charakterrollen für ältere Darstellerinnen zu übernehmen, wie ihre überzeugende Verkörperung einer
Präsidentenwitwe in Guarding Tess beweist.
Sally Field, noch in den Vierzigern, hat alles Verfügbare angenommen - das heißt, daß sie sich 1994 in
Kostüme hüllte und um ungefähr 40 Jahre alterte,
um neben Hanks Forrest Gumps Mutter zu spielen.
Goldie Hawn und Bette Midier, auch in den Vierzigern, arbeiteten überhaupt nicht. Und einige ihrer
jüngeren, etliche Millionen teuren Kolleginnen wie
Julia Roberts und Sharon Stone verbrachten das
Jahr mit Projekten, die von wenigen Kinogängern
gesehen wurden.

Unweigerlich betreten neue Talente die Bühne. Die
besten waren 1994 Fiorentino und Moore. Fiorentino
wurde in einer Reihe von Filmen mit düsterem, eher
gewalttätigem Inhalt zur Gangsterbraut ihrer Zeit und würdige Nachfolgerin von Ida Lupino und Veronica Lake früherer Filmgenerationen.
Moore, eine ausgezeichnete Darstellerin, die 1995
ihren Durchbruch mit der romantischen Komödie
Nine Months haben könnte (ab Sommer in den
Kinos), stand im Zentrum eines wunderschön inszenierten Experiments, einer Übertragung von
Tschechows Drama Onkel Wanja auf die Leinwand die Schauspieler tragen moderne Kleider statt denen
der damaligen Zeit - das in einem dunklen, verrammelten Theater in New York aufgeführt wird. Mit
dem Titel Vanya on 42nd Street stand der Film nach
Meinung vieler Kritiker auf der Liste der besten zehn.
Der Einfluß der Frauen macht sich allmählich auch
hinter der Kamera bemerkbar in Fortsetzung eines
lange vor 1994 begonnenen Prozesses. Und während Frauen wie Lisa Henson, 34, Stacy Snider, 33,
und Pascal, 36, ihren Platz als Richtungsweiser bei
Columbia, Tri-Star und Turner Pictures übernehmen,
werden sie mehr Frauen in den Prozeß einbeziehen.
Eine der beeindruckendsten Geschichten des Jahres
war in der Tat eine Produktion, die nicht ausdrücklich
als Arbeit von Frauen gewürdigt wurde.
Vor fast zehn Jahren verliebte sich Wendy Finerman,
Absolventin einer Ivy League University und Business
School und damals Mitte zwanzig, in einen Roman
von Winston Groom mit dem Titel Forrest Gump.
Eben am Anfang ihrer Karriere im Filmgeschäft
drängte Finerman das Buch allen möglichen Interessenten auf. Hartnäckig und selbstbewußt gelang
ihr schließlich die Verfilmung des Buches.

* *

AMERIKA DIENST 07

*

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="53">
          <name>Umfang</name>
          <description>Anzahl der Seiten.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12351">
              <text>15</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12345">
                <text>22.02.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12346">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12347">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12348">
                <text>Amerikadienst 22.02.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12349">
                <text>&lt;strong&gt;1. Datenautobahn&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Aktionsplan der USA für Globale Informationsdienstleistungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zusammenfassung des Berichts "Agenda für Zusammenarbeit"&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Telekommunikation im internationalen Wettbewerb&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Reed E. Hundt &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Welthandel und der amerikanische Arbeitsmarkt&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Kenneth Kasa&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kriegsverbrechen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rechtsberater spricht über Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Tribunal setzt neue Maßstäbe&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Film&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hollywood 1994: ein Jahr steigender Erwartungen für Frauen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bilanz der Filmindustrie&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="44">
            <name>Language</name>
            <description>A language of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12350">
                <text>Deutsch</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2394" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2405">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/47dd90c75cd33c6e99761b2f150416f9.pdf</src>
        <authentication>c641d88a58b5009fa58bd612d4b48997</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12358">
                    <text>cimerikci
dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

08

2. März 1995

DATENAUTOBAHN

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
ERFORDERT WELTWEITE ZUSAMMENARBEIT
Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen

SICHERHEITSARCHITEKTUR

GESTALTUNG EINER NEUEN EUROPAISCHEN
SICHERHEITSARCHITEKTUR
von Richard C. Holbrooke

USA-UNO

DIE BEDEUTUNG DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE
von Richard L. Armitage

USA-GUS

BEGRÜNDUNG DER HILFE FÜR DIE GUS
Anhörung vor Senatsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�DATENAUTOBAHN
1. März 1995

Globales Informationssystem erfordert
weltweite Zusammenarbeit
Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen
BRÜSSEL - (AD) - Die Schaffung einer globalen Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure GM) erfordert Vizepräsident AI Gore zufolge die Mitwirkung von Regierungen und Privatwirtschaft.
"Die GM wird nicht an einem Ort zu einem Zeitpunkt von nur einer Gruppe geschaffen", äußerte er am 25.
Februar 1995 beim G-7-Treffen in Brüssel. "Sie wird das Produkt weltweiter Zusammenarbeit zwischen
Regierungen, Industrie und Bürgern sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Vizepräsidenten.

Mein Freund James Burke, der Historiker, erzählt
eine fesselnde Geschichte über die letzte Informationsrevolution und die daraus resultierenden Veränderungen.

billigere Vorgehensweise bei der Kopie von Büchern,
anstatt sich eines Schreibers zu bedienen, der für
eine Abschrift mehr verlangte, als bei einer Druckpresse tausend Exemplare kosten würden.

Vor über 500 Jahren suchte nicht weit von hier

Das Ergebnis: Nicht nur Bücher, sondern Aufklärung;

entfernt - in Deutschland - ein Goldschmied, dem ein

die wissenschaftliche Revolution, das Zeitalter der

gewinnträchtiges Geschäft entgangen war, weil er
ein wichtiges Datum verwechselt hatte, nach einer
Möglichkeit, seine Geschäftspartner zu beschwichtigen. Er beschloß, seine Fähigkeiten als Goldschmied zu nutzen, um eine bewegliche Drucktype
herzustellen und diese für seine neue Druckpresse
zu verwenden, mit der er das Buch drucken wollte,
das sich zweifellos verkaufen würde - die Bibel.

Aufklärung. Und das Symbol der politischen Revolution war das Dokument, auf das ich etwa 200 Jahre
nach seinem Entwurf vereidigt wurde - die Verfassung der Vereinigten Staaten.
All das geht letztlich auf einen Goldschmied zurück.
Was können wir aus dem spektakulären Erfolg
Gutenbergs lernen? Ich möchte zweierlei anführen.

In diesem Fall die Gutenberg-Bibel.
Erfindungen entspringen nur selten vollkommen
entwickelt und ohne etwas zuvor Dagewesenes dem
Gehirn. Und Gutenbergs Erfindung ist keine Ausnahme.

Erstens ist unsere Einstellung zur Zukunft und unsere
Fähigkeit zur Nutzung und Weiterentwicklung einer
neuen Idee immer durch die jeweiligen Umstände
eingeschränkt. Gutenberg hatte eine großartige Idee.
Es ist sein Verdienst, unsere Kultur revolutioniert zu
haben, weil er seine neue Idee zu einem Zeitpunkt
nutzte, an dem die Gegebenheiten für eine schnelle
Ausbreitung der Drucktechnik günstig waren.

Die bewegliche Metalltype war bereits 200 Jahre
zuvor in Korea erfunden worden. Aufgrund bestimmter Gegebenheiten wurde diese erste bewegliche Type jedoch nicht verbreitet. Der Konfuzianismus verbot die Vermarktung von Büchern, und
die königliche Presse Koreas druckte lediglich
klassische chinesische Literatur, nicht die populärere
koreanische Literatur.

Zweitens ist es unglaublich schwierig, Wandel zu
handhaben, zu leiten und zu prognostizieren - oder,
wie der Physiker Neils Bohr einst erklärte: "Es ist
sehr schwierig, Voraussagen zu machen, insbesondere wenn man über die Zukunft spricht."

Zu Gutenbergs Zeiten waren die Bedingungen
besser: Besseres Papier, bessere Metalle und
Sehhilfen. Und die Europäer waren bereit für eine

Wir sind hier zusammengekommen, um den Weg in
die Zukunft zu planen - zu einer Zeit, in der Prognosen schwieriger als je zuvor sind, aber auch zu einer

AMERIKA DIENST 08

Seite 1

�Zeit, in der unser Umfeld eindeutig einer schnellen
Ausbreitung neuer Fähigkeiten förderlich ist, Informationen zu verarbeiten und weiterzuleiten, die der
ganzen Menschheit zugute kommen. Dieser Weg
führt uns von unserer gemeinsamen Vision zu einer
neuen Realität. Ebenso wie die Menschen früher
von Dampfschiffen, Eisenbahnen und Autobahnen
träumten, träumen wir jetzt von einer globalen
Informationsinfrastruktur, die zu einer globalen
Informationsgesellschaft führen kann.
Unser heutiger Traum dreht sich jedoch nicht nur um
Technologie. Technologie ist ein Mittel zum Zweck.
Wir träumen von Kommunikation - der grundlegendsten menschlichen Strategie, derer wir uns bedienen, um unsere Kinder zu erziehen, zu heilen, mehr
Befugnisse zu erhalten und zu befreien.
In ihrer elementarsten Form ist Kommunikation der
Transfer von Informationen von einem Menschen zu
einem anderen.
Information wiederum ist der
Grundstoff des Wissens, und Wissen reift bisweilen wenn wir Glück haben - zu Klugheit. Und natürlich
ist es inzwischen eine Binsenwahrheit, daß die jetzt
im Anfangsstadium befindliche Informationsrevolution
letztlich unsere Vorstellungen von Kommunikation
und Information gleichermaßen verändern wird.
Die von Gutenberg herbeigeführten Veränderungen
sind unser gemeinsames Erbe. Die Veränderungen,
über die wir hier sprechen, werden unser gemeinsames Vermächtnis. Heute möchte ich einige der
Prinzipien darlegen, die nach Ansicht der ClintonAdministration bestimmen sollten, welches Vermächtnis wir hinterlassen.
Im vergangenen Jahr nahm ich in Buenos Aires an
der ersten Weltkonferenz über die Entwicklung des
Telekommunikationswesens teil, bei der ich die
amerikanische Vision einer globalen Informationsinfrastruktur darlegte, die stabilen und tragfähigen
wirtschaftlichen Fortschritt fördern, Demokratie
unterstützen, bessere Lösungen für weltweite
Umweltprobleme bieten, Gesundheitsfürsorge
verbessern und letztlich ein geschärftes Bewußtsein
unserer gemeinsamen Verantwortung für unseren
kleinen Planeten schaffen wird.
Bei der Konferenz in Buenos Aires wurden eine
Reihe grundlegender Prinzipien angenommen, die
unseres Erachtens die Bausteine der Gll sind:
Privatinvestitionen
Wettbewerb

universelle Dienstleistungen
flexible Bestimmungen.
Diese Grundsätze standen im Mittelpunkt der Diskussionen über die Gll in bilateralen, multilateralen
und regionalen Foren - zuletzt beim APEC-Treffen
vergangene Woche in Vancouver, aber auch im
vergangenen Dezember beim gesamtamerikanischen
Gipfel in Miami sowie in den Regierungsvereinbarungen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland
sowie der Ukraine.
Sie werden auch den Schwerpunkt dieses Treffens
hier in Brüssel bilden, das auf Initiative Präsident
Clintons zurückgeht und dankenswerterweise von der
Europäischen Union unter der Leitung von Kommissionspräsident Santer und dem ehemaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors veranstaltet wird.
Erstmals nehmen mehr als 40 Vertreter des Privatsektors offiziell an einer derartigen Konferenz teil.
Sie und Hunderte von inoffiziellen Teilnehmern
demonstrieren bei dieser Konferenz eine beeindruckende Palette von Anwendungsmöglichkeiten, die
der Welt signalisieren, daß sich die G-7-Staaten zur
Übernahme einer Führungsrolle bei der Entwicklung
der Gll verpflichten, indem sie in Wort und Tat ein
Beispiel geben.
Die Tatsache, daß diese Konferenz überhaupt
stattfindet, steht im Einklang mit dem Ratschlag, den
Träumer vor langer Zeit von Mahatma Gandhi erhielten: "Ihr müßt selbst zu dem Wandel werden, den Ihr
in der Welt sehen möchtet."
Zudem sind aggressive Fortschritte bei einer Gll die
beste Möglichkeit zum Umgang mit den Anliegen, die
letztes Jahr beim Detroiter Gipfel der G-7 über die
Schaffung von Arbeitsplätzen hervorgehoben wurden.
Bei dieser Konferenz beschäftigten wir uns mit dem
Hauptdilemma, dem sich jede Regierung gegenübersieht: Wie können wir sicherstellen, daß unsere
Volkswirtschaften genug Arbeitsplätze bereitstellen?
Die erste Arbeitsplatzstudie der OECD legte den
Zusammenhang zwischen Arbeitsplätzen und unserer
heutigen Arbeit dar. Die Nationen, die am besten
zum Einsatz der neuen Technologien für eine auf
Wissen basierende Wirtschaft geeignet sind, konnten
auch die meisten Arbeitsplätze schaffen.
Die Gll wird nicht an einem Ort zu einem Zeitpunkt
von einer Gruppe geschaffen. Sie wird das Produkt
weltweiter Zusammenarbeit zwischen Regierungen,
Industrie und Bürgern sein.

offener Zugang

Seite 2

AMERIKA DIENST 08

�Aber wie können Staaten mit stark unterschiedlichen
Bedürfnissen, Kulturen und Technologien zusammenarbeiten?
Erstens indem sie erkennen, daß die Früchte unserer Zusammenarbeit offener Marktzugang für alle
Anbieterund Nutzer kreativer Inhalte sowie Informationsprodukte, -gerate und -dienstleistungen sein
sollten.
In der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts gibt es für
die Konkurrenten keinen Ersatz dafür, auf den Markt
zu gehen und unseren Nutzern die größtmögliche
Vielfalt von Produkten, Informationen und Dienstleistungen zu niedrigen Preisen anzubieten.
Zweitens setzt die Schaffung einer GH harten Wettbewerb voraus. Und diesen kann man nicht erzielen, indem man Konkurrenten ausschließt, sei es im
In- oder im Ausland.
Lebhafter Wettbewerb - das heißt, globaler Wettbewerb - führt zur Schaffung von Arbeitsplätzen.

Wir wollen diesen Termin für den gemeinsamen
Abbau unserer Investitionshemmnisse einhalten.
Zweitens wollen wir wirksame Rechte zum Schutz
von geistigem Eigentum für die Gll formulieren und
umsetzen. Wenn die Anbieter der Inhalte nicht
geschützt sind, wird es keine Inhalte geben, um die
Netze zu füllen und den Dienstleistungen Wert zu
verleihen.
Drittens sollten alle Parteien an der Entwicklung von
freiwilligen Konsensnormen für den Privatsektor durch
bereits bestehende internationale Organisationen wie
die internationale Fernmeldeunion, die internationale
Normenorganisation und die Internetgesellschaft
mitarbeiten. Die Schaffung wirklich globaler Netze
wird ein hohes Maß an Verbindungen untereinander
und an Interoperabilität erfordern.
Die Regierungen sind nicht die besten Richter in
Sachen Technologie, und staatliche Intervention birgt
das Risiko der Verabschiedung von Normen, die
letztlich entweder schlechter oder ungeeignet für die
Nachfrage des Marktes sind.

Aus diesem Grund möchte ich im Namen von Präsident Clinton die Botschaft dieser Konferenz deutlich
formulieren:
Wir unterstützen Wettbewerb auf
offenen Märkten, der jedem Unternehmen gestattet,
jedem Kunden jede Dienstleistung anzubieten.

In unserer Vision einer Informationsgesellschaft ist
die wertvollste Ressource - Information - gleichzeitig
auch die am häufigsten vorhandene.

Welche konkreten Maßnahmen müssen wir zur
Erreichung dieses Ziels ergreifen?

Ich hege die Hoffnung, daß ein offener Gedankenaustausch zu allen möglichen Themen und der beste
Zugang aller Bürger zu unterschiedlichen Kommunikationsmitteln Kreativität stimulieren wird.

Erstens müssen wir gemeinsam unsere Hindernisse
für ausländische Investitionen abschaffen. Über 60
Jahre lang haben die Vereinigten Staaten bei
bestimmten Dienstleistungen im Telekommunikationsbereich Beschränkungen für ausländische
Investitionen aufrechterhalten. In dieser Hinsicht
werden wir in diesem Jahr viel verändern. Wir
wollen entweder durch ein neues Gesetz oder durch
neue Vorschriften denjenigen Unternehmen aller
Länder die Tür für Investitionen in amerikanische
Telekommunikationsdienstleistungen öffnen, die ihre
eigenen Märkte geöffnet haben.
Wir sind uns jedoch auch bewußt, daß die Informationsgesellschaft mehr als nur einen stückweisen
Ansatz erfordert. Die hier vertretenen sowie andere
Regierungen haben eine historische Chance zur
Öffnung von Telekommunikationsmärkten weltweit
bei den Verhandlungen im Rahmen des allgemeinen
Abkommens über den Handel mit Dienstleistungen.
Diese Verhandlungen müssen bis April 1996 abgeschlossen sein.

AMERIKA DIENST 08

Bei globaler Kommunikation handelt es sich nicht um
Konformität. Einige fürchten, daß wir unsere Eigenheiten verlieren, wenn wir die Distanz zwischen uns
und anderen verlieren. Aber bei Kommunikation geht
es um die Überbrückung von Unterschieden zwischen
Nationen und Menschen, nicht deren Ausmerzung.
Tatsache ist, daß auf Fehleinschätzungen gegründete
staatliche Maßnahmen, die Veränderungen zu
blockieren oder den Status quo zu bewahren versuchen, selbst Arbeitsplätze vernichtet haben.
Dieses Mal haben wir die Chance, es richtig zu
machen. Wir können Märkte öffnen und Arbeitsplatzchancen schaffen. Wir nutzen Bildung und Ausbildung, damit mehr Arbeitnehmer sich an den neuen
Arbeitsplatz anpassen können.
Die befreiende Wirkung dieser neuen Technologien
ist auf der ganzen Welt offenkundig. Satellitenstationen übermittelten den Helfern in Ruanda
medizinischen Rat. Radio- und Fernsehsendungen
haben in Südafrika die Rolle der Wahl in einer
Demokratie unterstrichen. Funktechnologien gestatten es aufstrebenden Nationen, das teure Stadium

Seite 3

�der Verkabelung eines Kommunikationsnetzes zu
überspringen - beispielsweise in Thailand, wo es
doppelt so viele Funktelefone gibt wie in den Vereinigten Staaten.

beschleunigen. Privatinvestitionen in unterschiedliche
Technologien bedeuten neue Kapitalquellen und
Fachwissen für reiche und arme Nationen gleichermaßen.

Die Auswirkungen sind auch im Bildungswesen
sichtbar. Eines der größten Handikaps für Lernwillige war die Distanz. Die Library of Congress in
Washington ist ein wunderbarer Ort. Wir müssen
jedoch sicherstellen, daß sie auch einem Schulmädchen aus meiner Heimatstadt Carthage in Tennessee, 900 Kilometer entfernt, zugänglich gemacht
wird. Dank Fernkursen können bereits viele Bürger
geographische Schwierigkeiten überwinden.

Computernetze haben völlig neue, rasch wachsende
Märkte geschaffen. Diese Netze helfen kleinen und
mittelständischen Unternehmen in armen und reichen
Ländern, effektivere Wettbewerber auf Weltmärkten
zu werden.

In Japan sind über 100 Institutionen durch Computer
und Satelliten miteinander verbunden und ungefähr
150.000 Studenten eingeschrieben.
In Indien gibt es fünf offene Universitäten und über
35 Fernkurse an herkömmlichen Universitäten.
Und in Kanada bietet das Knowledge Network
Studienkurse für Erwachsene an, die auf Inseln in
British Columbia leben.
In Frankreich sind die vor kurzem entdeckten Höhlenmalereien in der Ardeche, die im wirklichen Leben
kaum zu erreichen sind, Wissenschaftlern, Dozenten
und vor allem Kindern über Internet zugänglich.
Die Clinton-Administration hat sich dem Ziel verpflichtet, bis zum Ende dieses Jahrzehnts jedes
Klassenzimmer, jede Bibliothek, jedes Krankenhaus
und jede Klinik mit der nationalen und globalen
Informationsinfrastruktur zu verbinden.
Wir müssen unseren Lehrern und Schülern dieselbe
Kommunikationstechnologie bieten, die Expedienten,
Konstrukteure und Regierungsbeamte jeden Tag
nutzen.
Die Informationstechnologie ist ein entscheidendes
Element der Wirtschaftspolitik. Aber es gibt große
Hindernisse.
Wie können wir die harte Arbeit angehen, die vor
uns liegenden Hindernisse in Chancen umzuwandeln?
Erstens indem wir uns auf diejenigen konzentrieren,
die die Nachfrage nach Informationsprodukten und dienstleistungen bestimmen: Die Nutzer.
Die Nachfrage der Nutzer wird den Markt definieren.

In den Vereinigten Staaten haben unsere Auktionen
über Frequenzbereiche die Lizenzvergabe für persönliche Kommunikationsdienstleistungen beschleunigt
und führen zur Schaffung von Hunderttausenden
Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren - ein Anzeichen, daß Kommunikation eine Quelle für wirtschaftliche Veränderungen und Wachstum ist, nicht nur eine
Folge davon.
Es geht um den Schutz und die Erweiterung der
Meinungsfreiheit für alle unsere Bürger und darum,
dem einzelnen die Macht zur Erstellung der erforderlichen und gewünschten Informationen aus dem
reichhaltigen Fluß von Daten zu geben, mit denen er
jeden Augenblick konfrontiert wird.
Kommunikation ist der Anfang von Gemeinschaft.
Sei es durch Sprache, Kunst, Gebräuche oder
politische Philosophie - Menschen und Nationen
identifizieren sich durch die Kommunikation von
Erfahrungen und Werten. Ein globales Informationsnetz wird neue Gemeinschaften hervorbringen und
bestehende stärken, indem es die Art und Weise
bereichert, in der wir kommunizieren und kommunizieren können.
Ideen sollten nicht an Grenzen kontrolliert werden.
Wir können viel voneinander lernen und sollten
Praktiken und Maßnahmen anstreben, die die größte
Vielfalt von Meinungen einbeziehen, nicht ausschließen. Wir alle profitieren vom Austausch kultureller
Sichtweisen und Erfahrungen, der stattfindet, wenn
aufgeschlossene Menschen zusammentreffen.
Gleichzeitig wünschen die Nutzer der Gll den Schutz
ihrer Privatsphäre und werden diesen fordern. Wenn
man Amerikaner über die Informationstechnologie
befragt, ist dies ihre größte Sorge. Wir müssen
persönliche Daten und Kommunikation schützen.
Regierungen und
arbeiten, um neue
neue Maßnahmen
chen Schutz und
bieten.

Industrien müssen zusammenTechnologien, neue Normen und
zu entwickeln, die den erforderlidie Sicherheit der Privatsphäre

Wettbewerb zugunsten der Nutzer wird Innovation
und kostengünstige Installation neuer Technologien

Seite 4

AMERIKA DIENST 08

�Um die Privatsphäre und Finanztransaktionen zu
schützen und das Recht auf geistiges Eigentum
durchzusetzen, muß die GM sicher und zuverlässig
sein. Die OECD sollte weiterhin eine Führungsrolle
im Bereich der Computersicherheit übernehmen.
Glücklicherweise bieten uns die Technologie und
menschliche Erfindungsgabe neue Chancen zur
Erweiterung unserer Kommunikationsfähigkeiten.
Nehmen sie zum Beispiel nichtgeostationäre Satelliten. Sie bergen ein enormes Potential, insbesondere für weit entfernt liegende oder dünn besiedelte
Regionen und für Gesellschaften, die Vorteile der
Technologie des 21. Jahrhunderts zu nutzen, noch
bevor die Installation teurer landgestützter Netze
beendet ist. Diese modernen Technologien können
alles von Telefonanrufen bis zu medizinischen
Ferndiagnosen bereitstellen. Ebenso wie Internet
haben sie das Potential, Millionen von Menschen an
unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen
Situationen miteinander zu verknüpfen - und dies auf
wirtschaftliche Weise.
Jedes dieser Satellitensysteme auf niederen Umlaufbahnen - und darüber hinaus das mit dem Inmarsat-P-Konsortium verbundene System auf der mittleren Umlaufbahn - ist multinational, und jedes
Satellitenkonsortium begrüßt und strebt die Beteiligung von Industrie- und Entwicklungsländern an.
Natürlich behält jedes Land die Entscheidungsbefugnis bezüglich des Satellitensystems. Aber Länder,
die Lizenzen an diese internationalen Satellitenkonsortien vergeben, tragen dazu bei, daß ihre Unternehmen in der Weltwirtschaft wettbewerbsfähiger
werden und ihren Bürgern profitable Satellitendienstleistungen bieten können.
Der Zweck unserer Zusammenkunft ist die Förderung unseres gemeinsamen Ziels einer globalen
Informationsinfrastruktur, die allen Ländern die
Vorteile einer globalen Informationsgesellschaft
verschafft.
Unsere heutige Herausforderung besteht in der
Schaffung der wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen und sozialen Bedingungen, die das Fundament für die Gll legen werden.

*

AMERIKA DIENST 08

Während wir über unsere gemeinsamen Grenzen und
Ozeane hinweg auf den Aufbau einer Gll hinarbeiten,
dürfen wir nicht nur an die heutigen Diskussionen
über Funkverbindungen und Satelliten denken. Wir
müssen unsere Arbeit in den Dienst einer globalen
Vision stellen, die in jeder Gemeinde und in jedem
Dorf der Welt realisiert werden kann.
Ich habe zu Beginn meiner Ausführungen über
Gutenberg gesprochen, dessen Entdeckungsreise
das Leben aller Menschen auf diesem Planeten
beeinflußt hat.
Es war keine leichte Reise. Es gab Skeptiker und
Feinde. Als sein Finanzier mit zwölf Bibeln nach
Paris kam, brachten ihn die Buchhändler vor Gericht
mit dem Argument, so viele identische Bücher
könnten nur das Werk des Teufels sein.
Sein Werk war eine Herausforderung an die Gesellschaft, sich dem Wandel zu stellen.
Und diese Gesellschaft lernte eine Lektion, die wir
nicht ignorieren können: Wir haben nicht die Wahl,
die Zukunft zu verzögern oder sie zu leugnen - wir
müssen uns auf sie vorbereiten.
Es gibt keinen besseren Weg der Vorbereitung auf
die Zukunft, als das Beste aus der Gegenwart zu
machen.
Aus diesem Grund sind gemeinsame Visionen so
unerläßlich. Wir haben jetzt die große Chance, die
Welt in einem neuen Licht zu sehen und ihre Funktionsweise sowie die Art und Weise zu überdenken,
in der wir in dieser Welt funktionieren sollten.
Ich habe heute die konkreten Schritte dargelegt, die
wir ergreifen müssen, um uns auf diese neue Entdekkungsreise zu begeben. Ausgestattet mit der beweglichen Drucktype des nächsten Jahrtausends
können wir mit dem Reichtum des Wissens und der
Kreativität des Menschen beladene Karawanen auf
Pfade des Lichts entsenden, die in jedes Dorf und zu
jedem Heim führen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis dieser Vision und sehe unserer gemeinsamen Reise erwartungsvoll entgegen.

* * *

*

Seite 5

�SICHERHEITSARCHITEKTUR
1. März 1995

Gestaltung einer neuen europäischen
Sicherheitsarchitektur
von Richard C. Holbrooke
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Abteilungsleiters für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard C. Holbrooke, einem der Hauptverantwortlichen in der
Clinton-Administration für die Gestaltung einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur.

Eine der höchsten Prioritäten der Clinton-Administration ist die Schaffung einer neuen europäischen
Sicherheitsarchitektur zur Errichtung lebensfähiger
Strukturen umfassender europäischer Zusammenarbeit im Bereich der Sicherheitspolitik in den
kommenden Jahren.
Hierbei handelt es sich um multilaterale Bestrebungen aller europäischen Länder, der Vereinigten
Staaten und Kanadas. Außenminister Christopher
erklärte, diese neuen Strukturen hätten einbeziehend
und kooperativ zu sein und Rußland müsse darin
eine wichtige Rolle spielen.
Die neue europäische Sicherheitsarchitektur ist
sowohl für die Definition der Rolle Amerikas in einem
neuen Europa als auch für die Schaffung dauerhaften Friedens auf dem gesamten Kontinent von
essentieller Bedeutung.
Grundlage hierfür sind zwei von den Vereinigten
Staaten Anfang Dezember ins Leben gerufene
Initiativen. Ministertreffen des Nordatlantikrats sowie
des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) in
Brüssel und der Budapester Gipfel der Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(OSZE) setzten den Prozeß zur Förderung dieses
Konzepts in Gang.
In Brüssel einigten sich die Außenminister des
Bündnisses auf einen allmählichen, transparenten
Erweiterungsprozeß der NATO, auf eine Stärkung
des NATO-Programms Partnerschaft für den Frieden
zur Einbeziehung von europäischen Nichtmitgliedern
- viele davon aus dem ehemaligen Warschauer Pakt
• sowie auf die Entwicklung stärkerer Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden. In Budapest wurden
Schritte zur Förderung der Rolle der OSZE bei

AMERIKA DIENST 08

Sicherheit und Konfliktbewältigung in Europa eingeleitet.
Die Vereinigten Staaten vertreten nicht die Ansicht,
das Bündnis könne oder solle die universelle Sicherheitsstruktur in Europa sein. Vielmehr sind wir
der Meinung, die NATO und die Europäische Union
sollten unsere gemeinsamen demokratischen Werte
durch kooperative Programme und letztlich eine
Erweiterung nach Osten projizieren, während die
OSZE sich für die Einrichtung eines umfassenderen,
alle einbeziehenden Forums für Konsultationen und

Aktionen bei Angelegenheiten einsetzt, die nicht in
den Zuständigkeitsbereich der NATO und der EU
fallen.
Besondere Betonung muß auf Konfliktverhütung und
Krisenmanagement gelegt werden, und die OSZE
kann in dieser Hinsicht als Konsultationsrahmen
dienen. Da die NATO weiterhin die Grundlage der
Sicherheit aller EU-Mitgliedstaaten ist, sollten ihre
Erweiterung sowie die der EU sich gegenseitig
stützen.
Während der ersten Jahreshälfte werden die Regierungen der NATO-Mitgliedstaaten prüfen, wie das
Bündnis erweitert werden kann, welche Grundsätze
diesen Prozeß leiten und welche Konsequenzen eine
erweiterte Mitgliedschaft haben wird.
In der zweiten Hälfte dieses Jahres wird die NATO
erste Konsultationen und Verhandlungen mit interessierten Partnern beginnen. Dieser Prozeß beinhaltet wahrscheinlich auch die Darlegung der Grundsätze einer NATO-Erweiterung, das "Wie" der Erweiterung sowie die Auswirkungen der Mitgliedschaft auf
mögliche neue Mitglieder.
Stabilität in Europa ist ein entscheidendes Ziel der
erweiterten NATO. Die Erweiterung richtet sich

Seite 1

�gegen niemanden und soll vor allem keine neuen
Trennlinien in Europa schaffen.

samer Übungen mit Partnernationen zu Wasser und
zu Land erhöhen.

Beim NATO-Ministertreffen im Dezember schlug
Außenminister Christopher mehrere grundlegende
Prinzipien für eine Erweiterung vor. Es wird sich um
einen allmählichen, durchdachten und transparenten
Prozeß handeln. Es sollen umfassende Konsultationen mit allen interessierten Parteien geführt werden,
und es wird "keine Überraschungen" geben, wie der
Außenminister es formulierte. Eine verfrühte Diskussion über den Zeitrahmen der Mitgliedschaft für
bestimmte Länder soll vermieden werden. Dieses
Jahr wird das "Wie" und "Warum" der Erweiterung,
nicht das "Wer" oder "Wann" den Schwerpunkt
bilden.

Die NATO-Minister haben bekräftigt, daß eine kooperative europäische Sicherheitsarchitektur die aktive
Partnerschaft mit Rußland erfordert und eine umfassende Tagesordnung für die Beziehungen der
NATO zu Rußland innerhalb und außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden unterstützt. Sie wird
ein wichtiges Element unseres breitgefächerten
Ansatzes zur europäischen Sicherheit darstellen, und
während die NATO ihre erweiterte Rolle in Europa
definiert, ist es unerläßlich, eine parallele Schiene
des Dialogs mit Rußland zu verfolgen.

Obwohl es für die Mitgliedschaft keine starren
Kriterien gibt, sind einige wesentliche Erfordernisse
im Washingtoner Vertrag über die Gründung der
NATO enthalten. Neue Mitglieder müssen alle mit
einer Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und
Pflichten übernehmen und sich nach bestimmten
grundlegenden Geboten richten, darunter Demokratie, Freiheit des einzelnen und Rechtsstaatlichkeit.
Ferner müssen sie in der Lage sein, die im Nordatlantikvertrag enthaltenen Prinzipien zu fördern und
einen Beitrag zur Sicherheit im nordatlantischen
Raum zu leisten.
Die an der NATO-Mitgliedschaft interessierten
Nationen werden einzeln und Land für Land in
Erwägung gezogen. Einige Länder werden der
NATO eher als andere beitreten, und kein Nichtmitgliedstaat der NATO wird ein Vetorecht bezüglich
der künftigen Mitgliedschaft eines anderen Landes
im Bündnis haben.
Die Entscheidung, die NATO-Erweiterung voranzutreiben, schmälert nicht die Bedeutung der Partnerschaft für den Frieden. In der Tat wird die Partnerschaft für den Frieden eine noch wichtigere Rolle als
Rahmen für die Entwicklung der Beziehungen der
NATO zu den neuen Demokratien im Osten übernehmen.
Für einige dieser neuen Partner wird die Partnerschaft der beste Weg zu einer möglichen NATOMitgliedschaft sein. Für andere wird sie den konkreten Beweis liefern, daß die NATO um ihre Sicherheit besorgt ist und die wesentlichen Mittel für
eine dauerhafte Kooperation mit der NATO und
anderen Partnern in Bereichen wie Friedenssicherung und humanitäre Hilfe bietet. Aus diesem Grund
hat sich die NATO zur Beschleunigung der Umsetzung individueller Partnerschaftsprogramme verpflichtet und wird in diesem Jahr die Anzahl gemein-

Seite 2

Diese neue Sicherheitsstruktur muß einbeziehend
und kooperativ sein, und Rußland wird eine wichtige
Rolle spielen.
Die beim Budapester-Gipfeltreffen getroffenen Entscheidungen stärken die OSZE und definieren eine
erweiterte Rolle der OSZE bei der europäischen
Sicherheit. Die in Budapest verabschiedeten Maßnahmen ergänzen die Bestrebungen innerhalb der
NATO zu kooperativen, integrierten Sicherheitsstrukturen für Europa und bieten der OSZE mehr
Fähigkeiten und Ressourcen.
Die beim Budapester Gipfel anwesenden Staats- und
Regierungschefs gaben eine politische Verpflichtung
ab, die OSZE zum Hauptinstrument in durch ihre
Missionen abgedeckten Bereichen zu machen. Die
OSZE in eine stabilere Organisation umzustrukturieren, die bedeutende Schritte bei der regionalen
Konfliktverhütung unternehmen kann, trägt zur
Konsolidierung unseres Ansatzes zu einer neuen, alle
einbeziehenden europäischen Sicherheitsarchitektur
bei. Die gestärkte OSZE wird allen Staaten in der
euroatlantischen Gemeinschaft ein Forum bieten, von
dem sie die ernsthafte Beschäftigung mit ihren
Sicherheitsbelangen erwarten können.
Diese Entscheidungen machen die OSZE weder zu
einem Ersatz für die NATO noch zu einem Instrument, Kriege wie den in Bosnien zu beenden. Sie
soll vielmehr Eskalationen am unteren Ende der
Skala effizient bewältigen und verhindern - oder wie
Präsident Clinton es formulierte, ein weiteres Bosnien
verhindern.
Die OSZE wird ein alle einbeziehendes Diskussionsforum für europäische Sicherheitsbelage sein, bei
dem alle Staaten das gleiche Mitspracherecht haben.
Sie wird sich weiterhin auf Menschenrechte und
Konfliktverhütung konzentrieren, ist aber jetzt auch
zur Erfüllung neuer Aufgaben in der Lage. Einigung
über die Bereitstellung von friedenssichernden
Streitkräften erzielt die OSZE auf dem Weg zu einer

AMERIKA DIENST 08

�bedeutsameren Sicherheitsorganisation mit größerer
Verantwortung, die ohne Rücksicht auf die alten
Trennlinien des Kalten Krieges operiert.
Der Ständige Rat der OSZE in Wien ist jetzt zum
Hauptgremium für politische Konsultationen und
Entscheidungsfindung geworden, obwohl die Außenminister der OSZE weiterhin jedes Jahr, und die
politischen Direktoren zweimal im Jahr zur Erarbeitung von politischen Richtlinien zusammenkommen
werden. Beim Budapester Gipfel wurde auch die
Entscheidung zu verstärkter Unterstützung des
Hochkommissars der Organisation für nationale
Minderheiten, Missionen präventiver Diplomatie
sowie des Büros für demokratische Institutionen und
Menschenrechte getroffen.
Die am Gipfeltreffen teilnehmenden Staats- und
Regierungschefs stimmten einem russischen Vorschlag zur Erörterung eines umfassenden europäischen Sicherheitsmodells für das 21. Jahrhundert zu
und räumten den Nichtmitgliedstaaten der NATO die
Möglichkeit zur Unterbreitung ihrer Gedanken über

*

AMERIKA DIENST 08

*

die Gestaltung einer zukünftigen europäischen
Struktur ein. Diese Entscheidung wird jedoch nicht
das Recht aller Staaten beeinträchtigen, ihre Sicherheitsarrangements einschließlich von Bündnisverträgen frei zu wählen oder zu ändern.
Beim Budapester Gipfel stellten die Vereinigten
Staaten die Einigung auf die Erarbeitung eines
umfassenden Rahmens für die Zukunft der konventionellen Stabilität, Rüstungskontrolle und Vertrauensbildung sowie einheitlicher Prinzipien sicher,
die Normen für die europäischen Ziele bei der
Nichtverbreitung setzen.
Es muß noch viel getan werden, um die Budapester
Entscheidungen in die Praxis umzusetzen, und die
Vereinigten Staaten werden einer besseren Definition
der Rolle der OSZE in der sich entwickelnden euroatlantischen Sicherheitsarchitektur, der Stärkung der
Konsultationsprozesse und politischen Mechanismen
der OSZE sowie der Förderung der generellen
Fähigkeiten der OSZE im Bereich Frühwarnung und
Konfliktverhütung höchste Priorität einräumen.

*

*

Seite 3

�USA-UNO
1. März 1995

Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle
von Richard L. Armitage
Aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestehens der Vereinten Nationen verweist der Autor darauf, daß die
Organisation "zur Erleichterung kollektiver Aktion gegründet wurde, nicht als alternative Supermacht". Die
Vereinigten Staaten sollten auf die Wiederherstellung dieser Vision hinarbeiten, die durch den Kalten Krieg
stark verzerrt wurde.
Richard L. Armitage war von 1983 bis 1989 Abteilungsleiter für internationale Sicherheitsbelange im USVerteidigungsministerium und bis Mai 1993 in einer Vielzahl friedensstiftender Missionen tätig. Er ist Präsident
von Armitage Associates, einer internationalen Beraterfirma in Arlington (Virginia).
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in The World &amp; I vom Juni 1994. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I, einer Publikation von The Washington Times
Corporation. Copyright (c) 1994.

Die Vereinten Nationen sind eine Organisation von
Mitgliedern. Sie sind weder eine zentralistische
Weltregierung noch ein unabhängiger Staat. Die
Mitgliedschaft steht den Staaten offen, die "fähig und
willens" zur Übernahme der in der UN-Charta
niedergelegten Pflichten sind.
Während die Vereinten Nationen sich ihrem 50jährigen Bestehen nähern, sollten sich ihre Befürworter
und Gegner in den Vereinigten Staaten gleichermaßen darauf konzentrieren, was die Organisation ist
und was nicht. Was Förderer und Kritiker sehen, ist
das Bild einer Organisation, die völlig im Widerspruch zu ihrer Charta und Geschichte steht.
Befürworter und Gegner sind gleichermaßen an den
Punkt gelangt, die Vereinten Nationen nicht als
Organisation von Mitgliedern, sondern als autonome,
souveräne Institution - einen Superstaat - anzusehen, der von einem Generalsekretär geleitet wird,
der einem Topmanager der Welt gleichkommt.
Es ist eben diese verzerrte, uniformierte Sichtweise
der Vereinten Nationen, die eine Bestandsaufnahme
der Administration und die Debatte im Kongreß so
steril und irrelevant macht. Obwohl die meisten
Mitglieder die Vereinten Nationen als praktisches
Forum ansehen, ihre nationale Tagesordnung
durchzusetzen, reagieren die Amerikaner auf das
internationale Gremium, als ob es ein über das
seiner Mitglieder hinausgehendes eigenes Leben
und eine eigene Tagesordnung hätte.

AMERIKA DIENST 08

Präsident Clinton klagt, daß "die Vereinten Nationen
Nein sagen lernen müssen", als sei das wichtigste
Mitglied des Sicherheitsrats nur ein entfernter,
desinteressierter Zuschauer. Entsprechend sehen
einige Kongreßabgordnete, die von Verfechtern des
Dogmas "die Vereinigten Staaten sollten die Vereinten Nationen verlassen" der fünfziger und sechziger Jahre geschult wurden, den Generalsekretär als
ausländischen Potentaten und ihr eigenes Land als
erbärmliches, hilfloses Opfer.
Tatsache ist, daß die Bestandsaufnahme der Vereinten Nationen durch die Öffentlichkeit in den
Vereinigten Staaten von Extremisten und Reaktionären dominiert wird.
Am einen Ende des Spektrums sind Beamte, die ausgehend von ihren eigenen persönlichen Schwierigkeiten mit dem Vietnamkrieg vor 25 Jahren - die
Vereinigten Staaten als unmoralische Supermacht zu
sehen begannen, deren Hegemoniestreben am
besten durch Multilateralismus gemäßigt werden
könnte, der unwürdige nationalistische Impulse einem
objektiven internationalen Gremium unterstellt: den
Vereinten Nationen. In dem Maße, in dem die
Clinton-Administration zu einer Weltsicht gelangte,
war es das.
Am anderen Ende des Spektrums sind die reaktionären Unilateralisten, deren Überzeugungen - ob sie es
wissen oder nicht - in Isolationismus gründen. Auch
sie sehen die Vereinten Nationen als ausländisches

Seite 1

�Gremium, aber als einen schlechten Ort, an dem die
Vereinigten Staaten schmeicheln und überzeugen
müssen, statt das zu tun, was sie wollen, und wann
sie es wollen.
Für Anhänger dieser Denkschule waren die von
George Bush und Jim Baker als Reaktion auf die
Annexion Kuwaits durch den Irak übernommene
gekonnte Führungsrolle und geduldige Koalitionsbildung innerhalb der Vereinten Nationen dumme
Zeitverschwendung. Aus ihrer Perspektive geht es
den Vereinigten Staaten am besten, wenn sie im
Alleingang handeln - eine Sichtweise, die nicht von
der Geschichte untermauert wird und unzutreffend
ist im Hinblick auf die heute bestehende Welt.
Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine
Sichtweise der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der UN, die Amerika kühn a)
als eine Kraft des Guten in der Welt und b) die
Vereinten Nationen als Plattform für die amerikanische Führungsrolle und Projektor amerikanischer
Werte und des Einflusses auf der ganzen Welt
einstuft. Dies war die Vision der Demokraten und
Republikaner - Franklin Delano Roosevelt, Arthur
Vandenberg, Wendell Wilkie und anderer - deren
Führungsrolle während des Zweiten Weltkriegs zum
Entstehen der Vereinten Nationen beitrug.
Roosevelt hätte Schwierigkeiten gehabt, die Demokraten als von Zweifeln über den Wert der Vereinigten Staaten als Kraft für das Gute in der Welt
geplagte Menschen zu erkennen. Vandenberg wäre
überrascht gewesen, die Republikaner noch immer
in der einem Krebs ähnlichen Sichtweise der Welt
verhaftet zu finden - der von Zeit zu Zeit hervorkrabbelt, nur um sich in seine Schale zurückzuziehen.
Die Vereinten Nationen wurden nicht als Alternative
zur Vorherrschaft einer Supermacht gegründet,
sondern zu deren Erleichterung. Ihre Gründer
antizipierten, daß die zentrale Aufgabe der Mitglieder
im von fünf Ständigen Mitgliedern beherrschten
Sicherheitsrat geleistet werden würde: Vereinigte
Staaten, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich
und China. Winston Churchill war der Überzeugung,
die "Großen Drei" (die fünf minus Frankreich und
China) würden die Bühne beherrschen. Roosevelt
und Stalin dachten wahrscheinlich an nur zwei
Mächte.

könnte. Der Sicherheitsrat war mit ständigen Sitzungen unter rotierender Präsidentschaft der Mitglieder
das spezifische Forum, in dem die Großmächte
kollektiv auf die Ermutigung "friedlicher Beilegung von
Streitigkeiten" hinarbeiteten und "Maßnahmen bei
Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen" ergriffen.
Nirgendwo in den Kapiteln VI und VII der Charta - die
zusammen das Kernstück der Daseinsberechtigung
der Organisation ausmachen - ist der Generalsekretär
auch nur erwähnt. Aus der Charta geht eindeutig
hervor, daß die Mitglieder des Sicherheitsrats sich
selbst für kollektive Erörterungen und Aktionen
organisieren müssen. Die Gründer benötigten 14
Kapitel, bevor sie etwas über "den höchsten administrativen Beamten der Organisation" - das heißt, den
Generalsekretär, sagten.
Nahezu 49 Jahre nach der Formulierung der Charta
werden wir jedoch Zeuge, wie der amerikanische
Präsident sich den Wünschen des obersten administrativen Beamten der Vereinten Nationen beugt.
Was ist geschehen?
Die Vereinten Nationen funktionierten ungefähr 45
Jahre lang auf eine Art und Weise, die ihre Gründer
nicht erwartet hätten. Obwohl Roosevelt kurz vor
seinem Tod eine Vorahnung der kommenden Ereignisse zu haben schien, wäre selbst er wahrscheinlich erstaunt über das Ausmaß gewesen, in dem die
Sowjetunion - eine Säule des Sicherheitsrats und
einer der wichtigsten Garanten der 1945iger Version
einer "neuen Weltordnung" - selbst zur in Kapitel VII
der Charta der Vereinten Nationen erwähnten "Bedrohung des Friedens" wurde. Als Ständiges Mitglied
des Sicherheitsrats mit einem Vetorecht ausgestattet,
stellten Stalin und seine Nachfolger sicher, daß das
von den Gründern vorgesehene gute Einvernehmen
der Großmächte nicht erzielt werden konnte, solange
die Sowjetunion existierte.
Angesichts der sowjetischen Bedrohung veränderte
sich die amerikanische Haltung zu den Vereinten
Nationen dramatisch. Da der Sicherheitsrat durch die
Vetos der Sowjetunion gelähmt war, interpretierten
die Vereinigten Staaten und gleichgesinnte Nationen
verschiedene Bestimmungen der Charta ziemlich
großzügig und nutzten die Generalversammlung zur
Erörterung und Verabschiedung von Resolutionen,
die von der Sowjetunion geförderte oder begangene
aggressive Akte beleuchten und verurteilen sollten.

Kolfektive Aktion
Der hinter der Gründung der Vereinten Nationen
stehende Gedanke war, den Völkerbund durch ein
Forum zu ersetzen, das dem Dritten Weltkrieg durch
die kollektive Aktion der Großmächte vorbeugen

Seite 2

Die Unfähigkeit der Generalversammlung zur Durchsetzung ihrer Resolutionen wiederum führte dazu,
daß der Generalsekretär vom Hauptverwaltungsbeamten zum Hauptfriedensstifter befördert wurde eine Rolle, die Dag Hammarskjold aus Schweden auf

AMERIKA DIENST 08

�bewundernswürdige und effektive Weise spielte.
Dank Hammarskjolds einzigartiger Präsenz und
unermüdlicher Diplomatie konnte der Westen verhindern, daß der kommunistische Block den größtmöglichen Vorteil aus dem Übergang der Dritten Welt
vom Kolonialismus zur Unabhängigkeit zog.
Die nahezu exponentielle Erhöhung der Mitgliederzahl der UNO in den sechziger Jahren schaffte die
begrenzte Nützlichkeit der Generalversammlung als
Forum für die Abwehr von Bedrohungen des Friedens praktisch ab.

Bevor wir jedoch die Arbeit von Giganten zunichte
machen, wäre es vielleicht angebrachter, das Vieh
einzusperren und wieder in Zaum zu legen. Dies
beinhaltet Konfrontation und die Übernahme schwerer
Lasten, wofür das außenpolitische Team der ClintonAdministration großes Talent gezeigt hat. Wenn
Clinton jedoch erst einmal das Vermächtnis des
größten Demokraten dieses Jahrhunderts - Franklin
Delano Roosevelt - erkannt und akzeptiert hat,
könnte er genau der richtige Mann für diese Aufgabe
sein.
Die amerikanische Führungsrolle

Statt dessen wurde die Versammlung zu einem
Podium für verschiedene Diktatoren aus Ländern der
Dritten Welt. Sinnlose Resolutionen, beispielsweise
die Zionismus mit Rassismus gleichsetzende,
wurden debattiert und bisweilen angenommen. Es
gab jedoch nie mehr einen Generalsekretär, der
Hammarskjold ebenbürtig war. Im Hinblick auf
Initiative war der passive U Thant das genaue
Gegenteil von ihm. Im Hinblick auf den Charakter
braucht man Hammarskjold nur Kurt Waldheim
gegenüberzustellen.
Der Zerfall der Sowjetunion und das Ende des
Kalten Krieges bieten den Vereinten Nationen eine
Gelegenheit, die Uhr zurückzudrehen und im Einklang mit der Charta einen Neuanfang zu machen.
Aber Frankensteins Monster ist aufgetaucht und
sprengt das Labor. Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali hat seine persönliche Meinung kundgetan,
die Vereinten Nationen als Institution seien mehr als
die Summe ihrer Mitglieder. Die Clinton-Administration, gelähmt durch ihre eigene Version des "Vietnam-Syndroms", unterstützte und ermutigte den
geschickten ägyptischen Bürokraten, indem sie ihm
erst die amerikanischen Streitkräfte in Somalia zur
Verfügung stellte und dann zu seinen Bedingungen
debattierte, wobei sie sich seiner Rhetorik, "die
Vereinten Nationen müssen Nein sagen können",
bediente.
Es ist gut möglich, daß 49 Jahre der Improvisation
zusammen mit einer aufgeblähten und ineffektiven
internationalen Bürokratie dazu geführt haben, daß
die Vereinten Nationen es nicht wert sind, gerettet zu
werden. Es könnte sein, daß es für die Vereinigten
Staaten besser wäre, ein anderes Forum für die
Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten und potentiellen Gegnern zu nutzen, um die kollektiven Sicherheitsfunktionen zu erfüllen, mit denen die Charta
die Großmächte betraut. Vielleicht sollte der Sicherheitsrat sich tatsächlich abspalten und BoutrosGhali mit der Leitung eines modernen Völkerbunds
zurücklassen.

AMERIKA DIENST 08

Die bevorstehende Aufgabe besteht darin, den
Generalsekretär aus der Friedenssicherung und
-Schaffung zu lösen und wieder zu seiner Aufgabe als
höchster administrativer Beamter einer Organisation
zurückzuführen, die dringend einer Erneuerung
bedarf. Aufgabe des Präsidenten ist es, den UNSicherheitsrat so arbeiten zu lassen, wie in der
Charta der Vereinten Nationen niedergelegt.
Der Präsident kann dieser Aufgabe nicht nachkommen, wenn er zuläßt, daß darüber debattiert wird,
welchen "UNO-Operationen" die Ehre der Präsenz
amerikanischer Streitkräfte zuteil wird. Der aus fünf
Ständigen und sechs Nichtständigen Mitgliedern
bestehende Sicherheitsrat entscheidet über friedenssichernde und friedensschaffende Operationen.
Keine derartige Operation irgendwo auf der Welt
sollte ohne die explizite Zustimmung und Führung
des einen Landes vonstatten gehen, das sowohl
Ständiges Mitglied im Sicherheitsrat als auch Großmacht ist - der Vereinigten Staaten.
Gemäß Artikel 99 der Charta kann der Generalsekretär "die Aufmerksamkeit des Sicherheitsrats auf jede
Angelegenheit lenken, die nach seinem Dafürhalten
geeignet ist, die Wahrung des Weltfriedens und der
internationalen Stabilität zu gefährden". Nachdem er
seiner Meinung Ausdruck verliehen hat, muß der
Generalsekretär nur gesehen, nicht gehört werden.
Es obliegt den Mitgliedern des Sicherheitsrats, die
geeigneten Maßnahmen zu ergreifen.
Schwerpunkt der Arbeit des Sicherheitsrats ist die
Verhinderung eines Dritten Weltkriegs. Wären die
Aktionen der NATO und der Russen in Bosnien vom
vergangenen Februar, mit denen der Beschießung
Sarajevos durch die Serben Einhalt geboten wurde,
tatsächlich auf Initiative des Rates zurückgegangen,
wäre das den Vorstellungen der Gründer der Vereinten Nationen sehr nahe gekommen.
Es ist nicht erforderlich, daß Soldaten blaue Helme
tragen, damit der Sicherheitsrat seinen Pflichten
wirklich nachkommt. Nationale Kontingente dürfen

Seite 3

�durchaus eng zusammenarbeiten, um eine Bedrohung des Friedens abzuwehren. Auf genau diese
Art wurde Kuwait befreit.
Blaue Helme werden allgemein mit Friedenssicherungsoperationen assoziiert. In dieser Hinsicht ist
das Vermächtnis von Hammarskjold lehrreich. Seine
Richtlinien für friedenssichernde Operationen lauteten: Die Streitkräfte sollten neutral sein, lediglich zur
Selbstverteidigung leicht bewaffnet, ihre Präsenz
sollte von den verfeindeten Parteien ausdrücklich
akzeptiert werden, die a) ihre Kämpfe einstellen und
b) vollständig mit den UNO-Streitkräften zusammenarbeiten würden. Wenn man die Situation in Bosnien und Somalia an diesen Kriterien mißt, zeigt
sich, wie gefährlich es ist, zur Friedenssicherung
vorgesehene Streitkräfte in feindliche Situationen zu
entsenden. Dasselbe könnte man von der multilateralen (jedoch nicht von den Vereinten Nationen
organisierten) Friedenssicherungsaktion im Libanon
von 1982 behaupten.
Obwohldie Führungsrolle der Vereinigten Staaten
bei der Friedensschaffung und -Sicherung unerläßlich ist, heißt das nicht, daß amerikanische Streitkräfte tatsächlich daran teilnehmen müssen. Wir
müssen uns einige grundlegende Fragen stellen: In
welchem Maße sind rein amerikanische nationale
Interessen betroffen? Würde die Präsenz von
Amerikanern die Operation erleichtern oder kom-

*

Seite 4

*

plizieren? Welchen einzigartigen Beitrag könnten die
amerikanischen Streitkräfte zu einer spezifischen
Operation leisten? Welche anderen tatsächlichen
oder potentiellen Verpflichtungen müssen vor einer
Entsendung amerikanischer Streitkräfte eingegangen
werden? Werden amerikanische Soldaten (wie sie
müssen) dem Kommando amerikanischer Offiziere
unterstehen?
Diese Fragen sind jedoch taktischer Natur und
letztlich bedeutungslos, wenn wir nicht zunächst eine
Bestandsaufnahme der amerikanischen Beziehungen
zu den Vereinten Nationen vornehmen. Tatsache ist,
daß die Weltorganisation 49 Jahre nach ihrer Gründung keineswegs den Vorstellungen ihrer Gründer
entspricht. Der Generalsekretär - vollendeter Bürokrat, der er ist - kann nicht dafür getadelt werden,
daß er Vorrechte geltend macht, die nicht in der
Charta der Organisation verankert sind.
Wenn den Amerikanern die Handlungsweise der
Vereinten Nationen mißfällt, liegt der Fehler bei uns.
Die Vereinten Nationen sind eine Organisation der
Mitglieder. Bestimmte Mitglieder sind "gleicher" als
andere. Wir sind die ersten unter den "Gleicheren".
Nach dem Ende des Kalten Krieges kann Präsident
Clinton - wenn er möchte - dort anknüpfen, wo
Franklin Delano Roosevelt und seine internationalistischen Verbündeten aus den Reihen der Republikaner
aufhörten.

*

*

AMERIKA DIENST 08

�U S A - G US
1. März 1995

Begründung der Hilfe für die GUS
Anhörung vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - James Collins, hochrangiger Koordinator im Büro des Sonderberaters des Ministers
für die Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS), erklärte am 22. Februar 1995 in einer Anhörung vor dem
Bewilligungsausschuß des Senats, die Administration sei entschieden gegen den Verkauf russischer
Atomreaktoren an den Iran. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext.

Herr Vorsitzender, ich begrüße die erste Gelegenheit
in diesem Jahr, bei einer Anhörung vor dem Unterausschuß das Verhältnis zwischen den außenpolitischen Zielen der Vereinigten Staaten und der
amerikanischen Hilfe an die neuen unabhängigen
Staaten darlegen zu können. Vor zwei Wochen
haben Sie die Ausführungen des Stellvertretenden
Außenministers Talbott über die amerikanische
Außenpolitik gegenüber Rußland vernommen. Ich
möchte mich heute eher auf die amerikanische
Politik in bezug auf die GUS insgesamt sowie die
Einbettung der amerikanischen Hilfe in diese Politik
konzentrieren, bevor ich das Wort an Botschafter
Simons, der die Hilfsleistungen gemäß dem FREEDOM Support Act koordiniert und erst vor kurzem
eine Delegation in die GUS geleitet hat, sowie an
Mr. Dine vom Amt für internationale Entwicklung
(Agency for International Development - AID) übergebe.
Das Gesetz über Auslandshilfe von 1961 gründete
sich auf die generelle und übergeordnete Prämisse,
daß die Welt interdependent geworden ist und noch
interdependenter wird. Das FREEDOM Support Act
von 1992 basiert auf der spezifischeren Prämisse,
daß Entwicklungen in den neuen unabhängigen
Staaten
"eine historische Chance für den Übergang zu
einer friedlichen und stabilen internationalen
Ordnung sowie für die Integration der unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion in die Gemeinschaft demokratischer
Nationen bieten".
Wie der Stellvertretende Außenminister Talbott vor
zwei Wochen ausführte, ist diese Prämisse unseres
Erachtens nach wie vor gültig im Hinblick auf alle
neuen unabhängigen Staaten einschließlich Rußlands und das Schicksal der Reformen in Rußland

AMERIKA DIENST 08

und den anderen Ländern der GUS weiterhin verknüpft.
Ich bin mir bewußt, daß ein Großteil der Aufregung
über den Zusammenbruch des Kommunismus und
der Sowjetunion verflogen ist und einer gewissen
Müdigkeit Platz gemacht hat, während wir Zeuge des
Kampfes der neuen unabhängigen Staaten mit den
täglichen Mühen des Wiederaufbaus ihrer politischen
und wirtschaftlichen Systeme werden. Inmitten der
Berichte über ungleiche Leistung und häufig beunruhigende Herausforderungen für den Verlauf der
Reformen kann man leicht entmutigt werden und den
Blick für die bereits erzielten umfassenderen Fortschritte und unser vorrangiges Interesse an deren
Fortsetzung verlieren.
Die politische und wirtschaftliche Umgestaltung der
neuen unabhängigen Staaten ist weiterhin von
lebenswichtiger Bedeutung für die fundamentalen
amerikanischen Interessen. Der Erfolg dieser Umgestaltung hat wichtige Auswirkungen auf den internationalen Erfolg bei
der Reduzierung der Nuklearwaffenarsenale und
der Bekämpfung der Verbreitung von Nuklearwaffen und -material,
der Entwicklung einer neuen europäischen Sicherheitsordnung,
der Bekämpfung von internationalem Verbrechen,
Drogen und Terrorismus,
der Unterstützung der Entwicklung neuer Märkte
und Stärkung der Offenheit und Stabilität des
globalen Handelssystems sowie
der Ermutigung des Abbaus ethnischer Spannungen ohne Gewalt.

Seite 1

�Während diese neuen Länder auf die Gestaltung
neuer demokratischer und marktorientierter Institutionen in dem durch den Zusammenbruch des Kommunismus entstandenen Vakuum hinarbeiten,
können wir nicht davon ausgehen, daß der bevorstehende Weg eben oder leicht sein wird. Das
gelegentlich langsame Tempo bei der Formulierung
und Umsetzung von Gesetzen, die nach Meinung
von uns im Westen entscheidend für die Grundlagen
prosperierender Demokratien und Marktwirtschaften
sind, ist an sich schon ein Beweis, daß politischer
Pluralismus und Demokratie Fuß fassen. In einer
Demokratie ist die Entwicklung eines Wirtschaftsprogramms ebenso wichtig wie das Programm
selbst.
Wir müssen dieses Phänomen erkennen und unerschütterlich die Reformen angesichts ungleicher
und gelegentlich unberechenbarer Entwicklungen
unterstützen. Es steht zu viel auf dem Spiel, als daß
wir anders handeln könnten.
"Der amerikanischen Hilfe kommt eine bedeutende Rolle bei der Unterstützung der Umgestaltung in diesen aufstrebenden Demokratien
zu. Die grundlegende Aufgabe der Umstrukturierung des politischen und wirtschaftlichen
Systems obliegt weiterhin diesen Ländern,
aber unsere Unterstützung der Reformer kann
eine wichtige Rolle bei der Verstärkung der
Bemühungen zur Schaffung von Prinzipien,
Mechanismen und Instrumenten spielen, die
als Grundlage für offene und freie Gesellschaften dienen werden."
Hilfe Ist eine knappe Ressource
Ich bin mir der schwierigen Entscheidungen bewußt,
mit denen sich der Kongreß und die Administration
beim Abwägen der zahlreichen innen- und außenpolitischen Erfordernisse bei anhaltend knappen
Haushaltsmitteln konfrontiert sehen. Ich weiß, wie
wichtig es ist, jeden Dollar aus dem Hilfsfonds klug
zur Erreichung der dringendsten strategischen Ziele
einzusetzen. Aus diesem Grund haben wir bei der
Integration der Hilfsprogramme in unsere umfassenderen außenpolitischen Bestrebungen eine Reihe
von Prinzipien verfolgt.
Erstens ist unsere Hilfe an Reformen gebunden. Im
Einklang mit Paragraph 498A des FREEDOM
Support Act berücksichtigen wir Fortschritte bei
politischen und wirtschaftlichen Reformen bei der
Zuweisung von Mitteln für die Region. Dies hat
Auswirkungen auf die Verteilung der Mittel unter den
Ländern und in den Ländern.

Seite 2

Zweitens streben wir eine enge Verbindung zwischen
unserem Hilfsprogramm und umfassenderen diplomatischen Bestrebungen an. Ein gutes Beispiel ist die
Gore-Tschernomyrdin-Kommission, eine von den
Präsidenten Clinton und Jelzin beim Gipfeltreffen von
Vancouver im April 1993 ins Leben gerufene Initiative. Die Kommission wurde ursprünglich zur
Verbesserung der bilateralen Zusammenarbeit in den
Bereichen Raumfahrt, Hochtechnologie und Energieinvestitionen gegründet. Die Kommission hat ihren
Aufgabenbereich erweitert und die Gebiete Umwelt,
Wissenschaft und Technologie, Rüstungskonversion
und öffentliches Gesundheitswesen einbezogen. Das
Komitee für Unternehmensentwicklung der Kommission war beim Abbau von Hemmnissen für Handel
und Investitionen und der Durchsetzung einer Reihe
von Investitionsprojekten besonders effektiv, vor allem
auf dem russischen Energiesektor.
Drittens ermutigen wir Verbindungen zum Privatsektor, da diese - nicht die Hilfe - die langfristige Grundlage unserer Beziehungen zur GUS bilden werden.
Die private Geschäftstätigkeit ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Handel und Investitionen. Aus diesem Grund verwenden wir einen zunehmenden Teil unserer Hilfe für die Unterstützung
traditioneller Geschäftsförderungsprogramme durch
die Entwicklungsgesellschaft OPIC, die Export-Import
Bank, das Amt für Handelsentwicklung und das
Wirtschaftsministerium. Aber enge Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaftlern, Umweltschützem, politischen Interessengruppen und nichtstaatlichen Organisationen ist ebenso wichtig. Solche Austauschprogramme sind unabdingbar, um der GUS beim
Aufbau der bürgerlichen und repräsentativen Institutionen behilflich zu sein, die die Grundlage
politischer Demokratie bilden.
Viertens versuchen wir unseren Einfluß in der internationalen Staatengemeinschaft geltend zu machen.
Obwohl die Vereinigten Staaten bei der Reaktion auf
die Hilferufe der GUS eine Führungsrolle übernommen haben, kann kein Land diese Last auf sich
nehmen. Die Ukraine ist ein treffendes Beispiel. Als
die neue Regierung Kutschma Ende letzten Jahres
ein mutiges Reformprogramm in die Wege leitete,
arbeiteten die Vereinigten Staaten mit anderen
Geberländern der G-7 und den Hauptgläubigern der
Ukraine in der GUS - Rußland und Turkmenistan auf die Mobilisierung von Unterstützung aus dem
Ausland für die neuen Reformbestrebungen der
Ukraine hin. Auf unser Drängen schuldete Turkmenistan die Energiekredite der Ukraine um, und Rußland
hat jetzt Gespräche mit der Ukraine über Zahlungsrückstände der Energieschulden aufgenommen,
während das Land weiterhin Öl und Gas liefert. Wir
arbeiten auch mit den Mitgliedstaaten der Europäischen Union und Japan zusammen, um an den von

AMERIKA DIENST 08

�der Ukraine im Frühjahr erwarteten IWF-Beistandskredit gekoppelte Unterstützung bereitzustellen.

die Rada zu erhalten und den Weg für das Inkrafttreten des START I-Vertrags zu ebnen.

Und schließlich legen wir besondere Betonung auf
die Herstellung von Kontakten zwischen der GUS
und Wirtschafts- und Sicherheitsinstitutionen des
Westens. Diese reichen von unserem Programm
Partnerschaft für den Frieden bis zur Ermutigung
eines GATT-Beitritts.

Wir erweitern ferner die Rüstungszusammenarbeit.
Truppen der Vereinigten Staaten und der Ukraine
nehmen an gemeinsamen Friedenssicherungsmanövern teil. Die Ukraine war das erste Land der GUS,
das der Partnerschaft für den Frieden beigetreten ist.
Die Kooperation in der Partnerschaft trägt zur Förderung der Kontakte zwischen dem Bündnis und der
Ukraine bei.

Die Ukraine: Ein Fallbeispiel
Herr Vorsitzender, ich weiß, daß Sie eine Führungsrolle bei der Unterstützung von Bestrebungen zur
Erleichterung der Umgestaltung in der Ukraine
übernommen haben und bin der Ansicht, die Bemühungen der US-Regierung im vergangenen Jahr sind
ein anschauliches Beispiel, wie wir die unterschiedlichen politischen Instrumente - von Diplomatie bis zu
Hilfe - zur Unterstützung der amerikanischen Interessen integrieren können.
Als großes und potentiell reiches Land mit über 50
Millionen Einwohnern hat die Ukraine eine Brückenfunktion zwischen Rußland und den anderen Ländern Mitteleuropas. Eine unabhängige, demokratische, wohlhabende und atomwaffenfreie Ukraine ist
der Schlüssel zu einem stabilen, sicheren und
ungeteilten Europa. Angesichts der Größe und Lage
des Landes kann die Ukraine eine wichtige Kraft für
regionale Stabilität, ein attraktiver Markt für Handel
und Investitionen der Vereinigten Staaten und ein
entscheidender Partner bei unseren globalen Nichtverbreitungsbestrebungen sein. Aus diesem Grund
haben wir auf eine Intensivierung der Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine
hingearbeitet.
Erstens haben wir Diplomatie zur Bekräftigung der
Botschaft eingesetzt, daß politische und wirtschaftliche Reformen der Schlüssel zur Stärkung der
Unabhängigkeit und Souveränität sowie zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums des Landes
sind. Wir haben die Ukraine auch aufgefordert, dem
Nichtverbreitungsvertrag beizutreten und die Nuklearwaffen des Landes zurück nach Rußland zu
verlagern.
Im Bereich der Sicherheit haben die Vereinigten
Staaten Diplomatie zur Erleichterung des trilateralen
Abkommens eingesetzt, das dazu führte, daß die
Ukraine die Nuklearwaffen des Landes als Gegenleistung für Sicherheitszusagen aufgab. Wir haben
dies mit der Nunn-Lugar-Hilfe gekoppelt, um die
Zerlegung von Waffen zu unterstützen. Unsere
Unterstützung und diese Zusagen waren für Präsident Kutschma wichtig, um die Ratifizierung durch

AMERIKA DIENST 08

Im Bereich der Wirtschaft verstärkte die Administration die Reformbotschaft mit der Zusage von bilateraler Hilfe in Höhe von 350 Millionen Dollar im
Frühjahr letzten Jahres. Wir haben darauf hingearbeitet, ähnliche Zusagen von der internationalen
Staatengemeinschaft zu erhalten. Beim Gipfeltreffen
der G-7 im Juli in Neapel vereinbarten die Staatsund Regierungschefs auf Präsident Clintons Drängen
die Bereitstellung von über 4 Milliarden Dollar der
internationalen Finanzinstitutionen mit einer Laufzeit
von zwei Jahren zur Umgestaltung der ukrainischen
Wirtschaft.
Im vergangenen Herbst leitete die Ukraine unter der
Führung von Präsident Kutschma ein kühnes neues
Wirtschaftsreformprogramm ein, um die das Land
schwächende Wirtschaftskrise einzudämmen und die
Errungenschaften der ersten drei Jahre ukrainischer
Unabhängigkeit zu konsolidieren. Als Reaktion auf
diese Bestrebungen sagte Präsident Clinton bei
seinem Gipfeltreffen mit Präsident Kutschma der
Ukraine für 1995 zusätzliche 200 Millionen Dollar
Wirtschaftshilfe zu. Darin enthalten sind Hilfe für
Energie- und Lebensmittelimporte, technische Hilfe in
den Bereichen Privatisierung, Energiewirtschaft,
wirtschaftliche Umstrukturierung, Umwelt, Entwicklung
des Sozialsektors und demokratische Initiativen.
Im Einklang mit der in Neapel abgegebenen Zusage
der G-7 bewilligte der IWF eine Fazilität für die
Umgestaltung des Systems und stellte im Oktober
370 Millionen Dollar bereit. Die Verhandlungen über
einen IWF-Beistandskredit weitaus größeren Umfangs
in Verbindung mit den Bestrebungen der Ukraine,
1995 ein umfassenderes Reformprogramm durchzuführen, stehen kurz vor dem Abschluß.
Gleichzeitig haben wir die Europäische Union, Japan
und die Hauptgläubigerländer wie Rußland und
Turkmenistan zu ähnlichen Schritten aufgefordert, um
der Ukraine den Freiraum für die Bewältigung der
Herausforderungen eines wirtschaftlichen Wiederaufbaus zu geben.
"Als Ergebnis der mutigen Führungsrolle
Präsident Kutschmas, der Bestrebungen vieler

Seite 3

�Reformer im ganzen Land und westlicher Hilfe
sieht die Zukunft der Ukraine besser aus als
in den vergangenen beiden Jahren. Die
Herausforderungen sind jedoch immer noch
enorm, und Hilfe des Westens ist insbesondere angesichts der bevorstehenden dramatischeren Umstrukturierung erforderlich."
Integration in den Westen
Die Ukraine ist nur ein Beispiel für die von uns
unternommenen umfassenderen Bestrebungen, in
allen neuen unabhängigen Staaten Reformen zu
ermutigen. Diese Politik basiert hauptsächlich auf
der Annahme, es liege im nationalen Interesse der
Vereinigten Staaten, das Entstehen wohlhabender,
demokratisierter und marktorientierter unabhängiger
Staaten zu unterstützen, und die Integration dieser
Länder in die Weltgemeinschaft demokratischer
Staaten und Volkswirtschaften sei im Interesse
unserer Nation und der in der GUS lebenden Menschen.
Wir haben diese Idee auf vielfache Weise verfolgt
und uns dabei der Ressourcen und des Einflusses
der Vereinigten Staaten sowie unserer politischen
und wirtschaftlichen Führungsrolle in der Staatengemeinschaft bedient.
Die US-Regierung stand an vorderster Front bei der
Förderung und Umsetzung von Schritten zur Unabhängigkeit und Stärkung des Sicherheitsempfindens aller neuen unabhängigen Staaten. Wir haben
beispielsweise die frühzeitige und vollständige
Beteiligung aller neuen unabhängigen Staaten an
internationalen Gremien wie den Vereinten Nationen
und der jetzigen OSZE ermutigt und unterstützt.
Gemeinsam mit unseren westlichen Partnern riefen
wir neue Institutionen ins Leben, die unseres Erachtens der GUS helfen können, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und Fortschritte bei der Schaffung von Banden und Mustern der Zusammenarbeit
mit europäischen Institutionen zu machen. Die
Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und anschließend der Partnerschaft für den
Frieden eröffnete neue Chancen für alle neuen
unabhängigen Staaten zum Aufbau von Beziehungen zur NATO. Die Initiative unter Leitung der
Vereinigten Staaten zur Stärkung der KSZE durch
ihre Umwandlung in die OSZE und Ausstattung mit
größerer institutioneller Bedeutung bietet jedem der
neuen unabhängigen Staaten einen Weg zur Einbindung in das entstehende europäische Sicherheitssystem. Schließlich knüpften die Vereinigten Staaten eine Vielzahl bilateraler Kontakte, auch auf dem
Gebiet militärischer Zusammenarbeit, um in der GUS
ein verstärktes Sicherheitsgefühl zu entwickeln und

Seite 4

unsere Unterstützung für jeden einzelnen Nachfolgestaat der ehemaligen Sowjetunion als vollkommen
unabhängigem und souveränem Nationalstaat zu
unterstreichen.
Im wirtschaftlichen Bereich waren sich die Vereinigten
Staaten von Anfang an bewußt, daß die Zukunft der
GUS als Gemeinschaft stabiler, unabhängiger Staaten von ihrer Fähigkeit abhängen würde, auf marktwirtschaftlichen Prinzipien und Praktiken basierende
Volkswirtschaften zu entwickeln. Erfolg bei dieser
Anpassung wird für die GUS von essentieller Bedeutung sein, um sich in das Welthandels- und Weltwirtschaftssystem einzugliedern.
Obwohl wir wissen, daß Wirtschaftsreformen "hausgemacht" sein müssen, damit jeder der neuen
Staaten die einzigartigen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen bewältigen kann, müssen
sie unseres Erachtens ihre Volkswirtschaften so
umstrukturieren, daß ihnen eine Zusammenarbeit mit
westlichen Institutionen wie dem GATT und der WTO
und letztlich eine Mitgliedschaft darin möglich ist.
Ferner haben wir internationale Bestrebungen angeführt, in Europa und andernorts eine Politik zu
verfolgen, die der GUS Möglichkeiten für umfassendere und breiter gefächerte Wirtschaftsbeziehungen
zur Außenwelt eröffnet.
Beispielsweise haben wir mit der Mehrheit der neuen
unabhängigen Staaten Handels- und Investitionsabkommen abgeschlossen. Wir gründeten bilaterale
Ausschüsse für unternehmerische Entwicklung, um
neue Wege für den Handel mit den Vereinigten
Staaten zu erschließen und das alte Monopolsystem
abzuschaffen, das sämtliche Wirtschaftsfunktionen
über die alte kommunistische Kommandozentrale
leitete. Ferner strebte die Administration eine Anpassung unserer Handelsgesetze an, um der einzigartigen Natur der "Volkswirtschaften im Übergang"
gerecht zu werden, einige den kommunistischen
Ländern auferlegte Strafen aufzuheben und erweiterte Handeisschancen zu fördern, von denen die
Vereinigten Staaten und die entstehenden Marktwirtschaften gleichermaßen profitieren.
Die Hilfe und Diplomatie der Vereinigten Staaten sind
von Bedeutung für die anderen neuen unabhängigen
Staaten, die sich um die Schaffung und den Erhalt
ihrer internationalen Identität bemühen. Unsere Hilfe
und unser diplomatisches Engagement - bilateral
sowie im Rahmen der OSZE und der UNO bei der
Beendigung regionaler Konflikte - sind für ihre zukünftige Stabilität von entscheidender Bedeutung.
Amerikanische Berater wirkten am Entwurf der
Verfassung Moldawiens mit. Unser diplomatisches
Engagement trug zur Beendigung der Kämpfe in

AMERIKA DIENST 08

�Moldawien sowie zu einem Grundsatzabkommen
über den Abzug der russischen Streitkräfte bei.

Juni 1996 würden Wahlen abgehalten, sind begrüßenswerte Zeichen.

Wir leisteten Armenien und Georgien substantielle
humanitäre Hilfe. Wir haben innerhalb des Gesetzesrahmens alles in unserer Macht Stehende
unternommen, um den nahezu einer Million Menschen in Aserbaidschan zu helfen, die durch den
Konflikt in Nagornyj Karabach vertrieben wurden.
Teilweise aufgrund der Bestrebungen unseres
Landes sowie der OSZE hält der Waffenstillstand in
Nagornyj Karabach bereits seit neun Monaten.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind weiterhin
beträchtlich. Arbeitslosigkeit sowie die erforderliche
Schrumpfung ineffizienter Staatsbetriebe beschwören
den Geist zunehmender sozialer Unruhen herauf.
Privatisierung und der Übergang zur Marktwirtschaft
haben die Verteilung des Wohlstands polarisiert und
den Weg für eine unkontrollierte Ausweitung von
Verbrechen und Korruption geebnet.

Wir haben uns für die Beendigung der Kommandowirtschaft in Zentralasien durch Privatisierungsprogramme eingesetzt und mit in der Region ansässigen amerikanischen Ölgesellschaften und Regierungen gemeinsam an der Entwicklung von Energiequellen und Ankurbelung ihrer Volkswirtschaften
gearbeitet.
Mit Hilfe unserer Programme zur Förderung von
Demokratie sowie anderer Bestrebungen haben wir
viel erreicht. In der Ukraine, in Usbekistan und
Kirgistan fanden Wahlen statt, die einen Präzedenzfall schaffen.
Pluralismus und Beteiligung der
Bürger am politischen Leben fassen Fuß.
Einschränkung der Rußlandhilfe
Die Administration unterstrich von Anfang an die
Bedeutung einer Unterstützung der russischen
Reformen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion befand
sich Rußland an vorderster Front der Reformbewegungen. Gleichzeitig sind wir - wie viele Politiker in
der GUS - der Ansicht, daß der Erfolg von Reformen
in Rußland entscheidend für die Aussichten auf
Reformen in ganz Eurasien ist.
Die Verlagerung des Schwerpunkts unserer Hilfe von
Rußland auf die anderen neuen unabhängigen
Staaten erfolgt entsprechend der politischen und
wirtschaftlichen Fortschritte Rußlands, denen Fortschritte andernorts folgen. Die von den Vereinigten
Staaten geleistete Hilfe war ein wichtiger Faktor bei
der Förderung von Stabilität in dieser schwierigen
Übergangszeit sowie der Unterstützung der neuen
Reformkräfte im postsowjetischen Rußland. Obwohl
die Ereignisse der letzten anderthalb Jahre in Rußland wichtige Fragen über die derzeitige Natur und
den zukünftigen Kurs der russischen Demokratie
aufgeworfen haben, gibt es auch Anzeichen dafür,
daß die russische Führung der Demokratisierung
und marktwirtschaftlichen Entwicklung verpflichtet
bleibt. Die Unterstützung Präsident Jelzins für ein
starkes wirtschaftliches Reformprogramm und seine
Bekräftigung letzte Woche, im Dezember 1995 und

AMERIKA DIENST 08

Um den Reformern bei der Bewältigung dieser
Herausforderungen beizustehen, müssen wir unsere
Hilfsleistungen für Rußland beibehalten, selbst wenn
wir unseren Schwerpunkt von humanitärer und
technischer Hilfe auf Handel und Investitionen sowie
die "zweite Welle" von Ländern verlagern, die nach
Demokratie und Reformen streben. Es besteht
immer noch kein Zweifel daran, daß das Scheitern
von Reformen und Demokratie in Rußland die
schwachen Reformbestrebungen in den meisten
anderen neuen unabhängigen Staaten zunichte
machen könnte.
Unsere zunehmende Konzentration auf andere
Reformländer spiegelt gleichzeitig eine andere
Realität wider - unsere Erkenntnis, daß der Erfolg
wirtschaftlicher und politischer Reformen in Ländern
wie der Ukraine und Belarus nicht nur deren Unabhängigkeit stärkt, sondern auch die Aussichten auf
den Erfolg der Demokratie in Rußland verbessert.
Im Haushaltsjahr 1996 wird sich der Großteil unserer
Hilfsbestrebungen auf die nichtrussischen GUSStaaten richten. Der Trend wird anhand der Zahlen
deutlich: Die Administration stellte im Haushaltsjahr
1993 200 Millionen Dollar für Rußland bereit, im
Haushaltsjahr 1994 1,6 Milliarden Dollar, im Haushaltsjahr 1995 344 Millionen und im Haushaltsjahr
1996 260 Millionen Dollar. 1994 wurden zwei Drittel
der amerikanischen GUS-Hilfe für russische Programme und Projekte verwendet; im Haushaltsjahr
1996 sind weniger als ein Drittel geplant.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich noch einmal auf meine
Eingangsbemerkung zurückkommen. Die historische
Umgestaltung zu Demokratie und Marktwirtschaft ist
noch nicht abgeschlossen, und wir haben ein vitales
nationales Interesse daran, alles in unserer Macht
Stehende zur Unterstützung freier und offener Gesellschaften in diesen Ländern zu unternehmen.
Meines Erachtens lohnt es sich, diese Interessen
nochmals aufzuführen:
Abbau des weltweiten
Atomwaffenarsenals, Gestaltung einer neuen Si-

Seite 5

�cherheitsordnung auf dem europäischen Kontinent,
der zwei Weltkriege erlebte, Abbau der ethnischen
Spannungen, die zu größerer Instabilität und Konflikten führen können, Bekämpfung von internationalem Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus, die
die Sicherheit all unserer Bürger bedrohen, Unterstützung der Entwicklung neuer Märkte sowie eines
stabilen und offenen Welthandelssystems, zu dem
die gut ausgebildeten Menschen, starke wissenschaftliche Grundlage und reichen natürlichen
Ressourcen der GUS einen wesentlichen Beitrag
leisten können.

Wir wissen um die knappen Haushaltsmittel, sind
jedoch davon überzeugt, daß die im Haushaltsantrag
der Administration vorgesehenen Mittel zur Förderung
unserer nationalen Interessen investiert werden
sollten. Wir werden weiterhin alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um mit diesen Dollars so viel
wie möglich zu erreichen - unser Hilfsprogramm in
unsere umfassenderen diplomatischen Bestrebungen
zu integrieren und unsere Mittel zusammen mit denen
der internationalen Staatengemeinschaft einzusetzen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 08

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12353">
                <text>02.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12354">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12355">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12356">
                <text>Amerikadienst 02.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12357">
                <text>&lt;strong&gt;1. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globales Informationssystem erfordert weltweite Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Sicherheitsarchitektur&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gestaltung einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard C. Holbrooke&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-UNO&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard L. Armitage&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-GUS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Begründung der Hilfe für die GUS&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Anhörung vor Senatsausschuß&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2395" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2406">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/df7b337677a846a3424dcdb440bfd97e.pdf</src>
        <authentication>e4a7f173e8a7df14be202b39ecab8fc1</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12364">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

I

9. März 1995

09

NW

N W IST BESTES MITTEL ZUR EINDÄMMUNG
DER WEITERVERBREITUNG
Rede Präsident Clintons
im Richard Nixon Center

USA-EUROPA

AMERIKA - EINE EUROPAISCHE MACHT
von Richard C. Holbrooke

MENSCHENRECHTE

TROTZ FORTSCHRITTEN BLEIBT NOCH
VIEL FÜR UNHCR ZU TUN
Rede von Botschafterin Ferraro

Beigefügter Sonderdienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NW
9. März 1995

N W ist bestes Mittel zur Eindämmung
der Weiterverbreitung
Rede Präsident Clintons im Richard Nixon Center
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton zufolge gibt es kein besseres Mittel zur Verhinderung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen als den Nichtverbreitungsvertrag (NW).
Der Präsident versprach am 1. März 1995 in einer Rede im Richard Nixon Center, er werde seine
Bestrebungen zum Abbau von Nuklearwaffen und zur Bekämpfung des Schmuggels mit Nuklearmaterial
verdoppeln und rief die für kommenden Monat anberaumte Überprüfungskonferenz des N W auf, die Botschaft
auszusenden, die internationale Staatengemeinschaft fordere unerschütterlich ein dauerhaftes Nichtverbreitungsregime.
"Das Scheitern einer unbegrenzten Verlängerung des N W könnte die Tür zu einer Welt mit nuklearen
Problemen öffnen", so Präsident Clinton. "Paria-Nationen mit starren Ideologien und expansionistischen
Ambitionen hätten es bei der Beschaffung schrecklicher Waffen leichter, und Länder, die sich zum Verzicht auf
die nukleare Option entschlossen haben, würden dann ihre Position überdenken. Sie wären sicherlich
versucht, diese Entscheidung erneut zu erwägen."
Der Präsident bezeichnete 1995 als ein entscheidendes Jahr für Nuklearkontrollen und forderte einen
frühzeitigen Abschluß ausstehender Verhandlungen über ein umfassendes Verbot von Atomtests sowie weitere
Schritte zur Verschärfung der Kontrollen für chemische und biologische Waffen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

Es ist mir eine Ehre, heute abend hier zu sein.
Einen Monat vor seinem Tod schrieb Präsident
Nixon mir einen Brief über seine letzte Reise nach
Runland. Damals äußerte ich, dies sei das beste
außenpolitische Schreiben, das ich erhalten hatte,
was einige meiner Mitarbeiter verärgerte, jedoch der
Wahrheit entsprach. Wie bei unserer gesamten
Korrespondenz und unseren Gesprächen war ich
beeindruckt von Nixons analytischer Begabung,
Überzeugungskraft und seinen klugen praktischen
Vorschlägen.
Mehr als die Einzelheiten des Briefs, der im Grunde
genommen die Notwendigkeit weiterer Unterstützung
der politischen und wirtschaftlichen Reformen in
Rußland durch die Vereinigten Staaten betonte,
bewegte mich die übergeordnete Botschaft Richard
Nixons - eine Botschaft, die sein gesamtes Leben
und seine sämtlichen Werke durchzog. Präsident
Nixon war fest davon überzeugt, die Vereinigten
Staaten könnten einfach nicht stark im Inland sein,
wenn sie nicht im Ausland stark und zur Übernahme
einer Führungsrolle bereit seien.

AMERIKA DIENST 09

Heute abend möchte ich über die lebenswichtige
Tradition einer amerikanischen Führungsrolle sowie
über unsere Pflichten sprechen, die Henry Kissinger
ansprach und Präsident Nixon so gut erkannte.
Insbesondere möchte ich auf unsere Aufgabe einer
Verringerung der Bedrohung durch Atomwaffen
eingehen.
Wenn wir heute im Inland stark und im Ausland
führend sein wollen, müssen wir alle einer gefährlichen und wachsenden Versuchung im eigenen Land
widerstehen: Uns einzig und allein auf unsere
innenpolitischen Probleme zu konzentrieren.
Derzeit findet ein Kampf statt zwischen denjenigen
unter uns, die die Tradition einer amerikanischen
Führungsrolle fortsetzen wollen und denen, die eine
neue Form des amerikanischen Isolationismus
befürworten. Dieser Kampf geht über parteipolitische
und ideologische Grenzen hinaus. Wenn wir weiterhin die Sicherheit und den Wohlstand aller erhöhen
wollen, müssen wir die Tradition einer amerikanischen Führungsrolle fortsetzen.

Seite 1

�Wir leben in einer Zeit der Hoffnung und sind uns
dessen alle bewußt. Die Implosion des Kommunismus und die Explosion der Weltwirtschaft haben
Staaten auf allen Kontinenten neue Freiheiten beschert. Marktwirtschaften sind im Entstehen begriffen, ebenso wie die Demokratie. Der Slogan lautet
"nach dem Sieg". Heute haben die Menschen auf
dem ganzen Globus stärker als je zuvor die Chance,
ihre von Gott gegebenen Talente zu nutzen. Und
aus diesem Grund haben auch die Amerikaner eine
neue Chance, ihre Talente zum Tragen zu bringen.
Gleichzeitig hat die Welt nach dem Kalten Krieg ein
ganzes Netz von Problemen zutage gefördert, die
sich einer schnellen oder schmerzlosen Lösung
entziehen - Aggression verbrecherischer Staaten,
transnationale Bedrohungen wie Überbevölkerung
und Umweltzerstörung, schreckliche ethnische
Konflikte und wirtschaftliche Erschütterung. Kern all
dieser komplexen Herausforderungen ist jedoch
meines Erachtens der jahrhundertealte Kampf um
die Macht über das menschliche Leben - die
Schlacht zwischen den Kräften der Freiheit und der
Tyrannei, der Toleranz und Unterdrückung, der
Hoffnung und Angst. Dieselbe Idee wurde erst vom
Faschismus, dann vom Kommunismus angegriffen
und steht heute in verschiedenen Teilen der Welt
unter Beschuß - die Idee einer offenen Gesellschaft
freier Menschen.
Amerika muß eine Führungsrolle übernehmen, damit
das Rad der Geschichte sich weiterhin in die von
uns gewünschte Richtung bewegt und unsere Kinder
die Zukunft haben, die sie verdienen. Manche
ziehen jedoch Eskapismus dem Engagement vor.
Die neuen Isolationisten widersetzen sich unseren
Bestrebungen, den freien Handel mit Hilfe von
GATT, NAFTA, APEC oder des gesamtamerikanischen Gipfels auszuweiten. Sie weisen unsere
Überzeugung zurück, daß Demokratie durch Investitionen und Unterstützung genährt werden muß eine Überzeugung, zu der wir aufgrund der Entwicklungen in der ehemaligen Sowjetunion und Südafrika
gelangten. Einige von ihnen vertreten heuchlerisch
die Ansicht, wir müssten in aller Welt die amerikanische Stärke propagieren. Gleichzeitig sprechen sie
sich gegen die Ressourcen aus, die wir für Stabilität
am Golf, Wiederherstellung der Demokratie in Haiti
oder zur Kontrolle der Weiterverbreitung von Drogen
und organisiertem Verbrechen auf der ganzen Welt
benötigen, oder um einfach nur unseren grundlegendsten Verpflichtungen gegenüber den Vereinten
Nationen und ihrer Arbeit im Bereich der Friedenssicherung nachzukommen.
Die neuen Isolationisten des linken und rechten
Lagers gleichermaßen befürworten eine radikale
Überprüfung unserer außenpolitischen Grundlagen,

Seite 2

die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die
Unterstützung beider Parteien genossen haben. Sie
würden den Vereinten Nationen, die weltweit - vom
Nahen Osten bis Afrika - in jedem Bereich wirkliche
Fortschritte gemacht haben, jegliche Bedeutung
nehmen. Sie würden unseren Friedenssicherungstruppen und sogar unseren eigenen Soldaten Mittel
verwehren und diese Gelder statt dessen für den
Krieg der Sterne vergeuden. Und sie würden den
neuentstehenden Demokratien und all jenen, die
gegen Armut und für Umweltschutz kämpfen, Hilfe
verweigern und damit buchstäblich deren Hoffnungen
auf eine demokratischere, wohlhabendere und
sicherere Welt zerstören.
Die neuen Isolationisten haben unrecht. Sie wollen,
daß wir der Zukunft allein gegenübertreten. Ihr
Ansatz würde dieses Land schwächen, und wir
dürfen nicht zulassen, daß die kleine Welle des
Isolationismus zu einer Flutwelle wird.
Denken Sie an meine Worte: Wenn wir uns heute
von der Wert zurückziehen, müssen wir uns morgen
und übermorgen mit den Konsequenzen unseres
Versäumnisses auseinandersetzen. Dies ist für uns
alle ein Moment der Entscheidung - ungeachtet
unserer Partei, unseres Hintergrunds oder unserer
Sprache. Dies ist ein Moment der Entscheidung.
Der außergewöhnliche Trend zu Demokratie und
freien Märkten ist nicht unvermeidlich. Und wir haben
vor kurzem gesehen, daß er keinen ebenen, ununterbrochenen Kurs verfolgt. Dies ist harte Arbeit. Und
in einer Zeit, in der sich mehr Länder als je zuvor
bemühen, in instabilen Demokratien Freiheit zu
schaffen oder zu sichern, erwarten sie von uns
Unterstützung. In dieser Zeit dürfen wir es den
Isolationisten nicht gestatten, Amerika nach einer nur
wenige Stunden währenden Debatte aus dem Spiel
abzuziehen, weil wir für unsere Führungsrolle einen
geringen Preis zahlen müssen.
Wir wissen jetzt, was schon Präsident Nixon erkannt
hat: Daß es Grenzen für das Engagement der
Vereinigten Staaten in der Welt geben muß - Grenzen, die durch eine klare Erwägung unserer grundlegenden Interessen diktiert werden. Wir können nicht
die Rolle des Weltpolizisten übernehmen; wir können
uns nicht mit jedem Problem befassen. Aber die von
uns getroffenen Entscheidungen müssen in der
Überzeugung wurzeln, daß Amerika seinen Interessen oder Pflichten nicht den Rücken zuwenden
kann.
Aus diesem Grund hat meine Administration vom
ersten Tag an beschlossen, andere einzubeziehen,
statt sich zurückzuziehen. Von unseren Bestrebungen zur Öffnung von Märkten für Amerika über die

AMERIKA DIENST 09

�Unterstützung der Demokratie auf der ganzen Welt,
den Abbau der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und Terroristen bis zum Unterhalt der
größten einsatzbereiten Streitmacht der Welt haben
wir uns bemüht, zu jedem Zeitpunkt die sich bietenden Chancen zu ergreifen und Pflichten zu erfüllen.
Eine bemerkenswerte Generation von Amerikanern
schuf und unterstützte Bündnisse und Institutionen den Marshallplan, die NATO, die Vereinten Nationen, die Weltbank, den IWF - wodurch die Vereinigten Staaten, Europa, Japan und andere Länder
auf der ganzen Welt ein halbes Jahrhundert lang
Sicherheit und Wohlstand genossen. Durch diese
Bestrebungen sowie die besondere Entschlossenheit
und militärische Stärke unserer Nation wurde die
Tyrannei eingedämmt, bis die Macht der Demokratie.,
das Scheitern des Kommunismus und die mutige
Entschlossenheit der Menschen, die Freiheit zu
erringen, den Kalten Krieg Geschichte werden
ließen.
Diese Erfolge wären ohne das starke, überparteiliche
Engagement für eine Führungsrolle Amerikas nicht
möglich gewesen.
Senator Arthur Vandenbergs Appell, an der Wegscheide offiziell mit einer Stimme zu sprechen, führte
zur einheitlichen Unterstützung der Truman-Doktrin
durch die Republikaner. Vandenbergs Einfluß war
aufgrund seiner Vergangenheit als Isolationist
besonders groß. Wie er selbst äußerte, bedeutete
Pearl Harbor für jeden Realisten das Ende des
Isolationismus. Heute sollte unsere Außen- und
Innenpolitik im Geiste Vandenbergs stehen.
Wenn wir weiterhin im Ausland eine Führungsrolle
übernehmen und im Inland zusammenarbeiten,
können wir von dieser turbulenten Zeit profitieren.
Wenn wir uns jedoch in uns selbst zurückziehen,
gehen wir das Risiko ein, diese Chancen zu verspielen und unseren Pflichten nicht nachzukommen,
mit denen uns andere betraut und für die sie einen
sehr hohen Preis bezahlt haben.
Ich weiß, daß die Entscheidung, auf vielen dieser
Gebiete weiterzuarbeiten, für Demokratien in dieser
Zeit nicht einfach ist. Viele der notwendigen Entscheidungen amerikanischer Politiker sind zu ihrer
Zeit nicht beliebt. Betrachten Sie sich jedoch die
Alternative. Stellen Sie sich beispielsweise vor, wie
Zölle und Handelshemmnisse das Welthandelssystem auf Jahre hinaus behindert hätten, wenn die
Internationalisten nicht über parteipolitische Grenzen
hinweg das GATT und das NAFTA verabschiedet
hätten. Und wie sähe die Region am Persischen
Golf heute aus, wenn die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten nicht der Aggression des Irak

AMERIKA DIENST 09

Einhalt geboten hätten. Stellen Sie sich den Terror
und die Flüchtlingswelle an unseren Grenzen vor,
wenn wir nicht der Demokratie in Haiti eine zweite
Chance gegeben hätten. Stellen Sie sich das Chaos
vor, das möglicherweise entstanden wäre, wenn wir
keinen Beitrag zur Stabilisierung der mexikanischen
Volkswirtschaft geleistet hätten., In jedem Fall war
eine beträchtliche und bisweilen überwältigende
Mehrheit gegen das in jenem Moment Erforderliche.
Aber weil wir das Notwendige taten, hat die Welt jetzt
eine größere Chance für Frieden und Freiheit.
Aber vor allem bitte ich Sie jetzt, sich die Gefahren
vorzustellen, denen unsere Kinder und Enkelkinder
selbst nach dem Ende des Kalten Krieges noch
ausgesetzt sind, wenn wir nicht alles in unserer
Macht Stehende tun, um die Bedrohung durch
Atomwaffen zu verringern, die schreckliche Verbreitung von chemischen und biologischen Waffen
weltweit einzudämmen sowie Terroristen und Verbrecher zu bekämpfen, die diese Waffen in den
Dienst des Bösen stellen.
Arthur Vandenberg stellte beim Anbruch des Atomzeitalters nach einem V-1-Angriff der Deutschen auf
London, der die Stadt in Schutt und Asche gelegt und
die Menschen in Angst und Schrecken versetzt hatte,
die Frage: "Wie kann es Isolation geben, wenn der
Mensch Waffen wie diese entwickeln kann?"
Präsident Nixon verstand die Klugheit dieser Worte.
Sein Leben umspannte eine Ära erschreckender
Zunahme der destruktiven Kapazitäten der Menschheit vom Doppeldecker bis zu ballistischen Raketen,
von Senfgas bis zu Atompilzen. Er wußte, daß der
Kampf gegen das Atomzeitalter nie gewonnen, aber
verloren werden konnte. Und zu seinen größten
außenpolitischen Leistungen zählen die Riesenschritte, die er zur Verringerung der nuklearen
Bedrohung unternahm. Als Präsident habe ich nach
demselben Gebot gehandelt.
In den vergangenen beiden Jahren haben die Vereinigten Staaten echte Fortschritte bei der Minderung
der Bedrohung durch Nuklearwaffen erzielt. 1995
sehen wir uns mit einem Jahr besonderer Entscheidungen in diesem Zeitalter konfrontiert - einem Jahr,
in dem die Vereinigten Staaten die ehrgeizigste
Tagesordnung für die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen und die Bekämpfung ihrer Verbreitung seit der Spaltung des Atoms verfolgen
werden.
Wir wissen, daß wir uns einer enorm komplexen und
schwierigen Herausforderung gegenübersehen. Es
gibt keine allgemeingültige Maßnahme, kein Patentrezept, das die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindern oder umkehren wird. Es gibt

Seite 3

�jedoch keine wichtigere Aufgabe für uns. Rüstungskontrolle macht uns nicht nur sicherer, sondern auch
stärker. Sie ist eine Quelle der Stärke. Sie ist eine
der effektivsten Versicherungspolicen, die wir für die
Zukunft unserer Kinder ausstellen können.
Unsere Administration konzentriert sich auf zwei
unterschiedliche, aber eng verbundene Bereiche Verringerung und Zerlegung existierender Waffen
und Verhinderung der Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersystemen durch
Nationen oder Gruppen. Wir machen an beiden
Fronten Fortschritte.
Als Resultat des zwischen Präsident Jelzin und mir
erzielten Abkommens sind zum ersten Mal seit einer
Generation russische Raketen nicht auf unsere
Städte oder Einwohner gerichtet. Wir haben die
drohende Gefahreines versehentlichen Atomangriffs
erheblich reduziert. Wir haben den START I-Vertrag
mit Rußland in Kraft gesetzt, der die Trägersysteme
mit mehr als 9.000 nuklearen Gefechtsköpfen in
unseren beiden Ländern abschafft - jedes mit der
Kapazität, eine Stadt der Größe von Atlanta abzubrennen.
START I, von zwei republikanischen Administrationen ausgehandelt und von dieser demokratischen
Administration in Kraft gesetzt, ist der erste Vertrag,
der von den Atommächten die tatsächliche Reduzierung ihrer strafegischen Arsenale verlangt. Unsere
beiden Länder zerlegen die Waffen so schnell wie
möglich. Und dank eines weitreichenden Verifizierungssystems einschließlich Inspektionen vor Ort, die
heute in Rußland und den Vereinigten Staaten
begonnen haben, weiß jeder von uns genau, was
die andere Seite tut.
Auch durch das von den Senatoren Nunn und Lugar
entworfene weitsichtige Programm helfen wir Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten
beim Abbau von Nuklearstreitkräften beim Transport,
der Lagerung und Zerstörung von Nuklearwaffen und
-material.
Ironischerweise haben einige der Veränderungen,
die uns die Reduzierung des weltweiten Bestands an
Nuklearwaffen gestatteten, unsere Nichtverbreitungsbestrebungen erschwert. Der Zusammenbruch der
Sowjetunion hinterließ Nuklearmaterial in allen
neuen unabhängigen Staaten. Das Potential für
Diebstahl von Nuklearmaterial hat sich daher erhöht.
Wir sehen uns mit der Aussicht auf Verbrecher
konfrontiert, die in den Schmuggel mit Nuklearmaterial einsteigen. Hinzu kommt die Tatsache, daß ein
Klumpen Plutonium von der Größe einer Blechdose
für den Bau einer Bombe ausreicht, und die Dringlichkeit der Bestrebungen zur Beendigung der Ver-

Seite 4

breitung von Nuklearmaterial sollte uns allen klar
sein.
Aus diesem Grund haben wir vom ersten Tag unserer
Amtszeit eine aggressive, koordinierte Kampagne
gegen internationalen Terrorismus und Nuklearschmuggel in die Wege geleitet. Wir arbeiten eng mit
unseren Verbündeten sowie mit Rußland und den
anderen neuen unabhängigen Staaten zusammen,
verbessern die Sicherheit von Nukleareinrichtungen
und verschärfen die multilateralen Exportkontrollen.
Ein beeindruckendes Beispiel unseres Erfolgs ist die
Operation Sapphire, der Lufttransport von fast 600
Kilogramm hochangreicherten Urans - genug, um
Dutzende von Bomben herzustellen - von Kasachstan
in die Vereinigten Staaten zur Entsorgung. Wir
haben ferner Abkommen mit Rußland über die
Reduzierung des für Nuklearwaffen verfügbaren
Urans und Plutoniums abgeschlossen und streben
einen globalen Vertrag über das Verbot der Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen an.
Unsere geduldige, entschlossene Diplomatie war
auch erfolgreich, Belarus, Kasachstan und die
Ukraine von der- Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags und der Übergabe der beim Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium
verbliebenen Nuklearwaffen zu überzeugen. Eine
oberste Priorität unserer Administration war die
Gewährleistung, daß diese neuen Länder atomwaffenfreie Nationen werden, und jetzt erreichen wir
auch dieses Ziel.
Aufgrund unserer Bestrebungen haben vier potentielle Lieferanten ballistischer Raketen - Rußland, die
Ukraine, China und Südafrika - der Kontrolle des
Transfers dieser Raketen und verwandter Technologie zugestimmt. Der Schritt zurück vom nuklearen
Abgrund gestattete uns die Kürzung der amerikanischen Verteidigungsausgaben für strategische Waffen
um nahezu zwei Drittel - Einsparungen von rund 20
Milliarden Dollar pro Jahr, die für vitale Bedürfnisse
wie die Verbesserung der Bereitschaft unserer
Streitkräfte, den Abbau des Defizits und die Bereitstellung zusätzlicher Polizisten verwendet werden
können. Durch die Aufwendung von Millionen Dollar,
um Waffen von unseren potentiellen Gegnern fernzuhalten oder ihnen wegzunehmen, sparen wir Milliarden an Rüstungsaufwendungen und nutzen sie
sinnvoller.
In diesem Jahr der Entscheidungen muß sich unser
Ehrgeiz für die Zukunft noch steigern. Wenn unsere
Völker wirklich dauerhafte Sicherheit kennenlernen
sollen, müssen wir unsere Anstrengungen zu Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung und Terrorismusbekämpfung verdoppeln. Wir müssen alles in unserer

AMERIKA DIENST 09

�Macht Stehende tun, um eine Version von Schutzeinrichtungen vor nuklearem Fallout des 21. Jahrhunderts, Schutzübungen vor einem Atomangriff und
eine erneute Tragödie wie die des World Trade
Center zu verhindern.
In vier Tagen begehen wir den 25. Jahrestag des
Nichtverbreitungsvertrags. Nichts ist wichtiger für die
Nichtverbreitung von Nuklearwaffen als die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des
Vertrags. Und aus diesem Grund habe ich den
Vizepräsidenten gebeten, die Leitung unserer
Delegation bei der NW-Konferenz im April zu
übernehmen und so hart wir können auf die Gewährleistung einer unbegrenzten Verlängerung des
Vertrags hinzuarbeiten.
Der N W ist der Hauptgrund, daß viele Nationen
heute nicht im Besitz von Nuklearwaffen sind und die
Untergangspropheten unrecht hatten. 172 Nationen
haben den N W zum Vertrag mit der höchsten Zahl
von Unterzeichnerstaaten der Geschichte aus einem
überragenden Grund gemacht: Er liegt in ihrem
Eigeninteresse.
Den Vertrag unterzeichnende
atomwaffenfreie Staaten verpflichten sich, diese nie
zu beschaffen.
Nuklearwaffenstaaten geloben,
anderen nicht bei der Beschaffung von Nuklearwaffen behilflich zu sein, die friedliche Nutzung von
Atomenergie zu erleichtern sowie Rüstungskontrolle
und Abrüstung anzustreben - Verpflichtungen, die
ich zusammen mit unserer Entschlossenheit zu
universeller Mitgliedschaft beim NV-Vertrag entschieden bekräftige.
Das Scheitern einer unbegrenzten Verlängerung des
N W könnte die Tür zu einer Welt mit nuklearen
Problemen öffnen.
Paria-Nationen mit starren
Ideologien und expansionistischen Ambitionen hätten
es bei der Beschaffung schrecklicher Waffen leichter,
und Länder, die sich zum Verzicht auf die nukleare
Option entschlossen haben, würden dann ihre
Position überdenken. Sie wären sicherlich versucht,
diese Entscheidung erneut zu erwägen.
Um unsere Verpflichtung zu den Zielen des Vertrags
weiter zu demonstrieren, habe ich heute die endgültige Beseitigung von 200 Tonnen spaltbaren Materials, ausreichend für Tausende von Nuklearwaffen,
aus dem Atomarsenal der Vereinigten Staaten
angeordnet - 200 Tonnen spaltbaren Materials, die
nie wieder zum Bau von Nuklearwaffen verwendet
werden können.
Unser zweites wesentliches Ziel ist die Ratifizierung
von START II. Sobald der Vertrag in Kraft ist, wird
er die Trägersysteme aus den russischen und
amerikanischen Arsenalen beseitigen, die mit über
5.000 Waffen bestückt sind. Die wichtigsten Redu-

AMERIKA DIENST 09

zierungen unter START I werden es uns zusammen
mit START II ermöglichen, die auf dem Höhepunkt
des Kalten Krieges dislozierte Anzahl strategischer
Gefechtsköpfe um zwei Drittel zu verringern. Auf
mein Drängen hat der Senat bereits mit den Anhörungen zu START II begonnen, und ich fühle mich
durch das Interesse der Senatoren beider Parteien an
raschem Handeln ermutigt. Ich möchte den Senat zu
den bisher ergriffenen Maßnahmen beglückwünschen
und fordere erneut die möglichst baldige Zustimmung
zu dem Vertrag.
Präsident Jelzin und ich haben bereits unsere Experten angewiesen, die Möglichkeiten zusätzlicher
Reduzierungen und Begrenzungen der verbleibenden
Nuklearstreitkräfte nach der Ratifizierung von START
II in Betracht zu ziehen. Wir haben eine Chance, die
nukleare Wolke weiter zu vertreiben, und wir dürfen
sie nicht vergeuden.
Um die Entwicklung neuer Generationen von Nuklearwaffen zu stoppen, müssen wir auch rasch die
Verhandlungen über ein umfassendes Atomtestverbot zu Ende bringen. Im vergangenen Monat habe
ich ein Moratorium für Atomtests verlängert, das ich
bei meiner Amtsübernahme in Kraft gesetzt habe.
Und wir haben unsere Verhandlungsposition überarbeitet, um den Abschluß des Vertrags zu beschleunigen, während wir unsere Entschlossenheit zur
Beibehaltung eines sicheren und zuverlässigen
Bestands an Nuklearwaffen bekräftigen.
Wir werden weiterhin mit unseren Verbündeten auf
die vollständige Umsetzung des mit Nordkorea
erzielten Abkommens hinarbeiten, das Nuklearprogramm des Landes zunächst einzufrieren und dann
einzustellen und zwar unter internationaler Beobachtung. Die Kritiker dieses Abkommens haben meines
Erachtens unrecht. Die Vereinbarung beendet das
Nuklearprogramm Nordkoreas und verpflichtet
Pjöngjang, es in den kommenden Jahren zurückzuschrauben.
Ich habe von keinem anderen alternativen Vorschlag
gehört, der nicht entweder impraktikabel oder tollkühn
ist, oder dem unsere Verbündeten in der Republik
Korea oder in Japan - den am direktesten betroffenen
Nationen - nicht ihre Unterstützung verweigern
würden.
Wenn Nordkorea seinen Verpflichtungen nachkommt,
werden die koreanische Halbinsel und die gesamte
Welt offensichtlich weniger bedroht und sicherer sein.
Der N W , START II, der Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und das Abkommen mit Nordkorea stehen an oberster Stelle unserer Tagesordnung
für das kommende Jahr. Wir sehen uns auch noch
mit anderen entscheidenden Aufgaben konfrontiert,

Seite 5

�wenn wir mehr Sicherheit für jeden Amerikaner
schaffen wollen, unter anderem durch die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention durch den Senat,
rechtlich bindende Maßnahmen zur Stärkung der
Konvention über biologische und Toxinwaffen,
Verdeutlichung des ABM-Vertrags zur Gewährleistung seiner Gültigkeit mit einer äußerst effektiven
Verteidigung gegen Angriffe mit Gefechtsfeldwaffen,
weitere Unterstützung regionaler Rüstungskontrollbestrebungen im Nahen Osten und andernorts
sowie das Drängen auf die Ratifizierung des Abkommens über konventionelle Waffen, das uns unter
anderem bei der Minderung des durch die Millionen
von Landminen verursachten Leids behilflich sein
würde.
Meine Freunde, dies ist eine breitgefächerte und
anspruchsvolle Tagesordnung. Es liegen viele
Hindernisse vor uns. Wir können diese Tagesordnung nicht verwirklichen, wenn wir erneut in Isolationismus verfallen. Wir müssen alle Anstrengungen
zu ihrer Umsetzung unternehmen.
Heute abend wollen wir uns an die Worte von Präsident Nixon vor beiden Häusern des Kongresses bei
der Rückkehr von seiner historischen Reise nach
Moskau im Jahr 1972 erinnern. Er erklärte: "Wir
haben begonnen, den unnützen und gefährlichen
Rüstungswettlauf in den Griff zu bekommen. Wir
wollen den Augenblick nutzen, damit unsere Kinder
und die Kinder der Welt frei von der Angst und frei
von dem Haß leben können, die seit Jahrhunderten
das Los der Menschheit waren."
Es liegt an uns, den von Richard Nixon vor über 20
Jahren beschriebenen Traum zu realisieren. Wir
dürfen nicht zulassen, daß in den Annalen der

*

Seite 6

Geschichte steht, unsere Generation von Amerikanern habe sich geweigert, diese Herausforderung
anzunehmen, sich von der Welt zurückgezogen und
sich ihrer Verantwortung entzogen, habe die Energie,
Vision und den Willen vermissen lassen, um diesen
Kampf zu führen - den jahrhundertealten Kampf
zwischen Hoffnung und Angst.
Wir wollen uns von der großen Tradition von Harry
Truman und Arthur Vandenberg inspirieren lassen einer Tradition, die Brücken der Zusammenarbeit,
nicht Mauern der Isolation baut; die Amerikaner offen
für den Wandel macht, statt sie in Verzweiflung zu
stürzen; die Parteipolitik überbrückt und Republikaner
und Demokraten zum Nutzen des amerikanischen
Volkes und der Welt zusammenbringt. Die Tradition
hat das Meiste aus diesem Land gemacht, die
großen Schlachten dieses Jahrhunderts gegen
Tyrannei gewonnen sowie unsere Freiheit und
unseren Wohlstand gesichert.
Vor allem sollten wir nicht vergessen, daß die Bestrebungen beim amerikanischen Volk beginnen und
enden. Jedes Mal, wenn wir die Bedrohung verringern, die seit dem Anbruch des Nuklearzeitalters
wie ein Damokleschwert über uns schwebte, tragen
wir zu der Gewährleistung bei, daß von den entlegenen Küsten der Aleuten bis zur Spitze der Florida
Keys das amerikanische Volk sicherer ist. Das ist
unsere wichtigste Aufgabe und unsere feierlichste
Verpflichtung.
Die Herausforderung dieses Augenblicks geht Hand
in Hand mit seinen Chancen. Laßt uns unsere Pflicht
tun.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 09

�USA-EU ROPA
9. März 1995

Amerika - eine europäische Macht
von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Richard C. Holbrooke ist Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der nachfolgende Artikel wird in Foreign Affairs, März/April 1995,
veröffentlicht. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Foreign Affairs, März/April
1995. Copyright (c) 1995, Council on Foreign Relations, Inc.

Die neue Sicherheitsarchitektur

Die vierte architektonische Ära

Präsident Clinton hat im vergangenen Jahr vier
Europareisen gemacht. Daß der Präsident diesem
Kontinent so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet,
unterstreicht eine unausweichliche, aber wenig
bekannte Tatsache: Die Vereinigten Staaten sind in
einer Weise zu einer europäischen Macht geworden,
die über die herkömmlichen Bekräftigungen der
amerikanischen "Verpflichtung" zu Europa hinausgeht. Im 21. Jahrhundert benötigt Europa immer
noch das aktive Engagement der Vereinigten Staaten, das seit einem halben Jahrhundert ein notwendiges Element des Gleichgewichts auf dem Kontinent war. Umgekehrt würde ein instabiles Europa
weiterhin die entscheidenden nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten bedrohen. Dies
gilt heute ebenso wie während des Kalten Krieges.

Seit der Französischen Revolution hat Europa nur
dreimal seine grundlegende Sicherheitsarchitektur auf
friedliche Weise neu gestaltet. Heute befindet sich
der Kontinent inmitten der vierten architektonischen
Ära der vergangenen beiden Jahrhunderte. Die 1815
beim Wiener Kongreß entworfene erste postnapoleonische Sicherheitsarchitektur für Europa trug 99 Jahre
lang zur Verhinderung eines alles vernichtenden
Kontinentalkrieges bei.
Die jungen Vereinigten
Staaten, die in nur 40 Jahren zwei Kriege mit England geführt hatten, bewahrten - allerdings zum
letzten Mal - erfolgreich Distanz.

Ich möchte damit natürlich nicht andeuten, daß sich
nichts geändert hat. Das Ende des Kalten Krieges,
das am besten an diesem symbolischen Moment um
Mitternacht am 25. Dezember 1991 festgemacht
werden kann, als die sowjetische Flagge zum letzten
Mal vom Kreml eingeholt wurde, leitete ein Zeitalter
des Wandels von historischen Ausmaßen ein.
Lokale Konflikte, innenpolitische und wirtschaftliche
Instabilität sowie das Wiederauftreten historischer
Mißstände sind jetzt an die Stelle des sowjetischen
Expansionismus als größte Bedrohung des Friedens
in Europa getreten. Westeuropa und die Vereinigten
Staaten müssen gemeinsam sicherstellen, daß
tolerante Demokratien in ganz Europa Fuß fassen
und die schwelenden, erbitterten, ungelösten Konflikte der Vergangenheit eingedämmt und behoben
werden.

AMERIKA DIENST 09

In der zweiten Periode der Umgestaltung spielte
Präsident Woodrow Wilson 1919 in Versailles eine
zentrale Rolle, aber die Vereinigten Staaten zogen
sich fast unverzüglich aus eben den Strukturen
zurück, zu deren Gestaltung sie beigetragen hatten,
was zu ihrer Schwächung führte und die tragische
Wiederholung des totalen Krieges 20 Jahre später
praktisch garantierte. Als sich 1945 die dritte Chance
ergab, bauten die Großmächte anfänglich ein auf
Jalta, Potsdam und die Vereinten Nationen gegründetes System auf. Aber ab 1947, als die Staats- und
Regierungschefs des Westens erkannten, daß dieses
System zur Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nicht ausreichte, gestalteten sie das erfolgreichste kollektive Sicherheitssystem in Friedenszeiten auf der Grundlage der Truman-Doktrin, des
Marshallplans, der NATO, der atlantischen Partnerschaft - und der amerikanischen Führungsrolle.
Diese kreative Architektur spiegelte die Ziele des
amerikanischen Engagements der Nachkriegszeit in
Europa wider. Das Engagement der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit muß sich wieder auf
alte und neue Strukturen konzentrieren. Dieses Mal
müssen die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle

Seite 1

�bei der Gestaltung einer Sicherheitsarchitektur
übernehmen, die ganz Europa einbezieht und dadurch stabilisiert - den Westen, die ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten Mitteleuropas und vor
allem Rußland und die Republiken der ehemaligen
Sowjetunion.
Alle entscheidenden Beteiligten an der neuen Sicherheitsgleichung in Europa - die Vereinigten
Staaten, die west- und mitteleuropäischen Länder
sowie die anderen Nationen der früheren Sowjetunion - wünschen ein friedliches, stabiles und
demokratisches, in die Institutionen eines ungeteilten
Europa integriertes Rußland. Seit das neue, demokratische Westdeutschland erfolgreich in die politische Sicherheitsarchitektur Europas nach dem
Zweiten Weltkrieg einbezogen wurde, hat es kein
wichtigeres politisches Ziel in Europa gegeben. Aus
diesem und anderen Gründen ist die im folgenden
eingehender erörterte Krise in Tschetschenien so
beunruhigend.
Glücklicherweise bietet ein Großteil der hervorragenden Strukturen der Nachkriegszeit eine nützliche Grundlage für die Schaffung von Stabilität. Die
essentielle Herausforderung besteht in der Bewahrung des Zusammenhalts dieser Strukturen, der
Projektion ihres Einflusses und Anpassung an neue
Gegebenheiten, ohne ihre grundlegenden Funktionen zu verwässern.
Anhand des Nachkriegskalenders sind die Vereinigten Staaten jetzt ein bißchen weiter als am
Ende des Frühjahrs 1947, als Außenminister George
C. Marshall seine historische Rede an der Harvard
University hielt. Der von ihm an jenem Tag dargelegte Marshallplan war kein Almosen, sondern
vielmehr ein Programm der Hilfe und Kredite, das
einen Anreiz für die Zusammenarbeit zwischen den
europäischen Staaten bieten sollte. Und es ist
wichtig, sich daran zu erinnern, daß Marshall den
Plan nicht nur Westeuropa, sondern auch der
Sowjetunion anbot, die ihn für sich und ihre Satelliten ablehnte und statt dessen eine 45jährige Epoche
einleitete, die eine gesamte Region zu politischem
und wirtschaftlichem Ruin verdammte.
Ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
anfängliche Euphorie einer nüchterneren Einschätzung der neuen und alten Probleme gewichen. Die
Tragödie in Bosnien schmälert nicht die Verantwortung zum Aufbau neuer umfassender Beziehungsstrukturen zur Gestaltung einer neuen Sicherheitsarchitektur. Im Gegenteil, Bosnien, das größte
kollektive sicherheitspolitische Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren, unterstreicht nur die
Dringlichkeit dieser Aufgabe.

Seite 2

Im Jahr 1947 lernten die Amerikaner, daß denjenigen
mit der größten Fähigkeit zur Bewahrung des Friedens eine besondere Verantwortung zur Hilfestellung
beim Aufbau stabiler Strukturen in neuen demokratischen Nachbarländern zukommt. Damals waren nur
die Vereinigten Staaten sicher und wohlhabend
genug, um Westeuropa die erforderliche Hilfe zu
bieten. Heute müssen ein ebenso wohlhabendes
Europa (und Japan, das ein Interesse an einem
stabilen Europa hat und davon profitiert) den Großteil
der aktuellen Finanzhilfe übernehmen, aber die
Vereinigten Staaten müssen weiterhin eine führende
Rolle spielen. Mit den Worten von Außenminister
Christopher besteht das zentrale Ziel der Vereinigten
Staaten darin, "die Rechte und Pflichten der liberalen
Handels- und kollektiven Sicherheitsordnung, die
Pfeiler der Stärke für den Westen waren, auf ganz
Europa auszuweiten".
Eine letzte Lektion des Marshallplans ist ebenso
wichtig. Diejenigen, die Unterstützung erhalten,
müssen ihre eigene Zukunft aufbauen. Die neuen
Demokratien müssen durch verantwortungvolles
Verhalten gegenüber ihren Nachbarn und beim
Aufbau von Demokratie von innen heraus zu ihrer
eigenen Sicherheit beitragen.
Die Vereinigten
Staaten verstehen, begrüßen und ermutigen den
Wunsch der neuen europäischen Demokratien, dem
Westen durch die Mitgliedschaft in seinen wichtigsten
Institutionen beizutreten. Aber die NATO, die Europäische Union und die anderen entscheidenden
Institutionen des Westens sind keine Clubs, denen
man einfach durch das Ausfüllen eines Antrags auf
Mitgliedschaft beitritt. Mit der Zeit hat jede dieser
Institutionen Werte und Pflichten entwickelt, die von
jedem neuen Mitglied akzeptiert werden müssen.
Die Herausforderung für Mitteleuropa
Alle Pläne für die neue Sicherheitsarchitektur Europas müssen sich zuerst auf Mitteleuropa konzentrieren - den Nährboden von mehr Unruhen und
Tragödien in diesem Jahrhundert als jedes andere
Gebiet auf dem Kontinent. Die beiden destruktivsten
Kriege in der Geschichte der Menschheit nahmen in
Ereignissen auf dem Boden Mitteleuropas ihren
Anfang, und der Kalte Krieg wurde in seinen alten
und geschichtsträchtigen Städten geführt - alles
innerhalb der letzten 80 Jahre.
Bei anderen historischen Wendepunkten wurde
dieses Gebiet ebenfalls vernachlässigt. Erst die
Verträge von Versailles und Trianon, dann die
Abkommen von Jalta und Potsdam und schließlich
der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums diese drei zentralen Ereignisse hinterließen in ganz
Mitteleuropa ein Vermächtnis ungelöster und häufig
widersprüchlicher historischer Ressentiments, Ambi-

AMERIKA DIENST 09

�tionen und - was am gefährlichsten war - territorialer
und ethnischer Konflikte. Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind diese Länder
weiterhin anfällig für die gleichen, häufig durch die
Obsession verschärften Probleme, tatsächliches oder
eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Wenn sich diese Bösartigkeiten verbreiten wie sie es bereits in Teilen des Balkan und des
Transkaukasus getan haben - steht die generelle
europäische Stabilität erneut auf dem Spiel. Und für
Deutschland und Rußland - die beiden großen
Nationen an den Flanken Mitteleuropas - war Unsicherheit historisch gesehen ein Hauptfaktor für
aggressives Verhalten.
Aber wenn es große Probleme gibt, so gibt es auch
große Möglichkeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Nationen in dieser Region die
Chance, sich gleichzeitig der Stabilität, Freiheit und
Unabhängigkeit auf der Grundlage eines anderen
Anfangs zu erfreuen: Der Annahme westlicher
demokratischer Ideale als gemeinsamer Basis für
ganz Europa. Die emotionale, aber auch praktische
Anziehungskraft des Westens kann die stärkste
einigende Kraft sein, die Europa seit Generationen
erlebt hat - aber nur, wenn unnötige Verzögerungen
nicht die Chancen vereiteln.
Der Westen verdankt einen Großteil seines Erfolgs
den in den vierziger und fünfziger Jahren gegründeten großartigen Institutionen. Sie haben eine wichtige innenpolitische Funktion für ihre Mitglieder und
projizieren ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit
auf andere. Wenn diese Institutionen neuen Mitgliedern verschlossen blieben, würden sie immer
weiter von den neuen Herausforderungen isoliert
und weniger relevant für die Probleme der Welt nach
dem Kalten Krieg. Es wäre eine Tragödie, wenn der
Westen aufgrund von Verzögerungen oder Unentschlossenheit zur Schaffung von Bedingungen
beitragen würde, die zu eben den von ihm am
meisten gefürchteten Problemen führten.
Der
Westen muß in Wort und Tat so bald wie möglich
eine Erweiterung nach Mitteleuropa vornehmen, und
die Vereinigten Staaten sind bereit, den Weg anzuführen. Stabilität in Mitteleuropa ist unabdingbar für
die allgemeine europäische Sicherheit, und diese ist
noch lange nicht gewährleistet.
Die Bausteine
Der zentrale Sicherheitspfeiler der neuen Architektur
ist eine ehrwürdige Organisation:
die NATO.
Einigen mag das 45 Jahre alte atlantische Bündnis
irrelevant oder schlecht gerüstet für die Herausforderungen des neuen Europa erscheinen. Andere
verleitet die außerordentliche Erfolgsbilanz der
NATO zu der Annahme, daß nichts geändert werden

AMERIKA DIENST 09

muß. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen falsch.
Die Erweiterung der NATO ist eine logische und
unerläßliche Konsequenz des Verschwindens des
Eisernen Vorhangs und der Notwendigkeit einer
Ausweitung der europäischen Einheit auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte. Aber
selbst vor der NATO-Erweiterung spielen ihre Stärke
und ihr Know-how bereits eine wichtige Rolle beim
Aufbau eines neuen Gefühls der Sicherheit in ganz
Europa.
Vor Jahrzehnten zur Abwehr einer einzigen, klar
definierten Bedrohung konzipiert, steht die NATO erst
am Anfang einer historischen Umgestaltung. Der
Hauptzweck der kollektiven Verteidigung der NATO
bleibt bestehen, aber neue Ziele und Programme
wurden hinzugefügt. Kollektives Krisenmanagement,
Streitkräfteprojektion out-of-area und die Förderung
von Stabilität in Richtung Osten durch die Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PFP)
sowie andere Programme wurden in die Wege
geleitet. Die Befehlsstrukturen wurden modernisiert.
Bisher zur Bekämpfung eines möglichen sowjetischen
Angriffs über Mitteleuropa hinweg konzentrierte
statische Streitkräfte wurden in ein leichter bewaffnetes, mobiles und flexibles multinationales Korps
umgewandelt, das auf eine unterschiedliche, weniger
stabile Welt reagieren kann.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat und die Partnerschaft für den Frieden wurden speziell für die Einbeziehung der Nichtmitglieder der NATO eingerichtet. Sie verdienen vermehrte Aufmerksamkeit, insbesondere das kreative
neue Konzept, das so passend Partnerschaft für den
Frieden genannt wurde. In nur einem Jahr wurde die
innovative Idee zum integralen Bestandteil der
europäischen Sicherheitsszene - wird jedoch weiterhin leicht mißverstanden und unterschätzt.
Im
Gegensatz zu dem weitverbreiteten Eindruck ist die
PFP nicht eine einzige Organisation, sondern eine
Reihe individueller Abkommen zwischen der NATO
und - jüngsten Zahlen zufolge - 24 anderen Ländern
von Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands.
Jedes "Partnerland" entwirft ein individuelles Programm zur Erfüllung seiner Erfordernisse.
Die PFP ist ein unschätzbares Instrument, das die
NATO und die einzelnen Partner zur Zusammenarbeit
ermutigt. Sie hilft den neuen demokratischen Staaten
bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer Streitkräfte sowie dem Erlernen
neuer Formen von Militärdoktrin, Umweltschutz und
Katastrophenhilfe. In der Zukunft wird sie einen
Rahmen bieten, in dem die NATO und die individuellen Partner bei Krisenmanagement und Friedenssicherungsmissionen out-of-area kooperieren können.

Seite 3

�Die PFP hat ihren Wert unverzüglich unter Beweis
gestellt. Im ersten Jahr ihrer Existenz hielten die
Verbündeten und Partner gemeinsame Übungen in
Polen, den Niederlanden und im Nordatlantik ab.
Zehn Partner haben bereits Verbindungsbüros zu
den militärischen Kommandobehörden eingerichtet.
Sechzehn Partner haben gemeinsame Aktivitäten mit
der NATO aufgenommen, und andere werden
folgen. Ein Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß wurde innerhalb der Partnerschaft zur
Förderung von Kompatibilität und Transparenz
zwischen Verbündeten und Partnern in die Wege
geleitet. Die PFP ist ferner ein Instrument für die
Partner, mehr über die NATO-Verfahren und Normen zu lernen und dabei jedem Partner bei einer
informierten Entscheidung behilflich zu sein, ob er
für eine Mitgliedschaft im Bündnis in Betracht
gezogen werden möchte.

verpflichteten sich - wiederum auf Initiative der
Vereinigten Staaten - zu einem Zweiphasenprogramm
für 1995. Während der ersten Hälfte dieses Jahres
wird die NATO bei einer bereits eingeleiteten internen
Diskussion über die Prinzipien und den Prozeß für
die Erweiterung der neuen NATO der Zeit nach dem
Kalten Krieg entscheiden. Dann, in den Monaten vor
dem Ministertreffen im Dezember 1995, wird die
Meinung der NATO zu diesen beiden Themen "Warum" und "Wie" - den PFP-Mitgliedern einzeln
vorgelegt, die Interesse an solchen Gesprächen
bekundet haben. Dieser entscheidende Schritt wird
das erste Mal sein, an dem detaillierte Diskussionen
zu diesem Thema außerhalb des Bündnisses stattfinden werden. Die Minister werden dann im Dezember wieder in Brüssel zusammenkommen und die
Ergebnisse der Gespräche mit den Partnern vor der
Entscheidung über das weitere Vorgehen auswerten.

Aus der Perspektive des Bündnisses wird die PFP
einen wertvollen Rahmen zur Beurteilung der Fähigkeit jedes Partners zur Übernahme der Pflichten der
NATO-Mitgliedschaft - einen Test für ihre Fähigkeiten - schaffen. Und für die Partner, die nicht Mitglied der NATO werden, wird die PFP eine Struktur
für zunehmend enge Zusammenarbeit mit der NATO
bieten - an sich schon ein wichtiger Baustein für die
europäische Sicherheit. Wenn die Hoffnungen der
Vereinigten Staaten verwirklicht werden - und das
erste Jahr gibt berechtigten Anlaß zu Optimismus wird die PFP dauerhafter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene, selbst während die NATO
einige, aber nicht alle PFP-Mitglieder einbezieht.

Dieser Prozeß, der in jeder Phase der Zustimmung
aller 16 NATO-Mitgliedstaaten bedarf, befindet sich
noch im Anfangsstadium. Er wird noch nicht überall
verstanden. Angesichts der Bedeutung der NATO
überrascht es nicht, daß einige außenstehende
Beobachter den Prozeß beschleunigen wollen,
während andere seinen Beginn gar nicht erst wünschen. Die Clinton-Administration und ihre NATOVerbündeten haben sich nach einigen anfänglichen
Meinungsverschiedenheiten für einen allmählichen
und überlegten Mittelkurs entschieden und den
Prozeß begonnen.
Mehrere wesentliche Punkte sollten hervorgehoben
werden:

Die Erweiterung der NATO
Kein Thema ist wichtiger, kontroverser oder leichter
mißzuverstehen als das, ob die NATO ein Bündnis
mit seinen derzeit 16 Mitgliedern bleiben oder eine
Erweiterung vornehmen soll, und wenn sie diese
Erweiterung vollzieht - warum, wo, wann und wie.
Am Beginn eines wichtigen Jahres für diese Entscheidungen ist es nützlich, die Position der Vereinigten Staaten zu dieser Frage und ihre Zielsetzung zu klären.
1994 war im wesentlichen ein Jahr, in dem die
NATO auf Initiative der Vereinigten Staaten die
Entscheidung über die mögliche Erweiterung traf.
Diese Entscheidung wurde beim Gipfeltreffen von
Brüssel im Januar erzielt und von Präsident Clinton
während seiner Europareise im Juni vergangenen
Jahres bekräftigt, als er feststellte, die Frage laute
nicht länger, ob die NATO erweitert wird, sondern
wie und wann.
Im Dezember letzten Jahres kamen die NATOAußenminister erneut in Brüssel zusammen und

Seite 4

Erstens. Ziel bleibt die Verteidigung der vitalen
Interessen des Bündnisses und die Förderung
europäischer Stabilität. Die NATO-Erweiterung muß
zu einer Erhöhung der Sicherheit in der gesamten
Region führen, einschließlich der Nichtmitgliedstaaten. Ziel ist die Förderung von Sicherheit in Mitteleuropa durch die Integration von Staaten, die sich für
die Aufnahme in den stabilisierenden Rahmen der
NATO eignen.
Zweitens. Das Grundprinzip und Verfahren einer
NATO-Erweiterung - nachdem diese beschlossen
wurde - transparent, nicht geheim. Sowohl Warschau
als auch Moskau beispielsweise werden Ende dieses
Jahres von der NATO dieselben Informationen
erhalten, und beide sollten über sämtliche Überlegungen des Bündnisses in Kenntnis gesetzt werden
um zu verstehen, daß die NATO nicht länger als
gegen Rußland gerichtetes Bündnis angesehen
werden sollte. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinsky, Befürworter einer
schnellen Erweiterung, schrieb in der Ausgabe
Januar/Februar 1995 von Foreign Affairs: "Weder

AMERIKA DIENST 09

�das Bündnis noch seine möglichen neuen Mitglieder
sehen sich einer unmittelbaren Bedrohung gegenüber. Das Gerede über ein neues Jalta oder eine
militärische Bedrohung durch die Russen ist nicht
gerechtfertigt, weder durch die jetzigen Gegebenheiten noch durch Katastrophenszenarien für die nahe
Zukunft. Aus diesem Grund sollte die Erweiterung
der NATO nicht durch gegen Rußland gerichtete,
herbeigeredete Hysterie vorangetrieben werden."
Drittens. Es existiert kein Zeitplan und keine Liste
möglicher Beitrittskandidaten. Die Antworten auf die
entscheidenden Fragen des "Wer" und "Wann"
werden nach Abschluß dieser Phase des Prozesses
gefunden.
Viertens. Jede Nation wird einzeln in Erwägung
gezogen, nicht als Mitglied einer Gruppierung.
Fünftens. Die Entscheidung darüber, wer der NATO
beitritt und wann, wird ausschließlich vom Bündnis
selbst gefällt. Kein Nichtmitgliedstaat bekommt ein
Vetorecht.
Sechstens. Obwohl noch nicht über die Kriterien für
eine Mitgliedschaft entschieden wurde, besitzen
einige im ursprünglichen Washingtoner Vertrag
enthaltene grundlegende Richtlinien heute ebensolche Gültigkeit wie 1949: Die neuen Mitglieder
müssen demokratische, marktwirtschaftliche, einer
verantwortlichen

Sicherheitspolitik

verpflichtete

Staaten sein, die einen Beitrag zum Bündnis leisten
können. Präsident Clinton formulierte es folgendermaßen: "Länder mit repressiven politischen Systemen, die etwas gegen ihre Nachbarstaaten im
Schilde führen, mit einem keiner zivilen Kontrolle
unterstehenden Militär oder geschlossenen Volkswirtschaften brauchen keinen Antrag auf Mitgliedschaft stellen."
Schließlich sollte man sich vor Augen führen, daß
der Beitritt jedes neuen Mitglieds für die Vereinigten
Staaten eine feierliche Verpflichtung darstellt: Einen
bilateralen Verteidigungsvertrag, durch den eine
weitere Nation in den Genuß des amerikanischen
Schutzschilds kommt. Dies erfordert die Ratifizierung durch eine Zweidrittelmehrheit des Senats, was
von Anhängern einer sofortigen Erweiterung oftmals
übersehen wird.
Ein umfassendes Sicherheitskonzept
Die NATO-Erwerterung kann nicht in einem Vakuum
stattfinden, denn dadurch würden nur die Ungleichgewichte und Instabilitäten verschärft, die man
eigentlich vermeiden wollte. Neben der NATO muß
eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen
zu der neuen Friedensstruktur beitragen. Die neue

AMERIKA DIENST 09

Architektur sollte sowohl Institutionen wie die NATO
und die EU einbeziehen, die eine wirkliche Integration
ihrer Mitglieder anstreben, als auch andere, wie die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die einen breiten, umfassenden
Rahmen für lockerere Formen der Zusammenarbeit
bieten.
Obwohl die EU vorwiegend eine politische und
wirtschaftliche Institution ist, leistet sie auch einen
wichtigen Beitrag zur europäischen Sicherheit. Die
Integration westeuropäischer Nationen hat tatsächlich
territoriale Streitigkeiten, Unabhängigkeitsbestrebungen, soziale Spaltungen und ethnische Konflikte
überwunden, die die Gesellschaften Europas in
früheren Zeiten zerrissen.
Die Osterweiterung der EU (und die Süderweiterung
im Falle eines Beitritts von Zypern und Malta) wird
daher von immenser Bedeutung sein. Sie wird zur
Integration und Stabilisierung der beiden Hälften
Europas führen. Dieser Prozeß leitete den Beitritt
Österreichs, Finnlands und Schwedens zu Beginn
dieses Jahres ein. Europäische Abkommen verpflichteten die EU und sechs mitteleuropäische
Staaten ab dem 1. Januar 1995 zum freien Handel
mit Industrieprodukten, mit Ausnahme von Stahl und
Textilien, die 1996 und 1998 folgen werden. Man
erwartet, daß Slowenien und die baltischen Staaten
bald ähnliche Abkommen unterzeichnen. Im Dezember einigten sich die Staats- und Regierungschefs der
EU auf eine Strategie vor einem eventuellen Beitritt,
der im Falle der mitteleuropäischen Staaten, Zyperns
und Maltas wahrscheinlich Anfang des nächsten
Jahrhunderts erfolgen wird. Für Deutschland, das um den aussagekräftigen Satz Bundeskanzler Helmut
Kohls zu zitieren - "nicht unendlich lange Europas
östlichste Grenze bleiben kann", ist die Erweiterung
der EU besonders wichtig, weshalb Deutschland
diesen Prozeß während seiner EU-Präsidentschaft
einleitete.
Die Erweiterung der NATO und der EU wird nicht
exakt im gleichen Tempo erfolgen. Die Zusammensetzung ihrer Mitglieder wird nie identisch sein. Die
beiden Organisationen unterstützen sich aber eindeutig gegenseitig. Obwohl die Beziehungen zwischen NATO und EU komplex sind, insbesondere da
die EU sich um eine Neudefinition ihres Verhältnisses
zur WEU bemüht, um eine europäische Verteidigungsidentität zu schaffen, sind sie klar von gegenseitiger Unterstützung gekennzeichnet. Die Erweiterung der beiden Organisationen ist für ein ungeteiltes
und stabiles Europa gleichermaßen wichtig.
Es wäre kontraproduktiv für die WEU, militärische
Strukturen zu schaffen, um die erfolgreiche europäische Integration zu kopieren, die bereits in der NATO

Seite 5

�erreicht wurde. Eine stärkere europäische Säule
des Bündnisses kann jedoch ein bedeutender
Beitrag zu europäischer Stabilität und transatlantischer Lastenteilung sein, falls dadurch nicht die
NATO geschwächt wird. Die WEU stellt eine neue
Prämisse für die kollektive Verteidigung auf: Die
Vereinigten Staaten sollten nicht das einzige NATOMitglied sein, das außerhalb Europas den Schutz
lebenswichtiger gemeinsamer Interessen gewährleisten kann.
Stärkung der OSZE
Weder die NATO noch die EU können alles für alle
sein, und die anderen größeren Organisationen
konzentrieren sich auf die Details. Aus diesem
Grund besteht im neuen architektonischen Konzept
Europas die Notwendigkeit einer größeren, lockereren, regionalen Sicherheitsorganisation - natürlich
kleiner als die Vereinten Nationen - die einen Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von Herausforderungen bietet, für deren Bewältigung weder die
NATO noch die EU vorgesehen sind und der NATOMitglieder und andere Länder auf der Basis der
Gleichberechtigung angehören.
Glücklicherweise existiert der Kern einer solchen
Struktur bereits seit einigen Jahren - die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
aus 53 Mitgliedern bestehende Institution mit ihren
Menschenrechtsverpflichtungen,
Konsultationsmechanismen und ihrem Streben nach kooperativer
oder präventiver Diplomatie sollte in dem neuen
Europa eine Lücke füllen. Die durch die Schlußakte
von Helsinki im Jahr 1975 geschaffene KSZE stellte
durch ihren berühmten "Korb 3" unerwartet ein
Druckmittel im Bereich Menschenrechte und demokratische Werte bereit, das eine wichtige Rolle bei
der Untergrabung des Kommunismus spielte. Mitte
letzten Jahres war jedoch bereits klar, daß die KSZE
zwar interessante Möglichkeiten bot, jedoch weder
über den inneren Zusammenhalt noch über das
politische Mandat verfügte, die sie konfrontierenden
Herausforderungen zu bewältigen.
Moskau und die wichtigsten Verbündeten der NATO
teilten diese Ansicht. Im Herbst letzten Jahres
stimmten alle überein, daß die KSZE im Falle einer
NATO-Erweiterung gestärkt und mit mehr Befugnissen ausgestattet werden sollte. Eine bedeutsame
Evolution dieser Organisation, einschließlich einer
Namensänderung, begann im Dezember 1994 beim
Budapester Gipfel, an dem Präsident Clinton und
Außenminister Christopher teilnahmen. Das Ergebnis waren eine Annäherung an ein klareres politisches und operatives Mandat, ein gestärkter Konsultationsmechanismus sowie ein neuer Status. Die

Seite 6

alte "Konferenz" wurde zu einer richtigen "Organisation" - die OSZE war geboren.
Die Rolle der neuen OSZE muß jetzt klarer definiert
werden. Statt durch juristische oder militärische
Aktionen ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen,
strebt sie eine Verbesserung der Sicherheit durch die
Schaffung neuer Formen der Zusammenarbeit auf
der Grundlage eines Konsenses an. Da ihre Mitglieder aus buchstäblich allen 24 Zeitzonen stammen
und eine enorme Vielfalt von Kulturen und Nationen
aufweisen, wird es innerhalb der OSZE öfter Uneinigkeit über die Umsetzung ihrer Normen geben.
Angesichts solcher Unstimmigkeiten muß die OSZE
aggressiver nach Gemeinsamkeiten suchen.
Heutzutage erfordert Sicherheit in Europa die frühzeitige Bewältigung potentieller Konflikte. Die OSZE
muß sich auf diesem Gebiet verdient machen,
ebenso wie das die KSZE bei der Verbreitung demokratischer Werte und Legitimierung von Menschenrechten tat. Die Organisation leistete - wenn auch in
begrenztem Maße - bahnbrechende Arbeit bei
Konfliktverhütung und Krisenmanagement durch
Innovationen wie die Berufung eines Hochkommissars für nationale Minderheiten sowie die Entsendung
von Missionen in Konfliktgebiete.
Die Vereinigten Staaten waren führend bei Innovationen innerhalb der OSZE. In Zukunft werden die
Vereinigten Staaten die Konsultations- und Konfliktverhütungsmechanismen der OSZE verstärkt nutzen.
Ziel ist es, die OSZE als integralen Bestandteil der
neuen Sicherheitsarchitektur zu etablieren. In einer
Zeit großer Belastungen für die Vereinten Nationen
kann die OSZE als regionale Organisation gemäß
Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen eine
Vielzahl von Funktionen übernehmen, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Vereinten
Nationen fallen würden. Die Teilnahme von UNOGeneralsekretär Boutros Boutros-Ghali am OSZEGipfel in Budapest unterstrich die Bedeutung einer
solchen Kooperation.
Die OSZE kann unter keinen Umständen ein Ersatz
für die NATO oder die EU sein. Die OSZE kann der
NATO keinesfalls überlegen sein; die Funktionen der
beiden Organisationen sind vollkommen verschieden
und sollen es auch bleiben. Umgekehrt steht die
Erweiterung der Rolle der OSZE nicht im Widerspruch zu den Pflichten der NATO. Ihre Methoden
haben eine vollkommen andere Dimension als die
des Bündnisses.
Ein jüngstes Beispiel für diese Funktion ist das in
Budapest zwischen Rußland und der OSZE geschlossene Abkommen über gemeinsame Verhandlungen in der schwierigen Frage Nagornyj Karabach

AMERIKA DIENST 09

�sowie die Bereitstellung von Friedenssicherungstruppen nach Abschluß eines politischen Abkommens - wichtige Schritte auf dem Weg der OSZE zu
mehr Bedeutung. Kürzlich stimmten die Russen der
Entsendung einer Delegation zur Untersuchung der
Ereignisse in Tschetschenien zu. Allein die Tatsache, daß Moskau eine Einbeziehung der OSZE
akzeptierte, ist wichtig, aber diese Einbeziehung kam
viel zu spät und war zu begrenzt.
Zweifellos ist Tschetschenien Bestandteil der russischen Föderation. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten von Anfang an die Ansicht vertreten, die
russische Regierung sollte sich an internationale
Normen über die Achtung der Menschenrechte
halten, die in OSZE-Resolutionen und andernorts
niedergelegt sind. Bedauerlicher- und unnötigerweise führte die russische Regierung ihre militärische
Kampagne gegen die Stadt Grosny auf eine Art und
Weise, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung
forderte und humanitäre Hilfsleistungen behinderte.
Das übergeordnete Ziel des Westens in Rußland
und den übrigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bleibt die Integration - die Einbeziehung
entstehender Demokratien in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Institutionen
des Westens. Von Beginn der Schlacht um Grozny
an bewegte sich Tschetschenien in genau die entgegengesetzte Richtung für Rußland. Tschetschenien hat Rußland auch politisch gespalten und ist ein
ernsthafter Rückschlag für die Sache der Reformen,
Demokratisierung sowie Entwicklung der Russischen
Föderation zu einem stabilen, demokratischen
Vielvölkerstaat. Der Konflikt in Tschetschenien - so
schrecklich er auch ist - hat jedoch nicht die Natur
der amerikanischen Interessen verändert. Präsident
Clinton erklärte im Januar, da Rußland einen historischen Umgestaltungsprozeß durchläuft, wäre es ein
schrecklicher Fehler, auf jeden Höhe- und Tiefpunkt
zu reagieren, den das Land wahrscheinlich noch
jahrzehntelang erleben wird. Wenn die Reformkräfte
kampfbereit sind, müssen die Vereinigten Staaten
deren Unterstützung verstärken, statt sich zurückzuziehen.
Das Ziel der Vereinigten Staaten bleibt ein gesundes
Rußland - ein demokratisches Rußland, das Reformen durchsetzt und die Rechte seiner Bürger
respektiert, statt durch ethnische Konflikte und
Bürgerkrieg gespalten zu werden. Die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zur Weiterverfolgung und
Entwicklung ihrer Partnerschaft mit Rußland hängt
vom gemeinsamen Streben nach diesen Werten und
Zielen ab. Der Grund, warum Rußland sich als
Freund und Partner der Vereinigten Staaten qualifiziert hat, ist die Tatsache, daß seine Menschen und
seine Regierung den Weg der Demokratisierung,

AMERIKA DIENST 09

Entwicklung einer offenen bürgerlichen Gesellschaft
sowie der Respektierung der Grundrechte beschritten
haben. Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten Staaten Rußland auch weiterhin.
Rußland und die Ukraine
Um es noch einmal zu wiederholen: Wenn der
Westen einen dauerhaften und stabilen sicherheitspolitischen Rahmen für Europa schaffen soll, muß er
das dauerhafteste strategische Problem Europas
lösen und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
insbesondere Rußland, in ein stabiles europäisches
Sicherheitssystem integrieren. Rußland ist bereits an
den meisten Aspekten der entstehenden Architektur
beteiligt. Es ist aktives Mitglied der OSZE und hat
eng mit den Vereinigten Staaten an der Aufwertung
dieser Organisation zusammengearbeitet. Rußland
unterzeichnete ein ehrgeiziges Partnerschaftsabkommen mit der EU. Das Land ist der NATO-Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Es ist ein Beitrittskandidat für den Europarat. Die Vereinigten
Staaten unterstützen eine verstärkte Teilnahme
Rußlands an der G-7 und setzen sich für eine Mitgliedschaft Rußlands in der Welthandelsorganisation
(WTO), der Nachfolgeorganisation des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens GATT ein. Erstmals
seit 1945 gehört Rußland - als Mitglied der BosnienKontaktgruppe - einem multinationalen Verhandlungsteam an, das in einer schwierigen sicherheitspolitischen Angelegenheit eine einheitliche Position vertritt.
Die Förderung von Stabilität in Mitteleuropa liegt im
beiderseitigen Interesse Rußlands und der Vereinigten Staaten. Die NATO - die keine Bedrohung für die
Sicherheit Rußlands darstellt - strebt direkte und
offene Beziehungen zu Rußland an, die der besonderen Position und den Gegebenheiten dieses
Landes Rechnung tragen und die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bekräftigen. Es wurden Vorschläge •
unterbreitet, darunter auch Ende 1993 vom russischen Präsidenten Boris Jelzin, ein Sonderabkommen zwischen der NATO und Rußland abzuschließen, das verschiedene Formen annehmen kann.
Brzezinski schlug in seinem Artikel in Foreign Affairs
einen "offiziellen Vertrag über globale sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Russischen Föderation" im Einklang mit einer
Aufwertung der OSZE vor.
Jegliche Verhandlungen zwischen der NATO und
Rußland über dieses oder andere Übereinkünfte
wären ziemlich komplex. Sie müßten eine Vielzahl
von Faktoren berücksichtigen, darunter das Tempo
einer NATO-Erweiterung, den Status anderer Bindungen zwischen Rußland und der NATO wie die
Partnerschaft für den Frieden, das Ausmaß, in dem

Seite 7

�die OSZE zu einer nützlicheren Organisation geworden ist, sowie die Auswirkungen von Ereignissen wie
die Kampfhandlungen in Tschetschenien. Ungeachtet dieser Vielzahl von Fragen haben die US-Regierung und ihre wichtigsten Verbündeten diese bedeutende neue Spur innerhalb des europäischen Sicherheitsrahmens verfolgt. Inoffizielle Erörterungen
dieser Möglichkeit begannen - allerdings erst im
Anfangsstadium - im Januar in Genf bei dem Treffen
von US-Außenminister Christopher mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew.
Jede Übereinkunft dieser Art muß den Sonderfall
Ukraine in Betracht ziehen. Ihre geostrategische
Position macht ihre Unabhängigkeit und Integrität zu
einem entscheidenden Element europäischer Sicherheit. Im vergangenen Dezember in Budapest
tauschten Präsident Clinton sowie die führenden
Politiker von Belarus, Kasachstan, Rußland und der
Ukraine Ratifizierungsdokumente für das Abkommen
über den Abbau strategischer Waffen aus, wodurch
der START I-Vertrag offiziell in Kraft trat. Gleichzeitig hinterlegte die Ukraine ihre Beitrittsurkunde zum
Nichtverbreitungsvertrag (NW), und die Vereinigten
Staaten, Rußland und Großbritannien machten

Belarus, Kasachstan und der Ukraine Sicherheitszusagen.
Die grundlegenden Ziele derjenigen, die diesen
historischen Moment nutzen wollen, sind die Ausweitung von Demokratie und Wohlstand, die Integration der politischen und sicherheitspolitischen Institutionen sowie eine Einheit, die Europa bisher selbst mit amerikanischer Hilfe - nicht erreichen
konnte. Politiker werden eine Führungsrolle übernehmen müssen, um die Ambivalenz, Konfusion,
Selbstgefälligkeit und geschichtlichen Hintergründe zu
überwinden, die Reformen behindern. Der große
Architekt der europäischen Einigung, Jean Monnet,
stellte fest: "Nichts ist möglich ohne den Menschen,
aber nichts ist von Dauer ohne Institutionen." Die
Bestrebungen von Monnet, Marshall und anderen
brachten bereits ein halbes Jahrhundert währenden
einzigartigen Frieden und Wohlstand hervor - aber
nur für den halben Kontinent. Die vor uns liegende
Aufgabe ist ebenso beängstigend wie notwendig.
Den Herausforderungen den Rücken zuzuwenden
würde nur dazu führen, daß später ein höherer Preis
gezahlt werden muß.

* * * * *

Seite 8

AMERIKA DIENST 09

�MENSCHENRECHTE
9. März 1995

Trotz Fortschritten bleibt noch viel für UNHCR zu tun
Rede von Botschafterin Ferraro
GENF - (AD) - Obwohl seit der ersten Zusammenkunft der UN-Menschenrechtskommission (U.N. Human
Rights Commission - UNHCR) vor nahezu einem halben Jahrhundert beträchtliche Fortschritte im Bereich der
Menschenrechte erzielt wurden, "ist unsere Arbeit noch lange nicht getan", warnte die Leiterin der
amerikanischen Delegation bei der UNHCR, Botschafterin Geraldine Ferraro, in einer Erklärung vor der
Kommission am 2. März 1995.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Botschafterin Ferraro.

Herr Vorsitzender, vor nahezu einem halben Jahrhundert, nach dem schlimmsten Krieg, den die Welt
je erlebt hatte, kam die erste Menschenrechtskommission zusammen und begann, die Grundlagen für
neue Normen des internationalen Verhaltens und der
internationalen Beziehungen zu legen. Es war ein
Wendepunkt in der Geschichte humanitärer Institutionen.
Der Prozeß der Anpassung an diese neuen Normen
erschien manchmal langsam. Für viele hatte der
Kalte Krieg oder der Kampf zur Überwindung der
Kolonialherrschaft Vorrang. Demokratie und Menschenrechte wurden auf einen späteren Zeitpunkt
vertagt.
Obwohl einige darauf hinarbeiteten, daß diese Zeit
nie kommen möge, begannen andere die Macht der
folgenden Worte zu verstehen: Menschenrechte
sind universelle Rechte. Langsam aber stetig faßte
die Idee Fuß, daß Menschenrechte auf jeden Anwendung finden. Sie wurde in den Gulags geflüstert
und von gefesselter Hand zu gefesselter Hand in
den Gefängnissen weitergegeben, in die Männer und
Frauen wegen des simplen "Verbrechens" des
Strebens nach Freiheit geworfen wurden. Sie wurde
über Kurzwelle weitergetragen und schwamm auf
einer Welle verbotener Bücher und Tonbänder. Und
am Ende waren die Worte überall zu vernehmen.
Wenn wir daher auf unser erstes halbes Jahrhundert
zurückblicken, können wir stolz sein, denn es gibt
keine Nation, in der Menschenrechte ohne Furcht
vor internationaler Aufdeckung verletzt werden
können. Wir haben das Fundament gelegt und eine
Stimme gefunden.

AMERIKA DIENST 09

Aber dennoch, Herr Vorsitzender, ist unsere Arbeit
noch lange nicht getan. Die Hoffnung, daß das Ende
des Kalten Krieges zu einer Welt mit weniger Spannungen und größerer Achtung der Menschenrechte
führen würde, hat sich als Illusion erwiesen. In der
Vergangenheit längst begrabene nationale und
ethnische Konflikte brachen wieder auf und suchten
mehrere Teile des Globus heim. Und selbst während
die moderne Technologie zur Verbreitung der Hoffnung der Menschenrechte beigetragen hat, legte sie
auch neue Waffen in die Hände derjenigen, die
unsere Verurteilung weder fürchten noch die Notwendigkeit zur Respektierung der elementarsten Formen
menschlicher Würde verspüren.
Wir haben also den ersten Schritt nach vorne unternommen, aber der nächste erwartet uns bereits.
Was sollen wir tun? Auf den nächsten Weltkrieg
warten, der uns zwingt, diesen Schritt zu unternehmen? Ich fürchte, wir hier sind selbstgefällig geworden, so vertieft in unsere Arbeit, daß wir an halbe
Erfolge gewöhnt sind. Ich möchte das nicht glauben,
aber manchmal muß ich mich wundern. Jahr um
Jahr sind wir nach Genf gekommen, talentierte,
engagierte Menschen in fast allen Fällen. Wir halten
unsere Reden, verabschieden unsere Resolutionen.
Wir kommen in hektischen Planungssitzungen
zusammen. Aber die Menschenrechtsverletzungen
finden immer noch statt. Wir müssen eingestehen,
daß wir wenig Macht haben, bestimmte Länder zu
beschämen.
Das sollte uns jedoch nicht abschrecken, denn
unsere Arbeit wird erst an dem Tag getan sein, wenn
niemand mehr aus politischer oder religiöser Überzeugung gefoltert wird; wenn ethnische Säuberungen

Seite 1

�nicht in einer Stadt verherrlicht und in der nächsten
gefürchtet, politische Gefangene nicht mehr exekutiert werden, weil sie es wagen, sich für die Freiheit
auszusprechen, Frauen und Mädchen nicht mehr vor
ihren elenden Flüchtlingslagern vergewaltigt, Boote
voller verzweifelter Menschen nicht von der eigenen
Marine versenkt, Journalisten nicht wegen der Suche
nach Wahrheit erschossen oder Priester wegen des
Strebens nach Frieden verfolgt werden.
Seit Jahren haben die Vereinigten Staaten auf
Länder verwiesen, deren Menschenrechtsbilanz weit
hinter den Normen der internationalen Staatengemeinschaft und denen der von ihnen eingegangenen
Verträge zurückbleibt. Diese Länder sind Irak, Iran,
Sudan, Burma, Zaire und Nordkorea. Wenn ich
heute nicht näher auf diese Länder eingehe, heißt
das nicht, daß wir ihre flagranten und systematischen Menschenrechtsverletzungen nicht ernst
nehmen. Das tun wir. Und wir werden weiterhin
ihre verabscheuungswürdige Menschenrechtsbilanz
hervorheben - sowohl hier als auch im jährlichen
Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums.
Wir werden hier natürlich alle Resolutionen unterstützen, die ihre Greueltaten ausreichend festhalten.
Und im Hinblick auf den Sudan werden wir bei der
Vorlage unserer Resolution sehr deutlich zu den von
der Regierung dieses Landes verübten Menschenrechtsverletzungen Stellung nehmen.
Statt hier im einzelnen darauf einzugehen, möchte
ich mich auf die Orte konzentrieren, an denen diese
Kommission und die Menschenrechtler in naher
Zukunft etwas bewirken können.
In Bosnien und Herzegowina wurde die Hälfte der
vor dem Krieg ansässigen Bevölkerung aus ihrer
Heimat vertrieben oder mußte fliehen, und eine
Viertel Million Menschen haben ihr Leben verloren.
Die meisten verbliebenen Zivilisten sind verzweifelt
in Enklaven gefangen, durch Milizen der kriegführenden Parteien von Nahrungsmitteln und Medikamenten abgeschnitten sowie willkürlichen Artillerieangriffen und Heckenschützen ausgesetzt.
Andere
werden routinemäßig gequält und terrorisiert.
Obwohl alle Konfliktparteien für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, kommt den bosnischen Serben die größte Schuld zu. Siebzig bis
neunzig Prozent Bosniens sind von ihnen besetzt.
Und auch wenn sich das Tempo ihrer abscheulichen
ethnischen Säuberungen im vergangenen Jahr
etwas verlangsamt hat, dann ist dies eher auf die
Gründlichkeit zurückzuführen, mit der diese Praxis
angewendet wurde, als auf einen Sinneswandel.
Und obwohl sich das Tempo verlangsamt hat, ist das
nicht gut genug. Die ethnischen Säuberungen
müssen völlig gestoppt werden.

Seite 2

Die Kämpfe müssen ein Ende haben.
Die verabscheuungswürdigen Menschenrechtsverletzungen in Bosnien sind das Werk spezifischer
Personen, die vom Tod und der Vertreibung anderer
persönlich und politisch profitieren wollen. Sie dürfen
keinen Erfolg haben, Herr Vorsitzender. Sie müssen
für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden.
Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten
Staaten uneingeschränkt die andauernden Verhandlungen zur Beendigung des Blutvergießens und - was
ebenso wichtig ist - das Kriegsverbrechertribunal für
das ehemalige Jugoslawien, um die für den Genozid
und andere ernsthafte Menschenrechtsverletzungen
Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Wir möchten auch den Sonderberichterstatter, Mr. Mazowieki,
besonders würdigen, weil er unsere Aufmerksamkeit
auf die Bosnien heimsuchenden Verbrechen lenkt.
Ähnliche Bestrebungen der internationalen Rechenschaftspflicht sind in Ruanda eindeutig gerechtfertigt,
wo die beispiellose Gewalt des Völkermords vom
vergangenen Jahr vier Millionen Menschen - über die
Hälfte der Bevölkerung - aus ihrer Heimat vertrieb.
Die Größenordnung der Grausamkeit und Zerstörung
übersteigt das Vorstellungsvermögen.
Und obwohl die Menschenrechte nur eine Dimension
der ruandischen Krise sind, ist dies dennoch eine
außerordentlich wichtige. Die Vereinigten Staaten
unterstützen vehement das internationale Tribunal für
Ruanda und arbeiten intensiv mit dem Büro des
Oberstaatsanwalts zusammen.
Darüber hinaus
unterstützen wir die weitere Finanzierung des Menschenrechtsbüros vor Ort und das technische Hilfsprogramm, das von der Justiz erarbeitet wird. Wir
vertreten ferner die Auffassung, daß die Verlängerung
des Mandats des Sonderberichterstatters für dieses
Land unabdingbar ist.
Die Burundi bedrohenden tödlichen Spannungen
geben ebenfalls Anlaß zu ernsthafter Sorge der
Vereinigten Staaten. Wir unterstützen die vom Büro
des Menschenrechtszentrums vor Ort bei der Förderung von Frieden und Aussöhnung geleistete Arbeit
und würden eine zunehmende Berichterstattung über
die Aktivitäten des Zentrums begrüßen. Wir fördern
die Schlichtungsversuche der Sondergesandten der
Vereinten Nationen, Ahmedou Abdallah, und die von
der OAU-Beobachtergruppe eingeleiteten vertrauensbildenden Maßnahmen.
Wesentlich ist, daß die internationale Staatengemeinschaft alles in ihrer Macht Stehende unternimmt, um
in Burundi das Schlimmste zu verhindern. Wie der
Hochkommissar für Menschenrechte, Botschafter
Ayalo Lasso, zu Beginn dieser Sitzung äußerte,
kostet es nämlich weniger Menschenleben und Geld,

AMERIKA DIENST 09

�wenn wir jetzt handeln, statt abwarten, bis das Land
von einer humanitären Katastrophe heimgesucht
wird.
Die Vereinigten Staaten beobachten die Ereignisse
in Tschetschenien mit großer und beständiger Sorge
angesichts des mutwilligen Einsatzes von Gewalt
gegen Zivilisten durch Rußland sowie der Berichte
über dortige Menschenrechtsverletzungen. Ferner
sind wir besorgt über die Möglichkeit, daß die Situation das russische Engagement für Demokratisierung
unterminieren könnte.
Wir haben deutlich gemacht, daß wir Tschetschenien
als Teil der Russischen Föderation betrachten und
die territoriale Integrität der Russischen Föderation
in ihrer Gesamtheit unterstützen. Unseres Erachtens
muß jedoch unverzüglich ein Prozeß des Dialogs
und der Versöhnung zwischen allen Parteien eingeleitet werden, wie von der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa befürwortet. Zudem
ist eine schnellere Lieferung der dringend benötigten
humanitären Hilfsleistungen sowie eine sofortige
Einstellung der Menschenrechtsverletzungen aller
Seiten erforderlich.
Herr Vorsitzender, oft zollen wir den Ländern nicht
genug Anerkennung, die unter Überwindung schwieriger Umstände die harte Arbeit der Demokratisierung und Achtung der Menschenrechte beginnen.
Eines dieser Länder ist Südafrika. Wir haben allen
Grund zur Freude, daß der lange Alptraum der
Apartheid beendet ist und die lebenslangen Bestrebungen von Präsident Mandela und vielen anderen
endlich Früchte tragen.

Parteien die Teilnahme an den für November anberaumten Wahlen gestatten würde. Wir sind entschieden für eine Ausweitung des Mandats der
unabhängigen Expertin für Guatemala, Frau Monica
Pinto, die als Beraterin tätig ist. Durch die Zusammenarbeit mit der UNO-Überprüfungsmission für
Menschenrechte - Minugua - und die Beratungsdienste des Menschenrechtszentrums unternimmt Guatemala einen Versuch zur Selbsthilfe. Und darum geht
es bei der Arbeit dieser Kommission.
In einigen Ländern wurden Bestrebungen zur Verbesserung der Menschenrechtssituation unternommen, aber noch keine stetigen Fortschritte erzielt.
Die Lage in Osttimor ist beispielsweise weiterhin
besorgniserregend, und es bleibt noch viel zu tun.
Wir beobachten weitere systematische Gewaltanwendung. Insbesondere möchte ich auf die Morde
an sechs Zivilisten in Osttimor im Januar nach
Einschüchterung und Folterung durch das Militär
hinweisen, von denen die unabhängige

nationale

Menschenrechtskommission Indonesiens berichtete.
Wir begrüßen die Aktionen der Regierung zur Ermittlung und Bekanntgabe der Ergebnisse. Es ist aber
ebenso wichtig, daß die offiziellen Maßnahmen sich
auf eine Beseitigung der Mißstände konzentrieren
sowie auf die Schaffung eines der Respektierung der
Menschenrechte in Osttimor förderlichen Klimas.
Während es Länder gibt, in denen bei der Achtung
der Menschenrechte Fortschritte gemacht werden, ist
das in anderen bedauerlicherweise nicht der Fall.

Herr Vorsitzender, vor nicht allzu langer Zeit wurde
die Mehrheit mittelamerikanischer Staaten von
Militärs regiert. Jetzt hat jede dieser Nationen eine
demokratische Regierung.
Wirtschaftliche und
politische Beziehungen werden verstärkt geknüpft
und die Menschenrechte zunehmend respektiert. In
El Salvador, wo einst die schlimmsten Verletzungen
an der Tagesordnung waren, wurden derartige
Fortschritte erzielt, daß nach Ansicht der Vereinigten
Staaten das Mandat für den Sondergesandten
auslaufen sollte.

Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten machen
sich seit langem große Sorgen, daß die chinesische
Regierung ihren Bürgern keine Wahrnehmung
international anerkannter bürgerlicher und politischer
Rechte gestattet. Obwohl die Vereinigten Staaten
gute Beziehungen zu einem starken, wohlhabenden,
stabilen und offenen China anstreben, sind wir
weiterhin überzeugt, daß China kein solches Land
werden - und nicht seinen rechtmäßigen Platz in der
Völkergemeinschaft einnehmen kann - ohne Praktiken Einhalt zu gebieten, durch die chinesische Bürger
willkürlichen Verhaftungen und Festnahmen ohne
Gerichtsverfahren, Inhaftierung und sogar Folter
ausgesetzt werden, weil sie ihrer politischen, sozialen
oder religiösen Überzeugung auf friedliche Weise
Ausdruck verliehen.
In diesem Zusammenhang
macht sich das amerikanische Volk große Sorgen
über das Schicksal politischer Gefangener wie Wei
Jingsheng, Tong Yi, Bao Tong und Ren Wanding chinesischer Bürger, die stellvertretend für Tausende
anderer sind, die in den Gefängnissen und Umerziehungslagern Chinas dahinsiechen.

Wir freuen uns, daß die Regierung Guatemalas
einen umfassenden Frieden anstrebt, der allen

Das heißt jedoch nicht, daß nichts unternommen
wird. Im vergangenen Oktober ließ China den

In Haiti hat im Auftrag des UN-Sicherheitsrats eine
multinationale Truppe aus Angehörigen von 30
Nationen den demokratisch gewählten Präsidenten,
Jean-Bertrand Aristide, wieder ins Amt eingesetzt.
Dadurch verbesserte sich die Menschenrechtssituation in dem Land drastisch. Erstmals seit vielen
Jahren gibt es in Haiti Hoffnung.

AMERIKA DIENST 09

Seite 3

�Besuch eines Sonderberichterstatters für religiöse
Intoleranz zu. Bedauerlicherweise sprach der Berichterstatter nicht mit einem Vertreter des Heiligen
Stuhls, was ihm einen umfassenderen Einblick in die
Beschränkungen ermöglicht hätte, die derzeit noch
der Katholischen Kirche auferlegt werden.
China hat jedoch die Notwendigkeit eines transparenteren Rechtssystems erkannt und läßt in
regelmäßigen Abständen politische Gefangene frei.
Obwohl wir uns über diese Entwicklung freuen, hat
die Kommission jeden Grund von China zu fordern,
daß das Land seine internationalen Menschenrechtsverpflichtungen gemäß der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte einhält, die das Land unterzeichnet hat.
Herr Vorsitzender, es gibt wahrscheinlich kein Land
außer Kuba, dessen Aktionen in dieser Kommission
so beständig und willkürlich darauf abzielen, Uneinigkeit zu stiften. Ich bin zweifellos nicht das
einzige Mitglied dieses Gremiums, das diese Feststellung machen mußte. Kuba hat während der
gesamten Sitzungsperiode Resolutionen und Änderungsanträge vorgelegt, die eine Verschwendung
von Zeit und Ressourcen sind.
Dies führt zwangsläufig zu der Schlußfolgerung, daß
Kubas übergeordnetes Ziel darin besteht, die Kommission von der Untersuchung gravierender Menschenrechtsverletzungen abzuhalten. Der Grund
dafür ist leider ziemlich offensichtlich: Kubas eigene
beklagenswerte Menschenrechtsbilanz.
Angesichts der Haltung Kubas gegenüber der freien
Wahlnehmung bürgerlicher und politischer Rechte ist
es nicht überraschend, daß dem Sonderberichterstatter, Herrn Groth, weiterhin die Einreise in das
Land verwehrt wird und die kubanische Delegation
verhinderte, daß er hier am 23. Februar zu Wort
kam. Nachdem wir seinen Bericht gehört haben,
können wir verstehen, warum Kuba ihn dieser
Kommission verweigern wollte.

Ein Vorfall rückt die kubanische Menschenrechtspolitik in die richtige Perspektive. Am 13. Juli letzten
Jahres rammten und versenkten Patrouillenboote der
Regierung den Schlepper "Trece de Marzo". Es
handelte sich hierbei nicht um einen Unfall, sondern
um übertriebene und brutale Bestrebungen zu
verhindern, daß die Menschen an Bord der "Trece de
Marzo" aus Fidel Castros auseinanderfallendem
Einparteienstaat fliehen konnten. Es funktionierte.
Ungefähr 40 Menschen, darunter mehrere Kinder,
ertranken.
Abschließend möchte ich noch kurz auf ein Land
eingehen, dem die Vereinten Nationen mehrere Jahre
harter Arbeit gewidmet haben. Seit 30 Jahren leidet
Zypern unter einem Konflikt zwischen seinen Volksgruppen und ist seit 1974 tragischerweise geteilt. Wir
fordern die anderen Mitglieder und Beobachterstaaten
dringend dazu auf, gemeinsam mit uns die kontinuierlichen Bestrebungen der Vereinten Nationen zu
unterstützen, eine akzeptable Lösung für die Teilung
Zyperns zu finden, die die Zukunft beider Volksgruppen so stark behindert.
Vor einigen Tagen traf ich mit einer Gruppe amerikanischer Collegestudenten zusammen, die mir Fragen
über Menschenrechte und die Arbeit der Kommission
zu ihrer Verteidigung stellten. Ich war beeindruckt
von dem starken Gerechtigkeitssinn so vieler junger
Menschen. Wie konnte ich ihnen sagen, daß es auf
unserer Welt so viele Orte gibt, an denen ein Menschenleben praktisch nichts wert ist? Und ich fragte
mich, und ich frage die heute hier Anwesenden: Sind
wir bereit, uns mit einer Welt abzufinden, in der
einige Länder einzigartige Einrichtungen für den
Schutz der Menschenrechte ihrer Bürger schaffen,
während andere einfach zusehen und sich über die
diesen Rechten zugrundeliegenden Ideen lustig
machen dürfen?
Hoffentlich nicht. Wir haben hier die Pflicht, uns zu
äußern und gehört zu werden, so daß selbst im
entlegendsten Teil der Welt unsere Worte und unsere
Einsatzbereitschaft denjenigen Hoffnung machen, die
ins Gefängnis mußten, weil sie Tyrannen die Wahrheit sagten.

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 09

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12359">
                <text>09.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12360">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12361">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12362">
                <text>Amerikadienst 09.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12363">
                <text>&lt;strong&gt;1. NVV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NVV ist bestes Mittel zur Eindämmung der Weiterverbreitung&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Rede Präsident Clintons im Richard Nixon Center&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika - eine europäische Macht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard C. Holbrooke&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Trotz Fortschritten bleibt noch viel für UNHCR zu tun&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Rede von Botschafterin Ferraro&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2396" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2407">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/10223cdfd4dd760cac48ddb55ba2d994.pdf</src>
        <authentication>5a843662a7a0f978495bd6dff13c240f</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12370">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

9. März 1995

SONDERDIENST

USA-EUROPA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

AMERIKA - EINE EUROPAISCHE MACHT
von Richard C. Holbrooke

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�USA-EU ROPA
9. März 1995

Amerika - eine europäische Macht
von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Richard C. Holbrooke ist Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der nachfolgende Artikel wird in Foreign Affairs, März/April 1995,
veröffentlicht. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Foreign Affairs, März/April
1995. Copyright (c) 1995, Council on Foreign Relations, Inc.

Die neue Sicherheitsarchitektur

Die vierte architektonische Ära

Präsident Clinton hat im vergangenen Jahr vier
Europareisen gemacht. Daß der Präsident diesem
Kontinent so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet,
unterstreicht eine unausweichliche, aber wenig
bekannte Tatsache: Die Vereinigten Staaten sind in
einer Weise zu einer europäischen Macht geworden,
die über die herkömmlichen Bekräftigungen der
amerikanischen "Verpflichtung" zu Europa hinausgeht. Im 2 1 . Jahrhundert benötigt Europa immer
noch das aktive Engagement der Vereinigten Staaten, das seit einem halben Jahrhundert ein notwendiges Element des Gleichgewichts auf dem Kontinent war. Umgekehrt würde ein instabiles Europa
weiterhin die entscheidenden nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten bedrohen. Dies
gilt heute ebenso wie während des Kalten Krieges.

Seit der Französischen Revolution hat Europa nur
dreimal seine grundlegende Sicherheitsarchitektur auf
friedliche Weise neu gestaltet. Heute befindet sich
der Kontinent inmitten der vierten architektonischen
Ära der vergangenen beiden Jahrhunderte. Die 1815
beim Wiener Kongreß entworfene erste postnapoleonische Sicherheitsarchitektur für Europa trug 99 Jahre
lang zur Verhinderung eines alles vernichtenden
Kontinentalkrieges bei.
Die jungen Vereinigten
Staaten, die in nur 40 Jahren zwei Kriege mit England geführt hatten, bewahrten - allerdings zum
letzten Mal - erfolgreich Distanz.

Ich möchte damit natürlich nicht andeuten, daß sich
nichts geändert hat. Das Ende des Kalten Krieges,
das am besten an diesem symbolischen Moment um
Mittemacht am 25. Dezember 1991 festgemacht
werden kann, als die sowjetische Flagge zum letzten
Mal vom Kreml eingeholt wurde, leitete ein Zeitalter
des Wandels von historischen Ausmaßen ein.
Lokale Konflikte, innenpolitische und wirtschaftliche
Instabilität sowie das Wiederauftreten historischer
Mißstände sind jetzt an die Stelle des sowjetischen
Expansionismus als größte Bedrohung des Friedens
in Europa getreten. Westeuropa und die Vereinigten
Staaten müssen gemeinsam sicherstellen, daß
tolerante Demokratien in ganz Europa Fuß fassen
und die schwelenden, erbitterten, ungelösten Konflikte der Vergangenheit eingedämmt und behoben
werden.

AMERIKA DIENST 09

In der zweiten Periode der Umgestaltung spielte
Präsident Woodrow Wilson 1919 in Versailles eine
zentrale Rolle, aber die Vereinigten Staaten zogen
sich fast unverzüglich aus eben den Strukturen
zurück, zu deren Gestaltung sie beigetragen hatten,
was zu ihrer Schwächung führte und die tragische
Wiederholung des totalen Krieges 20 Jahre später
praktisch garantierte. Als sich 1945 die dritte Chance
ergab, bauten die Großmächte anfänglich ein auf
Jalta, Potsdam und die Vereinten Nationen gegründetes System auf. Aber ab 1947, als die Staats- und
Regierungschefs des Westens erkannten, daß dieses
System zur Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nicht ausreichte, gestalteten sie das erfolgreichste kollektive Sicherheitssystem in Friedenszeiten auf der Grundlage der Truman-Doktrin, des
Marshallplans, der NATO, der atlantischen Partnerschaft - und der amerikanischen Führungsrolle.
Diese kreative Architektur spiegelte die Ziele des
amerikanischen Engagements der Nachkriegszeit in
Europa wider. Das Engagement der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit muß sich wieder auf
alte und neue Strukturen konzentrieren. Dieses Mal
müssen die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle

Seite 1

�bei der Gestaltung einer Sicherheitsarchitektur
übernehmen, die ganz Europa einbezieht und dadurch stabilisiert - den Westen, die ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten Mitteleuropas und vor
allem Rußland und die Republiken der ehemaligen
Sowjetunion.
Alle entscheidenden Beteiligten an der neuen Sicherheitsgleichung in Europa - die Vereinigten
Staaten, die west- und mitteleuropäischen Länder
sowie die anderen Nationen der früheren Sowjetunion - wünschen ein friedliches, stabiles und
demokratisches, in die Institutionen eines ungeteilten
Europa integriertes Rußland. Seit das neue, demokratische Westdeutschland erfolgreich in die politische Sicherheitsarchitektur Europas nach dem
Zweiten Weltkrieg einbezogen wurde, hat es kein
wichtigeres politisches Ziel in Europa gegeben. Aus
diesem und anderen Gründen ist die im folgenden
eingehender erörterte Krise in Tschetschenien so
beunruhigend.
Glücklicherweise bietet ein Großteil der hervorragenden Strukturen der Nachkriegszeit eine nützliche Grundlage für die Schaffung von Stabilität. Die
essentielle Herausforderung besteht in der Bewahrung des Zusammenhalts dieser Strukturen, der
Projektion ihres Einflusses und Anpassung an neue
Gegebenheiten, ohne ihre grundlegenden Funktionen zu verwässern.
Anhand des Nachkriegskalenders sind die Vereinigten Staaten jetzt ein bißchen weiter als am
Ende des Frühjahrs 1947, als Außenminister George
C. Marshall seine historische Rede an der Harvard
University hielt. Der von ihm an jenem Tag dargelegte Marshallplan war kein Almosen, sondern
vielmehr ein Programm der Hilfe und Kredite, das
einen Anreiz für die Zusammenarbeit zwischen den
europäischen Staaten bieten sollte. Und es ist
wichtig, sich daran zu erinnern, daß Marshall den
Plan nicht nur Westeuropa, sondern auch der
Sowjetunion anbot, die ihn für sich und ihre Satelliten ablehnte und statt dessen eine 45jährige Epoche
einleitete, die eine gesamte Region zu politischem
und wirtschaftlichem Ruin verdammte.
Ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
anfängliche Euphorie einer nüchterneren Einschätzung der neuen und alten Probleme gewichen. Die
Tragödie in Bosnien schmälert nicht die Verantwortung zum Aufbau neuer umfassender Beziehungsstrukturen zur Gestaltung einer neuen Sicherheitsarchitektur. Im Gegenteil, Bosnien, das größte
kollektive sicherheitspolitische Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren, unterstreicht nur die
Dringlichkeit dieser Aufgabe.

Seite 2

Im Jahr 1947 lernten die Amerikaner, daß denjenigen
mit der größten Fähigkeit zur Bewahrung des Friedens eine besondere Verantwortung zur Hilfestellung
beim Aufbau stabiler Strukturen in neuen demokratischen Nachbarländern zukommt. Damals waren nur
die Vereinigten Staaten sicher und wohlhabend
genug, um Westeuropa die erforderliche Hilfe zu
bieten. Heute müssen ein ebenso wohlhabendes
Europa (und Japan, das ein Interesse an einem
stabilen Europa hat und davon profitiert) den Großteil
der aktuellen Finanzhilfe übernehmen, aber die
Vereinigten Staaten müssen weiterhin eine führende
Rolle spielen. Mit den Worten von Außenminister
Christopher besteht das zentrale Ziel der Vereinigten
Staaten darin, "die Rechte und Pflichten der liberalen
Handels- und kollektiven Sicherheitsordnung, die
Pfeiler der Stärke für den Westen waren, auf ganz
Europa auszuweiten".
Eine letzte Lektion des Marshallplans ist ebenso
wichtig. Diejenigen, die Unterstützung erhalten,
müssen ihre eigene Zukunft aufbauen. Die neuen
Demokratien müssen durch verantwortungvolles
Verhalten gegenüber ihren Nachbarn und beim
Aufbau von Demokratie von innen heraus zu ihrer
eigenen Sicherheit beitragen.
Die Vereinigten
Staaten verstehen, begrüßen und ermutigen den
Wunsch der neuen europäischen Demokratien, dem
Westen durch die Mitgliedschaft in seinen wichtigsten
Institutionen beizutreten. Aber die NATO, die Europäische Union und die anderen entscheidenden
Institutionen des Westens sind keine Clubs, denen
man einfach durch das Ausfüllen eines Antrags auf
Mitgliedschaft beitritt. Mit der Zeit hat jede dieser
Institutionen Werte und Pflichten entwickelt, die von
jedem neuen Mitglied akzeptiert werden müssen.
Die Herausforderung für Mitteleuropa
Alle Pläne für die neue Sicherheitsarchitektur Europas müssen sich zuerst auf Mitteleuropa konzentrieren - den Nährboden von mehr Unruhen und
Tragödien in diesem Jahrhundert als jedes andere
Gebiet auf dem Kontinent. Die beiden destruktivsten
Kriege in der Geschichte der Menschheit nahmen in
Ereignissen auf dem Boden Mitteleuropas ihren
Anfang, und der Kalte Krieg wurde in seinen alten
und geschichtsträchtigen Städten geführt - alles
innerhalb der letzten 80 Jahre.
Bei anderen historischen Wendepunkten wurde
dieses Gebiet ebenfalls vernachlässigt. Erst die
Verträge von Versailles und Trianon, dann die
Abkommen von Jalta und Potsdam und schließlich
der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums diese drei zentralen Ereignisse hinterließen in ganz
Mitteleuropa ein Vermächtnis ungelöster und häufig
widersprüchlicher historischer Ressentiments, Ambi-

AMERIKA DIENST 09

�tionen und - was am gefährlichsten war - territorialer
und ethnischer Konflikte. Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind diese Länder
weiterhin anfällig für die gleichen, häufig durch die
Obsession verschärften Probleme, tatsächliches oder
eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Wenn sich diese Bösartigkeiten verbreiten wie sie es bereits in Teilen des Balkan und des
Transkaukasus getan haben - steht die generelle
europäische Stabilität erneut auf dem Spiel. Und für
Deutschland und Rußland - die beiden großen
Nationen an den Flanken Mitteleuropas - war Unsicherheit historisch gesehen ein Hauptfaktor für
aggressives Verhalten.
Aber wenn es große Probleme gibt, so gibt es auch
große Möglichkeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Nationen in dieser Region die
Chance, sich gleichzeitig der Stabilität, Freiheit und
Unabhängigkeit auf der Grundlage eines anderen
Anfangs zu erfreuen: Der Annahme westlicher
demokratischer Ideale als gemeinsamer Basis für
ganz Europa. Die emotionale, aber auch praktische
Anziehungskraft des Westens kann die stärkste
einigende Kraft sein, die Europa seit Generationen
erlebt hat - aber nur, wenn unnötige Verzögerungen
nicht die Chancen vereiteln.
Der Westen verdankt einen Großteil seines Erfolgs
den in den vierziger und fünfziger Jahren gegründeten großartigen Institutionen. Sie haben eine wichtige innenpolitische Funktion für ihre Mitglieder und
projizieren ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit
auf andere. Wenn diese Institutionen neuen Mitgliedern verschlossen blieben, würden sie immer
weiter von den neuen Herausforderungen isoliert
und weniger relevant für die Probleme der Welt nach
dem Kalten Krieg. Es wäre eine Tragödie, wenn der
Westen aufgrund von Verzögerungen oder Unentschlossenheit zur Schaffung von Bedingungen
beitragen würde, die zu eben den von ihm am
meisten gefürchteten Problemen führten.
Der
Westen muß in Wort und Tat so bald wie möglich
eine Erweiterung nach Mitteleuropa vornehmen, und
die Vereinigten Staaten sind bereit, den Weg anzuführen. Stabilität in Mitteleuropa ist unabdingbar für
die allgemeine europäische Sicherheit, und diese ist
noch lange nicht gewährleistet.
Die Bausteine
Der zentrale Sicherheitspfeiler der neuen Architektur
ist eine ehrwürdige Organisation:
die NATO.
Einigen mag das 45 Jahre alte atlantische Bündnis
irrelevant oder schlecht gerüstet für die Herausforderungen des neuen Europa erscheinen. Andere
verleitet die außerordentliche Erfolgsbilanz der
NATO zu der Annahme, daß nichts geändert werden

AMERIKA DIENST 09

muß. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen falsch.
Die Erweiterung der NATO ist eine logische und
unerläßliche Konsequenz des Verschwindens des
Eisernen Vorhangs und der Notwendigkeit einer
Ausweitung der europäischen Einheit auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte. Aber
selbst vor der NATO-Erweiterung spielen ihre Stärke
und ihr Know-how bereits eine wichtige Rolle beim
Aufbau eines neuen Gefühls der Sicherheit in ganz
Europa.
Vor Jahrzehnten zur Abwehr einer einzigen, klar
definierten Bedrohung konzipiert, steht die NATO erst
am Anfang einer historischen Umgestaltung. Der
Hauptzweck der kollektiven Verteidigung der NATO
bleibt bestehen, aber neue Ziele und Programme
wurden hinzugefügt. Kollektives Krisenmanagement,
Streitkräfteprojektion out-of-area und die Förderung
von Stabilität in Richtung Osten durch die Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PFP)
sowie andere Programme wurden in die Wege
geleitet. Die Befehlsstrukturen wurden modernisiert.
Bisher zur Bekämpfung eines möglichen sowjetischen
Angriffs über Mitteleuropa hinweg konzentrierte
statische Streitkräfte wurden in ein leichter bewaffnetes, mobiles und flexibles multinationales Korps
umgewandelt, das auf eine unterschiedliche, weniger
stabile Welt reagieren kann.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat und die Partnerschaft für den Frieden wurden speziell für die Einbeziehung der Nichtmitglieder der NATO eingerichtet. Sie verdienen vermehrte Aufmerksamkeit, insbesondere das kreative
neue Konzept, das so passend Partnerschaft für den
Frieden genannt wurde. In nur einem Jahr wurde die
innovative Idee zum integralen Bestandteil der
europäischen Sicherheitsszene - wird jedoch weiterhin leicht mißverstanden und unterschätzt.
Im
Gegensatz zu dem weitverbreiteten Eindruck ist die
PFP nicht eine einzige Organisation, sondern eine
Reihe individueller Abkommen zwischen der NATO
und - jüngsten Zahlen zufolge - 24 anderen Ländern
von Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands.
Jedes "Partnerland" entwirft ein individuelles Programm zur Erfüllung seiner Erfordernisse.
Die PFP ist ein unschätzbares Instrument, das die
NATO und die einzelnen Partner zur Zusammenarbeit
ermutigt. Sie hilft den neuen demokratischen Staaten
bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer Streitkräfte sowie dem Erlernen
neuer Formen von Militärdoktrin, Umweltschutz und
Katastrophenhilfe. In der Zukunft wird sie einen
Rahmen bieten, in dem die NATO und die individuellen Partner bei Krisenmanagement und Friedenssicherungsmissionen out-of-area kooperieren können.

Seite 3

�Die PFP hat ihren Wert unverzüglich unter Beweis
gestellt. Im ersten Jahr ihrer Existenz hielten die
Verbündeten und Partner gemeinsame Übungen in
Polen, den Niederlanden und im Nordatlantik ab.
Zehn Partner haben bereits Verbindungsbüros zu
den militärischen Kommandobehörden eingerichtet.
Sechzehn Partner haben gemeinsame Aktivitäten mit
der NATO aufgenommen, und andere werden
folgen. Ein Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß wurde innerhalb der Partnerschaft zur
Förderung von Kompatibilität und Transparenz
zwischen Verbündeten und Partnern in die Wege
geleitet. Die PFP ist ferner ein Instrument für die
Partner, mehr über die NATO-Verfahren und Normen zu lernen und dabei jedem Partner bei einer
informierten Entscheidung behilflich zu sein, ob er
für eine Mitgliedschaft im Bündnis in Betracht
gezogen werden möchte.

verpflichteten sich - wiederum auf Initiative der
Vereinigten Staaten - zu einem Zweiphasenprogramm
für 1995. Während der ersten Hälfte dieses Jahres
wird die NATO bei einer bereits eingeleiteten internen
Diskussion über die Prinzipien und den Prozeß für
die Erweiterung der neuen NATO der Zeit nach dem
Kalten Krieg entscheiden. Dann, in den Monaten vor
dem Ministertreffen im Dezember 1995, wird die
Meinung der NATO zu diesen beiden Themen "Warum" und "Wie" - den PFP-Mitgliedern einzeln
vorgelegt, die Interesse an solchen Gesprächen
bekundet haben. Dieser entscheidende Schritt wird
das erste Mal sein, an dem detaillierte Diskussionen
zu diesem Thema außerhalb des Bündnisses stattfinden werden. Die Minister werden dann im Dezember wieder in Brüssel zusammenkommen und die
Ergebnisse der Gespräche mit den Partnern vor der
Entscheidung über das weitere Vorgehen auswerten.

Aus der Perspektive des Bündnisses wird die PFP
einen wertvollen Rahmen zur Beurteilung der Fähigkeit jedes Partners zur Übernahme der Pflichten der
NATO-Mitgliedschaft - einen Test für ihre Fähigkeiten - schaffen. Und für die Partner, die nicht Mitglied der NATO werden, wird die PFP eine Struktur
fürzunehmend enge Zusammenarbeit mit der NATO
bieten - an sich schon ein wichtiger Baustein für die
europäische Sicherheit. Wenn die Hoffnungen der
Vereinigten Staaten verwirklicht werden - und das
erste Jahr gibt berechtigten Anlaß zu Optimismus wird die PFP dauerhafter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene, selbst während die NATO
einige, aber nicht alle PFP-Mitglieder einbezieht.

Dieser Prozeß, der in jeder Phase der Zustimmung
aller 16 NATO-Mitgliedstaaten bedarf, befindet sich
noch im Anfangsstadium. Er wird noch nicht überall
verstanden. Angesichts der Bedeutung der NATO
überrascht es nicht, daß einige außenstehende
Beobachter den Prozeß beschleunigen wollen,
während andere seinen Beginn gar nicht erst wünschen. Die Clinton-Administration und ihre NATOVerbündeten haben sich nach einigen anfänglichen
Meinungsverschiedenheiten für einen allmählichen
und überlegten Mittelkurs entschieden und den
Prozeß begonnen.

l

Mehrere wesentliche Punkte sollten hervorgehoben
werden:

Die Erweiterung der NATO
Kein Thema ist wichtiger, kontroverser oder leichter
mißzuverstehen als das, ob die NATO ein Bündnis
mit seinen derzeit 16 Mitgliedern bleiben oder eine
Erweiterung vornehmen soll, und wenn sie diese
Erweiterung vollzieht - warum, wo, wann und wie.
Am Beginn eines wichtigen Jahres für diese Entscheidungen ist es nützlich, die Position der Vereinigten Staaten zu dieser Frage und ihre Zielsetzung zu klären.
1994 war im wesentlichen ein Jahr, in dem die
NATO auf Initiative der Vereinigten Staaten die
Entscheidung über die mögliche Erweiterung traf.
Diese Entscheidung wurde beim Gipfeltreffen von
Brüssel im Januar erzielt und von Präsident Clinton
während seiner Europareise im Juni vergangenen
Jahres bekräftigt, als er feststellte, die Frage laute
nicht länger, ob die NATO erweitert wird, sondern
wie und wann.
Im Dezember letzten Jahres kamen die NATOAußenminister erneut in Brüssel zusammen und

Seite 4

Erstens. Ziel bleibt die Verteidigung der vitalen
Interessen des Bündnisses und die Förderung
europäischer Stabilität. Die NATO-Erweiterung muß
zu einer Erhöhung der Sicherheit in der gesamten
Region führen, einschließlich der Nichtmitgliedstaaten. Ziel ist die Förderung von Sicherheit in Mitteleuropa durch die Integration von Staaten, die sich für
die Aufnahme in den stabilisierenden Rahmen der
NATO eignen.

Zweitens. Das Grundprinzip und Verfahren einer
NATO-Erweiterung - nachdem diese beschlossen
wurde - transparent, nicht geheim. Sowohl Warschau
als auch Moskau beispielsweise werden Ende dieses
Jahres von der NATO dieselben Informationen
erhalten, und beide sollten über sämtliche Überlegungen des Bündnisses in Kenntnis gesetzt werden
um zu verstehen, daß die NATO nicht länger als
gegen Rußland gerichtetes Bündnis angesehen
werden sollte. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinsky, Befürworter einer
schnellen Erweiterung, schrieb in der Ausgabe
Januar/Februar 1995 von Foreign Affairs: "Weder

AMERIKA DIENST 09

/
k

�das Bündnis noch seine möglichen neuen Mitglieder
sehen sich einer unmittelbaren Bedrohung gegenüber. Das Gerede über ein neues Jalta oder eine
militärische Bedrohung durch die Russen ist nicht
gerechtfertigt, weder durch die jetzigen Gegebenheiten noch durch Katastrophenszenarien für die nahe
Zukunft. Aus diesem Grund sollte die Erweiterung
der NATO nicht durch gegen Rußland gerichtete,
herbeigeredete Hysterie vorangetrieben werden."
Drittens. Es existiert kein Zeitplan und keine Liste
möglicher Beitrittskandidaten. Die Antworten auf die
entscheidenden Fragen des "Wer" und "Wann"
werden nach Abschluß dieser Phase des Prozesses
gefunden.
Viertens. Jede Nation wird einzeln in Erwägung
gezogen, nicht als Mitglied einer Gruppierung.
Fünftens. Die Entscheidung darüber, wer der NATO
beitritt und wann, wird ausschließlich vom Bündnis
selbst gefällt. Kein Nichtmitgliedstaat bekommt ein
Vetorecht.
Sechstens. Obwohl noch nicht über die Kriterien für
eine Mitgliedschaft entschieden wurde, besitzen
einige im ursprünglichen Washingtoner Vertrag
enthaltene grundlegende Richtlinien heute ebensolche Gültigkeit wie 1949: Die neuen Mitglieder
müssen demokratische, marktwirtschaftliche, einer
verantwortlichen Sicherheitspolitik verpflichtete
Staaten sein, die einen Beitrag zum Bündnis leisten
können. Präsident Clinton formulierte es folgendermaßen: "Länder mit repressiven politischen Systemen, die etwas gegen ihre Nachbarstaaten im
Schilde führen, mit einem keiner zivilen Kontrolle
unterstehenden Militär oder geschlossenen Volkswirtschaften brauchen keinen Antrag auf Mitgliedschaft stellen."
Schließlich sollte man sich vor Augen führen, daß
der Beitritt jedes neuen Mitglieds für die Vereinigten
Staaten eine feierliche Verpflichtung darstellt: Einen
bilateralen Verteidigungsvertrag, durch den eine
weitere Nation in den Genuß des amerikanischen
Schutzschilds kommt. Dies erfordert die Ratifizierung durch eine Zweidrittelmehrheit des Senats, was
von Anhängern einer sofortigen Erweiterung oftmals
übersehen wird.
Ein umfassendes Sicherheitskonzept
Die NATO-Erweiterung kann nicht in einem Vakuum
stattfinden, denn dadurch würden nur die Ungleichgewichte und Instabilitäten verschärft, die man
eigentlich vermeiden wollte. Neben der NATO muß
eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen
zu der neuen Friedensstruktur beitragen. Die neue

AMERIKA DIENST 09

Architektur sollte sowohl Institutionen wie die NATO
und die EU einbeziehen, die eine wirkliche Integration
ihrer Mitglieder anstreben, als auch andere, wie die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die einen breiten, umfassenden
Rahmen für lockerere Formen der Zusammenarbeit
bieten.
Obwohl die EU vorwiegend eine politische und
wirtschaftliche Institution ist, leistet sie auch einen
wichtigen Beitrag zur europäischen Sicherheit. Die
Integration westeuropäischer Nationen hat tatsächlich
territoriale Streitigkeiten, Unabhängigkeitsbestrebungen, soziale Spaltungen und ethnische Konflikte
überwunden, die die Gesellschaften Europas in
früheren Zeiten zerrissen.
Die Osterweiterung der EU (und die Süderweiterung
im Falle eines Beitritts von Zypern und Malta) wird
daher von immenser Bedeutung sein. Sie wird zur
Integration und Stabilisierung der beiden Hälften
Europas führen. Dieser Prozeß leitete den Beitritt
Österreichs, Finnlands und Schwedens zu Beginn
dieses Jahres ein. Europäische Abkommen verpflichteten die EU und sechs mitteleuropäische
Staaten ab dem 1. Januar 1995 zum freien Handel
mit Industrieprodukten, mit Ausnahme von Stahl und
Textilien, die 1996 und 1998 folgen werden. Man
erwartet, daß Slowenien und die baltischen Staaten
bald ähnliche Abkommen unterzeichnen. Im Dezember einigten sich die Staats- und Regierungschefs der
EU auf eine Strategie vor einem eventuellen Beitritt,
der im Falle der mitteleuropäischen Staaten, Zyperns
und Maltas wahrscheinlich Anfang des nächsten
Jahrhunderts erfolgen wird. Für Deutschland, das um den aussagekräftigen Satz Bundeskanzler Helmut
Kohls zu zitieren - "nicht unendlich lange Europas
östlichste Grenze bleiben kann", ist die Erweiterung
der EU besonders wichtig, weshalb Deutschland
diesen Prozeß während seiner EU-Präsidentschaft
einleitete.
Die Erweiterung der NATO und der EU wird nicht
exakt im gleichen Tempo erfolgen. Die Zusammensetzung ihrer Mitglieder wird nie identisch sein. Die
beiden Organisationen unterstützen sich aber eindeutig gegenseitig. Obwohl die Beziehungen zwischen NATO und EU komplex sind, insbesondere da
die EU sich um eine Neudefinition ihres Verhältnisses
zur WEU bemüht, um eine europäische Verteidigungsidentität zu schaffen, sind sie klar von gegenseitiger Unterstützung gekennzeichnet. Die Erweiterung der beiden Organisationen ist für ein ungeteiltes
und stabiles Europa gleichermaßen wichtig.
Es wäre kontraproduktiv für die WEU, militärische
Strukturen zu schaffen, um die erfolgreiche europäische Integration zu kopieren, die bereits in der NATO

Seite 5

�erreicht wurde. Eine stärkere europäische Säule
des Bündnisses kann jedoch ein bedeutender
Beitrag zu europäischer Stabilität und transatlantischer Lastenteilung sein, falls dadurch nicht die
NATO geschwächt wird. Die WEU stellt eine neue
Prämisse für die kollektive Verteidigung auf: Die
Vereinigten Staaten sollten nicht das einzige NATOMitglied sein, das außerhalb Europas den Schutz
lebenswichtiger gemeinsamer Interessen gewährleisten kann.
Stärkung der OSZE
Weder die NATO noch die EU können alles für alle
sein, und die anderen größeren Organisationen
konzentrieren sich auf die Details. Aus diesem
Grund besteht im neuen architektonischen Konzept
Europas die Notwendigkeit einer größeren, lockereren, regionalen Sicherheitsorganisation - natürlich
kleiner als die Vereinten Nationen - die einen Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von Herausforderungen bietet, für deren Bewältigung weder die
NATO noch die EU vorgesehen sind und der NATOMitglieder und andere Länder auf der Basis der
Gleichberechtigung angehören.
Glücklicherweise existiert der Kern einer solchen
Struktur bereits seit einigen Jahren - die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
aus 53 Mitgliedern bestehende Institution mit ihren
Menschenrechtsverpflichtungen, Konsultationsmechanismen und ihrem Streben nach kooperativer
oder präventiver Diplomatie sollte in dem neuen
Europa eine Lücke füllen. Die durch die Schlußakte
von Helsinki im Jahr 1975 geschaffene KSZE stellte
durch ihren berühmten "Korb 3" unerwartet ein
Druckmittel im Bereich Menschenrechte und demokratische Werte bereit, das eine wichtige Rolle bei
der Untergrabung des Kommunismus spielte. Mitte
letzten Jahres war jedoch bereits klar, daß die KSZE
zwar interessante Möglichkeiten bot, jedoch weder
über den inneren Zusammenhalt noch über das
politische Mandat verfügte, die sie konfrontierenden
Herausforderungen zu bewältigen.
Moskau und die wichtigsten Verbündeten der NATO
teilten diese Ansicht. Im Herbst letzten Jahres
stimmten alle überein, daß die KSZE im Falle einer
NATO-Erweiterung gestärkt und mit mehr Befugnissen ausgestattet werden sollte. Eine bedeutsame
Evolution dieser Organisation, einschließlich einer
Namensänderung, begann im Dezember 1994 beim
Budapester Gipfel, an dem Präsident Clinton und
Außenminister Christopher teilnahmen. Das Ergebnis waren eine Annäherung an ein klareres politisches und operatives Mandat, ein gestärkter Konsultationsmechanismus sowie ein neuer Status. Die

Seite 6

alte "Konferenz" wurde zu einer richtigen "Organisation" - die OSZE war geboren.
Die Rolle der neuen OSZE muß jetzt klarer definiert
werden. Statt durch juristische oder militärische
Aktionen ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen,
strebt sie eine Verbesserung der Sicherheit durch die
Schaffung neuer Formen der Zusammenarbeit auf
der Grundlage eines Konsenses an. Da ihre Mitglieder aus buchstäblich allen 24 Zeitzonen stammen
und eine enorme Vielfalt von Kulturen und Nationen
aufweisen, wird es innerhalb der OSZE öfter Uneinigkeit über die Umsetzung ihrer Normen geben.
Angesichts solcher Unstimmigkeiten muß die OSZE
aggressiver nach Gemeinsamkeiten suchen.
Heutzutage erfordert Sicherheit in Europa die frühzeitige Bewältigung potentieller Konflikte. Die OSZE
muß sich auf diesem Gebiet verdient machen,
ebenso wie das die KSZE bei der Verbreitung demokratischer Werte und Legitimierung von Menschenrechten tat. Die Organisation leistete - wenn auch in
begrenztem Maße - bahnbrechende Arbeit bei
Konfliktverhütung und Krisenmanagement durch
Innovationen wie die Berufung eines Hochkommissars für nationale Minderheiten sowie die Entsendung
von Missionen in Konfliktgebiete.
Die Vereinigten Staaten waren führend bei Innovationen innerhalb der OSZE. In Zukunft werden die
Vereinigten Staaten die Konsultations- und Konfliktverhütungsmechanismen der OSZE verstärkt nutzen.
Ziel ist es, die OSZE als integralen Bestandteil der
neuen Sicherheitsarchitektur zu etablieren. In einer
Zeit großer Belastungen für die Vereinten Nationen
kann die OSZE als regionale Organisation gemäß
Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen eine
Vielzahl von Funktionen übernehmen, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Vereinten
Nationen fallen würden. Die Teilnahme von UNOGeneralsekretär Boutros Boutros-Ghali am OSZEGipfel in Budapest unterstrich die Bedeutung einer
solchen Kooperation.
Die OSZE kann unter keinen Umständen ein Ersatz
für die NATO oder die EU sein. Die OSZE kann der
NATO keinesfalls überlegen sein; die Funktionen der
beiden Organisationen sind vollkommen verschieden
und sollen es auch bleiben. Umgekehrt steht die
Erweiterung der Rolle der OSZE nicht im Widerspruch zu den Pflichten der NATO. Ihre Methoden
haben eine vollkommen andere Dimension als die
des Bündnisses.
Ein jüngstes Beispiel für diese Funktion ist das in
Budapest zwischen Rußland und der OSZE geschlossene Abkommen über gemeinsame Verhandlungen in der schwierigen Frage Nagornyj Karabach

AMERIKA DIENST 09

�sowie die Bereitstellung von Friedenssicherungstruppen nach Abschluß eines politischen Abkommens - wichtige Schritte auf dem Weg der OSZE zu
mehr Bedeutung. Kürzlich stimmten die Russen der
Entsendung einer Delegation zur Untersuchung der
Ereignisse in Tschetschenien zu. Allein die Tatsache, daß Moskau eine Einbeziehung der OSZE
akzeptierte, ist wichtig, aber diese Einbeziehung kam
viel zu spät und war zu begrenzt.
Zweifellos ist Tschetschenien Bestandteil der russischen Föderation. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten von Anfang an die Ansicht vertreten, die
russische Regierung sollte sich an internationale
Normen über die Achtung der Menschenrechte
halten, die in OSZE-Resolutionen und andernorts
niedergelegt sind. Bedauerlicher- und unnötigerweise führte die russische Regierung ihre militärische
Kampagne gegen die Stadt Grosny auf eine Art und
Weise, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung
forderte und humanitäre Hilfsleistungen behinderte.
Das übergeordnete Ziel des Westens in Rußland
und den übrigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bleibt die Integration - die Einbeziehung
entstehender Demokratien in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Institutionen
des Westens. Von Beginn der Schlacht um Grozny
an bewegte sich Tschetschenien in genau die entgegengesetzte Richtung für Rußland. Tschetschenien hat Rußland auch politisch gespalten und ist ein
ernsthafter Rückschlag für die Sache der Reformen,
Demokratisierung sowie Entwicklung der Russischen
Föderation zu einem stabilen, demokratischen
Vielvölkerstaat. Der Konflikt in Tschetschenien - so
schrecklich er auch ist - hat jedoch nicht die Natur
der amerikanischen Interessen verändert. Präsident
Clinton erklärte im Januar, da Rußland einen historischen Umgestaltungsprozeß durchläuft, wäre es ein
schrecklicher Fehler, auf jeden Höhe- und Tiefpunkt
zu reagieren, den das Land wahrscheinlich noch
jahrzehntelang erleben wird. Wenn die Reformkräfte
kampfbereit sind, müssen die Vereinigten Staaten
deren Unterstützung verstärken, statt sich zurückzuziehen.
Das Ziel der Vereinigten Staaten bleibt ein gesundes
Rußland - ein demokratisches Rußland, das Reformen durchsetzt und die Rechte seiner Bürger
respektiert, statt durch ethnische Konflikte und
Bürgerkrieg gespalten zu werden. Die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zur Weiterverfolgung und
Entwicklung ihrer Partnerschaft mit Rußland hängt
vom gemeinsamen Streben nach diesen Werten und
Zielen ab. Der Grund, warum Rußland sich als
Freund und Partner der Vereinigten Staaten qualifiziert hat, ist die Tatsache, daß seine Menschen und
seine Regierung den Weg der Demokratisierung,

AMERIKA DIENST 09

Entwicklung einer offenen bürgerlichen Gesellschaft
sowie der Respektierung der Grundrechte beschritten
haben. Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten Staaten Rußland auch weiterhin.
Rußland und die Ukraine
Um es noch einmal zu wiederholen: Wenn der
Westen einen dauerhaften und stabilen sicherheitspolitischen Rahmen für Europa schaffen soll, muß er
das dauerhafteste strategische Problem Europas
lösen und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
insbesondere Rußland, in ein stabiles europäisches
Sicherheitssystem integrieren. Rußland ist bereits an
den meisten Aspekten der entstehenden Architektur
beteiligt. Es ist aktives Mitglied der OSZE und hat
eng mit den Vereinigten Staaten an der Aufwertung
dieser Organisation zusammengearbeitet. Rußland
unterzeichnete ein ehrgeiziges Partnerschaftsabkommen mit der EU. Das Land ist der NATO-Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Es ist ein Beitrittskandidat für den Europarat. Die Vereinigten
Staaten unterstützen eine verstärkte Teilnahme
Rußlands an der G-7 und setzen sich für eine Mitgliedschaft Rußlands in der Welthandelsorganisation
(WTO), der Nachfolgeorganisation des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens GATT ein. Erstmals
seit 1945 gehört Rußland - als Mitglied der BosnienKontaktgruppe - einem multinationalen Verhandlungsteam an, das in einer schwierigen sicherheitspolitischen Angelegenheit eine einheitliche Position vertritt.
Die Förderung von Stabilität in Mitteleuropa liegt im
beiderseitigen Interesse Rußlands und der Vereinigten Staaten. Die NATO - die keine Bedrohung für die
Sicherheit Rußlands darstellt - strebt direkte und
offene Beziehungen zu Rußland an, die der besonderen Position und den Gegebenheiten dieses
Landes Rechnung tragen und die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bekräftigen. Es wurden Vorschläge
unterbreitet, darunter auch Ende 1993 vom russischen Präsidenten Boris Jelzin, ein Sonderabkommen zwischen der NATO und Rußland abzuschließen, das verschiedene Formen annehmen kann.
Brzezinski schlug in seinem Artikel in Foreign Affairs
einen "offiziellen Vertrag über globale sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Russischen Föderation" im Einklang mit einer
Aufwertung der OSZE vor.
Jegliche Verhandlungen zwischen der NATO und
Rußland über dieses oder andere Übereinkünfte
wären ziemlich komplex. Sie müßten eine Vielzahl
von Faktoren berücksichtigen, darunter das Tempo
einer NATO-Erweiterung, den Status anderer Bindungen zwischen Rußland und der NATO wie die
Partnerschaft für den Frieden, das Ausmaß, in dem

Seite 7

�die OSZE zu einer nützlicheren Organisation geworden ist, sowie die Auswirkungen von Ereignissen wie
die Kampfhandlungen in Tschetschenien. Ungeachtet dieser Vielzahl von Fragen haben die US-Regierung und ihre wichtigsten Verbündeten diese bedeutende neue Spur innerhalb des europäischen Sicherheitsrahmens verfolgt. Inoffizielle Erörterungen
dieser Möglichkeit begannen - allerdings erst im
Anfangsstadium - im Januar in Genf bei dem Treffen
von US-Außenminister Christopher mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew.
Jede Übereinkunft dieser Art muß den Sonderfall
Ukraine in Betracht ziehen. Ihre geostrategische
Position macht ihre Unabhängigkeit und Integrität zu
einem entscheidenden Element europäischer Sicherheit. Im vergangenen Dezember in Budapest
tauschten Präsident Clinton sowie die führenden
Politiker von Belarus, Kasachstan, Rußland und der
Ukraine Ratifizierungsdokumente für das Abkommen
über den Abbau strategischer Waffen aus, wodurch
der START I-Vertrag offiziell in Kraft trat. Gleichzeitig hinterlegte die Ukraine ihre Beitrittsurkunde zum
Nichtverbreitungsvertrag (NW), und die Vereinigten
Staaten, Rußland und Großbritannien machten

Belarus, Kasachstan und der Ukraine Sicherheitszusagen.
Die grundlegenden Ziele derjenigen, die diesen
historischen Moment nutzen wollen, sind die Ausweitung von Demokratie und Wohlstand, die Integration der politischen und sicherheitspolitischen Institutionen sowie eine Einheit, die Europa bisher selbst mit amerikanischer Hilfe - nicht erreichen
konnte. Politiker werden eine Führungsrolle übernehmen müssen, um die Ambivalenz, Konfusion,
Selbstgefälligkeit und geschichtlichen Hintergründe zu
überwinden, die Reformen behindern. Der große
Architekt der europäischen Einigung, Jean Monnet,
stellte fest: "Nichts ist möglich ohne den Menschen,
aber nichts ist von Dauer ohne Institutionen." Die
Bestrebungen von Monnet, Marshall und anderen
brachten bereits ein halbes Jahrhundert währenden
einzigartigen Frieden und Wohlstand hervor - aber
nur für den halben Kontinent. Die vor uns liegende
Aufgabe ist ebenso beängstigend wie notwendig.
Den Herausforderungen den Rücken zuzuwenden
würde nur dazu führen, daß später ein höherer Preis
gezahlt werden muß.

* * * * *

Seite 8

AMERIKA DIENST 09

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12365">
                <text>09.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12366">
                <text>Amerikadienst 09.03.1995 - Sonderdienst</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12367">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12368">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12369">
                <text>&lt;strong&gt;USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika - eine europäische Macht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard C. Holbrooke&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2397" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2408">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/f783d089949a27b256a5c354b23a1eff.pdf</src>
        <authentication>fe9998f867cee09100ae0cf41006018f</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12376">
                    <text>&lt;^os^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^TioN

^

Z 12462 C

10

15. März 1995

NW

NICHTVERBREITUNGSVERTRAG ENTSCHEIDENDER ALS JE ZUVOR
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN GEMEINSAM VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

KLIMAKONFERENZ

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth

TAG DER ERDE

ENTWURF EINER UMWELTVERTRÄGLICHEN
ZUKUNFT - EIN ÜBERBLICK
von Lester R. Brown

PORTRAT

DESIGNIERTER CIA-DIREKTOR IST
INNOVATIVER DENKER
Porträt von John Deutch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NW
15. März 1995

Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor
Rede von Verteidigungsminister Perry
CHICAGO - (AD) - Aufgrund der "derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der
Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor", erklärte Verteidigungsminister Perry am 8. März 1995
in einer Rede vor dem Chicago Council on Foreign Relations.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Verteidigungsministers in wesentlichen Auszügen.

Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle
bei den Bestrebungen für die unbegrenzte und
bedingungslose Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) übernommen. Am Montag war der
25. Jahrestag des N W .
Und im vergangenen
Vierteljahrhundert hat dieser Vertrag verhindert, daß
ein unbeschreiblicher Rüstungswettlauf in Regionen
auf der ganzen Welt ausgebrochen ist. Angesichts
der derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor. Die NW-Mitgliedstaaten
sind sich bewußt, daß die Verfolgung der Nuklearoption ihre nationale Sicherheit unterminieren statt
schützen kann. Wir wollen, daß die Nichtmitgliedstaaten des N W diese Erkenntnis verinnerlichen
und auf die Nuklearoption verzichten.
Beispielhaft für Nichtverbreitungsbestrebungen war
das von uns mit Nordkorea im vergangenen Sommer
erzielte Rahmenabkommen über die Einstellung des
Nuklearwaffenprogramms des Landes. Nordkorea
hat in der Tat zugestimmt, weit über die Erfordernisse des Vertrags hinauszugehen und sein Nuklearprogramm abzubauen. Zweifelsohne wird dieses
Abkommen schwierig umzusetzen sein, aber mit
jedem von Nordkorea unternommenen Schritt zu
seiner Verwirklichung nimmt die potentielle atomare
Bedrohung in dieser Region weiter ab.
Diplomatie umfaßt auch Rüstungskontrolle. Beispielhaft für Rüstungskontrolle ist im Augenblick das
START Il-Abkommen mit Rußland, das dem Senat
zur Ratifizierung vorliegt. Es ist im Eigeninteresse
der Vereinigten Staaten, die Nukleararsenale des
Kalten Krieges zu reduzieren, unabhängig vom
Ergebnis des Wandels in Rußland - selbst wenn er
negativ ist. START II wird auch die bedrohlichsten
Waffen beseitigen - Interkontinentalraketen mit
Mehrfachgefechtsköpfen. Über die Abschaffung von

AMERIKA DIENST 10

Waffen hinaus wird START II uns das weitere Engagement für die führenden Politiker in Rußland gestatten. Die Beschleunigung dieses Abkommens ist das
Beste, was die Vereinigten Staaten und Rußland tun
können, um unsere beiden Länder sicherer zu
machen.
Wie ich gerade ausgeführt habe, kann Diplomatie die
Nukleararsenale reduzieren und ihre Verbreitung
verhindern helfen. Aber solange Diplomatie Nukleararsenale nicht beseitigen kann, werden die Vereinigten Staaten eine starke nukleare Verteidigungshaltung bewahren. Das Verteidigungsministerium hat
drei Richtlinien der nuklearen Verteidigung aufgestellt.
Die erste Richtlinie besteht in der Verringerung der
Bedrohung. Die zweite ist die Abschreckung der
Bedrohung. Und wenn alles andere scheitert, müssen wir schließlich zur Verteidigung gegen die
Bedrohung bereit sein.
Ich möchte auf jeden dieser Punkte näher eingehen.
Erstens, was können wir zur Verringerung der nuklearen Bedrohung tun? Es erfordert Phantasie, harte
Arbeit und sogar Geld. Die Phantasie haben die
Senatoren Nunn und Lugar mit ihrem 1991 entworfenen Programm entwickelt, das den ehemaligen
sowjetischen Staaten bei der Beseitigung der noch
auf ihrem Boden befindlichen Nukleararsenale
behilflich ist. Die harte Arbeit wird vom Verteidigungsministerium in Zusammenarbeit mit unseren
Amtskollegen in Rußland, Belarus, Kasachstan und
der Ukraine geleistet. Das Geld kommt vor allem aus
diesen Nationen. Und dank des Nunn-Lugar-Programms kann das Verteidigungsministerium bis zu
400 Millionen Dollar pro Jahr für die Zerstörung
dieser Nukleararsenale aufwenden.
Mit dem Nunn-Lugar-Programm wird die nukleare
Bedrohung Rakete um Rakete, Fabrik um Fabrik und

Seite 1

�Person um Person reduziert. Es hat bereits dazu
beigetragen, 2.600 Gefechtsköpfe von Raketen oder
Bomber-Stützpunkten sowie 750 Raketen von ihren
Trägersystemen zu entfernen und nahezu 600
Trägersysteme und Bomber zu zerstören. Dabei
haben die Nunn-Lugar-Projekte eine Brücke des
Vertrauens und der Zusammenarbeit mit den ehemaligen Sowjetrepubliken geschaffen. Der Gewinn
ist real - beispielsweise wurde die Ukraine durch die
Nunn-Lugar-Hilfe zur Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags ermutigt. Infolgedessen ist der
START I-Vertrag in Kraft getreten, der ein Drittel der
amerikanischen und sowjetischen strategischen
Nuklearwaffen eliminieren wird. Das Nunn-LugarProgramm hat wesentlich zur Aufhebung der Pattsituation bei START I beigetragen.
Das Programm hilft den ehemaligen sowjetischen
Staaten bei der Konversion von Rüstungsfabriken zu
kommerzieller Produktion, der Umschulung von
Arbeitnehmern und Wissenschaftlern für die Produktion zu friedlichen Zwecken und der Pensionierung
von Raketenfachleuten.
Kritikern zufolge sind die Projekte nicht geeignet zur
Verwendung von Verteidigungsmitteln. Ich bin
anderer Meinung. Der Abbau der Waffeninfrastruktur ist ebenso wichtig wie die Zerlegung der Waffen
selbst. Die Menschen und Einrichtungen hinter den
Waffen haben eine Schlüsselrolle in der Volkswirtschaft und Gesellschaft dieser Länder gespielt. Um
die Waffen zu beseitigen, müssen wir uns also mit
den wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen
befassen.
Um bei der Konversion sowjetischer Rüstungsfabriken zu nichtmilitärischer Produktion behilflich zu
sein, stellt das Nunn-Lugar-Programm Kontakte zu
amerikanischen Unternehmen her, mit denen Jointventures gegründet werden. Ein zusätzlicher Vorteil
dieser Joint-ventures ist, daß sie beim Aufbau der
russischen Wirtschaft behilflich sind und es amerikanischen Unternehmen ermöglichen, Fuß in einem
wachsenden neuen Markt zu fassen.
Dank des Nunn-Lugar-Programms finden die erfahrensten Atomwissenschaftler Arbeit in der zivilen
Forschung, damit sie nicht versucht sind, das Land
zu verlassen und Starthilfe beim Aufbau der Nuklearprogramme im Iran oder Irak zu geben. Statt
dessen könnte ihre nichtmilitärische Forschung zu
kommerziellen Projekten und Geschäften zwischen
Amerikanern und Russen beitragen.
Das Nunn-Lugar-Programm stellt auch Wohnraum
für die Offiziere bereit, die diese Raketen bedienen
und überwachen. Es sind dieselben Offiziere, die
uns bei der Schließung der ehemaligen sowjetischen

Seite 2

Stützpunkte helfen. Ohne Wohnungen kann die
Ukraine diese Offiziere nicht aus dem Dienst entlassen, und wir können die Stützpunkte nicht schließen.
Wir haben daher 20 Millionen Dollar der Nunn-LugarMittel für den Aufbau von zwei amerikanisch-russischen Geschäftspartnerschaften zugewiesen, um
Fertighäuser in der Ukraine herzustellen. Die Ukrainer stellen die Fabriken zum Bau dieser Häuser
bereit - Fabriken, die einstmals sowjetische Marineschiffe und Raketensilos produzierten. Die Amerikaner liefern den Entwurf und das Know-how für die
Herstellung der Fertighäuser. Nachdem die Häuser
für die Offiziere gebaut worden sind, beabsichtigt die
Partnerschaft den Bau von Häusern für den kommerziellen Markt in der Ukraine als gewinnbringendes
Unternehmen. Dieses Programm ist ein Gewinn für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Es ist ein
Gewinn für die Stabilität der Ukraine. Und es ist ein
Gewinn für die amerikanische Industrie.
In den Vereinigten Staaten argumentieren einige
Kritiker, das Nunn-Lugar-Programm sei ein Trick der
Russen zum Erhalt ihrer Rüstungsindustrie. In
Rußland sagen die Kritiker, Nunn-Lugar sei eine
Verschwörung zum Abbau der russischen Rüstungsindustrie. Beide Lager haben unrecht. Für die
Vereinigten Staaten ist das Nunn-Lugar-Programm
eine Verteidigung mit anderen Mitteln, ein kostengünstiger Weg zur Reduzierung der potentiellen nuklearen Bedrohung. Für Rußland und seine Nachbarn
mit Atomwaffen ist das Programm eine Form der
Unterstützung bei der Zerlegung von Atomwaffen und
bei Wirtschaftsreformen. Für die Vereinigten Staaten
und Rußland trägt das Nunn-Lugar-Programm zur
Durchführung der nuklearen Abrüstungsabkommen
bei und baut eine nationale und wirtschaftliche
Partnerschaft auf. Es ist ein Programm, bei dem es
auf beiden Seiten der Welt nur Gewinner gibt.
Das Nunn-Lugar-Programm wird die Welt eindeutig
von Nuklearwaffen befreien. Aber solange es Nuklearwaffen auf der Welt gibt, müssen die Vereinigten
Staaten in die nukleare Abschreckung investieren.
Die Erfordernisse an unsere Abschreckung haben
sich seit den Tagen des Kalten Krieges enorm
verändert. Damals lautete unsere nukleare Doktrin
gegenseitig zugesicherte Abschreckung (Mutual
Assured Deterrence - MAD). Bei diesem Konzept
waren die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
zwei Männern vergleichbar, die 10 Meter voneinander
entfernt standen und die beide einen Revolver auf
den Kopf des anderen gerichtet hielten. Beide
Revolver waren geladen, der Abzug gespannt, und
mit zitternden Fingern am Abzug schleuderten sich
die Männer Beleidigungen entgegen. Dieses Gleichgewicht des Schreckens bildete die Grundlage der
amerikanischen Abschreckungspolitik während des

AMERIKA DIENST 10

�Kalten Krieges. Heute sind die Revolver in ihren
Halftern. Die beiden Männer arbeiten in Bereichen
von gegenseitigem Interesse zusammen.
Und
obwohl sie manchmal Meinungsverschiedenheiten
haben, werfen sie sich keine Beleidigungen an den
Kopf. Statt dessen stimmen sie überein, ihre Pistolenkugeln zu reduzieren und zusammenzuarbeiten,
damit ihre Kugeln nicht in die Hände anderer Parteien gelangen.
Zur Anpassung an diese Welt nach der gegenseitig
zugesicherten Abschreckung haben wir eine umfassende Bestandsaufnahme der nuklearen Abschreckungsstreitkräfte der Vereinigten Staaten
vorgenommen. Diese Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts umfaßte das gesamte Spektrum
von Politik über Doktrin, Streitkräftestruktur, Operationen, Sicherheit, Zuverlässigkeit bis zu Rüstungskontrolle. Sie bestätigte unseren Verdacht, daß
Nuklearwaffen eine andere und kleinere Rolle in
unserer nationalen Sicherheitsstrategie spielen
werden.
Zunächst ergab diese Überprüfung, daß die Vereinigten Staaten ihre Nuklearstreitkräfte stark reduzieren können. Und das haben wir getan. In den
vergangenen sechs Jahren wurde unser gesamter
aktiver Nuklearbestand um nahezu 60 Prozent
verringert. Verglichen mit damals haben wir heute
nur halb soviele strategische Gefechtsköpfe und nur
10 Prozent der taktischen Gefechtsköpfe. START II
wird unser Nukleararsenal noch weiter abbauen.
Aber angesichts der unsicheren Zukunft Rußlands
und der noch vorhandenen Nuklearwaffen auf der
Welt empfahl unsere Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts eine "Strategie der Vorsicht", falls
erneut eine nukleare Bedrohung auftritt. Der Verteidigungshaushalt für 1996 sieht rund 7 Milliarden
Dollar für unsere nukleare Triade vor, um diese
Vorsicht zu gewährleisten. Es stimmt, 7 Milliarden
Dollar sind kein Almosen. Aber es ist nur ein Drittel
des Betrags, den wir im Rahmen der MAD-Doktrin
für Abschreckung ausgaben.
Das ist die gute Nachricht - wir benötigen weniger
nukleare Abschreckung. Die schlechte Nachricht ist,
daß Abschreckung in diesem Zeitalter vielleicht nicht
einmal die kalte Bequemlichkeit wie während des
Kalten Krieges bietet. Wir könnten uns mit Terroristen oder verbrecherischen Regimen mit ballistischen Raketen und Nuklearwaffen konfrontiert
sehen.
Sie werden die Abschreckungstheorie
wahrscheinlich nicht annehmen.
Sie könnten
verrückter als die MAD-Doktrin sein.
Die Operation Wüstensturm war ein Alarmsignal.
Saddam Hussein hatte ballistische Raketen. Er war

AMERIKA DIENST 10

ohne Rücksicht auf die herkömmlichen Regeln des
Krieges zu ihrem Einsatz bereit und tat dies, indem er
SCUD-Raketen auf israelische Städte abfeuerte. Wir
hatten Glück - großes Glück - daß er keine nuklearen
Gefechtsköpfe hatte.
Falls die Abschreckung versagt, besteht unsere dritte
Richtlinie in der Verteidigung gegen die nukleare
Bedrohung. Aus diesem Grund entwickeln wir eine
Verteidigung mit ballistischen Raketen. Wir konzentrieren uns jedoch vornehmlich auf eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung, weil dies die reale,
mittelfristige Bedrohung ist.
Zur Zeit sind über 25 Nationen im Besitz von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen oder mit
ihrer Entwicklung befaßt. Mehr als 15 Nationen
verfügen über ballistische Trägerraketen.
Und
ballistische Raketen werden zu alltäglichen Waffen
auf dem Schlachtfeld. Wie der Irak demonstrierte,
sind mobile ballistische Raketen schwer zu lokalisieren und zu zerstören.
Gefechtsfeldgebundene
ballistische Raketen stellen gegenwärtig eine Bedrohung unserer in Übersee oder zur Verteidigung
eines Verbündeten stationierten Streitkräfte dar.
Daher verfolgen wir ein klar definiertes Programm - in
Höhe von 2 Milliarden Dollar pro Jahr - um bis zum
Ende dieses Jahrhunderts eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung zu entwickeln und zu dislozieren.
Auf einer anderen Schiene bereiten wir uns auch auf

die Stationierung einer Raketenverteidigung in den
Vereinigten Staaten vor, falls eine strategische
Bedrohung unserer Nation entstehen sollte. Gegenwärtig sind nur Rußland und China im Besitz von
Interkontinentalraketen, die uns erreichen könnten.
Ein absichtlicher, versehentlicher oder nicht genehmigter Abschuß ist unwahrscheinlich. Aber andere
Nationen könnten in Zukunft ihre eigenen Interkontinentalraketen entwickeln. Aus diesem Grund haben
wir ein "technologisches Bereitschaftsprogramm" für
eine nationale Raketenverteidigung in einem "dreiplus-drei" Zeitrahmen eingeführt. Das heißt, drei
Jahre für die Entwicklung und Erprobung eines
Systems für die Produktion und weitere drei Jahre
für seine tatsächliche Stationierung.
Hierbei handelt es sich nicht um ein weltraumgestütztes Abfangsystem wie die Strategische Verteidigungsinitiative. Der einzige weltraumgestützte Teil unseres
Systems wären die Frühwarnsensoren. Und im
Gegensatz zu SDI wäre dies eine "dünne" Verteidigung gegen vielleicht ein Dutzend Gefechtsköpfe und
kein Schutzschild gegen einen massiven Angriff.
Dieses System wäre sehr viel einfacher, kostengünstiger und auf die Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung zugeschnitten.
Es stünde auch im
Einklang mit dem ABM-Vertrag. Insgesamt geben wir

Seite 3

�also rund 3 Milliarden Dollar pro Jahr für Verteidigungsprogramme mit ballistischen Raketen, für
gefechtsfeidgebundene Verteidigung und für die
nationale Verteidigung aus.

Die nukleare Bedrohung hat sich seit dem Ende des
Kalten Krieges dramatisch verringert. Aber vielleicht
wird es uns nie gelingen, die Büchse der Pandora zu
schließen, die vor 53 Jahren nur wenige Kilometer
von hier entfernt geöffnet wurde. Wir können die
Erfindung der Atombombe nicht rückgängig machen.
Wir können E=mc2 nicht außer Kraft setzen. Aus
diesem Grund müssen wir all unsere Bestrebungen
der Kontrolle dieser furchtbaren Waffen widmen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
15. März 1995

Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen gemeinsam vor neuen Herausforderungen
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft, J.D.
Bindenagel, am 13. März bei der Steuben-Schurz-Gesellschaft in Frankfurt gehaltene Rede.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir ein großes Vergnügen, heute abend mit
Ihnen über die deutsch-amerikanischen Beziehungen
sprechen zu dürfen. Ich komme gerne nach Frankfurt, nicht nur weil ich die Gelegenheit zu einem
Gedankenaustausch mit Ihnen schätze, sondern
auch, weil die Steuben-Schurz-Gesellschaft einen
maßgeblichen Beitrag zur Vertiefung der deutschamerikanischen Beziehungen leistet.
Einleitung
Bei der Vorbereitung auf diese Rede habe ich
natürlich etwas über den Lebensweg von Frederick
William Augustus von Steuben - wie er sich in
meinem Heimatland nannte - gelesen. Was mich,
abgesehen von seinen Erfolgen beim Aufbau schlagkräftiger Streitkräfte am meisten beeindruckt hat und
damals auch den amerikanischen Kongreß, waren
von Steubens Anstellungsbedingungen bei der
Continental Army. Neben der Begleichung seiner
Kosten erbat er ein vom Kongreß festzusetzendes
Ertolgshonorar. Im Falle seines Scheiterns wollte er
dagegen keine weitergehenden Ansprüche stellen.
Der Rest der Geschichte ist bekannt.
Der zweite, nicht minder bedeutende Namensgeber
Ihrer Gesellschaft, Carl Schurz, hatte auch ein
aufregendes und abwechslungsreiches Leben.
Angesichts der Absicht der Clinton-Administration,
den Regierungsapparat zu reformieren, haben mich
die innovativen Gedanken von Carl Schurz zum
Thema "öffentlicher Dienst" überrascht.
Beide Persönlichkeiten haben einen bedeutenden
Beitrag zur Gestaltung des Staates und der Entwicklung einer politischen Kultur in den Vereinigten
Staaten geleistet.

AMERIKA DIENST 10

Die deutsche Steuben-Schurz-Gesellschaft hält die
Erinnerung an diese beiden Männer wach: Ihre
kulturellen Aktivitäten, ihre zahlreichen Veranstaltungen und nicht zu vergessen die Vergabe von Stipendien sind Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit
dem amerikanischen Volk. Es freut mich besonders,
daß es Institutionen und Organisationen gibt wie die
Ihrige, die abseits der staatlich geförderten Kulturpolitik die Beziehungen pflegen.
Die Bekämpfung des Haushaltsdefizits in den Vereinigten Staaten hat nach den Kongreßwahlen im
November letzten Jahres eine neue Aktualität erlangt.
So hat die Debatte über eine Gesetzesvorlage, die
einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorschreibt,
allen Beobachtern deutlich gemacht, wie prekär die
Haushaltslage ist. Dies hat auch Auswirkungen auf
das Budget für auswärtige Angelegenheiten. Einsparungen, die auch unsere kulturellen Aktivitäten in
Deutschland betreffen, werden sich im kommenden
Finanzjahr wiederum nicht ganz vermeiden lassen.
Die Steuben-Schurz-Gesellschaft wie auch andere
deutsch-amerikanische Verbände und Organisationen
bilden deshalb eine wichtige, tragfähige Brücke
zwischen dem deutschen und amerikanischen Volk,
die erfreulicherweise ohne staatliche Zuschüsse
auskommt.
Wechselwirkungen im Beziehungsgeflecht
Immer wenn ich nach Frankfurt komme, erinnere ich
mich an die Rede des damaligen Präsidenten John F.
Kennedy in der Paulskirche am 25. Juni 1963.
Damals verwies er auf die vielfältigen Impulse, die
1848 von Frankfurt ausgingen und ihren Widerhall im
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg fanden. Damit
wollte er zu Recht auf die schon im letzten Jahrhundert entstandene Interdependenz zwischen beiden
Völkern aufmerksam machen.

Seite 1

�Obgleich sich die Zeiten erheblich gewandelt haben
- und ich glaube im Namen aller hier Versammelten
sprechen zu dürfen, wenn ich sage, "erfreulicherweise" - gelten die Worte des Präsidenten noch heute,
als er über die Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten sprach:
"We are partners for peace - not in a narrow
bilateral context but in a framework of Atlantic
partnership".
Wenig später nennt er gemeinsame Ziele, deren
Gültigkeit außer Frage stehen:
"Peace and freedom for all men, for all time, in a
world of abundance, in a world of justice."
Im zeitgeschichtlichen Vergleich mit der politischen
Situation vor 32 Jahren hat sich in dieser Richtung
vieles getan. Wir können nach dem Fall der Berliner
Mauer, der friedlichen Umgestaltung Osteuropas und
dem Zerfall der Sowjetunion mit Fug und Recht
behaupten, einen epochalen Wandel zu erleben.
Wie schon Dean Acheson, seines Zeichens amerikanischer Außenminister von Januar '49 bis Januar '53
einmal treffend bemerkte, als er über die Gestaltung
der Nachkriegsordnung befragt wurde: "Ich war
dabei." Angesichts der Live-Übertragungen in Funk
und Fernsehen können wir Gleiches behaupten.
Was aber bedeutet dieser epochale Wandel gegen
Ende des Jahrhunderts für das Selbstverständnis
unserer Staaten und die gegenseitigen Beziehungen? Wie gehen wir mit diesen Veränderungen um
und wie gestalten wir sie, wenn wir dazu Gelegenheit haben?
Der Clinton-Administration wird vielfach nachgesagt,
sie würde sich von Europa abkehren, weil sie den
Versuch unternimmt, innenpolitische Reformen zu
initiieren und ihre außenwirtschaftlichen Interessen
auch im asiatisch-pazifischen Raum zu artikulieren.
Sie tut dies, ohne aber von der einzigartigen Kontinuität amerikanischer Überzeugungen Abstand zu
nehmen, wie sie schon Präsident Kennedy in seiner
Frankfurter Rede hervorgehoben hat. Nicht nur, daß
er pragmatisch vom Wandel als Bestandteil jeder
Entwicklung gesprochen hat - "change is the law of
life" -, er traf auch die noch heute gültige Feststellung, unsere Zukunft liege in der Atlantischen Allianz.
Die NATO als transatlantisches Bindeglied
In der Tat, die NATO bleibt das zumindest aus
amerikanischer Sicht wichtigste Bindeglied zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa. Die Allianz
dokumentiert, daß die Vereinigten Staaten eine

Seite 2

europäische Macht sind und dies auch bleiben wollen.
Die Atlantische Allianz hat sich auf die neue strategische Lage eingestellt. Die transatlantischen Beziehungen sind schon seit geraumer Zeit aus dem
engen Korsett der reinen verteidigungspolitischen
Vorsorge des Kalten Krieges hervorgetreten. Im
Laufe ihrer Existenz entwickelte sich das Bündnis zu
einer Wertegemeinschaft, die weit mehr als nur ein
multinationales Verteidigungsbündnis darstellt. Und
die NATO hat sich als anpassungsfähig erwiesen, wie
unschwer an der Reform der Streitkräftestruktur und
den Initiativen zu enger militärischer Zusammenarbeit
mit den Staaten des ehemaligen Ostblocks zu sehen
ist.
Die Attraktivität der Atlantischen Allianz wird durch
Beitrittswünsche einiger Staaten Osteuropas unterstrichen: Sie ist ein wirksamer Zusammenschluß
gleichgesinnter Staaten zum Schutz vor militärischen
Gefahren und für Stabilität in Europa. Diese Stabilität
wird allerdings nicht mehr nur durch die NATO
gewährleistet, sondern auch durch die Europäische
Union und andere europäische Institutionen wie die
OSZE.
Die militärische Zusammenarbeit im Rahmen der
NATO bleibt ein wirksames Instrument gegen Tendenzen einer Renationalisierung der europäischen
Sicherheitspolitik. Die amerikanischen Streitkräfte in
Europa unterstreichen auf glaubwürdige Weise, wie
wichtig wir unseren Beitrag zur Beibehaltung eines
sicheren Europas nehmen.
Neue Herausforderungen nach dem Ende des
Kalten Krieges
In Zeiten großer Transformationen gibt es immer
wieder Stimmen, die für eine Abkehr von der Geschichte plädieren. Geschichtliche Lektionen lassen
sich aber nicht einfach ad acta legen. Und eine
bedeutende Lehre spricht Präsident Kennedy in
seinen Ausführungen an: Eine Gefährdung der
Freiheit Europas bedroht auch immer die Freiheit
Amerikas.
Ist aber unsere Freiheit bedroht? Sicherlich nicht,
wenn wir die jetzige Situation mit der Bedrohung
durch das Militärpotential der damaligen Sowjetunion
vergleichen. Die Gefahren für Sicherheit und Stabilität sind allerdings nicht weniger geworden in einer
Welt, die aus dem Schwarzweißschema des Kalten
Krieges herausgewachsen ist.
Das Ende des weltumspannenden Ost-West-Konflikts
hat nicht per se eine neue stabile internationale
Ordnung geschaffen, die in der Lage wäre, eine
gewaltfreie Konfliktbewältigung sicherzustellen.

AMERIKA DIENST 10

�Lassen Sie mich einige Gefahren aufzählen, die
nicht nur der amerikanischen Regierung Kopfzerbrechen bereiten:
-

Aggression, Tyrannei und Intoleranz unterminieren immer wieder die politische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung wichtiger Regionen der
Welt.

-

Nicht nur wir Amerikaner sehen uns einer wachsenden Bedrohung durch die Weiterverbreitung
von nuklearen und chemischen Massenvernichtungswaffen, internationalem Terrorismus, Drogenhandel und Geldwäsche gegenüber.

-

-

Einst entfernt erscheinende Probleme wie die
Zerstörung von Lebensgrundlagen, das ungebremste Bevölkerungswachstum, daraus resultierende Armut, Migration und Flüchtlingskatastrophen haben direkte Auswirkungen auf die Stabilität der betroffenen Regionen. Und damit letztlich
auch auf uns.
Wie schon zu einem früheren Zeitpunkt in diesem
Jahrhundert bestimmen an der Peripherie Europas ethnische Konflikte, territoriale Streitkeiten
und irregeleiteter Nationalismus die politische
Tagesordnung. Eine Obsession macht sich breit,
reales oder eingebildetes historisches Unrecht
wiedergutzumachen.

Neben dem Auftreten von neuen und alten Konflikten, die zu einer Gefahr für die allgemeine Stabilität in Europa werden können und folglich politischer
Aufmerksamkeit bedürfen, möchte ich aber auch auf
eine weitere Konsequenz des Endes des Kalten
Krieges hinweisen, die vielfach kritisiert wird.
Prioritäten amerikanischer Außenpolitik
Meines Erachtens ist es durchaus verständlich, wenn
sich die amerikanische Politik nach dem Ende einer
so langen ideologischen Auseinandersetzung nun
stärker mit innenpolitischen Fragestellungen beschäftigt.
In Zeiten einer immer intensiver werdenden Konkurrenzsituation auf den Weltmärkten und einem
gewissen Nachholbedarf sind Maßnahmen zur
Verbesserung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit
ein Gebot der Stunde. Das Wohlergehen und der
Lebensstandard der eigenen Bevölkerung ist wohl
ein legitimer Maßstab für staatliches Handeln!
Wie Sie alle wissen, hat sich inzwischen ein Sicherheitsbegriff durchgesetzt, der eben nicht nur das
Militärpotential eines Landes berücksichtigt, sondern

AMERIKA DIENST 10

auch demokratisch legitimierte Regierungssysteme
und wirtschaftliche Prosperität inkorporiert.
Die Clinton-Administration widmet folglich der Verwirklichung außenwirtschaftlicher Interessen hohe
Aufmerksamkeit, um die ökonomische Leistungsfähigkeit der amerikanischen Volkswirtschaft zu
stärken. Neben ökonomischen Impulsen, die nicht
nur amerikanischen Interessen entsprechen, läßt
Präsident Clinton keinen Zweifel daran, daß er die
internationale Führungsrolle der Vereinigten Staaten
aufrechterhalten will.
Anläßlich seines Staatsbesuchs im letzten Monat in
Kanada hat der Präsident den amerikanischen
Führungsanspruch bekräftigt. Eine Abkehr von der
Philosophie des Engagements und der Führungsaufgabe, die für die amerikanische Außenpolitik seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges charakteristisch war,
wird es mit diesem Präsidenten nicht geben.
Gerade in Zeiten des Übergangs, in Zeiten des Wandels und der Chancen, den politischen Prozeß
strukturbildend zu gestalten, ist es wichtig, Führung
zu übernehmen. Die letzten Jahre haben deutlich
gezeigt, wie wichtig es nach wie vor ist, mit Vorschlägen und Initiativen das internationale System zu
unser aller Nutzen zu beeinflussen. Und dies nicht in
einem hegemonistischen Sinne - wie Kritiker immer
wieder hervorheben - sondern als Reflex auf die sich
uns stellenden globalen Aufgaben und Herausforderungen.
Anders formuliert: Aufgrund der immer größer werdenden Verflechtung können wir uns keine Politik des
Isolationismus oder Unilateralismus leisten. Eine
solche Politik wäre angesichts der Risiken und
Gefahren nicht empfehlenswert. Diese Einstellung
teilt auch der amerikanische Kongreß trotz der
heftigen Debatte über "Multilateralismus".
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft
Nun werden Sie sich fragen, was meine Ausführungen mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen zu
tun haben. Sehr viel, wenn man berücksichtigt, wie
sich das außenpolitische Engagement der Vereinigten
Staaten den neuen Gegebenheiten nach dem Ende
des Kalten Krieges angepaßt hat. Außenminister
Warren Christopher hat den Maßstab für unser
außenpolitisches Engagement auf einen Nenner
gebracht: Gemeinsam wenn möglich, im Alleingang
wenn nötig.
Die Bewahrung partnerschaftlicher Beziehungen zu
unseren engsten Verbündeten (Europa und Japan)
bleibt ein zentrales Element der amerikanischen
Außenpolitik. Darüber hinaus wollen wir konstruktive

Seite 3

�Beziehungen zu den mächtigsten Nationen der Welt,
China und Rußland, unterhalten.
Deutschland ist nicht erst seit der Herstellung der
staatlichen Einheit zu einem engen Freund und
starken Verbündeten der Vereinigten Staaten geworden.
Mit der nachhaltigen politischen, wirtschaftlichen und
finanziellen Unterstützung des Demokratisierungsprozesses und des Aufbaus von Marktwirtschaften in
Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion leistet die Bundesrepublik einen enormen
Beitrag zur Stabilisierung dieser Region.
Deutschland ist innerhalb der Europäischen Union
ein gewichtiger Machtfaktor. Das europapolitische
Engagement Deutschlands ist die Voraussetzung für
Fortschritte bei der europäischen Integration. Oder
wie es Vizepräsident AI Gore schon mehrmals
geäußert hat: Deutschland ist zum Motor der europäischen Integration geworden, die wir nachhaltig
unterstützen.
Die Vereinigten Staaten brauchen zuverlässige
Partner wie die Bundesrepublik, um in vertrauensvoller Kooperation die gegenwärtigen Herausforderungen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts zu
bewältigen. Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union spielt dabei
- wie angedeutet - eine nicht unerhebliche Rolle.
Gemeinsam stehen wir vorder Aufgabe, die Strukturen Europas zu gestalten und ein tragfähiges Beziehungsgeflecht zwischen Ost und West aufzubauen.
Wie können wir gemeinsam gewährleisten, daß
Stabilität und Sicherheit auch in Zukunft erhalten
bleiben? Wie können wir die NATO erweitern, ohne
neue Grenzlinien in Europa zu ziehen?
Die NATO-Erweiterung
Für dieses Jahr hat sich die Allianz vorgenommen,
Antworten auf das "Wann" und "Wie" einer NATOErweiterung zu finden. Leitmotiv ist die Verteidigung
der Bündnisinteressen und die Förderung der
europäischen Stabilität. Der Erweiterungsprozeß
muß allmählich, überlegt und transparent erfolgen,
um nicht den Eindruck zu erwecken, die NATO wolle
neue Grenzen ziehen. Darüber hinaus soll ein
großes Maß an Flexibilität diesen Prozeß bestimmen
und folglich kein Zeitplan oder eine Liste für Beitrittskandidaten festgelegt werden. Jeder Beitrittswunsch
wird individuell behandelt. Und die Entscheidung,
welches Land der NATO beitritt und zu welchem
Zeitpunkt, wird einzig und allein von den Mitgliedstaaten der NATO getroffen. An ein Vetorecht durch
einen Drittstaat ist nicht gedacht.

Seite 4

Welche Kriterien müssen die Beitrittsstaaten erfüllen?
Eine Grundvoraussetzung sind demokratische Strukturen, eine marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft sowie der politische Wille und die finanzielle
Fähigkeit, zur gemeinsamen Sicherheitspolitik und
zum Bündnis einen eigenen Beitrag leisten zu können.
Die gegenwärtige Diskussion über die NATO-Erweiterung steht in engem Zusammenhang mit der
Erweiterung der Europäischen Union. Beide Prozesse unterliegen anderen Mechanismen, verfolgen aber
mehr oder weniger die gleiche Zielsetzung. Derzeit
ist die Europäische Union mit der Aufnahme von vier
neuen Mitgliedern befaßt; und im nächsten Jahr steht
die Maastrichter Überprüfungskonferenz bevor.
Die transatlantische Gemeinschaft
Gleichzeitig hat die Debatte über die Zukunft der
transatlantischen Gemeinschaft an Dynamik gewonnen. Europäische Politiker wie der britische Verteidigungminister Malcolm Rifkind, sein französischer
Amtskolle Alain Juppö und Volker Rühe haben
Vorschläge ventiliert, wie die transatlantischen
Beziehungen vertieft werden könnten. Ob nun ein
"transatlantischer Vertrag" anvisiert wird oder eine
"euro-amerikanische Gemeinschaft", wie sie der
niederländische Premierminister vorgeschlagen hat alle Vorschläge haben gemein, die transatlantische
Zusammenarbeit thematisch aufzufächern und zu
vertiefen.
Dies ist prinzipiell begrüßenswert und sicherlich auch
zweckmäßig, wenn es darum geht, kooperativ,
vertrauensvoll und effizient die anstehenden politischen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen.
Es ist durchaus vorstellbar, daß die im November
1990 in der "transatlantischen Erklärung" genannten
Bereiche der Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten ausgedehnt werden.
Regelmäßige Konsultationen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten wurden im
vergangenen Jahr in Berlin vereinbart. Es wurden
Studiengruppen eingerichtet, um zentrale Fragen zu
erörtern, wie die Einbindung der osteuropäischen
Staaten oder die Bekämpfung des Drogenhandels,
Geldwäsche und des organisierten Verbrechens. Ein
transatlantischer Dialog über Wirtschafts- und Handelsfragen hat sich schon etabliert.
Was sich aus amerikanischer Sicht an Fragen stellt,
ist schnell aufgezählt:

AMERIKA DIENST 10

�Hilft ein neuer transatlantischer Vertrag dem europäischen Integrationsprozeß, fördert oder behindert er
die Entwicklung einer gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik der Europäischen Union? Wie
groß ist der substantielle Zugewinn an Zusammenarbeit, der vielleicht auch durch eine pragmatisch
geprägte Vorgehensweise zu erreichen wäre? Und
welche Themen tragen zu einer Vertiefung der
transatlantischen Gemeinschaft bei?
Angesichts der engen und intensiven deutsch-amerikanischen Beziehungen stellt sich auch die Frage,
wie diese sich in einer transatlantischen Gemeinschaft entwickeln würden.

•

AMERIKA DIENST 10

Bevor wir uns auf Vertragsverhandlungen einlassen,
sollten wir ernsthaft prüfen, ob unsere Beziehungen
tatsächlich eine Aufwertung durch einen Vertrag
brauchen. Wie Sie wissen, neigen wir Amerikaner
eher zu Pragmatismus.
Einen Pragmatismus, wie ihn auch Friedrich Wilhelm
von Steuben an den Tag gelegt hat, als er für seine
Dienste als "Drillmeister" der amerikanischen Truppen
nur ein Erfolgshonorar erbat.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 5

�KLIMAKONFERENZ
15. März 1995

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth
BONN - (AD) - Die Vereinigten Staaten werden bei der vom 28. März bis 7. April 1995 anberaumten
internationalen Klimakonferenz in Berlin ein Abkommen zur Aufnahme von Verhandlungen über die
Reduzierung der Treibhausgasemissionen nach dem Jahr 2000 anstreben. Im Vorfeld der Konferenz gab der
Staatssekretär für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy E. Wirth, bei einer
Pressekonferenz in Bonn am 10. März 1995 die nachfolgende Erklärung ab, die wir im Wortlaut veröffentlichen.

eines Landes) für die zweite Phase dieser Umstrukturierung zugesagt.
Die Clinton-Administration und der Klimawandel:
2 Jahre des Fortschritts
Aktionsplan für den Klimawandel: Die US-Administration hat einen Plan mit über 50 Maßnahmen
entwickelt, der das Versprechen des Präsidenten zur
Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den
Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 auf das
Niveau von 1990 erfüllen soll.
Nachfolgend einige Beispiele:
Ermutigung kostengünstiger Planung in den
Vereinigten Staaten,
vermehrte Nutzung erneuerbarer Ressourcen bei
der nationalen Energieversorgung,
Verbesserung der Normen für energieeinsparende Haushaltsgeräte,
Vergrößerung der Kohlesenken,
Methanentsorgung aus Deponien.
Bilaterale Hilfe: Die Clinton-Administration hat ein
gezieltes Programm in Höhe von 330 Millionen
Dollar an bilateraler Hilfe zur Unterstützung der
Entwicklungsländer bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Energie- und Forstbereich
entworfen.
Multialterale Hilfe: Die Vereinigten Staaten waren
bei der Umstrukturierung der Umweltfazilität behilflich
und haben 430 Millionen Dollar (der höchste Beitrag

AMERIKA DIENST 10

Entwicklung von Umwelttechnologien und Zusammenarbeit: Die Clinton-Administration hat eine
neue Initiative für Umwelttechnologien in die Wege
geleitet (die sich auf über 1 Milliarde Dollar beläuft),
um modernste Umwelttechnologien zu entwickeln und
zu verbreiten.
Initiative sauberes Auto: Die Clinton-Administration
ist eine beispiellose Partnerschaft mit der Automobilindustrie eingegangen, um gemeinsam die Entwicklung einer neuen Generation von Fahrzeugen zu
erforschen, die dreimal so sparsam sind wie die
heutigen Autos.
Wissenchaftliehe Forschung: Präsident Clinton hat
die Mittel für wissenschaftliche Forschung der Vereinigten Staaten zum globalen Klimawandel auf über
2 Milliarden Dollar erhöht.
Landesstudien: Die Vereinigten Staaten haben
Landesstudien mit 30 Millionen Dollar finanziert, die
den Entwicklungsländern und Ländern mit Volkswirtschaften im Übergang bei einer Bestandsaufnahme
der Treibhausgasemissionen und der Erarbeitung
technologischer Optionen für die Begrenzung der
Emissionen behilflich sein sollen.
Gemeinsame Umsetzung des Pilotprogramms:
Die Vereinigten Staaten haben das erste Pilotprogramm der Welt in die Wege geleitet, um die Möglichkeit einer gemeinsamen Umsetzung zu prüfen
(das heißt, die Industrienationen fördern die Reduzierung von Treibhausgasemissionen in den Entwicklungsländern).

Seite 1

�Der zweite Schritt
In nur zwei Jahren haben Präsident Clinton und
Vizepräsident Gore beeindruckende Schritte unternommen um sicherzustellen, daß die Vereinigten
Staaten die in der Rahmenkonvention über Klimawandel als erste Schritte festgesetzten Ziele erreichen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, es sei an
der Zeit für den zweiten Schritt, da die Konvention
unseres Erachtens unzureichend ist. Dieser zweite
Schritt wird das Hauptthema für die Teilnehmer der
Berliner Konferenz sein. Die Vorbereitungen für
Berlin haben ein breites Meinungsspektrum erkennen lassen:

leistung erforderliche Koalition zu bilden, daß wir die
nächsten Schritte mit einem Gefühl der Dringlichkeit
und Entschlossenheit unternehmen.
Die Bundesregierung hat als Gastgeber dieses
historischen Treffens bemerkenswerte Arbeit geleistet, um sich durch das Minenfeld der oben geschilderten unterschiedlichen Meinungen zu manövrieren.
Die Vereinigten Staaten wollen alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die Führungsrolle Deutschlands bei
dem Kampf um die Formulierung eines klaren Mandats für unter dem Vertrag zu ergreifende nächste
Schritte zu unterstützen.
Die Formulierung eines solchen Mandats ist das
oberste Ziel der Berliner Konferenz.

1. Einige stellen die wissenschaftliche Grundlage
der Belange in Frage und vertreten das Argument, es sollte nichts getan werden. Eine Handvoll skeptischer Wissenschaftler - von denen viele
noch immer gegen das seit langem abgeschlossene Thema des Abbaus der Ozonschicht kämpfen - nähren bei der Industrie, den Medien und
Politikern Zweifel.

Mittelfristig hat dies weniger damit zu tun, Undefinierte
politische Versprechungen zu machen als damit,
unmißverständlich einen Schritt weiterzugehen indem die Nationen artikulieren, was sie unternehmen
wollen, um auf dem ersten Schritt aufzubauen und
den Trend des Emissionsabbaus auch nach dem
Jahr 2000 fortzusetzen.

2. Am anderen Ende des Spektrums sind diejenigen, die sich zu Recht ernsthafte Sorgen über
die Zunahme wissenschaftlich fundierter Beweise
machen. Sie befürworten weitreichende politische Verpflichtungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ohne über einen genauen Plan für das
weitere Vorgehen zu verfügen.

Erlangung eines Berliner Mandats
Ein erfolgreiches Mandat

3. Viele Entwicklungsländer zögern noch, zusätzliche Schritte zu unterstützen. Sie fürchten, sie
könnten um die Verringerung der Emissionen
gebeten werden, was ihrem offenkundigen
Entwicklungsbedarf zuwiderlaufen würde.
4. Kleine Inselstaaten, die sich die größten Sorgen
über den dramatischen Klimawandel und seine
Auswirkungen machen, fordern von anderen
entschiedene und unverzügliche Aktionen.
Und innerhalb dieses breiten Meinungsspektrums
gibt es endlose Varianten, die von verschiedenen
Nationen vertreten werden.
Die Herausforderung Berlin und die Führungsrolle Deutschlands

fordert ein neues Ziel, um die nationalen Bestrebungen unmittelbar nach dem Jahr 2000 zu leiten,
definiert durch genaue Analysen die Bandbreite
verfügbarer konkreter Maßnahnmen zur Erlangung
des neuen Ziels,
trägt den gemeinsamen, aber unterschiedlichen
Pflichten aller Parteien Rechnung und definiert
sie,
zieht besseren Nutzen aus dem Einfallsreichtum
nichtstaatlicher Organisationen und des Privatsektors, um Fortschritte zum obersten Ziel des Vertrags zu fördern,
produziert spätestens bis 1997 Ergebnisse,
anerkennt die Bedeutung und Chancen mittel- und
langfristiger Aktionen,
soll als "Das Berliner Mandat" bekannt werden.

Da jetzt 120 Nationen Partei des Vertrags sind, wird
es in Berlin schwierig sein, die für die Gewähr*

Seite 2

* * *

*

AMERIKA DIENST 10

�TAG

DER

ERDE
15. März 1995

Entwurf einer umweltverträglichen Zukunft ein Überblick
von Lester R. Brown
Der nachfolgende Beitrag behandelt die Fortschritte sowie die bisher unzulänglich behandelten Probleme bei
der Erlangung einer umweltverträglichen Wirtschaft auf unserem Planeten - einer Wirtschaft, die so beschaffen
ist, daß sie "heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen".
Während Brown zufolge der Abbau der Ozonschicht und die Kohlenstoffemissionen in der Atmosphäre
möglicherweise bereits ihren Höchststand erreicht haben, setzt sich gleichzeitig jedoch der Artenschwund in
alarmierendem Tempo fort, und das potentielle Nahrungsmittelangebot der Fischgründe, landwirtschaftlich
nutzbare Flächen, Wasserressourcen und Düngemitteleinsatz können mit dem rapiden Bevölkerungswachstum
nicht Schritt halten. Die Erweiterung friedenssichernder Operationen der Vereinten Nationen biete den Staaten
der Erde eine Chance, weniger Mittel für militärische Sicherheit und mehr für eine umweltpolitisch gesicherte
Zukunft aufzuwenden.
Lester R. Brown ist Präsident des Worldwatch Institute und hat für das Institut und andere Foren bereits
zahlreiche Beiträge veröffentlicht.
Nachdruck aus Vital Signs 1994, S. 15-21. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung
des Worldwatch Institute, Washington, D.C.

Als Ed Koch noch Bürgermeister von New York war,
stellte er Passanten auf der Straße gerne die Frage:
"Wie schneiden wir ab?" Vital Signs wurde ins
Leben gerufen, um diese Frage für die Welt insgesamt zu beantworten. Insbesondere wird untersucht, wie wir bei der Schaffung einer umweltverträglichen Wirtschaft abschneiden, die unseren
heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft
künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen.
Beim Umweltgipfel in Rio de Janeiro einigten sich
die Regierungen der Welt darauf, die UNO-Kommission für nachhaltige Entwicklung zu gründen - ein
Beleg für die wachsende Sorge, daß das bestehende Wirtschaftssystem nicht umweltverträglich ist. Im
Juni 1993 rief Präsident Clinton den Rat für nachhaltige Entwicklung ins Leben. Ähnliche Maßnahmen
in rund 70 Ländern, die alle einen Weg hin zu
umweltverträglicher Entwicklung aufzeigen sollen,
sind ein ermutigendes Zeichen.
Der von führenden Politikern auf Bundesebene
ebenso wie von Umweltschützern verwendete Begriff
der "nachhaltigen Entwicklung" hat ökologische

AMERIKA DIENST 10

Ursprünge und beruht auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage.
Eine in bezug auf die
Belange der Umwelt tragfähige Entwicklung folgt den
Grundprinzipien oder Gesetzen der Umweltverträglichkeit - Prinzipien, die so real sind wie die der
Aerodynamik oder Thermodynamik. So muß jeder,
der beispielsweise ein Flugzeug entwirft, die Prinzipien der Aerodynamik beachten, indem er eine
bestimmte Menge an Schub oder Auftrieb schafft, da
das Flugzeug ansonsten nicht fliegen wird. Ebenso
muß ein umweltpolitisch tragfähiges System den
Gesetzen der Umweltverträglichkeit folgen, da es
ansonsten nicht lebensfähig ist. Die grundlegenden
Gesetze oder Prinzipien der Umweltverträglichkeit
sind ebenso feststehend wie die Gesetze der Aerodynamik.
Eine Gesellschaft kann diese Gesetze
kurzfristig verletzen, nicht jedoch langfristig. So
können Fischgründe zum Beispiel kurzfristig ohne
langfristigen Schaden überfischt werden, wenn man
anschließend für deren langfristige Erholung sorgt.
Werden sie aber ohne zeitliche Begrenzung überfischt, werden sie schließlich kollabieren und verschwinden. Ebenso wie ein Flugzeug kurzfristig an
Höhe verlieren kann ohne abzustürzen, kann die

Seite 1

�Wirtschaft die Prinzipien der Umweltverträglichkeit
kurzfristig verletzen ohne zusammenzubrechen.
Zu den Gesetzen der Umweltverträglichkeit gehören:
Der Artenschwund darf langfristig nicht größer sein
als die Artenevolution; die Bodenerosion darf die
Bodenneubildung nicht übertreffen; es dürfen nicht
mehr Wälder zerstört werden als nachwachsen
können; die Kohlenstoffemissionen dürfen nicht
höher sein als die Fähigkeit zur Kohlenstoffixierung;
die Menge der gefangenen Fische darf die Regenerationsfähigkeit der Fischgründe nicht übertreffen,
und die Geburtenrate darf nicht höher sein als die
Sterberate.
Die Folgen der Verletzung dieser Prinzipien liegen
im allgemeinen auf der Hand. Wenn beispielsweise
der Artenschwund die Evolutionsrate übertrifft,
werden schließlich ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Wenn die Menge der gefangenen Fische
in einem Fischfanggebiet dessen Regenerationsfähigkeit übertrifft, wird der Fischgrund zerstört.
Obwohl es schwieriger ist, Umweltverschmutzung
ebenso plastisch zu demonstrieren, gilt: Wenn
Schadstoffe die Aufnahmefähigkeit eines Systems
überfordern, wird das System verändert. Im Fall der
Fluorchlorkohlenwasserstoffe führt dies zum Abbau
des stratosphärischen Ozons. Bei den Kohlenstoffemissionen bedeutet es die Ansammlung von
Kohlendioxid in der Atmosphäre und Veränderungen
im Wärmehaushalt der Erde. Im Fall der Schwefelemissionen bedeutet es sauren Regen und die
Schädigung von Wäldern, Seen und Ernteerträgen.
Der Artenschwund
Aufgrund seiner Unumkehrbarkeit stellt der Artenschwund für alle Regierungen eine grundlegende
Herausforderung dar. Über längere Zeiträume der
Erdgeschichte hinweg lag die Zahl neuentstehender
Arten höher als die der aussterbenden. Dies führte
zu dem von uns geerbten außerordentlichen biologischen Reichtum. Seit einigen Jahrzehnten verläuft
dieser Prozeß jedoch umgekehrt, indem die Zerstörung von Lebensräumen und die Umweltverschmutzung Arten mit atemberaubender Geschwindigkeit vernichten.
Ein Hindernis bei der Überwachung des Artenschwunds besteht darin, daß es niemals eine
Bestandsaufnahme der Pflanzen- und Tierarten auf
der Erde gegeben hat. Da unbekannt ist, wieviele
Arten es gibt, ist es schwierig genau zu bestimmen,
wieviele verlorengehen.
Trotz dieser fehlenden Informationen können wir
einige der sichtbareren Lebensformen, wie etwa
Vögel, untersuchen, bei denen eine vollständige

Seite 2

Liste der vorhandenen Arten existiert. Von den 9.600
bekannten Vogelarten sind die Populationen von rund
3.000 stabil oder vermehren sich, während sie bei
6.600 Arten im Schwinden begriffen sind. Von
letzterer Gruppe sind die Populationen von etwa
1.000 Vogelarten so weit zurückgegangen, daß sie
vom Aussterben bedroht sind.
Die Hauptgründe für die Dezimierung der Vogelpopulationen sind Zerstörung der Lebensräume, Umweltverschmutzung und Jagd. Mit der Brandrodung
von Regenwäldern oder Trockenlegung von Feuchtgebieten zum Ausbau der Nahrungsmittelproduktion
hat sich der Lebensraum von Vögeln verkleinert. In
Nordamerika ist die Population von 10 Entenarten
von 37 Millionen im Jahr 1955 auf 26 Millionen im
Jahr 1992 gesunken. Dies ist teilweise auf die
Zerstörung der Hälfte aller US-Feuchtgebiete zurückzuführen, die von den Enten dieser Region zur
Paarung, zum Ausruhen und zur Nahrungssuche in
Anspruch genommen werden. Bei Zugvögeln, die
lange Strecken zurücklegen - etwa von Europa nach
Afrika - kann sich die Zerstörung des Lebensraumes
an beiden Enden der Zugstrecke oder an dazwischenliegenden Ruheplätzen als Bedrohung erweisen.

«

Seit Anbruch des Industriezeitalters sind etwa 150
Arten und Unterarten von Vögeln verschwunden.
Dazu gehören die 1920 ausgestorbene nordamerikanische Wandertaube, einst eine der am häufigsten
anzutreffenden Vogelarten auf der Welt, der mexikanische Kaiserspecht, der 1958 zum letzten Mal
gesichtet wurde und der guatemaltekische Atitlantaucher, der 1987 ausstarb.
Umweltexperten konzentrieren sich auf die Zahl
bedrohter Vögel, weil sie einer der am besten meßbaren Indikatoren für die Gesundheit des Ökosystems
sind. Die für das Überleben der Vögel notwendigen
Systeme werden zerstört, aber diese Systeme dienen
auch unserem eigenen Überleben. Von allen zur
Verfügung stehenden Indikatoren könnte dieser das
eindringlichste Gefühl vom Gesundheitszustand der
Erde oder davon vermitteln, ob das bestehende
Wirtschaftssystem umweltverträglich ist oder bereits
jetzt die Saat für seinen eigenen Untergang ausbringt.

Die Rettung der Ozonschicht
Wenige Entwicklungen der letzten Jahre haben unter
den Wissenschaftlern soviel Besorgnis ausgelöst wie
das "Loch" in der stratosphärischen Ozonschicht. Die
von den Fluorchlorkohlenwasserstoffen ausgehende
potentielle Bedrohung dieses Schutzfilms wurde zum
ersten Mal 1974 erkannt, als zwei Atmosphärenfor-

AMERIKA DIENST 10

&gt;

'

�scher der University of California, Sherwood Rowland und Mario Molina, davor warnten, die Freisetzung dieser Substanzen in die Atmosphäre könne
die Ozonschicht abbauen, die alles Leben auf der
Erde vor schädlichen ultravioletten Strahlen schützt.
Im Jahr 1985 berichtete ein von Joseph Farman
geleitetes Foschungsteam der britischen Antarktisexpedition von einem immer wiederkehrenden Loch
in der Ozonschicht über der Antarktis, das jedes
Frühjahr auftrete. Die Wissenschaftler wußten, daß
bei einer Ausbreitung dieses massiven Abbaus auf
andere Teile des Planeten, was eine Zunahme der
ultravioletten Strahlung auf der Erde zur Folge hätte,
nahezu alle Lebensformen zu Lande und im Meer
Schaden erleiden könnten.
Die Besorgnis über die potentiellen Auswirkungen
der FCKW führten zu dem im Oktober 1987 in
Montreal ausgehandelten internationalen Abkommen
zur Reduzierung der FCKW-Herstellung. Wissenschaftliche Forschungen, die FCKW und andere
ozonschädigende Substanzen mit dem Ozonloch
über der Antarktis in Zusammenhang brachten,
führten 1990 in London und 1992 in Kopenhagen zu
weiteren Abkommen. Diese Abkommen erfordern
die völlige Einstellung der Produktion von FCKW und
anderen ozonschädigenden Stoffen.
Zwischen
1988, als die FCKW-Herstellung ihren Höhepunkt
erreichte, und 1993 ging die FCKW-Produktion
weltweit um 60 Prozent zurück. Viele Industriestaaten engagieren sich für den völligen Ausstieg aus
der FCKW-Herstellung bis Ende 1994 oder 1995.
Seit der Entdeckung des Lochs über der Antarktis im
Jahr 1985 wurde durch weitere Forschungsarbeiten
festgestellt, daß die Ozonschicht über allen Regionen außerhalb der Tropen dünner wird, wobei sich
die stärkste Abnahme um die Pole konzentriert.
Der stratosphärische Anteil freien Chlors, des
ozonschädigenden Stoffes, der sich entwickelt, wenn
FCKW nach ihrer Freisetzung in der Atmosphäre
nach oben steigen, scheint sich Mitte der neunziger
Jahre bei einem Volumen von etwa 4 ppbv (Part per
Billion by Volume) zu stabilisieren. Wenn die
FCKW-Produktion wie vorgesehen stufenweise
eingestellt wird, steigt die Menge freien Chlors voraussichtlich bis zum Jahr 2000 weiter an, um dann
bis etwa 2055 langsam zu sinken. Zu jenem Zeitpunkt würde der Anteil wieder den vor Auftreten des
Ozonlochs bestehenden Stand von 2 ppbv erreichen.
Diesem Szenarium zufolge würden die
schwersten Schäden an pflanzlichem und tierischem
Leben durch ultraviolette Strahlung um das Jahr
2000 auftreten, in dem dann die Erholung einsetzen
würde. Ein gewisser Ozonabbau wird jedoch bis
etwa zur Mitte des nächsten Jahrhunderts anhalten.

AMERIKA DIENST 10

Die genauen langfristigen Auswirkungen der zunehmenden ultravioletten Strahlung auf die Ernteerträge
sowie die Gesundheit von Menschen und anderen
Spezies sind unbekannt. Obwohl die Umkehrung des
Ozonabbaus in der Stratosphäre ein langfristiges
Vorhaben ist, wurde zumindest der Prozeß zur
Erlangung dieses Ziels eingeleitet und bildet somit ein
Modell internationaler Zusammenarbeit im Umweltschutz.

Die Stabilisierung des Klimas
Wenige Faktoren beeinflussen die Bewohnbarkeit der
Erde so unmittelbar wie die Menge des Kohlendioxids
in der Atmosphäre. Zuviel Kohlendioxid, und die
Erde wird zum Treibhaus vergleichbar etwa mit der
Venus; zuwenig, und die Erde vereist wie der Saturn.
Seit Beginn der Revolution in der Landwirtschaft vor
etwa 10.000 Jahren bis zum Beginn der Industriellen
Revolution war die Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre bemerkenswert stabil.
Seit Beginn der
Industriellen Revolution begann sie jedoch anzusteigen, als die Verbrennung von Kohle und später
anderen fossilen Brennstoffen die Menge der Emissionen über die natürliche Kohlendioxidfixierungsund Aufnahmefähigkeit wachsen ließ.
Zwischen dem Einsetzen des Industriezeitalters und
dem Jahr 1959, dem Beginn regelmäßiger Luftuntersuchungen auf den Kohlendioxidgehalt, stiegen die
Kohlendioxidkonzentrationen um 13 Prozent, von
geschätzten 280 ppm (Parts per Million) auf 316 ppm.
Von 1959 bis 1993 stieg der Gehalt von 316 ppm auf
357 ppm, wiederum um 13 Prozent. In nur 34 Jahren
nahm die Konzentration von Kohlendioxid in der
Atmosphäre also ebenso stark zu wie während der
vorhergehenden zwei Jahrhunderte. Im Falle eines
weiteren - wenn auch etwas verlangsamten - Anstiegs wird das Ergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein wirtschaftlich verheerender
Klimawandel sein.
Die Hauptquelle der steigenden Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre - die jährlich nahezu 6
Milliarden Tonnen durch die Verbrennung fossiler
Brennstoffe emittierten Kohlenstoffe - scheint sich
aufgrund wachsender Produktivität im Energiesektor,
der weltweiten Hinwendung zu nichtfossilen Energieträgern und insbesondere des in den letzten Jahren
verzeichneten sinkenden Energieverbrauchs in der
ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa auf einem
stabilen Niveau einzupendeln. Da sich die Regierungen nahezu aller Industriestaaten dazu verpflichtet
haben, bis zum Jahr 2000 die Treibhausgasemissionen auf das Niveau von 1990 zu begrenzen, besteht
Hoffnung, den Trend letztlich umkehren zu können.

Seite 3

�Mit Ausnahme von zwei Einbrüchen aufgrund von
Erhöhungen des Ölpreises - das erste Mal Mitte der
siebziger Jahre und danach in den frühen achtziger
Jahren - sind die Kohlenstoffemissionen von der
Mitte des Jahrhunderts bis 1991 fast jedes Jahr
gestiegen. Seit 1992 fielen sie real um 2 Prozent,
von 6,03 Milliarden auf 5,90 Milliarden Tonnen. Dies
war teilweise die Folge einer weltweiten Rezession
einschließlich des teilweise drastischen gesunkenen
Energieverbrauchs in der ehemaligen Sowjetunion in
Zusammenhang mit den Wirtschaftsreformen. Aber
ebenso kommt darin wachsende Effizienz in der
Energieausnutzung zum Ausdruck. So hat der
zunehmende Einsatz von besonders energiesparenden kompakten Glühbirnen seit 1990 den Energieverbrauch so stark reduziert, um Jahr für Jahr acht
große Kohlekraftwerke stillzulegen.
Die verstärkte Benutzung des Fahrrads anstelle von
Autos für Kurzstrecken als Weg zur Beibehaltung
von Mobilität ohne die Verbrennung fossiler Treibstoffe trägt ebenfalls zur Eindämmung der Kohlenstoffemissionen bei. Im Jahr 1993 lag die Weltfahrradproduktion mit 108 Millionen Stück rund dreimal
so hoch wie die Zahl der produzierten Autos, ein
neuer Rekordstand. In den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, China und Indien, ist
das Fahrrad das Haupttransportmittel, das Autos,
Busse und Eisenbahn völlig in den Schatten stellt.
Dichtbesiedelte Industriestaaten wie etwa Japan, die
Niederlande und Dänemark setzen im Kurzstreckenverkehr und als Teil eines Fahrrad-EisenbahnNahverkehrskonzepts verstärkt auf das Fahrrad. In
den Vereinigten Staaten, wo sich der Einsatz des
Fahrrads als Kurzstreckenverkehrsmittel in den
letzten zehn Jahren verdreifacht hat, verfügt das USVerkehrsgesetz von 1991 die Einsetzung eines
Koordinators für den Fahrradverkehr in jedem
Bundesstaat.
Neben der Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
aufgrund von Effizienzsteigerungen vollzieht sich im
Muster des weltweiten Energieverbrauchs ein radikaler Umbruch, der ebenfalls zur Senkung des Kohlenstoffausstoßes führt.
Nach einer sechsfachen
Zunahme zwischen 1950 und 1979 hat sich der
Ölverbrauch auf stabilem Niveau eingependelt und
zwischen 1979 und 1993 sogar um 7 Prozent
abgenommen. Die Kohleförderung, die seit Mitte
des Jahrhunderts nahezu stetig gestiegen war, ist
seit dem Spitzenjahr 1989 um über 5 Prozent
gesunken. Dagegen nimmt der Verbrauch von
Erdgas zu. Dieses Wachstum wird sowohl durch
den Preis als auch durch die Reinheit der Verbrennung, insbesondere im Vergleich zu Kohle und ö l ,
angefacht. In den kommenden Jahren wird die
steigende Inanspruchnahme von Erdgas den Einsatz

Seite 4

von Kohle übertreffen und diesem Energieträger
somit den zweiten Platz hinter Erdöl sichern.
Im Hinblick auf die Kohlenstoffemissionen ist dieser
Wandel ein großes Plus, da nicht nur die Schwefelemissionen und der saure Regen abgebaut werden,
sondern auch, weil Erdgas wesentlich weniger
Kohlenstoff pro produzierter Energieeinheit emittiert
als Kohle oder Öl.
Daneben ist auch bei anderen nichtfossilen Energieträgern ein rapides Wachstum zu verzeichnen. So
wird beispielsweise die Gewinnung elektrischer
Energie aus Windkaft immer beliebter, weil es sich
um eine reine Energiequelle handelt und die Kosten,
auch im Vergleich zu den billigsten Kohlekraftwerken,
konkurrenzfähig sind. Im Jahr 1993 erreichte die
Kapazität der Energieerzeugung aus Windkraft
nahezu 3.000 Megawatt. Das neuerwachte Interesse
von Regierungen und Energieversorgern an der
Windenergie bildet die Grundlage für das rasche
Wachstum dieser Energiequelle in den kommenden
Jahren.
Obwohl die zunehmende Effizienz des Energieverbrauchs und die Verlagerung von Kohle und Öl zu
Erdgas zur Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
beitragen, werden sie das Klima nicht stabilisieren.
Wenn die Welt eine wirtschaftlich verheerende
Erwärmung des Erdklimas vermeiden möchte, wird
sie den Einsatz der meisten fossilen Energieträger
ebenso nach und nach einstellen müssen wie sie
heute den Einsatz der FCKW beendet.

Boden, Wasser und Düngemittel
Die dramatische Verlangsamung des weltweiten
Ertrags der Getreideernten während des letzten
Jahrzehnts ist hauptsächlich auf die begrenzte
Verfügbarkeit produktiven neuen Ackerlands und
Süßwassers zur Erweiterung der Bewässerungsflächen sowie auf das nachlassende Ansprechen von
Anbauprodukten auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz
zurückzuführen. Die Zunahme in der Getreideanbaufläche, die sich seit der Mitte des Jahrhunderts
drastisch verlangsamt hatte, hielt bis zum Spitzenjahr
1981 an. Seither ist sie leicht zurückgegangen.
Infolgedessen sank die Getreideanbaufläche pro Kopf
von 0,23 ha auf 0,13 ha.
Inzwischen nahmen die Bewässerungsflächen von
1950 bis 1978 rasch zu - um durchschnittlich 2,8
Prozent pro Jahr. Von 1978 bis 1991 betrug die
Zunahme lediglich 1,4 Prozent jährlich und konnte
somit nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt
halten. Infolgedessen ging die bewässerte Fläche
pro Kopf von 1978 bis 1991 um über 5 Prozent

AMERIKA DIENST 10

�zurück, so daß die Bauern nicht nur mit einer geringeren Anbaufläche pro Kopf, sondern auch mit einer
sinkenden Fläche bewässerten Landes pro Kopf
konfrontiert waren.
Der Einsatz von Düngemitteln, das dritte wichtige
physische Hilfsmittel zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion, stieg von 14 Millionen Tonnen im
Jahr 1950 auf 146 Millionen Tonnen im Jahr 1989.
Aufgrund der Einstellung staatlicher Subventionen
und des nachlassenden Ansprechens der Anbauprodukte auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz ging
die Gesamtmenge 1993 auf geschätzte 126 Millionen Tonnen zurück. Der Pro-Kopf-Verbrauch von
Düngemitteln fiel somit von 28 Kilogramm im Jahr
1989 auf unter 23 Kilogramm im Jahr 1993, ein
Rückgang von 19 Prozent.
Aufgrund der verringerten Anbaufläche pro Kopf, der
sinkenden Bewässerungsflächen pro Kopf und des
nachlassenden Düngemitteleinsatzes pro Kopf
erstaunt es nicht, daß die Getreideproduktion pro
Kopf ebenfalls abnimmt.

Nahrungsmittelversorgung unter Druck
Jedes der drei Nahrungsmittelversorgungssysteme
steht unter dem wachsenden Druck menschlicher
Anforderungen - Anforderungen, die in einigen
Fällen nicht mehr umweltverträglich sind. In bezug
auf die Fischgründe führen die steigenden Ansprüche des Menschen nahezu überall zu einer Überforderung.
Nach einem Höchststand von 100
Millionen Tonnen im Jahr 1989 ist die Weltfischfangmenge seither bis auf 98 Millionen Tonnen im
Jahr 1993 gesunken. Zusammen mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum hat dieser Schwund
innerhalb von fünf Jahren zu einem 9prozentigen
Rückgang beim Pro-Kopf-Angebot von Meerestieren
geführt, und dieser Zustand wird sich in absehbarer
Zukunft fortsetzen.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen (FAO), die Fischfangmenge und
Fischbestände überwacht, gibt an, daß der Fischfang
in allen 17 wichtigen Fischgründen der Weltmeere
heute seine Kapazitätsgrenze erreicht oder bereits
überschritten hat. In neun Fischgründen gehen die
Fischbestände bereits zurück. Dies bedeutet nicht
nur einen drohenden Schwund des Angebots an
Meerestieren sondern auch den Verlust von Arbeitsplätzen in der Fischereibranche. Kurzum: der
heutige Umfang des Fischfangs in vielen Fischgründen ist unter Umweltgesichtspunkten nicht
aufrechtzuerhalten.

AMERIKA DIENST 10

Auch die Weideflächen der Welt, die Lebensgrundlage für Rinder, Schaf- und Ziegenherden bilden,
beginnen an ihre Grenzen zu stoßen. Wie im Falle
der Fischgründe, hat auch die Nutzung der Weideflächen nahezu überall ihre Kapazitätsobergrenze
erreicht oder bereits überschritten. Wo der Viehbestand die Belastbarkeit übersteigt, verwandelt sich
Weideland nach und nach in Ödland. Dies tritt am
augenfälligsten in den ländlich geprägten Volkswirtschaften Afrikas und Mittelasiens zutage, wo die
Verödung von Weideflächen die Hirten ihres Lebensunterhalts beraubt und viele von ihnen dazu zwingt,
in die Städte oder in Lager abzuwandern, in denen
sie mit Nahrung versorgt werden.
Auch der Druck auf die Anbauflächen der Welt, von
denen zwei Drittel der Getreideproduktion dienen,
wird in zahlreichen Ländern unerträglich und führt zu
ausgedehnter Bodenerosion. Zwischen 1950 und
1984 stieg die Weltgetreideproduktion um das 2,6fache, und der Pro-Kopf-Verbrauch an Getreide erhöhte
sich um 40 Prozent. In den neun Jahren danach
stieg dieser um weniger als ein Zehntel, woraus sich
eine Abnahme der Getreideproduktion pro Kopf um
rund 12 Prozent ergibt. Obwohl Umweltverträglichkeit
ein wissenschaftlich begründetes Konzept ist, hat die
Nichtbeachtung ihrer Gesetze wirtschaftliche und
gesellschaftliche Folgen. So führt beispielsweise das
Versäumnis, die Nachfrage nach Meerestieren an
den langfristig vertretbaren Ertrag der Fischgründe
anzupassen zu deren Kollaps und zum Rückgang
des weltweiten Pro-Kopf-Verbrauchs von Fisch.
Dieselbe Aussage kann für die Weideflächen getroffen werden. Bei Anbauflächen führen die begrenzte
Verfügbarkeit fruchtbaren Ackerlandes, das im
Rahmen des Wasserkreislaufs vorhandene begrenzte
Wasserdargebot sowie das begrenzte Ansprechen
auf Düngemittel zu einem Rückgang des Pro-KopfVerbrauchs von Nahrungsmitteln. In einigen Fällen
ist er unter das überlebensnotwendige Maß gesunken.
Eine Wirtschaft, die Umweltverträglichkeit außer acht
läßt, wird zwangsläufig verfallen und schließlich
zusammenbrechen. Die Nichtbeachtung der Prinzipien der Umweltverträglichkeit kann deshalb letztlich
auch einen Tribut an Menschenleben fordern.

Getreidevorräte und -preise
Zwischen 1993 und 1994 werden die Überschußbestände an Getreide, also die Menge, die zu Beginn
der neuen Ernte noch vorhanden ist, voraussichtlich
von 351 Millionen auf 294 Millionen Tonnen sinken.
Dieser Rückgang wurde lediglich im Jahr 1989
übertroffen, als der Schwund 93 Millionen Tonnen
betrug. Am Tagesverbrauch gemessen, werden die

Seite 5

�Vorräte von 76 Tagen im Jahr 1993 auf 62 Tage im
Jahr 1994 fallen - den niedrigsten Stand seit Mitte
der siebziger Jahre.
Die Vorräte sind bei allen Getreidesorten geschrumpft, aber am dramatischsten verlief diese
Entwicklung beim Reis, wo sie nur noch für 41 Tage
ausreichen. In jedem der vergangenen drei Jahre
lag der weltweite Reisverbrauch über der produzierten Menge, so daß die Vorräte abgebaut wurden.
Da die Überschußbestände im Jahr 1994 den Bedarf
erwartungsgemäß nur geringfügig übersteigen
werden, ist die Konkurrenz um das für Ausfuhren
verfügbare Angebot hart geworden. Infolgedessen
haben sich die Weltmarktpreise für Reis zwischen
Ende August 1993 und Mitte November verdoppelt.
Für einkommensschwache Personen in Reisimportländern, die bereits 70 Prozent ihres Einkommens
für Nahrungsmittel aufwendeten, ist die Erhaltung
der Umwelt zu einer sehr persönlichen Angelegenheit geworden.
Für das Jahr 1994 lautet die große Frage, ob die
Reisbauern in Asien, wo neun Zehntel dieser Frucht
angebaut werden, die Erträge soweit steigern können, daß sie nicht nur mit der weltweit steigenden
Nachfrage Schritt halten, sondern sie soweit übertreffen können, um wieder Vorräte anzulegen.
Gelingt ihnen dies nicht, werden hohe Reispreise
möglicherweise ebenso wie hohe Fischpreise Teil
der wirtschaftlichen Szenerie werden.

Eine tragbare Weltbevölkerung
Auf vielfältige Art und Weise besteht die Hauptbedrohung einer umweltverträglichen Zukunft für die
meisten Länder in der Zunahme der Weltbevölkerung um nahezu 90 Millionen Menschen jährlich.
Dies ist am augenfälligsten in der Dritten Welt, wo
rund 94 Prozent dieses Zuwachses stattfinden und
wo die vor Ort bestehenden Systeme zur Sicherung
des Überlebens bereits im Verfall begriffen sind.
Tatsächlich ist es heute schwierig, irgendein Entwicklungsland zu finden, in dem die Anforderungen
durch den Menschen die langfristig vertretbare
Nutzung von Wäldern und Weideflächen nicht
übertreffen.
Wassermangel breitet sich aus und führt zur Konkurrenz zwischen Industrie, Wohnungssektor und
Landwirtschaft um das immer unzureichendere
Angebot. In einigen Fällen hat die Abzweigung von
Brauchwasser für nichtlandwirtschaftliche Zwecke
eine reduzierte Nahrungsmittelproduktion zur Folge.

Seite 6

Die Welt tritt in eine neue Phase des durch rapides
Bevölkerungswachstum gekennzeichneten Zeitalters
ein, in der Fischer und Bauern die Erträge nicht mehr
in dem Maß steigern können, um mit der Bevölkerungszahl Schritt zu halten. Dies bedeutet, daß der
Bedarf der Jahr für Jahr nahezu 90 Millionen zusätzlichen Menschen nur durch die Reduzierung des
Verbrauchs unter der bereits vorhandenen Bevölkerung gedeckt wird. Der Tag wird kommen, an dem
sich diese neue Realität ihren Platz auf der Tagesordnung der Weltpolitik erkämpft, und dies wird zu
einem verstärkten Interesse an Bevölkerungspolitik,
Familienplanung sowie Umverteilung und Gerechtigkeit führen als heute.

Ausgaben für den Frieden
In den letzten Jahren haben wir eine rasche Ausweitung von friendenssichernden Maßnahmen der
Vereinten Nationen erlebt. Im Jahr 1993 erreichten
die einst nach Millionen Dollar bemessenen Ausgaben 3 Milliarden Dollar und haben sich damit seit
1987 nahezu verdreizehnfacht.
In diesen Jahren wurde die friedenssichernde Rolle
der Vereeinten Nationen mit dem sprunghaften
Wachstum von Zahl, Umfang und Komplexität ihrer
Friedensmissionen mit Leben erfüllt. Die drei größten
friedenssichernden Interventionen (Kambodscha, das
ehemalige Jugoslawien und Somalia) wurden in
diesem Zeitraum eingeleitet.
Die erweiterte Rolle der Vereinten Nationen bei der
Bewahrung des Friedens in den neunziger Jahren
kommt den Vorstellungen ihrer Begründer stärker
entgegen. Friedenssicherung ist häufig politisch
komplex und deshalb schwierig zu bewältigen.
Darüber hinaus ist sie mit Finanzierungsproblemen
verbunden, und die Mitgliedstaaten waren bei der
Bezahlung ihres Anteils an den geschätzten Kosten
säumig, so daß die Vereinten Nationen 1993 ausstehende Zahlungen von 993 Millionen Dollar verzeichneten, gelinde gesagt eine prekäre Situation.
Das Verhältnis zwischen den Ausgaben, die von den
Regierungen für ihre nationalen Streitkräfte aufgewendet werden und den Beiträgen für friedenssichernde Maßnahmen der Vereinten Nationen, das vor
wenigen Jahren noch etwa 2000 zu 1 betrug, liegt
heute ungefähr bei 250 zu 1. Der große Vorteil einer
internationalen Sicherheitsstreitmacht der Vereinten
Nationen liegt darin, daß sie nationalen Regierungen
den Abbau der Militärausgaben erleichtern und damit
Mittel freisetzen könnte, um auf die neue Bedrohung
der Sicherheit zu reagieren - die fortschreitende
Schädigung der Umwelt auf unserem Planeten.

AMERIKA DIENST 10

�PORTRAT
15. März 1995

Designierter CIA-Direktor ist innovativer Denker
Porträt von John Deutch
WASHINGTON - (AD) - John Deutch, Präsident
Clintons Wahl für den Leiter des US-Geheimdienstes CIA, ist ein aggressiver Technokrat, der sowohl
im Regierungsapparat als auch im Privatsektor zu
Hause ist.
Deutch demonstriere auch "die Art von innovativem
Denken, das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen", stellte Präsident Clinton bei der Bekanntgabe
der Nominierung von Deutch am 11. März 1995 fest.
Vorbehaltlich seiner Bestätigung durch den Senat
wird Deutch, zur Zeit Stellvertretender Verteidigungsminister, die Leitung der Central Intelligence Agency
übernehmen - einer Organisation, die ihre Rolle in
einer neuen, von den Realitäten des Kalten Krieges
weit entfernten Welt zu definierten versucht. Nach
dem Spionageskandal um Aldrich Arnes ist das Amt
mit Ermittlungen befaßt, wie die CIA-Beschäftigten
die Warnsignale für das ignorieren konnten, was sich
als schlimmster Verrat in der Geschichte des CIA
entpuppte. Die Behörde kämpft gegen die demoralisierenden Auswirkungen des Personalabbaus an,
versucht eine Entscheidung bezüglich der Rolle zu
treffen, die sie in einer multipolaren Welt spielen
wird, und sieht sich einer gründlichen Überprüfung
durch mehrere Überwachungsausschüsse des
Kongresses ausgesetzt, die mit der Entscheidung
über die Zukunft der Geheimdienste in den Vereinigten Staaten beauftragt sind.

ment eindeutig unter Beweis zu stellen, werde er
Deutch als CIA-Direktor "im Falle seiner Bestätigung
in mein Kabinett berufen".
Aufgabe des CIA-Direktors - der nominell die Geheimdienste des US-Militärs und der Nationalen
Sicherheitsbehörde überwacht - ist das Erstellen und
Analysieren von Daten sowie deren Vorlage im
Weißen Haus, im Nationalen Sicherheitsrat und
Außenministerium.
Im Pentagon entwickelte Deutch enge Beziehungen
zu Präsident Clinton und übernahm eine führende
Rolle bei der Überprüfung des Einsatzkonzepts der
Nuklearstreitkräfte der Vereinigten Staaten und der
Modernisierung der Waffensysteme. Der Präsident
erklärte, Deutch habe sich "mit der Arbeit der Geheimdienste äußerst vertraut gemacht", indem er
einen Plan zur Beseitigung von Duplizität zwischen
zivilen und militärischen Geheimdienstoperationen
ausarbeitete. Dem Präsidenten zufolge demonstriert
diese Leistung auch die Art von innovativem Denken,
das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen.

Der Präsident kündigte an, Deutch werde als CIADirektor Kabinettsrang erhalten und nachrichtendienstliche Erkenntnisse besser in die Formulierung
der nationalen Sicherheitspolitik einbeziehen. Das
ist außergewöhnlich für den Direktor der Central
Intelligence Agency - nur der inzwischen verstorbene
Direktor William Casey hatte eine vergleichbare
Position in der Regierung inne.

Deutch war Chemieprofessor an der Princeton
University, Provost des Massachusetts Institute of
Technology (M.I.T.), Staatsminister im Energieministerium unter der Carter- Administration, Mitglied des
Beratungsgremiums für Auslandsgeheimdienste in
der Bush-Administration sowie Staatssekretär im
Verteidigungsministerium und Stellvertretender
Verteidigungsminister unter Präsident Clinton. Ferner
hatte Deutch Funktionen bei der National Science
Foundation und beim Museum of Fine Arts in Boston
inne. Er war Treuhänder des Wellesley College und
Mitglied der Trilateral Commission. Deutch machte
seinen Abschluß am Amherst College und erwarb
einen akademischen Grad in Industriechemie und
physikalischer Chemie am M.I.T.

Präsident Clinton äußerte, er messe der Verbesserung der Fähigkeit des Landes zur Erstellung und
Analyse nachrichtendienstlicher Daten "höchste
persönliche Priorität bei", und um dieses Engage-

Deutch ließ sich nur zögernd von seiner Nominierung
als CIA-Direktor überzeugen und hatte Präsident
Clinton gegenüber bereits zuvor erklärt, er bevorzuge
es, im Verteidigungsministerium zu bleiben. Berich-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�ten zufolge stimmte er zu, die Position anzunehmen,
als sie ihm das zweite Mal angeboten und ihm der
Kabinettsrang zugesichert wurde.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike
McCurry, äußerte vor Journalisten am 13. März,
Deutch werde mit "den besten verfügbaren Fakten
und ... Analysen" am Entscheidungsprozeß teilhaben, die "ausschlaggebend für die Bewältigung der
Herausforderungen sind, mit denen sich die Vereinigten Staaten in dieser neuen Welt konfrontiert
sehen".
McCurry fügte hinzu, der Präsident vertrete die
Auffassung, der Kabinettsrang werde "der Position
im Geheimdienst bei außenpolitischen Erörterungen
zusätzliche Bedeutung verleihen".
Dem Pressesprecher zufolge hat Clinton beschlossen, den Posten in Kabinettsrang zu erheben, "um
das Sammeln nachrichtendienstlicher Erkenntnisse
in die außenpolitische Diskussion im Weißen Haus
einzubeziehen. Darin spiegele sich die Ansicht des
Präsidenten wider, daß in der neuen Informationswelt, in der wir leben, die richtigen Entscheidungen
zu treffen äußerst wichtig wird, und Dr. Deutch als
Chefanalyst dieser Informationen Beiträge zu den
laufenden Gesprächen aus dieser Perspektive
leisten kann."

Der Präsident entschied sich für Deutch, nachdem
der pensionierte Luftwaffengeneral Michael Carns
seine Bewerbung zurückgezogen hatte. Clintons
Wahl war nach dem Rücktritt von James Woolsey als
CIA-Direktor auf Carns gefallen. Mit der Aussage, er
wolle seine Familie nicht Vorwürfen in der Presse
aussetzen, zog Carns seine Kandidatur zurück,
nachdem bekanntgeworden war, daß er unabsichtlich
das amerikanische Einwanderungsgesetz gebrochen
hatte, indem er einem Verwandten eines ehemaligen
Angestellten bei der Einreise in die Vereinigten
Staaten behilflich gewesen war.
"Die traurige Wahrheit", erklärte Präsident Clinton bei
der Annahme von Carns Rücktrittsgesuch, "ist, daß
wir in einer Zeit leben, in der selbst die beispielhaftesten Personen vom Dienst in der Regierung aus
Angst abgehalten werden, ihre Karriere könnte
Schaden nehmen ... ihre Leistungen ignoriert und ...
ihre Familien während des Bestätigungsprozesses
verleumdet werden."
McCurry stellte fest, Deutch haben den Anhörungsprozeß des Senats in den vergangenen Monaten
zweimal durchlaufen, das letzte Mal im vergangenen
Jahr bei seiner Bestätigung als zweithöchster Beamter im Verteidigungsministerium, "so daß das
meiste Material und die Hintergrundinformationen
relativ aktuell sind und erst vor kurzem in den Händen des Senats waren. Eventuell zusätzlich erforderliche Informationen werden wir erstellen."

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 10

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12371">
                <text>15.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12372">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12373">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12374">
                <text>Amerikadienst 15.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12375">
                <text>&lt;strong&gt;1. NVV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen - gemeinsam vor neuen Herausforderungen&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Klimakonferenz&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA befürworten Abkommen zur Reduzierung von Treibhausgasemmissionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Timothy E. Wirth&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Entwurf einer umweltverträglichen Zukunft - ein Überblick&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Lester R. Brown&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Designierter CIA-Direktor ist innovativer Denker&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von John Deutch&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2398" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2409">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/65f953749cfd2cec960f5706592de2ec.pdf</src>
        <authentication>00e56b357ee2670828baed326734b412</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12384">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

23. März 1995

11

SOZIALGIPFEL

MARKTSYSTEM SETZT HUMANKAPITAL FREI
Rede von Vizepräsident Gore

USA-EUROPA

ES BLEIBT IN DER FAMILIE - DIE
VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
von Simon Sertaty

TAG DER ERDE

VEREINIGTE STAATEN STARTEN
GLOBALES UMWELTBILDUNGSNETZ
von Edward Taishoff

FRAUEN

MACHT UND EINFLUSS DER FIRST LADIES
von Edith P. Mayo

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�SOZIALGIPFEL
22. März 1995

Marktsystem setzt Humankapital frei
Rede von Vizepräsident Gore
KOPENHAGEN - (AD) - In seiner Rede vor dem Wettgipfel der Vereinten Nationen über soziale Entwicklung
stellte Vizepräsident Gore am 12. März 1995 fest, "mein Land hält jedoch an seiner optimistischen Vision fest" trotz der zahlreichen Tragödien dieses Jahrhunderts.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

Herr Präsident, Exzellenzen, Herr Minister, meine
Damen und Herren,
es ist mir eine Ehre, Präsident Clinton und das
amerikanische Volk bei diesem wichtigen Gipfeltreffen vertreten zu dürfen. Ich möchte zunächst
unseren dänischen Gastgebern für die gelungene
Veranstaltung dieser Konferenz und für ihre Gastfreundschaft danken. In einer Zeit großer Chancen,
aber dennoch beträchtlicher Unsicherheit in der
internationalen Staatengemeinschaft begrüßen wir
diese Gelegenheit, Themen von gemeinsamem
Interesse für alle Nationen und alle Völker anzusprechen.
Ein für Unruhen und Leid stehendes Jahrhundert
geht zu Ende. Betrachtet man die zahlreichen
Tragödien, wäre ein gewisser Zynismus beim Blick
in die Zukunft sicherlich verständlich. Mein Land hält
jedoch an seiner optimistischen Vision fest.
Wir glauben an eine Welt, die von Gesetzen statt
Gewalt regiert wird, wir glauben an eine auf Gerechtigkeit gegründete Welt, wir glauben an den Sieg
unserer Menschlichkeit über die Intoleranz. Vor
allem glauben wir an Freiheit - politische und geistige Freiheit als Geburtsrecht der Menschheit - eine
Freiheit von Not als Ziel, an dem wir die Qualität
unserer Zivilisation messen.
Sind das übertriebene Hoffnungen?
Ganz im
Gegenteil. Mit der Zeit wurden sie immer eindeutiger zum gemeinsamen Ziel der Menschheit. Mir
scheint in der Tat, daß diese Reihe großartiger
Weltkonferenzen der Vereinten Nationen für Bestrebungen der ganzen Welt steht, die Prinzipien und
praktischen Erfordernisse für die Schaffung einer
solchen Welt zu überdenken.

AMERIKA DIENST 11

Die Treffen - vor kurzem in Wien, Kairo, Kopenhagen
und im Herbst in Peking - konzentrierten sich auf eine
Reihe ineinandergreifender Fragen. Was ist die
adäquate Beziehung zwischen menschlicher Zivilisation und Umwelt? Was kann zur Schaffung gerechter
Gesellschaften getan werden, die Menschlichkeit
nähren und Menschenrechte schützen? Was kann
mit demokratischen Mitteln getan werden, um unsere
Welt vor den Konsequenzen des rapiden und destabilisierenden Bevölkerungswachstums zu schützen und
statt dessen ein gerechtes Muster tragfähiger Entwicklung zu schaffen? Was kann getan werden, um
die ärmsten unserer Bürger einem produktiven Leben
zuzuführen?
Was kann getan werden, um die
Schranken abzubauen, die Frauen auf der ganzen
Welt noch immer vermehrte Befugnisse verwehren?
Diese Zusammenkünfte sind internationale Gemeindeversammlungen, bei denen einzelne Bürger, nichtstaatliche Organisationen und Regierungen zusammenarbeiten, um einen neuen Konsens über das
Wesen der uns konfrontierenden Herausforderungen
und deren erfolgreiche Bewältigung zu erzielen.
Wir sind hier zusammengekommen, um uns mit den
Themen Armut, Behinderung, Arbeitslosigkeit und
sozialer Zerfall auseinanderzusetzen. Diese Probleme bestehen in unterschiedlichem Ausmaß in allen
hier vertretenen Ländern - sicherlich auch in meinem
eigenen Land. Die diese Probleme charakterisierenden Zahlen sind schwindelerregend: Eine Milliarde
Menschen leben in absoluter Armut ohne Zugang zu
sauberem Wasser, Kanalisation oder richtiger Ernährung. 30 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung
sind heute arbeitslos oder unterbeschäftigt. Aufgrund
der schlimmsten Arbeitslosigkeit seit der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre haben eine Milliarde
Menschen ein tägliches Einkommen von unter einem
Dollar.

Seite 1

�Aber wie der Schriftsteller Arthur Koestler es einmal
formulierte, bluten Statistiken nicht. Zahlen erfassen
nicht die Pein obdachloser Kinder, die durch die
Straßen ansonsten reicher und geschäftiger Städte
streifen. Sie erfassen nicht den Schmerz von Eltern,
deren Kind während der schrecklichen Ereignisse in
Ruanda verhungert oder an einer Krankheit gestorben ist. Und sie erfassen auch nicht die düstere
Verzweiflung einer obdachlosen Frau, die zusammengerollt über einem Lüftungsschacht in Washington - nur ein paar Häuserblocks vom Weißen Haus
entfernt - schläft.
Dies sind persönliche Tragödien, aber jede von
ihnen ist zum Teil auf unser Versagen als menschliche Familie zurückzuführen, unsere Verbindungen
zueinander zu spüren und zu verstehen, sowie unser
Versagen, die Chancen zu erkennen, die jeder
Mensch haben sollte, um zu unserer gemeinsamen
Zukunft beizutragen und diese zu bereichern.
Wirtschaftswachstum kann nicht über einen langen
Zeitraum hinweg aufrechterhalten werden, wenn
nicht ein entsprechender Teil seiner Früchte kontinuierlich in das Nähren und Entwickeln von Humankapital investiert wird. Selbst Adam Smith bezeichnete Volkswirtschaften stets als "menschliche
Wirtschaften". Vielleicht hätten wir dieses Konzept
nie aufgeben sollen. Menschen, die krank, ungebildet, unterernährt oder arbeitslos sind, sollten nicht
bloß das Objekt des Schuldgefühls der Gesellschaft
sein. Sie sollten auch als Verkörperung des nicht
realisierten wirtschaftlichen und sozialen Potentials
angesehen werden.
Wie sollen wir uns mit diesem Problem auseinandersetzen? In meinem Land ist diese Frage zur
Zeit das Thema eines harten politischen Kampfes.
Geprüft wird, ob die Vereinigten Staaten sich von
ihren eigenen, am meisten benachteiligten Bürgern
zu Hause abwenden und von der vordersten Reihe
der Nationen zurücktreten werden, die Bande
gemeinsamer Verantwortung gegenüber den Männern und Frauen auf der übrigen Welt anerkennen,
die aus eigener Anstrengung heraus der Entwürdigung und Verzweiflung zu entrinnen suchen.
Ich glaube, daß die Vereinigten Staaten am Ende
des Tages nicht einen Schritt zurück machen werden. Die Clinton-Administration ist der Auffassung,
daß die große Mehrheit der Amerikaner in beiden
führenden politischen Parteien sie bei dem Versprechen unterstützen wird, weiterhin engagiert zu
bleiben.
Das amerikanische Volk weiß, daß unser zukünftiges
Wohlergehen untrennbar mit der Weltwirtschaft
verbunden ist. Und es weiß, daß die Unterstützung

Seite 2

der Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern, in
denen bis zum Jahr 2000 vier Fünftel der Bevölkerung leben werden, auch unserer eigenen Volkswirtschaft nützlich sein wird. Ich glaube jedoch auch,
daß wir neue Ansätze zu neuen Gegebenheiten
finden müssen, wenn die Vereinigten Staaten Fortschritte machen und sich weiterhin für die Bestrebungen der Welt engagieren wollen, die Ziele dieses
Gipfeltreffens zu erfüllen.
Wir in den Vereinigten Staaten haben beispielsweise
inzwischen erkannt, daß es an der Zeit ist, unser
altes Modell zur Bekämpfung der Armut im Inland
aufzugeben, das sich auf massive staatliche Einflußnahme durch aufgeblähte Bürokratien gründete.
Es gab eine Zeit, in der diese Strukturen zur Umsetzung unseres Idealismus unerläßlich schienen. Aber
das Ausmaß, die mangelnde Flexibilität und der
Kostenaufwand dieser Strukturen werden jetzt als
Hindernis für das von uns noch immer verfolgte Ziel
angesehen.
Wir arbeiten auf tragfähigere Beziehungen zwischen
der Regierung und den Menschen hin. Wir können
nicht erfolgreich sein, wenn wir die Armen ausschließlich als passive Empfänger von Leistungen wie
Sozialhilfe oder medizinische Versorgung behandeln.
Statt dessen entwickeln wir einen Ansatz, der die
Menschen zu aktiven Partnern macht, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir müssen neue
Verbindungen zu unserem eigenen Volk finden, mit
einer Regierung, die besser arbeitet, weniger kostet
und sich auf Ergebnisse konzentriert.
Wir müssen Wege finden, um über alte und begrenzte Konzepte hinauszugehen, und den Wert dieser
neuen Wege zur Förderung von tragfähiger Entwicklung und sozialem Fortschritt für die in Armut Gefangenen nutzen - wie etwa Partnerschaften zwischen
der Regierung und dem Privatsektor, technische
Unterstützung für die Entwicklung von Institutionen
und politische Reformen sowie Unterstützung von
Süd-Süd-Partnerschaften. Auch die internationalen
Institutionen müssen sich durch größere Flexibilität
und Aufgeschlossenheit für die Bedürfnisse der
Armen anpassen. Diese Konferenz hat insbesondere
dem UN-System äußerste Aufmerksamkeit gewidmet,
und ich begrüße ihre Bestrebungen, sich auf den
notwendigen Wandel zu konzentrieren.
Wir in den Vereinigten Staaten betrachten dieses
Gipfeltreffen auch als eine Chance für konstruktiven
Wandel. Wir wissen, daß wir im In- und Ausland die
Bekämpfung von Armut neu definieren und die
Beziehungen zwischen Geber- und Nehmerländern in
eine Beziehung zwischen Partnern umgestalten
müssen.

AMERIKA DIENST 11

�In diesem Geiste freue ich mich, heute die "neue
Partnerschaftsinitiative" der Vereinigten Staaten
bekanntgeben zu können. Im Rahmen dieser Initiative wir das US-Amt für internationale Entwicklung
(Agency for International Development - AID) 40
Prozent seiner Entwicklungshilfe über nichtstaatliche
Organisationen in den Vereinigten Staaten und vor
Ort leiten.
Die "neue Partnerschaftsinitiative" verfolgt drei
Hauptziele: Kleinunternehmen und Unternehmern
die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums zu
ermöglichen, die Rolle nichtstaatlicher Unternehmen
bei Entwicklungsprogrammen zu verbessern und den
Nationen bei der Förderung von Demokratie auf
lokaler Ebene behilflich zu sein. Diesen drei Zielen
liegt die Idee zugrunde, daß Familien und Einzelpersonen genau dies tun werden, wenn man ihnen
die Macht und Chance zur Änderung ihres Lebens
gibt.
Bei der Erörterung von Wegen zur Verbesserung
des von den Regierungen gegen die Armut geführten Kampfes möchte ich hervorheben, daß mein
Land auch an zwei weitere zentrale Theorien glaubt.
Erstens glauben wir, daß dauerhafter Gewinn nur
erzielt wenn werden kann, wenn wir freie Marktwirtschaften und die Initiative des einzelnen ermutigen.
Aus unserer Sicht setzt das Marktsystem einen
höheren Prozentsatz an Humankapital frei als jede
andere Form wirtschaftlicher Organisation und hat
das Potential unter Beweis gestellt, weit verbreiteten
neuen Wohlstand zu schaffen.

Zweitens glauben wir, daß wirtschaftliche Entwicklung
umweltverträglich ausgerichtet sein kann und muß.
Eine tragfähige Wirtschaftsentwicklung gewährleistet,
daß wir den heutigen Bedarf nicht mit Mitteln decken,
die sich rasch erschöpfen und uns zu noch unlösbareren Problemen zurückwerfen.
Abschließend möchte ich die Bedeutung eines
kulturellen Trends unterstreichen, der den Tag
beschleunigt herbeiführen kann, an dem wir ein Ende
der Armut und eine Zunahme der Rechte und Befugnisse von Frauen sehen, die - wie die First Lady
der Vereinigten Staaten vor nur wenigen Tagen
ausführte - in vielen Ländern weiterhin eine Randgruppe sind. Da Frauen über zwei Drittel der Analphabeten der Welt ausmachen, werden Investitionen in die Gesundheit und Bildung von Frauen und
Mädchen die Armut mildern - und ich möchte mich in
den Kreis derjenigen einreihen, die diesen Gipfel zur
Verabschiedung des Prinzips gleicher Rechte beglückwünschen.
Die von Ihnen hier erarbeiteten Dokumente sind Teil
eines sich abzeichnenden übergreifenden Gefüges
für das Allgemeinwohl. Trotz der vor uns liegenden
Schwierigkeiten und großen Herausforderungen
bewegen wir uns meines Erachtens gemeinsam auf
ein Gefühl der Beteiligung an der Weltzivilisation hin,
deren - freiwillig geknüpfte Bande - stark genug sein
werden, uns angesichts der Kräfte zusammenzuhalten, die uns entzweien könnten. Unsere Arbeit ist ein
bedeutender Beitrag zu diesem Ziel, und stellvertretend für meine Regierung und das amerikanische
Volk möchte ich dieses Gipfeltreffen zu der geleisteten Arbeit und der Verpflichtung zur Erlangung seiner
Ziele beglückwünschen.

* *

AMERIKA DIENST 11

*

Seite 3

�USA-EUROPA
22. März 1995

Es bleibt in der Familie die Vereinigten Staaten und Europa
von Simon Serfaty
In der Mitte von Präsident Clintons Amtszeit steht Europa vor einem neuen Anfang und die NATO vor einer
Umstrukturierung. Europa bietet heute "ein Bild, das in gewisser Weise neu und erschreckend ist: Eine Union
von Staaten - in denen die Normalität der nationalen Souveränität einer neuen Supranationalität europäischer
Institutionen Platz macht, die kein Mitgliedstaat uneingeschränkt akzeptiert, aber auch keiner ignorieren kann macht sich über ihre Funktionsweise Gedanken". Die Stärkung der europäischen Einheit ist ein grundlegendes
Interesse der Vereinigten Staaten. Aber während der Einfluß Washingtons bei Themen wie den neuen
Sicherheitsarrangements der NATO entscheidend ist, muß Europa selbst den Weg zu wirtschaftlichen
Partnerschaften anführen, die auf die Förderung politischer Stabilität ausgerichtet sind. Das Engagement der
Vereinigten Staaten in Europa "reagiert heute auf völlig andere Gegebenheiten" als Ende der vierziger Jahre,
"bei denen Wechselkurse und Unternehmensprofite, Exporte und Handelsbestimmungen, im Ausland tätige
Arbeitnehmer und ihre institutionelle Unterstützung die Bilanzen ebenso beeinflussen wie Truppenstärke und
Waffenbereitschaft. Mit der Zeit", so Serfaty, "ist dort drüben zu hier drüben geworden."
Simon Serfaty ist Professor für internationale Politik an der Old Dominion University in Norfolk (Virginia) und
Direktor für europäische Studien am Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington. Eines
der von ihm veröffentlichten Bücher hat den Titel Taking Europe Seriously (1992).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Current History, November 1994.
Copyright (c) 1994 Current History, Inc.

Der Kalte Krieg entstand aus den beiden ihm vorangegangenen Kriegen. Während die Macht auf
dem Kontinent neu verteilt wurde, veranlaßten die
Teilung Deutschlands und die Expansion der sowjetischen Macht in Mittel- und Osteuropa die meisten
Länder in West- und Südeuropa, die Vereinigten
Staaten zur Aufgabe ihrer Isolation auf der anderen
Seite des Atlantiks "einzuladen" und sich in ihrer
Mitte niederzulassen. So entstanden die Realitäten,
die nahezu fünf Jahrzehnte lang den "langen Frieden" bedingten, der sich den Siegern von 1919
entzogen hatte: Zwei von zwei Supermächten
organisierte Teile Europas, konzentriert auf zwei
Hälften Deutschlands, die als zwei separate Blöcke
funktionierten.

Staaten jedoch die konstruktive Präsenz einer klaren
sowjetischen Bedrohung zu vermissen, und die
Länder Europas scheinen das Fehlen eines geteilten
und besetzten Deutschlands zu bedauern. Kurze Zeit
nach dem Kalten Krieg sehen sich die zur Bekämpfung der Sowjetunion und Aufnahme Deutschlands
geschaffenen Institutionen einer Bedrohung ausgesetzt: Wieder einmal scheint die Europäische Union
vom Weg abgekommen zu sein und wieder einmal
werden der NATO Schwierigkeiten nachgesagt.
Können diese Institutionen eine neue Identität erlangen oder sind sie zum Untergang verurteilt, weil sie
durch das Ende des Konflikts, der sie ins Leben rief,
nutzlos geworden sind?
Wie lange noch bis zu einem Europa?

Im Laufe der Jahre verlieh die Intensität der Feindseligkeiten des Kalten Krieges dieser Teilung den
Anschein der Unumkehrbarkeit. Die revolutionären
Veränderungen von 1989 und 1990, die den Sowjetblock zerschlugen, wurden als Wunder angesehen,
auf das die meisten Beobachter nicht mehr zu hoffen
gewagt hatten. Heute scheinen die Vereinigten

AMERIKA DIENST 11

Gibt es ein neues Europa? Die Antwort ist schnell
gefunden - Nein. Aber dennoch bietet Europa heute
ein Bild, das in gewisser Weise neu und erschrekkend ist: Eine Union von Staaten - in denen die
Normalität der nationalen Souveränität einer neuen
Supranationalität europäischer Institutionen Platz

Seite 1

�macht, die kein Mitgliedstaat uneingeschränkt akzeptiert, aber auch keiner ignorieren kann - macht sich
über ihre Funktionsweise Gedanken.
Seit 1989 gehen aut dem gesamten Kontinent
Gespenster um: In Mittel- und Osteuropa, wo Rußland für den Geschmack seiner ehemaligen Satellitenstaaten weiterhin zu dominierend und zu mächtig
tür den weiter entfernter Nachbarn ist; in Südosteuropa, wo der Balkan erneut von ethnischen Konflikten und nationalen Rivalitäten zerrissen ist; und in
Westeuropa, wo die schleichenden Ambitionen der
Nationalstaaten mit ihren Verpflichtungen als Mitglieder einer Union kollidieren, die sie einerseits
nicht zu ignorieren wagen, aber andererseits auch
nicht vollenden können.
Diese Gespenster lassen Erinnerungen an ein 20.
Jahrhundert Wiederaufleben, das in das nächste
übergreifen könnte: Die territorialen Instabilitäten
der Jahre vor und zwischen den Kriegen auf dem
Balkan, der mörderische Wahnsinn der beiden
Weltkriege und die vielen "kleinen" Konflikte, die
ihnen vorangingen, die Wirtschaftskrise und sozialen
Ängste der Jahre zwischen den Kriegen und die
politischen Exzesse der Jahre zwischen und nach
den Kriegen. Die Erinnerungen sind lückenhaft.
Von Sarajevo 1914 bis zum Sarajevo von heute
nahm die Geschichte ihren Lauf. Aber trotz der
Brutalität, mit der das Jahrhundert begann und
endete, wiederholt sich die Geschichte nicht.
Paradoxerweise ist der Krieg in Bosnien ein typisches Beispiel. Anfang des Jahrhunderts eskalierte
ein kleiner regionaler Konflikt, der bei normalem
Verlauf einige Tausend Menschen getötet hätte,
praktisch über Nacht zu einem Weltkrieg, der mehrere Millionen das Leben kostete. Anfang der neunziger Jahre trafen die ehemaligen Großmächte Europas - Deutschland, Frankreich, Großbritannien und
Rußland - die traditionelle Entscheidung zwischen
Kroaten und Serben in Kroatien sowie zwischen
Serben und Muslimen in Bosnien. Aber diese
Mächte traten weder in den Krieg ein noch bildeten
sie Bündnisse, um ihre Ambitionen umzusetzen.
Statt dessen versuchten sie - wenn auch vergeblich ihrer jeweiligen Politik gerecht zu werden, damit die
befürchtete Eskalation vermieden und der beklagenswerte Verlust an Leben und Gut so gering wie
möglich gehalten werden konnte: Durch den Europarat, der sowohl Rußland als auch die Vereinigten
Staaten ausschloß; durch die NATO, die die Vereinigten Staaten, aber nicht Rußland einbezog;
durch eine aus fünf Mächten bestehende "Kontaktgruppe", zu der sowohl die Vereinigten Staaten als
auch Rußland zählten, oder durch die alle einbeziehenden Vereinten Nationen. Der Krieg in Bosnien
dient also als Beweis, daß ethnische Greueltaten -

Seite 2

obwohl sie immer noch für einen Großteil Europas
zum täglichen Leben gehören - nicht mehr so leicht
ausufern können wie bisher, weil der übrige Kontinent
jetzt dem Ruf zu den Waffen widerstehen kann. Was
ist am Ende schlimmer - ein Europa, das sich zur
Rettung Bosniens zu kämpfen weigert, oder ein
Europa, das begierig ist, dies zu tun?1
Warum dann also die Skepsis und das Lamentieren
über Europas Unfähigkeit, seine Einheit zu vollenden
und seine Abhängigkeit von der Stärke oder dem
Goodwill entfernter Mächte zu überwinden? Der
Grund ist zum Teil in der Tendenz zu suchen, den
Kontinent in einem zeitlich sensiblen Kontext zu
sehen. Kurzfristiges Scheitern wird als endgültig
erachtet (da keine institutionelle Wiedergutmachung
erwartet wird) und der langfristige Erfolg ist unvorhersehbar (weil kein endgültiges Ergebnis je definiert
wird). Auf diese Weise betrachtet ist die Geschichte
der europäischen Integration vor allem Dissonanz,
der Prozeß stets hoffnungslos verfahren oder - noch
schlimmer - eine Chronik komplexer Verträge, die
nach ihrer Unterzeichnung nicht ratifiziert oder nach
ihrer Unterzeichnung und Ratifizierung nicht eingehalten wurden. Eine Chronik vager Zeitpläne und
lockerer, nicht verwirklichter Verpflichtungen sowie
mühseliger Verhandlungen, die sich nach ihrem
Abschluß dahinschleppen.
Ausschlaggebend sind jedoch nicht die Rückschläge
oder die Tatsache, daß "Europa", wie immer es
definiert wird, noch nicht da ist. Wichtig ist, daß die
Mitgliedstaaten die Verpflichtung bewahrt haben,
weiterzumachen und sicherzustellen, daß nach jeder
Krise ein Neubeginn kam, der alle Mitgliedstaaten
einen kleinen Schritt nach vorne brachte. Am Ende
des Jahrhunderts ist dies vielleicht das Vermächtnis,
das die meiste Aufmerksamkeit erfordert: Die Illusion
der Einheit, die in Europa und seinen Nachbarländern
nach dem Ersten Weltkrieg gehegt, von den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg ermutigt und während des Kalten Krieges von den Europäern vertieft wurde, ist nach dem Kalten Krieg zu einer
kollektiven Realität geworden, die das "ich" der
Nationalstaaten überschreitet, um das "wir" der Union
zu werden.
Aber wer soll in das neue kollektive "wir" einbezogen
werden: Eine Seite des Atlantiks ohne die andere,
eine Seite Europas gegen die andere, oder alle?
Während die Geschichte in Westeuropa ihren Lauf
nahm, geriet auch die Geographie in Bewegung und
erweiterte den nach dem Zweiten Weltkrieg um
Deutschland herum organisierten europäischen
zivilen Raum zu einem gemeinsamen, während des
Kalten Krieges um die Sowjetunion konzentrierten
euroatlantischen Raum. Am Anfang wurde Europa
Hilfe geboten und Verpflichtungen wurden freiwillig

AMERIKA DIENST 11

�eingegangen. Die wirtschaftlichen Härten in Europa
nach 1945 waren ein fruchtbarer Boden für die
kommunistische Expansion und erhöhten das reale
Risiko politischer Instabilität. Dies veranlaßte die
Vereinigten Staaten zu raschem Handeln: Man
bedenke die Formulierung, Umsetzung und den
Umfang des Marshallplans. Aber die sowjetische
militärische Bedrohung für Westeuropa schien
weniger real. Aus diesem Grund erfolgten Maßnahmen in dieser Sphäre langsamer: Man bedenke die
für die Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags
erforderlichen Voraussetzungen, Präsident Harry
Trumans Widerstreben, amerikanische Streitkräfte in
Europa zu stationieren, die langwierige Debatte über
die NATO-Mitgliedschaft und die Wiederbewaffnung
Europas (einschließlich Deutschlands) sowie die
Auswirkungen der Ereignisse an anderen Orten der
Welt. Während die Truman-Administration vom
wirtschaftlichen zum politischen und vom politischen
zum militärischen Bereich überging, lag das Geniale
des Vorgehens in der Erkenntnis, daß ein atlantisches Engagement trotz der bevorzugten Rückkehr
der Nation nach Hause den langfristigen Interessen
der Vereinigten Staaten dienen würde, da die Sicherheit und der Wohlstand der Vereinigten Staaten
an die Sicherheit und Stabilität Europas gebunden
waren.
Heute können wir uns jedoch den Luxus der Wahl
nicht mehr leisten. Nachdem der Kalte Krieg erreicht hat, was keinem Weltkrieg gelang, ist Disengagement nicht länger eine Option von Bedeutung. Früher war die Präsenz der Vereinigten
Staaten vornehmlich militärisch. Die Fragen lauteten: Wie viele Truppen werden benötigt und wie
tragen sie zur Eindämmung der Sowjetunion bei.
Containment hatte mit der verfügbaren Macht der
Vereinigten Staaten zu Hause zu tun, und ein relativ
kleiner Teil dieser Macht wurde nach Übersee
entsandt. Während eines Großteils des Kalten
Krieges wurde die Debatte über den Truppenrückzug
in der NATO geführt, denn das Engagement der
Vereinigten Staaten wurde unter ihren Gegnern
anscheinend weniger in Zweifel gezogen als unter
ihren Verbündeten - die in dem Wissen lebten, daß
wenig zurückbliebe, wenn die Truppen abgezogen
würden. Vorschläge zur Reduzierung der Truppenstärke wurden als Signale eines drohenden Abzugs
der Vereinigten Staaten interpretiert und dem in
Krisenzeiten Anfang der sechziger Jahre erreichten
Streitkräfteniveau solche Bedeutung beigemessen,
daß es in späteren, weniger spannungsgeladenen
Zeiten nicht geändert werden konnte.
Die Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa
reagiert heute auf völlig andere Gegebenheiten, bei
denen Wechselkurse und Unternehmensprofite,
Exporte und Handelsbestimmungen, im Ausland

AMERIKA DIENST 11

tätige Arbeitnehmer und ihre institutionelle Unterstützung die Bilanzen ebenso beeinflussen wie
Truppenstärke und Waffenbereitschaft. Transatlantische Transaktionen in Höhe von rund 1 Billion Dollar
jährlich, darunter bilateraler Handel in einer Größenordnung von über 200 Milliarden Dollar und Direktinvestitionen von ungefähr 450 Milliarden Dollar durch
amerikanische Unternehmen in Europa und europäische Unternehmen in den Vereinigten Staaten, sind
eine mächtige Kraft. Die wirtschaftliche Präsenz der
Vereinigten Staaten in Europa bewirkt einen größeren
wirtschaftlichen Output insgesamt als der mehrerer
westeuropäischer Länder. Hunderttausende Amerikaner leben in Europa oder durchqueren den Kontinent
und überbrücken die politische Kluft, die beide Seiten
des Atlantiks trennte. Nach dem Zweiten Weltkrieg
und während der Dauer des Kalten Krieges blieben
die Vereinigten Staaten in Europa, weil "sie uns am
ähnlichsten waren", wie es die europäische Wissenschaftlerin Catherine Kelleher kürzlich formulierte.
Heute müssen die Vereinigten Staaten bleiben, weil
sie wir sind. Mit der Zeit ist dort drüben zu hier
drüben geworden.
Der Blick über die NATO hinaus
Zum institutionellen Vermächtnis des Kalten Krieges
gehört eine politische Union in Westeuropa und eine
militärische Organisation, die den Atlantik umspannt.
Wie mächtig und wie groß sollten diese beiden
Institutionen jetzt werden? Die Ereignisse seit 1991
waren enttäuschend, da beim Aufbau der Gemeinschaft Rückschläge zu verzeichnen waren und die
Friedenssicherung gescheitert ist. Aber in ähnlichen
Augenblicken der Geschichte während des Übergangs nach den beiden Weltkriegen marschierten
französische Truppen an die Ruhr, um die Deutschen
zu bestrafen, und amerikanische Flugzeuge flogen
über Berlin, um die Sowjets zu umgehen. Und im
Gegensatz zu 1922 oder 1948 muß der Ansatz der
Vereinigten Staaten gegenüber Europa nicht revolutionär sein - er kann sich auf einer bestehenden
Grundlage entfalten. Die Größenordnung der amerikanischen Interessen in Europa bedeutet, daß
Amerika nicht abzieht und das Bündnis, das den
Krieg gewonnen hat, nicht von Auflösung bedroht ist.
Auch die Konstruktion Europas ist keine Illusion wie
nach den beiden Weltkriegen. In der Tat ist zumindest die Hälfte des Kontinents wohlhabend und
politisch stabil sowie friedlich und vereinigt.
Ein Großteil der Debatte über die Bedingungen der
künftigen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa konzentriert sich auf die NATO.
Damals wie heute ist die NATO die Institution, die am
ehesten für die Vertretung der amerikanischen
Interessen in Europa steht und in Ermangelung einer
Alternative am direktesten verantwortlich ist für den

Seite 3

�Schutz dieser Interessen vor dem andauernden
Risiko der Instabilität. Für zumindest die Hälfte des
Jahrzehnts werden die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu Europa jedoch im großen und ganzen
durch die Umgestaltung der innereuropäischen
Beziehungen durch die Europäische Union und ihre
Erweiterung nach Osten definiert. Die Stärkung der
europäischen Einheit ist ein grundlegendes Interesse
der Vereinigten Staaten, unabhängig davon, was mit
dem atlantischen Rahmen geschieht, und umgekehrt
werden Fortschritte bei der europäischen Integration
vornehmlich die Art und den Kurs der atlantischen
Reform nach dem Kalten Krieg bestimmen.
Die Stärkung der Europäischen Union ist in den
nächsten fünf Jahren das vordringlichste Ziel der
Vereinigten Staaten auf dem Kontinent. Zugegeben,
die Neubelebunng der EU fällt nicht in den Verantwortungsbereich Washingtons: In der Tat waren
amerikanische Versuche zu definieren, was die
Europäer tun sollten, viele Jahre lang für gewöhnlich
kontraproduktiv. Wann immer jedoch neue Ideen für
Europa diskutiert werden, entmutigt der Gedanke an
die Ambivalenz der Vereinigten Staaten einige der
kleinen Mitgliedstaaten, die fürchten, die Entscheidung für Europa würde eine Distanz zu Amerika
schaffen und sie auf Gedeih und Verderb ihren
größeren Partnern ausliefern.
In diesem Zusammenhang kann Präsident Clintons
Administration in diesem Jahr auf gute Leistungen
zurückblicken. Frühere Befürchtungen seiner Vernachlässigung Europas wurden beschwichtigt, als
der Präsident den Atlantik zu Gipfeltreffen und
Gedenkfeiern überquerte. Nach der Schlichtung des
Handelsstreits in letzter Minute, der 1993 die transatlantischen und innereuropäischen Beziehungen
beinahe zum Scheitern brachte, legten die Vereinigten Staaten einen Großteil ihrer Meinungsverschiedenheiten mit Frankreich, das traditionell am
lautesten über sie murrt, bei.
Im Juli 1994 schien die französische Regierung
tatsächlich so beruhigt, daß es wenig Reaktion in
Paris bewirkte und eher als Erklärung der Unterstützung Europas statt als amerikanische Bevorzugung angesehen wurde, als Clinton Deutschland
als Amerikas neuen privilegierten Verbündeten
feierte. (Dies steht im Gegensatz zu den Auswirkungen der besonderen Beziehungen, die früher zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten
bestanden oder angeblich bestanden, vor allem
während der Perioden, in denen Großbritannien sich
aktiv der weiteren Integration in Europa widersetzte.
Im Europa der Zeit nach dem Kalten Krieg müssen
die angeblich besonderen bilateralen Beziehungen
als Anreiz für noch engere multilaterale Beziehungen
unter den Europäern und über den Atlantik hinweg

Seite 4

gesehen werden). Clinton gelang auch die Verlagerung zu Deutschland, ohne Rußland zu verletzen.
In einem Jahr scheint der Präsident den althergebrachten Mangel in der europäischen Politik behoben
zu haben.
Und schließlich wurden die während der letzten
Hälfte der Bush-Administration vernommenen Sorgen
über die Hegemoniebestrebungen der Vereinigten
Staaten beschwichtigt, als Clinton einen beispiellosen
Hang zu Konsultationen an den Tag legte. Seine
Kritiker im Inland sahen dies als Alibi für Enthaltung
an, aber seine Verbündeten auf dem Kontinent
begrüßten es als eine Investition in die Zusammenarbeit.
Der Zeitpunkt von Clintons Verlagerung von London
zu Berlin ist umso günstiger, da die Bedingungen für
die Wiederbelebung der Europäischen Union nach
dem Vertrag von Maastricht aus dem Jahr 1991 über
vollständige wirtschaftliche und engere politische
Integration jetzt geeignet sind: Erholung von der
schlimmsten wirtschaftlichen Rezession in Europa seit
1945 und Überwindung der politischen Unsicherheiten, die Europa seit 1991 lähmten. Darüber hinaus
werden die Erweiterung der EU zur Einbeziehung der
kleinen und reichen Länder in Nordeuropa sowie
Österreichs, die Reorganisation der Europäischen
Kommission und eine stabile Europäische Kommission mit aufeinanderfolgendem Vorsitz von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zur stärksten
Troika für das gesamte Jahr 1995 und einen Teil von
1996 führen. Während dieses Zeitraums sollte die
amerikanische Politik vor allem darauf abzielen, daß
diese Chance zur Konsolidierung der Union in der in
Maastricht dargelegten Richtung nicht vergeudet wird.
Die Auswirkungen einer solchen Ermutigung waren
bereits Anfang des Kalten Krieges deutlich zu sehen,
als sie zur Überwindung der in letzter Minute vorgebrachten Einwände Deutschlands gegen die
beabsichtigte Montanunion im Jahr 1951 beitrugen
sowie 10 Jahre später, als sie die Entschlossenheit
Großbritanniens zur Mitgliedschaft im Gemeinsamen
Markt bekräftigten. Der Einfluß Amerikas auf die
europäische Integration ist nicht mehr so eindeutig
wie bisher, aber immer noch beträchtlich.
Die Vereinigten Staaten sollten der EU auch zunehmend die Aufmerksamkeit widmen, die sie jedem
einzelnen Mitgliedstaat schenken.
Regelmäßige
Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten
und dem Präsidenten der Europäischen Kommission
(der als oberster Regierungsbeamter der Europäischen Union handelt) sollten aufgewertet werden.
Wenn nötig, sollte es mehr und besser vorbereitete
Konsultationen zwischen dem EU-Ministerrat und den
Amtskollegen in Washington geben sowie zwischen
den zahlreichen EU-Ausschüssen, Arbeitsgruppen

AMERIKA DIENST 11

�und Experten sowie deren amerikanischen Amtskollegen. Ein solcher Ansatz könnte auch auf die
EU und von den Vereinigten Staaten angeführte
multilaterale Organisationen wie etwa die NATO
Anwendung finden. So könnte der Generalsekretär
der Westeuropäischen Union an den Sitzungen des
Nordatlantischen Kooperationsrats teilnehmen, und
der Präsident der Europäischen Kommission sollte
zumindest als Beobachter zur Teilnahme an den
NATO-Gipfeltreffen eingeladen werden - wie es zur
Zeit bei den jährlichen Zusammenkünften der
Gruppe der Sieben führenden Industrienationen der
Fall ist. Das Ziel ist nicht, die Vereinigten Staaten
Europa oder die Europäische Union ihren Mitgliedstaaten aufzuzwingen, sondern vielmehr, alle Zweifel
in Europa auszuräumen, daß die Vereinigten Staaten "die noch engere Union" begrüßen, die sie vor
nahezu fünf Jahrzehnten mit ins Leben riefen sowie
Engagement und Dialog zu fördern, bevor Entscheidungen auf einer Seite des Atlantiks getroffen werden.
Darüber hinaus sollten die Vereinigten Staaten die
Erweiterung der Union auf Mittel- und Südosteuropa
aktiv unterstützen. Die Clinton-Administration argumentierte im Hinblick auf die NATO, das unmittelbare Ziel sei nicht die Mitgliedschaft, sondern die
"Partnerschaft" - oder im Brüsseler Jargon die
"Assoziierung". Bei der NATO ist die Verzögerung
der offiziellen Erweiterung nach Osten zwingend
geboten: Solange die Bedrohung sehr viel diffuser

ist als 1945 oder 1919 muß das Engagement der
Vereinigten Staaten nicht in einem Vertrag verankert
sein. In der Tat ist es schwierig zu erklären, wie die
Sicherheit beispielsweise Polens sich verbessern
würde, wenn dieses Land über Nacht Mitglied der
NATO würde. Die Mitgliedschaft könnte Polens
Sicherheit sogar beeinträchtigen, indem Rußland zu
einer Art Gegenmaßnahme oder innenpolitischer
Reaktion veranlaßt würde.
Dieselben Ambivalenzen treten im Hinblick auf die
Europäische Union nicht auf, die zu Wirtschaftswachstum und politischer Stabilität Osteuropas
beitragen würde (und die bis zur Eskalation des
Krieges in Bosnien die erste Priorität der Länder in
der Region war). Dennoch gibt es viele gute Gründe
für die Verzögerung der Erweiterung der Union auf
eine beliebige Zahl von Ländern im Osten. Die EU
muß ihre Institutionen bereits jetzt anpassen, um vier
neue Mitglieder aufzunehmen und einige der in der
Einheitlichen Europäischen Akte und dem Vertrag
von Maastricht (die voraussichtlich beide 1996
überprüft werden) vorgesehenen Entscheidungen
umzusetzen. Die Aufnahme neuer Mitglieder würde
diese Anpassungen jetzt komplizieren und vielleicht
sogar zum Scheitern verurteilen. Etwas anderes
vorzugeben hieße, sich auf falsche Versprechungen

AMERIKA DIENST 11

der Erweiterung zu verlassen, um die Aussicht zu
vereiteln, die EU könnte vorbehaltlich der Zustimmung der anderen durch einige Mitglieder und für
einige der Länder in Europa vorbehaltlich des Beitritts
anderer mächtiger werden.
Die Verzögerung der Erweiterung bedeutet jedoch
keine Vernachlässigung der Staaten, die darauf
warten. Daher kann und sollte die EU unmißverständlich die Entscheidung zur Aufnahme von Verhandlungen mit zumindest den vier mitteleuropäischen Ländern (Tschechische Republik, Ungarn,
Polen und Slowakische Republik) im Jahr 1997 nach
Abschluß der zwischenstaatlichen Konferenz bekräftigen. Die Gespräche sollten auf eine Reihe anspruchsvoller aber dennoch realistischer wirtschaftlicher und politischer Kriterien abzielen, die zur Erlangung der Vollmitgliedschaft bis zum Jahr 2000 oder
kurz danach erfüllt sein müßten. Solange diese
Kriterien von den potentiellen neuen Mitgliedern nicht
erfüllt werden können, würde die Mitgliedschaft zu
früh erfolgen und beträchtliche Störungen hervorrufen. Aber solange die EU keinen Zeitplan veröffentlicht, wird die Sorge, der Beitritt zum Binnenmarkt könnte auf unbestimmte Zeit begrenzt sein,
weiterhin den Fluß ausländischer Investitionen
verlangsamen, das Wachstum der auf Exporte
gegründeten Fertigungsindustrien behindern und
politische Spannungen bei und zwischen den ehemaligen Gegnern der Zeit des Kalten Krieges verschärfen.
Darüber hinaus sollten mehr direkte
Hilfsleistungen, Schuldenerlaß, großzügigere Kreditarrangements, gelockerte Restriktionen für Agrarimporte und verbesserte Investitionsbürgschaften für
die Nationen Mittel- und Osteuropas als Teil einer
koordinierten deutsch-französischen Präsidentschaft
ermutigt werden.
Der Handel ist offenkundig. Die Vereinigten Staaten
können und müssen eine Führungsrolle bei Fragen
der Sicherheit in Europa übernehmen. Etwas anderes anzunehmen, würde bedeuten, den Ländern auf
dem Kontinent eine sicherheitspolitische Verantwortung aufzuerlegen, die sie noch nicht übernehmen
können. Die amerikanische Führungsrolle wird im
Kontext der NATO ausgeübt, deren Fähigkeit zur
Bewahrung oder Schaffung von Frieden durch die
Bereitschaft der Vereinigten Staaten zur Beteiligung
daran definiert wird. Etwas anderes anzunehmen
hieße, sich ein Alibi für Untätigkeit zu verschaffen.
Dennoch hat die NATO nicht denselben Einfluß auf
die wirtschaftliche Dimension der Sicherheit Europas
- und kann diesen auch nicht gewinnen - und die
Vereinigten Staaten haben keine vergleichbare
Verantwortung zur Erweiterung des europäischen
Wohlstands - und müssen dies auch nicht anstreben.
Diese Aufgabe kommt der EU mit wirtschaftlichen
Partnerschaften für politische Stabilität zu, die in

Seite 5

�diesem Jahr vorgeschlagene und verabschiedete
Sicherheitspartnerschaften der NATO ergänzen
würden.
Die Hälfte von Clintons Amtszeit?
Monate- oder selbst jahrelang verzerrt der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf die Außen- und
Innenpolitik gleichermaßen sowie die Einstellung der
Öffentlichkeit dazu, indem die traditionelle Ambivalenz der Nation über ihre Rolle in der Welt ausgeschöpft, die Kompetenz oder Unerfahrenheit des
scheidenden Präsidenten und seines Gegners falsch
dargestellt wird und ihre Unterschiede übertrieben
werden. Nach der Wahl wird die Leistung des
neuen Präsidenten zunächst einmal daran gemessen, was während des Wahlkampfes gesagt wurde
und was die vorherige Administration getan hat.
1993 erlitt Bill Clinton an beiden Fronten Rückschläge. Sein Vorgänger, George Bush, war im
Ausland äußerst geschätzt, seine Erfahrung wurde
gelobt und seine Führungsqualitäten gewürdigt.
Nach seiner Wahlniederlage wurde sein Ausscheiden aus dem Amt im großen und ganzen bedauert.
Clinton war vor und während seines Wahlkampfes
für seine Vernachlässigung der Welt bekannt, und
die wenigen von ihm gehaltenen außenpolitischen
Reden wurden wegen ihres Mangels an spezifischen
Äußerungen, oder wenn sie spezifisch wurden,
wegen ihrer Realitätsferne kritisiert.

bereitschaft beim Handel, seine erklärte Vorliebe für
Asien statt Europa und seine Indifferenz und Unbehaglichkeit gegenüber außen- und verteidigungspolitischen Fragen hatten eine Malaise in den transatlantischen Beziehungen hervorgerufen. Diese Kluft
konnte auch von den Europäern nicht überbrückt
werden, die selbst seit der Unterzeichnung des
Vertrags von Maastricht im Dezember 1991 in eine
Sackgasse geraten und vom Kurs abgekommen
waren.
In diesem Jahr hat sich die Situation jedoch maßgeblich verbessert, und die Administration verdient
mehr Lob für ihr Verhalten gegenüber Europa als sie
- vor allem im Inland - erhalten hat. Jetzt, in der
Mitte von Präsident Clintons Amtszeit steht Europa
vor einem neuen Anfang und die NATO vor einer
Umstrukturierung. Die Chance zu Fortschritten bei
der Vervollständigung eines zivilen Raums in Europa
und zu Fortschritten bei der Organisation eines
gemeinsamen euroatlantischen Raums sollte nicht
vergeudet werden. Sie könnte nicht wiederkommen.

1. Das Argument ruft Erinnerungen an die dreißiger Jahre
wach. Aber so verabscheuungswürdig Großserbien sein
mag - es hat wenig Ähnlichkeit mit Nazi-Deutschland, und
so abscheulich die "ethnischen Säuberungen" in Bosnien
sein mögen, sie sind nicht der Holocaust. Auch das
Versagen des Westens verdient eine gewisse Modifizierung. Der Konflikt wird dort weiter begrenzt, wo er bereits
ausgebrochen war. Die humanitäre Hilfe der EU und der
UNO sowie deren angedrohter Einsatz von NATO-Luftstreitkräften retteten Leben. Die Verhandlungen unter der
Schirmherrschaft der Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und der Vereinten Nationen führten zur
Versöhnung zwischen einigen kriegführenden Parteien.
Bis jetzt kann jedoch nur gemutmaßt werden, ob die
Nichtintervention des Westens in Jugoslawien die beste
Politik war.

Am Ende seines ersten Amtsjahres schien Clinton,
der gehofft hatte, den Geist von John F. Kennedy
beschwören zu können, mehr wie Jimmy Carter. Die
Unentschlossenheit des neuen Präsidenten in Bosnien, seine Passivität gegenüber Rußland und den
anderen ehemaligen sowjetischen Republiken, seine
Zurückhaltung in Somalia und Haiti, seine Kampf-

*

Seite 6

*

*

*

AMERIKA DIENST 11

�TAG

DER

ERDE
22. März 1995

Vereinigte Staaten starten globales Umweltbildungsnetz
von Edward Taishoff
Am 22. April 1995, an dem zum 25. Mal der Tag der Erde begangen wird, starten die Vereinigten Staaten ein
einzigartiges Programm mit dem Titel "Global Learning and Observations to Benefit the Environment" (GLOBE etwa "Globales Lernen und Beobachten zum Nutzen der Umwelt"). Dabei werden über elektronische
Datennetze und andere moderne Technologien Tausende von Schulkindern in Hunderten von Ländern
zusammengebracht, um ihr Wissen über die Umwelt auf unserem Planeten und das Verständnis dafür zu
vertiefen. Vom Kindergarten bis zu weiterführenden Schulen werden die Kinder in ihrer unmittelbaren
Umgebung wichtige Messungen vornehmen, die dann in Schulcomputer eingegeben und über Internet an eine
zentrale Datenbank übermittelt werden. Dort werden diese Daten dann im Hinblick auf die sich entwickelnden
Umweltbedingungen graphisch aufbereitet und schließlich zurück an die Schüler übermittelt, die damit im
Klassenzimmer arbeiten.
Ausführlichere Informationen über das GLOBE-Programm können über Mrs. Margaret Finarelli, Assistant
Directorfor International Programs, GLOBE Program, 744 Jackson Place, N.W., Washington, D.C., 20503,
bezogen werden.

Tausende von Schülern in Hunderten von Schulen
auf der ganzen Welt werden in eine einzigartige
Partnerschaft eintreten, die Kommunikationssysteme
des Raumfahrtzeitalters nutzt, um das Wissen über
die Umwelt auf unserem Planeten und das Verständnis dafür zu vertiefen.
Mit Beteiligung von Schulkindern in den gesamten
Vereinigten Staaten und einer Reihe von anderen
Ländern wird das Programm mit dem Titel "Global
Learning and Observations to Benefit the Environment" (GLOBE - etwa "Globales Lernen und Beobachten zum Nutzen der Umwelt") offiziell am 22.
April 1995 gestartet, an dem zum 25. Mal der Tag
der Erde gefeiert wird.
In regelmäßigen Abständen werden die Teilnehmer
in ihrer unmittelbaren Umwelt grundlegende Meßdaten erheben und diese dann in Schulcomputer
eingeben. Die Rechner werden diese Daten über
die weltweite elektronische Datenautobahn an eine
zentrale Datenverarbeitungseinrichtung im USBundesstaat Colorado übermitteln.
Danach werden die Daten verarbeitet, in Grafiken
umgesetzt und in einer Datenbank des internationalen Kommunikationsnetzes gespeichert. An GLOBE
beteiligte Schüler werden diese lebendigen elektronischen Porträts der Umwelt in ihrem lokalen
Umfeld, ihrem Land und der Welt als Ganzem

AMERIKA DIENST 11

sodann über ihre Computer in den Klassenzimmern
von diesem Netz abrufen können.
Vizepräsident AI Gore hatte das Projekt am Tag der
Erde 1994 angekündigt und die anderen Länder der
Welt zur Teilnahme eingeladen. Die Tausende von
Briefen, die sein Büro seither von Schülern und
Lehrern erhalten hat, sind Gore zufolge "wichtige
Hinweise auf den Bedarf an praktischen naturwissenschaftlichen Bildungsprogrammen in unseren Schulen
und den Wunsch danach". Gore ist der Meinung,
daß dieses Programm "bei unserer Jugend Begeisterung für Naturwissenschaften und Mathematik weckt
und uns allen dazu verhilft, unsere globale Umwelt
besser zu verstehen."
Weit über 100 Länder haben ihr Interesse für eine
Beteiligung an GLOBE bekundet. Mit einigen Staaten
wurden bilaterale Vereinbarungen über eine Teilnahme bereits abgeschlossen, mit anderen dauern
die Verhandlungen noch an.
Prominente Gruppen von Vertretern des amerikanischen Bildungswesens und der Wissenschaft haben
das Projekt begrüßt. Dazu gehören die National
Science Teachers Association, die American Chemical Society, das Institute o&lt; Electrical and Electronic
Engineers und die Mathematical Association of
America.

Seite 1

�Im Juli 1994 schrieben vier führende amerikanische
Wissenschaftler, darunter drei Nobelpreisträger, an
den Vorsitzenden des Wissenschafts- und Technologieausschusses des Repräsentantenhauses und
forderten Unterstützung für dieses Programm. Sie
bezeichneten die Bemühungen von GLOBE um
weltweite Zusammenarbeit als "in seiner Weitsichtigkeit lobenswert im Hinblick auf den Wert des Projektes für die Wissenschaft und den Aufbau guten
Willens".
Zu den Unterzeichnern des Schreibens gehörte auch
Dr. Glenn Seaborg, der im Jahr 1951 den Nobelpreis
für Chemie erhielt.
Als Pionier auf dem Gebiet der Nuklearchemie war
Seaborg mehrere Jahrzehnte lang beigeordneter
Direktor des Lawrence Berkeley Laboratory der
University of California in Berkeley, einer weltweit
renommierten Forschungseinrichtung. Ferner war er
Kanzler der Universität und zehn Jahre lang unter
drei Präsidenten Vorsitzender der US-Atomenergiekommission. "Das GLOBE-Programm widmet sich
auf einer breiten und fundierten Grundlage dem
entscheidenden Problem der Sanierung und des
Erhalts der Umwelt", erklärte Seaborg dem USInformationsamt (USIA). "Es bezieht ein internationales Spektrum von Wissenschaftlern, Lehrern der
naturwissenschaftlichen Fächerund, was besonders
wichtig ist, Schülern ein, auf denen unsere Hoffnung
für eine umweltverträgliche Zukunft ruht."
Die Vereinigten Staaten haben das GLOBE-System
konzipiert und entwickelt und sind für dessen Betrieb
und Wartung verantwortlich. Dazu gehören die
Datenverarbeitung, die Aufbereitung von grafischen
Umweltinformationen und andere erforderliche
Technologien. An dem Programm beteiligen sich
sechs amerikanische Behörden, darunter die nationale Behörde für Atmosphäre und Ozeane (NOAA),
der US-Wetterdienst, das Amt für Umweltschutz
(EPA) sowie die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde (NASA).
Das GLOBE-Programm dient laut einer im Januar
1995 veröffentlichten Zusammenfassung dazu,
"Schulkinder, Lehrer und Wissenschaftler aus der
ganzen Welt zusammenzubringen um
das Umweltbewußtsein der Menschen in
aller Welt zu stärken,
das wissenschaftliche Verständnis von der
Erde zu vertiefen und
ein höheres Bildungsniveau in Naturwissenschaften und Mathematik zu fördern".
GLOBE ist ein aus der schulischen Praxis heraus
konzipiertes Programm, dessen Ziel die aktive

Seite 2

Beteiligung von Schülern aus Grundschulen, Realschulen und Gymnasien an der Sammlung umweltbedeutsamer Daten ist. Die Art der zu erhebenden
Meßdaten wurde von einer Gruppe renommierter
internationaler Wissenschaftler ausgewählt, die
weltweite Beobachtungen wünschten, mit denen ein
Beitrag zum wissenschaftlichen Verständnis der
Umwelt auf unserem Planeten geleistet wird.
Die Schüler werden Faktoren wie Luft-, Wasser- und
Bodentemperatur, Regen- und Schneefälle, den
Säuregrad von Grundwasser und Niederschlag sowie
die Bodenfeuchte im Umkreis ihrer Schulen messen.
Darüber hinaus werden sie andere Umweltfaktoren
bewerten, etwa Bewölkung, Wachstum und Art von
Bäumen, Laubdichte sowie das Ökosystem am
jeweiligen Standort. Dabei werden sie von Fall zu
Fall auch selbst angefertigte Meßinstrumente einsetzen.

&lt;.

Das Programm ist so konzipiert, daß alle Schüler,
selbst in den ersten Grundschulstufen, durch das
Sammeln wichtiger Daten bedeutsame Beiträge
leisten können. Schüler der höheren Klassen werden
anspruchsvollere Messungen vornehmen.
Die von den Schülern gesammelten Daten werden in
Personalcomputer eingegeben und über das Internet,
ein internationales elektronisches Kommunikationsnetz, an das Forecast Systems Laboratory der NOAA
in Boulder (Colorado) bei Denver übermittelt.
Danach werden die Informationen verarbeitet, mit
Meßdaten aus anderen Quellen, wie etwa Satelliten,
kombiniert und zu Grafiken aufbereitet, mit denen die
Umweltbedingungen an den Standorten der teilnehmenden Schulen dargestellt werden. Diese Bilder
werden in einer über Internet abrufbaren Datenbank
gespeichert. Die Schüler werden dann über ihre
Computer Bilder von ihrer lokalen Umweltsituation,
von den Bedingungen im weiteren Umfeld ihres
Landes oder Kontinents oder sogar von anderen
Regionen der Welt abrufen können.
4

GLOBE wird auch internationalen Partnern zur
Verfügung stehen, die aus verschiedenen Gründen
nicht den gleichen Zugang zu Rechnern und moderner Kommunikationstechnologie haben wie Teilnehmer in hochentwickelten Gesellschaften.
Solche Schulen können dennoch wichtige Umweltdaten sammeln und an eine zentrale Stelle übermitteln, von wo diese Informationen an das weltweite
Netz übertragen werden. Obwohl diese Schulen
vielleicht nicht in der Lage sein werden, GLOBEGraphiken per elektronischer Datenleitung abzurufen,
können sie diese auf anderem Wege, etwa in Form

AMERIKA DIENST 11

k

�von Satellitenfernsehsendungen oder Bildreproduktion, erhalten.
Selbst wenn sich eine Schule nicht aktiv an dem
Programm beteiligt, kann sie als "assoziiertes
GLOBE-Mitglied" über Internet GLOBE-Grafiken und
-Bildungsmaterialien elektronisch abrufen. Diese
Schulen werden dadurch ermutigt, sich aktiv an dem
Programm zu beteiligen. Es besteht die Hoffnung,
daß bis zum Ende des Jahrhunderts Tausende von
Schulen weltweit Daten sammeln und globale Perspektiven miteinander austauschen werden.
Die teilnehmenden Schulen werden mit GLOBEBegleitmaterialien ausgestattet, darunter Arbeitsblätter für die Schüler und ein Leitfaden für Lehrer,
die in Zusammenarbeit mit führenden Pädagogen
entwickelt wurden. Das Lehrmaterial, das auch
Umweltmeß- und Datenberichtsverfahren umfaßt,
wird in den sechs Amtssprachen der Vereinten
Nationen verfügbar sein - Englisch, Französisch,
Spanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch.
Um Einheitlichkeit bei der Sammlung von Daten und
in anderen Aspekten des Programms zu gewährleisten, werden die Vereinigten Staaten mit jedem
teilnehmenden Land bilaterale Vereinbarungen
abschließen, in denen die Rolle und Pflichten der
Vereinigten Staaten und des jeweiligen Partnerlandes festgelegt sind. Die Zusammenarbeit wird
sich auf Sachleistungen beschränken, wobei die
Vereinigten Staaten die pädagogische, wissenschaftliche und technische Infrastruktur bereitstellen
und die internationalen Partner die nationale Verwaltung des Programms übernehmen und für die
Ausstattung der Schulen in ihren Ländern sorgen
werden.
Jeder Partner wird selbst die Schulen auswählen
und seinen eigenen nationalen Koordinator bestimmen, vorzugsweise eine Persönlichkeit mit Erfahrung
im Bildungswesen des jeweiligen Landes und
dessen umweltbezogenen Aktivitäten, die das
nationale Programm leiten wird. Die Partner werden
die pädagogischen Begleitmaterialien von GLOBE
an ihre eigenen Lehrpläne anpassen.
GLOBE wird Workshops zur Fortbildung der jeweiligen nationalen Koordinatoren der Partnerländer
veranstalten. Die nationalen Koordinatoren werden
dann die beteiligten Lehrkräfte ausbilden und damit
sicherstellen, daß alle an GLOBE teilnehmenden
Schulen einen von GLOBE ausgebildeten Lehrer zur
Leitung der Schüleraktivitäten haben.
Margaret Finarelli, stellvertretende Direktorin von
GLOBE für internationale Programme, hat in Ländern auf der ganzen Welt offizielle Gesprächspartner

AMERIKA DIENST 11

aufgesucht, um die Einzelheiten des GLOBE-Programms zu erläutern und Vereinbarungen zur Zusammenarbeit auszuhandeln.
"Ein besonders wichtiger Teil des Programms besteht
in der Art und Weise, in der jedes Land GLOBE als
Grundlage aufbaut und das Programm im Kontext
seiner eigenen umweit- und bildungspolitischen
Ansätze und Prioritäten einsetzt", erklärt sie.
"Unsere Partner betrachten GLOBE als reale Chance
zur Förderung des Umweltbewußtseins und gleichzeitig als Beitrag zu den internationalen wissenschaftlichen Bemühungen, die Erde zu verstehen. Darüber
hinaus sehen sie darin eine Gelegenheit, den Umgang mit Computern und die Nutzung von Technik im
Klassenzimmer zu vertiefen."
Finarelli zufolge "ist die internationale Beteiligung
integraler Bestandteil der Programmkonzeption und
entscheidend für die Verwirklichung unserer Ziele".
Als Beispiele für das weltweite Interesse an dem
Projekt führt sie an, daß in der Tschechischen
Republik 25 Schulen aus allen Landesteilen an dem
GLOBE-Pilotprogramm teilnehmen, ebenso wie fünf
bis zehn Schulen in den Niederlanden, drei in Namibia und drei in China.
GLOBE ist ein Beispiel dafür, wie rasch die moderne
Kommunikationstechnik den Bildungssektor umgestaltet.
So betreibt das öffentliche Schulsystem in Fairfax
County (Virginia), einem Vorort der Bundeshauptstadt
Washington, sein eigenes Bildungsfernsehen, das
regelmäßig nicht nur für die eigenen Schüler, sondern
auch für über fünf Millionen Schüler in 16.000 Schulen der gesamten Vereinigten Staaten und acht
weiterer Länder auf Sendung geht.
Der Mediendirektor des Schulbezirks, Dr. Glenn
Kessler, betrachtet GLOBE als den Anfang einer
pädagogischen Revolution.
"In Zukunft", so Kessler gegenüber USIA, "werden
Lerngemeinschaften elektronisch verbunden sein." Er
ist der Überzeugung, daß die Schulkinder vielleicht
tatsächlich "ihre eigenen elektronischen Lehrbücher
erarbeiten werden". Kessler zufolge ist einer der
wichtigsten Gesichtspunkte von GLOBE die Tatsache,
daß "es die Fähigkeiten der Kinder einsetzt, um
bedeutsame Daten zu erheben".
Seiner Meinung nach können die Länder, die heute
den größten technologischen Rückstand gegenüber
anderen Gesellschaften aufweisen, den größten
Nutzen aus GLOBE ziehen. Kessler erklärt, es
könne ihnen die Chance geben, bestehende Lücken

Seite 3

�zu überbrücken, indem sie sich rasch das technische
Wissen und die Erfahrung aneignen, wofür sie sonst
wesentlich länger gebraucht hätten.
Kessler geht davon aus, daß in solchen Ländern die
Tatsache, daß GLOBE den Teilnehmern ein greif-

bares hochentwickeltes Produkt liefern wird, zu dem
sie selbst beigetragen haben, das Selbstbewußtsein
der beteiligten Kinder steigern, ihnen Vertrauen in
ihre eigene Fähigkeit zur Nutzung von Technologie
geben und ihre Erwartungen in bezug auf das stärken
wird, was sie in ihrem Leben erreichen können.

* * * *

*

«

Seite 4

AMERIKA DIENST 11

�FRAUEN
22. März 1995

Macht und Einfluß der First Ladies
von Edith P. Mayo
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel über die Ehefrauen amerikanischer Präsidenten und ihre
Rolle erschien erstmals am 15. September 1993 in The Chronicle of Higher Education. Edith P. Mayo ist
Kuratorin der Abteilung für politische Geschichte des National Museum of American History der Smithsonian
Institution. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Chronicle of Higher
Education. Copyright (c) 1993, The Chronicle of Higher Education.

Die Art und Weise, wie sie ihre Rolle als First Lady
wahrnimmt, ist wirklich ein "Neubeginn". Ihr Ehemann konsultiert sie in politischen Fragen und
vertraut ihr als engster Beraterin. Als nicht gewählte
Kraft im Weißen Haus ist sie stark umstritten. Sie
darf sogar Gesetze entwerfen. Hillary Rodham
Clinton?
Nein.
Die Rede ist von Nellie Taft,
Florence Harding, Edith Bolling Wilson, Eleanor
Roosevelt und Rosalynn Carter.
Im Gegensatz zu dem, was die Medien uns glauben
machen wollen, ist Hillary Rodham Clinton nicht die
erste First Lady, die engster politischer Berater ihres
Mannes ist, ihre eigene Karriere verfolgt oder sich
für die Rechte von Frauen und Kindern einsetzt.
Paradoxerweise scheint die zunehmende politische
Aktivität von Frauen und ihre Wahl in öffentliche
Ämter in beispielloser Zahl die Debatte über das
mächtigste Amt für eine Frau in der Politik, in das sie
jedoch nicht gewählt werden kann, intensiviert zu
haben - das der First Lady.
Mrs. Clinton ist nur die letzte in einer langen Reihe
politisch gebildeter Frauen, die großen Einfluß auf
die politische Karriere ihres Mannes und seine
Administration ausgeübt haben. Es ist betrüblich
und spricht für sich, daß sich weder Presse noch
Öffentlichkeit der Tatsache bewußt sind, daß Präsidentengattinnen seit Abigail Adams die Politik
beeinflußten. Es ist auch entmutigend, daß praktisch jede First Lady, die ihren Einfluß nutzte,
entweder lächerlich gemacht oder verleumdet wurde,
weil sie von der eigentlichen Rolle der Frau abwich,
oder gefürchtet wurde, weil sie die Position ihres
Mannes schwächte.
Die Wissenschaftler selbst trugen noch zu dieser
Unwissenheit bei, indem sie allgemein mangelndes
Interesse an der Position der First Lady zeigten und

AMERIKA DIENST 11

diese sogar herunterspielten. Bevor die Geschichte
der Frau Anfang der siebziger Jahre zu einer eigenen
Disziplin wurde, stellten die Biographien die First
Lady selten als eine Frau dar, die in der Administration ihres Mannes großen Einfluß hatte. Vielmehr
wurde ihre Fähigkeit als Gastgeberin im Weißen
Haus oder gewinnende und charmante Persönlichkeit
hervorgehoben.
Selbst der Beginn einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der
Frau - die einen feministischen Rahmen für die
Interpretation des Lebens dieser Frauen bot - veränderte diese Situation nicht entscheidend. Historiker, die sich mit der Geschichte der Frau befassen,
unterschätzten die First Ladies oftmals und vermieden ernsthafte Forschung auf diesem Gebiet. Die
vorherrschende wissenschaftliche Meinung lautete,
daß diese Frauen nicht aus eigener Kraft etwas
erreicht hatten, sondern nur durch die Heirat mit
einem Mann, der schließlich Präsident wurde. Ferner
gibt es in bezug auf viele First Ladies nur wenig
Dokumentationsmaterial über ihr Leben und ihre
außergesellschaftlichen Aktivitäten im Weißen Haus.
Die große Ausnahme ist Eleanor Roosevelt. Sie war
die First Lady, über die Historiker aufgrund ihres
unerschrockenen politischen Aktivismus und der
Vielzahl hinterlassenen schriftlichen Materials am
meisten veröffentlichten. Zu diesen Arbeiten gehören
Biographien wie die 1971 von Joseph P. Lash
verfaßte Eleanor and Franklin und Blanche Wiesen
Cooks 1992 herausgegebene Eleanor Roosevelt:
Band I, 1884-1933. Die Forschung über Eleanor
Roosevelt schafft ein weiteres Klischee von First
Ladies, da sie sich auf sie (und gelegentlich Abigail
Adams) als einzige politisch aktive First Lady konzentriert.

Seite 1

�Der Großteil ernsthafter Forschung über First Ladies
wurde erst im letzten Jahrzehnt betrieben. Zu
diesem neuerweckten Interesse trugen mehrere
Faktoren bei, darunter die anwachsenden Präsidentenbibliotheken seit den dreißiger Jahren, durch die
Unterlagen der nach jener Zeit lebenden First Ladies
leichter zugänglich wurden. Verschiedene, Mitte der
achtziger Jahre veranstaltete Konferenzen über First
Ladies lenkten die Aufmerksamkeit auf ihre Bedeutung und veranlaßten die Wissenschaftler, über die
Klischees hinauszuschauen.
Jüngste Forschungen haben sich auch zunehmend
auf die Interaktion von öffentlichem und Privatleben
von Frauen konzentriert, und die First Ladies bieten
hierzu geeignete Fallstudien.
Eine ernsthafte
Beurteilung der Stellung einer First Lady ist zudem
Teil eines umfassenderen Versuchs der Historiker,
die Rolle der Frau in der Politik zu verstehen.
Jüngste Forschungen deuten darauf hin, daß die
Rolle der First Lady seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch wachsende Prominenz, zunehmenden
Einfluß und politische Macht sowie Engagement für
soziale Fragen gekennzeichnet ist.
Zwei Übersichten jüngeren Datums über die Geschichte der First Ladies heben das hervor: First
Ladies (aus feministischer Sicht), 1987 von Betty
Boyd Caroli, einer Geschichtsprofessorin im Kingsborough Community College der City University of
New York geschrieben sowie First Ladies: The
Saga of the Presidents' Wives and Their Power,
1990/91 von dem Journalisten und Autor Carl
Sferrazza Anthony verfaßt.
Auf diesen wissenschaftlichen Arbeiten baut die
Ausstellung First Ladies:
Political Role and
Public Image im National Museum of American
History der Smithsonian Institution auf. Sie untersucht die Rolle der First Lady als typisches Beispiel
für das Überschneiden von öffentlichem und Privatleben der Frau. Die Ausstellung bemüht sich um eine
Interpretation dieser Frauen im Kontext der Geschichte von Präsidenten und der Geschichte der
Frau und demonstriert, daß die Mischung aus
politischen und repräsentativen Aufgaben in der
Präsidentschaft sowie die Lage der Wohnräume des
Präsidenten und der Büros im Weißen Haus es der
First Lady gestatteten, je nach Wunsch mehr als nur
repräsentative Tätigkeiten zu übernehmen.
Im 18. und 19. Jahrhundert war es weitaus schwieriger, eine politische First Lady zu sein, denn die
Rolle von Frauen der Mittelschicht im öffentlichen
Leben war zu dieser Zeit stärker definiert und
eingegrenzt. Aber selbst damals unterhielt Abigail
Adams mit ihren freimütig geäußerten politischen
Präferenzen und ihrer umfangreichen Korrespondenz

Seite 2

stets eine politische Partnerschaft mit John. Als First
Lady wurde sie höhnisch als "Mrs. President" betitelt.
Dolley Madison und Louisa Catherine Adams waren
politisch erfahren und setzten geschickt ihre Fähigkeiten als Gastgeberin ein, um ihre politischen
Intrigen zu tarnen und als Lobbyisten für die Programme ihrer Männer zu agieren. Als James Polk
Speaker des Repräsentantenhauses war, verfaßte
und redigierte seine Frau Sarah häufig seine politische Reden und beeinflußte die Abgeordneten in den
Korridoren des Kongresses; nach seiner Wahl zum
Präsidenten hatte sie im Weißen Haus ein Büro
neben dem seinen.
Erst im 20. Jahrhundert begannen die First Ladies,
offenkundiger eine politische Rolle zu übernehmen.
Nellie Taft, die über weitaus mehr politischen Ehrgeiz
verfügte als ihr Mann William, verbarg nicht, wie sehr
sie die Einschränkungen und Konventionen der Rolle
der Frau langweilten. Sie spornte ihren Mann an und
verfolgte nach seiner Wahl zum Präsidenten ihre
politischen Ambitionen durch ihn. Als Theodore
Roosevelt dem Paar gegenüber anmerkte, Taft habe
eine glänzende Zukunft vor sich, er wisse nur nicht
ob als Oberster Richter am Bundesgericht oder als
Präsident, erwiderte Taft: "Am besten das Richteramt". Nellie warf ein: "Als Präsident". Im Weißen
Haus nahm sie Einfluß auf die Zusammensetzung
des Kabinetts.
Woodrow Wilsons zweite Frau, Edith Bolling Galt,
kodierte und dekodierte mit europäischen Staatschefs
ausgetauschte Geheimbotschaften. Nachdem Wilson
einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, übernahm
Edith die von ihr "mein öffentliches Verwalteramt"
genannte Rolle, die von anderen eher als "Regentschaft" bezeichnet wurde - sie leitete die Exekutive
vom Bett des Präsidenten aus und verfaßte ihre
eigenen Memoranden mit den Worten "Unterzeichnet
- Edith Bolling Wilson".
Florence Harding war die Geschäftspartnerin ihres
Mannes bei einer Zeitung aus Ohio und sich somit
klar des Einflusses der Presse auf den politischen
Erfolg ihres Mannes bewußt. Inoffiziell war sie an der
Leitung seiner Wahlkämpfe für das Amt des Senators
und des Präsidenten beteiligt und konnte meisterhaft
für ihn einen Fototermin arrangieren. Sie lenkte die
Aufmerksamkeit auf Frauenorganisationen, indem sie
diese ins Weiße Haus einlud, sprach sich öffentlich
für die Gleichberechtigung der Frau aus und wurde
sogar Ehrenmitglied der Nationalen Frauenpartei.
Über die Rolle Eleanor Roosevelts während des New
Deal wurde viel geschrieben. Nach dem Tod ihres
Mannes führte ihr fortgesetzter Aktivismus sie weit
über eine politische Partnerschaft hinaus, und sie
wurde eine eigene politische Kraft. Als Delegierte der

AMERIKA DIENST 11

�Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen
stellte sie die Annahme der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte 1948 sicher und wurde zu einer
der einflußreichsten politischen Persönlichkeiten des
Jahrhunderts.
Die Rolle Jacqueline Kennedys in der Politik ist
weniger bekannt. Sie nutzte ihre vielfältigen gesellschaftlichen Kontakte sowie glanzvolle Gesellschaften im Weißen Haus, um für die Einrichtung eines
Kabinettspostens für Kunst und Kultur einzutreten.
Nach der Ermordung ihres Mannes warb sie bei
Präsident Johnson für dieses Anliegen, das schließlich zur Gründung der National Endowment for the
Arts and the Humanities führte. Lady Bird Johnson
setzte sich für "Verschönerung" ein - ein Begriff,
hinter dem sich eine ernste Sorge um die Umwelt
verbarg.
Rosalynn Carters Karriere steht für eine Frau, deren
politisches Leben vollkommen mit ihrem Privatleben
vermischt ist. Von Anfang an - seit ihrem Spaziergang Hand in Hand am Tag der Amtseinführung die
Pennsylvania Avenue hinunter bis zum Weißen Haus
- bezeichneten Rosalynn und Jimmy Carter ihr
Weißes Haus offen als "Partnerschaft". Die als
"Stahlmagnolie" verhöhnte Mrs. Carter hatte vor Mrs.
Clinton die offiziellste Rolle als First Lady. Obwohl
sie von Gesetz wegen nicht den Vorsitz der Kommission des Präsidenten für geistige Gesundheit übernehmen konnte und sich mit dem Ehrenvorsitz
zufriedengeben mußte, war es ihre Kommission. Sie
hielt nationale Anhörungen ab, führte Inspektionen
durch, leitete 30 Arbeitsgruppen und sprach im
Senat. Der Bericht der Kommission führte zum

*

AMERIKA DIENST 11

*

Gesetz über geistige Gesundheit von 1980, das mehr
Gelder für die Betreuung geistig Behinderter bereitstellte.
Rosalynn Carter schafft somit den direktesten modernen Präzedenzfall für die Rolle von Hillary Clinton.
Dennoch war sich keiner der über 60 Journalisten,
die mich zu Beginn der Clinton-Administration über
den vermeintlichen "Neubeginn" der Rolle der First
Lady befragten, der von Mrs. Carter geleisteten Arbeit
bewußt.
Während die ältere Generation von First Ladies einer
jüngeren Platz macht, für die Mrs. Clinton stellvertretend ist, werden wir zweifelsohne noch öfter einen
"Neubeginn" sehen. Das von der gegenwärtigen First
Lady erregte Aufsehen ist nur das letzte Kapitel eines
Themas, das sich durch unsere gesamte Geschichte
zieht. Die Kontroverse dreht sich weniger um die
Person Hillary Clinton als um die fortgesetzte, tiefsitzende Ambivalenz, sogar Feindseligkeit Amerikas
gegenüber Macht in den Händen einer Frau.
Forschung, geschichtliche Ausstellungen und allgemeinverständliche Veröffentlichungen, die sich
ernsthaft mit den Präsidentengattinnen auseinandersetzen, können eine große Rolle dabei spielen,
moderne First Ladies in den Kontext einer langen
Reihe von Frauen einzuordnen, die politische Entscheidungen beeinflußten.
Dann würde Hillary
Clintons Aktivismus vielleicht nicht als moderne,
"feministische" Subversion angesehen, sondern
vielmehr als Fortsetzung einer seit langer Zeit bestehenden amerikanischen Tradition.

*

*

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="53">
          <name>Umfang</name>
          <description>Anzahl der Seiten.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12382">
              <text>17 Seiten</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="54">
          <name>Dateityp</name>
          <description>Das Dateiformat des Digitalisats.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12383">
              <text>PDF</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12377">
                <text>23.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12378">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12379">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12380">
                <text>Amerikadienst 23.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12381">
                <text>&lt;strong&gt;1. Sozialgipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Marktsystem setzt Humankapital frei&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es bleibt in der Familie - die Vereinigten Staaten und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Simon Serfaty&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten starten globales Umweltbildungsnetz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Edward Taishoff&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Macht und Einfluss der First Ladies&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Edith P. Mayo&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2399" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2410">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/03893fa4788e2d3501a7f465cb358cf2.pdf</src>
        <authentication>6c5175cd538c1d78fae5058e8f1c099d</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12392">
                    <text>cimerikci

dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

12

29. März 1995

KLIMAKONFERENZ

DER GLOBALE KLIMAWANDEL
Rede von Vizepräsident AI Gore

NW

STRATEGISCHE NUKLEARPOLITIK UND
NICHTVERBREITUNG
von Paul C. Warnke

TAG DER ERDE

DIE ERDE RUFT
von Jean B. Evans

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�KLIMAKONFERENZ
29. März 1995

Der globale Klimawandel
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir in wesentlichen Auszügen eine am 17. März 1995 von
Vizepräsident AI Gore an der George Washington University gehaltene Rede.
Es ist schön, wieder an der George Washington
University zu sein. Und ein Grund dafür ist die
Tatsache, daß dies die erste grüne Universität der
Nation ist. Durch die von Ihnen eingegangene
Verpflichtung zu einer einzigartigen Partnerschaft mit
dem Umweltschutzamt wurden Sie zur ersten
Universität Amerikas, die einen wahrhaft umfassenden Plan für Umweltbewußtsein bei ihren gesamten
Aktivitäten entwickelt.
Dazu möchte ich Ihnen
gratulieren.
15 Studenten des AmeriCorps beteiligen sich an der
"Initiative Grüne Universität". Sie leisten ausgezeichnete Arbeit und erstellen einen beispielhaften Umweltprüfungsplan, der umweltfreundliche und kostensparende Maßnahmen einleiten wird.
Es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt, eine
Frage anzusprechen, die meines Erachtens die
ernsteste Manifestation der Umweltkrise ist, welche
jetzt den radikalen Wandel in den Beziehungen
zwischen der menschlichen Zivilisation und der Natur
charakterisiert.
In zwei Wochen werden Delegierte aus über 120
Ländern in Berlin bei der ersten Konferenz der
Unterzeichnerstaaten der UN-Klimarahmenkonvention die Frage weltweiter Klimaveränderungen
erörtern. Zu Beginn meiner heutigen Ausführungen
zu diesem Thema möchte ich die Äußerung eines
alten irischen Politikers, Sir Boyle Roche, zitieren,
der vergangenes Jahrhundert die sarkastische Frage
stellte: "Warum sollten wir uns überschlagen, um
etwas für die Nachwelt zu tun? Was hat die Nachwelt denn je für uns getan?" Diese Denkweise
fände sicherlich in diesem Kongreß Anklang.
Die Nachwelt spielt bei den Überlegungen zum
weltweiten Klimawandel eine besondere Rolle, denn
unsere heutigen Aktionen haben weitreichende
Konsequenzen für die Umwelt, die wir künftigen
Generationen hinterlassen. Das Engagement für die
Nachwelt erfordert, daß wir diesen tiefgreifenden

AMERIKA DIENST 12

Wandel in der Natur der Beziehungen zwischen
menschlicher Zivilisation und dem Ökosystem der
Erde akzeptieren und verstehen.
Ich habe eben erwähnt, daß meines Erachtens die
weltweiten Klimaveränderungen eine Manifestation
des radikalen Wandels in den grundlegenden Beziehungen zwischen Zivilisation und der Erde sind. Dies
zeigt sich auch auf andere Weise: An der schnellen
Zerstörung der Wälder, insbesondere der tropischen
Regenwälder, dem Verlust der Artenvielfalt in einem
Tempo, das auf diesem Planeten seit dem Aussterben der Dinosaurier vor Millionen Jahren nicht
mehr zu beobachten war, der Vergiftung von Luft und
Wasser in vielen Teilen der Erde sowie dem Verfall
wichtiger Ökosysteme - vom Aralsee in Mittelasien bis
zu den Korallenriffen an den seichten Stellen der
Weltmeere.
Dies alles, einschließlich der weltweiten Klimaveränderungen, sind Manifestationen des Wandels in
den Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt.
Dieser radikale Wandel ereignet sich zu Lebzeiten
der in diesem Auditorium versammelten Menschen
aufgrund des Zusammentreffens dreier Faktoren.
Erstens die beispiellose weltweite Bevölkerungsexplosion. Alle zehn Jahre nimmt die Weltbevölkerung um eine Zahl zu, die der Einwohnerzahl Chinas
entspricht. Wir haben jedoch einen wohldurchdachten Aktionsplan zur Unterstützung der Nationen
eingeleitet, die ihr Bevölkerungswachstum stabilisieren möchten. Aber die dem Wachstum innewohnende Dynamik führt dazu, daß sich die schnelle Bevölkerungszunahme noch einige Zeit fortsetzen wird.
Der zweite Faktor ist die Beschleunigung der wissenschaftlichen und technologischen Revolution, welche
die Einflußmöglichkeiten des Menschen auf seine
Umwelt stark erhöhte. Um einen Vergleich anzustellen: Es ist eine uralte Gewohnheit des Menschen,
Kriege zu führen. Die Erfindung von Nuklearwaffen
hat die Konsequenzen umfassender Kriegführung
jedoch derart verändert, daß wir uns über diese uralte

Seite 1

�Gewohnheit neue Gedanken machen müssen. Der
Kalte Krieg war zum Teil das Resultat einer ernüchternden Überprüfung dessen, was ein totaler Krieg
mit diesen unglaublich starken neuen Waffen bedeuten würde.
Insgesamt haben sich die Konsequenzen einer
vollständigen Ausbeutung der Erde mit ebensolcher
Sicherheit gewandelt, wie die Nuklearwaffen die
Konsequenzen totaler Kriegführung veränderten.
Daher müssen wir überdenken, wie wir das Land,
das Wasser, die Luft oder unsere lebenserhaltenden
Systeme nutzen.
Der dritte, zu diesem radikalen Wandel führende
Faktor ist in mancherlei Hinsicht der wichtigste - eine
philosophische Veränderung unserer Denkweise
über die Konsequenzen unseres umweltpolitischen
Handelns - eine Veränderung, die bei allzu vielen
Menschen zu der Annahme geführt hat, wir müßten
die Auswirkungen unserer derzeitigen Aktionen nicht
in Betracht ziehen.
Diese drei Faktoren zusammengenommen haben
einen Wandel herbeigeführt, mit dem wir uns auf
Zusammenkünften wie der Kairoer Konferenz über
Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung sowie der
Vielzahl von Beratungen im Vorfeld des Montrealer
Protokolls über die Begrenzung der Emission die
Ozonschicht schädigender Stoffe in die Stratosphäre
sowie bei Konferenzen wie der in zwei Wochen in
Berlin anberaumten über den weltweiten Klimawandel auseinandersetzen müssen.
Beim Umgang mit dieser Frage müssen wir bei den
Fakten beginnen. Und jede Erörterung der Fakten
muß die Kategorien in Betracht ziehen, über die
Einigkeit besteht, sowie diejenigen, über die Uneinigkeit besteht. Ich möchte mich auf die erstgenannten konzentrieren, da breite Übereinstimmung
über die dieses Problem charakterisierenden zentralen Tatsachen besteht.
Ungeachtet der revisionistischen Sichtweise besteht
ein starker nationaler und internationaler Konsens
über die drängendsten Fragen. Erstens: Wir
wissen, daß sich Treibhausgase schnell in der
Atmosphäre ansammeln. Seit der Industriellen
Revolution sind die Konzentrationen von Kohlendioxid um ungefähr 25 Prozent angestiegen, der
Gehalt von Stickstoffoxyd um 15 Prozent, Methan
um mehr als 100 Prozent.
Zweitens: Die Wissenschaftler sind sich auch einig,
daß eine fortgesetzte Zunahme von Treibhausgasen
einen Klimawandel verursachen wird. Das entscheidende Wort in diesem Satz ist "wird", nicht
"könnte". Ein weiterer Zuwachs dieser Gase wird zu

Seite 2

einem Klimawandel führen. Darüber gibt es kaum
ernstzunehmende Meinungsverschiedenheiten. Die
Wissenschaftler können uns nicht das Tempo dieser
Veränderungen oder ihren genauen Verlauf vorhersagen, aber sie sagen uns, daß ein Wandel bevorsteht.
Es besteht ein internationaler Konsens darüber, daß
die Oberflächentemperatur der Erde im kommenden
Jahrhundert durchschnittlich zwischen 1° und 4,5° C
ansteigen könnte. Diese Rate war auf unserem
Planeten seit mindestens 10.000 Jahren nicht mehr
zu beobachten. Das heißt, sie ist in der gesamten
Geschichte der menschlichen Zivilisation einzigartig.
Seit die ersten Städte auf der Erde entstanden,
wurde kein solcher Wandel mehr beobachtet.
Die Vereinigten Staaten und andere höhergelegene
Länder sollen sich sogar noch mehr erwärmen - bis
zu 5,5° C. Allein im letzten Jahrhundert stieg die
Temperatur der Erde um ungefähr 0,5° C an. Die
neun wärmsten Jahre in diesem Jahrhundert fielen
allesamt in die Zeit nach 1980, obwohl der Ausbruch
des Pinatubo - wie damals prognostiziert - die Temperaturen ungefähr drei Jahre niedrig hielt, bis die
schweren Partikel, die einen winzigen Teil der Sonnenstrahlen abhielten, aus der Atmosphäre zurück
auf die Erde gefallen waren.
Es gibt bereits düstere Anzeichen für einen beträchtlichen Wandel. Alpengletscher in allen Teilen der
Welt schmelzen schnell. Sie haben vielleicht vor
kurzem die Bilder eines prähistorischen Wanderers
gesehen, dessen Körper bei einem Bergpaß in den
italienischen Alpen gefunden wurde. Er lag einfach
dort. Warum hatte ihn in den vergangenen 5.000
Jahren niemand entdeckt? Weil das ihn bedeckende
Eis seit 5.000 Jahren nicht geschmolzen ist. Und
jetzt ist es geschmolzen.
In anderen Gebieten, in denen in der Geschichte der
Menschheit kein Rückzug des Eises zu beobachten
war, schmilzt dieses jetzt. Die Schneedecke in der
nördlichen Hemisphäre nimmt ab - Beweis für eine
Abnahme des Eises im arktischen Meer. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge in den niedriger
gelegenen 48 Staaten stieg im letzten Jahrhundert
um ungefähr 5 Prozent an. Sintflutartige Regenfälle
nahmen im Sommer während der landwirtschaftlichen
Wachstumszeit zu.
Dies sind besorgniserregende, komplexe und schwierige Fragen, mit denen wir uns befassen müssen.
Wir sollten jedoch nicht erwarten, daß sie nach einem
Muster langsamen und allmählichen Wandels erfolgen. Wir wissen, daß es in der Natur eine Vielzahl
kritischer Punkte gibt, die einen plötzlichen und
dramatischen Wandel auslösen können. Eine Erwär-

AMERIKA DIENST 12

•

�mung der Erde verändert die Niederschläge, die
Feuchtigkeit des Bodens und der Meeresspiegel
können zu Veränderungen im Bereich von Ernten,
Wäldern und Feuchtgebieten führen. Veränderungen bei der Niederschlagstätigkeit können zu Dürreperioden in einigen Gebieten und einer Erhöhung
der Niederschlagsmenge in anderen führen. Sie
rufen Veränderungen bei Mikrobenpopulationen,
Schädlingen, der Flora und Fauna sowie der Anfälligkeit für Viren und Bakterien hervor.
Kombinationen von Veränderungen können dramatische Auswirkungen haben - zunehmender Niederschlag kann zu mehr Überflutungen führen und
zusammen mit einem Anstieg des Meeresspiegels
die Existenz niedrig gelegener Küstengemeinden
sowie die Existenz einiger kleiner Inselstaaten und
tiefgelegener Küstennationen bedrohen.
Wissenschaftler in mehreren Teilen der Welt verliehen ihrer Sorge über die Zunahme drastischer
meteorologischer Ereignisse Ausdruck. In unserem
Land sahen wir die Auswirkungen in Form des
sogenannten "El Nifto", eines Schemas, das von
einem alle zwei bis fünf Jahre stattfindenden Ereignis bis zu einem relativ neuen Ereignis der letzten
anderthalb Jahrzehnte reicht, das beinahe Tendenz
zur Dauerhaftigkeit zeigt.
Einige Vertreter der Wirtschaft, deren Arbeit sie
besonders sensibel gegenüber diesen Veränderungen macht, verleihen ebenfalls ihrer Sorge Ausdruck.
Kürzlich traf ich mit zahlreichen Vertretern des
Versicherungs- und
Rückversicherungswesens
zusammen. Frank Nutter, der Präsident des amerikanischen Rückversicherungsverbands, warnte vor
ernsten Anzeichen für einen Konkurs im Versicherungswesen, der von "bedeutenden, vielleicht
dauerhaften Veränderungen des Klimas in diesem
Land und auf der Welt" herrühre.
Es ist leicht einzusehen, warum sich die Versicherungsunternehmen Sorgen machen.
1993 verursachte das Hochwasser des Mississippi Schäden
in Höhe von geschätzten 10 bis 20 Milliarden Dollar.
Der Wirbelsturm Hugo kostete die Bundesregierung
1,6 Milliarden Dollar.
Der Wirbelsturm Andrew
überschritt die Marke von 2 Milliarden an staatlicher
Katastrophenhilfe und verursachte den Versicherungsunternehmen Kosten von mindestens 16
Milliarden Dollar. Die Überflutungen und Schlammlawinen in Kalifornien verursachten allein in diesem
Jahr Schäden von über 2 Milliarden Dollar.
Können wir ruhigen Gewissens davon ausgehen, wir
müßten nicht handeln, um zu verhindern, daß
Klimaveränderungen zu einer Häufung schwerwiegender Ereignisse dieser Art führen? Wir ignorieren

AMERIKA DIENST 12

diese Veränderungen auf eigene Gefahr. Ich habe
bereits erwähnt, daß der Klimawandel zu einer
Veränderung der Mikrobenpopulationen führen kann.
Die Ausbreitung ansteckender Krankheiten wie
Malaria und Denguefieber kann sich entscheidend
ändern.
Wie sollten wir auf diese Art von Bedrohung reagieren? Die Clinton-Administration ist der Ansicht, daß
wir uns vor möglicherweise verheerenden Auswirkungen schützen sollten, während wir gleichzeitig unser
wissenschaftliches Verständnis für diese Fragen
durch ein aggressives Forschungsprogramm vertiefen. Dieser Ansatz ist tatsächlich vergleichbar
einer Versicherungspolice und nicht nur eine abstrakte Vorstellung.
Vor drei Jahren unterzeichneten wir gemeinsam mit
anderen Ländern der internationalen Staatengemeinschaft eine historische Rahmenkonvention über den
Klimawandel. Dies war der Beginn des Entwurfs
einer Art von Versicherungspolice. Es handelt sich
um einen Vertrag, der alle Nationen zur gemeinsamen Arbeit an beispiellosen Bestrebungen zum
Schutz der globalen Umwelt aufruft. Insbesondere
die Industrienationen wurden aufgefordert, durch die
Stabilisierung der Treibhausgasemissionen auf dem
Stand von 1990 bis zum Jahr 2000 eine Führungsrolle zu übernehmen.
Kurz nach seiner Amtsübernahme ging Präsident
Clinton über die vage, unverbindliche Sprachregelung
des Vertrags hinaus und erklärte, die Vereinigten
Staaten würden das im Vertrag festgesetzte Ziel
erreichen. Das Engagement des Präsidenten war als
Ergänzung seiner Ziele im wirtschaftlichen Bereich
gedacht. Er versprach einen Umschwung der amerikanischen Wirtschaft, den er auch vollzog. Die
Inflation ist gesunken, die Wachstumsrate steigt, die
Arbeitslosigkeit sinkt, die Zahl der Arbeitsplätze steigt.
Insgesamt demonstrieren wir, daß wirtschaftlicher und
umweltpolitischer Fortschritt Hand in Hand gehen
können.
Zweifellos stellt der von Präsident Clinton verfolgte
starke wirtschaftliche Kurs mehrere Annahmen des
Plans in Frage. Anstatt uns von diesen guten Nachrichten abzuwenden, begrüßen wir sie.
Heute
möchte ich das vom Präsidenten gegebene Versprechen bekräftigen:
Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich, bis zum Jahr 2000 die Treibhausgasemissionen von 1990 zu erreichen. Wir haben
einen ehrgeizigen Plan entwickelt, um das vom
Präsidenten abgegebene Versprechen zu erfüllen.
40 von 47 dieser Initiativen sind finanziert und
eingeleitet worden. Die meisten haben ein gemeinsames Merkmal - sie bringen neue, saubere Arbeitsplätze für unsere Zukunft.

Seite 3

�Beispielsweise haben wir freiwillige Abkommen mit
einem Großteil unserer Versorgungsunternehmen
zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen abgeschlossen. Mit der amerikanischen Industrie wurden
ähnliche Partnerschaften über energiesparende
Computer, Gebäude und Beleuchtungssysteme
eingegangen. Wir haben der globalen Umweltfazilität für die zweite Phase ihrer Umstrukturierung 430
Millionen Dollar zugesagt - den höchsten Beitrag
eines Landes. Wir haben eine neue Initiative für
Umwelttechnologien in die Wege geleitet, die sich
auf über 1 Milliarde Dollar beläuft, um modernste
Umwelttechnologien zu entwickeln und zu verbreiten.
Und die Vereinigten Staaten haben das erste Pilotprogramm der Welt ins Leben gerufen, um die
Durchführbarkeit gemeinsamer Investitionsprojekte
mit anderen Ländern zu prüfen, die auf die Reduzierung oder Eindämmung von Treibhausgasen und die
Förderung tragfähiger Entwicklung abzielen.
Darüber hinaus haben wir eine Partnerschaft mit der
Automobilindustrie über eine neue Generation von
Fahrzeugen geschlossen, die auch als "Initiative
sauberes Auto" bekannt ist. Es ist eine echte Partnerschaft. Die drei großen amerikanischen Automobilhersteller sind daran ebenso beteiligt wie die
nationalen Labors, alle relevanten Bundesbehörden
und zahlreiche Zulieferer von Autoteilen, Material
und Gerät sowie technische Hochschulen und
Studenten im ganzen Land. Gemeinsam nehmen
wir eine technische Herausforderung in Angriff, die
in mancher Hinsicht der Mondlandung vergleichbar
ist. Wir werden ein Auto entwickeln, das dreimal so
sparsam ist wie die heutigen Automobile, ohne Opfer
bei Kosten, Bequemlichkeit oder Sicherheit bringen
zu müssen.
Im Verlauf dieses Prozesses hoffen wir die besten
Wege zur Anwendung der neuen Technologien zu
entdecken, die zu noch größeren Verbesserungen
bei der Wirtschaftlichkeit führen können - und dies
alles binnen 10 Jahren. Der Erfolg dieses Vorgehens wird weniger Abhängigkeit von ausländischem Öl und geringere Treibhausgasemissionen
bedeuten. Und abgesehen von den Vorteilen für
den amerikanischen Verbraucher birgt das Projekt
auch das Versprechen eines extrem attraktiven und
wettbewerbsfähigen Autos für Weltmärkte bis zur
Jahrhundertwende sowie einer florierenden amerikanischen Automobilindustrie, die es produziert.
Unsere Bauinitiative hat das Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit dieser 800 Milliarden Dollar-Industrie durch
die Entwicklung sehr viel besserer Konstruktionstechnologien zu verbessern, die zu geringeren
Emissionen führen. Mit der uneingeschränkten
Zusammenarbeit der Industrie wollen wir sicherstellen, daß unsere Gebäude - ebenso wie unsere

Seite 4

Industrie es ist - die produktivsten, effizientesten,
sichersten und dauerhaftesten der gesamten Welt
sind. Das bedeutet, die Lieferzeit bei einer 50prozentigen Kürzung der Produktionskosten um die
Hälfte zu verkürzen.
Wir streben eine 50prozentige Verringerung von
Verletzungen und Krankheiten im Baugewerbe bei
einer 30prozentigen Verbesserung von Produktivität
und Komfort an. Und wir erarbeiten gemeinsam mit
der Industrie detaillierte Pläne zur Erlangung dieser
Ziele. Wir wollen 50 Prozent weniger Abfall und
Luftverschmutzung sowie 50 Prozent mehr Dauerhaftigkeit und Flexibilität.
Wir sind uns darüber im klaren, daß unser Plan
ehrgeizig ist. Und wir sind uns bewußt, daß er der
Unterstützung der Politiker auf dem Capitol Hill
bedarf. Einige unserer früheren Anträge wurden nicht
voll finanziert, und der Kongreß erwägt jetzt, die
vorher zugesagten Mittel zurückzunehmen. Ebenso
wie dieser Vertrag internationalen Konsens erfordert,
benötigt unsere innenpolitische Antwort einen nationalen Konsens. Wir wollen mit dem Kongreß in einer
echten Partnerschaft im Interesse unserer Nation, der
Welt und ihrer Menschen zusammenarbeiten. Es
obliegt jedoch der neuen republikanischen Führung
im Kongreß, die durch den Klimawandel gebotenen
Herausforderungen und Chancen sowie die Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle zu erkennen.
Dieser Verantwortung in der Zukunft gerecht zu
werden, bedingt die Erkenntnis, daß unsere Pläne
und die unserer industrialisierten Partner nur ein
erster Schritt sind. In zwei Wochen werden die
Nationen in Berlin zusammenkommen um zu entscheiden, was die internationale Staatengemeinschaft
als Reaktion auf die jetzt vorliegenden dramatischen
wissenschaftlichen Beweise noch tun kann. Auch
hierbei wird diese Administration an vorderster Front
der globalen Bestrebungen stehen.
Seit fast einem Jahr haben wir erklärt, daß dieses
Abkommen unserer Ansicht nach nicht ausreicht. Es
enthält nur ein Ziel für das Jahr 2000, und dieses Ziel
findet nur auf eine begrenzte Zahl von Ländern
Anwendung. Wir sind jetzt in einer Situation, in der
die auf der ganzen Welt politisch durchführbare
maximale Reaktion immer noch nicht ausreicht, um
dieses Problem wirklich in Angriff zu nehmen. Und
die Nationen der Welt werden zusammenarbeiten
müssen, um echte Richtlinien bezüglich der nach
dem Jahr 2000 zu ergreifenden Schritte zu entwikkeln. Wir müssen also ein neues Ziel für die Zukunft
aushandeln.

AMERIKA DIENST 12

�Angesichts dieser Begrenzungen und unter Berücksichtigung unserer Verantwortung für die Zukunft
arbeiten wir mit anderen Nationen an der Formulierung eines Mandats, dem in Berlin zugestimmt
werden kann und das den Kurs für nächste Schritte
im Rahmen des Vertrags festlegen kann. Dies
erfordert von uns allen die sorgfältige Prüfung, was
wir zur weiteren Reduzierung von Treibhausgasemissionen unternehmen können. Mit anderen
Worten besteht unser Ziel in Berlin darin, ein Fundament zu legen und mit der Arbeit zu beginnen.
Ebenso wie im natürlichen Klimasystem gibt es im
politischen System kritische Punkte. Wenn die
Beweise den Stand erreichen, an dem genügend
Leute nicht länger den Skeptikern zuhören wollen,
deren Argumente nicht auf Fakten gegründet sind,
dann verbessern sich nach diesem kritischen Punkt
die Chancen für durchschlagende Aktionen erheblich. Aus diesem Grund ist es wichtig, qualitativ
hochwertige Forschung zu betreiben. Wir haben
diesen Prozeß hier in den Vereinigten Staaten
bereits begonnen, und dies wird Teil des von uns in
Zukunft verfolgten Prozesses sein.
Aber jetzt ist es an der Zeit, die Verhandlungen
wiederaufzunehmen und die Ziele des Vertrags in
konkreterer Weise anzugehen. Jetzt ist es an der
Zeit, ein neues Verhandlungsmandat zu formulieren,
das uns die Erfüllung unserer Verpflichtungen
gegenüber künftigen Generationen gestatten wird ein Mandat, das sicherstellt, daß wir von den für die
Phase vor dem Jahr 2000 dargelegten wichtigen
ersten Schritten aus weitergehen.
Wir sind der festen Überzeugung, daß sich alle
Nationen an diesen Bestrebungen beteiligen müssen. Zweifelsohne können und sollten die Industrienationen, die am meisten zu dem Problem beigetragen haben, die Führungsrolle übernehmen.
Und wir werden dies tun. Aber wir können die
Tatsache einfach nicht ignorieren, daß die Emissionen in den Entwicklungsländern am schnellsten
ansteigen, die zusammengenommen für inzwischen
nahezu 50 Prozent aller Treibhausgasemissionen
der Welt verantwortlich sind. Wir wissen, daß den
Industrienationen eine besondere Verantwortung
zukommt, und wir unterstützen uneingeschränkt den
Appell der Konvention für die Übernahme gemeinsamer aber differenzierter Pflichten. Wir möchten
jedoch, daß sich die Entwicklungsländer mit uns an
den Verhandlungstisch setzen, so daß wir zusammen diese gemeinsamen aber differenzierten Pflichten für die Zeit nach dem Jahr 2000 definieren
können. Nicht damit wir alleine weniger, sondern
damit wir gemeinsam mehr tun können - durch
Handel, technologische Zusammenarbeit und ein

AMERIKA DIENST 12

breites Spektrum von Strategien, die Vorteile für alle
Nationen bieten.
Wir müssen auch bessere Arbeit leisten um sicherzustellen, daß die Nationen den Worten Taten folgen
lassen und wir bezüglich unserer Äußerungen über
unser Vorgehen zur Rechenschaft gezogen werden.
Bis heute hat nur eine Handvoll Nationen klare und
substantielle Vorschläge unterbreitet, mit denen die
von ihnen angekündigten Emissionsreduzierungen
verwirklicht werden können. Wir müssen eindeutig
klarstellen:
Gute Absichten und hochfliegende
Rhetorik werden nicht ausreichen, um uns bei der
Erfüllung der mit der Emissionsreduzierung einhergehenden beträchtlichen
Herausforderungen
behilflich zu sein. Was im Rahmen des Vertrag
benötigt und erwartet wird, sind konkrete Aktionen.
Bei den der Berliner Konferenz folgenden Verhandlungen ist es unabdingbar, daß wir einen Maßnahmenkatalog formulieren, aus dem wir Strategien zur
Erreichung des neuen, für die Zeit nach dem Jahr
2000 festgelegten Ziels auswählen. Nur eine analytische Phase als Teil des Verhandlungsprozesses
kann uns realisierbare Maßnahmen und das realistische Verständnis dessen bieten, wie unsere Erwartungen und Ziele für die Zukunft aussehen sollten.
Die ausgewählten Maßnahmen müssen wirklich eine
Emissionsreduzierung herbeiführen, und die Nationen
müssen bereit sein, Aktionen in die Wege zu leiten
und Resultate vorzulegen.
Und schließlich sind wir der Auffassung, daß ein
Verhandlungsmandat so schnell wie möglich formuliert werden sollte. Wir glauben, daß ein aggressiver,
ehrgeiziger Ansatz, der kurz- und langfristige Ziele
berücksichtigt - das heißt, für die Jahre 2010 und
2020 - bis 1997 entwickelt werden kann, wenn die
dritte Konferenz der Unterzeichnerstaaten abgehalten
wird. Unseres Erachtens ist dies ein faires Datum,
das unsere Sichtweise der Bedeutung und Dringlichkeit des Problems der Klimaveränderungen
widerspiegelt und uns auch die Vorlaufzeit zur
Entwicklung und Nutzung neuer Technologien gibt.
Auf der einen Seite haben wir Nationen, die eine
starke Wählerschaft in ihren jeweiligen Ländern durch
Überbieten der übrigen Staaten bei ihren Versprechen zur Emissionsreduzierung mittels künftiger
Aktionen zu beruhigen suchen. Was künftige Generationen jedoch benötigen, sind aggressive, meßbare
und ehrgeizige Aktionen und nicht politische Versprechungen künftiger Aktionen.
Auf der anderen Seite möchten Neinsager - einige
davon in unserem eigenen Land - daß die Vereinigten Staaten schwierigen Problemen wie globaler
Klimaveränderung, Abbau der Ozonschicht und allen

Seite 5

�möglichen Bedrohungen der Gesundheit des Menschen und der Umwelt ausweichen oder sie ignorieren. Weit entfernt vom wissenschaftlichen Konsens
leugnen sie die Existenz des Problems und versuchen, die Vereinigten Staaten sogar von der
Artikulierung ihrer Sorgen abzuhalten, obwohl die
von uns vorgesehenen Aktionen gleichermaßen gut
für die Umwelt und die Volkswirtschaft sind.

heit unserer Arbeitnehmer und die Integrität unserer
Umwelt dürfen nicht so rücksichtslos aufs Spiel
gesetzt werden.

Dies ist eine intellektuell, politisch und moralisch
bankrotte Situation, der widerstanden werden muß.
Sie gleicht der Position, die so lange Zeit von der
Tabakindustrie angesichts wachsender medizinischer
und wissenschaftlicher Beweise über den Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs vertreten wurde.
Bis heute können der
kausale Zusammenhang und alle Einzelheiten, wie
Zigarettenrauchen Lungenkrebs verursacht, nicht mit
Genauigkeit festgestellt werden. Der Zusammenhang wird jedoch erkannt. Dies ist eine medizinische Tatsache. Aber viele Jahre lang haben diejenigen mit einem wirtschaftlichen Interesse an der
Verzögerung der Erkenntnis dieses Zusammenhangs
auf nicht plausible Weise argumentiert, die wissenschaftlichen Beweise seien fraglich, müßten ignoriert
werden und seien als Grundlage jeglicher Schlußfolgerung unzureichend.

Abschließend möchte ich eine Analogie zu der
Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft auf
ein anderes Problem bilden, das in mancher Hinsicht
der globalen Klimaveränderung vergleichbar ist. Es
handelt sich um das Problem des Abbaus der Ozonschicht. Bei ungefähr gleichem wissenschaftlichen
Kenntnisstand kamen die Nationen der Welt vor zehn
Jahren in Montreal zusammen, um kluge Schritte
zum Schutz der Stratosphäre zu unternehmen. Diese
ersten Bestrebungen wurden nach einer beeindrukkenden wissenschaftlichen Entdeckung verstärkt einem Loch in der Ozonschicht über der Antarktis von
der Größe des nordamerikanischen Kontinents.

Sie hatten Unrecht. Und diejenigen, die jetzt versuchen, die Erkenntnis eines Zusammenhangs
zwischen der Ansammlung von Treibhausgasen und
der globalen Klimaveränderung zu verzögern, haben
ebenfalls Unrecht. Wenn Sie an die dramatischen
Feuer in Kuwait zurückdenken, als die Ölfeider 1991
in Brand gesetzt wurden, so betrug der gesamte
Kohlendioxidausstoß weniger als 1 Prozent dessen,
was wir jedes Jahr in die Umwelt freisetzen. Und
diese Menge nimmt jedes Jahr zu.
Wir dürfen nicht vergessen, daß wir jetzt Zeuge des
extremsten und konzertiertesten Angriffs auf die
Umwelt in der Geschichte werden. Das Kernstück
des sogenannten Vertrags mit Amerika ist ein Pfeil
in das Herz der Umweltgesetze und -Verpflichtungen
der Nation. Hinter geheimnisvoller Rhetorik über die
Reform der Bestimmungen verbirgt sich ein in der
Presse weithin erkannter direkter Angriff, der effektiv
viele der wichtigsten Umweltgesetze des Landes vom Gesetz über saubere Luft und dem Gesetz über
sauberes Wasser bis zum Gesetz über gefährdete
Arten - rückgängig macht. Der Präsident und ich
unterstützen dies nicht und werden es nicht akzeptieren. Die Gesundheit unserer Kinder, die Sicher-

*

Seite 6

Statt die Umweltinitiativen anzugreifen, hoffen wir,
daß der Kongreß mit uns gemeinsam Maßnahmen
erarbeitet, die ebenso umweltverträglich wie wirtschaftlich vorteilhaft sind.

Nachdem diese Entdeckung bestätigt wurde, überschritt die internationale Staatengemeinschaft die
Schwelle, hinter der die Einigung über die Notwendigkeit zu handeln viel leichter wurde. Dies führte zu
den Londoner Zusatzartikeln von 1990, mit denen die
Welt das schrittweise Verbot der die Ozonschicht am
stärksten schädigenden Chemikalien vereinbarte
sowie zum darauffolgenden Kopenhagener Abkommen, das den Prozeß um fünf Jahre beschleunigte.
Jeder Amerikaner kann stolz darauf sein, daß die
Vereinigten Staaten politisch und wissenschaftlich zu
diesen Bestrebungen beigetragen haben.
Ebenso wie beim Ozonproblem haben die Nationen
bezüglich der Art der Bedrohung durch den Klimawandel Einigung erzielt, und wir haben erste vorsichtige Schritte zur Abwendung dieser Bedrohung
unternommen. Dies ist jedoch nur der Anfang. Ich
glaube, wir können die von mir zu Beginn meiner
Rede zitierte Frage von Sir Roche bezüglich der
Nachwelt mit einem von dem großartigen irischen
Dichter William Butler Yeats verfaßten Satz beantworten. Er schrieb: "Ich habe meine Träume unter
Deinen Füßen ausgebreitet. Tritt sanft auf, denn Du
trittst auf meine Träume."
Wenn wir nicht sanft auftreten, werden unsere
Träume für die Zukunft nichts als Träume bleiben.
Wir wollen sicherstellen, daß unsere nächsten
Schritte die richtigen sind. Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 12

�NW
29. März 1995

Strategische Nuklearpolitik und Nichtverbreitung
von Paul C. Warnke
Der Chefunterhändler für Rüstungskontrolle unter der Carter-Administration, Paul C. Warnke, zieht eine Bilanz
der Geschichte des Nichtverbreitungsvertrags (NW) von 1970 bis zur Gegenwart. Seiner Ansicht nach hängt
die erfolgreiche Verlängerung des N W bei der für April 1995 anberaumten Konferenz entscheidend vom
Verzicht auf den Ersteinsatz von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten und andere erklärte
Atomwaffenstaaten ab.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Arms Control Today, Mai 1994.

Im April 1995 wird eine Konferenz zur Erörterung der
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags einberufen. Diese Konferenz ist im Vertrag selbst
zwingend vorgeschrieben, der vorsieht, daß die
Parteien 25 Jahre nach seinem Inkrafttreten am 5.
März 1970 zusammenkommen, um den Zeitraum
einer Verlängerung festzulegen.
Das erklärte Ziel der Vereinigten Staaten ist die
unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des

Vertrags bei dieser Konferenz. In seiner Rede vor
den Vereinten Nationen im September 1993 räumte
Präsident Bill Clinton der nuklearen Nichtverbreitung
oberste Priorität ein. Die derzeitige Besorgnis über
die Nuklearbestrebungen Nordkoreas sind nur ein
letzter Beweis für die Bedeutung von Maßnahmen,
die zusätzliche nationale Nukleararsenale entmutigen. Die Dringlichkeit dieses Ziels wurde noch
durch die Tatsache unterstrichen, daß der Irak
bereits geraume Zeit vor dem Golfkrieg Nuklearwaffen beschaffte und Südafrika ein halbes Dutzend
Nuklearwaffen gebaut hatte, die inzwischen von der
Regierung in Pretoria zerstört wurden.
Die Chancen für die Erlangung der unbegrenzten
und bedingungslosen Verlängerung des N W sowie
der globalen Einhaltung seiner Bedingungen werden
jedoch maßgeblich durch die strategischen Maßnahmen und das Verhalten der derzeitigen Atomwaffenstaaten beeinflußt.
NW-Verpflichtungen der erklärten Atomwaffenstaaten
Das stärkste Hindernis für die nukleare Weiterverbreitung ist der N W , unter dem sich inzwischen 155
Länder verpflichtet haben, auf die Beschaffung von

AMERIKA DIENST 12

Nuklearwaffen zu verzichten.
Ein gravierender
Mangel des Vertrags ist, daß er in gewisser Weise
diskriminiert. Er gestattet den fünf erklärten Atomwaffenstaaten die Beibehaltung - und sogar Erweiterung - ihrer Nukleararsenale, während Nichtatomwaffenstaaten dem Club nicht beitreten dürfen. In dem
Bestreben, diese Schwäche auszumerzen, verpflichtet
Artikel VI die Atommächte, "Verhandlungen über
wirksame Maßnahmen betreffend die Einstellung des
nuklearen Rüstungswettlaufs zu einem frühzeitigen
Datum sowie betreffend nukleare Abrüstung ... in
gutem Glauben fortzusetzen". Und die Präambel des
Vertrags verpflichtet die Vertragsparteien ausdrücklich, "die Einstellung aller Testexplosionen von
Kernwaffen für alle Zeiten herbeizuführen".
Die Verpflichtung zur Einstellung aller Atomtestversuche ist ebenfalls in der Präambel des Vertrags zur
Begrenzung von Atomversuchen (Limited Test Ban
Treaty - LTBT) von 1963 enthalten. Dieser Vertrag
verbietet Nuklearexplosionen in der Atmosphäre, im
Weltraum und unter Wasser. Der Vertrag blieb weit
hinter Präsident Dwigth Eisenhowers Ziel eines
umfassenden Atomtestverbots zurück, das ebenfalls
von Präsident John F. Kennedy in seiner Rede an
der American University im Juni 1963 formuliert
wurde, in der er die Beendigung aller Kernwaffentests
forderte. Kennedy ging jedoch den Kompromiß ein,
daß aufgrund der ungelösten Differenzen mit der
Sowjetunion über die Zahl der erlaubten Vor-OrtInspektionen zu Verifizierungszwecken und der
unbeugsamen Haltung vieler mächtiger Senatoren,
der Vereinigten Stabschefs und der Atomlabors
zumindest unterirdische Versuche unerläßlich für die
Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung der
Vereinigten Staaten seien.

Seite 1

�Die Bereitschaft der Nichtnuklearwaffenstaaten, sich
unbegrenzt zur Einhaltung ihres Teils des N W zu
verpflichten, wird vor allem davon abhängen, wie die
Vereinigten Staaten, Großbritannien, China, Frankreich und Rußland ihrer Ansicht nach die Vertragsverpflichtungen erfüllen. Und sie werden sehr daran
interessiert sein, wie die Atomwaffenstaaten ihre
Weltuntergangswaffen in der neuen Weltordnung
sehen. Werden Nuklearwaffen als lästiges Erbe des
Kalten Krieges betrachtet oder als dauerhaftes
Symbol von Macht und Prestige? Die Nichtnuklearwaffenstaaten könnten die Antwort in den Fortschritten zu einem umfassenden Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban - CTB) und darin finden,.was
im Verlauf der Verhandlungen über ein Testverbot
bezüglich der Atomtests unternommen wurde.
Eine starke amerikanische Führungsrolle
In diesem Kontext haben die Vereinigten Staaten in
jüngster Zeit eine gesunde und starke Führungsrolle
übernommen.
Ende 1992 verabschiedete der
Kongreß ein Gesetz über die Einstellung von Atomtests bis Juli 1993. Präsident Clinton verlängerte
das Moratorium bis September 1994 oder - alternativ
- bis ein anderes Land Atomtests durchführt.
Obwohl China im Oktober 1993 eine Nuklearwaffe
zündete, blieb das amerikanische Moratorium in
Kraft. Und am 15. Mai 1994 gab Präsident Clinton
bekannt, daß er das Atomtestverbot bis September
1995 verlängern werde. Er erklärte, seine Entscheidung gründe sich auf die bei den im Januar
aufgenommenen CTB-Verhandlungen erzielten
Fortschritte und verwies im besonderen auf "die
negativen Implikationen, die weitere amerikanische
Atomtests für unsere umfassenderen Nichtverbreitungsbestrebungen haben würden, darunter vor
allem unser Interesse an der Sicherstellung einer
unbegrenzten Verlängerung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrags im kommenden Jahr". Der Präsident lobte ferner "die Zurückhaltung, die andere
erklärte Atomwaffenstaaten geübt haben, indem sie
nicht mit eigenen Tests auf die chinesischen Atomtests im Oktober letzten Jahres reagierten".
Die Vereinigten Staaten haben damit endlich das
Argument entkräftet, daß die Verhinderung der
nuklearen Weiterverbreitung nicht im Zusammenhang mit der Fortsetzung von Atomtests stehe.
Während der amerikanisch-sowjetischen Konfrontation argumentierten Verfechter von Atomtests sogar,
wenn die Vereinigten Staaten ihr Nukleararsenal
nicht weiter aufbauen würden, könnten die zum
Schutz vor einer sowjetischen Aggression vom
nuklearen Schutzschild Amerikas abhängigen
Staaten zur Entwicklung einer eigenen nuklearen
Abschreckung getrieben werden.

Seite 2

Eine mehr als ausreichende Nuklearstreitmacht?
Selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war es
offenkundig, daß die Vereinigten Staaten über ein
Vielfaches der zur Abschreckung eines Einsatzes von
sowjetischen Nuklearwaffen gegen amerikanische
Verbündete benötigten Nuklearraketen und -bomben
verfügten. Die Erkenntnis dieser Tatsache führte zu
ernsthaften Bestrebungen um die Aushandlung eines
umfassenden Atomtestverbots mit Großbritannien und
der Sowjetunion zu Beginn der Carter-Administration.
Die Bemühungen scheiterten großenteils, weil sich
die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion infolge der sowjetischen Intervention in Äthiopien anfänglich verschlechterten. Alle
ernsthaften Bestrebungen zum Abschluß eines
Vertrags über ein Atomtestverbot kamen zu einem
abrupten Ende, als die Sowjetunion im Dezember
1979 in Afghanistan einmarschierte.
Während der Jahre der Reagan- und Bush-Administrationen setzten die Vereinigten Staaten alle CTBGespräche aus. Die offizielle Position lautete, obwohl
ein Atomtestverbot als langfristige Zielsetzung lobenswert sei, müßten die Vereinigten Staaten ihre Tests
solange fortsetzen, wie ihre Sicherheit von nuklearer
Abschreckung abhing.
Wie bereits ausgeführt, verleitete diese Position
aufgrund des übergroßen Nukleararsenals der
Vereinigten Staaten zu einem klassischen Trugschluß. Aber ohne starke amerikanische Unterstützung war ein CTB-Vertrag in weite Ferne gerückt.
Wie Präsident Clinton bei der Verlängerung des
Moratoriums für Atomtestverbote feststellte, hat die
Genfer Abrüstungskonferenz seit dem 25. Januar
1994 ernsthafte CTB-Verhandlungen aufgenommen.
Botschafter Miguel Marin-Bosch aus Mexiko, ein
starker Befürworter des CTB, wurde zum Vorsitzenden des Ausschusses der Konferenz für ein Atomtestverbot ernannt.
Die Verhandlungsposition der Vereinigten Staaten ist
fest, klar und völlig korrekt. In seinem Bericht zur
Lage der Nation vom Januar 1994 sprach sich
Präsident Clinton entschieden für ein CTB aus, und
die Unterstützung des Kongresses war offenkundig
aufgrund der stehenden Ovationen, die er erhielt. In
Genf haben die Vereinigten Staaten eine Obergrenze
für erlaubte Testexplosionen zurückgewiesen und
damit die Unruhe im Verteidigungsministerium über
die Ausnahme von Tests unterhalb einer Kilotonne
beschwichtigt. Ein Argument für die unbegrenzte
Erlaubnis von Tests bis zu einer Kilotonne lautete so unglaublich es scheinen mag -, die Entwicklung
von Miniatombomben zum Einsatz gegen Länder der
Dritten Welt zu gestatten. Wenn die Vereinigten
Staaten dieser Politik zustimmen würden, bestünde

AMERIKA DIENST 12

�die einzig logische Antwort für kleine Länder in der
Entwicklung von Nuklearwaffen und der Bedrohung
der Vereinigten Staaten mit einigen wenigen primitiven Atombomben, die mit vergleichsweise primitiven
Mitteln abgeschossen werden könnten.
Die Vereinigten Staaten und andere CTB-Positionen
Die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zur
Beendigung aller Atomtestversuche ist ein unerläßliches Element eines unbegrenzten Atomtestverbots.
Rußland wird mit gutem Grund ein Testverbot unterstützen. Das letzte, was das Land braucht, sind
neue nukleare Gefechtsköpfe zur Bedrohung des
Westens, dessen Hilfe unabdingbar ist, wenn Rußland je wirtschaftlich lebensfähig werden soll. Das
früher wichtigste russische Atomtestgelände befindet
sich jetzt im unabhängigen Kasachstan. Die erneute
Nutzung der Einrichtung im Norden des nördlichen
Polarkreises würde die instabile russische Wirtschaft
weiter belasten und könnte die ukrainischen Hardliner ermutigen, die auf die Beibehaltung der Nuklearraketen des Landes drängen. Während der Amtszeit
Präsident Mitterrands wird Frankreich keine Tests
vornehmen. Es ist jedoch nicht nicht, ob seine
Nachfolger diese Politik fortsetzen werden.
China scheint - wenn auch noch nicht uneingeschränkt - ein Verbot von Atomversuchen zu befürworten. Bei einer Plenarsitzung des Abrüstungsausschusses Ende März bekräftigte Botschafter Hou
Zhitong erneut die Unterstützung Chinas für einen
CTB-Vertrag, äußerte jedoch auch, "ausreichende
und eingehende Gespräche und Verhandlungen"
seien erforderlich. China ist ihm zufolge bereit,
"spätestens bis 1996 einen solchen Vertrag abzuschließen".
Die widersprüchliche Haltung Großbritanniens
Unter den erklärten Atomwaffenstaaten ist die
britische Haltung am fraglichsten. Der Botschafter
Großbritanniens bei der Genfer Abrüstungskonferenz
erklärte im Januar, sein Land messe "der Rolle von
Nuklearwaffen für den Erhalt unserer Sicherheit jetzt
und in absehbarer Zukunft weiterhin Bedeutung bei".
Nur wenige Äußerungen sind unvereinbarer mit dem
Ziel einer Sicherung der unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des N W bei der im April
1995 beginnenden Konferenz.
Eine fundierte Nichtverbreitungspolitik setzt entschiedene Schritte seitens der Atommächte voraus,
weniger Gewicht auf die Bedeutung von Nuklearwaffen aus militärischer Sicht sowie als Symbol eines
Großmachtstatus zu legen.

AMERIKA DIENST 12

Die britische Eröffnungserklärung bei den CTBVerhandlungen weist genau in die entgegengesetzte
Richtung. Jeder Staat in einem Unruhegebiet mit
alten und potentiellen neuen Feinden an seinen
Grenzen könnte sich zu Recht fragen, warum er auf
nukleare Abschreckung verzichten sollte, während
Großbritannien diese in absehbarer Zukunft als
wesentlich erachtet. Großbritannien genießt einzigartige Sicherheit. Es hat keine Grenzen zu anderen
Staaten, jenseits des Ärmelkanals nur NATO-Verbündete, und im Westen sind die Vereinigten Staaten
und Kanada seine nächsten Nachbarn. Die britischen Nuklearwaffen können zwar keine nützliche
Verteidigung gegen die IRA bieten. Von Vorteil für
die Aussichten des CTB-Vertrags ist jedoch, daß
Großbritannien keine Atomtests durchführen kann,
wenn die Vereinigten Staaten nicht ihr Testgelände in
der Wüste Nevada reaktivieren.
Die Bedeutung eines Atomtestverbots für die Sache
der nuklearen Nichtverbreitung wird jetzt weithin
anerkannt. Es gibt keine legitime Entschuldigung
dafür, nicht prompt einen Vertrag abzuschließen. Im
November 1977 einigten sich die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und die Sowjetunion über die großen
Fragen, einschließlich umfassender und eingehender
Inspektionen vor Ort, der Stationierung seismischer
Aufspürgeräte auf dem Territorium des jeweils
anderen Landes sowie eines Verbots sogenannter
"Explosionen zu friedlichen Zwecken". Vor diesem
Hintergrund sowie dem Ende der Ost-West-Konfrontation kann im Genfer Abrüstungsausschuß bis
Ende 1994 sicherlich eine minimale grundsätzliche
Einigung erzielt werden.
Die allgemeine Unterstützung der NATO für einen
CTB-Vertrag und die Anerkannung seiner Bedeutung
für eine Verlängerung des N W wurde in der Erklärung der Staats- und Regierungschefs des Nordatlantikrates bei seinem Treffen vom 10. und 11.
Januar 1994 dargelegt:
"Wir messen der uneingeschränkten und rechtzeitigen
Implementierung bestehender Rüstungskontroll- und
Abrüstungsvereinbarungen sowie weiterem Fortschritt
in Schlüsselfragen der Rüstungskontrolle und Abrüstung entscheidende Bedeutung bei, so
-

der unbefristeten und unkonditionierten Verlängerung des Vertrags über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen (NW) und der Arbeit zu einem verstärkten Verifikationsregime;

-

dem baldigen Inkrafttreten des Übereinkommens
über das Verbot Chemischer Waffen und neuen
Maßnahmen zur Stärkung des Übereinkommens
über das Verbot Biologischer Waffen;

Seite 3

�-

der Verhandlung über einen weltweiten und
verifizierbaren umfassenden Teststoppvertrag;

-

den auf der Agenda des KSZE-Forums für Sicherheitskooperation stehenden Fragen;

-

der Sicherstellung der Integrität des KSE-Vertrags und der uneingeschränkten Erfüllung aller
seiner Bestimmungen."

Die Anerkennung der Tatsache, daß Politik und
Maßnahmen der Vereinigten Staaten große Auswirkungen auf das Nichtverbreitungsziel haben, setzt
seitens der Vereinigten Staaten und der anderen
Atommächte weitere Schritte voraus. Von größter
Bedeutung ist die Formulierung und Artikulierung
einer entschiedenen Politik über den Verzicht auf
einen Ersteinsatz von Atomwaffen.
Verzicht auf den Ersteinsatz
Bei der ersten Sondersitzung der Vereinten Nationen
über Abrüstung im Jahr 1978 verkündeten die Vereinigten Staaten eine als "negative Sicherheitszusage" bezeichnete Politik. Sie sagten zu, nie Nuklearwaffen gegen ein Land einzusetzen, das nicht über
solche verfügt und Mitglied des N W oder einer
ähnlichen regionalen Vereinigung (beispielsweise der
nuklearwaffenfreien Zone Lateinamerikas) ist, außer
wenn dieses Land mit Unterstützung eines Atomwaffenstaats aggressive Akte gegen die Vereinigten
Staaten oder ihre Verbündeten begeht. Dieser
Vorbehalt steht im Einklang mit der NATO-Doktrin,
die den Einsatz von Nuklearwaffen gegebenenfalls
zur Vereitelung eines Angriffs des Warschauer Pakts
auf Westeuropa in Erwägung zieht. Der in dieser
negativen Sicherheitszusage enthaltene Vorbehalt ist
jetzt ebenso veraltet wie der Warschauer Pakt
selbst.
Die Vereinigten Staaten sollten bei der Genfer
Abrüstungskonferenz
ihren uneingeschränkten
Verzicht auf den Ersteinsatz von Kernwaffen sowie
den Verzicht auf einen Einsatz außer als Vergeltung
für einen Nuklearangriff auf ihr Land oder ihre
Verbündeten bekanntgeben.
Die Vereinigten Staaten sollten Rußland auch zur
Wiederaufnahme seiner eindeutigen Politik des
Verzichts auf den Ersteinsatz auffordern. China tritt
nicht nur für eine Politik des Verzichts auf den
Ersteinsatz ein, sondern deutet sogar an, es könnte
sein eigenes Atomtestprogramm aufgeben, wenn
alle anderen Atomwaffenstaaten auf jegliche Initiierung eines Atomkrieges verzichten. In seiner
Rede vom März 1994 vor der Plenarsitzung der
Abrüstungskonferenz teilte der chinesische Botschafter Hou mit, nach Ansicht seines Landes stän-

Seite 4

den der Abschluß eines CTB-Vertrags und das
Abkommen über einen Verzicht auf den Ersteinsatz
unter den Nuklearmächten "in enger Wechselbeziehung", und er empfahl die Aufnahme dieser Zusicherung in den Vertrag.
Selbst während des Kalten Krieges widersprachen
prominente Politiker und Sicherheitsexperten der
Vorstellung, Atomwaffen könnten irgendeinem anderen Zweck dienen als der Abschreckung eines
Nuklearangriffs. Im April 1987 schrieb der frühere
deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt in The New
York Times, "Nuklearwaffen des Westens sind nur
erforderlich und wertvoll, um den Osten von einem
Ersteinsatz sowjetischer Nuklearwaffen abzuschrekken". Ferner sprach er sich dagegen aus, die
Kernwaffen der NATO als "Instrument für die Abschreckung von einem begrenzten Krieg oder sogar
einem konventionellen Angriff größeren Stils" zu
sehen.
1983 schrieb der bekannte sowjetische
Physiker und Dissident Andreij Sacharow in Foreign
Affairs: "Kernwaffen können nicht als Mittel zur
Unterdrückung von mit Hilfe konventioneller Waffen
durchgeführter aggressiver Akte angesehen werden."
Er bezeichnete die Option eines Erstschlags als
"gefährliches Relikt der Vergangenheit".
Die vielleicht eindeutigste Erklärung über die Nutzlosigkeit von Atomwaffen wurde von Präsident Ronald
Reagan 1984 in seinem Bericht zur Lage der Nation
abgegeben. Präsident Reagan wandte sich direkt an
die Bürger der Sowjetunion und äußerte, der einzige
Grund von Atomwaffen im Besitz eines der beiden
Länder bestehe darin sicherzustellen, daß sie nie
eingesetzt würden.
Daher ist es entmutigend und alarmierend, im Jahresbericht 1994 des Verteidigungsministers zu lesen:
"Da die Vereinigten Staaten ein Versprechen über
den Verzicht auf chemische und biologische Waffen
abgegeben haben, muß die Rolle der amerikanischen
Streitkräfte bei der Abschreckung von solchen
nichtnuklearen Bedrohungen oder ihre Reaktion
darauf erwogen werden." Derzeit führt das Verteidigungsministerium eine Überprüfung seines
nuklearen Einsatzkonzepts, eine sogenannte umfassende Neubewertung der amerikanischen Strategiepolitik durch.
Angesichts der entschiedenen
Haltung Präsident Clintons zu einer Einstellung von
Atomversuchen sowie der Förderung eines soliden
Nichtverbreitungsregimes ist es von Bedeutung, daß
jede vorgeschlagene Veränderung der strategischen
Nukleardoktrin umgehend zurückgewiesen wird, die
unter bestimmten Umständen einen Ersteinsatz oder
einen Vergeltungsschlag außer als Reaktion auf
einen Nuklearangriff gestattet.

AMERIKA DIENST 12

«

�Gefahr einer Erweiterung der atomaren Rolle

Bestrebungen zur Abwertung von Atomwaffen

Selbst der Vorschlag über eine derartige Veränderung erweist der Sache der Nichtverbreitung einen
schlechten Dienst. Seine offizielle Unterbreitung
durch das Verteidigungsministerium wäre eine
Katastrophe. Es bliebe nicht unbeachtet oder kommentarlos, daß eine Politik, die den Einsatz amerikanischer Nuklearwaffen als Abschreckung vom
Einsatz chemischer und biologischer Waffen oder zu
ihrer Vergeltung in Erwägung zieht, eine neue
erweiterte Serie von Atomtests zur Entwicklung eines
für solche Zwecke nötigen Arsenals erfordern würde.

Es wird schwierig sein, Nordkorea und andere
Länder, die möglicherweise Atomwaffen verbreiten,
durch die Androhung eines militärischen Präventivschlags von der Produktion von Atomwaffen abzuhalten. Diesen Ländern sollte statt dessen deutlich
gemacht werden, daß Atomwaffen ihnen keine
nützliche militärische Macht verleihen, nie zur Abwehr
von Grenzverletzungen und begrenzten Kriegen
vorgesehen waren, die die einzige reale Bedrohung
für sie darstellen, und der tatsächliche Einsatz nur zu
ihrer eigenen Zerstörung führen würde. Ein klares
und konsequentes Programm, durch das die Vereinigten Staaten und andere Atomwaffenstaaten ihre
eigene Abwertung von Atomwaffen unter Beweis
stellen können, wird das beste Klima für die Konferenz über die Verlängerung des N W schaffen und
ermöglichen, daß diejenigen, die das nukleare
Nichtverbreitungsregime gefährden, mit der geballten
Macht internationaler Verurteilung konfrontiert werden. Vorschläge über die Erweiterung eines Einsatzes oder angedrohten Einsatzes von Nuklearwaffen sollten unter allen Umständen unverzüglich
zurückgewiesen werden.

Die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten über
keine chemischen oder biologischen Waffen verfügen, ist vollkommen irrelevant. Wenn sie diese
Waffen hätten, würden sie den tatsächlichen oder
angedrohten Einsatz solcher Waffen durch andere
Staaten auch nicht mit gleicher Münze heimzahlen.
Der Golfkrieg ist hierfür ein Beispiel. Der Einsatz
chemischer Waffen gegen den Irak - der diese
Waffen besitzt und gegen den Iran und seine eigene
Bevölkerung einsetzte - wurde niemals erwogen.
Die hochentwickelten und äußerst flexiblen konventionellen Streitkräfte der Vereinigten Staaten sind
mehr als angemessen, um jede Art nichtnuklearer
Bedrohung bewältigen zu können.

*

AMERIKA DIENST 12

* * *

*

Seite 5

�TAG

DER

ERDE
29. März 1995

Die Erde ruft
von Jean B. Evans
Eine amerikanische Universität hat einen Studiengang für Umwelttechnik eingerichtet, um konkrete Lösungen
für ökologische Probleme und Umweltbelastungen der modernen technisierten Gesellschaft zu finden. Die
kleine aber wachsende Zahl der Umweltingenieure wird als unerläßliches Element neben Wissenschaftlern,
Politikern und Rechtsanwälten betrachtet, die in der Umweltbewegung bisher eine dominierende Stellung
eingenommen haben.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von CWRU Magazine, Mai 1994. Copyright
(c) 1994 Case Western University. Alle Rechte vorbehalten.
Jean B. Evans lebt als freie Autorin in Cleveland und schreibt regelmäßig für das CWRU-Magazin.

Selbst auf einer 40 Hektar großen Mülldeponie
gleicht die Abdichtung des Deponiebodens einem
Ballon, behauptet Aaron A. Jennings von der Case
Western Reserve University (CWRU) in Cleveland
(Ohio): "Ein winziges Loch reicht, um sie zu zerstören."
Abdichtungssysteme werden aus Natur- und Synthetikmaterialien wie Ton oder Plastikfolien hergestellt, und sie bestehen aus acht bis zehn Schichten
mit unterschiedlicher Funktion.
Dazu gehören
Isolierungen zur Verhinderung von Lecks, "Meldeschichten" zur Entdeckung undichter Stellen sowie
Sekundärschichten, um im Fall von Undichtigkeiten
das Durchsickern von Flüssigsubstanzen zu stoppen.
Abdichtungssysteme sollen das Versickern von
flüssigen Schadstoffen aus Fest- oder Sondermüll in
deponienahen Böden oder Grundwasser verhindern.
"Häufig ist es jedoch so, daß ein 'perfekt' geplantes
System in der Praxis vor Ort nicht funktioniert",
erklärt Jennings, Leiter des neuen Studiengangs
Umwelttechnik an der Fakultät für Bauwesen der
Universität.
Eines seiner Forschungsprojekte dient dazu herausfinden, warum die "Ballons" der Deponien immer
wieder platzen. "Die meisten bisher durchgeführten
Untersuchungen gingen von der Annahme aus, daß
die Eigenschaften des Bodens konstant bleiben,
während er von chemischen Substanzen durchdrungen wird", so Jennings. "Wir stellen jedoch fest,

AMERIKA DIENST 12

daß Böden bei der Durchsetzung mit bestimmten
chemischen Substanzen - aggressiven Sickerstoffen verändert werden, und dies verändert schließlich
auch den Weg, den diese Substanzen nehmen."
In den meisten Fällen reagieren aggressive Sickerstoffe mit dem Boden und steigern damit ihre Fließgeschwindigkeit. Manchmal jedoch ist genau das
Gegenteil der Fall. Chemische Substanzen reagieren
mit dem Boden und verringern ihre Fließgeschwindigkeit. "Wenn wir verstehen können, warum dies so ist,
können wir es vielleicht zu unserem Vorteil nutzen",
erklärt Jennings.
Es ist genau diese Art von Forschungsprojekten, die
Adel Saada, Frank-H.-Neff-Professor und Dekan der
Fakultät für Bauwesen, mit Hilfe von Jennings und
dem Studiengang Umwelttechnik an der CWRU
ansiedeln möchte: Forschung und Lehre, die von
entscheidendem Interesse für die Studenten, die
Universität, die Umwelt und die Gesellschaft sind.
Jennings kam 1993 als Professor für Tiefbau von der
University of Toledo (Ohio) an die CWRU. "Er ist ein
hervorragender Lehrer und Forscher", erklärt Saada,
"und wir schätzen uns glücklich, ihn bei uns zu
haben."
De facto widmet er sich dem Neuaufbau einer Sparte
des Bauwesens, die vor längerer Zeit an der CWRU
abgeschafft worden war.
Umwelttechnik ist ein
spitzentechnologischer Ableger des Studiengangs

Seite 1

�Sanitärtechnik - Abwasserbeseitigung, Wasserversorgung und Wasseraufbereitung -, den das Case
Institute of Technologie (ein Vorgänger des CWRU)
Saada zufolge vor über 30 Jahren abgeschafft hatte.
Als die ehemalige Sowjetunion im Jahr 1957 den
Sputnik startete, trug sie auch dazu bei, eine Krise
im amerikanischen Bildungswesen einzuleiten,
erläutert Saada. "Jeder wollte mit einer Rakete zum
Mond fliegen." Überall in den Vereinigten Staaten
liefen an den Universitäten technisch fortschrittlichere, wissenschaftlich fundierte Sparten des
Ingenieurwesens - etwa Materialforschung - der
Sanitärtechnik den Rang ab.
"Alles wurde komplizierter, als die moderne Industrie
begann, Dinge wie radioaktives Material im Boden
zu vergraben." Dabei geht es Saada zufolge nicht
mehr um ein paar Menschen, die aufgrund von
verunreinigtem Wasser Magenbeschwerden haben.
"Wir sprechen von der Möglichkeit, daß ganze
Städte vernichtet werden, weil ihre Wasserversorgung ruiniert wurde. Also erlebte die Sanitärtechnik
ein Comeback, wobei jedoch die Nachfrage auf
wesentlich höherem Niveau steht."
Umwelt- oder Sanitäringenieure planen und bedienen immer noch städtische Wasserversorgungssysteme und Kläranlagen. Heute kümmern sie sich
jedoch auch um die Sanierung von wirklichen
Problemfällen: durch Nuklearabfälle verseuchte
Böden, rostende Fässer mit giftigen Chemikalien,
verseuchte Flußbetten und undichte Mülldeponien.
Andere Umweltingenieure kümmern sich um die
Abfallentsorgung, von Bananenschalen bis zu
radioaktiven Abfällen. Sie planen Systeme und
Anlagen zur Verringerung industrieller Luft-, Wasserund Bodenverschmutzung, zur Verbesserung der
Luftqualität in Hochhäusern, für den Lärmschutz in
Fabriken oder auch zum Schutz von Feuchtgebieten
vor Eingriffen durch Erschließungsmaßnahmen.
Vor dreißig Jahren, räumt Saada ein, "wurde ich mit
dieser Welle von Neuzugängen eingestellt, die den
Alten einmal zeigen sollten, was eine Harke ist". Die
letzten zehn Jahre verbrachte er mit Bemühungen,
die Sanitärtechnik - sprich: Umwelttechnik - wieder
an der CWRU zu verankern.
Die Entwicklung des Berufszweiges läßt sich an den
zu seiner Beschreibung verwendeten Namen ablesen und begann Saada zufolge in den späten
sechziger Jahren. "Sanitär..." wurde in den Titeln
von Fachzeitschriften, Berufsverbänden und Universitätsstudiengängen zu "Umwelt...". Saada und
Jennings verspüren jedoch keinen Drang, sich an
diesem Wettlauf zu beteiligen. Sie nehmen sogar

Seite 2

einen Vorteil für sich in Anspruch, da sie nicht mit der
Orientierung auf Sanitärtechnik belastet seien wie
länger bestehende Studiengänge.
"In gewisser Hinsicht ist es gut, keine alten Laboratorien zu haben, die für andere Zwecke ausgerüstet
sind", erklärt Jennings. "Wenn man 20 oder 30 Jahre
in Wasseraufbereitung und Abwasserreinigung
investiert hat - wenn Laboratorien und Lehrkörper
darauf ausgerichtet sind - ist es schwierig, auf die
Anforderungen durch Umweltveränderungen einzugehen. Wir haben die Chance, ein neues Programm zu konzipieren, das die Zukunft der Umwelttechnik zum Inhalt hat."
Diese Strategie verfolgt das Ziel, eine Nische zu
finden, in der Spitzenleistungen erbracht werden
können. "Wir konzentrieren uns auf die Wissenschaft, Technologie und Theorie der Sanierung, der
Reinigung von Altlastenstandorten", so Jennings.
"Zahlreiche Umweltbereiche sind in den vergangenen
40 bis 50 Jahren kontaminiert worden, und ihre
Sanierung bietet ein enormes Betätigungsfeld."
Vieles findet sich bereits in der unmittelbaren Umgebung der CWRU, in Cleveland und anderen Städten
an den Großen Seen. Jennings zufolge ist das
Gebiet der Großen Seen, traditionell ein Zentrum der
Schwerindustrie, "seit langem ein Hauptverursacher
von Sonderabfällen. Wenn man die zehn führenden
Verursacherstaaten von Sonderabfällen betrachtet,
gehören außer Kalifornien und Texas fast nur Staaten
im Umfeld der Großen Seen dazu" (die Regionen um
den Michigansee, den Oberen See, den Huronsee,
den Erisee und den Ontariosee).
Der Vizepräsident der Firma Gould, Inc. in Eastlake
(Ohio), Robert J. Fedor, erklärt: "Als Nutzer von
Umweltdienstleistungen freut man sich, wenn jemand
effizientere Sanierungstechniken erfindet."
Schätzungen des amerikanischen Umweltbundesamtes EPA zufolge würde die Sanierung der 1 200
Standorte, die derzeit auf der nationalen Prioritätenliste des Superfund-Programms stehen, je 32 Millionen Dollar kosten. Dabei handelt es sich um alte
Deponiestandorte, an denen Abfälle unbeabsichtigt
freigesetzt oder heimlich entsorgt wurden. Diese
Standorte sollen im Rahmen des Comprehensive
Environmental Response, Compensation and Liability
Act von 1980, besser bekannt unter dem Namen
Superfund, saniert werden.
Kritiker des Superfund erklären, es werde zuviel Geld
für gerichtliche Auseinandersetzungen sowie für die
makellose Reinigung einzelner Altlastenstandorte
ausgegeben. Dazu meint Jennings: "Zweifellos wird

AMERIKA DIENST 12

�es eine Menge Arbeit geben. Das grundsätzliche
Motiv des Superfund hat sich nicht geändert."
Neben Superfund-Standorten, die in den Verantwortungsbereich des Bundes fallen, gibt es dem Professor zufolge auch Superfund-Standorte im Zuständigkeitsbereich der Bundesstaaten sowie Industriestandorte, um deren Sanierung sich die betreffenden
Unternehmen bemühen, bevor sie in komplizierte
Superfund-Rechtsstreitigkeiten verstrickt werden.
Darüber hinaus planen die amerikanischen Ministerien für Energie und Verteidigung laut Jennings in
den nächsten 20 Jahren 100 Milliarden Dollar in
ökologische Sanierungsmaßnahmen zu investieren.
Die Kosten seien so exorbitant hoch, weil viele
Standorte, etwa die ehemalige Uranaufbereitungsanlage Fernald bei Cincinnati (Ohio), nuklear belastet seien.
Nachdem sie die Umweltsünden im eigenen Land
behoben haben, werden sich die Umweltingenieure
schließlich dem Rest der Welt zuwenden können.
Als Beispiel nennt Jennings die Umweltschäden in
der ehemaligen Sowjetunion, wo man nukleare
Abfälle unter anderem dadurch entsorgte, daß man
sie auf treibenden Eisschollen ablud.
"Die Vereinigten Staaten sind weltweit führend bei
der Identifizierung von Altlastenstandorten, bei der
Ausbildung von Personal zur Sanierung von Altlastenstandorten sowie bei den Ausgaben für die
Lösung von Umweltproblemen", meint Jennings.
"Die Vereinigten Staaten werden reiche Erfahrungen
bei der Umweltsanierung zu bieten haben. Wir
werden einen gut ausgebildeten Kader von Spezialisten mit Praxiserfahrung haben. Für unsere Studenten werden sich weltweit großartige Chancen ergeben."
Und Nachfrage. Von den 2 Millionen amerikanischen Ingenieuren sind der amerikanischen Academy of Environmental Engineers zufolge lediglich
25.000 bis 50.000 als Umweltingenieure tätig - und
diese weisen darüber hinaus noch eine äußerst
unterschiedliche Vorbildung auf. Diese Zahl reicht
nicht aus, um der steigenden Nachfrage nach
fachlich ausgebildeten, staatlich geprüften und
amtlich zugelassenen Umweltingenieuren gerecht zu
werden, von denen die meisten von Planungsbüros
eingestellt werden, um für Staats- und Industriekunden zu arbeiten.
William C. Anderson, geschäftsführender Direktor
der Academy, verweist darauf, daß der Kongreß seit
1969 20 wichtige Umweltgesetze sowie Gesetzesänderungen wie den Superfund verabschiedet hat.

AMERIKA DIENST 12

Jennings fügt hinzu: "Umweltprobleme treten an der
Front zwischen der modernen technisierten Gesellschaft und der Umwelt auf. Die moderne technisierte
Gesellschaft kann man nicht abschaffen. Wir benötigen Ingenieure, die an dieser Front arbeiten, um
Umweltprobleme zu lösen, die mit der modernen
Technik einhergehen."
Bei der Erstellung des Studiengangs zur Ausbildung
von einigen dieser Ingenieure hat sich Jennings auf
seine Stärke konzentriert: Laborentwicklung.
In der Umwelttechnik, so Jennings, "messen wir
Schadstoffe. Manchmal handelt es sich dabei um
komplexe Substanzen in äußerst geringfügigen
Konzentrationen, und deshalb unterscheiden sich die
eingesetzten Labortechniken und Geräte sehr stark
von den normalerweise im Baubereich verwendeten
Techniken - für gewöhnlich das Biegen von Stahl und
Zertrümmern von Beton."
Zwei Laboratorien sind derzeit im Bau. Im "Lehr"Laboratorium werden Studenten im Grundstudium
Routineuntersuchungen durchführen, etwa die
Messung von chemischen Konzentrationen (z. B.
Nitrat und Chlor) in Boden-, Luft- und Wasserproben.
In dem anderen Labor werden Studenten der höheren Semester mit den modernsten hochempfindlichen
Meßinstrumenten - beispielsweise einem Atomabsorptionsphotospektrometer, das Spuren metallischer
Schadstoffe nachweisen kann - Forschung betreiben.
Studenten mit dem Hauptfach Bauingenieurwesen
können sich für Umwelttechnik entscheiden, während
Studenten anderer Ingenieurdisziplinen Bauwesen mit
Schwerpunkt Umwelttechnik als Nebenfach belegen
können. Ab Herbst 1994 konnten Studenten laut
Jennings im Hauptstudium einen Studiengang wählen, der mit dem Grad eines Magisters oder der
Promotion abschließt. Darüber hinaus legte er die
Lehrpläne so an, daß Studenten im dritten oder
vierten Studienjahr den Schwerpunkt auf Umwelttechnik legen können.
Um das gesamte Programm zu verwirklichen, werden
Jennings und Saada weitere Dozenten für Umwelttechnik anwerben. Zur Finanzierung eines weiteren
Dozentenpostens wandten sie sich an das Programm
"Frauen im Ingenieurwesen" der National Science
Foundation, das sich bemüht, durch die Finanzierung
von Lehrstühlen für Dozentinnen mehr Frauen für den
Ingenieurberuf zu gewinnen.
Die Professoren gehen davon aus, daß der neue
Studiengang intelligente und hochmotivierte Studenten anziehen wird. Umweltingenieure gelten als die
"Wohltäter" des Ingenieurwesens, meint Jennings.
"Ich glaube nicht, daß man aufgrund von weltan-

Seite 3

�schaulichem Engagement Elektro-oder Chemieingenieur wird. In der Umwelttechnik kann man sich als
Ingenieur betätigen und Probleme bearbeiten, die
weltanschauliche Befriedigung verschaffen. Manchmal ist dies nur unterschwellig der Fall, aber ein
missionarisches Element ist immer vorhanden."
"Ich bin froh, an der CWRU zu sein", erklärt Christina Pap, die als Umwelt- und Arbeitsschutzingenieurin in einer Quarzlampenfabrik des Konzerns
General Electric arbeitet und den Studienabschluß
eines Magisters anstrebt. Sie trat nach dem Erwerb
eines Bachelor of Arts in Fertigungstechnik an der
Boston University bei General Electric ein. Nach
mehreren Sechsmonatsaufträgen, von denen einer
mit Umwelttechnik zu tun hatte, entschied sie sich
für ihre weitere Ausbildung auf diesem Gebiet.
"Umweltthemen werden oft emotional betrachtet.
Meines Erachtens können Techniker hier als ausgleichende Kraft wirken. Als Ingenieurin, die sich für
die Umwelt interessiert, hoffe ich etwas bewirken zu
können."
Jennings wurde 1949 in Idaho geboren und wuchs
im Staat New York auf, wo seine Familie Pferde
züchtete. "Es gab einmal eine Zeit," erklärt er, "als
ich unbedingt für eine Umweltschutzorganisation
arbeiten wollte. Ich bewarb mich bei allen. Aber sie
stellten keine Ingenieure ein. Sie wollten Umweltwissenschaftler und Rechtsanwälte.
Viele Umweltgruppen begingen damit einen fundamentalen Fehler. Sie haben viel Gutes bewirkt,
aber um eine Maßnahme zu stoppen, konzentrierten
sie sich auf juristische Fehler anstatt auf die eigentlichen Umweltprobleme." Umweltschützern erschienen Ingenieure - als ausführende Organe der
Industrie - vielleicht als Teil des Problems, aber, so
Jennings, "ich denke bei Ingenieuren im Umweltbereich an eine sehr positive Kraft für den Umweltschutz".

*

Seite 4

*

Gäbe es die Umwelttechnik nicht, fügt Jennnings
hinzu, wäre er überhaupt kein Ingenieur geworden.
Er war auf dem Wege Architekt zu werden, als er
1970 - dem Jahr, in dem der erste Tag der Erde
veranstaltet wurde - sich für den Umweltschutz zu
interessieren begann. Er hörte von einem Studiengang Umwelttechnik am Rochester Institute of Technology in Rochester (New York) und wechselte das
Studium. Nachdem er dort den Grad eines Bachelor
erworben hatte, ging er an die University of Massachusetts, wo er jeweils einen Magister- und einen
Doktortitel erwarb, ersteren in Tiefbau und letzteren
in Umwelttechnik.
Anstatt eine steile Karriere als beratender Ingenieur
anzustreben, wählte Jennings die akademische
Laufbahn, wo er sich durch Lehre und Forschung der
Verbesserung von Praxis und Wissenschaft des
Ingenieurwesens widmen konnte.
Eine seiner Hauptinteressen gilt Computermodellen eine Methode der Vorhersage, wie sich komplizierte
Ökosysteme, etwa die Großen Seen, unter verschiedenen Bedingungen im Lauf der Zeit entwickeln
werden.
Darüber hinaus interessiert er sich stark für ökologische Entscheidungsfindung - zum Beispiel die
Argumente im Bereich Abfallentsorgung: Ein Sondermüllstandort könnte undicht sein und die Wasserversorgung bedrohen. Wir wissen, daß wir eine neue
moderne Deponie benötigen, aber trotzdem verzögern wir ihren Bau, weil niemand sie in seiner
Nachbarschaft möchte.
"Die meisten ökologischen Entscheidungen werden
nicht aus technischen Gründen getroffen", erklärt er.
"Ich versuche unseren Umweltingenieuren ein Bewußtsein von der Notwendigkeit zu vermitteln, sich an
der Entscheidungsfindung zu beteiligen, damit sich
die Entscheidungen mehr in Richtung umweltverträglicher Technik orientieren."

* *

AMERIKA DIENST 12

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="53">
          <name>Umfang</name>
          <description>Anzahl der Seiten.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12390">
              <text>16 Seiten</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="54">
          <name>Dateityp</name>
          <description>Das Dateiformat des Digitalisats.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12391">
              <text>PDF</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12385">
                <text>29.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12386">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12387">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12388">
                <text>Amerikadienst 29.03.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12389">
                <text>&lt;strong&gt;1. Klimakonferenz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der globale Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NVV&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Strategische Nuklearpolitik und Nichtverbreitung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul C. Warnke&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Erde ruft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jean B. Evans&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
    <tagContainer>
      <tag tagId="14">
        <name>KLIMAKONFERENZ</name>
      </tag>
      <tag tagId="15">
        <name>KLIMAWANDEL</name>
      </tag>
      <tag tagId="16">
        <name>NUKLEARPOLITIK</name>
      </tag>
      <tag tagId="17">
        <name>TAG DER ERDE</name>
      </tag>
    </tagContainer>
  </item>
  <item itemId="2400" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2411">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/1048438ea3b3c8af346bad0e2ab31cd6.pdf</src>
        <authentication>8eb451d4d5de7da4d0cb5340617baee4</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12400">
                    <text>cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

5. April 1995

13

NATO

DIE ERWEITERUNG DER NATO
von Verteidigungsminister William Perry

KLIMAKONFERENZ

BEWÄLTIGUNG DES KLIMA WANDELS IST
GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG
von Timothy E. Wirth

DAS PROGRAMM DER CLINTONADMINISTRATION
Maßnahmen zum Klimawandel

ROOSEVELT

FRANKLIN DELANO ROOSEVELT
Zum 50. Todestag des
32. amerikanischen Präsidenten

TAG DER ERDE

DIE MENSCHLICHE UMWELT UND
GLOBALE POLITISCHE ANPASSUNG
von Thomas W. Wilson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�NATO
5. April 1995

Die Erweiterung der NATO
von Verteidigungsminister William Perry
WASHINGTON - (AD) - Beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats im Dezember vergangenen Jahres
bekräftigten die Außenminister der NATO-Mitgliedstaaten die beim Gipfel im Januar getroffene Entscheidung über eine Erweiterung der NATO und
verabschiedeten eine amerikanische Initiative,
"innerhalb des Bündnisses einen Prüfungsprozeß
einzuleiten, um das "Wie" einer NATO-Erweiterung,
die Leitlinien dieses Prozesses und Implikationen der
Mitgliedschaft festzusetzen".
Bei ihrem Treffen im Dezember 1994 äußerten die
NATO-Verteidigungsminister im Tenor der vom
Nordatlantikrat getroffenen Entscheidung, sie würden
einen vollen Beitrag zu dem Prüfungsprozeß leisten.
In Anerkennung der Schlüsselrolle der Partnerschaft
für den Frieden (PFP) bei der NATO-Erweiterung
wird diese Prüfung eine Beurteilung des möglichen
Beitrags der Partnerschaft zu diesem Prozeß beinhalten. Die Minister des Nordatlantikrats stimmten
zu, interessierten Partnern vor dem für Dezember
1995 in Brüssel anberaumten nächsten Treffen des
Nordatlantikrats die Ergebnisse dieser Verhandlungen vorzulegen.
Kriterien
Während der zur Entscheidung des Nordatlantikrats
führenden Diskussionen äußerte die Verbündeten
ernste Zweifel daran, ob es sinnvoll sei, explizite
Kriterien für eine Aufnahme in die NATO aufzustellen. Die Vereinigten Staaten teilen diese Bedenken.
Die Festsetzung starrer und detaillierter Kriterien
könnte im Falle einer Aufnahme neuer Mitglieder in
das Bündnis zu Mißverständnissen und Beschuldigungen zwischen den NATO-Mitgliedstaaten und
enttäuschten Kandidaten führen. Dies könnte das
Bündnis in die schwierige Lage versetzen, explizite
öffentliche Urteile über die Eignung anderer Nationen auf so heiklen Gebieten wie ihrem Engagement
für Demokratie und freie Marktwirtschaft zu fällen.
Im Grunde ist die Entscheidung über die Aufnahme
neuer Mitglieder politischer Natur.
Die NATOMitgliedstaaten vereinbaren, daß ein bewaffneter
Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen als ein
Angriff gegen sie alle angesehen wird - eine Ver-

AMERIKA DIENST 13

pflichtung mit tiefgreifenden möglichen Implikationen
für eine Nation. Vor diesem Hintergrund einigten sich
die Minister des Nordatlantikrats, über eine Erweiterung - wenn sie stattfindet - von Fall zu Fall zu
entscheiden.
Ferner sollte man sich vor Augen führen, daß die
Aufnahme neuer Mitglieder der Zustimmung aller
derzeit 16 Mitgliedstaaten sowie in den meisten
Fällen der Parlamente bedarf. Natürlich steht es dem
Parlament jedes Mitgliedstaats frei, alle Kriterien
anzulegen, die ihm angemessen erscheinen. Unter
unserem Verfassungssystem kann die Exekutive bei
Konsultationen des Bündnisses keine Kriterien
festsetzen, die für die Entscheidung des Senats
verbindlich wären, die Aufnahme neuer Mitglieder in
das Bündnis zu empfehlen und dieser zuzustimmen.
Obwohl Bedenken darüber bestehen, ob die Aufstellung expliziter oder starrer Kriterien wünschenswert sei, wird auch deutlich, daß Entscheidungen
über eine Mitgliedschaft nicht in einem Vakuum
getroffen werden. Außenminister Christopher erläuterte die Haltung der Vereinigten Staaten zu einer
Erweiterung, als er dem Nordatlantikrat mitteilte:
"Jede Nation sollte individuell betrachtet werden.
Kein Nichtmitgliedstaat der NATO wird ein Vetorecht
gegenüber einem anderen haben. Aus unserer Sicht
gibt es jedoch im Washingtoner Vertrag niedergelegte
bestimmte grundlegende Anforderungen für die
Mitgliedschaft. Neue Mitglieder müssen marktwirtschaftliche Demokratien und einer verantwortlichen
Sicherheitspolitik verpflichtet sein sowie einen Beitrag
zum Bündnis leisten."
Im Kommunique der Ministertagung des Nordatlantikrats heißt es: "Alle neuen Mitglieder der NATO
werden Vollmitglieder der Allianz sein, die die Rechte
genießen und alle Verpflichtungen aus der Mitgliedschaft übernehmen." Darüber hinaus waren sich die
Minister "einig, daß die Erweiterung die Effizienz der
Allianz stärken, zu Stabilität und Sicherheit des
gesamten euroatlantischen Gebiets beitragen und
unser Ziel der Wahrung eines ungeteilten Europas
fördern sollte. Sie sollte in einer Weise erfolgen, daß
die Fähigkeit der Allianz zur Durchführung ihrer

Seite 1

�Kernfunktionen der kollektiven Verteidigung sowie
zur Durchführung friedenserhaltender und anderer
neuer Aufgaben erhalten bleibt...". Ferner riefen sie
die Präambel des Washingtoner Vertrags in Erinnerung:
"Die Parteien dieses Vertrags bekräftigen
erneut ihren Glauben an die Ziele und Grundsätze der Satzung der Vereinten Nationen und
ihren Wunsch, mit allen Völkern und allen
Regierungen in Frieden zu leben. Sie sind
entschlossen, die Freiheit, das gemeinsame
Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die auf
den Grundsätzen der Demokratie, der Freiheit
der Person und der Herrschaft des Rechts
beruhen, zu gewährleisten. Sie sind bestrebt,
die innere Festigkeit und das Wohlergehen im
nordatlantischen Gebiet zu fördern. Sie sind
entschlossen, ihre Bemühungen für die gemeinsame Verteidigung und für die Erhaltung
des Friedens und der Sicherheit zu vereinigen."
Kooperation und Interoperabilität: Der Weg der
PFP
Zusätzlich zur Beurteilung der Kriterienfrage wurde
auf der Konferenz die Forderung geäußert, dieser
Bericht solle Maßnahmen ansprechen, um die
vollständige militärische Kooperation und Interoperabilität potentieller neuer Mitglieder zu gewährleisten. Das Bündnis befaßt sich mit diesen Angelegenheiten im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden, einzelne Mitgliedstaaten durch bilaterale
Programme.
In der Vergangenheit wurden in
einigen Kreisen die PFP und die NATO-Erweiterung
als Alternativen angesehen, und das energische
Streben eines Mitgliedsstaats als Verunglimpfung
des anderen betrachtet. Dies ist nicht der Fall - eine
starke PFP und die NATO-Erweiterung müssen und
werden sich gegenseitig verstärken.
Zur Zeit gibt es 25 Mitgliedstaaten der Partnerschaft
für den Frieden: alle mitteleuropäischen Staaten,
das Baltikum, Schweden, Finnland und Österreich,
alle ehemaligen Sowjetrepubliken mit Ausnahme
Tadschikistans, plus Slowenien und Albanien. Kein
Partner erhält eine Garantie auf die Mitgliedschaft
oder wird a priori ausgeschlossen.
Realistisch
gesehen streben nicht alle Partner eine frühe Mitgliedschaft im Bündnis an oder können deren
Erfordernisse erfüllen. Für sie wird die PFP eine
unschätzbare und dauerhafte Rolle spielen, indem
sie eine enge Verbindung zum Bündnis herstellt und
konkrete Beweise der Sorge der NATO um ihre
Sicherheit liefert. Für die Partner, die schließlich der
NATO beitreten, wird die PFP jedoch der Weg ur
Mitgliedschaft im Bündnis sein. Die NATO stärkt zur

Seite 2

Zeit die PFP, damit sie ihrer Rolle als fester Bestandteil der europäischen Sicherheit gerecht werden
kann. Bei den jüngsten Mi niste rtreffen leitete die
NATO einen PFP-Verteidigungsplanungsprozeß in die
Wege und verabschiedete ein äußerst ehrgeiziges
Programm für Manöver im Jahr 1995. Ziel dieser
beiden Bestrebungen ist die Vertiefung der Zusammenarbeit der NATO mit ihren neuen Partnern im
militärischen Bereich und die Verbesserung der
Fähigkeit der Partner-Streitkräfte zu gemeinsamen
Operationen mit denen der NATO. Diese Bestrebungen sind für alle Partner wichtig, die sich an multinationalen Operationen mit Verbündeten beteiligen
könnten und werden sich bei der Vorbereitung von
Ländern mit einem Interesse an der NATO-Mitgliedschaft auf die Herausforderung der Vollmitgliedschaft
im Bündnis als unschätzbar erweisen.
Wir ergänzen diese Bestrebungen durch bilaterale
Hilfsprogramme.
Bestehende Ausbildungs- und
Austauschprogramme werden bereits zunehmend auf
die Unterstützung der PFP-Ziele zugeschnitten.
Darüber hinaus wenden wir im Haushaltsjahr 1995 30
Millionen Dollar zur Unterstützung von Übungen und
anderen Programmen mit Partnernationen auf. Im
Haushaltsjahr 1996 hat die Administration 100
Millionen Dollar an bilateraler Hilfe zur Förderung der
Ziele der PFP beantragt. Wir fordern unsere Verbündeten zur Bereitstellung ähnlicher Hilfsleistungen
auf. Wir sind uns bewußt, daß die Hauptfinanzierungsverpflichtung bei den Partnern liegt und unsere
NATO-Partner für den Erfolg des Programms ebenfalls ihren Beitrag leisten müssen.
Militärische Implikationen der Erweiterung
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Erweiterung sind
die Implikationen für die kollektive Verteidigung.
Beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister im
Dezember 1994 begrüßte der Verteidigungsplanungsausschuß (Defense Planning Committee - DPC)
offiziell die Entscheidung der Außenminister, einen
Prüfungsprozeß über das "Wie" der NATO-Erweiterung in die Wege zu leiten. Der DPC stellte auch
eindeutig klar: "Als Verteidigungsminister werden wir
uneingeschränkt zu diesem Prozeß beitragen, der
Implikationen für unsere kollektiven Verteidigungsarrangements haben wird, insbesondere für den
Verteidigungsplanungsprozeß und die integrierte
militärische Struktur. Aus diesem Grund haben wir
auf Anraten der NATO-Militärbehörden unsere
Ständigen Vertreter eingeladen um sicherzustellen,
daß diese Implikationen als Beitrag zur Arbeit des
Nordatlantikrats zu diesem Thema angesprochen
werden."
Die Hauptnotwendigkeit besteht in der Gewährleistung, daß die militärischen Fähigkeiten des Bündnis-

AMERIKA DIENST 13

�ses nach der Erweiterung erhalten bleiben. Die
verteidigungspolitischen Anforderungen der Erweiterung sind ziemlich anspruchsvoll und werfen eine
Reihe komplexer Fragen auf. Beispielsweise muß
eine erweiterte NATO sich mit der Notwendigkeit
auseinandersetzen, auch ihren Verteidigungsplanungsprozeß zu erweitern, um mit den Verfahren
des Bündnisses nicht vertraute Mitglieder einzubeziehen. Die NATO muß auch die Ressourcenerfordernisse eines größeren Bündnisses ausmachen und vielleicht in etwas kritischerer Weise Mittel
zur Erfüllung dieser Erfordernisse in einer Zeit
sondieren, in der die Verteidigungshaushalte aller
NATO-Mitgliedstaaten gekürzt werden.
Neue
Mitglieder müssen einen Beitrag zu den Sicherheitserfordernissen des Bündnisses leisten und nicht nur
nehmen wollen.
Die Notwendigkeit für Standardisierung und Interoperabilität stellt eine weitere Herausforderung dar,
die bewältigt werden muß, wenn das Bündnis militärisch effektive Streitkräfte beibehalten will. Die
NATO hat buchstäblich Hunderte von Standardisierungsabkommen, die sich mit Doktrin, Gerät, Verfahren und Beschaffung befassen, denen sich ein
neues Mitglied anpassen muß. Die Erweiterung wird
auch das komplexe Thema der Führungs- und Streitkräftestruktur aufwerfen. Wenn sich die NATO als
verantwortlich für die Verteidigung mehrerer neuer

*

AMERIKA DIENST 13

*

Mitglieder erachtet, muß sie die entsprechenden
Veränderungen ihres Streitkräfte-Einsatzkonzepts und
ihrer Doktrin vornehmen. Welche praktischen Vorschläge sollten wir in dieser Hinsicht unterbreiten?
Die Beantwortung dieser Frage bedarf eingehender
Studien und beträchtlicher Anstrengungen.
Schlußbemerkung
Die Entscheidung des Nordatlantikrats, eine Prüfung
der Erweiterungsfrage zu initiieren, war eine beträchtliche Leistung der amerikanischen Politik.
Zusammen mit unseren Verbündeten bemühen wir
uns um Klärung der angeschnittenen komplexen und
heiklen Fragen. Alle stimmen überein, daß die
NATO-Erweiterung stattfinden wird und diese Erweiterung in einer Art und Weise erfolgen muß, die die
Sicherheit Europas insgesamt verbessert und neue
Teilungen verhindert. Zu diesem Zweck verfolgen die
Vereinigten Staaten bei der NATO vehement den
Dialog über die Erweiterung und werden sicherstellen, daß die NATO die damit verbundenen komplexen Themen an die Öffentlichkeit bringt. Die
Vereinigten Staaten sind ferner zu der Gewährleistung entschlossen, daß die NATO ihre ehrgeizige
und anspruchsvolle Verpflichtung im Nordatlantikrat
erfüllt, interessierten Partnern die Ergebnisse dieser
Erörterungen vordem Ministertreffen des Nordatlantikrats im Dezember 1995 in Brüssel vorzulegen.

* *

Seite 3

�KLIMAKONFERENZ
5. April 1995

Bewältigung des Klimawandels ist größte
Herausforderung
von Timothy E. Wirth
Nachfolgend veröffentlichen wir einen im Zusammenhang mit der Berliner Klimakonferenz verfaßten Artikel des
Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy E. Wirth.

Während die entscheidende zweite Woche der
Berliner Klimakonferenz beginnt, nimmt der Druck
auf alle Nationen zu, eine Bestandsaufnahme der
Fortschritte zur Verhinderung beispielloser Klimaveränderungen vorzunehmen sowie entschieden und
verantwortungsbewußt zu handeln.
Diejenigen, die über die unterschiedlichen Meinungen, mühseligen Verhandlungen, unterschiedlichen
Einstellungen, Verzögerungen und das Spektakel
einer Zusammenkunft wie dieser lamentieren,
fordere ich auf, ebenfalls Bilanz zu ziehen. Gemeinsam müssen wir unsere Erwartungen beurteilen und
sie in Einklang mit der Realität bringen.
Es steht außer Frage, daß die Bewältigung des
globalen Klimawandels eine der größten - wenn
nicht die größte - Herausforderung ist, die je von
der internationalen Staatengemeinschaft angegangen wurde. Sie betrifft so schwierige Themen wie
Wirtschaftswachstum, Lebensqualität, Verkehrswesen, Energie und Landwirtschaft - und die zugrundeliegenden Probleme sind mindestens so komplex
wie die letzte Runde der globalen Handelsgespräche, die sich über zehn Jahre hinzog.
Es steht ebenfalls außer Frage, daß in bezug auf die
Umwelt - und den Planeten - sehr viel auf dem Spiel
steht. Das Ansteigen der Meeresspiegel, veränderte
Witterungsbedingungen, vermehrter Niederschlag,
heftigere Stürme, Belastung der Landwirtschaft - das
sind die Risiken.
Ebenso wie wir der Öffentlichkeit die äußerst wichtigen Beweise besser erklären müssen, die Wissenschaftler erbringen, müssen wir auch kollektiv
bessere Arbeit leisten, um eine Formulierung genauer zu erläutern, die Experten bei der Klimakonferenz
ständig verwenden - "nachhaltige Entwicklung".

AMERIKA DIENST 13

Nachhaltige Entwicklung bedeutet im wesentlichen,
daß die Volkswirtschaften der Welt die Bedürfnisse
der heutigen Generation ohne Gefährdung oder
Benachteiligung künftiger Generationen erfüllen
sollten. Verstanden und umgesetzt ist dies ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und ökologische Systeme sich gegenseitig verstärken. Ökologische Systeme bilden die entscheidende
Grundlage der modernen Gesellschaft - in der
Wissenschaft, Landwirtschaft, bei sozialer und
wirtschaftlicher Planung. Von unserem ökologischen
Kapital zu leben, ist langfristig eine ruinöse Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten
Völker und Nationen nach einer Verbesserung ihrer
Lebensqualität durch Wirtschaftswachstum, wissenschaftliche und technologische Fortschritte, die
wiederum die unabdingbaren Bausteine des Umweltschutzes sein können.
Das größte Hindernis beim Streben nach tragfähiger
Entwicklung ist die weitverbreitete Sorge der Welt,
der Schutz der Umwelt liefe den Wirtschaftsinteressen zuwider. Tatsache ist jedoch, daß die Wirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden und
vollständig von ihr abhängig ist.
Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach bemessen werden kann, indem man Bäume, Fischbestände
oder Getreideähren zählt. Es umfaßt auch komplexe
ökologische Systeme, die Abfälle filtern, Böden
regenerieren und die Trinkwasservorräte wiederauffüllen. Diese Systeme, die wir zu spät verstanden
haben, bilden die Grundlage des Lebens auf der
Erde. Die Zerstörung der Ozonschicht, das Aussterben der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache,
daß die Ökosysteme unseres Planeten großen
Belastungen ausgesetzt sind.

Seite 1

�Die globale Sicherheit ist untrennbar mit diesen
Trends verbunden. Die Sicherheit unserer Welt
hängt davon ab, ob wir ein tragfähiges, ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Zahl der Menschen
und der lebenserhaltenden Fähigkeit des Planeten
herstellen können.
Dies ist das Ziel von Präsident Clintons Bestrebungen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung auf der
ganzen Welt. In nur zwei Jahren hat er die Vereinigten Staaten in eine gestärkte Partnerschaft mit
der internationalen Staatengemeinschaft geführt, um
die Vorteile tragfähiger Entwicklung zu realisieren insbesondere bei der Klimafrage. Vergangen sind
die Tage, an denen die Vereinigten Staaten das
Problem leugneten oder sich weigerten, die Zusage
einer Reduzierung der Emissionen bis zum Jahr
2000 auf das Niveau von 1990 zu geben. Präsident
Clinton und Vizepräsident Gore haben dies geändert. Die Vereinigten Staaten haben jetzt einen
Plan mit über 50 Maßnahmen zur Verringerung der
Treibhausgasemissionen vorliegen. Und eine Reihe
von uns unternommener Schritte übertrafen unsere
Erwartungen. Präsident Clinton hat den Kurs der
staatlichen Investitionen der Vereinigten Staaten in
die Energiewirtschaft und andere Umwelttechnologien grundlegend - unvorstellbar - geändert. Diese
Aktionen und Investitionen in Höhe von Millionen - in
der Tat Milliarden - Dollar werden enorme Dividenden für die Reduzierung künftiger Treibhausgasemissionen bringen.
Hier in Berlin haben wir die Chance und Pflicht, uns
durch die Vielzahl von Positionen einzelner Regierungen zu arbeiten, um ein Mandat zur Genehmigung neuer Verhandlungen über die Bewältigung der
Herausforderung zu formulieren, das globale Klima
im nächsten Jahrhundert zu schützen.
Nach Ansicht meiner Regierung sollte das "Berliner
Mandat"
ein neues Ziel als Leitlinie für die nationalen
Bestrebungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
fordern,
durch genaue Analysen die Bandbreite konkreter
Maßnahmen zur Erlangung dieses neuen Ziels
definieren,
den Einfallsreichtum nichtstaatlicher Organisationen sowie des Privatsektors besser nutzen, um
Fortschritte zum obersten Ziel der Konvention der Stabilisierung der Atmosphäre - zu fördern
sowie
noch vor 1997 Einigkeit über die nächsten Schritte erzielen.

Seite 2

Bei unseren nächsten Schritten müssen wir meines
Erachtens eine zweite Priorität setzen: Das Sondieren von Möglichkeiten für gemeinsame Aktionen zur
Erreichung aller für die Zeit nach dem Jahr 2000
gesteckten Ziele.
Aus unserer Sicht könnten zur Annäherung an das
"Ziel" verschiedene gemeinsame Aktionen durchgeführt werden. Sie könnten die Form vereinbarter
Verfahren zur Untersuchung der Möglichkeiten für
Emissionsreduzierungen entsprechend nationalen
Gegebenheiten annehmen, unter der einzigen Voraussetzung, daß diese Möglichkeit in Betracht
gezogen und darüber berichtet wird.
Ferner sollten wir sowohl breitgefächerte als auch
spezifische technologische Initiativen prüfen, darunter
Anreize oder Abschreckungsmittel, umweltfreundlichere Technologien auf den Markt zu bringen, Technologien mit höheren Emissionswerten vom Markt zu
verdrängen und existierende, diesen Zielen zuwiderlaufende Maßnahmen abzubauen. Im Hinblick auf
zukünftige Emissionsszenarien ist offenkundig, daß
alle Nationen neue Technologien zur Realisierung
wirtschaftlicher und emissionspolitischer Ziele einsetzen müssen. Technologie ist ein vielversprechender Kandidat für internationale Zusammenarbeit.
In Anerkennung unserer gemeinsamen, aber differenzierten Pflichten vertreten die Vereinigten Staaten die
Auffassung, daß alle Nationen bei den nächsten
Schritten im Rahmen der Konvention eine Rolle
spielen müssen. Wie Vizepräsident AI Gore vor
kurzem in einer Rede äußerte, möchten wir, "daß
sich die Entwicklungsländer mit uns an den Verhandlungstisch setzen, so daß wir zusammen diese
gemeinsamen aber differenzierten Pflichten für die
Zeit nach dem Jahr 2000 definieren können. Wir
können und wollen nicht die Entwicklungsländer für
dieses Problem verantwortlich machen - das wäre
ziemlich ironisch und noch zynischer. Aber sie
müssen uns als Partner zur Seite stehen, nicht damit
wir alleine weniger, sondern damit wir gemeinsam
mehr tun können - durch Handel, technologische
Zusammenarbeit und ein breites Spektrum von
Strategien, die Vorteile für alle Nationen bieten."
Diese vier Prioritäten stellen eine Herausforderung für
künftige Aktionen dar. Praktisch alle Nationen sind
sich einig, daß die derzeitigen Bestrebungen zur
Erfüllung der vor uns liegenden Aufgabe nicht ausreichen. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, der
Versuchung zu erliegen und alle Hoffnungen auf die
bei der Erforschung des globalen Klimawandels
verbleibenden Unsicherheiten zu setzen. Der Rest
an Unsicherheit ist keine Rechtfertigung für Gleichgültigkeit. Die wissenschaftliche Grundlage ist eindeutig:
Die weitere Zunahme von Treibhausgasen wird

AMERIKA DIENST 13

�unweigerlich einen Klimawandel mit beträchtlichen
Konsequenzen für unseren Planeten herbeiführen.
Wir können es uns nicht leisten, abzuwarten.
In Anbetracht dessen, was Deutschland zur Förderung nachhaltiger Entwicklung unternommen hat, ist
es nur allzu angebracht, daß diese Konferenz in
Deutschland stattfindet. Wir sind uns bewußt, daß
die Veranstaltung dieser Konferenz sowohl Belastungen als auch Chancen beinhaltet. Die Führungsrolle
Deutschlands ist erforderlich, um Einigung über ein
"Berliner Mandat" zu erzielen, das von seinem
Umfang her der großen Herausforderung des Klimawandels entspricht. Die Vereinigten Staaten werden
alles in ihrer Macht Stehende tun, um bei dieser

*

AMERIKA DIENST 13

historischen Aufgabe mit der Bundesregierung
zusammenzuarbeiten. Die Berliner Klimakonferenz
kann dieses Problem nicht vollständig für künftige
Generationen lösen. Wir können jedoch entschlossen und verantwortungsbewußt die Entscheidung
fällen, unser nationales Engagement zur Reduzierung
von Emissionen fortzusetzen. Einigen mag das
Tempo der Fortschritte langsam erscheinen, aber im
Vergleich zu früheren internationalen Herausforderungen und angesichts der Geschichte dieses Problems
wurden bereits beträchtliche Fortschritte erzielt. Wir
dürfen nicht zulassen, daß Zyniker, Obstruktionspolitiker oder Überängstliche dem nächsten Schritt zu
einer umweltverträglichen Zukunft im Wege stehen.

* * * *

Seite 3

�KLIMAKONFERENZ
5. April 1995

Das Programm der Clinton-Administration
Maßnahmen zum Klimawandel
WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration verpflichtet sich uneingeschränkt zur Bewältigung der
Herausforderungen des Klimawandels mittels kostengünstiger Maßnahmen, die gleichermaßen der Umwelt wie
der Wirtschaft zugute kommen. Die Administration unterstützt Maßnahmen, die eine Reduzierung des durch
die Klimaveränderungen entstandenen Risikos gewährleisten. Unser Ansatz stützt sich auf drei Pfeiler.
Erstens gründen sich unsere Maßnahmen auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir sind der festen
Überzeugung, daß die Maßnahmen auf gängige wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt sein sollten, nicht auf
die Ansichten von Skeptikern oder Panikmachern. Zweitens basieren unsere Maßnahmen auf Partnerschaften
mit der Privatwirtschaft und nichtstaatlichen Organisationen. Dieses Thema muß in enger Zusammenarbeit
mit allen Unparteiischen erörtert werden. Und schließlich sind wir der Auffassung, daß der Klimawandel
internationale Lösungen erfordert. Der Klimawandel ist ein globales Problem und muß von der internationalen
Staatengemeinschaft angesprochen werden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse
Die Vereinigten stützen ihre Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels auf die Schlußfolgerungen
der Zwischensstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (Intergovernmental Panel on Climate
Change - IPCC), die einen maßgeblichen internationalen Konsens über die wissenschaftlichen
Erkenntnisse des Klimawandels erarbeitet hat.
Das Forschungsprogramm zum globalen Klimawandel der Vereinigten Staaten (U.S. Global Change
Research Program - USGCRP) sieht einen größeren
Beitrag zur Forschung vor, auf die sich die IPCC
stützt. Das USGCRP wurde im Jahr 1990 vom
Kongreß ins Leben gerufen, um die Ressourcen und
Forschungsaktivitäten von einem Dutzend Bundesbehörden zu koordinieren, insbesondere nationale
Forschungsaktivitäten und die amerikanische Beteiligung an Unterstützungsprogrammen für internationale Forschungsaktivitäten wie das Forschungsprogramm zum Weltklima, das internationale Geosphäre-Biosphäreprogramm und das Programm zur
menschlichen Dimension. Das im Haushaltsjahr
1995 mit 1,8 Milliarden Dollar finanzierte USGCRP
koordiniert eine umfassende Tagesordnung für
Forschung, Unterstützung der Mission für den
Planeten Erde, Studien zum Abbau der Ozonschicht
sowie Arbeit an der menschlichen Dimension des
globalen Klimawandels. Die Forschungen des

AMERIKA DIENST 13

USGCRP zu den Klimaveränderungen werden unter
anderem von folgenden Fragen geleitet:
Wie reagiert das Klima auf die zunehmende
Konzentration von Aerosolen und Treibhausgasen?
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf
die Gesellschaft und die Umwelt?
Wie kann die Gesellschaft künftige Klimaveränderungen mildern oder sich an ihre Konsequenzen anpassen?
Vor dem Hintergrund dieser Fragen konzentriert sich
die Forschung auf die Beobachtung und Dokumentation des Verhaltens des Erdsystems; Verständnis der
Prozesse, die Veränderungen des Erdsystems
beeinflussen; Entwicklung und Anwendung von
Modellen zur Vorhersage von Klimaveränderungen;
Auswertung der Auswirkungen des Klimawandels auf
die Landwirtschaft, Wälder, Wasserressourcen,
Küstenregionen, Ökosysteme und andere natürliche
Ressourcen sowie Verbesserung der Fähigkeiten zur
Milderung negativer Konsequenzen und Nutzung
möglicher Chancen des Klimawandels.
Da die
Bedeutung des Klimawandels vor allem von den
physischen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf die
menschliche Gesellschaft abhängt, hat das USGCRP
begonnen, eine Verlagerung seiner Finanzmittel zur

Seite 1

�Auswertung der sozio-ökonomischen Implikationen
des Klimawandels vorzunehmen.
Partnerschaften mit dem Privatsektor und den
Regierungen der Bundesstaaten
Zur Bewältigung der Herausforderung des Klimawandels müssen wir Unternehmen, nichtstaatliche Organisationen und Regierungen auf allen Ebenen einbeziehen.
Diese Verpflichtung kommt nirgends
stärker zum Ausdruck als in Präsident Clintons
Aktionsplan zum Klimawandel (Climate Change
Action Plan - CCAP). Der im Oktober 1993 veröffentlichte CCAP setzt Präsident Clintons Verpflichtung zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen
der Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 auf das
Niveau von 1990 um.
Der CCAP demonstriert, daß Regierungen und der
Privatsektor zur Verbesserung von Wirtschaft und
Umwelt zusammenarbeiten können.
Man geht
davon aus, bis zum Jahr 2000 Energieeinsparungen
in Höhe von 60 Milliarden Dollar vornehmen und
saubere Arbeitsplätze für die Zukunft schaffen zu
können. Im vergangenen Jahr wurden vom Energieministerium, dem Umweltschutzamt sowie dem
Landwirtschafts- und Verkehrsministerium große
Fortschritte erzielt. Im folgenden einige der Höhepunkte:
Durch die Beteiligung an Climate Challenge
haben sich 248 Elektrizitätsversorgungsunternehmen, die 53 Prozent der amerikanischen
Elektrizität erzeugen, zu freiwilligen Maßnahmen
zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen
um 44 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2000
verpflichtet. Climate Change ist eine gemeinsame Initiative des US-Energieministeriums und der
amerikanischen Elektrizitätsversorgungsindustrie,
um freiwillige Zusagen der Versorgungsunternehmen für Maßnahmen zur Reduzierung,
Vermeidung oder Eindämmung von Treibhausgasemissionen zu erhalten.
Seit Oktober 1993 haben sich 500 neue Teilnehmer Green Lights angeschlossen, womit sich
die Gesamtzahl inzwischen auf über 1.650
beläuft. Diese Teilnehmer haben den Elektrizitätsverbrauch für Beleuchtung durchschnittlich um
47 Prozent verringert und damit ungefähr 90
Millionen Dollar eingespart.
Das Programm
Green Lights des US-Umweltschutzamts ermutigt die Verwendung energiesparender Beleuchtung durch freiwillige, gewinnbringende Partnerschaften.
Das gemeinsam von US-Umweltschutzamt und
dem Energieministerium durchgeführte Programm

Seite 2

Climate Wise zielt darauf ab, Emissionsreduzierungen in allen Wirtschaftssektoren zu ermutigen.
Mehrere Industrieunternehmen, die 3 Prozent des
industriellen Energieverbauchs in den Vereinigten
Staaten ausmachen, sind Partner von Climate
Wise geworden und haben zugesagt, die jährlichen Emissionen bis zum Jahr 2000 um eine
Menge zu reduzieren, die 20 Millionen Tonnen
Kohle entspricht.
Motor Challenge, ein freiwilliges Partnerschaftsprogramm zwischen dem Energieministerium und
der Industrie, unterstützt Unternehmen bei der
Installierung leistungsfähiger und energiesparender Motorsysteme. Im Rahmen des Programms
wurden über 200 Partner rekrutiert, eine nationale
Hotline für technische Hilfe eingerichtet und
Ausstellungsgelände für 25 Technologiedemonstrationen beschafft. Durch diese Werbung sollen
die Sparmotoren schnell in der gesamten Industrie
verbreitet werden.
Dem Programm Waste Wise, das eine Verringerung und Wiederverwertung von Industriemüll an
der Quelle auf freiwilliger Basis ermutigt, haben
sich über 300 Unternehmen angeschlossen; mehr
als 750 Programme zur Abfallreduzierung wurden
eingeleitet.
Im Rahmen des NICE-Programms (National
Industrial Competitiveness for Energy, Environment and Economy) wurden 29 Zuschüsse gewährt, um Energieersparnis beim industriellen
Herstellungsprozeß zu fördern, die Abfallmenge
zu verringern und die Treibhausgasemissionen
verschiedener Schlüsselindustrien zu senken.
Nach seiner Erweiterung umfaßt Natural Gas
Star, das den Methanverlust von Gasleitungen
verringern soll, jetzt 35 Unternehmen, die für
Gasleitungen aus über 55 Prozent der Förderunternehmen, 25 Prozent der Vertriebsunternehmen sowie 35 Prozent aller Anschlüsse
zuständig sind.
Das State and Local Outreach Program gewährte 18 Bundesstaaten Zuschüsse. Diese dienen
einer Vervollständigung der Bestandsaufnahmen
von Treibhausgasen oder der Entwicklung umfassender Strategien, die für die tatsächliche
Emissionsverringerung unabdingbar sind. Insgesamt nehmen 24 Bundesstaaten an dem
Programm teil. Sieben Städte beteiligen sich an
der Initiative Green Fleets, und 25 Städte haben
Interesse am Programm Cities for Climate
Protection bekundet. Um die Möglichkeiten der
Städte zu demonstrieren, schätzte eine mittelgroße Stadt, sie könne Treibhausgasemissionen

AMERIKA DIENST 13

�in einer Größenordnung reduzieren, die 4,8
Millionen Tonnen Kohle entspricht.
Es wurden sieben Gemeinschaftsprojekte ins
Leben gerufen, die erneuerbare Energien, Umstellung auf andere Brennstoffe, Energieeinsparung und verbesserte Forstverwaltung in den
Entwicklungs- und Schwellenländern ermutigen.

Internationale Lösungen
Die Vereinigten Staaten übernehmen auch bei der
Rahmenkonvention über Klimawandel und in anderen internationalen Foren eine Führungsrolle.
Nachfolgend die Grundsteine der Politik der ClintonAdministration:
Förderung von Aktionen zur Stärkung der internationalen Reaktion unter der Klimarahmenkonvention sowie Zusammenarbeit mit anderen
Nationen zur Festsetzung angemessener Ziele
für das nächste Jahrhundert.
Ermutigung eines starken internationalen Prozesses zur Überprüfung nationaler Pläne. Die Vereinigten Staaten tragen im Rahmen des Programms Landesstudien (U.S. Country Studies)
zum Aufbau von Kapazitäten für entsprechende
Aktionen in nahezu 60 Entwicklungs- und
Schwellenländern bei.
Demonstration der Vorteile von Gemeinschaftsprojekten durch die Initiative zur gemeinsamen
Umsetzung (U.S. Initiative on Joint Implementation), dem weltweit ersten Programm seiner
Art.
Förderung von Entwicklung und Verbreitung
umweltfreundlicher Technologien.
Unterstützung der Reform internationaler Institutionen, einschließlich der Zusammenarbeit
mit multilateralen Entwicklungsbanken, um deren
Kunden bei der Erfüllung ihrer aus der Konvention resultierenden Verpflichtungen besser behilflich sein zu können.
Stärkung der vor kurzem umstrukturierten globalen Umweltfazilität (Global Environment Facility
- GEF), damit sie effektiv als Operationseinheit
des Finanzmechanismus der Konvention dienen
kann. Die Vereinigten Staaten setzen sich für
erfolgreiche Aktionen der globalen Umweltfazilität
als Reaktion auf die Gefahr des Klimawandels
ein.
*

AMERIKA DIENST 13

"Wir müssen eine Führungsrolle beim Umgang
mit der Herausforderung des Treibhauseffekts
übernehmen, der unseren Planeten und sein
Klima weniger gastlich und weniger menschenfreundlich gestalten würde." (Präsident Clinton, Tag der Erde 1993)
Jüngste Leistungen des amerikanischen Forschungsprogramms für globalen Klimawandel
Klimamodelle simulierten mit Erfolg die vorübergehende Abkühlung der unteren Luftschichten
infolge des beim Ausbruch des Pinatubo emittierten Sulfats.
Die verbesserte Fähigkeit zur Vorhersage des
Wirbelsturms "El Nifto" sowie daraus resultierender Veränderungen der tropischen und subtropischen Niederschläge unterstützt die Landwirte in
Nord- und Südamerika bei besserer Planung und
trägt dadurch zur Erhöhung ihrer Ernteerträge und
einer Verringerung wirtschaftlicher Verzerrungen
bei.
Simulationen von Klimaveränderungen während
der letzten 100 Jahre entsprechen den beobachteten Mustern entschieden besser, wenn Treibhausgase sowie regionale Konzentrationen von
Sulfataerosolen einbezogen werden.
Kombinierte Satelliten- und Oberflächenmessungen identifizierten jüngst eine unerwartete Absorption von 25-40 Watt Strahlung pro Quadratmeter durch die Atmosphäre.
Diese neuen
Informationen werden zu einer erneuten Analyse
des Strahlungsgleichgewichts der Erde sowie der
Rolle von Wolken für den Klimawandel führen.
Beobachtungen zufolge haben sich die Niederschläge in den Vereinigten Staaten seit 1970 im
Vergleich zu den vorausgegangenen 70 Jahren
vor allem im Herbst um rund 5 Prozent erhöht.
Ferner stieg die Häufigkeit extremer Regenfälle
(über 8 Millimeter pro Tag) in einem Großteil des
Landes.
Die erhöhten Kohlendioxidkonzentrationen ausgesetzten arktischen Ökosysteme erhöhten die
Produktivität nur wenige Jahre, wodurch der Effekt
einer C02-Düngung sich als nur kurzlebig erweisen könnte.

*

Seite 3

�ROOSEVELT
5. April 1995

Franklin Delano Roosevelt
Zum 50. Todestag des 32. amerikanischen Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Am 12. April jährt sich zum
50. Mal der Todestag von Franklin Delano Roosevelt, der länger als jeder andere - 12 Jahre - als
Präsident an der Spitze der Vereinigten Staaten
stand und das Land durch die beiden größten
Bedrohungen der Republik seit dem Bürgerkrieg
führte - die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten
Weltkrieg.
"Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht
selbst", äußerte Roosevelt über die Weltwirtschaftskrise. Und im Hinblick auf das Ziel der Amerikaner
im Zweiten Weltkrieg erklärte er:
"Ungeachtet
dessen, wie lange wir brauchen, um uns gegen
diese vorsätzliche Invasion zu wehren, wird das
amerikanische Volk in seiner gerechten Stärke den

absoluten Sieg erringen."
Obwohl Roosevelt vor einem halben Jahrhundert
starb, ist sein Einfluß auf die amerikanische Politik
und Gesellschaft immer noch manifest. Amerikaner,
die die Weltwirtschaftskrise und den nachfolgenden
Krieg miterlebt haben, werden nie seine überzeugenden, beruhigenden Worte zu einem Zeitpunkt vergessen, an dem Überzeugungen und Hoffnungen
stärker denn je auf die Probe gestellt wurden.
Ebenso wie eine spätere Generation sich daran
erinnert, wo sie am Todestag Präsident John F.
Kennedys war und was sie tat, bleibt der Tag, an
dem Franklin Delano Roosevelt starb - am 12. April
1945 in Warm Springs (Georgia) - auf ewig im
Gedächtnis der Generation des Zweiten Weltkriegs
verankert.
Die Nachricht von seinem Tod machte nicht nur
Amerika, sondern die ganze freie Welt betroffen.
Der Sieg in Europa lag nur noch einen Monat
entfernt, der Sieg im Pazifik sollte noch vor Ende
des Sommers errungen werden. Es schien undenkbar, daß Franklin Delano Roosevelt nicht mehr da
sein würde, um das Ende des Krieges zu verkünden
oder den nachfolgenden Frieden zu sichern.

AMERIKA DIENST 13

Nur wenige Politiker hatten einen solchen Einfluß auf
ihre Mitbürger, und noch viel weniger sind in der
Lage, über ihre Landesgrenzen hinaus das Leben der
Menschen zu beeinflussen. Franklin Delano Roosevelt war ein solcher Mann.
An seinem 50. Todestag sollte darauf hingewiesen
werden, wofür er stand, was .er tat, aber auch was für
ein Mensch er war und warum sein Vermächtnis im
Gedächtnis der Amerikaner und der ganzen Welt
lebendig bleibt.
Roosevelt wurde 1882 in Hyde Park (New York)
geboren. Der Sohn wohlhabender Eltern genoß viele
Vorteile. Er wurde von Privatlehrern unterrichtet,
besuchte eine elitäre Privatschule - Groton - und
machte seinen Abschluß an der Harvard University.
1905 heiratete er Eleanor Roosevelt, seine Cousine
sechsten Grades. Obwohl sie eine schwierige Ehe
führten, teilte sie seine Liebe zu fortschrittlicher Politik
und wurde nach seiner Wahl zum Präsidenten zu
"seinen Augen und Ohren" im ganzen Land.
Roosevelt zeigte von Beginn an politischen Ehrgeiz.
Von 1911 bis 1913 war er Senator des Bundesstaates New York, von 1913 bis 1920 unter der WilsonAdministration Abteilungsleiter im Marineministerium
und von 1929 bis 1933 Gouverneur von New York.
1921 erkrankte er an Kinderlähmung - wodurch seine
Beine im Alter von 39 Jahren gelähmt wurden - was
jedoch sein Engagement für den Staatsdienst nur
noch verstärkte.
1932 wählten ihn die durch die schlimmste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes alarmierten Amerikaner mit überwältigender Mehrheit zum
Präsidenten. Roosevelt gewann landesweit in sieben
von acht Wahlkreisen und in jeder Großstadt mit
Ausnahme von Philadelphia.
Nach seiner Amtsübernahme umgab sich der neue
Präsident mit erstklassigen Beratern - seinem be-

Seite 1

�rühmten "Brain-Trust" - und leitete unverzüglich ein
Programm direkter staatlicher Hilfe und wirtschaftlicher Regulierung ein, das zur Errichtung eines
modernen Sozialstaats führte. Sein Reformpaket
wurde als "New Deal" bekannt.
Seine Programme umfaßten die Naturschutzbehörde
(Civilian Conservation Corps - CCC), die Arbeitsbeschaffungsbehörde (Public Works Administration PWA) und die Dienststelle zur Untersuchung von
Arbeitsbedingungen (Works Progress Administration
- WPA), durch die wieder Straßen, Brücken und die
weitere erforderliche Infrastruktur gebaut wurde. Die
Eletrifizierungsbehörde für den ländlichen Raum
(Rural Electrification Administration - REA) baute in
ländlichen Gebieten eine Stromversorgung auf.
Während sich Roosevelt um die Schaffung von
Arbeitsplätzen bemühte, bot er gleichzeitig den
Notleidenden eine helfende Hand der Regierung.
Die staatliche Katastrophenhilfe (Federal Emergency
Relief Administration - FERA) stellte den Armen Hilfe
zur Verfügung. 1935 wurde das Gesetz über soziale
Sicherheit erlassen, das erstmals Arbeitslosen- und
Invaliditätsversicherung, eine Altersversorgung für
die über 65jährigen sowie Hinterbliebenenhilfe
vorsah. 1935 wurde den Arbeitnehmern das Recht
auf Zusammenschluß und Tarifverhandlungen
gewährt. 1938 wurden Mindestlöhne sowie eine
Obergrenze für die Wochenarbeitszeit eingeführt.
Roosevelts Bestrebungen brachten den meisten
Amerikanern keine direkte finanzielle Erleichterung,
hoben jedoch ihre Stimmung. Der neue Präsident
verbreitete Hoffnung und Optimismus unter seinen
Mitbürgern. Sie glaubten an ihn und folgten ihm.
"Es gibt einen mysteriösen Kreislauf menschlicher
Ereignisse", erklärte er. "Manchen Generationen
wird viel gegeben, von anderen wird viel erwartet.
Diese Generation von Amerikanern hat ein Rendezvous mit dem Schicksal."
Aber nicht alle waren begeistert von Roosevelts
Rezept für eine nationale Erneuerung. Die radikale
Linke hielt sein Programm für zu schwach. Nach
Ansicht der radikalen Rechten führte Roosevelt
einen Klassenkampf gegen die Reichen. "Ein
Radikaler", äußerte Roosevelt dazu, "ist ein Mann,
der mit beiden Beinen fest - in der Luft - steht. Ein
Konservativer ist ein Mann mit zwei gut funktionierenden Beinen, der jedoch nie laufen gelernt hat."
1936 wurde Roosevelt mit überwältigender Mehrheit
wiedergewählt, wodurch eine große Koalition der
Demokratischen Partei konsolidiert wurde, der
erstmals eine Vielzahl von Afroamerikanern angehörte, die vorher für die Republikaner gestimmt hatten.

Seite 2

In seiner zweiten Amtsantrittsrede prahlte Roosevelt
nicht mit den Erfolgen des New Deal, sondern sprach
von dessen Grenzen und noch zu erfüllenden Aufgaben. "Ein Drittel unserer Nation leidet unter
schlechter Unterbringung, schlechter Kleidung und
schlechter Ernährung", stellte er fest und schlug noch
ehrgeizigere Programme zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise vor.
Selbst als er von dem Krieg in Europa und dem
drohenden Krieg in Asien in Anspruch genommen
wurde, blieb die Kluft zwischen Arm und Reich sein
Anliegen. "Die Hoffnungen der Republik lassen nicht
zu, daß wir unverdiente Armut oder selbstsüchtigen
Reichtum tolerieren", erklärte er 1941 in seiner
Amtsantrittsrede.
Von Beginn seiner Präsidentschaft an führte er auch
in der amerikanischen Außenpolitik kühne neue
Ansätze ein. Den südlich der Vereinigten Staaten
gelegenen Republiken versprach er eine "Politik der
guten Nachbarschaft" und bot den Nationen Lateinamerikas ein neues Zeitalter der Zusammenarbeit
und Partnerschaft an. Historiker würdigen Roosevelts
Programm als Grundlage für das starke Eintreten der
westlichen Hemisphäre gegen die Achsenmächte im
Zweiten Weltkrieg.
Nach Beginn des Krieges in Europa im September
1939 erhöhte Roosevelt seine Unterstützung für die
gegen Hitler gerichteten Streitkräfte. Dies sicherte
ihm in den Herzen der Europäer, die den Faschismus
bekämpften, einen besonderen Platz, insbesondere
bei den Briten, denen er einen Rettungsanker zuwarf
- vor allem das Programm des "Lend and lease" - als
sie nach dem Fall Frankreichs über ein Jahr lang
alleine den Nazis widerstanden. Roosevelt erklärte
Amerika zum großen "Arsenal der Demokratie".
Nach dem Angriff der Japaner auf die Vereinigten
Staaten im Dezember 1941 warnte Roosevelt seine
Landsleute vor der Gefahr eines Rückfalls in den
Isolationismus nach Kriegsende. Die Amerikaner
haben "einen sehr hohen Preis" für die Lektion
gezahlt, daß "wir nicht alleine leben können", äußerte
er. "Wir haben gelernt, Weltbürger zu sein."
Selbst als er sein Land in den Krieg führte, setzte er
sich energisch für einen neuen Kurs in der amerikanischen Außenpolitik ein, der auf den Vereinten Nationen sowie einem fortgesetzten amerikanischen
Engagement in der Welt aufbauen sollte. "Die
einzige Art, einen Freund zu haben, besteht darin,
einer zu sein."
In seiner berühmten Rede von den Vier Freiheiten
ging er ausführlich auf die Rechte ein, die alle
Regierungen der Welt ihren Bürgern gewähren

AMERIKA DIENST 13

�sollten: Redefreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit von
Not und Freiheit von Angst. Ferner sprach er sich
eindeutig für öffentliche Bildung und Ausbildung
sowie die Künste zur Bekämpfung der Unwissenheit
aus, die er als Verbündeten der Tyrannei bezeichnete. "Redefreiheit hat keinen Sinn", so Roosevelt,
"wenn der Mensch nichts zu sagen hat".
Die Kriegsfreundschaft zwischen Winston Churchill
und Franklin Delano Roosevelt wurde auf der
ganzen Welt legendär. "Es macht Spaß, im selben
Zeitalter wie Sie zu leben", sagte Roosevelt einmal
zu Churchill. Im August 1941 verabschiedeten sie
die Atlantik-Charta, in der ihre Vision von einer
neuen Weltordnung nach dem Krieg auf der Grundlage von Demokratie und Freiheit proklamiert wurde.
Historiker kritisierten Roosevelt, er sei Stalin gegenüber naiv gewesen und hätte nicht die Gefahren
vorhergesehen, die der kommunistische Staat des
sowjetischen Diktators für die Nachkriegswelt darstellen würde. Roosevelt erachtete jedoch ebenso
wie Churchill das Kriegsbündnis mit der Sowjetunion
als wesentlich für den Sieg in Europa. Biographen
zufolge hegten die beiden Staatsmänner ehrliche
Bewunderung für den Mut und die Tapferkeit der
sowjetischen Soldaten und Zivilisten bei ihrem
Widerstand gegen den nationalsozialistischen
Angriff. Für beide Männer war es oberste Priorität,
den Krieg zu gewinnen.
Ebenso wie vor dem Krieg tröstete Roosevelt seine
Landsleute auch während der Jahre, die von noch
mehr Angst und Leid gekennzeichnet waren als die
der Wirtschaftskrise. In seinen Reden und im Radio
übertragenen Kamingesprächen ermutigte er sie, der
schweren Prüfung mit Entschlossenheit und Zielstrebigkeit zu begegnen.
Am D-Day, dem 6. Juni 1944, als Streitkräfte der
Amerikaner und der übrigen Alliierten die Invasion im
besetzten Europa begannen, hielt Roosevelt im
Rundfunk keine Rede, sondern sprach ein Gebet:
"Allmächtiger Gott. Unsere Söhne, der Stolz unserer
Nation, haben an diesem Tag ein gewaltiges Unternehmen begonnen, einen Kampf um den Erhalt
unserer Republik, unserer Religion und unserer
Zivilisation sowie um die Befreiung einer leidenden
Menschheit. Gib' ihnen Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit, verleih' ihren Armen Stärke, ihren Herzen
Tapferkeit, ihrem Glauben Stetigkeit."
Roosevelts Führungsstärke während des Krieges
und der vorausgehenden schwierigen Jahre wurde
von Historikern aller politischen Couleur gelobt. Es
ist jedoch seine Persönlichkeit, die Menschen dieser
Zeit am meisten erinnern - seinen ansteckenden

AMERIKA DIENST 13

Optimismus im Angesicht persönlicher und nationaler
Schwierigkeiten.
"Die einzige Einschränkung unserer Realisierung des
morgen sind unsere Zweifel von heute", äußerte er.
Selbst als sich seine Gesundheit immer weiter
verschlechterte, ließ sein Glaube an bessere Zeiten
nie nach. "Man sollte sich stets vor Augen halten,
daß sich die Zivilisation immer weiterentwickelt",
stellte er kurz vor seinem Tod in seiner letzten
Amtsantrittsrede fest. Er hatte die Gabe, große
Fragen in einfache Sätze zu kleiden und sie dem
Mann auf der Straße auf ungewöhnliche Weise zu
vermitteln. Und nicht nur dem Durchschnittsamerikaner. Mit den Worten des Schriftstellers Isaiah Berlin
wurde er ein Held "der Mittellosen und Unterdrückten
weit über die englischsprachige Welt hinaus".
Wie alle großen Staatsmänner wußte er, daß Worte jedes Wort - ausschlaggebend sind. Als er die Rede
durchging, die er nach dem Angriff auf Pearl Harbor
vordem Kongreß halten wollte, "einem Datum, das in
die Geschichte eingehen wird", entdeckte er dieses
Klischee und änderte Geschichte zu "Niedertracht",
womit er bewies, daß ein Wort, ebenso wie ein
Mensch, etwas ändern kann.
Er konnte sehr ernst werden - jedoch nur für kurze
Zeit. Der Witz und Humor Roosevelts eroberte die
Herzen seiner Kritiker und Bewunderer gleichermaßen. Als die Republikaner ihn wegen eines Vorfalls
kritisierten, an dem sein geliebter Hund Fala beteiligt
war, erklärte er: "Diese republikanischen Politiker
haben sich nicht mit Angriffen auf mich, meine Frau
oder meine Söhne zufriedengegeben. Nein, sie
mußten darüber hinaus auch noch meinen kleinen
Hund, Fala, angreifen. Natürlich nehme ich diese
Angriffe nicht übel, und meine Familie auch nicht,
aber Fala nimmt sie übel."
Politisch war er ein unerschrockener Liberaler - "ein
wenig links von der Mitte", wie er einst äußerte. "Die
Überzeugung eines Liberalen ist ein tiefsitzender
Glaube nicht nur an die Fähigkeiten jedes einzelnen,
sondern auch die Effektivität gegenseitiger Unterstützung".
Er suchte keine Entschuldigung für den vollen Einsatz
staatlicher Ressourcen für eine seines Erachtens
noble Sache. Über das Sozialgesetz sagte er: "Wir
können nie 100 Prozent der Bevölkerung gegen 100
Prozent der Gefahren und Wechselfälle des Lebens
versichern, haben aber den Versuch zum Entwurf
eines Gesetzes unternommen, das dem Durchschnittsbürger und seiner Familie einen gewissen
Schutz vordem Verlust des Arbeitsplatzes und Armut
im Alter bietet."

Seite 3

�Seines Erachtens muß die Regierung einen letzten
Ausweg bieten. "Die Regierung trägt letztlich die
Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Bürger.
Wenn es durch gemeinsame private Bestrebungen
nicht gelingt, den Arbeitswilligen Arbeit und den
Unglücklichen Hilfe anzubieten, haben die schuldlos
Leidenden ein Recht auf die Bitte um staatliche Hilfe,
und eine Regierung, die diesen Namen verdient,
muß darauf angemessen reagieren."
Auf die Frage, wie stark er die Steuern erhöhen
würde, um sein Reformprogramm des New Deal zu
finanzieren, zitierte er Richter Oliver Wendeil Holmes
- "Steuern sind der Preis einer zivilisierten Gesellschaft" - und fügte hinzu: "Eine sichere Art, das
soziale Gewissen einer Regierung zu eruieren, ist
die Überprüfung der Erhebung und Verwendung von
Steuergeldern. Und eine sichere Art, das soziale
Gewissen eines Individuums zu eruieren, besteht
darin, seine Reaktion auf die Steuererhöhungen zu
beobachten."
Obwohl er vom Recht auf einen Arbeitsplatz überzeugt war, glaubte er nicht an das Recht auf Sozialhilfe als dauerhaften Anspruch. "Hilfe zu verteilen ist
der Verabreichung eines Betäubungsmittels vergleichbar - einer schleichenden Zerstörung des
menschlichen Geistes. Sie ist den Geboten einer
soliden Politik abträglich". Nach Ansicht Roosevelts
würde von der Regierung bereitgestellte Arbeit
gegebenenfalls "nicht nur die Körper der Arbeitslosen vor der Selbstzerstörung retten, sondern auch

ihre Selbstachtung, ihr Selbstvertrauen, ihren Mut und
ihre Entschlossenheit".
Roosevelt war vor allem ein Pragmatiker, nach
dessen Ansicht "kühne, dauerhafte Experimentierfreude" zur Bewältigung moderner Herausforderungen
gehört. Beim Umgang mit diesen Herausforderungen
gebührt ihm ein Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern
und ein dauerhafter Platz in den Herzen der amerikanischen Bürger sowie vieler anderer auf der Welt.
Bei einer Gelegenheit - 1937 - sprach er über seine
Zukunftshoffnungen:
"Sie sollten heute abend Gott danken, wenn
Sie ungeachtet Ihres Alters im Geiste jung
genug sind, um Träume und Visionen zu
haben - Träume und Visionen von einem
großartigeren und schöneren Amerika der
Zukunft; wenn Sie im Geiste jung genug sind,
um an die Möglichkeit einer Milderung der
Armut zu glauben und daran, daß die Schande
unfreiwilliger Arbeitslosigkeit abgeschafft,
Klassenhaß beendet, Friede im In- und Ausland gesichert und eines Tages eine Generation dieses Land besitzen wird, die mit mehr
gesegnet ist, als wir uns jetzt vorstellen können
- gesegnet mit materiellen und geistigen Gütern, die das Leben des Menschen bereichern.
Wenn Sie davon träumen, sage ich Ihnen:
Bewahren Sie sich Ihren Traum. Amerika
braucht das."

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 13

�TAG

DER

ERDE
5. April 1995

Die menschliche Umwelt und
globale politische Anpassung
von Thomas W. Wilson
WASHINGTON - (AD) - Vor 25 Jahren - am ersten Tag der Erde - hielt "praktisch die gesamte Nation,
einschließlich des Kongresses, in ihrer alltäglichen Tätigkeit inne, um sich über die Verschlechterung ihres
physischen Umfelds und der Lebensgewohnheiten Gedanken zu machen". Dieses Ereignis trug dazu bei, die
neue Sorge um den Zustand unseres Planeten zu einem aktuellen politischen Thema zu machen. In den
nachfolgenden Jahren nahm dieses Anliegen einen globalen Charakter - auf staatlicher und nichtstaatlicher
Ebene - an und führte dazu, daß neue politische Kräfte sich mit der dynamischen Interaktion der natürlichen
Biosphäre und der vom Menschen geschaffenen Soziosphäre befaßten, einer Interaktion, die jenseits der
nationalen Gesetzgebung stattfindet, jedoch entscheidenden Einfluß auf Sicherheit und Fortschritt von Nationen
und Menschen hat.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in Global Issues In Transition, Nr. 13, März 1995.
öffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Global Issues in Transition.

Ver-

Thomas W. Wilson, Jr. ist Schriftsteller und Gutachter mit Sitz in Washington. Er war politischer Berater der
US-Mission bei der NATO, Gutachter bei der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen sowie Direktor des
Programms für Umwelt und Lebensqualität des Aspen Institute. Zu den von ihm verfaßten Büchern gehören
Cold War and Common Sense, The Great Weapons Heresy sowie International Environmental Action.

Die Feiern aus Anlaß des ersten Tags der Erde vor
25 Jahren sind weltweit noch lebhaft in Erinnerung.
Dieses zukunftsweisende Ereignis trug zur Erschließung eines neuen Gebiets der Weltpolitik bei, das
über die traditionelle Arena zwischenstaatlicher
Beziehungen hinausgeht.
Die Historiker werden vielleicht viel Zeit benötigen,
um sich über die turbulenten Ereignisse und Bewegungen des letzten halben Jahrhunderts Klarheit zu
verschaffen: den Kalten Krieg, das Atomzeitalter,
das Düsenzeitalter, das Weltraumzeitalter, das
elektronische Zeitalter; das Ende von Imperialismus,
Kolonialismus, Faschismus, Kommunismus, Totalitarismus; die Globalisierung der Industriellen Revolution; die Bevölkerungsexplosion, Verstädterung,
Massenmigration; das Aufkommen von demokratischen Regierungen und Menschenrechten - diese
und andere Erschütterungen trugen zur Unruhe in
den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bei.
Möglicherweise war das Wichtigste eine ungeplante,
unorganisierte und unangekündigte politische Anpassungsbewegung an diese erstaunlichen Umwälzungen in der modernen Welt. In diesem Zusammenhang kommt dem Tag der Erde eine stei-

AMERIKA DIENST 13

gende Bedeutung als Quelle politischer Bewegungen
zu, die immer noch an Kraft und Dynamik zunimmt und sich inhaltlich weiterentwickelt.
Environmental Action zufolge, einer Gruppe junger
Menschen, die den ersten Tag der Erde - am 22.
April 1970 - organisierte und förderte, nahmen an
diesem Tag mindestens 20 Millionen Amerikaner an
Campus- und Gemeindeprogrammen teil - von
Abfallbeseitigungskampagnen
über Teach-ins,
Demonstrationen, Gebetsversammlungen und Aktionen wie der Vergrabung eines Autos auf einem
Campus in Kalifornien. Laut Gladwyn Hill von der
The New York Times war der Tag der Erde "ein
Ereignis, wie es die Welt nie zuvor gesehen hatte...
Erstmals in der Geschichte hielt praktisch die gesamte Nation, einschließlich des Kongresses, in ihrer
alltäglichen Tätigkeit inne, um sich über die Verschlechterung ihres physischen Umfelds und der
Lebensgewohnheiten Gedanken zu machen."
Diese außergewöhliche Reaktion der Öffentlichkeit ist
zweifelsohne zum Teil auf das spektakuläre Bild einer
wunderschönen blauen Erde zurückzuführen, das von
der Raumkapsel Apollo bei ihrer Umkreisung des

Seite 1

�Mondes aufgenommen wurde. In der unendlichen
Weite des Kosmos erscheint die Erde unweigerlich
klein, schutzlos und begrenzt. Im Gegensatz zu
herkömmlichen Überzeugungen wurde offensichtlich,
daß die Ressourcen der Erde nicht unerschöpflich
sind - daß der uralte Drang nach materiellem Fortschritt durch die fortschreitende Eroberung der Natur
auf der falschen Annahme beruhte, das zersplitterte
System souveräner Nationen sei überlagert von
einem einigenden Regime ineinander verzahnter
natürlicher Systeme, die schon lange vor der Erfindung souveräner Staaten bestanden hatten. Vor
diesem Hintergrund trug der Tag der Erde dazu bei,
die neue Beschäftigung mit dem Zustand des
Planeten zu einem aktuellen politischen Thema zu
machen. Noch vor Ende des Jahres verabschiedete
der amerikanische Kongreß das Gesetz über nationale Umweltpolitik (National Environmental Policy
Act - NEPA) und begann mit der Ausarbeitung von
Gesetzen zur Kontrolle der Luft- und Wasserqualität
sowie dem Schutz vom Aussterben bedrohter
Tierarten.
Einige andere Länder unternahmen
ähnliche Schritte.

war eine Sichtweise, die ein stategisches Gleichgewicht zwischen dem gesamten menschlichen Handeln
und den grundlegenden Systemen der Natur herstellte, die sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund
des spektakulären Bevölkerungswachstums, technologischen Know-hows und wirtschaftlichen Outputs
stark vergrößert hatten. Die Stockholmer Konferenz
begann sich mit den politischen Implikationen einer
Welt zu beschäftigen, in der die natürliche Biosphäre
und die vom Menschen geschaffene Soziosphäre auf
globaler Ebene jenseits nationaler Gesetzgebung,
jedoch mit entscheidendem Einfluß auf Sicherheit und
Fortschritt von Nationen und Menschen interagieren.
Dieser strategische Zusammenschluß menschlicher
und planetarischer Kräfte hat nichts mit den klassischen Konzepten rivalisierender Staaten zu tun, die
an dem "großen Spiel der Nationen" um geopolitische
Vorteile teilnehmen. Vielmehr stellt er die konventionellen Überlegungen der Machtpolitik völlig auf den
Kopf. Und es stellte sich heraus, daß die mit dem
Kalten Krieg beschäftigten Nationen nicht zu einem
solch radikalen Bruch mit der politischen Orthodoxie
bereit waren.

Stockholm

Kalter Krieg oder nicht - der unsichere Prozeß
politischer Anpassung an eine sich verändernde Welt
kam allmählich voran - wenn auch ohne einen klaren
Kurs. Gesetze und Bestimmungen zum Umweltschutz auf nationaler und lokaler Ebene mehrten sich,
in wichtigen Bereichen des Umweltschutzes wurden
mehrere internationale Verträge ausgehandelt, und
bei Weltkonferenzen wurden die Probleme Bevölkerungswachstum, weltweite Nahrungsmittelproduktion,
Trinkwasserversorgung, Versteppung und andere
Belastungen der natürlichen Ressourcen und Systeme behandelt.

Zwei Jahre später trafen die Mitgliedstaaten der
Vereinten Nationen in Stockholm zur Konferenz über
die menschliche Umwelt zusammen. Die Anzeichen
für die Belastung des Planeten und eine Verschlechterung seines Zustands häuften sich ständig:
Wüsten breiteten sich aus, Wälder und Grundwasservorräte nahmen ab, Böden wurden abgetragen,
Müllberge wuchsen und die Arten verringerten sich
in immer schnellerem Tempo - während die natürlichen Systeme mehr Schadstoffe über internationale
Grenzen transportierten.
Die Stockholmer Konferenz wurde vielerorts als
Triumph der Vereinten Nationen bezeichnet: Sie
schärfte das Bewußtsein der Regierungen für
Umweltprobleme, verabschiedete einen Aktionsplan
mit über 100 Empfehlungen für nationale und
internationale Aktionen, plante ein neues Amt der
Vereinten Nationen zur Fortsetzung der Arbeit der
Konferenz, band erstmals Wissenschaftler und
nichtstaatliche Organisationen in den internationalen
politischen Prozeß ein und diente als Modell für
künftige Weltkonferenzen mit einer sich abzeichnenden neuen Tagesordnung globaler Fragen.
Noch wichtiger ist jedoch, daß die Stockholmer
Konferenz den konzeptionellen Rahmen der "Umweltkrise" vergrößerte, um die gesamte menschliche
Umwelt einzubeziehen. Dieser Sichtweise zufolge
vermischen sich Natur und Menschheit zu einem
integrierten und unteilbaren weltweiten System, das
als einzelnes Phänomen betrachtet werden muß. Es

Seite 2

In dem der Stockholmer Konferenz folgenden Jahrzehnt entwickelte sich überall auf der Welt ein
Bewußtsein für die menschliche Umwelt - bei Konferenzen, Studien, Workshops, Seminaren und in
zahllosen Arbeiten von Wissenschaftlern, Technikern,
Gelehrten, Futuristen, politischen Aktivisten und einer
wachsenden Zahl von Bürgern, die auf die eine oder
andere Weise Organisationen unterstützten, welche
sich der Bewahrung und Verbesserung von Umweltsystemen widmeten. Man kann dies nicht in allen
Einzelheiten verfolgen, aber unter der Oberfläche
wurde nach und nach die Vorstellung von der
"menschlichen Umwelt" erweitert und durch eine
Vielzahl aufschlußreicher Einsichten bereichert,
darunter:
Umweltschäden sind Symptome einertieferliegenden Unordnung im globalen Schema der Dinge.
Abhilfemaßnahmen, die sich beispielsweise auf
die Schadstoffkontrolle konzentrieren, können
nicht mehr als eine Linderung sein, wenn nicht die

AMERIKA DIENST 13

�grundlegenden Probleme entdeckt und gelöst
werden. Dies führt unter anderem zu einer
Diskreditierung der Möglichkeit einer schnellen
technologischen Lösung für Umweltschäden.
Die Umwelt kann nicht als einzelnes Thema
behandelt werden, sondern nur als übergreifendes Anliegen, das akademische Disziplinen,
Fachwissen, Wirtschaftssektoren sowie öffentliche und private Institutionen einbezieht. Daher
müssen umweltpolitische Belange eine Ausdrucksmöglichkeit in Form grundlegender politischer Maßnahmen, eines Problembewußtseins,
einer Denkweise und einer bestimmten Einstellung gegenüber allen Handlungen einer Gesellschaft finden, die Auswirkungen auf die Biosphäre haben.
Die Umweltkrise ist lediglich eine Manifestation
der systemimmanenten Zwangslage der Welt, in
der einzelne Bestandteile so miteinander verbunden sind, daß sie nicht zum Zwecke separater Lösungen getrennt werden können. Dies
schließt die traditionelle wissenschaftliche Methode reduktionistischer Analyse aus und erfordert
einen integrativen Ansatz zu den Problemen der
menschlichen Umwelt - einen beispiellosen
Bedarf für "auswärtige Angelegenheiten".
Diese globale Verknüpfung von Biosphäre und
Soziosphäre schafft gemeinsames Terrain unter
den politischen Guppierungen, die sich ursprünglich nur für ihre Sache engagierten. Allmählich
und zögernd gelangten spezielle Interessengruppen zu der Erkenntnis, daß sie alle mit
derselben übergreifenden Zwangslage konfrontiert sind. Das gilt insbesondere für Organisationen, die auf den Gebieten wirtschaftliche Entwicklung, Bevölkerungsstabilisierung und Umweltschutz tätig sind. Durch die Annäherung ihrer
Interessen fanden diese Gruppen mehr Gelegenheit, ihre Kräfte bei Bildung und Ausbildung,
politischen Maßnahmen und Aktionen zu bündeln. Konzepte entzweiender nationaler Interessen wurden mit einigenden Konzepten gemeinsamer Interessen verflochten.

wie die modernen Industriestaaten. Deren Entwicklung schien einen Kollisionskurs mit der globalen
Umwelt zu steuern. In politischer Hinsicht war der
"Süden" auf Kollisionskurs mit dem "Norden".
Schlimmer als das war jedoch die Alpträume verursachende Vision eines Frontalzusammenstoßes
zwischen Reichen und Armen wegen des Zugangs zu
den schwindenden Ressourcen der Welt.
Bei der Stockholmer Konferenz wurde der Versuch
unternommen, dieses Problem dadurch zu lösen, daß
(im sogenannten Founex-Bericht) insistiert wird,
Entwicklung und Umwelt seien zwei Seiten derselben
Medaille - wobei Entwicklung zur Bereitstellung der
Ressourcen für Umweltschutz und Umweltschutz zur
Verteidigung der Basis für wirtschaftliche Entwicklung
erforderlich ist. In der Praxis läuft das Thema Umwelt/Entwicklung auf die Frage hinaus, die im Bericht
als "effizienteste Synthese entwicklungs- und umweltpolitischer Belange" für die in unterschiedlichen
Entwicklungsstadien befindlichen Nationen definiert
wird. Dies erfordere, wird in dem Bericht gewarnt,
größeres Verständnis für die "Unteilbarkeit der
natürlichen Systeme der Erde" sowie "eine umfassendere, über die bloße Erhöhung des Bruttosozialprodukts hinausgehende Definition der Entwicklungsziele". Mit anderen Worten: Die Nationen
müßten ihre traditionelle Vorstellung von Natur und
wirtschaftlicher Entwicklung ebenfalls ändern, um die
beiden Seiten der menschlichen Umwelt miteinander
vereinbaren zu können. Das ist leichter gesagt als
getan.

Entwicklung und Umwelt - zwei Seiten einer
Medaille

Die Stockholmer Konferenz konnte die Kontroversen
über umweit- und entwicklungspolitische Ziele nicht
ausräumen, war jedoch der Ausgangspunkt für eine
lange Debatte darüber, wie beide Ziele gleichzeitig
verfolgt werden können. Und Mitte der achtziger
Jahre gelangten die beiden vornehmlich betroffenen
UN-Behörden (das Umwelt- und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) zu der Schlußfolgerung, es sei an der Zeit für umfassende Bestrebungen zur Ausarbeitung eines integrierten Konzepts
sowie zur Prüfung der Auswirkungen auf politische
Maßnahmen und Aktionen. Das Instrument ihrer
Wahl war die Weltkommission für Umwelt und
Entwicklung, wobei die Kommissare nicht als Regierungsvertreter, sondern als individuelle Experten
fungierten.

Es bestand jedoch keine Möglichkeit, Schutz vor der
massiven politischen Zeitbombe zu finden, die dem
Konzept einer geeinten menschlichen Umwelt
inhärent ist. Die Umweltkrise war großenteils ein
Nebenprodukt der Industrialisierung in der Ländern
der Nordhalbkugel; und jetzt sind die Entwicklungsländer - mit etwa zwei Dritteln der Weltbevölkerung ganz versessen darauf, denselben Weg zu gehen

Die Kommission nahm ihre Arbeit dort auf, wo andere
aufgehört hatten: "Dies sind keine einzelnen Krisen",
schrieben die Kommissare, "die Umweltkrise, die
Entwicklungskrise, die Energiekrise sind eine Krise.
... Ökologie und Ökonomie werden immer stärker
miteinander verknüpft - lokal, regional, national und
global." Darüber hinaus stehen auch die Probleme
Bevölkerungswachstum, Gewährleistung der Nah-

AMERIKA DIENST 13

Seite 3

�rungsmittelversorgung, Verlust von Arten und genetischen Ressourcen, Energie, Industrie- und Wohngebiete in Zusammenhang und "können nicht isoliert
voneinander behandelt werden". Und um es noch
ein bißchen komplizierter zu machen, fanden die
Kommissare heraus, daß "die Verschärfung und
Ausweitung der Umweltkrise eine Bedrohung der
nationalen Sicherheit - und sogar des Überlebens darstellt, die größer sein könnte als gut bewaffnete,
böswillige Nachbarn und feindlich gesinnte Bündnisse".
Nach drei Jahren der Studien, Anhörungen und
Debatten gelangte die Kommission zu dem Schluß,
daß der einzige Weg zur Anpassung von Umweltschutzmaßnahmen und wirtschaftlicher Entwicklung
in einer integrierten Politik tragfähiger Entwicklung
besteht, die "den Erfordernissen der Gegenwart
gerecht wird, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen, ihre eigenen Bedürfnisse
zu erfüllen" - also eine einzige Politik für eine einzige
Weltordnung. Tragfähige Entwicklung, argumentierte
die Kommission, sei möglich - aber nicht mit ungehindertem Bevölkerungswachstum einerseits und
Konsum andererseits. Die gegenwärtigen politischen
Systeme scheinen auch nicht zu den jetzt erforderlichen "schmerzhaften Entscheidungen" in der Lage
zu sein. In der Tat erklärte die Kommission, die
Kapazität von Regierungen und internationalen
Behörden zur Anpassung an Tempo und Ausmaß
des globalen Wandels "geht schlicht über die Reichweite der existierenden Entscheidungsstrukturen und
institutionellen Arrangements" auf nationaler und
internationaler Ebene hinaus. Schließlich wurde das
zentrale Thema der Zwangslage der Welt als die
Fähigkeit politischer Systeme zur Anpassung an eine
Welt im Übergang ausgemacht.
Die Erdgipfel
Dennoch wurde nur wenige Jahre später die Doktrin
tragfähiger Entwicklung - zusammen mit einer
Tagesordnung verwandter Themen - mit großem
Trara von über Hundert Staats- und Regierungschefs verabschiedet. Anlaß war der von den Vereinten Nationen am 20. Jahrestag der Stockholmer
Konferenz von 1972 veranstaltete Erdgipfel in Rio de
Janeiro.
Der Vorbereitungsprozeß für das Treffen in Rio war
eine stürmische Angelegenheit. Manchmal schien
es, als ob die Welt sich wegen der andauernden
Frage, ob das Streben nach Fortschritt vom umweltoder entwicklungspolitischen Gesichtspunkt angegangen werden sollte, entlang der Nord-Süd-Grenze
spalten würde. Die Manöver, Terrain zu gewinnen,
waren aufgrund der starken Beteiligung nichtstaatlicher Gruppen umso intensiver, deren Zahl sich

Seite 4

durch die beachtliche Zunahme solcher Organisationen in den Entwicklungsländern sowie erweiterte
Definitionen von Umwelt- und Entwicklungsangelegenheiten enorm erhöht hatte. Insbesondere die
Frauengruppen insistierten auf der Einbeziehung der
Themenkomplexe Gerechtigkeit, Gleichheit und
Menschenrechte in das Konzept tragfähiger Entwicklung. Dies alles fand mit der Verabschiedung der
Agenda 21 beim Erdgipfel seinen Niederschlag einem hochtrabenden ersten Entwurf eines langfristigen Programms für tragfähige Entwicklung der
Welt im 21. Jahrhundert. Implizit behandelte dieses
Dokument nichts weniger als den Zustand des
Planeten und die Lebensbedingungen auf Generationen hinaus.
Aber Haarspalterei über den unbeholfenen Aktionsplan von Rio zu betreiben hieße, nicht zu begreifen,
daß er über die traditionelle Tagesordnung zwischenstaatlicher Angelegenheiten hinaus zu der sich
abzeichnenden Tagesordnung menschliche Umwelt
übergeht - ein Übergang, der eine in dynamischen
aber stabilen strategischen Beziehungen zwischen
Biosphäre und Soziosphäre verankerte potentielle
Weltordnung ahnen läßt. Im Detail geht die Agenda
21 im wesentlichen auf die Arbeit der zwei Jahrzehnte vor der gegenwärtigen Zwangslage der Welt ein:
Tragfähige Entwicklung wird eine drastische Verringerung der Weltbevölkerungszuwachsrate sowie
eine Neuordnung des industriellen Systems erfordern,
um den exzessiven Verbrauch von Energie und
Material sowie die unerträglichen Auswirkungen von
Abfallprodukten auf die Weltbevölkerung, die grundlegenden biologischen Systeme und die chemischen
Zyklen des Planeten radikal zu senken.
Abgesehen von dem monumentalen Arbeitsprogramm
der Agenda 21 steht der Erdgipfel für eine bemerkenswerte Innovation der Weltpolitik mit wenigen
Präzedenzfällen in den Annalen der internationalen
Diplomatie. Dies ist ein Weg, Geschäfte unter den
Nationen zu machen, der aus der Stockholmer
Konferenz hervorging: Ein System regelmäßiger,
offener Bestrebungen aller Mitglieder der Vereinten
Nationen auf politischer Ebene, um einen einzelnen
Punkt der vorbereiteten Tagesordnung bei zweiwöchigen ununterbrochenen Konsultationen zu prüfen.
Dieses System internationaler Konferenzen, wie es
sich in den Jahren nach Stockholm entwickelte, wird
von den Vereinten Nationen in die Wege geleitet,
findet jedoch außerhalb der internationalen Bürokratien statt, während jede Konferenz eine Eigendynamik
entwickelt und dann mit dem letzten Hammerschlag
des geplanten Treffens zu Ende geht. Jede Konferenz hat ihr eigenes Managementteam, und jeder
geht eine zwei- bis dreijährige Vorbereitungszeit
voraus, in der die Regierungen gezwungen werden,
sich die Zeit für ernste Hausaufgaben zu Themen zu

AMERIKA DIENST 13

�nehmen, die sie lieber unter den Teppich kehren
oder an die Peripherie ihrer politischen Anliegen
verbannen würden.
Die Atmosphäre dieser internationalen Versammlungen wird letztlich durch die Tatsache bestimmt,
daß die Nationen nicht wegen kontroverser Verhandlungen oder um Punkte in der Debatte zu erzielen
daran teilnehmen, sondern um ein möglichst großes
gemeinsames Terrain zu sondieren, auf dem sie zur
Zusammenarbeit bereit sind. Und im Verlauf der 20
Jahre zwischen Stockholm und Rio begann die Welt
sich mit einer länger werdenden Liste von Problemen zu befassen, die außerhalb der Reichweite der
jeweiligen Regierungen liegen, nicht in den Fachbereich der Diplomaten fallen und nur durch die
Bestrebungen der Nationen zur Zusammenarbeit
gelöst werden können.
Diese massiven und ungeordneten Versammlungen,
an denen über 100 nationale Delegationen und noch
mehr Gruppen inoffizieller Lobbyisten teilnehmen,
sind ein leichtes Ziel für politische Satire. Manchmal
ist das Ergebnis der schnell vergessene kleinste
gemeinsame Nenner einer erfolglosen Anfrage.
Aber die Resultate, selbst die auf den kleinsten
gemeinsamen Nenner begrenzten, stehen für das
Beste, das diese Nationen bei diesem Thema auf
dem Wege des Konsenses zum gegebenen Zeitpunkt erreichen können. Schlimmstenfalls ist es ein
unangenehmer Weg, auf dem die Nationen mit den
vertrackten Problemen fertigwerden, die sie nicht auf
andere Weise bewältigen können.
Das Potential für dieses alternative System der
Weltpolitik wurde im September 1994 bei der UNKonferenz über Bevölkerung und Entwicklung in
Kairo schlaglichtartig beleuchtet. In vager, aber
dennoch sehr realer Weise gibt die Kairoer Konferenz einen Überblick über den Prozeß der politischen Anpassung an eine sich während der letzten
25 Jahre des Jahrhunderts wandelnde Welt. Am
Ende der Konferenz vereinbarte die internationale
Staatengemeinschaft direkt oder indirekt folgende
Punkte:
Lösungen zu erarbeiten, indem man über die
Symptome hinaus zu den Wurzeln der Zwangslage der Welt vordringt. Ebenso wie andere vor
ihr gelangte die Konferenz zu der Schlußfolgerung, daß universeller Zugang zu Familienplanung unabdingbar für die Stabilisierung des
Bevölkerungswachstums ist. Hinter der Empfängnisverhütung steht jedoch das Problem der
Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter sowie die Gewährung zunehmender
Befugnisse für Frauen zur uneingeschränkten

AMERIKA DIENST 13

Beteiligung am nationalen und internationalen Leben.
Mit anderen Worten: Demographische Daten reflektieren die nahezu universellen Sitten und Gebräuche
einer patriarchalischen Gesellschaft, die weichen
muß, wenn die Geburten- und Sterberate ins Gleichgewicht gebracht werden soll.
Die Zwangslage der Welt als ein einzelnes Phänomen anzugehen. Der in Kairo verabschiedete
Aktionsplan stellt das Programm zur Stabilisierung
des Bevölkerungswachstums in einen "umfassenden und integrierten Rahmen", der Bevölkerung
und tragfähige Entwicklung, Umweltschutz, Milderung der Armut und menschliche Gesundheit
umfaßt und verbindet.
Die Formulierung langfristiger Maßnahmen, die
über schnelle Lösungen für aktuelle Probleme
hinausgehen. In Kairo vereinbarten die Nationen,
daß die Bekämpfung der Überbevölkerung verbesserte Gesundheitsfürsorge für Kleinkinder, Kinder
und Mütter erfordert sowie bessere Bildungschancen für Mädchen und Frauen. Kurzum, der
Zeitrahmen ist auf die nächste - und übernächste - Generation erweitert.
Aus alten konzeptionellen Denkschemata auszubrechen - den ererbten Annahmen, Dogmen und
Tabus - die die Gesellschaft historisch gesehen zu
der Überzeugung verleitet haben, Bevölkerungswachstum sei wünschenswert und nützlich. Noch
Mitte des 20. Jahrhunderts konnten sich die
Mitglieder der Vereinten Nationen nicht darauf
einigen, Bevölkerungswachstum als weltweites
Problem auch nur zu erörtern. Und bis zur Kairoer Konferenz vereitelten sie alle Bestrebungen zur
Senkung der Zuwachsrate der Weltbevölkerung.
In Kairo verabschiedeten sie jedoch ohne Gegenstimme ein auf 20 Jahre angelegtes Aktionsprogramm mit dem Ziel, die Weltbevölkerung im
Jahr 2015 auf weniger als die derzeitige durchschnittliche Bevölkerungsprojektion der Vereinten
Nationen von 7,5 Milliarden Menschen für dieses
Jahr zu begrenzen.
Das Kairoer Programm prognostiziert noch immer
einen enormen Zuwachs der Weltbevölkerung, der
auf dem Planeten lasten und den Lauf der Entwicklung behindern wird. Die Kairoer Konferenz erreichte
jedoch ein unausgesprochenes aber implizites Ziel
des ersten Tags der Erde: Unsere politischen
Fähigkeiten zu nutzen, um den Menschen von dem
selbstzerstörerischen Kurs wegzuleiten, den er vor 25
Jahren verfolgte. Die internationale Staatengemeinschaft schien kurz vor einer großen Wende auf dem
Planeten Erde zu stehen.

Seite 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="53">
          <name>Umfang</name>
          <description>Anzahl der Seiten.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12398">
              <text>19 Seiten</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="54">
          <name>Dateityp</name>
          <description>Das Dateiformat des Digitalisats.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12399">
              <text>PDF</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12393">
                <text>05.04.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12394">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12395">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12396">
                <text>Amerikadienst 05.04.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12397">
                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Erweiterung der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Verteidigungsminister William Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Klimakonferenz&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bewältigung des Klimawandels ist größte Herausforderung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Timothy E. Wirth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Programm der Clintonadministration&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Maßnahmen zum Klimawandel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Roosevelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Franklin Delano Roosevelt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zum 50. Todestag des 32. amerikanischen Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die menschliche Umwelt und globale politische Anpassung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Thomas W. Wilson&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2401" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2412">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/6a5274b9a657784015b0e4bc3d04fbeb.pdf</src>
        <authentication>c95632bb01c4b535a237dc9906709a19</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12408">
                    <text>cimcrikci
y ^ ^

o xt

V I O N **

Herausgeber: U.S. Information Service ^ 1
Embassy of the United States of America

l ^ ^ ^ ^ ^ r "

"
Z12462 C

14

12. April 1995

.

NW

KEIN EINSATZ VON NUKLEARWAFFEN
GEGEN NICHTATOMWAFFENSTAATEN DES
NW
Erklärung des Präsidenten, Außenministers
und Übersicht
N W SOLLTE BESTANDTEIL DES INTERNATIONALEN SICHERHEITSSYSTEMS SEIN
von John Holum

UMWELT

DIE ENTSCHEIDENDE ROLLE DER WISSENSCHAFT BEI DER LÖSUNG VON UMWELTPROBLEMEN
Rede von Vizepräsident AI Gore

TAG DER ERDE

COLLEGESTUDENTEN WERBEN FÜR DEN
25. TAG DER ERDE
Neue Umweltschutzgesetzgebung

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�NW
12. April 1995

Clinton: Kein Einsatz von Nuklearwaffen gegen
Nichtatomwaffenstaaten des N W
Erklärung des Präsidenten, Außenministers und Übersicht
WASHINGTON - (AD) - In einer am 5. April 1995 herausgegebenen Erklärung bekräftigte Präsident Clinton,
die Vereinigten Staaten würden keine Nuklearwaffen gegen nicht im Besitz von Atomwaffen befindliche Staaten
einsetzen, die dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) angehören.
Die einzige Ausnahme wäre dem Präsidenten zufolge eine Invasion oder ein Angriff auf die Vereinigten
Staaten, ihre Territorien, ihre Streitkräfte oder andere Truppen, ihre Verbündeten oder auf einen Staat,
gegenüber dem sie eine Sicherheitsverpflichtung haben, die von einem solchen Nichtatomwaffenstaat im
Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchgeführt werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine von US-Außenminister Warren Christopher abgegebene Erklärung, die
die Erklärung des Präsidenten sowie eine Übersicht des Außenministeriums enthält.

Aus der Sicht der Vereinigten Staaten stellen der
universelle Beitritt zu internationalen Abkommen und
Verträgen zur Verhinderung der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen sowie ihre Einhaltung einen Eckpfeiler globaler Sicherheit dar. Der
Vertrag über die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen
ist zentraler Bestandteil dieses Regimes. Am 1.
März 1995 hielt Präsident Clinton in Washington aus
Anlaß des 25. Jahrestages des N W am 5. März
1995 eine Rede. Am 17. April beginnt in New York
eine Konferenz über die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags. Die Vereinigten Staaten erachten
die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung
des Vertrags über die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen als oberste nationale Priorität und werden
weiterhin alle entsprechenden Bestrebungen zu
deren Erlangung unternehmen.
Es ist von Bedeutung, daß alle Parteien des Nichtverbreitungsvertrags ihre Vertragsverpflichtungen
erfüllen. In diesem Zusammenhang müssen die
Unterzeichnerstaaten des Nichtverbreitungsvertrags
im Einklang mit den allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts diese Verpflichtungen
erfüllen, um Anspruch auf jegliche aus der Unterzeichnung des Vertrags resultierende Vorteile zu
haben.
Als Atomwarfenstaat haben die Vereinigten Staaten
ihre mit dem Vertrag einhergehenden Pflichten sowie

AMERIKA DIENST 14

die Notwendigkeit konsequent anerkannt, den besonderen Bedürfnissen der Nichtatomwaffenstaaten des
N W durch Maßnahmen Rechnung zu tragen, die
ihren legitimen Sicherheitsanliegen entsprechen. Zu
diesem Zweck ordnete der Präsident die Überprüfung
der amerikanischen Politik über Sicherheitszusagen
für solche Nichtatomwaffenstaaten an und verfügte,
daß mit anderen Nichtatomwaffenstaaten Konsultationen über dieses wichtige Thema geführt werden.
Unter Berücksichtigung des oben genannten gibt der
Präsident folgende Erklärung ab:
Die Vereinigten Staaten bekräftigen erneut, daß sie
ihre Atomwaffen nicht gegen Nichtatomwaffenstaaten
des Nichtverbreitungsvertrags einsetzen, außer im
Fall einer Invasion oder eines Angriffs auf die Vereinigten Staaten, ihre Territorien, ihre Streitkräfte oder
andere Truppen, ihre Verbündeten oder auf einen
Staat, gegenüber dem sie eine Sicherheitsverpflichtung haben, die von einem solchen Nichtatomwaffenstaat im Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchgeführt werden.
Aggression mit Hilfe von Kernwaffen oder die Androhung solch aggressiver Akte gegenüber einem
Nichtatomwaffenstaat des N W würden eine qualitativ
neue Situation scharfen, in der die im Besitz von
Atomwaffen befindlichen Ständigen Mitglieder des
UN-Sicherheitsrats im Rahmen des Sicherheitsrats

Seite 1

�und im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen umgehend handeln müßten, um die zur Eindämmung einer solchen Aggression oder Abwendung der Androhung einer solchen Aggression
erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Jeder
Staat, der vom Einsatz nuklearer Waffen begleitete
aggressive Akte begeht oder damit droht, muß sich
bewußt sein, daß seinen Aktionen durch im Einklang
mit der UN-Charta stehende wirksame Maßnahmen
begegnet wird, um die Aggression zu unterdrücken
oder ihre Androhung abzuwenden.
Die Nichtatomwaffenstaaten des N W haben einen
berechtigten Wunsch nach Zusicherungen, daß der
UN-Sicherheitsrat und vor allem seine im Besitz von
Atomwaffen befindlichen Ständigen Mitglieder
umgehend im Einklang mit der Charta handeln, falls
diese Nichtatomwaffenstaaten Opfer einer Aggression oder Objekt einer Androhung von Aggression
sind, bei der Kernwaffen eingesetzt werden.
Die Vereinigten Staaten bekräftigen ihre Absicht, im
Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen
jedem Nichtatomwaffenstaat des N W umgehend
Hilfe oder Unterstützung zukommen zu lassen, der
Opfer einer Aggression oder Objekt einer Androhung
von Aggression ist, bei der Kernwaffen eingesetzt
werden.
Zu den dem UN-Sicherheitsrat bei der Unterstützung
eines solchen Nichtatomwaffenstaats des N W zur
Verfügung stehenden Mitteln gehören die Prüfung
der Situation sowie der Einsatz angemessener Mittel
zur Schlichtung der Streitigkeiten sowie zur Wiederherstellung von Weltfrieden und Sicherheit.
Die UNO-Mitgliedstaaten sollten angemessene
Maßnahmen als Reaktion auf ein Ersuchen um
technische, medizinische, wissenschaftliche oder
humanitäre Hilfe durch einen Nichtatomwaffenstaat
des N W durchführen, der Opfer einer Aggression
mit Nuklearwaffen ist, und der Sicherheitsrat sollte
erwägen, welche Maßnahmen im Falle eines solchen aggressiven Akts erforderlich sind.
Der Sicherheitsrat sollte Empfehlungen für ein
entsprechendes Verfahren als Reaktion auf jegliches
Ersuchen durch einen Nichtatomwaffenstaat des
N W geben, der Opfer eines solchen aggressiven
Akts ist, wie eine Entschädigung entsprechend dem
Völkerrecht für aus diesem aggressiven Akt resultierende Verluste, Schäden oder Verletzungen erfolgen
kann.
Die Vereinigten Staaten bekräftigen das in Artikel 51
der Charta der Vereinten Nationen anerkannte
naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, bis der Sicherheitsrat die zur

Seite 2

Wahrung des Weltfriedens und der internationalen
Sicherheit erforderlichen Maßnahmen getroffen hat.
Übersicht des Außenministeriums
In einer am 1. März 1995 gehaltenen Rede erklärte
der Präsident, nichts sei in diesem für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung entscheidenden Jahr
wichtiger als die unbegrenzte und bedingungslose
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags.
In
diesem Zusammenhang überprüften die Vereinigten
Staaten im vergangenen Jahr ihre Politik der Gewährung von Sicherheitszusagen an Nichtatomwaffenstaaten des N W und begannen Konsultationen
mit den anderen Atomwaffenstaaten des N W , um
eine gemeinsame Position zu erarbeiten. Am heutigen Tag gab der Außenminister eine Erklärung über
Sicherheitszusagen ab, welche die erste umfassende
Erklärung eines Präsidenten der Vereinigten Staaten
zu diesem wichtigen Thema umfaßt und unseres
Erachtens einen bedeutenden Fortschritt darstellt.
Die Veröffentlichung der Erklärung des Präsidenten
wurde heute nachmittag von Außenminister Christopher bekanntgegeben.
Hintergrund
Seit Aufnahme der Verhandlungen über den N W in
den sechziger Jahren haben viele Nichtatomwaffenstaaten deutlich gemacht, daß sie im Gegenzug zum
Verzicht auf Nuklearwaffen bestimmte Zusagen von
Seiten der Atomwaffenstaaten erwarten. Es war nicht
möglich, eine solche Bestimmung in den N W aufzunehmen, aber 1968 verkündeten die Vereinigten
Staaten, Großbritannien und die Sowjetunion, sie
würden unverzügliche Aktionen des Sicherheitsrats
anstreben, um jedem Nichtatomwaffenstaat des N W ,
der mit Nuklearwaffen bedroht wird oder Opfer einer
solchen Aggression ist, im Einklang mit der UNCharta Hilfe zu gewähren.
Diese sogenannten
positiven Sicherheitszusagen wurden vom Sicherheitsrat in seiner am 19. Juni 1968 angenommenen
Resolution 255 "begrüßt".
Im Zusammenhang mit weiteren Anliegen auf diesem
Gebiet gaben die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und die Sowjetunion 1978 eine gegen den Einsatz
von Nuklearwaffen gerichtete Politik gegenüber den
Nichtatomwaffenstaaten des N W bekannt. Rußland
machte 1993 eine neue negative Sicherheitszusage,
die der von Großbritannien und den Vereinigten
Staaten verfolgten Politik inhaltlich näherstand.
Frankreich und China traten dem N W 1992 bei, und
vor ungefähr einem Jahr begannen sich alle fünf
Atomwaffenstaaten des N W bei am Rande der
Genfer Abrüstungskonferenz abgehaltenen Konsultationen mit der Frage von Sicherheitszusagen zu

AMERIKA DIENST 14

�befassen. Ein Ergebnis dieser Bestrebungen war
die Übereinkunft, daß jeder Staat eine nationale Erklärung abgeben würde, deren Veröffentlichung für
diese Woche geplant ist.
Erklärung des Präsidenten
Die Erklärung des Außenministers beginnt mit einer
Bekräftigung der Verpflichtung der Administration
zum N W und seiner unbegrenzten bedingungslosen
Verlängerung. Ferner unterstreicht sie die Bedeutung einer Einhaltung des N W sowie der Notwendigkeit, sich mit Möglichkeiten für den Umgang mit
den berechtigten Sicherheitsanliegen der Nichtatomwaffenstaaten des N W zu befassen. Sie stellt
fest, daß der Präsident eine Überprüfung der amerikanischen Politik über Sicherheitszusagen anordnete
und leitet die Erklärung ein.
Der Präsident erklärt, daß die Vereinigten Staaten
außer unter bestimmten Bedingungen keine Atomwaffen gegen Nichtatomwaffenstaaten des N W einsetzen. Diese Erklärung ist eine Bekräftigung der
seit langer Zeit bestehenden Politik der Vereinigten
Staaten auf diesem Gebiet und steht vollkommen im
Einklang mit ihren Bündnisverpflichtungen. Die
Sprachregelung dieser negativen Sicherheitszusage
ist praktisch identisch mit derjenigen, die heute von
Großbritannien, Frankreich und Rußland herausgegeben werden soll. Viele Nichtatomwaffenstaaten
des N W haben die Atomwaffenstaaten seit langem
gedrängt, eine gemeinsame Formel für negative
Sicherheitszusagen zu finden. Die Tatsache, daß
vier der fünf Atommächte das bereits getan haben,
ist eine bedeutende Leistung. China wird seine
eigene Erklärung abgeben.

Der Präsident erklärt ferner, daß die Vereinigten
Staaten im Einklang mit der Charta der Vereinten
Nationen sofortige Hilfe oder Unterstützung für jeden
Nichtatomwaffenstaat des N W leisten, dem eine
Aggression mit Nuklearwaffen angedroht wird oder
der Opfer einer solchen Aggression ist.
Diese
Erklärung bekräftigt erneut die 1968 erstmals von den
Vereinigten Staaten eingegangene Verpflichtung und
ist expliziter. Diese revidierte positive Sicherheitszusage der Vereinigten Staaten unterstreicht das
1968 abgegebene Versprechen durch Präzisierung
der Art von Hilfe, die der UN-Sicherheitsrat unter
solchen Umständen in Erwägung ziehen würde.
Einige Nichtatomwaffenstaaten des N W haben seit
langem auf eine solche Präzisierung gedrängt, um
diese Zusagen glaubwürdiger zu gestalten. Die
Sprachregelung für diese positive Sicherheitszusage
ist in einem von allen fünf Atommächten unterstützten
Resolutionsentwurf des UN-Sicherheitsrats enthalten,
der in New York geprüft wird. Frankreich und China
geben in nationalen Erklärungen, die diese Woche
veröffentlicht werden sollen,
erstmals ebenfalls
positive Sicherheitszusagen ab.
Schlußfolgerung
Die Administration vertritt die Ansicht, daß die von
allen fünf Atommächten abzugebenden nationalen
Erklärungen, ihre gemeinsame Unterstützung einer in
New York zu erörternden Resolution des Sicherheitsrats über Sicherheitszusagen sowie die gemeinsame, von vier oder fünf Atommächten erzielte
negative Sicherheitszusage zusammengenommen
eine substantielle Reaktion auf den Wunsch vieler
Nichtatomwaffenstaaten des N W nach gestärkten
Sicherheitszusagen darstellen.
Dieses Ergebnis
bekräftigt das internationale nukleare Nichtverbreitungsregime und verdient die Unterstützung aller
Parteien des N W .

* *

AMERIKA DIENST 14

*

Seite 3

�NW
12. April 1995

N W sollte Bestandteil des internationalen
Sicherheitssystems sein
von John Holum
WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser ist Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S.
Arms Control and Disarmament Agency - ACDA).

Die internationale Staatengemeinschaft sollte der
unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung
des Nichtverbreitungsvertrags (NW) oberste Priorität
bei der Rüstungskontrolle einräumen.
Die im
April/Mai bevorstehende Entscheidung ist die historischste, mit der sich die meisten von uns je konfrontiert sahen.
Der N W dient zwei sich gegenseitig verstärkenden
Zielen - nuklearer Nichtverbreitung und Abrüstung durch das Abwägen positiver sowie negativer Rechte
und Pflichten. Wie Sie wissen, ist der N W gleichzeitig ein Abkommen über den Verzicht auf Nuklearwaffen, ein Abkommen, das Nukleareinrichtungen für
friedliche Zwecke internationale Sicherheitsvorschriften auferlegt, ein Abkommen zur Beendigung
des Wettrüstens und über das Streben nach nuklearer Abrüstung sowie ein Abkommen, das technische
Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung von
Atomenergie fördert.
Ich möchte zu Beginn meiner Ausführungen erläutern, warum wir dem Vertrag so hohen Wert beimessen. Mit seinem Inkrafttreten im Jahr 1970 wurde
das Entstehen eines Atomwaffenstaats von einem
Akt des National stolzes zu einer Verletzung des
Völkerrechts. Und dieses Gesetz besitzt noch heute
Gültigkeit.
Während der sechziger Jahre, als der N W ausgehandelt wurde, prognostizierten viele, bis heute
würde es 20 bis 30 erklärte Atomwaffenstaaten
geben. Zuverlässigen Schätzungen zufolge sind
jetzt über 40 Staaten im Besitz der erforderlichen
technischen und wirtschaftlichen Ressourcen.
Aber es gibt noch immer nur fünf Nuklearwaff enstaaten - die gleiche Anzahl wie zu Inkrafttreten des N W
- und drei "Schwellenländer".

Das NW-System wurde in den vergangenen Jahren
durch den Beitritt von Argentinien, Algerien, China,
Frankreich, Südafrika, dem Baltikum und nahezu
allen neuen unabhängigen Staaten, darunter Belarus,
Kasachstan und die Ukraine, sowie den Verzicht auf
Atomwaffen der Länder Chile und Brasilien erheblich
erweitert. Mit bis heute über 170 Vertragsparteien
erfreut sich der N W der umfassendsten Mitgliedschaft aller Rüstungskontrollabkommen der Geschichte.
Der N W bietet auch unerläßliche Unterstützung für
die friedliche Nutzung von Atomenergie unter effektiven internationalen Sicherheitsvorschriften. Ohne ihn
könnte ein Großteil der inzwischen zur Routine
gewordenen Zusammenarbeit unmöglich werden.
Da der N W globale Reichweite hat, setzt er die
grundlegenden rechtlichen Normen und den politischen Rahmen für alle Fälle, die der internationalen
Staatengemeinschaft größte Sorge bereiten.
Der wirkliche Wert des N W findet jedoch in der
Gruppe von Staaten seinen Niederschlag, die in den
NW-Diskussionen nahezu vollständig ignoriert
werden - den Staaten, für die Nuklearwaffen kein
Thema sind, weil sie nukleare Nichtverbreitungsverpflichtungen eingegangen sind und eingehalten
haben.
Die größten Leistungen des N W sind
unsichtbar und bestehen darin, daß Schlimmes
verhindert, Nuklearmaterial nicht umgeleitet wird und
Waffen nicht produziert werden.
Ohne den N W müßte man davon ausgehen, daß mit
der Zeit viele dieser schlimmen Dinge geschehen
würden - und Dutzende Staaten versuchen könnten,
sich mit ihren Nuklearvorhaben vor einer unsicheren
Zukunft zu schützen.
Einige Staaten beschweren sich, der N W sei "diskriminierend", weil er fünf Nuklearmächte akzeptiert

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�und alle anderen ausschließt. Der Vertrag schafft
jedoch keine "Begünstigten" und "Habenichtse" im
Hinblick auf Nuklearwaffen. Er reflektierte nur diese
ererbte Realität - und trug zur Beendigung eines
tödlichen Trends in diese Richtung bei - während er
gleichzeitig alle Parteien einschließlich der Atomwaffenstaaten zum Streben nach nuklearer Abrüstung
verpflichtet.
Das Gewicht von Rüstungskontroll-, Nichtverbreitungs- und Abrüstungsabkommen liegt nicht in ihrem
Egalitarismus, sondern ihrem Beitrag zur internationalen Sicherheit.
Tatsache ist, wenn die Welt heute auf einer reflexiven nuklearen Gleichberechtigung bestehen würde,
wäre das Resultat wahrscheinlich eine Nivellierung
nach oben, nicht nach unten: Nicht eine von Nuklearwaffen befreite Welt, sondern eine Welt vieler
Nuklearwaffenstaaten.
Ein weiteres Argument lautet, die unbegrenzte
Verlängerung würde Nuklearwaffen für alle Zeit
legitimieren. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
In den vergangenen Jahren haben wir und die
ehemalige Sowjetunion im Rahmen des NW
über 2.500 Mittelstreckenraketen beseitigt und
eine ganze Klasse von Waffensystemen außer
Dienst gestellt,
einseitig die Verlegung und Zerstörung von
weiteren Tausenden taktischer Nuklearwaffen
beschlossen,
im Vertrag über die Verringerung strategischer
Rüstungen (START) und im START Il-Abkommen
vereinbart, über 17.000 Nuklearwaffen von
Raketen und Bombern zu entfernen.
Die Forderung des NW nach einem Ende des
Wettrüstens wurde erfüllt. Der Wettlauf besteht jetzt
darin, die Streitkräfteniveaus so schnell, sicher und
zuverlässig wie möglich zu verringern.
Die Überprüfung des nuklearen Einsatzkonzepts der
Vereinigten Staaten bestätigt, daß Nuklearwaffen
heute eine kleinere Rolle in unserer Sicherheitsstrategie spielen als je zuvor seit ihrer Erfindung.
Seit 1988 haben wir unser gesamtes aktives Arsenal
um 59 Prozent, unsere strategischen Gefechtsköpfe
um 47 Prozent und die nichtstrategischen Gefechtsköpfe um bemerkenswerte 90 Prozent reduziert. Die
Vereinigten Staaten zerlegen ungefähr 2.000 Nuklearwaffen pro Jahr - die höchste Rate, die technische
Begrenzungen gestatten.

Seite 2

Beim Gipfeltreffen in Washington im September 1994
wiesen die Präsidenten Clinton und Jelzin ihre
Experten an, ihren Dialog über die Entwicklung
konkreter Schritte zur Anpassung der Nuklearstreitkräfte und Praktiken beider Seiten an die veränderte
internationale Sicherheitssituation zu intensivieren,
einschließlich der Möglichkeit weiterer Reduzierungen
der Nuklearstreitkräfte nach der Ratifizierung von
START II. Sie vereinbarten ferner die Beschleunigung des Inkrafttretens von START und die Deaktivierung aller im Rahmen von START zu reduzierenden strategischen Trägersysteme nach der Ratifizierung von START II.
Die Vereinigten Staaten und Rußland befassen sich
intensiv mit einer Vielzahl anderer bedeutender
Schritte. Dazu zählen Kooperation zur Verhinderung
von Nuklearschmuggel und verstärkte Kontrollen von
Nuklearmaterial, der Bau einer Lagereinrichtung für
spaltbares Material aus zerlegten Nuklearwaffen in
Rußland sowie die Verbesserung der Sicherheit,
Transparenz und Unumkehrbarkeit der Reduzierungen von Nuklearwaffen.
Die beiden führenden Nuklearmächte der Welt gehen
von einer Begrenzung der Träger- und Waffensysteme zu einer offenen und irreversiblen Verringerung
der Zahl atomarer Gefechtsköpfe über. Präsident
Clinton bekräftigte in einem gemeinsamen Kommunique mit dem indischen Ministerpräsidenten Rao,
daß wir letztlich eine atomwaffenfreie Welt anstreben.
Kernstück der Erfüllung von Artikel VI des NW bilden
zwei zusätzliche multilaterale Bestrebungen: Der
Abschluß der laufenden Aushandlung des Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) sowie eines Vertrags
über die Einstellung der Produktion spaltbaren
Materials.
Der Abschluß des CTB-Vertrags stellt für die Vereinigten Staaten ein zwingendes Gebot dar. Wir tun
alles in unserer Macht Stehende, damit das erste
halbe Jahrhundert von Nuklearexplosionen auch das
letzte ist. Wie ich im vergangenen Sommer bei der
Genfer Abrüstungskonferenz äußerte, sind wir bereit
für die Schlußfolgerung, die Vereinigten Staaten
hätten bereits ihren letzten Atomtest durchgeführt.
Ein Vertrag über die Einstellung der Produktion
spaltbaren Materials würde die Menge des für Nuklearexplosionen zur Verfügung stehenden Materials
begrenzen. Er könnte den ungesicherten Nuklearprogrammen einiger nicht dem NW angehörender
Staaten erstmals ein gewisses Maß an internationalen Beschränkungen auferlegen. Und er würde jede
weitere separate Produktion von Plutonium und

AMERIKA DIENST 14

�hochangereichertem Uran für waffenfähige Zwecke
in den fünf erklärten Atomwaffenstaaten verhindern.
Es ist eine Tatsache, daß die Aussichten auf weitere
Rüstungskontrolle schwinden, wenn die Zukunft des
N W in Gefahr ist. Wird die Zukunft des N W gesichert, kann der steile Trend eines Abbaus letztlich
mit dem Ziel fortgesetzt werden, Atomwaffen auf
Dauer zu verbieten. Die unbegrenzte Verlängerung
des N W wird uns diesem Ziel näherbringen - alles
andere würde es in weitere Ferne rücken. Mit
anderen Worten:
Weitere Fortschritte bei der
Rüstungskontrolle hängen von einer Verlängerung
des N W ab.
Es wird argumentiert, man sollte den N W aufrechterhalten oder lediglich für kurze Zeit verlängern, um
die Nuklearwaffenstaaten zu mehr Fortschritten zu
zwingen. Bisweilen wird angedeutet, die Verlängerung des N W sollte als Pfand für den Abschluß des
CTB-Vertrags dienen und erst anschließend dauerhaft gestaltet werden.
Wer den N W als Objekt zum Feilschen ansieht,
mißachtet eine Faustregel: Man sollte nicht mit
etwas spielen, dessen Verlust man sich nicht erlauben kann.
Auch aus geographischen Gründen sind die Länder,
die am stärksten von den Atomwaffen verbreitenden
Staaten gefährdet werden, ihre direkten und regionalen Nachbarn - nicht die Vereinigten Staaten. Wir
unterstützen den N W natürlich aus eigenem Interesse. Er liegt jedoch noch stärker im Interesse der
Staaten, die in den Spannungsregionen liegen.
Der N W bietet allen Mitgliedstaaten die Gewißheit,
daß ihre Nachbarn und regionalen Rivalen nicht zu
einer wirksamen Verfolgung ihrer Atomwaffenambitionen in der Lage sein werden - nicht nur aufgrund
ihrer eigenen Zusage, sondern auch wegen der
Existenz eines globalen Verifikationssystems. Er
bietet die steuerlichen Einsparungen und physische
Sicherheit, die aus der Vermeidung eines regionalen
atomaren Rüstungswettlaufs resultieren.
Wir sind uns auch klar der Bedeutung bewußt, die
viele Staaten der Frage von Sicherheitszusagen
gegen den Einsatz oder die Androhung eines
Einsatzes von Nuklearwarfen beimessen. Die fünf
Atommächte führen hierüber ernsthafte und konstruktive Gespräche.
Die Vereinigten Staaten
werden sich auch in Zukunft um Fortschritte zur
Erlangung des Ziels einer weiteren Erhöhung der
Sicherheit dem N W angehörender nichtnuklearer
Staaten bemühen.

AMERIKA DIENST 14

Für alle, deren Votum über das Schicksal des N W
entscheidet, ist dieser keine Quelle der Macht,
sondern der Sicherheit. Er hat für jedes Land denselben Wert - nicht als Druckmittel auf die Nuklearstaaten, sondern als Schutz vor regionalem Rüstungswettlauf und atomaren Gefahren.
Die Behauptung, die unbegrenzte Verlängerung des
N W könnte aufgeschoben werden, ist besonders
gefährlich, weil sie so verführerisch plausibel klingt und so falsch ist.
Der Vertrag enthält drei Optionen für eine Verlängerung: unbegrenzte Verlängerung, Verlängerung für
einen bestimmten Zeitraum oder Verlängerung für
bestimmte Zeiträume. Jede Option mit Ausnahme
der ersten beinhaltet die Gefahr einer Verstümmelung
des Vertrags - entweder wegen der mit einer Reihe
stückweiser Verlängerungen einhergehenden rechtlichen Unsicherheit, oder aufgrund der praktischen
Unmöglichkeit einer sofortigen oder späteren Abänderung.
Wer Szenarien zur Umgehung dieser grundlegenden
Wahrheit erfindet, hat nicht seinen Teil der Last
getragen um zu beweisen, daß eine unbegrenzte
Verlängerung nicht ohne die ernsthafte Gefahr
aufgeschoben werden kann, daß sie verweigert wird.
Um Mißverständnissen vorzubeugen:

Die einzige

Möglichkeit, die Fortdauer des N W sicherzustellen,

besteht in seiner unbegrenzten Verlängerung in
diesem Jahr.
Eine häufige Kritik am N W lautet, daß bestimmte
Staaten ihm nicht beigetreten sind.
Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die
Vereinigten Staaten die universelle Einhaltung des
N W unterstützen. Die Vergrößerung der Möglichkeit,
daß der N W zu einem bestimmten Zeitpunkt ausläuft, macht es unwahrscheinlicher, nicht wahrscheinlicher, daß Staaten wie Israel, Indien und Pakistan
ihm schließlich beitreten. Die größte Chance für
ihren Beitritt liegt in einem starken Vertrag, der ein
dauerhafter Bestandteil des internationalen Sicherheitssystems ist.
Dasselbe Prinzip gilt für jede Region: Der N W bietet
den essentiellen weltweiten Rahmen für den Umgang
mit Problemen der Weiterverbreitung und der Förderung von Stabilität.
Die wirkliche Frage lautet nicht, ob der N W selbst für
seine Einhaltung sorgen und jedes Problem selbst
lösen kann, sondern ob er für die Welt von Vorteil ist
oder nicht.

Seite 3

�Niemand kann eine definitive Prognose über die
Natur einer Welt ohne NW abgeben. Jeder von uns
muß jedoch konkret über den massiven Weiterverbreitungsdruck nachdenken, der bedauerlicherweise
freigesetzt würde, falls der Vertrag je auslaufen
würde - und darüber, welche Auswirkungen ein
solcher Druck auf unsere eigenen Länder haben
würde.
In Japan gibt es folgendes Sprichwort: "Ein herausstehender Nagel wird mit dem Hammer eingeschlagen." Alle Staaten spüren die Hammerwirkung des
NW gegen nukleare Weiterverbreitung. In einer
Welt ohne den Nichtverbreitungsvertrag könnten die
Staaten ein Herausstehen vermeiden - nicht durch

Widerstand gegen den Druck, Nuklearwaffen zu
besitzen, sondern indem sie vor ihnen weichen.
Die Konferenz über die Überprüfung und Verlängerung des NW, die vom 17. April bis zum 12. Mai
1995 in New York anberaumt ist, stellt unsere einzige
realistische Chance dar, den NW dauerhaft zu
gestalten. Jetzt, da die Nuklearwaffenarsenale der
Supermächte abgebaut werden und die Aussichten
auf einen CTB-Vertrag steigen - und die größten
Nuklearwaffenstaaten endlich in der Lage sind, bei
ihrer Verteidigungsplanung weniger Wert auf Atomwaffen zu legen - ist nicht der Zeitpunkt, das Abkommen aufzugeben, das uns gestattet, den Rüstungswettlauf umzulenken.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 14

�UMWELT
12. April 1995

Die entscheidende Rolle der Wissenschaft
bei der Lösung von Umweltproblemen
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident AI Gore zufolge spielen Wissenschaft und Technologie für den modernen
Menschen eine entscheidende Rolle beim Umgang mit beispiellosen Herausforderungen wie der
Bevölkerungsexplosion und dem globalen Klimawandel.
Der Vizepräsident äußerte am 30. März 1995 in einer Rede vor einem politischen Forum, das vom
Wissenschafts- und Technologiebüro des Weißen Hauses gefördert wird, es wäre ein Fehler anzunehmen,
Probleme wie der Treibhauseffekt könnten im Handumdrehen mit Hilfe der Technologie gelöst werden.
Wissenschaft und Technologie können ihm zufolge jedoch die Entwicklung neuer Ansätze für den Umgang mit
solchen Problemen beschleunigen - Ansätze, die keine unheilbringenden Konsequenzen für gefährdete Teile
des Ökosystems der Erde haben.
Gore fügte hinzu, die Beziehungen zwischen der menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem der Erde hätten
sich radikal gewandelt.
Ein Grund für diese veränderten Beziehungen sei die wissenschaftliche und technologische Revolution, die
neue Technologien für die Nutzung der Erde bereitstellte. Ein anderer Grund - der heikelste, aber auch
wichtigste - sei die im Zusammenhang mit dem Modernismus stehende veränderte Denkweise, die viele dazu
verleitet hat, "die Bedeutung der künftigen Konsequenzen gegenwärtiger Aktionen außer acht zu lassen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Vizepräsident Gore in wesentlichen Auszügen.

Ich danke der National Academy of Sciences, daß
sie uns diese Räumlichkeiten zur Verfügung stellt.
Wir sehen der im Gefolge dieser Konferenz zu
leistenden Arbeit erwartungsvoll entgegen. Ich darf
Ihnen versichern, daß Ihre Bestrebungen nicht
umsonst sein werden. Wir sind äußerst gespannt
auf die Ideen, Vorschläge und Empfehlungen, die
aus Ihren Beratungen hervorgehen werden.
Ich erinnere mich an das, was ich über den herausragenden Physiker LI. Rabi las. Er schrieb über den
Einfluß, den seine Mutter auf seinen Wissensdrang
hatte. Ebenso wie andere Mütter stellte sie Fragen,
wenn die Kinder aus der Schule kamen. Während
andere Eltern ihre Kinder jedoch oft fragten "Gibt es
etwas Neues in der Schule?" oder "Was hast Du
heute gelernt?", fragte Dr. Rabis Mutter "Was für
gute Fragen hast Du heute gestellt?". Ich habe mir
das gemerkt, denn meines Erachtens ist das für
Eltern sehr interessant und auch bei Konferenzen
wie dieser ein guter Ansatz. Es geht nicht immer
nur darum, Antworten zu finden. Manchmal ist es
auch eine Leistung, die richtigen Fragen zu stellen.

AMERIKA DIENST 14

Und in den letzten beiden Tagen haben Sie eine
Vielfalt von Fragen erörtert, die im Zusammenhang
mit der Rolle von Wissenschaft und Technologie für
den Schutz unserer nationalen Sicherheit und die
Erlangung globaler Stabilität stehen.
Heute möchte ich eine der Fragen ansprechen, mit
denen sich diese Administration in den zwei Jahren
und zwei Monaten ihrer Amtszeit befaßt hat. Welche
Beziehungen bestehen zwischen Wissenschaft und
Technologie einerseits und nationaler Sicherheit
andererseits? Um auch nur den Versuch einer
Beantwortung dieser Frage zu machen, müssen wir
eine Definition von nationaler Sicherheit vornehmen.
Im letzten halben Jahrhundert war diese Definition
natürlich relativ einfach.
Der Schutz unserer nationalen Sicherheit bedeutete
Sicherheit vor einem militärischen Angriff sowie
Vermeidung all jener vorbereitenden Entwicklungen,
die die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Angriffs
erhöhten statt zu verringern. Der Kalte Krieg ist
vorüber, und obwohl wir keineswegs in unserer Ent-

Seite 1

�schlossenheit nachlassen sollten, die besten und
fähigsten Streitkräfte auf der Erde aufrechtzuerhalten, ist sich jeder bewußt, daß es an der Zeit ist,
nationale Sicherheit in einem weiteren Sinn zu
sehen.

baren Aktivposten mobilisierte: militärische, wirtschaftliche, psychologische, kulturelle (Siegesgärten),
die alle in den Dienst eines kohärenten nationalen
Ansatzes gestellt wurden, um den strategischen
Konflikt zu gewinnen.

Wir haben die unseres Erachtens erforderlichen
neuen Ansätze definiert und in drei Kategorien
eingeteilt: Militärische Sicherheit und Beibehaltung
der Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte, Wiederbelebung der Wirtschaft und die Förderung
tragfähiger Entwicklung. Meiner Meinung nach ist es
jedoch wichtig, daß wir zu verstehen versuchen, wie
sich der Kontext unserer nationalen Sicherheit
verändert hat. Oftmals verstehen wir die Welt mit
Hilfe von Metaphern. Und der Ausdruck nationale
Sicherheit ist eine Metapher, durch die wir die neuen
Bedrohungen in der neuen Welt zu begreifen versuchen. Es ist eine militärische Metapher.

Nachdem wir ein halbes Jahrhundert mit dieser
Metapher gelebt haben, kommt sie natürlich bei
unseren Bestrebungen zum Tragen, die Bedrohungen
der nationalen Sicherheit im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg neu zu beurteilen. Aber wie alle anderen Metaphern hat auch diese ihre Beschränkungen.
Sie geht implizit von einer externen, separaten
Bedrohung aus, auf die wir umfassend und energisch
reagieren. Einige der derzeit stattfindenden Veränderungen betreffen den Kontext, in dem wir den
Herausforderungen begegnen. Ich möchte nochmals
die eingangs aufgeführten drei Kategorien ansprechen - wirtschaftliche Wiederbelebung, militärische
Einsatzbereitschaft und tragfähige Entwicklung - und
zu illustrieren versuchen, was ich unter verändertem
Kontext verstehe.

Wissenschaft und Technologie haben ebenso zur
Schaffung vieler neuer Herausforderungen beigetragen wie sie uns bei der Suche nach vielen der
erforderlichen Lösungen unterstützen. Das galt zu
Beginn des Atomzeitalters und während des Kalten
Krieges ebenso wie heute. Während wir jedoch die
Natur der militärischen Metapher untersuchen, die
unsere Diskussionen über nationale Sicherheit im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg leitet, wäre es
hilfreich, einige der Aspekte der Metapher zu identifizieren, die den neuen Herausforderungen angemessen sind, sowie andere, bei denen das nicht der Fall
ist.
Zu Beginn des Atomzeitalters wurde offensichtlich,
daß eine neue wissenschaftliche Entdeckung der
Menschheit eine neue Macht verliehen hatte, um
diese alten Aktivitäten zu verfolgen. Unter einem
Atomkrieg verstand man daher etwas ganz anderes
als nur einen Krieg. Krieg ist eine uralte Gewohnheit
der menschlichen Zivilisation, aber durch die mit
Hilfe der Nuklearphysik hergestellten neuen Technologien wurden die Konsequenzen eines totalen
Krieges plötzlich verändert und erforderten somit ein
neues Nachdenken über diese uralte, jetzt aber
folgenschwere Gewohnheit.
Ein zweiter Aspekt der militärischen Metapher ist ihre
globale Dimension. Vor den Weltkriegen dieses
Jahrhunderts - dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten
Weltkrieg, dem Kalten Krieg - waren Kriege meistens
regional begrenzt, und die Militärhistoriker teilten
Konflikte gewöhnlich in drei Kategorien ein: Lokale
Konflikte, regionale oder kriegsschauplatzgebundene
Konflikte sowie strategische Konflikte mit globaler
Dimension. Strategisch wurde zur Bezeichnung für
einen Krieg, der die Existenz einer Nation betraf und
eine Antwort erforderte, die alle einer Nation verfüg-

Seite 2

Wenn wir wirtschaftliche Wiederbelebung anstreben,
reicht es nicht aus, eine externe Bedrohung zu
identifizieren, auf die wir mit neuen Werkzeugen und
neuen Ansätzen reagieren können, um den Kampf
mit ihr zu gewinnen. Protektionisten definieren die
Welt der Wirtschaft über diese Metapher, was jedoch
vollkommen unzulänglich ist. Die Märkte sind heute
globaler Natur. Der Nutzen von Instrumenten nationaler Wirtschaftspolitik wird eingeschränkt durch die
Interaktion mit von anderen Nationalstaaten eingesetzten Instrumenten. Betrachten Sie sich beispielsweise die Kontrolle der Zinssätze, die früher fast
ausschließlich im Zuständigkeitsbereich nationaler
Politiker lag, jetzt jedoch von den Entscheidungen
beeinflußt wird, die morgen auf den Märkten von
London bis Singapur gefällt werden. Schauen Sie
sich die Unternehmen an, die früher im nationalen
Kontext definiert wurden, jetzt aber multinationaler
Natur sind.
Wenn wir uns um die Ankurbelung unserer Volkswirtschaft durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze
bemühen, müssen wir den Kampf in Betracht ziehen,
den jetzt alle Industrienationen in dem Bemühen um
die Schaffung neuer Arbeitsplätze führen. Und jeder
Versuch, einfach die neuen, durch die neue Wissenschaft entwickelten Technologien anzuwenden, um
verbesserte Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen,
wird direkt zu einer Vielfalt von Komplikationen
führen.
Um einen Vergleich anzustellen: Die industrielle
Revolution führte zu einer drastischen Abnahme von
Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft, der Hauptbeschäftigungsquelle unserer Nation. Während eines

AMERIKA DIENST 14

�Zeitraums von 100 bis 130 Jahren führte die rückwirkende Anwendung der Früchte der industriellen
Revolution auf die landwirtschaftliche Arbeit zur
einem Ausbluten der Beschäftigungsmöglichkeiten in
der Landwirtschaft. Zu Zeiten des amerikanischen
Bürgerkriegs waren 50 Prozent der Arbeitsplätze in
der Landwirtschaft, jetzt sind es nur noch etwas über
2 Prozent.
Erneut nutzen wir die industrielle Revolution als
Metapher, um die Informationsrevolution zu verstehen. In mancherlei Hinsicht kann sie angewendet
werden, in anderer nicht. In diesem Zusammenhang
ist die Metapher aufschlußreich, denn ebenso wie
die Früchte der industriellen Revolution rückwirkend
auf die mechanisierte Landwirtschaft angewendet
wurden, die wiederum massive Verluste an Beschäftigungsmöglichkeiten auf den Bauernhöfen auslöste,
führen in ähnlicher Weise die Früchte der Informationsrevolution bei rückwirkender Anwendung auf
numerisch kontrollierte Maschinen, computergestützte Fertigung und die Automatisierung aller Fabrikprozesse zu einer schnellen Ausdünnung verschiedener Beschäftigungskategorien im Fertigungsbereich.
Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
arbeiteten 34 Prozent der arbeitenden Bevölkerung
Amerikas in der Fabrik. Heute, 50 Jahre später,
sind weniger als 17 Prozent der amerikanischen
Erwerbsbevölkerung in Fabriken beschäftigt. Um
nochmals die Metapher anzuwenden: Die industrielle Revolution führte nicht nur zum Verlust älterer
Arbeitsplätze, sondern schuf eine große Zahl neuer,
vorher unbekannter Arbeitsplätze. Auf dieselbe Art
und Weise eröffnet die Informationsrevolution,
obwohl sie zum Verlust vieler Arbeitsplätze in der
Fabrik führt, eine Vielzahl neuer Beschäftigungsmöglichkeiten, von deren Existenz wir noch vor 10
Jahren nichts wußten. Diese besondere Metapher
kann nicht angewendet werden, da die kurze Zeit
des Übergangs sich stark von der langen, die
industrielle Revolution begleitenden Anpassungszeit
unterscheidet.
Die Bestrebungen zur Anwendung von Wissenschaft
und Technologie auf unser strategisches Ziel einer
Wiederbelebung der Wirtschaft müssen die umfassenden Änderungen in Betracht ziehen, die eine
Begleiterscheinung wissenschaftlicher und technologischer Veränderungen sind. Wie stets sind mehr
Wissen, mehr Forschung und mehr Investitionen
besser und werden uns bei der Schaffung neuer
Arbeitsplätze, der Ankurbelung unserer Wirtschaft
und beim Umgang mit den Veränderungen helfen.
Eine rückwirkende Investition von Glaube und
Vertrauen bei diesem Ansatz kann an sich schon
kontraproduktiv sein, wenn wir nicht klug vorgehen.

AMERIKA DIENST 14

Aus diesem Grund sehen wir Ihren Empfehlungen für
den Umgang mit dieser besonderen Herausforderung
erwartungsvoll entgegen. Wir brauchen Ihre Hilfe,
um in Wissenschaft und Technologie die besten
Mittel und Wege zu prüfen, die uns bei der Erlangung
dieses strategischen Ziels helfen können, ohne daß
lediglich auf mehr Investitionen in Wissenschaft und
Technologie gedrängt wird. Wie sind die tiefergehenden Beziehungen?
Das zweite Ziel: Militärische Einsatzbereitschaft.
Wieder kommen wir zur üblichen Art des Umgangs
mit dieser Frage zurück und gehen davon aus,
Wissenschaft und Technologie sollten uns darin
bestätigen, daß wir an der Schnittstelle jeder neuen
Entwicklung stehen, die im militärischen Bereich
Anwendung finden kann - es sei denn, wir werden
davon überrumpelt. Gleichzeitig sollten sie uns über
Gegenmaßnahmen und defensive Schritte informieren, deren wir noch vor einem potentiellen Aggressor
gewahr werden müssen. Das muß getan werden.
Derzeit wird die Welt vom Gespenst der Morde in
Burundi heimgesucht, die allzusehr an die Frühstadien des schrecklichen Massakers im benachbarten Ruanda erinnern, und Wissenschaft und
Technologie können nur sehr wenig tun, die Streitkräfte für den Umgang mit diesem schrecklichen
Verlust an Menschenleben auszurüsten. Was hätten
wir in Somalia anders machen können? Welches
sind die neuen weltweiten Herausforderungen, auf die
das Militär reagieren muß?
Wir kommen wieder zu dem Gedanken zurück, daß
wir die größte Angst vor einer aggressiven Ideologie
haben, die einen Nationalstaat dazu führt, seine
Waffen gegen uns zu richten. Und ohne die Bedeutung dieser Bedrohung herabzuwürdigen, müssen wir
auch die Frage stellen: Wie können uns Wissenschaft und Technologie beim Umgang mit den neuen
Herausforderungen helfen, die oftmals einen vielschichtigen Angriff auf die Integrität einer Gesellschaft
darstellen und zu einem schnellen Verfall und Abgleiten ins Chaos führen? Mir gefällt das Wort
"Chaos" nicht besonders, da es oft zur Beschreibung
der außenpolitischen Herausforderung verwendet
wird, für die Ruanda, Bosnien oder Somalia stehen.
Es steht jedoch außer Frage, daß das Wort angemessen ist, da es sich über die traditionelle, schrittweise, logische Analyse hinwegsetzt.
Es ist ein Symbol für einen Komplex von Problemen,
für deren Verständnis wir die Hilfe von Wissenschaft
und Technologie benötigen - mit komplexer Theorie,
dem Einsatz neuer analytischer Techniken, die uns
die Identifizierung dieser Herausforderungen gestatten, die für die Zukunft entscheidend sind. Und mit
einer Präventionsstrategie können wir uns mit den
Gründen für den Zusammenbruch der Gesellschaft

Seite 3

�befassen, bevor sie ein Stadium erreichen, bei dem
das Militär reagieren muß.
Während der harten Auswirkungen der industriellen
Revolution schrieb William Butler Yeats die berühmten Worte: "Dinge, die in der Mitte auseinanderfallen, können nicht halten. Bloße Anarchie machte
sich auf der Welt breit. Die blutige Flutwelle braust
heran, und überall wird die Unschuld ertränkt. Den
Besten ermangelt es an jeglicher Überzeugung,
während die Schlechtesten voll leidenschaftlicher
Intensität sind." Diese Worte scheinen anschaulich
einige der neuen Herausforderungen zu beschreiben, mit denen unser Militär jetzt manchmal konfrontiert wird.
Mit der dritten Herausforderung unter dem Titel
"nachhaltige Entwicklung" habe ich mich ziemlich
eingehend befaßt. Ich bin zu der Überzeugung
gelangt, daß das von uns als globaler Klimawandel
bezeichnete Problem, das jetzt in Berlin erörtert wird,
und das Problem des Verlusts von Arten in so
beispiellosem Tempo - beispiellos zumindest seit
dem Aussterben der Dinosaurier - der Verlust von
Regenwäldern, die Verschmutzung von Luft und
Wasser sowie andere Herausforderungen dieser
Größenordnung alle Symptome einer tief erliegenden
Krise im Kontext unserer Beziehungen zur Umwelt
sind.
Meines Erachtens hat während unseres
Lebens ein radikaler Wandel in diesen Beziehungen
aufgrund des Zusammenwirkens dreier Faktoren
stattgefunden. Einer dieser Faktoren ist die wissenschaftliche und technologische Revolution selbst.
Um wieder zur Methapher der Nuklearwaffen zurückzukommen - ebenso wie Nuklearwaffen die Konsequenzen eines totalen Krieges veränderten, haben
neue Instrumente zur Ausbeutung der Erde die
Konsequenzen einer totalen Ausbeutung verändert.
Fischen mit einem Angelhaken oder einem kleinen
Netz hat triviale Konsequenzen. Das Übertischen
der Ozeane mit über 60 Kilometer langen Treibnetzen und hochmodernem elektronischem Gerät
zur präzisen Lokalisierung der Fischschwärme hat
völlig andere Konsequenzen. Keine der neuen
Technologien zur Nutzung der Erde für den Lebensunterhalt ist auch nur entfernt so dramatisch wie
Nuklearwaffen, aber zusammengenommen haben
sie die Konsequenzen der totalen Ausbeutung
vollständig verändert.
Mein Freund Sherwood Rowland, der heute mit
seiner Frau Joan anwesend ist, hat vor zwei Jahrzehnten zusammen mit Mario Molina den Zusammenhang zwischen Fluorchlorkohlenwasserstoffen
und dem Abbau der stratosphärischen Ozonschicht
entdeckt.
Es gab enormen Widerstand gegen
Sherry Rowlands Behauptung, weil es den meisten -

Seite 4

selbst den Wissenschaftlern - unvorstellbar erschien,
daß die Verwendung einer neuen chemischen
Verbindung so gravierende Konsequenzen haben
könnte. Und dennoch - die Luft, die wir in diesem
Augenblick in diesem Auditorium bei jedem Atemzug
einatmen, enthält aufgrund der Fluorchlorkohlenwasserstoffe sechsmal soviele Chloratome wie vor 50
Jahren. Soweit wir wissen, beeinträchtigt dies unsere
Gesundheit nicht, aber wie Dr. Rowland ausführte,
stellt es eine strategische Bedrohung für die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt dar. Die
Beweise gaben Rowland natürlich recht, und dennoch
sehen wir uns jetzt mit ähnlichen Konsequenzen
konfrontiert, die man immer noch nicht wahrhaben
will. Eine in Berlin erneut geführte Debatte setzt sich
mit den Auswirkungen der raschen Ansammlung von
Treibhausgasen, vor allem C0 2 , aber auch Methan,
Stickoxiden und anderen Spurengasen auseinander.
Ich habe gesagt, es gibt drei Faktoren, die einen
radikalen Wandel in den Beziehungen zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem ökologischen
System der Erde bewirkt haben. Und die aus der
sich beschleunigenden wissenschaftlichen und
technologischen Revolution entstehenden neuen
Kräfte sind ein Faktor. Ich möchte kurz auf die
anderen beiden eingehen.
Der zweite Faktor ist die Bevölkerungsexplosion. Alle
10 Jahre nimmt die Weltbevölkerung entsprechend
der Einwohnerzahl Chinas zu. Das ist beispiellos und
brandneu. Es dauerte über 10.000 Generationen,
bevor wir gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine
Bevölkerung von 2 Milliarden Menschen erreichten.
Und in den 47 Jahren meines Lebens ist die Bevölkerung von etwas mehr als 2 Milliarden auf 5,5
Milliarden angestiegen. Wenn ich noch 47 Jahre
lebe, so Gott will, werden wir 9, vielleicht 10 Milliarden zählen. Wenn es 10.000 Generationen dauert,
um 2 Milliarden zu erreichen und dann die Dauer nur
eines Menschenlebens, um von 2 Milliarden auf 10
Milliarden hochzuschnellen, ist dies ein radikaler
Wandel.
Die dritte Ursache dieser veränderten Beziehungen
ist die heikelste, aber wichtigste - eine Änderung
unserer Denkweise im Zusammenhang mit dem
Modernismus, die viele dazu verleitet hat, die Bedeutung der künftigen Konsequenzen gegenwärtiger
Aktionen außer acht zu lassen. Ich gebe nicht vor zu
verstehen, warum dies geschehen ist, aber es wurde
vielfach kommentiert, und einige haben Ursachen
dafür angeführt.
Die Kartesianische Revolution brachte trotz all ihrer
Verdienste auch die implizite Annahme mit sich, daß
wir als Menschen getrennt von der Umwelt sind, in
der wir leben. Dies vermittelte viele nützliche Ein-

AMERIKA DIENST 14

»

�blicke, verschleierte aber auch einige grundlegende
Wahrheiten. Ich bin ebenfalls der Ansicht, daß der
Anbruch des Nuklearzeitalters in geringerem Maße
zu einer gewissen fatalistischen Einstellung beitrug,
die ausschlaggebend für viele war, die stets mit der
Notwendigkeit kämpfen, die Zukunft zu berücksichtigen, wenn sie mit dem kollidiert, was wir in der
Gegenwart tun wollen. Und viele waren eher bereit,
die Zukunft außer acht zu lassen.
Um auf diese dritte Herausforderung unserer nationalen Sicherheit reagieren zu können, müssen wir
meines Erachtens alle drei miteinander in Verbindung stehenden Ursachen ansprechen. Wir müssen
Anstrengungen zur Stabilisierung der Weltbevölkerung unternehmen, und unter der Führung von
Präsident Clinton haben die Vereinigten Staaten in
Kairo die Welt zur Formulierung eines neuen Konsenses geleitet, der vermehrte Machtbefugnisse für
Frauen, verbesserte Bildung und die Bekämpfung
des Analphabetentums, das Angebot kulturell
geeigneter Formen der Empfängnisverhütung sowie
die Behebung der Kindersterblichkeit betont, um den
Eltern das Vertrauen zu vermitteln, daß ihre Kinder
überleben werden und sie so von der Entscheidung
zu einer kleineren Familie überzeugen zu können.
Zweitens benötigen wir Ihre Hilfe beim Verständnis,
wie Wissenschaft und Technologie uns bei der
Beschleunigung der Entwicklung neuer Ansätze zur
Ausbeutung der Erde für den Lebensunterhalt förderlich sein können, die nicht dieselben Konsequenzen
für die gefährdeten Teile des Ökosystems der Erde
wie die Atmosphäre haben, aber nicht nur auf diese
begrenzt sind. Und wir benötigen Ihre Hilfe, damit
wir nicht wieder dem Irrglauben verfallen, es gäbe
eine technologische Patentlösung für dieses Problem. Das wäre nicht Teil der Lösung, sondern
würde noch größere Probleme verursachen. Aber
Wissenschaft und Technologie müssen eine absolut
entscheidende Rolle spielen. Wir müssen jedoch
auch diesen dritten Faktor ansprechen - unsere
Sichtweise bezüglich unserer Beziehungen zur Erde

*

AMERIKA DIENST 14

und den Kontext, in dem wir alle unsere Ziele verfolgen: den politischen, sozialen und kulturellen
sowie den umweltpolitischen Kontext.
Wir benötigen Ihren spezifischen Rat zu Maßnahmen,
die Sie in den Unterlagen erläutert finden, die die
Administration Ihnen und dem Kongreß zur kooperativen Verringerung der Bedrohung, Sicherheit von
Nuklearwaffen, zu spezifischen Programmen wie der
Initiative Korallenriff und unserem Aktionsplan zum
Klimawandel vorlegt. Vor allem benötigen wir jedoch
Ihre Hilfe beim Verständnis des von uns zu wählenden Ansatzes.
Der große Wissenschaftler Archimedes machte die
berühmte Äußerung: "Gebt mir einen Platz, an dem
ich stehen kann, und ich werde die Erde bewegen."
Er wurde vor die Herausforderung gestellt, seine
Worte in die Tat umzusetzen, und den Historikern
zufolge gelang es ihm mit Hilfe eines Flaschenzugs
und Rollen,ein Schiff der syrakusischen Flotte aus
dem Wasser an den Strand zu ziehen. Bei der
Erörterung der Beziehungen von Wissenschaft und
Technologie zur nationalen Sicherheit müssen wir
heute als kooperatives Team operieren, das versucht,
"die Erde zu bewegen" - und zwar zu Freiheit,
Gerechtigkeit, Chancen und nachhaltiger Entwicklung.
Um Erfolg zu haben, müssen wir gemeinsam vorgehen und bei unseren Bestrebungen von einem klaren
Gefühl für die moralische Dimension geleitet sein, die
diesem Kampf ein Gefühl der Dringlichkeit verleiten
sollte.
Viele haben das deutliche Gefühl, daß wir in einer
Zeit leben, in der die von uns beobachteten Veränderungen sich so schnell vollziehen, daß sich die
Fehlerquote verringert und die Notwendigkeit für neue
Antworten verbessert. Aus eben diesem Grund hat
Präsident Clinton Sie alle aufgefordert, soviel Zeit und
Mühe in diese Konferenz zu investieren. Wir sehen
Ihrem Rat und Ihren Empfehlungen erwartungsvoll
entgegen und sind Ihnen für Ihre Teilnahme außerordentlich dankbar.

* * *

*

Seite 5

�TAG

DER

ERDE
12. April 1995

Collegestudenten werben für den 25. Tag der Erde
Neue Umweltschutzgesetzgebung
WASHINGTON - (AD) - Ebenso wie ihre rund 100
Kommilitonen stellten auch Celina Smith und Bion
Curtis Bartning ein Exponat zum Thema Umwelt aus.
Ihres erläuterte, warum fossile Brennstoffe höher
besteuert werden sollten.

nische Führung sehe sich Angriffen ausgesetzt, so
Vento.

"Wenn wir den Verbrauch von fossilen Brennstoffen
reduzieren, könnten wir die Energieeffizienz verbessern und den Schaden für unsere Umwelt verringern", stellt Smith, 21, anläßlich der Vorbereitungen
zum 25jährigen Bestehen des Tags der Erde am
22. April 1995 fest. Sie studiert im 4. Semester
Geologie am Occidental College in Los Angeles.

Die neue republikanische Mehrheit im Kongreß
erklärt, sie habe von den Wählern im November ein
Mandat zur drastischen Reduzierung der Last von
Umweltgesetzen und Bestimmungen erhalten. Die
Unternehmen trügen eine enorme Bürde bei der
Übernahme der Kosten von häufig unnötigen Vorschriften zum Schutz der öffentlichen Gesundheit, die
zum Verlust von Arbeitsplätzen führen, argumentiert
die Mehrheit im Kongreß.

Bartning, 22, Student der Wirtschaftswissenschaften
im 8. Semester am Occidental, meint, er sei ein
politischer Realist. Er ist sich bewußt, daß es in
Washington eine massive Lobby gegen weitere
Steuern gibt und argumentiert, jede Erhöhung der

Energiesteuer könnte durch eine Verringerung des
Energieverbrauchs ausgeglichen werden.
Alle Vertreter von Campus Green Vote, dem Organisator der Veranstaltung vom 1. bis 3. April in einem
Bürogebäude des Repräsentantenhauses, schienen
sich der Tatsache bewußt, daß die Sache stärkeren
Angriffen ausgesetzt war als je zuvor, seit der Tag
der Erde vor 25 Jahren zum ersten Mal gefeiert
wurde und die moderne Umweltbewegung ins Leben
rief.
Chris Fox, Leiter der Organisation, forderte die über
120 Studenten aus 40 Colleges auf, noch härter zu
arbeiten, damit sich die jungen Menschen für den
politischen Prozeß engagieren.

"Wir müssen zurückschlagen, wir müssen uns wehren", sagte er unter donnerndem Applaus.

Gesetzesvorlagen wie die Verhängung eines vorläufigen Moratoriums für den Erlaß neuer Umweltbestimmungen, eine künftigen Umweltgesetzen vorauszuschickende Kosten-Nutzen-Analyse
sowie
Entschädigungen für Grundbesitzer, wenn diese ihr
Land aus Gründen des Umweltschutzes nicht erschließen dürfen, wurden vom Repräsentantenhaus
verabschiedet und liegen dem Senat zur Prüfung vor.
Man erwartet, daß im Vorfeld des Tags der Erde und
an diesem Tag selbst Tausende von Veranstaltungen
unter Beteiligung von Millionen Menschen stattfinden.
Earth Day USA, eine der Organisationen, die für
Tausende an diesen Feierlichkeiten teilnehmende
lokale nichtstaatliche Organisationen und Schulen als
Clearinghaus für Informationen dient, beschäftigt sich
mit den Vorgängen im Kongreß.

Er warnte ungenannte Politiker, die studentischen
Umweltschützer würden zu einem entscheidenden
Teil der amerikanischen Wählerschaft. "Studenten
kommen vom Recyclingcontainer zur Wahlurne",
stellte er fest.

Laut Bruce Anderson, Präsident von Earth Day USA,
besteht der Wunsch nach einer kleineren, weniger
aktivistischen Regierung sowie nach größerer Betonung der Verantwortung des einzelnen und der
Zusammenarbeit.
Dies sei "der angemessene
Schwerpunkt für Earth Day 1995".

Bruce Vento, Mitglied des Repräsentantenhauses,
äu ßerte an einem sonnigen Frühlingstag der Gruppe
gegenüber, im Kongreß "ist es nicht angenehm".
Die für den Schutz der Umwelt eintretende amerika-

Zu den von verschiedenen Gemeinden durchgeführten Programmen gehören ein "Energiefasten", das
den Energiebedarf auf ein Minimum reduziert, ein
"Marsch für die Parks" zur Aufbringung von Geldern

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�für den Kauf und die Pflege von Parkgelände, ein
Konzert auf der Mall in Washington, die Konzentration auf erneuerbare Energiequellen wie die
Sonne sowie eine Parade für den Planeten in New
York mit gigantischen Flaggen aus Deutschland,
Rußland und Kanada, auf denen die Erde abgebildet
ist.
Innerhalb der Umweltbewegung gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie der 25. Tag der Erde
begangen werden sollte. Earth Day USA geht
vornehmlich auf die Initiative von Anderson und
Gaylord Nelson zurück, die 1970 die ersten Feiern
organisierten. Sie beschlossen, daß die zur Ausweitung der Aktivitäten erforderlichen Fonds durch

*

Seite 2

Sponsoren aus der Industrie bereitgestellt werden
sollten.
Andere Umweltschutzgruppen weigerten sich jedoch,
Geld von Unternehmen anzunehmen und schufen ein
eigenes Netz, um Organisationen vor Ort bei der
Planung ihrer eigenen Veranstaltungen zu helfen. Es
scheint aber zwischen allen Gruppen auf lokaler
Ebene viel Zusammenarbeit zu geben.
Auch die Clinton-Administration hat umfassende
Pläne für den Tag der Erde. Sie veranstaltet ein
Aufklärungsprogramm über Umweltfragen für die
Öffentlichkeit unter dem Namen Project Earthlink.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="53">
          <name>Umfang</name>
          <description>Anzahl der Seiten.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12406">
              <text>15 Seiten</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="54">
          <name>Dateityp</name>
          <description>Das Dateiformat des Digitalisats.</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12407">
              <text>PDF</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12401">
                <text>12.04.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12402">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12403">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12404">
                <text>Amerikadienst 12.04.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12405">
                <text>&lt;strong&gt;1. NVV&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Kein Einsatz von Nuklearwaffen gegen Nichtatomwaffenstaaten des NVV&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten, Außenministers und Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;NVV sollte Bestandteil des internationalen Sicherheitssystems sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John Holum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die entscheidende Rolle der Wissenschaft bei der Lösung von Umweltproblemen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Collegestudenten werben für den 25. Tag der Erde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue Umweltschutzgesetzgebung&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2402" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2413">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/1d913adc5ed0e5dd2cf4231bacc78804.pdf</src>
        <authentication>ae2ed50f6e65475158ee3f0dc71cf4e5</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="12414">
                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26. April 1995

15

NICHTVERBREITUNG

GORE DRANGT AUF UNBEGRENZTE
VERLÄNGERUNG DES NICHTVERBREITUNGSVERTRAGS
Rede von Vizepräsident AI Gore

ABRÜSTUNG

ABBAU VON ATOMWAFFEN IN DER
EHEMALIGEN SOWJETUNION MACHT GUTE
FORTSCHRITTE
Rede von Verteidigungsminister Perry

UMWELT

UMWELTPOLITISCHE FORTSCHRITTE SIND
"GROSSE AMERIKANISCHE
ERFOLGSGESCHICHTE"
Interview mit Präsident Clinton

UMWELTPOLITJSCHE HERAUSFORDERUNGEN
IN DER WELT NACH DEM KALTEN KRIEG
von Timothy Wirth

WIRTSCHAFT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

MULTILATERALE VERHANDLUNGEN ÜBER
FINANZDIENSTLEISTUNGEN
Rede von Finanzminister Rubin

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�NICHTVERBREITUNG
26. April 1995

Gore drängt auf unbegrenzte Verlängerung
des Nichtverbreitungsvertrags
Rede von Vizepräsident AI Gore
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident AI Gore forderte am 19. April 1995 in einer
Rede vor den Vereinten Nationen alle Unterzeichnerstaaten des Nichtverbreitungsvertrags (NW) von 1968
dazu auf, "die richtige Entscheidung zu treffen - der unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags zuzustimmen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

In wenigen Wochen wird die Welt der Zusammenkunft von San Francisco von vor einem halben
Jahrhundert gedenken, bei der - während in Europa
und Asien noch die letzte Glut des Zweiten Weltkriegs schwelte - Delegierte aus ungefähr 50 Ländern zusammentrafen, um eine neue internationale
Institution für die Nachkriegsära zu schaffen. Der
Vorschlag, diese Organisation "die Vereinten Nationen" zu nennen, wurde durch Akklamation angenommen - inmitten der Hoffnung aller Menschen auf ein
Leben ohne die "Geißel des Krieges".
Dieser verheißungsvolle Moment fiel jedoch mit dem
Anbruch eines neuen Zeitalters in der Weltgeschichte zusammen - dem Atomzeitalter - das beispiellose
Gefahren für die Zukunft der Menschheit mit sich
brachte.
Ebenso wie die Gründerväter der Vereinten Nationen
sind wir heute zu einem Zeitpunkt außergewöhnlicher Chancen und großer Risiken hier versammelt.
Die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion ist beendet.
Unsere Regierungen haben schnell gehandelt und
die auf dem nuklearen Gleichgewicht des Schrekkens basierenden Beziehungen hinter sich gelassen.
Allein schon diese Tatsache verringert beträchtlich
die Gefahr eines weltweiten Atomkriegs, beseitigt sie
jedoch nicht.
Im Falle einer Weiterverbreitung von Nuklearwaffen
könnte dieses Risiko erneut ansteigen, und unsere
derzeitige Chance zur Verringerung der globalen
nuklearen Gefahr wäre verloren.

AMERIKA DIENST 15

Mit dieser Konferenz tritt der Kampf um die Eindämmung von Nuklearwaffen in eine kritische Phase
ein. Zu Beginn des Atomzeitalters verfügten nur
wenige Länder über die technologischen und finanziellen Mittel zum Bau von Atomwaffen. Das ist jetzt
nicht mehr der Fall.
Das Wissen und die Fähigkeit zum Bau von Nuklearwaffen und ihren Trägersystemen ist in zunehmendem Maße zugänglich. Die meisten Länder sind sich
bewußt, daß der Erwerb von Nuklearwaffen zu mehr
Unsicherheit und Gefahr führt. Aber die wenigen
Länder, die den Besitz von Atomwaffen anstreben,
haben zunehmende Erfolgschancen. Sollten sie
Erfolg haben, wären die Konsequenzen nicht auf ein
Gebiet beschränkt, sondern vielmehr globaler Natur
und würden die Länder, die sich ursprünglich gegen
Atomwaffen entschieden, zu einer Überprüfung ihrer
Entscheidung veranlassen.
Mit anderen Worten: Der abnehmenden Gefahr
eines Atomkriegs als Resultat einer Rivalität steht die
zunehmende Gefahr gegenüber, daß er von anderen
verursacht wird. Es ist einleuchtend, daß weitere
Fortschritte bei der Kontrolle und dem Abbau von
Nuklearwaffen einfacher zu erzielen sein werden,
wenn die Zahl von Atomwaffenstaaten nicht zunimmt.
Dies ist natürlich der Kern der Herausforderung, auf
die der Nichtverbreitungsvertrag zugeschnitten war.
Zum Zeitpunkt seiner Entstehung repräsentierte er
ein gefährdetes Gleichgewicht zwischen widerstreitenden und anscheinend unvereinbaren Interessen.

Seite 1

�Der Vertrag kam den Sicherheitsinteressen der
Atomwaffen- und Nichtatomwaffenstaaten entgegen.
Ferner zog er den universellen Wunsch in Betracht,
daß alle Völker in den Genuß von Nukleartechnologie für friedliche Zwecke kommen sollten, was
jedoch nicht zur Weiterverbreitung von Atomwaffen
führen dürfe.
Das Ergebnis war ein Abkommen, das den Interessen aller Seiten Rechnung trug und einen Weg zu
einer friedlicheren Zukunft identifizierte.
Erstens würden erklärte Atomwaffenstaaten anderen
Ländern nicht beim Erwerb von Nuklearwaffen
helfen, während die Nichtatomwaffenstaaten sich
zum Verzicht auf diese Waffen während der Dauer
des Vertrags verpflichteten.
Die hierzu in der Lage befindlichen Staaten bürgten
ferner für die Weitergabe von Nukleartechnologie für
friedliche Zwecke unter strengen internationalen
Sicherheitsvorkehrungen und gingen die feierliche
Verpflichtung ein, sich für weitere Abrüstungsmaßnahmen einzusetzen.
Nachdem wir jetzt ein Vierteljahrhundert lang Erfahrungen mit diesem Vertrag gesammelt haben, sind
wir hier zusammengekommen, um zu entscheiden,
ob der Sache des Friedens am besten mit einer
zeitweiligen Verlängerung des Vertrags gedient ist
oder durch die Nutzung unserer einmaligen Option,
ihm eine dauerhafte Grundlage zu geben, indem wir
seine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung beschließen - und wir alle sind uns der Bedeutung einer einmaligen Option bewußt.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten ist es von
lebenswichtiger Bedeutung, daß wir diese einmalige
Option nutzen, um den Vertrag unbegrenzt und
bedingungslos zu verlängern.
Ich vertrete hier mein Land und meinen Präsidenten
und möchte erklären, warum wir so unerschütterlich
an dieser Überzeugung festhalten und die Gründe
darlegen, warum wir mit anderen Ansätzen nicht
übereinstimmen - so sehr wir auch die darin zum
Ausdruck kommenden Anliegen verstehen und
respektieren.
Die Argumente für eine dauerhafte Verlängerung
können prägnant und überzeugend vorgestellt
werden. Zunächst einmal schafft der Vertrag eine
sicherere Welt für all seine Mitglieder - Atomwaffenstaaten und Nichtatomwaffenstaaten gleichermaßen.
Durch die Bereitstellung international anerkannter,
verifizierbarer Mittel für den dauerhaften Verzicht auf
Atomwaffen trägt der Vertrag dazu bei, daß regionale Rivalitäten nicht zu einem regionalen Nuklearwaf-

Seite 2

fenrüstungswettlauf eskalieren. Ohne den Nichtverbreitungsvertrag hätten viel mehr Nationen - wenn
auch widerwillig - beschlossen, sie benötigten Atomwaffen als Abschreckung für ein Nachbarland oder
als Schutz vor künftiger Unsicherheit.
Da der N W es der überwältigenden Mehrheit der
Nationen ermöglicht, auf Atomwaffen zu verzichten,
ohne dabei ihre Sicherheit aufs Spiel zu setzen,
stärkt er die globale Stabilität, welche die für weitere
Fortschritte bei Rüstungskontrolle und Abrüstung
erforderliche Grundlage darstellt.
Obwohl unseres Erachtens die Argumente für eine
unbegrenzte Verlängerung überzeugend sind, muß
jede ehrliche Beurteilung des Vertrags die wichtigsten
gegen ihn gerichteten Einwände in Betracht ziehen.
Ich möchte einzeln auf jedes der Argumente gegen
eine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung
eingehen und darauf antworten.
Erstens, der Vertrag sei von Natur aus diskriminierend. Zweitens, die Atomwaffenstaaten seien ihren
Verpflichtungen unter Artikel VI nicht nachgekommen.
Drittens, die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Vertrags würde die Nuklearwaffenstaaten von wirksamem weiterem Druck auf Abrüstung
befreien. Viertens, der Vertrag setze die Nichtatomwaffenstaaten dem Risiko einer Einschüchterung
durch die Atomwaffenstaaten sowie durch Nichtmitgliedstaaten des N W aus. Fünftens, die dauerhafte
und bedingungslose Verlängerung des Vertrags
zerstöre die Möglichkeit, das Abkommen an künftige
Gegebenheiten anzupassen.
Ich möchte auf jedes dieser Argumente einzeln
eingehen.
Erstens. Es stimmt, daß der Vertrag eine erste
Unterscheidung zwischen Atomwaffenstaaten und
den Staaten anerkennt, die sich zum Verzicht auf
Atomwaffen verpflichten. Der Vertrag schuf jedoch
keine ständige Gruppe von Atomwaffenstaaten.
Er schuf jedoch die Erfordernis, daß die bereits im
Besitz von Atomwaffen befindlichen Staaten anderen
nicht beim Erwerb dieser Waffen helfen dürfen,
verbunden mit einer bindenden rechtlichen Verpflichtung gemäß Artikel VI, in gutem Glauben
Verhandlungen über nukleare Rüstungskontrolle und
Abrüstung fortzusetzen.
Durch die unbegrenzte
Verlängerung des Vertrags werden Nichtatomwaffenstaaten sicherstellen, daß diese Verpflichtung auf
Dauer bindend ist und die Bedingungen dafür schaffen, daß sie letztlich erfüllt wird.
Zweitens. Von manchen wird das Argument angeführt, die Nuklearwaffenstaaten wären ihren Ver-

AMERIKA DIENST 15

�pflichtungen gemäß Artikel VI nicht nachgekommen.
Es gibt überzeugende Beweise dafür, daß unter den
Atomwaffenstaaten der Trend eindeutig in Richtung
der Erfüllung ihrer Verpflichtungen gemäß Artikel VI
des N W geht. Betrachten Sie sich nur einmal, was
in den letzten Jahren geschehen ist:
Die Vereinigten Staaten und Rußland beseitigten
unter dem INF-Vertrag eine gesamte Klasse
nuklearer Trägersysteme.
Vergangenen Dezember setzten die Vereinigten
Staaten und Rußland sowie die Ukraine, Belarus
und Kasachstan den START I-Vertrag in Kraft,
der die Entfernung von 9.000 Atomwaffen von
ihren Trägersystemen vorsieht.
Die Staatskunst führender Politiker aus Belarus,
Kasachstan und der Ukraine hat zum Verzicht
dieser Nationen auf Nuklearwaffen geführt.
Es ist heute angebracht, diese drei Nationen zu
beglückwünschen, deren Entscheidung über die
Entfernung der Atomwaffen von ihrem Territorium
sowie über den Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag
als Nichtatomwaffenstaaten einen wahrhaften Schritt
für den Frieden darstellt. Übrigens sollten wir auch
Südafrika beglückwünschen, das die Welt auf
vielfältige Weise inspirierte und vor einigen Jahren
den Verzicht auf Atomwaffen beschloß.
Die Vereinigten Staaten und Rußland arbeiten
mit unseren Parlamenten an der Ratifizierung des
START Il-Vertrags, durch den weitere 5.000
Waffen aus den entwickelten Arsenalen der
Vereinigten Staaten und Rußlands entfernt
werden. START I und START II zusammengenommen haben also bereits zu einem Abbau
von zwei Dritteln sowie einer 90prozentigen
Verringerung taktischer Waffen geführt.
Die Präsidenten Clinton und Jelzin einigten sich
auf die Entschärfung von Systemen entsprechend
dem START II-Vertrag nach dessen Ratifizierung.
Ferner beschlossen wir eine Änderung der Zielkoordinaten unserer Atomraketen, damit diese Waffen
nicht länger auf die Kinder irgendeiner Nation
gerichtet sind. Und nicht auf Städte.
Um unseren Worten weitere Taten folgen zu
lassen, haben die Vereinigten Staaten die Produktion spaltbarer Materialien für Nuklearexplosionen eingestellt.
Zudem leitete Präsident
Clinton neue globale Bestrebungen zur Beendigung der Produktion spaltbarer Materialien für
Nuklearexplosionen ein.

AMERIKA DIENST 15

Vergangenen Monat gab Präsident Clinton bekannt, die Vereinigten Staaten würden 200 Tonnen spaltbaren Materials aus ihren Vorräten
beseitigen, so daß diese nie wieder für atomwaffenfähige Zwecke benutzt werden können. Und
letztes Jahr unterstellten die Vereinigten Staaten
zum ersten Mal waffenfähiges Material aus ihrem
Arsenal den Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO).
Dies sind konkrete Formen realer Fortschritte bei der
Erfüllung von Artikel VI und wichtige Bausteine für
Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert. Aber wir
müssen natürlich in den kommenden Tagen und
Wochen weiter darauf aufbauen.
Aus diesem Grund haben die Präsidenten Jelzin
und Clinton im vergangenen September ihre
Experten angewiesen, Schritte zur Anpassung der
Nuklearstreitkräfte an das veränderte internationale Sicherheitsklima zu entwickeln und öffentlich
ihrer gemeinsamen Überzeugung Ausdruck
verliehen, daß dieses veränderte Klima zusätzliche Fortschritte beim Abbau von Umfang und
Struktur ihrer Nuklearstreitkräfte sowie die Aussicht auf mögliche weitere Reduzierungen erlauben - und erfordern - wird.
Vor nur zwei Wochen bekräftigten Rußland,
Frankreich und Großbritannien gemeinsam mit
den Vereinigten Staaten in Genf feierlich unsere
Verpflichtung - wie in Artikel VI niedergelegt - in
gutem Glauben Verhandlungen über wirksame
Maßnahmen im Zusammenhang mit nuklearer
Abrüstung - unserem obersten Ziel - fortzusetzen.
Ferner haben wir unsere Delegation in Genf
angewiesen, "so bald wie möglich" einen Vertrag
über ein umfassendes Atomtestverbot abzuschließen. Um diese Bestrebungen weiter voranzutreiben, verlängerte der Präsident das Moratorium
über Atomtests bis zum erwarteten Abschluß der
Verhandlungen über ein Atomtestverbot und zog
einen früheren amerikanischen Vorschlag für eine
in den Vertrag aufzunehmende Klausel über eine
zehnjährige Widerrufungsperiode zurück.
Wenn die Genfer Abrüstungskonferenz ihre Aufgabe
erfüllt, sind wir bereit zu der Schlußfolgerung, daß die
Vereinigten Staaten bereits ihren letzten Atomtest
durchgeführt haben.
Das dritte Argument gegen die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags lautet, sie
würde die Nuklearwaffenstaaten von wirksamem
Druck auf weitere Abrüstung befreien. Von manchen
wird argumentiert, statt einer unbegrenzten Verlängerung liege die beste Möglichkeit zur Gewähr-

Seite 3

�leistung von Abrüstung unter den großen Atommächten darin, den N W praktisch als Geisel zu nehmen,
indem er periodischen Abstimmungen über seine
Abschaffung oder sein Bestehen unterworfen oder
zu Bedingungen verlängert wird, die das Prinzip "Abschaffung oder Beseitigung" auf indirekte Weise
wiedereinführen.
Dieses Argument hat zwei gravierende Mängel.
Erstens, im Hinblick auf die großen Atomwaffenstaaten: Das Letzte, was wir beim Umgang mit dem
Problem einer weiteren, unumkehrbaren Einschränkung von Atomwaffen gebrauchen können, wäre die
Möglichkeit eines Widerrufs des N W in regelmäßigen Abständen. Es ist wertlos, daß selbst die
längste erörterte Überprüfungszeit - 25 Jahre unterhalb der Lebensdauer eines großen Nuklearwaffensystems liegt. In der Praxis können laufende
Überprüfungszeiten genau dieselben Konsequenzen
für die Nuklearplanung haben wie eine jetzt getroffene Entscheidung über die Beendigung des Vertrags,
da sie Unsicherheit, Mißtrauen und Angst verursachen würde. Außerdem würde sie Präventivmaßnahmen ermutigen und die schwierige Aufgabe
eines weiteren Abbaus von Nuklearwaffenarsenalen
sowie einer Annäherung an unser oberstes Abrüstungsziel komplizieren.
Der zweite Mangel dieses Arguments ist, daß eine
periodische Gefährdung des Vertrags den Staaten
ein machtvolles Signal senden wird, den Erwerb von
Nuklearwaffen anzustreben. Eine solche Entscheidung wird sie dazu ermutigen, sich ihre Optionen
vorzubehalten, anstatt die Dauerhaftigkeit ihrer
Verpflichtungen unter dem Vertrag zu akzeptieren.
Nicht dem Vertrag angehörende Staaten würden zu
der Annahme ermutigt, dieser würde eines Tages
auseinanderbrechen, und sie würden dementsprechend planen. Da Pläne oft Realität werden, würde
dies dramatisch das Risiko erhöhen, das wir mit dem
Nichtverbreitungsvertrag einzudämmen versuchen.
Die Einbringung von Unsicherheit in nukleare Entscheidungen dient nicht den Zielen des N W .
Vielmehr werden dadurch die wirklichen Fortschritte
gefährdet, die die ursprünglichen Nuklearwaffenstaaten derzeit machen, und Möchtegernweiterverbreiter
ermutigt, auf eine günstige Gelegenheit zu warten
und heimlich ihre Ziele zu verfolgen.
Das vierte Argument gegen eine bedingungslose
Verlängerung des Vertrags lautet, dieser würde die
Nichtatomwaffenstaaten der Gefahr einer Einschüchterung durch die Nuklearmächte sowie die nicht dem
Vertrag angehörenden Staaten aussetzen.

Seite 4

Da sich die Atomwaffenstaaten klar bewußt sind, daß
eine Gefährdung des N W auch ihre eigene Sicherheit gefährden würde, haben sie ein starkes Motiv,
sich atomarer Drohungen zu enthalten und vielmehr
glaubwürdige Zusagen zu geben, um die Bedenken
anderer zu zerstreuen. Aus diesem Grund gab
Präsident Clinton Anfang dieses Monats eine Erklärung ab, die starke positive und negative Sicherheitszusagen enthält. Jeder der vier anderen Nuklearwaffenstaaten veröffentlichte parallel dazu eine
Erklärung.
Anfang des Monats nahm der UN-Sicherheitsrat eine
Resolution an, die diese Zusagen begrüßt und in
beispielloser Weise im Detail Mittel für den Fall
festlegt, daß ein atomarer Mitgliedstaat des N W
einer nuklearen Bedrohung ausgesetzt ist.
Zudem schafft der Erfolg des N W einen Schutz vor
nuklearer Bedrohung, sei es durch Mitgliedstaaten
oder Nichtmitgliedstaaten. Durch die Festsetzung
einer globalen Nichtverbreitungsnorm, zu deren
Verteidigung die Weltgemeinschaft erklärtermaßen
bereit ist, hat der N W nukleare Einschüchterung
weitaus effektiver entmutigt, als die wahllose Bedrohung mit Atomwaffen das tun würde.
Als Reaktion auf das fünfte Argument, eine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des N W
würde ihn erstarren lassen und seiner Fähigkeit
berauben, auf veränderte Bedingungen zu reagieren,
möchte ich zunächst auf die radikalen Veränderungen
auf der Welt hinweisen, mit denen der Vertrag bisher
ohne Schwierigkeiten umgegangen ist, sowie ferner
auf in den Überprüfungs- und Abänderungsbestimmungen des Vertrags eingebaute Flexibilitätsreserven, die durch die Entscheidung über seine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung nicht
verändert würden. Der Vertrag sieht alle fünf Jahre
eine Überprüfung vor, was allen Vertragsparteien die
Möglichkeit gibt, ihrer Sorge über seine Wirksamkeit
Ausdruck zu verleihen.
Selbst bei einer unbegrenzten Verlängerung des N W
würden diese Überprüfungen fortgesetzt, und ich
verspreche, daß die Vereinigten Staaten eng mit
anderen Delegationen zusammenarbeiten werden,
um die Lebensfähigkeit und Effektivität des Überprüfungsmechanismus zu gewährleisten. Mit anderen
Worten: Der N W wird ein lebendes Dokument
bleiben.
Meiner Ansicht nach kann auf alle Fragen und
Kritikpunkte des N W eine Antwort gefunden werden
- nicht nur durch logische Argumente, sondern viel
wirkungsvoller durch die Leistung des Vertrags und
seiner Mitgliedstaaten während der vergangenen 25
Jahre.

AMERIKA DIENST 15

�Im Zeitalter nach dem Kalten Krieg - in dem die
Konfrontation der Supermächte von Zusammenarbeit
bei der Beseitigung von Nuklearwaffen abgelöst wird,
welche die Gefahren nuklearer Weiterverbreitung
aber zunehmend offensichtlich werden läßt - bleibt
der Vertrag von zentraler Bedeutung für die Sache
des Friedens.
Wir rufen Sie, die Vertreter der größten Staatengemeinschaft dazu auf, jedem Rüstungskontrollabkommen beizutreten, die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Vertrags zu unterstützen,
nicht als Gefallen für jemanden oder als Konzession,
sondern weil es eindeutig im Sicherheitsinteresse
jedes einzelnen von uns liegt.
Der Vertrag verringert noch weit mehr als bei seinem
Abschluß vor 25 Jahren die nukleare Bedrohung für
jede seiner Vertragsparteien, schafft die Grundlage
für internationale Zusammenarbeit bei der friedlichen
Nutzung von Kernenergie und leistet einen entscheidenden Beitrag zu globaler Stabilität, die für weitere
Maßnahmen bei Rüstungskontrolle und Abrüstung
erforderlich ist.
Die von Ihnen zu treffende Entscheidung über die
zukünftige Dauer des Nichtverbreitungsvertrags ist
wirklich von großer Tragweite. Sie betrifft nicht nur
die Politik der Regierungen, sondern das Schicksal
von Menschen überall auf unserem Planeten.
Durch die Ratifizierung des Vertrags akzeptierten
Parlamente auf der ganzen Welt, daß sie durch eine
von der Mehrheit der Vertragsparteien getroffene
Entscheidung gebunden würden. Jeder Vorschlag,
daß diese Entscheidung durch geheime Abstimmung
getroffen werden sollte, unterminiert das Vertrauen
dieser Parlamente. Sie können mit Recht von den
Staaten erwarten, daß sie die Verantwortung für ihre
Aktionen übernehmen. Würde ein Land zum Nutzen
seines Volkes eine Haltung einnehmen und dies
seinen Bürgern verheimlichen? Wie könnte das
einer Überprüfung standhalten?
Wer Rechenschaftsspflicht fordert, muß auch die damit einherge-

*

AMERIKA DIENST 15

henden Lasten tragen. Die Vereinigten Staaten
weisen entschieden jede Vorstellung zurück, die bei
dieser Konferenz getroffenen Entscheidungen könnten einer Überprüfung nicht standhalten, und rufen
alle Länder auf, für ihre Aktionen die Verantwortung
zu übernehmen.
Als der Nichtverbreitungsvertrag vor 25 Jahren in
Kraft trat, konnten nur wenige vermuten, was er für
unser aller Leben bewirken würde.
Heute wissen wir, daß die bei der Schaffung des
Atomzeitalters Anwesenden nur hoffen konnten,
daß der Weiterverbreitung Einhalt geboten werden
kann,
daß die Nationen zum Schutz der Sicherheit aller
zusammenarbeiten können.
Wir dürfen und werden nicht ruhen, bis diese Ziele und der Nichtverbreitungsvertrag - dauerhafte Realität
werden.
Einer der großen Staatsmänner meiner Nation Franklin Delano Roosevelt - äußerte in einer Krisensituation dem amerikanischen Volk gegenüber, seine
Generation hätte ein "Rendezvouz mit dem Schicksal". Dies führte in der gesamten Nation zu der
Erkenntnis, daß es in ihrer Hand lag, den Ausgang
großer Dinge zu entscheiden.
Auch wir sind an einem Punkt angelangt, der als
Rendezvouz mit dem Schicksal bezeichnet werden
könnte.
In diesem Moment der Entscheidung fordere ich Sie
daher dazu auf, mit dem Glauben an den Frieden als
unserer Leitlinie und mit den Hoffnungen unserer
Kinder als Inspiration die richtige Entscheidung zu
treffen - der unbegrenzten und bedingungslosen
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags zuzustimmen.

* * *

*

Seite 5

�ABRÜSTUNG
26. April 1995

Abbau von Atomwaffen in der ehemaligen
Sowjetunion macht gute Fortschritte
Rede von Verteidigungsminister Perry
WASHINGTON - (AD) - Am 19. April 1995 sprach US-Verteidigungsminister William Perry vor dem National
Defense University College der Streitkräfte über Fortschritte bei der Konversion militärischer Einrichtungen in
der ehemaligen Sowjetunion zur Nutzung für friedliche Zwecke. Nachfolgend veröffentlichen wir die
unwesentlich gekürzte Rede des Verteidigungsministers.

Vergangene Woche stattete ich Rußland, der Ukraine und den beiden zentralasiatischen Republiken
Kasachstan und Usbekistan einen Besuch ab. Diese
vier Staaten sind für die Vereinigten Staaten von
strategischer Bedeutung, denn sie sind Grundpfeiler
einer Region, die für uns ein zentrales sicherheitspolitisches Anliegen darstellt. Ein Grund dafür ist die
Tatsache, daß es in dieser Region noch mehr als
20.000 Nuklearwaffen gibt. Diese 20.000 Kernwaffen befinden sich in einem Gebiet, das einen revolutionären Wandel durchmacht.
Revolutionärer
Wandel erzeugt Instabilität; Instabilität plus Atomwaffen ergibt Gefahr.
Daher müssen wir uns in den Nationen dieser
Region wieder engagieren, einmal um das erneute
Entstehen einer nuklearen Bedrohung zu verhindern,
aber auch um wirtschaftliche und politische Reformen zu ermutigen, gemeinsame Sicherheitsinteressen zu verfolgen und das Entstehen einer neuen,
globalen Rivalität, insbesondere zwischen den
Vereinigten Staaten und Rußland zu verhindern.
Wir dürfen unser Engagement jedoch nicht auf
Rußland beschränken, selbst wenn dieses die
mächtigste Nation in dieser Region ist. Auch die
Ukraine ist aufgrund ihrer beträchtlichen Größe und
Bevölkerung, ihrer entwickelten industriellen und
militärischen Infrastruktur und der Stationierung
sowjetischer Nuklearwaffen auf ihrem Territorium von
entscheidender Bedeutung. Tatsache ist, daß die
Ukraine das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt
hat.
Kasachstan ist ebenfalls von großer strategischer
Bedeutung für die Vereinigten Staaten und verfügt
auch über sowjetische Atomwaffen. Zudem würde

AMERIKA DIENST 15

ich Kasachstan wegen seiner Nähe zu Rußland,
China und dem Iran als Schlüsselnation bezeichnen.
Usbekistan, der vierte Staat unserer Besuchsreise,
hat keine Nuklearwaffen, ist aber dennoch für uns
von strategischer Bedeutung. Tatsächlich ist er
weitaus wichtiger, als hier in den Vereinigten Staaten
angenommen wird. Usbekistan ist einer der wenigen
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion mit
einer relativ starken Wirtschaft. Er unterhält von allen
Staaten der Region eines der aktivsten gemeinsamen
Wirtschaftsprogramme mit amerikanischen Unternehmen. Vom sicherheitspolitischen Standpunkt aus
gesehen dient Usbekistan als Gegengewicht zu
regionaler Instabilität, insbesondere zu aus dem Iran
exportierten extremistischen Kräften.
Wir unterhalten gute Beziehungen zu allen neuen
unabhängigen Nationen, und jede hat Schritte zur
Einführung wirklicher Demokratie und Marktwirtschaft
unternommen. Ich brauche Ihnen aber nicht zu
sagen, daß alle vier Staaten in dieser Hinsicht noch
einen weiten Weg vor sich haben - mit beachtlichen
Höhen und Tiefen.
Wir sollten die Probleme nicht ignorieren.
Die
Unterstützung von Reformen beinhaltet die klare und
entschiedene Äußerung unserer Anliegen.
Ein
Schlüsselelement unserer Politik gegenüber diesen
Ländern sollte jedoch unerschütterliche Zielstrebigkeit
sein. Wir müssen unsere Augen auf den strategischen Preis richten: Das langfristige, große Bild.
Der Schlüssel hierzu ist stetiges Engagement während aller Höhen und Tiefen. Das gestattet uns die
Arbeit an der Lösung von Problemen sowie die
gleichzeitige Weiterentwicklung der positiven Aspekte

Seite 1

�unserer Beziehungen. Und ich habe meine Reise
für beides benutzt.
Ich möchte mich auf die meiner Meinung nach
positivsten Aspekte meiner Reise konzentrieren, die
für meine Zuhörer hier von größtem Interesse sind.
Positiv ist die Zusammenarbeit insbesondere mit
Rußland und der Ukraine, um ihnen bei der Zerlegung ihrer aus dem Kalten Krieg stammenden
Nuklearwaffen zu helfen. Positiv sind aber auch die
Gemeinschaftsvorhaben amerikanischer Unternehmen mit Unternehmen in Rußland und seinen Nachbarstaaten, um die sowjetische Rüstungsindustrie Fabrikanlagen und F&amp;E-Labors - in produktive
Wirtschaftsunternehmen umzuwandeln.
Das ist eine Erfolgsgeschichte, und Erfolg resultiert
aus der Klugheit und dem Weitblick zweier amerikanischer Senatoren - Sam Nunn und Richard Lugar die das Verteidigungsprogramm zur Beschleunigung
des Zerlegungs- und Konversionsprozesses ins
Leben riefen, das ihre Namen trägt - das NunnLugar-Programm. Dank dem Nunn-Lugar-Programm
findet der Abbau amerikanischer und sowjetischer
Nuklearwaffen aus der Zeit des Kalten Krieges sogar
früher als geplant statt.
Beispielsweise trat vergangenen Dezember der
START I-Vertrag in Kraft und räumt den Vereinigten
Staaten und Rußland sieben Jahre für die erforderliche Demontage ein. Aber sowohl unser Land als
auch Rußland haben bereits über die Hälfte der
Aufgabe, über die Hälfte des Abbaus erledigt.
Neben Rußland sind die Ukraine, Kasachstan und
Belarus auf dem besten Weg, dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) als . Nichtatomwaffenstaaten
beizutreten.
Ende kommenden Jahres werden
diese drei Nationen - Kasachstan, Belarus und die
Ukraine - Mitglieder des N W .
Auch die Umgestaltung der Rüstungsindustrie für
friedliche Zwecke hat einen guten Anfang genommen. Das ist von entscheidender Bedeutung, denn
es ist nicht möglich, einfach nur die Atomwaffen zu
zerlegen. Wir müssen uns auch mit den überschüssigen Rüstungsfabriken, den Facharbeitern und
Nukleartechnikern befassen. Das liegt im Interesse
dieser Nationen und der Vereinigten Staaten - aus
sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Gründen.
Es ist in ihrem Interesse, die überschüssigen Produktionskapazitäten der Rüstungsindustrie produktiv
einzusetzen und ihre Volkswirtschaften zu entmilitarisieren, zu kommerzialisieren und zu privatisieren.
Und es liegt in unserem Interesse, diesen Nationen
beim Aufbau einer freien Marktwirtschaft zu helfen
und dabei in dieser aufstrebenden Region neue
Märkte für unsere Unternehmen zu erschließen.

Seite 2

Es liegt ebenfalls im amerikanischen Interesse, die
Notwendigkeit einer Waffenproduktion in Rußland aus
beschäftigungspolitischen Gründen zu verringern,
denn diese Waffen könnten die amerikanische
Sicherheit bedrohen, wenn sie in die falschen Hände
geraten. Die Zerlegung von Waffen und die Konversion der Rüstungsindustrie sind also Teil desselben
Sicherheitskontinuums.
Ich habe die Erfolgsgeschichte dieses nuklearen
Sicherheitskontinuums mit eigenen Augen gesehen.
Beispielsweise besuchte ich in Rußland den Luftwaffenstützpunkt Engels, auf dem sowjetische Jagdbomber entsprechend dem START I-Vertrag zerlegt
werden.
Das war wirklich ein beeindruckender
Anblick. Einer der uns begleitenden Journalisten
schrieb: "Dort lagen Einzelteile riesiger Jagdbomber,
als wären diese von wütenden Göttern in Stücke
gerissen worden. Hier ein Flugzeugrumpf, dort
mehrere Tragflächen und da ein Haufen Propeller
von dem schweren Langstreckenbomber Bear. Das
war nicht das Werk wütender Götter, sondern das
russischer Arbeiter, die teilweise mit Hilfe von im
Rahmen des Nunn-Lugar-Programms bereitgestellten
amerikanischen Gerätschaften - besonderen Schneidemaschinen, Pressen und einer als Guillotine
bezeichneten wunderbaren Vorrichtung - die Tragflächen von den Jagdbombern abtrennten." Meines
Erachtens ist das der beste Gebrauch, der je von
einer Guillotine gemacht wurde.
Das war für mich ein einzigartiger Moment auf dem
Luftwaffenstützpunkt Engels. Ich hatte mich während
des Großteils meiner beruflichen Laufbahn mit
Waffen für den Kalten Krieg beschäftigt und gebe zu,
daß ich eine gewisse Begeisterung für die Technologie und die daraus resultierenden Produkte entwickelt
habe - für diese technischen Errungenschaften
unseres Landes und der Russen. Aber ich bin
wahrhaft davon überzeugt - und die Russen sind es
meiner Meinung nach ebenfalls - daß wir uns um der
Sicherheit unserer Enkel und deren Enkel willen über
die Zerstörung dieser Waffen freuen sollten.
Weiterhin war ich Zeuge der Rüstungskonversion in
Rußland, als ich die Produktionsstätte eines neuen
amerikanisch-russischen
Gemeinschaftsunternehmens mit dem Namen Istak besuchte - dem ehemaligen großen russischen Hersteller elektronischer
Kampfführungstechnologie. Wir förderten die Bildung
eines Joint-venture mit dem amerikanischen Unternehmen Hearing Aids International. Jetzt wird das
Gemeinschaftsunternehmen Istak Audio International
genannt und stellt Hörgeräte her. Es soll jährlich
etwa 200.000 Hörapparate produzieren. Dieses neue
Unternehmen, Istak, wurde mit Hilfe eines kleinen
Darlehens - hauptsächlich Startkapital - aus dem
Nunn-Lugar-Programm für friedliche Zwecke umge-

AMERIKA DIENST 15

�wandelt, aber das amerikanische Unternehmen
stellte eine beträchtliche Menge Eigenkapital bereit,
was beweist, daß es von dem wirtschaftlichen
Potential dieses neuen Produkts überzeugt ist.
Diese beiden Zwischenstationen in Rußland - auf
dem Luftwaffenstützpunkt Engels und bei Istak haben mir gezeigt, daß die Zerlegung von Nuklearwaffen fortschreitet und die Konversion der Rüstungsindustrie durch Industriepartnerschaften und
Gemeinschaftsunternehmen funktioniert.
Der Ort, an dem diese Bestrebungen zusammentrafen und das nukleare Sicherheitskontinuum der
Abrüstung und Rüstungskonversion am evidentesten
ist, war eine entlegene, windige Stadt in der Ukraine
- Perwomajsk. In Perwomajsk war früher eine der
wichtigsten sowjetischen Abschußvorrichtungen für
ballistische Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVed ICBMs). Man konnte es als
Kronjuwel des sowjetischen Atomwaffenarsenals
bezeichnen. Von den Raketensilos nur einer Rampe
hätten die Sowjets 700 nukleare Gefechtsköpfe auf
die Vereinigten Staaten abfeuern können - ausreichend, um jede große Stadt Amerikas dem Erdboden gleichzumachen.
Ich war im vergangenen Jahr zum ersten Mal in
Perwomajsk, stand oben am Rand eines Raketensilos und schaute auf eine SS-24 hinunter. Als Teil
unseres Abkommens mit der Ukraine waren die
Gefechtsköpfe gerade vor einer Woche entfernt und
in eine Zerlegungsfabrik geschickt worden. Bei
meinem diesjährigen Besuch beobachtete ich letzte
Woche, wie eine SS-19 langsam aus dem Silo
geholt und auf einen Lastwagen geladen wurde, so
daß die ganze Rakete zur Zerlegungsstätte transportiert werden konnte. So wird Geschichte gemacht. Dies ist eine der größten politischen Errungenschaften des Zeitalters nach dem Kalten Krieg.
Vom Raketenstützpunkt in Perwomajsk aus reiste ich
zu einer Fabrik am Rande der Stadt. In dieser
Fabrik wurden früher Einzelteile für sowjetische
Kriegsschiffe hergestellt. Jetzt produziert man dort
Fertighäuser. Und wieder stammt das Startkapital
aus dem Nunn-Lugar-Programm. Das ist Konversion der Rüstungsindustrie. Dieses Projekt ist Teil
des Kontinuums der Zerlegung von Raketen in
Perwomajsk und der Schließung des Stützpunktes,
denn das erste der Fertighäuser ist für die Offiziere
der strategischen Raketen vorgesehen, die auf dem
Raketenstützpunkt von Perwomajsk leben, die
Raketen bedienten und jetzt an deren Abbau und
der Schließung des Stützpunktes mitwirken.
Das größte Hindernis bei der Zerlegung der Raketen
und Schließung des Stützpunktes war die Suche

AMERIKA DIENST 15

nach einer Möglichkeit, die Offiziere außer Dienst zu
stellen, und die größte Schwierigkeit dabei war
wiederum die Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für sie. Die Ukrainer sagten uns: "Wenn Ihr
dieses Problem lösen könnt, können wir mit der
Zerlegung fortfahren. Gelingt Euch das nicht, treten
wir auf der Stelle." Die von mir besichtigte Fabrik löst
das Problem. Sie ist bereits in Betrieb. In wenigen
Wochen wird täglich ein Haus fertiggestellt - eine
unerhörte Produktionsrate in der alten Sowjetunion.
Kritiker in den Vereinigten Staaten äußerten mir
gegenüber: "Warum sollten wir unsere ehemaligen
Gegner beim Bau von Häusern unterstützen, wenn
wir für unsere eigenen Bürger sorgen müssen und
unseren eigenen Bedarf an Wohnungen haben?" Die
Antwort darauf ist einfach. Wir tun es für unsere
eigene Sicherheit. Es erweist sich auch als gut für
die ukrainische Wirtschaft und unsere eigene, denn
wenn die Fabrik die Herstellung von Häusern für die
Offiziere des Raketenstützpunktes beendet hat,
werden Häuser zum Verkauf auf dem ukrainischen
Wohnungsmarkt produziert, auf dem eine enorme
Nachfrage besteht. Bill Harbert, ein Geschäftsmann
aus Alabama, der dieses Gemeinschaftsunternehmen
mit den Ukrainern in Gang setzte, plant die Einführung einer zweiten Schicht in der Fabrik. Er
verdiente weltweit Geld mit dem Bau von Häusern
und ist davon überzeugt, daß er und seine ukrainischen Geschäftspartner in der Ukraine Geld verdienen können. Somit bauen wir in der Ukraine nicht
nur einige Häuser, sondern schaffen eine ganze
Wohnungsbauindustrie.
Diese Erfolge bei der Konversion der Rüstungsindustrie sind meines Erachtens darauf zurückzuführen, daß die Investitionsentscheidungen nicht von der
amerikanischen, der russischen oder ukrainischen
Regierung getroffen werden, sondern vom Privatsektor, von Menschen wie Bill Harbert, der Gutes tut und
gleichzeitig mit Gewinnen rechnet. Menschen wie er
sind bereit, dem von der Regierung bereitgestellten
Startkapital ihre eigenen Investitionen an die Seite zu
stellen.
Die Regierung spielt hierbei eine bedeutende Rolle,
die zusammengefaßt aus drei Elementen besteht:
Festlegung, Unterstützung, Finanzierungshilfe. Diese
drei Tätigkeiten üben wir in der ehemaligen Sowjetunion aus. Erstens suchen wir nach potentiellen
Produkten für eine Rüstungskonversion. Aus diesem
Grund haben mich auf meiner Reise 10 amerikanische Manager begleitet, die sich für Rüstungskonversionsprojekte interessieren, damit sie sich selber vor
Ort ein Bild von den Möglichkeiten machen und mit
potentiellen Partnern zusammentreffen konnten. Sie
haben Geschäfte gemacht.

Seite 3

�Zweitens unterstützen wir diese Gemeinschaftsvorhaben, indem wir uns für den Abbau von Hindernissen bei Konversionsprojekten einsetzen. Das ist
der Grund, warum mich Barry Carter, der Staatssekretär für Wirtschaftsfragen, auf meiner Reise
begleitete. Er ist Experte für die Suche nach Mitteln
zur Verbesserung des Investitionsklimas in dieser
Region.
Und schließlich helfen wir bei der Finanzierung
gemeinsamer Rüstungskonversionsprojekte, weshalb
mich Ruth Harkin, die Präsidentin der Gesellschaft
für Privatinvestitionen in Übersee (Overseas Private
Investment Corporation - OPIC) begleitete. Durch
OPIC, das Nunn-Lugar-Programm und andere
Quellen bringen wir die von Investoren als Startkapital bezeichneten Gelder auf. Wir möchten, daß
diese kleine, von uns eingebrachte Geldmenge wie
ein Magnet größere Beträge von Privatkapital
anzieht. Im Grunde zählen wir darauf, daß der
Privatsektor diese Chancen nutzt. Dabei macht er
Geschichte, denn seine Investitionen werden bei der
Privatisierung dieser Volkswirtschaften sowie beim
Aufbau von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen
helfen. Gleichzeitig dienen sie der amerikanischen
Industrie und Sicherheit.

Die Namen Hyman Rickover und Igor Sikorsky sind
für die Industrie und Sicherheit Amerikas von legendärer Bedeutung. Rickover war ein Pionier unserer
mit Atomwaffen bestückten Kriegsmarine, Sikorsky
ein Pionier unserer Hubschrauberindustrie. Diese
beiden Pioniere hatten gemein, daß sie beide in
Rußland geboren wurden, in die Vereinigten Staaten
kamen, dort große Chancen sahen und Investitionen
tätigten. Dadurch bereicherten sie unser Land.
Heute haben Amerikaner großartige Möglichkeiten, in
Rußland, der Ukraine und den anderen Republiken
der ehemaligen Sowjetunion zu investieren. Diese
neuen unabhängigen Staaten sind nicht nur interessiert, sondern haben die amerikanische Industrie
zum Engagement und zur Gründung dieser Industriepartnerschaften aufgefordert. Diese Partnerschaften
sind eine Möglichkeit, die amerikanische Sicherheit
zu wahren und Reformen in der ehemaligen Sowjetunion zu fördern.
Wir können die Ereignisse in der ehemaligen Sowjetunion nicht kontrollieren, aber wir können sie beeinflussen, und dazu müssen wir in der amerikanischen
Regierung und in der amerikanischen Industrie den
Versuch unternehmen. Das sind wir uns selbst,
unseren Kindern und unseren Enkeln schuldig.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 15

�UMWELT
26. April 1995

Umweltpolitische Fortschritte sind
"große amerikanische Erfolgsgeschichte"
Interview mit Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Die in den Vereinigten Staaten seit dem ersten Tag der Erde im Jahr 1970 gemachten
Fortschritte beim Umweltschutz sind US-Präsident Bill Clinton zufolge wirklich "eine große amerikanische
Ertolgsgeschichte", etwas, auf das man stolz sein könne.
Aus Anlaß des 25. Jahrestages des Tags der Erde am 22. April 1995 gab der Präsident dem Nachrichtendienst
für Umweltfragen "Greenwire" ein Interview, das wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Frage: Welches sind in diesem und im kommenden
Jahr Ihre obersten umweltpolitischen Prioritäten?
Clinton: Der 25. Jahrestag des Tags der Erde ist
ein Zeitpunkt, das Gelernte anzuwenden, um Umweltschutzprogramme umzugestalten und unser
nationales Engagement für die grundlegenden Ziele
von sauberer Luft und sauberem Wasser zu bekräftigen. Das moderne Zeitalter des Umweltschutzes ist
wirklich eine große amerikanische Erfolgsgeschichte
- etwas, auf das wir stolz sein können. Aber wenn
wir uns den Herausforderungen der nächsten 25
Jahre stellen wollen, dürfen wir nicht stillstehen.
Daher stellt die Umstrukturierung und Stärkung von
Umweltschutzprogrammen meine oberste Priorität
dar. Wir haben gerade 25 Maßnahmen zur Umstrukturierung des Umweltschutzamtes (Environmental Protection Agency - EPA) bekanntgegeben. Wir
verringern die Bürokratie um 25 Prozent. Wir
gewähren kleinen Unternehmen einen sechsmonatigen Aufschub, wenn sie den Umweltschutz fördern
wollen.
Besonders stolz bin ich auf das XL-Projekt (excellence and leadership), in dessen Rahmen das EPA 50
Unternehmen oder Gemeinden gestattet, die derzeitigen Vorschriften durch eine von ihnen entworfene
Alternative zu ersetzen. Wenn ein Unternehmen
sauberer und kostengünstiger produzieren kann,
lassen wir es einen Weg finden.
Meine zweite Priorität - die ebenso bedeutsam wie
die erste ist - besteht darin, denjenigen Einhalt zu
gebieten, welche die Notwendigkeit von Reformen

AMERIKA DIENST 15

als Entschuldigung für eine Verringerung des öffentlichen Gesundheitsschutzes ausnutzen. Ich habe
kürzlich darauf hingewiesen, daß ich gerne mit dem
Kongreß eine vernünftige Lösung für eine Reform des
Vorschriftensystems ausarbeiten würde. Wenn der
Kongreß mir jedoch eine Gesetzesvorlage schickt, die
zuläßt, daß verseuchtes Wasser in das Trinkwassersystem unserer Städte gelangt, werde ich mein Veto
einlegen.
Frage: Die erklärten Ziele Ihrer Umweltpolitik - eine
vernünftige Reform der Vorschriften und Verordnungen, Pläne auf der Grundlage von Dialog und
Konsens, Abbau der Bürokratie, Schaffung von
Arbeitsplätzen bei gleichzeitigem Umweltschutz genießen breite Unterstützung. Warum steht Ihre
Tagesordnung dann so unter Beschuß?
Clinton: Mein Wahlkampf wurde unter der Voraussetzung geführt, daß Ökonomie und Ökologie Hand
in Hand gehen und langfristig das eine nicht ohne
das andere gewährleistet ist. Das habe ich mit
meiner Politik demonstriert - sei es mit dem Plan für
den Nordwesten zum Schutz des alten Baumbestands und der Schaffung von Arbeitsplätzen oder
dem Plan für das Gebiet um San Francisco zur
Wasserversorgung von Stadt, Land und Umwelt oder mit der gerade erwähnten Umstrukturierung
staatlicher Initiativen.
Natürlich sind dies schwierige Fragen, und es wird
immer auf beiden Seiten Menschen geben, die nicht
zufrieden sind. Aber eines ist sicher: Die Amerikaner unterstützen die Ziele Gesundheitsfürsorge und
Umweltschutz. Das ist wahrscheinlich der Grund,

Seite 1

�warum das Wort "Umwelt" im republikanischen
"Vertrag mit Amerika" nicht auftaucht.
Je mehr Menschen vom Kleingedruckten in dem
Vertrag erfahren... je mehr von den Angriffen auf
Gesundheitswesen und Sicherheit hören, desto
größer wird der Druck auf den Senat, den Vertrag
abzulehnen. Er hat bereits das Moratorium über
Vorschriften zugunsten eines vernünftigeren Vorschlags abgelehnt, und ich hoffe, daß er dasselbe
mit einigen anderen, dem Repräsentantenhaus vorgelegten Vorschlägen der Republikaner tun wird.
Frage: Im Wahlkampf haben Sie sich für verbesserte Normen zur Kraftstoffersparnis bei Fahrzeugen
ausgesprochen und ein von Regierung und Industrie
gefördertes Programm begonnen, das bis zum Jahr
2003 ein Auto mit einem Verbrauch von einem Liter
pro 30 Kilometer schaffen soll. Sie scheinen jedoch
die Automobilhersteller nicht zur Entwicklung von
Fahrzeugen ohne Abgasausstoß oder mit weniger
Energieverbrauch zwingen zu wollen. In welche
Richtung muß die Industrie Ihrer Ansicht nach bei
diesen Fragen gehen?
Clinton:
Ich engagiere mich für beträchtliche
Fortschritte bei Kraftstoffersparnis und Abgasreduzierung, damit Umweltschutz und gleichzeitig die
Schaffung von Arbeitsplätzen gewährleistet wird.
Folglich bringt meine Administration an diesen
Fragen interessierte Gruppen zusammen, darunter
Vertreter der Industrie, von Umweltschutzgruppen,
den Regierungen der Bundesstaaten und der Kommunalverwaltung, um Einigung über vernünftige
Lösungen zu erzielen.
Ein Beispiel für dieses Engagement ist der vergangenen September von mir ins Leben gerufene
staatliche Beratungsausschuß, der einen Konsens
über Möglichkeiten für eine substantielle und kostengünstige Reduzierung von Treibhausgasemissionen
aus Privatfahrzeugen in den kommenden 30 Jahren
erzielen soll.
Eine weitere Initiative ist die "Partnerschaft für eine
neue Fahrzeuggeneration", eine historische Partnerschaft zwischen Regierung und Industrie zur Entwicklung von Fahrzeugen, die dreimal soviel Kraftstoff sparen wie die heutigen, gleichzeitig alle
Anforderungen an Sicherheit und Emissionsschutz
erfüllen und in der Anschaffung und beim Unterhalt
nicht teurer sind. Hierbei geht es um die Entwicklung eines Autos für den Gebrauch, nicht um pure
Forschung. Und wenn der Kongreß die Finanzierung hierfür nicht kürzt, wird das großen Nutzen für
Ökonomie und Ökologie haben.

Seite 2

Frage: Was halten Sie von den derzeit dem Kongreß vorliegenden Gesetzesvorschlägen, die eine
Entschädigung von Grundbesitzern fordern, falls
Vorschriften, beispielsweise über Feuchtgebiete oder
Artenschutz, den Wert ihres Grundstücks mindern?
Clinton: Diese Programme sind wie alle anderen
staatlichen Programme reformbedürftig. Aus diesem
Grund riefen wir zur Unterstützung der Besitzer
kleiner Grundstücke Hilfsprogramme für Feuchtgebiete und gefährdete Arten ins Leben. Tatsache
ist, daß die überwältigende Mehrheit der Grundstücksbesitzer - die Hausbesitzer - von diesen
Programmen abgedeckt ist. Das ist der richtige Weg
für Reformen.
Es gibt aber auch einen falschen Weg: Die dieses
Frühjahr vom Kongreß angenommenen Vorschläge,
die eine automatische Kompensation vorsehen. Das
würde den hart arbeitenden Steuerzahler Milliarden
Dollar kosten, hauptsächlich den reichen Großgrundbesitzern und Umweltverschmutzern zugute kommen
und unsere Fähigkeit zum Schutz dessen einschränken, was der Durchschnittsamerikaner wünscht - eine
saubere Umwelt, einen sicheren Arbeitsplatz und
Bürgerrechte. Ich lehne diese Vorschläge ab und
werde im Repräsentantenhaus mein Veto einlegen.
Frage:
Einige Ansichten der Administration zu
natürlichen Ressourcen - beispielsweise zu Weideland, Abholzung und Artenschutz - haben zu heftigen
politischen Reaktionen geführt, insbesondere im
amerikanischen Westen. Was antworten Sie denjenigen, die behaupten, Ihre Politik sei ein "Krieg gegen
den Westen"? Beeinträchtigen diese Konflikte Ihre
Chancen für eine Wiederwahl?
Clinton: Es gibt im amerikanischen Volk eine sehr
starke, tiefempfundene Unterstützung für den Schutz
der Gesundheit des Menschen und der Umwelt. Dies
ist ein unbestrittener amerikanischer Wert, der
Colorado, Washington und anderen westlichen
Bundesstaaten ebenso gemein ist wie allen anderen
Teilen des Landes. Aus diesem Grund arbeiten wir
beispielsweise hart am Schutz unserer abnehmenden
Fischbestände und sind zu einer verantwortungsbewußten Forstwirtschaft entschlossen. Wir benötigen aber auch einen Abbau der Bürokratie. Deshalb
konzentrieren sich unsere Initiativen für den Umgang
mit dem Ökosystem auf die Einbeziehung von
Menschen aus den betroffenen Gemeinden.
Wir bemühen uns um eine Vermeidung der Art von
Krisen, die sich in der Vergangenheit ereigneten. Wir
sammeln noch immer die Scherben einiger ererbter
Krisen auf, beispielsweise der Situation im pazifischen Nordwesten. Unser Forstwirtschaftsplan sieht
Wirtschaftshilfe für die drei Staaten an der Westküste

AMERIKA DIENST 15

�vor - Ausbildung der Arbeitnehmer, Infrastrukturinvestitionen und Hilfe für Familien und Unternehmen. Und nach drei Jahren können wir endlich das
Sitzungszimmer verlassen und den Menschen
wieder Arbeit geben.
Frage: Was sind in diesem und im kommenden
Jahr Ihre obersten Prioritäten internationaler Umweltpolitik? Wie werden die Vereinigten Staaten ihre
Verpflichtungen aus internationalen Umweltverträgen
erfüllen?
Clinton: Die globale Umwelt ist ein extrem wichtiges Element unserer Außenpolitik. Unsere Prioritäten für dieses und nächstes Jahr umfassen Themen
wie Abholzung, Erschöpfung der Fischgründe und
Verschmutzung der Meere, schnelles Bevölkerungswachstum, industrielle Verschmutzung, Zerstörung
der Ozonschicht und globalen Klimawandel. Wir
beabsichtigen, mit anderen Nationen angemessene
Maßnahmen für jedes dieser Gebiete auszuarbeiten.
Zusätzlich werden wir uns stark um die Neudefinition
der Rolle von UNO-Organisationen und anderen
internationalen Institutionen bei der Reaktion auf
diese Belange und der Lösung entstehender Probleme bemühen, bevor sie sich zu großen Krisen
entwickeln. Schließlich werden wir unsere eigenen,

*

AMERIKA DIENST 15

für auswärtige Angelegenheiten zuständigen Amter
umstrukturieren, um eine besser koordinierte Antwort
auf globale Umweltbelange geben zu können.
Frage: Einige Umweltaktivisten haben Ihnen vorgeworfen, Sie würden der umweltpolitischen Tagesordnung nicht genug Aufmerksamkeit und politisches
Kapital widmen. Was sagen Sie dazu?
Clinton: Ich habe mich von Anfang an mit Umweltfragen befaßt. Fast sofort nach meiner Amtsübernahme habe ich die historische Forstwirtschaftskonferenz in Portland (Oregon) einberufen und mit allen
Beteiligten einen Plan ausgearbeitet. Einen Monat
später habe ich mehr als ein Dutzend spezifischer
Aktionen vorgestellt - und sie allesamt durchgeführt.
Da seit den letzten Wahlen die Umweltgesetze des
Landes stärkerem Beschuß ausgesetzt sind, habe ich
mich wiederholt gegen schlechte Gesetze im "Vertrag
mit Amerika" ausgesprochen und eigene neue
Reformen für den besseren Schutz der öffentlichen
Gesundheit zu geringeren Kosten angekündigt. Als
ich kürzlich die Vorschläge der Republikaner auflistete, die ich nicht akzeptieren kann, betrafen viele
davon die Umwelt. Ich bin sehr stolz auf das von mir
Erreichte.

* * *

*

Seite 3

�UMWELT
26. April 1995

Umweltpolitische Herausforderungen
in der Welt nach dem Kalten Krieg
von Timothy Wirth
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Timothy Wirth, Staatssekretär für
globale Angelegenheiten im US-Außenministerium.

Vor 25 Jahren wurde der erste Tag der Erde gefeiert, und das Umweltbewußtsein der Weltöffentlichkeit
veränderte sich für alle Zeiten. Zweifellos sind
enorme Fortschritte erzielt worden, seit Millionen
Bürger weltweit am 22. April 1970 ihrer Angst über
den Zustand der Umwelt Ausdruck verliehen. Aber
obwohl wir gelernt haben, mit den grundlegenden
Problemen umzugehen, fanden wir heraus, daß die
Ökosysteme der Erde äußerst komplex sind. Und
wir haben gelernt, daß der Schutz der wesentlichen
lebenserhaltenden Systeme auf dem Planeten für
die internationale Sicherheit dringend erforderlich
und ein gemeinsames Anliegen ist.
Der Kalte Krieg, der mehr als 40 Jahre die langfristige Sicherheit definierte, rückt schnell in weite
Ferne. Statt seiner sind alle Nationen mit einer
Reihe ungewohnter Herausforderungen konfrontiert.
Die Natur, Vielfalt und Geschwindigkeit des Entstehens dieser neuen Herausforderungen erfordern
dringend die Beschäftigung mit lange Zeit vernachlässigten Belangen, die darüber entscheiden, welche
Welt wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen.
Die Nationen werden sich zunehmend bewußt, daß
das Streben nach tragfähiger Entwicklung im Zeitalter nach dem Kalten Krieg eine Säule der internationalen Zusammenarbeit darstellt. Tragfähige
Entwicklung bedeutet, daß die Volkswirtschaften der
Welt, einschließlich unserer eigenen, den Versuch
zur Deckung der Bedürfnisse der heutigen Generation unternehmen sollten, ohne zukünftige Generationen zu gefährden oder zu bestehlen. Dies erfordert
von unserer Seite, umfassendes Wirtschaftswachstum zu fördern, die Umwelt zu schützen, menschliche Fähigkeiten zu pflegen, demokratische Werte
zu verteidigen, die Lebensqualität künftiger Generationen zu verbessern und ihre Chancen zu vergrößern.

AMERIKA DIENST 15

Das größte Hindernis beim Streben nach tragfähiger
Entwicklung ist die fälschliche Überzeugung, Umweltschutz stehe im Widerspruch zu Wirtschaftsinteressen. Tatsache ist jedoch, daß die Wirtschaft
untrennbar mit der Umwelt und ihrer Ressourcenbasis verbunden ist. Das kultivierbare Land, die Wälder, Felder, Ozeane und Wasserstraßen der Welt
unterstützen die Weltwirtschaft und stellen die meisten Rohstoffe für die Industrie und den überwiegenden Teil unserer Nahrungsmittel.
Zum Umweltkapital der Welt gehören auch komplexe
ökologische Systeme zur Filterung von Abfällen,
Regeneration der Böden und Wiederauffüllung der
Süßwasservorräte. Diese Systeme sind die Grundlage des Lebens auf der Erde. Die Zerstörung der
Ozonschicht, der Verlust der Artenvielfalt und der
steigende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre
spiegeln die Tatsache wider, daß die Ökosysteme
des Planeten großen Belastungen ausgesetzt sind.
Wenn die Umwelt schließlich gezwungen wird, den
Bankrott zu erklären, weil ihre Rohstoffbasis verschmutzt, zerstört, vergeudet und unumkehrbar aufs
Spiel gesetzt ist, geht die Wirtschaft mit ihr unter.
Das geschah in Mittel- und Osteuropa, wo weitreichende Umweltzerstörung, die wir erst jetzt entdekken und verstehen, zum wirtschaftlichen Zusammenbruch geführt hat. Tatsächlich geschieht das auf der
ganzen Welt - an Orten wie Ruanda, Haiti und im
mexikanischen Chiapas - wo der Mangel an Ressourcen eine der Hauptursachen bewaffneter Konflikte
darstellt.
Mit anderen Worten: Die lebenserhaltenden Systeme
auf dem gesamten Globus werden mit hoher Geschwindigkeit aufs Spiel gesetzt. Die Sicherheit
unserer Nation und der Welt hängt davon ab, ob wir
ein tragfähiges, gerechtes Gleichgewicht zwischen
der Zahl der auf der Erde lebenden Menschen und

Seite 1

�der lebenserhaltenden Fähigkeit unseres Planeten
schaffen können.
Seit 1950 hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt
und liegt jetzt bei 5,6 Milliarden. Sie steigt derzeit
schneller als je zuvor an - um nahezu 100 Millionen
Menschen jährlich, dem Äquivalent eines neuen New
York jeden Monat, eines Mexiko jedes Jahr, eines
China jedes Jahrzehnt. 95 Prozent dieses Wachstums findet in verarmten Ländern der Dritten Welt
statt, die bereits darum kämpfen, Arbeitsplätze zur
Verfügung zu stellen und ihre Bevölkerung zu ernähren.
Die Auswirkungen solchen Wachstums auf die
weltweite wirtschaftliche, politische, soziale und
umweltpolitische Sicherheit sind tiefgreifend. Wenn
sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, wird die
Spirale des Bevölkerungswachstums jegliche Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Entwicklungsländern zunichte machen und jede umweltpolitische Bestrebung scheitern lassen. Bevölkerung
muß auf unserer Liste für tragfähige Entwicklung
ganz oben stehen.
Gleichzeitig müssen wir uns in den wohlhabenderen
Industrieländern mit verschwenderischen Konsummustern befassen. Die Industriestaaten haben die
Fähigkeit zur Nutzung von Ressourcen und zur
Produktion von Abfällen in einer in der Menschheitsgeschichte beispiellosen Geschwindigkeit. In den
Industriestaaten lebt nur ein Fünftel der Weltbevölkerung, aber sie verbrauchen zwei Drittel aller Ressourcen und erzeugen vier Fünftel aller Schadstoffe
und Abfälle.
Bei der internationalen Konferenz über Bevölkerung
und Entwicklung, die vergangenen Herbst in Kairo
stattfand, bemühten sich die Vereinigten Staaten
zusammen mit 180 Nationen, einen Konsens über
die Strategie für den Umgang mit den Fragen
Bevölkerungswachstum und tragfähige Entwicklung
während der nächsten 20 Jahre zu finden.
Diese als "Aktionsprogramm" bezeichnete Strategie
fordert einen umfassenden Ansatz, der die Bereitstellung von Dienstleistungen in den Bereichen
Familienplanung und reproduktive Gesundheit
enthält, mehr Bildung, Ausbildung und Befugnisse
für Frauen sowie verbesserte Gesundheitsfürsorge
für Mütter und Kinder vorsieht und institutionelle
sowie finanzielle Ressourcen mobilisieren soll.
Diese Initiativen beeinflussen das Bevölkerungswachstum. Das Programm erkennt auch an, daß
schnelles Bevölkerungswachstum sowie ein verschwenderischer Umgang mit Ressourcen bei der
Umweltzerstörung eine wichtige Rolle spielen.

Seite 2

Eine wichtige Entwicklung bei der Konferenz war die
von Frauen gespielte zentrale Rolle in bezug auf ihre
Beteiligung am Aktionsprogramm und ihre Bedeutung
dafür. Das Programm stellt fest, daß die Bedürfnisse
von Frauen an sich bedeutend und für die Entwicklung wichtig sind und eine Deckung dieser Bedürfnisse zu einer freiwilligen Bevölkerungsstabilisierung
führen kann. Bildung und Ausbildung sowie mehr
Befugnisse und Gleichheit für Frauen in sozialer,
wirtschaftlicher und politischer Hinsicht sind der
Schlüssel für ein besseres Leben aller Menschen.
In ähnlicher Weise kann die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge zu relativ niedrigen
globalen Kosten erfolgen. Die Ausrottung von vier
großen Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten
und Kinderlähmung - die Behebung von Jod- und
Vitamin A-Mangel und die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapien können allesamt
Anfang des nächsten Jahrhunderts erreicht werden.
Allein diese Maßnahmen könnten nahezu 20 Millionen Kindern das Leben retten und einen wichtigen
Beitrag zur Verringerung der Belastung großer
Familien leisten.
Ein anderer Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist eine größere Konzentration auf AIDS. Ein
Heilmittel wird vielleicht erst in Jahrzehnten entwikkelt, aber mit aggressiven Präventionsstrategien
können wir in den Teilen der Welt etwas bewirken, in
denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig
ausbreitet.
Amerika hat eine Führungsrolle übernommen und
sich partnerschaftlich mit der Völkergemeinschaft im
Interesse der Weltbevölkerungspolitik zusammengeschlossen. In Kairo halfen wir bei der Schaffung
und Einführung eines umfassenden Ansatzes für den
Umgang mit schnellem demographischem Wandel:
Universelle Verfügbarkeit von Familienplanung und
reproduktiver Gesundheitsfürsorge, starke Ausweitung der Bildung und Ausbildung für Mädchen sowie
Konzentration auf eine Verringerung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des Mannes, starke
Familien und Engagement von nichtstaatlichen und
Basisorganisationen.
Im Bereich der Umwelt haben wir eine Reihe äußerst
wichtiger Aufgaben vor uns, von denen eine mit dem
globalen Klimawandel zusammenhängt. Wir wissen
nicht genau, wo, in welchem Maße und wann Klimaveränderungen stattfinden. In der Administration ist
man jedoch davon überzeugt, daß wir genug über
mögliche Ereignisse wissen, um die richtige Versicherung abzuschließen.
Bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehende
Treibhausgase halten Wärme in der Erdatmosphäre

AMERIKA DIENST 15

�fest, ebenso wie in einem Treibhaus das Glas die
Wärme hält. Die zugrundeliegende Lehre ist klar:
Die fortgesetzte Zunahme von Treibhausgasen wird
zu einer Erwärmung der Erdatmosphäre und einem
Klimawandel mit beträchtlichen Konsequenzen für
unseren Planeten führen. Wir können es uns nicht
leisten abzuwarten. Obwohl noch Unsicherheit im
Hinblick auf Ausmaß und Geschwindigkeit des
Wandels besteht, gibt es keine Rechtfertigung für
Gleichgültigkeit.
Im April 1993 verpflichtete Präsident Clinton die
Vereinigten Staaten dem Ziel der globalen Klimakonvention - dem Einfrieren der Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990.
Im selben Jahr entwickelte die Administration einen
Plan mit über 50 innenpolitischen Maßnahmen zur
Erfüllung dieser amerikanischen Verpflichtung,
darunter eine verstärkte Nutzung erneuerbarer
Energiequellen, Ausweitung von Energiesparnormen
auf Geräte, Schutz von Wäldern und anderen
"Senken" für Treibhausgase.
Parallel dazu soll die Entwicklung und Verbreitung
von Umwelttechnologien gefördert werden. Die
Administration entwarf einen strategischen Rahmen
für Umweltexporte und rief eine neue Umwelttechnologieinitiative im Wert von über einer Milliarde Dollar
ins Leben, um umweltverträglichere Technologien zu
entwickeln und zu verbreiten.
Ferner stellten die Vereinigten Staaten 30 Millionen
Dollar zur Finanzierung von Landesstudien bereit,
die Entwicklungsländern mit einer im Übergang
befindlichen Volkswirtschaft bei der Bestandsaufnahme von Treibhausgasen sowie der Entwicklung
technologischer Optionen zur Emissionsreduzierung
beistehen sollen. Die Vereinigten Staaten arbeiten
mit über 50 Staaten an solchen Studien.

Die Administration entwickelte auch ein gezieltes
bilaterales Hilfsprogramm im Wert von über 300
Millionen Dollar, um Entwicklungsländern beim Abbau
von Treibhausgasemissionen im Energie- und Forstwirtschaftsbereich zu helfen.
Die Verringerung von Treibhausgasen und die
Förderung tragfähiger Entwicklung werden jedoch
weitaus schwieriger sein, wenn wir keine umfassenden Strategien zur Bekämpfung des schnellen
Bevölkerungswachstums entwickeln.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden. Die
Sicherheit des einzelnen gründet auf Frieden und
politischer Stabilität, physischer Gesundheit und
wirtschaftlichem Wohlergehen. Die größte Bedrohung für die menschliche Sicherheit sind die
schreckliche Armut, in der eine Milliarde Menschen
lebt, der Hunger, der 800 Millionen Männer, Frauen
und Kinder quält, die Verbreitung von AIDS, mit dem
bis zum Jahr 2000 zwischen 30 und 40 Millionen
Menschen infiziert sein werden sowie die Kombination von Gewalt, Armut und Umweltzerstörung, die 20
Millionen Menschen zum Verlassen ihrer Heimat
zwang.
Die Vermeidung von Krisen sowie eine tragfähige
Entwicklung werden im verbleibenden 20. Jahrhundert bis weit in das nächste Jahrhundert hinein die
größten Herausforderungen darstellen. Es ist an der
Zeit, unseren Ansatz zu nationaler Sicherheit neu zu
gestalten - in Erkenntnis der Tatsache, daß unsere
wirtschaftliche und unsere umweltpolitische Zukunft
ein und dasselbe sind. Diese Herausforderungen
entscheiden darüber, welche Zukunft unsere Kinder
und Enkel haben werden.

* *

AMERIKA DIENST 15

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
26. April 1995

Multilaterale Verhandlungen
über Finanzdienstleistungen
Rede von Finanzminister Rubin
WASHINGTON - (AD) - Die in der ersten Runde der multilateralen Verhandlungen über Finanzdienstleistungen
unter dem neuen GATT-Abkommen unterbreiteten Angebote sind US-Finanzminister Robert Rubin zufolge
enttäuschend.
Rubin äußerte sich am 13. April 1995 in einer Rede vor dem Los Angeles World Affairs Council zu den
Angeboten, bevor er zum zweiten Jahrestreffen der Finanzminister des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation - APEC) nach Bali aufbrach.
Rubin zufolge besteht das langfristige Ziel der Finanzminister im Aufbau offener Finanzmärkte, während die
kurzfristigen Ziele eine rechtzeitige Bereitstellung von Informationen aus dem Finanzbereich umfassen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Finanzministers.

Vor einem Jahrzehnt interessierte sich ein Finanzminister vor allem für die Vorgänge in London, Paris,
Bonn oder Tokio. Vor zwanzig Jahren wurde Asien
hier noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Heute
können die Ereignisse in Bombay, Singapur, Jakarta
oder Beijing enorme Auswirkungen auf die amerikanische Volkswirtschaft und die amerikanischen
Arbeitnehmer haben.
Dies ist im wesentlichen ein Anzeichen dafür, wie
stark sich die Weltwirtschaft in den letzten Jahren
gewandelt hat, und welche großen Auswirkungen
diese Veränderungen auf uns haben. Internationale
Unternehmen sind sich schon vor langer Zeit dieser
Entwicklungen bewußt geworden und zu echten
globalen Körperschaften geworden. Meines Erachtens muß die gesamte Wirtschaftspolitik einer
Nation genau diese globale Perspektive haben.
Diese Perspektive liegt allen Ansichten des Präsidenten zu Wirtschaftsfragen sowie den uns konfrontierenden Veränderungen und Herausforderungen zugrunde. Um in dem globalen wirtschaftlichen
Umfeld zu handeln, müssen wir global denken und
vorgehen - nicht nur bei unserer Außenpolitik,
sondern auch bei unserer Binnenwirtschaftspolitik.
Eine der wichtigsten Herausforderungen in der
Weltwirtschaft ist der enorme Anstieg von Größenordnung und Geschwindigkeit der heutigen Kapitalströme im Vergleich zu der Zeit vor nur fünf Jahren.

AMERIKA DIENST 15

Und die Märkte können heute entschieden härtere
Urteile abgeben. Vor einem oder zwei Jahrzehnten
mußten sich Finanzminister mit den Urteilen anderer
Regierungen, der internationalen Finanzinstitutionen
und einiger großer Banken befassen. Heute müssen
sie sich, insbesondere in Entwicklungsgebieten, über
die Urteile von Effektenmanagern in Finanzzentren
auf der ganzen Welt sowie über Effektenbewertungsgesellschaften Gedanken machen.
Zudem fand in den neuziger Jahren ein beträchtlicher
Anstieg bei der Nachfrage nach verfügbarem Kapital
statt. Dies zeigt sich an den gewaltigen Infrastrukturbedürfnissen der Entwicklungsländer.
Die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer haben
sich, insbesondere im asiatischen und pazifischen
Raum, als Motoren mit enormem Potential erwiesen.
Mehrere Länder, die vor zwei Jahrzehnten wirklich als
arm bezeichnet werden konnten, verfügen jetzt über
entwickelte Volkswirtschaften und sind somit gleichermaßen zu ernstzunehmenden Konkurrenten wie
großen potentiellen Absatzmärkten geworden.
Im vergangenen Jahrzehnt sind die weltweiten
Exporte real um 80 Prozent angestiegen, und wir in
den Vereinigten Staaten - immer noch der weltweit
größte Exporteur - beobachteten zwischen 1983 und
1993 einen 83prozentigen Anstieg unserer Exporte.
Ferner tätigen wir weltweit die meisten Auslandsinvestitionen.

Seite 1

�Vor diesem Hintergrund ist es eine meiner Aufgaben, den öffentlichen und den Privatsektor zu
drängen, sich sowohl auf globale wirtschaftliche
Integration als auch auf die asiatisch-pazifische
Region zu konzentrieren, in der ein großer Teil
unserer wirtschaftlichen Zukunft liegt - zukünftige
Arbeitsplätze und zukünftiger Wohlstand. Sie ist die
am schnellsten wachsende Region der Welt. Wir
sind eine pazifische Nation und müssen daher
energisch unsere Integration in die Wirtschaft des
asiatisch-pazifischen Raums anstreben.
Natürlich gehen unsere Beziehungen im asiatischpazifischen Raum - der pazifischen Gemeinschaft,
von der der Präsident gesprochen hat - weit über
wirtschaftliche Übereinkünfte hinaus. Wir haben - .
ebenso wie andernorts in der Welt - eindeutige
Sicherheitsinteressen in der Region und engagieren
uns entschieden für die Ermutigung von Verhältnissen, die die Achtung der allgemeinen Grundsätze
der Menschenrechte gewährleisten. Unsere Beziehungen beschränken sich nicht auf die Wirtschaft,
aber Wirtschaftsbeziehungen können Fortschritte in
anderen bedeutenden Bereichen fördern, ebenso
wie politische Öffnung Fortschritte bei Wirtschaftsreformen und -Wachstum antreiben kann.
Ich werde heute zum zweiten Treffen der Finanzminister des Forums für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) aufbrechen und
anschließend nach Indien Weiterreisen. Dies wird
der erste Besuch eines amerikanischen Finanzministers in Indien seit der Reise von William Simon im
Jahr 1975 sein. Wir werden auf den Tag genau 20
Jahre nach dem Besuch von Bill Simon dort landen.
An die Adresse derjenigen gerichtet, die nicht mit
dem APEC vertraut sind: Das APEC ist ein Zusammenschluß von 18 Volkswirtschaften der asiatischen, pazifischen und westlichen Hemisphäre - von
Wirtschaftsgiganten wie unserem Land und Japan,
unseren Nachbarn Kanada und Mexiko bis zu den
kleineren, aber schnell wachsenden Volkswirtschaften des Verbands Südostasiatischer Nationen
(Association of South-East Asian Nations - ASEAN).
Ich möchte anhand einiger Zahlen illustrieren, warum
diese Region für die Vereinigten Staaten von lebenswichtigem Interesse ist. Die Beteiligung am Wachstum in Asien und dem pazifischen Raum wird den
Amerikanern auch die Teilhabe an den Vorteilen
ermöglichen - Wachstum, Arbeitsplätze, Gewinne.
Insgesamt beträgt unser jährliches Handelsvolumen
in der Region - Mexiko, Kanada und Japan eingeschlossen - 318 Milliarden Dollar. Unsere Exporte in
die APEC-Staaten machen 63 Prozent unserer
gesamten Exporte aus - ein 9prozentiger Anstieg
innerhalb des letzten Jahrzehnts.

Seite 2

Unseren Handel mit Kanada und Mexiko ausgenommen, exportierten wir vor 10 Jahren ungefähr im Wert
von 57 Milliarden Dollar in die APEC-Staaten. Heute
belaufen sich unsere Exporte in die Region - erneut
unter Ausschluß Kanadas und Mexikos - auf 155
Milliarden - etwa das Dreifache von vor einem
Jahrzehnt. Beschränkt man die Analyse auf die
Entwicklungsländer innerhalb des APEC - Mexiko
ausgenommen - ergibt sich ebenfalls nahezu eine
Verdreifachung.
Heute sind 6 Millionen amerikanischer Arbeitsplätze
an unseren Handel mit dem asiatisch-pazifischen
Raum gebunden, ungefähr 900.000 allein hier in
Kalifornien.
Dies ist keine abstrakte politische
Rechenübung. Die Beteiligung an der Weltwirtschaft
bedeutet gutbezahlte Arbeitsplätze und einen höheren Lebensstandard für die Amerikaner.
Für die Investitionen gilt dasselbe. Im vergangenen
Jahr erwarben die APEC-Staaten nahezu 30 Prozent
der Aktien und Obligationen unserer Effektenmärkte,
die an Käufer in Übersee gingen. Umgekehrt bieten
die APEC-Märkte, insbesondere die neuentstehenden, zunehmende Chancen für amerikanische
Investoren. Über die Hälfte - 56 Prozent, um genau
zu sein - des Nettoflusses von Wertpapieren in die
Entwicklungsländer des APEC im Jahr 1993 stammten von amerikanischen Investoren. Im Vorjahr lag
dieser Wert noch bei 4,3 Prozent.
In der Region befinden sich viele neuentstehende
Märkte, und sie hängt - trotz hoher inländischer
Sparquote - stark von Auslandskapital ab. Seit 1987
ist die Kapitalisierung der Märkte in der Region um
das Zweieinhalbfache angestiegen, und der Kapitalfluß nimmt weiter zu. Es besteht ein eindeutiger
Bedarf. Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank vom vergangenen Jahr zufolge hat die Region
bis zum Ende des Jahrhunderts einen Infrastrukturbedarf von 1 Billion Dollar. Das sind jährlich ungefähr
200 Milliarden Dollar für Telefone, Kraftwerke, Flughäfen, Autobahnen und ähnliches. Hier in Los
Angeles entspricht das einem Century Freeway pro
Woche. Dies erfordert einen riesigen Kapitalzufluß,
bietet aber gleichzeitig gewaltige Exportmöglichkeiten.
Obwohl ich ein optimistisches Bild male, hat es einige
Wolken. Es bestehen Hindernisse für freieren Handel
und in einigen Gebieten die Notwendigkeit, Privatisierung und andere Reformen fortzusetzen.
Nachdem ich jetzt den Rahmen abgesteckt habe,
möchte ich kurz darauf eingehen, was wir in den
nächsten Jahren und Jahrzehnten unternehmen
müssen, um in der Weltwirtschaft Erfolg zu haben.
Globales Denken, das wir praktizieren müssen, rückt
viele Dinge in ein anderes Licht. Ich möchte mich auf

AMERIKA DIENST 15

�drei Bereiche konzentrieren, die in unserem Land
Gegenstand ausführlicher philosophischer Debatten
sind.
Erstens. Teilnahme am Wettbewerb in einer Weltwirtschaft erfordert offene Märkte. Aus diesem
Grund hat sich diese Administration für den Abschluß des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) sowie der Uruguay-Runde des GATT
eingesetzt. Dies ist ferner der Grund, warum diese
Administration ein Freihandelsabkommen für die
Hemisphäre bis zum Jahr 2005 sowie für die gesamte asiatisch-pazifische Region bis 2020 anstrebt. Es
sind jedoch noch laute Stimmen zu vernehmen, die
sich gegen offene Märkte aussprechen - eine Idee,
die unseres Erachtens für unsere Zukunft absolut
entscheidend ist.
Zweitens. Wir führen eine Debatte über innenpolitische Prioritäten. Der Präsident hat seit Beginn der
Amtszeit unserer Administration darauf hingewiesen,
daß eine effektive Vorbereitung unserer Volkswirtschaft auf den globalen Wettbewerb Investitionen
des öffentlichen Sektors in Bildung und Ausbildung,
die Innenstädte und andere für unsere zukünftige
Produktivität entscheidende Bereiche erfordert - alles
im Rahmen einer Aufrechterhaltung der Finanzdisziplin. Nach Meinung einiger mögen das soziale
Programme sein, aber von einem pragmatischen,
nüchternen, geschäftsmäßigen Standpunkt aus sind
Programme dieser Natur langfristige Investitionen in
Produktivität, welche für Wettbewerb und Wohlstand
erforderlich ist.
Zudem sieht der Etat des Präsidenten für das
nächste Haushaltsjahr steuerliche Anreize vor, damit
die Menschen in ihre Bildung und Ausbildung sowie
in ihre Kinder investieren und mehr sparen. Halten
Sie sich vor Augen, was die Konzentration auf
Bildung und Ausbildung in Singapur, Korea und
Taiwan in wenigen Jahren bewirkt hat. Einige dieser
Länder waren arm und erhielten Auslandshilfe. Jetzt
sind es mächtige wirtschaftliche Konkurrenten.
Kürzlich las ich die Studie eines Ökonomen der
Columbia University, die genau diesen Punkt untermauert. Ihr zufolge war insbesondere im Fall Korea
und Taiwan nicht die Exportorientierung ein wichtiger
Wachstumsfaktor, sondern die Bildungs- und Ausbildungsinvestitionen.
Drittens. Wir müssen beim Umgang mit den Problemen der Weltwirtschaft eine Führungsrolle übernehmen. Dazu sind wir als einzige Nation in der
Lage.
In der modernen Weltwirtschaft, in der
Ereignisse und Gegebenheiten außerhalb unserer
Grenzen einen bedeutenden - positiven oder negativen - Einflu ß auf unser wirtschaftliches Wohlergehen
haben, gebieten unsere Eigeninteressen - nicht

AMERIKA DIENST 15

soziale oder moralische Überlegungen - die Übernahme einer nachdrücklichen Führungsrolle. Beispielsweise ist es wichtig, daß wir die wesentliche
Rolle der Weltbank und des IWF erkennen. Ihr
Beitrag zu Entwicklung und Wirtschaftsreformen kann
einen Exportanstieg und mehr amerikanische Arbeitsplätze herbeiführen.
In Washington wird eine Debatte über diese Institutionen und darüber geführt, ob wir unseren finanziellen
Verpflichtungen ihnen gegenüber nachkommen. Dies
ist Anzeichen für die übergeordnete Debatte, ob wir
uns in Zukunft nach außen öffnen und in der Weltwirtschaft eine Führungsrolle übernehmen oder in uns
selbst zurückziehen sollten. Ich habe keinen Zweifel
daran, daß die Antwort Engagement, Führungsrolle
und Wettbewerb lautet. Das liegt in unserem eigenen
Interesse.
Im Fall der mexikanischen Probleme übernahmen wir
eine Führungsrolle, weil amerikanische Interessen auf
dem Spiel standen. Sie in Kalifornien wissen, daß
wir eine 3.000 Kilometer lange Grenze zu Mexiko
haben. Wir machten uns Sorgen über die Gefahr
eines Anstiegs der illegalen Einwanderung sowie
über unsere Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen sowohl im Hinblick auf Mexiko als auch in bezug auf
die Finanzmärkte anderer Entwicklungsländer, um ein
Übergreifen zu vermeiden. Das Hilfsprogramm ist
jetzt in Kraft. Es ist solide und sollte funktionieren.
Es gibt Anzeichen für Fortschritte, aber erst mit der
Zeit kann man Genaueres sagen.
Wir engagierten uns im Fall von Mexiko. Der Kongreß engagiert sich bei der Unterstützung internationaler Finanzinstitutionen, und wir konzentrieren uns
auf eine Modernisierung dieser Institutionen, damit
sie sich mit den Problemen befassen, die in Mexiko
auftraten. Gleichzeitig bereiten wir das für Juni
dieses Jahres anberaumte Gipfeltreffen der G-7 in
Halifax vor.
Die Lehren aus dem Fall Mexikos sind bei den
Vorbereitungen für das Treffen der APEC-Finanzminister jedem im Gedächtnis. Die Zukunft der Entwicklungsländer liegt in Wirtschaftsreformen, offenen
Märkten, Deregulierung, Privatisierung, der Entwicklung und Stärkung effektiver Kapitalmärkte, wie es in
Mexiko geschah. Und sie hängt von Dingen ab, die
in Mexiko nicht gegeben waren: solider Schuldenverwaltung, Währungs- und Wechselkurspolitik sowie der
frühzeitigen Bereitstellung wirtschaftlicher Informationen.
Dieses Treffen bietet uns die große Chance, auf dem
aufzubauen, was Präsident Clinton 1993 in Seattle
begann und im vergangenen Jahr im indonesischen
Bogor sowie beim ersten Treffen der Finanzminister

Seite 3

�mit Finanzminister Bentsen fortsetzte. Das APEC
kann nicht nur eine entscheidende Rolle spielen,
sondern auch bei den globalen Bestrebungen die
Führungsrolle übernehmen, stabile und integrierte
Kapitalmärkte aufzubauen und Handel sowie andere
Aspekte wirtschaftlicher Reformen zu fördern.
Die Frage lautet jetzt, was die Regierungen der
APEC-Staaten unternehmen können, um einen
freieren Kapitalfluß zu ermutigen, der - wie die
Politiker der APEC-Staaten im vergangenen Jahr in
Bogor feststellten - für Investitionen und Wirtschaftswachstum so entscheidend ist und um gleichzeitig
das Risiko von Krisen auf den Finanzmärkten,
ähnlich der mexikanischen, zu senken?
Dies ist eindeutig eine langfristige Herausforderung,
ein dauerhafter Prozeß, der kooperative Konsultationen und ständige Aufmerksamkeit erfordert.
Auf lange Sicht wird meines Erachtens eine konzertierte Konzentration auf die Schaffung soliderer,
diversifizierterer und offenerer Kapitalmärkte einen
dauerhaften Beitrag zur Stärkung der Fähigkeit
dieser Märkte leisten, importiertes Kapital wirksam
zu sichern, größere Mengen inländischer Ersparnisse zu mobilisieren, Kapitel zu halten und Unbeständigkeit abzubauen.
Kurzfristig können die Minister meiner Meinung nach
Einigung über eine Anzahl sehr praktischer Maßnahmen erzielen, beispielsweise die rechtzeitige Freigabe nützlicher Finanzinformationen - um die Märkte
zu stabilisieren und die Kapitalflüsse aufrechtzuerhalten.
Marktbewegungen werden viel reibungsloser ablaufen, wenn die Investoren besser informiert sind.
Größerer Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen
ermöglicht Investoren auch eine bessere Unterscheidung zwischen einzelnen Ländern, so daß die
Übertragung von Problemen keine so große Schwierigkeit mehr darstellt.
Unsere Hauptthemen werden dann sein, wie Transparenz und andere Maßnahmen entwickelt werden
können, die im Zusammenhang mit gestärkten und
effizienteren Kapitalmärkten stehen, welcher zusätzliche Beitrag von den Überwachungs- und Regelsystemen geleistet werden kann, und - da so viele
Minister ebenso wie unser Finanzministerium für die
Überwachung des Zollwesens verantwortlich sind wie das Zollverfahren vereinfacht werden kann, das
allzuoft ein ebensolches Handelshemmnis ist wie die
Zölle selbst. Erneut ist das von Mexiko Gelernte die
Notwendigkeit solider makroökonomischer, währungspolitischer und finanzpolitischer Maßnahmen.

Seite 4

Ich werde mit verschiedenen wichtigen Ministern
auch die Frage der Finanzdienstleistungen ansprechen. Die Vereinigten Staaten haben einen der
offensten Märkte der Welt. Gerade fand bei den
Verhandlungen über Finanzdienstleistungen unter
dem neuen GATT-Abkommen die erste Runde von
Angeboten statt. Die Ergebnisse sind enttäuschend.
In den nächsten Monaten steht viel Arbeit an, und ich
werde hart auf gute Zusagen von bedeutenden
Märkten drängen.
Was Indien anbelangt, demonstriert meine Reise, die
nach der unserer First Lady stattfindet, welche
Priorität wir unseren Beziehungen zu Indien beimessen. Indien ist ein klares Beispiel dafür, wie sich die
Welt verändert.
Vor ein oder zwei Jahrzehnten sah man Indien als
arme Nation, und der wirtschaftlichen Seite der
Beziehungen wurde wenig Aufmerksamkeit gewidmet.
Jetzt betrachten unsere weitblickenden Geschäftsleute Indien als große Chance für die Vereinigten
Staaten. Mit 900 Millionen Bürgern und einer wachsenden Mittelschicht nahezu von der Größe der
gesamten amerikanischen Bevölkerung ist Indien für
Handel und Investitionen von Bedeutung. Übrigens
war Handel eines der Themen, das Bill Simon dort
ansprach - ich habe seine Rede gelesen.
Seit der Einführung von Reformen 1991 hat Indien
eine große Wende erzielt. Es öffnete sich der Welt
und veränderte sich im Inland. Das Ergebnis ist
wahrhaft beeindruckend.
Meine Aufgabe in Indien besteht in der Erörterung
dieser Reformen, insbesondere auf den Gebieten
Makroökonomie und Finanzen, sowie in der Weiterentwicklung unserer kooperativen Bestrebungen im
wirtschaftlichen Bereich.
Da ich die Arbeit unserer internationalen Finanzinstitutionen für so wichtig erachte, plane ich im
Rahmen meiner Indienreise die Besichtigung eines
von der Weltbank geförderten Entwicklungsprojekts,
um mich aus erster Hand davon zu überzeugen, wie

Entwicklung das Leben der Menschen verbessert und
Wachstum fördert, das wiederum Chancen nicht nur
für die Hilfsempfänger, sondern auch für die amerikanische Wirtschaft schafft.
Bevor ich Ihre Fragen beantworte, möchte ich abschließend noch einmal auf das vorher Gesagte
zurückkommen. Ob es uns gefällt oder nicht - die
Vereinigten Staaten sind nicht länger ein vorwiegend
autonomer Wirtschaftsriese. Obwohl sie immer noch
die größte Volkswirtschaft der Welt haben, sind sie
ein integraler Bestandteil der Weltwirtschaft. Die
Chancen in dieser Weltwirtschaft sind ebenso riesig

AMERIKA DIENST 15

�wie die Probleme. Meiner Meinung nach hängt
unser zukünftiger Wohlstand zweifelsohne von
unserem umfassenden Engagement in der Weltwirtschaft ab, von der Übernahme einer Führungsrolle,
wo dies erforderlich ist, sowie der Vorbereitung
darauf, in dieser Weltwirtschaft ein produktiver und
wettbewerbsfähiger Akteur zu sein.
Obwohl alle Nationen im wirtschaftlichen Bereich aus
Eigeninteresse handeln, stimmen diese Interessen in
einer Welt zunehmender Wechselbeziehungen, sei
es beim Handel oder auf den Kapitalmärkten, immer
stärker überein. Beim Handel war die Gegenseitigkeit von Interessen immer das Hauptargument für
offene Märkte. Auf den Finanzmärkten finden

*

AMERIKA DIENST 15

schnelle Ereignisse statt, deren Auswirkungen nicht
länger vor Grenzen haltmachen. Wie wir gesehen
haben, können Märkte hart sein. Marktstabilität, die
für einen von Vorteil ist, kann für alle von Vorteil sein.
Eine Zerrüttung des Marktes, die einem schadet,
kann allen schaden.
Unsere Gespräche beim APEC-Finanzministertreffen
und die daraus resultierenden Entscheidungen
können einen Beitrag für den Umgang mit den
Problemen und Chancen leisten, die uns alle betreffen - nicht nur in der Region, sondern in allen,
zunehmend integrierten Volkswirtschaften der Welt,
an denen die Vereinigten Staaten größeres Interesse
denn je haben.

* * *

*

Seite 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12409">
                <text>26.04.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12410">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12411">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12412">
                <text>Amerikadienst 24.04.1995</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="12413">
                <text>&lt;strong&gt;1. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Gore drängt auf unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident AI Gore&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Abbau von Atomwaffen in der ehemaligen Sowjetunion macht gute Fortschritte &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;strong&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Umweltpolitische Fortschritte sind "große amerikanische Erfolgsgeschichte" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Präsident Clinton&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltpolitische Herausforderungen in der Welt nach dem Kalten Krieg &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Timothy Wirth&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Multilaterale Verhandlungen über Finanzdienstleistungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Finanzminister Rubin&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
</itemContainer>
